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You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Streifzuege an der Riviera + +Author: Eduard Strasburger + +Release Date: 2009-09-20 [Ebook #30042] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZUeGE AN DER RIVIERA*** + + + + + +Streifzuege an der Riviera + + +by Eduard Strasburger + + + + +Project Gutenberg TEI edition , (2009-09-20) + + + + + + Streifzuege + + an der Riviera + + Von + + Eduard Strasburger. + + Berlin + + Verlag von Gebrueder Paetel + + 1895 + + + + + +Meiner Tochter + + Anna Tobold + + gewidmet + + + + + +INHALT + + +Vorwort. +Fruehjahr 1891. +Fruehjahr 1894. +Fruehjahr 1895. +Inhaltsuebersicht. +Anmerkungen der Korrekturleser + + + + + + +VORWORT. + + +Waehrend graue Winternebel das Rheinthal fuellten, schrieb ich diese Zeilen +nieder. Welch' ein Glueck, dass auch an trueben Tagen die Phantasie uns ueber +die Wolken zu erheben vermag. Oft war es mir, als leuchte die Sonne hell +in meinem Innern, waehrend es draussen dunkel war. Dann sah ich vor mir die +blaue See, an ihren Ufern die steil abfallenden Felsen und in weiter Ferne +die hohe Alpenkette mit ihrem Diadem von Schnee. Sie spiegelten sich in +meinem Geiste wider die leuchtenden Ufer des Mittelmeeres und zauberten +mir goldigen Sonnenschein und wuerzigen Duft der Maquis in grauen Stunden +vor. So moegen denn diese Zeilen auch in fremder Seele +Fruehlingsempfindungen wecken, waehrend es draussen noch schneit und friert. + +*Bonn* 1895. + + + + + +FRUeHJAHR 1891. + + + I. + +Es war Mitte Maerz: Wir erwarteten sonniges Fruehlingswetter, und doch +regnete es an der Riviera. Unaufhoerlich schlugen die Regentropfen gegen +die Scheiben, heftig oder gelinde, doch ohne Ende, so dass auch die Tage +endlos erschienen. + +Missmuthig hatte man das Buch aus der Hand gelegt, die Unterhaltungen +stockten. Bittere Klagen wurden ueber das Wetter laut. So Mancher war ueber +die Alpen geeilt in der sicheren Erwartung, jenseits derselben den viel +gepriesenen ewig blauen Himmel zu schauen; er hatte gehofft, den nahenden +Vollmond in den Fluthen des Mittelmeeres sich spiegeln zu sehen, und nun +wurde all' sein Sehnen und Trachten zu Wasser. - Ich selbst, der ich oft +schon den Fruehling in Italien zugebracht hatte, fasste die Sachlage weit +ruhiger auf. Wusste ich doch, dass auch in Italien die Regenzeit auf das +Fruehjahr faellt. Wuerden die Felder und Gaerten Italiens nicht im Spaetherbst +und Fruehling mit Regen getraenkt, wie sollten sie Fruechte tragen? Herrscht +doch in den uebrigen Jahreszeiten meist die groesste Duerre. Was mich +veranlasst, trotz dieser scheinbar wenig guenstigen Aussichten, doch immer +wieder gerade im Fruehjahr ueber die Alpen zu ziehen, das ist die Sehnsucht +nach gruenen Fluren und belaubten Baeumen, nach etwas Sonne und Waerme; die +Zuversicht, am Mittelmeer doch mildere Witterung als im Norden zu finden, +die Hoffnung, dort auch manchen sonnigen Tag, ja bei einigem Glueck eine +ganze Reihe solcher Tage zu erleben. Nach dem langen, kahlen, kalten +nordischen Winter wirkt der Contrast am staerksten; man freut sich ueber das +kaerglichste Gruen, nimmt dankbar jeden Sonnenstrahl entgegen, waehrend schon +Mancher zur Herbstzeit in der sonnverbrannten lombardischen Ebene sich +nach den saftreichen Matten und dem ueppigen Baumwuchs der Alpen +zuruecksehnte. Der Herbst pflegt auch in unseren Breiten schoen zu sein, +waehrend unser Maerz- und Aprilwetter mit Recht beruechtigt ist. So kam es +auch in diesem Fruehjahr; denn waehrend Briefe und Zeitungen uns Kunde von +Schnee und Kaelte von jenseits der Alpen brachten, hatten wir uns am +Mittelmeer alsbald des herrlichsten Sonnenscheins zu erfreuen. Ganz +besonders schoen wurde es um die Osterzeit. Himmel und Erde zogen ihr +Festkleid an, um sich in unsterbliche Pracht zu huellen. Der Ostersonntag +fand mich in Bordighera. Vor Tagesanfang brach ich auf, um den Monte Nero +zu besteigen. Doch blieb ich bald gefesselt am Cap d'Ampeglio stehen und +wartete dort den Sonnenaufgang ab. Geisterhaft verklaert tauchte Corsica in +weiter Ferne auf; vorn aber folgte das entzueckte Auge der +reichgegliederten Kueste, die im weiten Bogen das Meer umfasst, als wolle +sie es liebevoll an sich schliessen. Der Osten war stark geroethet, und +dieser purpurne Schein faerbte in gluehenden Toenen die Kaemme der stahlblauen +Wellen. Kein Woelkchen truebte das Himmelsgewoelbe, das aus tiefstem Blau +durch zartes Gruen sich gegen die Meeresflaeche senkte. Ploetzlich tauchte +der rothe Sonnenball am Horizont empor und sandte seine feurigen Strahlen +ueber das weite Meer, als wenn er es entzuenden sollte. Und tausend Lichter +drangen in die tiefen Buchten des Strandes, in die dunklen Thaeler der +Kueste ein, um aus denselben die Schatten der Nacht zu verscheuchen. Hell +blitzten in weiter Ferne, wie von Feuersbrunst erfasst, die Haeuser von +Monaco auf, und selbst das entfernte Antibes warf lange, goldige Strahlen +der Sonne als Morgengruss zurueck. Ueberall war es wie ein Aufflammen, ein +Erwachen, und gleich einem Jubelruf toente es durch die ganze Natur. So +feierten an jenem Morgen Himmel und Erde am blauen Mittelmeer das Fest der +Auferstehung! Ich war in dieses Schauspiel wie verloren und merkte nichts +von dem Schwinden der Zeit. So kam es, dass die Sonne schon hoch am Himmel +stand, als ich die Weiterwanderung antrat. Die ganze Meeresflaeche +glitzerte jetzt von unzaehligen Lichtern, als waere sie mit Diamanten +uebersaeet; das ferne Corsica loeste sich allmaelig in einem Nebelstreifen +auf, als waere es nur ein Traumbild gewesen. Vor mir, am Cap d'Ampeglio, +lag Alt-Bordighera, schon ganz in Sonnengluth getaucht. + +Zwei Stunden sind noethig, um den Monte Nero zu besteigen. Diese Angabe +wurde mir freilich nur nach Hoerensagen gemacht, denn die Wenigsten sind +dort oben jemals gewesen. Ohne zwingenden Grund besteigt der Eingeborene +hier selten einen hohen Berg; nur eine Leidenschaft, die der Jagd, vermag +ihn in so hohe Regionen zu treiben, ungeachtet er auch dort oben nur +winzige Voegel findet, um seine Waidmannslust zu stillen. + +Auf einen wirklich ortskundigen Mann war ich bei allen Nachforschungen +ueber den Monte Nero nicht gestossen, und so geschah es, dass ich eigene +Erfahrungen erst sammeln musste. Es zeigte sich, dass der ganze Gipfel des +Berges dicht bewaldet ist und weder die gepriesene Fernsicht noch irgend +welchen freien Ausblick gewaehrt. Reichliche Entschaedigung fand ich aber +fuer die Muehe an dem noerdlichen, vom Meere abgekehrten Abhang des Berges. +Als ich dort abzusteigen begann, gelangte ich alsbald auf einen Sattel, +der den Monte Nero von dem hoeheren Monte Caggio trennt. Hier konnte, von +einzelnen waldfreien Stellen aus, der Blick sich ungestoert in die +tiefeingeschnittenen Thaeler versenken, ueber sanfte Huegelketten schweifen, +den lang gedehnten Strand erreichen und sich in dem weiten Meer verlieren. +Jenseits des Grates, der das lange Dorf Colla di Rodi traegt, tauchte im +Osten ein Theil von San Remo hervor. Im Nordwesten wurde das Auge durch +die schneebedeckten Haeupter maechtiger Riesen der Seealpen gefesselt. In +wunderbarer Klarheit setzten die blendend weissen Schneemassen von dem +dunklen Blau des Himmels ab, waehrend nach abwaerts das dunkle Gruen der +Foehren, das dem Monte Nero seinen Namen gibt, sich durch helleres Gruen der +Oliven bis zum Blau des Meeres abtoente. Nur wenige Landschaften, auch in +Italien, gibt es, welche diese an Schoenheit uebertreffen. Vereinigt doch +dieses Bild Alles, was berufen scheint, unser Auge zu entzuecken, unseren +Verstand zu fesseln, unsere Einbildungskraft anzuregen. Der Anblick der +Schneefelder oben in den Alpen hatte dem Flug meiner Gedanken die Richtung +nach Norden gegeben. Jenseits dieser Berge mochte noch grimmige Kaelte +herrschen; hier, suedlich von den Alpen, war der Sieg des Fruehlings ueber +den Winter lange schon errungen, so dass der Klang der Osterglocken, der +aus den Thaelern zum Monte Nero emporstieg, nur der Freude zu gelten +schien. + +Der schoene Garten vor dem Hotel Angst stand in voller Bluethe; die Beete +glichen grossen Blumenkoerben. Ueppige Straeucher des capischen Pelargoniums +hatten ueberall ihre zinnoberrothen Bluethen entfaltet. Der peruanische +Heliotrop kletterte am Hause empor und erfuellte die Luft mit +vanilleartigem Wohlgeruch. Es gesellten sich zu diesem die Duefte von +Nelken, Reseda und von gelben Theerosen. Die Blaetter immergruener Baeume +leuchteten im Garten von Licht ueberfluthet; sie warfen auf die Wege +dunkelblaue Schatten. Unter den Palmen sass ein junges Ehepaar, das ich bei +der Heimkehr begruesste. Ihm ward das Glueck zu Theil, seine Flitterwochen am +Mittelmeer zu feiern. Jener sonndurchgluehte, blumenreiche Ostersonntag, an +welchem die Natur alle ihre Schaetze so verschwenderisch ueber die Riviera +ausgeschuettet hatte, wird diesem Paar wohl einer der hoechsten Feiertage +des ganzen Lebens bleiben. + +Nicht weniger als vier Thaeler muenden in die schmale Ebene, die sich laengs +des Meeres vom Cap von Ampeglio bis nach Ventimiglia hinzieht. Daher +lassen sich von Bordighera zahlreiche Ausfluege unternehmen, taeglich fast +mit neuer Abwechselung. Da man im Hotel Angst zugleich vorzueglich +aufgehoben ist, wird man seinen Aufenthalt in Bordighera gerne verlaengern. +Ob Bordighera auch eine geeignete Station fuer Brustkranke ist, vermag ich +nicht zu beurtheilen. Seiner ins Meer weit vorgeschobenen Lage wegen ist +der Ort den Winden stark ausgesetzt, doch streifen diese Winde ganz +vorwiegend ueber das Meer, sind daher weniger kalt und trocken als an +vielen anderen Plaetzen der Riviera. Es herrscht somit in Bordighera die +Seeluft vor, welche auf Reisende, die nur Erholung suchen - und deren Zahl +wird an der Riviera alljaehrlich groesser - sehr anregend und belebend wirkt. + +Keinesfalls duerfte man, selbst bei kurzem Aufenthalt, in Bordighera es +versaeumen, einen Ausflug nach Sasso zu unternehmen. Sasso ist ein kleines +Dorf, auf dem Bergruecken gelegen, der die Thaeler von Sasso und von +Borghetto trennt. Der Ort liegt nur vier Kilometer von Bordighera +entfernt, und man erreicht ihn sowohl durch das Thal von Sasso, das +oestlich von Bordighera muendet, als auch dem Bergruecken folgend, auf dem +Alt-Bordighera steht. In dem Ort selbst ist nichts zu bewundern: schoen +erscheint er nur aus der Entfernung. Seine hohen, zu einer Masse +verschmolzenen, nach aussen nur von wenigen Fenstern durchbrochenen Haeuser +rufen den Eindruck einer einzigen gewaltigen Festung hervor. Besonders +malerisch ist der Blick auf Sasso von dem Wege aus, der zwischen alten +Olivenbaeumen oben dem Bergruecken entlang laeuft. Er ueberrascht uns ganz +ploetzlich an einer Strassenwendung, nachdem der steile Pfad die Hoehe +erklommen hat. Von zahlreichen Stellen des Weges ueberschaut der Wanderer +alsdann die beiden Thaeler von Sasso und von Borghetto; er kann mit dem +Blick auch weiter dringen bis in das Thal von Vallecrosia, waehrend ihm +gleichzeitig ueber den nahen Huegelreihen die schneebedeckten Haeupter der +Seealpen entgegenleuchten. - Wie oft habe ich mich stundenlang an diesem +Wege aufgehalten, von Zeit zu Zeit den Platz veraendernd, um das Bild in +anderer Umrahmung zu bewundern. Hier war es nur ein einziger +phantastischer Schneepalast, der in lichtes Gruen der Oliven gefasst, mir +entgegenstarrte; dort tauchte mein Blick tief in ein Thal hinab, um auf +den dichtgedraengten Haeusern einer buntscheckigen Ortschaft zu ruhen, oder +es folgte auch mein Auge dem Lauf eines Baches, der, zwischen +Oleanderbueschen versteckt, in zahlreichen Windungen dem Meer zueilte; oder +es war wieder Sasso, welches ueber Baumwipfeln, wie in einem gruenen Meer, +zu schweben schien, oder endlich die tiefeingeschnittene Kueste und das +weite Meer, auf welchem der ermattete Blick Rast machen konnte. Welche +Fuelle von Motiven fuer den Landschaftsmaler! Ich musste mich begnuegen, die +Bilder in mein Inneres aufzunehmen, wo sie freilich auch jetzt noch +farbig-sonnigen Widerschein finden. + + II. + +Die Olivenhaine, durch welche man am Bergruecken entlang nach Sasso +wandert, sind von seltener Schoenheit: alte, knorrige Staemme, oft auf +mehreren Fuessen, wie auf Stelzen, in die Luefte ragend. Man bleibt gern +stehen, um einzelne dieser Baeume zu bewundern, erfreut sich dann auch des +Gegensatzes, den die dunkel beschatteten Staemme gegen das leuchtende Blau +des Himmels und des Meeres bilden. Zauberhaft schoen ist es aber in einem +solchen Olivenhain des Abends zu wandeln, wenn der Vollmond ueber dem Meere +steht. Da glaenzen so eigenartig die mattgrauen Blaetter der Baeume, und es +blitzt bei jedem Windhauch wie Silber aus den Zweigen. Auch der lange +Mondstreifen im Meere scheint sich zu beleben, er wiegt sich auf den +Wellen, folgt bebend ihrem Lauf und zerschellt mit ihnen am Strande zu +leuchtendem Schaum. + +Die Bluethezeit des Oelbaumes faellt in den Mai oder Juni. Dann ist er dicht +bedeckt von kleinen, gelblichweissen Bluethen, die einen lieblichen Geruch +verbreiten. Diese Bluethen erinnern an diejenigen unserer Rainweide, des +_Ligustrum vulgare_, eines Strauches, der in Wirklichkeit auch dem Oelbaum +nahe verwandt ist. Die Fruechte des Oelbaums sind Steinfruechte von laenglich +runder Gestalt. Die unreifen Fruechte haben gruene Faerbung, verschwinden +daher im Laub; doch beim Reifen werden sie schwarzblau und treten dann +scharf hervor. Ein alter Brauch verlangt, dass die Ernte der Oliven am +21. November beginne; sie dauert im Dezember fort. Unguenstige +Witterungsverhaeltnisse koennen die Ernte an der Riviera freilich sehr +verzoegern. So kam es, dass im Fruehjahr 1891 die meisten Baeume um Bordighera +noch voll Oliven hingen. Manche Baeume waren mit Fruechten so stark beladen, +dass man das Laub kaum sehen konnte. Die Olivenernte war Anfang April in +vollem Gange. Arbeiter und Arbeiterinnen zogen mit Saecken und Koerben +bepackt in den Olivenhain. Dort sah man die Maenner auf die Baeume steigen +und mit Stangen gegen die Aeste schlagen. Frauen und Kinder hockten am +Boden, um die Fruechte aufzulesen. Von allen Seiten schallte dem Wanderer +der trockne Ton der Schlaege aus den Baeumen entgegen, und ueberall unter den +Baeumen ging die muehevolle Arbeit des Sammelns von statten. Stundenlang +verharren die Sammler in gebueckter Stellung, um die Oliven einzeln +aufzuheben, und doch waere es so einfach, sich einen grossen Theil der +Arbeit zu sparen. Westlich von Nizza legen die Olivenbauer grosse Tuecher +unter die Baeume und fangen die Oliven mit diesen auf. Freilich wird auch +dort noch mit Stangen gegen die Zweige geschlagen, ungeachtet schon +Plinius im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vor diesem rohen +Verfahren warnt, da es die Baeume schaedigt. Gegen althergebrachte Sitte ist +eben schwer anzukaempfen, sie setzt zaehen Widerstand jeder Neuerung +entgegen. In Bordighera warten die Olivenbauer meist, bis ihre Oliven ganz +reif sind. Ein grosser Theil der Fruechte ist dann schon von selbst vom Baum +gefallen. Alles das wird zusammen von dem Boden aufgelesen und liefert ein +entsprechend schlechtes Oel. Denn feine Tafeloele presst man aus solchen +Fruechten, die erst zu reifen beginnen. Diese muessen auch mit der Hand vom +Baume gepflueckt werden, um weder Quetschung noch Verwundung zu erleiden. +Aus solchen Fruechten gewinnt man jene Oele, die wir als Provencer Oele +bezeichnen. Der Provence entstammen sie freilich nur zum kleineren Theil, +zum groesseren Theil Italien. Dort ist es vornehmlich Apulien und zwar die +Gegend suedlich von Bari, welche diese feinen Sorten erzeugt. Sie liefert +jetzt sehr gute Oele, waehrend in der ersten Haelfte dieses Jahrhunderts das +apulische Oel noch ebenso schlecht und ranzig schmeckte, wie andere +sueditalienische Sorten. Auch in Apulien betrieb man die Ernte der Oliven +damals ganz laessig und verfuegte nur ueber sehr schlechte Oelpressen. +Charakteristisch genug, als das antike Modell einer Oelpresse in Pompeji +aufgefunden wurde, begruesste man es in Apulien als einen Fortschritt und +fuehrte es an verschiedenen Orten ein. - Von Bordighera bis zum Esterel +wird vorwiegend nur geringwerthiges Oel gewonnen, das als Maschinenoel +Verwendung findet oder der Seifenfabrikation dient; Nizza bezieht die +feinen Oele, die es vertreibt, vorwiegend aus der Ferne. + +Die Fruechte, die man zum Zwecke feinster Oelgewinnung sorgsam pflueckte, +breitet man zunaechst in duennen Lagen auf Horden aus. Dort trocknen sie an +der Luft oder bei kuenstlicher Waerme, bis sie runzlich werden. Haben sie +einen Theil ihres Wassers in solcher Weise eingebuesst, so kommen sie in die +Oelmuehlen. Es sind das meist steinerne Behaelter, in welchen die Oliven +durch Muehlsteine zermalmt werden. Schon bei diesem Verfahren fliesst etwas +Oel ab, das als das feinste Tafeloel gilt, kaum aber in den Handel kommt. +Der in der Muehle hergestellte Brei wird in Bast- oder Jutesaecke gefuellt +und in einer Kelter gepresst. Bei schwachem Druck fliesst jetzt zunaechst das +beste, dann etwas weniger gutes Speiseoel ab. Dieses Oel wird als +Jungfernoel "_huile vierge_" bezeichnet. Dann gelangen die Trester in +hydraulische Pressen und liefern ein Oel, das der Seifenfabrikation oder +auch gewerblichen Zwecken dient. Dann werden die Trester mit warmem Wasser +angeruehrt und nochmals gepresst, wandern schliesslich oft noch in Fabriken, +wo man ihnen den Rest ihres Oeles durch chemische Mittel entzieht. + +Das Speiseoel, das aus der Kelter fliesst, muss sorglich geklaert werden, +bevor es zum Verkauf gelangt. Man bringt es in dunkle kuehle Raeume, wo ueber +einander die noethigen Bottiche zur Aufnahme des Oels sich befinden. Das +unklare Oel gelangt in das oberste Gefaess, fliesst aus dem Spundloch +desselben durch einen durchloecherten Zinkkasten, der mit Watte +ausgekleidet ist, in einen zweiten Bottich und aus diesem nochmals durch +Watte in einen dritten. Die Watte muss am naemlichen Tage oft mehrfach +erneuert werden. Aus dem dritten Bottich gelangt das Oel in Cisternen, die +man in Nizza mit Porzellanplatten auszukleiden pflegt. Hier steht das Oel +wohl an die drei Monate, bevor es in Flaschen gefuellt und versandt wird. + +So ueberreife, abgeschlagene und am Boden faulende Oliven, wie wir sie in +Bordighera hatten ernten sehen, koennen nur ranzige Oele ergeben. Die +kleinen Besitzer, welchen die Oelhaine hier gehoeren, liefern ihre Fruechte +an fremde Muehlen ab und pflegen fuer die Pressung in Oliven oder in Oel zu +zahlen. Aus den Oelpressen der Muehlen floss zur Zeit unseres Besuches eine +Fluessigkeit ab, welche alle Baeche von Bordighera in braunen Toenen faerbte. +Bei ruhigem Wetter zeichnete sich die Muendungsstelle jedes Fluesschens als +brauner Streifen ziemlich weit im Meere ab. + +Im Alterthum hiess es allgemein, dass der Oelbaum nur in der Naehe des Meeres +gedeihe. Man rechnete aus, dass er sich von demselben nicht ueber +dreihundert Stadien, somit nicht ueber 7-1/2 geographische Meilen entferne. +Es ist nicht zu leugnen, dass der Oelbaum den Seestrand bevorzugt, doch +haengt das nicht mit dem unmittelbaren Einfluss der grossen Wasserflaeche, +vielmehr mit dem gleichmaessigen Klima zusammen, welches durch dieselbe +gefoerdert wird. Denn der Oelbaum kann anhaltenden Frost nur sehr schlecht +vertragen. Auch bevorzugt der Oelbaum den Kalkboden, den er hier an der +Riviera reichlich vorfindet. Ein besonders guenstiges Zusammenwirken von +Klima und Boden, verbunden mit sorglichster Behandlung der Fruechte, ist +aber erforderlich, damit der Oelbaum ein so feines Oel, wie etwa in Apulien, +erzeuge. + +Die Muehlen, in welchen das Oel gepresst wird, sind fast immer alte +malerische Bauten. Sie suchen oft steile Stellen in den Schluchten auf, um +die Kraft des Baches, der dort abwaerts braust, zu nutzen. Wie +Schwalbennester kleben sie an den Felsen. + +Wer zur Fruehjahrszeit durch die Olivenwaelder um Bordighera streift, muss +darauf bedacht sein, nicht in die Schusslinie der "Cacciatori" zu gerathen. +Denn um diese Zeit bewegen sich jene durch alle Haine, Gaerten und Fluren, +um als einziges Wild die kleinen Voegel zu erlegen. Fuer die italienische +Riviera, wie fuer Italien ueberhaupt, hat dieser Sport ganz bedenkliche +Folgen, da die Vernichtung der Voegel eine entsprechende Vermehrung der +Insekten nach sich zieht. Nicht nur verschwinden aus Italien die heiteren +Saenger, welche die Waelder und Gaerten in anderen Laendern in so lieblicher +Weise beleben, sondern es nimmt auch die Zahl schaedlicher Insekten in +bedenklicher Weise dort zu. Dem Oelbaum besonders nachtheilig ist _Decus +oleae_, der sich von dem Fruchtfleisch der Oliven naehrt. Er wird von den +Franzosen _la Mouche_, von den Italienern _Macha del Olivo_ genannt. Die +Fliege legt ihre Eier in ganz junge Fruchtanlagen, und die Maden, welche +diesen Eiern entschluepfen, leben dann auf Kosten der sich entwickelnden +Frucht. Sie verpuppen sich schliesslich in derselben und verlassen sie als +fliegende Brut. Gelangen sie mit den Oliven in die Muehle, so leidet der +Geschmack des Oels von denselben. + +Von einer Wanderung durch die Olivenhaine kehrt man wohl stets, mit einem +Bluethenstrauss geschmueckt, nach Hause. Denn sie sind zu verlockend, diese +Fruehlingsgaben der Flora, zu lieblich, als dass man an ihnen so fluechtig +vorbeieilen sollte. Ueberall stehen unter den Baeumen die dunkelblauen +Traubenhyacinthen, die bisamartigen Duft verbreiten; besonders schoen ist +die eine Art (_Muscari comosum_), die einen amethystfarbigen Schopf ueber +dem sonst unscheinbaren Bluethenstande traegt. Hier und dort schaut aus dem +Rasen eine bluehende Orchidee hervor. Meist ist es eine Art der Gattung +Ophrys, jener merkwuerdigen Orchideen-Gattung, deren Bluethen ganz den +Insekten gleichen. Bei _Ophrys aranifera_ erinnern sie an Spinnen: man +meint die vorgestreckten Beine und den aufgedunsenen braunen Leib eines +solchen Thieres zu sehen. Auch _Ophrys Arachnites_ ist spinnenaehnlich und +zeigt einen purpurbraunen, gruen verzierten Leib. Die schoenste dieser +Ophryden scheint mir aber die _Ophrys Bertolonii_, mit dunkelrothen +Bluethen, zu sein. Doch Ophrys-Arten hat der Nordlaender vielleicht schon in +seiner Heimath gesehen und fesselt ihn daher mehr eine andere Orchidee von +ungewohnter Gestalt: die _Serapias Lingua_, vielleicht gar _Serapias +longipetala_, deren rothbraune Bluethen, von rothen Deckblaettern fast +verhuellt, nur ihre Lippen nach aussen vorstrecken. Mit Freuden begruesst er +eine wilde Tulpe (_Tulipa Celsiana_), deren hellgelbe Bluethen sich auf +langen Stielen wiegen. Die Siegwurz (_Gladiolus segetum_) mit rosenrothen, +einseitig aufgereihten Bluethen tritt ihm auch an zahlreichen Stellen +entgegen. In seinem Strauss nimmt er dann noch gern das weissbluethige +_Allium neapolitanum_ auf, denn gehoert jene Pflanze auch zu den +Laucharten, so duften doch ihre weissen Bluethenstaende in angenehmer Weise. +Hauptsaechlich sind es aber die gelben Tazetten, welche dem Strauss +Wohlgeruch verleihen, waehrend seine Farbenpracht gehoben wird durch eine +reiche Auswahl bunter Anemonen (_Anemone coronaria_ und _hortensis_). + +Ebenso alt als Kulturpflanze wie der Oelbaum ist der Weinstock, die beide +daher von Alters her zusammen genannt werden. - "Zwei Fluessigkeiten thun +dem menschlichen Koerper besonders wohl," heisst es in der Naturgeschichte +des Plinius, "innerlich der Wein, aeusserlich das Oel; beide stammen aus dem +Pflanzenreiche und sind vorzueglich, doch das Oel ist das nothwendigere." +Das trifft fuer das Oel heut nicht mehr zu. Im Alterthum rieb man sich mit +demselben nach dem Bade den Koerper ein; jetzt wird es aeusserlich allenfalls +nur noch als Marseiller Oelseife angewandt. - Wie in dem Werke des Plinius +tritt uns auch an der Riviera der Weinstock vielfach neben dem Oelbaum +entgegen. Doch an der Kueste selbst herrscht der Oelbaum vor. Denn im +Gegensatz zum Oelbaum meidet der Weinstock die naechste Naehe des Meeres. +Andererseits vertraegt er viel staerkere Gegensaetze der Temperatur, so dass +seine Cultur selbst weit im Norden versucht werden konnte. Im vierzehnten +Jahrhundert drang der Weinbau bis in das preussische Ordensland, selbst bis +nach Tilsit vor, und wenn er sich heute, um so viel weiter, nach Westen +und Sueden zurueckgezogen hat, so geschah dies nur, weil er in noerdlicheren +Gegenden ertragsfaehigeren Producten weichen musste. + +Der Oelbaum ist sicher am Mittelmeer einheimisch, andererseits muss +angenommen werden, dass seine Cultur im Orient begann, dass Culturformen des +Baumes sich von da aus verbreitet haben, und schon in vorhomerischer Zeit +nach Griechenland gelangten. Den Weinstock (_Vitis vinifera_) fanden die +Culturvoelker ebenfalls als wilde Pflanze auf europaeischem Boden vor. Ja +heut noch meint man suedlich und noerdlich von den Alpen stellenweise die +Pflanze im urspruenglichen Zustande anzutreffen, doch ist es meist schwer +zu entscheiden, dass sie nicht verwildert sei. Am ueppigsten gedeiht die +wilde Weinrebe heute um das schwarze Meer, und man hat an den suedlichen +Abhaengen der Krim Staemme bis zu anderthalb Meter Umfang gemessen. Die +Cultur des Weinstocks ging allem Anschein nach vom westlichen Kleinasien +aus und ist einem indogermanischen Volke zu verdanken. + +Von den Weinen der westlichen Riviera waren im Alterthum schon die von +Massilia, also des heutigen Marseille, bekannt, zeichneten sich aber nicht +durch ihre Haltbarkeit aus, so dass man sie raeuchern musste. Es geschah das +in Rauchkammern nach orientalischer und griechischer Sitte. Im +Wesentlichen war das ein aehnliches Verfahren wie das heutige +Pasteurisiren. Ganz wie man heut den Wein bis auf mindestens 60 deg. C. +erwaermt, um die schaedlichen Keime in demselben zu toedten und so seine +Haltbarkeit zu erhoehen, wurde im Alterthum der Wein in wohl verschlossenen +Gefaessen durch heissen Rauch erhitzt. Das Feuer befand sich in einem unteren +Raume, und Rauch und Hitze stiegen, durch ein Rohr geleitet, in das obere +Geschoss, in dem der Wein sich befand. Der Rauch gelangte dort durch +angebrachte Oeffnungen ins Freie. Dieses Verfahren konnte den Geschmack des +Weines nicht wesentlich beeinflussen, wohl aber musste das geschehen bei +Zusatz von Seewasser zum Most, wie er in Kleinasien und Griechenland +haeufig geuebt wurde. Auch mit Gips, Kalk, Marmor, Thon, Pech oder Harz hat +man die Weine versetzt, um sie haltbarer zu machen und ihnen zugleich +einen bestimmten Geschmack zu verleihen. Es bemerkt aber bereits Plinius, +dass der bekoemmlichste Wein immer derjenige sei, dessen Most ohne +fremdartigen Zusatz bleibe; denn welcher noch so Gesunde, meint er, sollte +nicht Scheu haben vor Weinen, die Marmor, Gips oder Kalk enthalten? +Ueberhaupt klagt Plinius sehr ueber die Verfaelschung der Weine; es sei damit +so weit gekommen, dass nur der Name des Weinlagers den Preis der Weine +bestimme und dass man den Most schon in der Kelter verfaelsche. Daher seien, +so wunderlich dies auch klinge, die am wenigsten gekannten Weine oft die +unschaedlichsten. Das Anmachen des Weines mit Seewasser wird von Plinius +als fuer den Magen vorzueglich gepriesen. An eine bekannte neuere +Heilmethode erinnert seine Mahnung, dass wer hager werden will, waehrend der +Mahlzeit dursten oder doch nur wenig trinken soll. - Durch Einkochen und +durch Hinzufuegen von Kraeutern suchte man im Alterthum vielfach die +Haltbarkeit der Weine zu erhoehen, in aehnlicher Weise wie dies heute durch +Zusatz von Alkohol geschieht. Dass die Roemer Weinschmecker ersten Ranges +waren, geht genugsam aus den Angaben der alten Schriftsteller hervor. Die +Menge der zum Verkauf angebotenen Weinsorten verglich Virgil bereits mit +derjenigen des lybischen Sandes und der Meereswellen. Man trank in Rom +meist schon ungemischte Weine, das heisst ohne den einst ueblichen Zusatz +von Wasser; man kuehlte sie mit Eis, versetzte sie oefters mit Gewuerzen und +fing an, nach alten Jahrgaengen zu trachten. Guter Wein musste acht bis zehn +Jahre alt sein, um geschaetzt zu werden, und selbst von zweihundertjaehrigen +Weinen sind uns Berichte erhalten. So mundete dem Kaiser Caligula (37-41 +n. Chr.) Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten Weinjahre, dessen sich +Italien zu erinnern wusste. Es war Italien selbst, das zu Plinius' Zeiten +die geschaetztesten Weinsorten producirte, so dass Plinius wohl behaupten +durfte, Italien nehme mit seinen Weinen die erste Stelle unter allen +Laendern ein und sei nur in der Erzeugung von Wohlgeruechen von einigen +derselben uebertroffen: es gebe uebrigens, fuegt er hinzu, keinen Wohlgeruch, +der denjenigen des bluehenden Weinstocks uebertreffe. - Auch in der +roemischen Zeit wurde der Weinstock bereits in kunstgerechter Weise +zugeschnitten, doch liess man ihn je nach der Gegend in verschiedener Weise +wachsen. In Campanien schlang er sich empor an der Pappel, umfing sie wie +seine Gattin, streckte seine ueppigen Arme auf gewundenen Bahnen zwischen +ihre Aeste, bis er ihren Gipfel erreichte. Da pflegte der Winzer, zur +Arbeit gemiethet, sich ausser dem Lohne vom Gutsherrn einen Scheiterhaufen +und ein Grabmal auszubedingen, falls ihn bei der Weinernte ein Unfall +treffen sollte. Anderswo waren ganze Landhaeuser von den schmiegsamen +Aesten eines einzigen Weinstocks umflochten, und in Rom lustwandelte man +in den Saeulenhallen der Livia im Schatten eines Weinstocks, der zwoelf +Amphoren Wein lieferte. In manchen Theilen Italiens zog man den Weinstock +an Pfaehlen, in noch anderen liess man ihn auf dem Boden kriechen, in all' +jener Mannigfaltigkeit der Behandlung, die auch heut noch dem Wanderer in +Italien auffaellt. Hier, meint Plinius, schimmerten purpurne Trauben aus +dem gruenen Laub hervor, dort leuchteten sie in rosenrothem Glanz, dort +endlich in saftigem Gruen. An dem einen Orte sah man runde, an dem anderen +laengliche, hier kleine, dort grosse, hier harte und dickschalige, dort +saftige und duennschalige Beeren. Manche Trauben hing man im Zimmer an +einem Faden auf, um sie laenger zu erhalten, andere versenkte man in suessen +Wein und liess sie sich so im eigenen Safte berauschen. Auch gab es +Trauben, die man raeucherte, aehnlich wie es mit manchen Weinen geschah. +Plinius erzaehlt, dass Kaiser Tiberius geraeucherte afrikanische Trauben ganz +besonders liebte. + +Nach dem Sturze Roms zerfiel auch der Weinbau in Italien. Nachlaessig +wurden die Trauben geerntet, sorglos gekeltert, und der Most lange auf den +Trestern gelassen, damit der Wein jene dunkle Farbe erlange, wie sie im +Lande beliebt war. Solche Weine konnten sich nicht lange halten, wurden +von fremden Laendern daher auch nicht begehrt. Doch in neuester Zeit +beginnt sich das zu aendern; Weinbau und Weinbereitung in Italien sind in +erfolgreichem Aufschwung begriffen. + +Die alte Sitte, den Wein in Schlaeuchen zu befoerdern und dann in Amphoren +aufzubewahren, hat sich jetzt auch im Sueden verloren. Hoelzerne Tonnen, die +zur Roemerzeit bei den cisalpinischen Galliern und den Alpenvoelkern in +Gebrauch waren, fanden ihren Weg damals schon nach Italien. + + III. + +Das Bild von Bordighera schwebt der Erinnerung stets umrahmt in Palmen +vor, so wie man sich einst die alte syrische Stadt Palmyra nicht anders +als im Palmenschmuck vorstellen konnte. In der That gedeihen nirgends an +der Riviera die Dattelpalmen besser als in Bordighera. An der Ostseite des +Cap d'Ampeglio sind wahre Palmenwaeldchen zu sehen. Diese oestliche Bucht +ist ganz besonders gegen die Nordwestwinde geschuetzt. Zwischen den Mauern +palmenreicher Gaerten, ueber welchen schlanke Staemme ihre Krone neigen, +empfangen wir ganz afrikanische Eindruecke und koennen vergessen, dass uns +die volle Breite des Mittelmeeres von dem Lande der Oasen trennt. +Pietaetvoll wandern deutsche Reisende zu jener malerischen Palmengruppe +hin, die in einer halben Stunde Entfernung, oestlich von Bordighera, zu +Madonna della Ruota den Meeresstrand schmueckt. Es sind das die Palmen, die +Scheffel in seinem Liede "Dem Tode nah" besang, und unter welchen er ein +Grab sich traeumte. Sie stehen, einige zwanzig an der Zahl (nicht zwoelf, +wie es in dem Liede heisst), um eine alte Cisterne und erwecken an dem +einsamen, wilden Orte, von Meereswellen umspuelt, in der That poetisches +Empfinden. Dass dieses hier nicht allein ein deutsches Gemueth ergreift, +geht aus der Schilderung hervor, welche Charles Garnier, der Erbauer der +Pariser Grossen Oper und des Casinos in Monte Carlo, von diesem Ort in +seinen "_motifs artistiques de Bordighera_" entwirft. Der Stil der +Schilderung ist freilich etwas ueberschwaenglich und erinnert an jene +Verzierungen, welche die Garnier'schen "Prachtbauten" ueberreich schmuecken: +"Das ist der Ort, wohin ihr ziehen muesst, ihr Kuenstler; das ist die Staette, +die ihr sehen muesst, ihr Poeten; das ist der Erdwinkel, der euch fesseln +muss, ihr Alle, die ihr nach lebendigen und maechtigen Eindruecken strebt, +und die ihr findet, dass unser Herz hoeher schlaegt im Anblick der Natur! +Werden Erinnerungen an den Orient in euch schon wachgerufen, wenn ihr das +alte Bordighera und seine Umgebung durchwandert, so steht ihr hier nicht +mehr vor dem Vergleich, nicht mehr vor Aehnlichkeiten, nein, ganz Judaea +findet sich in diesem Eindruck verkoerpert. Das ist der Brunnen der +Samariterin, der Brunnen der Rebecca; das sind die Juden, die Apostel, das +ist Jerusalem, Nazareth, Bethlehem, die sich euch offenbaren in jenem +bescheidenen Flecken bordigherischen Vorgebirges." - Die sturmgepeitschten +Palmen um diese alte Cisterne, mit dem unvergesslichen Hintergrund des +Meeres, haben zahlreichen Malern schon das Motiv zu stimmungsvollen +Bildern gegeben. Es verursachte daher in Kuenstlerkreisen einige Aufregung, +dass der Ort, vom deutschen Kunstgaertner Ludwig Winter angekauft, in einen +Garten verwandelt werden sollte. Die endliche Verwerthung des Grundstueckes +in so dicht bevoelkerter Gegend war aber nicht zu vermeiden; es muss noch +als ein besonders gluecklicher Zufall angesehen werden, dass dieser schoene +Flecken Erde in kunstsinnige Haende gelangte. Herr Winter hat dem aeussersten +Vorsprung des Vorgebirges, das die Scheffel-Palmen traegt, seinen +urspruenglichen Charakter gelassen und den Garten harmonisch zu der +Umgebung gestimmt. - Anemonen, Reseda, Nelken und ueppig bluehende +Rosenstraeucher decken jetzt den Abhang; grosse Palmen, die man hierher +verpflanzte, entspringen dem zuvor so kahlen Boden; um einen weiten +Wasserbehaelter, wie man sie an der Riviera oft sieht, ist eine Pergola +errichtet, zu deren Saeulen die Palme den architektonischen Gedanken gab. + +Im alten Testament werden die Dattelpalmen mit stolzen Koenigstoechtern +verglichen. Nicht allen Dattelpalmen in den bordigherischen Gaerten kommt +aber so edle Gestalt zu. Es haengt das mit der Behandlung zusammen, welche +die meisten Dattelpalmen hier erfahren. Man nimmt ihnen alljaehrig einen +Theil ihrer Wedel. Die Familie Bresca in San Remo erhielt schon im +sechzehnten Jahrhundert vom Papst Sixtus V. das Privilegium, Palmenwedel +fuer den Palmsonntag nach Rom zu liefern, angeblich eine Belohnung fuer den +Schiffscapitaen Bresca, der im Jahr 1586, waehrend der Aufstellung des +Obelisken auf dem Sanct Petersplatz, als die trockenen Taue zu versagen +drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: "Wasser auf die Taue!" dem +Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half. Die Familie Bresca liess +ihre Palmen in Bordighera ziehen, in dessen sandig-lehmigen Boden die +Dattelpalme besser als in dem schweren Lehmboden von San Remo gedeiht. So +reicht die Palmenindustrie Bordigheras bis in das Mittelalter zurueck, und +auch heute noch ist es dieser Ort, der die meisten Palmenwedel zur Feier +des Palmsonntags nach Rom entsendet. Den Palmenwedel hat die christliche +Kirche, wie so viele andere Symbole, der Bildersprache des Orients, des +Heidenthums und des Judenthums entnommen, und wie Palmenwedel bei den +Festen des Osiris in Aegypten, bei dem feierlichen Einzuge der Koenige und +der Koenigshelden in Jerusalem und bei den olympischen Spielen prangten, so +schmuecken sie heute noch am Palmsonntag die Altaere katholischer Kirchen. + +Statt frei in den Lueften ihre Wedel zu schaukeln, muessen die meisten +Palmen zur Herbstzeit es erdulden, dass ihre Krone im Innern +pferdeschweifartig zusammengebunden werde. Diese Behandlung bezweckt eine +bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden Wedel. Nicht alle Palmstaemme +sind fuer diese Behandlung gleich geeignet, und unter den geeigneten werden +noch solche unterschieden, die mehr fuer den katholischen und solche, die +mehr fuer den juedischen Ritus sich schicken. Denn auch die Juden brauchen +Palmenwedel bei dem Laubhuettenfest. Der Bordighese bezeichnet kurzweg die +eine Dattelpalme als "_Cattolica_", die andere als "_Ebrea_". - Die +Blaetter der katholischen Palme sind schlanker, die der juedischen kuerzer +und gedrungener. An der katholischen Palme bindet man die mittleren Wedel +fest zusammen, damit die neuen Wedel bei thunlichstem Lichtabschluss sich +entwickeln und so moeglichst farblos bleiben. Denn bei der Feier des +Palmsonntags sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen, sie sollen auch +ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunklen werden solche Wedel auch +schlank und lang; sie laufen spitz an ihren Enden aus und bleiben biegsam +und weich, so dass sie leicht in beliebige Formen geflochten werden koennen. +An den juedischen Palmen werden die aelteren Blaetter weniger stark +verbunden, das Licht ist somit von den juengeren Blaettern nicht ganz +ausgeschlossen, diese koennen daher auch ergruenen. Sie bleiben zugleich +kuerzer, schliessen mit stumpfer Spitze ab und werden haerter. Mit dem +Palmenwedel verbinden die Juden beim Laubhuettenfest die Myrte und die +Bachweide zum Feststrauss und halten, waehrend dieser in der rechten Hand +geschwungen wird, einen "Paradiesapfel" in der Linken. Das Laubhuettenfest +ist urspruenglich das Erntefest der Juden. Es verlor aber in den fremden +Laendern diese seine Bedeutung und behielt nur die andere historische, die +ihm ebenfalls von Alters her zukam, eine Erinnerung an den goettlichen +Schutz waehrend der Wuestenwanderung zu sein. Die Wahl der vier "Arten" im +Feststrauss hat die mannigfaltigsten symbolischen Deutungen erfahren; sie +mochte vielleicht urspruenglich die Vegetation Palaestina's versinnbildlicht +haben. Durch religioese Vorschriften wurden die vier "Arten" spaeterhin in +starre Formen gefasst, und wie der Palmenwedel, so muessen auch die +Myrtenzweige und die Bachweide ganz bestimmte Gestalt besitzen. Die Myrten +im Besonderen werden fuer die rechtglaeubigen Juden in genau +vorgeschriebenen Formen gezogen. Der Zweig muss eine Hoehe haben, die drei +Handbreiten gleichkommt und die Blaetter in dreigliedrigen Wirteln tragen. +Sind die Wirtel aufgeloest, d. h. die Blaetter nicht zu dreien in gleicher +Hoehe befestigt, so ist der Zweig unbrauchbar. Eher geht es an, einen Zweig +zu benutzen, der die Blaetter nur zu zweien in gleicher Hoehe traegt. Ein +solcher Zweig ist im Nothfall zulaessig, steht aber im Preise weit hinter +der wahren "Hadassah" zurueck. + +Die katholische Kirche hat sich in Betreff der Palmen, welche der +Palmsonntag verlangt, viel nachsichtiger gezeigt. In nordischen Laendern +hat der Buchsbaum, ja selbst der kaetzchentragende Weidenzweig, das +Palmenblatt ersetzt. An der Mosel wird der Buchsbaum geradezu als "Palm" +bezeichnet, und auch die aus Weiden gebundenen Festzweige heissen Palmen in +slawischen Laendern. + +Die Palmen hatten im Winter 1890/91 eine schwere Probe an der Riviera zu +bestehen, als das Thermometer fuer mehrere Stunden auf 6 deg. C. unter 0 +gesunken war. Besonders bewaehrten sich bis jetzt im bordighesischen Klima, +ausser den Dattelpalmen (_Phoenix dactylifera_), die canarische _Phoenix +canariensis_, die kalifornische _Pritchardia filifera_, die australische +_Livistona australis_ und die chinesische _Chamaerops excelsa_. Dass +ausserdem die Zwergpalme, _Chamaerops humilis_, gut in Bordighera gedeihe, +ist nicht wunderbar, da sie der Mittelmeerflora thatsaechlich angehoert; sie +ist unsere einzige europaeische Palme, in Sicilien heimisch. In Algier +deckt sie grosse Flaechen. Man suchte sie dort auszurotten, um den Boden fuer +neue Culturpflanzen zu gewinnen, jetzt sorgt man fuer ihre Verbreitung. Vom +laestigen Unkraut, als welches sie betrachtet wurde, ist sie zu einer +wichtigen Nutzpflanze avancirt. Entsprechend zubereitet, liefern naemlich +die Blaetter der Zwergpalme sehr elastische Fasern, die gleich Pferdehaaren +zum Ausstopfen der Moebel und Matratzen dienen koennen. Den Pferdehaaren +gegenueber zeichnen sie sich nicht nur durch ihre Billigkeit, sondern auch +dadurch aus, dass sie nicht von Motten befallen werden. Im Gegensatz zu den +Phoenix-Arten, die gefiederte Blaetter besitzen, sind die Pritchardien, +Coryphen, Chamaerops-Arten mit faecherfoermigen Blaettern versehen. Ihr +Aussehen weicht somit nicht unwesentlich von demjenigen der Dattelpalmen +ab, so dass ihre Acclimatisation an der Riviera auch in landschaftlicher +Beziehung als ein Gewinn betrachtet werden kann. Zu bedeutender Hoehe ist +in zahlreichen Gaerten die _Chamaerops excelsa_ bereits emporgewachsen. Sie +gehoert zu den haertesten der eingefuehrten Arten, so dass sie ohne Bedeckung +selbst das Klima der Insel Wight vertraegt. _Pritchardia filifera_ ist der +zahlreichen weissen Faeden wegen, die den Blattraendern entspringen, sehr +beliebt, verbreitet sich demgemaess auch rasch an der ganzen Riviera. Zu den +haeufigsten Palmen duerfte dort auch bald die _Phoenix canariensis_ gehoeren, +welche der Dattelpalme sehr aehnlich ist, sich aber vor ihr durch +gedraengteren ueppigeren Wuchs und kraeftigere Blattentwickelung auszeichnet. +- An geschuetzten Stellen der Riviera gedeihen auch verschiedene Arten der +Palmengattung Cocos, so _Cocos flexuosa_, und _Romanzoffiana_ mit aeusserer +eleganter Tracht, auch die blaugruene _Cocos australis_. Die echte +Cocospalme (_Cocos nucifera_), welche die Cocosnuesse liefert, kommt hier +hingegen, sowie auch an den Suedraendern des Mittelmeers, nicht fort. Ihre +Cultur ist nur innerhalb der Wendekreise moeglich. In der Form ihrer +Blaetter stimmen die Cocospalmen mit den Dattelpalmen ueberein. Aehnliche +Blaetter haben auch die Areca-Arten (_Areca sapida_, _Baueri_), welche an +der Riviera gut aushalten. Es sind das nahe Verwandte der Betelnusspalme +(_Areca catechu_), welcher die Betelnuesse entstammen, jene Nuesse, die mit +Kalkpulver bestreut, und in Blaetter des Betelpfefferstrauchs (_Piper +Betle_) gewickelt, von Jung und Alt in Suedasien gekaut werden. Zu den +Palmen mit faecherfoermigen Blaettern, welche die Gaerten der Riviera zieren, +gehoeren auch zwei Livistona-Arten, die _Livistona chinensis_ und +_australis_, mit maechtigen Blaettern, Palmen, die haeufig in unseren +Gewaechshaeusern anzutreffen sind. Schoen macht sich unter den anderen +Faecherpalmen der Riviera die blaugruene _Brahea Roezli_, dann die +stattlichen Sabal-Arten, deren zaehe Fasern fuer Seilerwaaren, Huete, Koerbe +und Saecke verwandt werden, auch die wichtige Carnaubapalme Brasiliens, die +_Copernicia cerifera_. Mit den Blaettern dieser Palme wird in der +brasilianischen Provinz Ceara ein grosser Theil der Huetten gedeckt, ihre +Fasern aehnlich wie Stroh verwandt, der harte Stamm liefert Bau- und +Tischlerholz, die Wurzeln ein Heilmittel, die bitteren Fruechte dienen als +Nahrung, aus dem Saft wird Sirup und Arrak bereitet, kurzum diese Palme +zeigt uns so recht ein Bild von dem Nutzen, den eine einzige Art dieser +segensreichen Pflanzenfamilie in den Tropen stiften kann. Ihren Artennamen +_cerifera_, sowie ihren deutschen Namen dankt aber die Wachspalme ihrem +wichtigsten Erzeugniss, dem vegetabilischen Wachs, das sie in Schuppenform +aus ihren Blaettern ausscheidet. Diese Schuppen werden von jungen, +getrockneten Blaettern abgeklopft und dann in Wasser gekocht, auf dessen +Oberflaeche das fluessige Wachs sich sammelt. Man versetzt es mit Talg und +formt es zu Kerzen, welchen beim Brennen ein angenehmer Duft entstroemt. + +Bordighera begnuegte sich nicht damit, seine Palmwedel fuer Cultuszwecke zu +ziehen, es suchte sie auch im Kunsthandwerk zu verwerthen. So entstand die +Palmenflechterei, die in letzter Zeit Dank dem Winter'schen Einfluss, eine +ungeahnte Entwickelung nahm. In der Winter'schen Kunstgaertnerei wird jetzt +die Palmenflechterei im Grossen betrieben. Die Dattelpalme, die +Chamaerops-Arten, _Livistona australis_ und _Pritchardia filifera_ geben +im Besonderen das Material dazu her. Zur Verwendung kommen Blattspreiten, +Blattstiele und Blattscheiden dieser Pflanzen, und wo Behaelter noethig, +helfen auch wohl Flaschenkuerbisse aus. Alle Theile der Palmen werden +entsprechend gebogen und dann getrocknet, und hierauf zu Blumenvasen, +Ampeln, Koerbchen, Fruchtschalen, Lichtschirmen und anderen zierlichen +Gegenstaenden stilgerecht vereint. + +Auch die Nachtigallen an der Riviera suchen Nutzen aus der neuen +Palmen-Cultur zu ziehen. Sie fanden heraus, dass die langen grossen Faeden am +Blattrand der Pritchardien fuer Nesterbau vortrefflich geeignet sind. Sie +zwicken sie ab und tragen sie zusammen, um sich aus denselben ihr +fluechtiges Heim zu flechten. - + + IV. + +Die zahlreichen Ausfluege, die sich landeinwaerts von den Stationen der +Riviera unternehmen lassen, haben in den Reisehandbuechern bis jetzt eine +hoechst unvollkommene Behandlung erfahren. Meist findet man in denselben +nur eine Aufzaehlung der etwa zu besuchenden Orte, wobei die naechste, oft +lohnendste Umgebung vernachlaessigt ist, entferntere, beschwerliche, nicht +immer lohnende Touren besonders empfohlen werden. Da die Wirksamkeit der +Alpenvereine sich andererseits nicht bis zur Riviera erstreckt, die +Wegweiser dort fehlen, die Einheimischen nur selten Auskunft ueber den Weg +und niemals ueber die Schoenheit desselben zu ertheilen vermoegen, so waeren +grade fuer jene Gegenden gut orientirende Reisebuecher sehr erwuenscht. Unter +den gegebenen Umstaenden kann aber nur ein wiederholter Besuch der Riviera +denjenigen, der es gelegentlich nicht scheut, unnuetz umherzuirren, in all' +die Reize dieser zauberhaften Gegend einweihen. + +So muesste jeder Reisende, der fuer Naturschoenheit empfaenglich ist und einige +Muehe nicht scheut, von Mentone ueber Gorbio nach Roccabruna wandern. Meist +begnuegt sich aber selbst der unternehmendste Tourist mit einem Ausflug +nach Castellar und kommt im Gorbiothal nicht ueber Gorbio hinaus, weil er +nicht weiss, dass er seinen Weg dort fortsetzen sollte. Und doch entfaltet +sich erst jenseits von Gorbio die volle Pracht der grossartigen Landschaft. +Der ganze Ausflug duerfte fuenf Stunden in Anspruch nehmen; es empfiehlt +sich, ihn am Nachmittag zu unternehmen. Bis nach Gorbio fuehrt jetzt eine +schoene Fahrstrasse. Sie beginnt zu steigen am Alexandra-Hotel und folgt in +zahlreichen Windungen dem Thale. Dieses Thal ist ueberaus fruchtbar; ein +ansehnlicher Bach durchstroemt dasselbe. Erst ist es breit, verengt sich, +indem es aufsteigt. Villengaerten stossen an die Strasse, dann bescheidene +Bauerngueter. Bluehende Pflanzen neigen sich ueber die Mauern vor. Erst die +vornehmen Pflanzen der Reichen; dann der Goldlack, die Levkoye, die +Pelargonie und die Anemonen, die auch der Aermere sich zieht. Einzelne +Cypressen, oft umrankt von Rosen, ragen hier und dort aus den Gaerten vor +und mahnen nicht selten an orientalische Landschaft. Citronen- und +Orangengaerten folgen aufeinander, dann Feigenbaeume. Hoeher hinauf beginnen +sich vereinzelt auch unsere Obstbaeume zu zeigen. Sie stehen im +Bluethenschmuck. Eigentlich ist ihnen auch in dieser Hoehe noch zu warm, sie +gedeihen gut erst bei Sant' Agnese, jenseits der Felsen, die das Thal im +Norden sperren. Im Thale von Gorbio lohnt es sich, Pflanzen zu sammeln. +Ardoino, der Verfasser der Flora der Seealpen, gibt fuer die Thaeler, die +bei Mentone muenden, mehr als tausend verschiedene, wild wachsende Arten +an. Man muesste fast ganz Irland und Schweden durchstreifen, um ebenso viel +verschiedene Pflanzen zu finden, als hier auf etwa fuenfzehn Quadratmeilen +beisammen wachsen. - Ungewoehnlich reich sind die Thaeler von Mentone an +Orchideen, und diese bluehen ja fast saemmtlich im Fruehjahr. Viele sonst +seltene Farne sind hier auch zu finden. Der Botaniker sucht mit Vorliebe +nach einem kleinen Nacktfarn, der zu derselben Gattung wie die Gold- und +Silberfarne unserer Gewaechshaeuser gehoert, der _Gymnogramme leptophylla_. +Der Pflanzenliebhaber freut sich mehr noch ueber das _Adiantum Capillus +Veneris_, das Venushaar, das mit seinen zarten Wedeln die feuchten +Vertiefungen der Felsen ziert. - Ein alter gepflasterter Weg kuerzt oben im +Thale die neue Strasse von Gorbio ab. Er steigt in Olivenhainen empor. An +einer seiner Windungen taucht ploetzlich Gorbio auf, ganz in der Naehe. Es +kroent einen steilen Huegel, der von Oliven bedeckt ist. Ein Amphitheater +maechtiger zackiger Felsen umrahmt dieses Bild von seltener malerischer +Schoenheit. - Wir steigen auf zu dem Orte, durchschreiten den Platz, dem +eine alte Ulme ihren Schatten spendet, wenden uns dann links und schlagen +den Fussweg ein, der, an einem offenen Brunnen vorbei, der Berglehne folgt. +Nach kaum halbstuendigem Aufstieg haben wir das weit sichtbare Kreuz +erreicht, das hoch oben, am vorspringenden Bergesrande dem Wetter trotzt. +Bei stark wehendem Mistral ist es kaum moeglich, an jener Stelle zu weilen; +das zersplitterte Kreuz, welches nur noch einen seiner Arme gegen den +Himmel streckt, zeugt von der Gewalt der Stuerme, die dort oben hausen. +Bereits von diesem Kreuze aus ist der Blick ueberwaeltigend schoen. Er umfasst +die saemmtlichen Thaeler, die bei Mentone muenden. Auf den Hoehen sieht man +jene wilden Ortschaften thronen, Burgen der Grimaldi und der Lascaris, die +einst diese Thaeler beherrschten; man umspannt mit dem Blicke den ganzen +Halbkreis steil aufsteigender Berge, welche die Thaeler maechtig umfassen +und eine undurchdringbare Schranke fuer das Auge bilden, das hingegen nach +Sueden zu unbegrenzt ueber dem blauen, endlosen Meere schweift. Eine weitere +Steigerung der Eindruecke haelt man nicht fuer moeglich, man kann sich schwer +von dieser Stelle trennen, und doch gewinnt das Bild noch an erhabener +Groesse, betrachtet von dem Bergruecken, der jetzt in suedlicher Richtung nach +Roccabruna fuehrt. Dann verschieben sich gegen einander, wie maechtige +Decorationen, die Felsriesen, die den Hintergrund der Thaeler schliessen, +und die Umrisse des Bildes werden immer reicher, immer bewegter. Bald +tritt im Mittelpunkte der Landschaft, am Nordabhange des maechtigsten +dieser Berge, Sant' Agnese hervor, ein ansehnliches Dorf, das in +schwindelnder Hoehe, wie ein Schwalbennest am Felsen, ueber dem Abgrund zu +haengen scheint. Wer konnte das Dasein dieses Ortes ahnen; ist er doch +gegen das Meer hin von dem Felsen ganz verdeckt, an den er sich klammert. +Dieser Felsen sollte ihn auch schuetzen und verbergen vor den spaehenden +Blicken der Saracenen, welche einst das tyrrhenische Meer durchkreuzten. +Und doch war es ein Saracenenhaeuptling Harun, der im zehnten Jahrhundert, +der Sage nach, die Burg erbaute, deren Ruinen den Bergesgipfel kroenen. +Doch nicht als Feind kam er hierher, sondern von der Liebe zu einer +Christin ueberwaeltigt, die er, selbst zum Christenthum bekehrt, zu seiner +Gattin machte. + +Selbst wer den schoensten Theil Sueditaliens kennt, wird sicher die volle +Macht dieser herrlichen, so typisch italienischen Landschaft empfinden. +Und wie wird der Eindruck noch gesteigert, wenn gegen Sonnenuntergang sich +die Gipfel der Berge zu roethen anfangen, lange dunkle Schlagschatten in +die Thaeler fallen und Sant' Agnese in goldigem Licht auf dem grauen Fels +zu gluehen beginnt. + +Doch die Zeit draengt, denn die Sonne im Westen ist lange schon hinter der +_Tete de chien_ verschwunden; die Nachtschatten senken sich hinab in die +Schluchten, waehrend ein langer steiniger Weg uns von Cabbe-Roquebrune, der +Eisenbahnstation, noch trennt. + +In Cabbe-Roquebrune auf dem Bahnhof erwartet uns ein botanischer Genuss. +Ueber einer hohen Mauer am Abhang stehen maechtige Judasbaeume (_Cercis +siliquastrum_) und senken abwaerts ihre bluethenbeladenen, noch laubfreien +Zweige. Die schoenen, dicht gedraengten Bluethen entspringen auch dem alten +Holze, so dass die ganze Baumkrone wie ein einziges Blumengewinde +erscheint, von rosenrother Farbe. Dieser Baum ist in Suedeuropa zu Hause, +sehr haeufig sieht man ihn in Palaestina die Gaerten um Jerusalem schmuecken, +was wohl Veranlassung zu der Sage gab, Judas habe sich an demselben +erhaengt. + + V. + +Bezaubernd schoen ist Mentone, wenn man es vom Pont St. Louis aus +betrachtet. Das Bild gehoert zu den eindrucksvollsten der ganzen Riviera. +Doch muss man es am Morgen betrachten, wenn die Sonne das alte Mentone von +Osten her bescheint. Man folgt von Mentone aus in oestlicher Richtung der +Landstrasse und waehlt ihren linken Arm, dort, wo sie sich gabelt. Man +steigt dann sanft in die Hoehe, zwischen Villen und Mauern. Gibt es nicht +zu viel Staub auf der Strasse, so ist diese Wanderung ein Genuss. Denn die +angrenzenden Gaerten strotzen von ueppigen Gewaechsen, und ueberall draengt +sich der Ueberfluss derselben bis auf die Strasse. Die Pflanzen finden keinen +Platz mehr in der eingeengten Umfriedung und streben hinaus ins Freie. +Rosenrothe und feuerfarbige Pelargonien neigen sich ueber das Gitter, dort +haengt ein Rosenstrauch ueber dasselbe hinaus und traegt unzaehlige Bluethen. +Weiter ist eine ganze Mauer bis unten hinab mit einem epheublaetterigen +Kranichschnabel, dem _Pelargonium peltatum_, bedeckt, welcher so ueppig +blueht, dass die Blaetter unter den blassrothen Bluethen verschwinden. Jener +Strauch, der im grazioesen Bogen ueber eine andere Mauer sich beugt und +aehrenfoermige Rispen gelber Bluethen traegt, ist eine chinesische Buddleia +(_Buddleia Lindleyana_). Die ganze Strasse duftet jetzt nach Heliotrop, der +an dem Gelaender emporklettert; weiter ist es wieder eine Pergola +safrangelber Rosen, welche der Strasse folgt. Mit ihren fleischig dicken +Stengeln und Blaettern und ihren grossen rothen oder gelben Bluethen schmueckt +dort die Mittagsblume (_Mesembryanthemum __ acinaciforme_) eine Mauer. +Dann schliessen Citronen- und Orangenbaeume sich an, die mit Fruechten reich +behangen, auch schon ihre duftigen Bluethen entfalten. Wir kommen an dem +kleinen franzoesischen Zollhaus vorbei und erreichen alsbald unser Ziel. In +kuehnem Bogen schwebt die Bruecke San Luigi ueber der Schlucht, welche +Frankreich von Italien trennt. Der Blick von hier auf Mentone ist in der +That von ergreifender Schoenheit. Die alte Stadt deckt einen schmalen Grat, +der sich bis zum Meere senkt. Dicht gedraengt steigen die Haeuser an ihm +auf, ueber- und nebeneinander. Alle sind sie im italienischen Style gebaut, +mit Loggien, Balkonen und Terrassen, trotzdem alle verschieden an Gestalt +und Groesse, scheinbar gesetzlos zu einer einzigen Masse vereint. Jedes +zeigt eine andere Faerbung; im hellen Glanz der Sonne verschmelzen aber die +Gegensaetze und die ganze Stadt leuchtet fast weiss in die Ferne. Aus der +Haeusermasse ragt die Kirche mit ihrem schlanken Glockenthurm hervor. Und +welch eine grossartige Einfassung zeigt dieses Bild! In weiter Ferne, kaum +noch sichtbar, profilirt sich im nebeligen Umriss das zackige Esterel. Dann +weicht die Kueste vor dem Meere zurueck und erst die _Tete de chien_ ueber +Monaco bietet ihm wieder Trotz. Sie scheint an der Kueste Wache zu halten. +Dann folgen maechtige, majestaetische Berge und ruecken immer naeher auf +Mentone zu. Das Cap Martin streckt sich wie ein gruensammetnes Band vor in +die blaue See, und hinter Mentone steigen die zackigen Felsenriesen auf +und leuchten in der Sonne im blaeulichen Grau. Dann folgen tiefer gruene +Schluchten, wo helle Olivenhaine mit dunklen Citronengaerten abwechseln und +an den Abhaengen weisse Doerfer verborgen im Laub. Kahle Bergruecken glaenzen +grell in der Naehe, von gruenen Kiefernwaeldern stellenweise wie von Oasen +bedeckt. Der Vordergrund entzueckt uns durch seine Farbenpracht, denn der +untere Theil der Schlucht, ueber der wir schweben, ist in einen Garten +verwandelt. In Stufen steigt er auf, und der Boden verschwindet ganz unter +Bluethen. Hell- und dunkelrothe Geranien, dicht aneinander gedraengt, +kugelige Chrysanthemum-Straeucher (_Chrysanthemum frutescens_) mit +tausenden von Bluethen wie mit weissen Sternen uebersaeet. Dann ein Judasbaum, +ganz in Bluethen gehuellt, der seine rosenrothen Aeste ueber die weissen +Chrysanthemen neigt. Ein gelbbluethiger Rosenstrauch, der den rosenrothen +Judasbaum erklimmt; schlanke Bambusen wie Federbuesche in die Luefte ragend; +daneben Faecherpalmen. Dunkelgruene, schlanke Cypressen; ein Pfefferbaum mit +hellgruenen, zartgefiederten Blaettern an den haengenden Aesten; dunkelrothe +Bougainvilleen an den aufsteigenden Waenden: ein wahres Kaleidoskop. Hohe +Dattelpalmen ragen aus der Schlucht hervor und umrahmen das Bild von +Mentone, phantastische Opuntien naechst der Bruecke bilden den ersten +Vordergrund. Und dieses ganze farbenreiche Bild taucht mit seinem Rande in +die dunkelblaue Fluth. Eine frische Brise weht uns vom Meer entgegen, der +Fruehling blickt mit allen seinen Blumenaugen aus der Schlucht empor. Es +stimmt so harmonisch und heiter dieses hehre Bild. Daher wir es auch +vergessen moechten, dass dort ueber Mentone, wo weisse Steine und dunkle +Cypressen zwischen grauen Mauern sich erheben, ein Ort der Trauer ist. Ein +Schloss der Grimaldi stand einst auf dieser Hoehe, zwischen seinen Truemmern +und Umfassungsmauern ist dann der Friedhof entstanden. Er beherrscht +diesen sonnigen Strand, wie einst die maechtige Burg ihn beherrschte: ein +Wahrzeichen des heutigen Mentone. Ich suche die Gedanken von dieser Stelle +abzuwenden, doch unablaessig kehren sie zu derselben zurueck. Denn trauriger +hat mich ein Friedhof nie gestimmt wie dieser dort, mit seinen in Blumen +ganz versteckten Graebern. Kaum kann es einen maechtigeren Widerspruch geben +zwischen der freudig sonnigen Natur und dem jaehen Tode. Dieser Gegensatz +presst Einem das Herz zusammen. Und aus allen Theilen der Welt eilten jene +zusammen, die auf diesem Friedhof ruhen. In der Bluethe der Jahre, fern von +ihrer Heimath, legten sie sich unter Jasmin und Rosen zu ewigem Schlaf. Ob +ihnen wohl die Erde leichter wird, weil die Blumen nie auf derselben +verwelken? Die Rosen im besondern draengen sich dort ueberall vor: weisse, +gelbe, blutigrothe, und sie verbreiten einen betaeubenden Duft. Als ich +einst diesen Friedhof besuchte, da strahlte die Welt in Fruehlingsglanz und +jauchzte es von Leben in den Lueften. Da war es besonders traurig zwischen +diesen blumenreichen Graebern. Auf einem frisch errichteten Denkmal sass ein +junger Bildhauer, meisselte das Antlitz eines zarten Maedchens in den Stein +und sang dazu ein froehliches Lied. Ich blieb vor dem Grabe lange stehen: +es war wie in einer Shakespeare'schen Tragoedie. + +Hoch ragen ueber der Bruecke San Luigi die zackigen Felsen empor, welche die +Schlucht umfassen. Sie selber steigt hier ploetzlich auf, unvermittelt in +romantischer Wildniss. Ein einzelner Felsenkegel erhebt sich aus ihrer +Mitte und endet mit spitzem Gipfel. Zahlreiche Grotten versenken sich in +den Stein. Rosmarin und Wolfsmilch, Wachholder und grossbluethige Malven +(_Lavatera maritima_) klammern sich an jeden Vorsprung der Felsen an und +beleben ihre Eintoenigkeit. Unten gruent Alles von ueppigem Pflanzenwuchs. +Ein kleiner Bach rauscht abwaerts in den Felsenspalten und bildet dann +zierliche Wasserfaelle. Ein Theil des Wassers wird in einen kleinen +Aquaeduct gefasst, der in malerischen Windungen abwaerts laeuft, dann mit +gewoelbtem Bogen den Bach ueberschreitet. Wie effectvoll Alles vereint in +diesem engen Raume: es ist fast wie eine Theaterdecoration! + +An jener so ueberaus warmen Stelle der Riviera bildet diese Felsenschlucht +wohl noch den waermsten Ort. Durch hohe Berge geschuetzt und umfasst, steht +sie den suedlichen Winden nur offen. In dieser Schlucht beginnen schon im +December die Veilchen zu bluehen. Die Schwalben verlassen sie nie. Die +Eidechsen sollen ihres Winterschlafs hier vergessen. An Nahrung ist stets +Ueberfluss. Insekten durchschwirren die Luft, und die Spinne spannt ihr +Netz auch im Winter, um sie zu fangen. + + VI. + +Niemand sollte es versaeumen, von Bordighera oder von Mentone aus, einen +Ausflug nach La Mortola, dem Garten des Herrn Thomas Hanbury, zu +unternehmen. Der Eintritt wird Montag und Freitag Nachmittag gegen Zahlung +von je einem Franc gestattet. Dieses Geld dient zur Unterstuetzung des +Krankenhauses von Ventimiglia. Wer eingehende Studien im Garten machen +will, erhaelt hierzu vom Besitzer jederzeit Erlaubniss. Frueher Eigenthum der +Familie Orengo in Ventimiglia, traegt auch heute noch die schoene Villa im +Garten, welche Herr Thomas Hanbury bewohnt, den Namen des Palazzo Orengo. +Als Herr Hanbury diese Besitzung im Jahre 1866 erwarb, war sie von einem +mageren Olivenhain bedeckt. Ludwig Winter hat sie in den feenhaften Garten +verwandelt, der jetzt den Besucher entzueckt. Der Garten deckt eine Flaeche +von ungefaehr vierzig Hektaren und faellt von der Kunststrasse, welche das +Dorf Mortola in hundert Meter Hoehe durchzieht, bis zum Meere ab. Die in +dem Numullitenkalk tief gerissene Schlucht, an welche die Besitzung +anlehnt, gewaehrt ihr Schutz gegen die Winde und ermoeglicht die +Entwickelung einer so ueppigen Vegetation, wie sie auch an der Riviera kaum +ihres gleichen findet. Freilich musste durch kuenstliche Bewaesserung +vorgesorgt werden, dass die lange Duerre des Sommers nicht verhaengnissvoll +fuer die Pflanzen werde. Denn man rechnet in La Mortola ueber zweihundert +Tage im Jahr, an welchen der Himmel voellig wolkenlos bleibt, und auch +innerhalb des winterlichen Halbjahres gibt es nur etwa vierzig Regentage. + +Es waere ein gewagtes Beginnen, wollte ich an dieser Stelle alle die +zahlreichen Pflanzenformen schildern, welche der Garten von La Mortola +birgt. Es kommt mir nur darauf an, die Reichhaltigkeit desselben +hervorzuheben. Was aber diesen Garten insbesondere belehrend macht, ist +der Umstand, dass alle Pflanzen Schilder tragen, auf welchen ihr Name, der +abgekuerzte Name des Autors, der sie benannte, ihre Heimath, sowie die +Familie, der sie angehoeren, angegeben ist. So kann jeder Besucher des +Gartens erfahren, wie die Pflanze heisst, die ihm durch ihre Schoenheit oder +ihren Wohlgeruch auffaellt, eine Pflanze, nach deren Namen er vielleicht +vergeblich schon in manchem anderen Garten der Riviera forschte. Herr +Hanbury ist bemueht, seinem Garten auch wissenschaftlichen Werth zu +verleihen und sucht unaufhoerlich neue, interessante, technisch wichtige +oder durch ihre Heilkraft ausgezeichnete Gewaechse fuer denselben zu +erwerben. Ein kenntnissreicher deutscher Gaertner, Gustav Cronemeyer, +stellte vor einigen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichniss aller +Pflanzen des Gartens auf. Dieses Verzeichniss umfasst ueber 3600 Arten. Es +wurde an alle botanischen Anstalten der Welt versandt, mit der +Aufforderung, aus den Schaetzen des Gartens fuer wissenschaftliche Zwecke zu +schoepfen. Auch die Samen und Fruechte des Gartens erntet man alljaehrig, um +sie wissenschaftlichen Anstalten dienstbar zu machen. Da Herr Hanbury +gleichzeitig stattliche Schulgebaeude in La Mortola errichtet, da er +neuerdings auch ein schoenes botanisches Institut in Genua erbauen liess, um +es der dortigen Universitaet zu schenken, so laesst sich wohl behaupten, dass +er einen edlen, nachahmenswerthen Gebrauch von seinen Reichthuemern macht. +Leider ist der eifrige Leiter des Gartens, Gustav Cronemeyer, vor kurzem +gestorben, und gewaehrt es nur einen Trost, dass sein Nachfolger, ebenfalls +ein deutscher Gaertner, Herr Dinter, mit gleichem Eifer in seine Spuren +tritt. + +Gerade im Fruehjahr ist es, wo der Garten von La Mortola in vollstem +Bluethenschmucke prangt. Besonders tragen die Akazien dazu bei, ihn um jene +Zeit so ueppig zu verzieren. Ueber neunzig Arten der Gattung _Acacia_ +stehen da in Cultur, von den fein gefiederten, mimosenartigen an, deren +Blaettchen jeder Windhauch in Bewegung setzt, bis zu jenen starrend +stachlichen Arten, welche schon durch ihren botanischen Namen als +"bewaffnet" (_armata_), "struppig" und "schauerlich" (_horrida_) +hinreichend gekennzeichnet werden. Manche Akazien sind von gelben Bluethen +so ueberdeckt, dass das gruene Laub unter denselben fast verschwindet, und +die meisten verbreiten zur Bluethezeit ein liebliches Aroma. Benennungen +wie "lieblich", "angenehm" (_suaveolens_) zeichnen noch besonders einzelne +Arten aus. Der hoechste Preis des Wohlgeruchs gebuehrt aber unstreitig der +tropisch-amerikanischen _Acacia Farnesiana_, welche ihre veilchenduftenden +Bluethenkoepfchen den ganzen Winter ueber treibt. Diese Bluethenkoepfchen +dienen in Grasse und in Cannes unter dem Namen "_fleurs de cassie_" in +ausgiebiger Weise den Zwecken der Parfuemerie. Den Namen "_Farnesiana_" +erhielt diese schon lange in Suedeuropa bekannte Pflanze wohl daher, dass +sie in den farnesianischen Gaerten in Rom zuerst gezuechtet wurde. - Durch +ihr zartes, zierliches, doppeltgefiedertes Laub von blaeulich gruener Farbe, +faellt hier, wie auch an den anderen Stellen der Riviera, die _Acacia_ oder +_Albizzia Julibrissin_ auf, ein stattlicher Baum vom Aussehen einer +Mimose, dessen hellviolette Bluethenkoepfchen aber erst im Juli zur +Entfaltung kommen. Sie stammt von der Suedkueste des kaspischen Meeres, ihr +Arten-Name ist persisch und bedeutet Seidenblume. - Von der +suedafrikanischen steifen _Acacia horrida_ stammt eine geringe Gummisorte, +die als Capgummi bekannt ist. Das feinste Gummi arabicum tritt aus der +Rinde der senegambisch-kordofanischen _Acacia Senegal_, aehnlich wie bei +uns Kirschgummi aus der Rinde von Kirschbaeumen, hervor. + +Durch ein ganz besonders feines Aroma zeichnet sich in dem Garten von La +Mortola ausser der _Acacia Farnesiana_ ein gelbbluehender Strauch, die +_Pteronia incana_ vom Cap aus, welche zu derselben Abtheilung der +Compositen wie unsere Astern gehoert, deren Bluethenkoepfchen aber einen, man +koennte fast sagen, vergeistigten Aprikosenduft verbreiten. Sehr +wohlriechend in allen seinen Theilen ist ein anderer Strauch vom Cap, die +Rutacee _Diosma fragrans_. Nicht umsonst hat sie, so wie ihre naechsten +Verwandten, die bei uns viel in Gewaechshaeusern cultivirt und als +Bouquetgruen benutzt werden, den Namen _Diosma_, d. h. "Goetterduft", +erhalten. Ein chilenischer Strauch mit kleinen gelben Bluethen, die +Flacourtiacee _Azara microphylla_, wird wegen seines vanillenartigen +Duftes in der Heimath "Aromo" genannt. Eine krautartige Salbeiart, die +_Salvia albocoerulea_, riecht wie feines Tafelobst. Verschiedene +Pelargonien, so namentlich das _Pelargonium roseum_ und _odoratissimum_, +verbreiten ein starkes rosenartiges Parfuem, wenn man ihre Blaetter +zerdrueckt. Geradezu betaeubt wird man an zahlreichen Stellen des Gartens +von dem Duft, der den kleinen weissen Bluethen vom _Pittosporum Tobira_ +entstroemt. Diese Bluethen decken in grosser Zahl den baumartigen immergruenen +Strauch, der im Aussehen an den lorbeerartigen Schneeball (_Viburnum +Tinus_) unserer Gewaechshaeuser erinnert. Es gibt auch eine Art mit fast +schwarzen Bluethen, die fremdartig genug auf den Zuschauer einwirkt. - +Lieblich duftet, aehnlich wie unsere wohlriechende Platterbse, ein +zierlicher Baum mit ueberhaengenden Aesten, der aus der Ferne ganz weiss +erscheint von reicher Bluethenfuelle. Es ist eine west-mediterrane +Ginsterart, _Genista monosperma_, die zu den anmuthigsten Pflanzenformen +im Fruehjahr an der Riviera gehoert. Ist auch zu jener Zeit der +Bluethenreichthum noch so gross, Jedem faellt, unter allen anderen, diese +Pflanze auf, die den Namen Bluethenregen fuehren sollte. Erscheint es da +nicht wunderbar, dass zu derselben Gattung, wie dieses so zart erscheinende +Gewaechs, auch die _Genista acanthoclada_ gehoert, ein Strauch der +griechischen Berge, der so stachelig ist, dass er fuer die Pflanze des +Tartarus gelten konnte: _Aspalathus_, nach der Insel Aspalathe an der +Kueste von Lycien genannt, lieferte er, der Sage nach, jene Ruthen, mit +denen die Gottlosen in der Unterwelt gepeitscht wurden. + +Eigenthuemlich beruehren den Besucher des Gartens die Casuarineen, die in +grossen Exemplaren gleich unterhalb der Eingangstreppe stehen. Die +graugruenen feinen Zweige dieser Baeume haengen wie die Federn eines +Casuarschweifes herab und verschafften dem Gewaechs auch seinen Namen. Die +Zweige sind blattlos; die Ernaehrung des Baumes, die sonst von den Blaettern +besorgt zu werden pflegt, faellt hier somit den Zweigen zu. Diese sind +demgemaess auch gruen gefaerbt, d. h. sie fuehren jenen Farbstoff, das +Chlorophyll, dessen Anwesenheit fuer die Bereitung von Nahrungsstoff durch +die Pflanze nothwendig ist. Die Casuarineen bilden in Australien +ausgedehnte Waelder von sehr eigenem Aussehen. Wie so viele andere +australische Baeume vermoegen sie dem Boden nur spaerlichen Schatten zu +spenden. Die Bluethen dieser Gewaechse sind so klein und unansehnlich, dass +nur das kundige Auge sie an den Zweigen zu erkennen vermag. Das Holz der +Casuarineen zeichnet sich durch seine Haerte und seine Schwere aus und hat +daher den Eingeborenen zur Anfertigung von Streitkolben gedient. + +Ein australischer Baum, der in den letzten Decennien ungemein rasche +Verbreitung ueber die Riviera gefunden hat und den der Garten von La +Mortola in nicht weniger als vierundzwanzig Arten besitzt, ist der +Eucalyptus. Jeder, der Italien einmal besuchte, kennt die Eucalypten, wenn +auch wohl nur die eine, ueberall vertretene Art derselben, den _Eucalyptus +globulus_. Auch dieser australische Baum gibt im Verhaeltniss nur wenig +Schatten; seine Blaetter sind zwar von ansehnlicher Groesse, sie haengen aber +an langen Stielen von den Zweigen senkrecht herab und koennen daher selbst +bei dichter Belaubung den Sonnenstrahlen nicht allen Durchgang verwehren. +Da auch der leiseste Windhauch diese Blaetter in Bewegung setzt, so +herrscht unter den Eucalyptusbaeumen ein eigenes zitterndes Zwielicht, das +allerdings erst in Eucalyptus-Waeldern voll empfunden wird. Die Eucalypten +gehoeren zu den Riesen der Pflanzenwelt, zu denjenigen Baeumen, welche +ueberhaupt die bedeutendste Groesse erreichen. In Australien sind Staemme von +_Eucalyptus amygdalina_ gemessen worden, deren Hoehe 156 Meter betrug und +somit genau derjenigen der Thuerme des Koelner Doms entsprach, die Pyramide +des Cheops aber um fuenf Meter, die Peterskirche in Rom sogar um mehr als +zwanzig Meter ueberstieg. Die Eucalypten wachsen auch an der Riviera +aeusserst rasch und ragen schon ueber ihre Umgebung weit empor, ungeachtet +ihre Anpflanzung hauptsaechlich erst Ende der sechziger Jahre erfolgte. Im +Garten von La Mortola erreichte ein _Eucalyptus globulus_ in sieben Jahren +neunzehn Meter Hoehe und fast anderthalb Meter im Umfang. Kein in Europa +sonst bekannter Baum vermag Aehnliches zu leisten. Trotz so raschen +Wachsthums zeichnet sich das Eucalyptusholz durch grosse Haerte aus. An +vielen Orten hat man Eucalypten angepflanzt, weil man der Ausduenstung +derselben besondere heilsame Kraefte zuschrieb. Thatsaechlich kommt aber den +aeusserst geringen Mengen von aetherischen Oelen, die sich um die Eucalypten +verbreiten, kaum eine merklich desinficirende Wirkung zu. Dadurch +hingegen, dass die Eucalypten rasch auf sumpfigem Boden wachsen und als +immergruene Pflanzen Sommer und Winter Wasser aus ihren Blaettern +verdunsten, tragen sie zu dessen Trockenlegung bei. Die Hoffnung, dass die +Extracte aus Blaettern und Rinde der Eucalypten das Chinin ersetzen wuerden, +war gleichfalls uebertrieben. Kommt auch diesen Extracten eine gewisse +febrifuge Wirkung zu und sind dieselben auch seit undenklichen Zeiten von +den Eingeborenen Australiens gegen Malaria verwandt worden, so stehen sie +doch dem Chinin ganz bedeutend nach. Im April sieht man die aelteren +Eucalyptusstaemme an der Riviera sich mit grossen weissen Bluethen bedecken, +welche durch ihre aeusserst zahlreichen, feinen und langen Staubgefaesse +auffallen. Der Kundige erkennt an diesen Bluethen, dass der Baum zu den +myrtenartigen Gewaechsen gehoert. Eine Eigenthuemlichkeit der Eucalypten ist +es, dass deren Bluethenknospen sich mit einem runden Deckel oeffnen, der als +gruene, weissbereifte Muetze abgeworfen wird. Diese Deckel sieht man im +Fruehjahr in grossen Mengen unter den Eucalyptusbaeumen liegen; sie +verbreiten, wenn man sie zertritt, einen sehr durchdringenden Geruch. +Neuerdings hat sich die Industrie auch dieser Gebilde bemaechtigt, und in +Bordighera sah ich Kreuze und Rosenkraenze, die aus trockenen, +aufgefaedelten Eucalyptusbluethen-Deckeln hergestellt waren. + +Ganz junge Eucalyptusbaeume, wie man sie auch bei uns, innerhalb der +Gewaechshaeuser, sehen kann, zeigen zunaechst ein von den aelteren Baeumen +durchaus verschiedenes Aussehen. Kaum glaubt man dieselben Pflanzen vor +Augen zu haben. Die Blaetter sind breit, stumpf, stengelumfassend, +wagerecht gestellt, und erst an aelteren Zweigen treten an deren Stelle die +schmalen, zugespitzten, langgestielten Blaetter auf, die senkrecht abwaerts +haengen. Damit veraendert sich auch ihr innerer Bau. Zuvor zeigten sie +verschiedene Structur auf ihren beiden Seiten, jetzt sind beide Seiten +gleich. Beide Blattflaechen werden ja an den haengenden Blaettern in gleicher +Weise von Lichtstrahlen getroffen. Sie brauchen aber gleichen Bau, um +gleiche Arbeit zu verrichten. Aehnliche Einrichtungen treten uns bei +vielen anderen Gewaechsen Neuhollands entgegen und bestimmen geradezu den +Charakter der dortigen Vegetation. + +Der in Italien hauptsaechlich cultivirte _Eucalyptus globulus_ ist nicht +der widerstandfaehigste Vertreter seiner Gattung, wie er denn auch im +strengen Winter 1890-91 an exponirten Stellen der Riviera gelitten hatte. +Manche Arten trotzen besser der Kaelte, und der _Eucalyptus Gunnii_ gedeiht +selbst in Whittingham bei Edinburgh. + +Der hohen Schutzmauer der Seealpen, welche die kalten Nordwinde abhaelt, +verdankt die Riviera di Ponente ihr mildes Klima. Diese Schutzmauer +bedingt es auch, dass dort die Cultur der Agrumi erfolgreich betrieben +werden kann. An zahlreichen Stellen der Kueste, zwischen Nizza und Savona, +gedeihen die Agrumi ebenso gut wie bei Neapel, waehrend der Reisende das +Innere von Ober- und Mittelitalien durchwandern kann, ohne sie zu +erblicken. Unter der Bezeichnung "Agrumi" werden die Vertreter der Gattung +_Citrus_ zusammengefasst. Das Verzeichniss von La Mortola weist ueber zwanzig +Arten oder Formen dieser Gattung auf. Man findet dort fast alle in Italien +cultivirten Agrumi in engem Raum beisammen. Diese Pflanzen scheinen so +fest mit dem italienischen Boden verwachsen zu sein, dass italienische +Bilder stets der Phantasie des Nordlaenders vom Bluethenduft der Citrone +durchweht und vom Glanze der Goldorange durchleuchtet erscheinen. Am +meisten hat diese Vorstellung wohl das Mignonlied verbreitet, jenes Lied, +das der Sehnsucht des Nordlaenders nach suedlicheren Gestaden so unendlichen +Ausdruck verlieh. So sehr die Agrumi aber auch in die italienische +Landschaft zu gehoeren scheinen, so sind sie doch erst verhaeltnissmaessig spaet +in dieselbe gelangt und nur auf ganz bestimmte Theile von Italien +beschraenkt geblieben. Ihre Heimath liegt im fernen Asien, in Ostindien und +Suedchina; ueber den Orient schlugen sie aber zunaechst ihren Weg nach Europa +ein. Wie aus dem alten "Traite du Citrus" von Gallesio, dem Werke Victor +Hehn's ueber "Culturpflanzen und Hausthiere", Alphonse de Candolle's +"Ursprung der Culturpflanzen", endlich Flueckiger's "Pharmacognosie" - von +aelteren Quellenwerken abgesehen - zu erfahren ist, war dasjenige, was im +Alterthum zunaechst "Citrum" hiess, das Holz von _Callitris quadrivalvis_. +Auch diese nordafrikanische Conifere ist in dem Hanbury'schen Garten in +vortrefflicher Entwickelung zu sehen. Ihr Holz liefert das Sandarac, ein +Harz, das in erstarrten, weissen Thraenen die Stammrinde deckt und aus der +Wunde heraustropft, wenn ein Zweig abgeschnitten wird. Das schoen +gemaserte, wohlriechende Holz dieses Baumes stand bei den Roemern in hohem +Ansehen und diente im Besonderen zur Anfertigung von Kisten, welche +wollene Kleider vor Motten schuetzen sollten. Als dann die Citrone den +Roemern bekannt wurde, und es sich zeigte, dass sie in aehnlich wirksamer +Weise die Motten abhaelt, wurde der Name Citrum auf dieselbe uebertragen. +Von dem Gewaechse, welches diese "_mala citria_" erzeugt, drang die erste +Kunde nach Griechenland waehrend der Kriegszuege Alexanders des Grossen. +Letztere waren es, welche den Orient und die Tropen der griechischen +Cultur erschlossen. Sie brachten den classischen Laendern eine solche Fuelle +neuer Naturanschauungen, wie dies zum zweiten Mal in gleichem Masse nur +durch die Entdeckung des tropischen Amerika wieder geschah. Ueber den +Citronenbaum wurde berichtet, dass er ein wunderbares Gewaechs der +persischen und medischen Lande sei, und voll goldener Fruechte haenge. Diese +sollten nicht nur gegen Motten schuetzen, sondern auch als Gegengifte +aeusserst wirksam sein. Ja, es bildete sich, wie man in einem Werke des +Athenaeos, eines Gelehrten, der zu Naukratis in Aegypten geboren wurde und +um 228 n. Chr. starb, lesen kann, der Aberglaube, dass, wer von diesen +Fruechten gekostet habe, den Biss giftiger Schlangen nicht zu fuerchten +brauche. Jenes durch seine Citate sehr werthvolle und merkwuerdige Werk des +Athenaeos schildert ein fingirtes Gastmahl, welches von einem roemischen +Schlemmer und Schoengeist, Kuenstlern, Dichtern und Gelehrten geboten wird, +und bei welchem an die dargereichten Speisen und Getraenke sich +entsprechende Unterhaltungen knuepfen. Da erzaehlt ein gewisser Demokritos, +sein Freund, der Statthalter von Aegypten, habe ihm mitgetheilt, dass zwei +Verbrecher, die zum Tode durch giftige Schlangen verurtheilt waren, dem +Biss derselben nicht erlagen, weil sie von einer Citrone zuvor assen. Der +Statthalter habe den Versuch absichtlich mit denselben Verbrechern zum +zweiten Male wiederholt, aber nur dem einen von beiden eine Citrone +dargereicht. Die Folge sei gewesen, dass dieser eine nur den Bissen der +giftigen Nattern zu widerstehen vermochte, waehrend der andere bald nach +der Verwundung starb. Als bestes Schutzmittel gegen Gift empfiehlt der +Erzaehler eine in Honig zerkochte Citrone. Man muesse von diesem Gegengift +frueh am Morgen eine kleine Menge zu sich nehmen und sei dann den ganzen +Tag ueber vor Vergiftung sicher. Dem Aberglauben, der solche Vorstellungen +naehrte, liegt wie auch sonst in aehnlichen Faellen, ein Fuenkchen Wahrheit zu +Grunde. Thatsaechlich ist die Citrone durch sehr starke faeulnisswidrige +Eigenschaften ausgezeichnet, Eigenschaften, die sie auch heute noch als +Antisepticum sehr schaetzbar machen. Schon im Alterthum hatte man richtig +erkannt, dass der Saft der Citrone den Athem verbessere. Ein Vergnuegen +konnte es damals nicht sein, Citronen zu geniessen, denn es waren +thatsaechlich nicht unsere jetzigen "Citronen", vielmehr Cedraten oder +Citronat-Citronen, die uns nur eingemacht schmecken. Diese Cedraten heissen +auch heute noch "Cedro" bei den Italienern. Saftiges Fruchtfleisch ist +ihnen nicht eigen; sie bestehen fast ausschliesslich nur aus Schale, und +diese ist es, die, in Zucker eingekocht, die Citronate liefert. Die +Cedraten erreichen meist bedeutendere Groesse als die Citronen, sind +letzteren im Uebrigen aehnlich. Ihre Form variirt aber bedeutend, und da +viele Abaenderungen durch Veredelung fixirt worden sind, so bekommt man +neben stark in die Laenge gezogenen auch fast runde Cedraten zu sehen. Das +gab sogar Veranlassung zur Aufstellung verschiedener Arten innerhalb +dieses Formenkreises, wie es denn ueberhaupt schwer faellt, zu +unterscheiden, was Art und was nur Abart in der Gattung Citrus ist. Eine +rundliche durch stark hoeckerige Schale und feinen Wohlgeruch +ausgezeichnete Frucht, die auch zu den Cedraten gehoert, wird als +Adamsapfel oder Paradiesapfel unterschieden. Sie galt als die Frucht vom +Baume der Erkenntniss und findet als solche beim Laubhuettenfest der Juden +heute noch Verwendung. Die gesuchtesten Fruechte zu diesem Fest werden aus +Corsica, Corfu, Marocco und Palaestina eingefuehrt und koennen bei +vorgeschriebener Form sehr hohen Geldwerth erreichen. + +Der Cedratenbaum kam bei den Roemern sehr in Mode, und man sah ihn, in +Kuebeln gepflanzt, die Saeulenhallen der Villen und die Gaerten schmuecken. +Vom dritten Jahrhundert an wird er auch, als im freien Lande gedeihend, +beschrieben. Heut noch wird er in Italien viel gezogen und zeichnet sich +vor allen anderen Agrumi dadurch aus, dass er das ganze Jahr hindurch +Bluethen und Fruechte traegt. + +Der Baum, der die Frucht zeitigt, welche wir als Citrone bezeichnen, die +aber richtiger auch bei uns Limone heissen muesste, kam durch Vermittlung der +Araber erst im zehnten Jahrhundert nach Sued-Europa, zunaechst nach Spanien, +dann wohl auch nach Sicilien. Er fehlte hingegen noch an der ligurischen +Kueste, wohin ihn erst gegen Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzfahrer +aus Syrien und aus Palaestina brachten. Mit den Limonenbaeumen zugleich +gelangten die Pampelmusen und die bitterfruechtigen Pomeranzenbaeume an die +Riviera, und Ligurien blieb ueberhaupt lange Zeit das Land, in welchem die +Cultur der Agrumi am meisten betrieben wurde. Einen bedeutenderen +Aufschwung gewann die Cultur freilich auch dort erst im vierzehnten +Jahrhundert, als die Ansprueche an die Genuesse des Lebens sich zu steigern +begannen. Sie verbreitete sich in Italien zugleich mit der Limonade, deren +Zubereitung man von den Orientalen lernte. Unter dem Cardinal Mazarin war +es, dass auch in Paris die ersten "Limonadiers" auftraten, um bald eine +aehnliche Rolle wie heut die "Cafetiers" zu spielen. Die Limone, durch die +naemlichen, faeulnisswidrigen Eigenschaften wie die Cedrate ausgezeichnet, +lieferte in der That nicht nur ein erfrischendes, sondern zugleich auch +ein antiseptisches Getraenk. In den der zweiten Haelfte des sechzehnten +Jahrhunderts angehoerenden Kraeuterbuechern des Tabernaemontanus, "der Arzney +Doctoris und Chur-Fuerstlicher Pfaltz Medici zu Neuwhausen", heisst es, dass +der Citronensaft "nicht allein wider die innerliche Faeulung und das Gifft +sehr gut und kraeftig" sei, sondern auch "gegen alle Traurigkeit und +Schwermuethigkeit des Hertzens und die Melancholey". Die Rinde widerstehe +dem Gift: "Dann zur Zeit der Pest soll man sie im Mund halten, auch ein +Rauch damit machen." - Der Citronensaft gilt auch heute noch als eines der +wirksamsten Mittel gegen den Scorbut, die bekannte Mund- oder +Zahnfleischfaeule, der die Seefahrer besonders unterworfen sind. Daher +jetzt die englische Marine, und nach ihrem Beispiel auch andere, +Citronensaft in wohlverschlossenen Flaschen auf ihren Schiffen fuehren. + +Ich bemuehte mich festzustellen, woher der jetzt noch ziemlich verbreitete, +frueher fast allgemeine Brauch stammt, dass die Leichentraeger bei +Begraebnissen eine Citrone in der Hand halten. Urspruenglich ist er durch +die faeulnisswidrigen Eigenschaften und den starken Geruch der Citrone +veranlasst worden, dann hat er symbolische Bedeutung gewonnen. Die Symbolik +hat sich in mannigfaltiger Weise der Citrone bemaechtigt. So heisst es in +J. B. Friedrich's Werke: "Die Symbolik der Mythologie der Natur": "Das +Aromatische, Erquickende und Belebende der Citrone hat sie zum Symbole des +Lebens und des Schutzes gegen das Lebensfeindliche gemacht. Daher schuetzt +nach altem Glauben die Citrone gegen Bezauberung, daher traegt das indische +Weib, welches sich nach dem Tode seines Gatten verbrennen laesst, auf seinem +Gange zum Scheiterhaufen eine Citrone in der Hand als Sinnbild ihres +zukuenftigen Zusammenlebens mit dem Gatten; daher die noch uebliche Sitte, +dass bei einem Leichenbegaengnisse die Leidtragenden die das neue Leben des +Abgeschiedenen symbolisirende Citrone in der Hand tragen; daher endlich +die Sitte des zum ersten Mal zur Communion gehenden Kindes, eine Citrone +zu tragen, weil es durch die Communion ein neues Leben durch seinen +erneuerten Bund mit Gott eingeht." + +Der Pampelmusbaum (_Citrus decumana_) faellt durch die Groesse auf, die seine +Fruechte erreichen. Dieselben haben suess-saeuerlichen Geschmack und werden +mit Wein und Zucker gegessen. Einzelne Fruechte koennen unter Umstaenden bis +sechs Kilo Gewicht erlangen. + +Der bittere Pomeranzenbaum ist durch besonders aromatische Blaetter und +Bluethen ausgezeichnet. Die Fruechte zeichnen sich durch ihre goldige +Faerbung aus. Sie werden frisch nicht genossen, wohl aber gelten die in +Zucker eingemachten Schalen derselben als besonders wohlschmeckend. Auch +dienen die Blaetter, Bluethen und die unreifen Fruechte zur Gewinnung +aetherischer Oele und spielen letztere ausserdem eine wichtige Rolle bei der +Liqueurfabrikation. Da der Stamm der bitterfruechtigen Pomeranze sich als +besonders widerstandsfaehig erwiesen hat, so verwendet man ihn auch haeufig +als Unterlage, auf welcher andere Citrus-Arten veredelt werden. + +Der suessfruechtige Pomeranzenbaum gelangte wesentlich spaeter nach Europa als +die bisher genannten Agrumi. Man nahm ziemlich allgemein bis vor Kurzem +an, die Portugiesen haetten ihn erst gegen Mitte des sechzehnten +Jahrhunderts, und zwar angeblich im Jahre 1548, aus dem suedlichen China +mitgebracht; ja man zeigte im Garten des Grafen von St. Lorenzo zu +Lissabon einen Orangenbaum, der der eingefuehrte Urbaum sein sollte. Aus +den Schriften von Galesio, Targioni und Goeze scheint aber hervorzugehen, +dass die suesse Pomeranze schon wesentlich frueher die Gaerten Spaniens und +Italiens schmueckte; sie muss bereits im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts +nach Europa gelangt sein. Galesio sucht es wahrscheinlich zu machen, dass +die Cultur der suessen Orange auch an der Riviera bis ins fuenfzehnte +Jahrhundert zurueckreicht, doch ist seine Beweisfuehrung nicht ueberzeugend. +So berichtet Galesio ueber ein aus den Acten der Stadt Savona vom Jahre +1471 sich ergebendes Geschenk von eingemachten Citronen und Limonen und +frischen Citruli, welches die Stadt Savona ihrem Gesandten in Mailand +machte. Da nun die als "Citruli" bezeichneten Fruechte frisch gesandt +wurden, haelt sie Galesio fuer *suesse* Orangen, da der Gesandte in Mailand +wohl keine *bitteren* haette essen moegen. In dem Archiv eines Notars in +Savona ist andererseits ein Verkaufsact vom Jahre 1472 ueber eine +Schiffsladung von 15 000 Citranguli oder Cetroni aufgefunden worden, und +Galesio fraegt sich, was man wohl mit 15 000 bitteren Pomeranzen angefangen +haette. Auf diese Frage kann man ihm die Antwort schuldig bleiben, ohne dass +dadurch der Nachweis, dass es sich wirklich um suesse Orangen gehandelt habe, +beigebracht sei. Ja eine solche Annahme muesste um so gewagter erscheinen, +als thatsaechlich schon Matthaeus Silvaticus in Salerno, der Verfasser des +1317 beendigten _Opus pandectarum medicinae_ die *bittere* Pomeranze als +_Citrangulum_ bezeichnet und diese Bezeichnung auch von den Uebersetzern +arabischer Werke von ihm benutzt wurde, um den arabischen Namen _narindj_ +wiederzugeben. Andererseits zeigt die heute noch in Italien uebliche +Anpreisung der suessen Pomeranze als "Portogallo" deutlich den Ursprung der +jetzt dort cultivirten Fruechte an. Moegen es somit auch nicht die +Portugiesen gewesen sein, welche die suesse Pomeranze in Europa einfuehrten, +so haben wir denselben doch die bessere, jetzt beliebte Sorte dieser +Frucht zu danken. Die chinesische Heimath der suessen Pomeranze dagegen +kommt in dem deutschen Namen "Apfelsine", urspruenglich "Sinaapfel" oder +"chinesischer Apfel", zur Geltung. Der deutsche Name wurde von den Russen, +den Grenznachbarn der Chinesen adoptirt; bezeichnend genug, meint Victor +Hehn, fuer die Umwaelzung im Weltverkehr, der seit Vasco de Gama nicht mehr +quer durch das Gebiet von Asien, von Ost nach West, vielmehr aus dem Ocean +in umgekehrter Richtung sich vollzog. + +Der Name "Orange" stammt aus dem Sanskrit und ist auf _nagarunga_ oder +_nagrunga_ zurueckzufuehren. Die Araber hatten daraus _Narunj_ gebildet, die +Italiener _Naranzi_, _Aranci_, die Franzosen schliesslich Orange. Die +mittelalterliche Bezeichnung "_poma aurantia_" Goldaepfel, ist somit nur +dem Klange nach dem Worte "Orange" aehnlich. Aus "poma aurantia" ging dann +aber das deutsche "Pomeranze" und das polnische "_Pomara['n]cza_" hervor. + +Dass unter den goldenen Aepfeln der Hesperiden, die Herakles, der Sage nach, +aus dem fernen Westen holte, nicht Orangen gemeint sein konnten, geht aus +der Geschichte jener Fruechte genugsam hervor. Die goldenen Aepfel der +Hesperiden waren vielmehr idealisirte Quitten. Der Aphrodite geweiht, +dienten sie dauernd in Hellas als Preise bei Liebesspielen und prangten +unter den braeutlichen Gaben. + +Wie schoen ein Apfelsinenbaum bei voller Kraftentfaltung werden kann, wenn +ihn Tausende von goldenen Fruechten schmuecken, das laesst sich freilich kaum +an der Riviera, ja nicht einmal in Sorrent ermessen. Voellig ausgewachsene, +ueppig entfaltete Orangenbaeume von der Groesse unserer Apfelbaeume, sah ich +erst am Fusse des Aetna. Theobald Fischer gibt in seinen "Beitraegen zur +physischen Geographie der Mittelmeerlaender" an, dass ein ausgewachsener, +gut gehaltener Apfelsinenbaum in Sicilien sechs- bis siebenhundert, ein +Limonenbaum sogar tausend bis elfhundert Fruechte liefert. Im Durchschnitt +koenne man auf den Hektar Agrumen bei Palermo 3000 Lire Rohgewinn rechnen, +und was das sagen will, geht daraus hervor, dass die eintraeglichsten Gaerten +bei Paris es nur zu einem Rohgewinn von 2500 bis 2700 Francs auf den +Hektar bringen. + +Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen zu uns aber nur einige +wenige gelangen, darunter die jetzt immer beliebter werdende blutfarbige, +die "Orange von Jericho". + +Auch die als besondere Art der Gattung Citrus geltenden Mandarinen +(_Citrus nobilis_) sind Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien +geworden. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser, als der +Apfelsinenbaum. Er ist in allen Theilen kleiner, und an seinem +buschig-runden Wuchs unschwer zu erkennen. In China und Cochinchina steht +er seit undenklichen Zeiten schon in Cultur, in Europa hingegen tauchte er +erst im Jahre 1828 auf. + +In dem Garten von La Mortola ist auch die _Citrus bergamia_ zu finden, aus +deren Fruchtschalen das aeusserst wohlriechende Bergamottoel gewonnen wird; +desgleichen steht dort die _Citrus myrtifolia_, deren sehr kleine Fruechte, +in Zucker eingesotten, die beliebten "Chinois" liefern. Es fehlt auch +nicht die suesse Limone oder Limette, die nur eine Abart der sauren Limone +ist und wie die suesse Orange gegessen wird. + +Eigenartig sieht die _Citrus trifoliata_ aus, ein aus Japan stammender +Strauch, der dreitheilige Blaetter traegt und mit grossen scharfen Dornen +bewaffnet ist. An seinen Bluethen und Fruechten kann man ihn als Citrus-Art +erkennen, sonst macht er wirklich nicht diesen Eindruck. Er vertraegt die +Kaelte so gut, dass man ihn selbst in Paris im Freien sieht. + +Besonders faellt in dem La Mortola-Garten eine monstroese Orangenform auf, +die der Katalog als "_Citrus Aurantium var. Buddhafingered_" bezeichnet. +Die Missbildung beruht darauf, dass die einzelnen Fruchtfaecher, aus welchen +die Orange aufgebaut ist, statt zu einer runden Frucht vereinigt zu +bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt diese Frucht +eine Anzahl von Fortsaetzen und erinnert entfernt an eine Hand mit +vorgestreckten Fingern. Diese Aehnlichkeit hat in Indien den Vergleich mit +"Buddha's Hand" veranlasst und aberglaeubische Vorstellungen erweckt. Ganz +aehnliche Missbildungen kommen auch, in mannigfacher Verschiedenheit, bei +den Citronen und Limonen vor und werden durch Veredlung festgehalten. + +Weitaus der merkwuerdigste Baum in der Reihe der Agrumi ist die Bizzarria, +welche der La Mortola-Garten ebenfalls besitzt. Schoener entwickelt sah ich +diese Pflanze im botanischen Garten zu Neapel. Die Bizzarria traegt +zugleich Orangen, Citronen und Limonen. Sie weist auch Fruechte auf, welche +die Mitte zwischen jenen Fruchtformen halten, endlich auch Fruechte, an +welchen einzelne Faecher das Aussehen von Orangen, andere dasjenige von +Limonen oder Citronen besitzen. Es sind Bizzarrien beschrieben worden, +deren Fruechte die Bestandtheile von fuenf verschiedenen Fruchtformen der +Agrumi in sich vereinigten. Die Entstehung der Bizzarrien ist bis jetzt +nicht endgueltig aufgeklaert worden. Die Einen halten sie fuer Bastarde, +waehrend Andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufaellige +Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des Edelreises entstanden. +Letzteres waere sehr merkwuerdig, da die Erfahrung, die wir taeglich bei der +Veredelung unserer Obstbaeume, der Rosen und anderer Gewaechse machen, sonst +lehrt, dass die Unterlage ohne allen Einfluss auf das Edelreis bleibt, dass +beide ihre Eigenschaften unvermischt behalten. - Die Bizzarrien sind seit +der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt. Sie mussten ja von Alters +her durch ihr merkwuerdiges Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich richten. +Zum ersten Mal wird ueber die Bizzarria im Jahre 1644 berichtet und +angegeben, dass sie im Garten Panciatichi in Florenz wachse. Im Jahre 1711 +beschaeftigte sich die franzoesische Academie der Wissenschaften mit +derselben und kam zu dem eigenthuemlichen Schluss, sie sei eine +urspruengliche Pflanzenart eben so gut wie die Orange oder die Citrone. + +In unserem nordischen Garten wird uebrigens auch ein kleiner Baum +cultivirt, der sich aehnlich wie die Bizzarria verhaelt. Es ist ein +Goldregen, der dem Gaertner zu Ehren, der ihn in den Handel einfuehrte, +_Cytisus Adami_ genannt wird. Sein Ursprung ist ebenso wenig wie derjenige +der Bizzarrien aufgeklaert. Dieser aeusserst zierliche und interessante Baum, +der sich leicht cultiviren laesst und bei keinem Gartenliebhaber fehlen +sollte, traegt zur Bluethezeit der Hauptsache nach Bluethentrauben, die ganz +so wie diejenigen des gewoehnlichen Goldregens (_Cytisus Laburnum_) gebaut, +aber nicht gelb, sondern mattroth sind. An einzelnen Zweigen sind aber +auch reingelbe Bluethentrauben, die sich dann von denjenigen des +gewoehnlichen Goldregens gar nicht mehr unterscheiden, zu sehen. Ausserdem +traegt der Baum an besonders gestalteten kleinblaetterigen Zweigen purpurne +Einzelbluethen, welche, so wie die Zweige selbst, einer anderen +Cytisus-Art, dem _Cytisus purpureus_ gleichen. Endlich kommen gemischte +Bluethentrauben mit gelben und rothen Bluethen und mit Bluethen, die zum +Theil gelb, zum Theil roth sind, vor. Nur die gelben Bluethen, die +denjenigen des _Cytisus Laburnum_, und die purpurnen Bluethen, die +denjenigen des _Cytisus purpureus_ gleichen, setzen Fruechte an, die +anderen verhalten sich wie haeufig sonst die Bluethen der Bastardpflanzen, +sie sind unfruchtbar. Es ist moeglich, dass es sich bei _Cytisus Adami_ um +einen eigenartigen Bastard zwischen _Cytisus Laburnum_ und _Cytisus +purpureus_ handelt; der Gaertner Adam zu Vitry bei Paris gab seinerseits +an, ihn durch Veredelung von _Cytisus purpureus_ auf _Cytisus Laburnum_ +erhalten zu haben. + +In den Gaerten von der Mortola wird Jeder gern auch den Namen und die +Heimath von zwei Pflanzen erfahren wollen, die ihm in den Gaerten der +Riviera sicher zuvor schon aufgefallen sind: naemlich der _Wigandia +Caracasana_ und des _Echium frutescens_ Die erstere ist eine stattliche, +aus Venezuela stammende Blattpflanze, die bis zwei Meter Hoehe erreicht. +Ihre sehr grossen Blaetter sind elliptisch, am Rande doppelt gezaehnt, +beiderseits behaart, an der Oberseite etwas rostfarbig. Die grossen +violetten, mit gelben Staubfaeden versehenen Bluethen bilden aehrenfoermige +Bluethenstaende. Wie bei anderen Vertretern derselben Familie, der +Hydrophyllaceen und der nah verwandten Familie der Boragineen oder der +Boretsch-Gewaechse, sind die Bluethenstaende von Wigandia in ihrem oberen +Theile schneckenfoermig eingerollt. Der eingerollte Theil ist noch unfertig +und rollt sich in dem Masse auf als seine Bluethenknospen reifen. Solche +Einrichtungen gewaehren den Vortheil einer sehr langen Bluethezeit. Da kann +die bluehende Pflanze schlechte Witterung, oder sonst wie unguenstige Zeiten +ueberdauern, ohne dass ihre Samenbildung ganz verhindert werde. Wie diese +verhaeltnissmaessig grosse Wigandia, so gehoerte zu derselben Familie der +Hydrophyllaceen das in unseren Gaerten haeufig cultivirte bescheidene +Hainschoenchen, die _Nemophila insignis_; zu den nah verwandten Boragineen +rechnen wir von unseren Gartengewaechsen unter anderen das als +Kuechengewaechs wohlbekannte Gurkenkraut (_Borago_), von wildwachsenden +Pflanzen unserer Flora den nicht minder verbreiteten Natterkopf (_Echium +vulgare_). Das in den Gaerten der Riviera so auffaellige, oft bis zwei Meter +hohe, mexikanische Echium frutescens, ist eigentlich nur eine +Riesenausgabe dieses letzteren. Wer unseren Natterkopf kennt, wird auch +jenes Riesen-Echium erkennen und unter den anderen Gewaechsen des Gartens +sicher herausfinden. Es traegt dieselbe blaue, kolbenfoermige Bluethenaehre +wie unser Echium, nur faellt dieselbe eben durch ihre Groesse auf. + +Doch wir wenden uns nun einem Baume zu, dessen Zweige einst wie jetzt den +Sieger schmueckten, dessen Blaettern freilich auch die bescheidene Aufgabe +zufaellt, unsere Speisen zu wuerzen. Der edle Lorbeer, der mit italischen +Bildern ebenso wie die Agrumi verwebt erscheint, ist in Suedeuropa sicher +heimisch gewesen, sein Cultus pflanzte sich hingegen allem Anschein nach +von Kleinasien ueber das Mittelmeer fort. Er wurde dem Apoll geweiht und in +dem Masse, wie die Zahl apollinischer Heiligthuemer in Griechenland zunahm, +breiteten sich auch die aromatisch duftenden, immergruenen Lorbeerhaine +immer mehr ueber dieses Land aus. Mit den griechischen Gottheiten gelangte +der Lorbeerbaum auf italischen Boden, und es begleitete ihn dort zugleich +als Cultus-Gewaechs die der Aphrodite geweihte Myrte. + +Allgemein war im Alterthum der Aberglaube, dass der Lorbeer gegen Daemonen, +gegen Zauber und auch gegen Ansteckung schuetze. So suchte, wie berichtet +wird, der furchtsame Commodus im Lorbeerhaine Rettung, wenn die Pest im +Anzug war. Kronen von Lorbeer legte man Wahnsinnigen um Schlaefe und Hals, +um sie zu heilen. Lorbeerfruechte oder -Blaetter genossen die Priester des +Apollo, wenn sie weissagen sollten; Lorbeer trugen Propheten, wenn sie +eine Stadt betraten. Der Lorbeer suehnte das vergossene Blut. Daher die +roemischen Legionen sich, ihre Feldzeichen und Waffen mit Lorbeer +reinigten, gleich nach dem Siege. Das hatte den Lorbeer folgerecht auch +zur Trophaee des Sieges und zum Zeichen der gluecklich vollbrachten +Waffenthat gemacht. Als eine Freude und als ein Glueck verheissendes +Augurium wurde verkuendet, es sei am Tage, an welchem Augustus das Licht +der Welt erblickte, ein Lorbeer vor dem Palatin entsprossen. Die +reinigende Kraft des Lorbeers veranlasste dessen Verwendung zu Aspergillen. +Der Strengglaeubige besprengte sich beim Eintritt wie beim Ausgang aus dem +Tempel mit dem Lorbeerzweig, den er in das Weihwasser tauchte, und gern +auch nahm er beim Herausgehen ein Lorbeerblatt vom Sprengwedel in den +Mund. Die roemisch-katholische Kirche hielt sich nicht an den Lorbeer als +Sprengwedel, uebernahm vielmehr den Ysop (_Origanum Smyrnaeum_) zu gleichem +Zwecke von den Juden. + +Der Lorbeer brennt, nach Plinius, nur unwillig und zeigt dies durch sein +Knistern an. Der feuerabwehrenden Kraft des Lorbeers wurde es +zugeschrieben, dass bei dem grossen Brande Roms unter den Consuln Spurius +Postumius und Piso, als die Regia in Flammen stand, das Sacrarium +unversehrt blieb, da ein Lorbeer vor demselben stand. Andererseits war es +gerade das Lorbeerholz, das im Alterthum zur Erzeugung des Feuers diente; +doch fing es nicht selbst Feuer, es bildete vielmehr, wie uns Theophrast +und Plinius berichten, das Reibholz, waehrend die Unterlage, die durch +Reibung entzuendet wurde, meist aus Wegedorn (_Rhamnus_) oder aus Epheuholz +bestand. Ein reines Feuer zu den Sacra durfte nur der Reibung zweier +glueckbringender Hoelzer entstammen, oder den Sonnenstrahlen, die man mit +Huelfe von Brennglaesern oder von metallischen Hohlspiegeln sammelte. Der +Lorbeer sollte auch die Blitze abwehren. Daher auch der aberglaeubische +Tiberius, wie Suetonius berichtet, sich mit Lorbeer bekraenzte, wenn ein +Gewitter nahte. Gewisse Erfahrungen moegen die Vorstellung erweckt haben, +dass dem Lorbeer bei Gewittern besondere Kraefte innewohnen. Denn es werden +nicht alle Baeume gleich haeufig vom Blitze getroffen. Auch bei uns schlaegt +der Blitz fast niemals in Wallnussbaeume ein, am haeufigsten aber in Eichen. +Es haengt das mit der elektrischen Leitungsfaehigkeit des Holzkoerpers +zusammen, die bei den einzelnen Baumarten eine verschiedene ist. Aus den +angestellten Versuchen und dem statistischen Material scheint sich zu +ergeben, dass Baeume, die zur Jahreszeit der Gewitter verhaeltnissmaessig viel +fettes Oel in ihrem Holzkoerper fuehren, dem Blitzschlag am wenigsten +ausgesetzt sind. Abgestorbene Aeste an einem Baume erhoehen fuer denselben +die Blitzgefahr. Dass die Eichen am haeufigsten vom Blitze getroffen werden, +musste von jeher auffallen, daher die Eiche auch dem Donnergott geheiligt +war. Von dem Lorbeer ist die gegentheilige Erfahrung weniger sicher, zum +Mindesten ist sie in Zweifel gezogen worden. + +Zu den Lorbeerarten gehoert auch der Campherbaum (_Laurus Camphora_), der +im westlichen China und in Japan zu Hause ist und im La Mortola-Garten +sehr gut gedeiht. Voellig ausgewachsen, kann er bis fuenfzig Meter hoch und +sechs Meter dick werden. Seine Blaetter verbreiten beim Zerreiben einen +merklichen Camphergeruch. Der Campher wird aber im Grossen nicht aus den +Blaettern, sondern aus dem Holzkoerper dieses Baumes durch Sublimation +gewonnen. + +Die zu den Laurineen gehoerenden Zimmetbaeume sind in La Mortola ebenfalls +zu sehen, freilich nicht die wichtigste Art derselben, das in Ceylon +heimische _Cinnamomum ceylanicum_, sondern zwei chinesische und japanische +Arten. Der Zimmet des Handels besteht aus der Rinde junger Schoesslinge, +welche nach starken Regenguessen geschnitten und geschaelt werden. + +Im schroffen Gegensatze zu diesen duftenden Pflanzen steht eine andere +Laurinee, ein hier praechtig gedeihender, immergruener Baum, dessen Name: +_Orcodaphne californica_, zugleich die Heimath angibt. Haeufig wird er in +den Gaerten als _Laurus regalis_ bezeichnet. Er gleicht in der That in +seinem Aussehen einem Lorbeer, zerreibt man aber eines seiner Blaetter +zwischen den Fingern, so stroemt ein aetherisches Oel aus, dessen geringste +Mengen schon in hohem Grade die Schleimhaut der Geruchsorgane angreifen. +In Californien verweilt man nicht gern in der Naehe eines solchen Baumes, +wenn der Wind von dessen Seite weht, denn die fluechtigen Oele, mit denen er +sich beladen. hat, reizen zum fortdauernden Niesen. + +Man wird sich in La Mortola auch mit einer anderen Laurinee, der _Persea +gratissima_, bekannt machen koennen, welche in den Gaerten der Tropen viel +cultivirt wird und die Aguacatebirnen liefert. Die Krone dieses schoenen +Baumes breitet sich domartig aus, seine Blaetter gleichen denjenigen des +Lorbeers. Die birnfoermigen, doch oft auch sehr unregelmaessig gestalteten +Fruechte sind grosse Steinfruechte, mit einem Kern im Innern. Ihr Fleisch +schmilzt wie Butter auf der Zunge und erinnert im Duft an die feinsten +Moschusmelonen. Die Mexikaner essen die Aguacaten vornehmlich als Salat +und suchen sich in der schmackhaften Zubereitung derselben zu ueberbieten. + +Auch noch einige andere tropische Fruechte reifen gut im La Mortola-Garten, +so die Guavas oder Guayaben, welche man von zwei Psidiumarten dort erntet. +Die Gattung Psidium gehoert zu den Myrten-Gewaechsen und wird in allen +Tropenlaendern cultivirt. Die Guavas vertreten dort in gewissem Sinne +unsere Stachelbeeren, denn sie sind eben so fruchtbar, beginnen rasch +Fruechte zu tragen und lassen sich leicht vermehren. Sie wachsen zu +Straeuchern oder kleinen Baeumen mit immergruenen Blaettern empor und tragen +Fruechte, die in ihrer Groesse zwischen der Wallnuss und dem Huehnerei +schwanken. Diese Fruechte werden ohne Zuthat oder mit Wein und Zucker +gegessen. Manche erinnern an Erdbeeren, andere besitzen einen +suesssaeuerlichen Geschmack, andere noch einen so durchdringenden Duft, dass +sie nicht Allen munden. Sehr geschaetzt werden auch die Guavas-Gelees in +den Tropen, und man beginnt dieselben auch nach Europa einzufuehren. + +Eine andere in La Mortola cultivirte Myrtacee, die _Jambosa vulgaris_, +liefert "Rosenaepfel", welche den Geschmack reifer Aprikosen haben und nach +Rosenwasser duften. Der Baum selbst ist reich verzweigt und traegt +immergruene Blaetter, die in ihrer Gestalt den Pfirsichblaettern gleichen. + +Wichtig sind, mehr noch ihres Holzes als ihrer Fruechte wegen, die zu den +Ebenholzbaeumen gehoerenden Diospyros-Arten. Der japanisch-chinesische +_Diospyros Kaki_, den man in La Mortola zieht, liefert die Kakis. Ein +kleiner Baum mit eirunden Blaettern, gelblichweissen Bluethen und runden, +etwa pfirsichgrossen, roethlichgelben Fruechten. Diese Fruechte muessen +ueberreif werden, um feinen Geschmack zu gewinnen, dann halten sie die +Mitte zwischen Pflaumen und Aprikosen. An der Riviera reifen die Kakis im +October. In Japan benutzt man auch das Holz dieser Baeume, das dem Holz +unserer Wallnussbaeume aehnelt. Doch weit uebertroffen wird das Kakiholz von +dem Holz der suedindischen und ceylonischen _Diospyros Ebenum_ und anderen +ihm nahe verwandten Arten, welche das Ebenholz liefern. Das schwarze +Kernholz dieser Baeume war schon im Alterthum bekannt. Es galt als das +geschaetzteste Holz jener Zeiten. Nicht nur Theophrast, sondern auch das +alte Testament sind seines Lobes voll. Seine Dichte und seine dunkle +Faerbung verleihen ihm so hohen Werth; durch seine Schwere ist es leicht +von anderen schwarz gebeizten Hoelzern zu unterscheiden. + +Die zu den Anacardiaceen gehoerige ostindische _Mangifera indica_, den +Mango-Baum, der die koestlichste Frucht der Tropen liefert, gelang es bis +jetzt nicht in La Mortola zu erhalten. Wohl aber wird man zahlreiche +andere Anacardiaceen sehen. Zu diesen gehoert auch der mit hellgruenen +gefiederten Blaettern und mit rothen Fruchttrauben versehene Baum, dem man +so oft in den Gaerten und an den Strassen der Riviera begegnet und der +_Schinus Molle_ heisst. Dieser Baum wird als Pfefferbaum bezeichnet. Mit +dem echten Pfeffer haben seine pfefferkorngrossen Beeren aber nichts +gemein. Der echte Pfeffer stammt vielmehr von schlanken ostindischen +Lianen (_Piper nigrum_), die nach Art des Epheus klettern und mit +Luftwurzeln an der Unterlage haften. Die Fruchttrauben von _Schinus Molle_ +sind aber denjenigen des Pfeffers wirklich aehnlich und naehern sich dem +Pfeffer auch im Geschmack. Ein Getraenk, das in Peru und Brasilien aus +diesen Beeren dargestellt wird, soll an Wein erinnern. Es liegt fuer uns +nahe, auch die in La Mortola cultivirten Vertreter der Gattung Zizyphus zu +beachten. Befindet sich doch unter denselben der in Suedeuropa und an der +nordafrikanischen Kueste einheimische _Zizyphus lotus_. Im Alterthum wurden +mehrere Pflanzen Lotus genannt, doch ist _Zizyphus lotus_ allem Anschein +nach jener Strauch, den Theophrast als Lotus bezeichnet. Von den Fruechten +dieses Strauches waere somit schon bei Homer die Rede. Sie bildeten ein +wichtiges Nahrungsmittel der Armen, und die Bewohner von Tunis und +Tripolis hiessen, weil sie sich vornehmlich von diesen Fruechten ernaehrten, +Lotophagen. Die Pflanzengattung Zizyphus gehoert zu den Kreuzdorn-Gewaechsen +(_Rhamneen_). Die Fruechte von _Zizyphus lotus_ sind so gross wie Schlehen; +ihr mehliges Gewebe, das den inneren Kern umgibt, kann zu Brod verbacken +werden und auch ein gaehrendes Getraenk liefern. Aus den Fruechten anderer +Arten, so vor Allem des _Zizyphus vulgaris_, eines in Syrien heimischen +Baeumchens, und von _Zizyphus jujuba_, einem Baeumchen, das in Ostindien +waechst, werden die frueher sehr beliebten Jujubapasten dargestellt. Von +_Zizyphus spina Christi_, einem im Thale des Jordan und am Todten Meere +verbreiteten dornigen Strauche, dem Nebeg oder Sfidr, geht die Sage, aus +ihm sei die Dornenkrone Christi geflochten worden. Man hat auch die in +unseren nordischen Gaerten cultivirten dornigen Gleditschien als +Christus-Akazien bezeichnet und mit ihnen die Vorstellung von Christi +Dornenkrone verknuepft, doch dies unter allen Umstaenden mit Unrecht, da die +Gleditschien erst im achtzehnten Jahrhundert aus Nordamerika eingefuehrt +wurden. Die Zizyphus-Arten werfen des Winters ihre Blaetter ab, treiben +aber zeitig im Fruehjahr und bedecken sich mit sehr dunklem Laub. Da sie +sehr duenne Zweige haben, haengen diese abwaerts und gewaehren mit den sich +roethenden Fruechten beladen, spaeter ein sehr zierliches Bild. + +Unter den Anacardiaceen von La Mortola, die ein besonderes Interesse +bieten, befindet sich auch der echte Pistazienbaum (_Pistacia vera_), dann +die _Rhus succedanea_, welche das japanische Baumwachs liefert, sowie die +_Rhus vernicifera_, aus deren Milchsaft die Japaner den beruehmten +japanischen Lack bereiten. Das Ausfliessen dieses sehr giftigen Milchsaftes +wird durch Einschnitte in die Rinde veranlasst. Um den Lack aus ihm zu +machen, versetzt man ihn mit dem Oele von _Bignonia tomentosa_, oder von +_Perilla ocymoides_ und fuegt auch wohl Zinnober hinzu. Die _Rhus +vernicifera_ haelt im Freien selbst in den waermeren Theilen von Deutschland +aus. + +Ein aeusserst niedlicher Strauch ist _Capparis spinosa_, welcher die echten +Kapern liefert. Im Bluethenschmuck sieht man ihn erst im Herbst, und wer +einmal um jene Zeit, am Comer See entlang, von Cadenabbia nach Tremezzo +wanderte, dem werden sicher vor dem Eingang in den letzten Ort die +dunkelgruenen Kapernstraeucher an der Mauer, wegen ihrer schoenen Bluethen, +aufgefallen sein. Lange violette Staubgefaesse in grosser Zahl strahlen aus +der schneeweissen zarten Bluethenhuelle hervor, freilich hier so hoch an der +Mauer, dass man sie nur schwer erreichen kann. An vielen Orten der Riviera +wird der Kapernstrauch im Grossen gezogen, seine Bluethenknospen sind es und +nicht die Fruechte, die als Kapern dienen. Man pflueckt sie im Sommer und +legt sie in Weinessig ein; viel Tausende von Kilogrammen Kapern werden so +in der Provence bereitet. + +Staunend bleibt man wohl im La Mortola-Garten vor einer Nachtschattenart, +dem baumartigen _Solanum Warszewiczii_, stehen, an welchem Fruechte von +Groesse und Gestalt der Huehnereier haengen. Dann bemerkt man auch das +krautartige _Solanum Melongena_, dessen gurkenfoermige violette Fruechte +gekocht werden, und oft als Gemuese den Braten an italienischer Tafel +garniren. + +Unter den krautartigen Gewaechsen fallen uns auch wohl manche +Doldenpflanzen (Umbelliferen) durch ihre Groesse auf. Sie sind bei weitem +maechtiger noch als die Meisterwurz, die _Imperatoria_, unserer Gaerten +entwickelt. Besonders imponirt _Ferula communis_, das Stecken- oder +Ruthenkraut, das auch eine eigene Geschichte besitzt. Dieses +Doldengewaechs, das am Mittelmeer zu Hause ist, kann eine Hoehe bis zu vier +Meter erreichen. Den Stengel benutzte man im Alterthum zu Spazierstoecken +und seiner Zaehigkeit wegen auch zum Zuechtigen von Sklaven und Kindern, +wozu man ihn zuvor im Wasser einzuweichen pflegte. Davon kommt der Name +_Ferula_, der von _ferire_ (geisseln) abgeleitet ist. Das Mark des Stengels +ist sehr locker und wird heute noch in Sicilien als Zunder benutzt. Das +Feuer glimmt in diesem Mark fort, und daher geht die Sage, Prometheus habe +in einem solchen Ferulastengel das Feuer zur Erde gebracht, das er dem +Zeus entwandte. - Der _Ferula communis_ steht sehr nah der Stink-Asand, +die _Ferula Scorodosma_ der persischen Steppen. Sie ist eine derjenigen +Umbelliferen, welche die _asa foetida_ liefern. Dieses Gummiharz entstammt +vornehmlich der Wurzel dieser Pflanzen. Sein Duft haelt die Mitte zwischen +Knoblauch und Benzoe. Die Pflanze war allem Anschein nach schon den Alten +bekannt und von ihnen als Silphium bezeichnet. Das Gummiharz hiess Laser. +Mit dem Laser wuerzte man die Speisen und die Perser benutzen es heute noch +als Gewuerz. Auch gab es eine Zeit, wo _asa foetida_ in Frankreich beliebt +war, und man mit derselben die Suppenteller einrieb, um die Suppe +"schmackhafter" zu machen. + +Der graublaetterige, immergruene Baum, welcher "japanische Mispeln" traegt, +die "_Eriobotria_" oder _Photinia japonica_ ist in den Gaerten der Riviera +so verbreitet, dass man ihn in La Mortola schon als alten Bekannten +begruesst. Die lichtgelben, saeuerlich-suessen, pflaumengrossen Fruechte hat man +oft schon bei Mahlzeiten genossen, sie allenfalls auch schmackhaft +gefunden, wenn sie sehr reif und frisch waren. Der Baum stammt +urspruenglich wohl aus China. Rein's Angaben zufolge ist er 1787 mit +anderen Ziergewaechsen und Nutzpflanzen durch Sir Joseph Banks nach England +gebracht worden. Jetzt reicht er ueber ganz Italien und ist selbst am +Genfer See zu finden. + +Diesem Baume nahe verwandt ist ein anderer von gleich geringer Hoehe, der +in den Gaerten der Riviera sehr viel cultivirt wird und jedem +Pflanzenfreund daher auffallen muss: die in Japan und China heimische +_Photinia serrulata_. Ihre grossen Blaetter sehen lorbeerartig aus, zwischen +denselben leuchten die flachen weissen Bluethenrispen hervor. Aus der Ferne +sehen sie fast so wie die Bluethenstaende unseres Holunders aus. Die +Photinien gehoeren zu den Rosifloren. Sie zeigen manche Uebereinstimmung mit +den Weissdornarten, der Gattung _Crataegus_, und werden mit denselben zum +Theil vereinigt. Im La Mortola-Garten ist die in der Naehe des Einganges +stehende _Photinia serrulata_ daher auch mit ihrem Synonym als _Crataegus +glabra_ bezeichnet. + +Mit einigem Interesse sieht man sich im Garten von La Mortola einen +stattlichen, mit harten, kleinen Blaettern bedeckten Baum, die _Quillaja +Saponaria_ an, der, wie die japanische Mispel, zu den rosenbluethigen +Gewaechsen gehoert, merkwuerdig aber durch seine saponinreiche Rinde ist. +Diese Rinde, die als Panamaholz aus Chile importirt wird, schaeumt in +Wasser auf wie Seife, steht als solche in Chile allgemein im Gebrauch, +dient auch bei uns zum Waschen von Wolle und Seide und zu kosmetischen +Zwecken. + +Als wohl bekannte Pflanzenform begruesst man den Johannisbrodbaum oder +Caroubier (_Ceratonia siliqua_). Man hat ihn schon in weit praechtigeren +Exemplaren in der Umgebung von Mentone gesehen. Alte Staemme erinnern in +der Form an unsere Eichen; an den paarig gefiederten lederartigen Blaettern +ist aber der Johannisbrodbaum als solcher sofort zu erkennen. Die Huelsen, +Leckerbissen, die auf keinem Jahrmarkt fehlen, und an denen sich Kinder +allgemein erfreuen, sind im Fruehjahr noch so klein, dass man sie an den +Zweigen suchen muss. Aus den reifen Huelsen wird ein suesser, honigaehnlicher +Saft gepresst, der als Keratameli im Orient genossen wird. Mit diesen +Huelsen soll, der Sage nach, Johannes der Taeufer sich in der Wueste ernaehrt +haben und der Baum nach dem Vorlaeufer des Messias seinen Namen fuehren. Die +reifen Samen innerhalb der Huelsen zeichnen sich durch auffallend +uebereinstimmende Groesse aus, woraus sich erklaert, dass sie einst als +Gewichte dienten und der kleinen Einheit im Gold- und Diamantengewicht den +Namen gaben. Denn Karat stammt von Kerateia, dem griechischen Wort fuer +diese Huelse. Um gute Fruechte zu tragen, muss der Baum veredelt werden, und +es waren jedenfalls die Araber, welche die bessere Fruchtform dieses +Baumes am Mittelmeer verbreiteten. Er ist in Sued-Arabien wohl zu Hause, +doch an vielen Orten der Riviera jetzt verwildert. + +Im La Mortola-Garten werden auch der Theestrauch und Kaffeebaum im Freien +gezogen. Der Theestrauch, der baumfoermig bis zu fuenfzehn Meter Hoehe +emporwachsen kann, macht den Eindruck einer Camellie, und in der That +gehoert er auch wie diese zu der Familie der Ternstroemiaceen, ja er wird +jetzt sogar als _Camellia Thea_ mit dem Camellienbaum in derselben Gattung +vereinigt. Der Name Camellia, den diese Pflanzengattung fuehrt, klingt so +poetisch, vielleicht weil man an die "Camelien-Dame" bei demselben denkt; +thatsaechlich hat er aber einen viel prosaischeren Ursprung. Er entstand +naemlich aus Kamel, dem Familiennamen eines Jesuitenpaters, der vor mehr +als anderthalb Jahrhunderten die Camellie aus Manilla nach Spanien +brachte. Diesem Georg Kamel zu Ehren benannte Linne die Pflanze, er fuegte +_japonica_ hinzu, da die Camellie in Japan zu Hause ist, und von dort aus +auch nach Manilla gelangt war. - Die Bluethen des Theestrauches erinnern +sehr an die ungefuellten Camellien und haben zahlreiche Staubfaeden wie +diese. In La Mortola blueht der Theestrauch im September. Seine +porzellanweissen, rosa angehauchten Bluethen, die sich aus den Blattachseln +vordraengen, verbreiten einen nur schwachen Duft. Nach den Berichten des +Rev. B. C. Henry ist die _Camellia Thea_ wild in grossen Mengen noch im +Innern der suedchinesischen Insel Hainon zu finden. Die zahlreichen +Theesorten verdanken der verschiedenen Zeit des Einsammelns, dem +verschiedenen Alter der eingesammelten Blaetter und deren verschiedener +Behandlung ihre besonderen Eigenschaften. + +Der arabische Kaffeebaum, die _Coffea arabica_, ist ein kleiner +pyramidaler Baum, der bis zu fuenf oder sechs Meter Hoehe emporwaechst. Er +traegt seine immergruenen dunklen Blaetter in gekreuzten Paaren. Die weissen, +nach Orangen duftenden Bluethen stehen gehaeuft in den Achseln der obersten +Blaetter. Die Fruechte, die aus diesen Bluethen hervorgehen, sind +kirschgrosse, dunkelrothe Beeren, die zwei Samen, die sogenannten +Kaffeebohnen, enthalten. Der Kaffeebaum fuehrt seinen Namen nach dem +Bergland Kafa im suedlichen Abyssinien. Man hat ueberhaupt die suedlichen +Provinzen von Hoch-Abyssinien fuer den Ursprungsort des arabischen +Kaffeebaumes gehalten, doch ist derselbe in neuerer Zeit wild am +Victoria-Nyansa und in Westafrika gefunden worden, so dass Centralafrika +wohl die eigentliche Heimath dieser Culturpflanze sein duerfte. Afrika hat +uns neuerdings auch noch eine zweite Art des Kaffeebaumes geliefert, die +_Coffea liberica_. Sie wird in den tiefer gelegenen Theilen der tropischen +Kuestendistricte gefunden, ist gegen Temperaturwechsel empfindlicher als +die _Coffea arabica_, vertraegt aber besser die Seewinde. Da sie durch +Groesse der Samen und feines Aroma derselben ausgezeichnet ist, so beginnt +ihre Cultur sich ueber die tropischen Laender bereits auszubreiten. + +In den Kaffeegaerten Arabiens und Abyssiniens wird auch ein zu den +Celastrineen gehoerender Strauch cultivirt, mit gegliederten Aestchen, +lederartigen, lanzettfoermigen Blaettern, den man in La Mortola sehen kann +und der _Catha edulis_ heisst. Es ist das die Khatpflanze, deren +getrocknete Blaetter von den Arabern theils wie Tabak gekaut, theils auch +mit Wasser aufgebrueht und als Thee genossen werden. In Suedamerika dienen +andererseits ganz allgemein der Theebereitung die Blaetter des _Ilex +paraguayenses_ einer dem Khatstrauch ziemlich nah verwandten Aquifoliacee, +die in Paraguay und Brasilien zu Hause ist. Man bezeichnet diese Blaetter +dort als _Yerba_ oder als _Mate_. Dieser Strauch wird zwar im La +Mortola-Garten nicht cultivirt, doch sieht man dort andere immergruene +Ilex-Arten, die ihm sehr aehneln. - Die vorhandenen Arten der +Sterculiaceen-Gattung _Sterculia_ koennen andererseits auch das Bild der +_Sterculia acuminata_ oder _Cola acuminata_ ersetzen, welche den +afrikanischen Negern die "Kolanuesse" liefert. Diese Fruechte sehen wie +Kastanien aus und haben schwach bitteren Geschmack. Die Neger wissen sie +nicht genug zu preisen, denn sie sollen den Koerper staerken, schlechtes +Wasser trinkbar machen, gegen allerlei Krankheiten helfen, den Hunger +stillen und das Gemueth erheitern. Thatsaechlich enthalten auch die +Kolanuesse Thein, aehnlich wie die Thee- und Kaffeepflanzen und ausserdem +Theobromin wie die Chocolade. Der Genuss dieser Fruechte beginnt jetzt bis +nach England vorzudringen. + +Es faellt im La Mortola-Garten wie in den anderen Gaerten der Riviera wohl +auf, dass die Camellien, Rhododendren und Azaleen so stark gegen andere +Pflanzen zuruecktreten. Man erblickt sie nur vereinzelt und bei weitem +weniger schoen und kraeftig wie etwa an den italienischen Seen entwickelt. +Das hat in der Zusammensetzung des Bodens seinen Grund. Der so ueberaus +kalkreiche Boden der Riviera sagt diesen Pflanzen nicht zu, die +ausgepraegte Humusbewohner sind, ausserdem reiche Bewaesserung verlangen. + +Einen wichtigen Handelsartikel im Alterthum und Mittelalter haben auch +wohlriechende Balsame gebildet. Ein Baeumchen, das solchen Balsam lieferte, +tritt uns in La Mortola in dem _Styrax officinalis_ entgegen. Dieses +Gewaechs ist in der Belaubung einem Quittenbaum aeusserst aehnlich; es +entfaltet in La Mortola im Mai und Juni auch seine weissen, mit goldgelben +Staubfaeden versehenen, wohlriechenden Bluethen. Ein Haupterzeuger solcher +Balsame, die als Parfuem, als Raeucherwerk und zu Salben dienten, war der +Storax-Baum (_Liquidambar orientale_). Die duftende Myrrhe, die zu +gottesdienstlichen Zwecken auch den Griechen dient, stammt andererseits +von _Balsamodendron Myrrha_, der Weihrauch, oder das _Olibanum_, von +Boswellia-Arten, die im aeussersten Osten von Afrika und auf dem arabischen +Kuestenstriche wachsen. + +In dem Garten von La Mortola kann man auch die zu den Huelsengewaechsen +gehoerende _Indigofera tinctoria_ sehen, eine Pflanze, die zu den +wichtigsten der Indigo liefernden Gewaechse zaehlt. Sie stellt einen kleinen +Strauch vor, der in Ostindien zu Hause ist, der aber jetzt in anderen +Laendern zwischen den Wendekreisen, ja selbst an einzelnen Stellen um +Neapel cultivirt wird. Sie traegt unpaarig gefiederte Blaetter und entsendet +aus den Achseln derselben ihre Bluethenstaende, die mit kleinen weissen oder +rosenrothen Bluethen besetzt sind. Ihre naechste Verwandte, die man auch in +La Mortola sehen kann, die zierliche _Indigofera Dosua_ aus dem Himalaya, +wird auch in unseren Gaerten gezogen. Wie in anderen Indigo liefernden +Pflanzen, zu denen auch unser Waid (_Isatis tinctoria_) und der +chinesische Faerber-Knoeterich (_Polygonum tinctorum_) gehoeren, ist in der +_Indigofera tinctoria_ der Indigo nicht schon als solcher vorhanden. Die +zerkleinerten Pflanzen muessen vielmehr erst einen Gaehrungsprocess im Wasser +durchmachen. Dieses wird abgegossen, wenn es sich stark gruengelb faerbt und +dann geruehrt und geschlagen, um mit dem Sauerstoff der Luft in moeglichst +reiche Beruehrung zu kommen. Dabei scheidet sich der Indigo als unloesliches +Pulver ab. Er bildet die "echteste" und geschaetzteste Pflanzenfarbe, die +auch schon den Alten bekannt war und bei ihnen als Indicum hoch im Werthe +stand. Wie in der Jetztzeit London, so bildete einst Bagdad den Weltmarkt +fuer diesen Artikel. + +Aus den exotischen Pflanzenformen ragen allseitig Nadelhoelzer hervor. Sie +stechen eigenartig von denselben ab. Wir sind mit ihren Gestalten wohl +vertraut und selbst die so regelmaessig geformten Araucarien sehen wie etwas +gezierte Tannen aus. In den Gewaechshaeusern der Heimath sah auch jeder +schon die Cycadeen, die hier in einer Anzahl von Arten unter freiem Himmel +gedeihen. Dem Laien wird es schwer, sich vorzustellen, dass die Cycadeen +Verwandte der Nadelhoelzer sind. Scheinen sie doch mit ihrem unverzweigten +Stamm und mit ihrer einfachen Krone aus langen gefiederten Blaettern, weit +mehr den Palmen zu gleichen. Mit diesen haben sie aber thatsaechlich nur +eine gewisse Aehnlichkeit gemein. Diese aeussere Aehnlichkeit der Cycasblaetter +und der Palmenblaetter hat es aber bewirkt, dass sie oft faelschlich als +Palmenblaetter bezeichnet werden und als solche bei Begraebnissen Verwendung +finden. Thatsaechlich ist das aber eine arge Verwechselung. Denn +Palmblaetter und nicht Cycaswedel sollen es, der Tradition nach, sein, die +man den Todten auf den Sarg legt, sowie es Palmenblaetter sind, die +christliche Maertyrer in der Hand halten und die auf den Graebern in den +Katakomben dargestellt werden. + +Den Palmen werfen wir in La Mortola nur fluechtige Blicke zu, da wir sie ja +in Bordighera schon eingehend betrachtet haben. Hingegen fesseln unsere +Aufmerksamkeit die zahlreichen Arten von Bambusen, die hier stellenweise +schon zu maechtiger Entwickelung gelangten. Dass diese Pflanzen, trotz ihrer +bedeutenden Hoehe, die beim gemeinen Bambus (_Bambusa arundinacea_) oft +dreissig Meter erreicht, zu den Graesern gehoeren, kann nur Denjenigen in +Erstaunen versetzen, der sich die Graeser ausschliesslich als Wiesenkraeuter +vorstellt. Thatsaechlich haben wir schon in unseren Schilfrohr-Arten +Vertreter der Gramineen-Familie vor Augen, die zu ansehnlicher Hoehe +emporwachsen. Die Bambusen sind unserem Schilfrohr in mancher Beziehung +aehnlich. Waehrend letzteres aber bei uns nur eine beschraenkte Verwendung +findet, gibt es in den heissen Laendern kaum eine Pflanze, die +mannigfaltigeren Nutzen als der gemeine Bambus stiftet. Die jungen +Wurzelsprosse dienen als Gemuese, vornehmlich verwenden sie aber die +Chinesen zur Bereitung eines beliebten Confectes, das dem Ingwer oft +zugesetzt wird. Aus juengeren Halmen stellt man in den heissen Laendern +Waende, Zaeune und anderes Flechtwerk her; aus den Blaettern macht man Matten +und Huete, verpackt auch oft den Thee in dieselben. Junge Blaetter dienen +als Viehfutter. Aus den Fasern der Halme bereiten die Chinesen ihr +beruehmtes Papier, das durch seinen Seidenglanz, seine Weichheit und seine +geringe Dicke ausgezeichnet ist. Die hohlen Staemme sind sehr leicht, +besitzen trotzdem einen ganz ausserordentlich hohen Grad von Festigkeit und +werden zu Bauten verwendet, die allen aeusseren Angriffen trotzen. Die ganze +Oberflaeche des Stammes ist verkieselt, und so kommt es, dass dieser nicht +allein in der Luft, sondern auch im Boden sich sehr lange haelt. Daher die +Staemme auch als Wasserleitungsroehren und Wasserrinnen dienen, nachdem man +zuvor die Scheidewaende durchbohrte, welche das Innere des hohlen Stammes +durchsetzen. Andererseits lassen sich die einzelnen Glieder des Stammes +als Wassereimer und als Blumentoepfe verwenden, wenn man die Scheidewaende +unversehrt laesst. Aus Bambus werden Bruecken und Floesse, aus Bambus Betten, +Stuehle und Tische gefertigt, mit Bambusfasern Matratzen gefuellt und Moebel +gepolstert. Leitern aus Bambus sind sehr beliebt. Aus Bambus stellt man +Ess- und Trinkgefaesse, chirurgische Instrumente und selbst Haarkaemme her, +und als ob gezeigt werden solle, dass der Bambus einer jeglichen Verwendung +faehig sei, verfertigen die Bewohner von Borneo und Sumatra aus demselben +sogar Lampen, in welchen Dammaraharz gebrannt wird, und mit Dammaraharz +gefuellte Kerzen, deren Huelle zugleich mit der Fuellung in Flamme aufgeht. +Bambusstoecke kennen auch wir: sie werden aus den zaehen, knotigen +Wurzelauslaeufern fabricirt, denen eine innere Hoehlung abgeht. Ebenso muss +zu Kriegszwecken der Bambus das Material hergeben: er liefert Lanzen und +Wurfspiesse von unuebertrefflicher Leichtigkeit und Haerte. Zu gleicher Zeit +ist der chinesische Soldat ausgeruestet mit einem Sonnenschirm aus Bambus, +dessen Ueberzug aus gefirnisstem Maulbeerpapier besteht. Desgleichen sollen +die hohlen Stengeltheile des Bambus als Musikinstrumente zur Verschoenerung +des Lebens beitragen. Sie werden zu Floeten und Clarinetten verarbeitet, +auch als Resonanzboeden und selbst in Gestalt von Saiten verwendet. Ja +C. Schroeter berichtet, dass die Atchinesen es sogar verstanden haben, aus +Bambus eine Art Telephon herzustellen, durch welche sie ihre Wachtposten +in Verbindung setzen. - Die Hoehlungen junger Stammtheile enthalten meist +klares Wasser, mit welchem in Indien und in den Bergen von Java der +Reisende seinen Durst stillen kann. - Die Bambusen bluehen selten; stellt +sich aber ein Bluethenjahr ein, so gibt es eine grosse Fruchternte. Die +Fruechte werden wie Reis gegessen oder in Brot verbacken, und wiederholt +schon, so 1812, ist durch das Bluehen der Bambusen eine Hungersnoth in +Indien abgewendet worden. Mit Recht konnte somit Wallace, einer der besten +Kenner der Tropen, aussprechen, dass der Bambus eines ihrer herrlichsten +Producte sei. - Am vollkommensten haben Chinesen, Japaner und die Bewohner +Indiens und des indischen Archipels ihn auszunutzen gewusst. In China gibt +es ganze Doerfer, die nur aus Bambus aufgebaut sind. Einen merkwuerdigen +Eindruck soll es machen, wenn ein solches Dorf in Brand geraeth. Die Luft +erhitzt sich alsdann in den abgeschlossenen Gliedern der Bambusstaemme und +sprengt dieselben mit gewaltigem Knall. Man hoert aus der Ferne wie +Kanonendonner, in welchem die Eingeborenen der Molukken deutlich den Ruf +"Bambu, Bambu" zu vernehmen glauben. + +In einer Pflanze, die so viel Nutzen stiftet, lag es dem Naturmenschen +nahe, auch nach verborgenen Heilkraeften zu suchen. In China werden die +Wurzelstoecke, die jungen Sprosse, der Saft, der Samen, bestimmte Auswuechse +der Pflanze, als Medicamente verwendet. Zu besonderer Beruehmtheit gelangte +aber als Heilmittel ein eigenthuemlicher Koerper, der sich in den hohlen +Gliedern der Staemme findet und Tabaschier genannt wird. Schon die +Mediciner der roemischen Kaiserzeit wandten denselben viel an, gestuetzt auf +orientalische Traditionen. Einen Weltruf gewann der Tabaschier aber erst +durch die arabischen Aerzte im zehnten und elften Jahrhundert, und er gilt +immer noch als ganz hervorragendes Medicament in der ganzen orientalischen +Welt. - Das frische, dem Bambusstengel entnommene Tabaschier bildet +schmutzig weisse, braune bis schwarze Stuecke. Beim Gluehen werden diese weiss +calcinirt und in einen Chalcedon-aehnlichen Koerper verwandelt, der bald +weiss und undurchsichtig, bald blaeulich weiss, durchscheinend und +farbenschillernd aussieht. Thatsaechlich ist der Tabaschier nichts Anderes +als gemeine Kieselerde, die, durch etwas vegetabilische Substanz +verunreinigt, beim Gluehen von derselben befreit wird. Statt kostspieligen +Tabaschiers, den er in den Bazaren theuer bezahlen muss, koennte der Patient +somit auch reinen Kieselsand zu sich nehmen. Den rechten Glauben +vorausgesetzt, muesste die Wirkung dieselbe sein. + +Sehr belehrend ist es im Fruehjahr zu verfolgen, wie die jungen Knospen +maechtiger Bambusen als ueberarmdicke, mit scheidenartigen Blaettern +dichtbedeckte Kegel die Erde durchbrechen. Sie pressen Wasser zwischen +ihren Blattscheiden hervor, befeuchten und erweichen damit den umgebenden +Boden und wachsen mit solcher Schnelligkeit, dass sich die unmoeglich +scheinende Vorstellung Gras wachsen zu sehen, bei ihnen fast in greifbare +Wirklichkeit verwandelt. Dieses Wachsthum kann naemlich unter guenstigen +Verhaeltnissen einen Meter taeglich betragen und ein zwanzig Meter hoher +Spross in wenigen Wochen somit diese Hoehe erreicht haben. - Schoene Gruppen +von Bambuspflanzen gehoeren zu den zierlichsten Erscheinungen des +Pflanzenreiches; freilich kann man diese Pflanzen in voller +Prachtentfaltung erst in den Tropen sehen und im La-Mortola-Garten nur +eine annaehernde Vorstellung davon gewinnen, welche Bedeutung ihnen in der +tropischen Landschaft zukommt. + +Aus den werthvollen Angaben des Geographen Ritter und den nicht minder +werthvollen Untersuchungen des Botanikers Ferdinand Cohn geht wohl sicher +hervor, dass diejenige Substanz, welche die Alten als Saccharum bezeichnet +haben, nicht Rohrzucker, sondern Tabaschier gewesen sei. Nach Bopp +bedeutet das Sanskrit-Stammwort "_carkara_" nicht etwas Suesses, sondern +etwas Zerbrechliches und Steinartiges. Im alten Indien wurde das +Tabaschier als Sakkar Mambu oder Bambusstein bezeichnet, und erst die +Araber haben dieses Wort auf den spaeter dargestellten, dem Tabaschier +aehnlichen, krystallinischen Rohrzucker uebertragen. Edmund O. von Lippmann +kommt ebenfalls in seiner ueberaus gruendlichen und erschoepfenden +"Geschichte des Zuckers" zu dem Ergebniss, dass der Sakcharon der antiken +Welt nicht unser Zucker gewesen sei; er weist nach, dass der *feste* Zucker +auch in Indien erst in der Zeit zwischen dem dritten und sechsten +Jahrhundert n. Chr. bekannt wurde. + +Das Zuckerrohr (_Saccharum officinarum_) ist unserem Schilfrohr sehr +aehnlich und wie dieses eine Grasart. Man sieht es im La Mortola-Garten in +voller Entfaltung. Das Zuckerrohr ist eine sehr alte Culturpflanze. Da es +ausschliesslich aus Stecklingen gezogen wurde, hat es die Faehigkeit, Samen +zu erzeugen, fast eingebuesst. Man hat bis vor Kurzem ueberhaupt geglaubt, +dass das Zuckerrohr nicht fructificire; doch ergaben sorgfaeltige +Beobachtungen, vornehmlich aus Java, dass diese Unfruchtbarkeit nur eine +relative sei. Die Heimath des Zuckerrohrs ist wahrscheinlich Bengalen, +jene Provinz, die, ihrer unerschoepflichen Fruchtbarkeit wegen, seit jeher +als der Garten Indiens gepriesen wurde. Wohl gegen das Ende des dritten +Jahrhunderts ist das Zuckerrohr aus Indien nach China gelangt und +zweihundert Jahre spaeter westlich bis Gondisapur vorgedrungen. Diese Stadt +lag am Flusse Karon, der unweit davon sich zum Theil in den Tigris, zum +Theil nach dem Nordrand des Persischen Meerbusens ergoss. Dorthin hatten +sich die Nestorianer gefluechtet, als das Concil zu Ephesus 431 n. Chr. +ihre Lehre fuer ketzerisch erklaerte. Sie fuehrten dem Orient die Keime +klassisch-litterarischer und wissenschaftlich-medicinischer Bildung zu, +namentlich auch die Anfangsgruende chemischer Kenntnisse. Die Beziehungen +Gondisapurs zu Indien bewirkten zugleich, dass sich der Einfluss der +indischen Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie erbluehte, die +nicht nur die Traditionen der griechischen Medicin und Naturwissenschaften +in sich aufnahm, sondern dieselben auch wesentlich foerderte. Hier wurde +allem Anschein nach die Kunst der Zuckerraffinerie erfunden, daher auch +"Kand" der persische Name fuer den gereinigten Zucker ist. + +Durch die Araber kam das Zuckerrohr im achten Jahrhundert nach Spanien, im +neunten nach Sicilien. In Venedig lassen sich 1150 bereits Zuckerbaecker +nachweisen. Die drei wichtigsten Productionsstellen des Zuckers im +Mittelalter waren Syrien, Aegypten und Cypern. Ihre Bedeutung schwand, als +Vasco de Gama 1498 den directen Weg nach Ostindien um das Cap der guten +Hoffnung fand und der Handel mit indischem Zucker so in die Haende der +Portugiesen fiel. Damit war der dominirende handelspolitische Einfluss +Venedigs und seine Macht fuer immer gebrochen; an Stelle des Mittelmeers +wurde der atlantische Ocean der Schauplatz des Weltverkehrs. Um 1580 +begann Sicilien seine Zuckerproduction einzustellen, da diese gegen die +ueberseeische Concurrenz nicht mehr ankaempfen konnte. Denn um jene Zeit +hatte auch schon der amerikanische Zucker, besonders der brasilianische, +die Bedeutung eines Weltproductes gewonnen und gelangte bis nach Palermo. +Der Zuckerverbrauch stieg ganz enorm in Europa, und im Jahre 1600 hatte +auch Deutschland, nach v. Lippmann, schon mehrere Zuckerraffinerien +aufzuweisen. Freilich scheinen dieselben nach dem dreissigjaehrigen Kriege +sich nur noch in Hamburg gehalten zu haben. Unter Friedrich dem Grossen +entstanden zahlreiche Zuckerraffinerien in Preussen und wurden durch +Prohibitivzoelle geschuetzt. + +Die Suessigkeit des Ruebensaftes hatte den Chemiker Markgraf veranlasst, +Zucker aus demselben darzustellen, was ihm um 1747 gelang. Doch fand das +gewonnene Product keine Verwerthung, zum Theil schon deshalb nicht, weil +es an genuegend zuckerreichen Rueben damals noch fehlte. Diesem Mangel wusste +erst Achard aus seinen Guetern bei Berlin um 1786 in groesserem Massstab +abzuhelfen. Die erste wirkliche Ruebenzuckerfabrik errichtete derselbe +Achard, mit Unterstuetzung Friedrich Wilhelms III., zu Cunern in Schlesien. +Es folgten alsbald andere Fabriken in Preussen und Frankreich, wo besonders +Delessert das Darstellungsverfahren vervollkommnete. Nach Aufhebung der +Continentalsperre gingen trotzdem die meisten Ruebenzuckerfabriken sowohl +in Deutschland als auch in Frankreich wieder ein, und erst von 1820 etwa +an datirt der neue Aufschwung und der schliesslich grossartige Erfolg dieser +Industrie. + +Der Palazzo Orengo wird von phantastischen Pflanzenformen: saeulenfoermigen +Opuntien, candelaberfoermigen Euphorbien, sowie von zahlreichen bluehenden +Aloe- und Agave-Arten umgeben. Auf der Mauer oestlich vom Hause faellt eine +kleine, mit langen weissen Dornen bewaffnete Opuntie (_Opuntia tunicata_) +in die Augen. Ihre Dornen sind mit zarten Scheiden umhuellt und verdanken +diesen ihre Faerbung. Man kann die Scheiden von den Dornen abziehen; doch +gilt es vorsichtig zu sein, denn die Dornen sind aeusserst scharf und +verwunden leicht die Hand: Sie schuetzen wirksam die Pflanze gegen den +Angriff der Thiere. Dieser Schutz ist aber auch noethig in den duerren +Gegenden Mexikos, in welchen die Pflanze zu Hause ist, und wo es den +Thieren oft an pflanzlicher Nahrung fehlt. In solchen Gegenden sind +dornige Pflanzen sehr haeufig, Pflanzen, deren Blaetter sich zum besseren +Schutz in Dornen verwandelt haben, waehrend der Stengel sich gruen faerbte, +so in die Functionen der Blaetter trat, zugleich anschwoll und fuer die Zeit +der Duerre mit Wasser versorgte. Durch Hunger getrieben, pflegen wohl +Pferde mit den Hufen die Dornen von solchen Cactusgewaechsen abzuschlagen, +um zu dem saftigen Fleisch zu gelangen, waehrend das Rindvieh sich an +denselben schwer verwundet. Der Angriff auf diese weissdornige _Opuntia +tunicata_ duerfte den Thieren unter allen Umstaenden schwer fallen, sie ist +so stark bewaffnet, dass sie ausser dem Namen _Opuntia tunicata_ auch +denjenigen _Opuntia furiosa_ erhielt. + +Doch am Palazzo Orengo fesselt unseren Blick vor allem die wunderbare +Aussicht, die sich dort entfaltet. Gewiss ein herrliches Stueck Erde, fast +zu schoen, um dasselbe dauernd zu bewohnen! Denn wonach soll man sich dann +noch sehnen, wo eine Steigerung des Eindrucks erhoffen? - Von ueppigem Gruen +und buntem Bluethenschmuck sind die Bilder eingerahmt, die hier den +Beschauer fesseln. Sein Auge folgt entzueckt der zackigen Kueste, oder es +ruht traeumend aus der tiefen Schlucht, in der sich der Garten aufwaerts, +ohne Ende, bis zu den Gipfeln der Berge fortzusetzen scheint. Eine hohe +Palme neigt sich wie sinnend ueber diesem Bilde und gibt ihm ein +maerchenhaftes Gepraege. Nach Osten decken dunkle Baummassen die Aussicht, +doch durch eine blumenreiche Pergola gelangt man bald bis auf den freien +Bergrand. Der Tag geht zur Neige, und es beginnt Altbordighera im rosigen +Abendlicht zu gluehen. Welch' ein Anblick! Ich weiss ein krankes Maedchen, +eine zu frueh aufgebluehte Knospe, das Rettung vor dem Tode in Mentone +suchte; dem schwebte jenes goldige Bild bis zuletzt in den Fiebertraeumen +vor. Es war wie die Verheissung einer gluecklicheren Welt! Sehnsuchtsvoll +streckte die Sterbende ihre Arme in der nordischen Heimath aus, um es zu +fassen, und ein seliges Laecheln verklaerte dann ihr blasses Antlitz. + +Die Pergola, die nach jenem Aussichtspunkt im Garten von La Mortola fuehrt, +ist von Banksia-Rosen und anderen Schlinggewaechsen ueberwuchert, deren +Bluethen in den Abendstunden suessen Duft verbreiten. Die _Rosa Banksiae_ +koennen wir hier in ihrer vollen Prachtentfaltung bewundern. Ueberall +leuchten aus dem gruenen, dornenfreien Laub die zierlichen Trugdolden ihrer +halbgefuellten, hellgelben und weissen Bluethen hervor. Um diese schoene Rose +ist die Riviera zu beneiden; bei uns im Freien will sie nicht gedeihen. +Auch ist es in Gewaechshaeusern nicht moeglich, sie zu ueppiger Entwickelung +zu bewegen, ebensowenig als dies fuer die _Bougainvillea_ gelingt, jene +praechtige Liane der Tropen, die mit ihren carmoisinrothen Hochblaettern +ganze Gebaeude an der Riviera deckt. + +Die Sonne war inzwischen untergegangen, und fahle Lichter streiften die +Kueste. Altbordighera erschien so todtenblass, als waere es inzwischen +ausgestorben; der Rahmen aus weissen Rosen umschlang es fast wie ein +Todtenkranz. Die bunten Bluethen im dunklen Laube begannen unsichtbar zu +werden, und scharf stachen nur vom hellen Abendhimmel die uralten +Cypressen ab, die, dicht aneinander gereiht, im unteren Theile des Gartens +zum Meere absteigen. Hat dieser dunkelfarbige Baum, der in so feierlichem +Ernst zum Himmel emporragt, wirklich ein trauriges Aussehen, oder weckt er +in uns nur traurige Empfindungen, weil er von jeher ein Symbol der +Todtentrauer war, und wir ihn so oft neben Graebern sehen? Hier haette er +wohl allen Grund, duester in die Landschaft zu schauen, denn er schmueckte, +so heisst es, vor Zeiten einen Friedhof, nach welchem der Ort heute noch +seinen Namen "La Mortola" fuehren soll. Blumenbeete haben seitdem die +Graeber verdeckt, ueppiger Pflanzenwuchs die Staetten verwischt, an welchen +Menschen einst ihre Lieben beweinten, die Cypressen allein trauern noch +ueber den Todten. + + VII. + +Die Strada nazionale, die am Garten vorbei nach Mentone fuehrt, steigt +zunaechst in der Schlucht empor und beginnt erst jenseits der Croce della +Mortola sich langsam zu senken. Es ist ein unendlich schoener Weg, der im +weiten Bogen, am Abhang der Berge, langsam gegen Mentone absteigt. Bald +ist man in einen Olivenhain gedrungen, in dem sich das Dorf Grimaldi +verbirgt; jenseits des Ortes steigt ueber der Strasse ein alter Thurm duester +in die Luefte empor, neben ihm draengt ein modernes Schloss in englisch +gothischem Geschmack sich auf. Ein schoener Garten steigt bis zum Thurm +empor. Es war das einst die Besitzung des englischen Arztes Bennet, dessen +Name einen ruhmvollen Klang an der Riviera besitzt. Nach dessen Tode haben +neue Besitzer das gothische Haus erbaut. Wir erreichen das italienische +Zollhaus. Es dunkelt schon; in Mentone, das in geringer Ferne vor unseren +Augen aufsteigt, beginnen auf den Strassen und in den Haeusern die Lichter +sich zu entzuenden. Eine lange Reihe flammender Punkte folgt bald dem +Strande, als haette sich das Meer mit einer Schnur feuriger Perlen +geschmueckt. Mir zogen die Strophen des Mignonliedes durch den Sinn, und +das Rauschen des Meeres schien sie in den Toenen der Beethoven'schen Musik +zu begleiten. Wie bezeichnend fuer diesen Boden mehr als +zweitausendjaehriger Cultur, dass jene Gewaechse in dem Liede, welche das +Bild Italiens uns so lebendig vor die Seele zaubern, diesem Lande nicht +ureigen sind. Sie kamen aus dem Orient, wie alle die grossen Gedanken, auf +welchen unsere Bildung ruht, entfalteten und veredelten sich aber auf +diesem Boden. Die Citronen und Orangen erhielten die klassischen Lande von +den Semiten, welche dieselben ihrerseits von den Indiern uebernommen +hatten. Der Oel- und Feigenbaum, der Weinstock und die Palme standen bei +den Semiten in Pflege, lange bevor sie als Culturpflanzen siegreich nach +dem Westen vordrangen. Der Cultus des Lorbeers und der Myrte gelangte von +Osten her ueber das Mittelmeer. Die Cypresse hat nicht ihre Heimath in +Italien, sondern auf den griechischen Inseln und auf dem Libanon; ja, +selbst von der schirmfoermig ausgebreiteten Pinie, der die Rauchwolke des +Vesuvs wie zum Vorbild dient, hat man, doch dieses Mal mit Unrecht, +bezweifelt, dass sie eine echt italienische Pflanze sei. Und als wenn +andererseits auch der grosse Culturimpuls, welcher von der Entdeckung der +neuen Welt ausging, auf italienischem Boden in typischen Pflanzenformen +verkoerpert werden sollte, brachte er diesem die Agave und die Opuntie. Die +dornigen, blaugruenen Agaven, die stachligen, hellgruenen Opuntien, die so +gut zu dem felsigen Strande Italiens passen, als waeren sie fuer ihn von +jeher bestimmt gewesen, sind thatsaechlich erst im vierzehnten Jahrhundert +von Amerika an denselben gelangt. Capri vermag man sich ohne die "_Fichi +d'India_", deren abgeflachte Glieder sich in wunderbaren Kruemmungen ueber +die Mauern draengen, kaum vorzustellen, und doch sind diese Opuntien hier +eine moderne Erscheinung. Daher ist es ein Anachronismus, wenn die Agaven +und Opuntien in den Preller'schen Odysseebildern den Vordergrund der +Landschaft schmuecken. Die Schoenheit jener Bilder wird dadurch nicht +beeintraechtigt, und doch kann man sich bei der Betrachtung derselben einer +gewissen fremdartigen Empfindung nicht erwehren. Das historische +Rechtsgefuehl fuehlt sich verletzt und muss erst durch das aesthetische +Wohlgefallen beschwichtigt werden, welches diese so bedeutenden +Kunstschoepfungen erwecken. + +Wie mag die Riviera ausgesehen haben, bevor die Cultur des Oelbaumes +begann, als noch Palmen und Cypressen fehlten und der Wohlgeruch der +Agrumi die Luft nicht erfuellte? - Sie war bedeckt mit immergruenen +Straeuchern, waehrend dichter Nadelwald die Hoehen kroente. Das Bild der +Vegetation musste ein ganz anderes sein; denn sein Aussehen war bestimmt +durch Gesammteffecte, waehrend der Charakter jener Landschaft, die wir +jetzt fuer die typisch italienische halten, auf dem wirksamen Hervortreten +einzelner ausgepraegter Pflanzenformen und deren plastischer Sonderung +beruht. + +Waehrend noch in den Zeiten Alexander des Grossen, also im vierten +Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als ein Land kannten, das +im Vergleich zu ihrem eigenen Lande und dem Orient einen ganz +urspruenglichen Charakter trug, konnte bereits Marcus Terentius Varro im +ersten Jahrhundert vor Christus, Italien mit einem grossen Garten +vergleichen. Plinius klagt ein Jahrhundert spaeter ueber den Luxus, der auch +im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemuese wurden so gross gezogen, dass sie +der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen vermochte. Er fuehrt als Beispiel +die Spargeln an, von denen in Ravenna oft nur drei auf das roemische Pfund +(ca. 300 Gramm) gingen. + +Dass in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt worden war und der +orientalische Culturpflanzen vorwiegend barg, das roemische Volk sich +verweichlichen musste, ist nur zu klar. Es war das die Schattenseite jener +zu ueppig entwickelten Cultur, die in dem Uebermasse ihrer Entfaltung auch +die Keime ihres Untergangs trug. + +Als ich Mentone naeher kam, begann der Mistral zu wehen und fegte maechtige +Staubwolken ueber die Strasse. In Garavan, im Schutze der Altstadt, wurde es +trotzdem fast windstill, so dass ich dort am spaeten Abend im anmuthigen +Garten des Hotel d'Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch den +Bergruecken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die dichten +Haeusermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollstaendig gedeckt und mit +Recht daher von Brustkranken bevorzugt. Seit vorigem Winter erhielt +Garavan einen eigenen Bahnhof, der fast eine zu grosse Erleichterung des +Verkehrs fuer diejenigen Wintergaeste schafft, die in Monte Carlo durch +schaedliche Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefaehrden. + + VIII. + +Fast alle wichtigen Reiz- und Genussmittel des Pflanzenreichs dankt der +Culturmensch den wilden Voelkern. Da bei ihm selbst die Cultur das +instinctive Empfinden ganz zurueckdraengte, so kann er sich kaum noch +vorstellen, welche Eindruecke den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel +geleitet haben. Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, dass der Thee der +Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze der +Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolanuesse der Neger im wesentlichen +dieselben Stoffe enthalten. Im La Mortola-Garten, bei Betrachtung der +Pflanzen, die jene Stoffe liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres +Aussehens feststellen. Irgend welches aeussere Abzeichen, das ihnen +gemeinsam waere, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte +somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er verfuhr +nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und Flur seiner Nahrung +nachgeht. Er war sich der Ursache seiner Wahl ebenso wenig bewusst. + +Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen, haben unsere Reiz- und +Genussmittel eine interessante Geschichte aufzuweisen. + +In China ist der Theegenuss so alt, dass ein im zwoelften Jahrhundert +verfasstes Buch "Rhya" von demselben als von etwas laengst Bekanntem +spricht. + +In Europa begann sich der Theegenuss erst um 1630 zu verbreiten, unter dem +Einfluss der hollaendisch-ostindischen Gesellschaft und der Lobpreisungen, +welche einige hollaendischen Aerzte diesem Getraenk zu Theil werden liessen. +Der Thee sollte die Lebenskraft steigern, das Gedaechtniss staerken, alle +seelischen Faehigkeiten erhoehen, das Blut in willkommenster Weise +verduennen. Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als vierzig +bis fuenfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem interessanten Werke +von Le Grand d'Aussy, welches 1782 zuerst erschien und die Geschichte des +Privatlebens der Franzosen (_Histoire de la vie privee des Francois_) +erzaehlt, ist zu lesen, dass der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald +zu Ansehen gelangte, weil ihn der Chancelier Seguier unter seine +Protection nahm. Es scheint, dass sich in Paris einzelne Personen auch auf +das Rauchen des Thees verlegten, so wie man Tabak raucht, und der Arzt +Bligny ruehmt sich, aus dem Thee eine Conserve, ein destillirtes Wasser und +zwei Arten von Syrup dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken +um 1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland +verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den hollaendischen Aerzten des +Grossen Kurfuersten. Im Jahre 1662 kostete, nach den von Flueckiger +veroeffentlichten Documenten, eine Hand voll Thee in den Apotheken der +Stadt Nordhausen noch fuenfzehn Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur +noch vier Groschen. Nach Russland gelangte der Thee nicht ueber das +westliche Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und +schon in der zweiten Haelfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde der Thee +dort zu einem allgemein verbreiteten Getraenk. Der Thee heisst demgemaess dort +Tschai, entsprechend der Benennung wie wir sie auch bei den Arabern im +achten Jahrhundert schon finden, waehrend in Polen aus _herba Theae_ +"_Herbata_" gebildet worden ist. + +Der wichtigste Bestandtheil der Theeblaetter ist das Coffein, derselbe +Koerper, den die Kaffeebohnen fuehren und der auch dem Theobromin der +Cacaobohnen aeusserst nahe steht. Ebenso ist der Paraguay-Thee oder Mate +coffeinhaltig, und denselben Stoff fuehren auch die Kola-"Nuesse". + +Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in grossem Massstaebe +betrieben, waehrend Europa, die Tuerkei ausgenommen, vor Mitte des +siebzehnten Jahrhunderts nur wenig von dem Bestehen dieses Genussmittels +wusste. Nach Constantinopel hatte Selim I. 1517 aus Aegypten den ersten +Kaffee gebracht, und zwanzig Jahre spaeter gab es dort bereits viele +Kaffeehaeuser. Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die +Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen Consuls in +Aegypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk ueber aegyptische Pflanzen +veroeffentlichte, gab die erste, wenn auch wenig vollkommene botanische +Beschreibung des Kaffeebaumes. Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste +Kaffeehaus eroeffnet wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens +rasch ueber ganz Italien. Wie Le Grand d'Aussy eingehend beschreibt, war es +Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der Errichtung von +Kaffeehaeusern den Anfang machte. In Paris kam das Kaffeetrinken erst unter +Ludwig XIV. auf, und zwar vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten +Mohammeds III., der, wie Le Grand d'Aussy berichtet, sich die Gunst der +Pariserinnen in solchem Masse zu erwerben wusste, dass es Mode ward, ihm +Besuche abzustatten. Er liess den Damen, nach orientalischer Sitte, den +Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glaenzenden Porzellantassen auf +goldbefranzten Servietten. Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das +Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung, die mit Huelfe eines Dolmetschers +gefuehrt wurde, alles das, meint Le Grand d'Aussy, musste den Kopf der +Franzoesinnen verdrehen. Ueberall hoerte man von dem Soliman'schen Kaffee +sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen zu +verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das Pfund kostete bis zu +vierzig Thalern. Im Jahre 1672 eroeffnete ein Armenier, Namens Pascal, auf +dem Quai de l'Ecole das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getraenk, +welches in demselben geboten wurde, "Cafe" genannt ward. Es war eine +"Boutique" nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschaefte, da +es fuer das feinere Publicum, welches allein den Kaffee damals trank, nicht +geeignet war. Das erkannte richtig der Florentiner Procope, derselbe, der +sich um Paris durch die Einfuehrung des Gefrorenen verdient gemacht hat; er +richtete gegenueber der alten Comedie Francaise ein Cafe ein, welches ausser +dem urspruenglichen Getraenk, auch Thee, Chocolade, Eis und verschiedene +Liqueure fuehrte, und, geschmackvoll decorirt, sich alsbald des groessten +"Succes" erfreute. Die Zahl der Nachahmer war gross, und 1676 hatte Paris +schon eine Unmasse Cafes aufzuweisen, deren Einfluss sich als ein sehr +guenstiger erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig XIV., +"_ce Roi si decent_", wie sich Le Grand d'Aussy ausdrueckt, durch harte +Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem Florentiner Procope zu +verdanken. Als ganz ungefaehrlich galt jedoch der Kaffee nicht, und die +Marquise de Sevigne raeth darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre +1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, "_pour en temperer le danger_". +In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon 1624 erwaehnt. Das +erste Kaffeehaus errichtete in London 1652 der Armenier Pasqua, Diener +eines tuerkischen Arztes. Berlin folgte erst weit spaeter nach, denn Volz +gibt an, dass dort das erste Kaffeehaus im Jahre 1721 eroeffnet wurde. Eine +Anzahl deutscher Staedte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in +Hamburg gab es schon 1679, in Nuernberg und Regensburg 1686, in Koeln 1687 +Kaffeehaeuser. In Wien erhielt 1683 ein gewisser Kolschitzky die Erlaubniss +zur Eroeffnung des ersten Kaffeehauses und zwar als Belohnung fuer den Muth, +durch welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der Stadt +von den Tuerken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des achtzehnten +Jahrhunderts war der Kaffeegenuss ueber ganz Deutschland verbreitet, und der +Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel fuer Hamburg und Bremen. +Friedrich der Grosse versuchte es vergeblich, den Verbrauch einzuschraenken. +In dem Bestreben, Preussen wirthschaftlich abzuschliessen und "das Geld im +Lande zu behalten", hatte er besonders die theueren Colonialwaaren mit +hohen Zoellen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr oder suchte +sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf und andere Chemiker wurden +beauftragt, Surrogate an Stelle des Kaffees zu schaffen, was zur +Entstehung von Eichelkaffee, von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst +aus Rueben und Rosskastanien fuehrte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um +jene Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben +E. v. Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen Kaffeesurrogate +erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum, daher 1781 ein +Kaffeemonopol eingefuehrt ward, das die gewoehnlichen Consumenten zwang, den +Kaffee schon gebrannt vom Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu +kaufen, waehrend an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte +"Brennscheine" abgegeben wurden. + +An den Thee und den Kaffee schliesst sich der Cacao fast gleichberechtigt +an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige vieler anderer tropischer +Pflanzen, da er eine sehr bestaendige, relativ hohe Temperatur neben einer +grossen und gleichmaessigen Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath duerfte in +den Laendern um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er ueberall +in den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut. Die +Cacaopflanze gehoert einer Unterabtheilung der Malvaceen an; fast aller +Cacao des Handels stammt von der _Theobroma Cacao_ ab. Es ist ein +dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem Stamm und breiter Krone, der fuer +gewoehnlich acht bis zehn Meter Hoehe erreicht. Das Charakteristische fuer +die Pflanze ist, dass sie ihre Bluethenstaende vorwiegend am alten Holze +traegt, so dass der Stamm und die dicken Aeste sich weiterhin mit Fruechten +behangen zeigen. Die Bluethen sind weisslich bis roth und liefern je nachdem +gelbe oder dunkelrothe Fruechte. Waehrend die Bluethen nur klein sind, koennen +die cylindrischen Fruechte bis fuenfundzwanzig Centimeter Laenge erreichen. +Der Baum blueht und fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im +Jahr meist nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem suesssaeuerlichen +Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fuenf +Laengsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte "Rotten" +gemildert, einen Gaehrungsprocess, dem die aus der Frucht befreiten Samen +unterworfen werden. Der Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst +den von diesen verdraengten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519 das +Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor. Aehnlich wie der +Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico, ja in ganz Mittelamerika die +Cacaobohnen als Muenze. Die Spanier sollen bei der Eroberung Mexico's im +dortigen Staatsschatze nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund +solcher Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die geroesteten +Cacaobohnen geschaelt und gestossen, mit kaltem Wasser zu Brei angeruehrt und +mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewuerzen, Vanille, duftenden Blumen +und Honig versetzt. Dieser Brei "_bouillie assez degoutante_", sagt Le +Grand d'Aussy, hiess Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen +Namen der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und Atl +(Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier, welche die +Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt hatten, brachten sie bald +nach Europa, und auch heute noch ist es Spanien, welches die groessten +Mengen Chocolade verzehrt. Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade +mit, als er 1606 von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien +erstreckten, heimkehrte. Das warme Getraenk, das in Florenz aus Cacaomehl +hergestellt wurde, verbreitete sich rasch ueber ganz Italien. Nach +Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von Oesterreich, Gemahlin +Ludwig's XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber erst 1661, unter dem +Einfluss von Maria Theresia von Spanien, Gemahlin Ludwig's XIV., die sich +aber noch versteckte (wie die Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren +angibt), um ihre Chocolade zu trinken; der Genuss derselben musste somit als +etwas Ungewohntes oder gar Verpoentes angesehen werden. Indessen schon 1671 +konnte Frau von Sevigne an ihre Tochter schreiben: "_Vous ne vous portez +pas bien, le chocolat vous remettra._" Freilich muss die Chocolade als +Heilmittel ihre Wirkung versagt haben, denn in einem spaeteren Briefe wird +sie als "_source de vapeurs et de palpitations_" angegeben. Andererseits +vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684 vor der Fakultaet eine +These, in welcher er gutgemachte Chocolade als eine der edelsten +Erfindungen pries, weit mehr wuerdig, als Nectar und Ambrosia, die Speise +der Goetter zu sein. Derselben Ansicht muss auch Linne gewesen sein, der die +Chocolade 1769 in den "_Amoenitates academicae_" behandelte und dem +Cacaobaum den botanischen Namen "_Theobroma_", d. h. "Goetterspeise" gab. +In England begann sich die Chocolade um 1625, annaehernd gleichzeitig auch +in Holland, einzubuergern. Nach Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des +Grossen Kurfuersten, den Cacao mit. Friedrich der Grosse verbot die Einfuhr +der Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben, der +Aehnliches fuer den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus Lindenbluethen an +Stelle von Chocolade herzustellen, was aber nur schlecht gelang. + +Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru kamen, war dort ein +anderes Reizmittel in Gebrauch, das der Instinct der Eingeborenen +herausgefunden hatte, naemlich das Cocain. Dieser Koerper gehoert ebenso wie +das Coffein und das Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die +Bewohner des Inkareiches kauten die Cocablaetter ganz so wie die Hindus die +Betelnuss kauen und wuerzten diese Blaetter auch mit Asche der Quinoapflanze +(_Chenopodium quinoa_) oder mit geloeschtem Kalk, so wie es fuer die +Betelnuesse in Indien geschieht. Bei maessigem Genuss wirken die Cocablaetter +anregend auf das Nervensystem ein, in zu grossen Mengen und fortdauernd +gebraucht, werden sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller +koerperlichen und geistigen Faehigkeiten bei dem "Coquero" ein, der zu einem +Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern gefuehrt hat. Den Spaniern +fielen zunaechst nur die ueblen Folgen des Cocakauens auf, sie suchten +dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote in Peru einzuschraenken. +Daher wohl die Cocablaetter nicht wie andere aehnliche Reizmittel ihren +Einzug in die alte Welt hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte +Entdeckung, dass eine Aufloesung von Cocain ohne ueble Folgen die Hornhaut +und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich macht, richtete die +allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Alcaloid. Die Anwendung desselben bei +Augenoperationen wurde allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete +der Heilkunde als auch seine Faehigkeit, leicht zugaengliche sensible Nerven +unseres Koerpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde. + +Die Cocablaetter gehoeren einem Strauche an, der unserer Schlehe aehnlich +ist, aber bedeutendere Groesse erreicht. Diese Blaetter sind lebhaft gruen +gefaerbt und sehr duenn; sie haben eifoermige Gestalt und laufen spitz an +ihrem Ende aus. Die gelblich weissen Bluethen fallen wenig in die Augen, da +sie nur geringe Groesse besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht +unaehnlichen Fruechte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor. Der botanische +Name der Pflanze ist _Erythroxylon coca_, sie bildet eine eigene kleine +Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf die artenreiche Gattung +_Erythroxylon_ beschraenkt ist. Die Blaetter sind schwach aromatisch und +besitzen einen angenehm bitterlichen Geschmack. Das Alcaloid, welches man +aus denselben gewinnt, bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in +Wasser, dagegen leicht in Alcohol und noch leichter in Aether loesen. + +Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den +Gewuerznelkenbaum geknuepft, da er eine aeusserst markirte Rolle in der +Geschichte des Gewuerzhandels gespielt hat. Der Gewuerznelkenbaum (_Eugenia +caryophyllata_) gehoert zu den Myrtaceen wie die Myrten, Eucalypten, +Guaiaven und Rosenaepfel, die wir in La Mortola sahen. Er ist ein +immergruener Baum mit wohlgeformter Krone, der ueber zehn Meter Hoehe +erreichen kann und lederartige, glaenzende, durchscheinend punctirte +Blaetter besitzt. Die Bluethen stehen an den Enden der Zweige in +doldenfoermigen Bluethenstaenden. Der vierkantige Bluethenstiel breitet sich +am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An der +Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenblaetter und die Staubfaeden +befestigt. Erstere werden aehnlich wie bei Eucalyptus als Kappe abgeworfen, +wenn sich die Bluethe oeffnet. Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab, +sammelt vielmehr kurz zuvor schon die "Gewuerznelken", indem man sie mit +den Haenden vom Baume pflueckt oder mit Bambusstaeben abschlaegt. Sie sind +somit noch ungeoeffnete Bluethen eines myrtenartigen Gewaechses und haben mit +den nur aehnlich duftenden Bluethen unserer Gaerten, die wir als Nelken +bezeichnen, den Dianthus-Arten, sonst nichts gemein. Beim Trocknen +veraendert sich die dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. - Die +Gewuerznelken waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt. Im +vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie nach Europa. Man glaubte +bis zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, dass Java oder Ceylon ihre +Heimath sei; thatsaechlich aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem +Wege des Gewuerznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken durch +Varthema 1504 klaerte Europa ueber den Ursprung der Gewuerznelken auf. Mit +den Molukken zugleich gelangte der Gewuerzhandel jener Inseln in die Haende +der Portugiesen, dann ein Jahrhundert spaeter an die +hollaendisch-ostindische Compagnie, welche die Production von Gewuerznelken +und Muskatnuessen auf jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar +dieselbe, um sie besser ueberwachen zu koennen, auf nur wenige Inseln +einschraenkte. Auf den uebrigen Inseln liess sie die Gewuerzbaeume ausrotten. +Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur begrenzte Mengen +des Gewuerzes auf den Markt, und als in Folge guter Ernten der Vorrath +einmal, im Jahre 1760, zu stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der +Admiralitaet in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster Ueberwachung von +Seiten der Hollaender gelang es dem franzoesischen Gouverneur von Mauritius +und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewuerznelken- und Muskatbaeumen zu +gelangen und sie auf seiner Insel anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802, +als die Englaender die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafuer, +dass die Cultur der Gewuerzbaeume sich ueber die Grenzen dieser Inseln hinaus +verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur ueber die tropischen Laender weit +ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau der Gewuerznelkenbaeume +ganz zurueck, und nur die Muskatbaeume werden dort noch im grossen Massstab +gepflegt. + +Die Muskatbaeume, die mit den Gewuerznelkenbaeumen stets zusammen genannt +werden, gehoeren zu der Gattung _Myristica_, die den Lorbeergewaechsen sehr +nahe steht. Der wichtigste Muskatbaum ist _Myristica fragrans_, der in +seinem Aussehen an unsere Birnbaeume erinnert. Er besitzt eine rundliche +Krone und dichte Belaubung. Seine Bluethen sind weiss oder gelblich und +gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie klein sind, so +fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun hingegen die hellgelben, +aprikosenaehnlichen Fruechte, die der Baum gleichzeitig traegt. Diese Fruechte +springen bei voller Reife auf und dann leuchtet ein carmoisinrother +Samenmantel aus ihrem Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Huelle +umgibt er den schwarzbraunen, als Muskatnuss bekannten Samen. Er selbst +wird faelschlich als Muskatbluethe bezeichnet. + +Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen, hierauf der +niederlaendisch-ostindischen Compagnie und ging auf die +englisch-ostindische ueber, als England 1796 Besitz von Ceylon ergriff. + +Wie Zimmet, Gewuerznelken und Muskatnuss in der niederlaendischen Geschichte, +so spielte der ostindische Pfeffer einst eine nicht unbedeutende Rolle in +der Geschichte Venedigs. Namentlich aus Ruecksicht auf diesen Pfeffer lag +Venedig daran, das rothe Meer und Aegypten sich offen zu halten. Unmengen +von Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de' Tedeschi, an die +Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flueckiger besonders +hervorhebt, eine kaum mehr verstaendliche Gier nach Pfeffer, der +schliesslich fast die Bedeutung eines ueberall gangbaren Zahlmittels +erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert nahm er entschieden +den ersten Rang unter den Gewuerzen ein; er stand so hoch im Preise, dass +aermere Klassen von dem regelmaessigen Gebrauch desselben absehen mussten und +"_cher comme poivre_" sprichwoertlich wurde. Diese Sucht nach Gewuerzen kam, +wie Le Grand d'Aussy erzaehlt, von den vielen schwer verdaulichen Speisen, +welche man damals zu geniessen pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche +Gewuerze bei sich fuehrten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische +sich mundgerecht zu machen. Regnard bezeichnet solche Esskuenstler als +"_Docteurs en Soupers_". + +Aus der Geschichte des Levantehandels im Mittelalter von Wilhelm Heyd geht +hervor, dass zu den verbreitetesten Specereien damals auch der Ingwer +gehoerte, und dass er fast eben so stark begehrt war wie der Pfeffer. Diese +Pflanze, deren Heimath in Ostindien liegt, kann man im Garten von La +Mortola sehen. Ihre bis zu einem Meter hohen gruenen Sprosse entspringen +dem wohlriechenden Wurzelstock, der im Boden versteckt ist. Die Sprosse +erinnern an die in unseren Gaerten cultivirten Canna-Arten und tragen wie +diese, in zwei Reihen angeordnete, doch wesentlich schmaelere Blaetter. Am +Gipfel schliessen sie, falls sie zur Bluethe kommen, mit dichtgedraengten +Hochblaettern ab, aus deren Achseln gelb- und violettgefaerbte Bluethen +entspringen. In La Mortola blueht freilich der Ingwer nicht, und auch in +Asien kommen nur selten bluehbare Stengel zur Entwickelung. Stuecke des +Wurzelstockes sind es, die, geschaelt oder ungeschaelt, als Ingwer in den +Handel gelangen. Der aus China eingefuehrte in Zucker gekochte Ingwer +stammt von zarten, sorgfaeltig geschaelten Wurzelstoecken. Eingemachter +Ingwer wurde schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in irdenen +Toepfen nach Italien eingefuehrt, doch war Marco Polo der erste Europaeer, +der auf seinen Reisen in China und Indien von 1280-1290 die Pflanzen zu +sehen bekam. Dieser mit Recht hochberuehmte Reisende des Mittelalters +erwarb sich ueberhaupt sehr grosse Verdienste um die Erforschung von China, +weshalb ihm der Besitzer von La Mortola, der selbst laengere Zeit im "Reich +der Mitte" lebte, in der Eingangshalle seiner Villa ein glaenzendes, von +Salviati in Venedig als Glasmosaik auf Goldgrund ausgefuehrtes Brustbild +widmete. Da freilich von Marco Polo ein authentisches Bildniss nicht +bekannt ist, blieb es der Phantasie des Kuenstlers ueberlassen, wie er sich +ihn vorstellen wollte. + + IX. + +Wer den Weg von Mentone nach Nizza auf der vielgeruehmten Route de la +Corniche zuruecklegen will, sollte dies nur bei voellig klarem Wetter thun. +Denn unter den grossen Eindruecken dieser Bergstrasse darf die Aussicht +landeinwaerts in die schneebedeckten Seealpen nicht fehlen. Im Fruehjahr +sind die Berge meist von Wolken bedeckt und so dem spaehenden Auge +verborgen. Die Route de la Corniche ist an schoenen Fruehlingstagen von +unvergleichlicher Wirkung. Sie faengt an bei Roccabruna zu steigen und +folgt dann in unzaehligen Windungen dem Abhang. Das eine Mal wendet sie +sich landeinwaerts, als wolle sie den Berg durchbohren, das andere Mal +schlaegt sie die Richtung nach dem Meere ein, als stuerze sie sich in die +Fluthen. Fort und fort wechseln die Bilder. Abwaerts taucht der Blick in +die gruenen Thaeler und trifft immer neue Einschnitte der Kueste; aufwaerts +wird er begrenzt durch die maechtigen Kuppen der Berge. Wo diese +auseinandertreten, da tauchen, wie mit einem Zauberschlag, die +schneebedeckten Haeupter der Seealpen in der Ferne auf. - Den hoechsten +Punkt hat die Corniche bei La Tourbie, der alten _Trophea_ oder _Turris in +via_, etwa 500 Meter ueber dem Meere erreicht. Die Corniche folgt der alten +roemischen Strasse; Napoleon I. war es, der sie im Jahre 1805, so wie sie +heute ist, ausbauen liess. Jetzt ist die Tourbie sogar durch eine +Zahnradbahn mit Monte Carlo verbunden. Einst lief hier die Grenze, welche +Gallien von Italien schied. Der weit sichtbare, aus maechtigen Truemmern +aufsteigende Thurm, der als Thurm des Augustus bekannt ist, trotzt noch +immer der Zeit. Mit seinen zackigen Zinnen, erst im vierzehnten +Jahrhundert erbaut, ging er aus den Quadern des gewaltigen Denkmals +hervor, das hier der Senat und das roemische Volk dem Octavian errichten +liessen, als die Schlacht bei Actium ihn zum Herrn der Welt machte. Plinius +hat uns die Inschrift bewahrt, welche das Denkmal auf seinen vier Seiten +trug. Ausser der Widmung an den _Caesar Imperator_ standen da die Namen von +vierundvierzig Alpenvoelkern verzeichnet, welche unter roemisches Joch +gebeugt worden waren. Ein Standbild des Kaisers kroente das Denkmal, das, +alter Schilderung nach zu urtheilen, grossartig gewesen sein musste. +Trotzdem schonten es die spaeteren Zeiten nicht. Die Longobarden begannen +seine Zerstoerung. Die Saracenen gestalteten es zur Festung. Dann schoepften +Jahrhunderte lang die Bewohner von La Tourbie aus den Truemmern, wie aus +einem Steinbruch, die Steine zum Bau ihrer Kirche und ihrer Haeuser. Im +zwoelften Jahrhundert holten die Genueser hier Marmor zum Schmucke ihrer +Bauten, und was dann noch verblieb, wurde am Hochaltar in der alten +Kathedrale von Nizza verwandt. - Von La Tourbie aus sieht Monte Carlo mit +all seinem Glanz und Elend nur wie ein unschuldiges Kinderspielzeug aus. +An den Ernst des Lebens wird man aber auch in dieser Hoehe durch alle die +Festungswerke gemahnt, welche Frankreich auf den Berggipfeln errichtet +hat. Selbst der hoechste Berg ueber Monte Carlo, der 1150 Meter hohe +Mont-Agel, dessen Gipfel weithin das ganze Land beherrscht, hat jetzt +einen Kranz von Redouten erhalten. + +Als Glanzpunkt der Corniche erscheint mir die Stelle, an welcher Eza auf +schroffem Fels, mitten in der Landschaft, emportaucht. Welche gewaltige +Kraft war noethig, um in so schwindelnder Hoehe, so unvermittelt zwischen +Himmel und Erde, aus maechtigen Quadern Burgen zu erbauen! Von Abgruenden +umgeben, vor jeder Ueberraschung sicher, haben nach einander nizzardische +und piemontesische Geschlechter in dieser Burg geherrscht. Armselige +Haeuser suchten Schutz an den befestigten Mauern, und auch heut noch stehen +sie da und draengen sich um die zerfallenen Ruinen. Die alte Pracht +verschwand von dieser Staette: das Elend ist geblieben. Von aussen aber +vergoldet es die strahlende Sonne des Suedens und hebt den stolzen Felsen +majestaetisch ab gegen den blauen Hintergrund des Meeres. + +Nizza wird immer groesser, verliert den urspruenglichen, italienischen +Charakter, nimmt ganz denjenigen einer eleganten, cosmopolitischen Stadt +an und amuesirt sich ohne Unterbrechung. Endlos folgen im Winter Redouten, +Blumenschlachten, Regatten, Pferderennen auf einander. Wie eigen dieser +Trieb zum Vergnuegen, der sich hier auch der einheimischen Bevoelkerung +bemaechtigt hat! Denn kaum hat ein Ort gleich schwere Schicksale im Laufe +der Zeiten erlebt. Unzaehlige Male wurde die Stadt gepluendert und verwuestet +durch Gothen, Longobarden, Saracenen und Provencalen. Frankreich eroberte +sie wiederholt, um sie zu verlieren und wieder zu gewinnen. Sie wurde von +der Pest heimgesucht, durch starke Kaelte ihrer Oliven- und Orangenbaeume +mehrfach beraubt, von afrikanischen Heuschrecken haeufig ueberfallen. Daher +vielleicht der Leichtsinn, der sich seiner Bevoelkerung bemaechtigt hat und +der den Grund dazu legte, dass Nizza zu einer Metropole der schalen +Vergnuegungen aufwuchs. Mein Ziel war Nizza nicht, vielmehr das Cap +d'Antibes, ein Ort, den ich schon vor vielen Jahren liebgewonnen hatte. +Ein Aufsatz von George Sand, in der "_Revue des deux mondes_" vom Jahre +1868, machte mich mit den Schoenheiten dieses Vorgebirges zuerst bekannt. +George Sand besuchte auf demselben den schoenen Garten des hervorragenden +franzoesischen Botanikers Thuret und war von der Aussicht ganz hingerissen, +die man von dort genoss. Dass das Cap trotzdem so unbeachtet blieb, haengt +mit seiner exponirten Lage zusammen, die es zum Aufenthaltsorte fuer +Lungenleidende wenig geeignet macht. Das Cap ist in das Meer weit +vorgeschoben und daher den Winden ausgesetzt; auch sieht man von demselben +die Schneealpen, und ist demgemaess auch nicht gegen den kalten Luftstrom +geschuetzt, der von denselben kommt. Auch fehlte es am Cap bis vor Kurzem +an einem guten Unterkommen, das den Reisenden zum laengeren Bleiben haette +einladen koennen. - Ich halte das Cap d'Antibes fuer einen der Glanzpunkte +der Riviera. Wer dessen Herrlichkeit in ganzer Fuelle gleich geniessen will, +der besteige den Huegelruecken, der die Seelaterne und das bescheidene +Kirchlein _Notre-Dame de Bon-Port_ traegt. Der Anblick, den man dort bei +klarem, sonnigem Wetter geniesst, ist geradezu ueberwaeltigend. Das Cap +d'Antibes setzt sich so weit fort in das offene Meer, dass man von ihm aus, +wie von einem Schiffe, das Land ueberblickt. Es trennt den Golf Jouan von +der Baie des Anges und beherrscht so gleichzeitig die beiden Buchten. Im +Westen wird das Bild von dem Esterel-Gebirge abgeschlossen, das in reicher +Gliederung ganz unvermittelt aus dem Meere aufsteigt. Das Esterel erinnert +in seinen Umrissen an das Siebengebirge, den Stolz unseres Rheinlandes, +was sich aus dem vulkanischen Ursprung beider Gebirgszuege erklaert. Das vom +Cap d'Antibes eine Stunde weit entfernte Cannes wird durch die Landenge +der Croisette verdeckt, frei liegt hingegen vor ihm im Meere die +Lerinische Insel St. Marguerite. Deutlich erkennt man auf ihr das Fort, in +welchem einst der mysterioese "_homme au masque de fer_" und neuerdings +Bazaine eingekerkert waren. Es folgt an der Kueste ein Ort auf den andern. +Zunaechst das Staedtchen Golfe Jouan, in dessen wohlgeschuetztem Hafen das +franzoesische Mittelmeer-Geschwader liegt. Zahlreiche Villen und Gaerten +decken die gruenen Huegel, die sanft gegen das Meer abfallen. Nach Suedwesten +hin streckt das Cap d'Antibes noch einen Seitenarm in die Fluthen, und +dieser traegt ein kleines Fort und das Grand Hotel. Gegen Sueden verliert +sich der Blick in dem weiten Meer; gegen Osten kann er der Kueste bis +jenseits Bordighera folgen, wo diese endlich in dem Blau der Ferne +schwindet. Im Halbkreis reihen sich an der Bai des Anges die Haeuser von +Nizza aneinander und versuchen es auch, die angrenzenden Huegel zu +erklimmen. Im Vordergrund zeichnet sich grell das alte Antipolis, noch im +mittelalterlichen Gewande, von steilen Mauern und Laufgraeben umgeben und +von dem malerischen Fort Carre beherrscht, das es zu Vaubans Zeiten +erhielt. Nach Norden thuermen sich Berge auf Berge, um endlich in den +schneebedeckten Alpen ihren verklaerten Abschluss zu finden. So zeigt dieses +Bild all das Erhabenste wieder vereinigt, was die Natur uns zu bieten +vermag. Und wie wirkungsvoll zugleich ist der Gegensatz zwischen der +unbegrenzten Flaeche des Meeres und den bewegten Umrissen der +himmelstuermenden Bergriesen; wie zart vermittelt die azurne Farbe des +Wassers und das matte Gruen der Kueste, wie schroff abgesetzt das glaenzende +Weiss der Schneefelder von dem dunkeln Blau des Himmels! Wie athmet man +frei in dem weiten Raum, welchen der Blick hier umfasst; wie fuehlt man sich +gelaeutert durch die hehren Bilder, die sich in der Seele spiegeln! + +Das kleine Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port ist mit manchem _ex voto_ +geschmueckt. Ringe und Ketten von Schiffen, kleine aus Holz geschnitzte +Kaehne, die an den Waenden haengen, deuten den Dank Jener an, denen es +gelang, sich aus stuermischer See zu erretten. Am 8. Juli eines jeden +Jahres ziehen die Schiffer von Antibes barfuss den Huegel hinauf und holen +das Standbild der Mutter Gottes herab, um es in gleichem Aufzuge am +naechsten Sonntag von Antibes wieder hinauf zu tragen. + +Ueber das Grand Hotel du Cap d'Antibes bildete sich ein ganz eigener +Mythos. Es hiess, de Villemessant, der einst so bekannte Redacteur des +"Figaro", haette den Bau veranlasst, um ein Heim fuer Schriftsteller und +Kuenstler zu schaffen. Dieselben sollten dort vereint ihren Arbeiten +obliegen und durch die herrliche Umgebung zu bedeutendem Schaffen angeregt +werden. Dieser Mythos war aber nur eine "_Blague_", durch entsprechende +Zeitungsartikel veranlasst und durch eine "Expedition" grossgezogen, die die +Redaction des "Figaro" in diese Gegend unternahm. Auch scheint das +treibende Motiv nur das gewesen zu sein, eine neue Station an der Riviera +zu entdecken, von gleicher Rentabilitaet wie das rasch aufbluehende Cannes. +Man wollte es Lord Brougham nachmachen, von welchem der Reisebericht des +"Figaro" vom 25. April 1867 erzaehlt, dass er die Stadt Cannes entdeckt habe +- entdeckt insofern, als er dort Grundstuecke zu 5 Sous den Meter vorfand, +die sich bald zu 60 Francs verkauften. Der "Figaro" liess es aber bei den +schoenen Plaenen bewenden, und die projectirte "Villa Soleil" kam nicht zu +Stande; wohl aber liess ein Russe, der das Cap d'Antibes schon bewohnte, +sich bestimmen, das grosse Hotel du Cap zu erbauen. Das Unternehmen +missglueckte, ein Paechter folgte dem andern, bis endlich das Haus +geschlossen wurde. Erst jetzt, wo die Zahl der Reiselustigen so bedeutend +zugenommen hat, stellen sich guenstigere Bedingungen fuer das Unternehmen +ein. Das Hotel kam in sorgsame und geschickte Haende und wird sich +voraussichtlich weiter gut entwickeln. Seine Lage ist einzig schoen. Aus +den Fenstern der Vorderseite hat man den vollen Blick auf den Golfe Jouan +und das Esterel-Gebirge, waehrend die Fenster der Rueckseite nach den +schneebedeckten Alpen schauen. Ein grosser Garten umgibt das Gebaeude und +reicht bis zum Meer hinab. Er verliert sich in dem duftigen mediterranen +Gestruepp, und wo dieses aufhoert, setzen nackte, zerrissene Felsen die +schmale Landzunge fort. Unaufhoerlich waelzt das Meer seine Wogen gegen +diese Felsen, und heftiger Sturm jagt den Schaum der Wellen ueber dieselben +hinweg. In tausend Klippen sind die steilen Abhaenge des Caps zerrissen, +bilden phantastische Stufen, Grotten, Buchten und Verstecke, und zu jeder +Tagesstunde laesst sich an dem jaehen Absturz eine Stelle finden, an der man, +vor der Sonne und meist auch vor dem Winde geschuetzt, mit einem Buche in +der Hand, sich niederlassen kann. Gelesen wird freilich kaum, denn die +blauen Wellen schlagen fort und fort gegen die Steine und stoeren durch ihr +Plaetschern. Einmal beruehren sie den Fels nur sacht, so dass man sie kaum +hoert, dann wieder schwellen sie an und plaudern so laut, als wollten sie +vernommen werden. Zuweilen rollt die schwellende Fluth dicht heran, dann +flieht sie wieder, und unwillkuerlich folgt das Auge ihr nach. So lassen +sich Stunden auf Stunden vertraeumen an dem steinigen Strande von Antibes, +und unbemerkt verfliegt ein Tag nach dem andern. Die Nerven ruhen aus und +sammeln neue Spannkraft fuer die gesteigerten Anforderungen der Zeit. - +Ebenso wonnig wie auf seeumspuelten Felsen lagert es sich zwischen den +duftenden Straeuchern des Strandes mit dem blauen Zeltdach des Himmels ueber +dem Haupte und einem begrenzten Stuecke azurnen Meeres zur Seite. Man hat +eine Decke ueber Myrten oder Rosmarinstraeucher ausgebreitet und ruht nun +wie auf einem Polster. Gewiss gehoert es mit zu den hohen Reizen dieses +bevorzugten Ortes, dass man aus dem Garten unmittelbar in die volle, reine, +unverfaelschte Natur gelangen kann. Denn die wohlriechenden Straeucher, die +hier den Strand bedecken, sind nicht von Menschenhand gepflanzt. Sie +bilden einen Vegetationstypus, der fuer das Mittelmeergebiet bezeichnend +ist und den Namen _Maquis_ fuehrt. Immer mehr weichen diese Maquis der +Cultur, namentlich an dieser stark bevoelkerten Kueste. Ueber groessere +Flaechen ausgedehnt, findet man sie hier noch im Esterelgebirge. In voller +Prachtentfaltung treten sie dem Reisenden erst auf Corsica entgegen. + +Der Charakter dieser Maquis wird durch immergruene Straeucher bestimmt. +Selbst eine Anzahl baumartiger Gewaechse nimmt in den Maquis Strauchform +an. Bei der grossen Mehrzahl dieser Straeucher ist die Laubentwickelung +eingeschraenkt worden, ja zum Theil geschwunden. Das Alles befaehigt diese +Pflanzen, langanhaltende Duerre auszuhalten. Im Fruehjahr, wenn die noethige +Bodenfeuchtigkeit zur Verfuegung steht, kommen sie gleichzeitig zur Bluethe +und zaubern dann, auf sonst duerrem Boden, ueppige Gaerten hervor. Es walten +in den Maquis die aromatischen Gewaechsarten vor. Aus jedem Strauch, den +man streift, befreit man ganze Stroeme von Wohlgeruechen. Dem Boden, den man +tritt, entlockt man eine Fuelle fluechtiger Essenzen: Rosmarin, Thymian, +Lavendel, Cistusrose, Myrte und Pistacie mischen ihre Duefte und erfuellen +mit ihnen die Luft. Die Faerbung der Maquis ist eine braeunlich-gruene, und +erst die Bluethen beleben den einfoermigen Ton. Sie treten auf in +massenhafter Fuelle. Das zarte Blau der Rosmarinbluethe gesellt sich dann +dem grellen Gelb der Ginster, die helle Farbe der Cistroeschen dem dunkeln +Violett der Lavendel. Auf Corsica scheinen die Abhaenge ein einziger +Bluethenstrauss um jene Zeit zu sein, und der Wanderer wird von dem Duft +berauscht, der diesem Bluethenmeer entstroemt. Nicht ohne Grund behaupten +die Schiffer, dass man Corsica im offenen Meere schon aus weiter Ferne +*riechen* koenne, und nach jenem wuerzigen Duft seiner Heimathsinsel sehnte +sich auch Napoleon zurueck auf St. Helena, vor seinem Ende. + +Was noch von den Maquis am Cap d'Antibes erhalten blieb, ist freilich +wenig, und doch kann man selbst auf jener kleinen Landzunge vor dem Garten +des Grand Hotel fast alle die Arten zusammenlesen, welche den Typus der +Maquis bestimmen. Unter den strauchartigen Formen faellt zunaechst der +Rosmarin durch seinen Duft, seine blauen Lippenbluethen und seine steif +linealen, unterseits weiss-filzigen Blaetter auf. Man begegnet ihm dort +ueberall. Das wohlriechende Oel verfluechtigt sich, wenn man seine Blaetter +zerreibt. Diese Pflanze zieht man auch bei uns in den Gaerten, besonders +fuer die Bienen, deren Honig sie ein feines Aroma verleiht. Ihre +Verbreitung noerdlich von den Alpen wurde durch das Capitulare Karl's des +Grossen 812 gefoerdert, welcher die Anpflanzung des "_ros marinus_" in den +kaiserlichen Gaerten befahl. Im Alterthum hat man den Rosmarin viel zum +Winden von Kraenzen benutzt und schmueckte mit diesen die Bildsaeulen der +Laren. Im Mittelalter bemaechtigte sich die Symbolik dieses immergruenen, +duftigen Gewaechses, und es wurde zum Sinnbild der Liebe, der Treue und des +Todes. Als Sinnbild der Treue gilt es auch bei Shakespeare, der die +wahnsinnig gewordene Ophelia sagen laesst: "Da ist Vergissmeinnicht, das ist +zum Andenken: ich bitte Euch, lieber Herr, gedenket meiner - und da ist +Rosmarin, das ist fuer die Treue." + +Neben dem Rosmarin steht am Strande von Antibes ueberall der Thymian. Er +haelt sich am Boden, ueber und ueber bedeckt mit kleinen rosafarbigen +Bluethen. Etwas hoeher steigt an reich verzweigten Staemmchen ein anderer +Lippenbluethler auf, die _Lavandula Stoechas_, und streckt ihre violetten +Bluethenaehren zwischen den schmalen, weichfilzigen Blaettern empor. - +Zahlreich draengen sich aneinander die Ciststraeucher. Sie erreichen hier +kaum ueber einen halben Meter Hoehe und tragen an reich verzweigten Aesten +ihre braeunlich-gruenen, klebrigen Blaetter. Die Art mit kleineren weissen +Bluethen ist _Cistus monspeliensis_; die andere mit weit groesseren +rosenrothen Bluethen, _Cistus albidus_. Die weissen wie die rosenrothen +Cistroeschen sind aeusserst zart, in der Knospe zusammengeknittert, mit +zahlreichen gelben Staubfaeden in der Mitte verziert. Sie welken aeusserst +rasch, wenn man sie pflueckt, doch entfalten sich an Zweigen, die man in +Wasser stellt, alsobald neue Bluethen. Die Ciststraeucher tragen nicht wenig +dazu bei, den Maquis von Antibes einen charakteristischen Geruch zu +verleihen. Das Gummiharz, welches einige suedeuropaeische Cistus-Arten +ausschwitzen, war unter dem Namen Ladanum oder Labdanum frueher ein +beruehmtes, von griechischen Aerzten viel benutztes Heilmittel. Heute wird +es nur noch zum Raeuchern verwendet. - Wer aufmerksam den Boden zwischen +den Cistroeschen durchsucht, kann ein eigenthuemliches Gewaechs dort finden, +einen Parasiten, der aus den Wurzeln der Cistroeschen seine Nahrung zieht. +Er faellt durch seine brennend gelb-rothe Faerbung auf und heisst _Cytinus +hypocistis_. Gruene Blaetter fehlen ihm; er hat sie eingebuesst, da er sich +nicht mehr selbstaendig zu ernaehren braucht. Die Rafflesiaceen, zu denen +dieser Cytinus gehoert, sind im Uebrigen Tropenbewohner. Sie leben +parasitisch und entwickeln dabei zum Theil riesig grosse Bluethen. Die +groesste Bluethe der Welt wird von einer solchen Rafflesiacee, der _Rafflesia +Arnoldi_, erzeugt, welche auf Sumatra den Wurzeln gewisser Cistus-Arten +aufsitzt. Diese Bluethen koennen einen Meter im Durchmesser erreichen. - Den +Cistroeschen nahe verwandt sind die Sonnenroeschen, Helianthemum-Arten, die +auch unserer Flora nicht fehlen und in den Maquis hier und dort mit ihren +zarten schwefelgelben Bluethen am Boden hervorschauen. - Wesentlich hoeher +als selbst die Cistroeschen wird ein stark bewaffneter Strauch mit gelben +Schmetterlingsbluethen, die _Calycotome spinosa_. Diese verdient es wohl, +eine nahe Verwandte der _Genista acantoclada_, jener Tartarusgeissel zu +sein, deren wir frueher erwaehnten. Sie ist mit dornartigen, scharfen +Seitenaesten so dicht besetzt, dass man sie sorgfaeltig in den Maquis meiden +muss. Weniger unzugaenglich ist die nah verwandte Besenpfrieme (_Spartium +junceum_), ein fast blattloser Strauch mit rutenfoermigen gruenen Aesten und +grossen gelben Bluethen. Aus diesen Binsenpfriemen werden Koerbe, Netze, ja +selbst Schuhe geflochten, der Bast wird zum Binden benutzt, auch eine Art +Leinwand aus ihm dargestellt. + +Sehr haeufig in den Maquis ist die Mastix-Pistazie (_Pistacia Lentiscus_). +Hier tritt sie nur als Strauch auf, waehrend sie unter anderen Bedingungen +auch zum Baume emporwachsen kann. Einen solchen schoenen Lentiskenbaum, mit +dichter, schirmfoermiger Krone, kann man unweit vom Hotel, im Garten einer +Villa von der Strasse aus bewundern, die nach Golfe Jouan fuehrt. Die +dunkelgruenen, paarig gefiederten, lederartig zaehen, oberseits glaenzenden +Blaetter sind fuer _Pistacia Lentiscus_ charakteristisch; es zeichnet sie +ausserdem ein besonderer harziger Geruch aus. Die an sich sehr kleinen +Bluethen fallen schon aus der Ferne auf, weil sie in dunkelrothen Trauben +bei einander stehen. Dieses Gewaechs liefert den altberuehmten Mastix, doch +kann derselbe nicht aus dem Strauchwerk der Maquis, sondern nur aus +sorgsam cultivirten Mastixbaeumen gewonnen werden. Diese gedeihen am Besten +auf der Insel Chios und haben dieser Insel sogar den Namen der +Mastix-Insel verschafft. Das Harz, welches aus kuenstlich ausgefuehrten +Einschnitten, doch auch von selbst aus den Zweigen hervortritt, findet +seine hauptsaechliche Verwendung im Orient, wo es gekaut wird, aehnlich wie +die Blaetter des Betelpfeffers in Indien. Es heisst, dass Mastix das +Zahnfleisch festige und den Athem parfuemiere. Vornehme tuerkische Frauen +bringen den ganzen Tag mit Mastixkauen zu. Bei uns wird wohl auch +Zahnpulver aus dem Mastix bereitet, vornehmlich aber dient er zum Raeuchern +und zur Firnissbereitung. + +Fremdartig muthet den Nordlaender das Wolfsmilchbaeumchen, _Euphorbia +dendroides_, an, da wir doch unsere Wolfsmilcharten nur zu sehr +bescheidener Hoehe emporwachsen sehen. Diese Euphorbia-Baeumchen koennen an +der Riviera zwei Meter Hoehe erreichen und Staemme bilden, die man mit +beiden Haenden kaum zu umfassen vermag. Die Pflanze gabelt sich fort und +fort waehrend ihres Wachsthums und bildet eine gewoelbte Scheindolde, die +durch ihre gelbe Faerbung von Weitem schon in die Augen faellt. Sie ist eine +der eigenartigsten Pflanzenformen der Riviera. Man findet sie in den +Maquis und auch sonst durch das Land zerstreut. Schon Dioskorides und +Plinius war sie aufgefallen. Zur Zeit der Sommerduerre wirft sie ihre +Blaetter ab und steht kahl da, wie unsere Gewaechse im Winter. Das Volk an +der Riviera streut diese Wolfsmilchart ins Wasser, um die Fische zu +betaeuben, und ueber einen aehnlichen Brauch wird auch aus Griechenland +berichtet. - Bedeutend steht diesem Wolfsmilchbaeumchen an Groesse eine +andere Wolfsmilchart nach, die in den Maquis sich als niedriger Busch am +Boden haelt, die _Euphorbia spinosa_. Sie ist gelb gefaerbt, wie die grosse +Art und fuehrt den Namen nach den abgestorbenen Zweigen, die in harte +Spitzen auslaufen. - An ihren fleischigen, kleinen, dicht gedraengten +Blaettern, ihren weissbehaarten, ueberhaengenden Zweigen, den kleinen, gelben, +unscheinbaren Bluethen ist eine sonst seltene Thymelaeacee, die _Passerina +hirsuta_, kenntlich. Auch die baumartige Heide, _Erica arborea_, fehlt +nicht in den Maquis am Cap. Sie schmueckt im Fruehjahr ihre Zweige so dicht +mit den kleinen glockenfoermigen Bluethen, dass sie aus der Ferne ganz weiss +erscheint. Der Erdbeerbaum (_Arbutus Unedo_) ist hier auch, doch nicht +zahlreich, vertreten; seine erdbeerartigen Fruechte werden auf den Maerkten +der Riviera feil geboten. Im Aussehen gleicht er der Heide kaum, entstammt +aber doch derselben Familie. Die Uebereinstimmung liegt nicht im Laub, wohl +aber in den glockenfoermigen Bluethen, die im Uebrigen groesser sind und in +roethlich weissen Rispen abwaerts haengen. Die immergruenen Blaetter sind +eifoermig, am Rande stark gezaehnt; sie sehen wie Lorbeerblaetter aus. Die +Fruechte reifen sehr langsam; man findet sie oft, mit neuen Bluethen +zusammen, noch am Baume. Sie schmecken suesssaeuerlich, doch fade, daher auch +Plinius ihren Namen "_Unedo_" von "_unum tantum edo_" (nur eine esse ich) +ableitete. Dem roemischen Volke dienten Arbutuszweige als Zaubermittel. Mit +ihnen wurden dreimal die Pfosten und Schwellen der Thueren beruehrt, um +vampyraehnlichen Geschoepfen den Eingang zu wehren, die des Nachts den +Kindern in der Wiege das Herzblut aussaugen sollten. Ein Zweig des +glueckverheissenden Weissdorns im Fenster des Schlafgemachs hielt auch die +Unholde ab. + +Ueberall draengt sich in die Maquis die immergruene Steineiche, _Quercus +Ilex_, ein. Sie bleibt dort strauchartig. Ihre eifoermigen, vorn +zugespitzten Blaetter sind an der Unterseite grau und an diesem Merkmal von +den benachbarten Straeuchern zu unterscheiden. Die scharfe Zaehnelung des +Blattrandes kann auch fehlen. Ausserhalb der Maquis ist die immergruene +Steineiche ein maechtiger Baum. Aus ihrem Laube wurde im alten Rom die +Buergerkrone geflochten, von der Plinius sagt, sie ueberstrahle alle anderen +Kraenze, selbst die kostbarsten, an Wuerde. An einzelnen Straeuchern der +Maquis klettert eine zarte Spargelart (_Asparagus acutifolius_). Der +holzige, biegsame Stengel, der an abstehenden blattlosen Seitenaestchen +kleine nadelfoermige Zweige traegt, welche die Stelle der Blaetter vertreten, +wird viel zu Guirlanden benutzt, und oefters findet man an der Riviera +Spiegel und Kronleuchter der Wohnraeume von solchem Spargelkraut umwunden. +Die jungen Triebe dieser Asparagus-Art geniesst man wie unseren Spargel. In +Sicilien werden in aehnlicher Weise als "Spargel" die jungen, +wohlschmeckenden, schon im Alterthum geschaetzten Triebe des stechenden +Maeusedorns (_Ruscus aculeatus_) verzehrt. + +Zu den Charakterpflanzen der Maquis gehoert ferner der Phillyreastrauch +(_Phillyrea angustiflora_), daher ich ihn nicht uebergehen darf. Er +erreicht ein bis zwei Meter Hoehe und ist durch seine auswaerts gerichteten, +lineal-lanzettlichen, lederartigen Blaetter und die kleinen, weisslichen, in +sehr kurzen Trauben zusammengedraengten Bluethen ausgezeichnet. Dieser +Strauch gehoert zu derselben Familie wie der Oelbaum, dem er auch ein wenig +aehnelt. - Botanisch sehr interessant als Vertreter der Cneoraceen, ist ein +Strauch mit glaenzenden gruenen, lanzettfoermigen Blaettern und kleinen, +gelben Bluethen, die zu zwei bis drei an den Enden der Zweige stehen: +_Cneorum tricoccum_. Seiner eleganten Tracht wegen wird er auch in den +Gaerten der Riviera vielfach cultivirt; man sieht ihn sogar in den so +raffinirt gehaltenen Casinogaerten von Monte Carlo einen, wenn auch +bescheidenen, Platz einnehmen. + +Die mit grossen, rothfarbigen Scheinbeeren beladene Wachholderart der +Maquis ist _Juniperus oxycedrus_. Ihre Scheinbeeren werden im Orient und +in Griechenland ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt. +Das Holz widersteht sehr gut der Luft und den Wuermern und diente im +Alterthum vielfach zur Darstellung von Goetterbildern. - An offenen Stellen +strebt vom Boden empor _Globularia Alypum_ und traegt an den Enden der +Zweige schoene blaue Bluethenkoepfchen. - Wird der Boden so unfruchtbar, dass +er andere Gewaechse nicht zu ernaehren vermag, so deckt ihn in dichtem Rasen +die _Caldonia alciornis_, eine graue Flechte, die auch sonst ueber Europa, +ueber Nordafrika, Nordamerika und einen Theil von Asien verbreitet ist. + +Ueberall in den Maquis von Antibes begegnen wir der Myrte und der +Strauchform des Oelbaums. Der Oelbaum passte sich wie die Steineiche den +Maquis an und wurde zum Strauch. Er veraenderte sich so stark, dass ihn +schon die Alten in dieser Form als Oleaster unterschieden. Der Oleaster +wie die Myrte wagen sich ganz besonders weit an dem Strande vor. Sie +trotzen dem heftigsten Seewind und werden von ihm so abgerundet, als haette +sie Menschenhand geformt. Ein Theil ihrer Zweige ist an der Seeseite kahl, +zuweilen wirklich abgestorben. Die Zweige des Oelbaums, ein Sinnbild des +Friedens, nehmen am Oleaster, in so exponirter Lage, dornartige Gestalten +an. Sie spitzen sich zu, ragen so als scharfe Waffen an der Seeseite vor +und machen den Strand dort unzugaenglich. An der Landseite bewahrt die +Pflanze gleichzeitig ihren friedlichen Charakter. Dieser unmittelbare +Einfluss der Medien kommt auch in der Ausbildung der Blaetter zum Ausdruck, +die an der Seeseite sehr klein bleiben, an der Landseite weit bedeutendere +Groesse erreichen. - Bis zuletzt begleitet die Straeucher der Maquis am +Strande die "italienische Stechwinde" (_Smilax aspera_) und findet Schutz +zwischen ihren Zweigen. Blaetter und Stengel dieser Schlingpflanze sind mit +Stacheln besetzt, die ihr das Klettern erleichtern. Im Fruehjahr ist die +Stechwinde mit rothen Fruchttrauben geschmueckt. Nach Bluethen muss man im +Herbst suchen. Diese duften sehr lieblich; daher wurde bluehende Stechwinde +im Alterthum, mit Epheu in Kraenze gewunden, oft bei Bacchusfesten +verwendet. + +Diese Aufzaehlung mag genuegen, um Denjenigen, der Freude hat an den +Erscheinungen der Pflanzenwelt, in das Leben der Maquis einzufuehren. Er +wird bald die einzelnen Pflanzenformen unterscheiden lernen, sie beim +Wiedersehen als alte Bekannte begruessen und innerhalb dieser duftigen +Umgebung sich um so heimischer fuehlen. + +Auf dem schmalen Vorsprung, der, den Stuermen preisgegeben, hier noch +einige hundert Meter weit das Cap fortsetzt, sieht man schliesslich alles +Pflanzenleben schwinden. Immer haerter wird der Kampf, den die Gewaechse in +so exponirter Lage zu bestehen haben, und sein Einfluss macht sich in ihrem +Aussehen kenntlich. Da alle ueber die Bodenflaeche sich erhebenden Theile +der Pflanze der Zerstoerung ausgesetzt sind, sucht diese aus jeder +Vertiefung des Bodens Vortheil zu ziehen. Sie breitet sich flach an der +Erde aus, erhaelt knorrige, kriechende Stengel, eine ganz abenteuerliche +Gestalt. Auffallend aehnlich wird das Aussehen solcher Gewaechse demjenigen +der Alpenpflanzen. Wir koennten, dem Vegetationsbilde nach, uns einige +tausend Meter hoch ueber dem Meeresspiegel denken, reichten die blauen +Wellen nicht fast bis an unsere Fuesse. Die verkrueppelten Gewaechse der +Maquis weichen allmaelig den Strandpflanzen. Auch diese finden alsbald nur +noch Schutz in Spalten oder hinter den Steinen. Dem nackten Felsen haftet +aber noch an vielen Stellen, in Gestalt runder Flecke, eine gelbe Flechte, +die _Lecidea_, an. Zuletzt dringt das Meer von allen Seiten zwischen die +zerrissenen Felsen ein, und wir stehen ganz anderen Vertretern des +Pflanzenreichs gegenueber, den form- und farbenreichen Seealgen, den +Bewohnern des Meeres. + +In vollem Contrast tritt uns dann bei der Rueckkehr die Fuelle suedlicher +Pflanzenformen in dem Garten des Hotels entgegen. Vor dem Hause stehen +Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) von ganz seltener Schoenheit. +Sie bilden kugelige Straeucher von fast zwei Meter Hoehe und sind mit +Tausenden strahliger Bluethenkoepfchen, wie mit weissen Sternen besetzt. Ueber +die Mauern herab haengt mit ihren dicken, fleischigen Stengeln und Blaettern +die suedafrikanische Mittagsblume (_Mesembryanthemum acinaciforme_), die +ihre grossen rothen Bluethen nur bei Sonnenschein entfaltet. In +unmittelbarer Naehe des Hauses ist der so ueberaus grosse Garten wohl +gepflegt, weiterhin aber sich selbst ueberlassen. Da entwickelt sich denn +ein merkwuerdiger Kampf um Raum, um Licht und Nahrung zwischen den +Gewaechsen aller Zonen, welche der Zufall hier zusammenfuehrte. Die +australischen Casuarineen werden von dem amerikanischen Pfefferbaum +bedraengt, das japanische Pittosporum wehrt sich gegen die mediterrane +Tamariske. Siegreich dringen aber gegen sie alle die beiden Kieferarten +vor, denen wir ueberall an der Riviera begegnen, die zartnadelige +Aleppokiefer (_Pinus halepensis_) und die derbnadelige Strandkiefer +(_Pinus Pinaster_) und vermitteln den Uebergang zu den Maquis. + +Zwischen den Kiefern am Cap begegnet man, wie auch sonst an der Riviera, +nur zu haeufig einer Processionsraupe, der Raupe des +Pinien-Processionsspinners, _Cnethocampa Pityocampa_. Diese schwarzen, +braun gestreiften Raupen ziehen im Gaensemarsch zu Hunderten ueber die Wege. +Die eine beruehrt die andere, und sie bilden so zusammen eine lange Schnur, +eine lebendige Kette, die sich als Ganzes vorwaerts bewegt. Unterbricht man +die Kette, so bleibt der vordere Abschnitt derselben stehen, der hintere +Abschnitt rueckt nach. Hin und her tastend sucht die erste Raupe dieses +hinteren Abschnittes wieder nach dem Anschluss. Gelang es ihr, die hintere +Raupe des vorderen Abschnittes zu erreichen, so setzt sich die ganze Kette +wieder in Bewegung. Diese Raupen richten grossen Schaden an Kiefern und +auch Pinien an, sie berauben sie oft vollstaendig ihrer Nadeln. Des Tags +halten sie sich in jenen grossen grauen Gespinnsbeuteln auf, die an Kiefern +und Pinien so in die Augen fallen, und in der Sonne seidig glaenzen. Des +Nachts verlassen sie das Nest, um auf Futter auszugehen. Jene Raupen, +denen man am Boden begegnet, suchen nach einer passenden Stelle, um sich +in der Erde zu verpuppen. Man darf weder die Raupen noch ihre Nester +beruehren, da die in die Haut eindringenden Haare derselben gefaehrliche +Entzuendungen veranlassen. Daher auch Leute, welche die Nester von den +Baeumen entfernen, um sie zu verbrennen, sich gegen den Wind stellen und +auch sonst sehr vorsichtig zu Werke gehen. Als bestes Verfahren gilt, +Petroleum in die Nester zu giessen, ohne sie zu entfernen. - Die haengenden +Nester dieser Raupen und ihre langen Zuege sind so auffaellig, dass sie wohl +jeder Reisende an der Riviera bemerkte. Nur wenige werden hingegen +Gelegenheit haben, die Spinner kennen zu lernen, die sich aus den +verpuppten Raupen entwickeln. Sie sind auch weder auffaellig noch schoen, +grau, mit einigen dunkleren Flecken und Streifen. Sie fliegen im +Hochsommer, legen ihre Eier an die Unterseite der Kiefernadeln und +bedecken sie mit duennen silbergrauen Schuppen. + + X. + +Ein Stueck unverfaelschte Maquis bietet uns auch das weite Grundstueck, +oestlich neben dem Hotel. An Sonntagen steht das Thor den ganzen Tag offen, +um den Zugang zu der englischen Kapelle zu ermoeglichen, die sich innerhalb +dieses Grundstuecks befindet. Auch sonst gestattet die Besitzerin gern den +Besuch. Der schoene Garten, der das Wohnhaus umgibt, ist nur wenig +ausgedehnt, der meiste Boden noch in seinem frueheren Zustand. So gelangt +man nach Eintritt in die Besitzung durch immergruene Straeucher, ueppige +Erica-Buesche und maechtige Euphorbien, bis zum Meeresstrande. Dieser ist +hier besonders schoen gestaltet und hat schon manchem Maler als Vorwurf +gedient: Steil aufsteigende und zerrissene Felsen, vom Meere umspuelt, +vielfach an die Faraglioni von Capri erinnernd. Der Besitzer James Close +liebte dieses Stueck Erde so sehr, dass er sich hier begraben liess. Der +Ausblick zwischen den Felsen nach dem Esterel und ins weite Meer ist +grossartig und entzueckend. Auch lauscht man gern dem Rauschen des Wassers, +das sich in den tiefen Felsenspalten hebt und senkt und forscht dem bunten +Leben nach, das hier im Schatten der Steine aus den Tiefen des Meeres zum +Lichte emporsteigt. + + XI. + +Wer am Cap d'Antibes einen Seesturm erlebte, wird den Eindruck nie +vergessen. Fuer das schlechte Wetter, welches er zuvor erleiden musste, wird +er bald durch den Anblick des entfesselten Elements entschaedigt. Ein +starker Wind blaest zunaechst vom Meere aus; das ist Scirocco. Die Luft wird +unendlich klar, und alle Gegenstaende ruecken in die Naehe. Die Umrisse der +Berge sind wie mit Bleistift am Himmel gezogen. Sucht man sich vor dem +Wind zu decken, so empfindet man beklemmende Schwuele. Dann beginnt der +Horizont sich in rothgrauen Dunst zu huellen. Die Macht des Windes laesst +nach, und es truebt sich der ganze Himmel. Bald hoert man grosse Regentropfen +gegen die Scheiben schlagen. Das haelt wohl einige Tage an. Die Temperatur +ist stark gesunken, die Luft bleibt trotzdem drueckend. In den Zimmern +sehnt man sich nach dem warmen Ofen seiner Haeuslichkeit zurueck. Doch schon +am naechsten Morgen wacht man auf, geblendet von dem leuchtenden Blau des +Himmels. Man eilt hinaus und athmet mit voller Brust die erquickende Luft +ein. Noch glaenzen alle Pflanzen von dem frischen Regen, und wie Diamanten +fliessen funkelnde Tropfen von den Blaettern ab. Die Brandung aber stuermt +mit Gewalt gegen die Felsen der Kueste, als wenn sie dieselben +zerschmettern wollte. Weithin vernimmt man das donnerartige Getoese des +Angriffs. Die Spitze des Caps ist nicht zu erreichen, denn die Wellen +fegen darueber hinweg. Fern am Horizont steigt die Welle auf wie eine +geschlossene Mauer; auf ihrem Wege schwellend und wachsend, waelzt sie sich +gegen das Land, um zerschmettert und von weissem Schaum ganz bedeckt wieder +zurueckzurollen. Sie trifft auf eine andere Welle, die ebenso drohend +nahte, und beide sieht man verschwinden. Da wird es ploetzlich still. Ein +Wellenberg ist auf ein Wellenthal gestossen, beide glichen sich aus. Doch +wenn Wellenberge zusammentreffen, dann schwillt die stuermende Woge so +maechtig an, dass sie aechzend sich ueberschlaegt und mit gewoelbtem Ruecken auf +die Felsen wirft. Ungeheuere Wassermengen werden dann in die Luft +geschleudert, und See und Himmel scheinen in demselben Chaos zu +verschmelzen. Mit dumpfem Knall, wie von schwerem Geschuetz, fangen sich +die Wellen in den Grotten, die sie selbst in den Stein sich gruben; wie +ein Jammern und Stoehnen klingt es durch das Cap von den vielen +Wasserfaeden, die sich in den Gaengen zwischen den Felsen verirrten und, in +hastigem Lauf ueber die Steine stuerzend, ihren Weg nach dem Meere suchen. +Von dem anstuermenden Element allseitig umgeben, glaubt man sich fast ins +offene Meer versetzt und ist ganz von dem Schauder des Sturmes ergriffen. +Wie wohlthuend wirkt da zugleich der feste Boden unter den Fuessen! + +Tage vergehen, bevor die Erregung des Meeres sich legt und die weite +Wasserflaeche wieder Ruhe und Frieden athmet. Und taeglich ist es ein +anderes, wenn auch immer das gleiche, und taeglich fesselt es uns von Neuem +und entzueckt unser Auge, dieses goettliche Meer. + + XII. + +Wer am Cap d'Antibes im Bergsteigen sich ueben moechte, bleibt auf den nur +hundert Meter hohen Bergruecken angewiesen, der die Seelaterne und die +_Notre-Dame de Bon-Port_ traegt. Doch sind die Spaziergaenge laengs der +Buchten, an den Abhaengen der Huegel und zwischen den Gaerten so +mannigfaltig, dass man sie taeglich aendern kann. Stets wird man durch eine +neue Aussicht auf die Kueste, das Gebirge, die Schneegipfel der Alpen, +durch malerische Felsgruppen am Strande oder durch besonders schoene +Vegetationsbilder ueberrascht. Selbst die sonst so eintoenige Wanderung auf +einer Landstrasse wird hier zum Genuss. So wenigstens auf der Landstrasse, +die das Cap durchschneidet. Denn diese fuehrt an endlosen Pflanzungen von +Anemonen, Ranunkeln, Goldlack, Levkojen, Tazzetten und Reseda vorbei. +Besonders fesselt das Auge die Pracht der Ranunkeln und Anemonen, die man +schoener und farbenreicher nirgends sehen kann, waehrend der Geruchssinn +zugleich umfangen wird von dem Dufte, der dem uebrigen Bluethenmeer +entstroemt. Zu jenen Bluethen im Felde gesellen sich hier in grosser Zahl +auch die Bluethen der Luefte, die Schmetterlinge. Rothgefleckte Aurorafalter +fliegen rasch vorueber; langsam wiegt sich hin und her der schwarz +gestreifte, gelbe Segelfalter; am meisten faellt aber durch ihre Schoenheit +die Cleopatra auf, ein suedeuropaeischer, schwefelgelber Citronenfalter mit +orangeroth abgetoenten Vorderfluegeln. + +Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die naechsten Maerkte +der Riviera und versendet sie auch in grossen Mengen taeglich nach dem +Norden. Wie gross der Verbrauch an Blumen an der Riviera selbst geworden +ist, wird Jeder beurtheilen koennen, der die Blumenmaerkte der Staedte dort +besuchte und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr nach +dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung angenommen. Thatsaechlich +reicht diese Art Blumencultur an der Riviera nicht ueber 1850 zurueck, +frueher wurden die Bluethen nur zum Zwecke der Parfuemerie gezogen. In der +naechsten Naehe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis nach +Genua; die franzoesische Seite der Riviera ist in einen einzigen +Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei Toulon werden Unmengen +roemischer Hyacinthen gezogen und wandern abgeschnitten nach den nordischen +Staedten, bevor die hollaendische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules +gibt es auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weisse und rothe Nelken. In +der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen und Ranunkeln vor. +Sie zeigen ungeahnte Groesse und seltene Farbenpracht. Nicht minder staunt +man ueber den Umfang, den Nelken, wie der _Dianthus Caryophyllus flore +pleno, var. Marguerite_, hier erreichen koennen: manche Bluethe sieht aus, +als wenn sie ein kleiner Blumenstrauss waere. Zu diesen Pflanzen gesellen +sich die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe _Safrano_ vor, die +auch rauhe Witterung gut vertraegt und selbst im December ihre +Bluethenknospen treibt. Gleich genuegsam sind manche Monatsrosen, die weisse +_Bengal-Ducher_ und die rothe _Bengal-Sanglant_, die demgemaess auch +bevorzugt werden; doch an stark besonnten Mauern und unter Glasdaechern, +die in Cannes und Antibes grosse Bodenflaechen decken, gedeihen die +empfindlicheren Rosen, so auch _Marechal Niel_, _Marie van Houtte_, +_Gloire de Dijon_, _Souvenir de la Malmaison_, _Paul Nabonnand_, _La +France_ und wie sie sonst heissen, jene Rosen, die auch unsere Blumengaerten +im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Bluethen entfalten sich im +Fruehjahr an einem und demselben Tage in Cannes und Antibes, oft ohne dass +noch eine Moeglichkeit vorhanden waere, sie alle zu verwerthen. - In Cannes +steht jetzt auch die _Acacia dealbata_ in schwungvoller Cultur und wandert +nach dem Norden. Ihre runden Bluethenknaeuel, in Traubenform vereint, und +die zart gefiederten Blaetter haben ihr im Handel den Namen Mimose +verschafft. Der Baum waechst erstaunlich rasch, so dass er in fuenf bis sechs +Jahren wohl zehn Meter Hoehe erreicht. Er ist dann schon im Januar mit +gelben Bluethen ueber und ueber bedeckt. Nach Deutschland gelangt viel +_Acacia retinoides_, die runde Bluethenknaeuel wie die andere Art besitzt, +doch einfache lederartige lancettfoermige Blaetter traegt. Eigentlich sind +jene Blattgebilde nicht ganze Blaetter, vielmehr hat der wissenschaftliche +Vergleich gelehrt, dass die Blattflaeche bei diesen Acazien schwand und der +Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche Gebilde +Phyllodien. Auch _Acacia longifolia_, die man viel in nordischen +Blumenlaeden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen. Man erkennt sie +leicht daran, dass ihre Bluethen nicht zu runden Knaeueln, sondern zu +raupenfoermigen Kaetzchen vereinigt sind. Alle diese Acazien bluehen gelb, +sie folgen in der Jahreszeit auf einander, zuletzt kommt _Acacia +cultriformis_, die erst im Maerz an der Riviera im Bluethenschmuck prangt. +Ihre Bluethenstaende sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit, +zugleich rautenfoermig. - Allen Blumensendungen nach dem Norden pflegt man +die ueberall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen vertragen schlecht eine +weite Reise, werden aber an der Riviera selbst in Unmengen verbraucht, +dort auch mit Syrup getraenkt und zu Dragee's verarbeitet. Dann versendet +man auch blaue Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und +weissbluehendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An der Riviera +selbst faellt dem Fremden in den Schaufenstern der Blumenlaeden eine grosse +graue Iris auf, die ganz fein purpurn gesprenkelt ist, eine wahre +Trauerblume, die _Iris Susiana_. Von den grossen weissen oder gelben +Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) werden die Bluethen auch viel +verwandt, besonders die gelben, die als _Etoile d'Or_ bekannt sind. Sie +wandern vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht bis +in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison dauert. Man hat +berechnet, dass von allen diesen Blumen Cannes und Antibes zusammen in +einem Winter fuer mehr als eine Million Francs nach dem Norden versenden; +viel mehr noch wird an der Riviera selbst verkauft. + +Die ueberaus starke Concurrenz veranlasst strebsame Geister, nach immer +neuen "Schoepfungen" fuer den Blumenmarkt zu sinnen. So erschienen ploetzlich +in den Centralhallen von Paris als "Neuheit" *gruene* Nelken. Solche hatte +man in der That bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der +Impressionnisten. Es ergab sich, dass auch diese gruenen Nelken nicht ganz +unverfaelschte Naturproducte waren. Man erhaelt sie, indem man +abgeschnittene weisse Nelken einen ganzen Tag lang, ja selbst laenger, in +eine gruene Farbstoffloesung stellt. Soll der Versuch gut gelingen, so muss +der Stengel innerhalb der Loesung frisch durchschnitten werden. Man kann in +gleicher Weise die eine oder die andere Faerbung erlangen, nur gilt es, +Farbstoffe zu waehlen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am leichtesten +gelingen Rothfaerbungen weisser Bluethen mit Eosin. + +Am Freitag Nachmittag beleben sich ploetzlich die Strassen am Cap. Da kommen +von allen Seiten Equipagen und bringen Besucher nach Elen Rock, dessen +Garten an jenem Tage geoeffnet ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein +oestlich vom Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht +gegen das Meer abfallen. Stufen und Gaenge innerhalb dieser Felsen fuehren +hinunter bis zur Meeresflaeche. Der Garten bietet herrliche Aussichtspunkte +und ist auch reich an schoenen Pflanzen, doch macht er einen etwas +gekuenstelten Eindruck innerhalb der so grossartigen Umgebung. + +Am Dienstag ist vom fruehen Morgen an der Thuret'sche Garten geoeffnet, +derselbe, der einst George Sand so sehr entzueckte. Er dient jetzt der +franzoesischen Regierung als Acclimatisationsgarten und enthaelt sehr viele +werthvolle Pflanzen. Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert +haben, finden wir hier in noch groesseren Exemplaren wieder. Die beruehmte, +von George Sand gefeierte Aussicht ist leider geschwunden, verdeckt von +den heranwachsenden Baeumen. + +Von dem Thuret'schen Garten laesst sich gleich abwaerts, in westlicher +Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen, und so kann man in den +Pinienwald gelangen, der sich laengs der Kueste dort hinzieht. Dieser +Pinienwald war einst der Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in +Ueberresten vorhanden. Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke +angekauft, eine breite Strasse, die Cannes mit dem Cap d'Antibes verbindet, +durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und mit Eisendraht +umzogen. Doch steht manche maechtige Pinie noch da, und in ihrem Schatten +gelingt es wohl, sich in die alte Herrlichkeit zurueckzutraeumen. + + XIII. + +Die zweite Aprilhaelfte war inzwischen angebrochen, und die Pflicht rief +mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Fruehlingstag ging zur Neige, +und ich beschloss, vor Sonnenuntergang noch einmal den Leuchtthurm +aufzusuchen. Die Sonne schickte sich an, hinter dem Esterelgebirge zu +verschwinden und tauchte dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur. +Bald deuteten nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen. +Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmuethig stimmen: +es steigerte die Empfindung des Abschiedes. Ich wandte meine Blicke den +Bergriesen zu, die mit phantastischem Umriss sich von dem oestlichen Himmel +abhoben. Sie begannen im Abendroth zu gluehen. Es war ein Anblick, so +erhaben, dass man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener +weltumfassenden Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet. Jedes +persoenliche Empfinden war gewichen vor dem maechtigen Gefuehl, sich Eins mit +dieser goettlichen Natur zu fuehlen. - Immer weiter und weiter dehnten sich +die Schatten aus ueber das Land: sie begannen emporzusteigen an den Huegeln, +an den Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thaeler und loeschten die +gluehenden Lichter aus an den Huetten und Palaesten. Die ganze Natur schien +sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald waren es nur noch einzelne Segel +im weiten Meere und die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen +Schimmer gluehten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch ueber das +Meer, und nur den Riesen da oben war es vergoennt, die Koenigin des Lichtes +noch zu schauen. Wie von innerem Feuer entbrannt, schwebten sie jetzt in +ueberirdischer Glorie. + +Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als letzten Eindruck +von der Riviera, und mit geschlossenen Augen trat ich den Rueckweg an. Als +ich mich endlich umsah, hatten die Schatten der Nacht sich bereits ueber +die Huegel gelagert und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen +verwischt. - Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Luefte. Vom +Waechter entzuendet, strahlte er jetzt wie ein grosser Stern weit ueber Land +und Meer, ein Ziel der Sehnsucht fuer Alle, die jenes herrliche Stueck Erde +einmal gesehen. + + ------------------ + + + + + +FRUeHJAHR 1894. + + + I. + +Der Fruehlingsanfang des Jahres 1894, den ich an der Riviera verlebte, +praegte sich meiner Erinnerung in besonders glaenzenden Farben ein. +Wochenlang blieb der Himmel ohne Wolken, so dass einzelne Regentage, wenn +sie kamen, fast willkommen erschienen. Da es an Schnee in den Bergen +fehlte, wehte fast nie der Mistral, den sonst die eisigen Flaechen der +Alpen und Cevennen gebaeren. Das Meer blieb meist ruhig, und wenn die Nacht +kam, dann funkelte der Himmel und spiegelte sich so hell in der stillen +See, als waere in deren Tiefen eine Saat von Sternen aufgegangen. + +Mitte Maerz fanden wir uns in Hyeres ein mit der Absicht, unseren Weg bald +ostwaerts in die Berge der Mauren fortzusetzen. Es war uns, als haetten wir +eine Entdeckungsreise angetreten, so unbekannt ist dieser westliche Theil +der Riviera. Und doch konnte Hyeres, neben Montpellier und +Aix-en-Provence, sich einst ruehmen, der beruehmteste Kurort des suedlichen +Frankreichs zu sein. Weiter gegen Osten an der Riviera vorzudringen, +schien damals kaum moeglich, und erst in diesem Jahrhundert aenderten sich +die Verhaeltnisse, begannen zuerst Nizza, dann Mentone und Cannes als +klimatische Stationen aufzubluehen. In dem Wettstreit, der sich nunmehr +entspann, musste Hyeres unterliegen, denn es ist weniger gut gegen den +Nordwind als seine Rivalinnen geschuetzt. Auch steht es ihnen nach an +Schoenheit der Lage und ist zu weit vom Meere entfernt. - "Die Huegel sind +hier zu klein und zu nah, das Ufer ist zu flach und das Meer zu fern," +rief einst George Sand aus, als sie Hyeres besuchte. Von dem Huegel, an den +Hyeres sich lehnt, kann der Blick erst ueber eine weite Ebene das Meer +erreichen. Auf dieser stechen aber rothbraune, eckige Felder grell und +unvermittelt gegen gelbe und gruene ab. Die rothbraunen Felder sind mit +Rosen bedeckt; doch das bringt keine Harmonie in die Farben. Auch danken +diese Felder thatsaechlich ihre Faerbung nicht der Pracht der Bluethen, +sondern den jungen Trieben, die ihr zartes Gruen vor der Gluth der +suedlichen Sonne durch rothen Farbstoff schuetzen. In frueheren Zeiten mag +der Blick auf diese Ebene lieblicher gewesen sein; vermochte sie doch das +Auge Horace Benedict de Saussure's zu entzuecken, als er 1787 nach Hyeres +kam. Dieser hervorragende Geologe, Vater des noch beruehmteren +Pflanzenphysiologen Theodore de Saussure, langte hier an einem schoenen +Aprilabend an und war von der Lage des Ortes gefesselt. Von den Fenstern +der "Auberge du St. Esprit" blickte er hinab auf Orangengaerten, deren +Baeume mit Fruechten und Bluethen beladen und durch unzaehlige Nachtigallen +belebt waren. Sanft fiel, so schrieb er, das Land bis zum Meer ab, und den +Abhang schmueckten vorne Gaerten, weiterhin Olivenhaine und in der Ferne +Pappeln. Bewaldete Hoehen bildeten den Rahmen zu dem schoenen Bilde. + +Hyeres ist fuenf Kilometer vom Strande entfernt. An diesem selbst lag einst +Olbia, das Hyeres den Ursprung gab. Von Massiliern gegruendet, ward Olbia +von Saracenen zerstoert und baute sich dann, entfernter vom Meere, an der +Anhoehe auf, um den Angriffen der Corsaren nicht so unmittelbar ausgesetzt +zu sein. Der Strand, der einst Olbia trug, zeigt sich jetzt in Quadrate, +wie ein Schachbrett getheilt. Das Seewasser fuellt diese Quadrate. Es wird +in dieselben geleitet, um zur heissen Sommerzeit dort zu verdunsten und so +der Salzgewinnung zu dienen. Dem Strand gegenueber tauchen aus dem Meere +die Hyerischen Inseln empor. Sie strecken sich so lang dahin, als haetten +sie sich in die See zu ewigem Schlaf gelegt. Einst haben die Ligurer an +diesen Inseln die rothen Korallen gefischt, mit denen sie den Hals ihrer +Frauen und das Wehrgehaenge ihrer Schwerter schmueckten. Weil die Inseln in +einer Reihe angeordnet sind, hiessen sie bei den Roemern Stoechaden. Diesen +Namen vertauschten sie im Mittelalter gegen den weit vornehmeren der +goldenen Inseln. Waren es die goldenen Aepfel der Hesperiden, welche ihnen +die Benennung "_Iles d'or_" verschafften, oder der goldige Schimmer ihres +glimmerreichen Bodens - das laesst sich heute nicht sagen. Zum Marquisat der +_Iles d'or_ von Franz I. erhoben, sahen sie einst glaenzende Zeiten. Heute +werden sie nur von aermlichen Fischern und Gaertnern bewohnt. + +Jene Fruechte, nach welchen die goldenen Inseln ihren Namen fuehren sollen, +sind jetzt hier fast voellig verschwunden. Einst aber stand die +Orangenzucht von Hyeres in hoher Bluethe. Mehr denn zweimalhunderttausend +Orangenbaeume deckten das Land und konnten die Bewunderung der Reisenden +erwecken. Wie die Chronisten erzaehlen, blieb Carl IX. von Frankreich +staunend vor dem maechtigsten dieser Baeume stehen und forderte seine beiden +Begleiter, den Koenig von Navarra und den Herzog von Anjou auf, mit ihm den +Stamm zu umfassen. Doch hierzu reichten, so wird weiter berichtet, die +sechs fuerstlichen Arme nicht aus. Zur Erinnerung an diese erlauchte +Umarmung schnitt man in die Rinde des Baumes: "_Caroli regis amplexu +glorior_", und jene Inschrift wuchs und vergroesserte sich mit den Jahren. - +Liegt dieser Angabe eine wirkliche Begebenheit zu Grunde? Wer kann das +heute wissen! Sicher aber ist, dass die provencalische Phantasie der +Chronisten sie die Masse des Stammes uebertreiben liess. Die staerksten +Orangenbaeume, welche Europa jetzt kennt, befinden sich auf Sardinien; +manche derselben werden auf mehr denn siebenhundert Jahre geschaetzt; ein +einzelner Mann vermag sie alsdann nicht mehr zu umspannen. Im Jahre 1564, +da Carl IX. in Hyeres weilte, konnte er dort schwerlich selbst so starke +Staemme sehen, da die Orangenbaeume erst durch die Kreuzfahrer, gegen Ende +des elften Jahrhunderts, nach Hyeres gebracht wurden. Zunaechst muss es der +bitterfruechtige Orangenbaum gewesen sein, der zwar kaum essbare Fruechte, +aber sehr wohlriechende Essenzen liefert. Daher der Dichter Malherbe sich +in Hyeres mit jenem "_huile de fleurs d'orange_" versorgen konnte, "das +sich die Frauen in die Haare einreiben und mit dem sie dort den Puder +festhalten." Die Orangenkultur von Hyeres litt sehr stark durch die +strenge Kaelte des Winters 1709 und durch aehnliche harte Winter, die um die +Mitte des vorigen Jahrhunderts aufeinander folgten. Die Pflanzungen wurden +von nun an eingeschraenkt, die bitterfruechtigen Orangenbaeume dann durch +suessfruechtige ersetzt, da der Transport der Orangen von Hyeres aus nach dem +Norden sich rascher vollziehen liess, als von suedlicher gelegenen Orten. +Das kam bei den mangelhaften Verkehrsmitteln jener Zeit wohl in Betracht. +Die Orangen mussten damals in Hyeres im Herbst gepflueckt werden, sobald an +ihrer noch gruenen Schale sich die ersten gelben Punkte zeigten. Sorglich +in Papier gewickelt, traten sie die Reise auf dem Landwege oder dem +Seewege an. Sie reiften unterwegs langsam nach und wurden erst nach +vierzig Tagen geniessbar. Jetzt sind die Orangenbaeume fast vollstaendig aus +Hyeres verschwunden. Sie konnten den Mitbewerb geschuetzterer Orte der +Riviera, vor Allem aber von Sicilien und Algier, nicht ertragen. Es erging +Hyeres mit den Orangenbaeumen nicht anders, als zuvor mit dem Zuckerrohr, +das im fuenfzehnten Jahrhundert weite Strecken des Landes deckte, dann aber +verschwand, als der indische und der brasilianische Zucker in den +Wettstreit eintraten. + +Mit berechtigtem Stolz kann sich hingegen Hyeres noch immer +_Hyeres-les-Palmiers_ nennen! Zwar sind die Palmen heute ueber die ganze +Riviera verbreitet, doch sieht man es den hohen Staemmen von Hyeres wohl +an, dass in diesem alten Kurorte ihre sorgsame Pflege besonders weit +zurueckreicht. Da streben in der _Avenue des Palmiers_ die schlanken Staemme +besonders maechtig zu beiden Seiten der Strasse empor, gleich einer hehren +Saeulenhalle, und wiegen ihre stolzen Kronen hoch oben in der blauen Luft. +- Doch hat sich Hyeres schon seit langer Zeit auch einer zwar weniger +vornehmen, aber eintraeglicheren Cultur zugewandt. Wir fanden dort Mitte +Maerz ganze Felder von Veilchen in Bluethe. Das waren auch freilich nicht +die bescheidenen, kleinbluethigen, die bei uns ihre Kronen zwischen den +Blaettern verbergen, sondern eine grossbluethige Form, das Veilchen _le +Czar_, das an langen Stielen seine Bluethen keck ueber die Blaetter erhebt. +Es duftet sehr stark, und gerne liessen wir uns von den Lueften anwehen, die +ueber Veilchenfelder gestreift waren. Andere Felder sind mit "_Primeurs_" +bedeckt. Die Artischocken von Hyeres standen schon zu Anfang dieses +Jahrhunderts in hohem Ruf; jetzt sind es auch die gruenen Erbsen und vor +Allem die Erdbeeren, mit welchen Paris von hier aus versorgt wird. Taeglich +geht ein ganzer Eisenbahnzug solcher Erzeugnisse von Hyeres ab und wird +scherzhaft als "_Train de primeurs_" bezeichnet. Doch soll man sich nicht +etwa denken, dass unter dem Himmel von Hyeres alle diese Culturen muehelos +gedeihen. Auch hier verlangen sie viel Umsicht und angestrengten Fleiss. +Den Furchen der Felder folgen niedrige Hecken, die deutlich anzeigen, von +welcher Seite Gefahr droht. Denn, trotz gegentheiliger Versicherungen, ist +Hyeres nicht voellig vor dem Mistral gedeckt, und mit elementarer Gewalt +stuerzt er durch die Luecke ein, welche die Berge nach Toulon hin offen +lassen. Anhaltende Duerre ist auch eine schwere Plage, welcher durch +kuenstliche Bewaesserung nicht immer abgeholfen werden kann. - Immerhin +besteht ein grosser klimatischer Unterschied zwischen Hyeres und der +uebrigen Provence, ja selbst dem nahen Toulon, weil diese dem Mistral weit +staerker ausgesetzt sind. Daher der Reisende, der von Westen kommend, hier +in frueheren Zeiten zum ersten Mal Palmen und goldfruechtige Orangenbaeume +sah, sich an die Pforten des Paradieses versetzt waehnte. Alte Reisewerke +sind voll des Lobes von Hyeres. So das Werk von Aubin-Louis Millin, +"_Conservateur des medailles, des pierres gravees et des antiques de la +Bibliotheque imperiale_", der im Auftrage des Ministers Chastal 1804 +Suedfrankreich bereiste. "Ich besuchte heute", schreibt Millin, "den Garten +des Herrn Fille. Tausende von Blumen umgeben dessen Haus. Tuberosen +(_Polyanthes tuberosa_), Cassie (_Mimosa Farnesiana_), und Jasmin +(_Jasminum sambac_) wuerzen die Luft mit himmlischen Dueften. Was Saenger und +Poeten einst gepriesen, jene Gaerten der Alcine und Armide, welche der +fruchtbare Genius des Ariost und des Tasso schuf, so glaenzend sie auch +unserer Einbildungskraft vorgefuehrt werden, sie treten zurueck vor dem +Garten, den wir hier vor den Augen haben. Man glaubt nicht mehr auf Erden +zu wandeln, vielmehr in jene Laubgaenge versetzt zu sein, in welchen die +Seelen der Gerechten ein ewiges Glueck geniessen. Die Baeume stehen so dicht +an einander, dass man nur auf kuenstlich angebrachten Pfaden zwischen +denselben durchdringen kann. Achtzehntausend Orangenbaeume, beladen mit +Bluethen und Fruechten, bergen in ihrem Laube unzaehlige Nachtigallen, und +Nachtigallengesang erschallt wie ein Hymnus an die Natur, um ihre Guete zu +preisen, ihr fuer einen so freudigen und duftigen Schatten zu danken. +Andere Vogelstimmen greifen in dieses glaenzende Concert ein, waehrend die +fleissigen Bienen summend die Bluethen umschwaermen, um reiche Nahrung zu +schoepfen aus so verschwenderischer Fuelle." + +Ein aehnliches Gefuehl des sinnlichen Behagens, welches ein milderes Klima +erweckt, mag es auch gewesen sein, das einst die Massilier bestimmte, ihre +Niederlassung an diesem Strande "Olbia", die Glueckliche, zu nennen. + +Mit Vorliebe schweiften wir an sonnigen Nachmittagen auf den Maurettes +umher, jenen Hoehenzuegen, an welche Hyeres sich anlehnt. Wir suchten uns +dort solche Orte aus, von welchen die alte Burg von Hyeres sich in schoener +Umrahmung zeigte. Ein Stueck blaues Meer bildete den Hintergrund, waehrend +gruene Huegel die scheckige Ebene deckten. Da lagerten wir uns auf Rosmarin, +Myrten und Lavendel und vergassen der fliehenden Stunden. Wir suchten im +Geiste jene Truemmer zu beleben, die so maechtig drueben auf den Felsen +thronen. Auch heute noch werden diese Truemmer von Wachtthuermen und Mauern +beschuetzt, die in bewegtem Umriss allen Vertiefungen des Berges folgen. - +In dem "Chastel d'Yeres" herrschten seit dem zwoelften Jahrhundert die +Herren de Foz, eine Nebenlinie der Vicomtes de Marseille. Manchen blutigen +Strauss mussten sie pfluecken, um ihre Burg zu behaupten und oft rauchte aus +den Wachtthuermen angesichts der Feinde die Lunte der Arkebusen. In +friedlichen Zeiten, da fuellten hingegen dieses Chastel die Gesaenge des +Troubadours, und es erklang in ihnen die sechsseitige Viola. War doch +Mabille de Foz Praesidentin des Minnehofs von Pierrefeu, jenes Minnehofes, +der mit Romani, Avignon und Signe, die vier vornehmsten "_cours d'amour_" +der Provence bildete! - Im Juni 1254 gab es hohen Besuch auf der Burg; da +kam Ludwig der Heilige, den aus Palaestina der Tod seiner Mutter nach +Frankreich zurueckgerufen hatte. Einige Jahrhunderte spaeter wurde hier oben +auch Franz I. empfangen, waehrend Ludwig XIII. nur noch die Ruinen der +Veste sah: Heinrich IV. hatte deren Zerstoerung beschlossen. Heute ist das +alte Gemaeuer in ueppiges Gruen gehuellt, und bunte Fruehlingsblumen erklimmen +selbst die Zinnen der Thuerme. - Scharf hebt sich der dunkle Berg vom +hellen Abendhimmel ab, wenn die provencalische Sonne sich hinter seinen +Truemmern zur Ruhe senkt. Dann traenkt sie mit ihrem Glanze das Land und das +Meer, umstrahlt die dunklen Felsen und bildet um die Burg einen goldenen +Glorienschein. - Geisterhaft aber mutheten uns die Truemmer zur Nachtzeit +an, da zur spaeten Abendstunde der Vollmond uns in die Berge gelockt hatte. +Tief drang sein Silberschein in die Fugen und Spalten des zerkluefteten +Gesteins und warf unheimliche Lichter in die Ruinen. Da belebten sich die +alten Mauern und Thuerme, nahmen menschliche Form an, schienen ihre Glieder +zu bewegen und stierten mit unheimlichen Augen in die Ferne. Ploetzlich war +dann Alles wieder todt; eine dunkle Wolke breitete ihre Schatten ueber den +Berg aus. Doch als der Mond wieder vortrat, da war es, als haetten die +Thuerme in der Runde sich die Arme gereicht, und als fuehrten sie um die +Truemmer einen infernalen Reigen aus. Da ging es bergauf, bergab ueber die +steilen Felsen und stoehnte und pfiff es dabei durch die Luft in +unheildrohender Begleitung. Fuer Augenblicke leuchtete die Burg so auf, als +stuende sie in Flammen, dann wieder versank sie in das Dunkel der Nacht. +Mit Wirbelwind und Sturm, mit Blitz und Donner zog ein Gewitter von Westen +heran: das mochte uns diese phantastischen Bilder vorgezaubert haben. +Rasch breitete sich Finsterniss ueber das Land aus, nur das Meer dort hinten +war noch in Silberglanz getaucht. Ein greller Lichtstrahl durchzuckte die +Luft, ihm folgte ein betaeubender Schlag, der die Grundvesten der Erde zu +erschuettern schien. Wie geblendet standen wir da, waehrend das Rollen des +Donners sich entfernte. Dumpf toente es noch fort in den nahen Bergen, +prallte dort mit immer schwaecherem Echo von den Felsen ab, kam dann wieder +naeher, um endlich in der Ferne zu verhallen. Hatte dieser grelle Blitz +nicht die Burg getroffen, nicht jene schlanke Cypresse zertruemmert, die so +stolz aus den Ruinen dem Himmel entgegenragte, als wolle sie ihm trotzen? +- Doch dicke Regentropfen begannen zu fallen; es war hohe Zeit, den +Rueckzug anzutreten. + + II. + +Jenes Gebirge, das sich im Osten von Hyeres erhebt, bildete im neunten und +zehnten Jahrhundert ein Bollwerk der Mauren. Nach ihnen fuehrt es mit Recht +den Namen; von seinen Hoehen aus beherrschten sie die weite Kueste. In +orographischer Beziehung bietet das Maurengebirge ein hohes Interesse. Es +stellt ein in sich abgeschlossenes Gebirgssystem dar, dessen Granite, +Gneisse und Schiefer von dem umgebenden Kalkgebirge durch tiefe Thaeler +getrennt sind. Wie etwa die Alpen oder die Pyrenaeen, besitzt das +Maurengebirge sein eigenes, wenn auch nur kleines Flusssystem, seine +eigenen Schluchten und Thaeler. Es ist von der uebrigen Provence so +geschieden, dass es auch, ferne von derselben, eine eigene Insel im Meere +bilden koennte. Seit Kurzem folgt eine Eisenbahn (_Chemin de fer du Sud de +la France_) der Kueste, an dem Gebirge entlang. Diese Bahn muendet in +St. Raphael und schliesst dort an die grosse Linie an, die Marseille mit +Genua verbindet. Von den Stationen der Suedbahn aus dringt man leicht in +das Gebirge ein, und solche Ausfluege waren es, die uns in Hyeres +festhielten. Wir wurden nicht muede, wiederholt dieselben Strecken der +Kueste mit der Eisenbahn zu befahren; denn der Weg ist anmuthig und fuehrt +entweder durch schoenen Wald oder am Meeresstrande entlang, mit +fortwaehrendem Wechsel der Bilder. Der Anblick der Berge selbst bietet +hingegen geringe Mannigfaltigkeit, da alle Kuppen abgerundet sind, nur +wenig in ihrer Hoehe schwanken und vierhundert Meter nicht uebersteigen. Und +doch ladet der ueppige Wald auch da zu immer neuen Ausfluegen ein. Wer +Korkeichen zuvor nicht sah, wird freilich zunaechst ueber diese Waelder +staunen. Er erkennt wohl die immergruene Eiche, doch ihre geschaelten Staemme +und Aeste bieten einen ungewohnten Anblick. Die Krone der Korkeiche +gleicht derjenigen immergruener Eichen, auch die Blaetter sind wie bei +diesen lederartig und nur durch ihre eifoermige Gestalt und geringe +Zaehnelung ausgezeichnet. Befremdend ist aber die rothbraune Farbe der +abgeschaelten Theile, die fast blutroth erscheinen, dort, wo die Sonne sie +trifft. + +Die ganze Bevoelkerung des Maurengebirges lebt von der Korkgewinnung. Steht +auch der Kork, der an dieser Kueste waechst, dem spanischen und algerischen +an Guete nach, so bleibt er doch ein geschaetzter Handelsartikel und bildet +eine eintraegliche Quelle des Erwerbes. Die Korkeiche muss, bevor sie +geschaelt werden kann, eine bestimmte Dicke besitzen, die sie mit fuenfzehn +bis zwanzig Jahren erlangt. Der erste Kork ist rissig, sproede und wandert +vorwiegend in die Gerbereien. Er wird, weil rauher und haerter, als +maennlicher Kork bezeichnet. Dann erst bildet sich der glatte, weniger +harte, brauchbare Kork, den man weiblichen nennt. Er wird alle acht bis +sechzehn Jahre entfernt, je nach der Dicke, welche die Korkplatten +erreichen sollen. Fuer gewoehnliche Stopfen reichen achtjaehrige Platten +schon aus, waehrend noble Champagnerpfropfen weit staerkere, bis 5 +Centimeter dicke verlangen; die Schaelungen werden so lange wiederholt, bis +der Baum ein Alter von hundertundfuenfzig, ja selbst zweihundert Jahren +erreicht hat. Dann sinkt der Werth seiner Produkte; es gilt, ihn durch +juengeren Nachwuchs zu ersetzen. - Hundertjaehrige Korkeichen sehen schon +majestaetisch aus und treten mit ihren maechtigen Kronen und knorrigen +Staemmen eindrucksvoll aus der Umgebung hervor. Besonders gerne ruht auf +ihnen das Auge, wenn sie am Bergesabhang stehen, oft malerisch um einzelne +Felsbloecke gruppirt. Die Korkeiche waechst mit Vorliebe auf einem Boden, +der aus verwittertem Granit und Schiefer entstand, waehrend sie den +Kalkstein meidet. Daher die Korkeichenwaelder des Maurengebirges eine +Culturinsel in der Provence bilden, aehnlich wie das Gebirge selbst eine +orographische Insel dort darstellt. In den umgebenden Kalkalpen wird man +die Korkeiche nicht finden, nach ihr vergeblich in Mentone und in Nizza +suchen, nur um Cannes trifft man sie noch stellenweise. Wie die +Korkeichenwaelder des Maurengebirges das Urgestein seiner Berge verrathen, +so zeigen Kalkpflanzen den Kalk der angrenzenden Alpen an. Unter Umstaenden +wird ganz vereinzelt eingestreutes Gestein in solcher Weise aeusserlich +durch den Pflanzenwuchs kenntlich. So fiel vor einigen Jahren dem +Forstinspector de Saint-Venant in dem Walde von Orleans ein schmaler, +kilometerlanger Streifen kalkholder Pflanzen auf, waehrend die uebrige Flora +im Walde auf Kieselboden hinwies. Das regte ihn zu Ausgrabungen an, die in +wechselnder Tiefe das Vorhandensein einer alten, mit Kalksteinen +gepflasterten roemischen Strasse ergaben. + +Die Korkeichen werden im Maurengebirge waehrend des Sommers geschaelt. Es +geschieht das sowohl an den Staemmen wie an dicken Aesten, doch hier wie +dort gleichzeitig nur an einzelnen Theilen; denn es gilt als schaedlich, +den ganzen Baum auf einmal zu entbloessen. Besonders eigenartig sehen die +entbloessten Theile gleich nach geschehener Schaelung aus; sie zeigen die +Farbe des menschlichen Koerpers. Erst allmaelig dunkeln sie nach. Zur +Vornahme der Schaelung, die als "_demaclage_" bezeichnet wird, fuehrt der +Arbeiter zunaechst zwei Schnitte rings um den Baum durch die ganze Tiefe +der Korkschicht aus und verbindet diese Kreisschnitte durch Laengsschnitte, +deren Zahl sich nach der Dicke des Baumes richtet. Diese Operation fuehrt +er mit einer Axt aus, die einen keilfoermig zugeschaerften Stiel besitzt. +Mit letzterem faehrt er dann von den Einschnitten aus unter die Korkschicht +und hebt sie ab. Dann beschwert er die Korkplatten mit Steinen, damit sie +ihre Rundung verlieren, haelt sie auch wohl ueber Feuer und kohlt ihre +Oberflaeche ein wenig an. Unter allen Umstaenden muessen die Korkplatten +trocken werden, bevor man sie versendet. + +Der Kork ist das natuerliche Schutzmittel der Pflanzen: sie schliessen sich +damit gegen die Umgebung ab. Die aeltere Rinde aller unserer Straeucher und +Baeume ist mit Kork bedeckt und dankt ihm ihre Faerbung. Der Kork laesst Gase +und Fluessigkeiten nicht durch, ist elastisch und sehr widerstandskraeftig; +das befaehigt ihn nicht nur zu seiner Aufgabe an der lebenden Pflanze, +sondern bedingt auch seine technische Brauchbarkeit. Wird eine Pflanze +verletzt, so bildet sich Kork an der Wunde und schliesst dieselbe ab: daher +auch der neue Kork an der geschaelten Korkeiche. Wie jedes andere Gewebe +besteht der Kork aus Zellen. Ja, ein Korkstueck war es, in welchem Robert +Hooke im Jahre 1667 jene Kammern entdeckte, die er Zellen nannte, weil sie +ihm den Zellen der Bienenwaben zu entsprechen schienen. Den Zellen eines +fertigen Korkes fehlt freilich der lebendige Zellleib, jener Inhalt, der +das Wesen einer Zelle ausmacht. Den buesst die Korkzelle bald nach ihrer +Entstehung ein, um nur noch mit ihrer verkorkten Wandung als Schutzmittel +der Pflanze zu dienen. Eine bestimmte lebendige Gewebeschicht innerhalb +der Rinde, das sogenannte Korkcambium, bildet durch fortgesetzte +Vermehrung ihrer Zellen den Kork. Juengere Korkzellen folgen in geraden +Reihen nach innen zu auf die aelteren. Ihre Gestalt ist bei der Korkeiche +annaehernd wuerfelfoermig: gegen Schluss jeder Vegetationsperiode flachen sie +sich tafelfoermig ab. Der "weibliche" Kork der Korkeiche zeichnet sich +durch die Duennwandigkeit seiner Zellen und grosse Gleichfoermigkeit in +seinem Bau aus; nur am Schluss jeder Vegetationszeit entstehen wenige Lagen +staerker verdickter, abgeflachter Zellen. Diese letzteren sind es, welche +die dunklen Streifen bilden, die man in jedem Flaschenstopfen erkennen +kann. Da die dunkleren Lagen die Grenzen des jaehrlichen Zuwachses +anzeigen, so kann man das Alter einer jeden Korkplatte an ihnen abzaehlen, +ganz ebenso wie sich aus der Zahl der Jahresringe im Holz dessen Alter +bestimmen laesst. + +Ist eine Korkeiche geschaelt worden, so bildet sich ein neues Korkcambium +unter den freigelegten Flaechen und hebt mit neuer Korkbildung an. Freilich +darf die Schaelung nur den Kork entfernen, nicht den Bast oder gar den +Holzkoerper erreichen, weil das schwere Wunden gibt, die sich nur langsam +schliessen und lange die Korkproduction an der beschaedigten Stelle +beeintraechtigen. Ist ein Stamm niemals geschaelt worden, so zeigt er gleich +anderen Eichenarten eine rissige Rinde, deren aeusserste Schichten er nach +und nach als Borke abwirft. Auch der am geschaelten Baum erzeugte Kork darf +nicht ein gewisses Alter uebersteigen, da er sonst an der Aussenseite rissig +und unbrauchbar wird. + +In den westlichen Theilen des Maurengebirges gibt es keinen schoeneren Ort +als Bormes, von Hyeres aus mit der Bahn in einer Stunde zu erreichen. Man +steigt dort vom Strande aus zum Huegel empor, an den das kleine Staedtchen +amphitheatralisch sich lehnt. Seine Haeuser sind in verschiedener Hoehe +verstreut, hier einzeln, dort in Gruppen, als haetten sie um die Wette den +Berg zu erklimmen versucht. Den Ort beherrscht eine alte Burg, deren graue +Ruinen sich eindrucksvoll abheben von dem dunklen Gruen des hinterliegenden +Waldes. Der Abhang ist mit aromatischen Kraeutern bewachsen, und jeder +Schritt befreit aus ihnen duftende Oele. Ganze Flaechen werden violett +gefaerbt durch die wilde Lavendel (_Lavandula Stoechas_). Sie tritt hier so +massenhaft auf, dass ein benachbarter Ort den Namen Lavandou nach ihr +fuehrt. - Wir steigen weiter hinauf in den Wald, in Korkeichen, Kiefern und +immergruene Straeucher. Auch da steht jetzt Alles in Bluethe. Die Luft ist +erfuellt mit Wohlgeruechen, und den Kiefern, die man beruehrt, werden dichte +Wolken von Bluethenstaub entlockt. - Immer grossartiger entfaltet sich die +Aussicht auf die dunklen Ruinen, das hellglaenzende Staedtchen und das blaue +Meer, in das eine Landzunge sich weit vor uns fortsetzt; gegen Osten +blicken wir in die Rhede von Bormes hinein; gegen Westen zeigt sich die +Rhede von Hyeres, und ueber eine schmale Halbinsel hinweg erreicht das Auge +auch den Golf von Giens. In glaenzender Faerbung leuchten uns diese Buchten +entgegen. Die oestliche Bucht toent sich jetzt ab in hellem Blau, die Rhede +von Hyeres scheint von fluessigem Silber zu sein, waehrend die Fluthen des +Golfs von Giens den rothen Abendhimmel widerspiegeln. Wir saettigen uns an +dieser Farbenpracht und lassen das geblendete Auge dann auf dem dunklen +Gruen der fernen Waelder ruhen. Sanft breitet der purpurne Schein sich aus +ueber das ganze Meer, und in dem Glanz der Abendsonne schimmern jetzt die +goldenen Inseln von Hyeres wirklich so, als waeren sie von Gold. + +In Bormes sind vor den Haeusern grosse Mengen von Kork aufgeschichtet. Wir +treten in ein Haus ein, in dem Kork geschnitten wird, und sehen uns, +freundlich empfangen, die Arbeit an. Der Mann macht Stopfen mit Huelfe +einer Drehbank. Er fuegt eckige Korkstuecke in dieselbe ein, versetzt sie in +Drehung und rueckt eine Art Hobel heran, der das Korkstueck schneidet. Grosse +Uebung verlangt das sichere und rasche Einfuegen der Korkstuecke in die +Drehbank, so dass sie gleich richtig centrirt sind. Ist der Arbeiter +geschickt, so macht er Hunderte von Stopfen in der Stunde, waehrend er es +frueher beim Schneiden aus freier Hand kaum auf tausend Stueck im ganzen Tag +bringen konnte. Die Korkplatten muessen mit Wasser gebrueht werden, ehe man +sie in die eckigen Stuecke zerlegt. Sie schwellen dabei nicht unwesentlich +an. Die Laengsachse der Stopfen entspricht der Laengsrichtung der Platten; +man muss sich somit die Stopfen in der Rinde des Baumes aufrecht stehend +denken. + +Die Abfaelle beim Schneiden der Stopfen sind durchaus nicht werthlos. Sie +koennen zum Polstern dienen und werden auch wohl verkohlt, um eine schwarze +Farbe, das _nigrum hispanicum_, oder um Zahnpulver zu liefern. Gepulverter +Kork, mit verdicktem Leinoel angeruehrt und auf wasserdichtes Segeltuch +aufgetragen, gibt den als Linoleum bezeichneten Korkteppich, mit dem man +die Fussboeden deckt. + +Die allgemeine Verwendung des Korkes fuer Flaschenverschluss greift nicht +weiter als in das siebzehnte Jahrhundert zurueck. Sie faellt zusammen mit +der Verbreitung unserer enghalsigen Glasflaschen, die man kaum vor dem +fuenfzehnten Jahrhundert herzustellen begann. Im Mittelalter wurden kleine +Gefaesse aus Holz, Thon oder Metall verfertigt und mit Zapfen von gleichem +Stoff verschlossen oder auch nur mit Wachs verklebt. Die Faesser +verspundete man mit Holzpfloecken. Die Alten benuetzten zum Verschluss ihrer +Amphoren sowohl Holz- als auch Korkstopfen, die sie mit einem Kitt aus +Harz, Kreide und Oel oder auch mit Pech umgaben. Haeufiger noch wurde die +Oeffnung dieser Gefaesse nur mit Gyps, mit Harz, Pech oder Wachs +zugeschmiert. Auf den Wein gossen sie Oel, so wie das heute noch in +Italien geschieht, und suchten ihn so vor Luftzutritt zu schuetzen. Nach +Plinius dienten den Roemern Korkstuecke auch schon als Schwimmer an den +Fischnetzen und als Bojen an den Ankern; nicht minder wurden die +Schuhsohlen fuer Frauen aus diesem Stoffe bereits hergestellt. + + III. + +Tief in das Maurengebirge schneidet der Golf von St. Tropez, der Sinus +Sambracitanus der Alten, ein. An seinem Ufer sieht man schon aus der Ferne +die Haeuser von St. Tropez in bunten Farben schimmern. Von dort aus +erscheint die Meeresbucht wie ein geschlossener See. Ihre azurnen Fluthen +haben die Klarheit und den Schmelz eines dunklen Saphirs. Man blickt ueber +dieselbe ins Maurengebirge hinein. Scharf stechen seine Hoehen vom +noerdlichen Himmel ab. Im Osten wird das Bild in duftiger Ferne durch die +zackigen Gipfel des Esterels begrenzt. Ueber diesen, hoch in den Wolken, +glaenzt der Schnee der Alpen. Hier an dem blauen Golf hat einst die +Heraclea Cacabaria gestanden. Ein Herculestempel, so heisst es, gab der +Stadt den Namen. Das Land war von Camatullikern bewohnt. - Dann schildert +die Sage, wie im Jahre 66 n. Chr. an jenen Strand der Koerper des heiligen +Tropez gelangte. Dieser hatte unter Nero hohe Wuerden bekleidet; sein +Vetter, Salvius Otho, wurde im Jahre 69 n. Chr. zum Kaiser proclamirt. Er +selbst legte alle seine Aemter nieder, nachdem ihn der Apostel Paulus zum +Christenthum bekehrt hatte, und zog sich nach Pisa zurueck. Dort liess eines +Tages Nero unter einer ehernen Himmelsdecke mit grossem theatralischem Pomp +Diana und Apollo anbeten. St. Tropez weigerte sich dessen, er wurde +ergriffen, auf Befehl von Nero gemartert, enthauptet und sein Koerper dann +auf einem schlechten Nachen in das Meer gestossen. Ein Hund und ein Hahn, +die man zugleich in den Nachen setzte, sollten sich an dem Koerper weiden. +Doch weder der Hund noch der Hahn beruehrten den Heiligen, sie stellten +sich als Waechter an dessen Koerper auf. Ein Engel liess sich am Steuer +nieder und fuehrte den Nachen sicher durch die Fluth bis nach Heraclea. +Durch das Kraehen des Hahnes gerufen, sammelten sich dort die Christen am +Strande und nahmen den Koerper des Heiligen mit hohen Ehren auf. + +Im neunten Jahrhundert wurde das alte Heraclea von den Saracenen zerstoert, +und nur antike Mauern und Graeber zeigen den Ort noch an, auf dem es einst +gestanden. Das heutige St. Tropez reicht nicht weiter als bis in das +fuenfzehnte Jahrhundert zurueck. Es verdankte sein Aufbluehen genuesischen +Familien, die sich hier niederliessen. Zahlreiche Wachtthuerme um die Stadt, +sowie die Festungswerke ueber derselben zeigen an, dass St. Tropez sich oft +noch gegen Seeraeuber und andere Feinde zu vertheidigen hatte. Heute wird +es nur noch durch Zollwaechter geschuetzt, die von den Hoehen aus den Strand +ueberwachen. So veraendern sich die Zeiten; frueher musste der Ort die +Corsaren abwehren, die ihn berauben wollten, heute sich gegen die +Schmuggler schuetzen, die ihn gern versorgen moechten. + +St. Tropez ist ein Hauptort des Korkhandels geworden; zahlreiche Schiffe +werden mit dieser Waare beladen, die aus allen Theilen des Maurengebirges +hier zusammenstroemt. + +Zum klimatischen Kurort duerfte St. Tropez wohl schwerlich jemals erhoben +werden, denn es ist zu sehr den Winden ausgesetzt. Gegen das offene Meer +deckt das vorspringende Cap den Hafen, doch der Mistral und der Ostwind +treiben die Fluthen des Golfes in denselben hinein. Dass bei heftigem Sturm +die Wellen bis auf den Uferdamm vordringen, das zeigt der eigenartige Bau +mancher dort stehender Haeuser an. Sie sind unten ohne Fenster, nur mit +kleinen, dicht schliessenden Thueren versehen, zugleich ausgehoehlt, so wie +der Fuss eines Leuchtthurmes, der dem Meere trotzt. - Von den Winden +abgesehen, besitzt das meerumspuelte Vorgebirge ein sehr mildes Klima. Der +bekannte Geologe Elie de Baumont hat dieses Stueck Land als die Provence +der Provence bezeichnet. Seine Vegetation ist ueppig. Kiefern und +immergruene Eichen decken die Hoehen; die Abhaenge werden von maechtigen +Kastanienbaeumen beschattet, deren Fruechte in ganz Frankreich als "_Marrons +de Lyon_" beliebt sind. Hier und dort streckt auch eine Palme ihr +schlankes Haupt ueber eine Mauer hervor; doch man sieht es ihr an, dass sie +oft vom Winde gepeitscht wird. Den Ufern der Baeche folgen +Oleanderstraeucher und Vitexbuesche. Mit den schoenen Bluethen des Oleanders +schmueckten sich und schmuecken sich heute noch in Griechenland auf dem +Lande die Frauen, auch benutzt man bei uns Oleanderblaetter zur Verzierung +der Speisen, waehrend thatsaechlich der Milchsaft dieser Pflanze ziemlich +giftig ist. Von dem schmalblaetterigen Vitexstrauch hiess es einst, dass er +die Sinnlichkeit unterdruecke, daher erhielt er seinen keuschen Namen: +_Vitex agnus castus_. Die atheniensischen Frauen bestreuten mit +Vitexblaettern ihre Ruhelager zur Zeit der Thesmophorien, jenen mysterioesen +Festen zu Ehren der Goettin Demeter, von denen alle Maenner ausgeschlossen +waren. Heute scheint der _Vitex agnus castus_ seine frueheren Kraefte +eingebuesst zu haben; nur seine scharf gewuerzhaften Steinfruechte gebraucht +man im Sueden noch haeufig als Pfeffer. Der Oleander hat sich sogar einem +noch weniger poetischen Verlangen anbequemen muessen, denn die Landleute um +Nizza benuetzen seine gepulverte Rinde, um Ratten und Maeuse zu vertreiben. + +Im Hotel Continental zu St. Tropez wird noch nach alter Art gelebt. Guter +Tischwein steht zu gemeinsamer Benutzung auf der Tafel. Man fragt den +Nachbar erst, ob er zu trinken wuenscht, bevor man sich selbst einschenkt. +Das Dienstpersonal wird in einige Verwirrung versetzt, wenn man nach der +Weinkarte verlangt. - Da figurirten als Vorspeisen bei der Mahlzeit ausser +Salami, Oliven, Sardinen und anderen allgemein europaeisch gewordenen +Dingen, auch Seeigel, ein Leckerbissen, den ich bisher an keiner +regelrechten "_table d'hote_" gesehen hatte, und den ich auch gerne +Anderen ueberlasse; er dient mir nur als Beweis, dass der Mensch das aergste +aller Raubthiere ist. Da werden Tausende weiblicher Seeigel gefangen, +aufgebrochen und im Grunde genommen vergeudet: man wirft den ganzen Koerper +fort und verzehrt nur das Bisschen Eierstoecke. Dabei wird eine ungezaehlte +Brut zerstoert. Diesen orangerothen, faden Schleimmassen konnten wir keinen +Geschmack abgewinnen; doch darueber laesst sich ja streiten. - In wahres +Entzuecken wurden unsere Tischgenossen stets versetzt durch +"_Bouillabaise_". - Nach dieser Speise sehnt sich stets der Provencale, +auch wenn er einen anderen Theil von Frankreich bewohnt. - Die Wirthin +suchte es ihren Gaesten an den Augen abzusehen, ob ihnen die _Bouillabaise_ +schmecke; kann diese doch allein das Renommee eines Hauses begruenden. Wie +sie uns servirt wurde, bestand sie aus Langusten und Seefischen. Die +Wirthin machte aus deren Zubereitung auch kein Geheimniss. Sie habe, sagte +sie, zunaechst etwas Knoblauch, Lorbeerblaetter und weissen Pfeffer in +Olivenoel in einer Casserolle geroestet, dann ein Glas Weisswein darauf +gegossen, die Langusten, Fische und soviel Wasser, dass sie bedeckt waren, +dazu gethan, Alles mit Salz und Pfeffer weiter gewuerzt, hierauf zwanzig +Minuten lang kochen lassen und mit einer Messerspitze Safran den Schluss +gemacht. Ihre _Bouillabaise_ war dann fertig. Die Langusten und Fische +kamen in eine tiefe Terrine und wurden mit der Bruehe, in welcher auch +Weissbrodschnitte geweicht hatten, uebergossen. - Die _Bouillabaise_ fand +ungetheilten Beifall. Die Wirthin meinte, fuer Franzosen allein lohne es +sich zu kochen, waehrend Auslaender mit demselben Gleichmuth gute und +schlechte Speisen verschlaengen: Das sei fuer eine sorgsame Wirthin +entmuthigend. Darauf mein Tischnachbar in laengerer Rede entwickelte, dass +er nicht einsehen koenne, weswegen man ein Sinnesorgan gegen die anderen +zuruecksetzen solle. Man koenne eine dumme Zunge haben, ebenso wie ein +dummes Auge oder ein dummes Ohr. Ein Mensch, der Karpfen von Steinbutte +nicht zu unterscheiden wisse, floesse ihm nicht mehr Ehrfurcht, als ein +solcher ein, der Van Dyck mit Raphael oder Gounod mit Wagner verwechsle. + +War das Essen auch gut, der uebrige Comfort des Hauses liess doch etwas zu +wuenschen uebrig, so dass wir, trotz solcher culinarischer Genuesse, uns +zeitweise nach einem anderen Unterkommen sehnten. + +Eine Strassenbahn verbindet jetzt St. Tropez mit La Foux, einer Station der +suedfranzoesischen Bahn. Der Weg fuehrt an dem Schlosse von Bertaud und vor +dessen Thoren an einer maechtigen Pinie vorbei, deren Stamm wohl sechs +Meter im Umfang misst. Es duerfte eine der groessten Pinien sein, die jetzt +existiren, und wohl mancher Saracene hat schon in ihrem Schatten gelagert. +Der Baum steht mitten auf der Strasse, der "_route nationale_", und es ist +zu loben, dass ihn die Ingenieure schonten. Die Strassenbahn setzt sich ueber +La Foux noerdlich bis Cogolin fort, und von da aus kann man auf der +Chaussee La Garde Freinet erreichen. Dort hatten einst schon die Roemer +einen Militaerposten errichtet, der die Verbindung zwischen dem Sinus +Sambracitanus und der etwas noerdlicher durchs Gebirge ziehenden Via +Aureliana ueberwachen sollte. Der Ort liegt in einem Engpass zwischen zwei +Bergen, und dort setzten sich auch die Mauren im Jahre 850 fest, nachdem +sie St. Tropez zerstoert hatten. Sie sicherten sich so den Zugang zum Meere +und beherrschten zugleich das Gebirge. Die Festung, die sie erbauten, +wurde Fraxinetum genannt, und dieser Name dann auf alle aehnlichen +maurischen Festungen uebertragen. Hier haeuften sie die geraubten Schaetze +an, um sie spaeter uebers Meer nach Afrika zu schaffen. Wilhelm I., Graf von +Arles, unterstuetzt von zwei provencalischen Edelleuten, Bavon und +Grimaldi, stuermte und eroberte im Jahre 973 die Veste. Alle Mauren, die +dem Schwert entgingen, wurden nebst Weibern und Kindern zu Sclaven +gemacht. Die Veste schwand von der Erde, und nur einige Mauerreste, die +Epheu heute deckt, sowie eine tiefe, in Fels gehauene Cisterne, zeugen +dafuer, dass sie einst gewesen. + +Als Preis der Tapferkeit und Lohn fuer die erwiesenen Dienste erhielt +Grimaldi von Wilhelm I. das ganze Land, welches die Mauren am Sinus +Sambracitanus besassen. Da ragen denn noch heute, als Wahrzeichen aus jener +Zeit, auf dem Berge, der die Thalmuendung beherrscht, die Truemmer der Burg +Grimaud in den Himmel. Zwei Thuerme auf steilem Abhang, durch Mauerreste +verbunden, scheinen ueber dem Abgrunde zu schweben, die uebrige Burg ist +zerstoert; doch unter ihr, wenn auch ihres Schutzes beraubt, in ueppiges +Gruen gehuellt, klammert sich der kleine Ort Grimaud noch immer an den +Felsen. + +Von La Foux aus oestlich folgt die Suedbahn weiter allen Ausbuchtungen der +Kueste. Jetzt eilt sie dem Meere zu, und St. Tropez am jenseitigen Ufer +scheint immer naeher zu ruecken; dann wendet sie sich landwaerts, und das +Esterel taucht ploetzlich am Horizonte auf. Das Maurengebirge rueckt dicht +ans Meer heran, der Wald erreicht die Kueste. Immer schwelgerischer +entwickelt sich hier seine Pracht. Aus den immergruenen Eichen und +Seestrandkiefern leuchtet die baumartige Erica mit ihren weissen +Bluethenmassen hervor. Ueberall sieht man den Erdbeerbaum seine +lorbeerartigen Blaetter ausbreiten. Dunkler Epheu rankt an den Staemmen in +die Hoehe, und ueppige Waldreben verbinden die Baumkronen durch helle +Laubguirlanden. Dieses herrliche Bild verlockt uns, die Fahrt zu +unterbrechen; wir steigen in La Gaillarde aus und setzen unseren Weg zu +Fuss fort. Wir folgen dem Ufer. Die Strandkiefer taucht ihre Wurzeln fast +in die Wellen; oft neigt sie sich ueber die Fluth, als wollte sie ihr Bild +in der spiegelnden Flaeche betrachten. Das Land wird hier geschmueckt von +der See mit einem Saum silberschaeumender Wogen, dafuer flicht ihr das Land +einen Kranz aus immergruenem Walde. Zerrissene Felsen springen am Strande +vor und verlieren sich weit in den Fluthen. Das Esterel ist uns ganz nahe +gerueckt. Es zeigt denselben reich bewegten Umriss, dem wir so gerne von +Antibes aus folgten. Dieser Gebirgszug ist so schmal, dass die naemlichen +Hoehen von Osten wie von Westen das Bild bestimmen. In Antibes sieht man am +Abend die Sonne hinter dem Esterel verschwinden; dann huellen sich seine +Gipfel in dunkelblaue Schatten und stechen mit scharfen Umrissen gegen den +Abendhimmel ab. Hier sind sie jetzt mit Licht uebergossen; die schwindende +Sonne senkt ihre Strahlen in die Thaeler hinein, sie gestaltet und modelt +die einzelnen Berge, vergoldet die Gipfel, spart blaue Schlagschatten in +den Tiefen aus, entzuendet ganze Doerfer, wirft Irrlichter in die einzelnen +Haeuser hinein und taucht schliesslich Alles in purpurne Gluth. - Hier bei +St. Aigulf am Strande liess sich Carolus Duran nieder, und der Ort ist wohl +angethan, eines Malers Seele mit farbigem Glanz zu erfuellen! - Ploetzlich +oeffnet sich vor uns das weite, von dem Fluss Argens in zahlreichen +Windungen durchstroemte Thal, durch welches das Maurengebirge von dem +Esterel geschieden wird. Der Teich von Villepey und die Windungen des +Flusses glaenzen wie metallene Spiegel. In Frejus ertoenen die Abendglocken; +vom jenseitigen Ufer des Golfs sendet uns der Leuchtthurm von St. Raphael +einen ersten noch blassen Strahl entgegen. + + IV. + +Wir wandern jetzt auf classischem Boden. Ist doch Frejus das alte Forum +Julii, dem Julius Caesar den Namen gab. Augustus vollendete den Hafen, der +die Stelle von Lagunen einnahm, und gab dem Orte einen Pharus. Agrippa +liess einen Aquaeduct und ein Amphitheater erbauen; siedelte hier auch +Soldaten der achten Legion an, was zu der spaeteren Benennung Colonia +Octavanorum fuehrte. Die Stadt wuchs rasch in Groesse und Bedeutung; sie mass +fuenftausend Schritte im Umfang. Der Hafen war so ausgedehnt, dass er im +Jahre 31 v. Chr. die zweihundert Galeeren aufnehmen konnte, die Octavian +in der Schlacht bei Actium Antonius abgenommen hatte. Was fuer ein +farbenpraechtiges Bild mag das gewesen sein, als die Flotte des Antonius +diesen Hafen fuellte, als maechtige roemische Bauten sich in seinen Wellen +spiegelten, und weithin sichtbar durch das Thal der Aquaeduct in kuehnen +Boegen den fernen Bergen zueilte. - Frejus blieb unter den Kaisern die +wichtigste Flottenstation an diesem Gestade, dann aber begannen traurige +Zeiten. Der _Amnis argenteus_, der heutige Argens, fuellte langsam den +Hafen mit Schlamm und Erde an. Im zehnten Jahrhundert konnten nur noch +kleine Schiffe Zuflucht in demselben finden. Dann kamen die Saracenen und +schleiften 940 die Befestigungen der Stadt. Im fuenfzehnten Jahrhundert +wurde Frejus von Corsaren verbrannt, dann im sechzehnten Jahrhundert +nochmals unter Carl V. gepluendert. Der Hafen schwand allmaelig, und an +seiner Stelle bildeten sich weite Suempfe aus, welche mit toedtlichen +Miasmen die Gegend erfuellten. Ein Bild solchen Elends fand Aubin-Louis +Millin im Beginn dieses Jahrhunderts hier vor. Die Strassen waren leer, die +Haeuser unbewohnt, die wenigen Menschen, die man sah, gingen mit blassen +fahlen Gesichtern, hohlen Wangen, eingefallenen Augen umher. Man meinte, +in einem grossen Krankenhaus zu sein. "Wir nahmen Wohnung", schreibt +Millin, "in der besten Herberge: es war ein verpestetes und ekelerregendes +Haus, in dem man den Aufenthalt als Strafe betrachten musste. Schrecklicher +Schmutz herrschte in ihm. In schlecht gespuelten Gefaessen wurde uns fauliges +Wasser dargereicht; ganze Schwaerme von Fliegen belagerten die mit ranzigem +Oel bereiteten Speisen. Den Suempfen entstiegene Muecken und Schnacken +peinigten uns mit ihren Stichen; des Nachts wurden wir von nicht minder +zudringlichen, aber noch ekelhafteren Thieren aufgezehrt. Unser Blut war +in fortwaehrender Wallung. Es koennen hier wirklich nur solche Menschen +leben, die an derartige Plagen gewoehnt sind; uns erschienen sie als das +groesste Unheil, das einem menschlichen Wesen begegnen kann. Wir bedauerten, +dass der Wissensdrang, der uns trieb, historisch beruehmte Staetten +aufzusuchen, uns an diesen elenden Ort gefuehrt hatte, und wir wuenschten +denselben so bald als moeglich verlassen zu koennen." - Seitdem haben sich +die Zustaende in Frejus gebessert. Abzugscanaele sind entstanden, welche die +Umgegend entwaessern und dadurch gesuender machen; der Ort selbst ist zwar +auf ein Fuenftel seiner frueheren Groesse zusammengeschmolzen, sieht aber +ziemlich freundlich aus. Wer freilich tieferen Eindruck von den +Ueberresten aus der classischen Zeit erwartet, der wird enttaeuscht sein. +Es blieb nur wenig davon zurueck, zu wenig, um Achtung zu gebieten oder gar +kuenstlerisch anzuregen. Nur die zerrissenen Bogen des Aquaeducts draussen in +den Feldern, mit ihrem Schmuck von kletternden Pflanzen, sind aesthetisch +wirksam. Der Argens war so fleissig bei der Arbeit, dass heute eine weite +sandige Flaeche Frejus vom Meere trennt; die Truemmer des alten roemischen +Leuchtthurms ragen jetzt anderthalb Kilometer vom Strande entfernt aus dem +Boden hervor. So ist der alte Glanz von Frejus fuer immer geschwunden, und +was von demselben zurueckblieb, vermag solchen Eindruck wie die Denkmaeler +von Nimes und von Arles auf uns nicht zu machen. Doch erhebt uns auch hier +das Gefuehl, classischen Boden unter den Fuessen zu haben. Wir schauen dann +hinaus in das blaue Mittelmeer, an dessen Ufern jene maechtige Cultur +erstarkte, welche die Welt erobert hat. Wir suchen das Band mit der +Vergangenheit enger zu knuepfen und werden uns im Geiste wieder bewusst, dass +jene allgemein menschlichen Gedanken und Gefuehle, die hier zum ersten Mal +zur bewussten Empfindung und Gestaltung gelangten, auch heute noch unser +Denken und Fuehlen beherrschen. + +Roemische Villen fuellten jenen Strand, an dem heut St. Raphael sich erhebt. +Die roemischen Patricier bevorzugten ueberhaupt dieses schoene Land. Es war +das ihre Provincia Romana par excellence, diejenige, die sie meinten, wenn +sie kurzweg von Provincia sprachen, und sie behielt den Namen der +Provence. Am Strande von St. Raphael liessen sich nach den Roemern die +Tempelritter nieder und bauten jenen viereckigen Thurm, der auch heute +noch die alte Kirche zu schuetzen scheint. Im Jahre 1799 landete hier +Bonaparte, als er von Aegypten kam, und hier auch verliess er das Land, um +1814 nach Elba zu gehen. Es trifft somit nicht ganz zu, wenn behauptet +wird, Alphonse Karr habe St. Raphael entdeckt: richtig aber ist, dass er +unter den franzoesischen Schriftstellern der erste war, der sich hier +niederliess, dass ihm bald andere Celebritaeten der Litteratur und Kunst +folgten, und dass der neue Aufschwung von St. Raphael mit jener Zeit +begann. Was aber alle jene Kuenstler und Schriftsteller hier suchten, das +war der stille abgelegene Ort, an dem man Blumen, Sonne und Meer geniessen +kann, ohne von anderen Menschen gestoert zu werden. Sie alle flohen den +Laerm des grossstaedtischen Nizza und des uebereleganten Cannes. "Wenn ich +eine grosse Stadt lieben moechte," pflegte Alphonse Karr zu sagen, "zoege ich +zurueck nach Paris." Auch ist es im Sommer hier kuehler als jenseits des +Esterel, und der sandige Strand ladet dann zum erfrischenden Bade ein; +daher sich St. Raphael immer mehr zum sommerlichen Seebad entwickelt. Im +Winter ist es zu sehr den Winden ausgesetzt. Das sollten auch wir noch +erfahren. Schon am Abend bei unserer Ankunft begann sich Ostwind zu +erheben, am naechsten Tage wehte er mit Macht und war von heftigem Regen +begleitet. Gegen dieses Unwetter liess sich im Freien nicht ankaempfen. Der +Wind trieb die Regentropfen fast wagrecht durch die Luft. Das dauerte so +zwei Tage. Starker Ostwind ist hier meist mit Regen gepaart, somit +traurig. Ganz verschieden gebaerdet sich sein Widersacher, der noerdliche +Mistral. Er ist trocken und daher weit heiterer. Er fegt den Himmel rein +und pfeift bei Sonnenschein. Er blaest nicht in langen Zuegen, sondern in +abrupten Stoessen, er klingt donnerartig und ruettelt an den Gebaeuden. Der +Ostwind hingegen blaest staerker oder schwaecher, doch ohne Unterbrechung +fort; seine Stimme ist mehr ein Klagen, so dass man bei Nacht langgedehnte +Schluchzer zu hoeren meint. In der zweiten Nacht, die auf unsere Ankunft +folgte, entlud sich ein polterndes Gewitter, das mit dumpfem Droehnen die +Thaeler erfuellte und zuckende Flammen auf die Meeresflaeche warf; als der +Morgen aber kam, da strahlte die Sonne wieder hell in unser Zimmer hinein. +Das Meer tobte weiter, und wir zogen hinaus, um seinen Anprall gegen die +Felsen des Strandes zu sehen. - Zu den Wahrzeichen von St. Raphael gehoeren +seine beiden Loewen: "_le lion de terre_" und "_le lion de mer_", zwei +rothe Porphyrfelsen, die gleichsam Wache an dem Strande halten. Der +Seeloewe hat sich weiter in das Wasser hinausgewagt, der Landloewe dicht am +Ufer gelagert. Sie lauern da wie apokalyptische Thiere und trotzen seit +Ewigkeit der nagenden Kraft der Wellen. Jetzt stuermt das Meer mit Macht +gegen diese Felsen an, waelzt seine Wogen ueber sie hinweg und wirft mit +Getoese schaeumenden Gischt hoch an ihnen empor. Ueber den Porphyrloewen im +blauen Himmelsraum, da wiegen sich aber die Moeven. Wie gerne folgt ihnen +das Auge, diesen muthigen Voegeln, wenn sie mit breitem und maechtigem +Fluegelschlag die Luft durchschneiden. Jetzt segeln sie gegen den Wind, +jetzt wiegen sie sich an der Stelle, jetzt schiessen sie herab in die +Fluth, um ihre Beute zu fassen; mit ihr schwinden sie in der Ferne, oder +sie lassen sich nieder auf der schaukelnden Welle, ein weisser Punkt mehr +inmitten der weissen Kaemme. Da hinten in der See taucht ploetzlich eine +Herde von Delphinen aus den Wellen hervor. Sie zeigen zuerst ihren Kopf, +ueberschlagen sich fast in der Luft und schiessen hinunter in die Tiefe. Sie +bringen Humor in das grossartige Schauspiel: sie sind die Clowns des +Meeres. + +Die Strasse, die von St. Raphael in oestlicher Richtung dem Meeresstrande +folgt, fuehrt an Landhaeusern vorueber, die manchen bekannten Namen tragen. +Da ist die "_maison close_", das geschlossene Haus, welches Alphonse Karr +sich schuf, um der aufdringlichen Welt zu entgehen. Hier in "_Oustalet dou +Capelan_" hat Charles Gounod sich abgesondert, und ueber der Eingangsthuer +liest man: "_L'illustre maitre, Charles Gounod composa Romeo et Juliette a +l'Oustalet dou Capelan, au printemps de 1866_", und Jules Barbier, sein +Librettist, der nebenan ein Landhaus besitzt, fuegte darunter hinzu: _Hic +Divum Romeo scripsit Gounod meus 1866. Ingenio haut amicitia impar_." +Gounod weilte mit Vorliebe in St. Raphael; "ich finde hier," meinte er +oft, "den Golf von Neapel vor, mit der Campagna von Rom im Hintergrunde." + +Ist die Lage von St. Raphael wirklich so schoen, als es Gounod empfand? Ich +kann das nicht behaupten, so wenig ich auch sonst diesem Ort den ihm +zukommenden Reiz absprechen moechte. Mir fehlt hier der volle Blick auf das +Esterel, und ich fuehle mich nicht hinlaenglich dafuer entschaedigt durch die +Aussicht auf das Maurengebirge und jenes Thal des Argens, das Gounod mit +der Campagna von Rom vergleicht. Lieber wuerde ich doch dem Beispiel von +Carolus Duran folgen und mich dort drueben in St. Aigulf niederlassen, an +dem waldigen Strande, von dem aus man am Abend das zackige Esterel in +Purpur leuchten sieht. + + V. + +Hingegen bildet St. Raphael einen vorzueglichen Standort fuer Ausfluege in +das Esterel-Gebirge. Und dieses Gebirge ist sicher des Besuches werth; es +gehoert zu den Juwelen der Riviera: sein malerischer Reiz wird durch die +Porphyre bedingt, die als nackte Felsenmassen dem Boden entsteigen. Um +diese Porphyre und anderes eruptives Gestein sind Schiefer emporgerichtet. +Allseitig wird das Esterel durch tiefe Thaeler von den Alpen und durch das +Thal des Argens auch von dem Maurengebirge getrennt. Noch zu Anfang dieses +Jahrhunderts wagte man sich nur mit Schrecken in das Esterel hinein, jetzt +wandelt man in demselben sicherer als in den Anlagen mancher grossen Stadt. +- Unser erster Besuch sollte dem hoechsten Punkt des Gebirges, dem Mont +Vinaigre gelten, dessen Gipfel sich 616 Meter hoch ueber den Meeresspiegel +erhebt. Wir hofften von dieser Hoehe das ganze Esterel zu ueberblicken und +wollten dort unseren Plan fuer weitere Ausfluege entwerfen. - Wir brachen +von St. Raphael auf, als der Morgen graute. Der Weg fuehrte gegen Norden +zunaechst nach Valescure. Dort am Abhang der Berge, in dem kuehlen Walde, +pflegten schon roemische Familien den Sommer zu verbringen, wenn die Hitze +des Tages in Forum Julii unertraeglich wurde. _Vallis curans_, das Thal, +welches Genesung bringt, muss, wie sein Name sagt, als besonders gesunder +Aufenthaltsort gegolten haben. Diesen alten Ruf moechte man auch heute noch +ausnutzen und durch den verheissungsvollen Klang des Namens neue Bewohner +hier anlocken. Man wandert in Valescure auf fertig angelegten Strassen, +"_Grands Boulevards_" mit hochtoenenden Namen; der Wald ist in Parkanlagen +verwandelt; grosse Hotels hoffen auf Gaeste, Musikpavillons warten auf +Musikanten. Doch die Besucher bleiben noch aus. Woher auch sollen sie +kommen, diese Millionaere, um allen Grundstueckspeculanten zu Gefallen die +ganze Riviera von Toulon bis Ventimiglia mit Villen zu bedecken? Mit dem +Augenblick, wo der Bau der Suedbahn beschlossen war, bemaechtigten sich +Actiengesellschaften aller Punkte am Strande, die durch schoene Aussicht +aller Punkte auf der Hoehe, die durch gesunde Lage, Kiefernadelduft, oder +sonst welche Vorzuege sich auszeichnen. Auch in St. Aigulf drueben im +Maurengebirge ist der Wald schon parcellirt, laufen "_Grands Boulevards_" +durch denselben und sind nicht allein mit schoenen Namen, sondern auch mit +Laternen versehen. Den Laternen freilich fehlen die Scheiben; gebrannt hat +noch keine; manche warf der Sturm, manche auch Menschenhand schon um; nun +liegen sie da und rosten, ein trauriges Bild des Todes dort, wo niemals +Leben war. Dazwischen in moeglichst auffaelliger Stellung grosse Tafeln mit +bunten Inschriften und Plaenen, die zum Ankauf der Grundstuecke verlocken +sollen. - Wird Valescure jemals gedeihen? Es ist wohl moeglich - einen +Anfang von Erfolg hat es schon zu verzeichnen: "_La nature severe et +riante, l'odeur des pins agreable et salutaire_", wie Stephen Liegeard den +Ort preist, hat bereits die Kuenstlerin der "_Comedie francaise_" Suzanne +Reichemberg und die nicht minder beruehmte Saengerin der Pariser komischen +Oper Miolan Carvalho veranlasst, sich hier anzusiedeln. Der Ort ist +anmuthig, dicht von immergruenem Wald umhuellt, mit heiteren Ausblicken in +das Meer und das Gebirge: trotzdem athmeten wir freier auf, als wir die +"_Grands Boulevards_" verlassen hatten und uns in einer von der +Speculation weniger uebertuenchten Natur bewegten. - Die Sonne ging in +blaugrauem Nebel als rothe strahlenlose Scheibe auf; dann tauchte sie aus +dem Nebel hervor und strahlte hell an wolkenlosem Himmel. Die Erde schien +jetzt von Licht ueberstroemt. Bald betraten wir jene ausgedehnten Waelder, +welche das Esterel fast ganz bedecken. Einst hatten sie oft vom Feuer zu +leiden; statt gruener Laubkronen starrten verkohlte Skelete den Wandrer an. +Jetzt sind die Waelder Staatseigenthum geworden und erfreuen sich so +sorgsamer Pflege, dass sie fast den Eindruck grosser Parkanlagen machen. Die +dunklen Strandkiefern (_Pinus Pinaster_) wiegen bei Weitem vor: sie +schliessen ihre Kronen oft so dicht zusammen, dass kaum ein Sonnenstrahl +durch das Dickicht dringt. Vorzuegliche Kunststrassen fuehren durch den Wald, +und bis auf den Gipfel der Berge gelangt man auf gut gehaltenen Wegen. +Auffallend genug sieht man eine weite Kunststrasse oft ganz ploetzlich +enden, wenn sie die Grenzen des Gebirges erreicht. Da hoert das Departement +der Forste naemlich auf, und es beginnt dasjenige der Bruecken und +Chausseen. Die beiden Ministerien arbeiten sich, wie es scheint, nicht +immer in die Haende. Nach Wegweisern sieht man sich leider vergebens im +Esterel um, und wo mehrere Strassen sich schneiden, bleibt man auf seine +Orientirungsgabe ganz angewiesen. Die besten Karten der Gegend, die wir +uns zu verschaffen vermocht, Karten, welche das Ministerium des Inneren im +Jahre 1889 veroeffentlicht hatte, reichten eben nur aus, um uns irre zu +fuehren. Der Weg zum Mont Vinaigre war uebrigens nicht schwer zu entdecken. +Zunaechst sahen wir ihn vor uns, dann brauchten wir im Walde nur der +breiten Strasse zu folgen und uns nordwestlich zu halten, dort wo sich +dieselbe mit anderen gleich breiten Strassen schnitt. Sie stieg in +Windungen zwischen den Bergen empor. Meist war sie im Walde versteckt, und +wir wanderten im Schatten hoher Baeume, oder sie erreichte einen steilen +Abhang, und ueber den Gipfel der Baeume hinweg konnte der Blick dann ueber +gruene Thaeler und Berge weithin sich verlieren. Doch kein Haus war zu +entdecken, nirgends verrieth aufsteigender Rauch eine verborgene Huette: +nichts als Waelder, Thaeler und Berge in endloser Einsamkeit. Seitdem wir +das Gebirge betreten hatten, war uns kein Mensch begegnet. Wir fuehlten uns +ganz allein: es war fast unheimlich. Nach zwei Stunden erreichten wir eine +menschliche Behausung, das Forsthaus zu Malpay: "_M[=a]ou pays_", +schlechte Gegend, wie es provencalisch heisst, in Erinnerung an jene Zeit, +wo es hier nicht geheuer war, zu reisen. + +Die Frau Foersterin schien sichtlich erfreut, sich wieder einmal +aussprechen zu koennen, und gab uns, waehrend wir fruehstueckten, genaue +Auskunft ueber die Gegend. Sie zeigte uns auch in oestlicher Richtung ein +Stueck der roemischen Strasse, die man von hier aus auf eine laengere Strecke +hin ueberblicken kann. Rom mit Gallien verbindend, endete sie in Arelate, +dem heutigen Arles, von wo die "_via Domitia_" nach Spanien fuehrte. Zwei +roemische Strassen, die als aurelianische bezeichnet wurden, fuehrten durch +das Esterel. Die aeltere folgte von Cannes aus der Kueste und erst vor der +suedlichsten Felsengruppe des Esterel drang sie landeinwaerts, in ein Thal, +um in westlicher Richtung Frejus zu erreichen. Spaeter legten die Roemer die +zweite Strasse an, die, in gerader Richtung ueber die Berge laufend, +ungefaehr der heutigen zwischen Frejus und Cannes entspricht und von der +wir hier ein Stueck vor Augen hatten. In einer verborgenen Schlucht unfern +derselben liegen in Malpay noch Porphyrsaeulen aus alter Zeit, unvollendete +Arbeit der Roemer. Der violettrothe Stein hat sich seitdem freilich mit +einer dicken schwarzen Kruste bedeckt. An die Benennung jener roemischen +Strassen erinnern hier noch die Namen der Ufer und Berge. Dort, wo die +aeltere der beiden Strassen das Meer verliess, heisst immer noch das Ufer +"Plage d'Aurel", und "Pic d'Aurel" heissen die Porphyrmassen, denen sie +dann folgte. Dieses Gebirge war spaeter von aller Cultur so abgeschnitten, +neuen Einfluessen so entzogen, dass das Volk bis auf den heutigen Tag eine +noch benutzte Strecke der aelteren Strasse "_lou camin Aurelian_" nennt. + +Man verlaesst in Malpay die breite Strasse und folgt in oestlicher Richtung +dem Fussweg, der in zahlreichen Windungen am suedlichen Abhang des Mont +Vinaigre aufwaerts steigt. - Wie kommt der Berg zu seinem merkwuerdigen +Namen? Es heisst der saure Wein, der an seinen Flanken wuchs, haette ihm +denselben verschafft. Spuren einstiger Weincultur sind freilich nicht mehr +zu entdecken, hingegen tritt man am Abhang in die herrlichsten Maquis ein. +Baumartige Heide, Ginster, Pistacien, Euphorbien, Asphodelen, sie alle +bluehen zu gleicher Zeit und erfuellen die Luft mit wuerzigem Duft. Denn er +ist kurz, der provencalische Fruehling, und die Pflanzen muessen sich +beeilen, bevor die Duerre naht; es ist als wenn die Natur ein Fruehlingsfest +hier feiern wollte, und unbewusst dringt etwas von diesem Fruehling auch in +die Seele des Wandrers ein. Er vergisst alles Vergangene, ihm ist, als +koenne er das Leben von Neuem beginnen. Warum auch nicht? Ist doch die Welt +so alt und erwacht sie dennoch in jedem Fruehjahr zu neuem Leben. - Was +duften nur die Heiden so schoen nach bittren Mandeln? Jeder Windhauch traegt +uns ganze Fluthen dieses Aromas entgegen. Dieser Duft war uns frueher kaum +aufgefallen, doch eine gleiche Fuelle von Ericabluethen hatten wir auch noch +nie gesehen. Ein suesser Honiggeruch erfuellt jetzt die Luft: eine +unscheinbare kleine Wolfsmilch (_Euphorbia spinosa_) ist es, die ihn +verbreitet. Ihr fehlen auffaellige Bluethen, und da muss sie sich besonders +bemuehen, um in so farbenreicher Umgebung nicht unbeachtet zu bleiben. Sie +wird auch von zahlreichen Bienen besucht, waehrend die bunten +Schmetterlinge um andere praechtigere Bluethen flattern. Hier lohnt es sich, +Biene und Schmetterling zu sein! Aus dieser Bluethenmasse ragen dunkle +Erdbeerbaeume, zwerghafte Kiefern, immergruene Eichen, stachelige +Wachholderstraeucher (_Juniperus oxycedrus_) hervor. Und wo ein noch so +kleiner Platz unbesetzt geblieben an dieser reichen Tafel der Natur, da +draengen sich die Asphodelen (_Asphodelus cerasifer_) mit ihren weissen +Bluethenrispen ein. Auch sie wollen ihren Antheil an Licht und Waerme haben, +an jener Nahrung, die hier in solchem Uebermass gespendet wird. + +Wir steigen nur langsam in die Hoehe, bleiben vor jeder einzelnen Bluethe +stehen, belauschen die Bienen bei der Arbeit. Erst nach einer Stunde sind +wir oben; da liegt eine ganze Welt zu unseren Fuessen. Vor uns das gruene +Esterel mit seinen tief eingeschnittenen Thaelern und seinen steilen Hoehen, +wo aus dem Laub der Baeume die zackigen Porphyrfelsen in den Himmel ragen. +Im Westen die Ebene von Frejus von ihrem Silberfluss durchstroemt; ueber +dieser das Maurengebirge mit seinen dunklen Waeldern, und dann alle Buchten +der Kueste, weit hin bis nach St. Tropez. Im Norden die Kalkalpen in +perlgrauem Ton; im Osten die Seealpen mit schneebedeckten Haeuptern; davor +ueppig gruenes Land, mit leuchtenden Staedten und Doerfern und wieder die +Kueste, erst bei Bordighera in duftigen Nebel sich huellend. Ganz in der +Naehe Cannes, vor ihm die Inseln von Lerins; weit vorspringend in die See +das schmale Cap von Antibes; endlich im Sueden, scheinbar dem Himmel +entgegenstrebend, das unbegrenzte Meer. + +Heute war es hier oben so windstill, dass auch die einsame Korkeiche, die +am Gipfel steht, sich in der Sonne *waermen* konnte. Auch sie, die +bedauernswerthe, war ihrer schuetzenden Korkhuelle beraubt worden. Zum +grossen Theil entbloesst, musste sie an schlimmen Tagen dem Mistral hier +trotzen. In dem friedlichen Bilde, das uns umgab, stoerte diese nackte +Eiche wie ein Misston die Harmonie. + +Der Weg, den wir bei Malpay verlassen hatten, setzt sich in gerader +Richtung am Fusse des Mont Vinaigre fort und trifft bald auf die grosse +Strasse von Frejus und Cannes. Folgt man ihr in oestlicher Richtung, so +gelangt man bald zu einer Haeusergruppe, der Auberge des Adrets und dem +Gensdarmerieposten. Der Name, den das Wirthshaus fuehrt, war in Paris einst +in Jedermanns Mund, als der beruehmte Schauspieler Frederic Lamaitre im +Ambigu-Theater die Hauptrolle in einem Schauerdrama gab, das in einer +"Auberge des Adrets" spielte. Das war in den vierziger Jahren, und alle +sensationsbeduerftigen Besucher von Cannes machten Ausfluege ins Esterel, um +in der "Auberge des Adrets" die Raeume zu sehen, in denen ein Herr Germeuil +ermordet oder vielmehr *nicht* ermordet worden war. Denn abgesehen davon, +ob die ganze Geschichte sich jemals zugetragen, oder ob sie nur erfunden +war, handelte es sich thatsaechlich in dem Drama nicht um diese, sondern, +wie das Textbuch deutlich angab, um eine Herberge gleichen Namens auf dem +Wege von Grenoble nach Chambery. - Unter den Besuchern, die in froehlicher +Laune von Cannes aus hierher gekommen waren, befand sich im Jahre 1868 +auch Georges Sand. Die Bewohner des Hauses wurden damals schon sehr +ungehalten, wenn man sie ueber jenen Herrn Germeuil ausfragen wollte; sie +glaubten, man bezichtige sie des Mordes. Richtig ist, dass vor Jahren die +Gegend um jene "Auberge des Adrets" besonders beruechtigt war. In den +unzugaenglichen Thaelern und Schluchten des Esterel suchten alle jene +Verbrecher ihre Zuflucht, denen es gelungen war, aus den Galeeren von +Toulon zu entfliehen. Sie pflegten die Reisenden unfern von diesem +Wirthshaus anzufallen, an einer Stelle, wo die Strasse von angrenzenden +Hoehen beherrscht ist. "Als wir vorbeifuhren," schreibt Horace Benedict de +Saussure, "zeigte uns der Courier von Rom, der mit uns reiste, einen +zertruemmerten Reisekoffer, der noch am Wege lag und einem Courier gehoert +hatte, der vor einigen Tagen ausgepluendert worden war." Als hingegen der +Erlanger Professor der Naturwissenschaften Gotthilf Heinrich Schubert 1822 +"mit der Hausfrau, die, wie gewoehnlich, als Haushofmeister und Adjutant, +ihren alten Traeumer begleitete", die naemliche Stelle ueberschritt, hatten +sich die Zustaende bereits geaendert. In dem Wirthshaus war ein +Gensdarmerieposten errichtet. Doch fand er dort nur eine alte Frau und +zwei kleine Kinder vor. Waehrend die Reisenden sich staerkten, kam die Alte +auf die verschollenen Raeubergeschichten zu sprechen. "Wenn sich so ein +Raeuber doch hier wieder sehen liesse," meinte die Frau, "damit unsere +Gensdarmen zeigen koennen, dass sie ihr Brot nicht umsonst essen." - Seitdem +die Eisenbahn Frejus mit Cannes verbindet, ist diese Strasse wie +ausgestorben, und Raeuber wuerden ihr Auskommen da nicht mehr finden. Das +Wirthshaus zeigt aber noch deutlich an, dass es einst darauf eingerichtet +war, sich zu vertheidigen. Die Mauern sind ungewoehnlich dick, die Fenster +des unteren Stockwerks mit eisernem Gitter versehen. Durch eine Oeffnung +in der eichenen Thuer wurde der Reisende erst genau betrachtet, bevor er +Einlass erhielt, schraege Schiessscharten in den Waenden sind gegen die Thuer +gerichtet: das Haus gleicht einer Festung, die nur durch regelrechte +Belagerung genommen werden konnte. Jetzt steht seine Thuer weit offen, und +kleine Kinder spielen vor dem Hause. + +Wir kehrten nach Malpay zurueck und waehlten von dort einen Weg, der in +suedoestlicher Richtung uns nach Agay fuehrte. Bald waren wir in den _Vallon +de la Cabre_ gelangt. Dort breitete ueberall am Abhang der lorbeerartige +Schneeball (_Viburnum Tinus_) seine weissen Bluethendolden aus. Bis auf die +betretenen Wege wagten sich die blauen Schwertlilien (_Iris germanica_) +hervor. Die Dichternarcisse (_Narcissus poeticus_) schaute uns aus dem +Gebuesch mit ihren leuchtenden Blumenaugen an. Hochstengelige Tulpen +(_Tulipa Celsiana_) gruessten uns aus der Ferne mit ihren gelben Bluethen. +Die violetten Bluethenstaende der doldenbluethigen Schleifenblume (_Iberis +umbellata_) ueberraschten uns durch ihre Pracht; hatten wir doch dieses +schoene Gewaechs bisher nur in Gaerten gesehen. Bald war in unseren Haenden +_Ophrys aranifera_, die merkwuerdige Orchidee, mit ihren spinnenartigen +Bluethen, und zu dieser konnten wir dann auch ihre bienenaehnliche Schwester +(_Ophrys apifera_) gesellen. Am meisten aber erfreute uns das seltene +_Limodorum abortivum_, eine blattlose Orchidee, die in allen Theilen +hellviolett gefaerbt, auch hellviolette Bluethen traegt. So wandelten wir im +Thale mit grossen Blumenstraeussen in den Haenden. Da ploetzlich tauchte vor +uns ein grosser Porphyrblock auf. Er steht auf schwachen Fuessen und neigt +sich ueber den Bach, als wollte er stuerzen. Das Volk hat ihn den +Taubenschlag, "_Pigeonnier_", genannt. Dann fuehrte unser Weg weiter an +anderen phantastischen Felsen vorbei; oft schienen sie das Thal zu +versperren und traten erst weit im Halbkreis auseinander, als wir den Fluss +von Agay erreichten. Dem folgten wir bis an das Meer. Zackig zerrissen, in +rothem Lichte gluehend, schaut dort das Castel d'Agay in die See hinab. Wie +Zaehne einer Riesensaege ragen in langgedehnter Reihe die steinernen Zacken +gegen den Himmel vor. Wir rasteten an der lieblichen Bucht von Agay, die +der rothe Porphyr in einen farbigen Rahmen fasst. Wir sind hier zehn +Kilometer von St. Raphael entfernt, an der Station der Mittelmeerbahn, die +dem Seestrande folgt, um dem Gebirge auszuweichen. + +Unfern von Agay, am Wege nach St. Raphael, wird blauer Porphyr gebrochen. +Grosse Bloecke sprengt man aus dem Berge heraus, schneidet sie in Platten +und Wuerfel und verwerthet den Rest fuer Strassenbau. Der ganze Strand ist +mit blauem Porphyr bedeckt, und zahlreiche Arbeiter sind beschaeftigt, ihn +auf Schiffe zu laden. Der Porphyr des Esterel ist ein Quarzporphyr, der in +dichter, mit blossem Auge nicht unterscheidbarer Grundmasse, die aus Quarz +und Feldspath besteht, Krystalle oder crystallinische Koerner aus Quarz +oder Feldspath fuehrt. Der Feldspath ist meist fleischroth, doch wird die +rothe Faerbung des ganzen Gesteins vornehmlich durch Eisenoxyd bedingt, das +als ein feiner Staub in der Grundmasse vertheilt ist. In den blauen und +andern hellgefaerbten Porphyren tritt das Eisenoxyd gegen +Eisenoxydulverbindungen zurueck. Der blaue Porphyr wird fuer Strassenbauten +besonders geschaetzt und seine Gewinnung hier in grossem Massstab betrieben. +- Dem Steinbruch gegenueber springt eine Landzunge, "_Le Piton de +Dramont_", vor in die See und traegt auf steil abfallenden Felsen einen +hohen Leuchtthurm. Er warnt den Schiffer schon aus der Ferne vor der +Gefahr, die ihn an dieser felsigen Kueste bedroht. Die Bucht von Agay, die +bei ruhigem Wetter still ist und leer, fuellt sich bei stuermischer See oft +mit vielen Schiffen. Sie warten hier, im sicheren Schutze der Berge, auf +guenstigeres Wetter, und schon zur roemischen Zeit hat der Agathon Portus +manches Schiff vor Untergang gerettet. + + VI. + +Als ein Wunder des Esterels gilt das Malinfernet, ein versteinertes +Felsenmaerchen. Eine Strasse fuehrt jetzt von Agay dahin, und drei Stunden +Wagenfahrt genuegen, um es von St. Raphael zu erreichen. Wir ziehen die +Fusswanderung vor und brechen von le Trayas auf, wohin wir mit der Bahn in +einer halben Stunde gelangen. Dort kreuzen wir sogleich die Schienen und +steigen am westlichen Abhang des vor uns sich erhebenden Berges in die +Hoehe. Wir wandern in Maquis, noch ueppiger als wir sie an andern Stellen +des Esterels gesehen. Vom suessen Honigduft der Euphorbien sind wir fast +betaeubt. Weite Flaechen werden gelb gefaerbt von grossbluethigen +Pfriemenstraeuchern (_Calycotome spinosa_). Cistusrosen (_Cistus albidus_) +beginnen eben ihre grossen rothen Bluethen zu entfalten. Zunaechst sind sie +zerknittert, so wie sie es in dem engen Raum der Knospenhuelle waren, doch +breiten sie sich aus, verlieren bald alle Falten und locken nun die +Schmetterlinge durch ihren zarten Farbenreiz. Wir pfluecken keine dieser +Bluethen, da sie zu vergaenglich sind, der leiseste Windhauch traegt ihre +Kronenblaetter davon. - Welche Fuelle bunter Schmetterlinge belebt hier den +Abhang. Bluethen und Schmetterlinge gehoeren ja zusammen. Der sonst seltene +Falter _Anthocharis Eupheno_ ist hier fast gemein. Er gleicht unserem +Aurorafalter, ist aber schwefelgelb, nicht weiss wie jener. Dieselben +rothen Flecken zieren seine Vorderfluegel. Unruhig und rasch fliegt er +durch die Luefte. Ebenso behend ist der Osterluzeifalter (_Thais +Polyxena_), dessen braeunlich gelbe Fluegel mit schwarzen Zacken sich +umrandet zeigen und rothe und blaue Flecken tragen. Er gleicht einem +Harlekin, so bunt und befranzt ist seine Tracht. Langsam schweben in allen +Richtungen die Segelfalter an uns vorueber. - Bald haben wir einen Kamm, +den Col Lentisque erreicht, den zahlreiche Korkeichen schmuecken. Hier +schneiden sich mehrere Wege. Wir waehlen denjenigen, der zur Rechten +abzweigt, ueberschreiten alsbald die Passhoehe und beginnen in einem waldigen +Thale, dem "Ravin" des Baches Escalle, der hier abwaerts fliesst, langsam +abzusteigen. Schoene Stecheichen (_Ilex aquifolium_) ragen stellenweise aus +dem ueppigen Dickicht hervor. Es sind das hier stattliche Baeume, waehrend +wir sie in unseren Waeldern nur in Strauchform finden. Da faellt uns dann +wieder auf, was einst schon Chamisso bemerkte, dass die glaenzenden, +lederartig starren Blaetter nur in den unteren Theilen des Baumes mit +scharfen Zaehnen besetzt sind, an den hoeher entspringenden Aesten aber +einen fast glatten Rand haben. Nur an denjenigen Blaettern, die von den +weidenden Thieren erreicht werden koennen, bildet zum Schutz gegen +dieselben diese Pflanze Stacheln aus. Der Weg wendet sich ploetzlich nach +Westen, und ganz unvermittelt stehen wir am Ausgang des Malinfernet. Da +ragen sie nun hervor aus dem dunklen Wald, alle die rothen Felsen hier in +der Sonne gluehend, dort in den Schatten der Berge getaucht. Sie +verschieben sich gegeneinander bei jedem Schritt, den wir vorwaerts +schreiten; die einen schwinden, die andern treten hervor, fast endlos. Und +der klare Bach, der das Thal durchstroemt, rauscht entweder stark, oder +murmelt schwach, oder donnert laut in Wasserfaellen. Einmal verbirgt er +sich ganz im gruenen Laub der Baeume, dann tritt er wieder weit sichtbar vor +und spiegelt mit hellem Glanze den Himmel. Und erst die Felsen! Hier +glaubt man einen spitzen Thurm zu sehen, wie den Thurm eines gothischen +Domes, mit steinernen Blumen und Thieren und allerhand Schnoerkeln +verziert; dort eine Burg mit ihren Schanzen und Zinnen, dort eine Orgel +mit riesigen Pfeifen, hier einen schlanken Kegel, dort einen kantigen +Crystall, hier wieder ein Standbild auf hohem Postament. Ist das nicht der +Gott Osiris, der auf diesen Felsen thront? Er traegt zwei junge Kiefern wie +Scepter in den Haenden. Am Eingang jener Schlucht kauert eine Sphinx und +holt aus zum Sprunge. Und dort am fernen Abhang scheint eine wilde Jagd +den Berg hinabzurasen. Die phantastischen Thiere ragen hoch aus dem Wald +hervor, in letztem Todeskampf zu Stein erstarrt. Da hat die Natur ihrem +ungezuegelten Gestaltungsdrang freien Lauf gelassen; sie schuf in +uebermuethiger Laune. Und als bereue sie nachtraeglich diesen Uebermuth, +verbarg sie sorgsam das Thal zwischen hohen Bergen. Das Malinfernet musste +thatsaechlich erst entdeckt werden, und noch im December 1851, nach dem +napoleonischen Staatsstreich konnten politische Fluechtlinge sich dort +lange Zeit verborgen halten und den Nachforschungen der Gensdarmen +entgehen. + + VII. + +Gegen Abend zogen wir wieder hinaus zum Strande von St. Aigulf. Wir +wollten das Esterel noch einmal im Glanze der untergehenden Sonne gluehen +sehen. Es war ein farbenpraechtiger Abend, still und mild, einer jener +Abende, die das Gefuehl des Glueckes in der menschlichen Seele erwecken. +Kein Luftzug bewegte die Blaetter der Baeume. Im See von Villepey spiegelten +sich dunkle, goldumstrahlte Wolken. Durch unser Nahen aufgeschreckte Voegel +flohen aus dem Dickicht des Ufers empor. Sie stiegen in die Luefte und +schienen schwarze Furchen zu ziehen am hellen Abendhimmel. Die Wolken im +Westen nahmen Purpurfarben an, und in ihrem Widerschein roethete sich auch +der See. Er sah jetzt unheimlich aus, wie eine Lache von Blut; das dunkle +Dickicht aus Rohr umfasste ihn mit schwarzem Trauerrand. Wir setzten unsern +Weg fort zum Strande. Bald stand der Westen in voller Gluth, und das +Maurengebirge glich einem Riesen in der Feuersbrunst. Die Baeume des Waldes +zeichneten sich schwarz auf hellem Grund, als waere ihr Umriss mit Kohle +gezogen. Allmaelig verblasste der Himmel. Auf den spiegelnden Wellen des +Meeres begannen sich die weissen Strahlen der ersten Sterne mit dem rothen +Abglanz der letzten Abendlichter zu mischen. Als wir den Strand +erreichten, war es bereits so dunkel, dass wir den Umrissen des Meeres +nicht mehr folgen konnten. Der Himmel spruehte von Sternen und schien auch +ungezaehlte Lichter im Meere auszusaeen. Wir lauschten dem Stoehnen und +Rollen der Brandung und frugen uns, warum es ewig klagt und grollt, dieses +laenderumspuelende Meer; ist es der Schmerz ueber all' das Leid, das sich an +seinen Ufern zugetragen? Ist doch auch dieser Ort nach jenem Heiligen +benannt, der auf den Lerinischen Inseln gemartert ward. Manchmal glaubten +wir nahende Schritte zu hoeren; doch nein, es war nur ein reifer +Kieferzapfen, der vom Baum zu Boden fiel, oder eine groessere Welle, die +sich ueber das Ufer ergoss und zischend dem Meer wieder zueilte. Die +silberne Mondsichel, ganz schmal, tauchte hinab in die Baeume. Starr +leuchteten uns von Osten her die Leuchtthuerme von St. Raphael und von +Drammont entgegen; der Phar von Camarat im Westen flammte auf und nieder: +es war, als oeffnete und schloesse er abwechselnd sein grosses Feuerauge. Im +Meere tauchten Barken auf in gelbem Fackelschein. Das waren Fischer, +welche mit Feuer die Tiefen erhellten, um Fische zu erspaehen. Die +flackernden Flammen warfen lange zitternde Streifen auf die Wellen. +Ploetzlich tauchte dicht vor unseren Augen, gespensterhaft gross, eine +riesige Barke auf, mit ausgespannten Segeln. Sie deckte uns die Sterne und +warf einen schwarzen Fleck ueber den funkelnden Himmel. Eben so rasch, wie +sie kam, war sie auch verschwunden, lautlos, unvermittelt, wie ein +Geisterschiff. + + VIII. + +Unfern vom Bahnhofe bei le Trayas schaut aus dem dunklen Gruen der Baeume +ein helles Haeuschen hervor. Schilder an der Station preisen es als "_Hotel +du Trayas et restaurant de la Reserve_" an. Der Ort liegt so schoen am +Wald, zwischen rothen Felsen, dass wir den Entschluss fassten, dort einige +Zeit zu weilen. So fanden wir uns am naechsten Tage auf der Station von le +Trayas mit unserem Gepaeck wieder ein. Wir frugen nach dem Wege zum +"Hotel", und wurden auf einen Hund verwiesen, der sich in unserer Naehe +befand. "Sie brauchen ihm nur zu folgen, er wartet auf die Gaeste". Der +Hund hatte sich uns genaehert, als wir mit Handgepaeck beladen, aus dem +Eisenbahnwagen stiegen und sah uns verstaendnissvoll an. Es war ein grosser +schwarzer Vorstehhund, mit langem seidigem Haar. Wir schritten zum +Ausgang; der Hund eilte uns voran, blickte oft sich um und wedelte dann +mit dem Schweife. Er fuehrte uns den Weg an der Bahn entlang, hierauf in +den Wald. Einen Augenblick war er verschwunden: es galt einen kleinen +Pintscher im nahen Foersterhause zu besuchen, vielleicht ihm mitzutheilen, +dass Fremde angelangt seien. Der kleine Freund kam mit bis auf den Weg, um +uns zu betrachten, dann zog er sich zurueck. In einer Viertelstunde +erreichten wir das Gasthaus, einen bescheidenen Bau, doch mit ziemlich +weiter Glashalle. Augenscheinlich wurde die Restauration des "Hotels" mehr +als seine Wohnraeume in Anspruch genommen und somit wohl die Glashalle am +meisten benuetzt. Der Hund stellte sich vor die Eingangsthuer und bellte. Es +war das aber nicht ein gewoehnliches Bellen, er stiess vielmehr gedaempfte, +rasch hinter einander gedehnte Toene aus, welche die Mitte zwischen Bellen +und Heulen hielten. Da stuerzte der geschaeftige Wirth mit seiner ganzen +Familie aus dem Hause und bot uns seine Dienste an. Die Zimmer im Hause +sind zwar aeusserst klein, doch ertraeglich, der Aufenthalt auf der Terrasse, +bei so schoenem warmem Wetter, wie wir es trafen, war aber geradezu +entzueckend. Steht doch das Haus dicht am Meere, auf einem Porphyrfelsen, +und kann der Blick weithin der Kueste folgen, an rothen Porphyrmassen, dann +dunkelgruenen Hoehen vorbei Cannes erreichen und auf den Lerinischen Inseln +im Meere, oder dem weissen Schnee der Alpen ueber den Bergen, endlich ruhen. +Vorn ist der rothe Strand in scharfe Buchten zerschnitten und zu tiefen +Grotten ausgehoehlt; im Norden steigt, dicht ueber dem Hause, der Pic +d'Aurelle empor, im Westen schliesst die maechtige Felsenmasse des Cap Roux +die Landschaft ab. + +Viele Fremde kommen aus Cannes hierher, verweilen aber nur wenige Stunden, +um sich in der Glasveranda an "_Bouillabaisse_", oder an den Austern und +Hummern der "Reserve" zu laben. Hin und wieder findet sich zu mehrtaegigem +Aufenthalt ein leidenschaftlicher Liebhaber des Fischfangs ein. Denn das +Meer gilt fuer besonders fischreich an diesem felsigen Strande, und der +Fischer findet vollauf Gelegenheit, seine List und seine Gewandtheit zu +ueben. Als besonders spannend gilt der Fischfang des Nachts bei Feuer und +verlangt, so wie er hier geuebt wird, sehr viel Geschick. Eine solche Fahrt +muss man einmal mitgemacht haben! + +Das Meer war so ruhig, so einladend, dass wir einen Fischer veranlassten, +uns am Abend zu solchem Fischfang mitzunehmen. Es dunkelte schon, als wir +das Land verliessen. Kein Mond am Himmel, doch unendlich viel leuchtende +Sterne, deren Zahl noch immer zu wachsen schien. Sie spiegelten sich in +den Wellen, die wir durchschnitten. Die Umrisse der Berge schwanden immer +mehr; bald bildeten sie nur noch einen dunklen sternenlosen Schatten am +Himmelssaum. Im Meere war es still; wir hoerten nur den leisen Anprall der +Wellen gegen das Boot und den regelmaessigen Schlag der Ruder ins Wasser. +Die Brise aber, die des Nachts von den Bergen weht, trug die Stimmen des +Landes ueber das Meer. Wir hoerten aus der Ferne die lauten Concerte der +Laubfroschscharen, das schrille Zirpen der Heuschrecken. Zugleich brachte +uns diese Brise alle die Wohlgerueche, welche den harzigen Kieferwaeldern +und den wuerzigen Maquis entstroemen. Nah und fern glaenzten am Ufer, wie +grosse Sterne, die Leuchtthuerme uns entgegen. Wir gaben uns diesen +Eindruecken ganz hin und athmeten mit Wonne die balsamische Luft. Der eine +Fischer beugte sich dann ueber das Boot, um das Feuer zu entzuenden. Vorn an +einem Haken war der eiserne Gitterkorb befestigt, den er mit harzigem Holz +der Aleppokiefer gefuellt hatte. Knisternd entflammte dasselbe und +verbreitete ein grelleres Licht, wie Fackelschein. Dieses Licht drang in +die Tiefen des Meeres ein, waehrend der Himmel ueber uns jetzt fast schwarz +erschien. Wir glitten ueber Felsenmassen, auf welchen Meeresalgen wahre +Zaubergaerten bilden. Da mischen und durchdringen sich alle Farben, von +lebhaftestem Gruen bis zu dunklem Braun und zu leuchtendem Roth. Hier +breite Blaetter zu Rosetten aneinander gedraengt, dort lange fluthende +Faeden, wie aufgeloestes Haar, dort wieder rundliche Gebilde wie Muscheln. +Dazwischen schillernde Seeanemonen mit vorgestreckten Fuehlern, rothe +Seesterne mit ausgebreiteten Armen und stachelige Seeigel, die dunkle +Flecke in einem bunten Teppich zu bilden scheinen. Kleine Fische fliehen +erschreckt nach allen Seiten, groessere folgen in Scharen, wie durch das +Licht fascinirt, unserem Boot. Spaehend steht am Vordertheil des Schiffes +der Fischer und schaut in die Tiefe. Er haelt eine dreizinkige, an langer +Schnur befestigte Harpune in der Hand, bereit sie abwaerts zu stossen. Jetzt +giesst er einige Tropfen Oel auf das Wasser, um die Fluth, die der Luftzug +kraeuselt, zu glaetten. Die Ruderschlaege verstummen. Ploetzlich faehrt der +Wurfspeer in die Tiefe, sein mit Widerhaken versehener Dreizack durchbohrt +einen Fisch, und zappelnd wird dieser emporgezogen, um im Boote bald zu +verenden. - Es gehoert viel Uebung und Geschick zu einer solchen Jagd. +Nicht nur gilt es beim Wurf die Bewegung des Fisches, sondern auch jene +Lichtbrechung im Wasser zu beruecksichtigen, welche den Fisch an einer +anderen Stelle zeigt, als die, an der er sich wirklich befindet. Wir gaben +die Jagd auf, es genuegte uns dieses eine Opfer; langsam erlosch unser +Feuer und wieder glitten wir friedlich auf der weiten See, beschienen von +silbernen Sternen. + +Gegen den Mistral ist le Trayas vollstaendig gedeckt, der Cap Roux faengt +ihn mit seinem breiten Ruecken auf. Zu gleicher Zeit, da in Cannes und +Nizza dichte Staubwolken von den Strassen aufsteigen, merkt man hier kaum +einen Luftzug und kann sich behaglich im Freien vor dem Hause sonnen. Doch +darf der Ostwind nicht kommen; der rueckt hier an, mit voller Gewalt; er +stuermt das Gebirge, das ihm Halt gebietet, prallt zurueck von den hohen +Felsen und umwirbelt sie mit wuethendem Geheul. Das geaengstigte Meer +scheint dann auf das feste Land sich fluechten zu wollen; mit Schaum +bedeckt versuchen es seine Wellen, die Felsen zu erklimmen, doch sie +zerschellen an dem harten Stein und sinken gebrochen zurueck in die Tiefe. +In der Hoehlung der Grotten fangen sie sich aber ein, suchen dort einen +Ausweg nach oben und schlagen mit solcher Gewalt gegen die Woelbungen an, +dass das ganze Ufer erdroehnt. Da ist von Schlaf kaum die Rede des Nachts in +dem kleinen Hause, - schlummert man endlich auch ein, so traeumt man +Schauergeschichten und wacht dann ploetzlich auf mit Schrecken und +Beklemmung. Staub gibt es freilich selbst dann nicht auf den +Porphyrstrassen des Esterel, und in einem vom Strande entfernteren, mehr +geschuetztem Hause, koennte daher wohl mancher Lungenkranke im Fruehjahr +besser aufgehoben sein, als in den von Kalkstaub erfuellten Kurorten. Im +Winter selbst wird es hier zu kalt und fehlen demgemaess auch die +empfindlicheren Pflanzen in der Flora. + + IX. + +Vor Allem galt es uns von hier aus den Gipfel des Cap Roux, den "Grand +Pic" des Esterel, zu besteigen. Gleichzeitig wollten wir die Grotte Sainte +Beaume d'Honorat besuchen und frugen nach dem Wege zu derselben. Der Wirth +bot uns den Hund als Fuehrer an, denselben Hund, der uns am Bahnhof +empfangen hatte. "Castor" wurde herbeigerufen. Wir hatten schon naehere +Bekanntschaft mit ihm geschlossen, bei den Mahlzeiten seiner gedacht und +so seine Zuneigung gewonnen. Dieser Hund hatte merkwuerdig viel Ausdruck im +Gesicht; seine Augen blickten so klar und treu, und wenn er uns von der +Seite ansah und das Weiss seiner Augen sichtbar wurde, da erschienen diese +so verstaendig und nachdenklich, so ueberlegt und klug, fast wie +Menschenaugen. Allem Anschein nach verstand Castor den Sinn vieler Worte +und staunten wir daher auch nicht, als der Wirth den Auftrag ihm +ertheilte, uns nach der Beaume zu fuehren und zu diesem Zwecke das Wort +"Beaume" drei Mal mit Nachdruck wiederholte. Castor wedelte mit dem +Schwanze zum Zeichen des Verstaendnisses, doch blieb er zunaechst noch +stehen. Ah! sagte der Wirth, ich habe den Lohn vergessen, den er gewohnt +ist zu erhalten: die eine Haelfte hier, die andere an der Beaume. So wurden +denn Cakes geholt, fuer welche Castor eine besondere Vorliebe hatte. Die +eine Haelfte verzehrte er sogleich mit sichtlichem Behagen, die andere +Haelfte nahmen wir mit auf den Weg. Wir brachen jetzt auf, Castor voran, +die Schnelligkeit seines Ganges nach der unserigen richtend, haeufig nach +rueckwaerts schauend, ob wir ihm auch folgen. Wir streiften den +Eisenbahndamm in westlicher Richtung und waren bald an die Muendung des +Thales gelangt, das den Pic d'Aurelle von der Bergwand des Cap Roux +scheidet. Das Meer dringt vor in dieses Thal, um eine der vielen Buchten +zu bilden, die hier Calanques heissen. Eine Eisenbahnbruecke ueberspannt im +Bogen die Bucht. Wir glaubten den Weg unter derselben einschlagen zu +muessen, doch Castor fuehrt uns aufwaerts, und ohne auf die Eisendraehte zu +achten, durchkreuzt er die Bahn. Wir glaubten seinem Beispiel folgen zu +muessen, und in der That schliesst ja auch beiderseits der Weg an den +Bahndamm an. Die Draehte scheinen nur da zu sein, um ueberstiegen zu werden, +nur um die Bahn im Falle eines Ungluecks vor der Verantwortung zu schuetzen. +Diese Einrichtung wiederholt sich hier laengs der ganzen Bahnstrecke, +zahlreiche Wege muenden beiderseits an dieselbe, und man wird zum +Uebersteigen der Draehte vom Bahnwaerter selbst ermuthigt, wenn man ihn nach +dem Wege fraegt. - Castor fuehrte uns am Abhang des Cap Roux in +nordwestlicher Richtung weiter; er kehrte sich nicht an die vielen Wege, +die steiler am Berge aufstiegen, ging ruhig und sicher in gerader Richtung +vor sich hin. Das Thal wendet sich dann nach Westen, und wir folgten dem +noerdlichen Abhang des Berges. Ein gemauertes Schutzhaus steht am Wege, das +den Forstbeamten als Zufluchtsstaette dient; nebenan entspringt am Berg +eine Quelle. Hier bog Castor seitlich ab, waehlte den rechts aufsteigenden +Pfad und fuehrte uns jetzt steil in die Hoehe. Zunaechst war der Weg noch +gut, doch nach einiger Zeit gelangten wir in Geroell und Felsen. Dann +folgten Stufen im Stein; stellenweise schwebten wir ueber dem Abgrund, doch +da waren eiserne Staebe in den Fels geschlagen, an denen wir uns stuetzen +konnten. Castor war augenscheinlich nicht schwindlig; er kletterte behende +aufwaerts, schaute oft an schwierigen Stellen sich um, als wenn er unserem +Geschicke nicht ganz traute. Vor uns auf der Felsenkante steigen die +Truemmer eines Thurmes auf, die Reste der frueheren Einsiedelei. Ein Thorweg +durchsetzt den Thurm; wir bleiben an dessen Eingang stehen. Der Blick +taucht hier ueber die steilen Felsen in das ueppige Thal hinab. Gruene Berge, +von zackigen Porphyrmassen gekroent, steigen jenseits auf; ueber dem Col +Leveque im Osten glaenzen die Schneehaeupter der Alpen. Und im Westen, in +blaeulichem Dunst getaucht, begrenzt das Maurengebirge den Horizont. - +Jenseits des Thurmes ist der Eingang zur Grotte. Castor hatte sich vor +denselben gelagert. Nicht ohne Selbstgefuehl schaute er uns an. Er hielt es +nicht einmal fuer noethig mit dem Schweife zu wedeln, als wir ihm die Cakes +ueberreichten. Er hatte sie verdient; Demuth war nicht am Platze. Wir +traten in die Grotte ein. Rechts birgt sie eine Cisterne. Im Hintergrunde +ist ein bescheidener Altar errichtet, und noch bescheidenere Standbilder +der Heiligen zieren die Waende. Hier soll einst als Einsiedler der heilige +Honoratus gelebt haben, jener Heilige, der um das Jahr 408 auf den +Lerinischen Inseln ein beruehmt gewordenes Kloster gruendete. Zahlreiche +Pilger zogen Jahrhunderte lang und ziehen auch jetzt noch am ersten +Donnerstag im Mai den steilen Berg hinauf, um den Heiligen zu verehren. +Eine Nische in der Grotte soll des Heiligen Lager gebildet haben. Die +Pilger betrachten mit Andacht die Vertiefungen im Stein, die sie als +Spuren deuten, welche der Koerper des Heiligen hinterliess. + +St. Honoratus stammte aus dem noerdlichen Gallien, wie es heisst aus einer +vornehmen Familie. Noch jung zog er sich in diese Einoede zurueck. Sein +Beispiel regte zur Nachahmung an. Es folgte ihm der heilige Eucharius, ein +provencalischer Edelmann, Seigneur de Theol et de Mandelieu, der aber +spaeter als der heilige Honoratus der Welt entsagte. Er mag manchen +bitteren Kummer und manche Enttaeuschung zuvor erlebt haben. Denn, wie ich +der Geschichte der Dioecese Frejus, die der Abbe Disdier veroeffentlicht +hat, entnehme, war der heilige Eucharius zuvor verheirathet gewesen und +besass zwei Soehne und zwei Toechter. Als ihm seine Frau durch den Tod +entrissen wurde, uebergab er die Erziehung der Soehne dem heiligen Hilarius +und zog sich zunaechst auf eine der Lerinischen Inseln und dann in die +Einsiedelei des Cap Roux zurueck. Er bewohnte hier eine Grotte, die noch +unzugaenglicher, noch abgeschlossener als diejenige des heiligen Honoratus +war. Hier "von Allen getrennt, der Ruhe und der Schweigsamkeit sich +weihend, hatte er weder den Willen noch die Gelegenheit zu suendigen". Hier +verfasste er auch einen begeisterten Tractat zum Lob der Einsamkeit. Doch +sollte er sein Leben nicht in dieser Einoede beschliessen. Abgesandte der +Lyoner Gemeinde entfuehrten ihn, um ihn als Erzbischof an ihre Spitze zu +stellen. - Schwer faellt es heute, sich in den Geist jener begeisterten +Asketen zu versetzen, denen als Ideal der Vollkommenheit nicht die +Erfuellung der sittlichen Pflichten des Lebens, sondern der Ertoedtung aller +sinnlichen Gelueste vorschwebte. Doch damals waren die Zeiten anders, und +es sah so traurig aus in der Welt, dass mancher an ihr verzweifeln konnte. +Manch' edel angelegter Mensch mochte glauben, dass sein ethisches Ideal +innerhalb einer solchen Welt nicht zu verwirklichen sei, und suchte es +darum in der Weltentsagung. Solches ideale Streben, das mit dem Opfer der +eigenen Person verbunden ist, zwingt uns Bewunderung ab; menschlicher +muthet uns ein spaeterer Einsiedler vom Berge des Cap Roux an, Namens +Laurentius Bonhomme, der dort die zweite Haelfte des siebenten Jahrhunderts +verlebte. Er betrieb allerhand kleines Gewerbe, war immer fleissig bei der +Arbeit, zuechtete Bienen, verwerthete deren Wachs und Honig, und das Geld, +das er verdiente, vertheilte er unter die Armen. Er schloss sich von den +Menschen nicht ab, wanderte auch nicht selten nach Frejus, gefolgt von +einem Reh. Der Bischof liess sich das Reh von ihm schenken; es blieb in +Frejus zurueck. Spaeter nun, als Laurentius wieder einmal in Frejus war und +vor dem bischoeflichen Palaste sich laut unterhielt, hoerte das Reh seine +Stimme, sprang aus einem Fenster des Palastes zu ihm hinab und leckte +seine Haende. Da fuehlte der Mann sich gluecklich; er empfand "_le bonheur du +parfait solitaire_", wie es in der Erzaehlung heisst. So auch war seine +Einsiedelei stets von zahlreichen Voegeln umgeben, die er zu Zeiten der +Duerre in den Vertiefungen der Felsen mit Wasser traenkte. Eines Tages +ueberraschte er Diebe, die ihm seine Bienenstoecke geraubt hatten. +Erschrocken sahen die Missethaeter ihn nahen. Er aber trug ihnen auch noch +die uebrigen Bienenstoecke zu und rief ihnen nach, sie haetten die besten +vergessen. Solche unerschoepfliche Guete ruehrte das Gemueth der Missethaeter: +sie besserten sich, so heisst es, von dieser Stunde. + +Wir blieben nochmals vor der Grotte stehen und verloren uns im Anblick +dieser schoenen Gegend. So mag sie auch ausgesehen haben vor anderthalb +tausend Jahren, als der heilige Honoratus in dieselbe blickte. Auch damals +schon glaenzten die rothen Porphyrfelsen so feurig im Sonnenschein, und +damals schon leuchtete der ewige Schnee so blendend weiss dort jenseits auf +den Alpen. Auch dasselbe Beduerfniss nach Idealen ist dem menschlichen +Geiste geblieben, nur hat sich die Form derselben veraendert. + +Wir stiegen hinab bis zur Quelle und schlugen einen anderen Weg dann ein, +um von Westen her den Gipfel des Berges zu erreichen. Wir suchten Castor +zur Heimkehr zu bewegen, doch zog er es vor, bei uns zu bleiben. Freilich +fuehlte er sich nicht mehr verpflichtet, uns den Weg zu weisen, er ging +nicht mehr vor uns her, schweifte vielmehr ab nach allen Seiten. Oft sah +man ihn nicht, da war er im Gebuesch, um Voegel aufzuscheuchen; er schaute +ihnen in den Lueften nach. Einmal schien er einem groesseren Thier +nachzujagen, vielleicht einem der vielen Fuechse, die das Esterel bewohnen. + +Auf dem Gipfel des Cap Roux, dem Grand Pic, der einst Vigie de Peyssarin +genannt wurde, entfaltete sich vor uns ein Bild so herrlich, wie wir es +kaum je gesehen. Der Eindruck, den wir empfingen, war erhaben und lieblich +zugleich, malerisch und von maechtiger Wirkung. Waehrend vom Mont Vinaigre +aus unser Auge erst in der Ferne ueber gruene Berge das Meer erreichen +konnte, hatten wir hier die blauen Fluthen zu unseren Fuessen. Die gruenen +Abhaenge des Cap Roux fallen langsam zum Meere ab; sie endigen in schroffen +Felsen, die sich senkrecht in die Wellen stuerzen. Dort setzen sie sich +fort mit Zacken und Rissen, schneiden ein in das Meer mit scharfem Grat, +fassen es in ausgehoehlte Mulden, tauchen dann wieder wie steinerne Riesen +aus der Fluth empor. Das Wasser nimmt violette Toene an auf dem purpurnen +Grunde: es scheint fluessiger Amethyst zu sein in einem Becken von Rosso +antico. Um uns herum gluehen die Felsen in hellem Sonnenschein. Gelbe und +graue Anfluege, von Flechten erzeugt, toenen das satte Roth ab in unzaehligen +Schattirungen. Gegen diesen Vordergrund hebt sich die Ferne mit ganz +eigenem Colorit ab; man wird voellig berauscht von dieser Pracht, sie +klingt einem wie Musik in der Seele. Zunaechst beachtet man kaum die Form +der Gegenstaende und laesst nur ihre Farben auf sich wirken: wie sich die +Toene mischen und wie sie einander durchdringen, wie sie hier verschmelzen, +dort in effectvollem Contrast von einander absetzen. Wie wunderbar glueht +dieser braunrothe Coloss auf dem blauen Hintergrunde des Meeres, das hoch +hinter ihm am Horizonte aufzusteigen scheint! Wie hebt sich dieser andere +Porphyrfelsen von dem perlgrauen Grunde der Kalkalpen ab; dort springen +wieder rothe Zacken vor gegen den leuchtenden Himmel, im Osten ueber Nizza +kroent der blendend weisse Schnee der Alpen wie ein silbernes Diadem das +gruene Vorgebirge. Ihm wenden sich immer wieder von Neuem unsere Blicke zu. +Unten aber schillert am Strande das blaue Meer in purpurnen Toenen auf dem +rothen Grunde; fern im Sueden spiegelt es die Sonne wider und strahlt +unermessliches Licht zurueck. Eine maechtige Felsenmasse im Westen deckt uns +das Thal von Frejus, hinter ihm thuermt sich das Maurengebirge in +sammetgruenen Farben auf. Das Auge folgt der Kueste bis zu den goldenen +Inseln. Im Osten liegt vor uns der Golf de la Napoule und Cannes fast in +greifbarer Naehe. Die Inseln von Lerin tauchen gruen wie Smaragde hervor aus +der goldigen Fluth. Wir sehen sie jetzt alle zu einer leuchtenden Gruppe +vereinigt, voran die Insel St. Honorat, dann St. Marguerite, und neben +St. Honorat im Osten, nur als dunkler Streifen, die kleine St. Fereol; +dahinter taucht das Cap d'Antibes seine belaubten Ufer in die Fluthen; es +springt so weit vor in die See, als wollte es dieses eine Meer in zwei +Meere theilen. Jenseits der Baie des Anges, der breiten Engelsbucht, +glaenzt das weisse Nizza im Halbkreis an gruenen Huegelketten, und dann +erheben sich Berge hinter Bergen, bis jenseits Bordighera die Umrisse der +Kueste verschwimmen. + +Auf Castor machte dieses Bild keinen Eindruck. Er beschnueffelt sorgsam die +Steine, auf welchen, den Ueberresten nach zu schliessen, von frueheren +Touristen manches Fruehstueck verzehrt worden ist. Sicherlich strengt er +seine Einbildungskraft an, um die einzelnen "Menus" zu reconstruiren, - +dann gaehnt er zu wiederholten Malen, streckt sich aus und schlaeft. - +Stunden vergingen, bevor wir uns entschlossen, den Abstieg anzutreten. + + X. + +Den Pic d'Aurelle durften wir nicht unbeachtet lassen, ihn, unseren +naechsten Nachbar. Wir mussten denselben besteigen, waere es auch nur jenem +Aurelius zu Ehren, nach welchem er den Namen fuehrt. Was fuer ein Aurelius +das ist, dessen Name durch jenen Fels wie durch die alte roemische Strasse +verewigt wird, das laesst sich freilich nicht mit Sicherheit sagen. Die +Wahrscheinlichkeit spricht fuer Cajus Aurelius Cotta, weil er den Plan zu +dieser grossen Strasse entwarf und deren Bau auch, von Rom aus, im Jahre 241 +vor Christus begann. Die Strasse soll er aber nur eine kurze Strecke weit +ausgebaut haben; sie wurde dann von Aurelius Scaurus ueber Pisa und Savona +fortgesetzt, von Julius Caesar endlich bis zum heutigen Arles gefuehrt. + +Wir stiegen vom Hotel geradeaus in die Hoehe, ueberschritten in gewohnter +Weise den Bahnkoerper und erreichten bald einen breiten Weg, der in +westlicher Richtung den Berg umkreist. Diesem Weg mussten wir laengere Zeit +folgen, immer das gruene Thal vor Augen, das den Pic d'Aurelle vom Cap Roux +trennt. An dem noerdlichen Abhang des Cap Roux profiliren sich scharf die +dunkelrothen Felsen, und deutlich ragt aus denselben der Thurm hervor, der +vor der Grotte des heiligen Honoratus wacht. - Wir waehlen den ersten +Fussweg, der jetzt bergauf am Pic d'Aurelle sich wendet. Der Berg ist nur +etwa 300 Meter hoch, laesst sich somit ohne Anstrengung besteigen. Der Blick +von demselben ist jenem vom Gipfel des Cap Roux aehnlich, doch entsprechend +eingeschraenkt. Denn das Cap Roux deckt die ganze Kueste im Westen, und nur +das Thal an seinem noerdlichen Abhang gestattet einen Durchblick bis zum +Maurengebirge. Da sieht man im Thale des Argens auch Frejus liegen und +begreift es nun wohl, warum die Roemer zunaechst dieses Thal erwaehlten, um +ihre Strasse von der Kueste nach Forum Julii zu fuehren. In oestlicher +Richtung schweift auch vom Pic d'Aurelle das Auge unbegrenzt ueber die +schneebedeckten Alpen und die weite Kueste. Die nackten Porphyrfelsen, die +den Gipfel des Berges bilden, tief zerklueftet, gleichen den Ruinen einer +Titanenburg. Mit Vorsicht nur darf man den Felsenraendern sich naehern, denn +ganz unvermittelt fallen sie ab in die Tiefe. + +Jede Wanderung im Esterel bot uns neue Reize. Mit seinem gepflegten Walde +und seinen sorgsam unterhaltenen Wegen gleicht dieses Gebirge einem grossen +Parke, in welchem mit Kunstsinn, Geschmack und unerhoerter Kraft die Natur +maechtige Felsmassen zum Schmuck vertheilt haette. + +Castor ist unser Freund, und ungeachtet ihn Fernsichten nicht fesseln, +begleitet er uns doch auf allen unseren Ausfluegen; auch den Pic d'Aurelle +hatte er mit uns bestiegen. + +Ein Weg fuehrt an unserem Hotel vorbei und setzt sich in westlicher +Richtung fort bis nach Agay. Auf ihm pflegen wir oft zu wandern. Er folgt +allen Windungen der Kueste. Zerfallene Haeuser stehen an demselben. Sie +bargen einst die Arbeiter, die beim Bau der Bahn beschaeftigt waren. Ein +hartes Stueck Arbeit, da die ganze Strecke hier aus dem Porphyr gesprengt +werden musste. Die verlassenen Haeuser liess man in Wind und Wetter +zusammenstuerzen. Der an das Hotel zunaechst grenzende Strand ist wiederum +Aurelius zu Ehren, "plage d'Aurelle" benannt. Hier war es, wo die alte +roemische Strasse den Strand verliess, um landeinwaerts hinter dem Cap Roux im +Thale aufzusteigen. Jenseits der Bucht, in welche dieses Thal muendet, kann +man vom Wege aus nach Agay schon die ganze Schneekette der Alpen +ueberblicken. Hier verlassen wir den betretenen Weg, um an dem Ufer selbst +unsere Wanderung fortzusetzen. Da geht es bergauf und bergab nicht ohne +Hindernisse. Einmal erklimmen wir einen steilen Fels, dann steigen wir +wieder bis zum Meer hinab. Leise Wellen schlagen an das Ufer, kaum +umfranst von leichtem Schaum. Durch die krystallhelle Fluth dringt unser +Auge bis auf den tiefen Grund. Es sieht dort in purpurnen Mulden +raethselhafte Dinge liegen, die in bunten Farben gleich Edelsteinen +funkeln. Die provencalische Sonne uebergiesst uns mit ihrem Glanz; auch das +Meer und die Felsen strahlen uns Licht entgegen. Die ganze Luft zittert +ueber dem erhitzten Boden. Alles leuchtet und flimmert um uns her; die +Ferne schwindet in goldigem Nebel, und der weisse Schnee der Alpen scheint +wie ueber Abgruenden zu schweben. + +Wie kommt es nur, dass sie so rein und so klar sind, diese herrlichen +Fluthen des Mittelmeeres? tragen doch Fluesse und Baeche fort und fort +Schlamm und Erde dem Meere zu; nagen doch seine Wellen unaufhoerlich an dem +weit ausgedehnten Ufer. Die Klarheit des Seewassers wird durch seinen +Salzgehalt bedingt. Truebes Flusswasser, sich selbst ueberlassen, braucht +sehr lange Zeit, um sich zu klaeren, doch genuegt es, eine Spur Kochsalz +hinzuzufuegen, damit diese Klaerung aeusserst rasch erfolge. Je mehr Salz das +Seewasser enthaelt, um so blauer pflegt es auch zu erscheinen, daher das +salzreiche Mittelmeer durch die Intensitaet seiner Faerbung ausgezeichnet +ist. In vierhundert Meter Tiefe erloeschen die letzten Strahlen des +Lichtes, welches in das Seewasser dringt. Weiter hinab herrscht ewige +Dunkelheit. Die verschiedenartigen Strahlen, welche das weisse Sonnenlicht +zusammensetzen, und die unser Auge als verschiedene Farben empfindet, +werden nicht gleich schnell im Meere resorbirt. In zwei Meter Tiefe ist +schon die Haelfte der rothen und ein Drittel der orangegelben Strahlen +verschwunden; das Licht, das tiefer dringt, ist jetzt nicht mehr weiss, es +ist vorherrschend gruen und blau geworden. Das bedingt die Faerbung des +Meeres. Da der Salzgehalt des Wassers auf den Vorgang der +Strahlenabsorption einen Einfluss uebt, so beeinflusst er auch die +Farbeneffecte. Die glatte Meeresflaeche wirft das meiste Licht unveraendert +zurueck. Spiegelt sich in ihr die Sonne, so leuchtet sie daher in deren +Glanz, waehrend sie der Abendhimmel in Purpurtoenen faerbt. Von den +aufsteigenden Wellen der bewegten See wird dagegen nur wenig Licht +zurueckgeworfen, daher uns das Meer dann besonders dunkel erscheint. + +Doch es gilt Abschied von Le Trayas zu nehmen. Castor begleitet uns zur +Bahn. Wir streicheln ihn vor der Trennung. Er sieht lange dem +Eisenbahnzuge nach, der uns davontraegt. Sein Blick truebt sich - fast +scheint es uns, er habe Thraenen in den Augen. + + XI. + +Bald lag das Esterelgebirge hinter uns im Westen, und wir fuhren in +sanftem Aufstieg dem Norden zu. Der Schienenweg fuehrte im Thal der Siagne +an Feldern von Rosen und Jonquillen, von Veilchen und von Jasmin vorbei; +dann folgte er wieder grauen Olivenhainen. So erreichten wir Grasse, eine +Stadt in mittelalterlichem Gewande. Sie klettert empor an den letzten +Auslaeufern der Alpen. In Windungen fuehren die Strassen in die Hoehe; steile +Treppen kuerzen die Wege ab, Gewoelbpfeiler verbinden in engen Gassen die +gegenueberliegenden Haeuser, damit sie den steilen Abhang nicht abwaerts +gleiten. Es draengen sich in solchen Gassen die Menschen an einander +vorbei; stellenweise stockt der Verkehr. Der moderne Inhalt der +Schaufenster an den Laeden passt nicht zu der alten Umrahmung. Manchem +Hausgang entweicht ein fettiger Dampf, gewuerzt mit Zwiebel und Knoblauch. +Da gibt es Fritturen, unverfaelschte mediterrane Wohlgerueche. Doch mit +jenem Oelduft mischt sich ein anderes durchdringendes Parfuem, das an +freieren Orten allein zur Geltung gelangt; es kommt vom Santalholz, das +aufgeschichtet in den Parfuemfabriken liegt. Seine Verarbeitung hat jetzt +begonnen. + +Grasse ist sehr alten Ursprungs, wurde aber zu wiederholten Malen +vollstaendig zerstoert. Sein Wiederaufbau im sechsten Jahrhundert soll +eigenartiger Weise erfolgt sein durch Juden. Es waren, so heisst es, +Nachkommen jener Juden, die Tiberius gegen das Jahr 19 unserer +Zeitrechnung aus Rom vertrieb. Waehrend der Judenverfolgung, die im +sechsten Jahrhundert in der Provence ausbrach, gingen diese Juden zum +Christenthum ueber und erhielten die Ruinen der alten roemischen Stadt dafuer +zum Lohn. Sie sind es, die ihr den Namen "Gratia" gaben. Das Stadtwappen +von Grasse fuehrt ein silbernes Osterlamm in azurnem Feld; man sucht dies +in Verbindung zu bringen mit der einstigen Bekehrung seiner Wiedererbauer. + +Wir finden Grasse nicht schoen, und auch der Ausblick von seinen Plaetzen +und Gaerten in das ferne Meer entzueckt uns nicht. Bilden doch den +Vordergrund jenseits der Huegel steife und nuechterne Kasernen, die jedes +aesthetische Empfinden stoeren. Doch anmuthig ist der Blick auf Grasse +selbst, vom Garten des Grand Hotel, den man auf der neuen Avenue Thiers, +oberhalb der Stadt, in zwanzig Minuten erreicht. Die Agaven und Palmen des +Gartens rahmen da die alte Stadt in wirksamer Weise ein; sie verdecken die +unschoenen neuen Gebaeude und zeigen nur die eckigen alten Thuerme und +Haeuser, die sich ueber und durch einander an den Abhang draengen. + +Das, was uns nach Grasse gefuehrt hatte, war aber auch nicht die Hoffnung, +die zuvor empfangenen Natureindruecke zu steigern, vielmehr der Wunsch, +einen Einblick in die hier bluehende Parfuemherstellung zu gewinnen. Seit +mehr als hundertundfuenfzig Jahren ist Grasse in dieser Richtung beruehmt, +und selbst weiter noch reichen seine Erfolge auf diesem Gebiete zurueck. +Man zeigt uns das Haus, in welchem ein Sieur Tombarelli aus Florenz schon +in der zweiten Haelfte des sechzehnten Jahrhunderts ein Laboratorium fuer +Parfuemerien eingerichtet hatte. Heute ist Grasse zu einem der Hauptorte +europaeischer Parfuemfabrikation geworden. Es stellt aber nicht die fertigen +Parfuems her, so wie sie schliesslich als sogenannte "Bouquets" zur +Verwendung kommen, sondern die ersten Erzeugnisse fuer dieselben. Aus +diesen einfachen Bestandtheilen mischen die eigentlichen Parfuemisten erst +jene verschiedenen Bouquets zusammen, wie sie eben die Mode vorschreibt +oder der Geschmack der Zeit verlangt. Grasse entnimmt seine Wohlgerueche +fast ausschliesslich dem Pflanzenreich. Thatsaechlich sind auch die meisten +natuerlichen Parfuems pflanzlichen Ursprungs, nur Moschus, Ambra, Bibergeil +und Zibeth entstammen dem Thierreich. Neuerdings beginnt jedoch die +chemische Industrie wirksam in das Parfuemgeschaeft einzugreifen, indem sie +die wohlriechenden Stoffe in chemisch reinem Zustande darstellt. Im +Besonderen ist es gelungen, das Cumarin, jenen Stoff, der den Geruch des +frischen Heues bestimmt, aus Salicylaldehyd zu erzeugen. Das Verfahren ist +ziemlich umstaendlich, der aromatisch riechende Koerper, den man in +farblosen, glaenzenden Krystallen erhaelt, aber durchaus uebereinstimmend mit +demjenigen, den die Tonkabohnen, die Samen des Tonkabaumes (_Dipterix +odorata_) von Guyana und auch die Stengel der _Liatris odoratissima_, +einer in Florida wachsenden Composite, die zum Parfuemiren des Tabaks und +der Cigarren benutzt wird, enthalten. Mit etwa zwanzig Gramm kuenstlichen +Cumarins erreicht man heute in der Parfuemerie ebenso viel, wie mit einem +Kilogramm Tonkabohnen. Ebenso verhaelt es sich mit dem natuerlichen +Wintergruenoel, das aus dem nordamerikanischen, zu den Heidengewaechsen +gehoerenden Theebeerenstrauch (_Gaultheria procumbens_) gewonnen wird, und +das jetzt vollstaendig durch kuenstlich erzeugten Salicylsaeure-Methylester +ersetzt ist. Nur unvollkommen gelang es hingegen bis jetzt, das in der +Parfuemerie vielbenutzte Bittermandeloel durch das kuenstliche Benzaldehyd zu +verdraengen. Sehr grossen Erfolg hat die Chemie mit dem Vanillin erzielt, +das aus dem Saft des jungen, noch in Entwickelung begriffenen Holzes der +Nadelbaeume (Coniferen), doch auch aus dem im Nelkenoel enthaltenen Eugenol +und verschiedenen anderen Koerpern dargestellt wird. Da die Fruechte der +Vanille im besten Falle anderthalb bis zwei Procent Vanillin enthalten, so +ist mit zwanzig bis fuenfundzwanzig Gramm Vanillin in der Parfuemerie +reichlich derselbe Effect wie mit einem Kilo Vanille zu erreichen. +Kuenstliches Heliotropin wird jetzt aus Safrol, dieses selbst aus +japanischem Camphoroel dargestellt, ausserdem aus +Steinkohlentheer-Derivaten. Da aus den Bluethen des Heliotrops +(_Heliotropium peruvianum_ und _grandiflorum_) nur aeusserst wenig Parfuem +sich gewinnen laesst, so ist dieser Ersatz sehr willkommen. Den Maigloeckchen +ist ihr zarter Duft ueberhaupt nicht abzugewinnen, daher fuer die Parfuemerie +sehr wichtig, dass jetzt ein aehnlich riechender Koerper sich aus dem +Terpineol gewinnen laesst. Allgemein kommt jetzt auch krystallinisches +Thymol, das aber nicht aus dem Thymian, sondern aus dem Samen des +ostindischen Doldengewaechses _Ptychotis Ajowan_ abdestillirt wird, zur +Verwendung, desgleichen Menthol, welches zwar in der eigentlichen +Parfuemerie keine Rolle spielt, doch zur Darstellung von Migraenestiften und +auch von Schnupfpulver dient. Neuerdings werden zwei gleich +zusammengesetzte Koerper: das _Iron_ und _Jonon_, deren Aroma mit +demjenigen der Veilchenbluethen fast voellig uebereinstimmt, kuenstlich +erzeugt. Es genuegt, ein mit diesen Koerpern erfuelltes Proberoehrchen zu +oeffnen, damit ein ganzes Zimmer mit Veilchenduft erfuellt werde. +Merkwuerdiger Weise riechen diese Koerper nicht zu allen Zeiten gleich +stark, und aehnliche Schwankungen im Duft zeigen auch frische Veilchen. Das +Iron gewinnt man aus der sogenannten Veilchenwurzel, das heisst aus dem +Wurzelstock von _Iris florentina_, doch es kommt sehr theuer zu stehen, da +100 Kilo Iris-Wurzelstock nur 8 bis 30 Gramm Iron ergeben. Um so +werthvoller fuer die Parfuemerie ist es, dass die Darstellung des Jonons aus +Citral, einem im Citronenoel enthaltenen Koerper gelang. - Vor Kurzem kam zu +diesem Allen noch die kuenstliche Darstellung des Orangenbluethenoels hinzu. +Auch den Moschus, der von den maennlichen Moschusthieren stammt, hat man +versucht, durch das kuenstlich erzeugte _Musc Baur_ oder _Tonquinol_ zu +ersetzen, und es verbreitet sich dieses Product immer mehr. + +Sehr werthvolle Parfuems werden uns auch aus waermeren Himmelsstrichen +zugefuehrt, so von Alters her die Balsame und in neuerer Zeit das +Ylang-Ylang, welches aus den Bluethen eines zu den Anonaceen gehoerenden, in +Suedasien cultivirten Baumes, _Cananga odorata_, gewonnen wird. Der +Hauptsache nach bleibt es aber Suedeuropa, dem die Parfuemisten ihre besten +Wohlgerueche verdanken. - Die meisten pflanzlichen Parfuems werden als +aetherische Oele gewonnen, Oele, die im Gegensatz zu den fetten Oelen +fluechtig sind und auf Papier einen durchscheinenden Fleck bilden, der bald +wieder schwindet. Aetherische Oele werden von den Thieren nicht erzeugt. +Bei den Pflanzen sind es ganz vornehmlich die Bluethen, welche den +Riechstoff enthalten. Dort wirken ja Wohlgeruch und Farbe zusammen, um +jene Thiere anzulocken, die den Bluethenstaub von Bluethe zu Bluethe +uebertragen sollen. Doch kann die duftende Substanz auch in der Wurzel der +Pflanze angesammelt sein, so das Opoponax, ein Gummiharz des +kleinasiatischen Doldengewaechses _Opoponax Chironium_, oder es ist in dem +Wurzelstock der Pflanze vertreten, so bei der "Veilchenwurzel" und dem +Vetiver, welches letztere den Wurzelstock des ostindischen Grases +_Andropogon muricatus_ bildet. Auch das Holz der Staemme kann mit Parfuem +beladen sein, so das Holz der balsamliefernden Baeume, oder das des +ostindischen Santalbaumes (_Santalum album_). Die Stammrinde fuehrt das +Parfuem beim Zimmtbaum (_Cinnamomum ceylanicum_). In anderen Faellen sind es +wieder die Blaetter, die am staerksten duften, so bei unserer Pfeffermuenze +(_Mentha piperita_) oder Melisse (_Melissa officinalis_) und dem +indisch-malayischen Patchuli (_Pogostemon Patchuly_); endlich koennen auch +Fruechte und Samen den Riechstoff enthalten, so bei der Vanille oder dem +Kuemmel. + + XII. + +Wir hatten uns mit den noethigen Empfehlungen versehen und durften einige +der groessten Parfuemfabriken von Grasse besichtigen. Das angewandte +Verfahren blieb in der Hauptsache ueberall dasselbe. Ist der wohlriechende +Stoff in bedeutender Menge in einem Pflanzentheil vertreten und in +groesseren Druesen dort eingeschlossen, so kann er durch Auspressen befreit +werden. In anderen Faellen wird er durch Destillation aus den +Pflanzentheilen gewonnen, vorausgesetzt freilich, dass er bei der Erwaermung +nicht leidet. Wo er in sehr geringen Mengen vorhanden ist, wird er von +warmen oder kalten Fetten, in denen er loeslich ist, aufgenommen und dann +mit Alkohol denselben entzogen. + +Als wir in Grasse eintrafen, ging dort die Veilchenernte zu Ende, waehrend +die Jonquillen in voller Bluethe standen. Die Veilchen enthalten nur Spuren +des wohlriechenden Stoffes, so wenig, dass man auf die Behandlung der +Bluethen mit Fett angewiesen ist. Im Allgemeinen wird dabei das +Macerationsverfahren angewandt. Das Fett muss sehr rein sein, und wir +konnten feststellen, dass die Fabriken selbst es aus frisch geschlachteten +Thieren gewinnen. Dann wird es geschmolzen und durch entsprechende +Behandlung mit Kochsalz und Alaun, durch Waschen, Abschaeumen und Seihen +durch feine Leinwand gereinigt. So nur bleibt es geruchlos und gewinnt +eine Haltbarkeit, die man oft durch Zusatz von Benzoe, auch wohl von +Borsaeure zu erhoehen sucht. Fuer Salben kommen auch feine Oele, besonders +Olivenoel und Mandeloel, seltener Ricinusoel, in Betracht. + +Die Veilchen, die fuer die Parfuemfabrik bestimmt sind, duerfen nicht nass +sein, wenn man sie sammelt. Diese Regel gilt auch fuer alle anderen +Pflanzen, die mit Fett behandelt werden sollen. Man pflueckt die Veilchen +frueh am Morgen, sobald der Thau verschwunden ist, bevor die Sonne Zeit +hatte, staerker einzuwirken. Gleich nach dem Einsammeln gelangen sie in die +Fabrik und werden in erwaermtes Fett geschuettet, das man fluessig bei 40-50 +Grad Celsius erhaelt. Nach einer entsprechend langen Einwirkung filtrirt +man es von den Veilchen ab und versetzt es mit frischen Blumen. Das +wiederholt man so lange, bis das Fett mit Veilchenduft gesaettigt ist. So +erhaelt man Veilchenpomade, deren Geruch voellig dem der Veilchen gleicht, +und der man den duftenden Stoff durch Weingeist oder durch sehr gut +gereinigten, geruchlosen Kornbranntwein entzieht, mit dem man sie +schuettelt. Da sehr grosse Mengen Veilchen noethig sind, um eine stark +riechende Essenz zu gewinnen, so hat man von jeher schon nach einem Ersatz +fuer Veilchen gesucht. Daher die "Veilchenwurz" statt Veilchen in Sachets +so allgemeine Verwendung findet. Geschaelte und getrocknete Stuecke des +naemlichen Wurzelstockes von Iris wurden auch, wie Plinius erzaehlt, schon +zu roemischen Zeiten den zahnenden Kindern um den Hals gehaengt, so wie es +noch heute geschieht. + +Jetzt wo das Jonon entdeckt ist, duerften aus der Gegend von Grasse die +Veilchenfelder verschwinden. + +Der stark duftenden gelben Jonquille (_Narcissus Jonquilla_) wird das +Aroma ebenfalls durch Fett entzogen, doch in anderer Weise, nach einem +Verfahren, das man als "Enfleurage" bezeichnet. Wir fanden ganze Raeume in +den Fabriken mit aufeinander gelagerten viereckigen Holzrahmen erfuellt. In +jeden derselben ist eine Glasscheibe gefasst, die einseitig mit Fett +ueberzogen wird, doch so, dass es nur eine ganz duenne Schicht auf dem Glase +bildet. Auf dieses Fett legt man die Jonquillen und laesst sie so lange mit +ihm in Beruehrung, bis aller Duft extrahirt ist. Das dichte +Zusammenschliessen der aufeinander gelegten Rahmen verhindert ein +Entweichen desselben in die Umgebung. Die Bluethen werden auch hier +wiederholt erneuert, bis schliesslich die Pomade fertig ist, aus der man +dann mit Weingeist den Jonquillen-Extract herstellt. + +Da die Jonquillen nicht in groesseren Mengen bei Grasse angepflanzt werden, +stockte die Arbeit mit frischen Blumen zur Zeit in den Fabriken. Die +Orangenbluethen, die Rosen, Heliotrop und Reseda kommen erst im Mai, daher +man jetzt das Santalholz in Angriff genommen hatte. Wir sahen grosse Massen +dieses kostbaren braunen Holzes in den Lagerraeumen aufgespeichert. Es +steht hoch im Preise, denn auch in seiner ostindischen Heimath wird es +sehr geschaetzt. Man verfertigt dort kunstvoll geschnitzte Moebel, vor Allem +aber Schreine aus Santalholz. Denn sein Duft haelt die Insekten fern und +verscheucht selbst die weisse, Alles zerstoerende Ameise. Die Buddhisten +verbrennen grosse Mengen Santalholz als Raeucherwerk, und stellenweise sind +die Santalbaeume in Folge dessen ganz ausgerottet worden. In den Fabriken +wird das Santaloel durch die Destillation des zerkleinerten Holzes mit +Wasser gewonnen. Das Oel geht mit dem Wasserdampf aus der Blase des +Destillationsapparates in den Kuehler ueber und fliesst mit dem Wasser +zusammen in die Vorlage. Aus fuenfzig Kilogramm Holz wird annaehernd ein +Kilogramm Oel gewonnen, das dementsprechend theuer ist und nur fuer feine +Parfuems Verwendung findet. + +Im Mai fuellen Orangenbluethen die Stadt Grasse mit ihrem betaeubenden Dufte. +Zwei bis dreimal hunderttausend Kilogramm Bluethen des bitterfruechtigen +Orangenbaumes werden hier fuer Parfuems verarbeitet. Die Bluethen riechen +lieblicher und staerker als die der suessfruechtigen Art und werden daher fast +ausschliesslich verwandt. Ein Baum von zwanzig bis dreissig Jahren liefert +fuenfzehn bis zwanzig Kilogramm Bluethen. Aus hundert Kilogramm werden durch +Destillation etwa vierzig Kilogramm Orangenbluethenwasser und etwa hundert +Gramm Orangenbluethenoel oder Nerolioel gewonnen. Voellig unveraendert gibt die +Orangenbluethe bei dem Macerationsverfahren oder bei der Enfleurage ihren +Duft an das Fett ab. So erhaelt man die Orangenbluethenpomade und, nach +Behandlung derselben mit Weingeist, die Orangenbluethenessenz. Das +Orangenbluethenoel, sowie die Orangenbluethenessenz, sind immer noch theuer, +weil ihre Herstellung grosse Mengen von Bluethen verlangt. Die Preise werden +freilich jetzt auch auf diesem Gebiete, wie auf so vielen anderen, durch +Ueberproduction gedrueckt. Es stellen sich daher Zeichen der Entmuthigung +unter den Producenten ein, welche die Parfuemfabriken versorgen. Wie wird +es jetzt erst werden, wo das kuenstliche Nerolioel angekuendigt ist. Wohl +moeglich, dass ueberhaupt an manchen Orten der Riviera mit der Zeit die +Cultur der Parfuemerie-Pflanzen ganz aufgegeben wird. Doch auch die Zucht +von Blumen fuer den Versand weist schon Ueberfluss der Erzeugung auf. Als +der Bedarf nach solchen Blumen stieg, beeilten sich die Landbesitzer, ihre +Olivenbaeume zu faellen und Bluethenpflanzungen an deren Stelle anzulegen; +jetzt wissen sie kaum, wo sie ihre Bluethen unterbringen sollen. Die hohe +Temperatur foerderte zudem im letzten Fruehjahr die rasche Entwickelung der +Pflanzen, und so kam es, dass man auf den Maerkten der Staedte zu einem kaum +nennenswerthen Preise, sich mit grossen Straeussen der herrlichsten Blumen +beladen konnte. + +Wesentlich billiger als Nerolioel ist begreiflicher Weise das durch +Destillation der Blaetter oder unreifen Fruechte des bitterfruechtigen +Orangenbaumes gewonnene Petitgrainoel. Es steht an Zartheit des Duftes dem +Nerolioel aber bedeutend nach. Das aus den Bluethen der *suessen* Orange +hergestellte Parfuem zeichnet sich wiederum durch besondere Eigenschaften +aus und wird als Neroli-Portugaloel bezeichnet. - Das den frischen Schalen +reifer Fruechte des suessfruechtigen Orangenbaumes entstammende Pomeranzenoel +wird im Winter gewonnen. Wie viel aetherisches Oel in den Orangenschalen +vorhanden ist, davon kann man sich ueberzeugen, wenn man eine solche Schale +in der Naehe einer Flamme zusammendrueckt. Das leicht entzuendliche Oel +sprueht dann entbrennend aus den Druesen hervor. Die Oeldruesen in der Schale +erkennt man schon mit dem blossen Auge. + +In der Parfuemerie findet nur das Oel der suessen, nicht der bitteren +Orangenschalen Verwendung. Das Verfahren bei der Gewinnung im Grossen ist +das der Pressung. Entweder kommt die Schwammmethode in Anwendung, wobei +der Arbeiter die Schalen, die er langsam unter Druck zwischen den Fingern +durchrollt, gegen einen Schwamm presst; oder das Verfahren der sogenannten +Ecuelle, wobei die Frucht unter bestaendigem Drehen gegen die Innenflaeche +eines flachen Trichters, der zahlreiche Nadeln entspringen, gedrueckt wird. +Das gewonnene Oel presst man im ersten Falle aus dem Schwamme heraus, im +zweiten fliesst es von selbst durch die Oeffnung des Trichters ab. In ganz +entsprechender Weise gewinnt man auch feines Bergamottoel aus den reifen +Fruechten des Bergamottcitronenbaumes (_Citrus Bergamia_). Das weniger +feine Bergamottoel befreit man hingegen aus den Fruechten durch +Destillation. Feines Bergamottoel wird in der Parfuemerie sehr geschaetzt; +die Riviera erzeugt es nur in geringer Menge; es kommt vornehmlich aus +Reggio und Messina. + +Dies sind im Allgemeinen die Darstellungsarten, die bei der Gewinnung der +Riechstoffe in Anwendung kommen. Das Verfahren wird freilich im Einzelnen +abgeaendert. So schuettet man oft die Blumen nicht unmittelbar in das +geschmolzene Fett, haengt sie vielmehr in Drahtkoerben in die Gefaesse, durch +die man warmes Fett fliessen laesst. Es kann andererseits auch erwuenscht +sein, dass die Bluethen nicht unmittelbar mit dem Fett in Beruehrung kommen, +weil Letzteres nicht allein den Riechstoff, sondern auch andere Substanzen +aus den Bluethen aufnimmt. Dann werden die Glasscheiben durch verzinnte +Drahtnetze in den Holzrahmen ersetzt. Auf ein solches Drahtnetz werden die +Bluethen gestreut, das naechste erhaelt das Fett, und so immer abwechselnd. +Das Fett wird in diesem Fall zu nudelartigen Faeden ausgearbeitet, um +moeglichst viel Oberflaeche zu gewinnen. Die Rahmen schiebt man in einen +Schrank, in welchem Blasebaelge die Luft in langsamer Bewegung erhalten. So +streicht der Duft an den feinen Fettfaeden vorueber und wird von ihnen +absorbirt. Die Bluethen auf den Rahmen ersetzt man nach Bedarf durch neue. +- Soll der wohlriechende Stoff durch ein Oel aufgenommen werden, so wirft +man die Pflanzentheile in dasselbe hinein oder haengt sie in Tuechern in das +Oel, oder breitet sie endlich auf Tuechern aus, die mit Oel getraenkt sind: +so erhaelt man die "_huiles antiques_". Von grosser Bedeutung ist fuer die +Parfuemindustrie das nachtraegliche Reinigen ihrer Essenzen, was meist durch +wiederholte Destillation geschieht. Viel Umsicht und Erfahrung sind +noethig, damit der Duft bei der Reinigung nicht leide. + +Es sieht uebrigens aus, als wenn der bisherigen Gewinnungsweise des Parfuems +eine Umwandlung oder doch zum Mindesten eine Erweiterung bevorstehen +sollte. Der Petroleumaether scheint berufen, mehr oder weniger die Fette zu +verdraengen. Neue Fabriken werden auf dieses Verfahren bereits +eingerichtet. Der Petroleumaether entzieht der Pflanze im Wesentlichen nur +das Parfuem. Da er leicht siedet, laesst er sich ausserdem unschwer von dem +Parfuem dann trennen. Ein Kilo Essenz bedeutet aber mehr als hundert Kilo +der jetzigen Pomade. Die Zukunft muss zeigen, ob die Benutzung des +Petroleumaethers wirklich in allen Faellen zulaessig ist. + +Die Moeglichkeit, den Pflanzen ihren Wohlgeruch durch Fett zu entziehen, +gestattet es auch im Kleinen, die feinste Pomade aus Pflanzen, die sonst +vielleicht nutzlos im Garten verbluehen wuerden, herzustellen. Moeglichst +reines Fett, das man auf eine Scheibe streicht, und ein gut +verschliessbarer Kasten, in den man die Scheibe legt, reichen aus, um den +Erfolg zu sichern. Man muss die Bluethen, mit den Kronen abwaerts gekehrt, +auf das Fett lagern, den Kasten dann verschliessen und die Bluethen +erneuern, bevor sie welk geworden. Der Name Pomade oder vielmehr Pommade +ruehrt von Apfel "_pomme_" her und war dadurch veranlasst, dass man frueher +Aepfel zur Herstellung solcher duftender Fette verwandte. Ein Apfel wurde +mit wohlriechenden Gewuerzen, vornehmlich mit Nelken, gespickt und, nachdem +er einige Tage an der Luft gelegen, in Fett eingeschmolzen. Erschien das +Fett durch den ersten Apfel nicht ausreichend parfuemirt, so liess man ihm +einen zweiten folgen. + +Man sieht um Grasse viel Rosen, die fuer die Parfuemfabriken gezogen werden. +Es sind das nicht solche, wie sie im Winter versandt, die Blumenlaeden ganz +Europas jetzt schmuecken, vielmehr Centifolien und Damascenerrosen. Man +pflueckt die im Oeffnen begriffenen Bluethen am Morgen, sobald der Thau +verschwindet. Die Erntezeit faellt in den Mai und Juni. Jeder Rosenstock +liefert in Grasse durchschnittlich zwei bis dreihundert Gramm Bluethen, +doch tausend Kilogramm ergeben kaum hundertundfuenfzig Gramm Rosenoel. Da +darf man sich nicht wundern, dass ein Kilogramm Rosenoel ueber tausend Francs +kostet. Das Rosenoel wird durch Destillation der Blumenblaetter der Rose mit +Wasser oder Wasserdampf gewonnen; es sammelt sich auf der Oberflaeche des +Destillates allmaelig an. Das Rosenwasser ist das unmittelbare Product der +Destillation einer bestimmten Menge von Rosenblumenblaettern mit Wasser. +Die aetherischen Oele sind zwar fast unloeslich in Wasser, immerhin nimmt +dieses hinlaenglich viel von den Oelen auf, um nach ihnen zu duften. So +verhaelt es sich beim Rosenwasser, dem Orangenbluethenwasser und sonstigen +aromatischen Waessern. Die Rosen von Grasse werden mehr zur Herstellung von +Rosenpomade, als von Rosenoel und Rosenwasser verwandt. Die durch +Maceration von Rosenblumenblaettern in Fett erhaltene Pomade besitzt den +unveraenderten Duft der Rose, waehrend der Wohlgeruch des Rosenoels von +demjenigen der frischen Blumen etwas abweicht. Aus der Pomade wird mit +Alkohol das "_Esprit de Rose_" extrahirt, wohl unstreitig eines der +feinsten Parfueme, welche existiren. Kaum ein Wohlgeruch der Welt ist so +beliebt wie derjenige der Rosen, und wer einmal den Orient bereiste, wird +sich des aus Rosen und Verwesung gemischten Duftes erinnern, den die +Strassen im Sonnenlichte aushauchen. Wer da freilich meint, in den Bazaren +des Orients reines Rosenoel in jenen langgezogenen goldverzierten +Flaeschchen, die dort feilgeboten werden, mit nach Hause gebracht zu haben, +der ist einer argen Taeuschung unterworfen. Tuerkisches Rosenoel ist fast +immer verfaelscht, und zwar fuer gewoehnlich mit Palmarosaoel oder indischem +Geraniumoel, das in Ostindien aus dem Geranium- oder Kusagras (_Andropogon +Schoenanthus_) durch Destillation erhalten wird. Der indische Destillateur +sorgt andererseits meist dafuer, dass auch sein Palmarosaoel schon mit einem +anderen Oel, besonders Cocosoel, gefaelscht sei. So duerfte es in Deutschland +zu empfehlen sein, das Flaeschchen aus dem Orient daheim erst mit echtem +Rosenoel zu fuellen. Werden doch Rosen zum Zweck der Rosenoelgewinnung nicht +allein in Deutschland, sondern auch in England in grossem Massstabe gezogen. +Die um die Darstellung aetherischer Oele und Essenzen so hoch verdienten +Gebrueder Fritzsche, Inhaber der Leipziger Firma Schimmel & Co. hatten, wie +Georg Bornemann in seinem Werk ueber die fluechtigen Oele angibt, im Jahre +1884 zum ersten Mal aus deutschen Rosen drei Kilogramm Rosenoel gewonnen. +Sie legten ausgedehnte Rosenpflanzungen in Gross-Miltitz bei Leipzig an, +und diese lieferten, ausser anderen Erzeugnissen, im letzten Jahre (1894) +42 Kilogramm Rosenoel. Ich entnehme diese Angabe den Berichten, welche die +genannte Firma alljaehrlich veroeffentlicht und aus denen man nicht allein +einen Begriff von der Grossartigkeit des Betriebes in dieser Fabrik +gewinnt, sondern auch ueber den rationellen Geist und das wissenschaftliche +Streben, das sie bei ihren Unternehmungen leitet. Im Jahre 1893 erstreckte +sich das Rosenfeld der Fabrik ueber zwanzig Hectare, an die sich weite +Reseda- und Pfeffermuenzculturen anschlossen. Zu diesen haben sich seitdem +Estragon, Wermuth, Liebstock und Angelica gesellt. Aus je hundert +Kilogramm frischer Rosen lassen sich zwanzig Gramm Rosenoel darstellen. Es +wurden im letzten Jahre somit nicht weniger als 200 000 Kilogramm Rosen +auf Rosenoel verarbeitet. Das ist fuer eine einzige Fabrik schon eine sehr +erhebliche Leistung, welche freilich gegen die Gesammtproduction des +Rosenoels noch wenig in die Wagschale faellt. Denn das Hauptland dafuer, +Bulgarien, liefert jaehrlich allein gegen zweitausend Kilogramm Rosenoel. + +Das Palmarosaoel riecht nicht rein nach Rosen, es duftet vielmehr wie ein +Gemisch von Rosen und Citronen. Fast rein rosenartig ist hingegen der Duft +des Geraniumoels, das aus den Blaettern des Rosen-Geraniums gewonnen wird. +Davon kann man sich schon ueberzeugen, wenn man ein Blatt dieser Pflanze, +die auch bei uns nicht selten in Toepfen cultivirt wird, zwischen den +Fingern zerdrueckt. Streng genommen hat man es nicht mit Geranien, sondern +mit Pelargonien dabei zu thun, und zwar mit mehreren Arten derselben, +hauptsaechlich mit _Pelargonium capitatum_, _odoratissimum_ und _radula_. +Die Art, welche an der Riviera gezogen wird, ist _Pelargonium capitatum_. +Gegen frueher hat dort freilich diese Cultur jetzt sehr abgenommen, da der +Wettbewerb mit Algier nicht auszuhalten ist. Man maeht an der Riviera die +Pflanzen von Mitte August an bis Mitte September und liefert sie so frisch +als moeglich den Fabriken ab. Die Firma Schimmel & Co. erzielt jetzt +bedeutende Erfolge mit Rosen-Geraniol. Sie destillirt reines Geraniol, das +sie aus Citronella-Grasoel gewinnt, so lange ueber frisch gepflueckten Rosen, +bis es mit Rosenoel gesaettigt ist und dann in der That dem Rosenoel fast +entspricht. + +In den Gaerten der Riviera begegnet man oft einer Verbene, der _Verbena +triphylla_ oder _Lippia citriodora_, die auch als Citronelle oder +Citronenkraut bezeichnet wird. Man findet diesen schoenen Strauch schon in +den Gaerten an den italienischen Seen und hat wohl Gelegenheit, im Herbst +die Rispen seiner violett angehauchten kleinen Bluethen zu sehen. Zerreibt +man seine Blaetter zwischen den Fingern, so verbreiten sie einen feinen +Duft, der die Mitte zwischen Citronen, Melissen und Verbenen haelt. Dieser +aus Persien stammende Strauch wird auch in groesserem Massstab an manchen +Orten der Riviera gezogen und aus seinen Blaettern das echte Verbenaoel +destillirt, das die Parfuemisten sehr schaetzen. Echtes Verbenaoel ist +freilich sonst schwer zu haben und wird im Allgemeinen durch das +Citronen-Grasoel ersetzt, das wir jener Grasgattung, _Andropogon_, danken, +deren Arten so viele wohlriechende Oele liefern. Das Citronen-Grasoel wird +von _Andropogon citratus_ gewonnen, der jetzt besonders auf Ceylon und in +Singapore angebaut wird. Weit ausgedehnter betreibt man an denselben Orten +die Cultur des _Andropogon nardus_, von dem das melissenartig riechende +Citronella-Grasoel abstammt. Dieses findet fuer das Parfuemiren der Seifen +jetzt sehr starke Verwendung und bildet den Hauptbestandtheil des Parfuems +der Honigseifen. Von dem Umfang der Citronella-Grasoel-Production geben die +Berichte von Schimmel & Co. eine Vorstellung, da diese Firma auf einmal +Sendungen von 10 000 Kilogramm dieses Oeles aus Ceylon erhaelt. + +Der Reseda entzieht man den Duft durch Enfleurage, dem Thymian, der +Salbei, dem Rosmarin, dem Lavendel und der Melisse durch Destillation. +Salbei, Thymian, Rosmarin und Lavendel werden an der Riviera kaum +cultivirt; man pflueckt sie an ihrem natuerlichen Standort, besonders am +Fusse der Berge. In der Gegend von Agay zogen eines Tages vor uns Frauen +auf der Strasse mit grossen Ladungen Thymian auf den Koepfen. Sie hatten ihn +an den Abhaengen des Esterel gesammelt. Der Wind blies in unserer Richtung +und bildete einen Streifen von Duft, der sich ueber Hunderte von Schritten +ausdehnte. Diese wild gewachsenen Pflanzen werden zwar auch vorwiegend in +den Fabriken verarbeitet, zum Theil aber schon im Freien, gleich beim +Einsammeln destillirt, in Apparaten, die man von Ort zu Ort befoerdert. +Viel Rosmarinoel wandert von hier aus nach Koeln, um bei der Darstellung von +Koelnischem Wasser benutzt zu werden. Das _Eau de Cologne_ enthaelt geloest +in 85 % Weinspiritus gleiche Mengen gepresstes Orangen- und +Citronenschalenoel, fast ebenso viel Nerolioel, dann etwa halb so viel +Bergamottoel, endlich, nochmals um die Haelfte weniger, Rosmarinoel. Man wird +freilich nicht sofort gutes Koelnisches Wasser erhalten, auch dann nicht, +wenn man nach bester Vorschrift die feinsten Oele in vorzueglichem +Weinspiritus aufloest. Der Schmelz des Duftes stellt sich erst nach +laengerer Zeit ein. Praktische Erfahrungen hatte man in dieser Richtung +schon lange gesammelt, in wissenschaftliche Eroerterung wurde die Wirkung +der Lagerung erst in den letzten Zeiten gezogen. Am Einfachsten zeigt sie +sich zum Beispiel bei einem Schenkbranntwein, der durch Verduennung von +achtzigprocentigem Spiritus auf dreissigprocentigen gewonnen wurde. Solcher +Schenkbranntwein, frisch dargestellt, mundet dem Trinkenden nicht, selbst +wenn dieser nicht zu den groessten Feinschmeckern gehoert. Auch der +Schenkbranntwein muss erst gelagert haben. Dass der Wein durch Lagerung +seine "Blume" erhaelt, ist allgemein bekannt. Es findet also sicher bei der +Lagerung eine gegenseitige chemische Einwirkung der geloesten Bestandtheile +auf einander statt, und es muessen neue Verbindungen entstehen. Ihre +Bildung erfordert voellige Ruhe und kann durch anhaltende Bewegung +verhindert werden, ja es kommt vor, dass schon erzeugte Verbindungen +dadurch voruebergehend oder dauernd wieder zerstoert werden. Nach der +Ansicht von Prof. Knapp schliessen diese Vorgaenge an solche an, welche die +organische Chemie als Addition, Substitution, Spaltung und dergleichen +bezeichnet. Es muessen somit auch in gemischten Parfuems durch Lagerung erst +diejenigen Verbindungen entstehen, welche das erwuenschte Zusammenwirken +der einzelnen Duefte bedingen. Der Ursprung des Koelnischen Wassers ist +etwas fraglich; meist wird seine Erfindung Johann Maria Farina, einem +Italiener aus Sancta Maria Maggiore bei Domo d'Ossola, zugeschrieben, der +zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in Koeln einen Handel mit Parfuems und +Colonialwaaren betrieb. Erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts gelangte +das Koelnische Wasser zu allgemeiner Verbreitung und verdraengte das "_Eau +de la reine de Hongrie_" oder Ungarwasser, welches aehnlich zusammengesetzt +war, aber auch Rosenoel, Citronenoel, Citronellaoel und eine Spur +Pfeffermuenzoel enthielt. + +Bei unseren Wanderungen um Grasse sind wir Jasminpflanzungen am Haeufigsten +begegnet. Das zeigt, welche hohe Bedeutung dieser Pflanze fuer die dortigen +Parfuemfabriken zukommt. Meist waren die Jasminfelder an suedlichen Abhaengen +terrassenfoermig angelegt. Die gegen zwei Meter hohen, reich verzweigten, +mit zusammengesetzten, immergruenen Blaettern bedeckten Straeucher hatten +auch vereinzelte Bluethen aufzuweisen und liessen sich als die aus Ostindien +stammende Art _Jasminum grandiflorum_ bestimmen. Die Bluethen duften +lieblich, sind ziemlich gross, rein weiss auf ihrer Innenseite, von Aussen +etwas roth angehaucht. Die eigentliche Bluethenzeit beginnt erst im Juli +und dauert bis in den Oktober. Je tausend Stoecke liefern bis fuenfzig +Kilogramm Bluethen. Verarbeitet werden in Grasse davon bis 80 000 +Kilogramm, die einen Werth von 140 000 Francs darstellen. Man entzieht den +Bluethen ihren Duft durch Enfleurage; die Menge des Riechstoffes, den sie +enthalten, ist aber so gering, dass man dieselbe Fettschicht bis fuenfzig +Mal mit neuen Bluethen bestreuen muss. Aus der Jasminpomade wird mit +feinstem Weingeist Jasminextract gewonnen. Die geschaetztesten +Taschentuchparfuems enthalten solchen Extract. Man stellt auch ein "_huile +antique au Jasmin_" dar, indem man auf wollene, mit Olivenoel getraenkte +Zeuglappen zu wiederholten Malen frische Jasminbluethen streut und dann das +Oel aus ihnen ausdrueckt. Dieses Jasminoel ist in Frankreich sehr beliebt. + +Eine wichtige Rolle in der Parfuemerie spielen auch die Bluethen der _Acacia +Farnesiana_, eines Baeumchens, das zu bewundern wir im La Mortola-Garten +schon Gelegenheit hatten. _Acacia Farnesiana_ wird in Grasse nur in +beschraenktem Masse angebaut, liefert aber immerhin 30-40 000 Kilogramm +Bluethen im Jahre; grosse Pflanzungen dieser Art finden wir in Algerien. Die +kugeligen, dunkelgelben Bluethenkoepfchen, die "_Cassie_", werden vom +September bis in den December gepflueckt, wozu jedoch viel Uebung und +Geschick gehoert, da die Pflanzen sehr dornig sind. Der zarte, +veilchenartige Duft dieser Bluethen wird durch Enfleurage fixirt. Die +gewonnene Essenz hat fuer die Zusammensetzung der "Bouquets" einen sehr +hohen Werth. + +Endlich darf auch die Tuberose (_Polyanthes tuberosa_) nicht unerwaehnt +bleiben, dieses zu der Familie der Amaryllideen gehoerende Knollengewaechs, +das man bei uns wegen seines starken Duftes und seiner schoenen weissen +Bluethen so gerne auf Blumentischen und in Blumenstraeussen sieht. Die +Pflanze stammt aus Centralamerika; wir bekommen sie meist nur mit den +gefuellten weissen Bluethen zu sehen, die besonders kraeftig am Abend duften, +wie es denn ueberhaupt eine weit verbreitete Erscheinung ist, dass Bluethen +nicht um alle Tageszeiten gleich starken Duft verbreiten. Wer wird nicht +bemerkt haben, dass die Daturen und Nicotianen, die Nachtviolen (_Hesperis +matronalis_), die langblumige Wunderblume (_Mirabilis longiflora_) unserer +Gaerten am Tage fast gar nicht riechen, am Abend aber einen durchdringenden +Duft aushauchen. Umgekehrt duften Seerose (_Nymphaea alba_), die +Kuerbisbluethe (_Cucurbita Pepo_), die Ackerwinde (_Convolvulus arvensis_) +nur am Tage. Ein solches Verhalten hat fuer diese Pflanzen Bedeutung, sie +duften bei Nacht oder am Tage, je nachdem sie Nacht- oder Tagesinsecten +zur Uebertragung ihres Bluethenstaubes brauchen. Sehr viele Tuberosebluethen +gehoeren dazu, um ein wenig Fett mit ihrem Duft zu saettigen; daher auch +dieser Extract, wie so viele andere feine Parfuems, hoch im Preise steht. +Bei uns koennte man den spanischen Flieder (_Syringa vulgaris_), statt der +Tuberose verwenden, um ein sehr aehnliches Parfuem zu gewinnen, denn das +Fett entzieht dem Flieder einen ganz entsprechenden Wohlgeruch. + +Es sind nicht die als Parfueme anerkannten Pflanzenduefte allein, deren sich +die Parfuemerie zu ihren Zwecken bedient. So kommt fuer manche Erzeugnisse +auffaelliger Weise der Gurkengeruch in Betracht. Man stellt zu diesem +Zwecke eine Essenz her, und zwar indem man ueber frisch geschnittenen +Gurkenscheiben mehrmals denselben Alkohol destillirt. Mit solcher Essenz +wird Coldcream parfuemirt und erhaelt durch dieselbe das frische Aroma, +welches man an dieser Salbe schaetzt. + +Nicht unerwaehnt moechte ich lassen, dass ein aetherisches Oel auch aus dem +Knoblauch durch Destillation gewonnen wird. Dieses Oel dient nun freilich +nicht zum Parfuemiren, so sehr man das auch manchmal in Suedeuropa oder im +Orient glauben koennte; wohl aber wird es innerlich als Mittel gegen Wuermer +eingenommen. Die Firma Schimmel & Co., welche dieses, sowie ueberhaupt fast +alle fluechtigen Oele, die irgend welche Anwendung gefunden haben, +herstellt, empfiehlt das Knoblauchoel auch als Kuechengewuerz. Von dem +concentrirten Duft dieses lieblichen Oeles wird man sich eine Vorstellung +machen, wenn man sein Verhaeltniss zum Knoblauch selber erwaegt: aus sechzehn +Kilogramm Knoblauch werden nur zehn Gramm Oel gewonnen! + +Hingegen spielen Aetzammoniak, der sogenannte Salmiakgeist, und +kohlensaures Ammoniak, trotz ihres aetzenden Geruchs in der Parfuemerie eine +nicht unwichtige Rolle. Sie dienen zur Herstellung der parfuemirten +Riechsalze. Auch der Geruch des Schnupftabaks ruehrt vornehmlich vom +Ammoniak her, ausserdem werden die Schnupftabake haeufig noch mit anderen +wohlriechenden Koerpern aromatisirt. Nicht minder wird Essigsaeure in der +Parfuemerie verwendet, und ihre Eigenschaft, aetherische Oele zu loesen, +benutzt, um parfuemirte Essige darzustellen. + + XIII. + +Die aetherischen Oele wirken wie Gifte auf unseren Koerper ein, wenn sie +innerlich in grossen Dosen oder zu haeufig eingenommen werden. Daher auch +der Missbrauch mancher Liqueure nicht allein durch den Alcohol, den sie +enthalten, sondern auch durch die fluechtigen Oele, mit denen sie parfuemirt +sind, nachtheilige Folgen bringt. Geradezu gefaehrlich kann das Koelnische +Wasser werden, wenn es getrunken wird. Der Arzt kommt oft nur durch Zufall +dahinter, dass eine solche stille, geheim gehaltene Neigung bei seiner +Patientin die Ursache der raethselhaften Krankheitserscheinungen ist. - +Viele, doch bei Weitem nicht alle fluechtigen Oele wirken, innerlich +verordnet, antiseptisch, und werden besser von unserem Koerper als von den +niederen Organismen ertragen, die es oft in unserem Koerper zu bekaempfen +gilt. Daher die Benutzung mancher fluechtigen Oele zu aerztlichen Zwecken. - +Die fluechtigen Oele nehmen Sauerstoff aus der Luft auf und erfahren dabei +eine Oxydation. Bei manchen dieser Oele verlaeuft der Oxydationsvorgang +sehr rasch und zwar um so rascher, je feiner sie in der Luft vertheilt +werden. Licht und Feuchtigkeit foerdern diesen Vorgang, bei welchem in der +Luft das gasfoermige Ozon oder das gleich wirksame fluessige +Wasserstoffsuperoxyd entstehen. Ihnen ist der belebende Einfluss +zuzuschreiben, den weingeistige Loesungen von fluechtigen Oelen, im Zimmer +verstaeubt auf die Athmenden ausueben. Besonders stellt sich diese Wirkung +ein beim Verstaeuben jener fluechtigen Oele, welche die Chemie als Terpene +zusammenfasst, weil sich diese an der Luft am schnellsten oxydiren. + +Physiologisch interessant ist es, an Parfuems die hohe Leistungsfaehigkeit +unseres Geruchssinns zu erproben. Einige Milligramm Moschus reichen aus, +um einen Raum, der haeufig gelueftet wird, Jahre lang mit Moschusduft zu +erfuellen. Wir riechen diesen Moschus, und doch kann er in jener Luft, die +uns umgibt, nur in unnennbar geringen Mengen vorhanden sein. Directe +Versuche, die Passy mit alkoholischen Loesungen stark riechender Substanzen +anstellte, haben ergeben, dass fuenfhundert Tausendstel eines Milligramms +Vanillin ausreichen, um ein Liter Luft merklich zu parfuemiren. Derselbe +Effect wird schon mit fuenf Tausendstel Milligramm Camphor erreicht; von +dem kuenstlichen Moschus reichten gar fuenf Millionstel eines Tausendstels +Milligramm aus, um wahrgenommen zu werden. Will man diese Menge in Zahlen +ausdruecken, so ergibt das 0,000 000 000 005 Gramm. Dabei steht die +Leistungsfaehigkeit des Geruchssinns beim Menschen gegen diejenige vieler +Thiere noch bedeutend nach. + + XIV. + +"_Die Toiletten-Chemie_" von Heinrich Hirzel, ein Buch, dem ich auch sonst +noch manche Belehrung verdanke, enthaelt die Angabe, dass Europa an +fluessigen Parfuems allein jaehrlich ueber eine Million Liter verbraucht. An +der Deckung dieses Bedarfs ist Grasse mit etwa 100 000 Kilogramm +Lavendeloel, halb so viel Thymianoel, 25 000 Kilogramm Rosmarinoel, 2000 +Kilogramm Nerolioel und sehr betraechtlichen Mengen anderer Oele und +Extracte betheiligt. Nicht wenig wird Grasse in der Parfuem-Erzeugung durch +das benachbarte Cannes unterstuetzt, das mehrere Parfuemfabriken besitzt und +Hunderte von Arbeitern in ihnen beschaeftigt. Der Verbrauch an Parfuems in +Europa, wiewohl immer noch gross, ist doch betraechtlich zurueckgegangen und +wird, wenn ueberhaupt, nur in discretester Weise geuebt. So verhaelt es sich +auch in anderen kuehlen Laendern, waehrend die heissen Erdstriche noch immer +ein hohes Beduerfniss nach persoenlichem Parfuem bekunden. Obenan in dieser +Beziehung steht der Orient, dessen Leistungen trotzdem noch gegen +diejenigen des classischen Alterthums bedeutend zurueckstehen. Bezeichnend +fuer jene Zeit ist die Erzaehlung des Plinius, dass an Lucius Plocius der +Duft zum Verraether geworden sei. Dieser Lucius Plocius, dessen Bruder +Lucius Plancus zweimal das Consulat bekleidet hatte, wurde von den +Triumvirn geaechtet und musste fliehen. Er verbarg sich im Salernitanischen, +wo man ihn entdeckte, weil er so stark nach Salben roch. Er musste den Tod +erleiden, was Plinius nicht ohne einige Genugthuung erzaehlt, so empoerte +ihn der Missbrauch, den man mit Parfuems damals trieb. Dass heute Jemand von +wohlriechenden Salben und Oelen triefen sollte, wie es im Orient und in +Griechenland zu alten Zeiten oft der Fall war, koennen wir uns kaum +vorstellen. Wir empfinden eine entschiedene Abneigung selbst gegen fettige +Haende und suchen solche moeglichst rasch zu saeubern. Oel oder Pomade werden +allenfalls noch im *Haar* geduldet, sonst nur alkoholische Extracte +benutzt. Im Alterthum parfuemirte man sich hingegen ausschliesslich mit +duftenden Oelen. Das erste fluessige Parfuem, wie wir es jetzt benutzen, +soll Mercutio Frangipani dargestellt haben, der ein von seinen Vorfahren +erfundenes, aus Gewuerzen und Moschus zusammengesetztes Riechpulver mit +starkem Weingeist extrahirte. Dieser Frangipani gehoerte einem roemischen +Adelsgeschlecht an, das sich im zwoelften und dreizehnten Jahrhundert in +den Kaempfen der Guelfen und Ghibellinen ausgezeichnet hatte. Dass die +Neigung, sich mit Wohlgeruechen zu beschaeftigen, in diesem Geschlechte +fortlebte, geht aus der Angabe hervor, dass ein spaeterer Nachkomme der +Frangipani in Frankreich, der Marquis de Frangipani, Feldmarschall unter +Ludwig XIII., eine Art parfuemirter Handschuhe einfuehrte, die "_Gants a la +Fragipane_" genannt wurden. + +Die Griechen lernten es von den Orientalen, ihren Koerper mit duftenden +Oelen einzusalben. Plinius moechte ohne Weiteres die Erfindung der +wohlriechenden Salben den Persern zuschreiben. Ihr Koenig Darius soll in +seinem Trosse nicht weniger als vierzig Salbenbereiter gefuehrt haben; sie +geriethen in die Gewalt Alexanders. Aus der Beute, welche dieser damals +machte, stammte, nach Plinius, auch jener mit Gold, Perlen und Edelsteinen +besetzte Salbenschrein, in welchem Alexander die Werke Homers aufbewahren +liess, damit, so sagte er, das werthvollste Werk des menschlichen Geistes +auch die kostbarste Huelle erhalte. In Griechenland galt die Benutzung +wohlriechender Salben immerhin als Verweichlichung; der echte Mann +verpoente sie und rieb sich in den Gymnasien mit reinem Oele ein. + +Theophrast, Plinius und Dioscorides haben uns erzaehlt, wie die +wohlriechenden Salben im Alterthum hergestellt wurden. Man mischte die +Aromata mit den Oelen und erwaermte sie zusammen. Theophrast gab schon im +dritten Jahrhundert v. Chr. an, man solle die Operation im Wasserbade +vornehmen, um ein Anbrennen der Aromata zu verhindern. Als Oel diente vor +Allem das der Olive, das man kunstvoll reinigte und bleichte, auch aus +noch unreifen Fruechten presste, um es moeglichst farblos zu erhalten. +Ausserdem wurde das Oel aus suessen und bitteren Mandeln, Sesamoel, Ricinusoel +und Behenoel benutzt. Das letztere schaetzte man ganz besonders, weil es +geruchlos ist und nicht leicht ranzig wird. Auch heute wuerde man es zu +Haaroelen gern verwenden, waere es nicht aus dem Handel so gut wie +verschwunden. Der Baum, von dem man das Behenoel gewann, hiess im Alterthum +_Balanos_ oder _Myrobalanon_, somit Salbeneichel. Es ist die in Arabien +und Aegypten einheimische _Moringa aptera_, deren Fruechte, die Behennuesse, +durch Auspressen das Oel liefern. + +Dioscorides warnt in seiner "_Materia medica_", einem Werk, das wohl um +die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. erschien, vor jeder Spur Wasser, +die im Oel zurueckbleibt, und raeth an, das Oel oefter umzugiessen in Gefaesse, +die mit Honig und Salz bestrichen sind. Durch das Salz werde dann alles +Waesserige dem Oele entzogen. - Myrrha und andere Balsame, Cardamomen, +Calamus, Wurzelstock der Iris, duftende Bluethen und Fruechte, wohlriechende +Kraeuter mussten ihre Aromata an die Oele abgeben. Auch war die Eigenschaft +thierischer Fette, sich mit Wohlgeruechen zu beladen, schon bekannt. +Allgemeiner Verbreitung erfreute sich namentlich die Rosensalbe, deren +Bereitung Dioscorides eingehend schildert. Man setzte den Salben meist +Gummi und Harz hinzu, um sie zu faerben und auch, wie es hiess, ihren Duft +zu binden. Manche Salbe faerbte man mit Drachenblut, dem blutrothen Harz +des Drachenbaumes (_Dracaena Draco_) oder mit _Anchusa_, wohl dem +Farbstoff, den wir aus der Wurzel der _Anchusa tinctoria_, unserer +Alkannawurzel, gewinnen. Letzterer wurde auch zum Faerben des Rosenoels +empfohlen. - Die Zahl der benutzten Salben wuchs ganz ausserordentlich, oft +mischte man sehr viele Substanzen in einer einzigen Salbe zusammen. Die +aegyptische Salbe "_Metopium_" stellte man aus Bittermandeloel her und +setzte "_omphalium_, _cardamomum_, _juncum_, _calamum_, _mel_, _vinum_, +_myrrham_, _semen balsami_, _galbanum_, _resinam terebinthinam_" hinzu. +Soweit die Bedeutung der Namen heute klar gelegt ist, enthielt somit diese +Salbe, ausser dem Bittermandeloel, das Oel unreifer Oliven, die fluechtigen +Oele der Cardamomen, des wohlriechenden Geraniumgrases und des Kalmus, +dann Honig, Wein, den Balsam des nordafrikanischen Baumes _Balsamodendron +myrrha_, Balsamkoerner, d. h. den Balsam der erbsengrossen Fruechte des +arabischen Balsamstrauches _Balsamodendron giliadense_, das Gummiharz +eines persischen Doldengewaechses, _Ferula galbaniflua_, endlich das +Terpentin der _Terpentin-Pistazie_. Von dem Duft dieser Salbe kann man +sich annaehernd eine Vorstellung machen, sie muss vorwiegend nach bitteren +Mandeln und Balsam gerochen haben. - Man bezog die Salben von den +verschiedensten Orten, aus Aegypten, Delos, Mendesium, Corinth, Kilikia, +Rhodos, Kypros, spaeter auch aus Neapolis, Capua, Praeneste. Das wechselte +je nach Geschmack und Mode. Die Salben waren zum Theil sehr theuer und +beschaeftigten ein ganzes Heer von Verfertigern und Verkaeufern. In den +Laeden der Salbenhaendler hielten sich die Muessiggaenger auf. Man waehlte +beschattete Orte zur Anlage solcher Laeden, damit die Salben, die in Gefaesse +von Blei oder Stein eingeschlossen waren, von der Sonnengluth nicht +litten. Der Stein, den wir Alabaster nennen, wurde viel fuer diese Gefaesse +verarbeitet, doch scheint die antike Bezeichnung _Alabastron_, wie +Reinhold Sigismund in seinem Buch ueber die Aromata nachzuweisen sucht, +sich mehr auf die Gestalt, als auf das Material der Salbengefaesse bezogen +zu haben. + +Bezeichnend fuer den Missbrauch, der mit wohlriechenden Salben in +Griechenland getrieben wurde, sind die zahlreichen, uns von Athenaeus +ueberlieferten Berichte. Er erzaehlt, dass die Schwelger in Athen jeden Theil +ihres Koerpers mit einer anderen Salbe einrieben. Aegyptische Salbe diente +fuer Fuesse und Schenkel, phoenikische Salbe fuer Kinnbacken und Brust, +_Sisymbrion_-Salbe fuer die Arme, _Armaracon_-Salbe fuer Haar und +Augenbrauen, _Serpyllos_-Salbe fuer Kinn und Nacken. Man kann sich +vorstellen, wie so ein menschliches Wesen nach vollzogener Einsalbung +geduftet haben mag. Denn die _Amaracon_-Salbe roch nach Majoran, die +_Serpyllos_-Salbe nach Thymian, die _Sisymbrion_-Salbe wohl nach einer +Minze, die aegyptische und phoenikische nach Bittermandeloel und Balsamen. +Das war ein ganzer Parfuemladen! Dabei glaenzte ein solcher Mensch von Fett +an seinem ganzen Koerper. - Ueber Demetrius Phalereus wird bei dem +Symposion des Athenaeus berichtet, er habe sich nicht nur den ganzen Koerper +gesalbt, sondern auch das Haupthaar noch gelb gefaerbt, um verfuehrerischer +auszusehen. - Bei Trinkgelagen salbte man den Kopf, damit der Wein nicht +in die Hoehe steige; denn wenn der Kopf trocken ist, hatte Myronides +gesagt, wandern die Duenste nach oben. Dazu kamen noch die Kraenze, welche +den Rausch verhindern, den Kopf kuehl erhalten und den Kopfschmerz abwehren +sollten. Das moegen die urspruenglichen Epheukraenze gethan haben, schwerlich +die spaeter benutzten aus duftenden Blumen. Denn diese wurden aus Rosen, +Lilien oder Violen (Goldlack und Levkoien) gewunden und von aufwartenden +Dienern vielfach mit duftenden Salben noch besprengt. In dem Symposion des +Athenaeus wird berichtet, dass bei den prunkvollen Aufzuegen des Koenigs +Antiochus Epiphanes auf Daphne zahlreiche Frauen mit goldenen Gefaessen +einherschritten und aus diesen duftende Salben auf die Menge verspritzten. +Derselbe Koenig, den man spaeter spottweise auch Epimanes, das heisst den +Verrueckten nannte, pflegte in oeffentlichen Baedern zu erscheinen, wenn das +ganze Volk dort versammelt war. Er salbte sich mit den koestlichsten Oelen. +Da sagte denn Einer: "Wie gluecklich bist Du, o Koenig, dass Du so +wohlriechende Parfuems benutzen und ueberall einen so angenehmen Duft +verbreiten kannst." Antiochus antwortete ihm nicht, liess ihm aber am +naechsten Tage nach dem Bade ein grosses Gefaess mit Myrrhensalbe ueber den +Kopf giessen. Nun waelzten sich auch Andere in dem verschuetteten Oele, viele +glitten aus und fielen zu Boden, sogar der Koenig, was allgemeine +Heiterkeit erregte. Dieser Antiochus muss allerdings recht excentrisch +gewesen sein, denn auch die Geschenke, die er vertheilte, waren mehr als +sonderbar. Dem Einen drueckte er Knoechel, dem Anderen Datteln, noch Anderen +Gold in die Haende. + +Die Lacedaemonier, heisst es, haetten die Salbenhaendler und die Faerber aus +Sparta verjagt, weil die Ersteren das Oel verdarben, die Letzteren die +Wolle ihrer urspruenglichen Reinheit beraubten. Lykurg und Sokrates traten +gegen den Missbrauch wohlriechender Salben auf, erreichten aber eben so +wenig, wie spaeter in Rom die beiden Censoren Publius Licinius Crassus und +Lucius Julius Caesar, die, wie Plinius mittheilt, im Jahre 189 v. Chr. ein +Edict erliessen, dass Niemand "exotische" Salben verkaufen solle. + +Die Haare und Kleider der Roemerinnen verbreiteten, nach Plinius, so starke +Duefte, dass sie schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Dass +sei um so thoerichter, meint er, als dieser theuer erkaufte Genuss weit mehr +Anderen zu Gute komme, als dem, der ihn bezahlt hat. Nicht minder beklagt +auch Plutarch diese Salbenverschwendung. Er erzaehlt, wie bei einem +Gastmahl, das Salvius Otto dem Nero gab, von allen Seiten her kostbare +Salben aus goldenen und silbernen Roehren flossen und die Gaeste ganz +durchnaessten. Juvenal spottet in seinen Satiren ueber Crispinus, den +Guenstling Domitians, dass er schon am Morgen mehr Amomumduft als zwei +Leichenbegaengnisse von sich aushauche. - Ein besonders lebendiges Bild aus +Neronischer Zeit, das auch den Salbenluxus und die Vorliebe fuer +Wohlgerueche zeigt, hat Petronius in dem Gastmahl des Trimalchio entworfen. +Sind die Farben auch stark aufgetragen, so entspricht die Schilderung doch +den damaligen Sitten, wie sie bei prahlerischen Emporkoemmlingen sich +besonders geltend machten. Waehrend des ueppigen, nicht endenwollenden +Mahles, bei welchem die seltensten Speisen in kunstvoller Zubereitung +aufgetragen werden, folgen die mannigfaltigsten Ueberraschungen +aufeinander. Da ploetzlich senkt sich von der Decke ein gewaltiger Reifen, +an dem rund herum goldene Kraenze nebst Flaschen wohlriechender Essenzen +haengen. Sie sind als Geschenke fuer die Gaeste bestimmt. Gegen Ende des +Mahles wird die Ausgelassenheit gross, bis der trunkene Trimalchio auf den +Einfall kommt, sich die Todtenkleider bringen zu lassen, in denen er +wuenscht, dass man ihn einst begrabe. Er befiehlt auch, wohlriechendes +Wasser zu holen und eine Probe zum Kosten von jenem Wein, mit dem seine +Gebeine gewaschen werden sollen. Er oeffnet eine Flasche Nardenessenz, +bestrich mit derselben seine Gaeste und spricht die Hoffnung aus, dieser +Wohlgeruch werde ihm nach dem Tode eben so gut thun, wie im Leben. - +Petronius gehoerte zu den Lieblingsautoren des vorigen Jahrhunderts; um die +Mitte desselben hatte das "Gastmahl des Trimalchio", wie ich Friedlaenders +Einleitung zum Petronius entnehme, schon sechs franzoesische Uebersetzungen +aufzuweisen. Am Hofe von Hannover, im Carneval des Jahres 1702, wurde es +sogar von fuerstlichen Darstellern aufgefuehrt. Auf Wunsch der Koenigin +Sophie Charlotte von Preussen musste Leibniz der Fuerstin von +Hohenzollern-Hechingen diese Auffuehrung schildern, was in einem +franzoesisch geschriebenen Brief vom 25. Februar 1702 geschah. + +Gleicher Luxus mit Parfuems wie im Alterthum ist wohl zu keiner Zeit wieder +getrieben worden, doch kamen sie an den Hoefen von Frankreich und England +zeitweise in hohe Gunst. In Frankreich geschah das zur Zeit der +Renaissance unter dem Einfluss der italienischen Kuenstler, die Franz I. und +Katharina von Medicis an ihren Hof zogen. Da wurde in parfuemirten Pasten, +Pomaden und duftenden Handschuhen vollauf geschwelgt. Die Cosmetiques +kamen zu jener Zeit als Schoenheitsmittel auf und riefen eine besondere +cosmetische Literatur ins Leben. Dass Diana von Poitiers bis in das hohe +Alter sich den Reiz der Jugend zu bewahren wusste, ungeachtet sie schon mit +dreizehn Jahren an Ludwig von Breze, Grossseneschal der Normandie, vermaehlt +worden war, schrieb man cosmetischen Geheimmitteln zu, die ihr Paracelsus +verrathen habe. Der Missbrauch, der unter den Valois mit cosmetischen +Mitteln getrieben wurde, rief eine Reaction gegen dieselben hervor; erst +unter Ludwig XIII. wusste die schoene Anna von Oesterreich sie wieder in die +Gunst des Hofes zu bringen. Da kamen die Pates d'Amandes, die +verschiedenen Cremes und Schminken auf, welche der Haut der Damen eine +kuenstliche Faerbung verliehen. Ludwig XIV. liebte die Cosmetiques nicht: +ihr Gebrauch nahm ab, doch nur, um unter der Regence einen besonderen +Aufschwung zu erfahren. Jetzt bluehten Geheimmittel, welche die Jugend und +Schoenheit dauernd sichern sollten. Der beruechtigte Cagliostro nahm von der +eben so beruechtigten Dubarry und von anderen Schoenen nicht geringe Summen +fuer solche Geheimmittel ein. Trotzdem schminkte man sich unter Ludwig XV. +wieder weniger als zuvor und das "_rouge de Portugal en tasse_" roethete +nicht so stark die Gesichter. Der Absatz an Schminke hielt sich immerhin +auf bedeutender Hoehe, so dass im Jahre 1780 eine Gesellschaft fuenf +Millionen Francs der Regierung fuer das Privilegium bot, ein Roth +besonderer Guete allein verkaufen zu duerfen. Selbst mit violetter Schminke +versuchte man es in den Gaerten des Palais Royal und hielt ganz Paris +dadurch acht Tage lang in Aufregung. - Das hoerte gegen Ende des +Jahrhunderts, unter dem Einfluss von Marie Antoinette auf; die schreienden +Farben verschwanden aus den Gesichtern, und zugleich verlor sich auch der +Geschmack an starken Wohlgeruechen; das Zarte musste sich jetzt mit dem +Schwermuethigen, das Keusche mit dem Gefuehlvollen im Aussehen der Frauen +paaren: so gewann die Parfuemerie jenes discrete Gepraege, welches ihr auch +heute noch geblieben ist. Nur voruebergehend machte sich ein +entgegengesetzter Einfluss der Kaiserin Josephine geltend, die als Creolin +die starken Parfuems liebte. Napoleon I. selbst bediente sich nur des +Koelnischen Wassers, das er sich jeden Morgen ueber Kopf und Schultern goss. + +Seit dem sechzehnten Jahrhundert war Frankreichs Geschmacksrichtung in der +Parfuemerie massgebend fuer die anderen Voelker, im siebzehnten Jahrhundert +gelangte sie zur Alleinherrschaft zugleich mit den franzoesischen Moden. + +Frankreich und England waren es vorwiegend, welche die Welt mit ihren +Parfuemerien versorgten. Nur dem Koelnischen Wasser gelang es, als +Weltparfuem gegen die Producte dieser Laender aufzukommen. Jetzt erst +beginnt Deutschland, wenn auch noch nicht in den "Bouquets", so doch in +den ungemischten Parfuems in die erste Stelle zu ruecken. Die Leipziger +Erzeugnisse haben in dieser Richtung einen ungeahnten Erfolg erreicht. +Ausserdem steht Deutschland obenan mit seinen chemischen Producten, die +heute in so entscheidender Weise in die Parfuemerie eingreifen. Ebenso +liefert es vornehmlich der Welt jene antiseptisch wirksamen Stoffe, welche +die Cosmetiques verdraengt haben und allein berufen sind, die Gesundheit +des Koerpers und damit auch die Schoenheit des "Teint" in Zukunft zu wahren. + +Die Berge strahlten von allen Seiten Licht und Waerme auf die +Blumenpflanzungen von Grasse zurueck. Es wurde heiss in der Stadt: feiner +Staub stieg bei jedem Windhauch in dichten Wolken auf: es roch zu stark +nach Santalholz in den Strassen, wir fuehlten uns ploetzlich reisemuede und +traten den Heimweg nach dem Norden an. + + ------------------ + + + + + +FRUeHJAHR 1895. + + + I. + +Der Winter war so lang und so traurig im Norden gewesen, wir sehnten uns +nach Waerme und nach Sonne. Doch auch vom Mittelmeer trafen unaufhoerlich +Hiobsposten ein: die Kaelte hielt dort an, die Vegetation hatte gelitten, +noch zu Anfang Maerz fiel Schnee, der viele Orte der Riviera mit einem +weissen Gewand bedeckte. Da, endlich, siegte die Fruehlingssonne: wir +erhielten guenstige Nachricht, und waren einige Tage spaeter in Cannes. +Schon oben in den Alpen begruesste uns der Fruehling, mit leuchtendem +Antlitz, mit einer Strahlenkrone ums Haupt. Die Fahrt in dieser sonnigen, +zu neuem Leben erwachenden Natur, glich jetzt einem wahren Triumphzug. So +kamen wir ans Mittelmeer. + +Im Norden schneit es noch immer, und dunkle Wolken decken dort den Himmel, +hier aber glaenzt die Sonne am blauen Firmament, sie spiegelt sich im +Meere, und ihre Strahlen dringen in unser Inneres ein und loesen die grauen +Nebel auf, die sich an dunklen Tagen dort angesammelt haben. Auch an der +Riviera di Ponente mussten Pflanzen und Menschen von der ungewohnten +Strenge dieses Winters leiden. Die meisten Pflanzen erholen sich wieder. +Die gebraeunten Bougainvilleen an den Haeusermauern beginnen stellenweise +auszutreiben, sie bilden carmoisinrothe Hochblaetter in Buescheln an dem +todten Laub. Der Heliotrop durchbricht mit seinen Sprossen den Boden, bald +werden frische lebhaft gruene Blaetter an den Faecherpalmen die braun +gefleckten alten ersetzen. - Auffaellig gut haben die Acacien dem Schnee +und der Kaelte getrotzt, sie sind mit gelben Bluethen ueber und ueber bedeckt, +wahre Blumenstraeusse in der sonst noch blumenarmen Landschaft. Denn die +Vegetation ist gegen sonst sehr weit zurueck, die Rosenstoecke weisen nur +geschlossene Knospen auf, waehrend sie sonst von Mitte Winter an hier im +Bluethenschmuck prangen. Eine Rose ist in keinem der vielen Blumenlaeden von +Cannes zu erblicken; man muesste sie wohl in den Gewaechshaeusern des Nordens +bestellen; Weniger gut als so viele Pflanzen erholt sich der leidende +Mensch, der hier in diesem letzten Winter Linderung, ja Genesung suchte. +Tage lang musste er in Raeumen verweilen, die nur duerftig zu erheizen waren. +Wie Manchem hat dieser Aufenthalt das Leben gekuerzt. Schwerkranke sollten +hierher ueberhaupt nicht geschickt werden. + + II. + +Wir wollten nicht unten am Meere wohnen in den staubigen Theilen von +Cannes; wir zogen den Abhang hinauf, der im Osten die Stadt beherrscht, +zur Californie. Ueber den schoenen Garten des Hotel Californien hinweg +blicken wir auf die Croisette, jene schmale Landzunge, welche den Golfe de +la Nopoule vom Golfe Jouan scheidet. Weiter trifft unser Auge die Ile +St. Marguerite, und bei Morgenbeleuchtung zeichnet sich jedes Haus in dem +Fort ab, das diese Insel kroent. Von der Ile St. Honorat ist nur die Kirche +sichtbar, im uebrigen wird sie von ihrer Schwesterinsel verdeckt. Im Osten, +ueber den bluehenden Acacien, steigt an einem Huegel die alte Stadt Cannes +empor. Sie gipfelt in ihrem alten Schlosse und bietet dem Auge ein +malerisch bewegtes Profil. In weniger schoener Linie folgen die neuen +Stadttheile der Bucht, doch diese Linie wird, von hier oben aus +betrachtet, durch ueppige Gaerten der Huegel gebrochen und belebt. Besonders +gerne ruht aber unser Blick auf den zackigen Umrissen des Esterel. Dorthin +wendet sich unser Auge stets zuerst am Morgen, wenn die Sonne die Gipfel +der Berge vergoldet und jede Ortschaft sich blendend weiss am Fusse +derselben zeichnet; dorthin schauen wir auch zuletzt am Abend, wenn die +Sonne jenseits der langen Kette verschwindet, und ihre Strahlen sich wie +ein leuchtender Faecher am Abendhimmel ausbreiten. Dann entzuenden sich auch +bald die Leuchtthuerme laengs der Kueste, und schon in der Daemmerstunde +flammt Cannes mit Tausend Lichtern auf. Dieses Schauspiel wiederholt sich +jeden Abend, und wir wurden nicht muede, es zu betrachten. + +Zugleich beginnt das Concert der Laubfroesche rings um das Hotel, jenes +Concert, das Jeder kennt, der im Fruehjahr die Riviera besuchte. In allen +Wasserbehaeltern versammeln sich um diese Zeit jene Thierchen und locken +sich aus der Ferne mit lauten Rufen an. Die auffallende Kraft des Tones +wird dadurch ermoeglicht, dass das Maennchen die schwaerzliche Haut seiner +Kehle zu einer grossen Schallblase auftreibt. Im Uebrigen leben diese +zierlichen, lebhaft gruen gefaerbten Geschoepfe auf den Straeuchern und +Baeumen. Es unterhielt uns, ihnen am Tage in dem Garten des Hotels +nachzuspueren, und dann auch festzustellen, wie sehr der Ton ihrer Faerbung +sich nach ihrer jeweiligen Umgebung richtet. Auf hellen Blaettern sind sie +hell, auf dunklen dunkel gefaerbt und daher stets schwer zu erblicken. Es +handelt sich auch thatsaechlich bei diesem Farbenwechsel um eine +Schutzvorrichtung, die sie den Augen ihrer Feinde entziehen soll. +Andererseits werden sie auch nicht von der Beute bemerkt, auf die sie +lauern. Es ist belustigend zu sehen, wie der Laubfrosch auf Insecten jagt, +mit welchem Geschick er sie faengt und wie hoch er springt, um sie zu +erfassen. + +Ungeachtet des Regens, der vor Kurzem reichlich gefallen war und trotz des +taeglichen Begiessens, zeichnet sich die Strasse, die von Cannes nach Antibes +fuehrt, von hier oben gesehen, meist wie ein langer Streifen von Staub +zwischen den gruenen Gaerten aus. Besonders hoch steigt dieser Staub an den +Nachmittagen auf, wenn eine Equipage der anderen folgt und neue +Staubwolken aufwirbelt. Dieser Staub, von zermalmtem Kalkstein stammend, +ist wie Mehl so fein. Ueberall dringt er ein, er erhebt sich zu so +bedeutender Hoehe, dass er die angrenzenden Baeume bis in ihre Gipfel grau +faerbt. Diesen Staub athmen nun tagtaeglich die vornehmen Gaeste von Cannes +ein, die meist nach dem Sueden reisten, um ihre Lungen zu schonen. Derselbe +Staub herrscht nun leider an vielen Orten der Riviera, ueberall dort, wo +das Kalkgebirge bis an die Kueste reicht. Doch wer zwingt auch den Kranken, +sich auf den Landstrassen zu bewegen oder an denselben zu wohnen! - Ich +kann den Staub nicht leiden, wenn ihn auch meine Lunge vertraegt; +gluecklicher Weise ermuede ich aber auch nicht leicht beim Gehen und fuehle +mich wohler zu Fuss, als im Wagen. So war das Hotel sehr guenstig fuer mich +gelegen. Auf Fusswegen lassen sich von demselben schon in kurzer Zeit +Waelder und Maquis erreichen. Dort, auf den mit Kiefern bedeckten Gipfeln +von "_la Maure_", 250 Meter hoch ueber dem Meere, eroeffneten sich die +herrlichsten, ueberraschendsten Blicke in ueppig gruene Thaeler, nach den +schneebedeckten Alpen und ueber die blaue Kueste. Ganz besonders grossartig +erschienen in diesem Fruehjahr die Seealpen. Der Schnee reichte tief an +denselben hinab. Man waehnte oft Bilder aus dem Berner Oberland vor Augen +zu haben, doch leuchtender, getaucht in den Glanz der italienischen Sonne. +So weilte ich denn mit Vorliebe unter den Aleppo-Kiefern oben auf den +Hoehen von "_la Maure_"; doch mied ich grundsaetzlich das "_Observatoire_", +den officiellen Aussichtspunkt, auf welchen am Nachmittag, auf staubiger +Strasse, die Wagen durch muede Pferde muehsam aufwaerts gezogen werden. Dort +ist ein Aussichtsthurm errichtet, von dem aus, gegen Zahlung, man die +Natur bewundern kann. Meist ist man im Gedraenge, und die Musik aus einer +nahen Wirthschaft traegt dazu bei, die Stimmung zu erhoehen. + + III. + +Beim Aufstieg zum "_Observatoire_" schneidet man einen Kanal, der Cannes, +Golfe Jouan und Antibes mit Wasser versorgt. Er fuehrt das naemliche Wasser, +das die Roemer einst in Forum Julii tranken. Sie hatten oberhalb Grasse +eine Quelle der Siagne gefasst und fuehrten das Wasser nach Frejus in einem +gedeckten Aquaeduct, der auf seinem Wege einen 50 Meter langen Tunnel, den +Tunnel von Roquetaillado, zu durchsetzen hatte. Der moderne Wasserkanal, +der in der Richtung von Cannes laeuft, steht der roemischen Wasserleitung +entschieden nach, denn er ist unbedeckt und vor Verunreinigungen somit +nicht geschuetzt. Man kann von La Maure aus diesem Kanal in nordwestlicher +Richtung meilenweit folgen. Ein Fussweg fuehrt an demselben entlang. Er +steigt ganz unmerklich auf, so dass man fast eben zu gehen meint. In weiten +Bogenlinien zieht er sich laengs der Berge hin und bietet wechselvolle +Ausblicke auf Cannes und das Esterel. Alsbald befindet man sich ueber Le +Cannet, einem Dorfe, das noerdlich von Cannes, drei Kilometer entfernt vom +Meere liegt und durch nahe Huegel ganz besonders gut gegen Winde geschuetzt +wird. Man schaut da auf grosse Hotels hinab, denn Le Cannet ist Station fuer +solche Kranke, die nicht am Meere weilen sollen, weil ihnen die Seebrise +angeblich Schaden bringt. Noch weiter gen Norden kroent Mougins einen 260 +Meter hohen, isolirten Huegel; ein malerischer Ort, dessen compacte +Haeusermasse nur von spaerlichen Fenstern nach aussen durchbrochen wird. +Dorthin sollen sich einst die Oxybier zurueckgezogen haben, als die Roemer +die Kueste besetzten. Nur eine halbe Stunde Weges trennt Mougins von dem +Thurme von Castellaras, der die umfassendste Aussicht auf die Alpenkette +bietet. + +Von dem Wege am Wasserkanal kann man alle jene Huegel ersteigen, welche Le +Cannet von Vallauris trennen. Von da oben sieht man jenseits von Mougins, +am Fuss der grauen Kalkalpen, Grasse im Sonnenlichte glaenzen; unten im +Kessel, nach Osten zu, breitet sich Vallauris aus. Weiter sieht man Golfe +Jouan, Antibes, Nizza, die Kueste bis in neblige Fernen und oberhalb der +Berge die Vallauris schuetzen, als herrlichsten Abschluss des Bildes, die +Schneemassen um den Col di Tenda. Dort baut Italien seit Jahren eine +Eisenbahn, welche Turin mit Ventimiglia verbinden soll. Die Bahn ist +fertig von Turin bis zum noerdlichen Abhang des Passes, dem Orte Limone. +Unter dem Col di Tenda laeuft jetzt schon ein langer Tunnel, der den +Verkehr der Wagen erleichtert. Dann beginnt das Thal der Roja, das bei +Ventimiglia das Meer erreicht. Der mittlere Theil dieses Thales ist im +Besitze Frankreichs. Ihn soll die Bahn umgehen, und das verursacht +bedeutende Kosten. Daher die Arbeiten langsam fortschreiten und die +Vollendung der Bahn sich noch kaum absehen laesst. Einst wird diese Bahn ein +herrliches Stueck Land dem Verkehr eroeffnen; denn die Gola di Gandarena, in +welcher die Roja zwischen himmelstuermenden Felsenmauern fliesst, ist nicht +minder grossartig wie die Via mala. Bis jetzt war dieser gewaltige Engpass, +einer der imposantesten der Alpen, nur Jenen bekannt, welche den kleinen +Badeort St. Dalmazzo di Tenda zur warmen Jahreszeit besuchten, oder die es +gar unternahmen, allen Schneemassen zum Trotz, schon im Fruehjahr die Fahrt +ueber den Col di Tenda zu unternehmen. Das haben wir einmal gethan und +einen unvergesslichen Eindruck davon getragen. Ist einmal die Bahn von +Cuneo bis Ventimiglia in Betrieb, dann bildet sie zugleich die kuerzeste +Verbindung zwischen der suedlichen Schweiz und den Kurorten der Riviera di +Ponente. Die Strasse ueber den Col di Tenda ist aber die aelteste, die jemals +den Gallischen Strand mit den Ebenen des noerdlichen Italien verband. Sie +existirte schon tausend Jahre vor Christus, zaehlt somit jetzt +achtundzwanzig Jahrhunderte und hiess die tyrrhenische Strasse. + +Der Ort Vallauris, so unscheinbar er auch ist, hat es verstanden, jetzt +eine gewisse Beruehmtheit zu erlangen. Er dankt sie seinem farbigen +Halbporzellan, seinen "_Faiences d'art_", die nicht nur an der Riviera, +sondern in allen groesseren europaeischen Staedten jetzt die Schaufenster der +Laeden zieren. Es sind das Thonwaaren mit Zinnglasur, die im starken Feuer +gebrannt werden. Die Familie Massier beherrscht diese Industrie. Ueberall +liest man diesen Namen ueber den Lagern und ueber den Fabriken. Den Fremden, +die auf der staubigen Landstrasse zwischen Cannes und Antibes umherfahren, +faellt das grosse Lager im Orte Golfe Jouan am meisten in die Augen durch +seinen mit bunter Fayence verzierten oder verunzierten Garten. + +Bietet Vallauris als Ort auch nur wenig, so bleiben doch die Ausfluege +anziehend, die man ueber die Hoehen in dieser Richtung unternehmen kann. Von +Vallauris geht man durch eine anmuthige Schlucht hinab nach Golfe Jouan +oder durch den Wald, am Abhang der Berge, ueber Cannes-Eden, unmittelbar +nach Cannes. Vielfach begegnet man hier in den Waeldern noch Korkeichen, +die weiter nach Osten ganz fehlen. Es haengt das mit den Bodenverhaeltnissen +zusammen, da Glimmerschiefer und Gneis stellenweise bei Cannes noch an die +Oberflaeche treten und dann die gleichen Vegetationsbedingungen schaffen, +wie sie im Maurengebirge gegeben sind. + + IV. + +Von der aeussersten Spitze der Croisette ist die Insel St. Marguerite kaum +anderthalb Kilometer entfernt. In zwanzig Minuten kann man sie mit dem +Boote erreichen. Zweimal am Tage verkehrt auch ein kleiner Dampfer +zwischen dem Hafen von Cannes und den Lerinischen Inseln. Er beruehrt sie +beide, und man kann den Ausflug ueber die Mittagsstunden ausdehnen, wenn +man den ersten Dampfer zur Hinfahrt, den zweiten zur Rueckfahrt benutzt. - +Wir wollten die Abendbeleuchtung der Kueste von den Lerinischen Inseln aus +bewundern und nahmen am Nachmittag ein Boot an der Croisette. Voller +Sonnenschein fuellte den Himmel mit einem Uebermass von Licht und liess das +glatte Meer gleich einer metallenen Platte erglaenzen. Ein blaeulicher Dunst +lag auf der Wasserflaeche. Die gegenueberliegende Insel rueckte immer naeher. +Scharf zeichneten sich auf ihr die Mauern, die das Fort umgeben, welches +einst Richelieu erbaute. Oestlich ueber den Felsen blicken aus der Mauer +die Fenster jenes beruechtigten Gefaengnisses hervor, das sonderbarer Weise +so oft schon die Gedanken der Menschen auf sich zu lenken wusste. Da war +der mysterioese Gefangene eingeschlossen, der als "Mann mit der eisernen +Maske" die Historiker und Romanschreiber oft beschaeftigt hat. Man nimmt +jetzt meist an, es sei das Hercules Anthony Matthioli gewesen, ein +Bologneser vom alten Geschlecht, der den Hass Ludwig XIV. sich zugezogen +hatte. Matthioli sollte bei Ferdinand Carl IV. von Mantua, dem letzten +Herzog aus dem Hause Gonzaga, den Verkauf der Festung Casale Monferrato an +Frankreich vermitteln. Nach der Eroberung der Festung Pinerolo +beherrschten die Franzosen den Zugang zum Piemont; ihnen haette der Besitz +von Casale auch die fruchtbare Ebene von Mailand eroeffnet. Matthioli, der +Senator von Mantua war und das Vertrauen seines Fuersten besass, liess sich +fuer den Plan gewinnen. Ludwig XIV. empfing ihn an seinem Hofe mit grossen +Ehren und zeichnete ihn durch ein kostbares Geschenk aus. Dessen +ungeachtet verrieth Matthioli die franzoesischen Plaene an Oesterreich und +brachte sie so zum Scheitern. Ludwig XIV. erfuellte das mit Zorn. Es gelang +ihm, Matthioli ueber die Grenzen von Turin zu locken. Er wurde dort +ueberfallen, gefangen genommen und in Fesseln gelegt. Man kerkerte ihn ein, +zunaechst in Pinerolo, dann in jenem Gefaengniss auf St. Marguerite. Da der +internationale Rechtsbruch geheim bleiben musste, war es dem Gefangenen +unter Androhung des Todes verboten, sein Gesicht zu zeigen: er trug eine +Maske, die thatsaechlich aber nicht von Eisen, sondern von schwarzem Sammet +war. Im Jahre 1687 kam Matthioli auf die Insel, um zehn Jahre spaeter dem +Gouverneur der Festung, dem beruechtigten St. Mars, nach der Bastille zu +folgen. Dort starb er am 19. November 1703. - Es heisst, dass nach der +Revocation des Edictes von Nantes durch Ludwig XIV. auch protestantische +Geistliche in diesem Gefaengniss geschmachtet haetten. Napoleon I. setzte +umgekehrt einen katholischen Geistlichen, de Broglie, Bischof von Gent, +hier ein. Dann gab es weniger vornehme Gefangene, Mamelucken und +dergleichen, erst die Einkerkerung Bazaines an dieser Stelle zog wieder +die Blicke der Welt auf St. Marguerite. Bazaine gelang es zu entkommen. +Seine Frau, eine noch junge Spanierin, und sein frueherer Adjutant +Willette, der ihn nach St. Marguerite begleitet hatte, ermoeglichten seine +Flucht. Er liess sich des Nachts am Seil laengs der Felsen nieder und +erwartete unten in zerfetzten Kleidern, mit wunden Haenden und blutigem +Gesicht, seine Frau. Das stuermende Meer verhinderte die Landung des +Bootes, das ihn abholen sollte; er musste sich in das Meer werfen, um es zu +erreichen. - Heut war es an diesen Felsen so still, wie auf einem See, und +wir landeten ohne Muehe an dem steinigen Ufer. - Der Besuch der Festung +lohnt kaum, will man sich nicht etwa an der ausserordentlichen Dicke der +Mauern und an dem dreifachen Gitter des einzigen Gefaengnissfensters +erbauen. Durch dieses Fenster haette Bazaine nicht entkommen koennen. Er +benutzte die mangelhafte Aufsicht, um gegen Abend seine noch offene Zelle +zu verlassen. Er verbarg sich im Gefaengnisshofe, waehrend seine Zelle zur +Nacht leer verschlossen wurde. + +Wir zogen in den schoenen Kiefernwald, der den groessten Theil der Insel +deckt, und lagerten dort unter den Baeumen. Die Aussicht landeinwaerts ist +derjenigen aehnlich, die man von Antibes aus geniesst. Nur steigt das +Vorgebirge in groesserer Naehe auf, und das Bild wirkt heiterer durch die +grosse Naehe von Cannes. Die Schneemassen der Alpen scheinen in der Ferne +fast in der Luft zu schweben, gehuellt in jenen leuchtend azurenen Nebel, +der dem provencalischen Himmel eigen ist. Von der blauen Flaeche des Meeres +und den gruenen Huegeln der Kueste steigt so das Bild in Stufen, bis zu den +schneebedeckten Riesen der Alpenwelt empor, in grossartig eindrucksvollem +Contrast. + +Wir ziehen nun quer durch den Wald, nach der entgegengesetzten Seite der +Insel, wo uns das Boot erwartet. Jetzt liegt dicht vor uns die Ile +St. Honorat. Es ist nur ein enger Meeresarm, der beide Inseln trennt, doch +ein Meeresarm, erfuellt mit gefahrbringenden Felsen, die kaum von den +Wellen des Meeres gedeckt werden. + +Die Ile St. Honorat hiess bei den Roemern Lerina. Der heilige Honoratus zog +von seiner Einsiedelei im Esterel zu Anfang des fuenften Jahrhunderts nach +dieser Insel hin. Er fand sie, so berichtet die Sage, mit giftigen +Schlangen erfuellt, unter denen zu leben fast unmoeglich schien. Doch der +Heilige bestieg eine Palme und vertrieb die Schlangen durch den grossen +Bannfluch, den er ueber sie aussprach. Zu St. Honoratus gesellte sich bald +der greise Caprasius, den spaetere Zeiten auch als Heiligen anerkannten. Es +stroemten von allen Seiten Anhaenger herbei, und das errichtete Kloster +hatte bald bedeutenden Ruhm erlangt. Der heilige Vincenz, einer der +hervorragendsten Moenche von Lerin, verfasste dort das Commonitorium gegen +die Irrlehre, ein Werk, das man auch in unserer Zeit im Streit um das +Unfehlbarkeitsdogma oefters citirte, im Besonderen den Satz: "Was immer, +was ueberall, was von Allen geglaubt worden ist, das ist wahrhaft +katholisch." Dem Kloster gehoerten auch an: St. Hilarius, der wie +St. Honoratus spaeter Bischof von Arles wurde, ebenso St. Maximus, der den +Bischofssitz von Frejus bestieg, dann Faustus, Bischof von Reji, der zu +den Heiligen zwar gezaehlt, dessen Rechtglaeubigkeit aber vielfach +angezweifelt wurde; dann St. Salvian, St. Valerian, auch die beiden Soehne +des heiligen Eucharius: St. Veranius und St. Salonius und viele Andere. +Von der kleinen Insel Lerina, die St. Honore nach dem Begruender ihres +Klosters benannt wurde, gingen nicht weniger als zwoelf heilige +Erzbischoefe, zwoelf heilige Bischoefe, zwoelf heilige Aebte und vier heilige +Moenche hervor. "O gesegnete Einsiedelei, o dreimal glueckliche Insel, die +du so viel Sproesslinge des Himmels erzogen hast!" _Beata et felix insula +Lyrinensis {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}!_ rief daher schon im Jahre 542 der Erzbischof von Arles, +Caesarius, der Sohn des Grafen von Chalon, bei seinem Tode aus. Zu Ehren +aller dieser Heiligen wurde am 15. Mai ein eigenes Fest, das der +Allerheiligen von Lerina, gefeiert. Um das Jahr 690 zaehlte das Kloster +ueber 3700 Moenche. Wie moegen sie nur alle Platz gefunden haben auf der +kleinen Insel, die nur etwa tausend Schritte lang und vierhundert Schritte +breit ist! Dieses rasche Aufbluehen des Klosters trug die Keime des +Verfalles auch in sich; die asketische Lebensweise schwand immer mehr. - +Zur Zeit, da der heilige Caesarius dem Kloster als Moench angehoerte, waren +die Ordensregeln aeusserst streng. Jeder Moench bewohnte getrennt seine +Zelle: es gab weder ein Schlafgemach noch eine Kueche. St. Caesarius +ernaehrte sich von Kraeutern und von Bruehen, die er sich am Sonntag fuer den +Bedarf der ganzen Woche kochte. Das aenderte sich spaeter, und schon zu Ende +des siebenten Jahrhunderts mussten, wie der Abt Disdier erzaehlt, die Paepste +eingreifen, um der Zuegellosigkeit der Sitten unter den Moenchen zu steuern. +- Der heilige Aigulf, hieher gesandt, um strenge Zucht im Kloster +einzufuehren und die Moenche zu besserem Lebenswandel zu bekehren, wurde von +ihnen verstuemmelt und Seeraeubern uebergeben. - Dann aber kamen die +Saracenen. Sie pluenderten im Jahre 732 das Kloster und mordeten alle seine +Bewohner. Nur St. Eleutherius blieb am Leben, verborgen in einem +unzugaenglichen Felsenspalt, in dem er acht Tage lang von Wurzeln und +Seethieren sich naehrte. Das Kloster bluehte noch mehrfach auf, doch die +alte Sicherheit und Ruhe waren von der Insel geschwunden, so dass der Abt +Adalbert im Jahre 1073 einen starken viereckigen Thurm erbauen liess, der +vom Strande aus gegen Afrika schaut und dauernd das Meer ueberwachte. Der +Thurm war geraeumig genug, um alle Moenche aufzunehmen; sie konnten die +Klosterschaetze darin bergen, dort auch sich wirksam gegen die alten +Feinde, Seeraeuber und Saracenen, vertheidigen. So kam es, dass das Kloster +nicht nur fortbestehen, sondern auch glaenzende Zeiten erleben konnte: es +hatte noch manchen geistig hochstehenden Abt aufzuweisen. Im sechzehnten +Jahrhundert besass es eines der reichsten Sanctuarien, und seine Bibliothek +war weit beruehmt. Im siebzehnten Jahrhundert, unter dem Pontificat +Gregor XV. begann es endgueltig zu verfallen. Als es im Jahre 1788 +saecularisirt wurde, zaehlte es nur noch vier Moenche. Man vertheilte die +Klosterschaetze an die Kirchen der benachbarten Regionen. Viele +Kostbarkeiten verschwanden waehrend der franzoesischen Revolution, so ein +silberner Reliquienschrein, der die Ueberreste des heiligen Honoratus +enthielt und nach Cannes gekommen war. Dieser kunstvoll gearbeitete +Reliquienschrein stammte von Franz I., der nach der Schlacht von Pavia als +Gefangener die Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1525 im Kloster zugebracht +hatte. Im Jahre 1791 wurde das Kloster versteigert und ging, eigen genug, +in den Besitz einer Schauspielerin ueber. Es war das Fraeulein Alziary de +Roquefort, die unter dem Namen Sainval an der _Comedie francaise_ +glaenzende Triumphe gefeiert hatte. + +Die Insel St. Marguerite hiess bei den Roemern Lero. Strabon erzaehlt, dass +ein Heroentempel diese Insel schmueckte und dass die Ligurischen Piraten +dort Opfer darbrachten. Den Namen St. Marguerite, den jetzt die Insel +fuehrt, sucht eine Sage mit dem Namen der Schwester des heiligen Honoratus +zu verknuepfen. Von Sehnsucht getrieben, so wird erzaehlt, kam Margarethe +nach Lerina und fiel dem Bruder zu Fuessen. Die Ordensregel schloss die +Anwesenheit von Frauen auf Lerina aus. Daher St. Honoratus die Schwester +nach der Insel Lero brachte, wo sie verblieb und Aebtissin wurde. +Margarethe nahm unter einem bluehenden Kirschbaum von dem Bruder Abschied, +und er musste ihr versprechen, dass er sie besuchen wuerde, so oft dieser +Kirschbaum bluehe. Die Heilige erwirkte dann durch ihr Gebet, dass der +Kirschbaum allmonatlich in Bluethenschmuck prangte. + +Jetzt gibt es wieder Moenche im Kloster St. Honorat. Das Bisthum von Frejus +hat das Kloster im Jahre 1859 erworben, und zehn Jahre spaeter zogen die +Cistercienser hierher. Im weissen Gewande, mit schwarzer Kapuze, schwarzem +Gurt und Scapulier schreiten sie in dem Kloster einher. Frauen ist der +Zutritt untersagt, doch viel verlieren sie nicht durch dieses Verbot, denn +von den aelteren Theilen des Klosters blieb fast nichts erhalten, und die +Kirche in demselben ist ganz neuen Ursprungs. Weit hoeheres Interesse +beansprucht das ausserhalb des Klosters am Meeresstrande aufgebaute, auch +den Frauen zugaengliche Kastell. Ein maechtiger Bau aus Quadersteinen, der +den Angriffen der Zeit getrotzt hat. Nur von wenigen Fenstern nach aussen +durchbrochen, mit Zinnen besetzt, traegt es deutlich seine einstige +Bestimmung zur Schau. Besonders stimmungsvoll hebt sich dieses dunkle +Kastell von dem blauen Hintergrund des Meeres ab, wenn es aus einiger +Entfernung betrachtet wird, und dunkelgruene, ueber den Strand geneigte +Kiefern dasselbe umrahmen. Im Innern birgt das Kastell alle jene Raeume, +die zu einem laengeren Aufenthalt der Moenche nothwendig waren: zahlreiche +Zellen und ein Refectorium, eine Capelle und eine Bibliothek, vor allem +auch eine Cisterne. Diese Cisterne, ganz alter Construction, nimmt die +Mitte des offenen Hofes ein; Saeulengaenge, in mehreren Stockwerken, steigen +im Umkreis auf. Eingestuerzte Gewoelbe, halbverschuettete Raeume, verborgene +Treppen, die in unterirdische Raeume fuehren, folgen aufeinander und +durchschneiden sich in sinnverwirrender Weise. Die Burg ist Kloster und +Festung zugleich, so recht ein Product jener Zeit, wo das Kreuz und das +Schwert oft von derselben Hand gefuehrt wurden, einer leidenschaftlich +erregten Zeit, stark und starr in ihrer Ueberzeugungskraft, der es an +schoepferischer That und eigenartiger Poesie nicht fehlte. Auf einer +Wendeltreppe besteigt man den Thurm, von dem aus sich eine herrliche +Aussicht entfaltet. Man sieht hinab auf die Lerinischen Inseln, die wie +gruene Floesse auf dem Meere schwimmen, und ueberblickt die ganze weite Kueste +von St. Tropez bis zu den Bergen von Bordighera. Die Insel St. Honorat ist +viel kleiner als ihre Schwester; dass der heilige Honoratus sie +dessenungeachtet zur Anlage seines Klosters erwaehlte, war durch die Quelle +bedingt, die sie birgt. + +Zerklueftete Felsen ragen in der Naehe des Kastells aus dem Meer hervor. Sie +heissen die Moenche und bilden einen natuerlichen Schutz fuer die Insel. An +ihnen bricht sich die Macht der Wellen, wenn der Suedsturm das Meer gegen +die Insel treibt. Einige Capellen schmuecken den Strand, Ueberreste aus +alter Zeit; Marmorfragmente von Saeulen und Capitaelen sind zwischen Myrten +und Lentisken aufzufinden und mahnen an fruehere Pracht. Fuenfzehn +Jahrhunderte lang beherrschten die Moenche diese Inseln sowie auch das +gegenueberliegende Festland, jetzt gilt ihre Fuersorge vor allem einem +Waisenhaus, das in dem Kloster errichtet wurde und in welchem die Knaben +verschiedene Gewerbe erlernen. In diesem Waisenhause befindet sich auch +eine Druckerei, in welcher alte kirchliche Werke neu edirt werden. So hat +die Druckerei von Lerin dem Papst Leo XIII. zu seinem Jubilaeum ein reich +verziertes Werk ueberreicht, welches das Magnificat in "hundertfuenfzig" +Sprachen enthielt. + +Oestlich von der Insel St. Honorat liegt die kleine Felseninsel +St. Fereol. Waehrend die beiden groesseren Lerinischen Inseln durch Legende +und Geschichte wie mit einem Heiligenschein umgeben werden, bildete sich +eine seltsame, fast daemonische Mythe um St. Fereol aus. Es hiess, und heisst +noch vielfach, dass auf St. Fereol das Grab von Paganini sich befunden +habe. Diese Angabe ist in franzoesischen Werken verbreitet. Sie fuehren an, +Paganini sei in Nizza, im Mai 1840, an der Cholera verschieden; sein Sohn +Achille habe die Leiche auf einem Schiffe nach Genua gefuehrt, um den Vater +an dessen Geburtsorte zu bestatten. Die Geistlichkeit verweigerte aber das +Begraebniss dem Manne, von dem es hiess, er habe sich dem Satan verschrieben. +Auch das Municipio liess die Ausschiffung des Koerpers wegen Choleragefahr +nicht zu. So versuchte der Sohn in Marseille zu landen, doch wieder ohne +Erfolg. Als er auch in Cannes abgewiesen wurde, entschloss er sich, den +Sarg des Nachts auf die kleine unbewohnte Insel zu bringen und dort, von +Stuermen oft umbraust, hat der Todte fuenf Jahre lang gelegen. Erst im Mai +1845 kehrte der Sohn wieder, nachdem es ihm gestattet worden war, den +Vater zu begraben an der Kirche von Gajona bei Parma, unfern der Villa, +die Paganini dort erworben hatte. Diese Erzaehlung kam mir schon einmal in +den Sinn, als ich in dem herrlichen _Pallazzo Doria Tursi_, dem jetzigen +_Palazzo del Municipio_ in Genua, die Geige Paganinis sah. Das war in den +Tagen der Columbianischen Feste, wo die Mitglieder der wissenschaftlichen +Congresse im Municipio durch den Sindaco empfangen wurden. Die Geige, eine +Guarneri, der einst Paganini daemonische Toene zu entlocken gewusst, bewahrt +man wie eine Reliquie in einem kostbaren Schrein; man hatte sie zu dem +Feste mit seidenen Baendern in den italienischen Farben geschmueckt. Daran +dachte ich jetzt, da ich die kleine Insel St. Fereol vor mir im Meere +liegen sah. Die heitere Landschaft stimmte freilich nicht zu dem +unheimlichen Geiste Paganinis. Wohl aber konnte es ihm behagen auf jenem +einsamen Riff, wenn die entfesselten Elemente die brandenden Wogen ueber +die Felsen trieben und der Wind klagend ueber der Meeresflaeche pfiff. Da +war es die Natur, welche Schaudergeschichten auf ihrer _G_-Saite spielt, +so wie er sie einst auf jener Saite seinen erregten Zuhoerern zu erzaehlen +wusste. Ja, das Grab Paganinis passt sicherlich besser in die wilde +Brandung, als auf einen stillen Friedhof, das ist voellig klar! - Wie +schade, dass die Geschichte nur erdichtet ist! - In Wirklichkeit starb +Paganini in der _Via Santa Reparata_ zu Nizza an der Kehlkopfschwindsucht +und nicht an der Cholera. Er hatte lange zuvor schon, in Folge seines +Leidens, die Stimme eingebuesst. Da er die Sterbesacramente nicht empfangen +hatte, verweigerte die Geistlichkeit seine kirchliche Bestattung, und +diese konnte erst einige Jahre spaeter erfolgen. Der Sohn Paganinis, der +heute noch in Parma lebt, theilt mir mit, dass sein Vater dort auf dem +grossen Friedhof _della Villetta_, nachdem er, auch im Tode unstaet, erst +nach Villa-Franca, dann nach Genua gewandert, seit 1876 seine endliche +Ruhe gefunden und er - der Sohn - ihm auf seinem Grabe ein wuerdiges +Denkmal habe errichten lassen, fuer welches in Genua kein geeigneter Platz +gewesen sei. Ueber Paganinis Leben hatten sich die merkwuerdigsten Mythen +ausgebildet, die durch sein ungewoehnliches Aussehen, seine fast +gespensterhafte Magerkeit und sein blasses Gesicht, auf welchem, wie Heine +schreibt, Kummer, Genie und Hoelle ihre unverwuestlichen Zeichen eingegraben +hatten, gefoerdert wurden. Paganini trug uebrigens durch sein excentrisches +Benehmen selber nicht wenig zur Verbreitung dieser Mythen bei. Nur einmal, +in Paris, fuehlte er sich veranlasst, den Fabeln, die in den Zeitungen ueber +ihn berichtet wurden, entgegenzutreten. In einem Briefe, den er in der +"_Revue musicale_" veroeffentlichen liess, schilderte er selbst sein Leben +und fuehrte dort den Nachweis, dass er weder seine Geliebte ermordet noch im +Gefaengniss gesessen, noch sich dem Teufel verschrieben habe. Er schloss mit +der Hoffnung, man werde wohl seiner Asche einst die verdiente Ruhe goennen. +Doch auch diese Hoffnung sollte sich nicht erfuellen! Selbst eine +Marmorbueste, die man Paganini in der _Villetta di Negro_ zu Genua geweiht +hatte, verschwand spurlos von jener Staette. + +Wir kehrten nach der Insel St. Marguerite zurueck und verweilten dort bis +zum Untergang der Sonne. Strahlend verschwand der feurige Ball hinter dem +Esterelgebirge. An den hohen Bergen im Norden trieben sich langgedehnte +Nebelstreifen umher. Sie deckten die Einschnitte der Thaeler, stiegen dann +empor bis zum Schnee der Alpen, wurden violett und rosenroth und schwanden +spurlos. Scharf zeichneten sich jetzt die riesigen Gipfel in langer Kette +an dem blauen Himmel. Bald roetheten sie sich auch, ergluehten in Purpur, +erloschen allmaelig und wurden dann leichenblass. Des Tages Gluth lastete +noch auf dem Meere; seine glatte Oberflaeche zeigte jene matten Reflexe, +wie sie alten venetianischen Spiegeln eigen sind: dann begann sie die +Farbe zu wechseln und schillerte wie Opal. Der Purpur, der von den Bergen +schwand, legte sich ueber den Abendhimmel und ueberfluthete bald auch das +Meer. Geheimnissvoll klagend schlugen seine scharlachrothen Wellen jetzt an +die Felsen des Ufers. Der Himmel ueber den Alpen nahm fahlgruene Faerbung an, +und dann wurde es dunkel. Ungezaehlte Sterne tauchten am Himmel auf, und +ungezaehlte Lichter entflammten laengs der Kueste. Wir bestiegen jetzt wieder +die Barke und glitten still ueber der Wasserflaeche. Eine erfrischende Luft +umfloss unseren Koerper, drang in unsere Lungen ein und erweckte jenes +Gefuehl inneren Wohlbehagens, dem man so gern sich hingibt. Wir wechselten +kaum ein Wort und brachen erst unser Schweigen, als wir an der Croisette +gelandet waren. + + V. + +Cannes stand unter der Herrschaft der Aebte von Lerin. Sie hatten dasselbe +im zehnten Jahrhundert von Wilhelm von Gruetta, einem Sohne von Redouard, +Grafen von Antibes, erhalten. Im Jahre 1080 begann der Abt Adalbert die +Burg auf dem Huegel, der jetzt die Altstadt traegt, dem heutigen Mont +Chevalier, zu erbauen. Im Kloster von Lerin wurden die geistigen Gueter vor +Allem gepflegt, daher wohl seine Herrschaft mild gewesen ist. Das +beeinflusste die Sitten und Braeuche der Uferbewohner. Waehrend jenseits des +Esterels, wo rohe Burgherren herrschten, die Volksbelustigungen in +Scheinkaempfen, den sogenannten "_bravades_" bestanden, waren es in Cannes, +Vallauris und Antibes die "_romerages_", das heisst Taenze und aehnliche +Spiele, welche die Feste belebten. Bis auf den heutigen Tag haben sich die +_bravades_ in St. Tropez, die _romerages_ in Vallauris erhalten. +Wachtthuerme laengs der Kueste waren zum Schutz gegen die Saracenen +aufgerichtet. Feuerzeichen des Nachts, weisse Fahnen am Tage, warnten, von +den Lerinischen Inseln aus, die Uferbewohner vor den nahenden Feinden. +Cannes fuehrte, gedeckt durch das Kloster, dem die Angriffe der Feinde +stets vor Allem galten, ein ziemlich ruhiges Dasein, und hatte erst +waehrend der Kaempfe Franz I. mit Karl V. schwere Verluste zu tragen. Im +Jahre 1580 wurde durch ein Schiff aus dem Orient die schwarze Pest nach +Cannes eingeschleppt und verbreitete sich dann ueber die ganze Provence. +Dann gab es noch manches Ungemach im Laufe der Zeiten, so im siebzehnten +Jahrhundert, als die Lerinischen Inseln zeitweise in spanische Gewalt +geriethen, dann im achtzehnten waehrend der Invasion der Provence durch +oesterreichische und piemontesische Truppen, besonders aber im +oesterreichischen Erbfolgekriege, waehrend des missglueckten Angriffs der +Oesterreicher auf die Provence. - Uebrigens fehlte es auch nicht ganz an +komischer Tragik in der Geschichte von Cannes. So berichten die +Stadtarchive von einem wilden Thiere, das 1785 das Land und die Stadt mit +Schrecken erfuellte. Kein Bewohner der Stadt wagte sich mehr ins Freie. +Schliesslich wurde eine Schar muthiger Maenner bewaffnet, und es gelang +ihnen auch an der Grenze der Gemeinde das Thier zu erlegen. Ein solches +Thier hatte noch Niemand gesehen; man wusste es nicht zu benennen. Ein +heftiger Streit entspann sich nun um das Fell, zwischen den Gemeinden von +Cannes, Grasse und Mougin, an deren gemeinsamen Grenzen das Thier gefallen +war; es drohte ein ernster Conflict, gluecklicher Weise machte der Marquis +de Caraman, commandirender General der Provence, demselben ein Ende, indem +er das Fell fuer sich nahm. Nunmehr wurde festgestellt, dass dieses Fell von +einer Hyaene stamme; wie jenes Thier sich nach Cannes verirrt hat, ist +unaufgeklaert geblieben. + +Am Ende des vorigen Jahrhunderts war Cannes zu einer ganz unbedeutenden +Ortschaft herabgesunken. Als Horace Benedict de Saussure sie 1787 +besuchte, fand er nur ein paar Strassen vor, die fast ausschliesslich von +Matrosen und Fischern bewohnt waren. Die Schoenheit der Lage fiel ihm auf: +"_C'est un site vraiment delicieux_" rief er auf dem Huegel von St. Cassien +aus, als er den blauen Golf und die gruenen Inseln vor sich liegen sah, +dann ueber das ueppige Thal der Siagne, gegen Grasse und die grauen +Kalkalpen schaute. Auch die Hotels in Cannes waren damals einfacher als +jetzt, dessen ungeachtet es dem Erlanger Professor Heinrich Schubert im +Jahre 1822 in einem derselben sehr behagte. Er und "die gute Hausfrau" +waren zu Fuss ueber das Esterel acht Stunden lang bis nach Cannes gewandert +und kamen dort recht ermuedet in den heissen Mittagsstunden an. Darauf hin +schreibt Schubert: "Wohler und erquicklicher zu Muthe ist es wohl der +guten Hausfrau, auf dieser ganzen Reise, bei keinem anderen Mittagessen +und in keinem anderen Wirthshause gewesen, als in dem buergerlichen, fuer +uns daher sehr passenden Wirthshause zu Cannes. Es war das Haeuslein gleich +eins der ersten in der Haeuserreihe am Meeresstrande hin. Zwar zu der +oberen Etage, welche fast nur aus dem Zimmer bestand, in welchem wir assen, +fuehrte keine Marmorstiege, sondern eine hoelzerne Treppe von aussen empor, +es stieg sich aber eben so schnell daran hinauf, als auf einer steinernen; +der Balcon, an dessen geoeffnete Thuer wir uns hinsetzten, hatte zwar weder +eiserne noch bronzene Umzaeunung, sondern nur bretterne, die Aussicht von +ihm hinaus auf das unter uns brandende Meer war aber eben so weit und +lieblich als von einem steinernen." "Junge Huehnlein, seit wenigen Tagen +erst aus dem Ei gekrochen, die mit ihrer Alten da im Speisesaal und auf +dem Balcon herumliefen, pickten die Kruemlein von Weissbrod zusammen, die +ihnen die Hausfrau auf den Boden streute." Dann aber, nachdem wir uns an +einem trefflichen Mahl gesaettigt und ausgeruht, "verliessen wir - +Strickbeutel und Pflanzenmappe unter dem Arme - unseren Balcon mit der +lieblichen Meeresaussicht und die gutmuethigen, billigen Wirthsleute und +zogen unter den schattigen Baeumen der Allee, neben dem anbrandenden Meere +hinaus auf die Strasse nach Antibes." + +Da war es in der That anders in Cannes als jetzt! Den Anfang zu seiner +jetzigen Groesse verdankt Cannes einem Zufall. Im Jahre 1834, als die +Cholera im ganzen Norden von Europa herrschte, sperrte sich Italien gegen +dieselbe durch einen Grenzcordon ab. Reisende, die aus Frankreich an diese +Kueste kamen, mussten mehrere Tage in dem seuchenfreien Cannes verweilen, +bevor sie die Grenze am Var ueberschreiten durften. Unter den Reisenden +befand sich auch Lord Brougham, der das Amt eines Lord-Kanzlers von +England vor Kurzem niedergelegt hatte und durch den Tod seiner geliebten +Tochter tief gebeugt, nach Italien eilte. Ihm gefiel dieser Ort, an dem er +nun unfreiwillig verweilen musste, so sehr, dass er sich entschloss, an +demselben zu bleiben. Er liess sich in Cannes nieder und erbaute auf seiner +Besitzung das Schloss Eleonore Louise, das den Namen seiner Tochter traegt. +Seinem Beispiel folgten zahlreiche seiner Landsleute, und die vornehme +englische Gesellschaft zog sich allmaelig von Nizza nach Cannes zurueck. Ihr +folgte die franzoesische Aristokratie, und allmaelig wuchs Cannes zu einem +der vornehmsten Kurorte der Riviera an. + + VI. + +Den Bewohnern des westlichen Cannes koennen die Ausfluege auf den Hoehen der +Croix-des-Gardes diejenigen von "La Maure" zum Theil ersetzen. Die +Aussichten sind aehnlich, doch gilt es meist so viel Staub zu schlucken, +ehe man sie erreicht! Die Abhaenge dieses 150 Meter hohen Huegels sind mit +den aeltesten Villen des neuen Cannes bedeckt; da lehnt sich auch jener +Chateau d'Eleonore Louise an, der den Grund zu dem modernen Kurort legte. +- Man darf es auch nicht unterlassen, den Garten der Villa Larochefoucauld +zu besuchen, dessen Zutritt Fremden stets gestattet wird. Man erreicht ihn +bald auf der Strasse von Frejus. Die Ausblicke auf das nahe Esterel +zwischen den Palmen, Pinien und sonstigen ueppigen Gewaechsen des Gartens +sind zum Theil von hoher malerischer Wirkung. + +Ueber alle moeglichen, wenn auch nicht immer empfehlenswerthen Ausfluege an +den Kurorten der Riviera orientiren jetzt vollstaendiger wie zuvor die in +allerletzter Zeit erschienenen "_Guides Joanne_". Es gibt jetzt solche +"Fuehrer" fuer Cannes, fuer Nizza, Mentone, ja selbst fuer das Esterel, und +sie sind einzeln fuer 50 Centimes oder einen Franc zu haben. Leider sind +aber auch in diesen Fuehrern die Angaben ueber die Wege, die man bei den +einzelnen Ausfluegen einzuschlagen hat, so mangelhaft und die beigefuegten +Karten so unvollkommen, dass man sich nur selten zurechtfinden kann. + +Ich plante noch einen Ausflug nach dem Cap d'Antibes und stand mit +Tagesanbruch auf, um moeglichst viel Zeit vor mir zu haben. Ich trat ans +Fenster und oeffnete die Laeden: Der Himmel war mit Wolken ganz bedeckt. +Hinter denselben im Osten musste die Sonne soeben aufgegangen sein. +Unentschlossen blieb ich am Fenster stehen. Wird es der Sonne gelingen, +die Wolken zu zerstreuen? Leuchtende Stellen tauchten in der Wolkenmasse +nach einiger Zeit auf und erweckten freudige Hoffnung. Bald schwanden sie +aber wieder, und beklommen blickte ich empor, gedrueckt von dem Gefuehl, dass +es so trueb und traurig den ganzen Tag ueber bleiben koenne. Doch wieder +lichten sich hier und dort die Wolken, sie wogen in schweren Massen wie +ein bewegtes Meer; ploetzlich zerreissen sie an mehreren Stellen, und aus +gluehendem Rahmen blickt dort der leuchtende Himmel hervor. Es ist, als +waere in den Hoehen eine Feuersbrunst ausgebrochen, und als draengen lange +Feuerstrahlen aus den Oeffnungen der Wolken hervor, um die See und das +Land zu entzuenden. Jetzt sind es Stellen im Meer, welche in Flammen +aufgehen, dann leuchten die Lerinischen Inseln im rosigen Lichte auf +dunkler Woge, dann wieder entzuenden sich die Gipfel des Esterel, dann das +alte Cannes. Allmaelig erblassen die Wolken, sie weichen vor der +siegreichen Sonne; sie loesen sich auf im goldigen Nebel und schwinden. Der +ganze Himmel erstrahlt in glaenzendem Licht. + +Wir folgen der Strasse von Antibes, von Licht ueberfluthet. Solche +Lichtfuelle stimmt den Menschen freudig, erweckt neue Hoffnungen und traegt +so sicherlich nicht wenig zur Heilung der hier weilenden Kranken bei. Es +ist das der suggestive Einfluss des Sonnenlichtes; andererseits kommen +demselben thatsaechlich auch antiseptische Wirkungen zu. Intensives +Sonnenlicht toedtet die Keime jener niederen Organismen, welche Faeulniss und +Zersetzung bewirken. Entsprechende Versuche haben gelehrt, dass eine +Aussaat von Bacterien durch Licht sterilisirt werden kann. Setzt man eine +solche Aussaat dem Sonnenlichte aus, haelt eine andere im Schatten, so +werden die Keime der ersteren getoedtet und die der letzteren entwickeln +sich weiter. Intensives Sonnenlicht sterilisirt demgemaess auch die Waesche +und die Kleider von Kranken. Es sterilisirt auch Seen und Fluesse, falls +ihr Wasser nicht zu trueb ist und den Lichtstrahlen das Eindringen nicht +verwaehrt. Die in der Luft schwebenden Keime werden meist von dem +Sonnenlicht getoedtet. Mit Recht sagt somit ein italienisches Spruechwort: +"_Dove non entra il sole, entra il medico._" Waere jenes Spruechwort nicht +begruendet, da muessten unausstehliche Miasmen manches suedliche Land erfuellen +und Infectionskrankheiten ununterbrochen es verheeren. Wie wenig geschieht +da meist fuer die Desinfection. Die moderne Hygiene ist ein Kind nordischer +Himmelsstriche, und die peinlichsten Ansprueche an Reinlichkeit und Comfort +sind in Laendern erwachsen, in welchen der Nebel meist das Sonnenlicht +verhuellt. Waehrend wir unsere Wohnraeume nach Moeglichkeit saeubern, fuer +Desinfection allerorts sorgen, oeffnet der Suedlaender weit seine Fenster und +laesst sein ganzes Haus vom Sonnenlicht durchstrahlen. Dazu ist aber dauernd +klarer Himmel noethig. - Bacterienkeime, die vom intensiven Sonnenlichte +getroffen werden, halten die Wirkung desselben nur kurze Zeit aus. Die +Keime des _Bacillus anthracis_, jenes gefaehrlichen Bacteriums, das den +Milzbrand bei Schafen und Rindern veranlasst, sind dann schon todt nach +wenigen Stunden. Ein englischer Botaniker, Marshall Ward, hatte den +Einfall, diese Wirkung des Lichtes auf Bacterienkeime gewissermassen +photographisch zu veranschaulichen. Er breitete Gelatine, die mit +Bacterienkeimen versetzt war, auf einer Glastafel aus, stellte vor +dieselbe eine durchbrochene Zinnplatte und liess letztere vom Sonnenlicht +bescheinen. Nach wenigen Stunden wurde die Glastafel in einen dunklen, +warmen Raum gelegt und dort laengere Zeit gelassen. Ueberall da, wo das +Sonnenlicht durch die Oeffnungen der Zinnplatte die Gelatine erreicht +hatte, blieb letztere klar, weil die Keime in derselben getoedtet waren, +sie truebte sich an den uebrigen Stellen, weil die Keime dort unversehrt +blieben und sich zu trueben Bacterienmassen vermehrten. So war das in die +Zinnplatte geschnittene Bild deutlich auf der Gelatineplatte zu erkennen. +Selbst die Negative gewoehnlicher Photographien konnten benutzt werden, um +positive Bacterienbilder zu erhalten, wenn mit besonders empfindlichen +Keimen operirt wurde. Ein purpurfarbiges Bacterium der Themse lieferte so +hinter den Glas-Negativen englischer Landschaften zwar nicht scharfe, aber +doch kenntliche Bilder derselben. + +Die ganze Strasse von Antibes war jetzt blendend hell von Licht, von jenem +grellen Licht, in welches alle Dinge tauchen, wenn die Sonne hoch am +Himmel steht. Auf der kreideweissen Strasse wurden die Schatten immer kuerzer +und dunkler, die Halbschatten nahmen blaue Toene an. Die Palmengruppen in +den Gaerten glaenzten so stark, dass sie fast wie fabelhafte Decorationen zu +einem Zauberstueck erschienen. Es war Fest der Sonne ueberall in der Natur, +und diese festliche froehliche Stimmung theilte sich uns auch mit. - Wenig +Orte in Europa gibt es, die ueber eine gleich grosse Lichtfuelle verfuegen. An +dieser goldigen Kueste darf sich das Mittelmeer ruehmen, Spiegel der Sonne +zu sein. An Klarheit der Luft koennen mit der Gegend um Nizza sich nur +Valencia und Alicante messen. Waehrend von dem Eifelthurm in Paris die +Aussicht im guenstigsten Falle bis auf hundert Kilometer reicht, zeigt hier +nicht selten Corsica dem erstaunten Auge seine zackigen Gipfel, die um +mehr als 200 Kilometer von dieser Kueste entfernt sind. Daher mit vollem +Recht der Mont Gros bei Nizza zum Bau eines astronomischen Observatoriums +gewaehlt wurde. Auch regnet es in Nizza durchschnittlich im Jahre nur an +67 Tagen. Der Regen dauert nicht lange, ist dafuer oft so heftig, wie in +den Tropen. Auch in diesem Fruehjahr hatten wir waehrend unseres +fuenfwoechentlichen Aufenthalts, von Mitte Maerz bis zur zweiten Haelfte des +April, nur drei Tage mit anhaltendem Regen hier zu verzeichnen. Wir waren +thatsaechlich die ganze Zeit ueber wie in ein Lichtbad getaucht. + +Die Strasse fuehrte uns an dem Orte Golfe Jouan vorbei nach Jouan les Pins. +Nun folgten wir unter Pinien im weiten Bogen dem Meeresstrande. Unser +Blick verlor sich im endlosen Meer oder er ruhte auf dem Esterel und den +Lerinischen Inseln. Es waren das die alten, liebgewonnenen Bilder in immer +neuer Umrahmung. Bald begruessten wir das Cap und traten in den Garten des +Caphotels ein. Da ist Alles noch so wie es war, derselbe ueppige +Pflanzenwuchs, derselbe Duft der Maquis. Doch fremdartig blicken uns +merkwuerdige Bauten von der aeussersten Spitze der Landzunge an. Haben die +Saracenen wieder das Land erobert und sich am Cap niedergelassen? Das sind +doch maurische Bauten, die sich dort erheben, eine Moschee, die mit ihrer +schlanken Kuppel in die Luefte ragt! Eine Mauer sperrt die Spitze des Caps +vom Hotelgarten ab, doch gluecklicherweise ist sie schon durchbrochen und +nichts hindert uns, weiter vorzudringen. + +Es war nicht ein Saracene, sondern ein Pariser, der diese Bauten errichten +liess. Er starb ohne das Ende seiner Werke zu sehen. Sein Wunsch, hier +begraben zu werden, konnte nicht in Erfuellung gehen. Die franzoesische +Regierung verbot die Bestattung am Cap; die Familie gab daher die +Besitzung auf. + +So wird denn dieses Stueck Orient hier wieder verschwinden, vielleicht +Ruinen bilden, die man dermalen als saracenische deuten wird. Der Fischer +aber, dem ein Stueck Strand nach dem andern entzogen wird, hat vom Cap +wieder Besitz ergriffen. Mit sichtlicher Schadenfreude zerstoert er die +Mauer, die ihm den Zugang zu den Felsen sperrte, auf denen er gewohnt war, +von Kind auf zu fischen. Und auch der Fremde, der das Cap besucht, kann +wieder ungehindert auf diesen zerrissenen Felsenklippen streifen und dem +geheimnissvollen Rauschen der Wogen in den tiefen Spalten des Gesteines +lauschen. + + VII. + +Einige Tage spaeter verliessen wir Cannes und siedelten nach dem Cap Martin +ueber. Eine englische Gesellschaft hat vor einiger Zeit dieses ganze Cap +erworben und ein Hotel auf demselben errichtet, das zu den comfortabelsten +der ganzen Riviera gehoert. Hat man es sonst zu bedauern, dass die schoensten +Punkte dieser Kueste der Speculation zum Opfer fallen, so ist dies beim Cap +Martin nicht der Fall. Denn mit viel Geschick und Geschmack verstand es +die englische Gesellschaft, dem Cap seinen urspruenglichen Charakter zu +wahren und den schoenen Wald von Aleppokiefern, mit dem das Cap bedeckt +ist, in einen nicht minder schoenen englischen Park zu verwandeln. Sie +schonte jeden einzelnen Baum; die Maquis am westlichen Strande hat sie in +ihrem urspruenglichen Zustand belassen, fremdartige Gewaechse nur in +discretester Weise angebracht. Das Hotel steht auf der Hoehe, am suedlichen +Ende des Caps, noch in den Wald eingeschlossen, von welchem man nur so +viel entfernte, als zum Bau des Hauses durchaus nothwendig schien. Auch +werden die Grundstuecke am Cap von der Gesellschaft nur unter Bedingungen +verkauft, die den neuen Besitzer zur Schonung des Waldes verpflichten. So +merkt man nicht viel von den entstehenden Villen im Walde, und man muss auf +die Hoehen steigen, die das Cap beherrschen, um sie zu entdecken. Der +Strand sollte frei bleiben, daher keines der verkauften Grundstuecke bis zu +demselben reicht. Man kann vom Hotel aus jetzt ungehindert den Wegen +folgen, die sich um das ganze Cap ziehen. An dem oestlichen Ufer des Caps +laeuft die Landstrasse, die nach Mentone fuehrt; sie ist staubig, und sucht +man sie daher nach Moeglichkeit auf den Spaziergaengen zu meiden. Das kann +man auch, wenn man die Strassen einschlaegt, die im Walde, am Ruecken des +Caps, verlaufen. Besonders anziehend und von Staub ganz frei ist aber der +Fussweg, der in westlicher Richtung am Cap sich hinzieht. Er folgt auf +langer Strecke zwischen Kiefern und wuerzigen Straeuchern dem Strande. Er +ist so schoen, bietet so mannigfaltige Ausblicke, dass man nicht muede wird, +auf ihm zu wandern. Der Weg steigt auf und ab, immer in unmittelbarer Naehe +des Meeres, dicht ueber zerrissene Felsenmassen. Myrten, Pistacien, +Rosmarin umranden ihn, haeufig waechst da ausserdem der immergruene Wegedorn +mit dunklen Beeren, der _Rhamnus alaternus_, auch das interessante +_Cneorum tricoccum_ mit kleinen gelben Bluethen, das uns schon aus den +Maquis von Antibes bekannt ist, und die wuerzige Weinraute (_Ruta +bracteosa_), die um diese Zeit schon ihre gelbgruenen Bluethendolden +entfaltet. Bei jeder Windung des Weges ragen neue Felsen aus dem Meer +hervor, immer anders geformt, in unerschoepflichem Wechsel. Ueberall die +anbrausenden Wogen mit ihrem Silberrand, hier von tiefem Blau, dort von +hellem Gruen, dort wieder in violetten Toenen; dann ploetzlich voruebereilende +Fischerbarken, grell beleuchtet im lichten Schein der Sonne. Die Ruder +tauchen wie in fluessiges Metall, und funkelnde Tropfen fallen von ihnen in +das Meer zurueck. Weite Blicke oeffnen sich ueber die Kueste: hier Monte +Carlo, sanft vom Meere aufsteigend, dort Monaco auf seinem steilen Fels, +darueber, wie auf Wache, die riesige "Tete de Chien". Ganz in der Naehe +liegt am Bergesabhang das Felsennest Roccabruna, in Orangenhaine gehuellt, +umrahmt von Cypressen und Carouben. So laesst sich hier genussreich am fruehen +Morgen wandern, da die Sonne noch im Osten steht, im Schatten der Baeume +und des steil aufsteigenden Caps; felsauf, felsab, einmal dicht am Meere, +dann ueber demselben, dann wieder am Strand, wo die Welle bis zu den Fuessen +rollt. Doch gilt es frueh aufzubrechen, denn das Cap ist nicht rein +suedlich, sondern suedwestlich gerichtet, und bald beginnen die Strahlen der +Sonne auch den westlichen Abhang zu streifen. Da stellt sich aber der +erwuenschte Schatten am oestlichen Strande ein. Zwischen der staubigen +Strasse und dem Meere liegt ein Felsenstreifen, auf dem Kiefern wachsen, +und wo man, von Staub nicht belaestigt, ruhen kann. Auch hier ist der +Strand tief zerklueftet und bildet einen bewegten Vordergrund fuer das Bild, +das sich jenseits der Bucht entfaltet. Die Kiefern neigen sich vor ueber +die Felsen, strecken ihre Kronen dem Meer entgegen und fassen hier das +weisse Mentone, dort die hohen Gipfel ueber demselben, dort wieder La +Mortola oder Bordighera ein in ihr gruenes Laub. Oft stundenlang sassen wir +auf diesen Felsen, ein Buch in der Hand, blickten auch haeufig ueber +dasselbe hinweg, hinaus in die blaue Fluth. Zeitweise waren es auch +Fischer, die unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Sie spaeheten in der +Naehe den Fischen nach. Einer sass oben ueber dem Felsen auf einem Gestell +aus drei verbundenen Stangen und schaute unablaessig in die Tiefe. Andere +lagerten in einem Boot, bereit auf ein gegebenes Zeichen die Netze zu +heben. Die Netze waren an einem leeren, quergestellten Boote befestigt und +bildeten ein Dreieck, das an einer Seite offen stand. Erblickte der Spaeher +Fische, die in das Dreieck eingeschwommen waren, so zog er an einem Seil +und dass Netz schloss sich nun auch an der freigehaltenen Seite. Rasch +naeherte sich dass Boot dem Ufer, schnitt den Fischen jeden Rueckweg ab; die +Netze wurden emporgezogen, und meist einige nicht eben grosse Fische, oft +auch nur ein einziges solches zappelndes Geschoepf erkapert. Die Geduld +dieser Menschen erweckte in mir besondere Bewunderung. Stundenlang lagen +sie da unbeweglich im Boote; den ganzen Tag ueber hockte der Spaeher oben +auf seiner Stangenpyramide, und die Zeit wurde ihm, wie es schien, nicht +lang. Was fuer ein Gegensatz zu solchen Menschen wie wir, die wir uns den +ganzen Tag ueber hetzen und aufreiben, keine Viertelstunde unbenutzt lassen +und nun hierher kommen muessen, damit unsere Nerven sich wieder etwas +beruhigen. Der Mann da oben auf seiner Pyramide erinnerte mich aber +lebhaft an einen Seeadler, den ich auf einem hohen Felsen von Antibes, an +einer einsamen Stelle des Strandes, einst sitzen sah. Auch er blickte +starr in das Wasser, blickte lange und geduldig, ohne auch nur den Kopf zu +bewegen, stuerzte sich dann wie ein Pfeil hinab in die Fluth und stieg auf +in die Wolken mit einem Fisch in den Krallen. + +Das Hotel am Cap Martin ragt ueber die Baeume des Waldes empor. Suedwaerts +eroeffnet es die Aussicht auf das weite Meer. Nordwaerts gestattet es, ueber +den gewoelbten Kuppeln des Waldes, der ganzen Bergkette zu folgen, welche +diese Kueste schuetzt. Da reihen sie sich an einander diese gewaltigen Berge +vom Mont Agel im Osten, bis zum Berceau im Westen; die maechtigsten +Kalkriesen liegen in der Mitte und schneiden mit scharfem Grat in den +blauen Himmel ein. Jeden Abend waren unsere Blicke auf sie gerichtet, wenn +die schwindende Sonne ihre Gipfel roethete, ein Gipfel nach dem andern dann +langsam erlosch. Oefters stiegen wir auch gegen Abend zum oestlichen +Strande hinab, um die Beleuchtung der Kueste zu schauen. Waehrend tiefer +Schatten schon Mentone deckte, flammte im purpurnen Lichte noch +Alt-Bordighera. Ein Liebling der Sonne an dieser goldigen Kueste, empfaengt +es am Abend ihren letzten Gruss. + +Wenn es dann ganz dunkel war, zogen wir nochmals ans Meer. Es galt Mentone +und Monte Carlo in ihrem Lichterschmuck zu betrachten. Monte Carlo im +Besonderen sieht dann ganz feenhaft aus. Tausende von Lichtern draengen +sich am Fusse des Berges zusammen, der einen dunklen Schatten auf den +bestirnten Himmel wirft. Ich schaute oft in dieses Bild, und es war mir +wohl, als haette ich es lange zuvor schon gesehen. Doch wo und wann? das +wusste ich nicht mehr zu finden. Da ploetzlich, sah ich es ganz lebhaft +wieder vor mir, das alte Bild, so wie ich es mit Kinderaugen geschaut +hatte. Es war ein gemaltes Bild von Neapel in einem kleinen Panorama, das +ich am Weihnachtsabend einst bekommen hatte. Hielt ich es gegen ein Licht, +dann leuchteten unzaehlige Flammen in Neapel auf und erregten meine +kindliche Phantasie. Es waren Nadelstiche, welche das Bild durchsetzten. +Wie in jenem Bilde Camaldoli ueber Neapel, so ragte hier die Tete de Chien +ueber Monte Carlo hervor; und wie die Lichter am Posilip, so stiegen hier +die leuchtenden Punkte am Felsen von Monaco in die Hoehe. Wie stark sind +doch solche Eindruecke der Kindheit! Was hat nicht Alles dieses geplagte +Hirn seitdem in sich aufnehmen muessen, und doch war das alte Bild nur +verdeckt, nicht ausgeloescht, und tauchte wieder auf, als ein aeusserer +Anstoss es zum Bewusstsein brachte. + +Dort, wo das Cap Martin die breite Kueste erreicht, ist es mit schoenen +alten Oelbaeumen bedeckt. Da sind sie wieder da, diese phantastisch +verschnoerkelten Staemme, von denen keiner dem andern gleicht. Sie werden um +so maechtiger und schoener an dieser Kueste, je weiter man sich vom Esterel +entfernt. Welch ein Unterschied zwischen den armseligen Baeumen der +Rhonemuendung und jenen Riesen hier, die ihre Kronen stolz in die Luefte +erheben. So muss man sie gesehen haben, um sie zu wuerdigen und sie zu +lieben; auch ist die Lichtfuelle dieser sonnigen Gegenden noethig, damit ihr +Laub nicht grau und traurig, sondern silbern und leuchtend erscheine. +Daher der Olivenwald ein hoechst stimmungsvolles Element dieser Landschaft +bildet. Da die Blaetter des Oelbaumes nicht gross sind und seine Belaubung +nie dicht wird, so herrscht im Olivenwalde ein Zwielicht von ganz eigenem +Zauber. Jeder Windhauch bewegt dieses Laub, und dann zittern die einzelnen +Lichter auf den Baeumen, sie huschen wie Leuchtkaefer ueber den Boden, und es +belebt sich ploetzlich die Einsamkeit. + +Trotz seiner scheinbar exponirten Lage ist das Cap Martin gegen die +Nordwinde und den Mistral sehr gut gedeckt und nur den Ostwinden +preisgegeben. Dass die hohen Berge im Norden und im Westen das Cap +erfolgreich gegen Kaelte schuetzen, hat der letzte strenge Winter gelehrt. +Es lag fast kein Schnee auf dem Cap, waehrend er Mentone deckte, und weder +Bougainvillea noch Heliotrop haben an dem Hotel du Cap gelitten. Die +Pflanzen sind aber die sichersten Weiser fuer das Klima. Die Bougainvilleen +und der Heliotrop sind an den meisten Orten der Riviera im letzten Winter +erfroren oder buessten ihr Laub doch ein. Auch die strauchartige Wolfsmilch +(_Euphorbia dendroides_), die ueberall am westlichen Abhange des Cap Martin +waechst, zeigt durch ihre kraeftige Entwickelung an, wie guenstig die +klimatischen Verhaeltnisse hier fuer sie sind. Man muss nach dem suedlichen +Sardinien gehen, will man noch groessere Exemplare dieser Pflanze sehen. In +dem nahen Mentone zeugen fuer das milde Klima dieser Region vor allem die +ueppigen Citronenwaelder. Der Citronenbaum kann Temperaturen unter -5 deg. C. +nicht vertragen. Seine Fruechte erfrieren schon bei -3 deg. C. Man denke sich +die Aufregung der Leute in diesem letzten Winter, wo das Thermometer +wiederholt unter 0 deg. sank. Der Besitzer eines groesseren Citronengartens +erzaehlte mir, er habe in den kalten Naechten viele Stunden am Thermometer +gestanden und mit Angst auf die Quecksilbersaeule gestarrt, ob sie nicht +noch weiter falle. Noch einen halben Grad tiefer und die Einnahme des +ganzen Jahres war verloren. Thatsaechlich sind an vielen Stellen bei +Mentone im letzten Winter die Citronen, nicht die Baeume, wohl aber die +Fruechte erfroren. Es geschah das besonders am Ausgang der Thaeler, wo der +Schutz gegen Norden unvollkommen ist. Dort sollten Citronen ueberhaupt +nicht gebaut werden; doch die Leute vergessen die Vorsicht, wenn viele +aufeinander folgende Winter mild gewesen sind. Fuer gewoehnlich beruehren ja +die kalten Nordwinde die Kueste nicht, sie erreichen erst in einigen +Kilometern Entfernung das Meer, und ist es eine haeufige Erscheinung, dass +das Meer dort stuermisch ist, waehrend volle Windstille an der Kueste +herrscht. - Die Orangen haben bei Mentone auch in diesem Winter nicht +gelitten. Diese Frucht kann bei bedecktem Himmel -4 deg. C. aushalten, und die +Kaelte muss laengere Zeit -6 deg. C. betragen, damit der Baum getoedtet werde. +Daher bei Cannes wohl Orangenbaeume, nicht aber Citronenbaeume zu sehen +sind, und selbst an den Orangenbaeumen war bei Golfe Jouan das Laub zum +Theil erfroren. Auch der Johannisbrotbaum ist gegen niedere Temperaturen +sehr empfindlich, und zeugt somit, wenn stattlich entwickelt, fuer ein +mildes Klima. Schoener und ueppiger kann man ihn aber an der Riviera nicht +sehen, als auf der Strecke, die von Villefranche bis San Remo reicht. + +An schoenen, sonnenklaren Tagen pflegt an der Riviera gegen acht Uhr +Morgens die Seebrise sich zu erheben. Dann wird es meist kuehler als zuvor. +Nach Anbruch der Nacht faellt dann die Luft von den Bergen ab, der Landwind +stellt sich ein. Zwischen den Zeiten der beiden Winde herrscht oft voellige +Ruhe. Die italienischen Fischer bezeichnen sie als "_bonaccia_", weil sie +die wenigste Gefahr in sich birgt. - Auffaellig ist es dem Fremden, wenn +gegen das Fruehjahr der sonst so heisse Scirocco an der Riviera von Schnee +begleitet ist. Es geschieht das freilich selten, kann aber erfolgen, wenn +auf den hohen corsicanischen Bergen sich grosse Schneemassen anhaeuften. + +Auf der ganzen Strecke von Villefranche bis San Remo sieht man fast keine +laubwerfenden Baeume. Daher man hier weit weniger an den Winter gemahnt +wird, als weiter im Sueden, ja selbst in Neapel. Dort dominirt der +Feigenbaum und der Weinstock, so dass der Posilip uns einmal im Maerz fast +kahler erschien, als das Rheinthal, das wir kurz zuvor verlassen hatten. + +Die Naechte waren jetzt vom Mondschein erhellt, und die Berge glaenzten in +magischer Beleuchtung: Ein maechtiges Amphitheater, dessen scharf gezaehnte +Gipfel sich wie feine Spitzenarbeit vom Himmel abhoben, in welchem tief +unten die Lichter von Mentone funkelten. + +Dieser Vollmond sollte uns Ostern bringen. Wir gingen des Abends an den +Strand, um ihn zu erwarten. Es war ganz dunkel auf den Felsen am Meere, +einsam und still. Flach ausgebreitet lag vor uns die weite See und schien +fast zu schlafen. Oben breitete sich das Himmelsgewoelbe aus, fast schwarz, +doch besaeet mit ungezaehlten Sternen, die sich mit silbernen Streifen auch +im Meere spiegelten. Es schien, als sei die Natur gespannt auf ein +Ereigniss, das da kommen sollte: so still und feierlich war es rings umher. +Kein Grashalm erzitterte. Die Kiefern streckten aber ihre Kronen vor nach +der See, als wollten sie weit ueber die Fluthen hinaus in die Ferne +lauschen. Die wuerzigen Duefte der Maquis senkten sich langsam zur See +hinab, wohl um ihr duftigen Weihrauch zu streuen. Vielleicht war aber nur +unsere Seele von Erwartung voll, und wir trugen diese Empfindung hinaus in +die weite Welt. - Ploetzlich tauchte ein rother Streifen im Osten ueber dem +Wasser empor. Er nahm an Breite zu und bald warf er den ersten leuchtenden +Strahl ueber die schwarze Fluth: es war, als wolle er sie liebkosen. Die +Fluth erzitterte unter diesem Strahl und legte sich in sanfte Wellen, wohl +um ihn einzuwiegen. Der Mond tauchte ganz aus dem Meere hervor, mit +geroethetem Antlitz, wie verschlafen. Quer gedehnt, mit geschwollener Backe +sah er fast laecherlich aus. Doch rasch rundete sich sein Antlitz ab, nahm +leuchtende Silberfarbe an und schuettete Licht in Fuelle ueber die +Meereswellen aus. Und waehrend er hoeher stieg, erblassten die Sterne. Nur +die Groessten vermochten ihm noch ins Antlitz zu schauen, die anderen +verloren sich in den Tiefen des Himmelsgewoelbes. Am Strand, wo sich die +Wellen an den Felsen brachen, da funkelte und blitzte es von unendlichen +Lichtern, als haetten alle die Sterne, die am Himmel schwanden, sich hier +gestuerzt in die Tiefe. Ein breiter silberner Fluss zog sich vom Strande bis +an die aeussersten Schranken des Meeres. Stellenweise war er von glatten +Streifen unterbrochen, die wie Opal ihre Farbe wechselten. Voruebergehend +tauchten duestere Barken in das Mondlicht ein, wie dunkle Silhouetten auf +Silbergrund. Der Mond stieg immer hoeher ueber die Fluthen und setzte in +weitem Bogen seinen Siegeszug am Himmelsgewoelbe fort. Bald begann sein +Licht auch in die tiefsten Spalten des Strandes einzudringen und die +zerrissenen Felsen traumhaft zu beleuchten. Da sah es denn aus, als waeren +die schaumgekroenten Wellen eines erregten Meeres versteinert stehen +geblieben, oder man meinte in einen zerkluefteten Gletscher der Alpen zu +blicken; dort zauberten schmale Felsengrotten der Phantasie einen +arabischen Friedhof vor, dort endlich eine Schar von Pilgern, die im +weissen Gewande von den waldigen Hoehen gegen das Meer zu wanderten. In +allen Buchten sprueht es aber Funken, die Lichter schwimmen an der +Oberflaeche oder sie sinken unter; bald verschmelzen sie mit einander, bald +trennen sie sich wieder, in endlosem Spiel. + +In den Ostertagen rueckte ein Nordsturm heran. Mit ungewohnter Gewalt +stuerzte er sich auf die Felsenriesen, die Mentone schuetzen und suchte +ihren Widerstand zu brechen. Da entspann sich ein gewaltiger Kampf +zwischen diesen Titanen und den entfesselten Elementen: es heulte und +zischte in den Lueften. Wir sahen den rauhen Winter ueber unseren Koepfen +schweben, waehrend wir uns noch im milden Fruehling befanden. Der Norden +warf seinen kalten Schnee den Felsenriesen gegen das Haupt. Sie schienen +zeitweise zu weichen. Ein kalter Luftstrom ergoss sich ueber das Cap. Die +aleppischen Kiefern schuettelten bedenklich ihre Haeupter, die Wellen des +Meeres flohen wie entsetzt mit schaeumender Maehne von dem Lande. Bis in die +Nacht hinein zitterte und bebte das Cap. Dann wurde es still, bald +leuchteten die Sterne und am naechsten Morgen standen sie wieder da im +goldigen Sonnenschein, die Riesen ueber Mentone, zwar mit Schnee noch +bedeckt, doch siegesbewusst, stolz ihre Felsenhaeupter zum Himmel erhebend. + +Dieser Sonnenschein sollte leider nicht dauern; das Gleichgewicht in den +Lueften war gestoert. Bald zog der Ostwind heran, und das Wetter verdarb +sich. Das erleichterte uns die Trennung von der Riviera. Dicke +Regentropfen fielen vom Himmel und traenkten die durstige Erde. Wir aber +konnten von hier in dem suessen Wahne scheiden, es weine uns dieser Himmel, +den wir so liebgewonnen, einige Thraenen zum Abschied nach. + + ------------------ + + + + + +INHALTSUeBERSICHT. + + +*Vorwort **VII* + +*Fruehjahr 1891 **1* + + Bordighera 2 + + Monte Nero 3 + + Sasso 5 + + Oelbaeume 6 + + Fruehlingsblumen 11 + + Weinstock 11 + + Palmen 15 + + Gorbio 23 + + Pont St. Louis 26 + + Garten von La Mortola 30 + + Weg nach Mentone 69 + + Charakterpflanzen der italienischen Landschaft 70 + + Reiz- und Genussmittel aus dem Pflanzenreich 72 + + Route de la Corniche 83 + + Nizza 85 + + Cap d'Antibes 85 + + Maquis 89 + + Garten Close 99 + + Seesturm am Cap 99 + + Blumencultur an der Riviera 101 + + Sonnenuntergang am Cap 105 + +*Fruehjahr 1894 **107* + + Hyeres 107 + + Maurengebirge 114 + + Korkeichen 115 + + St. Tropez 121 + + La Gaillarde 126 + + St. Aigulf 127 + + Frejus 127 + + St. Raphael 129 + + Esterel-Gebirge 132 + + Malinfernet 141 + + Abend in St. Aigulf, Le Trayas 144 + + Cap Roux 148 + + Pic d'Aurelle 154 + + Klarheit des Seewassers 157 + + Grasse 158 + + Ursprung der Parfueme 159 + + Gewinnung der Parfueme 162 + + Wirkungen aetherischer Oele 176 + + Geschichte der Parfueme 177 + +*Fruehjahr 1895 **187* + + Cannes 187 + + La Californie 188 + + La Maure 191 + + Lerinische Inseln 193 + + Geschichte von Cannes 203 + + Ausflug nach Antibes 207 + + Wirkungen des Lichtes 208 + + Klarheit der Luft 209 + + Cap Martin 211 + + + + + + +ANMERKUNGEN DER KORREKTURLESER + + +Von den Korrekturlesern des _Project Gutenberg_ wurden mehrere Aenderungen +am Originaltext vorgenommen. Es folgen paarweise Textzeilen im Original +und in der vorliegenden geaenderten Fassung. + + + + Blaettern in gleicher Weise von Lichtstahlen getroffen. + Blaettern in gleicher Weise von Lichtstrahlen getroffen. + + mit Bambusfasern Matratzen gegefuellt und Moebel gepolstert. + mit Bambusfasern Matratzen gefuellt und Moebel gepolstert. + + ganz wie die Scheinbeeren unsers Wachholders verwandt. + ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt. + + Die Geige, ein Guarneri, der einst Paganini daemonische Toene + Die Geige, eine Guarneri, der einst Paganini daemonische Toene + + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZUeGE AN DER RIVIERA*** + + + + +CREDITS + + +September 29, 2009 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by _R. Stephan_ and the _Online Distributed + Proofreading Team_ at <http://www.pgdp.net/c>. Page-images + available at + <http://www.pgdp.net/projects/projectID47b29bf7b6cc7/> + + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 30042.txt or 30042.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/0/4/30042/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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