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+The Project Gutenberg EBook of Streifzuege an der Riviera by Eduard
+Strasburger
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
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+
+Title: Streifzuege an der Riviera
+
+Author: Eduard Strasburger
+
+Release Date: 2009-09-20 [Ebook #30042]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZUeGE AN DER RIVIERA***
+
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+Streifzuege an der Riviera
+
+
+by Eduard Strasburger
+
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+
+
+Project Gutenberg TEI edition , (2009-09-20)
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+
+
+
+ Streifzuege
+
+ an der Riviera
+
+ Von
+
+ Eduard Strasburger.
+
+ Berlin
+
+ Verlag von Gebrueder Paetel
+
+ 1895
+
+
+
+
+
+Meiner Tochter
+
+ Anna Tobold
+
+ gewidmet
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Vorwort.
+Fruehjahr 1891.
+Fruehjahr 1894.
+Fruehjahr 1895.
+Inhaltsuebersicht.
+Anmerkungen der Korrekturleser
+
+
+
+
+
+
+VORWORT.
+
+
+Waehrend graue Winternebel das Rheinthal fuellten, schrieb ich diese Zeilen
+nieder. Welch' ein Glueck, dass auch an trueben Tagen die Phantasie uns ueber
+die Wolken zu erheben vermag. Oft war es mir, als leuchte die Sonne hell
+in meinem Innern, waehrend es draussen dunkel war. Dann sah ich vor mir die
+blaue See, an ihren Ufern die steil abfallenden Felsen und in weiter Ferne
+die hohe Alpenkette mit ihrem Diadem von Schnee. Sie spiegelten sich in
+meinem Geiste wider die leuchtenden Ufer des Mittelmeeres und zauberten
+mir goldigen Sonnenschein und wuerzigen Duft der Maquis in grauen Stunden
+vor. So moegen denn diese Zeilen auch in fremder Seele
+Fruehlingsempfindungen wecken, waehrend es draussen noch schneit und friert.
+
+*Bonn* 1895.
+
+
+
+
+
+FRUeHJAHR 1891.
+
+
+ I.
+
+Es war Mitte Maerz: Wir erwarteten sonniges Fruehlingswetter, und doch
+regnete es an der Riviera. Unaufhoerlich schlugen die Regentropfen gegen
+die Scheiben, heftig oder gelinde, doch ohne Ende, so dass auch die Tage
+endlos erschienen.
+
+Missmuthig hatte man das Buch aus der Hand gelegt, die Unterhaltungen
+stockten. Bittere Klagen wurden ueber das Wetter laut. So Mancher war ueber
+die Alpen geeilt in der sicheren Erwartung, jenseits derselben den viel
+gepriesenen ewig blauen Himmel zu schauen; er hatte gehofft, den nahenden
+Vollmond in den Fluthen des Mittelmeeres sich spiegeln zu sehen, und nun
+wurde all' sein Sehnen und Trachten zu Wasser. - Ich selbst, der ich oft
+schon den Fruehling in Italien zugebracht hatte, fasste die Sachlage weit
+ruhiger auf. Wusste ich doch, dass auch in Italien die Regenzeit auf das
+Fruehjahr faellt. Wuerden die Felder und Gaerten Italiens nicht im Spaetherbst
+und Fruehling mit Regen getraenkt, wie sollten sie Fruechte tragen? Herrscht
+doch in den uebrigen Jahreszeiten meist die groesste Duerre. Was mich
+veranlasst, trotz dieser scheinbar wenig guenstigen Aussichten, doch immer
+wieder gerade im Fruehjahr ueber die Alpen zu ziehen, das ist die Sehnsucht
+nach gruenen Fluren und belaubten Baeumen, nach etwas Sonne und Waerme; die
+Zuversicht, am Mittelmeer doch mildere Witterung als im Norden zu finden,
+die Hoffnung, dort auch manchen sonnigen Tag, ja bei einigem Glueck eine
+ganze Reihe solcher Tage zu erleben. Nach dem langen, kahlen, kalten
+nordischen Winter wirkt der Contrast am staerksten; man freut sich ueber das
+kaerglichste Gruen, nimmt dankbar jeden Sonnenstrahl entgegen, waehrend schon
+Mancher zur Herbstzeit in der sonnverbrannten lombardischen Ebene sich
+nach den saftreichen Matten und dem ueppigen Baumwuchs der Alpen
+zuruecksehnte. Der Herbst pflegt auch in unseren Breiten schoen zu sein,
+waehrend unser Maerz- und Aprilwetter mit Recht beruechtigt ist. So kam es
+auch in diesem Fruehjahr; denn waehrend Briefe und Zeitungen uns Kunde von
+Schnee und Kaelte von jenseits der Alpen brachten, hatten wir uns am
+Mittelmeer alsbald des herrlichsten Sonnenscheins zu erfreuen. Ganz
+besonders schoen wurde es um die Osterzeit. Himmel und Erde zogen ihr
+Festkleid an, um sich in unsterbliche Pracht zu huellen. Der Ostersonntag
+fand mich in Bordighera. Vor Tagesanfang brach ich auf, um den Monte Nero
+zu besteigen. Doch blieb ich bald gefesselt am Cap d'Ampeglio stehen und
+wartete dort den Sonnenaufgang ab. Geisterhaft verklaert tauchte Corsica in
+weiter Ferne auf; vorn aber folgte das entzueckte Auge der
+reichgegliederten Kueste, die im weiten Bogen das Meer umfasst, als wolle
+sie es liebevoll an sich schliessen. Der Osten war stark geroethet, und
+dieser purpurne Schein faerbte in gluehenden Toenen die Kaemme der stahlblauen
+Wellen. Kein Woelkchen truebte das Himmelsgewoelbe, das aus tiefstem Blau
+durch zartes Gruen sich gegen die Meeresflaeche senkte. Ploetzlich tauchte
+der rothe Sonnenball am Horizont empor und sandte seine feurigen Strahlen
+ueber das weite Meer, als wenn er es entzuenden sollte. Und tausend Lichter
+drangen in die tiefen Buchten des Strandes, in die dunklen Thaeler der
+Kueste ein, um aus denselben die Schatten der Nacht zu verscheuchen. Hell
+blitzten in weiter Ferne, wie von Feuersbrunst erfasst, die Haeuser von
+Monaco auf, und selbst das entfernte Antibes warf lange, goldige Strahlen
+der Sonne als Morgengruss zurueck. Ueberall war es wie ein Aufflammen, ein
+Erwachen, und gleich einem Jubelruf toente es durch die ganze Natur. So
+feierten an jenem Morgen Himmel und Erde am blauen Mittelmeer das Fest der
+Auferstehung! Ich war in dieses Schauspiel wie verloren und merkte nichts
+von dem Schwinden der Zeit. So kam es, dass die Sonne schon hoch am Himmel
+stand, als ich die Weiterwanderung antrat. Die ganze Meeresflaeche
+glitzerte jetzt von unzaehligen Lichtern, als waere sie mit Diamanten
+uebersaeet; das ferne Corsica loeste sich allmaelig in einem Nebelstreifen
+auf, als waere es nur ein Traumbild gewesen. Vor mir, am Cap d'Ampeglio,
+lag Alt-Bordighera, schon ganz in Sonnengluth getaucht.
+
+Zwei Stunden sind noethig, um den Monte Nero zu besteigen. Diese Angabe
+wurde mir freilich nur nach Hoerensagen gemacht, denn die Wenigsten sind
+dort oben jemals gewesen. Ohne zwingenden Grund besteigt der Eingeborene
+hier selten einen hohen Berg; nur eine Leidenschaft, die der Jagd, vermag
+ihn in so hohe Regionen zu treiben, ungeachtet er auch dort oben nur
+winzige Voegel findet, um seine Waidmannslust zu stillen.
+
+Auf einen wirklich ortskundigen Mann war ich bei allen Nachforschungen
+ueber den Monte Nero nicht gestossen, und so geschah es, dass ich eigene
+Erfahrungen erst sammeln musste. Es zeigte sich, dass der ganze Gipfel des
+Berges dicht bewaldet ist und weder die gepriesene Fernsicht noch irgend
+welchen freien Ausblick gewaehrt. Reichliche Entschaedigung fand ich aber
+fuer die Muehe an dem noerdlichen, vom Meere abgekehrten Abhang des Berges.
+Als ich dort abzusteigen begann, gelangte ich alsbald auf einen Sattel,
+der den Monte Nero von dem hoeheren Monte Caggio trennt. Hier konnte, von
+einzelnen waldfreien Stellen aus, der Blick sich ungestoert in die
+tiefeingeschnittenen Thaeler versenken, ueber sanfte Huegelketten schweifen,
+den lang gedehnten Strand erreichen und sich in dem weiten Meer verlieren.
+Jenseits des Grates, der das lange Dorf Colla di Rodi traegt, tauchte im
+Osten ein Theil von San Remo hervor. Im Nordwesten wurde das Auge durch
+die schneebedeckten Haeupter maechtiger Riesen der Seealpen gefesselt. In
+wunderbarer Klarheit setzten die blendend weissen Schneemassen von dem
+dunklen Blau des Himmels ab, waehrend nach abwaerts das dunkle Gruen der
+Foehren, das dem Monte Nero seinen Namen gibt, sich durch helleres Gruen der
+Oliven bis zum Blau des Meeres abtoente. Nur wenige Landschaften, auch in
+Italien, gibt es, welche diese an Schoenheit uebertreffen. Vereinigt doch
+dieses Bild Alles, was berufen scheint, unser Auge zu entzuecken, unseren
+Verstand zu fesseln, unsere Einbildungskraft anzuregen. Der Anblick der
+Schneefelder oben in den Alpen hatte dem Flug meiner Gedanken die Richtung
+nach Norden gegeben. Jenseits dieser Berge mochte noch grimmige Kaelte
+herrschen; hier, suedlich von den Alpen, war der Sieg des Fruehlings ueber
+den Winter lange schon errungen, so dass der Klang der Osterglocken, der
+aus den Thaelern zum Monte Nero emporstieg, nur der Freude zu gelten
+schien.
+
+Der schoene Garten vor dem Hotel Angst stand in voller Bluethe; die Beete
+glichen grossen Blumenkoerben. Ueppige Straeucher des capischen Pelargoniums
+hatten ueberall ihre zinnoberrothen Bluethen entfaltet. Der peruanische
+Heliotrop kletterte am Hause empor und erfuellte die Luft mit
+vanilleartigem Wohlgeruch. Es gesellten sich zu diesem die Duefte von
+Nelken, Reseda und von gelben Theerosen. Die Blaetter immergruener Baeume
+leuchteten im Garten von Licht ueberfluthet; sie warfen auf die Wege
+dunkelblaue Schatten. Unter den Palmen sass ein junges Ehepaar, das ich bei
+der Heimkehr begruesste. Ihm ward das Glueck zu Theil, seine Flitterwochen am
+Mittelmeer zu feiern. Jener sonndurchgluehte, blumenreiche Ostersonntag, an
+welchem die Natur alle ihre Schaetze so verschwenderisch ueber die Riviera
+ausgeschuettet hatte, wird diesem Paar wohl einer der hoechsten Feiertage
+des ganzen Lebens bleiben.
+
+Nicht weniger als vier Thaeler muenden in die schmale Ebene, die sich laengs
+des Meeres vom Cap von Ampeglio bis nach Ventimiglia hinzieht. Daher
+lassen sich von Bordighera zahlreiche Ausfluege unternehmen, taeglich fast
+mit neuer Abwechselung. Da man im Hotel Angst zugleich vorzueglich
+aufgehoben ist, wird man seinen Aufenthalt in Bordighera gerne verlaengern.
+Ob Bordighera auch eine geeignete Station fuer Brustkranke ist, vermag ich
+nicht zu beurtheilen. Seiner ins Meer weit vorgeschobenen Lage wegen ist
+der Ort den Winden stark ausgesetzt, doch streifen diese Winde ganz
+vorwiegend ueber das Meer, sind daher weniger kalt und trocken als an
+vielen anderen Plaetzen der Riviera. Es herrscht somit in Bordighera die
+Seeluft vor, welche auf Reisende, die nur Erholung suchen - und deren Zahl
+wird an der Riviera alljaehrlich groesser - sehr anregend und belebend wirkt.
+
+Keinesfalls duerfte man, selbst bei kurzem Aufenthalt, in Bordighera es
+versaeumen, einen Ausflug nach Sasso zu unternehmen. Sasso ist ein kleines
+Dorf, auf dem Bergruecken gelegen, der die Thaeler von Sasso und von
+Borghetto trennt. Der Ort liegt nur vier Kilometer von Bordighera
+entfernt, und man erreicht ihn sowohl durch das Thal von Sasso, das
+oestlich von Bordighera muendet, als auch dem Bergruecken folgend, auf dem
+Alt-Bordighera steht. In dem Ort selbst ist nichts zu bewundern: schoen
+erscheint er nur aus der Entfernung. Seine hohen, zu einer Masse
+verschmolzenen, nach aussen nur von wenigen Fenstern durchbrochenen Haeuser
+rufen den Eindruck einer einzigen gewaltigen Festung hervor. Besonders
+malerisch ist der Blick auf Sasso von dem Wege aus, der zwischen alten
+Olivenbaeumen oben dem Bergruecken entlang laeuft. Er ueberrascht uns ganz
+ploetzlich an einer Strassenwendung, nachdem der steile Pfad die Hoehe
+erklommen hat. Von zahlreichen Stellen des Weges ueberschaut der Wanderer
+alsdann die beiden Thaeler von Sasso und von Borghetto; er kann mit dem
+Blick auch weiter dringen bis in das Thal von Vallecrosia, waehrend ihm
+gleichzeitig ueber den nahen Huegelreihen die schneebedeckten Haeupter der
+Seealpen entgegenleuchten. - Wie oft habe ich mich stundenlang an diesem
+Wege aufgehalten, von Zeit zu Zeit den Platz veraendernd, um das Bild in
+anderer Umrahmung zu bewundern. Hier war es nur ein einziger
+phantastischer Schneepalast, der in lichtes Gruen der Oliven gefasst, mir
+entgegenstarrte; dort tauchte mein Blick tief in ein Thal hinab, um auf
+den dichtgedraengten Haeusern einer buntscheckigen Ortschaft zu ruhen, oder
+es folgte auch mein Auge dem Lauf eines Baches, der, zwischen
+Oleanderbueschen versteckt, in zahlreichen Windungen dem Meer zueilte; oder
+es war wieder Sasso, welches ueber Baumwipfeln, wie in einem gruenen Meer,
+zu schweben schien, oder endlich die tiefeingeschnittene Kueste und das
+weite Meer, auf welchem der ermattete Blick Rast machen konnte. Welche
+Fuelle von Motiven fuer den Landschaftsmaler! Ich musste mich begnuegen, die
+Bilder in mein Inneres aufzunehmen, wo sie freilich auch jetzt noch
+farbig-sonnigen Widerschein finden.
+
+ II.
+
+Die Olivenhaine, durch welche man am Bergruecken entlang nach Sasso
+wandert, sind von seltener Schoenheit: alte, knorrige Staemme, oft auf
+mehreren Fuessen, wie auf Stelzen, in die Luefte ragend. Man bleibt gern
+stehen, um einzelne dieser Baeume zu bewundern, erfreut sich dann auch des
+Gegensatzes, den die dunkel beschatteten Staemme gegen das leuchtende Blau
+des Himmels und des Meeres bilden. Zauberhaft schoen ist es aber in einem
+solchen Olivenhain des Abends zu wandeln, wenn der Vollmond ueber dem Meere
+steht. Da glaenzen so eigenartig die mattgrauen Blaetter der Baeume, und es
+blitzt bei jedem Windhauch wie Silber aus den Zweigen. Auch der lange
+Mondstreifen im Meere scheint sich zu beleben, er wiegt sich auf den
+Wellen, folgt bebend ihrem Lauf und zerschellt mit ihnen am Strande zu
+leuchtendem Schaum.
+
+Die Bluethezeit des Oelbaumes faellt in den Mai oder Juni. Dann ist er dicht
+bedeckt von kleinen, gelblichweissen Bluethen, die einen lieblichen Geruch
+verbreiten. Diese Bluethen erinnern an diejenigen unserer Rainweide, des
+_Ligustrum vulgare_, eines Strauches, der in Wirklichkeit auch dem Oelbaum
+nahe verwandt ist. Die Fruechte des Oelbaums sind Steinfruechte von laenglich
+runder Gestalt. Die unreifen Fruechte haben gruene Faerbung, verschwinden
+daher im Laub; doch beim Reifen werden sie schwarzblau und treten dann
+scharf hervor. Ein alter Brauch verlangt, dass die Ernte der Oliven am
+21. November beginne; sie dauert im Dezember fort. Unguenstige
+Witterungsverhaeltnisse koennen die Ernte an der Riviera freilich sehr
+verzoegern. So kam es, dass im Fruehjahr 1891 die meisten Baeume um Bordighera
+noch voll Oliven hingen. Manche Baeume waren mit Fruechten so stark beladen,
+dass man das Laub kaum sehen konnte. Die Olivenernte war Anfang April in
+vollem Gange. Arbeiter und Arbeiterinnen zogen mit Saecken und Koerben
+bepackt in den Olivenhain. Dort sah man die Maenner auf die Baeume steigen
+und mit Stangen gegen die Aeste schlagen. Frauen und Kinder hockten am
+Boden, um die Fruechte aufzulesen. Von allen Seiten schallte dem Wanderer
+der trockne Ton der Schlaege aus den Baeumen entgegen, und ueberall unter den
+Baeumen ging die muehevolle Arbeit des Sammelns von statten. Stundenlang
+verharren die Sammler in gebueckter Stellung, um die Oliven einzeln
+aufzuheben, und doch waere es so einfach, sich einen grossen Theil der
+Arbeit zu sparen. Westlich von Nizza legen die Olivenbauer grosse Tuecher
+unter die Baeume und fangen die Oliven mit diesen auf. Freilich wird auch
+dort noch mit Stangen gegen die Zweige geschlagen, ungeachtet schon
+Plinius im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vor diesem rohen
+Verfahren warnt, da es die Baeume schaedigt. Gegen althergebrachte Sitte ist
+eben schwer anzukaempfen, sie setzt zaehen Widerstand jeder Neuerung
+entgegen. In Bordighera warten die Olivenbauer meist, bis ihre Oliven ganz
+reif sind. Ein grosser Theil der Fruechte ist dann schon von selbst vom Baum
+gefallen. Alles das wird zusammen von dem Boden aufgelesen und liefert ein
+entsprechend schlechtes Oel. Denn feine Tafeloele presst man aus solchen
+Fruechten, die erst zu reifen beginnen. Diese muessen auch mit der Hand vom
+Baume gepflueckt werden, um weder Quetschung noch Verwundung zu erleiden.
+Aus solchen Fruechten gewinnt man jene Oele, die wir als Provencer Oele
+bezeichnen. Der Provence entstammen sie freilich nur zum kleineren Theil,
+zum groesseren Theil Italien. Dort ist es vornehmlich Apulien und zwar die
+Gegend suedlich von Bari, welche diese feinen Sorten erzeugt. Sie liefert
+jetzt sehr gute Oele, waehrend in der ersten Haelfte dieses Jahrhunderts das
+apulische Oel noch ebenso schlecht und ranzig schmeckte, wie andere
+sueditalienische Sorten. Auch in Apulien betrieb man die Ernte der Oliven
+damals ganz laessig und verfuegte nur ueber sehr schlechte Oelpressen.
+Charakteristisch genug, als das antike Modell einer Oelpresse in Pompeji
+aufgefunden wurde, begruesste man es in Apulien als einen Fortschritt und
+fuehrte es an verschiedenen Orten ein. - Von Bordighera bis zum Esterel
+wird vorwiegend nur geringwerthiges Oel gewonnen, das als Maschinenoel
+Verwendung findet oder der Seifenfabrikation dient; Nizza bezieht die
+feinen Oele, die es vertreibt, vorwiegend aus der Ferne.
+
+Die Fruechte, die man zum Zwecke feinster Oelgewinnung sorgsam pflueckte,
+breitet man zunaechst in duennen Lagen auf Horden aus. Dort trocknen sie an
+der Luft oder bei kuenstlicher Waerme, bis sie runzlich werden. Haben sie
+einen Theil ihres Wassers in solcher Weise eingebuesst, so kommen sie in die
+Oelmuehlen. Es sind das meist steinerne Behaelter, in welchen die Oliven
+durch Muehlsteine zermalmt werden. Schon bei diesem Verfahren fliesst etwas
+Oel ab, das als das feinste Tafeloel gilt, kaum aber in den Handel kommt.
+Der in der Muehle hergestellte Brei wird in Bast- oder Jutesaecke gefuellt
+und in einer Kelter gepresst. Bei schwachem Druck fliesst jetzt zunaechst das
+beste, dann etwas weniger gutes Speiseoel ab. Dieses Oel wird als
+Jungfernoel "_huile vierge_" bezeichnet. Dann gelangen die Trester in
+hydraulische Pressen und liefern ein Oel, das der Seifenfabrikation oder
+auch gewerblichen Zwecken dient. Dann werden die Trester mit warmem Wasser
+angeruehrt und nochmals gepresst, wandern schliesslich oft noch in Fabriken,
+wo man ihnen den Rest ihres Oeles durch chemische Mittel entzieht.
+
+Das Speiseoel, das aus der Kelter fliesst, muss sorglich geklaert werden,
+bevor es zum Verkauf gelangt. Man bringt es in dunkle kuehle Raeume, wo ueber
+einander die noethigen Bottiche zur Aufnahme des Oels sich befinden. Das
+unklare Oel gelangt in das oberste Gefaess, fliesst aus dem Spundloch
+desselben durch einen durchloecherten Zinkkasten, der mit Watte
+ausgekleidet ist, in einen zweiten Bottich und aus diesem nochmals durch
+Watte in einen dritten. Die Watte muss am naemlichen Tage oft mehrfach
+erneuert werden. Aus dem dritten Bottich gelangt das Oel in Cisternen, die
+man in Nizza mit Porzellanplatten auszukleiden pflegt. Hier steht das Oel
+wohl an die drei Monate, bevor es in Flaschen gefuellt und versandt wird.
+
+So ueberreife, abgeschlagene und am Boden faulende Oliven, wie wir sie in
+Bordighera hatten ernten sehen, koennen nur ranzige Oele ergeben. Die
+kleinen Besitzer, welchen die Oelhaine hier gehoeren, liefern ihre Fruechte
+an fremde Muehlen ab und pflegen fuer die Pressung in Oliven oder in Oel zu
+zahlen. Aus den Oelpressen der Muehlen floss zur Zeit unseres Besuches eine
+Fluessigkeit ab, welche alle Baeche von Bordighera in braunen Toenen faerbte.
+Bei ruhigem Wetter zeichnete sich die Muendungsstelle jedes Fluesschens als
+brauner Streifen ziemlich weit im Meere ab.
+
+Im Alterthum hiess es allgemein, dass der Oelbaum nur in der Naehe des Meeres
+gedeihe. Man rechnete aus, dass er sich von demselben nicht ueber
+dreihundert Stadien, somit nicht ueber 7-1/2 geographische Meilen entferne.
+Es ist nicht zu leugnen, dass der Oelbaum den Seestrand bevorzugt, doch
+haengt das nicht mit dem unmittelbaren Einfluss der grossen Wasserflaeche,
+vielmehr mit dem gleichmaessigen Klima zusammen, welches durch dieselbe
+gefoerdert wird. Denn der Oelbaum kann anhaltenden Frost nur sehr schlecht
+vertragen. Auch bevorzugt der Oelbaum den Kalkboden, den er hier an der
+Riviera reichlich vorfindet. Ein besonders guenstiges Zusammenwirken von
+Klima und Boden, verbunden mit sorglichster Behandlung der Fruechte, ist
+aber erforderlich, damit der Oelbaum ein so feines Oel, wie etwa in Apulien,
+erzeuge.
+
+Die Muehlen, in welchen das Oel gepresst wird, sind fast immer alte
+malerische Bauten. Sie suchen oft steile Stellen in den Schluchten auf, um
+die Kraft des Baches, der dort abwaerts braust, zu nutzen. Wie
+Schwalbennester kleben sie an den Felsen.
+
+Wer zur Fruehjahrszeit durch die Olivenwaelder um Bordighera streift, muss
+darauf bedacht sein, nicht in die Schusslinie der "Cacciatori" zu gerathen.
+Denn um diese Zeit bewegen sich jene durch alle Haine, Gaerten und Fluren,
+um als einziges Wild die kleinen Voegel zu erlegen. Fuer die italienische
+Riviera, wie fuer Italien ueberhaupt, hat dieser Sport ganz bedenkliche
+Folgen, da die Vernichtung der Voegel eine entsprechende Vermehrung der
+Insekten nach sich zieht. Nicht nur verschwinden aus Italien die heiteren
+Saenger, welche die Waelder und Gaerten in anderen Laendern in so lieblicher
+Weise beleben, sondern es nimmt auch die Zahl schaedlicher Insekten in
+bedenklicher Weise dort zu. Dem Oelbaum besonders nachtheilig ist _Decus
+oleae_, der sich von dem Fruchtfleisch der Oliven naehrt. Er wird von den
+Franzosen _la Mouche_, von den Italienern _Macha del Olivo_ genannt. Die
+Fliege legt ihre Eier in ganz junge Fruchtanlagen, und die Maden, welche
+diesen Eiern entschluepfen, leben dann auf Kosten der sich entwickelnden
+Frucht. Sie verpuppen sich schliesslich in derselben und verlassen sie als
+fliegende Brut. Gelangen sie mit den Oliven in die Muehle, so leidet der
+Geschmack des Oels von denselben.
+
+Von einer Wanderung durch die Olivenhaine kehrt man wohl stets, mit einem
+Bluethenstrauss geschmueckt, nach Hause. Denn sie sind zu verlockend, diese
+Fruehlingsgaben der Flora, zu lieblich, als dass man an ihnen so fluechtig
+vorbeieilen sollte. Ueberall stehen unter den Baeumen die dunkelblauen
+Traubenhyacinthen, die bisamartigen Duft verbreiten; besonders schoen ist
+die eine Art (_Muscari comosum_), die einen amethystfarbigen Schopf ueber
+dem sonst unscheinbaren Bluethenstande traegt. Hier und dort schaut aus dem
+Rasen eine bluehende Orchidee hervor. Meist ist es eine Art der Gattung
+Ophrys, jener merkwuerdigen Orchideen-Gattung, deren Bluethen ganz den
+Insekten gleichen. Bei _Ophrys aranifera_ erinnern sie an Spinnen: man
+meint die vorgestreckten Beine und den aufgedunsenen braunen Leib eines
+solchen Thieres zu sehen. Auch _Ophrys Arachnites_ ist spinnenaehnlich und
+zeigt einen purpurbraunen, gruen verzierten Leib. Die schoenste dieser
+Ophryden scheint mir aber die _Ophrys Bertolonii_, mit dunkelrothen
+Bluethen, zu sein. Doch Ophrys-Arten hat der Nordlaender vielleicht schon in
+seiner Heimath gesehen und fesselt ihn daher mehr eine andere Orchidee von
+ungewohnter Gestalt: die _Serapias Lingua_, vielleicht gar _Serapias
+longipetala_, deren rothbraune Bluethen, von rothen Deckblaettern fast
+verhuellt, nur ihre Lippen nach aussen vorstrecken. Mit Freuden begruesst er
+eine wilde Tulpe (_Tulipa Celsiana_), deren hellgelbe Bluethen sich auf
+langen Stielen wiegen. Die Siegwurz (_Gladiolus segetum_) mit rosenrothen,
+einseitig aufgereihten Bluethen tritt ihm auch an zahlreichen Stellen
+entgegen. In seinem Strauss nimmt er dann noch gern das weissbluethige
+_Allium neapolitanum_ auf, denn gehoert jene Pflanze auch zu den
+Laucharten, so duften doch ihre weissen Bluethenstaende in angenehmer Weise.
+Hauptsaechlich sind es aber die gelben Tazetten, welche dem Strauss
+Wohlgeruch verleihen, waehrend seine Farbenpracht gehoben wird durch eine
+reiche Auswahl bunter Anemonen (_Anemone coronaria_ und _hortensis_).
+
+Ebenso alt als Kulturpflanze wie der Oelbaum ist der Weinstock, die beide
+daher von Alters her zusammen genannt werden. - "Zwei Fluessigkeiten thun
+dem menschlichen Koerper besonders wohl," heisst es in der Naturgeschichte
+des Plinius, "innerlich der Wein, aeusserlich das Oel; beide stammen aus dem
+Pflanzenreiche und sind vorzueglich, doch das Oel ist das nothwendigere."
+Das trifft fuer das Oel heut nicht mehr zu. Im Alterthum rieb man sich mit
+demselben nach dem Bade den Koerper ein; jetzt wird es aeusserlich allenfalls
+nur noch als Marseiller Oelseife angewandt. - Wie in dem Werke des Plinius
+tritt uns auch an der Riviera der Weinstock vielfach neben dem Oelbaum
+entgegen. Doch an der Kueste selbst herrscht der Oelbaum vor. Denn im
+Gegensatz zum Oelbaum meidet der Weinstock die naechste Naehe des Meeres.
+Andererseits vertraegt er viel staerkere Gegensaetze der Temperatur, so dass
+seine Cultur selbst weit im Norden versucht werden konnte. Im vierzehnten
+Jahrhundert drang der Weinbau bis in das preussische Ordensland, selbst bis
+nach Tilsit vor, und wenn er sich heute, um so viel weiter, nach Westen
+und Sueden zurueckgezogen hat, so geschah dies nur, weil er in noerdlicheren
+Gegenden ertragsfaehigeren Producten weichen musste.
+
+Der Oelbaum ist sicher am Mittelmeer einheimisch, andererseits muss
+angenommen werden, dass seine Cultur im Orient begann, dass Culturformen des
+Baumes sich von da aus verbreitet haben, und schon in vorhomerischer Zeit
+nach Griechenland gelangten. Den Weinstock (_Vitis vinifera_) fanden die
+Culturvoelker ebenfalls als wilde Pflanze auf europaeischem Boden vor. Ja
+heut noch meint man suedlich und noerdlich von den Alpen stellenweise die
+Pflanze im urspruenglichen Zustande anzutreffen, doch ist es meist schwer
+zu entscheiden, dass sie nicht verwildert sei. Am ueppigsten gedeiht die
+wilde Weinrebe heute um das schwarze Meer, und man hat an den suedlichen
+Abhaengen der Krim Staemme bis zu anderthalb Meter Umfang gemessen. Die
+Cultur des Weinstocks ging allem Anschein nach vom westlichen Kleinasien
+aus und ist einem indogermanischen Volke zu verdanken.
+
+Von den Weinen der westlichen Riviera waren im Alterthum schon die von
+Massilia, also des heutigen Marseille, bekannt, zeichneten sich aber nicht
+durch ihre Haltbarkeit aus, so dass man sie raeuchern musste. Es geschah das
+in Rauchkammern nach orientalischer und griechischer Sitte. Im
+Wesentlichen war das ein aehnliches Verfahren wie das heutige
+Pasteurisiren. Ganz wie man heut den Wein bis auf mindestens 60 deg. C.
+erwaermt, um die schaedlichen Keime in demselben zu toedten und so seine
+Haltbarkeit zu erhoehen, wurde im Alterthum der Wein in wohl verschlossenen
+Gefaessen durch heissen Rauch erhitzt. Das Feuer befand sich in einem unteren
+Raume, und Rauch und Hitze stiegen, durch ein Rohr geleitet, in das obere
+Geschoss, in dem der Wein sich befand. Der Rauch gelangte dort durch
+angebrachte Oeffnungen ins Freie. Dieses Verfahren konnte den Geschmack des
+Weines nicht wesentlich beeinflussen, wohl aber musste das geschehen bei
+Zusatz von Seewasser zum Most, wie er in Kleinasien und Griechenland
+haeufig geuebt wurde. Auch mit Gips, Kalk, Marmor, Thon, Pech oder Harz hat
+man die Weine versetzt, um sie haltbarer zu machen und ihnen zugleich
+einen bestimmten Geschmack zu verleihen. Es bemerkt aber bereits Plinius,
+dass der bekoemmlichste Wein immer derjenige sei, dessen Most ohne
+fremdartigen Zusatz bleibe; denn welcher noch so Gesunde, meint er, sollte
+nicht Scheu haben vor Weinen, die Marmor, Gips oder Kalk enthalten?
+Ueberhaupt klagt Plinius sehr ueber die Verfaelschung der Weine; es sei damit
+so weit gekommen, dass nur der Name des Weinlagers den Preis der Weine
+bestimme und dass man den Most schon in der Kelter verfaelsche. Daher seien,
+so wunderlich dies auch klinge, die am wenigsten gekannten Weine oft die
+unschaedlichsten. Das Anmachen des Weines mit Seewasser wird von Plinius
+als fuer den Magen vorzueglich gepriesen. An eine bekannte neuere
+Heilmethode erinnert seine Mahnung, dass wer hager werden will, waehrend der
+Mahlzeit dursten oder doch nur wenig trinken soll. - Durch Einkochen und
+durch Hinzufuegen von Kraeutern suchte man im Alterthum vielfach die
+Haltbarkeit der Weine zu erhoehen, in aehnlicher Weise wie dies heute durch
+Zusatz von Alkohol geschieht. Dass die Roemer Weinschmecker ersten Ranges
+waren, geht genugsam aus den Angaben der alten Schriftsteller hervor. Die
+Menge der zum Verkauf angebotenen Weinsorten verglich Virgil bereits mit
+derjenigen des lybischen Sandes und der Meereswellen. Man trank in Rom
+meist schon ungemischte Weine, das heisst ohne den einst ueblichen Zusatz
+von Wasser; man kuehlte sie mit Eis, versetzte sie oefters mit Gewuerzen und
+fing an, nach alten Jahrgaengen zu trachten. Guter Wein musste acht bis zehn
+Jahre alt sein, um geschaetzt zu werden, und selbst von zweihundertjaehrigen
+Weinen sind uns Berichte erhalten. So mundete dem Kaiser Caligula (37-41
+n. Chr.) Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten Weinjahre, dessen sich
+Italien zu erinnern wusste. Es war Italien selbst, das zu Plinius' Zeiten
+die geschaetztesten Weinsorten producirte, so dass Plinius wohl behaupten
+durfte, Italien nehme mit seinen Weinen die erste Stelle unter allen
+Laendern ein und sei nur in der Erzeugung von Wohlgeruechen von einigen
+derselben uebertroffen: es gebe uebrigens, fuegt er hinzu, keinen Wohlgeruch,
+der denjenigen des bluehenden Weinstocks uebertreffe. - Auch in der
+roemischen Zeit wurde der Weinstock bereits in kunstgerechter Weise
+zugeschnitten, doch liess man ihn je nach der Gegend in verschiedener Weise
+wachsen. In Campanien schlang er sich empor an der Pappel, umfing sie wie
+seine Gattin, streckte seine ueppigen Arme auf gewundenen Bahnen zwischen
+ihre Aeste, bis er ihren Gipfel erreichte. Da pflegte der Winzer, zur
+Arbeit gemiethet, sich ausser dem Lohne vom Gutsherrn einen Scheiterhaufen
+und ein Grabmal auszubedingen, falls ihn bei der Weinernte ein Unfall
+treffen sollte. Anderswo waren ganze Landhaeuser von den schmiegsamen
+Aesten eines einzigen Weinstocks umflochten, und in Rom lustwandelte man
+in den Saeulenhallen der Livia im Schatten eines Weinstocks, der zwoelf
+Amphoren Wein lieferte. In manchen Theilen Italiens zog man den Weinstock
+an Pfaehlen, in noch anderen liess man ihn auf dem Boden kriechen, in all'
+jener Mannigfaltigkeit der Behandlung, die auch heut noch dem Wanderer in
+Italien auffaellt. Hier, meint Plinius, schimmerten purpurne Trauben aus
+dem gruenen Laub hervor, dort leuchteten sie in rosenrothem Glanz, dort
+endlich in saftigem Gruen. An dem einen Orte sah man runde, an dem anderen
+laengliche, hier kleine, dort grosse, hier harte und dickschalige, dort
+saftige und duennschalige Beeren. Manche Trauben hing man im Zimmer an
+einem Faden auf, um sie laenger zu erhalten, andere versenkte man in suessen
+Wein und liess sie sich so im eigenen Safte berauschen. Auch gab es
+Trauben, die man raeucherte, aehnlich wie es mit manchen Weinen geschah.
+Plinius erzaehlt, dass Kaiser Tiberius geraeucherte afrikanische Trauben ganz
+besonders liebte.
+
+Nach dem Sturze Roms zerfiel auch der Weinbau in Italien. Nachlaessig
+wurden die Trauben geerntet, sorglos gekeltert, und der Most lange auf den
+Trestern gelassen, damit der Wein jene dunkle Farbe erlange, wie sie im
+Lande beliebt war. Solche Weine konnten sich nicht lange halten, wurden
+von fremden Laendern daher auch nicht begehrt. Doch in neuester Zeit
+beginnt sich das zu aendern; Weinbau und Weinbereitung in Italien sind in
+erfolgreichem Aufschwung begriffen.
+
+Die alte Sitte, den Wein in Schlaeuchen zu befoerdern und dann in Amphoren
+aufzubewahren, hat sich jetzt auch im Sueden verloren. Hoelzerne Tonnen, die
+zur Roemerzeit bei den cisalpinischen Galliern und den Alpenvoelkern in
+Gebrauch waren, fanden ihren Weg damals schon nach Italien.
+
+ III.
+
+Das Bild von Bordighera schwebt der Erinnerung stets umrahmt in Palmen
+vor, so wie man sich einst die alte syrische Stadt Palmyra nicht anders
+als im Palmenschmuck vorstellen konnte. In der That gedeihen nirgends an
+der Riviera die Dattelpalmen besser als in Bordighera. An der Ostseite des
+Cap d'Ampeglio sind wahre Palmenwaeldchen zu sehen. Diese oestliche Bucht
+ist ganz besonders gegen die Nordwestwinde geschuetzt. Zwischen den Mauern
+palmenreicher Gaerten, ueber welchen schlanke Staemme ihre Krone neigen,
+empfangen wir ganz afrikanische Eindruecke und koennen vergessen, dass uns
+die volle Breite des Mittelmeeres von dem Lande der Oasen trennt.
+Pietaetvoll wandern deutsche Reisende zu jener malerischen Palmengruppe
+hin, die in einer halben Stunde Entfernung, oestlich von Bordighera, zu
+Madonna della Ruota den Meeresstrand schmueckt. Es sind das die Palmen, die
+Scheffel in seinem Liede "Dem Tode nah" besang, und unter welchen er ein
+Grab sich traeumte. Sie stehen, einige zwanzig an der Zahl (nicht zwoelf,
+wie es in dem Liede heisst), um eine alte Cisterne und erwecken an dem
+einsamen, wilden Orte, von Meereswellen umspuelt, in der That poetisches
+Empfinden. Dass dieses hier nicht allein ein deutsches Gemueth ergreift,
+geht aus der Schilderung hervor, welche Charles Garnier, der Erbauer der
+Pariser Grossen Oper und des Casinos in Monte Carlo, von diesem Ort in
+seinen "_motifs artistiques de Bordighera_" entwirft. Der Stil der
+Schilderung ist freilich etwas ueberschwaenglich und erinnert an jene
+Verzierungen, welche die Garnier'schen "Prachtbauten" ueberreich schmuecken:
+"Das ist der Ort, wohin ihr ziehen muesst, ihr Kuenstler; das ist die Staette,
+die ihr sehen muesst, ihr Poeten; das ist der Erdwinkel, der euch fesseln
+muss, ihr Alle, die ihr nach lebendigen und maechtigen Eindruecken strebt,
+und die ihr findet, dass unser Herz hoeher schlaegt im Anblick der Natur!
+Werden Erinnerungen an den Orient in euch schon wachgerufen, wenn ihr das
+alte Bordighera und seine Umgebung durchwandert, so steht ihr hier nicht
+mehr vor dem Vergleich, nicht mehr vor Aehnlichkeiten, nein, ganz Judaea
+findet sich in diesem Eindruck verkoerpert. Das ist der Brunnen der
+Samariterin, der Brunnen der Rebecca; das sind die Juden, die Apostel, das
+ist Jerusalem, Nazareth, Bethlehem, die sich euch offenbaren in jenem
+bescheidenen Flecken bordigherischen Vorgebirges." - Die sturmgepeitschten
+Palmen um diese alte Cisterne, mit dem unvergesslichen Hintergrund des
+Meeres, haben zahlreichen Malern schon das Motiv zu stimmungsvollen
+Bildern gegeben. Es verursachte daher in Kuenstlerkreisen einige Aufregung,
+dass der Ort, vom deutschen Kunstgaertner Ludwig Winter angekauft, in einen
+Garten verwandelt werden sollte. Die endliche Verwerthung des Grundstueckes
+in so dicht bevoelkerter Gegend war aber nicht zu vermeiden; es muss noch
+als ein besonders gluecklicher Zufall angesehen werden, dass dieser schoene
+Flecken Erde in kunstsinnige Haende gelangte. Herr Winter hat dem aeussersten
+Vorsprung des Vorgebirges, das die Scheffel-Palmen traegt, seinen
+urspruenglichen Charakter gelassen und den Garten harmonisch zu der
+Umgebung gestimmt. - Anemonen, Reseda, Nelken und ueppig bluehende
+Rosenstraeucher decken jetzt den Abhang; grosse Palmen, die man hierher
+verpflanzte, entspringen dem zuvor so kahlen Boden; um einen weiten
+Wasserbehaelter, wie man sie an der Riviera oft sieht, ist eine Pergola
+errichtet, zu deren Saeulen die Palme den architektonischen Gedanken gab.
+
+Im alten Testament werden die Dattelpalmen mit stolzen Koenigstoechtern
+verglichen. Nicht allen Dattelpalmen in den bordigherischen Gaerten kommt
+aber so edle Gestalt zu. Es haengt das mit der Behandlung zusammen, welche
+die meisten Dattelpalmen hier erfahren. Man nimmt ihnen alljaehrig einen
+Theil ihrer Wedel. Die Familie Bresca in San Remo erhielt schon im
+sechzehnten Jahrhundert vom Papst Sixtus V. das Privilegium, Palmenwedel
+fuer den Palmsonntag nach Rom zu liefern, angeblich eine Belohnung fuer den
+Schiffscapitaen Bresca, der im Jahr 1586, waehrend der Aufstellung des
+Obelisken auf dem Sanct Petersplatz, als die trockenen Taue zu versagen
+drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: "Wasser auf die Taue!" dem
+Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half. Die Familie Bresca liess
+ihre Palmen in Bordighera ziehen, in dessen sandig-lehmigen Boden die
+Dattelpalme besser als in dem schweren Lehmboden von San Remo gedeiht. So
+reicht die Palmenindustrie Bordigheras bis in das Mittelalter zurueck, und
+auch heute noch ist es dieser Ort, der die meisten Palmenwedel zur Feier
+des Palmsonntags nach Rom entsendet. Den Palmenwedel hat die christliche
+Kirche, wie so viele andere Symbole, der Bildersprache des Orients, des
+Heidenthums und des Judenthums entnommen, und wie Palmenwedel bei den
+Festen des Osiris in Aegypten, bei dem feierlichen Einzuge der Koenige und
+der Koenigshelden in Jerusalem und bei den olympischen Spielen prangten, so
+schmuecken sie heute noch am Palmsonntag die Altaere katholischer Kirchen.
+
+Statt frei in den Lueften ihre Wedel zu schaukeln, muessen die meisten
+Palmen zur Herbstzeit es erdulden, dass ihre Krone im Innern
+pferdeschweifartig zusammengebunden werde. Diese Behandlung bezweckt eine
+bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden Wedel. Nicht alle Palmstaemme
+sind fuer diese Behandlung gleich geeignet, und unter den geeigneten werden
+noch solche unterschieden, die mehr fuer den katholischen und solche, die
+mehr fuer den juedischen Ritus sich schicken. Denn auch die Juden brauchen
+Palmenwedel bei dem Laubhuettenfest. Der Bordighese bezeichnet kurzweg die
+eine Dattelpalme als "_Cattolica_", die andere als "_Ebrea_". - Die
+Blaetter der katholischen Palme sind schlanker, die der juedischen kuerzer
+und gedrungener. An der katholischen Palme bindet man die mittleren Wedel
+fest zusammen, damit die neuen Wedel bei thunlichstem Lichtabschluss sich
+entwickeln und so moeglichst farblos bleiben. Denn bei der Feier des
+Palmsonntags sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen, sie sollen auch
+ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunklen werden solche Wedel auch
+schlank und lang; sie laufen spitz an ihren Enden aus und bleiben biegsam
+und weich, so dass sie leicht in beliebige Formen geflochten werden koennen.
+An den juedischen Palmen werden die aelteren Blaetter weniger stark
+verbunden, das Licht ist somit von den juengeren Blaettern nicht ganz
+ausgeschlossen, diese koennen daher auch ergruenen. Sie bleiben zugleich
+kuerzer, schliessen mit stumpfer Spitze ab und werden haerter. Mit dem
+Palmenwedel verbinden die Juden beim Laubhuettenfest die Myrte und die
+Bachweide zum Feststrauss und halten, waehrend dieser in der rechten Hand
+geschwungen wird, einen "Paradiesapfel" in der Linken. Das Laubhuettenfest
+ist urspruenglich das Erntefest der Juden. Es verlor aber in den fremden
+Laendern diese seine Bedeutung und behielt nur die andere historische, die
+ihm ebenfalls von Alters her zukam, eine Erinnerung an den goettlichen
+Schutz waehrend der Wuestenwanderung zu sein. Die Wahl der vier "Arten" im
+Feststrauss hat die mannigfaltigsten symbolischen Deutungen erfahren; sie
+mochte vielleicht urspruenglich die Vegetation Palaestina's versinnbildlicht
+haben. Durch religioese Vorschriften wurden die vier "Arten" spaeterhin in
+starre Formen gefasst, und wie der Palmenwedel, so muessen auch die
+Myrtenzweige und die Bachweide ganz bestimmte Gestalt besitzen. Die Myrten
+im Besonderen werden fuer die rechtglaeubigen Juden in genau
+vorgeschriebenen Formen gezogen. Der Zweig muss eine Hoehe haben, die drei
+Handbreiten gleichkommt und die Blaetter in dreigliedrigen Wirteln tragen.
+Sind die Wirtel aufgeloest, d. h. die Blaetter nicht zu dreien in gleicher
+Hoehe befestigt, so ist der Zweig unbrauchbar. Eher geht es an, einen Zweig
+zu benutzen, der die Blaetter nur zu zweien in gleicher Hoehe traegt. Ein
+solcher Zweig ist im Nothfall zulaessig, steht aber im Preise weit hinter
+der wahren "Hadassah" zurueck.
+
+Die katholische Kirche hat sich in Betreff der Palmen, welche der
+Palmsonntag verlangt, viel nachsichtiger gezeigt. In nordischen Laendern
+hat der Buchsbaum, ja selbst der kaetzchentragende Weidenzweig, das
+Palmenblatt ersetzt. An der Mosel wird der Buchsbaum geradezu als "Palm"
+bezeichnet, und auch die aus Weiden gebundenen Festzweige heissen Palmen in
+slawischen Laendern.
+
+Die Palmen hatten im Winter 1890/91 eine schwere Probe an der Riviera zu
+bestehen, als das Thermometer fuer mehrere Stunden auf 6 deg. C. unter 0
+gesunken war. Besonders bewaehrten sich bis jetzt im bordighesischen Klima,
+ausser den Dattelpalmen (_Phoenix dactylifera_), die canarische _Phoenix
+canariensis_, die kalifornische _Pritchardia filifera_, die australische
+_Livistona australis_ und die chinesische _Chamaerops excelsa_. Dass
+ausserdem die Zwergpalme, _Chamaerops humilis_, gut in Bordighera gedeihe,
+ist nicht wunderbar, da sie der Mittelmeerflora thatsaechlich angehoert; sie
+ist unsere einzige europaeische Palme, in Sicilien heimisch. In Algier
+deckt sie grosse Flaechen. Man suchte sie dort auszurotten, um den Boden fuer
+neue Culturpflanzen zu gewinnen, jetzt sorgt man fuer ihre Verbreitung. Vom
+laestigen Unkraut, als welches sie betrachtet wurde, ist sie zu einer
+wichtigen Nutzpflanze avancirt. Entsprechend zubereitet, liefern naemlich
+die Blaetter der Zwergpalme sehr elastische Fasern, die gleich Pferdehaaren
+zum Ausstopfen der Moebel und Matratzen dienen koennen. Den Pferdehaaren
+gegenueber zeichnen sie sich nicht nur durch ihre Billigkeit, sondern auch
+dadurch aus, dass sie nicht von Motten befallen werden. Im Gegensatz zu den
+Phoenix-Arten, die gefiederte Blaetter besitzen, sind die Pritchardien,
+Coryphen, Chamaerops-Arten mit faecherfoermigen Blaettern versehen. Ihr
+Aussehen weicht somit nicht unwesentlich von demjenigen der Dattelpalmen
+ab, so dass ihre Acclimatisation an der Riviera auch in landschaftlicher
+Beziehung als ein Gewinn betrachtet werden kann. Zu bedeutender Hoehe ist
+in zahlreichen Gaerten die _Chamaerops excelsa_ bereits emporgewachsen. Sie
+gehoert zu den haertesten der eingefuehrten Arten, so dass sie ohne Bedeckung
+selbst das Klima der Insel Wight vertraegt. _Pritchardia filifera_ ist der
+zahlreichen weissen Faeden wegen, die den Blattraendern entspringen, sehr
+beliebt, verbreitet sich demgemaess auch rasch an der ganzen Riviera. Zu den
+haeufigsten Palmen duerfte dort auch bald die _Phoenix canariensis_ gehoeren,
+welche der Dattelpalme sehr aehnlich ist, sich aber vor ihr durch
+gedraengteren ueppigeren Wuchs und kraeftigere Blattentwickelung auszeichnet.
+- An geschuetzten Stellen der Riviera gedeihen auch verschiedene Arten der
+Palmengattung Cocos, so _Cocos flexuosa_, und _Romanzoffiana_ mit aeusserer
+eleganter Tracht, auch die blaugruene _Cocos australis_. Die echte
+Cocospalme (_Cocos nucifera_), welche die Cocosnuesse liefert, kommt hier
+hingegen, sowie auch an den Suedraendern des Mittelmeers, nicht fort. Ihre
+Cultur ist nur innerhalb der Wendekreise moeglich. In der Form ihrer
+Blaetter stimmen die Cocospalmen mit den Dattelpalmen ueberein. Aehnliche
+Blaetter haben auch die Areca-Arten (_Areca sapida_, _Baueri_), welche an
+der Riviera gut aushalten. Es sind das nahe Verwandte der Betelnusspalme
+(_Areca catechu_), welcher die Betelnuesse entstammen, jene Nuesse, die mit
+Kalkpulver bestreut, und in Blaetter des Betelpfefferstrauchs (_Piper
+Betle_) gewickelt, von Jung und Alt in Suedasien gekaut werden. Zu den
+Palmen mit faecherfoermigen Blaettern, welche die Gaerten der Riviera zieren,
+gehoeren auch zwei Livistona-Arten, die _Livistona chinensis_ und
+_australis_, mit maechtigen Blaettern, Palmen, die haeufig in unseren
+Gewaechshaeusern anzutreffen sind. Schoen macht sich unter den anderen
+Faecherpalmen der Riviera die blaugruene _Brahea Roezli_, dann die
+stattlichen Sabal-Arten, deren zaehe Fasern fuer Seilerwaaren, Huete, Koerbe
+und Saecke verwandt werden, auch die wichtige Carnaubapalme Brasiliens, die
+_Copernicia cerifera_. Mit den Blaettern dieser Palme wird in der
+brasilianischen Provinz Ceara ein grosser Theil der Huetten gedeckt, ihre
+Fasern aehnlich wie Stroh verwandt, der harte Stamm liefert Bau- und
+Tischlerholz, die Wurzeln ein Heilmittel, die bitteren Fruechte dienen als
+Nahrung, aus dem Saft wird Sirup und Arrak bereitet, kurzum diese Palme
+zeigt uns so recht ein Bild von dem Nutzen, den eine einzige Art dieser
+segensreichen Pflanzenfamilie in den Tropen stiften kann. Ihren Artennamen
+_cerifera_, sowie ihren deutschen Namen dankt aber die Wachspalme ihrem
+wichtigsten Erzeugniss, dem vegetabilischen Wachs, das sie in Schuppenform
+aus ihren Blaettern ausscheidet. Diese Schuppen werden von jungen,
+getrockneten Blaettern abgeklopft und dann in Wasser gekocht, auf dessen
+Oberflaeche das fluessige Wachs sich sammelt. Man versetzt es mit Talg und
+formt es zu Kerzen, welchen beim Brennen ein angenehmer Duft entstroemt.
+
+Bordighera begnuegte sich nicht damit, seine Palmwedel fuer Cultuszwecke zu
+ziehen, es suchte sie auch im Kunsthandwerk zu verwerthen. So entstand die
+Palmenflechterei, die in letzter Zeit Dank dem Winter'schen Einfluss, eine
+ungeahnte Entwickelung nahm. In der Winter'schen Kunstgaertnerei wird jetzt
+die Palmenflechterei im Grossen betrieben. Die Dattelpalme, die
+Chamaerops-Arten, _Livistona australis_ und _Pritchardia filifera_ geben
+im Besonderen das Material dazu her. Zur Verwendung kommen Blattspreiten,
+Blattstiele und Blattscheiden dieser Pflanzen, und wo Behaelter noethig,
+helfen auch wohl Flaschenkuerbisse aus. Alle Theile der Palmen werden
+entsprechend gebogen und dann getrocknet, und hierauf zu Blumenvasen,
+Ampeln, Koerbchen, Fruchtschalen, Lichtschirmen und anderen zierlichen
+Gegenstaenden stilgerecht vereint.
+
+Auch die Nachtigallen an der Riviera suchen Nutzen aus der neuen
+Palmen-Cultur zu ziehen. Sie fanden heraus, dass die langen grossen Faeden am
+Blattrand der Pritchardien fuer Nesterbau vortrefflich geeignet sind. Sie
+zwicken sie ab und tragen sie zusammen, um sich aus denselben ihr
+fluechtiges Heim zu flechten. -
+
+ IV.
+
+Die zahlreichen Ausfluege, die sich landeinwaerts von den Stationen der
+Riviera unternehmen lassen, haben in den Reisehandbuechern bis jetzt eine
+hoechst unvollkommene Behandlung erfahren. Meist findet man in denselben
+nur eine Aufzaehlung der etwa zu besuchenden Orte, wobei die naechste, oft
+lohnendste Umgebung vernachlaessigt ist, entferntere, beschwerliche, nicht
+immer lohnende Touren besonders empfohlen werden. Da die Wirksamkeit der
+Alpenvereine sich andererseits nicht bis zur Riviera erstreckt, die
+Wegweiser dort fehlen, die Einheimischen nur selten Auskunft ueber den Weg
+und niemals ueber die Schoenheit desselben zu ertheilen vermoegen, so waeren
+grade fuer jene Gegenden gut orientirende Reisebuecher sehr erwuenscht. Unter
+den gegebenen Umstaenden kann aber nur ein wiederholter Besuch der Riviera
+denjenigen, der es gelegentlich nicht scheut, unnuetz umherzuirren, in all'
+die Reize dieser zauberhaften Gegend einweihen.
+
+So muesste jeder Reisende, der fuer Naturschoenheit empfaenglich ist und einige
+Muehe nicht scheut, von Mentone ueber Gorbio nach Roccabruna wandern. Meist
+begnuegt sich aber selbst der unternehmendste Tourist mit einem Ausflug
+nach Castellar und kommt im Gorbiothal nicht ueber Gorbio hinaus, weil er
+nicht weiss, dass er seinen Weg dort fortsetzen sollte. Und doch entfaltet
+sich erst jenseits von Gorbio die volle Pracht der grossartigen Landschaft.
+Der ganze Ausflug duerfte fuenf Stunden in Anspruch nehmen; es empfiehlt
+sich, ihn am Nachmittag zu unternehmen. Bis nach Gorbio fuehrt jetzt eine
+schoene Fahrstrasse. Sie beginnt zu steigen am Alexandra-Hotel und folgt in
+zahlreichen Windungen dem Thale. Dieses Thal ist ueberaus fruchtbar; ein
+ansehnlicher Bach durchstroemt dasselbe. Erst ist es breit, verengt sich,
+indem es aufsteigt. Villengaerten stossen an die Strasse, dann bescheidene
+Bauerngueter. Bluehende Pflanzen neigen sich ueber die Mauern vor. Erst die
+vornehmen Pflanzen der Reichen; dann der Goldlack, die Levkoye, die
+Pelargonie und die Anemonen, die auch der Aermere sich zieht. Einzelne
+Cypressen, oft umrankt von Rosen, ragen hier und dort aus den Gaerten vor
+und mahnen nicht selten an orientalische Landschaft. Citronen- und
+Orangengaerten folgen aufeinander, dann Feigenbaeume. Hoeher hinauf beginnen
+sich vereinzelt auch unsere Obstbaeume zu zeigen. Sie stehen im
+Bluethenschmuck. Eigentlich ist ihnen auch in dieser Hoehe noch zu warm, sie
+gedeihen gut erst bei Sant' Agnese, jenseits der Felsen, die das Thal im
+Norden sperren. Im Thale von Gorbio lohnt es sich, Pflanzen zu sammeln.
+Ardoino, der Verfasser der Flora der Seealpen, gibt fuer die Thaeler, die
+bei Mentone muenden, mehr als tausend verschiedene, wild wachsende Arten
+an. Man muesste fast ganz Irland und Schweden durchstreifen, um ebenso viel
+verschiedene Pflanzen zu finden, als hier auf etwa fuenfzehn Quadratmeilen
+beisammen wachsen. - Ungewoehnlich reich sind die Thaeler von Mentone an
+Orchideen, und diese bluehen ja fast saemmtlich im Fruehjahr. Viele sonst
+seltene Farne sind hier auch zu finden. Der Botaniker sucht mit Vorliebe
+nach einem kleinen Nacktfarn, der zu derselben Gattung wie die Gold- und
+Silberfarne unserer Gewaechshaeuser gehoert, der _Gymnogramme leptophylla_.
+Der Pflanzenliebhaber freut sich mehr noch ueber das _Adiantum Capillus
+Veneris_, das Venushaar, das mit seinen zarten Wedeln die feuchten
+Vertiefungen der Felsen ziert. - Ein alter gepflasterter Weg kuerzt oben im
+Thale die neue Strasse von Gorbio ab. Er steigt in Olivenhainen empor. An
+einer seiner Windungen taucht ploetzlich Gorbio auf, ganz in der Naehe. Es
+kroent einen steilen Huegel, der von Oliven bedeckt ist. Ein Amphitheater
+maechtiger zackiger Felsen umrahmt dieses Bild von seltener malerischer
+Schoenheit. - Wir steigen auf zu dem Orte, durchschreiten den Platz, dem
+eine alte Ulme ihren Schatten spendet, wenden uns dann links und schlagen
+den Fussweg ein, der, an einem offenen Brunnen vorbei, der Berglehne folgt.
+Nach kaum halbstuendigem Aufstieg haben wir das weit sichtbare Kreuz
+erreicht, das hoch oben, am vorspringenden Bergesrande dem Wetter trotzt.
+Bei stark wehendem Mistral ist es kaum moeglich, an jener Stelle zu weilen;
+das zersplitterte Kreuz, welches nur noch einen seiner Arme gegen den
+Himmel streckt, zeugt von der Gewalt der Stuerme, die dort oben hausen.
+Bereits von diesem Kreuze aus ist der Blick ueberwaeltigend schoen. Er umfasst
+die saemmtlichen Thaeler, die bei Mentone muenden. Auf den Hoehen sieht man
+jene wilden Ortschaften thronen, Burgen der Grimaldi und der Lascaris, die
+einst diese Thaeler beherrschten; man umspannt mit dem Blicke den ganzen
+Halbkreis steil aufsteigender Berge, welche die Thaeler maechtig umfassen
+und eine undurchdringbare Schranke fuer das Auge bilden, das hingegen nach
+Sueden zu unbegrenzt ueber dem blauen, endlosen Meere schweift. Eine weitere
+Steigerung der Eindruecke haelt man nicht fuer moeglich, man kann sich schwer
+von dieser Stelle trennen, und doch gewinnt das Bild noch an erhabener
+Groesse, betrachtet von dem Bergruecken, der jetzt in suedlicher Richtung nach
+Roccabruna fuehrt. Dann verschieben sich gegen einander, wie maechtige
+Decorationen, die Felsriesen, die den Hintergrund der Thaeler schliessen,
+und die Umrisse des Bildes werden immer reicher, immer bewegter. Bald
+tritt im Mittelpunkte der Landschaft, am Nordabhange des maechtigsten
+dieser Berge, Sant' Agnese hervor, ein ansehnliches Dorf, das in
+schwindelnder Hoehe, wie ein Schwalbennest am Felsen, ueber dem Abgrund zu
+haengen scheint. Wer konnte das Dasein dieses Ortes ahnen; ist er doch
+gegen das Meer hin von dem Felsen ganz verdeckt, an den er sich klammert.
+Dieser Felsen sollte ihn auch schuetzen und verbergen vor den spaehenden
+Blicken der Saracenen, welche einst das tyrrhenische Meer durchkreuzten.
+Und doch war es ein Saracenenhaeuptling Harun, der im zehnten Jahrhundert,
+der Sage nach, die Burg erbaute, deren Ruinen den Bergesgipfel kroenen.
+Doch nicht als Feind kam er hierher, sondern von der Liebe zu einer
+Christin ueberwaeltigt, die er, selbst zum Christenthum bekehrt, zu seiner
+Gattin machte.
+
+Selbst wer den schoensten Theil Sueditaliens kennt, wird sicher die volle
+Macht dieser herrlichen, so typisch italienischen Landschaft empfinden.
+Und wie wird der Eindruck noch gesteigert, wenn gegen Sonnenuntergang sich
+die Gipfel der Berge zu roethen anfangen, lange dunkle Schlagschatten in
+die Thaeler fallen und Sant' Agnese in goldigem Licht auf dem grauen Fels
+zu gluehen beginnt.
+
+Doch die Zeit draengt, denn die Sonne im Westen ist lange schon hinter der
+_Tete de chien_ verschwunden; die Nachtschatten senken sich hinab in die
+Schluchten, waehrend ein langer steiniger Weg uns von Cabbe-Roquebrune, der
+Eisenbahnstation, noch trennt.
+
+In Cabbe-Roquebrune auf dem Bahnhof erwartet uns ein botanischer Genuss.
+Ueber einer hohen Mauer am Abhang stehen maechtige Judasbaeume (_Cercis
+siliquastrum_) und senken abwaerts ihre bluethenbeladenen, noch laubfreien
+Zweige. Die schoenen, dicht gedraengten Bluethen entspringen auch dem alten
+Holze, so dass die ganze Baumkrone wie ein einziges Blumengewinde
+erscheint, von rosenrother Farbe. Dieser Baum ist in Suedeuropa zu Hause,
+sehr haeufig sieht man ihn in Palaestina die Gaerten um Jerusalem schmuecken,
+was wohl Veranlassung zu der Sage gab, Judas habe sich an demselben
+erhaengt.
+
+ V.
+
+Bezaubernd schoen ist Mentone, wenn man es vom Pont St. Louis aus
+betrachtet. Das Bild gehoert zu den eindrucksvollsten der ganzen Riviera.
+Doch muss man es am Morgen betrachten, wenn die Sonne das alte Mentone von
+Osten her bescheint. Man folgt von Mentone aus in oestlicher Richtung der
+Landstrasse und waehlt ihren linken Arm, dort, wo sie sich gabelt. Man
+steigt dann sanft in die Hoehe, zwischen Villen und Mauern. Gibt es nicht
+zu viel Staub auf der Strasse, so ist diese Wanderung ein Genuss. Denn die
+angrenzenden Gaerten strotzen von ueppigen Gewaechsen, und ueberall draengt
+sich der Ueberfluss derselben bis auf die Strasse. Die Pflanzen finden keinen
+Platz mehr in der eingeengten Umfriedung und streben hinaus ins Freie.
+Rosenrothe und feuerfarbige Pelargonien neigen sich ueber das Gitter, dort
+haengt ein Rosenstrauch ueber dasselbe hinaus und traegt unzaehlige Bluethen.
+Weiter ist eine ganze Mauer bis unten hinab mit einem epheublaetterigen
+Kranichschnabel, dem _Pelargonium peltatum_, bedeckt, welcher so ueppig
+blueht, dass die Blaetter unter den blassrothen Bluethen verschwinden. Jener
+Strauch, der im grazioesen Bogen ueber eine andere Mauer sich beugt und
+aehrenfoermige Rispen gelber Bluethen traegt, ist eine chinesische Buddleia
+(_Buddleia Lindleyana_). Die ganze Strasse duftet jetzt nach Heliotrop, der
+an dem Gelaender emporklettert; weiter ist es wieder eine Pergola
+safrangelber Rosen, welche der Strasse folgt. Mit ihren fleischig dicken
+Stengeln und Blaettern und ihren grossen rothen oder gelben Bluethen schmueckt
+dort die Mittagsblume (_Mesembryanthemum __ acinaciforme_) eine Mauer.
+Dann schliessen Citronen- und Orangenbaeume sich an, die mit Fruechten reich
+behangen, auch schon ihre duftigen Bluethen entfalten. Wir kommen an dem
+kleinen franzoesischen Zollhaus vorbei und erreichen alsbald unser Ziel. In
+kuehnem Bogen schwebt die Bruecke San Luigi ueber der Schlucht, welche
+Frankreich von Italien trennt. Der Blick von hier auf Mentone ist in der
+That von ergreifender Schoenheit. Die alte Stadt deckt einen schmalen Grat,
+der sich bis zum Meere senkt. Dicht gedraengt steigen die Haeuser an ihm
+auf, ueber- und nebeneinander. Alle sind sie im italienischen Style gebaut,
+mit Loggien, Balkonen und Terrassen, trotzdem alle verschieden an Gestalt
+und Groesse, scheinbar gesetzlos zu einer einzigen Masse vereint. Jedes
+zeigt eine andere Faerbung; im hellen Glanz der Sonne verschmelzen aber die
+Gegensaetze und die ganze Stadt leuchtet fast weiss in die Ferne. Aus der
+Haeusermasse ragt die Kirche mit ihrem schlanken Glockenthurm hervor. Und
+welch eine grossartige Einfassung zeigt dieses Bild! In weiter Ferne, kaum
+noch sichtbar, profilirt sich im nebeligen Umriss das zackige Esterel. Dann
+weicht die Kueste vor dem Meere zurueck und erst die _Tete de chien_ ueber
+Monaco bietet ihm wieder Trotz. Sie scheint an der Kueste Wache zu halten.
+Dann folgen maechtige, majestaetische Berge und ruecken immer naeher auf
+Mentone zu. Das Cap Martin streckt sich wie ein gruensammetnes Band vor in
+die blaue See, und hinter Mentone steigen die zackigen Felsenriesen auf
+und leuchten in der Sonne im blaeulichen Grau. Dann folgen tiefer gruene
+Schluchten, wo helle Olivenhaine mit dunklen Citronengaerten abwechseln und
+an den Abhaengen weisse Doerfer verborgen im Laub. Kahle Bergruecken glaenzen
+grell in der Naehe, von gruenen Kiefernwaeldern stellenweise wie von Oasen
+bedeckt. Der Vordergrund entzueckt uns durch seine Farbenpracht, denn der
+untere Theil der Schlucht, ueber der wir schweben, ist in einen Garten
+verwandelt. In Stufen steigt er auf, und der Boden verschwindet ganz unter
+Bluethen. Hell- und dunkelrothe Geranien, dicht aneinander gedraengt,
+kugelige Chrysanthemum-Straeucher (_Chrysanthemum frutescens_) mit
+tausenden von Bluethen wie mit weissen Sternen uebersaeet. Dann ein Judasbaum,
+ganz in Bluethen gehuellt, der seine rosenrothen Aeste ueber die weissen
+Chrysanthemen neigt. Ein gelbbluethiger Rosenstrauch, der den rosenrothen
+Judasbaum erklimmt; schlanke Bambusen wie Federbuesche in die Luefte ragend;
+daneben Faecherpalmen. Dunkelgruene, schlanke Cypressen; ein Pfefferbaum mit
+hellgruenen, zartgefiederten Blaettern an den haengenden Aesten; dunkelrothe
+Bougainvilleen an den aufsteigenden Waenden: ein wahres Kaleidoskop. Hohe
+Dattelpalmen ragen aus der Schlucht hervor und umrahmen das Bild von
+Mentone, phantastische Opuntien naechst der Bruecke bilden den ersten
+Vordergrund. Und dieses ganze farbenreiche Bild taucht mit seinem Rande in
+die dunkelblaue Fluth. Eine frische Brise weht uns vom Meer entgegen, der
+Fruehling blickt mit allen seinen Blumenaugen aus der Schlucht empor. Es
+stimmt so harmonisch und heiter dieses hehre Bild. Daher wir es auch
+vergessen moechten, dass dort ueber Mentone, wo weisse Steine und dunkle
+Cypressen zwischen grauen Mauern sich erheben, ein Ort der Trauer ist. Ein
+Schloss der Grimaldi stand einst auf dieser Hoehe, zwischen seinen Truemmern
+und Umfassungsmauern ist dann der Friedhof entstanden. Er beherrscht
+diesen sonnigen Strand, wie einst die maechtige Burg ihn beherrschte: ein
+Wahrzeichen des heutigen Mentone. Ich suche die Gedanken von dieser Stelle
+abzuwenden, doch unablaessig kehren sie zu derselben zurueck. Denn trauriger
+hat mich ein Friedhof nie gestimmt wie dieser dort, mit seinen in Blumen
+ganz versteckten Graebern. Kaum kann es einen maechtigeren Widerspruch geben
+zwischen der freudig sonnigen Natur und dem jaehen Tode. Dieser Gegensatz
+presst Einem das Herz zusammen. Und aus allen Theilen der Welt eilten jene
+zusammen, die auf diesem Friedhof ruhen. In der Bluethe der Jahre, fern von
+ihrer Heimath, legten sie sich unter Jasmin und Rosen zu ewigem Schlaf. Ob
+ihnen wohl die Erde leichter wird, weil die Blumen nie auf derselben
+verwelken? Die Rosen im besondern draengen sich dort ueberall vor: weisse,
+gelbe, blutigrothe, und sie verbreiten einen betaeubenden Duft. Als ich
+einst diesen Friedhof besuchte, da strahlte die Welt in Fruehlingsglanz und
+jauchzte es von Leben in den Lueften. Da war es besonders traurig zwischen
+diesen blumenreichen Graebern. Auf einem frisch errichteten Denkmal sass ein
+junger Bildhauer, meisselte das Antlitz eines zarten Maedchens in den Stein
+und sang dazu ein froehliches Lied. Ich blieb vor dem Grabe lange stehen:
+es war wie in einer Shakespeare'schen Tragoedie.
+
+Hoch ragen ueber der Bruecke San Luigi die zackigen Felsen empor, welche die
+Schlucht umfassen. Sie selber steigt hier ploetzlich auf, unvermittelt in
+romantischer Wildniss. Ein einzelner Felsenkegel erhebt sich aus ihrer
+Mitte und endet mit spitzem Gipfel. Zahlreiche Grotten versenken sich in
+den Stein. Rosmarin und Wolfsmilch, Wachholder und grossbluethige Malven
+(_Lavatera maritima_) klammern sich an jeden Vorsprung der Felsen an und
+beleben ihre Eintoenigkeit. Unten gruent Alles von ueppigem Pflanzenwuchs.
+Ein kleiner Bach rauscht abwaerts in den Felsenspalten und bildet dann
+zierliche Wasserfaelle. Ein Theil des Wassers wird in einen kleinen
+Aquaeduct gefasst, der in malerischen Windungen abwaerts laeuft, dann mit
+gewoelbtem Bogen den Bach ueberschreitet. Wie effectvoll Alles vereint in
+diesem engen Raume: es ist fast wie eine Theaterdecoration!
+
+An jener so ueberaus warmen Stelle der Riviera bildet diese Felsenschlucht
+wohl noch den waermsten Ort. Durch hohe Berge geschuetzt und umfasst, steht
+sie den suedlichen Winden nur offen. In dieser Schlucht beginnen schon im
+December die Veilchen zu bluehen. Die Schwalben verlassen sie nie. Die
+Eidechsen sollen ihres Winterschlafs hier vergessen. An Nahrung ist stets
+Ueberfluss. Insekten durchschwirren die Luft, und die Spinne spannt ihr
+Netz auch im Winter, um sie zu fangen.
+
+ VI.
+
+Niemand sollte es versaeumen, von Bordighera oder von Mentone aus, einen
+Ausflug nach La Mortola, dem Garten des Herrn Thomas Hanbury, zu
+unternehmen. Der Eintritt wird Montag und Freitag Nachmittag gegen Zahlung
+von je einem Franc gestattet. Dieses Geld dient zur Unterstuetzung des
+Krankenhauses von Ventimiglia. Wer eingehende Studien im Garten machen
+will, erhaelt hierzu vom Besitzer jederzeit Erlaubniss. Frueher Eigenthum der
+Familie Orengo in Ventimiglia, traegt auch heute noch die schoene Villa im
+Garten, welche Herr Thomas Hanbury bewohnt, den Namen des Palazzo Orengo.
+Als Herr Hanbury diese Besitzung im Jahre 1866 erwarb, war sie von einem
+mageren Olivenhain bedeckt. Ludwig Winter hat sie in den feenhaften Garten
+verwandelt, der jetzt den Besucher entzueckt. Der Garten deckt eine Flaeche
+von ungefaehr vierzig Hektaren und faellt von der Kunststrasse, welche das
+Dorf Mortola in hundert Meter Hoehe durchzieht, bis zum Meere ab. Die in
+dem Numullitenkalk tief gerissene Schlucht, an welche die Besitzung
+anlehnt, gewaehrt ihr Schutz gegen die Winde und ermoeglicht die
+Entwickelung einer so ueppigen Vegetation, wie sie auch an der Riviera kaum
+ihres gleichen findet. Freilich musste durch kuenstliche Bewaesserung
+vorgesorgt werden, dass die lange Duerre des Sommers nicht verhaengnissvoll
+fuer die Pflanzen werde. Denn man rechnet in La Mortola ueber zweihundert
+Tage im Jahr, an welchen der Himmel voellig wolkenlos bleibt, und auch
+innerhalb des winterlichen Halbjahres gibt es nur etwa vierzig Regentage.
+
+Es waere ein gewagtes Beginnen, wollte ich an dieser Stelle alle die
+zahlreichen Pflanzenformen schildern, welche der Garten von La Mortola
+birgt. Es kommt mir nur darauf an, die Reichhaltigkeit desselben
+hervorzuheben. Was aber diesen Garten insbesondere belehrend macht, ist
+der Umstand, dass alle Pflanzen Schilder tragen, auf welchen ihr Name, der
+abgekuerzte Name des Autors, der sie benannte, ihre Heimath, sowie die
+Familie, der sie angehoeren, angegeben ist. So kann jeder Besucher des
+Gartens erfahren, wie die Pflanze heisst, die ihm durch ihre Schoenheit oder
+ihren Wohlgeruch auffaellt, eine Pflanze, nach deren Namen er vielleicht
+vergeblich schon in manchem anderen Garten der Riviera forschte. Herr
+Hanbury ist bemueht, seinem Garten auch wissenschaftlichen Werth zu
+verleihen und sucht unaufhoerlich neue, interessante, technisch wichtige
+oder durch ihre Heilkraft ausgezeichnete Gewaechse fuer denselben zu
+erwerben. Ein kenntnissreicher deutscher Gaertner, Gustav Cronemeyer,
+stellte vor einigen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichniss aller
+Pflanzen des Gartens auf. Dieses Verzeichniss umfasst ueber 3600 Arten. Es
+wurde an alle botanischen Anstalten der Welt versandt, mit der
+Aufforderung, aus den Schaetzen des Gartens fuer wissenschaftliche Zwecke zu
+schoepfen. Auch die Samen und Fruechte des Gartens erntet man alljaehrig, um
+sie wissenschaftlichen Anstalten dienstbar zu machen. Da Herr Hanbury
+gleichzeitig stattliche Schulgebaeude in La Mortola errichtet, da er
+neuerdings auch ein schoenes botanisches Institut in Genua erbauen liess, um
+es der dortigen Universitaet zu schenken, so laesst sich wohl behaupten, dass
+er einen edlen, nachahmenswerthen Gebrauch von seinen Reichthuemern macht.
+Leider ist der eifrige Leiter des Gartens, Gustav Cronemeyer, vor kurzem
+gestorben, und gewaehrt es nur einen Trost, dass sein Nachfolger, ebenfalls
+ein deutscher Gaertner, Herr Dinter, mit gleichem Eifer in seine Spuren
+tritt.
+
+Gerade im Fruehjahr ist es, wo der Garten von La Mortola in vollstem
+Bluethenschmucke prangt. Besonders tragen die Akazien dazu bei, ihn um jene
+Zeit so ueppig zu verzieren. Ueber neunzig Arten der Gattung _Acacia_
+stehen da in Cultur, von den fein gefiederten, mimosenartigen an, deren
+Blaettchen jeder Windhauch in Bewegung setzt, bis zu jenen starrend
+stachlichen Arten, welche schon durch ihren botanischen Namen als
+"bewaffnet" (_armata_), "struppig" und "schauerlich" (_horrida_)
+hinreichend gekennzeichnet werden. Manche Akazien sind von gelben Bluethen
+so ueberdeckt, dass das gruene Laub unter denselben fast verschwindet, und
+die meisten verbreiten zur Bluethezeit ein liebliches Aroma. Benennungen
+wie "lieblich", "angenehm" (_suaveolens_) zeichnen noch besonders einzelne
+Arten aus. Der hoechste Preis des Wohlgeruchs gebuehrt aber unstreitig der
+tropisch-amerikanischen _Acacia Farnesiana_, welche ihre veilchenduftenden
+Bluethenkoepfchen den ganzen Winter ueber treibt. Diese Bluethenkoepfchen
+dienen in Grasse und in Cannes unter dem Namen "_fleurs de cassie_" in
+ausgiebiger Weise den Zwecken der Parfuemerie. Den Namen "_Farnesiana_"
+erhielt diese schon lange in Suedeuropa bekannte Pflanze wohl daher, dass
+sie in den farnesianischen Gaerten in Rom zuerst gezuechtet wurde. - Durch
+ihr zartes, zierliches, doppeltgefiedertes Laub von blaeulich gruener Farbe,
+faellt hier, wie auch an den anderen Stellen der Riviera, die _Acacia_ oder
+_Albizzia Julibrissin_ auf, ein stattlicher Baum vom Aussehen einer
+Mimose, dessen hellviolette Bluethenkoepfchen aber erst im Juli zur
+Entfaltung kommen. Sie stammt von der Suedkueste des kaspischen Meeres, ihr
+Arten-Name ist persisch und bedeutet Seidenblume. - Von der
+suedafrikanischen steifen _Acacia horrida_ stammt eine geringe Gummisorte,
+die als Capgummi bekannt ist. Das feinste Gummi arabicum tritt aus der
+Rinde der senegambisch-kordofanischen _Acacia Senegal_, aehnlich wie bei
+uns Kirschgummi aus der Rinde von Kirschbaeumen, hervor.
+
+Durch ein ganz besonders feines Aroma zeichnet sich in dem Garten von La
+Mortola ausser der _Acacia Farnesiana_ ein gelbbluehender Strauch, die
+_Pteronia incana_ vom Cap aus, welche zu derselben Abtheilung der
+Compositen wie unsere Astern gehoert, deren Bluethenkoepfchen aber einen, man
+koennte fast sagen, vergeistigten Aprikosenduft verbreiten. Sehr
+wohlriechend in allen seinen Theilen ist ein anderer Strauch vom Cap, die
+Rutacee _Diosma fragrans_. Nicht umsonst hat sie, so wie ihre naechsten
+Verwandten, die bei uns viel in Gewaechshaeusern cultivirt und als
+Bouquetgruen benutzt werden, den Namen _Diosma_, d. h. "Goetterduft",
+erhalten. Ein chilenischer Strauch mit kleinen gelben Bluethen, die
+Flacourtiacee _Azara microphylla_, wird wegen seines vanillenartigen
+Duftes in der Heimath "Aromo" genannt. Eine krautartige Salbeiart, die
+_Salvia albocoerulea_, riecht wie feines Tafelobst. Verschiedene
+Pelargonien, so namentlich das _Pelargonium roseum_ und _odoratissimum_,
+verbreiten ein starkes rosenartiges Parfuem, wenn man ihre Blaetter
+zerdrueckt. Geradezu betaeubt wird man an zahlreichen Stellen des Gartens
+von dem Duft, der den kleinen weissen Bluethen vom _Pittosporum Tobira_
+entstroemt. Diese Bluethen decken in grosser Zahl den baumartigen immergruenen
+Strauch, der im Aussehen an den lorbeerartigen Schneeball (_Viburnum
+Tinus_) unserer Gewaechshaeuser erinnert. Es gibt auch eine Art mit fast
+schwarzen Bluethen, die fremdartig genug auf den Zuschauer einwirkt. -
+Lieblich duftet, aehnlich wie unsere wohlriechende Platterbse, ein
+zierlicher Baum mit ueberhaengenden Aesten, der aus der Ferne ganz weiss
+erscheint von reicher Bluethenfuelle. Es ist eine west-mediterrane
+Ginsterart, _Genista monosperma_, die zu den anmuthigsten Pflanzenformen
+im Fruehjahr an der Riviera gehoert. Ist auch zu jener Zeit der
+Bluethenreichthum noch so gross, Jedem faellt, unter allen anderen, diese
+Pflanze auf, die den Namen Bluethenregen fuehren sollte. Erscheint es da
+nicht wunderbar, dass zu derselben Gattung, wie dieses so zart erscheinende
+Gewaechs, auch die _Genista acanthoclada_ gehoert, ein Strauch der
+griechischen Berge, der so stachelig ist, dass er fuer die Pflanze des
+Tartarus gelten konnte: _Aspalathus_, nach der Insel Aspalathe an der
+Kueste von Lycien genannt, lieferte er, der Sage nach, jene Ruthen, mit
+denen die Gottlosen in der Unterwelt gepeitscht wurden.
+
+Eigenthuemlich beruehren den Besucher des Gartens die Casuarineen, die in
+grossen Exemplaren gleich unterhalb der Eingangstreppe stehen. Die
+graugruenen feinen Zweige dieser Baeume haengen wie die Federn eines
+Casuarschweifes herab und verschafften dem Gewaechs auch seinen Namen. Die
+Zweige sind blattlos; die Ernaehrung des Baumes, die sonst von den Blaettern
+besorgt zu werden pflegt, faellt hier somit den Zweigen zu. Diese sind
+demgemaess auch gruen gefaerbt, d. h. sie fuehren jenen Farbstoff, das
+Chlorophyll, dessen Anwesenheit fuer die Bereitung von Nahrungsstoff durch
+die Pflanze nothwendig ist. Die Casuarineen bilden in Australien
+ausgedehnte Waelder von sehr eigenem Aussehen. Wie so viele andere
+australische Baeume vermoegen sie dem Boden nur spaerlichen Schatten zu
+spenden. Die Bluethen dieser Gewaechse sind so klein und unansehnlich, dass
+nur das kundige Auge sie an den Zweigen zu erkennen vermag. Das Holz der
+Casuarineen zeichnet sich durch seine Haerte und seine Schwere aus und hat
+daher den Eingeborenen zur Anfertigung von Streitkolben gedient.
+
+Ein australischer Baum, der in den letzten Decennien ungemein rasche
+Verbreitung ueber die Riviera gefunden hat und den der Garten von La
+Mortola in nicht weniger als vierundzwanzig Arten besitzt, ist der
+Eucalyptus. Jeder, der Italien einmal besuchte, kennt die Eucalypten, wenn
+auch wohl nur die eine, ueberall vertretene Art derselben, den _Eucalyptus
+globulus_. Auch dieser australische Baum gibt im Verhaeltniss nur wenig
+Schatten; seine Blaetter sind zwar von ansehnlicher Groesse, sie haengen aber
+an langen Stielen von den Zweigen senkrecht herab und koennen daher selbst
+bei dichter Belaubung den Sonnenstrahlen nicht allen Durchgang verwehren.
+Da auch der leiseste Windhauch diese Blaetter in Bewegung setzt, so
+herrscht unter den Eucalyptusbaeumen ein eigenes zitterndes Zwielicht, das
+allerdings erst in Eucalyptus-Waeldern voll empfunden wird. Die Eucalypten
+gehoeren zu den Riesen der Pflanzenwelt, zu denjenigen Baeumen, welche
+ueberhaupt die bedeutendste Groesse erreichen. In Australien sind Staemme von
+_Eucalyptus amygdalina_ gemessen worden, deren Hoehe 156 Meter betrug und
+somit genau derjenigen der Thuerme des Koelner Doms entsprach, die Pyramide
+des Cheops aber um fuenf Meter, die Peterskirche in Rom sogar um mehr als
+zwanzig Meter ueberstieg. Die Eucalypten wachsen auch an der Riviera
+aeusserst rasch und ragen schon ueber ihre Umgebung weit empor, ungeachtet
+ihre Anpflanzung hauptsaechlich erst Ende der sechziger Jahre erfolgte. Im
+Garten von La Mortola erreichte ein _Eucalyptus globulus_ in sieben Jahren
+neunzehn Meter Hoehe und fast anderthalb Meter im Umfang. Kein in Europa
+sonst bekannter Baum vermag Aehnliches zu leisten. Trotz so raschen
+Wachsthums zeichnet sich das Eucalyptusholz durch grosse Haerte aus. An
+vielen Orten hat man Eucalypten angepflanzt, weil man der Ausduenstung
+derselben besondere heilsame Kraefte zuschrieb. Thatsaechlich kommt aber den
+aeusserst geringen Mengen von aetherischen Oelen, die sich um die Eucalypten
+verbreiten, kaum eine merklich desinficirende Wirkung zu. Dadurch
+hingegen, dass die Eucalypten rasch auf sumpfigem Boden wachsen und als
+immergruene Pflanzen Sommer und Winter Wasser aus ihren Blaettern
+verdunsten, tragen sie zu dessen Trockenlegung bei. Die Hoffnung, dass die
+Extracte aus Blaettern und Rinde der Eucalypten das Chinin ersetzen wuerden,
+war gleichfalls uebertrieben. Kommt auch diesen Extracten eine gewisse
+febrifuge Wirkung zu und sind dieselben auch seit undenklichen Zeiten von
+den Eingeborenen Australiens gegen Malaria verwandt worden, so stehen sie
+doch dem Chinin ganz bedeutend nach. Im April sieht man die aelteren
+Eucalyptusstaemme an der Riviera sich mit grossen weissen Bluethen bedecken,
+welche durch ihre aeusserst zahlreichen, feinen und langen Staubgefaesse
+auffallen. Der Kundige erkennt an diesen Bluethen, dass der Baum zu den
+myrtenartigen Gewaechsen gehoert. Eine Eigenthuemlichkeit der Eucalypten ist
+es, dass deren Bluethenknospen sich mit einem runden Deckel oeffnen, der als
+gruene, weissbereifte Muetze abgeworfen wird. Diese Deckel sieht man im
+Fruehjahr in grossen Mengen unter den Eucalyptusbaeumen liegen; sie
+verbreiten, wenn man sie zertritt, einen sehr durchdringenden Geruch.
+Neuerdings hat sich die Industrie auch dieser Gebilde bemaechtigt, und in
+Bordighera sah ich Kreuze und Rosenkraenze, die aus trockenen,
+aufgefaedelten Eucalyptusbluethen-Deckeln hergestellt waren.
+
+Ganz junge Eucalyptusbaeume, wie man sie auch bei uns, innerhalb der
+Gewaechshaeuser, sehen kann, zeigen zunaechst ein von den aelteren Baeumen
+durchaus verschiedenes Aussehen. Kaum glaubt man dieselben Pflanzen vor
+Augen zu haben. Die Blaetter sind breit, stumpf, stengelumfassend,
+wagerecht gestellt, und erst an aelteren Zweigen treten an deren Stelle die
+schmalen, zugespitzten, langgestielten Blaetter auf, die senkrecht abwaerts
+haengen. Damit veraendert sich auch ihr innerer Bau. Zuvor zeigten sie
+verschiedene Structur auf ihren beiden Seiten, jetzt sind beide Seiten
+gleich. Beide Blattflaechen werden ja an den haengenden Blaettern in gleicher
+Weise von Lichtstrahlen getroffen. Sie brauchen aber gleichen Bau, um
+gleiche Arbeit zu verrichten. Aehnliche Einrichtungen treten uns bei
+vielen anderen Gewaechsen Neuhollands entgegen und bestimmen geradezu den
+Charakter der dortigen Vegetation.
+
+Der in Italien hauptsaechlich cultivirte _Eucalyptus globulus_ ist nicht
+der widerstandfaehigste Vertreter seiner Gattung, wie er denn auch im
+strengen Winter 1890-91 an exponirten Stellen der Riviera gelitten hatte.
+Manche Arten trotzen besser der Kaelte, und der _Eucalyptus Gunnii_ gedeiht
+selbst in Whittingham bei Edinburgh.
+
+Der hohen Schutzmauer der Seealpen, welche die kalten Nordwinde abhaelt,
+verdankt die Riviera di Ponente ihr mildes Klima. Diese Schutzmauer
+bedingt es auch, dass dort die Cultur der Agrumi erfolgreich betrieben
+werden kann. An zahlreichen Stellen der Kueste, zwischen Nizza und Savona,
+gedeihen die Agrumi ebenso gut wie bei Neapel, waehrend der Reisende das
+Innere von Ober- und Mittelitalien durchwandern kann, ohne sie zu
+erblicken. Unter der Bezeichnung "Agrumi" werden die Vertreter der Gattung
+_Citrus_ zusammengefasst. Das Verzeichniss von La Mortola weist ueber zwanzig
+Arten oder Formen dieser Gattung auf. Man findet dort fast alle in Italien
+cultivirten Agrumi in engem Raum beisammen. Diese Pflanzen scheinen so
+fest mit dem italienischen Boden verwachsen zu sein, dass italienische
+Bilder stets der Phantasie des Nordlaenders vom Bluethenduft der Citrone
+durchweht und vom Glanze der Goldorange durchleuchtet erscheinen. Am
+meisten hat diese Vorstellung wohl das Mignonlied verbreitet, jenes Lied,
+das der Sehnsucht des Nordlaenders nach suedlicheren Gestaden so unendlichen
+Ausdruck verlieh. So sehr die Agrumi aber auch in die italienische
+Landschaft zu gehoeren scheinen, so sind sie doch erst verhaeltnissmaessig spaet
+in dieselbe gelangt und nur auf ganz bestimmte Theile von Italien
+beschraenkt geblieben. Ihre Heimath liegt im fernen Asien, in Ostindien und
+Suedchina; ueber den Orient schlugen sie aber zunaechst ihren Weg nach Europa
+ein. Wie aus dem alten "Traite du Citrus" von Gallesio, dem Werke Victor
+Hehn's ueber "Culturpflanzen und Hausthiere", Alphonse de Candolle's
+"Ursprung der Culturpflanzen", endlich Flueckiger's "Pharmacognosie" - von
+aelteren Quellenwerken abgesehen - zu erfahren ist, war dasjenige, was im
+Alterthum zunaechst "Citrum" hiess, das Holz von _Callitris quadrivalvis_.
+Auch diese nordafrikanische Conifere ist in dem Hanbury'schen Garten in
+vortrefflicher Entwickelung zu sehen. Ihr Holz liefert das Sandarac, ein
+Harz, das in erstarrten, weissen Thraenen die Stammrinde deckt und aus der
+Wunde heraustropft, wenn ein Zweig abgeschnitten wird. Das schoen
+gemaserte, wohlriechende Holz dieses Baumes stand bei den Roemern in hohem
+Ansehen und diente im Besonderen zur Anfertigung von Kisten, welche
+wollene Kleider vor Motten schuetzen sollten. Als dann die Citrone den
+Roemern bekannt wurde, und es sich zeigte, dass sie in aehnlich wirksamer
+Weise die Motten abhaelt, wurde der Name Citrum auf dieselbe uebertragen.
+Von dem Gewaechse, welches diese "_mala citria_" erzeugt, drang die erste
+Kunde nach Griechenland waehrend der Kriegszuege Alexanders des Grossen.
+Letztere waren es, welche den Orient und die Tropen der griechischen
+Cultur erschlossen. Sie brachten den classischen Laendern eine solche Fuelle
+neuer Naturanschauungen, wie dies zum zweiten Mal in gleichem Masse nur
+durch die Entdeckung des tropischen Amerika wieder geschah. Ueber den
+Citronenbaum wurde berichtet, dass er ein wunderbares Gewaechs der
+persischen und medischen Lande sei, und voll goldener Fruechte haenge. Diese
+sollten nicht nur gegen Motten schuetzen, sondern auch als Gegengifte
+aeusserst wirksam sein. Ja, es bildete sich, wie man in einem Werke des
+Athenaeos, eines Gelehrten, der zu Naukratis in Aegypten geboren wurde und
+um 228 n. Chr. starb, lesen kann, der Aberglaube, dass, wer von diesen
+Fruechten gekostet habe, den Biss giftiger Schlangen nicht zu fuerchten
+brauche. Jenes durch seine Citate sehr werthvolle und merkwuerdige Werk des
+Athenaeos schildert ein fingirtes Gastmahl, welches von einem roemischen
+Schlemmer und Schoengeist, Kuenstlern, Dichtern und Gelehrten geboten wird,
+und bei welchem an die dargereichten Speisen und Getraenke sich
+entsprechende Unterhaltungen knuepfen. Da erzaehlt ein gewisser Demokritos,
+sein Freund, der Statthalter von Aegypten, habe ihm mitgetheilt, dass zwei
+Verbrecher, die zum Tode durch giftige Schlangen verurtheilt waren, dem
+Biss derselben nicht erlagen, weil sie von einer Citrone zuvor assen. Der
+Statthalter habe den Versuch absichtlich mit denselben Verbrechern zum
+zweiten Male wiederholt, aber nur dem einen von beiden eine Citrone
+dargereicht. Die Folge sei gewesen, dass dieser eine nur den Bissen der
+giftigen Nattern zu widerstehen vermochte, waehrend der andere bald nach
+der Verwundung starb. Als bestes Schutzmittel gegen Gift empfiehlt der
+Erzaehler eine in Honig zerkochte Citrone. Man muesse von diesem Gegengift
+frueh am Morgen eine kleine Menge zu sich nehmen und sei dann den ganzen
+Tag ueber vor Vergiftung sicher. Dem Aberglauben, der solche Vorstellungen
+naehrte, liegt wie auch sonst in aehnlichen Faellen, ein Fuenkchen Wahrheit zu
+Grunde. Thatsaechlich ist die Citrone durch sehr starke faeulnisswidrige
+Eigenschaften ausgezeichnet, Eigenschaften, die sie auch heute noch als
+Antisepticum sehr schaetzbar machen. Schon im Alterthum hatte man richtig
+erkannt, dass der Saft der Citrone den Athem verbessere. Ein Vergnuegen
+konnte es damals nicht sein, Citronen zu geniessen, denn es waren
+thatsaechlich nicht unsere jetzigen "Citronen", vielmehr Cedraten oder
+Citronat-Citronen, die uns nur eingemacht schmecken. Diese Cedraten heissen
+auch heute noch "Cedro" bei den Italienern. Saftiges Fruchtfleisch ist
+ihnen nicht eigen; sie bestehen fast ausschliesslich nur aus Schale, und
+diese ist es, die, in Zucker eingekocht, die Citronate liefert. Die
+Cedraten erreichen meist bedeutendere Groesse als die Citronen, sind
+letzteren im Uebrigen aehnlich. Ihre Form variirt aber bedeutend, und da
+viele Abaenderungen durch Veredelung fixirt worden sind, so bekommt man
+neben stark in die Laenge gezogenen auch fast runde Cedraten zu sehen. Das
+gab sogar Veranlassung zur Aufstellung verschiedener Arten innerhalb
+dieses Formenkreises, wie es denn ueberhaupt schwer faellt, zu
+unterscheiden, was Art und was nur Abart in der Gattung Citrus ist. Eine
+rundliche durch stark hoeckerige Schale und feinen Wohlgeruch
+ausgezeichnete Frucht, die auch zu den Cedraten gehoert, wird als
+Adamsapfel oder Paradiesapfel unterschieden. Sie galt als die Frucht vom
+Baume der Erkenntniss und findet als solche beim Laubhuettenfest der Juden
+heute noch Verwendung. Die gesuchtesten Fruechte zu diesem Fest werden aus
+Corsica, Corfu, Marocco und Palaestina eingefuehrt und koennen bei
+vorgeschriebener Form sehr hohen Geldwerth erreichen.
+
+Der Cedratenbaum kam bei den Roemern sehr in Mode, und man sah ihn, in
+Kuebeln gepflanzt, die Saeulenhallen der Villen und die Gaerten schmuecken.
+Vom dritten Jahrhundert an wird er auch, als im freien Lande gedeihend,
+beschrieben. Heut noch wird er in Italien viel gezogen und zeichnet sich
+vor allen anderen Agrumi dadurch aus, dass er das ganze Jahr hindurch
+Bluethen und Fruechte traegt.
+
+Der Baum, der die Frucht zeitigt, welche wir als Citrone bezeichnen, die
+aber richtiger auch bei uns Limone heissen muesste, kam durch Vermittlung der
+Araber erst im zehnten Jahrhundert nach Sued-Europa, zunaechst nach Spanien,
+dann wohl auch nach Sicilien. Er fehlte hingegen noch an der ligurischen
+Kueste, wohin ihn erst gegen Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzfahrer
+aus Syrien und aus Palaestina brachten. Mit den Limonenbaeumen zugleich
+gelangten die Pampelmusen und die bitterfruechtigen Pomeranzenbaeume an die
+Riviera, und Ligurien blieb ueberhaupt lange Zeit das Land, in welchem die
+Cultur der Agrumi am meisten betrieben wurde. Einen bedeutenderen
+Aufschwung gewann die Cultur freilich auch dort erst im vierzehnten
+Jahrhundert, als die Ansprueche an die Genuesse des Lebens sich zu steigern
+begannen. Sie verbreitete sich in Italien zugleich mit der Limonade, deren
+Zubereitung man von den Orientalen lernte. Unter dem Cardinal Mazarin war
+es, dass auch in Paris die ersten "Limonadiers" auftraten, um bald eine
+aehnliche Rolle wie heut die "Cafetiers" zu spielen. Die Limone, durch die
+naemlichen, faeulnisswidrigen Eigenschaften wie die Cedrate ausgezeichnet,
+lieferte in der That nicht nur ein erfrischendes, sondern zugleich auch
+ein antiseptisches Getraenk. In den der zweiten Haelfte des sechzehnten
+Jahrhunderts angehoerenden Kraeuterbuechern des Tabernaemontanus, "der Arzney
+Doctoris und Chur-Fuerstlicher Pfaltz Medici zu Neuwhausen", heisst es, dass
+der Citronensaft "nicht allein wider die innerliche Faeulung und das Gifft
+sehr gut und kraeftig" sei, sondern auch "gegen alle Traurigkeit und
+Schwermuethigkeit des Hertzens und die Melancholey". Die Rinde widerstehe
+dem Gift: "Dann zur Zeit der Pest soll man sie im Mund halten, auch ein
+Rauch damit machen." - Der Citronensaft gilt auch heute noch als eines der
+wirksamsten Mittel gegen den Scorbut, die bekannte Mund- oder
+Zahnfleischfaeule, der die Seefahrer besonders unterworfen sind. Daher
+jetzt die englische Marine, und nach ihrem Beispiel auch andere,
+Citronensaft in wohlverschlossenen Flaschen auf ihren Schiffen fuehren.
+
+Ich bemuehte mich festzustellen, woher der jetzt noch ziemlich verbreitete,
+frueher fast allgemeine Brauch stammt, dass die Leichentraeger bei
+Begraebnissen eine Citrone in der Hand halten. Urspruenglich ist er durch
+die faeulnisswidrigen Eigenschaften und den starken Geruch der Citrone
+veranlasst worden, dann hat er symbolische Bedeutung gewonnen. Die Symbolik
+hat sich in mannigfaltiger Weise der Citrone bemaechtigt. So heisst es in
+J. B. Friedrich's Werke: "Die Symbolik der Mythologie der Natur": "Das
+Aromatische, Erquickende und Belebende der Citrone hat sie zum Symbole des
+Lebens und des Schutzes gegen das Lebensfeindliche gemacht. Daher schuetzt
+nach altem Glauben die Citrone gegen Bezauberung, daher traegt das indische
+Weib, welches sich nach dem Tode seines Gatten verbrennen laesst, auf seinem
+Gange zum Scheiterhaufen eine Citrone in der Hand als Sinnbild ihres
+zukuenftigen Zusammenlebens mit dem Gatten; daher die noch uebliche Sitte,
+dass bei einem Leichenbegaengnisse die Leidtragenden die das neue Leben des
+Abgeschiedenen symbolisirende Citrone in der Hand tragen; daher endlich
+die Sitte des zum ersten Mal zur Communion gehenden Kindes, eine Citrone
+zu tragen, weil es durch die Communion ein neues Leben durch seinen
+erneuerten Bund mit Gott eingeht."
+
+Der Pampelmusbaum (_Citrus decumana_) faellt durch die Groesse auf, die seine
+Fruechte erreichen. Dieselben haben suess-saeuerlichen Geschmack und werden
+mit Wein und Zucker gegessen. Einzelne Fruechte koennen unter Umstaenden bis
+sechs Kilo Gewicht erlangen.
+
+Der bittere Pomeranzenbaum ist durch besonders aromatische Blaetter und
+Bluethen ausgezeichnet. Die Fruechte zeichnen sich durch ihre goldige
+Faerbung aus. Sie werden frisch nicht genossen, wohl aber gelten die in
+Zucker eingemachten Schalen derselben als besonders wohlschmeckend. Auch
+dienen die Blaetter, Bluethen und die unreifen Fruechte zur Gewinnung
+aetherischer Oele und spielen letztere ausserdem eine wichtige Rolle bei der
+Liqueurfabrikation. Da der Stamm der bitterfruechtigen Pomeranze sich als
+besonders widerstandsfaehig erwiesen hat, so verwendet man ihn auch haeufig
+als Unterlage, auf welcher andere Citrus-Arten veredelt werden.
+
+Der suessfruechtige Pomeranzenbaum gelangte wesentlich spaeter nach Europa als
+die bisher genannten Agrumi. Man nahm ziemlich allgemein bis vor Kurzem
+an, die Portugiesen haetten ihn erst gegen Mitte des sechzehnten
+Jahrhunderts, und zwar angeblich im Jahre 1548, aus dem suedlichen China
+mitgebracht; ja man zeigte im Garten des Grafen von St. Lorenzo zu
+Lissabon einen Orangenbaum, der der eingefuehrte Urbaum sein sollte. Aus
+den Schriften von Galesio, Targioni und Goeze scheint aber hervorzugehen,
+dass die suesse Pomeranze schon wesentlich frueher die Gaerten Spaniens und
+Italiens schmueckte; sie muss bereits im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts
+nach Europa gelangt sein. Galesio sucht es wahrscheinlich zu machen, dass
+die Cultur der suessen Orange auch an der Riviera bis ins fuenfzehnte
+Jahrhundert zurueckreicht, doch ist seine Beweisfuehrung nicht ueberzeugend.
+So berichtet Galesio ueber ein aus den Acten der Stadt Savona vom Jahre
+1471 sich ergebendes Geschenk von eingemachten Citronen und Limonen und
+frischen Citruli, welches die Stadt Savona ihrem Gesandten in Mailand
+machte. Da nun die als "Citruli" bezeichneten Fruechte frisch gesandt
+wurden, haelt sie Galesio fuer *suesse* Orangen, da der Gesandte in Mailand
+wohl keine *bitteren* haette essen moegen. In dem Archiv eines Notars in
+Savona ist andererseits ein Verkaufsact vom Jahre 1472 ueber eine
+Schiffsladung von 15 000 Citranguli oder Cetroni aufgefunden worden, und
+Galesio fraegt sich, was man wohl mit 15 000 bitteren Pomeranzen angefangen
+haette. Auf diese Frage kann man ihm die Antwort schuldig bleiben, ohne dass
+dadurch der Nachweis, dass es sich wirklich um suesse Orangen gehandelt habe,
+beigebracht sei. Ja eine solche Annahme muesste um so gewagter erscheinen,
+als thatsaechlich schon Matthaeus Silvaticus in Salerno, der Verfasser des
+1317 beendigten _Opus pandectarum medicinae_ die *bittere* Pomeranze als
+_Citrangulum_ bezeichnet und diese Bezeichnung auch von den Uebersetzern
+arabischer Werke von ihm benutzt wurde, um den arabischen Namen _narindj_
+wiederzugeben. Andererseits zeigt die heute noch in Italien uebliche
+Anpreisung der suessen Pomeranze als "Portogallo" deutlich den Ursprung der
+jetzt dort cultivirten Fruechte an. Moegen es somit auch nicht die
+Portugiesen gewesen sein, welche die suesse Pomeranze in Europa einfuehrten,
+so haben wir denselben doch die bessere, jetzt beliebte Sorte dieser
+Frucht zu danken. Die chinesische Heimath der suessen Pomeranze dagegen
+kommt in dem deutschen Namen "Apfelsine", urspruenglich "Sinaapfel" oder
+"chinesischer Apfel", zur Geltung. Der deutsche Name wurde von den Russen,
+den Grenznachbarn der Chinesen adoptirt; bezeichnend genug, meint Victor
+Hehn, fuer die Umwaelzung im Weltverkehr, der seit Vasco de Gama nicht mehr
+quer durch das Gebiet von Asien, von Ost nach West, vielmehr aus dem Ocean
+in umgekehrter Richtung sich vollzog.
+
+Der Name "Orange" stammt aus dem Sanskrit und ist auf _nagarunga_ oder
+_nagrunga_ zurueckzufuehren. Die Araber hatten daraus _Narunj_ gebildet, die
+Italiener _Naranzi_, _Aranci_, die Franzosen schliesslich Orange. Die
+mittelalterliche Bezeichnung "_poma aurantia_" Goldaepfel, ist somit nur
+dem Klange nach dem Worte "Orange" aehnlich. Aus "poma aurantia" ging dann
+aber das deutsche "Pomeranze" und das polnische "_Pomara['n]cza_" hervor.
+
+Dass unter den goldenen Aepfeln der Hesperiden, die Herakles, der Sage nach,
+aus dem fernen Westen holte, nicht Orangen gemeint sein konnten, geht aus
+der Geschichte jener Fruechte genugsam hervor. Die goldenen Aepfel der
+Hesperiden waren vielmehr idealisirte Quitten. Der Aphrodite geweiht,
+dienten sie dauernd in Hellas als Preise bei Liebesspielen und prangten
+unter den braeutlichen Gaben.
+
+Wie schoen ein Apfelsinenbaum bei voller Kraftentfaltung werden kann, wenn
+ihn Tausende von goldenen Fruechten schmuecken, das laesst sich freilich kaum
+an der Riviera, ja nicht einmal in Sorrent ermessen. Voellig ausgewachsene,
+ueppig entfaltete Orangenbaeume von der Groesse unserer Apfelbaeume, sah ich
+erst am Fusse des Aetna. Theobald Fischer gibt in seinen "Beitraegen zur
+physischen Geographie der Mittelmeerlaender" an, dass ein ausgewachsener,
+gut gehaltener Apfelsinenbaum in Sicilien sechs- bis siebenhundert, ein
+Limonenbaum sogar tausend bis elfhundert Fruechte liefert. Im Durchschnitt
+koenne man auf den Hektar Agrumen bei Palermo 3000 Lire Rohgewinn rechnen,
+und was das sagen will, geht daraus hervor, dass die eintraeglichsten Gaerten
+bei Paris es nur zu einem Rohgewinn von 2500 bis 2700 Francs auf den
+Hektar bringen.
+
+Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen zu uns aber nur einige
+wenige gelangen, darunter die jetzt immer beliebter werdende blutfarbige,
+die "Orange von Jericho".
+
+Auch die als besondere Art der Gattung Citrus geltenden Mandarinen
+(_Citrus nobilis_) sind Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien
+geworden. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser, als der
+Apfelsinenbaum. Er ist in allen Theilen kleiner, und an seinem
+buschig-runden Wuchs unschwer zu erkennen. In China und Cochinchina steht
+er seit undenklichen Zeiten schon in Cultur, in Europa hingegen tauchte er
+erst im Jahre 1828 auf.
+
+In dem Garten von La Mortola ist auch die _Citrus bergamia_ zu finden, aus
+deren Fruchtschalen das aeusserst wohlriechende Bergamottoel gewonnen wird;
+desgleichen steht dort die _Citrus myrtifolia_, deren sehr kleine Fruechte,
+in Zucker eingesotten, die beliebten "Chinois" liefern. Es fehlt auch
+nicht die suesse Limone oder Limette, die nur eine Abart der sauren Limone
+ist und wie die suesse Orange gegessen wird.
+
+Eigenartig sieht die _Citrus trifoliata_ aus, ein aus Japan stammender
+Strauch, der dreitheilige Blaetter traegt und mit grossen scharfen Dornen
+bewaffnet ist. An seinen Bluethen und Fruechten kann man ihn als Citrus-Art
+erkennen, sonst macht er wirklich nicht diesen Eindruck. Er vertraegt die
+Kaelte so gut, dass man ihn selbst in Paris im Freien sieht.
+
+Besonders faellt in dem La Mortola-Garten eine monstroese Orangenform auf,
+die der Katalog als "_Citrus Aurantium var. Buddhafingered_" bezeichnet.
+Die Missbildung beruht darauf, dass die einzelnen Fruchtfaecher, aus welchen
+die Orange aufgebaut ist, statt zu einer runden Frucht vereinigt zu
+bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt diese Frucht
+eine Anzahl von Fortsaetzen und erinnert entfernt an eine Hand mit
+vorgestreckten Fingern. Diese Aehnlichkeit hat in Indien den Vergleich mit
+"Buddha's Hand" veranlasst und aberglaeubische Vorstellungen erweckt. Ganz
+aehnliche Missbildungen kommen auch, in mannigfacher Verschiedenheit, bei
+den Citronen und Limonen vor und werden durch Veredlung festgehalten.
+
+Weitaus der merkwuerdigste Baum in der Reihe der Agrumi ist die Bizzarria,
+welche der La Mortola-Garten ebenfalls besitzt. Schoener entwickelt sah ich
+diese Pflanze im botanischen Garten zu Neapel. Die Bizzarria traegt
+zugleich Orangen, Citronen und Limonen. Sie weist auch Fruechte auf, welche
+die Mitte zwischen jenen Fruchtformen halten, endlich auch Fruechte, an
+welchen einzelne Faecher das Aussehen von Orangen, andere dasjenige von
+Limonen oder Citronen besitzen. Es sind Bizzarrien beschrieben worden,
+deren Fruechte die Bestandtheile von fuenf verschiedenen Fruchtformen der
+Agrumi in sich vereinigten. Die Entstehung der Bizzarrien ist bis jetzt
+nicht endgueltig aufgeklaert worden. Die Einen halten sie fuer Bastarde,
+waehrend Andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufaellige
+Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des Edelreises entstanden.
+Letzteres waere sehr merkwuerdig, da die Erfahrung, die wir taeglich bei der
+Veredelung unserer Obstbaeume, der Rosen und anderer Gewaechse machen, sonst
+lehrt, dass die Unterlage ohne allen Einfluss auf das Edelreis bleibt, dass
+beide ihre Eigenschaften unvermischt behalten. - Die Bizzarrien sind seit
+der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt. Sie mussten ja von Alters
+her durch ihr merkwuerdiges Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich richten.
+Zum ersten Mal wird ueber die Bizzarria im Jahre 1644 berichtet und
+angegeben, dass sie im Garten Panciatichi in Florenz wachse. Im Jahre 1711
+beschaeftigte sich die franzoesische Academie der Wissenschaften mit
+derselben und kam zu dem eigenthuemlichen Schluss, sie sei eine
+urspruengliche Pflanzenart eben so gut wie die Orange oder die Citrone.
+
+In unserem nordischen Garten wird uebrigens auch ein kleiner Baum
+cultivirt, der sich aehnlich wie die Bizzarria verhaelt. Es ist ein
+Goldregen, der dem Gaertner zu Ehren, der ihn in den Handel einfuehrte,
+_Cytisus Adami_ genannt wird. Sein Ursprung ist ebenso wenig wie derjenige
+der Bizzarrien aufgeklaert. Dieser aeusserst zierliche und interessante Baum,
+der sich leicht cultiviren laesst und bei keinem Gartenliebhaber fehlen
+sollte, traegt zur Bluethezeit der Hauptsache nach Bluethentrauben, die ganz
+so wie diejenigen des gewoehnlichen Goldregens (_Cytisus Laburnum_) gebaut,
+aber nicht gelb, sondern mattroth sind. An einzelnen Zweigen sind aber
+auch reingelbe Bluethentrauben, die sich dann von denjenigen des
+gewoehnlichen Goldregens gar nicht mehr unterscheiden, zu sehen. Ausserdem
+traegt der Baum an besonders gestalteten kleinblaetterigen Zweigen purpurne
+Einzelbluethen, welche, so wie die Zweige selbst, einer anderen
+Cytisus-Art, dem _Cytisus purpureus_ gleichen. Endlich kommen gemischte
+Bluethentrauben mit gelben und rothen Bluethen und mit Bluethen, die zum
+Theil gelb, zum Theil roth sind, vor. Nur die gelben Bluethen, die
+denjenigen des _Cytisus Laburnum_, und die purpurnen Bluethen, die
+denjenigen des _Cytisus purpureus_ gleichen, setzen Fruechte an, die
+anderen verhalten sich wie haeufig sonst die Bluethen der Bastardpflanzen,
+sie sind unfruchtbar. Es ist moeglich, dass es sich bei _Cytisus Adami_ um
+einen eigenartigen Bastard zwischen _Cytisus Laburnum_ und _Cytisus
+purpureus_ handelt; der Gaertner Adam zu Vitry bei Paris gab seinerseits
+an, ihn durch Veredelung von _Cytisus purpureus_ auf _Cytisus Laburnum_
+erhalten zu haben.
+
+In den Gaerten von der Mortola wird Jeder gern auch den Namen und die
+Heimath von zwei Pflanzen erfahren wollen, die ihm in den Gaerten der
+Riviera sicher zuvor schon aufgefallen sind: naemlich der _Wigandia
+Caracasana_ und des _Echium frutescens_ Die erstere ist eine stattliche,
+aus Venezuela stammende Blattpflanze, die bis zwei Meter Hoehe erreicht.
+Ihre sehr grossen Blaetter sind elliptisch, am Rande doppelt gezaehnt,
+beiderseits behaart, an der Oberseite etwas rostfarbig. Die grossen
+violetten, mit gelben Staubfaeden versehenen Bluethen bilden aehrenfoermige
+Bluethenstaende. Wie bei anderen Vertretern derselben Familie, der
+Hydrophyllaceen und der nah verwandten Familie der Boragineen oder der
+Boretsch-Gewaechse, sind die Bluethenstaende von Wigandia in ihrem oberen
+Theile schneckenfoermig eingerollt. Der eingerollte Theil ist noch unfertig
+und rollt sich in dem Masse auf als seine Bluethenknospen reifen. Solche
+Einrichtungen gewaehren den Vortheil einer sehr langen Bluethezeit. Da kann
+die bluehende Pflanze schlechte Witterung, oder sonst wie unguenstige Zeiten
+ueberdauern, ohne dass ihre Samenbildung ganz verhindert werde. Wie diese
+verhaeltnissmaessig grosse Wigandia, so gehoerte zu derselben Familie der
+Hydrophyllaceen das in unseren Gaerten haeufig cultivirte bescheidene
+Hainschoenchen, die _Nemophila insignis_; zu den nah verwandten Boragineen
+rechnen wir von unseren Gartengewaechsen unter anderen das als
+Kuechengewaechs wohlbekannte Gurkenkraut (_Borago_), von wildwachsenden
+Pflanzen unserer Flora den nicht minder verbreiteten Natterkopf (_Echium
+vulgare_). Das in den Gaerten der Riviera so auffaellige, oft bis zwei Meter
+hohe, mexikanische Echium frutescens, ist eigentlich nur eine
+Riesenausgabe dieses letzteren. Wer unseren Natterkopf kennt, wird auch
+jenes Riesen-Echium erkennen und unter den anderen Gewaechsen des Gartens
+sicher herausfinden. Es traegt dieselbe blaue, kolbenfoermige Bluethenaehre
+wie unser Echium, nur faellt dieselbe eben durch ihre Groesse auf.
+
+Doch wir wenden uns nun einem Baume zu, dessen Zweige einst wie jetzt den
+Sieger schmueckten, dessen Blaettern freilich auch die bescheidene Aufgabe
+zufaellt, unsere Speisen zu wuerzen. Der edle Lorbeer, der mit italischen
+Bildern ebenso wie die Agrumi verwebt erscheint, ist in Suedeuropa sicher
+heimisch gewesen, sein Cultus pflanzte sich hingegen allem Anschein nach
+von Kleinasien ueber das Mittelmeer fort. Er wurde dem Apoll geweiht und in
+dem Masse, wie die Zahl apollinischer Heiligthuemer in Griechenland zunahm,
+breiteten sich auch die aromatisch duftenden, immergruenen Lorbeerhaine
+immer mehr ueber dieses Land aus. Mit den griechischen Gottheiten gelangte
+der Lorbeerbaum auf italischen Boden, und es begleitete ihn dort zugleich
+als Cultus-Gewaechs die der Aphrodite geweihte Myrte.
+
+Allgemein war im Alterthum der Aberglaube, dass der Lorbeer gegen Daemonen,
+gegen Zauber und auch gegen Ansteckung schuetze. So suchte, wie berichtet
+wird, der furchtsame Commodus im Lorbeerhaine Rettung, wenn die Pest im
+Anzug war. Kronen von Lorbeer legte man Wahnsinnigen um Schlaefe und Hals,
+um sie zu heilen. Lorbeerfruechte oder -Blaetter genossen die Priester des
+Apollo, wenn sie weissagen sollten; Lorbeer trugen Propheten, wenn sie
+eine Stadt betraten. Der Lorbeer suehnte das vergossene Blut. Daher die
+roemischen Legionen sich, ihre Feldzeichen und Waffen mit Lorbeer
+reinigten, gleich nach dem Siege. Das hatte den Lorbeer folgerecht auch
+zur Trophaee des Sieges und zum Zeichen der gluecklich vollbrachten
+Waffenthat gemacht. Als eine Freude und als ein Glueck verheissendes
+Augurium wurde verkuendet, es sei am Tage, an welchem Augustus das Licht
+der Welt erblickte, ein Lorbeer vor dem Palatin entsprossen. Die
+reinigende Kraft des Lorbeers veranlasste dessen Verwendung zu Aspergillen.
+Der Strengglaeubige besprengte sich beim Eintritt wie beim Ausgang aus dem
+Tempel mit dem Lorbeerzweig, den er in das Weihwasser tauchte, und gern
+auch nahm er beim Herausgehen ein Lorbeerblatt vom Sprengwedel in den
+Mund. Die roemisch-katholische Kirche hielt sich nicht an den Lorbeer als
+Sprengwedel, uebernahm vielmehr den Ysop (_Origanum Smyrnaeum_) zu gleichem
+Zwecke von den Juden.
+
+Der Lorbeer brennt, nach Plinius, nur unwillig und zeigt dies durch sein
+Knistern an. Der feuerabwehrenden Kraft des Lorbeers wurde es
+zugeschrieben, dass bei dem grossen Brande Roms unter den Consuln Spurius
+Postumius und Piso, als die Regia in Flammen stand, das Sacrarium
+unversehrt blieb, da ein Lorbeer vor demselben stand. Andererseits war es
+gerade das Lorbeerholz, das im Alterthum zur Erzeugung des Feuers diente;
+doch fing es nicht selbst Feuer, es bildete vielmehr, wie uns Theophrast
+und Plinius berichten, das Reibholz, waehrend die Unterlage, die durch
+Reibung entzuendet wurde, meist aus Wegedorn (_Rhamnus_) oder aus Epheuholz
+bestand. Ein reines Feuer zu den Sacra durfte nur der Reibung zweier
+glueckbringender Hoelzer entstammen, oder den Sonnenstrahlen, die man mit
+Huelfe von Brennglaesern oder von metallischen Hohlspiegeln sammelte. Der
+Lorbeer sollte auch die Blitze abwehren. Daher auch der aberglaeubische
+Tiberius, wie Suetonius berichtet, sich mit Lorbeer bekraenzte, wenn ein
+Gewitter nahte. Gewisse Erfahrungen moegen die Vorstellung erweckt haben,
+dass dem Lorbeer bei Gewittern besondere Kraefte innewohnen. Denn es werden
+nicht alle Baeume gleich haeufig vom Blitze getroffen. Auch bei uns schlaegt
+der Blitz fast niemals in Wallnussbaeume ein, am haeufigsten aber in Eichen.
+Es haengt das mit der elektrischen Leitungsfaehigkeit des Holzkoerpers
+zusammen, die bei den einzelnen Baumarten eine verschiedene ist. Aus den
+angestellten Versuchen und dem statistischen Material scheint sich zu
+ergeben, dass Baeume, die zur Jahreszeit der Gewitter verhaeltnissmaessig viel
+fettes Oel in ihrem Holzkoerper fuehren, dem Blitzschlag am wenigsten
+ausgesetzt sind. Abgestorbene Aeste an einem Baume erhoehen fuer denselben
+die Blitzgefahr. Dass die Eichen am haeufigsten vom Blitze getroffen werden,
+musste von jeher auffallen, daher die Eiche auch dem Donnergott geheiligt
+war. Von dem Lorbeer ist die gegentheilige Erfahrung weniger sicher, zum
+Mindesten ist sie in Zweifel gezogen worden.
+
+Zu den Lorbeerarten gehoert auch der Campherbaum (_Laurus Camphora_), der
+im westlichen China und in Japan zu Hause ist und im La Mortola-Garten
+sehr gut gedeiht. Voellig ausgewachsen, kann er bis fuenfzig Meter hoch und
+sechs Meter dick werden. Seine Blaetter verbreiten beim Zerreiben einen
+merklichen Camphergeruch. Der Campher wird aber im Grossen nicht aus den
+Blaettern, sondern aus dem Holzkoerper dieses Baumes durch Sublimation
+gewonnen.
+
+Die zu den Laurineen gehoerenden Zimmetbaeume sind in La Mortola ebenfalls
+zu sehen, freilich nicht die wichtigste Art derselben, das in Ceylon
+heimische _Cinnamomum ceylanicum_, sondern zwei chinesische und japanische
+Arten. Der Zimmet des Handels besteht aus der Rinde junger Schoesslinge,
+welche nach starken Regenguessen geschnitten und geschaelt werden.
+
+Im schroffen Gegensatze zu diesen duftenden Pflanzen steht eine andere
+Laurinee, ein hier praechtig gedeihender, immergruener Baum, dessen Name:
+_Orcodaphne californica_, zugleich die Heimath angibt. Haeufig wird er in
+den Gaerten als _Laurus regalis_ bezeichnet. Er gleicht in der That in
+seinem Aussehen einem Lorbeer, zerreibt man aber eines seiner Blaetter
+zwischen den Fingern, so stroemt ein aetherisches Oel aus, dessen geringste
+Mengen schon in hohem Grade die Schleimhaut der Geruchsorgane angreifen.
+In Californien verweilt man nicht gern in der Naehe eines solchen Baumes,
+wenn der Wind von dessen Seite weht, denn die fluechtigen Oele, mit denen er
+sich beladen. hat, reizen zum fortdauernden Niesen.
+
+Man wird sich in La Mortola auch mit einer anderen Laurinee, der _Persea
+gratissima_, bekannt machen koennen, welche in den Gaerten der Tropen viel
+cultivirt wird und die Aguacatebirnen liefert. Die Krone dieses schoenen
+Baumes breitet sich domartig aus, seine Blaetter gleichen denjenigen des
+Lorbeers. Die birnfoermigen, doch oft auch sehr unregelmaessig gestalteten
+Fruechte sind grosse Steinfruechte, mit einem Kern im Innern. Ihr Fleisch
+schmilzt wie Butter auf der Zunge und erinnert im Duft an die feinsten
+Moschusmelonen. Die Mexikaner essen die Aguacaten vornehmlich als Salat
+und suchen sich in der schmackhaften Zubereitung derselben zu ueberbieten.
+
+Auch noch einige andere tropische Fruechte reifen gut im La Mortola-Garten,
+so die Guavas oder Guayaben, welche man von zwei Psidiumarten dort erntet.
+Die Gattung Psidium gehoert zu den Myrten-Gewaechsen und wird in allen
+Tropenlaendern cultivirt. Die Guavas vertreten dort in gewissem Sinne
+unsere Stachelbeeren, denn sie sind eben so fruchtbar, beginnen rasch
+Fruechte zu tragen und lassen sich leicht vermehren. Sie wachsen zu
+Straeuchern oder kleinen Baeumen mit immergruenen Blaettern empor und tragen
+Fruechte, die in ihrer Groesse zwischen der Wallnuss und dem Huehnerei
+schwanken. Diese Fruechte werden ohne Zuthat oder mit Wein und Zucker
+gegessen. Manche erinnern an Erdbeeren, andere besitzen einen
+suesssaeuerlichen Geschmack, andere noch einen so durchdringenden Duft, dass
+sie nicht Allen munden. Sehr geschaetzt werden auch die Guavas-Gelees in
+den Tropen, und man beginnt dieselben auch nach Europa einzufuehren.
+
+Eine andere in La Mortola cultivirte Myrtacee, die _Jambosa vulgaris_,
+liefert "Rosenaepfel", welche den Geschmack reifer Aprikosen haben und nach
+Rosenwasser duften. Der Baum selbst ist reich verzweigt und traegt
+immergruene Blaetter, die in ihrer Gestalt den Pfirsichblaettern gleichen.
+
+Wichtig sind, mehr noch ihres Holzes als ihrer Fruechte wegen, die zu den
+Ebenholzbaeumen gehoerenden Diospyros-Arten. Der japanisch-chinesische
+_Diospyros Kaki_, den man in La Mortola zieht, liefert die Kakis. Ein
+kleiner Baum mit eirunden Blaettern, gelblichweissen Bluethen und runden,
+etwa pfirsichgrossen, roethlichgelben Fruechten. Diese Fruechte muessen
+ueberreif werden, um feinen Geschmack zu gewinnen, dann halten sie die
+Mitte zwischen Pflaumen und Aprikosen. An der Riviera reifen die Kakis im
+October. In Japan benutzt man auch das Holz dieser Baeume, das dem Holz
+unserer Wallnussbaeume aehnelt. Doch weit uebertroffen wird das Kakiholz von
+dem Holz der suedindischen und ceylonischen _Diospyros Ebenum_ und anderen
+ihm nahe verwandten Arten, welche das Ebenholz liefern. Das schwarze
+Kernholz dieser Baeume war schon im Alterthum bekannt. Es galt als das
+geschaetzteste Holz jener Zeiten. Nicht nur Theophrast, sondern auch das
+alte Testament sind seines Lobes voll. Seine Dichte und seine dunkle
+Faerbung verleihen ihm so hohen Werth; durch seine Schwere ist es leicht
+von anderen schwarz gebeizten Hoelzern zu unterscheiden.
+
+Die zu den Anacardiaceen gehoerige ostindische _Mangifera indica_, den
+Mango-Baum, der die koestlichste Frucht der Tropen liefert, gelang es bis
+jetzt nicht in La Mortola zu erhalten. Wohl aber wird man zahlreiche
+andere Anacardiaceen sehen. Zu diesen gehoert auch der mit hellgruenen
+gefiederten Blaettern und mit rothen Fruchttrauben versehene Baum, dem man
+so oft in den Gaerten und an den Strassen der Riviera begegnet und der
+_Schinus Molle_ heisst. Dieser Baum wird als Pfefferbaum bezeichnet. Mit
+dem echten Pfeffer haben seine pfefferkorngrossen Beeren aber nichts
+gemein. Der echte Pfeffer stammt vielmehr von schlanken ostindischen
+Lianen (_Piper nigrum_), die nach Art des Epheus klettern und mit
+Luftwurzeln an der Unterlage haften. Die Fruchttrauben von _Schinus Molle_
+sind aber denjenigen des Pfeffers wirklich aehnlich und naehern sich dem
+Pfeffer auch im Geschmack. Ein Getraenk, das in Peru und Brasilien aus
+diesen Beeren dargestellt wird, soll an Wein erinnern. Es liegt fuer uns
+nahe, auch die in La Mortola cultivirten Vertreter der Gattung Zizyphus zu
+beachten. Befindet sich doch unter denselben der in Suedeuropa und an der
+nordafrikanischen Kueste einheimische _Zizyphus lotus_. Im Alterthum wurden
+mehrere Pflanzen Lotus genannt, doch ist _Zizyphus lotus_ allem Anschein
+nach jener Strauch, den Theophrast als Lotus bezeichnet. Von den Fruechten
+dieses Strauches waere somit schon bei Homer die Rede. Sie bildeten ein
+wichtiges Nahrungsmittel der Armen, und die Bewohner von Tunis und
+Tripolis hiessen, weil sie sich vornehmlich von diesen Fruechten ernaehrten,
+Lotophagen. Die Pflanzengattung Zizyphus gehoert zu den Kreuzdorn-Gewaechsen
+(_Rhamneen_). Die Fruechte von _Zizyphus lotus_ sind so gross wie Schlehen;
+ihr mehliges Gewebe, das den inneren Kern umgibt, kann zu Brod verbacken
+werden und auch ein gaehrendes Getraenk liefern. Aus den Fruechten anderer
+Arten, so vor Allem des _Zizyphus vulgaris_, eines in Syrien heimischen
+Baeumchens, und von _Zizyphus jujuba_, einem Baeumchen, das in Ostindien
+waechst, werden die frueher sehr beliebten Jujubapasten dargestellt. Von
+_Zizyphus spina Christi_, einem im Thale des Jordan und am Todten Meere
+verbreiteten dornigen Strauche, dem Nebeg oder Sfidr, geht die Sage, aus
+ihm sei die Dornenkrone Christi geflochten worden. Man hat auch die in
+unseren nordischen Gaerten cultivirten dornigen Gleditschien als
+Christus-Akazien bezeichnet und mit ihnen die Vorstellung von Christi
+Dornenkrone verknuepft, doch dies unter allen Umstaenden mit Unrecht, da die
+Gleditschien erst im achtzehnten Jahrhundert aus Nordamerika eingefuehrt
+wurden. Die Zizyphus-Arten werfen des Winters ihre Blaetter ab, treiben
+aber zeitig im Fruehjahr und bedecken sich mit sehr dunklem Laub. Da sie
+sehr duenne Zweige haben, haengen diese abwaerts und gewaehren mit den sich
+roethenden Fruechten beladen, spaeter ein sehr zierliches Bild.
+
+Unter den Anacardiaceen von La Mortola, die ein besonderes Interesse
+bieten, befindet sich auch der echte Pistazienbaum (_Pistacia vera_), dann
+die _Rhus succedanea_, welche das japanische Baumwachs liefert, sowie die
+_Rhus vernicifera_, aus deren Milchsaft die Japaner den beruehmten
+japanischen Lack bereiten. Das Ausfliessen dieses sehr giftigen Milchsaftes
+wird durch Einschnitte in die Rinde veranlasst. Um den Lack aus ihm zu
+machen, versetzt man ihn mit dem Oele von _Bignonia tomentosa_, oder von
+_Perilla ocymoides_ und fuegt auch wohl Zinnober hinzu. Die _Rhus
+vernicifera_ haelt im Freien selbst in den waermeren Theilen von Deutschland
+aus.
+
+Ein aeusserst niedlicher Strauch ist _Capparis spinosa_, welcher die echten
+Kapern liefert. Im Bluethenschmuck sieht man ihn erst im Herbst, und wer
+einmal um jene Zeit, am Comer See entlang, von Cadenabbia nach Tremezzo
+wanderte, dem werden sicher vor dem Eingang in den letzten Ort die
+dunkelgruenen Kapernstraeucher an der Mauer, wegen ihrer schoenen Bluethen,
+aufgefallen sein. Lange violette Staubgefaesse in grosser Zahl strahlen aus
+der schneeweissen zarten Bluethenhuelle hervor, freilich hier so hoch an der
+Mauer, dass man sie nur schwer erreichen kann. An vielen Orten der Riviera
+wird der Kapernstrauch im Grossen gezogen, seine Bluethenknospen sind es und
+nicht die Fruechte, die als Kapern dienen. Man pflueckt sie im Sommer und
+legt sie in Weinessig ein; viel Tausende von Kilogrammen Kapern werden so
+in der Provence bereitet.
+
+Staunend bleibt man wohl im La Mortola-Garten vor einer Nachtschattenart,
+dem baumartigen _Solanum Warszewiczii_, stehen, an welchem Fruechte von
+Groesse und Gestalt der Huehnereier haengen. Dann bemerkt man auch das
+krautartige _Solanum Melongena_, dessen gurkenfoermige violette Fruechte
+gekocht werden, und oft als Gemuese den Braten an italienischer Tafel
+garniren.
+
+Unter den krautartigen Gewaechsen fallen uns auch wohl manche
+Doldenpflanzen (Umbelliferen) durch ihre Groesse auf. Sie sind bei weitem
+maechtiger noch als die Meisterwurz, die _Imperatoria_, unserer Gaerten
+entwickelt. Besonders imponirt _Ferula communis_, das Stecken- oder
+Ruthenkraut, das auch eine eigene Geschichte besitzt. Dieses
+Doldengewaechs, das am Mittelmeer zu Hause ist, kann eine Hoehe bis zu vier
+Meter erreichen. Den Stengel benutzte man im Alterthum zu Spazierstoecken
+und seiner Zaehigkeit wegen auch zum Zuechtigen von Sklaven und Kindern,
+wozu man ihn zuvor im Wasser einzuweichen pflegte. Davon kommt der Name
+_Ferula_, der von _ferire_ (geisseln) abgeleitet ist. Das Mark des Stengels
+ist sehr locker und wird heute noch in Sicilien als Zunder benutzt. Das
+Feuer glimmt in diesem Mark fort, und daher geht die Sage, Prometheus habe
+in einem solchen Ferulastengel das Feuer zur Erde gebracht, das er dem
+Zeus entwandte. - Der _Ferula communis_ steht sehr nah der Stink-Asand,
+die _Ferula Scorodosma_ der persischen Steppen. Sie ist eine derjenigen
+Umbelliferen, welche die _asa foetida_ liefern. Dieses Gummiharz entstammt
+vornehmlich der Wurzel dieser Pflanzen. Sein Duft haelt die Mitte zwischen
+Knoblauch und Benzoe. Die Pflanze war allem Anschein nach schon den Alten
+bekannt und von ihnen als Silphium bezeichnet. Das Gummiharz hiess Laser.
+Mit dem Laser wuerzte man die Speisen und die Perser benutzen es heute noch
+als Gewuerz. Auch gab es eine Zeit, wo _asa foetida_ in Frankreich beliebt
+war, und man mit derselben die Suppenteller einrieb, um die Suppe
+"schmackhafter" zu machen.
+
+Der graublaetterige, immergruene Baum, welcher "japanische Mispeln" traegt,
+die "_Eriobotria_" oder _Photinia japonica_ ist in den Gaerten der Riviera
+so verbreitet, dass man ihn in La Mortola schon als alten Bekannten
+begruesst. Die lichtgelben, saeuerlich-suessen, pflaumengrossen Fruechte hat man
+oft schon bei Mahlzeiten genossen, sie allenfalls auch schmackhaft
+gefunden, wenn sie sehr reif und frisch waren. Der Baum stammt
+urspruenglich wohl aus China. Rein's Angaben zufolge ist er 1787 mit
+anderen Ziergewaechsen und Nutzpflanzen durch Sir Joseph Banks nach England
+gebracht worden. Jetzt reicht er ueber ganz Italien und ist selbst am
+Genfer See zu finden.
+
+Diesem Baume nahe verwandt ist ein anderer von gleich geringer Hoehe, der
+in den Gaerten der Riviera sehr viel cultivirt wird und jedem
+Pflanzenfreund daher auffallen muss: die in Japan und China heimische
+_Photinia serrulata_. Ihre grossen Blaetter sehen lorbeerartig aus, zwischen
+denselben leuchten die flachen weissen Bluethenrispen hervor. Aus der Ferne
+sehen sie fast so wie die Bluethenstaende unseres Holunders aus. Die
+Photinien gehoeren zu den Rosifloren. Sie zeigen manche Uebereinstimmung mit
+den Weissdornarten, der Gattung _Crataegus_, und werden mit denselben zum
+Theil vereinigt. Im La Mortola-Garten ist die in der Naehe des Einganges
+stehende _Photinia serrulata_ daher auch mit ihrem Synonym als _Crataegus
+glabra_ bezeichnet.
+
+Mit einigem Interesse sieht man sich im Garten von La Mortola einen
+stattlichen, mit harten, kleinen Blaettern bedeckten Baum, die _Quillaja
+Saponaria_ an, der, wie die japanische Mispel, zu den rosenbluethigen
+Gewaechsen gehoert, merkwuerdig aber durch seine saponinreiche Rinde ist.
+Diese Rinde, die als Panamaholz aus Chile importirt wird, schaeumt in
+Wasser auf wie Seife, steht als solche in Chile allgemein im Gebrauch,
+dient auch bei uns zum Waschen von Wolle und Seide und zu kosmetischen
+Zwecken.
+
+Als wohl bekannte Pflanzenform begruesst man den Johannisbrodbaum oder
+Caroubier (_Ceratonia siliqua_). Man hat ihn schon in weit praechtigeren
+Exemplaren in der Umgebung von Mentone gesehen. Alte Staemme erinnern in
+der Form an unsere Eichen; an den paarig gefiederten lederartigen Blaettern
+ist aber der Johannisbrodbaum als solcher sofort zu erkennen. Die Huelsen,
+Leckerbissen, die auf keinem Jahrmarkt fehlen, und an denen sich Kinder
+allgemein erfreuen, sind im Fruehjahr noch so klein, dass man sie an den
+Zweigen suchen muss. Aus den reifen Huelsen wird ein suesser, honigaehnlicher
+Saft gepresst, der als Keratameli im Orient genossen wird. Mit diesen
+Huelsen soll, der Sage nach, Johannes der Taeufer sich in der Wueste ernaehrt
+haben und der Baum nach dem Vorlaeufer des Messias seinen Namen fuehren. Die
+reifen Samen innerhalb der Huelsen zeichnen sich durch auffallend
+uebereinstimmende Groesse aus, woraus sich erklaert, dass sie einst als
+Gewichte dienten und der kleinen Einheit im Gold- und Diamantengewicht den
+Namen gaben. Denn Karat stammt von Kerateia, dem griechischen Wort fuer
+diese Huelse. Um gute Fruechte zu tragen, muss der Baum veredelt werden, und
+es waren jedenfalls die Araber, welche die bessere Fruchtform dieses
+Baumes am Mittelmeer verbreiteten. Er ist in Sued-Arabien wohl zu Hause,
+doch an vielen Orten der Riviera jetzt verwildert.
+
+Im La Mortola-Garten werden auch der Theestrauch und Kaffeebaum im Freien
+gezogen. Der Theestrauch, der baumfoermig bis zu fuenfzehn Meter Hoehe
+emporwachsen kann, macht den Eindruck einer Camellie, und in der That
+gehoert er auch wie diese zu der Familie der Ternstroemiaceen, ja er wird
+jetzt sogar als _Camellia Thea_ mit dem Camellienbaum in derselben Gattung
+vereinigt. Der Name Camellia, den diese Pflanzengattung fuehrt, klingt so
+poetisch, vielleicht weil man an die "Camelien-Dame" bei demselben denkt;
+thatsaechlich hat er aber einen viel prosaischeren Ursprung. Er entstand
+naemlich aus Kamel, dem Familiennamen eines Jesuitenpaters, der vor mehr
+als anderthalb Jahrhunderten die Camellie aus Manilla nach Spanien
+brachte. Diesem Georg Kamel zu Ehren benannte Linne die Pflanze, er fuegte
+_japonica_ hinzu, da die Camellie in Japan zu Hause ist, und von dort aus
+auch nach Manilla gelangt war. - Die Bluethen des Theestrauches erinnern
+sehr an die ungefuellten Camellien und haben zahlreiche Staubfaeden wie
+diese. In La Mortola blueht der Theestrauch im September. Seine
+porzellanweissen, rosa angehauchten Bluethen, die sich aus den Blattachseln
+vordraengen, verbreiten einen nur schwachen Duft. Nach den Berichten des
+Rev. B. C. Henry ist die _Camellia Thea_ wild in grossen Mengen noch im
+Innern der suedchinesischen Insel Hainon zu finden. Die zahlreichen
+Theesorten verdanken der verschiedenen Zeit des Einsammelns, dem
+verschiedenen Alter der eingesammelten Blaetter und deren verschiedener
+Behandlung ihre besonderen Eigenschaften.
+
+Der arabische Kaffeebaum, die _Coffea arabica_, ist ein kleiner
+pyramidaler Baum, der bis zu fuenf oder sechs Meter Hoehe emporwaechst. Er
+traegt seine immergruenen dunklen Blaetter in gekreuzten Paaren. Die weissen,
+nach Orangen duftenden Bluethen stehen gehaeuft in den Achseln der obersten
+Blaetter. Die Fruechte, die aus diesen Bluethen hervorgehen, sind
+kirschgrosse, dunkelrothe Beeren, die zwei Samen, die sogenannten
+Kaffeebohnen, enthalten. Der Kaffeebaum fuehrt seinen Namen nach dem
+Bergland Kafa im suedlichen Abyssinien. Man hat ueberhaupt die suedlichen
+Provinzen von Hoch-Abyssinien fuer den Ursprungsort des arabischen
+Kaffeebaumes gehalten, doch ist derselbe in neuerer Zeit wild am
+Victoria-Nyansa und in Westafrika gefunden worden, so dass Centralafrika
+wohl die eigentliche Heimath dieser Culturpflanze sein duerfte. Afrika hat
+uns neuerdings auch noch eine zweite Art des Kaffeebaumes geliefert, die
+_Coffea liberica_. Sie wird in den tiefer gelegenen Theilen der tropischen
+Kuestendistricte gefunden, ist gegen Temperaturwechsel empfindlicher als
+die _Coffea arabica_, vertraegt aber besser die Seewinde. Da sie durch
+Groesse der Samen und feines Aroma derselben ausgezeichnet ist, so beginnt
+ihre Cultur sich ueber die tropischen Laender bereits auszubreiten.
+
+In den Kaffeegaerten Arabiens und Abyssiniens wird auch ein zu den
+Celastrineen gehoerender Strauch cultivirt, mit gegliederten Aestchen,
+lederartigen, lanzettfoermigen Blaettern, den man in La Mortola sehen kann
+und der _Catha edulis_ heisst. Es ist das die Khatpflanze, deren
+getrocknete Blaetter von den Arabern theils wie Tabak gekaut, theils auch
+mit Wasser aufgebrueht und als Thee genossen werden. In Suedamerika dienen
+andererseits ganz allgemein der Theebereitung die Blaetter des _Ilex
+paraguayenses_ einer dem Khatstrauch ziemlich nah verwandten Aquifoliacee,
+die in Paraguay und Brasilien zu Hause ist. Man bezeichnet diese Blaetter
+dort als _Yerba_ oder als _Mate_. Dieser Strauch wird zwar im La
+Mortola-Garten nicht cultivirt, doch sieht man dort andere immergruene
+Ilex-Arten, die ihm sehr aehneln. - Die vorhandenen Arten der
+Sterculiaceen-Gattung _Sterculia_ koennen andererseits auch das Bild der
+_Sterculia acuminata_ oder _Cola acuminata_ ersetzen, welche den
+afrikanischen Negern die "Kolanuesse" liefert. Diese Fruechte sehen wie
+Kastanien aus und haben schwach bitteren Geschmack. Die Neger wissen sie
+nicht genug zu preisen, denn sie sollen den Koerper staerken, schlechtes
+Wasser trinkbar machen, gegen allerlei Krankheiten helfen, den Hunger
+stillen und das Gemueth erheitern. Thatsaechlich enthalten auch die
+Kolanuesse Thein, aehnlich wie die Thee- und Kaffeepflanzen und ausserdem
+Theobromin wie die Chocolade. Der Genuss dieser Fruechte beginnt jetzt bis
+nach England vorzudringen.
+
+Es faellt im La Mortola-Garten wie in den anderen Gaerten der Riviera wohl
+auf, dass die Camellien, Rhododendren und Azaleen so stark gegen andere
+Pflanzen zuruecktreten. Man erblickt sie nur vereinzelt und bei weitem
+weniger schoen und kraeftig wie etwa an den italienischen Seen entwickelt.
+Das hat in der Zusammensetzung des Bodens seinen Grund. Der so ueberaus
+kalkreiche Boden der Riviera sagt diesen Pflanzen nicht zu, die
+ausgepraegte Humusbewohner sind, ausserdem reiche Bewaesserung verlangen.
+
+Einen wichtigen Handelsartikel im Alterthum und Mittelalter haben auch
+wohlriechende Balsame gebildet. Ein Baeumchen, das solchen Balsam lieferte,
+tritt uns in La Mortola in dem _Styrax officinalis_ entgegen. Dieses
+Gewaechs ist in der Belaubung einem Quittenbaum aeusserst aehnlich; es
+entfaltet in La Mortola im Mai und Juni auch seine weissen, mit goldgelben
+Staubfaeden versehenen, wohlriechenden Bluethen. Ein Haupterzeuger solcher
+Balsame, die als Parfuem, als Raeucherwerk und zu Salben dienten, war der
+Storax-Baum (_Liquidambar orientale_). Die duftende Myrrhe, die zu
+gottesdienstlichen Zwecken auch den Griechen dient, stammt andererseits
+von _Balsamodendron Myrrha_, der Weihrauch, oder das _Olibanum_, von
+Boswellia-Arten, die im aeussersten Osten von Afrika und auf dem arabischen
+Kuestenstriche wachsen.
+
+In dem Garten von La Mortola kann man auch die zu den Huelsengewaechsen
+gehoerende _Indigofera tinctoria_ sehen, eine Pflanze, die zu den
+wichtigsten der Indigo liefernden Gewaechse zaehlt. Sie stellt einen kleinen
+Strauch vor, der in Ostindien zu Hause ist, der aber jetzt in anderen
+Laendern zwischen den Wendekreisen, ja selbst an einzelnen Stellen um
+Neapel cultivirt wird. Sie traegt unpaarig gefiederte Blaetter und entsendet
+aus den Achseln derselben ihre Bluethenstaende, die mit kleinen weissen oder
+rosenrothen Bluethen besetzt sind. Ihre naechste Verwandte, die man auch in
+La Mortola sehen kann, die zierliche _Indigofera Dosua_ aus dem Himalaya,
+wird auch in unseren Gaerten gezogen. Wie in anderen Indigo liefernden
+Pflanzen, zu denen auch unser Waid (_Isatis tinctoria_) und der
+chinesische Faerber-Knoeterich (_Polygonum tinctorum_) gehoeren, ist in der
+_Indigofera tinctoria_ der Indigo nicht schon als solcher vorhanden. Die
+zerkleinerten Pflanzen muessen vielmehr erst einen Gaehrungsprocess im Wasser
+durchmachen. Dieses wird abgegossen, wenn es sich stark gruengelb faerbt und
+dann geruehrt und geschlagen, um mit dem Sauerstoff der Luft in moeglichst
+reiche Beruehrung zu kommen. Dabei scheidet sich der Indigo als unloesliches
+Pulver ab. Er bildet die "echteste" und geschaetzteste Pflanzenfarbe, die
+auch schon den Alten bekannt war und bei ihnen als Indicum hoch im Werthe
+stand. Wie in der Jetztzeit London, so bildete einst Bagdad den Weltmarkt
+fuer diesen Artikel.
+
+Aus den exotischen Pflanzenformen ragen allseitig Nadelhoelzer hervor. Sie
+stechen eigenartig von denselben ab. Wir sind mit ihren Gestalten wohl
+vertraut und selbst die so regelmaessig geformten Araucarien sehen wie etwas
+gezierte Tannen aus. In den Gewaechshaeusern der Heimath sah auch jeder
+schon die Cycadeen, die hier in einer Anzahl von Arten unter freiem Himmel
+gedeihen. Dem Laien wird es schwer, sich vorzustellen, dass die Cycadeen
+Verwandte der Nadelhoelzer sind. Scheinen sie doch mit ihrem unverzweigten
+Stamm und mit ihrer einfachen Krone aus langen gefiederten Blaettern, weit
+mehr den Palmen zu gleichen. Mit diesen haben sie aber thatsaechlich nur
+eine gewisse Aehnlichkeit gemein. Diese aeussere Aehnlichkeit der Cycasblaetter
+und der Palmenblaetter hat es aber bewirkt, dass sie oft faelschlich als
+Palmenblaetter bezeichnet werden und als solche bei Begraebnissen Verwendung
+finden. Thatsaechlich ist das aber eine arge Verwechselung. Denn
+Palmblaetter und nicht Cycaswedel sollen es, der Tradition nach, sein, die
+man den Todten auf den Sarg legt, sowie es Palmenblaetter sind, die
+christliche Maertyrer in der Hand halten und die auf den Graebern in den
+Katakomben dargestellt werden.
+
+Den Palmen werfen wir in La Mortola nur fluechtige Blicke zu, da wir sie ja
+in Bordighera schon eingehend betrachtet haben. Hingegen fesseln unsere
+Aufmerksamkeit die zahlreichen Arten von Bambusen, die hier stellenweise
+schon zu maechtiger Entwickelung gelangten. Dass diese Pflanzen, trotz ihrer
+bedeutenden Hoehe, die beim gemeinen Bambus (_Bambusa arundinacea_) oft
+dreissig Meter erreicht, zu den Graesern gehoeren, kann nur Denjenigen in
+Erstaunen versetzen, der sich die Graeser ausschliesslich als Wiesenkraeuter
+vorstellt. Thatsaechlich haben wir schon in unseren Schilfrohr-Arten
+Vertreter der Gramineen-Familie vor Augen, die zu ansehnlicher Hoehe
+emporwachsen. Die Bambusen sind unserem Schilfrohr in mancher Beziehung
+aehnlich. Waehrend letzteres aber bei uns nur eine beschraenkte Verwendung
+findet, gibt es in den heissen Laendern kaum eine Pflanze, die
+mannigfaltigeren Nutzen als der gemeine Bambus stiftet. Die jungen
+Wurzelsprosse dienen als Gemuese, vornehmlich verwenden sie aber die
+Chinesen zur Bereitung eines beliebten Confectes, das dem Ingwer oft
+zugesetzt wird. Aus juengeren Halmen stellt man in den heissen Laendern
+Waende, Zaeune und anderes Flechtwerk her; aus den Blaettern macht man Matten
+und Huete, verpackt auch oft den Thee in dieselben. Junge Blaetter dienen
+als Viehfutter. Aus den Fasern der Halme bereiten die Chinesen ihr
+beruehmtes Papier, das durch seinen Seidenglanz, seine Weichheit und seine
+geringe Dicke ausgezeichnet ist. Die hohlen Staemme sind sehr leicht,
+besitzen trotzdem einen ganz ausserordentlich hohen Grad von Festigkeit und
+werden zu Bauten verwendet, die allen aeusseren Angriffen trotzen. Die ganze
+Oberflaeche des Stammes ist verkieselt, und so kommt es, dass dieser nicht
+allein in der Luft, sondern auch im Boden sich sehr lange haelt. Daher die
+Staemme auch als Wasserleitungsroehren und Wasserrinnen dienen, nachdem man
+zuvor die Scheidewaende durchbohrte, welche das Innere des hohlen Stammes
+durchsetzen. Andererseits lassen sich die einzelnen Glieder des Stammes
+als Wassereimer und als Blumentoepfe verwenden, wenn man die Scheidewaende
+unversehrt laesst. Aus Bambus werden Bruecken und Floesse, aus Bambus Betten,
+Stuehle und Tische gefertigt, mit Bambusfasern Matratzen gefuellt und Moebel
+gepolstert. Leitern aus Bambus sind sehr beliebt. Aus Bambus stellt man
+Ess- und Trinkgefaesse, chirurgische Instrumente und selbst Haarkaemme her,
+und als ob gezeigt werden solle, dass der Bambus einer jeglichen Verwendung
+faehig sei, verfertigen die Bewohner von Borneo und Sumatra aus demselben
+sogar Lampen, in welchen Dammaraharz gebrannt wird, und mit Dammaraharz
+gefuellte Kerzen, deren Huelle zugleich mit der Fuellung in Flamme aufgeht.
+Bambusstoecke kennen auch wir: sie werden aus den zaehen, knotigen
+Wurzelauslaeufern fabricirt, denen eine innere Hoehlung abgeht. Ebenso muss
+zu Kriegszwecken der Bambus das Material hergeben: er liefert Lanzen und
+Wurfspiesse von unuebertrefflicher Leichtigkeit und Haerte. Zu gleicher Zeit
+ist der chinesische Soldat ausgeruestet mit einem Sonnenschirm aus Bambus,
+dessen Ueberzug aus gefirnisstem Maulbeerpapier besteht. Desgleichen sollen
+die hohlen Stengeltheile des Bambus als Musikinstrumente zur Verschoenerung
+des Lebens beitragen. Sie werden zu Floeten und Clarinetten verarbeitet,
+auch als Resonanzboeden und selbst in Gestalt von Saiten verwendet. Ja
+C. Schroeter berichtet, dass die Atchinesen es sogar verstanden haben, aus
+Bambus eine Art Telephon herzustellen, durch welche sie ihre Wachtposten
+in Verbindung setzen. - Die Hoehlungen junger Stammtheile enthalten meist
+klares Wasser, mit welchem in Indien und in den Bergen von Java der
+Reisende seinen Durst stillen kann. - Die Bambusen bluehen selten; stellt
+sich aber ein Bluethenjahr ein, so gibt es eine grosse Fruchternte. Die
+Fruechte werden wie Reis gegessen oder in Brot verbacken, und wiederholt
+schon, so 1812, ist durch das Bluehen der Bambusen eine Hungersnoth in
+Indien abgewendet worden. Mit Recht konnte somit Wallace, einer der besten
+Kenner der Tropen, aussprechen, dass der Bambus eines ihrer herrlichsten
+Producte sei. - Am vollkommensten haben Chinesen, Japaner und die Bewohner
+Indiens und des indischen Archipels ihn auszunutzen gewusst. In China gibt
+es ganze Doerfer, die nur aus Bambus aufgebaut sind. Einen merkwuerdigen
+Eindruck soll es machen, wenn ein solches Dorf in Brand geraeth. Die Luft
+erhitzt sich alsdann in den abgeschlossenen Gliedern der Bambusstaemme und
+sprengt dieselben mit gewaltigem Knall. Man hoert aus der Ferne wie
+Kanonendonner, in welchem die Eingeborenen der Molukken deutlich den Ruf
+"Bambu, Bambu" zu vernehmen glauben.
+
+In einer Pflanze, die so viel Nutzen stiftet, lag es dem Naturmenschen
+nahe, auch nach verborgenen Heilkraeften zu suchen. In China werden die
+Wurzelstoecke, die jungen Sprosse, der Saft, der Samen, bestimmte Auswuechse
+der Pflanze, als Medicamente verwendet. Zu besonderer Beruehmtheit gelangte
+aber als Heilmittel ein eigenthuemlicher Koerper, der sich in den hohlen
+Gliedern der Staemme findet und Tabaschier genannt wird. Schon die
+Mediciner der roemischen Kaiserzeit wandten denselben viel an, gestuetzt auf
+orientalische Traditionen. Einen Weltruf gewann der Tabaschier aber erst
+durch die arabischen Aerzte im zehnten und elften Jahrhundert, und er gilt
+immer noch als ganz hervorragendes Medicament in der ganzen orientalischen
+Welt. - Das frische, dem Bambusstengel entnommene Tabaschier bildet
+schmutzig weisse, braune bis schwarze Stuecke. Beim Gluehen werden diese weiss
+calcinirt und in einen Chalcedon-aehnlichen Koerper verwandelt, der bald
+weiss und undurchsichtig, bald blaeulich weiss, durchscheinend und
+farbenschillernd aussieht. Thatsaechlich ist der Tabaschier nichts Anderes
+als gemeine Kieselerde, die, durch etwas vegetabilische Substanz
+verunreinigt, beim Gluehen von derselben befreit wird. Statt kostspieligen
+Tabaschiers, den er in den Bazaren theuer bezahlen muss, koennte der Patient
+somit auch reinen Kieselsand zu sich nehmen. Den rechten Glauben
+vorausgesetzt, muesste die Wirkung dieselbe sein.
+
+Sehr belehrend ist es im Fruehjahr zu verfolgen, wie die jungen Knospen
+maechtiger Bambusen als ueberarmdicke, mit scheidenartigen Blaettern
+dichtbedeckte Kegel die Erde durchbrechen. Sie pressen Wasser zwischen
+ihren Blattscheiden hervor, befeuchten und erweichen damit den umgebenden
+Boden und wachsen mit solcher Schnelligkeit, dass sich die unmoeglich
+scheinende Vorstellung Gras wachsen zu sehen, bei ihnen fast in greifbare
+Wirklichkeit verwandelt. Dieses Wachsthum kann naemlich unter guenstigen
+Verhaeltnissen einen Meter taeglich betragen und ein zwanzig Meter hoher
+Spross in wenigen Wochen somit diese Hoehe erreicht haben. - Schoene Gruppen
+von Bambuspflanzen gehoeren zu den zierlichsten Erscheinungen des
+Pflanzenreiches; freilich kann man diese Pflanzen in voller
+Prachtentfaltung erst in den Tropen sehen und im La-Mortola-Garten nur
+eine annaehernde Vorstellung davon gewinnen, welche Bedeutung ihnen in der
+tropischen Landschaft zukommt.
+
+Aus den werthvollen Angaben des Geographen Ritter und den nicht minder
+werthvollen Untersuchungen des Botanikers Ferdinand Cohn geht wohl sicher
+hervor, dass diejenige Substanz, welche die Alten als Saccharum bezeichnet
+haben, nicht Rohrzucker, sondern Tabaschier gewesen sei. Nach Bopp
+bedeutet das Sanskrit-Stammwort "_carkara_" nicht etwas Suesses, sondern
+etwas Zerbrechliches und Steinartiges. Im alten Indien wurde das
+Tabaschier als Sakkar Mambu oder Bambusstein bezeichnet, und erst die
+Araber haben dieses Wort auf den spaeter dargestellten, dem Tabaschier
+aehnlichen, krystallinischen Rohrzucker uebertragen. Edmund O. von Lippmann
+kommt ebenfalls in seiner ueberaus gruendlichen und erschoepfenden
+"Geschichte des Zuckers" zu dem Ergebniss, dass der Sakcharon der antiken
+Welt nicht unser Zucker gewesen sei; er weist nach, dass der *feste* Zucker
+auch in Indien erst in der Zeit zwischen dem dritten und sechsten
+Jahrhundert n. Chr. bekannt wurde.
+
+Das Zuckerrohr (_Saccharum officinarum_) ist unserem Schilfrohr sehr
+aehnlich und wie dieses eine Grasart. Man sieht es im La Mortola-Garten in
+voller Entfaltung. Das Zuckerrohr ist eine sehr alte Culturpflanze. Da es
+ausschliesslich aus Stecklingen gezogen wurde, hat es die Faehigkeit, Samen
+zu erzeugen, fast eingebuesst. Man hat bis vor Kurzem ueberhaupt geglaubt,
+dass das Zuckerrohr nicht fructificire; doch ergaben sorgfaeltige
+Beobachtungen, vornehmlich aus Java, dass diese Unfruchtbarkeit nur eine
+relative sei. Die Heimath des Zuckerrohrs ist wahrscheinlich Bengalen,
+jene Provinz, die, ihrer unerschoepflichen Fruchtbarkeit wegen, seit jeher
+als der Garten Indiens gepriesen wurde. Wohl gegen das Ende des dritten
+Jahrhunderts ist das Zuckerrohr aus Indien nach China gelangt und
+zweihundert Jahre spaeter westlich bis Gondisapur vorgedrungen. Diese Stadt
+lag am Flusse Karon, der unweit davon sich zum Theil in den Tigris, zum
+Theil nach dem Nordrand des Persischen Meerbusens ergoss. Dorthin hatten
+sich die Nestorianer gefluechtet, als das Concil zu Ephesus 431 n. Chr.
+ihre Lehre fuer ketzerisch erklaerte. Sie fuehrten dem Orient die Keime
+klassisch-litterarischer und wissenschaftlich-medicinischer Bildung zu,
+namentlich auch die Anfangsgruende chemischer Kenntnisse. Die Beziehungen
+Gondisapurs zu Indien bewirkten zugleich, dass sich der Einfluss der
+indischen Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie erbluehte, die
+nicht nur die Traditionen der griechischen Medicin und Naturwissenschaften
+in sich aufnahm, sondern dieselben auch wesentlich foerderte. Hier wurde
+allem Anschein nach die Kunst der Zuckerraffinerie erfunden, daher auch
+"Kand" der persische Name fuer den gereinigten Zucker ist.
+
+Durch die Araber kam das Zuckerrohr im achten Jahrhundert nach Spanien, im
+neunten nach Sicilien. In Venedig lassen sich 1150 bereits Zuckerbaecker
+nachweisen. Die drei wichtigsten Productionsstellen des Zuckers im
+Mittelalter waren Syrien, Aegypten und Cypern. Ihre Bedeutung schwand, als
+Vasco de Gama 1498 den directen Weg nach Ostindien um das Cap der guten
+Hoffnung fand und der Handel mit indischem Zucker so in die Haende der
+Portugiesen fiel. Damit war der dominirende handelspolitische Einfluss
+Venedigs und seine Macht fuer immer gebrochen; an Stelle des Mittelmeers
+wurde der atlantische Ocean der Schauplatz des Weltverkehrs. Um 1580
+begann Sicilien seine Zuckerproduction einzustellen, da diese gegen die
+ueberseeische Concurrenz nicht mehr ankaempfen konnte. Denn um jene Zeit
+hatte auch schon der amerikanische Zucker, besonders der brasilianische,
+die Bedeutung eines Weltproductes gewonnen und gelangte bis nach Palermo.
+Der Zuckerverbrauch stieg ganz enorm in Europa, und im Jahre 1600 hatte
+auch Deutschland, nach v. Lippmann, schon mehrere Zuckerraffinerien
+aufzuweisen. Freilich scheinen dieselben nach dem dreissigjaehrigen Kriege
+sich nur noch in Hamburg gehalten zu haben. Unter Friedrich dem Grossen
+entstanden zahlreiche Zuckerraffinerien in Preussen und wurden durch
+Prohibitivzoelle geschuetzt.
+
+Die Suessigkeit des Ruebensaftes hatte den Chemiker Markgraf veranlasst,
+Zucker aus demselben darzustellen, was ihm um 1747 gelang. Doch fand das
+gewonnene Product keine Verwerthung, zum Theil schon deshalb nicht, weil
+es an genuegend zuckerreichen Rueben damals noch fehlte. Diesem Mangel wusste
+erst Achard aus seinen Guetern bei Berlin um 1786 in groesserem Massstab
+abzuhelfen. Die erste wirkliche Ruebenzuckerfabrik errichtete derselbe
+Achard, mit Unterstuetzung Friedrich Wilhelms III., zu Cunern in Schlesien.
+Es folgten alsbald andere Fabriken in Preussen und Frankreich, wo besonders
+Delessert das Darstellungsverfahren vervollkommnete. Nach Aufhebung der
+Continentalsperre gingen trotzdem die meisten Ruebenzuckerfabriken sowohl
+in Deutschland als auch in Frankreich wieder ein, und erst von 1820 etwa
+an datirt der neue Aufschwung und der schliesslich grossartige Erfolg dieser
+Industrie.
+
+Der Palazzo Orengo wird von phantastischen Pflanzenformen: saeulenfoermigen
+Opuntien, candelaberfoermigen Euphorbien, sowie von zahlreichen bluehenden
+Aloe- und Agave-Arten umgeben. Auf der Mauer oestlich vom Hause faellt eine
+kleine, mit langen weissen Dornen bewaffnete Opuntie (_Opuntia tunicata_)
+in die Augen. Ihre Dornen sind mit zarten Scheiden umhuellt und verdanken
+diesen ihre Faerbung. Man kann die Scheiden von den Dornen abziehen; doch
+gilt es vorsichtig zu sein, denn die Dornen sind aeusserst scharf und
+verwunden leicht die Hand: Sie schuetzen wirksam die Pflanze gegen den
+Angriff der Thiere. Dieser Schutz ist aber auch noethig in den duerren
+Gegenden Mexikos, in welchen die Pflanze zu Hause ist, und wo es den
+Thieren oft an pflanzlicher Nahrung fehlt. In solchen Gegenden sind
+dornige Pflanzen sehr haeufig, Pflanzen, deren Blaetter sich zum besseren
+Schutz in Dornen verwandelt haben, waehrend der Stengel sich gruen faerbte,
+so in die Functionen der Blaetter trat, zugleich anschwoll und fuer die Zeit
+der Duerre mit Wasser versorgte. Durch Hunger getrieben, pflegen wohl
+Pferde mit den Hufen die Dornen von solchen Cactusgewaechsen abzuschlagen,
+um zu dem saftigen Fleisch zu gelangen, waehrend das Rindvieh sich an
+denselben schwer verwundet. Der Angriff auf diese weissdornige _Opuntia
+tunicata_ duerfte den Thieren unter allen Umstaenden schwer fallen, sie ist
+so stark bewaffnet, dass sie ausser dem Namen _Opuntia tunicata_ auch
+denjenigen _Opuntia furiosa_ erhielt.
+
+Doch am Palazzo Orengo fesselt unseren Blick vor allem die wunderbare
+Aussicht, die sich dort entfaltet. Gewiss ein herrliches Stueck Erde, fast
+zu schoen, um dasselbe dauernd zu bewohnen! Denn wonach soll man sich dann
+noch sehnen, wo eine Steigerung des Eindrucks erhoffen? - Von ueppigem Gruen
+und buntem Bluethenschmuck sind die Bilder eingerahmt, die hier den
+Beschauer fesseln. Sein Auge folgt entzueckt der zackigen Kueste, oder es
+ruht traeumend aus der tiefen Schlucht, in der sich der Garten aufwaerts,
+ohne Ende, bis zu den Gipfeln der Berge fortzusetzen scheint. Eine hohe
+Palme neigt sich wie sinnend ueber diesem Bilde und gibt ihm ein
+maerchenhaftes Gepraege. Nach Osten decken dunkle Baummassen die Aussicht,
+doch durch eine blumenreiche Pergola gelangt man bald bis auf den freien
+Bergrand. Der Tag geht zur Neige, und es beginnt Altbordighera im rosigen
+Abendlicht zu gluehen. Welch' ein Anblick! Ich weiss ein krankes Maedchen,
+eine zu frueh aufgebluehte Knospe, das Rettung vor dem Tode in Mentone
+suchte; dem schwebte jenes goldige Bild bis zuletzt in den Fiebertraeumen
+vor. Es war wie die Verheissung einer gluecklicheren Welt! Sehnsuchtsvoll
+streckte die Sterbende ihre Arme in der nordischen Heimath aus, um es zu
+fassen, und ein seliges Laecheln verklaerte dann ihr blasses Antlitz.
+
+Die Pergola, die nach jenem Aussichtspunkt im Garten von La Mortola fuehrt,
+ist von Banksia-Rosen und anderen Schlinggewaechsen ueberwuchert, deren
+Bluethen in den Abendstunden suessen Duft verbreiten. Die _Rosa Banksiae_
+koennen wir hier in ihrer vollen Prachtentfaltung bewundern. Ueberall
+leuchten aus dem gruenen, dornenfreien Laub die zierlichen Trugdolden ihrer
+halbgefuellten, hellgelben und weissen Bluethen hervor. Um diese schoene Rose
+ist die Riviera zu beneiden; bei uns im Freien will sie nicht gedeihen.
+Auch ist es in Gewaechshaeusern nicht moeglich, sie zu ueppiger Entwickelung
+zu bewegen, ebensowenig als dies fuer die _Bougainvillea_ gelingt, jene
+praechtige Liane der Tropen, die mit ihren carmoisinrothen Hochblaettern
+ganze Gebaeude an der Riviera deckt.
+
+Die Sonne war inzwischen untergegangen, und fahle Lichter streiften die
+Kueste. Altbordighera erschien so todtenblass, als waere es inzwischen
+ausgestorben; der Rahmen aus weissen Rosen umschlang es fast wie ein
+Todtenkranz. Die bunten Bluethen im dunklen Laube begannen unsichtbar zu
+werden, und scharf stachen nur vom hellen Abendhimmel die uralten
+Cypressen ab, die, dicht aneinander gereiht, im unteren Theile des Gartens
+zum Meere absteigen. Hat dieser dunkelfarbige Baum, der in so feierlichem
+Ernst zum Himmel emporragt, wirklich ein trauriges Aussehen, oder weckt er
+in uns nur traurige Empfindungen, weil er von jeher ein Symbol der
+Todtentrauer war, und wir ihn so oft neben Graebern sehen? Hier haette er
+wohl allen Grund, duester in die Landschaft zu schauen, denn er schmueckte,
+so heisst es, vor Zeiten einen Friedhof, nach welchem der Ort heute noch
+seinen Namen "La Mortola" fuehren soll. Blumenbeete haben seitdem die
+Graeber verdeckt, ueppiger Pflanzenwuchs die Staetten verwischt, an welchen
+Menschen einst ihre Lieben beweinten, die Cypressen allein trauern noch
+ueber den Todten.
+
+ VII.
+
+Die Strada nazionale, die am Garten vorbei nach Mentone fuehrt, steigt
+zunaechst in der Schlucht empor und beginnt erst jenseits der Croce della
+Mortola sich langsam zu senken. Es ist ein unendlich schoener Weg, der im
+weiten Bogen, am Abhang der Berge, langsam gegen Mentone absteigt. Bald
+ist man in einen Olivenhain gedrungen, in dem sich das Dorf Grimaldi
+verbirgt; jenseits des Ortes steigt ueber der Strasse ein alter Thurm duester
+in die Luefte empor, neben ihm draengt ein modernes Schloss in englisch
+gothischem Geschmack sich auf. Ein schoener Garten steigt bis zum Thurm
+empor. Es war das einst die Besitzung des englischen Arztes Bennet, dessen
+Name einen ruhmvollen Klang an der Riviera besitzt. Nach dessen Tode haben
+neue Besitzer das gothische Haus erbaut. Wir erreichen das italienische
+Zollhaus. Es dunkelt schon; in Mentone, das in geringer Ferne vor unseren
+Augen aufsteigt, beginnen auf den Strassen und in den Haeusern die Lichter
+sich zu entzuenden. Eine lange Reihe flammender Punkte folgt bald dem
+Strande, als haette sich das Meer mit einer Schnur feuriger Perlen
+geschmueckt. Mir zogen die Strophen des Mignonliedes durch den Sinn, und
+das Rauschen des Meeres schien sie in den Toenen der Beethoven'schen Musik
+zu begleiten. Wie bezeichnend fuer diesen Boden mehr als
+zweitausendjaehriger Cultur, dass jene Gewaechse in dem Liede, welche das
+Bild Italiens uns so lebendig vor die Seele zaubern, diesem Lande nicht
+ureigen sind. Sie kamen aus dem Orient, wie alle die grossen Gedanken, auf
+welchen unsere Bildung ruht, entfalteten und veredelten sich aber auf
+diesem Boden. Die Citronen und Orangen erhielten die klassischen Lande von
+den Semiten, welche dieselben ihrerseits von den Indiern uebernommen
+hatten. Der Oel- und Feigenbaum, der Weinstock und die Palme standen bei
+den Semiten in Pflege, lange bevor sie als Culturpflanzen siegreich nach
+dem Westen vordrangen. Der Cultus des Lorbeers und der Myrte gelangte von
+Osten her ueber das Mittelmeer. Die Cypresse hat nicht ihre Heimath in
+Italien, sondern auf den griechischen Inseln und auf dem Libanon; ja,
+selbst von der schirmfoermig ausgebreiteten Pinie, der die Rauchwolke des
+Vesuvs wie zum Vorbild dient, hat man, doch dieses Mal mit Unrecht,
+bezweifelt, dass sie eine echt italienische Pflanze sei. Und als wenn
+andererseits auch der grosse Culturimpuls, welcher von der Entdeckung der
+neuen Welt ausging, auf italienischem Boden in typischen Pflanzenformen
+verkoerpert werden sollte, brachte er diesem die Agave und die Opuntie. Die
+dornigen, blaugruenen Agaven, die stachligen, hellgruenen Opuntien, die so
+gut zu dem felsigen Strande Italiens passen, als waeren sie fuer ihn von
+jeher bestimmt gewesen, sind thatsaechlich erst im vierzehnten Jahrhundert
+von Amerika an denselben gelangt. Capri vermag man sich ohne die "_Fichi
+d'India_", deren abgeflachte Glieder sich in wunderbaren Kruemmungen ueber
+die Mauern draengen, kaum vorzustellen, und doch sind diese Opuntien hier
+eine moderne Erscheinung. Daher ist es ein Anachronismus, wenn die Agaven
+und Opuntien in den Preller'schen Odysseebildern den Vordergrund der
+Landschaft schmuecken. Die Schoenheit jener Bilder wird dadurch nicht
+beeintraechtigt, und doch kann man sich bei der Betrachtung derselben einer
+gewissen fremdartigen Empfindung nicht erwehren. Das historische
+Rechtsgefuehl fuehlt sich verletzt und muss erst durch das aesthetische
+Wohlgefallen beschwichtigt werden, welches diese so bedeutenden
+Kunstschoepfungen erwecken.
+
+Wie mag die Riviera ausgesehen haben, bevor die Cultur des Oelbaumes
+begann, als noch Palmen und Cypressen fehlten und der Wohlgeruch der
+Agrumi die Luft nicht erfuellte? - Sie war bedeckt mit immergruenen
+Straeuchern, waehrend dichter Nadelwald die Hoehen kroente. Das Bild der
+Vegetation musste ein ganz anderes sein; denn sein Aussehen war bestimmt
+durch Gesammteffecte, waehrend der Charakter jener Landschaft, die wir
+jetzt fuer die typisch italienische halten, auf dem wirksamen Hervortreten
+einzelner ausgepraegter Pflanzenformen und deren plastischer Sonderung
+beruht.
+
+Waehrend noch in den Zeiten Alexander des Grossen, also im vierten
+Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als ein Land kannten, das
+im Vergleich zu ihrem eigenen Lande und dem Orient einen ganz
+urspruenglichen Charakter trug, konnte bereits Marcus Terentius Varro im
+ersten Jahrhundert vor Christus, Italien mit einem grossen Garten
+vergleichen. Plinius klagt ein Jahrhundert spaeter ueber den Luxus, der auch
+im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemuese wurden so gross gezogen, dass sie
+der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen vermochte. Er fuehrt als Beispiel
+die Spargeln an, von denen in Ravenna oft nur drei auf das roemische Pfund
+(ca. 300 Gramm) gingen.
+
+Dass in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt worden war und der
+orientalische Culturpflanzen vorwiegend barg, das roemische Volk sich
+verweichlichen musste, ist nur zu klar. Es war das die Schattenseite jener
+zu ueppig entwickelten Cultur, die in dem Uebermasse ihrer Entfaltung auch
+die Keime ihres Untergangs trug.
+
+Als ich Mentone naeher kam, begann der Mistral zu wehen und fegte maechtige
+Staubwolken ueber die Strasse. In Garavan, im Schutze der Altstadt, wurde es
+trotzdem fast windstill, so dass ich dort am spaeten Abend im anmuthigen
+Garten des Hotel d'Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch den
+Bergruecken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die dichten
+Haeusermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollstaendig gedeckt und mit
+Recht daher von Brustkranken bevorzugt. Seit vorigem Winter erhielt
+Garavan einen eigenen Bahnhof, der fast eine zu grosse Erleichterung des
+Verkehrs fuer diejenigen Wintergaeste schafft, die in Monte Carlo durch
+schaedliche Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefaehrden.
+
+ VIII.
+
+Fast alle wichtigen Reiz- und Genussmittel des Pflanzenreichs dankt der
+Culturmensch den wilden Voelkern. Da bei ihm selbst die Cultur das
+instinctive Empfinden ganz zurueckdraengte, so kann er sich kaum noch
+vorstellen, welche Eindruecke den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel
+geleitet haben. Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, dass der Thee der
+Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze der
+Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolanuesse der Neger im wesentlichen
+dieselben Stoffe enthalten. Im La Mortola-Garten, bei Betrachtung der
+Pflanzen, die jene Stoffe liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres
+Aussehens feststellen. Irgend welches aeussere Abzeichen, das ihnen
+gemeinsam waere, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte
+somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er verfuhr
+nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und Flur seiner Nahrung
+nachgeht. Er war sich der Ursache seiner Wahl ebenso wenig bewusst.
+
+Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen, haben unsere Reiz- und
+Genussmittel eine interessante Geschichte aufzuweisen.
+
+In China ist der Theegenuss so alt, dass ein im zwoelften Jahrhundert
+verfasstes Buch "Rhya" von demselben als von etwas laengst Bekanntem
+spricht.
+
+In Europa begann sich der Theegenuss erst um 1630 zu verbreiten, unter dem
+Einfluss der hollaendisch-ostindischen Gesellschaft und der Lobpreisungen,
+welche einige hollaendischen Aerzte diesem Getraenk zu Theil werden liessen.
+Der Thee sollte die Lebenskraft steigern, das Gedaechtniss staerken, alle
+seelischen Faehigkeiten erhoehen, das Blut in willkommenster Weise
+verduennen. Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als vierzig
+bis fuenfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem interessanten Werke
+von Le Grand d'Aussy, welches 1782 zuerst erschien und die Geschichte des
+Privatlebens der Franzosen (_Histoire de la vie privee des Francois_)
+erzaehlt, ist zu lesen, dass der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald
+zu Ansehen gelangte, weil ihn der Chancelier Seguier unter seine
+Protection nahm. Es scheint, dass sich in Paris einzelne Personen auch auf
+das Rauchen des Thees verlegten, so wie man Tabak raucht, und der Arzt
+Bligny ruehmt sich, aus dem Thee eine Conserve, ein destillirtes Wasser und
+zwei Arten von Syrup dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken
+um 1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland
+verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den hollaendischen Aerzten des
+Grossen Kurfuersten. Im Jahre 1662 kostete, nach den von Flueckiger
+veroeffentlichten Documenten, eine Hand voll Thee in den Apotheken der
+Stadt Nordhausen noch fuenfzehn Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur
+noch vier Groschen. Nach Russland gelangte der Thee nicht ueber das
+westliche Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und
+schon in der zweiten Haelfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde der Thee
+dort zu einem allgemein verbreiteten Getraenk. Der Thee heisst demgemaess dort
+Tschai, entsprechend der Benennung wie wir sie auch bei den Arabern im
+achten Jahrhundert schon finden, waehrend in Polen aus _herba Theae_
+"_Herbata_" gebildet worden ist.
+
+Der wichtigste Bestandtheil der Theeblaetter ist das Coffein, derselbe
+Koerper, den die Kaffeebohnen fuehren und der auch dem Theobromin der
+Cacaobohnen aeusserst nahe steht. Ebenso ist der Paraguay-Thee oder Mate
+coffeinhaltig, und denselben Stoff fuehren auch die Kola-"Nuesse".
+
+Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in grossem Massstaebe
+betrieben, waehrend Europa, die Tuerkei ausgenommen, vor Mitte des
+siebzehnten Jahrhunderts nur wenig von dem Bestehen dieses Genussmittels
+wusste. Nach Constantinopel hatte Selim I. 1517 aus Aegypten den ersten
+Kaffee gebracht, und zwanzig Jahre spaeter gab es dort bereits viele
+Kaffeehaeuser. Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die
+Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen Consuls in
+Aegypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk ueber aegyptische Pflanzen
+veroeffentlichte, gab die erste, wenn auch wenig vollkommene botanische
+Beschreibung des Kaffeebaumes. Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste
+Kaffeehaus eroeffnet wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens
+rasch ueber ganz Italien. Wie Le Grand d'Aussy eingehend beschreibt, war es
+Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der Errichtung von
+Kaffeehaeusern den Anfang machte. In Paris kam das Kaffeetrinken erst unter
+Ludwig XIV. auf, und zwar vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten
+Mohammeds III., der, wie Le Grand d'Aussy berichtet, sich die Gunst der
+Pariserinnen in solchem Masse zu erwerben wusste, dass es Mode ward, ihm
+Besuche abzustatten. Er liess den Damen, nach orientalischer Sitte, den
+Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glaenzenden Porzellantassen auf
+goldbefranzten Servietten. Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das
+Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung, die mit Huelfe eines Dolmetschers
+gefuehrt wurde, alles das, meint Le Grand d'Aussy, musste den Kopf der
+Franzoesinnen verdrehen. Ueberall hoerte man von dem Soliman'schen Kaffee
+sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen zu
+verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das Pfund kostete bis zu
+vierzig Thalern. Im Jahre 1672 eroeffnete ein Armenier, Namens Pascal, auf
+dem Quai de l'Ecole das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getraenk,
+welches in demselben geboten wurde, "Cafe" genannt ward. Es war eine
+"Boutique" nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschaefte, da
+es fuer das feinere Publicum, welches allein den Kaffee damals trank, nicht
+geeignet war. Das erkannte richtig der Florentiner Procope, derselbe, der
+sich um Paris durch die Einfuehrung des Gefrorenen verdient gemacht hat; er
+richtete gegenueber der alten Comedie Francaise ein Cafe ein, welches ausser
+dem urspruenglichen Getraenk, auch Thee, Chocolade, Eis und verschiedene
+Liqueure fuehrte, und, geschmackvoll decorirt, sich alsbald des groessten
+"Succes" erfreute. Die Zahl der Nachahmer war gross, und 1676 hatte Paris
+schon eine Unmasse Cafes aufzuweisen, deren Einfluss sich als ein sehr
+guenstiger erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig XIV.,
+"_ce Roi si decent_", wie sich Le Grand d'Aussy ausdrueckt, durch harte
+Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem Florentiner Procope zu
+verdanken. Als ganz ungefaehrlich galt jedoch der Kaffee nicht, und die
+Marquise de Sevigne raeth darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre
+1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, "_pour en temperer le danger_".
+In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon 1624 erwaehnt. Das
+erste Kaffeehaus errichtete in London 1652 der Armenier Pasqua, Diener
+eines tuerkischen Arztes. Berlin folgte erst weit spaeter nach, denn Volz
+gibt an, dass dort das erste Kaffeehaus im Jahre 1721 eroeffnet wurde. Eine
+Anzahl deutscher Staedte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in
+Hamburg gab es schon 1679, in Nuernberg und Regensburg 1686, in Koeln 1687
+Kaffeehaeuser. In Wien erhielt 1683 ein gewisser Kolschitzky die Erlaubniss
+zur Eroeffnung des ersten Kaffeehauses und zwar als Belohnung fuer den Muth,
+durch welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der Stadt
+von den Tuerken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des achtzehnten
+Jahrhunderts war der Kaffeegenuss ueber ganz Deutschland verbreitet, und der
+Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel fuer Hamburg und Bremen.
+Friedrich der Grosse versuchte es vergeblich, den Verbrauch einzuschraenken.
+In dem Bestreben, Preussen wirthschaftlich abzuschliessen und "das Geld im
+Lande zu behalten", hatte er besonders die theueren Colonialwaaren mit
+hohen Zoellen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr oder suchte
+sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf und andere Chemiker wurden
+beauftragt, Surrogate an Stelle des Kaffees zu schaffen, was zur
+Entstehung von Eichelkaffee, von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst
+aus Rueben und Rosskastanien fuehrte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um
+jene Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben
+E. v. Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen Kaffeesurrogate
+erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum, daher 1781 ein
+Kaffeemonopol eingefuehrt ward, das die gewoehnlichen Consumenten zwang, den
+Kaffee schon gebrannt vom Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu
+kaufen, waehrend an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte
+"Brennscheine" abgegeben wurden.
+
+An den Thee und den Kaffee schliesst sich der Cacao fast gleichberechtigt
+an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige vieler anderer tropischer
+Pflanzen, da er eine sehr bestaendige, relativ hohe Temperatur neben einer
+grossen und gleichmaessigen Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath duerfte in
+den Laendern um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er ueberall
+in den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut. Die
+Cacaopflanze gehoert einer Unterabtheilung der Malvaceen an; fast aller
+Cacao des Handels stammt von der _Theobroma Cacao_ ab. Es ist ein
+dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem Stamm und breiter Krone, der fuer
+gewoehnlich acht bis zehn Meter Hoehe erreicht. Das Charakteristische fuer
+die Pflanze ist, dass sie ihre Bluethenstaende vorwiegend am alten Holze
+traegt, so dass der Stamm und die dicken Aeste sich weiterhin mit Fruechten
+behangen zeigen. Die Bluethen sind weisslich bis roth und liefern je nachdem
+gelbe oder dunkelrothe Fruechte. Waehrend die Bluethen nur klein sind, koennen
+die cylindrischen Fruechte bis fuenfundzwanzig Centimeter Laenge erreichen.
+Der Baum blueht und fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im
+Jahr meist nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem suesssaeuerlichen
+Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fuenf
+Laengsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte "Rotten"
+gemildert, einen Gaehrungsprocess, dem die aus der Frucht befreiten Samen
+unterworfen werden. Der Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst
+den von diesen verdraengten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519 das
+Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor. Aehnlich wie der
+Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico, ja in ganz Mittelamerika die
+Cacaobohnen als Muenze. Die Spanier sollen bei der Eroberung Mexico's im
+dortigen Staatsschatze nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund
+solcher Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die geroesteten
+Cacaobohnen geschaelt und gestossen, mit kaltem Wasser zu Brei angeruehrt und
+mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewuerzen, Vanille, duftenden Blumen
+und Honig versetzt. Dieser Brei "_bouillie assez degoutante_", sagt Le
+Grand d'Aussy, hiess Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen
+Namen der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und Atl
+(Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier, welche die
+Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt hatten, brachten sie bald
+nach Europa, und auch heute noch ist es Spanien, welches die groessten
+Mengen Chocolade verzehrt. Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade
+mit, als er 1606 von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien
+erstreckten, heimkehrte. Das warme Getraenk, das in Florenz aus Cacaomehl
+hergestellt wurde, verbreitete sich rasch ueber ganz Italien. Nach
+Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von Oesterreich, Gemahlin
+Ludwig's XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber erst 1661, unter dem
+Einfluss von Maria Theresia von Spanien, Gemahlin Ludwig's XIV., die sich
+aber noch versteckte (wie die Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren
+angibt), um ihre Chocolade zu trinken; der Genuss derselben musste somit als
+etwas Ungewohntes oder gar Verpoentes angesehen werden. Indessen schon 1671
+konnte Frau von Sevigne an ihre Tochter schreiben: "_Vous ne vous portez
+pas bien, le chocolat vous remettra._" Freilich muss die Chocolade als
+Heilmittel ihre Wirkung versagt haben, denn in einem spaeteren Briefe wird
+sie als "_source de vapeurs et de palpitations_" angegeben. Andererseits
+vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684 vor der Fakultaet eine
+These, in welcher er gutgemachte Chocolade als eine der edelsten
+Erfindungen pries, weit mehr wuerdig, als Nectar und Ambrosia, die Speise
+der Goetter zu sein. Derselben Ansicht muss auch Linne gewesen sein, der die
+Chocolade 1769 in den "_Amoenitates academicae_" behandelte und dem
+Cacaobaum den botanischen Namen "_Theobroma_", d. h. "Goetterspeise" gab.
+In England begann sich die Chocolade um 1625, annaehernd gleichzeitig auch
+in Holland, einzubuergern. Nach Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des
+Grossen Kurfuersten, den Cacao mit. Friedrich der Grosse verbot die Einfuhr
+der Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben, der
+Aehnliches fuer den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus Lindenbluethen an
+Stelle von Chocolade herzustellen, was aber nur schlecht gelang.
+
+Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru kamen, war dort ein
+anderes Reizmittel in Gebrauch, das der Instinct der Eingeborenen
+herausgefunden hatte, naemlich das Cocain. Dieser Koerper gehoert ebenso wie
+das Coffein und das Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die
+Bewohner des Inkareiches kauten die Cocablaetter ganz so wie die Hindus die
+Betelnuss kauen und wuerzten diese Blaetter auch mit Asche der Quinoapflanze
+(_Chenopodium quinoa_) oder mit geloeschtem Kalk, so wie es fuer die
+Betelnuesse in Indien geschieht. Bei maessigem Genuss wirken die Cocablaetter
+anregend auf das Nervensystem ein, in zu grossen Mengen und fortdauernd
+gebraucht, werden sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller
+koerperlichen und geistigen Faehigkeiten bei dem "Coquero" ein, der zu einem
+Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern gefuehrt hat. Den Spaniern
+fielen zunaechst nur die ueblen Folgen des Cocakauens auf, sie suchten
+dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote in Peru einzuschraenken.
+Daher wohl die Cocablaetter nicht wie andere aehnliche Reizmittel ihren
+Einzug in die alte Welt hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte
+Entdeckung, dass eine Aufloesung von Cocain ohne ueble Folgen die Hornhaut
+und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich macht, richtete die
+allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Alcaloid. Die Anwendung desselben bei
+Augenoperationen wurde allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete
+der Heilkunde als auch seine Faehigkeit, leicht zugaengliche sensible Nerven
+unseres Koerpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde.
+
+Die Cocablaetter gehoeren einem Strauche an, der unserer Schlehe aehnlich
+ist, aber bedeutendere Groesse erreicht. Diese Blaetter sind lebhaft gruen
+gefaerbt und sehr duenn; sie haben eifoermige Gestalt und laufen spitz an
+ihrem Ende aus. Die gelblich weissen Bluethen fallen wenig in die Augen, da
+sie nur geringe Groesse besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht
+unaehnlichen Fruechte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor. Der botanische
+Name der Pflanze ist _Erythroxylon coca_, sie bildet eine eigene kleine
+Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf die artenreiche Gattung
+_Erythroxylon_ beschraenkt ist. Die Blaetter sind schwach aromatisch und
+besitzen einen angenehm bitterlichen Geschmack. Das Alcaloid, welches man
+aus denselben gewinnt, bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in
+Wasser, dagegen leicht in Alcohol und noch leichter in Aether loesen.
+
+Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den
+Gewuerznelkenbaum geknuepft, da er eine aeusserst markirte Rolle in der
+Geschichte des Gewuerzhandels gespielt hat. Der Gewuerznelkenbaum (_Eugenia
+caryophyllata_) gehoert zu den Myrtaceen wie die Myrten, Eucalypten,
+Guaiaven und Rosenaepfel, die wir in La Mortola sahen. Er ist ein
+immergruener Baum mit wohlgeformter Krone, der ueber zehn Meter Hoehe
+erreichen kann und lederartige, glaenzende, durchscheinend punctirte
+Blaetter besitzt. Die Bluethen stehen an den Enden der Zweige in
+doldenfoermigen Bluethenstaenden. Der vierkantige Bluethenstiel breitet sich
+am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An der
+Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenblaetter und die Staubfaeden
+befestigt. Erstere werden aehnlich wie bei Eucalyptus als Kappe abgeworfen,
+wenn sich die Bluethe oeffnet. Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab,
+sammelt vielmehr kurz zuvor schon die "Gewuerznelken", indem man sie mit
+den Haenden vom Baume pflueckt oder mit Bambusstaeben abschlaegt. Sie sind
+somit noch ungeoeffnete Bluethen eines myrtenartigen Gewaechses und haben mit
+den nur aehnlich duftenden Bluethen unserer Gaerten, die wir als Nelken
+bezeichnen, den Dianthus-Arten, sonst nichts gemein. Beim Trocknen
+veraendert sich die dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. - Die
+Gewuerznelken waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt. Im
+vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie nach Europa. Man glaubte
+bis zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, dass Java oder Ceylon ihre
+Heimath sei; thatsaechlich aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem
+Wege des Gewuerznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken durch
+Varthema 1504 klaerte Europa ueber den Ursprung der Gewuerznelken auf. Mit
+den Molukken zugleich gelangte der Gewuerzhandel jener Inseln in die Haende
+der Portugiesen, dann ein Jahrhundert spaeter an die
+hollaendisch-ostindische Compagnie, welche die Production von Gewuerznelken
+und Muskatnuessen auf jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar
+dieselbe, um sie besser ueberwachen zu koennen, auf nur wenige Inseln
+einschraenkte. Auf den uebrigen Inseln liess sie die Gewuerzbaeume ausrotten.
+Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur begrenzte Mengen
+des Gewuerzes auf den Markt, und als in Folge guter Ernten der Vorrath
+einmal, im Jahre 1760, zu stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der
+Admiralitaet in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster Ueberwachung von
+Seiten der Hollaender gelang es dem franzoesischen Gouverneur von Mauritius
+und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewuerznelken- und Muskatbaeumen zu
+gelangen und sie auf seiner Insel anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802,
+als die Englaender die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafuer,
+dass die Cultur der Gewuerzbaeume sich ueber die Grenzen dieser Inseln hinaus
+verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur ueber die tropischen Laender weit
+ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau der Gewuerznelkenbaeume
+ganz zurueck, und nur die Muskatbaeume werden dort noch im grossen Massstab
+gepflegt.
+
+Die Muskatbaeume, die mit den Gewuerznelkenbaeumen stets zusammen genannt
+werden, gehoeren zu der Gattung _Myristica_, die den Lorbeergewaechsen sehr
+nahe steht. Der wichtigste Muskatbaum ist _Myristica fragrans_, der in
+seinem Aussehen an unsere Birnbaeume erinnert. Er besitzt eine rundliche
+Krone und dichte Belaubung. Seine Bluethen sind weiss oder gelblich und
+gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie klein sind, so
+fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun hingegen die hellgelben,
+aprikosenaehnlichen Fruechte, die der Baum gleichzeitig traegt. Diese Fruechte
+springen bei voller Reife auf und dann leuchtet ein carmoisinrother
+Samenmantel aus ihrem Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Huelle
+umgibt er den schwarzbraunen, als Muskatnuss bekannten Samen. Er selbst
+wird faelschlich als Muskatbluethe bezeichnet.
+
+Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen, hierauf der
+niederlaendisch-ostindischen Compagnie und ging auf die
+englisch-ostindische ueber, als England 1796 Besitz von Ceylon ergriff.
+
+Wie Zimmet, Gewuerznelken und Muskatnuss in der niederlaendischen Geschichte,
+so spielte der ostindische Pfeffer einst eine nicht unbedeutende Rolle in
+der Geschichte Venedigs. Namentlich aus Ruecksicht auf diesen Pfeffer lag
+Venedig daran, das rothe Meer und Aegypten sich offen zu halten. Unmengen
+von Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de' Tedeschi, an die
+Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flueckiger besonders
+hervorhebt, eine kaum mehr verstaendliche Gier nach Pfeffer, der
+schliesslich fast die Bedeutung eines ueberall gangbaren Zahlmittels
+erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert nahm er entschieden
+den ersten Rang unter den Gewuerzen ein; er stand so hoch im Preise, dass
+aermere Klassen von dem regelmaessigen Gebrauch desselben absehen mussten und
+"_cher comme poivre_" sprichwoertlich wurde. Diese Sucht nach Gewuerzen kam,
+wie Le Grand d'Aussy erzaehlt, von den vielen schwer verdaulichen Speisen,
+welche man damals zu geniessen pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche
+Gewuerze bei sich fuehrten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische
+sich mundgerecht zu machen. Regnard bezeichnet solche Esskuenstler als
+"_Docteurs en Soupers_".
+
+Aus der Geschichte des Levantehandels im Mittelalter von Wilhelm Heyd geht
+hervor, dass zu den verbreitetesten Specereien damals auch der Ingwer
+gehoerte, und dass er fast eben so stark begehrt war wie der Pfeffer. Diese
+Pflanze, deren Heimath in Ostindien liegt, kann man im Garten von La
+Mortola sehen. Ihre bis zu einem Meter hohen gruenen Sprosse entspringen
+dem wohlriechenden Wurzelstock, der im Boden versteckt ist. Die Sprosse
+erinnern an die in unseren Gaerten cultivirten Canna-Arten und tragen wie
+diese, in zwei Reihen angeordnete, doch wesentlich schmaelere Blaetter. Am
+Gipfel schliessen sie, falls sie zur Bluethe kommen, mit dichtgedraengten
+Hochblaettern ab, aus deren Achseln gelb- und violettgefaerbte Bluethen
+entspringen. In La Mortola blueht freilich der Ingwer nicht, und auch in
+Asien kommen nur selten bluehbare Stengel zur Entwickelung. Stuecke des
+Wurzelstockes sind es, die, geschaelt oder ungeschaelt, als Ingwer in den
+Handel gelangen. Der aus China eingefuehrte in Zucker gekochte Ingwer
+stammt von zarten, sorgfaeltig geschaelten Wurzelstoecken. Eingemachter
+Ingwer wurde schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in irdenen
+Toepfen nach Italien eingefuehrt, doch war Marco Polo der erste Europaeer,
+der auf seinen Reisen in China und Indien von 1280-1290 die Pflanzen zu
+sehen bekam. Dieser mit Recht hochberuehmte Reisende des Mittelalters
+erwarb sich ueberhaupt sehr grosse Verdienste um die Erforschung von China,
+weshalb ihm der Besitzer von La Mortola, der selbst laengere Zeit im "Reich
+der Mitte" lebte, in der Eingangshalle seiner Villa ein glaenzendes, von
+Salviati in Venedig als Glasmosaik auf Goldgrund ausgefuehrtes Brustbild
+widmete. Da freilich von Marco Polo ein authentisches Bildniss nicht
+bekannt ist, blieb es der Phantasie des Kuenstlers ueberlassen, wie er sich
+ihn vorstellen wollte.
+
+ IX.
+
+Wer den Weg von Mentone nach Nizza auf der vielgeruehmten Route de la
+Corniche zuruecklegen will, sollte dies nur bei voellig klarem Wetter thun.
+Denn unter den grossen Eindruecken dieser Bergstrasse darf die Aussicht
+landeinwaerts in die schneebedeckten Seealpen nicht fehlen. Im Fruehjahr
+sind die Berge meist von Wolken bedeckt und so dem spaehenden Auge
+verborgen. Die Route de la Corniche ist an schoenen Fruehlingstagen von
+unvergleichlicher Wirkung. Sie faengt an bei Roccabruna zu steigen und
+folgt dann in unzaehligen Windungen dem Abhang. Das eine Mal wendet sie
+sich landeinwaerts, als wolle sie den Berg durchbohren, das andere Mal
+schlaegt sie die Richtung nach dem Meere ein, als stuerze sie sich in die
+Fluthen. Fort und fort wechseln die Bilder. Abwaerts taucht der Blick in
+die gruenen Thaeler und trifft immer neue Einschnitte der Kueste; aufwaerts
+wird er begrenzt durch die maechtigen Kuppen der Berge. Wo diese
+auseinandertreten, da tauchen, wie mit einem Zauberschlag, die
+schneebedeckten Haeupter der Seealpen in der Ferne auf. - Den hoechsten
+Punkt hat die Corniche bei La Tourbie, der alten _Trophea_ oder _Turris in
+via_, etwa 500 Meter ueber dem Meere erreicht. Die Corniche folgt der alten
+roemischen Strasse; Napoleon I. war es, der sie im Jahre 1805, so wie sie
+heute ist, ausbauen liess. Jetzt ist die Tourbie sogar durch eine
+Zahnradbahn mit Monte Carlo verbunden. Einst lief hier die Grenze, welche
+Gallien von Italien schied. Der weit sichtbare, aus maechtigen Truemmern
+aufsteigende Thurm, der als Thurm des Augustus bekannt ist, trotzt noch
+immer der Zeit. Mit seinen zackigen Zinnen, erst im vierzehnten
+Jahrhundert erbaut, ging er aus den Quadern des gewaltigen Denkmals
+hervor, das hier der Senat und das roemische Volk dem Octavian errichten
+liessen, als die Schlacht bei Actium ihn zum Herrn der Welt machte. Plinius
+hat uns die Inschrift bewahrt, welche das Denkmal auf seinen vier Seiten
+trug. Ausser der Widmung an den _Caesar Imperator_ standen da die Namen von
+vierundvierzig Alpenvoelkern verzeichnet, welche unter roemisches Joch
+gebeugt worden waren. Ein Standbild des Kaisers kroente das Denkmal, das,
+alter Schilderung nach zu urtheilen, grossartig gewesen sein musste.
+Trotzdem schonten es die spaeteren Zeiten nicht. Die Longobarden begannen
+seine Zerstoerung. Die Saracenen gestalteten es zur Festung. Dann schoepften
+Jahrhunderte lang die Bewohner von La Tourbie aus den Truemmern, wie aus
+einem Steinbruch, die Steine zum Bau ihrer Kirche und ihrer Haeuser. Im
+zwoelften Jahrhundert holten die Genueser hier Marmor zum Schmucke ihrer
+Bauten, und was dann noch verblieb, wurde am Hochaltar in der alten
+Kathedrale von Nizza verwandt. - Von La Tourbie aus sieht Monte Carlo mit
+all seinem Glanz und Elend nur wie ein unschuldiges Kinderspielzeug aus.
+An den Ernst des Lebens wird man aber auch in dieser Hoehe durch alle die
+Festungswerke gemahnt, welche Frankreich auf den Berggipfeln errichtet
+hat. Selbst der hoechste Berg ueber Monte Carlo, der 1150 Meter hohe
+Mont-Agel, dessen Gipfel weithin das ganze Land beherrscht, hat jetzt
+einen Kranz von Redouten erhalten.
+
+Als Glanzpunkt der Corniche erscheint mir die Stelle, an welcher Eza auf
+schroffem Fels, mitten in der Landschaft, emportaucht. Welche gewaltige
+Kraft war noethig, um in so schwindelnder Hoehe, so unvermittelt zwischen
+Himmel und Erde, aus maechtigen Quadern Burgen zu erbauen! Von Abgruenden
+umgeben, vor jeder Ueberraschung sicher, haben nach einander nizzardische
+und piemontesische Geschlechter in dieser Burg geherrscht. Armselige
+Haeuser suchten Schutz an den befestigten Mauern, und auch heut noch stehen
+sie da und draengen sich um die zerfallenen Ruinen. Die alte Pracht
+verschwand von dieser Staette: das Elend ist geblieben. Von aussen aber
+vergoldet es die strahlende Sonne des Suedens und hebt den stolzen Felsen
+majestaetisch ab gegen den blauen Hintergrund des Meeres.
+
+Nizza wird immer groesser, verliert den urspruenglichen, italienischen
+Charakter, nimmt ganz denjenigen einer eleganten, cosmopolitischen Stadt
+an und amuesirt sich ohne Unterbrechung. Endlos folgen im Winter Redouten,
+Blumenschlachten, Regatten, Pferderennen auf einander. Wie eigen dieser
+Trieb zum Vergnuegen, der sich hier auch der einheimischen Bevoelkerung
+bemaechtigt hat! Denn kaum hat ein Ort gleich schwere Schicksale im Laufe
+der Zeiten erlebt. Unzaehlige Male wurde die Stadt gepluendert und verwuestet
+durch Gothen, Longobarden, Saracenen und Provencalen. Frankreich eroberte
+sie wiederholt, um sie zu verlieren und wieder zu gewinnen. Sie wurde von
+der Pest heimgesucht, durch starke Kaelte ihrer Oliven- und Orangenbaeume
+mehrfach beraubt, von afrikanischen Heuschrecken haeufig ueberfallen. Daher
+vielleicht der Leichtsinn, der sich seiner Bevoelkerung bemaechtigt hat und
+der den Grund dazu legte, dass Nizza zu einer Metropole der schalen
+Vergnuegungen aufwuchs. Mein Ziel war Nizza nicht, vielmehr das Cap
+d'Antibes, ein Ort, den ich schon vor vielen Jahren liebgewonnen hatte.
+Ein Aufsatz von George Sand, in der "_Revue des deux mondes_" vom Jahre
+1868, machte mich mit den Schoenheiten dieses Vorgebirges zuerst bekannt.
+George Sand besuchte auf demselben den schoenen Garten des hervorragenden
+franzoesischen Botanikers Thuret und war von der Aussicht ganz hingerissen,
+die man von dort genoss. Dass das Cap trotzdem so unbeachtet blieb, haengt
+mit seiner exponirten Lage zusammen, die es zum Aufenthaltsorte fuer
+Lungenleidende wenig geeignet macht. Das Cap ist in das Meer weit
+vorgeschoben und daher den Winden ausgesetzt; auch sieht man von demselben
+die Schneealpen, und ist demgemaess auch nicht gegen den kalten Luftstrom
+geschuetzt, der von denselben kommt. Auch fehlte es am Cap bis vor Kurzem
+an einem guten Unterkommen, das den Reisenden zum laengeren Bleiben haette
+einladen koennen. - Ich halte das Cap d'Antibes fuer einen der Glanzpunkte
+der Riviera. Wer dessen Herrlichkeit in ganzer Fuelle gleich geniessen will,
+der besteige den Huegelruecken, der die Seelaterne und das bescheidene
+Kirchlein _Notre-Dame de Bon-Port_ traegt. Der Anblick, den man dort bei
+klarem, sonnigem Wetter geniesst, ist geradezu ueberwaeltigend. Das Cap
+d'Antibes setzt sich so weit fort in das offene Meer, dass man von ihm aus,
+wie von einem Schiffe, das Land ueberblickt. Es trennt den Golf Jouan von
+der Baie des Anges und beherrscht so gleichzeitig die beiden Buchten. Im
+Westen wird das Bild von dem Esterel-Gebirge abgeschlossen, das in reicher
+Gliederung ganz unvermittelt aus dem Meere aufsteigt. Das Esterel erinnert
+in seinen Umrissen an das Siebengebirge, den Stolz unseres Rheinlandes,
+was sich aus dem vulkanischen Ursprung beider Gebirgszuege erklaert. Das vom
+Cap d'Antibes eine Stunde weit entfernte Cannes wird durch die Landenge
+der Croisette verdeckt, frei liegt hingegen vor ihm im Meere die
+Lerinische Insel St. Marguerite. Deutlich erkennt man auf ihr das Fort, in
+welchem einst der mysterioese "_homme au masque de fer_" und neuerdings
+Bazaine eingekerkert waren. Es folgt an der Kueste ein Ort auf den andern.
+Zunaechst das Staedtchen Golfe Jouan, in dessen wohlgeschuetztem Hafen das
+franzoesische Mittelmeer-Geschwader liegt. Zahlreiche Villen und Gaerten
+decken die gruenen Huegel, die sanft gegen das Meer abfallen. Nach Suedwesten
+hin streckt das Cap d'Antibes noch einen Seitenarm in die Fluthen, und
+dieser traegt ein kleines Fort und das Grand Hotel. Gegen Sueden verliert
+sich der Blick in dem weiten Meer; gegen Osten kann er der Kueste bis
+jenseits Bordighera folgen, wo diese endlich in dem Blau der Ferne
+schwindet. Im Halbkreis reihen sich an der Bai des Anges die Haeuser von
+Nizza aneinander und versuchen es auch, die angrenzenden Huegel zu
+erklimmen. Im Vordergrund zeichnet sich grell das alte Antipolis, noch im
+mittelalterlichen Gewande, von steilen Mauern und Laufgraeben umgeben und
+von dem malerischen Fort Carre beherrscht, das es zu Vaubans Zeiten
+erhielt. Nach Norden thuermen sich Berge auf Berge, um endlich in den
+schneebedeckten Alpen ihren verklaerten Abschluss zu finden. So zeigt dieses
+Bild all das Erhabenste wieder vereinigt, was die Natur uns zu bieten
+vermag. Und wie wirkungsvoll zugleich ist der Gegensatz zwischen der
+unbegrenzten Flaeche des Meeres und den bewegten Umrissen der
+himmelstuermenden Bergriesen; wie zart vermittelt die azurne Farbe des
+Wassers und das matte Gruen der Kueste, wie schroff abgesetzt das glaenzende
+Weiss der Schneefelder von dem dunkeln Blau des Himmels! Wie athmet man
+frei in dem weiten Raum, welchen der Blick hier umfasst; wie fuehlt man sich
+gelaeutert durch die hehren Bilder, die sich in der Seele spiegeln!
+
+Das kleine Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port ist mit manchem _ex voto_
+geschmueckt. Ringe und Ketten von Schiffen, kleine aus Holz geschnitzte
+Kaehne, die an den Waenden haengen, deuten den Dank Jener an, denen es
+gelang, sich aus stuermischer See zu erretten. Am 8. Juli eines jeden
+Jahres ziehen die Schiffer von Antibes barfuss den Huegel hinauf und holen
+das Standbild der Mutter Gottes herab, um es in gleichem Aufzuge am
+naechsten Sonntag von Antibes wieder hinauf zu tragen.
+
+Ueber das Grand Hotel du Cap d'Antibes bildete sich ein ganz eigener
+Mythos. Es hiess, de Villemessant, der einst so bekannte Redacteur des
+"Figaro", haette den Bau veranlasst, um ein Heim fuer Schriftsteller und
+Kuenstler zu schaffen. Dieselben sollten dort vereint ihren Arbeiten
+obliegen und durch die herrliche Umgebung zu bedeutendem Schaffen angeregt
+werden. Dieser Mythos war aber nur eine "_Blague_", durch entsprechende
+Zeitungsartikel veranlasst und durch eine "Expedition" grossgezogen, die die
+Redaction des "Figaro" in diese Gegend unternahm. Auch scheint das
+treibende Motiv nur das gewesen zu sein, eine neue Station an der Riviera
+zu entdecken, von gleicher Rentabilitaet wie das rasch aufbluehende Cannes.
+Man wollte es Lord Brougham nachmachen, von welchem der Reisebericht des
+"Figaro" vom 25. April 1867 erzaehlt, dass er die Stadt Cannes entdeckt habe
+- entdeckt insofern, als er dort Grundstuecke zu 5 Sous den Meter vorfand,
+die sich bald zu 60 Francs verkauften. Der "Figaro" liess es aber bei den
+schoenen Plaenen bewenden, und die projectirte "Villa Soleil" kam nicht zu
+Stande; wohl aber liess ein Russe, der das Cap d'Antibes schon bewohnte,
+sich bestimmen, das grosse Hotel du Cap zu erbauen. Das Unternehmen
+missglueckte, ein Paechter folgte dem andern, bis endlich das Haus
+geschlossen wurde. Erst jetzt, wo die Zahl der Reiselustigen so bedeutend
+zugenommen hat, stellen sich guenstigere Bedingungen fuer das Unternehmen
+ein. Das Hotel kam in sorgsame und geschickte Haende und wird sich
+voraussichtlich weiter gut entwickeln. Seine Lage ist einzig schoen. Aus
+den Fenstern der Vorderseite hat man den vollen Blick auf den Golfe Jouan
+und das Esterel-Gebirge, waehrend die Fenster der Rueckseite nach den
+schneebedeckten Alpen schauen. Ein grosser Garten umgibt das Gebaeude und
+reicht bis zum Meer hinab. Er verliert sich in dem duftigen mediterranen
+Gestruepp, und wo dieses aufhoert, setzen nackte, zerrissene Felsen die
+schmale Landzunge fort. Unaufhoerlich waelzt das Meer seine Wogen gegen
+diese Felsen, und heftiger Sturm jagt den Schaum der Wellen ueber dieselben
+hinweg. In tausend Klippen sind die steilen Abhaenge des Caps zerrissen,
+bilden phantastische Stufen, Grotten, Buchten und Verstecke, und zu jeder
+Tagesstunde laesst sich an dem jaehen Absturz eine Stelle finden, an der man,
+vor der Sonne und meist auch vor dem Winde geschuetzt, mit einem Buche in
+der Hand, sich niederlassen kann. Gelesen wird freilich kaum, denn die
+blauen Wellen schlagen fort und fort gegen die Steine und stoeren durch ihr
+Plaetschern. Einmal beruehren sie den Fels nur sacht, so dass man sie kaum
+hoert, dann wieder schwellen sie an und plaudern so laut, als wollten sie
+vernommen werden. Zuweilen rollt die schwellende Fluth dicht heran, dann
+flieht sie wieder, und unwillkuerlich folgt das Auge ihr nach. So lassen
+sich Stunden auf Stunden vertraeumen an dem steinigen Strande von Antibes,
+und unbemerkt verfliegt ein Tag nach dem andern. Die Nerven ruhen aus und
+sammeln neue Spannkraft fuer die gesteigerten Anforderungen der Zeit. -
+Ebenso wonnig wie auf seeumspuelten Felsen lagert es sich zwischen den
+duftenden Straeuchern des Strandes mit dem blauen Zeltdach des Himmels ueber
+dem Haupte und einem begrenzten Stuecke azurnen Meeres zur Seite. Man hat
+eine Decke ueber Myrten oder Rosmarinstraeucher ausgebreitet und ruht nun
+wie auf einem Polster. Gewiss gehoert es mit zu den hohen Reizen dieses
+bevorzugten Ortes, dass man aus dem Garten unmittelbar in die volle, reine,
+unverfaelschte Natur gelangen kann. Denn die wohlriechenden Straeucher, die
+hier den Strand bedecken, sind nicht von Menschenhand gepflanzt. Sie
+bilden einen Vegetationstypus, der fuer das Mittelmeergebiet bezeichnend
+ist und den Namen _Maquis_ fuehrt. Immer mehr weichen diese Maquis der
+Cultur, namentlich an dieser stark bevoelkerten Kueste. Ueber groessere
+Flaechen ausgedehnt, findet man sie hier noch im Esterelgebirge. In voller
+Prachtentfaltung treten sie dem Reisenden erst auf Corsica entgegen.
+
+Der Charakter dieser Maquis wird durch immergruene Straeucher bestimmt.
+Selbst eine Anzahl baumartiger Gewaechse nimmt in den Maquis Strauchform
+an. Bei der grossen Mehrzahl dieser Straeucher ist die Laubentwickelung
+eingeschraenkt worden, ja zum Theil geschwunden. Das Alles befaehigt diese
+Pflanzen, langanhaltende Duerre auszuhalten. Im Fruehjahr, wenn die noethige
+Bodenfeuchtigkeit zur Verfuegung steht, kommen sie gleichzeitig zur Bluethe
+und zaubern dann, auf sonst duerrem Boden, ueppige Gaerten hervor. Es walten
+in den Maquis die aromatischen Gewaechsarten vor. Aus jedem Strauch, den
+man streift, befreit man ganze Stroeme von Wohlgeruechen. Dem Boden, den man
+tritt, entlockt man eine Fuelle fluechtiger Essenzen: Rosmarin, Thymian,
+Lavendel, Cistusrose, Myrte und Pistacie mischen ihre Duefte und erfuellen
+mit ihnen die Luft. Die Faerbung der Maquis ist eine braeunlich-gruene, und
+erst die Bluethen beleben den einfoermigen Ton. Sie treten auf in
+massenhafter Fuelle. Das zarte Blau der Rosmarinbluethe gesellt sich dann
+dem grellen Gelb der Ginster, die helle Farbe der Cistroeschen dem dunkeln
+Violett der Lavendel. Auf Corsica scheinen die Abhaenge ein einziger
+Bluethenstrauss um jene Zeit zu sein, und der Wanderer wird von dem Duft
+berauscht, der diesem Bluethenmeer entstroemt. Nicht ohne Grund behaupten
+die Schiffer, dass man Corsica im offenen Meere schon aus weiter Ferne
+*riechen* koenne, und nach jenem wuerzigen Duft seiner Heimathsinsel sehnte
+sich auch Napoleon zurueck auf St. Helena, vor seinem Ende.
+
+Was noch von den Maquis am Cap d'Antibes erhalten blieb, ist freilich
+wenig, und doch kann man selbst auf jener kleinen Landzunge vor dem Garten
+des Grand Hotel fast alle die Arten zusammenlesen, welche den Typus der
+Maquis bestimmen. Unter den strauchartigen Formen faellt zunaechst der
+Rosmarin durch seinen Duft, seine blauen Lippenbluethen und seine steif
+linealen, unterseits weiss-filzigen Blaetter auf. Man begegnet ihm dort
+ueberall. Das wohlriechende Oel verfluechtigt sich, wenn man seine Blaetter
+zerreibt. Diese Pflanze zieht man auch bei uns in den Gaerten, besonders
+fuer die Bienen, deren Honig sie ein feines Aroma verleiht. Ihre
+Verbreitung noerdlich von den Alpen wurde durch das Capitulare Karl's des
+Grossen 812 gefoerdert, welcher die Anpflanzung des "_ros marinus_" in den
+kaiserlichen Gaerten befahl. Im Alterthum hat man den Rosmarin viel zum
+Winden von Kraenzen benutzt und schmueckte mit diesen die Bildsaeulen der
+Laren. Im Mittelalter bemaechtigte sich die Symbolik dieses immergruenen,
+duftigen Gewaechses, und es wurde zum Sinnbild der Liebe, der Treue und des
+Todes. Als Sinnbild der Treue gilt es auch bei Shakespeare, der die
+wahnsinnig gewordene Ophelia sagen laesst: "Da ist Vergissmeinnicht, das ist
+zum Andenken: ich bitte Euch, lieber Herr, gedenket meiner - und da ist
+Rosmarin, das ist fuer die Treue."
+
+Neben dem Rosmarin steht am Strande von Antibes ueberall der Thymian. Er
+haelt sich am Boden, ueber und ueber bedeckt mit kleinen rosafarbigen
+Bluethen. Etwas hoeher steigt an reich verzweigten Staemmchen ein anderer
+Lippenbluethler auf, die _Lavandula Stoechas_, und streckt ihre violetten
+Bluethenaehren zwischen den schmalen, weichfilzigen Blaettern empor. -
+Zahlreich draengen sich aneinander die Ciststraeucher. Sie erreichen hier
+kaum ueber einen halben Meter Hoehe und tragen an reich verzweigten Aesten
+ihre braeunlich-gruenen, klebrigen Blaetter. Die Art mit kleineren weissen
+Bluethen ist _Cistus monspeliensis_; die andere mit weit groesseren
+rosenrothen Bluethen, _Cistus albidus_. Die weissen wie die rosenrothen
+Cistroeschen sind aeusserst zart, in der Knospe zusammengeknittert, mit
+zahlreichen gelben Staubfaeden in der Mitte verziert. Sie welken aeusserst
+rasch, wenn man sie pflueckt, doch entfalten sich an Zweigen, die man in
+Wasser stellt, alsobald neue Bluethen. Die Ciststraeucher tragen nicht wenig
+dazu bei, den Maquis von Antibes einen charakteristischen Geruch zu
+verleihen. Das Gummiharz, welches einige suedeuropaeische Cistus-Arten
+ausschwitzen, war unter dem Namen Ladanum oder Labdanum frueher ein
+beruehmtes, von griechischen Aerzten viel benutztes Heilmittel. Heute wird
+es nur noch zum Raeuchern verwendet. - Wer aufmerksam den Boden zwischen
+den Cistroeschen durchsucht, kann ein eigenthuemliches Gewaechs dort finden,
+einen Parasiten, der aus den Wurzeln der Cistroeschen seine Nahrung zieht.
+Er faellt durch seine brennend gelb-rothe Faerbung auf und heisst _Cytinus
+hypocistis_. Gruene Blaetter fehlen ihm; er hat sie eingebuesst, da er sich
+nicht mehr selbstaendig zu ernaehren braucht. Die Rafflesiaceen, zu denen
+dieser Cytinus gehoert, sind im Uebrigen Tropenbewohner. Sie leben
+parasitisch und entwickeln dabei zum Theil riesig grosse Bluethen. Die
+groesste Bluethe der Welt wird von einer solchen Rafflesiacee, der _Rafflesia
+Arnoldi_, erzeugt, welche auf Sumatra den Wurzeln gewisser Cistus-Arten
+aufsitzt. Diese Bluethen koennen einen Meter im Durchmesser erreichen. - Den
+Cistroeschen nahe verwandt sind die Sonnenroeschen, Helianthemum-Arten, die
+auch unserer Flora nicht fehlen und in den Maquis hier und dort mit ihren
+zarten schwefelgelben Bluethen am Boden hervorschauen. - Wesentlich hoeher
+als selbst die Cistroeschen wird ein stark bewaffneter Strauch mit gelben
+Schmetterlingsbluethen, die _Calycotome spinosa_. Diese verdient es wohl,
+eine nahe Verwandte der _Genista acantoclada_, jener Tartarusgeissel zu
+sein, deren wir frueher erwaehnten. Sie ist mit dornartigen, scharfen
+Seitenaesten so dicht besetzt, dass man sie sorgfaeltig in den Maquis meiden
+muss. Weniger unzugaenglich ist die nah verwandte Besenpfrieme (_Spartium
+junceum_), ein fast blattloser Strauch mit rutenfoermigen gruenen Aesten und
+grossen gelben Bluethen. Aus diesen Binsenpfriemen werden Koerbe, Netze, ja
+selbst Schuhe geflochten, der Bast wird zum Binden benutzt, auch eine Art
+Leinwand aus ihm dargestellt.
+
+Sehr haeufig in den Maquis ist die Mastix-Pistazie (_Pistacia Lentiscus_).
+Hier tritt sie nur als Strauch auf, waehrend sie unter anderen Bedingungen
+auch zum Baume emporwachsen kann. Einen solchen schoenen Lentiskenbaum, mit
+dichter, schirmfoermiger Krone, kann man unweit vom Hotel, im Garten einer
+Villa von der Strasse aus bewundern, die nach Golfe Jouan fuehrt. Die
+dunkelgruenen, paarig gefiederten, lederartig zaehen, oberseits glaenzenden
+Blaetter sind fuer _Pistacia Lentiscus_ charakteristisch; es zeichnet sie
+ausserdem ein besonderer harziger Geruch aus. Die an sich sehr kleinen
+Bluethen fallen schon aus der Ferne auf, weil sie in dunkelrothen Trauben
+bei einander stehen. Dieses Gewaechs liefert den altberuehmten Mastix, doch
+kann derselbe nicht aus dem Strauchwerk der Maquis, sondern nur aus
+sorgsam cultivirten Mastixbaeumen gewonnen werden. Diese gedeihen am Besten
+auf der Insel Chios und haben dieser Insel sogar den Namen der
+Mastix-Insel verschafft. Das Harz, welches aus kuenstlich ausgefuehrten
+Einschnitten, doch auch von selbst aus den Zweigen hervortritt, findet
+seine hauptsaechliche Verwendung im Orient, wo es gekaut wird, aehnlich wie
+die Blaetter des Betelpfeffers in Indien. Es heisst, dass Mastix das
+Zahnfleisch festige und den Athem parfuemiere. Vornehme tuerkische Frauen
+bringen den ganzen Tag mit Mastixkauen zu. Bei uns wird wohl auch
+Zahnpulver aus dem Mastix bereitet, vornehmlich aber dient er zum Raeuchern
+und zur Firnissbereitung.
+
+Fremdartig muthet den Nordlaender das Wolfsmilchbaeumchen, _Euphorbia
+dendroides_, an, da wir doch unsere Wolfsmilcharten nur zu sehr
+bescheidener Hoehe emporwachsen sehen. Diese Euphorbia-Baeumchen koennen an
+der Riviera zwei Meter Hoehe erreichen und Staemme bilden, die man mit
+beiden Haenden kaum zu umfassen vermag. Die Pflanze gabelt sich fort und
+fort waehrend ihres Wachsthums und bildet eine gewoelbte Scheindolde, die
+durch ihre gelbe Faerbung von Weitem schon in die Augen faellt. Sie ist eine
+der eigenartigsten Pflanzenformen der Riviera. Man findet sie in den
+Maquis und auch sonst durch das Land zerstreut. Schon Dioskorides und
+Plinius war sie aufgefallen. Zur Zeit der Sommerduerre wirft sie ihre
+Blaetter ab und steht kahl da, wie unsere Gewaechse im Winter. Das Volk an
+der Riviera streut diese Wolfsmilchart ins Wasser, um die Fische zu
+betaeuben, und ueber einen aehnlichen Brauch wird auch aus Griechenland
+berichtet. - Bedeutend steht diesem Wolfsmilchbaeumchen an Groesse eine
+andere Wolfsmilchart nach, die in den Maquis sich als niedriger Busch am
+Boden haelt, die _Euphorbia spinosa_. Sie ist gelb gefaerbt, wie die grosse
+Art und fuehrt den Namen nach den abgestorbenen Zweigen, die in harte
+Spitzen auslaufen. - An ihren fleischigen, kleinen, dicht gedraengten
+Blaettern, ihren weissbehaarten, ueberhaengenden Zweigen, den kleinen, gelben,
+unscheinbaren Bluethen ist eine sonst seltene Thymelaeacee, die _Passerina
+hirsuta_, kenntlich. Auch die baumartige Heide, _Erica arborea_, fehlt
+nicht in den Maquis am Cap. Sie schmueckt im Fruehjahr ihre Zweige so dicht
+mit den kleinen glockenfoermigen Bluethen, dass sie aus der Ferne ganz weiss
+erscheint. Der Erdbeerbaum (_Arbutus Unedo_) ist hier auch, doch nicht
+zahlreich, vertreten; seine erdbeerartigen Fruechte werden auf den Maerkten
+der Riviera feil geboten. Im Aussehen gleicht er der Heide kaum, entstammt
+aber doch derselben Familie. Die Uebereinstimmung liegt nicht im Laub, wohl
+aber in den glockenfoermigen Bluethen, die im Uebrigen groesser sind und in
+roethlich weissen Rispen abwaerts haengen. Die immergruenen Blaetter sind
+eifoermig, am Rande stark gezaehnt; sie sehen wie Lorbeerblaetter aus. Die
+Fruechte reifen sehr langsam; man findet sie oft, mit neuen Bluethen
+zusammen, noch am Baume. Sie schmecken suesssaeuerlich, doch fade, daher auch
+Plinius ihren Namen "_Unedo_" von "_unum tantum edo_" (nur eine esse ich)
+ableitete. Dem roemischen Volke dienten Arbutuszweige als Zaubermittel. Mit
+ihnen wurden dreimal die Pfosten und Schwellen der Thueren beruehrt, um
+vampyraehnlichen Geschoepfen den Eingang zu wehren, die des Nachts den
+Kindern in der Wiege das Herzblut aussaugen sollten. Ein Zweig des
+glueckverheissenden Weissdorns im Fenster des Schlafgemachs hielt auch die
+Unholde ab.
+
+Ueberall draengt sich in die Maquis die immergruene Steineiche, _Quercus
+Ilex_, ein. Sie bleibt dort strauchartig. Ihre eifoermigen, vorn
+zugespitzten Blaetter sind an der Unterseite grau und an diesem Merkmal von
+den benachbarten Straeuchern zu unterscheiden. Die scharfe Zaehnelung des
+Blattrandes kann auch fehlen. Ausserhalb der Maquis ist die immergruene
+Steineiche ein maechtiger Baum. Aus ihrem Laube wurde im alten Rom die
+Buergerkrone geflochten, von der Plinius sagt, sie ueberstrahle alle anderen
+Kraenze, selbst die kostbarsten, an Wuerde. An einzelnen Straeuchern der
+Maquis klettert eine zarte Spargelart (_Asparagus acutifolius_). Der
+holzige, biegsame Stengel, der an abstehenden blattlosen Seitenaestchen
+kleine nadelfoermige Zweige traegt, welche die Stelle der Blaetter vertreten,
+wird viel zu Guirlanden benutzt, und oefters findet man an der Riviera
+Spiegel und Kronleuchter der Wohnraeume von solchem Spargelkraut umwunden.
+Die jungen Triebe dieser Asparagus-Art geniesst man wie unseren Spargel. In
+Sicilien werden in aehnlicher Weise als "Spargel" die jungen,
+wohlschmeckenden, schon im Alterthum geschaetzten Triebe des stechenden
+Maeusedorns (_Ruscus aculeatus_) verzehrt.
+
+Zu den Charakterpflanzen der Maquis gehoert ferner der Phillyreastrauch
+(_Phillyrea angustiflora_), daher ich ihn nicht uebergehen darf. Er
+erreicht ein bis zwei Meter Hoehe und ist durch seine auswaerts gerichteten,
+lineal-lanzettlichen, lederartigen Blaetter und die kleinen, weisslichen, in
+sehr kurzen Trauben zusammengedraengten Bluethen ausgezeichnet. Dieser
+Strauch gehoert zu derselben Familie wie der Oelbaum, dem er auch ein wenig
+aehnelt. - Botanisch sehr interessant als Vertreter der Cneoraceen, ist ein
+Strauch mit glaenzenden gruenen, lanzettfoermigen Blaettern und kleinen,
+gelben Bluethen, die zu zwei bis drei an den Enden der Zweige stehen:
+_Cneorum tricoccum_. Seiner eleganten Tracht wegen wird er auch in den
+Gaerten der Riviera vielfach cultivirt; man sieht ihn sogar in den so
+raffinirt gehaltenen Casinogaerten von Monte Carlo einen, wenn auch
+bescheidenen, Platz einnehmen.
+
+Die mit grossen, rothfarbigen Scheinbeeren beladene Wachholderart der
+Maquis ist _Juniperus oxycedrus_. Ihre Scheinbeeren werden im Orient und
+in Griechenland ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.
+Das Holz widersteht sehr gut der Luft und den Wuermern und diente im
+Alterthum vielfach zur Darstellung von Goetterbildern. - An offenen Stellen
+strebt vom Boden empor _Globularia Alypum_ und traegt an den Enden der
+Zweige schoene blaue Bluethenkoepfchen. - Wird der Boden so unfruchtbar, dass
+er andere Gewaechse nicht zu ernaehren vermag, so deckt ihn in dichtem Rasen
+die _Caldonia alciornis_, eine graue Flechte, die auch sonst ueber Europa,
+ueber Nordafrika, Nordamerika und einen Theil von Asien verbreitet ist.
+
+Ueberall in den Maquis von Antibes begegnen wir der Myrte und der
+Strauchform des Oelbaums. Der Oelbaum passte sich wie die Steineiche den
+Maquis an und wurde zum Strauch. Er veraenderte sich so stark, dass ihn
+schon die Alten in dieser Form als Oleaster unterschieden. Der Oleaster
+wie die Myrte wagen sich ganz besonders weit an dem Strande vor. Sie
+trotzen dem heftigsten Seewind und werden von ihm so abgerundet, als haette
+sie Menschenhand geformt. Ein Theil ihrer Zweige ist an der Seeseite kahl,
+zuweilen wirklich abgestorben. Die Zweige des Oelbaums, ein Sinnbild des
+Friedens, nehmen am Oleaster, in so exponirter Lage, dornartige Gestalten
+an. Sie spitzen sich zu, ragen so als scharfe Waffen an der Seeseite vor
+und machen den Strand dort unzugaenglich. An der Landseite bewahrt die
+Pflanze gleichzeitig ihren friedlichen Charakter. Dieser unmittelbare
+Einfluss der Medien kommt auch in der Ausbildung der Blaetter zum Ausdruck,
+die an der Seeseite sehr klein bleiben, an der Landseite weit bedeutendere
+Groesse erreichen. - Bis zuletzt begleitet die Straeucher der Maquis am
+Strande die "italienische Stechwinde" (_Smilax aspera_) und findet Schutz
+zwischen ihren Zweigen. Blaetter und Stengel dieser Schlingpflanze sind mit
+Stacheln besetzt, die ihr das Klettern erleichtern. Im Fruehjahr ist die
+Stechwinde mit rothen Fruchttrauben geschmueckt. Nach Bluethen muss man im
+Herbst suchen. Diese duften sehr lieblich; daher wurde bluehende Stechwinde
+im Alterthum, mit Epheu in Kraenze gewunden, oft bei Bacchusfesten
+verwendet.
+
+Diese Aufzaehlung mag genuegen, um Denjenigen, der Freude hat an den
+Erscheinungen der Pflanzenwelt, in das Leben der Maquis einzufuehren. Er
+wird bald die einzelnen Pflanzenformen unterscheiden lernen, sie beim
+Wiedersehen als alte Bekannte begruessen und innerhalb dieser duftigen
+Umgebung sich um so heimischer fuehlen.
+
+Auf dem schmalen Vorsprung, der, den Stuermen preisgegeben, hier noch
+einige hundert Meter weit das Cap fortsetzt, sieht man schliesslich alles
+Pflanzenleben schwinden. Immer haerter wird der Kampf, den die Gewaechse in
+so exponirter Lage zu bestehen haben, und sein Einfluss macht sich in ihrem
+Aussehen kenntlich. Da alle ueber die Bodenflaeche sich erhebenden Theile
+der Pflanze der Zerstoerung ausgesetzt sind, sucht diese aus jeder
+Vertiefung des Bodens Vortheil zu ziehen. Sie breitet sich flach an der
+Erde aus, erhaelt knorrige, kriechende Stengel, eine ganz abenteuerliche
+Gestalt. Auffallend aehnlich wird das Aussehen solcher Gewaechse demjenigen
+der Alpenpflanzen. Wir koennten, dem Vegetationsbilde nach, uns einige
+tausend Meter hoch ueber dem Meeresspiegel denken, reichten die blauen
+Wellen nicht fast bis an unsere Fuesse. Die verkrueppelten Gewaechse der
+Maquis weichen allmaelig den Strandpflanzen. Auch diese finden alsbald nur
+noch Schutz in Spalten oder hinter den Steinen. Dem nackten Felsen haftet
+aber noch an vielen Stellen, in Gestalt runder Flecke, eine gelbe Flechte,
+die _Lecidea_, an. Zuletzt dringt das Meer von allen Seiten zwischen die
+zerrissenen Felsen ein, und wir stehen ganz anderen Vertretern des
+Pflanzenreichs gegenueber, den form- und farbenreichen Seealgen, den
+Bewohnern des Meeres.
+
+In vollem Contrast tritt uns dann bei der Rueckkehr die Fuelle suedlicher
+Pflanzenformen in dem Garten des Hotels entgegen. Vor dem Hause stehen
+Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) von ganz seltener Schoenheit.
+Sie bilden kugelige Straeucher von fast zwei Meter Hoehe und sind mit
+Tausenden strahliger Bluethenkoepfchen, wie mit weissen Sternen besetzt. Ueber
+die Mauern herab haengt mit ihren dicken, fleischigen Stengeln und Blaettern
+die suedafrikanische Mittagsblume (_Mesembryanthemum acinaciforme_), die
+ihre grossen rothen Bluethen nur bei Sonnenschein entfaltet. In
+unmittelbarer Naehe des Hauses ist der so ueberaus grosse Garten wohl
+gepflegt, weiterhin aber sich selbst ueberlassen. Da entwickelt sich denn
+ein merkwuerdiger Kampf um Raum, um Licht und Nahrung zwischen den
+Gewaechsen aller Zonen, welche der Zufall hier zusammenfuehrte. Die
+australischen Casuarineen werden von dem amerikanischen Pfefferbaum
+bedraengt, das japanische Pittosporum wehrt sich gegen die mediterrane
+Tamariske. Siegreich dringen aber gegen sie alle die beiden Kieferarten
+vor, denen wir ueberall an der Riviera begegnen, die zartnadelige
+Aleppokiefer (_Pinus halepensis_) und die derbnadelige Strandkiefer
+(_Pinus Pinaster_) und vermitteln den Uebergang zu den Maquis.
+
+Zwischen den Kiefern am Cap begegnet man, wie auch sonst an der Riviera,
+nur zu haeufig einer Processionsraupe, der Raupe des
+Pinien-Processionsspinners, _Cnethocampa Pityocampa_. Diese schwarzen,
+braun gestreiften Raupen ziehen im Gaensemarsch zu Hunderten ueber die Wege.
+Die eine beruehrt die andere, und sie bilden so zusammen eine lange Schnur,
+eine lebendige Kette, die sich als Ganzes vorwaerts bewegt. Unterbricht man
+die Kette, so bleibt der vordere Abschnitt derselben stehen, der hintere
+Abschnitt rueckt nach. Hin und her tastend sucht die erste Raupe dieses
+hinteren Abschnittes wieder nach dem Anschluss. Gelang es ihr, die hintere
+Raupe des vorderen Abschnittes zu erreichen, so setzt sich die ganze Kette
+wieder in Bewegung. Diese Raupen richten grossen Schaden an Kiefern und
+auch Pinien an, sie berauben sie oft vollstaendig ihrer Nadeln. Des Tags
+halten sie sich in jenen grossen grauen Gespinnsbeuteln auf, die an Kiefern
+und Pinien so in die Augen fallen, und in der Sonne seidig glaenzen. Des
+Nachts verlassen sie das Nest, um auf Futter auszugehen. Jene Raupen,
+denen man am Boden begegnet, suchen nach einer passenden Stelle, um sich
+in der Erde zu verpuppen. Man darf weder die Raupen noch ihre Nester
+beruehren, da die in die Haut eindringenden Haare derselben gefaehrliche
+Entzuendungen veranlassen. Daher auch Leute, welche die Nester von den
+Baeumen entfernen, um sie zu verbrennen, sich gegen den Wind stellen und
+auch sonst sehr vorsichtig zu Werke gehen. Als bestes Verfahren gilt,
+Petroleum in die Nester zu giessen, ohne sie zu entfernen. - Die haengenden
+Nester dieser Raupen und ihre langen Zuege sind so auffaellig, dass sie wohl
+jeder Reisende an der Riviera bemerkte. Nur wenige werden hingegen
+Gelegenheit haben, die Spinner kennen zu lernen, die sich aus den
+verpuppten Raupen entwickeln. Sie sind auch weder auffaellig noch schoen,
+grau, mit einigen dunkleren Flecken und Streifen. Sie fliegen im
+Hochsommer, legen ihre Eier an die Unterseite der Kiefernadeln und
+bedecken sie mit duennen silbergrauen Schuppen.
+
+ X.
+
+Ein Stueck unverfaelschte Maquis bietet uns auch das weite Grundstueck,
+oestlich neben dem Hotel. An Sonntagen steht das Thor den ganzen Tag offen,
+um den Zugang zu der englischen Kapelle zu ermoeglichen, die sich innerhalb
+dieses Grundstuecks befindet. Auch sonst gestattet die Besitzerin gern den
+Besuch. Der schoene Garten, der das Wohnhaus umgibt, ist nur wenig
+ausgedehnt, der meiste Boden noch in seinem frueheren Zustand. So gelangt
+man nach Eintritt in die Besitzung durch immergruene Straeucher, ueppige
+Erica-Buesche und maechtige Euphorbien, bis zum Meeresstrande. Dieser ist
+hier besonders schoen gestaltet und hat schon manchem Maler als Vorwurf
+gedient: Steil aufsteigende und zerrissene Felsen, vom Meere umspuelt,
+vielfach an die Faraglioni von Capri erinnernd. Der Besitzer James Close
+liebte dieses Stueck Erde so sehr, dass er sich hier begraben liess. Der
+Ausblick zwischen den Felsen nach dem Esterel und ins weite Meer ist
+grossartig und entzueckend. Auch lauscht man gern dem Rauschen des Wassers,
+das sich in den tiefen Felsenspalten hebt und senkt und forscht dem bunten
+Leben nach, das hier im Schatten der Steine aus den Tiefen des Meeres zum
+Lichte emporsteigt.
+
+ XI.
+
+Wer am Cap d'Antibes einen Seesturm erlebte, wird den Eindruck nie
+vergessen. Fuer das schlechte Wetter, welches er zuvor erleiden musste, wird
+er bald durch den Anblick des entfesselten Elements entschaedigt. Ein
+starker Wind blaest zunaechst vom Meere aus; das ist Scirocco. Die Luft wird
+unendlich klar, und alle Gegenstaende ruecken in die Naehe. Die Umrisse der
+Berge sind wie mit Bleistift am Himmel gezogen. Sucht man sich vor dem
+Wind zu decken, so empfindet man beklemmende Schwuele. Dann beginnt der
+Horizont sich in rothgrauen Dunst zu huellen. Die Macht des Windes laesst
+nach, und es truebt sich der ganze Himmel. Bald hoert man grosse Regentropfen
+gegen die Scheiben schlagen. Das haelt wohl einige Tage an. Die Temperatur
+ist stark gesunken, die Luft bleibt trotzdem drueckend. In den Zimmern
+sehnt man sich nach dem warmen Ofen seiner Haeuslichkeit zurueck. Doch schon
+am naechsten Morgen wacht man auf, geblendet von dem leuchtenden Blau des
+Himmels. Man eilt hinaus und athmet mit voller Brust die erquickende Luft
+ein. Noch glaenzen alle Pflanzen von dem frischen Regen, und wie Diamanten
+fliessen funkelnde Tropfen von den Blaettern ab. Die Brandung aber stuermt
+mit Gewalt gegen die Felsen der Kueste, als wenn sie dieselben
+zerschmettern wollte. Weithin vernimmt man das donnerartige Getoese des
+Angriffs. Die Spitze des Caps ist nicht zu erreichen, denn die Wellen
+fegen darueber hinweg. Fern am Horizont steigt die Welle auf wie eine
+geschlossene Mauer; auf ihrem Wege schwellend und wachsend, waelzt sie sich
+gegen das Land, um zerschmettert und von weissem Schaum ganz bedeckt wieder
+zurueckzurollen. Sie trifft auf eine andere Welle, die ebenso drohend
+nahte, und beide sieht man verschwinden. Da wird es ploetzlich still. Ein
+Wellenberg ist auf ein Wellenthal gestossen, beide glichen sich aus. Doch
+wenn Wellenberge zusammentreffen, dann schwillt die stuermende Woge so
+maechtig an, dass sie aechzend sich ueberschlaegt und mit gewoelbtem Ruecken auf
+die Felsen wirft. Ungeheuere Wassermengen werden dann in die Luft
+geschleudert, und See und Himmel scheinen in demselben Chaos zu
+verschmelzen. Mit dumpfem Knall, wie von schwerem Geschuetz, fangen sich
+die Wellen in den Grotten, die sie selbst in den Stein sich gruben; wie
+ein Jammern und Stoehnen klingt es durch das Cap von den vielen
+Wasserfaeden, die sich in den Gaengen zwischen den Felsen verirrten und, in
+hastigem Lauf ueber die Steine stuerzend, ihren Weg nach dem Meere suchen.
+Von dem anstuermenden Element allseitig umgeben, glaubt man sich fast ins
+offene Meer versetzt und ist ganz von dem Schauder des Sturmes ergriffen.
+Wie wohlthuend wirkt da zugleich der feste Boden unter den Fuessen!
+
+Tage vergehen, bevor die Erregung des Meeres sich legt und die weite
+Wasserflaeche wieder Ruhe und Frieden athmet. Und taeglich ist es ein
+anderes, wenn auch immer das gleiche, und taeglich fesselt es uns von Neuem
+und entzueckt unser Auge, dieses goettliche Meer.
+
+ XII.
+
+Wer am Cap d'Antibes im Bergsteigen sich ueben moechte, bleibt auf den nur
+hundert Meter hohen Bergruecken angewiesen, der die Seelaterne und die
+_Notre-Dame de Bon-Port_ traegt. Doch sind die Spaziergaenge laengs der
+Buchten, an den Abhaengen der Huegel und zwischen den Gaerten so
+mannigfaltig, dass man sie taeglich aendern kann. Stets wird man durch eine
+neue Aussicht auf die Kueste, das Gebirge, die Schneegipfel der Alpen,
+durch malerische Felsgruppen am Strande oder durch besonders schoene
+Vegetationsbilder ueberrascht. Selbst die sonst so eintoenige Wanderung auf
+einer Landstrasse wird hier zum Genuss. So wenigstens auf der Landstrasse,
+die das Cap durchschneidet. Denn diese fuehrt an endlosen Pflanzungen von
+Anemonen, Ranunkeln, Goldlack, Levkojen, Tazzetten und Reseda vorbei.
+Besonders fesselt das Auge die Pracht der Ranunkeln und Anemonen, die man
+schoener und farbenreicher nirgends sehen kann, waehrend der Geruchssinn
+zugleich umfangen wird von dem Dufte, der dem uebrigen Bluethenmeer
+entstroemt. Zu jenen Bluethen im Felde gesellen sich hier in grosser Zahl
+auch die Bluethen der Luefte, die Schmetterlinge. Rothgefleckte Aurorafalter
+fliegen rasch vorueber; langsam wiegt sich hin und her der schwarz
+gestreifte, gelbe Segelfalter; am meisten faellt aber durch ihre Schoenheit
+die Cleopatra auf, ein suedeuropaeischer, schwefelgelber Citronenfalter mit
+orangeroth abgetoenten Vorderfluegeln.
+
+Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die naechsten Maerkte
+der Riviera und versendet sie auch in grossen Mengen taeglich nach dem
+Norden. Wie gross der Verbrauch an Blumen an der Riviera selbst geworden
+ist, wird Jeder beurtheilen koennen, der die Blumenmaerkte der Staedte dort
+besuchte und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr nach
+dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung angenommen. Thatsaechlich
+reicht diese Art Blumencultur an der Riviera nicht ueber 1850 zurueck,
+frueher wurden die Bluethen nur zum Zwecke der Parfuemerie gezogen. In der
+naechsten Naehe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis nach
+Genua; die franzoesische Seite der Riviera ist in einen einzigen
+Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei Toulon werden Unmengen
+roemischer Hyacinthen gezogen und wandern abgeschnitten nach den nordischen
+Staedten, bevor die hollaendische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules
+gibt es auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weisse und rothe Nelken. In
+der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen und Ranunkeln vor.
+Sie zeigen ungeahnte Groesse und seltene Farbenpracht. Nicht minder staunt
+man ueber den Umfang, den Nelken, wie der _Dianthus Caryophyllus flore
+pleno, var. Marguerite_, hier erreichen koennen: manche Bluethe sieht aus,
+als wenn sie ein kleiner Blumenstrauss waere. Zu diesen Pflanzen gesellen
+sich die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe _Safrano_ vor, die
+auch rauhe Witterung gut vertraegt und selbst im December ihre
+Bluethenknospen treibt. Gleich genuegsam sind manche Monatsrosen, die weisse
+_Bengal-Ducher_ und die rothe _Bengal-Sanglant_, die demgemaess auch
+bevorzugt werden; doch an stark besonnten Mauern und unter Glasdaechern,
+die in Cannes und Antibes grosse Bodenflaechen decken, gedeihen die
+empfindlicheren Rosen, so auch _Marechal Niel_, _Marie van Houtte_,
+_Gloire de Dijon_, _Souvenir de la Malmaison_, _Paul Nabonnand_, _La
+France_ und wie sie sonst heissen, jene Rosen, die auch unsere Blumengaerten
+im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Bluethen entfalten sich im
+Fruehjahr an einem und demselben Tage in Cannes und Antibes, oft ohne dass
+noch eine Moeglichkeit vorhanden waere, sie alle zu verwerthen. - In Cannes
+steht jetzt auch die _Acacia dealbata_ in schwungvoller Cultur und wandert
+nach dem Norden. Ihre runden Bluethenknaeuel, in Traubenform vereint, und
+die zart gefiederten Blaetter haben ihr im Handel den Namen Mimose
+verschafft. Der Baum waechst erstaunlich rasch, so dass er in fuenf bis sechs
+Jahren wohl zehn Meter Hoehe erreicht. Er ist dann schon im Januar mit
+gelben Bluethen ueber und ueber bedeckt. Nach Deutschland gelangt viel
+_Acacia retinoides_, die runde Bluethenknaeuel wie die andere Art besitzt,
+doch einfache lederartige lancettfoermige Blaetter traegt. Eigentlich sind
+jene Blattgebilde nicht ganze Blaetter, vielmehr hat der wissenschaftliche
+Vergleich gelehrt, dass die Blattflaeche bei diesen Acazien schwand und der
+Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche Gebilde
+Phyllodien. Auch _Acacia longifolia_, die man viel in nordischen
+Blumenlaeden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen. Man erkennt sie
+leicht daran, dass ihre Bluethen nicht zu runden Knaeueln, sondern zu
+raupenfoermigen Kaetzchen vereinigt sind. Alle diese Acazien bluehen gelb,
+sie folgen in der Jahreszeit auf einander, zuletzt kommt _Acacia
+cultriformis_, die erst im Maerz an der Riviera im Bluethenschmuck prangt.
+Ihre Bluethenstaende sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit,
+zugleich rautenfoermig. - Allen Blumensendungen nach dem Norden pflegt man
+die ueberall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen vertragen schlecht eine
+weite Reise, werden aber an der Riviera selbst in Unmengen verbraucht,
+dort auch mit Syrup getraenkt und zu Dragee's verarbeitet. Dann versendet
+man auch blaue Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und
+weissbluehendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An der Riviera
+selbst faellt dem Fremden in den Schaufenstern der Blumenlaeden eine grosse
+graue Iris auf, die ganz fein purpurn gesprenkelt ist, eine wahre
+Trauerblume, die _Iris Susiana_. Von den grossen weissen oder gelben
+Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) werden die Bluethen auch viel
+verwandt, besonders die gelben, die als _Etoile d'Or_ bekannt sind. Sie
+wandern vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht bis
+in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison dauert. Man hat
+berechnet, dass von allen diesen Blumen Cannes und Antibes zusammen in
+einem Winter fuer mehr als eine Million Francs nach dem Norden versenden;
+viel mehr noch wird an der Riviera selbst verkauft.
+
+Die ueberaus starke Concurrenz veranlasst strebsame Geister, nach immer
+neuen "Schoepfungen" fuer den Blumenmarkt zu sinnen. So erschienen ploetzlich
+in den Centralhallen von Paris als "Neuheit" *gruene* Nelken. Solche hatte
+man in der That bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der
+Impressionnisten. Es ergab sich, dass auch diese gruenen Nelken nicht ganz
+unverfaelschte Naturproducte waren. Man erhaelt sie, indem man
+abgeschnittene weisse Nelken einen ganzen Tag lang, ja selbst laenger, in
+eine gruene Farbstoffloesung stellt. Soll der Versuch gut gelingen, so muss
+der Stengel innerhalb der Loesung frisch durchschnitten werden. Man kann in
+gleicher Weise die eine oder die andere Faerbung erlangen, nur gilt es,
+Farbstoffe zu waehlen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am leichtesten
+gelingen Rothfaerbungen weisser Bluethen mit Eosin.
+
+Am Freitag Nachmittag beleben sich ploetzlich die Strassen am Cap. Da kommen
+von allen Seiten Equipagen und bringen Besucher nach Elen Rock, dessen
+Garten an jenem Tage geoeffnet ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein
+oestlich vom Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht
+gegen das Meer abfallen. Stufen und Gaenge innerhalb dieser Felsen fuehren
+hinunter bis zur Meeresflaeche. Der Garten bietet herrliche Aussichtspunkte
+und ist auch reich an schoenen Pflanzen, doch macht er einen etwas
+gekuenstelten Eindruck innerhalb der so grossartigen Umgebung.
+
+Am Dienstag ist vom fruehen Morgen an der Thuret'sche Garten geoeffnet,
+derselbe, der einst George Sand so sehr entzueckte. Er dient jetzt der
+franzoesischen Regierung als Acclimatisationsgarten und enthaelt sehr viele
+werthvolle Pflanzen. Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert
+haben, finden wir hier in noch groesseren Exemplaren wieder. Die beruehmte,
+von George Sand gefeierte Aussicht ist leider geschwunden, verdeckt von
+den heranwachsenden Baeumen.
+
+Von dem Thuret'schen Garten laesst sich gleich abwaerts, in westlicher
+Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen, und so kann man in den
+Pinienwald gelangen, der sich laengs der Kueste dort hinzieht. Dieser
+Pinienwald war einst der Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in
+Ueberresten vorhanden. Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke
+angekauft, eine breite Strasse, die Cannes mit dem Cap d'Antibes verbindet,
+durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und mit Eisendraht
+umzogen. Doch steht manche maechtige Pinie noch da, und in ihrem Schatten
+gelingt es wohl, sich in die alte Herrlichkeit zurueckzutraeumen.
+
+ XIII.
+
+Die zweite Aprilhaelfte war inzwischen angebrochen, und die Pflicht rief
+mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Fruehlingstag ging zur Neige,
+und ich beschloss, vor Sonnenuntergang noch einmal den Leuchtthurm
+aufzusuchen. Die Sonne schickte sich an, hinter dem Esterelgebirge zu
+verschwinden und tauchte dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur.
+Bald deuteten nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen.
+Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmuethig stimmen:
+es steigerte die Empfindung des Abschiedes. Ich wandte meine Blicke den
+Bergriesen zu, die mit phantastischem Umriss sich von dem oestlichen Himmel
+abhoben. Sie begannen im Abendroth zu gluehen. Es war ein Anblick, so
+erhaben, dass man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener
+weltumfassenden Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet. Jedes
+persoenliche Empfinden war gewichen vor dem maechtigen Gefuehl, sich Eins mit
+dieser goettlichen Natur zu fuehlen. - Immer weiter und weiter dehnten sich
+die Schatten aus ueber das Land: sie begannen emporzusteigen an den Huegeln,
+an den Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thaeler und loeschten die
+gluehenden Lichter aus an den Huetten und Palaesten. Die ganze Natur schien
+sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald waren es nur noch einzelne Segel
+im weiten Meere und die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen
+Schimmer gluehten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch ueber das
+Meer, und nur den Riesen da oben war es vergoennt, die Koenigin des Lichtes
+noch zu schauen. Wie von innerem Feuer entbrannt, schwebten sie jetzt in
+ueberirdischer Glorie.
+
+Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als letzten Eindruck
+von der Riviera, und mit geschlossenen Augen trat ich den Rueckweg an. Als
+ich mich endlich umsah, hatten die Schatten der Nacht sich bereits ueber
+die Huegel gelagert und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen
+verwischt. - Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Luefte. Vom
+Waechter entzuendet, strahlte er jetzt wie ein grosser Stern weit ueber Land
+und Meer, ein Ziel der Sehnsucht fuer Alle, die jenes herrliche Stueck Erde
+einmal gesehen.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+FRUeHJAHR 1894.
+
+
+ I.
+
+Der Fruehlingsanfang des Jahres 1894, den ich an der Riviera verlebte,
+praegte sich meiner Erinnerung in besonders glaenzenden Farben ein.
+Wochenlang blieb der Himmel ohne Wolken, so dass einzelne Regentage, wenn
+sie kamen, fast willkommen erschienen. Da es an Schnee in den Bergen
+fehlte, wehte fast nie der Mistral, den sonst die eisigen Flaechen der
+Alpen und Cevennen gebaeren. Das Meer blieb meist ruhig, und wenn die Nacht
+kam, dann funkelte der Himmel und spiegelte sich so hell in der stillen
+See, als waere in deren Tiefen eine Saat von Sternen aufgegangen.
+
+Mitte Maerz fanden wir uns in Hyeres ein mit der Absicht, unseren Weg bald
+ostwaerts in die Berge der Mauren fortzusetzen. Es war uns, als haetten wir
+eine Entdeckungsreise angetreten, so unbekannt ist dieser westliche Theil
+der Riviera. Und doch konnte Hyeres, neben Montpellier und
+Aix-en-Provence, sich einst ruehmen, der beruehmteste Kurort des suedlichen
+Frankreichs zu sein. Weiter gegen Osten an der Riviera vorzudringen,
+schien damals kaum moeglich, und erst in diesem Jahrhundert aenderten sich
+die Verhaeltnisse, begannen zuerst Nizza, dann Mentone und Cannes als
+klimatische Stationen aufzubluehen. In dem Wettstreit, der sich nunmehr
+entspann, musste Hyeres unterliegen, denn es ist weniger gut gegen den
+Nordwind als seine Rivalinnen geschuetzt. Auch steht es ihnen nach an
+Schoenheit der Lage und ist zu weit vom Meere entfernt. - "Die Huegel sind
+hier zu klein und zu nah, das Ufer ist zu flach und das Meer zu fern,"
+rief einst George Sand aus, als sie Hyeres besuchte. Von dem Huegel, an den
+Hyeres sich lehnt, kann der Blick erst ueber eine weite Ebene das Meer
+erreichen. Auf dieser stechen aber rothbraune, eckige Felder grell und
+unvermittelt gegen gelbe und gruene ab. Die rothbraunen Felder sind mit
+Rosen bedeckt; doch das bringt keine Harmonie in die Farben. Auch danken
+diese Felder thatsaechlich ihre Faerbung nicht der Pracht der Bluethen,
+sondern den jungen Trieben, die ihr zartes Gruen vor der Gluth der
+suedlichen Sonne durch rothen Farbstoff schuetzen. In frueheren Zeiten mag
+der Blick auf diese Ebene lieblicher gewesen sein; vermochte sie doch das
+Auge Horace Benedict de Saussure's zu entzuecken, als er 1787 nach Hyeres
+kam. Dieser hervorragende Geologe, Vater des noch beruehmteren
+Pflanzenphysiologen Theodore de Saussure, langte hier an einem schoenen
+Aprilabend an und war von der Lage des Ortes gefesselt. Von den Fenstern
+der "Auberge du St. Esprit" blickte er hinab auf Orangengaerten, deren
+Baeume mit Fruechten und Bluethen beladen und durch unzaehlige Nachtigallen
+belebt waren. Sanft fiel, so schrieb er, das Land bis zum Meer ab, und den
+Abhang schmueckten vorne Gaerten, weiterhin Olivenhaine und in der Ferne
+Pappeln. Bewaldete Hoehen bildeten den Rahmen zu dem schoenen Bilde.
+
+Hyeres ist fuenf Kilometer vom Strande entfernt. An diesem selbst lag einst
+Olbia, das Hyeres den Ursprung gab. Von Massiliern gegruendet, ward Olbia
+von Saracenen zerstoert und baute sich dann, entfernter vom Meere, an der
+Anhoehe auf, um den Angriffen der Corsaren nicht so unmittelbar ausgesetzt
+zu sein. Der Strand, der einst Olbia trug, zeigt sich jetzt in Quadrate,
+wie ein Schachbrett getheilt. Das Seewasser fuellt diese Quadrate. Es wird
+in dieselben geleitet, um zur heissen Sommerzeit dort zu verdunsten und so
+der Salzgewinnung zu dienen. Dem Strand gegenueber tauchen aus dem Meere
+die Hyerischen Inseln empor. Sie strecken sich so lang dahin, als haetten
+sie sich in die See zu ewigem Schlaf gelegt. Einst haben die Ligurer an
+diesen Inseln die rothen Korallen gefischt, mit denen sie den Hals ihrer
+Frauen und das Wehrgehaenge ihrer Schwerter schmueckten. Weil die Inseln in
+einer Reihe angeordnet sind, hiessen sie bei den Roemern Stoechaden. Diesen
+Namen vertauschten sie im Mittelalter gegen den weit vornehmeren der
+goldenen Inseln. Waren es die goldenen Aepfel der Hesperiden, welche ihnen
+die Benennung "_Iles d'or_" verschafften, oder der goldige Schimmer ihres
+glimmerreichen Bodens - das laesst sich heute nicht sagen. Zum Marquisat der
+_Iles d'or_ von Franz I. erhoben, sahen sie einst glaenzende Zeiten. Heute
+werden sie nur von aermlichen Fischern und Gaertnern bewohnt.
+
+Jene Fruechte, nach welchen die goldenen Inseln ihren Namen fuehren sollen,
+sind jetzt hier fast voellig verschwunden. Einst aber stand die
+Orangenzucht von Hyeres in hoher Bluethe. Mehr denn zweimalhunderttausend
+Orangenbaeume deckten das Land und konnten die Bewunderung der Reisenden
+erwecken. Wie die Chronisten erzaehlen, blieb Carl IX. von Frankreich
+staunend vor dem maechtigsten dieser Baeume stehen und forderte seine beiden
+Begleiter, den Koenig von Navarra und den Herzog von Anjou auf, mit ihm den
+Stamm zu umfassen. Doch hierzu reichten, so wird weiter berichtet, die
+sechs fuerstlichen Arme nicht aus. Zur Erinnerung an diese erlauchte
+Umarmung schnitt man in die Rinde des Baumes: "_Caroli regis amplexu
+glorior_", und jene Inschrift wuchs und vergroesserte sich mit den Jahren. -
+Liegt dieser Angabe eine wirkliche Begebenheit zu Grunde? Wer kann das
+heute wissen! Sicher aber ist, dass die provencalische Phantasie der
+Chronisten sie die Masse des Stammes uebertreiben liess. Die staerksten
+Orangenbaeume, welche Europa jetzt kennt, befinden sich auf Sardinien;
+manche derselben werden auf mehr denn siebenhundert Jahre geschaetzt; ein
+einzelner Mann vermag sie alsdann nicht mehr zu umspannen. Im Jahre 1564,
+da Carl IX. in Hyeres weilte, konnte er dort schwerlich selbst so starke
+Staemme sehen, da die Orangenbaeume erst durch die Kreuzfahrer, gegen Ende
+des elften Jahrhunderts, nach Hyeres gebracht wurden. Zunaechst muss es der
+bitterfruechtige Orangenbaum gewesen sein, der zwar kaum essbare Fruechte,
+aber sehr wohlriechende Essenzen liefert. Daher der Dichter Malherbe sich
+in Hyeres mit jenem "_huile de fleurs d'orange_" versorgen konnte, "das
+sich die Frauen in die Haare einreiben und mit dem sie dort den Puder
+festhalten." Die Orangenkultur von Hyeres litt sehr stark durch die
+strenge Kaelte des Winters 1709 und durch aehnliche harte Winter, die um die
+Mitte des vorigen Jahrhunderts aufeinander folgten. Die Pflanzungen wurden
+von nun an eingeschraenkt, die bitterfruechtigen Orangenbaeume dann durch
+suessfruechtige ersetzt, da der Transport der Orangen von Hyeres aus nach dem
+Norden sich rascher vollziehen liess, als von suedlicher gelegenen Orten.
+Das kam bei den mangelhaften Verkehrsmitteln jener Zeit wohl in Betracht.
+Die Orangen mussten damals in Hyeres im Herbst gepflueckt werden, sobald an
+ihrer noch gruenen Schale sich die ersten gelben Punkte zeigten. Sorglich
+in Papier gewickelt, traten sie die Reise auf dem Landwege oder dem
+Seewege an. Sie reiften unterwegs langsam nach und wurden erst nach
+vierzig Tagen geniessbar. Jetzt sind die Orangenbaeume fast vollstaendig aus
+Hyeres verschwunden. Sie konnten den Mitbewerb geschuetzterer Orte der
+Riviera, vor Allem aber von Sicilien und Algier, nicht ertragen. Es erging
+Hyeres mit den Orangenbaeumen nicht anders, als zuvor mit dem Zuckerrohr,
+das im fuenfzehnten Jahrhundert weite Strecken des Landes deckte, dann aber
+verschwand, als der indische und der brasilianische Zucker in den
+Wettstreit eintraten.
+
+Mit berechtigtem Stolz kann sich hingegen Hyeres noch immer
+_Hyeres-les-Palmiers_ nennen! Zwar sind die Palmen heute ueber die ganze
+Riviera verbreitet, doch sieht man es den hohen Staemmen von Hyeres wohl
+an, dass in diesem alten Kurorte ihre sorgsame Pflege besonders weit
+zurueckreicht. Da streben in der _Avenue des Palmiers_ die schlanken Staemme
+besonders maechtig zu beiden Seiten der Strasse empor, gleich einer hehren
+Saeulenhalle, und wiegen ihre stolzen Kronen hoch oben in der blauen Luft.
+- Doch hat sich Hyeres schon seit langer Zeit auch einer zwar weniger
+vornehmen, aber eintraeglicheren Cultur zugewandt. Wir fanden dort Mitte
+Maerz ganze Felder von Veilchen in Bluethe. Das waren auch freilich nicht
+die bescheidenen, kleinbluethigen, die bei uns ihre Kronen zwischen den
+Blaettern verbergen, sondern eine grossbluethige Form, das Veilchen _le
+Czar_, das an langen Stielen seine Bluethen keck ueber die Blaetter erhebt.
+Es duftet sehr stark, und gerne liessen wir uns von den Lueften anwehen, die
+ueber Veilchenfelder gestreift waren. Andere Felder sind mit "_Primeurs_"
+bedeckt. Die Artischocken von Hyeres standen schon zu Anfang dieses
+Jahrhunderts in hohem Ruf; jetzt sind es auch die gruenen Erbsen und vor
+Allem die Erdbeeren, mit welchen Paris von hier aus versorgt wird. Taeglich
+geht ein ganzer Eisenbahnzug solcher Erzeugnisse von Hyeres ab und wird
+scherzhaft als "_Train de primeurs_" bezeichnet. Doch soll man sich nicht
+etwa denken, dass unter dem Himmel von Hyeres alle diese Culturen muehelos
+gedeihen. Auch hier verlangen sie viel Umsicht und angestrengten Fleiss.
+Den Furchen der Felder folgen niedrige Hecken, die deutlich anzeigen, von
+welcher Seite Gefahr droht. Denn, trotz gegentheiliger Versicherungen, ist
+Hyeres nicht voellig vor dem Mistral gedeckt, und mit elementarer Gewalt
+stuerzt er durch die Luecke ein, welche die Berge nach Toulon hin offen
+lassen. Anhaltende Duerre ist auch eine schwere Plage, welcher durch
+kuenstliche Bewaesserung nicht immer abgeholfen werden kann. - Immerhin
+besteht ein grosser klimatischer Unterschied zwischen Hyeres und der
+uebrigen Provence, ja selbst dem nahen Toulon, weil diese dem Mistral weit
+staerker ausgesetzt sind. Daher der Reisende, der von Westen kommend, hier
+in frueheren Zeiten zum ersten Mal Palmen und goldfruechtige Orangenbaeume
+sah, sich an die Pforten des Paradieses versetzt waehnte. Alte Reisewerke
+sind voll des Lobes von Hyeres. So das Werk von Aubin-Louis Millin,
+"_Conservateur des medailles, des pierres gravees et des antiques de la
+Bibliotheque imperiale_", der im Auftrage des Ministers Chastal 1804
+Suedfrankreich bereiste. "Ich besuchte heute", schreibt Millin, "den Garten
+des Herrn Fille. Tausende von Blumen umgeben dessen Haus. Tuberosen
+(_Polyanthes tuberosa_), Cassie (_Mimosa Farnesiana_), und Jasmin
+(_Jasminum sambac_) wuerzen die Luft mit himmlischen Dueften. Was Saenger und
+Poeten einst gepriesen, jene Gaerten der Alcine und Armide, welche der
+fruchtbare Genius des Ariost und des Tasso schuf, so glaenzend sie auch
+unserer Einbildungskraft vorgefuehrt werden, sie treten zurueck vor dem
+Garten, den wir hier vor den Augen haben. Man glaubt nicht mehr auf Erden
+zu wandeln, vielmehr in jene Laubgaenge versetzt zu sein, in welchen die
+Seelen der Gerechten ein ewiges Glueck geniessen. Die Baeume stehen so dicht
+an einander, dass man nur auf kuenstlich angebrachten Pfaden zwischen
+denselben durchdringen kann. Achtzehntausend Orangenbaeume, beladen mit
+Bluethen und Fruechten, bergen in ihrem Laube unzaehlige Nachtigallen, und
+Nachtigallengesang erschallt wie ein Hymnus an die Natur, um ihre Guete zu
+preisen, ihr fuer einen so freudigen und duftigen Schatten zu danken.
+Andere Vogelstimmen greifen in dieses glaenzende Concert ein, waehrend die
+fleissigen Bienen summend die Bluethen umschwaermen, um reiche Nahrung zu
+schoepfen aus so verschwenderischer Fuelle."
+
+Ein aehnliches Gefuehl des sinnlichen Behagens, welches ein milderes Klima
+erweckt, mag es auch gewesen sein, das einst die Massilier bestimmte, ihre
+Niederlassung an diesem Strande "Olbia", die Glueckliche, zu nennen.
+
+Mit Vorliebe schweiften wir an sonnigen Nachmittagen auf den Maurettes
+umher, jenen Hoehenzuegen, an welche Hyeres sich anlehnt. Wir suchten uns
+dort solche Orte aus, von welchen die alte Burg von Hyeres sich in schoener
+Umrahmung zeigte. Ein Stueck blaues Meer bildete den Hintergrund, waehrend
+gruene Huegel die scheckige Ebene deckten. Da lagerten wir uns auf Rosmarin,
+Myrten und Lavendel und vergassen der fliehenden Stunden. Wir suchten im
+Geiste jene Truemmer zu beleben, die so maechtig drueben auf den Felsen
+thronen. Auch heute noch werden diese Truemmer von Wachtthuermen und Mauern
+beschuetzt, die in bewegtem Umriss allen Vertiefungen des Berges folgen. -
+In dem "Chastel d'Yeres" herrschten seit dem zwoelften Jahrhundert die
+Herren de Foz, eine Nebenlinie der Vicomtes de Marseille. Manchen blutigen
+Strauss mussten sie pfluecken, um ihre Burg zu behaupten und oft rauchte aus
+den Wachtthuermen angesichts der Feinde die Lunte der Arkebusen. In
+friedlichen Zeiten, da fuellten hingegen dieses Chastel die Gesaenge des
+Troubadours, und es erklang in ihnen die sechsseitige Viola. War doch
+Mabille de Foz Praesidentin des Minnehofs von Pierrefeu, jenes Minnehofes,
+der mit Romani, Avignon und Signe, die vier vornehmsten "_cours d'amour_"
+der Provence bildete! - Im Juni 1254 gab es hohen Besuch auf der Burg; da
+kam Ludwig der Heilige, den aus Palaestina der Tod seiner Mutter nach
+Frankreich zurueckgerufen hatte. Einige Jahrhunderte spaeter wurde hier oben
+auch Franz I. empfangen, waehrend Ludwig XIII. nur noch die Ruinen der
+Veste sah: Heinrich IV. hatte deren Zerstoerung beschlossen. Heute ist das
+alte Gemaeuer in ueppiges Gruen gehuellt, und bunte Fruehlingsblumen erklimmen
+selbst die Zinnen der Thuerme. - Scharf hebt sich der dunkle Berg vom
+hellen Abendhimmel ab, wenn die provencalische Sonne sich hinter seinen
+Truemmern zur Ruhe senkt. Dann traenkt sie mit ihrem Glanze das Land und das
+Meer, umstrahlt die dunklen Felsen und bildet um die Burg einen goldenen
+Glorienschein. - Geisterhaft aber mutheten uns die Truemmer zur Nachtzeit
+an, da zur spaeten Abendstunde der Vollmond uns in die Berge gelockt hatte.
+Tief drang sein Silberschein in die Fugen und Spalten des zerkluefteten
+Gesteins und warf unheimliche Lichter in die Ruinen. Da belebten sich die
+alten Mauern und Thuerme, nahmen menschliche Form an, schienen ihre Glieder
+zu bewegen und stierten mit unheimlichen Augen in die Ferne. Ploetzlich war
+dann Alles wieder todt; eine dunkle Wolke breitete ihre Schatten ueber den
+Berg aus. Doch als der Mond wieder vortrat, da war es, als haetten die
+Thuerme in der Runde sich die Arme gereicht, und als fuehrten sie um die
+Truemmer einen infernalen Reigen aus. Da ging es bergauf, bergab ueber die
+steilen Felsen und stoehnte und pfiff es dabei durch die Luft in
+unheildrohender Begleitung. Fuer Augenblicke leuchtete die Burg so auf, als
+stuende sie in Flammen, dann wieder versank sie in das Dunkel der Nacht.
+Mit Wirbelwind und Sturm, mit Blitz und Donner zog ein Gewitter von Westen
+heran: das mochte uns diese phantastischen Bilder vorgezaubert haben.
+Rasch breitete sich Finsterniss ueber das Land aus, nur das Meer dort hinten
+war noch in Silberglanz getaucht. Ein greller Lichtstrahl durchzuckte die
+Luft, ihm folgte ein betaeubender Schlag, der die Grundvesten der Erde zu
+erschuettern schien. Wie geblendet standen wir da, waehrend das Rollen des
+Donners sich entfernte. Dumpf toente es noch fort in den nahen Bergen,
+prallte dort mit immer schwaecherem Echo von den Felsen ab, kam dann wieder
+naeher, um endlich in der Ferne zu verhallen. Hatte dieser grelle Blitz
+nicht die Burg getroffen, nicht jene schlanke Cypresse zertruemmert, die so
+stolz aus den Ruinen dem Himmel entgegenragte, als wolle sie ihm trotzen?
+- Doch dicke Regentropfen begannen zu fallen; es war hohe Zeit, den
+Rueckzug anzutreten.
+
+ II.
+
+Jenes Gebirge, das sich im Osten von Hyeres erhebt, bildete im neunten und
+zehnten Jahrhundert ein Bollwerk der Mauren. Nach ihnen fuehrt es mit Recht
+den Namen; von seinen Hoehen aus beherrschten sie die weite Kueste. In
+orographischer Beziehung bietet das Maurengebirge ein hohes Interesse. Es
+stellt ein in sich abgeschlossenes Gebirgssystem dar, dessen Granite,
+Gneisse und Schiefer von dem umgebenden Kalkgebirge durch tiefe Thaeler
+getrennt sind. Wie etwa die Alpen oder die Pyrenaeen, besitzt das
+Maurengebirge sein eigenes, wenn auch nur kleines Flusssystem, seine
+eigenen Schluchten und Thaeler. Es ist von der uebrigen Provence so
+geschieden, dass es auch, ferne von derselben, eine eigene Insel im Meere
+bilden koennte. Seit Kurzem folgt eine Eisenbahn (_Chemin de fer du Sud de
+la France_) der Kueste, an dem Gebirge entlang. Diese Bahn muendet in
+St. Raphael und schliesst dort an die grosse Linie an, die Marseille mit
+Genua verbindet. Von den Stationen der Suedbahn aus dringt man leicht in
+das Gebirge ein, und solche Ausfluege waren es, die uns in Hyeres
+festhielten. Wir wurden nicht muede, wiederholt dieselben Strecken der
+Kueste mit der Eisenbahn zu befahren; denn der Weg ist anmuthig und fuehrt
+entweder durch schoenen Wald oder am Meeresstrande entlang, mit
+fortwaehrendem Wechsel der Bilder. Der Anblick der Berge selbst bietet
+hingegen geringe Mannigfaltigkeit, da alle Kuppen abgerundet sind, nur
+wenig in ihrer Hoehe schwanken und vierhundert Meter nicht uebersteigen. Und
+doch ladet der ueppige Wald auch da zu immer neuen Ausfluegen ein. Wer
+Korkeichen zuvor nicht sah, wird freilich zunaechst ueber diese Waelder
+staunen. Er erkennt wohl die immergruene Eiche, doch ihre geschaelten Staemme
+und Aeste bieten einen ungewohnten Anblick. Die Krone der Korkeiche
+gleicht derjenigen immergruener Eichen, auch die Blaetter sind wie bei
+diesen lederartig und nur durch ihre eifoermige Gestalt und geringe
+Zaehnelung ausgezeichnet. Befremdend ist aber die rothbraune Farbe der
+abgeschaelten Theile, die fast blutroth erscheinen, dort, wo die Sonne sie
+trifft.
+
+Die ganze Bevoelkerung des Maurengebirges lebt von der Korkgewinnung. Steht
+auch der Kork, der an dieser Kueste waechst, dem spanischen und algerischen
+an Guete nach, so bleibt er doch ein geschaetzter Handelsartikel und bildet
+eine eintraegliche Quelle des Erwerbes. Die Korkeiche muss, bevor sie
+geschaelt werden kann, eine bestimmte Dicke besitzen, die sie mit fuenfzehn
+bis zwanzig Jahren erlangt. Der erste Kork ist rissig, sproede und wandert
+vorwiegend in die Gerbereien. Er wird, weil rauher und haerter, als
+maennlicher Kork bezeichnet. Dann erst bildet sich der glatte, weniger
+harte, brauchbare Kork, den man weiblichen nennt. Er wird alle acht bis
+sechzehn Jahre entfernt, je nach der Dicke, welche die Korkplatten
+erreichen sollen. Fuer gewoehnliche Stopfen reichen achtjaehrige Platten
+schon aus, waehrend noble Champagnerpfropfen weit staerkere, bis 5
+Centimeter dicke verlangen; die Schaelungen werden so lange wiederholt, bis
+der Baum ein Alter von hundertundfuenfzig, ja selbst zweihundert Jahren
+erreicht hat. Dann sinkt der Werth seiner Produkte; es gilt, ihn durch
+juengeren Nachwuchs zu ersetzen. - Hundertjaehrige Korkeichen sehen schon
+majestaetisch aus und treten mit ihren maechtigen Kronen und knorrigen
+Staemmen eindrucksvoll aus der Umgebung hervor. Besonders gerne ruht auf
+ihnen das Auge, wenn sie am Bergesabhang stehen, oft malerisch um einzelne
+Felsbloecke gruppirt. Die Korkeiche waechst mit Vorliebe auf einem Boden,
+der aus verwittertem Granit und Schiefer entstand, waehrend sie den
+Kalkstein meidet. Daher die Korkeichenwaelder des Maurengebirges eine
+Culturinsel in der Provence bilden, aehnlich wie das Gebirge selbst eine
+orographische Insel dort darstellt. In den umgebenden Kalkalpen wird man
+die Korkeiche nicht finden, nach ihr vergeblich in Mentone und in Nizza
+suchen, nur um Cannes trifft man sie noch stellenweise. Wie die
+Korkeichenwaelder des Maurengebirges das Urgestein seiner Berge verrathen,
+so zeigen Kalkpflanzen den Kalk der angrenzenden Alpen an. Unter Umstaenden
+wird ganz vereinzelt eingestreutes Gestein in solcher Weise aeusserlich
+durch den Pflanzenwuchs kenntlich. So fiel vor einigen Jahren dem
+Forstinspector de Saint-Venant in dem Walde von Orleans ein schmaler,
+kilometerlanger Streifen kalkholder Pflanzen auf, waehrend die uebrige Flora
+im Walde auf Kieselboden hinwies. Das regte ihn zu Ausgrabungen an, die in
+wechselnder Tiefe das Vorhandensein einer alten, mit Kalksteinen
+gepflasterten roemischen Strasse ergaben.
+
+Die Korkeichen werden im Maurengebirge waehrend des Sommers geschaelt. Es
+geschieht das sowohl an den Staemmen wie an dicken Aesten, doch hier wie
+dort gleichzeitig nur an einzelnen Theilen; denn es gilt als schaedlich,
+den ganzen Baum auf einmal zu entbloessen. Besonders eigenartig sehen die
+entbloessten Theile gleich nach geschehener Schaelung aus; sie zeigen die
+Farbe des menschlichen Koerpers. Erst allmaelig dunkeln sie nach. Zur
+Vornahme der Schaelung, die als "_demaclage_" bezeichnet wird, fuehrt der
+Arbeiter zunaechst zwei Schnitte rings um den Baum durch die ganze Tiefe
+der Korkschicht aus und verbindet diese Kreisschnitte durch Laengsschnitte,
+deren Zahl sich nach der Dicke des Baumes richtet. Diese Operation fuehrt
+er mit einer Axt aus, die einen keilfoermig zugeschaerften Stiel besitzt.
+Mit letzterem faehrt er dann von den Einschnitten aus unter die Korkschicht
+und hebt sie ab. Dann beschwert er die Korkplatten mit Steinen, damit sie
+ihre Rundung verlieren, haelt sie auch wohl ueber Feuer und kohlt ihre
+Oberflaeche ein wenig an. Unter allen Umstaenden muessen die Korkplatten
+trocken werden, bevor man sie versendet.
+
+Der Kork ist das natuerliche Schutzmittel der Pflanzen: sie schliessen sich
+damit gegen die Umgebung ab. Die aeltere Rinde aller unserer Straeucher und
+Baeume ist mit Kork bedeckt und dankt ihm ihre Faerbung. Der Kork laesst Gase
+und Fluessigkeiten nicht durch, ist elastisch und sehr widerstandskraeftig;
+das befaehigt ihn nicht nur zu seiner Aufgabe an der lebenden Pflanze,
+sondern bedingt auch seine technische Brauchbarkeit. Wird eine Pflanze
+verletzt, so bildet sich Kork an der Wunde und schliesst dieselbe ab: daher
+auch der neue Kork an der geschaelten Korkeiche. Wie jedes andere Gewebe
+besteht der Kork aus Zellen. Ja, ein Korkstueck war es, in welchem Robert
+Hooke im Jahre 1667 jene Kammern entdeckte, die er Zellen nannte, weil sie
+ihm den Zellen der Bienenwaben zu entsprechen schienen. Den Zellen eines
+fertigen Korkes fehlt freilich der lebendige Zellleib, jener Inhalt, der
+das Wesen einer Zelle ausmacht. Den buesst die Korkzelle bald nach ihrer
+Entstehung ein, um nur noch mit ihrer verkorkten Wandung als Schutzmittel
+der Pflanze zu dienen. Eine bestimmte lebendige Gewebeschicht innerhalb
+der Rinde, das sogenannte Korkcambium, bildet durch fortgesetzte
+Vermehrung ihrer Zellen den Kork. Juengere Korkzellen folgen in geraden
+Reihen nach innen zu auf die aelteren. Ihre Gestalt ist bei der Korkeiche
+annaehernd wuerfelfoermig: gegen Schluss jeder Vegetationsperiode flachen sie
+sich tafelfoermig ab. Der "weibliche" Kork der Korkeiche zeichnet sich
+durch die Duennwandigkeit seiner Zellen und grosse Gleichfoermigkeit in
+seinem Bau aus; nur am Schluss jeder Vegetationszeit entstehen wenige Lagen
+staerker verdickter, abgeflachter Zellen. Diese letzteren sind es, welche
+die dunklen Streifen bilden, die man in jedem Flaschenstopfen erkennen
+kann. Da die dunkleren Lagen die Grenzen des jaehrlichen Zuwachses
+anzeigen, so kann man das Alter einer jeden Korkplatte an ihnen abzaehlen,
+ganz ebenso wie sich aus der Zahl der Jahresringe im Holz dessen Alter
+bestimmen laesst.
+
+Ist eine Korkeiche geschaelt worden, so bildet sich ein neues Korkcambium
+unter den freigelegten Flaechen und hebt mit neuer Korkbildung an. Freilich
+darf die Schaelung nur den Kork entfernen, nicht den Bast oder gar den
+Holzkoerper erreichen, weil das schwere Wunden gibt, die sich nur langsam
+schliessen und lange die Korkproduction an der beschaedigten Stelle
+beeintraechtigen. Ist ein Stamm niemals geschaelt worden, so zeigt er gleich
+anderen Eichenarten eine rissige Rinde, deren aeusserste Schichten er nach
+und nach als Borke abwirft. Auch der am geschaelten Baum erzeugte Kork darf
+nicht ein gewisses Alter uebersteigen, da er sonst an der Aussenseite rissig
+und unbrauchbar wird.
+
+In den westlichen Theilen des Maurengebirges gibt es keinen schoeneren Ort
+als Bormes, von Hyeres aus mit der Bahn in einer Stunde zu erreichen. Man
+steigt dort vom Strande aus zum Huegel empor, an den das kleine Staedtchen
+amphitheatralisch sich lehnt. Seine Haeuser sind in verschiedener Hoehe
+verstreut, hier einzeln, dort in Gruppen, als haetten sie um die Wette den
+Berg zu erklimmen versucht. Den Ort beherrscht eine alte Burg, deren graue
+Ruinen sich eindrucksvoll abheben von dem dunklen Gruen des hinterliegenden
+Waldes. Der Abhang ist mit aromatischen Kraeutern bewachsen, und jeder
+Schritt befreit aus ihnen duftende Oele. Ganze Flaechen werden violett
+gefaerbt durch die wilde Lavendel (_Lavandula Stoechas_). Sie tritt hier so
+massenhaft auf, dass ein benachbarter Ort den Namen Lavandou nach ihr
+fuehrt. - Wir steigen weiter hinauf in den Wald, in Korkeichen, Kiefern und
+immergruene Straeucher. Auch da steht jetzt Alles in Bluethe. Die Luft ist
+erfuellt mit Wohlgeruechen, und den Kiefern, die man beruehrt, werden dichte
+Wolken von Bluethenstaub entlockt. - Immer grossartiger entfaltet sich die
+Aussicht auf die dunklen Ruinen, das hellglaenzende Staedtchen und das blaue
+Meer, in das eine Landzunge sich weit vor uns fortsetzt; gegen Osten
+blicken wir in die Rhede von Bormes hinein; gegen Westen zeigt sich die
+Rhede von Hyeres, und ueber eine schmale Halbinsel hinweg erreicht das Auge
+auch den Golf von Giens. In glaenzender Faerbung leuchten uns diese Buchten
+entgegen. Die oestliche Bucht toent sich jetzt ab in hellem Blau, die Rhede
+von Hyeres scheint von fluessigem Silber zu sein, waehrend die Fluthen des
+Golfs von Giens den rothen Abendhimmel widerspiegeln. Wir saettigen uns an
+dieser Farbenpracht und lassen das geblendete Auge dann auf dem dunklen
+Gruen der fernen Waelder ruhen. Sanft breitet der purpurne Schein sich aus
+ueber das ganze Meer, und in dem Glanz der Abendsonne schimmern jetzt die
+goldenen Inseln von Hyeres wirklich so, als waeren sie von Gold.
+
+In Bormes sind vor den Haeusern grosse Mengen von Kork aufgeschichtet. Wir
+treten in ein Haus ein, in dem Kork geschnitten wird, und sehen uns,
+freundlich empfangen, die Arbeit an. Der Mann macht Stopfen mit Huelfe
+einer Drehbank. Er fuegt eckige Korkstuecke in dieselbe ein, versetzt sie in
+Drehung und rueckt eine Art Hobel heran, der das Korkstueck schneidet. Grosse
+Uebung verlangt das sichere und rasche Einfuegen der Korkstuecke in die
+Drehbank, so dass sie gleich richtig centrirt sind. Ist der Arbeiter
+geschickt, so macht er Hunderte von Stopfen in der Stunde, waehrend er es
+frueher beim Schneiden aus freier Hand kaum auf tausend Stueck im ganzen Tag
+bringen konnte. Die Korkplatten muessen mit Wasser gebrueht werden, ehe man
+sie in die eckigen Stuecke zerlegt. Sie schwellen dabei nicht unwesentlich
+an. Die Laengsachse der Stopfen entspricht der Laengsrichtung der Platten;
+man muss sich somit die Stopfen in der Rinde des Baumes aufrecht stehend
+denken.
+
+Die Abfaelle beim Schneiden der Stopfen sind durchaus nicht werthlos. Sie
+koennen zum Polstern dienen und werden auch wohl verkohlt, um eine schwarze
+Farbe, das _nigrum hispanicum_, oder um Zahnpulver zu liefern. Gepulverter
+Kork, mit verdicktem Leinoel angeruehrt und auf wasserdichtes Segeltuch
+aufgetragen, gibt den als Linoleum bezeichneten Korkteppich, mit dem man
+die Fussboeden deckt.
+
+Die allgemeine Verwendung des Korkes fuer Flaschenverschluss greift nicht
+weiter als in das siebzehnte Jahrhundert zurueck. Sie faellt zusammen mit
+der Verbreitung unserer enghalsigen Glasflaschen, die man kaum vor dem
+fuenfzehnten Jahrhundert herzustellen begann. Im Mittelalter wurden kleine
+Gefaesse aus Holz, Thon oder Metall verfertigt und mit Zapfen von gleichem
+Stoff verschlossen oder auch nur mit Wachs verklebt. Die Faesser
+verspundete man mit Holzpfloecken. Die Alten benuetzten zum Verschluss ihrer
+Amphoren sowohl Holz- als auch Korkstopfen, die sie mit einem Kitt aus
+Harz, Kreide und Oel oder auch mit Pech umgaben. Haeufiger noch wurde die
+Oeffnung dieser Gefaesse nur mit Gyps, mit Harz, Pech oder Wachs
+zugeschmiert. Auf den Wein gossen sie Oel, so wie das heute noch in
+Italien geschieht, und suchten ihn so vor Luftzutritt zu schuetzen. Nach
+Plinius dienten den Roemern Korkstuecke auch schon als Schwimmer an den
+Fischnetzen und als Bojen an den Ankern; nicht minder wurden die
+Schuhsohlen fuer Frauen aus diesem Stoffe bereits hergestellt.
+
+ III.
+
+Tief in das Maurengebirge schneidet der Golf von St. Tropez, der Sinus
+Sambracitanus der Alten, ein. An seinem Ufer sieht man schon aus der Ferne
+die Haeuser von St. Tropez in bunten Farben schimmern. Von dort aus
+erscheint die Meeresbucht wie ein geschlossener See. Ihre azurnen Fluthen
+haben die Klarheit und den Schmelz eines dunklen Saphirs. Man blickt ueber
+dieselbe ins Maurengebirge hinein. Scharf stechen seine Hoehen vom
+noerdlichen Himmel ab. Im Osten wird das Bild in duftiger Ferne durch die
+zackigen Gipfel des Esterels begrenzt. Ueber diesen, hoch in den Wolken,
+glaenzt der Schnee der Alpen. Hier an dem blauen Golf hat einst die
+Heraclea Cacabaria gestanden. Ein Herculestempel, so heisst es, gab der
+Stadt den Namen. Das Land war von Camatullikern bewohnt. - Dann schildert
+die Sage, wie im Jahre 66 n. Chr. an jenen Strand der Koerper des heiligen
+Tropez gelangte. Dieser hatte unter Nero hohe Wuerden bekleidet; sein
+Vetter, Salvius Otho, wurde im Jahre 69 n. Chr. zum Kaiser proclamirt. Er
+selbst legte alle seine Aemter nieder, nachdem ihn der Apostel Paulus zum
+Christenthum bekehrt hatte, und zog sich nach Pisa zurueck. Dort liess eines
+Tages Nero unter einer ehernen Himmelsdecke mit grossem theatralischem Pomp
+Diana und Apollo anbeten. St. Tropez weigerte sich dessen, er wurde
+ergriffen, auf Befehl von Nero gemartert, enthauptet und sein Koerper dann
+auf einem schlechten Nachen in das Meer gestossen. Ein Hund und ein Hahn,
+die man zugleich in den Nachen setzte, sollten sich an dem Koerper weiden.
+Doch weder der Hund noch der Hahn beruehrten den Heiligen, sie stellten
+sich als Waechter an dessen Koerper auf. Ein Engel liess sich am Steuer
+nieder und fuehrte den Nachen sicher durch die Fluth bis nach Heraclea.
+Durch das Kraehen des Hahnes gerufen, sammelten sich dort die Christen am
+Strande und nahmen den Koerper des Heiligen mit hohen Ehren auf.
+
+Im neunten Jahrhundert wurde das alte Heraclea von den Saracenen zerstoert,
+und nur antike Mauern und Graeber zeigen den Ort noch an, auf dem es einst
+gestanden. Das heutige St. Tropez reicht nicht weiter als bis in das
+fuenfzehnte Jahrhundert zurueck. Es verdankte sein Aufbluehen genuesischen
+Familien, die sich hier niederliessen. Zahlreiche Wachtthuerme um die Stadt,
+sowie die Festungswerke ueber derselben zeigen an, dass St. Tropez sich oft
+noch gegen Seeraeuber und andere Feinde zu vertheidigen hatte. Heute wird
+es nur noch durch Zollwaechter geschuetzt, die von den Hoehen aus den Strand
+ueberwachen. So veraendern sich die Zeiten; frueher musste der Ort die
+Corsaren abwehren, die ihn berauben wollten, heute sich gegen die
+Schmuggler schuetzen, die ihn gern versorgen moechten.
+
+St. Tropez ist ein Hauptort des Korkhandels geworden; zahlreiche Schiffe
+werden mit dieser Waare beladen, die aus allen Theilen des Maurengebirges
+hier zusammenstroemt.
+
+Zum klimatischen Kurort duerfte St. Tropez wohl schwerlich jemals erhoben
+werden, denn es ist zu sehr den Winden ausgesetzt. Gegen das offene Meer
+deckt das vorspringende Cap den Hafen, doch der Mistral und der Ostwind
+treiben die Fluthen des Golfes in denselben hinein. Dass bei heftigem Sturm
+die Wellen bis auf den Uferdamm vordringen, das zeigt der eigenartige Bau
+mancher dort stehender Haeuser an. Sie sind unten ohne Fenster, nur mit
+kleinen, dicht schliessenden Thueren versehen, zugleich ausgehoehlt, so wie
+der Fuss eines Leuchtthurmes, der dem Meere trotzt. - Von den Winden
+abgesehen, besitzt das meerumspuelte Vorgebirge ein sehr mildes Klima. Der
+bekannte Geologe Elie de Baumont hat dieses Stueck Land als die Provence
+der Provence bezeichnet. Seine Vegetation ist ueppig. Kiefern und
+immergruene Eichen decken die Hoehen; die Abhaenge werden von maechtigen
+Kastanienbaeumen beschattet, deren Fruechte in ganz Frankreich als "_Marrons
+de Lyon_" beliebt sind. Hier und dort streckt auch eine Palme ihr
+schlankes Haupt ueber eine Mauer hervor; doch man sieht es ihr an, dass sie
+oft vom Winde gepeitscht wird. Den Ufern der Baeche folgen
+Oleanderstraeucher und Vitexbuesche. Mit den schoenen Bluethen des Oleanders
+schmueckten sich und schmuecken sich heute noch in Griechenland auf dem
+Lande die Frauen, auch benutzt man bei uns Oleanderblaetter zur Verzierung
+der Speisen, waehrend thatsaechlich der Milchsaft dieser Pflanze ziemlich
+giftig ist. Von dem schmalblaetterigen Vitexstrauch hiess es einst, dass er
+die Sinnlichkeit unterdruecke, daher erhielt er seinen keuschen Namen:
+_Vitex agnus castus_. Die atheniensischen Frauen bestreuten mit
+Vitexblaettern ihre Ruhelager zur Zeit der Thesmophorien, jenen mysterioesen
+Festen zu Ehren der Goettin Demeter, von denen alle Maenner ausgeschlossen
+waren. Heute scheint der _Vitex agnus castus_ seine frueheren Kraefte
+eingebuesst zu haben; nur seine scharf gewuerzhaften Steinfruechte gebraucht
+man im Sueden noch haeufig als Pfeffer. Der Oleander hat sich sogar einem
+noch weniger poetischen Verlangen anbequemen muessen, denn die Landleute um
+Nizza benuetzen seine gepulverte Rinde, um Ratten und Maeuse zu vertreiben.
+
+Im Hotel Continental zu St. Tropez wird noch nach alter Art gelebt. Guter
+Tischwein steht zu gemeinsamer Benutzung auf der Tafel. Man fragt den
+Nachbar erst, ob er zu trinken wuenscht, bevor man sich selbst einschenkt.
+Das Dienstpersonal wird in einige Verwirrung versetzt, wenn man nach der
+Weinkarte verlangt. - Da figurirten als Vorspeisen bei der Mahlzeit ausser
+Salami, Oliven, Sardinen und anderen allgemein europaeisch gewordenen
+Dingen, auch Seeigel, ein Leckerbissen, den ich bisher an keiner
+regelrechten "_table d'hote_" gesehen hatte, und den ich auch gerne
+Anderen ueberlasse; er dient mir nur als Beweis, dass der Mensch das aergste
+aller Raubthiere ist. Da werden Tausende weiblicher Seeigel gefangen,
+aufgebrochen und im Grunde genommen vergeudet: man wirft den ganzen Koerper
+fort und verzehrt nur das Bisschen Eierstoecke. Dabei wird eine ungezaehlte
+Brut zerstoert. Diesen orangerothen, faden Schleimmassen konnten wir keinen
+Geschmack abgewinnen; doch darueber laesst sich ja streiten. - In wahres
+Entzuecken wurden unsere Tischgenossen stets versetzt durch
+"_Bouillabaise_". - Nach dieser Speise sehnt sich stets der Provencale,
+auch wenn er einen anderen Theil von Frankreich bewohnt. - Die Wirthin
+suchte es ihren Gaesten an den Augen abzusehen, ob ihnen die _Bouillabaise_
+schmecke; kann diese doch allein das Renommee eines Hauses begruenden. Wie
+sie uns servirt wurde, bestand sie aus Langusten und Seefischen. Die
+Wirthin machte aus deren Zubereitung auch kein Geheimniss. Sie habe, sagte
+sie, zunaechst etwas Knoblauch, Lorbeerblaetter und weissen Pfeffer in
+Olivenoel in einer Casserolle geroestet, dann ein Glas Weisswein darauf
+gegossen, die Langusten, Fische und soviel Wasser, dass sie bedeckt waren,
+dazu gethan, Alles mit Salz und Pfeffer weiter gewuerzt, hierauf zwanzig
+Minuten lang kochen lassen und mit einer Messerspitze Safran den Schluss
+gemacht. Ihre _Bouillabaise_ war dann fertig. Die Langusten und Fische
+kamen in eine tiefe Terrine und wurden mit der Bruehe, in welcher auch
+Weissbrodschnitte geweicht hatten, uebergossen. - Die _Bouillabaise_ fand
+ungetheilten Beifall. Die Wirthin meinte, fuer Franzosen allein lohne es
+sich zu kochen, waehrend Auslaender mit demselben Gleichmuth gute und
+schlechte Speisen verschlaengen: Das sei fuer eine sorgsame Wirthin
+entmuthigend. Darauf mein Tischnachbar in laengerer Rede entwickelte, dass
+er nicht einsehen koenne, weswegen man ein Sinnesorgan gegen die anderen
+zuruecksetzen solle. Man koenne eine dumme Zunge haben, ebenso wie ein
+dummes Auge oder ein dummes Ohr. Ein Mensch, der Karpfen von Steinbutte
+nicht zu unterscheiden wisse, floesse ihm nicht mehr Ehrfurcht, als ein
+solcher ein, der Van Dyck mit Raphael oder Gounod mit Wagner verwechsle.
+
+War das Essen auch gut, der uebrige Comfort des Hauses liess doch etwas zu
+wuenschen uebrig, so dass wir, trotz solcher culinarischer Genuesse, uns
+zeitweise nach einem anderen Unterkommen sehnten.
+
+Eine Strassenbahn verbindet jetzt St. Tropez mit La Foux, einer Station der
+suedfranzoesischen Bahn. Der Weg fuehrt an dem Schlosse von Bertaud und vor
+dessen Thoren an einer maechtigen Pinie vorbei, deren Stamm wohl sechs
+Meter im Umfang misst. Es duerfte eine der groessten Pinien sein, die jetzt
+existiren, und wohl mancher Saracene hat schon in ihrem Schatten gelagert.
+Der Baum steht mitten auf der Strasse, der "_route nationale_", und es ist
+zu loben, dass ihn die Ingenieure schonten. Die Strassenbahn setzt sich ueber
+La Foux noerdlich bis Cogolin fort, und von da aus kann man auf der
+Chaussee La Garde Freinet erreichen. Dort hatten einst schon die Roemer
+einen Militaerposten errichtet, der die Verbindung zwischen dem Sinus
+Sambracitanus und der etwas noerdlicher durchs Gebirge ziehenden Via
+Aureliana ueberwachen sollte. Der Ort liegt in einem Engpass zwischen zwei
+Bergen, und dort setzten sich auch die Mauren im Jahre 850 fest, nachdem
+sie St. Tropez zerstoert hatten. Sie sicherten sich so den Zugang zum Meere
+und beherrschten zugleich das Gebirge. Die Festung, die sie erbauten,
+wurde Fraxinetum genannt, und dieser Name dann auf alle aehnlichen
+maurischen Festungen uebertragen. Hier haeuften sie die geraubten Schaetze
+an, um sie spaeter uebers Meer nach Afrika zu schaffen. Wilhelm I., Graf von
+Arles, unterstuetzt von zwei provencalischen Edelleuten, Bavon und
+Grimaldi, stuermte und eroberte im Jahre 973 die Veste. Alle Mauren, die
+dem Schwert entgingen, wurden nebst Weibern und Kindern zu Sclaven
+gemacht. Die Veste schwand von der Erde, und nur einige Mauerreste, die
+Epheu heute deckt, sowie eine tiefe, in Fels gehauene Cisterne, zeugen
+dafuer, dass sie einst gewesen.
+
+Als Preis der Tapferkeit und Lohn fuer die erwiesenen Dienste erhielt
+Grimaldi von Wilhelm I. das ganze Land, welches die Mauren am Sinus
+Sambracitanus besassen. Da ragen denn noch heute, als Wahrzeichen aus jener
+Zeit, auf dem Berge, der die Thalmuendung beherrscht, die Truemmer der Burg
+Grimaud in den Himmel. Zwei Thuerme auf steilem Abhang, durch Mauerreste
+verbunden, scheinen ueber dem Abgrunde zu schweben, die uebrige Burg ist
+zerstoert; doch unter ihr, wenn auch ihres Schutzes beraubt, in ueppiges
+Gruen gehuellt, klammert sich der kleine Ort Grimaud noch immer an den
+Felsen.
+
+Von La Foux aus oestlich folgt die Suedbahn weiter allen Ausbuchtungen der
+Kueste. Jetzt eilt sie dem Meere zu, und St. Tropez am jenseitigen Ufer
+scheint immer naeher zu ruecken; dann wendet sie sich landwaerts, und das
+Esterel taucht ploetzlich am Horizonte auf. Das Maurengebirge rueckt dicht
+ans Meer heran, der Wald erreicht die Kueste. Immer schwelgerischer
+entwickelt sich hier seine Pracht. Aus den immergruenen Eichen und
+Seestrandkiefern leuchtet die baumartige Erica mit ihren weissen
+Bluethenmassen hervor. Ueberall sieht man den Erdbeerbaum seine
+lorbeerartigen Blaetter ausbreiten. Dunkler Epheu rankt an den Staemmen in
+die Hoehe, und ueppige Waldreben verbinden die Baumkronen durch helle
+Laubguirlanden. Dieses herrliche Bild verlockt uns, die Fahrt zu
+unterbrechen; wir steigen in La Gaillarde aus und setzen unseren Weg zu
+Fuss fort. Wir folgen dem Ufer. Die Strandkiefer taucht ihre Wurzeln fast
+in die Wellen; oft neigt sie sich ueber die Fluth, als wollte sie ihr Bild
+in der spiegelnden Flaeche betrachten. Das Land wird hier geschmueckt von
+der See mit einem Saum silberschaeumender Wogen, dafuer flicht ihr das Land
+einen Kranz aus immergruenem Walde. Zerrissene Felsen springen am Strande
+vor und verlieren sich weit in den Fluthen. Das Esterel ist uns ganz nahe
+gerueckt. Es zeigt denselben reich bewegten Umriss, dem wir so gerne von
+Antibes aus folgten. Dieser Gebirgszug ist so schmal, dass die naemlichen
+Hoehen von Osten wie von Westen das Bild bestimmen. In Antibes sieht man am
+Abend die Sonne hinter dem Esterel verschwinden; dann huellen sich seine
+Gipfel in dunkelblaue Schatten und stechen mit scharfen Umrissen gegen den
+Abendhimmel ab. Hier sind sie jetzt mit Licht uebergossen; die schwindende
+Sonne senkt ihre Strahlen in die Thaeler hinein, sie gestaltet und modelt
+die einzelnen Berge, vergoldet die Gipfel, spart blaue Schlagschatten in
+den Tiefen aus, entzuendet ganze Doerfer, wirft Irrlichter in die einzelnen
+Haeuser hinein und taucht schliesslich Alles in purpurne Gluth. - Hier bei
+St. Aigulf am Strande liess sich Carolus Duran nieder, und der Ort ist wohl
+angethan, eines Malers Seele mit farbigem Glanz zu erfuellen! - Ploetzlich
+oeffnet sich vor uns das weite, von dem Fluss Argens in zahlreichen
+Windungen durchstroemte Thal, durch welches das Maurengebirge von dem
+Esterel geschieden wird. Der Teich von Villepey und die Windungen des
+Flusses glaenzen wie metallene Spiegel. In Frejus ertoenen die Abendglocken;
+vom jenseitigen Ufer des Golfs sendet uns der Leuchtthurm von St. Raphael
+einen ersten noch blassen Strahl entgegen.
+
+ IV.
+
+Wir wandern jetzt auf classischem Boden. Ist doch Frejus das alte Forum
+Julii, dem Julius Caesar den Namen gab. Augustus vollendete den Hafen, der
+die Stelle von Lagunen einnahm, und gab dem Orte einen Pharus. Agrippa
+liess einen Aquaeduct und ein Amphitheater erbauen; siedelte hier auch
+Soldaten der achten Legion an, was zu der spaeteren Benennung Colonia
+Octavanorum fuehrte. Die Stadt wuchs rasch in Groesse und Bedeutung; sie mass
+fuenftausend Schritte im Umfang. Der Hafen war so ausgedehnt, dass er im
+Jahre 31 v. Chr. die zweihundert Galeeren aufnehmen konnte, die Octavian
+in der Schlacht bei Actium Antonius abgenommen hatte. Was fuer ein
+farbenpraechtiges Bild mag das gewesen sein, als die Flotte des Antonius
+diesen Hafen fuellte, als maechtige roemische Bauten sich in seinen Wellen
+spiegelten, und weithin sichtbar durch das Thal der Aquaeduct in kuehnen
+Boegen den fernen Bergen zueilte. - Frejus blieb unter den Kaisern die
+wichtigste Flottenstation an diesem Gestade, dann aber begannen traurige
+Zeiten. Der _Amnis argenteus_, der heutige Argens, fuellte langsam den
+Hafen mit Schlamm und Erde an. Im zehnten Jahrhundert konnten nur noch
+kleine Schiffe Zuflucht in demselben finden. Dann kamen die Saracenen und
+schleiften 940 die Befestigungen der Stadt. Im fuenfzehnten Jahrhundert
+wurde Frejus von Corsaren verbrannt, dann im sechzehnten Jahrhundert
+nochmals unter Carl V. gepluendert. Der Hafen schwand allmaelig, und an
+seiner Stelle bildeten sich weite Suempfe aus, welche mit toedtlichen
+Miasmen die Gegend erfuellten. Ein Bild solchen Elends fand Aubin-Louis
+Millin im Beginn dieses Jahrhunderts hier vor. Die Strassen waren leer, die
+Haeuser unbewohnt, die wenigen Menschen, die man sah, gingen mit blassen
+fahlen Gesichtern, hohlen Wangen, eingefallenen Augen umher. Man meinte,
+in einem grossen Krankenhaus zu sein. "Wir nahmen Wohnung", schreibt
+Millin, "in der besten Herberge: es war ein verpestetes und ekelerregendes
+Haus, in dem man den Aufenthalt als Strafe betrachten musste. Schrecklicher
+Schmutz herrschte in ihm. In schlecht gespuelten Gefaessen wurde uns fauliges
+Wasser dargereicht; ganze Schwaerme von Fliegen belagerten die mit ranzigem
+Oel bereiteten Speisen. Den Suempfen entstiegene Muecken und Schnacken
+peinigten uns mit ihren Stichen; des Nachts wurden wir von nicht minder
+zudringlichen, aber noch ekelhafteren Thieren aufgezehrt. Unser Blut war
+in fortwaehrender Wallung. Es koennen hier wirklich nur solche Menschen
+leben, die an derartige Plagen gewoehnt sind; uns erschienen sie als das
+groesste Unheil, das einem menschlichen Wesen begegnen kann. Wir bedauerten,
+dass der Wissensdrang, der uns trieb, historisch beruehmte Staetten
+aufzusuchen, uns an diesen elenden Ort gefuehrt hatte, und wir wuenschten
+denselben so bald als moeglich verlassen zu koennen." - Seitdem haben sich
+die Zustaende in Frejus gebessert. Abzugscanaele sind entstanden, welche die
+Umgegend entwaessern und dadurch gesuender machen; der Ort selbst ist zwar
+auf ein Fuenftel seiner frueheren Groesse zusammengeschmolzen, sieht aber
+ziemlich freundlich aus. Wer freilich tieferen Eindruck von den
+Ueberresten aus der classischen Zeit erwartet, der wird enttaeuscht sein.
+Es blieb nur wenig davon zurueck, zu wenig, um Achtung zu gebieten oder gar
+kuenstlerisch anzuregen. Nur die zerrissenen Bogen des Aquaeducts draussen in
+den Feldern, mit ihrem Schmuck von kletternden Pflanzen, sind aesthetisch
+wirksam. Der Argens war so fleissig bei der Arbeit, dass heute eine weite
+sandige Flaeche Frejus vom Meere trennt; die Truemmer des alten roemischen
+Leuchtthurms ragen jetzt anderthalb Kilometer vom Strande entfernt aus dem
+Boden hervor. So ist der alte Glanz von Frejus fuer immer geschwunden, und
+was von demselben zurueckblieb, vermag solchen Eindruck wie die Denkmaeler
+von Nimes und von Arles auf uns nicht zu machen. Doch erhebt uns auch hier
+das Gefuehl, classischen Boden unter den Fuessen zu haben. Wir schauen dann
+hinaus in das blaue Mittelmeer, an dessen Ufern jene maechtige Cultur
+erstarkte, welche die Welt erobert hat. Wir suchen das Band mit der
+Vergangenheit enger zu knuepfen und werden uns im Geiste wieder bewusst, dass
+jene allgemein menschlichen Gedanken und Gefuehle, die hier zum ersten Mal
+zur bewussten Empfindung und Gestaltung gelangten, auch heute noch unser
+Denken und Fuehlen beherrschen.
+
+Roemische Villen fuellten jenen Strand, an dem heut St. Raphael sich erhebt.
+Die roemischen Patricier bevorzugten ueberhaupt dieses schoene Land. Es war
+das ihre Provincia Romana par excellence, diejenige, die sie meinten, wenn
+sie kurzweg von Provincia sprachen, und sie behielt den Namen der
+Provence. Am Strande von St. Raphael liessen sich nach den Roemern die
+Tempelritter nieder und bauten jenen viereckigen Thurm, der auch heute
+noch die alte Kirche zu schuetzen scheint. Im Jahre 1799 landete hier
+Bonaparte, als er von Aegypten kam, und hier auch verliess er das Land, um
+1814 nach Elba zu gehen. Es trifft somit nicht ganz zu, wenn behauptet
+wird, Alphonse Karr habe St. Raphael entdeckt: richtig aber ist, dass er
+unter den franzoesischen Schriftstellern der erste war, der sich hier
+niederliess, dass ihm bald andere Celebritaeten der Litteratur und Kunst
+folgten, und dass der neue Aufschwung von St. Raphael mit jener Zeit
+begann. Was aber alle jene Kuenstler und Schriftsteller hier suchten, das
+war der stille abgelegene Ort, an dem man Blumen, Sonne und Meer geniessen
+kann, ohne von anderen Menschen gestoert zu werden. Sie alle flohen den
+Laerm des grossstaedtischen Nizza und des uebereleganten Cannes. "Wenn ich
+eine grosse Stadt lieben moechte," pflegte Alphonse Karr zu sagen, "zoege ich
+zurueck nach Paris." Auch ist es im Sommer hier kuehler als jenseits des
+Esterel, und der sandige Strand ladet dann zum erfrischenden Bade ein;
+daher sich St. Raphael immer mehr zum sommerlichen Seebad entwickelt. Im
+Winter ist es zu sehr den Winden ausgesetzt. Das sollten auch wir noch
+erfahren. Schon am Abend bei unserer Ankunft begann sich Ostwind zu
+erheben, am naechsten Tage wehte er mit Macht und war von heftigem Regen
+begleitet. Gegen dieses Unwetter liess sich im Freien nicht ankaempfen. Der
+Wind trieb die Regentropfen fast wagrecht durch die Luft. Das dauerte so
+zwei Tage. Starker Ostwind ist hier meist mit Regen gepaart, somit
+traurig. Ganz verschieden gebaerdet sich sein Widersacher, der noerdliche
+Mistral. Er ist trocken und daher weit heiterer. Er fegt den Himmel rein
+und pfeift bei Sonnenschein. Er blaest nicht in langen Zuegen, sondern in
+abrupten Stoessen, er klingt donnerartig und ruettelt an den Gebaeuden. Der
+Ostwind hingegen blaest staerker oder schwaecher, doch ohne Unterbrechung
+fort; seine Stimme ist mehr ein Klagen, so dass man bei Nacht langgedehnte
+Schluchzer zu hoeren meint. In der zweiten Nacht, die auf unsere Ankunft
+folgte, entlud sich ein polterndes Gewitter, das mit dumpfem Droehnen die
+Thaeler erfuellte und zuckende Flammen auf die Meeresflaeche warf; als der
+Morgen aber kam, da strahlte die Sonne wieder hell in unser Zimmer hinein.
+Das Meer tobte weiter, und wir zogen hinaus, um seinen Anprall gegen die
+Felsen des Strandes zu sehen. - Zu den Wahrzeichen von St. Raphael gehoeren
+seine beiden Loewen: "_le lion de terre_" und "_le lion de mer_", zwei
+rothe Porphyrfelsen, die gleichsam Wache an dem Strande halten. Der
+Seeloewe hat sich weiter in das Wasser hinausgewagt, der Landloewe dicht am
+Ufer gelagert. Sie lauern da wie apokalyptische Thiere und trotzen seit
+Ewigkeit der nagenden Kraft der Wellen. Jetzt stuermt das Meer mit Macht
+gegen diese Felsen an, waelzt seine Wogen ueber sie hinweg und wirft mit
+Getoese schaeumenden Gischt hoch an ihnen empor. Ueber den Porphyrloewen im
+blauen Himmelsraum, da wiegen sich aber die Moeven. Wie gerne folgt ihnen
+das Auge, diesen muthigen Voegeln, wenn sie mit breitem und maechtigem
+Fluegelschlag die Luft durchschneiden. Jetzt segeln sie gegen den Wind,
+jetzt wiegen sie sich an der Stelle, jetzt schiessen sie herab in die
+Fluth, um ihre Beute zu fassen; mit ihr schwinden sie in der Ferne, oder
+sie lassen sich nieder auf der schaukelnden Welle, ein weisser Punkt mehr
+inmitten der weissen Kaemme. Da hinten in der See taucht ploetzlich eine
+Herde von Delphinen aus den Wellen hervor. Sie zeigen zuerst ihren Kopf,
+ueberschlagen sich fast in der Luft und schiessen hinunter in die Tiefe. Sie
+bringen Humor in das grossartige Schauspiel: sie sind die Clowns des
+Meeres.
+
+Die Strasse, die von St. Raphael in oestlicher Richtung dem Meeresstrande
+folgt, fuehrt an Landhaeusern vorueber, die manchen bekannten Namen tragen.
+Da ist die "_maison close_", das geschlossene Haus, welches Alphonse Karr
+sich schuf, um der aufdringlichen Welt zu entgehen. Hier in "_Oustalet dou
+Capelan_" hat Charles Gounod sich abgesondert, und ueber der Eingangsthuer
+liest man: "_L'illustre maitre, Charles Gounod composa Romeo et Juliette a
+l'Oustalet dou Capelan, au printemps de 1866_", und Jules Barbier, sein
+Librettist, der nebenan ein Landhaus besitzt, fuegte darunter hinzu: _Hic
+Divum Romeo scripsit Gounod meus 1866. Ingenio haut amicitia impar_."
+Gounod weilte mit Vorliebe in St. Raphael; "ich finde hier," meinte er
+oft, "den Golf von Neapel vor, mit der Campagna von Rom im Hintergrunde."
+
+Ist die Lage von St. Raphael wirklich so schoen, als es Gounod empfand? Ich
+kann das nicht behaupten, so wenig ich auch sonst diesem Ort den ihm
+zukommenden Reiz absprechen moechte. Mir fehlt hier der volle Blick auf das
+Esterel, und ich fuehle mich nicht hinlaenglich dafuer entschaedigt durch die
+Aussicht auf das Maurengebirge und jenes Thal des Argens, das Gounod mit
+der Campagna von Rom vergleicht. Lieber wuerde ich doch dem Beispiel von
+Carolus Duran folgen und mich dort drueben in St. Aigulf niederlassen, an
+dem waldigen Strande, von dem aus man am Abend das zackige Esterel in
+Purpur leuchten sieht.
+
+ V.
+
+Hingegen bildet St. Raphael einen vorzueglichen Standort fuer Ausfluege in
+das Esterel-Gebirge. Und dieses Gebirge ist sicher des Besuches werth; es
+gehoert zu den Juwelen der Riviera: sein malerischer Reiz wird durch die
+Porphyre bedingt, die als nackte Felsenmassen dem Boden entsteigen. Um
+diese Porphyre und anderes eruptives Gestein sind Schiefer emporgerichtet.
+Allseitig wird das Esterel durch tiefe Thaeler von den Alpen und durch das
+Thal des Argens auch von dem Maurengebirge getrennt. Noch zu Anfang dieses
+Jahrhunderts wagte man sich nur mit Schrecken in das Esterel hinein, jetzt
+wandelt man in demselben sicherer als in den Anlagen mancher grossen Stadt.
+- Unser erster Besuch sollte dem hoechsten Punkt des Gebirges, dem Mont
+Vinaigre gelten, dessen Gipfel sich 616 Meter hoch ueber den Meeresspiegel
+erhebt. Wir hofften von dieser Hoehe das ganze Esterel zu ueberblicken und
+wollten dort unseren Plan fuer weitere Ausfluege entwerfen. - Wir brachen
+von St. Raphael auf, als der Morgen graute. Der Weg fuehrte gegen Norden
+zunaechst nach Valescure. Dort am Abhang der Berge, in dem kuehlen Walde,
+pflegten schon roemische Familien den Sommer zu verbringen, wenn die Hitze
+des Tages in Forum Julii unertraeglich wurde. _Vallis curans_, das Thal,
+welches Genesung bringt, muss, wie sein Name sagt, als besonders gesunder
+Aufenthaltsort gegolten haben. Diesen alten Ruf moechte man auch heute noch
+ausnutzen und durch den verheissungsvollen Klang des Namens neue Bewohner
+hier anlocken. Man wandert in Valescure auf fertig angelegten Strassen,
+"_Grands Boulevards_" mit hochtoenenden Namen; der Wald ist in Parkanlagen
+verwandelt; grosse Hotels hoffen auf Gaeste, Musikpavillons warten auf
+Musikanten. Doch die Besucher bleiben noch aus. Woher auch sollen sie
+kommen, diese Millionaere, um allen Grundstueckspeculanten zu Gefallen die
+ganze Riviera von Toulon bis Ventimiglia mit Villen zu bedecken? Mit dem
+Augenblick, wo der Bau der Suedbahn beschlossen war, bemaechtigten sich
+Actiengesellschaften aller Punkte am Strande, die durch schoene Aussicht
+aller Punkte auf der Hoehe, die durch gesunde Lage, Kiefernadelduft, oder
+sonst welche Vorzuege sich auszeichnen. Auch in St. Aigulf drueben im
+Maurengebirge ist der Wald schon parcellirt, laufen "_Grands Boulevards_"
+durch denselben und sind nicht allein mit schoenen Namen, sondern auch mit
+Laternen versehen. Den Laternen freilich fehlen die Scheiben; gebrannt hat
+noch keine; manche warf der Sturm, manche auch Menschenhand schon um; nun
+liegen sie da und rosten, ein trauriges Bild des Todes dort, wo niemals
+Leben war. Dazwischen in moeglichst auffaelliger Stellung grosse Tafeln mit
+bunten Inschriften und Plaenen, die zum Ankauf der Grundstuecke verlocken
+sollen. - Wird Valescure jemals gedeihen? Es ist wohl moeglich - einen
+Anfang von Erfolg hat es schon zu verzeichnen: "_La nature severe et
+riante, l'odeur des pins agreable et salutaire_", wie Stephen Liegeard den
+Ort preist, hat bereits die Kuenstlerin der "_Comedie francaise_" Suzanne
+Reichemberg und die nicht minder beruehmte Saengerin der Pariser komischen
+Oper Miolan Carvalho veranlasst, sich hier anzusiedeln. Der Ort ist
+anmuthig, dicht von immergruenem Wald umhuellt, mit heiteren Ausblicken in
+das Meer und das Gebirge: trotzdem athmeten wir freier auf, als wir die
+"_Grands Boulevards_" verlassen hatten und uns in einer von der
+Speculation weniger uebertuenchten Natur bewegten. - Die Sonne ging in
+blaugrauem Nebel als rothe strahlenlose Scheibe auf; dann tauchte sie aus
+dem Nebel hervor und strahlte hell an wolkenlosem Himmel. Die Erde schien
+jetzt von Licht ueberstroemt. Bald betraten wir jene ausgedehnten Waelder,
+welche das Esterel fast ganz bedecken. Einst hatten sie oft vom Feuer zu
+leiden; statt gruener Laubkronen starrten verkohlte Skelete den Wandrer an.
+Jetzt sind die Waelder Staatseigenthum geworden und erfreuen sich so
+sorgsamer Pflege, dass sie fast den Eindruck grosser Parkanlagen machen. Die
+dunklen Strandkiefern (_Pinus Pinaster_) wiegen bei Weitem vor: sie
+schliessen ihre Kronen oft so dicht zusammen, dass kaum ein Sonnenstrahl
+durch das Dickicht dringt. Vorzuegliche Kunststrassen fuehren durch den Wald,
+und bis auf den Gipfel der Berge gelangt man auf gut gehaltenen Wegen.
+Auffallend genug sieht man eine weite Kunststrasse oft ganz ploetzlich
+enden, wenn sie die Grenzen des Gebirges erreicht. Da hoert das Departement
+der Forste naemlich auf, und es beginnt dasjenige der Bruecken und
+Chausseen. Die beiden Ministerien arbeiten sich, wie es scheint, nicht
+immer in die Haende. Nach Wegweisern sieht man sich leider vergebens im
+Esterel um, und wo mehrere Strassen sich schneiden, bleibt man auf seine
+Orientirungsgabe ganz angewiesen. Die besten Karten der Gegend, die wir
+uns zu verschaffen vermocht, Karten, welche das Ministerium des Inneren im
+Jahre 1889 veroeffentlicht hatte, reichten eben nur aus, um uns irre zu
+fuehren. Der Weg zum Mont Vinaigre war uebrigens nicht schwer zu entdecken.
+Zunaechst sahen wir ihn vor uns, dann brauchten wir im Walde nur der
+breiten Strasse zu folgen und uns nordwestlich zu halten, dort wo sich
+dieselbe mit anderen gleich breiten Strassen schnitt. Sie stieg in
+Windungen zwischen den Bergen empor. Meist war sie im Walde versteckt, und
+wir wanderten im Schatten hoher Baeume, oder sie erreichte einen steilen
+Abhang, und ueber den Gipfel der Baeume hinweg konnte der Blick dann ueber
+gruene Thaeler und Berge weithin sich verlieren. Doch kein Haus war zu
+entdecken, nirgends verrieth aufsteigender Rauch eine verborgene Huette:
+nichts als Waelder, Thaeler und Berge in endloser Einsamkeit. Seitdem wir
+das Gebirge betreten hatten, war uns kein Mensch begegnet. Wir fuehlten uns
+ganz allein: es war fast unheimlich. Nach zwei Stunden erreichten wir eine
+menschliche Behausung, das Forsthaus zu Malpay: "_M[=a]ou pays_",
+schlechte Gegend, wie es provencalisch heisst, in Erinnerung an jene Zeit,
+wo es hier nicht geheuer war, zu reisen.
+
+Die Frau Foersterin schien sichtlich erfreut, sich wieder einmal
+aussprechen zu koennen, und gab uns, waehrend wir fruehstueckten, genaue
+Auskunft ueber die Gegend. Sie zeigte uns auch in oestlicher Richtung ein
+Stueck der roemischen Strasse, die man von hier aus auf eine laengere Strecke
+hin ueberblicken kann. Rom mit Gallien verbindend, endete sie in Arelate,
+dem heutigen Arles, von wo die "_via Domitia_" nach Spanien fuehrte. Zwei
+roemische Strassen, die als aurelianische bezeichnet wurden, fuehrten durch
+das Esterel. Die aeltere folgte von Cannes aus der Kueste und erst vor der
+suedlichsten Felsengruppe des Esterel drang sie landeinwaerts, in ein Thal,
+um in westlicher Richtung Frejus zu erreichen. Spaeter legten die Roemer die
+zweite Strasse an, die, in gerader Richtung ueber die Berge laufend,
+ungefaehr der heutigen zwischen Frejus und Cannes entspricht und von der
+wir hier ein Stueck vor Augen hatten. In einer verborgenen Schlucht unfern
+derselben liegen in Malpay noch Porphyrsaeulen aus alter Zeit, unvollendete
+Arbeit der Roemer. Der violettrothe Stein hat sich seitdem freilich mit
+einer dicken schwarzen Kruste bedeckt. An die Benennung jener roemischen
+Strassen erinnern hier noch die Namen der Ufer und Berge. Dort, wo die
+aeltere der beiden Strassen das Meer verliess, heisst immer noch das Ufer
+"Plage d'Aurel", und "Pic d'Aurel" heissen die Porphyrmassen, denen sie
+dann folgte. Dieses Gebirge war spaeter von aller Cultur so abgeschnitten,
+neuen Einfluessen so entzogen, dass das Volk bis auf den heutigen Tag eine
+noch benutzte Strecke der aelteren Strasse "_lou camin Aurelian_" nennt.
+
+Man verlaesst in Malpay die breite Strasse und folgt in oestlicher Richtung
+dem Fussweg, der in zahlreichen Windungen am suedlichen Abhang des Mont
+Vinaigre aufwaerts steigt. - Wie kommt der Berg zu seinem merkwuerdigen
+Namen? Es heisst der saure Wein, der an seinen Flanken wuchs, haette ihm
+denselben verschafft. Spuren einstiger Weincultur sind freilich nicht mehr
+zu entdecken, hingegen tritt man am Abhang in die herrlichsten Maquis ein.
+Baumartige Heide, Ginster, Pistacien, Euphorbien, Asphodelen, sie alle
+bluehen zu gleicher Zeit und erfuellen die Luft mit wuerzigem Duft. Denn er
+ist kurz, der provencalische Fruehling, und die Pflanzen muessen sich
+beeilen, bevor die Duerre naht; es ist als wenn die Natur ein Fruehlingsfest
+hier feiern wollte, und unbewusst dringt etwas von diesem Fruehling auch in
+die Seele des Wandrers ein. Er vergisst alles Vergangene, ihm ist, als
+koenne er das Leben von Neuem beginnen. Warum auch nicht? Ist doch die Welt
+so alt und erwacht sie dennoch in jedem Fruehjahr zu neuem Leben. - Was
+duften nur die Heiden so schoen nach bittren Mandeln? Jeder Windhauch traegt
+uns ganze Fluthen dieses Aromas entgegen. Dieser Duft war uns frueher kaum
+aufgefallen, doch eine gleiche Fuelle von Ericabluethen hatten wir auch noch
+nie gesehen. Ein suesser Honiggeruch erfuellt jetzt die Luft: eine
+unscheinbare kleine Wolfsmilch (_Euphorbia spinosa_) ist es, die ihn
+verbreitet. Ihr fehlen auffaellige Bluethen, und da muss sie sich besonders
+bemuehen, um in so farbenreicher Umgebung nicht unbeachtet zu bleiben. Sie
+wird auch von zahlreichen Bienen besucht, waehrend die bunten
+Schmetterlinge um andere praechtigere Bluethen flattern. Hier lohnt es sich,
+Biene und Schmetterling zu sein! Aus dieser Bluethenmasse ragen dunkle
+Erdbeerbaeume, zwerghafte Kiefern, immergruene Eichen, stachelige
+Wachholderstraeucher (_Juniperus oxycedrus_) hervor. Und wo ein noch so
+kleiner Platz unbesetzt geblieben an dieser reichen Tafel der Natur, da
+draengen sich die Asphodelen (_Asphodelus cerasifer_) mit ihren weissen
+Bluethenrispen ein. Auch sie wollen ihren Antheil an Licht und Waerme haben,
+an jener Nahrung, die hier in solchem Uebermass gespendet wird.
+
+Wir steigen nur langsam in die Hoehe, bleiben vor jeder einzelnen Bluethe
+stehen, belauschen die Bienen bei der Arbeit. Erst nach einer Stunde sind
+wir oben; da liegt eine ganze Welt zu unseren Fuessen. Vor uns das gruene
+Esterel mit seinen tief eingeschnittenen Thaelern und seinen steilen Hoehen,
+wo aus dem Laub der Baeume die zackigen Porphyrfelsen in den Himmel ragen.
+Im Westen die Ebene von Frejus von ihrem Silberfluss durchstroemt; ueber
+dieser das Maurengebirge mit seinen dunklen Waeldern, und dann alle Buchten
+der Kueste, weit hin bis nach St. Tropez. Im Norden die Kalkalpen in
+perlgrauem Ton; im Osten die Seealpen mit schneebedeckten Haeuptern; davor
+ueppig gruenes Land, mit leuchtenden Staedten und Doerfern und wieder die
+Kueste, erst bei Bordighera in duftigen Nebel sich huellend. Ganz in der
+Naehe Cannes, vor ihm die Inseln von Lerins; weit vorspringend in die See
+das schmale Cap von Antibes; endlich im Sueden, scheinbar dem Himmel
+entgegenstrebend, das unbegrenzte Meer.
+
+Heute war es hier oben so windstill, dass auch die einsame Korkeiche, die
+am Gipfel steht, sich in der Sonne *waermen* konnte. Auch sie, die
+bedauernswerthe, war ihrer schuetzenden Korkhuelle beraubt worden. Zum
+grossen Theil entbloesst, musste sie an schlimmen Tagen dem Mistral hier
+trotzen. In dem friedlichen Bilde, das uns umgab, stoerte diese nackte
+Eiche wie ein Misston die Harmonie.
+
+Der Weg, den wir bei Malpay verlassen hatten, setzt sich in gerader
+Richtung am Fusse des Mont Vinaigre fort und trifft bald auf die grosse
+Strasse von Frejus und Cannes. Folgt man ihr in oestlicher Richtung, so
+gelangt man bald zu einer Haeusergruppe, der Auberge des Adrets und dem
+Gensdarmerieposten. Der Name, den das Wirthshaus fuehrt, war in Paris einst
+in Jedermanns Mund, als der beruehmte Schauspieler Frederic Lamaitre im
+Ambigu-Theater die Hauptrolle in einem Schauerdrama gab, das in einer
+"Auberge des Adrets" spielte. Das war in den vierziger Jahren, und alle
+sensationsbeduerftigen Besucher von Cannes machten Ausfluege ins Esterel, um
+in der "Auberge des Adrets" die Raeume zu sehen, in denen ein Herr Germeuil
+ermordet oder vielmehr *nicht* ermordet worden war. Denn abgesehen davon,
+ob die ganze Geschichte sich jemals zugetragen, oder ob sie nur erfunden
+war, handelte es sich thatsaechlich in dem Drama nicht um diese, sondern,
+wie das Textbuch deutlich angab, um eine Herberge gleichen Namens auf dem
+Wege von Grenoble nach Chambery. - Unter den Besuchern, die in froehlicher
+Laune von Cannes aus hierher gekommen waren, befand sich im Jahre 1868
+auch Georges Sand. Die Bewohner des Hauses wurden damals schon sehr
+ungehalten, wenn man sie ueber jenen Herrn Germeuil ausfragen wollte; sie
+glaubten, man bezichtige sie des Mordes. Richtig ist, dass vor Jahren die
+Gegend um jene "Auberge des Adrets" besonders beruechtigt war. In den
+unzugaenglichen Thaelern und Schluchten des Esterel suchten alle jene
+Verbrecher ihre Zuflucht, denen es gelungen war, aus den Galeeren von
+Toulon zu entfliehen. Sie pflegten die Reisenden unfern von diesem
+Wirthshaus anzufallen, an einer Stelle, wo die Strasse von angrenzenden
+Hoehen beherrscht ist. "Als wir vorbeifuhren," schreibt Horace Benedict de
+Saussure, "zeigte uns der Courier von Rom, der mit uns reiste, einen
+zertruemmerten Reisekoffer, der noch am Wege lag und einem Courier gehoert
+hatte, der vor einigen Tagen ausgepluendert worden war." Als hingegen der
+Erlanger Professor der Naturwissenschaften Gotthilf Heinrich Schubert 1822
+"mit der Hausfrau, die, wie gewoehnlich, als Haushofmeister und Adjutant,
+ihren alten Traeumer begleitete", die naemliche Stelle ueberschritt, hatten
+sich die Zustaende bereits geaendert. In dem Wirthshaus war ein
+Gensdarmerieposten errichtet. Doch fand er dort nur eine alte Frau und
+zwei kleine Kinder vor. Waehrend die Reisenden sich staerkten, kam die Alte
+auf die verschollenen Raeubergeschichten zu sprechen. "Wenn sich so ein
+Raeuber doch hier wieder sehen liesse," meinte die Frau, "damit unsere
+Gensdarmen zeigen koennen, dass sie ihr Brot nicht umsonst essen." - Seitdem
+die Eisenbahn Frejus mit Cannes verbindet, ist diese Strasse wie
+ausgestorben, und Raeuber wuerden ihr Auskommen da nicht mehr finden. Das
+Wirthshaus zeigt aber noch deutlich an, dass es einst darauf eingerichtet
+war, sich zu vertheidigen. Die Mauern sind ungewoehnlich dick, die Fenster
+des unteren Stockwerks mit eisernem Gitter versehen. Durch eine Oeffnung
+in der eichenen Thuer wurde der Reisende erst genau betrachtet, bevor er
+Einlass erhielt, schraege Schiessscharten in den Waenden sind gegen die Thuer
+gerichtet: das Haus gleicht einer Festung, die nur durch regelrechte
+Belagerung genommen werden konnte. Jetzt steht seine Thuer weit offen, und
+kleine Kinder spielen vor dem Hause.
+
+Wir kehrten nach Malpay zurueck und waehlten von dort einen Weg, der in
+suedoestlicher Richtung uns nach Agay fuehrte. Bald waren wir in den _Vallon
+de la Cabre_ gelangt. Dort breitete ueberall am Abhang der lorbeerartige
+Schneeball (_Viburnum Tinus_) seine weissen Bluethendolden aus. Bis auf die
+betretenen Wege wagten sich die blauen Schwertlilien (_Iris germanica_)
+hervor. Die Dichternarcisse (_Narcissus poeticus_) schaute uns aus dem
+Gebuesch mit ihren leuchtenden Blumenaugen an. Hochstengelige Tulpen
+(_Tulipa Celsiana_) gruessten uns aus der Ferne mit ihren gelben Bluethen.
+Die violetten Bluethenstaende der doldenbluethigen Schleifenblume (_Iberis
+umbellata_) ueberraschten uns durch ihre Pracht; hatten wir doch dieses
+schoene Gewaechs bisher nur in Gaerten gesehen. Bald war in unseren Haenden
+_Ophrys aranifera_, die merkwuerdige Orchidee, mit ihren spinnenartigen
+Bluethen, und zu dieser konnten wir dann auch ihre bienenaehnliche Schwester
+(_Ophrys apifera_) gesellen. Am meisten aber erfreute uns das seltene
+_Limodorum abortivum_, eine blattlose Orchidee, die in allen Theilen
+hellviolett gefaerbt, auch hellviolette Bluethen traegt. So wandelten wir im
+Thale mit grossen Blumenstraeussen in den Haenden. Da ploetzlich tauchte vor
+uns ein grosser Porphyrblock auf. Er steht auf schwachen Fuessen und neigt
+sich ueber den Bach, als wollte er stuerzen. Das Volk hat ihn den
+Taubenschlag, "_Pigeonnier_", genannt. Dann fuehrte unser Weg weiter an
+anderen phantastischen Felsen vorbei; oft schienen sie das Thal zu
+versperren und traten erst weit im Halbkreis auseinander, als wir den Fluss
+von Agay erreichten. Dem folgten wir bis an das Meer. Zackig zerrissen, in
+rothem Lichte gluehend, schaut dort das Castel d'Agay in die See hinab. Wie
+Zaehne einer Riesensaege ragen in langgedehnter Reihe die steinernen Zacken
+gegen den Himmel vor. Wir rasteten an der lieblichen Bucht von Agay, die
+der rothe Porphyr in einen farbigen Rahmen fasst. Wir sind hier zehn
+Kilometer von St. Raphael entfernt, an der Station der Mittelmeerbahn, die
+dem Seestrande folgt, um dem Gebirge auszuweichen.
+
+Unfern von Agay, am Wege nach St. Raphael, wird blauer Porphyr gebrochen.
+Grosse Bloecke sprengt man aus dem Berge heraus, schneidet sie in Platten
+und Wuerfel und verwerthet den Rest fuer Strassenbau. Der ganze Strand ist
+mit blauem Porphyr bedeckt, und zahlreiche Arbeiter sind beschaeftigt, ihn
+auf Schiffe zu laden. Der Porphyr des Esterel ist ein Quarzporphyr, der in
+dichter, mit blossem Auge nicht unterscheidbarer Grundmasse, die aus Quarz
+und Feldspath besteht, Krystalle oder crystallinische Koerner aus Quarz
+oder Feldspath fuehrt. Der Feldspath ist meist fleischroth, doch wird die
+rothe Faerbung des ganzen Gesteins vornehmlich durch Eisenoxyd bedingt, das
+als ein feiner Staub in der Grundmasse vertheilt ist. In den blauen und
+andern hellgefaerbten Porphyren tritt das Eisenoxyd gegen
+Eisenoxydulverbindungen zurueck. Der blaue Porphyr wird fuer Strassenbauten
+besonders geschaetzt und seine Gewinnung hier in grossem Massstab betrieben.
+- Dem Steinbruch gegenueber springt eine Landzunge, "_Le Piton de
+Dramont_", vor in die See und traegt auf steil abfallenden Felsen einen
+hohen Leuchtthurm. Er warnt den Schiffer schon aus der Ferne vor der
+Gefahr, die ihn an dieser felsigen Kueste bedroht. Die Bucht von Agay, die
+bei ruhigem Wetter still ist und leer, fuellt sich bei stuermischer See oft
+mit vielen Schiffen. Sie warten hier, im sicheren Schutze der Berge, auf
+guenstigeres Wetter, und schon zur roemischen Zeit hat der Agathon Portus
+manches Schiff vor Untergang gerettet.
+
+ VI.
+
+Als ein Wunder des Esterels gilt das Malinfernet, ein versteinertes
+Felsenmaerchen. Eine Strasse fuehrt jetzt von Agay dahin, und drei Stunden
+Wagenfahrt genuegen, um es von St. Raphael zu erreichen. Wir ziehen die
+Fusswanderung vor und brechen von le Trayas auf, wohin wir mit der Bahn in
+einer halben Stunde gelangen. Dort kreuzen wir sogleich die Schienen und
+steigen am westlichen Abhang des vor uns sich erhebenden Berges in die
+Hoehe. Wir wandern in Maquis, noch ueppiger als wir sie an andern Stellen
+des Esterels gesehen. Vom suessen Honigduft der Euphorbien sind wir fast
+betaeubt. Weite Flaechen werden gelb gefaerbt von grossbluethigen
+Pfriemenstraeuchern (_Calycotome spinosa_). Cistusrosen (_Cistus albidus_)
+beginnen eben ihre grossen rothen Bluethen zu entfalten. Zunaechst sind sie
+zerknittert, so wie sie es in dem engen Raum der Knospenhuelle waren, doch
+breiten sie sich aus, verlieren bald alle Falten und locken nun die
+Schmetterlinge durch ihren zarten Farbenreiz. Wir pfluecken keine dieser
+Bluethen, da sie zu vergaenglich sind, der leiseste Windhauch traegt ihre
+Kronenblaetter davon. - Welche Fuelle bunter Schmetterlinge belebt hier den
+Abhang. Bluethen und Schmetterlinge gehoeren ja zusammen. Der sonst seltene
+Falter _Anthocharis Eupheno_ ist hier fast gemein. Er gleicht unserem
+Aurorafalter, ist aber schwefelgelb, nicht weiss wie jener. Dieselben
+rothen Flecken zieren seine Vorderfluegel. Unruhig und rasch fliegt er
+durch die Luefte. Ebenso behend ist der Osterluzeifalter (_Thais
+Polyxena_), dessen braeunlich gelbe Fluegel mit schwarzen Zacken sich
+umrandet zeigen und rothe und blaue Flecken tragen. Er gleicht einem
+Harlekin, so bunt und befranzt ist seine Tracht. Langsam schweben in allen
+Richtungen die Segelfalter an uns vorueber. - Bald haben wir einen Kamm,
+den Col Lentisque erreicht, den zahlreiche Korkeichen schmuecken. Hier
+schneiden sich mehrere Wege. Wir waehlen denjenigen, der zur Rechten
+abzweigt, ueberschreiten alsbald die Passhoehe und beginnen in einem waldigen
+Thale, dem "Ravin" des Baches Escalle, der hier abwaerts fliesst, langsam
+abzusteigen. Schoene Stecheichen (_Ilex aquifolium_) ragen stellenweise aus
+dem ueppigen Dickicht hervor. Es sind das hier stattliche Baeume, waehrend
+wir sie in unseren Waeldern nur in Strauchform finden. Da faellt uns dann
+wieder auf, was einst schon Chamisso bemerkte, dass die glaenzenden,
+lederartig starren Blaetter nur in den unteren Theilen des Baumes mit
+scharfen Zaehnen besetzt sind, an den hoeher entspringenden Aesten aber
+einen fast glatten Rand haben. Nur an denjenigen Blaettern, die von den
+weidenden Thieren erreicht werden koennen, bildet zum Schutz gegen
+dieselben diese Pflanze Stacheln aus. Der Weg wendet sich ploetzlich nach
+Westen, und ganz unvermittelt stehen wir am Ausgang des Malinfernet. Da
+ragen sie nun hervor aus dem dunklen Wald, alle die rothen Felsen hier in
+der Sonne gluehend, dort in den Schatten der Berge getaucht. Sie
+verschieben sich gegeneinander bei jedem Schritt, den wir vorwaerts
+schreiten; die einen schwinden, die andern treten hervor, fast endlos. Und
+der klare Bach, der das Thal durchstroemt, rauscht entweder stark, oder
+murmelt schwach, oder donnert laut in Wasserfaellen. Einmal verbirgt er
+sich ganz im gruenen Laub der Baeume, dann tritt er wieder weit sichtbar vor
+und spiegelt mit hellem Glanze den Himmel. Und erst die Felsen! Hier
+glaubt man einen spitzen Thurm zu sehen, wie den Thurm eines gothischen
+Domes, mit steinernen Blumen und Thieren und allerhand Schnoerkeln
+verziert; dort eine Burg mit ihren Schanzen und Zinnen, dort eine Orgel
+mit riesigen Pfeifen, hier einen schlanken Kegel, dort einen kantigen
+Crystall, hier wieder ein Standbild auf hohem Postament. Ist das nicht der
+Gott Osiris, der auf diesen Felsen thront? Er traegt zwei junge Kiefern wie
+Scepter in den Haenden. Am Eingang jener Schlucht kauert eine Sphinx und
+holt aus zum Sprunge. Und dort am fernen Abhang scheint eine wilde Jagd
+den Berg hinabzurasen. Die phantastischen Thiere ragen hoch aus dem Wald
+hervor, in letztem Todeskampf zu Stein erstarrt. Da hat die Natur ihrem
+ungezuegelten Gestaltungsdrang freien Lauf gelassen; sie schuf in
+uebermuethiger Laune. Und als bereue sie nachtraeglich diesen Uebermuth,
+verbarg sie sorgsam das Thal zwischen hohen Bergen. Das Malinfernet musste
+thatsaechlich erst entdeckt werden, und noch im December 1851, nach dem
+napoleonischen Staatsstreich konnten politische Fluechtlinge sich dort
+lange Zeit verborgen halten und den Nachforschungen der Gensdarmen
+entgehen.
+
+ VII.
+
+Gegen Abend zogen wir wieder hinaus zum Strande von St. Aigulf. Wir
+wollten das Esterel noch einmal im Glanze der untergehenden Sonne gluehen
+sehen. Es war ein farbenpraechtiger Abend, still und mild, einer jener
+Abende, die das Gefuehl des Glueckes in der menschlichen Seele erwecken.
+Kein Luftzug bewegte die Blaetter der Baeume. Im See von Villepey spiegelten
+sich dunkle, goldumstrahlte Wolken. Durch unser Nahen aufgeschreckte Voegel
+flohen aus dem Dickicht des Ufers empor. Sie stiegen in die Luefte und
+schienen schwarze Furchen zu ziehen am hellen Abendhimmel. Die Wolken im
+Westen nahmen Purpurfarben an, und in ihrem Widerschein roethete sich auch
+der See. Er sah jetzt unheimlich aus, wie eine Lache von Blut; das dunkle
+Dickicht aus Rohr umfasste ihn mit schwarzem Trauerrand. Wir setzten unsern
+Weg fort zum Strande. Bald stand der Westen in voller Gluth, und das
+Maurengebirge glich einem Riesen in der Feuersbrunst. Die Baeume des Waldes
+zeichneten sich schwarz auf hellem Grund, als waere ihr Umriss mit Kohle
+gezogen. Allmaelig verblasste der Himmel. Auf den spiegelnden Wellen des
+Meeres begannen sich die weissen Strahlen der ersten Sterne mit dem rothen
+Abglanz der letzten Abendlichter zu mischen. Als wir den Strand
+erreichten, war es bereits so dunkel, dass wir den Umrissen des Meeres
+nicht mehr folgen konnten. Der Himmel spruehte von Sternen und schien auch
+ungezaehlte Lichter im Meere auszusaeen. Wir lauschten dem Stoehnen und
+Rollen der Brandung und frugen uns, warum es ewig klagt und grollt, dieses
+laenderumspuelende Meer; ist es der Schmerz ueber all' das Leid, das sich an
+seinen Ufern zugetragen? Ist doch auch dieser Ort nach jenem Heiligen
+benannt, der auf den Lerinischen Inseln gemartert ward. Manchmal glaubten
+wir nahende Schritte zu hoeren; doch nein, es war nur ein reifer
+Kieferzapfen, der vom Baum zu Boden fiel, oder eine groessere Welle, die
+sich ueber das Ufer ergoss und zischend dem Meer wieder zueilte. Die
+silberne Mondsichel, ganz schmal, tauchte hinab in die Baeume. Starr
+leuchteten uns von Osten her die Leuchtthuerme von St. Raphael und von
+Drammont entgegen; der Phar von Camarat im Westen flammte auf und nieder:
+es war, als oeffnete und schloesse er abwechselnd sein grosses Feuerauge. Im
+Meere tauchten Barken auf in gelbem Fackelschein. Das waren Fischer,
+welche mit Feuer die Tiefen erhellten, um Fische zu erspaehen. Die
+flackernden Flammen warfen lange zitternde Streifen auf die Wellen.
+Ploetzlich tauchte dicht vor unseren Augen, gespensterhaft gross, eine
+riesige Barke auf, mit ausgespannten Segeln. Sie deckte uns die Sterne und
+warf einen schwarzen Fleck ueber den funkelnden Himmel. Eben so rasch, wie
+sie kam, war sie auch verschwunden, lautlos, unvermittelt, wie ein
+Geisterschiff.
+
+ VIII.
+
+Unfern vom Bahnhofe bei le Trayas schaut aus dem dunklen Gruen der Baeume
+ein helles Haeuschen hervor. Schilder an der Station preisen es als "_Hotel
+du Trayas et restaurant de la Reserve_" an. Der Ort liegt so schoen am
+Wald, zwischen rothen Felsen, dass wir den Entschluss fassten, dort einige
+Zeit zu weilen. So fanden wir uns am naechsten Tage auf der Station von le
+Trayas mit unserem Gepaeck wieder ein. Wir frugen nach dem Wege zum
+"Hotel", und wurden auf einen Hund verwiesen, der sich in unserer Naehe
+befand. "Sie brauchen ihm nur zu folgen, er wartet auf die Gaeste". Der
+Hund hatte sich uns genaehert, als wir mit Handgepaeck beladen, aus dem
+Eisenbahnwagen stiegen und sah uns verstaendnissvoll an. Es war ein grosser
+schwarzer Vorstehhund, mit langem seidigem Haar. Wir schritten zum
+Ausgang; der Hund eilte uns voran, blickte oft sich um und wedelte dann
+mit dem Schweife. Er fuehrte uns den Weg an der Bahn entlang, hierauf in
+den Wald. Einen Augenblick war er verschwunden: es galt einen kleinen
+Pintscher im nahen Foersterhause zu besuchen, vielleicht ihm mitzutheilen,
+dass Fremde angelangt seien. Der kleine Freund kam mit bis auf den Weg, um
+uns zu betrachten, dann zog er sich zurueck. In einer Viertelstunde
+erreichten wir das Gasthaus, einen bescheidenen Bau, doch mit ziemlich
+weiter Glashalle. Augenscheinlich wurde die Restauration des "Hotels" mehr
+als seine Wohnraeume in Anspruch genommen und somit wohl die Glashalle am
+meisten benuetzt. Der Hund stellte sich vor die Eingangsthuer und bellte. Es
+war das aber nicht ein gewoehnliches Bellen, er stiess vielmehr gedaempfte,
+rasch hinter einander gedehnte Toene aus, welche die Mitte zwischen Bellen
+und Heulen hielten. Da stuerzte der geschaeftige Wirth mit seiner ganzen
+Familie aus dem Hause und bot uns seine Dienste an. Die Zimmer im Hause
+sind zwar aeusserst klein, doch ertraeglich, der Aufenthalt auf der Terrasse,
+bei so schoenem warmem Wetter, wie wir es trafen, war aber geradezu
+entzueckend. Steht doch das Haus dicht am Meere, auf einem Porphyrfelsen,
+und kann der Blick weithin der Kueste folgen, an rothen Porphyrmassen, dann
+dunkelgruenen Hoehen vorbei Cannes erreichen und auf den Lerinischen Inseln
+im Meere, oder dem weissen Schnee der Alpen ueber den Bergen, endlich ruhen.
+Vorn ist der rothe Strand in scharfe Buchten zerschnitten und zu tiefen
+Grotten ausgehoehlt; im Norden steigt, dicht ueber dem Hause, der Pic
+d'Aurelle empor, im Westen schliesst die maechtige Felsenmasse des Cap Roux
+die Landschaft ab.
+
+Viele Fremde kommen aus Cannes hierher, verweilen aber nur wenige Stunden,
+um sich in der Glasveranda an "_Bouillabaisse_", oder an den Austern und
+Hummern der "Reserve" zu laben. Hin und wieder findet sich zu mehrtaegigem
+Aufenthalt ein leidenschaftlicher Liebhaber des Fischfangs ein. Denn das
+Meer gilt fuer besonders fischreich an diesem felsigen Strande, und der
+Fischer findet vollauf Gelegenheit, seine List und seine Gewandtheit zu
+ueben. Als besonders spannend gilt der Fischfang des Nachts bei Feuer und
+verlangt, so wie er hier geuebt wird, sehr viel Geschick. Eine solche Fahrt
+muss man einmal mitgemacht haben!
+
+Das Meer war so ruhig, so einladend, dass wir einen Fischer veranlassten,
+uns am Abend zu solchem Fischfang mitzunehmen. Es dunkelte schon, als wir
+das Land verliessen. Kein Mond am Himmel, doch unendlich viel leuchtende
+Sterne, deren Zahl noch immer zu wachsen schien. Sie spiegelten sich in
+den Wellen, die wir durchschnitten. Die Umrisse der Berge schwanden immer
+mehr; bald bildeten sie nur noch einen dunklen sternenlosen Schatten am
+Himmelssaum. Im Meere war es still; wir hoerten nur den leisen Anprall der
+Wellen gegen das Boot und den regelmaessigen Schlag der Ruder ins Wasser.
+Die Brise aber, die des Nachts von den Bergen weht, trug die Stimmen des
+Landes ueber das Meer. Wir hoerten aus der Ferne die lauten Concerte der
+Laubfroschscharen, das schrille Zirpen der Heuschrecken. Zugleich brachte
+uns diese Brise alle die Wohlgerueche, welche den harzigen Kieferwaeldern
+und den wuerzigen Maquis entstroemen. Nah und fern glaenzten am Ufer, wie
+grosse Sterne, die Leuchtthuerme uns entgegen. Wir gaben uns diesen
+Eindruecken ganz hin und athmeten mit Wonne die balsamische Luft. Der eine
+Fischer beugte sich dann ueber das Boot, um das Feuer zu entzuenden. Vorn an
+einem Haken war der eiserne Gitterkorb befestigt, den er mit harzigem Holz
+der Aleppokiefer gefuellt hatte. Knisternd entflammte dasselbe und
+verbreitete ein grelleres Licht, wie Fackelschein. Dieses Licht drang in
+die Tiefen des Meeres ein, waehrend der Himmel ueber uns jetzt fast schwarz
+erschien. Wir glitten ueber Felsenmassen, auf welchen Meeresalgen wahre
+Zaubergaerten bilden. Da mischen und durchdringen sich alle Farben, von
+lebhaftestem Gruen bis zu dunklem Braun und zu leuchtendem Roth. Hier
+breite Blaetter zu Rosetten aneinander gedraengt, dort lange fluthende
+Faeden, wie aufgeloestes Haar, dort wieder rundliche Gebilde wie Muscheln.
+Dazwischen schillernde Seeanemonen mit vorgestreckten Fuehlern, rothe
+Seesterne mit ausgebreiteten Armen und stachelige Seeigel, die dunkle
+Flecke in einem bunten Teppich zu bilden scheinen. Kleine Fische fliehen
+erschreckt nach allen Seiten, groessere folgen in Scharen, wie durch das
+Licht fascinirt, unserem Boot. Spaehend steht am Vordertheil des Schiffes
+der Fischer und schaut in die Tiefe. Er haelt eine dreizinkige, an langer
+Schnur befestigte Harpune in der Hand, bereit sie abwaerts zu stossen. Jetzt
+giesst er einige Tropfen Oel auf das Wasser, um die Fluth, die der Luftzug
+kraeuselt, zu glaetten. Die Ruderschlaege verstummen. Ploetzlich faehrt der
+Wurfspeer in die Tiefe, sein mit Widerhaken versehener Dreizack durchbohrt
+einen Fisch, und zappelnd wird dieser emporgezogen, um im Boote bald zu
+verenden. - Es gehoert viel Uebung und Geschick zu einer solchen Jagd.
+Nicht nur gilt es beim Wurf die Bewegung des Fisches, sondern auch jene
+Lichtbrechung im Wasser zu beruecksichtigen, welche den Fisch an einer
+anderen Stelle zeigt, als die, an der er sich wirklich befindet. Wir gaben
+die Jagd auf, es genuegte uns dieses eine Opfer; langsam erlosch unser
+Feuer und wieder glitten wir friedlich auf der weiten See, beschienen von
+silbernen Sternen.
+
+Gegen den Mistral ist le Trayas vollstaendig gedeckt, der Cap Roux faengt
+ihn mit seinem breiten Ruecken auf. Zu gleicher Zeit, da in Cannes und
+Nizza dichte Staubwolken von den Strassen aufsteigen, merkt man hier kaum
+einen Luftzug und kann sich behaglich im Freien vor dem Hause sonnen. Doch
+darf der Ostwind nicht kommen; der rueckt hier an, mit voller Gewalt; er
+stuermt das Gebirge, das ihm Halt gebietet, prallt zurueck von den hohen
+Felsen und umwirbelt sie mit wuethendem Geheul. Das geaengstigte Meer
+scheint dann auf das feste Land sich fluechten zu wollen; mit Schaum
+bedeckt versuchen es seine Wellen, die Felsen zu erklimmen, doch sie
+zerschellen an dem harten Stein und sinken gebrochen zurueck in die Tiefe.
+In der Hoehlung der Grotten fangen sie sich aber ein, suchen dort einen
+Ausweg nach oben und schlagen mit solcher Gewalt gegen die Woelbungen an,
+dass das ganze Ufer erdroehnt. Da ist von Schlaf kaum die Rede des Nachts in
+dem kleinen Hause, - schlummert man endlich auch ein, so traeumt man
+Schauergeschichten und wacht dann ploetzlich auf mit Schrecken und
+Beklemmung. Staub gibt es freilich selbst dann nicht auf den
+Porphyrstrassen des Esterel, und in einem vom Strande entfernteren, mehr
+geschuetztem Hause, koennte daher wohl mancher Lungenkranke im Fruehjahr
+besser aufgehoben sein, als in den von Kalkstaub erfuellten Kurorten. Im
+Winter selbst wird es hier zu kalt und fehlen demgemaess auch die
+empfindlicheren Pflanzen in der Flora.
+
+ IX.
+
+Vor Allem galt es uns von hier aus den Gipfel des Cap Roux, den "Grand
+Pic" des Esterel, zu besteigen. Gleichzeitig wollten wir die Grotte Sainte
+Beaume d'Honorat besuchen und frugen nach dem Wege zu derselben. Der Wirth
+bot uns den Hund als Fuehrer an, denselben Hund, der uns am Bahnhof
+empfangen hatte. "Castor" wurde herbeigerufen. Wir hatten schon naehere
+Bekanntschaft mit ihm geschlossen, bei den Mahlzeiten seiner gedacht und
+so seine Zuneigung gewonnen. Dieser Hund hatte merkwuerdig viel Ausdruck im
+Gesicht; seine Augen blickten so klar und treu, und wenn er uns von der
+Seite ansah und das Weiss seiner Augen sichtbar wurde, da erschienen diese
+so verstaendig und nachdenklich, so ueberlegt und klug, fast wie
+Menschenaugen. Allem Anschein nach verstand Castor den Sinn vieler Worte
+und staunten wir daher auch nicht, als der Wirth den Auftrag ihm
+ertheilte, uns nach der Beaume zu fuehren und zu diesem Zwecke das Wort
+"Beaume" drei Mal mit Nachdruck wiederholte. Castor wedelte mit dem
+Schwanze zum Zeichen des Verstaendnisses, doch blieb er zunaechst noch
+stehen. Ah! sagte der Wirth, ich habe den Lohn vergessen, den er gewohnt
+ist zu erhalten: die eine Haelfte hier, die andere an der Beaume. So wurden
+denn Cakes geholt, fuer welche Castor eine besondere Vorliebe hatte. Die
+eine Haelfte verzehrte er sogleich mit sichtlichem Behagen, die andere
+Haelfte nahmen wir mit auf den Weg. Wir brachen jetzt auf, Castor voran,
+die Schnelligkeit seines Ganges nach der unserigen richtend, haeufig nach
+rueckwaerts schauend, ob wir ihm auch folgen. Wir streiften den
+Eisenbahndamm in westlicher Richtung und waren bald an die Muendung des
+Thales gelangt, das den Pic d'Aurelle von der Bergwand des Cap Roux
+scheidet. Das Meer dringt vor in dieses Thal, um eine der vielen Buchten
+zu bilden, die hier Calanques heissen. Eine Eisenbahnbruecke ueberspannt im
+Bogen die Bucht. Wir glaubten den Weg unter derselben einschlagen zu
+muessen, doch Castor fuehrt uns aufwaerts, und ohne auf die Eisendraehte zu
+achten, durchkreuzt er die Bahn. Wir glaubten seinem Beispiel folgen zu
+muessen, und in der That schliesst ja auch beiderseits der Weg an den
+Bahndamm an. Die Draehte scheinen nur da zu sein, um ueberstiegen zu werden,
+nur um die Bahn im Falle eines Ungluecks vor der Verantwortung zu schuetzen.
+Diese Einrichtung wiederholt sich hier laengs der ganzen Bahnstrecke,
+zahlreiche Wege muenden beiderseits an dieselbe, und man wird zum
+Uebersteigen der Draehte vom Bahnwaerter selbst ermuthigt, wenn man ihn nach
+dem Wege fraegt. - Castor fuehrte uns am Abhang des Cap Roux in
+nordwestlicher Richtung weiter; er kehrte sich nicht an die vielen Wege,
+die steiler am Berge aufstiegen, ging ruhig und sicher in gerader Richtung
+vor sich hin. Das Thal wendet sich dann nach Westen, und wir folgten dem
+noerdlichen Abhang des Berges. Ein gemauertes Schutzhaus steht am Wege, das
+den Forstbeamten als Zufluchtsstaette dient; nebenan entspringt am Berg
+eine Quelle. Hier bog Castor seitlich ab, waehlte den rechts aufsteigenden
+Pfad und fuehrte uns jetzt steil in die Hoehe. Zunaechst war der Weg noch
+gut, doch nach einiger Zeit gelangten wir in Geroell und Felsen. Dann
+folgten Stufen im Stein; stellenweise schwebten wir ueber dem Abgrund, doch
+da waren eiserne Staebe in den Fels geschlagen, an denen wir uns stuetzen
+konnten. Castor war augenscheinlich nicht schwindlig; er kletterte behende
+aufwaerts, schaute oft an schwierigen Stellen sich um, als wenn er unserem
+Geschicke nicht ganz traute. Vor uns auf der Felsenkante steigen die
+Truemmer eines Thurmes auf, die Reste der frueheren Einsiedelei. Ein Thorweg
+durchsetzt den Thurm; wir bleiben an dessen Eingang stehen. Der Blick
+taucht hier ueber die steilen Felsen in das ueppige Thal hinab. Gruene Berge,
+von zackigen Porphyrmassen gekroent, steigen jenseits auf; ueber dem Col
+Leveque im Osten glaenzen die Schneehaeupter der Alpen. Und im Westen, in
+blaeulichem Dunst getaucht, begrenzt das Maurengebirge den Horizont. -
+Jenseits des Thurmes ist der Eingang zur Grotte. Castor hatte sich vor
+denselben gelagert. Nicht ohne Selbstgefuehl schaute er uns an. Er hielt es
+nicht einmal fuer noethig mit dem Schweife zu wedeln, als wir ihm die Cakes
+ueberreichten. Er hatte sie verdient; Demuth war nicht am Platze. Wir
+traten in die Grotte ein. Rechts birgt sie eine Cisterne. Im Hintergrunde
+ist ein bescheidener Altar errichtet, und noch bescheidenere Standbilder
+der Heiligen zieren die Waende. Hier soll einst als Einsiedler der heilige
+Honoratus gelebt haben, jener Heilige, der um das Jahr 408 auf den
+Lerinischen Inseln ein beruehmt gewordenes Kloster gruendete. Zahlreiche
+Pilger zogen Jahrhunderte lang und ziehen auch jetzt noch am ersten
+Donnerstag im Mai den steilen Berg hinauf, um den Heiligen zu verehren.
+Eine Nische in der Grotte soll des Heiligen Lager gebildet haben. Die
+Pilger betrachten mit Andacht die Vertiefungen im Stein, die sie als
+Spuren deuten, welche der Koerper des Heiligen hinterliess.
+
+St. Honoratus stammte aus dem noerdlichen Gallien, wie es heisst aus einer
+vornehmen Familie. Noch jung zog er sich in diese Einoede zurueck. Sein
+Beispiel regte zur Nachahmung an. Es folgte ihm der heilige Eucharius, ein
+provencalischer Edelmann, Seigneur de Theol et de Mandelieu, der aber
+spaeter als der heilige Honoratus der Welt entsagte. Er mag manchen
+bitteren Kummer und manche Enttaeuschung zuvor erlebt haben. Denn, wie ich
+der Geschichte der Dioecese Frejus, die der Abbe Disdier veroeffentlicht
+hat, entnehme, war der heilige Eucharius zuvor verheirathet gewesen und
+besass zwei Soehne und zwei Toechter. Als ihm seine Frau durch den Tod
+entrissen wurde, uebergab er die Erziehung der Soehne dem heiligen Hilarius
+und zog sich zunaechst auf eine der Lerinischen Inseln und dann in die
+Einsiedelei des Cap Roux zurueck. Er bewohnte hier eine Grotte, die noch
+unzugaenglicher, noch abgeschlossener als diejenige des heiligen Honoratus
+war. Hier "von Allen getrennt, der Ruhe und der Schweigsamkeit sich
+weihend, hatte er weder den Willen noch die Gelegenheit zu suendigen". Hier
+verfasste er auch einen begeisterten Tractat zum Lob der Einsamkeit. Doch
+sollte er sein Leben nicht in dieser Einoede beschliessen. Abgesandte der
+Lyoner Gemeinde entfuehrten ihn, um ihn als Erzbischof an ihre Spitze zu
+stellen. - Schwer faellt es heute, sich in den Geist jener begeisterten
+Asketen zu versetzen, denen als Ideal der Vollkommenheit nicht die
+Erfuellung der sittlichen Pflichten des Lebens, sondern der Ertoedtung aller
+sinnlichen Gelueste vorschwebte. Doch damals waren die Zeiten anders, und
+es sah so traurig aus in der Welt, dass mancher an ihr verzweifeln konnte.
+Manch' edel angelegter Mensch mochte glauben, dass sein ethisches Ideal
+innerhalb einer solchen Welt nicht zu verwirklichen sei, und suchte es
+darum in der Weltentsagung. Solches ideale Streben, das mit dem Opfer der
+eigenen Person verbunden ist, zwingt uns Bewunderung ab; menschlicher
+muthet uns ein spaeterer Einsiedler vom Berge des Cap Roux an, Namens
+Laurentius Bonhomme, der dort die zweite Haelfte des siebenten Jahrhunderts
+verlebte. Er betrieb allerhand kleines Gewerbe, war immer fleissig bei der
+Arbeit, zuechtete Bienen, verwerthete deren Wachs und Honig, und das Geld,
+das er verdiente, vertheilte er unter die Armen. Er schloss sich von den
+Menschen nicht ab, wanderte auch nicht selten nach Frejus, gefolgt von
+einem Reh. Der Bischof liess sich das Reh von ihm schenken; es blieb in
+Frejus zurueck. Spaeter nun, als Laurentius wieder einmal in Frejus war und
+vor dem bischoeflichen Palaste sich laut unterhielt, hoerte das Reh seine
+Stimme, sprang aus einem Fenster des Palastes zu ihm hinab und leckte
+seine Haende. Da fuehlte der Mann sich gluecklich; er empfand "_le bonheur du
+parfait solitaire_", wie es in der Erzaehlung heisst. So auch war seine
+Einsiedelei stets von zahlreichen Voegeln umgeben, die er zu Zeiten der
+Duerre in den Vertiefungen der Felsen mit Wasser traenkte. Eines Tages
+ueberraschte er Diebe, die ihm seine Bienenstoecke geraubt hatten.
+Erschrocken sahen die Missethaeter ihn nahen. Er aber trug ihnen auch noch
+die uebrigen Bienenstoecke zu und rief ihnen nach, sie haetten die besten
+vergessen. Solche unerschoepfliche Guete ruehrte das Gemueth der Missethaeter:
+sie besserten sich, so heisst es, von dieser Stunde.
+
+Wir blieben nochmals vor der Grotte stehen und verloren uns im Anblick
+dieser schoenen Gegend. So mag sie auch ausgesehen haben vor anderthalb
+tausend Jahren, als der heilige Honoratus in dieselbe blickte. Auch damals
+schon glaenzten die rothen Porphyrfelsen so feurig im Sonnenschein, und
+damals schon leuchtete der ewige Schnee so blendend weiss dort jenseits auf
+den Alpen. Auch dasselbe Beduerfniss nach Idealen ist dem menschlichen
+Geiste geblieben, nur hat sich die Form derselben veraendert.
+
+Wir stiegen hinab bis zur Quelle und schlugen einen anderen Weg dann ein,
+um von Westen her den Gipfel des Berges zu erreichen. Wir suchten Castor
+zur Heimkehr zu bewegen, doch zog er es vor, bei uns zu bleiben. Freilich
+fuehlte er sich nicht mehr verpflichtet, uns den Weg zu weisen, er ging
+nicht mehr vor uns her, schweifte vielmehr ab nach allen Seiten. Oft sah
+man ihn nicht, da war er im Gebuesch, um Voegel aufzuscheuchen; er schaute
+ihnen in den Lueften nach. Einmal schien er einem groesseren Thier
+nachzujagen, vielleicht einem der vielen Fuechse, die das Esterel bewohnen.
+
+Auf dem Gipfel des Cap Roux, dem Grand Pic, der einst Vigie de Peyssarin
+genannt wurde, entfaltete sich vor uns ein Bild so herrlich, wie wir es
+kaum je gesehen. Der Eindruck, den wir empfingen, war erhaben und lieblich
+zugleich, malerisch und von maechtiger Wirkung. Waehrend vom Mont Vinaigre
+aus unser Auge erst in der Ferne ueber gruene Berge das Meer erreichen
+konnte, hatten wir hier die blauen Fluthen zu unseren Fuessen. Die gruenen
+Abhaenge des Cap Roux fallen langsam zum Meere ab; sie endigen in schroffen
+Felsen, die sich senkrecht in die Wellen stuerzen. Dort setzen sie sich
+fort mit Zacken und Rissen, schneiden ein in das Meer mit scharfem Grat,
+fassen es in ausgehoehlte Mulden, tauchen dann wieder wie steinerne Riesen
+aus der Fluth empor. Das Wasser nimmt violette Toene an auf dem purpurnen
+Grunde: es scheint fluessiger Amethyst zu sein in einem Becken von Rosso
+antico. Um uns herum gluehen die Felsen in hellem Sonnenschein. Gelbe und
+graue Anfluege, von Flechten erzeugt, toenen das satte Roth ab in unzaehligen
+Schattirungen. Gegen diesen Vordergrund hebt sich die Ferne mit ganz
+eigenem Colorit ab; man wird voellig berauscht von dieser Pracht, sie
+klingt einem wie Musik in der Seele. Zunaechst beachtet man kaum die Form
+der Gegenstaende und laesst nur ihre Farben auf sich wirken: wie sich die
+Toene mischen und wie sie einander durchdringen, wie sie hier verschmelzen,
+dort in effectvollem Contrast von einander absetzen. Wie wunderbar glueht
+dieser braunrothe Coloss auf dem blauen Hintergrunde des Meeres, das hoch
+hinter ihm am Horizonte aufzusteigen scheint! Wie hebt sich dieser andere
+Porphyrfelsen von dem perlgrauen Grunde der Kalkalpen ab; dort springen
+wieder rothe Zacken vor gegen den leuchtenden Himmel, im Osten ueber Nizza
+kroent der blendend weisse Schnee der Alpen wie ein silbernes Diadem das
+gruene Vorgebirge. Ihm wenden sich immer wieder von Neuem unsere Blicke zu.
+Unten aber schillert am Strande das blaue Meer in purpurnen Toenen auf dem
+rothen Grunde; fern im Sueden spiegelt es die Sonne wider und strahlt
+unermessliches Licht zurueck. Eine maechtige Felsenmasse im Westen deckt uns
+das Thal von Frejus, hinter ihm thuermt sich das Maurengebirge in
+sammetgruenen Farben auf. Das Auge folgt der Kueste bis zu den goldenen
+Inseln. Im Osten liegt vor uns der Golf de la Napoule und Cannes fast in
+greifbarer Naehe. Die Inseln von Lerin tauchen gruen wie Smaragde hervor aus
+der goldigen Fluth. Wir sehen sie jetzt alle zu einer leuchtenden Gruppe
+vereinigt, voran die Insel St. Honorat, dann St. Marguerite, und neben
+St. Honorat im Osten, nur als dunkler Streifen, die kleine St. Fereol;
+dahinter taucht das Cap d'Antibes seine belaubten Ufer in die Fluthen; es
+springt so weit vor in die See, als wollte es dieses eine Meer in zwei
+Meere theilen. Jenseits der Baie des Anges, der breiten Engelsbucht,
+glaenzt das weisse Nizza im Halbkreis an gruenen Huegelketten, und dann
+erheben sich Berge hinter Bergen, bis jenseits Bordighera die Umrisse der
+Kueste verschwimmen.
+
+Auf Castor machte dieses Bild keinen Eindruck. Er beschnueffelt sorgsam die
+Steine, auf welchen, den Ueberresten nach zu schliessen, von frueheren
+Touristen manches Fruehstueck verzehrt worden ist. Sicherlich strengt er
+seine Einbildungskraft an, um die einzelnen "Menus" zu reconstruiren, -
+dann gaehnt er zu wiederholten Malen, streckt sich aus und schlaeft. -
+Stunden vergingen, bevor wir uns entschlossen, den Abstieg anzutreten.
+
+ X.
+
+Den Pic d'Aurelle durften wir nicht unbeachtet lassen, ihn, unseren
+naechsten Nachbar. Wir mussten denselben besteigen, waere es auch nur jenem
+Aurelius zu Ehren, nach welchem er den Namen fuehrt. Was fuer ein Aurelius
+das ist, dessen Name durch jenen Fels wie durch die alte roemische Strasse
+verewigt wird, das laesst sich freilich nicht mit Sicherheit sagen. Die
+Wahrscheinlichkeit spricht fuer Cajus Aurelius Cotta, weil er den Plan zu
+dieser grossen Strasse entwarf und deren Bau auch, von Rom aus, im Jahre 241
+vor Christus begann. Die Strasse soll er aber nur eine kurze Strecke weit
+ausgebaut haben; sie wurde dann von Aurelius Scaurus ueber Pisa und Savona
+fortgesetzt, von Julius Caesar endlich bis zum heutigen Arles gefuehrt.
+
+Wir stiegen vom Hotel geradeaus in die Hoehe, ueberschritten in gewohnter
+Weise den Bahnkoerper und erreichten bald einen breiten Weg, der in
+westlicher Richtung den Berg umkreist. Diesem Weg mussten wir laengere Zeit
+folgen, immer das gruene Thal vor Augen, das den Pic d'Aurelle vom Cap Roux
+trennt. An dem noerdlichen Abhang des Cap Roux profiliren sich scharf die
+dunkelrothen Felsen, und deutlich ragt aus denselben der Thurm hervor, der
+vor der Grotte des heiligen Honoratus wacht. - Wir waehlen den ersten
+Fussweg, der jetzt bergauf am Pic d'Aurelle sich wendet. Der Berg ist nur
+etwa 300 Meter hoch, laesst sich somit ohne Anstrengung besteigen. Der Blick
+von demselben ist jenem vom Gipfel des Cap Roux aehnlich, doch entsprechend
+eingeschraenkt. Denn das Cap Roux deckt die ganze Kueste im Westen, und nur
+das Thal an seinem noerdlichen Abhang gestattet einen Durchblick bis zum
+Maurengebirge. Da sieht man im Thale des Argens auch Frejus liegen und
+begreift es nun wohl, warum die Roemer zunaechst dieses Thal erwaehlten, um
+ihre Strasse von der Kueste nach Forum Julii zu fuehren. In oestlicher
+Richtung schweift auch vom Pic d'Aurelle das Auge unbegrenzt ueber die
+schneebedeckten Alpen und die weite Kueste. Die nackten Porphyrfelsen, die
+den Gipfel des Berges bilden, tief zerklueftet, gleichen den Ruinen einer
+Titanenburg. Mit Vorsicht nur darf man den Felsenraendern sich naehern, denn
+ganz unvermittelt fallen sie ab in die Tiefe.
+
+Jede Wanderung im Esterel bot uns neue Reize. Mit seinem gepflegten Walde
+und seinen sorgsam unterhaltenen Wegen gleicht dieses Gebirge einem grossen
+Parke, in welchem mit Kunstsinn, Geschmack und unerhoerter Kraft die Natur
+maechtige Felsmassen zum Schmuck vertheilt haette.
+
+Castor ist unser Freund, und ungeachtet ihn Fernsichten nicht fesseln,
+begleitet er uns doch auf allen unseren Ausfluegen; auch den Pic d'Aurelle
+hatte er mit uns bestiegen.
+
+Ein Weg fuehrt an unserem Hotel vorbei und setzt sich in westlicher
+Richtung fort bis nach Agay. Auf ihm pflegen wir oft zu wandern. Er folgt
+allen Windungen der Kueste. Zerfallene Haeuser stehen an demselben. Sie
+bargen einst die Arbeiter, die beim Bau der Bahn beschaeftigt waren. Ein
+hartes Stueck Arbeit, da die ganze Strecke hier aus dem Porphyr gesprengt
+werden musste. Die verlassenen Haeuser liess man in Wind und Wetter
+zusammenstuerzen. Der an das Hotel zunaechst grenzende Strand ist wiederum
+Aurelius zu Ehren, "plage d'Aurelle" benannt. Hier war es, wo die alte
+roemische Strasse den Strand verliess, um landeinwaerts hinter dem Cap Roux im
+Thale aufzusteigen. Jenseits der Bucht, in welche dieses Thal muendet, kann
+man vom Wege aus nach Agay schon die ganze Schneekette der Alpen
+ueberblicken. Hier verlassen wir den betretenen Weg, um an dem Ufer selbst
+unsere Wanderung fortzusetzen. Da geht es bergauf und bergab nicht ohne
+Hindernisse. Einmal erklimmen wir einen steilen Fels, dann steigen wir
+wieder bis zum Meer hinab. Leise Wellen schlagen an das Ufer, kaum
+umfranst von leichtem Schaum. Durch die krystallhelle Fluth dringt unser
+Auge bis auf den tiefen Grund. Es sieht dort in purpurnen Mulden
+raethselhafte Dinge liegen, die in bunten Farben gleich Edelsteinen
+funkeln. Die provencalische Sonne uebergiesst uns mit ihrem Glanz; auch das
+Meer und die Felsen strahlen uns Licht entgegen. Die ganze Luft zittert
+ueber dem erhitzten Boden. Alles leuchtet und flimmert um uns her; die
+Ferne schwindet in goldigem Nebel, und der weisse Schnee der Alpen scheint
+wie ueber Abgruenden zu schweben.
+
+Wie kommt es nur, dass sie so rein und so klar sind, diese herrlichen
+Fluthen des Mittelmeeres? tragen doch Fluesse und Baeche fort und fort
+Schlamm und Erde dem Meere zu; nagen doch seine Wellen unaufhoerlich an dem
+weit ausgedehnten Ufer. Die Klarheit des Seewassers wird durch seinen
+Salzgehalt bedingt. Truebes Flusswasser, sich selbst ueberlassen, braucht
+sehr lange Zeit, um sich zu klaeren, doch genuegt es, eine Spur Kochsalz
+hinzuzufuegen, damit diese Klaerung aeusserst rasch erfolge. Je mehr Salz das
+Seewasser enthaelt, um so blauer pflegt es auch zu erscheinen, daher das
+salzreiche Mittelmeer durch die Intensitaet seiner Faerbung ausgezeichnet
+ist. In vierhundert Meter Tiefe erloeschen die letzten Strahlen des
+Lichtes, welches in das Seewasser dringt. Weiter hinab herrscht ewige
+Dunkelheit. Die verschiedenartigen Strahlen, welche das weisse Sonnenlicht
+zusammensetzen, und die unser Auge als verschiedene Farben empfindet,
+werden nicht gleich schnell im Meere resorbirt. In zwei Meter Tiefe ist
+schon die Haelfte der rothen und ein Drittel der orangegelben Strahlen
+verschwunden; das Licht, das tiefer dringt, ist jetzt nicht mehr weiss, es
+ist vorherrschend gruen und blau geworden. Das bedingt die Faerbung des
+Meeres. Da der Salzgehalt des Wassers auf den Vorgang der
+Strahlenabsorption einen Einfluss uebt, so beeinflusst er auch die
+Farbeneffecte. Die glatte Meeresflaeche wirft das meiste Licht unveraendert
+zurueck. Spiegelt sich in ihr die Sonne, so leuchtet sie daher in deren
+Glanz, waehrend sie der Abendhimmel in Purpurtoenen faerbt. Von den
+aufsteigenden Wellen der bewegten See wird dagegen nur wenig Licht
+zurueckgeworfen, daher uns das Meer dann besonders dunkel erscheint.
+
+Doch es gilt Abschied von Le Trayas zu nehmen. Castor begleitet uns zur
+Bahn. Wir streicheln ihn vor der Trennung. Er sieht lange dem
+Eisenbahnzuge nach, der uns davontraegt. Sein Blick truebt sich - fast
+scheint es uns, er habe Thraenen in den Augen.
+
+ XI.
+
+Bald lag das Esterelgebirge hinter uns im Westen, und wir fuhren in
+sanftem Aufstieg dem Norden zu. Der Schienenweg fuehrte im Thal der Siagne
+an Feldern von Rosen und Jonquillen, von Veilchen und von Jasmin vorbei;
+dann folgte er wieder grauen Olivenhainen. So erreichten wir Grasse, eine
+Stadt in mittelalterlichem Gewande. Sie klettert empor an den letzten
+Auslaeufern der Alpen. In Windungen fuehren die Strassen in die Hoehe; steile
+Treppen kuerzen die Wege ab, Gewoelbpfeiler verbinden in engen Gassen die
+gegenueberliegenden Haeuser, damit sie den steilen Abhang nicht abwaerts
+gleiten. Es draengen sich in solchen Gassen die Menschen an einander
+vorbei; stellenweise stockt der Verkehr. Der moderne Inhalt der
+Schaufenster an den Laeden passt nicht zu der alten Umrahmung. Manchem
+Hausgang entweicht ein fettiger Dampf, gewuerzt mit Zwiebel und Knoblauch.
+Da gibt es Fritturen, unverfaelschte mediterrane Wohlgerueche. Doch mit
+jenem Oelduft mischt sich ein anderes durchdringendes Parfuem, das an
+freieren Orten allein zur Geltung gelangt; es kommt vom Santalholz, das
+aufgeschichtet in den Parfuemfabriken liegt. Seine Verarbeitung hat jetzt
+begonnen.
+
+Grasse ist sehr alten Ursprungs, wurde aber zu wiederholten Malen
+vollstaendig zerstoert. Sein Wiederaufbau im sechsten Jahrhundert soll
+eigenartiger Weise erfolgt sein durch Juden. Es waren, so heisst es,
+Nachkommen jener Juden, die Tiberius gegen das Jahr 19 unserer
+Zeitrechnung aus Rom vertrieb. Waehrend der Judenverfolgung, die im
+sechsten Jahrhundert in der Provence ausbrach, gingen diese Juden zum
+Christenthum ueber und erhielten die Ruinen der alten roemischen Stadt dafuer
+zum Lohn. Sie sind es, die ihr den Namen "Gratia" gaben. Das Stadtwappen
+von Grasse fuehrt ein silbernes Osterlamm in azurnem Feld; man sucht dies
+in Verbindung zu bringen mit der einstigen Bekehrung seiner Wiedererbauer.
+
+Wir finden Grasse nicht schoen, und auch der Ausblick von seinen Plaetzen
+und Gaerten in das ferne Meer entzueckt uns nicht. Bilden doch den
+Vordergrund jenseits der Huegel steife und nuechterne Kasernen, die jedes
+aesthetische Empfinden stoeren. Doch anmuthig ist der Blick auf Grasse
+selbst, vom Garten des Grand Hotel, den man auf der neuen Avenue Thiers,
+oberhalb der Stadt, in zwanzig Minuten erreicht. Die Agaven und Palmen des
+Gartens rahmen da die alte Stadt in wirksamer Weise ein; sie verdecken die
+unschoenen neuen Gebaeude und zeigen nur die eckigen alten Thuerme und
+Haeuser, die sich ueber und durch einander an den Abhang draengen.
+
+Das, was uns nach Grasse gefuehrt hatte, war aber auch nicht die Hoffnung,
+die zuvor empfangenen Natureindruecke zu steigern, vielmehr der Wunsch,
+einen Einblick in die hier bluehende Parfuemherstellung zu gewinnen. Seit
+mehr als hundertundfuenfzig Jahren ist Grasse in dieser Richtung beruehmt,
+und selbst weiter noch reichen seine Erfolge auf diesem Gebiete zurueck.
+Man zeigt uns das Haus, in welchem ein Sieur Tombarelli aus Florenz schon
+in der zweiten Haelfte des sechzehnten Jahrhunderts ein Laboratorium fuer
+Parfuemerien eingerichtet hatte. Heute ist Grasse zu einem der Hauptorte
+europaeischer Parfuemfabrikation geworden. Es stellt aber nicht die fertigen
+Parfuems her, so wie sie schliesslich als sogenannte "Bouquets" zur
+Verwendung kommen, sondern die ersten Erzeugnisse fuer dieselben. Aus
+diesen einfachen Bestandtheilen mischen die eigentlichen Parfuemisten erst
+jene verschiedenen Bouquets zusammen, wie sie eben die Mode vorschreibt
+oder der Geschmack der Zeit verlangt. Grasse entnimmt seine Wohlgerueche
+fast ausschliesslich dem Pflanzenreich. Thatsaechlich sind auch die meisten
+natuerlichen Parfuems pflanzlichen Ursprungs, nur Moschus, Ambra, Bibergeil
+und Zibeth entstammen dem Thierreich. Neuerdings beginnt jedoch die
+chemische Industrie wirksam in das Parfuemgeschaeft einzugreifen, indem sie
+die wohlriechenden Stoffe in chemisch reinem Zustande darstellt. Im
+Besonderen ist es gelungen, das Cumarin, jenen Stoff, der den Geruch des
+frischen Heues bestimmt, aus Salicylaldehyd zu erzeugen. Das Verfahren ist
+ziemlich umstaendlich, der aromatisch riechende Koerper, den man in
+farblosen, glaenzenden Krystallen erhaelt, aber durchaus uebereinstimmend mit
+demjenigen, den die Tonkabohnen, die Samen des Tonkabaumes (_Dipterix
+odorata_) von Guyana und auch die Stengel der _Liatris odoratissima_,
+einer in Florida wachsenden Composite, die zum Parfuemiren des Tabaks und
+der Cigarren benutzt wird, enthalten. Mit etwa zwanzig Gramm kuenstlichen
+Cumarins erreicht man heute in der Parfuemerie ebenso viel, wie mit einem
+Kilogramm Tonkabohnen. Ebenso verhaelt es sich mit dem natuerlichen
+Wintergruenoel, das aus dem nordamerikanischen, zu den Heidengewaechsen
+gehoerenden Theebeerenstrauch (_Gaultheria procumbens_) gewonnen wird, und
+das jetzt vollstaendig durch kuenstlich erzeugten Salicylsaeure-Methylester
+ersetzt ist. Nur unvollkommen gelang es hingegen bis jetzt, das in der
+Parfuemerie vielbenutzte Bittermandeloel durch das kuenstliche Benzaldehyd zu
+verdraengen. Sehr grossen Erfolg hat die Chemie mit dem Vanillin erzielt,
+das aus dem Saft des jungen, noch in Entwickelung begriffenen Holzes der
+Nadelbaeume (Coniferen), doch auch aus dem im Nelkenoel enthaltenen Eugenol
+und verschiedenen anderen Koerpern dargestellt wird. Da die Fruechte der
+Vanille im besten Falle anderthalb bis zwei Procent Vanillin enthalten, so
+ist mit zwanzig bis fuenfundzwanzig Gramm Vanillin in der Parfuemerie
+reichlich derselbe Effect wie mit einem Kilo Vanille zu erreichen.
+Kuenstliches Heliotropin wird jetzt aus Safrol, dieses selbst aus
+japanischem Camphoroel dargestellt, ausserdem aus
+Steinkohlentheer-Derivaten. Da aus den Bluethen des Heliotrops
+(_Heliotropium peruvianum_ und _grandiflorum_) nur aeusserst wenig Parfuem
+sich gewinnen laesst, so ist dieser Ersatz sehr willkommen. Den Maigloeckchen
+ist ihr zarter Duft ueberhaupt nicht abzugewinnen, daher fuer die Parfuemerie
+sehr wichtig, dass jetzt ein aehnlich riechender Koerper sich aus dem
+Terpineol gewinnen laesst. Allgemein kommt jetzt auch krystallinisches
+Thymol, das aber nicht aus dem Thymian, sondern aus dem Samen des
+ostindischen Doldengewaechses _Ptychotis Ajowan_ abdestillirt wird, zur
+Verwendung, desgleichen Menthol, welches zwar in der eigentlichen
+Parfuemerie keine Rolle spielt, doch zur Darstellung von Migraenestiften und
+auch von Schnupfpulver dient. Neuerdings werden zwei gleich
+zusammengesetzte Koerper: das _Iron_ und _Jonon_, deren Aroma mit
+demjenigen der Veilchenbluethen fast voellig uebereinstimmt, kuenstlich
+erzeugt. Es genuegt, ein mit diesen Koerpern erfuelltes Proberoehrchen zu
+oeffnen, damit ein ganzes Zimmer mit Veilchenduft erfuellt werde.
+Merkwuerdiger Weise riechen diese Koerper nicht zu allen Zeiten gleich
+stark, und aehnliche Schwankungen im Duft zeigen auch frische Veilchen. Das
+Iron gewinnt man aus der sogenannten Veilchenwurzel, das heisst aus dem
+Wurzelstock von _Iris florentina_, doch es kommt sehr theuer zu stehen, da
+100 Kilo Iris-Wurzelstock nur 8 bis 30 Gramm Iron ergeben. Um so
+werthvoller fuer die Parfuemerie ist es, dass die Darstellung des Jonons aus
+Citral, einem im Citronenoel enthaltenen Koerper gelang. - Vor Kurzem kam zu
+diesem Allen noch die kuenstliche Darstellung des Orangenbluethenoels hinzu.
+Auch den Moschus, der von den maennlichen Moschusthieren stammt, hat man
+versucht, durch das kuenstlich erzeugte _Musc Baur_ oder _Tonquinol_ zu
+ersetzen, und es verbreitet sich dieses Product immer mehr.
+
+Sehr werthvolle Parfuems werden uns auch aus waermeren Himmelsstrichen
+zugefuehrt, so von Alters her die Balsame und in neuerer Zeit das
+Ylang-Ylang, welches aus den Bluethen eines zu den Anonaceen gehoerenden, in
+Suedasien cultivirten Baumes, _Cananga odorata_, gewonnen wird. Der
+Hauptsache nach bleibt es aber Suedeuropa, dem die Parfuemisten ihre besten
+Wohlgerueche verdanken. - Die meisten pflanzlichen Parfuems werden als
+aetherische Oele gewonnen, Oele, die im Gegensatz zu den fetten Oelen
+fluechtig sind und auf Papier einen durchscheinenden Fleck bilden, der bald
+wieder schwindet. Aetherische Oele werden von den Thieren nicht erzeugt.
+Bei den Pflanzen sind es ganz vornehmlich die Bluethen, welche den
+Riechstoff enthalten. Dort wirken ja Wohlgeruch und Farbe zusammen, um
+jene Thiere anzulocken, die den Bluethenstaub von Bluethe zu Bluethe
+uebertragen sollen. Doch kann die duftende Substanz auch in der Wurzel der
+Pflanze angesammelt sein, so das Opoponax, ein Gummiharz des
+kleinasiatischen Doldengewaechses _Opoponax Chironium_, oder es ist in dem
+Wurzelstock der Pflanze vertreten, so bei der "Veilchenwurzel" und dem
+Vetiver, welches letztere den Wurzelstock des ostindischen Grases
+_Andropogon muricatus_ bildet. Auch das Holz der Staemme kann mit Parfuem
+beladen sein, so das Holz der balsamliefernden Baeume, oder das des
+ostindischen Santalbaumes (_Santalum album_). Die Stammrinde fuehrt das
+Parfuem beim Zimmtbaum (_Cinnamomum ceylanicum_). In anderen Faellen sind es
+wieder die Blaetter, die am staerksten duften, so bei unserer Pfeffermuenze
+(_Mentha piperita_) oder Melisse (_Melissa officinalis_) und dem
+indisch-malayischen Patchuli (_Pogostemon Patchuly_); endlich koennen auch
+Fruechte und Samen den Riechstoff enthalten, so bei der Vanille oder dem
+Kuemmel.
+
+ XII.
+
+Wir hatten uns mit den noethigen Empfehlungen versehen und durften einige
+der groessten Parfuemfabriken von Grasse besichtigen. Das angewandte
+Verfahren blieb in der Hauptsache ueberall dasselbe. Ist der wohlriechende
+Stoff in bedeutender Menge in einem Pflanzentheil vertreten und in
+groesseren Druesen dort eingeschlossen, so kann er durch Auspressen befreit
+werden. In anderen Faellen wird er durch Destillation aus den
+Pflanzentheilen gewonnen, vorausgesetzt freilich, dass er bei der Erwaermung
+nicht leidet. Wo er in sehr geringen Mengen vorhanden ist, wird er von
+warmen oder kalten Fetten, in denen er loeslich ist, aufgenommen und dann
+mit Alkohol denselben entzogen.
+
+Als wir in Grasse eintrafen, ging dort die Veilchenernte zu Ende, waehrend
+die Jonquillen in voller Bluethe standen. Die Veilchen enthalten nur Spuren
+des wohlriechenden Stoffes, so wenig, dass man auf die Behandlung der
+Bluethen mit Fett angewiesen ist. Im Allgemeinen wird dabei das
+Macerationsverfahren angewandt. Das Fett muss sehr rein sein, und wir
+konnten feststellen, dass die Fabriken selbst es aus frisch geschlachteten
+Thieren gewinnen. Dann wird es geschmolzen und durch entsprechende
+Behandlung mit Kochsalz und Alaun, durch Waschen, Abschaeumen und Seihen
+durch feine Leinwand gereinigt. So nur bleibt es geruchlos und gewinnt
+eine Haltbarkeit, die man oft durch Zusatz von Benzoe, auch wohl von
+Borsaeure zu erhoehen sucht. Fuer Salben kommen auch feine Oele, besonders
+Olivenoel und Mandeloel, seltener Ricinusoel, in Betracht.
+
+Die Veilchen, die fuer die Parfuemfabrik bestimmt sind, duerfen nicht nass
+sein, wenn man sie sammelt. Diese Regel gilt auch fuer alle anderen
+Pflanzen, die mit Fett behandelt werden sollen. Man pflueckt die Veilchen
+frueh am Morgen, sobald der Thau verschwunden ist, bevor die Sonne Zeit
+hatte, staerker einzuwirken. Gleich nach dem Einsammeln gelangen sie in die
+Fabrik und werden in erwaermtes Fett geschuettet, das man fluessig bei 40-50
+Grad Celsius erhaelt. Nach einer entsprechend langen Einwirkung filtrirt
+man es von den Veilchen ab und versetzt es mit frischen Blumen. Das
+wiederholt man so lange, bis das Fett mit Veilchenduft gesaettigt ist. So
+erhaelt man Veilchenpomade, deren Geruch voellig dem der Veilchen gleicht,
+und der man den duftenden Stoff durch Weingeist oder durch sehr gut
+gereinigten, geruchlosen Kornbranntwein entzieht, mit dem man sie
+schuettelt. Da sehr grosse Mengen Veilchen noethig sind, um eine stark
+riechende Essenz zu gewinnen, so hat man von jeher schon nach einem Ersatz
+fuer Veilchen gesucht. Daher die "Veilchenwurz" statt Veilchen in Sachets
+so allgemeine Verwendung findet. Geschaelte und getrocknete Stuecke des
+naemlichen Wurzelstockes von Iris wurden auch, wie Plinius erzaehlt, schon
+zu roemischen Zeiten den zahnenden Kindern um den Hals gehaengt, so wie es
+noch heute geschieht.
+
+Jetzt wo das Jonon entdeckt ist, duerften aus der Gegend von Grasse die
+Veilchenfelder verschwinden.
+
+Der stark duftenden gelben Jonquille (_Narcissus Jonquilla_) wird das
+Aroma ebenfalls durch Fett entzogen, doch in anderer Weise, nach einem
+Verfahren, das man als "Enfleurage" bezeichnet. Wir fanden ganze Raeume in
+den Fabriken mit aufeinander gelagerten viereckigen Holzrahmen erfuellt. In
+jeden derselben ist eine Glasscheibe gefasst, die einseitig mit Fett
+ueberzogen wird, doch so, dass es nur eine ganz duenne Schicht auf dem Glase
+bildet. Auf dieses Fett legt man die Jonquillen und laesst sie so lange mit
+ihm in Beruehrung, bis aller Duft extrahirt ist. Das dichte
+Zusammenschliessen der aufeinander gelegten Rahmen verhindert ein
+Entweichen desselben in die Umgebung. Die Bluethen werden auch hier
+wiederholt erneuert, bis schliesslich die Pomade fertig ist, aus der man
+dann mit Weingeist den Jonquillen-Extract herstellt.
+
+Da die Jonquillen nicht in groesseren Mengen bei Grasse angepflanzt werden,
+stockte die Arbeit mit frischen Blumen zur Zeit in den Fabriken. Die
+Orangenbluethen, die Rosen, Heliotrop und Reseda kommen erst im Mai, daher
+man jetzt das Santalholz in Angriff genommen hatte. Wir sahen grosse Massen
+dieses kostbaren braunen Holzes in den Lagerraeumen aufgespeichert. Es
+steht hoch im Preise, denn auch in seiner ostindischen Heimath wird es
+sehr geschaetzt. Man verfertigt dort kunstvoll geschnitzte Moebel, vor Allem
+aber Schreine aus Santalholz. Denn sein Duft haelt die Insekten fern und
+verscheucht selbst die weisse, Alles zerstoerende Ameise. Die Buddhisten
+verbrennen grosse Mengen Santalholz als Raeucherwerk, und stellenweise sind
+die Santalbaeume in Folge dessen ganz ausgerottet worden. In den Fabriken
+wird das Santaloel durch die Destillation des zerkleinerten Holzes mit
+Wasser gewonnen. Das Oel geht mit dem Wasserdampf aus der Blase des
+Destillationsapparates in den Kuehler ueber und fliesst mit dem Wasser
+zusammen in die Vorlage. Aus fuenfzig Kilogramm Holz wird annaehernd ein
+Kilogramm Oel gewonnen, das dementsprechend theuer ist und nur fuer feine
+Parfuems Verwendung findet.
+
+Im Mai fuellen Orangenbluethen die Stadt Grasse mit ihrem betaeubenden Dufte.
+Zwei bis dreimal hunderttausend Kilogramm Bluethen des bitterfruechtigen
+Orangenbaumes werden hier fuer Parfuems verarbeitet. Die Bluethen riechen
+lieblicher und staerker als die der suessfruechtigen Art und werden daher fast
+ausschliesslich verwandt. Ein Baum von zwanzig bis dreissig Jahren liefert
+fuenfzehn bis zwanzig Kilogramm Bluethen. Aus hundert Kilogramm werden durch
+Destillation etwa vierzig Kilogramm Orangenbluethenwasser und etwa hundert
+Gramm Orangenbluethenoel oder Nerolioel gewonnen. Voellig unveraendert gibt die
+Orangenbluethe bei dem Macerationsverfahren oder bei der Enfleurage ihren
+Duft an das Fett ab. So erhaelt man die Orangenbluethenpomade und, nach
+Behandlung derselben mit Weingeist, die Orangenbluethenessenz. Das
+Orangenbluethenoel, sowie die Orangenbluethenessenz, sind immer noch theuer,
+weil ihre Herstellung grosse Mengen von Bluethen verlangt. Die Preise werden
+freilich jetzt auch auf diesem Gebiete, wie auf so vielen anderen, durch
+Ueberproduction gedrueckt. Es stellen sich daher Zeichen der Entmuthigung
+unter den Producenten ein, welche die Parfuemfabriken versorgen. Wie wird
+es jetzt erst werden, wo das kuenstliche Nerolioel angekuendigt ist. Wohl
+moeglich, dass ueberhaupt an manchen Orten der Riviera mit der Zeit die
+Cultur der Parfuemerie-Pflanzen ganz aufgegeben wird. Doch auch die Zucht
+von Blumen fuer den Versand weist schon Ueberfluss der Erzeugung auf. Als
+der Bedarf nach solchen Blumen stieg, beeilten sich die Landbesitzer, ihre
+Olivenbaeume zu faellen und Bluethenpflanzungen an deren Stelle anzulegen;
+jetzt wissen sie kaum, wo sie ihre Bluethen unterbringen sollen. Die hohe
+Temperatur foerderte zudem im letzten Fruehjahr die rasche Entwickelung der
+Pflanzen, und so kam es, dass man auf den Maerkten der Staedte zu einem kaum
+nennenswerthen Preise, sich mit grossen Straeussen der herrlichsten Blumen
+beladen konnte.
+
+Wesentlich billiger als Nerolioel ist begreiflicher Weise das durch
+Destillation der Blaetter oder unreifen Fruechte des bitterfruechtigen
+Orangenbaumes gewonnene Petitgrainoel. Es steht an Zartheit des Duftes dem
+Nerolioel aber bedeutend nach. Das aus den Bluethen der *suessen* Orange
+hergestellte Parfuem zeichnet sich wiederum durch besondere Eigenschaften
+aus und wird als Neroli-Portugaloel bezeichnet. - Das den frischen Schalen
+reifer Fruechte des suessfruechtigen Orangenbaumes entstammende Pomeranzenoel
+wird im Winter gewonnen. Wie viel aetherisches Oel in den Orangenschalen
+vorhanden ist, davon kann man sich ueberzeugen, wenn man eine solche Schale
+in der Naehe einer Flamme zusammendrueckt. Das leicht entzuendliche Oel
+sprueht dann entbrennend aus den Druesen hervor. Die Oeldruesen in der Schale
+erkennt man schon mit dem blossen Auge.
+
+In der Parfuemerie findet nur das Oel der suessen, nicht der bitteren
+Orangenschalen Verwendung. Das Verfahren bei der Gewinnung im Grossen ist
+das der Pressung. Entweder kommt die Schwammmethode in Anwendung, wobei
+der Arbeiter die Schalen, die er langsam unter Druck zwischen den Fingern
+durchrollt, gegen einen Schwamm presst; oder das Verfahren der sogenannten
+Ecuelle, wobei die Frucht unter bestaendigem Drehen gegen die Innenflaeche
+eines flachen Trichters, der zahlreiche Nadeln entspringen, gedrueckt wird.
+Das gewonnene Oel presst man im ersten Falle aus dem Schwamme heraus, im
+zweiten fliesst es von selbst durch die Oeffnung des Trichters ab. In ganz
+entsprechender Weise gewinnt man auch feines Bergamottoel aus den reifen
+Fruechten des Bergamottcitronenbaumes (_Citrus Bergamia_). Das weniger
+feine Bergamottoel befreit man hingegen aus den Fruechten durch
+Destillation. Feines Bergamottoel wird in der Parfuemerie sehr geschaetzt;
+die Riviera erzeugt es nur in geringer Menge; es kommt vornehmlich aus
+Reggio und Messina.
+
+Dies sind im Allgemeinen die Darstellungsarten, die bei der Gewinnung der
+Riechstoffe in Anwendung kommen. Das Verfahren wird freilich im Einzelnen
+abgeaendert. So schuettet man oft die Blumen nicht unmittelbar in das
+geschmolzene Fett, haengt sie vielmehr in Drahtkoerben in die Gefaesse, durch
+die man warmes Fett fliessen laesst. Es kann andererseits auch erwuenscht
+sein, dass die Bluethen nicht unmittelbar mit dem Fett in Beruehrung kommen,
+weil Letzteres nicht allein den Riechstoff, sondern auch andere Substanzen
+aus den Bluethen aufnimmt. Dann werden die Glasscheiben durch verzinnte
+Drahtnetze in den Holzrahmen ersetzt. Auf ein solches Drahtnetz werden die
+Bluethen gestreut, das naechste erhaelt das Fett, und so immer abwechselnd.
+Das Fett wird in diesem Fall zu nudelartigen Faeden ausgearbeitet, um
+moeglichst viel Oberflaeche zu gewinnen. Die Rahmen schiebt man in einen
+Schrank, in welchem Blasebaelge die Luft in langsamer Bewegung erhalten. So
+streicht der Duft an den feinen Fettfaeden vorueber und wird von ihnen
+absorbirt. Die Bluethen auf den Rahmen ersetzt man nach Bedarf durch neue.
+- Soll der wohlriechende Stoff durch ein Oel aufgenommen werden, so wirft
+man die Pflanzentheile in dasselbe hinein oder haengt sie in Tuechern in das
+Oel, oder breitet sie endlich auf Tuechern aus, die mit Oel getraenkt sind:
+so erhaelt man die "_huiles antiques_". Von grosser Bedeutung ist fuer die
+Parfuemindustrie das nachtraegliche Reinigen ihrer Essenzen, was meist durch
+wiederholte Destillation geschieht. Viel Umsicht und Erfahrung sind
+noethig, damit der Duft bei der Reinigung nicht leide.
+
+Es sieht uebrigens aus, als wenn der bisherigen Gewinnungsweise des Parfuems
+eine Umwandlung oder doch zum Mindesten eine Erweiterung bevorstehen
+sollte. Der Petroleumaether scheint berufen, mehr oder weniger die Fette zu
+verdraengen. Neue Fabriken werden auf dieses Verfahren bereits
+eingerichtet. Der Petroleumaether entzieht der Pflanze im Wesentlichen nur
+das Parfuem. Da er leicht siedet, laesst er sich ausserdem unschwer von dem
+Parfuem dann trennen. Ein Kilo Essenz bedeutet aber mehr als hundert Kilo
+der jetzigen Pomade. Die Zukunft muss zeigen, ob die Benutzung des
+Petroleumaethers wirklich in allen Faellen zulaessig ist.
+
+Die Moeglichkeit, den Pflanzen ihren Wohlgeruch durch Fett zu entziehen,
+gestattet es auch im Kleinen, die feinste Pomade aus Pflanzen, die sonst
+vielleicht nutzlos im Garten verbluehen wuerden, herzustellen. Moeglichst
+reines Fett, das man auf eine Scheibe streicht, und ein gut
+verschliessbarer Kasten, in den man die Scheibe legt, reichen aus, um den
+Erfolg zu sichern. Man muss die Bluethen, mit den Kronen abwaerts gekehrt,
+auf das Fett lagern, den Kasten dann verschliessen und die Bluethen
+erneuern, bevor sie welk geworden. Der Name Pomade oder vielmehr Pommade
+ruehrt von Apfel "_pomme_" her und war dadurch veranlasst, dass man frueher
+Aepfel zur Herstellung solcher duftender Fette verwandte. Ein Apfel wurde
+mit wohlriechenden Gewuerzen, vornehmlich mit Nelken, gespickt und, nachdem
+er einige Tage an der Luft gelegen, in Fett eingeschmolzen. Erschien das
+Fett durch den ersten Apfel nicht ausreichend parfuemirt, so liess man ihm
+einen zweiten folgen.
+
+Man sieht um Grasse viel Rosen, die fuer die Parfuemfabriken gezogen werden.
+Es sind das nicht solche, wie sie im Winter versandt, die Blumenlaeden ganz
+Europas jetzt schmuecken, vielmehr Centifolien und Damascenerrosen. Man
+pflueckt die im Oeffnen begriffenen Bluethen am Morgen, sobald der Thau
+verschwindet. Die Erntezeit faellt in den Mai und Juni. Jeder Rosenstock
+liefert in Grasse durchschnittlich zwei bis dreihundert Gramm Bluethen,
+doch tausend Kilogramm ergeben kaum hundertundfuenfzig Gramm Rosenoel. Da
+darf man sich nicht wundern, dass ein Kilogramm Rosenoel ueber tausend Francs
+kostet. Das Rosenoel wird durch Destillation der Blumenblaetter der Rose mit
+Wasser oder Wasserdampf gewonnen; es sammelt sich auf der Oberflaeche des
+Destillates allmaelig an. Das Rosenwasser ist das unmittelbare Product der
+Destillation einer bestimmten Menge von Rosenblumenblaettern mit Wasser.
+Die aetherischen Oele sind zwar fast unloeslich in Wasser, immerhin nimmt
+dieses hinlaenglich viel von den Oelen auf, um nach ihnen zu duften. So
+verhaelt es sich beim Rosenwasser, dem Orangenbluethenwasser und sonstigen
+aromatischen Waessern. Die Rosen von Grasse werden mehr zur Herstellung von
+Rosenpomade, als von Rosenoel und Rosenwasser verwandt. Die durch
+Maceration von Rosenblumenblaettern in Fett erhaltene Pomade besitzt den
+unveraenderten Duft der Rose, waehrend der Wohlgeruch des Rosenoels von
+demjenigen der frischen Blumen etwas abweicht. Aus der Pomade wird mit
+Alkohol das "_Esprit de Rose_" extrahirt, wohl unstreitig eines der
+feinsten Parfueme, welche existiren. Kaum ein Wohlgeruch der Welt ist so
+beliebt wie derjenige der Rosen, und wer einmal den Orient bereiste, wird
+sich des aus Rosen und Verwesung gemischten Duftes erinnern, den die
+Strassen im Sonnenlichte aushauchen. Wer da freilich meint, in den Bazaren
+des Orients reines Rosenoel in jenen langgezogenen goldverzierten
+Flaeschchen, die dort feilgeboten werden, mit nach Hause gebracht zu haben,
+der ist einer argen Taeuschung unterworfen. Tuerkisches Rosenoel ist fast
+immer verfaelscht, und zwar fuer gewoehnlich mit Palmarosaoel oder indischem
+Geraniumoel, das in Ostindien aus dem Geranium- oder Kusagras (_Andropogon
+Schoenanthus_) durch Destillation erhalten wird. Der indische Destillateur
+sorgt andererseits meist dafuer, dass auch sein Palmarosaoel schon mit einem
+anderen Oel, besonders Cocosoel, gefaelscht sei. So duerfte es in Deutschland
+zu empfehlen sein, das Flaeschchen aus dem Orient daheim erst mit echtem
+Rosenoel zu fuellen. Werden doch Rosen zum Zweck der Rosenoelgewinnung nicht
+allein in Deutschland, sondern auch in England in grossem Massstabe gezogen.
+Die um die Darstellung aetherischer Oele und Essenzen so hoch verdienten
+Gebrueder Fritzsche, Inhaber der Leipziger Firma Schimmel & Co. hatten, wie
+Georg Bornemann in seinem Werk ueber die fluechtigen Oele angibt, im Jahre
+1884 zum ersten Mal aus deutschen Rosen drei Kilogramm Rosenoel gewonnen.
+Sie legten ausgedehnte Rosenpflanzungen in Gross-Miltitz bei Leipzig an,
+und diese lieferten, ausser anderen Erzeugnissen, im letzten Jahre (1894)
+42 Kilogramm Rosenoel. Ich entnehme diese Angabe den Berichten, welche die
+genannte Firma alljaehrlich veroeffentlicht und aus denen man nicht allein
+einen Begriff von der Grossartigkeit des Betriebes in dieser Fabrik
+gewinnt, sondern auch ueber den rationellen Geist und das wissenschaftliche
+Streben, das sie bei ihren Unternehmungen leitet. Im Jahre 1893 erstreckte
+sich das Rosenfeld der Fabrik ueber zwanzig Hectare, an die sich weite
+Reseda- und Pfeffermuenzculturen anschlossen. Zu diesen haben sich seitdem
+Estragon, Wermuth, Liebstock und Angelica gesellt. Aus je hundert
+Kilogramm frischer Rosen lassen sich zwanzig Gramm Rosenoel darstellen. Es
+wurden im letzten Jahre somit nicht weniger als 200 000 Kilogramm Rosen
+auf Rosenoel verarbeitet. Das ist fuer eine einzige Fabrik schon eine sehr
+erhebliche Leistung, welche freilich gegen die Gesammtproduction des
+Rosenoels noch wenig in die Wagschale faellt. Denn das Hauptland dafuer,
+Bulgarien, liefert jaehrlich allein gegen zweitausend Kilogramm Rosenoel.
+
+Das Palmarosaoel riecht nicht rein nach Rosen, es duftet vielmehr wie ein
+Gemisch von Rosen und Citronen. Fast rein rosenartig ist hingegen der Duft
+des Geraniumoels, das aus den Blaettern des Rosen-Geraniums gewonnen wird.
+Davon kann man sich schon ueberzeugen, wenn man ein Blatt dieser Pflanze,
+die auch bei uns nicht selten in Toepfen cultivirt wird, zwischen den
+Fingern zerdrueckt. Streng genommen hat man es nicht mit Geranien, sondern
+mit Pelargonien dabei zu thun, und zwar mit mehreren Arten derselben,
+hauptsaechlich mit _Pelargonium capitatum_, _odoratissimum_ und _radula_.
+Die Art, welche an der Riviera gezogen wird, ist _Pelargonium capitatum_.
+Gegen frueher hat dort freilich diese Cultur jetzt sehr abgenommen, da der
+Wettbewerb mit Algier nicht auszuhalten ist. Man maeht an der Riviera die
+Pflanzen von Mitte August an bis Mitte September und liefert sie so frisch
+als moeglich den Fabriken ab. Die Firma Schimmel & Co. erzielt jetzt
+bedeutende Erfolge mit Rosen-Geraniol. Sie destillirt reines Geraniol, das
+sie aus Citronella-Grasoel gewinnt, so lange ueber frisch gepflueckten Rosen,
+bis es mit Rosenoel gesaettigt ist und dann in der That dem Rosenoel fast
+entspricht.
+
+In den Gaerten der Riviera begegnet man oft einer Verbene, der _Verbena
+triphylla_ oder _Lippia citriodora_, die auch als Citronelle oder
+Citronenkraut bezeichnet wird. Man findet diesen schoenen Strauch schon in
+den Gaerten an den italienischen Seen und hat wohl Gelegenheit, im Herbst
+die Rispen seiner violett angehauchten kleinen Bluethen zu sehen. Zerreibt
+man seine Blaetter zwischen den Fingern, so verbreiten sie einen feinen
+Duft, der die Mitte zwischen Citronen, Melissen und Verbenen haelt. Dieser
+aus Persien stammende Strauch wird auch in groesserem Massstab an manchen
+Orten der Riviera gezogen und aus seinen Blaettern das echte Verbenaoel
+destillirt, das die Parfuemisten sehr schaetzen. Echtes Verbenaoel ist
+freilich sonst schwer zu haben und wird im Allgemeinen durch das
+Citronen-Grasoel ersetzt, das wir jener Grasgattung, _Andropogon_, danken,
+deren Arten so viele wohlriechende Oele liefern. Das Citronen-Grasoel wird
+von _Andropogon citratus_ gewonnen, der jetzt besonders auf Ceylon und in
+Singapore angebaut wird. Weit ausgedehnter betreibt man an denselben Orten
+die Cultur des _Andropogon nardus_, von dem das melissenartig riechende
+Citronella-Grasoel abstammt. Dieses findet fuer das Parfuemiren der Seifen
+jetzt sehr starke Verwendung und bildet den Hauptbestandtheil des Parfuems
+der Honigseifen. Von dem Umfang der Citronella-Grasoel-Production geben die
+Berichte von Schimmel & Co. eine Vorstellung, da diese Firma auf einmal
+Sendungen von 10 000 Kilogramm dieses Oeles aus Ceylon erhaelt.
+
+Der Reseda entzieht man den Duft durch Enfleurage, dem Thymian, der
+Salbei, dem Rosmarin, dem Lavendel und der Melisse durch Destillation.
+Salbei, Thymian, Rosmarin und Lavendel werden an der Riviera kaum
+cultivirt; man pflueckt sie an ihrem natuerlichen Standort, besonders am
+Fusse der Berge. In der Gegend von Agay zogen eines Tages vor uns Frauen
+auf der Strasse mit grossen Ladungen Thymian auf den Koepfen. Sie hatten ihn
+an den Abhaengen des Esterel gesammelt. Der Wind blies in unserer Richtung
+und bildete einen Streifen von Duft, der sich ueber Hunderte von Schritten
+ausdehnte. Diese wild gewachsenen Pflanzen werden zwar auch vorwiegend in
+den Fabriken verarbeitet, zum Theil aber schon im Freien, gleich beim
+Einsammeln destillirt, in Apparaten, die man von Ort zu Ort befoerdert.
+Viel Rosmarinoel wandert von hier aus nach Koeln, um bei der Darstellung von
+Koelnischem Wasser benutzt zu werden. Das _Eau de Cologne_ enthaelt geloest
+in 85 % Weinspiritus gleiche Mengen gepresstes Orangen- und
+Citronenschalenoel, fast ebenso viel Nerolioel, dann etwa halb so viel
+Bergamottoel, endlich, nochmals um die Haelfte weniger, Rosmarinoel. Man wird
+freilich nicht sofort gutes Koelnisches Wasser erhalten, auch dann nicht,
+wenn man nach bester Vorschrift die feinsten Oele in vorzueglichem
+Weinspiritus aufloest. Der Schmelz des Duftes stellt sich erst nach
+laengerer Zeit ein. Praktische Erfahrungen hatte man in dieser Richtung
+schon lange gesammelt, in wissenschaftliche Eroerterung wurde die Wirkung
+der Lagerung erst in den letzten Zeiten gezogen. Am Einfachsten zeigt sie
+sich zum Beispiel bei einem Schenkbranntwein, der durch Verduennung von
+achtzigprocentigem Spiritus auf dreissigprocentigen gewonnen wurde. Solcher
+Schenkbranntwein, frisch dargestellt, mundet dem Trinkenden nicht, selbst
+wenn dieser nicht zu den groessten Feinschmeckern gehoert. Auch der
+Schenkbranntwein muss erst gelagert haben. Dass der Wein durch Lagerung
+seine "Blume" erhaelt, ist allgemein bekannt. Es findet also sicher bei der
+Lagerung eine gegenseitige chemische Einwirkung der geloesten Bestandtheile
+auf einander statt, und es muessen neue Verbindungen entstehen. Ihre
+Bildung erfordert voellige Ruhe und kann durch anhaltende Bewegung
+verhindert werden, ja es kommt vor, dass schon erzeugte Verbindungen
+dadurch voruebergehend oder dauernd wieder zerstoert werden. Nach der
+Ansicht von Prof. Knapp schliessen diese Vorgaenge an solche an, welche die
+organische Chemie als Addition, Substitution, Spaltung und dergleichen
+bezeichnet. Es muessen somit auch in gemischten Parfuems durch Lagerung erst
+diejenigen Verbindungen entstehen, welche das erwuenschte Zusammenwirken
+der einzelnen Duefte bedingen. Der Ursprung des Koelnischen Wassers ist
+etwas fraglich; meist wird seine Erfindung Johann Maria Farina, einem
+Italiener aus Sancta Maria Maggiore bei Domo d'Ossola, zugeschrieben, der
+zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in Koeln einen Handel mit Parfuems und
+Colonialwaaren betrieb. Erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts gelangte
+das Koelnische Wasser zu allgemeiner Verbreitung und verdraengte das "_Eau
+de la reine de Hongrie_" oder Ungarwasser, welches aehnlich zusammengesetzt
+war, aber auch Rosenoel, Citronenoel, Citronellaoel und eine Spur
+Pfeffermuenzoel enthielt.
+
+Bei unseren Wanderungen um Grasse sind wir Jasminpflanzungen am Haeufigsten
+begegnet. Das zeigt, welche hohe Bedeutung dieser Pflanze fuer die dortigen
+Parfuemfabriken zukommt. Meist waren die Jasminfelder an suedlichen Abhaengen
+terrassenfoermig angelegt. Die gegen zwei Meter hohen, reich verzweigten,
+mit zusammengesetzten, immergruenen Blaettern bedeckten Straeucher hatten
+auch vereinzelte Bluethen aufzuweisen und liessen sich als die aus Ostindien
+stammende Art _Jasminum grandiflorum_ bestimmen. Die Bluethen duften
+lieblich, sind ziemlich gross, rein weiss auf ihrer Innenseite, von Aussen
+etwas roth angehaucht. Die eigentliche Bluethenzeit beginnt erst im Juli
+und dauert bis in den Oktober. Je tausend Stoecke liefern bis fuenfzig
+Kilogramm Bluethen. Verarbeitet werden in Grasse davon bis 80 000
+Kilogramm, die einen Werth von 140 000 Francs darstellen. Man entzieht den
+Bluethen ihren Duft durch Enfleurage; die Menge des Riechstoffes, den sie
+enthalten, ist aber so gering, dass man dieselbe Fettschicht bis fuenfzig
+Mal mit neuen Bluethen bestreuen muss. Aus der Jasminpomade wird mit
+feinstem Weingeist Jasminextract gewonnen. Die geschaetztesten
+Taschentuchparfuems enthalten solchen Extract. Man stellt auch ein "_huile
+antique au Jasmin_" dar, indem man auf wollene, mit Olivenoel getraenkte
+Zeuglappen zu wiederholten Malen frische Jasminbluethen streut und dann das
+Oel aus ihnen ausdrueckt. Dieses Jasminoel ist in Frankreich sehr beliebt.
+
+Eine wichtige Rolle in der Parfuemerie spielen auch die Bluethen der _Acacia
+Farnesiana_, eines Baeumchens, das zu bewundern wir im La Mortola-Garten
+schon Gelegenheit hatten. _Acacia Farnesiana_ wird in Grasse nur in
+beschraenktem Masse angebaut, liefert aber immerhin 30-40 000 Kilogramm
+Bluethen im Jahre; grosse Pflanzungen dieser Art finden wir in Algerien. Die
+kugeligen, dunkelgelben Bluethenkoepfchen, die "_Cassie_", werden vom
+September bis in den December gepflueckt, wozu jedoch viel Uebung und
+Geschick gehoert, da die Pflanzen sehr dornig sind. Der zarte,
+veilchenartige Duft dieser Bluethen wird durch Enfleurage fixirt. Die
+gewonnene Essenz hat fuer die Zusammensetzung der "Bouquets" einen sehr
+hohen Werth.
+
+Endlich darf auch die Tuberose (_Polyanthes tuberosa_) nicht unerwaehnt
+bleiben, dieses zu der Familie der Amaryllideen gehoerende Knollengewaechs,
+das man bei uns wegen seines starken Duftes und seiner schoenen weissen
+Bluethen so gerne auf Blumentischen und in Blumenstraeussen sieht. Die
+Pflanze stammt aus Centralamerika; wir bekommen sie meist nur mit den
+gefuellten weissen Bluethen zu sehen, die besonders kraeftig am Abend duften,
+wie es denn ueberhaupt eine weit verbreitete Erscheinung ist, dass Bluethen
+nicht um alle Tageszeiten gleich starken Duft verbreiten. Wer wird nicht
+bemerkt haben, dass die Daturen und Nicotianen, die Nachtviolen (_Hesperis
+matronalis_), die langblumige Wunderblume (_Mirabilis longiflora_) unserer
+Gaerten am Tage fast gar nicht riechen, am Abend aber einen durchdringenden
+Duft aushauchen. Umgekehrt duften Seerose (_Nymphaea alba_), die
+Kuerbisbluethe (_Cucurbita Pepo_), die Ackerwinde (_Convolvulus arvensis_)
+nur am Tage. Ein solches Verhalten hat fuer diese Pflanzen Bedeutung, sie
+duften bei Nacht oder am Tage, je nachdem sie Nacht- oder Tagesinsecten
+zur Uebertragung ihres Bluethenstaubes brauchen. Sehr viele Tuberosebluethen
+gehoeren dazu, um ein wenig Fett mit ihrem Duft zu saettigen; daher auch
+dieser Extract, wie so viele andere feine Parfuems, hoch im Preise steht.
+Bei uns koennte man den spanischen Flieder (_Syringa vulgaris_), statt der
+Tuberose verwenden, um ein sehr aehnliches Parfuem zu gewinnen, denn das
+Fett entzieht dem Flieder einen ganz entsprechenden Wohlgeruch.
+
+Es sind nicht die als Parfueme anerkannten Pflanzenduefte allein, deren sich
+die Parfuemerie zu ihren Zwecken bedient. So kommt fuer manche Erzeugnisse
+auffaelliger Weise der Gurkengeruch in Betracht. Man stellt zu diesem
+Zwecke eine Essenz her, und zwar indem man ueber frisch geschnittenen
+Gurkenscheiben mehrmals denselben Alkohol destillirt. Mit solcher Essenz
+wird Coldcream parfuemirt und erhaelt durch dieselbe das frische Aroma,
+welches man an dieser Salbe schaetzt.
+
+Nicht unerwaehnt moechte ich lassen, dass ein aetherisches Oel auch aus dem
+Knoblauch durch Destillation gewonnen wird. Dieses Oel dient nun freilich
+nicht zum Parfuemiren, so sehr man das auch manchmal in Suedeuropa oder im
+Orient glauben koennte; wohl aber wird es innerlich als Mittel gegen Wuermer
+eingenommen. Die Firma Schimmel & Co., welche dieses, sowie ueberhaupt fast
+alle fluechtigen Oele, die irgend welche Anwendung gefunden haben,
+herstellt, empfiehlt das Knoblauchoel auch als Kuechengewuerz. Von dem
+concentrirten Duft dieses lieblichen Oeles wird man sich eine Vorstellung
+machen, wenn man sein Verhaeltniss zum Knoblauch selber erwaegt: aus sechzehn
+Kilogramm Knoblauch werden nur zehn Gramm Oel gewonnen!
+
+Hingegen spielen Aetzammoniak, der sogenannte Salmiakgeist, und
+kohlensaures Ammoniak, trotz ihres aetzenden Geruchs in der Parfuemerie eine
+nicht unwichtige Rolle. Sie dienen zur Herstellung der parfuemirten
+Riechsalze. Auch der Geruch des Schnupftabaks ruehrt vornehmlich vom
+Ammoniak her, ausserdem werden die Schnupftabake haeufig noch mit anderen
+wohlriechenden Koerpern aromatisirt. Nicht minder wird Essigsaeure in der
+Parfuemerie verwendet, und ihre Eigenschaft, aetherische Oele zu loesen,
+benutzt, um parfuemirte Essige darzustellen.
+
+ XIII.
+
+Die aetherischen Oele wirken wie Gifte auf unseren Koerper ein, wenn sie
+innerlich in grossen Dosen oder zu haeufig eingenommen werden. Daher auch
+der Missbrauch mancher Liqueure nicht allein durch den Alcohol, den sie
+enthalten, sondern auch durch die fluechtigen Oele, mit denen sie parfuemirt
+sind, nachtheilige Folgen bringt. Geradezu gefaehrlich kann das Koelnische
+Wasser werden, wenn es getrunken wird. Der Arzt kommt oft nur durch Zufall
+dahinter, dass eine solche stille, geheim gehaltene Neigung bei seiner
+Patientin die Ursache der raethselhaften Krankheitserscheinungen ist. -
+Viele, doch bei Weitem nicht alle fluechtigen Oele wirken, innerlich
+verordnet, antiseptisch, und werden besser von unserem Koerper als von den
+niederen Organismen ertragen, die es oft in unserem Koerper zu bekaempfen
+gilt. Daher die Benutzung mancher fluechtigen Oele zu aerztlichen Zwecken. -
+Die fluechtigen Oele nehmen Sauerstoff aus der Luft auf und erfahren dabei
+eine Oxydation. Bei manchen dieser Oele verlaeuft der Oxydationsvorgang
+sehr rasch und zwar um so rascher, je feiner sie in der Luft vertheilt
+werden. Licht und Feuchtigkeit foerdern diesen Vorgang, bei welchem in der
+Luft das gasfoermige Ozon oder das gleich wirksame fluessige
+Wasserstoffsuperoxyd entstehen. Ihnen ist der belebende Einfluss
+zuzuschreiben, den weingeistige Loesungen von fluechtigen Oelen, im Zimmer
+verstaeubt auf die Athmenden ausueben. Besonders stellt sich diese Wirkung
+ein beim Verstaeuben jener fluechtigen Oele, welche die Chemie als Terpene
+zusammenfasst, weil sich diese an der Luft am schnellsten oxydiren.
+
+Physiologisch interessant ist es, an Parfuems die hohe Leistungsfaehigkeit
+unseres Geruchssinns zu erproben. Einige Milligramm Moschus reichen aus,
+um einen Raum, der haeufig gelueftet wird, Jahre lang mit Moschusduft zu
+erfuellen. Wir riechen diesen Moschus, und doch kann er in jener Luft, die
+uns umgibt, nur in unnennbar geringen Mengen vorhanden sein. Directe
+Versuche, die Passy mit alkoholischen Loesungen stark riechender Substanzen
+anstellte, haben ergeben, dass fuenfhundert Tausendstel eines Milligramms
+Vanillin ausreichen, um ein Liter Luft merklich zu parfuemiren. Derselbe
+Effect wird schon mit fuenf Tausendstel Milligramm Camphor erreicht; von
+dem kuenstlichen Moschus reichten gar fuenf Millionstel eines Tausendstels
+Milligramm aus, um wahrgenommen zu werden. Will man diese Menge in Zahlen
+ausdruecken, so ergibt das 0,000 000 000 005 Gramm. Dabei steht die
+Leistungsfaehigkeit des Geruchssinns beim Menschen gegen diejenige vieler
+Thiere noch bedeutend nach.
+
+ XIV.
+
+"_Die Toiletten-Chemie_" von Heinrich Hirzel, ein Buch, dem ich auch sonst
+noch manche Belehrung verdanke, enthaelt die Angabe, dass Europa an
+fluessigen Parfuems allein jaehrlich ueber eine Million Liter verbraucht. An
+der Deckung dieses Bedarfs ist Grasse mit etwa 100 000 Kilogramm
+Lavendeloel, halb so viel Thymianoel, 25 000 Kilogramm Rosmarinoel, 2000
+Kilogramm Nerolioel und sehr betraechtlichen Mengen anderer Oele und
+Extracte betheiligt. Nicht wenig wird Grasse in der Parfuem-Erzeugung durch
+das benachbarte Cannes unterstuetzt, das mehrere Parfuemfabriken besitzt und
+Hunderte von Arbeitern in ihnen beschaeftigt. Der Verbrauch an Parfuems in
+Europa, wiewohl immer noch gross, ist doch betraechtlich zurueckgegangen und
+wird, wenn ueberhaupt, nur in discretester Weise geuebt. So verhaelt es sich
+auch in anderen kuehlen Laendern, waehrend die heissen Erdstriche noch immer
+ein hohes Beduerfniss nach persoenlichem Parfuem bekunden. Obenan in dieser
+Beziehung steht der Orient, dessen Leistungen trotzdem noch gegen
+diejenigen des classischen Alterthums bedeutend zurueckstehen. Bezeichnend
+fuer jene Zeit ist die Erzaehlung des Plinius, dass an Lucius Plocius der
+Duft zum Verraether geworden sei. Dieser Lucius Plocius, dessen Bruder
+Lucius Plancus zweimal das Consulat bekleidet hatte, wurde von den
+Triumvirn geaechtet und musste fliehen. Er verbarg sich im Salernitanischen,
+wo man ihn entdeckte, weil er so stark nach Salben roch. Er musste den Tod
+erleiden, was Plinius nicht ohne einige Genugthuung erzaehlt, so empoerte
+ihn der Missbrauch, den man mit Parfuems damals trieb. Dass heute Jemand von
+wohlriechenden Salben und Oelen triefen sollte, wie es im Orient und in
+Griechenland zu alten Zeiten oft der Fall war, koennen wir uns kaum
+vorstellen. Wir empfinden eine entschiedene Abneigung selbst gegen fettige
+Haende und suchen solche moeglichst rasch zu saeubern. Oel oder Pomade werden
+allenfalls noch im *Haar* geduldet, sonst nur alkoholische Extracte
+benutzt. Im Alterthum parfuemirte man sich hingegen ausschliesslich mit
+duftenden Oelen. Das erste fluessige Parfuem, wie wir es jetzt benutzen,
+soll Mercutio Frangipani dargestellt haben, der ein von seinen Vorfahren
+erfundenes, aus Gewuerzen und Moschus zusammengesetztes Riechpulver mit
+starkem Weingeist extrahirte. Dieser Frangipani gehoerte einem roemischen
+Adelsgeschlecht an, das sich im zwoelften und dreizehnten Jahrhundert in
+den Kaempfen der Guelfen und Ghibellinen ausgezeichnet hatte. Dass die
+Neigung, sich mit Wohlgeruechen zu beschaeftigen, in diesem Geschlechte
+fortlebte, geht aus der Angabe hervor, dass ein spaeterer Nachkomme der
+Frangipani in Frankreich, der Marquis de Frangipani, Feldmarschall unter
+Ludwig XIII., eine Art parfuemirter Handschuhe einfuehrte, die "_Gants a la
+Fragipane_" genannt wurden.
+
+Die Griechen lernten es von den Orientalen, ihren Koerper mit duftenden
+Oelen einzusalben. Plinius moechte ohne Weiteres die Erfindung der
+wohlriechenden Salben den Persern zuschreiben. Ihr Koenig Darius soll in
+seinem Trosse nicht weniger als vierzig Salbenbereiter gefuehrt haben; sie
+geriethen in die Gewalt Alexanders. Aus der Beute, welche dieser damals
+machte, stammte, nach Plinius, auch jener mit Gold, Perlen und Edelsteinen
+besetzte Salbenschrein, in welchem Alexander die Werke Homers aufbewahren
+liess, damit, so sagte er, das werthvollste Werk des menschlichen Geistes
+auch die kostbarste Huelle erhalte. In Griechenland galt die Benutzung
+wohlriechender Salben immerhin als Verweichlichung; der echte Mann
+verpoente sie und rieb sich in den Gymnasien mit reinem Oele ein.
+
+Theophrast, Plinius und Dioscorides haben uns erzaehlt, wie die
+wohlriechenden Salben im Alterthum hergestellt wurden. Man mischte die
+Aromata mit den Oelen und erwaermte sie zusammen. Theophrast gab schon im
+dritten Jahrhundert v. Chr. an, man solle die Operation im Wasserbade
+vornehmen, um ein Anbrennen der Aromata zu verhindern. Als Oel diente vor
+Allem das der Olive, das man kunstvoll reinigte und bleichte, auch aus
+noch unreifen Fruechten presste, um es moeglichst farblos zu erhalten.
+Ausserdem wurde das Oel aus suessen und bitteren Mandeln, Sesamoel, Ricinusoel
+und Behenoel benutzt. Das letztere schaetzte man ganz besonders, weil es
+geruchlos ist und nicht leicht ranzig wird. Auch heute wuerde man es zu
+Haaroelen gern verwenden, waere es nicht aus dem Handel so gut wie
+verschwunden. Der Baum, von dem man das Behenoel gewann, hiess im Alterthum
+_Balanos_ oder _Myrobalanon_, somit Salbeneichel. Es ist die in Arabien
+und Aegypten einheimische _Moringa aptera_, deren Fruechte, die Behennuesse,
+durch Auspressen das Oel liefern.
+
+Dioscorides warnt in seiner "_Materia medica_", einem Werk, das wohl um
+die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. erschien, vor jeder Spur Wasser,
+die im Oel zurueckbleibt, und raeth an, das Oel oefter umzugiessen in Gefaesse,
+die mit Honig und Salz bestrichen sind. Durch das Salz werde dann alles
+Waesserige dem Oele entzogen. - Myrrha und andere Balsame, Cardamomen,
+Calamus, Wurzelstock der Iris, duftende Bluethen und Fruechte, wohlriechende
+Kraeuter mussten ihre Aromata an die Oele abgeben. Auch war die Eigenschaft
+thierischer Fette, sich mit Wohlgeruechen zu beladen, schon bekannt.
+Allgemeiner Verbreitung erfreute sich namentlich die Rosensalbe, deren
+Bereitung Dioscorides eingehend schildert. Man setzte den Salben meist
+Gummi und Harz hinzu, um sie zu faerben und auch, wie es hiess, ihren Duft
+zu binden. Manche Salbe faerbte man mit Drachenblut, dem blutrothen Harz
+des Drachenbaumes (_Dracaena Draco_) oder mit _Anchusa_, wohl dem
+Farbstoff, den wir aus der Wurzel der _Anchusa tinctoria_, unserer
+Alkannawurzel, gewinnen. Letzterer wurde auch zum Faerben des Rosenoels
+empfohlen. - Die Zahl der benutzten Salben wuchs ganz ausserordentlich, oft
+mischte man sehr viele Substanzen in einer einzigen Salbe zusammen. Die
+aegyptische Salbe "_Metopium_" stellte man aus Bittermandeloel her und
+setzte "_omphalium_, _cardamomum_, _juncum_, _calamum_, _mel_, _vinum_,
+_myrrham_, _semen balsami_, _galbanum_, _resinam terebinthinam_" hinzu.
+Soweit die Bedeutung der Namen heute klar gelegt ist, enthielt somit diese
+Salbe, ausser dem Bittermandeloel, das Oel unreifer Oliven, die fluechtigen
+Oele der Cardamomen, des wohlriechenden Geraniumgrases und des Kalmus,
+dann Honig, Wein, den Balsam des nordafrikanischen Baumes _Balsamodendron
+myrrha_, Balsamkoerner, d. h. den Balsam der erbsengrossen Fruechte des
+arabischen Balsamstrauches _Balsamodendron giliadense_, das Gummiharz
+eines persischen Doldengewaechses, _Ferula galbaniflua_, endlich das
+Terpentin der _Terpentin-Pistazie_. Von dem Duft dieser Salbe kann man
+sich annaehernd eine Vorstellung machen, sie muss vorwiegend nach bitteren
+Mandeln und Balsam gerochen haben. - Man bezog die Salben von den
+verschiedensten Orten, aus Aegypten, Delos, Mendesium, Corinth, Kilikia,
+Rhodos, Kypros, spaeter auch aus Neapolis, Capua, Praeneste. Das wechselte
+je nach Geschmack und Mode. Die Salben waren zum Theil sehr theuer und
+beschaeftigten ein ganzes Heer von Verfertigern und Verkaeufern. In den
+Laeden der Salbenhaendler hielten sich die Muessiggaenger auf. Man waehlte
+beschattete Orte zur Anlage solcher Laeden, damit die Salben, die in Gefaesse
+von Blei oder Stein eingeschlossen waren, von der Sonnengluth nicht
+litten. Der Stein, den wir Alabaster nennen, wurde viel fuer diese Gefaesse
+verarbeitet, doch scheint die antike Bezeichnung _Alabastron_, wie
+Reinhold Sigismund in seinem Buch ueber die Aromata nachzuweisen sucht,
+sich mehr auf die Gestalt, als auf das Material der Salbengefaesse bezogen
+zu haben.
+
+Bezeichnend fuer den Missbrauch, der mit wohlriechenden Salben in
+Griechenland getrieben wurde, sind die zahlreichen, uns von Athenaeus
+ueberlieferten Berichte. Er erzaehlt, dass die Schwelger in Athen jeden Theil
+ihres Koerpers mit einer anderen Salbe einrieben. Aegyptische Salbe diente
+fuer Fuesse und Schenkel, phoenikische Salbe fuer Kinnbacken und Brust,
+_Sisymbrion_-Salbe fuer die Arme, _Armaracon_-Salbe fuer Haar und
+Augenbrauen, _Serpyllos_-Salbe fuer Kinn und Nacken. Man kann sich
+vorstellen, wie so ein menschliches Wesen nach vollzogener Einsalbung
+geduftet haben mag. Denn die _Amaracon_-Salbe roch nach Majoran, die
+_Serpyllos_-Salbe nach Thymian, die _Sisymbrion_-Salbe wohl nach einer
+Minze, die aegyptische und phoenikische nach Bittermandeloel und Balsamen.
+Das war ein ganzer Parfuemladen! Dabei glaenzte ein solcher Mensch von Fett
+an seinem ganzen Koerper. - Ueber Demetrius Phalereus wird bei dem
+Symposion des Athenaeus berichtet, er habe sich nicht nur den ganzen Koerper
+gesalbt, sondern auch das Haupthaar noch gelb gefaerbt, um verfuehrerischer
+auszusehen. - Bei Trinkgelagen salbte man den Kopf, damit der Wein nicht
+in die Hoehe steige; denn wenn der Kopf trocken ist, hatte Myronides
+gesagt, wandern die Duenste nach oben. Dazu kamen noch die Kraenze, welche
+den Rausch verhindern, den Kopf kuehl erhalten und den Kopfschmerz abwehren
+sollten. Das moegen die urspruenglichen Epheukraenze gethan haben, schwerlich
+die spaeter benutzten aus duftenden Blumen. Denn diese wurden aus Rosen,
+Lilien oder Violen (Goldlack und Levkoien) gewunden und von aufwartenden
+Dienern vielfach mit duftenden Salben noch besprengt. In dem Symposion des
+Athenaeus wird berichtet, dass bei den prunkvollen Aufzuegen des Koenigs
+Antiochus Epiphanes auf Daphne zahlreiche Frauen mit goldenen Gefaessen
+einherschritten und aus diesen duftende Salben auf die Menge verspritzten.
+Derselbe Koenig, den man spaeter spottweise auch Epimanes, das heisst den
+Verrueckten nannte, pflegte in oeffentlichen Baedern zu erscheinen, wenn das
+ganze Volk dort versammelt war. Er salbte sich mit den koestlichsten Oelen.
+Da sagte denn Einer: "Wie gluecklich bist Du, o Koenig, dass Du so
+wohlriechende Parfuems benutzen und ueberall einen so angenehmen Duft
+verbreiten kannst." Antiochus antwortete ihm nicht, liess ihm aber am
+naechsten Tage nach dem Bade ein grosses Gefaess mit Myrrhensalbe ueber den
+Kopf giessen. Nun waelzten sich auch Andere in dem verschuetteten Oele, viele
+glitten aus und fielen zu Boden, sogar der Koenig, was allgemeine
+Heiterkeit erregte. Dieser Antiochus muss allerdings recht excentrisch
+gewesen sein, denn auch die Geschenke, die er vertheilte, waren mehr als
+sonderbar. Dem Einen drueckte er Knoechel, dem Anderen Datteln, noch Anderen
+Gold in die Haende.
+
+Die Lacedaemonier, heisst es, haetten die Salbenhaendler und die Faerber aus
+Sparta verjagt, weil die Ersteren das Oel verdarben, die Letzteren die
+Wolle ihrer urspruenglichen Reinheit beraubten. Lykurg und Sokrates traten
+gegen den Missbrauch wohlriechender Salben auf, erreichten aber eben so
+wenig, wie spaeter in Rom die beiden Censoren Publius Licinius Crassus und
+Lucius Julius Caesar, die, wie Plinius mittheilt, im Jahre 189 v. Chr. ein
+Edict erliessen, dass Niemand "exotische" Salben verkaufen solle.
+
+Die Haare und Kleider der Roemerinnen verbreiteten, nach Plinius, so starke
+Duefte, dass sie schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Dass
+sei um so thoerichter, meint er, als dieser theuer erkaufte Genuss weit mehr
+Anderen zu Gute komme, als dem, der ihn bezahlt hat. Nicht minder beklagt
+auch Plutarch diese Salbenverschwendung. Er erzaehlt, wie bei einem
+Gastmahl, das Salvius Otto dem Nero gab, von allen Seiten her kostbare
+Salben aus goldenen und silbernen Roehren flossen und die Gaeste ganz
+durchnaessten. Juvenal spottet in seinen Satiren ueber Crispinus, den
+Guenstling Domitians, dass er schon am Morgen mehr Amomumduft als zwei
+Leichenbegaengnisse von sich aushauche. - Ein besonders lebendiges Bild aus
+Neronischer Zeit, das auch den Salbenluxus und die Vorliebe fuer
+Wohlgerueche zeigt, hat Petronius in dem Gastmahl des Trimalchio entworfen.
+Sind die Farben auch stark aufgetragen, so entspricht die Schilderung doch
+den damaligen Sitten, wie sie bei prahlerischen Emporkoemmlingen sich
+besonders geltend machten. Waehrend des ueppigen, nicht endenwollenden
+Mahles, bei welchem die seltensten Speisen in kunstvoller Zubereitung
+aufgetragen werden, folgen die mannigfaltigsten Ueberraschungen
+aufeinander. Da ploetzlich senkt sich von der Decke ein gewaltiger Reifen,
+an dem rund herum goldene Kraenze nebst Flaschen wohlriechender Essenzen
+haengen. Sie sind als Geschenke fuer die Gaeste bestimmt. Gegen Ende des
+Mahles wird die Ausgelassenheit gross, bis der trunkene Trimalchio auf den
+Einfall kommt, sich die Todtenkleider bringen zu lassen, in denen er
+wuenscht, dass man ihn einst begrabe. Er befiehlt auch, wohlriechendes
+Wasser zu holen und eine Probe zum Kosten von jenem Wein, mit dem seine
+Gebeine gewaschen werden sollen. Er oeffnet eine Flasche Nardenessenz,
+bestrich mit derselben seine Gaeste und spricht die Hoffnung aus, dieser
+Wohlgeruch werde ihm nach dem Tode eben so gut thun, wie im Leben. -
+Petronius gehoerte zu den Lieblingsautoren des vorigen Jahrhunderts; um die
+Mitte desselben hatte das "Gastmahl des Trimalchio", wie ich Friedlaenders
+Einleitung zum Petronius entnehme, schon sechs franzoesische Uebersetzungen
+aufzuweisen. Am Hofe von Hannover, im Carneval des Jahres 1702, wurde es
+sogar von fuerstlichen Darstellern aufgefuehrt. Auf Wunsch der Koenigin
+Sophie Charlotte von Preussen musste Leibniz der Fuerstin von
+Hohenzollern-Hechingen diese Auffuehrung schildern, was in einem
+franzoesisch geschriebenen Brief vom 25. Februar 1702 geschah.
+
+Gleicher Luxus mit Parfuems wie im Alterthum ist wohl zu keiner Zeit wieder
+getrieben worden, doch kamen sie an den Hoefen von Frankreich und England
+zeitweise in hohe Gunst. In Frankreich geschah das zur Zeit der
+Renaissance unter dem Einfluss der italienischen Kuenstler, die Franz I. und
+Katharina von Medicis an ihren Hof zogen. Da wurde in parfuemirten Pasten,
+Pomaden und duftenden Handschuhen vollauf geschwelgt. Die Cosmetiques
+kamen zu jener Zeit als Schoenheitsmittel auf und riefen eine besondere
+cosmetische Literatur ins Leben. Dass Diana von Poitiers bis in das hohe
+Alter sich den Reiz der Jugend zu bewahren wusste, ungeachtet sie schon mit
+dreizehn Jahren an Ludwig von Breze, Grossseneschal der Normandie, vermaehlt
+worden war, schrieb man cosmetischen Geheimmitteln zu, die ihr Paracelsus
+verrathen habe. Der Missbrauch, der unter den Valois mit cosmetischen
+Mitteln getrieben wurde, rief eine Reaction gegen dieselben hervor; erst
+unter Ludwig XIII. wusste die schoene Anna von Oesterreich sie wieder in die
+Gunst des Hofes zu bringen. Da kamen die Pates d'Amandes, die
+verschiedenen Cremes und Schminken auf, welche der Haut der Damen eine
+kuenstliche Faerbung verliehen. Ludwig XIV. liebte die Cosmetiques nicht:
+ihr Gebrauch nahm ab, doch nur, um unter der Regence einen besonderen
+Aufschwung zu erfahren. Jetzt bluehten Geheimmittel, welche die Jugend und
+Schoenheit dauernd sichern sollten. Der beruechtigte Cagliostro nahm von der
+eben so beruechtigten Dubarry und von anderen Schoenen nicht geringe Summen
+fuer solche Geheimmittel ein. Trotzdem schminkte man sich unter Ludwig XV.
+wieder weniger als zuvor und das "_rouge de Portugal en tasse_" roethete
+nicht so stark die Gesichter. Der Absatz an Schminke hielt sich immerhin
+auf bedeutender Hoehe, so dass im Jahre 1780 eine Gesellschaft fuenf
+Millionen Francs der Regierung fuer das Privilegium bot, ein Roth
+besonderer Guete allein verkaufen zu duerfen. Selbst mit violetter Schminke
+versuchte man es in den Gaerten des Palais Royal und hielt ganz Paris
+dadurch acht Tage lang in Aufregung. - Das hoerte gegen Ende des
+Jahrhunderts, unter dem Einfluss von Marie Antoinette auf; die schreienden
+Farben verschwanden aus den Gesichtern, und zugleich verlor sich auch der
+Geschmack an starken Wohlgeruechen; das Zarte musste sich jetzt mit dem
+Schwermuethigen, das Keusche mit dem Gefuehlvollen im Aussehen der Frauen
+paaren: so gewann die Parfuemerie jenes discrete Gepraege, welches ihr auch
+heute noch geblieben ist. Nur voruebergehend machte sich ein
+entgegengesetzter Einfluss der Kaiserin Josephine geltend, die als Creolin
+die starken Parfuems liebte. Napoleon I. selbst bediente sich nur des
+Koelnischen Wassers, das er sich jeden Morgen ueber Kopf und Schultern goss.
+
+Seit dem sechzehnten Jahrhundert war Frankreichs Geschmacksrichtung in der
+Parfuemerie massgebend fuer die anderen Voelker, im siebzehnten Jahrhundert
+gelangte sie zur Alleinherrschaft zugleich mit den franzoesischen Moden.
+
+Frankreich und England waren es vorwiegend, welche die Welt mit ihren
+Parfuemerien versorgten. Nur dem Koelnischen Wasser gelang es, als
+Weltparfuem gegen die Producte dieser Laender aufzukommen. Jetzt erst
+beginnt Deutschland, wenn auch noch nicht in den "Bouquets", so doch in
+den ungemischten Parfuems in die erste Stelle zu ruecken. Die Leipziger
+Erzeugnisse haben in dieser Richtung einen ungeahnten Erfolg erreicht.
+Ausserdem steht Deutschland obenan mit seinen chemischen Producten, die
+heute in so entscheidender Weise in die Parfuemerie eingreifen. Ebenso
+liefert es vornehmlich der Welt jene antiseptisch wirksamen Stoffe, welche
+die Cosmetiques verdraengt haben und allein berufen sind, die Gesundheit
+des Koerpers und damit auch die Schoenheit des "Teint" in Zukunft zu wahren.
+
+Die Berge strahlten von allen Seiten Licht und Waerme auf die
+Blumenpflanzungen von Grasse zurueck. Es wurde heiss in der Stadt: feiner
+Staub stieg bei jedem Windhauch in dichten Wolken auf: es roch zu stark
+nach Santalholz in den Strassen, wir fuehlten uns ploetzlich reisemuede und
+traten den Heimweg nach dem Norden an.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+FRUeHJAHR 1895.
+
+
+ I.
+
+Der Winter war so lang und so traurig im Norden gewesen, wir sehnten uns
+nach Waerme und nach Sonne. Doch auch vom Mittelmeer trafen unaufhoerlich
+Hiobsposten ein: die Kaelte hielt dort an, die Vegetation hatte gelitten,
+noch zu Anfang Maerz fiel Schnee, der viele Orte der Riviera mit einem
+weissen Gewand bedeckte. Da, endlich, siegte die Fruehlingssonne: wir
+erhielten guenstige Nachricht, und waren einige Tage spaeter in Cannes.
+Schon oben in den Alpen begruesste uns der Fruehling, mit leuchtendem
+Antlitz, mit einer Strahlenkrone ums Haupt. Die Fahrt in dieser sonnigen,
+zu neuem Leben erwachenden Natur, glich jetzt einem wahren Triumphzug. So
+kamen wir ans Mittelmeer.
+
+Im Norden schneit es noch immer, und dunkle Wolken decken dort den Himmel,
+hier aber glaenzt die Sonne am blauen Firmament, sie spiegelt sich im
+Meere, und ihre Strahlen dringen in unser Inneres ein und loesen die grauen
+Nebel auf, die sich an dunklen Tagen dort angesammelt haben. Auch an der
+Riviera di Ponente mussten Pflanzen und Menschen von der ungewohnten
+Strenge dieses Winters leiden. Die meisten Pflanzen erholen sich wieder.
+Die gebraeunten Bougainvilleen an den Haeusermauern beginnen stellenweise
+auszutreiben, sie bilden carmoisinrothe Hochblaetter in Buescheln an dem
+todten Laub. Der Heliotrop durchbricht mit seinen Sprossen den Boden, bald
+werden frische lebhaft gruene Blaetter an den Faecherpalmen die braun
+gefleckten alten ersetzen. - Auffaellig gut haben die Acacien dem Schnee
+und der Kaelte getrotzt, sie sind mit gelben Bluethen ueber und ueber bedeckt,
+wahre Blumenstraeusse in der sonst noch blumenarmen Landschaft. Denn die
+Vegetation ist gegen sonst sehr weit zurueck, die Rosenstoecke weisen nur
+geschlossene Knospen auf, waehrend sie sonst von Mitte Winter an hier im
+Bluethenschmuck prangen. Eine Rose ist in keinem der vielen Blumenlaeden von
+Cannes zu erblicken; man muesste sie wohl in den Gewaechshaeusern des Nordens
+bestellen; Weniger gut als so viele Pflanzen erholt sich der leidende
+Mensch, der hier in diesem letzten Winter Linderung, ja Genesung suchte.
+Tage lang musste er in Raeumen verweilen, die nur duerftig zu erheizen waren.
+Wie Manchem hat dieser Aufenthalt das Leben gekuerzt. Schwerkranke sollten
+hierher ueberhaupt nicht geschickt werden.
+
+ II.
+
+Wir wollten nicht unten am Meere wohnen in den staubigen Theilen von
+Cannes; wir zogen den Abhang hinauf, der im Osten die Stadt beherrscht,
+zur Californie. Ueber den schoenen Garten des Hotel Californien hinweg
+blicken wir auf die Croisette, jene schmale Landzunge, welche den Golfe de
+la Nopoule vom Golfe Jouan scheidet. Weiter trifft unser Auge die Ile
+St. Marguerite, und bei Morgenbeleuchtung zeichnet sich jedes Haus in dem
+Fort ab, das diese Insel kroent. Von der Ile St. Honorat ist nur die Kirche
+sichtbar, im uebrigen wird sie von ihrer Schwesterinsel verdeckt. Im Osten,
+ueber den bluehenden Acacien, steigt an einem Huegel die alte Stadt Cannes
+empor. Sie gipfelt in ihrem alten Schlosse und bietet dem Auge ein
+malerisch bewegtes Profil. In weniger schoener Linie folgen die neuen
+Stadttheile der Bucht, doch diese Linie wird, von hier oben aus
+betrachtet, durch ueppige Gaerten der Huegel gebrochen und belebt. Besonders
+gerne ruht aber unser Blick auf den zackigen Umrissen des Esterel. Dorthin
+wendet sich unser Auge stets zuerst am Morgen, wenn die Sonne die Gipfel
+der Berge vergoldet und jede Ortschaft sich blendend weiss am Fusse
+derselben zeichnet; dorthin schauen wir auch zuletzt am Abend, wenn die
+Sonne jenseits der langen Kette verschwindet, und ihre Strahlen sich wie
+ein leuchtender Faecher am Abendhimmel ausbreiten. Dann entzuenden sich auch
+bald die Leuchtthuerme laengs der Kueste, und schon in der Daemmerstunde
+flammt Cannes mit Tausend Lichtern auf. Dieses Schauspiel wiederholt sich
+jeden Abend, und wir wurden nicht muede, es zu betrachten.
+
+Zugleich beginnt das Concert der Laubfroesche rings um das Hotel, jenes
+Concert, das Jeder kennt, der im Fruehjahr die Riviera besuchte. In allen
+Wasserbehaeltern versammeln sich um diese Zeit jene Thierchen und locken
+sich aus der Ferne mit lauten Rufen an. Die auffallende Kraft des Tones
+wird dadurch ermoeglicht, dass das Maennchen die schwaerzliche Haut seiner
+Kehle zu einer grossen Schallblase auftreibt. Im Uebrigen leben diese
+zierlichen, lebhaft gruen gefaerbten Geschoepfe auf den Straeuchern und
+Baeumen. Es unterhielt uns, ihnen am Tage in dem Garten des Hotels
+nachzuspueren, und dann auch festzustellen, wie sehr der Ton ihrer Faerbung
+sich nach ihrer jeweiligen Umgebung richtet. Auf hellen Blaettern sind sie
+hell, auf dunklen dunkel gefaerbt und daher stets schwer zu erblicken. Es
+handelt sich auch thatsaechlich bei diesem Farbenwechsel um eine
+Schutzvorrichtung, die sie den Augen ihrer Feinde entziehen soll.
+Andererseits werden sie auch nicht von der Beute bemerkt, auf die sie
+lauern. Es ist belustigend zu sehen, wie der Laubfrosch auf Insecten jagt,
+mit welchem Geschick er sie faengt und wie hoch er springt, um sie zu
+erfassen.
+
+Ungeachtet des Regens, der vor Kurzem reichlich gefallen war und trotz des
+taeglichen Begiessens, zeichnet sich die Strasse, die von Cannes nach Antibes
+fuehrt, von hier oben gesehen, meist wie ein langer Streifen von Staub
+zwischen den gruenen Gaerten aus. Besonders hoch steigt dieser Staub an den
+Nachmittagen auf, wenn eine Equipage der anderen folgt und neue
+Staubwolken aufwirbelt. Dieser Staub, von zermalmtem Kalkstein stammend,
+ist wie Mehl so fein. Ueberall dringt er ein, er erhebt sich zu so
+bedeutender Hoehe, dass er die angrenzenden Baeume bis in ihre Gipfel grau
+faerbt. Diesen Staub athmen nun tagtaeglich die vornehmen Gaeste von Cannes
+ein, die meist nach dem Sueden reisten, um ihre Lungen zu schonen. Derselbe
+Staub herrscht nun leider an vielen Orten der Riviera, ueberall dort, wo
+das Kalkgebirge bis an die Kueste reicht. Doch wer zwingt auch den Kranken,
+sich auf den Landstrassen zu bewegen oder an denselben zu wohnen! - Ich
+kann den Staub nicht leiden, wenn ihn auch meine Lunge vertraegt;
+gluecklicher Weise ermuede ich aber auch nicht leicht beim Gehen und fuehle
+mich wohler zu Fuss, als im Wagen. So war das Hotel sehr guenstig fuer mich
+gelegen. Auf Fusswegen lassen sich von demselben schon in kurzer Zeit
+Waelder und Maquis erreichen. Dort, auf den mit Kiefern bedeckten Gipfeln
+von "_la Maure_", 250 Meter hoch ueber dem Meere, eroeffneten sich die
+herrlichsten, ueberraschendsten Blicke in ueppig gruene Thaeler, nach den
+schneebedeckten Alpen und ueber die blaue Kueste. Ganz besonders grossartig
+erschienen in diesem Fruehjahr die Seealpen. Der Schnee reichte tief an
+denselben hinab. Man waehnte oft Bilder aus dem Berner Oberland vor Augen
+zu haben, doch leuchtender, getaucht in den Glanz der italienischen Sonne.
+So weilte ich denn mit Vorliebe unter den Aleppo-Kiefern oben auf den
+Hoehen von "_la Maure_"; doch mied ich grundsaetzlich das "_Observatoire_",
+den officiellen Aussichtspunkt, auf welchen am Nachmittag, auf staubiger
+Strasse, die Wagen durch muede Pferde muehsam aufwaerts gezogen werden. Dort
+ist ein Aussichtsthurm errichtet, von dem aus, gegen Zahlung, man die
+Natur bewundern kann. Meist ist man im Gedraenge, und die Musik aus einer
+nahen Wirthschaft traegt dazu bei, die Stimmung zu erhoehen.
+
+ III.
+
+Beim Aufstieg zum "_Observatoire_" schneidet man einen Kanal, der Cannes,
+Golfe Jouan und Antibes mit Wasser versorgt. Er fuehrt das naemliche Wasser,
+das die Roemer einst in Forum Julii tranken. Sie hatten oberhalb Grasse
+eine Quelle der Siagne gefasst und fuehrten das Wasser nach Frejus in einem
+gedeckten Aquaeduct, der auf seinem Wege einen 50 Meter langen Tunnel, den
+Tunnel von Roquetaillado, zu durchsetzen hatte. Der moderne Wasserkanal,
+der in der Richtung von Cannes laeuft, steht der roemischen Wasserleitung
+entschieden nach, denn er ist unbedeckt und vor Verunreinigungen somit
+nicht geschuetzt. Man kann von La Maure aus diesem Kanal in nordwestlicher
+Richtung meilenweit folgen. Ein Fussweg fuehrt an demselben entlang. Er
+steigt ganz unmerklich auf, so dass man fast eben zu gehen meint. In weiten
+Bogenlinien zieht er sich laengs der Berge hin und bietet wechselvolle
+Ausblicke auf Cannes und das Esterel. Alsbald befindet man sich ueber Le
+Cannet, einem Dorfe, das noerdlich von Cannes, drei Kilometer entfernt vom
+Meere liegt und durch nahe Huegel ganz besonders gut gegen Winde geschuetzt
+wird. Man schaut da auf grosse Hotels hinab, denn Le Cannet ist Station fuer
+solche Kranke, die nicht am Meere weilen sollen, weil ihnen die Seebrise
+angeblich Schaden bringt. Noch weiter gen Norden kroent Mougins einen 260
+Meter hohen, isolirten Huegel; ein malerischer Ort, dessen compacte
+Haeusermasse nur von spaerlichen Fenstern nach aussen durchbrochen wird.
+Dorthin sollen sich einst die Oxybier zurueckgezogen haben, als die Roemer
+die Kueste besetzten. Nur eine halbe Stunde Weges trennt Mougins von dem
+Thurme von Castellaras, der die umfassendste Aussicht auf die Alpenkette
+bietet.
+
+Von dem Wege am Wasserkanal kann man alle jene Huegel ersteigen, welche Le
+Cannet von Vallauris trennen. Von da oben sieht man jenseits von Mougins,
+am Fuss der grauen Kalkalpen, Grasse im Sonnenlichte glaenzen; unten im
+Kessel, nach Osten zu, breitet sich Vallauris aus. Weiter sieht man Golfe
+Jouan, Antibes, Nizza, die Kueste bis in neblige Fernen und oberhalb der
+Berge die Vallauris schuetzen, als herrlichsten Abschluss des Bildes, die
+Schneemassen um den Col di Tenda. Dort baut Italien seit Jahren eine
+Eisenbahn, welche Turin mit Ventimiglia verbinden soll. Die Bahn ist
+fertig von Turin bis zum noerdlichen Abhang des Passes, dem Orte Limone.
+Unter dem Col di Tenda laeuft jetzt schon ein langer Tunnel, der den
+Verkehr der Wagen erleichtert. Dann beginnt das Thal der Roja, das bei
+Ventimiglia das Meer erreicht. Der mittlere Theil dieses Thales ist im
+Besitze Frankreichs. Ihn soll die Bahn umgehen, und das verursacht
+bedeutende Kosten. Daher die Arbeiten langsam fortschreiten und die
+Vollendung der Bahn sich noch kaum absehen laesst. Einst wird diese Bahn ein
+herrliches Stueck Land dem Verkehr eroeffnen; denn die Gola di Gandarena, in
+welcher die Roja zwischen himmelstuermenden Felsenmauern fliesst, ist nicht
+minder grossartig wie die Via mala. Bis jetzt war dieser gewaltige Engpass,
+einer der imposantesten der Alpen, nur Jenen bekannt, welche den kleinen
+Badeort St. Dalmazzo di Tenda zur warmen Jahreszeit besuchten, oder die es
+gar unternahmen, allen Schneemassen zum Trotz, schon im Fruehjahr die Fahrt
+ueber den Col di Tenda zu unternehmen. Das haben wir einmal gethan und
+einen unvergesslichen Eindruck davon getragen. Ist einmal die Bahn von
+Cuneo bis Ventimiglia in Betrieb, dann bildet sie zugleich die kuerzeste
+Verbindung zwischen der suedlichen Schweiz und den Kurorten der Riviera di
+Ponente. Die Strasse ueber den Col di Tenda ist aber die aelteste, die jemals
+den Gallischen Strand mit den Ebenen des noerdlichen Italien verband. Sie
+existirte schon tausend Jahre vor Christus, zaehlt somit jetzt
+achtundzwanzig Jahrhunderte und hiess die tyrrhenische Strasse.
+
+Der Ort Vallauris, so unscheinbar er auch ist, hat es verstanden, jetzt
+eine gewisse Beruehmtheit zu erlangen. Er dankt sie seinem farbigen
+Halbporzellan, seinen "_Faiences d'art_", die nicht nur an der Riviera,
+sondern in allen groesseren europaeischen Staedten jetzt die Schaufenster der
+Laeden zieren. Es sind das Thonwaaren mit Zinnglasur, die im starken Feuer
+gebrannt werden. Die Familie Massier beherrscht diese Industrie. Ueberall
+liest man diesen Namen ueber den Lagern und ueber den Fabriken. Den Fremden,
+die auf der staubigen Landstrasse zwischen Cannes und Antibes umherfahren,
+faellt das grosse Lager im Orte Golfe Jouan am meisten in die Augen durch
+seinen mit bunter Fayence verzierten oder verunzierten Garten.
+
+Bietet Vallauris als Ort auch nur wenig, so bleiben doch die Ausfluege
+anziehend, die man ueber die Hoehen in dieser Richtung unternehmen kann. Von
+Vallauris geht man durch eine anmuthige Schlucht hinab nach Golfe Jouan
+oder durch den Wald, am Abhang der Berge, ueber Cannes-Eden, unmittelbar
+nach Cannes. Vielfach begegnet man hier in den Waeldern noch Korkeichen,
+die weiter nach Osten ganz fehlen. Es haengt das mit den Bodenverhaeltnissen
+zusammen, da Glimmerschiefer und Gneis stellenweise bei Cannes noch an die
+Oberflaeche treten und dann die gleichen Vegetationsbedingungen schaffen,
+wie sie im Maurengebirge gegeben sind.
+
+ IV.
+
+Von der aeussersten Spitze der Croisette ist die Insel St. Marguerite kaum
+anderthalb Kilometer entfernt. In zwanzig Minuten kann man sie mit dem
+Boote erreichen. Zweimal am Tage verkehrt auch ein kleiner Dampfer
+zwischen dem Hafen von Cannes und den Lerinischen Inseln. Er beruehrt sie
+beide, und man kann den Ausflug ueber die Mittagsstunden ausdehnen, wenn
+man den ersten Dampfer zur Hinfahrt, den zweiten zur Rueckfahrt benutzt. -
+Wir wollten die Abendbeleuchtung der Kueste von den Lerinischen Inseln aus
+bewundern und nahmen am Nachmittag ein Boot an der Croisette. Voller
+Sonnenschein fuellte den Himmel mit einem Uebermass von Licht und liess das
+glatte Meer gleich einer metallenen Platte erglaenzen. Ein blaeulicher Dunst
+lag auf der Wasserflaeche. Die gegenueberliegende Insel rueckte immer naeher.
+Scharf zeichneten sich auf ihr die Mauern, die das Fort umgeben, welches
+einst Richelieu erbaute. Oestlich ueber den Felsen blicken aus der Mauer
+die Fenster jenes beruechtigten Gefaengnisses hervor, das sonderbarer Weise
+so oft schon die Gedanken der Menschen auf sich zu lenken wusste. Da war
+der mysterioese Gefangene eingeschlossen, der als "Mann mit der eisernen
+Maske" die Historiker und Romanschreiber oft beschaeftigt hat. Man nimmt
+jetzt meist an, es sei das Hercules Anthony Matthioli gewesen, ein
+Bologneser vom alten Geschlecht, der den Hass Ludwig XIV. sich zugezogen
+hatte. Matthioli sollte bei Ferdinand Carl IV. von Mantua, dem letzten
+Herzog aus dem Hause Gonzaga, den Verkauf der Festung Casale Monferrato an
+Frankreich vermitteln. Nach der Eroberung der Festung Pinerolo
+beherrschten die Franzosen den Zugang zum Piemont; ihnen haette der Besitz
+von Casale auch die fruchtbare Ebene von Mailand eroeffnet. Matthioli, der
+Senator von Mantua war und das Vertrauen seines Fuersten besass, liess sich
+fuer den Plan gewinnen. Ludwig XIV. empfing ihn an seinem Hofe mit grossen
+Ehren und zeichnete ihn durch ein kostbares Geschenk aus. Dessen
+ungeachtet verrieth Matthioli die franzoesischen Plaene an Oesterreich und
+brachte sie so zum Scheitern. Ludwig XIV. erfuellte das mit Zorn. Es gelang
+ihm, Matthioli ueber die Grenzen von Turin zu locken. Er wurde dort
+ueberfallen, gefangen genommen und in Fesseln gelegt. Man kerkerte ihn ein,
+zunaechst in Pinerolo, dann in jenem Gefaengniss auf St. Marguerite. Da der
+internationale Rechtsbruch geheim bleiben musste, war es dem Gefangenen
+unter Androhung des Todes verboten, sein Gesicht zu zeigen: er trug eine
+Maske, die thatsaechlich aber nicht von Eisen, sondern von schwarzem Sammet
+war. Im Jahre 1687 kam Matthioli auf die Insel, um zehn Jahre spaeter dem
+Gouverneur der Festung, dem beruechtigten St. Mars, nach der Bastille zu
+folgen. Dort starb er am 19. November 1703. - Es heisst, dass nach der
+Revocation des Edictes von Nantes durch Ludwig XIV. auch protestantische
+Geistliche in diesem Gefaengniss geschmachtet haetten. Napoleon I. setzte
+umgekehrt einen katholischen Geistlichen, de Broglie, Bischof von Gent,
+hier ein. Dann gab es weniger vornehme Gefangene, Mamelucken und
+dergleichen, erst die Einkerkerung Bazaines an dieser Stelle zog wieder
+die Blicke der Welt auf St. Marguerite. Bazaine gelang es zu entkommen.
+Seine Frau, eine noch junge Spanierin, und sein frueherer Adjutant
+Willette, der ihn nach St. Marguerite begleitet hatte, ermoeglichten seine
+Flucht. Er liess sich des Nachts am Seil laengs der Felsen nieder und
+erwartete unten in zerfetzten Kleidern, mit wunden Haenden und blutigem
+Gesicht, seine Frau. Das stuermende Meer verhinderte die Landung des
+Bootes, das ihn abholen sollte; er musste sich in das Meer werfen, um es zu
+erreichen. - Heut war es an diesen Felsen so still, wie auf einem See, und
+wir landeten ohne Muehe an dem steinigen Ufer. - Der Besuch der Festung
+lohnt kaum, will man sich nicht etwa an der ausserordentlichen Dicke der
+Mauern und an dem dreifachen Gitter des einzigen Gefaengnissfensters
+erbauen. Durch dieses Fenster haette Bazaine nicht entkommen koennen. Er
+benutzte die mangelhafte Aufsicht, um gegen Abend seine noch offene Zelle
+zu verlassen. Er verbarg sich im Gefaengnisshofe, waehrend seine Zelle zur
+Nacht leer verschlossen wurde.
+
+Wir zogen in den schoenen Kiefernwald, der den groessten Theil der Insel
+deckt, und lagerten dort unter den Baeumen. Die Aussicht landeinwaerts ist
+derjenigen aehnlich, die man von Antibes aus geniesst. Nur steigt das
+Vorgebirge in groesserer Naehe auf, und das Bild wirkt heiterer durch die
+grosse Naehe von Cannes. Die Schneemassen der Alpen scheinen in der Ferne
+fast in der Luft zu schweben, gehuellt in jenen leuchtend azurenen Nebel,
+der dem provencalischen Himmel eigen ist. Von der blauen Flaeche des Meeres
+und den gruenen Huegeln der Kueste steigt so das Bild in Stufen, bis zu den
+schneebedeckten Riesen der Alpenwelt empor, in grossartig eindrucksvollem
+Contrast.
+
+Wir ziehen nun quer durch den Wald, nach der entgegengesetzten Seite der
+Insel, wo uns das Boot erwartet. Jetzt liegt dicht vor uns die Ile
+St. Honorat. Es ist nur ein enger Meeresarm, der beide Inseln trennt, doch
+ein Meeresarm, erfuellt mit gefahrbringenden Felsen, die kaum von den
+Wellen des Meeres gedeckt werden.
+
+Die Ile St. Honorat hiess bei den Roemern Lerina. Der heilige Honoratus zog
+von seiner Einsiedelei im Esterel zu Anfang des fuenften Jahrhunderts nach
+dieser Insel hin. Er fand sie, so berichtet die Sage, mit giftigen
+Schlangen erfuellt, unter denen zu leben fast unmoeglich schien. Doch der
+Heilige bestieg eine Palme und vertrieb die Schlangen durch den grossen
+Bannfluch, den er ueber sie aussprach. Zu St. Honoratus gesellte sich bald
+der greise Caprasius, den spaetere Zeiten auch als Heiligen anerkannten. Es
+stroemten von allen Seiten Anhaenger herbei, und das errichtete Kloster
+hatte bald bedeutenden Ruhm erlangt. Der heilige Vincenz, einer der
+hervorragendsten Moenche von Lerin, verfasste dort das Commonitorium gegen
+die Irrlehre, ein Werk, das man auch in unserer Zeit im Streit um das
+Unfehlbarkeitsdogma oefters citirte, im Besonderen den Satz: "Was immer,
+was ueberall, was von Allen geglaubt worden ist, das ist wahrhaft
+katholisch." Dem Kloster gehoerten auch an: St. Hilarius, der wie
+St. Honoratus spaeter Bischof von Arles wurde, ebenso St. Maximus, der den
+Bischofssitz von Frejus bestieg, dann Faustus, Bischof von Reji, der zu
+den Heiligen zwar gezaehlt, dessen Rechtglaeubigkeit aber vielfach
+angezweifelt wurde; dann St. Salvian, St. Valerian, auch die beiden Soehne
+des heiligen Eucharius: St. Veranius und St. Salonius und viele Andere.
+Von der kleinen Insel Lerina, die St. Honore nach dem Begruender ihres
+Klosters benannt wurde, gingen nicht weniger als zwoelf heilige
+Erzbischoefe, zwoelf heilige Bischoefe, zwoelf heilige Aebte und vier heilige
+Moenche hervor. "O gesegnete Einsiedelei, o dreimal glueckliche Insel, die
+du so viel Sproesslinge des Himmels erzogen hast!" _Beata et felix insula
+Lyrinensis {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}!_ rief daher schon im Jahre 542 der Erzbischof von Arles,
+Caesarius, der Sohn des Grafen von Chalon, bei seinem Tode aus. Zu Ehren
+aller dieser Heiligen wurde am 15. Mai ein eigenes Fest, das der
+Allerheiligen von Lerina, gefeiert. Um das Jahr 690 zaehlte das Kloster
+ueber 3700 Moenche. Wie moegen sie nur alle Platz gefunden haben auf der
+kleinen Insel, die nur etwa tausend Schritte lang und vierhundert Schritte
+breit ist! Dieses rasche Aufbluehen des Klosters trug die Keime des
+Verfalles auch in sich; die asketische Lebensweise schwand immer mehr. -
+Zur Zeit, da der heilige Caesarius dem Kloster als Moench angehoerte, waren
+die Ordensregeln aeusserst streng. Jeder Moench bewohnte getrennt seine
+Zelle: es gab weder ein Schlafgemach noch eine Kueche. St. Caesarius
+ernaehrte sich von Kraeutern und von Bruehen, die er sich am Sonntag fuer den
+Bedarf der ganzen Woche kochte. Das aenderte sich spaeter, und schon zu Ende
+des siebenten Jahrhunderts mussten, wie der Abt Disdier erzaehlt, die Paepste
+eingreifen, um der Zuegellosigkeit der Sitten unter den Moenchen zu steuern.
+- Der heilige Aigulf, hieher gesandt, um strenge Zucht im Kloster
+einzufuehren und die Moenche zu besserem Lebenswandel zu bekehren, wurde von
+ihnen verstuemmelt und Seeraeubern uebergeben. - Dann aber kamen die
+Saracenen. Sie pluenderten im Jahre 732 das Kloster und mordeten alle seine
+Bewohner. Nur St. Eleutherius blieb am Leben, verborgen in einem
+unzugaenglichen Felsenspalt, in dem er acht Tage lang von Wurzeln und
+Seethieren sich naehrte. Das Kloster bluehte noch mehrfach auf, doch die
+alte Sicherheit und Ruhe waren von der Insel geschwunden, so dass der Abt
+Adalbert im Jahre 1073 einen starken viereckigen Thurm erbauen liess, der
+vom Strande aus gegen Afrika schaut und dauernd das Meer ueberwachte. Der
+Thurm war geraeumig genug, um alle Moenche aufzunehmen; sie konnten die
+Klosterschaetze darin bergen, dort auch sich wirksam gegen die alten
+Feinde, Seeraeuber und Saracenen, vertheidigen. So kam es, dass das Kloster
+nicht nur fortbestehen, sondern auch glaenzende Zeiten erleben konnte: es
+hatte noch manchen geistig hochstehenden Abt aufzuweisen. Im sechzehnten
+Jahrhundert besass es eines der reichsten Sanctuarien, und seine Bibliothek
+war weit beruehmt. Im siebzehnten Jahrhundert, unter dem Pontificat
+Gregor XV. begann es endgueltig zu verfallen. Als es im Jahre 1788
+saecularisirt wurde, zaehlte es nur noch vier Moenche. Man vertheilte die
+Klosterschaetze an die Kirchen der benachbarten Regionen. Viele
+Kostbarkeiten verschwanden waehrend der franzoesischen Revolution, so ein
+silberner Reliquienschrein, der die Ueberreste des heiligen Honoratus
+enthielt und nach Cannes gekommen war. Dieser kunstvoll gearbeitete
+Reliquienschrein stammte von Franz I., der nach der Schlacht von Pavia als
+Gefangener die Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1525 im Kloster zugebracht
+hatte. Im Jahre 1791 wurde das Kloster versteigert und ging, eigen genug,
+in den Besitz einer Schauspielerin ueber. Es war das Fraeulein Alziary de
+Roquefort, die unter dem Namen Sainval an der _Comedie francaise_
+glaenzende Triumphe gefeiert hatte.
+
+Die Insel St. Marguerite hiess bei den Roemern Lero. Strabon erzaehlt, dass
+ein Heroentempel diese Insel schmueckte und dass die Ligurischen Piraten
+dort Opfer darbrachten. Den Namen St. Marguerite, den jetzt die Insel
+fuehrt, sucht eine Sage mit dem Namen der Schwester des heiligen Honoratus
+zu verknuepfen. Von Sehnsucht getrieben, so wird erzaehlt, kam Margarethe
+nach Lerina und fiel dem Bruder zu Fuessen. Die Ordensregel schloss die
+Anwesenheit von Frauen auf Lerina aus. Daher St. Honoratus die Schwester
+nach der Insel Lero brachte, wo sie verblieb und Aebtissin wurde.
+Margarethe nahm unter einem bluehenden Kirschbaum von dem Bruder Abschied,
+und er musste ihr versprechen, dass er sie besuchen wuerde, so oft dieser
+Kirschbaum bluehe. Die Heilige erwirkte dann durch ihr Gebet, dass der
+Kirschbaum allmonatlich in Bluethenschmuck prangte.
+
+Jetzt gibt es wieder Moenche im Kloster St. Honorat. Das Bisthum von Frejus
+hat das Kloster im Jahre 1859 erworben, und zehn Jahre spaeter zogen die
+Cistercienser hierher. Im weissen Gewande, mit schwarzer Kapuze, schwarzem
+Gurt und Scapulier schreiten sie in dem Kloster einher. Frauen ist der
+Zutritt untersagt, doch viel verlieren sie nicht durch dieses Verbot, denn
+von den aelteren Theilen des Klosters blieb fast nichts erhalten, und die
+Kirche in demselben ist ganz neuen Ursprungs. Weit hoeheres Interesse
+beansprucht das ausserhalb des Klosters am Meeresstrande aufgebaute, auch
+den Frauen zugaengliche Kastell. Ein maechtiger Bau aus Quadersteinen, der
+den Angriffen der Zeit getrotzt hat. Nur von wenigen Fenstern nach aussen
+durchbrochen, mit Zinnen besetzt, traegt es deutlich seine einstige
+Bestimmung zur Schau. Besonders stimmungsvoll hebt sich dieses dunkle
+Kastell von dem blauen Hintergrund des Meeres ab, wenn es aus einiger
+Entfernung betrachtet wird, und dunkelgruene, ueber den Strand geneigte
+Kiefern dasselbe umrahmen. Im Innern birgt das Kastell alle jene Raeume,
+die zu einem laengeren Aufenthalt der Moenche nothwendig waren: zahlreiche
+Zellen und ein Refectorium, eine Capelle und eine Bibliothek, vor allem
+auch eine Cisterne. Diese Cisterne, ganz alter Construction, nimmt die
+Mitte des offenen Hofes ein; Saeulengaenge, in mehreren Stockwerken, steigen
+im Umkreis auf. Eingestuerzte Gewoelbe, halbverschuettete Raeume, verborgene
+Treppen, die in unterirdische Raeume fuehren, folgen aufeinander und
+durchschneiden sich in sinnverwirrender Weise. Die Burg ist Kloster und
+Festung zugleich, so recht ein Product jener Zeit, wo das Kreuz und das
+Schwert oft von derselben Hand gefuehrt wurden, einer leidenschaftlich
+erregten Zeit, stark und starr in ihrer Ueberzeugungskraft, der es an
+schoepferischer That und eigenartiger Poesie nicht fehlte. Auf einer
+Wendeltreppe besteigt man den Thurm, von dem aus sich eine herrliche
+Aussicht entfaltet. Man sieht hinab auf die Lerinischen Inseln, die wie
+gruene Floesse auf dem Meere schwimmen, und ueberblickt die ganze weite Kueste
+von St. Tropez bis zu den Bergen von Bordighera. Die Insel St. Honorat ist
+viel kleiner als ihre Schwester; dass der heilige Honoratus sie
+dessenungeachtet zur Anlage seines Klosters erwaehlte, war durch die Quelle
+bedingt, die sie birgt.
+
+Zerklueftete Felsen ragen in der Naehe des Kastells aus dem Meer hervor. Sie
+heissen die Moenche und bilden einen natuerlichen Schutz fuer die Insel. An
+ihnen bricht sich die Macht der Wellen, wenn der Suedsturm das Meer gegen
+die Insel treibt. Einige Capellen schmuecken den Strand, Ueberreste aus
+alter Zeit; Marmorfragmente von Saeulen und Capitaelen sind zwischen Myrten
+und Lentisken aufzufinden und mahnen an fruehere Pracht. Fuenfzehn
+Jahrhunderte lang beherrschten die Moenche diese Inseln sowie auch das
+gegenueberliegende Festland, jetzt gilt ihre Fuersorge vor allem einem
+Waisenhaus, das in dem Kloster errichtet wurde und in welchem die Knaben
+verschiedene Gewerbe erlernen. In diesem Waisenhause befindet sich auch
+eine Druckerei, in welcher alte kirchliche Werke neu edirt werden. So hat
+die Druckerei von Lerin dem Papst Leo XIII. zu seinem Jubilaeum ein reich
+verziertes Werk ueberreicht, welches das Magnificat in "hundertfuenfzig"
+Sprachen enthielt.
+
+Oestlich von der Insel St. Honorat liegt die kleine Felseninsel
+St. Fereol. Waehrend die beiden groesseren Lerinischen Inseln durch Legende
+und Geschichte wie mit einem Heiligenschein umgeben werden, bildete sich
+eine seltsame, fast daemonische Mythe um St. Fereol aus. Es hiess, und heisst
+noch vielfach, dass auf St. Fereol das Grab von Paganini sich befunden
+habe. Diese Angabe ist in franzoesischen Werken verbreitet. Sie fuehren an,
+Paganini sei in Nizza, im Mai 1840, an der Cholera verschieden; sein Sohn
+Achille habe die Leiche auf einem Schiffe nach Genua gefuehrt, um den Vater
+an dessen Geburtsorte zu bestatten. Die Geistlichkeit verweigerte aber das
+Begraebniss dem Manne, von dem es hiess, er habe sich dem Satan verschrieben.
+Auch das Municipio liess die Ausschiffung des Koerpers wegen Choleragefahr
+nicht zu. So versuchte der Sohn in Marseille zu landen, doch wieder ohne
+Erfolg. Als er auch in Cannes abgewiesen wurde, entschloss er sich, den
+Sarg des Nachts auf die kleine unbewohnte Insel zu bringen und dort, von
+Stuermen oft umbraust, hat der Todte fuenf Jahre lang gelegen. Erst im Mai
+1845 kehrte der Sohn wieder, nachdem es ihm gestattet worden war, den
+Vater zu begraben an der Kirche von Gajona bei Parma, unfern der Villa,
+die Paganini dort erworben hatte. Diese Erzaehlung kam mir schon einmal in
+den Sinn, als ich in dem herrlichen _Pallazzo Doria Tursi_, dem jetzigen
+_Palazzo del Municipio_ in Genua, die Geige Paganinis sah. Das war in den
+Tagen der Columbianischen Feste, wo die Mitglieder der wissenschaftlichen
+Congresse im Municipio durch den Sindaco empfangen wurden. Die Geige, eine
+Guarneri, der einst Paganini daemonische Toene zu entlocken gewusst, bewahrt
+man wie eine Reliquie in einem kostbaren Schrein; man hatte sie zu dem
+Feste mit seidenen Baendern in den italienischen Farben geschmueckt. Daran
+dachte ich jetzt, da ich die kleine Insel St. Fereol vor mir im Meere
+liegen sah. Die heitere Landschaft stimmte freilich nicht zu dem
+unheimlichen Geiste Paganinis. Wohl aber konnte es ihm behagen auf jenem
+einsamen Riff, wenn die entfesselten Elemente die brandenden Wogen ueber
+die Felsen trieben und der Wind klagend ueber der Meeresflaeche pfiff. Da
+war es die Natur, welche Schaudergeschichten auf ihrer _G_-Saite spielt,
+so wie er sie einst auf jener Saite seinen erregten Zuhoerern zu erzaehlen
+wusste. Ja, das Grab Paganinis passt sicherlich besser in die wilde
+Brandung, als auf einen stillen Friedhof, das ist voellig klar! - Wie
+schade, dass die Geschichte nur erdichtet ist! - In Wirklichkeit starb
+Paganini in der _Via Santa Reparata_ zu Nizza an der Kehlkopfschwindsucht
+und nicht an der Cholera. Er hatte lange zuvor schon, in Folge seines
+Leidens, die Stimme eingebuesst. Da er die Sterbesacramente nicht empfangen
+hatte, verweigerte die Geistlichkeit seine kirchliche Bestattung, und
+diese konnte erst einige Jahre spaeter erfolgen. Der Sohn Paganinis, der
+heute noch in Parma lebt, theilt mir mit, dass sein Vater dort auf dem
+grossen Friedhof _della Villetta_, nachdem er, auch im Tode unstaet, erst
+nach Villa-Franca, dann nach Genua gewandert, seit 1876 seine endliche
+Ruhe gefunden und er - der Sohn - ihm auf seinem Grabe ein wuerdiges
+Denkmal habe errichten lassen, fuer welches in Genua kein geeigneter Platz
+gewesen sei. Ueber Paganinis Leben hatten sich die merkwuerdigsten Mythen
+ausgebildet, die durch sein ungewoehnliches Aussehen, seine fast
+gespensterhafte Magerkeit und sein blasses Gesicht, auf welchem, wie Heine
+schreibt, Kummer, Genie und Hoelle ihre unverwuestlichen Zeichen eingegraben
+hatten, gefoerdert wurden. Paganini trug uebrigens durch sein excentrisches
+Benehmen selber nicht wenig zur Verbreitung dieser Mythen bei. Nur einmal,
+in Paris, fuehlte er sich veranlasst, den Fabeln, die in den Zeitungen ueber
+ihn berichtet wurden, entgegenzutreten. In einem Briefe, den er in der
+"_Revue musicale_" veroeffentlichen liess, schilderte er selbst sein Leben
+und fuehrte dort den Nachweis, dass er weder seine Geliebte ermordet noch im
+Gefaengniss gesessen, noch sich dem Teufel verschrieben habe. Er schloss mit
+der Hoffnung, man werde wohl seiner Asche einst die verdiente Ruhe goennen.
+Doch auch diese Hoffnung sollte sich nicht erfuellen! Selbst eine
+Marmorbueste, die man Paganini in der _Villetta di Negro_ zu Genua geweiht
+hatte, verschwand spurlos von jener Staette.
+
+Wir kehrten nach der Insel St. Marguerite zurueck und verweilten dort bis
+zum Untergang der Sonne. Strahlend verschwand der feurige Ball hinter dem
+Esterelgebirge. An den hohen Bergen im Norden trieben sich langgedehnte
+Nebelstreifen umher. Sie deckten die Einschnitte der Thaeler, stiegen dann
+empor bis zum Schnee der Alpen, wurden violett und rosenroth und schwanden
+spurlos. Scharf zeichneten sich jetzt die riesigen Gipfel in langer Kette
+an dem blauen Himmel. Bald roetheten sie sich auch, ergluehten in Purpur,
+erloschen allmaelig und wurden dann leichenblass. Des Tages Gluth lastete
+noch auf dem Meere; seine glatte Oberflaeche zeigte jene matten Reflexe,
+wie sie alten venetianischen Spiegeln eigen sind: dann begann sie die
+Farbe zu wechseln und schillerte wie Opal. Der Purpur, der von den Bergen
+schwand, legte sich ueber den Abendhimmel und ueberfluthete bald auch das
+Meer. Geheimnissvoll klagend schlugen seine scharlachrothen Wellen jetzt an
+die Felsen des Ufers. Der Himmel ueber den Alpen nahm fahlgruene Faerbung an,
+und dann wurde es dunkel. Ungezaehlte Sterne tauchten am Himmel auf, und
+ungezaehlte Lichter entflammten laengs der Kueste. Wir bestiegen jetzt wieder
+die Barke und glitten still ueber der Wasserflaeche. Eine erfrischende Luft
+umfloss unseren Koerper, drang in unsere Lungen ein und erweckte jenes
+Gefuehl inneren Wohlbehagens, dem man so gern sich hingibt. Wir wechselten
+kaum ein Wort und brachen erst unser Schweigen, als wir an der Croisette
+gelandet waren.
+
+ V.
+
+Cannes stand unter der Herrschaft der Aebte von Lerin. Sie hatten dasselbe
+im zehnten Jahrhundert von Wilhelm von Gruetta, einem Sohne von Redouard,
+Grafen von Antibes, erhalten. Im Jahre 1080 begann der Abt Adalbert die
+Burg auf dem Huegel, der jetzt die Altstadt traegt, dem heutigen Mont
+Chevalier, zu erbauen. Im Kloster von Lerin wurden die geistigen Gueter vor
+Allem gepflegt, daher wohl seine Herrschaft mild gewesen ist. Das
+beeinflusste die Sitten und Braeuche der Uferbewohner. Waehrend jenseits des
+Esterels, wo rohe Burgherren herrschten, die Volksbelustigungen in
+Scheinkaempfen, den sogenannten "_bravades_" bestanden, waren es in Cannes,
+Vallauris und Antibes die "_romerages_", das heisst Taenze und aehnliche
+Spiele, welche die Feste belebten. Bis auf den heutigen Tag haben sich die
+_bravades_ in St. Tropez, die _romerages_ in Vallauris erhalten.
+Wachtthuerme laengs der Kueste waren zum Schutz gegen die Saracenen
+aufgerichtet. Feuerzeichen des Nachts, weisse Fahnen am Tage, warnten, von
+den Lerinischen Inseln aus, die Uferbewohner vor den nahenden Feinden.
+Cannes fuehrte, gedeckt durch das Kloster, dem die Angriffe der Feinde
+stets vor Allem galten, ein ziemlich ruhiges Dasein, und hatte erst
+waehrend der Kaempfe Franz I. mit Karl V. schwere Verluste zu tragen. Im
+Jahre 1580 wurde durch ein Schiff aus dem Orient die schwarze Pest nach
+Cannes eingeschleppt und verbreitete sich dann ueber die ganze Provence.
+Dann gab es noch manches Ungemach im Laufe der Zeiten, so im siebzehnten
+Jahrhundert, als die Lerinischen Inseln zeitweise in spanische Gewalt
+geriethen, dann im achtzehnten waehrend der Invasion der Provence durch
+oesterreichische und piemontesische Truppen, besonders aber im
+oesterreichischen Erbfolgekriege, waehrend des missglueckten Angriffs der
+Oesterreicher auf die Provence. - Uebrigens fehlte es auch nicht ganz an
+komischer Tragik in der Geschichte von Cannes. So berichten die
+Stadtarchive von einem wilden Thiere, das 1785 das Land und die Stadt mit
+Schrecken erfuellte. Kein Bewohner der Stadt wagte sich mehr ins Freie.
+Schliesslich wurde eine Schar muthiger Maenner bewaffnet, und es gelang
+ihnen auch an der Grenze der Gemeinde das Thier zu erlegen. Ein solches
+Thier hatte noch Niemand gesehen; man wusste es nicht zu benennen. Ein
+heftiger Streit entspann sich nun um das Fell, zwischen den Gemeinden von
+Cannes, Grasse und Mougin, an deren gemeinsamen Grenzen das Thier gefallen
+war; es drohte ein ernster Conflict, gluecklicher Weise machte der Marquis
+de Caraman, commandirender General der Provence, demselben ein Ende, indem
+er das Fell fuer sich nahm. Nunmehr wurde festgestellt, dass dieses Fell von
+einer Hyaene stamme; wie jenes Thier sich nach Cannes verirrt hat, ist
+unaufgeklaert geblieben.
+
+Am Ende des vorigen Jahrhunderts war Cannes zu einer ganz unbedeutenden
+Ortschaft herabgesunken. Als Horace Benedict de Saussure sie 1787
+besuchte, fand er nur ein paar Strassen vor, die fast ausschliesslich von
+Matrosen und Fischern bewohnt waren. Die Schoenheit der Lage fiel ihm auf:
+"_C'est un site vraiment delicieux_" rief er auf dem Huegel von St. Cassien
+aus, als er den blauen Golf und die gruenen Inseln vor sich liegen sah,
+dann ueber das ueppige Thal der Siagne, gegen Grasse und die grauen
+Kalkalpen schaute. Auch die Hotels in Cannes waren damals einfacher als
+jetzt, dessen ungeachtet es dem Erlanger Professor Heinrich Schubert im
+Jahre 1822 in einem derselben sehr behagte. Er und "die gute Hausfrau"
+waren zu Fuss ueber das Esterel acht Stunden lang bis nach Cannes gewandert
+und kamen dort recht ermuedet in den heissen Mittagsstunden an. Darauf hin
+schreibt Schubert: "Wohler und erquicklicher zu Muthe ist es wohl der
+guten Hausfrau, auf dieser ganzen Reise, bei keinem anderen Mittagessen
+und in keinem anderen Wirthshause gewesen, als in dem buergerlichen, fuer
+uns daher sehr passenden Wirthshause zu Cannes. Es war das Haeuslein gleich
+eins der ersten in der Haeuserreihe am Meeresstrande hin. Zwar zu der
+oberen Etage, welche fast nur aus dem Zimmer bestand, in welchem wir assen,
+fuehrte keine Marmorstiege, sondern eine hoelzerne Treppe von aussen empor,
+es stieg sich aber eben so schnell daran hinauf, als auf einer steinernen;
+der Balcon, an dessen geoeffnete Thuer wir uns hinsetzten, hatte zwar weder
+eiserne noch bronzene Umzaeunung, sondern nur bretterne, die Aussicht von
+ihm hinaus auf das unter uns brandende Meer war aber eben so weit und
+lieblich als von einem steinernen." "Junge Huehnlein, seit wenigen Tagen
+erst aus dem Ei gekrochen, die mit ihrer Alten da im Speisesaal und auf
+dem Balcon herumliefen, pickten die Kruemlein von Weissbrod zusammen, die
+ihnen die Hausfrau auf den Boden streute." Dann aber, nachdem wir uns an
+einem trefflichen Mahl gesaettigt und ausgeruht, "verliessen wir -
+Strickbeutel und Pflanzenmappe unter dem Arme - unseren Balcon mit der
+lieblichen Meeresaussicht und die gutmuethigen, billigen Wirthsleute und
+zogen unter den schattigen Baeumen der Allee, neben dem anbrandenden Meere
+hinaus auf die Strasse nach Antibes."
+
+Da war es in der That anders in Cannes als jetzt! Den Anfang zu seiner
+jetzigen Groesse verdankt Cannes einem Zufall. Im Jahre 1834, als die
+Cholera im ganzen Norden von Europa herrschte, sperrte sich Italien gegen
+dieselbe durch einen Grenzcordon ab. Reisende, die aus Frankreich an diese
+Kueste kamen, mussten mehrere Tage in dem seuchenfreien Cannes verweilen,
+bevor sie die Grenze am Var ueberschreiten durften. Unter den Reisenden
+befand sich auch Lord Brougham, der das Amt eines Lord-Kanzlers von
+England vor Kurzem niedergelegt hatte und durch den Tod seiner geliebten
+Tochter tief gebeugt, nach Italien eilte. Ihm gefiel dieser Ort, an dem er
+nun unfreiwillig verweilen musste, so sehr, dass er sich entschloss, an
+demselben zu bleiben. Er liess sich in Cannes nieder und erbaute auf seiner
+Besitzung das Schloss Eleonore Louise, das den Namen seiner Tochter traegt.
+Seinem Beispiel folgten zahlreiche seiner Landsleute, und die vornehme
+englische Gesellschaft zog sich allmaelig von Nizza nach Cannes zurueck. Ihr
+folgte die franzoesische Aristokratie, und allmaelig wuchs Cannes zu einem
+der vornehmsten Kurorte der Riviera an.
+
+ VI.
+
+Den Bewohnern des westlichen Cannes koennen die Ausfluege auf den Hoehen der
+Croix-des-Gardes diejenigen von "La Maure" zum Theil ersetzen. Die
+Aussichten sind aehnlich, doch gilt es meist so viel Staub zu schlucken,
+ehe man sie erreicht! Die Abhaenge dieses 150 Meter hohen Huegels sind mit
+den aeltesten Villen des neuen Cannes bedeckt; da lehnt sich auch jener
+Chateau d'Eleonore Louise an, der den Grund zu dem modernen Kurort legte.
+- Man darf es auch nicht unterlassen, den Garten der Villa Larochefoucauld
+zu besuchen, dessen Zutritt Fremden stets gestattet wird. Man erreicht ihn
+bald auf der Strasse von Frejus. Die Ausblicke auf das nahe Esterel
+zwischen den Palmen, Pinien und sonstigen ueppigen Gewaechsen des Gartens
+sind zum Theil von hoher malerischer Wirkung.
+
+Ueber alle moeglichen, wenn auch nicht immer empfehlenswerthen Ausfluege an
+den Kurorten der Riviera orientiren jetzt vollstaendiger wie zuvor die in
+allerletzter Zeit erschienenen "_Guides Joanne_". Es gibt jetzt solche
+"Fuehrer" fuer Cannes, fuer Nizza, Mentone, ja selbst fuer das Esterel, und
+sie sind einzeln fuer 50 Centimes oder einen Franc zu haben. Leider sind
+aber auch in diesen Fuehrern die Angaben ueber die Wege, die man bei den
+einzelnen Ausfluegen einzuschlagen hat, so mangelhaft und die beigefuegten
+Karten so unvollkommen, dass man sich nur selten zurechtfinden kann.
+
+Ich plante noch einen Ausflug nach dem Cap d'Antibes und stand mit
+Tagesanbruch auf, um moeglichst viel Zeit vor mir zu haben. Ich trat ans
+Fenster und oeffnete die Laeden: Der Himmel war mit Wolken ganz bedeckt.
+Hinter denselben im Osten musste die Sonne soeben aufgegangen sein.
+Unentschlossen blieb ich am Fenster stehen. Wird es der Sonne gelingen,
+die Wolken zu zerstreuen? Leuchtende Stellen tauchten in der Wolkenmasse
+nach einiger Zeit auf und erweckten freudige Hoffnung. Bald schwanden sie
+aber wieder, und beklommen blickte ich empor, gedrueckt von dem Gefuehl, dass
+es so trueb und traurig den ganzen Tag ueber bleiben koenne. Doch wieder
+lichten sich hier und dort die Wolken, sie wogen in schweren Massen wie
+ein bewegtes Meer; ploetzlich zerreissen sie an mehreren Stellen, und aus
+gluehendem Rahmen blickt dort der leuchtende Himmel hervor. Es ist, als
+waere in den Hoehen eine Feuersbrunst ausgebrochen, und als draengen lange
+Feuerstrahlen aus den Oeffnungen der Wolken hervor, um die See und das
+Land zu entzuenden. Jetzt sind es Stellen im Meer, welche in Flammen
+aufgehen, dann leuchten die Lerinischen Inseln im rosigen Lichte auf
+dunkler Woge, dann wieder entzuenden sich die Gipfel des Esterel, dann das
+alte Cannes. Allmaelig erblassen die Wolken, sie weichen vor der
+siegreichen Sonne; sie loesen sich auf im goldigen Nebel und schwinden. Der
+ganze Himmel erstrahlt in glaenzendem Licht.
+
+Wir folgen der Strasse von Antibes, von Licht ueberfluthet. Solche
+Lichtfuelle stimmt den Menschen freudig, erweckt neue Hoffnungen und traegt
+so sicherlich nicht wenig zur Heilung der hier weilenden Kranken bei. Es
+ist das der suggestive Einfluss des Sonnenlichtes; andererseits kommen
+demselben thatsaechlich auch antiseptische Wirkungen zu. Intensives
+Sonnenlicht toedtet die Keime jener niederen Organismen, welche Faeulniss und
+Zersetzung bewirken. Entsprechende Versuche haben gelehrt, dass eine
+Aussaat von Bacterien durch Licht sterilisirt werden kann. Setzt man eine
+solche Aussaat dem Sonnenlichte aus, haelt eine andere im Schatten, so
+werden die Keime der ersteren getoedtet und die der letzteren entwickeln
+sich weiter. Intensives Sonnenlicht sterilisirt demgemaess auch die Waesche
+und die Kleider von Kranken. Es sterilisirt auch Seen und Fluesse, falls
+ihr Wasser nicht zu trueb ist und den Lichtstrahlen das Eindringen nicht
+verwaehrt. Die in der Luft schwebenden Keime werden meist von dem
+Sonnenlicht getoedtet. Mit Recht sagt somit ein italienisches Spruechwort:
+"_Dove non entra il sole, entra il medico._" Waere jenes Spruechwort nicht
+begruendet, da muessten unausstehliche Miasmen manches suedliche Land erfuellen
+und Infectionskrankheiten ununterbrochen es verheeren. Wie wenig geschieht
+da meist fuer die Desinfection. Die moderne Hygiene ist ein Kind nordischer
+Himmelsstriche, und die peinlichsten Ansprueche an Reinlichkeit und Comfort
+sind in Laendern erwachsen, in welchen der Nebel meist das Sonnenlicht
+verhuellt. Waehrend wir unsere Wohnraeume nach Moeglichkeit saeubern, fuer
+Desinfection allerorts sorgen, oeffnet der Suedlaender weit seine Fenster und
+laesst sein ganzes Haus vom Sonnenlicht durchstrahlen. Dazu ist aber dauernd
+klarer Himmel noethig. - Bacterienkeime, die vom intensiven Sonnenlichte
+getroffen werden, halten die Wirkung desselben nur kurze Zeit aus. Die
+Keime des _Bacillus anthracis_, jenes gefaehrlichen Bacteriums, das den
+Milzbrand bei Schafen und Rindern veranlasst, sind dann schon todt nach
+wenigen Stunden. Ein englischer Botaniker, Marshall Ward, hatte den
+Einfall, diese Wirkung des Lichtes auf Bacterienkeime gewissermassen
+photographisch zu veranschaulichen. Er breitete Gelatine, die mit
+Bacterienkeimen versetzt war, auf einer Glastafel aus, stellte vor
+dieselbe eine durchbrochene Zinnplatte und liess letztere vom Sonnenlicht
+bescheinen. Nach wenigen Stunden wurde die Glastafel in einen dunklen,
+warmen Raum gelegt und dort laengere Zeit gelassen. Ueberall da, wo das
+Sonnenlicht durch die Oeffnungen der Zinnplatte die Gelatine erreicht
+hatte, blieb letztere klar, weil die Keime in derselben getoedtet waren,
+sie truebte sich an den uebrigen Stellen, weil die Keime dort unversehrt
+blieben und sich zu trueben Bacterienmassen vermehrten. So war das in die
+Zinnplatte geschnittene Bild deutlich auf der Gelatineplatte zu erkennen.
+Selbst die Negative gewoehnlicher Photographien konnten benutzt werden, um
+positive Bacterienbilder zu erhalten, wenn mit besonders empfindlichen
+Keimen operirt wurde. Ein purpurfarbiges Bacterium der Themse lieferte so
+hinter den Glas-Negativen englischer Landschaften zwar nicht scharfe, aber
+doch kenntliche Bilder derselben.
+
+Die ganze Strasse von Antibes war jetzt blendend hell von Licht, von jenem
+grellen Licht, in welches alle Dinge tauchen, wenn die Sonne hoch am
+Himmel steht. Auf der kreideweissen Strasse wurden die Schatten immer kuerzer
+und dunkler, die Halbschatten nahmen blaue Toene an. Die Palmengruppen in
+den Gaerten glaenzten so stark, dass sie fast wie fabelhafte Decorationen zu
+einem Zauberstueck erschienen. Es war Fest der Sonne ueberall in der Natur,
+und diese festliche froehliche Stimmung theilte sich uns auch mit. - Wenig
+Orte in Europa gibt es, die ueber eine gleich grosse Lichtfuelle verfuegen. An
+dieser goldigen Kueste darf sich das Mittelmeer ruehmen, Spiegel der Sonne
+zu sein. An Klarheit der Luft koennen mit der Gegend um Nizza sich nur
+Valencia und Alicante messen. Waehrend von dem Eifelthurm in Paris die
+Aussicht im guenstigsten Falle bis auf hundert Kilometer reicht, zeigt hier
+nicht selten Corsica dem erstaunten Auge seine zackigen Gipfel, die um
+mehr als 200 Kilometer von dieser Kueste entfernt sind. Daher mit vollem
+Recht der Mont Gros bei Nizza zum Bau eines astronomischen Observatoriums
+gewaehlt wurde. Auch regnet es in Nizza durchschnittlich im Jahre nur an
+67 Tagen. Der Regen dauert nicht lange, ist dafuer oft so heftig, wie in
+den Tropen. Auch in diesem Fruehjahr hatten wir waehrend unseres
+fuenfwoechentlichen Aufenthalts, von Mitte Maerz bis zur zweiten Haelfte des
+April, nur drei Tage mit anhaltendem Regen hier zu verzeichnen. Wir waren
+thatsaechlich die ganze Zeit ueber wie in ein Lichtbad getaucht.
+
+Die Strasse fuehrte uns an dem Orte Golfe Jouan vorbei nach Jouan les Pins.
+Nun folgten wir unter Pinien im weiten Bogen dem Meeresstrande. Unser
+Blick verlor sich im endlosen Meer oder er ruhte auf dem Esterel und den
+Lerinischen Inseln. Es waren das die alten, liebgewonnenen Bilder in immer
+neuer Umrahmung. Bald begruessten wir das Cap und traten in den Garten des
+Caphotels ein. Da ist Alles noch so wie es war, derselbe ueppige
+Pflanzenwuchs, derselbe Duft der Maquis. Doch fremdartig blicken uns
+merkwuerdige Bauten von der aeussersten Spitze der Landzunge an. Haben die
+Saracenen wieder das Land erobert und sich am Cap niedergelassen? Das sind
+doch maurische Bauten, die sich dort erheben, eine Moschee, die mit ihrer
+schlanken Kuppel in die Luefte ragt! Eine Mauer sperrt die Spitze des Caps
+vom Hotelgarten ab, doch gluecklicherweise ist sie schon durchbrochen und
+nichts hindert uns, weiter vorzudringen.
+
+Es war nicht ein Saracene, sondern ein Pariser, der diese Bauten errichten
+liess. Er starb ohne das Ende seiner Werke zu sehen. Sein Wunsch, hier
+begraben zu werden, konnte nicht in Erfuellung gehen. Die franzoesische
+Regierung verbot die Bestattung am Cap; die Familie gab daher die
+Besitzung auf.
+
+So wird denn dieses Stueck Orient hier wieder verschwinden, vielleicht
+Ruinen bilden, die man dermalen als saracenische deuten wird. Der Fischer
+aber, dem ein Stueck Strand nach dem andern entzogen wird, hat vom Cap
+wieder Besitz ergriffen. Mit sichtlicher Schadenfreude zerstoert er die
+Mauer, die ihm den Zugang zu den Felsen sperrte, auf denen er gewohnt war,
+von Kind auf zu fischen. Und auch der Fremde, der das Cap besucht, kann
+wieder ungehindert auf diesen zerrissenen Felsenklippen streifen und dem
+geheimnissvollen Rauschen der Wogen in den tiefen Spalten des Gesteines
+lauschen.
+
+ VII.
+
+Einige Tage spaeter verliessen wir Cannes und siedelten nach dem Cap Martin
+ueber. Eine englische Gesellschaft hat vor einiger Zeit dieses ganze Cap
+erworben und ein Hotel auf demselben errichtet, das zu den comfortabelsten
+der ganzen Riviera gehoert. Hat man es sonst zu bedauern, dass die schoensten
+Punkte dieser Kueste der Speculation zum Opfer fallen, so ist dies beim Cap
+Martin nicht der Fall. Denn mit viel Geschick und Geschmack verstand es
+die englische Gesellschaft, dem Cap seinen urspruenglichen Charakter zu
+wahren und den schoenen Wald von Aleppokiefern, mit dem das Cap bedeckt
+ist, in einen nicht minder schoenen englischen Park zu verwandeln. Sie
+schonte jeden einzelnen Baum; die Maquis am westlichen Strande hat sie in
+ihrem urspruenglichen Zustand belassen, fremdartige Gewaechse nur in
+discretester Weise angebracht. Das Hotel steht auf der Hoehe, am suedlichen
+Ende des Caps, noch in den Wald eingeschlossen, von welchem man nur so
+viel entfernte, als zum Bau des Hauses durchaus nothwendig schien. Auch
+werden die Grundstuecke am Cap von der Gesellschaft nur unter Bedingungen
+verkauft, die den neuen Besitzer zur Schonung des Waldes verpflichten. So
+merkt man nicht viel von den entstehenden Villen im Walde, und man muss auf
+die Hoehen steigen, die das Cap beherrschen, um sie zu entdecken. Der
+Strand sollte frei bleiben, daher keines der verkauften Grundstuecke bis zu
+demselben reicht. Man kann vom Hotel aus jetzt ungehindert den Wegen
+folgen, die sich um das ganze Cap ziehen. An dem oestlichen Ufer des Caps
+laeuft die Landstrasse, die nach Mentone fuehrt; sie ist staubig, und sucht
+man sie daher nach Moeglichkeit auf den Spaziergaengen zu meiden. Das kann
+man auch, wenn man die Strassen einschlaegt, die im Walde, am Ruecken des
+Caps, verlaufen. Besonders anziehend und von Staub ganz frei ist aber der
+Fussweg, der in westlicher Richtung am Cap sich hinzieht. Er folgt auf
+langer Strecke zwischen Kiefern und wuerzigen Straeuchern dem Strande. Er
+ist so schoen, bietet so mannigfaltige Ausblicke, dass man nicht muede wird,
+auf ihm zu wandern. Der Weg steigt auf und ab, immer in unmittelbarer Naehe
+des Meeres, dicht ueber zerrissene Felsenmassen. Myrten, Pistacien,
+Rosmarin umranden ihn, haeufig waechst da ausserdem der immergruene Wegedorn
+mit dunklen Beeren, der _Rhamnus alaternus_, auch das interessante
+_Cneorum tricoccum_ mit kleinen gelben Bluethen, das uns schon aus den
+Maquis von Antibes bekannt ist, und die wuerzige Weinraute (_Ruta
+bracteosa_), die um diese Zeit schon ihre gelbgruenen Bluethendolden
+entfaltet. Bei jeder Windung des Weges ragen neue Felsen aus dem Meer
+hervor, immer anders geformt, in unerschoepflichem Wechsel. Ueberall die
+anbrausenden Wogen mit ihrem Silberrand, hier von tiefem Blau, dort von
+hellem Gruen, dort wieder in violetten Toenen; dann ploetzlich voruebereilende
+Fischerbarken, grell beleuchtet im lichten Schein der Sonne. Die Ruder
+tauchen wie in fluessiges Metall, und funkelnde Tropfen fallen von ihnen in
+das Meer zurueck. Weite Blicke oeffnen sich ueber die Kueste: hier Monte
+Carlo, sanft vom Meere aufsteigend, dort Monaco auf seinem steilen Fels,
+darueber, wie auf Wache, die riesige "Tete de Chien". Ganz in der Naehe
+liegt am Bergesabhang das Felsennest Roccabruna, in Orangenhaine gehuellt,
+umrahmt von Cypressen und Carouben. So laesst sich hier genussreich am fruehen
+Morgen wandern, da die Sonne noch im Osten steht, im Schatten der Baeume
+und des steil aufsteigenden Caps; felsauf, felsab, einmal dicht am Meere,
+dann ueber demselben, dann wieder am Strand, wo die Welle bis zu den Fuessen
+rollt. Doch gilt es frueh aufzubrechen, denn das Cap ist nicht rein
+suedlich, sondern suedwestlich gerichtet, und bald beginnen die Strahlen der
+Sonne auch den westlichen Abhang zu streifen. Da stellt sich aber der
+erwuenschte Schatten am oestlichen Strande ein. Zwischen der staubigen
+Strasse und dem Meere liegt ein Felsenstreifen, auf dem Kiefern wachsen,
+und wo man, von Staub nicht belaestigt, ruhen kann. Auch hier ist der
+Strand tief zerklueftet und bildet einen bewegten Vordergrund fuer das Bild,
+das sich jenseits der Bucht entfaltet. Die Kiefern neigen sich vor ueber
+die Felsen, strecken ihre Kronen dem Meer entgegen und fassen hier das
+weisse Mentone, dort die hohen Gipfel ueber demselben, dort wieder La
+Mortola oder Bordighera ein in ihr gruenes Laub. Oft stundenlang sassen wir
+auf diesen Felsen, ein Buch in der Hand, blickten auch haeufig ueber
+dasselbe hinweg, hinaus in die blaue Fluth. Zeitweise waren es auch
+Fischer, die unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Sie spaeheten in der
+Naehe den Fischen nach. Einer sass oben ueber dem Felsen auf einem Gestell
+aus drei verbundenen Stangen und schaute unablaessig in die Tiefe. Andere
+lagerten in einem Boot, bereit auf ein gegebenes Zeichen die Netze zu
+heben. Die Netze waren an einem leeren, quergestellten Boote befestigt und
+bildeten ein Dreieck, das an einer Seite offen stand. Erblickte der Spaeher
+Fische, die in das Dreieck eingeschwommen waren, so zog er an einem Seil
+und dass Netz schloss sich nun auch an der freigehaltenen Seite. Rasch
+naeherte sich dass Boot dem Ufer, schnitt den Fischen jeden Rueckweg ab; die
+Netze wurden emporgezogen, und meist einige nicht eben grosse Fische, oft
+auch nur ein einziges solches zappelndes Geschoepf erkapert. Die Geduld
+dieser Menschen erweckte in mir besondere Bewunderung. Stundenlang lagen
+sie da unbeweglich im Boote; den ganzen Tag ueber hockte der Spaeher oben
+auf seiner Stangenpyramide, und die Zeit wurde ihm, wie es schien, nicht
+lang. Was fuer ein Gegensatz zu solchen Menschen wie wir, die wir uns den
+ganzen Tag ueber hetzen und aufreiben, keine Viertelstunde unbenutzt lassen
+und nun hierher kommen muessen, damit unsere Nerven sich wieder etwas
+beruhigen. Der Mann da oben auf seiner Pyramide erinnerte mich aber
+lebhaft an einen Seeadler, den ich auf einem hohen Felsen von Antibes, an
+einer einsamen Stelle des Strandes, einst sitzen sah. Auch er blickte
+starr in das Wasser, blickte lange und geduldig, ohne auch nur den Kopf zu
+bewegen, stuerzte sich dann wie ein Pfeil hinab in die Fluth und stieg auf
+in die Wolken mit einem Fisch in den Krallen.
+
+Das Hotel am Cap Martin ragt ueber die Baeume des Waldes empor. Suedwaerts
+eroeffnet es die Aussicht auf das weite Meer. Nordwaerts gestattet es, ueber
+den gewoelbten Kuppeln des Waldes, der ganzen Bergkette zu folgen, welche
+diese Kueste schuetzt. Da reihen sie sich an einander diese gewaltigen Berge
+vom Mont Agel im Osten, bis zum Berceau im Westen; die maechtigsten
+Kalkriesen liegen in der Mitte und schneiden mit scharfem Grat in den
+blauen Himmel ein. Jeden Abend waren unsere Blicke auf sie gerichtet, wenn
+die schwindende Sonne ihre Gipfel roethete, ein Gipfel nach dem andern dann
+langsam erlosch. Oefters stiegen wir auch gegen Abend zum oestlichen
+Strande hinab, um die Beleuchtung der Kueste zu schauen. Waehrend tiefer
+Schatten schon Mentone deckte, flammte im purpurnen Lichte noch
+Alt-Bordighera. Ein Liebling der Sonne an dieser goldigen Kueste, empfaengt
+es am Abend ihren letzten Gruss.
+
+Wenn es dann ganz dunkel war, zogen wir nochmals ans Meer. Es galt Mentone
+und Monte Carlo in ihrem Lichterschmuck zu betrachten. Monte Carlo im
+Besonderen sieht dann ganz feenhaft aus. Tausende von Lichtern draengen
+sich am Fusse des Berges zusammen, der einen dunklen Schatten auf den
+bestirnten Himmel wirft. Ich schaute oft in dieses Bild, und es war mir
+wohl, als haette ich es lange zuvor schon gesehen. Doch wo und wann? das
+wusste ich nicht mehr zu finden. Da ploetzlich, sah ich es ganz lebhaft
+wieder vor mir, das alte Bild, so wie ich es mit Kinderaugen geschaut
+hatte. Es war ein gemaltes Bild von Neapel in einem kleinen Panorama, das
+ich am Weihnachtsabend einst bekommen hatte. Hielt ich es gegen ein Licht,
+dann leuchteten unzaehlige Flammen in Neapel auf und erregten meine
+kindliche Phantasie. Es waren Nadelstiche, welche das Bild durchsetzten.
+Wie in jenem Bilde Camaldoli ueber Neapel, so ragte hier die Tete de Chien
+ueber Monte Carlo hervor; und wie die Lichter am Posilip, so stiegen hier
+die leuchtenden Punkte am Felsen von Monaco in die Hoehe. Wie stark sind
+doch solche Eindruecke der Kindheit! Was hat nicht Alles dieses geplagte
+Hirn seitdem in sich aufnehmen muessen, und doch war das alte Bild nur
+verdeckt, nicht ausgeloescht, und tauchte wieder auf, als ein aeusserer
+Anstoss es zum Bewusstsein brachte.
+
+Dort, wo das Cap Martin die breite Kueste erreicht, ist es mit schoenen
+alten Oelbaeumen bedeckt. Da sind sie wieder da, diese phantastisch
+verschnoerkelten Staemme, von denen keiner dem andern gleicht. Sie werden um
+so maechtiger und schoener an dieser Kueste, je weiter man sich vom Esterel
+entfernt. Welch ein Unterschied zwischen den armseligen Baeumen der
+Rhonemuendung und jenen Riesen hier, die ihre Kronen stolz in die Luefte
+erheben. So muss man sie gesehen haben, um sie zu wuerdigen und sie zu
+lieben; auch ist die Lichtfuelle dieser sonnigen Gegenden noethig, damit ihr
+Laub nicht grau und traurig, sondern silbern und leuchtend erscheine.
+Daher der Olivenwald ein hoechst stimmungsvolles Element dieser Landschaft
+bildet. Da die Blaetter des Oelbaumes nicht gross sind und seine Belaubung
+nie dicht wird, so herrscht im Olivenwalde ein Zwielicht von ganz eigenem
+Zauber. Jeder Windhauch bewegt dieses Laub, und dann zittern die einzelnen
+Lichter auf den Baeumen, sie huschen wie Leuchtkaefer ueber den Boden, und es
+belebt sich ploetzlich die Einsamkeit.
+
+Trotz seiner scheinbar exponirten Lage ist das Cap Martin gegen die
+Nordwinde und den Mistral sehr gut gedeckt und nur den Ostwinden
+preisgegeben. Dass die hohen Berge im Norden und im Westen das Cap
+erfolgreich gegen Kaelte schuetzen, hat der letzte strenge Winter gelehrt.
+Es lag fast kein Schnee auf dem Cap, waehrend er Mentone deckte, und weder
+Bougainvillea noch Heliotrop haben an dem Hotel du Cap gelitten. Die
+Pflanzen sind aber die sichersten Weiser fuer das Klima. Die Bougainvilleen
+und der Heliotrop sind an den meisten Orten der Riviera im letzten Winter
+erfroren oder buessten ihr Laub doch ein. Auch die strauchartige Wolfsmilch
+(_Euphorbia dendroides_), die ueberall am westlichen Abhange des Cap Martin
+waechst, zeigt durch ihre kraeftige Entwickelung an, wie guenstig die
+klimatischen Verhaeltnisse hier fuer sie sind. Man muss nach dem suedlichen
+Sardinien gehen, will man noch groessere Exemplare dieser Pflanze sehen. In
+dem nahen Mentone zeugen fuer das milde Klima dieser Region vor allem die
+ueppigen Citronenwaelder. Der Citronenbaum kann Temperaturen unter -5 deg. C.
+nicht vertragen. Seine Fruechte erfrieren schon bei -3 deg. C. Man denke sich
+die Aufregung der Leute in diesem letzten Winter, wo das Thermometer
+wiederholt unter 0 deg. sank. Der Besitzer eines groesseren Citronengartens
+erzaehlte mir, er habe in den kalten Naechten viele Stunden am Thermometer
+gestanden und mit Angst auf die Quecksilbersaeule gestarrt, ob sie nicht
+noch weiter falle. Noch einen halben Grad tiefer und die Einnahme des
+ganzen Jahres war verloren. Thatsaechlich sind an vielen Stellen bei
+Mentone im letzten Winter die Citronen, nicht die Baeume, wohl aber die
+Fruechte erfroren. Es geschah das besonders am Ausgang der Thaeler, wo der
+Schutz gegen Norden unvollkommen ist. Dort sollten Citronen ueberhaupt
+nicht gebaut werden; doch die Leute vergessen die Vorsicht, wenn viele
+aufeinander folgende Winter mild gewesen sind. Fuer gewoehnlich beruehren ja
+die kalten Nordwinde die Kueste nicht, sie erreichen erst in einigen
+Kilometern Entfernung das Meer, und ist es eine haeufige Erscheinung, dass
+das Meer dort stuermisch ist, waehrend volle Windstille an der Kueste
+herrscht. - Die Orangen haben bei Mentone auch in diesem Winter nicht
+gelitten. Diese Frucht kann bei bedecktem Himmel -4 deg. C. aushalten, und die
+Kaelte muss laengere Zeit -6 deg. C. betragen, damit der Baum getoedtet werde.
+Daher bei Cannes wohl Orangenbaeume, nicht aber Citronenbaeume zu sehen
+sind, und selbst an den Orangenbaeumen war bei Golfe Jouan das Laub zum
+Theil erfroren. Auch der Johannisbrotbaum ist gegen niedere Temperaturen
+sehr empfindlich, und zeugt somit, wenn stattlich entwickelt, fuer ein
+mildes Klima. Schoener und ueppiger kann man ihn aber an der Riviera nicht
+sehen, als auf der Strecke, die von Villefranche bis San Remo reicht.
+
+An schoenen, sonnenklaren Tagen pflegt an der Riviera gegen acht Uhr
+Morgens die Seebrise sich zu erheben. Dann wird es meist kuehler als zuvor.
+Nach Anbruch der Nacht faellt dann die Luft von den Bergen ab, der Landwind
+stellt sich ein. Zwischen den Zeiten der beiden Winde herrscht oft voellige
+Ruhe. Die italienischen Fischer bezeichnen sie als "_bonaccia_", weil sie
+die wenigste Gefahr in sich birgt. - Auffaellig ist es dem Fremden, wenn
+gegen das Fruehjahr der sonst so heisse Scirocco an der Riviera von Schnee
+begleitet ist. Es geschieht das freilich selten, kann aber erfolgen, wenn
+auf den hohen corsicanischen Bergen sich grosse Schneemassen anhaeuften.
+
+Auf der ganzen Strecke von Villefranche bis San Remo sieht man fast keine
+laubwerfenden Baeume. Daher man hier weit weniger an den Winter gemahnt
+wird, als weiter im Sueden, ja selbst in Neapel. Dort dominirt der
+Feigenbaum und der Weinstock, so dass der Posilip uns einmal im Maerz fast
+kahler erschien, als das Rheinthal, das wir kurz zuvor verlassen hatten.
+
+Die Naechte waren jetzt vom Mondschein erhellt, und die Berge glaenzten in
+magischer Beleuchtung: Ein maechtiges Amphitheater, dessen scharf gezaehnte
+Gipfel sich wie feine Spitzenarbeit vom Himmel abhoben, in welchem tief
+unten die Lichter von Mentone funkelten.
+
+Dieser Vollmond sollte uns Ostern bringen. Wir gingen des Abends an den
+Strand, um ihn zu erwarten. Es war ganz dunkel auf den Felsen am Meere,
+einsam und still. Flach ausgebreitet lag vor uns die weite See und schien
+fast zu schlafen. Oben breitete sich das Himmelsgewoelbe aus, fast schwarz,
+doch besaeet mit ungezaehlten Sternen, die sich mit silbernen Streifen auch
+im Meere spiegelten. Es schien, als sei die Natur gespannt auf ein
+Ereigniss, das da kommen sollte: so still und feierlich war es rings umher.
+Kein Grashalm erzitterte. Die Kiefern streckten aber ihre Kronen vor nach
+der See, als wollten sie weit ueber die Fluthen hinaus in die Ferne
+lauschen. Die wuerzigen Duefte der Maquis senkten sich langsam zur See
+hinab, wohl um ihr duftigen Weihrauch zu streuen. Vielleicht war aber nur
+unsere Seele von Erwartung voll, und wir trugen diese Empfindung hinaus in
+die weite Welt. - Ploetzlich tauchte ein rother Streifen im Osten ueber dem
+Wasser empor. Er nahm an Breite zu und bald warf er den ersten leuchtenden
+Strahl ueber die schwarze Fluth: es war, als wolle er sie liebkosen. Die
+Fluth erzitterte unter diesem Strahl und legte sich in sanfte Wellen, wohl
+um ihn einzuwiegen. Der Mond tauchte ganz aus dem Meere hervor, mit
+geroethetem Antlitz, wie verschlafen. Quer gedehnt, mit geschwollener Backe
+sah er fast laecherlich aus. Doch rasch rundete sich sein Antlitz ab, nahm
+leuchtende Silberfarbe an und schuettete Licht in Fuelle ueber die
+Meereswellen aus. Und waehrend er hoeher stieg, erblassten die Sterne. Nur
+die Groessten vermochten ihm noch ins Antlitz zu schauen, die anderen
+verloren sich in den Tiefen des Himmelsgewoelbes. Am Strand, wo sich die
+Wellen an den Felsen brachen, da funkelte und blitzte es von unendlichen
+Lichtern, als haetten alle die Sterne, die am Himmel schwanden, sich hier
+gestuerzt in die Tiefe. Ein breiter silberner Fluss zog sich vom Strande bis
+an die aeussersten Schranken des Meeres. Stellenweise war er von glatten
+Streifen unterbrochen, die wie Opal ihre Farbe wechselten. Voruebergehend
+tauchten duestere Barken in das Mondlicht ein, wie dunkle Silhouetten auf
+Silbergrund. Der Mond stieg immer hoeher ueber die Fluthen und setzte in
+weitem Bogen seinen Siegeszug am Himmelsgewoelbe fort. Bald begann sein
+Licht auch in die tiefsten Spalten des Strandes einzudringen und die
+zerrissenen Felsen traumhaft zu beleuchten. Da sah es denn aus, als waeren
+die schaumgekroenten Wellen eines erregten Meeres versteinert stehen
+geblieben, oder man meinte in einen zerkluefteten Gletscher der Alpen zu
+blicken; dort zauberten schmale Felsengrotten der Phantasie einen
+arabischen Friedhof vor, dort endlich eine Schar von Pilgern, die im
+weissen Gewande von den waldigen Hoehen gegen das Meer zu wanderten. In
+allen Buchten sprueht es aber Funken, die Lichter schwimmen an der
+Oberflaeche oder sie sinken unter; bald verschmelzen sie mit einander, bald
+trennen sie sich wieder, in endlosem Spiel.
+
+In den Ostertagen rueckte ein Nordsturm heran. Mit ungewohnter Gewalt
+stuerzte er sich auf die Felsenriesen, die Mentone schuetzen und suchte
+ihren Widerstand zu brechen. Da entspann sich ein gewaltiger Kampf
+zwischen diesen Titanen und den entfesselten Elementen: es heulte und
+zischte in den Lueften. Wir sahen den rauhen Winter ueber unseren Koepfen
+schweben, waehrend wir uns noch im milden Fruehling befanden. Der Norden
+warf seinen kalten Schnee den Felsenriesen gegen das Haupt. Sie schienen
+zeitweise zu weichen. Ein kalter Luftstrom ergoss sich ueber das Cap. Die
+aleppischen Kiefern schuettelten bedenklich ihre Haeupter, die Wellen des
+Meeres flohen wie entsetzt mit schaeumender Maehne von dem Lande. Bis in die
+Nacht hinein zitterte und bebte das Cap. Dann wurde es still, bald
+leuchteten die Sterne und am naechsten Morgen standen sie wieder da im
+goldigen Sonnenschein, die Riesen ueber Mentone, zwar mit Schnee noch
+bedeckt, doch siegesbewusst, stolz ihre Felsenhaeupter zum Himmel erhebend.
+
+Dieser Sonnenschein sollte leider nicht dauern; das Gleichgewicht in den
+Lueften war gestoert. Bald zog der Ostwind heran, und das Wetter verdarb
+sich. Das erleichterte uns die Trennung von der Riviera. Dicke
+Regentropfen fielen vom Himmel und traenkten die durstige Erde. Wir aber
+konnten von hier in dem suessen Wahne scheiden, es weine uns dieser Himmel,
+den wir so liebgewonnen, einige Thraenen zum Abschied nach.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+INHALTSUeBERSICHT.
+
+
+*Vorwort **VII*
+
+*Fruehjahr 1891 **1*
+
+ Bordighera 2
+
+ Monte Nero 3
+
+ Sasso 5
+
+ Oelbaeume 6
+
+ Fruehlingsblumen 11
+
+ Weinstock 11
+
+ Palmen 15
+
+ Gorbio 23
+
+ Pont St. Louis 26
+
+ Garten von La Mortola 30
+
+ Weg nach Mentone 69
+
+ Charakterpflanzen der italienischen Landschaft 70
+
+ Reiz- und Genussmittel aus dem Pflanzenreich 72
+
+ Route de la Corniche 83
+
+ Nizza 85
+
+ Cap d'Antibes 85
+
+ Maquis 89
+
+ Garten Close 99
+
+ Seesturm am Cap 99
+
+ Blumencultur an der Riviera 101
+
+ Sonnenuntergang am Cap 105
+
+*Fruehjahr 1894 **107*
+
+ Hyeres 107
+
+ Maurengebirge 114
+
+ Korkeichen 115
+
+ St. Tropez 121
+
+ La Gaillarde 126
+
+ St. Aigulf 127
+
+ Frejus 127
+
+ St. Raphael 129
+
+ Esterel-Gebirge 132
+
+ Malinfernet 141
+
+ Abend in St. Aigulf, Le Trayas 144
+
+ Cap Roux 148
+
+ Pic d'Aurelle 154
+
+ Klarheit des Seewassers 157
+
+ Grasse 158
+
+ Ursprung der Parfueme 159
+
+ Gewinnung der Parfueme 162
+
+ Wirkungen aetherischer Oele 176
+
+ Geschichte der Parfueme 177
+
+*Fruehjahr 1895 **187*
+
+ Cannes 187
+
+ La Californie 188
+
+ La Maure 191
+
+ Lerinische Inseln 193
+
+ Geschichte von Cannes 203
+
+ Ausflug nach Antibes 207
+
+ Wirkungen des Lichtes 208
+
+ Klarheit der Luft 209
+
+ Cap Martin 211
+
+
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN DER KORREKTURLESER
+
+
+Von den Korrekturlesern des _Project Gutenberg_ wurden mehrere Aenderungen
+am Originaltext vorgenommen. Es folgen paarweise Textzeilen im Original
+und in der vorliegenden geaenderten Fassung.
+
+
+
+ Blaettern in gleicher Weise von Lichtstahlen getroffen.
+ Blaettern in gleicher Weise von Lichtstrahlen getroffen.
+
+ mit Bambusfasern Matratzen gegefuellt und Moebel gepolstert.
+ mit Bambusfasern Matratzen gefuellt und Moebel gepolstert.
+
+ ganz wie die Scheinbeeren unsers Wachholders verwandt.
+ ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.
+
+ Die Geige, ein Guarneri, der einst Paganini daemonische Toene
+ Die Geige, eine Guarneri, der einst Paganini daemonische Toene
+
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZUeGE AN DER RIVIERA***
+
+
+
+
+CREDITS
+
+
+September 29, 2009
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by _R. Stephan_ and the _Online Distributed
+ Proofreading Team_ at <http://www.pgdp.net/c>. Page-images
+ available at
+ <http://www.pgdp.net/projects/projectID47b29bf7b6cc7/>
+
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 30042.txt or 30042.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/0/4/30042/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically *anything* with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+*Please read this before you distribute or use this work.*
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase Project Gutenberg),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+
+Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+1.B.
+
+
+Project Gutenberg is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (the Foundation or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you
+share it without charge with others.
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+
+1.D.
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+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
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+
+
+1.E.
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+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+1.E.1.
+
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+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+Project Gutenberg appears, or with which the phrase Project Gutenberg is
+associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
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+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
+
+
+1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
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+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase Project Gutenberg associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+1.E.4.
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+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
+
+
+1.E.5.
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+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+
+
+1.E.6.
+
+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+Plain Vanilla ASCII or other format used in the official version posted on
+the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org), you
+must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a copy, a
+means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon request, of
+the work in its original Plain Vanilla ASCII or other form. Any alternate
+format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as specified in
+paragraph 1.E.1.
+
+
+1.E.7.
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+copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+1.E.8.
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+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation.
+
+ You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+ You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+1.F.
+
+
+1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain Defects, such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
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+be read by your equipment.
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+OF SUCH DAMAGE.
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+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
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+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+
+Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+
+Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+_Professor Michael S. Hart_ is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+*Versions* based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
+
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+
+
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+***FINIS***
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