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diff --git a/30042-tei/30042-tei.tei b/30042-tei/30042-tei.tei new file mode 100644 index 0000000..18c7164 --- /dev/null +++ b/30042-tei/30042-tei.tei @@ -0,0 +1,9157 @@ +<?xml version="1.0" encoding="utf-8" ?> +<!DOCTYPE TEI.2 SYSTEM "http://www.gutenberg.org/tei/marcello/0.4/dtd/pgtei.dtd"> +<TEI.2 lang="de"> + <teiHeader> + <fileDesc> + <titleStmt> + <title>Streifzüge an der Riviera</title> + <author>Eduard Strasburger</author> + </titleStmt> + <editionStmt> + <edition n='01'> + Project Gutenberg TEI edition + </edition> + </editionStmt> + <publicationStmt> + <publisher>Project Gutenberg</publisher> + <pubPlace>Urbana</pubPlace> + <date>2009-09-20</date> + <idno type='etext-no'>30042</idno> + <availability> + <p>This eBook is for the use of anyone anywhere + at no cost and with almost no restrictions whatsoever. + You may copy it, give it away or re-use it under + the terms of the Project Gutenberg License online at + www.gutenberg.org/license</p> + </availability> + </publicationStmt> + <sourceDesc> + <biblStruct> + <monogr> + <title>Streifzüge an der Riviera</title> + <author>Eduard Strasburger</author> + <imprint> + <pubPlace>Berlin</pubPlace> + <publisher>Gebr. 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Stephan</name> and the <name>Online + Distributed Proofreading Team</name> at + <http://www.pgdp.net/c>. + Page-images available at + <http://www.pgdp.net/projects/projectID47b29bf7b6cc7/> + </resp> + </respStmt> + <item>Project Gutenberg TEI edition 1</item> + </change> + </revisionDesc> + </teiHeader> + + <pgExtensions> + <pgStyleSheet> + .bold { font-weight: bold } + .italic { font-style: italic } + .indent { margin-left: 2 } + foreign { font-style: italic } + title { font-style: italic } + name { font-style: italic } + emph { font-weight: bold } + .antiqua { font-style: italic } + .gesperrt { font-weight: bold } + name.gesperrt { font-style: normal; font-weight: bold } + .smallcaps { font-variant: small-caps } + q { pre: none; post: none } + + </pgStyleSheet> + <pgCharMap formats="pdf txt"> + <char id="U0x0101"> + <charName>amacron</charName> + <desc>SMALL A WITH MACRON</desc> + <mapping>[=a]</mapping> + </char> + <char id="U0x0144"> + <charName>nacute</charName> + <desc>SMALL N WITH ACUTE</desc> + <mapping>['n]</mapping> + </char> + <char id="U0x202f"> + <charName>nnbsp</charName> + <desc>NARROW NO BREAK SPACE</desc> + <mapping> </mapping> + </char> + <char id="U0x2212"> + <charName>minus</charName> + <desc>MINUS SIGN</desc> + <mapping>-</mapping> + </char> + </pgCharMap> + </pgExtensions> + +<text> + <front> + <div> + <divGen type="pgheader" /> + </div> + + <div> + <divGen type="encodingDesc" /> + </div> + + <div rend="page-break-before: right"> + <divGen type="titlepage" /> + </div> + + <div rend="page-break-before: right"> + <p rend="font-size: xx-large; text-align: center">Streifzüge</p> + <p rend="font-size: xx-large; text-align: center">an der Riviera</p> + <p rend="text-align: center">Von</p> + <p rend="font-size: large; text-align: center">Eduard Strasburger.</p> + <p rend="text-align: center">Berlin</p> + <p rend="text-align: center">Verlag von Gebrüder Paetel</p> + <p rend="font-size: large; text-align: center">1895</p> + </div> + + <div rend="page-break-before: right"> + <p rend="font-size: large; text-align: left">Meiner Tochter</p> + <p rend="font-size: xx-large; text-align: center">Anna Tobold</p> + <p rend="font-size: large; text-align: right">gewidmet</p> + </div> + + <div rend="page-break-before: right"> + <index index="pdf" /> + <head>Inhalt</head> + <divGen type="toc" /> + </div> +</front> +<body> +<pb n='VII'/><anchor id='Pg000-3'/> +<div> +<index index="toc" /> +<index index="pdf" /> + +<head>Vorwort.</head> + +<p> +Während graue Winternebel das Rheinthal füllten, schrieb +ich diese Zeilen nieder. Welch' ein Glück, daß auch an trüben +Tagen die Phantasie uns über die Wolken zu erheben vermag. Oft +war es mir, als leuchte die Sonne hell in meinem Innern, +während es draußen dunkel war. Dann sah ich vor mir die +blaue See, an ihren Ufern die steil abfallenden Felsen und in +weiter Ferne die hohe Alpenkette mit ihrem Diadem von Schnee. +Sie spiegelten sich in meinem Geiste wider die leuchtenden Ufer +des Mittelmeeres und zauberten mir goldigen Sonnenschein und +würzigen Duft der Maquis in grauen Stunden vor. So mögen +denn diese Zeilen auch in fremder Seele Frühlingsempfindungen +wecken, während es draußen noch schneit und friert. +</p> + +<lg> +<l><hi rend='gesperrt'>Bonn</hi> 1895.</l> +</lg> +</div> + +<pb n='001'/><anchor id='Pg001'/> + +<div rend="page-break-before: always"> +<index index="toc" /> +<index index="pdf" /> +<head>Frühjahr 1891.</head> + +<p rend="text-align: center">I.</p> + +<p> +Es war Mitte März: Wir erwarteten sonniges Frühlingswetter, +und doch regnete es an der Riviera. Unaufhörlich +schlugen die Regentropfen gegen die Scheiben, heftig oder gelinde, +doch ohne Ende, so daß auch die Tage endlos erschienen. +</p> + +<p> +Mißmuthig hatte man das Buch aus der Hand gelegt, die +Unterhaltungen stockten. Bittere Klagen wurden über das Wetter +laut. So Mancher war über die Alpen geeilt in der sicheren +Erwartung, jenseits derselben den viel gepriesenen ewig blauen +Himmel zu schauen; er hatte gehofft, den nahenden Vollmond +in den Fluthen des Mittelmeeres sich spiegeln zu sehen, und nun +wurde all' sein Sehnen und Trachten zu Wasser. – Ich selbst, +der ich oft schon den Frühling in Italien zugebracht hatte, faßte +die Sachlage weit ruhiger auf. Wußte ich doch, daß auch in +Italien die Regenzeit auf das Frühjahr fällt. Würden die Felder +und Gärten Italiens nicht im Spätherbst und Frühling mit +Regen getränkt, wie sollten sie Früchte tragen? Herrscht doch in +den übrigen Jahreszeiten meist die größte Dürre. Was mich +veranlaßt, trotz dieser scheinbar wenig günstigen Aussichten, doch +immer wieder gerade im Frühjahr über die Alpen zu ziehen, +das ist die Sehnsucht nach grünen Fluren und belaubten Bäumen, +nach etwas Sonne und Wärme; die Zuversicht, am Mittelmeer +doch mildere Witterung als im Norden zu finden, die Hoffnung, +dort auch manchen sonnigen Tag, ja bei einigem Glück eine +<pb n='002'/><anchor id='Pg002'/> +ganze Reihe solcher Tage zu erleben. Nach dem langen, kahlen, +kalten nordischen Winter wirkt der Contrast am stärksten; man +freut sich über das kärglichste Grün, nimmt dankbar jeden +Sonnenstrahl entgegen, während schon Mancher zur Herbstzeit +in der sonnverbrannten lombardischen Ebene sich nach den saftreichen +Matten und dem üppigen Baumwuchs der Alpen zurücksehnte. +Der Herbst pflegt auch in unseren Breiten schön zu sein, +während unser März- und Aprilwetter mit Recht berüchtigt ist. +So kam es auch in diesem Frühjahr; denn während Briefe und +Zeitungen uns Kunde von Schnee und Kälte von jenseits +der Alpen brachten, hatten wir uns am Mittelmeer alsbald +des herrlichsten Sonnenscheins zu erfreuen. Ganz besonders +schön wurde es um die Osterzeit. Himmel und Erde zogen +ihr Festkleid an, um sich in unsterbliche Pracht zu hüllen. +Der Ostersonntag fand mich in Bordighera. Vor Tagesanfang +brach ich auf, um den Monte Nero zu besteigen. Doch blieb +ich bald gefesselt am Cap d'Ampeglio stehen und wartete dort +den Sonnenaufgang ab. Geisterhaft verklärt tauchte Corsica in +weiter Ferne auf; vorn aber folgte das entzückte Auge der reichgegliederten +Küste, die im weiten Bogen das Meer umfaßt, als +wolle sie es liebevoll an sich schließen. Der Osten war stark +geröthet, und dieser purpurne Schein färbte in glühenden Tönen +die Kämme der stahlblauen Wellen. Kein Wölkchen trübte das +Himmelsgewölbe, das aus tiefstem Blau durch zartes Grün sich +gegen die Meeresfläche senkte. Plötzlich tauchte der rothe Sonnenball +am Horizont empor und sandte seine feurigen Strahlen über +das weite Meer, als wenn er es entzünden sollte. Und tausend +Lichter drangen in die tiefen Buchten des Strandes, in die +dunklen Thäler der Küste ein, um aus denselben die Schatten +der Nacht zu verscheuchen. Hell blitzten in weiter Ferne, wie +von Feuersbrunst erfaßt, die Häuser von Monaco auf, und selbst +das entfernte Antibes warf lange, goldige Strahlen der Sonne +als Morgengruß zurück. Ueberall war es wie ein Aufflammen, +ein Erwachen, und gleich einem Jubelruf tönte es durch die +<pb n='003'/><anchor id='Pg003'/> +ganze Natur. So feierten an jenem Morgen Himmel und Erde +am blauen Mittelmeer das Fest der Auferstehung! Ich war in +dieses Schauspiel wie verloren und merkte nichts von dem +Schwinden der Zeit. So kam es, daß die Sonne schon hoch +am Himmel stand, als ich die Weiterwanderung antrat. Die +ganze Meeresfläche glitzerte jetzt von unzähligen Lichtern, als +wäre sie mit Diamanten übersäet; das ferne Corsica löste sich +allmälig in einem Nebelstreifen auf, als wäre es nur ein +Traumbild gewesen. Vor mir, am Cap d'Ampeglio, lag Alt-Bordighera, +schon ganz in Sonnengluth getaucht. +</p> + +<p> +Zwei Stunden sind nöthig, um den Monte Nero zu besteigen. +Diese Angabe wurde mir freilich nur nach Hörensagen +gemacht, denn die Wenigsten sind dort oben jemals gewesen. +Ohne zwingenden Grund besteigt der Eingeborene hier selten +einen hohen Berg; nur eine Leidenschaft, die der Jagd, vermag +ihn in so hohe Regionen zu treiben, ungeachtet er auch dort +oben nur winzige Vögel findet, um seine Waidmannslust zu +stillen. +</p> + +<p> +Auf einen wirklich ortskundigen Mann war ich bei allen +Nachforschungen über den Monte Nero nicht gestoßen, und so +geschah es, daß ich eigene Erfahrungen erst sammeln mußte. Es +zeigte sich, daß der ganze Gipfel des Berges dicht bewaldet ist +und weder die gepriesene Fernsicht noch irgend welchen freien +Ausblick gewährt. Reichliche Entschädigung fand ich aber für +die Mühe an dem nördlichen, vom Meere abgekehrten Abhang +des Berges. Als ich dort abzusteigen begann, gelangte ich alsbald +auf einen Sattel, der den Monte Nero von dem höheren +Monte Caggio trennt. Hier konnte, von einzelnen waldfreien +Stellen aus, der Blick sich ungestört in die tiefeingeschnittenen +Thäler versenken, über sanfte Hügelketten schweifen, den lang +gedehnten Strand erreichen und sich in dem weiten Meer verlieren. +Jenseits des Grates, der das lange Dorf Colla di Rodi +trägt, tauchte im Osten ein Theil von San Remo hervor. Im +Nordwesten wurde das Auge durch die schneebedeckten Häupter +<pb n='004'/><anchor id='Pg004'/> +mächtiger Riesen der Seealpen gefesselt. In wunderbarer Klarheit +setzten die blendend weißen Schneemassen von dem dunklen +Blau des Himmels ab, während nach abwärts das dunkle Grün +der Föhren, das dem Monte Nero seinen Namen gibt, sich durch +helleres Grün der Oliven bis zum Blau des Meeres abtönte. +Nur wenige Landschaften, auch in Italien, gibt es, welche diese +an Schönheit übertreffen. Vereinigt doch dieses Bild Alles, +was berufen scheint, unser Auge zu entzücken, unseren Verstand +zu fesseln, unsere Einbildungskraft anzuregen. Der Anblick der +Schneefelder oben in den Alpen hatte dem Flug meiner Gedanken +die Richtung nach Norden gegeben. Jenseits dieser +Berge mochte noch grimmige Kälte herrschen; hier, südlich von +den Alpen, war der Sieg des Frühlings über den Winter lange +schon errungen, so daß der Klang der Osterglocken, der aus den +Thälern zum Monte Nero emporstieg, nur der Freude zu +gelten schien. +</p> + +<p> +Der schöne Garten vor dem Hôtel Angst stand in voller +Blüthe; die Beete glichen großen Blumenkörben. Ueppige +Sträucher des capischen Pelargoniums hatten überall ihre +zinnoberrothen Blüthen entfaltet. Der peruanische Heliotrop +kletterte am Hause empor und erfüllte die Luft mit vanilleartigem +Wohlgeruch. Es gesellten sich zu diesem die Düfte von +Nelken, Reseda und von gelben Theerosen. Die Blätter immergrüner +Bäume leuchteten im Garten von Licht überfluthet; sie +warfen auf die Wege dunkelblaue Schatten. Unter den Palmen +saß ein junges Ehepaar, das ich bei der Heimkehr begrüßte. +Ihm ward das Glück zu Theil, seine Flitterwochen am Mittelmeer +zu feiern. Jener sonndurchglühte, blumenreiche Ostersonntag, +an welchem die Natur alle ihre Schätze so verschwenderisch +über die Riviera ausgeschüttet hatte, wird diesem +Paar wohl einer der höchsten Feiertage des ganzen Lebens bleiben. +</p> + +<p> +Nicht weniger als vier Thäler münden in die schmale Ebene, +die sich längs des Meeres vom Cap von Ampeglio bis nach +<pb n='005'/><anchor id='Pg005'/> +Ventimiglia hinzieht. Daher lassen sich von Bordighera zahlreiche +Ausflüge unternehmen, täglich fast mit neuer Abwechselung. +Da man im Hôtel Angst zugleich vorzüglich aufgehoben ist, wird +man seinen Aufenthalt in Bordighera gerne verlängern. Ob +Bordighera auch eine geeignete Station für Brustkranke ist, vermag +ich nicht zu beurtheilen. Seiner ins Meer weit vorgeschobenen +Lage wegen ist der Ort den Winden stark ausgesetzt, +doch streifen diese Winde ganz vorwiegend über das Meer, sind +daher weniger kalt und trocken als an vielen anderen Plätzen +der Riviera. Es herrscht somit in Bordighera die Seeluft vor, +welche auf Reisende, die nur Erholung suchen – und deren Zahl +wird an der Riviera alljährlich größer – sehr anregend und +belebend wirkt. +</p> + +<p> +Keinesfalls dürfte man, selbst bei kurzem Aufenthalt, in +Bordighera es versäumen, einen Ausflug nach Sasso zu unternehmen. +Sasso ist ein kleines Dorf, auf dem Bergrücken gelegen, +der die Thäler von Sasso und von Borghetto trennt. +Der Ort liegt nur vier Kilometer von Bordighera entfernt, und +man erreicht ihn sowohl durch das Thal von Sasso, das östlich +von Bordighera mündet, als auch dem Bergrücken folgend, auf +dem Alt-Bordighera steht. In dem Ort selbst ist nichts zu bewundern: +schön erscheint er nur aus der Entfernung. Seine +hohen, zu einer Masse verschmolzenen, nach außen nur von +wenigen Fenstern durchbrochenen Häuser rufen den Eindruck +einer einzigen gewaltigen Festung hervor. Besonders malerisch +ist der Blick auf Sasso von dem Wege aus, der zwischen alten +Olivenbäumen oben dem Bergrücken entlang läuft. Er überrascht +uns ganz plötzlich an einer Straßenwendung, nachdem der +steile Pfad die Höhe erklommen hat. Von zahlreichen Stellen +des Weges überschaut der Wanderer alsdann die beiden Thäler +von Sasso und von Borghetto; er kann mit dem Blick auch +weiter dringen bis in das Thal von +<corr sic='Vallecrocia'>Vallecrosia</corr>, während ihm +gleichzeitig über den nahen Hügelreihen die schneebedeckten +Häupter der Seealpen entgegenleuchten. – Wie oft habe ich +<pb n='006'/><anchor id='Pg006'/> +mich stundenlang an diesem Wege aufgehalten, von Zeit zu Zeit +den Platz verändernd, um das Bild in anderer Umrahmung zu +bewundern. Hier war es nur ein einziger phantastischer Schneepalast, +der in lichtes Grün der Oliven gefaßt, mir entgegenstarrte; +dort tauchte mein Blick tief in ein Thal hinab, um auf +den dichtgedrängten Häusern einer buntscheckigen Ortschaft zu +ruhen, oder es folgte auch mein Auge dem Lauf eines Baches, +der, zwischen Oleanderbüschen versteckt, in zahlreichen Windungen +dem Meer zueilte; oder es war wieder Sasso, welches über +Baumwipfeln, wie in einem grünen Meer, zu schweben schien, +oder endlich die tiefeingeschnittene Küste und das weite Meer, +auf welchem der ermattete Blick Rast machen konnte. Welche +Fülle von Motiven für den Landschaftsmaler! Ich mußte mich +begnügen, die Bilder in mein Inneres aufzunehmen, wo sie +freilich auch jetzt noch farbig-sonnigen Widerschein finden. +</p> + +<p rend="text-align: center">II.</p> + +<p> +Die Olivenhaine, durch welche man am Bergrücken entlang +nach Sasso wandert, sind von seltener Schönheit: alte, knorrige +Stämme, oft auf mehreren Füßen, wie auf Stelzen, in die Lüfte +ragend. Man bleibt gern stehen, um einzelne dieser Bäume zu +bewundern, erfreut sich dann auch des Gegensatzes, den die +dunkel beschatteten Stämme gegen das leuchtende Blau des +Himmels und des Meeres bilden. Zauberhaft schön ist es aber +in einem solchen Olivenhain des Abends zu wandeln, wenn der +Vollmond über dem Meere steht. Da glänzen so eigenartig die +mattgrauen Blätter der Bäume, und es blitzt bei jedem Windhauch +wie Silber aus den Zweigen. Auch der lange Mondstreifen +im Meere scheint sich zu beleben, er wiegt sich auf den +Wellen, folgt bebend ihrem Lauf und zerschellt mit ihnen am +Strande zu leuchtendem Schaum. +</p> + +<p> +Die Blüthezeit des Oelbaumes fällt in den Mai oder Juni. +Dann ist er dicht bedeckt von kleinen, gelblichweißen Blüthen, +die einen lieblichen Geruch verbreiten. Diese Blüthen erinnern +<pb n='007'/><anchor id='Pg007'/> +an diejenigen unserer Rainweide, des <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ligustrum vulgare</name>, eines +Strauches, der in Wirklichkeit auch dem Oelbaum nahe verwandt +ist. Die Früchte des Oelbaums sind Steinfrüchte von länglich +runder Gestalt. Die unreifen Früchte haben grüne Färbung, +verschwinden daher im Laub; doch beim Reifen werden sie +schwarzblau und treten dann scharf hervor. Ein alter Brauch +verlangt, daß die Ernte der Oliven am 21. November beginne; +sie dauert im Dezember fort. Ungünstige Witterungsverhältnisse +können die Ernte an der Riviera freilich sehr verzögern. So +kam es, daß im Frühjahr 1891 die meisten Bäume um +Bordighera noch voll Oliven hingen. Manche Bäume waren +mit Früchten so stark beladen, daß man das Laub kaum sehen +konnte. Die Olivenernte war Anfang April in vollem Gange. +Arbeiter und Arbeiterinnen zogen mit Säcken und Körben bepackt +in den Olivenhain. Dort sah man die Männer auf die +Bäume steigen und mit Stangen gegen die Aeste schlagen. +Frauen und Kinder hockten am Boden, um die Früchte aufzulesen. +Von allen Seiten schallte dem Wanderer der trockne +Ton der Schläge aus den Bäumen entgegen, und überall unter +den Bäumen ging die mühevolle Arbeit des Sammelns von +statten. Stundenlang verharren die Sammler in gebückter +Stellung, um die Oliven einzeln aufzuheben, und doch wäre es +so einfach, sich einen großen Theil der Arbeit zu sparen. Westlich +von Nizza legen die Olivenbauer große Tücher unter die +Bäume und fangen die Oliven mit diesen auf. Freilich wird +auch dort noch mit Stangen gegen die Zweige geschlagen, +ungeachtet schon Plinius im ersten Jahrhundert nach Christi +Geburt vor diesem rohen Verfahren warnt, da es die Bäume +schädigt. Gegen althergebrachte Sitte ist eben schwer anzukämpfen, +sie setzt zähen Widerstand jeder Neuerung entgegen. +In Bordighera warten die Olivenbauer meist, bis ihre Oliven +ganz reif sind. Ein großer Theil der Früchte ist dann schon +von selbst vom Baum gefallen. Alles das wird zusammen +von dem Boden aufgelesen und liefert ein entsprechend schlechtes +<pb n='008'/><anchor id='Pg008'/> +Öl. Denn feine Tafelöle preßt man aus solchen Früchten, die +erst zu reifen beginnen. Diese müssen auch mit der Hand vom +Baume gepflückt werden, um weder Quetschung noch Verwundung +zu erleiden. Aus solchen Früchten gewinnt man jene Öle, die +wir als Provencer Öle bezeichnen. Der Provence entstammen +sie freilich nur zum kleineren Theil, zum größeren Theil Italien. +Dort ist es vornehmlich Apulien und zwar die Gegend südlich +von Bari, welche diese feinen Sorten erzeugt. Sie liefert jetzt +sehr gute Öle, während in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts +das apulische Öl noch ebenso schlecht und ranzig schmeckte, wie +andere süditalienische Sorten. Auch in Apulien betrieb man +die Ernte der Oliven damals ganz lässig und verfügte nur über +sehr schlechte Ölpressen. Charakteristisch genug, als das antike +Modell einer Ölpresse in Pompeji aufgefunden wurde, begrüßte +man es in Apulien als einen Fortschritt und führte es an verschiedenen +Orten ein. – Von Bordighera bis zum Esterel wird +vorwiegend nur geringwerthiges Öl gewonnen, das als Maschinenöl +Verwendung findet oder der Seifenfabrikation dient; +Nizza bezieht die feinen Öle, die es vertreibt, vorwiegend aus +der Ferne. +</p> + +<p> +Die Früchte, die man zum Zwecke feinster Ölgewinnung +sorgsam pflückte, breitet man zunächst in dünnen Lagen auf +Horden aus. Dort trocknen sie an der Luft oder bei künstlicher +Wärme, bis sie runzlich werden. Haben sie einen Theil ihres +Wassers in solcher Weise eingebüßt, so kommen sie in die Ölmühlen. +Es sind das meist steinerne Behälter, in welchen die +Oliven durch Mühlsteine zermalmt werden. Schon bei diesem +Verfahren fließt etwas Öl ab, das als das feinste Tafelöl gilt, +kaum aber in den Handel kommt. Der in der Mühle hergestellte +Brei wird in Bast- oder Jutesäcke gefüllt und in einer Kelter +gepreßt. Bei schwachem Druck fließt jetzt zunächst das beste, +dann etwas weniger gutes Speiseöl ab. Dieses Oel wird als +Jungfernöl »<foreign lang='fr'>huile vierge</foreign>« +bezeichnet. Dann gelangen die Trester +in hydraulische Pressen und liefern ein Öl, das der Seifenfabrikation +<pb n='009'/><anchor id='Pg009'/> +oder auch gewerblichen Zwecken dient. Dann werden +die Trester mit warmem Wasser angerührt und nochmals gepreßt, +wandern schließlich oft noch in Fabriken, wo man ihnen den Rest +ihres Öles durch chemische Mittel entzieht. +</p> + +<p> +Das Speiseöl, das aus der Kelter fließt, muß sorglich geklärt +werden, bevor es zum Verkauf gelangt. Man bringt es +in dunkle kühle Räume, wo über einander die nöthigen Bottiche +zur Aufnahme des Öls sich befinden. Das unklare Öl gelangt +in das oberste Gefäß, fließt aus dem Spundloch desselben durch +einen durchlöcherten Zinkkasten, der mit Watte ausgekleidet ist, +in einen zweiten Bottich und aus diesem nochmals durch Watte +in einen dritten. Die Watte muß am nämlichen Tage oft +mehrfach erneuert werden. Aus dem dritten Bottich gelangt das +Öl in Cisternen, die man in Nizza mit Porzellanplatten auszukleiden +pflegt. Hier steht das Öl wohl an die drei Monate, +bevor es in Flaschen gefüllt und versandt wird. +</p> + +<p> +So überreife, abgeschlagene und am Boden faulende Oliven, +wie wir sie in Bordighera hatten ernten sehen, können nur +ranzige Öle ergeben. Die kleinen Besitzer, welchen die Ölhaine +hier gehören, liefern ihre Früchte an fremde Mühlen ab und +pflegen für die Pressung in Oliven oder in Öl zu zahlen. +Aus den Ölpressen der Mühlen floß zur Zeit unseres Besuches +eine Flüssigkeit ab, welche alle Bäche von Bordighera in braunen +Tönen färbte. Bei ruhigem Wetter zeichnete sich die Mündungsstelle +jedes Flüßchens als brauner Streifen ziemlich weit im +Meere ab. +</p> + +<p> +Im Alterthum hieß es allgemein, daß der Ölbaum nur +in der Nähe des Meeres gedeihe. Man rechnete aus, daß er +sich von demselben nicht über dreihundert Stadien, somit nicht +über 7-1/2 geographische Meilen entferne. Es ist nicht zu leugnen, +daß der Ölbaum den Seestrand bevorzugt, doch hängt das +nicht mit dem unmittelbaren Einfluß der großen Wasserfläche, +vielmehr mit dem gleichmäßigen Klima zusammen, welches durch +dieselbe gefördert wird. Denn der Ölbaum kann anhaltenden +<pb n='010'/><anchor id='Pg010'/> +Frost nur sehr schlecht vertragen. Auch bevorzugt der Ölbaum +den Kalkboden, den er hier an der Riviera reichlich vorfindet. Ein +besonders günstiges Zusammenwirken von Klima und Boden, +verbunden mit sorglichster Behandlung der Früchte, ist aber +erforderlich, damit der Ölbaum ein so feines Öl, wie etwa in +Apulien, erzeuge. +</p> + +<p> +Die Mühlen, in welchen das Öl gepreßt wird, sind fast +immer alte malerische Bauten. Sie suchen oft steile Stellen +in den Schluchten auf, um die Kraft des Baches, der dort +abwärts braust, zu nutzen. Wie Schwalbennester kleben sie an +den Felsen. +</p> + +<p> +Wer zur Frühjahrszeit durch die Olivenwälder um Bordighera +streift, muß darauf bedacht sein, nicht in die Schußlinie +der »Cacciatori« zu gerathen. Denn um diese Zeit bewegen +sich jene durch alle Haine, Gärten und Fluren, um als +einziges Wild die kleinen Vögel zu erlegen. Für die italienische +Riviera, wie für Italien überhaupt, hat dieser Sport ganz bedenkliche +Folgen, da die Vernichtung der Vögel eine entsprechende +Vermehrung der Insekten nach sich zieht. Nicht nur verschwinden +aus Italien die heiteren Sänger, welche die Wälder und +Gärten in anderen Ländern in so lieblicher Weise beleben, sondern +es nimmt auch die Zahl schädlicher Insekten in bedenklicher +Weise dort zu. Dem Ölbaum besonders nachtheilig ist +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Decus +oleae</name>, der sich von dem Fruchtfleisch der Oliven nährt. Er +wird von den Franzosen <foreign lang='fr'>la Mouche</foreign>, +von den Italienern <foreign lang='it'>Macha +del Olivo</foreign> genannt. Die Fliege legt ihre Eier in ganz junge +Fruchtanlagen, und die Maden, welche diesen Eiern entschlüpfen, +leben dann auf Kosten der sich entwickelnden Frucht. Sie verpuppen +sich schließlich in derselben und verlassen sie als fliegende +Brut. Gelangen sie mit den Oliven in die Mühle, so leidet +der Geschmack des Öls von denselben. +</p> + +<p> +Von einer Wanderung durch die Olivenhaine kehrt man +wohl stets, mit einem Blüthenstrauß geschmückt, nach Hause. +Denn sie sind zu verlockend, diese Frühlingsgaben der Flora, +<pb n='011'/><anchor id='Pg011'/> +zu lieblich, als daß man an ihnen so flüchtig vorbeieilen sollte. +Ueberall stehen unter den Bäumen die dunkelblauen Traubenhyacinthen, +die bisamartigen Duft verbreiten; besonders schön +ist die eine Art +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Muscari comosum</name>), +die einen amethystfarbigen +Schopf über dem sonst unscheinbaren Blüthenstande trägt. Hier +und dort schaut aus dem Rasen eine blühende Orchidee hervor. +Meist ist es eine Art der Gattung Ophrys, jener merkwürdigen +Orchideen-Gattung, deren Blüthen ganz den Insekten gleichen. +Bei <name type="taxonomic" rend="antiqua">Ophrys aranifera</name> erinnern sie an Spinnen: man meint die +vorgestreckten Beine und den aufgedunsenen braunen Leib eines +solchen Thieres zu sehen. Auch +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ophrys Arachnites</name> +ist spinnenähnlich +und zeigt einen purpurbraunen, grün verzierten Leib. +Die schönste dieser Ophryden scheint mir aber die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ophrys +Bertolonii</name>, mit dunkelrothen Blüthen, zu sein. Doch Ophrys-Arten +hat der Nordländer vielleicht schon in seiner Heimath gesehen +und fesselt ihn daher mehr eine andere Orchidee von ungewohnter +Gestalt: die <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Serapias Lingua</name>, +vielleicht gar <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Serapias +longipetala</name>, deren rothbraune Blüthen, von rothen Deckblättern +fast verhüllt, nur ihre Lippen nach außen vorstrecken. Mit +Freuden begrüßt er eine wilde Tulpe +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Tulipa Celsiana</name>), deren +hellgelbe Blüthen sich auf langen Stielen wiegen. Die Siegwurz +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Gladiolus segetum</name>) mit rosenrothen, einseitig aufgereihten +Blüthen tritt ihm auch an zahlreichen Stellen entgegen. In +seinem Strauß nimmt er dann noch gern das weißblüthige +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Allium neapolitanum</name> auf, denn gehört jene Pflanze auch zu +den Laucharten, so duften doch ihre weißen Blüthenstände in angenehmer +Weise. Hauptsächlich sind es aber die gelben Tazetten, +welche dem Strauß Wohlgeruch verleihen, während seine +Farbenpracht gehoben wird durch eine reiche Auswahl bunter +Anemonen (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Anemone coronaria</name> +und <name type='taxonomic' rend='antiqua'>hortensis</name>). +</p> + +<p> +Ebenso alt als Kulturpflanze wie der Ölbaum ist der +Weinstock, die beide daher von Alters her zusammen genannt +werden. – »Zwei Flüssigkeiten thun dem menschlichen Körper +besonders wohl,« heißt es in der Naturgeschichte des Plinius, +<pb n='012'/><anchor id='Pg012'/> +»innerlich der Wein, äußerlich das Öl; beide stammen aus dem +Pflanzenreiche und sind vorzüglich, doch das Öl ist das nothwendigere.« +Das trifft für das Öl heut nicht mehr zu. Im +Alterthum rieb man sich mit demselben nach dem Bade den +Körper ein; jetzt wird es äußerlich allenfalls nur noch als +Marseiller Ölseife angewandt. – Wie in dem Werke des Plinius +tritt uns auch an der Riviera der Weinstock vielfach neben +dem Ölbaum entgegen. Doch an der Küste selbst herrscht der +Ölbaum vor. Denn im Gegensatz zum Ölbaum meidet der +Weinstock die nächste Nähe des Meeres. Andererseits verträgt +er viel stärkere Gegensätze der Temperatur, so daß seine Cultur +selbst weit im Norden versucht werden konnte. Im vierzehnten +Jahrhundert drang der Weinbau bis in das preußische Ordensland, +selbst bis nach Tilsit vor, und wenn er sich heute, um so +viel weiter, nach Westen und Süden zurückgezogen hat, so geschah +dies nur, weil er in nördlicheren Gegenden ertragsfähigeren +Producten weichen mußte. +</p> + +<p> +Der Ölbaum ist sicher am Mittelmeer einheimisch, andererseits +muß angenommen werden, daß seine Cultur im Orient begann, +daß Culturformen des Baumes sich von da aus verbreitet +haben, und schon in vorhomerischer Zeit nach Griechenland gelangten. +Den Weinstock (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Vitis vinifera</name>) +fanden die Culturvölker +ebenfalls als wilde Pflanze auf europäischem Boden vor. Ja +heut noch meint man südlich und nördlich von den Alpen stellenweise +die Pflanze im ursprünglichen Zustande anzutreffen, doch +ist es meist schwer zu entscheiden, daß sie nicht verwildert sei. +Am üppigsten gedeiht die wilde Weinrebe heute um das schwarze +Meer, und man hat an den südlichen Abhängen der Krim +Stämme bis zu anderthalb Meter Umfang gemessen. Die Cultur +des Weinstocks ging allem Anschein nach vom westlichen Kleinasien +aus und ist einem indogermanischen Volke zu verdanken. +</p> + +<p> +Von den Weinen der westlichen Riviera waren im Alterthum +schon die von Massilia, also des heutigen Marseille, bekannt, +zeichneten sich aber nicht durch ihre Haltbarkeit aus, so +<pb n='013'/><anchor id='Pg013'/> +daß man sie räuchern mußte. Es geschah das in Rauchkammern +nach orientalischer und griechischer Sitte. Im Wesentlichen war +das ein ähnliches Verfahren wie das heutige Pasteurisiren. +Ganz wie man heut den Wein bis auf mindestens 60° C. erwärmt, +um die schädlichen Keime in demselben zu tödten und so +seine Haltbarkeit zu erhöhen, wurde im Alterthum der Wein in +wohl verschlossenen Gefäßen durch heißen Rauch erhitzt. Das +Feuer befand sich in einem unteren Raume, und Rauch und +Hitze stiegen, durch ein Rohr geleitet, in das obere Geschoß, +in dem der Wein sich befand. Der Rauch gelangte dort durch +angebrachte Öffnungen ins Freie. Dieses Verfahren konnte +den Geschmack des Weines nicht wesentlich beeinflussen, wohl +aber mußte das geschehen bei Zusatz von Seewasser zum Most, +wie er in Kleinasien und Griechenland häufig geübt wurde. Auch +mit Gips, Kalk, Marmor, Thon, Pech oder Harz hat man die +Weine versetzt, um sie haltbarer zu machen und ihnen zugleich +einen bestimmten Geschmack zu verleihen. Es bemerkt aber bereits +Plinius, daß der bekömmlichste Wein immer derjenige sei, +dessen Most ohne fremdartigen Zusatz bleibe; denn welcher +noch so Gesunde, meint er, sollte nicht Scheu haben vor Weinen, +die Marmor, Gips oder Kalk enthalten? Überhaupt klagt Plinius +sehr über die Verfälschung der Weine; es sei damit so weit gekommen, +daß nur der Name des Weinlagers den Preis der +Weine bestimme und daß man den Most schon in der Kelter +verfälsche. Daher seien, so wunderlich dies auch klinge, die am +wenigsten gekannten Weine oft die unschädlichsten. Das Anmachen +des Weines mit Seewasser wird von Plinius als für +den Magen vorzüglich gepriesen. An eine bekannte neuere +Heilmethode erinnert seine Mahnung, daß wer hager werden +will, während der Mahlzeit dursten oder doch nur wenig trinken +soll. – Durch Einkochen und durch Hinzufügen von Kräutern +suchte man im Alterthum vielfach die Haltbarkeit der Weine +zu erhöhen, in ähnlicher Weise wie dies heute durch Zusatz von +Alkohol geschieht. Daß die Römer Weinschmecker ersten Ranges +<pb n='014'/><anchor id='Pg014'/> +waren, geht genugsam aus den Angaben der alten Schriftsteller +hervor. Die Menge der zum Verkauf angebotenen Weinsorten +verglich Virgil bereits mit derjenigen des lybischen Sandes und +der Meereswellen. Man trank in Rom meist schon ungemischte +Weine, das heißt ohne den einst üblichen Zusatz von Wasser; +man kühlte sie mit Eis, versetzte sie öfters mit Gewürzen und +fing an, nach alten Jahrgängen zu trachten. Guter Wein mußte +acht bis zehn Jahre alt sein, um geschätzt zu werden, und selbst +von zweihundertjährigen Weinen sind uns Berichte erhalten. So +mundete dem Kaiser Caligula (37–41 n. Chr.) Wein vom +Jahre 121 v. Chr., dem besten Weinjahre, dessen sich Italien +zu erinnern wußte. Es war Italien selbst, das zu Plinius' +Zeiten die geschätztesten Weinsorten producirte, so daß Plinius +wohl behaupten durfte, Italien nehme mit seinen Weinen die +erste Stelle unter allen Ländern ein und sei nur in der Erzeugung +von Wohlgerüchen von einigen derselben übertroffen: +es gebe übrigens, fügt er hinzu, keinen Wohlgeruch, der denjenigen +des blühenden Weinstocks übertreffe. – Auch in der +römischen Zeit wurde der Weinstock bereits in kunstgerechter +Weise zugeschnitten, doch ließ man ihn je nach der Gegend in +verschiedener Weise wachsen. In Campanien schlang er sich +empor an der Pappel, umfing sie wie seine Gattin, streckte +seine üppigen Arme auf gewundenen Bahnen zwischen ihre +Aeste, bis er ihren Gipfel erreichte. Da pflegte der Winzer, +zur Arbeit gemiethet, sich außer dem Lohne vom Gutsherrn +einen Scheiterhaufen und ein Grabmal auszubedingen, falls ihn +bei der Weinernte ein Unfall treffen sollte. Anderswo waren +ganze Landhäuser von den schmiegsamen Aesten eines einzigen +Weinstocks umflochten, und in Rom lustwandelte man in den +Säulenhallen der Livia im Schatten eines Weinstocks, der zwölf +Amphoren Wein lieferte. In manchen Theilen Italiens zog +man den Weinstock an Pfählen, in noch anderen ließ man ihn +auf dem Boden kriechen, in all' jener Mannigfaltigkeit der Behandlung, +die auch heut noch dem Wanderer in Italien auffällt. +<pb n='015'/><anchor id='Pg015'/> +Hier, meint Plinius, schimmerten purpurne Trauben +aus dem grünen Laub hervor, dort leuchteten sie in rosenrothem +Glanz, dort endlich in saftigem Grün. An dem einen Orte sah +man runde, an dem anderen längliche, hier kleine, dort große, +hier harte und dickschalige, dort saftige und dünnschalige Beeren. +Manche Trauben hing man im Zimmer an einem Faden auf, +um sie länger zu erhalten, andere versenkte man in süßen Wein +und ließ sie sich so im eigenen Safte berauschen. Auch gab es +Trauben, die man räucherte, ähnlich wie es mit manchen Weinen +geschah. Plinius erzählt, daß Kaiser Tiberius geräucherte afrikanische +Trauben ganz besonders liebte. +</p> + +<p> +Nach dem Sturze Roms zerfiel auch der Weinbau in Italien. +Nachlässig wurden die Trauben geerntet, sorglos gekeltert, und +der Most lange auf den Trestern gelassen, damit der Wein jene +dunkle Farbe erlange, wie sie im Lande beliebt war. Solche +Weine konnten sich nicht lange halten, wurden von fremden +Ländern daher auch nicht begehrt. Doch in neuester Zeit beginnt +sich das zu ändern; Weinbau und Weinbereitung in Italien +sind in erfolgreichem Aufschwung begriffen. +</p> + +<p> +Die alte Sitte, den Wein in Schläuchen zu befördern und +dann in Amphoren aufzubewahren, hat sich jetzt auch im Süden +verloren. Hölzerne Tonnen, die zur Römerzeit bei den cisalpinischen +Galliern und den Alpenvölkern in Gebrauch waren, +fanden ihren Weg damals schon nach Italien. +</p> + +<p rend="text-align: center">III.</p> + +<p> +Das Bild von Bordighera schwebt der Erinnerung stets +umrahmt in Palmen vor, so wie man sich einst die alte syrische +Stadt Palmyra nicht anders als im Palmenschmuck vorstellen +konnte. In der That gedeihen nirgends an der Riviera die +Dattelpalmen besser als in Bordighera. An der Ostseite des +Cap d'Ampeglio sind wahre Palmenwäldchen zu sehen. Diese +östliche Bucht ist ganz besonders gegen die Nordwestwinde geschützt. +Zwischen den Mauern palmenreicher Gärten, über +<pb n='016'/><anchor id='Pg016'/> +welchen schlanke Stämme ihre Krone neigen, empfangen wir +ganz afrikanische Eindrücke und können vergessen, daß uns die +volle Breite des Mittelmeeres von dem Lande der Oasen trennt. +Pietätvoll wandern deutsche Reisende zu jener malerischen Palmengruppe +hin, die in einer halben Stunde Entfernung, östlich von +Bordighera, zu Madonna della Ruota den Meeresstrand schmückt. +Es sind das die Palmen, die Scheffel in seinem Liede »Dem Tode +nah« besang, und unter welchen er ein Grab sich träumte. Sie +stehen, einige zwanzig an der Zahl (nicht zwölf, wie es in dem +Liede heißt), um eine alte Cisterne und erwecken an dem einsamen, +wilden Orte, von Meereswellen umspült, in der That +poetisches Empfinden. Daß dieses hier nicht allein ein deutsches +Gemüth ergreift, geht aus der Schilderung hervor, welche Charles +Garnier, der Erbauer der Pariser Großen Oper und des Casinos +in Monte Carlo, von diesem Ort in seinen +»<title lang='fr' rend='antiqua'>motifs artistiques de +Bordighera</title>« entwirft. Der Stil der Schilderung ist freilich etwas +überschwänglich und erinnert an jene Verzierungen, welche die +Garnier'schen »Prachtbauten« überreich schmücken: »<q>Das ist der +Ort, wohin ihr ziehen müßt, ihr Künstler; das ist die Stätte, +die ihr sehen müßt, ihr Poeten; das ist der Erdwinkel, der euch +fesseln muß, ihr Alle, die ihr nach lebendigen und mächtigen +Eindrücken strebt, und die ihr findet, daß unser Herz höher +schlägt im Anblick der Natur! Werden Erinnerungen an den +Orient in euch schon wachgerufen, wenn ihr das alte Bordighera +und seine Umgebung durchwandert, so steht ihr hier nicht mehr +vor dem Vergleich, nicht mehr vor Ähnlichkeiten, nein, ganz +Judäa findet sich in diesem Eindruck verkörpert. Das ist der +Brunnen der Samariterin, der Brunnen der Rebecca; das sind +die Juden, die Apostel, das ist Jerusalem, Nazareth, Bethlehem, +die sich euch offenbaren in jenem bescheidenen Flecken bordigherischen +Vorgebirges.</q>« – Die sturmgepeitschten Palmen um diese +alte Cisterne, mit dem unvergeßlichen Hintergrund des Meeres, +haben zahlreichen Malern schon das Motiv zu stimmungsvollen +Bildern gegeben. Es verursachte daher in Künstlerkreisen einige +<pb n='017'/><anchor id='Pg017'/> +Aufregung, daß der Ort, vom deutschen Kunstgärtner Ludwig +Winter angekauft, in einen Garten verwandelt werden sollte. +Die endliche Verwerthung des Grundstückes in so dicht bevölkerter +Gegend war aber nicht zu vermeiden; es muß noch als ein besonders +glücklicher Zufall angesehen werden, daß dieser schöne +Flecken Erde in kunstsinnige Hände gelangte. Herr Winter hat +dem äußersten Vorsprung des Vorgebirges, das die Scheffel-Palmen +trägt, seinen ursprünglichen Charakter gelassen und den Garten +harmonisch zu der Umgebung gestimmt. – Anemonen, Reseda, +Nelken und üppig blühende Rosensträucher decken jetzt den Abhang; +große Palmen, die man hierher verpflanzte, entspringen +dem zuvor so kahlen Boden; um einen weiten Wasserbehälter, +wie man sie an der Riviera oft sieht, ist eine Pergola errichtet, +zu deren Säulen die Palme den architektonischen Gedanken +gab. +</p> + +<p> +Im alten Testament werden die Dattelpalmen mit stolzen +Königstöchtern verglichen. Nicht allen Dattelpalmen in den +bordigherischen Gärten kommt aber so edle Gestalt zu. Es +hängt das mit der Behandlung zusammen, welche die meisten +Dattelpalmen hier erfahren. Man nimmt ihnen alljährig einen +Theil ihrer Wedel. Die Familie Bresca in San Remo erhielt +schon im sechzehnten Jahrhundert vom Papst Sixtus V. das +Privilegium, Palmenwedel für den Palmsonntag nach Rom zu +liefern, angeblich eine Belohnung für den Schiffscapitän Bresca, +der im Jahr 1586, während der Aufstellung des Obelisken +auf dem Sanct Petersplatz, als die trockenen Taue zu versagen +drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: »Wasser auf die Taue!« +dem Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half. Die +Familie Bresca ließ ihre Palmen in Bordighera ziehen, in dessen +sandig-lehmigen Boden die Dattelpalme besser als in dem +schweren Lehmboden von San Remo gedeiht. So reicht die +Palmenindustrie Bordigheras bis in das Mittelalter zurück, und +auch heute noch ist es dieser Ort, der die meisten Palmenwedel +zur Feier des Palmsonntags nach Rom entsendet. Den Palmenwedel +<pb n='018'/><anchor id='Pg018'/> +hat die christliche Kirche, wie so viele andere Symbole, +der Bildersprache des Orients, des Heidenthums und des Judenthums +entnommen, und wie Palmenwedel bei den Festen des +Osiris in Ägypten, bei dem feierlichen Einzuge der Könige +und der Königshelden in Jerusalem und bei den olympischen +Spielen prangten, so schmücken sie heute noch am Palmsonntag +die Altäre katholischer Kirchen. +</p> + +<p> +Statt frei in den Lüften ihre Wedel zu schaukeln, müssen +die meisten Palmen zur Herbstzeit es erdulden, daß ihre Krone +im Innern pferdeschweifartig zusammengebunden werde. Diese +Behandlung bezweckt eine bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden +Wedel. Nicht alle Palmstämme sind für diese Behandlung +gleich geeignet, und unter den geeigneten werden noch +solche unterschieden, die mehr für den katholischen und solche, +die mehr für den jüdischen Ritus sich schicken. Denn auch die +Juden brauchen Palmenwedel bei dem Laubhüttenfest. Der +Bordighese bezeichnet kurzweg die eine Dattelpalme als +»<foreign lang='it' rend='antiqua'>Cattolica</foreign>«, +die andere als »<foreign lang='it' rend='antiqua'>Ebrea</foreign>«. – Die Blätter der katholischen Palme +sind schlanker, die der jüdischen kürzer und gedrungener. An +der katholischen Palme bindet man die mittleren Wedel fest zusammen, +damit die neuen Wedel bei thunlichstem Lichtabschluß +sich entwickeln und so möglichst farblos bleiben. Denn bei der +Feier des Palmsonntags sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen, +sie sollen auch ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunklen +werden solche Wedel auch schlank und lang; sie laufen spitz an +ihren Enden aus und bleiben biegsam und weich, so daß sie +leicht in beliebige Formen geflochten werden können. An den +jüdischen Palmen werden die älteren Blätter weniger stark verbunden, +das Licht ist somit von den jüngeren Blättern nicht +ganz ausgeschlossen, diese können daher auch ergrünen. Sie +bleiben zugleich kürzer, schließen mit stumpfer Spitze ab und +werden härter. Mit dem Palmenwedel verbinden die Juden +beim Laubhüttenfest die Myrte und die Bachweide zum Feststrauß +und halten, während dieser in der rechten Hand geschwungen +<pb n='019'/><anchor id='Pg019'/> +wird, einen »Paradiesapfel« in der Linken. Das +Laubhüttenfest ist ursprünglich das Erntefest der Juden. Es +verlor aber in den fremden Ländern diese seine Bedeutung und +behielt nur die andere historische, die ihm ebenfalls von Alters +her zukam, eine Erinnerung an den göttlichen Schutz während +der Wüstenwanderung zu sein. Die Wahl der vier »Arten« +im Feststrauß hat die mannigfaltigsten symbolischen Deutungen +erfahren; sie mochte vielleicht ursprünglich die Vegetation Palästina's +versinnbildlicht haben. Durch religiöse Vorschriften +wurden die vier »Arten« späterhin in starre Formen gefaßt, +und wie der Palmenwedel, so müssen auch die Myrtenzweige +und die Bachweide ganz bestimmte Gestalt besitzen. Die Myrten +im Besonderen werden für die rechtgläubigen Juden in genau +vorgeschriebenen Formen gezogen. Der Zweig muß eine Höhe +haben, die drei Handbreiten gleichkommt und die Blätter in +dreigliedrigen Wirteln tragen. Sind die Wirtel aufgelöst, d. h. +die Blätter nicht zu dreien in gleicher Höhe befestigt, so ist der +Zweig unbrauchbar. Eher geht es an, einen Zweig zu benutzen, +der die Blätter nur zu zweien in gleicher Höhe trägt. Ein +solcher Zweig ist im Nothfall zulässig, steht aber im Preise weit +hinter der wahren »Hadassah« zurück. +</p> + +<p> +Die katholische Kirche hat sich in Betreff der Palmen, +welche der Palmsonntag verlangt, viel nachsichtiger gezeigt. In +nordischen Ländern hat der Buchsbaum, ja selbst der kätzchentragende +Weidenzweig, das Palmenblatt ersetzt. An der Mosel +wird der Buchsbaum geradezu als »Palm« bezeichnet, und auch +die aus Weiden gebundenen Festzweige heißen Palmen in +slawischen Ländern. +</p> + +<p> +Die Palmen hatten im Winter 1890/91 eine schwere Probe +an der Riviera zu bestehen, als das Thermometer für mehrere +Stunden auf 6° C. unter 0 gesunken war. Besonders bewährten +sich bis jetzt im bordighesischen Klima, außer den Dattelpalmen +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Phoenix dactylifera</name>), +die canarische <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Phoenix canariensis</name>, +die +kalifornische <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pritchardia filifera</name>, +die australische <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Livistona australis</name> +<pb n='020'/><anchor id='Pg020'/> +und die chinesische +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chamaerops excelsa</name>. Daß außerdem +die Zwergpalme, <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chamaerops humilis</name>, +gut in Bordighera +gedeihe, ist nicht wunderbar, da sie der Mittelmeerflora thatsächlich +angehört; sie ist unsere einzige europäische Palme, in +Sicilien heimisch. In Algier deckt sie große Flächen. Man +suchte sie dort auszurotten, um den Boden für neue Culturpflanzen +zu gewinnen, jetzt sorgt man für ihre Verbreitung. +Vom lästigen Unkraut, als welches sie betrachtet wurde, ist sie +zu einer wichtigen Nutzpflanze avancirt. Entsprechend zubereitet, +liefern nämlich die Blätter der Zwergpalme sehr elastische Fasern, +die gleich Pferdehaaren zum Ausstopfen der Möbel und Matratzen +dienen können. Den Pferdehaaren gegenüber zeichnen sie sich +nicht nur durch ihre Billigkeit, sondern auch dadurch aus, daß +sie nicht von Motten befallen werden. Im Gegensatz zu den +Phoenix-Arten, die gefiederte Blätter besitzen, sind die Pritchardien, +Coryphen, Chamaerops-Arten mit fächerförmigen Blättern versehen. +Ihr Aussehen weicht somit nicht unwesentlich von demjenigen +der Dattelpalmen ab, so daß ihre Acclimatisation an +der Riviera auch in landschaftlicher Beziehung als ein Gewinn +betrachtet werden kann. Zu bedeutender Höhe ist in zahlreichen +Gärten die <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chamaerops excelsa</name> +bereits emporgewachsen. Sie +gehört zu den härtesten der eingeführten Arten, so daß sie ohne +Bedeckung selbst das Klima der Insel Wight verträgt. <name type="taxonomic" rend="antiqua">Pritchardia + filifera</name> ist der zahlreichen weißen Fäden wegen, die den Blatträndern +entspringen, sehr beliebt, verbreitet sich demgemäß auch +rasch an der ganzen Riviera. Zu den häufigsten Palmen dürfte +dort auch bald die <name type="taxonomic" rend="antiqua">Phoenix canariensis</name> gehören, welche der +Dattelpalme sehr ähnlich ist, sich aber vor ihr durch gedrängteren +üppigeren Wuchs und kräftigere Blattentwickelung auszeichnet. – +An geschützten Stellen der Riviera gedeihen auch verschiedene +Arten der Palmengattung Cocos, so +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cocos flexuosa</name>, und +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Romanzoffiana</name> mit äußerer eleganter Tracht, auch die blaugrüne +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cocos australis</name>. Die echte +Cocospalme (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cocos nucifera</name>), +welche die Cocosnüsse liefert, kommt hier hingegen, sowie auch +<pb n='021'/><anchor id='Pg021'/> +an den Südrändern des Mittelmeers, nicht fort. Ihre Cultur +ist nur innerhalb der Wendekreise möglich. In der Form ihrer +Blätter stimmen die Cocospalmen mit den Dattelpalmen überein. +Ähnliche Blätter haben auch die Areca-Arten +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Areca + sapida</name>, <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Baueri</name>), +welche an der Riviera gut aushalten. Es +sind das nahe Verwandte der Betelnußpalme +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Areca catechu</name>), +welcher die Betelnüsse entstammen, jene Nüsse, die mit Kalkpulver +bestreut, und in Blätter des Betelpfefferstrauchs +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Piper +Betle</name>) gewickelt, von Jung und Alt in Südasien gekaut werden. +Zu den Palmen mit fächerförmigen Blättern, welche die Gärten +der Riviera zieren, gehören auch zwei Livistona-Arten, die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Livistona chinensis</name> +und <name type="taxonomic" rend="antiqua">australis</name>, mit mächtigen Blättern, +Palmen, die häufig in unseren Gewächshäusern anzutreffen sind. +Schön macht sich unter den anderen Fächerpalmen der Riviera +die blaugrüne <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Brahea Roezli</name>, +dann die stattlichen Sabal-Arten, +deren zähe Fasern für Seilerwaaren, Hüte, Körbe und Säcke +verwandt werden, auch die wichtige Carnaubapalme Brasiliens, +die <name type="taxonomic" rend="antiqua">Copernicia cerifera</name>. Mit den Blättern dieser Palme wird +in der brasilianischen Provinz Ceara ein großer Theil der Hütten +gedeckt, ihre Fasern ähnlich wie Stroh verwandt, der harte +Stamm liefert Bau- und Tischlerholz, die Wurzeln ein Heilmittel, +die bitteren Früchte dienen als Nahrung, aus dem Saft +wird Sirup und Arrak bereitet, kurzum diese Palme zeigt uns +so recht ein Bild von dem Nutzen, den eine einzige Art dieser +segensreichen Pflanzenfamilie in den Tropen stiften kann. Ihren +Artennamen <name type='taxonomic' rend='antiqua'>cerifera</name>, +sowie ihren deutschen Namen dankt aber +die Wachspalme ihrem wichtigsten Erzeugniß, dem vegetabilischen +Wachs, das sie in Schuppenform aus ihren Blättern ausscheidet. +Diese Schuppen werden von jungen, getrockneten Blättern abgeklopft +und dann in Wasser gekocht, auf dessen Oberfläche das +flüssige Wachs sich sammelt. Man versetzt es mit Talg und +formt es zu Kerzen, welchen beim Brennen ein angenehmer Duft +entströmt. +</p> + +<p> +Bordighera begnügte sich nicht damit, seine Palmwedel für +<pb n='022'/><anchor id='Pg022'/> +Cultuszwecke zu ziehen, es suchte sie auch im Kunsthandwerk zu +verwerthen. So entstand die Palmenflechterei, die in letzter +Zeit Dank dem Winter'schen Einfluß, eine ungeahnte Entwickelung +nahm. In der Winter'schen Kunstgärtnerei wird jetzt +die Palmenflechterei im Großen betrieben. Die Dattelpalme, +die Chamaerops-Arten, +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Livistona australis</name> und +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pritchardia +filifera</name> geben im Besonderen das Material dazu her. Zur +Verwendung kommen Blattspreiten, Blattstiele und Blattscheiden +dieser Pflanzen, und wo Behälter nöthig, helfen auch wohl +Flaschenkürbisse aus. Alle Theile der Palmen werden entsprechend +gebogen und dann getrocknet, und hierauf zu Blumenvasen, +Ampeln, Körbchen, Fruchtschalen, Lichtschirmen und anderen +zierlichen Gegenständen stilgerecht vereint. +</p> + +<p> +Auch die Nachtigallen an der Riviera suchen Nutzen aus +der neuen Palmen-Cultur zu ziehen. Sie fanden heraus, daß +die langen großen Fäden am Blattrand der Pritchardien für +Nesterbau vortrefflich geeignet sind. Sie zwicken sie ab und +tragen sie zusammen, um sich aus denselben ihr flüchtiges Heim +zu flechten. – +</p> + +<p rend="text-align:center">IV.</p> + +<p> +Die zahlreichen Ausflüge, die sich landeinwärts von den +Stationen der Riviera unternehmen lassen, haben in den Reisehandbüchern +bis jetzt eine höchst unvollkommene Behandlung +erfahren. Meist findet man in denselben nur eine Aufzählung +der etwa zu besuchenden Orte, wobei die nächste, oft lohnendste +Umgebung vernachlässigt ist, entferntere, beschwerliche, nicht immer +lohnende Touren besonders empfohlen werden. Da die Wirksamkeit +der Alpenvereine sich andererseits nicht bis zur Riviera +erstreckt, die Wegweiser dort fehlen, die Einheimischen nur selten +Auskunft über den Weg und niemals über die Schönheit desselben +zu ertheilen vermögen, so wären grade für jene Gegenden +gut orientirende Reisebücher sehr erwünscht. Unter den gegebenen +Umständen kann aber nur ein wiederholter Besuch der Riviera +<pb n='023'/><anchor id='Pg023'/> +denjenigen, der es gelegentlich nicht scheut, unnütz umherzuirren, +in all' die Reize dieser zauberhaften Gegend einweihen. +</p> + +<p> +So müßte jeder Reisende, der für Naturschönheit empfänglich +ist und einige Mühe nicht scheut, von Mentone über Gorbio +nach Roccabruna wandern. Meist begnügt sich aber selbst der unternehmendste +Tourist mit einem Ausflug nach Castellar und kommt +im Gorbiothal nicht über Gorbio hinaus, weil er nicht weiß, +daß er seinen Weg dort fortsetzen sollte. Und doch entfaltet sich +erst jenseits von Gorbio die volle Pracht der großartigen Landschaft. +Der ganze Ausflug dürfte fünf Stunden in Anspruch +nehmen; es empfiehlt sich, ihn am Nachmittag zu unternehmen. +Bis nach Gorbio führt jetzt eine schöne Fahrstraße. Sie beginnt +zu steigen am Alexandra-Hôtel und folgt in zahlreichen +Windungen dem Thale. Dieses Thal ist überaus fruchtbar; +ein ansehnlicher Bach durchströmt dasselbe. Erst ist es breit, +verengt sich, indem es aufsteigt. Villengärten stoßen an die +Straße, dann bescheidene Bauerngüter. Blühende Pflanzen +neigen sich über die Mauern vor. Erst die vornehmen Pflanzen +der Reichen; dann der Goldlack, die Levkoye, die Pelargonie +und die Anemonen, die auch der Ärmere sich zieht. Einzelne +Cypressen, oft umrankt von Rosen, ragen hier und dort aus +den Gärten vor und mahnen nicht selten an orientalische Landschaft. +Citronen- und Orangengärten folgen aufeinander, dann +Feigenbäume. Höher hinauf beginnen sich vereinzelt auch unsere +Obstbäume zu zeigen. Sie stehen im Blüthenschmuck. Eigentlich +ist ihnen auch in dieser Höhe noch zu warm, sie gedeihen +gut erst bei Sant' Agnese, jenseits der Felsen, die das Thal im +Norden sperren. Im Thale von Gorbio lohnt es sich, Pflanzen +zu sammeln. Ardoino, der Verfasser der Flora der Seealpen, +gibt für die Thäler, die bei Mentone münden, mehr als tausend +verschiedene, wild wachsende Arten an. Man müßte fast ganz +Irland und Schweden durchstreifen, um ebenso viel verschiedene +Pflanzen zu finden, als hier auf etwa fünfzehn Quadratmeilen +beisammen wachsen. – Ungewöhnlich reich sind die Thäler von +<pb n='024'/><anchor id='Pg024'/> +Mentone an Orchideen, und diese blühen ja fast sämmtlich im +Frühjahr. Viele sonst seltene Farne sind hier auch zu finden. +Der Botaniker sucht mit Vorliebe nach einem kleinen Nacktfarn, +der zu derselben Gattung wie die Gold- und Silberfarne unserer +Gewächshäuser gehört, der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Gymnogramme leptophylla</name>. Der +Pflanzenliebhaber freut sich mehr noch über das +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Adiantum +Capillus Veneris</name>, das Venushaar, das mit seinen zarten Wedeln +die feuchten Vertiefungen der Felsen ziert. – Ein alter gepflasterter +Weg kürzt oben im Thale die neue Straße von +Gorbio ab. Er steigt in Olivenhainen empor. An einer seiner +Windungen taucht plötzlich Gorbio auf, ganz in der Nähe. Es +krönt einen steilen Hügel, der von Oliven bedeckt ist. Ein +Amphitheater mächtiger zackiger Felsen umrahmt dieses Bild +von seltener malerischer Schönheit. – Wir steigen auf zu dem +Orte, durchschreiten den Platz, dem eine alte Ulme ihren Schatten +spendet, wenden uns dann links und schlagen den Fußweg ein, +der, an einem offenen Brunnen vorbei, der Berglehne folgt. +Nach kaum halbstündigem Aufstieg haben wir das weit sichtbare +Kreuz erreicht, das hoch oben, am vorspringenden Bergesrande +dem Wetter trotzt. Bei stark wehendem Mistral ist es +kaum möglich, an jener Stelle zu weilen; das zersplitterte Kreuz, +welches nur noch einen seiner Arme gegen den Himmel streckt, +zeugt von der Gewalt der Stürme, die dort oben hausen. +Bereits von diesem Kreuze aus ist der Blick überwältigend +schön. Er umfaßt die sämmtlichen Thäler, die bei Mentone +münden. Auf den Höhen sieht man jene wilden Ortschaften +thronen, Burgen der Grimaldi und der Lascaris, die einst diese +Thäler beherrschten; man umspannt mit dem Blicke den ganzen +Halbkreis steil aufsteigender Berge, welche die Thäler mächtig +umfassen und eine undurchdringbare Schranke für das Auge +bilden, das hingegen nach Süden zu unbegrenzt über dem +blauen, endlosen Meere schweift. Eine weitere Steigerung der +Eindrücke hält man nicht für möglich, man kann sich schwer +von dieser Stelle trennen, und doch gewinnt das Bild noch an +<pb n='025'/><anchor id='Pg025'/> +erhabener Größe, betrachtet von dem Bergrücken, der jetzt in +südlicher Richtung nach Roccabruna führt. Dann verschieben +sich gegen einander, wie mächtige Decorationen, die Felsriesen, +die den Hintergrund der Thäler schließen, und die Umrisse des +Bildes werden immer reicher, immer bewegter. Bald tritt im +Mittelpunkte der Landschaft, am Nordabhange des mächtigsten +dieser Berge, Sant' Agnese hervor, ein ansehnliches Dorf, das +in schwindelnder Höhe, wie ein Schwalbennest am Felsen, über +dem Abgrund zu hängen scheint. Wer konnte das Dasein dieses +Ortes ahnen; ist er doch gegen das Meer hin von dem Felsen +ganz verdeckt, an den er sich klammert. Dieser Felsen sollte +ihn auch schützen und verbergen vor den spähenden Blicken der +Saracenen, welche einst das tyrrhenische Meer durchkreuzten. +Und doch war es ein Saracenenhäuptling Harun, der im zehnten +Jahrhundert, der Sage nach, die Burg erbaute, deren Ruinen +den Bergesgipfel krönen. Doch nicht als Feind kam er hierher, +sondern von der Liebe zu einer Christin überwältigt, die er, +selbst zum Christenthum bekehrt, zu seiner Gattin machte. +</p> + +<p> +Selbst wer den schönsten Theil Süditaliens kennt, wird sicher +die volle Macht dieser herrlichen, so typisch italienischen Landschaft +empfinden. Und wie wird der Eindruck noch gesteigert, +wenn gegen Sonnenuntergang sich die Gipfel der Berge zu +röthen anfangen, lange dunkle Schlagschatten in die Thäler +fallen und Sant' Agnese in goldigem Licht auf dem grauen +Fels zu glühen beginnt. +</p> + +<p> +Doch die Zeit drängt, denn die Sonne im Westen ist lange +schon hinter der <name type="place" rend="antiqua">Tête de chien</name> verschwunden; die Nachtschatten +senken sich hinab in die Schluchten, während ein langer steiniger +Weg uns von Cabbe-Roquebrune, der Eisenbahnstation, noch +trennt. +</p> + +<p> +In Cabbe-Roquebrune auf dem Bahnhof erwartet uns ein +botanischer Genuß. Über einer hohen Mauer am Abhang +stehen mächtige Judasbäume +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cercis siliquastrum</name>) und senken +abwärts ihre blüthenbeladenen, noch laubfreien Zweige. Die +<pb n='026'/><anchor id='Pg026'/> +schönen, dicht gedrängten Blüthen entspringen auch dem alten Holze, +so daß die ganze Baumkrone wie ein einziges Blumengewinde erscheint, +von rosenrother Farbe. Dieser Baum ist in Südeuropa +zu Hause, sehr häufig sieht man ihn in Palästina die Gärten +um Jerusalem schmücken, was wohl Veranlassung zu der Sage +gab, Judas habe sich an demselben erhängt. +</p> + +<p rend="text-align:center">V.</p> + +<p> +Bezaubernd schön ist Mentone, wenn man es vom Pont +St. Louis aus betrachtet. Das Bild gehört zu den eindrucksvollsten +der ganzen Riviera. Doch muß man es am Morgen +betrachten, wenn die Sonne das alte Mentone von Osten her +bescheint. Man folgt von Mentone aus in östlicher Richtung +der Landstraße und wählt ihren linken Arm, dort, wo sie sich +gabelt. Man steigt dann sanft in die Höhe, zwischen Villen +und Mauern. Gibt es nicht zu viel Staub auf der Straße, so +ist diese Wanderung ein Genuß. Denn die angrenzenden Gärten +strotzen von üppigen Gewächsen, und überall drängt sich der +Überfluß derselben bis auf die Straße. Die Pflanzen finden +keinen Platz mehr in der eingeengten Umfriedung und streben +hinaus ins Freie. Rosenrothe und feuerfarbige Pelargonien +neigen sich über das Gitter, dort hängt ein Rosenstrauch über +dasselbe hinaus und trägt unzählige Blüthen. Weiter ist eine +ganze Mauer bis unten hinab mit einem epheublätterigen Kranichschnabel, +dem <name type="taxonomic" rend="antiqua">Pelargonium peltatum</name>, bedeckt, welcher so üppig +blüht, daß die Blätter unter den blaßrothen Blüthen verschwinden. +Jener Strauch, der im graziösen Bogen über eine +andere Mauer sich beugt und ährenförmige Rispen gelber Blüthen +trägt, ist eine chinesische Buddleia +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Buddleia Lindleyana</name>). Die +ganze Straße duftet jetzt nach Heliotrop, der an dem Geländer +emporklettert; weiter ist es wieder eine Pergola safrangelber +Rosen, welche der Straße folgt. Mit ihren fleischig dicken +Stengeln und Blättern und ihren großen rothen oder gelben +Blüthen schmückt dort die Mittagsblume +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mesembryanthemum +<pb n='027'/><anchor id='Pg027'/> +acinaciforme</name>) eine Mauer. Dann schließen Citronen- und +Orangenbäume sich an, die mit Früchten reich behangen, auch +schon ihre duftigen Blüthen entfalten. Wir kommen an dem kleinen +französischen Zollhaus vorbei und erreichen alsbald unser Ziel. +In kühnem Bogen schwebt die Brücke San Luigi über der +Schlucht, welche Frankreich von Italien trennt. Der Blick von +hier auf Mentone ist in der That von ergreifender Schönheit. +Die alte Stadt deckt einen schmalen Grat, der sich bis zum +Meere senkt. Dicht gedrängt steigen die Häuser an ihm auf, +über- und nebeneinander. Alle sind sie im italienischen Style +gebaut, mit Loggien, Balkonen und Terrassen, trotzdem alle verschieden +an Gestalt und Größe, scheinbar gesetzlos zu einer +einzigen Masse vereint. Jedes zeigt eine andere Färbung; im +hellen Glanz der Sonne verschmelzen aber die Gegensätze und +die ganze Stadt leuchtet fast weiß in die Ferne. Aus der +Häusermasse ragt die Kirche mit ihrem schlanken Glockenthurm +hervor. Und welch eine großartige Einfassung zeigt dieses Bild! +In weiter Ferne, kaum noch sichtbar, profilirt sich im nebeligen +Umriß das zackige Esterel. Dann weicht die Küste vor dem +Meere zurück und erst die <name type="place" rend="antiqua">Tête de chien</name> über Monaco bietet ihm +wieder Trotz. Sie scheint an der Küste Wache zu halten. Dann +folgen mächtige, majestätische Berge und rücken immer näher auf +Mentone zu. Das Cap Martin streckt sich wie ein grünsammetnes +Band vor in die blaue See, und hinter Mentone +steigen die zackigen Felsenriesen auf und leuchten in der Sonne +im bläulichen Grau. Dann folgen tiefer grüne Schluchten, wo +helle Olivenhaine mit dunklen Citronengärten abwechseln und +an den Abhängen weiße Dörfer verborgen im Laub. Kahle +Bergrücken glänzen grell in der Nähe, von grünen Kiefernwäldern +stellenweise wie von Oasen bedeckt. Der Vordergrund +entzückt uns durch seine Farbenpracht, denn der untere Theil der +Schlucht, über der wir schweben, ist in einen Garten verwandelt. +In Stufen steigt er auf, und der Boden verschwindet ganz +unter Blüthen. Hell- und dunkelrothe Geranien, dicht aneinander +<pb n='028'/><anchor id='Pg028'/> +gedrängt, kugelige Chrysanthemum-Sträucher +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chrysanthemum +frutescens</name>) mit tausenden von Blüthen wie mit weißen Sternen +übersäet. Dann ein Judasbaum, ganz in Blüthen gehüllt, der +seine rosenrothen Aeste über die weißen Chrysanthemen neigt. +Ein gelbblüthiger Rosenstrauch, der den rosenrothen Judasbaum +erklimmt; schlanke Bambusen wie Federbüsche in die Lüfte +ragend; daneben Fächerpalmen. Dunkelgrüne, schlanke Cypressen; +ein Pfefferbaum mit hellgrünen, zartgefiederten Blättern an den +hängenden Aesten; dunkelrothe Bougainvilleen an den aufsteigenden +Wänden: ein wahres Kaleidoskop. Hohe Dattelpalmen +ragen aus der Schlucht hervor und umrahmen das Bild von +Mentone, phantastische Opuntien nächst der Brücke bilden den +ersten Vordergrund. Und dieses ganze farbenreiche Bild taucht +mit seinem Rande in die dunkelblaue Fluth. Eine frische Brise +weht uns vom Meer entgegen, der Frühling blickt mit allen seinen +Blumenaugen aus der Schlucht empor. Es stimmt so harmonisch +und heiter dieses hehre Bild. Daher wir es auch vergessen +möchten, daß dort über Mentone, wo weiße Steine und dunkle +Cypressen zwischen grauen Mauern sich erheben, ein Ort der +Trauer ist. Ein Schloß der Grimaldi stand einst auf dieser +Höhe, zwischen seinen Trümmern und Umfassungsmauern ist +dann der Friedhof entstanden. Er beherrscht diesen sonnigen +Strand, wie einst die mächtige Burg ihn beherrschte: ein Wahrzeichen +des heutigen Mentone. Ich suche die Gedanken von +dieser Stelle abzuwenden, doch unablässig kehren sie zu derselben +zurück. Denn trauriger hat mich ein Friedhof nie gestimmt +wie dieser dort, mit seinen in Blumen ganz versteckten +Gräbern. Kaum kann es einen mächtigeren Widerspruch geben +zwischen der freudig sonnigen Natur und dem jähen Tode. +Dieser Gegensatz preßt Einem das Herz zusammen. Und aus +allen Theilen der Welt eilten jene zusammen, die auf diesem +Friedhof ruhen. In der Blüthe der Jahre, fern von ihrer +Heimath, legten sie sich unter Jasmin und Rosen zu ewigem +Schlaf. Ob ihnen wohl die Erde leichter wird, weil die Blumen +<pb n='029'/><anchor id='Pg029'/> +nie auf derselben verwelken? Die Rosen im besondern drängen +sich dort überall vor: weiße, gelbe, blutigrothe, und sie verbreiten +einen betäubenden Duft. Als ich einst diesen Friedhof besuchte, +da strahlte die Welt in Frühlingsglanz und jauchzte es von +Leben in den Lüften. Da war es besonders traurig zwischen +diesen blumenreichen Gräbern. Auf einem frisch errichteten +Denkmal saß ein junger Bildhauer, meißelte das Antlitz eines +zarten Mädchens in den Stein und sang dazu ein fröhliches +Lied. Ich blieb vor dem Grabe lange stehen: es war wie in +einer Shakespeare'schen Tragödie. +</p> + +<p> +Hoch ragen über der Brücke San Luigi die zackigen Felsen +empor, welche die Schlucht umfassen. Sie selber steigt hier +plötzlich auf, unvermittelt in romantischer Wildniß. Ein einzelner +Felsenkegel erhebt sich aus ihrer Mitte und endet mit spitzem +Gipfel. Zahlreiche Grotten versenken sich in den Stein. Rosmarin +und Wolfsmilch, Wachholder und großblüthige Malven +(<name type="taxonomic" rend="antiqua">Lavatera maritima</name>) klammern sich an jeden Vorsprung der +Felsen an und beleben ihre Eintönigkeit. Unten grünt Alles von +üppigem Pflanzenwuchs. Ein kleiner Bach rauscht abwärts in +den Felsenspalten und bildet dann zierliche Wasserfälle. Ein +Theil des Wassers wird in einen kleinen Aquäduct gefaßt, der in +malerischen Windungen abwärts läuft, dann mit gewölbtem +Bogen den Bach überschreitet. Wie effectvoll Alles vereint in +diesem engen Raume: es ist fast wie eine Theaterdecoration! +</p> + +<p> +An jener so überaus warmen Stelle der Riviera bildet diese +Felsenschlucht wohl noch den wärmsten Ort. Durch hohe Berge +geschützt und umfaßt, steht sie den südlichen Winden nur offen. +In dieser Schlucht beginnen schon im December die Veilchen zu +blühen. Die Schwalben verlassen sie nie. Die Eidechsen sollen +ihres Winterschlafs hier vergessen. An Nahrung ist stets Ueberfluß. +Insekten durchschwirren die Luft, und die Spinne spannt +ihr Netz auch im Winter, um sie zu fangen. +</p> +<pb n='030'/><anchor id='Pg030'/> +<p rend='text-align:center'>VI.</p> + +<p> +Niemand sollte es versäumen, von Bordighera oder von +Mentone aus, einen Ausflug nach La Mortola, dem Garten des +Herrn Thomas Hanbury, zu unternehmen. Der Eintritt wird +Montag und Freitag Nachmittag gegen Zahlung von je einem +Franc gestattet. Dieses Geld dient zur Unterstützung des +Krankenhauses von Ventimiglia. Wer eingehende Studien im +Garten machen will, erhält hierzu vom Besitzer jederzeit Erlaubniß. +Früher Eigenthum der Familie Orengo in Ventimiglia, +trägt auch heute noch die schöne Villa im Garten, welche Herr +Thomas Hanbury bewohnt, den Namen des Palazzo Orengo. +Als Herr Hanbury diese Besitzung im Jahre 1866 erwarb, war +sie von einem mageren Olivenhain bedeckt. Ludwig Winter hat +sie in den feenhaften Garten verwandelt, der jetzt den Besucher +entzückt. Der Garten deckt eine Fläche von ungefähr vierzig +Hektaren und fällt von der Kunststraße, welche das Dorf Mortola +in hundert Meter Höhe durchzieht, bis zum Meere ab. Die in +dem Numullitenkalk tief gerissene Schlucht, an welche die Besitzung +anlehnt, gewährt ihr Schutz gegen die Winde und ermöglicht +die Entwickelung einer so üppigen Vegetation, wie sie auch an +der Riviera kaum ihres gleichen findet. Freilich mußte durch +künstliche Bewässerung vorgesorgt werden, daß die lange Dürre +des Sommers nicht verhängnißvoll für die Pflanzen werde. +Denn man rechnet in La Mortola über zweihundert Tage im +Jahr, an welchen der Himmel völlig wolkenlos bleibt, und auch +innerhalb des winterlichen Halbjahres gibt es nur etwa vierzig +Regentage. +</p> + +<p> +Es wäre ein gewagtes Beginnen, wollte ich an dieser Stelle +alle die zahlreichen Pflanzenformen schildern, welche der Garten +von La Mortola birgt. Es kommt mir nur darauf an, die +Reichhaltigkeit desselben hervorzuheben. Was aber diesen Garten +insbesondere belehrend macht, ist der Umstand, daß alle Pflanzen +Schilder tragen, auf welchen ihr Name, der abgekürzte Name +des Autors, der sie benannte, ihre Heimath, sowie die Familie, +<pb n='031'/><anchor id='Pg031'/> +der sie angehören, angegeben ist. So kann jeder Besucher des +Gartens erfahren, wie die Pflanze heißt, die ihm durch ihre +Schönheit oder ihren Wohlgeruch auffällt, eine Pflanze, nach +deren Namen er vielleicht vergeblich schon in manchem anderen +Garten der Riviera forschte. Herr Hanbury ist bemüht, seinem +Garten auch wissenschaftlichen Werth zu verleihen und sucht unaufhörlich +neue, interessante, technisch wichtige oder durch ihre +Heilkraft ausgezeichnete Gewächse für denselben zu erwerben. +Ein kenntnißreicher deutscher Gärtner, Gustav Cronemeyer, stellte +vor einigen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichniß aller Pflanzen +des Gartens auf. Dieses Verzeichniß umfaßt über 3600 Arten. +Es wurde an alle botanischen Anstalten der Welt versandt, mit +der Aufforderung, aus den Schätzen des Gartens für wissenschaftliche +Zwecke zu schöpfen. Auch die Samen und Früchte +des Gartens erntet man alljährig, um sie wissenschaftlichen +Anstalten dienstbar zu machen. Da Herr Hanbury gleichzeitig +stattliche Schulgebäude in La Mortola errichtet, da er neuerdings +auch ein schönes botanisches Institut in Genua erbauen ließ, +um es der dortigen Universität zu schenken, so läßt sich wohl +behaupten, daß er einen edlen, nachahmenswerthen Gebrauch von +seinen Reichthümern macht. Leider ist der eifrige Leiter des +Gartens, Gustav Cronemeyer, vor kurzem gestorben, und gewährt +es nur einen Trost, daß sein Nachfolger, ebenfalls ein deutscher +Gärtner, Herr Dinter, mit gleichem Eifer in seine Spuren tritt. +</p> + +<p> +Gerade im Frühjahr ist es, wo der Garten von La Mortola +in vollstem Blüthenschmucke prangt. Besonders tragen die Akazien +dazu bei, ihn um jene Zeit so üppig zu verzieren. Ueber neunzig +Arten der Gattung <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia</name> +stehen da in Cultur, von den fein +gefiederten, mimosenartigen an, deren Blättchen jeder Windhauch +in Bewegung setzt, bis zu jenen starrend stachlichen Arten, +welche schon durch ihren botanischen Namen als »bewaffnet« +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>armata</name>), +»struppig« und »schauerlich« +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>horrida</name>) +hinreichend gekennzeichnet +werden. Manche Akazien sind von gelben Blüthen +so überdeckt, daß das grüne Laub unter denselben fast verschwindet, +<pb n='032'/><anchor id='Pg032'/> +und die meisten verbreiten zur Blüthezeit ein liebliches +Aroma. Benennungen wie »lieblich«, »angenehm« +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>suaveolens</name>) +zeichnen noch besonders einzelne Arten aus. Der höchste Preis +des Wohlgeruchs gebührt aber unstreitig der tropisch-amerikanischen +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia Farnesiana</name>, +welche ihre veilchenduftenden Blüthenköpfchen +den ganzen Winter über treibt. Diese Blüthenköpfchen dienen +in Grasse und in Cannes unter dem Namen +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>fleurs de cassie</foreign>« +in ausgiebiger Weise den Zwecken der Parfümerie. Den Namen +»<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Farnesiana</name>« +erhielt diese schon lange in Südeuropa bekannte +Pflanze wohl daher, daß sie in den farnesianischen Gärten in +Rom zuerst gezüchtet wurde. – Durch ihr zartes, zierliches, +doppeltgefiedertes Laub von bläulich grüner Farbe, fällt hier, +wie auch an den anderen Stellen der Riviera, die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia</name> oder +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Albizzia Julibrissin</name> +auf, ein stattlicher Baum vom Aussehen +einer Mimose, dessen hellviolette Blüthenköpfchen aber erst im +Juli zur Entfaltung kommen. Sie stammt von der Südküste +des kaspischen Meeres, ihr Arten-Name ist persisch und bedeutet +Seidenblume. – Von der südafrikanischen steifen +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia horrida</name> +stammt eine geringe Gummisorte, die als Capgummi bekannt +ist. Das feinste Gummi arabicum tritt aus der Rinde der +senegambisch-kordofanischen +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia Senegal</name>, ähnlich wie bei +uns Kirschgummi aus der Rinde von Kirschbäumen, hervor. +</p> + +<p> +Durch ein ganz besonders feines Aroma zeichnet sich in dem +Garten von La Mortola außer der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia Farnesiana</name> ein +gelbblühender Strauch, die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pteronia incana</name> vom Cap aus, +welche zu derselben Abtheilung der Compositen wie unsere Astern +gehört, deren Blüthenköpfchen aber einen, man könnte fast sagen, +vergeistigten Aprikosenduft verbreiten. Sehr wohlriechend in +allen seinen Theilen ist ein anderer Strauch vom Cap, die +Rutacee <name type="taxonomic" rend="antiqua">Diosma fragrans</name>. Nicht umsonst hat sie, so wie ihre +nächsten Verwandten, die bei uns viel in Gewächshäusern cultivirt +und als Bouquetgrün benutzt werden, den Namen +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Diosma</name>, +d. h. »Götterduft«, erhalten. Ein chilenischer Strauch mit +kleinen gelben Blüthen, die Flacourtiacee +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Azara microphylla</name>, +<pb n='033'/><anchor id='Pg033'/> +wird wegen seines vanillenartigen Duftes in der Heimath +»Aromo« genannt. Eine krautartige Salbeiart, die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Salvia albocoerulea</name>, +riecht wie feines Tafelobst. Verschiedene Pelargonien, +so namentlich das +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pelargonium roseum</name> +und <name type='taxonomic' rend='antiqua'>odoratissimum</name>, +verbreiten ein starkes rosenartiges Parfüm, wenn man ihre +Blätter zerdrückt. Geradezu betäubt wird man an zahlreichen +Stellen des Gartens von dem Duft, der den kleinen weißen +Blüthen vom <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pittosporum Tobira</name> +entströmt. Diese Blüthen +decken in großer Zahl den baumartigen immergrünen Strauch, +der im Aussehen an den lorbeerartigen Schneeball +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Viburnum +Tinus</name>) unserer Gewächshäuser erinnert. Es gibt auch eine Art +mit fast schwarzen Blüthen, die fremdartig genug auf den Zuschauer +einwirkt. – Lieblich duftet, ähnlich wie unsere wohlriechende +Platterbse, ein zierlicher Baum mit überhängenden +Aesten, der aus der Ferne ganz weiß erscheint von reicher +Blüthenfülle. Es ist eine west-mediterrane Ginsterart, +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Genista +monosperma</name>, die zu den anmuthigsten Pflanzenformen im Frühjahr +an der Riviera gehört. Ist auch zu jener Zeit der Blüthenreichthum +noch so groß, Jedem fällt, unter allen anderen, diese +Pflanze auf, die den Namen Blüthenregen führen sollte. Erscheint +es da nicht wunderbar, daß zu derselben Gattung, wie dieses so +zart erscheinende Gewächs, auch die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Genista acanthoclada</name> gehört, +ein Strauch der griechischen Berge, der so stachelig ist, daß +er für die Pflanze des Tartarus gelten konnte: +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Aspalathus</name>, +nach der Insel Aspalathe an der Küste von Lycien genannt, +lieferte er, der Sage nach, jene Ruthen, mit denen die Gottlosen +in der Unterwelt gepeitscht wurden. +</p> + +<p> +Eigenthümlich berühren den Besucher des Gartens die +Casuarineen, die in großen Exemplaren gleich unterhalb der +Eingangstreppe stehen. Die graugrünen feinen Zweige dieser +Bäume hängen wie die Federn eines Casuarschweifes herab und +verschafften dem Gewächs auch seinen Namen. Die Zweige sind +blattlos; die Ernährung des Baumes, die sonst von den Blättern +besorgt zu werden pflegt, fällt hier somit den Zweigen zu. +<pb n='034'/><anchor id='Pg034'/> +Diese sind demgemäß auch grün gefärbt, d. h. sie führen jenen +Farbstoff, das Chlorophyll, dessen Anwesenheit für die Bereitung +von Nahrungsstoff durch die Pflanze nothwendig ist. Die +Casuarineen bilden in Australien ausgedehnte Wälder von sehr +eigenem Aussehen. Wie so viele andere australische Bäume vermögen +sie dem Boden nur spärlichen Schatten zu spenden. Die +Blüthen dieser Gewächse sind so klein und unansehnlich, daß nur +das kundige Auge sie an den Zweigen zu erkennen vermag. Das +Holz der Casuarineen zeichnet sich durch seine Härte und seine +Schwere aus und hat daher den Eingeborenen zur Anfertigung +von Streitkolben gedient. +</p> + +<p> +Ein australischer Baum, der in den letzten Decennien ungemein +rasche Verbreitung über die Riviera gefunden hat und +den der Garten von La Mortola in nicht weniger als vierundzwanzig +Arten besitzt, ist der Eucalyptus. Jeder, der Italien +einmal besuchte, kennt die Eucalypten, wenn auch wohl nur die +eine, überall vertretene Art derselben, den +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eucalyptus globulus</name>. +Auch dieser australische Baum gibt im Verhältniß nur wenig +Schatten; seine Blätter sind zwar von ansehnlicher Größe, sie +hängen aber an langen Stielen von den Zweigen senkrecht herab +und können daher selbst bei dichter Belaubung den Sonnenstrahlen +nicht allen Durchgang verwehren. Da auch der leiseste +Windhauch diese Blätter in Bewegung setzt, so herrscht unter +den Eucalyptusbäumen ein eigenes zitterndes Zwielicht, das allerdings +erst in Eucalyptus-Wäldern voll empfunden wird. Die +Eucalypten gehören zu den Riesen der Pflanzenwelt, zu denjenigen +Bäumen, welche überhaupt die bedeutendste Größe erreichen. +In Australien sind Stämme von +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eucalyptus amygdalina</name> +gemessen worden, deren Höhe 156 Meter betrug und somit +genau derjenigen der Thürme des Kölner Doms entsprach, die +Pyramide des Cheops aber um fünf Meter, die Peterskirche in +Rom sogar um mehr als zwanzig Meter überstieg. Die Eucalypten +wachsen auch an der Riviera äußerst rasch und ragen +schon über ihre Umgebung weit empor, ungeachtet ihre Anpflanzung +<pb n='035'/><anchor id='Pg035'/> +hauptsächlich erst Ende der sechziger Jahre erfolgte. +Im Garten von La Mortola erreichte ein +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eucalyptus globulus</name> +in sieben Jahren neunzehn Meter Höhe und fast anderthalb +Meter im Umfang. Kein in Europa sonst bekannter Baum vermag +Ähnliches zu leisten. Trotz so raschen Wachsthums zeichnet +sich das Eucalyptusholz durch große Härte aus. An vielen +Orten hat man Eucalypten angepflanzt, weil man der Ausdünstung +derselben besondere heilsame Kräfte zuschrieb. Thatsächlich +kommt aber den äußerst geringen Mengen von ätherischen +Ölen, die sich um die Eucalypten verbreiten, kaum eine merklich +desinficirende Wirkung zu. Dadurch hingegen, daß die +Eucalypten rasch auf sumpfigem Boden wachsen und als immergrüne +Pflanzen Sommer und Winter Wasser aus ihren Blättern +verdunsten, tragen sie zu dessen Trockenlegung bei. Die Hoffnung, +daß die Extracte aus Blättern und Rinde der Eucalypten das +Chinin ersetzen würden, war gleichfalls übertrieben. Kommt +auch diesen Extracten eine gewisse febrifuge Wirkung zu und +sind dieselben auch seit undenklichen Zeiten von den Eingeborenen +Australiens gegen Malaria verwandt worden, so stehen sie doch +dem Chinin ganz bedeutend nach. Im April sieht man die +älteren Eucalyptusstämme an der Riviera sich mit großen weißen +Blüthen bedecken, welche durch ihre äußerst zahlreichen, feinen +und langen Staubgefäße auffallen. Der Kundige erkennt an +diesen Blüthen, daß der Baum zu den myrtenartigen Gewächsen +gehört. Eine Eigenthümlichkeit der Eucalypten ist es, daß deren +Blüthenknospen sich mit einem runden Deckel öffnen, der als +grüne, weißbereifte Mütze abgeworfen wird. Diese Deckel sieht +man im Frühjahr in großen Mengen unter den Eucalyptusbäumen +liegen; sie verbreiten, wenn man sie zertritt, einen sehr +durchdringenden Geruch. Neuerdings hat sich die Industrie auch +dieser Gebilde bemächtigt, und in Bordighera sah ich Kreuze und +Rosenkränze, die aus trockenen, aufgefädelten Eucalyptusblüthen-Deckeln +hergestellt waren. +</p> + +<p> +Ganz junge Eucalyptusbäume, wie man sie auch bei uns, +<pb n='036'/><anchor id='Pg036'/> +innerhalb der Gewächshäuser, sehen kann, zeigen zunächst ein +von den älteren Bäumen durchaus verschiedenes Aussehen. Kaum +glaubt man dieselben Pflanzen vor Augen zu haben. Die +Blätter sind breit, stumpf, stengelumfassend, wagerecht gestellt, +und erst an älteren Zweigen treten an deren Stelle die schmalen, +zugespitzten, langgestielten Blätter auf, die senkrecht abwärts +hängen. Damit verändert sich auch ihr innerer Bau. Zuvor +zeigten sie verschiedene Structur auf ihren beiden Seiten, jetzt +sind beide Seiten gleich. Beide Blattflächen werden ja an den +hängenden Blättern in gleicher Weise von +<corr sic='Lichtstahlen'>Lichtstrahlen</corr> getroffen. +Sie brauchen aber gleichen Bau, um gleiche Arbeit zu verrichten. +Aehnliche Einrichtungen treten uns bei vielen anderen Gewächsen +Neuhollands entgegen und bestimmen geradezu den Charakter +der dortigen Vegetation. +</p> + +<p> + Der in Italien hauptsächlich cultivirte + <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eucalyptus globulus</name> +ist nicht der widerstandfähigste Vertreter seiner Gattung, wie er +denn auch im strengen Winter 1890–91 an exponirten Stellen +der Riviera gelitten hatte. Manche Arten trotzen besser der +Kälte, und der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eucalyptus Gunnii</name> +gedeiht selbst in Whittingham +bei Edinburgh. +</p> + +<p> +Der hohen Schutzmauer der Seealpen, welche die kalten +Nordwinde abhält, verdankt die Riviera di Ponente ihr mildes +Klima. Diese Schutzmauer bedingt es auch, daß dort die Cultur +der Agrumi erfolgreich betrieben werden kann. An zahlreichen +Stellen der Küste, zwischen Nizza und Savona, gedeihen die +Agrumi ebenso gut wie bei Neapel, während der Reisende das +Innere von Ober- und Mittelitalien durchwandern kann, ohne +sie zu erblicken. Unter der Bezeichnung »Agrumi« werden die +Vertreter der Gattung <name type="taxonomic" rend="antiqua">Citrus</name> zusammengefaßt. Das Verzeichniß +von La Mortola weist über zwanzig Arten oder Formen dieser +Gattung auf. Man findet dort fast alle in Italien cultivirten +Agrumi in engem Raum beisammen. Diese Pflanzen scheinen +so fest mit dem italienischen Boden verwachsen zu sein, daß +italienische Bilder stets der Phantasie des Nordländers vom Blüthenduft +<pb n='037'/><anchor id='Pg037'/> +der Citrone durchweht und vom Glanze der Goldorange +durchleuchtet erscheinen. Am meisten hat diese Vorstellung wohl +das Mignonlied verbreitet, jenes Lied, das der Sehnsucht des +Nordländers nach südlicheren Gestaden so unendlichen Ausdruck +verlieh. So sehr die Agrumi aber auch in die italienische Landschaft +zu gehören scheinen, so sind sie doch erst verhältnißmäßig +spät in dieselbe gelangt und nur auf ganz bestimmte Theile von +Italien beschränkt geblieben. Ihre Heimath liegt im fernen +Asien, in Ostindien und Südchina; über den Orient schlugen sie +aber zunächst ihren Weg nach Europa ein. Wie aus dem alten +»Traité du Citrus« von Gallesio, dem Werke Victor Hehn's +über »Culturpflanzen und Hausthiere«, Alphonse de Candolle's +»Ursprung der Culturpflanzen«, endlich Flückiger's »Pharmacognosie« +– von älteren Quellenwerken abgesehen – zu erfahren +ist, war dasjenige, was im Alterthum zunächst »Citrum« +hieß, das Holz von +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Callitris quadrivalvis</name>. +Auch diese nordafrikanische +Conifere ist in dem Hanbury'schen Garten in vortrefflicher +Entwickelung zu sehen. Ihr Holz liefert das Sandarac, +ein Harz, das in erstarrten, weißen Thränen die Stammrinde +deckt und aus der Wunde heraustropft, wenn ein Zweig abgeschnitten +wird. Das schön gemaserte, wohlriechende Holz dieses +Baumes stand bei den Römern in hohem Ansehen und diente +im Besonderen zur Anfertigung von Kisten, welche wollene Kleider +vor Motten schützen sollten. Als dann die Citrone den Römern +bekannt wurde, und es sich zeigte, daß sie in ähnlich wirksamer +Weise die Motten abhält, wurde der Name Citrum auf dieselbe +übertragen. Von dem Gewächse, welches diese +»<foreign lang='it' rend='antiqua'>mala citria</foreign>« +erzeugt, drang die erste Kunde nach Griechenland während der +Kriegszüge Alexanders des Großen. Letztere waren es, welche den +Orient und die Tropen der griechischen Cultur erschlossen. Sie +brachten den classischen Ländern eine solche Fülle neuer Naturanschauungen, +wie dies zum zweiten Mal in gleichem Maße +nur durch die Entdeckung des tropischen Amerika wieder geschah. +Ueber den Citronenbaum wurde berichtet, daß er ein wunderbares +<pb n='038'/><anchor id='Pg038'/> +Gewächs der persischen und medischen Lande sei, und voll +goldener Früchte hänge. Diese sollten nicht nur gegen Motten +schützen, sondern auch als Gegengifte äußerst wirksam sein. Ja, +es bildete sich, wie man in einem Werke des Athenaeos, eines +Gelehrten, der zu Naukratis in Ägypten geboren wurde und +um 228 n. Chr. starb, lesen kann, der Aberglaube, daß, wer +von diesen Früchten gekostet habe, den Biß giftiger Schlangen +nicht zu fürchten brauche. Jenes durch seine Citate sehr werthvolle +und merkwürdige Werk des Athenaeos schildert ein fingirtes +Gastmahl, welches von einem römischen Schlemmer und Schöngeist, +Künstlern, Dichtern und Gelehrten geboten wird, und bei +welchem an die dargereichten Speisen und Getränke sich entsprechende +Unterhaltungen knüpfen. Da erzählt ein gewisser +Demokritos, sein Freund, der Statthalter von Ägypten, habe +ihm mitgetheilt, daß zwei Verbrecher, die zum Tode durch giftige +Schlangen verurtheilt waren, dem Biß derselben nicht erlagen, +weil sie von einer Citrone zuvor aßen. Der Statthalter habe den +Versuch absichtlich mit denselben Verbrechern zum zweiten Male +wiederholt, aber nur dem einen von beiden eine Citrone dargereicht. +Die Folge sei gewesen, daß dieser eine nur den Bissen +der giftigen Nattern zu widerstehen vermochte, während der andere +bald nach der Verwundung starb. Als bestes Schutzmittel gegen +Gift empfiehlt der Erzähler eine in Honig zerkochte Citrone. +Man müsse von diesem Gegengift früh am Morgen eine kleine +Menge zu sich nehmen und sei dann den ganzen Tag über +vor Vergiftung sicher. Dem Aberglauben, der solche Vorstellungen +nährte, liegt wie auch sonst in ähnlichen Fällen, ein +Fünkchen Wahrheit zu Grunde. Thatsächlich ist die Citrone durch +sehr starke fäulnißwidrige Eigenschaften ausgezeichnet, Eigenschaften, +die sie auch heute noch als Antisepticum sehr schätzbar +machen. Schon im Alterthum hatte man richtig erkannt, daß +der Saft der Citrone den Athem verbessere. Ein Vergnügen +konnte es damals nicht sein, Citronen zu genießen, denn es waren +thatsächlich nicht unsere jetzigen »Citronen«, vielmehr Cedraten +<pb n='039'/><anchor id='Pg039'/> +oder Citronat-Citronen, die uns nur eingemacht schmecken. Diese +Cedraten heißen auch heute noch »Cedro« bei den Italienern. +Saftiges Fruchtfleisch ist ihnen nicht eigen; sie bestehen fast ausschließlich +nur aus Schale, und diese ist es, die, in Zucker eingekocht, +die Citronate liefert. Die Cedraten erreichen meist bedeutendere +Größe als die Citronen, sind letzteren im Übrigen +ähnlich. Ihre Form variirt aber bedeutend, und da viele Abänderungen +durch Veredelung fixirt worden sind, so bekommt +man neben stark in die Länge gezogenen auch fast runde Cedraten +zu sehen. Das gab sogar Veranlassung zur Aufstellung +verschiedener Arten innerhalb dieses Formenkreises, wie es denn +überhaupt schwer fällt, zu unterscheiden, was Art und was nur +Abart in der Gattung Citrus ist. Eine rundliche durch stark +höckerige Schale und feinen Wohlgeruch ausgezeichnete Frucht, +die auch zu den Cedraten gehört, wird als Adamsapfel oder +Paradiesapfel unterschieden. Sie galt als die Frucht vom Baume +der Erkenntniß und findet als solche beim Laubhüttenfest der +Juden heute noch Verwendung. Die gesuchtesten Früchte zu +diesem Fest werden aus Corsica, Corfu, Marocco und Palästina +eingeführt und können bei vorgeschriebener Form sehr hohen +Geldwerth erreichen. +</p> + +<p> +Der Cedratenbaum kam bei den Römern sehr in Mode, +und man sah ihn, in Kübeln gepflanzt, die Säulenhallen der +Villen und die Gärten schmücken. Vom dritten Jahrhundert an +wird er auch, als im freien Lande gedeihend, beschrieben. Heut +noch wird er in Italien viel gezogen und zeichnet sich vor allen +anderen Agrumi dadurch aus, daß er das ganze Jahr hindurch +Blüthen und Früchte trägt. +</p> + +<p> +Der Baum, der die Frucht zeitigt, welche wir als Citrone +bezeichnen, die aber richtiger auch bei uns Limone heißen müßte, +kam durch Vermittlung der Araber erst im zehnten Jahrhundert +nach Süd-Europa, zunächst nach Spanien, dann wohl auch nach +Sicilien. Er fehlte hingegen noch an der ligurischen Küste, +wohin ihn erst gegen Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzfahrer +<pb n='040'/><anchor id='Pg040'/> +aus Syrien und aus Palästina brachten. Mit den +Limonenbäumen zugleich gelangten die Pampelmusen und die +bitterfrüchtigen Pomeranzenbäume an die Riviera, und Ligurien +blieb überhaupt lange Zeit das Land, in welchem die Cultur +der Agrumi am meisten betrieben wurde. Einen bedeutenderen +Aufschwung gewann die Cultur freilich auch dort erst im vierzehnten +Jahrhundert, als die Ansprüche an die Genüsse des +Lebens sich zu steigern begannen. Sie verbreitete sich in Italien +zugleich mit der Limonade, deren Zubereitung man von den +Orientalen lernte. Unter dem Cardinal Mazarin war es, daß +auch in Paris die ersten »Limonadiers« auftraten, um bald +eine ähnliche Rolle wie heut die »Cafetiers« zu spielen. Die +Limone, durch die nämlichen, fäulnißwidrigen Eigenschaften wie +die Cedrate ausgezeichnet, lieferte in der That nicht nur ein +erfrischendes, sondern zugleich auch ein antiseptisches Getränk. +In den der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts angehörenden +Kräuterbüchern des Tabernaemontanus, »der Arzney +Doctoris und Chur-Fürstlicher Pfaltz Medici zu Neuwhausen«, +heißt es, daß der Citronensaft »nicht allein wider die innerliche +Fäulung und das Gifft sehr gut und kräftig« sei, sondern +auch »gegen alle Traurigkeit und Schwermüthigkeit des Hertzens +und die Melancholey«. Die Rinde widerstehe dem Gift: +»Dann zur Zeit der Pest soll man sie im Mund halten, auch +ein Rauch damit machen.« – Der Citronensaft gilt auch heute +noch als eines der wirksamsten Mittel gegen den Scorbut, die +bekannte Mund- oder Zahnfleischfäule, der die Seefahrer besonders +unterworfen sind. Daher jetzt die englische Marine, +und nach ihrem Beispiel auch andere, Citronensaft in wohlverschlossenen +Flaschen auf ihren Schiffen führen. +</p> + +<p> +Ich bemühte mich festzustellen, woher der jetzt noch ziemlich +verbreitete, früher fast allgemeine Brauch stammt, daß die +Leichenträger bei Begräbnissen eine Citrone in der Hand halten. +Ursprünglich ist er durch die fäulnißwidrigen Eigenschaften und +den starken Geruch der Citrone veranlaßt worden, dann hat er +<pb n='041'/><anchor id='Pg041'/> +symbolische Bedeutung gewonnen. Die Symbolik hat sich in +mannigfaltiger Weise der Citrone bemächtigt. So heißt es in +J. B. Friedrich's Werke: »Die Symbolik der Mythologie der +Natur«: »Das Aromatische, Erquickende und Belebende der +Citrone hat sie zum Symbole des Lebens und des Schutzes +gegen das Lebensfeindliche gemacht. Daher schützt nach altem +Glauben die Citrone gegen Bezauberung, daher trägt das +indische Weib, welches sich nach dem Tode seines Gatten verbrennen +läßt, auf seinem Gange zum Scheiterhaufen eine Citrone +in der Hand als Sinnbild ihres zukünftigen Zusammenlebens +mit dem Gatten; daher die noch übliche Sitte, daß bei einem +Leichenbegängnisse die Leidtragenden die das neue Leben des +Abgeschiedenen symbolisirende Citrone in der Hand tragen; +daher endlich die Sitte des zum ersten Mal zur Communion +gehenden Kindes, eine Citrone zu tragen, weil es durch die +Communion ein neues Leben durch seinen erneuerten Bund mit +Gott eingeht.« +</p> + +<p> + Der Pampelmusbaum + (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus decumana</name>) + fällt durch die +Größe auf, die seine Früchte erreichen. Dieselben haben süß-säuerlichen +Geschmack und werden mit Wein und Zucker gegessen. +Einzelne Früchte können unter Umständen bis sechs Kilo Gewicht +erlangen. +</p> + +<p> +Der bittere Pomeranzenbaum ist durch besonders aromatische +Blätter und Blüthen ausgezeichnet. Die Früchte zeichnen sich +durch ihre goldige Färbung aus. Sie werden frisch nicht genossen, +wohl aber gelten die in Zucker eingemachten Schalen +derselben als besonders wohlschmeckend. Auch dienen die Blätter, +Blüthen und die unreifen Früchte zur Gewinnung ätherischer +Öle und spielen letztere außerdem eine wichtige Rolle bei der +Liqueurfabrikation. Da der Stamm der bitterfrüchtigen Pomeranze +sich als besonders widerstandsfähig erwiesen hat, so verwendet +man ihn auch häufig als Unterlage, auf welcher andere +Citrus-Arten veredelt werden. +</p> + +<p> +Der süßfrüchtige Pomeranzenbaum gelangte wesentlich später +<pb n='042'/><anchor id='Pg042'/> +nach Europa als die bisher genannten Agrumi. Man nahm +ziemlich allgemein bis vor Kurzem an, die Portugiesen hätten +ihn erst gegen Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, und zwar +angeblich im Jahre 1548, aus dem südlichen China mitgebracht; +ja man zeigte im Garten des Grafen von St. Lorenzo zu +Lissabon einen Orangenbaum, der der eingeführte Urbaum sein +sollte. Aus den Schriften von Galesio, Targioni und Goeze +scheint aber hervorzugehen, daß die süße Pomeranze schon +wesentlich früher die Gärten Spaniens und Italiens schmückte; +sie muß bereits im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts nach +Europa gelangt sein. Galesio sucht es wahrscheinlich zu machen, +daß die Cultur der süßen Orange auch an der Riviera bis ins +fünfzehnte Jahrhundert zurückreicht, doch ist seine Beweisführung +nicht überzeugend. So berichtet Galesio über ein aus den +Acten der Stadt Savona vom Jahre 1471 sich ergebendes +Geschenk von eingemachten Citronen und Limonen und frischen +Citruli, welches die Stadt Savona ihrem Gesandten in Mailand +machte. Da nun die als »Citruli« bezeichneten Früchte frisch +gesandt wurden, hält sie Galesio für +<emph rend='gesperrt'>süße</emph> Orangen, da der +Gesandte in Mailand wohl keine +<emph rend='gesperrt'>bitteren</emph> hätte essen mögen. +In dem Archiv eines Notars in Savona ist andererseits ein +Verkaufsact vom Jahre 1472 über eine Schiffsladung von +15 000 Citranguli oder Cetroni aufgefunden worden, und Galesio +frägt sich, was man wohl mit 15 000 bitteren Pomeranzen angefangen +hätte. Auf diese Frage kann man ihm die Antwort +schuldig bleiben, ohne daß dadurch der Nachweis, daß es sich +wirklich um süße Orangen gehandelt habe, beigebracht sei. Ja +eine solche Annahme müßte um so gewagter erscheinen, als +thatsächlich schon Matthaeus Silvaticus in Salerno, der Verfasser +des 1317 beendigten +<title>Opus pandectarum medicinae</title> die +<emph rend='gesperrt'>bittere</emph> +Pomeranze als <name type="taxonomic" rend="antiqua">Citrangulum</name> bezeichnet und diese Bezeichnung +auch von den Übersetzern arabischer Werke von ihm +benutzt wurde, um den arabischen Namen +<foreign lang='ar' rend='antiqua'>narindj</foreign> wiederzugeben. +Andererseits zeigt die heute noch in Italien übliche Anpreisung +<pb n='043'/><anchor id='Pg043'/> +der süßen Pomeranze als »Portogallo« deutlich den +Ursprung der jetzt dort cultivirten Früchte an. Mögen es somit +auch nicht die Portugiesen gewesen sein, welche die süße +Pomeranze in Europa einführten, so haben wir denselben doch +die bessere, jetzt beliebte Sorte dieser Frucht zu danken. Die +chinesische Heimath der süßen Pomeranze dagegen kommt in dem +deutschen Namen »Apfelsine«, ursprünglich »Sinaapfel« oder +»chinesischer Apfel«, zur Geltung. Der deutsche Name wurde +von den Russen, den Grenznachbarn der Chinesen adoptirt; bezeichnend +genug, meint Victor Hehn, für die Umwälzung im +Weltverkehr, der seit Vasco de Gama nicht mehr quer durch +das Gebiet von Asien, von Ost nach West, vielmehr aus dem +Ocean in umgekehrter Richtung sich vollzog. +</p> + +<p> +Der Name »Orange« stammt aus dem Sanskrit und ist +auf <foreign lang='sa' rend='antiqua'>nagarunga</foreign> oder +<foreign lang='sa' rend='antiqua'>nagrunga</foreign> zurückzuführen. Die Araber +hatten daraus <foreign lang='ar' rend='antiqua'>Narunj</foreign> gebildet, die +Italiener <foreign lang='it' rend='antiqua'>Naranzi</foreign>, +<foreign lang='it' rend='antiqua'>Aranci</foreign>, +die Franzosen schließlich Orange. Die mittelalterliche Bezeichnung +»<foreign lang='la' rend='antiqua'>poma aurantia</foreign>« +Goldäpfel, ist somit nur dem Klange +nach dem Worte »Orange« ähnlich. Aus »poma aurantia« +ging dann aber das deutsche »Pomeranze« und das polnische +»<foreign lang='pl' rend='antiqua'>Pomarańcza</foreign>« hervor. +</p> + +<p> +Daß unter den goldenen Äpfeln der Hesperiden, die Herakles, +der Sage nach, aus dem fernen Westen holte, nicht Orangen +gemeint sein konnten, geht aus der Geschichte jener Früchte genugsam +hervor. Die goldenen Äpfel der Hesperiden waren +vielmehr idealisirte Quitten. Der Aphrodite geweiht, dienten sie +dauernd in Hellas als Preise bei Liebesspielen und prangten +unter den bräutlichen Gaben. +</p> + +<p> +Wie schön ein Apfelsinenbaum bei voller Kraftentfaltung +werden kann, wenn ihn Tausende von goldenen Früchten schmücken, +das läßt sich freilich kaum an der Riviera, ja nicht einmal in +Sorrent ermessen. Völlig ausgewachsene, üppig entfaltete Orangenbäume +von der Größe unserer Apfelbäume, sah ich erst am Fuße +des Ätna. Theobald Fischer gibt in seinen »Beiträgen zur +<pb n='044'/><anchor id='Pg044'/> +physischen Geographie der Mittelmeerländer« an, daß ein ausgewachsener, +gut gehaltener Apfelsinenbaum in Sicilien sechs- bis +siebenhundert, ein Limonenbaum sogar tausend bis elfhundert +Früchte liefert. Im Durchschnitt könne man auf den Hektar +Agrumen bei Palermo 3000 Lire Rohgewinn rechnen, und was +das sagen will, geht daraus hervor, daß die einträglichsten +Gärten bei Paris es nur zu einem Rohgewinn von 2500 bis +2700 Francs auf den Hektar bringen. +</p> + +<p> +Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen zu +uns aber nur einige wenige gelangen, darunter die jetzt immer +beliebter werdende blutfarbige, die »Orange von Jericho«. +</p> + +<p> +Auch die als besondere Art der Gattung Citrus geltenden +Mandarinen +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus nobilis</name>) sind Gegenstand bedeutenden Exportes +aus Italien geworden. Der Mandarinenbaum gedeiht +an der Riviera sogar besser, als der Apfelsinenbaum. Er ist in +allen Theilen kleiner, und an seinem buschig-runden Wuchs unschwer +zu erkennen. In China und Cochinchina steht er seit +undenklichen Zeiten schon in Cultur, in Europa hingegen tauchte +er erst im Jahre 1828 auf. +</p> + +<p> + In dem Garten von La Mortola ist auch die + <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus bergamia</name> +zu finden, aus deren Fruchtschalen das äußerst wohlriechende +Bergamottöl gewonnen wird; desgleichen steht dort +die +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Citrus myrtifolia</name>, +deren sehr kleine Früchte, in Zucker eingesotten, +die beliebten »Chinois« liefern. Es fehlt auch nicht +die süße Limone oder Limette, die nur eine Abart der sauren +Limone ist und wie die süße Orange gegessen wird. +</p> + +<p> + Eigenartig sieht die + <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus trifoliata</name> + aus, ein aus Japan +stammender Strauch, der dreitheilige Blätter trägt und mit +großen scharfen Dornen bewaffnet ist. An seinen Blüthen und +Früchten kann man ihn als Citrus-Art erkennen, sonst macht er +wirklich nicht diesen Eindruck. Er verträgt die Kälte so gut, +daß man ihn selbst in Paris im Freien sieht. +</p> + +<p> +Besonders fällt in dem La Mortola-Garten eine monströse +Orangenform auf, die der Katalog als +»<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus Aurantium var. +Buddhafingered</name>« +<pb n='045'/><anchor id='Pg045'/> +bezeichnet. Die Mißbildung beruht darauf, +daß die einzelnen Fruchtfächer, aus welchen die Orange aufgebaut +ist, statt zu einer runden Frucht vereinigt zu bleiben, an +ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt diese Frucht +eine Anzahl von Fortsätzen und erinnert entfernt an eine Hand +mit vorgestreckten Fingern. Diese Ähnlichkeit hat in Indien +den Vergleich mit »Buddha's Hand« veranlaßt und abergläubische +Vorstellungen erweckt. Ganz ähnliche Mißbildungen kommen +auch, in mannigfacher Verschiedenheit, bei den Citronen und +Limonen vor und werden durch Veredlung festgehalten. +</p> + +<p> +Weitaus der merkwürdigste Baum in der Reihe der Agrumi +ist die Bizzarria, welche der La Mortola-Garten ebenfalls besitzt. +Schöner entwickelt sah ich diese Pflanze im botanischen Garten +zu Neapel. Die Bizzarria trägt zugleich Orangen, Citronen und +Limonen. Sie weist auch Früchte auf, welche die Mitte zwischen +jenen Fruchtformen halten, endlich auch Früchte, an welchen +einzelne Fächer das Aussehen von Orangen, andere dasjenige +von Limonen oder Citronen besitzen. Es sind Bizzarrien beschrieben +worden, deren Früchte die Bestandtheile von fünf verschiedenen +Fruchtformen der Agrumi in sich vereinigten. Die +Entstehung der Bizzarrien ist bis jetzt nicht endgültig aufgeklärt +worden. Die Einen halten sie für Bastarde, während Andere +meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufällige Vermischung +der Eigenschaften der Unterlage und des Edelreises entstanden. +Letzteres wäre sehr merkwürdig, da die Erfahrung, die wir täglich +bei der Veredelung unserer Obstbäume, der Rosen und anderer +Gewächse machen, sonst lehrt, daß die Unterlage ohne +allen Einfluß auf das Edelreis bleibt, daß beide ihre Eigenschaften +unvermischt behalten. – Die Bizzarrien sind seit der +Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt. Sie mußten ja +von Alters her durch ihr merkwürdiges Verhalten die Aufmerksamkeit +auf sich richten. Zum ersten Mal wird über die Bizzarria +im Jahre 1644 berichtet und angegeben, daß sie im Garten +Panciatichi in Florenz wachse. Im Jahre 1711 beschäftigte sich +<pb n='046'/><anchor id='Pg046'/> +die französische Academie der Wissenschaften mit derselben und +kam zu dem eigenthümlichen Schluß, sie sei eine ursprüngliche +Pflanzenart eben so gut wie die Orange oder die Citrone. +</p> + +<p> +In unserem nordischen Garten wird übrigens auch ein +kleiner Baum cultivirt, der sich ähnlich wie die Bizzarria verhält. +Es ist ein Goldregen, der dem Gärtner zu Ehren, der +ihn in den Handel einführte, +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus Adami</name> genannt wird. +Sein Ursprung ist ebenso wenig wie derjenige der Bizzarrien +aufgeklärt. Dieser äußerst zierliche und interessante Baum, der +sich leicht cultiviren läßt und bei keinem Gartenliebhaber fehlen +sollte, trägt zur Blüthezeit der Hauptsache nach Blüthentrauben, +die ganz so wie diejenigen des gewöhnlichen Goldregens +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus +Laburnum</name>) gebaut, aber nicht gelb, sondern mattroth sind. An +einzelnen Zweigen sind aber auch reingelbe Blüthentrauben, die +sich dann von denjenigen des gewöhnlichen Goldregens gar nicht +mehr unterscheiden, zu sehen. Außerdem trägt der Baum an +besonders gestalteten kleinblätterigen Zweigen purpurne Einzelblüthen, +welche, so wie die Zweige selbst, einer anderen Cytisus-Art, +dem <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus purpureus</name> gleichen. Endlich kommen gemischte +Blüthentrauben mit gelben und rothen Blüthen und mit Blüthen, +die zum Theil gelb, zum Theil roth sind, vor. Nur die gelben +Blüthen, die denjenigen des +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus Laburnum</name>, +und die purpurnen +Blüthen, die denjenigen des +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus purpureus</name> gleichen, +setzen Früchte an, die anderen verhalten sich wie häufig sonst die +Blüthen der Bastardpflanzen, sie sind unfruchtbar. Es ist möglich, +daß es sich bei +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus Adami</name> +um einen eigenartigen +Bastard zwischen <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus Laburnum</name> +und <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus purpureus</name> +handelt; der Gärtner Adam zu Vitry bei Paris gab seinerseits +an, ihn durch Veredelung von +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus purpureus</name> auf +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus +Laburnum</name> erhalten zu haben. +</p> + +<p> +In den Gärten von der Mortola wird Jeder gern auch +den Namen und die Heimath von zwei Pflanzen erfahren wollen, +die ihm in den Gärten der Riviera sicher zuvor schon aufgefallen +sind: nämlich der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Wigandia Caracasana</name> +und des <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Echium frutescens</name> +<pb n='047'/><anchor id='Pg047'/> +Die erstere ist eine stattliche, aus Venezuela stammende +Blattpflanze, die bis zwei Meter Höhe erreicht. Ihre sehr +großen Blätter sind elliptisch, am Rande doppelt gezähnt, beiderseits +behaart, an der Oberseite etwas rostfarbig. Die großen +violetten, mit gelben Staubfäden versehenen Blüthen bilden ährenförmige +Blüthenstände. Wie bei anderen Vertretern derselben +Familie, der Hydrophyllaceen und der nah verwandten Familie der +Boragineen oder der Boretsch-Gewächse, sind die Blüthenstände +von Wigandia in ihrem oberen Theile schneckenförmig eingerollt. +Der eingerollte Theil ist noch unfertig und rollt sich in dem Maße +auf als seine Blüthenknospen reifen. Solche Einrichtungen gewähren +den Vortheil einer sehr langen Blüthezeit. Da kann +die blühende Pflanze schlechte Witterung, oder sonst wie ungünstige +Zeiten überdauern, ohne daß ihre Samenbildung ganz +verhindert werde. Wie diese verhältnißmäßig große Wigandia, +so gehörte zu derselben Familie der Hydrophyllaceen das in +unseren Gärten häufig cultivirte bescheidene Hainschönchen, die +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Nemophila insignis</name>; +zu den nah verwandten Boragineen rechnen +wir von unseren Gartengewächsen unter anderen das als Küchengewächs +wohlbekannte Gurkenkraut +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Borago</name>), von wildwachsenden +Pflanzen unserer Flora den nicht minder verbreiteten Natterkopf +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Echium vulgare</name>). +Das in den Gärten der Riviera so auffällige, +oft bis zwei Meter hohe, mexikanische Echium frutescens, ist +eigentlich nur eine Riesenausgabe dieses letzteren. Wer unseren +Natterkopf kennt, wird auch jenes Riesen-Echium erkennen und +unter den anderen Gewächsen des Gartens sicher herausfinden. +Es trägt dieselbe blaue, kolbenförmige Blüthenähre wie unser +Echium, nur fällt dieselbe eben durch ihre Größe auf. +</p> + +<p> +Doch wir wenden uns nun einem Baume zu, dessen Zweige +einst wie jetzt den Sieger schmückten, dessen Blättern freilich auch +die bescheidene Aufgabe zufällt, unsere Speisen zu würzen. Der +edle Lorbeer, der mit italischen Bildern ebenso wie die Agrumi +verwebt erscheint, ist in Südeuropa sicher heimisch gewesen, sein +Cultus pflanzte sich hingegen allem Anschein nach von Kleinasien +<pb n='048'/><anchor id='Pg048'/> +über das Mittelmeer fort. Er wurde dem Apoll geweiht +und in dem Maße, wie die Zahl apollinischer Heiligthümer in +Griechenland zunahm, breiteten sich auch die aromatisch duftenden, +immergrünen Lorbeerhaine immer mehr über dieses Land +aus. Mit den griechischen Gottheiten gelangte der Lorbeerbaum +auf italischen Boden, und es begleitete ihn dort zugleich als +Cultus-Gewächs die der Aphrodite geweihte Myrte. +</p> + +<p> +Allgemein war im Alterthum der Aberglaube, daß der +Lorbeer gegen Dämonen, gegen Zauber und auch gegen Ansteckung +schütze. So suchte, wie berichtet wird, der furchtsame +Commodus im Lorbeerhaine Rettung, wenn die Pest im Anzug +war. Kronen von Lorbeer legte man Wahnsinnigen um Schläfe +und Hals, um sie zu heilen. Lorbeerfrüchte oder -Blätter genossen +die Priester des Apollo, wenn sie weissagen sollten; Lorbeer +trugen Propheten, wenn sie eine Stadt betraten. Der +Lorbeer sühnte das vergossene Blut. Daher die römischen Legionen +sich, ihre Feldzeichen und Waffen mit Lorbeer reinigten, +gleich nach dem Siege. Das hatte den Lorbeer folgerecht auch +zur Trophäe des Sieges und zum Zeichen der glücklich vollbrachten +Waffenthat gemacht. Als eine Freude und als ein +Glück verheißendes Augurium wurde verkündet, es sei am Tage, +an welchem Augustus das Licht der Welt erblickte, ein Lorbeer +vor dem Palatin entsprossen. Die reinigende Kraft des Lorbeers +veranlaßte dessen Verwendung zu Aspergillen. Der Strenggläubige +besprengte sich beim Eintritt wie beim Ausgang aus +dem Tempel mit dem Lorbeerzweig, den er in das Weihwasser +tauchte, und gern auch nahm er beim Herausgehen ein Lorbeerblatt +vom Sprengwedel in den Mund. Die römisch-katholische +Kirche hielt sich nicht an den Lorbeer als Sprengwedel, übernahm +vielmehr den Ysop +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Origanum Smyrnaeum</name>) +zu gleichem +Zwecke von den Juden. +</p> + +<p> +Der Lorbeer brennt, nach Plinius, nur unwillig und zeigt +dies durch sein Knistern an. Der feuerabwehrenden Kraft des +Lorbeers wurde es zugeschrieben, daß bei dem großen Brande +<pb n='049'/><anchor id='Pg049'/> +Roms unter den Consuln Spurius Postumius und Piso, als die +Regia in Flammen stand, das Sacrarium unversehrt blieb, da +ein Lorbeer vor demselben stand. Andererseits war es gerade +das Lorbeerholz, das im Alterthum zur Erzeugung des Feuers +diente; doch fing es nicht selbst Feuer, es bildete vielmehr, wie +uns Theophrast und Plinius berichten, das Reibholz, während +die Unterlage, die durch Reibung entzündet wurde, meist aus +Wegedorn (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rhamnus</name>) +oder aus Epheuholz bestand. Ein reines +Feuer zu den Sacra durfte nur der Reibung zweier glückbringender +Hölzer entstammen, oder den Sonnenstrahlen, die +man mit Hülfe von Brenngläsern oder von metallischen Hohlspiegeln +sammelte. Der Lorbeer sollte auch die Blitze abwehren. +Daher auch der abergläubische Tiberius, wie Suetonius berichtet, +sich mit Lorbeer bekränzte, wenn ein Gewitter nahte. +Gewisse Erfahrungen mögen die Vorstellung erweckt haben, daß +dem Lorbeer bei Gewittern besondere Kräfte innewohnen. Denn +es werden nicht alle Bäume gleich häufig vom Blitze getroffen. +Auch bei uns schlägt der Blitz fast niemals in Wallnußbäume +ein, am häufigsten aber in Eichen. Es hängt das mit der +elektrischen Leitungsfähigkeit des Holzkörpers zusammen, die bei +den einzelnen Baumarten eine verschiedene ist. Aus den angestellten +Versuchen und dem statistischen Material scheint sich zu +ergeben, daß Bäume, die zur Jahreszeit der Gewitter verhältnißmäßig +viel fettes Oel in ihrem Holzkörper führen, dem Blitzschlag +am wenigsten ausgesetzt sind. Abgestorbene Aeste an +einem Baume erhöhen für denselben die Blitzgefahr. Daß die +Eichen am häufigsten vom Blitze getroffen werden, mußte von +jeher auffallen, daher die Eiche auch dem Donnergott geheiligt +war. Von dem Lorbeer ist die gegentheilige Erfahrung weniger +sicher, zum Mindesten ist sie in Zweifel gezogen worden. +</p> + +<p> + Zu den Lorbeerarten gehört auch der Campherbaum + (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Laurus +Camphora</name>), der im westlichen China und in Japan zu Hause +ist und im La Mortola-Garten sehr gut gedeiht. Völlig ausgewachsen, +kann er bis fünfzig Meter hoch und sechs Meter dick +<pb n='050'/><anchor id='Pg050'/> +werden. Seine Blätter verbreiten beim Zerreiben einen merklichen +Camphergeruch. Der Campher wird aber im Großen +nicht aus den Blättern, sondern aus dem Holzkörper dieses +Baumes durch Sublimation gewonnen. +</p> + +<p> +Die zu den Laurineen gehörenden Zimmetbäume sind in +La Mortola ebenfalls zu sehen, freilich nicht die wichtigste Art +derselben, das in Ceylon heimische +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cinnamomum ceylanicum</name>, +sondern zwei chinesische und japanische Arten. Der Zimmet +des Handels besteht aus der Rinde junger Schößlinge, welche +nach starken Regengüssen geschnitten und geschält werden. +</p> + +<p> +Im schroffen Gegensatze zu diesen duftenden Pflanzen steht +eine andere Laurinee, ein hier prächtig gedeihender, immergrüner +Baum, dessen Name: +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Orcodaphne californica</name>, +zugleich die +Heimath angibt. Häufig wird er in den Gärten als +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Laurus +regalis</name> bezeichnet. Er gleicht in der That in seinem Aussehen +einem Lorbeer, zerreibt man aber eines seiner Blätter zwischen +den Fingern, so strömt ein ätherisches Öl aus, dessen geringste +Mengen schon in hohem Grade die Schleimhaut der Geruchsorgane +angreifen. In Californien verweilt man nicht gern in +der Nähe eines solchen Baumes, wenn der Wind von dessen +Seite weht, denn die flüchtigen Öle, mit denen er sich beladen. +hat, reizen zum fortdauernden Niesen. +</p> + +<p> +Man wird sich in La Mortola auch mit einer anderen +Laurinee, der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Persea gratissima</name>, +bekannt machen können, welche +in den Gärten der Tropen viel cultivirt wird und die Aguacatebirnen +liefert. Die Krone dieses schönen Baumes breitet sich +domartig aus, seine Blätter gleichen denjenigen des Lorbeers. +Die birnförmigen, doch oft auch sehr unregelmäßig gestalteten +Früchte sind große Steinfrüchte, mit einem Kern im Innern. +Ihr Fleisch schmilzt wie Butter auf der Zunge und erinnert im +Duft an die feinsten Moschusmelonen. Die Mexikaner essen die +Aguacaten vornehmlich als Salat und suchen sich in der schmackhaften +Zubereitung derselben zu überbieten. +</p> + +<p> +Auch noch einige andere tropische Früchte reifen gut im +<pb n='051'/><anchor id='Pg051'/> +La Mortola-Garten, so die Guavas oder Guayaben, welche man +von zwei Psidiumarten dort erntet. Die Gattung Psidium gehört +zu den Myrten-Gewächsen und wird in allen Tropenländern +cultivirt. Die Guavas vertreten dort in gewissem Sinne unsere +Stachelbeeren, denn sie sind eben so fruchtbar, beginnen rasch +Früchte zu tragen und lassen sich leicht vermehren. Sie wachsen +zu Sträuchern oder kleinen Bäumen mit immergrünen Blättern +empor und tragen Früchte, die in ihrer Größe zwischen der +Wallnuß und dem Hühnerei schwanken. Diese Früchte werden +ohne Zuthat oder mit Wein und Zucker gegessen. Manche +erinnern an Erdbeeren, andere besitzen einen süßsäuerlichen Geschmack, +andere noch einen so durchdringenden Duft, daß sie +nicht Allen munden. Sehr geschätzt werden auch die Guavas-Gelées +in den Tropen, und man beginnt dieselben auch nach +Europa einzuführen. +</p> + +<p> + Eine andere in La Mortola cultivirte Myrtacee, die + <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Jambosa +vulgaris</name>, liefert »Rosenäpfel«, welche den Geschmack reifer +Aprikosen haben und nach Rosenwasser duften. Der Baum +selbst ist reich verzweigt und trägt immergrüne Blätter, die in +ihrer Gestalt den Pfirsichblättern gleichen. +</p> + +<p> +Wichtig sind, mehr noch ihres Holzes als ihrer Früchte +wegen, die zu den Ebenholzbäumen gehörenden Diospyros-Arten. +Der japanisch-chinesische <name type="taxonomic" rend="antiqua">Diospyros Kaki</name>, den man in +La Mortola zieht, liefert die Kakis. Ein kleiner Baum mit +eirunden Blättern, gelblichweißen Blüthen und runden, etwa +pfirsichgroßen, röthlichgelben Früchten. Diese Früchte müssen +überreif werden, um feinen Geschmack zu gewinnen, dann halten +sie die Mitte zwischen Pflaumen und Aprikosen. An der +Riviera reifen die Kakis im October. In Japan benutzt man +auch das Holz dieser Bäume, das dem Holz unserer Wallnußbäume +ähnelt. Doch weit übertroffen wird das Kakiholz von +dem Holz der südindischen und ceylonischen +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Diospyros Ebenum</name> +und anderen ihm nahe verwandten Arten, welche das Ebenholz +liefern. Das schwarze Kernholz dieser Bäume war schon im +<pb n='052'/><anchor id='Pg052'/> +Alterthum bekannt. Es galt als das geschätzteste Holz jener +Zeiten. Nicht nur Theophrast, sondern auch das alte Testament +sind seines Lobes voll. Seine Dichte und seine dunkle Färbung +verleihen ihm so hohen Werth; durch seine Schwere ist es leicht +von anderen schwarz gebeizten Hölzern zu unterscheiden. +</p> + +<p> + Die zu den Anacardiaceen gehörige ostindische + <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mangifera +indica</name>, den Mango-Baum, der die köstlichste Frucht der Tropen +liefert, gelang es bis jetzt nicht in La Mortola zu erhalten. +Wohl aber wird man zahlreiche andere Anacardiaceen sehen. +Zu diesen gehört auch der mit hellgrünen gefiederten Blättern +und mit rothen Fruchttrauben versehene Baum, dem man so oft +in den Gärten und an den Straßen der Riviera begegnet und +der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Schinus Molle</name> +heißt. Dieser Baum wird als Pfefferbaum +bezeichnet. Mit dem echten Pfeffer haben seine pfefferkorngroßen +Beeren aber nichts gemein. Der echte Pfeffer stammt vielmehr +von schlanken ostindischen Lianen +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Piper nigrum</name>), die nach Art +des Epheus klettern und mit Luftwurzeln an der Unterlage +haften. Die Fruchttrauben von +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Schinus Molle</name> sind aber denjenigen +des Pfeffers wirklich ähnlich und nähern sich dem Pfeffer +auch im Geschmack. Ein Getränk, das in Peru und Brasilien +aus diesen Beeren dargestellt wird, soll an Wein erinnern. +Es liegt für uns nahe, auch die in La Mortola cultivirten +Vertreter der Gattung Zizyphus zu beachten. Befindet +sich doch unter denselben der in Südeuropa und an der nordafrikanischen +Küste einheimische +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus lotus</name>. Im Alterthum +wurden mehrere Pflanzen Lotus genannt, doch ist +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus +lotus</name> allem Anschein nach jener Strauch, den Theophrast als +Lotus bezeichnet. Von den Früchten dieses Strauches wäre +somit schon bei Homer die Rede. Sie bildeten ein wichtiges +Nahrungsmittel der Armen, und die Bewohner von Tunis und +Tripolis hießen, weil sie sich vornehmlich von diesen Früchten +ernährten, Lotophagen. Die Pflanzengattung Zizyphus gehört +zu den Kreuzdorn-Gewächsen +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rhamneen</name>). Die Früchte von +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus lotus</name> sind so groß wie Schlehen; ihr mehliges Gewebe, +<pb n='053'/><anchor id='Pg053'/> +das den inneren Kern umgibt, kann zu Brod verbacken werden +und auch ein gährendes Getränk liefern. Aus den Früchten +anderer Arten, so vor Allem des +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus vulgaris</name>, eines in +Syrien heimischen Bäumchens, und von <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus jujuba</name>, einem +Bäumchen, das in Ostindien wächst, werden die früher sehr beliebten +Jujubapasten dargestellt. Von <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus spina Christi</name>, +einem im Thale des Jordan und am Todten Meere verbreiteten +dornigen Strauche, dem Nebeg oder Sfidr, geht die Sage, +aus ihm sei die Dornenkrone Christi geflochten worden. Man hat +auch die in unseren nordischen Gärten cultivirten dornigen +Gleditschien als Christus-Akazien bezeichnet und mit ihnen die +Vorstellung von Christi Dornenkrone verknüpft, doch dies unter +allen Umständen mit Unrecht, da die Gleditschien erst im achtzehnten +Jahrhundert aus Nordamerika eingeführt wurden. Die +Zizyphus-Arten werfen des Winters ihre Blätter ab, treiben +aber zeitig im Frühjahr und bedecken sich mit sehr dunklem +Laub. Da sie sehr dünne Zweige haben, hängen diese abwärts +und gewähren mit den sich röthenden Früchten beladen, später +ein sehr zierliches Bild. +</p> + +<p> +Unter den Anacardiaceen von La Mortola, die ein besonderes +Interesse bieten, befindet sich auch der echte Pistazienbaum (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pistacia + vera</name>), dann die +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Rhus succedanea</name>, welche das japanische Baumwachs +liefert, sowie die <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rhus vernicifera</name>, aus deren Milchsaft +die Japaner den berühmten japanischen Lack bereiten. Das Ausfließen +dieses sehr giftigen Milchsaftes wird durch Einschnitte in +die Rinde veranlaßt. Um den Lack aus ihm zu machen, versetzt +man ihn mit dem Öle von <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Bignonia tomentosa</name>, oder von +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Perilla ocymoides</name> und fügt auch wohl Zinnober hinzu. Die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rhus vernicifera</name> hält im Freien selbst in den wärmeren Theilen +von Deutschland aus. +</p> + +<p> +Ein äußerst niedlicher Strauch ist <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Capparis spinosa</name>, +welcher die echten Kapern liefert. Im Blüthenschmuck sieht man +ihn erst im Herbst, und wer einmal um jene Zeit, am Comer +See entlang, von Cadenabbia nach Tremezzo wanderte, dem +<pb n='054'/><anchor id='Pg054'/> +werden sicher vor dem Eingang in den letzten Ort die dunkelgrünen +Kapernsträucher an der Mauer, wegen ihrer schönen +Blüthen, aufgefallen sein. Lange violette Staubgefäße in großer +Zahl strahlen aus der schneeweißen zarten Blüthenhülle hervor, +freilich hier so hoch an der Mauer, daß man sie nur schwer +erreichen kann. An vielen Orten der Riviera wird der Kapernstrauch +im Großen gezogen, seine Blüthenknospen sind es und +nicht die Früchte, die als Kapern dienen. Man pflückt sie im +Sommer und legt sie in Weinessig ein; viel Tausende von +Kilogrammen Kapern werden so in der Provençe bereitet. +</p> + +<p> +Staunend bleibt man wohl im La Mortola-Garten vor +einer Nachtschattenart, dem baumartigen <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Solanum Warszewiczii</name>, +stehen, an welchem Früchte von Größe und Gestalt der Hühnereier +hängen. Dann bemerkt man auch das krautartige <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Solanum +Melongena</name>, dessen gurkenförmige violette Früchte gekocht werden, +und oft als Gemüse den Braten an italienischer Tafel garniren. +</p> + +<p> +Unter den krautartigen Gewächsen fallen uns auch wohl +manche Doldenpflanzen (Umbelliferen) durch ihre Größe auf. +Sie sind bei weitem mächtiger noch als die Meisterwurz, die +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Imperatoria</name>, unserer Gärten entwickelt. Besonders imponirt +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ferula communis</name>, +das Stecken- oder Ruthenkraut, das auch +eine eigene Geschichte besitzt. Dieses Doldengewächs, das am +Mittelmeer zu Hause ist, kann eine Höhe bis zu vier Meter +erreichen. Den Stengel benutzte man im Alterthum zu Spazierstöcken +und seiner Zähigkeit wegen auch zum Züchtigen von +Sklaven und Kindern, wozu man ihn zuvor im Wasser einzuweichen +pflegte. Davon kommt der Name +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ferula</name>, der von +<foreign lang='la' rend='antiqua'>ferire</foreign> +(geißeln) abgeleitet ist. Das Mark des Stengels ist sehr +locker und wird heute noch in Sicilien als Zunder benutzt. Das +Feuer glimmt in diesem Mark fort, und daher geht die Sage, +Prometheus habe in einem solchen Ferulastengel das Feuer zur +Erde gebracht, das er dem Zeus entwandte. – Der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ferula + communis</name> steht sehr nah der Stink-Asand, die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ferula Scorodosma</name> +der persischen Steppen. Sie ist eine derjenigen Umbelliferen, +<pb n='055'/><anchor id='Pg055'/> +welche die +<foreign rend='antiqua'>asa foetida</foreign> +liefern. Dieses Gummiharz entstammt +vornehmlich der Wurzel dieser Pflanzen. Sein Duft hält die +Mitte zwischen Knoblauch und Benzoë. Die Pflanze war allem +Anschein nach schon den Alten bekannt und von ihnen als +Silphium bezeichnet. Das Gummiharz hieß Laser. Mit dem +Laser würzte man die Speisen und die Perser benutzen es heute +noch als Gewürz. Auch gab es eine Zeit, wo +<foreign rend='antiqua'>asa foetida</foreign> in +Frankreich beliebt war, und man mit derselben die Suppenteller +einrieb, um die Suppe »schmackhafter« zu machen. +</p> + +<p> +Der graublätterige, immergrüne Baum, welcher »japanische +Mispeln« trägt, die »<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eriobotria</name>« oder <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Photinia japonica</name> ist in +den Gärten der Riviera so verbreitet, daß man ihn in La Mortola +schon als alten Bekannten begrüßt. Die lichtgelben, säuerlich-süßen, +pflaumengroßen Früchte hat man oft schon bei Mahlzeiten +genossen, sie allenfalls auch schmackhaft gefunden, wenn sie sehr +reif und frisch waren. Der Baum stammt ursprünglich wohl +aus China. Rein's Angaben zufolge ist er 1787 mit anderen +Ziergewächsen und Nutzpflanzen durch Sir Joseph Banks nach +England gebracht worden. Jetzt reicht er über ganz Italien +und ist selbst am Genfer See zu finden. +</p> + +<p> +Diesem Baume nahe verwandt ist ein anderer von gleich +geringer Höhe, der in den Gärten der Riviera sehr viel cultivirt +wird und jedem Pflanzenfreund daher auffallen muß: die in +Japan und China heimische +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Photinia serrulata</name>. Ihre großen +Blätter sehen lorbeerartig aus, zwischen denselben leuchten die +flachen weißen Blüthenrispen hervor. Aus der Ferne sehen sie +fast so wie die Blüthenstände unseres Holunders aus. Die +Photinien gehören zu den Rosifloren. Sie zeigen manche Übereinstimmung +mit den Weißdornarten, der Gattung +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Crataegus</name>, +und werden mit denselben zum Theil vereinigt. Im La Mortola-Garten +ist die in der Nähe des Einganges stehende +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Photinia + serrulata</name> daher auch mit ihrem Synonym als +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Crataegus glabra</name> +bezeichnet. +</p> + +<p> +Mit einigem Interesse sieht man sich im Garten von La +<pb n='056'/><anchor id='Pg056'/> +Mortola einen stattlichen, mit harten, kleinen Blättern bedeckten +Baum, die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Quillaja Saponaria</name> +an, der, wie die japanische +Mispel, zu den rosenblüthigen Gewächsen gehört, merkwürdig +aber durch seine saponinreiche Rinde ist. Diese Rinde, die als +Panamaholz aus Chile importirt wird, schäumt in Wasser auf +wie Seife, steht als solche in Chile allgemein im Gebrauch, dient +auch bei uns zum Waschen von Wolle und Seide und zu kosmetischen +Zwecken. +</p> + +<p> +Als wohl bekannte Pflanzenform begrüßt man den Johannisbrodbaum +oder Caroubier (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ceratonia siliqua</name>). Man hat +ihn schon in weit prächtigeren Exemplaren in der Umgebung +von Mentone gesehen. Alte Stämme erinnern in der Form +an unsere Eichen; an den paarig gefiederten lederartigen Blättern +ist aber der Johannisbrodbaum als solcher sofort zu erkennen. +Die Hülsen, Leckerbissen, die auf keinem Jahrmarkt fehlen, und +an denen sich Kinder allgemein erfreuen, sind im Frühjahr noch +so klein, daß man sie an den Zweigen suchen muß. Aus den +reifen Hülsen wird ein süßer, honigähnlicher Saft gepreßt, der +als Keratameli im Orient genossen wird. Mit diesen Hülsen +soll, der Sage nach, Johannes der Täufer sich in der Wüste ernährt +haben und der Baum nach dem Vorläufer des Messias +seinen Namen führen. Die reifen Samen innerhalb der Hülsen +zeichnen sich durch auffallend übereinstimmende Größe aus, +woraus sich erklärt, daß sie einst als Gewichte dienten und der +kleinen Einheit im Gold- und Diamantengewicht den Namen +gaben. Denn Karat stammt von Kerateia, dem griechischen +Wort für diese Hülse. Um gute Früchte zu tragen, muß der +Baum veredelt werden, und es waren jedenfalls die Araber, +welche die bessere Fruchtform dieses Baumes am Mittelmeer verbreiteten. +Er ist in Süd-Arabien wohl zu Hause, doch an vielen +Orten der Riviera jetzt verwildert. +</p> + +<p> +Im La Mortola-Garten werden auch der Theestrauch und +Kaffeebaum im Freien gezogen. Der Theestrauch, der baumförmig +bis zu fünfzehn Meter Höhe emporwachsen kann, macht +<pb n='057'/><anchor id='Pg057'/> +den Eindruck einer Camellie, und in der That gehört er auch +wie diese zu der Familie der Ternströmiaceen, ja er wird jetzt +sogar als <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Camellia Thea</name> +mit dem Camellienbaum in derselben +Gattung vereinigt. Der Name Camellia, den diese Pflanzengattung +führt, klingt so poetisch, vielleicht weil man an die +»Camelien-Dame« bei demselben denkt; thatsächlich hat er aber +einen viel prosaischeren Ursprung. Er entstand nämlich aus +Kamel, dem Familiennamen eines Jesuitenpaters, der vor mehr +als anderthalb Jahrhunderten die Camellie aus Manilla nach +Spanien brachte. Diesem Georg Kamel zu Ehren benannte +Linné die Pflanze, er fügte +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>japonica</name> hinzu, da die Camellie +in Japan zu Hause ist, und von dort aus auch nach Manilla +gelangt war. – Die Blüthen des Theestrauches erinnern sehr +an die ungefüllten Camellien und haben zahlreiche Staubfäden +wie diese. In La Mortola blüht der Theestrauch im September. +Seine porzellanweißen, rosa angehauchten Blüthen, die sich aus +den Blattachseln vordrängen, verbreiten einen nur schwachen +Duft. Nach den Berichten des Rev. B. C. Henry ist die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Camellia +Thea</name> wild in großen Mengen noch im Innern der südchinesischen +Insel Hainon zu finden. Die zahlreichen Theesorten +verdanken der verschiedenen Zeit des Einsammelns, dem verschiedenen +Alter der eingesammelten Blätter und deren verschiedener +Behandlung ihre besonderen Eigenschaften. +</p> + +<p> + Der arabische Kaffeebaum, die + <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Coffea arabica</name>, ist ein kleiner +pyramidaler Baum, der bis zu fünf oder sechs Meter Höhe +emporwächst. Er trägt seine immergrünen dunklen Blätter in +gekreuzten Paaren. Die weißen, nach Orangen duftenden Blüthen +stehen gehäuft in den Achseln der obersten Blätter. Die Früchte, +die aus diesen Blüthen hervorgehen, sind kirschgroße, dunkelrothe +Beeren, die zwei Samen, die sogenannten Kaffeebohnen, enthalten. +Der Kaffeebaum führt seinen Namen nach dem Bergland Kâfa +im südlichen Abyssinien. Man hat überhaupt die südlichen Provinzen +von Hoch-Abyssinien für den Ursprungsort des arabischen +Kaffeebaumes gehalten, doch ist derselbe in neuerer Zeit wild +<pb n='058'/><anchor id='Pg058'/> +am Victoria-Nyansa und in Westafrika gefunden worden, so daß +Centralafrika wohl die eigentliche Heimath dieser Culturpflanze +sein dürfte. Afrika hat uns neuerdings auch noch eine zweite +Art des Kaffeebaumes geliefert, die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Coffea liberica</name>. Sie wird +in den tiefer gelegenen Theilen der tropischen Küstendistricte gefunden, +ist gegen Temperaturwechsel empfindlicher als die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Coffea +arabica</name>, verträgt aber besser die Seewinde. Da sie durch Größe +der Samen und feines Aroma derselben ausgezeichnet ist, so beginnt +ihre Cultur sich über die tropischen Länder bereits auszubreiten. +</p> + +<p> +In den Kaffeegärten Arabiens und Abyssiniens wird auch +ein zu den Celastrineen gehörender Strauch cultivirt, mit gegliederten +Ästchen, lederartigen, lanzettförmigen Blättern, den +man in La Mortola sehen kann und der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Catha edulis</name> heißt. +Es ist das die Khatpflanze, deren getrocknete Blätter von den +Arabern theils wie Tabak gekaut, theils auch mit Wasser aufgebrüht +und als Thee genossen werden. In Südamerika dienen +andererseits ganz allgemein der Theebereitung die Blätter des +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ilex paraguayenses</name> einer dem Khatstrauch ziemlich nah verwandten +Aquifoliacee, die in Paraguay und Brasilien zu Hause +ist. Man bezeichnet diese Blätter dort als +<foreign rend='antiqua'>Yerba</foreign> oder als +<foreign rend='antiqua'>Mate</foreign>. Dieser Strauch wird zwar im La Mortola-Garten nicht +cultivirt, doch sieht man dort andere immergrüne Ilex-Arten, die +ihm sehr ähneln. – Die vorhandenen Arten der Sterculiaceen-Gattung +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Sterculia</name> können andererseits auch das Bild der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Sterculia +acuminata</name> oder <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cola acuminata</name> ersetzen, welche den +afrikanischen Negern die »Kolanüsse« liefert. Diese Früchte +sehen wie Kastanien aus und haben schwach bitteren Geschmack. +Die Neger wissen sie nicht genug zu preisen, denn sie sollen den +Körper stärken, schlechtes Wasser trinkbar machen, gegen allerlei +Krankheiten helfen, den Hunger stillen und das Gemüth erheitern. +Thatsächlich enthalten auch die Kolanüsse Theïn, ähnlich wie die +Thee- und Kaffeepflanzen und außerdem Theobromin wie die +Chocolade. Der Genuß dieser Früchte beginnt jetzt bis nach +England vorzudringen. +</p> +<pb n='059'/><anchor id='Pg059'/> +<p> +Es fällt im La Mortola-Garten wie in den anderen Gärten +der Riviera wohl auf, daß die Camellien, Rhododendren und +Azaleen so stark gegen andere Pflanzen zurücktreten. Man erblickt +sie nur vereinzelt und bei weitem weniger schön und kräftig +wie etwa an den italienischen Seen entwickelt. Das hat in der +Zusammensetzung des Bodens seinen Grund. Der so überaus +kalkreiche Boden der Riviera sagt diesen Pflanzen nicht zu, die +ausgeprägte Humusbewohner sind, außerdem reiche Bewässerung +verlangen. +</p> + +<p> +Einen wichtigen Handelsartikel im Alterthum und Mittelalter +haben auch wohlriechende Balsame gebildet. Ein Bäumchen, +das solchen Balsam lieferte, tritt uns in La Mortola in dem +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Styrax officinalis</name> entgegen. Dieses Gewächs ist in der Belaubung +einem Quittenbaum äußerst ähnlich; es entfaltet in +La Mortola im Mai und Juni auch seine weißen, mit goldgelben +Staubfäden versehenen, wohlriechenden Blüthen. Ein +Haupterzeuger solcher Balsame, die als Parfüm, als Räucherwerk +und zu Salben dienten, war der Storax-Baum +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Liquidambar +orientale</name>). Die duftende Myrrhe, die zu gottesdienstlichen +Zwecken auch den Griechen dient, stammt andererseits von +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Balsamodendron + Myrrha</name>, der Weihrauch, oder das <name>Olibanum</name>, von +Boswellia-Arten, die im äußersten Osten von Afrika und auf +dem arabischen Küstenstriche wachsen. +</p> + +<p> +In dem Garten von La Mortola kann man auch die zu +den Hülsengewächsen gehörende +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Indigofera tinctoria</name> sehen, eine +Pflanze, die zu den wichtigsten der Indigo liefernden Gewächse +zählt. Sie stellt einen kleinen Strauch vor, der in Ostindien +zu Hause ist, der aber jetzt in anderen Ländern zwischen den +Wendekreisen, ja selbst an einzelnen Stellen um Neapel cultivirt +wird. Sie trägt unpaarig gefiederte Blätter und entsendet aus +den Achseln derselben ihre Blüthenstände, die mit kleinen weißen +oder rosenrothen Blüthen besetzt sind. Ihre nächste Verwandte, +die man auch in La Mortola sehen kann, die zierliche +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Indigofera +Dosua</name> aus dem Himalaya, wird auch in unseren Gärten gezogen. +<pb n='060'/><anchor id='Pg060'/> +Wie in anderen Indigo liefernden Pflanzen, zu denen +auch unser Waid (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Isatis tinctoria</name>) und der chinesische Färber-Knöterich +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Polygonum tinctorum</name>) +gehören, ist in der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Indigofera +tinctoria</name> der Indigo nicht schon als solcher vorhanden. Die +zerkleinerten Pflanzen müssen vielmehr erst einen Gährungsproceß +im Wasser durchmachen. Dieses wird abgegossen, wenn +es sich stark grüngelb färbt und dann gerührt und geschlagen, +um mit dem Sauerstoff der Luft in möglichst reiche Berührung +zu kommen. Dabei scheidet sich der Indigo als unlösliches +Pulver ab. Er bildet die »echteste« und geschätzteste Pflanzenfarbe, +die auch schon den Alten bekannt war und bei ihnen als +Indicum hoch im Werthe stand. Wie in der Jetztzeit London, +so bildete einst Bagdad den Weltmarkt für diesen Artikel. +</p> + +<p> +Aus den exotischen Pflanzenformen ragen allseitig Nadelhölzer +hervor. Sie stechen eigenartig von denselben ab. Wir +sind mit ihren Gestalten wohl vertraut und selbst die so regelmäßig +geformten Araucarien sehen wie etwas gezierte Tannen +aus. In den Gewächshäusern der Heimath sah auch jeder schon +die Cycadeen, die hier in einer Anzahl von Arten unter freiem +Himmel gedeihen. Dem Laien wird es schwer, sich vorzustellen, +daß die Cycadeen Verwandte der Nadelhölzer sind. Scheinen +sie doch mit ihrem unverzweigten Stamm und mit ihrer einfachen +Krone aus langen gefiederten Blättern, weit mehr den +Palmen zu gleichen. Mit diesen haben sie aber thatsächlich nur +eine gewisse Ähnlichkeit gemein. Diese äußere Ähnlichkeit der +Cycasblätter und der Palmenblätter hat es aber bewirkt, daß +sie oft fälschlich als Palmenblätter bezeichnet werden und als +solche bei Begräbnissen Verwendung finden. Thatsächlich ist das +aber eine arge Verwechselung. Denn Palmblätter und nicht +Cycaswedel sollen es, der Tradition nach, sein, die man +den Todten auf den Sarg legt, sowie es Palmenblätter sind, +die christliche Märtyrer in der Hand halten und die auf den +Gräbern in den Katakomben dargestellt werden. +</p> + +<p> +Den Palmen werfen wir in La Mortola nur flüchtige +<pb n='061'/><anchor id='Pg061'/> +Blicke zu, da wir sie ja in Bordighera schon eingehend betrachtet +haben. Hingegen fesseln unsere Aufmerksamkeit die zahlreichen +Arten von Bambusen, die hier stellenweise schon zu mächtiger +Entwickelung gelangten. Daß diese Pflanzen, trotz ihrer bedeutenden +Höhe, die beim gemeinen Bambus +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Bambusa arundinacea</name>) +oft dreißig Meter erreicht, zu den Gräsern gehören, +kann nur Denjenigen in Erstaunen versetzen, der sich die Gräser +ausschließlich als Wiesenkräuter vorstellt. Thatsächlich haben +wir schon in unseren Schilfrohr-Arten Vertreter der Gramineen-Familie +vor Augen, die zu ansehnlicher Höhe emporwachsen. +Die Bambusen sind unserem Schilfrohr in mancher Beziehung +ähnlich. Während letzteres aber bei uns nur eine beschränkte +Verwendung findet, gibt es in den heißen Ländern kaum eine +Pflanze, die mannigfaltigeren Nutzen als der gemeine Bambus +stiftet. Die jungen Wurzelsprosse dienen als Gemüse, vornehmlich +verwenden sie aber die Chinesen zur Bereitung eines beliebten +Confectes, das dem Ingwer oft zugesetzt wird. Aus +jüngeren Halmen stellt man in den heißen Ländern Wände, +Zäune und anderes Flechtwerk her; aus den Blättern macht +man Matten und Hüte, verpackt auch oft den Thee in dieselben. +Junge Blätter dienen als Viehfutter. Aus den Fasern der +Halme bereiten die Chinesen ihr berühmtes Papier, das durch +seinen Seidenglanz, seine Weichheit und seine geringe Dicke +ausgezeichnet ist. Die hohlen Stämme sind sehr leicht, besitzen +trotzdem einen ganz außerordentlich hohen Grad von Festigkeit +und werden zu Bauten verwendet, die allen äußeren Angriffen +trotzen. Die ganze Oberfläche des Stammes ist verkieselt, und +so kommt es, daß dieser nicht allein in der Luft, sondern auch +im Boden sich sehr lange hält. Daher die Stämme auch als +Wasserleitungsröhren und Wasserrinnen dienen, nachdem man +zuvor die Scheidewände durchbohrte, welche das Innere des +hohlen Stammes durchsetzen. Andererseits lassen sich die einzelnen +Glieder des Stammes als Wassereimer und als Blumentöpfe +verwenden, wenn man die Scheidewände unversehrt läßt. +<pb n='062'/><anchor id='Pg062'/> +Aus Bambus werden Brücken und Flösse, aus Bambus Betten, +Stühle und Tische gefertigt, mit Bambusfasern Matratzen +<corr sic='gegefüllt'>gefüllt</corr> +und Möbel gepolstert. Leitern aus Bambus sind sehr +beliebt. Aus Bambus stellt man Eß- und Trinkgefäße, chirurgische +Instrumente und selbst Haarkämme her, und als ob gezeigt +werden solle, daß der Bambus einer jeglichen Verwendung fähig +sei, verfertigen die Bewohner von Borneo und Sumatra aus +demselben sogar Lampen, in welchen Dammaraharz gebrannt +wird, und mit Dammaraharz gefüllte Kerzen, deren Hülle zugleich +mit der Füllung in Flamme aufgeht. Bambusstöcke +kennen auch wir: sie werden aus den zähen, knotigen Wurzelausläufern +fabricirt, denen eine innere Höhlung abgeht. +Ebenso muß zu Kriegszwecken der Bambus das Material hergeben: +er liefert Lanzen und Wurfspieße von unübertrefflicher +Leichtigkeit und Härte. Zu gleicher Zeit ist der chinesische +Soldat ausgerüstet mit einem Sonnenschirm aus Bambus, +dessen Überzug aus gefirnißtem Maulbeerpapier besteht. Desgleichen +sollen die hohlen Stengeltheile des Bambus als Musikinstrumente +zur Verschönerung des Lebens beitragen. Sie +werden zu Flöten und Clarinetten verarbeitet, auch als Resonanzböden +und selbst in Gestalt von Saiten verwendet. Ja +C. Schröter berichtet, daß die Atchinesen es sogar verstanden +haben, aus Bambus eine Art Telephon herzustellen, durch welche +sie ihre Wachtposten in Verbindung setzen. – Die Höhlungen +junger Stammtheile enthalten meist klares Wasser, mit welchem +in Indien und in den Bergen von Java der Reisende seinen +Durst stillen kann. – Die Bambusen blühen selten; stellt sich +aber ein Blüthenjahr ein, so gibt es eine große Fruchternte. +Die Früchte werden wie Reis gegessen oder in Brot verbacken, +und wiederholt schon, so 1812, ist durch das Blühen der Bambusen +eine Hungersnoth in Indien abgewendet worden. Mit +Recht konnte somit Wallace, einer der besten Kenner der Tropen, +aussprechen, daß der Bambus eines ihrer herrlichsten Producte +sei. – Am vollkommensten haben Chinesen, Japaner und die +<pb n='063'/><anchor id='Pg063'/> +Bewohner Indiens und des indischen Archipels ihn auszunutzen +gewußt. In China gibt es ganze Dörfer, die nur aus Bambus +aufgebaut sind. Einen merkwürdigen Eindruck soll es machen, +wenn ein solches Dorf in Brand geräth. Die Luft erhitzt sich +alsdann in den abgeschlossenen Gliedern der Bambusstämme +und sprengt dieselben mit gewaltigem Knall. Man hört aus +der Ferne wie Kanonendonner, in welchem die Eingeborenen +der Molukken deutlich den Ruf »Bambu, Bambu« zu vernehmen +glauben. +</p> + +<p> +In einer Pflanze, die so viel Nutzen stiftet, lag es dem +Naturmenschen nahe, auch nach verborgenen Heilkräften zu +suchen. In China werden die Wurzelstöcke, die jungen Sprosse, +der Saft, der Samen, bestimmte Auswüchse der Pflanze, als +Medicamente verwendet. Zu besonderer Berühmtheit gelangte +aber als Heilmittel ein eigenthümlicher Körper, der sich in den +hohlen Gliedern der Stämme findet und Tabaschier genannt +wird. Schon die Mediciner der römischen Kaiserzeit wandten +denselben viel an, gestützt auf orientalische Traditionen. Einen +Weltruf gewann der Tabaschier aber erst durch die arabischen +Ärzte im zehnten und elften Jahrhundert, und er gilt immer +noch als ganz hervorragendes Medicament in der ganzen +orientalischen Welt. – Das frische, dem Bambusstengel entnommene +Tabaschier bildet schmutzig weiße, braune bis schwarze +Stücke. Beim Glühen werden diese weiß calcinirt und in einen +Chalcedon-ähnlichen Körper verwandelt, der bald weiß und +undurchsichtig, bald bläulich weiß, durchscheinend und farbenschillernd +aussieht. Thatsächlich ist der Tabaschier nichts Anderes +als gemeine Kieselerde, die, durch etwas vegetabilische Substanz +verunreinigt, beim Glühen von derselben befreit wird. Statt +kostspieligen Tabaschiers, den er in den Bazaren theuer bezahlen +muß, könnte der Patient somit auch reinen Kieselsand zu sich +nehmen. Den rechten Glauben vorausgesetzt, müßte die Wirkung +dieselbe sein. +</p> + +<p> +Sehr belehrend ist es im Frühjahr zu verfolgen, wie die +<pb n='064'/><anchor id='Pg064'/> +jungen Knospen mächtiger Bambusen als überarmdicke, mit +scheidenartigen Blättern dichtbedeckte Kegel die Erde durchbrechen. +Sie pressen Wasser zwischen ihren Blattscheiden hervor, befeuchten +und erweichen damit den umgebenden Boden und wachsen mit +solcher Schnelligkeit, daß sich die unmöglich scheinende Vorstellung +Gras wachsen zu sehen, bei ihnen fast in greifbare +Wirklichkeit verwandelt. Dieses Wachsthum kann nämlich unter +günstigen Verhältnissen einen Meter täglich betragen und ein +zwanzig Meter hoher Sproß in wenigen Wochen somit diese +Höhe erreicht haben. – Schöne Gruppen von Bambuspflanzen +gehören zu den zierlichsten Erscheinungen des Pflanzenreiches; +freilich kann man diese Pflanzen in voller Prachtentfaltung erst +in den Tropen sehen und im La-Mortola-Garten nur eine annähernde +Vorstellung davon gewinnen, welche Bedeutung ihnen +in der tropischen Landschaft zukommt. +</p> + +<p> +Aus den werthvollen Angaben des Geographen Ritter und +den nicht minder werthvollen Untersuchungen des Botanikers +Ferdinand Cohn geht wohl sicher hervor, daß diejenige Substanz, +welche die Alten als Saccharum bezeichnet haben, nicht Rohrzucker, +sondern Tabaschier gewesen sei. Nach Bopp bedeutet +das Sanskrit-Stammwort +»<foreign lang='sa' rend='antiqua'>çarkara</foreign>« +nicht etwas Süßes, sondern +etwas Zerbrechliches und Steinartiges. Im alten Indien wurde +das Tabaschier als Sakkar Mambu oder Bambusstein bezeichnet, +und erst die Araber haben dieses Wort auf den später dargestellten, +dem Tabaschier ähnlichen, krystallinischen Rohrzucker übertragen. +Edmund O. von Lippmann kommt ebenfalls in seiner überaus +gründlichen und erschöpfenden »Geschichte des Zuckers« zu dem +Ergebniß, daß der Sakcharon der antiken Welt nicht unser +Zucker gewesen sei; er weist nach, daß der +<emph rend='gesperrt'>feste</emph> Zucker auch in +Indien erst in der Zeit zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert +n. Chr. bekannt wurde. +</p> + +<p> +Das Zuckerrohr (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Saccharum officinarum</name>) ist unserem Schilfrohr +sehr ähnlich und wie dieses eine Grasart. Man sieht es +im La Mortola-Garten in voller Entfaltung. Das Zuckerrohr +<pb n='065'/><anchor id='Pg065'/> +ist eine sehr alte Culturpflanze. Da es ausschließlich aus Stecklingen +gezogen wurde, hat es die Fähigkeit, Samen zu erzeugen, +fast eingebüßt. Man hat bis vor Kurzem überhaupt geglaubt, +daß das Zuckerrohr nicht fructificire; doch ergaben sorgfältige +Beobachtungen, vornehmlich aus Java, daß diese Unfruchtbarkeit +nur eine relative sei. Die Heimath des Zuckerrohrs ist wahrscheinlich +Bengalen, jene Provinz, die, ihrer unerschöpflichen +Fruchtbarkeit wegen, seit jeher als der Garten Indiens gepriesen +wurde. Wohl gegen das Ende des dritten Jahrhunderts ist das +Zuckerrohr aus Indien nach China gelangt und zweihundert +Jahre später westlich bis Gondisapur vorgedrungen. Diese Stadt +lag am Flusse Karon, der unweit davon sich zum Theil in den +Tigris, zum Theil nach dem Nordrand des Persischen Meerbusens +ergoß. Dorthin hatten sich die Nestorianer geflüchtet, als das +Concil zu Ephesus 431 n. Chr. ihre Lehre für ketzerisch erklärte. +Sie führten dem Orient die Keime klassisch-litterarischer und +wissenschaftlich-medicinischer Bildung zu, namentlich auch die +Anfangsgründe chemischer Kenntnisse. Die Beziehungen Gondisapurs +zu Indien bewirkten zugleich, daß sich der Einfluß der +indischen Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie +erblühte, die nicht nur die Traditionen der griechischen Medicin +und Naturwissenschaften in sich aufnahm, sondern dieselben auch +wesentlich förderte. Hier wurde allem Anschein nach die Kunst der +Zuckerraffinerie erfunden, daher auch »Kand« der persische Name +für den gereinigten Zucker ist. +</p> + +<p> +Durch die Araber kam das Zuckerrohr im achten Jahrhundert +nach Spanien, im neunten nach Sicilien. In Venedig +lassen sich 1150 bereits Zuckerbäcker nachweisen. Die drei wichtigsten +Productionsstellen des Zuckers im Mittelalter waren +Syrien, Aegypten und Cypern. Ihre Bedeutung schwand, als +Vasco de Gama 1498 den directen Weg nach Ostindien um das +Cap der guten Hoffnung fand und der Handel mit indischem +Zucker so in die Hände der Portugiesen fiel. Damit war +der dominirende handelspolitische Einfluß Venedigs und seine +<pb n='066'/><anchor id='Pg066'/> +Macht für immer gebrochen; an Stelle des Mittelmeers wurde +der atlantische Ocean der Schauplatz des Weltverkehrs. Um +1580 begann Sicilien seine Zuckerproduction einzustellen, da diese +gegen die überseeische Concurrenz nicht mehr ankämpfen konnte. +Denn um jene Zeit hatte auch schon der amerikanische Zucker, +besonders der brasilianische, die Bedeutung eines Weltproductes +gewonnen und gelangte bis nach Palermo. Der Zuckerverbrauch +stieg ganz enorm in Europa, und im Jahre 1600 hatte auch +Deutschland, nach v. Lippmann, schon mehrere Zuckerraffinerien +aufzuweisen. Freilich scheinen dieselben nach dem dreißigjährigen +Kriege sich nur noch in Hamburg gehalten zu haben. Unter +Friedrich dem Großen entstanden zahlreiche Zuckerraffinerien in +Preußen und wurden durch Prohibitivzölle geschützt. +</p> + +<p> +Die Süßigkeit des Rübensaftes hatte den Chemiker Markgraf +veranlaßt, Zucker aus demselben darzustellen, was ihm um +1747 gelang. Doch fand das gewonnene Product keine Verwerthung, +zum Theil schon deshalb nicht, weil es an genügend +zuckerreichen Rüben damals noch fehlte. Diesem Mangel wußte +erst Achard aus seinen Gütern bei Berlin um 1786 in größerem +Maßstab abzuhelfen. Die erste wirkliche Rübenzuckerfabrik errichtete +derselbe Achard, mit Unterstützung Friedrich Wilhelms III., zu +Cunern in Schlesien. Es folgten alsbald andere Fabriken in +Preußen und Frankreich, wo besonders Delessert das Darstellungsverfahren +vervollkommnete. Nach Aufhebung der Continentalsperre +gingen trotzdem die meisten Rübenzuckerfabriken +sowohl in Deutschland als auch in Frankreich wieder ein, und +erst von 1820 etwa an datirt der neue Aufschwung und der +schließlich großartige Erfolg dieser Industrie. +</p> + +<p> +Der Palazzo Orengo wird von phantastischen Pflanzenformen: +säulenförmigen Opuntien, candelaberförmigen Euphorbien, sowie +von zahlreichen blühenden Aloe- und Agave-Arten umgeben. Auf +der Mauer östlich vom Hause fällt eine kleine, mit langen weißen +Dornen bewaffnete Opuntie +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Opuntia tunicata</name>) in die Augen. +Ihre Dornen sind mit zarten Scheiden umhüllt und verdanken +<pb n='067'/><anchor id='Pg067'/> +diesen ihre Färbung. Man kann die Scheiden von den Dornen +abziehen; doch gilt es vorsichtig zu sein, denn die Dornen sind +äußerst scharf und verwunden leicht die Hand: Sie schützen +wirksam die Pflanze gegen den Angriff der Thiere. Dieser +Schutz ist aber auch nöthig in den dürren Gegenden Mexikos, +in welchen die Pflanze zu Hause ist, und wo es den Thieren +oft an pflanzlicher Nahrung fehlt. In solchen Gegenden sind +dornige Pflanzen sehr häufig, Pflanzen, deren Blätter sich zum +besseren Schutz in Dornen verwandelt haben, während der +Stengel sich grün färbte, so in die Functionen der Blätter trat, +zugleich anschwoll und für die Zeit der Dürre mit Wasser +versorgte. Durch Hunger getrieben, pflegen wohl Pferde mit +den Hufen die Dornen von solchen Cactusgewächsen abzuschlagen, +um zu dem saftigen Fleisch zu gelangen, während das Rindvieh +sich an denselben schwer verwundet. Der Angriff auf diese +weißdornige <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Opuntia tunicata</name> dürfte den Thieren unter allen +Umständen schwer fallen, sie ist so stark bewaffnet, daß sie außer +dem Namen <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Opuntia tunicata</name> auch denjenigen <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Opuntia furiosa</name> +erhielt. +</p> + +<p> +Doch am Palazzo Orengo fesselt unseren Blick vor allem +die wunderbare Aussicht, die sich dort entfaltet. Gewiß ein +herrliches Stück Erde, fast zu schön, um dasselbe dauernd zu +bewohnen! Denn wonach soll man sich dann noch sehnen, wo +eine Steigerung des Eindrucks erhoffen? – Von üppigem Grün +und buntem Blüthenschmuck sind die Bilder eingerahmt, die hier +den Beschauer fesseln. Sein Auge folgt entzückt der zackigen +Küste, oder es ruht träumend aus der tiefen Schlucht, in der +sich der Garten aufwärts, ohne Ende, bis zu den Gipfeln der +Berge fortzusetzen scheint. Eine hohe Palme neigt sich wie +sinnend über diesem Bilde und gibt ihm ein märchenhaftes Gepräge. +Nach Osten decken dunkle Baummassen die Aussicht, doch +durch eine blumenreiche Pergola gelangt man bald bis auf den +freien Bergrand. Der Tag geht zur Neige, und es beginnt +Altbordighera im rosigen Abendlicht zu glühen. Welch' ein +<pb n='068'/><anchor id='Pg068'/> +Anblick! Ich weiß ein krankes Mädchen, eine zu früh aufgeblühte +Knospe, das Rettung vor dem Tode in Mentone suchte; dem +schwebte jenes goldige Bild bis zuletzt in den Fieberträumen +vor. Es war wie die Verheißung einer glücklicheren Welt! +Sehnsuchtsvoll streckte die Sterbende ihre Arme in der nordischen +Heimath aus, um es zu fassen, und ein seliges Lächeln verklärte +dann ihr blasses Antlitz. +</p> + +<p> +Die Pergola, die nach jenem Aussichtspunkt im Garten von +La Mortola führt, ist von Banksia-Rosen und anderen Schlinggewächsen +überwuchert, deren Blüthen in den Abendstunden süßen +Duft verbreiten. Die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rosa Banksiae</name> können wir hier in ihrer +vollen Prachtentfaltung bewundern. Überall leuchten aus dem +grünen, dornenfreien Laub die zierlichen Trugdolden ihrer halbgefüllten, +hellgelben und weißen Blüthen hervor. Um diese +schöne Rose ist die Riviera zu beneiden; bei uns im Freien will +sie nicht gedeihen. Auch ist es in Gewächshäusern nicht möglich, +sie zu üppiger Entwickelung zu bewegen, ebensowenig als dies +für die <name type="taxonomic" rend="antiqua">Bougainvillea</name> gelingt, jene prächtige Liane der Tropen, +die mit ihren carmoisinrothen Hochblättern ganze Gebäude an +der Riviera deckt. +</p> + +<p> +Die Sonne war inzwischen untergegangen, und fahle Lichter +streiften die Küste. Altbordighera erschien so todtenblaß, als +wäre es inzwischen ausgestorben; der Rahmen aus weißen Rosen +umschlang es fast wie ein Todtenkranz. Die bunten Blüthen +im dunklen Laube begannen unsichtbar zu werden, und scharf +stachen nur vom hellen Abendhimmel die uralten Cypressen ab, +die, dicht aneinander gereiht, im unteren Theile des Gartens +zum Meere absteigen. Hat dieser dunkelfarbige Baum, der in +so feierlichem Ernst zum Himmel emporragt, wirklich ein trauriges +Aussehen, oder weckt er in uns nur traurige Empfindungen, +weil er von jeher ein Symbol der Todtentrauer war, und wir +ihn so oft neben Gräbern sehen? Hier hätte er wohl allen +Grund, düster in die Landschaft zu schauen, denn er schmückte, +so heißt es, vor Zeiten einen Friedhof, nach welchem der Ort +<pb n='069'/><anchor id='Pg069'/> +heute noch seinen Namen »La Mortola« führen soll. Blumenbeete +haben seitdem die Gräber verdeckt, üppiger Pflanzenwuchs +die Stätten verwischt, an welchen Menschen einst ihre Lieben +beweinten, die Cypressen allein trauern noch über den Todten. +</p> + +<p rend="text-align:center">VII.</p> + +<p> +Die Strada nazionale, die am Garten vorbei nach Mentone +führt, steigt zunächst in der Schlucht empor und beginnt erst +jenseits der Croce della Mortola sich langsam zu senken. Es +ist ein unendlich schöner Weg, der im weiten Bogen, am Abhang +der Berge, langsam gegen Mentone absteigt. Bald ist +man in einen Olivenhain gedrungen, in dem sich das Dorf +Grimaldi verbirgt; jenseits des Ortes steigt über der Straße +ein alter Thurm düster in die Lüfte empor, neben ihm drängt +ein modernes Schloß in englisch gothischem Geschmack sich auf. +Ein schöner Garten steigt bis zum Thurm empor. Es war +das einst die Besitzung des englischen Arztes Bennet, dessen +Name einen ruhmvollen Klang an der Riviera besitzt. Nach +dessen Tode haben neue Besitzer das gothische Haus erbaut. +Wir erreichen das italienische Zollhaus. Es dunkelt schon; in +Mentone, das in geringer Ferne vor unseren Augen aufsteigt, +beginnen auf den Straßen und in den Häusern die Lichter sich +zu entzünden. Eine lange Reihe flammender Punkte folgt +bald dem Strande, als hätte sich das Meer mit einer Schnur +feuriger Perlen geschmückt. Mir zogen die Strophen des Mignonliedes +durch den Sinn, und das Rauschen des Meeres schien +sie in den Tönen der Beethoven'schen Musik zu begleiten. Wie +bezeichnend für diesen Boden mehr als zweitausendjähriger +Cultur, daß jene Gewächse in dem Liede, welche das Bild +Italiens uns so lebendig vor die Seele zaubern, diesem Lande +nicht ureigen sind. Sie kamen aus dem Orient, wie alle die +großen Gedanken, auf welchen unsere Bildung ruht, entfalteten +und veredelten sich aber auf diesem Boden. Die Citronen und +Orangen erhielten die klassischen Lande von den Semiten, welche +<pb n='070'/><anchor id='Pg070'/> +dieselben ihrerseits von den Indiern übernommen hatten. Der +Öl- und Feigenbaum, der Weinstock und die Palme standen +bei den Semiten in Pflege, lange bevor sie als Culturpflanzen +siegreich nach dem Westen vordrangen. Der Cultus des Lorbeers +und der Myrte gelangte von Osten her über das Mittelmeer. +Die Cypresse hat nicht ihre Heimath in Italien, sondern auf +den griechischen Inseln und auf dem Libanon; ja, selbst von der +schirmförmig ausgebreiteten Pinie, der die Rauchwolke des Vesuvs +wie zum Vorbild dient, hat man, doch dieses Mal mit Unrecht, +bezweifelt, daß sie eine echt italienische Pflanze sei. Und als +wenn andererseits auch der große Culturimpuls, welcher von +der Entdeckung der neuen Welt ausging, auf italienischem Boden +in typischen Pflanzenformen verkörpert werden sollte, brachte er +diesem die Agave und die Opuntie. Die dornigen, blaugrünen +Agaven, die stachligen, hellgrünen Opuntien, die so gut zu dem +felsigen Strande Italiens passen, als wären sie für ihn von +jeher bestimmt gewesen, sind thatsächlich erst im vierzehnten +Jahrhundert von Amerika an denselben gelangt. Capri vermag +man sich ohne die »<foreign lang='it' rend='antiqua'>Fichi d'India</foreign>«, +deren abgeflachte Glieder +sich in wunderbaren Krümmungen über die Mauern drängen, +kaum vorzustellen, und doch sind diese Opuntien hier eine +moderne Erscheinung. Daher ist es ein Anachronismus, wenn +die Agaven und Opuntien in den Preller'schen Odysseebildern +den Vordergrund der Landschaft schmücken. Die Schönheit +jener Bilder wird dadurch nicht beeinträchtigt, und doch kann +man sich bei der Betrachtung derselben einer gewissen fremdartigen +Empfindung nicht erwehren. Das historische Rechtsgefühl +fühlt sich verletzt und muß erst durch das ästhetische +Wohlgefallen beschwichtigt werden, welches diese so bedeutenden +Kunstschöpfungen erwecken. +</p> + +<p> +Wie mag die Riviera ausgesehen haben, bevor die Cultur +des Ölbaumes begann, als noch Palmen und Cypressen fehlten +und der Wohlgeruch der Agrumi die Luft nicht erfüllte? – +Sie war bedeckt mit immergrünen Sträuchern, während dichter +<pb n='071'/><anchor id='Pg071'/> +Nadelwald die Höhen krönte. Das Bild der Vegetation mußte +ein ganz anderes sein; denn sein Aussehen war bestimmt durch +Gesammteffecte, während der Charakter jener Landschaft, die +wir jetzt für die typisch italienische halten, auf dem wirksamen +Hervortreten einzelner ausgeprägter Pflanzenformen und deren +plastischer Sonderung beruht. +</p> + +<p> +Während noch in den Zeiten Alexander des Großen, also +im vierten Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als +ein Land kannten, das im Vergleich zu ihrem eigenen Lande +und dem Orient einen ganz ursprünglichen Charakter trug, +konnte bereits Marcus Terentius Varro im ersten Jahrhundert +vor Christus, Italien mit einem großen Garten vergleichen. +Plinius klagt ein Jahrhundert später über den Luxus, der auch +im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemüse wurden so groß +gezogen, daß sie der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen +vermochte. Er führt als Beispiel die Spargeln an, von denen +in Ravenna oft nur drei auf das römische Pfund (ca. 300 Gramm) +gingen. +</p> + +<p> +Daß in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt +worden war und der orientalische Culturpflanzen vorwiegend +barg, das römische Volk sich verweichlichen mußte, ist nur zu +klar. Es war das die Schattenseite jener zu üppig entwickelten +Cultur, die in dem Übermaße ihrer Entfaltung auch die Keime +ihres Untergangs trug. +</p> + +<p> +Als ich Mentone näher kam, begann der Mistral zu wehen +und fegte mächtige Staubwolken über die Straße. In Garavan, +im Schutze der Altstadt, wurde es trotzdem fast windstill, so +daß ich dort am späten Abend im anmuthigen Garten des +Hôtel d'Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch +den Bergrücken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die +dichten Häusermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollständig +gedeckt und mit Recht daher von Brustkranken bevorzugt. +Seit vorigem Winter erhielt Garavan einen eigenen +Bahnhof, der fast eine zu große Erleichterung des Verkehrs für +<pb n='072'/><anchor id='Pg072'/> +diejenigen Wintergäste schafft, die in Monte Carlo durch schädliche +Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefährden. +</p> + +<p rend="text-align:center">VIII.</p> + +<p> +Fast alle wichtigen Reiz- und Genußmittel des Pflanzenreichs +dankt der Culturmensch den wilden Völkern. Da bei +ihm selbst die Cultur das instinctive Empfinden ganz zurückdrängte, +so kann er sich kaum noch vorstellen, welche Eindrücke +den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel geleitet haben. +Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, daß der Thee der +Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze +der Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolanüsse +der Neger im wesentlichen dieselben Stoffe enthalten. Im La +Mortola-Garten, bei Betrachtung der Pflanzen, die jene Stoffe +liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres Aussehens feststellen. +Irgend welches äußere Abzeichen, das ihnen gemeinsam +wäre, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte +somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er +verfuhr nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und +Flur seiner Nahrung nachgeht. Er war sich der Ursache seiner +Wahl ebenso wenig bewußt. +</p> + +<p> +Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen, +haben unsere Reiz- und Genußmittel eine interessante Geschichte +aufzuweisen. +</p> + +<p> +In China ist der Theegenuß so alt, daß ein im zwölften +Jahrhundert verfaßtes Buch »Rhya« von demselben als von +etwas längst Bekanntem spricht. +</p> + +<p> +In Europa begann sich der Theegenuß erst um 1630 zu +verbreiten, unter dem Einfluß der holländisch-ostindischen Gesellschaft +und der Lobpreisungen, welche einige holländischen +Ärzte diesem Getränk zu Theil werden ließen. Der Thee sollte +die Lebenskraft steigern, das Gedächtniß stärken, alle seelischen +Fähigkeiten erhöhen, das Blut in willkommenster Weise verdünnen. +<pb n='073'/><anchor id='Pg073'/> +Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als +vierzig bis fünfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem +interessanten Werke von Le Grand d'Aussy, welches 1782 zuerst +erschien und die Geschichte des Privatlebens der Franzosen +(<title rend='antiqua'>Histoire de la vie privée des François</title>) +erzählt, ist zu lesen, +daß der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald zu Ansehen +gelangte, weil ihn der Chancelier Séguier unter seine +Protection nahm. Es scheint, daß sich in Paris einzelne Personen +auch auf das Rauchen des Thees verlegten, so wie man +Tabak raucht, und der Arzt Bligny rühmt sich, aus dem Thee +eine Conserve, ein destillirtes Wasser und zwei Arten von Syrup +dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken um +1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland +verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den holländischen +Ärzten des Großen Kurfürsten. Im Jahre 1662 kostete, nach +den von Flückiger veröffentlichten Documenten, eine Hand voll +Thee in den Apotheken der Stadt Nordhausen noch fünfzehn +Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur noch vier Groschen. +Nach Rußland gelangte der Thee nicht über das westliche +Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und +schon in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde +der Thee dort zu einem allgemein verbreiteten Getränk. Der +Thee heißt demgemäß dort Tschai, entsprechend der Benennung +wie wir sie auch bei den Arabern im achten Jahrhundert schon +finden, während in Polen aus +<foreign lang='la' rend='antiqua'>herba Theae</foreign> +»<foreign lang='pl'>Herbata</foreign>« gebildet +worden ist. +</p> + +<p> +Der wichtigste Bestandtheil der Theeblätter ist das Coffeïn, +derselbe Körper, den die Kaffeebohnen führen und der auch dem +Theobromin der Cacaobohnen äußerst nahe steht. Ebenso ist +der Paraguay-Thee oder Mate coffeinhaltig, und denselben Stoff +führen auch die Kola-»Nüsse«. +</p> + +<p> +Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in +großem Maßstäbe betrieben, während Europa, die Türkei ausgenommen, +vor Mitte des siebzehnten Jahrhunderts nur wenig +<pb n='074'/><anchor id='Pg074'/> +von dem Bestehen dieses Genußmittels wußte. Nach Constantinopel +hatte Selim I. 1517 aus Aegypten den ersten Kaffee gebracht, +und zwanzig Jahre später gab es dort bereits viele Kaffeehäuser. +Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die +Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen +Consuls in Ägypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk +über ägyptische Pflanzen veröffentlichte, gab die erste, wenn auch +wenig vollkommene botanische Beschreibung des Kaffeebaumes. +Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste Kaffeehaus eröffnet +wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens rasch +über ganz Italien. Wie Le Grand d'Aussy eingehend beschreibt, +war es Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der +Errichtung von Kaffeehäusern den Anfang machte. In Paris +kam das Kaffeetrinken erst unter Ludwig XIV. auf, und zwar +vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten Mohammeds III., +der, wie Le Grand d'Aussy berichtet, sich die Gunst der Pariserinnen +in solchem Maße zu erwerben wußte, daß es Mode ward, ihm +Besuche abzustatten. Er ließ den Damen, nach orientalischer +Sitte, den Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glänzenden +Porzellantassen auf goldbefranzten Servietten. Die fremdartige +Einrichtung der Zimmer, das Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung, +die mit Hülfe eines Dolmetschers geführt wurde, alles +das, meint Le Grand d'Aussy, mußte den Kopf der Französinnen +verdrehen. Überall hörte man von dem Soliman'schen Kaffee +sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen +zu verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das +Pfund kostete bis zu vierzig Thalern. Im Jahre 1672 eröffnete +ein Armenier, Namens Pascal, auf dem Quai de l'École das +erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getränk, welches in demselben +geboten wurde, »Café« genannt ward. Es war eine +»Boutique« nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschäfte, +da es für das feinere Publicum, welches allein den Kaffee +damals trank, nicht geeignet war. Das erkannte richtig der +Florentiner Procope, derselbe, der sich um Paris durch die Einführung +<pb n='075'/><anchor id='Pg075'/> +des Gefrorenen verdient gemacht hat; er richtete gegenüber +der alten Comédie Française ein Café ein, welches außer +dem ursprünglichen Getränk, auch Thee, Chocolade, Eis und +verschiedene Liqueure führte, und, geschmackvoll decorirt, sich +alsbald des größten »Succès« erfreute. Die Zahl der Nachahmer +war groß, und 1676 hatte Paris schon eine Unmasse +Cafés aufzuweisen, deren Einfluß sich als ein sehr günstiger +erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig XIV., +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>ce Roi si décent</foreign>«, +wie sich Le Grand d'Aussy ausdrückt, durch +harte Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem +Florentiner Procope zu verdanken. Als ganz ungefährlich galt +jedoch der Kaffee nicht, und die Marquise de Sévigné räth +darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre 1680, dem +Kaffee etwas Milch zuzusetzen, +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>pour en tempérer le danger</foreign>«. +In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon +1624 erwähnt. Das erste Kaffeehaus errichtete in London 1652 +der Armenier Pasqua, Diener eines türkischen Arztes. Berlin +folgte erst weit später nach, denn Volz gibt an, daß dort das +erste Kaffeehaus im Jahre 1721 eröffnet wurde. Eine Anzahl +deutscher Städte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in +Hamburg gab es schon 1679, in Nürnberg und Regensburg +1686, in Köln 1687 Kaffeehäuser. In Wien erhielt 1683 ein +gewisser Kolschitzky die Erlaubniß zur Eröffnung des ersten +Kaffeehauses und zwar als Belohnung für den Muth, durch +welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der +Stadt von den Türken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des +achtzehnten Jahrhunderts war der Kaffeegenuß über ganz Deutschland +verbreitet, und der Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel +für Hamburg und Bremen. Friedrich der Große versuchte +es vergeblich, den Verbrauch einzuschränken. In dem Bestreben, +Preußen wirthschaftlich abzuschließen und »das Geld im Lande +zu behalten«, hatte er besonders die theueren Colonialwaaren +mit hohen Zöllen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr +oder suchte sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf +<pb n='076'/><anchor id='Pg076'/> +und andere Chemiker wurden beauftragt, Surrogate an Stelle +des Kaffees zu schaffen, was zur Entstehung von Eichelkaffee, +von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst aus Rüben und +Roßkastanien führte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um jene +Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben +E. v. Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen +Kaffeesurrogate erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum, +daher 1781 ein Kaffeemonopol eingeführt ward, das die gewöhnlichen +Consumenten zwang, den Kaffee schon gebrannt vom +Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu kaufen, während +an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte »Brennscheine« +abgegeben wurden. +</p> + +<p> +An den Thee und den Kaffee schließt sich der Cacao fast +gleichberechtigt an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige +vieler anderer tropischer Pflanzen, da er eine sehr beständige, +relativ hohe Temperatur neben einer großen und gleichmäßigen +Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath dürfte in den Ländern +um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er überall in +den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut. +Die Cacaopflanze gehört einer Unterabtheilung der Malvaceen +an; fast aller Cacao des Handels stammt von der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Theobroma Cacao</name> +ab. Es ist ein dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem +Stamm und breiter Krone, der für gewöhnlich acht bis zehn +Meter Höhe erreicht. Das Charakteristische für die Pflanze ist, daß +sie ihre Blüthenstände vorwiegend am alten Holze trägt, so daß +der Stamm und die dicken Äste sich weiterhin mit Früchten behangen +zeigen. Die Blüthen sind weißlich bis roth und liefern +je nachdem gelbe oder dunkelrothe Früchte. Während die Blüthen +nur klein sind, können die cylindrischen Früchte bis fünfundzwanzig +Centimeter Länge erreichen. Der Baum blüht und +fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im Jahr meist +nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem süßsäuerlichen +Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fünf +Längsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte +<pb n='077'/><anchor id='Pg077'/> +»Rotten« gemildert, einen Gährungsproceß, dem die +aus der Frucht befreiten Samen unterworfen werden. Der +Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst den von +diesen verdrängten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519 +das Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor. +Ähnlich wie der Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico, +ja in ganz Mittelamerika die Cacaobohnen als Münze. Die +Spanier sollen bei der Eroberung Mexico's im dortigen Staatsschatze +nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund solcher +Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die gerösteten +Cacaobohnen geschält und gestoßen, mit kaltem Wasser zu Brei +angerührt und mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewürzen, +Vanille, duftenden Blumen und Honig versetzt. Dieser +Brei »<foreign lang='fr' rend='antiqua'>bouillie assez dégoutante</foreign>«, +sagt Le Grand d'Aussy, hieß +Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen Namen +der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und +Atl (Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier, +welche die Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt +hatten, brachten sie bald nach Europa, und auch heute noch ist +es Spanien, welches die größten Mengen Chocolade verzehrt. +Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade mit, als er 1606 +von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien erstreckten, heimkehrte. +Das warme Getränk, das in Florenz aus Cacaomehl +hergestellt wurde, verbreitete sich rasch über ganz Italien. Nach +Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von Österreich, +Gemahlin Ludwig's XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber +erst 1661, unter dem Einfluß von Maria Theresia von Spanien, +Gemahlin Ludwig's XIV., die sich aber noch versteckte (wie die +Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren angibt), um ihre +Chocolade zu trinken; der Genuß derselben mußte somit als +etwas Ungewohntes oder gar Verpöntes angesehen werden. Indessen +schon 1671 konnte Frau von Sévigné an ihre Tochter +schreiben: +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Vous ne vous portez pas bien, le chocolat vous + remettra.</foreign>« +Freilich muß die Chocolade als Heilmittel ihre +<pb n='078'/><anchor id='Pg078'/> +Wirkung versagt haben, denn in einem späteren Briefe wird sie +als +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>source de vapeurs et de palpitations</foreign>« +angegeben. Andererseits +vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684 +vor der Fakultät eine These, in welcher er gutgemachte Chocolade +als eine der edelsten Erfindungen pries, weit mehr würdig, +als Nectar und Ambrosia, die Speise der Götter zu sein. Derselben +Ansicht muß auch Linné gewesen sein, der die Chocolade +1769 in den +»<title rend='antiqua'>Amoenitates academicae</title>« behandelte und dem +Cacaobaum den botanischen Namen +»<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Theobroma</name>«, +d. h. »Götterspeise« +gab. In England begann sich die Chocolade um 1625, +annähernd gleichzeitig auch in Holland, einzubürgern. Nach +Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des Großen Kurfürsten, +den Cacao mit. Friedrich der Große verbot die Einfuhr der +Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben, +der Ähnliches für den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus +Lindenblüthen an Stelle von Chocolade herzustellen, was aber +nur schlecht gelang. +</p> + +<p> +Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru +kamen, war dort ein anderes Reizmittel in Gebrauch, das der +Instinct der Eingeborenen herausgefunden hatte, nämlich das +Cocaïn. Dieser Körper gehört ebenso wie das Coffeïn und das +Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die Bewohner des +Inkareiches kauten die Cocablätter ganz so wie die Hindus die +Betelnuß kauen und würzten diese Blätter auch mit Asche der +Quinoapflanze +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chenopodium quinoa</name>) oder mit gelöschtem Kalk, +so wie es für die Betelnüsse in Indien geschieht. Bei mäßigem +Genuß wirken die Cocablätter anregend auf das Nervensystem +ein, in zu großen Mengen und fortdauernd gebraucht, werden +sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller körperlichen +und geistigen Fähigkeiten bei dem »Coquero« ein, der zu einem +Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern geführt hat. Den +Spaniern fielen zunächst nur die üblen Folgen des Cocakauens +auf, sie suchten dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote +in Peru einzuschränken. Daher wohl die Cocablätter nicht +<pb n='079'/><anchor id='Pg079'/> +wie andere ähnliche Reizmittel ihren Einzug in die alte Welt +hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte Entdeckung, +daß eine Auflösung von Cocaïn ohne üble Folgen die +Hornhaut und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich +macht, richtete die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses +Alcaloid. Die Anwendung desselben bei Augenoperationen wurde +allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete der Heilkunde +als auch seine Fähigkeit, leicht zugängliche sensible Nerven unseres +Körpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde. +</p> + +<p> +Die Cocablätter gehören einem Strauche an, der unserer +Schlehe ähnlich ist, aber bedeutendere Größe erreicht. Diese +Blätter sind lebhaft grün gefärbt und sehr dünn; sie haben +eiförmige Gestalt und laufen spitz an ihrem Ende aus. Die +gelblich weißen Blüthen fallen wenig in die Augen, da sie nur +geringe Größe besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht +unähnlichen Früchte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor. +Der botanische Name der Pflanze ist +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Erythroxylon coca</name>, sie +bildet eine eigene kleine Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf +die artenreiche Gattung +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Erythroxylon</name> +beschränkt ist. Die Blätter +sind schwach aromatisch und besitzen einen angenehm bitterlichen +Geschmack. Das Alcaloid, welches man aus denselben gewinnt, +bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in Wasser, dagegen +leicht in Alcohol und noch leichter in Äther lösen. +</p> + +<p> +Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den +Gewürznelkenbaum geknüpft, da er eine äußerst markirte Rolle +in der Geschichte des Gewürzhandels gespielt hat. Der Gewürznelkenbaum +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eugenia caryophyllata</name>) +gehört zu den Myrtaceen +wie die Myrten, Eucalypten, Guaiaven und Rosenäpfel, die +wir in La Mortola sahen. Er ist ein immergrüner Baum mit +wohlgeformter Krone, der über zehn Meter Höhe erreichen kann +und lederartige, glänzende, durchscheinend punctirte Blätter besitzt. +Die Blüthen stehen an den Enden der Zweige in doldenförmigen +Blüthenständen. Der vierkantige Blüthenstiel breitet +sich am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An +<pb n='080'/><anchor id='Pg080'/> +der Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenblätter und +die Staubfäden befestigt. Erstere werden ähnlich wie bei +Eucalyptus als Kappe abgeworfen, wenn sich die Blüthe öffnet. +Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab, sammelt vielmehr +kurz zuvor schon die »Gewürznelken«, indem man sie mit den +Händen vom Baume pflückt oder mit Bambusstäben abschlägt. +Sie sind somit noch ungeöffnete Blüthen eines myrtenartigen +Gewächses und haben mit den nur ähnlich duftenden Blüthen +unserer Gärten, die wir als Nelken bezeichnen, den Dianthus-Arten, +sonst nichts gemein. Beim Trocknen verändert sich die +dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. – Die Gewürznelken +waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt. +Im vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie +nach Europa. Man glaubte bis zu Anfang des sechzehnten +Jahrhunderts, daß Java oder Ceylon ihre Heimath sei; thatsächlich +aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem Wege +des Gewürznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken +durch Varthema 1504 klärte Europa über den Ursprung der +Gewürznelken auf. Mit den Molukken zugleich gelangte der +Gewürzhandel jener Inseln in die Hände der Portugiesen, dann +ein Jahrhundert später an die holländisch-ostindische Compagnie, +welche die Production von Gewürznelken und Muskatnüssen auf +jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar dieselbe, um sie +besser überwachen zu können, auf nur wenige Inseln einschränkte. +Auf den übrigen Inseln ließ sie die Gewürzbäume ausrotten. +Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur +begrenzte Mengen des Gewürzes auf den Markt, und als in +Folge guter Ernten der Vorrath einmal, im Jahre 1760, zu +stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der Admiralität +in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster Überwachung von +Seiten der Holländer gelang es dem französischen Gouverneur +von Mauritius und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewürznelken- +und Muskatbäumen zu gelangen und sie auf seiner Insel +anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802, als die Engländer +<pb n='081'/><anchor id='Pg081'/> +die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafür, daß die +Cultur der Gewürzbäume sich über die Grenzen dieser Inseln +hinaus verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur über die tropischen +Länder weit ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau +der Gewürznelkenbäume ganz zurück, und nur die Muskatbäume +werden dort noch im großen Maßstab gepflegt. +</p> + +<p> +Die Muskatbäume, die mit den Gewürznelkenbäumen stets +zusammen genannt werden, gehören zu der Gattung +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Myristica</name>, +die den Lorbeergewächsen sehr nahe steht. Der wichtigste +Muskatbaum ist +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Myristica fragrans</name>, +der in seinem Aussehen +an unsere Birnbäume erinnert. Er besitzt eine rundliche Krone +und dichte Belaubung. Seine Blüthen sind weiß oder gelblich +und gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie +klein sind, so fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun +hingegen die hellgelben, aprikosenähnlichen Früchte, die der Baum +gleichzeitig trägt. Diese Früchte springen bei voller Reife auf +und dann leuchtet ein carmoisinrother Samenmantel aus ihrem +Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Hülle umgibt er +den schwarzbraunen, als Muskatnuß bekannten Samen. Er +selbst wird fälschlich als Muskatblüthe bezeichnet. +</p> + +<p> +Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen, +hierauf der niederländisch-ostindischen Compagnie und ging auf +die englisch-ostindische über, als England 1796 Besitz von +Ceylon ergriff. +</p> + +<p> +Wie Zimmet, Gewürznelken und Muskatnuß in der niederländischen +Geschichte, so spielte der ostindische Pfeffer einst eine +nicht unbedeutende Rolle in der Geschichte Venedigs. Namentlich +aus Rücksicht auf diesen Pfeffer lag Venedig daran, das +rothe Meer und Ägypten sich offen zu halten. Unmengen von +Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de' Tedeschi, an +die Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flückiger +besonders hervorhebt, eine kaum mehr verständliche Gier nach +Pfeffer, der schließlich fast die Bedeutung eines überall gangbaren +Zahlmittels erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten +<pb n='082'/><anchor id='Pg082'/> +Jahrhundert nahm er entschieden den ersten Rang unter den +Gewürzen ein; er stand so hoch im Preise, daß ärmere Klassen +von dem regelmäßigen Gebrauch desselben absehen mußten und +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>cher comme poivre</foreign>« +sprichwörtlich wurde. Diese Sucht nach +Gewürzen kam, wie Le Grand d'Aussy erzählt, von den vielen +schwer verdaulichen Speisen, welche man damals zu genießen +pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche Gewürze bei +sich führten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische +sich mundgerecht zu machen. Régnard bezeichnet solche Eßkünstler +als »<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Docteurs en Soupers</foreign>«. +</p> + +<p> +Aus der Geschichte des Levantehandels im Mittelalter von +Wilhelm Heyd geht hervor, daß zu den verbreitetesten Specereien +damals auch der Ingwer gehörte, und daß er fast eben so stark +begehrt war wie der Pfeffer. Diese Pflanze, deren Heimath in +Ostindien liegt, kann man im Garten von La Mortola sehen. +Ihre bis zu einem Meter hohen grünen Sprosse entspringen +dem wohlriechenden Wurzelstock, der im Boden versteckt ist. +Die Sprosse erinnern an die in unseren Gärten cultivirten +Canna-Arten und tragen wie diese, in zwei Reihen angeordnete, +doch wesentlich schmälere Blätter. Am Gipfel schließen sie, falls +sie zur Blüthe kommen, mit dichtgedrängten Hochblättern ab, +aus deren Achseln gelb- und violettgefärbte Blüthen entspringen. +In La Mortola blüht freilich der Ingwer nicht, und auch in +Asien kommen nur selten blühbare Stengel zur Entwickelung. +Stücke des Wurzelstockes sind es, die, geschält oder ungeschält, +als Ingwer in den Handel gelangen. Der aus China eingeführte +in Zucker gekochte Ingwer stammt von zarten, sorgfältig +geschälten Wurzelstöcken. Eingemachter Ingwer wurde +schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in irdenen +Töpfen nach Italien eingeführt, doch war Marco Polo der +erste Europäer, der auf seinen Reisen in China und Indien +von 1280–1290 die Pflanzen zu sehen bekam. Dieser mit +Recht hochberühmte Reisende des Mittelalters erwarb sich überhaupt +sehr große Verdienste um die Erforschung von China, +<pb n='083'/><anchor id='Pg083'/> +weshalb ihm der Besitzer von La Mortola, der selbst längere +Zeit im »Reich der Mitte« lebte, in der Eingangshalle seiner +Villa ein glänzendes, von Salviati in Venedig als Glasmosaik +auf Goldgrund ausgeführtes Brustbild widmete. Da freilich +von Marco Polo ein authentisches Bildniß nicht bekannt ist, +blieb es der Phantasie des Künstlers überlassen, wie er sich ihn +vorstellen wollte. +</p> + +<p rend="text-align:center">IX.</p> + +<p> +Wer den Weg von Mentone nach Nizza auf der vielgerühmten +Route de la Corniche zurücklegen will, sollte dies +nur bei völlig klarem Wetter thun. Denn unter den großen +Eindrücken dieser Bergstraße darf die Aussicht landeinwärts in +die schneebedeckten Seealpen nicht fehlen. Im Frühjahr sind +die Berge meist von Wolken bedeckt und so dem spähenden Auge +verborgen. Die Route de la Corniche ist an schönen Frühlingstagen +von unvergleichlicher Wirkung. Sie fängt an bei Roccabruna +zu steigen und folgt dann in unzähligen Windungen dem +Abhang. Das eine Mal wendet sie sich landeinwärts, als wolle +sie den Berg durchbohren, das andere Mal schlägt sie die Richtung +nach dem Meere ein, als stürze sie sich in die Fluthen. +Fort und fort wechseln die Bilder. Abwärts taucht der Blick +in die grünen Thäler und trifft immer neue Einschnitte der +Küste; aufwärts wird er begrenzt durch die mächtigen Kuppen +der Berge. Wo diese auseinandertreten, da tauchen, wie mit +einem Zauberschlag, die schneebedeckten Häupter der Seealpen +in der Ferne auf. – Den höchsten Punkt hat die Corniche bei +La Tourbie, der alten +<name type='place' rend='antiqua'>Trophea</name> oder +<foreign lang='la' rend='antiqua'>Turris in via</foreign>, etwa +500 Meter über dem Meere erreicht. Die Corniche folgt der +alten römischen Straße; Napoleon I. war es, der sie im Jahre +1805, so wie sie heute ist, ausbauen ließ. Jetzt ist die Tourbie +sogar durch eine Zahnradbahn mit Monte Carlo verbunden. +Einst lief hier die Grenze, welche Gallien von Italien schied. +Der weit sichtbare, aus mächtigen Trümmern aufsteigende Thurm, +<pb n='084'/><anchor id='Pg084'/> +der als Thurm des Augustus bekannt ist, trotzt noch immer der +Zeit. Mit seinen zackigen Zinnen, erst im vierzehnten Jahrhundert +erbaut, ging er aus den Quadern des gewaltigen Denkmals +hervor, das hier der Senat und das römische Volk dem +Octavian errichten ließen, als die Schlacht bei Actium ihn zum +Herrn der Welt machte. Plinius hat uns die Inschrift bewahrt, +welche das Denkmal auf seinen vier Seiten trug. Außer der +Widmung an den +<foreign lang='la' rend='antiqua'>Caesar Imperator</foreign> +standen da die Namen +von vierundvierzig Alpenvölkern verzeichnet, welche unter römisches +Joch gebeugt worden waren. Ein Standbild des Kaisers +krönte das Denkmal, das, alter Schilderung nach zu urtheilen, +großartig gewesen sein mußte. Trotzdem schonten es die späteren +Zeiten nicht. Die Longobarden begannen seine Zerstörung. Die +Saracenen gestalteten es zur Festung. Dann schöpften Jahrhunderte +lang die Bewohner von La Tourbie aus den Trümmern, +wie aus einem Steinbruch, die Steine zum Bau ihrer Kirche +und ihrer Häuser. Im zwölften Jahrhundert holten die Genueser +hier Marmor zum Schmucke ihrer Bauten, und was dann noch +verblieb, wurde am Hochaltar in der alten Kathedrale von Nizza +verwandt. – Von La Tourbie aus sieht Monte Carlo mit all seinem +Glanz und Elend nur wie ein unschuldiges Kinderspielzeug aus. +An den Ernst des Lebens wird man aber auch in dieser Höhe +durch alle die Festungswerke gemahnt, welche Frankreich auf den +Berggipfeln errichtet hat. Selbst der höchste Berg über Monte +Carlo, der 1150 Meter hohe Mont-Agel, dessen Gipfel weithin +das ganze Land beherrscht, hat jetzt einen Kranz von Redouten +erhalten. +</p> + +<p> +Als Glanzpunkt der Corniche erscheint mir die Stelle, an +welcher Eza auf schroffem Fels, mitten in der Landschaft, emportaucht. +Welche gewaltige Kraft war nöthig, um in so schwindelnder +Höhe, so unvermittelt zwischen Himmel und Erde, aus +mächtigen Quadern Burgen zu erbauen! Von Abgründen umgeben, +vor jeder Überraschung sicher, haben nach einander +nizzardische und piemontesische Geschlechter in dieser Burg geherrscht. +<pb n='085'/><anchor id='Pg085'/> +Armselige Häuser suchten Schutz an den befestigten +Mauern, und auch heut noch stehen sie da und drängen sich um +die zerfallenen Ruinen. Die alte Pracht verschwand von dieser +Stätte: das Elend ist geblieben. Von außen aber vergoldet es +die strahlende Sonne des Südens und hebt den stolzen Felsen +majestätisch ab gegen den blauen Hintergrund des Meeres. +</p> + +<p> +Nizza wird immer größer, verliert den ursprünglichen, +italienischen Charakter, nimmt ganz denjenigen einer eleganten, +cosmopolitischen Stadt an und amüsirt sich ohne Unterbrechung. +Endlos folgen im Winter Redouten, Blumenschlachten, Regatten, +Pferderennen auf einander. Wie eigen dieser Trieb zum Vergnügen, +der sich hier auch der einheimischen Bevölkerung bemächtigt +hat! Denn kaum hat ein Ort gleich schwere Schicksale +im Laufe der Zeiten erlebt. Unzählige Male wurde die Stadt +geplündert und verwüstet durch Gothen, Longobarden, Saracenen +und Provençalen. Frankreich eroberte sie wiederholt, um sie zu +verlieren und wieder zu gewinnen. Sie wurde von der Pest +heimgesucht, durch starke Kälte ihrer Oliven- und Orangenbäume +mehrfach beraubt, von afrikanischen Heuschrecken häufig überfallen. +Daher vielleicht der Leichtsinn, der sich seiner Bevölkerung +bemächtigt hat und der den Grund dazu legte, daß Nizza zu +einer Metropole der schalen Vergnügungen aufwuchs. Mein Ziel +war Nizza nicht, vielmehr das Cap d'Antibes, ein Ort, den ich +schon vor vielen Jahren liebgewonnen hatte. Ein Aufsatz von +George Sand, in der +»<title rend='antiqua'>Revue des deux mondes</title>« +vom Jahre +1868, machte mich mit den Schönheiten dieses Vorgebirges +zuerst bekannt. George Sand besuchte auf demselben den schönen +Garten des hervorragenden französischen Botanikers Thuret und +war von der Aussicht ganz hingerissen, die man von dort genoß. +Daß das Cap trotzdem so unbeachtet blieb, hängt mit seiner +exponirten Lage zusammen, die es zum Aufenthaltsorte für +Lungenleidende wenig geeignet macht. Das Cap ist in das +Meer weit vorgeschoben und daher den Winden ausgesetzt; auch +sieht man von demselben die Schneealpen, und ist demgemäß +<pb n='086'/><anchor id='Pg086'/> +auch nicht gegen den kalten Luftstrom geschützt, der von denselben +kommt. Auch fehlte es am Cap bis vor Kurzem an +einem guten Unterkommen, das den Reisenden zum längeren +Bleiben hätte einladen können. – Ich halte das Cap d'Antibes +für einen der Glanzpunkte der Riviera. Wer dessen Herrlichkeit +in ganzer Fülle gleich genießen will, der besteige den Hügelrücken, +der die Seelaterne und das bescheidene Kirchlein +<name type='place' rend='antiqua'>Notre-Dame +de Bon-Port</name> trägt. Der Anblick, den man dort bei klarem, +sonnigem Wetter genießt, ist geradezu überwältigend. Das Cap +d'Antibes setzt sich so weit fort in das offene Meer, daß man +von ihm aus, wie von einem Schiffe, das Land überblickt. Es +trennt den Golf Jouan von der Baie des Anges und beherrscht +so gleichzeitig die beiden Buchten. Im Westen wird das Bild +von dem Esterel-Gebirge abgeschlossen, das in reicher Gliederung +ganz unvermittelt aus dem Meere aufsteigt. Das Esterel +erinnert in seinen Umrissen an das Siebengebirge, den Stolz +unseres Rheinlandes, was sich aus dem vulkanischen Ursprung +beider Gebirgszüge erklärt. Das vom Cap d'Antibes eine +Stunde weit entfernte Cannes wird durch die Landenge der +Croisette verdeckt, frei liegt hingegen vor ihm im Meere die +Lerinische Insel St. Marguerite. Deutlich erkennt man auf ihr +das Fort, in welchem einst der mysteriöse +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>homme au masque +de fer</foreign>« und neuerdings Bazaine eingekerkert waren. Es folgt +an der Küste ein Ort auf den andern. Zunächst das Städtchen +Golfe Jouan, in dessen wohlgeschütztem Hafen das französische +Mittelmeer-Geschwader liegt. Zahlreiche Villen und Gärten +decken die grünen Hügel, die sanft gegen das Meer abfallen. +Nach Südwesten hin streckt das Cap d'Antibes noch einen +Seitenarm in die Fluthen, und dieser trägt ein kleines Fort und +das Grand Hôtel. Gegen Süden verliert sich der Blick in dem +weiten Meer; gegen Osten kann er der Küste bis jenseits +Bordighera folgen, wo diese endlich in dem Blau der Ferne +schwindet. Im Halbkreis reihen sich an der Bai des Anges die +Häuser von Nizza aneinander und versuchen es auch, die angrenzenden +<pb n='087'/><anchor id='Pg087'/> +Hügel zu erklimmen. Im Vordergrund zeichnet sich +grell das alte Antipolis, noch im mittelalterlichen Gewande, von +steilen Mauern und Laufgräben umgeben und von dem malerischen +Fort Carré beherrscht, das es zu Vaubans Zeiten erhielt. Nach +Norden thürmen sich Berge auf Berge, um endlich in den schneebedeckten +Alpen ihren verklärten Abschluß zu finden. So zeigt +dieses Bild all das Erhabenste wieder vereinigt, was die Natur +uns zu bieten vermag. Und wie wirkungsvoll zugleich ist der +Gegensatz zwischen der unbegrenzten Fläche des Meeres und den +bewegten Umrissen der himmelstürmenden Bergriesen; wie zart +vermittelt die azurne Farbe des Wassers und das matte Grün +der Küste, wie schroff abgesetzt das glänzende Weiß der Schneefelder +von dem dunkeln Blau des Himmels! Wie athmet man +frei in dem weiten Raum, welchen der Blick hier umfaßt; wie +fühlt man sich geläutert durch die hehren Bilder, die sich in der +Seele spiegeln! +</p> + +<p> +Das kleine Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port ist mit +manchem <foreign lang='la'>ex voto</foreign> +geschmückt. Ringe und Ketten von Schiffen, +kleine aus Holz geschnitzte Kähne, die an den Wänden hängen, +deuten den Dank Jener an, denen es gelang, sich aus stürmischer +See zu erretten. Am 8. Juli eines jeden Jahres ziehen die +Schiffer von Antibes barfuß den Hügel hinauf und holen das +Standbild der Mutter Gottes herab, um es in gleichem Aufzuge +am nächsten Sonntag von Antibes wieder hinauf zu tragen. +</p> + +<p> +Über das Grand Hôtel du Cap d'Antibes bildete sich ein +ganz eigener Mythos. Es hieß, de Villemessant, der einst so +bekannte Redacteur des »Figaro«, hätte den Bau veranlaßt, um +ein Heim für Schriftsteller und Künstler zu schaffen. Dieselben +sollten dort vereint ihren Arbeiten obliegen und durch die herrliche +Umgebung zu bedeutendem Schaffen angeregt werden. +Dieser Mythos war aber nur eine +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Blague</foreign>«, +durch entsprechende +Zeitungsartikel veranlaßt und durch eine »Expedition« großgezogen, +die die Redaction des »Figaro« in diese Gegend unternahm. +Auch scheint das treibende Motiv nur das gewesen zu +<pb n='088'/><anchor id='Pg088'/> +sein, eine neue Station an der Riviera zu entdecken, von gleicher +Rentabilität wie das rasch aufblühende Cannes. Man wollte +es Lord Brougham nachmachen, von welchem der Reisebericht +des »Figaro« vom 25. April 1867 erzählt, daß er die Stadt +Cannes entdeckt habe – entdeckt insofern, als er dort Grundstücke +zu 5 Sous den Meter vorfand, die sich bald zu 60 Francs +verkauften. Der »Figaro« ließ es aber bei den schönen Plänen +bewenden, und die projectirte »Villa Soleil« kam nicht zu +Stande; wohl aber ließ ein Russe, der das Cap d'Antibes schon +bewohnte, sich bestimmen, das große Hôtel du Cap zu erbauen. +Das Unternehmen mißglückte, ein Pächter folgte dem andern, +bis endlich das Haus geschlossen wurde. Erst jetzt, wo die Zahl +der Reiselustigen so bedeutend zugenommen hat, stellen sich +günstigere Bedingungen für das Unternehmen ein. Das Hôtel +kam in sorgsame und geschickte Hände und wird sich voraussichtlich +weiter gut entwickeln. Seine Lage ist einzig schön. Aus den +Fenstern der Vorderseite hat man den vollen Blick auf den Golfe +Jouan und das Esterel-Gebirge, während die Fenster der Rückseite +nach den schneebedeckten Alpen schauen. Ein großer Garten +umgibt das Gebäude und reicht bis zum Meer hinab. Er verliert +sich in dem duftigen mediterranen Gestrüpp, und wo dieses +aufhört, setzen nackte, zerrissene Felsen die schmale Landzunge +fort. Unaufhörlich wälzt das Meer seine Wogen gegen diese +Felsen, und heftiger Sturm jagt den Schaum der Wellen über +dieselben hinweg. In tausend Klippen sind die steilen Abhänge +des Caps zerrissen, bilden phantastische Stufen, Grotten, Buchten +und Verstecke, und zu jeder Tagesstunde läßt sich an dem jähen +Absturz eine Stelle finden, an der man, vor der Sonne und +meist auch vor dem Winde geschützt, mit einem Buche in der +Hand, sich niederlassen kann. Gelesen wird freilich kaum, denn +die blauen Wellen schlagen fort und fort gegen die Steine und +stören durch ihr Plätschern. Einmal berühren sie den Fels nur +sacht, so daß man sie kaum hört, dann wieder schwellen sie an +und plaudern so laut, als wollten sie vernommen werden. Zuweilen +<pb n='089'/><anchor id='Pg089'/> +rollt die schwellende Fluth dicht heran, dann flieht sie +wieder, und unwillkürlich folgt das Auge ihr nach. So lassen +sich Stunden auf Stunden verträumen an dem steinigen Strande +von Antibes, und unbemerkt verfliegt ein Tag nach dem andern. +Die Nerven ruhen aus und sammeln neue Spannkraft für die +gesteigerten Anforderungen der Zeit. – Ebenso wonnig wie auf +seeumspülten Felsen lagert es sich zwischen den duftenden Sträuchern +des Strandes mit dem blauen Zeltdach des Himmels über dem +Haupte und einem begrenzten Stücke azurnen Meeres zur Seite. +Man hat eine Decke über Myrten oder Rosmarinsträucher ausgebreitet +und ruht nun wie auf einem Polster. Gewiß gehört +es mit zu den hohen Reizen dieses bevorzugten Ortes, daß man +aus dem Garten unmittelbar in die volle, reine, unverfälschte +Natur gelangen kann. Denn die wohlriechenden Sträucher, die +hier den Strand bedecken, sind nicht von Menschenhand gepflanzt. +Sie bilden einen Vegetationstypus, der für das Mittelmeergebiet +bezeichnend ist und den Namen +<name rend='gesperrt'>Maquis</name> führt. Immer mehr +weichen diese Maquis der Cultur, namentlich an dieser stark bevölkerten +Küste. Ueber größere Flächen ausgedehnt, findet man +sie hier noch im Esterelgebirge. In voller Prachtentfaltung +treten sie dem Reisenden erst auf Corsica entgegen. +</p> + +<p> +Der Charakter dieser Maquis wird durch immergrüne +Sträucher bestimmt. Selbst eine Anzahl baumartiger Gewächse +nimmt in den Maquis Strauchform an. Bei der großen Mehrzahl +dieser Sträucher ist die Laubentwickelung eingeschränkt worden, +ja zum Theil geschwunden. Das Alles befähigt diese +Pflanzen, langanhaltende Dürre auszuhalten. Im Frühjahr, +wenn die nöthige Bodenfeuchtigkeit zur Verfügung steht, kommen +sie gleichzeitig zur Blüthe und zaubern dann, auf sonst dürrem +Boden, üppige Gärten hervor. Es walten in den Maquis die +aromatischen Gewächsarten vor. Aus jedem Strauch, den man +streift, befreit man ganze Ströme von Wohlgerüchen. Dem +Boden, den man tritt, entlockt man eine Fülle flüchtiger Essenzen: +Rosmarin, Thymian, Lavendel, Cistusrose, Myrte und Pistacie +<pb n='090'/><anchor id='Pg090'/> +mischen ihre Düfte und erfüllen mit ihnen die Luft. Die Färbung +der Maquis ist eine bräunlich-grüne, und erst die Blüthen +beleben den einförmigen Ton. Sie treten auf in massenhafter +Fülle. Das zarte Blau der Rosmarinblüthe gesellt sich dann +dem grellen Gelb der Ginster, die helle Farbe der Ciströschen +dem dunkeln Violett der Lavendel. Auf Corsica scheinen die +Abhänge ein einziger Blüthenstrauß um jene Zeit zu sein, und +der Wanderer wird von dem Duft berauscht, der diesem Blüthenmeer +entströmt. Nicht ohne Grund behaupten die Schiffer, daß +man Corsica im offenen Meere schon aus weiter Ferne <emph>riechen</emph> +könne, und nach jenem würzigen Duft seiner Heimathsinsel sehnte +sich auch Napoleon zurück auf St. Helena, vor seinem Ende. +</p> + +<p> +Was noch von den Maquis am Cap d'Antibes erhalten +blieb, ist freilich wenig, und doch kann man selbst auf jener +kleinen Landzunge vor dem Garten des Grand Hôtel fast alle +die Arten zusammenlesen, welche den Typus der Maquis bestimmen. +Unter den strauchartigen Formen fällt zunächst der +Rosmarin durch seinen Duft, seine blauen Lippenblüthen und +seine steif linealen, unterseits weiß-filzigen Blätter auf. Man +begegnet ihm dort überall. Das wohlriechende Öl verflüchtigt +sich, wenn man seine Blätter zerreibt. Diese Pflanze zieht man +auch bei uns in den Gärten, besonders für die Bienen, deren +Honig sie ein feines Aroma verleiht. Ihre Verbreitung nördlich +von den Alpen wurde durch das Capitulare Karl's des Großen +812 gefördert, welcher die Anpflanzung des +»<foreign lang='la' rend='antiqua'>ros marinus</foreign>« in +den kaiserlichen Gärten befahl. Im Alterthum hat man den +Rosmarin viel zum Winden von Kränzen benutzt und schmückte +mit diesen die Bildsäulen der Laren. Im Mittelalter bemächtigte +sich die Symbolik dieses immergrünen, duftigen Gewächses, und +es wurde zum Sinnbild der Liebe, der Treue und des Todes. +Als Sinnbild der Treue gilt es auch bei Shakespeare, der die +wahnsinnig gewordene Ophelia sagen läßt: »Da ist Vergißmeinnicht, +das ist zum Andenken: ich bitte Euch, lieber Herr, gedenket +meiner – und da ist Rosmarin, das ist für die Treue.« +</p> +<pb n='091'/><anchor id='Pg091'/> +<p> +Neben dem Rosmarin steht am Strande von Antibes überall +der Thymian. Er hält sich am Boden, über und über bedeckt +mit kleinen rosafarbigen Blüthen. Etwas höher steigt an +reich verzweigten Stämmchen ein anderer Lippenblüthler auf, +die <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Lavandula Stoechas</name>, und streckt ihre violetten Blüthenähren +zwischen den schmalen, weichfilzigen Blättern empor. – +Zahlreich drängen sich aneinander die Ciststräucher. Sie erreichen +hier kaum über einen halben Meter Höhe und tragen an +reich verzweigten Ästen ihre bräunlich-grünen, klebrigen Blätter. +Die Art mit kleineren weißen Blüthen ist +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cistus monspeliensis</name>; +die andere mit weit größeren rosenrothen Blüthen, +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cistus albidus</name>. +Die weißen wie die rosenrothen Ciströschen sind äußerst zart, +in der Knospe zusammengeknittert, mit zahlreichen gelben Staubfäden +in der Mitte verziert. Sie welken äußerst rasch, wenn +man sie pflückt, doch entfalten sich an Zweigen, die man in +Wasser stellt, alsobald neue Blüthen. Die Ciststräucher tragen +nicht wenig dazu bei, den Maquis von Antibes einen charakteristischen +Geruch zu verleihen. Das Gummiharz, welches einige +südeuropäische Cistus-Arten ausschwitzen, war unter dem Namen +Ladanum oder Labdanum früher ein berühmtes, von griechischen +Aerzten viel benutztes Heilmittel. Heute wird es nur noch zum +Räuchern verwendet. – Wer aufmerksam den Boden zwischen +den Ciströschen durchsucht, kann ein eigenthümliches Gewächs +dort finden, einen Parasiten, der aus den Wurzeln der Ciströschen +seine Nahrung zieht. Er fällt durch seine brennend gelb-rothe +Färbung auf und heißt +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytinus hypocistis</name>. Grüne Blätter +fehlen ihm; er hat sie eingebüßt, da er sich nicht mehr selbständig +zu ernähren braucht. Die Rafflesiaceen, zu denen dieser +Cytinus gehört, sind im Übrigen Tropenbewohner. Sie leben +parasitisch und entwickeln dabei zum Theil riesig große Blüthen. +Die größte Blüthe der Welt wird von einer solchen Rafflesiacee, +der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rafflesia Arnoldi</name>, erzeugt, welche auf Sumatra den Wurzeln +gewisser Cistus-Arten aufsitzt. Diese Blüthen können einen Meter +im Durchmesser erreichen. – Den Ciströschen nahe verwandt +<pb n='092'/><anchor id='Pg092'/> +sind die Sonnenröschen, Helianthemum-Arten, die auch unserer +Flora nicht fehlen und in den Maquis hier und dort mit +ihren zarten schwefelgelben Blüthen am Boden hervorschauen. +– Wesentlich höher als selbst die Ciströschen wird ein stark +bewaffneter Strauch mit gelben Schmetterlingsblüthen, die +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Calycotome spinosa</name>. +Diese verdient es wohl, eine nahe Verwandte +der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Genista acantoclada</name>, +jener Tartarusgeißel zu sein, deren +wir früher erwähnten. Sie ist mit dornartigen, scharfen Seitenästen +so dicht besetzt, daß man sie sorgfältig in den Maquis +meiden muß. Weniger unzugänglich ist die nah verwandte +Besenpfrieme +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Spartium junceum</name>), +ein fast blattloser Strauch +mit rutenförmigen grünen Ästen und großen gelben Blüthen. +Aus diesen Binsenpfriemen werden Körbe, Netze, ja selbst Schuhe +geflochten, der Bast wird zum Binden benutzt, auch eine Art +Leinwand aus ihm dargestellt. +</p> + +<p> + Sehr häufig in den Maquis ist die Mastix-Pistazie + (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pistacia +Lentiscus</name>). Hier tritt sie nur als Strauch auf, während +sie unter anderen Bedingungen auch zum Baume emporwachsen +kann. Einen solchen schönen Lentiskenbaum, mit dichter, schirmförmiger +Krone, kann man unweit vom Hôtel, im Garten einer +Villa von der Straße aus bewundern, die nach Golfe Jouan +führt. Die dunkelgrünen, paarig gefiederten, lederartig zähen, +oberseits glänzenden Blätter sind für +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pistacia Lentiscus</name> +charakteristisch; +es zeichnet sie außerdem ein besonderer harziger Geruch +aus. Die an sich sehr kleinen Blüthen fallen schon aus +der Ferne auf, weil sie in dunkelrothen Trauben bei einander +stehen. Dieses Gewächs liefert den altberühmten Mastix, doch +kann derselbe nicht aus dem Strauchwerk der Maquis, sondern +nur aus sorgsam cultivirten Mastixbäumen gewonnen werden. +Diese gedeihen am Besten auf der Insel Chios und haben dieser +Insel sogar den Namen der Mastix-Insel verschafft. Das Harz, +welches aus künstlich ausgeführten Einschnitten, doch auch von +selbst aus den Zweigen hervortritt, findet seine hauptsächliche +Verwendung im Orient, wo es gekaut wird, ähnlich wie die +<pb n='093'/><anchor id='Pg093'/> +Blätter des Betelpfeffers in Indien. Es heißt, daß Mastix das +Zahnfleisch festige und den Athem parfümiere. Vornehme türkische +Frauen bringen den ganzen Tag mit Mastixkauen zu. +Bei uns wird wohl auch Zahnpulver aus dem Mastix bereitet, +vornehmlich aber dient er zum Räuchern und zur Firnißbereitung. +</p> + +<p> +Fremdartig muthet den Nordländer das Wolfsmilchbäumchen, +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Euphorbia dendroides</name>, +an, da wir doch unsere Wolfsmilcharten +nur zu sehr bescheidener Höhe emporwachsen sehen. Diese +Euphorbia-Bäumchen können an der Riviera zwei Meter Höhe +erreichen und Stämme bilden, die man mit beiden Händen kaum +zu umfassen vermag. Die Pflanze gabelt sich fort und fort +während ihres Wachsthums und bildet eine gewölbte Scheindolde, +die durch ihre gelbe Färbung von Weitem schon in die +Augen fällt. Sie ist eine der eigenartigsten Pflanzenformen der +Riviera. Man findet sie in den Maquis und auch sonst durch +das Land zerstreut. Schon Dioskorides und Plinius war sie +aufgefallen. Zur Zeit der Sommerdürre wirft sie ihre Blätter +ab und steht kahl da, wie unsere Gewächse im Winter. Das +Volk an der Riviera streut diese Wolfsmilchart ins Wasser, um +die Fische zu betäuben, und über einen ähnlichen Brauch wird +auch aus Griechenland berichtet. – Bedeutend steht diesem +Wolfsmilchbäumchen an Größe eine andere Wolfsmilchart nach, +die in den Maquis sich als niedriger Busch am Boden hält, +die <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Euphorbia spinosa</name>. Sie ist gelb gefärbt, wie die große +Art und führt den Namen nach den abgestorbenen Zweigen, die +in harte Spitzen auslaufen. – An ihren fleischigen, kleinen, +dicht gedrängten Blättern, ihren weißbehaarten, überhängenden +Zweigen, den kleinen, gelben, unscheinbaren Blüthen ist eine +sonst seltene Thymelaeacee, die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Passerina hirsuta</name>, +kenntlich. Auch +die baumartige Heide, <name type="taxonomic" rend="antiqua">Erica arborea</name>, fehlt nicht in den Maquis +am Cap. Sie schmückt im Frühjahr ihre Zweige so dicht mit +den kleinen glockenförmigen Blüthen, daß sie aus der Ferne +ganz weiß erscheint. Der Erdbeerbaum +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Arbutus Unedo</name>) ist +hier auch, doch nicht zahlreich, vertreten; seine erdbeerartigen +<pb n='094'/><anchor id='Pg094'/> +Früchte werden auf den Märkten der Riviera feil geboten. Im +Aussehen gleicht er der Heide kaum, entstammt aber doch derselben +Familie. Die Übereinstimmung liegt nicht im Laub, wohl +aber in den glockenförmigen Blüthen, die im Übrigen größer +sind und in röthlich weißen Rispen abwärts hängen. Die +immergrünen Blätter sind eiförmig, am Rande stark gezähnt; +sie sehen wie Lorbeerblätter aus. Die Früchte reifen sehr langsam; +man findet sie oft, mit neuen Blüthen zusammen, noch am +Baume. Sie schmecken süßsäuerlich, doch fade, daher auch Plinius +ihren Namen »<foreign rend='antiqua'>Unedo</foreign>« von +»<foreign lang='la' rend='antiqua'>unum tantum edo</foreign>« (nur +eine esse ich) ableitete. Dem römischen Volke dienten Arbutuszweige +als Zaubermittel. Mit ihnen wurden dreimal die Pfosten +und Schwellen der Thüren berührt, um vampyrähnlichen Geschöpfen +den Eingang zu wehren, die des Nachts den Kindern +in der Wiege das Herzblut aussaugen sollten. Ein Zweig des +glückverheißenden Weißdorns im Fenster des Schlafgemachs hielt +auch die Unholde ab. +</p> + +<p> +Überall drängt sich in die Maquis die immergrüne Steineiche, +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Quercus Ilex</name>, +ein. Sie bleibt dort strauchartig. Ihre +eiförmigen, vorn zugespitzten Blätter sind an der Unterseite grau +und an diesem Merkmal von den benachbarten Sträuchern zu +unterscheiden. Die scharfe Zähnelung des Blattrandes kann auch +fehlen. Außerhalb der Maquis ist die immergrüne Steineiche +ein mächtiger Baum. Aus ihrem Laube wurde im alten Rom +die Bürgerkrone geflochten, von der Plinius sagt, sie überstrahle +alle anderen Kränze, selbst die kostbarsten, an Würde. An einzelnen +Sträuchern der Maquis klettert eine zarte Spargelart +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Asparagus acutifolius</name>). +Der holzige, biegsame Stengel, der +an abstehenden blattlosen Seitenästchen kleine nadelförmige +Zweige trägt, welche die Stelle der Blätter vertreten, wird viel +zu Guirlanden benutzt, und öfters findet man an der Riviera +Spiegel und Kronleuchter der Wohnräume von solchem Spargelkraut +umwunden. Die jungen Triebe dieser Asparagus-Art genießt +man wie unseren Spargel. In Sicilien werden in ähnlicher +<pb n='095'/><anchor id='Pg095'/> +Weise als »Spargel« die jungen, wohlschmeckenden, schon +im Alterthum geschätzten Triebe des stechenden Mäusedorns +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ruscus aculeatus</name>) verzehrt. +</p> + +<p> +Zu den Charakterpflanzen der Maquis gehört ferner der +Phillyreastrauch +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Phillyrea angustiflora</name>), +daher ich ihn nicht +übergehen darf. Er erreicht ein bis zwei Meter Höhe und ist +durch seine auswärts gerichteten, lineal-lanzettlichen, lederartigen +Blätter und die kleinen, weißlichen, in sehr kurzen Trauben zusammengedrängten +Blüthen ausgezeichnet. Dieser Strauch gehört +zu derselben Familie wie der Ölbaum, dem er auch ein +wenig ähnelt. – Botanisch sehr interessant als Vertreter der +Cneoraceen, ist ein Strauch mit glänzenden grünen, lanzettförmigen +Blättern und kleinen, gelben Blüthen, die zu zwei bis +drei an den Enden der Zweige stehen: +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cneorum tricoccum</name>. +Seiner eleganten Tracht wegen wird er auch in den Gärten der +Riviera vielfach cultivirt; man sieht ihn sogar in den so raffinirt +gehaltenen Casinogärten von Monte Carlo einen, wenn auch bescheidenen, +Platz einnehmen. +</p> + +<p> +Die mit großen, rothfarbigen Scheinbeeren beladene Wachholderart +der Maquis ist +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Juniperus oxycedrus</name>. Ihre Scheinbeeren +werden im Orient und in Griechenland ganz wie die +Scheinbeeren <corr sic='unsers'>unseres</corr> +Wachholders verwandt. Das Holz widersteht +sehr gut der Luft und den Würmern und diente im +Alterthum vielfach zur Darstellung von Götterbildern. – An +offenen Stellen strebt vom Boden empor +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Globularia Alypum</name> +und trägt an den Enden der Zweige schöne blaue Blüthenköpfchen. +– Wird der Boden so unfruchtbar, daß er andere +Gewächse nicht zu ernähren vermag, so deckt ihn in dichtem +Rasen die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Caldonia alciornis</name>, +eine graue Flechte, die auch +sonst über Europa, über Nordafrika, Nordamerika und einen +Theil von Asien verbreitet ist. +</p> + +<p> +Überall in den Maquis von Antibes begegnen wir der +Myrte und der Strauchform des Ölbaums. Der Ölbaum +paßte sich wie die Steineiche den Maquis an und wurde zum +<pb n='096'/><anchor id='Pg096'/> +Strauch. Er veränderte sich so stark, daß ihn schon die Alten +in dieser Form als Oleaster unterschieden. Der Oleaster wie +die Myrte wagen sich ganz besonders weit an dem Strande +vor. Sie trotzen dem heftigsten Seewind und werden von ihm +so abgerundet, als hätte sie Menschenhand geformt. Ein Theil +ihrer Zweige ist an der Seeseite kahl, zuweilen wirklich abgestorben. +Die Zweige des Ölbaums, ein Sinnbild des Friedens, +nehmen am Oleaster, in so exponirter Lage, dornartige Gestalten +an. Sie spitzen sich zu, ragen so als scharfe Waffen an der +Seeseite vor und machen den Strand dort unzugänglich. An +der Landseite bewahrt die Pflanze gleichzeitig ihren friedlichen +Charakter. Dieser unmittelbare Einfluß der Medien kommt +auch in der Ausbildung der Blätter zum Ausdruck, die an der +Seeseite sehr klein bleiben, an der Landseite weit bedeutendere +Größe erreichen. – Bis zuletzt begleitet die Sträucher der +Maquis am Strande die »italienische Stechwinde« +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Smilax +aspera</name>) und findet Schutz zwischen ihren Zweigen. Blätter +und Stengel dieser Schlingpflanze sind mit Stacheln besetzt, die +ihr das Klettern erleichtern. Im Frühjahr ist die Stechwinde +mit rothen Fruchttrauben geschmückt. Nach Blüthen muß man +im Herbst suchen. Diese duften sehr lieblich; daher wurde +blühende Stechwinde im Alterthum, mit Epheu in Kränze gewunden, +oft bei Bacchusfesten verwendet. +</p> + +<p> +Diese Aufzählung mag genügen, um Denjenigen, der Freude +hat an den Erscheinungen der Pflanzenwelt, in das Leben der +Maquis einzuführen. Er wird bald die einzelnen Pflanzenformen +unterscheiden lernen, sie beim Wiedersehen als alte Bekannte +begrüßen und innerhalb dieser duftigen Umgebung sich +um so heimischer fühlen. +</p> + +<p> +Auf dem schmalen Vorsprung, der, den Stürmen preisgegeben, +hier noch einige hundert Meter weit das Cap fortsetzt, +sieht man schließlich alles Pflanzenleben schwinden. Immer +härter wird der Kampf, den die Gewächse in so exponirter +Lage zu bestehen haben, und sein Einfluß macht sich in ihrem +<pb n='097'/><anchor id='Pg097'/> +Aussehen kenntlich. Da alle über die Bodenfläche sich erhebenden +Theile der Pflanze der Zerstörung ausgesetzt sind, sucht diese +aus jeder Vertiefung des Bodens Vortheil zu ziehen. Sie +breitet sich flach an der Erde aus, erhält knorrige, kriechende +Stengel, eine ganz abenteuerliche Gestalt. Auffallend ähnlich wird +das Aussehen solcher Gewächse demjenigen der Alpenpflanzen. +Wir könnten, dem Vegetationsbilde nach, uns einige tausend +Meter hoch über dem Meeresspiegel denken, reichten die blauen +Wellen nicht fast bis an unsere Füße. Die verkrüppelten Gewächse +der Maquis weichen allmälig den Strandpflanzen. Auch +diese finden alsbald nur noch Schutz in Spalten oder hinter +den Steinen. Dem nackten Felsen haftet aber noch an vielen +Stellen, in Gestalt runder Flecke, eine gelbe Flechte, die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Lecidea</name>, +an. Zuletzt dringt das Meer von allen Seiten zwischen die +zerrissenen Felsen ein, und wir stehen ganz anderen Vertretern +des Pflanzenreichs gegenüber, den form- und farbenreichen +Seealgen, den Bewohnern des Meeres. +</p> + +<p> +In vollem Contrast tritt uns dann bei der Rückkehr die +Fülle südlicher Pflanzenformen in dem Garten des Hôtels entgegen. +Vor dem Hause stehen Chrysanthemen +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chrysanthemum +frutescens</name>) von ganz seltener Schönheit. Sie bilden kugelige +Sträucher von fast zwei Meter Höhe und sind mit Tausenden +strahliger Blüthenköpfchen, wie mit weißen Sternen besetzt. +Über die Mauern herab hängt mit ihren dicken, fleischigen +Stengeln und Blättern die südafrikanische Mittagsblume +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mesembryanthemum +acinaciforme</name>), die ihre großen rothen Blüthen +nur bei Sonnenschein entfaltet. In unmittelbarer Nähe des +Hauses ist der so überaus große Garten wohl gepflegt, weiterhin +aber sich selbst überlassen. Da entwickelt sich denn ein +merkwürdiger Kampf um Raum, um Licht und Nahrung +zwischen den Gewächsen aller Zonen, welche der Zufall hier +zusammenführte. Die australischen Casuarineen werden von dem +amerikanischen Pfefferbaum bedrängt, das japanische Pittosporum +wehrt sich gegen die mediterrane Tamariske. Siegreich dringen +<pb n='098'/><anchor id='Pg098'/> +aber gegen sie alle die beiden Kieferarten vor, denen wir überall +an der Riviera begegnen, die zartnadelige Aleppokiefer +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pinus + halepensis</name>) und die derbnadelige Strandkiefer +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pinus Pinaster</name>) +und vermitteln den Übergang zu den Maquis. +</p> + +<p> +Zwischen den Kiefern am Cap begegnet man, wie auch +sonst an der Riviera, nur zu häufig einer Processionsraupe, +der Raupe des Pinien-Processionsspinners, +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cnethocampa Pityocampa</name>. +Diese schwarzen, braun gestreiften Raupen ziehen im +Gänsemarsch zu Hunderten über die Wege. Die eine berührt +die andere, und sie bilden so zusammen eine lange Schnur, eine +lebendige Kette, die sich als Ganzes vorwärts bewegt. Unterbricht +man die Kette, so bleibt der vordere Abschnitt derselben +stehen, der hintere Abschnitt rückt nach. Hin und her tastend +sucht die erste Raupe dieses hinteren Abschnittes wieder nach +dem Anschluß. Gelang es ihr, die hintere Raupe des +vorderen Abschnittes zu erreichen, so setzt sich die ganze Kette +wieder in Bewegung. Diese Raupen richten großen Schaden +an Kiefern und auch Pinien an, sie berauben sie oft vollständig +ihrer Nadeln. Des Tags halten sie sich in jenen großen grauen +Gespinnsbeuteln auf, die an Kiefern und Pinien so in die Augen +fallen, und in der Sonne seidig glänzen. Des Nachts verlassen +sie das Nest, um auf Futter auszugehen. Jene Raupen, +denen man am Boden begegnet, suchen nach einer passenden +Stelle, um sich in der Erde zu verpuppen. Man darf weder +die Raupen noch ihre Nester berühren, da die in die Haut eindringenden +Haare derselben gefährliche Entzündungen veranlassen. +Daher auch Leute, welche die Nester von den Bäumen entfernen, +um sie zu verbrennen, sich gegen den Wind stellen und auch +sonst sehr vorsichtig zu Werke gehen. Als bestes Verfahren gilt, +Petroleum in die Nester zu gießen, ohne sie zu entfernen. – +Die hängenden Nester dieser Raupen und ihre langen Züge sind so +auffällig, daß sie wohl jeder Reisende an der Riviera bemerkte. +Nur wenige werden hingegen Gelegenheit haben, die Spinner +kennen zu lernen, die sich aus den verpuppten Raupen entwickeln. +<pb n='099'/><anchor id='Pg099'/> +Sie sind auch weder auffällig noch schön, grau, mit einigen dunkleren +Flecken und Streifen. Sie fliegen im Hochsommer, legen ihre +Eier an die Unterseite der Kiefernadeln und bedecken sie mit +dünnen silbergrauen Schuppen. +</p> + +<p rend='text-align:center'>X.</p> + +<p> +Ein Stück unverfälschte Maquis bietet uns auch das weite +Grundstück, östlich neben dem Hôtel. An Sonntagen steht das +Thor den ganzen Tag offen, um den Zugang zu der englischen +Kapelle zu ermöglichen, die sich innerhalb dieses Grundstücks befindet. +Auch sonst gestattet die Besitzerin gern den Besuch. Der +schöne Garten, der das Wohnhaus umgibt, ist nur wenig ausgedehnt, +der meiste Boden noch in seinem früheren Zustand. +So gelangt man nach Eintritt in die Besitzung durch immergrüne +Sträucher, üppige Erica-Büsche und mächtige Euphorbien, +bis zum Meeresstrande. Dieser ist hier besonders schön gestaltet +und hat schon manchem Maler als Vorwurf gedient: +Steil aufsteigende und zerrissene Felsen, vom Meere umspült, +vielfach an die Faraglioni von Capri erinnernd. Der Besitzer +James Close liebte dieses Stück Erde so sehr, daß er sich hier +begraben ließ. Der Ausblick zwischen den Felsen nach dem +Esterel und ins weite Meer ist großartig und entzückend. Auch +lauscht man gern dem Rauschen des Wassers, das sich in den +tiefen Felsenspalten hebt und senkt und forscht dem bunten Leben +nach, das hier im Schatten der Steine aus den Tiefen des +Meeres zum Lichte emporsteigt. +</p> + +<p rend='text-align:center'>XI.</p> + +<p> +Wer am Cap d'Antibes einen Seesturm erlebte, wird den +Eindruck nie vergessen. Für das schlechte Wetter, welches er +zuvor erleiden mußte, wird er bald durch den Anblick des entfesselten +Elements entschädigt. Ein starker Wind bläst zunächst +vom Meere aus; das ist Scirocco. Die Luft wird unendlich +klar, und alle Gegenstände rücken in die Nähe. Die Umrisse +<pb n='100'/><anchor id='Pg100'/> +der Berge sind wie mit Bleistift am Himmel gezogen. Sucht +man sich vor dem Wind zu decken, so empfindet man beklemmende +Schwüle. Dann beginnt der Horizont sich in rothgrauen Dunst +zu hüllen. Die Macht des Windes läßt nach, und es trübt sich +der ganze Himmel. Bald hört man große Regentropfen gegen +die Scheiben schlagen. Das hält wohl einige Tage an. Die +Temperatur ist stark gesunken, die Luft bleibt trotzdem drückend. +In den Zimmern sehnt man sich nach dem warmen Ofen seiner +Häuslichkeit zurück. Doch schon am nächsten Morgen wacht +man auf, geblendet von dem leuchtenden Blau des Himmels. +Man eilt hinaus und athmet mit voller Brust die erquickende +Luft ein. Noch glänzen alle Pflanzen von dem frischen Regen, +und wie Diamanten fließen funkelnde Tropfen von den Blättern +ab. Die Brandung aber stürmt mit Gewalt gegen die Felsen +der Küste, als wenn sie dieselben zerschmettern wollte. Weithin +vernimmt man das donnerartige Getöse des Angriffs. Die +Spitze des Caps ist nicht zu erreichen, denn die Wellen fegen +darüber hinweg. Fern am Horizont steigt die Welle auf wie +eine geschlossene Mauer; auf ihrem Wege schwellend und wachsend, +wälzt sie sich gegen das Land, um zerschmettert und von weißem +Schaum ganz bedeckt wieder zurückzurollen. Sie trifft auf eine +andere Welle, die ebenso drohend nahte, und beide sieht man +verschwinden. Da wird es plötzlich still. Ein Wellenberg ist +auf ein Wellenthal gestoßen, beide glichen sich aus. Doch wenn +Wellenberge zusammentreffen, dann schwillt die stürmende Woge +so mächtig an, daß sie ächzend sich überschlägt und mit gewölbtem +Rücken auf die Felsen wirft. Ungeheuere Wassermengen +werden dann in die Luft geschleudert, und See und Himmel +scheinen in demselben Chaos zu verschmelzen. Mit dumpfem +Knall, wie von schwerem Geschütz, fangen sich die Wellen in +den Grotten, die sie selbst in den Stein sich gruben; wie +ein Jammern und Stöhnen klingt es durch das Cap von den +vielen Wasserfäden, die sich in den Gängen zwischen den Felsen +verirrten und, in hastigem Lauf über die Steine stürzend, ihren +<pb n='101'/><anchor id='Pg101'/> +Weg nach dem Meere suchen. Von dem anstürmenden Element +allseitig umgeben, glaubt man sich fast ins offene Meer versetzt +und ist ganz von dem Schauder des Sturmes ergriffen. Wie +wohlthuend wirkt da zugleich der feste Boden unter den Füßen! +</p> + +<p> +Tage vergehen, bevor die Erregung des Meeres sich legt +und die weite Wasserfläche wieder Ruhe und Frieden athmet. +Und täglich ist es ein anderes, wenn auch immer das gleiche, +und täglich fesselt es uns von Neuem und entzückt unser Auge, +dieses göttliche Meer. +</p> + +<p rend='text-align:center'>XII.</p> + +<p> +Wer am Cap d'Antibes im Bergsteigen sich üben möchte, +bleibt auf den nur hundert Meter hohen Bergrücken angewiesen, +der die Seelaterne und die +<name type='place' rend='antiqua'>Notre-Dame de Bon-Port</name> trägt. +Doch sind die Spaziergänge längs der Buchten, an den Abhängen +der Hügel und zwischen den Gärten so mannigfaltig, +daß man sie täglich ändern kann. Stets wird man durch eine +neue Aussicht auf die Küste, das Gebirge, die Schneegipfel der +Alpen, durch malerische Felsgruppen am Strande oder durch +besonders schöne Vegetationsbilder überrascht. Selbst die sonst +so eintönige Wanderung auf einer Landstraße wird hier zum +Genuß. So wenigstens auf der Landstraße, die das Cap +durchschneidet. Denn diese führt an endlosen Pflanzungen von +Anemonen, Ranunkeln, Goldlack, Levkojen, Tazzetten und Reseda +vorbei. Besonders fesselt das Auge die Pracht der Ranunkeln +und Anemonen, die man schöner und farbenreicher nirgends +sehen kann, während der Geruchssinn zugleich umfangen wird +von dem Dufte, der dem übrigen Blüthenmeer entströmt. Zu +jenen Blüthen im Felde gesellen sich hier in großer Zahl auch +die Blüthen der Lüfte, die Schmetterlinge. Rothgefleckte Aurorafalter +fliegen rasch vorüber; langsam wiegt sich hin und her +der schwarz gestreifte, gelbe Segelfalter; am meisten fällt aber +durch ihre Schönheit die Cleopatra auf, ein südeuropäischer, +<pb n='102'/><anchor id='Pg102'/> +schwefelgelber Citronenfalter mit orangeroth abgetönten Vorderflügeln. +</p> + +<p> +Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die +nächsten Märkte der Riviera und versendet sie auch in großen +Mengen täglich nach dem Norden. Wie groß der Verbrauch +an Blumen an der Riviera selbst geworden ist, wird Jeder +beurtheilen können, der die Blumenmärkte der Städte dort besuchte +und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr +nach dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung +angenommen. Thatsächlich reicht diese Art Blumencultur an +der Riviera nicht über 1850 zurück, früher wurden die Blüthen +nur zum Zwecke der Parfümerie gezogen. In der nächsten +Nähe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis +nach Genua; die französische Seite der Riviera ist in einen +einzigen Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei +Toulon werden Unmengen römischer Hyacinthen gezogen und +wandern abgeschnitten nach den nordischen Städten, bevor die +holländische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules gibt es +auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weiße und rothe Nelken. +In der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen +und Ranunkeln vor. Sie zeigen ungeahnte Größe und seltene +Farbenpracht. Nicht minder staunt man über den Umfang, den Nelken, +wie der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Dianthus Caryophyllus flore pleno, + var. Marguerite</name>, +hier erreichen können: manche Blüthe sieht aus, als wenn sie +ein kleiner Blumenstrauß wäre. Zu diesen Pflanzen gesellen sich +die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Safrano</name> vor, +die auch rauhe Witterung gut verträgt und selbst im December +ihre Blüthenknospen treibt. Gleich genügsam sind manche Monatsrosen, +die weiße <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Bengal-Ducher</name> und die rothe <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Bengal-Sanglant</name>, +die demgemäß auch bevorzugt werden; doch an stark besonnten +Mauern und unter Glasdächern, die in Cannes und Antibes +große Bodenflächen decken, gedeihen die empfindlicheren Rosen, +so auch <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Maréchal Niel</name>, +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Marie van Houtte</name>, +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Gloire de Dijon</name>, +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Souvenir de la Malmaison</name>, +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Paul Nabonnand</name>, +<name type="taxonomic" rend="antiqua">La France</name> und +<pb n='103'/><anchor id='Pg103'/> +wie sie sonst heißen, jene Rosen, die auch unsere Blumengärten +im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Blüthen entfalten +sich im Frühjahr an einem und demselben Tage in Cannes und +Antibes, oft ohne daß noch eine Möglichkeit vorhanden wäre, +sie alle zu verwerthen. – In Cannes steht jetzt auch die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia +dealbata</name> in schwungvoller Cultur und wandert nach dem Norden. +Ihre runden Blüthenknäuel, in Traubenform vereint, und die +zart gefiederten Blätter haben ihr im Handel den Namen Mimose +verschafft. Der Baum wächst erstaunlich rasch, so daß er in +fünf bis sechs Jahren wohl zehn Meter Höhe erreicht. Er ist +dann schon im Januar mit gelben Blüthen über und über bedeckt. +Nach Deutschland gelangt viel +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia retinoides</name>, die +runde Blüthenknäuel wie die andere Art besitzt, doch einfache +lederartige lancettförmige Blätter trägt. Eigentlich sind jene Blattgebilde +nicht ganze Blätter, vielmehr hat der wissenschaftliche +Vergleich gelehrt, daß die Blattfläche bei diesen Acazien schwand +und der Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche +Gebilde Phyllodien. Auch +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia longifolia</name>, die man viel in +nordischen Blumenläden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen. +Man erkennt sie leicht daran, daß ihre Blüthen nicht zu +runden Knäueln, sondern zu raupenförmigen Kätzchen vereinigt +sind. Alle diese Acazien blühen gelb, sie folgen in der Jahreszeit +auf einander, zuletzt kommt +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia cultriformis</name>, die erst im +März an der Riviera im Blüthenschmuck prangt. Ihre Blüthenstände +sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit, +zugleich rautenförmig. – Allen Blumensendungen nach dem Norden +pflegt man die überall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen +vertragen schlecht eine weite Reise, werden aber an der Riviera +selbst in Unmengen verbraucht, dort auch mit Syrup getränkt +und zu Dragée's verarbeitet. Dann versendet man auch blaue +Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und +weißblühendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An +der Riviera selbst fällt dem Fremden in den Schaufenstern der +Blumenläden eine große graue Iris auf, die ganz fein purpurn +<pb n='104'/><anchor id='Pg104'/> +gesprenkelt ist, eine wahre Trauerblume, die +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Iris Susiana</name>. Von +den großen weißen oder gelben Chrysanthemen +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chrysanthemum +frutescens</name>) werden die Blüthen auch viel verwandt, besonders +die gelben, die als <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Étoile d'Or</name> +bekannt sind. Sie wandern +vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht +bis in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison +dauert. Man hat berechnet, daß von allen diesen Blumen +Cannes und Antibes zusammen in einem Winter für mehr als +eine Million Francs nach dem Norden versenden; viel mehr noch +wird an der Riviera selbst verkauft. +</p> + +<p> +Die überaus starke Concurrenz veranlaßt strebsame Geister, +nach immer neuen »Schöpfungen« für den Blumenmarkt zu sinnen. +So erschienen plötzlich in den Centralhallen von Paris als +»Neuheit« <emph>grüne</emph> Nelken. Solche hatte man in der That +bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der Impressionnisten. +Es ergab sich, daß auch diese grünen Nelken +nicht ganz unverfälschte Naturproducte waren. Man erhält sie, +indem man abgeschnittene weiße Nelken einen ganzen Tag lang, +ja selbst länger, in eine grüne Farbstofflösung stellt. Soll +der Versuch gut gelingen, so muß der Stengel innerhalb der +Lösung frisch durchschnitten werden. Man kann in gleicher +Weise die eine oder die andere Färbung erlangen, nur gilt es, +Farbstoffe zu wählen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am +leichtesten gelingen Rothfärbungen weißer Blüthen mit Eosin. +</p> + +<p> +Am Freitag Nachmittag beleben sich plötzlich die Straßen +am Cap. Da kommen von allen Seiten Equipagen und bringen +Besucher nach Elen Rock, dessen Garten an jenem Tage geöffnet +ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein östlich vom +Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht +gegen das Meer abfallen. Stufen und Gänge innerhalb dieser +Felsen führen hinunter bis zur Meeresfläche. Der Garten +bietet herrliche Aussichtspunkte und ist auch reich an schönen +Pflanzen, doch macht er einen etwas gekünstelten Eindruck innerhalb +der so großartigen Umgebung. +</p> +<pb n='105'/><anchor id='Pg105'/> +<p> +Am Dienstag ist vom frühen Morgen an der Thuret'sche +Garten geöffnet, derselbe, der einst George Sand so sehr entzückte. +Er dient jetzt der französischen Regierung als Acclimatisationsgarten +und enthält sehr viele werthvolle Pflanzen. +Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert +haben, finden wir hier in noch größeren Exemplaren wieder. +Die berühmte, von George Sand gefeierte Aussicht ist leider +geschwunden, verdeckt von den heranwachsenden Bäumen. +</p> + +<p> +Von dem Thuret'schen Garten läßt sich gleich abwärts, in +westlicher Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen, +und so kann man in den Pinienwald gelangen, der sich längs +der Küste dort hinzieht. Dieser Pinienwald war einst der +Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in Überresten vorhanden. +Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke angekauft, +eine breite Straße, die Cannes mit dem Cap d'Antibes verbindet, +durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und +mit Eisendraht umzogen. Doch steht manche mächtige Pinie +noch da, und in ihrem Schatten gelingt es wohl, sich in die +alte Herrlichkeit zurückzuträumen. +</p> + +<p rend='text-align:center'>XIII.</p> + +<p> +Die zweite Aprilhälfte war inzwischen angebrochen, und die +Pflicht rief mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Frühlingstag +ging zur Neige, und ich beschloß, vor Sonnenuntergang +noch einmal den Leuchtthurm aufzusuchen. Die Sonne schickte +sich an, hinter dem Esterelgebirge zu verschwinden und tauchte +dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur. Bald deuteten +nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen. +Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmüthig +stimmen: es steigerte die Empfindung des Abschiedes. +Ich wandte meine Blicke den Bergriesen zu, die mit phantastischem +Umriß sich von dem östlichen Himmel abhoben. Sie begannen +im Abendroth zu glühen. Es war ein Anblick, so erhaben, daß +man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener weltumfassenden +<pb n='106'/><anchor id='Pg106'/> +Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet. +Jedes persönliche Empfinden war gewichen vor dem mächtigen +Gefühl, sich Eins mit dieser göttlichen Natur zu fühlen. – +Immer weiter und weiter dehnten sich die Schatten aus über +das Land: sie begannen emporzusteigen an den Hügeln, an den +Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thäler und löschten +die glühenden Lichter aus an den Hütten und Palästen. Die +ganze Natur schien sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald +waren es nur noch einzelne Segel im weiten Meere und die +schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen Schimmer +glühten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch über +das Meer, und nur den Riesen da oben war es vergönnt, die +Königin des Lichtes noch zu schauen. Wie von innerem Feuer +entbrannt, schwebten sie jetzt in überirdischer Glorie. +</p> + +<p> +Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als +letzten Eindruck von der Riviera, und mit geschlossenen Augen +trat ich den Rückweg an. Als ich mich endlich umsah, hatten +die Schatten der Nacht sich bereits über die Hügel gelagert +und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen verwischt. +– Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Lüfte. Vom +Wächter entzündet, strahlte er jetzt wie ein großer Stern weit +über Land und Meer, ein Ziel der Sehnsucht für Alle, die jenes +herrliche Stück Erde einmal gesehen. +</p> +<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" /> +</div> + +<pb n='107'/><anchor id='Pg107'/> +<div rend="page-break-before: always"> +<index index="toc" /> +<index index="pdf" /> +<head>Frühjahr 1894.</head> + +<p rend='text-align:center'>I.</p> + +<p> +Der Frühlingsanfang des Jahres 1894, den ich an der +Riviera verlebte, prägte sich meiner Erinnerung in besonders +glänzenden Farben ein. Wochenlang blieb der Himmel ohne +Wolken, so daß einzelne Regentage, wenn sie kamen, fast willkommen +erschienen. Da es an Schnee in den Bergen fehlte, +wehte fast nie der Mistral, den sonst die eisigen Flächen der +Alpen und Cevennen gebären. Das Meer blieb meist ruhig, +und wenn die Nacht kam, dann funkelte der Himmel und spiegelte +sich so hell in der stillen See, als wäre in deren Tiefen eine +Saat von Sternen aufgegangen. +</p> + +<p> +Mitte März fanden wir uns in Hyères ein mit der Absicht, +unseren Weg bald ostwärts in die Berge der Mauren fortzusetzen. +Es war uns, als hätten wir eine Entdeckungsreise +angetreten, so unbekannt ist dieser westliche Theil der Riviera. +Und doch konnte Hyères, neben Montpellier und Aix-en-Provence, +sich einst rühmen, der berühmteste Kurort des südlichen Frankreichs +zu sein. Weiter gegen Osten an der Riviera vorzudringen, +schien damals kaum möglich, und erst in diesem Jahrhundert +änderten sich die Verhältnisse, begannen zuerst Nizza, dann Mentone +und Cannes als klimatische Stationen aufzublühen. In +dem Wettstreit, der sich nunmehr entspann, mußte Hyères unterliegen, +denn es ist weniger gut gegen den Nordwind als seine +Rivalinnen geschützt. Auch steht es ihnen nach an Schönheit +<pb n='108'/><anchor id='Pg108'/> +der Lage und ist zu weit vom Meere entfernt. – »Die Hügel +sind hier zu klein und zu nah, das Ufer ist zu flach und das +Meer zu fern,« rief einst George Sand aus, als sie Hyères +besuchte. Von dem Hügel, an den Hyères sich lehnt, kann der +Blick erst über eine weite Ebene das Meer erreichen. Auf dieser +stechen aber rothbraune, eckige Felder grell und unvermittelt +gegen gelbe und grüne ab. Die rothbraunen Felder sind mit +Rosen bedeckt; doch das bringt keine Harmonie in die Farben. +Auch danken diese Felder thatsächlich ihre Färbung nicht der +Pracht der Blüthen, sondern den jungen Trieben, die ihr zartes +Grün vor der Gluth der südlichen Sonne durch rothen Farbstoff +schützen. In früheren Zeiten mag der Blick auf diese Ebene +lieblicher gewesen sein; vermochte sie doch das Auge Horace +Benedict de Saussure's zu entzücken, als er 1787 nach Hyères +kam. Dieser hervorragende Geologe, Vater des noch berühmteren +Pflanzenphysiologen Théodore de Saussure, langte hier an einem +schönen Aprilabend an und war von der Lage des Ortes gefesselt. +Von den Fenstern der »Auberge du St. Esprit« blickte +er hinab auf Orangengärten, deren Bäume mit Früchten und +Blüthen beladen und durch unzählige Nachtigallen belebt waren. +Sanft fiel, so schrieb er, das Land bis zum Meer ab, und den +Abhang schmückten vorne Gärten, weiterhin Olivenhaine und in +der Ferne Pappeln. Bewaldete Höhen bildeten den Rahmen zu +dem schönen Bilde. +</p> + +<p> +Hyères ist fünf Kilometer vom Strande entfernt. An diesem +selbst lag einst Olbia, das Hyères den Ursprung gab. Von +Massiliern gegründet, ward Olbia von Saracenen zerstört und +baute sich dann, entfernter vom Meere, an der Anhöhe auf, um +den Angriffen der Corsaren nicht so unmittelbar ausgesetzt zu +sein. Der Strand, der einst Olbia trug, zeigt sich jetzt in Quadrate, +wie ein Schachbrett getheilt. Das Seewasser füllt diese +Quadrate. Es wird in dieselben geleitet, um zur heißen Sommerzeit +dort zu verdunsten und so der Salzgewinnung zu dienen. +Dem Strand gegenüber tauchen aus dem Meere die Hyèrischen +<pb n='109'/><anchor id='Pg109'/> +Inseln empor. Sie strecken sich so lang dahin, als hätten sie +sich in die See zu ewigem Schlaf gelegt. Einst haben die Ligurer +an diesen Inseln die rothen Korallen gefischt, mit denen +sie den Hals ihrer Frauen und das Wehrgehänge ihrer Schwerter +schmückten. Weil die Inseln in einer Reihe angeordnet sind, +hießen sie bei den Römern Stoechaden. Diesen Namen vertauschten +sie im Mittelalter gegen den weit vornehmeren der +goldenen Inseln. Waren es die goldenen Äpfel der Hesperiden, +welche ihnen die Benennung +»<name type='place' rend='antiqua'>Iles d'or</name>« verschafften, oder der +goldige Schimmer ihres glimmerreichen Bodens – das läßt sich +heute nicht sagen. Zum Marquisat der +<name type='place' rend='antiqua'>Iles d'or</name> von Franz I. +erhoben, sahen sie einst glänzende Zeiten. Heute werden sie nur +von ärmlichen Fischern und Gärtnern bewohnt. +</p> + +<p> +Jene Früchte, nach welchen die goldenen Inseln ihren Namen +führen sollen, sind jetzt hier fast völlig verschwunden. Einst aber +stand die Orangenzucht von Hyères in hoher Blüthe. Mehr +denn zweimalhunderttausend Orangenbäume deckten das Land +und konnten die Bewunderung der Reisenden erwecken. Wie die +Chronisten erzählen, blieb Carl IX. von Frankreich staunend vor +dem mächtigsten dieser Bäume stehen und forderte seine beiden +Begleiter, den König von Navarra und den Herzog von Anjou +auf, mit ihm den Stamm zu umfassen. Doch hierzu reichten, +so wird weiter berichtet, die sechs fürstlichen Arme nicht aus. +Zur Erinnerung an diese erlauchte Umarmung schnitt man in +die Rinde des Baumes: +»<foreign lang='la' rend='antiqua'>Caroli regis amplexu glorior</foreign>«, und +jene Inschrift wuchs und vergrößerte sich mit den Jahren. – +Liegt dieser Angabe eine wirkliche Begebenheit zu Grunde? Wer +kann das heute wissen! Sicher aber ist, daß die provençalische +Phantasie der Chronisten sie die Maße des Stammes übertreiben +ließ. Die stärksten Orangenbäume, welche Europa jetzt kennt, +befinden sich auf Sardinien; manche derselben werden auf mehr +denn siebenhundert Jahre geschätzt; ein einzelner Mann vermag +sie alsdann nicht mehr zu umspannen. Im Jahre 1564, da +Carl IX. in Hyères weilte, konnte er dort schwerlich selbst so +<pb n='110'/><anchor id='Pg110'/> +starke Stämme sehen, da die Orangenbäume erst durch die Kreuzfahrer, +gegen Ende des elften Jahrhunderts, nach Hyères gebracht +wurden. Zunächst muß es der bitterfrüchtige Orangenbaum +gewesen sein, der zwar kaum eßbare Früchte, aber sehr +wohlriechende Essenzen liefert. Daher der Dichter Malherbe +sich in Hyères mit jenem +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>huile de fleurs d'orange</foreign>« versorgen +konnte, »das sich die Frauen in die Haare einreiben und mit +dem sie dort den Puder festhalten.« Die Orangenkultur von +Hyères litt sehr stark durch die strenge Kälte des Winters 1709 +und durch ähnliche harte Winter, die um die Mitte des vorigen +Jahrhunderts aufeinander folgten. Die Pflanzungen wurden +von nun an eingeschränkt, die bitterfrüchtigen Orangenbäume +dann durch süßfrüchtige ersetzt, da der Transport der Orangen +von Hyères aus nach dem Norden sich rascher vollziehen ließ, +als von südlicher gelegenen Orten. Das kam bei den mangelhaften +Verkehrsmitteln jener Zeit wohl in Betracht. Die Orangen +mußten damals in Hyères im Herbst gepflückt werden, sobald +an ihrer noch grünen Schale sich die ersten gelben Punkte zeigten. +Sorglich in Papier gewickelt, traten sie die Reise auf dem Landwege +oder dem Seewege an. Sie reiften unterwegs langsam +nach und wurden erst nach vierzig Tagen genießbar. Jetzt sind +die Orangenbäume fast vollständig aus Hyères verschwunden. +Sie konnten den Mitbewerb geschützterer Orte der Riviera, vor +Allem aber von Sicilien und Algier, nicht ertragen. Es erging +Hyères mit den Orangenbäumen nicht anders, als zuvor mit +dem Zuckerrohr, das im fünfzehnten Jahrhundert weite Strecken +des Landes deckte, dann aber verschwand, als der indische und +der brasilianische Zucker in den Wettstreit eintraten. +</p> + +<p> +Mit berechtigtem Stolz kann sich hingegen Hyères noch +immer <name type='place' rend='antiqua'>Hyères-les-Palmiers</name> +nennen! Zwar sind die Palmen heute +über die ganze Riviera verbreitet, doch sieht man es den hohen +Stämmen von Hyères wohl an, daß in diesem alten Kurorte +ihre sorgsame Pflege besonders weit zurückreicht. Da streben in +der <name type='place' rend='antiqua'>Avenue des Palmiers</name> +die schlanken Stämme besonders +<pb n='111'/><anchor id='Pg111'/> +mächtig zu beiden Seiten der Straße empor, gleich einer hehren +Säulenhalle, und wiegen ihre stolzen Kronen hoch oben in der +blauen Luft. – Doch hat sich Hyères schon seit langer Zeit +auch einer zwar weniger vornehmen, aber einträglicheren Cultur +zugewandt. Wir fanden dort Mitte März ganze Felder von +Veilchen in Blüthe. Das waren auch freilich nicht die bescheidenen, +kleinblüthigen, die bei uns ihre Kronen zwischen den +Blättern verbergen, sondern eine großblüthige Form, das Veilchen +<name type="taxonomic" rend="antiqua">le Czar</name>, das an langen Stielen seine Blüthen keck über die +Blätter erhebt. Es duftet sehr stark, und gerne ließen wir uns +von den Lüften anwehen, die über Veilchenfelder gestreift waren. +Andere Felder sind mit »<name type="taxonomic" rend="antiqua">Primeurs</name>« bedeckt. Die Artischocken +von Hyères standen schon zu Anfang dieses Jahrhunderts in +hohem Ruf; jetzt sind es auch die grünen Erbsen und vor Allem +die Erdbeeren, mit welchen Paris von hier aus versorgt wird. +Täglich geht ein ganzer Eisenbahnzug solcher Erzeugnisse von +Hyères ab und wird scherzhaft als +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Train de primeurs</foreign>« bezeichnet. +Doch soll man sich nicht etwa denken, daß unter dem +Himmel von Hyères alle diese Culturen mühelos gedeihen. Auch +hier verlangen sie viel Umsicht und angestrengten Fleiß. Den +Furchen der Felder folgen niedrige Hecken, die deutlich anzeigen, +von welcher Seite Gefahr droht. Denn, trotz gegentheiliger Versicherungen, +ist Hyères nicht völlig vor dem Mistral gedeckt, und +mit elementarer Gewalt stürzt er durch die Lücke ein, welche die +Berge nach Toulon hin offen lassen. Anhaltende Dürre ist auch +eine schwere Plage, welcher durch künstliche Bewässerung nicht +immer abgeholfen werden kann. – Immerhin besteht ein großer +klimatischer Unterschied zwischen Hyères und der übrigen Provence, +ja selbst dem nahen Toulon, weil diese dem Mistral weit +stärker ausgesetzt sind. Daher der Reisende, der von Westen +kommend, hier in früheren Zeiten zum ersten Mal Palmen und +goldfrüchtige Orangenbäume sah, sich an die Pforten des Paradieses +versetzt wähnte. Alte Reisewerke sind voll des Lobes +von Hyères. So das Werk von Aubin-Louis Millin, +<pb n='112'/><anchor id='Pg112'/> +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Conservateur +des médailles, des pierres gravées et des antiques +de la Bibliothèque impériale</foreign>«, der im Auftrage des Ministers +Chastal 1804 Südfrankreich bereiste. »<q>Ich besuchte heute«, +schreibt Millin, »den Garten des Herrn Fille. Tausende von +Blumen umgeben dessen Haus. Tuberosen +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Polyanthes tuberosa</name>), +Cassie (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mimosa Farnesiana</name>), und Jasmin (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Jasminum sambac</name>) +würzen die Luft mit himmlischen Düften. Was Sänger und +Poeten einst gepriesen, jene Gärten der Alcine und Armide, +welche der fruchtbare Genius des Ariost und des Tasso schuf, +so glänzend sie auch unserer Einbildungskraft vorgeführt werden, +sie treten zurück vor dem Garten, den wir hier vor den Augen +haben. Man glaubt nicht mehr auf Erden zu wandeln, vielmehr +in jene Laubgänge versetzt zu sein, in welchen die Seelen +der Gerechten ein ewiges Glück genießen. Die Bäume stehen +so dicht an einander, daß man nur auf künstlich angebrachten +Pfaden zwischen denselben durchdringen kann. Achtzehntausend +Orangenbäume, beladen mit Blüthen und Früchten, bergen in +ihrem Laube unzählige Nachtigallen, und Nachtigallengesang erschallt +wie ein Hymnus an die Natur, um ihre Güte zu preisen, +ihr für einen so freudigen und duftigen Schatten zu danken. +Andere Vogelstimmen greifen in dieses glänzende Concert ein, +während die fleißigen Bienen summend die Blüthen umschwärmen, +um reiche Nahrung zu schöpfen aus so verschwenderischer Fülle.</q>« +</p> + +<p> +Ein ähnliches Gefühl des sinnlichen Behagens, welches ein +milderes Klima erweckt, mag es auch gewesen sein, das einst +die Massilier bestimmte, ihre Niederlassung an diesem Strande +»Olbia«, die Glückliche, zu nennen. +</p> + +<p> +Mit Vorliebe schweiften wir an sonnigen Nachmittagen auf +den Maurettes umher, jenen Höhenzügen, an welche Hyères sich +anlehnt. Wir suchten uns dort solche Orte aus, von welchen die +alte Burg von Hyères sich in schöner Umrahmung zeigte. Ein +Stück blaues Meer bildete den Hintergrund, während grüne +Hügel die scheckige Ebene deckten. Da lagerten wir uns auf +Rosmarin, Myrten und Lavendel und vergaßen der fliehenden +<pb n='113'/><anchor id='Pg113'/> +Stunden. Wir suchten im Geiste jene Trümmer zu beleben, +die so mächtig drüben auf den Felsen thronen. Auch heute noch +werden diese Trümmer von Wachtthürmen und Mauern beschützt, +die in bewegtem Umriß allen Vertiefungen des Berges +folgen. – In dem »Chastel d'Yères« herrschten seit dem zwölften +Jahrhundert die Herren de Foz, eine Nebenlinie der Vicomtes +de Marseille. Manchen blutigen Strauß mußten sie pflücken, +um ihre Burg zu behaupten und oft rauchte aus den Wachtthürmen +angesichts der Feinde die Lunte der Arkebusen. In +friedlichen Zeiten, da füllten hingegen dieses Chastel die Gesänge +des Troubadours, und es erklang in ihnen die sechsseitige +Viola. War doch Mabille de Foz Präsidentin des Minnehofs +von Pierrefeu, jenes Minnehofes, der mit Romani, Avignon +und Signe, die vier vornehmsten +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>cours d'amour</foreign>« der Provençe +bildete! – Im Juni 1254 gab es hohen Besuch auf der +Burg; da kam Ludwig der Heilige, den aus Palästina der Tod +seiner Mutter nach Frankreich zurückgerufen hatte. Einige Jahrhunderte +später wurde hier oben auch Franz I. empfangen, +während Ludwig XIII. nur noch die Ruinen der Veste sah: +Heinrich IV. hatte deren Zerstörung beschlossen. Heute ist das +alte Gemäuer in üppiges Grün gehüllt, und bunte Frühlingsblumen +erklimmen selbst die Zinnen der Thürme. – Scharf +hebt sich der dunkle Berg vom hellen Abendhimmel ab, wenn +die provençalische Sonne sich hinter seinen Trümmern zur Ruhe +senkt. Dann tränkt sie mit ihrem Glanze das Land und das +Meer, umstrahlt die dunklen Felsen und bildet um die Burg +einen goldenen Glorienschein. – Geisterhaft aber mutheten uns +die Trümmer zur Nachtzeit an, da zur späten Abendstunde der +Vollmond uns in die Berge gelockt hatte. Tief drang sein +Silberschein in die Fugen und Spalten des zerklüfteten Gesteins +und warf unheimliche Lichter in die Ruinen. Da belebten sich +die alten Mauern und Thürme, nahmen menschliche Form an, +schienen ihre Glieder zu bewegen und stierten mit unheimlichen +Augen in die Ferne. Plötzlich war dann Alles wieder todt; +<pb n='114'/><anchor id='Pg114'/> +eine dunkle Wolke breitete ihre Schatten über den Berg aus. +Doch als der Mond wieder vortrat, da war es, als hätten die +Thürme in der Runde sich die Arme gereicht, und als führten +sie um die Trümmer einen infernalen Reigen aus. Da ging es +bergauf, bergab über die steilen Felsen und stöhnte und pfiff +es dabei durch die Luft in unheildrohender Begleitung. Für +Augenblicke leuchtete die Burg so auf, als stünde sie in Flammen, +dann wieder versank sie in das Dunkel der Nacht. Mit Wirbelwind +und Sturm, mit Blitz und Donner zog ein Gewitter von +Westen heran: das mochte uns diese phantastischen Bilder vorgezaubert +haben. Rasch breitete sich Finsterniß über das Land +aus, nur das Meer dort hinten war noch in Silberglanz getaucht. +Ein greller Lichtstrahl durchzuckte die Luft, ihm folgte +ein betäubender Schlag, der die Grundvesten der Erde zu erschüttern +schien. Wie geblendet standen wir da, während das +Rollen des Donners sich entfernte. Dumpf tönte es noch fort +in den nahen Bergen, prallte dort mit immer schwächerem Echo +von den Felsen ab, kam dann wieder näher, um endlich in der +Ferne zu verhallen. Hatte dieser grelle Blitz nicht die Burg getroffen, +nicht jene schlanke Cypresse zertrümmert, die so stolz +aus den Ruinen dem Himmel entgegenragte, als wolle sie ihm +trotzen? – Doch dicke Regentropfen begannen zu fallen; es +war hohe Zeit, den Rückzug anzutreten. +</p> + +<p rend='text-align:center'>II.</p> + +<p> +Jenes Gebirge, das sich im Osten von Hyères erhebt, bildete +im neunten und zehnten Jahrhundert ein Bollwerk der Mauren. +Nach ihnen führt es mit Recht den Namen; von seinen Höhen +aus beherrschten sie die weite Küste. In orographischer Beziehung +bietet das Maurengebirge ein hohes Interesse. Es stellt ein in +sich abgeschlossenes Gebirgssystem dar, dessen Granite, Gneiße +und Schiefer von dem umgebenden Kalkgebirge durch tiefe Thäler +getrennt sind. Wie etwa die Alpen oder die Pyrenäen, besitzt +das Maurengebirge sein eigenes, wenn auch nur kleines Flußsystem, +<pb n='115'/><anchor id='Pg115'/> +seine eigenen Schluchten und Thäler. Es ist von der +übrigen Provençe so geschieden, daß es auch, ferne von derselben, +eine eigene Insel im Meere bilden könnte. Seit Kurzem folgt +eine Eisenbahn +(<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Chemin de fer du Sud de la France</foreign>) +der Küste, +an dem Gebirge entlang. Diese Bahn mündet in St. Raphaël +und schließt dort an die große Linie an, die Marseille mit Genua +verbindet. Von den Stationen der Südbahn aus dringt man +leicht in das Gebirge ein, und solche Ausflüge waren es, die +uns in Hyères festhielten. Wir wurden nicht müde, wiederholt +dieselben Strecken der Küste mit der Eisenbahn zu befahren; +denn der Weg ist anmuthig und führt entweder durch schönen +Wald oder am Meeresstrande entlang, mit fortwährendem Wechsel +der Bilder. Der Anblick der Berge selbst bietet hingegen geringe +Mannigfaltigkeit, da alle Kuppen abgerundet sind, nur wenig in +ihrer Höhe schwanken und vierhundert Meter nicht übersteigen. +Und doch ladet der üppige Wald auch da zu immer neuen Ausflügen +ein. Wer Korkeichen zuvor nicht sah, wird freilich zunächst +über diese Wälder staunen. Er erkennt wohl die immergrüne +Eiche, doch ihre geschälten Stämme und Aeste bieten einen +ungewohnten Anblick. Die Krone der Korkeiche gleicht derjenigen +immergrüner Eichen, auch die Blätter sind wie bei diesen lederartig +und nur durch ihre eiförmige Gestalt und geringe Zähnelung +ausgezeichnet. Befremdend ist aber die rothbraune Farbe der +abgeschälten Theile, die fast blutroth erscheinen, dort, wo die +Sonne sie trifft. +</p> + +<p> +Die ganze Bevölkerung des Maurengebirges lebt von der +Korkgewinnung. Steht auch der Kork, der an dieser Küste +wächst, dem spanischen und algerischen an Güte nach, so bleibt +er doch ein geschätzter Handelsartikel und bildet eine einträgliche +Quelle des Erwerbes. Die Korkeiche muß, bevor sie geschält +werden kann, eine bestimmte Dicke besitzen, die sie mit fünfzehn +bis zwanzig Jahren erlangt. Der erste Kork ist rissig, spröde +und wandert vorwiegend in die Gerbereien. Er wird, weil +rauher und härter, als männlicher Kork bezeichnet. Dann erst +<pb n='116'/><anchor id='Pg116'/> +bildet sich der glatte, weniger harte, brauchbare Kork, den man +weiblichen nennt. Er wird alle acht bis sechzehn Jahre entfernt, +je nach der Dicke, welche die Korkplatten erreichen sollen. Für +gewöhnliche Stopfen reichen achtjährige Platten schon aus, während +noble Champagnerpfropfen weit stärkere, bis 5 Centimeter +dicke verlangen; die Schälungen werden so lange wiederholt, bis +der Baum ein Alter von hundertundfünfzig, ja selbst zweihundert +Jahren erreicht hat. Dann sinkt der Werth seiner Produkte; es +gilt, ihn durch jüngeren Nachwuchs zu ersetzen. – Hundertjährige +Korkeichen sehen schon majestätisch aus und treten mit ihren +mächtigen Kronen und knorrigen Stämmen eindrucksvoll aus der +Umgebung hervor. Besonders gerne ruht auf ihnen das Auge, +wenn sie am Bergesabhang stehen, oft malerisch um einzelne +Felsblöcke gruppirt. Die Korkeiche wächst mit Vorliebe auf +einem Boden, der aus verwittertem Granit und Schiefer entstand, +während sie den Kalkstein meidet. Daher die Korkeichenwälder +des Maurengebirges eine Culturinsel in der Provençe +bilden, ähnlich wie das Gebirge selbst eine orographische Insel +dort darstellt. In den umgebenden Kalkalpen wird man die +Korkeiche nicht finden, nach ihr vergeblich in Mentone und in +Nizza suchen, nur um Cannes trifft man sie noch stellenweise. +Wie die Korkeichenwälder des Maurengebirges das Urgestein +seiner Berge verrathen, so zeigen Kalkpflanzen den Kalk der angrenzenden +Alpen an. Unter Umständen wird ganz vereinzelt +eingestreutes Gestein in solcher Weise äußerlich durch den +Pflanzenwuchs kenntlich. So fiel vor einigen Jahren dem Forstinspector +de Saint-Venant in dem Walde von Orléans ein +schmaler, kilometerlanger Streifen kalkholder Pflanzen auf, während +die übrige Flora im Walde auf Kieselboden hinwies. Das +regte ihn zu Ausgrabungen an, die in wechselnder Tiefe das +Vorhandensein einer alten, mit Kalksteinen gepflasterten römischen +Straße ergaben. +</p> + +<p> +Die Korkeichen werden im Maurengebirge während des +Sommers geschält. Es geschieht das sowohl an den Stämmen wie +<pb n='117'/><anchor id='Pg117'/> +an dicken Aesten, doch hier wie dort gleichzeitig nur an einzelnen +Theilen; denn es gilt als schädlich, den ganzen Baum auf einmal +zu entblößen. Besonders eigenartig sehen die entblößten +Theile gleich nach geschehener Schälung aus; sie zeigen die Farbe +des menschlichen Körpers. Erst allmälig dunkeln sie nach. Zur +Vornahme der Schälung, die als +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>démaclage</foreign>« bezeichnet wird, +führt der Arbeiter zunächst zwei Schnitte rings um den Baum +durch die ganze Tiefe der Korkschicht aus und verbindet diese +Kreisschnitte durch Längsschnitte, deren Zahl sich nach der Dicke +des Baumes richtet. Diese Operation führt er mit einer Axt +aus, die einen keilförmig zugeschärften Stiel besitzt. Mit letzterem +fährt er dann von den Einschnitten aus unter die Korkschicht +und hebt sie ab. Dann beschwert er die Korkplatten mit Steinen, +damit sie ihre Rundung verlieren, hält sie auch wohl über Feuer +und kohlt ihre Oberfläche ein wenig an. Unter allen Umständen +müssen die Korkplatten trocken werden, bevor man sie versendet. +</p> + +<p> +Der Kork ist das natürliche Schutzmittel der Pflanzen: sie +schließen sich damit gegen die Umgebung ab. Die ältere Rinde +aller unserer Sträucher und Bäume ist mit Kork bedeckt und +dankt ihm ihre Färbung. Der Kork läßt Gase und Flüssigkeiten +nicht durch, ist elastisch und sehr widerstandskräftig; das befähigt +ihn nicht nur zu seiner Aufgabe an der lebenden Pflanze, sondern +bedingt auch seine technische Brauchbarkeit. Wird eine +Pflanze verletzt, so bildet sich Kork an der Wunde und schließt +dieselbe ab: daher auch der neue Kork an der geschälten Korkeiche. +Wie jedes andere Gewebe besteht der Kork aus Zellen. +Ja, ein Korkstück war es, in welchem Robert Hooke im Jahre +1667 jene Kammern entdeckte, die er Zellen nannte, weil sie ihm +den Zellen der Bienenwaben zu entsprechen schienen. Den Zellen +eines fertigen Korkes fehlt freilich der lebendige Zellleib, jener +Inhalt, der das Wesen einer Zelle ausmacht. Den büßt die +Korkzelle bald nach ihrer Entstehung ein, um nur noch mit ihrer +verkorkten Wandung als Schutzmittel der Pflanze zu dienen. +Eine bestimmte lebendige Gewebeschicht innerhalb der Rinde, das +<pb n='118'/><anchor id='Pg118'/> +sogenannte Korkcambium, bildet durch fortgesetzte Vermehrung +ihrer Zellen den Kork. Jüngere Korkzellen folgen in geraden +Reihen nach innen zu auf die älteren. Ihre Gestalt ist bei der +Korkeiche annähernd würfelförmig: gegen Schluß jeder Vegetationsperiode +flachen sie sich tafelförmig ab. Der »weibliche« +Kork der Korkeiche zeichnet sich durch die Dünnwandigkeit seiner +Zellen und große Gleichförmigkeit in seinem Bau aus; nur am +Schluß jeder Vegetationszeit entstehen wenige Lagen stärker verdickter, +abgeflachter Zellen. Diese letzteren sind es, welche die +dunklen Streifen bilden, die man in jedem Flaschenstopfen erkennen +kann. Da die dunkleren Lagen die Grenzen des jährlichen +Zuwachses anzeigen, so kann man das Alter einer jeden +Korkplatte an ihnen abzählen, ganz ebenso wie sich aus der Zahl +der Jahresringe im Holz dessen Alter bestimmen läßt. +</p> + +<p> +Ist eine Korkeiche geschält worden, so bildet sich ein neues +Korkcambium unter den freigelegten Flächen und hebt mit neuer +Korkbildung an. Freilich darf die Schälung nur den Kork entfernen, +nicht den Bast oder gar den Holzkörper erreichen, weil +das schwere Wunden gibt, die sich nur langsam schließen und +lange die Korkproduction an der beschädigten Stelle beeinträchtigen. +Ist ein Stamm niemals geschält worden, so zeigt er +gleich anderen Eichenarten eine rissige Rinde, deren äußerste +Schichten er nach und nach als Borke abwirft. Auch der am +geschälten Baum erzeugte Kork darf nicht ein gewisses Alter +übersteigen, da er sonst an der Außenseite rissig und unbrauchbar +wird. +</p> + +<p> +In den westlichen Theilen des Maurengebirges gibt es +keinen schöneren Ort als Bormes, von Hyères aus mit der Bahn +in einer Stunde zu erreichen. Man steigt dort vom Strande +aus zum Hügel empor, an den das kleine Städtchen amphitheatralisch +sich lehnt. Seine Häuser sind in verschiedener Höhe +verstreut, hier einzeln, dort in Gruppen, als hätten sie um die +Wette den Berg zu erklimmen versucht. Den Ort beherrscht eine +alte Burg, deren graue Ruinen sich eindrucksvoll abheben von +<pb n='119'/><anchor id='Pg119'/> +dem dunklen Grün des hinterliegenden Waldes. Der Abhang +ist mit aromatischen Kräutern bewachsen, und jeder Schritt befreit +aus ihnen duftende Oele. Ganze Flächen werden violett +gefärbt durch die wilde Lavendel +(<name type="taxonomic" rend="antiqua">Lavandula Stoechas</name>). Sie +tritt hier so massenhaft auf, daß ein benachbarter Ort den +Namen Lavandou nach ihr führt. – Wir steigen weiter hinauf +in den Wald, in Korkeichen, Kiefern und immergrüne Sträucher. +Auch da steht jetzt Alles in Blüthe. Die Luft ist erfüllt mit +Wohlgerüchen, und den Kiefern, die man berührt, werden dichte +Wolken von Blüthenstaub entlockt. – Immer großartiger entfaltet +sich die Aussicht auf die dunklen Ruinen, das hellglänzende +Städtchen und das blaue Meer, in das eine Landzunge sich weit +vor uns fortsetzt; gegen Osten blicken wir in die Rhede von +Bormes hinein; gegen Westen zeigt sich die Rhede von Hyères, +und über eine schmale Halbinsel hinweg erreicht das Auge auch +den Golf von Giens. In glänzender Färbung leuchten uns diese +Buchten entgegen. Die östliche Bucht tönt sich jetzt ab in +hellem Blau, die Rhede von Hyères scheint von flüssigem Silber +zu sein, während die Fluthen des Golfs von Giens den rothen +Abendhimmel widerspiegeln. Wir sättigen uns an dieser Farbenpracht +und lassen das geblendete Auge dann auf dem dunklen +Grün der fernen Wälder ruhen. Sanft breitet der purpurne +Schein sich aus über das ganze Meer, und in dem Glanz der +Abendsonne schimmern jetzt die goldenen Inseln von Hyères +wirklich so, als wären sie von Gold. +</p> + +<p> +In Bormes sind vor den Häusern große Mengen von +Kork aufgeschichtet. Wir treten in ein Haus ein, in dem Kork +geschnitten wird, und sehen uns, freundlich empfangen, die Arbeit +an. Der Mann macht Stopfen mit Hülfe einer Drehbank. +Er fügt eckige Korkstücke in dieselbe ein, versetzt sie in Drehung +und rückt eine Art Hobel heran, der das Korkstück schneidet. +Große Uebung verlangt das sichere und rasche Einfügen der +Korkstücke in die Drehbank, so daß sie gleich richtig centrirt +sind. Ist der Arbeiter geschickt, so macht er Hunderte von +<pb n='120'/><anchor id='Pg120'/> +Stopfen in der Stunde, während er es früher beim Schneiden +aus freier Hand kaum auf tausend Stück im ganzen Tag bringen +konnte. Die Korkplatten müssen mit Wasser gebrüht werden, +ehe man sie in die eckigen Stücke zerlegt. Sie schwellen dabei +nicht unwesentlich an. Die Längsachse der Stopfen entspricht +der Längsrichtung der Platten; man muß sich somit die Stopfen +in der Rinde des Baumes aufrecht stehend denken. +</p> + +<p> +Die Abfälle beim Schneiden der Stopfen sind durchaus +nicht werthlos. Sie können zum Polstern dienen und werden +auch wohl verkohlt, um eine schwarze Farbe, das +<foreign lang='la'>nigrum hispanicum</foreign>, +oder um Zahnpulver zu liefern. Gepulverter Kork, +mit verdicktem Leinöl angerührt und auf wasserdichtes Segeltuch +aufgetragen, gibt den als Linoleum bezeichneten Korkteppich, +mit dem man die Fußböden deckt. +</p> + +<p> +Die allgemeine Verwendung des Korkes für Flaschenverschluß +greift nicht weiter als in das siebzehnte Jahrhundert +zurück. Sie fällt zusammen mit der Verbreitung unserer enghalsigen +Glasflaschen, die man kaum vor dem fünfzehnten Jahrhundert +herzustellen begann. Im Mittelalter wurden kleine Gefäße +aus Holz, Thon oder Metall verfertigt und mit Zapfen +von gleichem Stoff verschlossen oder auch nur mit Wachs verklebt. +Die Fässer verspundete man mit Holzpflöcken. Die Alten +benützten zum Verschluß ihrer Amphoren sowohl Holz- als auch +Korkstopfen, die sie mit einem Kitt aus Harz, Kreide und Oel +oder auch mit Pech umgaben. Häufiger noch wurde die Oeffnung +dieser Gefäße nur mit Gyps, mit Harz, Pech oder Wachs +zugeschmiert. Auf den Wein gossen sie Oel, so wie das heute +noch in Italien geschieht, und suchten ihn so vor Luftzutritt zu +schützen. Nach Plinius dienten den Römern Korkstücke auch +schon als Schwimmer an den Fischnetzen und als Bojen an +den Ankern; nicht minder wurden die Schuhsohlen für Frauen +aus diesem Stoffe bereits hergestellt. +</p> + +<pb n='121'/><anchor id='Pg121'/> + +<p rend='text-align:center'>III.</p> + +<p> +Tief in das Maurengebirge schneidet der Golf von St. Tropez, +der Sinus Sambracitanus der Alten, ein. An seinem Ufer +sieht man schon aus der Ferne die Häuser von St. Tropez +in bunten Farben schimmern. Von dort aus erscheint die +Meeresbucht wie ein geschlossener See. Ihre azurnen Fluthen +haben die Klarheit und den Schmelz eines dunklen Saphirs. +Man blickt über dieselbe ins Maurengebirge hinein. Scharf +stechen seine Höhen vom nördlichen Himmel ab. Im Osten +wird das Bild in duftiger Ferne durch die zackigen Gipfel des +Esterels begrenzt. Ueber diesen, hoch in den Wolken, glänzt +der Schnee der Alpen. Hier an dem blauen Golf hat einst +die Heraclea Cacabaria gestanden. Ein Herculestempel, so heißt +es, gab der Stadt den Namen. Das Land war von Camatullikern +bewohnt. – Dann schildert die Sage, wie im Jahre 66 +n. Chr. an jenen Strand der Körper des heiligen Tropez gelangte. +Dieser hatte unter Nero hohe Würden bekleidet; sein +Vetter, Salvius Otho, wurde im Jahre 69 n. Chr. zum Kaiser +proclamirt. Er selbst legte alle seine Aemter nieder, nachdem +ihn der Apostel Paulus zum Christenthum bekehrt hatte, und +zog sich nach Pisa zurück. Dort ließ eines Tages Nero unter einer +ehernen Himmelsdecke mit großem theatralischem Pomp Diana +und Apollo anbeten. St. Tropez weigerte sich dessen, er wurde +ergriffen, auf Befehl von Nero gemartert, enthauptet und sein +Körper dann auf einem schlechten Nachen in das Meer gestoßen. +Ein Hund und ein Hahn, die man zugleich in den +Nachen setzte, sollten sich an dem Körper weiden. Doch weder +der Hund noch der Hahn berührten den Heiligen, sie stellten sich +als Wächter an dessen Körper auf. Ein Engel ließ sich am Steuer +nieder und führte den Nachen sicher durch die Fluth bis nach +Heraclea. Durch das Krähen des Hahnes gerufen, sammelten +sich dort die Christen am Strande und nahmen den Körper +des Heiligen mit hohen Ehren auf. +</p> +<pb n='122'/><anchor id='Pg122'/> +<p> +Im neunten Jahrhundert wurde das alte Heraclea von +den Saracenen zerstört, und nur antike Mauern und Gräber +zeigen den Ort noch an, auf dem es einst gestanden. Das heutige +St. Tropez reicht nicht weiter als bis in das fünfzehnte +Jahrhundert zurück. Es verdankte sein Aufblühen genuesischen +Familien, die sich hier niederließen. Zahlreiche Wachtthürme +um die Stadt, sowie die Festungswerke über derselben zeigen +an, daß St. Tropez sich oft noch gegen Seeräuber und andere +Feinde zu vertheidigen hatte. Heute wird es nur noch durch +Zollwächter geschützt, die von den Höhen aus den Strand überwachen. +So verändern sich die Zeiten; früher mußte der Ort +die Corsaren abwehren, die ihn berauben wollten, heute sich +gegen die Schmuggler schützen, die ihn gern versorgen möchten. +</p> + +<p> +St. Tropez ist ein Hauptort des Korkhandels geworden; +zahlreiche Schiffe werden mit dieser Waare beladen, die aus +allen Theilen des Maurengebirges hier zusammenströmt. +</p> + +<p> +Zum klimatischen Kurort dürfte St. Tropez wohl schwerlich +jemals erhoben werden, denn es ist zu sehr den Winden +ausgesetzt. Gegen das offene Meer deckt das vorspringende +Cap den Hafen, doch der Mistral und der Ostwind treiben die +Fluthen des Golfes in denselben hinein. Daß bei heftigem +Sturm die Wellen bis auf den Uferdamm vordringen, das zeigt +der eigenartige Bau mancher dort stehender Häuser an. Sie +sind unten ohne Fenster, nur mit kleinen, dicht schließenden +Thüren versehen, zugleich ausgehöhlt, so wie der Fuß eines +Leuchtthurmes, der dem Meere trotzt. – Von den Winden abgesehen, +besitzt das meerumspülte Vorgebirge ein sehr mildes +Klima. Der bekannte Geologe Elie de Baumont hat dieses +Stück Land als die Provençe der Provençe bezeichnet. Seine +Vegetation ist üppig. Kiefern und immergrüne Eichen decken +die Höhen; die Abhänge werden von mächtigen Kastanienbäumen +beschattet, deren Früchte in ganz Frankreich als +»<foreign lang='fr'>Marrons de + Lyon</foreign>« beliebt sind. Hier und dort streckt auch eine Palme ihr +schlankes Haupt über eine Mauer hervor; doch man sieht es +<pb n='123'/><anchor id='Pg123'/> +ihr an, daß sie oft vom Winde gepeitscht wird. Den Ufern +der Bäche folgen Oleandersträucher und Vitexbüsche. Mit den +schönen Blüthen des Oleanders schmückten sich und schmücken +sich heute noch in Griechenland auf dem Lande die Frauen, +auch benutzt man bei uns Oleanderblätter zur Verzierung der +Speisen, während thatsächlich der Milchsaft dieser Pflanze ziemlich +giftig ist. Von dem schmalblätterigen Vitexstrauch hieß es +einst, daß er die Sinnlichkeit unterdrücke, daher erhielt er seinen +keuschen Namen: +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Vitex agnus castus</name>. Die atheniensischen Frauen +bestreuten mit Vitexblättern ihre Ruhelager zur Zeit der Thesmophorien, +jenen mysteriösen Festen zu Ehren der Göttin Demeter, +von denen alle Männer ausgeschlossen waren. Heute +scheint der +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Vitex agnus castus</name> seine früheren Kräfte eingebüßt +zu haben; nur seine scharf gewürzhaften Steinfrüchte gebraucht +man im Süden noch häufig als Pfeffer. Der Oleander hat +sich sogar einem noch weniger poetischen Verlangen anbequemen +müssen, denn die Landleute um Nizza benützen seine gepulverte +Rinde, um Ratten und Mäuse zu vertreiben. +</p> + +<p> +Im Hôtel Continental zu St. Tropez wird noch nach alter +Art gelebt. Guter Tischwein steht zu gemeinsamer Benutzung +auf der Tafel. Man fragt den Nachbar erst, ob er zu trinken +wünscht, bevor man sich selbst einschenkt. Das Dienstpersonal +wird in einige Verwirrung versetzt, wenn man nach der Weinkarte +verlangt. – Da figurirten als Vorspeisen bei der Mahlzeit +außer Salami, Oliven, Sardinen und anderen allgemein +europäisch gewordenen Dingen, auch Seeigel, ein Leckerbissen, +den ich bisher an keiner regelrechten +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>table d'hôte</foreign>« gesehen +hatte, und den ich auch gerne Anderen überlasse; er dient mir +nur als Beweis, daß der Mensch das ärgste aller Raubthiere +ist. Da werden Tausende weiblicher Seeigel gefangen, aufgebrochen +und im Grunde genommen vergeudet: man wirft den +ganzen Körper fort und verzehrt nur das Bißchen Eierstöcke. +Dabei wird eine ungezählte Brut zerstört. Diesen orangerothen, +faden Schleimmassen konnten wir keinen Geschmack abgewinnen; +<pb n='124'/><anchor id='Pg124'/> +doch darüber läßt sich ja streiten. – In wahres Entzücken +wurden unsere Tischgenossen stets versetzt durch +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Bouillabaise</foreign>«. – +Nach dieser Speise sehnt sich stets der Provençale, auch wenn +er einen anderen Theil von Frankreich bewohnt. – Die Wirthin +suchte es ihren Gästen an den Augen abzusehen, ob ihnen die +<foreign lang='fr'>Bouillabaise</foreign> +schmecke; kann diese doch allein das Renommée +eines Hauses begründen. Wie sie uns servirt wurde, bestand +sie aus Langusten und Seefischen. Die Wirthin machte aus +deren Zubereitung auch kein Geheimniß. Sie habe, sagte sie, +zunächst etwas Knoblauch, Lorbeerblätter und weißen Pfeffer +in Olivenöl in einer Casserolle geröstet, dann ein Glas Weißwein +darauf gegossen, die Langusten, Fische und soviel Wasser, +daß sie bedeckt waren, dazu gethan, Alles mit Salz und Pfeffer +weiter gewürzt, hierauf zwanzig Minuten lang kochen lassen +und mit einer Messerspitze Safran den Schluß gemacht. Ihre +<foreign lang='fr'>Bouillabaise</foreign> +war dann fertig. Die Langusten und Fische kamen +in eine tiefe Terrine und wurden mit der Brühe, in welcher auch +Weißbrodschnitte geweicht hatten, übergossen. – Die +<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Bouillabaise</foreign> +fand ungetheilten Beifall. Die Wirthin meinte, für Franzosen +allein lohne es sich zu kochen, während Ausländer mit demselben +Gleichmuth gute und schlechte Speisen verschlängen: Das sei +für eine sorgsame Wirthin entmuthigend. Darauf mein Tischnachbar +in längerer Rede entwickelte, daß er nicht einsehen +könne, weswegen man ein Sinnesorgan gegen die anderen +zurücksetzen solle. Man könne eine dumme Zunge haben, ebenso +wie ein dummes Auge oder ein dummes Ohr. Ein Mensch, +der Karpfen von Steinbutte nicht zu unterscheiden wisse, flöße +ihm nicht mehr Ehrfurcht, als ein solcher ein, der Van Dyck +mit Raphael oder Gounod mit Wagner verwechsle. +</p> + +<p> +War das Essen auch gut, der übrige Comfort des Hauses +ließ doch etwas zu wünschen übrig, so daß wir, trotz solcher +culinarischer Genüsse, uns zeitweise nach einem anderen Unterkommen +sehnten. +</p> + +<p> +Eine Straßenbahn verbindet jetzt St. Tropez mit La Foux, +<pb n='125'/><anchor id='Pg125'/> +einer Station der südfranzösischen Bahn. Der Weg führt an +dem Schlosse von Bertaud und vor dessen Thoren an einer +mächtigen Pinie vorbei, deren Stamm wohl sechs Meter im +Umfang mißt. Es dürfte eine der größten Pinien sein, die +jetzt existiren, und wohl mancher Saracene hat schon in ihrem +Schatten gelagert. Der Baum steht mitten auf der Straße, +der +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>route nationale</foreign>«, +und es ist zu loben, daß ihn die Ingenieure +schonten. Die Straßenbahn setzt sich über La Foux +nördlich bis Cogolin fort, und von da aus kann man auf der +Chaussee La Garde Freinet erreichen. Dort hatten einst schon +die Römer einen Militärposten errichtet, der die Verbindung +zwischen dem Sinus Sambracitanus und der etwas nördlicher +durchs Gebirge ziehenden Via Aureliana überwachen sollte. Der +Ort liegt in einem Engpaß zwischen zwei Bergen, und dort +setzten sich auch die Mauren im Jahre 850 fest, nachdem sie +St. Tropez zerstört hatten. Sie sicherten sich so den Zugang +zum Meere und beherrschten zugleich das Gebirge. Die Festung, +die sie erbauten, wurde Fraxinetum genannt, und dieser Name +dann auf alle ähnlichen maurischen Festungen übertragen. Hier +häuften sie die geraubten Schätze an, um sie später übers Meer +nach Afrika zu schaffen. Wilhelm I., Graf von Arles, unterstützt +von zwei provençalischen Edelleuten, Bavon und Grimaldi, +stürmte und eroberte im Jahre 973 die Veste. Alle Mauren, +die dem Schwert entgingen, wurden nebst Weibern und Kindern +zu Sclaven gemacht. Die Veste schwand von der Erde, und +nur einige Mauerreste, die Epheu heute deckt, sowie eine tiefe, +in Fels gehauene Cisterne, zeugen dafür, daß sie einst gewesen. +</p> + +<p> +Als Preis der Tapferkeit und Lohn für die erwiesenen +Dienste erhielt Grimaldi von Wilhelm I. das ganze Land, +welches die Mauren am Sinus Sambracitanus besaßen. Da +ragen denn noch heute, als Wahrzeichen aus jener Zeit, auf +dem Berge, der die Thalmündung beherrscht, die Trümmer der +Burg Grimaud in den Himmel. Zwei Thürme auf steilem +Abhang, durch Mauerreste verbunden, scheinen über dem Abgrunde +<pb n='126'/><anchor id='Pg126'/> +zu schweben, die übrige Burg ist zerstört; doch unter +ihr, wenn auch ihres Schutzes beraubt, in üppiges Grün gehüllt, +klammert sich der kleine Ort Grimaud noch immer an +den Felsen. +</p> + +<p> +Von La Foux aus östlich folgt die Südbahn weiter allen +Ausbuchtungen der Küste. Jetzt eilt sie dem Meere zu, und +St. Tropez am jenseitigen Ufer scheint immer näher zu rücken; +dann wendet sie sich landwärts, und das Esterel taucht plötzlich +am Horizonte auf. Das Maurengebirge rückt dicht ans Meer +heran, der Wald erreicht die Küste. Immer schwelgerischer +entwickelt sich hier seine Pracht. Aus den immergrünen Eichen +und Seestrandkiefern leuchtet die baumartige Erica mit ihren +weißen Blüthenmassen hervor. Ueberall sieht man den Erdbeerbaum +seine lorbeerartigen Blätter ausbreiten. Dunkler Epheu +rankt an den Stämmen in die Höhe, und üppige Waldreben +verbinden die Baumkronen durch helle Laubguirlanden. Dieses +herrliche Bild verlockt uns, die Fahrt zu unterbrechen; wir +steigen in La Gaillarde aus und setzen unseren Weg zu Fuß +fort. Wir folgen dem Ufer. Die Strandkiefer taucht ihre +Wurzeln fast in die Wellen; oft neigt sie sich über die Fluth, +als wollte sie ihr Bild in der spiegelnden Fläche betrachten. +Das Land wird hier geschmückt von der See mit einem Saum +silberschäumender Wogen, dafür flicht ihr das Land einen Kranz +aus immergrünem Walde. Zerrissene Felsen springen am Strande +vor und verlieren sich weit in den Fluthen. Das Esterel ist +uns ganz nahe gerückt. Es zeigt denselben reich bewegten +Umriß, dem wir so gerne von Antibes aus folgten. Dieser +Gebirgszug ist so schmal, daß die nämlichen Höhen von Osten +wie von Westen das Bild bestimmen. In Antibes sieht man +am Abend die Sonne hinter dem Esterel verschwinden; dann +hüllen sich seine Gipfel in dunkelblaue Schatten und stechen mit +scharfen Umrissen gegen den Abendhimmel ab. Hier sind sie +jetzt mit Licht übergossen; die schwindende Sonne senkt ihre +Strahlen in die Thäler hinein, sie gestaltet und modelt die +<pb n='127'/><anchor id='Pg127'/> +einzelnen Berge, vergoldet die Gipfel, spart blaue Schlagschatten +in den Tiefen aus, entzündet ganze Dörfer, wirft Irrlichter in +die einzelnen Häuser hinein und taucht schließlich Alles in +purpurne Gluth. – Hier bei St. Aigulf am Strande ließ sich +Carolus Duran nieder, und der Ort ist wohl angethan, eines +Malers Seele mit farbigem Glanz zu erfüllen! – Plötzlich +öffnet sich vor uns das weite, von dem Fluß Argens in zahlreichen +Windungen durchströmte Thal, durch welches das Maurengebirge +von dem Esterel geschieden wird. Der Teich von Villepey +und die Windungen des Flusses glänzen wie metallene Spiegel. +In Fréjus ertönen die Abendglocken; vom jenseitigen Ufer des +Golfs sendet uns der Leuchtthurm von St. Raphaël einen ersten +noch blassen Strahl entgegen. +</p> + +<p rend="text-align:center">IV.</p> + +<p> +Wir wandern jetzt auf classischem Boden. Ist doch Fréjus +das alte Forum Julii, dem Julius Caesar den Namen gab. +Augustus vollendete den Hafen, der die Stelle von Lagunen +einnahm, und gab dem Orte einen Pharus. Agrippa ließ einen +Aquäduct und ein Amphitheater erbauen; siedelte hier auch Soldaten +der achten Legion an, was zu der späteren Benennung Colonia +Octavanorum führte. Die Stadt wuchs rasch in Größe und +Bedeutung; sie maß fünftausend Schritte im Umfang. Der +Hafen war so ausgedehnt, daß er im Jahre 31 v. Chr. die +zweihundert Galeeren aufnehmen konnte, die Octavian in der +Schlacht bei Actium Antonius abgenommen hatte. Was für +ein farbenprächtiges Bild mag das gewesen sein, als die Flotte +des Antonius diesen Hafen füllte, als mächtige römische Bauten +sich in seinen Wellen spiegelten, und weithin sichtbar durch das +Thal der Aquaeduct in kühnen <corr sic='Bogen'>Bögen</corr> +den fernen Bergen zueilte. +– Fréjus blieb unter den Kaisern die wichtigste Flottenstation +an diesem Gestade, dann aber begannen traurige Zeiten. +Der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Amnis argenteus</name>, +der heutige Argens, füllte langsam den +Hafen mit Schlamm und Erde an. Im zehnten Jahrhundert +<pb n='128'/><anchor id='Pg128'/> +konnten nur noch kleine Schiffe Zuflucht in demselben finden. +Dann kamen die Saracenen und schleiften 940 die Befestigungen +der Stadt. Im fünfzehnten Jahrhundert wurde Fréjus von +Corsaren verbrannt, dann im sechzehnten Jahrhundert nochmals +unter Carl V. geplündert. Der Hafen schwand allmälig, und +an seiner Stelle bildeten sich weite Sümpfe aus, welche mit +tödtlichen Miasmen die Gegend erfüllten. Ein Bild solchen +Elends fand Aubin-Louis Millin im Beginn dieses Jahrhunderts +hier vor. Die Straßen waren leer, die Häuser unbewohnt, die +wenigen Menschen, die man sah, gingen mit blassen fahlen Gesichtern, +hohlen Wangen, eingefallenen Augen umher. Man +meinte, in einem großen Krankenhaus zu sein. »Wir nahmen +Wohnung«, schreibt Millin, »in der besten Herberge: es war +ein verpestetes und ekelerregendes Haus, in dem man den +Aufenthalt als Strafe betrachten mußte. Schrecklicher Schmutz +herrschte in ihm. In schlecht gespülten Gefäßen wurde uns +fauliges Wasser dargereicht; ganze Schwärme von Fliegen belagerten +die mit ranzigem Oel bereiteten Speisen. Den Sümpfen +entstiegene Mücken und Schnacken peinigten uns mit ihren +Stichen; des Nachts wurden wir von nicht minder zudringlichen, +aber noch ekelhafteren Thieren aufgezehrt. Unser Blut +war in fortwährender Wallung. Es können hier wirklich nur +solche Menschen leben, die an derartige Plagen gewöhnt sind; +uns erschienen sie als das größte Unheil, das einem menschlichen +Wesen begegnen kann. Wir bedauerten, daß der Wissensdrang, +der uns trieb, historisch berühmte Stätten aufzusuchen, +uns an diesen elenden Ort geführt hatte, und wir wünschten +denselben so bald als möglich verlassen zu können.« – Seitdem +haben sich die Zustände in Fréjus gebessert. Abzugscanäle sind +entstanden, welche die Umgegend entwässern und dadurch gesünder +machen; der Ort selbst ist zwar auf ein Fünftel seiner +früheren Größe zusammengeschmolzen, sieht aber ziemlich freundlich +aus. Wer freilich tieferen Eindruck von den Ueberresten +aus der classischen Zeit erwartet, der wird enttäuscht sein. Es +<pb n='129'/><anchor id='Pg129'/> +blieb nur wenig davon zurück, zu wenig, um Achtung zu gebieten +oder gar künstlerisch anzuregen. Nur die zerrissenen +Bogen des Aquäducts draußen in den Feldern, mit ihrem +Schmuck von kletternden Pflanzen, sind ästhetisch wirksam. Der +Argens war so fleißig bei der Arbeit, daß heute eine weite +sandige Fläche Fréjus vom Meere trennt; die Trümmer des +alten römischen Leuchtthurms ragen jetzt anderthalb Kilometer +vom Strande entfernt aus dem Boden hervor. So ist der alte +Glanz von Fréjus für immer geschwunden, und was von demselben +zurückblieb, vermag solchen Eindruck wie die Denkmäler +von Nîmes und von Arles auf uns nicht zu machen. Doch erhebt +uns auch hier das Gefühl, classischen Boden unter den Füßen +zu haben. Wir schauen dann hinaus in das blaue Mittelmeer, +an dessen Ufern jene mächtige Cultur erstarkte, welche die Welt +erobert hat. Wir suchen das Band mit der Vergangenheit +enger zu knüpfen und werden uns im Geiste wieder bewußt, +daß jene allgemein menschlichen Gedanken und Gefühle, die +hier zum ersten Mal zur bewußten Empfindung und Gestaltung +gelangten, auch heute noch unser Denken und Fühlen beherrschen. +</p> + +<p> +Römische Villen füllten jenen Strand, an dem heut St. Raphaël +sich erhebt. Die römischen Patricier bevorzugten überhaupt +dieses schöne Land. Es war das ihre Provincia Romana +par excellence, diejenige, die sie meinten, wenn sie kurzweg von +Provincia sprachen, und sie behielt den Namen der Provence. +Am Strande von St. Raphaël ließen sich nach den Römern +die Tempelritter nieder und bauten jenen viereckigen Thurm, +der auch heute noch die alte Kirche zu schützen scheint. Im +Jahre 1799 landete hier Bonaparte, als er von Aegypten kam, +und hier auch verließ er das Land, um 1814 nach Elba zu +gehen. Es trifft somit nicht ganz zu, wenn behauptet wird, +Alphonse Karr habe St. Raphaël entdeckt: richtig aber ist, daß +er unter den französischen Schriftstellern der erste war, der sich +hier niederließ, daß ihm bald andere Celebritäten der Litteratur +und Kunst folgten, und daß der neue Aufschwung von St. Raphaël +<pb n='130'/><anchor id='Pg130'/> +mit jener Zeit begann. Was aber alle jene Künstler und +Schriftsteller hier suchten, das war der stille abgelegene Ort, an +dem man Blumen, Sonne und Meer genießen kann, ohne von +anderen Menschen gestört zu werden. Sie alle flohen den Lärm +des großstädtischen Nizza und des übereleganten Cannes. »Wenn +ich eine große Stadt lieben möchte,« pflegte Alphonse Karr zu +sagen, »zöge ich zurück nach Paris.« Auch ist es im Sommer +hier kühler als jenseits des Esterel, und der sandige Strand +ladet dann zum erfrischenden Bade ein; daher sich St. Raphaël +immer mehr zum sommerlichen Seebad entwickelt. Im Winter +ist es zu sehr den Winden ausgesetzt. Das sollten auch wir +noch erfahren. Schon am Abend bei unserer Ankunft begann +sich Ostwind zu erheben, am nächsten Tage wehte er mit Macht +und war von heftigem Regen begleitet. Gegen dieses Unwetter +ließ sich im Freien nicht ankämpfen. Der Wind trieb die Regentropfen +fast wagrecht durch die Luft. Das dauerte so zwei +Tage. Starker Ostwind ist hier meist mit Regen gepaart, somit +traurig. Ganz verschieden gebärdet sich sein Widersacher, +der nördliche Mistral. Er ist trocken und daher weit heiterer. +Er fegt den Himmel rein und pfeift bei Sonnenschein. Er bläst +nicht in langen Zügen, sondern in abrupten Stößen, er klingt +donnerartig und rüttelt an den Gebäuden. Der Ostwind hingegen +bläst stärker oder schwächer, doch ohne Unterbrechung fort; +seine Stimme ist mehr ein Klagen, so daß man bei Nacht langgedehnte +Schluchzer zu hören meint. In der zweiten Nacht, +die auf unsere Ankunft folgte, entlud sich ein polterndes Gewitter, +das mit dumpfem Dröhnen die Thäler erfüllte und +zuckende Flammen auf die Meeresfläche warf; als der Morgen +aber kam, da strahlte die Sonne wieder hell in unser Zimmer +hinein. Das Meer tobte weiter, und wir zogen hinaus, um +seinen Anprall gegen die Felsen des Strandes zu sehen. – Zu +den Wahrzeichen von St. Raphaël gehören seine beiden Löwen: +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>le lion de terre</foreign>« und +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>le lion de mer</foreign>«, +zwei rothe Porphyrfelsen, +die gleichsam Wache an dem Strande halten. Der Seelöwe +<pb n='131'/><anchor id='Pg131'/> +hat sich weiter in das Wasser hinausgewagt, der Landlöwe +dicht am Ufer gelagert. Sie lauern da wie apokalyptische Thiere +und trotzen seit Ewigkeit der nagenden Kraft der Wellen. Jetzt +stürmt das Meer mit Macht gegen diese Felsen an, wälzt seine +Wogen über sie hinweg und wirft mit Getöse schäumenden Gischt +hoch an ihnen empor. Ueber den Porphyrlöwen im blauen +Himmelsraum, da wiegen sich aber die Möven. Wie gerne folgt +ihnen das Auge, diesen muthigen Vögeln, wenn sie mit breitem +und mächtigem Flügelschlag die Luft durchschneiden. Jetzt segeln +sie gegen den Wind, jetzt wiegen sie sich an der Stelle, jetzt +schießen sie herab in die Fluth, um ihre Beute zu fassen; mit +ihr schwinden sie in der Ferne, oder sie lassen sich nieder auf +der schaukelnden Welle, ein weißer Punkt mehr inmitten der +weißen Kämme. Da hinten in der See taucht plötzlich eine +Herde von Delphinen aus den Wellen hervor. Sie zeigen zuerst +ihren Kopf, überschlagen sich fast in der Luft und schießen hinunter +in die Tiefe. Sie bringen Humor in das großartige +Schauspiel: sie sind die Clowns des Meeres. +</p> + +<p> +Die Straße, die von St. Raphaël in östlicher Richtung +dem Meeresstrande folgt, führt an Landhäusern vorüber, die +manchen bekannten Namen tragen. Da ist die +»<foreign lang='fr'>maison close</foreign>«, +das geschlossene Haus, welches Alphonse Karr sich schuf, um der aufdringlichen +Welt zu entgehen. Hier in +»<name type="place" rend="antiqua">Oustalet dou Capelan</name>« +hat Charles Gounod sich abgesondert, und über der Eingangsthür +liest man: +»<q><foreign lang='fr' rend='antiqua'>L'illustre maître, + Charles Gounod composa Roméo et + Juliette à l'Oustalet dou Capelan, au printemps de 1866</foreign></q>«, +und +Jules Barbier, sein Librettist, der nebenan ein Landhaus besitzt, +fügte darunter hinzu: +<q><foreign lang='la' rend='antiqua'>Hic Divum Romeo scripsit Gounod meus + 1866. Ingenio haut amicitia impar</foreign></q>.« Gounod weilte mit Vorliebe +in St. Raphaël; »ich finde hier,« meinte er oft, »den Golf +von Neapel vor, mit der Campagna von Rom im Hintergrunde.« +</p> + +<p> +Ist die Lage von St. Raphaël wirklich so schön, als es +Gounod empfand? Ich kann das nicht behaupten, so wenig ich +auch sonst diesem Ort den ihm zukommenden Reiz absprechen +<pb n='132'/><anchor id='Pg132'/> +möchte. Mir fehlt hier der volle Blick auf das Esterel, und ich +fühle mich nicht hinlänglich dafür entschädigt durch die Aussicht +auf das Maurengebirge und jenes Thal des Argens, das Gounod +mit der Campagna von Rom vergleicht. Lieber würde ich doch +dem Beispiel von Carolus Duran folgen und mich dort drüben +in St. Aigulf niederlassen, an dem waldigen Strande, von dem +aus man am Abend das zackige Esterel in Purpur leuchten sieht. +</p> + +<p rend="text-align:center">V.</p> + +<p> +Hingegen bildet St. Raphaël einen vorzüglichen Standort +für Ausflüge in das Esterel-Gebirge. Und dieses Gebirge ist +sicher des Besuches werth; es gehört zu den Juwelen der Riviera: +sein malerischer Reiz wird durch die Porphyre bedingt, +die als nackte Felsenmassen dem Boden entsteigen. Um diese +Porphyre und anderes eruptives Gestein sind Schiefer emporgerichtet. +Allseitig wird das Esterel durch tiefe Thäler von den +Alpen und durch das Thal des Argens auch von dem Maurengebirge +getrennt. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts wagte +man sich nur mit Schrecken in das Esterel hinein, jetzt wandelt +man in demselben sicherer als in den Anlagen mancher großen +Stadt. – Unser erster Besuch sollte dem höchsten Punkt des Gebirges, +dem Mont Vinaigre gelten, dessen Gipfel sich 616 Meter +hoch über den Meeresspiegel erhebt. Wir hofften von dieser +Höhe das ganze Esterel zu überblicken und wollten dort unseren +Plan für weitere Ausflüge entwerfen. – Wir brachen von St. Raphaël +auf, als der Morgen graute. Der Weg führte gegen +Norden zunächst nach Valescure. Dort am Abhang der Berge, +in dem kühlen Walde, pflegten schon römische Familien den +Sommer zu verbringen, wenn die Hitze des Tages in Forum +Julii unerträglich wurde. +<name type="place" rend="antiqua">Vallis curans</name>, das Thal, welches +Genesung bringt, muß, wie sein Name sagt, als besonders gesunder +Aufenthaltsort gegolten haben. Diesen alten Ruf möchte +man auch heute noch ausnutzen und durch den verheißungsvollen +Klang des Namens neue Bewohner hier anlocken. Man wandert +<pb n='133'/><anchor id='Pg133'/> +in Valescure auf fertig angelegten Straßen, +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Grands Boulevards</foreign>« +mit hochtönenden Namen; der Wald ist in Parkanlagen +verwandelt; große Hôtels hoffen auf Gäste, Musikpavillons +warten auf Musikanten. Doch die Besucher bleiben noch aus. +Woher auch sollen sie kommen, diese Millionäre, um allen Grundstückspeculanten +zu Gefallen die ganze Riviera von Toulon bis +Ventimiglia mit Villen zu bedecken? Mit dem Augenblick, wo +der Bau der Südbahn beschlossen war, bemächtigten sich Actiengesellschaften +aller Punkte am Strande, die durch schöne Aussicht +aller Punkte auf der Höhe, die durch gesunde Lage, Kiefernadelduft, +oder sonst welche Vorzüge sich auszeichnen. Auch in +St. Aigulf drüben im Maurengebirge ist der Wald schon parcellirt, +laufen »<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Grands Boulevards</foreign>« +durch denselben und sind +nicht allein mit schönen Namen, sondern auch mit Laternen versehen. +Den Laternen freilich fehlen die Scheiben; gebrannt hat +noch keine; manche warf der Sturm, manche auch Menschenhand +schon um; nun liegen sie da und rosten, ein trauriges Bild des +Todes dort, wo niemals Leben war. Dazwischen in möglichst +auffälliger Stellung große Tafeln mit bunten Inschriften und +Plänen, die zum Ankauf der Grundstücke verlocken sollen. – +Wird Valescure jemals gedeihen? Es ist wohl möglich – einen +Anfang von Erfolg hat es schon zu verzeichnen: +»<q><foreign lang='fr' rend='antiqua'>La nature + sévère et riante, l'odeur des pins agréable et salutaire</foreign></q>«, wie +Stéphen Liegeard den Ort preist, hat bereits die Künstlerin der +»<title rend='antiqua'>Comédie française</title>« +Suzanne Reichemberg und die nicht minder +berühmte Sängerin der Pariser komischen Oper Miolan Carvalho +veranlaßt, sich hier anzusiedeln. Der Ort ist anmuthig, dicht +von immergrünem Wald umhüllt, mit heiteren Ausblicken in +das Meer und das Gebirge: trotzdem athmeten wir freier auf, +als wir die +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Grands Boulevards</foreign>« +verlassen hatten und uns in +einer von der Speculation weniger übertünchten Natur bewegten. +– Die Sonne ging in blaugrauem Nebel als rothe strahlenlose +Scheibe auf; dann tauchte sie aus dem Nebel hervor und strahlte +hell an wolkenlosem Himmel. Die Erde schien jetzt von Licht +<pb n='134'/><anchor id='Pg134'/> +überströmt. Bald betraten wir jene ausgedehnten Wälder, welche +das Esterel fast ganz bedecken. Einst hatten sie oft vom Feuer +zu leiden; statt grüner Laubkronen starrten verkohlte Skelete +den Wandrer an. Jetzt sind die Wälder Staatseigenthum geworden +und erfreuen sich so sorgsamer Pflege, daß sie fast den +Eindruck großer Parkanlagen machen. Die dunklen Strandkiefern +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pinus Pinaster</name>) +wiegen bei Weitem vor: sie schließen ihre +Kronen oft so dicht zusammen, daß kaum ein Sonnenstrahl durch +das Dickicht dringt. Vorzügliche Kunststraßen führen durch den +Wald, und bis auf den Gipfel der Berge gelangt man auf gut +gehaltenen Wegen. Auffallend genug sieht man eine weite +Kunststraße oft ganz plötzlich enden, wenn sie die Grenzen des +Gebirges erreicht. Da hört das Departement der Forste nämlich +auf, und es beginnt dasjenige der Brücken und Chausseen. +Die beiden Ministerien arbeiten sich, wie es scheint, nicht immer +in die Hände. Nach Wegweisern sieht man sich leider vergebens +im Esterel um, und wo mehrere Straßen sich schneiden, +bleibt man auf seine Orientirungsgabe ganz angewiesen. Die +besten Karten der Gegend, die wir uns zu verschaffen vermocht, +Karten, welche das Ministerium des Inneren im Jahre 1889 +veröffentlicht hatte, reichten eben nur aus, um uns irre zu führen. +Der Weg zum Mont Vinaigre war übrigens nicht schwer zu +entdecken. Zunächst sahen wir ihn vor uns, dann brauchten wir +im Walde nur der breiten Straße zu folgen und uns nordwestlich +zu halten, dort wo sich dieselbe mit anderen gleich breiten +Straßen schnitt. Sie stieg in Windungen zwischen den Bergen +empor. Meist war sie im Walde versteckt, und wir wanderten im +Schatten hoher Bäume, oder sie erreichte einen steilen Abhang, +und über den Gipfel der Bäume hinweg konnte der Blick dann +über grüne Thäler und Berge weithin sich verlieren. Doch kein +Haus war zu entdecken, nirgends verrieth aufsteigender Rauch +eine verborgene Hütte: nichts als Wälder, Thäler und Berge in +endloser Einsamkeit. Seitdem wir das Gebirge betreten hatten, +war uns kein Mensch begegnet. Wir fühlten uns ganz allein: +<pb n='135'/><anchor id='Pg135'/> +es war fast unheimlich. Nach zwei Stunden erreichten wir eine +menschliche Behausung, das Forsthaus zu Malpay: +»<name type='place' lang='oc' rend='antiqua'>Māou pays</name>«, +schlechte Gegend, wie es provençalisch heißt, in Erinnerung an +jene Zeit, wo es hier nicht geheuer war, zu reisen. +</p> + +<p> +Die Frau Försterin schien sichtlich erfreut, sich wieder einmal +aussprechen zu können, und gab uns, während wir frühstückten, +genaue Auskunft über die Gegend. Sie zeigte uns +auch in östlicher Richtung ein Stück der römischen Straße, die +man von hier aus auf eine längere Strecke hin überblicken kann. +Rom mit Gallien verbindend, endete sie in Arelate, dem heutigen +Arles, von wo die +»<foreign lang='la' rend='antiqua'>via Domitia</foreign>« nach Spanien führte. +Zwei römische Straßen, die als aurelianische bezeichnet wurden, +führten durch das Esterel. Die ältere folgte von Cannes aus +der Küste und erst vor der südlichsten Felsengruppe des Esterel +drang sie landeinwärts, in ein Thal, um in westlicher Richtung +Fréjus zu erreichen. Später legten die Römer die zweite Straße +an, die, in gerader Richtung über die Berge laufend, ungefähr +der heutigen zwischen Fréjus und Cannes entspricht und von +der wir hier ein Stück vor Augen hatten. In einer verborgenen +Schlucht unfern derselben liegen in Malpay noch Porphyrsäulen +aus alter Zeit, unvollendete Arbeit der Römer. Der violettrothe +Stein hat sich seitdem freilich mit einer dicken schwarzen +Kruste bedeckt. An die Benennung jener römischen Straßen erinnern +hier noch die Namen der Ufer und Berge. Dort, wo +die ältere der beiden Straßen das Meer verließ, heißt immer +noch das Ufer »Plage d'Aurel«, und »Pic d'Aurel« heißen die +Porphyrmassen, denen sie dann folgte. Dieses Gebirge war +später von aller Cultur so abgeschnitten, neuen Einflüssen so +entzogen, daß das Volk bis auf den heutigen Tag eine noch benutzte +Strecke der älteren Straße +»<foreign lang='oc' rend='antiqua'>lou camin Aurelian</foreign>« nennt. +</p> + +<p> +Man verläßt in Malpay die breite Straße und folgt in +östlicher Richtung dem Fußweg, der in zahlreichen Windungen +am südlichen Abhang des Mont Vinaigre aufwärts steigt. – +Wie kommt der Berg zu seinem merkwürdigen Namen? Es +<pb n='136'/><anchor id='Pg136'/> +heißt der saure Wein, der an seinen Flanken wuchs, hätte ihm +denselben verschafft. Spuren einstiger Weincultur sind freilich +nicht mehr zu entdecken, hingegen tritt man am Abhang in die +herrlichsten Maquis ein. Baumartige Heide, Ginster, Pistacien, +Euphorbien, Asphodelen, sie alle blühen zu gleicher Zeit und erfüllen +die Luft mit würzigem Duft. Denn er ist kurz, der provençalische +Frühling, und die Pflanzen müssen sich beeilen, bevor +die Dürre naht; es ist als wenn die Natur ein Frühlingsfest +hier feiern wollte, und unbewußt dringt etwas von diesem +Frühling auch in die Seele des Wandrers ein. Er vergißt +alles Vergangene, ihm ist, als könne er das Leben von Neuem +beginnen. Warum auch nicht? Ist doch die Welt so alt und +erwacht sie dennoch in jedem Frühjahr zu neuem Leben. – +Was duften nur die Heiden so schön nach bittren Mandeln? +Jeder Windhauch trägt uns ganze Fluthen dieses Aromas entgegen. +Dieser Duft war uns früher kaum aufgefallen, doch +eine gleiche Fülle von Ericablüthen hatten wir auch noch nie gesehen. +Ein süßer Honiggeruch erfüllt jetzt die Luft: eine unscheinbare +kleine Wolfsmilch +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Euphorbia spinosa</name>) ist es, die ihn +verbreitet. Ihr fehlen auffällige Blüthen, und da muß sie sich +besonders bemühen, um in so farbenreicher Umgebung nicht unbeachtet +zu bleiben. Sie wird auch von zahlreichen Bienen besucht, +während die bunten Schmetterlinge um andere prächtigere +Blüthen flattern. Hier lohnt es sich, Biene und Schmetterling +zu sein! Aus dieser Blüthenmasse ragen dunkle Erdbeerbäume, +zwerghafte Kiefern, immergrüne Eichen, stachelige Wachholdersträucher +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Juniperus oxycedrus</name>) +hervor. Und wo ein noch so +kleiner Platz unbesetzt geblieben an dieser reichen Tafel der +Natur, da drängen sich die Asphodelen +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Asphodelus cerasifer</name>) +mit ihren weißen Blüthenrispen ein. Auch sie wollen ihren +Antheil an Licht und Wärme haben, an jener Nahrung, die +hier in solchem Uebermaß gespendet wird. +</p> + +<p> +Wir steigen nur langsam in die Höhe, bleiben vor jeder +einzelnen Blüthe stehen, belauschen die Bienen bei der Arbeit. +<pb n='137'/><anchor id='Pg137'/> +Erst nach einer Stunde sind wir oben; da liegt eine ganze +Welt zu unseren Füßen. Vor uns das grüne Esterel mit +seinen tief eingeschnittenen Thälern und seinen steilen Höhen, +wo aus dem Laub der Bäume die zackigen Porphyrfelsen in +den Himmel ragen. Im Westen die Ebene von Fréjus von +ihrem Silberfluß durchströmt; über dieser das Maurengebirge +mit seinen dunklen Wäldern, und dann alle Buchten der Küste, +weit hin bis nach St. Tropez. Im Norden die Kalkalpen in +perlgrauem Ton; im Osten die Seealpen mit schneebedeckten +Häuptern; davor üppig grünes Land, mit leuchtenden Städten +und Dörfern und wieder die Küste, erst bei Bordighera in +duftigen Nebel sich hüllend. Ganz in der Nähe Cannes, vor +ihm die Inseln von Lerins; weit vorspringend in die See das +schmale Cap von Antibes; endlich im Süden, scheinbar dem +Himmel entgegenstrebend, das unbegrenzte Meer. +</p> + +<p> +Heute war es hier oben so windstill, daß auch die einsame +Korkeiche, die am Gipfel steht, sich in der Sonne <emph>wärmen</emph> +konnte. Auch sie, die bedauernswerthe, war ihrer schützenden +Korkhülle beraubt worden. Zum großen Theil entblößt, mußte +sie an schlimmen Tagen dem Mistral hier trotzen. In dem +friedlichen Bilde, das uns umgab, störte diese nackte Eiche wie +ein Mißton die Harmonie. +</p> + +<p> +Der Weg, den wir bei Malpay verlassen hatten, setzt sich +in gerader Richtung am Fuße des Mont Vinaigre fort und +trifft bald auf die große Straße von Fréjus und Cannes. +Folgt man ihr in östlicher Richtung, so gelangt man bald zu +einer Häusergruppe, der Auberge des Adrets und dem Gensdarmerieposten. +Der Name, den das Wirthshaus führt, war in +Paris einst in Jedermanns Mund, als der berühmte Schauspieler +Fréderic Lamaître im Ambigu-Theater die Hauptrolle in +einem Schauerdrama gab, das in einer »Auberge des Adrets« +spielte. Das war in den vierziger Jahren, und alle sensationsbedürftigen +Besucher von Cannes machten Ausflüge ins Esterel, +um in der »Auberge des Adrets« die Räume zu sehen, in denen +<pb n='138'/><anchor id='Pg138'/> +ein Herr Germeuil ermordet oder vielmehr <emph rend='gesperrt'>nicht</emph> +ermordet worden +war. Denn abgesehen davon, ob die ganze Geschichte sich jemals +zugetragen, oder ob sie nur erfunden war, handelte es sich thatsächlich +in dem Drama nicht um diese, sondern, wie das Textbuch +deutlich angab, um eine Herberge gleichen Namens auf dem +Wege von Grenoble nach Chambéry. – Unter den Besuchern, +die in fröhlicher Laune von Cannes aus hierher gekommen waren, +befand sich im Jahre 1868 auch Georges Sand. Die Bewohner +des Hauses wurden damals schon sehr ungehalten, wenn man sie +über jenen Herrn Germeuil ausfragen wollte; sie glaubten, man +bezichtige sie des Mordes. Richtig ist, daß vor Jahren die +Gegend um jene »Auberge des Adrets« besonders berüchtigt +war. In den unzugänglichen Thälern und Schluchten des Esterel +suchten alle jene Verbrecher ihre Zuflucht, denen es gelungen +war, aus den Galeeren von Toulon zu entfliehen. Sie pflegten +die Reisenden unfern von diesem Wirthshaus anzufallen, an +einer Stelle, wo die Straße von angrenzenden Höhen beherrscht +ist. »Als wir vorbeifuhren,« schreibt Horace Benedict de Saussure, +»zeigte uns der Courier von Rom, der mit uns reiste, einen +zertrümmerten Reisekoffer, der noch am Wege lag und einem +Courier gehört hatte, der vor einigen Tagen ausgeplündert +worden war.« Als hingegen der Erlanger Professor der Naturwissenschaften +Gotthilf Heinrich Schubert 1822 »mit der Hausfrau, +die, wie gewöhnlich, als Haushofmeister und Adjutant, +ihren alten Träumer begleitete«, die nämliche Stelle überschritt, +hatten sich die Zustände bereits geändert. In dem Wirthshaus +war ein Gensdarmerieposten errichtet. Doch fand er dort nur +eine alte Frau und zwei kleine Kinder vor. Während die +Reisenden sich stärkten, kam die Alte auf die verschollenen +Räubergeschichten zu sprechen. »Wenn sich so ein Räuber doch +hier wieder sehen ließe,« meinte die Frau, »damit unsere +Gensdarmen zeigen können, daß sie ihr Brot nicht umsonst +essen.« – Seitdem die Eisenbahn Fréjus mit Cannes verbindet, +ist diese Straße wie ausgestorben, und Räuber würden ihr Auskommen +<pb n='139'/><anchor id='Pg139'/> +da nicht mehr finden. Das Wirthshaus zeigt aber noch +deutlich an, daß es einst darauf eingerichtet war, sich zu vertheidigen. +Die Mauern sind ungewöhnlich dick, die Fenster des +unteren Stockwerks mit eisernem Gitter versehen. Durch eine +Oeffnung in der eichenen Thür wurde der Reisende erst genau +betrachtet, bevor er Einlaß erhielt, schräge Schießscharten in den +Wänden sind gegen die Thür gerichtet: das Haus gleicht einer +Festung, die nur durch regelrechte Belagerung genommen werden +konnte. Jetzt steht seine Thür weit offen, und kleine Kinder +spielen vor dem Hause. +</p> + +<p> +Wir kehrten nach Malpay zurück und wählten von dort +einen Weg, der in südöstlicher Richtung uns nach Agay führte. +Bald waren wir in den +<name type="place" rend="antiqua">Vallon de la Cabre</name> +gelangt. Dort breitete +überall am Abhang der lorbeerartige Schneeball +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Viburnum +Tinus</name>) seine weißen Blüthendolden aus. Bis auf die betretenen +Wege wagten sich die blauen Schwertlilien +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Iris germanica</name>) +hervor. Die Dichternarcisse +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Narcissus poëticus</name>) schaute uns +aus dem Gebüsch mit ihren leuchtenden Blumenaugen an. Hochstengelige +Tulpen (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Tulipa Celsiana</name>) grüßten uns aus der Ferne +mit ihren gelben Blüthen. Die violetten Blüthenstände der +doldenblüthigen Schleifenblume +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Iberis umbellata</name>) überraschten +uns durch ihre Pracht; hatten wir doch dieses schöne Gewächs +bisher nur in Gärten gesehen. Bald war in unseren Händen +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ophrys aranifera</name>, +die merkwürdige Orchidee, mit ihren spinnenartigen +Blüthen, und zu dieser konnten wir dann auch ihre +bienenähnliche Schwester +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ophrys apifera</name>) +gesellen. Am meisten +aber erfreute uns das seltene +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Limodorum abortivum</name>, eine blattlose +Orchidee, die in allen Theilen hellviolett gefärbt, auch hellviolette +Blüthen trägt. So wandelten wir im Thale mit großen +Blumensträußen in den Händen. Da plötzlich tauchte vor uns +ein großer Porphyrblock auf. Er steht auf schwachen Füßen +und neigt sich über den Bach, als wollte er stürzen. Das Volk +hat ihn den Taubenschlag, +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Pigeonnier</foreign>«, +genannt. Dann führte +unser Weg weiter an anderen phantastischen Felsen vorbei; oft +<pb n='140'/><anchor id='Pg140'/> +schienen sie das Thal zu versperren und traten erst weit im +Halbkreis auseinander, als wir den Fluß von Agay erreichten. +Dem folgten wir bis an das Meer. Zackig zerrissen, in rothem +Lichte glühend, schaut dort das Castel d'Agay in die See hinab. +Wie Zähne einer Riesensäge ragen in langgedehnter Reihe die +steinernen Zacken gegen den Himmel vor. Wir rasteten an der +lieblichen Bucht von Agay, die der rothe Porphyr in einen +farbigen Rahmen faßt. Wir sind hier zehn Kilometer von +St. Raphaël entfernt, an der Station der Mittelmeerbahn, die +dem Seestrande folgt, um dem Gebirge auszuweichen. +</p> + +<p> +Unfern von Agay, am Wege nach St. Raphaël, wird blauer +Porphyr gebrochen. Große Blöcke sprengt man aus dem Berge +heraus, schneidet sie in Platten und Würfel und verwerthet den +Rest für Straßenbau. Der ganze Strand ist mit blauem Porphyr +bedeckt, und zahlreiche Arbeiter sind beschäftigt, ihn auf Schiffe +zu laden. Der Porphyr des Esterel ist ein Quarzporphyr, der +in dichter, mit bloßem Auge nicht unterscheidbarer Grundmasse, +die aus Quarz und Feldspath besteht, Krystalle oder crystallinische +Körner aus Quarz oder Feldspath führt. Der Feldspath ist +meist fleischroth, doch wird die rothe Färbung des ganzen Gesteins +vornehmlich durch Eisenoxyd bedingt, das als ein feiner +Staub in der Grundmasse vertheilt ist. In den blauen und +andern hellgefärbten Porphyren tritt das Eisenoxyd gegen Eisenoxydulverbindungen +zurück. Der blaue Porphyr wird für +Straßenbauten besonders geschätzt und seine Gewinnung hier in +großem Maßstab betrieben. – Dem Steinbruch gegenüber springt +eine Landzunge, +»<name type="place" rend="antiqua">Le Piton de Dramont</name>«, +vor in die See und +trägt auf steil abfallenden Felsen einen hohen Leuchtthurm. Er +warnt den Schiffer schon aus der Ferne vor der Gefahr, die +ihn an dieser felsigen Küste bedroht. Die Bucht von Agay, die +bei ruhigem Wetter still ist und leer, füllt sich bei stürmischer +See oft mit vielen Schiffen. Sie warten hier, im sicheren Schutze +der Berge, auf günstigeres Wetter, und schon zur römischen Zeit +hat der Agathon Portus manches Schiff vor Untergang gerettet. +</p> + +<pb n='141'/><anchor id='Pg141'/> + +<p rend="text-align:center">VI.</p> + +<p> +Als ein Wunder des Esterels gilt das Malinfernet, ein +versteinertes Felsenmärchen. Eine Straße führt jetzt von Agay +dahin, und drei Stunden Wagenfahrt genügen, um es von +St. Raphaël zu erreichen. Wir ziehen die Fußwanderung vor +und brechen von le Trayas auf, wohin wir mit der Bahn in +einer halben Stunde gelangen. Dort kreuzen wir sogleich die +Schienen und steigen am westlichen Abhang des vor uns sich +erhebenden Berges in die Höhe. Wir wandern in Maquis, +noch üppiger als wir sie an andern Stellen des Esterels gesehen. +Vom süßen Honigduft der Euphorbien sind wir fast betäubt. +Weite Flächen werden gelb gefärbt von großblüthigen Pfriemensträuchern +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Calycotome spinosa</name>). +Cistusrosen (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cistus albidus</name>) +beginnen eben ihre großen rothen Blüthen zu entfalten. Zunächst +sind sie zerknittert, so wie sie es in dem engen Raum der +Knospenhülle waren, doch breiten sie sich aus, verlieren bald +alle Falten und locken nun die Schmetterlinge durch ihren zarten +Farbenreiz. Wir pflücken keine dieser Blüthen, da sie zu vergänglich +sind, der leiseste Windhauch trägt ihre Kronenblätter +davon. – Welche Fülle bunter Schmetterlinge belebt hier den +Abhang. Blüthen und Schmetterlinge gehören ja zusammen. +Der sonst seltene Falter +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Anthocharis Eupheno</name> ist hier fast +gemein. Er gleicht unserem Aurorafalter, ist aber schwefelgelb, +nicht weiß wie jener. Dieselben rothen Flecken zieren seine +Vorderflügel. Unruhig und rasch fliegt er durch die Lüfte. +Ebenso behend ist der Osterluzeifalter +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Thaïs Polyxena</name>), dessen +bräunlich gelbe Flügel mit schwarzen Zacken sich umrandet +zeigen und rothe und blaue Flecken tragen. Er gleicht einem +Harlekin, so bunt und befranzt ist seine Tracht. Langsam +schweben in allen Richtungen die Segelfalter an uns vorüber. +– Bald haben wir einen Kamm, den Col Lentisque erreicht, +den zahlreiche Korkeichen schmücken. Hier schneiden sich mehrere +Wege. Wir wählen denjenigen, der zur Rechten abzweigt, überschreiten +<pb n='142'/><anchor id='Pg142'/> +alsbald die Paßhöhe und beginnen in einem waldigen +Thale, dem »Ravin« des Baches Escalle, der hier abwärts fließt, +langsam abzusteigen. Schöne Stecheichen +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ilex aquifolium</name>) ragen +stellenweise aus dem üppigen Dickicht hervor. Es sind das hier +stattliche Bäume, während wir sie in unseren Wäldern nur in +Strauchform finden. Da fällt uns dann wieder auf, was einst +schon Chamisso bemerkte, daß die glänzenden, lederartig starren +Blätter nur in den unteren Theilen des Baumes mit scharfen +Zähnen besetzt sind, an den höher entspringenden Aesten aber +einen fast glatten Rand haben. Nur an denjenigen Blättern, +die von den weidenden Thieren erreicht werden können, +bildet zum Schutz gegen dieselben diese Pflanze Stacheln aus. +Der Weg wendet sich plötzlich nach Westen, und ganz unvermittelt +stehen wir am Ausgang des Malinfernet. Da ragen +sie nun hervor aus dem dunklen Wald, alle die rothen Felsen +hier in der Sonne glühend, dort in den Schatten der Berge +getaucht. Sie verschieben sich gegeneinander bei jedem Schritt, +den wir vorwärts schreiten; die einen schwinden, die andern treten +hervor, fast endlos. Und der klare Bach, der das Thal durchströmt, +rauscht entweder stark, oder murmelt schwach, oder +donnert laut in Wasserfällen. Einmal verbirgt er sich ganz im +grünen Laub der Bäume, dann tritt er wieder weit sichtbar +vor und spiegelt mit hellem Glanze den Himmel. Und erst die +Felsen! Hier glaubt man einen spitzen Thurm zu sehen, wie +den Thurm eines gothischen Domes, mit steinernen Blumen +und Thieren und allerhand Schnörkeln verziert; dort eine Burg +mit ihren Schanzen und Zinnen, dort eine Orgel mit riesigen +Pfeifen, hier einen schlanken Kegel, dort einen kantigen Crystall, +hier wieder ein Standbild auf hohem Postament. Ist das +nicht der Gott Osiris, der auf diesen Felsen thront? Er trägt +zwei junge Kiefern wie Scepter in den Händen. Am Eingang +jener Schlucht kauert eine Sphinx und holt aus zum Sprunge. +Und dort am fernen Abhang scheint eine wilde Jagd den Berg +hinabzurasen. Die phantastischen Thiere ragen hoch aus dem +<pb n='143'/><anchor id='Pg143'/> +Wald hervor, in letztem Todeskampf zu Stein erstarrt. Da +hat die Natur ihrem ungezügelten Gestaltungsdrang freien Lauf +gelassen; sie schuf in übermüthiger Laune. Und als bereue sie +nachträglich diesen Uebermuth, verbarg sie sorgsam das Thal +zwischen hohen Bergen. Das Malinfernet mußte thatsächlich +erst entdeckt werden, und noch im December 1851, nach dem +napoleonischen Staatsstreich konnten politische Flüchtlinge sich +dort lange Zeit verborgen halten und den Nachforschungen der +Gensdarmen entgehen. +</p> + +<p rend="text-align:center">VII.</p> + +<p> +Gegen Abend zogen wir wieder hinaus zum Strande von +St. Aigulf. Wir wollten das Esterel noch einmal im Glanze +der untergehenden Sonne glühen sehen. Es war ein farbenprächtiger +Abend, still und mild, einer jener Abende, die das +Gefühl des Glückes in der menschlichen Seele erwecken. Kein +Luftzug bewegte die Blätter der Bäume. Im See von Villepey +spiegelten sich dunkle, goldumstrahlte Wolken. Durch unser Nahen +aufgeschreckte Vögel flohen aus dem Dickicht des Ufers empor. +Sie stiegen in die Lüfte und schienen schwarze Furchen zu ziehen +am hellen Abendhimmel. Die Wolken im Westen nahmen +Purpurfarben an, und in ihrem Widerschein röthete sich auch +der See. Er sah jetzt unheimlich aus, wie eine Lache von +Blut; das dunkle Dickicht aus Rohr umfaßte ihn mit schwarzem +Trauerrand. Wir setzten unsern Weg fort zum Strande. Bald +stand der Westen in voller Gluth, und das Maurengebirge +glich einem Riesen in der Feuersbrunst. Die Bäume des Waldes +zeichneten sich schwarz auf hellem Grund, als wäre ihr Umriß +mit Kohle gezogen. Allmälig verblaßte der Himmel. Auf den +spiegelnden Wellen des Meeres begannen sich die weißen +Strahlen der ersten Sterne mit dem rothen Abglanz der letzten +Abendlichter zu mischen. Als wir den Strand erreichten, war +es bereits so dunkel, daß wir den Umrissen des Meeres nicht +mehr folgen konnten. Der Himmel sprühte von Sternen und +<pb n='144'/><anchor id='Pg144'/> +schien auch ungezählte Lichter im Meere auszusäen. Wir +lauschten dem Stöhnen und Rollen der Brandung und frugen +uns, warum es ewig klagt und grollt, dieses länderumspülende +Meer; ist es der Schmerz über all' das Leid, das sich an seinen +Ufern zugetragen? Ist doch auch dieser Ort nach jenem Heiligen +benannt, der auf den Lerinischen Inseln gemartert ward. +Manchmal glaubten wir nahende Schritte zu hören; doch nein, +es war nur ein reifer Kieferzapfen, der vom Baum zu Boden +fiel, oder eine größere Welle, die sich über das Ufer ergoß und +zischend dem Meer wieder zueilte. Die silberne Mondsichel, +ganz schmal, tauchte hinab in die Bäume. Starr leuchteten +uns von Osten her die Leuchtthürme von St. Raphaël und von +Drammont entgegen; der Phar von Camarat im Westen flammte +auf und nieder: es war, als öffnete und schlösse er abwechselnd sein +großes Feuerauge. Im Meere tauchten Barken auf in gelbem +Fackelschein. Das waren Fischer, welche mit Feuer die Tiefen +erhellten, um Fische zu erspähen. Die flackernden Flammen +warfen lange zitternde Streifen auf die Wellen. Plötzlich tauchte +dicht vor unseren Augen, gespensterhaft groß, eine riesige Barke +auf, mit ausgespannten Segeln. Sie deckte uns die Sterne und +warf einen schwarzen Fleck über den funkelnden Himmel. Eben +so rasch, wie sie kam, war sie auch verschwunden, lautlos, +unvermittelt, wie ein Geisterschiff. +</p> + +<p rend="text-align:center">VIII.</p> + +<p> +Unfern vom Bahnhofe bei le Trayas schaut aus dem +dunklen Grün der Bäume ein helles Häuschen hervor. Schilder +an der Station preisen es als +»<name type="place" rend="antiqua">Hôtel du Trayas et restaurant +de la Réserve</name>« an. Der Ort liegt so schön am Wald, +zwischen rothen Felsen, daß wir den Entschluß faßten, dort +einige Zeit zu weilen. So fanden wir uns am nächsten Tage +auf der Station von le Trayas mit unserem Gepäck wieder ein. +Wir frugen nach dem Wege zum »Hôtel«, und wurden auf einen +Hund verwiesen, der sich in unserer Nähe befand. »Sie brauchen +<pb n='145'/><anchor id='Pg145'/> +ihm nur zu folgen, er wartet auf die Gäste«. Der Hund hatte +sich uns genähert, als wir mit Handgepäck beladen, aus dem +Eisenbahnwagen stiegen und sah uns verständnißvoll an. Es +war ein großer schwarzer Vorstehhund, mit langem seidigem +Haar. Wir schritten zum Ausgang; der Hund eilte uns voran, +blickte oft sich um und wedelte dann mit dem Schweife. Er führte +uns den Weg an der Bahn entlang, hierauf in den Wald. Einen +Augenblick war er verschwunden: es galt einen kleinen Pintscher +im nahen Försterhause zu besuchen, vielleicht ihm mitzutheilen, +daß Fremde angelangt seien. Der kleine Freund kam mit bis auf +den Weg, um uns zu betrachten, dann zog er sich zurück. In +einer Viertelstunde erreichten wir das Gasthaus, einen bescheidenen +Bau, doch mit ziemlich weiter Glashalle. Augenscheinlich +wurde die Restauration des »Hôtels« mehr als seine +Wohnräume in Anspruch genommen und somit wohl die Glashalle +am meisten benützt. Der Hund stellte sich vor die Eingangsthür +und bellte. Es war das aber nicht ein gewöhnliches +Bellen, er stieß vielmehr gedämpfte, rasch hinter einander gedehnte +Töne aus, welche die Mitte zwischen Bellen und Heulen +hielten. Da stürzte der geschäftige Wirth mit seiner ganzen Familie +aus dem Hause und bot uns seine Dienste an. Die +Zimmer im Hause sind zwar äußerst klein, doch erträglich, der +Aufenthalt auf der Terrasse, bei so schönem warmem Wetter, +wie wir es trafen, war aber geradezu entzückend. Steht doch +das Haus dicht am Meere, auf einem Porphyrfelsen, und kann +der Blick weithin der Küste folgen, an rothen Porphyrmassen, +dann dunkelgrünen Höhen vorbei Cannes erreichen und +auf den Lerinischen Inseln im Meere, oder dem weißen Schnee +der Alpen über den Bergen, endlich ruhen. Vorn ist der rothe +Strand in scharfe Buchten zerschnitten und zu tiefen Grotten +ausgehöhlt; im Norden steigt, dicht über dem Hause, der Pic +d'Aurelle empor, im Westen schließt die mächtige Felsenmasse +des Cap Roux die Landschaft ab. +</p> + +<p> +Viele Fremde kommen aus Cannes hierher, verweilen aber +<pb n='146'/><anchor id='Pg146'/> +nur wenige Stunden, um sich in der Glasveranda an +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Bouillabaisse</foreign>«, +oder an den Austern und Hummern der »Reserve« zu +laben. Hin und wieder findet sich zu mehrtägigem Aufenthalt +ein leidenschaftlicher Liebhaber des Fischfangs ein. Denn das +Meer gilt für besonders fischreich an diesem felsigen Strande, +und der Fischer findet vollauf Gelegenheit, seine List und seine +Gewandtheit zu üben. Als besonders spannend gilt der Fischfang +des Nachts bei Feuer und verlangt, so wie er hier geübt +wird, sehr viel Geschick. Eine solche Fahrt muß man einmal +mitgemacht haben! +</p> + +<p> +Das Meer war so ruhig, so einladend, daß wir einen +Fischer veranlaßten, uns am Abend zu solchem Fischfang mitzunehmen. +Es dunkelte schon, als wir das Land verließen. +Kein Mond am Himmel, doch unendlich viel leuchtende Sterne, +deren Zahl noch immer zu wachsen schien. Sie spiegelten sich in den +Wellen, die wir durchschnitten. Die Umrisse der Berge schwanden +immer mehr; bald bildeten sie nur noch einen dunklen sternenlosen +Schatten am Himmelssaum. Im Meere war es still; +wir hörten nur den leisen Anprall der Wellen gegen das Boot +und den regelmäßigen Schlag der Ruder ins Wasser. Die Brise +aber, die des Nachts von den Bergen weht, trug die Stimmen +des Landes über das Meer. Wir hörten aus der Ferne +die lauten Concerte der Laubfroschscharen, das schrille Zirpen +der Heuschrecken. Zugleich brachte uns diese Brise alle die +Wohlgerüche, welche den harzigen Kieferwäldern und den würzigen +Maquis entströmen. Nah und fern glänzten am Ufer, +wie große Sterne, die Leuchtthürme uns entgegen. Wir gaben +uns diesen Eindrücken ganz hin und athmeten mit Wonne die +balsamische Luft. Der eine Fischer beugte sich dann über das +Boot, um das Feuer zu entzünden. Vorn an einem Haken +war der eiserne Gitterkorb befestigt, den er mit harzigem Holz +der Aleppokiefer gefüllt hatte. Knisternd entflammte dasselbe und +verbreitete ein grelleres Licht, wie Fackelschein. Dieses Licht +drang in die Tiefen des Meeres ein, während der Himmel über +<pb n='147'/><anchor id='Pg147'/> +uns jetzt fast schwarz erschien. Wir glitten über Felsenmassen, auf +welchen Meeresalgen wahre Zaubergärten bilden. Da mischen und +durchdringen sich alle Farben, von lebhaftestem Grün bis zu +dunklem Braun und zu leuchtendem Roth. Hier breite Blätter +zu Rosetten aneinander gedrängt, dort lange fluthende Fäden, +wie aufgelöstes Haar, dort wieder rundliche Gebilde wie Muscheln. +Dazwischen schillernde Seeanemonen mit vorgestreckten Fühlern, +rothe Seesterne mit ausgebreiteten Armen und stachelige Seeigel, +die dunkle Flecke in einem bunten Teppich zu bilden +scheinen. Kleine Fische fliehen erschreckt nach allen Seiten, +größere folgen in Scharen, wie durch das Licht fascinirt, unserem +Boot. Spähend steht am Vordertheil des Schiffes der Fischer +und schaut in die Tiefe. Er hält eine dreizinkige, an langer +Schnur befestigte Harpune in der Hand, bereit sie abwärts zu +stoßen. Jetzt gießt er einige Tropfen Oel auf das Wasser, um +die Fluth, die der Luftzug kräuselt, zu glätten. Die Ruderschläge +verstummen. Plötzlich fährt der Wurfspeer in die Tiefe, +sein mit Widerhaken versehener Dreizack durchbohrt einen Fisch, +und zappelnd wird dieser emporgezogen, um im Boote bald zu +verenden. – Es gehört viel Uebung und Geschick zu einer solchen +Jagd. Nicht nur gilt es beim Wurf die Bewegung des Fisches, +sondern auch jene Lichtbrechung im Wasser zu berücksichtigen, +welche den Fisch an einer anderen Stelle zeigt, als die, an der +er sich wirklich befindet. Wir gaben die Jagd auf, es genügte +uns dieses eine Opfer; langsam erlosch unser Feuer und wieder +glitten wir friedlich auf der weiten See, beschienen von silbernen +Sternen. +</p> + +<p> +Gegen den Mistral ist le Trayas vollständig gedeckt, der +Cap Roux fängt ihn mit seinem breiten Rücken auf. Zu gleicher +Zeit, da in Cannes und Nizza dichte Staubwolken von den +Straßen aufsteigen, merkt man hier kaum einen Luftzug und +kann sich behaglich im Freien vor dem Hause sonnen. Doch +darf der Ostwind nicht kommen; der rückt hier an, mit voller +Gewalt; er stürmt das Gebirge, das ihm Halt gebietet, prallt +<pb n='148'/><anchor id='Pg148'/> +zurück von den hohen Felsen und umwirbelt sie mit wüthendem +Geheul. Das geängstigte Meer scheint dann auf das feste Land +sich flüchten zu wollen; mit Schaum bedeckt versuchen es seine +Wellen, die Felsen zu erklimmen, doch sie zerschellen an dem +harten Stein und sinken gebrochen zurück in die Tiefe. In der +Höhlung der Grotten fangen sie sich aber ein, suchen dort einen +Ausweg nach oben und schlagen mit solcher Gewalt gegen die +Wölbungen an, daß das ganze Ufer erdröhnt. Da ist von Schlaf +kaum die Rede des Nachts in dem kleinen Hause, – schlummert +man endlich auch ein, so träumt man Schauergeschichten +und wacht dann plötzlich auf mit Schrecken und Beklemmung. +Staub gibt es freilich selbst dann nicht auf den Porphyrstraßen +des Esterel, und in einem vom Strande entfernteren, mehr geschütztem +Hause, könnte daher wohl mancher Lungenkranke im +Frühjahr besser aufgehoben sein, als in den von Kalkstaub erfüllten +Kurorten. Im Winter selbst wird es hier zu kalt und +fehlen demgemäß auch die empfindlicheren Pflanzen in der Flora. +</p> + +<p rend="text-align:center">IX.</p> + +<p> +Vor Allem galt es uns von hier aus den Gipfel des Cap +Roux, den »Grand Pic« des Esterel, zu besteigen. Gleichzeitig +wollten wir die Grotte Sainte Beaume d'Honorat besuchen und +frugen nach dem Wege zu derselben. Der Wirth bot uns den +Hund als Führer an, denselben Hund, der uns am Bahnhof +empfangen hatte. »Castor« wurde herbeigerufen. Wir hatten +schon nähere Bekanntschaft mit ihm geschlossen, bei den Mahlzeiten +seiner gedacht und so seine Zuneigung gewonnen. Dieser +Hund hatte merkwürdig viel Ausdruck im Gesicht; seine Augen +blickten so klar und treu, und wenn er uns von der Seite ansah +und das Weiß seiner Augen sichtbar wurde, da erschienen diese +so verständig und nachdenklich, so überlegt und klug, fast wie +Menschenaugen. Allem Anschein nach verstand Castor den Sinn +vieler Worte und staunten wir daher auch nicht, als der Wirth +den Auftrag ihm ertheilte, uns nach der Beaume zu führen und +<pb n='149'/><anchor id='Pg149'/> +zu diesem Zwecke das Wort »Beaume« drei Mal mit Nachdruck +wiederholte. Castor wedelte mit dem Schwanze zum Zeichen +des Verständnisses, doch blieb er zunächst noch stehen. Ah! sagte +der Wirth, ich habe den Lohn vergessen, den er gewohnt ist zu +erhalten: die eine Hälfte hier, die andere an der Beaume. So +wurden denn Cakes geholt, für welche Castor eine besondere Vorliebe +hatte. Die eine Hälfte verzehrte er sogleich mit sichtlichem +Behagen, die andere Hälfte nahmen wir mit auf den Weg. Wir +brachen jetzt auf, Castor voran, die Schnelligkeit seines Ganges +nach der unserigen richtend, häufig nach rückwärts schauend, ob +wir ihm auch folgen. Wir streiften den Eisenbahndamm in +westlicher Richtung und waren bald an die Mündung des Thales +gelangt, das den Pic d'Aurelle von der Bergwand des Cap +Roux scheidet. Das Meer dringt vor in dieses Thal, um eine +der vielen Buchten zu bilden, die hier Calanques heißen. Eine +Eisenbahnbrücke überspannt im Bogen die Bucht. Wir glaubten +den Weg unter derselben einschlagen zu müssen, doch Castor +führt uns aufwärts, und ohne auf die Eisendrähte zu achten, +durchkreuzt er die Bahn. Wir glaubten seinem Beispiel folgen +zu müssen, und in der That schließt ja auch beiderseits der Weg +an den Bahndamm an. Die Drähte scheinen nur da zu sein, +um überstiegen zu werden, nur um die Bahn im Falle eines +Unglücks vor der Verantwortung zu schützen. Diese Einrichtung +wiederholt sich hier längs der ganzen Bahnstrecke, zahlreiche +Wege münden beiderseits an dieselbe, und man wird zum Uebersteigen +der Drähte vom Bahnwärter selbst ermuthigt, wenn man +ihn nach dem Wege frägt. – Castor führte uns am Abhang +des Cap Roux in nordwestlicher Richtung weiter; er kehrte sich +nicht an die vielen Wege, die steiler am Berge aufstiegen, ging +ruhig und sicher in gerader Richtung vor sich hin. Das Thal +wendet sich dann nach Westen, und wir folgten dem nördlichen Abhang +des Berges. Ein gemauertes Schutzhaus steht am Wege, +das den Forstbeamten als Zufluchtsstätte dient; nebenan entspringt +am Berg eine Quelle. Hier bog Castor seitlich ab, +<pb n='150'/><anchor id='Pg150'/> +wählte den rechts aufsteigenden Pfad und führte uns jetzt steil +in die Höhe. Zunächst war der Weg noch gut, doch nach einiger +Zeit gelangten wir in Geröll und Felsen. Dann folgten Stufen +im Stein; stellenweise schwebten wir über dem Abgrund, doch +da waren eiserne Stäbe in den Fels geschlagen, an denen +wir uns stützen konnten. Castor war augenscheinlich nicht +schwindlig; er kletterte behende aufwärts, schaute oft an schwierigen +Stellen sich um, als wenn er unserem Geschicke nicht ganz +traute. Vor uns auf der Felsenkante steigen die Trümmer eines +Thurmes auf, die Reste der früheren Einsiedelei. Ein Thorweg +durchsetzt den Thurm; wir bleiben an dessen Eingang stehen. +Der Blick taucht hier über die steilen Felsen in das üppige +Thal hinab. Grüne Berge, von zackigen Porphyrmassen gekrönt, +steigen jenseits auf; über dem Col Lèveque im Osten +glänzen die Schneehäupter der Alpen. Und im Westen, in +bläulichem Dunst getaucht, begrenzt das Maurengebirge den +Horizont. – Jenseits des Thurmes ist der Eingang zur Grotte. +Castor hatte sich vor denselben gelagert. Nicht ohne Selbstgefühl +schaute er uns an. Er hielt es nicht einmal für nöthig mit +dem Schweife zu wedeln, als wir ihm die Cakes überreichten. +Er hatte sie verdient; Demuth war nicht am Platze. Wir traten +in die Grotte ein. Rechts birgt sie eine Cisterne. Im Hintergrunde +ist ein bescheidener Altar errichtet, und noch bescheidenere +Standbilder der Heiligen zieren die Wände. Hier soll einst als +Einsiedler der heilige Honoratus gelebt haben, jener Heilige, der +um das Jahr 408 auf den Lerinischen Inseln ein berühmt gewordenes +Kloster gründete. Zahlreiche Pilger zogen Jahrhunderte +lang und ziehen auch jetzt noch am ersten Donnerstag +im Mai den steilen Berg hinauf, um den Heiligen zu verehren. +Eine Nische in der Grotte soll des Heiligen Lager gebildet +haben. Die Pilger betrachten mit Andacht die Vertiefungen im +Stein, die sie als Spuren deuten, welche der Körper des Heiligen +hinterließ. +</p> + +<p> +St. Honoratus stammte aus dem nördlichen Gallien, wie +<pb n='151'/><anchor id='Pg151'/> +es heißt aus einer vornehmen Familie. Noch jung zog er sich +in diese Einöde zurück. Sein Beispiel regte zur Nachahmung +an. Es folgte ihm der heilige Eucharius, ein provençalischer +Edelmann, Seigneur de Théol et de Mandelieu, der aber später +als der heilige Honoratus der Welt entsagte. Er mag manchen +bitteren Kummer und manche Enttäuschung zuvor erlebt haben. +Denn, wie ich der Geschichte der Diöcese Fréjus, die der Abbé +Disdier veröffentlicht hat, entnehme, war der heilige Eucharius +zuvor verheirathet gewesen und besaß zwei Söhne und zwei +Töchter. Als ihm seine Frau durch den Tod entrissen wurde, +übergab er die Erziehung der Söhne dem heiligen Hilarius und +zog sich zunächst auf eine der Lerinischen Inseln und dann in +die Einsiedelei des Cap Roux zurück. Er bewohnte hier eine +Grotte, die noch unzugänglicher, noch abgeschlossener als diejenige +des heiligen Honoratus war. Hier »von Allen getrennt, +der Ruhe und der Schweigsamkeit sich weihend, hatte er weder +den Willen noch die Gelegenheit zu sündigen«. Hier verfaßte +er auch einen begeisterten Tractat zum Lob der Einsamkeit. +Doch sollte er sein Leben nicht in dieser Einöde beschließen. +Abgesandte der Lyoner Gemeinde entführten ihn, um ihn als +Erzbischof an ihre Spitze zu stellen. – Schwer fällt es heute, +sich in den Geist jener begeisterten Asketen zu versetzen, denen +als Ideal der Vollkommenheit nicht die Erfüllung der sittlichen +Pflichten des Lebens, sondern der Ertödtung aller sinnlichen +Gelüste vorschwebte. Doch damals waren die Zeiten anders, +und es sah so traurig aus in der Welt, daß mancher an ihr +verzweifeln konnte. Manch' edel angelegter Mensch mochte +glauben, daß sein ethisches Ideal innerhalb einer solchen Welt +nicht zu verwirklichen sei, und suchte es darum in der Weltentsagung. +Solches ideale Streben, das mit dem Opfer der +eigenen Person verbunden ist, zwingt uns Bewunderung ab; +menschlicher muthet uns ein späterer Einsiedler vom Berge des +Cap Roux an, Namens Laurentius Bonhomme, der dort die +zweite Hälfte des siebenten Jahrhunderts verlebte. Er betrieb +<pb n='152'/><anchor id='Pg152'/> +allerhand kleines Gewerbe, war immer fleißig bei der Arbeit, +züchtete Bienen, verwerthete deren Wachs und Honig, und das +Geld, das er verdiente, vertheilte er unter die Armen. Er +schloß sich von den Menschen nicht ab, wanderte auch nicht +selten nach Fréjus, gefolgt von einem Reh. Der Bischof ließ +sich das Reh von ihm schenken; es blieb in Fréjus zurück. +Später nun, als Laurentius wieder einmal in Fréjus war und +vor dem bischöflichen Palaste sich laut unterhielt, hörte das Reh +seine Stimme, sprang aus einem Fenster des Palastes zu ihm +hinab und leckte seine Hände. Da fühlte der Mann sich glücklich; +er empfand +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>le bonheur du parfait solitaire</foreign>«, +wie es in +der Erzählung heißt. So auch war seine Einsiedelei stets von +zahlreichen Vögeln umgeben, die er zu Zeiten der Dürre in +den Vertiefungen der Felsen mit Wasser tränkte. Eines Tages +überraschte er Diebe, die ihm seine Bienenstöcke geraubt hatten. +Erschrocken sahen die Missethäter ihn nahen. Er aber trug +ihnen auch noch die übrigen Bienenstöcke zu und rief ihnen +nach, sie hätten die besten vergessen. Solche unerschöpfliche Güte +rührte das Gemüth der Missethäter: sie besserten sich, so heißt +es, von dieser Stunde. +</p> + +<p> +Wir blieben nochmals vor der Grotte stehen und verloren +uns im Anblick dieser schönen Gegend. So mag sie auch ausgesehen +haben vor anderthalb tausend Jahren, als der heilige +Honoratus in dieselbe blickte. Auch damals schon glänzten die +rothen Porphyrfelsen so feurig im Sonnenschein, und damals +schon leuchtete der ewige Schnee so blendend weiß dort jenseits +auf den Alpen. Auch dasselbe Bedürfniß nach Idealen ist dem +menschlichen Geiste geblieben, nur hat sich die Form derselben +verändert. +</p> + +<p> +Wir stiegen hinab bis zur Quelle und schlugen einen anderen +Weg dann ein, um von Westen her den Gipfel des Berges zu +erreichen. Wir suchten Castor zur Heimkehr zu bewegen, doch +zog er es vor, bei uns zu bleiben. Freilich fühlte er sich nicht +mehr verpflichtet, uns den Weg zu weisen, er ging nicht mehr +<pb n='153'/><anchor id='Pg153'/> +vor uns her, schweifte vielmehr ab nach allen Seiten. Oft sah +man ihn nicht, da war er im Gebüsch, um Vögel aufzuscheuchen; +er schaute ihnen in den Lüften nach. Einmal schien er einem +größeren Thier nachzujagen, vielleicht einem der vielen Füchse, +die das Esterel bewohnen. +</p> + +<p> +Auf dem Gipfel des Cap Roux, dem Grand Pic, der einst +Vigie de Peyssarin genannt wurde, entfaltete sich vor uns ein +Bild so herrlich, wie wir es kaum je gesehen. Der Eindruck, +den wir empfingen, war erhaben und lieblich zugleich, malerisch +und von mächtiger Wirkung. Während vom Mont Vinaigre +aus unser Auge erst in der Ferne über grüne Berge das Meer +erreichen konnte, hatten wir hier die blauen Fluthen zu unseren +Füßen. Die grünen Abhänge des Cap Roux fallen langsam +zum Meere ab; sie endigen in schroffen Felsen, die sich senkrecht +in die Wellen stürzen. Dort setzen sie sich fort mit Zacken +und Rissen, schneiden ein in das Meer mit scharfem Grat, +fassen es in ausgehöhlte Mulden, tauchen dann wieder wie +steinerne Riesen aus der Fluth empor. Das Wasser nimmt +violette Töne an auf dem purpurnen Grunde: es scheint flüssiger +Amethyst zu sein in einem Becken von Rosso antico. Um uns +herum glühen die Felsen in hellem Sonnenschein. Gelbe und +graue Anflüge, von Flechten erzeugt, tönen das satte Roth ab +in unzähligen Schattirungen. Gegen diesen Vordergrund hebt +sich die Ferne mit ganz eigenem Colorit ab; man wird völlig +berauscht von dieser Pracht, sie klingt einem wie Musik in der +Seele. Zunächst beachtet man kaum die Form der Gegenstände +und läßt nur ihre Farben auf sich wirken: wie sich die Töne +mischen und wie sie einander durchdringen, wie sie hier verschmelzen, +dort in effectvollem Contrast von einander absetzen. +Wie wunderbar glüht dieser braunrothe Coloß auf dem blauen +Hintergrunde des Meeres, das hoch hinter ihm am Horizonte +aufzusteigen scheint! Wie hebt sich dieser andere Porphyrfelsen +von dem perlgrauen Grunde der Kalkalpen ab; dort springen +wieder rothe Zacken vor gegen den leuchtenden Himmel, im +<pb n='154'/><anchor id='Pg154'/> +Osten über Nizza krönt der blendend weiße Schnee der Alpen +wie ein silbernes Diadem das grüne Vorgebirge. Ihm wenden +sich immer wieder von Neuem unsere Blicke zu. Unten aber +schillert am Strande das blaue Meer in purpurnen Tönen auf +dem rothen Grunde; fern im Süden spiegelt es die Sonne +wider und strahlt unermeßliches Licht zurück. Eine mächtige +Felsenmasse im Westen deckt uns das Thal von Fréjus, hinter +ihm thürmt sich das Maurengebirge in sammetgrünen Farben +auf. Das Auge folgt der Küste bis zu den goldenen Inseln. +Im Osten liegt vor uns der Golf de la Napoule und Cannes +fast in greifbarer Nähe. Die Inseln von Lerin tauchen grün +wie Smaragde hervor aus der goldigen Fluth. Wir sehen sie +jetzt alle zu einer leuchtenden Gruppe vereinigt, voran die Insel +St. Honorat, dann St. Marguérite, und neben St. Honorat +im Osten, nur als dunkler Streifen, die kleine St. Féréol; dahinter +taucht das Cap d'Antibes seine belaubten Ufer in die +Fluthen; es springt so weit vor in die See, als wollte es dieses +eine Meer in zwei Meere theilen. Jenseits der Baie des Anges, +der breiten Engelsbucht, glänzt das weiße Nizza im Halbkreis +an grünen Hügelketten, und dann erheben sich Berge hinter +Bergen, bis jenseits Bordighera die Umrisse der Küste verschwimmen. +</p> + +<p> +Auf Castor machte dieses Bild keinen Eindruck. Er beschnüffelt +sorgsam die Steine, auf welchen, den Ueberresten nach +zu schließen, von früheren Touristen manches Frühstück verzehrt +worden ist. Sicherlich strengt er seine Einbildungskraft an, +um die einzelnen »Menus« zu reconstruiren, – dann gähnt er +zu wiederholten Malen, streckt sich aus und schläft. – Stunden +vergingen, bevor wir uns entschlossen, den Abstieg anzutreten. +</p> + +<p rend="text-align:center">X.</p> + +<p> +Den Pic d'Aurelle durften wir nicht unbeachtet lassen, ihn, +unseren nächsten Nachbar. Wir mußten denselben besteigen, wäre es +auch nur jenem Aurelius zu Ehren, nach welchem er den Namen +<pb n='155'/><anchor id='Pg155'/> +führt. Was für ein Aurelius das ist, dessen Name durch jenen +Fels wie durch die alte römische Straße verewigt wird, das +läßt sich freilich nicht mit Sicherheit sagen. Die Wahrscheinlichkeit +spricht für Cajus Aurelius Cotta, weil er den Plan zu +dieser großen Straße entwarf und deren Bau auch, von Rom +aus, im Jahre 241 vor Christus begann. Die Straße soll er +aber nur eine kurze Strecke weit ausgebaut haben; sie wurde +dann von Aurelius Scaurus über Pisa und Savona fortgesetzt, +von Julius Caesar endlich bis zum heutigen Arles geführt. +</p> + +<p> +Wir stiegen vom Hôtel geradeaus in die Höhe, überschritten +in gewohnter Weise den Bahnkörper und erreichten bald einen +breiten Weg, der in westlicher Richtung den Berg umkreist. +Diesem Weg mußten wir längere Zeit folgen, immer das grüne +Thal vor Augen, das den Pic d'Aurelle vom Cap Roux trennt. +An dem nördlichen Abhang des Cap Roux profiliren sich scharf +die dunkelrothen Felsen, und deutlich ragt aus denselben der +Thurm hervor, der vor der Grotte des heiligen Honoratus wacht. + – Wir wählen den ersten Fußweg, der jetzt bergauf am Pic +d'Aurelle sich wendet. Der Berg ist nur etwa 300 Meter hoch, +läßt sich somit ohne Anstrengung besteigen. Der Blick von +demselben ist jenem vom Gipfel des Cap Roux ähnlich, doch +entsprechend eingeschränkt. Denn das Cap Roux deckt die ganze +Küste im Westen, und nur das Thal an seinem nördlichen Abhang +gestattet einen Durchblick bis zum Maurengebirge. +Da sieht man im Thale des Argens auch Fréjus liegen und +begreift es nun wohl, warum die Römer zunächst dieses Thal +erwählten, um ihre Straße von der Küste nach Forum Julii +zu führen. In östlicher Richtung schweift auch vom Pic d'Aurelle +das Auge unbegrenzt über die schneebedeckten Alpen und die +weite Küste. Die nackten Porphyrfelsen, die den Gipfel des +Berges bilden, tief zerklüftet, gleichen den Ruinen einer +Titanenburg. Mit Vorsicht nur darf man den Felsenrändern +sich nähern, denn ganz unvermittelt fallen sie ab in die Tiefe. +</p> + +<p> +Jede Wanderung im Esterel bot uns neue Reize. Mit +<pb n='156'/><anchor id='Pg156'/> +seinem gepflegten Walde und seinen sorgsam unterhaltenen +Wegen gleicht dieses Gebirge einem großen Parke, in welchem +mit Kunstsinn, Geschmack und unerhörter Kraft die Natur mächtige +Felsmassen zum Schmuck vertheilt hätte. +</p> + +<p> +Castor ist unser Freund, und ungeachtet ihn Fernsichten +nicht fesseln, begleitet er uns doch auf allen unseren Ausflügen; +auch den Pic d'Aurelle hatte er mit uns bestiegen. +</p> + +<p> +Ein Weg führt an unserem Hôtel vorbei und setzt sich in +westlicher Richtung fort bis nach Agay. Auf ihm pflegen wir +oft zu wandern. Er folgt allen Windungen der Küste. Zerfallene +Häuser stehen an demselben. Sie bargen einst die Arbeiter, +die beim Bau der Bahn beschäftigt waren. Ein hartes Stück +Arbeit, da die ganze Strecke hier aus dem Porphyr gesprengt +werden mußte. Die verlassenen Häuser ließ man in Wind und +Wetter zusammenstürzen. Der an das Hôtel zunächst grenzende +Strand ist wiederum Aurelius zu Ehren, »plage d'Aurelle« +benannt. Hier war es, wo die alte römische Straße den Strand +verließ, um landeinwärts hinter dem Cap Roux im Thale aufzusteigen. +Jenseits der Bucht, in welche dieses Thal mündet, +kann man vom Wege aus nach Agay schon die ganze Schneekette +der Alpen überblicken. Hier verlassen wir den betretenen +Weg, um an dem Ufer selbst unsere Wanderung fortzusetzen. +Da geht es bergauf und bergab nicht ohne Hindernisse. Einmal +erklimmen wir einen steilen Fels, dann steigen wir wieder +bis zum Meer hinab. Leise Wellen schlagen an das Ufer, kaum +umfranst von leichtem Schaum. Durch die krystallhelle Fluth dringt +unser Auge bis auf den tiefen Grund. Es sieht dort in purpurnen +Mulden räthselhafte Dinge liegen, die in bunten Farben gleich +Edelsteinen funkeln. Die provençalische Sonne übergießt uns +mit ihrem Glanz; auch das Meer und die Felsen strahlen uns +Licht entgegen. Die ganze Luft zittert über dem erhitzten Boden. +Alles leuchtet und flimmert um uns her; die Ferne schwindet +in goldigem Nebel, und der weiße Schnee der Alpen scheint +wie über Abgründen zu schweben. +</p> +<pb n='157'/><anchor id='Pg157'/> +<p> +Wie kommt es nur, daß sie so rein und so klar sind, diese +herrlichen Fluthen des Mittelmeeres? tragen doch Flüsse und +Bäche fort und fort Schlamm und Erde dem Meere zu; nagen +doch seine Wellen unaufhörlich an dem weit ausgedehnten Ufer. +Die Klarheit des Seewassers wird durch seinen Salzgehalt bedingt. +Trübes Flußwasser, sich selbst überlassen, braucht sehr +lange Zeit, um sich zu klären, doch genügt es, eine Spur Kochsalz +hinzuzufügen, damit diese Klärung äußerst rasch erfolge. +Je mehr Salz das Seewasser enthält, um so blauer pflegt es +auch zu erscheinen, daher das salzreiche Mittelmeer durch die +Intensität seiner Färbung ausgezeichnet ist. In vierhundert +Meter Tiefe erlöschen die letzten Strahlen des Lichtes, welches +in das Seewasser dringt. Weiter hinab herrscht ewige Dunkelheit. +Die verschiedenartigen Strahlen, welche das weiße Sonnenlicht +zusammensetzen, und die unser Auge als verschiedene Farben +empfindet, werden nicht gleich schnell im Meere resorbirt. In +zwei Meter Tiefe ist schon die Hälfte der rothen und ein +Drittel der orangegelben Strahlen verschwunden; das Licht, das +tiefer dringt, ist jetzt nicht mehr weiß, es ist vorherrschend grün +und blau geworden. Das bedingt die Färbung des Meeres. +Da der Salzgehalt des Wassers auf den Vorgang der Strahlenabsorption +einen Einfluß übt, so beeinflußt er auch die Farbeneffecte. +Die glatte Meeresfläche wirft das meiste Licht unverändert +zurück. Spiegelt sich in ihr die Sonne, so leuchtet sie +daher in deren Glanz, während sie der Abendhimmel in Purpurtönen +färbt. Von den aufsteigenden Wellen der bewegten See +wird dagegen nur wenig Licht zurückgeworfen, daher uns das +Meer dann besonders dunkel erscheint. +</p> + +<p> +Doch es gilt Abschied von Le Trayas zu nehmen. Castor +begleitet uns zur Bahn. Wir streicheln ihn vor der Trennung. +Er sieht lange dem Eisenbahnzuge nach, der uns davonträgt. +Sein Blick trübt sich – fast scheint es uns, er habe Thränen +in den Augen. +</p> +<pb n='158'/><anchor id='Pg158'/> + +<p rend="text-align:center">XI.</p> + +<p> +Bald lag das Esterelgebirge hinter uns im Westen, und +wir fuhren in sanftem Aufstieg dem Norden zu. Der Schienenweg +führte im Thal der Siagne an Feldern von Rosen und +Jonquillen, von Veilchen und von Jasmin vorbei; dann folgte +er wieder grauen Olivenhainen. So erreichten wir Grasse, eine +Stadt in mittelalterlichem Gewande. Sie klettert empor an den +letzten Ausläufern der Alpen. In Windungen führen die Straßen +in die Höhe; steile Treppen kürzen die Wege ab, Gewölbpfeiler +verbinden in engen Gassen die gegenüberliegenden Häuser, damit +sie den steilen Abhang nicht abwärts gleiten. Es drängen +sich in solchen Gassen die Menschen an einander vorbei; stellenweise +stockt der Verkehr. Der moderne Inhalt der Schaufenster +an den Läden paßt nicht zu der alten Umrahmung. Manchem +Hausgang entweicht ein fettiger Dampf, gewürzt mit Zwiebel +und Knoblauch. Da gibt es Fritturen, unverfälschte mediterrane +Wohlgerüche. Doch mit jenem Oelduft mischt sich ein anderes +durchdringendes Parfüm, das an freieren Orten allein zur Geltung +gelangt; es kommt vom Santalholz, das aufgeschichtet in den +Parfümfabriken liegt. Seine Verarbeitung hat jetzt begonnen. +</p> + +<p> +Grasse ist sehr alten Ursprungs, wurde aber zu wiederholten +Malen vollständig zerstört. Sein Wiederaufbau im sechsten +Jahrhundert soll eigenartiger Weise erfolgt sein durch Juden. +Es waren, so heißt es, Nachkommen jener Juden, die Tiberius +gegen das Jahr 19 unserer Zeitrechnung aus Rom vertrieb. +Während der Judenverfolgung, die im sechsten Jahrhundert in +der Provence ausbrach, gingen diese Juden zum Christenthum +über und erhielten die Ruinen der alten römischen Stadt dafür +zum Lohn. Sie sind es, die ihr den Namen »Gratia« gaben. +Das Stadtwappen von Grasse führt ein silbernes Osterlamm +in azurnem Feld; man sucht dies in Verbindung zu bringen +mit der einstigen Bekehrung seiner Wiedererbauer. +</p> + +<p> +Wir finden Grasse nicht schön, und auch der Ausblick von +<pb n='159'/><anchor id='Pg159'/> +seinen Plätzen und Gärten in das ferne Meer entzückt uns nicht. +Bilden doch den Vordergrund jenseits der Hügel steife und +nüchterne Kasernen, die jedes ästhetische Empfinden stören. Doch +anmuthig ist der Blick auf Grasse selbst, vom Garten des Grand +Hôtel, den man auf der neuen Avenue Thiers, oberhalb der +Stadt, in zwanzig Minuten erreicht. Die Agaven und Palmen +des Gartens rahmen da die alte Stadt in wirksamer Weise ein; +sie verdecken die unschönen neuen Gebäude und zeigen nur die +eckigen alten Thürme und Häuser, die sich über und durch einander +an den Abhang drängen. +</p> + +<p> +Das, was uns nach Grasse geführt hatte, war aber auch +nicht die Hoffnung, die zuvor empfangenen Natureindrücke zu +steigern, vielmehr der Wunsch, einen Einblick in die hier blühende +Parfümherstellung zu gewinnen. Seit mehr als hundertundfünfzig +Jahren ist Grasse in dieser Richtung berühmt, und +selbst weiter noch reichen seine Erfolge auf diesem Gebiete zurück. +Man zeigt uns das Haus, in welchem ein Sieur Tombarelli +aus Florenz schon in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts +ein Laboratorium für Parfümerien eingerichtet hatte. +Heute ist Grasse zu einem der Hauptorte europäischer Parfümfabrikation +geworden. Es stellt aber nicht die fertigen Parfüms +her, so wie sie schließlich als sogenannte »Bouquets« zur Verwendung +kommen, sondern die ersten Erzeugnisse für dieselben. +Aus diesen einfachen Bestandtheilen mischen die eigentlichen +Parfümisten erst jene verschiedenen Bouquets zusammen, wie sie +eben die Mode vorschreibt oder der Geschmack der Zeit verlangt. +Grasse entnimmt seine Wohlgerüche fast ausschließlich dem Pflanzenreich. +Thatsächlich sind auch die meisten natürlichen Parfüms +pflanzlichen Ursprungs, nur Moschus, Ambra, Bibergeil und +Zibeth entstammen dem Thierreich. Neuerdings beginnt jedoch +die chemische Industrie wirksam in das Parfümgeschäft einzugreifen, +indem sie die wohlriechenden Stoffe in chemisch reinem +Zustande darstellt. Im Besonderen ist es gelungen, das Cumarin, +jenen Stoff, der den Geruch des frischen Heues bestimmt, aus +<pb n='160'/><anchor id='Pg160'/> +Salicylaldehyd zu erzeugen. Das Verfahren ist ziemlich umständlich, +der aromatisch riechende Körper, den man in +farblosen, glänzenden Krystallen erhält, aber durchaus übereinstimmend +mit demjenigen, den die Tonkabohnen, die Samen des +Tonkabaumes +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Dipterix odorata</name>) +von Guyana und auch die +Stengel der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Liatris odoratissima</name>, +einer in Florida wachsenden +Composite, die zum Parfümiren des Tabaks und der Cigarren +benutzt wird, enthalten. Mit etwa zwanzig Gramm künstlichen +Cumarins erreicht man heute in der Parfümerie ebenso viel, wie +mit einem Kilogramm Tonkabohnen. Ebenso verhält es sich mit +dem natürlichen Wintergrünöl, das aus dem nordamerikanischen, +zu den Heidengewächsen gehörenden Theebeerenstrauch +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Gaultheria +procumbens</name>) gewonnen wird, und das jetzt vollständig durch +künstlich erzeugten Salicylsäure-Methylester ersetzt ist. Nur unvollkommen +gelang es hingegen bis jetzt, das in der Parfümerie +vielbenutzte Bittermandelöl durch das künstliche Benzaldehyd zu +verdrängen. Sehr großen Erfolg hat die Chemie mit dem +Vanillin erzielt, das aus dem Saft des jungen, noch in Entwickelung +begriffenen Holzes der Nadelbäume (Coniferen), doch +auch aus dem im Nelkenöl enthaltenen Eugenol und verschiedenen +anderen Körpern dargestellt wird. Da die Früchte der Vanille +im besten Falle anderthalb bis zwei Procent Vanillin enthalten, +so ist mit zwanzig bis fünfundzwanzig Gramm Vanillin in der +Parfümerie reichlich derselbe Effect wie mit einem Kilo Vanille +zu erreichen. Künstliches Heliotropin wird jetzt aus Safrol, +dieses selbst aus japanischem Camphoröl dargestellt, außerdem +aus Steinkohlentheer-Derivaten. Da aus den Blüthen des +Heliotrops +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Heliotropium peruvianum</name> +und <name type='taxonomic' rend='antiqua'>grandiflorum</name>) nur +äußerst wenig Parfüm sich gewinnen läßt, so ist dieser Ersatz +sehr willkommen. Den Maiglöckchen ist ihr zarter Duft überhaupt +nicht abzugewinnen, daher für die Parfümerie sehr wichtig, daß +jetzt ein ähnlich riechender Körper sich aus dem Terpineol gewinnen +läßt. Allgemein kommt jetzt auch krystallinisches Thymol, das +aber nicht aus dem Thymian, sondern aus dem Samen des +<pb n='161'/><anchor id='Pg161'/> +ostindischen Doldengewächses +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ptychotis Ajowan</name> abdestillirt wird, +zur Verwendung, desgleichen Menthol, welches zwar in der +eigentlichen Parfümerie keine Rolle spielt, doch zur Darstellung +von Migränestiften und auch von Schnupfpulver dient. Neuerdings +werden zwei gleich zusammengesetzte Körper: das +<name rend='antiqua'>Iron</name> +und <name rend='antiqua'>Jonon</name>, +deren Aroma mit demjenigen der Veilchenblüthen +fast völlig übereinstimmt, künstlich erzeugt. Es genügt, ein mit +diesen Körpern erfülltes Proberöhrchen zu öffnen, damit ein +ganzes Zimmer mit Veilchenduft erfüllt werde. Merkwürdiger +Weise riechen diese Körper nicht zu allen Zeiten gleich stark, +und ähnliche Schwankungen im Duft zeigen auch frische Veilchen. +Das Iron gewinnt man aus der sogenannten Veilchenwurzel, +das heißt aus dem Wurzelstock von +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Iris florentina</name>, doch es +kommt sehr theuer zu stehen, da 100 Kilo Iris-Wurzelstock nur +8 bis 30 Gramm Iron ergeben. Um so werthvoller für die +Parfümerie ist es, daß die Darstellung des Jonons aus Citral, +einem im Citronenöl enthaltenen Körper gelang. – Vor Kurzem +kam zu diesem Allen noch die künstliche Darstellung des Orangenblüthenöls +hinzu. Auch den Moschus, der von den männlichen +Moschusthieren stammt, hat man versucht, durch das künstlich +erzeugte +<name rend='antiqua'>Musc Baur</name> oder +<name rend='antiqua'>Tonquinol</name> zu ersetzen, und es verbreitet +sich dieses Product immer mehr. +</p> + +<p> +Sehr werthvolle Parfüms werden uns auch aus wärmeren +Himmelsstrichen zugeführt, so von Alters her die Balsame und +in neuerer Zeit das Ylang-Ylang, welches aus den Blüthen +eines zu den Anonaceen gehörenden, in Südasien cultivirten +Baumes, <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cananga odorata</name>, gewonnen wird. Der Hauptsache +nach bleibt es aber Südeuropa, dem die Parfümisten ihre besten +Wohlgerüche verdanken. – Die meisten pflanzlichen Parfüms +werden als ätherische Oele gewonnen, Oele, die im Gegensatz zu +den fetten Oelen flüchtig sind und auf Papier einen durchscheinenden +Fleck bilden, der bald wieder schwindet. Aetherische +Oele werden von den Thieren nicht erzeugt. Bei den Pflanzen +sind es ganz vornehmlich die Blüthen, welche den Riechstoff +<pb n='162'/><anchor id='Pg162'/> +enthalten. Dort wirken ja Wohlgeruch und Farbe zusammen, +um jene Thiere anzulocken, die den Blüthenstaub von Blüthe zu +Blüthe übertragen sollen. Doch kann die duftende Substanz +auch in der Wurzel der Pflanze angesammelt sein, so das +Opoponax, ein Gummiharz des kleinasiatischen Doldengewächses +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Opoponax Chironium</name>, +oder es ist in dem Wurzelstock der +Pflanze vertreten, so bei der »Veilchenwurzel« und dem Vetiver, +welches letztere den Wurzelstock des ostindischen Grases +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Andropogon +muricatus</name> bildet. Auch das Holz der Stämme kann mit +Parfüm beladen sein, so das Holz der balsamliefernden Bäume, +oder das des ostindischen Santalbaumes +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Santalum album</name>). +Die Stammrinde führt das Parfüm beim Zimmtbaum +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cinnamomum +ceylanicum</name>). In anderen Fällen sind es wieder die +Blätter, die am stärksten duften, so bei unserer Pfeffermünze +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mentha piperita</name>) oder Melisse (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Melissa officinalis</name>) und dem +indisch-malayischen Patchuli +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pogostemon Patchuly</name>); endlich +können auch Früchte und Samen den Riechstoff enthalten, so bei +der Vanille oder dem Kümmel. +</p> + +<p rend="text-align:center">XII.</p> + +<p> +Wir hatten uns mit den nöthigen Empfehlungen versehen +und durften einige der größten Parfümfabriken von Grasse besichtigen. +Das angewandte Verfahren blieb in der Hauptsache +überall dasselbe. Ist der wohlriechende Stoff in bedeutender +Menge in einem Pflanzentheil vertreten und in größeren Drüsen +dort eingeschlossen, so kann er durch Auspressen befreit werden. +In anderen Fällen wird er durch Destillation aus den Pflanzentheilen +gewonnen, vorausgesetzt freilich, daß er bei der Erwärmung +nicht leidet. Wo er in sehr geringen Mengen vorhanden +ist, wird er von warmen oder kalten Fetten, in denen +er löslich ist, aufgenommen und dann mit Alkohol denselben +entzogen. +</p> + +<p> +Als wir in Grasse eintrafen, ging dort die Veilchenernte +zu Ende, während die Jonquillen in voller Blüthe standen. Die +<pb n='163'/><anchor id='Pg163'/> +Veilchen enthalten nur Spuren des wohlriechenden Stoffes, so +wenig, daß man auf die Behandlung der Blüthen mit Fett angewiesen +ist. Im Allgemeinen wird dabei das Macerationsverfahren +angewandt. Das Fett muß sehr rein sein, und wir +konnten feststellen, daß die Fabriken selbst es aus frisch geschlachteten +Thieren gewinnen. Dann wird es geschmolzen und +durch entsprechende Behandlung mit Kochsalz und Alaun, durch +Waschen, Abschäumen und Seihen durch feine Leinwand gereinigt. +So nur bleibt es geruchlos und gewinnt eine Haltbarkeit, die +man oft durch Zusatz von Benzoë, auch wohl von Borsäure zu +erhöhen sucht. Für Salben kommen auch feine Oele, besonders +Olivenöl und Mandelöl, seltener Ricinusöl, in Betracht. +</p> + +<p> +Die Veilchen, die für die Parfümfabrik bestimmt sind, +dürfen nicht naß sein, wenn man sie sammelt. Diese Regel +gilt auch für alle anderen Pflanzen, die mit Fett behandelt +werden sollen. Man pflückt die Veilchen früh am Morgen, sobald +der Thau verschwunden ist, bevor die Sonne Zeit hatte, +stärker einzuwirken. Gleich nach dem Einsammeln gelangen sie +in die Fabrik und werden in erwärmtes Fett geschüttet, das +man flüssig bei 40–50 Grad Celsius erhält. Nach einer entsprechend +langen Einwirkung filtrirt man es von den Veilchen +ab und versetzt es mit frischen Blumen. Das wiederholt man +so lange, bis das Fett mit Veilchenduft gesättigt ist. So erhält +man Veilchenpomade, deren Geruch völlig dem der Veilchen +gleicht, und der man den duftenden Stoff durch Weingeist oder +durch sehr gut gereinigten, geruchlosen Kornbranntwein entzieht, +mit dem man sie schüttelt. Da sehr große Mengen Veilchen +nöthig sind, um eine stark riechende Essenz zu gewinnen, so hat +man von jeher schon nach einem Ersatz für Veilchen gesucht. +Daher die »Veilchenwurz« statt Veilchen in Sachets so allgemeine +Verwendung findet. Geschälte und getrocknete Stücke des +nämlichen Wurzelstockes von Iris wurden auch, wie Plinius erzählt, +schon zu römischen Zeiten den zahnenden Kindern um den +Hals gehängt, so wie es noch heute geschieht. +</p> +<pb n='164'/><anchor id='Pg164'/> +<p> +Jetzt wo das Jonon entdeckt ist, dürften aus der Gegend +von Grasse die Veilchenfelder verschwinden. +</p> + +<p> + Der stark duftenden gelben Jonquille + (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Narcissus Jonquilla</name>) +wird das Aroma ebenfalls durch Fett entzogen, doch in anderer +Weise, nach einem Verfahren, das man als »Enfleurage« bezeichnet. +Wir fanden ganze Räume in den Fabriken mit aufeinander +gelagerten viereckigen Holzrahmen erfüllt. In jeden +derselben ist eine Glasscheibe gefaßt, die einseitig mit Fett überzogen +wird, doch so, daß es nur eine ganz dünne Schicht auf +dem Glase bildet. Auf dieses Fett legt man die Jonquillen und +läßt sie so lange mit ihm in Berührung, bis aller Duft extrahirt +ist. Das dichte Zusammenschließen der aufeinander gelegten +Rahmen verhindert ein Entweichen desselben in die Umgebung. +Die Blüthen werden auch hier wiederholt erneuert, bis +schließlich die Pomade fertig ist, aus der man dann mit Weingeist +den Jonquillen-Extract herstellt. +</p> + +<p> +Da die Jonquillen nicht in größeren Mengen bei Grasse +angepflanzt werden, stockte die Arbeit mit frischen Blumen zur +Zeit in den Fabriken. Die Orangenblüthen, die Rosen, Heliotrop +und Reseda kommen erst im Mai, daher man jetzt das Santalholz +in Angriff genommen hatte. Wir sahen große Massen +dieses kostbaren braunen Holzes in den Lagerräumen aufgespeichert. +Es steht hoch im Preise, denn auch in seiner ostindischen +Heimath wird es sehr geschätzt. Man verfertigt dort kunstvoll +geschnitzte Möbel, vor Allem aber Schreine aus Santalholz. +Denn sein Duft hält die Insekten fern und verscheucht selbst die +weiße, Alles zerstörende Ameise. Die Buddhisten verbrennen +große Mengen Santalholz als Räucherwerk, und stellenweise +sind die Santalbäume in Folge dessen ganz ausgerottet worden. +In den Fabriken wird das Santalöl durch die Destillation des +zerkleinerten Holzes mit Wasser gewonnen. Das Oel geht mit +dem Wasserdampf aus der Blase des Destillationsapparates in +den Kühler über und fließt mit dem Wasser zusammen in die +Vorlage. Aus fünfzig Kilogramm Holz wird annähernd ein +<pb n='165'/><anchor id='Pg165'/> +Kilogramm Oel gewonnen, das dementsprechend theuer ist und +nur für feine Parfüms Verwendung findet. +</p> + +<p> +Im Mai füllen Orangenblüthen die Stadt Grasse mit ihrem +betäubenden Dufte. Zwei bis dreimal hunderttausend Kilogramm +Blüthen des bitterfrüchtigen Orangenbaumes werden +hier für Parfüms verarbeitet. Die Blüthen riechen lieblicher +und stärker als die der süßfrüchtigen Art und werden daher fast +ausschließlich verwandt. Ein Baum von zwanzig bis dreißig +Jahren liefert fünfzehn bis zwanzig Kilogramm Blüthen. Aus +hundert Kilogramm werden durch Destillation etwa vierzig +Kilogramm Orangenblüthenwasser und etwa hundert Gramm +Orangenblüthenöl oder Neroliöl gewonnen. Völlig unverändert +gibt die Orangenblüthe bei dem Macerationsverfahren oder bei +der Enfleurage ihren Duft an das Fett ab. So erhält man die +Orangenblüthenpomade und, nach Behandlung derselben mit +Weingeist, die Orangenblüthenessenz. Das Orangenblüthenöl, +sowie die Orangenblüthenessenz, sind immer noch theuer, weil +ihre Herstellung große Mengen von Blüthen verlangt. Die +Preise werden freilich jetzt auch auf diesem Gebiete, wie auf +so vielen anderen, durch Ueberproduction gedrückt. Es stellen +sich daher Zeichen der Entmuthigung unter den Producenten ein, +welche die Parfümfabriken versorgen. Wie wird es jetzt erst +werden, wo das künstliche Neroliöl angekündigt ist. Wohl möglich, +daß überhaupt an manchen Orten der Riviera mit der Zeit +die Cultur der Parfümerie-Pflanzen ganz aufgegeben wird. Doch +auch die Zucht von Blumen für den Versand weist schon Ueberfluß +der Erzeugung auf. Als der Bedarf nach solchen Blumen +stieg, beeilten sich die Landbesitzer, ihre Olivenbäume zu fällen +und Blüthenpflanzungen an deren Stelle anzulegen; jetzt wissen +sie kaum, wo sie ihre Blüthen unterbringen sollen. Die hohe +Temperatur förderte zudem im letzten Frühjahr die rasche Entwickelung +der Pflanzen, und so kam es, daß man auf den +Märkten der Städte zu einem kaum nennenswerthen Preise, sich +mit großen Sträußen der herrlichsten Blumen beladen konnte. +</p> +<pb n='166'/><anchor id='Pg166'/> +<p> +Wesentlich billiger als Neroliöl ist begreiflicher Weise das +durch Destillation der Blätter oder unreifen Früchte des +bitterfrüchtigen Orangenbaumes gewonnene Petitgrainöl. Es +steht an Zartheit des Duftes dem Neroliöl aber bedeutend nach. +Das aus den Blüthen der +<emph rend='gesperrt'>süßen</emph> Orange hergestellte Parfüm +zeichnet sich wiederum durch besondere Eigenschaften aus und +wird als Neroli-Portugalöl bezeichnet. – Das den frischen +Schalen reifer Früchte des süßfrüchtigen Orangenbaumes entstammende +Pomeranzenöl wird im Winter gewonnen. Wie viel +ätherisches Oel in den Orangenschalen vorhanden ist, davon +kann man sich überzeugen, wenn man eine solche Schale in der +Nähe einer Flamme zusammendrückt. Das leicht entzündliche +Oel sprüht dann entbrennend aus den Drüsen hervor. Die +Oeldrüsen in der Schale erkennt man schon mit dem bloßen +Auge. +</p> + +<p> +In der Parfümerie findet nur das Oel der süßen, nicht der +bitteren Orangenschalen Verwendung. Das Verfahren bei der +Gewinnung im Großen ist das der Pressung. Entweder kommt +die Schwammmethode in Anwendung, wobei der Arbeiter die +Schalen, die er langsam unter Druck zwischen den Fingern +durchrollt, gegen einen Schwamm preßt; oder das Verfahren +der sogenannten Ecuelle, wobei die Frucht unter beständigem +Drehen gegen die Innenfläche eines flachen Trichters, der zahlreiche +Nadeln entspringen, gedrückt wird. Das gewonnene Oel +preßt man im ersten Falle aus dem Schwamme heraus, im +zweiten fließt es von selbst durch die Oeffnung des Trichters +ab. In ganz entsprechender Weise gewinnt man auch feines +Bergamottöl aus den reifen Früchten des Bergamottcitronenbaumes +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus Bergamia</name>). +Das weniger feine Bergamottöl +befreit man hingegen aus den Früchten durch Destillation. +Feines Bergamottöl wird in der Parfümerie sehr geschätzt; die +Riviera erzeugt es nur in geringer Menge; es kommt vornehmlich +aus Reggio und Messina. +</p> + +<p> +Dies sind im Allgemeinen die Darstellungsarten, die bei +<pb n='167'/><anchor id='Pg167'/> +der Gewinnung der Riechstoffe in Anwendung kommen. Das +Verfahren wird freilich im Einzelnen abgeändert. So schüttet +man oft die Blumen nicht unmittelbar in das geschmolzene +Fett, hängt sie vielmehr in Drahtkörben in die Gefäße, durch +die man warmes Fett fließen läßt. Es kann andererseits auch +erwünscht sein, daß die Blüthen nicht unmittelbar mit dem Fett +in Berührung kommen, weil Letzteres nicht allein den Riechstoff, +sondern auch andere Substanzen aus den Blüthen aufnimmt. +Dann werden die Glasscheiben durch verzinnte Drahtnetze in +den Holzrahmen ersetzt. Auf ein solches Drahtnetz werden die +Blüthen gestreut, das nächste erhält das Fett, und so immer +abwechselnd. Das Fett wird in diesem Fall zu nudelartigen +Fäden ausgearbeitet, um möglichst viel Oberfläche zu gewinnen. +Die Rahmen schiebt man in einen Schrank, in welchem Blasebälge +die Luft in langsamer Bewegung erhalten. So streicht +der Duft an den feinen Fettfäden vorüber und wird von ihnen +absorbirt. Die Blüthen auf den Rahmen ersetzt man nach Bedarf +durch neue. – Soll der wohlriechende Stoff durch ein Oel +aufgenommen werden, so wirft man die Pflanzentheile in dasselbe +hinein oder hängt sie in Tüchern in das Oel, oder breitet +sie endlich auf Tüchern aus, die mit Oel getränkt sind: so erhält +man die »<foreign lang='fr' rend='antiqua'>huiles antiques</foreign>«. +Von großer Bedeutung ist für die +Parfümindustrie das nachträgliche Reinigen ihrer Essenzen, was +meist durch wiederholte Destillation geschieht. Viel Umsicht +und Erfahrung sind nöthig, damit der Duft bei der Reinigung +nicht leide. +</p> + +<p> +Es sieht übrigens aus, als wenn der bisherigen Gewinnungsweise +des Parfüms eine Umwandlung oder doch zum Mindesten +eine Erweiterung bevorstehen sollte. Der Petroleumäther scheint +berufen, mehr oder weniger die Fette zu verdrängen. Neue +Fabriken werden auf dieses Verfahren bereits eingerichtet. Der +Petroleumäther entzieht der Pflanze im Wesentlichen nur das +Parfüm. Da er leicht siedet, läßt er sich außerdem unschwer +von dem Parfüm dann trennen. Ein Kilo Essenz bedeutet aber +<pb n='168'/><anchor id='Pg168'/> +mehr als hundert Kilo der jetzigen Pomade. Die Zukunft muß +zeigen, ob die Benutzung des Petroleumäthers wirklich in allen +Fällen zulässig ist. +</p> + +<p> +Die Möglichkeit, den Pflanzen ihren Wohlgeruch durch Fett +zu entziehen, gestattet es auch im Kleinen, die feinste Pomade aus +Pflanzen, die sonst vielleicht nutzlos im Garten verblühen würden, +herzustellen. Möglichst reines Fett, das man auf eine Scheibe +streicht, und ein gut verschließbarer Kasten, in den man die +Scheibe legt, reichen aus, um den Erfolg zu sichern. Man muß +die Blüthen, mit den Kronen abwärts gekehrt, auf das Fett +lagern, den Kasten dann verschließen und die Blüthen erneuern, +bevor sie welk geworden. Der Name Pomade oder vielmehr +Pommade rührt von Apfel +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>pomme</foreign>« +her und war dadurch +veranlaßt, daß man früher Aepfel zur Herstellung solcher +duftender Fette verwandte. Ein Apfel wurde mit wohlriechenden +Gewürzen, vornehmlich mit Nelken, gespickt und, nachdem er +einige Tage an der Luft gelegen, in Fett eingeschmolzen. +Erschien das Fett durch den ersten Apfel nicht ausreichend +parfümirt, so ließ man ihm einen zweiten folgen. +</p> + +<p> +Man sieht um Grasse viel Rosen, die für die Parfümfabriken +gezogen werden. Es sind das nicht solche, wie sie im +Winter versandt, die Blumenläden ganz Europas jetzt schmücken, +vielmehr Centifolien und Damascenerrosen. Man pflückt die +im Oeffnen begriffenen Blüthen am Morgen, sobald der Thau +verschwindet. Die Erntezeit fällt in den Mai und Juni. Jeder +Rosenstock liefert in Grasse durchschnittlich zwei bis dreihundert +Gramm Blüthen, doch tausend Kilogramm ergeben kaum hundertundfünfzig +Gramm Rosenöl. Da darf man sich nicht wundern, +daß ein Kilogramm Rosenöl über tausend Francs kostet. Das +Rosenöl wird durch Destillation der Blumenblätter der Rose +mit Wasser oder Wasserdampf gewonnen; es sammelt sich auf +der Oberfläche des Destillates allmälig an. Das Rosenwasser +ist das unmittelbare Product der Destillation einer bestimmten +Menge von Rosenblumenblättern mit Wasser. Die ätherischen +<pb n='169'/><anchor id='Pg169'/> +Oele sind zwar fast unlöslich in Wasser, immerhin nimmt dieses +hinlänglich viel von den Oelen auf, um nach ihnen zu duften. +So verhält es sich beim Rosenwasser, dem Orangenblüthenwasser +und sonstigen aromatischen Wässern. Die Rosen von +Grasse werden mehr zur Herstellung von Rosenpomade, als von +Rosenöl und Rosenwasser verwandt. Die durch Maceration +von Rosenblumenblättern in Fett erhaltene Pomade besitzt den +unveränderten Duft der Rose, während der Wohlgeruch des +Rosenöls von demjenigen der frischen Blumen etwas abweicht. +Aus der Pomade wird mit Alkohol das +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Esprit de Rose</foreign>« +extrahirt, wohl unstreitig eines der feinsten Parfüme, welche +existiren. Kaum ein Wohlgeruch der Welt ist so beliebt wie +derjenige der Rosen, und wer einmal den Orient bereiste, wird +sich des aus Rosen und Verwesung gemischten Duftes erinnern, +den die Straßen im Sonnenlichte aushauchen. Wer da freilich +meint, in den Bazaren des Orients reines Rosenöl in jenen +langgezogenen goldverzierten Fläschchen, die dort feilgeboten +werden, mit nach Hause gebracht zu haben, der ist einer argen +Täuschung unterworfen. Türkisches Rosenöl ist fast immer verfälscht, +und zwar für gewöhnlich mit Palmarosaöl oder indischem +Geraniumöl, das in Ostindien aus dem Geranium- oder Kusagras +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Andropogon Schoenanthus</name>) +durch Destillation erhalten +wird. Der indische Destillateur sorgt andererseits meist dafür, +daß auch sein Palmarosaöl schon mit einem anderen Oel, besonders +Cocosöl, gefälscht sei. So dürfte es in Deutschland zu +empfehlen sein, das Fläschchen aus dem Orient daheim erst mit +echtem Rosenöl zu füllen. Werden doch Rosen zum Zweck der +Rosenölgewinnung nicht allein in Deutschland, sondern auch in +England in großem Maßstabe gezogen. Die um die Darstellung +ätherischer Oele und Essenzen so hoch verdienten Gebrüder +Fritzsche, Inhaber der Leipziger Firma Schimmel & Co. hatten, +wie Georg Bornemann in seinem Werk über die flüchtigen Oele +angibt, im Jahre 1884 zum ersten Mal aus deutschen Rosen +drei Kilogramm Rosenöl gewonnen. Sie legten ausgedehnte +<pb n='170'/><anchor id='Pg170'/> +Rosenpflanzungen in Groß-Miltitz bei Leipzig an, und diese +lieferten, außer anderen Erzeugnissen, im letzten Jahre (1894) +42 Kilogramm Rosenöl. Ich entnehme diese Angabe den Berichten, +welche die genannte Firma alljährlich veröffentlicht und +aus denen man nicht allein einen Begriff von der Großartigkeit +des Betriebes in dieser Fabrik gewinnt, sondern auch über den +rationellen Geist und das wissenschaftliche Streben, das sie bei +ihren Unternehmungen leitet. Im Jahre 1893 erstreckte sich das +Rosenfeld der Fabrik über zwanzig Hectare, an die sich weite +Reseda- und Pfeffermünzculturen anschlossen. Zu diesen haben +sich seitdem Estragon, Wermuth, Liebstock und Angelica gesellt. +Aus je hundert Kilogramm frischer Rosen lassen sich zwanzig +Gramm Rosenöl darstellen. Es wurden im letzten Jahre somit +nicht weniger als 200 000 Kilogramm Rosen auf Rosenöl verarbeitet. +Das ist für eine einzige Fabrik schon eine sehr erhebliche +Leistung, welche freilich gegen die Gesammtproduction des +Rosenöls noch wenig in die Wagschale fällt. Denn das Hauptland +dafür, Bulgarien, liefert jährlich allein gegen zweitausend +Kilogramm Rosenöl. +</p> + +<p> +Das Palmarosaöl riecht nicht rein nach Rosen, es duftet +vielmehr wie ein Gemisch von Rosen und Citronen. Fast rein +rosenartig ist hingegen der Duft des Geraniumöls, das aus den +Blättern des Rosen-Geraniums gewonnen wird. Davon kann +man sich schon überzeugen, wenn man ein Blatt dieser Pflanze, +die auch bei uns nicht selten in Töpfen cultivirt wird, zwischen +den Fingern zerdrückt. Streng genommen hat man es nicht +mit Geranien, sondern mit Pelargonien dabei zu thun, und +zwar mit mehreren Arten derselben, hauptsächlich mit +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pelargonium + capitatum</name>, +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>odoratissimum</name> und +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>radula</name>. Die Art, welche +an der Riviera gezogen wird, ist +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pelargonium capitatum</name>. +Gegen früher hat dort freilich diese Cultur jetzt sehr abgenommen, +da der Wettbewerb mit Algier nicht auszuhalten ist. Man mäht +an der Riviera die Pflanzen von Mitte August an bis Mitte +September und liefert sie so frisch als möglich den Fabriken ab. +<pb n='171'/><anchor id='Pg171'/> +Die Firma Schimmel & Co. erzielt jetzt bedeutende Erfolge mit +Rosen-Geraniol. Sie destillirt reines Geraniol, das sie aus +Citronella-Grasöl gewinnt, so lange über frisch gepflückten +Rosen, bis es mit Rosenöl gesättigt ist und dann in der That +dem Rosenöl fast entspricht. +</p> + +<p> +In den Gärten der Riviera begegnet man oft einer Verbene, +der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Verbena triphylla</name> +oder <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Lippia citriodora</name>, +die auch als +Citronelle oder Citronenkraut bezeichnet wird. Man findet +diesen schönen Strauch schon in den Gärten an den italienischen +Seen und hat wohl Gelegenheit, im Herbst die Rispen seiner +violett angehauchten kleinen Blüthen zu sehen. Zerreibt man +seine Blätter zwischen den Fingern, so verbreiten sie einen feinen +Duft, der die Mitte zwischen Citronen, Melissen und Verbenen +hält. Dieser aus Persien stammende Strauch wird auch in +größerem Maßstab an manchen Orten der Riviera gezogen und +aus seinen Blättern das echte Verbenaöl destillirt, das die Parfümisten +sehr schätzen. Echtes Verbenaöl ist freilich sonst schwer +zu haben und wird im Allgemeinen durch das Citronen-Grasöl +ersetzt, das wir jener Grasgattung, +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Andropogon</name>, danken, deren +Arten so viele wohlriechende Öle liefern. Das Citronen-Grasöl +wird von +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Andropogon citratus</name> +gewonnen, der jetzt besonders +auf Ceylon und in Singapore angebaut wird. Weit ausgedehnter +betreibt man an denselben Orten die Cultur des +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Andropogon +nardus</name>, von dem das melissenartig riechende Citronella-Grasöl +abstammt. Dieses findet für das Parfümiren der Seifen jetzt +sehr starke Verwendung und bildet den Hauptbestandtheil des +Parfüms der Honigseifen. Von dem Umfang der Citronella-Grasöl-Production +geben die Berichte von Schimmel & Co. eine +Vorstellung, da diese Firma auf einmal Sendungen von 10 000 +Kilogramm dieses Öles aus Ceylon erhält. +</p> + +<p> +Der Reseda entzieht man den Duft durch Enfleurage, dem +Thymian, der Salbei, dem Rosmarin, dem Lavendel und der +Melisse durch Destillation. Salbei, Thymian, Rosmarin und +Lavendel werden an der Riviera kaum cultivirt; man pflückt +<pb n='172'/><anchor id='Pg172'/> +sie an ihrem natürlichen Standort, besonders am Fuße der +Berge. In der Gegend von Agay zogen eines Tages vor uns +Frauen auf der Straße mit großen Ladungen Thymian auf den +Köpfen. Sie hatten ihn an den Abhängen des Esterel gesammelt. +Der Wind blies in unserer Richtung und bildete +einen Streifen von Duft, der sich über Hunderte von Schritten +ausdehnte. Diese wild gewachsenen Pflanzen werden zwar auch +vorwiegend in den Fabriken verarbeitet, zum Theil aber schon +im Freien, gleich beim Einsammeln destillirt, in Apparaten, die +man von Ort zu Ort befördert. Viel Rosmarinöl wandert von +hier aus nach Köln, um bei der Darstellung von Kölnischem +Wasser benutzt zu werden. Das +<name rend='antiqua'>Eau de Cologne</name> enthält gelöst +in 85 % Weinspiritus gleiche Mengen gepreßtes Orangen- +und Citronenschalenöl, fast ebenso viel Neroliöl, dann etwa halb +so viel Bergamottöl, endlich, nochmals um die Hälfte weniger, +Rosmarinöl. Man wird freilich nicht sofort gutes Kölnisches +Wasser erhalten, auch dann nicht, wenn man nach bester Vorschrift +die feinsten Oele in vorzüglichem Weinspiritus auflöst. +Der Schmelz des Duftes stellt sich erst nach längerer Zeit ein. +Praktische Erfahrungen hatte man in dieser Richtung schon +lange gesammelt, in wissenschaftliche Erörterung wurde die +Wirkung der Lagerung erst in den letzten Zeiten gezogen. Am +Einfachsten zeigt sie sich zum Beispiel bei einem Schenkbranntwein, +der durch Verdünnung von achtzigprocentigem Spiritus +auf dreißigprocentigen gewonnen wurde. Solcher Schenkbranntwein, +frisch dargestellt, mundet dem Trinkenden nicht, selbst wenn +dieser nicht zu den größten Feinschmeckern gehört. Auch der +Schenkbranntwein muß erst gelagert haben. Daß der Wein +durch Lagerung seine »Blume« erhält, ist allgemein bekannt. +Es findet also sicher bei der Lagerung eine gegenseitige chemische +Einwirkung der gelösten Bestandtheile auf einander statt, und +es müssen neue Verbindungen entstehen. Ihre Bildung erfordert +völlige Ruhe und kann durch anhaltende Bewegung verhindert +werden, ja es kommt vor, daß schon erzeugte Verbindungen dadurch +<pb n='173'/><anchor id='Pg173'/> +vorübergehend oder dauernd wieder zerstört werden. Nach +der Ansicht von Prof. Knapp schließen diese Vorgänge an solche +an, welche die organische Chemie als Addition, Substitution, +Spaltung und dergleichen bezeichnet. Es müssen somit auch in +gemischten Parfüms durch Lagerung erst diejenigen Verbindungen +entstehen, welche das erwünschte Zusammenwirken der einzelnen +Düfte bedingen. Der Ursprung des Kölnischen Wassers ist +etwas fraglich; meist wird seine Erfindung Johann Maria +Farina, einem Italiener aus Sancta Maria Maggiore bei +Domo d'Ossola, zugeschrieben, der zu Anfang des vorigen +Jahrhunderts in Köln einen Handel mit Parfüms und Colonialwaaren +betrieb. Erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts +gelangte das Kölnische Wasser zu allgemeiner Verbreitung und +verdrängte das +»<name rend='antiqua'>Eau de la reine de Hongrie</name>« oder Ungarwasser, +welches ähnlich zusammengesetzt war, aber auch Rosenöl, +Citronenöl, Citronellaöl und eine Spur Pfeffermünzöl enthielt. +</p> + +<p> +Bei unseren Wanderungen um Grasse sind wir Jasminpflanzungen +am Häufigsten begegnet. Das zeigt, welche hohe +Bedeutung dieser Pflanze für die dortigen Parfümfabriken zukommt. +Meist waren die Jasminfelder an südlichen Abhängen +terrassenförmig angelegt. Die gegen zwei Meter hohen, reich +verzweigten, mit zusammengesetzten, immergrünen Blättern bedeckten +Sträucher hatten auch vereinzelte Blüthen aufzuweisen +und ließen sich als die aus Ostindien stammende Art +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Jasminum grandiflorum</name> +bestimmen. Die Blüthen duften lieblich, sind ziemlich +groß, rein weiß auf ihrer Innenseite, von Außen etwas +roth angehaucht. Die eigentliche Blüthenzeit beginnt erst im +Juli und dauert bis in den Oktober. Je tausend Stöcke liefern +bis fünfzig Kilogramm Blüthen. Verarbeitet werden in Grasse +davon bis 80 000 Kilogramm, die einen Werth von 140 000 Francs +darstellen. Man entzieht den Blüthen ihren Duft durch Enfleurage; +die Menge des Riechstoffes, den sie enthalten, ist aber +so gering, daß man dieselbe Fettschicht bis fünfzig Mal mit +neuen Blüthen bestreuen muß. Aus der Jasminpomade wird +<pb n='174'/><anchor id='Pg174'/> +mit feinstem Weingeist Jasminextract gewonnen. Die geschätztesten +Taschentuchparfüms enthalten solchen Extract. Man stellt auch +ein »<name lang='fr' rend='antiqua'>huile antique au Jasmin</name>« +dar, indem man auf wollene, +mit Olivenöl getränkte Zeuglappen zu wiederholten Malen frische +Jasminblüthen streut und dann das Oel aus ihnen ausdrückt. +Dieses Jasminöl ist in Frankreich sehr beliebt. +</p> + +<p> +Eine wichtige Rolle in der Parfümerie spielen auch die +Blüthen der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia Farnesiana</name>, +eines Bäumchens, das zu bewundern +wir im La Mortola-Garten schon Gelegenheit hatten. +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia Farnesiana</name> +wird in Grasse nur in beschränktem Maße +angebaut, liefert aber immerhin 30–40 000 Kilogramm Blüthen +im Jahre; große Pflanzungen dieser Art finden wir in Algerien. +Die kugeligen, dunkelgelben Blüthenköpfchen, die +»<name rend='antiqua'>Cassie</name>«, werden +vom September bis in den December gepflückt, wozu jedoch viel +Uebung und Geschick gehört, da die Pflanzen sehr dornig sind. +Der zarte, veilchenartige Duft dieser Blüthen wird durch Enfleurage +fixirt. Die gewonnene Essenz hat für die Zusammensetzung +der »Bouquets« einen sehr hohen Werth. +</p> + +<p> + Endlich darf auch die Tuberose + (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Polyanthes tuberosa</name>) nicht +unerwähnt bleiben, dieses zu der Familie der Amaryllideen gehörende +Knollengewächs, das man bei uns wegen seines starken +Duftes und seiner schönen weißen Blüthen so gerne auf Blumentischen +und in Blumensträußen sieht. Die Pflanze stammt aus +Centralamerika; wir bekommen sie meist nur mit den gefüllten +weißen Blüthen zu sehen, die besonders kräftig am Abend duften, +wie es denn überhaupt eine weit verbreitete Erscheinung ist, daß +Blüthen nicht um alle Tageszeiten gleich starken Duft verbreiten. +Wer wird nicht bemerkt haben, daß die Daturen und Nicotianen, +die Nachtviolen +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Hesperis matronalis</name>), +die langblumige Wunderblume +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mirabilis longiflora</name>) +unserer Gärten am Tage fast gar +nicht riechen, am Abend aber einen durchdringenden Duft aushauchen. +Umgekehrt duften Seerose +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Nymphaea alba</name>), die +Kürbisblüthe (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cucurbita Pepo</name>), +die Ackerwinde (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Convolvulus +arvensis</name>) nur am Tage. Ein solches Verhalten hat für diese +<pb n='175'/><anchor id='Pg175'/> +Pflanzen Bedeutung, sie duften bei Nacht oder am Tage, je +nachdem sie Nacht- oder Tagesinsecten zur Uebertragung ihres +Blüthenstaubes brauchen. Sehr viele Tuberoseblüthen gehören +dazu, um ein wenig Fett mit ihrem Duft zu sättigen; daher +auch dieser Extract, wie so viele andere feine Parfüms, hoch im +Preise steht. Bei uns könnte man den spanischen Flieder +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Syringa +vulgaris</name>), statt der Tuberose verwenden, um ein sehr ähnliches +Parfüm zu gewinnen, denn das Fett entzieht dem Flieder +einen ganz entsprechenden Wohlgeruch. +</p> + +<p> +Es sind nicht die als Parfüme anerkannten Pflanzendüfte +allein, deren sich die Parfümerie zu ihren Zwecken bedient. So +kommt für manche Erzeugnisse auffälliger Weise der Gurkengeruch +in Betracht. Man stellt zu diesem Zwecke eine Essenz +her, und zwar indem man über frisch geschnittenen Gurkenscheiben +mehrmals denselben Alkohol destillirt. Mit solcher Essenz +wird Coldcream parfümirt und erhält durch dieselbe das frische +Aroma, welches man an dieser Salbe schätzt. +</p> + +<p> +Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß ein ätherisches Oel +auch aus dem Knoblauch durch Destillation gewonnen wird. +Dieses Oel dient nun freilich nicht zum Parfümiren, so sehr +man das auch manchmal in Südeuropa oder im Orient glauben +könnte; wohl aber wird es innerlich als Mittel gegen Würmer +eingenommen. Die Firma Schimmel & Co., welche dieses, sowie +überhaupt fast alle flüchtigen Oele, die irgend welche Anwendung +gefunden haben, herstellt, empfiehlt das Knoblauchöl auch als +Küchengewürz. Von dem concentrirten Duft dieses lieblichen +Oeles wird man sich eine Vorstellung machen, wenn man sein +Verhältniß zum Knoblauch selber erwägt: aus sechzehn Kilogramm +Knoblauch werden nur zehn Gramm Oel gewonnen! +</p> + +<p> +Hingegen spielen Aetzammoniak, der sogenannte Salmiakgeist, +und kohlensaures Ammoniak, trotz ihres ätzenden Geruchs +in der Parfümerie eine nicht unwichtige Rolle. Sie dienen zur +Herstellung der parfümirten Riechsalze. Auch der Geruch des +Schnupftabaks rührt vornehmlich vom Ammoniak her, außerdem +<pb n='176'/><anchor id='Pg176'/> +werden die Schnupftabake häufig noch mit anderen wohlriechenden +Körpern aromatisirt. Nicht minder wird Essigsäure in der +Parfümerie verwendet, und ihre Eigenschaft, ätherische Oele zu +lösen, benutzt, um parfümirte Essige darzustellen. +</p> + +<p rend="text-align:center">XIII.</p> + +<p> +Die ätherischen Oele wirken wie Gifte auf unseren Körper +ein, wenn sie innerlich in großen Dosen oder zu häufig eingenommen +werden. Daher auch der Mißbrauch mancher Liqueure +nicht allein durch den Alcohol, den sie enthalten, sondern auch +durch die flüchtigen Oele, mit denen sie parfümirt sind, nachtheilige +Folgen bringt. Geradezu gefährlich kann das Kölnische +Wasser werden, wenn es getrunken wird. Der Arzt kommt oft +nur durch Zufall dahinter, daß eine solche stille, geheim gehaltene +Neigung bei seiner Patientin die Ursache der räthselhaften +Krankheitserscheinungen ist. – Viele, doch bei Weitem +nicht alle flüchtigen Oele wirken, innerlich verordnet, antiseptisch, +und werden besser von unserem Körper als von den niederen +Organismen ertragen, die es oft in unserem Körper zu bekämpfen +gilt. Daher die Benutzung mancher flüchtigen Oele zu ärztlichen +Zwecken. – Die flüchtigen Oele nehmen Sauerstoff aus der +Luft auf und erfahren dabei eine Oxydation. Bei manchen dieser +Oele verläuft der Oxydationsvorgang sehr rasch und zwar um +so rascher, je feiner sie in der Luft vertheilt werden. Licht und +Feuchtigkeit fördern diesen Vorgang, bei welchem in der Luft +das gasförmige Ozon oder das gleich wirksame flüssige Wasserstoffsuperoxyd +entstehen. Ihnen ist der belebende Einfluß zuzuschreiben, +den weingeistige Lösungen von flüchtigen Oelen, im +Zimmer verstäubt auf die Athmenden ausüben. Besonders stellt +sich diese Wirkung ein beim Verstäuben jener flüchtigen Oele, +welche die Chemie als Terpene zusammenfaßt, weil sich diese an +der Luft am schnellsten oxydiren. +</p> + +<p> +Physiologisch interessant ist es, an Parfüms die hohe +Leistungsfähigkeit unseres Geruchssinns zu erproben. Einige +<pb n='177'/><anchor id='Pg177'/> +Milligramm Moschus reichen aus, um einen Raum, der häufig +gelüftet wird, Jahre lang mit Moschusduft zu erfüllen. Wir +riechen diesen Moschus, und doch kann er in jener Luft, die +uns umgibt, nur in unnennbar geringen Mengen vorhanden +sein. Directe Versuche, die Passy mit alkoholischen Lösungen +stark riechender Substanzen anstellte, haben ergeben, daß fünfhundert +Tausendstel eines Milligramms Vanillin ausreichen, um +ein Liter Luft merklich zu parfümiren. Derselbe Effect wird +schon mit fünf Tausendstel Milligramm Camphor erreicht; von +dem künstlichen Moschus reichten gar fünf Millionstel eines +Tausendstels Milligramm aus, um wahrgenommen zu werden. +Will man diese Menge in Zahlen ausdrücken, so ergibt das +0,000 000 000 005 Gramm. Dabei steht die Leistungsfähigkeit +des Geruchssinns beim Menschen gegen diejenige vieler Thiere +noch bedeutend nach. +</p> + +<p rend="text-align:center">XIV.</p> + +<p> + »<title>Die Toiletten-Chemie</title>« von Heinrich Hirzel, ein Buch, dem +ich auch sonst noch manche Belehrung verdanke, enthält die Angabe, +daß Europa an flüssigen Parfüms allein jährlich über +eine Million Liter verbraucht. An der Deckung dieses Bedarfs +ist Grasse mit etwa 100 000 Kilogramm Lavendelöl, halb so +viel Thymianöl, 25 000 Kilogramm Rosmarinöl, 2000 Kilogramm +Neroliöl und sehr beträchtlichen Mengen anderer Oele +und Extracte betheiligt. Nicht wenig wird Grasse in der Parfüm-Erzeugung +durch das benachbarte Cannes unterstützt, das mehrere +Parfümfabriken besitzt und Hunderte von Arbeitern in ihnen +beschäftigt. Der Verbrauch an Parfüms in Europa, wiewohl +immer noch groß, ist doch beträchtlich zurückgegangen und wird, +wenn überhaupt, nur in discretester Weise geübt. So verhält +es sich auch in anderen kühlen Ländern, während die heißen +Erdstriche noch immer ein hohes Bedürfniß nach persönlichem +Parfüm bekunden. Obenan in dieser Beziehung steht der Orient, +dessen Leistungen trotzdem noch gegen diejenigen des classischen +<pb n='178'/><anchor id='Pg178'/> +Alterthums bedeutend zurückstehen. Bezeichnend für jene Zeit +ist die Erzählung des Plinius, daß an Lucius Plocius der +Duft zum Verräther geworden sei. Dieser Lucius Plocius, +dessen Bruder Lucius Plancus zweimal das Consulat bekleidet +hatte, wurde von den Triumvirn geächtet und mußte fliehen. +Er verbarg sich im Salernitanischen, wo man ihn entdeckte, +weil er so stark nach Salben roch. Er mußte den Tod erleiden, +was Plinius nicht ohne einige Genugthuung erzählt, so empörte +ihn der Mißbrauch, den man mit Parfüms damals trieb. Daß +heute Jemand von wohlriechenden Salben und Oelen triefen +sollte, wie es im Orient und in Griechenland zu alten Zeiten oft +der Fall war, können wir uns kaum vorstellen. Wir empfinden +eine entschiedene Abneigung selbst gegen fettige Hände und suchen +solche möglichst rasch zu säubern. Oel oder Pomade werden +allenfalls noch im <emph>Haar</emph> geduldet, sonst nur alkoholische Extracte +benutzt. Im Alterthum parfümirte man sich hingegen ausschließlich +mit duftenden Oelen. Das erste flüssige Parfüm, wie wir +es jetzt benutzen, soll Mercutio Frangipani dargestellt haben, der +ein von seinen Vorfahren erfundenes, aus Gewürzen und Moschus +zusammengesetztes Riechpulver mit starkem Weingeist extrahirte. +Dieser Frangipani gehörte einem römischen Adelsgeschlecht an, +das sich im zwölften und dreizehnten Jahrhundert in den Kämpfen +der Guelfen und Ghibellinen ausgezeichnet hatte. Daß die Neigung, +sich mit Wohlgerüchen zu beschäftigen, in diesem Geschlechte +fortlebte, geht aus der Angabe hervor, daß ein späterer Nachkomme +der Frangipani in Frankreich, der Marquis de Frangipani, +Feldmarschall unter Ludwig XIII., eine Art parfümirter +Handschuhe einführte, die +»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Gants à la Fragipane</foreign>« genannt +wurden. +</p> + +<p> +Die Griechen lernten es von den Orientalen, ihren Körper +mit duftenden Oelen einzusalben. Plinius möchte ohne Weiteres +die Erfindung der wohlriechenden Salben den Persern zuschreiben. +Ihr König Darius soll in seinem Trosse nicht weniger als vierzig +Salbenbereiter geführt haben; sie geriethen in die Gewalt +<pb n='179'/><anchor id='Pg179'/> +Alexanders. Aus der Beute, welche dieser damals machte, stammte, +nach Plinius, auch jener mit Gold, Perlen und Edelsteinen besetzte +Salbenschrein, in welchem Alexander die Werke Homers +aufbewahren ließ, damit, so sagte er, das werthvollste Werk des +menschlichen Geistes auch die kostbarste Hülle erhalte. In +Griechenland galt die Benutzung wohlriechender Salben immerhin +als Verweichlichung; der echte Mann verpönte sie und rieb +sich in den Gymnasien mit reinem Oele ein. +</p> + +<p> +Theophrast, Plinius und Dioscorides haben uns erzählt, +wie die wohlriechenden Salben im Alterthum hergestellt wurden. +Man mischte die Aromata mit den Oelen und erwärmte sie zusammen. +Theophrast gab schon im dritten Jahrhundert v. Chr. +an, man solle die Operation im Wasserbade vornehmen, um ein +Anbrennen der Aromata zu verhindern. Als Oel diente vor +Allem das der Olive, das man kunstvoll reinigte und bleichte, +auch aus noch unreifen Früchten preßte, um es möglichst farblos +zu erhalten. Außerdem wurde das Oel aus süßen und bitteren +Mandeln, Sesamöl, Ricinusöl und Behenöl benutzt. Das letztere +schätzte man ganz besonders, weil es geruchlos ist und nicht +leicht ranzig wird. Auch heute würde man es zu Haarölen +gern verwenden, wäre es nicht aus dem Handel so gut wie verschwunden. +Der Baum, von dem man das Behenöl gewann, +hieß im Alterthum +<foreign rend='antiqua'>Balanos</foreign> oder +<foreign rend='antiqua'>Myrobalanon</foreign>, somit Salbeneichel. +Es ist die in Arabien und Aegypten einheimische +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Moringa +aptera</name>, deren Früchte, die Behennüsse, durch Auspressen +das Oel liefern. +</p> + +<p> + Dioscorides warnt in seiner »<title rend='antiqua'>Materia medica</title>«, + einem +Werk, das wohl um die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. +erschien, vor jeder Spur Wasser, die im Oel zurückbleibt, und +räth an, das Oel öfter umzugießen in Gefäße, die mit Honig +und Salz bestrichen sind. Durch das Salz werde dann alles +Wässerige dem Oele entzogen. – Myrrha und andere Balsame, +Cardamomen, Calamus, Wurzelstock der Iris, duftende Blüthen +und Früchte, wohlriechende Kräuter mußten ihre Aromata an +<pb n='180'/><anchor id='Pg180'/> +die Oele abgeben. Auch war die Eigenschaft thierischer Fette, +sich mit Wohlgerüchen zu beladen, schon bekannt. Allgemeiner +Verbreitung erfreute sich namentlich die Rosensalbe, deren Bereitung +Dioscorides eingehend schildert. Man setzte den Salben +meist Gummi und Harz hinzu, um sie zu färben und auch, wie +es hieß, ihren Duft zu binden. Manche Salbe färbte man mit +Drachenblut, dem blutrothen Harz des Drachenbaumes +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Dracaena + Draco</name>) oder mit +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Anchusa</name>, +wohl dem Farbstoff, den wir aus +der Wurzel der +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Anchusa tinctoria</name>, +unserer Alkannawurzel, gewinnen. +Letzterer wurde auch zum Färben des Rosenöls empfohlen. +– Die Zahl der benutzten Salben wuchs ganz außerordentlich, +oft mischte man sehr viele Substanzen in einer einzigen +Salbe zusammen. Die ägyptische Salbe +»<foreign rend='antiqua'>Metopium</foreign>« stellte man +aus Bittermandelöl her und setzte +»<foreign lang='la' rend='antiqua'>omphalium</foreign>, +<foreign lang='la' rend='antiqua'>cardamomum</foreign>, +<name lang='la' rend='antiqua'>juncum</name>, +<name lang='la' rend='antiqua'>calamum</name>, +<name lang='la' rend='antiqua'>mel</name>, +<name lang='la' rend='antiqua'>vinum</name>, +<name lang='la' rend='antiqua'>myrrham</name>, +<name lang='la' rend='antiqua'>semen balsami</name>, +<name lang='la' rend='antiqua'>galbanum</name>, +<name lang='la' rend='antiqua'>resinam terebinthinam</name>« +hinzu. Soweit die Bedeutung +der Namen heute klar gelegt ist, enthielt somit diese Salbe, +außer dem Bittermandelöl, das Oel unreifer Oliven, die flüchtigen +Oele der Cardamomen, des wohlriechenden Geraniumgrases +und des Kalmus, dann Honig, Wein, den Balsam des nordafrikanischen +Baumes +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Balsamodendron myrrha</name>, +Balsamkörner, +d. h. den Balsam der erbsengroßen Früchte des arabischen +Balsamstrauches +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Balsamodendron giliadense</name>, +das Gummiharz +eines persischen Doldengewächses, +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ferula galbaniflua</name>, endlich +das Terpentin der +<name rend='antiqua'>Terpentin-Pistazie</name>. Von dem Duft dieser +Salbe kann man sich annähernd eine Vorstellung machen, sie +muß vorwiegend nach bitteren Mandeln und Balsam gerochen +haben. – Man bezog die Salben von den verschiedensten Orten, +aus Aegypten, Delos, Mendesium, Corinth, Kilikia, Rhodos, +Kypros, später auch aus Neapolis, Capua, Praeneste. Das +wechselte je nach Geschmack und Mode. Die Salben waren zum +Theil sehr theuer und beschäftigten ein ganzes Heer von Verfertigern +und Verkäufern. In den Läden der Salbenhändler +hielten sich die Müßiggänger auf. Man wählte beschattete Orte +<pb n='181'/><anchor id='Pg181'/> +zur Anlage solcher Läden, damit die Salben, die in Gefäße von +Blei oder Stein eingeschlossen waren, von der Sonnengluth nicht +litten. Der Stein, den wir Alabaster nennen, wurde viel für +diese Gefäße verarbeitet, doch scheint die antike Bezeichnung +<name>Alabastron</name>, wie Reinhold Sigismund in seinem Buch über die +Aromata nachzuweisen sucht, sich mehr auf die Gestalt, als auf +das Material der Salbengefäße bezogen zu haben. +</p> + +<p> +Bezeichnend für den Mißbrauch, der mit wohlriechenden +Salben in Griechenland getrieben wurde, sind die zahlreichen, +uns von Athenäus überlieferten Berichte. Er erzählt, daß die +Schwelger in Athen jeden Theil ihres Körpers mit einer anderen +Salbe einrieben. Aegyptische Salbe diente für Füße und +Schenkel, phönikische Salbe für Kinnbacken und Brust, +<name rend='antiqua'>Sisymbrion</name>-Salbe +für die Arme, <name rend='antiqua'>Armaracon</name>-Salbe für Haar und +Augenbrauen, <name>Serpyllos</name>-Salbe für Kinn und Nacken. Man +kann sich vorstellen, wie so ein menschliches Wesen nach vollzogener +Einsalbung geduftet haben mag. Denn die +<name rend='antiqua'>Amaracon</name>-Salbe +roch nach Majoran, die <name rend='antiqua'>Serpyllos</name>-Salbe nach Thymian, +die <name rend='antiqua'>Sisymbrion</name>-Salbe wohl nach einer Minze, die ägyptische und +phönikische nach Bittermandelöl und Balsamen. Das war ein +ganzer Parfümladen! Dabei glänzte ein solcher Mensch von Fett +an seinem ganzen Körper. – Ueber Demetrius Phalereus wird +bei dem Symposion des Athenäus berichtet, er habe sich nicht +nur den ganzen Körper gesalbt, sondern auch das Haupthaar +noch gelb gefärbt, um verführerischer auszusehen. – Bei Trinkgelagen +salbte man den Kopf, damit der Wein nicht in die Höhe +steige; denn wenn der Kopf trocken ist, hatte Myronides gesagt, +wandern die Dünste nach oben. Dazu kamen noch die Kränze, +welche den Rausch verhindern, den Kopf kühl erhalten und den +Kopfschmerz abwehren sollten. Das mögen die ursprünglichen +Epheukränze gethan haben, schwerlich die später benutzten aus +duftenden Blumen. Denn diese wurden aus Rosen, Lilien oder +Violen (Goldlack und Levkoien) gewunden und von aufwartenden +Dienern vielfach mit duftenden Salben noch besprengt. In +<pb n='182'/><anchor id='Pg182'/> +dem Symposion des Athenäus wird berichtet, daß bei den prunkvollen +Aufzügen des Königs Antiochus Epiphanes auf Daphne +zahlreiche Frauen mit goldenen Gefäßen einherschritten und aus +diesen duftende Salben auf die Menge verspritzten. Derselbe +König, den man später spottweise auch Epimanes, das heißt den +Verrückten nannte, pflegte in öffentlichen Bädern zu erscheinen, +wenn das ganze Volk dort versammelt war. Er salbte sich mit +den köstlichsten Oelen. Da sagte denn Einer: »Wie glücklich +bist Du, o König, daß Du so wohlriechende Parfüms benutzen +und überall einen so angenehmen Duft verbreiten kannst.« +Antiochus antwortete ihm nicht, ließ ihm aber am nächsten Tage +nach dem Bade ein großes Gefäß mit Myrrhensalbe über den +Kopf gießen. Nun wälzten sich auch Andere in dem verschütteten +Oele, viele glitten aus und fielen zu Boden, sogar der König, +was allgemeine Heiterkeit erregte. Dieser Antiochus muß allerdings +recht excentrisch gewesen sein, denn auch die Geschenke, die +er vertheilte, waren mehr als sonderbar. Dem Einen drückte er +Knöchel, dem Anderen Datteln, noch Anderen Gold in die +Hände. +</p> + +<p> +Die Lacedämonier, heißt es, hätten die Salbenhändler und +die Färber aus Sparta verjagt, weil die Ersteren das Oel verdarben, +die Letzteren die Wolle ihrer ursprünglichen Reinheit +beraubten. Lykurg und Sokrates traten gegen den Mißbrauch +wohlriechender Salben auf, erreichten aber eben so wenig, wie +später in Rom die beiden Censoren Publius Licinius Crassus +und Lucius Julius Cäsar, die, wie Plinius mittheilt, im Jahre +189 v. Chr. ein Edict erließen, daß Niemand »exotische« Salben +verkaufen solle. +</p> + +<p> +Die Haare und Kleider der Römerinnen verbreiteten, nach +Plinius, so starke Düfte, daß sie schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit +auf sich zogen. Daß sei um so thörichter, meint er, +als dieser theuer erkaufte Genuß weit mehr Anderen zu Gute +komme, als dem, der ihn bezahlt hat. Nicht minder beklagt +auch Plutarch diese Salbenverschwendung. Er erzählt, wie bei +<pb n='183'/><anchor id='Pg183'/> +einem Gastmahl, das Salvius Otto dem Nero gab, von allen +Seiten her kostbare Salben aus goldenen und silbernen Röhren +flossen und die Gäste ganz durchnäßten. Juvenal spottet in +seinen Satiren über Crispinus, den Günstling Domitians, daß +er schon am Morgen mehr Amomumduft als zwei Leichenbegängnisse +von sich aushauche. – Ein besonders lebendiges +Bild aus Neronischer Zeit, das auch den Salbenluxus und die +Vorliebe für Wohlgerüche zeigt, hat Petronius in dem Gastmahl +des Trimalchio entworfen. Sind die Farben auch stark aufgetragen, +so entspricht die Schilderung doch den damaligen +Sitten, wie sie bei prahlerischen Emporkömmlingen sich besonders +geltend machten. Während des üppigen, nicht endenwollenden +Mahles, bei welchem die seltensten Speisen in kunstvoller Zubereitung +aufgetragen werden, folgen die mannigfaltigsten Ueberraschungen +aufeinander. Da plötzlich senkt sich von der Decke +ein gewaltiger Reifen, an dem rund herum goldene Kränze nebst +Flaschen wohlriechender Essenzen hängen. Sie sind als Geschenke +für die Gäste bestimmt. Gegen Ende des Mahles wird die +Ausgelassenheit groß, bis der trunkene Trimalchio auf den Einfall +kommt, sich die Todtenkleider bringen zu lassen, in denen +er wünscht, daß man ihn einst begrabe. Er befiehlt auch, wohlriechendes +Wasser zu holen und eine Probe zum Kosten von +jenem Wein, mit dem seine Gebeine gewaschen werden sollen. +Er öffnet eine Flasche Nardenessenz, bestrich mit derselben seine +Gäste und spricht die Hoffnung aus, dieser Wohlgeruch werde +ihm nach dem Tode eben so gut thun, wie im Leben. – +Petronius gehörte zu den Lieblingsautoren des vorigen Jahrhunderts; +um die Mitte desselben hatte das »Gastmahl des +Trimalchio«, wie ich Friedländers Einleitung zum Petronius +entnehme, schon sechs französische Uebersetzungen aufzuweisen. +Am Hofe von Hannover, im Carneval des Jahres 1702, wurde +es sogar von fürstlichen Darstellern aufgeführt. Auf Wunsch +der Königin Sophie Charlotte von Preußen mußte Leibniz der +Fürstin von Hohenzollern-Hechingen diese Aufführung schildern, +<pb n='184'/><anchor id='Pg184'/> +was in einem französisch geschriebenen Brief vom 25. Februar +1702 geschah. +</p> + +<p> +Gleicher Luxus mit Parfüms wie im Alterthum ist wohl +zu keiner Zeit wieder getrieben worden, doch kamen sie an den +Höfen von Frankreich und England zeitweise in hohe Gunst. +In Frankreich geschah das zur Zeit der Renaissance unter dem +Einfluß der italienischen Künstler, die Franz I. und Katharina +von Medicis an ihren Hof zogen. Da wurde in parfümirten +Pasten, Pomaden und duftenden Handschuhen vollauf geschwelgt. +Die Cosmétiques kamen zu jener Zeit als Schönheitsmittel auf +und riefen eine besondere cosmetische Literatur ins Leben. Daß +Diana von Poitiers bis in das hohe Alter sich den Reiz der +Jugend zu bewahren wußte, ungeachtet sie schon mit dreizehn +Jahren an Ludwig von Breze, Großseneschal der Normandie, +vermählt worden war, schrieb man cosmetischen Geheimmitteln +zu, die ihr Paracelsus verrathen habe. Der Mißbrauch, der +unter den Valois mit cosmetischen Mitteln getrieben wurde, +rief eine Reaction gegen dieselben hervor; erst unter Ludwig XIII. +wußte die schöne Anna von Oesterreich sie wieder in die Gunst +des Hofes zu bringen. Da kamen die Pâtes d'Amandes, die +verschiedenen Crêmes und Schminken auf, welche der Haut der +Damen eine künstliche Färbung verliehen. Ludwig XIV. liebte +die Cosmétiques nicht: ihr Gebrauch nahm ab, doch nur, um +unter der Régence einen besonderen Aufschwung zu erfahren. +Jetzt blühten Geheimmittel, welche die Jugend und Schönheit +dauernd sichern sollten. Der berüchtigte Cagliostro nahm von +der eben so berüchtigten Dubarry und von anderen Schönen +nicht geringe Summen für solche Geheimmittel ein. Trotzdem +schminkte man sich unter Ludwig XV. wieder weniger als +zuvor und das +»<name lang='fr' rend='antiqua'>rouge de Portugal en tasse</name>« +röthete nicht so +stark die Gesichter. Der Absatz an Schminke hielt sich immerhin +auf bedeutender Höhe, so daß im Jahre 1780 eine Gesellschaft +fünf Millionen Francs der Regierung für das Privilegium +bot, ein Roth besonderer Güte allein verkaufen zu dürfen. Selbst +<pb n='185'/><anchor id='Pg185'/> +mit violetter Schminke versuchte man es in den Gärten des +Palais Royal und hielt ganz Paris dadurch acht Tage lang +in Aufregung. – Das hörte gegen Ende des Jahrhunderts, +unter dem Einfluß von Marie Antoinette auf; die schreienden +Farben verschwanden aus den Gesichtern, und zugleich verlor +sich auch der Geschmack an starken Wohlgerüchen; das Zarte +mußte sich jetzt mit dem Schwermüthigen, das Keusche mit dem +Gefühlvollen im Aussehen der Frauen paaren: so gewann die +Parfümerie jenes discrete Gepräge, welches ihr auch heute noch +geblieben ist. Nur vorübergehend machte sich ein entgegengesetzter +Einfluß der Kaiserin Josephine geltend, die als Creolin +die starken Parfüms liebte. Napoleon I. selbst bediente sich +nur des Kölnischen Wassers, das er sich jeden Morgen über +Kopf und Schultern goß. +</p> + +<p> +Seit dem sechzehnten Jahrhundert war Frankreichs Geschmacksrichtung +in der Parfümerie maßgebend für die anderen +Völker, im siebzehnten Jahrhundert gelangte sie zur Alleinherrschaft +zugleich mit den französischen Moden. +</p> + +<p> +Frankreich und England waren es vorwiegend, welche die +Welt mit ihren Parfümerien versorgten. Nur dem Kölnischen +Wasser gelang es, als Weltparfüm gegen die Producte dieser +Länder aufzukommen. Jetzt erst beginnt Deutschland, wenn auch +noch nicht in den »Bouquets«, so doch in den ungemischten +Parfüms in die erste Stelle zu rücken. Die Leipziger Erzeugnisse +haben in dieser Richtung einen ungeahnten Erfolg erreicht. +Außerdem steht Deutschland obenan mit seinen chemischen Producten, +die heute in so entscheidender Weise in die Parfümerie +eingreifen. Ebenso liefert es vornehmlich der Welt jene antiseptisch +wirksamen Stoffe, welche die Cosmétiques verdrängt +haben und allein berufen sind, die Gesundheit des Körpers und +damit auch die Schönheit des »Teint« in Zukunft zu wahren. +</p> + +<p> +Die Berge strahlten von allen Seiten Licht und Wärme +auf die Blumenpflanzungen von Grasse zurück. Es wurde heiß +<pb n='186'/><anchor id='Pg186'/> +in der Stadt: feiner Staub stieg bei jedem Windhauch in +dichten Wolken auf: es roch zu stark nach Santalholz in den +Straßen, wir fühlten uns plötzlich reisemüde und traten den +Heimweg nach dem Norden an. +</p> +<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" /> +</div> + +<pb n='187'/><anchor id='Pg187'/> +<div rend="page-break-before: always"> +<index index="toc" /> +<index index="pdf" /> +<head>Frühjahr 1895.</head> + +<p rend='text-align:center'>I.</p> + +<p> +Der Winter war so lang und so traurig im Norden gewesen, +wir sehnten uns nach Wärme und nach Sonne. Doch +auch vom Mittelmeer trafen unaufhörlich Hiobsposten ein: die +Kälte hielt dort an, die Vegetation hatte gelitten, noch zu Anfang +März fiel Schnee, der viele Orte der Riviera mit einem +weißen Gewand bedeckte. Da, endlich, siegte die Frühlingssonne: +wir erhielten günstige Nachricht, und waren einige Tage später +in Cannes. Schon oben in den Alpen begrüßte uns der Frühling, +mit leuchtendem Antlitz, mit einer Strahlenkrone ums +Haupt. Die Fahrt in dieser sonnigen, zu neuem Leben erwachenden +Natur, glich jetzt einem wahren Triumphzug. So +kamen wir ans Mittelmeer. +</p> + +<p> +Im Norden schneit es noch immer, und dunkle Wolken +decken dort den Himmel, hier aber glänzt die Sonne am blauen +Firmament, sie spiegelt sich im Meere, und ihre Strahlen dringen +in unser Inneres ein und lösen die grauen Nebel auf, die sich +an dunklen Tagen dort angesammelt haben. Auch an der Riviera +di Ponente mußten Pflanzen und Menschen von der ungewohnten +Strenge dieses Winters leiden. Die meisten Pflanzen +erholen sich wieder. Die gebräunten Bougainvilleen an den +Häusermauern beginnen stellenweise auszutreiben, sie bilden carmoisinrothe +Hochblätter in Büscheln an dem todten Laub. Der +Heliotrop durchbricht mit seinen Sprossen den Boden, bald werden +<pb n='188'/><anchor id='Pg188'/> +frische lebhaft grüne Blätter an den Fächerpalmen die braun +gefleckten alten ersetzen. – Auffällig gut haben die Acacien dem +Schnee und der Kälte getrotzt, sie sind mit gelben Blüthen über +und über bedeckt, wahre Blumensträuße in der sonst noch blumenarmen +Landschaft. Denn die Vegetation ist gegen sonst sehr +weit zurück, die Rosenstöcke weisen nur geschlossene Knospen auf, +während sie sonst von Mitte Winter an hier im Blüthenschmuck +prangen. Eine Rose ist in keinem der vielen Blumenläden von +Cannes zu erblicken; man müßte sie wohl in den Gewächshäusern +des Nordens bestellen; Weniger gut als so viele Pflanzen +erholt sich der leidende Mensch, der hier in diesem letzten Winter +Linderung, ja Genesung suchte. Tage lang mußte er in Räumen +verweilen, die nur dürftig zu erheizen waren. Wie Manchem +hat dieser Aufenthalt das Leben gekürzt. Schwerkranke sollten +hierher überhaupt nicht geschickt werden. +</p> + +<p rend='text-align:center'>II.</p> + +<p> +Wir wollten nicht unten am Meere wohnen in den staubigen +Theilen von Cannes; wir zogen den Abhang hinauf, der im +Osten die Stadt beherrscht, zur Californie. Ueber den schönen +Garten des Hôtel Californien hinweg blicken wir auf die Croisette, +jene schmale Landzunge, welche den Golfe de la Nopoule vom +Golfe Jouan scheidet. Weiter trifft unser Auge die Ile St. Marguerite, +und bei Morgenbeleuchtung zeichnet sich jedes Haus in +dem Fort ab, das diese Insel krönt. Von der Ile St. Honorat ist +nur die Kirche sichtbar, im übrigen wird sie von ihrer Schwesterinsel +verdeckt. Im Osten, über den blühenden Acacien, steigt +an einem Hügel die alte Stadt Cannes empor. Sie gipfelt in +ihrem alten Schlosse und bietet dem Auge ein malerisch bewegtes +Profil. In weniger schöner Linie folgen die neuen Stadttheile der +Bucht, doch diese Linie wird, von hier oben aus betrachtet, durch +üppige Gärten der Hügel gebrochen und belebt. Besonders +gerne ruht aber unser Blick auf den zackigen Umrissen des Esterel. +Dorthin wendet sich unser Auge stets zuerst am Morgen, wenn +<pb n='189'/><anchor id='Pg189'/> +die Sonne die Gipfel der Berge vergoldet und jede Ortschaft +sich blendend weiß am Fuße derselben zeichnet; dorthin schauen +wir auch zuletzt am Abend, wenn die Sonne jenseits der langen +Kette verschwindet, und ihre Strahlen sich wie ein leuchtender Fächer +am Abendhimmel ausbreiten. Dann entzünden sich auch bald die +Leuchtthürme längs der Küste, und schon in der Dämmerstunde +flammt Cannes mit Tausend Lichtern auf. Dieses Schauspiel +wiederholt sich jeden Abend, und wir wurden nicht müde, es zu +betrachten. +</p> + +<p> +Zugleich beginnt das Concert der Laubfrösche rings um +das Hôtel, jenes Concert, das Jeder kennt, der im Frühjahr +die Riviera besuchte. In allen Wasserbehältern versammeln +sich um diese Zeit jene Thierchen und locken sich aus der Ferne +mit lauten Rufen an. Die auffallende Kraft des Tones wird +dadurch ermöglicht, daß das Männchen die schwärzliche Haut +seiner Kehle zu einer großen Schallblase auftreibt. Im Uebrigen +leben diese zierlichen, lebhaft grün gefärbten Geschöpfe auf den +Sträuchern und Bäumen. Es unterhielt uns, ihnen am Tage +in dem Garten des Hôtels nachzuspüren, und dann auch +festzustellen, wie sehr der Ton ihrer Färbung sich nach ihrer +jeweiligen Umgebung richtet. Auf hellen Blättern sind sie +hell, auf dunklen dunkel gefärbt und daher stets schwer zu erblicken. +Es handelt sich auch thatsächlich bei diesem Farbenwechsel +um eine Schutzvorrichtung, die sie den Augen ihrer +Feinde entziehen soll. Andererseits werden sie auch nicht von +der Beute bemerkt, auf die sie lauern. Es ist belustigend zu +sehen, wie der Laubfrosch auf Insecten jagt, mit welchem Geschick +er sie fängt und wie hoch er springt, um sie zu erfassen. +</p> + +<p> +Ungeachtet des Regens, der vor Kurzem reichlich gefallen +war und trotz des täglichen Begießens, zeichnet sich die Straße, +die von Cannes nach Antibes führt, von hier oben gesehen, meist +wie ein langer Streifen von Staub zwischen den grünen Gärten +aus. Besonders hoch steigt dieser Staub an den Nachmittagen +<pb n='190'/><anchor id='Pg190'/> +auf, wenn eine Equipage der anderen folgt und neue Staubwolken +aufwirbelt. Dieser Staub, von zermalmtem Kalkstein +stammend, ist wie Mehl so fein. Ueberall dringt er ein, er +erhebt sich zu so bedeutender Höhe, daß er die angrenzenden +Bäume bis in ihre Gipfel grau färbt. Diesen Staub athmen +nun tagtäglich die vornehmen Gäste von Cannes ein, die meist +nach dem Süden reisten, um ihre Lungen zu schonen. Derselbe +Staub herrscht nun leider an vielen Orten der Riviera, überall dort, +wo das Kalkgebirge bis an die Küste reicht. Doch wer zwingt +auch den Kranken, sich auf den Landstraßen zu bewegen oder an +denselben zu wohnen! – Ich kann den Staub nicht leiden, +wenn ihn auch meine Lunge verträgt; glücklicher Weise ermüde +ich aber auch nicht leicht beim Gehen und fühle mich wohler zu +Fuß, als im Wagen. So war das Hôtel sehr günstig für +mich gelegen. Auf Fußwegen lassen sich von demselben schon +in kurzer Zeit Wälder und Maquis erreichen. Dort, auf den +mit Kiefern bedeckten Gipfeln von +»<name lang='fr' rend='antiqua'>la Maure</name>«, 250 Meter hoch +über dem Meere, eröffneten sich die herrlichsten, überraschendsten +Blicke in üppig grüne Thäler, nach den schneebedeckten Alpen +und über die blaue Küste. Ganz besonders großartig erschienen +in diesem Frühjahr die Seealpen. Der Schnee reichte tief an +denselben hinab. Man wähnte oft Bilder aus dem Berner +Oberland vor Augen zu haben, doch leuchtender, getaucht in +den Glanz der italienischen Sonne. So weilte ich denn mit +Vorliebe unter den Aleppo-Kiefern oben auf den Höhen von +»<name lang='fr' rend='antiqua'>la Maure</name>«; +doch mied ich grundsätzlich das +»<name lang='fr' rend='antiqua'>Observatoire</name>«, den +officiellen Aussichtspunkt, auf welchen am Nachmittag, auf +staubiger Straße, die Wagen durch müde Pferde mühsam aufwärts +gezogen werden. Dort ist ein Aussichtsthurm errichtet, +von dem aus, gegen Zahlung, man die Natur bewundern kann. +Meist ist man im Gedränge, und die Musik aus einer nahen +Wirthschaft trägt dazu bei, die Stimmung zu erhöhen. +</p> +<pb n='191'/><anchor id='Pg191'/> + +<p rend='text-align:center'>III.</p> + +<p> + Beim Aufstieg zum + »<name lang='fr' rend='antiqua'>Observatoire</name>« schneidet man einen +Kanal, der Cannes, Golfe Jouan und Antibes mit Wasser versorgt. +Er führt das nämliche Wasser, das die Römer einst in +Forum Julii tranken. Sie hatten oberhalb Grasse eine Quelle +der Siagne gefaßt und führten das Wasser nach Fréjus in +einem gedeckten Aquäduct, der auf seinem Wege einen 50 Meter +langen Tunnel, den Tunnel von Roquetaillado, zu durchsetzen +hatte. Der moderne Wasserkanal, der in der Richtung von +Cannes läuft, steht der römischen Wasserleitung entschieden nach, +denn er ist unbedeckt und vor Verunreinigungen somit nicht geschützt. +Man kann von La Maure aus diesem Kanal in nordwestlicher +Richtung meilenweit folgen. Ein Fußweg führt an +demselben entlang. Er steigt ganz unmerklich auf, so daß man +fast eben zu gehen meint. In weiten Bogenlinien zieht er sich +längs der Berge hin und bietet wechselvolle Ausblicke auf Cannes +und das Esterel. Alsbald befindet man sich über Le Cannet, +einem Dorfe, das nördlich von Cannes, drei Kilometer entfernt +vom Meere liegt und durch nahe Hügel ganz besonders gut +gegen Winde geschützt wird. Man schaut da auf große Hôtels +hinab, denn Le Cannet ist Station für solche Kranke, die nicht +am Meere weilen sollen, weil ihnen die Seebrise angeblich +Schaden bringt. Noch weiter gen Norden krönt Mougins einen +260 Meter hohen, isolirten Hügel; ein malerischer Ort, dessen +compacte Häusermasse nur von spärlichen Fenstern nach außen +durchbrochen wird. Dorthin sollen sich einst die Oxybier zurückgezogen +haben, als die Römer die Küste besetzten. Nur eine +halbe Stunde Weges trennt Mougins von dem Thurme von +Castellaras, der die umfassendste Aussicht auf die Alpenkette +bietet. +</p> + +<p> +Von dem Wege am Wasserkanal kann man alle jene Hügel +ersteigen, welche Le Cannet von Vallauris trennen. Von da +oben sieht man jenseits von Mougins, am Fuß der grauen +<pb n='192'/><anchor id='Pg192'/> +Kalkalpen, Grasse im Sonnenlichte glänzen; unten im Kessel, +nach Osten zu, breitet sich Vallauris aus. Weiter sieht man +Golfe Jouan, Antibes, Nizza, die Küste bis in neblige Fernen +und oberhalb der Berge die Vallauris schützen, als herrlichsten +Abschluß des Bildes, die Schneemassen um den Col di Tenda. +Dort baut Italien seit Jahren eine Eisenbahn, welche Turin +mit Ventimiglia verbinden soll. Die Bahn ist fertig von Turin +bis zum nördlichen Abhang des Passes, dem Orte Limone. +Unter dem Col di Tenda läuft jetzt schon ein langer Tunnel, +der den Verkehr der Wagen erleichtert. Dann beginnt das +Thal der Roja, das bei Ventimiglia das Meer erreicht. Der +mittlere Theil dieses Thales ist im Besitze Frankreichs. Ihn +soll die Bahn umgehen, und das verursacht bedeutende Kosten. +Daher die Arbeiten langsam fortschreiten und die Vollendung +der Bahn sich noch kaum absehen läßt. Einst wird diese Bahn +ein herrliches Stück Land dem Verkehr eröffnen; denn die Gola +di Gandarena, in welcher die Roja zwischen himmelstürmenden +Felsenmauern fließt, ist nicht minder großartig wie die Via +mala. Bis jetzt war dieser gewaltige Engpaß, einer der imposantesten +der Alpen, nur Jenen bekannt, welche den kleinen Badeort +St. Dalmazzo di Tenda zur warmen Jahreszeit besuchten, +oder die es gar unternahmen, allen Schneemassen zum Trotz, +schon im Frühjahr die Fahrt über den Col di Tenda zu unternehmen. +Das haben wir einmal gethan und einen unvergeßlichen +Eindruck davon getragen. Ist einmal die Bahn von Cuneo bis +Ventimiglia in Betrieb, dann bildet sie zugleich die kürzeste Verbindung +zwischen der südlichen Schweiz und den Kurorten der +Riviera di Ponente. Die Straße über den Col di Tenda ist +aber die älteste, die jemals den Gallischen Strand mit den +Ebenen des nördlichen Italien verband. Sie existirte schon +tausend Jahre vor Christus, zählt somit jetzt achtundzwanzig +Jahrhunderte und hieß die tyrrhenische Straße. +</p> + +<p> +Der Ort Vallauris, so unscheinbar er auch ist, hat es verstanden, +jetzt eine gewisse Berühmtheit zu erlangen. Er dankt +<pb n='193'/><anchor id='Pg193'/> +sie seinem farbigen Halbporzellan, seinen +»<name lang='fr' rend='antiqua'>Faïences d'art</name>«, die +nicht nur an der Riviera, sondern in allen größeren europäischen +Städten jetzt die Schaufenster der Läden zieren. Es sind das +Thonwaaren mit Zinnglasur, die im starken Feuer gebrannt +werden. Die Familie Massier beherrscht diese Industrie. Ueberall +liest man diesen Namen über den Lagern und über den Fabriken. +Den Fremden, die auf der staubigen Landstraße zwischen Cannes +und Antibes umherfahren, fällt das große Lager im Orte Golfe +Jouan am meisten in die Augen durch seinen mit bunter Fayence +verzierten oder verunzierten Garten. +</p> + +<p> +Bietet Vallauris als Ort auch nur wenig, so bleiben doch +die Ausflüge anziehend, die man über die Höhen in dieser +Richtung unternehmen kann. Von Vallauris geht man durch +eine anmuthige Schlucht hinab nach Golfe Jouan oder durch +den Wald, am Abhang der Berge, über Cannes-Eden, unmittelbar +nach Cannes. Vielfach begegnet man hier in den Wäldern +noch Korkeichen, die weiter nach Osten ganz fehlen. Es hängt +das mit den Bodenverhältnissen zusammen, da Glimmerschiefer +und Gneis stellenweise bei Cannes noch an die Oberfläche +treten und dann die gleichen Vegetationsbedingungen schaffen, +wie sie im Maurengebirge gegeben sind. +</p> + +<p rend='text-align:center'>IV.</p> + +<p> +Von der äußersten Spitze der Croisette ist die Insel +St. Marguerite kaum anderthalb Kilometer entfernt. In zwanzig +Minuten kann man sie mit dem Boote erreichen. Zweimal am +Tage verkehrt auch ein kleiner Dampfer zwischen dem Hafen von +Cannes und den Lerinischen Inseln. Er berührt sie beide, und man +kann den Ausflug über die Mittagsstunden ausdehnen, wenn +man den ersten Dampfer zur Hinfahrt, den zweiten zur Rückfahrt +benutzt. – Wir wollten die Abendbeleuchtung der Küste +von den Lerinischen Inseln aus bewundern und nahmen am Nachmittag +ein Boot an der Croisette. Voller Sonnenschein füllte +den Himmel mit einem Uebermaß von Licht und ließ das glatte +<pb n='194'/><anchor id='Pg194'/> +Meer gleich einer metallenen Platte erglänzen. Ein bläulicher +Dunst lag auf der Wasserfläche. Die gegenüberliegende Insel +rückte immer näher. Scharf zeichneten sich auf ihr die Mauern, +die das Fort umgeben, welches einst Richelieu erbaute. Oestlich +über den Felsen blicken aus der Mauer die Fenster jenes berüchtigten +Gefängnisses hervor, das sonderbarer Weise so oft +schon die Gedanken der Menschen auf sich zu lenken wußte. +Da war der mysteriöse Gefangene eingeschlossen, der als »Mann +mit der eisernen Maske« die Historiker und Romanschreiber oft +beschäftigt hat. Man nimmt jetzt meist an, es sei das Hercules +Anthony Matthioli gewesen, ein Bologneser vom alten Geschlecht, +der den Haß Ludwig XIV. sich zugezogen hatte. Matthioli +sollte bei Ferdinand Carl IV. von Mantua, dem letzten Herzog +aus dem Hause Gonzaga, den Verkauf der Festung Casale +Monferrato an Frankreich vermitteln. Nach der Eroberung der +Festung Pinerolo beherrschten die Franzosen den Zugang zum +Piemont; ihnen hätte der Besitz von Casale auch die fruchtbare +Ebene von Mailand eröffnet. Matthioli, der Senator von +Mantua war und das Vertrauen seines Fürsten besaß, ließ sich +für den Plan gewinnen. Ludwig XIV. empfing ihn an seinem +Hofe mit großen Ehren und zeichnete ihn durch ein kostbares +Geschenk aus. Dessen ungeachtet verrieth Matthioli die französischen +Pläne an Oesterreich und brachte sie so zum Scheitern. Ludwig XIV. +erfüllte das mit Zorn. Es gelang ihm, Matthioli über die Grenzen +von Turin zu locken. Er wurde dort überfallen, gefangen +genommen und in Fesseln gelegt. Man kerkerte ihn ein, zunächst +in Pinerolo, dann in jenem Gefängniß auf St. Marguerite. +Da der internationale Rechtsbruch geheim bleiben mußte, war +es dem Gefangenen unter Androhung des Todes verboten, sein +Gesicht zu zeigen: er trug eine Maske, die thatsächlich aber nicht +von Eisen, sondern von schwarzem Sammet war. Im Jahre +1687 kam Matthioli auf die Insel, um zehn Jahre später dem +Gouverneur der Festung, dem berüchtigten St. Mars, nach der +Bastille zu folgen. Dort starb er am 19. November 1703. – +<pb n='195'/><anchor id='Pg195'/> +Es heißt, daß nach der Revocation des Edictes von Nantes +durch Ludwig XIV. auch protestantische Geistliche in diesem +Gefängniß geschmachtet hätten. Napoleon I. setzte umgekehrt +einen katholischen Geistlichen, de Broglie, Bischof von Gent, +hier ein. Dann gab es weniger vornehme Gefangene, Mamelucken +und dergleichen, erst die Einkerkerung Bazaines an dieser +Stelle zog wieder die Blicke der Welt auf St. Marguerite. +Bazaine gelang es zu entkommen. Seine Frau, eine noch junge +Spanierin, und sein früherer Adjutant Willette, der ihn nach +St. Marguerite begleitet hatte, ermöglichten seine Flucht. Er +ließ sich des Nachts am Seil längs der Felsen nieder und erwartete +unten in zerfetzten Kleidern, mit wunden Händen und +blutigem Gesicht, seine Frau. Das stürmende Meer verhinderte +die Landung des Bootes, das ihn abholen sollte; er mußte +sich in das Meer werfen, um es zu erreichen. – Heut war es +an diesen Felsen so still, wie auf einem See, und wir landeten +ohne Mühe an dem steinigen Ufer. – Der Besuch der +Festung lohnt kaum, will man sich nicht etwa an der außerordentlichen +Dicke der Mauern und an dem dreifachen Gitter +des einzigen Gefängnißfensters erbauen. Durch dieses Fenster +hätte Bazaine nicht entkommen können. Er benutzte die mangelhafte +Aufsicht, um gegen Abend seine noch offene Zelle zu verlassen. +Er verbarg sich im Gefängnißhofe, während seine Zelle +zur Nacht leer verschlossen wurde. +</p> + +<p> +Wir zogen in den schönen Kiefernwald, der den größten +Theil der Insel deckt, und lagerten dort unter den Bäumen. +Die Aussicht landeinwärts ist derjenigen ähnlich, die man von +Antibes aus genießt. Nur steigt das Vorgebirge in größerer +Nähe auf, und das Bild wirkt heiterer durch die große Nähe +von Cannes. Die Schneemassen der Alpen scheinen in der Ferne +fast in der Luft zu schweben, gehüllt in jenen leuchtend azurenen +Nebel, der dem provençalischen Himmel eigen ist. Von der +blauen Fläche des Meeres und den grünen Hügeln der Küste +<pb n='196'/><anchor id='Pg196'/> +steigt so das Bild in Stufen, bis zu den schneebedeckten Riesen +der Alpenwelt empor, in großartig eindrucksvollem Contrast. +</p> + +<p> +Wir ziehen nun quer durch den Wald, nach der entgegengesetzten +Seite der Insel, wo uns das Boot erwartet. Jetzt +liegt dicht vor uns die Ile St. Honorat. Es ist nur ein enger +Meeresarm, der beide Inseln trennt, doch ein Meeresarm, +erfüllt mit gefahrbringenden Felsen, die kaum von den Wellen +des Meeres gedeckt werden. +</p> + +<p> +Die Ile St. Honorat hieß bei den Römern Lerina. Der +heilige Honoratus zog von seiner Einsiedelei im Esterel zu Anfang +des fünften Jahrhunderts nach dieser Insel hin. Er fand +sie, so berichtet die Sage, mit giftigen Schlangen erfüllt, unter +denen zu leben fast unmöglich schien. Doch der Heilige bestieg +eine Palme und vertrieb die Schlangen durch den großen Bannfluch, +den er über sie aussprach. Zu St. Honoratus gesellte sich +bald der greise Caprasius, den spätere Zeiten auch als Heiligen +anerkannten. Es strömten von allen Seiten Anhänger herbei, +und das errichtete Kloster hatte bald bedeutenden Ruhm erlangt. +Der heilige Vincenz, einer der hervorragendsten Mönche von +Lérin, verfaßte dort das Commonitorium gegen die Irrlehre, +ein Werk, das man auch in unserer Zeit im Streit um das +Unfehlbarkeitsdogma öfters citirte, im Besonderen den Satz: +»Was immer, was überall, was von Allen geglaubt worden +ist, das ist wahrhaft katholisch.« Dem Kloster gehörten auch +an: St. Hilarius, der wie St. Honoratus später Bischof von +Arles wurde, ebenso St. Maximus, der den Bischofssitz von +Fréjus bestieg, dann Faustus, Bischof von Reji, der zu den +Heiligen zwar gezählt, dessen Rechtgläubigkeit aber vielfach angezweifelt +wurde; dann St. Salvian, St. Valerian, auch die +beiden Söhne des heiligen Eucharius: St. Veranius und +St. Salonius und viele Andere. Von der kleinen Insel Lerina, +die St. Honoré nach dem Begründer ihres Klosters benannt +wurde, gingen nicht weniger als zwölf heilige Erzbischöfe, zwölf +heilige Bischöfe, zwölf heilige Aebte und vier heilige Mönche +<pb n='197'/><anchor id='Pg197'/> +hervor. »O gesegnete Einsiedelei, o dreimal glückliche Insel, +die du so viel Sprößlinge des Himmels erzogen hast!« +<q lang='la' rend='antiqua'>Beata +et felix insula Lyrinensis …!</q> rief daher schon im Jahre 542 +der Erzbischof von Arles, Caesarius, der Sohn des Grafen +von Chalon, bei seinem Tode aus. Zu Ehren aller dieser +Heiligen wurde am 15. Mai ein eigenes Fest, das der Allerheiligen +von Lerina, gefeiert. Um das Jahr 690 zählte das +Kloster über 3700 Mönche. Wie mögen sie nur alle Platz gefunden +haben auf der kleinen Insel, die nur etwa tausend +Schritte lang und vierhundert Schritte breit ist! Dieses rasche +Aufblühen des Klosters trug die Keime des Verfalles auch in +sich; die asketische Lebensweise schwand immer mehr. – Zur +Zeit, da der heilige Caesarius dem Kloster als Mönch angehörte, +waren die Ordensregeln äußerst streng. Jeder Mönch bewohnte +getrennt seine Zelle: es gab weder ein Schlafgemach noch eine +Küche. St. Caesarius ernährte sich von Kräutern und von +Brühen, die er sich am Sonntag für den Bedarf der ganzen +Woche kochte. Das änderte sich später, und schon zu Ende des +siebenten Jahrhunderts mußten, wie der Abt Disdier erzählt, +die Päpste eingreifen, um der Zügellosigkeit der Sitten unter +den Mönchen zu steuern. – Der heilige Aigulf, hieher gesandt, +um strenge Zucht im Kloster einzuführen und die Mönche zu +besserem Lebenswandel zu bekehren, wurde von ihnen verstümmelt +und Seeräubern übergeben. – Dann aber kamen die Saracenen. +Sie plünderten im Jahre 732 das Kloster und mordeten alle +seine Bewohner. Nur St. Eleutherius blieb am Leben, verborgen +in einem unzugänglichen Felsenspalt, in dem er acht +Tage lang von Wurzeln und Seethieren sich nährte. Das +Kloster blühte noch mehrfach auf, doch die alte Sicherheit und +Ruhe waren von der Insel geschwunden, so daß der Abt Adalbert +im Jahre 1073 einen starken viereckigen Thurm erbauen ließ, +der vom Strande aus gegen Afrika schaut und dauernd das +Meer überwachte. Der Thurm war geräumig genug, um alle +Mönche aufzunehmen; sie konnten die Klosterschätze darin bergen, +<pb n='198'/><anchor id='Pg198'/> +dort auch sich wirksam gegen die alten Feinde, Seeräuber und +Saracenen, vertheidigen. So kam es, daß das Kloster nicht +nur fortbestehen, sondern auch glänzende Zeiten erleben konnte: +es hatte noch manchen geistig hochstehenden Abt aufzuweisen. +Im sechzehnten Jahrhundert besaß es eines der reichsten +Sanctuarien, und seine Bibliothek war weit berühmt. Im +siebzehnten Jahrhundert, unter dem Pontificat Gregor XV. begann +es endgültig zu verfallen. Als es im Jahre 1788 säcularisirt +wurde, zählte es nur noch vier Mönche. Man vertheilte +die Klosterschätze an die Kirchen der benachbarten Regionen. +Viele Kostbarkeiten verschwanden während der französischen Revolution, +so ein silberner Reliquienschrein, der die Ueberreste +des heiligen Honoratus enthielt und nach Cannes gekommen +war. Dieser kunstvoll gearbeitete Reliquienschrein stammte von +Franz I., der nach der Schlacht von Pavia als Gefangener die +Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1525 im Kloster zugebracht +hatte. Im Jahre 1791 wurde das Kloster versteigert und ging, +eigen genug, in den Besitz einer Schauspielerin über. Es war +das Fräulein Alziary de Roquefort, die unter dem Namen +Sainval an der +<name lang='fr' rend='antiqua'>Comédie française</name> +glänzende Triumphe gefeiert +hatte. +</p> + +<p> +Die Insel St. Marguerite hieß bei den Römern Lero. +Strabon erzählt, daß ein Heroentempel diese Insel schmückte +und daß die Ligurischen Piraten dort Opfer darbrachten. Den +Namen St. Marguerite, den jetzt die Insel führt, sucht eine +Sage mit dem Namen der Schwester des heiligen Honoratus zu +verknüpfen. Von Sehnsucht getrieben, so wird erzählt, kam +Margarethe nach Lerina und fiel dem Bruder zu Füßen. Die +Ordensregel schloß die Anwesenheit von Frauen auf Lerina aus. +Daher St. Honoratus die Schwester nach der Insel Lero brachte, +wo sie verblieb und Aebtissin wurde. Margarethe nahm unter +einem blühenden Kirschbaum von dem Bruder Abschied, und er +mußte ihr versprechen, daß er sie besuchen würde, so oft +dieser Kirschbaum blühe. Die Heilige erwirkte dann durch ihr +<pb n='199'/><anchor id='Pg199'/> +Gebet, daß der Kirschbaum allmonatlich in Blüthenschmuck +prangte. +</p> + +<p> +Jetzt gibt es wieder Mönche im Kloster St. Honorat. Das +Bisthum von Fréjus hat das Kloster im Jahre 1859 erworben, +und zehn Jahre später zogen die Cistercienser hierher. Im +weißen Gewande, mit schwarzer Kapuze, schwarzem Gurt und +Scapulier schreiten sie in dem Kloster einher. Frauen ist der +Zutritt untersagt, doch viel verlieren sie nicht durch dieses Verbot, +denn von den älteren Theilen des Klosters blieb fast nichts +erhalten, und die Kirche in demselben ist ganz neuen Ursprungs. +Weit höheres Interesse beansprucht das außerhalb des Klosters +am Meeresstrande aufgebaute, auch den Frauen zugängliche +Kastell. Ein mächtiger Bau aus Quadersteinen, der den Angriffen +der Zeit getrotzt hat. Nur von wenigen Fenstern nach +außen durchbrochen, mit Zinnen besetzt, trägt es deutlich seine +einstige Bestimmung zur Schau. Besonders stimmungsvoll hebt +sich dieses dunkle Kastell von dem blauen Hintergrund des Meeres +ab, wenn es aus einiger Entfernung betrachtet wird, und dunkelgrüne, +über den Strand geneigte Kiefern dasselbe umrahmen. +Im Innern birgt das Kastell alle jene Räume, die zu einem +längeren Aufenthalt der Mönche nothwendig waren: zahlreiche +Zellen und ein Refectorium, eine Capelle und eine Bibliothek, +vor allem auch eine Cisterne. Diese Cisterne, ganz alter Construction, +nimmt die Mitte des offenen Hofes ein; Säulengänge, +in mehreren Stockwerken, steigen im Umkreis auf. Eingestürzte +Gewölbe, halbverschüttete Räume, verborgene Treppen, die in +unterirdische Räume führen, folgen aufeinander und durchschneiden +sich in sinnverwirrender Weise. Die Burg ist Kloster und Festung +zugleich, so recht ein Product jener Zeit, wo das Kreuz und das +Schwert oft von derselben Hand geführt wurden, einer leidenschaftlich +erregten Zeit, stark und starr in ihrer Ueberzeugungskraft, +der es an schöpferischer That und eigenartiger Poesie +nicht fehlte. Auf einer Wendeltreppe besteigt man den Thurm, +von dem aus sich eine herrliche Aussicht entfaltet. Man sieht +<pb n='200'/><anchor id='Pg200'/> +hinab auf die Lerinischen Inseln, die wie grüne Flöße auf dem +Meere schwimmen, und überblickt die ganze weite Küste von +St. Tropez bis zu den Bergen von Bordighera. Die Insel +St. Honorat ist viel kleiner als ihre Schwester; daß der heilige +Honoratus sie dessenungeachtet zur Anlage seines Klosters erwählte, +war durch die Quelle bedingt, die sie birgt. +</p> + +<p> +Zerklüftete Felsen ragen in der Nähe des Kastells aus dem +Meer hervor. Sie heißen die Mönche und bilden einen natürlichen +Schutz für die Insel. An ihnen bricht sich die Macht der +Wellen, wenn der Südsturm das Meer gegen die Insel treibt. +Einige Capellen schmücken den Strand, Ueberreste aus alter Zeit; +Marmorfragmente von Säulen und Capitälen sind zwischen +Myrten und Lentisken aufzufinden und mahnen an frühere +Pracht. Fünfzehn Jahrhunderte lang beherrschten die Mönche +diese Inseln sowie auch das gegenüberliegende Festland, jetzt gilt +ihre Fürsorge vor allem einem Waisenhaus, das in dem Kloster +errichtet wurde und in welchem die Knaben verschiedene Gewerbe +erlernen. In diesem Waisenhause befindet sich auch eine +Druckerei, in welcher alte kirchliche Werke neu edirt werden. +So hat die Druckerei von Lerin dem Papst Leo XIII. zu seinem +Jubiläum ein reich verziertes Werk überreicht, welches das +Magnificat in »hundertfünfzig« Sprachen enthielt. +</p> + +<p> +Oestlich von der Insel St. Honorat liegt die kleine Felseninsel +St. Féréol. Während die beiden größeren Lerinischen +Inseln durch Legende und Geschichte wie mit einem Heiligenschein +umgeben werden, bildete sich eine seltsame, fast dämonische Mythe +um St. Féréol aus. Es hieß, und heißt noch vielfach, daß auf +St. Féréol das Grab von Paganini sich befunden habe. Diese +Angabe ist in französischen Werken verbreitet. Sie führen an, +Paganini sei in Nizza, im Mai 1840, an der Cholera verschieden; +sein Sohn Achille habe die Leiche auf einem Schiffe +nach Genua geführt, um den Vater an dessen Geburtsorte zu +bestatten. Die Geistlichkeit verweigerte aber das Begräbniß dem +Manne, von dem es hieß, er habe sich dem Satan verschrieben. +<pb n='201'/><anchor id='Pg201'/> +Auch das Municipio ließ die Ausschiffung des Körpers wegen +Choleragefahr nicht zu. So versuchte der Sohn in Marseille +zu landen, doch wieder ohne Erfolg. Als er auch in Cannes +abgewiesen wurde, entschloß er sich, den Sarg des Nachts auf +die kleine unbewohnte Insel zu bringen und dort, von Stürmen +oft umbraust, hat der Todte fünf Jahre lang gelegen. Erst im +Mai 1845 kehrte der Sohn wieder, nachdem es ihm gestattet worden +war, den Vater zu begraben an der Kirche von Gajona bei +Parma, unfern der Villa, die Paganini dort erworben hatte. +Diese Erzählung kam mir schon einmal in den Sinn, als ich in +dem herrlichen +<name lang='it' rend='antiqua'>Pallazzo Doria Tursi</name>, +dem jetzigen <name lang='it' rend='antiqua'>Palazzo del +Municipio</name> in Genua, die Geige Paganinis sah. Das war in +den Tagen der Columbianischen Feste, wo die Mitglieder der +wissenschaftlichen Congresse im Municipio durch den Sindaco +empfangen wurden. Die Geige, +<corr sic='ein'>eine</corr> Guarneri, der einst Paganini +dämonische Töne zu entlocken gewußt, bewahrt man wie +eine Reliquie in einem kostbaren Schrein; man hatte sie zu dem +Feste mit seidenen Bändern in den italienischen Farben geschmückt. +Daran dachte ich jetzt, da ich die kleine Insel St. Féréol vor +mir im Meere liegen sah. Die heitere Landschaft stimmte freilich +nicht zu dem unheimlichen Geiste Paganinis. Wohl aber konnte +es ihm behagen auf jenem einsamen Riff, wenn die entfesselten +Elemente die brandenden Wogen über die Felsen trieben und der +Wind klagend über der Meeresfläche pfiff. Da war es die +Natur, welche Schaudergeschichten auf ihrer <name>G</name>-Saite spielt, so +wie er sie einst auf jener Saite seinen erregten Zuhörern zu erzählen +wußte. Ja, das Grab Paganinis paßt sicherlich besser +in die wilde Brandung, als auf einen stillen Friedhof, das ist +völlig klar! – Wie schade, daß die Geschichte nur erdichtet ist! +– In Wirklichkeit starb Paganini in der +<name lang='it' rend='antiqua'>Via Santa Reparata</name> +zu Nizza an der Kehlkopfschwindsucht und nicht an der Cholera. +Er hatte lange zuvor schon, in Folge seines Leidens, die Stimme +eingebüßt. Da er die Sterbesacramente nicht empfangen hatte, +verweigerte die Geistlichkeit seine kirchliche Bestattung, und diese +<pb n='202'/><anchor id='Pg202'/> +konnte erst einige Jahre später erfolgen. Der Sohn Paganinis, +der heute noch in Parma lebt, theilt mir mit, daß sein Vater +dort auf dem großen Friedhof +<name rend='antiqua'>della Villetta</name>, nachdem er, auch +im Tode unstät, erst nach Villa-Franca, dann nach Genua gewandert, +seit 1876 seine endliche Ruhe gefunden und er – der +Sohn – ihm auf seinem Grabe ein würdiges Denkmal habe +errichten lassen, für welches in Genua kein geeigneter Platz gewesen +sei. Ueber Paganinis Leben hatten sich die merkwürdigsten +Mythen ausgebildet, die durch sein ungewöhnliches Aussehen, +seine fast gespensterhafte Magerkeit und sein blasses Gesicht, auf +welchem, wie Heine schreibt, Kummer, Genie und Hölle ihre +unverwüstlichen Zeichen eingegraben hatten, gefördert wurden. +Paganini trug übrigens durch sein excentrisches Benehmen selber +nicht wenig zur Verbreitung dieser Mythen bei. Nur einmal, in +Paris, fühlte er sich veranlaßt, den Fabeln, die in den Zeitungen +über ihn berichtet wurden, entgegenzutreten. In einem Briefe, +den er in der »<title>Revue musicale</title>« veröffentlichen ließ, schilderte +er selbst sein Leben und führte dort den Nachweis, daß er weder +seine Geliebte ermordet noch im Gefängniß gesessen, noch sich +dem Teufel verschrieben habe. Er schloß mit der Hoffnung, +man werde wohl seiner Asche einst die verdiente Ruhe gönnen. +Doch auch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen! Selbst eine +Marmorbüste, die man Paganini in der +<name lang='it' rend='antiqua'>Villetta di Negro</name> zu +Genua geweiht hatte, verschwand spurlos von jener Stätte. +</p> + +<p> +Wir kehrten nach der Insel St. Marguerite zurück und verweilten +dort bis zum Untergang der Sonne. Strahlend verschwand +der feurige Ball hinter dem Esterelgebirge. An den hohen Bergen +im Norden trieben sich langgedehnte Nebelstreifen umher. Sie +deckten die Einschnitte der Thäler, stiegen dann empor bis zum +Schnee der Alpen, wurden violett und rosenroth und schwanden +spurlos. Scharf zeichneten sich jetzt die riesigen Gipfel in langer +Kette an dem blauen Himmel. Bald rötheten sie sich auch, erglühten +in Purpur, erloschen allmälig und wurden dann leichenblaß. +Des Tages Gluth lastete noch auf dem Meere; seine +<pb n='203'/><anchor id='Pg203'/> +glatte Oberfläche zeigte jene matten Reflexe, wie sie alten venetianischen +Spiegeln eigen sind: dann begann sie die Farbe zu +wechseln und schillerte wie Opal. Der Purpur, der von den +Bergen schwand, legte sich über den Abendhimmel und überfluthete +bald auch das Meer. Geheimnißvoll klagend schlugen +seine scharlachrothen Wellen jetzt an die Felsen des Ufers. Der +Himmel über den Alpen nahm fahlgrüne Färbung an, und dann +wurde es dunkel. Ungezählte Sterne tauchten am Himmel auf, +und ungezählte Lichter entflammten längs der Küste. Wir bestiegen +jetzt wieder die Barke und glitten still über der +Wasserfläche. Eine erfrischende Luft umfloß unseren Körper, +drang in unsere Lungen ein und erweckte jenes Gefühl inneren +Wohlbehagens, dem man so gern sich hingibt. Wir wechselten +kaum ein Wort und brachen erst unser Schweigen, als wir an +der Croisette gelandet waren. +</p> + +<p rend='text-align:center'>V.</p> + +<p> +Cannes stand unter der Herrschaft der Aebte von Lerin. +Sie hatten dasselbe im zehnten Jahrhundert von Wilhelm +von Gruetta, einem Sohne von Redouard, Grafen von Antibes, +erhalten. Im Jahre 1080 begann der Abt Adalbert die Burg +auf dem Hügel, der jetzt die Altstadt trägt, dem heutigen Mont +Chevalier, zu erbauen. Im Kloster von Lerin wurden die geistigen +Güter vor Allem gepflegt, daher wohl seine Herrschaft mild +gewesen ist. Das beeinflußte die Sitten und Bräuche der Uferbewohner. +Während jenseits des Esterels, wo rohe Burgherren +herrschten, die Volksbelustigungen in Scheinkämpfen, den sogenannten +»<name rend='antiqua'>bravades</name>« bestanden, waren es in Cannes, Vallauris +und Antibes die +»<name rend='antiqua'>romérages</name>«, das heißt Tänze und ähnliche +Spiele, welche die Feste belebten. Bis auf den heutigen Tag +haben sich die +<name rend='antiqua'>bravades</name> in St. Tropez, +die <name rend='antiqua'>romérages</name> in +Vallauris erhalten. Wachtthürme längs der Küste waren zum +Schutz gegen die Saracenen aufgerichtet. Feuerzeichen des Nachts, +weiße Fahnen am Tage, warnten, von den Lerinischen Inseln +<pb n='204'/><anchor id='Pg204'/> +aus, die Uferbewohner vor den nahenden Feinden. Cannes +führte, gedeckt durch das Kloster, dem die Angriffe der Feinde +stets vor Allem galten, ein ziemlich ruhiges Dasein, und hatte +erst während der Kämpfe Franz I. mit Karl V. schwere Verluste +zu tragen. Im Jahre 1580 wurde durch ein Schiff aus +dem Orient die schwarze Pest nach Cannes eingeschleppt und +verbreitete sich dann über die ganze Provence. Dann gab es +noch manches Ungemach im Laufe der Zeiten, so im siebzehnten +Jahrhundert, als die Lerinischen Inseln zeitweise in spanische +Gewalt geriethen, dann im achtzehnten während der Invasion +der Provençe durch österreichische und piemontesische Truppen, +besonders aber im österreichischen Erbfolgekriege, während des +mißglückten Angriffs der Oesterreicher auf die Provence. – +Uebrigens fehlte es auch nicht ganz an komischer Tragik in der +Geschichte von Cannes. So berichten die Stadtarchive von einem +wilden Thiere, das 1785 das Land und die Stadt mit Schrecken +erfüllte. Kein Bewohner der Stadt wagte sich mehr ins Freie. +Schließlich wurde eine Schar muthiger Männer bewaffnet, und +es gelang ihnen auch an der Grenze der Gemeinde das Thier +zu erlegen. Ein solches Thier hatte noch Niemand gesehen; man +wußte es nicht zu benennen. Ein heftiger Streit entspann sich +nun um das Fell, zwischen den Gemeinden von Cannes, Grasse +und Mougin, an deren gemeinsamen Grenzen das Thier gefallen +war; es drohte ein ernster Conflict, glücklicher Weise machte +der Marquis de Caraman, commandirender General der Provence, +demselben ein Ende, indem er das Fell für sich nahm. +Nunmehr wurde festgestellt, daß dieses Fell von einer Hyäne +stamme; wie jenes Thier sich nach Cannes verirrt hat, ist unaufgeklärt +geblieben. +</p> + +<p> +Am Ende des vorigen Jahrhunderts war Cannes zu einer +ganz unbedeutenden Ortschaft herabgesunken. Als Horace Benedict +de Saussure sie 1787 besuchte, fand er nur ein paar +Straßen vor, die fast ausschließlich von Matrosen und Fischern +bewohnt waren. Die Schönheit der Lage fiel ihm auf: +<pb n='205'/><anchor id='Pg205'/> +»<q lang='fr' rend='antiqua'>C'est +un site vraiment délicieux</q>« rief er auf dem Hügel von +St. Cassien aus, als er den blauen Golf und die grünen Inseln +vor sich liegen sah, dann über das üppige Thal der Siagne, +gegen Grasse und die grauen Kalkalpen schaute. Auch die Hôtels +in Cannes waren damals einfacher als jetzt, dessen ungeachtet +es dem Erlanger Professor Heinrich Schubert im Jahre 1822 +in einem derselben sehr behagte. Er und »die gute Hausfrau« +waren zu Fuß über das Esterel acht Stunden lang bis nach +Cannes gewandert und kamen dort recht ermüdet in den heißen +Mittagsstunden an. Darauf hin schreibt Schubert: »Wohler +und erquicklicher zu Muthe ist es wohl der guten Hausfrau, +auf dieser ganzen Reise, bei keinem anderen Mittagessen und in +keinem anderen Wirthshause gewesen, als in dem bürgerlichen, +für uns daher sehr passenden Wirthshause zu Cannes. Es war +das Häuslein gleich eins der ersten in der Häuserreihe am +Meeresstrande hin. Zwar zu der oberen Etage, welche fast nur +aus dem Zimmer bestand, in welchem wir aßen, führte keine +Marmorstiege, sondern eine hölzerne Treppe von außen empor, +es stieg sich aber eben so schnell daran hinauf, als auf einer +steinernen; der Balcon, an dessen geöffnete Thür wir uns hinsetzten, +hatte zwar weder eiserne noch bronzene Umzäunung, sondern +nur bretterne, die Aussicht von ihm hinaus auf das unter +uns brandende Meer war aber eben so weit und lieblich als +von einem steinernen.« »Junge Hühnlein, seit wenigen Tagen +erst aus dem Ei gekrochen, die mit ihrer Alten da im Speisesaal +und auf dem Balcon herumliefen, pickten die Krümlein von +Weißbrod zusammen, die ihnen die Hausfrau auf den Boden +streute.« Dann aber, nachdem wir uns an einem trefflichen +Mahl gesättigt und ausgeruht, »verließen wir – Strickbeutel +und Pflanzenmappe unter dem Arme – unseren Balcon mit der +lieblichen Meeresaussicht und die gutmüthigen, billigen Wirthsleute +und zogen unter den schattigen Bäumen der Allee, neben +dem anbrandenden Meere hinaus auf die Straße nach Antibes.« +</p> + +<p> +Da war es in der That anders in Cannes als jetzt! +<pb n='206'/><anchor id='Pg206'/> +Den Anfang zu seiner jetzigen Größe verdankt Cannes einem +Zufall. Im Jahre 1834, als die Cholera im ganzen Norden +von Europa herrschte, sperrte sich Italien gegen dieselbe durch +einen Grenzcordon ab. Reisende, die aus Frankreich an diese +Küste kamen, mußten mehrere Tage in dem seuchenfreien Cannes +verweilen, bevor sie die Grenze am Var überschreiten durften. +Unter den Reisenden befand sich auch Lord Brougham, der das +Amt eines Lord-Kanzlers von England vor Kurzem niedergelegt +hatte und durch den Tod seiner geliebten Tochter tief gebeugt, +nach Italien eilte. Ihm gefiel dieser Ort, an dem er nun unfreiwillig +verweilen mußte, so sehr, daß er sich entschloß, an demselben +zu bleiben. Er ließ sich in Cannes nieder und erbaute +auf seiner Besitzung das Schloß Eleonore Louise, das den Namen +seiner Tochter trägt. Seinem Beispiel folgten zahlreiche seiner +Landsleute, und die vornehme englische Gesellschaft zog sich allmälig +von Nizza nach Cannes zurück. Ihr folgte die französische +Aristokratie, und allmälig wuchs Cannes zu einem der vornehmsten +Kurorte der Riviera an. +</p> + +<p rend='text-align:center'>VI.</p> + +<p> +Den Bewohnern des westlichen Cannes können die Ausflüge +auf den Höhen der Croix-des-Gardes diejenigen von »La Maure« +zum Theil ersetzen. Die Aussichten sind ähnlich, doch gilt es +meist so viel Staub zu schlucken, ehe man sie erreicht! Die +Abhänge dieses 150 Meter hohen Hügels sind mit den ältesten +Villen des neuen Cannes bedeckt; da lehnt sich auch jener +Château d'Eleonore Louise an, der den Grund zu dem modernen +Kurort legte. – Man darf es auch nicht unterlassen, den +Garten der Villa Larochefoucauld zu besuchen, dessen Zutritt +Fremden stets gestattet wird. Man erreicht ihn bald auf der +Straße von Fréjus. Die Ausblicke auf das nahe Esterel +zwischen den Palmen, Pinien und sonstigen üppigen Gewächsen +des Gartens sind zum Theil von hoher malerischer Wirkung. +</p> +<pb n='207'/><anchor id='Pg207'/> +<p> +Ueber alle möglichen, wenn auch nicht immer empfehlenswerthen +Ausflüge an den Kurorten der Riviera orientiren jetzt +vollständiger wie zuvor die in allerletzter Zeit erschienenen +»<title rend='antiqua'>Guides Joanne</title>«. +Es gibt jetzt solche »Führer« für Cannes, +für Nizza, Mentone, ja selbst für das Esterel, und sie sind einzeln +für 50 Centimes oder einen Franc zu haben. Leider sind +aber auch in diesen Führern die Angaben über die Wege, die +man bei den einzelnen Ausflügen einzuschlagen hat, so mangelhaft +und die beigefügten Karten so unvollkommen, daß man +sich nur selten zurechtfinden kann. +</p> + +<p> +Ich plante noch einen Ausflug nach dem Cap d'Antibes +und stand mit Tagesanbruch auf, um möglichst viel Zeit vor +mir zu haben. Ich trat ans Fenster und öffnete die Läden: +Der Himmel war mit Wolken ganz bedeckt. Hinter denselben +im Osten mußte die Sonne soeben aufgegangen sein. Unentschlossen +blieb ich am Fenster stehen. Wird es der Sonne gelingen, +die Wolken zu zerstreuen? Leuchtende Stellen tauchten +in der Wolkenmasse nach einiger Zeit auf und erweckten freudige +Hoffnung. Bald schwanden sie aber wieder, und beklommen +blickte ich empor, gedrückt von dem Gefühl, daß es so trüb und +traurig den ganzen Tag über bleiben könne. Doch wieder +lichten sich hier und dort die Wolken, sie wogen in schweren +Massen wie ein bewegtes Meer; plötzlich zerreißen sie an mehreren +Stellen, und aus glühendem Rahmen blickt dort der leuchtende +Himmel hervor. Es ist, als wäre in den Höhen eine Feuersbrunst +ausgebrochen, und als drängen lange Feuerstrahlen aus +den Oeffnungen der Wolken hervor, um die See und das +Land zu entzünden. Jetzt sind es Stellen im Meer, welche in +Flammen aufgehen, dann leuchten die Lerinischen Inseln im +rosigen Lichte auf dunkler Woge, dann wieder entzünden sich +die Gipfel des Esterel, dann das alte Cannes. Allmälig +erblassen die Wolken, sie weichen vor der siegreichen Sonne; sie +lösen sich auf im goldigen Nebel und schwinden. Der ganze +Himmel erstrahlt in glänzendem Licht. +</p> +<pb n='208'/><anchor id='Pg208'/> +<p> +Wir folgen der Straße von Antibes, von Licht überfluthet. +Solche Lichtfülle stimmt den Menschen freudig, erweckt neue +Hoffnungen und trägt so sicherlich nicht wenig zur Heilung der +hier weilenden Kranken bei. Es ist das der suggestive Einfluß +des Sonnenlichtes; andererseits kommen demselben thatsächlich +auch antiseptische Wirkungen zu. Intensives Sonnenlicht tödtet +die Keime jener niederen Organismen, welche Fäulniß und Zersetzung +bewirken. Entsprechende Versuche haben gelehrt, daß +eine Aussaat von Bacterien durch Licht sterilisirt werden kann. +Setzt man eine solche Aussaat dem Sonnenlichte aus, hält eine +andere im Schatten, so werden die Keime der ersteren getödtet +und die der letzteren entwickeln sich weiter. Intensives Sonnenlicht +sterilisirt demgemäß auch die Wäsche und die Kleider von +Kranken. Es sterilisirt auch Seen und Flüsse, falls ihr Wasser +nicht zu trüb ist und den Lichtstrahlen das Eindringen nicht +verwährt. Die in der Luft schwebenden Keime werden meist +von dem Sonnenlicht getödtet. Mit Recht sagt somit ein italienisches +Sprüchwort: +»<q lang='it' rend='antiqua'>Dove non entra il sole, entra il medico.</q>« +Wäre jenes Sprüchwort nicht begründet, da müßten unausstehliche +Miasmen manches südliche Land erfüllen und Infectionskrankheiten +ununterbrochen es verheeren. Wie wenig geschieht da +meist für die Desinfection. Die moderne Hygiene ist ein Kind +nordischer Himmelsstriche, und die peinlichsten Ansprüche an +Reinlichkeit und Comfort sind in Ländern erwachsen, in welchen +der Nebel meist das Sonnenlicht verhüllt. Während wir unsere +Wohnräume nach Möglichkeit säubern, für Desinfection allerorts +sorgen, öffnet der Südländer weit seine Fenster und läßt sein +ganzes Haus vom Sonnenlicht durchstrahlen. Dazu ist aber +dauernd klarer Himmel nöthig. – Bacterienkeime, die vom +intensiven Sonnenlichte getroffen werden, halten die Wirkung +desselben nur kurze Zeit aus. Die Keime des +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Bacillus anthracis</name>, +jenes gefährlichen Bacteriums, das den Milzbrand bei Schafen +und Rindern veranlaßt, sind dann schon todt nach wenigen Stunden. +Ein englischer Botaniker, Marshall Ward, hatte den Einfall, +<pb n='209'/><anchor id='Pg209'/> +diese Wirkung des Lichtes auf Bacterienkeime gewissermaßen +photographisch zu veranschaulichen. Er breitete Gelatine, die +mit Bacterienkeimen versetzt war, auf einer Glastafel aus, stellte +vor dieselbe eine durchbrochene Zinnplatte und ließ letztere vom +Sonnenlicht bescheinen. Nach wenigen Stunden wurde die +Glastafel in einen dunklen, warmen Raum gelegt und dort +längere Zeit gelassen. Ueberall da, wo das Sonnenlicht durch +die Oeffnungen der Zinnplatte die Gelatine erreicht hatte, blieb +letztere klar, weil die Keime in derselben getödtet waren, sie +trübte sich an den übrigen Stellen, weil die Keime dort unversehrt +blieben und sich zu trüben Bacterienmassen vermehrten. +So war das in die Zinnplatte geschnittene Bild deutlich auf +der Gelatineplatte zu erkennen. Selbst die Negative gewöhnlicher +Photographien konnten benutzt werden, um positive Bacterienbilder +zu erhalten, wenn mit besonders empfindlichen Keimen +operirt wurde. Ein purpurfarbiges Bacterium der Themse +lieferte so hinter den Glas-Negativen englischer Landschaften +zwar nicht scharfe, aber doch kenntliche Bilder derselben. +</p> + +<p> +Die ganze Straße von Antibes war jetzt blendend hell von +Licht, von jenem grellen Licht, in welches alle Dinge tauchen, +wenn die Sonne hoch am Himmel steht. Auf der kreideweißen +Straße wurden die Schatten immer kürzer und dunkler, die +Halbschatten nahmen blaue Töne an. Die Palmengruppen in +den Gärten glänzten so stark, daß sie fast wie fabelhafte Decorationen +zu einem Zauberstück erschienen. Es war Fest der +Sonne überall in der Natur, und diese festliche fröhliche Stimmung +theilte sich uns auch mit. – Wenig Orte in Europa gibt es, +die über eine gleich große Lichtfülle verfügen. An dieser goldigen +Küste darf sich das Mittelmeer rühmen, Spiegel der Sonne zu +sein. An Klarheit der Luft können mit der Gegend um Nizza +sich nur Valencia und Alicante messen. Während von dem +Eifelthurm in Paris die Aussicht im günstigsten Falle bis auf +hundert Kilometer reicht, zeigt hier nicht selten Corsica dem +erstaunten Auge seine zackigen Gipfel, die um mehr als 200 Kilometer +<pb n='210'/><anchor id='Pg210'/> +von dieser Küste entfernt sind. Daher mit vollem Recht +der Mont Gros bei Nizza zum Bau eines astronomischen +Observatoriums gewählt wurde. Auch regnet es in Nizza durchschnittlich +im Jahre nur an 67 Tagen. Der Regen dauert +nicht lange, ist dafür oft so heftig, wie in den Tropen. Auch +in diesem Frühjahr hatten wir während unseres fünfwöchentlichen +Aufenthalts, von Mitte März bis zur zweiten Hälfte des +April, nur drei Tage mit anhaltendem Regen hier zu verzeichnen. +Wir waren thatsächlich die ganze Zeit über wie in ein Lichtbad +getaucht. +</p> + +<p> +Die Straße führte uns an dem Orte Golfe Jouan vorbei +nach Jouan les Pins. Nun folgten wir unter Pinien im weiten +Bogen dem Meeresstrande. Unser Blick verlor sich im endlosen +Meer oder er ruhte auf dem Esterel und den Lerinischen Inseln. +Es waren das die alten, liebgewonnenen Bilder in immer neuer +Umrahmung. Bald begrüßten wir das Cap und traten in den +Garten des Caphôtels ein. Da ist Alles noch so wie es war, +derselbe üppige Pflanzenwuchs, derselbe Duft der Maquis. Doch +fremdartig blicken uns merkwürdige Bauten von der äußersten +Spitze der Landzunge an. Haben die Saracenen wieder das +Land erobert und sich am Cap niedergelassen? Das sind doch +maurische Bauten, die sich dort erheben, eine Moschee, die mit +ihrer schlanken Kuppel in die Lüfte ragt! Eine Mauer sperrt die +Spitze des Caps vom Hôtelgarten ab, doch glücklicherweise ist sie +schon durchbrochen und nichts hindert uns, weiter vorzudringen. +</p> + +<p> +Es war nicht ein Saracene, sondern ein Pariser, der diese +Bauten errichten ließ. Er starb ohne das Ende seiner Werke +zu sehen. Sein Wunsch, hier begraben zu werden, konnte nicht +in Erfüllung gehen. Die französische Regierung verbot die Bestattung +am Cap; die Familie gab daher die Besitzung auf. +</p> + +<p> +So wird denn dieses Stück Orient hier wieder verschwinden, +vielleicht Ruinen bilden, die man dermalen als saracenische +deuten wird. Der Fischer aber, dem ein Stück Strand nach +dem andern entzogen wird, hat vom Cap wieder Besitz ergriffen. +<pb n='211'/><anchor id='Pg211'/> +Mit sichtlicher Schadenfreude zerstört er die Mauer, die ihm +den Zugang zu den Felsen sperrte, auf denen er gewohnt war, +von Kind auf zu fischen. Und auch der Fremde, der das Cap +besucht, kann wieder ungehindert auf diesen zerrissenen Felsenklippen +streifen und dem geheimnißvollen Rauschen der Wogen +in den tiefen Spalten des Gesteines lauschen. +</p> + +<p rend='text-align:center'>VII.</p> + +<p> +Einige Tage später verließen wir Cannes und siedelten nach +dem Cap Martin über. Eine englische Gesellschaft hat vor +einiger Zeit dieses ganze Cap erworben und ein Hôtel auf demselben +errichtet, das zu den comfortabelsten der ganzen Riviera +gehört. Hat man es sonst zu bedauern, daß die schönsten +Punkte dieser Küste der Speculation zum Opfer fallen, so ist +dies beim Cap Martin nicht der Fall. Denn mit viel Geschick +und Geschmack verstand es die englische Gesellschaft, dem Cap +seinen ursprünglichen Charakter zu wahren und den schönen +Wald von Aleppokiefern, mit dem das Cap bedeckt ist, in einen +nicht minder schönen englischen Park zu verwandeln. Sie schonte +jeden einzelnen Baum; die Maquis am westlichen Strande hat +sie in ihrem ursprünglichen Zustand belassen, fremdartige Gewächse +nur in discretester Weise angebracht. Das Hôtel steht +auf der Höhe, am südlichen Ende des Caps, noch in den Wald +eingeschlossen, von welchem man nur so viel entfernte, als zum +Bau des Hauses durchaus nothwendig schien. Auch werden die +Grundstücke am Cap von der Gesellschaft nur unter Bedingungen +verkauft, die den neuen Besitzer zur Schonung des Waldes verpflichten. +So merkt man nicht viel von den entstehenden Villen +im Walde, und man muß auf die Höhen steigen, die das Cap +beherrschen, um sie zu entdecken. Der Strand sollte frei bleiben, +daher keines der verkauften Grundstücke bis zu demselben reicht. +Man kann vom Hôtel aus jetzt ungehindert den Wegen folgen, +die sich um das ganze Cap ziehen. An dem östlichen Ufer des +Caps läuft die Landstraße, die nach Mentone führt; sie ist +<pb n='212'/><anchor id='Pg212'/> +staubig, und sucht man sie daher nach Möglichkeit auf den +Spaziergängen zu meiden. Das kann man auch, wenn man +die Straßen einschlägt, die im Walde, am Rücken des Caps, +verlaufen. Besonders anziehend und von Staub ganz frei ist +aber der Fußweg, der in westlicher Richtung am Cap sich hinzieht. +Er folgt auf langer Strecke zwischen Kiefern und würzigen +Sträuchern dem Strande. Er ist so schön, bietet so mannigfaltige +Ausblicke, daß man nicht müde wird, auf ihm zu wandern. +Der Weg steigt auf und ab, immer in unmittelbarer Nähe des +Meeres, dicht über zerrissene Felsenmassen. Myrten, Pistacien, +Rosmarin umranden ihn, häufig wächst da außerdem der immergrüne +Wegedorn mit dunklen Beeren, der +<name type="taxonomic" rend="antiqua">Rhamnus alaternus</name>, +auch das interessante +<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cneorum tricoccum</name> +mit kleinen gelben +Blüthen, das uns schon aus den Maquis von Antibes bekannt +ist, und die würzige Weinraute +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ruta bracteosa</name>), +die um diese +Zeit schon ihre gelbgrünen Blüthendolden entfaltet. Bei jeder +Windung des Weges ragen neue Felsen aus dem Meer hervor, +immer anders geformt, in unerschöpflichem Wechsel. Ueberall +die anbrausenden Wogen mit ihrem Silberrand, hier von tiefem +Blau, dort von hellem Grün, dort wieder in violetten Tönen; +dann plötzlich vorübereilende Fischerbarken, grell beleuchtet im +lichten Schein der Sonne. Die Ruder tauchen wie in flüssiges +Metall, und funkelnde Tropfen fallen von ihnen in das Meer +zurück. Weite Blicke öffnen sich über die Küste: hier Monte +Carlo, sanft vom Meere aufsteigend, dort Monaco auf seinem +steilen Fels, darüber, wie auf Wache, die riesige »Tête de Chien«. +Ganz in der Nähe liegt am Bergesabhang das Felsennest Roccabruna, +in Orangenhaine gehüllt, umrahmt von Cypressen und +Carouben. So läßt sich hier genußreich am frühen Morgen +wandern, da die Sonne noch im Osten steht, im Schatten der +Bäume und des steil aufsteigenden Caps; felsauf, felsab, einmal +dicht am Meere, dann über demselben, dann wieder am +Strand, wo die Welle bis zu den Füßen rollt. Doch gilt es +früh aufzubrechen, denn das Cap ist nicht rein südlich, sondern +<pb n='213'/><anchor id='Pg213'/> +südwestlich gerichtet, und bald beginnen die Strahlen der Sonne +auch den westlichen Abhang zu streifen. Da stellt sich aber der +erwünschte Schatten am östlichen Strande ein. Zwischen der +staubigen Straße und dem Meere liegt ein Felsenstreifen, auf +dem Kiefern wachsen, und wo man, von Staub nicht belästigt, +ruhen kann. Auch hier ist der Strand tief zerklüftet und bildet +einen bewegten Vordergrund für das Bild, das sich jenseits der +Bucht entfaltet. Die Kiefern neigen sich vor über die Felsen, +strecken ihre Kronen dem Meer entgegen und fassen hier das +weiße Mentone, dort die hohen Gipfel über demselben, dort +wieder La Mortola oder Bordighera ein in ihr grünes Laub. +Oft stundenlang saßen wir auf diesen Felsen, ein Buch in der +Hand, blickten auch häufig über dasselbe hinweg, hinaus in die +blaue Fluth. Zeitweise waren es auch Fischer, die unsere Aufmerksamkeit +auf sich lenkten. Sie späheten in der Nähe den +Fischen nach. Einer saß oben über dem Felsen auf einem Gestell +aus drei verbundenen Stangen und schaute unablässig in +die Tiefe. Andere lagerten in einem Boot, bereit auf ein gegebenes +Zeichen die Netze zu heben. Die Netze waren an einem +leeren, quergestellten Boote befestigt und bildeten ein Dreieck, +das an einer Seite offen stand. Erblickte der Späher Fische, +die in das Dreieck eingeschwommen waren, so zog er an einem +Seil und daß Netz schloß sich nun auch an der freigehaltenen +Seite. Rasch näherte sich daß Boot dem Ufer, schnitt den +Fischen jeden Rückweg ab; die Netze wurden emporgezogen, und +meist einige nicht eben große Fische, oft auch nur ein einziges +solches zappelndes Geschöpf erkapert. Die Geduld dieser Menschen +erweckte in mir besondere Bewunderung. Stundenlang lagen sie +da unbeweglich im Boote; den ganzen Tag über hockte der +Späher oben auf seiner Stangenpyramide, und die Zeit +wurde ihm, wie es schien, nicht lang. Was für ein Gegensatz +zu solchen Menschen wie wir, die wir uns den ganzen Tag über +hetzen und aufreiben, keine Viertelstunde unbenutzt lassen und +nun hierher kommen müssen, damit unsere Nerven sich wieder +<pb n='214'/><anchor id='Pg214'/> +etwas beruhigen. Der Mann da oben auf seiner Pyramide +erinnerte mich aber lebhaft an einen Seeadler, den ich auf +einem hohen Felsen von Antibes, an einer einsamen Stelle des +Strandes, einst sitzen sah. Auch er blickte starr in das Wasser, +blickte lange und geduldig, ohne auch nur den Kopf zu bewegen, +stürzte sich dann wie ein Pfeil hinab in die Fluth und stieg +auf in die Wolken mit einem Fisch in den Krallen. +</p> + +<p> +Das Hôtel am Cap Martin ragt über die Bäume des +Waldes empor. Südwärts eröffnet es die Aussicht auf das +weite Meer. Nordwärts gestattet es, über den gewölbten Kuppeln +des Waldes, der ganzen Bergkette zu folgen, welche diese Küste +schützt. Da reihen sie sich an einander diese gewaltigen Berge +vom Mont Agel im Osten, bis zum Berceau im Westen; die +mächtigsten Kalkriesen liegen in der Mitte und schneiden mit +scharfem Grat in den blauen Himmel ein. Jeden Abend waren +unsere Blicke auf sie gerichtet, wenn die schwindende Sonne ihre +Gipfel röthete, ein Gipfel nach dem andern dann langsam erlosch. +Oefters stiegen wir auch gegen Abend zum östlichen +Strande hinab, um die Beleuchtung der Küste zu schauen. +Während tiefer Schatten schon Mentone deckte, flammte im purpurnen +Lichte noch Alt-Bordighera. Ein Liebling der Sonne an +dieser goldigen Küste, empfängt es am Abend ihren letzten Gruß. +</p> + +<p> +Wenn es dann ganz dunkel war, zogen wir nochmals +ans Meer. Es galt Mentone und Monte Carlo in ihrem +Lichterschmuck zu betrachten. Monte Carlo im Besonderen sieht +dann ganz feenhaft aus. Tausende von Lichtern drängen sich +am Fuße des Berges zusammen, der einen dunklen Schatten auf +den bestirnten Himmel wirft. Ich schaute oft in dieses Bild, +und es war mir wohl, als hätte ich es lange zuvor schon gesehen. +Doch wo und wann? das wußte ich nicht mehr zu +finden. Da plötzlich, sah ich es ganz lebhaft wieder vor mir, +das alte Bild, so wie ich es mit Kinderaugen geschaut hatte. Es +war ein gemaltes Bild von Neapel in einem kleinen Panorama, +das ich am Weihnachtsabend einst bekommen hatte. Hielt ich es +<pb n='215'/><anchor id='Pg215'/> +gegen ein Licht, dann leuchteten unzählige Flammen in Neapel +auf und erregten meine kindliche Phantasie. Es waren Nadelstiche, +welche das Bild durchsetzten. Wie in jenem Bilde Camaldoli +über Neapel, so ragte hier die Tête de Chien über +Monte Carlo hervor; und wie die Lichter am Posilip, so stiegen +hier die leuchtenden Punkte am Felsen von Monaco in die Höhe. +Wie stark sind doch solche Eindrücke der Kindheit! Was hat nicht +Alles dieses geplagte Hirn seitdem in sich aufnehmen müssen, und +doch war das alte Bild nur verdeckt, nicht ausgelöscht, und tauchte +wieder auf, als ein äußerer Anstoß es zum Bewußtsein brachte. +</p> + +<p> +Dort, wo das Cap Martin die breite Küste erreicht, ist +es mit schönen alten Oelbäumen bedeckt. Da sind sie wieder +da, diese phantastisch verschnörkelten Stämme, von denen keiner +dem andern gleicht. Sie werden um so mächtiger und schöner +an dieser Küste, je weiter man sich vom Esterel entfernt. Welch +ein Unterschied zwischen den armseligen Bäumen der Rhônemündung +und jenen Riesen hier, die ihre Kronen stolz in die +Lüfte erheben. So muß man sie gesehen haben, um sie zu +würdigen und sie zu lieben; auch ist die Lichtfülle dieser sonnigen +Gegenden nöthig, damit ihr Laub nicht grau und traurig, sondern +silbern und leuchtend erscheine. Daher der Olivenwald +ein höchst stimmungsvolles Element dieser Landschaft bildet. +Da die Blätter des Oelbaumes nicht groß sind und seine Belaubung +nie dicht wird, so herrscht im Olivenwalde ein Zwielicht +von ganz eigenem Zauber. Jeder Windhauch bewegt dieses +Laub, und dann zittern die einzelnen Lichter auf den Bäumen, +sie huschen wie Leuchtkäfer über den Boden, und es belebt sich +plötzlich die Einsamkeit. +</p> + +<p> +Trotz seiner scheinbar exponirten Lage ist das Cap Martin +gegen die Nordwinde und den Mistral sehr gut gedeckt und nur +den Ostwinden preisgegeben. Daß die hohen Berge im Norden +und im Westen das Cap erfolgreich gegen Kälte schützen, hat der +letzte strenge Winter gelehrt. Es lag fast kein Schnee auf dem +Cap, während er Mentone deckte, und weder Bougainvillea noch +<pb n='216'/><anchor id='Pg216'/> +Heliotrop haben an dem Hôtel du Cap gelitten. Die Pflanzen sind +aber die sichersten Weiser für das Klima. Die Bougainvilleen +und der Heliotrop sind an den meisten Orten der Riviera im +letzten Winter erfroren oder büßten ihr Laub doch ein. Auch +die strauchartige Wolfsmilch +(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Euphorbia dendroides</name>), die überall +am westlichen Abhange des Cap Martin wächst, zeigt durch ihre +kräftige Entwickelung an, wie günstig die klimatischen Verhältnisse +hier für sie sind. Man muß nach dem südlichen Sardinien +gehen, will man noch größere Exemplare dieser Pflanze sehen. +In dem nahen Mentone zeugen für das milde Klima dieser +Region vor allem die üppigen Citronenwälder. Der Citronenbaum +kann Temperaturen unter −5° C. nicht vertragen. Seine +Früchte erfrieren schon bei −3° C. Man denke sich die Aufregung +der Leute in diesem letzten Winter, wo das Thermometer +wiederholt unter 0° sank. Der Besitzer eines größeren Citronengartens +erzählte mir, er habe in den kalten Nächten viele +Stunden am Thermometer gestanden und mit Angst auf die +Quecksilbersäule gestarrt, ob sie nicht noch weiter falle. Noch +einen halben Grad tiefer und die Einnahme des ganzen Jahres +war verloren. Thatsächlich sind an vielen Stellen bei Mentone +im letzten Winter die Citronen, nicht die Bäume, wohl aber die +Früchte erfroren. Es geschah das besonders am Ausgang der +Thäler, wo der Schutz gegen Norden unvollkommen ist. Dort +sollten Citronen überhaupt nicht gebaut werden; doch die Leute +vergessen die Vorsicht, wenn viele aufeinander folgende Winter +mild gewesen sind. Für gewöhnlich berühren ja die kalten +Nordwinde die Küste nicht, sie erreichen erst in einigen Kilometern +Entfernung das Meer, und ist es eine häufige Erscheinung, daß +das Meer dort stürmisch ist, während volle Windstille an der +Küste herrscht. – Die Orangen haben bei Mentone auch in +diesem Winter nicht gelitten. Diese Frucht kann bei bedecktem +Himmel −4° C. aushalten, und die Kälte muß längere Zeit +−6° C. betragen, damit der Baum getödtet werde. Daher bei +Cannes wohl Orangenbäume, nicht aber Citronenbäume zu sehen +<pb n='217'/><anchor id='Pg217'/> +sind, und selbst an den Orangenbäumen war bei Golfe Jouan +das Laub zum Theil erfroren. Auch der Johannisbrotbaum +ist gegen niedere Temperaturen sehr empfindlich, und zeugt somit, +wenn stattlich entwickelt, für ein mildes Klima. Schöner +und üppiger kann man ihn aber an der Riviera nicht sehen, als +auf der Strecke, die von Villefranche bis San Remo reicht. +</p> + +<p> +An schönen, sonnenklaren Tagen pflegt an der Riviera gegen +acht Uhr Morgens die Seebrise sich zu erheben. Dann wird es +meist kühler als zuvor. Nach Anbruch der Nacht fällt dann die +Luft von den Bergen ab, der Landwind stellt sich ein. Zwischen +den Zeiten der beiden Winde herrscht oft völlige Ruhe. Die +italienischen Fischer bezeichnen sie als +»<name lang='it' rend='antiqua'>bonaccia</name>«, weil sie die +wenigste Gefahr in sich birgt. – Auffällig ist es dem Fremden, +wenn gegen das Frühjahr der sonst so heiße Scirocco an der +Riviera von Schnee begleitet ist. Es geschieht das freilich selten, +kann aber erfolgen, wenn auf den hohen corsicanischen Bergen +sich große Schneemassen anhäuften. +</p> + +<p> +Auf der ganzen Strecke von Villefranche bis San Remo +sieht man fast keine laubwerfenden Bäume. Daher man hier +weit weniger an den Winter gemahnt wird, als weiter im +Süden, ja selbst in Neapel. Dort dominirt der Feigenbaum und +der Weinstock, so daß der Posilip uns einmal im März fast kahler +erschien, als das Rheinthal, das wir kurz zuvor verlassen hatten. +</p> + +<p> +Die Nächte waren jetzt vom Mondschein erhellt, und die +Berge glänzten in magischer Beleuchtung: Ein mächtiges Amphitheater, +dessen scharf gezähnte Gipfel sich wie feine Spitzenarbeit +vom Himmel abhoben, in welchem tief unten die Lichter von +Mentone funkelten. +</p> + +<p> +Dieser Vollmond sollte uns Ostern bringen. Wir gingen des +Abends an den Strand, um ihn zu erwarten. Es war ganz +dunkel auf den Felsen am Meere, einsam und still. Flach ausgebreitet +lag vor uns die weite See und schien fast zu schlafen. +Oben breitete sich das Himmelsgewölbe aus, fast schwarz, doch +besäet mit ungezählten Sternen, die sich mit silbernen Streifen +<pb n='218'/><anchor id='Pg218'/> +auch im Meere spiegelten. Es schien, als sei die Natur gespannt +auf ein Ereigniß, das da kommen sollte: so still und feierlich +war es rings umher. Kein Grashalm erzitterte. Die Kiefern +streckten aber ihre Kronen vor nach der See, als wollten sie +weit über die Fluthen hinaus in die Ferne lauschen. Die +würzigen Düfte der Maquis senkten sich langsam zur See +hinab, wohl um ihr duftigen Weihrauch zu streuen. Vielleicht war +aber nur unsere Seele von Erwartung voll, und wir trugen diese +Empfindung hinaus in die weite Welt. – Plötzlich tauchte ein +rother Streifen im Osten über dem Wasser empor. Er nahm +an Breite zu und bald warf er den ersten leuchtenden Strahl +über die schwarze Fluth: es war, als wolle er sie liebkosen. +Die Fluth erzitterte unter diesem Strahl und legte sich in +sanfte Wellen, wohl um ihn einzuwiegen. Der Mond tauchte +ganz aus dem Meere hervor, mit geröthetem Antlitz, wie verschlafen. +Quer gedehnt, mit geschwollener Backe sah er fast +lächerlich aus. Doch rasch rundete sich sein Antlitz ab, nahm +leuchtende Silberfarbe an und schüttete Licht in Fülle über die +Meereswellen aus. Und während er höher stieg, erblaßten die +Sterne. Nur die Größten vermochten ihm noch ins Antlitz zu +schauen, die anderen verloren sich in den Tiefen des Himmelsgewölbes. +Am Strand, wo sich die Wellen an den Felsen +brachen, da funkelte und blitzte es von unendlichen Lichtern, als +hätten alle die Sterne, die am Himmel schwanden, sich hier gestürzt +in die Tiefe. Ein breiter silberner Fluß zog sich vom +Strande bis an die äußersten Schranken des Meeres. Stellenweise +war er von glatten Streifen unterbrochen, die wie Opal +ihre Farbe wechselten. Vorübergehend tauchten düstere Barken +in das Mondlicht ein, wie dunkle Silhouetten auf Silbergrund. +Der Mond stieg immer höher über die Fluthen und setzte in +weitem Bogen seinen Siegeszug am Himmelsgewölbe fort. Bald +begann sein Licht auch in die tiefsten Spalten des Strandes +einzudringen und die zerrissenen Felsen traumhaft zu beleuchten. +Da sah es denn aus, als wären die schaumgekrönten Wellen +<pb n='219'/><anchor id='Pg219'/> +eines erregten Meeres versteinert stehen geblieben, oder man +meinte in einen zerklüfteten Gletscher der Alpen zu blicken; dort +zauberten schmale Felsengrotten der Phantasie einen arabischen +Friedhof vor, dort endlich eine Schar von Pilgern, die im +weißen Gewande von den waldigen Höhen gegen das Meer zu +wanderten. In allen Buchten sprüht es aber Funken, die Lichter +schwimmen an der Oberfläche oder sie sinken unter; bald verschmelzen +sie mit einander, bald trennen sie sich wieder, in endlosem +Spiel. +</p> + +<p> +In den Ostertagen rückte ein Nordsturm heran. Mit ungewohnter +Gewalt stürzte er sich auf die Felsenriesen, die Mentone +schützen und suchte ihren Widerstand zu brechen. Da entspann +sich ein gewaltiger Kampf zwischen diesen Titanen und den entfesselten +Elementen: es heulte und zischte in den Lüften. Wir sahen +den rauhen Winter über unseren Köpfen schweben, während wir uns +noch im milden Frühling befanden. Der Norden warf seinen kalten +Schnee den Felsenriesen gegen das Haupt. Sie schienen zeitweise zu +weichen. Ein kalter Luftstrom ergoß sich über das Cap. Die +aleppischen Kiefern schüttelten bedenklich ihre Häupter, die Wellen +des Meeres flohen wie entsetzt mit schäumender Mähne von dem +Lande. Bis in die Nacht hinein zitterte und bebte das Cap. +Dann wurde es still, bald leuchteten die Sterne und am nächsten +Morgen standen sie wieder da im goldigen Sonnenschein, die Riesen +über Mentone, zwar mit Schnee noch bedeckt, doch siegesbewußt, +stolz ihre Felsenhäupter zum Himmel erhebend. +</p> + +<p> +Dieser Sonnenschein sollte leider nicht dauern; das Gleichgewicht +in den Lüften war gestört. Bald zog der Ostwind +heran, und das Wetter verdarb sich. Das erleichterte uns die +Trennung von der Riviera. Dicke Regentropfen fielen vom +Himmel und tränkten die durstige Erde. Wir aber konnten von +hier in dem süßen Wahne scheiden, es weine uns dieser Himmel, +den wir so liebgewonnen, einige Thränen zum Abschied nach. +</p> +<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" /> +</div> + +<pb n='220'/><anchor id='Pg220'/> +<div rend="page-break-before: always"> +<index index="toc" /> +<index index="pdf" /> +<head>Inhaltsübersicht.</head> + +<p rend='bold'>Vorwort <ref target='Pg000-3'>VII</ref></p> +<p rend='bold'>Frühjahr 1891 <ref target='Pg001'>1</ref></p> +<p rend='indent'>Bordighera <ref target='Pg002'>2</ref></p> +<p rend='indent'>Monte Nero <ref target='Pg003'>3</ref></p> +<p rend='indent'>Sasso <ref target='Pg005'>5</ref></p> +<p rend='indent'>Oelbäume <ref target='Pg006'>6</ref></p> +<p rend='indent'>Frühlingsblumen <ref target='Pg011'>11</ref></p> +<p rend='indent'>Weinstock <ref target='Pg011'>11</ref></p> +<p rend='indent'>Palmen <ref target='Pg015'>15</ref></p> +<p rend='indent'>Gorbio <ref target='Pg023'>23</ref></p> +<p rend='indent'>Pont St. Louis <ref target='Pg026'>26</ref></p> +<p rend='indent'>Garten von La Mortola <ref target='Pg030'>30</ref></p> +<p rend='indent'>Weg nach Mentone <ref target='Pg069'>69</ref></p> +<p rend='indent'>Charakterpflanzen der italienischen Landschaft <ref target='Pg070'>70</ref></p> +<p rend='indent'>Reiz- und Genußmittel aus dem Pflanzenreich <ref target='Pg072'>72</ref></p> +<p rend='indent'>Route de la Corniche <ref target='Pg083'>83</ref></p> +<p rend='indent'>Nizza <ref target='Pg085'>85</ref></p> +<p rend='indent'>Cap d'Antibes <ref target='Pg085'>85</ref></p> +<p rend='indent'>Maquis <ref target='Pg089'>89</ref></p> +<p rend='indent'>Garten Close <ref target='Pg099'>99</ref></p> +<p rend='indent'>Seesturm am Cap <ref target='Pg099'>99</ref></p> +<p rend='indent'>Blumencultur an der Riviera <ref target='Pg101'>101</ref></p> +<p rend='indent'>Sonnenuntergang am Cap <ref target='Pg105'>105</ref></p> + +<p rend='bold'>Frühjahr 1894 <ref target='Pg107'>107</ref></p> +<p rend='indent'>Hyères <ref target='Pg107'>107</ref></p> +<p rend='indent'>Maurengebirge <ref target='Pg114'>114</ref></p> +<p rend='indent'>Korkeichen <ref target='Pg115'>115</ref></p> +<p rend='indent'>St. Tropez <ref target='Pg121'>121</ref></p> +<p rend='indent'>La Gaillarde <ref target='Pg126'>126</ref></p> +<p rend='indent'>St. Aigulf <ref target='Pg127'>127</ref></p> +<p rend='indent'>Fréjus <ref target='Pg127'>127</ref></p> +<pb n='221'/><anchor id='Pg221'/> +<p rend='indent'>St. Raphaël <ref target='Pg129'>129</ref></p> +<p rend='indent'>Esterel-Gebirge <ref target='Pg132'>132</ref></p> +<p rend='indent'>Malinfernet <ref target='Pg141'>141</ref></p> +<p rend='indent'>Abend in St. Aigulf, Le Trayas <ref target='Pg144'>144</ref></p> +<p rend='indent'>Cap Roux <ref target='Pg148'>148</ref></p> +<p rend='indent'>Pic d'Aurelle <ref target='Pg154'>154</ref></p> +<p rend='indent'>Klarheit des Seewassers <ref target='Pg157'>157</ref></p> +<p rend='indent'>Grasse <ref target='Pg158'>158</ref></p> +<p rend='indent'>Ursprung der Parfüme <ref target='Pg159'>159</ref></p> +<p rend='indent'>Gewinnung der Parfüme <ref target='Pg162'>162</ref></p> +<p rend='indent'>Wirkungen ätherischer Oele <ref target='Pg176'>176</ref></p> +<p rend='indent'>Geschichte der Parfüme <ref target='Pg177'>177</ref></p> + +<p rend='bold'>Frühjahr 1895 <ref target='Pg187'>187</ref></p> +<p rend='indent'>Cannes <ref target='Pg187'>187</ref></p> +<p rend='indent'>La Californie <ref target='Pg188'>188</ref></p> +<p rend='indent'>La Maure <ref target='Pg191'>191</ref></p> +<p rend='indent'>Lerinische Inseln <ref target='Pg193'>193</ref></p> +<p rend='indent'>Geschichte von Cannes <ref target='Pg203'>203</ref></p> +<p rend='indent'>Ausflug nach Antibes <ref target='Pg207'>207</ref></p> +<p rend='indent'>Wirkungen des Lichtes <ref target='Pg208'>208</ref></p> +<p rend='indent'>Klarheit der Luft <ref target='Pg209'>209</ref></p> +<p rend='indent'>Cap Martin <ref target='Pg211'>211</ref></p> +</div> + </body> + <back> + + <div rend="page-break-before: always"> + <index index="toc" /> + <index index="pdf" /> + <head>Anmerkungen der Korrekturleser</head> + <p>Von den Korrekturlesern des <hi>Project Gutenberg</hi> wurden + mehrere Änderungen am Originaltext vorgenommen. Es folgen paarweise + Textzeilen im Original und in der vorliegenden + geänderten Fassung.</p> + <eg> + Blättern in gleicher Weise von Lichtstahlen getroffen. + Blättern in gleicher Weise von Lichtstrahlen getroffen. + + mit Bambusfasern Matratzen gegefüllt und Möbel gepolstert. + mit Bambusfasern Matratzen gefüllt und Möbel gepolstert. + + ganz wie die Scheinbeeren unsers Wachholders verwandt. + ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt. + + Die Geige, ein Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne + Die Geige, eine Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne + </eg> + </div> + <divGen rend="page-break-before: right" type="pgfooter" /> + + </back> + </text> +</TEI.2> |
