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+ <p rend="font-size: large; text-align: left">Meiner Tochter</p>
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+ <p rend="font-size: large; text-align: right">gewidmet</p>
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+
+<head>Vorwort.</head>
+
+<p>
+Während graue Winternebel das Rheinthal füllten, schrieb
+ich diese Zeilen nieder. Welch' ein Glück, daß auch an trüben
+Tagen die Phantasie uns über die Wolken zu erheben vermag. Oft
+war es mir, als leuchte die Sonne hell in meinem Innern,
+während es draußen dunkel war. Dann sah ich vor mir die
+blaue See, an ihren Ufern die steil abfallenden Felsen und in
+weiter Ferne die hohe Alpenkette mit ihrem Diadem von Schnee.
+Sie spiegelten sich in meinem Geiste wider die leuchtenden Ufer
+des Mittelmeeres und zauberten mir goldigen Sonnenschein und
+würzigen Duft der Maquis in grauen Stunden vor. So mögen
+denn diese Zeilen auch in fremder Seele Frühlingsempfindungen
+wecken, während es draußen noch schneit und friert.
+</p>
+
+<lg>
+<l><hi rend='gesperrt'>Bonn</hi> 1895.</l>
+</lg>
+</div>
+
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+
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+<head>Frühjahr 1891.</head>
+
+<p rend="text-align: center">I.</p>
+
+<p>
+Es war Mitte März: Wir erwarteten sonniges Frühlingswetter,
+und doch regnete es an der Riviera. Unaufhörlich
+schlugen die Regentropfen gegen die Scheiben, heftig oder gelinde,
+doch ohne Ende, so daß auch die Tage endlos erschienen.
+</p>
+
+<p>
+Mißmuthig hatte man das Buch aus der Hand gelegt, die
+Unterhaltungen stockten. Bittere Klagen wurden über das Wetter
+laut. So Mancher war über die Alpen geeilt in der sicheren
+Erwartung, jenseits derselben den viel gepriesenen ewig blauen
+Himmel zu schauen; er hatte gehofft, den nahenden Vollmond
+in den Fluthen des Mittelmeeres sich spiegeln zu sehen, und nun
+wurde all' sein Sehnen und Trachten zu Wasser. &ndash; Ich selbst,
+der ich oft schon den Frühling in Italien zugebracht hatte, faßte
+die Sachlage weit ruhiger auf. Wußte ich doch, daß auch in
+Italien die Regenzeit auf das Frühjahr fällt. Würden die Felder
+und Gärten Italiens nicht im Spätherbst und Frühling mit
+Regen getränkt, wie sollten sie Früchte tragen? Herrscht doch in
+den übrigen Jahreszeiten meist die größte Dürre. Was mich
+veranlaßt, trotz dieser scheinbar wenig günstigen Aussichten, doch
+immer wieder gerade im Frühjahr über die Alpen zu ziehen,
+das ist die Sehnsucht nach grünen Fluren und belaubten Bäumen,
+nach etwas Sonne und Wärme; die Zuversicht, am Mittelmeer
+doch mildere Witterung als im Norden zu finden, die Hoffnung,
+dort auch manchen sonnigen Tag, ja bei einigem Glück eine
+<pb n='002'/><anchor id='Pg002'/>
+ganze Reihe solcher Tage zu erleben. Nach dem langen, kahlen,
+kalten nordischen Winter wirkt der Contrast am stärksten; man
+freut sich über das kärglichste Grün, nimmt dankbar jeden
+Sonnenstrahl entgegen, während schon Mancher zur Herbstzeit
+in der sonnverbrannten lombardischen Ebene sich nach den saftreichen
+Matten und dem üppigen Baumwuchs der Alpen zurücksehnte.
+Der Herbst pflegt auch in unseren Breiten schön zu sein,
+während unser März- und Aprilwetter mit Recht berüchtigt ist.
+So kam es auch in diesem Frühjahr; denn während Briefe und
+Zeitungen uns Kunde von Schnee und Kälte von jenseits
+der Alpen brachten, hatten wir uns am Mittelmeer alsbald
+des herrlichsten Sonnenscheins zu erfreuen. Ganz besonders
+schön wurde es um die Osterzeit. Himmel und Erde zogen
+ihr Festkleid an, um sich in unsterbliche Pracht zu hüllen.
+Der Ostersonntag fand mich in Bordighera. Vor Tagesanfang
+brach ich auf, um den Monte Nero zu besteigen. Doch blieb
+ich bald gefesselt am Cap d'Ampeglio stehen und wartete dort
+den Sonnenaufgang ab. Geisterhaft verklärt tauchte Corsica in
+weiter Ferne auf; vorn aber folgte das entzückte Auge der reichgegliederten
+Küste, die im weiten Bogen das Meer umfaßt, als
+wolle sie es liebevoll an sich schließen. Der Osten war stark
+geröthet, und dieser purpurne Schein färbte in glühenden Tönen
+die Kämme der stahlblauen Wellen. Kein Wölkchen trübte das
+Himmelsgewölbe, das aus tiefstem Blau durch zartes Grün sich
+gegen die Meeresfläche senkte. Plötzlich tauchte der rothe Sonnenball
+am Horizont empor und sandte seine feurigen Strahlen über
+das weite Meer, als wenn er es entzünden sollte. Und tausend
+Lichter drangen in die tiefen Buchten des Strandes, in die
+dunklen Thäler der Küste ein, um aus denselben die Schatten
+der Nacht zu verscheuchen. Hell blitzten in weiter Ferne, wie
+von Feuersbrunst erfaßt, die Häuser von Monaco auf, und selbst
+das entfernte Antibes warf lange, goldige Strahlen der Sonne
+als Morgengruß zurück. Ueberall war es wie ein Aufflammen,
+ein Erwachen, und gleich einem Jubelruf tönte es durch die
+<pb n='003'/><anchor id='Pg003'/>
+ganze Natur. So feierten an jenem Morgen Himmel und Erde
+am blauen Mittelmeer das Fest der Auferstehung! Ich war in
+dieses Schauspiel wie verloren und merkte nichts von dem
+Schwinden der Zeit. So kam es, daß die Sonne schon hoch
+am Himmel stand, als ich die Weiterwanderung antrat. Die
+ganze Meeresfläche glitzerte jetzt von unzähligen Lichtern, als
+wäre sie mit Diamanten übersäet; das ferne Corsica löste sich
+allmälig in einem Nebelstreifen auf, als wäre es nur ein
+Traumbild gewesen. Vor mir, am Cap d'Ampeglio, lag Alt-Bordighera,
+schon ganz in Sonnengluth getaucht.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Stunden sind nöthig, um den Monte Nero zu besteigen.
+Diese Angabe wurde mir freilich nur nach Hörensagen
+gemacht, denn die Wenigsten sind dort oben jemals gewesen.
+Ohne zwingenden Grund besteigt der Eingeborene hier selten
+einen hohen Berg; nur eine Leidenschaft, die der Jagd, vermag
+ihn in so hohe Regionen zu treiben, ungeachtet er auch dort
+oben nur winzige Vögel findet, um seine Waidmannslust zu
+stillen.
+</p>
+
+<p>
+Auf einen wirklich ortskundigen Mann war ich bei allen
+Nachforschungen über den Monte Nero nicht gestoßen, und so
+geschah es, daß ich eigene Erfahrungen erst sammeln mußte. Es
+zeigte sich, daß der ganze Gipfel des Berges dicht bewaldet ist
+und weder die gepriesene Fernsicht noch irgend welchen freien
+Ausblick gewährt. Reichliche Entschädigung fand ich aber für
+die Mühe an dem nördlichen, vom Meere abgekehrten Abhang
+des Berges. Als ich dort abzusteigen begann, gelangte ich alsbald
+auf einen Sattel, der den Monte Nero von dem höheren
+Monte Caggio trennt. Hier konnte, von einzelnen waldfreien
+Stellen aus, der Blick sich ungestört in die tiefeingeschnittenen
+Thäler versenken, über sanfte Hügelketten schweifen, den lang
+gedehnten Strand erreichen und sich in dem weiten Meer verlieren.
+Jenseits des Grates, der das lange Dorf Colla di Rodi
+trägt, tauchte im Osten ein Theil von San Remo hervor. Im
+Nordwesten wurde das Auge durch die schneebedeckten Häupter
+<pb n='004'/><anchor id='Pg004'/>
+mächtiger Riesen der Seealpen gefesselt. In wunderbarer Klarheit
+setzten die blendend weißen Schneemassen von dem dunklen
+Blau des Himmels ab, während nach abwärts das dunkle Grün
+der Föhren, das dem Monte Nero seinen Namen gibt, sich durch
+helleres Grün der Oliven bis zum Blau des Meeres abtönte.
+Nur wenige Landschaften, auch in Italien, gibt es, welche diese
+an Schönheit übertreffen. Vereinigt doch dieses Bild Alles,
+was berufen scheint, unser Auge zu entzücken, unseren Verstand
+zu fesseln, unsere Einbildungskraft anzuregen. Der Anblick der
+Schneefelder oben in den Alpen hatte dem Flug meiner Gedanken
+die Richtung nach Norden gegeben. Jenseits dieser
+Berge mochte noch grimmige Kälte herrschen; hier, südlich von
+den Alpen, war der Sieg des Frühlings über den Winter lange
+schon errungen, so daß der Klang der Osterglocken, der aus den
+Thälern zum Monte Nero emporstieg, nur der Freude zu
+gelten schien.
+</p>
+
+<p>
+Der schöne Garten vor dem Hôtel Angst stand in voller
+Blüthe; die Beete glichen großen Blumenkörben. Ueppige
+Sträucher des capischen Pelargoniums hatten überall ihre
+zinnoberrothen Blüthen entfaltet. Der peruanische Heliotrop
+kletterte am Hause empor und erfüllte die Luft mit vanilleartigem
+Wohlgeruch. Es gesellten sich zu diesem die Düfte von
+Nelken, Reseda und von gelben Theerosen. Die Blätter immergrüner
+Bäume leuchteten im Garten von Licht überfluthet; sie
+warfen auf die Wege dunkelblaue Schatten. Unter den Palmen
+saß ein junges Ehepaar, das ich bei der Heimkehr begrüßte.
+Ihm ward das Glück zu Theil, seine Flitterwochen am Mittelmeer
+zu feiern. Jener sonndurchglühte, blumenreiche Ostersonntag,
+an welchem die Natur alle ihre Schätze so verschwenderisch
+über die Riviera ausgeschüttet hatte, wird diesem
+Paar wohl einer der höchsten Feiertage des ganzen Lebens bleiben.
+</p>
+
+<p>
+Nicht weniger als vier Thäler münden in die schmale Ebene,
+die sich längs des Meeres vom Cap von Ampeglio bis nach
+<pb n='005'/><anchor id='Pg005'/>
+Ventimiglia hinzieht. Daher lassen sich von Bordighera zahlreiche
+Ausflüge unternehmen, täglich fast mit neuer Abwechselung.
+Da man im Hôtel Angst zugleich vorzüglich aufgehoben ist, wird
+man seinen Aufenthalt in Bordighera gerne verlängern. Ob
+Bordighera auch eine geeignete Station für Brustkranke ist, vermag
+ich nicht zu beurtheilen. Seiner ins Meer weit vorgeschobenen
+Lage wegen ist der Ort den Winden stark ausgesetzt,
+doch streifen diese Winde ganz vorwiegend über das Meer, sind
+daher weniger kalt und trocken als an vielen anderen Plätzen
+der Riviera. Es herrscht somit in Bordighera die Seeluft vor,
+welche auf Reisende, die nur Erholung suchen &ndash; und deren Zahl
+wird an der Riviera alljährlich größer &ndash; sehr anregend und
+belebend wirkt.
+</p>
+
+<p>
+Keinesfalls dürfte man, selbst bei kurzem Aufenthalt, in
+Bordighera es versäumen, einen Ausflug nach Sasso zu unternehmen.
+Sasso ist ein kleines Dorf, auf dem Bergrücken gelegen,
+der die Thäler von Sasso und von Borghetto trennt.
+Der Ort liegt nur vier Kilometer von Bordighera entfernt, und
+man erreicht ihn sowohl durch das Thal von Sasso, das östlich
+von Bordighera mündet, als auch dem Bergrücken folgend, auf
+dem Alt-Bordighera steht. In dem Ort selbst ist nichts zu bewundern:
+schön erscheint er nur aus der Entfernung. Seine
+hohen, zu einer Masse verschmolzenen, nach außen nur von
+wenigen Fenstern durchbrochenen Häuser rufen den Eindruck
+einer einzigen gewaltigen Festung hervor. Besonders malerisch
+ist der Blick auf Sasso von dem Wege aus, der zwischen alten
+Olivenbäumen oben dem Bergrücken entlang läuft. Er überrascht
+uns ganz plötzlich an einer Straßenwendung, nachdem der
+steile Pfad die Höhe erklommen hat. Von zahlreichen Stellen
+des Weges überschaut der Wanderer alsdann die beiden Thäler
+von Sasso und von Borghetto; er kann mit dem Blick auch
+weiter dringen bis in das Thal von
+<corr sic='Vallecrocia'>Vallecrosia</corr>, während ihm
+gleichzeitig über den nahen Hügelreihen die schneebedeckten
+Häupter der Seealpen entgegenleuchten. &ndash; Wie oft habe ich
+<pb n='006'/><anchor id='Pg006'/>
+mich stundenlang an diesem Wege aufgehalten, von Zeit zu Zeit
+den Platz verändernd, um das Bild in anderer Umrahmung zu
+bewundern. Hier war es nur ein einziger phantastischer Schneepalast,
+der in lichtes Grün der Oliven gefaßt, mir entgegenstarrte;
+dort tauchte mein Blick tief in ein Thal hinab, um auf
+den dichtgedrängten Häusern einer buntscheckigen Ortschaft zu
+ruhen, oder es folgte auch mein Auge dem Lauf eines Baches,
+der, zwischen Oleanderbüschen versteckt, in zahlreichen Windungen
+dem Meer zueilte; oder es war wieder Sasso, welches über
+Baumwipfeln, wie in einem grünen Meer, zu schweben schien,
+oder endlich die tiefeingeschnittene Küste und das weite Meer,
+auf welchem der ermattete Blick Rast machen konnte. Welche
+Fülle von Motiven für den Landschaftsmaler! Ich mußte mich
+begnügen, die Bilder in mein Inneres aufzunehmen, wo sie
+freilich auch jetzt noch farbig-sonnigen Widerschein finden.
+</p>
+
+<p rend="text-align: center">II.</p>
+
+<p>
+Die Olivenhaine, durch welche man am Bergrücken entlang
+nach Sasso wandert, sind von seltener Schönheit: alte, knorrige
+Stämme, oft auf mehreren Füßen, wie auf Stelzen, in die Lüfte
+ragend. Man bleibt gern stehen, um einzelne dieser Bäume zu
+bewundern, erfreut sich dann auch des Gegensatzes, den die
+dunkel beschatteten Stämme gegen das leuchtende Blau des
+Himmels und des Meeres bilden. Zauberhaft schön ist es aber
+in einem solchen Olivenhain des Abends zu wandeln, wenn der
+Vollmond über dem Meere steht. Da glänzen so eigenartig die
+mattgrauen Blätter der Bäume, und es blitzt bei jedem Windhauch
+wie Silber aus den Zweigen. Auch der lange Mondstreifen
+im Meere scheint sich zu beleben, er wiegt sich auf den
+Wellen, folgt bebend ihrem Lauf und zerschellt mit ihnen am
+Strande zu leuchtendem Schaum.
+</p>
+
+<p>
+Die Blüthezeit des Oelbaumes fällt in den Mai oder Juni.
+Dann ist er dicht bedeckt von kleinen, gelblichweißen Blüthen,
+die einen lieblichen Geruch verbreiten. Diese Blüthen erinnern
+<pb n='007'/><anchor id='Pg007'/>
+an diejenigen unserer Rainweide, des <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ligustrum vulgare</name>, eines
+Strauches, der in Wirklichkeit auch dem Oelbaum nahe verwandt
+ist. Die Früchte des Oelbaums sind Steinfrüchte von länglich
+runder Gestalt. Die unreifen Früchte haben grüne Färbung,
+verschwinden daher im Laub; doch beim Reifen werden sie
+schwarzblau und treten dann scharf hervor. Ein alter Brauch
+verlangt, daß die Ernte der Oliven am 21.&nbsp;November beginne;
+sie dauert im Dezember fort. Ungünstige Witterungsverhältnisse
+können die Ernte an der Riviera freilich sehr verzögern. So
+kam es, daß im Frühjahr&nbsp;1891 die meisten Bäume um
+Bordighera noch voll Oliven hingen. Manche Bäume waren
+mit Früchten so stark beladen, daß man das Laub kaum sehen
+konnte. Die Olivenernte war Anfang April in vollem Gange.
+Arbeiter und Arbeiterinnen zogen mit Säcken und Körben bepackt
+in den Olivenhain. Dort sah man die Männer auf die
+Bäume steigen und mit Stangen gegen die Aeste schlagen.
+Frauen und Kinder hockten am Boden, um die Früchte aufzulesen.
+Von allen Seiten schallte dem Wanderer der trockne
+Ton der Schläge aus den Bäumen entgegen, und überall unter
+den Bäumen ging die mühevolle Arbeit des Sammelns von
+statten. Stundenlang verharren die Sammler in gebückter
+Stellung, um die Oliven einzeln aufzuheben, und doch wäre es
+so einfach, sich einen großen Theil der Arbeit zu sparen. Westlich
+von Nizza legen die Olivenbauer große Tücher unter die
+Bäume und fangen die Oliven mit diesen auf. Freilich wird
+auch dort noch mit Stangen gegen die Zweige geschlagen,
+ungeachtet schon Plinius im ersten Jahrhundert nach Christi
+Geburt vor diesem rohen Verfahren warnt, da es die Bäume
+schädigt. Gegen althergebrachte Sitte ist eben schwer anzukämpfen,
+sie setzt zähen Widerstand jeder Neuerung entgegen.
+In Bordighera warten die Olivenbauer meist, bis ihre Oliven
+ganz reif sind. Ein großer Theil der Früchte ist dann schon
+von selbst vom Baum gefallen. Alles das wird zusammen
+von dem Boden aufgelesen und liefert ein entsprechend schlechtes
+<pb n='008'/><anchor id='Pg008'/>
+Öl. Denn feine Tafelöle preßt man aus solchen Früchten, die
+erst zu reifen beginnen. Diese müssen auch mit der Hand vom
+Baume gepflückt werden, um weder Quetschung noch Verwundung
+zu erleiden. Aus solchen Früchten gewinnt man jene Öle, die
+wir als Provencer Öle bezeichnen. Der Provence entstammen
+sie freilich nur zum kleineren Theil, zum größeren Theil Italien.
+Dort ist es vornehmlich Apulien und zwar die Gegend südlich
+von Bari, welche diese feinen Sorten erzeugt. Sie liefert jetzt
+sehr gute Öle, während in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts
+das apulische Öl noch ebenso schlecht und ranzig schmeckte, wie
+andere süditalienische Sorten. Auch in Apulien betrieb man
+die Ernte der Oliven damals ganz lässig und verfügte nur über
+sehr schlechte Ölpressen. Charakteristisch genug, als das antike
+Modell einer Ölpresse in Pompeji aufgefunden wurde, begrüßte
+man es in Apulien als einen Fortschritt und führte es an verschiedenen
+Orten ein. &ndash; Von Bordighera bis zum Esterel wird
+vorwiegend nur geringwerthiges Öl gewonnen, das als Maschinenöl
+Verwendung findet oder der Seifenfabrikation dient;
+Nizza bezieht die feinen Öle, die es vertreibt, vorwiegend aus
+der Ferne.
+</p>
+
+<p>
+Die Früchte, die man zum Zwecke feinster Ölgewinnung
+sorgsam pflückte, breitet man zunächst in dünnen Lagen auf
+Horden aus. Dort trocknen sie an der Luft oder bei künstlicher
+Wärme, bis sie runzlich werden. Haben sie einen Theil ihres
+Wassers in solcher Weise eingebüßt, so kommen sie in die Ölmühlen.
+Es sind das meist steinerne Behälter, in welchen die
+Oliven durch Mühlsteine zermalmt werden. Schon bei diesem
+Verfahren fließt etwas Öl ab, das als das feinste Tafelöl gilt,
+kaum aber in den Handel kommt. Der in der Mühle hergestellte
+Brei wird in Bast- oder Jutesäcke gefüllt und in einer Kelter
+gepreßt. Bei schwachem Druck fließt jetzt zunächst das beste,
+dann etwas weniger gutes Speiseöl ab. Dieses Oel wird als
+Jungfernöl »<foreign lang='fr'>huile vierge</foreign>«
+bezeichnet. Dann gelangen die Trester
+in hydraulische Pressen und liefern ein Öl, das der Seifenfabrikation
+<pb n='009'/><anchor id='Pg009'/>
+oder auch gewerblichen Zwecken dient. Dann werden
+die Trester mit warmem Wasser angerührt und nochmals gepreßt,
+wandern schließlich oft noch in Fabriken, wo man ihnen den Rest
+ihres Öles durch chemische Mittel entzieht.
+</p>
+
+<p>
+Das Speiseöl, das aus der Kelter fließt, muß sorglich geklärt
+werden, bevor es zum Verkauf gelangt. Man bringt es
+in dunkle kühle Räume, wo über einander die nöthigen Bottiche
+zur Aufnahme des Öls sich befinden. Das unklare Öl gelangt
+in das oberste Gefäß, fließt aus dem Spundloch desselben durch
+einen durchlöcherten Zinkkasten, der mit Watte ausgekleidet ist,
+in einen zweiten Bottich und aus diesem nochmals durch Watte
+in einen dritten. Die Watte muß am nämlichen Tage oft
+mehrfach erneuert werden. Aus dem dritten Bottich gelangt das
+Öl in Cisternen, die man in Nizza mit Porzellanplatten auszukleiden
+pflegt. Hier steht das Öl wohl an die drei Monate,
+bevor es in Flaschen gefüllt und versandt wird.
+</p>
+
+<p>
+So überreife, abgeschlagene und am Boden faulende Oliven,
+wie wir sie in Bordighera hatten ernten sehen, können nur
+ranzige Öle ergeben. Die kleinen Besitzer, welchen die Ölhaine
+hier gehören, liefern ihre Früchte an fremde Mühlen ab und
+pflegen für die Pressung in Oliven oder in Öl zu zahlen.
+Aus den Ölpressen der Mühlen floß zur Zeit unseres Besuches
+eine Flüssigkeit ab, welche alle Bäche von Bordighera in braunen
+Tönen färbte. Bei ruhigem Wetter zeichnete sich die Mündungsstelle
+jedes Flüßchens als brauner Streifen ziemlich weit im
+Meere ab.
+</p>
+
+<p>
+Im Alterthum hieß es allgemein, daß der Ölbaum nur
+in der Nähe des Meeres gedeihe. Man rechnete aus, daß er
+sich von demselben nicht über dreihundert Stadien, somit nicht
+über 7-1/2 geographische Meilen entferne. Es ist nicht zu leugnen,
+daß der Ölbaum den Seestrand bevorzugt, doch hängt das
+nicht mit dem unmittelbaren Einfluß der großen Wasserfläche,
+vielmehr mit dem gleichmäßigen Klima zusammen, welches durch
+dieselbe gefördert wird. Denn der Ölbaum kann anhaltenden
+<pb n='010'/><anchor id='Pg010'/>
+Frost nur sehr schlecht vertragen. Auch bevorzugt der Ölbaum
+den Kalkboden, den er hier an der Riviera reichlich vorfindet. Ein
+besonders günstiges Zusammenwirken von Klima und Boden,
+verbunden mit sorglichster Behandlung der Früchte, ist aber
+erforderlich, damit der Ölbaum ein so feines Öl, wie etwa in
+Apulien, erzeuge.
+</p>
+
+<p>
+Die Mühlen, in welchen das Öl gepreßt wird, sind fast
+immer alte malerische Bauten. Sie suchen oft steile Stellen
+in den Schluchten auf, um die Kraft des Baches, der dort
+abwärts braust, zu nutzen. Wie Schwalbennester kleben sie an
+den Felsen.
+</p>
+
+<p>
+Wer zur Frühjahrszeit durch die Olivenwälder um Bordighera
+streift, muß darauf bedacht sein, nicht in die Schußlinie
+der »Cacciatori« zu gerathen. Denn um diese Zeit bewegen
+sich jene durch alle Haine, Gärten und Fluren, um als
+einziges Wild die kleinen Vögel zu erlegen. Für die italienische
+Riviera, wie für Italien überhaupt, hat dieser Sport ganz bedenkliche
+Folgen, da die Vernichtung der Vögel eine entsprechende
+Vermehrung der Insekten nach sich zieht. Nicht nur verschwinden
+aus Italien die heiteren Sänger, welche die Wälder und
+Gärten in anderen Ländern in so lieblicher Weise beleben, sondern
+es nimmt auch die Zahl schädlicher Insekten in bedenklicher
+Weise dort zu. Dem Ölbaum besonders nachtheilig ist
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Decus
+oleae</name>, der sich von dem Fruchtfleisch der Oliven nährt. Er
+wird von den Franzosen <foreign lang='fr'>la Mouche</foreign>,
+von den Italienern <foreign lang='it'>Macha
+del Olivo</foreign> genannt. Die Fliege legt ihre Eier in ganz junge
+Fruchtanlagen, und die Maden, welche diesen Eiern entschlüpfen,
+leben dann auf Kosten der sich entwickelnden Frucht. Sie verpuppen
+sich schließlich in derselben und verlassen sie als fliegende
+Brut. Gelangen sie mit den Oliven in die Mühle, so leidet
+der Geschmack des Öls von denselben.
+</p>
+
+<p>
+Von einer Wanderung durch die Olivenhaine kehrt man
+wohl stets, mit einem Blüthenstrauß geschmückt, nach Hause.
+Denn sie sind zu verlockend, diese Frühlingsgaben der Flora,
+<pb n='011'/><anchor id='Pg011'/>
+zu lieblich, als daß man an ihnen so flüchtig vorbeieilen sollte.
+Ueberall stehen unter den Bäumen die dunkelblauen Traubenhyacinthen,
+die bisamartigen Duft verbreiten; besonders schön
+ist die eine Art
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Muscari comosum</name>),
+die einen amethystfarbigen
+Schopf über dem sonst unscheinbaren Blüthenstande trägt. Hier
+und dort schaut aus dem Rasen eine blühende Orchidee hervor.
+Meist ist es eine Art der Gattung Ophrys, jener merkwürdigen
+Orchideen-Gattung, deren Blüthen ganz den Insekten gleichen.
+Bei <name type="taxonomic" rend="antiqua">Ophrys aranifera</name> erinnern sie an Spinnen: man meint die
+vorgestreckten Beine und den aufgedunsenen braunen Leib eines
+solchen Thieres zu sehen. Auch
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ophrys Arachnites</name>
+ist spinnenähnlich
+und zeigt einen purpurbraunen, grün verzierten Leib.
+Die schönste dieser Ophryden scheint mir aber die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ophrys
+Bertolonii</name>, mit dunkelrothen Blüthen, zu sein. Doch Ophrys-Arten
+hat der Nordländer vielleicht schon in seiner Heimath gesehen
+und fesselt ihn daher mehr eine andere Orchidee von ungewohnter
+Gestalt: die <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Serapias Lingua</name>,
+vielleicht gar <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Serapias
+longipetala</name>, deren rothbraune Blüthen, von rothen Deckblättern
+fast verhüllt, nur ihre Lippen nach außen vorstrecken. Mit
+Freuden begrüßt er eine wilde Tulpe
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Tulipa Celsiana</name>), deren
+hellgelbe Blüthen sich auf langen Stielen wiegen. Die Siegwurz
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Gladiolus segetum</name>) mit rosenrothen, einseitig aufgereihten
+Blüthen tritt ihm auch an zahlreichen Stellen entgegen. In
+seinem Strauß nimmt er dann noch gern das weißblüthige
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Allium neapolitanum</name> auf, denn gehört jene Pflanze auch zu
+den Laucharten, so duften doch ihre weißen Blüthenstände in angenehmer
+Weise. Hauptsächlich sind es aber die gelben Tazetten,
+welche dem Strauß Wohlgeruch verleihen, während seine
+Farbenpracht gehoben wird durch eine reiche Auswahl bunter
+Anemonen (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Anemone coronaria</name>
+und <name type='taxonomic' rend='antiqua'>hortensis</name>).
+</p>
+
+<p>
+Ebenso alt als Kulturpflanze wie der Ölbaum ist der
+Weinstock, die beide daher von Alters her zusammen genannt
+werden. &ndash; »Zwei Flüssigkeiten thun dem menschlichen Körper
+besonders wohl,« heißt es in der Naturgeschichte des Plinius,
+<pb n='012'/><anchor id='Pg012'/>
+»innerlich der Wein, äußerlich das Öl; beide stammen aus dem
+Pflanzenreiche und sind vorzüglich, doch das Öl ist das nothwendigere.«
+Das trifft für das Öl heut nicht mehr zu. Im
+Alterthum rieb man sich mit demselben nach dem Bade den
+Körper ein; jetzt wird es äußerlich allenfalls nur noch als
+Marseiller Ölseife angewandt. &ndash; Wie in dem Werke des Plinius
+tritt uns auch an der Riviera der Weinstock vielfach neben
+dem Ölbaum entgegen. Doch an der Küste selbst herrscht der
+Ölbaum vor. Denn im Gegensatz zum Ölbaum meidet der
+Weinstock die nächste Nähe des Meeres. Andererseits verträgt
+er viel stärkere Gegensätze der Temperatur, so daß seine Cultur
+selbst weit im Norden versucht werden konnte. Im vierzehnten
+Jahrhundert drang der Weinbau bis in das preußische Ordensland,
+selbst bis nach Tilsit vor, und wenn er sich heute, um so
+viel weiter, nach Westen und Süden zurückgezogen hat, so geschah
+dies nur, weil er in nördlicheren Gegenden ertragsfähigeren
+Producten weichen mußte.
+</p>
+
+<p>
+Der Ölbaum ist sicher am Mittelmeer einheimisch, andererseits
+muß angenommen werden, daß seine Cultur im Orient begann,
+daß Culturformen des Baumes sich von da aus verbreitet
+haben, und schon in vorhomerischer Zeit nach Griechenland gelangten.
+Den Weinstock (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Vitis vinifera</name>)
+fanden die Culturvölker
+ebenfalls als wilde Pflanze auf europäischem Boden vor. Ja
+heut noch meint man südlich und nördlich von den Alpen stellenweise
+die Pflanze im ursprünglichen Zustande anzutreffen, doch
+ist es meist schwer zu entscheiden, daß sie nicht verwildert sei.
+Am üppigsten gedeiht die wilde Weinrebe heute um das schwarze
+Meer, und man hat an den südlichen Abhängen der Krim
+Stämme bis zu anderthalb Meter Umfang gemessen. Die Cultur
+des Weinstocks ging allem Anschein nach vom westlichen Kleinasien
+aus und ist einem indogermanischen Volke zu verdanken.
+</p>
+
+<p>
+Von den Weinen der westlichen Riviera waren im Alterthum
+schon die von Massilia, also des heutigen Marseille, bekannt,
+zeichneten sich aber nicht durch ihre Haltbarkeit aus, so
+<pb n='013'/><anchor id='Pg013'/>
+daß man sie räuchern mußte. Es geschah das in Rauchkammern
+nach orientalischer und griechischer Sitte. Im Wesentlichen war
+das ein ähnliches Verfahren wie das heutige Pasteurisiren.
+Ganz wie man heut den Wein bis auf mindestens 60°&nbsp;C. erwärmt,
+um die schädlichen Keime in demselben zu tödten und so
+seine Haltbarkeit zu erhöhen, wurde im Alterthum der Wein in
+wohl verschlossenen Gefäßen durch heißen Rauch erhitzt. Das
+Feuer befand sich in einem unteren Raume, und Rauch und
+Hitze stiegen, durch ein Rohr geleitet, in das obere Geschoß,
+in dem der Wein sich befand. Der Rauch gelangte dort durch
+angebrachte Öffnungen ins Freie. Dieses Verfahren konnte
+den Geschmack des Weines nicht wesentlich beeinflussen, wohl
+aber mußte das geschehen bei Zusatz von Seewasser zum Most,
+wie er in Kleinasien und Griechenland häufig geübt wurde. Auch
+mit Gips, Kalk, Marmor, Thon, Pech oder Harz hat man die
+Weine versetzt, um sie haltbarer zu machen und ihnen zugleich
+einen bestimmten Geschmack zu verleihen. Es bemerkt aber bereits
+Plinius, daß der bekömmlichste Wein immer derjenige sei,
+dessen Most ohne fremdartigen Zusatz bleibe; denn welcher
+noch so Gesunde, meint er, sollte nicht Scheu haben vor Weinen,
+die Marmor, Gips oder Kalk enthalten? Überhaupt klagt Plinius
+sehr über die Verfälschung der Weine; es sei damit so weit gekommen,
+daß nur der Name des Weinlagers den Preis der
+Weine bestimme und daß man den Most schon in der Kelter
+verfälsche. Daher seien, so wunderlich dies auch klinge, die am
+wenigsten gekannten Weine oft die unschädlichsten. Das Anmachen
+des Weines mit Seewasser wird von Plinius als für
+den Magen vorzüglich gepriesen. An eine bekannte neuere
+Heilmethode erinnert seine Mahnung, daß wer hager werden
+will, während der Mahlzeit dursten oder doch nur wenig trinken
+soll. &ndash; Durch Einkochen und durch Hinzufügen von Kräutern
+suchte man im Alterthum vielfach die Haltbarkeit der Weine
+zu erhöhen, in ähnlicher Weise wie dies heute durch Zusatz von
+Alkohol geschieht. Daß die Römer Weinschmecker ersten Ranges
+<pb n='014'/><anchor id='Pg014'/>
+waren, geht genugsam aus den Angaben der alten Schriftsteller
+hervor. Die Menge der zum Verkauf angebotenen Weinsorten
+verglich Virgil bereits mit derjenigen des lybischen Sandes und
+der Meereswellen. Man trank in Rom meist schon ungemischte
+Weine, das heißt ohne den einst üblichen Zusatz von Wasser;
+man kühlte sie mit Eis, versetzte sie öfters mit Gewürzen und
+fing an, nach alten Jahrgängen zu trachten. Guter Wein mußte
+acht bis zehn Jahre alt sein, um geschätzt zu werden, und selbst
+von zweihundertjährigen Weinen sind uns Berichte erhalten. So
+mundete dem Kaiser Caligula (37&ndash;41 n.&nbsp;Chr.) Wein vom
+Jahre 121 v.&nbsp;Chr., dem besten Weinjahre, dessen sich Italien
+zu erinnern wußte. Es war Italien selbst, das zu Plinius'
+Zeiten die geschätztesten Weinsorten producirte, so daß Plinius
+wohl behaupten durfte, Italien nehme mit seinen Weinen die
+erste Stelle unter allen Ländern ein und sei nur in der Erzeugung
+von Wohlgerüchen von einigen derselben übertroffen:
+es gebe übrigens, fügt er hinzu, keinen Wohlgeruch, der denjenigen
+des blühenden Weinstocks übertreffe. &ndash; Auch in der
+römischen Zeit wurde der Weinstock bereits in kunstgerechter
+Weise zugeschnitten, doch ließ man ihn je nach der Gegend in
+verschiedener Weise wachsen. In Campanien schlang er sich
+empor an der Pappel, umfing sie wie seine Gattin, streckte
+seine üppigen Arme auf gewundenen Bahnen zwischen ihre
+Aeste, bis er ihren Gipfel erreichte. Da pflegte der Winzer,
+zur Arbeit gemiethet, sich außer dem Lohne vom Gutsherrn
+einen Scheiterhaufen und ein Grabmal auszubedingen, falls ihn
+bei der Weinernte ein Unfall treffen sollte. Anderswo waren
+ganze Landhäuser von den schmiegsamen Aesten eines einzigen
+Weinstocks umflochten, und in Rom lustwandelte man in den
+Säulenhallen der Livia im Schatten eines Weinstocks, der zwölf
+Amphoren Wein lieferte. In manchen Theilen Italiens zog
+man den Weinstock an Pfählen, in noch anderen ließ man ihn
+auf dem Boden kriechen, in all' jener Mannigfaltigkeit der Behandlung,
+die auch heut noch dem Wanderer in Italien auffällt.
+<pb n='015'/><anchor id='Pg015'/>
+Hier, meint Plinius, schimmerten purpurne Trauben
+aus dem grünen Laub hervor, dort leuchteten sie in rosenrothem
+Glanz, dort endlich in saftigem Grün. An dem einen Orte sah
+man runde, an dem anderen längliche, hier kleine, dort große,
+hier harte und dickschalige, dort saftige und dünnschalige Beeren.
+Manche Trauben hing man im Zimmer an einem Faden auf,
+um sie länger zu erhalten, andere versenkte man in süßen Wein
+und ließ sie sich so im eigenen Safte berauschen. Auch gab es
+Trauben, die man räucherte, ähnlich wie es mit manchen Weinen
+geschah. Plinius erzählt, daß Kaiser Tiberius geräucherte afrikanische
+Trauben ganz besonders liebte.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Sturze Roms zerfiel auch der Weinbau in Italien.
+Nachlässig wurden die Trauben geerntet, sorglos gekeltert, und
+der Most lange auf den Trestern gelassen, damit der Wein jene
+dunkle Farbe erlange, wie sie im Lande beliebt war. Solche
+Weine konnten sich nicht lange halten, wurden von fremden
+Ländern daher auch nicht begehrt. Doch in neuester Zeit beginnt
+sich das zu ändern; Weinbau und Weinbereitung in Italien
+sind in erfolgreichem Aufschwung begriffen.
+</p>
+
+<p>
+Die alte Sitte, den Wein in Schläuchen zu befördern und
+dann in Amphoren aufzubewahren, hat sich jetzt auch im Süden
+verloren. Hölzerne Tonnen, die zur Römerzeit bei den cisalpinischen
+Galliern und den Alpenvölkern in Gebrauch waren,
+fanden ihren Weg damals schon nach Italien.
+</p>
+
+<p rend="text-align: center">III.</p>
+
+<p>
+Das Bild von Bordighera schwebt der Erinnerung stets
+umrahmt in Palmen vor, so wie man sich einst die alte syrische
+Stadt Palmyra nicht anders als im Palmenschmuck vorstellen
+konnte. In der That gedeihen nirgends an der Riviera die
+Dattelpalmen besser als in Bordighera. An der Ostseite des
+Cap d'Ampeglio sind wahre Palmenwäldchen zu sehen. Diese
+östliche Bucht ist ganz besonders gegen die Nordwestwinde geschützt.
+Zwischen den Mauern palmenreicher Gärten, über
+<pb n='016'/><anchor id='Pg016'/>
+welchen schlanke Stämme ihre Krone neigen, empfangen wir
+ganz afrikanische Eindrücke und können vergessen, daß uns die
+volle Breite des Mittelmeeres von dem Lande der Oasen trennt.
+Pietätvoll wandern deutsche Reisende zu jener malerischen Palmengruppe
+hin, die in einer halben Stunde Entfernung, östlich von
+Bordighera, zu Madonna della Ruota den Meeresstrand schmückt.
+Es sind das die Palmen, die Scheffel in seinem Liede »Dem Tode
+nah« besang, und unter welchen er ein Grab sich träumte. Sie
+stehen, einige zwanzig an der Zahl (nicht zwölf, wie es in dem
+Liede heißt), um eine alte Cisterne und erwecken an dem einsamen,
+wilden Orte, von Meereswellen umspült, in der That
+poetisches Empfinden. Daß dieses hier nicht allein ein deutsches
+Gemüth ergreift, geht aus der Schilderung hervor, welche Charles
+Garnier, der Erbauer der Pariser Großen Oper und des Casinos
+in Monte Carlo, von diesem Ort in seinen
+»<title lang='fr' rend='antiqua'>motifs artistiques de
+Bordighera</title>« entwirft. Der Stil der Schilderung ist freilich etwas
+überschwänglich und erinnert an jene Verzierungen, welche die
+Garnier'schen »Prachtbauten« überreich schmücken: »<q>Das ist der
+Ort, wohin ihr ziehen müßt, ihr Künstler; das ist die Stätte,
+die ihr sehen müßt, ihr Poeten; das ist der Erdwinkel, der euch
+fesseln muß, ihr Alle, die ihr nach lebendigen und mächtigen
+Eindrücken strebt, und die ihr findet, daß unser Herz höher
+schlägt im Anblick der Natur! Werden Erinnerungen an den
+Orient in euch schon wachgerufen, wenn ihr das alte Bordighera
+und seine Umgebung durchwandert, so steht ihr hier nicht mehr
+vor dem Vergleich, nicht mehr vor Ähnlichkeiten, nein, ganz
+Judäa findet sich in diesem Eindruck verkörpert. Das ist der
+Brunnen der Samariterin, der Brunnen der Rebecca; das sind
+die Juden, die Apostel, das ist Jerusalem, Nazareth, Bethlehem,
+die sich euch offenbaren in jenem bescheidenen Flecken bordigherischen
+Vorgebirges.</q>« &ndash; Die sturmgepeitschten Palmen um diese
+alte Cisterne, mit dem unvergeßlichen Hintergrund des Meeres,
+haben zahlreichen Malern schon das Motiv zu stimmungsvollen
+Bildern gegeben. Es verursachte daher in Künstlerkreisen einige
+<pb n='017'/><anchor id='Pg017'/>
+Aufregung, daß der Ort, vom deutschen Kunstgärtner Ludwig
+Winter angekauft, in einen Garten verwandelt werden sollte.
+Die endliche Verwerthung des Grundstückes in so dicht bevölkerter
+Gegend war aber nicht zu vermeiden; es muß noch als ein besonders
+glücklicher Zufall angesehen werden, daß dieser schöne
+Flecken Erde in kunstsinnige Hände gelangte. Herr Winter hat
+dem äußersten Vorsprung des Vorgebirges, das die Scheffel-Palmen
+trägt, seinen ursprünglichen Charakter gelassen und den Garten
+harmonisch zu der Umgebung gestimmt. &ndash; Anemonen, Reseda,
+Nelken und üppig blühende Rosensträucher decken jetzt den Abhang;
+große Palmen, die man hierher verpflanzte, entspringen
+dem zuvor so kahlen Boden; um einen weiten Wasserbehälter,
+wie man sie an der Riviera oft sieht, ist eine Pergola errichtet,
+zu deren Säulen die Palme den architektonischen Gedanken
+gab.
+</p>
+
+<p>
+Im alten Testament werden die Dattelpalmen mit stolzen
+Königstöchtern verglichen. Nicht allen Dattelpalmen in den
+bordigherischen Gärten kommt aber so edle Gestalt zu. Es
+hängt das mit der Behandlung zusammen, welche die meisten
+Dattelpalmen hier erfahren. Man nimmt ihnen alljährig einen
+Theil ihrer Wedel. Die Familie Bresca in San Remo erhielt
+schon im sechzehnten Jahrhundert vom Papst Sixtus&nbsp;V. das
+Privilegium, Palmenwedel für den Palmsonntag nach Rom zu
+liefern, angeblich eine Belohnung für den Schiffscapitän Bresca,
+der im Jahr&nbsp;1586, während der Aufstellung des Obelisken
+auf dem Sanct Petersplatz, als die trockenen Taue zu versagen
+drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: »Wasser auf die Taue!«
+dem Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half. Die
+Familie Bresca ließ ihre Palmen in Bordighera ziehen, in dessen
+sandig-lehmigen Boden die Dattelpalme besser als in dem
+schweren Lehmboden von San Remo gedeiht. So reicht die
+Palmenindustrie Bordigheras bis in das Mittelalter zurück, und
+auch heute noch ist es dieser Ort, der die meisten Palmenwedel
+zur Feier des Palmsonntags nach Rom entsendet. Den Palmenwedel
+<pb n='018'/><anchor id='Pg018'/>
+hat die christliche Kirche, wie so viele andere Symbole,
+der Bildersprache des Orients, des Heidenthums und des Judenthums
+entnommen, und wie Palmenwedel bei den Festen des
+Osiris in Ägypten, bei dem feierlichen Einzuge der Könige
+und der Königshelden in Jerusalem und bei den olympischen
+Spielen prangten, so schmücken sie heute noch am Palmsonntag
+die Altäre katholischer Kirchen.
+</p>
+
+<p>
+Statt frei in den Lüften ihre Wedel zu schaukeln, müssen
+die meisten Palmen zur Herbstzeit es erdulden, daß ihre Krone
+im Innern pferdeschweifartig zusammengebunden werde. Diese
+Behandlung bezweckt eine bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden
+Wedel. Nicht alle Palmstämme sind für diese Behandlung
+gleich geeignet, und unter den geeigneten werden noch
+solche unterschieden, die mehr für den katholischen und solche,
+die mehr für den jüdischen Ritus sich schicken. Denn auch die
+Juden brauchen Palmenwedel bei dem Laubhüttenfest. Der
+Bordighese bezeichnet kurzweg die eine Dattelpalme als
+»<foreign lang='it' rend='antiqua'>Cattolica</foreign>«,
+die andere als »<foreign lang='it' rend='antiqua'>Ebrea</foreign>«. &ndash; Die Blätter der katholischen Palme
+sind schlanker, die der jüdischen kürzer und gedrungener. An
+der katholischen Palme bindet man die mittleren Wedel fest zusammen,
+damit die neuen Wedel bei thunlichstem Lichtabschluß
+sich entwickeln und so möglichst farblos bleiben. Denn bei der
+Feier des Palmsonntags sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen,
+sie sollen auch ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunklen
+werden solche Wedel auch schlank und lang; sie laufen spitz an
+ihren Enden aus und bleiben biegsam und weich, so daß sie
+leicht in beliebige Formen geflochten werden können. An den
+jüdischen Palmen werden die älteren Blätter weniger stark verbunden,
+das Licht ist somit von den jüngeren Blättern nicht
+ganz ausgeschlossen, diese können daher auch ergrünen. Sie
+bleiben zugleich kürzer, schließen mit stumpfer Spitze ab und
+werden härter. Mit dem Palmenwedel verbinden die Juden
+beim Laubhüttenfest die Myrte und die Bachweide zum Feststrauß
+und halten, während dieser in der rechten Hand geschwungen
+<pb n='019'/><anchor id='Pg019'/>
+wird, einen »Paradiesapfel« in der Linken. Das
+Laubhüttenfest ist ursprünglich das Erntefest der Juden. Es
+verlor aber in den fremden Ländern diese seine Bedeutung und
+behielt nur die andere historische, die ihm ebenfalls von Alters
+her zukam, eine Erinnerung an den göttlichen Schutz während
+der Wüstenwanderung zu sein. Die Wahl der vier »Arten«
+im Feststrauß hat die mannigfaltigsten symbolischen Deutungen
+erfahren; sie mochte vielleicht ursprünglich die Vegetation Palästina's
+versinnbildlicht haben. Durch religiöse Vorschriften
+wurden die vier »Arten« späterhin in starre Formen gefaßt,
+und wie der Palmenwedel, so müssen auch die Myrtenzweige
+und die Bachweide ganz bestimmte Gestalt besitzen. Die Myrten
+im Besonderen werden für die rechtgläubigen Juden in genau
+vorgeschriebenen Formen gezogen. Der Zweig muß eine Höhe
+haben, die drei Handbreiten gleichkommt und die Blätter in
+dreigliedrigen Wirteln tragen. Sind die Wirtel aufgelöst, d.&nbsp;h.
+die Blätter nicht zu dreien in gleicher Höhe befestigt, so ist der
+Zweig unbrauchbar. Eher geht es an, einen Zweig zu benutzen,
+der die Blätter nur zu zweien in gleicher Höhe trägt. Ein
+solcher Zweig ist im Nothfall zulässig, steht aber im Preise weit
+hinter der wahren »Hadassah« zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die katholische Kirche hat sich in Betreff der Palmen,
+welche der Palmsonntag verlangt, viel nachsichtiger gezeigt. In
+nordischen Ländern hat der Buchsbaum, ja selbst der kätzchentragende
+Weidenzweig, das Palmenblatt ersetzt. An der Mosel
+wird der Buchsbaum geradezu als »Palm« bezeichnet, und auch
+die aus Weiden gebundenen Festzweige heißen Palmen in
+slawischen Ländern.
+</p>
+
+<p>
+Die Palmen hatten im Winter 1890/91 eine schwere Probe
+an der Riviera zu bestehen, als das Thermometer für mehrere
+Stunden auf 6°&nbsp;C. unter&nbsp;0 gesunken war. Besonders bewährten
+sich bis jetzt im bordighesischen Klima, außer den Dattelpalmen
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Phoenix dactylifera</name>),
+die canarische <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Phoenix canariensis</name>,
+die
+kalifornische <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pritchardia filifera</name>,
+die australische <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Livistona australis</name>
+<pb n='020'/><anchor id='Pg020'/>
+und die chinesische
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chamaerops excelsa</name>. Daß außerdem
+die Zwergpalme, <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chamaerops humilis</name>,
+gut in Bordighera
+gedeihe, ist nicht wunderbar, da sie der Mittelmeerflora thatsächlich
+angehört; sie ist unsere einzige europäische Palme, in
+Sicilien heimisch. In Algier deckt sie große Flächen. Man
+suchte sie dort auszurotten, um den Boden für neue Culturpflanzen
+zu gewinnen, jetzt sorgt man für ihre Verbreitung.
+Vom lästigen Unkraut, als welches sie betrachtet wurde, ist sie
+zu einer wichtigen Nutzpflanze avancirt. Entsprechend zubereitet,
+liefern nämlich die Blätter der Zwergpalme sehr elastische Fasern,
+die gleich Pferdehaaren zum Ausstopfen der Möbel und Matratzen
+dienen können. Den Pferdehaaren gegenüber zeichnen sie sich
+nicht nur durch ihre Billigkeit, sondern auch dadurch aus, daß
+sie nicht von Motten befallen werden. Im Gegensatz zu den
+Phoenix-Arten, die gefiederte Blätter besitzen, sind die Pritchardien,
+Coryphen, Chamaerops-Arten mit fächerförmigen Blättern versehen.
+Ihr Aussehen weicht somit nicht unwesentlich von demjenigen
+der Dattelpalmen ab, so daß ihre Acclimatisation an
+der Riviera auch in landschaftlicher Beziehung als ein Gewinn
+betrachtet werden kann. Zu bedeutender Höhe ist in zahlreichen
+Gärten die <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chamaerops excelsa</name>
+bereits emporgewachsen. Sie
+gehört zu den härtesten der eingeführten Arten, so daß sie ohne
+Bedeckung selbst das Klima der Insel Wight verträgt. <name type="taxonomic" rend="antiqua">Pritchardia
+ filifera</name> ist der zahlreichen weißen Fäden wegen, die den Blatträndern
+entspringen, sehr beliebt, verbreitet sich demgemäß auch
+rasch an der ganzen Riviera. Zu den häufigsten Palmen dürfte
+dort auch bald die <name type="taxonomic" rend="antiqua">Phoenix canariensis</name> gehören, welche der
+Dattelpalme sehr ähnlich ist, sich aber vor ihr durch gedrängteren
+üppigeren Wuchs und kräftigere Blattentwickelung auszeichnet. &ndash;
+An geschützten Stellen der Riviera gedeihen auch verschiedene
+Arten der Palmengattung Cocos, so
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cocos flexuosa</name>, und
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Romanzoffiana</name> mit äußerer eleganter Tracht, auch die blaugrüne
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cocos australis</name>. Die echte
+Cocospalme (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cocos nucifera</name>),
+welche die Cocosnüsse liefert, kommt hier hingegen, sowie auch
+<pb n='021'/><anchor id='Pg021'/>
+an den Südrändern des Mittelmeers, nicht fort. Ihre Cultur
+ist nur innerhalb der Wendekreise möglich. In der Form ihrer
+Blätter stimmen die Cocospalmen mit den Dattelpalmen überein.
+Ähnliche Blätter haben auch die Areca-Arten
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Areca
+ sapida</name>, <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Baueri</name>),
+welche an der Riviera gut aushalten. Es
+sind das nahe Verwandte der Betelnußpalme
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Areca catechu</name>),
+welcher die Betelnüsse entstammen, jene Nüsse, die mit Kalkpulver
+bestreut, und in Blätter des Betelpfefferstrauchs
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Piper
+Betle</name>) gewickelt, von Jung und Alt in Südasien gekaut werden.
+Zu den Palmen mit fächerförmigen Blättern, welche die Gärten
+der Riviera zieren, gehören auch zwei Livistona-Arten, die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Livistona chinensis</name>
+und <name type="taxonomic" rend="antiqua">australis</name>, mit mächtigen Blättern,
+Palmen, die häufig in unseren Gewächshäusern anzutreffen sind.
+Schön macht sich unter den anderen Fächerpalmen der Riviera
+die blaugrüne <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Brahea Roezli</name>,
+dann die stattlichen Sabal-Arten,
+deren zähe Fasern für Seilerwaaren, Hüte, Körbe und Säcke
+verwandt werden, auch die wichtige Carnaubapalme Brasiliens,
+die <name type="taxonomic" rend="antiqua">Copernicia cerifera</name>. Mit den Blättern dieser Palme wird
+in der brasilianischen Provinz Ceara ein großer Theil der Hütten
+gedeckt, ihre Fasern ähnlich wie Stroh verwandt, der harte
+Stamm liefert Bau- und Tischlerholz, die Wurzeln ein Heilmittel,
+die bitteren Früchte dienen als Nahrung, aus dem Saft
+wird Sirup und Arrak bereitet, kurzum diese Palme zeigt uns
+so recht ein Bild von dem Nutzen, den eine einzige Art dieser
+segensreichen Pflanzenfamilie in den Tropen stiften kann. Ihren
+Artennamen <name type='taxonomic' rend='antiqua'>cerifera</name>,
+sowie ihren deutschen Namen dankt aber
+die Wachspalme ihrem wichtigsten Erzeugniß, dem vegetabilischen
+Wachs, das sie in Schuppenform aus ihren Blättern ausscheidet.
+Diese Schuppen werden von jungen, getrockneten Blättern abgeklopft
+und dann in Wasser gekocht, auf dessen Oberfläche das
+flüssige Wachs sich sammelt. Man versetzt es mit Talg und
+formt es zu Kerzen, welchen beim Brennen ein angenehmer Duft
+entströmt.
+</p>
+
+<p>
+Bordighera begnügte sich nicht damit, seine Palmwedel für
+<pb n='022'/><anchor id='Pg022'/>
+Cultuszwecke zu ziehen, es suchte sie auch im Kunsthandwerk zu
+verwerthen. So entstand die Palmenflechterei, die in letzter
+Zeit Dank dem Winter'schen Einfluß, eine ungeahnte Entwickelung
+nahm. In der Winter'schen Kunstgärtnerei wird jetzt
+die Palmenflechterei im Großen betrieben. Die Dattelpalme,
+die Chamaerops-Arten,
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Livistona australis</name> und
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pritchardia
+filifera</name> geben im Besonderen das Material dazu her. Zur
+Verwendung kommen Blattspreiten, Blattstiele und Blattscheiden
+dieser Pflanzen, und wo Behälter nöthig, helfen auch wohl
+Flaschenkürbisse aus. Alle Theile der Palmen werden entsprechend
+gebogen und dann getrocknet, und hierauf zu Blumenvasen,
+Ampeln, Körbchen, Fruchtschalen, Lichtschirmen und anderen
+zierlichen Gegenständen stilgerecht vereint.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Nachtigallen an der Riviera suchen Nutzen aus
+der neuen Palmen-Cultur zu ziehen. Sie fanden heraus, daß
+die langen großen Fäden am Blattrand der Pritchardien für
+Nesterbau vortrefflich geeignet sind. Sie zwicken sie ab und
+tragen sie zusammen, um sich aus denselben ihr flüchtiges Heim
+zu flechten. &ndash;
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">IV.</p>
+
+<p>
+Die zahlreichen Ausflüge, die sich landeinwärts von den
+Stationen der Riviera unternehmen lassen, haben in den Reisehandbüchern
+bis jetzt eine höchst unvollkommene Behandlung
+erfahren. Meist findet man in denselben nur eine Aufzählung
+der etwa zu besuchenden Orte, wobei die nächste, oft lohnendste
+Umgebung vernachlässigt ist, entferntere, beschwerliche, nicht immer
+lohnende Touren besonders empfohlen werden. Da die Wirksamkeit
+der Alpenvereine sich andererseits nicht bis zur Riviera
+erstreckt, die Wegweiser dort fehlen, die Einheimischen nur selten
+Auskunft über den Weg und niemals über die Schönheit desselben
+zu ertheilen vermögen, so wären grade für jene Gegenden
+gut orientirende Reisebücher sehr erwünscht. Unter den gegebenen
+Umständen kann aber nur ein wiederholter Besuch der Riviera
+<pb n='023'/><anchor id='Pg023'/>
+denjenigen, der es gelegentlich nicht scheut, unnütz umherzuirren,
+in all' die Reize dieser zauberhaften Gegend einweihen.
+</p>
+
+<p>
+So müßte jeder Reisende, der für Naturschönheit empfänglich
+ist und einige Mühe nicht scheut, von Mentone über Gorbio
+nach Roccabruna wandern. Meist begnügt sich aber selbst der unternehmendste
+Tourist mit einem Ausflug nach Castellar und kommt
+im Gorbiothal nicht über Gorbio hinaus, weil er nicht weiß,
+daß er seinen Weg dort fortsetzen sollte. Und doch entfaltet sich
+erst jenseits von Gorbio die volle Pracht der großartigen Landschaft.
+Der ganze Ausflug dürfte fünf Stunden in Anspruch
+nehmen; es empfiehlt sich, ihn am Nachmittag zu unternehmen.
+Bis nach Gorbio führt jetzt eine schöne Fahrstraße. Sie beginnt
+zu steigen am Alexandra-Hôtel und folgt in zahlreichen
+Windungen dem Thale. Dieses Thal ist überaus fruchtbar;
+ein ansehnlicher Bach durchströmt dasselbe. Erst ist es breit,
+verengt sich, indem es aufsteigt. Villengärten stoßen an die
+Straße, dann bescheidene Bauerngüter. Blühende Pflanzen
+neigen sich über die Mauern vor. Erst die vornehmen Pflanzen
+der Reichen; dann der Goldlack, die Levkoye, die Pelargonie
+und die Anemonen, die auch der Ärmere sich zieht. Einzelne
+Cypressen, oft umrankt von Rosen, ragen hier und dort aus
+den Gärten vor und mahnen nicht selten an orientalische Landschaft.
+Citronen- und Orangengärten folgen aufeinander, dann
+Feigenbäume. Höher hinauf beginnen sich vereinzelt auch unsere
+Obstbäume zu zeigen. Sie stehen im Blüthenschmuck. Eigentlich
+ist ihnen auch in dieser Höhe noch zu warm, sie gedeihen
+gut erst bei Sant' Agnese, jenseits der Felsen, die das Thal im
+Norden sperren. Im Thale von Gorbio lohnt es sich, Pflanzen
+zu sammeln. Ardoino, der Verfasser der Flora der Seealpen,
+gibt für die Thäler, die bei Mentone münden, mehr als tausend
+verschiedene, wild wachsende Arten an. Man müßte fast ganz
+Irland und Schweden durchstreifen, um ebenso viel verschiedene
+Pflanzen zu finden, als hier auf etwa fünfzehn Quadratmeilen
+beisammen wachsen. &ndash; Ungewöhnlich reich sind die Thäler von
+<pb n='024'/><anchor id='Pg024'/>
+Mentone an Orchideen, und diese blühen ja fast sämmtlich im
+Frühjahr. Viele sonst seltene Farne sind hier auch zu finden.
+Der Botaniker sucht mit Vorliebe nach einem kleinen Nacktfarn,
+der zu derselben Gattung wie die Gold- und Silberfarne unserer
+Gewächshäuser gehört, der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Gymnogramme leptophylla</name>. Der
+Pflanzenliebhaber freut sich mehr noch über das
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Adiantum
+Capillus Veneris</name>, das Venushaar, das mit seinen zarten Wedeln
+die feuchten Vertiefungen der Felsen ziert. &ndash; Ein alter gepflasterter
+Weg kürzt oben im Thale die neue Straße von
+Gorbio ab. Er steigt in Olivenhainen empor. An einer seiner
+Windungen taucht plötzlich Gorbio auf, ganz in der Nähe. Es
+krönt einen steilen Hügel, der von Oliven bedeckt ist. Ein
+Amphitheater mächtiger zackiger Felsen umrahmt dieses Bild
+von seltener malerischer Schönheit. &ndash; Wir steigen auf zu dem
+Orte, durchschreiten den Platz, dem eine alte Ulme ihren Schatten
+spendet, wenden uns dann links und schlagen den Fußweg ein,
+der, an einem offenen Brunnen vorbei, der Berglehne folgt.
+Nach kaum halbstündigem Aufstieg haben wir das weit sichtbare
+Kreuz erreicht, das hoch oben, am vorspringenden Bergesrande
+dem Wetter trotzt. Bei stark wehendem Mistral ist es
+kaum möglich, an jener Stelle zu weilen; das zersplitterte Kreuz,
+welches nur noch einen seiner Arme gegen den Himmel streckt,
+zeugt von der Gewalt der Stürme, die dort oben hausen.
+Bereits von diesem Kreuze aus ist der Blick überwältigend
+schön. Er umfaßt die sämmtlichen Thäler, die bei Mentone
+münden. Auf den Höhen sieht man jene wilden Ortschaften
+thronen, Burgen der Grimaldi und der Lascaris, die einst diese
+Thäler beherrschten; man umspannt mit dem Blicke den ganzen
+Halbkreis steil aufsteigender Berge, welche die Thäler mächtig
+umfassen und eine undurchdringbare Schranke für das Auge
+bilden, das hingegen nach Süden zu unbegrenzt über dem
+blauen, endlosen Meere schweift. Eine weitere Steigerung der
+Eindrücke hält man nicht für möglich, man kann sich schwer
+von dieser Stelle trennen, und doch gewinnt das Bild noch an
+<pb n='025'/><anchor id='Pg025'/>
+erhabener Größe, betrachtet von dem Bergrücken, der jetzt in
+südlicher Richtung nach Roccabruna führt. Dann verschieben
+sich gegen einander, wie mächtige Decorationen, die Felsriesen,
+die den Hintergrund der Thäler schließen, und die Umrisse des
+Bildes werden immer reicher, immer bewegter. Bald tritt im
+Mittelpunkte der Landschaft, am Nordabhange des mächtigsten
+dieser Berge, Sant' Agnese hervor, ein ansehnliches Dorf, das
+in schwindelnder Höhe, wie ein Schwalbennest am Felsen, über
+dem Abgrund zu hängen scheint. Wer konnte das Dasein dieses
+Ortes ahnen; ist er doch gegen das Meer hin von dem Felsen
+ganz verdeckt, an den er sich klammert. Dieser Felsen sollte
+ihn auch schützen und verbergen vor den spähenden Blicken der
+Saracenen, welche einst das tyrrhenische Meer durchkreuzten.
+Und doch war es ein Saracenenhäuptling Harun, der im zehnten
+Jahrhundert, der Sage nach, die Burg erbaute, deren Ruinen
+den Bergesgipfel krönen. Doch nicht als Feind kam er hierher,
+sondern von der Liebe zu einer Christin überwältigt, die er,
+selbst zum Christenthum bekehrt, zu seiner Gattin machte.
+</p>
+
+<p>
+Selbst wer den schönsten Theil Süditaliens kennt, wird sicher
+die volle Macht dieser herrlichen, so typisch italienischen Landschaft
+empfinden. Und wie wird der Eindruck noch gesteigert,
+wenn gegen Sonnenuntergang sich die Gipfel der Berge zu
+röthen anfangen, lange dunkle Schlagschatten in die Thäler
+fallen und Sant' Agnese in goldigem Licht auf dem grauen
+Fels zu glühen beginnt.
+</p>
+
+<p>
+Doch die Zeit drängt, denn die Sonne im Westen ist lange
+schon hinter der <name type="place" rend="antiqua">Tête de chien</name> verschwunden; die Nachtschatten
+senken sich hinab in die Schluchten, während ein langer steiniger
+Weg uns von Cabbe-Roquebrune, der Eisenbahnstation, noch
+trennt.
+</p>
+
+<p>
+In Cabbe-Roquebrune auf dem Bahnhof erwartet uns ein
+botanischer Genuß. Über einer hohen Mauer am Abhang
+stehen mächtige Judasbäume
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cercis siliquastrum</name>) und senken
+abwärts ihre blüthenbeladenen, noch laubfreien Zweige. Die
+<pb n='026'/><anchor id='Pg026'/>
+schönen, dicht gedrängten Blüthen entspringen auch dem alten Holze,
+so daß die ganze Baumkrone wie ein einziges Blumengewinde erscheint,
+von rosenrother Farbe. Dieser Baum ist in Südeuropa
+zu Hause, sehr häufig sieht man ihn in Palästina die Gärten
+um Jerusalem schmücken, was wohl Veranlassung zu der Sage
+gab, Judas habe sich an demselben erhängt.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">V.</p>
+
+<p>
+Bezaubernd schön ist Mentone, wenn man es vom Pont
+St.&nbsp;Louis aus betrachtet. Das Bild gehört zu den eindrucksvollsten
+der ganzen Riviera. Doch muß man es am Morgen
+betrachten, wenn die Sonne das alte Mentone von Osten her
+bescheint. Man folgt von Mentone aus in östlicher Richtung
+der Landstraße und wählt ihren linken Arm, dort, wo sie sich
+gabelt. Man steigt dann sanft in die Höhe, zwischen Villen
+und Mauern. Gibt es nicht zu viel Staub auf der Straße, so
+ist diese Wanderung ein Genuß. Denn die angrenzenden Gärten
+strotzen von üppigen Gewächsen, und überall drängt sich der
+Überfluß derselben bis auf die Straße. Die Pflanzen finden
+keinen Platz mehr in der eingeengten Umfriedung und streben
+hinaus ins Freie. Rosenrothe und feuerfarbige Pelargonien
+neigen sich über das Gitter, dort hängt ein Rosenstrauch über
+dasselbe hinaus und trägt unzählige Blüthen. Weiter ist eine
+ganze Mauer bis unten hinab mit einem epheublätterigen Kranichschnabel,
+dem <name type="taxonomic" rend="antiqua">Pelargonium peltatum</name>, bedeckt, welcher so üppig
+blüht, daß die Blätter unter den blaßrothen Blüthen verschwinden.
+Jener Strauch, der im graziösen Bogen über eine
+andere Mauer sich beugt und ährenförmige Rispen gelber Blüthen
+trägt, ist eine chinesische Buddleia
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Buddleia Lindleyana</name>). Die
+ganze Straße duftet jetzt nach Heliotrop, der an dem Geländer
+emporklettert; weiter ist es wieder eine Pergola safrangelber
+Rosen, welche der Straße folgt. Mit ihren fleischig dicken
+Stengeln und Blättern und ihren großen rothen oder gelben
+Blüthen schmückt dort die Mittagsblume
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mesembryanthemum
+<pb n='027'/><anchor id='Pg027'/>
+acinaciforme</name>) eine Mauer. Dann schließen Citronen- und
+Orangenbäume sich an, die mit Früchten reich behangen, auch
+schon ihre duftigen Blüthen entfalten. Wir kommen an dem kleinen
+französischen Zollhaus vorbei und erreichen alsbald unser Ziel.
+In kühnem Bogen schwebt die Brücke San Luigi über der
+Schlucht, welche Frankreich von Italien trennt. Der Blick von
+hier auf Mentone ist in der That von ergreifender Schönheit.
+Die alte Stadt deckt einen schmalen Grat, der sich bis zum
+Meere senkt. Dicht gedrängt steigen die Häuser an ihm auf,
+über- und nebeneinander. Alle sind sie im italienischen Style
+gebaut, mit Loggien, Balkonen und Terrassen, trotzdem alle verschieden
+an Gestalt und Größe, scheinbar gesetzlos zu einer
+einzigen Masse vereint. Jedes zeigt eine andere Färbung; im
+hellen Glanz der Sonne verschmelzen aber die Gegensätze und
+die ganze Stadt leuchtet fast weiß in die Ferne. Aus der
+Häusermasse ragt die Kirche mit ihrem schlanken Glockenthurm
+hervor. Und welch eine großartige Einfassung zeigt dieses Bild!
+In weiter Ferne, kaum noch sichtbar, profilirt sich im nebeligen
+Umriß das zackige Esterel. Dann weicht die Küste vor dem
+Meere zurück und erst die <name type="place" rend="antiqua">Tête de chien</name> über Monaco bietet ihm
+wieder Trotz. Sie scheint an der Küste Wache zu halten. Dann
+folgen mächtige, majestätische Berge und rücken immer näher auf
+Mentone zu. Das Cap Martin streckt sich wie ein grünsammetnes
+Band vor in die blaue See, und hinter Mentone
+steigen die zackigen Felsenriesen auf und leuchten in der Sonne
+im bläulichen Grau. Dann folgen tiefer grüne Schluchten, wo
+helle Olivenhaine mit dunklen Citronengärten abwechseln und
+an den Abhängen weiße Dörfer verborgen im Laub. Kahle
+Bergrücken glänzen grell in der Nähe, von grünen Kiefernwäldern
+stellenweise wie von Oasen bedeckt. Der Vordergrund
+entzückt uns durch seine Farbenpracht, denn der untere Theil der
+Schlucht, über der wir schweben, ist in einen Garten verwandelt.
+In Stufen steigt er auf, und der Boden verschwindet ganz
+unter Blüthen. Hell- und dunkelrothe Geranien, dicht aneinander
+<pb n='028'/><anchor id='Pg028'/>
+gedrängt, kugelige Chrysanthemum-Sträucher
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chrysanthemum
+frutescens</name>) mit tausenden von Blüthen wie mit weißen Sternen
+übersäet. Dann ein Judasbaum, ganz in Blüthen gehüllt, der
+seine rosenrothen Aeste über die weißen Chrysanthemen neigt.
+Ein gelbblüthiger Rosenstrauch, der den rosenrothen Judasbaum
+erklimmt; schlanke Bambusen wie Federbüsche in die Lüfte
+ragend; daneben Fächerpalmen. Dunkelgrüne, schlanke Cypressen;
+ein Pfefferbaum mit hellgrünen, zartgefiederten Blättern an den
+hängenden Aesten; dunkelrothe Bougainvilleen an den aufsteigenden
+Wänden: ein wahres Kaleidoskop. Hohe Dattelpalmen
+ragen aus der Schlucht hervor und umrahmen das Bild von
+Mentone, phantastische Opuntien nächst der Brücke bilden den
+ersten Vordergrund. Und dieses ganze farbenreiche Bild taucht
+mit seinem Rande in die dunkelblaue Fluth. Eine frische Brise
+weht uns vom Meer entgegen, der Frühling blickt mit allen seinen
+Blumenaugen aus der Schlucht empor. Es stimmt so harmonisch
+und heiter dieses hehre Bild. Daher wir es auch vergessen
+möchten, daß dort über Mentone, wo weiße Steine und dunkle
+Cypressen zwischen grauen Mauern sich erheben, ein Ort der
+Trauer ist. Ein Schloß der Grimaldi stand einst auf dieser
+Höhe, zwischen seinen Trümmern und Umfassungsmauern ist
+dann der Friedhof entstanden. Er beherrscht diesen sonnigen
+Strand, wie einst die mächtige Burg ihn beherrschte: ein Wahrzeichen
+des heutigen Mentone. Ich suche die Gedanken von
+dieser Stelle abzuwenden, doch unablässig kehren sie zu derselben
+zurück. Denn trauriger hat mich ein Friedhof nie gestimmt
+wie dieser dort, mit seinen in Blumen ganz versteckten
+Gräbern. Kaum kann es einen mächtigeren Widerspruch geben
+zwischen der freudig sonnigen Natur und dem jähen Tode.
+Dieser Gegensatz preßt Einem das Herz zusammen. Und aus
+allen Theilen der Welt eilten jene zusammen, die auf diesem
+Friedhof ruhen. In der Blüthe der Jahre, fern von ihrer
+Heimath, legten sie sich unter Jasmin und Rosen zu ewigem
+Schlaf. Ob ihnen wohl die Erde leichter wird, weil die Blumen
+<pb n='029'/><anchor id='Pg029'/>
+nie auf derselben verwelken? Die Rosen im besondern drängen
+sich dort überall vor: weiße, gelbe, blutigrothe, und sie verbreiten
+einen betäubenden Duft. Als ich einst diesen Friedhof besuchte,
+da strahlte die Welt in Frühlingsglanz und jauchzte es von
+Leben in den Lüften. Da war es besonders traurig zwischen
+diesen blumenreichen Gräbern. Auf einem frisch errichteten
+Denkmal saß ein junger Bildhauer, meißelte das Antlitz eines
+zarten Mädchens in den Stein und sang dazu ein fröhliches
+Lied. Ich blieb vor dem Grabe lange stehen: es war wie in
+einer Shakespeare'schen Tragödie.
+</p>
+
+<p>
+Hoch ragen über der Brücke San Luigi die zackigen Felsen
+empor, welche die Schlucht umfassen. Sie selber steigt hier
+plötzlich auf, unvermittelt in romantischer Wildniß. Ein einzelner
+Felsenkegel erhebt sich aus ihrer Mitte und endet mit spitzem
+Gipfel. Zahlreiche Grotten versenken sich in den Stein. Rosmarin
+und Wolfsmilch, Wachholder und großblüthige Malven
+(<name type="taxonomic" rend="antiqua">Lavatera maritima</name>) klammern sich an jeden Vorsprung der
+Felsen an und beleben ihre Eintönigkeit. Unten grünt Alles von
+üppigem Pflanzenwuchs. Ein kleiner Bach rauscht abwärts in
+den Felsenspalten und bildet dann zierliche Wasserfälle. Ein
+Theil des Wassers wird in einen kleinen Aquäduct gefaßt, der in
+malerischen Windungen abwärts läuft, dann mit gewölbtem
+Bogen den Bach überschreitet. Wie effectvoll Alles vereint in
+diesem engen Raume: es ist fast wie eine Theaterdecoration!
+</p>
+
+<p>
+An jener so überaus warmen Stelle der Riviera bildet diese
+Felsenschlucht wohl noch den wärmsten Ort. Durch hohe Berge
+geschützt und umfaßt, steht sie den südlichen Winden nur offen.
+In dieser Schlucht beginnen schon im December die Veilchen zu
+blühen. Die Schwalben verlassen sie nie. Die Eidechsen sollen
+ihres Winterschlafs hier vergessen. An Nahrung ist stets Ueberfluß.
+Insekten durchschwirren die Luft, und die Spinne spannt
+ihr Netz auch im Winter, um sie zu fangen.
+</p>
+<pb n='030'/><anchor id='Pg030'/>
+<p rend='text-align:center'>VI.</p>
+
+<p>
+Niemand sollte es versäumen, von Bordighera oder von
+Mentone aus, einen Ausflug nach La Mortola, dem Garten des
+Herrn Thomas Hanbury, zu unternehmen. Der Eintritt wird
+Montag und Freitag Nachmittag gegen Zahlung von je einem
+Franc gestattet. Dieses Geld dient zur Unterstützung des
+Krankenhauses von Ventimiglia. Wer eingehende Studien im
+Garten machen will, erhält hierzu vom Besitzer jederzeit Erlaubniß.
+Früher Eigenthum der Familie Orengo in Ventimiglia,
+trägt auch heute noch die schöne Villa im Garten, welche Herr
+Thomas Hanbury bewohnt, den Namen des Palazzo Orengo.
+Als Herr Hanbury diese Besitzung im Jahre 1866 erwarb, war
+sie von einem mageren Olivenhain bedeckt. Ludwig Winter hat
+sie in den feenhaften Garten verwandelt, der jetzt den Besucher
+entzückt. Der Garten deckt eine Fläche von ungefähr vierzig
+Hektaren und fällt von der Kunststraße, welche das Dorf Mortola
+in hundert Meter Höhe durchzieht, bis zum Meere ab. Die in
+dem Numullitenkalk tief gerissene Schlucht, an welche die Besitzung
+anlehnt, gewährt ihr Schutz gegen die Winde und ermöglicht
+die Entwickelung einer so üppigen Vegetation, wie sie auch an
+der Riviera kaum ihres gleichen findet. Freilich mußte durch
+künstliche Bewässerung vorgesorgt werden, daß die lange Dürre
+des Sommers nicht verhängnißvoll für die Pflanzen werde.
+Denn man rechnet in La Mortola über zweihundert Tage im
+Jahr, an welchen der Himmel völlig wolkenlos bleibt, und auch
+innerhalb des winterlichen Halbjahres gibt es nur etwa vierzig
+Regentage.
+</p>
+
+<p>
+Es wäre ein gewagtes Beginnen, wollte ich an dieser Stelle
+alle die zahlreichen Pflanzenformen schildern, welche der Garten
+von La Mortola birgt. Es kommt mir nur darauf an, die
+Reichhaltigkeit desselben hervorzuheben. Was aber diesen Garten
+insbesondere belehrend macht, ist der Umstand, daß alle Pflanzen
+Schilder tragen, auf welchen ihr Name, der abgekürzte Name
+des Autors, der sie benannte, ihre Heimath, sowie die Familie,
+<pb n='031'/><anchor id='Pg031'/>
+der sie angehören, angegeben ist. So kann jeder Besucher des
+Gartens erfahren, wie die Pflanze heißt, die ihm durch ihre
+Schönheit oder ihren Wohlgeruch auffällt, eine Pflanze, nach
+deren Namen er vielleicht vergeblich schon in manchem anderen
+Garten der Riviera forschte. Herr Hanbury ist bemüht, seinem
+Garten auch wissenschaftlichen Werth zu verleihen und sucht unaufhörlich
+neue, interessante, technisch wichtige oder durch ihre
+Heilkraft ausgezeichnete Gewächse für denselben zu erwerben.
+Ein kenntnißreicher deutscher Gärtner, Gustav Cronemeyer, stellte
+vor einigen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichniß aller Pflanzen
+des Gartens auf. Dieses Verzeichniß umfaßt über 3600 Arten.
+Es wurde an alle botanischen Anstalten der Welt versandt, mit
+der Aufforderung, aus den Schätzen des Gartens für wissenschaftliche
+Zwecke zu schöpfen. Auch die Samen und Früchte
+des Gartens erntet man alljährig, um sie wissenschaftlichen
+Anstalten dienstbar zu machen. Da Herr Hanbury gleichzeitig
+stattliche Schulgebäude in La Mortola errichtet, da er neuerdings
+auch ein schönes botanisches Institut in Genua erbauen ließ,
+um es der dortigen Universität zu schenken, so läßt sich wohl
+behaupten, daß er einen edlen, nachahmenswerthen Gebrauch von
+seinen Reichthümern macht. Leider ist der eifrige Leiter des
+Gartens, Gustav Cronemeyer, vor kurzem gestorben, und gewährt
+es nur einen Trost, daß sein Nachfolger, ebenfalls ein deutscher
+Gärtner, Herr Dinter, mit gleichem Eifer in seine Spuren tritt.
+</p>
+
+<p>
+Gerade im Frühjahr ist es, wo der Garten von La Mortola
+in vollstem Blüthenschmucke prangt. Besonders tragen die Akazien
+dazu bei, ihn um jene Zeit so üppig zu verzieren. Ueber neunzig
+Arten der Gattung <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia</name>
+stehen da in Cultur, von den fein
+gefiederten, mimosenartigen an, deren Blättchen jeder Windhauch
+in Bewegung setzt, bis zu jenen starrend stachlichen Arten,
+welche schon durch ihren botanischen Namen als »bewaffnet«
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>armata</name>),
+»struppig« und »schauerlich«
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>horrida</name>)
+hinreichend gekennzeichnet
+werden. Manche Akazien sind von gelben Blüthen
+so überdeckt, daß das grüne Laub unter denselben fast verschwindet,
+<pb n='032'/><anchor id='Pg032'/>
+und die meisten verbreiten zur Blüthezeit ein liebliches
+Aroma. Benennungen wie »lieblich«, »angenehm«
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>suaveolens</name>)
+zeichnen noch besonders einzelne Arten aus. Der höchste Preis
+des Wohlgeruchs gebührt aber unstreitig der tropisch-amerikanischen
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia Farnesiana</name>,
+welche ihre veilchenduftenden Blüthenköpfchen
+den ganzen Winter über treibt. Diese Blüthenköpfchen dienen
+in Grasse und in Cannes unter dem Namen
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>fleurs de cassie</foreign>«
+in ausgiebiger Weise den Zwecken der Parfümerie. Den Namen
+»<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Farnesiana</name>«
+erhielt diese schon lange in Südeuropa bekannte
+Pflanze wohl daher, daß sie in den farnesianischen Gärten in
+Rom zuerst gezüchtet wurde. &ndash; Durch ihr zartes, zierliches,
+doppeltgefiedertes Laub von bläulich grüner Farbe, fällt hier,
+wie auch an den anderen Stellen der Riviera, die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia</name> oder
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Albizzia Julibrissin</name>
+auf, ein stattlicher Baum vom Aussehen
+einer Mimose, dessen hellviolette Blüthenköpfchen aber erst im
+Juli zur Entfaltung kommen. Sie stammt von der Südküste
+des kaspischen Meeres, ihr Arten-Name ist persisch und bedeutet
+Seidenblume. &ndash; Von der südafrikanischen steifen
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia horrida</name>
+stammt eine geringe Gummisorte, die als Capgummi bekannt
+ist. Das feinste Gummi arabicum tritt aus der Rinde der
+senegambisch-kordofanischen
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia Senegal</name>, ähnlich wie bei
+uns Kirschgummi aus der Rinde von Kirschbäumen, hervor.
+</p>
+
+<p>
+Durch ein ganz besonders feines Aroma zeichnet sich in dem
+Garten von La Mortola außer der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia Farnesiana</name> ein
+gelbblühender Strauch, die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pteronia incana</name> vom Cap aus,
+welche zu derselben Abtheilung der Compositen wie unsere Astern
+gehört, deren Blüthenköpfchen aber einen, man könnte fast sagen,
+vergeistigten Aprikosenduft verbreiten. Sehr wohlriechend in
+allen seinen Theilen ist ein anderer Strauch vom Cap, die
+Rutacee <name type="taxonomic" rend="antiqua">Diosma fragrans</name>. Nicht umsonst hat sie, so wie ihre
+nächsten Verwandten, die bei uns viel in Gewächshäusern cultivirt
+und als Bouquetgrün benutzt werden, den Namen
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Diosma</name>,
+d.&nbsp;h. »Götterduft«, erhalten. Ein chilenischer Strauch mit
+kleinen gelben Blüthen, die Flacourtiacee
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Azara microphylla</name>,
+<pb n='033'/><anchor id='Pg033'/>
+wird wegen seines vanillenartigen Duftes in der Heimath
+»Aromo« genannt. Eine krautartige Salbeiart, die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Salvia albocoerulea</name>,
+riecht wie feines Tafelobst. Verschiedene Pelargonien,
+so namentlich das
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pelargonium roseum</name>
+und <name type='taxonomic' rend='antiqua'>odoratissimum</name>,
+verbreiten ein starkes rosenartiges Parfüm, wenn man ihre
+Blätter zerdrückt. Geradezu betäubt wird man an zahlreichen
+Stellen des Gartens von dem Duft, der den kleinen weißen
+Blüthen vom <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pittosporum Tobira</name>
+entströmt. Diese Blüthen
+decken in großer Zahl den baumartigen immergrünen Strauch,
+der im Aussehen an den lorbeerartigen Schneeball
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Viburnum
+Tinus</name>) unserer Gewächshäuser erinnert. Es gibt auch eine Art
+mit fast schwarzen Blüthen, die fremdartig genug auf den Zuschauer
+einwirkt. &ndash; Lieblich duftet, ähnlich wie unsere wohlriechende
+Platterbse, ein zierlicher Baum mit überhängenden
+Aesten, der aus der Ferne ganz weiß erscheint von reicher
+Blüthenfülle. Es ist eine west-mediterrane Ginsterart,
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Genista
+monosperma</name>, die zu den anmuthigsten Pflanzenformen im Frühjahr
+an der Riviera gehört. Ist auch zu jener Zeit der Blüthenreichthum
+noch so groß, Jedem fällt, unter allen anderen, diese
+Pflanze auf, die den Namen Blüthenregen führen sollte. Erscheint
+es da nicht wunderbar, daß zu derselben Gattung, wie dieses so
+zart erscheinende Gewächs, auch die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Genista acanthoclada</name> gehört,
+ein Strauch der griechischen Berge, der so stachelig ist, daß
+er für die Pflanze des Tartarus gelten konnte:
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Aspalathus</name>,
+nach der Insel Aspalathe an der Küste von Lycien genannt,
+lieferte er, der Sage nach, jene Ruthen, mit denen die Gottlosen
+in der Unterwelt gepeitscht wurden.
+</p>
+
+<p>
+Eigenthümlich berühren den Besucher des Gartens die
+Casuarineen, die in großen Exemplaren gleich unterhalb der
+Eingangstreppe stehen. Die graugrünen feinen Zweige dieser
+Bäume hängen wie die Federn eines Casuarschweifes herab und
+verschafften dem Gewächs auch seinen Namen. Die Zweige sind
+blattlos; die Ernährung des Baumes, die sonst von den Blättern
+besorgt zu werden pflegt, fällt hier somit den Zweigen zu.
+<pb n='034'/><anchor id='Pg034'/>
+Diese sind demgemäß auch grün gefärbt, d.&nbsp;h. sie führen jenen
+Farbstoff, das Chlorophyll, dessen Anwesenheit für die Bereitung
+von Nahrungsstoff durch die Pflanze nothwendig ist. Die
+Casuarineen bilden in Australien ausgedehnte Wälder von sehr
+eigenem Aussehen. Wie so viele andere australische Bäume vermögen
+sie dem Boden nur spärlichen Schatten zu spenden. Die
+Blüthen dieser Gewächse sind so klein und unansehnlich, daß nur
+das kundige Auge sie an den Zweigen zu erkennen vermag. Das
+Holz der Casuarineen zeichnet sich durch seine Härte und seine
+Schwere aus und hat daher den Eingeborenen zur Anfertigung
+von Streitkolben gedient.
+</p>
+
+<p>
+Ein australischer Baum, der in den letzten Decennien ungemein
+rasche Verbreitung über die Riviera gefunden hat und
+den der Garten von La Mortola in nicht weniger als vierundzwanzig
+Arten besitzt, ist der Eucalyptus. Jeder, der Italien
+einmal besuchte, kennt die Eucalypten, wenn auch wohl nur die
+eine, überall vertretene Art derselben, den
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eucalyptus globulus</name>.
+Auch dieser australische Baum gibt im Verhältniß nur wenig
+Schatten; seine Blätter sind zwar von ansehnlicher Größe, sie
+hängen aber an langen Stielen von den Zweigen senkrecht herab
+und können daher selbst bei dichter Belaubung den Sonnenstrahlen
+nicht allen Durchgang verwehren. Da auch der leiseste
+Windhauch diese Blätter in Bewegung setzt, so herrscht unter
+den Eucalyptusbäumen ein eigenes zitterndes Zwielicht, das allerdings
+erst in Eucalyptus-Wäldern voll empfunden wird. Die
+Eucalypten gehören zu den Riesen der Pflanzenwelt, zu denjenigen
+Bäumen, welche überhaupt die bedeutendste Größe erreichen.
+In Australien sind Stämme von
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eucalyptus amygdalina</name>
+gemessen worden, deren Höhe 156 Meter betrug und somit
+genau derjenigen der Thürme des Kölner Doms entsprach, die
+Pyramide des Cheops aber um fünf Meter, die Peterskirche in
+Rom sogar um mehr als zwanzig Meter überstieg. Die Eucalypten
+wachsen auch an der Riviera äußerst rasch und ragen
+schon über ihre Umgebung weit empor, ungeachtet ihre Anpflanzung
+<pb n='035'/><anchor id='Pg035'/>
+hauptsächlich erst Ende der sechziger Jahre erfolgte.
+Im Garten von La Mortola erreichte ein
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eucalyptus globulus</name>
+in sieben Jahren neunzehn Meter Höhe und fast anderthalb
+Meter im Umfang. Kein in Europa sonst bekannter Baum vermag
+Ähnliches zu leisten. Trotz so raschen Wachsthums zeichnet
+sich das Eucalyptusholz durch große Härte aus. An vielen
+Orten hat man Eucalypten angepflanzt, weil man der Ausdünstung
+derselben besondere heilsame Kräfte zuschrieb. Thatsächlich
+kommt aber den äußerst geringen Mengen von ätherischen
+Ölen, die sich um die Eucalypten verbreiten, kaum eine merklich
+desinficirende Wirkung zu. Dadurch hingegen, daß die
+Eucalypten rasch auf sumpfigem Boden wachsen und als immergrüne
+Pflanzen Sommer und Winter Wasser aus ihren Blättern
+verdunsten, tragen sie zu dessen Trockenlegung bei. Die Hoffnung,
+daß die Extracte aus Blättern und Rinde der Eucalypten das
+Chinin ersetzen würden, war gleichfalls übertrieben. Kommt
+auch diesen Extracten eine gewisse febrifuge Wirkung zu und
+sind dieselben auch seit undenklichen Zeiten von den Eingeborenen
+Australiens gegen Malaria verwandt worden, so stehen sie doch
+dem Chinin ganz bedeutend nach. Im April sieht man die
+älteren Eucalyptusstämme an der Riviera sich mit großen weißen
+Blüthen bedecken, welche durch ihre äußerst zahlreichen, feinen
+und langen Staubgefäße auffallen. Der Kundige erkennt an
+diesen Blüthen, daß der Baum zu den myrtenartigen Gewächsen
+gehört. Eine Eigenthümlichkeit der Eucalypten ist es, daß deren
+Blüthenknospen sich mit einem runden Deckel öffnen, der als
+grüne, weißbereifte Mütze abgeworfen wird. Diese Deckel sieht
+man im Frühjahr in großen Mengen unter den Eucalyptusbäumen
+liegen; sie verbreiten, wenn man sie zertritt, einen sehr
+durchdringenden Geruch. Neuerdings hat sich die Industrie auch
+dieser Gebilde bemächtigt, und in Bordighera sah ich Kreuze und
+Rosenkränze, die aus trockenen, aufgefädelten Eucalyptusblüthen-Deckeln
+hergestellt waren.
+</p>
+
+<p>
+Ganz junge Eucalyptusbäume, wie man sie auch bei uns,
+<pb n='036'/><anchor id='Pg036'/>
+innerhalb der Gewächshäuser, sehen kann, zeigen zunächst ein
+von den älteren Bäumen durchaus verschiedenes Aussehen. Kaum
+glaubt man dieselben Pflanzen vor Augen zu haben. Die
+Blätter sind breit, stumpf, stengelumfassend, wagerecht gestellt,
+und erst an älteren Zweigen treten an deren Stelle die schmalen,
+zugespitzten, langgestielten Blätter auf, die senkrecht abwärts
+hängen. Damit verändert sich auch ihr innerer Bau. Zuvor
+zeigten sie verschiedene Structur auf ihren beiden Seiten, jetzt
+sind beide Seiten gleich. Beide Blattflächen werden ja an den
+hängenden Blättern in gleicher Weise von
+<corr sic='Lichtstahlen'>Lichtstrahlen</corr> getroffen.
+Sie brauchen aber gleichen Bau, um gleiche Arbeit zu verrichten.
+Aehnliche Einrichtungen treten uns bei vielen anderen Gewächsen
+Neuhollands entgegen und bestimmen geradezu den Charakter
+der dortigen Vegetation.
+</p>
+
+<p>
+ Der in Italien hauptsächlich cultivirte
+ <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eucalyptus globulus</name>
+ist nicht der widerstandfähigste Vertreter seiner Gattung, wie er
+denn auch im strengen Winter 1890&ndash;91 an exponirten Stellen
+der Riviera gelitten hatte. Manche Arten trotzen besser der
+Kälte, und der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eucalyptus Gunnii</name>
+gedeiht selbst in Whittingham
+bei Edinburgh.
+</p>
+
+<p>
+Der hohen Schutzmauer der Seealpen, welche die kalten
+Nordwinde abhält, verdankt die Riviera di Ponente ihr mildes
+Klima. Diese Schutzmauer bedingt es auch, daß dort die Cultur
+der Agrumi erfolgreich betrieben werden kann. An zahlreichen
+Stellen der Küste, zwischen Nizza und Savona, gedeihen die
+Agrumi ebenso gut wie bei Neapel, während der Reisende das
+Innere von Ober- und Mittelitalien durchwandern kann, ohne
+sie zu erblicken. Unter der Bezeichnung »Agrumi« werden die
+Vertreter der Gattung <name type="taxonomic" rend="antiqua">Citrus</name> zusammengefaßt. Das Verzeichniß
+von La Mortola weist über zwanzig Arten oder Formen dieser
+Gattung auf. Man findet dort fast alle in Italien cultivirten
+Agrumi in engem Raum beisammen. Diese Pflanzen scheinen
+so fest mit dem italienischen Boden verwachsen zu sein, daß
+italienische Bilder stets der Phantasie des Nordländers vom Blüthenduft
+<pb n='037'/><anchor id='Pg037'/>
+der Citrone durchweht und vom Glanze der Goldorange
+durchleuchtet erscheinen. Am meisten hat diese Vorstellung wohl
+das Mignonlied verbreitet, jenes Lied, das der Sehnsucht des
+Nordländers nach südlicheren Gestaden so unendlichen Ausdruck
+verlieh. So sehr die Agrumi aber auch in die italienische Landschaft
+zu gehören scheinen, so sind sie doch erst verhältnißmäßig
+spät in dieselbe gelangt und nur auf ganz bestimmte Theile von
+Italien beschränkt geblieben. Ihre Heimath liegt im fernen
+Asien, in Ostindien und Südchina; über den Orient schlugen sie
+aber zunächst ihren Weg nach Europa ein. Wie aus dem alten
+»Traité du Citrus« von Gallesio, dem Werke Victor Hehn's
+über »Culturpflanzen und Hausthiere«, Alphonse de Candolle's
+»Ursprung der Culturpflanzen«, endlich Flückiger's »Pharmacognosie«
+&ndash; von älteren Quellenwerken abgesehen &ndash; zu erfahren
+ist, war dasjenige, was im Alterthum zunächst »Citrum«
+hieß, das Holz von
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Callitris quadrivalvis</name>.
+Auch diese nordafrikanische
+Conifere ist in dem Hanbury'schen Garten in vortrefflicher
+Entwickelung zu sehen. Ihr Holz liefert das Sandarac,
+ein Harz, das in erstarrten, weißen Thränen die Stammrinde
+deckt und aus der Wunde heraustropft, wenn ein Zweig abgeschnitten
+wird. Das schön gemaserte, wohlriechende Holz dieses
+Baumes stand bei den Römern in hohem Ansehen und diente
+im Besonderen zur Anfertigung von Kisten, welche wollene Kleider
+vor Motten schützen sollten. Als dann die Citrone den Römern
+bekannt wurde, und es sich zeigte, daß sie in ähnlich wirksamer
+Weise die Motten abhält, wurde der Name Citrum auf dieselbe
+übertragen. Von dem Gewächse, welches diese
+»<foreign lang='it' rend='antiqua'>mala citria</foreign>«
+erzeugt, drang die erste Kunde nach Griechenland während der
+Kriegszüge Alexanders des Großen. Letztere waren es, welche den
+Orient und die Tropen der griechischen Cultur erschlossen. Sie
+brachten den classischen Ländern eine solche Fülle neuer Naturanschauungen,
+wie dies zum zweiten Mal in gleichem Maße
+nur durch die Entdeckung des tropischen Amerika wieder geschah.
+Ueber den Citronenbaum wurde berichtet, daß er ein wunderbares
+<pb n='038'/><anchor id='Pg038'/>
+Gewächs der persischen und medischen Lande sei, und voll
+goldener Früchte hänge. Diese sollten nicht nur gegen Motten
+schützen, sondern auch als Gegengifte äußerst wirksam sein. Ja,
+es bildete sich, wie man in einem Werke des Athenaeos, eines
+Gelehrten, der zu Naukratis in Ägypten geboren wurde und
+um&nbsp;228 n.&nbsp;Chr. starb, lesen kann, der Aberglaube, daß, wer
+von diesen Früchten gekostet habe, den Biß giftiger Schlangen
+nicht zu fürchten brauche. Jenes durch seine Citate sehr werthvolle
+und merkwürdige Werk des Athenaeos schildert ein fingirtes
+Gastmahl, welches von einem römischen Schlemmer und Schöngeist,
+Künstlern, Dichtern und Gelehrten geboten wird, und bei
+welchem an die dargereichten Speisen und Getränke sich entsprechende
+Unterhaltungen knüpfen. Da erzählt ein gewisser
+Demokritos, sein Freund, der Statthalter von Ägypten, habe
+ihm mitgetheilt, daß zwei Verbrecher, die zum Tode durch giftige
+Schlangen verurtheilt waren, dem Biß derselben nicht erlagen,
+weil sie von einer Citrone zuvor aßen. Der Statthalter habe den
+Versuch absichtlich mit denselben Verbrechern zum zweiten Male
+wiederholt, aber nur dem einen von beiden eine Citrone dargereicht.
+Die Folge sei gewesen, daß dieser eine nur den Bissen
+der giftigen Nattern zu widerstehen vermochte, während der andere
+bald nach der Verwundung starb. Als bestes Schutzmittel gegen
+Gift empfiehlt der Erzähler eine in Honig zerkochte Citrone.
+Man müsse von diesem Gegengift früh am Morgen eine kleine
+Menge zu sich nehmen und sei dann den ganzen Tag über
+vor Vergiftung sicher. Dem Aberglauben, der solche Vorstellungen
+nährte, liegt wie auch sonst in ähnlichen Fällen, ein
+Fünkchen Wahrheit zu Grunde. Thatsächlich ist die Citrone durch
+sehr starke fäulnißwidrige Eigenschaften ausgezeichnet, Eigenschaften,
+die sie auch heute noch als Antisepticum sehr schätzbar
+machen. Schon im Alterthum hatte man richtig erkannt, daß
+der Saft der Citrone den Athem verbessere. Ein Vergnügen
+konnte es damals nicht sein, Citronen zu genießen, denn es waren
+thatsächlich nicht unsere jetzigen »Citronen«, vielmehr Cedraten
+<pb n='039'/><anchor id='Pg039'/>
+oder Citronat-Citronen, die uns nur eingemacht schmecken. Diese
+Cedraten heißen auch heute noch »Cedro« bei den Italienern.
+Saftiges Fruchtfleisch ist ihnen nicht eigen; sie bestehen fast ausschließlich
+nur aus Schale, und diese ist es, die, in Zucker eingekocht,
+die Citronate liefert. Die Cedraten erreichen meist bedeutendere
+Größe als die Citronen, sind letzteren im Übrigen
+ähnlich. Ihre Form variirt aber bedeutend, und da viele Abänderungen
+durch Veredelung fixirt worden sind, so bekommt
+man neben stark in die Länge gezogenen auch fast runde Cedraten
+zu sehen. Das gab sogar Veranlassung zur Aufstellung
+verschiedener Arten innerhalb dieses Formenkreises, wie es denn
+überhaupt schwer fällt, zu unterscheiden, was Art und was nur
+Abart in der Gattung Citrus ist. Eine rundliche durch stark
+höckerige Schale und feinen Wohlgeruch ausgezeichnete Frucht,
+die auch zu den Cedraten gehört, wird als Adamsapfel oder
+Paradiesapfel unterschieden. Sie galt als die Frucht vom Baume
+der Erkenntniß und findet als solche beim Laubhüttenfest der
+Juden heute noch Verwendung. Die gesuchtesten Früchte zu
+diesem Fest werden aus Corsica, Corfu, Marocco und Palästina
+eingeführt und können bei vorgeschriebener Form sehr hohen
+Geldwerth erreichen.
+</p>
+
+<p>
+Der Cedratenbaum kam bei den Römern sehr in Mode,
+und man sah ihn, in Kübeln gepflanzt, die Säulenhallen der
+Villen und die Gärten schmücken. Vom dritten Jahrhundert an
+wird er auch, als im freien Lande gedeihend, beschrieben. Heut
+noch wird er in Italien viel gezogen und zeichnet sich vor allen
+anderen Agrumi dadurch aus, daß er das ganze Jahr hindurch
+Blüthen und Früchte trägt.
+</p>
+
+<p>
+Der Baum, der die Frucht zeitigt, welche wir als Citrone
+bezeichnen, die aber richtiger auch bei uns Limone heißen müßte,
+kam durch Vermittlung der Araber erst im zehnten Jahrhundert
+nach Süd-Europa, zunächst nach Spanien, dann wohl auch nach
+Sicilien. Er fehlte hingegen noch an der ligurischen Küste,
+wohin ihn erst gegen Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzfahrer
+<pb n='040'/><anchor id='Pg040'/>
+aus Syrien und aus Palästina brachten. Mit den
+Limonenbäumen zugleich gelangten die Pampelmusen und die
+bitterfrüchtigen Pomeranzenbäume an die Riviera, und Ligurien
+blieb überhaupt lange Zeit das Land, in welchem die Cultur
+der Agrumi am meisten betrieben wurde. Einen bedeutenderen
+Aufschwung gewann die Cultur freilich auch dort erst im vierzehnten
+Jahrhundert, als die Ansprüche an die Genüsse des
+Lebens sich zu steigern begannen. Sie verbreitete sich in Italien
+zugleich mit der Limonade, deren Zubereitung man von den
+Orientalen lernte. Unter dem Cardinal Mazarin war es, daß
+auch in Paris die ersten »Limonadiers« auftraten, um bald
+eine ähnliche Rolle wie heut die »Cafetiers« zu spielen. Die
+Limone, durch die nämlichen, fäulnißwidrigen Eigenschaften wie
+die Cedrate ausgezeichnet, lieferte in der That nicht nur ein
+erfrischendes, sondern zugleich auch ein antiseptisches Getränk.
+In den der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts angehörenden
+Kräuterbüchern des Tabernaemontanus, »der Arzney
+Doctoris und Chur-Fürstlicher Pfaltz Medici zu Neuwhausen«,
+heißt es, daß der Citronensaft »nicht allein wider die innerliche
+Fäulung und das Gifft sehr gut und kräftig« sei, sondern
+auch »gegen alle Traurigkeit und Schwermüthigkeit des Hertzens
+und die Melancholey«. Die Rinde widerstehe dem Gift:
+»Dann zur Zeit der Pest soll man sie im Mund halten, auch
+ein Rauch damit machen.« &ndash; Der Citronensaft gilt auch heute
+noch als eines der wirksamsten Mittel gegen den Scorbut, die
+bekannte Mund- oder Zahnfleischfäule, der die Seefahrer besonders
+unterworfen sind. Daher jetzt die englische Marine,
+und nach ihrem Beispiel auch andere, Citronensaft in wohlverschlossenen
+Flaschen auf ihren Schiffen führen.
+</p>
+
+<p>
+Ich bemühte mich festzustellen, woher der jetzt noch ziemlich
+verbreitete, früher fast allgemeine Brauch stammt, daß die
+Leichenträger bei Begräbnissen eine Citrone in der Hand halten.
+Ursprünglich ist er durch die fäulnißwidrigen Eigenschaften und
+den starken Geruch der Citrone veranlaßt worden, dann hat er
+<pb n='041'/><anchor id='Pg041'/>
+symbolische Bedeutung gewonnen. Die Symbolik hat sich in
+mannigfaltiger Weise der Citrone bemächtigt. So heißt es in
+J.&nbsp;B. Friedrich's Werke: »Die Symbolik der Mythologie der
+Natur«: »Das Aromatische, Erquickende und Belebende der
+Citrone hat sie zum Symbole des Lebens und des Schutzes
+gegen das Lebensfeindliche gemacht. Daher schützt nach altem
+Glauben die Citrone gegen Bezauberung, daher trägt das
+indische Weib, welches sich nach dem Tode seines Gatten verbrennen
+läßt, auf seinem Gange zum Scheiterhaufen eine Citrone
+in der Hand als Sinnbild ihres zukünftigen Zusammenlebens
+mit dem Gatten; daher die noch übliche Sitte, daß bei einem
+Leichenbegängnisse die Leidtragenden die das neue Leben des
+Abgeschiedenen symbolisirende Citrone in der Hand tragen;
+daher endlich die Sitte des zum ersten Mal zur Communion
+gehenden Kindes, eine Citrone zu tragen, weil es durch die
+Communion ein neues Leben durch seinen erneuerten Bund mit
+Gott eingeht.«
+</p>
+
+<p>
+ Der Pampelmusbaum
+ (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus decumana</name>)
+ fällt durch die
+Größe auf, die seine Früchte erreichen. Dieselben haben süß-säuerlichen
+Geschmack und werden mit Wein und Zucker gegessen.
+Einzelne Früchte können unter Umständen bis sechs Kilo Gewicht
+erlangen.
+</p>
+
+<p>
+Der bittere Pomeranzenbaum ist durch besonders aromatische
+Blätter und Blüthen ausgezeichnet. Die Früchte zeichnen sich
+durch ihre goldige Färbung aus. Sie werden frisch nicht genossen,
+wohl aber gelten die in Zucker eingemachten Schalen
+derselben als besonders wohlschmeckend. Auch dienen die Blätter,
+Blüthen und die unreifen Früchte zur Gewinnung ätherischer
+Öle und spielen letztere außerdem eine wichtige Rolle bei der
+Liqueurfabrikation. Da der Stamm der bitterfrüchtigen Pomeranze
+sich als besonders widerstandsfähig erwiesen hat, so verwendet
+man ihn auch häufig als Unterlage, auf welcher andere
+Citrus-Arten veredelt werden.
+</p>
+
+<p>
+Der süßfrüchtige Pomeranzenbaum gelangte wesentlich später
+<pb n='042'/><anchor id='Pg042'/>
+nach Europa als die bisher genannten Agrumi. Man nahm
+ziemlich allgemein bis vor Kurzem an, die Portugiesen hätten
+ihn erst gegen Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, und zwar
+angeblich im Jahre 1548, aus dem südlichen China mitgebracht;
+ja man zeigte im Garten des Grafen von St.&nbsp;Lorenzo zu
+Lissabon einen Orangenbaum, der der eingeführte Urbaum sein
+sollte. Aus den Schriften von Galesio, Targioni und Goeze
+scheint aber hervorzugehen, daß die süße Pomeranze schon
+wesentlich früher die Gärten Spaniens und Italiens schmückte;
+sie muß bereits im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts nach
+Europa gelangt sein. Galesio sucht es wahrscheinlich zu machen,
+daß die Cultur der süßen Orange auch an der Riviera bis ins
+fünfzehnte Jahrhundert zurückreicht, doch ist seine Beweisführung
+nicht überzeugend. So berichtet Galesio über ein aus den
+Acten der Stadt Savona vom Jahre 1471 sich ergebendes
+Geschenk von eingemachten Citronen und Limonen und frischen
+Citruli, welches die Stadt Savona ihrem Gesandten in Mailand
+machte. Da nun die als »Citruli« bezeichneten Früchte frisch
+gesandt wurden, hält sie Galesio für
+<emph rend='gesperrt'>süße</emph> Orangen, da der
+Gesandte in Mailand wohl keine
+<emph rend='gesperrt'>bitteren</emph> hätte essen mögen.
+In dem Archiv eines Notars in Savona ist andererseits ein
+Verkaufsact vom Jahre 1472 über eine Schiffsladung von
+15&nbsp;000 Citranguli oder Cetroni aufgefunden worden, und Galesio
+frägt sich, was man wohl mit 15&nbsp;000 bitteren Pomeranzen angefangen
+hätte. Auf diese Frage kann man ihm die Antwort
+schuldig bleiben, ohne daß dadurch der Nachweis, daß es sich
+wirklich um süße Orangen gehandelt habe, beigebracht sei. Ja
+eine solche Annahme müßte um so gewagter erscheinen, als
+thatsächlich schon Matthaeus Silvaticus in Salerno, der Verfasser
+des 1317 beendigten
+<title>Opus pandectarum medicinae</title> die
+<emph rend='gesperrt'>bittere</emph>
+Pomeranze als <name type="taxonomic" rend="antiqua">Citrangulum</name> bezeichnet und diese Bezeichnung
+auch von den Übersetzern arabischer Werke von ihm
+benutzt wurde, um den arabischen Namen
+<foreign lang='ar' rend='antiqua'>narindj</foreign> wiederzugeben.
+Andererseits zeigt die heute noch in Italien übliche Anpreisung
+<pb n='043'/><anchor id='Pg043'/>
+der süßen Pomeranze als »Portogallo« deutlich den
+Ursprung der jetzt dort cultivirten Früchte an. Mögen es somit
+auch nicht die Portugiesen gewesen sein, welche die süße
+Pomeranze in Europa einführten, so haben wir denselben doch
+die bessere, jetzt beliebte Sorte dieser Frucht zu danken. Die
+chinesische Heimath der süßen Pomeranze dagegen kommt in dem
+deutschen Namen »Apfelsine«, ursprünglich »Sinaapfel« oder
+»chinesischer Apfel«, zur Geltung. Der deutsche Name wurde
+von den Russen, den Grenznachbarn der Chinesen adoptirt; bezeichnend
+genug, meint Victor Hehn, für die Umwälzung im
+Weltverkehr, der seit Vasco de Gama nicht mehr quer durch
+das Gebiet von Asien, von Ost nach West, vielmehr aus dem
+Ocean in umgekehrter Richtung sich vollzog.
+</p>
+
+<p>
+Der Name »Orange« stammt aus dem Sanskrit und ist
+auf <foreign lang='sa' rend='antiqua'>nagarunga</foreign> oder
+<foreign lang='sa' rend='antiqua'>nagrunga</foreign> zurückzuführen. Die Araber
+hatten daraus <foreign lang='ar' rend='antiqua'>Narunj</foreign> gebildet, die
+Italiener <foreign lang='it' rend='antiqua'>Naranzi</foreign>,
+<foreign lang='it' rend='antiqua'>Aranci</foreign>,
+die Franzosen schließlich Orange. Die mittelalterliche Bezeichnung
+»<foreign lang='la' rend='antiqua'>poma aurantia</foreign>«
+Goldäpfel, ist somit nur dem Klange
+nach dem Worte »Orange« ähnlich. Aus »poma aurantia«
+ging dann aber das deutsche »Pomeranze« und das polnische
+»<foreign lang='pl' rend='antiqua'>Pomara&#324;cza</foreign>« hervor.
+</p>
+
+<p>
+Daß unter den goldenen Äpfeln der Hesperiden, die Herakles,
+der Sage nach, aus dem fernen Westen holte, nicht Orangen
+gemeint sein konnten, geht aus der Geschichte jener Früchte genugsam
+hervor. Die goldenen Äpfel der Hesperiden waren
+vielmehr idealisirte Quitten. Der Aphrodite geweiht, dienten sie
+dauernd in Hellas als Preise bei Liebesspielen und prangten
+unter den bräutlichen Gaben.
+</p>
+
+<p>
+Wie schön ein Apfelsinenbaum bei voller Kraftentfaltung
+werden kann, wenn ihn Tausende von goldenen Früchten schmücken,
+das läßt sich freilich kaum an der Riviera, ja nicht einmal in
+Sorrent ermessen. Völlig ausgewachsene, üppig entfaltete Orangenbäume
+von der Größe unserer Apfelbäume, sah ich erst am Fuße
+des Ätna. Theobald Fischer gibt in seinen »Beiträgen zur
+<pb n='044'/><anchor id='Pg044'/>
+physischen Geographie der Mittelmeerländer« an, daß ein ausgewachsener,
+gut gehaltener Apfelsinenbaum in Sicilien sechs- bis
+siebenhundert, ein Limonenbaum sogar tausend bis elfhundert
+Früchte liefert. Im Durchschnitt könne man auf den Hektar
+Agrumen bei Palermo 3000 Lire Rohgewinn rechnen, und was
+das sagen will, geht daraus hervor, daß die einträglichsten
+Gärten bei Paris es nur zu einem Rohgewinn von 2500 bis
+2700 Francs auf den Hektar bringen.
+</p>
+
+<p>
+Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen zu
+uns aber nur einige wenige gelangen, darunter die jetzt immer
+beliebter werdende blutfarbige, die »Orange von Jericho«.
+</p>
+
+<p>
+Auch die als besondere Art der Gattung Citrus geltenden
+Mandarinen
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus nobilis</name>) sind Gegenstand bedeutenden Exportes
+aus Italien geworden. Der Mandarinenbaum gedeiht
+an der Riviera sogar besser, als der Apfelsinenbaum. Er ist in
+allen Theilen kleiner, und an seinem buschig-runden Wuchs unschwer
+zu erkennen. In China und Cochinchina steht er seit
+undenklichen Zeiten schon in Cultur, in Europa hingegen tauchte
+er erst im Jahre 1828 auf.
+</p>
+
+<p>
+ In dem Garten von La Mortola ist auch die
+ <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus bergamia</name>
+zu finden, aus deren Fruchtschalen das äußerst wohlriechende
+Bergamottöl gewonnen wird; desgleichen steht dort
+die
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Citrus myrtifolia</name>,
+deren sehr kleine Früchte, in Zucker eingesotten,
+die beliebten »Chinois« liefern. Es fehlt auch nicht
+die süße Limone oder Limette, die nur eine Abart der sauren
+Limone ist und wie die süße Orange gegessen wird.
+</p>
+
+<p>
+ Eigenartig sieht die
+ <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus trifoliata</name>
+ aus, ein aus Japan
+stammender Strauch, der dreitheilige Blätter trägt und mit
+großen scharfen Dornen bewaffnet ist. An seinen Blüthen und
+Früchten kann man ihn als Citrus-Art erkennen, sonst macht er
+wirklich nicht diesen Eindruck. Er verträgt die Kälte so gut,
+daß man ihn selbst in Paris im Freien sieht.
+</p>
+
+<p>
+Besonders fällt in dem La Mortola-Garten eine monströse
+Orangenform auf, die der Katalog als
+»<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus Aurantium var.
+Buddhafingered</name>«
+<pb n='045'/><anchor id='Pg045'/>
+bezeichnet. Die Mißbildung beruht darauf,
+daß die einzelnen Fruchtfächer, aus welchen die Orange aufgebaut
+ist, statt zu einer runden Frucht vereinigt zu bleiben, an
+ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt diese Frucht
+eine Anzahl von Fortsätzen und erinnert entfernt an eine Hand
+mit vorgestreckten Fingern. Diese Ähnlichkeit hat in Indien
+den Vergleich mit »Buddha's Hand« veranlaßt und abergläubische
+Vorstellungen erweckt. Ganz ähnliche Mißbildungen kommen
+auch, in mannigfacher Verschiedenheit, bei den Citronen und
+Limonen vor und werden durch Veredlung festgehalten.
+</p>
+
+<p>
+Weitaus der merkwürdigste Baum in der Reihe der Agrumi
+ist die Bizzarria, welche der La Mortola-Garten ebenfalls besitzt.
+Schöner entwickelt sah ich diese Pflanze im botanischen Garten
+zu Neapel. Die Bizzarria trägt zugleich Orangen, Citronen und
+Limonen. Sie weist auch Früchte auf, welche die Mitte zwischen
+jenen Fruchtformen halten, endlich auch Früchte, an welchen
+einzelne Fächer das Aussehen von Orangen, andere dasjenige
+von Limonen oder Citronen besitzen. Es sind Bizzarrien beschrieben
+worden, deren Früchte die Bestandtheile von fünf verschiedenen
+Fruchtformen der Agrumi in sich vereinigten. Die
+Entstehung der Bizzarrien ist bis jetzt nicht endgültig aufgeklärt
+worden. Die Einen halten sie für Bastarde, während Andere
+meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufällige Vermischung
+der Eigenschaften der Unterlage und des Edelreises entstanden.
+Letzteres wäre sehr merkwürdig, da die Erfahrung, die wir täglich
+bei der Veredelung unserer Obstbäume, der Rosen und anderer
+Gewächse machen, sonst lehrt, daß die Unterlage ohne
+allen Einfluß auf das Edelreis bleibt, daß beide ihre Eigenschaften
+unvermischt behalten. &ndash; Die Bizzarrien sind seit der
+Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt. Sie mußten ja
+von Alters her durch ihr merkwürdiges Verhalten die Aufmerksamkeit
+auf sich richten. Zum ersten Mal wird über die Bizzarria
+im Jahre 1644 berichtet und angegeben, daß sie im Garten
+Panciatichi in Florenz wachse. Im Jahre 1711 beschäftigte sich
+<pb n='046'/><anchor id='Pg046'/>
+die französische Academie der Wissenschaften mit derselben und
+kam zu dem eigenthümlichen Schluß, sie sei eine ursprüngliche
+Pflanzenart eben so gut wie die Orange oder die Citrone.
+</p>
+
+<p>
+In unserem nordischen Garten wird übrigens auch ein
+kleiner Baum cultivirt, der sich ähnlich wie die Bizzarria verhält.
+Es ist ein Goldregen, der dem Gärtner zu Ehren, der
+ihn in den Handel einführte,
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus Adami</name> genannt wird.
+Sein Ursprung ist ebenso wenig wie derjenige der Bizzarrien
+aufgeklärt. Dieser äußerst zierliche und interessante Baum, der
+sich leicht cultiviren läßt und bei keinem Gartenliebhaber fehlen
+sollte, trägt zur Blüthezeit der Hauptsache nach Blüthentrauben,
+die ganz so wie diejenigen des gewöhnlichen Goldregens
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus
+Laburnum</name>) gebaut, aber nicht gelb, sondern mattroth sind. An
+einzelnen Zweigen sind aber auch reingelbe Blüthentrauben, die
+sich dann von denjenigen des gewöhnlichen Goldregens gar nicht
+mehr unterscheiden, zu sehen. Außerdem trägt der Baum an
+besonders gestalteten kleinblätterigen Zweigen purpurne Einzelblüthen,
+welche, so wie die Zweige selbst, einer anderen Cytisus-Art,
+dem <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus purpureus</name> gleichen. Endlich kommen gemischte
+Blüthentrauben mit gelben und rothen Blüthen und mit Blüthen,
+die zum Theil gelb, zum Theil roth sind, vor. Nur die gelben
+Blüthen, die denjenigen des
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus Laburnum</name>,
+und die purpurnen
+Blüthen, die denjenigen des
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus purpureus</name> gleichen,
+setzen Früchte an, die anderen verhalten sich wie häufig sonst die
+Blüthen der Bastardpflanzen, sie sind unfruchtbar. Es ist möglich,
+daß es sich bei
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus Adami</name>
+um einen eigenartigen
+Bastard zwischen <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus Laburnum</name>
+und <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus purpureus</name>
+handelt; der Gärtner Adam zu Vitry bei Paris gab seinerseits
+an, ihn durch Veredelung von
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus purpureus</name> auf
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytisus
+Laburnum</name> erhalten zu haben.
+</p>
+
+<p>
+In den Gärten von der Mortola wird Jeder gern auch
+den Namen und die Heimath von zwei Pflanzen erfahren wollen,
+die ihm in den Gärten der Riviera sicher zuvor schon aufgefallen
+sind: nämlich der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Wigandia Caracasana</name>
+und des <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Echium frutescens</name>
+<pb n='047'/><anchor id='Pg047'/>
+Die erstere ist eine stattliche, aus Venezuela stammende
+Blattpflanze, die bis zwei Meter Höhe erreicht. Ihre sehr
+großen Blätter sind elliptisch, am Rande doppelt gezähnt, beiderseits
+behaart, an der Oberseite etwas rostfarbig. Die großen
+violetten, mit gelben Staubfäden versehenen Blüthen bilden ährenförmige
+Blüthenstände. Wie bei anderen Vertretern derselben
+Familie, der Hydrophyllaceen und der nah verwandten Familie der
+Boragineen oder der Boretsch-Gewächse, sind die Blüthenstände
+von Wigandia in ihrem oberen Theile schneckenförmig eingerollt.
+Der eingerollte Theil ist noch unfertig und rollt sich in dem Maße
+auf als seine Blüthenknospen reifen. Solche Einrichtungen gewähren
+den Vortheil einer sehr langen Blüthezeit. Da kann
+die blühende Pflanze schlechte Witterung, oder sonst wie ungünstige
+Zeiten überdauern, ohne daß ihre Samenbildung ganz
+verhindert werde. Wie diese verhältnißmäßig große Wigandia,
+so gehörte zu derselben Familie der Hydrophyllaceen das in
+unseren Gärten häufig cultivirte bescheidene Hainschönchen, die
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Nemophila insignis</name>;
+zu den nah verwandten Boragineen rechnen
+wir von unseren Gartengewächsen unter anderen das als Küchengewächs
+wohlbekannte Gurkenkraut
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Borago</name>), von wildwachsenden
+Pflanzen unserer Flora den nicht minder verbreiteten Natterkopf
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Echium vulgare</name>).
+Das in den Gärten der Riviera so auffällige,
+oft bis zwei Meter hohe, mexikanische Echium frutescens, ist
+eigentlich nur eine Riesenausgabe dieses letzteren. Wer unseren
+Natterkopf kennt, wird auch jenes Riesen-Echium erkennen und
+unter den anderen Gewächsen des Gartens sicher herausfinden.
+Es trägt dieselbe blaue, kolbenförmige Blüthenähre wie unser
+Echium, nur fällt dieselbe eben durch ihre Größe auf.
+</p>
+
+<p>
+Doch wir wenden uns nun einem Baume zu, dessen Zweige
+einst wie jetzt den Sieger schmückten, dessen Blättern freilich auch
+die bescheidene Aufgabe zufällt, unsere Speisen zu würzen. Der
+edle Lorbeer, der mit italischen Bildern ebenso wie die Agrumi
+verwebt erscheint, ist in Südeuropa sicher heimisch gewesen, sein
+Cultus pflanzte sich hingegen allem Anschein nach von Kleinasien
+<pb n='048'/><anchor id='Pg048'/>
+über das Mittelmeer fort. Er wurde dem Apoll geweiht
+und in dem Maße, wie die Zahl apollinischer Heiligthümer in
+Griechenland zunahm, breiteten sich auch die aromatisch duftenden,
+immergrünen Lorbeerhaine immer mehr über dieses Land
+aus. Mit den griechischen Gottheiten gelangte der Lorbeerbaum
+auf italischen Boden, und es begleitete ihn dort zugleich als
+Cultus-Gewächs die der Aphrodite geweihte Myrte.
+</p>
+
+<p>
+Allgemein war im Alterthum der Aberglaube, daß der
+Lorbeer gegen Dämonen, gegen Zauber und auch gegen Ansteckung
+schütze. So suchte, wie berichtet wird, der furchtsame
+Commodus im Lorbeerhaine Rettung, wenn die Pest im Anzug
+war. Kronen von Lorbeer legte man Wahnsinnigen um Schläfe
+und Hals, um sie zu heilen. Lorbeerfrüchte oder -Blätter genossen
+die Priester des Apollo, wenn sie weissagen sollten; Lorbeer
+trugen Propheten, wenn sie eine Stadt betraten. Der
+Lorbeer sühnte das vergossene Blut. Daher die römischen Legionen
+sich, ihre Feldzeichen und Waffen mit Lorbeer reinigten,
+gleich nach dem Siege. Das hatte den Lorbeer folgerecht auch
+zur Trophäe des Sieges und zum Zeichen der glücklich vollbrachten
+Waffenthat gemacht. Als eine Freude und als ein
+Glück verheißendes Augurium wurde verkündet, es sei am Tage,
+an welchem Augustus das Licht der Welt erblickte, ein Lorbeer
+vor dem Palatin entsprossen. Die reinigende Kraft des Lorbeers
+veranlaßte dessen Verwendung zu Aspergillen. Der Strenggläubige
+besprengte sich beim Eintritt wie beim Ausgang aus
+dem Tempel mit dem Lorbeerzweig, den er in das Weihwasser
+tauchte, und gern auch nahm er beim Herausgehen ein Lorbeerblatt
+vom Sprengwedel in den Mund. Die römisch-katholische
+Kirche hielt sich nicht an den Lorbeer als Sprengwedel, übernahm
+vielmehr den Ysop
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Origanum Smyrnaeum</name>)
+zu gleichem
+Zwecke von den Juden.
+</p>
+
+<p>
+Der Lorbeer brennt, nach Plinius, nur unwillig und zeigt
+dies durch sein Knistern an. Der feuerabwehrenden Kraft des
+Lorbeers wurde es zugeschrieben, daß bei dem großen Brande
+<pb n='049'/><anchor id='Pg049'/>
+Roms unter den Consuln Spurius Postumius und Piso, als die
+Regia in Flammen stand, das Sacrarium unversehrt blieb, da
+ein Lorbeer vor demselben stand. Andererseits war es gerade
+das Lorbeerholz, das im Alterthum zur Erzeugung des Feuers
+diente; doch fing es nicht selbst Feuer, es bildete vielmehr, wie
+uns Theophrast und Plinius berichten, das Reibholz, während
+die Unterlage, die durch Reibung entzündet wurde, meist aus
+Wegedorn (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rhamnus</name>)
+oder aus Epheuholz bestand. Ein reines
+Feuer zu den Sacra durfte nur der Reibung zweier glückbringender
+Hölzer entstammen, oder den Sonnenstrahlen, die
+man mit Hülfe von Brenngläsern oder von metallischen Hohlspiegeln
+sammelte. Der Lorbeer sollte auch die Blitze abwehren.
+Daher auch der abergläubische Tiberius, wie Suetonius berichtet,
+sich mit Lorbeer bekränzte, wenn ein Gewitter nahte.
+Gewisse Erfahrungen mögen die Vorstellung erweckt haben, daß
+dem Lorbeer bei Gewittern besondere Kräfte innewohnen. Denn
+es werden nicht alle Bäume gleich häufig vom Blitze getroffen.
+Auch bei uns schlägt der Blitz fast niemals in Wallnußbäume
+ein, am häufigsten aber in Eichen. Es hängt das mit der
+elektrischen Leitungsfähigkeit des Holzkörpers zusammen, die bei
+den einzelnen Baumarten eine verschiedene ist. Aus den angestellten
+Versuchen und dem statistischen Material scheint sich zu
+ergeben, daß Bäume, die zur Jahreszeit der Gewitter verhältnißmäßig
+viel fettes Oel in ihrem Holzkörper führen, dem Blitzschlag
+am wenigsten ausgesetzt sind. Abgestorbene Aeste an
+einem Baume erhöhen für denselben die Blitzgefahr. Daß die
+Eichen am häufigsten vom Blitze getroffen werden, mußte von
+jeher auffallen, daher die Eiche auch dem Donnergott geheiligt
+war. Von dem Lorbeer ist die gegentheilige Erfahrung weniger
+sicher, zum Mindesten ist sie in Zweifel gezogen worden.
+</p>
+
+<p>
+ Zu den Lorbeerarten gehört auch der Campherbaum
+ (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Laurus
+Camphora</name>), der im westlichen China und in Japan zu Hause
+ist und im La Mortola-Garten sehr gut gedeiht. Völlig ausgewachsen,
+kann er bis fünfzig Meter hoch und sechs Meter dick
+<pb n='050'/><anchor id='Pg050'/>
+werden. Seine Blätter verbreiten beim Zerreiben einen merklichen
+Camphergeruch. Der Campher wird aber im Großen
+nicht aus den Blättern, sondern aus dem Holzkörper dieses
+Baumes durch Sublimation gewonnen.
+</p>
+
+<p>
+Die zu den Laurineen gehörenden Zimmetbäume sind in
+La Mortola ebenfalls zu sehen, freilich nicht die wichtigste Art
+derselben, das in Ceylon heimische
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cinnamomum ceylanicum</name>,
+sondern zwei chinesische und japanische Arten. Der Zimmet
+des Handels besteht aus der Rinde junger Schößlinge, welche
+nach starken Regengüssen geschnitten und geschält werden.
+</p>
+
+<p>
+Im schroffen Gegensatze zu diesen duftenden Pflanzen steht
+eine andere Laurinee, ein hier prächtig gedeihender, immergrüner
+Baum, dessen Name:
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Orcodaphne californica</name>,
+zugleich die
+Heimath angibt. Häufig wird er in den Gärten als
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Laurus
+regalis</name> bezeichnet. Er gleicht in der That in seinem Aussehen
+einem Lorbeer, zerreibt man aber eines seiner Blätter zwischen
+den Fingern, so strömt ein ätherisches Öl aus, dessen geringste
+Mengen schon in hohem Grade die Schleimhaut der Geruchsorgane
+angreifen. In Californien verweilt man nicht gern in
+der Nähe eines solchen Baumes, wenn der Wind von dessen
+Seite weht, denn die flüchtigen Öle, mit denen er sich beladen.
+hat, reizen zum fortdauernden Niesen.
+</p>
+
+<p>
+Man wird sich in La Mortola auch mit einer anderen
+Laurinee, der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Persea gratissima</name>,
+bekannt machen können, welche
+in den Gärten der Tropen viel cultivirt wird und die Aguacatebirnen
+liefert. Die Krone dieses schönen Baumes breitet sich
+domartig aus, seine Blätter gleichen denjenigen des Lorbeers.
+Die birnförmigen, doch oft auch sehr unregelmäßig gestalteten
+Früchte sind große Steinfrüchte, mit einem Kern im Innern.
+Ihr Fleisch schmilzt wie Butter auf der Zunge und erinnert im
+Duft an die feinsten Moschusmelonen. Die Mexikaner essen die
+Aguacaten vornehmlich als Salat und suchen sich in der schmackhaften
+Zubereitung derselben zu überbieten.
+</p>
+
+<p>
+Auch noch einige andere tropische Früchte reifen gut im
+<pb n='051'/><anchor id='Pg051'/>
+La Mortola-Garten, so die Guavas oder Guayaben, welche man
+von zwei Psidiumarten dort erntet. Die Gattung Psidium gehört
+zu den Myrten-Gewächsen und wird in allen Tropenländern
+cultivirt. Die Guavas vertreten dort in gewissem Sinne unsere
+Stachelbeeren, denn sie sind eben so fruchtbar, beginnen rasch
+Früchte zu tragen und lassen sich leicht vermehren. Sie wachsen
+zu Sträuchern oder kleinen Bäumen mit immergrünen Blättern
+empor und tragen Früchte, die in ihrer Größe zwischen der
+Wallnuß und dem Hühnerei schwanken. Diese Früchte werden
+ohne Zuthat oder mit Wein und Zucker gegessen. Manche
+erinnern an Erdbeeren, andere besitzen einen süßsäuerlichen Geschmack,
+andere noch einen so durchdringenden Duft, daß sie
+nicht Allen munden. Sehr geschätzt werden auch die Guavas-Gelées
+in den Tropen, und man beginnt dieselben auch nach
+Europa einzuführen.
+</p>
+
+<p>
+ Eine andere in La Mortola cultivirte Myrtacee, die
+ <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Jambosa
+vulgaris</name>, liefert »Rosenäpfel«, welche den Geschmack reifer
+Aprikosen haben und nach Rosenwasser duften. Der Baum
+selbst ist reich verzweigt und trägt immergrüne Blätter, die in
+ihrer Gestalt den Pfirsichblättern gleichen.
+</p>
+
+<p>
+Wichtig sind, mehr noch ihres Holzes als ihrer Früchte
+wegen, die zu den Ebenholzbäumen gehörenden Diospyros-Arten.
+Der japanisch-chinesische <name type="taxonomic" rend="antiqua">Diospyros Kaki</name>, den man in
+La Mortola zieht, liefert die Kakis. Ein kleiner Baum mit
+eirunden Blättern, gelblichweißen Blüthen und runden, etwa
+pfirsichgroßen, röthlichgelben Früchten. Diese Früchte müssen
+überreif werden, um feinen Geschmack zu gewinnen, dann halten
+sie die Mitte zwischen Pflaumen und Aprikosen. An der
+Riviera reifen die Kakis im October. In Japan benutzt man
+auch das Holz dieser Bäume, das dem Holz unserer Wallnußbäume
+ähnelt. Doch weit übertroffen wird das Kakiholz von
+dem Holz der südindischen und ceylonischen
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Diospyros Ebenum</name>
+und anderen ihm nahe verwandten Arten, welche das Ebenholz
+liefern. Das schwarze Kernholz dieser Bäume war schon im
+<pb n='052'/><anchor id='Pg052'/>
+Alterthum bekannt. Es galt als das geschätzteste Holz jener
+Zeiten. Nicht nur Theophrast, sondern auch das alte Testament
+sind seines Lobes voll. Seine Dichte und seine dunkle Färbung
+verleihen ihm so hohen Werth; durch seine Schwere ist es leicht
+von anderen schwarz gebeizten Hölzern zu unterscheiden.
+</p>
+
+<p>
+ Die zu den Anacardiaceen gehörige ostindische
+ <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mangifera
+indica</name>, den Mango-Baum, der die köstlichste Frucht der Tropen
+liefert, gelang es bis jetzt nicht in La Mortola zu erhalten.
+Wohl aber wird man zahlreiche andere Anacardiaceen sehen.
+Zu diesen gehört auch der mit hellgrünen gefiederten Blättern
+und mit rothen Fruchttrauben versehene Baum, dem man so oft
+in den Gärten und an den Straßen der Riviera begegnet und
+der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Schinus Molle</name>
+heißt. Dieser Baum wird als Pfefferbaum
+bezeichnet. Mit dem echten Pfeffer haben seine pfefferkorngroßen
+Beeren aber nichts gemein. Der echte Pfeffer stammt vielmehr
+von schlanken ostindischen Lianen
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Piper nigrum</name>), die nach Art
+des Epheus klettern und mit Luftwurzeln an der Unterlage
+haften. Die Fruchttrauben von
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Schinus Molle</name> sind aber denjenigen
+des Pfeffers wirklich ähnlich und nähern sich dem Pfeffer
+auch im Geschmack. Ein Getränk, das in Peru und Brasilien
+aus diesen Beeren dargestellt wird, soll an Wein erinnern.
+Es liegt für uns nahe, auch die in La Mortola cultivirten
+Vertreter der Gattung Zizyphus zu beachten. Befindet
+sich doch unter denselben der in Südeuropa und an der nordafrikanischen
+Küste einheimische
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus lotus</name>. Im Alterthum
+wurden mehrere Pflanzen Lotus genannt, doch ist
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus
+lotus</name> allem Anschein nach jener Strauch, den Theophrast als
+Lotus bezeichnet. Von den Früchten dieses Strauches wäre
+somit schon bei Homer die Rede. Sie bildeten ein wichtiges
+Nahrungsmittel der Armen, und die Bewohner von Tunis und
+Tripolis hießen, weil sie sich vornehmlich von diesen Früchten
+ernährten, Lotophagen. Die Pflanzengattung Zizyphus gehört
+zu den Kreuzdorn-Gewächsen
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rhamneen</name>). Die Früchte von
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus lotus</name> sind so groß wie Schlehen; ihr mehliges Gewebe,
+<pb n='053'/><anchor id='Pg053'/>
+das den inneren Kern umgibt, kann zu Brod verbacken werden
+und auch ein gährendes Getränk liefern. Aus den Früchten
+anderer Arten, so vor Allem des
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus vulgaris</name>, eines in
+Syrien heimischen Bäumchens, und von <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus jujuba</name>, einem
+Bäumchen, das in Ostindien wächst, werden die früher sehr beliebten
+Jujubapasten dargestellt. Von <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Zizyphus spina Christi</name>,
+einem im Thale des Jordan und am Todten Meere verbreiteten
+dornigen Strauche, dem Nebeg oder Sfidr, geht die Sage,
+aus ihm sei die Dornenkrone Christi geflochten worden. Man hat
+auch die in unseren nordischen Gärten cultivirten dornigen
+Gleditschien als Christus-Akazien bezeichnet und mit ihnen die
+Vorstellung von Christi Dornenkrone verknüpft, doch dies unter
+allen Umständen mit Unrecht, da die Gleditschien erst im achtzehnten
+Jahrhundert aus Nordamerika eingeführt wurden. Die
+Zizyphus-Arten werfen des Winters ihre Blätter ab, treiben
+aber zeitig im Frühjahr und bedecken sich mit sehr dunklem
+Laub. Da sie sehr dünne Zweige haben, hängen diese abwärts
+und gewähren mit den sich röthenden Früchten beladen, später
+ein sehr zierliches Bild.
+</p>
+
+<p>
+Unter den Anacardiaceen von La Mortola, die ein besonderes
+Interesse bieten, befindet sich auch der echte Pistazienbaum (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pistacia
+ vera</name>), dann die
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Rhus succedanea</name>, welche das japanische Baumwachs
+liefert, sowie die <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rhus vernicifera</name>, aus deren Milchsaft
+die Japaner den berühmten japanischen Lack bereiten. Das Ausfließen
+dieses sehr giftigen Milchsaftes wird durch Einschnitte in
+die Rinde veranlaßt. Um den Lack aus ihm zu machen, versetzt
+man ihn mit dem Öle von <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Bignonia tomentosa</name>, oder von
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Perilla ocymoides</name> und fügt auch wohl Zinnober hinzu. Die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rhus vernicifera</name> hält im Freien selbst in den wärmeren Theilen
+von Deutschland aus.
+</p>
+
+<p>
+Ein äußerst niedlicher Strauch ist <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Capparis spinosa</name>,
+welcher die echten Kapern liefert. Im Blüthenschmuck sieht man
+ihn erst im Herbst, und wer einmal um jene Zeit, am Comer
+See entlang, von Cadenabbia nach Tremezzo wanderte, dem
+<pb n='054'/><anchor id='Pg054'/>
+werden sicher vor dem Eingang in den letzten Ort die dunkelgrünen
+Kapernsträucher an der Mauer, wegen ihrer schönen
+Blüthen, aufgefallen sein. Lange violette Staubgefäße in großer
+Zahl strahlen aus der schneeweißen zarten Blüthenhülle hervor,
+freilich hier so hoch an der Mauer, daß man sie nur schwer
+erreichen kann. An vielen Orten der Riviera wird der Kapernstrauch
+im Großen gezogen, seine Blüthenknospen sind es und
+nicht die Früchte, die als Kapern dienen. Man pflückt sie im
+Sommer und legt sie in Weinessig ein; viel Tausende von
+Kilogrammen Kapern werden so in der Provençe bereitet.
+</p>
+
+<p>
+Staunend bleibt man wohl im La Mortola-Garten vor
+einer Nachtschattenart, dem baumartigen <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Solanum Warszewiczii</name>,
+stehen, an welchem Früchte von Größe und Gestalt der Hühnereier
+hängen. Dann bemerkt man auch das krautartige <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Solanum
+Melongena</name>, dessen gurkenförmige violette Früchte gekocht werden,
+und oft als Gemüse den Braten an italienischer Tafel garniren.
+</p>
+
+<p>
+Unter den krautartigen Gewächsen fallen uns auch wohl
+manche Doldenpflanzen (Umbelliferen) durch ihre Größe auf.
+Sie sind bei weitem mächtiger noch als die Meisterwurz, die
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Imperatoria</name>, unserer Gärten entwickelt. Besonders imponirt
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ferula communis</name>,
+das Stecken- oder Ruthenkraut, das auch
+eine eigene Geschichte besitzt. Dieses Doldengewächs, das am
+Mittelmeer zu Hause ist, kann eine Höhe bis zu vier Meter
+erreichen. Den Stengel benutzte man im Alterthum zu Spazierstöcken
+und seiner Zähigkeit wegen auch zum Züchtigen von
+Sklaven und Kindern, wozu man ihn zuvor im Wasser einzuweichen
+pflegte. Davon kommt der Name
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ferula</name>, der von
+<foreign lang='la' rend='antiqua'>ferire</foreign>
+(geißeln) abgeleitet ist. Das Mark des Stengels ist sehr
+locker und wird heute noch in Sicilien als Zunder benutzt. Das
+Feuer glimmt in diesem Mark fort, und daher geht die Sage,
+Prometheus habe in einem solchen Ferulastengel das Feuer zur
+Erde gebracht, das er dem Zeus entwandte. &ndash; Der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ferula
+ communis</name> steht sehr nah der Stink-Asand, die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ferula Scorodosma</name>
+der persischen Steppen. Sie ist eine derjenigen Umbelliferen,
+<pb n='055'/><anchor id='Pg055'/>
+welche die
+<foreign rend='antiqua'>asa foetida</foreign>
+liefern. Dieses Gummiharz entstammt
+vornehmlich der Wurzel dieser Pflanzen. Sein Duft hält die
+Mitte zwischen Knoblauch und Benzoë. Die Pflanze war allem
+Anschein nach schon den Alten bekannt und von ihnen als
+Silphium bezeichnet. Das Gummiharz hieß Laser. Mit dem
+Laser würzte man die Speisen und die Perser benutzen es heute
+noch als Gewürz. Auch gab es eine Zeit, wo
+<foreign rend='antiqua'>asa foetida</foreign> in
+Frankreich beliebt war, und man mit derselben die Suppenteller
+einrieb, um die Suppe »schmackhafter« zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Der graublätterige, immergrüne Baum, welcher »japanische
+Mispeln« trägt, die »<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eriobotria</name>« oder <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Photinia japonica</name> ist in
+den Gärten der Riviera so verbreitet, daß man ihn in La Mortola
+schon als alten Bekannten begrüßt. Die lichtgelben, säuerlich-süßen,
+pflaumengroßen Früchte hat man oft schon bei Mahlzeiten
+genossen, sie allenfalls auch schmackhaft gefunden, wenn sie sehr
+reif und frisch waren. Der Baum stammt ursprünglich wohl
+aus China. Rein's Angaben zufolge ist er 1787 mit anderen
+Ziergewächsen und Nutzpflanzen durch Sir Joseph Banks nach
+England gebracht worden. Jetzt reicht er über ganz Italien
+und ist selbst am Genfer See zu finden.
+</p>
+
+<p>
+Diesem Baume nahe verwandt ist ein anderer von gleich
+geringer Höhe, der in den Gärten der Riviera sehr viel cultivirt
+wird und jedem Pflanzenfreund daher auffallen muß: die in
+Japan und China heimische
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Photinia serrulata</name>. Ihre großen
+Blätter sehen lorbeerartig aus, zwischen denselben leuchten die
+flachen weißen Blüthenrispen hervor. Aus der Ferne sehen sie
+fast so wie die Blüthenstände unseres Holunders aus. Die
+Photinien gehören zu den Rosifloren. Sie zeigen manche Übereinstimmung
+mit den Weißdornarten, der Gattung
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Crataegus</name>,
+und werden mit denselben zum Theil vereinigt. Im La Mortola-Garten
+ist die in der Nähe des Einganges stehende
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Photinia
+ serrulata</name> daher auch mit ihrem Synonym als
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Crataegus glabra</name>
+bezeichnet.
+</p>
+
+<p>
+Mit einigem Interesse sieht man sich im Garten von La
+<pb n='056'/><anchor id='Pg056'/>
+Mortola einen stattlichen, mit harten, kleinen Blättern bedeckten
+Baum, die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Quillaja Saponaria</name>
+an, der, wie die japanische
+Mispel, zu den rosenblüthigen Gewächsen gehört, merkwürdig
+aber durch seine saponinreiche Rinde ist. Diese Rinde, die als
+Panamaholz aus Chile importirt wird, schäumt in Wasser auf
+wie Seife, steht als solche in Chile allgemein im Gebrauch, dient
+auch bei uns zum Waschen von Wolle und Seide und zu kosmetischen
+Zwecken.
+</p>
+
+<p>
+Als wohl bekannte Pflanzenform begrüßt man den Johannisbrodbaum
+oder Caroubier (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ceratonia siliqua</name>). Man hat
+ihn schon in weit prächtigeren Exemplaren in der Umgebung
+von Mentone gesehen. Alte Stämme erinnern in der Form
+an unsere Eichen; an den paarig gefiederten lederartigen Blättern
+ist aber der Johannisbrodbaum als solcher sofort zu erkennen.
+Die Hülsen, Leckerbissen, die auf keinem Jahrmarkt fehlen, und
+an denen sich Kinder allgemein erfreuen, sind im Frühjahr noch
+so klein, daß man sie an den Zweigen suchen muß. Aus den
+reifen Hülsen wird ein süßer, honigähnlicher Saft gepreßt, der
+als Keratameli im Orient genossen wird. Mit diesen Hülsen
+soll, der Sage nach, Johannes der Täufer sich in der Wüste ernährt
+haben und der Baum nach dem Vorläufer des Messias
+seinen Namen führen. Die reifen Samen innerhalb der Hülsen
+zeichnen sich durch auffallend übereinstimmende Größe aus,
+woraus sich erklärt, daß sie einst als Gewichte dienten und der
+kleinen Einheit im Gold- und Diamantengewicht den Namen
+gaben. Denn Karat stammt von Kerateia, dem griechischen
+Wort für diese Hülse. Um gute Früchte zu tragen, muß der
+Baum veredelt werden, und es waren jedenfalls die Araber,
+welche die bessere Fruchtform dieses Baumes am Mittelmeer verbreiteten.
+Er ist in Süd-Arabien wohl zu Hause, doch an vielen
+Orten der Riviera jetzt verwildert.
+</p>
+
+<p>
+Im La Mortola-Garten werden auch der Theestrauch und
+Kaffeebaum im Freien gezogen. Der Theestrauch, der baumförmig
+bis zu fünfzehn Meter Höhe emporwachsen kann, macht
+<pb n='057'/><anchor id='Pg057'/>
+den Eindruck einer Camellie, und in der That gehört er auch
+wie diese zu der Familie der Ternströmiaceen, ja er wird jetzt
+sogar als <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Camellia Thea</name>
+mit dem Camellienbaum in derselben
+Gattung vereinigt. Der Name Camellia, den diese Pflanzengattung
+führt, klingt so poetisch, vielleicht weil man an die
+»Camelien-Dame« bei demselben denkt; thatsächlich hat er aber
+einen viel prosaischeren Ursprung. Er entstand nämlich aus
+Kamel, dem Familiennamen eines Jesuitenpaters, der vor mehr
+als anderthalb Jahrhunderten die Camellie aus Manilla nach
+Spanien brachte. Diesem Georg Kamel zu Ehren benannte
+Linné die Pflanze, er fügte
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>japonica</name> hinzu, da die Camellie
+in Japan zu Hause ist, und von dort aus auch nach Manilla
+gelangt war. &ndash; Die Blüthen des Theestrauches erinnern sehr
+an die ungefüllten Camellien und haben zahlreiche Staubfäden
+wie diese. In La Mortola blüht der Theestrauch im September.
+Seine porzellanweißen, rosa angehauchten Blüthen, die sich aus
+den Blattachseln vordrängen, verbreiten einen nur schwachen
+Duft. Nach den Berichten des Rev.&nbsp;B.&nbsp;C. Henry ist die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Camellia
+Thea</name> wild in großen Mengen noch im Innern der südchinesischen
+Insel Hainon zu finden. Die zahlreichen Theesorten
+verdanken der verschiedenen Zeit des Einsammelns, dem verschiedenen
+Alter der eingesammelten Blätter und deren verschiedener
+Behandlung ihre besonderen Eigenschaften.
+</p>
+
+<p>
+ Der arabische Kaffeebaum, die
+ <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Coffea arabica</name>, ist ein kleiner
+pyramidaler Baum, der bis zu fünf oder sechs Meter Höhe
+emporwächst. Er trägt seine immergrünen dunklen Blätter in
+gekreuzten Paaren. Die weißen, nach Orangen duftenden Blüthen
+stehen gehäuft in den Achseln der obersten Blätter. Die Früchte,
+die aus diesen Blüthen hervorgehen, sind kirschgroße, dunkelrothe
+Beeren, die zwei Samen, die sogenannten Kaffeebohnen, enthalten.
+Der Kaffeebaum führt seinen Namen nach dem Bergland Kâfa
+im südlichen Abyssinien. Man hat überhaupt die südlichen Provinzen
+von Hoch-Abyssinien für den Ursprungsort des arabischen
+Kaffeebaumes gehalten, doch ist derselbe in neuerer Zeit wild
+<pb n='058'/><anchor id='Pg058'/>
+am Victoria-Nyansa und in Westafrika gefunden worden, so daß
+Centralafrika wohl die eigentliche Heimath dieser Culturpflanze
+sein dürfte. Afrika hat uns neuerdings auch noch eine zweite
+Art des Kaffeebaumes geliefert, die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Coffea liberica</name>. Sie wird
+in den tiefer gelegenen Theilen der tropischen Küstendistricte gefunden,
+ist gegen Temperaturwechsel empfindlicher als die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Coffea
+arabica</name>, verträgt aber besser die Seewinde. Da sie durch Größe
+der Samen und feines Aroma derselben ausgezeichnet ist, so beginnt
+ihre Cultur sich über die tropischen Länder bereits auszubreiten.
+</p>
+
+<p>
+In den Kaffeegärten Arabiens und Abyssiniens wird auch
+ein zu den Celastrineen gehörender Strauch cultivirt, mit gegliederten
+Ästchen, lederartigen, lanzettförmigen Blättern, den
+man in La Mortola sehen kann und der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Catha edulis</name> heißt.
+Es ist das die Khatpflanze, deren getrocknete Blätter von den
+Arabern theils wie Tabak gekaut, theils auch mit Wasser aufgebrüht
+und als Thee genossen werden. In Südamerika dienen
+andererseits ganz allgemein der Theebereitung die Blätter des
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ilex paraguayenses</name> einer dem Khatstrauch ziemlich nah verwandten
+Aquifoliacee, die in Paraguay und Brasilien zu Hause
+ist. Man bezeichnet diese Blätter dort als
+<foreign rend='antiqua'>Yerba</foreign> oder als
+<foreign rend='antiqua'>Mate</foreign>. Dieser Strauch wird zwar im La Mortola-Garten nicht
+cultivirt, doch sieht man dort andere immergrüne Ilex-Arten, die
+ihm sehr ähneln. &ndash; Die vorhandenen Arten der Sterculiaceen-Gattung
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Sterculia</name> können andererseits auch das Bild der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Sterculia
+acuminata</name> oder <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cola acuminata</name> ersetzen, welche den
+afrikanischen Negern die »Kolanüsse« liefert. Diese Früchte
+sehen wie Kastanien aus und haben schwach bitteren Geschmack.
+Die Neger wissen sie nicht genug zu preisen, denn sie sollen den
+Körper stärken, schlechtes Wasser trinkbar machen, gegen allerlei
+Krankheiten helfen, den Hunger stillen und das Gemüth erheitern.
+Thatsächlich enthalten auch die Kolanüsse Theïn, ähnlich wie die
+Thee- und Kaffeepflanzen und außerdem Theobromin wie die
+Chocolade. Der Genuß dieser Früchte beginnt jetzt bis nach
+England vorzudringen.
+</p>
+<pb n='059'/><anchor id='Pg059'/>
+<p>
+Es fällt im La Mortola-Garten wie in den anderen Gärten
+der Riviera wohl auf, daß die Camellien, Rhododendren und
+Azaleen so stark gegen andere Pflanzen zurücktreten. Man erblickt
+sie nur vereinzelt und bei weitem weniger schön und kräftig
+wie etwa an den italienischen Seen entwickelt. Das hat in der
+Zusammensetzung des Bodens seinen Grund. Der so überaus
+kalkreiche Boden der Riviera sagt diesen Pflanzen nicht zu, die
+ausgeprägte Humusbewohner sind, außerdem reiche Bewässerung
+verlangen.
+</p>
+
+<p>
+Einen wichtigen Handelsartikel im Alterthum und Mittelalter
+haben auch wohlriechende Balsame gebildet. Ein Bäumchen,
+das solchen Balsam lieferte, tritt uns in La Mortola in dem
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Styrax officinalis</name> entgegen. Dieses Gewächs ist in der Belaubung
+einem Quittenbaum äußerst ähnlich; es entfaltet in
+La Mortola im Mai und Juni auch seine weißen, mit goldgelben
+Staubfäden versehenen, wohlriechenden Blüthen. Ein
+Haupterzeuger solcher Balsame, die als Parfüm, als Räucherwerk
+und zu Salben dienten, war der Storax-Baum
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Liquidambar
+orientale</name>). Die duftende Myrrhe, die zu gottesdienstlichen
+Zwecken auch den Griechen dient, stammt andererseits von
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Balsamodendron
+ Myrrha</name>, der Weihrauch, oder das <name>Olibanum</name>, von
+Boswellia-Arten, die im äußersten Osten von Afrika und auf
+dem arabischen Küstenstriche wachsen.
+</p>
+
+<p>
+In dem Garten von La Mortola kann man auch die zu
+den Hülsengewächsen gehörende
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Indigofera tinctoria</name> sehen, eine
+Pflanze, die zu den wichtigsten der Indigo liefernden Gewächse
+zählt. Sie stellt einen kleinen Strauch vor, der in Ostindien
+zu Hause ist, der aber jetzt in anderen Ländern zwischen den
+Wendekreisen, ja selbst an einzelnen Stellen um Neapel cultivirt
+wird. Sie trägt unpaarig gefiederte Blätter und entsendet aus
+den Achseln derselben ihre Blüthenstände, die mit kleinen weißen
+oder rosenrothen Blüthen besetzt sind. Ihre nächste Verwandte,
+die man auch in La Mortola sehen kann, die zierliche
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Indigofera
+Dosua</name> aus dem Himalaya, wird auch in unseren Gärten gezogen.
+<pb n='060'/><anchor id='Pg060'/>
+Wie in anderen Indigo liefernden Pflanzen, zu denen
+auch unser Waid (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Isatis tinctoria</name>) und der chinesische Färber-Knöterich
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Polygonum tinctorum</name>)
+gehören, ist in der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Indigofera
+tinctoria</name> der Indigo nicht schon als solcher vorhanden. Die
+zerkleinerten Pflanzen müssen vielmehr erst einen Gährungsproceß
+im Wasser durchmachen. Dieses wird abgegossen, wenn
+es sich stark grüngelb färbt und dann gerührt und geschlagen,
+um mit dem Sauerstoff der Luft in möglichst reiche Berührung
+zu kommen. Dabei scheidet sich der Indigo als unlösliches
+Pulver ab. Er bildet die »echteste« und geschätzteste Pflanzenfarbe,
+die auch schon den Alten bekannt war und bei ihnen als
+Indicum hoch im Werthe stand. Wie in der Jetztzeit London,
+so bildete einst Bagdad den Weltmarkt für diesen Artikel.
+</p>
+
+<p>
+Aus den exotischen Pflanzenformen ragen allseitig Nadelhölzer
+hervor. Sie stechen eigenartig von denselben ab. Wir
+sind mit ihren Gestalten wohl vertraut und selbst die so regelmäßig
+geformten Araucarien sehen wie etwas gezierte Tannen
+aus. In den Gewächshäusern der Heimath sah auch jeder schon
+die Cycadeen, die hier in einer Anzahl von Arten unter freiem
+Himmel gedeihen. Dem Laien wird es schwer, sich vorzustellen,
+daß die Cycadeen Verwandte der Nadelhölzer sind. Scheinen
+sie doch mit ihrem unverzweigten Stamm und mit ihrer einfachen
+Krone aus langen gefiederten Blättern, weit mehr den
+Palmen zu gleichen. Mit diesen haben sie aber thatsächlich nur
+eine gewisse Ähnlichkeit gemein. Diese äußere Ähnlichkeit der
+Cycasblätter und der Palmenblätter hat es aber bewirkt, daß
+sie oft fälschlich als Palmenblätter bezeichnet werden und als
+solche bei Begräbnissen Verwendung finden. Thatsächlich ist das
+aber eine arge Verwechselung. Denn Palmblätter und nicht
+Cycaswedel sollen es, der Tradition nach, sein, die man
+den Todten auf den Sarg legt, sowie es Palmenblätter sind,
+die christliche Märtyrer in der Hand halten und die auf den
+Gräbern in den Katakomben dargestellt werden.
+</p>
+
+<p>
+Den Palmen werfen wir in La Mortola nur flüchtige
+<pb n='061'/><anchor id='Pg061'/>
+Blicke zu, da wir sie ja in Bordighera schon eingehend betrachtet
+haben. Hingegen fesseln unsere Aufmerksamkeit die zahlreichen
+Arten von Bambusen, die hier stellenweise schon zu mächtiger
+Entwickelung gelangten. Daß diese Pflanzen, trotz ihrer bedeutenden
+Höhe, die beim gemeinen Bambus
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Bambusa arundinacea</name>)
+oft dreißig Meter erreicht, zu den Gräsern gehören,
+kann nur Denjenigen in Erstaunen versetzen, der sich die Gräser
+ausschließlich als Wiesenkräuter vorstellt. Thatsächlich haben
+wir schon in unseren Schilfrohr-Arten Vertreter der Gramineen-Familie
+vor Augen, die zu ansehnlicher Höhe emporwachsen.
+Die Bambusen sind unserem Schilfrohr in mancher Beziehung
+ähnlich. Während letzteres aber bei uns nur eine beschränkte
+Verwendung findet, gibt es in den heißen Ländern kaum eine
+Pflanze, die mannigfaltigeren Nutzen als der gemeine Bambus
+stiftet. Die jungen Wurzelsprosse dienen als Gemüse, vornehmlich
+verwenden sie aber die Chinesen zur Bereitung eines beliebten
+Confectes, das dem Ingwer oft zugesetzt wird. Aus
+jüngeren Halmen stellt man in den heißen Ländern Wände,
+Zäune und anderes Flechtwerk her; aus den Blättern macht
+man Matten und Hüte, verpackt auch oft den Thee in dieselben.
+Junge Blätter dienen als Viehfutter. Aus den Fasern der
+Halme bereiten die Chinesen ihr berühmtes Papier, das durch
+seinen Seidenglanz, seine Weichheit und seine geringe Dicke
+ausgezeichnet ist. Die hohlen Stämme sind sehr leicht, besitzen
+trotzdem einen ganz außerordentlich hohen Grad von Festigkeit
+und werden zu Bauten verwendet, die allen äußeren Angriffen
+trotzen. Die ganze Oberfläche des Stammes ist verkieselt, und
+so kommt es, daß dieser nicht allein in der Luft, sondern auch
+im Boden sich sehr lange hält. Daher die Stämme auch als
+Wasserleitungsröhren und Wasserrinnen dienen, nachdem man
+zuvor die Scheidewände durchbohrte, welche das Innere des
+hohlen Stammes durchsetzen. Andererseits lassen sich die einzelnen
+Glieder des Stammes als Wassereimer und als Blumentöpfe
+verwenden, wenn man die Scheidewände unversehrt läßt.
+<pb n='062'/><anchor id='Pg062'/>
+Aus Bambus werden Brücken und Flösse, aus Bambus Betten,
+Stühle und Tische gefertigt, mit Bambusfasern Matratzen
+<corr sic='gegefüllt'>gefüllt</corr>
+und Möbel gepolstert. Leitern aus Bambus sind sehr
+beliebt. Aus Bambus stellt man Eß- und Trinkgefäße, chirurgische
+Instrumente und selbst Haarkämme her, und als ob gezeigt
+werden solle, daß der Bambus einer jeglichen Verwendung fähig
+sei, verfertigen die Bewohner von Borneo und Sumatra aus
+demselben sogar Lampen, in welchen Dammaraharz gebrannt
+wird, und mit Dammaraharz gefüllte Kerzen, deren Hülle zugleich
+mit der Füllung in Flamme aufgeht. Bambusstöcke
+kennen auch wir: sie werden aus den zähen, knotigen Wurzelausläufern
+fabricirt, denen eine innere Höhlung abgeht.
+Ebenso muß zu Kriegszwecken der Bambus das Material hergeben:
+er liefert Lanzen und Wurfspieße von unübertrefflicher
+Leichtigkeit und Härte. Zu gleicher Zeit ist der chinesische
+Soldat ausgerüstet mit einem Sonnenschirm aus Bambus,
+dessen Überzug aus gefirnißtem Maulbeerpapier besteht. Desgleichen
+sollen die hohlen Stengeltheile des Bambus als Musikinstrumente
+zur Verschönerung des Lebens beitragen. Sie
+werden zu Flöten und Clarinetten verarbeitet, auch als Resonanzböden
+und selbst in Gestalt von Saiten verwendet. Ja
+C.&nbsp;Schröter berichtet, daß die Atchinesen es sogar verstanden
+haben, aus Bambus eine Art Telephon herzustellen, durch welche
+sie ihre Wachtposten in Verbindung setzen. &ndash; Die Höhlungen
+junger Stammtheile enthalten meist klares Wasser, mit welchem
+in Indien und in den Bergen von Java der Reisende seinen
+Durst stillen kann. &ndash; Die Bambusen blühen selten; stellt sich
+aber ein Blüthenjahr ein, so gibt es eine große Fruchternte.
+Die Früchte werden wie Reis gegessen oder in Brot verbacken,
+und wiederholt schon, so 1812, ist durch das Blühen der Bambusen
+eine Hungersnoth in Indien abgewendet worden. Mit
+Recht konnte somit Wallace, einer der besten Kenner der Tropen,
+aussprechen, daß der Bambus eines ihrer herrlichsten Producte
+sei. &ndash; Am vollkommensten haben Chinesen, Japaner und die
+<pb n='063'/><anchor id='Pg063'/>
+Bewohner Indiens und des indischen Archipels ihn auszunutzen
+gewußt. In China gibt es ganze Dörfer, die nur aus Bambus
+aufgebaut sind. Einen merkwürdigen Eindruck soll es machen,
+wenn ein solches Dorf in Brand geräth. Die Luft erhitzt sich
+alsdann in den abgeschlossenen Gliedern der Bambusstämme
+und sprengt dieselben mit gewaltigem Knall. Man hört aus
+der Ferne wie Kanonendonner, in welchem die Eingeborenen
+der Molukken deutlich den Ruf »Bambu, Bambu« zu vernehmen
+glauben.
+</p>
+
+<p>
+In einer Pflanze, die so viel Nutzen stiftet, lag es dem
+Naturmenschen nahe, auch nach verborgenen Heilkräften zu
+suchen. In China werden die Wurzelstöcke, die jungen Sprosse,
+der Saft, der Samen, bestimmte Auswüchse der Pflanze, als
+Medicamente verwendet. Zu besonderer Berühmtheit gelangte
+aber als Heilmittel ein eigenthümlicher Körper, der sich in den
+hohlen Gliedern der Stämme findet und Tabaschier genannt
+wird. Schon die Mediciner der römischen Kaiserzeit wandten
+denselben viel an, gestützt auf orientalische Traditionen. Einen
+Weltruf gewann der Tabaschier aber erst durch die arabischen
+Ärzte im zehnten und elften Jahrhundert, und er gilt immer
+noch als ganz hervorragendes Medicament in der ganzen
+orientalischen Welt. &ndash; Das frische, dem Bambusstengel entnommene
+Tabaschier bildet schmutzig weiße, braune bis schwarze
+Stücke. Beim Glühen werden diese weiß calcinirt und in einen
+Chalcedon-ähnlichen Körper verwandelt, der bald weiß und
+undurchsichtig, bald bläulich weiß, durchscheinend und farbenschillernd
+aussieht. Thatsächlich ist der Tabaschier nichts Anderes
+als gemeine Kieselerde, die, durch etwas vegetabilische Substanz
+verunreinigt, beim Glühen von derselben befreit wird. Statt
+kostspieligen Tabaschiers, den er in den Bazaren theuer bezahlen
+muß, könnte der Patient somit auch reinen Kieselsand zu sich
+nehmen. Den rechten Glauben vorausgesetzt, müßte die Wirkung
+dieselbe sein.
+</p>
+
+<p>
+Sehr belehrend ist es im Frühjahr zu verfolgen, wie die
+<pb n='064'/><anchor id='Pg064'/>
+jungen Knospen mächtiger Bambusen als überarmdicke, mit
+scheidenartigen Blättern dichtbedeckte Kegel die Erde durchbrechen.
+Sie pressen Wasser zwischen ihren Blattscheiden hervor, befeuchten
+und erweichen damit den umgebenden Boden und wachsen mit
+solcher Schnelligkeit, daß sich die unmöglich scheinende Vorstellung
+Gras wachsen zu sehen, bei ihnen fast in greifbare
+Wirklichkeit verwandelt. Dieses Wachsthum kann nämlich unter
+günstigen Verhältnissen einen Meter täglich betragen und ein
+zwanzig Meter hoher Sproß in wenigen Wochen somit diese
+Höhe erreicht haben. &ndash; Schöne Gruppen von Bambuspflanzen
+gehören zu den zierlichsten Erscheinungen des Pflanzenreiches;
+freilich kann man diese Pflanzen in voller Prachtentfaltung erst
+in den Tropen sehen und im La-Mortola-Garten nur eine annähernde
+Vorstellung davon gewinnen, welche Bedeutung ihnen
+in der tropischen Landschaft zukommt.
+</p>
+
+<p>
+Aus den werthvollen Angaben des Geographen Ritter und
+den nicht minder werthvollen Untersuchungen des Botanikers
+Ferdinand Cohn geht wohl sicher hervor, daß diejenige Substanz,
+welche die Alten als Saccharum bezeichnet haben, nicht Rohrzucker,
+sondern Tabaschier gewesen sei. Nach Bopp bedeutet
+das Sanskrit-Stammwort
+»<foreign lang='sa' rend='antiqua'>çarkara</foreign>«
+nicht etwas Süßes, sondern
+etwas Zerbrechliches und Steinartiges. Im alten Indien wurde
+das Tabaschier als Sakkar Mambu oder Bambusstein bezeichnet,
+und erst die Araber haben dieses Wort auf den später dargestellten,
+dem Tabaschier ähnlichen, krystallinischen Rohrzucker übertragen.
+Edmund O.&nbsp;von Lippmann kommt ebenfalls in seiner überaus
+gründlichen und erschöpfenden »Geschichte des Zuckers« zu dem
+Ergebniß, daß der Sakcharon der antiken Welt nicht unser
+Zucker gewesen sei; er weist nach, daß der
+<emph rend='gesperrt'>feste</emph> Zucker auch in
+Indien erst in der Zeit zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert
+n.&nbsp;Chr. bekannt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Das Zuckerrohr (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Saccharum officinarum</name>) ist unserem Schilfrohr
+sehr ähnlich und wie dieses eine Grasart. Man sieht es
+im La Mortola-Garten in voller Entfaltung. Das Zuckerrohr
+<pb n='065'/><anchor id='Pg065'/>
+ist eine sehr alte Culturpflanze. Da es ausschließlich aus Stecklingen
+gezogen wurde, hat es die Fähigkeit, Samen zu erzeugen,
+fast eingebüßt. Man hat bis vor Kurzem überhaupt geglaubt,
+daß das Zuckerrohr nicht fructificire; doch ergaben sorgfältige
+Beobachtungen, vornehmlich aus Java, daß diese Unfruchtbarkeit
+nur eine relative sei. Die Heimath des Zuckerrohrs ist wahrscheinlich
+Bengalen, jene Provinz, die, ihrer unerschöpflichen
+Fruchtbarkeit wegen, seit jeher als der Garten Indiens gepriesen
+wurde. Wohl gegen das Ende des dritten Jahrhunderts ist das
+Zuckerrohr aus Indien nach China gelangt und zweihundert
+Jahre später westlich bis Gondisapur vorgedrungen. Diese Stadt
+lag am Flusse Karon, der unweit davon sich zum Theil in den
+Tigris, zum Theil nach dem Nordrand des Persischen Meerbusens
+ergoß. Dorthin hatten sich die Nestorianer geflüchtet, als das
+Concil zu Ephesus 431&nbsp;n.&nbsp;Chr. ihre Lehre für ketzerisch erklärte.
+Sie führten dem Orient die Keime klassisch-litterarischer und
+wissenschaftlich-medicinischer Bildung zu, namentlich auch die
+Anfangsgründe chemischer Kenntnisse. Die Beziehungen Gondisapurs
+zu Indien bewirkten zugleich, daß sich der Einfluß der
+indischen Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie
+erblühte, die nicht nur die Traditionen der griechischen Medicin
+und Naturwissenschaften in sich aufnahm, sondern dieselben auch
+wesentlich förderte. Hier wurde allem Anschein nach die Kunst der
+Zuckerraffinerie erfunden, daher auch »Kand« der persische Name
+für den gereinigten Zucker ist.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Araber kam das Zuckerrohr im achten Jahrhundert
+nach Spanien, im neunten nach Sicilien. In Venedig
+lassen sich 1150 bereits Zuckerbäcker nachweisen. Die drei wichtigsten
+Productionsstellen des Zuckers im Mittelalter waren
+Syrien, Aegypten und Cypern. Ihre Bedeutung schwand, als
+Vasco de Gama 1498 den directen Weg nach Ostindien um das
+Cap der guten Hoffnung fand und der Handel mit indischem
+Zucker so in die Hände der Portugiesen fiel. Damit war
+der dominirende handelspolitische Einfluß Venedigs und seine
+<pb n='066'/><anchor id='Pg066'/>
+Macht für immer gebrochen; an Stelle des Mittelmeers wurde
+der atlantische Ocean der Schauplatz des Weltverkehrs. Um
+1580 begann Sicilien seine Zuckerproduction einzustellen, da diese
+gegen die überseeische Concurrenz nicht mehr ankämpfen konnte.
+Denn um jene Zeit hatte auch schon der amerikanische Zucker,
+besonders der brasilianische, die Bedeutung eines Weltproductes
+gewonnen und gelangte bis nach Palermo. Der Zuckerverbrauch
+stieg ganz enorm in Europa, und im Jahre 1600 hatte auch
+Deutschland, nach v.&nbsp;Lippmann, schon mehrere Zuckerraffinerien
+aufzuweisen. Freilich scheinen dieselben nach dem dreißigjährigen
+Kriege sich nur noch in Hamburg gehalten zu haben. Unter
+Friedrich dem Großen entstanden zahlreiche Zuckerraffinerien in
+Preußen und wurden durch Prohibitivzölle geschützt.
+</p>
+
+<p>
+Die Süßigkeit des Rübensaftes hatte den Chemiker Markgraf
+veranlaßt, Zucker aus demselben darzustellen, was ihm um
+1747 gelang. Doch fand das gewonnene Product keine Verwerthung,
+zum Theil schon deshalb nicht, weil es an genügend
+zuckerreichen Rüben damals noch fehlte. Diesem Mangel wußte
+erst Achard aus seinen Gütern bei Berlin um 1786 in größerem
+Maßstab abzuhelfen. Die erste wirkliche Rübenzuckerfabrik errichtete
+derselbe Achard, mit Unterstützung Friedrich Wilhelms&nbsp;III., zu
+Cunern in Schlesien. Es folgten alsbald andere Fabriken in
+Preußen und Frankreich, wo besonders Delessert das Darstellungsverfahren
+vervollkommnete. Nach Aufhebung der Continentalsperre
+gingen trotzdem die meisten Rübenzuckerfabriken
+sowohl in Deutschland als auch in Frankreich wieder ein, und
+erst von 1820 etwa an datirt der neue Aufschwung und der
+schließlich großartige Erfolg dieser Industrie.
+</p>
+
+<p>
+Der Palazzo Orengo wird von phantastischen Pflanzenformen:
+säulenförmigen Opuntien, candelaberförmigen Euphorbien, sowie
+von zahlreichen blühenden Aloe- und Agave-Arten umgeben. Auf
+der Mauer östlich vom Hause fällt eine kleine, mit langen weißen
+Dornen bewaffnete Opuntie
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Opuntia tunicata</name>) in die Augen.
+Ihre Dornen sind mit zarten Scheiden umhüllt und verdanken
+<pb n='067'/><anchor id='Pg067'/>
+diesen ihre Färbung. Man kann die Scheiden von den Dornen
+abziehen; doch gilt es vorsichtig zu sein, denn die Dornen sind
+äußerst scharf und verwunden leicht die Hand: Sie schützen
+wirksam die Pflanze gegen den Angriff der Thiere. Dieser
+Schutz ist aber auch nöthig in den dürren Gegenden Mexikos,
+in welchen die Pflanze zu Hause ist, und wo es den Thieren
+oft an pflanzlicher Nahrung fehlt. In solchen Gegenden sind
+dornige Pflanzen sehr häufig, Pflanzen, deren Blätter sich zum
+besseren Schutz in Dornen verwandelt haben, während der
+Stengel sich grün färbte, so in die Functionen der Blätter trat,
+zugleich anschwoll und für die Zeit der Dürre mit Wasser
+versorgte. Durch Hunger getrieben, pflegen wohl Pferde mit
+den Hufen die Dornen von solchen Cactusgewächsen abzuschlagen,
+um zu dem saftigen Fleisch zu gelangen, während das Rindvieh
+sich an denselben schwer verwundet. Der Angriff auf diese
+weißdornige <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Opuntia tunicata</name> dürfte den Thieren unter allen
+Umständen schwer fallen, sie ist so stark bewaffnet, daß sie außer
+dem Namen <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Opuntia tunicata</name> auch denjenigen <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Opuntia furiosa</name>
+erhielt.
+</p>
+
+<p>
+Doch am Palazzo Orengo fesselt unseren Blick vor allem
+die wunderbare Aussicht, die sich dort entfaltet. Gewiß ein
+herrliches Stück Erde, fast zu schön, um dasselbe dauernd zu
+bewohnen! Denn wonach soll man sich dann noch sehnen, wo
+eine Steigerung des Eindrucks erhoffen? &ndash; Von üppigem Grün
+und buntem Blüthenschmuck sind die Bilder eingerahmt, die hier
+den Beschauer fesseln. Sein Auge folgt entzückt der zackigen
+Küste, oder es ruht träumend aus der tiefen Schlucht, in der
+sich der Garten aufwärts, ohne Ende, bis zu den Gipfeln der
+Berge fortzusetzen scheint. Eine hohe Palme neigt sich wie
+sinnend über diesem Bilde und gibt ihm ein märchenhaftes Gepräge.
+Nach Osten decken dunkle Baummassen die Aussicht, doch
+durch eine blumenreiche Pergola gelangt man bald bis auf den
+freien Bergrand. Der Tag geht zur Neige, und es beginnt
+Altbordighera im rosigen Abendlicht zu glühen. Welch' ein
+<pb n='068'/><anchor id='Pg068'/>
+Anblick! Ich weiß ein krankes Mädchen, eine zu früh aufgeblühte
+Knospe, das Rettung vor dem Tode in Mentone suchte; dem
+schwebte jenes goldige Bild bis zuletzt in den Fieberträumen
+vor. Es war wie die Verheißung einer glücklicheren Welt!
+Sehnsuchtsvoll streckte die Sterbende ihre Arme in der nordischen
+Heimath aus, um es zu fassen, und ein seliges Lächeln verklärte
+dann ihr blasses Antlitz.
+</p>
+
+<p>
+Die Pergola, die nach jenem Aussichtspunkt im Garten von
+La Mortola führt, ist von Banksia-Rosen und anderen Schlinggewächsen
+überwuchert, deren Blüthen in den Abendstunden süßen
+Duft verbreiten. Die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rosa Banksiae</name> können wir hier in ihrer
+vollen Prachtentfaltung bewundern. Überall leuchten aus dem
+grünen, dornenfreien Laub die zierlichen Trugdolden ihrer halbgefüllten,
+hellgelben und weißen Blüthen hervor. Um diese
+schöne Rose ist die Riviera zu beneiden; bei uns im Freien will
+sie nicht gedeihen. Auch ist es in Gewächshäusern nicht möglich,
+sie zu üppiger Entwickelung zu bewegen, ebensowenig als dies
+für die <name type="taxonomic" rend="antiqua">Bougainvillea</name> gelingt, jene prächtige Liane der Tropen,
+die mit ihren carmoisinrothen Hochblättern ganze Gebäude an
+der Riviera deckt.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne war inzwischen untergegangen, und fahle Lichter
+streiften die Küste. Altbordighera erschien so todtenblaß, als
+wäre es inzwischen ausgestorben; der Rahmen aus weißen Rosen
+umschlang es fast wie ein Todtenkranz. Die bunten Blüthen
+im dunklen Laube begannen unsichtbar zu werden, und scharf
+stachen nur vom hellen Abendhimmel die uralten Cypressen ab,
+die, dicht aneinander gereiht, im unteren Theile des Gartens
+zum Meere absteigen. Hat dieser dunkelfarbige Baum, der in
+so feierlichem Ernst zum Himmel emporragt, wirklich ein trauriges
+Aussehen, oder weckt er in uns nur traurige Empfindungen,
+weil er von jeher ein Symbol der Todtentrauer war, und wir
+ihn so oft neben Gräbern sehen? Hier hätte er wohl allen
+Grund, düster in die Landschaft zu schauen, denn er schmückte,
+so heißt es, vor Zeiten einen Friedhof, nach welchem der Ort
+<pb n='069'/><anchor id='Pg069'/>
+heute noch seinen Namen »La Mortola« führen soll. Blumenbeete
+haben seitdem die Gräber verdeckt, üppiger Pflanzenwuchs
+die Stätten verwischt, an welchen Menschen einst ihre Lieben
+beweinten, die Cypressen allein trauern noch über den Todten.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">VII.</p>
+
+<p>
+Die Strada nazionale, die am Garten vorbei nach Mentone
+führt, steigt zunächst in der Schlucht empor und beginnt erst
+jenseits der Croce della Mortola sich langsam zu senken. Es
+ist ein unendlich schöner Weg, der im weiten Bogen, am Abhang
+der Berge, langsam gegen Mentone absteigt. Bald ist
+man in einen Olivenhain gedrungen, in dem sich das Dorf
+Grimaldi verbirgt; jenseits des Ortes steigt über der Straße
+ein alter Thurm düster in die Lüfte empor, neben ihm drängt
+ein modernes Schloß in englisch gothischem Geschmack sich auf.
+Ein schöner Garten steigt bis zum Thurm empor. Es war
+das einst die Besitzung des englischen Arztes Bennet, dessen
+Name einen ruhmvollen Klang an der Riviera besitzt. Nach
+dessen Tode haben neue Besitzer das gothische Haus erbaut.
+Wir erreichen das italienische Zollhaus. Es dunkelt schon; in
+Mentone, das in geringer Ferne vor unseren Augen aufsteigt,
+beginnen auf den Straßen und in den Häusern die Lichter sich
+zu entzünden. Eine lange Reihe flammender Punkte folgt
+bald dem Strande, als hätte sich das Meer mit einer Schnur
+feuriger Perlen geschmückt. Mir zogen die Strophen des Mignonliedes
+durch den Sinn, und das Rauschen des Meeres schien
+sie in den Tönen der Beethoven'schen Musik zu begleiten. Wie
+bezeichnend für diesen Boden mehr als zweitausendjähriger
+Cultur, daß jene Gewächse in dem Liede, welche das Bild
+Italiens uns so lebendig vor die Seele zaubern, diesem Lande
+nicht ureigen sind. Sie kamen aus dem Orient, wie alle die
+großen Gedanken, auf welchen unsere Bildung ruht, entfalteten
+und veredelten sich aber auf diesem Boden. Die Citronen und
+Orangen erhielten die klassischen Lande von den Semiten, welche
+<pb n='070'/><anchor id='Pg070'/>
+dieselben ihrerseits von den Indiern übernommen hatten. Der
+Öl- und Feigenbaum, der Weinstock und die Palme standen
+bei den Semiten in Pflege, lange bevor sie als Culturpflanzen
+siegreich nach dem Westen vordrangen. Der Cultus des Lorbeers
+und der Myrte gelangte von Osten her über das Mittelmeer.
+Die Cypresse hat nicht ihre Heimath in Italien, sondern auf
+den griechischen Inseln und auf dem Libanon; ja, selbst von der
+schirmförmig ausgebreiteten Pinie, der die Rauchwolke des Vesuvs
+wie zum Vorbild dient, hat man, doch dieses Mal mit Unrecht,
+bezweifelt, daß sie eine echt italienische Pflanze sei. Und als
+wenn andererseits auch der große Culturimpuls, welcher von
+der Entdeckung der neuen Welt ausging, auf italienischem Boden
+in typischen Pflanzenformen verkörpert werden sollte, brachte er
+diesem die Agave und die Opuntie. Die dornigen, blaugrünen
+Agaven, die stachligen, hellgrünen Opuntien, die so gut zu dem
+felsigen Strande Italiens passen, als wären sie für ihn von
+jeher bestimmt gewesen, sind thatsächlich erst im vierzehnten
+Jahrhundert von Amerika an denselben gelangt. Capri vermag
+man sich ohne die »<foreign lang='it' rend='antiqua'>Fichi d'India</foreign>«,
+deren abgeflachte Glieder
+sich in wunderbaren Krümmungen über die Mauern drängen,
+kaum vorzustellen, und doch sind diese Opuntien hier eine
+moderne Erscheinung. Daher ist es ein Anachronismus, wenn
+die Agaven und Opuntien in den Preller'schen Odysseebildern
+den Vordergrund der Landschaft schmücken. Die Schönheit
+jener Bilder wird dadurch nicht beeinträchtigt, und doch kann
+man sich bei der Betrachtung derselben einer gewissen fremdartigen
+Empfindung nicht erwehren. Das historische Rechtsgefühl
+fühlt sich verletzt und muß erst durch das ästhetische
+Wohlgefallen beschwichtigt werden, welches diese so bedeutenden
+Kunstschöpfungen erwecken.
+</p>
+
+<p>
+Wie mag die Riviera ausgesehen haben, bevor die Cultur
+des Ölbaumes begann, als noch Palmen und Cypressen fehlten
+und der Wohlgeruch der Agrumi die Luft nicht erfüllte? &ndash;
+Sie war bedeckt mit immergrünen Sträuchern, während dichter
+<pb n='071'/><anchor id='Pg071'/>
+Nadelwald die Höhen krönte. Das Bild der Vegetation mußte
+ein ganz anderes sein; denn sein Aussehen war bestimmt durch
+Gesammteffecte, während der Charakter jener Landschaft, die
+wir jetzt für die typisch italienische halten, auf dem wirksamen
+Hervortreten einzelner ausgeprägter Pflanzenformen und deren
+plastischer Sonderung beruht.
+</p>
+
+<p>
+Während noch in den Zeiten Alexander des Großen, also
+im vierten Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als
+ein Land kannten, das im Vergleich zu ihrem eigenen Lande
+und dem Orient einen ganz ursprünglichen Charakter trug,
+konnte bereits Marcus Terentius Varro im ersten Jahrhundert
+vor Christus, Italien mit einem großen Garten vergleichen.
+Plinius klagt ein Jahrhundert später über den Luxus, der auch
+im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemüse wurden so groß
+gezogen, daß sie der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen
+vermochte. Er führt als Beispiel die Spargeln an, von denen
+in Ravenna oft nur drei auf das römische Pfund (ca.&nbsp;300 Gramm)
+gingen.
+</p>
+
+<p>
+Daß in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt
+worden war und der orientalische Culturpflanzen vorwiegend
+barg, das römische Volk sich verweichlichen mußte, ist nur zu
+klar. Es war das die Schattenseite jener zu üppig entwickelten
+Cultur, die in dem Übermaße ihrer Entfaltung auch die Keime
+ihres Untergangs trug.
+</p>
+
+<p>
+Als ich Mentone näher kam, begann der Mistral zu wehen
+und fegte mächtige Staubwolken über die Straße. In Garavan,
+im Schutze der Altstadt, wurde es trotzdem fast windstill, so
+daß ich dort am späten Abend im anmuthigen Garten des
+Hôtel d'Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch
+den Bergrücken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die
+dichten Häusermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollständig
+gedeckt und mit Recht daher von Brustkranken bevorzugt.
+Seit vorigem Winter erhielt Garavan einen eigenen
+Bahnhof, der fast eine zu große Erleichterung des Verkehrs für
+<pb n='072'/><anchor id='Pg072'/>
+diejenigen Wintergäste schafft, die in Monte Carlo durch schädliche
+Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefährden.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">VIII.</p>
+
+<p>
+Fast alle wichtigen Reiz- und Genußmittel des Pflanzenreichs
+dankt der Culturmensch den wilden Völkern. Da bei
+ihm selbst die Cultur das instinctive Empfinden ganz zurückdrängte,
+so kann er sich kaum noch vorstellen, welche Eindrücke
+den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel geleitet haben.
+Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, daß der Thee der
+Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze
+der Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolanüsse
+der Neger im wesentlichen dieselben Stoffe enthalten. Im La
+Mortola-Garten, bei Betrachtung der Pflanzen, die jene Stoffe
+liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres Aussehens feststellen.
+Irgend welches äußere Abzeichen, das ihnen gemeinsam
+wäre, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte
+somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er
+verfuhr nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und
+Flur seiner Nahrung nachgeht. Er war sich der Ursache seiner
+Wahl ebenso wenig bewußt.
+</p>
+
+<p>
+Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen,
+haben unsere Reiz- und Genußmittel eine interessante Geschichte
+aufzuweisen.
+</p>
+
+<p>
+In China ist der Theegenuß so alt, daß ein im zwölften
+Jahrhundert verfaßtes Buch »Rhya« von demselben als von
+etwas längst Bekanntem spricht.
+</p>
+
+<p>
+In Europa begann sich der Theegenuß erst um 1630 zu
+verbreiten, unter dem Einfluß der holländisch-ostindischen Gesellschaft
+und der Lobpreisungen, welche einige holländischen
+Ärzte diesem Getränk zu Theil werden ließen. Der Thee sollte
+die Lebenskraft steigern, das Gedächtniß stärken, alle seelischen
+Fähigkeiten erhöhen, das Blut in willkommenster Weise verdünnen.
+<pb n='073'/><anchor id='Pg073'/>
+Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als
+vierzig bis fünfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem
+interessanten Werke von Le Grand d'Aussy, welches 1782 zuerst
+erschien und die Geschichte des Privatlebens der Franzosen
+(<title rend='antiqua'>Histoire de la vie privée des François</title>)
+erzählt, ist zu lesen,
+daß der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald zu Ansehen
+gelangte, weil ihn der Chancelier Séguier unter seine
+Protection nahm. Es scheint, daß sich in Paris einzelne Personen
+auch auf das Rauchen des Thees verlegten, so wie man
+Tabak raucht, und der Arzt Bligny rühmt sich, aus dem Thee
+eine Conserve, ein destillirtes Wasser und zwei Arten von Syrup
+dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken um
+1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland
+verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den holländischen
+Ärzten des Großen Kurfürsten. Im Jahre 1662 kostete, nach
+den von Flückiger veröffentlichten Documenten, eine Hand voll
+Thee in den Apotheken der Stadt Nordhausen noch fünfzehn
+Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur noch vier Groschen.
+Nach Rußland gelangte der Thee nicht über das westliche
+Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und
+schon in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde
+der Thee dort zu einem allgemein verbreiteten Getränk. Der
+Thee heißt demgemäß dort Tschai, entsprechend der Benennung
+wie wir sie auch bei den Arabern im achten Jahrhundert schon
+finden, während in Polen aus
+<foreign lang='la' rend='antiqua'>herba Theae</foreign>
+»<foreign lang='pl'>Herbata</foreign>« gebildet
+worden ist.
+</p>
+
+<p>
+Der wichtigste Bestandtheil der Theeblätter ist das Coffeïn,
+derselbe Körper, den die Kaffeebohnen führen und der auch dem
+Theobromin der Cacaobohnen äußerst nahe steht. Ebenso ist
+der Paraguay-Thee oder Mate coffeinhaltig, und denselben Stoff
+führen auch die Kola-»Nüsse«.
+</p>
+
+<p>
+Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in
+großem Maßstäbe betrieben, während Europa, die Türkei ausgenommen,
+vor Mitte des siebzehnten Jahrhunderts nur wenig
+<pb n='074'/><anchor id='Pg074'/>
+von dem Bestehen dieses Genußmittels wußte. Nach Constantinopel
+hatte Selim&nbsp;I. 1517 aus Aegypten den ersten Kaffee gebracht,
+und zwanzig Jahre später gab es dort bereits viele Kaffeehäuser.
+Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die
+Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen
+Consuls in Ägypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk
+über ägyptische Pflanzen veröffentlichte, gab die erste, wenn auch
+wenig vollkommene botanische Beschreibung des Kaffeebaumes.
+Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste Kaffeehaus eröffnet
+wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens rasch
+über ganz Italien. Wie Le Grand d'Aussy eingehend beschreibt,
+war es Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der
+Errichtung von Kaffeehäusern den Anfang machte. In Paris
+kam das Kaffeetrinken erst unter Ludwig&nbsp;XIV. auf, und zwar
+vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten Mohammeds&nbsp;III.,
+der, wie Le Grand d'Aussy berichtet, sich die Gunst der Pariserinnen
+in solchem Maße zu erwerben wußte, daß es Mode ward, ihm
+Besuche abzustatten. Er ließ den Damen, nach orientalischer
+Sitte, den Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glänzenden
+Porzellantassen auf goldbefranzten Servietten. Die fremdartige
+Einrichtung der Zimmer, das Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung,
+die mit Hülfe eines Dolmetschers geführt wurde, alles
+das, meint Le Grand d'Aussy, mußte den Kopf der Französinnen
+verdrehen. Überall hörte man von dem Soliman'schen Kaffee
+sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen
+zu verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das
+Pfund kostete bis zu vierzig Thalern. Im Jahre 1672 eröffnete
+ein Armenier, Namens Pascal, auf dem Quai de l'École das
+erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getränk, welches in demselben
+geboten wurde, »Café« genannt ward. Es war eine
+»Boutique« nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschäfte,
+da es für das feinere Publicum, welches allein den Kaffee
+damals trank, nicht geeignet war. Das erkannte richtig der
+Florentiner Procope, derselbe, der sich um Paris durch die Einführung
+<pb n='075'/><anchor id='Pg075'/>
+des Gefrorenen verdient gemacht hat; er richtete gegenüber
+der alten Comédie Française ein Café ein, welches außer
+dem ursprünglichen Getränk, auch Thee, Chocolade, Eis und
+verschiedene Liqueure führte, und, geschmackvoll decorirt, sich
+alsbald des größten »Succès« erfreute. Die Zahl der Nachahmer
+war groß, und 1676 hatte Paris schon eine Unmasse
+Cafés aufzuweisen, deren Einfluß sich als ein sehr günstiger
+erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig&nbsp;XIV.,
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>ce Roi si décent</foreign>«,
+wie sich Le Grand d'Aussy ausdrückt, durch
+harte Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem
+Florentiner Procope zu verdanken. Als ganz ungefährlich galt
+jedoch der Kaffee nicht, und die Marquise de Sévigné räth
+darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre 1680, dem
+Kaffee etwas Milch zuzusetzen,
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>pour en tempérer le danger</foreign>«.
+In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon
+1624 erwähnt. Das erste Kaffeehaus errichtete in London 1652
+der Armenier Pasqua, Diener eines türkischen Arztes. Berlin
+folgte erst weit später nach, denn Volz gibt an, daß dort das
+erste Kaffeehaus im Jahre 1721 eröffnet wurde. Eine Anzahl
+deutscher Städte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in
+Hamburg gab es schon 1679, in Nürnberg und Regensburg
+1686, in Köln 1687 Kaffeehäuser. In Wien erhielt 1683 ein
+gewisser Kolschitzky die Erlaubniß zur Eröffnung des ersten
+Kaffeehauses und zwar als Belohnung für den Muth, durch
+welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der
+Stadt von den Türken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des
+achtzehnten Jahrhunderts war der Kaffeegenuß über ganz Deutschland
+verbreitet, und der Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel
+für Hamburg und Bremen. Friedrich der Große versuchte
+es vergeblich, den Verbrauch einzuschränken. In dem Bestreben,
+Preußen wirthschaftlich abzuschließen und »das Geld im Lande
+zu behalten«, hatte er besonders die theueren Colonialwaaren
+mit hohen Zöllen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr
+oder suchte sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf
+<pb n='076'/><anchor id='Pg076'/>
+und andere Chemiker wurden beauftragt, Surrogate an Stelle
+des Kaffees zu schaffen, was zur Entstehung von Eichelkaffee,
+von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst aus Rüben und
+Roßkastanien führte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um jene
+Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben
+E.&nbsp;v.&nbsp;Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen
+Kaffeesurrogate erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum,
+daher 1781 ein Kaffeemonopol eingeführt ward, das die gewöhnlichen
+Consumenten zwang, den Kaffee schon gebrannt vom
+Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu kaufen, während
+an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte »Brennscheine«
+abgegeben wurden.
+</p>
+
+<p>
+An den Thee und den Kaffee schließt sich der Cacao fast
+gleichberechtigt an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige
+vieler anderer tropischer Pflanzen, da er eine sehr beständige,
+relativ hohe Temperatur neben einer großen und gleichmäßigen
+Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath dürfte in den Ländern
+um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er überall in
+den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut.
+Die Cacaopflanze gehört einer Unterabtheilung der Malvaceen
+an; fast aller Cacao des Handels stammt von der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Theobroma Cacao</name>
+ab. Es ist ein dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem
+Stamm und breiter Krone, der für gewöhnlich acht bis zehn
+Meter Höhe erreicht. Das Charakteristische für die Pflanze ist, daß
+sie ihre Blüthenstände vorwiegend am alten Holze trägt, so daß
+der Stamm und die dicken Äste sich weiterhin mit Früchten behangen
+zeigen. Die Blüthen sind weißlich bis roth und liefern
+je nachdem gelbe oder dunkelrothe Früchte. Während die Blüthen
+nur klein sind, können die cylindrischen Früchte bis fünfundzwanzig
+Centimeter Länge erreichen. Der Baum blüht und
+fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im Jahr meist
+nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem süßsäuerlichen
+Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fünf
+Längsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte
+<pb n='077'/><anchor id='Pg077'/>
+»Rotten« gemildert, einen Gährungsproceß, dem die
+aus der Frucht befreiten Samen unterworfen werden. Der
+Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst den von
+diesen verdrängten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519
+das Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor.
+Ähnlich wie der Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico,
+ja in ganz Mittelamerika die Cacaobohnen als Münze. Die
+Spanier sollen bei der Eroberung Mexico's im dortigen Staatsschatze
+nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund solcher
+Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die gerösteten
+Cacaobohnen geschält und gestoßen, mit kaltem Wasser zu Brei
+angerührt und mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewürzen,
+Vanille, duftenden Blumen und Honig versetzt. Dieser
+Brei »<foreign lang='fr' rend='antiqua'>bouillie assez dégoutante</foreign>«,
+sagt Le Grand d'Aussy, hieß
+Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen Namen
+der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und
+Atl (Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier,
+welche die Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt
+hatten, brachten sie bald nach Europa, und auch heute noch ist
+es Spanien, welches die größten Mengen Chocolade verzehrt.
+Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade mit, als er 1606
+von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien erstreckten, heimkehrte.
+Das warme Getränk, das in Florenz aus Cacaomehl
+hergestellt wurde, verbreitete sich rasch über ganz Italien. Nach
+Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von Österreich,
+Gemahlin Ludwig's&nbsp;XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber
+erst 1661, unter dem Einfluß von Maria Theresia von Spanien,
+Gemahlin Ludwig's&nbsp;XIV., die sich aber noch versteckte (wie die
+Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren angibt), um ihre
+Chocolade zu trinken; der Genuß derselben mußte somit als
+etwas Ungewohntes oder gar Verpöntes angesehen werden. Indessen
+schon 1671 konnte Frau von Sévigné an ihre Tochter
+schreiben:
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Vous ne vous portez pas bien, le chocolat vous
+ remettra.</foreign>«
+Freilich muß die Chocolade als Heilmittel ihre
+<pb n='078'/><anchor id='Pg078'/>
+Wirkung versagt haben, denn in einem späteren Briefe wird sie
+als
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>source de vapeurs et de palpitations</foreign>«
+angegeben. Andererseits
+vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684
+vor der Fakultät eine These, in welcher er gutgemachte Chocolade
+als eine der edelsten Erfindungen pries, weit mehr würdig,
+als Nectar und Ambrosia, die Speise der Götter zu sein. Derselben
+Ansicht muß auch Linné gewesen sein, der die Chocolade
+1769 in den
+»<title rend='antiqua'>Amoenitates academicae</title>« behandelte und dem
+Cacaobaum den botanischen Namen
+»<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Theobroma</name>«,
+d.&nbsp;h. »Götterspeise«
+gab. In England begann sich die Chocolade um 1625,
+annähernd gleichzeitig auch in Holland, einzubürgern. Nach
+Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des Großen Kurfürsten,
+den Cacao mit. Friedrich der Große verbot die Einfuhr der
+Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben,
+der Ähnliches für den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus
+Lindenblüthen an Stelle von Chocolade herzustellen, was aber
+nur schlecht gelang.
+</p>
+
+<p>
+Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru
+kamen, war dort ein anderes Reizmittel in Gebrauch, das der
+Instinct der Eingeborenen herausgefunden hatte, nämlich das
+Cocaïn. Dieser Körper gehört ebenso wie das Coffeïn und das
+Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die Bewohner des
+Inkareiches kauten die Cocablätter ganz so wie die Hindus die
+Betelnuß kauen und würzten diese Blätter auch mit Asche der
+Quinoapflanze
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chenopodium quinoa</name>) oder mit gelöschtem Kalk,
+so wie es für die Betelnüsse in Indien geschieht. Bei mäßigem
+Genuß wirken die Cocablätter anregend auf das Nervensystem
+ein, in zu großen Mengen und fortdauernd gebraucht, werden
+sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller körperlichen
+und geistigen Fähigkeiten bei dem »Coquero« ein, der zu einem
+Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern geführt hat. Den
+Spaniern fielen zunächst nur die üblen Folgen des Cocakauens
+auf, sie suchten dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote
+in Peru einzuschränken. Daher wohl die Cocablätter nicht
+<pb n='079'/><anchor id='Pg079'/>
+wie andere ähnliche Reizmittel ihren Einzug in die alte Welt
+hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte Entdeckung,
+daß eine Auflösung von Cocaïn ohne üble Folgen die
+Hornhaut und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich
+macht, richtete die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses
+Alcaloid. Die Anwendung desselben bei Augenoperationen wurde
+allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete der Heilkunde
+als auch seine Fähigkeit, leicht zugängliche sensible Nerven unseres
+Körpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Die Cocablätter gehören einem Strauche an, der unserer
+Schlehe ähnlich ist, aber bedeutendere Größe erreicht. Diese
+Blätter sind lebhaft grün gefärbt und sehr dünn; sie haben
+eiförmige Gestalt und laufen spitz an ihrem Ende aus. Die
+gelblich weißen Blüthen fallen wenig in die Augen, da sie nur
+geringe Größe besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht
+unähnlichen Früchte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor.
+Der botanische Name der Pflanze ist
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Erythroxylon coca</name>, sie
+bildet eine eigene kleine Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf
+die artenreiche Gattung
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Erythroxylon</name>
+beschränkt ist. Die Blätter
+sind schwach aromatisch und besitzen einen angenehm bitterlichen
+Geschmack. Das Alcaloid, welches man aus denselben gewinnt,
+bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in Wasser, dagegen
+leicht in Alcohol und noch leichter in Äther lösen.
+</p>
+
+<p>
+Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den
+Gewürznelkenbaum geknüpft, da er eine äußerst markirte Rolle
+in der Geschichte des Gewürzhandels gespielt hat. Der Gewürznelkenbaum
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Eugenia caryophyllata</name>)
+gehört zu den Myrtaceen
+wie die Myrten, Eucalypten, Guaiaven und Rosenäpfel, die
+wir in La Mortola sahen. Er ist ein immergrüner Baum mit
+wohlgeformter Krone, der über zehn Meter Höhe erreichen kann
+und lederartige, glänzende, durchscheinend punctirte Blätter besitzt.
+Die Blüthen stehen an den Enden der Zweige in doldenförmigen
+Blüthenständen. Der vierkantige Blüthenstiel breitet
+sich am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An
+<pb n='080'/><anchor id='Pg080'/>
+der Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenblätter und
+die Staubfäden befestigt. Erstere werden ähnlich wie bei
+Eucalyptus als Kappe abgeworfen, wenn sich die Blüthe öffnet.
+Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab, sammelt vielmehr
+kurz zuvor schon die »Gewürznelken«, indem man sie mit den
+Händen vom Baume pflückt oder mit Bambusstäben abschlägt.
+Sie sind somit noch ungeöffnete Blüthen eines myrtenartigen
+Gewächses und haben mit den nur ähnlich duftenden Blüthen
+unserer Gärten, die wir als Nelken bezeichnen, den Dianthus-Arten,
+sonst nichts gemein. Beim Trocknen verändert sich die
+dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. &ndash; Die Gewürznelken
+waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt.
+Im vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie
+nach Europa. Man glaubte bis zu Anfang des sechzehnten
+Jahrhunderts, daß Java oder Ceylon ihre Heimath sei; thatsächlich
+aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem Wege
+des Gewürznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken
+durch Varthema 1504 klärte Europa über den Ursprung der
+Gewürznelken auf. Mit den Molukken zugleich gelangte der
+Gewürzhandel jener Inseln in die Hände der Portugiesen, dann
+ein Jahrhundert später an die holländisch-ostindische Compagnie,
+welche die Production von Gewürznelken und Muskatnüssen auf
+jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar dieselbe, um sie
+besser überwachen zu können, auf nur wenige Inseln einschränkte.
+Auf den übrigen Inseln ließ sie die Gewürzbäume ausrotten.
+Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur
+begrenzte Mengen des Gewürzes auf den Markt, und als in
+Folge guter Ernten der Vorrath einmal, im Jahre 1760, zu
+stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der Admiralität
+in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster Überwachung von
+Seiten der Holländer gelang es dem französischen Gouverneur
+von Mauritius und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewürznelken-
+und Muskatbäumen zu gelangen und sie auf seiner Insel
+anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802, als die Engländer
+<pb n='081'/><anchor id='Pg081'/>
+die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafür, daß die
+Cultur der Gewürzbäume sich über die Grenzen dieser Inseln
+hinaus verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur über die tropischen
+Länder weit ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau
+der Gewürznelkenbäume ganz zurück, und nur die Muskatbäume
+werden dort noch im großen Maßstab gepflegt.
+</p>
+
+<p>
+Die Muskatbäume, die mit den Gewürznelkenbäumen stets
+zusammen genannt werden, gehören zu der Gattung
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Myristica</name>,
+die den Lorbeergewächsen sehr nahe steht. Der wichtigste
+Muskatbaum ist
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Myristica fragrans</name>,
+der in seinem Aussehen
+an unsere Birnbäume erinnert. Er besitzt eine rundliche Krone
+und dichte Belaubung. Seine Blüthen sind weiß oder gelblich
+und gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie
+klein sind, so fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun
+hingegen die hellgelben, aprikosenähnlichen Früchte, die der Baum
+gleichzeitig trägt. Diese Früchte springen bei voller Reife auf
+und dann leuchtet ein carmoisinrother Samenmantel aus ihrem
+Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Hülle umgibt er
+den schwarzbraunen, als Muskatnuß bekannten Samen. Er
+selbst wird fälschlich als Muskatblüthe bezeichnet.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen,
+hierauf der niederländisch-ostindischen Compagnie und ging auf
+die englisch-ostindische über, als England 1796 Besitz von
+Ceylon ergriff.
+</p>
+
+<p>
+Wie Zimmet, Gewürznelken und Muskatnuß in der niederländischen
+Geschichte, so spielte der ostindische Pfeffer einst eine
+nicht unbedeutende Rolle in der Geschichte Venedigs. Namentlich
+aus Rücksicht auf diesen Pfeffer lag Venedig daran, das
+rothe Meer und Ägypten sich offen zu halten. Unmengen von
+Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de' Tedeschi, an
+die Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flückiger
+besonders hervorhebt, eine kaum mehr verständliche Gier nach
+Pfeffer, der schließlich fast die Bedeutung eines überall gangbaren
+Zahlmittels erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten
+<pb n='082'/><anchor id='Pg082'/>
+Jahrhundert nahm er entschieden den ersten Rang unter den
+Gewürzen ein; er stand so hoch im Preise, daß ärmere Klassen
+von dem regelmäßigen Gebrauch desselben absehen mußten und
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>cher comme poivre</foreign>«
+sprichwörtlich wurde. Diese Sucht nach
+Gewürzen kam, wie Le Grand d'Aussy erzählt, von den vielen
+schwer verdaulichen Speisen, welche man damals zu genießen
+pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche Gewürze bei
+sich führten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische
+sich mundgerecht zu machen. Régnard bezeichnet solche Eßkünstler
+als »<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Docteurs en Soupers</foreign>«.
+</p>
+
+<p>
+Aus der Geschichte des Levantehandels im Mittelalter von
+Wilhelm Heyd geht hervor, daß zu den verbreitetesten Specereien
+damals auch der Ingwer gehörte, und daß er fast eben so stark
+begehrt war wie der Pfeffer. Diese Pflanze, deren Heimath in
+Ostindien liegt, kann man im Garten von La Mortola sehen.
+Ihre bis zu einem Meter hohen grünen Sprosse entspringen
+dem wohlriechenden Wurzelstock, der im Boden versteckt ist.
+Die Sprosse erinnern an die in unseren Gärten cultivirten
+Canna-Arten und tragen wie diese, in zwei Reihen angeordnete,
+doch wesentlich schmälere Blätter. Am Gipfel schließen sie, falls
+sie zur Blüthe kommen, mit dichtgedrängten Hochblättern ab,
+aus deren Achseln gelb- und violettgefärbte Blüthen entspringen.
+In La Mortola blüht freilich der Ingwer nicht, und auch in
+Asien kommen nur selten blühbare Stengel zur Entwickelung.
+Stücke des Wurzelstockes sind es, die, geschält oder ungeschält,
+als Ingwer in den Handel gelangen. Der aus China eingeführte
+in Zucker gekochte Ingwer stammt von zarten, sorgfältig
+geschälten Wurzelstöcken. Eingemachter Ingwer wurde
+schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in irdenen
+Töpfen nach Italien eingeführt, doch war Marco Polo der
+erste Europäer, der auf seinen Reisen in China und Indien
+von 1280&ndash;1290 die Pflanzen zu sehen bekam. Dieser mit
+Recht hochberühmte Reisende des Mittelalters erwarb sich überhaupt
+sehr große Verdienste um die Erforschung von China,
+<pb n='083'/><anchor id='Pg083'/>
+weshalb ihm der Besitzer von La Mortola, der selbst längere
+Zeit im »Reich der Mitte« lebte, in der Eingangshalle seiner
+Villa ein glänzendes, von Salviati in Venedig als Glasmosaik
+auf Goldgrund ausgeführtes Brustbild widmete. Da freilich
+von Marco Polo ein authentisches Bildniß nicht bekannt ist,
+blieb es der Phantasie des Künstlers überlassen, wie er sich ihn
+vorstellen wollte.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">IX.</p>
+
+<p>
+Wer den Weg von Mentone nach Nizza auf der vielgerühmten
+Route de la Corniche zurücklegen will, sollte dies
+nur bei völlig klarem Wetter thun. Denn unter den großen
+Eindrücken dieser Bergstraße darf die Aussicht landeinwärts in
+die schneebedeckten Seealpen nicht fehlen. Im Frühjahr sind
+die Berge meist von Wolken bedeckt und so dem spähenden Auge
+verborgen. Die Route de la Corniche ist an schönen Frühlingstagen
+von unvergleichlicher Wirkung. Sie fängt an bei Roccabruna
+zu steigen und folgt dann in unzähligen Windungen dem
+Abhang. Das eine Mal wendet sie sich landeinwärts, als wolle
+sie den Berg durchbohren, das andere Mal schlägt sie die Richtung
+nach dem Meere ein, als stürze sie sich in die Fluthen.
+Fort und fort wechseln die Bilder. Abwärts taucht der Blick
+in die grünen Thäler und trifft immer neue Einschnitte der
+Küste; aufwärts wird er begrenzt durch die mächtigen Kuppen
+der Berge. Wo diese auseinandertreten, da tauchen, wie mit
+einem Zauberschlag, die schneebedeckten Häupter der Seealpen
+in der Ferne auf. &ndash; Den höchsten Punkt hat die Corniche bei
+La Tourbie, der alten
+<name type='place' rend='antiqua'>Trophea</name> oder
+<foreign lang='la' rend='antiqua'>Turris in via</foreign>, etwa
+500 Meter über dem Meere erreicht. Die Corniche folgt der
+alten römischen Straße; Napoleon&nbsp;I. war es, der sie im Jahre
+1805, so wie sie heute ist, ausbauen ließ. Jetzt ist die Tourbie
+sogar durch eine Zahnradbahn mit Monte Carlo verbunden.
+Einst lief hier die Grenze, welche Gallien von Italien schied.
+Der weit sichtbare, aus mächtigen Trümmern aufsteigende Thurm,
+<pb n='084'/><anchor id='Pg084'/>
+der als Thurm des Augustus bekannt ist, trotzt noch immer der
+Zeit. Mit seinen zackigen Zinnen, erst im vierzehnten Jahrhundert
+erbaut, ging er aus den Quadern des gewaltigen Denkmals
+hervor, das hier der Senat und das römische Volk dem
+Octavian errichten ließen, als die Schlacht bei Actium ihn zum
+Herrn der Welt machte. Plinius hat uns die Inschrift bewahrt,
+welche das Denkmal auf seinen vier Seiten trug. Außer der
+Widmung an den
+<foreign lang='la' rend='antiqua'>Caesar Imperator</foreign>
+standen da die Namen
+von vierundvierzig Alpenvölkern verzeichnet, welche unter römisches
+Joch gebeugt worden waren. Ein Standbild des Kaisers
+krönte das Denkmal, das, alter Schilderung nach zu urtheilen,
+großartig gewesen sein mußte. Trotzdem schonten es die späteren
+Zeiten nicht. Die Longobarden begannen seine Zerstörung. Die
+Saracenen gestalteten es zur Festung. Dann schöpften Jahrhunderte
+lang die Bewohner von La Tourbie aus den Trümmern,
+wie aus einem Steinbruch, die Steine zum Bau ihrer Kirche
+und ihrer Häuser. Im zwölften Jahrhundert holten die Genueser
+hier Marmor zum Schmucke ihrer Bauten, und was dann noch
+verblieb, wurde am Hochaltar in der alten Kathedrale von Nizza
+verwandt. &ndash; Von La Tourbie aus sieht Monte Carlo mit all seinem
+Glanz und Elend nur wie ein unschuldiges Kinderspielzeug aus.
+An den Ernst des Lebens wird man aber auch in dieser Höhe
+durch alle die Festungswerke gemahnt, welche Frankreich auf den
+Berggipfeln errichtet hat. Selbst der höchste Berg über Monte
+Carlo, der 1150 Meter hohe Mont-Agel, dessen Gipfel weithin
+das ganze Land beherrscht, hat jetzt einen Kranz von Redouten
+erhalten.
+</p>
+
+<p>
+Als Glanzpunkt der Corniche erscheint mir die Stelle, an
+welcher Eza auf schroffem Fels, mitten in der Landschaft, emportaucht.
+Welche gewaltige Kraft war nöthig, um in so schwindelnder
+Höhe, so unvermittelt zwischen Himmel und Erde, aus
+mächtigen Quadern Burgen zu erbauen! Von Abgründen umgeben,
+vor jeder Überraschung sicher, haben nach einander
+nizzardische und piemontesische Geschlechter in dieser Burg geherrscht.
+<pb n='085'/><anchor id='Pg085'/>
+Armselige Häuser suchten Schutz an den befestigten
+Mauern, und auch heut noch stehen sie da und drängen sich um
+die zerfallenen Ruinen. Die alte Pracht verschwand von dieser
+Stätte: das Elend ist geblieben. Von außen aber vergoldet es
+die strahlende Sonne des Südens und hebt den stolzen Felsen
+majestätisch ab gegen den blauen Hintergrund des Meeres.
+</p>
+
+<p>
+Nizza wird immer größer, verliert den ursprünglichen,
+italienischen Charakter, nimmt ganz denjenigen einer eleganten,
+cosmopolitischen Stadt an und amüsirt sich ohne Unterbrechung.
+Endlos folgen im Winter Redouten, Blumenschlachten, Regatten,
+Pferderennen auf einander. Wie eigen dieser Trieb zum Vergnügen,
+der sich hier auch der einheimischen Bevölkerung bemächtigt
+hat! Denn kaum hat ein Ort gleich schwere Schicksale
+im Laufe der Zeiten erlebt. Unzählige Male wurde die Stadt
+geplündert und verwüstet durch Gothen, Longobarden, Saracenen
+und Provençalen. Frankreich eroberte sie wiederholt, um sie zu
+verlieren und wieder zu gewinnen. Sie wurde von der Pest
+heimgesucht, durch starke Kälte ihrer Oliven- und Orangenbäume
+mehrfach beraubt, von afrikanischen Heuschrecken häufig überfallen.
+Daher vielleicht der Leichtsinn, der sich seiner Bevölkerung
+bemächtigt hat und der den Grund dazu legte, daß Nizza zu
+einer Metropole der schalen Vergnügungen aufwuchs. Mein Ziel
+war Nizza nicht, vielmehr das Cap d'Antibes, ein Ort, den ich
+schon vor vielen Jahren liebgewonnen hatte. Ein Aufsatz von
+George Sand, in der
+»<title rend='antiqua'>Revue des deux mondes</title>«
+vom Jahre
+1868, machte mich mit den Schönheiten dieses Vorgebirges
+zuerst bekannt. George Sand besuchte auf demselben den schönen
+Garten des hervorragenden französischen Botanikers Thuret und
+war von der Aussicht ganz hingerissen, die man von dort genoß.
+Daß das Cap trotzdem so unbeachtet blieb, hängt mit seiner
+exponirten Lage zusammen, die es zum Aufenthaltsorte für
+Lungenleidende wenig geeignet macht. Das Cap ist in das
+Meer weit vorgeschoben und daher den Winden ausgesetzt; auch
+sieht man von demselben die Schneealpen, und ist demgemäß
+<pb n='086'/><anchor id='Pg086'/>
+auch nicht gegen den kalten Luftstrom geschützt, der von denselben
+kommt. Auch fehlte es am Cap bis vor Kurzem an
+einem guten Unterkommen, das den Reisenden zum längeren
+Bleiben hätte einladen können. &ndash; Ich halte das Cap d'Antibes
+für einen der Glanzpunkte der Riviera. Wer dessen Herrlichkeit
+in ganzer Fülle gleich genießen will, der besteige den Hügelrücken,
+der die Seelaterne und das bescheidene Kirchlein
+<name type='place' rend='antiqua'>Notre-Dame
+de Bon-Port</name> trägt. Der Anblick, den man dort bei klarem,
+sonnigem Wetter genießt, ist geradezu überwältigend. Das Cap
+d'Antibes setzt sich so weit fort in das offene Meer, daß man
+von ihm aus, wie von einem Schiffe, das Land überblickt. Es
+trennt den Golf Jouan von der Baie des Anges und beherrscht
+so gleichzeitig die beiden Buchten. Im Westen wird das Bild
+von dem Esterel-Gebirge abgeschlossen, das in reicher Gliederung
+ganz unvermittelt aus dem Meere aufsteigt. Das Esterel
+erinnert in seinen Umrissen an das Siebengebirge, den Stolz
+unseres Rheinlandes, was sich aus dem vulkanischen Ursprung
+beider Gebirgszüge erklärt. Das vom Cap d'Antibes eine
+Stunde weit entfernte Cannes wird durch die Landenge der
+Croisette verdeckt, frei liegt hingegen vor ihm im Meere die
+Lerinische Insel St.&nbsp;Marguerite. Deutlich erkennt man auf ihr
+das Fort, in welchem einst der mysteriöse
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>homme au masque
+de fer</foreign>« und neuerdings Bazaine eingekerkert waren. Es folgt
+an der Küste ein Ort auf den andern. Zunächst das Städtchen
+Golfe Jouan, in dessen wohlgeschütztem Hafen das französische
+Mittelmeer-Geschwader liegt. Zahlreiche Villen und Gärten
+decken die grünen Hügel, die sanft gegen das Meer abfallen.
+Nach Südwesten hin streckt das Cap d'Antibes noch einen
+Seitenarm in die Fluthen, und dieser trägt ein kleines Fort und
+das Grand Hôtel. Gegen Süden verliert sich der Blick in dem
+weiten Meer; gegen Osten kann er der Küste bis jenseits
+Bordighera folgen, wo diese endlich in dem Blau der Ferne
+schwindet. Im Halbkreis reihen sich an der Bai des Anges die
+Häuser von Nizza aneinander und versuchen es auch, die angrenzenden
+<pb n='087'/><anchor id='Pg087'/>
+Hügel zu erklimmen. Im Vordergrund zeichnet sich
+grell das alte Antipolis, noch im mittelalterlichen Gewande, von
+steilen Mauern und Laufgräben umgeben und von dem malerischen
+Fort Carré beherrscht, das es zu Vaubans Zeiten erhielt. Nach
+Norden thürmen sich Berge auf Berge, um endlich in den schneebedeckten
+Alpen ihren verklärten Abschluß zu finden. So zeigt
+dieses Bild all das Erhabenste wieder vereinigt, was die Natur
+uns zu bieten vermag. Und wie wirkungsvoll zugleich ist der
+Gegensatz zwischen der unbegrenzten Fläche des Meeres und den
+bewegten Umrissen der himmelstürmenden Bergriesen; wie zart
+vermittelt die azurne Farbe des Wassers und das matte Grün
+der Küste, wie schroff abgesetzt das glänzende Weiß der Schneefelder
+von dem dunkeln Blau des Himmels! Wie athmet man
+frei in dem weiten Raum, welchen der Blick hier umfaßt; wie
+fühlt man sich geläutert durch die hehren Bilder, die sich in der
+Seele spiegeln!
+</p>
+
+<p>
+Das kleine Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port ist mit
+manchem <foreign lang='la'>ex voto</foreign>
+geschmückt. Ringe und Ketten von Schiffen,
+kleine aus Holz geschnitzte Kähne, die an den Wänden hängen,
+deuten den Dank Jener an, denen es gelang, sich aus stürmischer
+See zu erretten. Am 8.&nbsp;Juli eines jeden Jahres ziehen die
+Schiffer von Antibes barfuß den Hügel hinauf und holen das
+Standbild der Mutter Gottes herab, um es in gleichem Aufzuge
+am nächsten Sonntag von Antibes wieder hinauf zu tragen.
+</p>
+
+<p>
+Über das Grand Hôtel du Cap d'Antibes bildete sich ein
+ganz eigener Mythos. Es hieß, de Villemessant, der einst so
+bekannte Redacteur des »Figaro«, hätte den Bau veranlaßt, um
+ein Heim für Schriftsteller und Künstler zu schaffen. Dieselben
+sollten dort vereint ihren Arbeiten obliegen und durch die herrliche
+Umgebung zu bedeutendem Schaffen angeregt werden.
+Dieser Mythos war aber nur eine
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Blague</foreign>«,
+durch entsprechende
+Zeitungsartikel veranlaßt und durch eine »Expedition« großgezogen,
+die die Redaction des »Figaro« in diese Gegend unternahm.
+Auch scheint das treibende Motiv nur das gewesen zu
+<pb n='088'/><anchor id='Pg088'/>
+sein, eine neue Station an der Riviera zu entdecken, von gleicher
+Rentabilität wie das rasch aufblühende Cannes. Man wollte
+es Lord Brougham nachmachen, von welchem der Reisebericht
+des »Figaro« vom 25.&nbsp;April 1867 erzählt, daß er die Stadt
+Cannes entdeckt habe &ndash; entdeckt insofern, als er dort Grundstücke
+zu 5&nbsp;Sous den Meter vorfand, die sich bald zu 60 Francs
+verkauften. Der »Figaro« ließ es aber bei den schönen Plänen
+bewenden, und die projectirte »Villa Soleil« kam nicht zu
+Stande; wohl aber ließ ein Russe, der das Cap d'Antibes schon
+bewohnte, sich bestimmen, das große Hôtel du Cap zu erbauen.
+Das Unternehmen mißglückte, ein Pächter folgte dem andern,
+bis endlich das Haus geschlossen wurde. Erst jetzt, wo die Zahl
+der Reiselustigen so bedeutend zugenommen hat, stellen sich
+günstigere Bedingungen für das Unternehmen ein. Das Hôtel
+kam in sorgsame und geschickte Hände und wird sich voraussichtlich
+weiter gut entwickeln. Seine Lage ist einzig schön. Aus den
+Fenstern der Vorderseite hat man den vollen Blick auf den Golfe
+Jouan und das Esterel-Gebirge, während die Fenster der Rückseite
+nach den schneebedeckten Alpen schauen. Ein großer Garten
+umgibt das Gebäude und reicht bis zum Meer hinab. Er verliert
+sich in dem duftigen mediterranen Gestrüpp, und wo dieses
+aufhört, setzen nackte, zerrissene Felsen die schmale Landzunge
+fort. Unaufhörlich wälzt das Meer seine Wogen gegen diese
+Felsen, und heftiger Sturm jagt den Schaum der Wellen über
+dieselben hinweg. In tausend Klippen sind die steilen Abhänge
+des Caps zerrissen, bilden phantastische Stufen, Grotten, Buchten
+und Verstecke, und zu jeder Tagesstunde läßt sich an dem jähen
+Absturz eine Stelle finden, an der man, vor der Sonne und
+meist auch vor dem Winde geschützt, mit einem Buche in der
+Hand, sich niederlassen kann. Gelesen wird freilich kaum, denn
+die blauen Wellen schlagen fort und fort gegen die Steine und
+stören durch ihr Plätschern. Einmal berühren sie den Fels nur
+sacht, so daß man sie kaum hört, dann wieder schwellen sie an
+und plaudern so laut, als wollten sie vernommen werden. Zuweilen
+<pb n='089'/><anchor id='Pg089'/>
+rollt die schwellende Fluth dicht heran, dann flieht sie
+wieder, und unwillkürlich folgt das Auge ihr nach. So lassen
+sich Stunden auf Stunden verträumen an dem steinigen Strande
+von Antibes, und unbemerkt verfliegt ein Tag nach dem andern.
+Die Nerven ruhen aus und sammeln neue Spannkraft für die
+gesteigerten Anforderungen der Zeit. &ndash; Ebenso wonnig wie auf
+seeumspülten Felsen lagert es sich zwischen den duftenden Sträuchern
+des Strandes mit dem blauen Zeltdach des Himmels über dem
+Haupte und einem begrenzten Stücke azurnen Meeres zur Seite.
+Man hat eine Decke über Myrten oder Rosmarinsträucher ausgebreitet
+und ruht nun wie auf einem Polster. Gewiß gehört
+es mit zu den hohen Reizen dieses bevorzugten Ortes, daß man
+aus dem Garten unmittelbar in die volle, reine, unverfälschte
+Natur gelangen kann. Denn die wohlriechenden Sträucher, die
+hier den Strand bedecken, sind nicht von Menschenhand gepflanzt.
+Sie bilden einen Vegetationstypus, der für das Mittelmeergebiet
+bezeichnend ist und den Namen
+<name rend='gesperrt'>Maquis</name> führt. Immer mehr
+weichen diese Maquis der Cultur, namentlich an dieser stark bevölkerten
+Küste. Ueber größere Flächen ausgedehnt, findet man
+sie hier noch im Esterelgebirge. In voller Prachtentfaltung
+treten sie dem Reisenden erst auf Corsica entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Der Charakter dieser Maquis wird durch immergrüne
+Sträucher bestimmt. Selbst eine Anzahl baumartiger Gewächse
+nimmt in den Maquis Strauchform an. Bei der großen Mehrzahl
+dieser Sträucher ist die Laubentwickelung eingeschränkt worden,
+ja zum Theil geschwunden. Das Alles befähigt diese
+Pflanzen, langanhaltende Dürre auszuhalten. Im Frühjahr,
+wenn die nöthige Bodenfeuchtigkeit zur Verfügung steht, kommen
+sie gleichzeitig zur Blüthe und zaubern dann, auf sonst dürrem
+Boden, üppige Gärten hervor. Es walten in den Maquis die
+aromatischen Gewächsarten vor. Aus jedem Strauch, den man
+streift, befreit man ganze Ströme von Wohlgerüchen. Dem
+Boden, den man tritt, entlockt man eine Fülle flüchtiger Essenzen:
+Rosmarin, Thymian, Lavendel, Cistusrose, Myrte und Pistacie
+<pb n='090'/><anchor id='Pg090'/>
+mischen ihre Düfte und erfüllen mit ihnen die Luft. Die Färbung
+der Maquis ist eine bräunlich-grüne, und erst die Blüthen
+beleben den einförmigen Ton. Sie treten auf in massenhafter
+Fülle. Das zarte Blau der Rosmarinblüthe gesellt sich dann
+dem grellen Gelb der Ginster, die helle Farbe der Ciströschen
+dem dunkeln Violett der Lavendel. Auf Corsica scheinen die
+Abhänge ein einziger Blüthenstrauß um jene Zeit zu sein, und
+der Wanderer wird von dem Duft berauscht, der diesem Blüthenmeer
+entströmt. Nicht ohne Grund behaupten die Schiffer, daß
+man Corsica im offenen Meere schon aus weiter Ferne <emph>riechen</emph>
+könne, und nach jenem würzigen Duft seiner Heimathsinsel sehnte
+sich auch Napoleon zurück auf St.&nbsp;Helena, vor seinem Ende.
+</p>
+
+<p>
+Was noch von den Maquis am Cap d'Antibes erhalten
+blieb, ist freilich wenig, und doch kann man selbst auf jener
+kleinen Landzunge vor dem Garten des Grand Hôtel fast alle
+die Arten zusammenlesen, welche den Typus der Maquis bestimmen.
+Unter den strauchartigen Formen fällt zunächst der
+Rosmarin durch seinen Duft, seine blauen Lippenblüthen und
+seine steif linealen, unterseits weiß-filzigen Blätter auf. Man
+begegnet ihm dort überall. Das wohlriechende Öl verflüchtigt
+sich, wenn man seine Blätter zerreibt. Diese Pflanze zieht man
+auch bei uns in den Gärten, besonders für die Bienen, deren
+Honig sie ein feines Aroma verleiht. Ihre Verbreitung nördlich
+von den Alpen wurde durch das Capitulare Karl's des Großen
+812 gefördert, welcher die Anpflanzung des
+»<foreign lang='la' rend='antiqua'>ros marinus</foreign>« in
+den kaiserlichen Gärten befahl. Im Alterthum hat man den
+Rosmarin viel zum Winden von Kränzen benutzt und schmückte
+mit diesen die Bildsäulen der Laren. Im Mittelalter bemächtigte
+sich die Symbolik dieses immergrünen, duftigen Gewächses, und
+es wurde zum Sinnbild der Liebe, der Treue und des Todes.
+Als Sinnbild der Treue gilt es auch bei Shakespeare, der die
+wahnsinnig gewordene Ophelia sagen läßt: »Da ist Vergißmeinnicht,
+das ist zum Andenken: ich bitte Euch, lieber Herr, gedenket
+meiner &ndash; und da ist Rosmarin, das ist für die Treue.«
+</p>
+<pb n='091'/><anchor id='Pg091'/>
+<p>
+Neben dem Rosmarin steht am Strande von Antibes überall
+der Thymian. Er hält sich am Boden, über und über bedeckt
+mit kleinen rosafarbigen Blüthen. Etwas höher steigt an
+reich verzweigten Stämmchen ein anderer Lippenblüthler auf,
+die <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Lavandula Stoechas</name>, und streckt ihre violetten Blüthenähren
+zwischen den schmalen, weichfilzigen Blättern empor. &ndash;
+Zahlreich drängen sich aneinander die Ciststräucher. Sie erreichen
+hier kaum über einen halben Meter Höhe und tragen an
+reich verzweigten Ästen ihre bräunlich-grünen, klebrigen Blätter.
+Die Art mit kleineren weißen Blüthen ist
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cistus monspeliensis</name>;
+die andere mit weit größeren rosenrothen Blüthen,
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cistus albidus</name>.
+Die weißen wie die rosenrothen Ciströschen sind äußerst zart,
+in der Knospe zusammengeknittert, mit zahlreichen gelben Staubfäden
+in der Mitte verziert. Sie welken äußerst rasch, wenn
+man sie pflückt, doch entfalten sich an Zweigen, die man in
+Wasser stellt, alsobald neue Blüthen. Die Ciststräucher tragen
+nicht wenig dazu bei, den Maquis von Antibes einen charakteristischen
+Geruch zu verleihen. Das Gummiharz, welches einige
+südeuropäische Cistus-Arten ausschwitzen, war unter dem Namen
+Ladanum oder Labdanum früher ein berühmtes, von griechischen
+Aerzten viel benutztes Heilmittel. Heute wird es nur noch zum
+Räuchern verwendet. &ndash; Wer aufmerksam den Boden zwischen
+den Ciströschen durchsucht, kann ein eigenthümliches Gewächs
+dort finden, einen Parasiten, der aus den Wurzeln der Ciströschen
+seine Nahrung zieht. Er fällt durch seine brennend gelb-rothe
+Färbung auf und heißt
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cytinus hypocistis</name>. Grüne Blätter
+fehlen ihm; er hat sie eingebüßt, da er sich nicht mehr selbständig
+zu ernähren braucht. Die Rafflesiaceen, zu denen dieser
+Cytinus gehört, sind im Übrigen Tropenbewohner. Sie leben
+parasitisch und entwickeln dabei zum Theil riesig große Blüthen.
+Die größte Blüthe der Welt wird von einer solchen Rafflesiacee,
+der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Rafflesia Arnoldi</name>, erzeugt, welche auf Sumatra den Wurzeln
+gewisser Cistus-Arten aufsitzt. Diese Blüthen können einen Meter
+im Durchmesser erreichen. &ndash; Den Ciströschen nahe verwandt
+<pb n='092'/><anchor id='Pg092'/>
+sind die Sonnenröschen, Helianthemum-Arten, die auch unserer
+Flora nicht fehlen und in den Maquis hier und dort mit
+ihren zarten schwefelgelben Blüthen am Boden hervorschauen.
+&ndash; Wesentlich höher als selbst die Ciströschen wird ein stark
+bewaffneter Strauch mit gelben Schmetterlingsblüthen, die
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Calycotome spinosa</name>.
+Diese verdient es wohl, eine nahe Verwandte
+der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Genista acantoclada</name>,
+jener Tartarusgeißel zu sein, deren
+wir früher erwähnten. Sie ist mit dornartigen, scharfen Seitenästen
+so dicht besetzt, daß man sie sorgfältig in den Maquis
+meiden muß. Weniger unzugänglich ist die nah verwandte
+Besenpfrieme
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Spartium junceum</name>),
+ein fast blattloser Strauch
+mit rutenförmigen grünen Ästen und großen gelben Blüthen.
+Aus diesen Binsenpfriemen werden Körbe, Netze, ja selbst Schuhe
+geflochten, der Bast wird zum Binden benutzt, auch eine Art
+Leinwand aus ihm dargestellt.
+</p>
+
+<p>
+ Sehr häufig in den Maquis ist die Mastix-Pistazie
+ (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pistacia
+Lentiscus</name>). Hier tritt sie nur als Strauch auf, während
+sie unter anderen Bedingungen auch zum Baume emporwachsen
+kann. Einen solchen schönen Lentiskenbaum, mit dichter, schirmförmiger
+Krone, kann man unweit vom Hôtel, im Garten einer
+Villa von der Straße aus bewundern, die nach Golfe Jouan
+führt. Die dunkelgrünen, paarig gefiederten, lederartig zähen,
+oberseits glänzenden Blätter sind für
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pistacia Lentiscus</name>
+charakteristisch;
+es zeichnet sie außerdem ein besonderer harziger Geruch
+aus. Die an sich sehr kleinen Blüthen fallen schon aus
+der Ferne auf, weil sie in dunkelrothen Trauben bei einander
+stehen. Dieses Gewächs liefert den altberühmten Mastix, doch
+kann derselbe nicht aus dem Strauchwerk der Maquis, sondern
+nur aus sorgsam cultivirten Mastixbäumen gewonnen werden.
+Diese gedeihen am Besten auf der Insel Chios und haben dieser
+Insel sogar den Namen der Mastix-Insel verschafft. Das Harz,
+welches aus künstlich ausgeführten Einschnitten, doch auch von
+selbst aus den Zweigen hervortritt, findet seine hauptsächliche
+Verwendung im Orient, wo es gekaut wird, ähnlich wie die
+<pb n='093'/><anchor id='Pg093'/>
+Blätter des Betelpfeffers in Indien. Es heißt, daß Mastix das
+Zahnfleisch festige und den Athem parfümiere. Vornehme türkische
+Frauen bringen den ganzen Tag mit Mastixkauen zu.
+Bei uns wird wohl auch Zahnpulver aus dem Mastix bereitet,
+vornehmlich aber dient er zum Räuchern und zur Firnißbereitung.
+</p>
+
+<p>
+Fremdartig muthet den Nordländer das Wolfsmilchbäumchen,
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Euphorbia dendroides</name>,
+an, da wir doch unsere Wolfsmilcharten
+nur zu sehr bescheidener Höhe emporwachsen sehen. Diese
+Euphorbia-Bäumchen können an der Riviera zwei Meter Höhe
+erreichen und Stämme bilden, die man mit beiden Händen kaum
+zu umfassen vermag. Die Pflanze gabelt sich fort und fort
+während ihres Wachsthums und bildet eine gewölbte Scheindolde,
+die durch ihre gelbe Färbung von Weitem schon in die
+Augen fällt. Sie ist eine der eigenartigsten Pflanzenformen der
+Riviera. Man findet sie in den Maquis und auch sonst durch
+das Land zerstreut. Schon Dioskorides und Plinius war sie
+aufgefallen. Zur Zeit der Sommerdürre wirft sie ihre Blätter
+ab und steht kahl da, wie unsere Gewächse im Winter. Das
+Volk an der Riviera streut diese Wolfsmilchart ins Wasser, um
+die Fische zu betäuben, und über einen ähnlichen Brauch wird
+auch aus Griechenland berichtet. &ndash; Bedeutend steht diesem
+Wolfsmilchbäumchen an Größe eine andere Wolfsmilchart nach,
+die in den Maquis sich als niedriger Busch am Boden hält,
+die <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Euphorbia spinosa</name>. Sie ist gelb gefärbt, wie die große
+Art und führt den Namen nach den abgestorbenen Zweigen, die
+in harte Spitzen auslaufen. &ndash; An ihren fleischigen, kleinen,
+dicht gedrängten Blättern, ihren weißbehaarten, überhängenden
+Zweigen, den kleinen, gelben, unscheinbaren Blüthen ist eine
+sonst seltene Thymelaeacee, die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Passerina hirsuta</name>,
+kenntlich. Auch
+die baumartige Heide, <name type="taxonomic" rend="antiqua">Erica arborea</name>, fehlt nicht in den Maquis
+am Cap. Sie schmückt im Frühjahr ihre Zweige so dicht mit
+den kleinen glockenförmigen Blüthen, daß sie aus der Ferne
+ganz weiß erscheint. Der Erdbeerbaum
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Arbutus Unedo</name>) ist
+hier auch, doch nicht zahlreich, vertreten; seine erdbeerartigen
+<pb n='094'/><anchor id='Pg094'/>
+Früchte werden auf den Märkten der Riviera feil geboten. Im
+Aussehen gleicht er der Heide kaum, entstammt aber doch derselben
+Familie. Die Übereinstimmung liegt nicht im Laub, wohl
+aber in den glockenförmigen Blüthen, die im Übrigen größer
+sind und in röthlich weißen Rispen abwärts hängen. Die
+immergrünen Blätter sind eiförmig, am Rande stark gezähnt;
+sie sehen wie Lorbeerblätter aus. Die Früchte reifen sehr langsam;
+man findet sie oft, mit neuen Blüthen zusammen, noch am
+Baume. Sie schmecken süßsäuerlich, doch fade, daher auch Plinius
+ihren Namen »<foreign rend='antiqua'>Unedo</foreign>« von
+»<foreign lang='la' rend='antiqua'>unum tantum edo</foreign>« (nur
+eine esse ich) ableitete. Dem römischen Volke dienten Arbutuszweige
+als Zaubermittel. Mit ihnen wurden dreimal die Pfosten
+und Schwellen der Thüren berührt, um vampyrähnlichen Geschöpfen
+den Eingang zu wehren, die des Nachts den Kindern
+in der Wiege das Herzblut aussaugen sollten. Ein Zweig des
+glückverheißenden Weißdorns im Fenster des Schlafgemachs hielt
+auch die Unholde ab.
+</p>
+
+<p>
+Überall drängt sich in die Maquis die immergrüne Steineiche,
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Quercus Ilex</name>,
+ein. Sie bleibt dort strauchartig. Ihre
+eiförmigen, vorn zugespitzten Blätter sind an der Unterseite grau
+und an diesem Merkmal von den benachbarten Sträuchern zu
+unterscheiden. Die scharfe Zähnelung des Blattrandes kann auch
+fehlen. Außerhalb der Maquis ist die immergrüne Steineiche
+ein mächtiger Baum. Aus ihrem Laube wurde im alten Rom
+die Bürgerkrone geflochten, von der Plinius sagt, sie überstrahle
+alle anderen Kränze, selbst die kostbarsten, an Würde. An einzelnen
+Sträuchern der Maquis klettert eine zarte Spargelart
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Asparagus acutifolius</name>).
+Der holzige, biegsame Stengel, der
+an abstehenden blattlosen Seitenästchen kleine nadelförmige
+Zweige trägt, welche die Stelle der Blätter vertreten, wird viel
+zu Guirlanden benutzt, und öfters findet man an der Riviera
+Spiegel und Kronleuchter der Wohnräume von solchem Spargelkraut
+umwunden. Die jungen Triebe dieser Asparagus-Art genießt
+man wie unseren Spargel. In Sicilien werden in ähnlicher
+<pb n='095'/><anchor id='Pg095'/>
+Weise als »Spargel« die jungen, wohlschmeckenden, schon
+im Alterthum geschätzten Triebe des stechenden Mäusedorns
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ruscus aculeatus</name>) verzehrt.
+</p>
+
+<p>
+Zu den Charakterpflanzen der Maquis gehört ferner der
+Phillyreastrauch
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Phillyrea angustiflora</name>),
+daher ich ihn nicht
+übergehen darf. Er erreicht ein bis zwei Meter Höhe und ist
+durch seine auswärts gerichteten, lineal-lanzettlichen, lederartigen
+Blätter und die kleinen, weißlichen, in sehr kurzen Trauben zusammengedrängten
+Blüthen ausgezeichnet. Dieser Strauch gehört
+zu derselben Familie wie der Ölbaum, dem er auch ein
+wenig ähnelt. &ndash; Botanisch sehr interessant als Vertreter der
+Cneoraceen, ist ein Strauch mit glänzenden grünen, lanzettförmigen
+Blättern und kleinen, gelben Blüthen, die zu zwei bis
+drei an den Enden der Zweige stehen:
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cneorum tricoccum</name>.
+Seiner eleganten Tracht wegen wird er auch in den Gärten der
+Riviera vielfach cultivirt; man sieht ihn sogar in den so raffinirt
+gehaltenen Casinogärten von Monte Carlo einen, wenn auch bescheidenen,
+Platz einnehmen.
+</p>
+
+<p>
+Die mit großen, rothfarbigen Scheinbeeren beladene Wachholderart
+der Maquis ist
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Juniperus oxycedrus</name>. Ihre Scheinbeeren
+werden im Orient und in Griechenland ganz wie die
+Scheinbeeren <corr sic='unsers'>unseres</corr>
+Wachholders verwandt. Das Holz widersteht
+sehr gut der Luft und den Würmern und diente im
+Alterthum vielfach zur Darstellung von Götterbildern. &ndash; An
+offenen Stellen strebt vom Boden empor
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Globularia Alypum</name>
+und trägt an den Enden der Zweige schöne blaue Blüthenköpfchen.
+&ndash; Wird der Boden so unfruchtbar, daß er andere
+Gewächse nicht zu ernähren vermag, so deckt ihn in dichtem
+Rasen die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Caldonia alciornis</name>,
+eine graue Flechte, die auch
+sonst über Europa, über Nordafrika, Nordamerika und einen
+Theil von Asien verbreitet ist.
+</p>
+
+<p>
+Überall in den Maquis von Antibes begegnen wir der
+Myrte und der Strauchform des Ölbaums. Der Ölbaum
+paßte sich wie die Steineiche den Maquis an und wurde zum
+<pb n='096'/><anchor id='Pg096'/>
+Strauch. Er veränderte sich so stark, daß ihn schon die Alten
+in dieser Form als Oleaster unterschieden. Der Oleaster wie
+die Myrte wagen sich ganz besonders weit an dem Strande
+vor. Sie trotzen dem heftigsten Seewind und werden von ihm
+so abgerundet, als hätte sie Menschenhand geformt. Ein Theil
+ihrer Zweige ist an der Seeseite kahl, zuweilen wirklich abgestorben.
+Die Zweige des Ölbaums, ein Sinnbild des Friedens,
+nehmen am Oleaster, in so exponirter Lage, dornartige Gestalten
+an. Sie spitzen sich zu, ragen so als scharfe Waffen an der
+Seeseite vor und machen den Strand dort unzugänglich. An
+der Landseite bewahrt die Pflanze gleichzeitig ihren friedlichen
+Charakter. Dieser unmittelbare Einfluß der Medien kommt
+auch in der Ausbildung der Blätter zum Ausdruck, die an der
+Seeseite sehr klein bleiben, an der Landseite weit bedeutendere
+Größe erreichen. &ndash; Bis zuletzt begleitet die Sträucher der
+Maquis am Strande die »italienische Stechwinde«
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Smilax
+aspera</name>) und findet Schutz zwischen ihren Zweigen. Blätter
+und Stengel dieser Schlingpflanze sind mit Stacheln besetzt, die
+ihr das Klettern erleichtern. Im Frühjahr ist die Stechwinde
+mit rothen Fruchttrauben geschmückt. Nach Blüthen muß man
+im Herbst suchen. Diese duften sehr lieblich; daher wurde
+blühende Stechwinde im Alterthum, mit Epheu in Kränze gewunden,
+oft bei Bacchusfesten verwendet.
+</p>
+
+<p>
+Diese Aufzählung mag genügen, um Denjenigen, der Freude
+hat an den Erscheinungen der Pflanzenwelt, in das Leben der
+Maquis einzuführen. Er wird bald die einzelnen Pflanzenformen
+unterscheiden lernen, sie beim Wiedersehen als alte Bekannte
+begrüßen und innerhalb dieser duftigen Umgebung sich
+um so heimischer fühlen.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem schmalen Vorsprung, der, den Stürmen preisgegeben,
+hier noch einige hundert Meter weit das Cap fortsetzt,
+sieht man schließlich alles Pflanzenleben schwinden. Immer
+härter wird der Kampf, den die Gewächse in so exponirter
+Lage zu bestehen haben, und sein Einfluß macht sich in ihrem
+<pb n='097'/><anchor id='Pg097'/>
+Aussehen kenntlich. Da alle über die Bodenfläche sich erhebenden
+Theile der Pflanze der Zerstörung ausgesetzt sind, sucht diese
+aus jeder Vertiefung des Bodens Vortheil zu ziehen. Sie
+breitet sich flach an der Erde aus, erhält knorrige, kriechende
+Stengel, eine ganz abenteuerliche Gestalt. Auffallend ähnlich wird
+das Aussehen solcher Gewächse demjenigen der Alpenpflanzen.
+Wir könnten, dem Vegetationsbilde nach, uns einige tausend
+Meter hoch über dem Meeresspiegel denken, reichten die blauen
+Wellen nicht fast bis an unsere Füße. Die verkrüppelten Gewächse
+der Maquis weichen allmälig den Strandpflanzen. Auch
+diese finden alsbald nur noch Schutz in Spalten oder hinter
+den Steinen. Dem nackten Felsen haftet aber noch an vielen
+Stellen, in Gestalt runder Flecke, eine gelbe Flechte, die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Lecidea</name>,
+an. Zuletzt dringt das Meer von allen Seiten zwischen die
+zerrissenen Felsen ein, und wir stehen ganz anderen Vertretern
+des Pflanzenreichs gegenüber, den form- und farbenreichen
+Seealgen, den Bewohnern des Meeres.
+</p>
+
+<p>
+In vollem Contrast tritt uns dann bei der Rückkehr die
+Fülle südlicher Pflanzenformen in dem Garten des Hôtels entgegen.
+Vor dem Hause stehen Chrysanthemen
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chrysanthemum
+frutescens</name>) von ganz seltener Schönheit. Sie bilden kugelige
+Sträucher von fast zwei Meter Höhe und sind mit Tausenden
+strahliger Blüthenköpfchen, wie mit weißen Sternen besetzt.
+Über die Mauern herab hängt mit ihren dicken, fleischigen
+Stengeln und Blättern die südafrikanische Mittagsblume
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mesembryanthemum
+acinaciforme</name>), die ihre großen rothen Blüthen
+nur bei Sonnenschein entfaltet. In unmittelbarer Nähe des
+Hauses ist der so überaus große Garten wohl gepflegt, weiterhin
+aber sich selbst überlassen. Da entwickelt sich denn ein
+merkwürdiger Kampf um Raum, um Licht und Nahrung
+zwischen den Gewächsen aller Zonen, welche der Zufall hier
+zusammenführte. Die australischen Casuarineen werden von dem
+amerikanischen Pfefferbaum bedrängt, das japanische Pittosporum
+wehrt sich gegen die mediterrane Tamariske. Siegreich dringen
+<pb n='098'/><anchor id='Pg098'/>
+aber gegen sie alle die beiden Kieferarten vor, denen wir überall
+an der Riviera begegnen, die zartnadelige Aleppokiefer
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pinus
+ halepensis</name>) und die derbnadelige Strandkiefer
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pinus Pinaster</name>)
+und vermitteln den Übergang zu den Maquis.
+</p>
+
+<p>
+Zwischen den Kiefern am Cap begegnet man, wie auch
+sonst an der Riviera, nur zu häufig einer Processionsraupe,
+der Raupe des Pinien-Processionsspinners,
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cnethocampa Pityocampa</name>.
+Diese schwarzen, braun gestreiften Raupen ziehen im
+Gänsemarsch zu Hunderten über die Wege. Die eine berührt
+die andere, und sie bilden so zusammen eine lange Schnur, eine
+lebendige Kette, die sich als Ganzes vorwärts bewegt. Unterbricht
+man die Kette, so bleibt der vordere Abschnitt derselben
+stehen, der hintere Abschnitt rückt nach. Hin und her tastend
+sucht die erste Raupe dieses hinteren Abschnittes wieder nach
+dem Anschluß. Gelang es ihr, die hintere Raupe des
+vorderen Abschnittes zu erreichen, so setzt sich die ganze Kette
+wieder in Bewegung. Diese Raupen richten großen Schaden
+an Kiefern und auch Pinien an, sie berauben sie oft vollständig
+ihrer Nadeln. Des Tags halten sie sich in jenen großen grauen
+Gespinnsbeuteln auf, die an Kiefern und Pinien so in die Augen
+fallen, und in der Sonne seidig glänzen. Des Nachts verlassen
+sie das Nest, um auf Futter auszugehen. Jene Raupen,
+denen man am Boden begegnet, suchen nach einer passenden
+Stelle, um sich in der Erde zu verpuppen. Man darf weder
+die Raupen noch ihre Nester berühren, da die in die Haut eindringenden
+Haare derselben gefährliche Entzündungen veranlassen.
+Daher auch Leute, welche die Nester von den Bäumen entfernen,
+um sie zu verbrennen, sich gegen den Wind stellen und auch
+sonst sehr vorsichtig zu Werke gehen. Als bestes Verfahren gilt,
+Petroleum in die Nester zu gießen, ohne sie zu entfernen. &ndash;
+Die hängenden Nester dieser Raupen und ihre langen Züge sind so
+auffällig, daß sie wohl jeder Reisende an der Riviera bemerkte.
+Nur wenige werden hingegen Gelegenheit haben, die Spinner
+kennen zu lernen, die sich aus den verpuppten Raupen entwickeln.
+<pb n='099'/><anchor id='Pg099'/>
+Sie sind auch weder auffällig noch schön, grau, mit einigen dunkleren
+Flecken und Streifen. Sie fliegen im Hochsommer, legen ihre
+Eier an die Unterseite der Kiefernadeln und bedecken sie mit
+dünnen silbergrauen Schuppen.
+</p>
+
+<p rend='text-align:center'>X.</p>
+
+<p>
+Ein Stück unverfälschte Maquis bietet uns auch das weite
+Grundstück, östlich neben dem Hôtel. An Sonntagen steht das
+Thor den ganzen Tag offen, um den Zugang zu der englischen
+Kapelle zu ermöglichen, die sich innerhalb dieses Grundstücks befindet.
+Auch sonst gestattet die Besitzerin gern den Besuch. Der
+schöne Garten, der das Wohnhaus umgibt, ist nur wenig ausgedehnt,
+der meiste Boden noch in seinem früheren Zustand.
+So gelangt man nach Eintritt in die Besitzung durch immergrüne
+Sträucher, üppige Erica-Büsche und mächtige Euphorbien,
+bis zum Meeresstrande. Dieser ist hier besonders schön gestaltet
+und hat schon manchem Maler als Vorwurf gedient:
+Steil aufsteigende und zerrissene Felsen, vom Meere umspült,
+vielfach an die Faraglioni von Capri erinnernd. Der Besitzer
+James Close liebte dieses Stück Erde so sehr, daß er sich hier
+begraben ließ. Der Ausblick zwischen den Felsen nach dem
+Esterel und ins weite Meer ist großartig und entzückend. Auch
+lauscht man gern dem Rauschen des Wassers, das sich in den
+tiefen Felsenspalten hebt und senkt und forscht dem bunten Leben
+nach, das hier im Schatten der Steine aus den Tiefen des
+Meeres zum Lichte emporsteigt.
+</p>
+
+<p rend='text-align:center'>XI.</p>
+
+<p>
+Wer am Cap d'Antibes einen Seesturm erlebte, wird den
+Eindruck nie vergessen. Für das schlechte Wetter, welches er
+zuvor erleiden mußte, wird er bald durch den Anblick des entfesselten
+Elements entschädigt. Ein starker Wind bläst zunächst
+vom Meere aus; das ist Scirocco. Die Luft wird unendlich
+klar, und alle Gegenstände rücken in die Nähe. Die Umrisse
+<pb n='100'/><anchor id='Pg100'/>
+der Berge sind wie mit Bleistift am Himmel gezogen. Sucht
+man sich vor dem Wind zu decken, so empfindet man beklemmende
+Schwüle. Dann beginnt der Horizont sich in rothgrauen Dunst
+zu hüllen. Die Macht des Windes läßt nach, und es trübt sich
+der ganze Himmel. Bald hört man große Regentropfen gegen
+die Scheiben schlagen. Das hält wohl einige Tage an. Die
+Temperatur ist stark gesunken, die Luft bleibt trotzdem drückend.
+In den Zimmern sehnt man sich nach dem warmen Ofen seiner
+Häuslichkeit zurück. Doch schon am nächsten Morgen wacht
+man auf, geblendet von dem leuchtenden Blau des Himmels.
+Man eilt hinaus und athmet mit voller Brust die erquickende
+Luft ein. Noch glänzen alle Pflanzen von dem frischen Regen,
+und wie Diamanten fließen funkelnde Tropfen von den Blättern
+ab. Die Brandung aber stürmt mit Gewalt gegen die Felsen
+der Küste, als wenn sie dieselben zerschmettern wollte. Weithin
+vernimmt man das donnerartige Getöse des Angriffs. Die
+Spitze des Caps ist nicht zu erreichen, denn die Wellen fegen
+darüber hinweg. Fern am Horizont steigt die Welle auf wie
+eine geschlossene Mauer; auf ihrem Wege schwellend und wachsend,
+wälzt sie sich gegen das Land, um zerschmettert und von weißem
+Schaum ganz bedeckt wieder zurückzurollen. Sie trifft auf eine
+andere Welle, die ebenso drohend nahte, und beide sieht man
+verschwinden. Da wird es plötzlich still. Ein Wellenberg ist
+auf ein Wellenthal gestoßen, beide glichen sich aus. Doch wenn
+Wellenberge zusammentreffen, dann schwillt die stürmende Woge
+so mächtig an, daß sie ächzend sich überschlägt und mit gewölbtem
+Rücken auf die Felsen wirft. Ungeheuere Wassermengen
+werden dann in die Luft geschleudert, und See und Himmel
+scheinen in demselben Chaos zu verschmelzen. Mit dumpfem
+Knall, wie von schwerem Geschütz, fangen sich die Wellen in
+den Grotten, die sie selbst in den Stein sich gruben; wie
+ein Jammern und Stöhnen klingt es durch das Cap von den
+vielen Wasserfäden, die sich in den Gängen zwischen den Felsen
+verirrten und, in hastigem Lauf über die Steine stürzend, ihren
+<pb n='101'/><anchor id='Pg101'/>
+Weg nach dem Meere suchen. Von dem anstürmenden Element
+allseitig umgeben, glaubt man sich fast ins offene Meer versetzt
+und ist ganz von dem Schauder des Sturmes ergriffen. Wie
+wohlthuend wirkt da zugleich der feste Boden unter den Füßen!
+</p>
+
+<p>
+Tage vergehen, bevor die Erregung des Meeres sich legt
+und die weite Wasserfläche wieder Ruhe und Frieden athmet.
+Und täglich ist es ein anderes, wenn auch immer das gleiche,
+und täglich fesselt es uns von Neuem und entzückt unser Auge,
+dieses göttliche Meer.
+</p>
+
+<p rend='text-align:center'>XII.</p>
+
+<p>
+Wer am Cap d'Antibes im Bergsteigen sich üben möchte,
+bleibt auf den nur hundert Meter hohen Bergrücken angewiesen,
+der die Seelaterne und die
+<name type='place' rend='antiqua'>Notre-Dame de Bon-Port</name> trägt.
+Doch sind die Spaziergänge längs der Buchten, an den Abhängen
+der Hügel und zwischen den Gärten so mannigfaltig,
+daß man sie täglich ändern kann. Stets wird man durch eine
+neue Aussicht auf die Küste, das Gebirge, die Schneegipfel der
+Alpen, durch malerische Felsgruppen am Strande oder durch
+besonders schöne Vegetationsbilder überrascht. Selbst die sonst
+so eintönige Wanderung auf einer Landstraße wird hier zum
+Genuß. So wenigstens auf der Landstraße, die das Cap
+durchschneidet. Denn diese führt an endlosen Pflanzungen von
+Anemonen, Ranunkeln, Goldlack, Levkojen, Tazzetten und Reseda
+vorbei. Besonders fesselt das Auge die Pracht der Ranunkeln
+und Anemonen, die man schöner und farbenreicher nirgends
+sehen kann, während der Geruchssinn zugleich umfangen wird
+von dem Dufte, der dem übrigen Blüthenmeer entströmt. Zu
+jenen Blüthen im Felde gesellen sich hier in großer Zahl auch
+die Blüthen der Lüfte, die Schmetterlinge. Rothgefleckte Aurorafalter
+fliegen rasch vorüber; langsam wiegt sich hin und her
+der schwarz gestreifte, gelbe Segelfalter; am meisten fällt aber
+durch ihre Schönheit die Cleopatra auf, ein südeuropäischer,
+<pb n='102'/><anchor id='Pg102'/>
+schwefelgelber Citronenfalter mit orangeroth abgetönten Vorderflügeln.
+</p>
+
+<p>
+Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die
+nächsten Märkte der Riviera und versendet sie auch in großen
+Mengen täglich nach dem Norden. Wie groß der Verbrauch
+an Blumen an der Riviera selbst geworden ist, wird Jeder
+beurtheilen können, der die Blumenmärkte der Städte dort besuchte
+und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr
+nach dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung
+angenommen. Thatsächlich reicht diese Art Blumencultur an
+der Riviera nicht über 1850 zurück, früher wurden die Blüthen
+nur zum Zwecke der Parfümerie gezogen. In der nächsten
+Nähe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis
+nach Genua; die französische Seite der Riviera ist in einen
+einzigen Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei
+Toulon werden Unmengen römischer Hyacinthen gezogen und
+wandern abgeschnitten nach den nordischen Städten, bevor die
+holländische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules gibt es
+auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weiße und rothe Nelken.
+In der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen
+und Ranunkeln vor. Sie zeigen ungeahnte Größe und seltene
+Farbenpracht. Nicht minder staunt man über den Umfang, den Nelken,
+wie der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Dianthus Caryophyllus flore pleno,
+ var. Marguerite</name>,
+hier erreichen können: manche Blüthe sieht aus, als wenn sie
+ein kleiner Blumenstrauß wäre. Zu diesen Pflanzen gesellen sich
+die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Safrano</name> vor,
+die auch rauhe Witterung gut verträgt und selbst im December
+ihre Blüthenknospen treibt. Gleich genügsam sind manche Monatsrosen,
+die weiße <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Bengal-Ducher</name> und die rothe <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Bengal-Sanglant</name>,
+die demgemäß auch bevorzugt werden; doch an stark besonnten
+Mauern und unter Glasdächern, die in Cannes und Antibes
+große Bodenflächen decken, gedeihen die empfindlicheren Rosen,
+so auch <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Maréchal Niel</name>,
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Marie van Houtte</name>,
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Gloire de Dijon</name>,
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Souvenir de la Malmaison</name>,
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Paul Nabonnand</name>,
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">La France</name> und
+<pb n='103'/><anchor id='Pg103'/>
+wie sie sonst heißen, jene Rosen, die auch unsere Blumengärten
+im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Blüthen entfalten
+sich im Frühjahr an einem und demselben Tage in Cannes und
+Antibes, oft ohne daß noch eine Möglichkeit vorhanden wäre,
+sie alle zu verwerthen. &ndash; In Cannes steht jetzt auch die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia
+dealbata</name> in schwungvoller Cultur und wandert nach dem Norden.
+Ihre runden Blüthenknäuel, in Traubenform vereint, und die
+zart gefiederten Blätter haben ihr im Handel den Namen Mimose
+verschafft. Der Baum wächst erstaunlich rasch, so daß er in
+fünf bis sechs Jahren wohl zehn Meter Höhe erreicht. Er ist
+dann schon im Januar mit gelben Blüthen über und über bedeckt.
+Nach Deutschland gelangt viel
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia retinoides</name>, die
+runde Blüthenknäuel wie die andere Art besitzt, doch einfache
+lederartige lancettförmige Blätter trägt. Eigentlich sind jene Blattgebilde
+nicht ganze Blätter, vielmehr hat der wissenschaftliche
+Vergleich gelehrt, daß die Blattfläche bei diesen Acazien schwand
+und der Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche
+Gebilde Phyllodien. Auch
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia longifolia</name>, die man viel in
+nordischen Blumenläden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen.
+Man erkennt sie leicht daran, daß ihre Blüthen nicht zu
+runden Knäueln, sondern zu raupenförmigen Kätzchen vereinigt
+sind. Alle diese Acazien blühen gelb, sie folgen in der Jahreszeit
+auf einander, zuletzt kommt
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia cultriformis</name>, die erst im
+März an der Riviera im Blüthenschmuck prangt. Ihre Blüthenstände
+sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit,
+zugleich rautenförmig. &ndash; Allen Blumensendungen nach dem Norden
+pflegt man die überall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen
+vertragen schlecht eine weite Reise, werden aber an der Riviera
+selbst in Unmengen verbraucht, dort auch mit Syrup getränkt
+und zu Dragée's verarbeitet. Dann versendet man auch blaue
+Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und
+weißblühendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An
+der Riviera selbst fällt dem Fremden in den Schaufenstern der
+Blumenläden eine große graue Iris auf, die ganz fein purpurn
+<pb n='104'/><anchor id='Pg104'/>
+gesprenkelt ist, eine wahre Trauerblume, die
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Iris Susiana</name>. Von
+den großen weißen oder gelben Chrysanthemen
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Chrysanthemum
+frutescens</name>) werden die Blüthen auch viel verwandt, besonders
+die gelben, die als <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Étoile d'Or</name>
+bekannt sind. Sie wandern
+vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht
+bis in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison
+dauert. Man hat berechnet, daß von allen diesen Blumen
+Cannes und Antibes zusammen in einem Winter für mehr als
+eine Million Francs nach dem Norden versenden; viel mehr noch
+wird an der Riviera selbst verkauft.
+</p>
+
+<p>
+Die überaus starke Concurrenz veranlaßt strebsame Geister,
+nach immer neuen »Schöpfungen« für den Blumenmarkt zu sinnen.
+So erschienen plötzlich in den Centralhallen von Paris als
+»Neuheit« <emph>grüne</emph> Nelken. Solche hatte man in der That
+bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der Impressionnisten.
+Es ergab sich, daß auch diese grünen Nelken
+nicht ganz unverfälschte Naturproducte waren. Man erhält sie,
+indem man abgeschnittene weiße Nelken einen ganzen Tag lang,
+ja selbst länger, in eine grüne Farbstofflösung stellt. Soll
+der Versuch gut gelingen, so muß der Stengel innerhalb der
+Lösung frisch durchschnitten werden. Man kann in gleicher
+Weise die eine oder die andere Färbung erlangen, nur gilt es,
+Farbstoffe zu wählen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am
+leichtesten gelingen Rothfärbungen weißer Blüthen mit Eosin.
+</p>
+
+<p>
+Am Freitag Nachmittag beleben sich plötzlich die Straßen
+am Cap. Da kommen von allen Seiten Equipagen und bringen
+Besucher nach Elen Rock, dessen Garten an jenem Tage geöffnet
+ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein östlich vom
+Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht
+gegen das Meer abfallen. Stufen und Gänge innerhalb dieser
+Felsen führen hinunter bis zur Meeresfläche. Der Garten
+bietet herrliche Aussichtspunkte und ist auch reich an schönen
+Pflanzen, doch macht er einen etwas gekünstelten Eindruck innerhalb
+der so großartigen Umgebung.
+</p>
+<pb n='105'/><anchor id='Pg105'/>
+<p>
+Am Dienstag ist vom frühen Morgen an der Thuret'sche
+Garten geöffnet, derselbe, der einst George Sand so sehr entzückte.
+Er dient jetzt der französischen Regierung als Acclimatisationsgarten
+und enthält sehr viele werthvolle Pflanzen.
+Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert
+haben, finden wir hier in noch größeren Exemplaren wieder.
+Die berühmte, von George Sand gefeierte Aussicht ist leider
+geschwunden, verdeckt von den heranwachsenden Bäumen.
+</p>
+
+<p>
+Von dem Thuret'schen Garten läßt sich gleich abwärts, in
+westlicher Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen,
+und so kann man in den Pinienwald gelangen, der sich längs
+der Küste dort hinzieht. Dieser Pinienwald war einst der
+Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in Überresten vorhanden.
+Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke angekauft,
+eine breite Straße, die Cannes mit dem Cap d'Antibes verbindet,
+durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und
+mit Eisendraht umzogen. Doch steht manche mächtige Pinie
+noch da, und in ihrem Schatten gelingt es wohl, sich in die
+alte Herrlichkeit zurückzuträumen.
+</p>
+
+<p rend='text-align:center'>XIII.</p>
+
+<p>
+Die zweite Aprilhälfte war inzwischen angebrochen, und die
+Pflicht rief mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Frühlingstag
+ging zur Neige, und ich beschloß, vor Sonnenuntergang
+noch einmal den Leuchtthurm aufzusuchen. Die Sonne schickte
+sich an, hinter dem Esterelgebirge zu verschwinden und tauchte
+dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur. Bald deuteten
+nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen.
+Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmüthig
+stimmen: es steigerte die Empfindung des Abschiedes.
+Ich wandte meine Blicke den Bergriesen zu, die mit phantastischem
+Umriß sich von dem östlichen Himmel abhoben. Sie begannen
+im Abendroth zu glühen. Es war ein Anblick, so erhaben, daß
+man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener weltumfassenden
+<pb n='106'/><anchor id='Pg106'/>
+Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet.
+Jedes persönliche Empfinden war gewichen vor dem mächtigen
+Gefühl, sich Eins mit dieser göttlichen Natur zu fühlen. &ndash;
+Immer weiter und weiter dehnten sich die Schatten aus über
+das Land: sie begannen emporzusteigen an den Hügeln, an den
+Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thäler und löschten
+die glühenden Lichter aus an den Hütten und Palästen. Die
+ganze Natur schien sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald
+waren es nur noch einzelne Segel im weiten Meere und die
+schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen Schimmer
+glühten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch über
+das Meer, und nur den Riesen da oben war es vergönnt, die
+Königin des Lichtes noch zu schauen. Wie von innerem Feuer
+entbrannt, schwebten sie jetzt in überirdischer Glorie.
+</p>
+
+<p>
+Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als
+letzten Eindruck von der Riviera, und mit geschlossenen Augen
+trat ich den Rückweg an. Als ich mich endlich umsah, hatten
+die Schatten der Nacht sich bereits über die Hügel gelagert
+und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen verwischt.
+&ndash; Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Lüfte. Vom
+Wächter entzündet, strahlte er jetzt wie ein großer Stern weit
+über Land und Meer, ein Ziel der Sehnsucht für Alle, die jenes
+herrliche Stück Erde einmal gesehen.
+</p>
+<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" />
+</div>
+
+<pb n='107'/><anchor id='Pg107'/>
+<div rend="page-break-before: always">
+<index index="toc" />
+<index index="pdf" />
+<head>Frühjahr 1894.</head>
+
+<p rend='text-align:center'>I.</p>
+
+<p>
+Der Frühlingsanfang des Jahres 1894, den ich an der
+Riviera verlebte, prägte sich meiner Erinnerung in besonders
+glänzenden Farben ein. Wochenlang blieb der Himmel ohne
+Wolken, so daß einzelne Regentage, wenn sie kamen, fast willkommen
+erschienen. Da es an Schnee in den Bergen fehlte,
+wehte fast nie der Mistral, den sonst die eisigen Flächen der
+Alpen und Cevennen gebären. Das Meer blieb meist ruhig,
+und wenn die Nacht kam, dann funkelte der Himmel und spiegelte
+sich so hell in der stillen See, als wäre in deren Tiefen eine
+Saat von Sternen aufgegangen.
+</p>
+
+<p>
+Mitte März fanden wir uns in Hyères ein mit der Absicht,
+unseren Weg bald ostwärts in die Berge der Mauren fortzusetzen.
+Es war uns, als hätten wir eine Entdeckungsreise
+angetreten, so unbekannt ist dieser westliche Theil der Riviera.
+Und doch konnte Hyères, neben Montpellier und Aix-en-Provence,
+sich einst rühmen, der berühmteste Kurort des südlichen Frankreichs
+zu sein. Weiter gegen Osten an der Riviera vorzudringen,
+schien damals kaum möglich, und erst in diesem Jahrhundert
+änderten sich die Verhältnisse, begannen zuerst Nizza, dann Mentone
+und Cannes als klimatische Stationen aufzublühen. In
+dem Wettstreit, der sich nunmehr entspann, mußte Hyères unterliegen,
+denn es ist weniger gut gegen den Nordwind als seine
+Rivalinnen geschützt. Auch steht es ihnen nach an Schönheit
+<pb n='108'/><anchor id='Pg108'/>
+der Lage und ist zu weit vom Meere entfernt. &ndash; »Die Hügel
+sind hier zu klein und zu nah, das Ufer ist zu flach und das
+Meer zu fern,« rief einst George Sand aus, als sie Hyères
+besuchte. Von dem Hügel, an den Hyères sich lehnt, kann der
+Blick erst über eine weite Ebene das Meer erreichen. Auf dieser
+stechen aber rothbraune, eckige Felder grell und unvermittelt
+gegen gelbe und grüne ab. Die rothbraunen Felder sind mit
+Rosen bedeckt; doch das bringt keine Harmonie in die Farben.
+Auch danken diese Felder thatsächlich ihre Färbung nicht der
+Pracht der Blüthen, sondern den jungen Trieben, die ihr zartes
+Grün vor der Gluth der südlichen Sonne durch rothen Farbstoff
+schützen. In früheren Zeiten mag der Blick auf diese Ebene
+lieblicher gewesen sein; vermochte sie doch das Auge Horace
+Benedict de Saussure's zu entzücken, als er 1787 nach Hyères
+kam. Dieser hervorragende Geologe, Vater des noch berühmteren
+Pflanzenphysiologen Théodore de Saussure, langte hier an einem
+schönen Aprilabend an und war von der Lage des Ortes gefesselt.
+Von den Fenstern der »Auberge du St.&nbsp;Esprit« blickte
+er hinab auf Orangengärten, deren Bäume mit Früchten und
+Blüthen beladen und durch unzählige Nachtigallen belebt waren.
+Sanft fiel, so schrieb er, das Land bis zum Meer ab, und den
+Abhang schmückten vorne Gärten, weiterhin Olivenhaine und in
+der Ferne Pappeln. Bewaldete Höhen bildeten den Rahmen zu
+dem schönen Bilde.
+</p>
+
+<p>
+Hyères ist fünf Kilometer vom Strande entfernt. An diesem
+selbst lag einst Olbia, das Hyères den Ursprung gab. Von
+Massiliern gegründet, ward Olbia von Saracenen zerstört und
+baute sich dann, entfernter vom Meere, an der Anhöhe auf, um
+den Angriffen der Corsaren nicht so unmittelbar ausgesetzt zu
+sein. Der Strand, der einst Olbia trug, zeigt sich jetzt in Quadrate,
+wie ein Schachbrett getheilt. Das Seewasser füllt diese
+Quadrate. Es wird in dieselben geleitet, um zur heißen Sommerzeit
+dort zu verdunsten und so der Salzgewinnung zu dienen.
+Dem Strand gegenüber tauchen aus dem Meere die Hyèrischen
+<pb n='109'/><anchor id='Pg109'/>
+Inseln empor. Sie strecken sich so lang dahin, als hätten sie
+sich in die See zu ewigem Schlaf gelegt. Einst haben die Ligurer
+an diesen Inseln die rothen Korallen gefischt, mit denen
+sie den Hals ihrer Frauen und das Wehrgehänge ihrer Schwerter
+schmückten. Weil die Inseln in einer Reihe angeordnet sind,
+hießen sie bei den Römern Stoechaden. Diesen Namen vertauschten
+sie im Mittelalter gegen den weit vornehmeren der
+goldenen Inseln. Waren es die goldenen Äpfel der Hesperiden,
+welche ihnen die Benennung
+»<name type='place' rend='antiqua'>Iles d'or</name>« verschafften, oder der
+goldige Schimmer ihres glimmerreichen Bodens &ndash; das läßt sich
+heute nicht sagen. Zum Marquisat der
+<name type='place' rend='antiqua'>Iles d'or</name> von Franz&nbsp;I.
+erhoben, sahen sie einst glänzende Zeiten. Heute werden sie nur
+von ärmlichen Fischern und Gärtnern bewohnt.
+</p>
+
+<p>
+Jene Früchte, nach welchen die goldenen Inseln ihren Namen
+führen sollen, sind jetzt hier fast völlig verschwunden. Einst aber
+stand die Orangenzucht von Hyères in hoher Blüthe. Mehr
+denn zweimalhunderttausend Orangenbäume deckten das Land
+und konnten die Bewunderung der Reisenden erwecken. Wie die
+Chronisten erzählen, blieb Carl&nbsp;IX. von Frankreich staunend vor
+dem mächtigsten dieser Bäume stehen und forderte seine beiden
+Begleiter, den König von Navarra und den Herzog von Anjou
+auf, mit ihm den Stamm zu umfassen. Doch hierzu reichten,
+so wird weiter berichtet, die sechs fürstlichen Arme nicht aus.
+Zur Erinnerung an diese erlauchte Umarmung schnitt man in
+die Rinde des Baumes:
+»<foreign lang='la' rend='antiqua'>Caroli regis amplexu glorior</foreign>«, und
+jene Inschrift wuchs und vergrößerte sich mit den Jahren. &ndash;
+Liegt dieser Angabe eine wirkliche Begebenheit zu Grunde? Wer
+kann das heute wissen! Sicher aber ist, daß die provençalische
+Phantasie der Chronisten sie die Maße des Stammes übertreiben
+ließ. Die stärksten Orangenbäume, welche Europa jetzt kennt,
+befinden sich auf Sardinien; manche derselben werden auf mehr
+denn siebenhundert Jahre geschätzt; ein einzelner Mann vermag
+sie alsdann nicht mehr zu umspannen. Im Jahre 1564, da
+Carl&nbsp;IX. in Hyères weilte, konnte er dort schwerlich selbst so
+<pb n='110'/><anchor id='Pg110'/>
+starke Stämme sehen, da die Orangenbäume erst durch die Kreuzfahrer,
+gegen Ende des elften Jahrhunderts, nach Hyères gebracht
+wurden. Zunächst muß es der bitterfrüchtige Orangenbaum
+gewesen sein, der zwar kaum eßbare Früchte, aber sehr
+wohlriechende Essenzen liefert. Daher der Dichter Malherbe
+sich in Hyères mit jenem
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>huile de fleurs d'orange</foreign>« versorgen
+konnte, »das sich die Frauen in die Haare einreiben und mit
+dem sie dort den Puder festhalten.« Die Orangenkultur von
+Hyères litt sehr stark durch die strenge Kälte des Winters 1709
+und durch ähnliche harte Winter, die um die Mitte des vorigen
+Jahrhunderts aufeinander folgten. Die Pflanzungen wurden
+von nun an eingeschränkt, die bitterfrüchtigen Orangenbäume
+dann durch süßfrüchtige ersetzt, da der Transport der Orangen
+von Hyères aus nach dem Norden sich rascher vollziehen ließ,
+als von südlicher gelegenen Orten. Das kam bei den mangelhaften
+Verkehrsmitteln jener Zeit wohl in Betracht. Die Orangen
+mußten damals in Hyères im Herbst gepflückt werden, sobald
+an ihrer noch grünen Schale sich die ersten gelben Punkte zeigten.
+Sorglich in Papier gewickelt, traten sie die Reise auf dem Landwege
+oder dem Seewege an. Sie reiften unterwegs langsam
+nach und wurden erst nach vierzig Tagen genießbar. Jetzt sind
+die Orangenbäume fast vollständig aus Hyères verschwunden.
+Sie konnten den Mitbewerb geschützterer Orte der Riviera, vor
+Allem aber von Sicilien und Algier, nicht ertragen. Es erging
+Hyères mit den Orangenbäumen nicht anders, als zuvor mit
+dem Zuckerrohr, das im fünfzehnten Jahrhundert weite Strecken
+des Landes deckte, dann aber verschwand, als der indische und
+der brasilianische Zucker in den Wettstreit eintraten.
+</p>
+
+<p>
+Mit berechtigtem Stolz kann sich hingegen Hyères noch
+immer <name type='place' rend='antiqua'>Hyères-les-Palmiers</name>
+nennen! Zwar sind die Palmen heute
+über die ganze Riviera verbreitet, doch sieht man es den hohen
+Stämmen von Hyères wohl an, daß in diesem alten Kurorte
+ihre sorgsame Pflege besonders weit zurückreicht. Da streben in
+der <name type='place' rend='antiqua'>Avenue des Palmiers</name>
+die schlanken Stämme besonders
+<pb n='111'/><anchor id='Pg111'/>
+mächtig zu beiden Seiten der Straße empor, gleich einer hehren
+Säulenhalle, und wiegen ihre stolzen Kronen hoch oben in der
+blauen Luft. &ndash; Doch hat sich Hyères schon seit langer Zeit
+auch einer zwar weniger vornehmen, aber einträglicheren Cultur
+zugewandt. Wir fanden dort Mitte März ganze Felder von
+Veilchen in Blüthe. Das waren auch freilich nicht die bescheidenen,
+kleinblüthigen, die bei uns ihre Kronen zwischen den
+Blättern verbergen, sondern eine großblüthige Form, das Veilchen
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">le Czar</name>, das an langen Stielen seine Blüthen keck über die
+Blätter erhebt. Es duftet sehr stark, und gerne ließen wir uns
+von den Lüften anwehen, die über Veilchenfelder gestreift waren.
+Andere Felder sind mit »<name type="taxonomic" rend="antiqua">Primeurs</name>« bedeckt. Die Artischocken
+von Hyères standen schon zu Anfang dieses Jahrhunderts in
+hohem Ruf; jetzt sind es auch die grünen Erbsen und vor Allem
+die Erdbeeren, mit welchen Paris von hier aus versorgt wird.
+Täglich geht ein ganzer Eisenbahnzug solcher Erzeugnisse von
+Hyères ab und wird scherzhaft als
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Train de primeurs</foreign>« bezeichnet.
+Doch soll man sich nicht etwa denken, daß unter dem
+Himmel von Hyères alle diese Culturen mühelos gedeihen. Auch
+hier verlangen sie viel Umsicht und angestrengten Fleiß. Den
+Furchen der Felder folgen niedrige Hecken, die deutlich anzeigen,
+von welcher Seite Gefahr droht. Denn, trotz gegentheiliger Versicherungen,
+ist Hyères nicht völlig vor dem Mistral gedeckt, und
+mit elementarer Gewalt stürzt er durch die Lücke ein, welche die
+Berge nach Toulon hin offen lassen. Anhaltende Dürre ist auch
+eine schwere Plage, welcher durch künstliche Bewässerung nicht
+immer abgeholfen werden kann. &ndash; Immerhin besteht ein großer
+klimatischer Unterschied zwischen Hyères und der übrigen Provence,
+ja selbst dem nahen Toulon, weil diese dem Mistral weit
+stärker ausgesetzt sind. Daher der Reisende, der von Westen
+kommend, hier in früheren Zeiten zum ersten Mal Palmen und
+goldfrüchtige Orangenbäume sah, sich an die Pforten des Paradieses
+versetzt wähnte. Alte Reisewerke sind voll des Lobes
+von Hyères. So das Werk von Aubin-Louis Millin,
+<pb n='112'/><anchor id='Pg112'/>
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Conservateur
+des médailles, des pierres gravées et des antiques
+de la Bibliothèque impériale</foreign>«, der im Auftrage des Ministers
+Chastal 1804 Südfrankreich bereiste. »<q>Ich besuchte heute«,
+schreibt Millin, »den Garten des Herrn Fille. Tausende von
+Blumen umgeben dessen Haus. Tuberosen
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Polyanthes tuberosa</name>),
+Cassie (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mimosa Farnesiana</name>), und Jasmin (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Jasminum sambac</name>)
+würzen die Luft mit himmlischen Düften. Was Sänger und
+Poeten einst gepriesen, jene Gärten der Alcine und Armide,
+welche der fruchtbare Genius des Ariost und des Tasso schuf,
+so glänzend sie auch unserer Einbildungskraft vorgeführt werden,
+sie treten zurück vor dem Garten, den wir hier vor den Augen
+haben. Man glaubt nicht mehr auf Erden zu wandeln, vielmehr
+in jene Laubgänge versetzt zu sein, in welchen die Seelen
+der Gerechten ein ewiges Glück genießen. Die Bäume stehen
+so dicht an einander, daß man nur auf künstlich angebrachten
+Pfaden zwischen denselben durchdringen kann. Achtzehntausend
+Orangenbäume, beladen mit Blüthen und Früchten, bergen in
+ihrem Laube unzählige Nachtigallen, und Nachtigallengesang erschallt
+wie ein Hymnus an die Natur, um ihre Güte zu preisen,
+ihr für einen so freudigen und duftigen Schatten zu danken.
+Andere Vogelstimmen greifen in dieses glänzende Concert ein,
+während die fleißigen Bienen summend die Blüthen umschwärmen,
+um reiche Nahrung zu schöpfen aus so verschwenderischer Fülle.</q>«
+</p>
+
+<p>
+Ein ähnliches Gefühl des sinnlichen Behagens, welches ein
+milderes Klima erweckt, mag es auch gewesen sein, das einst
+die Massilier bestimmte, ihre Niederlassung an diesem Strande
+»Olbia«, die Glückliche, zu nennen.
+</p>
+
+<p>
+Mit Vorliebe schweiften wir an sonnigen Nachmittagen auf
+den Maurettes umher, jenen Höhenzügen, an welche Hyères sich
+anlehnt. Wir suchten uns dort solche Orte aus, von welchen die
+alte Burg von Hyères sich in schöner Umrahmung zeigte. Ein
+Stück blaues Meer bildete den Hintergrund, während grüne
+Hügel die scheckige Ebene deckten. Da lagerten wir uns auf
+Rosmarin, Myrten und Lavendel und vergaßen der fliehenden
+<pb n='113'/><anchor id='Pg113'/>
+Stunden. Wir suchten im Geiste jene Trümmer zu beleben,
+die so mächtig drüben auf den Felsen thronen. Auch heute noch
+werden diese Trümmer von Wachtthürmen und Mauern beschützt,
+die in bewegtem Umriß allen Vertiefungen des Berges
+folgen. &ndash; In dem »Chastel d'Yères« herrschten seit dem zwölften
+Jahrhundert die Herren de Foz, eine Nebenlinie der Vicomtes
+de Marseille. Manchen blutigen Strauß mußten sie pflücken,
+um ihre Burg zu behaupten und oft rauchte aus den Wachtthürmen
+angesichts der Feinde die Lunte der Arkebusen. In
+friedlichen Zeiten, da füllten hingegen dieses Chastel die Gesänge
+des Troubadours, und es erklang in ihnen die sechsseitige
+Viola. War doch Mabille de Foz Präsidentin des Minnehofs
+von Pierrefeu, jenes Minnehofes, der mit Romani, Avignon
+und Signe, die vier vornehmsten
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>cours d'amour</foreign>« der Provençe
+bildete! &ndash; Im Juni 1254 gab es hohen Besuch auf der
+Burg; da kam Ludwig der Heilige, den aus Palästina der Tod
+seiner Mutter nach Frankreich zurückgerufen hatte. Einige Jahrhunderte
+später wurde hier oben auch Franz&nbsp;I. empfangen,
+während Ludwig&nbsp;XIII. nur noch die Ruinen der Veste sah:
+Heinrich&nbsp;IV. hatte deren Zerstörung beschlossen. Heute ist das
+alte Gemäuer in üppiges Grün gehüllt, und bunte Frühlingsblumen
+erklimmen selbst die Zinnen der Thürme. &ndash; Scharf
+hebt sich der dunkle Berg vom hellen Abendhimmel ab, wenn
+die provençalische Sonne sich hinter seinen Trümmern zur Ruhe
+senkt. Dann tränkt sie mit ihrem Glanze das Land und das
+Meer, umstrahlt die dunklen Felsen und bildet um die Burg
+einen goldenen Glorienschein. &ndash; Geisterhaft aber mutheten uns
+die Trümmer zur Nachtzeit an, da zur späten Abendstunde der
+Vollmond uns in die Berge gelockt hatte. Tief drang sein
+Silberschein in die Fugen und Spalten des zerklüfteten Gesteins
+und warf unheimliche Lichter in die Ruinen. Da belebten sich
+die alten Mauern und Thürme, nahmen menschliche Form an,
+schienen ihre Glieder zu bewegen und stierten mit unheimlichen
+Augen in die Ferne. Plötzlich war dann Alles wieder todt;
+<pb n='114'/><anchor id='Pg114'/>
+eine dunkle Wolke breitete ihre Schatten über den Berg aus.
+Doch als der Mond wieder vortrat, da war es, als hätten die
+Thürme in der Runde sich die Arme gereicht, und als führten
+sie um die Trümmer einen infernalen Reigen aus. Da ging es
+bergauf, bergab über die steilen Felsen und stöhnte und pfiff
+es dabei durch die Luft in unheildrohender Begleitung. Für
+Augenblicke leuchtete die Burg so auf, als stünde sie in Flammen,
+dann wieder versank sie in das Dunkel der Nacht. Mit Wirbelwind
+und Sturm, mit Blitz und Donner zog ein Gewitter von
+Westen heran: das mochte uns diese phantastischen Bilder vorgezaubert
+haben. Rasch breitete sich Finsterniß über das Land
+aus, nur das Meer dort hinten war noch in Silberglanz getaucht.
+Ein greller Lichtstrahl durchzuckte die Luft, ihm folgte
+ein betäubender Schlag, der die Grundvesten der Erde zu erschüttern
+schien. Wie geblendet standen wir da, während das
+Rollen des Donners sich entfernte. Dumpf tönte es noch fort
+in den nahen Bergen, prallte dort mit immer schwächerem Echo
+von den Felsen ab, kam dann wieder näher, um endlich in der
+Ferne zu verhallen. Hatte dieser grelle Blitz nicht die Burg getroffen,
+nicht jene schlanke Cypresse zertrümmert, die so stolz
+aus den Ruinen dem Himmel entgegenragte, als wolle sie ihm
+trotzen? &ndash; Doch dicke Regentropfen begannen zu fallen; es
+war hohe Zeit, den Rückzug anzutreten.
+</p>
+
+<p rend='text-align:center'>II.</p>
+
+<p>
+Jenes Gebirge, das sich im Osten von Hyères erhebt, bildete
+im neunten und zehnten Jahrhundert ein Bollwerk der Mauren.
+Nach ihnen führt es mit Recht den Namen; von seinen Höhen
+aus beherrschten sie die weite Küste. In orographischer Beziehung
+bietet das Maurengebirge ein hohes Interesse. Es stellt ein in
+sich abgeschlossenes Gebirgssystem dar, dessen Granite, Gneiße
+und Schiefer von dem umgebenden Kalkgebirge durch tiefe Thäler
+getrennt sind. Wie etwa die Alpen oder die Pyrenäen, besitzt
+das Maurengebirge sein eigenes, wenn auch nur kleines Flußsystem,
+<pb n='115'/><anchor id='Pg115'/>
+seine eigenen Schluchten und Thäler. Es ist von der
+übrigen Provençe so geschieden, daß es auch, ferne von derselben,
+eine eigene Insel im Meere bilden könnte. Seit Kurzem folgt
+eine Eisenbahn
+(<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Chemin de fer du Sud de la France</foreign>)
+der Küste,
+an dem Gebirge entlang. Diese Bahn mündet in St.&nbsp;Raphaël
+und schließt dort an die große Linie an, die Marseille mit Genua
+verbindet. Von den Stationen der Südbahn aus dringt man
+leicht in das Gebirge ein, und solche Ausflüge waren es, die
+uns in Hyères festhielten. Wir wurden nicht müde, wiederholt
+dieselben Strecken der Küste mit der Eisenbahn zu befahren;
+denn der Weg ist anmuthig und führt entweder durch schönen
+Wald oder am Meeresstrande entlang, mit fortwährendem Wechsel
+der Bilder. Der Anblick der Berge selbst bietet hingegen geringe
+Mannigfaltigkeit, da alle Kuppen abgerundet sind, nur wenig in
+ihrer Höhe schwanken und vierhundert Meter nicht übersteigen.
+Und doch ladet der üppige Wald auch da zu immer neuen Ausflügen
+ein. Wer Korkeichen zuvor nicht sah, wird freilich zunächst
+über diese Wälder staunen. Er erkennt wohl die immergrüne
+Eiche, doch ihre geschälten Stämme und Aeste bieten einen
+ungewohnten Anblick. Die Krone der Korkeiche gleicht derjenigen
+immergrüner Eichen, auch die Blätter sind wie bei diesen lederartig
+und nur durch ihre eiförmige Gestalt und geringe Zähnelung
+ausgezeichnet. Befremdend ist aber die rothbraune Farbe der
+abgeschälten Theile, die fast blutroth erscheinen, dort, wo die
+Sonne sie trifft.
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Bevölkerung des Maurengebirges lebt von der
+Korkgewinnung. Steht auch der Kork, der an dieser Küste
+wächst, dem spanischen und algerischen an Güte nach, so bleibt
+er doch ein geschätzter Handelsartikel und bildet eine einträgliche
+Quelle des Erwerbes. Die Korkeiche muß, bevor sie geschält
+werden kann, eine bestimmte Dicke besitzen, die sie mit fünfzehn
+bis zwanzig Jahren erlangt. Der erste Kork ist rissig, spröde
+und wandert vorwiegend in die Gerbereien. Er wird, weil
+rauher und härter, als männlicher Kork bezeichnet. Dann erst
+<pb n='116'/><anchor id='Pg116'/>
+bildet sich der glatte, weniger harte, brauchbare Kork, den man
+weiblichen nennt. Er wird alle acht bis sechzehn Jahre entfernt,
+je nach der Dicke, welche die Korkplatten erreichen sollen. Für
+gewöhnliche Stopfen reichen achtjährige Platten schon aus, während
+noble Champagnerpfropfen weit stärkere, bis 5 Centimeter
+dicke verlangen; die Schälungen werden so lange wiederholt, bis
+der Baum ein Alter von hundertundfünfzig, ja selbst zweihundert
+Jahren erreicht hat. Dann sinkt der Werth seiner Produkte; es
+gilt, ihn durch jüngeren Nachwuchs zu ersetzen. &ndash; Hundertjährige
+Korkeichen sehen schon majestätisch aus und treten mit ihren
+mächtigen Kronen und knorrigen Stämmen eindrucksvoll aus der
+Umgebung hervor. Besonders gerne ruht auf ihnen das Auge,
+wenn sie am Bergesabhang stehen, oft malerisch um einzelne
+Felsblöcke gruppirt. Die Korkeiche wächst mit Vorliebe auf
+einem Boden, der aus verwittertem Granit und Schiefer entstand,
+während sie den Kalkstein meidet. Daher die Korkeichenwälder
+des Maurengebirges eine Culturinsel in der Provençe
+bilden, ähnlich wie das Gebirge selbst eine orographische Insel
+dort darstellt. In den umgebenden Kalkalpen wird man die
+Korkeiche nicht finden, nach ihr vergeblich in Mentone und in
+Nizza suchen, nur um Cannes trifft man sie noch stellenweise.
+Wie die Korkeichenwälder des Maurengebirges das Urgestein
+seiner Berge verrathen, so zeigen Kalkpflanzen den Kalk der angrenzenden
+Alpen an. Unter Umständen wird ganz vereinzelt
+eingestreutes Gestein in solcher Weise äußerlich durch den
+Pflanzenwuchs kenntlich. So fiel vor einigen Jahren dem Forstinspector
+de Saint-Venant in dem Walde von Orléans ein
+schmaler, kilometerlanger Streifen kalkholder Pflanzen auf, während
+die übrige Flora im Walde auf Kieselboden hinwies. Das
+regte ihn zu Ausgrabungen an, die in wechselnder Tiefe das
+Vorhandensein einer alten, mit Kalksteinen gepflasterten römischen
+Straße ergaben.
+</p>
+
+<p>
+Die Korkeichen werden im Maurengebirge während des
+Sommers geschält. Es geschieht das sowohl an den Stämmen wie
+<pb n='117'/><anchor id='Pg117'/>
+an dicken Aesten, doch hier wie dort gleichzeitig nur an einzelnen
+Theilen; denn es gilt als schädlich, den ganzen Baum auf einmal
+zu entblößen. Besonders eigenartig sehen die entblößten
+Theile gleich nach geschehener Schälung aus; sie zeigen die Farbe
+des menschlichen Körpers. Erst allmälig dunkeln sie nach. Zur
+Vornahme der Schälung, die als
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>démaclage</foreign>« bezeichnet wird,
+führt der Arbeiter zunächst zwei Schnitte rings um den Baum
+durch die ganze Tiefe der Korkschicht aus und verbindet diese
+Kreisschnitte durch Längsschnitte, deren Zahl sich nach der Dicke
+des Baumes richtet. Diese Operation führt er mit einer Axt
+aus, die einen keilförmig zugeschärften Stiel besitzt. Mit letzterem
+fährt er dann von den Einschnitten aus unter die Korkschicht
+und hebt sie ab. Dann beschwert er die Korkplatten mit Steinen,
+damit sie ihre Rundung verlieren, hält sie auch wohl über Feuer
+und kohlt ihre Oberfläche ein wenig an. Unter allen Umständen
+müssen die Korkplatten trocken werden, bevor man sie versendet.
+</p>
+
+<p>
+Der Kork ist das natürliche Schutzmittel der Pflanzen: sie
+schließen sich damit gegen die Umgebung ab. Die ältere Rinde
+aller unserer Sträucher und Bäume ist mit Kork bedeckt und
+dankt ihm ihre Färbung. Der Kork läßt Gase und Flüssigkeiten
+nicht durch, ist elastisch und sehr widerstandskräftig; das befähigt
+ihn nicht nur zu seiner Aufgabe an der lebenden Pflanze, sondern
+bedingt auch seine technische Brauchbarkeit. Wird eine
+Pflanze verletzt, so bildet sich Kork an der Wunde und schließt
+dieselbe ab: daher auch der neue Kork an der geschälten Korkeiche.
+Wie jedes andere Gewebe besteht der Kork aus Zellen.
+Ja, ein Korkstück war es, in welchem Robert Hooke im Jahre
+1667 jene Kammern entdeckte, die er Zellen nannte, weil sie ihm
+den Zellen der Bienenwaben zu entsprechen schienen. Den Zellen
+eines fertigen Korkes fehlt freilich der lebendige Zellleib, jener
+Inhalt, der das Wesen einer Zelle ausmacht. Den büßt die
+Korkzelle bald nach ihrer Entstehung ein, um nur noch mit ihrer
+verkorkten Wandung als Schutzmittel der Pflanze zu dienen.
+Eine bestimmte lebendige Gewebeschicht innerhalb der Rinde, das
+<pb n='118'/><anchor id='Pg118'/>
+sogenannte Korkcambium, bildet durch fortgesetzte Vermehrung
+ihrer Zellen den Kork. Jüngere Korkzellen folgen in geraden
+Reihen nach innen zu auf die älteren. Ihre Gestalt ist bei der
+Korkeiche annähernd würfelförmig: gegen Schluß jeder Vegetationsperiode
+flachen sie sich tafelförmig ab. Der »weibliche«
+Kork der Korkeiche zeichnet sich durch die Dünnwandigkeit seiner
+Zellen und große Gleichförmigkeit in seinem Bau aus; nur am
+Schluß jeder Vegetationszeit entstehen wenige Lagen stärker verdickter,
+abgeflachter Zellen. Diese letzteren sind es, welche die
+dunklen Streifen bilden, die man in jedem Flaschenstopfen erkennen
+kann. Da die dunkleren Lagen die Grenzen des jährlichen
+Zuwachses anzeigen, so kann man das Alter einer jeden
+Korkplatte an ihnen abzählen, ganz ebenso wie sich aus der Zahl
+der Jahresringe im Holz dessen Alter bestimmen läßt.
+</p>
+
+<p>
+Ist eine Korkeiche geschält worden, so bildet sich ein neues
+Korkcambium unter den freigelegten Flächen und hebt mit neuer
+Korkbildung an. Freilich darf die Schälung nur den Kork entfernen,
+nicht den Bast oder gar den Holzkörper erreichen, weil
+das schwere Wunden gibt, die sich nur langsam schließen und
+lange die Korkproduction an der beschädigten Stelle beeinträchtigen.
+Ist ein Stamm niemals geschält worden, so zeigt er
+gleich anderen Eichenarten eine rissige Rinde, deren äußerste
+Schichten er nach und nach als Borke abwirft. Auch der am
+geschälten Baum erzeugte Kork darf nicht ein gewisses Alter
+übersteigen, da er sonst an der Außenseite rissig und unbrauchbar
+wird.
+</p>
+
+<p>
+In den westlichen Theilen des Maurengebirges gibt es
+keinen schöneren Ort als Bormes, von Hyères aus mit der Bahn
+in einer Stunde zu erreichen. Man steigt dort vom Strande
+aus zum Hügel empor, an den das kleine Städtchen amphitheatralisch
+sich lehnt. Seine Häuser sind in verschiedener Höhe
+verstreut, hier einzeln, dort in Gruppen, als hätten sie um die
+Wette den Berg zu erklimmen versucht. Den Ort beherrscht eine
+alte Burg, deren graue Ruinen sich eindrucksvoll abheben von
+<pb n='119'/><anchor id='Pg119'/>
+dem dunklen Grün des hinterliegenden Waldes. Der Abhang
+ist mit aromatischen Kräutern bewachsen, und jeder Schritt befreit
+aus ihnen duftende Oele. Ganze Flächen werden violett
+gefärbt durch die wilde Lavendel
+(<name type="taxonomic" rend="antiqua">Lavandula Stoechas</name>). Sie
+tritt hier so massenhaft auf, daß ein benachbarter Ort den
+Namen Lavandou nach ihr führt. &ndash; Wir steigen weiter hinauf
+in den Wald, in Korkeichen, Kiefern und immergrüne Sträucher.
+Auch da steht jetzt Alles in Blüthe. Die Luft ist erfüllt mit
+Wohlgerüchen, und den Kiefern, die man berührt, werden dichte
+Wolken von Blüthenstaub entlockt. &ndash; Immer großartiger entfaltet
+sich die Aussicht auf die dunklen Ruinen, das hellglänzende
+Städtchen und das blaue Meer, in das eine Landzunge sich weit
+vor uns fortsetzt; gegen Osten blicken wir in die Rhede von
+Bormes hinein; gegen Westen zeigt sich die Rhede von Hyères,
+und über eine schmale Halbinsel hinweg erreicht das Auge auch
+den Golf von Giens. In glänzender Färbung leuchten uns diese
+Buchten entgegen. Die östliche Bucht tönt sich jetzt ab in
+hellem Blau, die Rhede von Hyères scheint von flüssigem Silber
+zu sein, während die Fluthen des Golfs von Giens den rothen
+Abendhimmel widerspiegeln. Wir sättigen uns an dieser Farbenpracht
+und lassen das geblendete Auge dann auf dem dunklen
+Grün der fernen Wälder ruhen. Sanft breitet der purpurne
+Schein sich aus über das ganze Meer, und in dem Glanz der
+Abendsonne schimmern jetzt die goldenen Inseln von Hyères
+wirklich so, als wären sie von Gold.
+</p>
+
+<p>
+In Bormes sind vor den Häusern große Mengen von
+Kork aufgeschichtet. Wir treten in ein Haus ein, in dem Kork
+geschnitten wird, und sehen uns, freundlich empfangen, die Arbeit
+an. Der Mann macht Stopfen mit Hülfe einer Drehbank.
+Er fügt eckige Korkstücke in dieselbe ein, versetzt sie in Drehung
+und rückt eine Art Hobel heran, der das Korkstück schneidet.
+Große Uebung verlangt das sichere und rasche Einfügen der
+Korkstücke in die Drehbank, so daß sie gleich richtig centrirt
+sind. Ist der Arbeiter geschickt, so macht er Hunderte von
+<pb n='120'/><anchor id='Pg120'/>
+Stopfen in der Stunde, während er es früher beim Schneiden
+aus freier Hand kaum auf tausend Stück im ganzen Tag bringen
+konnte. Die Korkplatten müssen mit Wasser gebrüht werden,
+ehe man sie in die eckigen Stücke zerlegt. Sie schwellen dabei
+nicht unwesentlich an. Die Längsachse der Stopfen entspricht
+der Längsrichtung der Platten; man muß sich somit die Stopfen
+in der Rinde des Baumes aufrecht stehend denken.
+</p>
+
+<p>
+Die Abfälle beim Schneiden der Stopfen sind durchaus
+nicht werthlos. Sie können zum Polstern dienen und werden
+auch wohl verkohlt, um eine schwarze Farbe, das
+<foreign lang='la'>nigrum hispanicum</foreign>,
+oder um Zahnpulver zu liefern. Gepulverter Kork,
+mit verdicktem Leinöl angerührt und auf wasserdichtes Segeltuch
+aufgetragen, gibt den als Linoleum bezeichneten Korkteppich,
+mit dem man die Fußböden deckt.
+</p>
+
+<p>
+Die allgemeine Verwendung des Korkes für Flaschenverschluß
+greift nicht weiter als in das siebzehnte Jahrhundert
+zurück. Sie fällt zusammen mit der Verbreitung unserer enghalsigen
+Glasflaschen, die man kaum vor dem fünfzehnten Jahrhundert
+herzustellen begann. Im Mittelalter wurden kleine Gefäße
+aus Holz, Thon oder Metall verfertigt und mit Zapfen
+von gleichem Stoff verschlossen oder auch nur mit Wachs verklebt.
+Die Fässer verspundete man mit Holzpflöcken. Die Alten
+benützten zum Verschluß ihrer Amphoren sowohl Holz- als auch
+Korkstopfen, die sie mit einem Kitt aus Harz, Kreide und Oel
+oder auch mit Pech umgaben. Häufiger noch wurde die Oeffnung
+dieser Gefäße nur mit Gyps, mit Harz, Pech oder Wachs
+zugeschmiert. Auf den Wein gossen sie Oel, so wie das heute
+noch in Italien geschieht, und suchten ihn so vor Luftzutritt zu
+schützen. Nach Plinius dienten den Römern Korkstücke auch
+schon als Schwimmer an den Fischnetzen und als Bojen an
+den Ankern; nicht minder wurden die Schuhsohlen für Frauen
+aus diesem Stoffe bereits hergestellt.
+</p>
+
+<pb n='121'/><anchor id='Pg121'/>
+
+<p rend='text-align:center'>III.</p>
+
+<p>
+Tief in das Maurengebirge schneidet der Golf von St.&nbsp;Tropez,
+der Sinus Sambracitanus der Alten, ein. An seinem Ufer
+sieht man schon aus der Ferne die Häuser von St.&nbsp;Tropez
+in bunten Farben schimmern. Von dort aus erscheint die
+Meeresbucht wie ein geschlossener See. Ihre azurnen Fluthen
+haben die Klarheit und den Schmelz eines dunklen Saphirs.
+Man blickt über dieselbe ins Maurengebirge hinein. Scharf
+stechen seine Höhen vom nördlichen Himmel ab. Im Osten
+wird das Bild in duftiger Ferne durch die zackigen Gipfel des
+Esterels begrenzt. Ueber diesen, hoch in den Wolken, glänzt
+der Schnee der Alpen. Hier an dem blauen Golf hat einst
+die Heraclea Cacabaria gestanden. Ein Herculestempel, so heißt
+es, gab der Stadt den Namen. Das Land war von Camatullikern
+bewohnt. &ndash; Dann schildert die Sage, wie im Jahre 66
+n.&nbsp;Chr. an jenen Strand der Körper des heiligen Tropez gelangte.
+Dieser hatte unter Nero hohe Würden bekleidet; sein
+Vetter, Salvius Otho, wurde im Jahre 69 n.&nbsp;Chr. zum Kaiser
+proclamirt. Er selbst legte alle seine Aemter nieder, nachdem
+ihn der Apostel Paulus zum Christenthum bekehrt hatte, und
+zog sich nach Pisa zurück. Dort ließ eines Tages Nero unter einer
+ehernen Himmelsdecke mit großem theatralischem Pomp Diana
+und Apollo anbeten. St.&nbsp;Tropez weigerte sich dessen, er wurde
+ergriffen, auf Befehl von Nero gemartert, enthauptet und sein
+Körper dann auf einem schlechten Nachen in das Meer gestoßen.
+Ein Hund und ein Hahn, die man zugleich in den
+Nachen setzte, sollten sich an dem Körper weiden. Doch weder
+der Hund noch der Hahn berührten den Heiligen, sie stellten sich
+als Wächter an dessen Körper auf. Ein Engel ließ sich am Steuer
+nieder und führte den Nachen sicher durch die Fluth bis nach
+Heraclea. Durch das Krähen des Hahnes gerufen, sammelten
+sich dort die Christen am Strande und nahmen den Körper
+des Heiligen mit hohen Ehren auf.
+</p>
+<pb n='122'/><anchor id='Pg122'/>
+<p>
+Im neunten Jahrhundert wurde das alte Heraclea von
+den Saracenen zerstört, und nur antike Mauern und Gräber
+zeigen den Ort noch an, auf dem es einst gestanden. Das heutige
+St.&nbsp;Tropez reicht nicht weiter als bis in das fünfzehnte
+Jahrhundert zurück. Es verdankte sein Aufblühen genuesischen
+Familien, die sich hier niederließen. Zahlreiche Wachtthürme
+um die Stadt, sowie die Festungswerke über derselben zeigen
+an, daß St.&nbsp;Tropez sich oft noch gegen Seeräuber und andere
+Feinde zu vertheidigen hatte. Heute wird es nur noch durch
+Zollwächter geschützt, die von den Höhen aus den Strand überwachen.
+So verändern sich die Zeiten; früher mußte der Ort
+die Corsaren abwehren, die ihn berauben wollten, heute sich
+gegen die Schmuggler schützen, die ihn gern versorgen möchten.
+</p>
+
+<p>
+St.&nbsp;Tropez ist ein Hauptort des Korkhandels geworden;
+zahlreiche Schiffe werden mit dieser Waare beladen, die aus
+allen Theilen des Maurengebirges hier zusammenströmt.
+</p>
+
+<p>
+Zum klimatischen Kurort dürfte St.&nbsp;Tropez wohl schwerlich
+jemals erhoben werden, denn es ist zu sehr den Winden
+ausgesetzt. Gegen das offene Meer deckt das vorspringende
+Cap den Hafen, doch der Mistral und der Ostwind treiben die
+Fluthen des Golfes in denselben hinein. Daß bei heftigem
+Sturm die Wellen bis auf den Uferdamm vordringen, das zeigt
+der eigenartige Bau mancher dort stehender Häuser an. Sie
+sind unten ohne Fenster, nur mit kleinen, dicht schließenden
+Thüren versehen, zugleich ausgehöhlt, so wie der Fuß eines
+Leuchtthurmes, der dem Meere trotzt. &ndash; Von den Winden abgesehen,
+besitzt das meerumspülte Vorgebirge ein sehr mildes
+Klima. Der bekannte Geologe Elie de Baumont hat dieses
+Stück Land als die Provençe der Provençe bezeichnet. Seine
+Vegetation ist üppig. Kiefern und immergrüne Eichen decken
+die Höhen; die Abhänge werden von mächtigen Kastanienbäumen
+beschattet, deren Früchte in ganz Frankreich als
+»<foreign lang='fr'>Marrons de
+ Lyon</foreign>« beliebt sind. Hier und dort streckt auch eine Palme ihr
+schlankes Haupt über eine Mauer hervor; doch man sieht es
+<pb n='123'/><anchor id='Pg123'/>
+ihr an, daß sie oft vom Winde gepeitscht wird. Den Ufern
+der Bäche folgen Oleandersträucher und Vitexbüsche. Mit den
+schönen Blüthen des Oleanders schmückten sich und schmücken
+sich heute noch in Griechenland auf dem Lande die Frauen,
+auch benutzt man bei uns Oleanderblätter zur Verzierung der
+Speisen, während thatsächlich der Milchsaft dieser Pflanze ziemlich
+giftig ist. Von dem schmalblätterigen Vitexstrauch hieß es
+einst, daß er die Sinnlichkeit unterdrücke, daher erhielt er seinen
+keuschen Namen:
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Vitex agnus castus</name>. Die atheniensischen Frauen
+bestreuten mit Vitexblättern ihre Ruhelager zur Zeit der Thesmophorien,
+jenen mysteriösen Festen zu Ehren der Göttin Demeter,
+von denen alle Männer ausgeschlossen waren. Heute
+scheint der
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Vitex agnus castus</name> seine früheren Kräfte eingebüßt
+zu haben; nur seine scharf gewürzhaften Steinfrüchte gebraucht
+man im Süden noch häufig als Pfeffer. Der Oleander hat
+sich sogar einem noch weniger poetischen Verlangen anbequemen
+müssen, denn die Landleute um Nizza benützen seine gepulverte
+Rinde, um Ratten und Mäuse zu vertreiben.
+</p>
+
+<p>
+Im Hôtel Continental zu St.&nbsp;Tropez wird noch nach alter
+Art gelebt. Guter Tischwein steht zu gemeinsamer Benutzung
+auf der Tafel. Man fragt den Nachbar erst, ob er zu trinken
+wünscht, bevor man sich selbst einschenkt. Das Dienstpersonal
+wird in einige Verwirrung versetzt, wenn man nach der Weinkarte
+verlangt. &ndash; Da figurirten als Vorspeisen bei der Mahlzeit
+außer Salami, Oliven, Sardinen und anderen allgemein
+europäisch gewordenen Dingen, auch Seeigel, ein Leckerbissen,
+den ich bisher an keiner regelrechten
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>table d'hôte</foreign>« gesehen
+hatte, und den ich auch gerne Anderen überlasse; er dient mir
+nur als Beweis, daß der Mensch das ärgste aller Raubthiere
+ist. Da werden Tausende weiblicher Seeigel gefangen, aufgebrochen
+und im Grunde genommen vergeudet: man wirft den
+ganzen Körper fort und verzehrt nur das Bißchen Eierstöcke.
+Dabei wird eine ungezählte Brut zerstört. Diesen orangerothen,
+faden Schleimmassen konnten wir keinen Geschmack abgewinnen;
+<pb n='124'/><anchor id='Pg124'/>
+doch darüber läßt sich ja streiten. &ndash; In wahres Entzücken
+wurden unsere Tischgenossen stets versetzt durch
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Bouillabaise</foreign>«. &ndash;
+Nach dieser Speise sehnt sich stets der Provençale, auch wenn
+er einen anderen Theil von Frankreich bewohnt. &ndash; Die Wirthin
+suchte es ihren Gästen an den Augen abzusehen, ob ihnen die
+<foreign lang='fr'>Bouillabaise</foreign>
+schmecke; kann diese doch allein das Renommée
+eines Hauses begründen. Wie sie uns servirt wurde, bestand
+sie aus Langusten und Seefischen. Die Wirthin machte aus
+deren Zubereitung auch kein Geheimniß. Sie habe, sagte sie,
+zunächst etwas Knoblauch, Lorbeerblätter und weißen Pfeffer
+in Olivenöl in einer Casserolle geröstet, dann ein Glas Weißwein
+darauf gegossen, die Langusten, Fische und soviel Wasser,
+daß sie bedeckt waren, dazu gethan, Alles mit Salz und Pfeffer
+weiter gewürzt, hierauf zwanzig Minuten lang kochen lassen
+und mit einer Messerspitze Safran den Schluß gemacht. Ihre
+<foreign lang='fr'>Bouillabaise</foreign>
+war dann fertig. Die Langusten und Fische kamen
+in eine tiefe Terrine und wurden mit der Brühe, in welcher auch
+Weißbrodschnitte geweicht hatten, übergossen. &ndash; Die
+<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Bouillabaise</foreign>
+fand ungetheilten Beifall. Die Wirthin meinte, für Franzosen
+allein lohne es sich zu kochen, während Ausländer mit demselben
+Gleichmuth gute und schlechte Speisen verschlängen: Das sei
+für eine sorgsame Wirthin entmuthigend. Darauf mein Tischnachbar
+in längerer Rede entwickelte, daß er nicht einsehen
+könne, weswegen man ein Sinnesorgan gegen die anderen
+zurücksetzen solle. Man könne eine dumme Zunge haben, ebenso
+wie ein dummes Auge oder ein dummes Ohr. Ein Mensch,
+der Karpfen von Steinbutte nicht zu unterscheiden wisse, flöße
+ihm nicht mehr Ehrfurcht, als ein solcher ein, der Van Dyck
+mit Raphael oder Gounod mit Wagner verwechsle.
+</p>
+
+<p>
+War das Essen auch gut, der übrige Comfort des Hauses
+ließ doch etwas zu wünschen übrig, so daß wir, trotz solcher
+culinarischer Genüsse, uns zeitweise nach einem anderen Unterkommen
+sehnten.
+</p>
+
+<p>
+Eine Straßenbahn verbindet jetzt St.&nbsp;Tropez mit La Foux,
+<pb n='125'/><anchor id='Pg125'/>
+einer Station der südfranzösischen Bahn. Der Weg führt an
+dem Schlosse von Bertaud und vor dessen Thoren an einer
+mächtigen Pinie vorbei, deren Stamm wohl sechs Meter im
+Umfang mißt. Es dürfte eine der größten Pinien sein, die
+jetzt existiren, und wohl mancher Saracene hat schon in ihrem
+Schatten gelagert. Der Baum steht mitten auf der Straße,
+der
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>route nationale</foreign>«,
+und es ist zu loben, daß ihn die Ingenieure
+schonten. Die Straßenbahn setzt sich über La Foux
+nördlich bis Cogolin fort, und von da aus kann man auf der
+Chaussee La Garde Freinet erreichen. Dort hatten einst schon
+die Römer einen Militärposten errichtet, der die Verbindung
+zwischen dem Sinus Sambracitanus und der etwas nördlicher
+durchs Gebirge ziehenden Via Aureliana überwachen sollte. Der
+Ort liegt in einem Engpaß zwischen zwei Bergen, und dort
+setzten sich auch die Mauren im Jahre 850 fest, nachdem sie
+St.&nbsp;Tropez zerstört hatten. Sie sicherten sich so den Zugang
+zum Meere und beherrschten zugleich das Gebirge. Die Festung,
+die sie erbauten, wurde Fraxinetum genannt, und dieser Name
+dann auf alle ähnlichen maurischen Festungen übertragen. Hier
+häuften sie die geraubten Schätze an, um sie später übers Meer
+nach Afrika zu schaffen. Wilhelm&nbsp;I., Graf von Arles, unterstützt
+von zwei provençalischen Edelleuten, Bavon und Grimaldi,
+stürmte und eroberte im Jahre 973 die Veste. Alle Mauren,
+die dem Schwert entgingen, wurden nebst Weibern und Kindern
+zu Sclaven gemacht. Die Veste schwand von der Erde, und
+nur einige Mauerreste, die Epheu heute deckt, sowie eine tiefe,
+in Fels gehauene Cisterne, zeugen dafür, daß sie einst gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Als Preis der Tapferkeit und Lohn für die erwiesenen
+Dienste erhielt Grimaldi von Wilhelm&nbsp;I. das ganze Land,
+welches die Mauren am Sinus Sambracitanus besaßen. Da
+ragen denn noch heute, als Wahrzeichen aus jener Zeit, auf
+dem Berge, der die Thalmündung beherrscht, die Trümmer der
+Burg Grimaud in den Himmel. Zwei Thürme auf steilem
+Abhang, durch Mauerreste verbunden, scheinen über dem Abgrunde
+<pb n='126'/><anchor id='Pg126'/>
+zu schweben, die übrige Burg ist zerstört; doch unter
+ihr, wenn auch ihres Schutzes beraubt, in üppiges Grün gehüllt,
+klammert sich der kleine Ort Grimaud noch immer an
+den Felsen.
+</p>
+
+<p>
+Von La Foux aus östlich folgt die Südbahn weiter allen
+Ausbuchtungen der Küste. Jetzt eilt sie dem Meere zu, und
+St.&nbsp;Tropez am jenseitigen Ufer scheint immer näher zu rücken;
+dann wendet sie sich landwärts, und das Esterel taucht plötzlich
+am Horizonte auf. Das Maurengebirge rückt dicht ans Meer
+heran, der Wald erreicht die Küste. Immer schwelgerischer
+entwickelt sich hier seine Pracht. Aus den immergrünen Eichen
+und Seestrandkiefern leuchtet die baumartige Erica mit ihren
+weißen Blüthenmassen hervor. Ueberall sieht man den Erdbeerbaum
+seine lorbeerartigen Blätter ausbreiten. Dunkler Epheu
+rankt an den Stämmen in die Höhe, und üppige Waldreben
+verbinden die Baumkronen durch helle Laubguirlanden. Dieses
+herrliche Bild verlockt uns, die Fahrt zu unterbrechen; wir
+steigen in La Gaillarde aus und setzen unseren Weg zu Fuß
+fort. Wir folgen dem Ufer. Die Strandkiefer taucht ihre
+Wurzeln fast in die Wellen; oft neigt sie sich über die Fluth,
+als wollte sie ihr Bild in der spiegelnden Fläche betrachten.
+Das Land wird hier geschmückt von der See mit einem Saum
+silberschäumender Wogen, dafür flicht ihr das Land einen Kranz
+aus immergrünem Walde. Zerrissene Felsen springen am Strande
+vor und verlieren sich weit in den Fluthen. Das Esterel ist
+uns ganz nahe gerückt. Es zeigt denselben reich bewegten
+Umriß, dem wir so gerne von Antibes aus folgten. Dieser
+Gebirgszug ist so schmal, daß die nämlichen Höhen von Osten
+wie von Westen das Bild bestimmen. In Antibes sieht man
+am Abend die Sonne hinter dem Esterel verschwinden; dann
+hüllen sich seine Gipfel in dunkelblaue Schatten und stechen mit
+scharfen Umrissen gegen den Abendhimmel ab. Hier sind sie
+jetzt mit Licht übergossen; die schwindende Sonne senkt ihre
+Strahlen in die Thäler hinein, sie gestaltet und modelt die
+<pb n='127'/><anchor id='Pg127'/>
+einzelnen Berge, vergoldet die Gipfel, spart blaue Schlagschatten
+in den Tiefen aus, entzündet ganze Dörfer, wirft Irrlichter in
+die einzelnen Häuser hinein und taucht schließlich Alles in
+purpurne Gluth. &ndash; Hier bei St.&nbsp;Aigulf am Strande ließ sich
+Carolus Duran nieder, und der Ort ist wohl angethan, eines
+Malers Seele mit farbigem Glanz zu erfüllen! &ndash; Plötzlich
+öffnet sich vor uns das weite, von dem Fluß Argens in zahlreichen
+Windungen durchströmte Thal, durch welches das Maurengebirge
+von dem Esterel geschieden wird. Der Teich von Villepey
+und die Windungen des Flusses glänzen wie metallene Spiegel.
+In Fréjus ertönen die Abendglocken; vom jenseitigen Ufer des
+Golfs sendet uns der Leuchtthurm von St.&nbsp;Raphaël einen ersten
+noch blassen Strahl entgegen.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">IV.</p>
+
+<p>
+Wir wandern jetzt auf classischem Boden. Ist doch Fréjus
+das alte Forum Julii, dem Julius Caesar den Namen gab.
+Augustus vollendete den Hafen, der die Stelle von Lagunen
+einnahm, und gab dem Orte einen Pharus. Agrippa ließ einen
+Aquäduct und ein Amphitheater erbauen; siedelte hier auch Soldaten
+der achten Legion an, was zu der späteren Benennung Colonia
+Octavanorum führte. Die Stadt wuchs rasch in Größe und
+Bedeutung; sie maß fünftausend Schritte im Umfang. Der
+Hafen war so ausgedehnt, daß er im Jahre 31 v.&nbsp;Chr. die
+zweihundert Galeeren aufnehmen konnte, die Octavian in der
+Schlacht bei Actium Antonius abgenommen hatte. Was für
+ein farbenprächtiges Bild mag das gewesen sein, als die Flotte
+des Antonius diesen Hafen füllte, als mächtige römische Bauten
+sich in seinen Wellen spiegelten, und weithin sichtbar durch das
+Thal der Aquaeduct in kühnen <corr sic='Bogen'>Bögen</corr>
+den fernen Bergen zueilte.
+&ndash; Fréjus blieb unter den Kaisern die wichtigste Flottenstation
+an diesem Gestade, dann aber begannen traurige Zeiten.
+Der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Amnis argenteus</name>,
+der heutige Argens, füllte langsam den
+Hafen mit Schlamm und Erde an. Im zehnten Jahrhundert
+<pb n='128'/><anchor id='Pg128'/>
+konnten nur noch kleine Schiffe Zuflucht in demselben finden.
+Dann kamen die Saracenen und schleiften 940 die Befestigungen
+der Stadt. Im fünfzehnten Jahrhundert wurde Fréjus von
+Corsaren verbrannt, dann im sechzehnten Jahrhundert nochmals
+unter Carl&nbsp;V. geplündert. Der Hafen schwand allmälig, und
+an seiner Stelle bildeten sich weite Sümpfe aus, welche mit
+tödtlichen Miasmen die Gegend erfüllten. Ein Bild solchen
+Elends fand Aubin-Louis Millin im Beginn dieses Jahrhunderts
+hier vor. Die Straßen waren leer, die Häuser unbewohnt, die
+wenigen Menschen, die man sah, gingen mit blassen fahlen Gesichtern,
+hohlen Wangen, eingefallenen Augen umher. Man
+meinte, in einem großen Krankenhaus zu sein. »Wir nahmen
+Wohnung«, schreibt Millin, »in der besten Herberge: es war
+ein verpestetes und ekelerregendes Haus, in dem man den
+Aufenthalt als Strafe betrachten mußte. Schrecklicher Schmutz
+herrschte in ihm. In schlecht gespülten Gefäßen wurde uns
+fauliges Wasser dargereicht; ganze Schwärme von Fliegen belagerten
+die mit ranzigem Oel bereiteten Speisen. Den Sümpfen
+entstiegene Mücken und Schnacken peinigten uns mit ihren
+Stichen; des Nachts wurden wir von nicht minder zudringlichen,
+aber noch ekelhafteren Thieren aufgezehrt. Unser Blut
+war in fortwährender Wallung. Es können hier wirklich nur
+solche Menschen leben, die an derartige Plagen gewöhnt sind;
+uns erschienen sie als das größte Unheil, das einem menschlichen
+Wesen begegnen kann. Wir bedauerten, daß der Wissensdrang,
+der uns trieb, historisch berühmte Stätten aufzusuchen,
+uns an diesen elenden Ort geführt hatte, und wir wünschten
+denselben so bald als möglich verlassen zu können.« &ndash; Seitdem
+haben sich die Zustände in Fréjus gebessert. Abzugscanäle sind
+entstanden, welche die Umgegend entwässern und dadurch gesünder
+machen; der Ort selbst ist zwar auf ein Fünftel seiner
+früheren Größe zusammengeschmolzen, sieht aber ziemlich freundlich
+aus. Wer freilich tieferen Eindruck von den Ueberresten
+aus der classischen Zeit erwartet, der wird enttäuscht sein. Es
+<pb n='129'/><anchor id='Pg129'/>
+blieb nur wenig davon zurück, zu wenig, um Achtung zu gebieten
+oder gar künstlerisch anzuregen. Nur die zerrissenen
+Bogen des Aquäducts draußen in den Feldern, mit ihrem
+Schmuck von kletternden Pflanzen, sind ästhetisch wirksam. Der
+Argens war so fleißig bei der Arbeit, daß heute eine weite
+sandige Fläche Fréjus vom Meere trennt; die Trümmer des
+alten römischen Leuchtthurms ragen jetzt anderthalb Kilometer
+vom Strande entfernt aus dem Boden hervor. So ist der alte
+Glanz von Fréjus für immer geschwunden, und was von demselben
+zurückblieb, vermag solchen Eindruck wie die Denkmäler
+von Nîmes und von Arles auf uns nicht zu machen. Doch erhebt
+uns auch hier das Gefühl, classischen Boden unter den Füßen
+zu haben. Wir schauen dann hinaus in das blaue Mittelmeer,
+an dessen Ufern jene mächtige Cultur erstarkte, welche die Welt
+erobert hat. Wir suchen das Band mit der Vergangenheit
+enger zu knüpfen und werden uns im Geiste wieder bewußt,
+daß jene allgemein menschlichen Gedanken und Gefühle, die
+hier zum ersten Mal zur bewußten Empfindung und Gestaltung
+gelangten, auch heute noch unser Denken und Fühlen beherrschen.
+</p>
+
+<p>
+Römische Villen füllten jenen Strand, an dem heut St.&nbsp;Raphaël
+sich erhebt. Die römischen Patricier bevorzugten überhaupt
+dieses schöne Land. Es war das ihre Provincia Romana
+par excellence, diejenige, die sie meinten, wenn sie kurzweg von
+Provincia sprachen, und sie behielt den Namen der Provence.
+Am Strande von St.&nbsp;Raphaël ließen sich nach den Römern
+die Tempelritter nieder und bauten jenen viereckigen Thurm,
+der auch heute noch die alte Kirche zu schützen scheint. Im
+Jahre 1799 landete hier Bonaparte, als er von Aegypten kam,
+und hier auch verließ er das Land, um 1814 nach Elba zu
+gehen. Es trifft somit nicht ganz zu, wenn behauptet wird,
+Alphonse Karr habe St.&nbsp;Raphaël entdeckt: richtig aber ist, daß
+er unter den französischen Schriftstellern der erste war, der sich
+hier niederließ, daß ihm bald andere Celebritäten der Litteratur
+und Kunst folgten, und daß der neue Aufschwung von St.&nbsp;Raphaël
+<pb n='130'/><anchor id='Pg130'/>
+mit jener Zeit begann. Was aber alle jene Künstler und
+Schriftsteller hier suchten, das war der stille abgelegene Ort, an
+dem man Blumen, Sonne und Meer genießen kann, ohne von
+anderen Menschen gestört zu werden. Sie alle flohen den Lärm
+des großstädtischen Nizza und des übereleganten Cannes. »Wenn
+ich eine große Stadt lieben möchte,« pflegte Alphonse Karr zu
+sagen, »zöge ich zurück nach Paris.« Auch ist es im Sommer
+hier kühler als jenseits des Esterel, und der sandige Strand
+ladet dann zum erfrischenden Bade ein; daher sich St.&nbsp;Raphaël
+immer mehr zum sommerlichen Seebad entwickelt. Im Winter
+ist es zu sehr den Winden ausgesetzt. Das sollten auch wir
+noch erfahren. Schon am Abend bei unserer Ankunft begann
+sich Ostwind zu erheben, am nächsten Tage wehte er mit Macht
+und war von heftigem Regen begleitet. Gegen dieses Unwetter
+ließ sich im Freien nicht ankämpfen. Der Wind trieb die Regentropfen
+fast wagrecht durch die Luft. Das dauerte so zwei
+Tage. Starker Ostwind ist hier meist mit Regen gepaart, somit
+traurig. Ganz verschieden gebärdet sich sein Widersacher,
+der nördliche Mistral. Er ist trocken und daher weit heiterer.
+Er fegt den Himmel rein und pfeift bei Sonnenschein. Er bläst
+nicht in langen Zügen, sondern in abrupten Stößen, er klingt
+donnerartig und rüttelt an den Gebäuden. Der Ostwind hingegen
+bläst stärker oder schwächer, doch ohne Unterbrechung fort;
+seine Stimme ist mehr ein Klagen, so daß man bei Nacht langgedehnte
+Schluchzer zu hören meint. In der zweiten Nacht,
+die auf unsere Ankunft folgte, entlud sich ein polterndes Gewitter,
+das mit dumpfem Dröhnen die Thäler erfüllte und
+zuckende Flammen auf die Meeresfläche warf; als der Morgen
+aber kam, da strahlte die Sonne wieder hell in unser Zimmer
+hinein. Das Meer tobte weiter, und wir zogen hinaus, um
+seinen Anprall gegen die Felsen des Strandes zu sehen. &ndash; Zu
+den Wahrzeichen von St.&nbsp;Raphaël gehören seine beiden Löwen:
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>le lion de terre</foreign>« und
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>le lion de mer</foreign>«,
+zwei rothe Porphyrfelsen,
+die gleichsam Wache an dem Strande halten. Der Seelöwe
+<pb n='131'/><anchor id='Pg131'/>
+hat sich weiter in das Wasser hinausgewagt, der Landlöwe
+dicht am Ufer gelagert. Sie lauern da wie apokalyptische Thiere
+und trotzen seit Ewigkeit der nagenden Kraft der Wellen. Jetzt
+stürmt das Meer mit Macht gegen diese Felsen an, wälzt seine
+Wogen über sie hinweg und wirft mit Getöse schäumenden Gischt
+hoch an ihnen empor. Ueber den Porphyrlöwen im blauen
+Himmelsraum, da wiegen sich aber die Möven. Wie gerne folgt
+ihnen das Auge, diesen muthigen Vögeln, wenn sie mit breitem
+und mächtigem Flügelschlag die Luft durchschneiden. Jetzt segeln
+sie gegen den Wind, jetzt wiegen sie sich an der Stelle, jetzt
+schießen sie herab in die Fluth, um ihre Beute zu fassen; mit
+ihr schwinden sie in der Ferne, oder sie lassen sich nieder auf
+der schaukelnden Welle, ein weißer Punkt mehr inmitten der
+weißen Kämme. Da hinten in der See taucht plötzlich eine
+Herde von Delphinen aus den Wellen hervor. Sie zeigen zuerst
+ihren Kopf, überschlagen sich fast in der Luft und schießen hinunter
+in die Tiefe. Sie bringen Humor in das großartige
+Schauspiel: sie sind die Clowns des Meeres.
+</p>
+
+<p>
+Die Straße, die von St.&nbsp;Raphaël in östlicher Richtung
+dem Meeresstrande folgt, führt an Landhäusern vorüber, die
+manchen bekannten Namen tragen. Da ist die
+»<foreign lang='fr'>maison close</foreign>«,
+das geschlossene Haus, welches Alphonse Karr sich schuf, um der aufdringlichen
+Welt zu entgehen. Hier in
+»<name type="place" rend="antiqua">Oustalet dou Capelan</name>«
+hat Charles Gounod sich abgesondert, und über der Eingangsthür
+liest man:
+»<q><foreign lang='fr' rend='antiqua'>L'illustre maître,
+ Charles Gounod composa Roméo et
+ Juliette à l'Oustalet dou Capelan, au printemps de 1866</foreign></q>«,
+und
+Jules Barbier, sein Librettist, der nebenan ein Landhaus besitzt,
+fügte darunter hinzu:
+<q><foreign lang='la' rend='antiqua'>Hic Divum Romeo scripsit Gounod meus
+ 1866. Ingenio haut amicitia impar</foreign></q>.« Gounod weilte mit Vorliebe
+in St.&nbsp;Raphaël; »ich finde hier,« meinte er oft, »den Golf
+von Neapel vor, mit der Campagna von Rom im Hintergrunde.«
+</p>
+
+<p>
+Ist die Lage von St.&nbsp;Raphaël wirklich so schön, als es
+Gounod empfand? Ich kann das nicht behaupten, so wenig ich
+auch sonst diesem Ort den ihm zukommenden Reiz absprechen
+<pb n='132'/><anchor id='Pg132'/>
+möchte. Mir fehlt hier der volle Blick auf das Esterel, und ich
+fühle mich nicht hinlänglich dafür entschädigt durch die Aussicht
+auf das Maurengebirge und jenes Thal des Argens, das Gounod
+mit der Campagna von Rom vergleicht. Lieber würde ich doch
+dem Beispiel von Carolus Duran folgen und mich dort drüben
+in St.&nbsp;Aigulf niederlassen, an dem waldigen Strande, von dem
+aus man am Abend das zackige Esterel in Purpur leuchten sieht.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">V.</p>
+
+<p>
+Hingegen bildet St.&nbsp;Raphaël einen vorzüglichen Standort
+für Ausflüge in das Esterel-Gebirge. Und dieses Gebirge ist
+sicher des Besuches werth; es gehört zu den Juwelen der Riviera:
+sein malerischer Reiz wird durch die Porphyre bedingt,
+die als nackte Felsenmassen dem Boden entsteigen. Um diese
+Porphyre und anderes eruptives Gestein sind Schiefer emporgerichtet.
+Allseitig wird das Esterel durch tiefe Thäler von den
+Alpen und durch das Thal des Argens auch von dem Maurengebirge
+getrennt. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts wagte
+man sich nur mit Schrecken in das Esterel hinein, jetzt wandelt
+man in demselben sicherer als in den Anlagen mancher großen
+Stadt. &ndash; Unser erster Besuch sollte dem höchsten Punkt des Gebirges,
+dem Mont Vinaigre gelten, dessen Gipfel sich 616 Meter
+hoch über den Meeresspiegel erhebt. Wir hofften von dieser
+Höhe das ganze Esterel zu überblicken und wollten dort unseren
+Plan für weitere Ausflüge entwerfen. &ndash; Wir brachen von St.&nbsp;Raphaël
+auf, als der Morgen graute. Der Weg führte gegen
+Norden zunächst nach Valescure. Dort am Abhang der Berge,
+in dem kühlen Walde, pflegten schon römische Familien den
+Sommer zu verbringen, wenn die Hitze des Tages in Forum
+Julii unerträglich wurde.
+<name type="place" rend="antiqua">Vallis curans</name>, das Thal, welches
+Genesung bringt, muß, wie sein Name sagt, als besonders gesunder
+Aufenthaltsort gegolten haben. Diesen alten Ruf möchte
+man auch heute noch ausnutzen und durch den verheißungsvollen
+Klang des Namens neue Bewohner hier anlocken. Man wandert
+<pb n='133'/><anchor id='Pg133'/>
+in Valescure auf fertig angelegten Straßen,
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Grands Boulevards</foreign>«
+mit hochtönenden Namen; der Wald ist in Parkanlagen
+verwandelt; große Hôtels hoffen auf Gäste, Musikpavillons
+warten auf Musikanten. Doch die Besucher bleiben noch aus.
+Woher auch sollen sie kommen, diese Millionäre, um allen Grundstückspeculanten
+zu Gefallen die ganze Riviera von Toulon bis
+Ventimiglia mit Villen zu bedecken? Mit dem Augenblick, wo
+der Bau der Südbahn beschlossen war, bemächtigten sich Actiengesellschaften
+aller Punkte am Strande, die durch schöne Aussicht
+aller Punkte auf der Höhe, die durch gesunde Lage, Kiefernadelduft,
+oder sonst welche Vorzüge sich auszeichnen. Auch in
+St.&nbsp;Aigulf drüben im Maurengebirge ist der Wald schon parcellirt,
+laufen »<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Grands Boulevards</foreign>«
+durch denselben und sind
+nicht allein mit schönen Namen, sondern auch mit Laternen versehen.
+Den Laternen freilich fehlen die Scheiben; gebrannt hat
+noch keine; manche warf der Sturm, manche auch Menschenhand
+schon um; nun liegen sie da und rosten, ein trauriges Bild des
+Todes dort, wo niemals Leben war. Dazwischen in möglichst
+auffälliger Stellung große Tafeln mit bunten Inschriften und
+Plänen, die zum Ankauf der Grundstücke verlocken sollen. &ndash;
+Wird Valescure jemals gedeihen? Es ist wohl möglich &ndash; einen
+Anfang von Erfolg hat es schon zu verzeichnen:
+»<q><foreign lang='fr' rend='antiqua'>La nature
+ sévère et riante, l'odeur des pins agréable et salutaire</foreign></q>«, wie
+Stéphen Liegeard den Ort preist, hat bereits die Künstlerin der
+»<title rend='antiqua'>Comédie française</title>«
+Suzanne Reichemberg und die nicht minder
+berühmte Sängerin der Pariser komischen Oper Miolan Carvalho
+veranlaßt, sich hier anzusiedeln. Der Ort ist anmuthig, dicht
+von immergrünem Wald umhüllt, mit heiteren Ausblicken in
+das Meer und das Gebirge: trotzdem athmeten wir freier auf,
+als wir die
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Grands Boulevards</foreign>«
+verlassen hatten und uns in
+einer von der Speculation weniger übertünchten Natur bewegten.
+&ndash; Die Sonne ging in blaugrauem Nebel als rothe strahlenlose
+Scheibe auf; dann tauchte sie aus dem Nebel hervor und strahlte
+hell an wolkenlosem Himmel. Die Erde schien jetzt von Licht
+<pb n='134'/><anchor id='Pg134'/>
+überströmt. Bald betraten wir jene ausgedehnten Wälder, welche
+das Esterel fast ganz bedecken. Einst hatten sie oft vom Feuer
+zu leiden; statt grüner Laubkronen starrten verkohlte Skelete
+den Wandrer an. Jetzt sind die Wälder Staatseigenthum geworden
+und erfreuen sich so sorgsamer Pflege, daß sie fast den
+Eindruck großer Parkanlagen machen. Die dunklen Strandkiefern
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pinus Pinaster</name>)
+wiegen bei Weitem vor: sie schließen ihre
+Kronen oft so dicht zusammen, daß kaum ein Sonnenstrahl durch
+das Dickicht dringt. Vorzügliche Kunststraßen führen durch den
+Wald, und bis auf den Gipfel der Berge gelangt man auf gut
+gehaltenen Wegen. Auffallend genug sieht man eine weite
+Kunststraße oft ganz plötzlich enden, wenn sie die Grenzen des
+Gebirges erreicht. Da hört das Departement der Forste nämlich
+auf, und es beginnt dasjenige der Brücken und Chausseen.
+Die beiden Ministerien arbeiten sich, wie es scheint, nicht immer
+in die Hände. Nach Wegweisern sieht man sich leider vergebens
+im Esterel um, und wo mehrere Straßen sich schneiden,
+bleibt man auf seine Orientirungsgabe ganz angewiesen. Die
+besten Karten der Gegend, die wir uns zu verschaffen vermocht,
+Karten, welche das Ministerium des Inneren im Jahre 1889
+veröffentlicht hatte, reichten eben nur aus, um uns irre zu führen.
+Der Weg zum Mont Vinaigre war übrigens nicht schwer zu
+entdecken. Zunächst sahen wir ihn vor uns, dann brauchten wir
+im Walde nur der breiten Straße zu folgen und uns nordwestlich
+zu halten, dort wo sich dieselbe mit anderen gleich breiten
+Straßen schnitt. Sie stieg in Windungen zwischen den Bergen
+empor. Meist war sie im Walde versteckt, und wir wanderten im
+Schatten hoher Bäume, oder sie erreichte einen steilen Abhang,
+und über den Gipfel der Bäume hinweg konnte der Blick dann
+über grüne Thäler und Berge weithin sich verlieren. Doch kein
+Haus war zu entdecken, nirgends verrieth aufsteigender Rauch
+eine verborgene Hütte: nichts als Wälder, Thäler und Berge in
+endloser Einsamkeit. Seitdem wir das Gebirge betreten hatten,
+war uns kein Mensch begegnet. Wir fühlten uns ganz allein:
+<pb n='135'/><anchor id='Pg135'/>
+es war fast unheimlich. Nach zwei Stunden erreichten wir eine
+menschliche Behausung, das Forsthaus zu Malpay:
+»<name type='place' lang='oc' rend='antiqua'>M&#257;ou pays</name>«,
+schlechte Gegend, wie es provençalisch heißt, in Erinnerung an
+jene Zeit, wo es hier nicht geheuer war, zu reisen.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau Försterin schien sichtlich erfreut, sich wieder einmal
+aussprechen zu können, und gab uns, während wir frühstückten,
+genaue Auskunft über die Gegend. Sie zeigte uns
+auch in östlicher Richtung ein Stück der römischen Straße, die
+man von hier aus auf eine längere Strecke hin überblicken kann.
+Rom mit Gallien verbindend, endete sie in Arelate, dem heutigen
+Arles, von wo die
+»<foreign lang='la' rend='antiqua'>via Domitia</foreign>« nach Spanien führte.
+Zwei römische Straßen, die als aurelianische bezeichnet wurden,
+führten durch das Esterel. Die ältere folgte von Cannes aus
+der Küste und erst vor der südlichsten Felsengruppe des Esterel
+drang sie landeinwärts, in ein Thal, um in westlicher Richtung
+Fréjus zu erreichen. Später legten die Römer die zweite Straße
+an, die, in gerader Richtung über die Berge laufend, ungefähr
+der heutigen zwischen Fréjus und Cannes entspricht und von
+der wir hier ein Stück vor Augen hatten. In einer verborgenen
+Schlucht unfern derselben liegen in Malpay noch Porphyrsäulen
+aus alter Zeit, unvollendete Arbeit der Römer. Der violettrothe
+Stein hat sich seitdem freilich mit einer dicken schwarzen
+Kruste bedeckt. An die Benennung jener römischen Straßen erinnern
+hier noch die Namen der Ufer und Berge. Dort, wo
+die ältere der beiden Straßen das Meer verließ, heißt immer
+noch das Ufer »Plage d'Aurel«, und »Pic d'Aurel« heißen die
+Porphyrmassen, denen sie dann folgte. Dieses Gebirge war
+später von aller Cultur so abgeschnitten, neuen Einflüssen so
+entzogen, daß das Volk bis auf den heutigen Tag eine noch benutzte
+Strecke der älteren Straße
+»<foreign lang='oc' rend='antiqua'>lou camin Aurelian</foreign>« nennt.
+</p>
+
+<p>
+Man verläßt in Malpay die breite Straße und folgt in
+östlicher Richtung dem Fußweg, der in zahlreichen Windungen
+am südlichen Abhang des Mont Vinaigre aufwärts steigt. &ndash;
+Wie kommt der Berg zu seinem merkwürdigen Namen? Es
+<pb n='136'/><anchor id='Pg136'/>
+heißt der saure Wein, der an seinen Flanken wuchs, hätte ihm
+denselben verschafft. Spuren einstiger Weincultur sind freilich
+nicht mehr zu entdecken, hingegen tritt man am Abhang in die
+herrlichsten Maquis ein. Baumartige Heide, Ginster, Pistacien,
+Euphorbien, Asphodelen, sie alle blühen zu gleicher Zeit und erfüllen
+die Luft mit würzigem Duft. Denn er ist kurz, der provençalische
+Frühling, und die Pflanzen müssen sich beeilen, bevor
+die Dürre naht; es ist als wenn die Natur ein Frühlingsfest
+hier feiern wollte, und unbewußt dringt etwas von diesem
+Frühling auch in die Seele des Wandrers ein. Er vergißt
+alles Vergangene, ihm ist, als könne er das Leben von Neuem
+beginnen. Warum auch nicht? Ist doch die Welt so alt und
+erwacht sie dennoch in jedem Frühjahr zu neuem Leben. &ndash;
+Was duften nur die Heiden so schön nach bittren Mandeln?
+Jeder Windhauch trägt uns ganze Fluthen dieses Aromas entgegen.
+Dieser Duft war uns früher kaum aufgefallen, doch
+eine gleiche Fülle von Ericablüthen hatten wir auch noch nie gesehen.
+Ein süßer Honiggeruch erfüllt jetzt die Luft: eine unscheinbare
+kleine Wolfsmilch
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Euphorbia spinosa</name>) ist es, die ihn
+verbreitet. Ihr fehlen auffällige Blüthen, und da muß sie sich
+besonders bemühen, um in so farbenreicher Umgebung nicht unbeachtet
+zu bleiben. Sie wird auch von zahlreichen Bienen besucht,
+während die bunten Schmetterlinge um andere prächtigere
+Blüthen flattern. Hier lohnt es sich, Biene und Schmetterling
+zu sein! Aus dieser Blüthenmasse ragen dunkle Erdbeerbäume,
+zwerghafte Kiefern, immergrüne Eichen, stachelige Wachholdersträucher
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Juniperus oxycedrus</name>)
+hervor. Und wo ein noch so
+kleiner Platz unbesetzt geblieben an dieser reichen Tafel der
+Natur, da drängen sich die Asphodelen
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Asphodelus cerasifer</name>)
+mit ihren weißen Blüthenrispen ein. Auch sie wollen ihren
+Antheil an Licht und Wärme haben, an jener Nahrung, die
+hier in solchem Uebermaß gespendet wird.
+</p>
+
+<p>
+Wir steigen nur langsam in die Höhe, bleiben vor jeder
+einzelnen Blüthe stehen, belauschen die Bienen bei der Arbeit.
+<pb n='137'/><anchor id='Pg137'/>
+Erst nach einer Stunde sind wir oben; da liegt eine ganze
+Welt zu unseren Füßen. Vor uns das grüne Esterel mit
+seinen tief eingeschnittenen Thälern und seinen steilen Höhen,
+wo aus dem Laub der Bäume die zackigen Porphyrfelsen in
+den Himmel ragen. Im Westen die Ebene von Fréjus von
+ihrem Silberfluß durchströmt; über dieser das Maurengebirge
+mit seinen dunklen Wäldern, und dann alle Buchten der Küste,
+weit hin bis nach St.&nbsp;Tropez. Im Norden die Kalkalpen in
+perlgrauem Ton; im Osten die Seealpen mit schneebedeckten
+Häuptern; davor üppig grünes Land, mit leuchtenden Städten
+und Dörfern und wieder die Küste, erst bei Bordighera in
+duftigen Nebel sich hüllend. Ganz in der Nähe Cannes, vor
+ihm die Inseln von Lerins; weit vorspringend in die See das
+schmale Cap von Antibes; endlich im Süden, scheinbar dem
+Himmel entgegenstrebend, das unbegrenzte Meer.
+</p>
+
+<p>
+Heute war es hier oben so windstill, daß auch die einsame
+Korkeiche, die am Gipfel steht, sich in der Sonne <emph>wärmen</emph>
+konnte. Auch sie, die bedauernswerthe, war ihrer schützenden
+Korkhülle beraubt worden. Zum großen Theil entblößt, mußte
+sie an schlimmen Tagen dem Mistral hier trotzen. In dem
+friedlichen Bilde, das uns umgab, störte diese nackte Eiche wie
+ein Mißton die Harmonie.
+</p>
+
+<p>
+Der Weg, den wir bei Malpay verlassen hatten, setzt sich
+in gerader Richtung am Fuße des Mont Vinaigre fort und
+trifft bald auf die große Straße von Fréjus und Cannes.
+Folgt man ihr in östlicher Richtung, so gelangt man bald zu
+einer Häusergruppe, der Auberge des Adrets und dem Gensdarmerieposten.
+Der Name, den das Wirthshaus führt, war in
+Paris einst in Jedermanns Mund, als der berühmte Schauspieler
+Fréderic Lamaître im Ambigu-Theater die Hauptrolle in
+einem Schauerdrama gab, das in einer »Auberge des Adrets«
+spielte. Das war in den vierziger Jahren, und alle sensationsbedürftigen
+Besucher von Cannes machten Ausflüge ins Esterel,
+um in der »Auberge des Adrets« die Räume zu sehen, in denen
+<pb n='138'/><anchor id='Pg138'/>
+ein Herr Germeuil ermordet oder vielmehr <emph rend='gesperrt'>nicht</emph>
+ermordet worden
+war. Denn abgesehen davon, ob die ganze Geschichte sich jemals
+zugetragen, oder ob sie nur erfunden war, handelte es sich thatsächlich
+in dem Drama nicht um diese, sondern, wie das Textbuch
+deutlich angab, um eine Herberge gleichen Namens auf dem
+Wege von Grenoble nach Chambéry. &ndash; Unter den Besuchern,
+die in fröhlicher Laune von Cannes aus hierher gekommen waren,
+befand sich im Jahre 1868 auch Georges Sand. Die Bewohner
+des Hauses wurden damals schon sehr ungehalten, wenn man sie
+über jenen Herrn Germeuil ausfragen wollte; sie glaubten, man
+bezichtige sie des Mordes. Richtig ist, daß vor Jahren die
+Gegend um jene »Auberge des Adrets« besonders berüchtigt
+war. In den unzugänglichen Thälern und Schluchten des Esterel
+suchten alle jene Verbrecher ihre Zuflucht, denen es gelungen
+war, aus den Galeeren von Toulon zu entfliehen. Sie pflegten
+die Reisenden unfern von diesem Wirthshaus anzufallen, an
+einer Stelle, wo die Straße von angrenzenden Höhen beherrscht
+ist. »Als wir vorbeifuhren,« schreibt Horace Benedict de Saussure,
+»zeigte uns der Courier von Rom, der mit uns reiste, einen
+zertrümmerten Reisekoffer, der noch am Wege lag und einem
+Courier gehört hatte, der vor einigen Tagen ausgeplündert
+worden war.« Als hingegen der Erlanger Professor der Naturwissenschaften
+Gotthilf Heinrich Schubert 1822 »mit der Hausfrau,
+die, wie gewöhnlich, als Haushofmeister und Adjutant,
+ihren alten Träumer begleitete«, die nämliche Stelle überschritt,
+hatten sich die Zustände bereits geändert. In dem Wirthshaus
+war ein Gensdarmerieposten errichtet. Doch fand er dort nur
+eine alte Frau und zwei kleine Kinder vor. Während die
+Reisenden sich stärkten, kam die Alte auf die verschollenen
+Räubergeschichten zu sprechen. »Wenn sich so ein Räuber doch
+hier wieder sehen ließe,« meinte die Frau, »damit unsere
+Gensdarmen zeigen können, daß sie ihr Brot nicht umsonst
+essen.« &ndash; Seitdem die Eisenbahn Fréjus mit Cannes verbindet,
+ist diese Straße wie ausgestorben, und Räuber würden ihr Auskommen
+<pb n='139'/><anchor id='Pg139'/>
+da nicht mehr finden. Das Wirthshaus zeigt aber noch
+deutlich an, daß es einst darauf eingerichtet war, sich zu vertheidigen.
+Die Mauern sind ungewöhnlich dick, die Fenster des
+unteren Stockwerks mit eisernem Gitter versehen. Durch eine
+Oeffnung in der eichenen Thür wurde der Reisende erst genau
+betrachtet, bevor er Einlaß erhielt, schräge Schießscharten in den
+Wänden sind gegen die Thür gerichtet: das Haus gleicht einer
+Festung, die nur durch regelrechte Belagerung genommen werden
+konnte. Jetzt steht seine Thür weit offen, und kleine Kinder
+spielen vor dem Hause.
+</p>
+
+<p>
+Wir kehrten nach Malpay zurück und wählten von dort
+einen Weg, der in südöstlicher Richtung uns nach Agay führte.
+Bald waren wir in den
+<name type="place" rend="antiqua">Vallon de la Cabre</name>
+gelangt. Dort breitete
+überall am Abhang der lorbeerartige Schneeball
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Viburnum
+Tinus</name>) seine weißen Blüthendolden aus. Bis auf die betretenen
+Wege wagten sich die blauen Schwertlilien
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Iris germanica</name>)
+hervor. Die Dichternarcisse
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Narcissus poëticus</name>) schaute uns
+aus dem Gebüsch mit ihren leuchtenden Blumenaugen an. Hochstengelige
+Tulpen (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Tulipa Celsiana</name>) grüßten uns aus der Ferne
+mit ihren gelben Blüthen. Die violetten Blüthenstände der
+doldenblüthigen Schleifenblume
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Iberis umbellata</name>) überraschten
+uns durch ihre Pracht; hatten wir doch dieses schöne Gewächs
+bisher nur in Gärten gesehen. Bald war in unseren Händen
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ophrys aranifera</name>,
+die merkwürdige Orchidee, mit ihren spinnenartigen
+Blüthen, und zu dieser konnten wir dann auch ihre
+bienenähnliche Schwester
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ophrys apifera</name>)
+gesellen. Am meisten
+aber erfreute uns das seltene
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Limodorum abortivum</name>, eine blattlose
+Orchidee, die in allen Theilen hellviolett gefärbt, auch hellviolette
+Blüthen trägt. So wandelten wir im Thale mit großen
+Blumensträußen in den Händen. Da plötzlich tauchte vor uns
+ein großer Porphyrblock auf. Er steht auf schwachen Füßen
+und neigt sich über den Bach, als wollte er stürzen. Das Volk
+hat ihn den Taubenschlag,
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Pigeonnier</foreign>«,
+genannt. Dann führte
+unser Weg weiter an anderen phantastischen Felsen vorbei; oft
+<pb n='140'/><anchor id='Pg140'/>
+schienen sie das Thal zu versperren und traten erst weit im
+Halbkreis auseinander, als wir den Fluß von Agay erreichten.
+Dem folgten wir bis an das Meer. Zackig zerrissen, in rothem
+Lichte glühend, schaut dort das Castel d'Agay in die See hinab.
+Wie Zähne einer Riesensäge ragen in langgedehnter Reihe die
+steinernen Zacken gegen den Himmel vor. Wir rasteten an der
+lieblichen Bucht von Agay, die der rothe Porphyr in einen
+farbigen Rahmen faßt. Wir sind hier zehn Kilometer von
+St.&nbsp;Raphaël entfernt, an der Station der Mittelmeerbahn, die
+dem Seestrande folgt, um dem Gebirge auszuweichen.
+</p>
+
+<p>
+Unfern von Agay, am Wege nach St.&nbsp;Raphaël, wird blauer
+Porphyr gebrochen. Große Blöcke sprengt man aus dem Berge
+heraus, schneidet sie in Platten und Würfel und verwerthet den
+Rest für Straßenbau. Der ganze Strand ist mit blauem Porphyr
+bedeckt, und zahlreiche Arbeiter sind beschäftigt, ihn auf Schiffe
+zu laden. Der Porphyr des Esterel ist ein Quarzporphyr, der
+in dichter, mit bloßem Auge nicht unterscheidbarer Grundmasse,
+die aus Quarz und Feldspath besteht, Krystalle oder crystallinische
+Körner aus Quarz oder Feldspath führt. Der Feldspath ist
+meist fleischroth, doch wird die rothe Färbung des ganzen Gesteins
+vornehmlich durch Eisenoxyd bedingt, das als ein feiner
+Staub in der Grundmasse vertheilt ist. In den blauen und
+andern hellgefärbten Porphyren tritt das Eisenoxyd gegen Eisenoxydulverbindungen
+zurück. Der blaue Porphyr wird für
+Straßenbauten besonders geschätzt und seine Gewinnung hier in
+großem Maßstab betrieben. &ndash; Dem Steinbruch gegenüber springt
+eine Landzunge,
+»<name type="place" rend="antiqua">Le Piton de Dramont</name>«,
+vor in die See und
+trägt auf steil abfallenden Felsen einen hohen Leuchtthurm. Er
+warnt den Schiffer schon aus der Ferne vor der Gefahr, die
+ihn an dieser felsigen Küste bedroht. Die Bucht von Agay, die
+bei ruhigem Wetter still ist und leer, füllt sich bei stürmischer
+See oft mit vielen Schiffen. Sie warten hier, im sicheren Schutze
+der Berge, auf günstigeres Wetter, und schon zur römischen Zeit
+hat der Agathon Portus manches Schiff vor Untergang gerettet.
+</p>
+
+<pb n='141'/><anchor id='Pg141'/>
+
+<p rend="text-align:center">VI.</p>
+
+<p>
+Als ein Wunder des Esterels gilt das Malinfernet, ein
+versteinertes Felsenmärchen. Eine Straße führt jetzt von Agay
+dahin, und drei Stunden Wagenfahrt genügen, um es von
+St.&nbsp;Raphaël zu erreichen. Wir ziehen die Fußwanderung vor
+und brechen von le Trayas auf, wohin wir mit der Bahn in
+einer halben Stunde gelangen. Dort kreuzen wir sogleich die
+Schienen und steigen am westlichen Abhang des vor uns sich
+erhebenden Berges in die Höhe. Wir wandern in Maquis,
+noch üppiger als wir sie an andern Stellen des Esterels gesehen.
+Vom süßen Honigduft der Euphorbien sind wir fast betäubt.
+Weite Flächen werden gelb gefärbt von großblüthigen Pfriemensträuchern
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Calycotome spinosa</name>).
+Cistusrosen (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cistus albidus</name>)
+beginnen eben ihre großen rothen Blüthen zu entfalten. Zunächst
+sind sie zerknittert, so wie sie es in dem engen Raum der
+Knospenhülle waren, doch breiten sie sich aus, verlieren bald
+alle Falten und locken nun die Schmetterlinge durch ihren zarten
+Farbenreiz. Wir pflücken keine dieser Blüthen, da sie zu vergänglich
+sind, der leiseste Windhauch trägt ihre Kronenblätter
+davon. &ndash; Welche Fülle bunter Schmetterlinge belebt hier den
+Abhang. Blüthen und Schmetterlinge gehören ja zusammen.
+Der sonst seltene Falter
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Anthocharis Eupheno</name> ist hier fast
+gemein. Er gleicht unserem Aurorafalter, ist aber schwefelgelb,
+nicht weiß wie jener. Dieselben rothen Flecken zieren seine
+Vorderflügel. Unruhig und rasch fliegt er durch die Lüfte.
+Ebenso behend ist der Osterluzeifalter
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Thaïs Polyxena</name>), dessen
+bräunlich gelbe Flügel mit schwarzen Zacken sich umrandet
+zeigen und rothe und blaue Flecken tragen. Er gleicht einem
+Harlekin, so bunt und befranzt ist seine Tracht. Langsam
+schweben in allen Richtungen die Segelfalter an uns vorüber.
+&ndash; Bald haben wir einen Kamm, den Col Lentisque erreicht,
+den zahlreiche Korkeichen schmücken. Hier schneiden sich mehrere
+Wege. Wir wählen denjenigen, der zur Rechten abzweigt, überschreiten
+<pb n='142'/><anchor id='Pg142'/>
+alsbald die Paßhöhe und beginnen in einem waldigen
+Thale, dem »Ravin« des Baches Escalle, der hier abwärts fließt,
+langsam abzusteigen. Schöne Stecheichen
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ilex aquifolium</name>) ragen
+stellenweise aus dem üppigen Dickicht hervor. Es sind das hier
+stattliche Bäume, während wir sie in unseren Wäldern nur in
+Strauchform finden. Da fällt uns dann wieder auf, was einst
+schon Chamisso bemerkte, daß die glänzenden, lederartig starren
+Blätter nur in den unteren Theilen des Baumes mit scharfen
+Zähnen besetzt sind, an den höher entspringenden Aesten aber
+einen fast glatten Rand haben. Nur an denjenigen Blättern,
+die von den weidenden Thieren erreicht werden können,
+bildet zum Schutz gegen dieselben diese Pflanze Stacheln aus.
+Der Weg wendet sich plötzlich nach Westen, und ganz unvermittelt
+stehen wir am Ausgang des Malinfernet. Da ragen
+sie nun hervor aus dem dunklen Wald, alle die rothen Felsen
+hier in der Sonne glühend, dort in den Schatten der Berge
+getaucht. Sie verschieben sich gegeneinander bei jedem Schritt,
+den wir vorwärts schreiten; die einen schwinden, die andern treten
+hervor, fast endlos. Und der klare Bach, der das Thal durchströmt,
+rauscht entweder stark, oder murmelt schwach, oder
+donnert laut in Wasserfällen. Einmal verbirgt er sich ganz im
+grünen Laub der Bäume, dann tritt er wieder weit sichtbar
+vor und spiegelt mit hellem Glanze den Himmel. Und erst die
+Felsen! Hier glaubt man einen spitzen Thurm zu sehen, wie
+den Thurm eines gothischen Domes, mit steinernen Blumen
+und Thieren und allerhand Schnörkeln verziert; dort eine Burg
+mit ihren Schanzen und Zinnen, dort eine Orgel mit riesigen
+Pfeifen, hier einen schlanken Kegel, dort einen kantigen Crystall,
+hier wieder ein Standbild auf hohem Postament. Ist das
+nicht der Gott Osiris, der auf diesen Felsen thront? Er trägt
+zwei junge Kiefern wie Scepter in den Händen. Am Eingang
+jener Schlucht kauert eine Sphinx und holt aus zum Sprunge.
+Und dort am fernen Abhang scheint eine wilde Jagd den Berg
+hinabzurasen. Die phantastischen Thiere ragen hoch aus dem
+<pb n='143'/><anchor id='Pg143'/>
+Wald hervor, in letztem Todeskampf zu Stein erstarrt. Da
+hat die Natur ihrem ungezügelten Gestaltungsdrang freien Lauf
+gelassen; sie schuf in übermüthiger Laune. Und als bereue sie
+nachträglich diesen Uebermuth, verbarg sie sorgsam das Thal
+zwischen hohen Bergen. Das Malinfernet mußte thatsächlich
+erst entdeckt werden, und noch im December 1851, nach dem
+napoleonischen Staatsstreich konnten politische Flüchtlinge sich
+dort lange Zeit verborgen halten und den Nachforschungen der
+Gensdarmen entgehen.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">VII.</p>
+
+<p>
+Gegen Abend zogen wir wieder hinaus zum Strande von
+St.&nbsp;Aigulf. Wir wollten das Esterel noch einmal im Glanze
+der untergehenden Sonne glühen sehen. Es war ein farbenprächtiger
+Abend, still und mild, einer jener Abende, die das
+Gefühl des Glückes in der menschlichen Seele erwecken. Kein
+Luftzug bewegte die Blätter der Bäume. Im See von Villepey
+spiegelten sich dunkle, goldumstrahlte Wolken. Durch unser Nahen
+aufgeschreckte Vögel flohen aus dem Dickicht des Ufers empor.
+Sie stiegen in die Lüfte und schienen schwarze Furchen zu ziehen
+am hellen Abendhimmel. Die Wolken im Westen nahmen
+Purpurfarben an, und in ihrem Widerschein röthete sich auch
+der See. Er sah jetzt unheimlich aus, wie eine Lache von
+Blut; das dunkle Dickicht aus Rohr umfaßte ihn mit schwarzem
+Trauerrand. Wir setzten unsern Weg fort zum Strande. Bald
+stand der Westen in voller Gluth, und das Maurengebirge
+glich einem Riesen in der Feuersbrunst. Die Bäume des Waldes
+zeichneten sich schwarz auf hellem Grund, als wäre ihr Umriß
+mit Kohle gezogen. Allmälig verblaßte der Himmel. Auf den
+spiegelnden Wellen des Meeres begannen sich die weißen
+Strahlen der ersten Sterne mit dem rothen Abglanz der letzten
+Abendlichter zu mischen. Als wir den Strand erreichten, war
+es bereits so dunkel, daß wir den Umrissen des Meeres nicht
+mehr folgen konnten. Der Himmel sprühte von Sternen und
+<pb n='144'/><anchor id='Pg144'/>
+schien auch ungezählte Lichter im Meere auszusäen. Wir
+lauschten dem Stöhnen und Rollen der Brandung und frugen
+uns, warum es ewig klagt und grollt, dieses länderumspülende
+Meer; ist es der Schmerz über all' das Leid, das sich an seinen
+Ufern zugetragen? Ist doch auch dieser Ort nach jenem Heiligen
+benannt, der auf den Lerinischen Inseln gemartert ward.
+Manchmal glaubten wir nahende Schritte zu hören; doch nein,
+es war nur ein reifer Kieferzapfen, der vom Baum zu Boden
+fiel, oder eine größere Welle, die sich über das Ufer ergoß und
+zischend dem Meer wieder zueilte. Die silberne Mondsichel,
+ganz schmal, tauchte hinab in die Bäume. Starr leuchteten
+uns von Osten her die Leuchtthürme von St.&nbsp;Raphaël und von
+Drammont entgegen; der Phar von Camarat im Westen flammte
+auf und nieder: es war, als öffnete und schlösse er abwechselnd sein
+großes Feuerauge. Im Meere tauchten Barken auf in gelbem
+Fackelschein. Das waren Fischer, welche mit Feuer die Tiefen
+erhellten, um Fische zu erspähen. Die flackernden Flammen
+warfen lange zitternde Streifen auf die Wellen. Plötzlich tauchte
+dicht vor unseren Augen, gespensterhaft groß, eine riesige Barke
+auf, mit ausgespannten Segeln. Sie deckte uns die Sterne und
+warf einen schwarzen Fleck über den funkelnden Himmel. Eben
+so rasch, wie sie kam, war sie auch verschwunden, lautlos,
+unvermittelt, wie ein Geisterschiff.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">VIII.</p>
+
+<p>
+Unfern vom Bahnhofe bei le Trayas schaut aus dem
+dunklen Grün der Bäume ein helles Häuschen hervor. Schilder
+an der Station preisen es als
+»<name type="place" rend="antiqua">Hôtel du Trayas et restaurant
+de la Réserve</name>« an. Der Ort liegt so schön am Wald,
+zwischen rothen Felsen, daß wir den Entschluß faßten, dort
+einige Zeit zu weilen. So fanden wir uns am nächsten Tage
+auf der Station von le Trayas mit unserem Gepäck wieder ein.
+Wir frugen nach dem Wege zum »Hôtel«, und wurden auf einen
+Hund verwiesen, der sich in unserer Nähe befand. »Sie brauchen
+<pb n='145'/><anchor id='Pg145'/>
+ihm nur zu folgen, er wartet auf die Gäste«. Der Hund hatte
+sich uns genähert, als wir mit Handgepäck beladen, aus dem
+Eisenbahnwagen stiegen und sah uns verständnißvoll an. Es
+war ein großer schwarzer Vorstehhund, mit langem seidigem
+Haar. Wir schritten zum Ausgang; der Hund eilte uns voran,
+blickte oft sich um und wedelte dann mit dem Schweife. Er führte
+uns den Weg an der Bahn entlang, hierauf in den Wald. Einen
+Augenblick war er verschwunden: es galt einen kleinen Pintscher
+im nahen Försterhause zu besuchen, vielleicht ihm mitzutheilen,
+daß Fremde angelangt seien. Der kleine Freund kam mit bis auf
+den Weg, um uns zu betrachten, dann zog er sich zurück. In
+einer Viertelstunde erreichten wir das Gasthaus, einen bescheidenen
+Bau, doch mit ziemlich weiter Glashalle. Augenscheinlich
+wurde die Restauration des »Hôtels« mehr als seine
+Wohnräume in Anspruch genommen und somit wohl die Glashalle
+am meisten benützt. Der Hund stellte sich vor die Eingangsthür
+und bellte. Es war das aber nicht ein gewöhnliches
+Bellen, er stieß vielmehr gedämpfte, rasch hinter einander gedehnte
+Töne aus, welche die Mitte zwischen Bellen und Heulen
+hielten. Da stürzte der geschäftige Wirth mit seiner ganzen Familie
+aus dem Hause und bot uns seine Dienste an. Die
+Zimmer im Hause sind zwar äußerst klein, doch erträglich, der
+Aufenthalt auf der Terrasse, bei so schönem warmem Wetter,
+wie wir es trafen, war aber geradezu entzückend. Steht doch
+das Haus dicht am Meere, auf einem Porphyrfelsen, und kann
+der Blick weithin der Küste folgen, an rothen Porphyrmassen,
+dann dunkelgrünen Höhen vorbei Cannes erreichen und
+auf den Lerinischen Inseln im Meere, oder dem weißen Schnee
+der Alpen über den Bergen, endlich ruhen. Vorn ist der rothe
+Strand in scharfe Buchten zerschnitten und zu tiefen Grotten
+ausgehöhlt; im Norden steigt, dicht über dem Hause, der Pic
+d'Aurelle empor, im Westen schließt die mächtige Felsenmasse
+des Cap Roux die Landschaft ab.
+</p>
+
+<p>
+Viele Fremde kommen aus Cannes hierher, verweilen aber
+<pb n='146'/><anchor id='Pg146'/>
+nur wenige Stunden, um sich in der Glasveranda an
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Bouillabaisse</foreign>«,
+oder an den Austern und Hummern der »Reserve« zu
+laben. Hin und wieder findet sich zu mehrtägigem Aufenthalt
+ein leidenschaftlicher Liebhaber des Fischfangs ein. Denn das
+Meer gilt für besonders fischreich an diesem felsigen Strande,
+und der Fischer findet vollauf Gelegenheit, seine List und seine
+Gewandtheit zu üben. Als besonders spannend gilt der Fischfang
+des Nachts bei Feuer und verlangt, so wie er hier geübt
+wird, sehr viel Geschick. Eine solche Fahrt muß man einmal
+mitgemacht haben!
+</p>
+
+<p>
+Das Meer war so ruhig, so einladend, daß wir einen
+Fischer veranlaßten, uns am Abend zu solchem Fischfang mitzunehmen.
+Es dunkelte schon, als wir das Land verließen.
+Kein Mond am Himmel, doch unendlich viel leuchtende Sterne,
+deren Zahl noch immer zu wachsen schien. Sie spiegelten sich in den
+Wellen, die wir durchschnitten. Die Umrisse der Berge schwanden
+immer mehr; bald bildeten sie nur noch einen dunklen sternenlosen
+Schatten am Himmelssaum. Im Meere war es still;
+wir hörten nur den leisen Anprall der Wellen gegen das Boot
+und den regelmäßigen Schlag der Ruder ins Wasser. Die Brise
+aber, die des Nachts von den Bergen weht, trug die Stimmen
+des Landes über das Meer. Wir hörten aus der Ferne
+die lauten Concerte der Laubfroschscharen, das schrille Zirpen
+der Heuschrecken. Zugleich brachte uns diese Brise alle die
+Wohlgerüche, welche den harzigen Kieferwäldern und den würzigen
+Maquis entströmen. Nah und fern glänzten am Ufer,
+wie große Sterne, die Leuchtthürme uns entgegen. Wir gaben
+uns diesen Eindrücken ganz hin und athmeten mit Wonne die
+balsamische Luft. Der eine Fischer beugte sich dann über das
+Boot, um das Feuer zu entzünden. Vorn an einem Haken
+war der eiserne Gitterkorb befestigt, den er mit harzigem Holz
+der Aleppokiefer gefüllt hatte. Knisternd entflammte dasselbe und
+verbreitete ein grelleres Licht, wie Fackelschein. Dieses Licht
+drang in die Tiefen des Meeres ein, während der Himmel über
+<pb n='147'/><anchor id='Pg147'/>
+uns jetzt fast schwarz erschien. Wir glitten über Felsenmassen, auf
+welchen Meeresalgen wahre Zaubergärten bilden. Da mischen und
+durchdringen sich alle Farben, von lebhaftestem Grün bis zu
+dunklem Braun und zu leuchtendem Roth. Hier breite Blätter
+zu Rosetten aneinander gedrängt, dort lange fluthende Fäden,
+wie aufgelöstes Haar, dort wieder rundliche Gebilde wie Muscheln.
+Dazwischen schillernde Seeanemonen mit vorgestreckten Fühlern,
+rothe Seesterne mit ausgebreiteten Armen und stachelige Seeigel,
+die dunkle Flecke in einem bunten Teppich zu bilden
+scheinen. Kleine Fische fliehen erschreckt nach allen Seiten,
+größere folgen in Scharen, wie durch das Licht fascinirt, unserem
+Boot. Spähend steht am Vordertheil des Schiffes der Fischer
+und schaut in die Tiefe. Er hält eine dreizinkige, an langer
+Schnur befestigte Harpune in der Hand, bereit sie abwärts zu
+stoßen. Jetzt gießt er einige Tropfen Oel auf das Wasser, um
+die Fluth, die der Luftzug kräuselt, zu glätten. Die Ruderschläge
+verstummen. Plötzlich fährt der Wurfspeer in die Tiefe,
+sein mit Widerhaken versehener Dreizack durchbohrt einen Fisch,
+und zappelnd wird dieser emporgezogen, um im Boote bald zu
+verenden. &ndash; Es gehört viel Uebung und Geschick zu einer solchen
+Jagd. Nicht nur gilt es beim Wurf die Bewegung des Fisches,
+sondern auch jene Lichtbrechung im Wasser zu berücksichtigen,
+welche den Fisch an einer anderen Stelle zeigt, als die, an der
+er sich wirklich befindet. Wir gaben die Jagd auf, es genügte
+uns dieses eine Opfer; langsam erlosch unser Feuer und wieder
+glitten wir friedlich auf der weiten See, beschienen von silbernen
+Sternen.
+</p>
+
+<p>
+Gegen den Mistral ist le Trayas vollständig gedeckt, der
+Cap Roux fängt ihn mit seinem breiten Rücken auf. Zu gleicher
+Zeit, da in Cannes und Nizza dichte Staubwolken von den
+Straßen aufsteigen, merkt man hier kaum einen Luftzug und
+kann sich behaglich im Freien vor dem Hause sonnen. Doch
+darf der Ostwind nicht kommen; der rückt hier an, mit voller
+Gewalt; er stürmt das Gebirge, das ihm Halt gebietet, prallt
+<pb n='148'/><anchor id='Pg148'/>
+zurück von den hohen Felsen und umwirbelt sie mit wüthendem
+Geheul. Das geängstigte Meer scheint dann auf das feste Land
+sich flüchten zu wollen; mit Schaum bedeckt versuchen es seine
+Wellen, die Felsen zu erklimmen, doch sie zerschellen an dem
+harten Stein und sinken gebrochen zurück in die Tiefe. In der
+Höhlung der Grotten fangen sie sich aber ein, suchen dort einen
+Ausweg nach oben und schlagen mit solcher Gewalt gegen die
+Wölbungen an, daß das ganze Ufer erdröhnt. Da ist von Schlaf
+kaum die Rede des Nachts in dem kleinen Hause, &ndash; schlummert
+man endlich auch ein, so träumt man Schauergeschichten
+und wacht dann plötzlich auf mit Schrecken und Beklemmung.
+Staub gibt es freilich selbst dann nicht auf den Porphyrstraßen
+des Esterel, und in einem vom Strande entfernteren, mehr geschütztem
+Hause, könnte daher wohl mancher Lungenkranke im
+Frühjahr besser aufgehoben sein, als in den von Kalkstaub erfüllten
+Kurorten. Im Winter selbst wird es hier zu kalt und
+fehlen demgemäß auch die empfindlicheren Pflanzen in der Flora.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">IX.</p>
+
+<p>
+Vor Allem galt es uns von hier aus den Gipfel des Cap
+Roux, den »Grand Pic« des Esterel, zu besteigen. Gleichzeitig
+wollten wir die Grotte Sainte Beaume d'Honorat besuchen und
+frugen nach dem Wege zu derselben. Der Wirth bot uns den
+Hund als Führer an, denselben Hund, der uns am Bahnhof
+empfangen hatte. »Castor« wurde herbeigerufen. Wir hatten
+schon nähere Bekanntschaft mit ihm geschlossen, bei den Mahlzeiten
+seiner gedacht und so seine Zuneigung gewonnen. Dieser
+Hund hatte merkwürdig viel Ausdruck im Gesicht; seine Augen
+blickten so klar und treu, und wenn er uns von der Seite ansah
+und das Weiß seiner Augen sichtbar wurde, da erschienen diese
+so verständig und nachdenklich, so überlegt und klug, fast wie
+Menschenaugen. Allem Anschein nach verstand Castor den Sinn
+vieler Worte und staunten wir daher auch nicht, als der Wirth
+den Auftrag ihm ertheilte, uns nach der Beaume zu führen und
+<pb n='149'/><anchor id='Pg149'/>
+zu diesem Zwecke das Wort »Beaume« drei Mal mit Nachdruck
+wiederholte. Castor wedelte mit dem Schwanze zum Zeichen
+des Verständnisses, doch blieb er zunächst noch stehen. Ah! sagte
+der Wirth, ich habe den Lohn vergessen, den er gewohnt ist zu
+erhalten: die eine Hälfte hier, die andere an der Beaume. So
+wurden denn Cakes geholt, für welche Castor eine besondere Vorliebe
+hatte. Die eine Hälfte verzehrte er sogleich mit sichtlichem
+Behagen, die andere Hälfte nahmen wir mit auf den Weg. Wir
+brachen jetzt auf, Castor voran, die Schnelligkeit seines Ganges
+nach der unserigen richtend, häufig nach rückwärts schauend, ob
+wir ihm auch folgen. Wir streiften den Eisenbahndamm in
+westlicher Richtung und waren bald an die Mündung des Thales
+gelangt, das den Pic d'Aurelle von der Bergwand des Cap
+Roux scheidet. Das Meer dringt vor in dieses Thal, um eine
+der vielen Buchten zu bilden, die hier Calanques heißen. Eine
+Eisenbahnbrücke überspannt im Bogen die Bucht. Wir glaubten
+den Weg unter derselben einschlagen zu müssen, doch Castor
+führt uns aufwärts, und ohne auf die Eisendrähte zu achten,
+durchkreuzt er die Bahn. Wir glaubten seinem Beispiel folgen
+zu müssen, und in der That schließt ja auch beiderseits der Weg
+an den Bahndamm an. Die Drähte scheinen nur da zu sein,
+um überstiegen zu werden, nur um die Bahn im Falle eines
+Unglücks vor der Verantwortung zu schützen. Diese Einrichtung
+wiederholt sich hier längs der ganzen Bahnstrecke, zahlreiche
+Wege münden beiderseits an dieselbe, und man wird zum Uebersteigen
+der Drähte vom Bahnwärter selbst ermuthigt, wenn man
+ihn nach dem Wege frägt. &ndash; Castor führte uns am Abhang
+des Cap Roux in nordwestlicher Richtung weiter; er kehrte sich
+nicht an die vielen Wege, die steiler am Berge aufstiegen, ging
+ruhig und sicher in gerader Richtung vor sich hin. Das Thal
+wendet sich dann nach Westen, und wir folgten dem nördlichen Abhang
+des Berges. Ein gemauertes Schutzhaus steht am Wege,
+das den Forstbeamten als Zufluchtsstätte dient; nebenan entspringt
+am Berg eine Quelle. Hier bog Castor seitlich ab,
+<pb n='150'/><anchor id='Pg150'/>
+wählte den rechts aufsteigenden Pfad und führte uns jetzt steil
+in die Höhe. Zunächst war der Weg noch gut, doch nach einiger
+Zeit gelangten wir in Geröll und Felsen. Dann folgten Stufen
+im Stein; stellenweise schwebten wir über dem Abgrund, doch
+da waren eiserne Stäbe in den Fels geschlagen, an denen
+wir uns stützen konnten. Castor war augenscheinlich nicht
+schwindlig; er kletterte behende aufwärts, schaute oft an schwierigen
+Stellen sich um, als wenn er unserem Geschicke nicht ganz
+traute. Vor uns auf der Felsenkante steigen die Trümmer eines
+Thurmes auf, die Reste der früheren Einsiedelei. Ein Thorweg
+durchsetzt den Thurm; wir bleiben an dessen Eingang stehen.
+Der Blick taucht hier über die steilen Felsen in das üppige
+Thal hinab. Grüne Berge, von zackigen Porphyrmassen gekrönt,
+steigen jenseits auf; über dem Col Lèveque im Osten
+glänzen die Schneehäupter der Alpen. Und im Westen, in
+bläulichem Dunst getaucht, begrenzt das Maurengebirge den
+Horizont. &ndash; Jenseits des Thurmes ist der Eingang zur Grotte.
+Castor hatte sich vor denselben gelagert. Nicht ohne Selbstgefühl
+schaute er uns an. Er hielt es nicht einmal für nöthig mit
+dem Schweife zu wedeln, als wir ihm die Cakes überreichten.
+Er hatte sie verdient; Demuth war nicht am Platze. Wir traten
+in die Grotte ein. Rechts birgt sie eine Cisterne. Im Hintergrunde
+ist ein bescheidener Altar errichtet, und noch bescheidenere
+Standbilder der Heiligen zieren die Wände. Hier soll einst als
+Einsiedler der heilige Honoratus gelebt haben, jener Heilige, der
+um das Jahr 408 auf den Lerinischen Inseln ein berühmt gewordenes
+Kloster gründete. Zahlreiche Pilger zogen Jahrhunderte
+lang und ziehen auch jetzt noch am ersten Donnerstag
+im Mai den steilen Berg hinauf, um den Heiligen zu verehren.
+Eine Nische in der Grotte soll des Heiligen Lager gebildet
+haben. Die Pilger betrachten mit Andacht die Vertiefungen im
+Stein, die sie als Spuren deuten, welche der Körper des Heiligen
+hinterließ.
+</p>
+
+<p>
+St.&nbsp;Honoratus stammte aus dem nördlichen Gallien, wie
+<pb n='151'/><anchor id='Pg151'/>
+es heißt aus einer vornehmen Familie. Noch jung zog er sich
+in diese Einöde zurück. Sein Beispiel regte zur Nachahmung
+an. Es folgte ihm der heilige Eucharius, ein provençalischer
+Edelmann, Seigneur de Théol et de Mandelieu, der aber später
+als der heilige Honoratus der Welt entsagte. Er mag manchen
+bitteren Kummer und manche Enttäuschung zuvor erlebt haben.
+Denn, wie ich der Geschichte der Diöcese Fréjus, die der Abbé
+Disdier veröffentlicht hat, entnehme, war der heilige Eucharius
+zuvor verheirathet gewesen und besaß zwei Söhne und zwei
+Töchter. Als ihm seine Frau durch den Tod entrissen wurde,
+übergab er die Erziehung der Söhne dem heiligen Hilarius und
+zog sich zunächst auf eine der Lerinischen Inseln und dann in
+die Einsiedelei des Cap Roux zurück. Er bewohnte hier eine
+Grotte, die noch unzugänglicher, noch abgeschlossener als diejenige
+des heiligen Honoratus war. Hier »von Allen getrennt,
+der Ruhe und der Schweigsamkeit sich weihend, hatte er weder
+den Willen noch die Gelegenheit zu sündigen«. Hier verfaßte
+er auch einen begeisterten Tractat zum Lob der Einsamkeit.
+Doch sollte er sein Leben nicht in dieser Einöde beschließen.
+Abgesandte der Lyoner Gemeinde entführten ihn, um ihn als
+Erzbischof an ihre Spitze zu stellen. &ndash; Schwer fällt es heute,
+sich in den Geist jener begeisterten Asketen zu versetzen, denen
+als Ideal der Vollkommenheit nicht die Erfüllung der sittlichen
+Pflichten des Lebens, sondern der Ertödtung aller sinnlichen
+Gelüste vorschwebte. Doch damals waren die Zeiten anders,
+und es sah so traurig aus in der Welt, daß mancher an ihr
+verzweifeln konnte. Manch' edel angelegter Mensch mochte
+glauben, daß sein ethisches Ideal innerhalb einer solchen Welt
+nicht zu verwirklichen sei, und suchte es darum in der Weltentsagung.
+Solches ideale Streben, das mit dem Opfer der
+eigenen Person verbunden ist, zwingt uns Bewunderung ab;
+menschlicher muthet uns ein späterer Einsiedler vom Berge des
+Cap Roux an, Namens Laurentius Bonhomme, der dort die
+zweite Hälfte des siebenten Jahrhunderts verlebte. Er betrieb
+<pb n='152'/><anchor id='Pg152'/>
+allerhand kleines Gewerbe, war immer fleißig bei der Arbeit,
+züchtete Bienen, verwerthete deren Wachs und Honig, und das
+Geld, das er verdiente, vertheilte er unter die Armen. Er
+schloß sich von den Menschen nicht ab, wanderte auch nicht
+selten nach Fréjus, gefolgt von einem Reh. Der Bischof ließ
+sich das Reh von ihm schenken; es blieb in Fréjus zurück.
+Später nun, als Laurentius wieder einmal in Fréjus war und
+vor dem bischöflichen Palaste sich laut unterhielt, hörte das Reh
+seine Stimme, sprang aus einem Fenster des Palastes zu ihm
+hinab und leckte seine Hände. Da fühlte der Mann sich glücklich;
+er empfand
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>le bonheur du parfait solitaire</foreign>«,
+wie es in
+der Erzählung heißt. So auch war seine Einsiedelei stets von
+zahlreichen Vögeln umgeben, die er zu Zeiten der Dürre in
+den Vertiefungen der Felsen mit Wasser tränkte. Eines Tages
+überraschte er Diebe, die ihm seine Bienenstöcke geraubt hatten.
+Erschrocken sahen die Missethäter ihn nahen. Er aber trug
+ihnen auch noch die übrigen Bienenstöcke zu und rief ihnen
+nach, sie hätten die besten vergessen. Solche unerschöpfliche Güte
+rührte das Gemüth der Missethäter: sie besserten sich, so heißt
+es, von dieser Stunde.
+</p>
+
+<p>
+Wir blieben nochmals vor der Grotte stehen und verloren
+uns im Anblick dieser schönen Gegend. So mag sie auch ausgesehen
+haben vor anderthalb tausend Jahren, als der heilige
+Honoratus in dieselbe blickte. Auch damals schon glänzten die
+rothen Porphyrfelsen so feurig im Sonnenschein, und damals
+schon leuchtete der ewige Schnee so blendend weiß dort jenseits
+auf den Alpen. Auch dasselbe Bedürfniß nach Idealen ist dem
+menschlichen Geiste geblieben, nur hat sich die Form derselben
+verändert.
+</p>
+
+<p>
+Wir stiegen hinab bis zur Quelle und schlugen einen anderen
+Weg dann ein, um von Westen her den Gipfel des Berges zu
+erreichen. Wir suchten Castor zur Heimkehr zu bewegen, doch
+zog er es vor, bei uns zu bleiben. Freilich fühlte er sich nicht
+mehr verpflichtet, uns den Weg zu weisen, er ging nicht mehr
+<pb n='153'/><anchor id='Pg153'/>
+vor uns her, schweifte vielmehr ab nach allen Seiten. Oft sah
+man ihn nicht, da war er im Gebüsch, um Vögel aufzuscheuchen;
+er schaute ihnen in den Lüften nach. Einmal schien er einem
+größeren Thier nachzujagen, vielleicht einem der vielen Füchse,
+die das Esterel bewohnen.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Gipfel des Cap Roux, dem Grand Pic, der einst
+Vigie de Peyssarin genannt wurde, entfaltete sich vor uns ein
+Bild so herrlich, wie wir es kaum je gesehen. Der Eindruck,
+den wir empfingen, war erhaben und lieblich zugleich, malerisch
+und von mächtiger Wirkung. Während vom Mont Vinaigre
+aus unser Auge erst in der Ferne über grüne Berge das Meer
+erreichen konnte, hatten wir hier die blauen Fluthen zu unseren
+Füßen. Die grünen Abhänge des Cap Roux fallen langsam
+zum Meere ab; sie endigen in schroffen Felsen, die sich senkrecht
+in die Wellen stürzen. Dort setzen sie sich fort mit Zacken
+und Rissen, schneiden ein in das Meer mit scharfem Grat,
+fassen es in ausgehöhlte Mulden, tauchen dann wieder wie
+steinerne Riesen aus der Fluth empor. Das Wasser nimmt
+violette Töne an auf dem purpurnen Grunde: es scheint flüssiger
+Amethyst zu sein in einem Becken von Rosso antico. Um uns
+herum glühen die Felsen in hellem Sonnenschein. Gelbe und
+graue Anflüge, von Flechten erzeugt, tönen das satte Roth ab
+in unzähligen Schattirungen. Gegen diesen Vordergrund hebt
+sich die Ferne mit ganz eigenem Colorit ab; man wird völlig
+berauscht von dieser Pracht, sie klingt einem wie Musik in der
+Seele. Zunächst beachtet man kaum die Form der Gegenstände
+und läßt nur ihre Farben auf sich wirken: wie sich die Töne
+mischen und wie sie einander durchdringen, wie sie hier verschmelzen,
+dort in effectvollem Contrast von einander absetzen.
+Wie wunderbar glüht dieser braunrothe Coloß auf dem blauen
+Hintergrunde des Meeres, das hoch hinter ihm am Horizonte
+aufzusteigen scheint! Wie hebt sich dieser andere Porphyrfelsen
+von dem perlgrauen Grunde der Kalkalpen ab; dort springen
+wieder rothe Zacken vor gegen den leuchtenden Himmel, im
+<pb n='154'/><anchor id='Pg154'/>
+Osten über Nizza krönt der blendend weiße Schnee der Alpen
+wie ein silbernes Diadem das grüne Vorgebirge. Ihm wenden
+sich immer wieder von Neuem unsere Blicke zu. Unten aber
+schillert am Strande das blaue Meer in purpurnen Tönen auf
+dem rothen Grunde; fern im Süden spiegelt es die Sonne
+wider und strahlt unermeßliches Licht zurück. Eine mächtige
+Felsenmasse im Westen deckt uns das Thal von Fréjus, hinter
+ihm thürmt sich das Maurengebirge in sammetgrünen Farben
+auf. Das Auge folgt der Küste bis zu den goldenen Inseln.
+Im Osten liegt vor uns der Golf de la Napoule und Cannes
+fast in greifbarer Nähe. Die Inseln von Lerin tauchen grün
+wie Smaragde hervor aus der goldigen Fluth. Wir sehen sie
+jetzt alle zu einer leuchtenden Gruppe vereinigt, voran die Insel
+St.&nbsp;Honorat, dann St.&nbsp;Marguérite, und neben St.&nbsp;Honorat
+im Osten, nur als dunkler Streifen, die kleine St.&nbsp;Féréol; dahinter
+taucht das Cap d'Antibes seine belaubten Ufer in die
+Fluthen; es springt so weit vor in die See, als wollte es dieses
+eine Meer in zwei Meere theilen. Jenseits der Baie des Anges,
+der breiten Engelsbucht, glänzt das weiße Nizza im Halbkreis
+an grünen Hügelketten, und dann erheben sich Berge hinter
+Bergen, bis jenseits Bordighera die Umrisse der Küste verschwimmen.
+</p>
+
+<p>
+Auf Castor machte dieses Bild keinen Eindruck. Er beschnüffelt
+sorgsam die Steine, auf welchen, den Ueberresten nach
+zu schließen, von früheren Touristen manches Frühstück verzehrt
+worden ist. Sicherlich strengt er seine Einbildungskraft an,
+um die einzelnen »Menus« zu reconstruiren, &ndash; dann gähnt er
+zu wiederholten Malen, streckt sich aus und schläft. &ndash; Stunden
+vergingen, bevor wir uns entschlossen, den Abstieg anzutreten.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">X.</p>
+
+<p>
+Den Pic d'Aurelle durften wir nicht unbeachtet lassen, ihn,
+unseren nächsten Nachbar. Wir mußten denselben besteigen, wäre es
+auch nur jenem Aurelius zu Ehren, nach welchem er den Namen
+<pb n='155'/><anchor id='Pg155'/>
+führt. Was für ein Aurelius das ist, dessen Name durch jenen
+Fels wie durch die alte römische Straße verewigt wird, das
+läßt sich freilich nicht mit Sicherheit sagen. Die Wahrscheinlichkeit
+spricht für Cajus Aurelius Cotta, weil er den Plan zu
+dieser großen Straße entwarf und deren Bau auch, von Rom
+aus, im Jahre 241 vor Christus begann. Die Straße soll er
+aber nur eine kurze Strecke weit ausgebaut haben; sie wurde
+dann von Aurelius Scaurus über Pisa und Savona fortgesetzt,
+von Julius Caesar endlich bis zum heutigen Arles geführt.
+</p>
+
+<p>
+Wir stiegen vom Hôtel geradeaus in die Höhe, überschritten
+in gewohnter Weise den Bahnkörper und erreichten bald einen
+breiten Weg, der in westlicher Richtung den Berg umkreist.
+Diesem Weg mußten wir längere Zeit folgen, immer das grüne
+Thal vor Augen, das den Pic d'Aurelle vom Cap Roux trennt.
+An dem nördlichen Abhang des Cap Roux profiliren sich scharf
+die dunkelrothen Felsen, und deutlich ragt aus denselben der
+Thurm hervor, der vor der Grotte des heiligen Honoratus wacht.
+ &ndash; Wir wählen den ersten Fußweg, der jetzt bergauf am Pic
+d'Aurelle sich wendet. Der Berg ist nur etwa 300 Meter hoch,
+läßt sich somit ohne Anstrengung besteigen. Der Blick von
+demselben ist jenem vom Gipfel des Cap Roux ähnlich, doch
+entsprechend eingeschränkt. Denn das Cap Roux deckt die ganze
+Küste im Westen, und nur das Thal an seinem nördlichen Abhang
+gestattet einen Durchblick bis zum Maurengebirge.
+Da sieht man im Thale des Argens auch Fréjus liegen und
+begreift es nun wohl, warum die Römer zunächst dieses Thal
+erwählten, um ihre Straße von der Küste nach Forum Julii
+zu führen. In östlicher Richtung schweift auch vom Pic d'Aurelle
+das Auge unbegrenzt über die schneebedeckten Alpen und die
+weite Küste. Die nackten Porphyrfelsen, die den Gipfel des
+Berges bilden, tief zerklüftet, gleichen den Ruinen einer
+Titanenburg. Mit Vorsicht nur darf man den Felsenrändern
+sich nähern, denn ganz unvermittelt fallen sie ab in die Tiefe.
+</p>
+
+<p>
+Jede Wanderung im Esterel bot uns neue Reize. Mit
+<pb n='156'/><anchor id='Pg156'/>
+seinem gepflegten Walde und seinen sorgsam unterhaltenen
+Wegen gleicht dieses Gebirge einem großen Parke, in welchem
+mit Kunstsinn, Geschmack und unerhörter Kraft die Natur mächtige
+Felsmassen zum Schmuck vertheilt hätte.
+</p>
+
+<p>
+Castor ist unser Freund, und ungeachtet ihn Fernsichten
+nicht fesseln, begleitet er uns doch auf allen unseren Ausflügen;
+auch den Pic d'Aurelle hatte er mit uns bestiegen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Weg führt an unserem Hôtel vorbei und setzt sich in
+westlicher Richtung fort bis nach Agay. Auf ihm pflegen wir
+oft zu wandern. Er folgt allen Windungen der Küste. Zerfallene
+Häuser stehen an demselben. Sie bargen einst die Arbeiter,
+die beim Bau der Bahn beschäftigt waren. Ein hartes Stück
+Arbeit, da die ganze Strecke hier aus dem Porphyr gesprengt
+werden mußte. Die verlassenen Häuser ließ man in Wind und
+Wetter zusammenstürzen. Der an das Hôtel zunächst grenzende
+Strand ist wiederum Aurelius zu Ehren, »plage d'Aurelle«
+benannt. Hier war es, wo die alte römische Straße den Strand
+verließ, um landeinwärts hinter dem Cap Roux im Thale aufzusteigen.
+Jenseits der Bucht, in welche dieses Thal mündet,
+kann man vom Wege aus nach Agay schon die ganze Schneekette
+der Alpen überblicken. Hier verlassen wir den betretenen
+Weg, um an dem Ufer selbst unsere Wanderung fortzusetzen.
+Da geht es bergauf und bergab nicht ohne Hindernisse. Einmal
+erklimmen wir einen steilen Fels, dann steigen wir wieder
+bis zum Meer hinab. Leise Wellen schlagen an das Ufer, kaum
+umfranst von leichtem Schaum. Durch die krystallhelle Fluth dringt
+unser Auge bis auf den tiefen Grund. Es sieht dort in purpurnen
+Mulden räthselhafte Dinge liegen, die in bunten Farben gleich
+Edelsteinen funkeln. Die provençalische Sonne übergießt uns
+mit ihrem Glanz; auch das Meer und die Felsen strahlen uns
+Licht entgegen. Die ganze Luft zittert über dem erhitzten Boden.
+Alles leuchtet und flimmert um uns her; die Ferne schwindet
+in goldigem Nebel, und der weiße Schnee der Alpen scheint
+wie über Abgründen zu schweben.
+</p>
+<pb n='157'/><anchor id='Pg157'/>
+<p>
+Wie kommt es nur, daß sie so rein und so klar sind, diese
+herrlichen Fluthen des Mittelmeeres? tragen doch Flüsse und
+Bäche fort und fort Schlamm und Erde dem Meere zu; nagen
+doch seine Wellen unaufhörlich an dem weit ausgedehnten Ufer.
+Die Klarheit des Seewassers wird durch seinen Salzgehalt bedingt.
+Trübes Flußwasser, sich selbst überlassen, braucht sehr
+lange Zeit, um sich zu klären, doch genügt es, eine Spur Kochsalz
+hinzuzufügen, damit diese Klärung äußerst rasch erfolge.
+Je mehr Salz das Seewasser enthält, um so blauer pflegt es
+auch zu erscheinen, daher das salzreiche Mittelmeer durch die
+Intensität seiner Färbung ausgezeichnet ist. In vierhundert
+Meter Tiefe erlöschen die letzten Strahlen des Lichtes, welches
+in das Seewasser dringt. Weiter hinab herrscht ewige Dunkelheit.
+Die verschiedenartigen Strahlen, welche das weiße Sonnenlicht
+zusammensetzen, und die unser Auge als verschiedene Farben
+empfindet, werden nicht gleich schnell im Meere resorbirt. In
+zwei Meter Tiefe ist schon die Hälfte der rothen und ein
+Drittel der orangegelben Strahlen verschwunden; das Licht, das
+tiefer dringt, ist jetzt nicht mehr weiß, es ist vorherrschend grün
+und blau geworden. Das bedingt die Färbung des Meeres.
+Da der Salzgehalt des Wassers auf den Vorgang der Strahlenabsorption
+einen Einfluß übt, so beeinflußt er auch die Farbeneffecte.
+Die glatte Meeresfläche wirft das meiste Licht unverändert
+zurück. Spiegelt sich in ihr die Sonne, so leuchtet sie
+daher in deren Glanz, während sie der Abendhimmel in Purpurtönen
+färbt. Von den aufsteigenden Wellen der bewegten See
+wird dagegen nur wenig Licht zurückgeworfen, daher uns das
+Meer dann besonders dunkel erscheint.
+</p>
+
+<p>
+Doch es gilt Abschied von Le Trayas zu nehmen. Castor
+begleitet uns zur Bahn. Wir streicheln ihn vor der Trennung.
+Er sieht lange dem Eisenbahnzuge nach, der uns davonträgt.
+Sein Blick trübt sich &ndash; fast scheint es uns, er habe Thränen
+in den Augen.
+</p>
+<pb n='158'/><anchor id='Pg158'/>
+
+<p rend="text-align:center">XI.</p>
+
+<p>
+Bald lag das Esterelgebirge hinter uns im Westen, und
+wir fuhren in sanftem Aufstieg dem Norden zu. Der Schienenweg
+führte im Thal der Siagne an Feldern von Rosen und
+Jonquillen, von Veilchen und von Jasmin vorbei; dann folgte
+er wieder grauen Olivenhainen. So erreichten wir Grasse, eine
+Stadt in mittelalterlichem Gewande. Sie klettert empor an den
+letzten Ausläufern der Alpen. In Windungen führen die Straßen
+in die Höhe; steile Treppen kürzen die Wege ab, Gewölbpfeiler
+verbinden in engen Gassen die gegenüberliegenden Häuser, damit
+sie den steilen Abhang nicht abwärts gleiten. Es drängen
+sich in solchen Gassen die Menschen an einander vorbei; stellenweise
+stockt der Verkehr. Der moderne Inhalt der Schaufenster
+an den Läden paßt nicht zu der alten Umrahmung. Manchem
+Hausgang entweicht ein fettiger Dampf, gewürzt mit Zwiebel
+und Knoblauch. Da gibt es Fritturen, unverfälschte mediterrane
+Wohlgerüche. Doch mit jenem Oelduft mischt sich ein anderes
+durchdringendes Parfüm, das an freieren Orten allein zur Geltung
+gelangt; es kommt vom Santalholz, das aufgeschichtet in den
+Parfümfabriken liegt. Seine Verarbeitung hat jetzt begonnen.
+</p>
+
+<p>
+Grasse ist sehr alten Ursprungs, wurde aber zu wiederholten
+Malen vollständig zerstört. Sein Wiederaufbau im sechsten
+Jahrhundert soll eigenartiger Weise erfolgt sein durch Juden.
+Es waren, so heißt es, Nachkommen jener Juden, die Tiberius
+gegen das Jahr&nbsp;19 unserer Zeitrechnung aus Rom vertrieb.
+Während der Judenverfolgung, die im sechsten Jahrhundert in
+der Provence ausbrach, gingen diese Juden zum Christenthum
+über und erhielten die Ruinen der alten römischen Stadt dafür
+zum Lohn. Sie sind es, die ihr den Namen »Gratia« gaben.
+Das Stadtwappen von Grasse führt ein silbernes Osterlamm
+in azurnem Feld; man sucht dies in Verbindung zu bringen
+mit der einstigen Bekehrung seiner Wiedererbauer.
+</p>
+
+<p>
+Wir finden Grasse nicht schön, und auch der Ausblick von
+<pb n='159'/><anchor id='Pg159'/>
+seinen Plätzen und Gärten in das ferne Meer entzückt uns nicht.
+Bilden doch den Vordergrund jenseits der Hügel steife und
+nüchterne Kasernen, die jedes ästhetische Empfinden stören. Doch
+anmuthig ist der Blick auf Grasse selbst, vom Garten des Grand
+Hôtel, den man auf der neuen Avenue Thiers, oberhalb der
+Stadt, in zwanzig Minuten erreicht. Die Agaven und Palmen
+des Gartens rahmen da die alte Stadt in wirksamer Weise ein;
+sie verdecken die unschönen neuen Gebäude und zeigen nur die
+eckigen alten Thürme und Häuser, die sich über und durch einander
+an den Abhang drängen.
+</p>
+
+<p>
+Das, was uns nach Grasse geführt hatte, war aber auch
+nicht die Hoffnung, die zuvor empfangenen Natureindrücke zu
+steigern, vielmehr der Wunsch, einen Einblick in die hier blühende
+Parfümherstellung zu gewinnen. Seit mehr als hundertundfünfzig
+Jahren ist Grasse in dieser Richtung berühmt, und
+selbst weiter noch reichen seine Erfolge auf diesem Gebiete zurück.
+Man zeigt uns das Haus, in welchem ein Sieur Tombarelli
+aus Florenz schon in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts
+ein Laboratorium für Parfümerien eingerichtet hatte.
+Heute ist Grasse zu einem der Hauptorte europäischer Parfümfabrikation
+geworden. Es stellt aber nicht die fertigen Parfüms
+her, so wie sie schließlich als sogenannte »Bouquets« zur Verwendung
+kommen, sondern die ersten Erzeugnisse für dieselben.
+Aus diesen einfachen Bestandtheilen mischen die eigentlichen
+Parfümisten erst jene verschiedenen Bouquets zusammen, wie sie
+eben die Mode vorschreibt oder der Geschmack der Zeit verlangt.
+Grasse entnimmt seine Wohlgerüche fast ausschließlich dem Pflanzenreich.
+Thatsächlich sind auch die meisten natürlichen Parfüms
+pflanzlichen Ursprungs, nur Moschus, Ambra, Bibergeil und
+Zibeth entstammen dem Thierreich. Neuerdings beginnt jedoch
+die chemische Industrie wirksam in das Parfümgeschäft einzugreifen,
+indem sie die wohlriechenden Stoffe in chemisch reinem
+Zustande darstellt. Im Besonderen ist es gelungen, das Cumarin,
+jenen Stoff, der den Geruch des frischen Heues bestimmt, aus
+<pb n='160'/><anchor id='Pg160'/>
+Salicylaldehyd zu erzeugen. Das Verfahren ist ziemlich umständlich,
+der aromatisch riechende Körper, den man in
+farblosen, glänzenden Krystallen erhält, aber durchaus übereinstimmend
+mit demjenigen, den die Tonkabohnen, die Samen des
+Tonkabaumes
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Dipterix odorata</name>)
+von Guyana und auch die
+Stengel der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Liatris odoratissima</name>,
+einer in Florida wachsenden
+Composite, die zum Parfümiren des Tabaks und der Cigarren
+benutzt wird, enthalten. Mit etwa zwanzig Gramm künstlichen
+Cumarins erreicht man heute in der Parfümerie ebenso viel, wie
+mit einem Kilogramm Tonkabohnen. Ebenso verhält es sich mit
+dem natürlichen Wintergrünöl, das aus dem nordamerikanischen,
+zu den Heidengewächsen gehörenden Theebeerenstrauch
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Gaultheria
+procumbens</name>) gewonnen wird, und das jetzt vollständig durch
+künstlich erzeugten Salicylsäure-Methylester ersetzt ist. Nur unvollkommen
+gelang es hingegen bis jetzt, das in der Parfümerie
+vielbenutzte Bittermandelöl durch das künstliche Benzaldehyd zu
+verdrängen. Sehr großen Erfolg hat die Chemie mit dem
+Vanillin erzielt, das aus dem Saft des jungen, noch in Entwickelung
+begriffenen Holzes der Nadelbäume (Coniferen), doch
+auch aus dem im Nelkenöl enthaltenen Eugenol und verschiedenen
+anderen Körpern dargestellt wird. Da die Früchte der Vanille
+im besten Falle anderthalb bis zwei Procent Vanillin enthalten,
+so ist mit zwanzig bis fünfundzwanzig Gramm Vanillin in der
+Parfümerie reichlich derselbe Effect wie mit einem Kilo Vanille
+zu erreichen. Künstliches Heliotropin wird jetzt aus Safrol,
+dieses selbst aus japanischem Camphoröl dargestellt, außerdem
+aus Steinkohlentheer-Derivaten. Da aus den Blüthen des
+Heliotrops
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Heliotropium peruvianum</name>
+und <name type='taxonomic' rend='antiqua'>grandiflorum</name>) nur
+äußerst wenig Parfüm sich gewinnen läßt, so ist dieser Ersatz
+sehr willkommen. Den Maiglöckchen ist ihr zarter Duft überhaupt
+nicht abzugewinnen, daher für die Parfümerie sehr wichtig, daß
+jetzt ein ähnlich riechender Körper sich aus dem Terpineol gewinnen
+läßt. Allgemein kommt jetzt auch krystallinisches Thymol, das
+aber nicht aus dem Thymian, sondern aus dem Samen des
+<pb n='161'/><anchor id='Pg161'/>
+ostindischen Doldengewächses
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ptychotis Ajowan</name> abdestillirt wird,
+zur Verwendung, desgleichen Menthol, welches zwar in der
+eigentlichen Parfümerie keine Rolle spielt, doch zur Darstellung
+von Migränestiften und auch von Schnupfpulver dient. Neuerdings
+werden zwei gleich zusammengesetzte Körper: das
+<name rend='antiqua'>Iron</name>
+und <name rend='antiqua'>Jonon</name>,
+deren Aroma mit demjenigen der Veilchenblüthen
+fast völlig übereinstimmt, künstlich erzeugt. Es genügt, ein mit
+diesen Körpern erfülltes Proberöhrchen zu öffnen, damit ein
+ganzes Zimmer mit Veilchenduft erfüllt werde. Merkwürdiger
+Weise riechen diese Körper nicht zu allen Zeiten gleich stark,
+und ähnliche Schwankungen im Duft zeigen auch frische Veilchen.
+Das Iron gewinnt man aus der sogenannten Veilchenwurzel,
+das heißt aus dem Wurzelstock von
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Iris florentina</name>, doch es
+kommt sehr theuer zu stehen, da 100 Kilo Iris-Wurzelstock nur
+8 bis 30 Gramm Iron ergeben. Um so werthvoller für die
+Parfümerie ist es, daß die Darstellung des Jonons aus Citral,
+einem im Citronenöl enthaltenen Körper gelang. &ndash; Vor Kurzem
+kam zu diesem Allen noch die künstliche Darstellung des Orangenblüthenöls
+hinzu. Auch den Moschus, der von den männlichen
+Moschusthieren stammt, hat man versucht, durch das künstlich
+erzeugte
+<name rend='antiqua'>Musc Baur</name> oder
+<name rend='antiqua'>Tonquinol</name> zu ersetzen, und es verbreitet
+sich dieses Product immer mehr.
+</p>
+
+<p>
+Sehr werthvolle Parfüms werden uns auch aus wärmeren
+Himmelsstrichen zugeführt, so von Alters her die Balsame und
+in neuerer Zeit das Ylang-Ylang, welches aus den Blüthen
+eines zu den Anonaceen gehörenden, in Südasien cultivirten
+Baumes, <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cananga odorata</name>, gewonnen wird. Der Hauptsache
+nach bleibt es aber Südeuropa, dem die Parfümisten ihre besten
+Wohlgerüche verdanken. &ndash; Die meisten pflanzlichen Parfüms
+werden als ätherische Oele gewonnen, Oele, die im Gegensatz zu
+den fetten Oelen flüchtig sind und auf Papier einen durchscheinenden
+Fleck bilden, der bald wieder schwindet. Aetherische
+Oele werden von den Thieren nicht erzeugt. Bei den Pflanzen
+sind es ganz vornehmlich die Blüthen, welche den Riechstoff
+<pb n='162'/><anchor id='Pg162'/>
+enthalten. Dort wirken ja Wohlgeruch und Farbe zusammen,
+um jene Thiere anzulocken, die den Blüthenstaub von Blüthe zu
+Blüthe übertragen sollen. Doch kann die duftende Substanz
+auch in der Wurzel der Pflanze angesammelt sein, so das
+Opoponax, ein Gummiharz des kleinasiatischen Doldengewächses
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Opoponax Chironium</name>,
+oder es ist in dem Wurzelstock der
+Pflanze vertreten, so bei der »Veilchenwurzel« und dem Vetiver,
+welches letztere den Wurzelstock des ostindischen Grases
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Andropogon
+muricatus</name> bildet. Auch das Holz der Stämme kann mit
+Parfüm beladen sein, so das Holz der balsamliefernden Bäume,
+oder das des ostindischen Santalbaumes
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Santalum album</name>).
+Die Stammrinde führt das Parfüm beim Zimmtbaum
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cinnamomum
+ceylanicum</name>). In anderen Fällen sind es wieder die
+Blätter, die am stärksten duften, so bei unserer Pfeffermünze
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mentha piperita</name>) oder Melisse (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Melissa officinalis</name>) und dem
+indisch-malayischen Patchuli
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pogostemon Patchuly</name>); endlich
+können auch Früchte und Samen den Riechstoff enthalten, so bei
+der Vanille oder dem Kümmel.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">XII.</p>
+
+<p>
+Wir hatten uns mit den nöthigen Empfehlungen versehen
+und durften einige der größten Parfümfabriken von Grasse besichtigen.
+Das angewandte Verfahren blieb in der Hauptsache
+überall dasselbe. Ist der wohlriechende Stoff in bedeutender
+Menge in einem Pflanzentheil vertreten und in größeren Drüsen
+dort eingeschlossen, so kann er durch Auspressen befreit werden.
+In anderen Fällen wird er durch Destillation aus den Pflanzentheilen
+gewonnen, vorausgesetzt freilich, daß er bei der Erwärmung
+nicht leidet. Wo er in sehr geringen Mengen vorhanden
+ist, wird er von warmen oder kalten Fetten, in denen
+er löslich ist, aufgenommen und dann mit Alkohol denselben
+entzogen.
+</p>
+
+<p>
+Als wir in Grasse eintrafen, ging dort die Veilchenernte
+zu Ende, während die Jonquillen in voller Blüthe standen. Die
+<pb n='163'/><anchor id='Pg163'/>
+Veilchen enthalten nur Spuren des wohlriechenden Stoffes, so
+wenig, daß man auf die Behandlung der Blüthen mit Fett angewiesen
+ist. Im Allgemeinen wird dabei das Macerationsverfahren
+angewandt. Das Fett muß sehr rein sein, und wir
+konnten feststellen, daß die Fabriken selbst es aus frisch geschlachteten
+Thieren gewinnen. Dann wird es geschmolzen und
+durch entsprechende Behandlung mit Kochsalz und Alaun, durch
+Waschen, Abschäumen und Seihen durch feine Leinwand gereinigt.
+So nur bleibt es geruchlos und gewinnt eine Haltbarkeit, die
+man oft durch Zusatz von Benzoë, auch wohl von Borsäure zu
+erhöhen sucht. Für Salben kommen auch feine Oele, besonders
+Olivenöl und Mandelöl, seltener Ricinusöl, in Betracht.
+</p>
+
+<p>
+Die Veilchen, die für die Parfümfabrik bestimmt sind,
+dürfen nicht naß sein, wenn man sie sammelt. Diese Regel
+gilt auch für alle anderen Pflanzen, die mit Fett behandelt
+werden sollen. Man pflückt die Veilchen früh am Morgen, sobald
+der Thau verschwunden ist, bevor die Sonne Zeit hatte,
+stärker einzuwirken. Gleich nach dem Einsammeln gelangen sie
+in die Fabrik und werden in erwärmtes Fett geschüttet, das
+man flüssig bei 40&ndash;50 Grad Celsius erhält. Nach einer entsprechend
+langen Einwirkung filtrirt man es von den Veilchen
+ab und versetzt es mit frischen Blumen. Das wiederholt man
+so lange, bis das Fett mit Veilchenduft gesättigt ist. So erhält
+man Veilchenpomade, deren Geruch völlig dem der Veilchen
+gleicht, und der man den duftenden Stoff durch Weingeist oder
+durch sehr gut gereinigten, geruchlosen Kornbranntwein entzieht,
+mit dem man sie schüttelt. Da sehr große Mengen Veilchen
+nöthig sind, um eine stark riechende Essenz zu gewinnen, so hat
+man von jeher schon nach einem Ersatz für Veilchen gesucht.
+Daher die »Veilchenwurz« statt Veilchen in Sachets so allgemeine
+Verwendung findet. Geschälte und getrocknete Stücke des
+nämlichen Wurzelstockes von Iris wurden auch, wie Plinius erzählt,
+schon zu römischen Zeiten den zahnenden Kindern um den
+Hals gehängt, so wie es noch heute geschieht.
+</p>
+<pb n='164'/><anchor id='Pg164'/>
+<p>
+Jetzt wo das Jonon entdeckt ist, dürften aus der Gegend
+von Grasse die Veilchenfelder verschwinden.
+</p>
+
+<p>
+ Der stark duftenden gelben Jonquille
+ (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Narcissus Jonquilla</name>)
+wird das Aroma ebenfalls durch Fett entzogen, doch in anderer
+Weise, nach einem Verfahren, das man als »Enfleurage« bezeichnet.
+Wir fanden ganze Räume in den Fabriken mit aufeinander
+gelagerten viereckigen Holzrahmen erfüllt. In jeden
+derselben ist eine Glasscheibe gefaßt, die einseitig mit Fett überzogen
+wird, doch so, daß es nur eine ganz dünne Schicht auf
+dem Glase bildet. Auf dieses Fett legt man die Jonquillen und
+läßt sie so lange mit ihm in Berührung, bis aller Duft extrahirt
+ist. Das dichte Zusammenschließen der aufeinander gelegten
+Rahmen verhindert ein Entweichen desselben in die Umgebung.
+Die Blüthen werden auch hier wiederholt erneuert, bis
+schließlich die Pomade fertig ist, aus der man dann mit Weingeist
+den Jonquillen-Extract herstellt.
+</p>
+
+<p>
+Da die Jonquillen nicht in größeren Mengen bei Grasse
+angepflanzt werden, stockte die Arbeit mit frischen Blumen zur
+Zeit in den Fabriken. Die Orangenblüthen, die Rosen, Heliotrop
+und Reseda kommen erst im Mai, daher man jetzt das Santalholz
+in Angriff genommen hatte. Wir sahen große Massen
+dieses kostbaren braunen Holzes in den Lagerräumen aufgespeichert.
+Es steht hoch im Preise, denn auch in seiner ostindischen
+Heimath wird es sehr geschätzt. Man verfertigt dort kunstvoll
+geschnitzte Möbel, vor Allem aber Schreine aus Santalholz.
+Denn sein Duft hält die Insekten fern und verscheucht selbst die
+weiße, Alles zerstörende Ameise. Die Buddhisten verbrennen
+große Mengen Santalholz als Räucherwerk, und stellenweise
+sind die Santalbäume in Folge dessen ganz ausgerottet worden.
+In den Fabriken wird das Santalöl durch die Destillation des
+zerkleinerten Holzes mit Wasser gewonnen. Das Oel geht mit
+dem Wasserdampf aus der Blase des Destillationsapparates in
+den Kühler über und fließt mit dem Wasser zusammen in die
+Vorlage. Aus fünfzig Kilogramm Holz wird annähernd ein
+<pb n='165'/><anchor id='Pg165'/>
+Kilogramm Oel gewonnen, das dementsprechend theuer ist und
+nur für feine Parfüms Verwendung findet.
+</p>
+
+<p>
+Im Mai füllen Orangenblüthen die Stadt Grasse mit ihrem
+betäubenden Dufte. Zwei bis dreimal hunderttausend Kilogramm
+Blüthen des bitterfrüchtigen Orangenbaumes werden
+hier für Parfüms verarbeitet. Die Blüthen riechen lieblicher
+und stärker als die der süßfrüchtigen Art und werden daher fast
+ausschließlich verwandt. Ein Baum von zwanzig bis dreißig
+Jahren liefert fünfzehn bis zwanzig Kilogramm Blüthen. Aus
+hundert Kilogramm werden durch Destillation etwa vierzig
+Kilogramm Orangenblüthenwasser und etwa hundert Gramm
+Orangenblüthenöl oder Neroliöl gewonnen. Völlig unverändert
+gibt die Orangenblüthe bei dem Macerationsverfahren oder bei
+der Enfleurage ihren Duft an das Fett ab. So erhält man die
+Orangenblüthenpomade und, nach Behandlung derselben mit
+Weingeist, die Orangenblüthenessenz. Das Orangenblüthenöl,
+sowie die Orangenblüthenessenz, sind immer noch theuer, weil
+ihre Herstellung große Mengen von Blüthen verlangt. Die
+Preise werden freilich jetzt auch auf diesem Gebiete, wie auf
+so vielen anderen, durch Ueberproduction gedrückt. Es stellen
+sich daher Zeichen der Entmuthigung unter den Producenten ein,
+welche die Parfümfabriken versorgen. Wie wird es jetzt erst
+werden, wo das künstliche Neroliöl angekündigt ist. Wohl möglich,
+daß überhaupt an manchen Orten der Riviera mit der Zeit
+die Cultur der Parfümerie-Pflanzen ganz aufgegeben wird. Doch
+auch die Zucht von Blumen für den Versand weist schon Ueberfluß
+der Erzeugung auf. Als der Bedarf nach solchen Blumen
+stieg, beeilten sich die Landbesitzer, ihre Olivenbäume zu fällen
+und Blüthenpflanzungen an deren Stelle anzulegen; jetzt wissen
+sie kaum, wo sie ihre Blüthen unterbringen sollen. Die hohe
+Temperatur förderte zudem im letzten Frühjahr die rasche Entwickelung
+der Pflanzen, und so kam es, daß man auf den
+Märkten der Städte zu einem kaum nennenswerthen Preise, sich
+mit großen Sträußen der herrlichsten Blumen beladen konnte.
+</p>
+<pb n='166'/><anchor id='Pg166'/>
+<p>
+Wesentlich billiger als Neroliöl ist begreiflicher Weise das
+durch Destillation der Blätter oder unreifen Früchte des
+bitterfrüchtigen Orangenbaumes gewonnene Petitgrainöl. Es
+steht an Zartheit des Duftes dem Neroliöl aber bedeutend nach.
+Das aus den Blüthen der
+<emph rend='gesperrt'>süßen</emph> Orange hergestellte Parfüm
+zeichnet sich wiederum durch besondere Eigenschaften aus und
+wird als Neroli-Portugalöl bezeichnet. &ndash; Das den frischen
+Schalen reifer Früchte des süßfrüchtigen Orangenbaumes entstammende
+Pomeranzenöl wird im Winter gewonnen. Wie viel
+ätherisches Oel in den Orangenschalen vorhanden ist, davon
+kann man sich überzeugen, wenn man eine solche Schale in der
+Nähe einer Flamme zusammendrückt. Das leicht entzündliche
+Oel sprüht dann entbrennend aus den Drüsen hervor. Die
+Oeldrüsen in der Schale erkennt man schon mit dem bloßen
+Auge.
+</p>
+
+<p>
+In der Parfümerie findet nur das Oel der süßen, nicht der
+bitteren Orangenschalen Verwendung. Das Verfahren bei der
+Gewinnung im Großen ist das der Pressung. Entweder kommt
+die Schwammmethode in Anwendung, wobei der Arbeiter die
+Schalen, die er langsam unter Druck zwischen den Fingern
+durchrollt, gegen einen Schwamm preßt; oder das Verfahren
+der sogenannten Ecuelle, wobei die Frucht unter beständigem
+Drehen gegen die Innenfläche eines flachen Trichters, der zahlreiche
+Nadeln entspringen, gedrückt wird. Das gewonnene Oel
+preßt man im ersten Falle aus dem Schwamme heraus, im
+zweiten fließt es von selbst durch die Oeffnung des Trichters
+ab. In ganz entsprechender Weise gewinnt man auch feines
+Bergamottöl aus den reifen Früchten des Bergamottcitronenbaumes
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Citrus Bergamia</name>).
+Das weniger feine Bergamottöl
+befreit man hingegen aus den Früchten durch Destillation.
+Feines Bergamottöl wird in der Parfümerie sehr geschätzt; die
+Riviera erzeugt es nur in geringer Menge; es kommt vornehmlich
+aus Reggio und Messina.
+</p>
+
+<p>
+Dies sind im Allgemeinen die Darstellungsarten, die bei
+<pb n='167'/><anchor id='Pg167'/>
+der Gewinnung der Riechstoffe in Anwendung kommen. Das
+Verfahren wird freilich im Einzelnen abgeändert. So schüttet
+man oft die Blumen nicht unmittelbar in das geschmolzene
+Fett, hängt sie vielmehr in Drahtkörben in die Gefäße, durch
+die man warmes Fett fließen läßt. Es kann andererseits auch
+erwünscht sein, daß die Blüthen nicht unmittelbar mit dem Fett
+in Berührung kommen, weil Letzteres nicht allein den Riechstoff,
+sondern auch andere Substanzen aus den Blüthen aufnimmt.
+Dann werden die Glasscheiben durch verzinnte Drahtnetze in
+den Holzrahmen ersetzt. Auf ein solches Drahtnetz werden die
+Blüthen gestreut, das nächste erhält das Fett, und so immer
+abwechselnd. Das Fett wird in diesem Fall zu nudelartigen
+Fäden ausgearbeitet, um möglichst viel Oberfläche zu gewinnen.
+Die Rahmen schiebt man in einen Schrank, in welchem Blasebälge
+die Luft in langsamer Bewegung erhalten. So streicht
+der Duft an den feinen Fettfäden vorüber und wird von ihnen
+absorbirt. Die Blüthen auf den Rahmen ersetzt man nach Bedarf
+durch neue. &ndash; Soll der wohlriechende Stoff durch ein Oel
+aufgenommen werden, so wirft man die Pflanzentheile in dasselbe
+hinein oder hängt sie in Tüchern in das Oel, oder breitet
+sie endlich auf Tüchern aus, die mit Oel getränkt sind: so erhält
+man die »<foreign lang='fr' rend='antiqua'>huiles antiques</foreign>«.
+Von großer Bedeutung ist für die
+Parfümindustrie das nachträgliche Reinigen ihrer Essenzen, was
+meist durch wiederholte Destillation geschieht. Viel Umsicht
+und Erfahrung sind nöthig, damit der Duft bei der Reinigung
+nicht leide.
+</p>
+
+<p>
+Es sieht übrigens aus, als wenn der bisherigen Gewinnungsweise
+des Parfüms eine Umwandlung oder doch zum Mindesten
+eine Erweiterung bevorstehen sollte. Der Petroleumäther scheint
+berufen, mehr oder weniger die Fette zu verdrängen. Neue
+Fabriken werden auf dieses Verfahren bereits eingerichtet. Der
+Petroleumäther entzieht der Pflanze im Wesentlichen nur das
+Parfüm. Da er leicht siedet, läßt er sich außerdem unschwer
+von dem Parfüm dann trennen. Ein Kilo Essenz bedeutet aber
+<pb n='168'/><anchor id='Pg168'/>
+mehr als hundert Kilo der jetzigen Pomade. Die Zukunft muß
+zeigen, ob die Benutzung des Petroleumäthers wirklich in allen
+Fällen zulässig ist.
+</p>
+
+<p>
+Die Möglichkeit, den Pflanzen ihren Wohlgeruch durch Fett
+zu entziehen, gestattet es auch im Kleinen, die feinste Pomade aus
+Pflanzen, die sonst vielleicht nutzlos im Garten verblühen würden,
+herzustellen. Möglichst reines Fett, das man auf eine Scheibe
+streicht, und ein gut verschließbarer Kasten, in den man die
+Scheibe legt, reichen aus, um den Erfolg zu sichern. Man muß
+die Blüthen, mit den Kronen abwärts gekehrt, auf das Fett
+lagern, den Kasten dann verschließen und die Blüthen erneuern,
+bevor sie welk geworden. Der Name Pomade oder vielmehr
+Pommade rührt von Apfel
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>pomme</foreign>«
+her und war dadurch
+veranlaßt, daß man früher Aepfel zur Herstellung solcher
+duftender Fette verwandte. Ein Apfel wurde mit wohlriechenden
+Gewürzen, vornehmlich mit Nelken, gespickt und, nachdem er
+einige Tage an der Luft gelegen, in Fett eingeschmolzen.
+Erschien das Fett durch den ersten Apfel nicht ausreichend
+parfümirt, so ließ man ihm einen zweiten folgen.
+</p>
+
+<p>
+Man sieht um Grasse viel Rosen, die für die Parfümfabriken
+gezogen werden. Es sind das nicht solche, wie sie im
+Winter versandt, die Blumenläden ganz Europas jetzt schmücken,
+vielmehr Centifolien und Damascenerrosen. Man pflückt die
+im Oeffnen begriffenen Blüthen am Morgen, sobald der Thau
+verschwindet. Die Erntezeit fällt in den Mai und Juni. Jeder
+Rosenstock liefert in Grasse durchschnittlich zwei bis dreihundert
+Gramm Blüthen, doch tausend Kilogramm ergeben kaum hundertundfünfzig
+Gramm Rosenöl. Da darf man sich nicht wundern,
+daß ein Kilogramm Rosenöl über tausend Francs kostet. Das
+Rosenöl wird durch Destillation der Blumenblätter der Rose
+mit Wasser oder Wasserdampf gewonnen; es sammelt sich auf
+der Oberfläche des Destillates allmälig an. Das Rosenwasser
+ist das unmittelbare Product der Destillation einer bestimmten
+Menge von Rosenblumenblättern mit Wasser. Die ätherischen
+<pb n='169'/><anchor id='Pg169'/>
+Oele sind zwar fast unlöslich in Wasser, immerhin nimmt dieses
+hinlänglich viel von den Oelen auf, um nach ihnen zu duften.
+So verhält es sich beim Rosenwasser, dem Orangenblüthenwasser
+und sonstigen aromatischen Wässern. Die Rosen von
+Grasse werden mehr zur Herstellung von Rosenpomade, als von
+Rosenöl und Rosenwasser verwandt. Die durch Maceration
+von Rosenblumenblättern in Fett erhaltene Pomade besitzt den
+unveränderten Duft der Rose, während der Wohlgeruch des
+Rosenöls von demjenigen der frischen Blumen etwas abweicht.
+Aus der Pomade wird mit Alkohol das
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Esprit de Rose</foreign>«
+extrahirt, wohl unstreitig eines der feinsten Parfüme, welche
+existiren. Kaum ein Wohlgeruch der Welt ist so beliebt wie
+derjenige der Rosen, und wer einmal den Orient bereiste, wird
+sich des aus Rosen und Verwesung gemischten Duftes erinnern,
+den die Straßen im Sonnenlichte aushauchen. Wer da freilich
+meint, in den Bazaren des Orients reines Rosenöl in jenen
+langgezogenen goldverzierten Fläschchen, die dort feilgeboten
+werden, mit nach Hause gebracht zu haben, der ist einer argen
+Täuschung unterworfen. Türkisches Rosenöl ist fast immer verfälscht,
+und zwar für gewöhnlich mit Palmarosaöl oder indischem
+Geraniumöl, das in Ostindien aus dem Geranium- oder Kusagras
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Andropogon Schoenanthus</name>)
+durch Destillation erhalten
+wird. Der indische Destillateur sorgt andererseits meist dafür,
+daß auch sein Palmarosaöl schon mit einem anderen Oel, besonders
+Cocosöl, gefälscht sei. So dürfte es in Deutschland zu
+empfehlen sein, das Fläschchen aus dem Orient daheim erst mit
+echtem Rosenöl zu füllen. Werden doch Rosen zum Zweck der
+Rosenölgewinnung nicht allein in Deutschland, sondern auch in
+England in großem Maßstabe gezogen. Die um die Darstellung
+ätherischer Oele und Essenzen so hoch verdienten Gebrüder
+Fritzsche, Inhaber der Leipziger Firma Schimmel&nbsp;&amp;&nbsp;Co. hatten,
+wie Georg Bornemann in seinem Werk über die flüchtigen Oele
+angibt, im Jahre 1884 zum ersten Mal aus deutschen Rosen
+drei Kilogramm Rosenöl gewonnen. Sie legten ausgedehnte
+<pb n='170'/><anchor id='Pg170'/>
+Rosenpflanzungen in Groß-Miltitz bei Leipzig an, und diese
+lieferten, außer anderen Erzeugnissen, im letzten Jahre (1894)
+42&nbsp;Kilogramm Rosenöl. Ich entnehme diese Angabe den Berichten,
+welche die genannte Firma alljährlich veröffentlicht und
+aus denen man nicht allein einen Begriff von der Großartigkeit
+des Betriebes in dieser Fabrik gewinnt, sondern auch über den
+rationellen Geist und das wissenschaftliche Streben, das sie bei
+ihren Unternehmungen leitet. Im Jahre 1893 erstreckte sich das
+Rosenfeld der Fabrik über zwanzig Hectare, an die sich weite
+Reseda- und Pfeffermünzculturen anschlossen. Zu diesen haben
+sich seitdem Estragon, Wermuth, Liebstock und Angelica gesellt.
+Aus je hundert Kilogramm frischer Rosen lassen sich zwanzig
+Gramm Rosenöl darstellen. Es wurden im letzten Jahre somit
+nicht weniger als 200&nbsp;000 Kilogramm Rosen auf Rosenöl verarbeitet.
+Das ist für eine einzige Fabrik schon eine sehr erhebliche
+Leistung, welche freilich gegen die Gesammtproduction des
+Rosenöls noch wenig in die Wagschale fällt. Denn das Hauptland
+dafür, Bulgarien, liefert jährlich allein gegen zweitausend
+Kilogramm Rosenöl.
+</p>
+
+<p>
+Das Palmarosaöl riecht nicht rein nach Rosen, es duftet
+vielmehr wie ein Gemisch von Rosen und Citronen. Fast rein
+rosenartig ist hingegen der Duft des Geraniumöls, das aus den
+Blättern des Rosen-Geraniums gewonnen wird. Davon kann
+man sich schon überzeugen, wenn man ein Blatt dieser Pflanze,
+die auch bei uns nicht selten in Töpfen cultivirt wird, zwischen
+den Fingern zerdrückt. Streng genommen hat man es nicht
+mit Geranien, sondern mit Pelargonien dabei zu thun, und
+zwar mit mehreren Arten derselben, hauptsächlich mit
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pelargonium
+ capitatum</name>,
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>odoratissimum</name> und
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>radula</name>. Die Art, welche
+an der Riviera gezogen wird, ist
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Pelargonium capitatum</name>.
+Gegen früher hat dort freilich diese Cultur jetzt sehr abgenommen,
+da der Wettbewerb mit Algier nicht auszuhalten ist. Man mäht
+an der Riviera die Pflanzen von Mitte August an bis Mitte
+September und liefert sie so frisch als möglich den Fabriken ab.
+<pb n='171'/><anchor id='Pg171'/>
+Die Firma Schimmel&nbsp;&amp;&nbsp;Co. erzielt jetzt bedeutende Erfolge mit
+Rosen-Geraniol. Sie destillirt reines Geraniol, das sie aus
+Citronella-Grasöl gewinnt, so lange über frisch gepflückten
+Rosen, bis es mit Rosenöl gesättigt ist und dann in der That
+dem Rosenöl fast entspricht.
+</p>
+
+<p>
+In den Gärten der Riviera begegnet man oft einer Verbene,
+der <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Verbena triphylla</name>
+oder <name type='taxonomic' rend='antiqua'>Lippia citriodora</name>,
+die auch als
+Citronelle oder Citronenkraut bezeichnet wird. Man findet
+diesen schönen Strauch schon in den Gärten an den italienischen
+Seen und hat wohl Gelegenheit, im Herbst die Rispen seiner
+violett angehauchten kleinen Blüthen zu sehen. Zerreibt man
+seine Blätter zwischen den Fingern, so verbreiten sie einen feinen
+Duft, der die Mitte zwischen Citronen, Melissen und Verbenen
+hält. Dieser aus Persien stammende Strauch wird auch in
+größerem Maßstab an manchen Orten der Riviera gezogen und
+aus seinen Blättern das echte Verbenaöl destillirt, das die Parfümisten
+sehr schätzen. Echtes Verbenaöl ist freilich sonst schwer
+zu haben und wird im Allgemeinen durch das Citronen-Grasöl
+ersetzt, das wir jener Grasgattung,
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Andropogon</name>, danken, deren
+Arten so viele wohlriechende Öle liefern. Das Citronen-Grasöl
+wird von
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Andropogon citratus</name>
+gewonnen, der jetzt besonders
+auf Ceylon und in Singapore angebaut wird. Weit ausgedehnter
+betreibt man an denselben Orten die Cultur des
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Andropogon
+nardus</name>, von dem das melissenartig riechende Citronella-Grasöl
+abstammt. Dieses findet für das Parfümiren der Seifen jetzt
+sehr starke Verwendung und bildet den Hauptbestandtheil des
+Parfüms der Honigseifen. Von dem Umfang der Citronella-Grasöl-Production
+geben die Berichte von Schimmel &amp; Co. eine
+Vorstellung, da diese Firma auf einmal Sendungen von 10&nbsp;000
+Kilogramm dieses Öles aus Ceylon erhält.
+</p>
+
+<p>
+Der Reseda entzieht man den Duft durch Enfleurage, dem
+Thymian, der Salbei, dem Rosmarin, dem Lavendel und der
+Melisse durch Destillation. Salbei, Thymian, Rosmarin und
+Lavendel werden an der Riviera kaum cultivirt; man pflückt
+<pb n='172'/><anchor id='Pg172'/>
+sie an ihrem natürlichen Standort, besonders am Fuße der
+Berge. In der Gegend von Agay zogen eines Tages vor uns
+Frauen auf der Straße mit großen Ladungen Thymian auf den
+Köpfen. Sie hatten ihn an den Abhängen des Esterel gesammelt.
+Der Wind blies in unserer Richtung und bildete
+einen Streifen von Duft, der sich über Hunderte von Schritten
+ausdehnte. Diese wild gewachsenen Pflanzen werden zwar auch
+vorwiegend in den Fabriken verarbeitet, zum Theil aber schon
+im Freien, gleich beim Einsammeln destillirt, in Apparaten, die
+man von Ort zu Ort befördert. Viel Rosmarinöl wandert von
+hier aus nach Köln, um bei der Darstellung von Kölnischem
+Wasser benutzt zu werden. Das
+<name rend='antiqua'>Eau de Cologne</name> enthält gelöst
+in 85&nbsp;% Weinspiritus gleiche Mengen gepreßtes Orangen-
+und Citronenschalenöl, fast ebenso viel Neroliöl, dann etwa halb
+so viel Bergamottöl, endlich, nochmals um die Hälfte weniger,
+Rosmarinöl. Man wird freilich nicht sofort gutes Kölnisches
+Wasser erhalten, auch dann nicht, wenn man nach bester Vorschrift
+die feinsten Oele in vorzüglichem Weinspiritus auflöst.
+Der Schmelz des Duftes stellt sich erst nach längerer Zeit ein.
+Praktische Erfahrungen hatte man in dieser Richtung schon
+lange gesammelt, in wissenschaftliche Erörterung wurde die
+Wirkung der Lagerung erst in den letzten Zeiten gezogen. Am
+Einfachsten zeigt sie sich zum Beispiel bei einem Schenkbranntwein,
+der durch Verdünnung von achtzigprocentigem Spiritus
+auf dreißigprocentigen gewonnen wurde. Solcher Schenkbranntwein,
+frisch dargestellt, mundet dem Trinkenden nicht, selbst wenn
+dieser nicht zu den größten Feinschmeckern gehört. Auch der
+Schenkbranntwein muß erst gelagert haben. Daß der Wein
+durch Lagerung seine »Blume« erhält, ist allgemein bekannt.
+Es findet also sicher bei der Lagerung eine gegenseitige chemische
+Einwirkung der gelösten Bestandtheile auf einander statt, und
+es müssen neue Verbindungen entstehen. Ihre Bildung erfordert
+völlige Ruhe und kann durch anhaltende Bewegung verhindert
+werden, ja es kommt vor, daß schon erzeugte Verbindungen dadurch
+<pb n='173'/><anchor id='Pg173'/>
+vorübergehend oder dauernd wieder zerstört werden. Nach
+der Ansicht von Prof.&nbsp;Knapp schließen diese Vorgänge an solche
+an, welche die organische Chemie als Addition, Substitution,
+Spaltung und dergleichen bezeichnet. Es müssen somit auch in
+gemischten Parfüms durch Lagerung erst diejenigen Verbindungen
+entstehen, welche das erwünschte Zusammenwirken der einzelnen
+Düfte bedingen. Der Ursprung des Kölnischen Wassers ist
+etwas fraglich; meist wird seine Erfindung Johann Maria
+Farina, einem Italiener aus Sancta Maria Maggiore bei
+Domo d'Ossola, zugeschrieben, der zu Anfang des vorigen
+Jahrhunderts in Köln einen Handel mit Parfüms und Colonialwaaren
+betrieb. Erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts
+gelangte das Kölnische Wasser zu allgemeiner Verbreitung und
+verdrängte das
+»<name rend='antiqua'>Eau de la reine de Hongrie</name>« oder Ungarwasser,
+welches ähnlich zusammengesetzt war, aber auch Rosenöl,
+Citronenöl, Citronellaöl und eine Spur Pfeffermünzöl enthielt.
+</p>
+
+<p>
+Bei unseren Wanderungen um Grasse sind wir Jasminpflanzungen
+am Häufigsten begegnet. Das zeigt, welche hohe
+Bedeutung dieser Pflanze für die dortigen Parfümfabriken zukommt.
+Meist waren die Jasminfelder an südlichen Abhängen
+terrassenförmig angelegt. Die gegen zwei Meter hohen, reich
+verzweigten, mit zusammengesetzten, immergrünen Blättern bedeckten
+Sträucher hatten auch vereinzelte Blüthen aufzuweisen
+und ließen sich als die aus Ostindien stammende Art
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Jasminum grandiflorum</name>
+bestimmen. Die Blüthen duften lieblich, sind ziemlich
+groß, rein weiß auf ihrer Innenseite, von Außen etwas
+roth angehaucht. Die eigentliche Blüthenzeit beginnt erst im
+Juli und dauert bis in den Oktober. Je tausend Stöcke liefern
+bis fünfzig Kilogramm Blüthen. Verarbeitet werden in Grasse
+davon bis 80&nbsp;000 Kilogramm, die einen Werth von 140&nbsp;000 Francs
+darstellen. Man entzieht den Blüthen ihren Duft durch Enfleurage;
+die Menge des Riechstoffes, den sie enthalten, ist aber
+so gering, daß man dieselbe Fettschicht bis fünfzig Mal mit
+neuen Blüthen bestreuen muß. Aus der Jasminpomade wird
+<pb n='174'/><anchor id='Pg174'/>
+mit feinstem Weingeist Jasminextract gewonnen. Die geschätztesten
+Taschentuchparfüms enthalten solchen Extract. Man stellt auch
+ein »<name lang='fr' rend='antiqua'>huile antique au Jasmin</name>«
+dar, indem man auf wollene,
+mit Olivenöl getränkte Zeuglappen zu wiederholten Malen frische
+Jasminblüthen streut und dann das Oel aus ihnen ausdrückt.
+Dieses Jasminöl ist in Frankreich sehr beliebt.
+</p>
+
+<p>
+Eine wichtige Rolle in der Parfümerie spielen auch die
+Blüthen der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia Farnesiana</name>,
+eines Bäumchens, das zu bewundern
+wir im La Mortola-Garten schon Gelegenheit hatten.
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Acacia Farnesiana</name>
+wird in Grasse nur in beschränktem Maße
+angebaut, liefert aber immerhin 30&ndash;40&nbsp;000 Kilogramm Blüthen
+im Jahre; große Pflanzungen dieser Art finden wir in Algerien.
+Die kugeligen, dunkelgelben Blüthenköpfchen, die
+»<name rend='antiqua'>Cassie</name>«, werden
+vom September bis in den December gepflückt, wozu jedoch viel
+Uebung und Geschick gehört, da die Pflanzen sehr dornig sind.
+Der zarte, veilchenartige Duft dieser Blüthen wird durch Enfleurage
+fixirt. Die gewonnene Essenz hat für die Zusammensetzung
+der »Bouquets« einen sehr hohen Werth.
+</p>
+
+<p>
+ Endlich darf auch die Tuberose
+ (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Polyanthes tuberosa</name>) nicht
+unerwähnt bleiben, dieses zu der Familie der Amaryllideen gehörende
+Knollengewächs, das man bei uns wegen seines starken
+Duftes und seiner schönen weißen Blüthen so gerne auf Blumentischen
+und in Blumensträußen sieht. Die Pflanze stammt aus
+Centralamerika; wir bekommen sie meist nur mit den gefüllten
+weißen Blüthen zu sehen, die besonders kräftig am Abend duften,
+wie es denn überhaupt eine weit verbreitete Erscheinung ist, daß
+Blüthen nicht um alle Tageszeiten gleich starken Duft verbreiten.
+Wer wird nicht bemerkt haben, daß die Daturen und Nicotianen,
+die Nachtviolen
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Hesperis matronalis</name>),
+die langblumige Wunderblume
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Mirabilis longiflora</name>)
+unserer Gärten am Tage fast gar
+nicht riechen, am Abend aber einen durchdringenden Duft aushauchen.
+Umgekehrt duften Seerose
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Nymphaea alba</name>), die
+Kürbisblüthe (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cucurbita Pepo</name>),
+die Ackerwinde (<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Convolvulus
+arvensis</name>) nur am Tage. Ein solches Verhalten hat für diese
+<pb n='175'/><anchor id='Pg175'/>
+Pflanzen Bedeutung, sie duften bei Nacht oder am Tage, je
+nachdem sie Nacht- oder Tagesinsecten zur Uebertragung ihres
+Blüthenstaubes brauchen. Sehr viele Tuberoseblüthen gehören
+dazu, um ein wenig Fett mit ihrem Duft zu sättigen; daher
+auch dieser Extract, wie so viele andere feine Parfüms, hoch im
+Preise steht. Bei uns könnte man den spanischen Flieder
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Syringa
+vulgaris</name>), statt der Tuberose verwenden, um ein sehr ähnliches
+Parfüm zu gewinnen, denn das Fett entzieht dem Flieder
+einen ganz entsprechenden Wohlgeruch.
+</p>
+
+<p>
+Es sind nicht die als Parfüme anerkannten Pflanzendüfte
+allein, deren sich die Parfümerie zu ihren Zwecken bedient. So
+kommt für manche Erzeugnisse auffälliger Weise der Gurkengeruch
+in Betracht. Man stellt zu diesem Zwecke eine Essenz
+her, und zwar indem man über frisch geschnittenen Gurkenscheiben
+mehrmals denselben Alkohol destillirt. Mit solcher Essenz
+wird Coldcream parfümirt und erhält durch dieselbe das frische
+Aroma, welches man an dieser Salbe schätzt.
+</p>
+
+<p>
+Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß ein ätherisches Oel
+auch aus dem Knoblauch durch Destillation gewonnen wird.
+Dieses Oel dient nun freilich nicht zum Parfümiren, so sehr
+man das auch manchmal in Südeuropa oder im Orient glauben
+könnte; wohl aber wird es innerlich als Mittel gegen Würmer
+eingenommen. Die Firma Schimmel&nbsp;&amp;&nbsp;Co., welche dieses, sowie
+überhaupt fast alle flüchtigen Oele, die irgend welche Anwendung
+gefunden haben, herstellt, empfiehlt das Knoblauchöl auch als
+Küchengewürz. Von dem concentrirten Duft dieses lieblichen
+Oeles wird man sich eine Vorstellung machen, wenn man sein
+Verhältniß zum Knoblauch selber erwägt: aus sechzehn Kilogramm
+Knoblauch werden nur zehn Gramm Oel gewonnen!
+</p>
+
+<p>
+Hingegen spielen Aetzammoniak, der sogenannte Salmiakgeist,
+und kohlensaures Ammoniak, trotz ihres ätzenden Geruchs
+in der Parfümerie eine nicht unwichtige Rolle. Sie dienen zur
+Herstellung der parfümirten Riechsalze. Auch der Geruch des
+Schnupftabaks rührt vornehmlich vom Ammoniak her, außerdem
+<pb n='176'/><anchor id='Pg176'/>
+werden die Schnupftabake häufig noch mit anderen wohlriechenden
+Körpern aromatisirt. Nicht minder wird Essigsäure in der
+Parfümerie verwendet, und ihre Eigenschaft, ätherische Oele zu
+lösen, benutzt, um parfümirte Essige darzustellen.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">XIII.</p>
+
+<p>
+Die ätherischen Oele wirken wie Gifte auf unseren Körper
+ein, wenn sie innerlich in großen Dosen oder zu häufig eingenommen
+werden. Daher auch der Mißbrauch mancher Liqueure
+nicht allein durch den Alcohol, den sie enthalten, sondern auch
+durch die flüchtigen Oele, mit denen sie parfümirt sind, nachtheilige
+Folgen bringt. Geradezu gefährlich kann das Kölnische
+Wasser werden, wenn es getrunken wird. Der Arzt kommt oft
+nur durch Zufall dahinter, daß eine solche stille, geheim gehaltene
+Neigung bei seiner Patientin die Ursache der räthselhaften
+Krankheitserscheinungen ist. &ndash; Viele, doch bei Weitem
+nicht alle flüchtigen Oele wirken, innerlich verordnet, antiseptisch,
+und werden besser von unserem Körper als von den niederen
+Organismen ertragen, die es oft in unserem Körper zu bekämpfen
+gilt. Daher die Benutzung mancher flüchtigen Oele zu ärztlichen
+Zwecken. &ndash; Die flüchtigen Oele nehmen Sauerstoff aus der
+Luft auf und erfahren dabei eine Oxydation. Bei manchen dieser
+Oele verläuft der Oxydationsvorgang sehr rasch und zwar um
+so rascher, je feiner sie in der Luft vertheilt werden. Licht und
+Feuchtigkeit fördern diesen Vorgang, bei welchem in der Luft
+das gasförmige Ozon oder das gleich wirksame flüssige Wasserstoffsuperoxyd
+entstehen. Ihnen ist der belebende Einfluß zuzuschreiben,
+den weingeistige Lösungen von flüchtigen Oelen, im
+Zimmer verstäubt auf die Athmenden ausüben. Besonders stellt
+sich diese Wirkung ein beim Verstäuben jener flüchtigen Oele,
+welche die Chemie als Terpene zusammenfaßt, weil sich diese an
+der Luft am schnellsten oxydiren.
+</p>
+
+<p>
+Physiologisch interessant ist es, an Parfüms die hohe
+Leistungsfähigkeit unseres Geruchssinns zu erproben. Einige
+<pb n='177'/><anchor id='Pg177'/>
+Milligramm Moschus reichen aus, um einen Raum, der häufig
+gelüftet wird, Jahre lang mit Moschusduft zu erfüllen. Wir
+riechen diesen Moschus, und doch kann er in jener Luft, die
+uns umgibt, nur in unnennbar geringen Mengen vorhanden
+sein. Directe Versuche, die Passy mit alkoholischen Lösungen
+stark riechender Substanzen anstellte, haben ergeben, daß fünfhundert
+Tausendstel eines Milligramms Vanillin ausreichen, um
+ein Liter Luft merklich zu parfümiren. Derselbe Effect wird
+schon mit fünf Tausendstel Milligramm Camphor erreicht; von
+dem künstlichen Moschus reichten gar fünf Millionstel eines
+Tausendstels Milligramm aus, um wahrgenommen zu werden.
+Will man diese Menge in Zahlen ausdrücken, so ergibt das
+0,000&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;005 Gramm. Dabei steht die Leistungsfähigkeit
+des Geruchssinns beim Menschen gegen diejenige vieler Thiere
+noch bedeutend nach.
+</p>
+
+<p rend="text-align:center">XIV.</p>
+
+<p>
+ »<title>Die Toiletten-Chemie</title>« von Heinrich Hirzel, ein Buch, dem
+ich auch sonst noch manche Belehrung verdanke, enthält die Angabe,
+daß Europa an flüssigen Parfüms allein jährlich über
+eine Million Liter verbraucht. An der Deckung dieses Bedarfs
+ist Grasse mit etwa 100&nbsp;000 Kilogramm Lavendelöl, halb so
+viel Thymianöl, 25&nbsp;000 Kilogramm Rosmarinöl, 2000 Kilogramm
+Neroliöl und sehr beträchtlichen Mengen anderer Oele
+und Extracte betheiligt. Nicht wenig wird Grasse in der Parfüm-Erzeugung
+durch das benachbarte Cannes unterstützt, das mehrere
+Parfümfabriken besitzt und Hunderte von Arbeitern in ihnen
+beschäftigt. Der Verbrauch an Parfüms in Europa, wiewohl
+immer noch groß, ist doch beträchtlich zurückgegangen und wird,
+wenn überhaupt, nur in discretester Weise geübt. So verhält
+es sich auch in anderen kühlen Ländern, während die heißen
+Erdstriche noch immer ein hohes Bedürfniß nach persönlichem
+Parfüm bekunden. Obenan in dieser Beziehung steht der Orient,
+dessen Leistungen trotzdem noch gegen diejenigen des classischen
+<pb n='178'/><anchor id='Pg178'/>
+Alterthums bedeutend zurückstehen. Bezeichnend für jene Zeit
+ist die Erzählung des Plinius, daß an Lucius Plocius der
+Duft zum Verräther geworden sei. Dieser Lucius Plocius,
+dessen Bruder Lucius Plancus zweimal das Consulat bekleidet
+hatte, wurde von den Triumvirn geächtet und mußte fliehen.
+Er verbarg sich im Salernitanischen, wo man ihn entdeckte,
+weil er so stark nach Salben roch. Er mußte den Tod erleiden,
+was Plinius nicht ohne einige Genugthuung erzählt, so empörte
+ihn der Mißbrauch, den man mit Parfüms damals trieb. Daß
+heute Jemand von wohlriechenden Salben und Oelen triefen
+sollte, wie es im Orient und in Griechenland zu alten Zeiten oft
+der Fall war, können wir uns kaum vorstellen. Wir empfinden
+eine entschiedene Abneigung selbst gegen fettige Hände und suchen
+solche möglichst rasch zu säubern. Oel oder Pomade werden
+allenfalls noch im <emph>Haar</emph> geduldet, sonst nur alkoholische Extracte
+benutzt. Im Alterthum parfümirte man sich hingegen ausschließlich
+mit duftenden Oelen. Das erste flüssige Parfüm, wie wir
+es jetzt benutzen, soll Mercutio Frangipani dargestellt haben, der
+ein von seinen Vorfahren erfundenes, aus Gewürzen und Moschus
+zusammengesetztes Riechpulver mit starkem Weingeist extrahirte.
+Dieser Frangipani gehörte einem römischen Adelsgeschlecht an,
+das sich im zwölften und dreizehnten Jahrhundert in den Kämpfen
+der Guelfen und Ghibellinen ausgezeichnet hatte. Daß die Neigung,
+sich mit Wohlgerüchen zu beschäftigen, in diesem Geschlechte
+fortlebte, geht aus der Angabe hervor, daß ein späterer Nachkomme
+der Frangipani in Frankreich, der Marquis de Frangipani,
+Feldmarschall unter Ludwig&nbsp;XIII., eine Art parfümirter
+Handschuhe einführte, die
+»<foreign lang='fr' rend='antiqua'>Gants à la Fragipane</foreign>« genannt
+wurden.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen lernten es von den Orientalen, ihren Körper
+mit duftenden Oelen einzusalben. Plinius möchte ohne Weiteres
+die Erfindung der wohlriechenden Salben den Persern zuschreiben.
+Ihr König Darius soll in seinem Trosse nicht weniger als vierzig
+Salbenbereiter geführt haben; sie geriethen in die Gewalt
+<pb n='179'/><anchor id='Pg179'/>
+Alexanders. Aus der Beute, welche dieser damals machte, stammte,
+nach Plinius, auch jener mit Gold, Perlen und Edelsteinen besetzte
+Salbenschrein, in welchem Alexander die Werke Homers
+aufbewahren ließ, damit, so sagte er, das werthvollste Werk des
+menschlichen Geistes auch die kostbarste Hülle erhalte. In
+Griechenland galt die Benutzung wohlriechender Salben immerhin
+als Verweichlichung; der echte Mann verpönte sie und rieb
+sich in den Gymnasien mit reinem Oele ein.
+</p>
+
+<p>
+Theophrast, Plinius und Dioscorides haben uns erzählt,
+wie die wohlriechenden Salben im Alterthum hergestellt wurden.
+Man mischte die Aromata mit den Oelen und erwärmte sie zusammen.
+Theophrast gab schon im dritten Jahrhundert v.&nbsp;Chr.
+an, man solle die Operation im Wasserbade vornehmen, um ein
+Anbrennen der Aromata zu verhindern. Als Oel diente vor
+Allem das der Olive, das man kunstvoll reinigte und bleichte,
+auch aus noch unreifen Früchten preßte, um es möglichst farblos
+zu erhalten. Außerdem wurde das Oel aus süßen und bitteren
+Mandeln, Sesamöl, Ricinusöl und Behenöl benutzt. Das letztere
+schätzte man ganz besonders, weil es geruchlos ist und nicht
+leicht ranzig wird. Auch heute würde man es zu Haarölen
+gern verwenden, wäre es nicht aus dem Handel so gut wie verschwunden.
+Der Baum, von dem man das Behenöl gewann,
+hieß im Alterthum
+<foreign rend='antiqua'>Balanos</foreign> oder
+<foreign rend='antiqua'>Myrobalanon</foreign>, somit Salbeneichel.
+Es ist die in Arabien und Aegypten einheimische
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Moringa
+aptera</name>, deren Früchte, die Behennüsse, durch Auspressen
+das Oel liefern.
+</p>
+
+<p>
+ Dioscorides warnt in seiner »<title rend='antiqua'>Materia medica</title>«,
+ einem
+Werk, das wohl um die Mitte des ersten Jahrhunderts n.&nbsp;Chr.
+erschien, vor jeder Spur Wasser, die im Oel zurückbleibt, und
+räth an, das Oel öfter umzugießen in Gefäße, die mit Honig
+und Salz bestrichen sind. Durch das Salz werde dann alles
+Wässerige dem Oele entzogen. &ndash; Myrrha und andere Balsame,
+Cardamomen, Calamus, Wurzelstock der Iris, duftende Blüthen
+und Früchte, wohlriechende Kräuter mußten ihre Aromata an
+<pb n='180'/><anchor id='Pg180'/>
+die Oele abgeben. Auch war die Eigenschaft thierischer Fette,
+sich mit Wohlgerüchen zu beladen, schon bekannt. Allgemeiner
+Verbreitung erfreute sich namentlich die Rosensalbe, deren Bereitung
+Dioscorides eingehend schildert. Man setzte den Salben
+meist Gummi und Harz hinzu, um sie zu färben und auch, wie
+es hieß, ihren Duft zu binden. Manche Salbe färbte man mit
+Drachenblut, dem blutrothen Harz des Drachenbaumes
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Dracaena
+ Draco</name>) oder mit
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Anchusa</name>,
+wohl dem Farbstoff, den wir aus
+der Wurzel der
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Anchusa tinctoria</name>,
+unserer Alkannawurzel, gewinnen.
+Letzterer wurde auch zum Färben des Rosenöls empfohlen.
+&ndash; Die Zahl der benutzten Salben wuchs ganz außerordentlich,
+oft mischte man sehr viele Substanzen in einer einzigen
+Salbe zusammen. Die ägyptische Salbe
+»<foreign rend='antiqua'>Metopium</foreign>« stellte man
+aus Bittermandelöl her und setzte
+»<foreign lang='la' rend='antiqua'>omphalium</foreign>,
+<foreign lang='la' rend='antiqua'>cardamomum</foreign>,
+<name lang='la' rend='antiqua'>juncum</name>,
+<name lang='la' rend='antiqua'>calamum</name>,
+<name lang='la' rend='antiqua'>mel</name>,
+<name lang='la' rend='antiqua'>vinum</name>,
+<name lang='la' rend='antiqua'>myrrham</name>,
+<name lang='la' rend='antiqua'>semen balsami</name>,
+<name lang='la' rend='antiqua'>galbanum</name>,
+<name lang='la' rend='antiqua'>resinam terebinthinam</name>«
+hinzu. Soweit die Bedeutung
+der Namen heute klar gelegt ist, enthielt somit diese Salbe,
+außer dem Bittermandelöl, das Oel unreifer Oliven, die flüchtigen
+Oele der Cardamomen, des wohlriechenden Geraniumgrases
+und des Kalmus, dann Honig, Wein, den Balsam des nordafrikanischen
+Baumes
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Balsamodendron myrrha</name>,
+Balsamkörner,
+d.&nbsp;h. den Balsam der erbsengroßen Früchte des arabischen
+Balsamstrauches
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Balsamodendron giliadense</name>,
+das Gummiharz
+eines persischen Doldengewächses,
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ferula galbaniflua</name>, endlich
+das Terpentin der
+<name rend='antiqua'>Terpentin-Pistazie</name>. Von dem Duft dieser
+Salbe kann man sich annähernd eine Vorstellung machen, sie
+muß vorwiegend nach bitteren Mandeln und Balsam gerochen
+haben. &ndash; Man bezog die Salben von den verschiedensten Orten,
+aus Aegypten, Delos, Mendesium, Corinth, Kilikia, Rhodos,
+Kypros, später auch aus Neapolis, Capua, Praeneste. Das
+wechselte je nach Geschmack und Mode. Die Salben waren zum
+Theil sehr theuer und beschäftigten ein ganzes Heer von Verfertigern
+und Verkäufern. In den Läden der Salbenhändler
+hielten sich die Müßiggänger auf. Man wählte beschattete Orte
+<pb n='181'/><anchor id='Pg181'/>
+zur Anlage solcher Läden, damit die Salben, die in Gefäße von
+Blei oder Stein eingeschlossen waren, von der Sonnengluth nicht
+litten. Der Stein, den wir Alabaster nennen, wurde viel für
+diese Gefäße verarbeitet, doch scheint die antike Bezeichnung
+<name>Alabastron</name>, wie Reinhold Sigismund in seinem Buch über die
+Aromata nachzuweisen sucht, sich mehr auf die Gestalt, als auf
+das Material der Salbengefäße bezogen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Bezeichnend für den Mißbrauch, der mit wohlriechenden
+Salben in Griechenland getrieben wurde, sind die zahlreichen,
+uns von Athenäus überlieferten Berichte. Er erzählt, daß die
+Schwelger in Athen jeden Theil ihres Körpers mit einer anderen
+Salbe einrieben. Aegyptische Salbe diente für Füße und
+Schenkel, phönikische Salbe für Kinnbacken und Brust,
+<name rend='antiqua'>Sisymbrion</name>-Salbe
+für die Arme, <name rend='antiqua'>Armaracon</name>-Salbe für Haar und
+Augenbrauen, <name>Serpyllos</name>-Salbe für Kinn und Nacken. Man
+kann sich vorstellen, wie so ein menschliches Wesen nach vollzogener
+Einsalbung geduftet haben mag. Denn die
+<name rend='antiqua'>Amaracon</name>-Salbe
+roch nach Majoran, die <name rend='antiqua'>Serpyllos</name>-Salbe nach Thymian,
+die <name rend='antiqua'>Sisymbrion</name>-Salbe wohl nach einer Minze, die ägyptische und
+phönikische nach Bittermandelöl und Balsamen. Das war ein
+ganzer Parfümladen! Dabei glänzte ein solcher Mensch von Fett
+an seinem ganzen Körper. &ndash; Ueber Demetrius Phalereus wird
+bei dem Symposion des Athenäus berichtet, er habe sich nicht
+nur den ganzen Körper gesalbt, sondern auch das Haupthaar
+noch gelb gefärbt, um verführerischer auszusehen. &ndash; Bei Trinkgelagen
+salbte man den Kopf, damit der Wein nicht in die Höhe
+steige; denn wenn der Kopf trocken ist, hatte Myronides gesagt,
+wandern die Dünste nach oben. Dazu kamen noch die Kränze,
+welche den Rausch verhindern, den Kopf kühl erhalten und den
+Kopfschmerz abwehren sollten. Das mögen die ursprünglichen
+Epheukränze gethan haben, schwerlich die später benutzten aus
+duftenden Blumen. Denn diese wurden aus Rosen, Lilien oder
+Violen (Goldlack und Levkoien) gewunden und von aufwartenden
+Dienern vielfach mit duftenden Salben noch besprengt. In
+<pb n='182'/><anchor id='Pg182'/>
+dem Symposion des Athenäus wird berichtet, daß bei den prunkvollen
+Aufzügen des Königs Antiochus Epiphanes auf Daphne
+zahlreiche Frauen mit goldenen Gefäßen einherschritten und aus
+diesen duftende Salben auf die Menge verspritzten. Derselbe
+König, den man später spottweise auch Epimanes, das heißt den
+Verrückten nannte, pflegte in öffentlichen Bädern zu erscheinen,
+wenn das ganze Volk dort versammelt war. Er salbte sich mit
+den köstlichsten Oelen. Da sagte denn Einer: »Wie glücklich
+bist Du, o&nbsp;König, daß Du so wohlriechende Parfüms benutzen
+und überall einen so angenehmen Duft verbreiten kannst.«
+Antiochus antwortete ihm nicht, ließ ihm aber am nächsten Tage
+nach dem Bade ein großes Gefäß mit Myrrhensalbe über den
+Kopf gießen. Nun wälzten sich auch Andere in dem verschütteten
+Oele, viele glitten aus und fielen zu Boden, sogar der König,
+was allgemeine Heiterkeit erregte. Dieser Antiochus muß allerdings
+recht excentrisch gewesen sein, denn auch die Geschenke, die
+er vertheilte, waren mehr als sonderbar. Dem Einen drückte er
+Knöchel, dem Anderen Datteln, noch Anderen Gold in die
+Hände.
+</p>
+
+<p>
+Die Lacedämonier, heißt es, hätten die Salbenhändler und
+die Färber aus Sparta verjagt, weil die Ersteren das Oel verdarben,
+die Letzteren die Wolle ihrer ursprünglichen Reinheit
+beraubten. Lykurg und Sokrates traten gegen den Mißbrauch
+wohlriechender Salben auf, erreichten aber eben so wenig, wie
+später in Rom die beiden Censoren Publius Licinius Crassus
+und Lucius Julius Cäsar, die, wie Plinius mittheilt, im Jahre
+189 v.&nbsp;Chr. ein Edict erließen, daß Niemand »exotische« Salben
+verkaufen solle.
+</p>
+
+<p>
+Die Haare und Kleider der Römerinnen verbreiteten, nach
+Plinius, so starke Düfte, daß sie schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit
+auf sich zogen. Daß sei um so thörichter, meint er,
+als dieser theuer erkaufte Genuß weit mehr Anderen zu Gute
+komme, als dem, der ihn bezahlt hat. Nicht minder beklagt
+auch Plutarch diese Salbenverschwendung. Er erzählt, wie bei
+<pb n='183'/><anchor id='Pg183'/>
+einem Gastmahl, das Salvius Otto dem Nero gab, von allen
+Seiten her kostbare Salben aus goldenen und silbernen Röhren
+flossen und die Gäste ganz durchnäßten. Juvenal spottet in
+seinen Satiren über Crispinus, den Günstling Domitians, daß
+er schon am Morgen mehr Amomumduft als zwei Leichenbegängnisse
+von sich aushauche. &ndash; Ein besonders lebendiges
+Bild aus Neronischer Zeit, das auch den Salbenluxus und die
+Vorliebe für Wohlgerüche zeigt, hat Petronius in dem Gastmahl
+des Trimalchio entworfen. Sind die Farben auch stark aufgetragen,
+so entspricht die Schilderung doch den damaligen
+Sitten, wie sie bei prahlerischen Emporkömmlingen sich besonders
+geltend machten. Während des üppigen, nicht endenwollenden
+Mahles, bei welchem die seltensten Speisen in kunstvoller Zubereitung
+aufgetragen werden, folgen die mannigfaltigsten Ueberraschungen
+aufeinander. Da plötzlich senkt sich von der Decke
+ein gewaltiger Reifen, an dem rund herum goldene Kränze nebst
+Flaschen wohlriechender Essenzen hängen. Sie sind als Geschenke
+für die Gäste bestimmt. Gegen Ende des Mahles wird die
+Ausgelassenheit groß, bis der trunkene Trimalchio auf den Einfall
+kommt, sich die Todtenkleider bringen zu lassen, in denen
+er wünscht, daß man ihn einst begrabe. Er befiehlt auch, wohlriechendes
+Wasser zu holen und eine Probe zum Kosten von
+jenem Wein, mit dem seine Gebeine gewaschen werden sollen.
+Er öffnet eine Flasche Nardenessenz, bestrich mit derselben seine
+Gäste und spricht die Hoffnung aus, dieser Wohlgeruch werde
+ihm nach dem Tode eben so gut thun, wie im Leben. &ndash;
+Petronius gehörte zu den Lieblingsautoren des vorigen Jahrhunderts;
+um die Mitte desselben hatte das »Gastmahl des
+Trimalchio«, wie ich Friedländers Einleitung zum Petronius
+entnehme, schon sechs französische Uebersetzungen aufzuweisen.
+Am Hofe von Hannover, im Carneval des Jahres 1702, wurde
+es sogar von fürstlichen Darstellern aufgeführt. Auf Wunsch
+der Königin Sophie Charlotte von Preußen mußte Leibniz der
+Fürstin von Hohenzollern-Hechingen diese Aufführung schildern,
+<pb n='184'/><anchor id='Pg184'/>
+was in einem französisch geschriebenen Brief vom 25.&nbsp;Februar
+1702 geschah.
+</p>
+
+<p>
+Gleicher Luxus mit Parfüms wie im Alterthum ist wohl
+zu keiner Zeit wieder getrieben worden, doch kamen sie an den
+Höfen von Frankreich und England zeitweise in hohe Gunst.
+In Frankreich geschah das zur Zeit der Renaissance unter dem
+Einfluß der italienischen Künstler, die Franz&nbsp;I. und Katharina
+von Medicis an ihren Hof zogen. Da wurde in parfümirten
+Pasten, Pomaden und duftenden Handschuhen vollauf geschwelgt.
+Die Cosmétiques kamen zu jener Zeit als Schönheitsmittel auf
+und riefen eine besondere cosmetische Literatur ins Leben. Daß
+Diana von Poitiers bis in das hohe Alter sich den Reiz der
+Jugend zu bewahren wußte, ungeachtet sie schon mit dreizehn
+Jahren an Ludwig von Breze, Großseneschal der Normandie,
+vermählt worden war, schrieb man cosmetischen Geheimmitteln
+zu, die ihr Paracelsus verrathen habe. Der Mißbrauch, der
+unter den Valois mit cosmetischen Mitteln getrieben wurde,
+rief eine Reaction gegen dieselben hervor; erst unter Ludwig&nbsp;XIII.
+wußte die schöne Anna von Oesterreich sie wieder in die Gunst
+des Hofes zu bringen. Da kamen die Pâtes d'Amandes, die
+verschiedenen Crêmes und Schminken auf, welche der Haut der
+Damen eine künstliche Färbung verliehen. Ludwig&nbsp;XIV. liebte
+die Cosmétiques nicht: ihr Gebrauch nahm ab, doch nur, um
+unter der Régence einen besonderen Aufschwung zu erfahren.
+Jetzt blühten Geheimmittel, welche die Jugend und Schönheit
+dauernd sichern sollten. Der berüchtigte Cagliostro nahm von
+der eben so berüchtigten Dubarry und von anderen Schönen
+nicht geringe Summen für solche Geheimmittel ein. Trotzdem
+schminkte man sich unter Ludwig&nbsp;XV. wieder weniger als
+zuvor und das
+»<name lang='fr' rend='antiqua'>rouge de Portugal en tasse</name>«
+röthete nicht so
+stark die Gesichter. Der Absatz an Schminke hielt sich immerhin
+auf bedeutender Höhe, so daß im Jahre 1780 eine Gesellschaft
+fünf Millionen Francs der Regierung für das Privilegium
+bot, ein Roth besonderer Güte allein verkaufen zu dürfen. Selbst
+<pb n='185'/><anchor id='Pg185'/>
+mit violetter Schminke versuchte man es in den Gärten des
+Palais Royal und hielt ganz Paris dadurch acht Tage lang
+in Aufregung. &ndash; Das hörte gegen Ende des Jahrhunderts,
+unter dem Einfluß von Marie Antoinette auf; die schreienden
+Farben verschwanden aus den Gesichtern, und zugleich verlor
+sich auch der Geschmack an starken Wohlgerüchen; das Zarte
+mußte sich jetzt mit dem Schwermüthigen, das Keusche mit dem
+Gefühlvollen im Aussehen der Frauen paaren: so gewann die
+Parfümerie jenes discrete Gepräge, welches ihr auch heute noch
+geblieben ist. Nur vorübergehend machte sich ein entgegengesetzter
+Einfluß der Kaiserin Josephine geltend, die als Creolin
+die starken Parfüms liebte. Napoleon&nbsp;I. selbst bediente sich
+nur des Kölnischen Wassers, das er sich jeden Morgen über
+Kopf und Schultern goß.
+</p>
+
+<p>
+Seit dem sechzehnten Jahrhundert war Frankreichs Geschmacksrichtung
+in der Parfümerie maßgebend für die anderen
+Völker, im siebzehnten Jahrhundert gelangte sie zur Alleinherrschaft
+zugleich mit den französischen Moden.
+</p>
+
+<p>
+Frankreich und England waren es vorwiegend, welche die
+Welt mit ihren Parfümerien versorgten. Nur dem Kölnischen
+Wasser gelang es, als Weltparfüm gegen die Producte dieser
+Länder aufzukommen. Jetzt erst beginnt Deutschland, wenn auch
+noch nicht in den »Bouquets«, so doch in den ungemischten
+Parfüms in die erste Stelle zu rücken. Die Leipziger Erzeugnisse
+haben in dieser Richtung einen ungeahnten Erfolg erreicht.
+Außerdem steht Deutschland obenan mit seinen chemischen Producten,
+die heute in so entscheidender Weise in die Parfümerie
+eingreifen. Ebenso liefert es vornehmlich der Welt jene antiseptisch
+wirksamen Stoffe, welche die Cosmétiques verdrängt
+haben und allein berufen sind, die Gesundheit des Körpers und
+damit auch die Schönheit des »Teint« in Zukunft zu wahren.
+</p>
+
+<p>
+Die Berge strahlten von allen Seiten Licht und Wärme
+auf die Blumenpflanzungen von Grasse zurück. Es wurde heiß
+<pb n='186'/><anchor id='Pg186'/>
+in der Stadt: feiner Staub stieg bei jedem Windhauch in
+dichten Wolken auf: es roch zu stark nach Santalholz in den
+Straßen, wir fühlten uns plötzlich reisemüde und traten den
+Heimweg nach dem Norden an.
+</p>
+<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" />
+</div>
+
+<pb n='187'/><anchor id='Pg187'/>
+<div rend="page-break-before: always">
+<index index="toc" />
+<index index="pdf" />
+<head>Frühjahr 1895.</head>
+
+<p rend='text-align:center'>I.</p>
+
+<p>
+Der Winter war so lang und so traurig im Norden gewesen,
+wir sehnten uns nach Wärme und nach Sonne. Doch
+auch vom Mittelmeer trafen unaufhörlich Hiobsposten ein: die
+Kälte hielt dort an, die Vegetation hatte gelitten, noch zu Anfang
+März fiel Schnee, der viele Orte der Riviera mit einem
+weißen Gewand bedeckte. Da, endlich, siegte die Frühlingssonne:
+wir erhielten günstige Nachricht, und waren einige Tage später
+in Cannes. Schon oben in den Alpen begrüßte uns der Frühling,
+mit leuchtendem Antlitz, mit einer Strahlenkrone ums
+Haupt. Die Fahrt in dieser sonnigen, zu neuem Leben erwachenden
+Natur, glich jetzt einem wahren Triumphzug. So
+kamen wir ans Mittelmeer.
+</p>
+
+<p>
+Im Norden schneit es noch immer, und dunkle Wolken
+decken dort den Himmel, hier aber glänzt die Sonne am blauen
+Firmament, sie spiegelt sich im Meere, und ihre Strahlen dringen
+in unser Inneres ein und lösen die grauen Nebel auf, die sich
+an dunklen Tagen dort angesammelt haben. Auch an der Riviera
+di Ponente mußten Pflanzen und Menschen von der ungewohnten
+Strenge dieses Winters leiden. Die meisten Pflanzen
+erholen sich wieder. Die gebräunten Bougainvilleen an den
+Häusermauern beginnen stellenweise auszutreiben, sie bilden carmoisinrothe
+Hochblätter in Büscheln an dem todten Laub. Der
+Heliotrop durchbricht mit seinen Sprossen den Boden, bald werden
+<pb n='188'/><anchor id='Pg188'/>
+frische lebhaft grüne Blätter an den Fächerpalmen die braun
+gefleckten alten ersetzen. &ndash; Auffällig gut haben die Acacien dem
+Schnee und der Kälte getrotzt, sie sind mit gelben Blüthen über
+und über bedeckt, wahre Blumensträuße in der sonst noch blumenarmen
+Landschaft. Denn die Vegetation ist gegen sonst sehr
+weit zurück, die Rosenstöcke weisen nur geschlossene Knospen auf,
+während sie sonst von Mitte Winter an hier im Blüthenschmuck
+prangen. Eine Rose ist in keinem der vielen Blumenläden von
+Cannes zu erblicken; man müßte sie wohl in den Gewächshäusern
+des Nordens bestellen; Weniger gut als so viele Pflanzen
+erholt sich der leidende Mensch, der hier in diesem letzten Winter
+Linderung, ja Genesung suchte. Tage lang mußte er in Räumen
+verweilen, die nur dürftig zu erheizen waren. Wie Manchem
+hat dieser Aufenthalt das Leben gekürzt. Schwerkranke sollten
+hierher überhaupt nicht geschickt werden.
+</p>
+
+<p rend='text-align:center'>II.</p>
+
+<p>
+Wir wollten nicht unten am Meere wohnen in den staubigen
+Theilen von Cannes; wir zogen den Abhang hinauf, der im
+Osten die Stadt beherrscht, zur Californie. Ueber den schönen
+Garten des Hôtel Californien hinweg blicken wir auf die Croisette,
+jene schmale Landzunge, welche den Golfe de la Nopoule vom
+Golfe Jouan scheidet. Weiter trifft unser Auge die Ile St.&nbsp;Marguerite,
+und bei Morgenbeleuchtung zeichnet sich jedes Haus in
+dem Fort ab, das diese Insel krönt. Von der Ile St.&nbsp;Honorat ist
+nur die Kirche sichtbar, im übrigen wird sie von ihrer Schwesterinsel
+verdeckt. Im Osten, über den blühenden Acacien, steigt
+an einem Hügel die alte Stadt Cannes empor. Sie gipfelt in
+ihrem alten Schlosse und bietet dem Auge ein malerisch bewegtes
+Profil. In weniger schöner Linie folgen die neuen Stadttheile der
+Bucht, doch diese Linie wird, von hier oben aus betrachtet, durch
+üppige Gärten der Hügel gebrochen und belebt. Besonders
+gerne ruht aber unser Blick auf den zackigen Umrissen des Esterel.
+Dorthin wendet sich unser Auge stets zuerst am Morgen, wenn
+<pb n='189'/><anchor id='Pg189'/>
+die Sonne die Gipfel der Berge vergoldet und jede Ortschaft
+sich blendend weiß am Fuße derselben zeichnet; dorthin schauen
+wir auch zuletzt am Abend, wenn die Sonne jenseits der langen
+Kette verschwindet, und ihre Strahlen sich wie ein leuchtender Fächer
+am Abendhimmel ausbreiten. Dann entzünden sich auch bald die
+Leuchtthürme längs der Küste, und schon in der Dämmerstunde
+flammt Cannes mit Tausend Lichtern auf. Dieses Schauspiel
+wiederholt sich jeden Abend, und wir wurden nicht müde, es zu
+betrachten.
+</p>
+
+<p>
+Zugleich beginnt das Concert der Laubfrösche rings um
+das Hôtel, jenes Concert, das Jeder kennt, der im Frühjahr
+die Riviera besuchte. In allen Wasserbehältern versammeln
+sich um diese Zeit jene Thierchen und locken sich aus der Ferne
+mit lauten Rufen an. Die auffallende Kraft des Tones wird
+dadurch ermöglicht, daß das Männchen die schwärzliche Haut
+seiner Kehle zu einer großen Schallblase auftreibt. Im Uebrigen
+leben diese zierlichen, lebhaft grün gefärbten Geschöpfe auf den
+Sträuchern und Bäumen. Es unterhielt uns, ihnen am Tage
+in dem Garten des Hôtels nachzuspüren, und dann auch
+festzustellen, wie sehr der Ton ihrer Färbung sich nach ihrer
+jeweiligen Umgebung richtet. Auf hellen Blättern sind sie
+hell, auf dunklen dunkel gefärbt und daher stets schwer zu erblicken.
+Es handelt sich auch thatsächlich bei diesem Farbenwechsel
+um eine Schutzvorrichtung, die sie den Augen ihrer
+Feinde entziehen soll. Andererseits werden sie auch nicht von
+der Beute bemerkt, auf die sie lauern. Es ist belustigend zu
+sehen, wie der Laubfrosch auf Insecten jagt, mit welchem Geschick
+er sie fängt und wie hoch er springt, um sie zu erfassen.
+</p>
+
+<p>
+Ungeachtet des Regens, der vor Kurzem reichlich gefallen
+war und trotz des täglichen Begießens, zeichnet sich die Straße,
+die von Cannes nach Antibes führt, von hier oben gesehen, meist
+wie ein langer Streifen von Staub zwischen den grünen Gärten
+aus. Besonders hoch steigt dieser Staub an den Nachmittagen
+<pb n='190'/><anchor id='Pg190'/>
+auf, wenn eine Equipage der anderen folgt und neue Staubwolken
+aufwirbelt. Dieser Staub, von zermalmtem Kalkstein
+stammend, ist wie Mehl so fein. Ueberall dringt er ein, er
+erhebt sich zu so bedeutender Höhe, daß er die angrenzenden
+Bäume bis in ihre Gipfel grau färbt. Diesen Staub athmen
+nun tagtäglich die vornehmen Gäste von Cannes ein, die meist
+nach dem Süden reisten, um ihre Lungen zu schonen. Derselbe
+Staub herrscht nun leider an vielen Orten der Riviera, überall dort,
+wo das Kalkgebirge bis an die Küste reicht. Doch wer zwingt
+auch den Kranken, sich auf den Landstraßen zu bewegen oder an
+denselben zu wohnen! &ndash; Ich kann den Staub nicht leiden,
+wenn ihn auch meine Lunge verträgt; glücklicher Weise ermüde
+ich aber auch nicht leicht beim Gehen und fühle mich wohler zu
+Fuß, als im Wagen. So war das Hôtel sehr günstig für
+mich gelegen. Auf Fußwegen lassen sich von demselben schon
+in kurzer Zeit Wälder und Maquis erreichen. Dort, auf den
+mit Kiefern bedeckten Gipfeln von
+»<name lang='fr' rend='antiqua'>la Maure</name>«, 250 Meter hoch
+über dem Meere, eröffneten sich die herrlichsten, überraschendsten
+Blicke in üppig grüne Thäler, nach den schneebedeckten Alpen
+und über die blaue Küste. Ganz besonders großartig erschienen
+in diesem Frühjahr die Seealpen. Der Schnee reichte tief an
+denselben hinab. Man wähnte oft Bilder aus dem Berner
+Oberland vor Augen zu haben, doch leuchtender, getaucht in
+den Glanz der italienischen Sonne. So weilte ich denn mit
+Vorliebe unter den Aleppo-Kiefern oben auf den Höhen von
+»<name lang='fr' rend='antiqua'>la Maure</name>«;
+doch mied ich grundsätzlich das
+»<name lang='fr' rend='antiqua'>Observatoire</name>«, den
+officiellen Aussichtspunkt, auf welchen am Nachmittag, auf
+staubiger Straße, die Wagen durch müde Pferde mühsam aufwärts
+gezogen werden. Dort ist ein Aussichtsthurm errichtet,
+von dem aus, gegen Zahlung, man die Natur bewundern kann.
+Meist ist man im Gedränge, und die Musik aus einer nahen
+Wirthschaft trägt dazu bei, die Stimmung zu erhöhen.
+</p>
+<pb n='191'/><anchor id='Pg191'/>
+
+<p rend='text-align:center'>III.</p>
+
+<p>
+ Beim Aufstieg zum
+ »<name lang='fr' rend='antiqua'>Observatoire</name>« schneidet man einen
+Kanal, der Cannes, Golfe Jouan und Antibes mit Wasser versorgt.
+Er führt das nämliche Wasser, das die Römer einst in
+Forum Julii tranken. Sie hatten oberhalb Grasse eine Quelle
+der Siagne gefaßt und führten das Wasser nach Fréjus in
+einem gedeckten Aquäduct, der auf seinem Wege einen 50 Meter
+langen Tunnel, den Tunnel von Roquetaillado, zu durchsetzen
+hatte. Der moderne Wasserkanal, der in der Richtung von
+Cannes läuft, steht der römischen Wasserleitung entschieden nach,
+denn er ist unbedeckt und vor Verunreinigungen somit nicht geschützt.
+Man kann von La Maure aus diesem Kanal in nordwestlicher
+Richtung meilenweit folgen. Ein Fußweg führt an
+demselben entlang. Er steigt ganz unmerklich auf, so daß man
+fast eben zu gehen meint. In weiten Bogenlinien zieht er sich
+längs der Berge hin und bietet wechselvolle Ausblicke auf Cannes
+und das Esterel. Alsbald befindet man sich über Le Cannet,
+einem Dorfe, das nördlich von Cannes, drei Kilometer entfernt
+vom Meere liegt und durch nahe Hügel ganz besonders gut
+gegen Winde geschützt wird. Man schaut da auf große Hôtels
+hinab, denn Le Cannet ist Station für solche Kranke, die nicht
+am Meere weilen sollen, weil ihnen die Seebrise angeblich
+Schaden bringt. Noch weiter gen Norden krönt Mougins einen
+260 Meter hohen, isolirten Hügel; ein malerischer Ort, dessen
+compacte Häusermasse nur von spärlichen Fenstern nach außen
+durchbrochen wird. Dorthin sollen sich einst die Oxybier zurückgezogen
+haben, als die Römer die Küste besetzten. Nur eine
+halbe Stunde Weges trennt Mougins von dem Thurme von
+Castellaras, der die umfassendste Aussicht auf die Alpenkette
+bietet.
+</p>
+
+<p>
+Von dem Wege am Wasserkanal kann man alle jene Hügel
+ersteigen, welche Le Cannet von Vallauris trennen. Von da
+oben sieht man jenseits von Mougins, am Fuß der grauen
+<pb n='192'/><anchor id='Pg192'/>
+Kalkalpen, Grasse im Sonnenlichte glänzen; unten im Kessel,
+nach Osten zu, breitet sich Vallauris aus. Weiter sieht man
+Golfe Jouan, Antibes, Nizza, die Küste bis in neblige Fernen
+und oberhalb der Berge die Vallauris schützen, als herrlichsten
+Abschluß des Bildes, die Schneemassen um den Col di Tenda.
+Dort baut Italien seit Jahren eine Eisenbahn, welche Turin
+mit Ventimiglia verbinden soll. Die Bahn ist fertig von Turin
+bis zum nördlichen Abhang des Passes, dem Orte Limone.
+Unter dem Col di Tenda läuft jetzt schon ein langer Tunnel,
+der den Verkehr der Wagen erleichtert. Dann beginnt das
+Thal der Roja, das bei Ventimiglia das Meer erreicht. Der
+mittlere Theil dieses Thales ist im Besitze Frankreichs. Ihn
+soll die Bahn umgehen, und das verursacht bedeutende Kosten.
+Daher die Arbeiten langsam fortschreiten und die Vollendung
+der Bahn sich noch kaum absehen läßt. Einst wird diese Bahn
+ein herrliches Stück Land dem Verkehr eröffnen; denn die Gola
+di Gandarena, in welcher die Roja zwischen himmelstürmenden
+Felsenmauern fließt, ist nicht minder großartig wie die Via
+mala. Bis jetzt war dieser gewaltige Engpaß, einer der imposantesten
+der Alpen, nur Jenen bekannt, welche den kleinen Badeort
+St.&nbsp;Dalmazzo di Tenda zur warmen Jahreszeit besuchten,
+oder die es gar unternahmen, allen Schneemassen zum Trotz,
+schon im Frühjahr die Fahrt über den Col di Tenda zu unternehmen.
+Das haben wir einmal gethan und einen unvergeßlichen
+Eindruck davon getragen. Ist einmal die Bahn von Cuneo bis
+Ventimiglia in Betrieb, dann bildet sie zugleich die kürzeste Verbindung
+zwischen der südlichen Schweiz und den Kurorten der
+Riviera di Ponente. Die Straße über den Col di Tenda ist
+aber die älteste, die jemals den Gallischen Strand mit den
+Ebenen des nördlichen Italien verband. Sie existirte schon
+tausend Jahre vor Christus, zählt somit jetzt achtundzwanzig
+Jahrhunderte und hieß die tyrrhenische Straße.
+</p>
+
+<p>
+Der Ort Vallauris, so unscheinbar er auch ist, hat es verstanden,
+jetzt eine gewisse Berühmtheit zu erlangen. Er dankt
+<pb n='193'/><anchor id='Pg193'/>
+sie seinem farbigen Halbporzellan, seinen
+»<name lang='fr' rend='antiqua'>Faïences d'art</name>«, die
+nicht nur an der Riviera, sondern in allen größeren europäischen
+Städten jetzt die Schaufenster der Läden zieren. Es sind das
+Thonwaaren mit Zinnglasur, die im starken Feuer gebrannt
+werden. Die Familie Massier beherrscht diese Industrie. Ueberall
+liest man diesen Namen über den Lagern und über den Fabriken.
+Den Fremden, die auf der staubigen Landstraße zwischen Cannes
+und Antibes umherfahren, fällt das große Lager im Orte Golfe
+Jouan am meisten in die Augen durch seinen mit bunter Fayence
+verzierten oder verunzierten Garten.
+</p>
+
+<p>
+Bietet Vallauris als Ort auch nur wenig, so bleiben doch
+die Ausflüge anziehend, die man über die Höhen in dieser
+Richtung unternehmen kann. Von Vallauris geht man durch
+eine anmuthige Schlucht hinab nach Golfe Jouan oder durch
+den Wald, am Abhang der Berge, über Cannes-Eden, unmittelbar
+nach Cannes. Vielfach begegnet man hier in den Wäldern
+noch Korkeichen, die weiter nach Osten ganz fehlen. Es hängt
+das mit den Bodenverhältnissen zusammen, da Glimmerschiefer
+und Gneis stellenweise bei Cannes noch an die Oberfläche
+treten und dann die gleichen Vegetationsbedingungen schaffen,
+wie sie im Maurengebirge gegeben sind.
+</p>
+
+<p rend='text-align:center'>IV.</p>
+
+<p>
+Von der äußersten Spitze der Croisette ist die Insel
+St.&nbsp;Marguerite kaum anderthalb Kilometer entfernt. In zwanzig
+Minuten kann man sie mit dem Boote erreichen. Zweimal am
+Tage verkehrt auch ein kleiner Dampfer zwischen dem Hafen von
+Cannes und den Lerinischen Inseln. Er berührt sie beide, und man
+kann den Ausflug über die Mittagsstunden ausdehnen, wenn
+man den ersten Dampfer zur Hinfahrt, den zweiten zur Rückfahrt
+benutzt. &ndash; Wir wollten die Abendbeleuchtung der Küste
+von den Lerinischen Inseln aus bewundern und nahmen am Nachmittag
+ein Boot an der Croisette. Voller Sonnenschein füllte
+den Himmel mit einem Uebermaß von Licht und ließ das glatte
+<pb n='194'/><anchor id='Pg194'/>
+Meer gleich einer metallenen Platte erglänzen. Ein bläulicher
+Dunst lag auf der Wasserfläche. Die gegenüberliegende Insel
+rückte immer näher. Scharf zeichneten sich auf ihr die Mauern,
+die das Fort umgeben, welches einst Richelieu erbaute. Oestlich
+über den Felsen blicken aus der Mauer die Fenster jenes berüchtigten
+Gefängnisses hervor, das sonderbarer Weise so oft
+schon die Gedanken der Menschen auf sich zu lenken wußte.
+Da war der mysteriöse Gefangene eingeschlossen, der als »Mann
+mit der eisernen Maske« die Historiker und Romanschreiber oft
+beschäftigt hat. Man nimmt jetzt meist an, es sei das Hercules
+Anthony Matthioli gewesen, ein Bologneser vom alten Geschlecht,
+der den Haß Ludwig&nbsp;XIV. sich zugezogen hatte. Matthioli
+sollte bei Ferdinand Carl&nbsp;IV. von Mantua, dem letzten Herzog
+aus dem Hause Gonzaga, den Verkauf der Festung Casale
+Monferrato an Frankreich vermitteln. Nach der Eroberung der
+Festung Pinerolo beherrschten die Franzosen den Zugang zum
+Piemont; ihnen hätte der Besitz von Casale auch die fruchtbare
+Ebene von Mailand eröffnet. Matthioli, der Senator von
+Mantua war und das Vertrauen seines Fürsten besaß, ließ sich
+für den Plan gewinnen. Ludwig&nbsp;XIV. empfing ihn an seinem
+Hofe mit großen Ehren und zeichnete ihn durch ein kostbares
+Geschenk aus. Dessen ungeachtet verrieth Matthioli die französischen
+Pläne an Oesterreich und brachte sie so zum Scheitern. Ludwig&nbsp;XIV.
+erfüllte das mit Zorn. Es gelang ihm, Matthioli über die Grenzen
+von Turin zu locken. Er wurde dort überfallen, gefangen
+genommen und in Fesseln gelegt. Man kerkerte ihn ein, zunächst
+in Pinerolo, dann in jenem Gefängniß auf St.&nbsp;Marguerite.
+Da der internationale Rechtsbruch geheim bleiben mußte, war
+es dem Gefangenen unter Androhung des Todes verboten, sein
+Gesicht zu zeigen: er trug eine Maske, die thatsächlich aber nicht
+von Eisen, sondern von schwarzem Sammet war. Im Jahre
+1687 kam Matthioli auf die Insel, um zehn Jahre später dem
+Gouverneur der Festung, dem berüchtigten St.&nbsp;Mars, nach der
+Bastille zu folgen. Dort starb er am 19.&nbsp;November 1703. &ndash;
+<pb n='195'/><anchor id='Pg195'/>
+Es heißt, daß nach der Revocation des Edictes von Nantes
+durch Ludwig&nbsp;XIV. auch protestantische Geistliche in diesem
+Gefängniß geschmachtet hätten. Napoleon&nbsp;I. setzte umgekehrt
+einen katholischen Geistlichen, de Broglie, Bischof von Gent,
+hier ein. Dann gab es weniger vornehme Gefangene, Mamelucken
+und dergleichen, erst die Einkerkerung Bazaines an dieser
+Stelle zog wieder die Blicke der Welt auf St.&nbsp;Marguerite.
+Bazaine gelang es zu entkommen. Seine Frau, eine noch junge
+Spanierin, und sein früherer Adjutant Willette, der ihn nach
+St.&nbsp;Marguerite begleitet hatte, ermöglichten seine Flucht. Er
+ließ sich des Nachts am Seil längs der Felsen nieder und erwartete
+unten in zerfetzten Kleidern, mit wunden Händen und
+blutigem Gesicht, seine Frau. Das stürmende Meer verhinderte
+die Landung des Bootes, das ihn abholen sollte; er mußte
+sich in das Meer werfen, um es zu erreichen. &ndash; Heut war es
+an diesen Felsen so still, wie auf einem See, und wir landeten
+ohne Mühe an dem steinigen Ufer. &ndash; Der Besuch der
+Festung lohnt kaum, will man sich nicht etwa an der außerordentlichen
+Dicke der Mauern und an dem dreifachen Gitter
+des einzigen Gefängnißfensters erbauen. Durch dieses Fenster
+hätte Bazaine nicht entkommen können. Er benutzte die mangelhafte
+Aufsicht, um gegen Abend seine noch offene Zelle zu verlassen.
+Er verbarg sich im Gefängnißhofe, während seine Zelle
+zur Nacht leer verschlossen wurde.
+</p>
+
+<p>
+Wir zogen in den schönen Kiefernwald, der den größten
+Theil der Insel deckt, und lagerten dort unter den Bäumen.
+Die Aussicht landeinwärts ist derjenigen ähnlich, die man von
+Antibes aus genießt. Nur steigt das Vorgebirge in größerer
+Nähe auf, und das Bild wirkt heiterer durch die große Nähe
+von Cannes. Die Schneemassen der Alpen scheinen in der Ferne
+fast in der Luft zu schweben, gehüllt in jenen leuchtend azurenen
+Nebel, der dem provençalischen Himmel eigen ist. Von der
+blauen Fläche des Meeres und den grünen Hügeln der Küste
+<pb n='196'/><anchor id='Pg196'/>
+steigt so das Bild in Stufen, bis zu den schneebedeckten Riesen
+der Alpenwelt empor, in großartig eindrucksvollem Contrast.
+</p>
+
+<p>
+Wir ziehen nun quer durch den Wald, nach der entgegengesetzten
+Seite der Insel, wo uns das Boot erwartet. Jetzt
+liegt dicht vor uns die Ile St.&nbsp;Honorat. Es ist nur ein enger
+Meeresarm, der beide Inseln trennt, doch ein Meeresarm,
+erfüllt mit gefahrbringenden Felsen, die kaum von den Wellen
+des Meeres gedeckt werden.
+</p>
+
+<p>
+Die Ile St.&nbsp;Honorat hieß bei den Römern Lerina. Der
+heilige Honoratus zog von seiner Einsiedelei im Esterel zu Anfang
+des fünften Jahrhunderts nach dieser Insel hin. Er fand
+sie, so berichtet die Sage, mit giftigen Schlangen erfüllt, unter
+denen zu leben fast unmöglich schien. Doch der Heilige bestieg
+eine Palme und vertrieb die Schlangen durch den großen Bannfluch,
+den er über sie aussprach. Zu St.&nbsp;Honoratus gesellte sich
+bald der greise Caprasius, den spätere Zeiten auch als Heiligen
+anerkannten. Es strömten von allen Seiten Anhänger herbei,
+und das errichtete Kloster hatte bald bedeutenden Ruhm erlangt.
+Der heilige Vincenz, einer der hervorragendsten Mönche von
+Lérin, verfaßte dort das Commonitorium gegen die Irrlehre,
+ein Werk, das man auch in unserer Zeit im Streit um das
+Unfehlbarkeitsdogma öfters citirte, im Besonderen den Satz:
+»Was immer, was überall, was von Allen geglaubt worden
+ist, das ist wahrhaft katholisch.« Dem Kloster gehörten auch
+an: St.&nbsp;Hilarius, der wie St.&nbsp;Honoratus später Bischof von
+Arles wurde, ebenso St.&nbsp;Maximus, der den Bischofssitz von
+Fréjus bestieg, dann Faustus, Bischof von Reji, der zu den
+Heiligen zwar gezählt, dessen Rechtgläubigkeit aber vielfach angezweifelt
+wurde; dann St.&nbsp;Salvian, St.&nbsp;Valerian, auch die
+beiden Söhne des heiligen Eucharius: St.&nbsp;Veranius und
+St.&nbsp;Salonius und viele Andere. Von der kleinen Insel Lerina,
+die St.&nbsp;Honoré nach dem Begründer ihres Klosters benannt
+wurde, gingen nicht weniger als zwölf heilige Erzbischöfe, zwölf
+heilige Bischöfe, zwölf heilige Aebte und vier heilige Mönche
+<pb n='197'/><anchor id='Pg197'/>
+hervor. »O gesegnete Einsiedelei, o dreimal glückliche Insel,
+die du so viel Sprößlinge des Himmels erzogen hast!«
+<q lang='la' rend='antiqua'>Beata
+et felix insula Lyrinensis &hellip;!</q> rief daher schon im Jahre 542
+der Erzbischof von Arles, Caesarius, der Sohn des Grafen
+von Chalon, bei seinem Tode aus. Zu Ehren aller dieser
+Heiligen wurde am 15.&nbsp;Mai ein eigenes Fest, das der Allerheiligen
+von Lerina, gefeiert. Um das Jahr 690 zählte das
+Kloster über 3700 Mönche. Wie mögen sie nur alle Platz gefunden
+haben auf der kleinen Insel, die nur etwa tausend
+Schritte lang und vierhundert Schritte breit ist! Dieses rasche
+Aufblühen des Klosters trug die Keime des Verfalles auch in
+sich; die asketische Lebensweise schwand immer mehr. &ndash; Zur
+Zeit, da der heilige Caesarius dem Kloster als Mönch angehörte,
+waren die Ordensregeln äußerst streng. Jeder Mönch bewohnte
+getrennt seine Zelle: es gab weder ein Schlafgemach noch eine
+Küche. St.&nbsp;Caesarius ernährte sich von Kräutern und von
+Brühen, die er sich am Sonntag für den Bedarf der ganzen
+Woche kochte. Das änderte sich später, und schon zu Ende des
+siebenten Jahrhunderts mußten, wie der Abt Disdier erzählt,
+die Päpste eingreifen, um der Zügellosigkeit der Sitten unter
+den Mönchen zu steuern. &ndash; Der heilige Aigulf, hieher gesandt,
+um strenge Zucht im Kloster einzuführen und die Mönche zu
+besserem Lebenswandel zu bekehren, wurde von ihnen verstümmelt
+und Seeräubern übergeben. &ndash; Dann aber kamen die Saracenen.
+Sie plünderten im Jahre 732 das Kloster und mordeten alle
+seine Bewohner. Nur St.&nbsp;Eleutherius blieb am Leben, verborgen
+in einem unzugänglichen Felsenspalt, in dem er acht
+Tage lang von Wurzeln und Seethieren sich nährte. Das
+Kloster blühte noch mehrfach auf, doch die alte Sicherheit und
+Ruhe waren von der Insel geschwunden, so daß der Abt Adalbert
+im Jahre 1073 einen starken viereckigen Thurm erbauen ließ,
+der vom Strande aus gegen Afrika schaut und dauernd das
+Meer überwachte. Der Thurm war geräumig genug, um alle
+Mönche aufzunehmen; sie konnten die Klosterschätze darin bergen,
+<pb n='198'/><anchor id='Pg198'/>
+dort auch sich wirksam gegen die alten Feinde, Seeräuber und
+Saracenen, vertheidigen. So kam es, daß das Kloster nicht
+nur fortbestehen, sondern auch glänzende Zeiten erleben konnte:
+es hatte noch manchen geistig hochstehenden Abt aufzuweisen.
+Im sechzehnten Jahrhundert besaß es eines der reichsten
+Sanctuarien, und seine Bibliothek war weit berühmt. Im
+siebzehnten Jahrhundert, unter dem Pontificat Gregor&nbsp;XV. begann
+es endgültig zu verfallen. Als es im Jahre 1788 säcularisirt
+wurde, zählte es nur noch vier Mönche. Man vertheilte
+die Klosterschätze an die Kirchen der benachbarten Regionen.
+Viele Kostbarkeiten verschwanden während der französischen Revolution,
+so ein silberner Reliquienschrein, der die Ueberreste
+des heiligen Honoratus enthielt und nach Cannes gekommen
+war. Dieser kunstvoll gearbeitete Reliquienschrein stammte von
+Franz&nbsp;I., der nach der Schlacht von Pavia als Gefangener die
+Nacht vom&nbsp;21. auf den 22.&nbsp;Juni 1525 im Kloster zugebracht
+hatte. Im Jahre 1791 wurde das Kloster versteigert und ging,
+eigen genug, in den Besitz einer Schauspielerin über. Es war
+das Fräulein Alziary de Roquefort, die unter dem Namen
+Sainval an der
+<name lang='fr' rend='antiqua'>Comédie française</name>
+glänzende Triumphe gefeiert
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die Insel St.&nbsp;Marguerite hieß bei den Römern Lero.
+Strabon erzählt, daß ein Heroentempel diese Insel schmückte
+und daß die Ligurischen Piraten dort Opfer darbrachten. Den
+Namen St.&nbsp;Marguerite, den jetzt die Insel führt, sucht eine
+Sage mit dem Namen der Schwester des heiligen Honoratus zu
+verknüpfen. Von Sehnsucht getrieben, so wird erzählt, kam
+Margarethe nach Lerina und fiel dem Bruder zu Füßen. Die
+Ordensregel schloß die Anwesenheit von Frauen auf Lerina aus.
+Daher St.&nbsp;Honoratus die Schwester nach der Insel Lero brachte,
+wo sie verblieb und Aebtissin wurde. Margarethe nahm unter
+einem blühenden Kirschbaum von dem Bruder Abschied, und er
+mußte ihr versprechen, daß er sie besuchen würde, so oft
+dieser Kirschbaum blühe. Die Heilige erwirkte dann durch ihr
+<pb n='199'/><anchor id='Pg199'/>
+Gebet, daß der Kirschbaum allmonatlich in Blüthenschmuck
+prangte.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt gibt es wieder Mönche im Kloster St.&nbsp;Honorat. Das
+Bisthum von Fréjus hat das Kloster im Jahre 1859 erworben,
+und zehn Jahre später zogen die Cistercienser hierher. Im
+weißen Gewande, mit schwarzer Kapuze, schwarzem Gurt und
+Scapulier schreiten sie in dem Kloster einher. Frauen ist der
+Zutritt untersagt, doch viel verlieren sie nicht durch dieses Verbot,
+denn von den älteren Theilen des Klosters blieb fast nichts
+erhalten, und die Kirche in demselben ist ganz neuen Ursprungs.
+Weit höheres Interesse beansprucht das außerhalb des Klosters
+am Meeresstrande aufgebaute, auch den Frauen zugängliche
+Kastell. Ein mächtiger Bau aus Quadersteinen, der den Angriffen
+der Zeit getrotzt hat. Nur von wenigen Fenstern nach
+außen durchbrochen, mit Zinnen besetzt, trägt es deutlich seine
+einstige Bestimmung zur Schau. Besonders stimmungsvoll hebt
+sich dieses dunkle Kastell von dem blauen Hintergrund des Meeres
+ab, wenn es aus einiger Entfernung betrachtet wird, und dunkelgrüne,
+über den Strand geneigte Kiefern dasselbe umrahmen.
+Im Innern birgt das Kastell alle jene Räume, die zu einem
+längeren Aufenthalt der Mönche nothwendig waren: zahlreiche
+Zellen und ein Refectorium, eine Capelle und eine Bibliothek,
+vor allem auch eine Cisterne. Diese Cisterne, ganz alter Construction,
+nimmt die Mitte des offenen Hofes ein; Säulengänge,
+in mehreren Stockwerken, steigen im Umkreis auf. Eingestürzte
+Gewölbe, halbverschüttete Räume, verborgene Treppen, die in
+unterirdische Räume führen, folgen aufeinander und durchschneiden
+sich in sinnverwirrender Weise. Die Burg ist Kloster und Festung
+zugleich, so recht ein Product jener Zeit, wo das Kreuz und das
+Schwert oft von derselben Hand geführt wurden, einer leidenschaftlich
+erregten Zeit, stark und starr in ihrer Ueberzeugungskraft,
+der es an schöpferischer That und eigenartiger Poesie
+nicht fehlte. Auf einer Wendeltreppe besteigt man den Thurm,
+von dem aus sich eine herrliche Aussicht entfaltet. Man sieht
+<pb n='200'/><anchor id='Pg200'/>
+hinab auf die Lerinischen Inseln, die wie grüne Flöße auf dem
+Meere schwimmen, und überblickt die ganze weite Küste von
+St.&nbsp;Tropez bis zu den Bergen von Bordighera. Die Insel
+St.&nbsp;Honorat ist viel kleiner als ihre Schwester; daß der heilige
+Honoratus sie dessenungeachtet zur Anlage seines Klosters erwählte,
+war durch die Quelle bedingt, die sie birgt.
+</p>
+
+<p>
+Zerklüftete Felsen ragen in der Nähe des Kastells aus dem
+Meer hervor. Sie heißen die Mönche und bilden einen natürlichen
+Schutz für die Insel. An ihnen bricht sich die Macht der
+Wellen, wenn der Südsturm das Meer gegen die Insel treibt.
+Einige Capellen schmücken den Strand, Ueberreste aus alter Zeit;
+Marmorfragmente von Säulen und Capitälen sind zwischen
+Myrten und Lentisken aufzufinden und mahnen an frühere
+Pracht. Fünfzehn Jahrhunderte lang beherrschten die Mönche
+diese Inseln sowie auch das gegenüberliegende Festland, jetzt gilt
+ihre Fürsorge vor allem einem Waisenhaus, das in dem Kloster
+errichtet wurde und in welchem die Knaben verschiedene Gewerbe
+erlernen. In diesem Waisenhause befindet sich auch eine
+Druckerei, in welcher alte kirchliche Werke neu edirt werden.
+So hat die Druckerei von Lerin dem Papst Leo&nbsp;XIII. zu seinem
+Jubiläum ein reich verziertes Werk überreicht, welches das
+Magnificat in »hundertfünfzig« Sprachen enthielt.
+</p>
+
+<p>
+Oestlich von der Insel St.&nbsp;Honorat liegt die kleine Felseninsel
+St.&nbsp;Féréol. Während die beiden größeren Lerinischen
+Inseln durch Legende und Geschichte wie mit einem Heiligenschein
+umgeben werden, bildete sich eine seltsame, fast dämonische Mythe
+um St.&nbsp;Féréol aus. Es hieß, und heißt noch vielfach, daß auf
+St.&nbsp;Féréol das Grab von Paganini sich befunden habe. Diese
+Angabe ist in französischen Werken verbreitet. Sie führen an,
+Paganini sei in Nizza, im Mai 1840, an der Cholera verschieden;
+sein Sohn Achille habe die Leiche auf einem Schiffe
+nach Genua geführt, um den Vater an dessen Geburtsorte zu
+bestatten. Die Geistlichkeit verweigerte aber das Begräbniß dem
+Manne, von dem es hieß, er habe sich dem Satan verschrieben.
+<pb n='201'/><anchor id='Pg201'/>
+Auch das Municipio ließ die Ausschiffung des Körpers wegen
+Choleragefahr nicht zu. So versuchte der Sohn in Marseille
+zu landen, doch wieder ohne Erfolg. Als er auch in Cannes
+abgewiesen wurde, entschloß er sich, den Sarg des Nachts auf
+die kleine unbewohnte Insel zu bringen und dort, von Stürmen
+oft umbraust, hat der Todte fünf Jahre lang gelegen. Erst im
+Mai 1845 kehrte der Sohn wieder, nachdem es ihm gestattet worden
+war, den Vater zu begraben an der Kirche von Gajona bei
+Parma, unfern der Villa, die Paganini dort erworben hatte.
+Diese Erzählung kam mir schon einmal in den Sinn, als ich in
+dem herrlichen
+<name lang='it' rend='antiqua'>Pallazzo Doria Tursi</name>,
+dem jetzigen <name lang='it' rend='antiqua'>Palazzo del
+Municipio</name> in Genua, die Geige Paganinis sah. Das war in
+den Tagen der Columbianischen Feste, wo die Mitglieder der
+wissenschaftlichen Congresse im Municipio durch den Sindaco
+empfangen wurden. Die Geige,
+<corr sic='ein'>eine</corr> Guarneri, der einst Paganini
+dämonische Töne zu entlocken gewußt, bewahrt man wie
+eine Reliquie in einem kostbaren Schrein; man hatte sie zu dem
+Feste mit seidenen Bändern in den italienischen Farben geschmückt.
+Daran dachte ich jetzt, da ich die kleine Insel St.&nbsp;Féréol vor
+mir im Meere liegen sah. Die heitere Landschaft stimmte freilich
+nicht zu dem unheimlichen Geiste Paganinis. Wohl aber konnte
+es ihm behagen auf jenem einsamen Riff, wenn die entfesselten
+Elemente die brandenden Wogen über die Felsen trieben und der
+Wind klagend über der Meeresfläche pfiff. Da war es die
+Natur, welche Schaudergeschichten auf ihrer <name>G</name>-Saite spielt, so
+wie er sie einst auf jener Saite seinen erregten Zuhörern zu erzählen
+wußte. Ja, das Grab Paganinis paßt sicherlich besser
+in die wilde Brandung, als auf einen stillen Friedhof, das ist
+völlig klar! &ndash; Wie schade, daß die Geschichte nur erdichtet ist!
+&ndash; In Wirklichkeit starb Paganini in der
+<name lang='it' rend='antiqua'>Via Santa Reparata</name>
+zu Nizza an der Kehlkopfschwindsucht und nicht an der Cholera.
+Er hatte lange zuvor schon, in Folge seines Leidens, die Stimme
+eingebüßt. Da er die Sterbesacramente nicht empfangen hatte,
+verweigerte die Geistlichkeit seine kirchliche Bestattung, und diese
+<pb n='202'/><anchor id='Pg202'/>
+konnte erst einige Jahre später erfolgen. Der Sohn Paganinis,
+der heute noch in Parma lebt, theilt mir mit, daß sein Vater
+dort auf dem großen Friedhof
+<name rend='antiqua'>della Villetta</name>, nachdem er, auch
+im Tode unstät, erst nach Villa-Franca, dann nach Genua gewandert,
+seit 1876 seine endliche Ruhe gefunden und er &ndash; der
+Sohn &ndash; ihm auf seinem Grabe ein würdiges Denkmal habe
+errichten lassen, für welches in Genua kein geeigneter Platz gewesen
+sei. Ueber Paganinis Leben hatten sich die merkwürdigsten
+Mythen ausgebildet, die durch sein ungewöhnliches Aussehen,
+seine fast gespensterhafte Magerkeit und sein blasses Gesicht, auf
+welchem, wie Heine schreibt, Kummer, Genie und Hölle ihre
+unverwüstlichen Zeichen eingegraben hatten, gefördert wurden.
+Paganini trug übrigens durch sein excentrisches Benehmen selber
+nicht wenig zur Verbreitung dieser Mythen bei. Nur einmal, in
+Paris, fühlte er sich veranlaßt, den Fabeln, die in den Zeitungen
+über ihn berichtet wurden, entgegenzutreten. In einem Briefe,
+den er in der »<title>Revue musicale</title>« veröffentlichen ließ, schilderte
+er selbst sein Leben und führte dort den Nachweis, daß er weder
+seine Geliebte ermordet noch im Gefängniß gesessen, noch sich
+dem Teufel verschrieben habe. Er schloß mit der Hoffnung,
+man werde wohl seiner Asche einst die verdiente Ruhe gönnen.
+Doch auch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen! Selbst eine
+Marmorbüste, die man Paganini in der
+<name lang='it' rend='antiqua'>Villetta di Negro</name> zu
+Genua geweiht hatte, verschwand spurlos von jener Stätte.
+</p>
+
+<p>
+Wir kehrten nach der Insel St.&nbsp;Marguerite zurück und verweilten
+dort bis zum Untergang der Sonne. Strahlend verschwand
+der feurige Ball hinter dem Esterelgebirge. An den hohen Bergen
+im Norden trieben sich langgedehnte Nebelstreifen umher. Sie
+deckten die Einschnitte der Thäler, stiegen dann empor bis zum
+Schnee der Alpen, wurden violett und rosenroth und schwanden
+spurlos. Scharf zeichneten sich jetzt die riesigen Gipfel in langer
+Kette an dem blauen Himmel. Bald rötheten sie sich auch, erglühten
+in Purpur, erloschen allmälig und wurden dann leichenblaß.
+Des Tages Gluth lastete noch auf dem Meere; seine
+<pb n='203'/><anchor id='Pg203'/>
+glatte Oberfläche zeigte jene matten Reflexe, wie sie alten venetianischen
+Spiegeln eigen sind: dann begann sie die Farbe zu
+wechseln und schillerte wie Opal. Der Purpur, der von den
+Bergen schwand, legte sich über den Abendhimmel und überfluthete
+bald auch das Meer. Geheimnißvoll klagend schlugen
+seine scharlachrothen Wellen jetzt an die Felsen des Ufers. Der
+Himmel über den Alpen nahm fahlgrüne Färbung an, und dann
+wurde es dunkel. Ungezählte Sterne tauchten am Himmel auf,
+und ungezählte Lichter entflammten längs der Küste. Wir bestiegen
+jetzt wieder die Barke und glitten still über der
+Wasserfläche. Eine erfrischende Luft umfloß unseren Körper,
+drang in unsere Lungen ein und erweckte jenes Gefühl inneren
+Wohlbehagens, dem man so gern sich hingibt. Wir wechselten
+kaum ein Wort und brachen erst unser Schweigen, als wir an
+der Croisette gelandet waren.
+</p>
+
+<p rend='text-align:center'>V.</p>
+
+<p>
+Cannes stand unter der Herrschaft der Aebte von Lerin.
+Sie hatten dasselbe im zehnten Jahrhundert von Wilhelm
+von Gruetta, einem Sohne von Redouard, Grafen von Antibes,
+erhalten. Im Jahre 1080 begann der Abt Adalbert die Burg
+auf dem Hügel, der jetzt die Altstadt trägt, dem heutigen Mont
+Chevalier, zu erbauen. Im Kloster von Lerin wurden die geistigen
+Güter vor Allem gepflegt, daher wohl seine Herrschaft mild
+gewesen ist. Das beeinflußte die Sitten und Bräuche der Uferbewohner.
+Während jenseits des Esterels, wo rohe Burgherren
+herrschten, die Volksbelustigungen in Scheinkämpfen, den sogenannten
+»<name rend='antiqua'>bravades</name>« bestanden, waren es in Cannes, Vallauris
+und Antibes die
+»<name rend='antiqua'>romérages</name>«, das heißt Tänze und ähnliche
+Spiele, welche die Feste belebten. Bis auf den heutigen Tag
+haben sich die
+<name rend='antiqua'>bravades</name> in St.&nbsp;Tropez,
+die <name rend='antiqua'>romérages</name> in
+Vallauris erhalten. Wachtthürme längs der Küste waren zum
+Schutz gegen die Saracenen aufgerichtet. Feuerzeichen des Nachts,
+weiße Fahnen am Tage, warnten, von den Lerinischen Inseln
+<pb n='204'/><anchor id='Pg204'/>
+aus, die Uferbewohner vor den nahenden Feinden. Cannes
+führte, gedeckt durch das Kloster, dem die Angriffe der Feinde
+stets vor Allem galten, ein ziemlich ruhiges Dasein, und hatte
+erst während der Kämpfe Franz&nbsp;I. mit Karl&nbsp;V. schwere Verluste
+zu tragen. Im Jahre 1580 wurde durch ein Schiff aus
+dem Orient die schwarze Pest nach Cannes eingeschleppt und
+verbreitete sich dann über die ganze Provence. Dann gab es
+noch manches Ungemach im Laufe der Zeiten, so im siebzehnten
+Jahrhundert, als die Lerinischen Inseln zeitweise in spanische
+Gewalt geriethen, dann im achtzehnten während der Invasion
+der Provençe durch österreichische und piemontesische Truppen,
+besonders aber im österreichischen Erbfolgekriege, während des
+mißglückten Angriffs der Oesterreicher auf die Provence. &ndash;
+Uebrigens fehlte es auch nicht ganz an komischer Tragik in der
+Geschichte von Cannes. So berichten die Stadtarchive von einem
+wilden Thiere, das 1785 das Land und die Stadt mit Schrecken
+erfüllte. Kein Bewohner der Stadt wagte sich mehr ins Freie.
+Schließlich wurde eine Schar muthiger Männer bewaffnet, und
+es gelang ihnen auch an der Grenze der Gemeinde das Thier
+zu erlegen. Ein solches Thier hatte noch Niemand gesehen; man
+wußte es nicht zu benennen. Ein heftiger Streit entspann sich
+nun um das Fell, zwischen den Gemeinden von Cannes, Grasse
+und Mougin, an deren gemeinsamen Grenzen das Thier gefallen
+war; es drohte ein ernster Conflict, glücklicher Weise machte
+der Marquis de Caraman, commandirender General der Provence,
+demselben ein Ende, indem er das Fell für sich nahm.
+Nunmehr wurde festgestellt, daß dieses Fell von einer Hyäne
+stamme; wie jenes Thier sich nach Cannes verirrt hat, ist unaufgeklärt
+geblieben.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende des vorigen Jahrhunderts war Cannes zu einer
+ganz unbedeutenden Ortschaft herabgesunken. Als Horace Benedict
+de Saussure sie 1787 besuchte, fand er nur ein paar
+Straßen vor, die fast ausschließlich von Matrosen und Fischern
+bewohnt waren. Die Schönheit der Lage fiel ihm auf:
+<pb n='205'/><anchor id='Pg205'/>
+»<q lang='fr' rend='antiqua'>C'est
+un site vraiment délicieux</q>« rief er auf dem Hügel von
+St.&nbsp;Cassien aus, als er den blauen Golf und die grünen Inseln
+vor sich liegen sah, dann über das üppige Thal der Siagne,
+gegen Grasse und die grauen Kalkalpen schaute. Auch die Hôtels
+in Cannes waren damals einfacher als jetzt, dessen ungeachtet
+es dem Erlanger Professor Heinrich Schubert im Jahre 1822
+in einem derselben sehr behagte. Er und »die gute Hausfrau«
+waren zu Fuß über das Esterel acht Stunden lang bis nach
+Cannes gewandert und kamen dort recht ermüdet in den heißen
+Mittagsstunden an. Darauf hin schreibt Schubert: »Wohler
+und erquicklicher zu Muthe ist es wohl der guten Hausfrau,
+auf dieser ganzen Reise, bei keinem anderen Mittagessen und in
+keinem anderen Wirthshause gewesen, als in dem bürgerlichen,
+für uns daher sehr passenden Wirthshause zu Cannes. Es war
+das Häuslein gleich eins der ersten in der Häuserreihe am
+Meeresstrande hin. Zwar zu der oberen Etage, welche fast nur
+aus dem Zimmer bestand, in welchem wir aßen, führte keine
+Marmorstiege, sondern eine hölzerne Treppe von außen empor,
+es stieg sich aber eben so schnell daran hinauf, als auf einer
+steinernen; der Balcon, an dessen geöffnete Thür wir uns hinsetzten,
+hatte zwar weder eiserne noch bronzene Umzäunung, sondern
+nur bretterne, die Aussicht von ihm hinaus auf das unter
+uns brandende Meer war aber eben so weit und lieblich als
+von einem steinernen.« »Junge Hühnlein, seit wenigen Tagen
+erst aus dem Ei gekrochen, die mit ihrer Alten da im Speisesaal
+und auf dem Balcon herumliefen, pickten die Krümlein von
+Weißbrod zusammen, die ihnen die Hausfrau auf den Boden
+streute.« Dann aber, nachdem wir uns an einem trefflichen
+Mahl gesättigt und ausgeruht, »verließen wir &ndash; Strickbeutel
+und Pflanzenmappe unter dem Arme &ndash; unseren Balcon mit der
+lieblichen Meeresaussicht und die gutmüthigen, billigen Wirthsleute
+und zogen unter den schattigen Bäumen der Allee, neben
+dem anbrandenden Meere hinaus auf die Straße nach Antibes.«
+</p>
+
+<p>
+Da war es in der That anders in Cannes als jetzt!
+<pb n='206'/><anchor id='Pg206'/>
+Den Anfang zu seiner jetzigen Größe verdankt Cannes einem
+Zufall. Im Jahre 1834, als die Cholera im ganzen Norden
+von Europa herrschte, sperrte sich Italien gegen dieselbe durch
+einen Grenzcordon ab. Reisende, die aus Frankreich an diese
+Küste kamen, mußten mehrere Tage in dem seuchenfreien Cannes
+verweilen, bevor sie die Grenze am Var überschreiten durften.
+Unter den Reisenden befand sich auch Lord Brougham, der das
+Amt eines Lord-Kanzlers von England vor Kurzem niedergelegt
+hatte und durch den Tod seiner geliebten Tochter tief gebeugt,
+nach Italien eilte. Ihm gefiel dieser Ort, an dem er nun unfreiwillig
+verweilen mußte, so sehr, daß er sich entschloß, an demselben
+zu bleiben. Er ließ sich in Cannes nieder und erbaute
+auf seiner Besitzung das Schloß Eleonore Louise, das den Namen
+seiner Tochter trägt. Seinem Beispiel folgten zahlreiche seiner
+Landsleute, und die vornehme englische Gesellschaft zog sich allmälig
+von Nizza nach Cannes zurück. Ihr folgte die französische
+Aristokratie, und allmälig wuchs Cannes zu einem der vornehmsten
+Kurorte der Riviera an.
+</p>
+
+<p rend='text-align:center'>VI.</p>
+
+<p>
+Den Bewohnern des westlichen Cannes können die Ausflüge
+auf den Höhen der Croix-des-Gardes diejenigen von »La Maure«
+zum Theil ersetzen. Die Aussichten sind ähnlich, doch gilt es
+meist so viel Staub zu schlucken, ehe man sie erreicht! Die
+Abhänge dieses 150 Meter hohen Hügels sind mit den ältesten
+Villen des neuen Cannes bedeckt; da lehnt sich auch jener
+Château d'Eleonore Louise an, der den Grund zu dem modernen
+Kurort legte. &ndash; Man darf es auch nicht unterlassen, den
+Garten der Villa Larochefoucauld zu besuchen, dessen Zutritt
+Fremden stets gestattet wird. Man erreicht ihn bald auf der
+Straße von Fréjus. Die Ausblicke auf das nahe Esterel
+zwischen den Palmen, Pinien und sonstigen üppigen Gewächsen
+des Gartens sind zum Theil von hoher malerischer Wirkung.
+</p>
+<pb n='207'/><anchor id='Pg207'/>
+<p>
+Ueber alle möglichen, wenn auch nicht immer empfehlenswerthen
+Ausflüge an den Kurorten der Riviera orientiren jetzt
+vollständiger wie zuvor die in allerletzter Zeit erschienenen
+»<title rend='antiqua'>Guides Joanne</title>«.
+Es gibt jetzt solche »Führer« für Cannes,
+für Nizza, Mentone, ja selbst für das Esterel, und sie sind einzeln
+für 50 Centimes oder einen Franc zu haben. Leider sind
+aber auch in diesen Führern die Angaben über die Wege, die
+man bei den einzelnen Ausflügen einzuschlagen hat, so mangelhaft
+und die beigefügten Karten so unvollkommen, daß man
+sich nur selten zurechtfinden kann.
+</p>
+
+<p>
+Ich plante noch einen Ausflug nach dem Cap d'Antibes
+und stand mit Tagesanbruch auf, um möglichst viel Zeit vor
+mir zu haben. Ich trat ans Fenster und öffnete die Läden:
+Der Himmel war mit Wolken ganz bedeckt. Hinter denselben
+im Osten mußte die Sonne soeben aufgegangen sein. Unentschlossen
+blieb ich am Fenster stehen. Wird es der Sonne gelingen,
+die Wolken zu zerstreuen? Leuchtende Stellen tauchten
+in der Wolkenmasse nach einiger Zeit auf und erweckten freudige
+Hoffnung. Bald schwanden sie aber wieder, und beklommen
+blickte ich empor, gedrückt von dem Gefühl, daß es so trüb und
+traurig den ganzen Tag über bleiben könne. Doch wieder
+lichten sich hier und dort die Wolken, sie wogen in schweren
+Massen wie ein bewegtes Meer; plötzlich zerreißen sie an mehreren
+Stellen, und aus glühendem Rahmen blickt dort der leuchtende
+Himmel hervor. Es ist, als wäre in den Höhen eine Feuersbrunst
+ausgebrochen, und als drängen lange Feuerstrahlen aus
+den Oeffnungen der Wolken hervor, um die See und das
+Land zu entzünden. Jetzt sind es Stellen im Meer, welche in
+Flammen aufgehen, dann leuchten die Lerinischen Inseln im
+rosigen Lichte auf dunkler Woge, dann wieder entzünden sich
+die Gipfel des Esterel, dann das alte Cannes. Allmälig
+erblassen die Wolken, sie weichen vor der siegreichen Sonne; sie
+lösen sich auf im goldigen Nebel und schwinden. Der ganze
+Himmel erstrahlt in glänzendem Licht.
+</p>
+<pb n='208'/><anchor id='Pg208'/>
+<p>
+Wir folgen der Straße von Antibes, von Licht überfluthet.
+Solche Lichtfülle stimmt den Menschen freudig, erweckt neue
+Hoffnungen und trägt so sicherlich nicht wenig zur Heilung der
+hier weilenden Kranken bei. Es ist das der suggestive Einfluß
+des Sonnenlichtes; andererseits kommen demselben thatsächlich
+auch antiseptische Wirkungen zu. Intensives Sonnenlicht tödtet
+die Keime jener niederen Organismen, welche Fäulniß und Zersetzung
+bewirken. Entsprechende Versuche haben gelehrt, daß
+eine Aussaat von Bacterien durch Licht sterilisirt werden kann.
+Setzt man eine solche Aussaat dem Sonnenlichte aus, hält eine
+andere im Schatten, so werden die Keime der ersteren getödtet
+und die der letzteren entwickeln sich weiter. Intensives Sonnenlicht
+sterilisirt demgemäß auch die Wäsche und die Kleider von
+Kranken. Es sterilisirt auch Seen und Flüsse, falls ihr Wasser
+nicht zu trüb ist und den Lichtstrahlen das Eindringen nicht
+verwährt. Die in der Luft schwebenden Keime werden meist
+von dem Sonnenlicht getödtet. Mit Recht sagt somit ein italienisches
+Sprüchwort:
+»<q lang='it' rend='antiqua'>Dove non entra il sole, entra il medico.</q>«
+Wäre jenes Sprüchwort nicht begründet, da müßten unausstehliche
+Miasmen manches südliche Land erfüllen und Infectionskrankheiten
+ununterbrochen es verheeren. Wie wenig geschieht da
+meist für die Desinfection. Die moderne Hygiene ist ein Kind
+nordischer Himmelsstriche, und die peinlichsten Ansprüche an
+Reinlichkeit und Comfort sind in Ländern erwachsen, in welchen
+der Nebel meist das Sonnenlicht verhüllt. Während wir unsere
+Wohnräume nach Möglichkeit säubern, für Desinfection allerorts
+sorgen, öffnet der Südländer weit seine Fenster und läßt sein
+ganzes Haus vom Sonnenlicht durchstrahlen. Dazu ist aber
+dauernd klarer Himmel nöthig. &ndash; Bacterienkeime, die vom
+intensiven Sonnenlichte getroffen werden, halten die Wirkung
+desselben nur kurze Zeit aus. Die Keime des
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Bacillus anthracis</name>,
+jenes gefährlichen Bacteriums, das den Milzbrand bei Schafen
+und Rindern veranlaßt, sind dann schon todt nach wenigen Stunden.
+Ein englischer Botaniker, Marshall Ward, hatte den Einfall,
+<pb n='209'/><anchor id='Pg209'/>
+diese Wirkung des Lichtes auf Bacterienkeime gewissermaßen
+photographisch zu veranschaulichen. Er breitete Gelatine, die
+mit Bacterienkeimen versetzt war, auf einer Glastafel aus, stellte
+vor dieselbe eine durchbrochene Zinnplatte und ließ letztere vom
+Sonnenlicht bescheinen. Nach wenigen Stunden wurde die
+Glastafel in einen dunklen, warmen Raum gelegt und dort
+längere Zeit gelassen. Ueberall da, wo das Sonnenlicht durch
+die Oeffnungen der Zinnplatte die Gelatine erreicht hatte, blieb
+letztere klar, weil die Keime in derselben getödtet waren, sie
+trübte sich an den übrigen Stellen, weil die Keime dort unversehrt
+blieben und sich zu trüben Bacterienmassen vermehrten.
+So war das in die Zinnplatte geschnittene Bild deutlich auf
+der Gelatineplatte zu erkennen. Selbst die Negative gewöhnlicher
+Photographien konnten benutzt werden, um positive Bacterienbilder
+zu erhalten, wenn mit besonders empfindlichen Keimen
+operirt wurde. Ein purpurfarbiges Bacterium der Themse
+lieferte so hinter den Glas-Negativen englischer Landschaften
+zwar nicht scharfe, aber doch kenntliche Bilder derselben.
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Straße von Antibes war jetzt blendend hell von
+Licht, von jenem grellen Licht, in welches alle Dinge tauchen,
+wenn die Sonne hoch am Himmel steht. Auf der kreideweißen
+Straße wurden die Schatten immer kürzer und dunkler, die
+Halbschatten nahmen blaue Töne an. Die Palmengruppen in
+den Gärten glänzten so stark, daß sie fast wie fabelhafte Decorationen
+zu einem Zauberstück erschienen. Es war Fest der
+Sonne überall in der Natur, und diese festliche fröhliche Stimmung
+theilte sich uns auch mit. &ndash; Wenig Orte in Europa gibt es,
+die über eine gleich große Lichtfülle verfügen. An dieser goldigen
+Küste darf sich das Mittelmeer rühmen, Spiegel der Sonne zu
+sein. An Klarheit der Luft können mit der Gegend um Nizza
+sich nur Valencia und Alicante messen. Während von dem
+Eifelthurm in Paris die Aussicht im günstigsten Falle bis auf
+hundert Kilometer reicht, zeigt hier nicht selten Corsica dem
+erstaunten Auge seine zackigen Gipfel, die um mehr als 200 Kilometer
+<pb n='210'/><anchor id='Pg210'/>
+von dieser Küste entfernt sind. Daher mit vollem Recht
+der Mont Gros bei Nizza zum Bau eines astronomischen
+Observatoriums gewählt wurde. Auch regnet es in Nizza durchschnittlich
+im Jahre nur an 67&nbsp;Tagen. Der Regen dauert
+nicht lange, ist dafür oft so heftig, wie in den Tropen. Auch
+in diesem Frühjahr hatten wir während unseres fünfwöchentlichen
+Aufenthalts, von Mitte März bis zur zweiten Hälfte des
+April, nur drei Tage mit anhaltendem Regen hier zu verzeichnen.
+Wir waren thatsächlich die ganze Zeit über wie in ein Lichtbad
+getaucht.
+</p>
+
+<p>
+Die Straße führte uns an dem Orte Golfe Jouan vorbei
+nach Jouan les Pins. Nun folgten wir unter Pinien im weiten
+Bogen dem Meeresstrande. Unser Blick verlor sich im endlosen
+Meer oder er ruhte auf dem Esterel und den Lerinischen Inseln.
+Es waren das die alten, liebgewonnenen Bilder in immer neuer
+Umrahmung. Bald begrüßten wir das Cap und traten in den
+Garten des Caphôtels ein. Da ist Alles noch so wie es war,
+derselbe üppige Pflanzenwuchs, derselbe Duft der Maquis. Doch
+fremdartig blicken uns merkwürdige Bauten von der äußersten
+Spitze der Landzunge an. Haben die Saracenen wieder das
+Land erobert und sich am Cap niedergelassen? Das sind doch
+maurische Bauten, die sich dort erheben, eine Moschee, die mit
+ihrer schlanken Kuppel in die Lüfte ragt! Eine Mauer sperrt die
+Spitze des Caps vom Hôtelgarten ab, doch glücklicherweise ist sie
+schon durchbrochen und nichts hindert uns, weiter vorzudringen.
+</p>
+
+<p>
+Es war nicht ein Saracene, sondern ein Pariser, der diese
+Bauten errichten ließ. Er starb ohne das Ende seiner Werke
+zu sehen. Sein Wunsch, hier begraben zu werden, konnte nicht
+in Erfüllung gehen. Die französische Regierung verbot die Bestattung
+am Cap; die Familie gab daher die Besitzung auf.
+</p>
+
+<p>
+So wird denn dieses Stück Orient hier wieder verschwinden,
+vielleicht Ruinen bilden, die man dermalen als saracenische
+deuten wird. Der Fischer aber, dem ein Stück Strand nach
+dem andern entzogen wird, hat vom Cap wieder Besitz ergriffen.
+<pb n='211'/><anchor id='Pg211'/>
+Mit sichtlicher Schadenfreude zerstört er die Mauer, die ihm
+den Zugang zu den Felsen sperrte, auf denen er gewohnt war,
+von Kind auf zu fischen. Und auch der Fremde, der das Cap
+besucht, kann wieder ungehindert auf diesen zerrissenen Felsenklippen
+streifen und dem geheimnißvollen Rauschen der Wogen
+in den tiefen Spalten des Gesteines lauschen.
+</p>
+
+<p rend='text-align:center'>VII.</p>
+
+<p>
+Einige Tage später verließen wir Cannes und siedelten nach
+dem Cap Martin über. Eine englische Gesellschaft hat vor
+einiger Zeit dieses ganze Cap erworben und ein Hôtel auf demselben
+errichtet, das zu den comfortabelsten der ganzen Riviera
+gehört. Hat man es sonst zu bedauern, daß die schönsten
+Punkte dieser Küste der Speculation zum Opfer fallen, so ist
+dies beim Cap Martin nicht der Fall. Denn mit viel Geschick
+und Geschmack verstand es die englische Gesellschaft, dem Cap
+seinen ursprünglichen Charakter zu wahren und den schönen
+Wald von Aleppokiefern, mit dem das Cap bedeckt ist, in einen
+nicht minder schönen englischen Park zu verwandeln. Sie schonte
+jeden einzelnen Baum; die Maquis am westlichen Strande hat
+sie in ihrem ursprünglichen Zustand belassen, fremdartige Gewächse
+nur in discretester Weise angebracht. Das Hôtel steht
+auf der Höhe, am südlichen Ende des Caps, noch in den Wald
+eingeschlossen, von welchem man nur so viel entfernte, als zum
+Bau des Hauses durchaus nothwendig schien. Auch werden die
+Grundstücke am Cap von der Gesellschaft nur unter Bedingungen
+verkauft, die den neuen Besitzer zur Schonung des Waldes verpflichten.
+So merkt man nicht viel von den entstehenden Villen
+im Walde, und man muß auf die Höhen steigen, die das Cap
+beherrschen, um sie zu entdecken. Der Strand sollte frei bleiben,
+daher keines der verkauften Grundstücke bis zu demselben reicht.
+Man kann vom Hôtel aus jetzt ungehindert den Wegen folgen,
+die sich um das ganze Cap ziehen. An dem östlichen Ufer des
+Caps läuft die Landstraße, die nach Mentone führt; sie ist
+<pb n='212'/><anchor id='Pg212'/>
+staubig, und sucht man sie daher nach Möglichkeit auf den
+Spaziergängen zu meiden. Das kann man auch, wenn man
+die Straßen einschlägt, die im Walde, am Rücken des Caps,
+verlaufen. Besonders anziehend und von Staub ganz frei ist
+aber der Fußweg, der in westlicher Richtung am Cap sich hinzieht.
+Er folgt auf langer Strecke zwischen Kiefern und würzigen
+Sträuchern dem Strande. Er ist so schön, bietet so mannigfaltige
+Ausblicke, daß man nicht müde wird, auf ihm zu wandern.
+Der Weg steigt auf und ab, immer in unmittelbarer Nähe des
+Meeres, dicht über zerrissene Felsenmassen. Myrten, Pistacien,
+Rosmarin umranden ihn, häufig wächst da außerdem der immergrüne
+Wegedorn mit dunklen Beeren, der
+<name type="taxonomic" rend="antiqua">Rhamnus alaternus</name>,
+auch das interessante
+<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Cneorum tricoccum</name>
+mit kleinen gelben
+Blüthen, das uns schon aus den Maquis von Antibes bekannt
+ist, und die würzige Weinraute
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Ruta bracteosa</name>),
+die um diese
+Zeit schon ihre gelbgrünen Blüthendolden entfaltet. Bei jeder
+Windung des Weges ragen neue Felsen aus dem Meer hervor,
+immer anders geformt, in unerschöpflichem Wechsel. Ueberall
+die anbrausenden Wogen mit ihrem Silberrand, hier von tiefem
+Blau, dort von hellem Grün, dort wieder in violetten Tönen;
+dann plötzlich vorübereilende Fischerbarken, grell beleuchtet im
+lichten Schein der Sonne. Die Ruder tauchen wie in flüssiges
+Metall, und funkelnde Tropfen fallen von ihnen in das Meer
+zurück. Weite Blicke öffnen sich über die Küste: hier Monte
+Carlo, sanft vom Meere aufsteigend, dort Monaco auf seinem
+steilen Fels, darüber, wie auf Wache, die riesige »Tête de Chien«.
+Ganz in der Nähe liegt am Bergesabhang das Felsennest Roccabruna,
+in Orangenhaine gehüllt, umrahmt von Cypressen und
+Carouben. So läßt sich hier genußreich am frühen Morgen
+wandern, da die Sonne noch im Osten steht, im Schatten der
+Bäume und des steil aufsteigenden Caps; felsauf, felsab, einmal
+dicht am Meere, dann über demselben, dann wieder am
+Strand, wo die Welle bis zu den Füßen rollt. Doch gilt es
+früh aufzubrechen, denn das Cap ist nicht rein südlich, sondern
+<pb n='213'/><anchor id='Pg213'/>
+südwestlich gerichtet, und bald beginnen die Strahlen der Sonne
+auch den westlichen Abhang zu streifen. Da stellt sich aber der
+erwünschte Schatten am östlichen Strande ein. Zwischen der
+staubigen Straße und dem Meere liegt ein Felsenstreifen, auf
+dem Kiefern wachsen, und wo man, von Staub nicht belästigt,
+ruhen kann. Auch hier ist der Strand tief zerklüftet und bildet
+einen bewegten Vordergrund für das Bild, das sich jenseits der
+Bucht entfaltet. Die Kiefern neigen sich vor über die Felsen,
+strecken ihre Kronen dem Meer entgegen und fassen hier das
+weiße Mentone, dort die hohen Gipfel über demselben, dort
+wieder La Mortola oder Bordighera ein in ihr grünes Laub.
+Oft stundenlang saßen wir auf diesen Felsen, ein Buch in der
+Hand, blickten auch häufig über dasselbe hinweg, hinaus in die
+blaue Fluth. Zeitweise waren es auch Fischer, die unsere Aufmerksamkeit
+auf sich lenkten. Sie späheten in der Nähe den
+Fischen nach. Einer saß oben über dem Felsen auf einem Gestell
+aus drei verbundenen Stangen und schaute unablässig in
+die Tiefe. Andere lagerten in einem Boot, bereit auf ein gegebenes
+Zeichen die Netze zu heben. Die Netze waren an einem
+leeren, quergestellten Boote befestigt und bildeten ein Dreieck,
+das an einer Seite offen stand. Erblickte der Späher Fische,
+die in das Dreieck eingeschwommen waren, so zog er an einem
+Seil und daß Netz schloß sich nun auch an der freigehaltenen
+Seite. Rasch näherte sich daß Boot dem Ufer, schnitt den
+Fischen jeden Rückweg ab; die Netze wurden emporgezogen, und
+meist einige nicht eben große Fische, oft auch nur ein einziges
+solches zappelndes Geschöpf erkapert. Die Geduld dieser Menschen
+erweckte in mir besondere Bewunderung. Stundenlang lagen sie
+da unbeweglich im Boote; den ganzen Tag über hockte der
+Späher oben auf seiner Stangenpyramide, und die Zeit
+wurde ihm, wie es schien, nicht lang. Was für ein Gegensatz
+zu solchen Menschen wie wir, die wir uns den ganzen Tag über
+hetzen und aufreiben, keine Viertelstunde unbenutzt lassen und
+nun hierher kommen müssen, damit unsere Nerven sich wieder
+<pb n='214'/><anchor id='Pg214'/>
+etwas beruhigen. Der Mann da oben auf seiner Pyramide
+erinnerte mich aber lebhaft an einen Seeadler, den ich auf
+einem hohen Felsen von Antibes, an einer einsamen Stelle des
+Strandes, einst sitzen sah. Auch er blickte starr in das Wasser,
+blickte lange und geduldig, ohne auch nur den Kopf zu bewegen,
+stürzte sich dann wie ein Pfeil hinab in die Fluth und stieg
+auf in die Wolken mit einem Fisch in den Krallen.
+</p>
+
+<p>
+Das Hôtel am Cap Martin ragt über die Bäume des
+Waldes empor. Südwärts eröffnet es die Aussicht auf das
+weite Meer. Nordwärts gestattet es, über den gewölbten Kuppeln
+des Waldes, der ganzen Bergkette zu folgen, welche diese Küste
+schützt. Da reihen sie sich an einander diese gewaltigen Berge
+vom Mont Agel im Osten, bis zum Berceau im Westen; die
+mächtigsten Kalkriesen liegen in der Mitte und schneiden mit
+scharfem Grat in den blauen Himmel ein. Jeden Abend waren
+unsere Blicke auf sie gerichtet, wenn die schwindende Sonne ihre
+Gipfel röthete, ein Gipfel nach dem andern dann langsam erlosch.
+Oefters stiegen wir auch gegen Abend zum östlichen
+Strande hinab, um die Beleuchtung der Küste zu schauen.
+Während tiefer Schatten schon Mentone deckte, flammte im purpurnen
+Lichte noch Alt-Bordighera. Ein Liebling der Sonne an
+dieser goldigen Küste, empfängt es am Abend ihren letzten Gruß.
+</p>
+
+<p>
+Wenn es dann ganz dunkel war, zogen wir nochmals
+ans Meer. Es galt Mentone und Monte Carlo in ihrem
+Lichterschmuck zu betrachten. Monte Carlo im Besonderen sieht
+dann ganz feenhaft aus. Tausende von Lichtern drängen sich
+am Fuße des Berges zusammen, der einen dunklen Schatten auf
+den bestirnten Himmel wirft. Ich schaute oft in dieses Bild,
+und es war mir wohl, als hätte ich es lange zuvor schon gesehen.
+Doch wo und wann? das wußte ich nicht mehr zu
+finden. Da plötzlich, sah ich es ganz lebhaft wieder vor mir,
+das alte Bild, so wie ich es mit Kinderaugen geschaut hatte. Es
+war ein gemaltes Bild von Neapel in einem kleinen Panorama,
+das ich am Weihnachtsabend einst bekommen hatte. Hielt ich es
+<pb n='215'/><anchor id='Pg215'/>
+gegen ein Licht, dann leuchteten unzählige Flammen in Neapel
+auf und erregten meine kindliche Phantasie. Es waren Nadelstiche,
+welche das Bild durchsetzten. Wie in jenem Bilde Camaldoli
+über Neapel, so ragte hier die Tête de Chien über
+Monte Carlo hervor; und wie die Lichter am Posilip, so stiegen
+hier die leuchtenden Punkte am Felsen von Monaco in die Höhe.
+Wie stark sind doch solche Eindrücke der Kindheit! Was hat nicht
+Alles dieses geplagte Hirn seitdem in sich aufnehmen müssen, und
+doch war das alte Bild nur verdeckt, nicht ausgelöscht, und tauchte
+wieder auf, als ein äußerer Anstoß es zum Bewußtsein brachte.
+</p>
+
+<p>
+Dort, wo das Cap Martin die breite Küste erreicht, ist
+es mit schönen alten Oelbäumen bedeckt. Da sind sie wieder
+da, diese phantastisch verschnörkelten Stämme, von denen keiner
+dem andern gleicht. Sie werden um so mächtiger und schöner
+an dieser Küste, je weiter man sich vom Esterel entfernt. Welch
+ein Unterschied zwischen den armseligen Bäumen der Rhônemündung
+und jenen Riesen hier, die ihre Kronen stolz in die
+Lüfte erheben. So muß man sie gesehen haben, um sie zu
+würdigen und sie zu lieben; auch ist die Lichtfülle dieser sonnigen
+Gegenden nöthig, damit ihr Laub nicht grau und traurig, sondern
+silbern und leuchtend erscheine. Daher der Olivenwald
+ein höchst stimmungsvolles Element dieser Landschaft bildet.
+Da die Blätter des Oelbaumes nicht groß sind und seine Belaubung
+nie dicht wird, so herrscht im Olivenwalde ein Zwielicht
+von ganz eigenem Zauber. Jeder Windhauch bewegt dieses
+Laub, und dann zittern die einzelnen Lichter auf den Bäumen,
+sie huschen wie Leuchtkäfer über den Boden, und es belebt sich
+plötzlich die Einsamkeit.
+</p>
+
+<p>
+Trotz seiner scheinbar exponirten Lage ist das Cap Martin
+gegen die Nordwinde und den Mistral sehr gut gedeckt und nur
+den Ostwinden preisgegeben. Daß die hohen Berge im Norden
+und im Westen das Cap erfolgreich gegen Kälte schützen, hat der
+letzte strenge Winter gelehrt. Es lag fast kein Schnee auf dem
+Cap, während er Mentone deckte, und weder Bougainvillea noch
+<pb n='216'/><anchor id='Pg216'/>
+Heliotrop haben an dem Hôtel du Cap gelitten. Die Pflanzen sind
+aber die sichersten Weiser für das Klima. Die Bougainvilleen
+und der Heliotrop sind an den meisten Orten der Riviera im
+letzten Winter erfroren oder büßten ihr Laub doch ein. Auch
+die strauchartige Wolfsmilch
+(<name type='taxonomic' rend='antiqua'>Euphorbia dendroides</name>), die überall
+am westlichen Abhange des Cap Martin wächst, zeigt durch ihre
+kräftige Entwickelung an, wie günstig die klimatischen Verhältnisse
+hier für sie sind. Man muß nach dem südlichen Sardinien
+gehen, will man noch größere Exemplare dieser Pflanze sehen.
+In dem nahen Mentone zeugen für das milde Klima dieser
+Region vor allem die üppigen Citronenwälder. Der Citronenbaum
+kann Temperaturen unter &#8722;5°&nbsp;C. nicht vertragen. Seine
+Früchte erfrieren schon bei &#8722;3°&nbsp;C. Man denke sich die Aufregung
+der Leute in diesem letzten Winter, wo das Thermometer
+wiederholt unter&nbsp;0° sank. Der Besitzer eines größeren Citronengartens
+erzählte mir, er habe in den kalten Nächten viele
+Stunden am Thermometer gestanden und mit Angst auf die
+Quecksilbersäule gestarrt, ob sie nicht noch weiter falle. Noch
+einen halben Grad tiefer und die Einnahme des ganzen Jahres
+war verloren. Thatsächlich sind an vielen Stellen bei Mentone
+im letzten Winter die Citronen, nicht die Bäume, wohl aber die
+Früchte erfroren. Es geschah das besonders am Ausgang der
+Thäler, wo der Schutz gegen Norden unvollkommen ist. Dort
+sollten Citronen überhaupt nicht gebaut werden; doch die Leute
+vergessen die Vorsicht, wenn viele aufeinander folgende Winter
+mild gewesen sind. Für gewöhnlich berühren ja die kalten
+Nordwinde die Küste nicht, sie erreichen erst in einigen Kilometern
+Entfernung das Meer, und ist es eine häufige Erscheinung, daß
+das Meer dort stürmisch ist, während volle Windstille an der
+Küste herrscht. &ndash; Die Orangen haben bei Mentone auch in
+diesem Winter nicht gelitten. Diese Frucht kann bei bedecktem
+Himmel &#8722;4°&nbsp;C. aushalten, und die Kälte muß längere Zeit
+&#8722;6°&nbsp;C. betragen, damit der Baum getödtet werde. Daher bei
+Cannes wohl Orangenbäume, nicht aber Citronenbäume zu sehen
+<pb n='217'/><anchor id='Pg217'/>
+sind, und selbst an den Orangenbäumen war bei Golfe Jouan
+das Laub zum Theil erfroren. Auch der Johannisbrotbaum
+ist gegen niedere Temperaturen sehr empfindlich, und zeugt somit,
+wenn stattlich entwickelt, für ein mildes Klima. Schöner
+und üppiger kann man ihn aber an der Riviera nicht sehen, als
+auf der Strecke, die von Villefranche bis San Remo reicht.
+</p>
+
+<p>
+An schönen, sonnenklaren Tagen pflegt an der Riviera gegen
+acht Uhr Morgens die Seebrise sich zu erheben. Dann wird es
+meist kühler als zuvor. Nach Anbruch der Nacht fällt dann die
+Luft von den Bergen ab, der Landwind stellt sich ein. Zwischen
+den Zeiten der beiden Winde herrscht oft völlige Ruhe. Die
+italienischen Fischer bezeichnen sie als
+»<name lang='it' rend='antiqua'>bonaccia</name>«, weil sie die
+wenigste Gefahr in sich birgt. &ndash; Auffällig ist es dem Fremden,
+wenn gegen das Frühjahr der sonst so heiße Scirocco an der
+Riviera von Schnee begleitet ist. Es geschieht das freilich selten,
+kann aber erfolgen, wenn auf den hohen corsicanischen Bergen
+sich große Schneemassen anhäuften.
+</p>
+
+<p>
+Auf der ganzen Strecke von Villefranche bis San Remo
+sieht man fast keine laubwerfenden Bäume. Daher man hier
+weit weniger an den Winter gemahnt wird, als weiter im
+Süden, ja selbst in Neapel. Dort dominirt der Feigenbaum und
+der Weinstock, so daß der Posilip uns einmal im März fast kahler
+erschien, als das Rheinthal, das wir kurz zuvor verlassen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Die Nächte waren jetzt vom Mondschein erhellt, und die
+Berge glänzten in magischer Beleuchtung: Ein mächtiges Amphitheater,
+dessen scharf gezähnte Gipfel sich wie feine Spitzenarbeit
+vom Himmel abhoben, in welchem tief unten die Lichter von
+Mentone funkelten.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Vollmond sollte uns Ostern bringen. Wir gingen des
+Abends an den Strand, um ihn zu erwarten. Es war ganz
+dunkel auf den Felsen am Meere, einsam und still. Flach ausgebreitet
+lag vor uns die weite See und schien fast zu schlafen.
+Oben breitete sich das Himmelsgewölbe aus, fast schwarz, doch
+besäet mit ungezählten Sternen, die sich mit silbernen Streifen
+<pb n='218'/><anchor id='Pg218'/>
+auch im Meere spiegelten. Es schien, als sei die Natur gespannt
+auf ein Ereigniß, das da kommen sollte: so still und feierlich
+war es rings umher. Kein Grashalm erzitterte. Die Kiefern
+streckten aber ihre Kronen vor nach der See, als wollten sie
+weit über die Fluthen hinaus in die Ferne lauschen. Die
+würzigen Düfte der Maquis senkten sich langsam zur See
+hinab, wohl um ihr duftigen Weihrauch zu streuen. Vielleicht war
+aber nur unsere Seele von Erwartung voll, und wir trugen diese
+Empfindung hinaus in die weite Welt. &ndash; Plötzlich tauchte ein
+rother Streifen im Osten über dem Wasser empor. Er nahm
+an Breite zu und bald warf er den ersten leuchtenden Strahl
+über die schwarze Fluth: es war, als wolle er sie liebkosen.
+Die Fluth erzitterte unter diesem Strahl und legte sich in
+sanfte Wellen, wohl um ihn einzuwiegen. Der Mond tauchte
+ganz aus dem Meere hervor, mit geröthetem Antlitz, wie verschlafen.
+Quer gedehnt, mit geschwollener Backe sah er fast
+lächerlich aus. Doch rasch rundete sich sein Antlitz ab, nahm
+leuchtende Silberfarbe an und schüttete Licht in Fülle über die
+Meereswellen aus. Und während er höher stieg, erblaßten die
+Sterne. Nur die Größten vermochten ihm noch ins Antlitz zu
+schauen, die anderen verloren sich in den Tiefen des Himmelsgewölbes.
+Am Strand, wo sich die Wellen an den Felsen
+brachen, da funkelte und blitzte es von unendlichen Lichtern, als
+hätten alle die Sterne, die am Himmel schwanden, sich hier gestürzt
+in die Tiefe. Ein breiter silberner Fluß zog sich vom
+Strande bis an die äußersten Schranken des Meeres. Stellenweise
+war er von glatten Streifen unterbrochen, die wie Opal
+ihre Farbe wechselten. Vorübergehend tauchten düstere Barken
+in das Mondlicht ein, wie dunkle Silhouetten auf Silbergrund.
+Der Mond stieg immer höher über die Fluthen und setzte in
+weitem Bogen seinen Siegeszug am Himmelsgewölbe fort. Bald
+begann sein Licht auch in die tiefsten Spalten des Strandes
+einzudringen und die zerrissenen Felsen traumhaft zu beleuchten.
+Da sah es denn aus, als wären die schaumgekrönten Wellen
+<pb n='219'/><anchor id='Pg219'/>
+eines erregten Meeres versteinert stehen geblieben, oder man
+meinte in einen zerklüfteten Gletscher der Alpen zu blicken; dort
+zauberten schmale Felsengrotten der Phantasie einen arabischen
+Friedhof vor, dort endlich eine Schar von Pilgern, die im
+weißen Gewande von den waldigen Höhen gegen das Meer zu
+wanderten. In allen Buchten sprüht es aber Funken, die Lichter
+schwimmen an der Oberfläche oder sie sinken unter; bald verschmelzen
+sie mit einander, bald trennen sie sich wieder, in endlosem
+Spiel.
+</p>
+
+<p>
+In den Ostertagen rückte ein Nordsturm heran. Mit ungewohnter
+Gewalt stürzte er sich auf die Felsenriesen, die Mentone
+schützen und suchte ihren Widerstand zu brechen. Da entspann
+sich ein gewaltiger Kampf zwischen diesen Titanen und den entfesselten
+Elementen: es heulte und zischte in den Lüften. Wir sahen
+den rauhen Winter über unseren Köpfen schweben, während wir uns
+noch im milden Frühling befanden. Der Norden warf seinen kalten
+Schnee den Felsenriesen gegen das Haupt. Sie schienen zeitweise zu
+weichen. Ein kalter Luftstrom ergoß sich über das Cap. Die
+aleppischen Kiefern schüttelten bedenklich ihre Häupter, die Wellen
+des Meeres flohen wie entsetzt mit schäumender Mähne von dem
+Lande. Bis in die Nacht hinein zitterte und bebte das Cap.
+Dann wurde es still, bald leuchteten die Sterne und am nächsten
+Morgen standen sie wieder da im goldigen Sonnenschein, die Riesen
+über Mentone, zwar mit Schnee noch bedeckt, doch siegesbewußt,
+stolz ihre Felsenhäupter zum Himmel erhebend.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Sonnenschein sollte leider nicht dauern; das Gleichgewicht
+in den Lüften war gestört. Bald zog der Ostwind
+heran, und das Wetter verdarb sich. Das erleichterte uns die
+Trennung von der Riviera. Dicke Regentropfen fielen vom
+Himmel und tränkten die durstige Erde. Wir aber konnten von
+hier in dem süßen Wahne scheiden, es weine uns dieser Himmel,
+den wir so liebgewonnen, einige Thränen zum Abschied nach.
+</p>
+<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" />
+</div>
+
+<pb n='220'/><anchor id='Pg220'/>
+<div rend="page-break-before: always">
+<index index="toc" />
+<index index="pdf" />
+<head>Inhaltsübersicht.</head>
+
+<p rend='bold'>Vorwort&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg000-3'>VII</ref></p>
+<p rend='bold'>Frühjahr 1891&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg001'>1</ref></p>
+<p rend='indent'>Bordighera&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg002'>2</ref></p>
+<p rend='indent'>Monte Nero&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg003'>3</ref></p>
+<p rend='indent'>Sasso&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg005'>5</ref></p>
+<p rend='indent'>Oelbäume&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg006'>6</ref></p>
+<p rend='indent'>Frühlingsblumen&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg011'>11</ref></p>
+<p rend='indent'>Weinstock&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg011'>11</ref></p>
+<p rend='indent'>Palmen&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg015'>15</ref></p>
+<p rend='indent'>Gorbio&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg023'>23</ref></p>
+<p rend='indent'>Pont St. Louis&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg026'>26</ref></p>
+<p rend='indent'>Garten von La Mortola&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg030'>30</ref></p>
+<p rend='indent'>Weg nach Mentone&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg069'>69</ref></p>
+<p rend='indent'>Charakterpflanzen der italienischen Landschaft&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg070'>70</ref></p>
+<p rend='indent'>Reiz- und Genußmittel aus dem Pflanzenreich&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg072'>72</ref></p>
+<p rend='indent'>Route de la Corniche&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg083'>83</ref></p>
+<p rend='indent'>Nizza&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg085'>85</ref></p>
+<p rend='indent'>Cap d'Antibes&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg085'>85</ref></p>
+<p rend='indent'>Maquis&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg089'>89</ref></p>
+<p rend='indent'>Garten Close&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg099'>99</ref></p>
+<p rend='indent'>Seesturm am Cap&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg099'>99</ref></p>
+<p rend='indent'>Blumencultur an der Riviera&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg101'>101</ref></p>
+<p rend='indent'>Sonnenuntergang am Cap&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg105'>105</ref></p>
+
+<p rend='bold'>Frühjahr 1894&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg107'>107</ref></p>
+<p rend='indent'>Hyères&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg107'>107</ref></p>
+<p rend='indent'>Maurengebirge&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg114'>114</ref></p>
+<p rend='indent'>Korkeichen&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg115'>115</ref></p>
+<p rend='indent'>St. Tropez&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg121'>121</ref></p>
+<p rend='indent'>La Gaillarde&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg126'>126</ref></p>
+<p rend='indent'>St. Aigulf&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg127'>127</ref></p>
+<p rend='indent'>Fréjus&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg127'>127</ref></p>
+<pb n='221'/><anchor id='Pg221'/>
+<p rend='indent'>St. Raphaël&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg129'>129</ref></p>
+<p rend='indent'>Esterel-Gebirge&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg132'>132</ref></p>
+<p rend='indent'>Malinfernet&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg141'>141</ref></p>
+<p rend='indent'>Abend in St. Aigulf, Le Trayas&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg144'>144</ref></p>
+<p rend='indent'>Cap Roux&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg148'>148</ref></p>
+<p rend='indent'>Pic d'Aurelle&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg154'>154</ref></p>
+<p rend='indent'>Klarheit des Seewassers&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg157'>157</ref></p>
+<p rend='indent'>Grasse&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg158'>158</ref></p>
+<p rend='indent'>Ursprung der Parfüme&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg159'>159</ref></p>
+<p rend='indent'>Gewinnung der Parfüme&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg162'>162</ref></p>
+<p rend='indent'>Wirkungen ätherischer Oele&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg176'>176</ref></p>
+<p rend='indent'>Geschichte der Parfüme&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg177'>177</ref></p>
+
+<p rend='bold'>Frühjahr 1895&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg187'>187</ref></p>
+<p rend='indent'>Cannes&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg187'>187</ref></p>
+<p rend='indent'>La Californie&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg188'>188</ref></p>
+<p rend='indent'>La Maure&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg191'>191</ref></p>
+<p rend='indent'>Lerinische Inseln&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg193'>193</ref></p>
+<p rend='indent'>Geschichte von Cannes&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg203'>203</ref></p>
+<p rend='indent'>Ausflug nach Antibes&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg207'>207</ref></p>
+<p rend='indent'>Wirkungen des Lichtes&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg208'>208</ref></p>
+<p rend='indent'>Klarheit der Luft&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg209'>209</ref></p>
+<p rend='indent'>Cap Martin&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target='Pg211'>211</ref></p>
+</div>
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+
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+ <index index="toc" />
+ <index index="pdf" />
+ <head>Anmerkungen der Korrekturleser</head>
+ <p>Von den Korrekturlesern des <hi>Project Gutenberg</hi> wurden
+ mehrere Änderungen am Originaltext vorgenommen. Es folgen paarweise
+ Textzeilen im Original und in der vorliegenden
+ geänderten Fassung.</p>
+ <eg>
+ Blättern in gleicher Weise von Lichtstahlen getroffen.
+ Blättern in gleicher Weise von Lichtstrahlen getroffen.
+
+ mit Bambusfasern Matratzen gegefüllt und Möbel gepolstert.
+ mit Bambusfasern Matratzen gefüllt und Möbel gepolstert.
+
+ ganz wie die Scheinbeeren unsers Wachholders verwandt.
+ ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.
+
+ Die Geige, ein Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne
+ Die Geige, eine Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne
+ </eg>
+ </div>
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+ </text>
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