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diff --git a/30042-0.txt b/30042-0.txt new file mode 100644 index 0000000..4bcc1cf --- /dev/null +++ b/30042-0.txt @@ -0,0 +1,7285 @@ +The Project Gutenberg EBook of Streifzüge an der Riviera by Eduard +Strasburger + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Streifzüge an der Riviera + +Author: Eduard Strasburger + +Release Date: 2009-09-20 [Ebook #30042] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZÜGE AN DER RIVIERA*** + + + + + +Streifzüge an der Riviera + + +by Eduard Strasburger + + + + +Project Gutenberg TEI edition , (2009-09-20) + + + + + + Streifzüge + + an der Riviera + + Von + + Eduard Strasburger. + + Berlin + + Verlag von Gebrüder Paetel + + 1895 + + + + + +Meiner Tochter + + Anna Tobold + + gewidmet + + + + + +INHALT + + +Vorwort. +Frühjahr 1891. +Frühjahr 1894. +Frühjahr 1895. +Inhaltsübersicht. +Anmerkungen der Korrekturleser + + + + + + +VORWORT. + + +Während graue Winternebel das Rheinthal füllten, schrieb ich diese Zeilen +nieder. Welch’ ein Glück, daß auch an trüben Tagen die Phantasie uns über +die Wolken zu erheben vermag. Oft war es mir, als leuchte die Sonne hell +in meinem Innern, während es draußen dunkel war. Dann sah ich vor mir die +blaue See, an ihren Ufern die steil abfallenden Felsen und in weiter Ferne +die hohe Alpenkette mit ihrem Diadem von Schnee. Sie spiegelten sich in +meinem Geiste wider die leuchtenden Ufer des Mittelmeeres und zauberten +mir goldigen Sonnenschein und würzigen Duft der Maquis in grauen Stunden +vor. So mögen denn diese Zeilen auch in fremder Seele +Frühlingsempfindungen wecken, während es draußen noch schneit und friert. + +*Bonn* 1895. + + + + + +FRÜHJAHR 1891. + + + I. + +Es war Mitte März: Wir erwarteten sonniges Frühlingswetter, und doch +regnete es an der Riviera. Unaufhörlich schlugen die Regentropfen gegen +die Scheiben, heftig oder gelinde, doch ohne Ende, so daß auch die Tage +endlos erschienen. + +Mißmuthig hatte man das Buch aus der Hand gelegt, die Unterhaltungen +stockten. Bittere Klagen wurden über das Wetter laut. So Mancher war über +die Alpen geeilt in der sicheren Erwartung, jenseits derselben den viel +gepriesenen ewig blauen Himmel zu schauen; er hatte gehofft, den nahenden +Vollmond in den Fluthen des Mittelmeeres sich spiegeln zu sehen, und nun +wurde all’ sein Sehnen und Trachten zu Wasser. – Ich selbst, der ich oft +schon den Frühling in Italien zugebracht hatte, faßte die Sachlage weit +ruhiger auf. Wußte ich doch, daß auch in Italien die Regenzeit auf das +Frühjahr fällt. Würden die Felder und Gärten Italiens nicht im Spätherbst +und Frühling mit Regen getränkt, wie sollten sie Früchte tragen? Herrscht +doch in den übrigen Jahreszeiten meist die größte Dürre. Was mich +veranlaßt, trotz dieser scheinbar wenig günstigen Aussichten, doch immer +wieder gerade im Frühjahr über die Alpen zu ziehen, das ist die Sehnsucht +nach grünen Fluren und belaubten Bäumen, nach etwas Sonne und Wärme; die +Zuversicht, am Mittelmeer doch mildere Witterung als im Norden zu finden, +die Hoffnung, dort auch manchen sonnigen Tag, ja bei einigem Glück eine +ganze Reihe solcher Tage zu erleben. Nach dem langen, kahlen, kalten +nordischen Winter wirkt der Contrast am stärksten; man freut sich über das +kärglichste Grün, nimmt dankbar jeden Sonnenstrahl entgegen, während schon +Mancher zur Herbstzeit in der sonnverbrannten lombardischen Ebene sich +nach den saftreichen Matten und dem üppigen Baumwuchs der Alpen +zurücksehnte. Der Herbst pflegt auch in unseren Breiten schön zu sein, +während unser März- und Aprilwetter mit Recht berüchtigt ist. So kam es +auch in diesem Frühjahr; denn während Briefe und Zeitungen uns Kunde von +Schnee und Kälte von jenseits der Alpen brachten, hatten wir uns am +Mittelmeer alsbald des herrlichsten Sonnenscheins zu erfreuen. Ganz +besonders schön wurde es um die Osterzeit. Himmel und Erde zogen ihr +Festkleid an, um sich in unsterbliche Pracht zu hüllen. Der Ostersonntag +fand mich in Bordighera. Vor Tagesanfang brach ich auf, um den Monte Nero +zu besteigen. Doch blieb ich bald gefesselt am Cap d’Ampeglio stehen und +wartete dort den Sonnenaufgang ab. Geisterhaft verklärt tauchte Corsica in +weiter Ferne auf; vorn aber folgte das entzückte Auge der +reichgegliederten Küste, die im weiten Bogen das Meer umfaßt, als wolle +sie es liebevoll an sich schließen. Der Osten war stark geröthet, und +dieser purpurne Schein färbte in glühenden Tönen die Kämme der stahlblauen +Wellen. Kein Wölkchen trübte das Himmelsgewölbe, das aus tiefstem Blau +durch zartes Grün sich gegen die Meeresfläche senkte. Plötzlich tauchte +der rothe Sonnenball am Horizont empor und sandte seine feurigen Strahlen +über das weite Meer, als wenn er es entzünden sollte. Und tausend Lichter +drangen in die tiefen Buchten des Strandes, in die dunklen Thäler der +Küste ein, um aus denselben die Schatten der Nacht zu verscheuchen. Hell +blitzten in weiter Ferne, wie von Feuersbrunst erfaßt, die Häuser von +Monaco auf, und selbst das entfernte Antibes warf lange, goldige Strahlen +der Sonne als Morgengruß zurück. Ueberall war es wie ein Aufflammen, ein +Erwachen, und gleich einem Jubelruf tönte es durch die ganze Natur. So +feierten an jenem Morgen Himmel und Erde am blauen Mittelmeer das Fest der +Auferstehung! Ich war in dieses Schauspiel wie verloren und merkte nichts +von dem Schwinden der Zeit. So kam es, daß die Sonne schon hoch am Himmel +stand, als ich die Weiterwanderung antrat. Die ganze Meeresfläche +glitzerte jetzt von unzähligen Lichtern, als wäre sie mit Diamanten +übersäet; das ferne Corsica löste sich allmälig in einem Nebelstreifen +auf, als wäre es nur ein Traumbild gewesen. Vor mir, am Cap d’Ampeglio, +lag Alt-Bordighera, schon ganz in Sonnengluth getaucht. + +Zwei Stunden sind nöthig, um den Monte Nero zu besteigen. Diese Angabe +wurde mir freilich nur nach Hörensagen gemacht, denn die Wenigsten sind +dort oben jemals gewesen. Ohne zwingenden Grund besteigt der Eingeborene +hier selten einen hohen Berg; nur eine Leidenschaft, die der Jagd, vermag +ihn in so hohe Regionen zu treiben, ungeachtet er auch dort oben nur +winzige Vögel findet, um seine Waidmannslust zu stillen. + +Auf einen wirklich ortskundigen Mann war ich bei allen Nachforschungen +über den Monte Nero nicht gestoßen, und so geschah es, daß ich eigene +Erfahrungen erst sammeln mußte. Es zeigte sich, daß der ganze Gipfel des +Berges dicht bewaldet ist und weder die gepriesene Fernsicht noch irgend +welchen freien Ausblick gewährt. Reichliche Entschädigung fand ich aber +für die Mühe an dem nördlichen, vom Meere abgekehrten Abhang des Berges. +Als ich dort abzusteigen begann, gelangte ich alsbald auf einen Sattel, +der den Monte Nero von dem höheren Monte Caggio trennt. Hier konnte, von +einzelnen waldfreien Stellen aus, der Blick sich ungestört in die +tiefeingeschnittenen Thäler versenken, über sanfte Hügelketten schweifen, +den lang gedehnten Strand erreichen und sich in dem weiten Meer verlieren. +Jenseits des Grates, der das lange Dorf Colla di Rodi trägt, tauchte im +Osten ein Theil von San Remo hervor. Im Nordwesten wurde das Auge durch +die schneebedeckten Häupter mächtiger Riesen der Seealpen gefesselt. In +wunderbarer Klarheit setzten die blendend weißen Schneemassen von dem +dunklen Blau des Himmels ab, während nach abwärts das dunkle Grün der +Föhren, das dem Monte Nero seinen Namen gibt, sich durch helleres Grün der +Oliven bis zum Blau des Meeres abtönte. Nur wenige Landschaften, auch in +Italien, gibt es, welche diese an Schönheit übertreffen. Vereinigt doch +dieses Bild Alles, was berufen scheint, unser Auge zu entzücken, unseren +Verstand zu fesseln, unsere Einbildungskraft anzuregen. Der Anblick der +Schneefelder oben in den Alpen hatte dem Flug meiner Gedanken die Richtung +nach Norden gegeben. Jenseits dieser Berge mochte noch grimmige Kälte +herrschen; hier, südlich von den Alpen, war der Sieg des Frühlings über +den Winter lange schon errungen, so daß der Klang der Osterglocken, der +aus den Thälern zum Monte Nero emporstieg, nur der Freude zu gelten +schien. + +Der schöne Garten vor dem Hôtel Angst stand in voller Blüthe; die Beete +glichen großen Blumenkörben. Ueppige Sträucher des capischen Pelargoniums +hatten überall ihre zinnoberrothen Blüthen entfaltet. Der peruanische +Heliotrop kletterte am Hause empor und erfüllte die Luft mit +vanilleartigem Wohlgeruch. Es gesellten sich zu diesem die Düfte von +Nelken, Reseda und von gelben Theerosen. Die Blätter immergrüner Bäume +leuchteten im Garten von Licht überfluthet; sie warfen auf die Wege +dunkelblaue Schatten. Unter den Palmen saß ein junges Ehepaar, das ich bei +der Heimkehr begrüßte. Ihm ward das Glück zu Theil, seine Flitterwochen am +Mittelmeer zu feiern. Jener sonndurchglühte, blumenreiche Ostersonntag, an +welchem die Natur alle ihre Schätze so verschwenderisch über die Riviera +ausgeschüttet hatte, wird diesem Paar wohl einer der höchsten Feiertage +des ganzen Lebens bleiben. + +Nicht weniger als vier Thäler münden in die schmale Ebene, die sich längs +des Meeres vom Cap von Ampeglio bis nach Ventimiglia hinzieht. Daher +lassen sich von Bordighera zahlreiche Ausflüge unternehmen, täglich fast +mit neuer Abwechselung. Da man im Hôtel Angst zugleich vorzüglich +aufgehoben ist, wird man seinen Aufenthalt in Bordighera gerne verlängern. +Ob Bordighera auch eine geeignete Station für Brustkranke ist, vermag ich +nicht zu beurtheilen. Seiner ins Meer weit vorgeschobenen Lage wegen ist +der Ort den Winden stark ausgesetzt, doch streifen diese Winde ganz +vorwiegend über das Meer, sind daher weniger kalt und trocken als an +vielen anderen Plätzen der Riviera. Es herrscht somit in Bordighera die +Seeluft vor, welche auf Reisende, die nur Erholung suchen – und deren Zahl +wird an der Riviera alljährlich größer – sehr anregend und belebend wirkt. + +Keinesfalls dürfte man, selbst bei kurzem Aufenthalt, in Bordighera es +versäumen, einen Ausflug nach Sasso zu unternehmen. Sasso ist ein kleines +Dorf, auf dem Bergrücken gelegen, der die Thäler von Sasso und von +Borghetto trennt. Der Ort liegt nur vier Kilometer von Bordighera +entfernt, und man erreicht ihn sowohl durch das Thal von Sasso, das +östlich von Bordighera mündet, als auch dem Bergrücken folgend, auf dem +Alt-Bordighera steht. In dem Ort selbst ist nichts zu bewundern: schön +erscheint er nur aus der Entfernung. Seine hohen, zu einer Masse +verschmolzenen, nach außen nur von wenigen Fenstern durchbrochenen Häuser +rufen den Eindruck einer einzigen gewaltigen Festung hervor. Besonders +malerisch ist der Blick auf Sasso von dem Wege aus, der zwischen alten +Olivenbäumen oben dem Bergrücken entlang läuft. Er überrascht uns ganz +plötzlich an einer Straßenwendung, nachdem der steile Pfad die Höhe +erklommen hat. Von zahlreichen Stellen des Weges überschaut der Wanderer +alsdann die beiden Thäler von Sasso und von Borghetto; er kann mit dem +Blick auch weiter dringen bis in das Thal von Vallecrosia, während ihm +gleichzeitig über den nahen Hügelreihen die schneebedeckten Häupter der +Seealpen entgegenleuchten. – Wie oft habe ich mich stundenlang an diesem +Wege aufgehalten, von Zeit zu Zeit den Platz verändernd, um das Bild in +anderer Umrahmung zu bewundern. Hier war es nur ein einziger +phantastischer Schneepalast, der in lichtes Grün der Oliven gefaßt, mir +entgegenstarrte; dort tauchte mein Blick tief in ein Thal hinab, um auf +den dichtgedrängten Häusern einer buntscheckigen Ortschaft zu ruhen, oder +es folgte auch mein Auge dem Lauf eines Baches, der, zwischen +Oleanderbüschen versteckt, in zahlreichen Windungen dem Meer zueilte; oder +es war wieder Sasso, welches über Baumwipfeln, wie in einem grünen Meer, +zu schweben schien, oder endlich die tiefeingeschnittene Küste und das +weite Meer, auf welchem der ermattete Blick Rast machen konnte. Welche +Fülle von Motiven für den Landschaftsmaler! Ich mußte mich begnügen, die +Bilder in mein Inneres aufzunehmen, wo sie freilich auch jetzt noch +farbig-sonnigen Widerschein finden. + + II. + +Die Olivenhaine, durch welche man am Bergrücken entlang nach Sasso +wandert, sind von seltener Schönheit: alte, knorrige Stämme, oft auf +mehreren Füßen, wie auf Stelzen, in die Lüfte ragend. Man bleibt gern +stehen, um einzelne dieser Bäume zu bewundern, erfreut sich dann auch des +Gegensatzes, den die dunkel beschatteten Stämme gegen das leuchtende Blau +des Himmels und des Meeres bilden. Zauberhaft schön ist es aber in einem +solchen Olivenhain des Abends zu wandeln, wenn der Vollmond über dem Meere +steht. Da glänzen so eigenartig die mattgrauen Blätter der Bäume, und es +blitzt bei jedem Windhauch wie Silber aus den Zweigen. Auch der lange +Mondstreifen im Meere scheint sich zu beleben, er wiegt sich auf den +Wellen, folgt bebend ihrem Lauf und zerschellt mit ihnen am Strande zu +leuchtendem Schaum. + +Die Blüthezeit des Oelbaumes fällt in den Mai oder Juni. Dann ist er dicht +bedeckt von kleinen, gelblichweißen Blüthen, die einen lieblichen Geruch +verbreiten. Diese Blüthen erinnern an diejenigen unserer Rainweide, des +_Ligustrum vulgare_, eines Strauches, der in Wirklichkeit auch dem Oelbaum +nahe verwandt ist. Die Früchte des Oelbaums sind Steinfrüchte von länglich +runder Gestalt. Die unreifen Früchte haben grüne Färbung, verschwinden +daher im Laub; doch beim Reifen werden sie schwarzblau und treten dann +scharf hervor. Ein alter Brauch verlangt, daß die Ernte der Oliven am +21. November beginne; sie dauert im Dezember fort. Ungünstige +Witterungsverhältnisse können die Ernte an der Riviera freilich sehr +verzögern. So kam es, daß im Frühjahr 1891 die meisten Bäume um Bordighera +noch voll Oliven hingen. Manche Bäume waren mit Früchten so stark beladen, +daß man das Laub kaum sehen konnte. Die Olivenernte war Anfang April in +vollem Gange. Arbeiter und Arbeiterinnen zogen mit Säcken und Körben +bepackt in den Olivenhain. Dort sah man die Männer auf die Bäume steigen +und mit Stangen gegen die Aeste schlagen. Frauen und Kinder hockten am +Boden, um die Früchte aufzulesen. Von allen Seiten schallte dem Wanderer +der trockne Ton der Schläge aus den Bäumen entgegen, und überall unter den +Bäumen ging die mühevolle Arbeit des Sammelns von statten. Stundenlang +verharren die Sammler in gebückter Stellung, um die Oliven einzeln +aufzuheben, und doch wäre es so einfach, sich einen großen Theil der +Arbeit zu sparen. Westlich von Nizza legen die Olivenbauer große Tücher +unter die Bäume und fangen die Oliven mit diesen auf. Freilich wird auch +dort noch mit Stangen gegen die Zweige geschlagen, ungeachtet schon +Plinius im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vor diesem rohen +Verfahren warnt, da es die Bäume schädigt. Gegen althergebrachte Sitte ist +eben schwer anzukämpfen, sie setzt zähen Widerstand jeder Neuerung +entgegen. In Bordighera warten die Olivenbauer meist, bis ihre Oliven ganz +reif sind. Ein großer Theil der Früchte ist dann schon von selbst vom Baum +gefallen. Alles das wird zusammen von dem Boden aufgelesen und liefert ein +entsprechend schlechtes Öl. Denn feine Tafelöle preßt man aus solchen +Früchten, die erst zu reifen beginnen. Diese müssen auch mit der Hand vom +Baume gepflückt werden, um weder Quetschung noch Verwundung zu erleiden. +Aus solchen Früchten gewinnt man jene Öle, die wir als Provencer Öle +bezeichnen. Der Provence entstammen sie freilich nur zum kleineren Theil, +zum größeren Theil Italien. Dort ist es vornehmlich Apulien und zwar die +Gegend südlich von Bari, welche diese feinen Sorten erzeugt. Sie liefert +jetzt sehr gute Öle, während in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts das +apulische Öl noch ebenso schlecht und ranzig schmeckte, wie andere +süditalienische Sorten. Auch in Apulien betrieb man die Ernte der Oliven +damals ganz lässig und verfügte nur über sehr schlechte Ölpressen. +Charakteristisch genug, als das antike Modell einer Ölpresse in Pompeji +aufgefunden wurde, begrüßte man es in Apulien als einen Fortschritt und +führte es an verschiedenen Orten ein. – Von Bordighera bis zum Esterel +wird vorwiegend nur geringwerthiges Öl gewonnen, das als Maschinenöl +Verwendung findet oder der Seifenfabrikation dient; Nizza bezieht die +feinen Öle, die es vertreibt, vorwiegend aus der Ferne. + +Die Früchte, die man zum Zwecke feinster Ölgewinnung sorgsam pflückte, +breitet man zunächst in dünnen Lagen auf Horden aus. Dort trocknen sie an +der Luft oder bei künstlicher Wärme, bis sie runzlich werden. Haben sie +einen Theil ihres Wassers in solcher Weise eingebüßt, so kommen sie in die +Ölmühlen. Es sind das meist steinerne Behälter, in welchen die Oliven +durch Mühlsteine zermalmt werden. Schon bei diesem Verfahren fließt etwas +Öl ab, das als das feinste Tafelöl gilt, kaum aber in den Handel kommt. +Der in der Mühle hergestellte Brei wird in Bast- oder Jutesäcke gefüllt +und in einer Kelter gepreßt. Bei schwachem Druck fließt jetzt zunächst das +beste, dann etwas weniger gutes Speiseöl ab. Dieses Oel wird als +Jungfernöl »_huile vierge_« bezeichnet. Dann gelangen die Trester in +hydraulische Pressen und liefern ein Öl, das der Seifenfabrikation oder +auch gewerblichen Zwecken dient. Dann werden die Trester mit warmem Wasser +angerührt und nochmals gepreßt, wandern schließlich oft noch in Fabriken, +wo man ihnen den Rest ihres Öles durch chemische Mittel entzieht. + +Das Speiseöl, das aus der Kelter fließt, muß sorglich geklärt werden, +bevor es zum Verkauf gelangt. Man bringt es in dunkle kühle Räume, wo über +einander die nöthigen Bottiche zur Aufnahme des Öls sich befinden. Das +unklare Öl gelangt in das oberste Gefäß, fließt aus dem Spundloch +desselben durch einen durchlöcherten Zinkkasten, der mit Watte +ausgekleidet ist, in einen zweiten Bottich und aus diesem nochmals durch +Watte in einen dritten. Die Watte muß am nämlichen Tage oft mehrfach +erneuert werden. Aus dem dritten Bottich gelangt das Öl in Cisternen, die +man in Nizza mit Porzellanplatten auszukleiden pflegt. Hier steht das Öl +wohl an die drei Monate, bevor es in Flaschen gefüllt und versandt wird. + +So überreife, abgeschlagene und am Boden faulende Oliven, wie wir sie in +Bordighera hatten ernten sehen, können nur ranzige Öle ergeben. Die +kleinen Besitzer, welchen die Ölhaine hier gehören, liefern ihre Früchte +an fremde Mühlen ab und pflegen für die Pressung in Oliven oder in Öl zu +zahlen. Aus den Ölpressen der Mühlen floß zur Zeit unseres Besuches eine +Flüssigkeit ab, welche alle Bäche von Bordighera in braunen Tönen färbte. +Bei ruhigem Wetter zeichnete sich die Mündungsstelle jedes Flüßchens als +brauner Streifen ziemlich weit im Meere ab. + +Im Alterthum hieß es allgemein, daß der Ölbaum nur in der Nähe des Meeres +gedeihe. Man rechnete aus, daß er sich von demselben nicht über +dreihundert Stadien, somit nicht über 7-1/2 geographische Meilen entferne. +Es ist nicht zu leugnen, daß der Ölbaum den Seestrand bevorzugt, doch +hängt das nicht mit dem unmittelbaren Einfluß der großen Wasserfläche, +vielmehr mit dem gleichmäßigen Klima zusammen, welches durch dieselbe +gefördert wird. Denn der Ölbaum kann anhaltenden Frost nur sehr schlecht +vertragen. Auch bevorzugt der Ölbaum den Kalkboden, den er hier an der +Riviera reichlich vorfindet. Ein besonders günstiges Zusammenwirken von +Klima und Boden, verbunden mit sorglichster Behandlung der Früchte, ist +aber erforderlich, damit der Ölbaum ein so feines Öl, wie etwa in Apulien, +erzeuge. + +Die Mühlen, in welchen das Öl gepreßt wird, sind fast immer alte +malerische Bauten. Sie suchen oft steile Stellen in den Schluchten auf, um +die Kraft des Baches, der dort abwärts braust, zu nutzen. Wie +Schwalbennester kleben sie an den Felsen. + +Wer zur Frühjahrszeit durch die Olivenwälder um Bordighera streift, muß +darauf bedacht sein, nicht in die Schußlinie der »Cacciatori« zu gerathen. +Denn um diese Zeit bewegen sich jene durch alle Haine, Gärten und Fluren, +um als einziges Wild die kleinen Vögel zu erlegen. Für die italienische +Riviera, wie für Italien überhaupt, hat dieser Sport ganz bedenkliche +Folgen, da die Vernichtung der Vögel eine entsprechende Vermehrung der +Insekten nach sich zieht. Nicht nur verschwinden aus Italien die heiteren +Sänger, welche die Wälder und Gärten in anderen Ländern in so lieblicher +Weise beleben, sondern es nimmt auch die Zahl schädlicher Insekten in +bedenklicher Weise dort zu. Dem Ölbaum besonders nachtheilig ist _Decus +oleae_, der sich von dem Fruchtfleisch der Oliven nährt. Er wird von den +Franzosen _la Mouche_, von den Italienern _Macha del Olivo_ genannt. Die +Fliege legt ihre Eier in ganz junge Fruchtanlagen, und die Maden, welche +diesen Eiern entschlüpfen, leben dann auf Kosten der sich entwickelnden +Frucht. Sie verpuppen sich schließlich in derselben und verlassen sie als +fliegende Brut. Gelangen sie mit den Oliven in die Mühle, so leidet der +Geschmack des Öls von denselben. + +Von einer Wanderung durch die Olivenhaine kehrt man wohl stets, mit einem +Blüthenstrauß geschmückt, nach Hause. Denn sie sind zu verlockend, diese +Frühlingsgaben der Flora, zu lieblich, als daß man an ihnen so flüchtig +vorbeieilen sollte. Ueberall stehen unter den Bäumen die dunkelblauen +Traubenhyacinthen, die bisamartigen Duft verbreiten; besonders schön ist +die eine Art (_Muscari comosum_), die einen amethystfarbigen Schopf über +dem sonst unscheinbaren Blüthenstande trägt. Hier und dort schaut aus dem +Rasen eine blühende Orchidee hervor. Meist ist es eine Art der Gattung +Ophrys, jener merkwürdigen Orchideen-Gattung, deren Blüthen ganz den +Insekten gleichen. Bei _Ophrys aranifera_ erinnern sie an Spinnen: man +meint die vorgestreckten Beine und den aufgedunsenen braunen Leib eines +solchen Thieres zu sehen. Auch _Ophrys Arachnites_ ist spinnenähnlich und +zeigt einen purpurbraunen, grün verzierten Leib. Die schönste dieser +Ophryden scheint mir aber die _Ophrys Bertolonii_, mit dunkelrothen +Blüthen, zu sein. Doch Ophrys-Arten hat der Nordländer vielleicht schon in +seiner Heimath gesehen und fesselt ihn daher mehr eine andere Orchidee von +ungewohnter Gestalt: die _Serapias Lingua_, vielleicht gar _Serapias +longipetala_, deren rothbraune Blüthen, von rothen Deckblättern fast +verhüllt, nur ihre Lippen nach außen vorstrecken. Mit Freuden begrüßt er +eine wilde Tulpe (_Tulipa Celsiana_), deren hellgelbe Blüthen sich auf +langen Stielen wiegen. Die Siegwurz (_Gladiolus segetum_) mit rosenrothen, +einseitig aufgereihten Blüthen tritt ihm auch an zahlreichen Stellen +entgegen. In seinem Strauß nimmt er dann noch gern das weißblüthige +_Allium neapolitanum_ auf, denn gehört jene Pflanze auch zu den +Laucharten, so duften doch ihre weißen Blüthenstände in angenehmer Weise. +Hauptsächlich sind es aber die gelben Tazetten, welche dem Strauß +Wohlgeruch verleihen, während seine Farbenpracht gehoben wird durch eine +reiche Auswahl bunter Anemonen (_Anemone coronaria_ und _hortensis_). + +Ebenso alt als Kulturpflanze wie der Ölbaum ist der Weinstock, die beide +daher von Alters her zusammen genannt werden. – »Zwei Flüssigkeiten thun +dem menschlichen Körper besonders wohl,« heißt es in der Naturgeschichte +des Plinius, »innerlich der Wein, äußerlich das Öl; beide stammen aus dem +Pflanzenreiche und sind vorzüglich, doch das Öl ist das nothwendigere.« +Das trifft für das Öl heut nicht mehr zu. Im Alterthum rieb man sich mit +demselben nach dem Bade den Körper ein; jetzt wird es äußerlich allenfalls +nur noch als Marseiller Ölseife angewandt. – Wie in dem Werke des Plinius +tritt uns auch an der Riviera der Weinstock vielfach neben dem Ölbaum +entgegen. Doch an der Küste selbst herrscht der Ölbaum vor. Denn im +Gegensatz zum Ölbaum meidet der Weinstock die nächste Nähe des Meeres. +Andererseits verträgt er viel stärkere Gegensätze der Temperatur, so daß +seine Cultur selbst weit im Norden versucht werden konnte. Im vierzehnten +Jahrhundert drang der Weinbau bis in das preußische Ordensland, selbst bis +nach Tilsit vor, und wenn er sich heute, um so viel weiter, nach Westen +und Süden zurückgezogen hat, so geschah dies nur, weil er in nördlicheren +Gegenden ertragsfähigeren Producten weichen mußte. + +Der Ölbaum ist sicher am Mittelmeer einheimisch, andererseits muß +angenommen werden, daß seine Cultur im Orient begann, daß Culturformen des +Baumes sich von da aus verbreitet haben, und schon in vorhomerischer Zeit +nach Griechenland gelangten. Den Weinstock (_Vitis vinifera_) fanden die +Culturvölker ebenfalls als wilde Pflanze auf europäischem Boden vor. Ja +heut noch meint man südlich und nördlich von den Alpen stellenweise die +Pflanze im ursprünglichen Zustande anzutreffen, doch ist es meist schwer +zu entscheiden, daß sie nicht verwildert sei. Am üppigsten gedeiht die +wilde Weinrebe heute um das schwarze Meer, und man hat an den südlichen +Abhängen der Krim Stämme bis zu anderthalb Meter Umfang gemessen. Die +Cultur des Weinstocks ging allem Anschein nach vom westlichen Kleinasien +aus und ist einem indogermanischen Volke zu verdanken. + +Von den Weinen der westlichen Riviera waren im Alterthum schon die von +Massilia, also des heutigen Marseille, bekannt, zeichneten sich aber nicht +durch ihre Haltbarkeit aus, so daß man sie räuchern mußte. Es geschah das +in Rauchkammern nach orientalischer und griechischer Sitte. Im +Wesentlichen war das ein ähnliches Verfahren wie das heutige +Pasteurisiren. Ganz wie man heut den Wein bis auf mindestens 60° C. +erwärmt, um die schädlichen Keime in demselben zu tödten und so seine +Haltbarkeit zu erhöhen, wurde im Alterthum der Wein in wohl verschlossenen +Gefäßen durch heißen Rauch erhitzt. Das Feuer befand sich in einem unteren +Raume, und Rauch und Hitze stiegen, durch ein Rohr geleitet, in das obere +Geschoß, in dem der Wein sich befand. Der Rauch gelangte dort durch +angebrachte Öffnungen ins Freie. Dieses Verfahren konnte den Geschmack des +Weines nicht wesentlich beeinflussen, wohl aber mußte das geschehen bei +Zusatz von Seewasser zum Most, wie er in Kleinasien und Griechenland +häufig geübt wurde. Auch mit Gips, Kalk, Marmor, Thon, Pech oder Harz hat +man die Weine versetzt, um sie haltbarer zu machen und ihnen zugleich +einen bestimmten Geschmack zu verleihen. Es bemerkt aber bereits Plinius, +daß der bekömmlichste Wein immer derjenige sei, dessen Most ohne +fremdartigen Zusatz bleibe; denn welcher noch so Gesunde, meint er, sollte +nicht Scheu haben vor Weinen, die Marmor, Gips oder Kalk enthalten? +Überhaupt klagt Plinius sehr über die Verfälschung der Weine; es sei damit +so weit gekommen, daß nur der Name des Weinlagers den Preis der Weine +bestimme und daß man den Most schon in der Kelter verfälsche. Daher seien, +so wunderlich dies auch klinge, die am wenigsten gekannten Weine oft die +unschädlichsten. Das Anmachen des Weines mit Seewasser wird von Plinius +als für den Magen vorzüglich gepriesen. An eine bekannte neuere +Heilmethode erinnert seine Mahnung, daß wer hager werden will, während der +Mahlzeit dursten oder doch nur wenig trinken soll. – Durch Einkochen und +durch Hinzufügen von Kräutern suchte man im Alterthum vielfach die +Haltbarkeit der Weine zu erhöhen, in ähnlicher Weise wie dies heute durch +Zusatz von Alkohol geschieht. Daß die Römer Weinschmecker ersten Ranges +waren, geht genugsam aus den Angaben der alten Schriftsteller hervor. Die +Menge der zum Verkauf angebotenen Weinsorten verglich Virgil bereits mit +derjenigen des lybischen Sandes und der Meereswellen. Man trank in Rom +meist schon ungemischte Weine, das heißt ohne den einst üblichen Zusatz +von Wasser; man kühlte sie mit Eis, versetzte sie öfters mit Gewürzen und +fing an, nach alten Jahrgängen zu trachten. Guter Wein mußte acht bis zehn +Jahre alt sein, um geschätzt zu werden, und selbst von zweihundertjährigen +Weinen sind uns Berichte erhalten. So mundete dem Kaiser Caligula (37–41 +n. Chr.) Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten Weinjahre, dessen sich +Italien zu erinnern wußte. Es war Italien selbst, das zu Plinius’ Zeiten +die geschätztesten Weinsorten producirte, so daß Plinius wohl behaupten +durfte, Italien nehme mit seinen Weinen die erste Stelle unter allen +Ländern ein und sei nur in der Erzeugung von Wohlgerüchen von einigen +derselben übertroffen: es gebe übrigens, fügt er hinzu, keinen Wohlgeruch, +der denjenigen des blühenden Weinstocks übertreffe. – Auch in der +römischen Zeit wurde der Weinstock bereits in kunstgerechter Weise +zugeschnitten, doch ließ man ihn je nach der Gegend in verschiedener Weise +wachsen. In Campanien schlang er sich empor an der Pappel, umfing sie wie +seine Gattin, streckte seine üppigen Arme auf gewundenen Bahnen zwischen +ihre Aeste, bis er ihren Gipfel erreichte. Da pflegte der Winzer, zur +Arbeit gemiethet, sich außer dem Lohne vom Gutsherrn einen Scheiterhaufen +und ein Grabmal auszubedingen, falls ihn bei der Weinernte ein Unfall +treffen sollte. Anderswo waren ganze Landhäuser von den schmiegsamen +Aesten eines einzigen Weinstocks umflochten, und in Rom lustwandelte man +in den Säulenhallen der Livia im Schatten eines Weinstocks, der zwölf +Amphoren Wein lieferte. In manchen Theilen Italiens zog man den Weinstock +an Pfählen, in noch anderen ließ man ihn auf dem Boden kriechen, in all’ +jener Mannigfaltigkeit der Behandlung, die auch heut noch dem Wanderer in +Italien auffällt. Hier, meint Plinius, schimmerten purpurne Trauben aus +dem grünen Laub hervor, dort leuchteten sie in rosenrothem Glanz, dort +endlich in saftigem Grün. An dem einen Orte sah man runde, an dem anderen +längliche, hier kleine, dort große, hier harte und dickschalige, dort +saftige und dünnschalige Beeren. Manche Trauben hing man im Zimmer an +einem Faden auf, um sie länger zu erhalten, andere versenkte man in süßen +Wein und ließ sie sich so im eigenen Safte berauschen. Auch gab es +Trauben, die man räucherte, ähnlich wie es mit manchen Weinen geschah. +Plinius erzählt, daß Kaiser Tiberius geräucherte afrikanische Trauben ganz +besonders liebte. + +Nach dem Sturze Roms zerfiel auch der Weinbau in Italien. Nachlässig +wurden die Trauben geerntet, sorglos gekeltert, und der Most lange auf den +Trestern gelassen, damit der Wein jene dunkle Farbe erlange, wie sie im +Lande beliebt war. Solche Weine konnten sich nicht lange halten, wurden +von fremden Ländern daher auch nicht begehrt. Doch in neuester Zeit +beginnt sich das zu ändern; Weinbau und Weinbereitung in Italien sind in +erfolgreichem Aufschwung begriffen. + +Die alte Sitte, den Wein in Schläuchen zu befördern und dann in Amphoren +aufzubewahren, hat sich jetzt auch im Süden verloren. Hölzerne Tonnen, die +zur Römerzeit bei den cisalpinischen Galliern und den Alpenvölkern in +Gebrauch waren, fanden ihren Weg damals schon nach Italien. + + III. + +Das Bild von Bordighera schwebt der Erinnerung stets umrahmt in Palmen +vor, so wie man sich einst die alte syrische Stadt Palmyra nicht anders +als im Palmenschmuck vorstellen konnte. In der That gedeihen nirgends an +der Riviera die Dattelpalmen besser als in Bordighera. An der Ostseite des +Cap d’Ampeglio sind wahre Palmenwäldchen zu sehen. Diese östliche Bucht +ist ganz besonders gegen die Nordwestwinde geschützt. Zwischen den Mauern +palmenreicher Gärten, über welchen schlanke Stämme ihre Krone neigen, +empfangen wir ganz afrikanische Eindrücke und können vergessen, daß uns +die volle Breite des Mittelmeeres von dem Lande der Oasen trennt. +Pietätvoll wandern deutsche Reisende zu jener malerischen Palmengruppe +hin, die in einer halben Stunde Entfernung, östlich von Bordighera, zu +Madonna della Ruota den Meeresstrand schmückt. Es sind das die Palmen, die +Scheffel in seinem Liede »Dem Tode nah« besang, und unter welchen er ein +Grab sich träumte. Sie stehen, einige zwanzig an der Zahl (nicht zwölf, +wie es in dem Liede heißt), um eine alte Cisterne und erwecken an dem +einsamen, wilden Orte, von Meereswellen umspült, in der That poetisches +Empfinden. Daß dieses hier nicht allein ein deutsches Gemüth ergreift, +geht aus der Schilderung hervor, welche Charles Garnier, der Erbauer der +Pariser Großen Oper und des Casinos in Monte Carlo, von diesem Ort in +seinen »_motifs artistiques de Bordighera_« entwirft. Der Stil der +Schilderung ist freilich etwas überschwänglich und erinnert an jene +Verzierungen, welche die Garnier’schen »Prachtbauten« überreich schmücken: +»Das ist der Ort, wohin ihr ziehen müßt, ihr Künstler; das ist die Stätte, +die ihr sehen müßt, ihr Poeten; das ist der Erdwinkel, der euch fesseln +muß, ihr Alle, die ihr nach lebendigen und mächtigen Eindrücken strebt, +und die ihr findet, daß unser Herz höher schlägt im Anblick der Natur! +Werden Erinnerungen an den Orient in euch schon wachgerufen, wenn ihr das +alte Bordighera und seine Umgebung durchwandert, so steht ihr hier nicht +mehr vor dem Vergleich, nicht mehr vor Ähnlichkeiten, nein, ganz Judäa +findet sich in diesem Eindruck verkörpert. Das ist der Brunnen der +Samariterin, der Brunnen der Rebecca; das sind die Juden, die Apostel, das +ist Jerusalem, Nazareth, Bethlehem, die sich euch offenbaren in jenem +bescheidenen Flecken bordigherischen Vorgebirges.« – Die sturmgepeitschten +Palmen um diese alte Cisterne, mit dem unvergeßlichen Hintergrund des +Meeres, haben zahlreichen Malern schon das Motiv zu stimmungsvollen +Bildern gegeben. Es verursachte daher in Künstlerkreisen einige Aufregung, +daß der Ort, vom deutschen Kunstgärtner Ludwig Winter angekauft, in einen +Garten verwandelt werden sollte. Die endliche Verwerthung des Grundstückes +in so dicht bevölkerter Gegend war aber nicht zu vermeiden; es muß noch +als ein besonders glücklicher Zufall angesehen werden, daß dieser schöne +Flecken Erde in kunstsinnige Hände gelangte. Herr Winter hat dem äußersten +Vorsprung des Vorgebirges, das die Scheffel-Palmen trägt, seinen +ursprünglichen Charakter gelassen und den Garten harmonisch zu der +Umgebung gestimmt. – Anemonen, Reseda, Nelken und üppig blühende +Rosensträucher decken jetzt den Abhang; große Palmen, die man hierher +verpflanzte, entspringen dem zuvor so kahlen Boden; um einen weiten +Wasserbehälter, wie man sie an der Riviera oft sieht, ist eine Pergola +errichtet, zu deren Säulen die Palme den architektonischen Gedanken gab. + +Im alten Testament werden die Dattelpalmen mit stolzen Königstöchtern +verglichen. Nicht allen Dattelpalmen in den bordigherischen Gärten kommt +aber so edle Gestalt zu. Es hängt das mit der Behandlung zusammen, welche +die meisten Dattelpalmen hier erfahren. Man nimmt ihnen alljährig einen +Theil ihrer Wedel. Die Familie Bresca in San Remo erhielt schon im +sechzehnten Jahrhundert vom Papst Sixtus V. das Privilegium, Palmenwedel +für den Palmsonntag nach Rom zu liefern, angeblich eine Belohnung für den +Schiffscapitän Bresca, der im Jahr 1586, während der Aufstellung des +Obelisken auf dem Sanct Petersplatz, als die trockenen Taue zu versagen +drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: »Wasser auf die Taue!« dem +Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half. Die Familie Bresca ließ +ihre Palmen in Bordighera ziehen, in dessen sandig-lehmigen Boden die +Dattelpalme besser als in dem schweren Lehmboden von San Remo gedeiht. So +reicht die Palmenindustrie Bordigheras bis in das Mittelalter zurück, und +auch heute noch ist es dieser Ort, der die meisten Palmenwedel zur Feier +des Palmsonntags nach Rom entsendet. Den Palmenwedel hat die christliche +Kirche, wie so viele andere Symbole, der Bildersprache des Orients, des +Heidenthums und des Judenthums entnommen, und wie Palmenwedel bei den +Festen des Osiris in Ägypten, bei dem feierlichen Einzuge der Könige und +der Königshelden in Jerusalem und bei den olympischen Spielen prangten, so +schmücken sie heute noch am Palmsonntag die Altäre katholischer Kirchen. + +Statt frei in den Lüften ihre Wedel zu schaukeln, müssen die meisten +Palmen zur Herbstzeit es erdulden, daß ihre Krone im Innern +pferdeschweifartig zusammengebunden werde. Diese Behandlung bezweckt eine +bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden Wedel. Nicht alle Palmstämme +sind für diese Behandlung gleich geeignet, und unter den geeigneten werden +noch solche unterschieden, die mehr für den katholischen und solche, die +mehr für den jüdischen Ritus sich schicken. Denn auch die Juden brauchen +Palmenwedel bei dem Laubhüttenfest. Der Bordighese bezeichnet kurzweg die +eine Dattelpalme als »_Cattolica_«, die andere als »_Ebrea_«. – Die +Blätter der katholischen Palme sind schlanker, die der jüdischen kürzer +und gedrungener. An der katholischen Palme bindet man die mittleren Wedel +fest zusammen, damit die neuen Wedel bei thunlichstem Lichtabschluß sich +entwickeln und so möglichst farblos bleiben. Denn bei der Feier des +Palmsonntags sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen, sie sollen auch +ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunklen werden solche Wedel auch +schlank und lang; sie laufen spitz an ihren Enden aus und bleiben biegsam +und weich, so daß sie leicht in beliebige Formen geflochten werden können. +An den jüdischen Palmen werden die älteren Blätter weniger stark +verbunden, das Licht ist somit von den jüngeren Blättern nicht ganz +ausgeschlossen, diese können daher auch ergrünen. Sie bleiben zugleich +kürzer, schließen mit stumpfer Spitze ab und werden härter. Mit dem +Palmenwedel verbinden die Juden beim Laubhüttenfest die Myrte und die +Bachweide zum Feststrauß und halten, während dieser in der rechten Hand +geschwungen wird, einen »Paradiesapfel« in der Linken. Das Laubhüttenfest +ist ursprünglich das Erntefest der Juden. Es verlor aber in den fremden +Ländern diese seine Bedeutung und behielt nur die andere historische, die +ihm ebenfalls von Alters her zukam, eine Erinnerung an den göttlichen +Schutz während der Wüstenwanderung zu sein. Die Wahl der vier »Arten« im +Feststrauß hat die mannigfaltigsten symbolischen Deutungen erfahren; sie +mochte vielleicht ursprünglich die Vegetation Palästina’s versinnbildlicht +haben. Durch religiöse Vorschriften wurden die vier »Arten« späterhin in +starre Formen gefaßt, und wie der Palmenwedel, so müssen auch die +Myrtenzweige und die Bachweide ganz bestimmte Gestalt besitzen. Die Myrten +im Besonderen werden für die rechtgläubigen Juden in genau +vorgeschriebenen Formen gezogen. Der Zweig muß eine Höhe haben, die drei +Handbreiten gleichkommt und die Blätter in dreigliedrigen Wirteln tragen. +Sind die Wirtel aufgelöst, d. h. die Blätter nicht zu dreien in gleicher +Höhe befestigt, so ist der Zweig unbrauchbar. Eher geht es an, einen Zweig +zu benutzen, der die Blätter nur zu zweien in gleicher Höhe trägt. Ein +solcher Zweig ist im Nothfall zulässig, steht aber im Preise weit hinter +der wahren »Hadassah« zurück. + +Die katholische Kirche hat sich in Betreff der Palmen, welche der +Palmsonntag verlangt, viel nachsichtiger gezeigt. In nordischen Ländern +hat der Buchsbaum, ja selbst der kätzchentragende Weidenzweig, das +Palmenblatt ersetzt. An der Mosel wird der Buchsbaum geradezu als »Palm« +bezeichnet, und auch die aus Weiden gebundenen Festzweige heißen Palmen in +slawischen Ländern. + +Die Palmen hatten im Winter 1890/91 eine schwere Probe an der Riviera zu +bestehen, als das Thermometer für mehrere Stunden auf 6° C. unter 0 +gesunken war. Besonders bewährten sich bis jetzt im bordighesischen Klima, +außer den Dattelpalmen (_Phoenix dactylifera_), die canarische _Phoenix +canariensis_, die kalifornische _Pritchardia filifera_, die australische +_Livistona australis_ und die chinesische _Chamaerops excelsa_. Daß +außerdem die Zwergpalme, _Chamaerops humilis_, gut in Bordighera gedeihe, +ist nicht wunderbar, da sie der Mittelmeerflora thatsächlich angehört; sie +ist unsere einzige europäische Palme, in Sicilien heimisch. In Algier +deckt sie große Flächen. Man suchte sie dort auszurotten, um den Boden für +neue Culturpflanzen zu gewinnen, jetzt sorgt man für ihre Verbreitung. Vom +lästigen Unkraut, als welches sie betrachtet wurde, ist sie zu einer +wichtigen Nutzpflanze avancirt. Entsprechend zubereitet, liefern nämlich +die Blätter der Zwergpalme sehr elastische Fasern, die gleich Pferdehaaren +zum Ausstopfen der Möbel und Matratzen dienen können. Den Pferdehaaren +gegenüber zeichnen sie sich nicht nur durch ihre Billigkeit, sondern auch +dadurch aus, daß sie nicht von Motten befallen werden. Im Gegensatz zu den +Phoenix-Arten, die gefiederte Blätter besitzen, sind die Pritchardien, +Coryphen, Chamaerops-Arten mit fächerförmigen Blättern versehen. Ihr +Aussehen weicht somit nicht unwesentlich von demjenigen der Dattelpalmen +ab, so daß ihre Acclimatisation an der Riviera auch in landschaftlicher +Beziehung als ein Gewinn betrachtet werden kann. Zu bedeutender Höhe ist +in zahlreichen Gärten die _Chamaerops excelsa_ bereits emporgewachsen. Sie +gehört zu den härtesten der eingeführten Arten, so daß sie ohne Bedeckung +selbst das Klima der Insel Wight verträgt. _Pritchardia filifera_ ist der +zahlreichen weißen Fäden wegen, die den Blatträndern entspringen, sehr +beliebt, verbreitet sich demgemäß auch rasch an der ganzen Riviera. Zu den +häufigsten Palmen dürfte dort auch bald die _Phoenix canariensis_ gehören, +welche der Dattelpalme sehr ähnlich ist, sich aber vor ihr durch +gedrängteren üppigeren Wuchs und kräftigere Blattentwickelung auszeichnet. +– An geschützten Stellen der Riviera gedeihen auch verschiedene Arten der +Palmengattung Cocos, so _Cocos flexuosa_, und _Romanzoffiana_ mit äußerer +eleganter Tracht, auch die blaugrüne _Cocos australis_. Die echte +Cocospalme (_Cocos nucifera_), welche die Cocosnüsse liefert, kommt hier +hingegen, sowie auch an den Südrändern des Mittelmeers, nicht fort. Ihre +Cultur ist nur innerhalb der Wendekreise möglich. In der Form ihrer +Blätter stimmen die Cocospalmen mit den Dattelpalmen überein. Ähnliche +Blätter haben auch die Areca-Arten (_Areca sapida_, _Baueri_), welche an +der Riviera gut aushalten. Es sind das nahe Verwandte der Betelnußpalme +(_Areca catechu_), welcher die Betelnüsse entstammen, jene Nüsse, die mit +Kalkpulver bestreut, und in Blätter des Betelpfefferstrauchs (_Piper +Betle_) gewickelt, von Jung und Alt in Südasien gekaut werden. Zu den +Palmen mit fächerförmigen Blättern, welche die Gärten der Riviera zieren, +gehören auch zwei Livistona-Arten, die _Livistona chinensis_ und +_australis_, mit mächtigen Blättern, Palmen, die häufig in unseren +Gewächshäusern anzutreffen sind. Schön macht sich unter den anderen +Fächerpalmen der Riviera die blaugrüne _Brahea Roezli_, dann die +stattlichen Sabal-Arten, deren zähe Fasern für Seilerwaaren, Hüte, Körbe +und Säcke verwandt werden, auch die wichtige Carnaubapalme Brasiliens, die +_Copernicia cerifera_. Mit den Blättern dieser Palme wird in der +brasilianischen Provinz Ceara ein großer Theil der Hütten gedeckt, ihre +Fasern ähnlich wie Stroh verwandt, der harte Stamm liefert Bau- und +Tischlerholz, die Wurzeln ein Heilmittel, die bitteren Früchte dienen als +Nahrung, aus dem Saft wird Sirup und Arrak bereitet, kurzum diese Palme +zeigt uns so recht ein Bild von dem Nutzen, den eine einzige Art dieser +segensreichen Pflanzenfamilie in den Tropen stiften kann. Ihren Artennamen +_cerifera_, sowie ihren deutschen Namen dankt aber die Wachspalme ihrem +wichtigsten Erzeugniß, dem vegetabilischen Wachs, das sie in Schuppenform +aus ihren Blättern ausscheidet. Diese Schuppen werden von jungen, +getrockneten Blättern abgeklopft und dann in Wasser gekocht, auf dessen +Oberfläche das flüssige Wachs sich sammelt. Man versetzt es mit Talg und +formt es zu Kerzen, welchen beim Brennen ein angenehmer Duft entströmt. + +Bordighera begnügte sich nicht damit, seine Palmwedel für Cultuszwecke zu +ziehen, es suchte sie auch im Kunsthandwerk zu verwerthen. So entstand die +Palmenflechterei, die in letzter Zeit Dank dem Winter’schen Einfluß, eine +ungeahnte Entwickelung nahm. In der Winter’schen Kunstgärtnerei wird jetzt +die Palmenflechterei im Großen betrieben. Die Dattelpalme, die +Chamaerops-Arten, _Livistona australis_ und _Pritchardia filifera_ geben +im Besonderen das Material dazu her. Zur Verwendung kommen Blattspreiten, +Blattstiele und Blattscheiden dieser Pflanzen, und wo Behälter nöthig, +helfen auch wohl Flaschenkürbisse aus. Alle Theile der Palmen werden +entsprechend gebogen und dann getrocknet, und hierauf zu Blumenvasen, +Ampeln, Körbchen, Fruchtschalen, Lichtschirmen und anderen zierlichen +Gegenständen stilgerecht vereint. + +Auch die Nachtigallen an der Riviera suchen Nutzen aus der neuen +Palmen-Cultur zu ziehen. Sie fanden heraus, daß die langen großen Fäden am +Blattrand der Pritchardien für Nesterbau vortrefflich geeignet sind. Sie +zwicken sie ab und tragen sie zusammen, um sich aus denselben ihr +flüchtiges Heim zu flechten. – + + IV. + +Die zahlreichen Ausflüge, die sich landeinwärts von den Stationen der +Riviera unternehmen lassen, haben in den Reisehandbüchern bis jetzt eine +höchst unvollkommene Behandlung erfahren. Meist findet man in denselben +nur eine Aufzählung der etwa zu besuchenden Orte, wobei die nächste, oft +lohnendste Umgebung vernachlässigt ist, entferntere, beschwerliche, nicht +immer lohnende Touren besonders empfohlen werden. Da die Wirksamkeit der +Alpenvereine sich andererseits nicht bis zur Riviera erstreckt, die +Wegweiser dort fehlen, die Einheimischen nur selten Auskunft über den Weg +und niemals über die Schönheit desselben zu ertheilen vermögen, so wären +grade für jene Gegenden gut orientirende Reisebücher sehr erwünscht. Unter +den gegebenen Umständen kann aber nur ein wiederholter Besuch der Riviera +denjenigen, der es gelegentlich nicht scheut, unnütz umherzuirren, in all’ +die Reize dieser zauberhaften Gegend einweihen. + +So müßte jeder Reisende, der für Naturschönheit empfänglich ist und einige +Mühe nicht scheut, von Mentone über Gorbio nach Roccabruna wandern. Meist +begnügt sich aber selbst der unternehmendste Tourist mit einem Ausflug +nach Castellar und kommt im Gorbiothal nicht über Gorbio hinaus, weil er +nicht weiß, daß er seinen Weg dort fortsetzen sollte. Und doch entfaltet +sich erst jenseits von Gorbio die volle Pracht der großartigen Landschaft. +Der ganze Ausflug dürfte fünf Stunden in Anspruch nehmen; es empfiehlt +sich, ihn am Nachmittag zu unternehmen. Bis nach Gorbio führt jetzt eine +schöne Fahrstraße. Sie beginnt zu steigen am Alexandra-Hôtel und folgt in +zahlreichen Windungen dem Thale. Dieses Thal ist überaus fruchtbar; ein +ansehnlicher Bach durchströmt dasselbe. Erst ist es breit, verengt sich, +indem es aufsteigt. Villengärten stoßen an die Straße, dann bescheidene +Bauerngüter. Blühende Pflanzen neigen sich über die Mauern vor. Erst die +vornehmen Pflanzen der Reichen; dann der Goldlack, die Levkoye, die +Pelargonie und die Anemonen, die auch der Ärmere sich zieht. Einzelne +Cypressen, oft umrankt von Rosen, ragen hier und dort aus den Gärten vor +und mahnen nicht selten an orientalische Landschaft. Citronen- und +Orangengärten folgen aufeinander, dann Feigenbäume. Höher hinauf beginnen +sich vereinzelt auch unsere Obstbäume zu zeigen. Sie stehen im +Blüthenschmuck. Eigentlich ist ihnen auch in dieser Höhe noch zu warm, sie +gedeihen gut erst bei Sant’ Agnese, jenseits der Felsen, die das Thal im +Norden sperren. Im Thale von Gorbio lohnt es sich, Pflanzen zu sammeln. +Ardoino, der Verfasser der Flora der Seealpen, gibt für die Thäler, die +bei Mentone münden, mehr als tausend verschiedene, wild wachsende Arten +an. Man müßte fast ganz Irland und Schweden durchstreifen, um ebenso viel +verschiedene Pflanzen zu finden, als hier auf etwa fünfzehn Quadratmeilen +beisammen wachsen. – Ungewöhnlich reich sind die Thäler von Mentone an +Orchideen, und diese blühen ja fast sämmtlich im Frühjahr. Viele sonst +seltene Farne sind hier auch zu finden. Der Botaniker sucht mit Vorliebe +nach einem kleinen Nacktfarn, der zu derselben Gattung wie die Gold- und +Silberfarne unserer Gewächshäuser gehört, der _Gymnogramme leptophylla_. +Der Pflanzenliebhaber freut sich mehr noch über das _Adiantum Capillus +Veneris_, das Venushaar, das mit seinen zarten Wedeln die feuchten +Vertiefungen der Felsen ziert. – Ein alter gepflasterter Weg kürzt oben im +Thale die neue Straße von Gorbio ab. Er steigt in Olivenhainen empor. An +einer seiner Windungen taucht plötzlich Gorbio auf, ganz in der Nähe. Es +krönt einen steilen Hügel, der von Oliven bedeckt ist. Ein Amphitheater +mächtiger zackiger Felsen umrahmt dieses Bild von seltener malerischer +Schönheit. – Wir steigen auf zu dem Orte, durchschreiten den Platz, dem +eine alte Ulme ihren Schatten spendet, wenden uns dann links und schlagen +den Fußweg ein, der, an einem offenen Brunnen vorbei, der Berglehne folgt. +Nach kaum halbstündigem Aufstieg haben wir das weit sichtbare Kreuz +erreicht, das hoch oben, am vorspringenden Bergesrande dem Wetter trotzt. +Bei stark wehendem Mistral ist es kaum möglich, an jener Stelle zu weilen; +das zersplitterte Kreuz, welches nur noch einen seiner Arme gegen den +Himmel streckt, zeugt von der Gewalt der Stürme, die dort oben hausen. +Bereits von diesem Kreuze aus ist der Blick überwältigend schön. Er umfaßt +die sämmtlichen Thäler, die bei Mentone münden. Auf den Höhen sieht man +jene wilden Ortschaften thronen, Burgen der Grimaldi und der Lascaris, die +einst diese Thäler beherrschten; man umspannt mit dem Blicke den ganzen +Halbkreis steil aufsteigender Berge, welche die Thäler mächtig umfassen +und eine undurchdringbare Schranke für das Auge bilden, das hingegen nach +Süden zu unbegrenzt über dem blauen, endlosen Meere schweift. Eine weitere +Steigerung der Eindrücke hält man nicht für möglich, man kann sich schwer +von dieser Stelle trennen, und doch gewinnt das Bild noch an erhabener +Größe, betrachtet von dem Bergrücken, der jetzt in südlicher Richtung nach +Roccabruna führt. Dann verschieben sich gegen einander, wie mächtige +Decorationen, die Felsriesen, die den Hintergrund der Thäler schließen, +und die Umrisse des Bildes werden immer reicher, immer bewegter. Bald +tritt im Mittelpunkte der Landschaft, am Nordabhange des mächtigsten +dieser Berge, Sant’ Agnese hervor, ein ansehnliches Dorf, das in +schwindelnder Höhe, wie ein Schwalbennest am Felsen, über dem Abgrund zu +hängen scheint. Wer konnte das Dasein dieses Ortes ahnen; ist er doch +gegen das Meer hin von dem Felsen ganz verdeckt, an den er sich klammert. +Dieser Felsen sollte ihn auch schützen und verbergen vor den spähenden +Blicken der Saracenen, welche einst das tyrrhenische Meer durchkreuzten. +Und doch war es ein Saracenenhäuptling Harun, der im zehnten Jahrhundert, +der Sage nach, die Burg erbaute, deren Ruinen den Bergesgipfel krönen. +Doch nicht als Feind kam er hierher, sondern von der Liebe zu einer +Christin überwältigt, die er, selbst zum Christenthum bekehrt, zu seiner +Gattin machte. + +Selbst wer den schönsten Theil Süditaliens kennt, wird sicher die volle +Macht dieser herrlichen, so typisch italienischen Landschaft empfinden. +Und wie wird der Eindruck noch gesteigert, wenn gegen Sonnenuntergang sich +die Gipfel der Berge zu röthen anfangen, lange dunkle Schlagschatten in +die Thäler fallen und Sant’ Agnese in goldigem Licht auf dem grauen Fels +zu glühen beginnt. + +Doch die Zeit drängt, denn die Sonne im Westen ist lange schon hinter der +_Tête de chien_ verschwunden; die Nachtschatten senken sich hinab in die +Schluchten, während ein langer steiniger Weg uns von Cabbe-Roquebrune, der +Eisenbahnstation, noch trennt. + +In Cabbe-Roquebrune auf dem Bahnhof erwartet uns ein botanischer Genuß. +Über einer hohen Mauer am Abhang stehen mächtige Judasbäume (_Cercis +siliquastrum_) und senken abwärts ihre blüthenbeladenen, noch laubfreien +Zweige. Die schönen, dicht gedrängten Blüthen entspringen auch dem alten +Holze, so daß die ganze Baumkrone wie ein einziges Blumengewinde +erscheint, von rosenrother Farbe. Dieser Baum ist in Südeuropa zu Hause, +sehr häufig sieht man ihn in Palästina die Gärten um Jerusalem schmücken, +was wohl Veranlassung zu der Sage gab, Judas habe sich an demselben +erhängt. + + V. + +Bezaubernd schön ist Mentone, wenn man es vom Pont St. Louis aus +betrachtet. Das Bild gehört zu den eindrucksvollsten der ganzen Riviera. +Doch muß man es am Morgen betrachten, wenn die Sonne das alte Mentone von +Osten her bescheint. Man folgt von Mentone aus in östlicher Richtung der +Landstraße und wählt ihren linken Arm, dort, wo sie sich gabelt. Man +steigt dann sanft in die Höhe, zwischen Villen und Mauern. Gibt es nicht +zu viel Staub auf der Straße, so ist diese Wanderung ein Genuß. Denn die +angrenzenden Gärten strotzen von üppigen Gewächsen, und überall drängt +sich der Überfluß derselben bis auf die Straße. Die Pflanzen finden keinen +Platz mehr in der eingeengten Umfriedung und streben hinaus ins Freie. +Rosenrothe und feuerfarbige Pelargonien neigen sich über das Gitter, dort +hängt ein Rosenstrauch über dasselbe hinaus und trägt unzählige Blüthen. +Weiter ist eine ganze Mauer bis unten hinab mit einem epheublätterigen +Kranichschnabel, dem _Pelargonium peltatum_, bedeckt, welcher so üppig +blüht, daß die Blätter unter den blaßrothen Blüthen verschwinden. Jener +Strauch, der im graziösen Bogen über eine andere Mauer sich beugt und +ährenförmige Rispen gelber Blüthen trägt, ist eine chinesische Buddleia +(_Buddleia Lindleyana_). Die ganze Straße duftet jetzt nach Heliotrop, der +an dem Geländer emporklettert; weiter ist es wieder eine Pergola +safrangelber Rosen, welche der Straße folgt. Mit ihren fleischig dicken +Stengeln und Blättern und ihren großen rothen oder gelben Blüthen schmückt +dort die Mittagsblume (_Mesembryanthemum __ acinaciforme_) eine Mauer. +Dann schließen Citronen- und Orangenbäume sich an, die mit Früchten reich +behangen, auch schon ihre duftigen Blüthen entfalten. Wir kommen an dem +kleinen französischen Zollhaus vorbei und erreichen alsbald unser Ziel. In +kühnem Bogen schwebt die Brücke San Luigi über der Schlucht, welche +Frankreich von Italien trennt. Der Blick von hier auf Mentone ist in der +That von ergreifender Schönheit. Die alte Stadt deckt einen schmalen Grat, +der sich bis zum Meere senkt. Dicht gedrängt steigen die Häuser an ihm +auf, über- und nebeneinander. Alle sind sie im italienischen Style gebaut, +mit Loggien, Balkonen und Terrassen, trotzdem alle verschieden an Gestalt +und Größe, scheinbar gesetzlos zu einer einzigen Masse vereint. Jedes +zeigt eine andere Färbung; im hellen Glanz der Sonne verschmelzen aber die +Gegensätze und die ganze Stadt leuchtet fast weiß in die Ferne. Aus der +Häusermasse ragt die Kirche mit ihrem schlanken Glockenthurm hervor. Und +welch eine großartige Einfassung zeigt dieses Bild! In weiter Ferne, kaum +noch sichtbar, profilirt sich im nebeligen Umriß das zackige Esterel. Dann +weicht die Küste vor dem Meere zurück und erst die _Tête de chien_ über +Monaco bietet ihm wieder Trotz. Sie scheint an der Küste Wache zu halten. +Dann folgen mächtige, majestätische Berge und rücken immer näher auf +Mentone zu. Das Cap Martin streckt sich wie ein grünsammetnes Band vor in +die blaue See, und hinter Mentone steigen die zackigen Felsenriesen auf +und leuchten in der Sonne im bläulichen Grau. Dann folgen tiefer grüne +Schluchten, wo helle Olivenhaine mit dunklen Citronengärten abwechseln und +an den Abhängen weiße Dörfer verborgen im Laub. Kahle Bergrücken glänzen +grell in der Nähe, von grünen Kiefernwäldern stellenweise wie von Oasen +bedeckt. Der Vordergrund entzückt uns durch seine Farbenpracht, denn der +untere Theil der Schlucht, über der wir schweben, ist in einen Garten +verwandelt. In Stufen steigt er auf, und der Boden verschwindet ganz unter +Blüthen. Hell- und dunkelrothe Geranien, dicht aneinander gedrängt, +kugelige Chrysanthemum-Sträucher (_Chrysanthemum frutescens_) mit +tausenden von Blüthen wie mit weißen Sternen übersäet. Dann ein Judasbaum, +ganz in Blüthen gehüllt, der seine rosenrothen Aeste über die weißen +Chrysanthemen neigt. Ein gelbblüthiger Rosenstrauch, der den rosenrothen +Judasbaum erklimmt; schlanke Bambusen wie Federbüsche in die Lüfte ragend; +daneben Fächerpalmen. Dunkelgrüne, schlanke Cypressen; ein Pfefferbaum mit +hellgrünen, zartgefiederten Blättern an den hängenden Aesten; dunkelrothe +Bougainvilleen an den aufsteigenden Wänden: ein wahres Kaleidoskop. Hohe +Dattelpalmen ragen aus der Schlucht hervor und umrahmen das Bild von +Mentone, phantastische Opuntien nächst der Brücke bilden den ersten +Vordergrund. Und dieses ganze farbenreiche Bild taucht mit seinem Rande in +die dunkelblaue Fluth. Eine frische Brise weht uns vom Meer entgegen, der +Frühling blickt mit allen seinen Blumenaugen aus der Schlucht empor. Es +stimmt so harmonisch und heiter dieses hehre Bild. Daher wir es auch +vergessen möchten, daß dort über Mentone, wo weiße Steine und dunkle +Cypressen zwischen grauen Mauern sich erheben, ein Ort der Trauer ist. Ein +Schloß der Grimaldi stand einst auf dieser Höhe, zwischen seinen Trümmern +und Umfassungsmauern ist dann der Friedhof entstanden. Er beherrscht +diesen sonnigen Strand, wie einst die mächtige Burg ihn beherrschte: ein +Wahrzeichen des heutigen Mentone. Ich suche die Gedanken von dieser Stelle +abzuwenden, doch unablässig kehren sie zu derselben zurück. Denn trauriger +hat mich ein Friedhof nie gestimmt wie dieser dort, mit seinen in Blumen +ganz versteckten Gräbern. Kaum kann es einen mächtigeren Widerspruch geben +zwischen der freudig sonnigen Natur und dem jähen Tode. Dieser Gegensatz +preßt Einem das Herz zusammen. Und aus allen Theilen der Welt eilten jene +zusammen, die auf diesem Friedhof ruhen. In der Blüthe der Jahre, fern von +ihrer Heimath, legten sie sich unter Jasmin und Rosen zu ewigem Schlaf. Ob +ihnen wohl die Erde leichter wird, weil die Blumen nie auf derselben +verwelken? Die Rosen im besondern drängen sich dort überall vor: weiße, +gelbe, blutigrothe, und sie verbreiten einen betäubenden Duft. Als ich +einst diesen Friedhof besuchte, da strahlte die Welt in Frühlingsglanz und +jauchzte es von Leben in den Lüften. Da war es besonders traurig zwischen +diesen blumenreichen Gräbern. Auf einem frisch errichteten Denkmal saß ein +junger Bildhauer, meißelte das Antlitz eines zarten Mädchens in den Stein +und sang dazu ein fröhliches Lied. Ich blieb vor dem Grabe lange stehen: +es war wie in einer Shakespeare’schen Tragödie. + +Hoch ragen über der Brücke San Luigi die zackigen Felsen empor, welche die +Schlucht umfassen. Sie selber steigt hier plötzlich auf, unvermittelt in +romantischer Wildniß. Ein einzelner Felsenkegel erhebt sich aus ihrer +Mitte und endet mit spitzem Gipfel. Zahlreiche Grotten versenken sich in +den Stein. Rosmarin und Wolfsmilch, Wachholder und großblüthige Malven +(_Lavatera maritima_) klammern sich an jeden Vorsprung der Felsen an und +beleben ihre Eintönigkeit. Unten grünt Alles von üppigem Pflanzenwuchs. +Ein kleiner Bach rauscht abwärts in den Felsenspalten und bildet dann +zierliche Wasserfälle. Ein Theil des Wassers wird in einen kleinen +Aquäduct gefaßt, der in malerischen Windungen abwärts läuft, dann mit +gewölbtem Bogen den Bach überschreitet. Wie effectvoll Alles vereint in +diesem engen Raume: es ist fast wie eine Theaterdecoration! + +An jener so überaus warmen Stelle der Riviera bildet diese Felsenschlucht +wohl noch den wärmsten Ort. Durch hohe Berge geschützt und umfaßt, steht +sie den südlichen Winden nur offen. In dieser Schlucht beginnen schon im +December die Veilchen zu blühen. Die Schwalben verlassen sie nie. Die +Eidechsen sollen ihres Winterschlafs hier vergessen. An Nahrung ist stets +Ueberfluß. Insekten durchschwirren die Luft, und die Spinne spannt ihr +Netz auch im Winter, um sie zu fangen. + + VI. + +Niemand sollte es versäumen, von Bordighera oder von Mentone aus, einen +Ausflug nach La Mortola, dem Garten des Herrn Thomas Hanbury, zu +unternehmen. Der Eintritt wird Montag und Freitag Nachmittag gegen Zahlung +von je einem Franc gestattet. Dieses Geld dient zur Unterstützung des +Krankenhauses von Ventimiglia. Wer eingehende Studien im Garten machen +will, erhält hierzu vom Besitzer jederzeit Erlaubniß. Früher Eigenthum der +Familie Orengo in Ventimiglia, trägt auch heute noch die schöne Villa im +Garten, welche Herr Thomas Hanbury bewohnt, den Namen des Palazzo Orengo. +Als Herr Hanbury diese Besitzung im Jahre 1866 erwarb, war sie von einem +mageren Olivenhain bedeckt. Ludwig Winter hat sie in den feenhaften Garten +verwandelt, der jetzt den Besucher entzückt. Der Garten deckt eine Fläche +von ungefähr vierzig Hektaren und fällt von der Kunststraße, welche das +Dorf Mortola in hundert Meter Höhe durchzieht, bis zum Meere ab. Die in +dem Numullitenkalk tief gerissene Schlucht, an welche die Besitzung +anlehnt, gewährt ihr Schutz gegen die Winde und ermöglicht die +Entwickelung einer so üppigen Vegetation, wie sie auch an der Riviera kaum +ihres gleichen findet. Freilich mußte durch künstliche Bewässerung +vorgesorgt werden, daß die lange Dürre des Sommers nicht verhängnißvoll +für die Pflanzen werde. Denn man rechnet in La Mortola über zweihundert +Tage im Jahr, an welchen der Himmel völlig wolkenlos bleibt, und auch +innerhalb des winterlichen Halbjahres gibt es nur etwa vierzig Regentage. + +Es wäre ein gewagtes Beginnen, wollte ich an dieser Stelle alle die +zahlreichen Pflanzenformen schildern, welche der Garten von La Mortola +birgt. Es kommt mir nur darauf an, die Reichhaltigkeit desselben +hervorzuheben. Was aber diesen Garten insbesondere belehrend macht, ist +der Umstand, daß alle Pflanzen Schilder tragen, auf welchen ihr Name, der +abgekürzte Name des Autors, der sie benannte, ihre Heimath, sowie die +Familie, der sie angehören, angegeben ist. So kann jeder Besucher des +Gartens erfahren, wie die Pflanze heißt, die ihm durch ihre Schönheit oder +ihren Wohlgeruch auffällt, eine Pflanze, nach deren Namen er vielleicht +vergeblich schon in manchem anderen Garten der Riviera forschte. Herr +Hanbury ist bemüht, seinem Garten auch wissenschaftlichen Werth zu +verleihen und sucht unaufhörlich neue, interessante, technisch wichtige +oder durch ihre Heilkraft ausgezeichnete Gewächse für denselben zu +erwerben. Ein kenntnißreicher deutscher Gärtner, Gustav Cronemeyer, +stellte vor einigen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichniß aller +Pflanzen des Gartens auf. Dieses Verzeichniß umfaßt über 3600 Arten. Es +wurde an alle botanischen Anstalten der Welt versandt, mit der +Aufforderung, aus den Schätzen des Gartens für wissenschaftliche Zwecke zu +schöpfen. Auch die Samen und Früchte des Gartens erntet man alljährig, um +sie wissenschaftlichen Anstalten dienstbar zu machen. Da Herr Hanbury +gleichzeitig stattliche Schulgebäude in La Mortola errichtet, da er +neuerdings auch ein schönes botanisches Institut in Genua erbauen ließ, um +es der dortigen Universität zu schenken, so läßt sich wohl behaupten, daß +er einen edlen, nachahmenswerthen Gebrauch von seinen Reichthümern macht. +Leider ist der eifrige Leiter des Gartens, Gustav Cronemeyer, vor kurzem +gestorben, und gewährt es nur einen Trost, daß sein Nachfolger, ebenfalls +ein deutscher Gärtner, Herr Dinter, mit gleichem Eifer in seine Spuren +tritt. + +Gerade im Frühjahr ist es, wo der Garten von La Mortola in vollstem +Blüthenschmucke prangt. Besonders tragen die Akazien dazu bei, ihn um jene +Zeit so üppig zu verzieren. Ueber neunzig Arten der Gattung _Acacia_ +stehen da in Cultur, von den fein gefiederten, mimosenartigen an, deren +Blättchen jeder Windhauch in Bewegung setzt, bis zu jenen starrend +stachlichen Arten, welche schon durch ihren botanischen Namen als +»bewaffnet« (_armata_), »struppig« und »schauerlich« (_horrida_) +hinreichend gekennzeichnet werden. Manche Akazien sind von gelben Blüthen +so überdeckt, daß das grüne Laub unter denselben fast verschwindet, und +die meisten verbreiten zur Blüthezeit ein liebliches Aroma. Benennungen +wie »lieblich«, »angenehm« (_suaveolens_) zeichnen noch besonders einzelne +Arten aus. Der höchste Preis des Wohlgeruchs gebührt aber unstreitig der +tropisch-amerikanischen _Acacia Farnesiana_, welche ihre veilchenduftenden +Blüthenköpfchen den ganzen Winter über treibt. Diese Blüthenköpfchen +dienen in Grasse und in Cannes unter dem Namen »_fleurs de cassie_« in +ausgiebiger Weise den Zwecken der Parfümerie. Den Namen »_Farnesiana_« +erhielt diese schon lange in Südeuropa bekannte Pflanze wohl daher, daß +sie in den farnesianischen Gärten in Rom zuerst gezüchtet wurde. – Durch +ihr zartes, zierliches, doppeltgefiedertes Laub von bläulich grüner Farbe, +fällt hier, wie auch an den anderen Stellen der Riviera, die _Acacia_ oder +_Albizzia Julibrissin_ auf, ein stattlicher Baum vom Aussehen einer +Mimose, dessen hellviolette Blüthenköpfchen aber erst im Juli zur +Entfaltung kommen. Sie stammt von der Südküste des kaspischen Meeres, ihr +Arten-Name ist persisch und bedeutet Seidenblume. – Von der +südafrikanischen steifen _Acacia horrida_ stammt eine geringe Gummisorte, +die als Capgummi bekannt ist. Das feinste Gummi arabicum tritt aus der +Rinde der senegambisch-kordofanischen _Acacia Senegal_, ähnlich wie bei +uns Kirschgummi aus der Rinde von Kirschbäumen, hervor. + +Durch ein ganz besonders feines Aroma zeichnet sich in dem Garten von La +Mortola außer der _Acacia Farnesiana_ ein gelbblühender Strauch, die +_Pteronia incana_ vom Cap aus, welche zu derselben Abtheilung der +Compositen wie unsere Astern gehört, deren Blüthenköpfchen aber einen, man +könnte fast sagen, vergeistigten Aprikosenduft verbreiten. Sehr +wohlriechend in allen seinen Theilen ist ein anderer Strauch vom Cap, die +Rutacee _Diosma fragrans_. Nicht umsonst hat sie, so wie ihre nächsten +Verwandten, die bei uns viel in Gewächshäusern cultivirt und als +Bouquetgrün benutzt werden, den Namen _Diosma_, d. h. »Götterduft«, +erhalten. Ein chilenischer Strauch mit kleinen gelben Blüthen, die +Flacourtiacee _Azara microphylla_, wird wegen seines vanillenartigen +Duftes in der Heimath »Aromo« genannt. Eine krautartige Salbeiart, die +_Salvia albocoerulea_, riecht wie feines Tafelobst. Verschiedene +Pelargonien, so namentlich das _Pelargonium roseum_ und _odoratissimum_, +verbreiten ein starkes rosenartiges Parfüm, wenn man ihre Blätter +zerdrückt. Geradezu betäubt wird man an zahlreichen Stellen des Gartens +von dem Duft, der den kleinen weißen Blüthen vom _Pittosporum Tobira_ +entströmt. Diese Blüthen decken in großer Zahl den baumartigen immergrünen +Strauch, der im Aussehen an den lorbeerartigen Schneeball (_Viburnum +Tinus_) unserer Gewächshäuser erinnert. Es gibt auch eine Art mit fast +schwarzen Blüthen, die fremdartig genug auf den Zuschauer einwirkt. – +Lieblich duftet, ähnlich wie unsere wohlriechende Platterbse, ein +zierlicher Baum mit überhängenden Aesten, der aus der Ferne ganz weiß +erscheint von reicher Blüthenfülle. Es ist eine west-mediterrane +Ginsterart, _Genista monosperma_, die zu den anmuthigsten Pflanzenformen +im Frühjahr an der Riviera gehört. Ist auch zu jener Zeit der +Blüthenreichthum noch so groß, Jedem fällt, unter allen anderen, diese +Pflanze auf, die den Namen Blüthenregen führen sollte. Erscheint es da +nicht wunderbar, daß zu derselben Gattung, wie dieses so zart erscheinende +Gewächs, auch die _Genista acanthoclada_ gehört, ein Strauch der +griechischen Berge, der so stachelig ist, daß er für die Pflanze des +Tartarus gelten konnte: _Aspalathus_, nach der Insel Aspalathe an der +Küste von Lycien genannt, lieferte er, der Sage nach, jene Ruthen, mit +denen die Gottlosen in der Unterwelt gepeitscht wurden. + +Eigenthümlich berühren den Besucher des Gartens die Casuarineen, die in +großen Exemplaren gleich unterhalb der Eingangstreppe stehen. Die +graugrünen feinen Zweige dieser Bäume hängen wie die Federn eines +Casuarschweifes herab und verschafften dem Gewächs auch seinen Namen. Die +Zweige sind blattlos; die Ernährung des Baumes, die sonst von den Blättern +besorgt zu werden pflegt, fällt hier somit den Zweigen zu. Diese sind +demgemäß auch grün gefärbt, d. h. sie führen jenen Farbstoff, das +Chlorophyll, dessen Anwesenheit für die Bereitung von Nahrungsstoff durch +die Pflanze nothwendig ist. Die Casuarineen bilden in Australien +ausgedehnte Wälder von sehr eigenem Aussehen. Wie so viele andere +australische Bäume vermögen sie dem Boden nur spärlichen Schatten zu +spenden. Die Blüthen dieser Gewächse sind so klein und unansehnlich, daß +nur das kundige Auge sie an den Zweigen zu erkennen vermag. Das Holz der +Casuarineen zeichnet sich durch seine Härte und seine Schwere aus und hat +daher den Eingeborenen zur Anfertigung von Streitkolben gedient. + +Ein australischer Baum, der in den letzten Decennien ungemein rasche +Verbreitung über die Riviera gefunden hat und den der Garten von La +Mortola in nicht weniger als vierundzwanzig Arten besitzt, ist der +Eucalyptus. Jeder, der Italien einmal besuchte, kennt die Eucalypten, wenn +auch wohl nur die eine, überall vertretene Art derselben, den _Eucalyptus +globulus_. Auch dieser australische Baum gibt im Verhältniß nur wenig +Schatten; seine Blätter sind zwar von ansehnlicher Größe, sie hängen aber +an langen Stielen von den Zweigen senkrecht herab und können daher selbst +bei dichter Belaubung den Sonnenstrahlen nicht allen Durchgang verwehren. +Da auch der leiseste Windhauch diese Blätter in Bewegung setzt, so +herrscht unter den Eucalyptusbäumen ein eigenes zitterndes Zwielicht, das +allerdings erst in Eucalyptus-Wäldern voll empfunden wird. Die Eucalypten +gehören zu den Riesen der Pflanzenwelt, zu denjenigen Bäumen, welche +überhaupt die bedeutendste Größe erreichen. In Australien sind Stämme von +_Eucalyptus amygdalina_ gemessen worden, deren Höhe 156 Meter betrug und +somit genau derjenigen der Thürme des Kölner Doms entsprach, die Pyramide +des Cheops aber um fünf Meter, die Peterskirche in Rom sogar um mehr als +zwanzig Meter überstieg. Die Eucalypten wachsen auch an der Riviera +äußerst rasch und ragen schon über ihre Umgebung weit empor, ungeachtet +ihre Anpflanzung hauptsächlich erst Ende der sechziger Jahre erfolgte. Im +Garten von La Mortola erreichte ein _Eucalyptus globulus_ in sieben Jahren +neunzehn Meter Höhe und fast anderthalb Meter im Umfang. Kein in Europa +sonst bekannter Baum vermag Ähnliches zu leisten. Trotz so raschen +Wachsthums zeichnet sich das Eucalyptusholz durch große Härte aus. An +vielen Orten hat man Eucalypten angepflanzt, weil man der Ausdünstung +derselben besondere heilsame Kräfte zuschrieb. Thatsächlich kommt aber den +äußerst geringen Mengen von ätherischen Ölen, die sich um die Eucalypten +verbreiten, kaum eine merklich desinficirende Wirkung zu. Dadurch +hingegen, daß die Eucalypten rasch auf sumpfigem Boden wachsen und als +immergrüne Pflanzen Sommer und Winter Wasser aus ihren Blättern +verdunsten, tragen sie zu dessen Trockenlegung bei. Die Hoffnung, daß die +Extracte aus Blättern und Rinde der Eucalypten das Chinin ersetzen würden, +war gleichfalls übertrieben. Kommt auch diesen Extracten eine gewisse +febrifuge Wirkung zu und sind dieselben auch seit undenklichen Zeiten von +den Eingeborenen Australiens gegen Malaria verwandt worden, so stehen sie +doch dem Chinin ganz bedeutend nach. Im April sieht man die älteren +Eucalyptusstämme an der Riviera sich mit großen weißen Blüthen bedecken, +welche durch ihre äußerst zahlreichen, feinen und langen Staubgefäße +auffallen. Der Kundige erkennt an diesen Blüthen, daß der Baum zu den +myrtenartigen Gewächsen gehört. Eine Eigenthümlichkeit der Eucalypten ist +es, daß deren Blüthenknospen sich mit einem runden Deckel öffnen, der als +grüne, weißbereifte Mütze abgeworfen wird. Diese Deckel sieht man im +Frühjahr in großen Mengen unter den Eucalyptusbäumen liegen; sie +verbreiten, wenn man sie zertritt, einen sehr durchdringenden Geruch. +Neuerdings hat sich die Industrie auch dieser Gebilde bemächtigt, und in +Bordighera sah ich Kreuze und Rosenkränze, die aus trockenen, +aufgefädelten Eucalyptusblüthen-Deckeln hergestellt waren. + +Ganz junge Eucalyptusbäume, wie man sie auch bei uns, innerhalb der +Gewächshäuser, sehen kann, zeigen zunächst ein von den älteren Bäumen +durchaus verschiedenes Aussehen. Kaum glaubt man dieselben Pflanzen vor +Augen zu haben. Die Blätter sind breit, stumpf, stengelumfassend, +wagerecht gestellt, und erst an älteren Zweigen treten an deren Stelle die +schmalen, zugespitzten, langgestielten Blätter auf, die senkrecht abwärts +hängen. Damit verändert sich auch ihr innerer Bau. Zuvor zeigten sie +verschiedene Structur auf ihren beiden Seiten, jetzt sind beide Seiten +gleich. Beide Blattflächen werden ja an den hängenden Blättern in gleicher +Weise von Lichtstrahlen getroffen. Sie brauchen aber gleichen Bau, um +gleiche Arbeit zu verrichten. Aehnliche Einrichtungen treten uns bei +vielen anderen Gewächsen Neuhollands entgegen und bestimmen geradezu den +Charakter der dortigen Vegetation. + +Der in Italien hauptsächlich cultivirte _Eucalyptus globulus_ ist nicht +der widerstandfähigste Vertreter seiner Gattung, wie er denn auch im +strengen Winter 1890–91 an exponirten Stellen der Riviera gelitten hatte. +Manche Arten trotzen besser der Kälte, und der _Eucalyptus Gunnii_ gedeiht +selbst in Whittingham bei Edinburgh. + +Der hohen Schutzmauer der Seealpen, welche die kalten Nordwinde abhält, +verdankt die Riviera di Ponente ihr mildes Klima. Diese Schutzmauer +bedingt es auch, daß dort die Cultur der Agrumi erfolgreich betrieben +werden kann. An zahlreichen Stellen der Küste, zwischen Nizza und Savona, +gedeihen die Agrumi ebenso gut wie bei Neapel, während der Reisende das +Innere von Ober- und Mittelitalien durchwandern kann, ohne sie zu +erblicken. Unter der Bezeichnung »Agrumi« werden die Vertreter der Gattung +_Citrus_ zusammengefaßt. Das Verzeichniß von La Mortola weist über zwanzig +Arten oder Formen dieser Gattung auf. Man findet dort fast alle in Italien +cultivirten Agrumi in engem Raum beisammen. Diese Pflanzen scheinen so +fest mit dem italienischen Boden verwachsen zu sein, daß italienische +Bilder stets der Phantasie des Nordländers vom Blüthenduft der Citrone +durchweht und vom Glanze der Goldorange durchleuchtet erscheinen. Am +meisten hat diese Vorstellung wohl das Mignonlied verbreitet, jenes Lied, +das der Sehnsucht des Nordländers nach südlicheren Gestaden so unendlichen +Ausdruck verlieh. So sehr die Agrumi aber auch in die italienische +Landschaft zu gehören scheinen, so sind sie doch erst verhältnißmäßig spät +in dieselbe gelangt und nur auf ganz bestimmte Theile von Italien +beschränkt geblieben. Ihre Heimath liegt im fernen Asien, in Ostindien und +Südchina; über den Orient schlugen sie aber zunächst ihren Weg nach Europa +ein. Wie aus dem alten »Traité du Citrus« von Gallesio, dem Werke Victor +Hehn’s über »Culturpflanzen und Hausthiere«, Alphonse de Candolle’s +»Ursprung der Culturpflanzen«, endlich Flückiger’s »Pharmacognosie« – von +älteren Quellenwerken abgesehen – zu erfahren ist, war dasjenige, was im +Alterthum zunächst »Citrum« hieß, das Holz von _Callitris quadrivalvis_. +Auch diese nordafrikanische Conifere ist in dem Hanbury’schen Garten in +vortrefflicher Entwickelung zu sehen. Ihr Holz liefert das Sandarac, ein +Harz, das in erstarrten, weißen Thränen die Stammrinde deckt und aus der +Wunde heraustropft, wenn ein Zweig abgeschnitten wird. Das schön +gemaserte, wohlriechende Holz dieses Baumes stand bei den Römern in hohem +Ansehen und diente im Besonderen zur Anfertigung von Kisten, welche +wollene Kleider vor Motten schützen sollten. Als dann die Citrone den +Römern bekannt wurde, und es sich zeigte, daß sie in ähnlich wirksamer +Weise die Motten abhält, wurde der Name Citrum auf dieselbe übertragen. +Von dem Gewächse, welches diese »_mala citria_« erzeugt, drang die erste +Kunde nach Griechenland während der Kriegszüge Alexanders des Großen. +Letztere waren es, welche den Orient und die Tropen der griechischen +Cultur erschlossen. Sie brachten den classischen Ländern eine solche Fülle +neuer Naturanschauungen, wie dies zum zweiten Mal in gleichem Maße nur +durch die Entdeckung des tropischen Amerika wieder geschah. Ueber den +Citronenbaum wurde berichtet, daß er ein wunderbares Gewächs der +persischen und medischen Lande sei, und voll goldener Früchte hänge. Diese +sollten nicht nur gegen Motten schützen, sondern auch als Gegengifte +äußerst wirksam sein. Ja, es bildete sich, wie man in einem Werke des +Athenaeos, eines Gelehrten, der zu Naukratis in Ägypten geboren wurde und +um 228 n. Chr. starb, lesen kann, der Aberglaube, daß, wer von diesen +Früchten gekostet habe, den Biß giftiger Schlangen nicht zu fürchten +brauche. Jenes durch seine Citate sehr werthvolle und merkwürdige Werk des +Athenaeos schildert ein fingirtes Gastmahl, welches von einem römischen +Schlemmer und Schöngeist, Künstlern, Dichtern und Gelehrten geboten wird, +und bei welchem an die dargereichten Speisen und Getränke sich +entsprechende Unterhaltungen knüpfen. Da erzählt ein gewisser Demokritos, +sein Freund, der Statthalter von Ägypten, habe ihm mitgetheilt, daß zwei +Verbrecher, die zum Tode durch giftige Schlangen verurtheilt waren, dem +Biß derselben nicht erlagen, weil sie von einer Citrone zuvor aßen. Der +Statthalter habe den Versuch absichtlich mit denselben Verbrechern zum +zweiten Male wiederholt, aber nur dem einen von beiden eine Citrone +dargereicht. Die Folge sei gewesen, daß dieser eine nur den Bissen der +giftigen Nattern zu widerstehen vermochte, während der andere bald nach +der Verwundung starb. Als bestes Schutzmittel gegen Gift empfiehlt der +Erzähler eine in Honig zerkochte Citrone. Man müsse von diesem Gegengift +früh am Morgen eine kleine Menge zu sich nehmen und sei dann den ganzen +Tag über vor Vergiftung sicher. Dem Aberglauben, der solche Vorstellungen +nährte, liegt wie auch sonst in ähnlichen Fällen, ein Fünkchen Wahrheit zu +Grunde. Thatsächlich ist die Citrone durch sehr starke fäulnißwidrige +Eigenschaften ausgezeichnet, Eigenschaften, die sie auch heute noch als +Antisepticum sehr schätzbar machen. Schon im Alterthum hatte man richtig +erkannt, daß der Saft der Citrone den Athem verbessere. Ein Vergnügen +konnte es damals nicht sein, Citronen zu genießen, denn es waren +thatsächlich nicht unsere jetzigen »Citronen«, vielmehr Cedraten oder +Citronat-Citronen, die uns nur eingemacht schmecken. Diese Cedraten heißen +auch heute noch »Cedro« bei den Italienern. Saftiges Fruchtfleisch ist +ihnen nicht eigen; sie bestehen fast ausschließlich nur aus Schale, und +diese ist es, die, in Zucker eingekocht, die Citronate liefert. Die +Cedraten erreichen meist bedeutendere Größe als die Citronen, sind +letzteren im Übrigen ähnlich. Ihre Form variirt aber bedeutend, und da +viele Abänderungen durch Veredelung fixirt worden sind, so bekommt man +neben stark in die Länge gezogenen auch fast runde Cedraten zu sehen. Das +gab sogar Veranlassung zur Aufstellung verschiedener Arten innerhalb +dieses Formenkreises, wie es denn überhaupt schwer fällt, zu +unterscheiden, was Art und was nur Abart in der Gattung Citrus ist. Eine +rundliche durch stark höckerige Schale und feinen Wohlgeruch +ausgezeichnete Frucht, die auch zu den Cedraten gehört, wird als +Adamsapfel oder Paradiesapfel unterschieden. Sie galt als die Frucht vom +Baume der Erkenntniß und findet als solche beim Laubhüttenfest der Juden +heute noch Verwendung. Die gesuchtesten Früchte zu diesem Fest werden aus +Corsica, Corfu, Marocco und Palästina eingeführt und können bei +vorgeschriebener Form sehr hohen Geldwerth erreichen. + +Der Cedratenbaum kam bei den Römern sehr in Mode, und man sah ihn, in +Kübeln gepflanzt, die Säulenhallen der Villen und die Gärten schmücken. +Vom dritten Jahrhundert an wird er auch, als im freien Lande gedeihend, +beschrieben. Heut noch wird er in Italien viel gezogen und zeichnet sich +vor allen anderen Agrumi dadurch aus, daß er das ganze Jahr hindurch +Blüthen und Früchte trägt. + +Der Baum, der die Frucht zeitigt, welche wir als Citrone bezeichnen, die +aber richtiger auch bei uns Limone heißen müßte, kam durch Vermittlung der +Araber erst im zehnten Jahrhundert nach Süd-Europa, zunächst nach Spanien, +dann wohl auch nach Sicilien. Er fehlte hingegen noch an der ligurischen +Küste, wohin ihn erst gegen Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzfahrer +aus Syrien und aus Palästina brachten. Mit den Limonenbäumen zugleich +gelangten die Pampelmusen und die bitterfrüchtigen Pomeranzenbäume an die +Riviera, und Ligurien blieb überhaupt lange Zeit das Land, in welchem die +Cultur der Agrumi am meisten betrieben wurde. Einen bedeutenderen +Aufschwung gewann die Cultur freilich auch dort erst im vierzehnten +Jahrhundert, als die Ansprüche an die Genüsse des Lebens sich zu steigern +begannen. Sie verbreitete sich in Italien zugleich mit der Limonade, deren +Zubereitung man von den Orientalen lernte. Unter dem Cardinal Mazarin war +es, daß auch in Paris die ersten »Limonadiers« auftraten, um bald eine +ähnliche Rolle wie heut die »Cafetiers« zu spielen. Die Limone, durch die +nämlichen, fäulnißwidrigen Eigenschaften wie die Cedrate ausgezeichnet, +lieferte in der That nicht nur ein erfrischendes, sondern zugleich auch +ein antiseptisches Getränk. In den der zweiten Hälfte des sechzehnten +Jahrhunderts angehörenden Kräuterbüchern des Tabernaemontanus, »der Arzney +Doctoris und Chur-Fürstlicher Pfaltz Medici zu Neuwhausen«, heißt es, daß +der Citronensaft »nicht allein wider die innerliche Fäulung und das Gifft +sehr gut und kräftig« sei, sondern auch »gegen alle Traurigkeit und +Schwermüthigkeit des Hertzens und die Melancholey«. Die Rinde widerstehe +dem Gift: »Dann zur Zeit der Pest soll man sie im Mund halten, auch ein +Rauch damit machen.« – Der Citronensaft gilt auch heute noch als eines der +wirksamsten Mittel gegen den Scorbut, die bekannte Mund- oder +Zahnfleischfäule, der die Seefahrer besonders unterworfen sind. Daher +jetzt die englische Marine, und nach ihrem Beispiel auch andere, +Citronensaft in wohlverschlossenen Flaschen auf ihren Schiffen führen. + +Ich bemühte mich festzustellen, woher der jetzt noch ziemlich verbreitete, +früher fast allgemeine Brauch stammt, daß die Leichenträger bei +Begräbnissen eine Citrone in der Hand halten. Ursprünglich ist er durch +die fäulnißwidrigen Eigenschaften und den starken Geruch der Citrone +veranlaßt worden, dann hat er symbolische Bedeutung gewonnen. Die Symbolik +hat sich in mannigfaltiger Weise der Citrone bemächtigt. So heißt es in +J. B. Friedrich’s Werke: »Die Symbolik der Mythologie der Natur«: »Das +Aromatische, Erquickende und Belebende der Citrone hat sie zum Symbole des +Lebens und des Schutzes gegen das Lebensfeindliche gemacht. Daher schützt +nach altem Glauben die Citrone gegen Bezauberung, daher trägt das indische +Weib, welches sich nach dem Tode seines Gatten verbrennen läßt, auf seinem +Gange zum Scheiterhaufen eine Citrone in der Hand als Sinnbild ihres +zukünftigen Zusammenlebens mit dem Gatten; daher die noch übliche Sitte, +daß bei einem Leichenbegängnisse die Leidtragenden die das neue Leben des +Abgeschiedenen symbolisirende Citrone in der Hand tragen; daher endlich +die Sitte des zum ersten Mal zur Communion gehenden Kindes, eine Citrone +zu tragen, weil es durch die Communion ein neues Leben durch seinen +erneuerten Bund mit Gott eingeht.« + +Der Pampelmusbaum (_Citrus decumana_) fällt durch die Größe auf, die seine +Früchte erreichen. Dieselben haben süß-säuerlichen Geschmack und werden +mit Wein und Zucker gegessen. Einzelne Früchte können unter Umständen bis +sechs Kilo Gewicht erlangen. + +Der bittere Pomeranzenbaum ist durch besonders aromatische Blätter und +Blüthen ausgezeichnet. Die Früchte zeichnen sich durch ihre goldige +Färbung aus. Sie werden frisch nicht genossen, wohl aber gelten die in +Zucker eingemachten Schalen derselben als besonders wohlschmeckend. Auch +dienen die Blätter, Blüthen und die unreifen Früchte zur Gewinnung +ätherischer Öle und spielen letztere außerdem eine wichtige Rolle bei der +Liqueurfabrikation. Da der Stamm der bitterfrüchtigen Pomeranze sich als +besonders widerstandsfähig erwiesen hat, so verwendet man ihn auch häufig +als Unterlage, auf welcher andere Citrus-Arten veredelt werden. + +Der süßfrüchtige Pomeranzenbaum gelangte wesentlich später nach Europa als +die bisher genannten Agrumi. Man nahm ziemlich allgemein bis vor Kurzem +an, die Portugiesen hätten ihn erst gegen Mitte des sechzehnten +Jahrhunderts, und zwar angeblich im Jahre 1548, aus dem südlichen China +mitgebracht; ja man zeigte im Garten des Grafen von St. Lorenzo zu +Lissabon einen Orangenbaum, der der eingeführte Urbaum sein sollte. Aus +den Schriften von Galesio, Targioni und Goeze scheint aber hervorzugehen, +daß die süße Pomeranze schon wesentlich früher die Gärten Spaniens und +Italiens schmückte; sie muß bereits im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts +nach Europa gelangt sein. Galesio sucht es wahrscheinlich zu machen, daß +die Cultur der süßen Orange auch an der Riviera bis ins fünfzehnte +Jahrhundert zurückreicht, doch ist seine Beweisführung nicht überzeugend. +So berichtet Galesio über ein aus den Acten der Stadt Savona vom Jahre +1471 sich ergebendes Geschenk von eingemachten Citronen und Limonen und +frischen Citruli, welches die Stadt Savona ihrem Gesandten in Mailand +machte. Da nun die als »Citruli« bezeichneten Früchte frisch gesandt +wurden, hält sie Galesio für *süße* Orangen, da der Gesandte in Mailand +wohl keine *bitteren* hätte essen mögen. In dem Archiv eines Notars in +Savona ist andererseits ein Verkaufsact vom Jahre 1472 über eine +Schiffsladung von 15 000 Citranguli oder Cetroni aufgefunden worden, und +Galesio frägt sich, was man wohl mit 15 000 bitteren Pomeranzen angefangen +hätte. Auf diese Frage kann man ihm die Antwort schuldig bleiben, ohne daß +dadurch der Nachweis, daß es sich wirklich um süße Orangen gehandelt habe, +beigebracht sei. Ja eine solche Annahme müßte um so gewagter erscheinen, +als thatsächlich schon Matthaeus Silvaticus in Salerno, der Verfasser des +1317 beendigten _Opus pandectarum medicinae_ die *bittere* Pomeranze als +_Citrangulum_ bezeichnet und diese Bezeichnung auch von den Übersetzern +arabischer Werke von ihm benutzt wurde, um den arabischen Namen _narindj_ +wiederzugeben. Andererseits zeigt die heute noch in Italien übliche +Anpreisung der süßen Pomeranze als »Portogallo« deutlich den Ursprung der +jetzt dort cultivirten Früchte an. Mögen es somit auch nicht die +Portugiesen gewesen sein, welche die süße Pomeranze in Europa einführten, +so haben wir denselben doch die bessere, jetzt beliebte Sorte dieser +Frucht zu danken. Die chinesische Heimath der süßen Pomeranze dagegen +kommt in dem deutschen Namen »Apfelsine«, ursprünglich »Sinaapfel« oder +»chinesischer Apfel«, zur Geltung. Der deutsche Name wurde von den Russen, +den Grenznachbarn der Chinesen adoptirt; bezeichnend genug, meint Victor +Hehn, für die Umwälzung im Weltverkehr, der seit Vasco de Gama nicht mehr +quer durch das Gebiet von Asien, von Ost nach West, vielmehr aus dem Ocean +in umgekehrter Richtung sich vollzog. + +Der Name »Orange« stammt aus dem Sanskrit und ist auf _nagarunga_ oder +_nagrunga_ zurückzuführen. Die Araber hatten daraus _Narunj_ gebildet, die +Italiener _Naranzi_, _Aranci_, die Franzosen schließlich Orange. Die +mittelalterliche Bezeichnung »_poma aurantia_« Goldäpfel, ist somit nur +dem Klange nach dem Worte »Orange« ähnlich. Aus »poma aurantia« ging dann +aber das deutsche »Pomeranze« und das polnische »_Pomara[’n]cza_« hervor. + +Daß unter den goldenen Äpfeln der Hesperiden, die Herakles, der Sage nach, +aus dem fernen Westen holte, nicht Orangen gemeint sein konnten, geht aus +der Geschichte jener Früchte genugsam hervor. Die goldenen Äpfel der +Hesperiden waren vielmehr idealisirte Quitten. Der Aphrodite geweiht, +dienten sie dauernd in Hellas als Preise bei Liebesspielen und prangten +unter den bräutlichen Gaben. + +Wie schön ein Apfelsinenbaum bei voller Kraftentfaltung werden kann, wenn +ihn Tausende von goldenen Früchten schmücken, das läßt sich freilich kaum +an der Riviera, ja nicht einmal in Sorrent ermessen. Völlig ausgewachsene, +üppig entfaltete Orangenbäume von der Größe unserer Apfelbäume, sah ich +erst am Fuße des Ätna. Theobald Fischer gibt in seinen »Beiträgen zur +physischen Geographie der Mittelmeerländer« an, daß ein ausgewachsener, +gut gehaltener Apfelsinenbaum in Sicilien sechs- bis siebenhundert, ein +Limonenbaum sogar tausend bis elfhundert Früchte liefert. Im Durchschnitt +könne man auf den Hektar Agrumen bei Palermo 3000 Lire Rohgewinn rechnen, +und was das sagen will, geht daraus hervor, daß die einträglichsten Gärten +bei Paris es nur zu einem Rohgewinn von 2500 bis 2700 Francs auf den +Hektar bringen. + +Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen zu uns aber nur einige +wenige gelangen, darunter die jetzt immer beliebter werdende blutfarbige, +die »Orange von Jericho«. + +Auch die als besondere Art der Gattung Citrus geltenden Mandarinen +(_Citrus nobilis_) sind Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien +geworden. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser, als der +Apfelsinenbaum. Er ist in allen Theilen kleiner, und an seinem +buschig-runden Wuchs unschwer zu erkennen. In China und Cochinchina steht +er seit undenklichen Zeiten schon in Cultur, in Europa hingegen tauchte er +erst im Jahre 1828 auf. + +In dem Garten von La Mortola ist auch die _Citrus bergamia_ zu finden, aus +deren Fruchtschalen das äußerst wohlriechende Bergamottöl gewonnen wird; +desgleichen steht dort die _Citrus myrtifolia_, deren sehr kleine Früchte, +in Zucker eingesotten, die beliebten »Chinois« liefern. Es fehlt auch +nicht die süße Limone oder Limette, die nur eine Abart der sauren Limone +ist und wie die süße Orange gegessen wird. + +Eigenartig sieht die _Citrus trifoliata_ aus, ein aus Japan stammender +Strauch, der dreitheilige Blätter trägt und mit großen scharfen Dornen +bewaffnet ist. An seinen Blüthen und Früchten kann man ihn als Citrus-Art +erkennen, sonst macht er wirklich nicht diesen Eindruck. Er verträgt die +Kälte so gut, daß man ihn selbst in Paris im Freien sieht. + +Besonders fällt in dem La Mortola-Garten eine monströse Orangenform auf, +die der Katalog als »_Citrus Aurantium var. Buddhafingered_« bezeichnet. +Die Mißbildung beruht darauf, daß die einzelnen Fruchtfächer, aus welchen +die Orange aufgebaut ist, statt zu einer runden Frucht vereinigt zu +bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt diese Frucht +eine Anzahl von Fortsätzen und erinnert entfernt an eine Hand mit +vorgestreckten Fingern. Diese Ähnlichkeit hat in Indien den Vergleich mit +»Buddha’s Hand« veranlaßt und abergläubische Vorstellungen erweckt. Ganz +ähnliche Mißbildungen kommen auch, in mannigfacher Verschiedenheit, bei +den Citronen und Limonen vor und werden durch Veredlung festgehalten. + +Weitaus der merkwürdigste Baum in der Reihe der Agrumi ist die Bizzarria, +welche der La Mortola-Garten ebenfalls besitzt. Schöner entwickelt sah ich +diese Pflanze im botanischen Garten zu Neapel. Die Bizzarria trägt +zugleich Orangen, Citronen und Limonen. Sie weist auch Früchte auf, welche +die Mitte zwischen jenen Fruchtformen halten, endlich auch Früchte, an +welchen einzelne Fächer das Aussehen von Orangen, andere dasjenige von +Limonen oder Citronen besitzen. Es sind Bizzarrien beschrieben worden, +deren Früchte die Bestandtheile von fünf verschiedenen Fruchtformen der +Agrumi in sich vereinigten. Die Entstehung der Bizzarrien ist bis jetzt +nicht endgültig aufgeklärt worden. Die Einen halten sie für Bastarde, +während Andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufällige +Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des Edelreises entstanden. +Letzteres wäre sehr merkwürdig, da die Erfahrung, die wir täglich bei der +Veredelung unserer Obstbäume, der Rosen und anderer Gewächse machen, sonst +lehrt, daß die Unterlage ohne allen Einfluß auf das Edelreis bleibt, daß +beide ihre Eigenschaften unvermischt behalten. – Die Bizzarrien sind seit +der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt. Sie mußten ja von Alters +her durch ihr merkwürdiges Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich richten. +Zum ersten Mal wird über die Bizzarria im Jahre 1644 berichtet und +angegeben, daß sie im Garten Panciatichi in Florenz wachse. Im Jahre 1711 +beschäftigte sich die französische Academie der Wissenschaften mit +derselben und kam zu dem eigenthümlichen Schluß, sie sei eine +ursprüngliche Pflanzenart eben so gut wie die Orange oder die Citrone. + +In unserem nordischen Garten wird übrigens auch ein kleiner Baum +cultivirt, der sich ähnlich wie die Bizzarria verhält. Es ist ein +Goldregen, der dem Gärtner zu Ehren, der ihn in den Handel einführte, +_Cytisus Adami_ genannt wird. Sein Ursprung ist ebenso wenig wie derjenige +der Bizzarrien aufgeklärt. Dieser äußerst zierliche und interessante Baum, +der sich leicht cultiviren läßt und bei keinem Gartenliebhaber fehlen +sollte, trägt zur Blüthezeit der Hauptsache nach Blüthentrauben, die ganz +so wie diejenigen des gewöhnlichen Goldregens (_Cytisus Laburnum_) gebaut, +aber nicht gelb, sondern mattroth sind. An einzelnen Zweigen sind aber +auch reingelbe Blüthentrauben, die sich dann von denjenigen des +gewöhnlichen Goldregens gar nicht mehr unterscheiden, zu sehen. Außerdem +trägt der Baum an besonders gestalteten kleinblätterigen Zweigen purpurne +Einzelblüthen, welche, so wie die Zweige selbst, einer anderen +Cytisus-Art, dem _Cytisus purpureus_ gleichen. Endlich kommen gemischte +Blüthentrauben mit gelben und rothen Blüthen und mit Blüthen, die zum +Theil gelb, zum Theil roth sind, vor. Nur die gelben Blüthen, die +denjenigen des _Cytisus Laburnum_, und die purpurnen Blüthen, die +denjenigen des _Cytisus purpureus_ gleichen, setzen Früchte an, die +anderen verhalten sich wie häufig sonst die Blüthen der Bastardpflanzen, +sie sind unfruchtbar. Es ist möglich, daß es sich bei _Cytisus Adami_ um +einen eigenartigen Bastard zwischen _Cytisus Laburnum_ und _Cytisus +purpureus_ handelt; der Gärtner Adam zu Vitry bei Paris gab seinerseits +an, ihn durch Veredelung von _Cytisus purpureus_ auf _Cytisus Laburnum_ +erhalten zu haben. + +In den Gärten von der Mortola wird Jeder gern auch den Namen und die +Heimath von zwei Pflanzen erfahren wollen, die ihm in den Gärten der +Riviera sicher zuvor schon aufgefallen sind: nämlich der _Wigandia +Caracasana_ und des _Echium frutescens_ Die erstere ist eine stattliche, +aus Venezuela stammende Blattpflanze, die bis zwei Meter Höhe erreicht. +Ihre sehr großen Blätter sind elliptisch, am Rande doppelt gezähnt, +beiderseits behaart, an der Oberseite etwas rostfarbig. Die großen +violetten, mit gelben Staubfäden versehenen Blüthen bilden ährenförmige +Blüthenstände. Wie bei anderen Vertretern derselben Familie, der +Hydrophyllaceen und der nah verwandten Familie der Boragineen oder der +Boretsch-Gewächse, sind die Blüthenstände von Wigandia in ihrem oberen +Theile schneckenförmig eingerollt. Der eingerollte Theil ist noch unfertig +und rollt sich in dem Maße auf als seine Blüthenknospen reifen. Solche +Einrichtungen gewähren den Vortheil einer sehr langen Blüthezeit. Da kann +die blühende Pflanze schlechte Witterung, oder sonst wie ungünstige Zeiten +überdauern, ohne daß ihre Samenbildung ganz verhindert werde. Wie diese +verhältnißmäßig große Wigandia, so gehörte zu derselben Familie der +Hydrophyllaceen das in unseren Gärten häufig cultivirte bescheidene +Hainschönchen, die _Nemophila insignis_; zu den nah verwandten Boragineen +rechnen wir von unseren Gartengewächsen unter anderen das als +Küchengewächs wohlbekannte Gurkenkraut (_Borago_), von wildwachsenden +Pflanzen unserer Flora den nicht minder verbreiteten Natterkopf (_Echium +vulgare_). Das in den Gärten der Riviera so auffällige, oft bis zwei Meter +hohe, mexikanische Echium frutescens, ist eigentlich nur eine +Riesenausgabe dieses letzteren. Wer unseren Natterkopf kennt, wird auch +jenes Riesen-Echium erkennen und unter den anderen Gewächsen des Gartens +sicher herausfinden. Es trägt dieselbe blaue, kolbenförmige Blüthenähre +wie unser Echium, nur fällt dieselbe eben durch ihre Größe auf. + +Doch wir wenden uns nun einem Baume zu, dessen Zweige einst wie jetzt den +Sieger schmückten, dessen Blättern freilich auch die bescheidene Aufgabe +zufällt, unsere Speisen zu würzen. Der edle Lorbeer, der mit italischen +Bildern ebenso wie die Agrumi verwebt erscheint, ist in Südeuropa sicher +heimisch gewesen, sein Cultus pflanzte sich hingegen allem Anschein nach +von Kleinasien über das Mittelmeer fort. Er wurde dem Apoll geweiht und in +dem Maße, wie die Zahl apollinischer Heiligthümer in Griechenland zunahm, +breiteten sich auch die aromatisch duftenden, immergrünen Lorbeerhaine +immer mehr über dieses Land aus. Mit den griechischen Gottheiten gelangte +der Lorbeerbaum auf italischen Boden, und es begleitete ihn dort zugleich +als Cultus-Gewächs die der Aphrodite geweihte Myrte. + +Allgemein war im Alterthum der Aberglaube, daß der Lorbeer gegen Dämonen, +gegen Zauber und auch gegen Ansteckung schütze. So suchte, wie berichtet +wird, der furchtsame Commodus im Lorbeerhaine Rettung, wenn die Pest im +Anzug war. Kronen von Lorbeer legte man Wahnsinnigen um Schläfe und Hals, +um sie zu heilen. Lorbeerfrüchte oder -Blätter genossen die Priester des +Apollo, wenn sie weissagen sollten; Lorbeer trugen Propheten, wenn sie +eine Stadt betraten. Der Lorbeer sühnte das vergossene Blut. Daher die +römischen Legionen sich, ihre Feldzeichen und Waffen mit Lorbeer +reinigten, gleich nach dem Siege. Das hatte den Lorbeer folgerecht auch +zur Trophäe des Sieges und zum Zeichen der glücklich vollbrachten +Waffenthat gemacht. Als eine Freude und als ein Glück verheißendes +Augurium wurde verkündet, es sei am Tage, an welchem Augustus das Licht +der Welt erblickte, ein Lorbeer vor dem Palatin entsprossen. Die +reinigende Kraft des Lorbeers veranlaßte dessen Verwendung zu Aspergillen. +Der Strenggläubige besprengte sich beim Eintritt wie beim Ausgang aus dem +Tempel mit dem Lorbeerzweig, den er in das Weihwasser tauchte, und gern +auch nahm er beim Herausgehen ein Lorbeerblatt vom Sprengwedel in den +Mund. Die römisch-katholische Kirche hielt sich nicht an den Lorbeer als +Sprengwedel, übernahm vielmehr den Ysop (_Origanum Smyrnaeum_) zu gleichem +Zwecke von den Juden. + +Der Lorbeer brennt, nach Plinius, nur unwillig und zeigt dies durch sein +Knistern an. Der feuerabwehrenden Kraft des Lorbeers wurde es +zugeschrieben, daß bei dem großen Brande Roms unter den Consuln Spurius +Postumius und Piso, als die Regia in Flammen stand, das Sacrarium +unversehrt blieb, da ein Lorbeer vor demselben stand. Andererseits war es +gerade das Lorbeerholz, das im Alterthum zur Erzeugung des Feuers diente; +doch fing es nicht selbst Feuer, es bildete vielmehr, wie uns Theophrast +und Plinius berichten, das Reibholz, während die Unterlage, die durch +Reibung entzündet wurde, meist aus Wegedorn (_Rhamnus_) oder aus Epheuholz +bestand. Ein reines Feuer zu den Sacra durfte nur der Reibung zweier +glückbringender Hölzer entstammen, oder den Sonnenstrahlen, die man mit +Hülfe von Brenngläsern oder von metallischen Hohlspiegeln sammelte. Der +Lorbeer sollte auch die Blitze abwehren. Daher auch der abergläubische +Tiberius, wie Suetonius berichtet, sich mit Lorbeer bekränzte, wenn ein +Gewitter nahte. Gewisse Erfahrungen mögen die Vorstellung erweckt haben, +daß dem Lorbeer bei Gewittern besondere Kräfte innewohnen. Denn es werden +nicht alle Bäume gleich häufig vom Blitze getroffen. Auch bei uns schlägt +der Blitz fast niemals in Wallnußbäume ein, am häufigsten aber in Eichen. +Es hängt das mit der elektrischen Leitungsfähigkeit des Holzkörpers +zusammen, die bei den einzelnen Baumarten eine verschiedene ist. Aus den +angestellten Versuchen und dem statistischen Material scheint sich zu +ergeben, daß Bäume, die zur Jahreszeit der Gewitter verhältnißmäßig viel +fettes Oel in ihrem Holzkörper führen, dem Blitzschlag am wenigsten +ausgesetzt sind. Abgestorbene Aeste an einem Baume erhöhen für denselben +die Blitzgefahr. Daß die Eichen am häufigsten vom Blitze getroffen werden, +mußte von jeher auffallen, daher die Eiche auch dem Donnergott geheiligt +war. Von dem Lorbeer ist die gegentheilige Erfahrung weniger sicher, zum +Mindesten ist sie in Zweifel gezogen worden. + +Zu den Lorbeerarten gehört auch der Campherbaum (_Laurus Camphora_), der +im westlichen China und in Japan zu Hause ist und im La Mortola-Garten +sehr gut gedeiht. Völlig ausgewachsen, kann er bis fünfzig Meter hoch und +sechs Meter dick werden. Seine Blätter verbreiten beim Zerreiben einen +merklichen Camphergeruch. Der Campher wird aber im Großen nicht aus den +Blättern, sondern aus dem Holzkörper dieses Baumes durch Sublimation +gewonnen. + +Die zu den Laurineen gehörenden Zimmetbäume sind in La Mortola ebenfalls +zu sehen, freilich nicht die wichtigste Art derselben, das in Ceylon +heimische _Cinnamomum ceylanicum_, sondern zwei chinesische und japanische +Arten. Der Zimmet des Handels besteht aus der Rinde junger Schößlinge, +welche nach starken Regengüssen geschnitten und geschält werden. + +Im schroffen Gegensatze zu diesen duftenden Pflanzen steht eine andere +Laurinee, ein hier prächtig gedeihender, immergrüner Baum, dessen Name: +_Orcodaphne californica_, zugleich die Heimath angibt. Häufig wird er in +den Gärten als _Laurus regalis_ bezeichnet. Er gleicht in der That in +seinem Aussehen einem Lorbeer, zerreibt man aber eines seiner Blätter +zwischen den Fingern, so strömt ein ätherisches Öl aus, dessen geringste +Mengen schon in hohem Grade die Schleimhaut der Geruchsorgane angreifen. +In Californien verweilt man nicht gern in der Nähe eines solchen Baumes, +wenn der Wind von dessen Seite weht, denn die flüchtigen Öle, mit denen er +sich beladen. hat, reizen zum fortdauernden Niesen. + +Man wird sich in La Mortola auch mit einer anderen Laurinee, der _Persea +gratissima_, bekannt machen können, welche in den Gärten der Tropen viel +cultivirt wird und die Aguacatebirnen liefert. Die Krone dieses schönen +Baumes breitet sich domartig aus, seine Blätter gleichen denjenigen des +Lorbeers. Die birnförmigen, doch oft auch sehr unregelmäßig gestalteten +Früchte sind große Steinfrüchte, mit einem Kern im Innern. Ihr Fleisch +schmilzt wie Butter auf der Zunge und erinnert im Duft an die feinsten +Moschusmelonen. Die Mexikaner essen die Aguacaten vornehmlich als Salat +und suchen sich in der schmackhaften Zubereitung derselben zu überbieten. + +Auch noch einige andere tropische Früchte reifen gut im La Mortola-Garten, +so die Guavas oder Guayaben, welche man von zwei Psidiumarten dort erntet. +Die Gattung Psidium gehört zu den Myrten-Gewächsen und wird in allen +Tropenländern cultivirt. Die Guavas vertreten dort in gewissem Sinne +unsere Stachelbeeren, denn sie sind eben so fruchtbar, beginnen rasch +Früchte zu tragen und lassen sich leicht vermehren. Sie wachsen zu +Sträuchern oder kleinen Bäumen mit immergrünen Blättern empor und tragen +Früchte, die in ihrer Größe zwischen der Wallnuß und dem Hühnerei +schwanken. Diese Früchte werden ohne Zuthat oder mit Wein und Zucker +gegessen. Manche erinnern an Erdbeeren, andere besitzen einen +süßsäuerlichen Geschmack, andere noch einen so durchdringenden Duft, daß +sie nicht Allen munden. Sehr geschätzt werden auch die Guavas-Gelées in +den Tropen, und man beginnt dieselben auch nach Europa einzuführen. + +Eine andere in La Mortola cultivirte Myrtacee, die _Jambosa vulgaris_, +liefert »Rosenäpfel«, welche den Geschmack reifer Aprikosen haben und nach +Rosenwasser duften. Der Baum selbst ist reich verzweigt und trägt +immergrüne Blätter, die in ihrer Gestalt den Pfirsichblättern gleichen. + +Wichtig sind, mehr noch ihres Holzes als ihrer Früchte wegen, die zu den +Ebenholzbäumen gehörenden Diospyros-Arten. Der japanisch-chinesische +_Diospyros Kaki_, den man in La Mortola zieht, liefert die Kakis. Ein +kleiner Baum mit eirunden Blättern, gelblichweißen Blüthen und runden, +etwa pfirsichgroßen, röthlichgelben Früchten. Diese Früchte müssen +überreif werden, um feinen Geschmack zu gewinnen, dann halten sie die +Mitte zwischen Pflaumen und Aprikosen. An der Riviera reifen die Kakis im +October. In Japan benutzt man auch das Holz dieser Bäume, das dem Holz +unserer Wallnußbäume ähnelt. Doch weit übertroffen wird das Kakiholz von +dem Holz der südindischen und ceylonischen _Diospyros Ebenum_ und anderen +ihm nahe verwandten Arten, welche das Ebenholz liefern. Das schwarze +Kernholz dieser Bäume war schon im Alterthum bekannt. Es galt als das +geschätzteste Holz jener Zeiten. Nicht nur Theophrast, sondern auch das +alte Testament sind seines Lobes voll. Seine Dichte und seine dunkle +Färbung verleihen ihm so hohen Werth; durch seine Schwere ist es leicht +von anderen schwarz gebeizten Hölzern zu unterscheiden. + +Die zu den Anacardiaceen gehörige ostindische _Mangifera indica_, den +Mango-Baum, der die köstlichste Frucht der Tropen liefert, gelang es bis +jetzt nicht in La Mortola zu erhalten. Wohl aber wird man zahlreiche +andere Anacardiaceen sehen. Zu diesen gehört auch der mit hellgrünen +gefiederten Blättern und mit rothen Fruchttrauben versehene Baum, dem man +so oft in den Gärten und an den Straßen der Riviera begegnet und der +_Schinus Molle_ heißt. Dieser Baum wird als Pfefferbaum bezeichnet. Mit +dem echten Pfeffer haben seine pfefferkorngroßen Beeren aber nichts +gemein. Der echte Pfeffer stammt vielmehr von schlanken ostindischen +Lianen (_Piper nigrum_), die nach Art des Epheus klettern und mit +Luftwurzeln an der Unterlage haften. Die Fruchttrauben von _Schinus Molle_ +sind aber denjenigen des Pfeffers wirklich ähnlich und nähern sich dem +Pfeffer auch im Geschmack. Ein Getränk, das in Peru und Brasilien aus +diesen Beeren dargestellt wird, soll an Wein erinnern. Es liegt für uns +nahe, auch die in La Mortola cultivirten Vertreter der Gattung Zizyphus zu +beachten. Befindet sich doch unter denselben der in Südeuropa und an der +nordafrikanischen Küste einheimische _Zizyphus lotus_. Im Alterthum wurden +mehrere Pflanzen Lotus genannt, doch ist _Zizyphus lotus_ allem Anschein +nach jener Strauch, den Theophrast als Lotus bezeichnet. Von den Früchten +dieses Strauches wäre somit schon bei Homer die Rede. Sie bildeten ein +wichtiges Nahrungsmittel der Armen, und die Bewohner von Tunis und +Tripolis hießen, weil sie sich vornehmlich von diesen Früchten ernährten, +Lotophagen. Die Pflanzengattung Zizyphus gehört zu den Kreuzdorn-Gewächsen +(_Rhamneen_). Die Früchte von _Zizyphus lotus_ sind so groß wie Schlehen; +ihr mehliges Gewebe, das den inneren Kern umgibt, kann zu Brod verbacken +werden und auch ein gährendes Getränk liefern. Aus den Früchten anderer +Arten, so vor Allem des _Zizyphus vulgaris_, eines in Syrien heimischen +Bäumchens, und von _Zizyphus jujuba_, einem Bäumchen, das in Ostindien +wächst, werden die früher sehr beliebten Jujubapasten dargestellt. Von +_Zizyphus spina Christi_, einem im Thale des Jordan und am Todten Meere +verbreiteten dornigen Strauche, dem Nebeg oder Sfidr, geht die Sage, aus +ihm sei die Dornenkrone Christi geflochten worden. Man hat auch die in +unseren nordischen Gärten cultivirten dornigen Gleditschien als +Christus-Akazien bezeichnet und mit ihnen die Vorstellung von Christi +Dornenkrone verknüpft, doch dies unter allen Umständen mit Unrecht, da die +Gleditschien erst im achtzehnten Jahrhundert aus Nordamerika eingeführt +wurden. Die Zizyphus-Arten werfen des Winters ihre Blätter ab, treiben +aber zeitig im Frühjahr und bedecken sich mit sehr dunklem Laub. Da sie +sehr dünne Zweige haben, hängen diese abwärts und gewähren mit den sich +röthenden Früchten beladen, später ein sehr zierliches Bild. + +Unter den Anacardiaceen von La Mortola, die ein besonderes Interesse +bieten, befindet sich auch der echte Pistazienbaum (_Pistacia vera_), dann +die _Rhus succedanea_, welche das japanische Baumwachs liefert, sowie die +_Rhus vernicifera_, aus deren Milchsaft die Japaner den berühmten +japanischen Lack bereiten. Das Ausfließen dieses sehr giftigen Milchsaftes +wird durch Einschnitte in die Rinde veranlaßt. Um den Lack aus ihm zu +machen, versetzt man ihn mit dem Öle von _Bignonia tomentosa_, oder von +_Perilla ocymoides_ und fügt auch wohl Zinnober hinzu. Die _Rhus +vernicifera_ hält im Freien selbst in den wärmeren Theilen von Deutschland +aus. + +Ein äußerst niedlicher Strauch ist _Capparis spinosa_, welcher die echten +Kapern liefert. Im Blüthenschmuck sieht man ihn erst im Herbst, und wer +einmal um jene Zeit, am Comer See entlang, von Cadenabbia nach Tremezzo +wanderte, dem werden sicher vor dem Eingang in den letzten Ort die +dunkelgrünen Kapernsträucher an der Mauer, wegen ihrer schönen Blüthen, +aufgefallen sein. Lange violette Staubgefäße in großer Zahl strahlen aus +der schneeweißen zarten Blüthenhülle hervor, freilich hier so hoch an der +Mauer, daß man sie nur schwer erreichen kann. An vielen Orten der Riviera +wird der Kapernstrauch im Großen gezogen, seine Blüthenknospen sind es und +nicht die Früchte, die als Kapern dienen. Man pflückt sie im Sommer und +legt sie in Weinessig ein; viel Tausende von Kilogrammen Kapern werden so +in der Provençe bereitet. + +Staunend bleibt man wohl im La Mortola-Garten vor einer Nachtschattenart, +dem baumartigen _Solanum Warszewiczii_, stehen, an welchem Früchte von +Größe und Gestalt der Hühnereier hängen. Dann bemerkt man auch das +krautartige _Solanum Melongena_, dessen gurkenförmige violette Früchte +gekocht werden, und oft als Gemüse den Braten an italienischer Tafel +garniren. + +Unter den krautartigen Gewächsen fallen uns auch wohl manche +Doldenpflanzen (Umbelliferen) durch ihre Größe auf. Sie sind bei weitem +mächtiger noch als die Meisterwurz, die _Imperatoria_, unserer Gärten +entwickelt. Besonders imponirt _Ferula communis_, das Stecken- oder +Ruthenkraut, das auch eine eigene Geschichte besitzt. Dieses +Doldengewächs, das am Mittelmeer zu Hause ist, kann eine Höhe bis zu vier +Meter erreichen. Den Stengel benutzte man im Alterthum zu Spazierstöcken +und seiner Zähigkeit wegen auch zum Züchtigen von Sklaven und Kindern, +wozu man ihn zuvor im Wasser einzuweichen pflegte. Davon kommt der Name +_Ferula_, der von _ferire_ (geißeln) abgeleitet ist. Das Mark des Stengels +ist sehr locker und wird heute noch in Sicilien als Zunder benutzt. Das +Feuer glimmt in diesem Mark fort, und daher geht die Sage, Prometheus habe +in einem solchen Ferulastengel das Feuer zur Erde gebracht, das er dem +Zeus entwandte. – Der _Ferula communis_ steht sehr nah der Stink-Asand, +die _Ferula Scorodosma_ der persischen Steppen. Sie ist eine derjenigen +Umbelliferen, welche die _asa foetida_ liefern. Dieses Gummiharz entstammt +vornehmlich der Wurzel dieser Pflanzen. Sein Duft hält die Mitte zwischen +Knoblauch und Benzoë. Die Pflanze war allem Anschein nach schon den Alten +bekannt und von ihnen als Silphium bezeichnet. Das Gummiharz hieß Laser. +Mit dem Laser würzte man die Speisen und die Perser benutzen es heute noch +als Gewürz. Auch gab es eine Zeit, wo _asa foetida_ in Frankreich beliebt +war, und man mit derselben die Suppenteller einrieb, um die Suppe +»schmackhafter« zu machen. + +Der graublätterige, immergrüne Baum, welcher »japanische Mispeln« trägt, +die »_Eriobotria_« oder _Photinia japonica_ ist in den Gärten der Riviera +so verbreitet, daß man ihn in La Mortola schon als alten Bekannten +begrüßt. Die lichtgelben, säuerlich-süßen, pflaumengroßen Früchte hat man +oft schon bei Mahlzeiten genossen, sie allenfalls auch schmackhaft +gefunden, wenn sie sehr reif und frisch waren. Der Baum stammt +ursprünglich wohl aus China. Rein’s Angaben zufolge ist er 1787 mit +anderen Ziergewächsen und Nutzpflanzen durch Sir Joseph Banks nach England +gebracht worden. Jetzt reicht er über ganz Italien und ist selbst am +Genfer See zu finden. + +Diesem Baume nahe verwandt ist ein anderer von gleich geringer Höhe, der +in den Gärten der Riviera sehr viel cultivirt wird und jedem +Pflanzenfreund daher auffallen muß: die in Japan und China heimische +_Photinia serrulata_. Ihre großen Blätter sehen lorbeerartig aus, zwischen +denselben leuchten die flachen weißen Blüthenrispen hervor. Aus der Ferne +sehen sie fast so wie die Blüthenstände unseres Holunders aus. Die +Photinien gehören zu den Rosifloren. Sie zeigen manche Übereinstimmung mit +den Weißdornarten, der Gattung _Crataegus_, und werden mit denselben zum +Theil vereinigt. Im La Mortola-Garten ist die in der Nähe des Einganges +stehende _Photinia serrulata_ daher auch mit ihrem Synonym als _Crataegus +glabra_ bezeichnet. + +Mit einigem Interesse sieht man sich im Garten von La Mortola einen +stattlichen, mit harten, kleinen Blättern bedeckten Baum, die _Quillaja +Saponaria_ an, der, wie die japanische Mispel, zu den rosenblüthigen +Gewächsen gehört, merkwürdig aber durch seine saponinreiche Rinde ist. +Diese Rinde, die als Panamaholz aus Chile importirt wird, schäumt in +Wasser auf wie Seife, steht als solche in Chile allgemein im Gebrauch, +dient auch bei uns zum Waschen von Wolle und Seide und zu kosmetischen +Zwecken. + +Als wohl bekannte Pflanzenform begrüßt man den Johannisbrodbaum oder +Caroubier (_Ceratonia siliqua_). Man hat ihn schon in weit prächtigeren +Exemplaren in der Umgebung von Mentone gesehen. Alte Stämme erinnern in +der Form an unsere Eichen; an den paarig gefiederten lederartigen Blättern +ist aber der Johannisbrodbaum als solcher sofort zu erkennen. Die Hülsen, +Leckerbissen, die auf keinem Jahrmarkt fehlen, und an denen sich Kinder +allgemein erfreuen, sind im Frühjahr noch so klein, daß man sie an den +Zweigen suchen muß. Aus den reifen Hülsen wird ein süßer, honigähnlicher +Saft gepreßt, der als Keratameli im Orient genossen wird. Mit diesen +Hülsen soll, der Sage nach, Johannes der Täufer sich in der Wüste ernährt +haben und der Baum nach dem Vorläufer des Messias seinen Namen führen. Die +reifen Samen innerhalb der Hülsen zeichnen sich durch auffallend +übereinstimmende Größe aus, woraus sich erklärt, daß sie einst als +Gewichte dienten und der kleinen Einheit im Gold- und Diamantengewicht den +Namen gaben. Denn Karat stammt von Kerateia, dem griechischen Wort für +diese Hülse. Um gute Früchte zu tragen, muß der Baum veredelt werden, und +es waren jedenfalls die Araber, welche die bessere Fruchtform dieses +Baumes am Mittelmeer verbreiteten. Er ist in Süd-Arabien wohl zu Hause, +doch an vielen Orten der Riviera jetzt verwildert. + +Im La Mortola-Garten werden auch der Theestrauch und Kaffeebaum im Freien +gezogen. Der Theestrauch, der baumförmig bis zu fünfzehn Meter Höhe +emporwachsen kann, macht den Eindruck einer Camellie, und in der That +gehört er auch wie diese zu der Familie der Ternströmiaceen, ja er wird +jetzt sogar als _Camellia Thea_ mit dem Camellienbaum in derselben Gattung +vereinigt. Der Name Camellia, den diese Pflanzengattung führt, klingt so +poetisch, vielleicht weil man an die »Camelien-Dame« bei demselben denkt; +thatsächlich hat er aber einen viel prosaischeren Ursprung. Er entstand +nämlich aus Kamel, dem Familiennamen eines Jesuitenpaters, der vor mehr +als anderthalb Jahrhunderten die Camellie aus Manilla nach Spanien +brachte. Diesem Georg Kamel zu Ehren benannte Linné die Pflanze, er fügte +_japonica_ hinzu, da die Camellie in Japan zu Hause ist, und von dort aus +auch nach Manilla gelangt war. – Die Blüthen des Theestrauches erinnern +sehr an die ungefüllten Camellien und haben zahlreiche Staubfäden wie +diese. In La Mortola blüht der Theestrauch im September. Seine +porzellanweißen, rosa angehauchten Blüthen, die sich aus den Blattachseln +vordrängen, verbreiten einen nur schwachen Duft. Nach den Berichten des +Rev. B. C. Henry ist die _Camellia Thea_ wild in großen Mengen noch im +Innern der südchinesischen Insel Hainon zu finden. Die zahlreichen +Theesorten verdanken der verschiedenen Zeit des Einsammelns, dem +verschiedenen Alter der eingesammelten Blätter und deren verschiedener +Behandlung ihre besonderen Eigenschaften. + +Der arabische Kaffeebaum, die _Coffea arabica_, ist ein kleiner +pyramidaler Baum, der bis zu fünf oder sechs Meter Höhe emporwächst. Er +trägt seine immergrünen dunklen Blätter in gekreuzten Paaren. Die weißen, +nach Orangen duftenden Blüthen stehen gehäuft in den Achseln der obersten +Blätter. Die Früchte, die aus diesen Blüthen hervorgehen, sind +kirschgroße, dunkelrothe Beeren, die zwei Samen, die sogenannten +Kaffeebohnen, enthalten. Der Kaffeebaum führt seinen Namen nach dem +Bergland Kâfa im südlichen Abyssinien. Man hat überhaupt die südlichen +Provinzen von Hoch-Abyssinien für den Ursprungsort des arabischen +Kaffeebaumes gehalten, doch ist derselbe in neuerer Zeit wild am +Victoria-Nyansa und in Westafrika gefunden worden, so daß Centralafrika +wohl die eigentliche Heimath dieser Culturpflanze sein dürfte. Afrika hat +uns neuerdings auch noch eine zweite Art des Kaffeebaumes geliefert, die +_Coffea liberica_. Sie wird in den tiefer gelegenen Theilen der tropischen +Küstendistricte gefunden, ist gegen Temperaturwechsel empfindlicher als +die _Coffea arabica_, verträgt aber besser die Seewinde. Da sie durch +Größe der Samen und feines Aroma derselben ausgezeichnet ist, so beginnt +ihre Cultur sich über die tropischen Länder bereits auszubreiten. + +In den Kaffeegärten Arabiens und Abyssiniens wird auch ein zu den +Celastrineen gehörender Strauch cultivirt, mit gegliederten Ästchen, +lederartigen, lanzettförmigen Blättern, den man in La Mortola sehen kann +und der _Catha edulis_ heißt. Es ist das die Khatpflanze, deren +getrocknete Blätter von den Arabern theils wie Tabak gekaut, theils auch +mit Wasser aufgebrüht und als Thee genossen werden. In Südamerika dienen +andererseits ganz allgemein der Theebereitung die Blätter des _Ilex +paraguayenses_ einer dem Khatstrauch ziemlich nah verwandten Aquifoliacee, +die in Paraguay und Brasilien zu Hause ist. Man bezeichnet diese Blätter +dort als _Yerba_ oder als _Mate_. Dieser Strauch wird zwar im La +Mortola-Garten nicht cultivirt, doch sieht man dort andere immergrüne +Ilex-Arten, die ihm sehr ähneln. – Die vorhandenen Arten der +Sterculiaceen-Gattung _Sterculia_ können andererseits auch das Bild der +_Sterculia acuminata_ oder _Cola acuminata_ ersetzen, welche den +afrikanischen Negern die »Kolanüsse« liefert. Diese Früchte sehen wie +Kastanien aus und haben schwach bitteren Geschmack. Die Neger wissen sie +nicht genug zu preisen, denn sie sollen den Körper stärken, schlechtes +Wasser trinkbar machen, gegen allerlei Krankheiten helfen, den Hunger +stillen und das Gemüth erheitern. Thatsächlich enthalten auch die +Kolanüsse Theïn, ähnlich wie die Thee- und Kaffeepflanzen und außerdem +Theobromin wie die Chocolade. Der Genuß dieser Früchte beginnt jetzt bis +nach England vorzudringen. + +Es fällt im La Mortola-Garten wie in den anderen Gärten der Riviera wohl +auf, daß die Camellien, Rhododendren und Azaleen so stark gegen andere +Pflanzen zurücktreten. Man erblickt sie nur vereinzelt und bei weitem +weniger schön und kräftig wie etwa an den italienischen Seen entwickelt. +Das hat in der Zusammensetzung des Bodens seinen Grund. Der so überaus +kalkreiche Boden der Riviera sagt diesen Pflanzen nicht zu, die +ausgeprägte Humusbewohner sind, außerdem reiche Bewässerung verlangen. + +Einen wichtigen Handelsartikel im Alterthum und Mittelalter haben auch +wohlriechende Balsame gebildet. Ein Bäumchen, das solchen Balsam lieferte, +tritt uns in La Mortola in dem _Styrax officinalis_ entgegen. Dieses +Gewächs ist in der Belaubung einem Quittenbaum äußerst ähnlich; es +entfaltet in La Mortola im Mai und Juni auch seine weißen, mit goldgelben +Staubfäden versehenen, wohlriechenden Blüthen. Ein Haupterzeuger solcher +Balsame, die als Parfüm, als Räucherwerk und zu Salben dienten, war der +Storax-Baum (_Liquidambar orientale_). Die duftende Myrrhe, die zu +gottesdienstlichen Zwecken auch den Griechen dient, stammt andererseits +von _Balsamodendron Myrrha_, der Weihrauch, oder das _Olibanum_, von +Boswellia-Arten, die im äußersten Osten von Afrika und auf dem arabischen +Küstenstriche wachsen. + +In dem Garten von La Mortola kann man auch die zu den Hülsengewächsen +gehörende _Indigofera tinctoria_ sehen, eine Pflanze, die zu den +wichtigsten der Indigo liefernden Gewächse zählt. Sie stellt einen kleinen +Strauch vor, der in Ostindien zu Hause ist, der aber jetzt in anderen +Ländern zwischen den Wendekreisen, ja selbst an einzelnen Stellen um +Neapel cultivirt wird. Sie trägt unpaarig gefiederte Blätter und entsendet +aus den Achseln derselben ihre Blüthenstände, die mit kleinen weißen oder +rosenrothen Blüthen besetzt sind. Ihre nächste Verwandte, die man auch in +La Mortola sehen kann, die zierliche _Indigofera Dosua_ aus dem Himalaya, +wird auch in unseren Gärten gezogen. Wie in anderen Indigo liefernden +Pflanzen, zu denen auch unser Waid (_Isatis tinctoria_) und der +chinesische Färber-Knöterich (_Polygonum tinctorum_) gehören, ist in der +_Indigofera tinctoria_ der Indigo nicht schon als solcher vorhanden. Die +zerkleinerten Pflanzen müssen vielmehr erst einen Gährungsproceß im Wasser +durchmachen. Dieses wird abgegossen, wenn es sich stark grüngelb färbt und +dann gerührt und geschlagen, um mit dem Sauerstoff der Luft in möglichst +reiche Berührung zu kommen. Dabei scheidet sich der Indigo als unlösliches +Pulver ab. Er bildet die »echteste« und geschätzteste Pflanzenfarbe, die +auch schon den Alten bekannt war und bei ihnen als Indicum hoch im Werthe +stand. Wie in der Jetztzeit London, so bildete einst Bagdad den Weltmarkt +für diesen Artikel. + +Aus den exotischen Pflanzenformen ragen allseitig Nadelhölzer hervor. Sie +stechen eigenartig von denselben ab. Wir sind mit ihren Gestalten wohl +vertraut und selbst die so regelmäßig geformten Araucarien sehen wie etwas +gezierte Tannen aus. In den Gewächshäusern der Heimath sah auch jeder +schon die Cycadeen, die hier in einer Anzahl von Arten unter freiem Himmel +gedeihen. Dem Laien wird es schwer, sich vorzustellen, daß die Cycadeen +Verwandte der Nadelhölzer sind. Scheinen sie doch mit ihrem unverzweigten +Stamm und mit ihrer einfachen Krone aus langen gefiederten Blättern, weit +mehr den Palmen zu gleichen. Mit diesen haben sie aber thatsächlich nur +eine gewisse Ähnlichkeit gemein. Diese äußere Ähnlichkeit der Cycasblätter +und der Palmenblätter hat es aber bewirkt, daß sie oft fälschlich als +Palmenblätter bezeichnet werden und als solche bei Begräbnissen Verwendung +finden. Thatsächlich ist das aber eine arge Verwechselung. Denn +Palmblätter und nicht Cycaswedel sollen es, der Tradition nach, sein, die +man den Todten auf den Sarg legt, sowie es Palmenblätter sind, die +christliche Märtyrer in der Hand halten und die auf den Gräbern in den +Katakomben dargestellt werden. + +Den Palmen werfen wir in La Mortola nur flüchtige Blicke zu, da wir sie ja +in Bordighera schon eingehend betrachtet haben. Hingegen fesseln unsere +Aufmerksamkeit die zahlreichen Arten von Bambusen, die hier stellenweise +schon zu mächtiger Entwickelung gelangten. Daß diese Pflanzen, trotz ihrer +bedeutenden Höhe, die beim gemeinen Bambus (_Bambusa arundinacea_) oft +dreißig Meter erreicht, zu den Gräsern gehören, kann nur Denjenigen in +Erstaunen versetzen, der sich die Gräser ausschließlich als Wiesenkräuter +vorstellt. Thatsächlich haben wir schon in unseren Schilfrohr-Arten +Vertreter der Gramineen-Familie vor Augen, die zu ansehnlicher Höhe +emporwachsen. Die Bambusen sind unserem Schilfrohr in mancher Beziehung +ähnlich. Während letzteres aber bei uns nur eine beschränkte Verwendung +findet, gibt es in den heißen Ländern kaum eine Pflanze, die +mannigfaltigeren Nutzen als der gemeine Bambus stiftet. Die jungen +Wurzelsprosse dienen als Gemüse, vornehmlich verwenden sie aber die +Chinesen zur Bereitung eines beliebten Confectes, das dem Ingwer oft +zugesetzt wird. Aus jüngeren Halmen stellt man in den heißen Ländern +Wände, Zäune und anderes Flechtwerk her; aus den Blättern macht man Matten +und Hüte, verpackt auch oft den Thee in dieselben. Junge Blätter dienen +als Viehfutter. Aus den Fasern der Halme bereiten die Chinesen ihr +berühmtes Papier, das durch seinen Seidenglanz, seine Weichheit und seine +geringe Dicke ausgezeichnet ist. Die hohlen Stämme sind sehr leicht, +besitzen trotzdem einen ganz außerordentlich hohen Grad von Festigkeit und +werden zu Bauten verwendet, die allen äußeren Angriffen trotzen. Die ganze +Oberfläche des Stammes ist verkieselt, und so kommt es, daß dieser nicht +allein in der Luft, sondern auch im Boden sich sehr lange hält. Daher die +Stämme auch als Wasserleitungsröhren und Wasserrinnen dienen, nachdem man +zuvor die Scheidewände durchbohrte, welche das Innere des hohlen Stammes +durchsetzen. Andererseits lassen sich die einzelnen Glieder des Stammes +als Wassereimer und als Blumentöpfe verwenden, wenn man die Scheidewände +unversehrt läßt. Aus Bambus werden Brücken und Flösse, aus Bambus Betten, +Stühle und Tische gefertigt, mit Bambusfasern Matratzen gefüllt und Möbel +gepolstert. Leitern aus Bambus sind sehr beliebt. Aus Bambus stellt man +Eß- und Trinkgefäße, chirurgische Instrumente und selbst Haarkämme her, +und als ob gezeigt werden solle, daß der Bambus einer jeglichen Verwendung +fähig sei, verfertigen die Bewohner von Borneo und Sumatra aus demselben +sogar Lampen, in welchen Dammaraharz gebrannt wird, und mit Dammaraharz +gefüllte Kerzen, deren Hülle zugleich mit der Füllung in Flamme aufgeht. +Bambusstöcke kennen auch wir: sie werden aus den zähen, knotigen +Wurzelausläufern fabricirt, denen eine innere Höhlung abgeht. Ebenso muß +zu Kriegszwecken der Bambus das Material hergeben: er liefert Lanzen und +Wurfspieße von unübertrefflicher Leichtigkeit und Härte. Zu gleicher Zeit +ist der chinesische Soldat ausgerüstet mit einem Sonnenschirm aus Bambus, +dessen Überzug aus gefirnißtem Maulbeerpapier besteht. Desgleichen sollen +die hohlen Stengeltheile des Bambus als Musikinstrumente zur Verschönerung +des Lebens beitragen. Sie werden zu Flöten und Clarinetten verarbeitet, +auch als Resonanzböden und selbst in Gestalt von Saiten verwendet. Ja +C. Schröter berichtet, daß die Atchinesen es sogar verstanden haben, aus +Bambus eine Art Telephon herzustellen, durch welche sie ihre Wachtposten +in Verbindung setzen. – Die Höhlungen junger Stammtheile enthalten meist +klares Wasser, mit welchem in Indien und in den Bergen von Java der +Reisende seinen Durst stillen kann. – Die Bambusen blühen selten; stellt +sich aber ein Blüthenjahr ein, so gibt es eine große Fruchternte. Die +Früchte werden wie Reis gegessen oder in Brot verbacken, und wiederholt +schon, so 1812, ist durch das Blühen der Bambusen eine Hungersnoth in +Indien abgewendet worden. Mit Recht konnte somit Wallace, einer der besten +Kenner der Tropen, aussprechen, daß der Bambus eines ihrer herrlichsten +Producte sei. – Am vollkommensten haben Chinesen, Japaner und die Bewohner +Indiens und des indischen Archipels ihn auszunutzen gewußt. In China gibt +es ganze Dörfer, die nur aus Bambus aufgebaut sind. Einen merkwürdigen +Eindruck soll es machen, wenn ein solches Dorf in Brand geräth. Die Luft +erhitzt sich alsdann in den abgeschlossenen Gliedern der Bambusstämme und +sprengt dieselben mit gewaltigem Knall. Man hört aus der Ferne wie +Kanonendonner, in welchem die Eingeborenen der Molukken deutlich den Ruf +»Bambu, Bambu« zu vernehmen glauben. + +In einer Pflanze, die so viel Nutzen stiftet, lag es dem Naturmenschen +nahe, auch nach verborgenen Heilkräften zu suchen. In China werden die +Wurzelstöcke, die jungen Sprosse, der Saft, der Samen, bestimmte Auswüchse +der Pflanze, als Medicamente verwendet. Zu besonderer Berühmtheit gelangte +aber als Heilmittel ein eigenthümlicher Körper, der sich in den hohlen +Gliedern der Stämme findet und Tabaschier genannt wird. Schon die +Mediciner der römischen Kaiserzeit wandten denselben viel an, gestützt auf +orientalische Traditionen. Einen Weltruf gewann der Tabaschier aber erst +durch die arabischen Ärzte im zehnten und elften Jahrhundert, und er gilt +immer noch als ganz hervorragendes Medicament in der ganzen orientalischen +Welt. – Das frische, dem Bambusstengel entnommene Tabaschier bildet +schmutzig weiße, braune bis schwarze Stücke. Beim Glühen werden diese weiß +calcinirt und in einen Chalcedon-ähnlichen Körper verwandelt, der bald +weiß und undurchsichtig, bald bläulich weiß, durchscheinend und +farbenschillernd aussieht. Thatsächlich ist der Tabaschier nichts Anderes +als gemeine Kieselerde, die, durch etwas vegetabilische Substanz +verunreinigt, beim Glühen von derselben befreit wird. Statt kostspieligen +Tabaschiers, den er in den Bazaren theuer bezahlen muß, könnte der Patient +somit auch reinen Kieselsand zu sich nehmen. Den rechten Glauben +vorausgesetzt, müßte die Wirkung dieselbe sein. + +Sehr belehrend ist es im Frühjahr zu verfolgen, wie die jungen Knospen +mächtiger Bambusen als überarmdicke, mit scheidenartigen Blättern +dichtbedeckte Kegel die Erde durchbrechen. Sie pressen Wasser zwischen +ihren Blattscheiden hervor, befeuchten und erweichen damit den umgebenden +Boden und wachsen mit solcher Schnelligkeit, daß sich die unmöglich +scheinende Vorstellung Gras wachsen zu sehen, bei ihnen fast in greifbare +Wirklichkeit verwandelt. Dieses Wachsthum kann nämlich unter günstigen +Verhältnissen einen Meter täglich betragen und ein zwanzig Meter hoher +Sproß in wenigen Wochen somit diese Höhe erreicht haben. – Schöne Gruppen +von Bambuspflanzen gehören zu den zierlichsten Erscheinungen des +Pflanzenreiches; freilich kann man diese Pflanzen in voller +Prachtentfaltung erst in den Tropen sehen und im La-Mortola-Garten nur +eine annähernde Vorstellung davon gewinnen, welche Bedeutung ihnen in der +tropischen Landschaft zukommt. + +Aus den werthvollen Angaben des Geographen Ritter und den nicht minder +werthvollen Untersuchungen des Botanikers Ferdinand Cohn geht wohl sicher +hervor, daß diejenige Substanz, welche die Alten als Saccharum bezeichnet +haben, nicht Rohrzucker, sondern Tabaschier gewesen sei. Nach Bopp +bedeutet das Sanskrit-Stammwort »_çarkara_« nicht etwas Süßes, sondern +etwas Zerbrechliches und Steinartiges. Im alten Indien wurde das +Tabaschier als Sakkar Mambu oder Bambusstein bezeichnet, und erst die +Araber haben dieses Wort auf den später dargestellten, dem Tabaschier +ähnlichen, krystallinischen Rohrzucker übertragen. Edmund O. von Lippmann +kommt ebenfalls in seiner überaus gründlichen und erschöpfenden +»Geschichte des Zuckers« zu dem Ergebniß, daß der Sakcharon der antiken +Welt nicht unser Zucker gewesen sei; er weist nach, daß der *feste* Zucker +auch in Indien erst in der Zeit zwischen dem dritten und sechsten +Jahrhundert n. Chr. bekannt wurde. + +Das Zuckerrohr (_Saccharum officinarum_) ist unserem Schilfrohr sehr +ähnlich und wie dieses eine Grasart. Man sieht es im La Mortola-Garten in +voller Entfaltung. Das Zuckerrohr ist eine sehr alte Culturpflanze. Da es +ausschließlich aus Stecklingen gezogen wurde, hat es die Fähigkeit, Samen +zu erzeugen, fast eingebüßt. Man hat bis vor Kurzem überhaupt geglaubt, +daß das Zuckerrohr nicht fructificire; doch ergaben sorgfältige +Beobachtungen, vornehmlich aus Java, daß diese Unfruchtbarkeit nur eine +relative sei. Die Heimath des Zuckerrohrs ist wahrscheinlich Bengalen, +jene Provinz, die, ihrer unerschöpflichen Fruchtbarkeit wegen, seit jeher +als der Garten Indiens gepriesen wurde. Wohl gegen das Ende des dritten +Jahrhunderts ist das Zuckerrohr aus Indien nach China gelangt und +zweihundert Jahre später westlich bis Gondisapur vorgedrungen. Diese Stadt +lag am Flusse Karon, der unweit davon sich zum Theil in den Tigris, zum +Theil nach dem Nordrand des Persischen Meerbusens ergoß. Dorthin hatten +sich die Nestorianer geflüchtet, als das Concil zu Ephesus 431 n. Chr. +ihre Lehre für ketzerisch erklärte. Sie führten dem Orient die Keime +klassisch-litterarischer und wissenschaftlich-medicinischer Bildung zu, +namentlich auch die Anfangsgründe chemischer Kenntnisse. Die Beziehungen +Gondisapurs zu Indien bewirkten zugleich, daß sich der Einfluß der +indischen Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie erblühte, die +nicht nur die Traditionen der griechischen Medicin und Naturwissenschaften +in sich aufnahm, sondern dieselben auch wesentlich förderte. Hier wurde +allem Anschein nach die Kunst der Zuckerraffinerie erfunden, daher auch +»Kand« der persische Name für den gereinigten Zucker ist. + +Durch die Araber kam das Zuckerrohr im achten Jahrhundert nach Spanien, im +neunten nach Sicilien. In Venedig lassen sich 1150 bereits Zuckerbäcker +nachweisen. Die drei wichtigsten Productionsstellen des Zuckers im +Mittelalter waren Syrien, Aegypten und Cypern. Ihre Bedeutung schwand, als +Vasco de Gama 1498 den directen Weg nach Ostindien um das Cap der guten +Hoffnung fand und der Handel mit indischem Zucker so in die Hände der +Portugiesen fiel. Damit war der dominirende handelspolitische Einfluß +Venedigs und seine Macht für immer gebrochen; an Stelle des Mittelmeers +wurde der atlantische Ocean der Schauplatz des Weltverkehrs. Um 1580 +begann Sicilien seine Zuckerproduction einzustellen, da diese gegen die +überseeische Concurrenz nicht mehr ankämpfen konnte. Denn um jene Zeit +hatte auch schon der amerikanische Zucker, besonders der brasilianische, +die Bedeutung eines Weltproductes gewonnen und gelangte bis nach Palermo. +Der Zuckerverbrauch stieg ganz enorm in Europa, und im Jahre 1600 hatte +auch Deutschland, nach v. Lippmann, schon mehrere Zuckerraffinerien +aufzuweisen. Freilich scheinen dieselben nach dem dreißigjährigen Kriege +sich nur noch in Hamburg gehalten zu haben. Unter Friedrich dem Großen +entstanden zahlreiche Zuckerraffinerien in Preußen und wurden durch +Prohibitivzölle geschützt. + +Die Süßigkeit des Rübensaftes hatte den Chemiker Markgraf veranlaßt, +Zucker aus demselben darzustellen, was ihm um 1747 gelang. Doch fand das +gewonnene Product keine Verwerthung, zum Theil schon deshalb nicht, weil +es an genügend zuckerreichen Rüben damals noch fehlte. Diesem Mangel wußte +erst Achard aus seinen Gütern bei Berlin um 1786 in größerem Maßstab +abzuhelfen. Die erste wirkliche Rübenzuckerfabrik errichtete derselbe +Achard, mit Unterstützung Friedrich Wilhelms III., zu Cunern in Schlesien. +Es folgten alsbald andere Fabriken in Preußen und Frankreich, wo besonders +Delessert das Darstellungsverfahren vervollkommnete. Nach Aufhebung der +Continentalsperre gingen trotzdem die meisten Rübenzuckerfabriken sowohl +in Deutschland als auch in Frankreich wieder ein, und erst von 1820 etwa +an datirt der neue Aufschwung und der schließlich großartige Erfolg dieser +Industrie. + +Der Palazzo Orengo wird von phantastischen Pflanzenformen: säulenförmigen +Opuntien, candelaberförmigen Euphorbien, sowie von zahlreichen blühenden +Aloe- und Agave-Arten umgeben. Auf der Mauer östlich vom Hause fällt eine +kleine, mit langen weißen Dornen bewaffnete Opuntie (_Opuntia tunicata_) +in die Augen. Ihre Dornen sind mit zarten Scheiden umhüllt und verdanken +diesen ihre Färbung. Man kann die Scheiden von den Dornen abziehen; doch +gilt es vorsichtig zu sein, denn die Dornen sind äußerst scharf und +verwunden leicht die Hand: Sie schützen wirksam die Pflanze gegen den +Angriff der Thiere. Dieser Schutz ist aber auch nöthig in den dürren +Gegenden Mexikos, in welchen die Pflanze zu Hause ist, und wo es den +Thieren oft an pflanzlicher Nahrung fehlt. In solchen Gegenden sind +dornige Pflanzen sehr häufig, Pflanzen, deren Blätter sich zum besseren +Schutz in Dornen verwandelt haben, während der Stengel sich grün färbte, +so in die Functionen der Blätter trat, zugleich anschwoll und für die Zeit +der Dürre mit Wasser versorgte. Durch Hunger getrieben, pflegen wohl +Pferde mit den Hufen die Dornen von solchen Cactusgewächsen abzuschlagen, +um zu dem saftigen Fleisch zu gelangen, während das Rindvieh sich an +denselben schwer verwundet. Der Angriff auf diese weißdornige _Opuntia +tunicata_ dürfte den Thieren unter allen Umständen schwer fallen, sie ist +so stark bewaffnet, daß sie außer dem Namen _Opuntia tunicata_ auch +denjenigen _Opuntia furiosa_ erhielt. + +Doch am Palazzo Orengo fesselt unseren Blick vor allem die wunderbare +Aussicht, die sich dort entfaltet. Gewiß ein herrliches Stück Erde, fast +zu schön, um dasselbe dauernd zu bewohnen! Denn wonach soll man sich dann +noch sehnen, wo eine Steigerung des Eindrucks erhoffen? – Von üppigem Grün +und buntem Blüthenschmuck sind die Bilder eingerahmt, die hier den +Beschauer fesseln. Sein Auge folgt entzückt der zackigen Küste, oder es +ruht träumend aus der tiefen Schlucht, in der sich der Garten aufwärts, +ohne Ende, bis zu den Gipfeln der Berge fortzusetzen scheint. Eine hohe +Palme neigt sich wie sinnend über diesem Bilde und gibt ihm ein +märchenhaftes Gepräge. Nach Osten decken dunkle Baummassen die Aussicht, +doch durch eine blumenreiche Pergola gelangt man bald bis auf den freien +Bergrand. Der Tag geht zur Neige, und es beginnt Altbordighera im rosigen +Abendlicht zu glühen. Welch’ ein Anblick! Ich weiß ein krankes Mädchen, +eine zu früh aufgeblühte Knospe, das Rettung vor dem Tode in Mentone +suchte; dem schwebte jenes goldige Bild bis zuletzt in den Fieberträumen +vor. Es war wie die Verheißung einer glücklicheren Welt! Sehnsuchtsvoll +streckte die Sterbende ihre Arme in der nordischen Heimath aus, um es zu +fassen, und ein seliges Lächeln verklärte dann ihr blasses Antlitz. + +Die Pergola, die nach jenem Aussichtspunkt im Garten von La Mortola führt, +ist von Banksia-Rosen und anderen Schlinggewächsen überwuchert, deren +Blüthen in den Abendstunden süßen Duft verbreiten. Die _Rosa Banksiae_ +können wir hier in ihrer vollen Prachtentfaltung bewundern. Überall +leuchten aus dem grünen, dornenfreien Laub die zierlichen Trugdolden ihrer +halbgefüllten, hellgelben und weißen Blüthen hervor. Um diese schöne Rose +ist die Riviera zu beneiden; bei uns im Freien will sie nicht gedeihen. +Auch ist es in Gewächshäusern nicht möglich, sie zu üppiger Entwickelung +zu bewegen, ebensowenig als dies für die _Bougainvillea_ gelingt, jene +prächtige Liane der Tropen, die mit ihren carmoisinrothen Hochblättern +ganze Gebäude an der Riviera deckt. + +Die Sonne war inzwischen untergegangen, und fahle Lichter streiften die +Küste. Altbordighera erschien so todtenblaß, als wäre es inzwischen +ausgestorben; der Rahmen aus weißen Rosen umschlang es fast wie ein +Todtenkranz. Die bunten Blüthen im dunklen Laube begannen unsichtbar zu +werden, und scharf stachen nur vom hellen Abendhimmel die uralten +Cypressen ab, die, dicht aneinander gereiht, im unteren Theile des Gartens +zum Meere absteigen. Hat dieser dunkelfarbige Baum, der in so feierlichem +Ernst zum Himmel emporragt, wirklich ein trauriges Aussehen, oder weckt er +in uns nur traurige Empfindungen, weil er von jeher ein Symbol der +Todtentrauer war, und wir ihn so oft neben Gräbern sehen? Hier hätte er +wohl allen Grund, düster in die Landschaft zu schauen, denn er schmückte, +so heißt es, vor Zeiten einen Friedhof, nach welchem der Ort heute noch +seinen Namen »La Mortola« führen soll. Blumenbeete haben seitdem die +Gräber verdeckt, üppiger Pflanzenwuchs die Stätten verwischt, an welchen +Menschen einst ihre Lieben beweinten, die Cypressen allein trauern noch +über den Todten. + + VII. + +Die Strada nazionale, die am Garten vorbei nach Mentone führt, steigt +zunächst in der Schlucht empor und beginnt erst jenseits der Croce della +Mortola sich langsam zu senken. Es ist ein unendlich schöner Weg, der im +weiten Bogen, am Abhang der Berge, langsam gegen Mentone absteigt. Bald +ist man in einen Olivenhain gedrungen, in dem sich das Dorf Grimaldi +verbirgt; jenseits des Ortes steigt über der Straße ein alter Thurm düster +in die Lüfte empor, neben ihm drängt ein modernes Schloß in englisch +gothischem Geschmack sich auf. Ein schöner Garten steigt bis zum Thurm +empor. Es war das einst die Besitzung des englischen Arztes Bennet, dessen +Name einen ruhmvollen Klang an der Riviera besitzt. Nach dessen Tode haben +neue Besitzer das gothische Haus erbaut. Wir erreichen das italienische +Zollhaus. Es dunkelt schon; in Mentone, das in geringer Ferne vor unseren +Augen aufsteigt, beginnen auf den Straßen und in den Häusern die Lichter +sich zu entzünden. Eine lange Reihe flammender Punkte folgt bald dem +Strande, als hätte sich das Meer mit einer Schnur feuriger Perlen +geschmückt. Mir zogen die Strophen des Mignonliedes durch den Sinn, und +das Rauschen des Meeres schien sie in den Tönen der Beethoven’schen Musik +zu begleiten. Wie bezeichnend für diesen Boden mehr als +zweitausendjähriger Cultur, daß jene Gewächse in dem Liede, welche das +Bild Italiens uns so lebendig vor die Seele zaubern, diesem Lande nicht +ureigen sind. Sie kamen aus dem Orient, wie alle die großen Gedanken, auf +welchen unsere Bildung ruht, entfalteten und veredelten sich aber auf +diesem Boden. Die Citronen und Orangen erhielten die klassischen Lande von +den Semiten, welche dieselben ihrerseits von den Indiern übernommen +hatten. Der Öl- und Feigenbaum, der Weinstock und die Palme standen bei +den Semiten in Pflege, lange bevor sie als Culturpflanzen siegreich nach +dem Westen vordrangen. Der Cultus des Lorbeers und der Myrte gelangte von +Osten her über das Mittelmeer. Die Cypresse hat nicht ihre Heimath in +Italien, sondern auf den griechischen Inseln und auf dem Libanon; ja, +selbst von der schirmförmig ausgebreiteten Pinie, der die Rauchwolke des +Vesuvs wie zum Vorbild dient, hat man, doch dieses Mal mit Unrecht, +bezweifelt, daß sie eine echt italienische Pflanze sei. Und als wenn +andererseits auch der große Culturimpuls, welcher von der Entdeckung der +neuen Welt ausging, auf italienischem Boden in typischen Pflanzenformen +verkörpert werden sollte, brachte er diesem die Agave und die Opuntie. Die +dornigen, blaugrünen Agaven, die stachligen, hellgrünen Opuntien, die so +gut zu dem felsigen Strande Italiens passen, als wären sie für ihn von +jeher bestimmt gewesen, sind thatsächlich erst im vierzehnten Jahrhundert +von Amerika an denselben gelangt. Capri vermag man sich ohne die »_Fichi +d’India_«, deren abgeflachte Glieder sich in wunderbaren Krümmungen über +die Mauern drängen, kaum vorzustellen, und doch sind diese Opuntien hier +eine moderne Erscheinung. Daher ist es ein Anachronismus, wenn die Agaven +und Opuntien in den Preller’schen Odysseebildern den Vordergrund der +Landschaft schmücken. Die Schönheit jener Bilder wird dadurch nicht +beeinträchtigt, und doch kann man sich bei der Betrachtung derselben einer +gewissen fremdartigen Empfindung nicht erwehren. Das historische +Rechtsgefühl fühlt sich verletzt und muß erst durch das ästhetische +Wohlgefallen beschwichtigt werden, welches diese so bedeutenden +Kunstschöpfungen erwecken. + +Wie mag die Riviera ausgesehen haben, bevor die Cultur des Ölbaumes +begann, als noch Palmen und Cypressen fehlten und der Wohlgeruch der +Agrumi die Luft nicht erfüllte? – Sie war bedeckt mit immergrünen +Sträuchern, während dichter Nadelwald die Höhen krönte. Das Bild der +Vegetation mußte ein ganz anderes sein; denn sein Aussehen war bestimmt +durch Gesammteffecte, während der Charakter jener Landschaft, die wir +jetzt für die typisch italienische halten, auf dem wirksamen Hervortreten +einzelner ausgeprägter Pflanzenformen und deren plastischer Sonderung +beruht. + +Während noch in den Zeiten Alexander des Großen, also im vierten +Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als ein Land kannten, das +im Vergleich zu ihrem eigenen Lande und dem Orient einen ganz +ursprünglichen Charakter trug, konnte bereits Marcus Terentius Varro im +ersten Jahrhundert vor Christus, Italien mit einem großen Garten +vergleichen. Plinius klagt ein Jahrhundert später über den Luxus, der auch +im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemüse wurden so groß gezogen, daß sie +der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen vermochte. Er führt als Beispiel +die Spargeln an, von denen in Ravenna oft nur drei auf das römische Pfund +(ca. 300 Gramm) gingen. + +Daß in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt worden war und der +orientalische Culturpflanzen vorwiegend barg, das römische Volk sich +verweichlichen mußte, ist nur zu klar. Es war das die Schattenseite jener +zu üppig entwickelten Cultur, die in dem Übermaße ihrer Entfaltung auch +die Keime ihres Untergangs trug. + +Als ich Mentone näher kam, begann der Mistral zu wehen und fegte mächtige +Staubwolken über die Straße. In Garavan, im Schutze der Altstadt, wurde es +trotzdem fast windstill, so daß ich dort am späten Abend im anmuthigen +Garten des Hôtel d’Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch den +Bergrücken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die dichten +Häusermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollständig gedeckt und mit +Recht daher von Brustkranken bevorzugt. Seit vorigem Winter erhielt +Garavan einen eigenen Bahnhof, der fast eine zu große Erleichterung des +Verkehrs für diejenigen Wintergäste schafft, die in Monte Carlo durch +schädliche Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefährden. + + VIII. + +Fast alle wichtigen Reiz- und Genußmittel des Pflanzenreichs dankt der +Culturmensch den wilden Völkern. Da bei ihm selbst die Cultur das +instinctive Empfinden ganz zurückdrängte, so kann er sich kaum noch +vorstellen, welche Eindrücke den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel +geleitet haben. Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, daß der Thee der +Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze der +Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolanüsse der Neger im wesentlichen +dieselben Stoffe enthalten. Im La Mortola-Garten, bei Betrachtung der +Pflanzen, die jene Stoffe liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres +Aussehens feststellen. Irgend welches äußere Abzeichen, das ihnen +gemeinsam wäre, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte +somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er verfuhr +nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und Flur seiner Nahrung +nachgeht. Er war sich der Ursache seiner Wahl ebenso wenig bewußt. + +Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen, haben unsere Reiz- und +Genußmittel eine interessante Geschichte aufzuweisen. + +In China ist der Theegenuß so alt, daß ein im zwölften Jahrhundert +verfaßtes Buch »Rhya« von demselben als von etwas längst Bekanntem +spricht. + +In Europa begann sich der Theegenuß erst um 1630 zu verbreiten, unter dem +Einfluß der holländisch-ostindischen Gesellschaft und der Lobpreisungen, +welche einige holländischen Ärzte diesem Getränk zu Theil werden ließen. +Der Thee sollte die Lebenskraft steigern, das Gedächtniß stärken, alle +seelischen Fähigkeiten erhöhen, das Blut in willkommenster Weise +verdünnen. Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als vierzig +bis fünfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem interessanten Werke +von Le Grand d’Aussy, welches 1782 zuerst erschien und die Geschichte des +Privatlebens der Franzosen (_Histoire de la vie privée des François_) +erzählt, ist zu lesen, daß der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald +zu Ansehen gelangte, weil ihn der Chancelier Séguier unter seine +Protection nahm. Es scheint, daß sich in Paris einzelne Personen auch auf +das Rauchen des Thees verlegten, so wie man Tabak raucht, und der Arzt +Bligny rühmt sich, aus dem Thee eine Conserve, ein destillirtes Wasser und +zwei Arten von Syrup dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken +um 1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland +verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den holländischen Ärzten des +Großen Kurfürsten. Im Jahre 1662 kostete, nach den von Flückiger +veröffentlichten Documenten, eine Hand voll Thee in den Apotheken der +Stadt Nordhausen noch fünfzehn Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur +noch vier Groschen. Nach Rußland gelangte der Thee nicht über das +westliche Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und +schon in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde der Thee +dort zu einem allgemein verbreiteten Getränk. Der Thee heißt demgemäß dort +Tschai, entsprechend der Benennung wie wir sie auch bei den Arabern im +achten Jahrhundert schon finden, während in Polen aus _herba Theae_ +»_Herbata_« gebildet worden ist. + +Der wichtigste Bestandtheil der Theeblätter ist das Coffeïn, derselbe +Körper, den die Kaffeebohnen führen und der auch dem Theobromin der +Cacaobohnen äußerst nahe steht. Ebenso ist der Paraguay-Thee oder Mate +coffeinhaltig, und denselben Stoff führen auch die Kola-»Nüsse«. + +Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in großem Maßstäbe +betrieben, während Europa, die Türkei ausgenommen, vor Mitte des +siebzehnten Jahrhunderts nur wenig von dem Bestehen dieses Genußmittels +wußte. Nach Constantinopel hatte Selim I. 1517 aus Aegypten den ersten +Kaffee gebracht, und zwanzig Jahre später gab es dort bereits viele +Kaffeehäuser. Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die +Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen Consuls in +Ägypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk über ägyptische Pflanzen +veröffentlichte, gab die erste, wenn auch wenig vollkommene botanische +Beschreibung des Kaffeebaumes. Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste +Kaffeehaus eröffnet wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens +rasch über ganz Italien. Wie Le Grand d’Aussy eingehend beschreibt, war es +Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der Errichtung von +Kaffeehäusern den Anfang machte. In Paris kam das Kaffeetrinken erst unter +Ludwig XIV. auf, und zwar vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten +Mohammeds III., der, wie Le Grand d’Aussy berichtet, sich die Gunst der +Pariserinnen in solchem Maße zu erwerben wußte, daß es Mode ward, ihm +Besuche abzustatten. Er ließ den Damen, nach orientalischer Sitte, den +Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glänzenden Porzellantassen auf +goldbefranzten Servietten. Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das +Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung, die mit Hülfe eines Dolmetschers +geführt wurde, alles das, meint Le Grand d’Aussy, mußte den Kopf der +Französinnen verdrehen. Überall hörte man von dem Soliman’schen Kaffee +sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen zu +verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das Pfund kostete bis zu +vierzig Thalern. Im Jahre 1672 eröffnete ein Armenier, Namens Pascal, auf +dem Quai de l’École das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getränk, +welches in demselben geboten wurde, »Café« genannt ward. Es war eine +»Boutique« nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschäfte, da +es für das feinere Publicum, welches allein den Kaffee damals trank, nicht +geeignet war. Das erkannte richtig der Florentiner Procope, derselbe, der +sich um Paris durch die Einführung des Gefrorenen verdient gemacht hat; er +richtete gegenüber der alten Comédie Française ein Café ein, welches außer +dem ursprünglichen Getränk, auch Thee, Chocolade, Eis und verschiedene +Liqueure führte, und, geschmackvoll decorirt, sich alsbald des größten +»Succès« erfreute. Die Zahl der Nachahmer war groß, und 1676 hatte Paris +schon eine Unmasse Cafés aufzuweisen, deren Einfluß sich als ein sehr +günstiger erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig XIV., +»_ce Roi si décent_«, wie sich Le Grand d’Aussy ausdrückt, durch harte +Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem Florentiner Procope zu +verdanken. Als ganz ungefährlich galt jedoch der Kaffee nicht, und die +Marquise de Sévigné räth darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre +1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, »_pour en tempérer le danger_«. +In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon 1624 erwähnt. Das +erste Kaffeehaus errichtete in London 1652 der Armenier Pasqua, Diener +eines türkischen Arztes. Berlin folgte erst weit später nach, denn Volz +gibt an, daß dort das erste Kaffeehaus im Jahre 1721 eröffnet wurde. Eine +Anzahl deutscher Städte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in +Hamburg gab es schon 1679, in Nürnberg und Regensburg 1686, in Köln 1687 +Kaffeehäuser. In Wien erhielt 1683 ein gewisser Kolschitzky die Erlaubniß +zur Eröffnung des ersten Kaffeehauses und zwar als Belohnung für den Muth, +durch welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der Stadt +von den Türken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des achtzehnten +Jahrhunderts war der Kaffeegenuß über ganz Deutschland verbreitet, und der +Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel für Hamburg und Bremen. +Friedrich der Große versuchte es vergeblich, den Verbrauch einzuschränken. +In dem Bestreben, Preußen wirthschaftlich abzuschließen und »das Geld im +Lande zu behalten«, hatte er besonders die theueren Colonialwaaren mit +hohen Zöllen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr oder suchte +sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf und andere Chemiker wurden +beauftragt, Surrogate an Stelle des Kaffees zu schaffen, was zur +Entstehung von Eichelkaffee, von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst +aus Rüben und Roßkastanien führte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um +jene Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben +E. v. Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen Kaffeesurrogate +erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum, daher 1781 ein +Kaffeemonopol eingeführt ward, das die gewöhnlichen Consumenten zwang, den +Kaffee schon gebrannt vom Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu +kaufen, während an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte +»Brennscheine« abgegeben wurden. + +An den Thee und den Kaffee schließt sich der Cacao fast gleichberechtigt +an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige vieler anderer tropischer +Pflanzen, da er eine sehr beständige, relativ hohe Temperatur neben einer +großen und gleichmäßigen Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath dürfte in +den Ländern um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er überall +in den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut. Die +Cacaopflanze gehört einer Unterabtheilung der Malvaceen an; fast aller +Cacao des Handels stammt von der _Theobroma Cacao_ ab. Es ist ein +dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem Stamm und breiter Krone, der für +gewöhnlich acht bis zehn Meter Höhe erreicht. Das Charakteristische für +die Pflanze ist, daß sie ihre Blüthenstände vorwiegend am alten Holze +trägt, so daß der Stamm und die dicken Äste sich weiterhin mit Früchten +behangen zeigen. Die Blüthen sind weißlich bis roth und liefern je nachdem +gelbe oder dunkelrothe Früchte. Während die Blüthen nur klein sind, können +die cylindrischen Früchte bis fünfundzwanzig Centimeter Länge erreichen. +Der Baum blüht und fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im +Jahr meist nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem süßsäuerlichen +Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fünf +Längsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte »Rotten« +gemildert, einen Gährungsproceß, dem die aus der Frucht befreiten Samen +unterworfen werden. Der Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst +den von diesen verdrängten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519 das +Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor. Ähnlich wie der +Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico, ja in ganz Mittelamerika die +Cacaobohnen als Münze. Die Spanier sollen bei der Eroberung Mexico’s im +dortigen Staatsschatze nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund +solcher Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die gerösteten +Cacaobohnen geschält und gestoßen, mit kaltem Wasser zu Brei angerührt und +mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewürzen, Vanille, duftenden Blumen +und Honig versetzt. Dieser Brei »_bouillie assez dégoutante_«, sagt Le +Grand d’Aussy, hieß Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen +Namen der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und Atl +(Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier, welche die +Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt hatten, brachten sie bald +nach Europa, und auch heute noch ist es Spanien, welches die größten +Mengen Chocolade verzehrt. Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade +mit, als er 1606 von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien +erstreckten, heimkehrte. Das warme Getränk, das in Florenz aus Cacaomehl +hergestellt wurde, verbreitete sich rasch über ganz Italien. Nach +Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von Österreich, Gemahlin +Ludwig’s XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber erst 1661, unter dem +Einfluß von Maria Theresia von Spanien, Gemahlin Ludwig’s XIV., die sich +aber noch versteckte (wie die Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren +angibt), um ihre Chocolade zu trinken; der Genuß derselben mußte somit als +etwas Ungewohntes oder gar Verpöntes angesehen werden. Indessen schon 1671 +konnte Frau von Sévigné an ihre Tochter schreiben: »_Vous ne vous portez +pas bien, le chocolat vous remettra._« Freilich muß die Chocolade als +Heilmittel ihre Wirkung versagt haben, denn in einem späteren Briefe wird +sie als »_source de vapeurs et de palpitations_« angegeben. Andererseits +vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684 vor der Fakultät eine +These, in welcher er gutgemachte Chocolade als eine der edelsten +Erfindungen pries, weit mehr würdig, als Nectar und Ambrosia, die Speise +der Götter zu sein. Derselben Ansicht muß auch Linné gewesen sein, der die +Chocolade 1769 in den »_Amoenitates academicae_« behandelte und dem +Cacaobaum den botanischen Namen »_Theobroma_«, d. h. »Götterspeise« gab. +In England begann sich die Chocolade um 1625, annähernd gleichzeitig auch +in Holland, einzubürgern. Nach Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des +Großen Kurfürsten, den Cacao mit. Friedrich der Große verbot die Einfuhr +der Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben, der +Ähnliches für den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus Lindenblüthen an +Stelle von Chocolade herzustellen, was aber nur schlecht gelang. + +Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru kamen, war dort ein +anderes Reizmittel in Gebrauch, das der Instinct der Eingeborenen +herausgefunden hatte, nämlich das Cocaïn. Dieser Körper gehört ebenso wie +das Coffeïn und das Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die +Bewohner des Inkareiches kauten die Cocablätter ganz so wie die Hindus die +Betelnuß kauen und würzten diese Blätter auch mit Asche der Quinoapflanze +(_Chenopodium quinoa_) oder mit gelöschtem Kalk, so wie es für die +Betelnüsse in Indien geschieht. Bei mäßigem Genuß wirken die Cocablätter +anregend auf das Nervensystem ein, in zu großen Mengen und fortdauernd +gebraucht, werden sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller +körperlichen und geistigen Fähigkeiten bei dem »Coquero« ein, der zu einem +Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern geführt hat. Den Spaniern +fielen zunächst nur die üblen Folgen des Cocakauens auf, sie suchten +dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote in Peru einzuschränken. +Daher wohl die Cocablätter nicht wie andere ähnliche Reizmittel ihren +Einzug in die alte Welt hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte +Entdeckung, daß eine Auflösung von Cocaïn ohne üble Folgen die Hornhaut +und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich macht, richtete die +allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Alcaloid. Die Anwendung desselben bei +Augenoperationen wurde allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete +der Heilkunde als auch seine Fähigkeit, leicht zugängliche sensible Nerven +unseres Körpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde. + +Die Cocablätter gehören einem Strauche an, der unserer Schlehe ähnlich +ist, aber bedeutendere Größe erreicht. Diese Blätter sind lebhaft grün +gefärbt und sehr dünn; sie haben eiförmige Gestalt und laufen spitz an +ihrem Ende aus. Die gelblich weißen Blüthen fallen wenig in die Augen, da +sie nur geringe Größe besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht +unähnlichen Früchte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor. Der botanische +Name der Pflanze ist _Erythroxylon coca_, sie bildet eine eigene kleine +Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf die artenreiche Gattung +_Erythroxylon_ beschränkt ist. Die Blätter sind schwach aromatisch und +besitzen einen angenehm bitterlichen Geschmack. Das Alcaloid, welches man +aus denselben gewinnt, bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in +Wasser, dagegen leicht in Alcohol und noch leichter in Äther lösen. + +Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den +Gewürznelkenbaum geknüpft, da er eine äußerst markirte Rolle in der +Geschichte des Gewürzhandels gespielt hat. Der Gewürznelkenbaum (_Eugenia +caryophyllata_) gehört zu den Myrtaceen wie die Myrten, Eucalypten, +Guaiaven und Rosenäpfel, die wir in La Mortola sahen. Er ist ein +immergrüner Baum mit wohlgeformter Krone, der über zehn Meter Höhe +erreichen kann und lederartige, glänzende, durchscheinend punctirte +Blätter besitzt. Die Blüthen stehen an den Enden der Zweige in +doldenförmigen Blüthenständen. Der vierkantige Blüthenstiel breitet sich +am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An der +Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenblätter und die Staubfäden +befestigt. Erstere werden ähnlich wie bei Eucalyptus als Kappe abgeworfen, +wenn sich die Blüthe öffnet. Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab, +sammelt vielmehr kurz zuvor schon die »Gewürznelken«, indem man sie mit +den Händen vom Baume pflückt oder mit Bambusstäben abschlägt. Sie sind +somit noch ungeöffnete Blüthen eines myrtenartigen Gewächses und haben mit +den nur ähnlich duftenden Blüthen unserer Gärten, die wir als Nelken +bezeichnen, den Dianthus-Arten, sonst nichts gemein. Beim Trocknen +verändert sich die dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. – Die +Gewürznelken waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt. Im +vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie nach Europa. Man glaubte +bis zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, daß Java oder Ceylon ihre +Heimath sei; thatsächlich aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem +Wege des Gewürznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken durch +Varthema 1504 klärte Europa über den Ursprung der Gewürznelken auf. Mit +den Molukken zugleich gelangte der Gewürzhandel jener Inseln in die Hände +der Portugiesen, dann ein Jahrhundert später an die +holländisch-ostindische Compagnie, welche die Production von Gewürznelken +und Muskatnüssen auf jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar +dieselbe, um sie besser überwachen zu können, auf nur wenige Inseln +einschränkte. Auf den übrigen Inseln ließ sie die Gewürzbäume ausrotten. +Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur begrenzte Mengen +des Gewürzes auf den Markt, und als in Folge guter Ernten der Vorrath +einmal, im Jahre 1760, zu stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der +Admiralität in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster Überwachung von +Seiten der Holländer gelang es dem französischen Gouverneur von Mauritius +und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewürznelken- und Muskatbäumen zu +gelangen und sie auf seiner Insel anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802, +als die Engländer die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafür, +daß die Cultur der Gewürzbäume sich über die Grenzen dieser Inseln hinaus +verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur über die tropischen Länder weit +ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau der Gewürznelkenbäume +ganz zurück, und nur die Muskatbäume werden dort noch im großen Maßstab +gepflegt. + +Die Muskatbäume, die mit den Gewürznelkenbäumen stets zusammen genannt +werden, gehören zu der Gattung _Myristica_, die den Lorbeergewächsen sehr +nahe steht. Der wichtigste Muskatbaum ist _Myristica fragrans_, der in +seinem Aussehen an unsere Birnbäume erinnert. Er besitzt eine rundliche +Krone und dichte Belaubung. Seine Blüthen sind weiß oder gelblich und +gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie klein sind, so +fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun hingegen die hellgelben, +aprikosenähnlichen Früchte, die der Baum gleichzeitig trägt. Diese Früchte +springen bei voller Reife auf und dann leuchtet ein carmoisinrother +Samenmantel aus ihrem Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Hülle +umgibt er den schwarzbraunen, als Muskatnuß bekannten Samen. Er selbst +wird fälschlich als Muskatblüthe bezeichnet. + +Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen, hierauf der +niederländisch-ostindischen Compagnie und ging auf die +englisch-ostindische über, als England 1796 Besitz von Ceylon ergriff. + +Wie Zimmet, Gewürznelken und Muskatnuß in der niederländischen Geschichte, +so spielte der ostindische Pfeffer einst eine nicht unbedeutende Rolle in +der Geschichte Venedigs. Namentlich aus Rücksicht auf diesen Pfeffer lag +Venedig daran, das rothe Meer und Ägypten sich offen zu halten. Unmengen +von Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de’ Tedeschi, an die +Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flückiger besonders +hervorhebt, eine kaum mehr verständliche Gier nach Pfeffer, der +schließlich fast die Bedeutung eines überall gangbaren Zahlmittels +erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert nahm er entschieden +den ersten Rang unter den Gewürzen ein; er stand so hoch im Preise, daß +ärmere Klassen von dem regelmäßigen Gebrauch desselben absehen mußten und +»_cher comme poivre_« sprichwörtlich wurde. Diese Sucht nach Gewürzen kam, +wie Le Grand d’Aussy erzählt, von den vielen schwer verdaulichen Speisen, +welche man damals zu genießen pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche +Gewürze bei sich führten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische +sich mundgerecht zu machen. Régnard bezeichnet solche Eßkünstler als +»_Docteurs en Soupers_«. + +Aus der Geschichte des Levantehandels im Mittelalter von Wilhelm Heyd geht +hervor, daß zu den verbreitetesten Specereien damals auch der Ingwer +gehörte, und daß er fast eben so stark begehrt war wie der Pfeffer. Diese +Pflanze, deren Heimath in Ostindien liegt, kann man im Garten von La +Mortola sehen. Ihre bis zu einem Meter hohen grünen Sprosse entspringen +dem wohlriechenden Wurzelstock, der im Boden versteckt ist. Die Sprosse +erinnern an die in unseren Gärten cultivirten Canna-Arten und tragen wie +diese, in zwei Reihen angeordnete, doch wesentlich schmälere Blätter. Am +Gipfel schließen sie, falls sie zur Blüthe kommen, mit dichtgedrängten +Hochblättern ab, aus deren Achseln gelb- und violettgefärbte Blüthen +entspringen. In La Mortola blüht freilich der Ingwer nicht, und auch in +Asien kommen nur selten blühbare Stengel zur Entwickelung. Stücke des +Wurzelstockes sind es, die, geschält oder ungeschält, als Ingwer in den +Handel gelangen. Der aus China eingeführte in Zucker gekochte Ingwer +stammt von zarten, sorgfältig geschälten Wurzelstöcken. Eingemachter +Ingwer wurde schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in irdenen +Töpfen nach Italien eingeführt, doch war Marco Polo der erste Europäer, +der auf seinen Reisen in China und Indien von 1280–1290 die Pflanzen zu +sehen bekam. Dieser mit Recht hochberühmte Reisende des Mittelalters +erwarb sich überhaupt sehr große Verdienste um die Erforschung von China, +weshalb ihm der Besitzer von La Mortola, der selbst längere Zeit im »Reich +der Mitte« lebte, in der Eingangshalle seiner Villa ein glänzendes, von +Salviati in Venedig als Glasmosaik auf Goldgrund ausgeführtes Brustbild +widmete. Da freilich von Marco Polo ein authentisches Bildniß nicht +bekannt ist, blieb es der Phantasie des Künstlers überlassen, wie er sich +ihn vorstellen wollte. + + IX. + +Wer den Weg von Mentone nach Nizza auf der vielgerühmten Route de la +Corniche zurücklegen will, sollte dies nur bei völlig klarem Wetter thun. +Denn unter den großen Eindrücken dieser Bergstraße darf die Aussicht +landeinwärts in die schneebedeckten Seealpen nicht fehlen. Im Frühjahr +sind die Berge meist von Wolken bedeckt und so dem spähenden Auge +verborgen. Die Route de la Corniche ist an schönen Frühlingstagen von +unvergleichlicher Wirkung. Sie fängt an bei Roccabruna zu steigen und +folgt dann in unzähligen Windungen dem Abhang. Das eine Mal wendet sie +sich landeinwärts, als wolle sie den Berg durchbohren, das andere Mal +schlägt sie die Richtung nach dem Meere ein, als stürze sie sich in die +Fluthen. Fort und fort wechseln die Bilder. Abwärts taucht der Blick in +die grünen Thäler und trifft immer neue Einschnitte der Küste; aufwärts +wird er begrenzt durch die mächtigen Kuppen der Berge. Wo diese +auseinandertreten, da tauchen, wie mit einem Zauberschlag, die +schneebedeckten Häupter der Seealpen in der Ferne auf. – Den höchsten +Punkt hat die Corniche bei La Tourbie, der alten _Trophea_ oder _Turris in +via_, etwa 500 Meter über dem Meere erreicht. Die Corniche folgt der alten +römischen Straße; Napoleon I. war es, der sie im Jahre 1805, so wie sie +heute ist, ausbauen ließ. Jetzt ist die Tourbie sogar durch eine +Zahnradbahn mit Monte Carlo verbunden. Einst lief hier die Grenze, welche +Gallien von Italien schied. Der weit sichtbare, aus mächtigen Trümmern +aufsteigende Thurm, der als Thurm des Augustus bekannt ist, trotzt noch +immer der Zeit. Mit seinen zackigen Zinnen, erst im vierzehnten +Jahrhundert erbaut, ging er aus den Quadern des gewaltigen Denkmals +hervor, das hier der Senat und das römische Volk dem Octavian errichten +ließen, als die Schlacht bei Actium ihn zum Herrn der Welt machte. Plinius +hat uns die Inschrift bewahrt, welche das Denkmal auf seinen vier Seiten +trug. Außer der Widmung an den _Caesar Imperator_ standen da die Namen von +vierundvierzig Alpenvölkern verzeichnet, welche unter römisches Joch +gebeugt worden waren. Ein Standbild des Kaisers krönte das Denkmal, das, +alter Schilderung nach zu urtheilen, großartig gewesen sein mußte. +Trotzdem schonten es die späteren Zeiten nicht. Die Longobarden begannen +seine Zerstörung. Die Saracenen gestalteten es zur Festung. Dann schöpften +Jahrhunderte lang die Bewohner von La Tourbie aus den Trümmern, wie aus +einem Steinbruch, die Steine zum Bau ihrer Kirche und ihrer Häuser. Im +zwölften Jahrhundert holten die Genueser hier Marmor zum Schmucke ihrer +Bauten, und was dann noch verblieb, wurde am Hochaltar in der alten +Kathedrale von Nizza verwandt. – Von La Tourbie aus sieht Monte Carlo mit +all seinem Glanz und Elend nur wie ein unschuldiges Kinderspielzeug aus. +An den Ernst des Lebens wird man aber auch in dieser Höhe durch alle die +Festungswerke gemahnt, welche Frankreich auf den Berggipfeln errichtet +hat. Selbst der höchste Berg über Monte Carlo, der 1150 Meter hohe +Mont-Agel, dessen Gipfel weithin das ganze Land beherrscht, hat jetzt +einen Kranz von Redouten erhalten. + +Als Glanzpunkt der Corniche erscheint mir die Stelle, an welcher Eza auf +schroffem Fels, mitten in der Landschaft, emportaucht. Welche gewaltige +Kraft war nöthig, um in so schwindelnder Höhe, so unvermittelt zwischen +Himmel und Erde, aus mächtigen Quadern Burgen zu erbauen! Von Abgründen +umgeben, vor jeder Überraschung sicher, haben nach einander nizzardische +und piemontesische Geschlechter in dieser Burg geherrscht. Armselige +Häuser suchten Schutz an den befestigten Mauern, und auch heut noch stehen +sie da und drängen sich um die zerfallenen Ruinen. Die alte Pracht +verschwand von dieser Stätte: das Elend ist geblieben. Von außen aber +vergoldet es die strahlende Sonne des Südens und hebt den stolzen Felsen +majestätisch ab gegen den blauen Hintergrund des Meeres. + +Nizza wird immer größer, verliert den ursprünglichen, italienischen +Charakter, nimmt ganz denjenigen einer eleganten, cosmopolitischen Stadt +an und amüsirt sich ohne Unterbrechung. Endlos folgen im Winter Redouten, +Blumenschlachten, Regatten, Pferderennen auf einander. Wie eigen dieser +Trieb zum Vergnügen, der sich hier auch der einheimischen Bevölkerung +bemächtigt hat! Denn kaum hat ein Ort gleich schwere Schicksale im Laufe +der Zeiten erlebt. Unzählige Male wurde die Stadt geplündert und verwüstet +durch Gothen, Longobarden, Saracenen und Provençalen. Frankreich eroberte +sie wiederholt, um sie zu verlieren und wieder zu gewinnen. Sie wurde von +der Pest heimgesucht, durch starke Kälte ihrer Oliven- und Orangenbäume +mehrfach beraubt, von afrikanischen Heuschrecken häufig überfallen. Daher +vielleicht der Leichtsinn, der sich seiner Bevölkerung bemächtigt hat und +der den Grund dazu legte, daß Nizza zu einer Metropole der schalen +Vergnügungen aufwuchs. Mein Ziel war Nizza nicht, vielmehr das Cap +d’Antibes, ein Ort, den ich schon vor vielen Jahren liebgewonnen hatte. +Ein Aufsatz von George Sand, in der »_Revue des deux mondes_« vom Jahre +1868, machte mich mit den Schönheiten dieses Vorgebirges zuerst bekannt. +George Sand besuchte auf demselben den schönen Garten des hervorragenden +französischen Botanikers Thuret und war von der Aussicht ganz hingerissen, +die man von dort genoß. Daß das Cap trotzdem so unbeachtet blieb, hängt +mit seiner exponirten Lage zusammen, die es zum Aufenthaltsorte für +Lungenleidende wenig geeignet macht. Das Cap ist in das Meer weit +vorgeschoben und daher den Winden ausgesetzt; auch sieht man von demselben +die Schneealpen, und ist demgemäß auch nicht gegen den kalten Luftstrom +geschützt, der von denselben kommt. Auch fehlte es am Cap bis vor Kurzem +an einem guten Unterkommen, das den Reisenden zum längeren Bleiben hätte +einladen können. – Ich halte das Cap d’Antibes für einen der Glanzpunkte +der Riviera. Wer dessen Herrlichkeit in ganzer Fülle gleich genießen will, +der besteige den Hügelrücken, der die Seelaterne und das bescheidene +Kirchlein _Notre-Dame de Bon-Port_ trägt. Der Anblick, den man dort bei +klarem, sonnigem Wetter genießt, ist geradezu überwältigend. Das Cap +d’Antibes setzt sich so weit fort in das offene Meer, daß man von ihm aus, +wie von einem Schiffe, das Land überblickt. Es trennt den Golf Jouan von +der Baie des Anges und beherrscht so gleichzeitig die beiden Buchten. Im +Westen wird das Bild von dem Esterel-Gebirge abgeschlossen, das in reicher +Gliederung ganz unvermittelt aus dem Meere aufsteigt. Das Esterel erinnert +in seinen Umrissen an das Siebengebirge, den Stolz unseres Rheinlandes, +was sich aus dem vulkanischen Ursprung beider Gebirgszüge erklärt. Das vom +Cap d’Antibes eine Stunde weit entfernte Cannes wird durch die Landenge +der Croisette verdeckt, frei liegt hingegen vor ihm im Meere die +Lerinische Insel St. Marguerite. Deutlich erkennt man auf ihr das Fort, in +welchem einst der mysteriöse »_homme au masque de fer_« und neuerdings +Bazaine eingekerkert waren. Es folgt an der Küste ein Ort auf den andern. +Zunächst das Städtchen Golfe Jouan, in dessen wohlgeschütztem Hafen das +französische Mittelmeer-Geschwader liegt. Zahlreiche Villen und Gärten +decken die grünen Hügel, die sanft gegen das Meer abfallen. Nach Südwesten +hin streckt das Cap d’Antibes noch einen Seitenarm in die Fluthen, und +dieser trägt ein kleines Fort und das Grand Hôtel. Gegen Süden verliert +sich der Blick in dem weiten Meer; gegen Osten kann er der Küste bis +jenseits Bordighera folgen, wo diese endlich in dem Blau der Ferne +schwindet. Im Halbkreis reihen sich an der Bai des Anges die Häuser von +Nizza aneinander und versuchen es auch, die angrenzenden Hügel zu +erklimmen. Im Vordergrund zeichnet sich grell das alte Antipolis, noch im +mittelalterlichen Gewande, von steilen Mauern und Laufgräben umgeben und +von dem malerischen Fort Carré beherrscht, das es zu Vaubans Zeiten +erhielt. Nach Norden thürmen sich Berge auf Berge, um endlich in den +schneebedeckten Alpen ihren verklärten Abschluß zu finden. So zeigt dieses +Bild all das Erhabenste wieder vereinigt, was die Natur uns zu bieten +vermag. Und wie wirkungsvoll zugleich ist der Gegensatz zwischen der +unbegrenzten Fläche des Meeres und den bewegten Umrissen der +himmelstürmenden Bergriesen; wie zart vermittelt die azurne Farbe des +Wassers und das matte Grün der Küste, wie schroff abgesetzt das glänzende +Weiß der Schneefelder von dem dunkeln Blau des Himmels! Wie athmet man +frei in dem weiten Raum, welchen der Blick hier umfaßt; wie fühlt man sich +geläutert durch die hehren Bilder, die sich in der Seele spiegeln! + +Das kleine Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port ist mit manchem _ex voto_ +geschmückt. Ringe und Ketten von Schiffen, kleine aus Holz geschnitzte +Kähne, die an den Wänden hängen, deuten den Dank Jener an, denen es +gelang, sich aus stürmischer See zu erretten. Am 8. Juli eines jeden +Jahres ziehen die Schiffer von Antibes barfuß den Hügel hinauf und holen +das Standbild der Mutter Gottes herab, um es in gleichem Aufzuge am +nächsten Sonntag von Antibes wieder hinauf zu tragen. + +Über das Grand Hôtel du Cap d’Antibes bildete sich ein ganz eigener +Mythos. Es hieß, de Villemessant, der einst so bekannte Redacteur des +»Figaro«, hätte den Bau veranlaßt, um ein Heim für Schriftsteller und +Künstler zu schaffen. Dieselben sollten dort vereint ihren Arbeiten +obliegen und durch die herrliche Umgebung zu bedeutendem Schaffen angeregt +werden. Dieser Mythos war aber nur eine »_Blague_«, durch entsprechende +Zeitungsartikel veranlaßt und durch eine »Expedition« großgezogen, die die +Redaction des »Figaro« in diese Gegend unternahm. Auch scheint das +treibende Motiv nur das gewesen zu sein, eine neue Station an der Riviera +zu entdecken, von gleicher Rentabilität wie das rasch aufblühende Cannes. +Man wollte es Lord Brougham nachmachen, von welchem der Reisebericht des +»Figaro« vom 25. April 1867 erzählt, daß er die Stadt Cannes entdeckt habe +– entdeckt insofern, als er dort Grundstücke zu 5 Sous den Meter vorfand, +die sich bald zu 60 Francs verkauften. Der »Figaro« ließ es aber bei den +schönen Plänen bewenden, und die projectirte »Villa Soleil« kam nicht zu +Stande; wohl aber ließ ein Russe, der das Cap d’Antibes schon bewohnte, +sich bestimmen, das große Hôtel du Cap zu erbauen. Das Unternehmen +mißglückte, ein Pächter folgte dem andern, bis endlich das Haus +geschlossen wurde. Erst jetzt, wo die Zahl der Reiselustigen so bedeutend +zugenommen hat, stellen sich günstigere Bedingungen für das Unternehmen +ein. Das Hôtel kam in sorgsame und geschickte Hände und wird sich +voraussichtlich weiter gut entwickeln. Seine Lage ist einzig schön. Aus +den Fenstern der Vorderseite hat man den vollen Blick auf den Golfe Jouan +und das Esterel-Gebirge, während die Fenster der Rückseite nach den +schneebedeckten Alpen schauen. Ein großer Garten umgibt das Gebäude und +reicht bis zum Meer hinab. Er verliert sich in dem duftigen mediterranen +Gestrüpp, und wo dieses aufhört, setzen nackte, zerrissene Felsen die +schmale Landzunge fort. Unaufhörlich wälzt das Meer seine Wogen gegen +diese Felsen, und heftiger Sturm jagt den Schaum der Wellen über dieselben +hinweg. In tausend Klippen sind die steilen Abhänge des Caps zerrissen, +bilden phantastische Stufen, Grotten, Buchten und Verstecke, und zu jeder +Tagesstunde läßt sich an dem jähen Absturz eine Stelle finden, an der man, +vor der Sonne und meist auch vor dem Winde geschützt, mit einem Buche in +der Hand, sich niederlassen kann. Gelesen wird freilich kaum, denn die +blauen Wellen schlagen fort und fort gegen die Steine und stören durch ihr +Plätschern. Einmal berühren sie den Fels nur sacht, so daß man sie kaum +hört, dann wieder schwellen sie an und plaudern so laut, als wollten sie +vernommen werden. Zuweilen rollt die schwellende Fluth dicht heran, dann +flieht sie wieder, und unwillkürlich folgt das Auge ihr nach. So lassen +sich Stunden auf Stunden verträumen an dem steinigen Strande von Antibes, +und unbemerkt verfliegt ein Tag nach dem andern. Die Nerven ruhen aus und +sammeln neue Spannkraft für die gesteigerten Anforderungen der Zeit. – +Ebenso wonnig wie auf seeumspülten Felsen lagert es sich zwischen den +duftenden Sträuchern des Strandes mit dem blauen Zeltdach des Himmels über +dem Haupte und einem begrenzten Stücke azurnen Meeres zur Seite. Man hat +eine Decke über Myrten oder Rosmarinsträucher ausgebreitet und ruht nun +wie auf einem Polster. Gewiß gehört es mit zu den hohen Reizen dieses +bevorzugten Ortes, daß man aus dem Garten unmittelbar in die volle, reine, +unverfälschte Natur gelangen kann. Denn die wohlriechenden Sträucher, die +hier den Strand bedecken, sind nicht von Menschenhand gepflanzt. Sie +bilden einen Vegetationstypus, der für das Mittelmeergebiet bezeichnend +ist und den Namen _Maquis_ führt. Immer mehr weichen diese Maquis der +Cultur, namentlich an dieser stark bevölkerten Küste. Ueber größere +Flächen ausgedehnt, findet man sie hier noch im Esterelgebirge. In voller +Prachtentfaltung treten sie dem Reisenden erst auf Corsica entgegen. + +Der Charakter dieser Maquis wird durch immergrüne Sträucher bestimmt. +Selbst eine Anzahl baumartiger Gewächse nimmt in den Maquis Strauchform +an. Bei der großen Mehrzahl dieser Sträucher ist die Laubentwickelung +eingeschränkt worden, ja zum Theil geschwunden. Das Alles befähigt diese +Pflanzen, langanhaltende Dürre auszuhalten. Im Frühjahr, wenn die nöthige +Bodenfeuchtigkeit zur Verfügung steht, kommen sie gleichzeitig zur Blüthe +und zaubern dann, auf sonst dürrem Boden, üppige Gärten hervor. Es walten +in den Maquis die aromatischen Gewächsarten vor. Aus jedem Strauch, den +man streift, befreit man ganze Ströme von Wohlgerüchen. Dem Boden, den man +tritt, entlockt man eine Fülle flüchtiger Essenzen: Rosmarin, Thymian, +Lavendel, Cistusrose, Myrte und Pistacie mischen ihre Düfte und erfüllen +mit ihnen die Luft. Die Färbung der Maquis ist eine bräunlich-grüne, und +erst die Blüthen beleben den einförmigen Ton. Sie treten auf in +massenhafter Fülle. Das zarte Blau der Rosmarinblüthe gesellt sich dann +dem grellen Gelb der Ginster, die helle Farbe der Ciströschen dem dunkeln +Violett der Lavendel. Auf Corsica scheinen die Abhänge ein einziger +Blüthenstrauß um jene Zeit zu sein, und der Wanderer wird von dem Duft +berauscht, der diesem Blüthenmeer entströmt. Nicht ohne Grund behaupten +die Schiffer, daß man Corsica im offenen Meere schon aus weiter Ferne +*riechen* könne, und nach jenem würzigen Duft seiner Heimathsinsel sehnte +sich auch Napoleon zurück auf St. Helena, vor seinem Ende. + +Was noch von den Maquis am Cap d’Antibes erhalten blieb, ist freilich +wenig, und doch kann man selbst auf jener kleinen Landzunge vor dem Garten +des Grand Hôtel fast alle die Arten zusammenlesen, welche den Typus der +Maquis bestimmen. Unter den strauchartigen Formen fällt zunächst der +Rosmarin durch seinen Duft, seine blauen Lippenblüthen und seine steif +linealen, unterseits weiß-filzigen Blätter auf. Man begegnet ihm dort +überall. Das wohlriechende Öl verflüchtigt sich, wenn man seine Blätter +zerreibt. Diese Pflanze zieht man auch bei uns in den Gärten, besonders +für die Bienen, deren Honig sie ein feines Aroma verleiht. Ihre +Verbreitung nördlich von den Alpen wurde durch das Capitulare Karl’s des +Großen 812 gefördert, welcher die Anpflanzung des »_ros marinus_« in den +kaiserlichen Gärten befahl. Im Alterthum hat man den Rosmarin viel zum +Winden von Kränzen benutzt und schmückte mit diesen die Bildsäulen der +Laren. Im Mittelalter bemächtigte sich die Symbolik dieses immergrünen, +duftigen Gewächses, und es wurde zum Sinnbild der Liebe, der Treue und des +Todes. Als Sinnbild der Treue gilt es auch bei Shakespeare, der die +wahnsinnig gewordene Ophelia sagen läßt: »Da ist Vergißmeinnicht, das ist +zum Andenken: ich bitte Euch, lieber Herr, gedenket meiner – und da ist +Rosmarin, das ist für die Treue.« + +Neben dem Rosmarin steht am Strande von Antibes überall der Thymian. Er +hält sich am Boden, über und über bedeckt mit kleinen rosafarbigen +Blüthen. Etwas höher steigt an reich verzweigten Stämmchen ein anderer +Lippenblüthler auf, die _Lavandula Stoechas_, und streckt ihre violetten +Blüthenähren zwischen den schmalen, weichfilzigen Blättern empor. – +Zahlreich drängen sich aneinander die Ciststräucher. Sie erreichen hier +kaum über einen halben Meter Höhe und tragen an reich verzweigten Ästen +ihre bräunlich-grünen, klebrigen Blätter. Die Art mit kleineren weißen +Blüthen ist _Cistus monspeliensis_; die andere mit weit größeren +rosenrothen Blüthen, _Cistus albidus_. Die weißen wie die rosenrothen +Ciströschen sind äußerst zart, in der Knospe zusammengeknittert, mit +zahlreichen gelben Staubfäden in der Mitte verziert. Sie welken äußerst +rasch, wenn man sie pflückt, doch entfalten sich an Zweigen, die man in +Wasser stellt, alsobald neue Blüthen. Die Ciststräucher tragen nicht wenig +dazu bei, den Maquis von Antibes einen charakteristischen Geruch zu +verleihen. Das Gummiharz, welches einige südeuropäische Cistus-Arten +ausschwitzen, war unter dem Namen Ladanum oder Labdanum früher ein +berühmtes, von griechischen Aerzten viel benutztes Heilmittel. Heute wird +es nur noch zum Räuchern verwendet. – Wer aufmerksam den Boden zwischen +den Ciströschen durchsucht, kann ein eigenthümliches Gewächs dort finden, +einen Parasiten, der aus den Wurzeln der Ciströschen seine Nahrung zieht. +Er fällt durch seine brennend gelb-rothe Färbung auf und heißt _Cytinus +hypocistis_. Grüne Blätter fehlen ihm; er hat sie eingebüßt, da er sich +nicht mehr selbständig zu ernähren braucht. Die Rafflesiaceen, zu denen +dieser Cytinus gehört, sind im Übrigen Tropenbewohner. Sie leben +parasitisch und entwickeln dabei zum Theil riesig große Blüthen. Die +größte Blüthe der Welt wird von einer solchen Rafflesiacee, der _Rafflesia +Arnoldi_, erzeugt, welche auf Sumatra den Wurzeln gewisser Cistus-Arten +aufsitzt. Diese Blüthen können einen Meter im Durchmesser erreichen. – Den +Ciströschen nahe verwandt sind die Sonnenröschen, Helianthemum-Arten, die +auch unserer Flora nicht fehlen und in den Maquis hier und dort mit ihren +zarten schwefelgelben Blüthen am Boden hervorschauen. – Wesentlich höher +als selbst die Ciströschen wird ein stark bewaffneter Strauch mit gelben +Schmetterlingsblüthen, die _Calycotome spinosa_. Diese verdient es wohl, +eine nahe Verwandte der _Genista acantoclada_, jener Tartarusgeißel zu +sein, deren wir früher erwähnten. Sie ist mit dornartigen, scharfen +Seitenästen so dicht besetzt, daß man sie sorgfältig in den Maquis meiden +muß. Weniger unzugänglich ist die nah verwandte Besenpfrieme (_Spartium +junceum_), ein fast blattloser Strauch mit rutenförmigen grünen Ästen und +großen gelben Blüthen. Aus diesen Binsenpfriemen werden Körbe, Netze, ja +selbst Schuhe geflochten, der Bast wird zum Binden benutzt, auch eine Art +Leinwand aus ihm dargestellt. + +Sehr häufig in den Maquis ist die Mastix-Pistazie (_Pistacia Lentiscus_). +Hier tritt sie nur als Strauch auf, während sie unter anderen Bedingungen +auch zum Baume emporwachsen kann. Einen solchen schönen Lentiskenbaum, mit +dichter, schirmförmiger Krone, kann man unweit vom Hôtel, im Garten einer +Villa von der Straße aus bewundern, die nach Golfe Jouan führt. Die +dunkelgrünen, paarig gefiederten, lederartig zähen, oberseits glänzenden +Blätter sind für _Pistacia Lentiscus_ charakteristisch; es zeichnet sie +außerdem ein besonderer harziger Geruch aus. Die an sich sehr kleinen +Blüthen fallen schon aus der Ferne auf, weil sie in dunkelrothen Trauben +bei einander stehen. Dieses Gewächs liefert den altberühmten Mastix, doch +kann derselbe nicht aus dem Strauchwerk der Maquis, sondern nur aus +sorgsam cultivirten Mastixbäumen gewonnen werden. Diese gedeihen am Besten +auf der Insel Chios und haben dieser Insel sogar den Namen der +Mastix-Insel verschafft. Das Harz, welches aus künstlich ausgeführten +Einschnitten, doch auch von selbst aus den Zweigen hervortritt, findet +seine hauptsächliche Verwendung im Orient, wo es gekaut wird, ähnlich wie +die Blätter des Betelpfeffers in Indien. Es heißt, daß Mastix das +Zahnfleisch festige und den Athem parfümiere. Vornehme türkische Frauen +bringen den ganzen Tag mit Mastixkauen zu. Bei uns wird wohl auch +Zahnpulver aus dem Mastix bereitet, vornehmlich aber dient er zum Räuchern +und zur Firnißbereitung. + +Fremdartig muthet den Nordländer das Wolfsmilchbäumchen, _Euphorbia +dendroides_, an, da wir doch unsere Wolfsmilcharten nur zu sehr +bescheidener Höhe emporwachsen sehen. Diese Euphorbia-Bäumchen können an +der Riviera zwei Meter Höhe erreichen und Stämme bilden, die man mit +beiden Händen kaum zu umfassen vermag. Die Pflanze gabelt sich fort und +fort während ihres Wachsthums und bildet eine gewölbte Scheindolde, die +durch ihre gelbe Färbung von Weitem schon in die Augen fällt. Sie ist eine +der eigenartigsten Pflanzenformen der Riviera. Man findet sie in den +Maquis und auch sonst durch das Land zerstreut. Schon Dioskorides und +Plinius war sie aufgefallen. Zur Zeit der Sommerdürre wirft sie ihre +Blätter ab und steht kahl da, wie unsere Gewächse im Winter. Das Volk an +der Riviera streut diese Wolfsmilchart ins Wasser, um die Fische zu +betäuben, und über einen ähnlichen Brauch wird auch aus Griechenland +berichtet. – Bedeutend steht diesem Wolfsmilchbäumchen an Größe eine +andere Wolfsmilchart nach, die in den Maquis sich als niedriger Busch am +Boden hält, die _Euphorbia spinosa_. Sie ist gelb gefärbt, wie die große +Art und führt den Namen nach den abgestorbenen Zweigen, die in harte +Spitzen auslaufen. – An ihren fleischigen, kleinen, dicht gedrängten +Blättern, ihren weißbehaarten, überhängenden Zweigen, den kleinen, gelben, +unscheinbaren Blüthen ist eine sonst seltene Thymelaeacee, die _Passerina +hirsuta_, kenntlich. Auch die baumartige Heide, _Erica arborea_, fehlt +nicht in den Maquis am Cap. Sie schmückt im Frühjahr ihre Zweige so dicht +mit den kleinen glockenförmigen Blüthen, daß sie aus der Ferne ganz weiß +erscheint. Der Erdbeerbaum (_Arbutus Unedo_) ist hier auch, doch nicht +zahlreich, vertreten; seine erdbeerartigen Früchte werden auf den Märkten +der Riviera feil geboten. Im Aussehen gleicht er der Heide kaum, entstammt +aber doch derselben Familie. Die Übereinstimmung liegt nicht im Laub, wohl +aber in den glockenförmigen Blüthen, die im Übrigen größer sind und in +röthlich weißen Rispen abwärts hängen. Die immergrünen Blätter sind +eiförmig, am Rande stark gezähnt; sie sehen wie Lorbeerblätter aus. Die +Früchte reifen sehr langsam; man findet sie oft, mit neuen Blüthen +zusammen, noch am Baume. Sie schmecken süßsäuerlich, doch fade, daher auch +Plinius ihren Namen »_Unedo_« von »_unum tantum edo_« (nur eine esse ich) +ableitete. Dem römischen Volke dienten Arbutuszweige als Zaubermittel. Mit +ihnen wurden dreimal die Pfosten und Schwellen der Thüren berührt, um +vampyrähnlichen Geschöpfen den Eingang zu wehren, die des Nachts den +Kindern in der Wiege das Herzblut aussaugen sollten. Ein Zweig des +glückverheißenden Weißdorns im Fenster des Schlafgemachs hielt auch die +Unholde ab. + +Überall drängt sich in die Maquis die immergrüne Steineiche, _Quercus +Ilex_, ein. Sie bleibt dort strauchartig. Ihre eiförmigen, vorn +zugespitzten Blätter sind an der Unterseite grau und an diesem Merkmal von +den benachbarten Sträuchern zu unterscheiden. Die scharfe Zähnelung des +Blattrandes kann auch fehlen. Außerhalb der Maquis ist die immergrüne +Steineiche ein mächtiger Baum. Aus ihrem Laube wurde im alten Rom die +Bürgerkrone geflochten, von der Plinius sagt, sie überstrahle alle anderen +Kränze, selbst die kostbarsten, an Würde. An einzelnen Sträuchern der +Maquis klettert eine zarte Spargelart (_Asparagus acutifolius_). Der +holzige, biegsame Stengel, der an abstehenden blattlosen Seitenästchen +kleine nadelförmige Zweige trägt, welche die Stelle der Blätter vertreten, +wird viel zu Guirlanden benutzt, und öfters findet man an der Riviera +Spiegel und Kronleuchter der Wohnräume von solchem Spargelkraut umwunden. +Die jungen Triebe dieser Asparagus-Art genießt man wie unseren Spargel. In +Sicilien werden in ähnlicher Weise als »Spargel« die jungen, +wohlschmeckenden, schon im Alterthum geschätzten Triebe des stechenden +Mäusedorns (_Ruscus aculeatus_) verzehrt. + +Zu den Charakterpflanzen der Maquis gehört ferner der Phillyreastrauch +(_Phillyrea angustiflora_), daher ich ihn nicht übergehen darf. Er +erreicht ein bis zwei Meter Höhe und ist durch seine auswärts gerichteten, +lineal-lanzettlichen, lederartigen Blätter und die kleinen, weißlichen, in +sehr kurzen Trauben zusammengedrängten Blüthen ausgezeichnet. Dieser +Strauch gehört zu derselben Familie wie der Ölbaum, dem er auch ein wenig +ähnelt. – Botanisch sehr interessant als Vertreter der Cneoraceen, ist ein +Strauch mit glänzenden grünen, lanzettförmigen Blättern und kleinen, +gelben Blüthen, die zu zwei bis drei an den Enden der Zweige stehen: +_Cneorum tricoccum_. Seiner eleganten Tracht wegen wird er auch in den +Gärten der Riviera vielfach cultivirt; man sieht ihn sogar in den so +raffinirt gehaltenen Casinogärten von Monte Carlo einen, wenn auch +bescheidenen, Platz einnehmen. + +Die mit großen, rothfarbigen Scheinbeeren beladene Wachholderart der +Maquis ist _Juniperus oxycedrus_. Ihre Scheinbeeren werden im Orient und +in Griechenland ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt. +Das Holz widersteht sehr gut der Luft und den Würmern und diente im +Alterthum vielfach zur Darstellung von Götterbildern. – An offenen Stellen +strebt vom Boden empor _Globularia Alypum_ und trägt an den Enden der +Zweige schöne blaue Blüthenköpfchen. – Wird der Boden so unfruchtbar, daß +er andere Gewächse nicht zu ernähren vermag, so deckt ihn in dichtem Rasen +die _Caldonia alciornis_, eine graue Flechte, die auch sonst über Europa, +über Nordafrika, Nordamerika und einen Theil von Asien verbreitet ist. + +Überall in den Maquis von Antibes begegnen wir der Myrte und der +Strauchform des Ölbaums. Der Ölbaum paßte sich wie die Steineiche den +Maquis an und wurde zum Strauch. Er veränderte sich so stark, daß ihn +schon die Alten in dieser Form als Oleaster unterschieden. Der Oleaster +wie die Myrte wagen sich ganz besonders weit an dem Strande vor. Sie +trotzen dem heftigsten Seewind und werden von ihm so abgerundet, als hätte +sie Menschenhand geformt. Ein Theil ihrer Zweige ist an der Seeseite kahl, +zuweilen wirklich abgestorben. Die Zweige des Ölbaums, ein Sinnbild des +Friedens, nehmen am Oleaster, in so exponirter Lage, dornartige Gestalten +an. Sie spitzen sich zu, ragen so als scharfe Waffen an der Seeseite vor +und machen den Strand dort unzugänglich. An der Landseite bewahrt die +Pflanze gleichzeitig ihren friedlichen Charakter. Dieser unmittelbare +Einfluß der Medien kommt auch in der Ausbildung der Blätter zum Ausdruck, +die an der Seeseite sehr klein bleiben, an der Landseite weit bedeutendere +Größe erreichen. – Bis zuletzt begleitet die Sträucher der Maquis am +Strande die »italienische Stechwinde« (_Smilax aspera_) und findet Schutz +zwischen ihren Zweigen. Blätter und Stengel dieser Schlingpflanze sind mit +Stacheln besetzt, die ihr das Klettern erleichtern. Im Frühjahr ist die +Stechwinde mit rothen Fruchttrauben geschmückt. Nach Blüthen muß man im +Herbst suchen. Diese duften sehr lieblich; daher wurde blühende Stechwinde +im Alterthum, mit Epheu in Kränze gewunden, oft bei Bacchusfesten +verwendet. + +Diese Aufzählung mag genügen, um Denjenigen, der Freude hat an den +Erscheinungen der Pflanzenwelt, in das Leben der Maquis einzuführen. Er +wird bald die einzelnen Pflanzenformen unterscheiden lernen, sie beim +Wiedersehen als alte Bekannte begrüßen und innerhalb dieser duftigen +Umgebung sich um so heimischer fühlen. + +Auf dem schmalen Vorsprung, der, den Stürmen preisgegeben, hier noch +einige hundert Meter weit das Cap fortsetzt, sieht man schließlich alles +Pflanzenleben schwinden. Immer härter wird der Kampf, den die Gewächse in +so exponirter Lage zu bestehen haben, und sein Einfluß macht sich in ihrem +Aussehen kenntlich. Da alle über die Bodenfläche sich erhebenden Theile +der Pflanze der Zerstörung ausgesetzt sind, sucht diese aus jeder +Vertiefung des Bodens Vortheil zu ziehen. Sie breitet sich flach an der +Erde aus, erhält knorrige, kriechende Stengel, eine ganz abenteuerliche +Gestalt. Auffallend ähnlich wird das Aussehen solcher Gewächse demjenigen +der Alpenpflanzen. Wir könnten, dem Vegetationsbilde nach, uns einige +tausend Meter hoch über dem Meeresspiegel denken, reichten die blauen +Wellen nicht fast bis an unsere Füße. Die verkrüppelten Gewächse der +Maquis weichen allmälig den Strandpflanzen. Auch diese finden alsbald nur +noch Schutz in Spalten oder hinter den Steinen. Dem nackten Felsen haftet +aber noch an vielen Stellen, in Gestalt runder Flecke, eine gelbe Flechte, +die _Lecidea_, an. Zuletzt dringt das Meer von allen Seiten zwischen die +zerrissenen Felsen ein, und wir stehen ganz anderen Vertretern des +Pflanzenreichs gegenüber, den form- und farbenreichen Seealgen, den +Bewohnern des Meeres. + +In vollem Contrast tritt uns dann bei der Rückkehr die Fülle südlicher +Pflanzenformen in dem Garten des Hôtels entgegen. Vor dem Hause stehen +Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) von ganz seltener Schönheit. +Sie bilden kugelige Sträucher von fast zwei Meter Höhe und sind mit +Tausenden strahliger Blüthenköpfchen, wie mit weißen Sternen besetzt. Über +die Mauern herab hängt mit ihren dicken, fleischigen Stengeln und Blättern +die südafrikanische Mittagsblume (_Mesembryanthemum acinaciforme_), die +ihre großen rothen Blüthen nur bei Sonnenschein entfaltet. In +unmittelbarer Nähe des Hauses ist der so überaus große Garten wohl +gepflegt, weiterhin aber sich selbst überlassen. Da entwickelt sich denn +ein merkwürdiger Kampf um Raum, um Licht und Nahrung zwischen den +Gewächsen aller Zonen, welche der Zufall hier zusammenführte. Die +australischen Casuarineen werden von dem amerikanischen Pfefferbaum +bedrängt, das japanische Pittosporum wehrt sich gegen die mediterrane +Tamariske. Siegreich dringen aber gegen sie alle die beiden Kieferarten +vor, denen wir überall an der Riviera begegnen, die zartnadelige +Aleppokiefer (_Pinus halepensis_) und die derbnadelige Strandkiefer +(_Pinus Pinaster_) und vermitteln den Übergang zu den Maquis. + +Zwischen den Kiefern am Cap begegnet man, wie auch sonst an der Riviera, +nur zu häufig einer Processionsraupe, der Raupe des +Pinien-Processionsspinners, _Cnethocampa Pityocampa_. Diese schwarzen, +braun gestreiften Raupen ziehen im Gänsemarsch zu Hunderten über die Wege. +Die eine berührt die andere, und sie bilden so zusammen eine lange Schnur, +eine lebendige Kette, die sich als Ganzes vorwärts bewegt. Unterbricht man +die Kette, so bleibt der vordere Abschnitt derselben stehen, der hintere +Abschnitt rückt nach. Hin und her tastend sucht die erste Raupe dieses +hinteren Abschnittes wieder nach dem Anschluß. Gelang es ihr, die hintere +Raupe des vorderen Abschnittes zu erreichen, so setzt sich die ganze Kette +wieder in Bewegung. Diese Raupen richten großen Schaden an Kiefern und +auch Pinien an, sie berauben sie oft vollständig ihrer Nadeln. Des Tags +halten sie sich in jenen großen grauen Gespinnsbeuteln auf, die an Kiefern +und Pinien so in die Augen fallen, und in der Sonne seidig glänzen. Des +Nachts verlassen sie das Nest, um auf Futter auszugehen. Jene Raupen, +denen man am Boden begegnet, suchen nach einer passenden Stelle, um sich +in der Erde zu verpuppen. Man darf weder die Raupen noch ihre Nester +berühren, da die in die Haut eindringenden Haare derselben gefährliche +Entzündungen veranlassen. Daher auch Leute, welche die Nester von den +Bäumen entfernen, um sie zu verbrennen, sich gegen den Wind stellen und +auch sonst sehr vorsichtig zu Werke gehen. Als bestes Verfahren gilt, +Petroleum in die Nester zu gießen, ohne sie zu entfernen. – Die hängenden +Nester dieser Raupen und ihre langen Züge sind so auffällig, daß sie wohl +jeder Reisende an der Riviera bemerkte. Nur wenige werden hingegen +Gelegenheit haben, die Spinner kennen zu lernen, die sich aus den +verpuppten Raupen entwickeln. Sie sind auch weder auffällig noch schön, +grau, mit einigen dunkleren Flecken und Streifen. Sie fliegen im +Hochsommer, legen ihre Eier an die Unterseite der Kiefernadeln und +bedecken sie mit dünnen silbergrauen Schuppen. + + X. + +Ein Stück unverfälschte Maquis bietet uns auch das weite Grundstück, +östlich neben dem Hôtel. An Sonntagen steht das Thor den ganzen Tag offen, +um den Zugang zu der englischen Kapelle zu ermöglichen, die sich innerhalb +dieses Grundstücks befindet. Auch sonst gestattet die Besitzerin gern den +Besuch. Der schöne Garten, der das Wohnhaus umgibt, ist nur wenig +ausgedehnt, der meiste Boden noch in seinem früheren Zustand. So gelangt +man nach Eintritt in die Besitzung durch immergrüne Sträucher, üppige +Erica-Büsche und mächtige Euphorbien, bis zum Meeresstrande. Dieser ist +hier besonders schön gestaltet und hat schon manchem Maler als Vorwurf +gedient: Steil aufsteigende und zerrissene Felsen, vom Meere umspült, +vielfach an die Faraglioni von Capri erinnernd. Der Besitzer James Close +liebte dieses Stück Erde so sehr, daß er sich hier begraben ließ. Der +Ausblick zwischen den Felsen nach dem Esterel und ins weite Meer ist +großartig und entzückend. Auch lauscht man gern dem Rauschen des Wassers, +das sich in den tiefen Felsenspalten hebt und senkt und forscht dem bunten +Leben nach, das hier im Schatten der Steine aus den Tiefen des Meeres zum +Lichte emporsteigt. + + XI. + +Wer am Cap d’Antibes einen Seesturm erlebte, wird den Eindruck nie +vergessen. Für das schlechte Wetter, welches er zuvor erleiden mußte, wird +er bald durch den Anblick des entfesselten Elements entschädigt. Ein +starker Wind bläst zunächst vom Meere aus; das ist Scirocco. Die Luft wird +unendlich klar, und alle Gegenstände rücken in die Nähe. Die Umrisse der +Berge sind wie mit Bleistift am Himmel gezogen. Sucht man sich vor dem +Wind zu decken, so empfindet man beklemmende Schwüle. Dann beginnt der +Horizont sich in rothgrauen Dunst zu hüllen. Die Macht des Windes läßt +nach, und es trübt sich der ganze Himmel. Bald hört man große Regentropfen +gegen die Scheiben schlagen. Das hält wohl einige Tage an. Die Temperatur +ist stark gesunken, die Luft bleibt trotzdem drückend. In den Zimmern +sehnt man sich nach dem warmen Ofen seiner Häuslichkeit zurück. Doch schon +am nächsten Morgen wacht man auf, geblendet von dem leuchtenden Blau des +Himmels. Man eilt hinaus und athmet mit voller Brust die erquickende Luft +ein. Noch glänzen alle Pflanzen von dem frischen Regen, und wie Diamanten +fließen funkelnde Tropfen von den Blättern ab. Die Brandung aber stürmt +mit Gewalt gegen die Felsen der Küste, als wenn sie dieselben +zerschmettern wollte. Weithin vernimmt man das donnerartige Getöse des +Angriffs. Die Spitze des Caps ist nicht zu erreichen, denn die Wellen +fegen darüber hinweg. Fern am Horizont steigt die Welle auf wie eine +geschlossene Mauer; auf ihrem Wege schwellend und wachsend, wälzt sie sich +gegen das Land, um zerschmettert und von weißem Schaum ganz bedeckt wieder +zurückzurollen. Sie trifft auf eine andere Welle, die ebenso drohend +nahte, und beide sieht man verschwinden. Da wird es plötzlich still. Ein +Wellenberg ist auf ein Wellenthal gestoßen, beide glichen sich aus. Doch +wenn Wellenberge zusammentreffen, dann schwillt die stürmende Woge so +mächtig an, daß sie ächzend sich überschlägt und mit gewölbtem Rücken auf +die Felsen wirft. Ungeheuere Wassermengen werden dann in die Luft +geschleudert, und See und Himmel scheinen in demselben Chaos zu +verschmelzen. Mit dumpfem Knall, wie von schwerem Geschütz, fangen sich +die Wellen in den Grotten, die sie selbst in den Stein sich gruben; wie +ein Jammern und Stöhnen klingt es durch das Cap von den vielen +Wasserfäden, die sich in den Gängen zwischen den Felsen verirrten und, in +hastigem Lauf über die Steine stürzend, ihren Weg nach dem Meere suchen. +Von dem anstürmenden Element allseitig umgeben, glaubt man sich fast ins +offene Meer versetzt und ist ganz von dem Schauder des Sturmes ergriffen. +Wie wohlthuend wirkt da zugleich der feste Boden unter den Füßen! + +Tage vergehen, bevor die Erregung des Meeres sich legt und die weite +Wasserfläche wieder Ruhe und Frieden athmet. Und täglich ist es ein +anderes, wenn auch immer das gleiche, und täglich fesselt es uns von Neuem +und entzückt unser Auge, dieses göttliche Meer. + + XII. + +Wer am Cap d’Antibes im Bergsteigen sich üben möchte, bleibt auf den nur +hundert Meter hohen Bergrücken angewiesen, der die Seelaterne und die +_Notre-Dame de Bon-Port_ trägt. Doch sind die Spaziergänge längs der +Buchten, an den Abhängen der Hügel und zwischen den Gärten so +mannigfaltig, daß man sie täglich ändern kann. Stets wird man durch eine +neue Aussicht auf die Küste, das Gebirge, die Schneegipfel der Alpen, +durch malerische Felsgruppen am Strande oder durch besonders schöne +Vegetationsbilder überrascht. Selbst die sonst so eintönige Wanderung auf +einer Landstraße wird hier zum Genuß. So wenigstens auf der Landstraße, +die das Cap durchschneidet. Denn diese führt an endlosen Pflanzungen von +Anemonen, Ranunkeln, Goldlack, Levkojen, Tazzetten und Reseda vorbei. +Besonders fesselt das Auge die Pracht der Ranunkeln und Anemonen, die man +schöner und farbenreicher nirgends sehen kann, während der Geruchssinn +zugleich umfangen wird von dem Dufte, der dem übrigen Blüthenmeer +entströmt. Zu jenen Blüthen im Felde gesellen sich hier in großer Zahl +auch die Blüthen der Lüfte, die Schmetterlinge. Rothgefleckte Aurorafalter +fliegen rasch vorüber; langsam wiegt sich hin und her der schwarz +gestreifte, gelbe Segelfalter; am meisten fällt aber durch ihre Schönheit +die Cleopatra auf, ein südeuropäischer, schwefelgelber Citronenfalter mit +orangeroth abgetönten Vorderflügeln. + +Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die nächsten Märkte +der Riviera und versendet sie auch in großen Mengen täglich nach dem +Norden. Wie groß der Verbrauch an Blumen an der Riviera selbst geworden +ist, wird Jeder beurtheilen können, der die Blumenmärkte der Städte dort +besuchte und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr nach +dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung angenommen. Thatsächlich +reicht diese Art Blumencultur an der Riviera nicht über 1850 zurück, +früher wurden die Blüthen nur zum Zwecke der Parfümerie gezogen. In der +nächsten Nähe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis nach +Genua; die französische Seite der Riviera ist in einen einzigen +Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei Toulon werden Unmengen +römischer Hyacinthen gezogen und wandern abgeschnitten nach den nordischen +Städten, bevor die holländische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules +gibt es auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weiße und rothe Nelken. In +der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen und Ranunkeln vor. +Sie zeigen ungeahnte Größe und seltene Farbenpracht. Nicht minder staunt +man über den Umfang, den Nelken, wie der _Dianthus Caryophyllus flore +pleno, var. Marguerite_, hier erreichen können: manche Blüthe sieht aus, +als wenn sie ein kleiner Blumenstrauß wäre. Zu diesen Pflanzen gesellen +sich die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe _Safrano_ vor, die +auch rauhe Witterung gut verträgt und selbst im December ihre +Blüthenknospen treibt. Gleich genügsam sind manche Monatsrosen, die weiße +_Bengal-Ducher_ und die rothe _Bengal-Sanglant_, die demgemäß auch +bevorzugt werden; doch an stark besonnten Mauern und unter Glasdächern, +die in Cannes und Antibes große Bodenflächen decken, gedeihen die +empfindlicheren Rosen, so auch _Maréchal Niel_, _Marie van Houtte_, +_Gloire de Dijon_, _Souvenir de la Malmaison_, _Paul Nabonnand_, _La +France_ und wie sie sonst heißen, jene Rosen, die auch unsere Blumengärten +im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Blüthen entfalten sich im +Frühjahr an einem und demselben Tage in Cannes und Antibes, oft ohne daß +noch eine Möglichkeit vorhanden wäre, sie alle zu verwerthen. – In Cannes +steht jetzt auch die _Acacia dealbata_ in schwungvoller Cultur und wandert +nach dem Norden. Ihre runden Blüthenknäuel, in Traubenform vereint, und +die zart gefiederten Blätter haben ihr im Handel den Namen Mimose +verschafft. Der Baum wächst erstaunlich rasch, so daß er in fünf bis sechs +Jahren wohl zehn Meter Höhe erreicht. Er ist dann schon im Januar mit +gelben Blüthen über und über bedeckt. Nach Deutschland gelangt viel +_Acacia retinoides_, die runde Blüthenknäuel wie die andere Art besitzt, +doch einfache lederartige lancettförmige Blätter trägt. Eigentlich sind +jene Blattgebilde nicht ganze Blätter, vielmehr hat der wissenschaftliche +Vergleich gelehrt, daß die Blattfläche bei diesen Acazien schwand und der +Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche Gebilde +Phyllodien. Auch _Acacia longifolia_, die man viel in nordischen +Blumenläden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen. Man erkennt sie +leicht daran, daß ihre Blüthen nicht zu runden Knäueln, sondern zu +raupenförmigen Kätzchen vereinigt sind. Alle diese Acazien blühen gelb, +sie folgen in der Jahreszeit auf einander, zuletzt kommt _Acacia +cultriformis_, die erst im März an der Riviera im Blüthenschmuck prangt. +Ihre Blüthenstände sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit, +zugleich rautenförmig. – Allen Blumensendungen nach dem Norden pflegt man +die überall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen vertragen schlecht eine +weite Reise, werden aber an der Riviera selbst in Unmengen verbraucht, +dort auch mit Syrup getränkt und zu Dragée’s verarbeitet. Dann versendet +man auch blaue Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und +weißblühendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An der Riviera +selbst fällt dem Fremden in den Schaufenstern der Blumenläden eine große +graue Iris auf, die ganz fein purpurn gesprenkelt ist, eine wahre +Trauerblume, die _Iris Susiana_. Von den großen weißen oder gelben +Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) werden die Blüthen auch viel +verwandt, besonders die gelben, die als _Étoile d’Or_ bekannt sind. Sie +wandern vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht bis +in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison dauert. Man hat +berechnet, daß von allen diesen Blumen Cannes und Antibes zusammen in +einem Winter für mehr als eine Million Francs nach dem Norden versenden; +viel mehr noch wird an der Riviera selbst verkauft. + +Die überaus starke Concurrenz veranlaßt strebsame Geister, nach immer +neuen »Schöpfungen« für den Blumenmarkt zu sinnen. So erschienen plötzlich +in den Centralhallen von Paris als »Neuheit« *grüne* Nelken. Solche hatte +man in der That bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der +Impressionnisten. Es ergab sich, daß auch diese grünen Nelken nicht ganz +unverfälschte Naturproducte waren. Man erhält sie, indem man +abgeschnittene weiße Nelken einen ganzen Tag lang, ja selbst länger, in +eine grüne Farbstofflösung stellt. Soll der Versuch gut gelingen, so muß +der Stengel innerhalb der Lösung frisch durchschnitten werden. Man kann in +gleicher Weise die eine oder die andere Färbung erlangen, nur gilt es, +Farbstoffe zu wählen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am leichtesten +gelingen Rothfärbungen weißer Blüthen mit Eosin. + +Am Freitag Nachmittag beleben sich plötzlich die Straßen am Cap. Da kommen +von allen Seiten Equipagen und bringen Besucher nach Elen Rock, dessen +Garten an jenem Tage geöffnet ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein +östlich vom Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht +gegen das Meer abfallen. Stufen und Gänge innerhalb dieser Felsen führen +hinunter bis zur Meeresfläche. Der Garten bietet herrliche Aussichtspunkte +und ist auch reich an schönen Pflanzen, doch macht er einen etwas +gekünstelten Eindruck innerhalb der so großartigen Umgebung. + +Am Dienstag ist vom frühen Morgen an der Thuret’sche Garten geöffnet, +derselbe, der einst George Sand so sehr entzückte. Er dient jetzt der +französischen Regierung als Acclimatisationsgarten und enthält sehr viele +werthvolle Pflanzen. Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert +haben, finden wir hier in noch größeren Exemplaren wieder. Die berühmte, +von George Sand gefeierte Aussicht ist leider geschwunden, verdeckt von +den heranwachsenden Bäumen. + +Von dem Thuret’schen Garten läßt sich gleich abwärts, in westlicher +Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen, und so kann man in den +Pinienwald gelangen, der sich längs der Küste dort hinzieht. Dieser +Pinienwald war einst der Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in +Überresten vorhanden. Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke +angekauft, eine breite Straße, die Cannes mit dem Cap d’Antibes verbindet, +durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und mit Eisendraht +umzogen. Doch steht manche mächtige Pinie noch da, und in ihrem Schatten +gelingt es wohl, sich in die alte Herrlichkeit zurückzuträumen. + + XIII. + +Die zweite Aprilhälfte war inzwischen angebrochen, und die Pflicht rief +mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Frühlingstag ging zur Neige, +und ich beschloß, vor Sonnenuntergang noch einmal den Leuchtthurm +aufzusuchen. Die Sonne schickte sich an, hinter dem Esterelgebirge zu +verschwinden und tauchte dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur. +Bald deuteten nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen. +Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmüthig stimmen: +es steigerte die Empfindung des Abschiedes. Ich wandte meine Blicke den +Bergriesen zu, die mit phantastischem Umriß sich von dem östlichen Himmel +abhoben. Sie begannen im Abendroth zu glühen. Es war ein Anblick, so +erhaben, daß man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener +weltumfassenden Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet. Jedes +persönliche Empfinden war gewichen vor dem mächtigen Gefühl, sich Eins mit +dieser göttlichen Natur zu fühlen. – Immer weiter und weiter dehnten sich +die Schatten aus über das Land: sie begannen emporzusteigen an den Hügeln, +an den Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thäler und löschten die +glühenden Lichter aus an den Hütten und Palästen. Die ganze Natur schien +sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald waren es nur noch einzelne Segel +im weiten Meere und die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen +Schimmer glühten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch über das +Meer, und nur den Riesen da oben war es vergönnt, die Königin des Lichtes +noch zu schauen. Wie von innerem Feuer entbrannt, schwebten sie jetzt in +überirdischer Glorie. + +Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als letzten Eindruck +von der Riviera, und mit geschlossenen Augen trat ich den Rückweg an. Als +ich mich endlich umsah, hatten die Schatten der Nacht sich bereits über +die Hügel gelagert und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen +verwischt. – Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Lüfte. Vom +Wächter entzündet, strahlte er jetzt wie ein großer Stern weit über Land +und Meer, ein Ziel der Sehnsucht für Alle, die jenes herrliche Stück Erde +einmal gesehen. + + ------------------ + + + + + +FRÜHJAHR 1894. + + + I. + +Der Frühlingsanfang des Jahres 1894, den ich an der Riviera verlebte, +prägte sich meiner Erinnerung in besonders glänzenden Farben ein. +Wochenlang blieb der Himmel ohne Wolken, so daß einzelne Regentage, wenn +sie kamen, fast willkommen erschienen. Da es an Schnee in den Bergen +fehlte, wehte fast nie der Mistral, den sonst die eisigen Flächen der +Alpen und Cevennen gebären. Das Meer blieb meist ruhig, und wenn die Nacht +kam, dann funkelte der Himmel und spiegelte sich so hell in der stillen +See, als wäre in deren Tiefen eine Saat von Sternen aufgegangen. + +Mitte März fanden wir uns in Hyères ein mit der Absicht, unseren Weg bald +ostwärts in die Berge der Mauren fortzusetzen. Es war uns, als hätten wir +eine Entdeckungsreise angetreten, so unbekannt ist dieser westliche Theil +der Riviera. Und doch konnte Hyères, neben Montpellier und +Aix-en-Provence, sich einst rühmen, der berühmteste Kurort des südlichen +Frankreichs zu sein. Weiter gegen Osten an der Riviera vorzudringen, +schien damals kaum möglich, und erst in diesem Jahrhundert änderten sich +die Verhältnisse, begannen zuerst Nizza, dann Mentone und Cannes als +klimatische Stationen aufzublühen. In dem Wettstreit, der sich nunmehr +entspann, mußte Hyères unterliegen, denn es ist weniger gut gegen den +Nordwind als seine Rivalinnen geschützt. Auch steht es ihnen nach an +Schönheit der Lage und ist zu weit vom Meere entfernt. – »Die Hügel sind +hier zu klein und zu nah, das Ufer ist zu flach und das Meer zu fern,« +rief einst George Sand aus, als sie Hyères besuchte. Von dem Hügel, an den +Hyères sich lehnt, kann der Blick erst über eine weite Ebene das Meer +erreichen. Auf dieser stechen aber rothbraune, eckige Felder grell und +unvermittelt gegen gelbe und grüne ab. Die rothbraunen Felder sind mit +Rosen bedeckt; doch das bringt keine Harmonie in die Farben. Auch danken +diese Felder thatsächlich ihre Färbung nicht der Pracht der Blüthen, +sondern den jungen Trieben, die ihr zartes Grün vor der Gluth der +südlichen Sonne durch rothen Farbstoff schützen. In früheren Zeiten mag +der Blick auf diese Ebene lieblicher gewesen sein; vermochte sie doch das +Auge Horace Benedict de Saussure’s zu entzücken, als er 1787 nach Hyères +kam. Dieser hervorragende Geologe, Vater des noch berühmteren +Pflanzenphysiologen Théodore de Saussure, langte hier an einem schönen +Aprilabend an und war von der Lage des Ortes gefesselt. Von den Fenstern +der »Auberge du St. Esprit« blickte er hinab auf Orangengärten, deren +Bäume mit Früchten und Blüthen beladen und durch unzählige Nachtigallen +belebt waren. Sanft fiel, so schrieb er, das Land bis zum Meer ab, und den +Abhang schmückten vorne Gärten, weiterhin Olivenhaine und in der Ferne +Pappeln. Bewaldete Höhen bildeten den Rahmen zu dem schönen Bilde. + +Hyères ist fünf Kilometer vom Strande entfernt. An diesem selbst lag einst +Olbia, das Hyères den Ursprung gab. Von Massiliern gegründet, ward Olbia +von Saracenen zerstört und baute sich dann, entfernter vom Meere, an der +Anhöhe auf, um den Angriffen der Corsaren nicht so unmittelbar ausgesetzt +zu sein. Der Strand, der einst Olbia trug, zeigt sich jetzt in Quadrate, +wie ein Schachbrett getheilt. Das Seewasser füllt diese Quadrate. Es wird +in dieselben geleitet, um zur heißen Sommerzeit dort zu verdunsten und so +der Salzgewinnung zu dienen. Dem Strand gegenüber tauchen aus dem Meere +die Hyèrischen Inseln empor. Sie strecken sich so lang dahin, als hätten +sie sich in die See zu ewigem Schlaf gelegt. Einst haben die Ligurer an +diesen Inseln die rothen Korallen gefischt, mit denen sie den Hals ihrer +Frauen und das Wehrgehänge ihrer Schwerter schmückten. Weil die Inseln in +einer Reihe angeordnet sind, hießen sie bei den Römern Stoechaden. Diesen +Namen vertauschten sie im Mittelalter gegen den weit vornehmeren der +goldenen Inseln. Waren es die goldenen Äpfel der Hesperiden, welche ihnen +die Benennung »_Iles d’or_« verschafften, oder der goldige Schimmer ihres +glimmerreichen Bodens – das läßt sich heute nicht sagen. Zum Marquisat der +_Iles d’or_ von Franz I. erhoben, sahen sie einst glänzende Zeiten. Heute +werden sie nur von ärmlichen Fischern und Gärtnern bewohnt. + +Jene Früchte, nach welchen die goldenen Inseln ihren Namen führen sollen, +sind jetzt hier fast völlig verschwunden. Einst aber stand die +Orangenzucht von Hyères in hoher Blüthe. Mehr denn zweimalhunderttausend +Orangenbäume deckten das Land und konnten die Bewunderung der Reisenden +erwecken. Wie die Chronisten erzählen, blieb Carl IX. von Frankreich +staunend vor dem mächtigsten dieser Bäume stehen und forderte seine beiden +Begleiter, den König von Navarra und den Herzog von Anjou auf, mit ihm den +Stamm zu umfassen. Doch hierzu reichten, so wird weiter berichtet, die +sechs fürstlichen Arme nicht aus. Zur Erinnerung an diese erlauchte +Umarmung schnitt man in die Rinde des Baumes: »_Caroli regis amplexu +glorior_«, und jene Inschrift wuchs und vergrößerte sich mit den Jahren. – +Liegt dieser Angabe eine wirkliche Begebenheit zu Grunde? Wer kann das +heute wissen! Sicher aber ist, daß die provençalische Phantasie der +Chronisten sie die Maße des Stammes übertreiben ließ. Die stärksten +Orangenbäume, welche Europa jetzt kennt, befinden sich auf Sardinien; +manche derselben werden auf mehr denn siebenhundert Jahre geschätzt; ein +einzelner Mann vermag sie alsdann nicht mehr zu umspannen. Im Jahre 1564, +da Carl IX. in Hyères weilte, konnte er dort schwerlich selbst so starke +Stämme sehen, da die Orangenbäume erst durch die Kreuzfahrer, gegen Ende +des elften Jahrhunderts, nach Hyères gebracht wurden. Zunächst muß es der +bitterfrüchtige Orangenbaum gewesen sein, der zwar kaum eßbare Früchte, +aber sehr wohlriechende Essenzen liefert. Daher der Dichter Malherbe sich +in Hyères mit jenem »_huile de fleurs d’orange_« versorgen konnte, »das +sich die Frauen in die Haare einreiben und mit dem sie dort den Puder +festhalten.« Die Orangenkultur von Hyères litt sehr stark durch die +strenge Kälte des Winters 1709 und durch ähnliche harte Winter, die um die +Mitte des vorigen Jahrhunderts aufeinander folgten. Die Pflanzungen wurden +von nun an eingeschränkt, die bitterfrüchtigen Orangenbäume dann durch +süßfrüchtige ersetzt, da der Transport der Orangen von Hyères aus nach dem +Norden sich rascher vollziehen ließ, als von südlicher gelegenen Orten. +Das kam bei den mangelhaften Verkehrsmitteln jener Zeit wohl in Betracht. +Die Orangen mußten damals in Hyères im Herbst gepflückt werden, sobald an +ihrer noch grünen Schale sich die ersten gelben Punkte zeigten. Sorglich +in Papier gewickelt, traten sie die Reise auf dem Landwege oder dem +Seewege an. Sie reiften unterwegs langsam nach und wurden erst nach +vierzig Tagen genießbar. Jetzt sind die Orangenbäume fast vollständig aus +Hyères verschwunden. Sie konnten den Mitbewerb geschützterer Orte der +Riviera, vor Allem aber von Sicilien und Algier, nicht ertragen. Es erging +Hyères mit den Orangenbäumen nicht anders, als zuvor mit dem Zuckerrohr, +das im fünfzehnten Jahrhundert weite Strecken des Landes deckte, dann aber +verschwand, als der indische und der brasilianische Zucker in den +Wettstreit eintraten. + +Mit berechtigtem Stolz kann sich hingegen Hyères noch immer +_Hyères-les-Palmiers_ nennen! Zwar sind die Palmen heute über die ganze +Riviera verbreitet, doch sieht man es den hohen Stämmen von Hyères wohl +an, daß in diesem alten Kurorte ihre sorgsame Pflege besonders weit +zurückreicht. Da streben in der _Avenue des Palmiers_ die schlanken Stämme +besonders mächtig zu beiden Seiten der Straße empor, gleich einer hehren +Säulenhalle, und wiegen ihre stolzen Kronen hoch oben in der blauen Luft. +– Doch hat sich Hyères schon seit langer Zeit auch einer zwar weniger +vornehmen, aber einträglicheren Cultur zugewandt. Wir fanden dort Mitte +März ganze Felder von Veilchen in Blüthe. Das waren auch freilich nicht +die bescheidenen, kleinblüthigen, die bei uns ihre Kronen zwischen den +Blättern verbergen, sondern eine großblüthige Form, das Veilchen _le +Czar_, das an langen Stielen seine Blüthen keck über die Blätter erhebt. +Es duftet sehr stark, und gerne ließen wir uns von den Lüften anwehen, die +über Veilchenfelder gestreift waren. Andere Felder sind mit »_Primeurs_« +bedeckt. Die Artischocken von Hyères standen schon zu Anfang dieses +Jahrhunderts in hohem Ruf; jetzt sind es auch die grünen Erbsen und vor +Allem die Erdbeeren, mit welchen Paris von hier aus versorgt wird. Täglich +geht ein ganzer Eisenbahnzug solcher Erzeugnisse von Hyères ab und wird +scherzhaft als »_Train de primeurs_« bezeichnet. Doch soll man sich nicht +etwa denken, daß unter dem Himmel von Hyères alle diese Culturen mühelos +gedeihen. Auch hier verlangen sie viel Umsicht und angestrengten Fleiß. +Den Furchen der Felder folgen niedrige Hecken, die deutlich anzeigen, von +welcher Seite Gefahr droht. Denn, trotz gegentheiliger Versicherungen, ist +Hyères nicht völlig vor dem Mistral gedeckt, und mit elementarer Gewalt +stürzt er durch die Lücke ein, welche die Berge nach Toulon hin offen +lassen. Anhaltende Dürre ist auch eine schwere Plage, welcher durch +künstliche Bewässerung nicht immer abgeholfen werden kann. – Immerhin +besteht ein großer klimatischer Unterschied zwischen Hyères und der +übrigen Provence, ja selbst dem nahen Toulon, weil diese dem Mistral weit +stärker ausgesetzt sind. Daher der Reisende, der von Westen kommend, hier +in früheren Zeiten zum ersten Mal Palmen und goldfrüchtige Orangenbäume +sah, sich an die Pforten des Paradieses versetzt wähnte. Alte Reisewerke +sind voll des Lobes von Hyères. So das Werk von Aubin-Louis Millin, +»_Conservateur des médailles, des pierres gravées et des antiques de la +Bibliothèque impériale_«, der im Auftrage des Ministers Chastal 1804 +Südfrankreich bereiste. »Ich besuchte heute«, schreibt Millin, »den Garten +des Herrn Fille. Tausende von Blumen umgeben dessen Haus. Tuberosen +(_Polyanthes tuberosa_), Cassie (_Mimosa Farnesiana_), und Jasmin +(_Jasminum sambac_) würzen die Luft mit himmlischen Düften. Was Sänger und +Poeten einst gepriesen, jene Gärten der Alcine und Armide, welche der +fruchtbare Genius des Ariost und des Tasso schuf, so glänzend sie auch +unserer Einbildungskraft vorgeführt werden, sie treten zurück vor dem +Garten, den wir hier vor den Augen haben. Man glaubt nicht mehr auf Erden +zu wandeln, vielmehr in jene Laubgänge versetzt zu sein, in welchen die +Seelen der Gerechten ein ewiges Glück genießen. Die Bäume stehen so dicht +an einander, daß man nur auf künstlich angebrachten Pfaden zwischen +denselben durchdringen kann. Achtzehntausend Orangenbäume, beladen mit +Blüthen und Früchten, bergen in ihrem Laube unzählige Nachtigallen, und +Nachtigallengesang erschallt wie ein Hymnus an die Natur, um ihre Güte zu +preisen, ihr für einen so freudigen und duftigen Schatten zu danken. +Andere Vogelstimmen greifen in dieses glänzende Concert ein, während die +fleißigen Bienen summend die Blüthen umschwärmen, um reiche Nahrung zu +schöpfen aus so verschwenderischer Fülle.« + +Ein ähnliches Gefühl des sinnlichen Behagens, welches ein milderes Klima +erweckt, mag es auch gewesen sein, das einst die Massilier bestimmte, ihre +Niederlassung an diesem Strande »Olbia«, die Glückliche, zu nennen. + +Mit Vorliebe schweiften wir an sonnigen Nachmittagen auf den Maurettes +umher, jenen Höhenzügen, an welche Hyères sich anlehnt. Wir suchten uns +dort solche Orte aus, von welchen die alte Burg von Hyères sich in schöner +Umrahmung zeigte. Ein Stück blaues Meer bildete den Hintergrund, während +grüne Hügel die scheckige Ebene deckten. Da lagerten wir uns auf Rosmarin, +Myrten und Lavendel und vergaßen der fliehenden Stunden. Wir suchten im +Geiste jene Trümmer zu beleben, die so mächtig drüben auf den Felsen +thronen. Auch heute noch werden diese Trümmer von Wachtthürmen und Mauern +beschützt, die in bewegtem Umriß allen Vertiefungen des Berges folgen. – +In dem »Chastel d’Yères« herrschten seit dem zwölften Jahrhundert die +Herren de Foz, eine Nebenlinie der Vicomtes de Marseille. Manchen blutigen +Strauß mußten sie pflücken, um ihre Burg zu behaupten und oft rauchte aus +den Wachtthürmen angesichts der Feinde die Lunte der Arkebusen. In +friedlichen Zeiten, da füllten hingegen dieses Chastel die Gesänge des +Troubadours, und es erklang in ihnen die sechsseitige Viola. War doch +Mabille de Foz Präsidentin des Minnehofs von Pierrefeu, jenes Minnehofes, +der mit Romani, Avignon und Signe, die vier vornehmsten »_cours d’amour_« +der Provençe bildete! – Im Juni 1254 gab es hohen Besuch auf der Burg; da +kam Ludwig der Heilige, den aus Palästina der Tod seiner Mutter nach +Frankreich zurückgerufen hatte. Einige Jahrhunderte später wurde hier oben +auch Franz I. empfangen, während Ludwig XIII. nur noch die Ruinen der +Veste sah: Heinrich IV. hatte deren Zerstörung beschlossen. Heute ist das +alte Gemäuer in üppiges Grün gehüllt, und bunte Frühlingsblumen erklimmen +selbst die Zinnen der Thürme. – Scharf hebt sich der dunkle Berg vom +hellen Abendhimmel ab, wenn die provençalische Sonne sich hinter seinen +Trümmern zur Ruhe senkt. Dann tränkt sie mit ihrem Glanze das Land und das +Meer, umstrahlt die dunklen Felsen und bildet um die Burg einen goldenen +Glorienschein. – Geisterhaft aber mutheten uns die Trümmer zur Nachtzeit +an, da zur späten Abendstunde der Vollmond uns in die Berge gelockt hatte. +Tief drang sein Silberschein in die Fugen und Spalten des zerklüfteten +Gesteins und warf unheimliche Lichter in die Ruinen. Da belebten sich die +alten Mauern und Thürme, nahmen menschliche Form an, schienen ihre Glieder +zu bewegen und stierten mit unheimlichen Augen in die Ferne. Plötzlich war +dann Alles wieder todt; eine dunkle Wolke breitete ihre Schatten über den +Berg aus. Doch als der Mond wieder vortrat, da war es, als hätten die +Thürme in der Runde sich die Arme gereicht, und als führten sie um die +Trümmer einen infernalen Reigen aus. Da ging es bergauf, bergab über die +steilen Felsen und stöhnte und pfiff es dabei durch die Luft in +unheildrohender Begleitung. Für Augenblicke leuchtete die Burg so auf, als +stünde sie in Flammen, dann wieder versank sie in das Dunkel der Nacht. +Mit Wirbelwind und Sturm, mit Blitz und Donner zog ein Gewitter von Westen +heran: das mochte uns diese phantastischen Bilder vorgezaubert haben. +Rasch breitete sich Finsterniß über das Land aus, nur das Meer dort hinten +war noch in Silberglanz getaucht. Ein greller Lichtstrahl durchzuckte die +Luft, ihm folgte ein betäubender Schlag, der die Grundvesten der Erde zu +erschüttern schien. Wie geblendet standen wir da, während das Rollen des +Donners sich entfernte. Dumpf tönte es noch fort in den nahen Bergen, +prallte dort mit immer schwächerem Echo von den Felsen ab, kam dann wieder +näher, um endlich in der Ferne zu verhallen. Hatte dieser grelle Blitz +nicht die Burg getroffen, nicht jene schlanke Cypresse zertrümmert, die so +stolz aus den Ruinen dem Himmel entgegenragte, als wolle sie ihm trotzen? +– Doch dicke Regentropfen begannen zu fallen; es war hohe Zeit, den +Rückzug anzutreten. + + II. + +Jenes Gebirge, das sich im Osten von Hyères erhebt, bildete im neunten und +zehnten Jahrhundert ein Bollwerk der Mauren. Nach ihnen führt es mit Recht +den Namen; von seinen Höhen aus beherrschten sie die weite Küste. In +orographischer Beziehung bietet das Maurengebirge ein hohes Interesse. Es +stellt ein in sich abgeschlossenes Gebirgssystem dar, dessen Granite, +Gneiße und Schiefer von dem umgebenden Kalkgebirge durch tiefe Thäler +getrennt sind. Wie etwa die Alpen oder die Pyrenäen, besitzt das +Maurengebirge sein eigenes, wenn auch nur kleines Flußsystem, seine +eigenen Schluchten und Thäler. Es ist von der übrigen Provençe so +geschieden, daß es auch, ferne von derselben, eine eigene Insel im Meere +bilden könnte. Seit Kurzem folgt eine Eisenbahn (_Chemin de fer du Sud de +la France_) der Küste, an dem Gebirge entlang. Diese Bahn mündet in +St. Raphaël und schließt dort an die große Linie an, die Marseille mit +Genua verbindet. Von den Stationen der Südbahn aus dringt man leicht in +das Gebirge ein, und solche Ausflüge waren es, die uns in Hyères +festhielten. Wir wurden nicht müde, wiederholt dieselben Strecken der +Küste mit der Eisenbahn zu befahren; denn der Weg ist anmuthig und führt +entweder durch schönen Wald oder am Meeresstrande entlang, mit +fortwährendem Wechsel der Bilder. Der Anblick der Berge selbst bietet +hingegen geringe Mannigfaltigkeit, da alle Kuppen abgerundet sind, nur +wenig in ihrer Höhe schwanken und vierhundert Meter nicht übersteigen. Und +doch ladet der üppige Wald auch da zu immer neuen Ausflügen ein. Wer +Korkeichen zuvor nicht sah, wird freilich zunächst über diese Wälder +staunen. Er erkennt wohl die immergrüne Eiche, doch ihre geschälten Stämme +und Aeste bieten einen ungewohnten Anblick. Die Krone der Korkeiche +gleicht derjenigen immergrüner Eichen, auch die Blätter sind wie bei +diesen lederartig und nur durch ihre eiförmige Gestalt und geringe +Zähnelung ausgezeichnet. Befremdend ist aber die rothbraune Farbe der +abgeschälten Theile, die fast blutroth erscheinen, dort, wo die Sonne sie +trifft. + +Die ganze Bevölkerung des Maurengebirges lebt von der Korkgewinnung. Steht +auch der Kork, der an dieser Küste wächst, dem spanischen und algerischen +an Güte nach, so bleibt er doch ein geschätzter Handelsartikel und bildet +eine einträgliche Quelle des Erwerbes. Die Korkeiche muß, bevor sie +geschält werden kann, eine bestimmte Dicke besitzen, die sie mit fünfzehn +bis zwanzig Jahren erlangt. Der erste Kork ist rissig, spröde und wandert +vorwiegend in die Gerbereien. Er wird, weil rauher und härter, als +männlicher Kork bezeichnet. Dann erst bildet sich der glatte, weniger +harte, brauchbare Kork, den man weiblichen nennt. Er wird alle acht bis +sechzehn Jahre entfernt, je nach der Dicke, welche die Korkplatten +erreichen sollen. Für gewöhnliche Stopfen reichen achtjährige Platten +schon aus, während noble Champagnerpfropfen weit stärkere, bis 5 +Centimeter dicke verlangen; die Schälungen werden so lange wiederholt, bis +der Baum ein Alter von hundertundfünfzig, ja selbst zweihundert Jahren +erreicht hat. Dann sinkt der Werth seiner Produkte; es gilt, ihn durch +jüngeren Nachwuchs zu ersetzen. – Hundertjährige Korkeichen sehen schon +majestätisch aus und treten mit ihren mächtigen Kronen und knorrigen +Stämmen eindrucksvoll aus der Umgebung hervor. Besonders gerne ruht auf +ihnen das Auge, wenn sie am Bergesabhang stehen, oft malerisch um einzelne +Felsblöcke gruppirt. Die Korkeiche wächst mit Vorliebe auf einem Boden, +der aus verwittertem Granit und Schiefer entstand, während sie den +Kalkstein meidet. Daher die Korkeichenwälder des Maurengebirges eine +Culturinsel in der Provençe bilden, ähnlich wie das Gebirge selbst eine +orographische Insel dort darstellt. In den umgebenden Kalkalpen wird man +die Korkeiche nicht finden, nach ihr vergeblich in Mentone und in Nizza +suchen, nur um Cannes trifft man sie noch stellenweise. Wie die +Korkeichenwälder des Maurengebirges das Urgestein seiner Berge verrathen, +so zeigen Kalkpflanzen den Kalk der angrenzenden Alpen an. Unter Umständen +wird ganz vereinzelt eingestreutes Gestein in solcher Weise äußerlich +durch den Pflanzenwuchs kenntlich. So fiel vor einigen Jahren dem +Forstinspector de Saint-Venant in dem Walde von Orléans ein schmaler, +kilometerlanger Streifen kalkholder Pflanzen auf, während die übrige Flora +im Walde auf Kieselboden hinwies. Das regte ihn zu Ausgrabungen an, die in +wechselnder Tiefe das Vorhandensein einer alten, mit Kalksteinen +gepflasterten römischen Straße ergaben. + +Die Korkeichen werden im Maurengebirge während des Sommers geschält. Es +geschieht das sowohl an den Stämmen wie an dicken Aesten, doch hier wie +dort gleichzeitig nur an einzelnen Theilen; denn es gilt als schädlich, +den ganzen Baum auf einmal zu entblößen. Besonders eigenartig sehen die +entblößten Theile gleich nach geschehener Schälung aus; sie zeigen die +Farbe des menschlichen Körpers. Erst allmälig dunkeln sie nach. Zur +Vornahme der Schälung, die als »_démaclage_« bezeichnet wird, führt der +Arbeiter zunächst zwei Schnitte rings um den Baum durch die ganze Tiefe +der Korkschicht aus und verbindet diese Kreisschnitte durch Längsschnitte, +deren Zahl sich nach der Dicke des Baumes richtet. Diese Operation führt +er mit einer Axt aus, die einen keilförmig zugeschärften Stiel besitzt. +Mit letzterem fährt er dann von den Einschnitten aus unter die Korkschicht +und hebt sie ab. Dann beschwert er die Korkplatten mit Steinen, damit sie +ihre Rundung verlieren, hält sie auch wohl über Feuer und kohlt ihre +Oberfläche ein wenig an. Unter allen Umständen müssen die Korkplatten +trocken werden, bevor man sie versendet. + +Der Kork ist das natürliche Schutzmittel der Pflanzen: sie schließen sich +damit gegen die Umgebung ab. Die ältere Rinde aller unserer Sträucher und +Bäume ist mit Kork bedeckt und dankt ihm ihre Färbung. Der Kork läßt Gase +und Flüssigkeiten nicht durch, ist elastisch und sehr widerstandskräftig; +das befähigt ihn nicht nur zu seiner Aufgabe an der lebenden Pflanze, +sondern bedingt auch seine technische Brauchbarkeit. Wird eine Pflanze +verletzt, so bildet sich Kork an der Wunde und schließt dieselbe ab: daher +auch der neue Kork an der geschälten Korkeiche. Wie jedes andere Gewebe +besteht der Kork aus Zellen. Ja, ein Korkstück war es, in welchem Robert +Hooke im Jahre 1667 jene Kammern entdeckte, die er Zellen nannte, weil sie +ihm den Zellen der Bienenwaben zu entsprechen schienen. Den Zellen eines +fertigen Korkes fehlt freilich der lebendige Zellleib, jener Inhalt, der +das Wesen einer Zelle ausmacht. Den büßt die Korkzelle bald nach ihrer +Entstehung ein, um nur noch mit ihrer verkorkten Wandung als Schutzmittel +der Pflanze zu dienen. Eine bestimmte lebendige Gewebeschicht innerhalb +der Rinde, das sogenannte Korkcambium, bildet durch fortgesetzte +Vermehrung ihrer Zellen den Kork. Jüngere Korkzellen folgen in geraden +Reihen nach innen zu auf die älteren. Ihre Gestalt ist bei der Korkeiche +annähernd würfelförmig: gegen Schluß jeder Vegetationsperiode flachen sie +sich tafelförmig ab. Der »weibliche« Kork der Korkeiche zeichnet sich +durch die Dünnwandigkeit seiner Zellen und große Gleichförmigkeit in +seinem Bau aus; nur am Schluß jeder Vegetationszeit entstehen wenige Lagen +stärker verdickter, abgeflachter Zellen. Diese letzteren sind es, welche +die dunklen Streifen bilden, die man in jedem Flaschenstopfen erkennen +kann. Da die dunkleren Lagen die Grenzen des jährlichen Zuwachses +anzeigen, so kann man das Alter einer jeden Korkplatte an ihnen abzählen, +ganz ebenso wie sich aus der Zahl der Jahresringe im Holz dessen Alter +bestimmen läßt. + +Ist eine Korkeiche geschält worden, so bildet sich ein neues Korkcambium +unter den freigelegten Flächen und hebt mit neuer Korkbildung an. Freilich +darf die Schälung nur den Kork entfernen, nicht den Bast oder gar den +Holzkörper erreichen, weil das schwere Wunden gibt, die sich nur langsam +schließen und lange die Korkproduction an der beschädigten Stelle +beeinträchtigen. Ist ein Stamm niemals geschält worden, so zeigt er gleich +anderen Eichenarten eine rissige Rinde, deren äußerste Schichten er nach +und nach als Borke abwirft. Auch der am geschälten Baum erzeugte Kork darf +nicht ein gewisses Alter übersteigen, da er sonst an der Außenseite rissig +und unbrauchbar wird. + +In den westlichen Theilen des Maurengebirges gibt es keinen schöneren Ort +als Bormes, von Hyères aus mit der Bahn in einer Stunde zu erreichen. Man +steigt dort vom Strande aus zum Hügel empor, an den das kleine Städtchen +amphitheatralisch sich lehnt. Seine Häuser sind in verschiedener Höhe +verstreut, hier einzeln, dort in Gruppen, als hätten sie um die Wette den +Berg zu erklimmen versucht. Den Ort beherrscht eine alte Burg, deren graue +Ruinen sich eindrucksvoll abheben von dem dunklen Grün des hinterliegenden +Waldes. Der Abhang ist mit aromatischen Kräutern bewachsen, und jeder +Schritt befreit aus ihnen duftende Oele. Ganze Flächen werden violett +gefärbt durch die wilde Lavendel (_Lavandula Stoechas_). Sie tritt hier so +massenhaft auf, daß ein benachbarter Ort den Namen Lavandou nach ihr +führt. – Wir steigen weiter hinauf in den Wald, in Korkeichen, Kiefern und +immergrüne Sträucher. Auch da steht jetzt Alles in Blüthe. Die Luft ist +erfüllt mit Wohlgerüchen, und den Kiefern, die man berührt, werden dichte +Wolken von Blüthenstaub entlockt. – Immer großartiger entfaltet sich die +Aussicht auf die dunklen Ruinen, das hellglänzende Städtchen und das blaue +Meer, in das eine Landzunge sich weit vor uns fortsetzt; gegen Osten +blicken wir in die Rhede von Bormes hinein; gegen Westen zeigt sich die +Rhede von Hyères, und über eine schmale Halbinsel hinweg erreicht das Auge +auch den Golf von Giens. In glänzender Färbung leuchten uns diese Buchten +entgegen. Die östliche Bucht tönt sich jetzt ab in hellem Blau, die Rhede +von Hyères scheint von flüssigem Silber zu sein, während die Fluthen des +Golfs von Giens den rothen Abendhimmel widerspiegeln. Wir sättigen uns an +dieser Farbenpracht und lassen das geblendete Auge dann auf dem dunklen +Grün der fernen Wälder ruhen. Sanft breitet der purpurne Schein sich aus +über das ganze Meer, und in dem Glanz der Abendsonne schimmern jetzt die +goldenen Inseln von Hyères wirklich so, als wären sie von Gold. + +In Bormes sind vor den Häusern große Mengen von Kork aufgeschichtet. Wir +treten in ein Haus ein, in dem Kork geschnitten wird, und sehen uns, +freundlich empfangen, die Arbeit an. Der Mann macht Stopfen mit Hülfe +einer Drehbank. Er fügt eckige Korkstücke in dieselbe ein, versetzt sie in +Drehung und rückt eine Art Hobel heran, der das Korkstück schneidet. Große +Uebung verlangt das sichere und rasche Einfügen der Korkstücke in die +Drehbank, so daß sie gleich richtig centrirt sind. Ist der Arbeiter +geschickt, so macht er Hunderte von Stopfen in der Stunde, während er es +früher beim Schneiden aus freier Hand kaum auf tausend Stück im ganzen Tag +bringen konnte. Die Korkplatten müssen mit Wasser gebrüht werden, ehe man +sie in die eckigen Stücke zerlegt. Sie schwellen dabei nicht unwesentlich +an. Die Längsachse der Stopfen entspricht der Längsrichtung der Platten; +man muß sich somit die Stopfen in der Rinde des Baumes aufrecht stehend +denken. + +Die Abfälle beim Schneiden der Stopfen sind durchaus nicht werthlos. Sie +können zum Polstern dienen und werden auch wohl verkohlt, um eine schwarze +Farbe, das _nigrum hispanicum_, oder um Zahnpulver zu liefern. Gepulverter +Kork, mit verdicktem Leinöl angerührt und auf wasserdichtes Segeltuch +aufgetragen, gibt den als Linoleum bezeichneten Korkteppich, mit dem man +die Fußböden deckt. + +Die allgemeine Verwendung des Korkes für Flaschenverschluß greift nicht +weiter als in das siebzehnte Jahrhundert zurück. Sie fällt zusammen mit +der Verbreitung unserer enghalsigen Glasflaschen, die man kaum vor dem +fünfzehnten Jahrhundert herzustellen begann. Im Mittelalter wurden kleine +Gefäße aus Holz, Thon oder Metall verfertigt und mit Zapfen von gleichem +Stoff verschlossen oder auch nur mit Wachs verklebt. Die Fässer +verspundete man mit Holzpflöcken. Die Alten benützten zum Verschluß ihrer +Amphoren sowohl Holz- als auch Korkstopfen, die sie mit einem Kitt aus +Harz, Kreide und Oel oder auch mit Pech umgaben. Häufiger noch wurde die +Oeffnung dieser Gefäße nur mit Gyps, mit Harz, Pech oder Wachs +zugeschmiert. Auf den Wein gossen sie Oel, so wie das heute noch in +Italien geschieht, und suchten ihn so vor Luftzutritt zu schützen. Nach +Plinius dienten den Römern Korkstücke auch schon als Schwimmer an den +Fischnetzen und als Bojen an den Ankern; nicht minder wurden die +Schuhsohlen für Frauen aus diesem Stoffe bereits hergestellt. + + III. + +Tief in das Maurengebirge schneidet der Golf von St. Tropez, der Sinus +Sambracitanus der Alten, ein. An seinem Ufer sieht man schon aus der Ferne +die Häuser von St. Tropez in bunten Farben schimmern. Von dort aus +erscheint die Meeresbucht wie ein geschlossener See. Ihre azurnen Fluthen +haben die Klarheit und den Schmelz eines dunklen Saphirs. Man blickt über +dieselbe ins Maurengebirge hinein. Scharf stechen seine Höhen vom +nördlichen Himmel ab. Im Osten wird das Bild in duftiger Ferne durch die +zackigen Gipfel des Esterels begrenzt. Ueber diesen, hoch in den Wolken, +glänzt der Schnee der Alpen. Hier an dem blauen Golf hat einst die +Heraclea Cacabaria gestanden. Ein Herculestempel, so heißt es, gab der +Stadt den Namen. Das Land war von Camatullikern bewohnt. – Dann schildert +die Sage, wie im Jahre 66 n. Chr. an jenen Strand der Körper des heiligen +Tropez gelangte. Dieser hatte unter Nero hohe Würden bekleidet; sein +Vetter, Salvius Otho, wurde im Jahre 69 n. Chr. zum Kaiser proclamirt. Er +selbst legte alle seine Aemter nieder, nachdem ihn der Apostel Paulus zum +Christenthum bekehrt hatte, und zog sich nach Pisa zurück. Dort ließ eines +Tages Nero unter einer ehernen Himmelsdecke mit großem theatralischem Pomp +Diana und Apollo anbeten. St. Tropez weigerte sich dessen, er wurde +ergriffen, auf Befehl von Nero gemartert, enthauptet und sein Körper dann +auf einem schlechten Nachen in das Meer gestoßen. Ein Hund und ein Hahn, +die man zugleich in den Nachen setzte, sollten sich an dem Körper weiden. +Doch weder der Hund noch der Hahn berührten den Heiligen, sie stellten +sich als Wächter an dessen Körper auf. Ein Engel ließ sich am Steuer +nieder und führte den Nachen sicher durch die Fluth bis nach Heraclea. +Durch das Krähen des Hahnes gerufen, sammelten sich dort die Christen am +Strande und nahmen den Körper des Heiligen mit hohen Ehren auf. + +Im neunten Jahrhundert wurde das alte Heraclea von den Saracenen zerstört, +und nur antike Mauern und Gräber zeigen den Ort noch an, auf dem es einst +gestanden. Das heutige St. Tropez reicht nicht weiter als bis in das +fünfzehnte Jahrhundert zurück. Es verdankte sein Aufblühen genuesischen +Familien, die sich hier niederließen. Zahlreiche Wachtthürme um die Stadt, +sowie die Festungswerke über derselben zeigen an, daß St. Tropez sich oft +noch gegen Seeräuber und andere Feinde zu vertheidigen hatte. Heute wird +es nur noch durch Zollwächter geschützt, die von den Höhen aus den Strand +überwachen. So verändern sich die Zeiten; früher mußte der Ort die +Corsaren abwehren, die ihn berauben wollten, heute sich gegen die +Schmuggler schützen, die ihn gern versorgen möchten. + +St. Tropez ist ein Hauptort des Korkhandels geworden; zahlreiche Schiffe +werden mit dieser Waare beladen, die aus allen Theilen des Maurengebirges +hier zusammenströmt. + +Zum klimatischen Kurort dürfte St. Tropez wohl schwerlich jemals erhoben +werden, denn es ist zu sehr den Winden ausgesetzt. Gegen das offene Meer +deckt das vorspringende Cap den Hafen, doch der Mistral und der Ostwind +treiben die Fluthen des Golfes in denselben hinein. Daß bei heftigem Sturm +die Wellen bis auf den Uferdamm vordringen, das zeigt der eigenartige Bau +mancher dort stehender Häuser an. Sie sind unten ohne Fenster, nur mit +kleinen, dicht schließenden Thüren versehen, zugleich ausgehöhlt, so wie +der Fuß eines Leuchtthurmes, der dem Meere trotzt. – Von den Winden +abgesehen, besitzt das meerumspülte Vorgebirge ein sehr mildes Klima. Der +bekannte Geologe Elie de Baumont hat dieses Stück Land als die Provençe +der Provençe bezeichnet. Seine Vegetation ist üppig. Kiefern und +immergrüne Eichen decken die Höhen; die Abhänge werden von mächtigen +Kastanienbäumen beschattet, deren Früchte in ganz Frankreich als »_Marrons +de Lyon_« beliebt sind. Hier und dort streckt auch eine Palme ihr +schlankes Haupt über eine Mauer hervor; doch man sieht es ihr an, daß sie +oft vom Winde gepeitscht wird. Den Ufern der Bäche folgen +Oleandersträucher und Vitexbüsche. Mit den schönen Blüthen des Oleanders +schmückten sich und schmücken sich heute noch in Griechenland auf dem +Lande die Frauen, auch benutzt man bei uns Oleanderblätter zur Verzierung +der Speisen, während thatsächlich der Milchsaft dieser Pflanze ziemlich +giftig ist. Von dem schmalblätterigen Vitexstrauch hieß es einst, daß er +die Sinnlichkeit unterdrücke, daher erhielt er seinen keuschen Namen: +_Vitex agnus castus_. Die atheniensischen Frauen bestreuten mit +Vitexblättern ihre Ruhelager zur Zeit der Thesmophorien, jenen mysteriösen +Festen zu Ehren der Göttin Demeter, von denen alle Männer ausgeschlossen +waren. Heute scheint der _Vitex agnus castus_ seine früheren Kräfte +eingebüßt zu haben; nur seine scharf gewürzhaften Steinfrüchte gebraucht +man im Süden noch häufig als Pfeffer. Der Oleander hat sich sogar einem +noch weniger poetischen Verlangen anbequemen müssen, denn die Landleute um +Nizza benützen seine gepulverte Rinde, um Ratten und Mäuse zu vertreiben. + +Im Hôtel Continental zu St. Tropez wird noch nach alter Art gelebt. Guter +Tischwein steht zu gemeinsamer Benutzung auf der Tafel. Man fragt den +Nachbar erst, ob er zu trinken wünscht, bevor man sich selbst einschenkt. +Das Dienstpersonal wird in einige Verwirrung versetzt, wenn man nach der +Weinkarte verlangt. – Da figurirten als Vorspeisen bei der Mahlzeit außer +Salami, Oliven, Sardinen und anderen allgemein europäisch gewordenen +Dingen, auch Seeigel, ein Leckerbissen, den ich bisher an keiner +regelrechten »_table d’hôte_« gesehen hatte, und den ich auch gerne +Anderen überlasse; er dient mir nur als Beweis, daß der Mensch das ärgste +aller Raubthiere ist. Da werden Tausende weiblicher Seeigel gefangen, +aufgebrochen und im Grunde genommen vergeudet: man wirft den ganzen Körper +fort und verzehrt nur das Bißchen Eierstöcke. Dabei wird eine ungezählte +Brut zerstört. Diesen orangerothen, faden Schleimmassen konnten wir keinen +Geschmack abgewinnen; doch darüber läßt sich ja streiten. – In wahres +Entzücken wurden unsere Tischgenossen stets versetzt durch +»_Bouillabaise_«. – Nach dieser Speise sehnt sich stets der Provençale, +auch wenn er einen anderen Theil von Frankreich bewohnt. – Die Wirthin +suchte es ihren Gästen an den Augen abzusehen, ob ihnen die _Bouillabaise_ +schmecke; kann diese doch allein das Renommée eines Hauses begründen. Wie +sie uns servirt wurde, bestand sie aus Langusten und Seefischen. Die +Wirthin machte aus deren Zubereitung auch kein Geheimniß. Sie habe, sagte +sie, zunächst etwas Knoblauch, Lorbeerblätter und weißen Pfeffer in +Olivenöl in einer Casserolle geröstet, dann ein Glas Weißwein darauf +gegossen, die Langusten, Fische und soviel Wasser, daß sie bedeckt waren, +dazu gethan, Alles mit Salz und Pfeffer weiter gewürzt, hierauf zwanzig +Minuten lang kochen lassen und mit einer Messerspitze Safran den Schluß +gemacht. Ihre _Bouillabaise_ war dann fertig. Die Langusten und Fische +kamen in eine tiefe Terrine und wurden mit der Brühe, in welcher auch +Weißbrodschnitte geweicht hatten, übergossen. – Die _Bouillabaise_ fand +ungetheilten Beifall. Die Wirthin meinte, für Franzosen allein lohne es +sich zu kochen, während Ausländer mit demselben Gleichmuth gute und +schlechte Speisen verschlängen: Das sei für eine sorgsame Wirthin +entmuthigend. Darauf mein Tischnachbar in längerer Rede entwickelte, daß +er nicht einsehen könne, weswegen man ein Sinnesorgan gegen die anderen +zurücksetzen solle. Man könne eine dumme Zunge haben, ebenso wie ein +dummes Auge oder ein dummes Ohr. Ein Mensch, der Karpfen von Steinbutte +nicht zu unterscheiden wisse, flöße ihm nicht mehr Ehrfurcht, als ein +solcher ein, der Van Dyck mit Raphael oder Gounod mit Wagner verwechsle. + +War das Essen auch gut, der übrige Comfort des Hauses ließ doch etwas zu +wünschen übrig, so daß wir, trotz solcher culinarischer Genüsse, uns +zeitweise nach einem anderen Unterkommen sehnten. + +Eine Straßenbahn verbindet jetzt St. Tropez mit La Foux, einer Station der +südfranzösischen Bahn. Der Weg führt an dem Schlosse von Bertaud und vor +dessen Thoren an einer mächtigen Pinie vorbei, deren Stamm wohl sechs +Meter im Umfang mißt. Es dürfte eine der größten Pinien sein, die jetzt +existiren, und wohl mancher Saracene hat schon in ihrem Schatten gelagert. +Der Baum steht mitten auf der Straße, der »_route nationale_«, und es ist +zu loben, daß ihn die Ingenieure schonten. Die Straßenbahn setzt sich über +La Foux nördlich bis Cogolin fort, und von da aus kann man auf der +Chaussee La Garde Freinet erreichen. Dort hatten einst schon die Römer +einen Militärposten errichtet, der die Verbindung zwischen dem Sinus +Sambracitanus und der etwas nördlicher durchs Gebirge ziehenden Via +Aureliana überwachen sollte. Der Ort liegt in einem Engpaß zwischen zwei +Bergen, und dort setzten sich auch die Mauren im Jahre 850 fest, nachdem +sie St. Tropez zerstört hatten. Sie sicherten sich so den Zugang zum Meere +und beherrschten zugleich das Gebirge. Die Festung, die sie erbauten, +wurde Fraxinetum genannt, und dieser Name dann auf alle ähnlichen +maurischen Festungen übertragen. Hier häuften sie die geraubten Schätze +an, um sie später übers Meer nach Afrika zu schaffen. Wilhelm I., Graf von +Arles, unterstützt von zwei provençalischen Edelleuten, Bavon und +Grimaldi, stürmte und eroberte im Jahre 973 die Veste. Alle Mauren, die +dem Schwert entgingen, wurden nebst Weibern und Kindern zu Sclaven +gemacht. Die Veste schwand von der Erde, und nur einige Mauerreste, die +Epheu heute deckt, sowie eine tiefe, in Fels gehauene Cisterne, zeugen +dafür, daß sie einst gewesen. + +Als Preis der Tapferkeit und Lohn für die erwiesenen Dienste erhielt +Grimaldi von Wilhelm I. das ganze Land, welches die Mauren am Sinus +Sambracitanus besaßen. Da ragen denn noch heute, als Wahrzeichen aus jener +Zeit, auf dem Berge, der die Thalmündung beherrscht, die Trümmer der Burg +Grimaud in den Himmel. Zwei Thürme auf steilem Abhang, durch Mauerreste +verbunden, scheinen über dem Abgrunde zu schweben, die übrige Burg ist +zerstört; doch unter ihr, wenn auch ihres Schutzes beraubt, in üppiges +Grün gehüllt, klammert sich der kleine Ort Grimaud noch immer an den +Felsen. + +Von La Foux aus östlich folgt die Südbahn weiter allen Ausbuchtungen der +Küste. Jetzt eilt sie dem Meere zu, und St. Tropez am jenseitigen Ufer +scheint immer näher zu rücken; dann wendet sie sich landwärts, und das +Esterel taucht plötzlich am Horizonte auf. Das Maurengebirge rückt dicht +ans Meer heran, der Wald erreicht die Küste. Immer schwelgerischer +entwickelt sich hier seine Pracht. Aus den immergrünen Eichen und +Seestrandkiefern leuchtet die baumartige Erica mit ihren weißen +Blüthenmassen hervor. Ueberall sieht man den Erdbeerbaum seine +lorbeerartigen Blätter ausbreiten. Dunkler Epheu rankt an den Stämmen in +die Höhe, und üppige Waldreben verbinden die Baumkronen durch helle +Laubguirlanden. Dieses herrliche Bild verlockt uns, die Fahrt zu +unterbrechen; wir steigen in La Gaillarde aus und setzen unseren Weg zu +Fuß fort. Wir folgen dem Ufer. Die Strandkiefer taucht ihre Wurzeln fast +in die Wellen; oft neigt sie sich über die Fluth, als wollte sie ihr Bild +in der spiegelnden Fläche betrachten. Das Land wird hier geschmückt von +der See mit einem Saum silberschäumender Wogen, dafür flicht ihr das Land +einen Kranz aus immergrünem Walde. Zerrissene Felsen springen am Strande +vor und verlieren sich weit in den Fluthen. Das Esterel ist uns ganz nahe +gerückt. Es zeigt denselben reich bewegten Umriß, dem wir so gerne von +Antibes aus folgten. Dieser Gebirgszug ist so schmal, daß die nämlichen +Höhen von Osten wie von Westen das Bild bestimmen. In Antibes sieht man am +Abend die Sonne hinter dem Esterel verschwinden; dann hüllen sich seine +Gipfel in dunkelblaue Schatten und stechen mit scharfen Umrissen gegen den +Abendhimmel ab. Hier sind sie jetzt mit Licht übergossen; die schwindende +Sonne senkt ihre Strahlen in die Thäler hinein, sie gestaltet und modelt +die einzelnen Berge, vergoldet die Gipfel, spart blaue Schlagschatten in +den Tiefen aus, entzündet ganze Dörfer, wirft Irrlichter in die einzelnen +Häuser hinein und taucht schließlich Alles in purpurne Gluth. – Hier bei +St. Aigulf am Strande ließ sich Carolus Duran nieder, und der Ort ist wohl +angethan, eines Malers Seele mit farbigem Glanz zu erfüllen! – Plötzlich +öffnet sich vor uns das weite, von dem Fluß Argens in zahlreichen +Windungen durchströmte Thal, durch welches das Maurengebirge von dem +Esterel geschieden wird. Der Teich von Villepey und die Windungen des +Flusses glänzen wie metallene Spiegel. In Fréjus ertönen die Abendglocken; +vom jenseitigen Ufer des Golfs sendet uns der Leuchtthurm von St. Raphaël +einen ersten noch blassen Strahl entgegen. + + IV. + +Wir wandern jetzt auf classischem Boden. Ist doch Fréjus das alte Forum +Julii, dem Julius Caesar den Namen gab. Augustus vollendete den Hafen, der +die Stelle von Lagunen einnahm, und gab dem Orte einen Pharus. Agrippa +ließ einen Aquäduct und ein Amphitheater erbauen; siedelte hier auch +Soldaten der achten Legion an, was zu der späteren Benennung Colonia +Octavanorum führte. Die Stadt wuchs rasch in Größe und Bedeutung; sie maß +fünftausend Schritte im Umfang. Der Hafen war so ausgedehnt, daß er im +Jahre 31 v. Chr. die zweihundert Galeeren aufnehmen konnte, die Octavian +in der Schlacht bei Actium Antonius abgenommen hatte. Was für ein +farbenprächtiges Bild mag das gewesen sein, als die Flotte des Antonius +diesen Hafen füllte, als mächtige römische Bauten sich in seinen Wellen +spiegelten, und weithin sichtbar durch das Thal der Aquaeduct in kühnen +Bögen den fernen Bergen zueilte. – Fréjus blieb unter den Kaisern die +wichtigste Flottenstation an diesem Gestade, dann aber begannen traurige +Zeiten. Der _Amnis argenteus_, der heutige Argens, füllte langsam den +Hafen mit Schlamm und Erde an. Im zehnten Jahrhundert konnten nur noch +kleine Schiffe Zuflucht in demselben finden. Dann kamen die Saracenen und +schleiften 940 die Befestigungen der Stadt. Im fünfzehnten Jahrhundert +wurde Fréjus von Corsaren verbrannt, dann im sechzehnten Jahrhundert +nochmals unter Carl V. geplündert. Der Hafen schwand allmälig, und an +seiner Stelle bildeten sich weite Sümpfe aus, welche mit tödtlichen +Miasmen die Gegend erfüllten. Ein Bild solchen Elends fand Aubin-Louis +Millin im Beginn dieses Jahrhunderts hier vor. Die Straßen waren leer, die +Häuser unbewohnt, die wenigen Menschen, die man sah, gingen mit blassen +fahlen Gesichtern, hohlen Wangen, eingefallenen Augen umher. Man meinte, +in einem großen Krankenhaus zu sein. »Wir nahmen Wohnung«, schreibt +Millin, »in der besten Herberge: es war ein verpestetes und ekelerregendes +Haus, in dem man den Aufenthalt als Strafe betrachten mußte. Schrecklicher +Schmutz herrschte in ihm. In schlecht gespülten Gefäßen wurde uns fauliges +Wasser dargereicht; ganze Schwärme von Fliegen belagerten die mit ranzigem +Oel bereiteten Speisen. Den Sümpfen entstiegene Mücken und Schnacken +peinigten uns mit ihren Stichen; des Nachts wurden wir von nicht minder +zudringlichen, aber noch ekelhafteren Thieren aufgezehrt. Unser Blut war +in fortwährender Wallung. Es können hier wirklich nur solche Menschen +leben, die an derartige Plagen gewöhnt sind; uns erschienen sie als das +größte Unheil, das einem menschlichen Wesen begegnen kann. Wir bedauerten, +daß der Wissensdrang, der uns trieb, historisch berühmte Stätten +aufzusuchen, uns an diesen elenden Ort geführt hatte, und wir wünschten +denselben so bald als möglich verlassen zu können.« – Seitdem haben sich +die Zustände in Fréjus gebessert. Abzugscanäle sind entstanden, welche die +Umgegend entwässern und dadurch gesünder machen; der Ort selbst ist zwar +auf ein Fünftel seiner früheren Größe zusammengeschmolzen, sieht aber +ziemlich freundlich aus. Wer freilich tieferen Eindruck von den +Ueberresten aus der classischen Zeit erwartet, der wird enttäuscht sein. +Es blieb nur wenig davon zurück, zu wenig, um Achtung zu gebieten oder gar +künstlerisch anzuregen. Nur die zerrissenen Bogen des Aquäducts draußen in +den Feldern, mit ihrem Schmuck von kletternden Pflanzen, sind ästhetisch +wirksam. Der Argens war so fleißig bei der Arbeit, daß heute eine weite +sandige Fläche Fréjus vom Meere trennt; die Trümmer des alten römischen +Leuchtthurms ragen jetzt anderthalb Kilometer vom Strande entfernt aus dem +Boden hervor. So ist der alte Glanz von Fréjus für immer geschwunden, und +was von demselben zurückblieb, vermag solchen Eindruck wie die Denkmäler +von Nîmes und von Arles auf uns nicht zu machen. Doch erhebt uns auch hier +das Gefühl, classischen Boden unter den Füßen zu haben. Wir schauen dann +hinaus in das blaue Mittelmeer, an dessen Ufern jene mächtige Cultur +erstarkte, welche die Welt erobert hat. Wir suchen das Band mit der +Vergangenheit enger zu knüpfen und werden uns im Geiste wieder bewußt, daß +jene allgemein menschlichen Gedanken und Gefühle, die hier zum ersten Mal +zur bewußten Empfindung und Gestaltung gelangten, auch heute noch unser +Denken und Fühlen beherrschen. + +Römische Villen füllten jenen Strand, an dem heut St. Raphaël sich erhebt. +Die römischen Patricier bevorzugten überhaupt dieses schöne Land. Es war +das ihre Provincia Romana par excellence, diejenige, die sie meinten, wenn +sie kurzweg von Provincia sprachen, und sie behielt den Namen der +Provence. Am Strande von St. Raphaël ließen sich nach den Römern die +Tempelritter nieder und bauten jenen viereckigen Thurm, der auch heute +noch die alte Kirche zu schützen scheint. Im Jahre 1799 landete hier +Bonaparte, als er von Aegypten kam, und hier auch verließ er das Land, um +1814 nach Elba zu gehen. Es trifft somit nicht ganz zu, wenn behauptet +wird, Alphonse Karr habe St. Raphaël entdeckt: richtig aber ist, daß er +unter den französischen Schriftstellern der erste war, der sich hier +niederließ, daß ihm bald andere Celebritäten der Litteratur und Kunst +folgten, und daß der neue Aufschwung von St. Raphaël mit jener Zeit +begann. Was aber alle jene Künstler und Schriftsteller hier suchten, das +war der stille abgelegene Ort, an dem man Blumen, Sonne und Meer genießen +kann, ohne von anderen Menschen gestört zu werden. Sie alle flohen den +Lärm des großstädtischen Nizza und des übereleganten Cannes. »Wenn ich +eine große Stadt lieben möchte,« pflegte Alphonse Karr zu sagen, »zöge ich +zurück nach Paris.« Auch ist es im Sommer hier kühler als jenseits des +Esterel, und der sandige Strand ladet dann zum erfrischenden Bade ein; +daher sich St. Raphaël immer mehr zum sommerlichen Seebad entwickelt. Im +Winter ist es zu sehr den Winden ausgesetzt. Das sollten auch wir noch +erfahren. Schon am Abend bei unserer Ankunft begann sich Ostwind zu +erheben, am nächsten Tage wehte er mit Macht und war von heftigem Regen +begleitet. Gegen dieses Unwetter ließ sich im Freien nicht ankämpfen. Der +Wind trieb die Regentropfen fast wagrecht durch die Luft. Das dauerte so +zwei Tage. Starker Ostwind ist hier meist mit Regen gepaart, somit +traurig. Ganz verschieden gebärdet sich sein Widersacher, der nördliche +Mistral. Er ist trocken und daher weit heiterer. Er fegt den Himmel rein +und pfeift bei Sonnenschein. Er bläst nicht in langen Zügen, sondern in +abrupten Stößen, er klingt donnerartig und rüttelt an den Gebäuden. Der +Ostwind hingegen bläst stärker oder schwächer, doch ohne Unterbrechung +fort; seine Stimme ist mehr ein Klagen, so daß man bei Nacht langgedehnte +Schluchzer zu hören meint. In der zweiten Nacht, die auf unsere Ankunft +folgte, entlud sich ein polterndes Gewitter, das mit dumpfem Dröhnen die +Thäler erfüllte und zuckende Flammen auf die Meeresfläche warf; als der +Morgen aber kam, da strahlte die Sonne wieder hell in unser Zimmer hinein. +Das Meer tobte weiter, und wir zogen hinaus, um seinen Anprall gegen die +Felsen des Strandes zu sehen. – Zu den Wahrzeichen von St. Raphaël gehören +seine beiden Löwen: »_le lion de terre_« und »_le lion de mer_«, zwei +rothe Porphyrfelsen, die gleichsam Wache an dem Strande halten. Der +Seelöwe hat sich weiter in das Wasser hinausgewagt, der Landlöwe dicht am +Ufer gelagert. Sie lauern da wie apokalyptische Thiere und trotzen seit +Ewigkeit der nagenden Kraft der Wellen. Jetzt stürmt das Meer mit Macht +gegen diese Felsen an, wälzt seine Wogen über sie hinweg und wirft mit +Getöse schäumenden Gischt hoch an ihnen empor. Ueber den Porphyrlöwen im +blauen Himmelsraum, da wiegen sich aber die Möven. Wie gerne folgt ihnen +das Auge, diesen muthigen Vögeln, wenn sie mit breitem und mächtigem +Flügelschlag die Luft durchschneiden. Jetzt segeln sie gegen den Wind, +jetzt wiegen sie sich an der Stelle, jetzt schießen sie herab in die +Fluth, um ihre Beute zu fassen; mit ihr schwinden sie in der Ferne, oder +sie lassen sich nieder auf der schaukelnden Welle, ein weißer Punkt mehr +inmitten der weißen Kämme. Da hinten in der See taucht plötzlich eine +Herde von Delphinen aus den Wellen hervor. Sie zeigen zuerst ihren Kopf, +überschlagen sich fast in der Luft und schießen hinunter in die Tiefe. Sie +bringen Humor in das großartige Schauspiel: sie sind die Clowns des +Meeres. + +Die Straße, die von St. Raphaël in östlicher Richtung dem Meeresstrande +folgt, führt an Landhäusern vorüber, die manchen bekannten Namen tragen. +Da ist die »_maison close_«, das geschlossene Haus, welches Alphonse Karr +sich schuf, um der aufdringlichen Welt zu entgehen. Hier in »_Oustalet dou +Capelan_« hat Charles Gounod sich abgesondert, und über der Eingangsthür +liest man: »_L’illustre maître, Charles Gounod composa Roméo et Juliette à +l’Oustalet dou Capelan, au printemps de 1866_«, und Jules Barbier, sein +Librettist, der nebenan ein Landhaus besitzt, fügte darunter hinzu: _Hic +Divum Romeo scripsit Gounod meus 1866. Ingenio haut amicitia impar_.« +Gounod weilte mit Vorliebe in St. Raphaël; »ich finde hier,« meinte er +oft, »den Golf von Neapel vor, mit der Campagna von Rom im Hintergrunde.« + +Ist die Lage von St. Raphaël wirklich so schön, als es Gounod empfand? Ich +kann das nicht behaupten, so wenig ich auch sonst diesem Ort den ihm +zukommenden Reiz absprechen möchte. Mir fehlt hier der volle Blick auf das +Esterel, und ich fühle mich nicht hinlänglich dafür entschädigt durch die +Aussicht auf das Maurengebirge und jenes Thal des Argens, das Gounod mit +der Campagna von Rom vergleicht. Lieber würde ich doch dem Beispiel von +Carolus Duran folgen und mich dort drüben in St. Aigulf niederlassen, an +dem waldigen Strande, von dem aus man am Abend das zackige Esterel in +Purpur leuchten sieht. + + V. + +Hingegen bildet St. Raphaël einen vorzüglichen Standort für Ausflüge in +das Esterel-Gebirge. Und dieses Gebirge ist sicher des Besuches werth; es +gehört zu den Juwelen der Riviera: sein malerischer Reiz wird durch die +Porphyre bedingt, die als nackte Felsenmassen dem Boden entsteigen. Um +diese Porphyre und anderes eruptives Gestein sind Schiefer emporgerichtet. +Allseitig wird das Esterel durch tiefe Thäler von den Alpen und durch das +Thal des Argens auch von dem Maurengebirge getrennt. Noch zu Anfang dieses +Jahrhunderts wagte man sich nur mit Schrecken in das Esterel hinein, jetzt +wandelt man in demselben sicherer als in den Anlagen mancher großen Stadt. +– Unser erster Besuch sollte dem höchsten Punkt des Gebirges, dem Mont +Vinaigre gelten, dessen Gipfel sich 616 Meter hoch über den Meeresspiegel +erhebt. Wir hofften von dieser Höhe das ganze Esterel zu überblicken und +wollten dort unseren Plan für weitere Ausflüge entwerfen. – Wir brachen +von St. Raphaël auf, als der Morgen graute. Der Weg führte gegen Norden +zunächst nach Valescure. Dort am Abhang der Berge, in dem kühlen Walde, +pflegten schon römische Familien den Sommer zu verbringen, wenn die Hitze +des Tages in Forum Julii unerträglich wurde. _Vallis curans_, das Thal, +welches Genesung bringt, muß, wie sein Name sagt, als besonders gesunder +Aufenthaltsort gegolten haben. Diesen alten Ruf möchte man auch heute noch +ausnutzen und durch den verheißungsvollen Klang des Namens neue Bewohner +hier anlocken. Man wandert in Valescure auf fertig angelegten Straßen, +»_Grands Boulevards_« mit hochtönenden Namen; der Wald ist in Parkanlagen +verwandelt; große Hôtels hoffen auf Gäste, Musikpavillons warten auf +Musikanten. Doch die Besucher bleiben noch aus. Woher auch sollen sie +kommen, diese Millionäre, um allen Grundstückspeculanten zu Gefallen die +ganze Riviera von Toulon bis Ventimiglia mit Villen zu bedecken? Mit dem +Augenblick, wo der Bau der Südbahn beschlossen war, bemächtigten sich +Actiengesellschaften aller Punkte am Strande, die durch schöne Aussicht +aller Punkte auf der Höhe, die durch gesunde Lage, Kiefernadelduft, oder +sonst welche Vorzüge sich auszeichnen. Auch in St. Aigulf drüben im +Maurengebirge ist der Wald schon parcellirt, laufen »_Grands Boulevards_« +durch denselben und sind nicht allein mit schönen Namen, sondern auch mit +Laternen versehen. Den Laternen freilich fehlen die Scheiben; gebrannt hat +noch keine; manche warf der Sturm, manche auch Menschenhand schon um; nun +liegen sie da und rosten, ein trauriges Bild des Todes dort, wo niemals +Leben war. Dazwischen in möglichst auffälliger Stellung große Tafeln mit +bunten Inschriften und Plänen, die zum Ankauf der Grundstücke verlocken +sollen. – Wird Valescure jemals gedeihen? Es ist wohl möglich – einen +Anfang von Erfolg hat es schon zu verzeichnen: »_La nature sévère et +riante, l’odeur des pins agréable et salutaire_«, wie Stéphen Liegeard den +Ort preist, hat bereits die Künstlerin der »_Comédie française_« Suzanne +Reichemberg und die nicht minder berühmte Sängerin der Pariser komischen +Oper Miolan Carvalho veranlaßt, sich hier anzusiedeln. Der Ort ist +anmuthig, dicht von immergrünem Wald umhüllt, mit heiteren Ausblicken in +das Meer und das Gebirge: trotzdem athmeten wir freier auf, als wir die +»_Grands Boulevards_« verlassen hatten und uns in einer von der +Speculation weniger übertünchten Natur bewegten. – Die Sonne ging in +blaugrauem Nebel als rothe strahlenlose Scheibe auf; dann tauchte sie aus +dem Nebel hervor und strahlte hell an wolkenlosem Himmel. Die Erde schien +jetzt von Licht überströmt. Bald betraten wir jene ausgedehnten Wälder, +welche das Esterel fast ganz bedecken. Einst hatten sie oft vom Feuer zu +leiden; statt grüner Laubkronen starrten verkohlte Skelete den Wandrer an. +Jetzt sind die Wälder Staatseigenthum geworden und erfreuen sich so +sorgsamer Pflege, daß sie fast den Eindruck großer Parkanlagen machen. Die +dunklen Strandkiefern (_Pinus Pinaster_) wiegen bei Weitem vor: sie +schließen ihre Kronen oft so dicht zusammen, daß kaum ein Sonnenstrahl +durch das Dickicht dringt. Vorzügliche Kunststraßen führen durch den Wald, +und bis auf den Gipfel der Berge gelangt man auf gut gehaltenen Wegen. +Auffallend genug sieht man eine weite Kunststraße oft ganz plötzlich +enden, wenn sie die Grenzen des Gebirges erreicht. Da hört das Departement +der Forste nämlich auf, und es beginnt dasjenige der Brücken und +Chausseen. Die beiden Ministerien arbeiten sich, wie es scheint, nicht +immer in die Hände. Nach Wegweisern sieht man sich leider vergebens im +Esterel um, und wo mehrere Straßen sich schneiden, bleibt man auf seine +Orientirungsgabe ganz angewiesen. Die besten Karten der Gegend, die wir +uns zu verschaffen vermocht, Karten, welche das Ministerium des Inneren im +Jahre 1889 veröffentlicht hatte, reichten eben nur aus, um uns irre zu +führen. Der Weg zum Mont Vinaigre war übrigens nicht schwer zu entdecken. +Zunächst sahen wir ihn vor uns, dann brauchten wir im Walde nur der +breiten Straße zu folgen und uns nordwestlich zu halten, dort wo sich +dieselbe mit anderen gleich breiten Straßen schnitt. Sie stieg in +Windungen zwischen den Bergen empor. Meist war sie im Walde versteckt, und +wir wanderten im Schatten hoher Bäume, oder sie erreichte einen steilen +Abhang, und über den Gipfel der Bäume hinweg konnte der Blick dann über +grüne Thäler und Berge weithin sich verlieren. Doch kein Haus war zu +entdecken, nirgends verrieth aufsteigender Rauch eine verborgene Hütte: +nichts als Wälder, Thäler und Berge in endloser Einsamkeit. Seitdem wir +das Gebirge betreten hatten, war uns kein Mensch begegnet. Wir fühlten uns +ganz allein: es war fast unheimlich. Nach zwei Stunden erreichten wir eine +menschliche Behausung, das Forsthaus zu Malpay: »_M[=a]ou pays_«, +schlechte Gegend, wie es provençalisch heißt, in Erinnerung an jene Zeit, +wo es hier nicht geheuer war, zu reisen. + +Die Frau Försterin schien sichtlich erfreut, sich wieder einmal +aussprechen zu können, und gab uns, während wir frühstückten, genaue +Auskunft über die Gegend. Sie zeigte uns auch in östlicher Richtung ein +Stück der römischen Straße, die man von hier aus auf eine längere Strecke +hin überblicken kann. Rom mit Gallien verbindend, endete sie in Arelate, +dem heutigen Arles, von wo die »_via Domitia_« nach Spanien führte. Zwei +römische Straßen, die als aurelianische bezeichnet wurden, führten durch +das Esterel. Die ältere folgte von Cannes aus der Küste und erst vor der +südlichsten Felsengruppe des Esterel drang sie landeinwärts, in ein Thal, +um in westlicher Richtung Fréjus zu erreichen. Später legten die Römer die +zweite Straße an, die, in gerader Richtung über die Berge laufend, +ungefähr der heutigen zwischen Fréjus und Cannes entspricht und von der +wir hier ein Stück vor Augen hatten. In einer verborgenen Schlucht unfern +derselben liegen in Malpay noch Porphyrsäulen aus alter Zeit, unvollendete +Arbeit der Römer. Der violettrothe Stein hat sich seitdem freilich mit +einer dicken schwarzen Kruste bedeckt. An die Benennung jener römischen +Straßen erinnern hier noch die Namen der Ufer und Berge. Dort, wo die +ältere der beiden Straßen das Meer verließ, heißt immer noch das Ufer +»Plage d’Aurel«, und »Pic d’Aurel« heißen die Porphyrmassen, denen sie +dann folgte. Dieses Gebirge war später von aller Cultur so abgeschnitten, +neuen Einflüssen so entzogen, daß das Volk bis auf den heutigen Tag eine +noch benutzte Strecke der älteren Straße »_lou camin Aurelian_« nennt. + +Man verläßt in Malpay die breite Straße und folgt in östlicher Richtung +dem Fußweg, der in zahlreichen Windungen am südlichen Abhang des Mont +Vinaigre aufwärts steigt. – Wie kommt der Berg zu seinem merkwürdigen +Namen? Es heißt der saure Wein, der an seinen Flanken wuchs, hätte ihm +denselben verschafft. Spuren einstiger Weincultur sind freilich nicht mehr +zu entdecken, hingegen tritt man am Abhang in die herrlichsten Maquis ein. +Baumartige Heide, Ginster, Pistacien, Euphorbien, Asphodelen, sie alle +blühen zu gleicher Zeit und erfüllen die Luft mit würzigem Duft. Denn er +ist kurz, der provençalische Frühling, und die Pflanzen müssen sich +beeilen, bevor die Dürre naht; es ist als wenn die Natur ein Frühlingsfest +hier feiern wollte, und unbewußt dringt etwas von diesem Frühling auch in +die Seele des Wandrers ein. Er vergißt alles Vergangene, ihm ist, als +könne er das Leben von Neuem beginnen. Warum auch nicht? Ist doch die Welt +so alt und erwacht sie dennoch in jedem Frühjahr zu neuem Leben. – Was +duften nur die Heiden so schön nach bittren Mandeln? Jeder Windhauch trägt +uns ganze Fluthen dieses Aromas entgegen. Dieser Duft war uns früher kaum +aufgefallen, doch eine gleiche Fülle von Ericablüthen hatten wir auch noch +nie gesehen. Ein süßer Honiggeruch erfüllt jetzt die Luft: eine +unscheinbare kleine Wolfsmilch (_Euphorbia spinosa_) ist es, die ihn +verbreitet. Ihr fehlen auffällige Blüthen, und da muß sie sich besonders +bemühen, um in so farbenreicher Umgebung nicht unbeachtet zu bleiben. Sie +wird auch von zahlreichen Bienen besucht, während die bunten +Schmetterlinge um andere prächtigere Blüthen flattern. Hier lohnt es sich, +Biene und Schmetterling zu sein! Aus dieser Blüthenmasse ragen dunkle +Erdbeerbäume, zwerghafte Kiefern, immergrüne Eichen, stachelige +Wachholdersträucher (_Juniperus oxycedrus_) hervor. Und wo ein noch so +kleiner Platz unbesetzt geblieben an dieser reichen Tafel der Natur, da +drängen sich die Asphodelen (_Asphodelus cerasifer_) mit ihren weißen +Blüthenrispen ein. Auch sie wollen ihren Antheil an Licht und Wärme haben, +an jener Nahrung, die hier in solchem Uebermaß gespendet wird. + +Wir steigen nur langsam in die Höhe, bleiben vor jeder einzelnen Blüthe +stehen, belauschen die Bienen bei der Arbeit. Erst nach einer Stunde sind +wir oben; da liegt eine ganze Welt zu unseren Füßen. Vor uns das grüne +Esterel mit seinen tief eingeschnittenen Thälern und seinen steilen Höhen, +wo aus dem Laub der Bäume die zackigen Porphyrfelsen in den Himmel ragen. +Im Westen die Ebene von Fréjus von ihrem Silberfluß durchströmt; über +dieser das Maurengebirge mit seinen dunklen Wäldern, und dann alle Buchten +der Küste, weit hin bis nach St. Tropez. Im Norden die Kalkalpen in +perlgrauem Ton; im Osten die Seealpen mit schneebedeckten Häuptern; davor +üppig grünes Land, mit leuchtenden Städten und Dörfern und wieder die +Küste, erst bei Bordighera in duftigen Nebel sich hüllend. Ganz in der +Nähe Cannes, vor ihm die Inseln von Lerins; weit vorspringend in die See +das schmale Cap von Antibes; endlich im Süden, scheinbar dem Himmel +entgegenstrebend, das unbegrenzte Meer. + +Heute war es hier oben so windstill, daß auch die einsame Korkeiche, die +am Gipfel steht, sich in der Sonne *wärmen* konnte. Auch sie, die +bedauernswerthe, war ihrer schützenden Korkhülle beraubt worden. Zum +großen Theil entblößt, mußte sie an schlimmen Tagen dem Mistral hier +trotzen. In dem friedlichen Bilde, das uns umgab, störte diese nackte +Eiche wie ein Mißton die Harmonie. + +Der Weg, den wir bei Malpay verlassen hatten, setzt sich in gerader +Richtung am Fuße des Mont Vinaigre fort und trifft bald auf die große +Straße von Fréjus und Cannes. Folgt man ihr in östlicher Richtung, so +gelangt man bald zu einer Häusergruppe, der Auberge des Adrets und dem +Gensdarmerieposten. Der Name, den das Wirthshaus führt, war in Paris einst +in Jedermanns Mund, als der berühmte Schauspieler Fréderic Lamaître im +Ambigu-Theater die Hauptrolle in einem Schauerdrama gab, das in einer +»Auberge des Adrets« spielte. Das war in den vierziger Jahren, und alle +sensationsbedürftigen Besucher von Cannes machten Ausflüge ins Esterel, um +in der »Auberge des Adrets« die Räume zu sehen, in denen ein Herr Germeuil +ermordet oder vielmehr *nicht* ermordet worden war. Denn abgesehen davon, +ob die ganze Geschichte sich jemals zugetragen, oder ob sie nur erfunden +war, handelte es sich thatsächlich in dem Drama nicht um diese, sondern, +wie das Textbuch deutlich angab, um eine Herberge gleichen Namens auf dem +Wege von Grenoble nach Chambéry. – Unter den Besuchern, die in fröhlicher +Laune von Cannes aus hierher gekommen waren, befand sich im Jahre 1868 +auch Georges Sand. Die Bewohner des Hauses wurden damals schon sehr +ungehalten, wenn man sie über jenen Herrn Germeuil ausfragen wollte; sie +glaubten, man bezichtige sie des Mordes. Richtig ist, daß vor Jahren die +Gegend um jene »Auberge des Adrets« besonders berüchtigt war. In den +unzugänglichen Thälern und Schluchten des Esterel suchten alle jene +Verbrecher ihre Zuflucht, denen es gelungen war, aus den Galeeren von +Toulon zu entfliehen. Sie pflegten die Reisenden unfern von diesem +Wirthshaus anzufallen, an einer Stelle, wo die Straße von angrenzenden +Höhen beherrscht ist. »Als wir vorbeifuhren,« schreibt Horace Benedict de +Saussure, »zeigte uns der Courier von Rom, der mit uns reiste, einen +zertrümmerten Reisekoffer, der noch am Wege lag und einem Courier gehört +hatte, der vor einigen Tagen ausgeplündert worden war.« Als hingegen der +Erlanger Professor der Naturwissenschaften Gotthilf Heinrich Schubert 1822 +»mit der Hausfrau, die, wie gewöhnlich, als Haushofmeister und Adjutant, +ihren alten Träumer begleitete«, die nämliche Stelle überschritt, hatten +sich die Zustände bereits geändert. In dem Wirthshaus war ein +Gensdarmerieposten errichtet. Doch fand er dort nur eine alte Frau und +zwei kleine Kinder vor. Während die Reisenden sich stärkten, kam die Alte +auf die verschollenen Räubergeschichten zu sprechen. »Wenn sich so ein +Räuber doch hier wieder sehen ließe,« meinte die Frau, »damit unsere +Gensdarmen zeigen können, daß sie ihr Brot nicht umsonst essen.« – Seitdem +die Eisenbahn Fréjus mit Cannes verbindet, ist diese Straße wie +ausgestorben, und Räuber würden ihr Auskommen da nicht mehr finden. Das +Wirthshaus zeigt aber noch deutlich an, daß es einst darauf eingerichtet +war, sich zu vertheidigen. Die Mauern sind ungewöhnlich dick, die Fenster +des unteren Stockwerks mit eisernem Gitter versehen. Durch eine Oeffnung +in der eichenen Thür wurde der Reisende erst genau betrachtet, bevor er +Einlaß erhielt, schräge Schießscharten in den Wänden sind gegen die Thür +gerichtet: das Haus gleicht einer Festung, die nur durch regelrechte +Belagerung genommen werden konnte. Jetzt steht seine Thür weit offen, und +kleine Kinder spielen vor dem Hause. + +Wir kehrten nach Malpay zurück und wählten von dort einen Weg, der in +südöstlicher Richtung uns nach Agay führte. Bald waren wir in den _Vallon +de la Cabre_ gelangt. Dort breitete überall am Abhang der lorbeerartige +Schneeball (_Viburnum Tinus_) seine weißen Blüthendolden aus. Bis auf die +betretenen Wege wagten sich die blauen Schwertlilien (_Iris germanica_) +hervor. Die Dichternarcisse (_Narcissus poëticus_) schaute uns aus dem +Gebüsch mit ihren leuchtenden Blumenaugen an. Hochstengelige Tulpen +(_Tulipa Celsiana_) grüßten uns aus der Ferne mit ihren gelben Blüthen. +Die violetten Blüthenstände der doldenblüthigen Schleifenblume (_Iberis +umbellata_) überraschten uns durch ihre Pracht; hatten wir doch dieses +schöne Gewächs bisher nur in Gärten gesehen. Bald war in unseren Händen +_Ophrys aranifera_, die merkwürdige Orchidee, mit ihren spinnenartigen +Blüthen, und zu dieser konnten wir dann auch ihre bienenähnliche Schwester +(_Ophrys apifera_) gesellen. Am meisten aber erfreute uns das seltene +_Limodorum abortivum_, eine blattlose Orchidee, die in allen Theilen +hellviolett gefärbt, auch hellviolette Blüthen trägt. So wandelten wir im +Thale mit großen Blumensträußen in den Händen. Da plötzlich tauchte vor +uns ein großer Porphyrblock auf. Er steht auf schwachen Füßen und neigt +sich über den Bach, als wollte er stürzen. Das Volk hat ihn den +Taubenschlag, »_Pigeonnier_«, genannt. Dann führte unser Weg weiter an +anderen phantastischen Felsen vorbei; oft schienen sie das Thal zu +versperren und traten erst weit im Halbkreis auseinander, als wir den Fluß +von Agay erreichten. Dem folgten wir bis an das Meer. Zackig zerrissen, in +rothem Lichte glühend, schaut dort das Castel d’Agay in die See hinab. Wie +Zähne einer Riesensäge ragen in langgedehnter Reihe die steinernen Zacken +gegen den Himmel vor. Wir rasteten an der lieblichen Bucht von Agay, die +der rothe Porphyr in einen farbigen Rahmen faßt. Wir sind hier zehn +Kilometer von St. Raphaël entfernt, an der Station der Mittelmeerbahn, die +dem Seestrande folgt, um dem Gebirge auszuweichen. + +Unfern von Agay, am Wege nach St. Raphaël, wird blauer Porphyr gebrochen. +Große Blöcke sprengt man aus dem Berge heraus, schneidet sie in Platten +und Würfel und verwerthet den Rest für Straßenbau. Der ganze Strand ist +mit blauem Porphyr bedeckt, und zahlreiche Arbeiter sind beschäftigt, ihn +auf Schiffe zu laden. Der Porphyr des Esterel ist ein Quarzporphyr, der in +dichter, mit bloßem Auge nicht unterscheidbarer Grundmasse, die aus Quarz +und Feldspath besteht, Krystalle oder crystallinische Körner aus Quarz +oder Feldspath führt. Der Feldspath ist meist fleischroth, doch wird die +rothe Färbung des ganzen Gesteins vornehmlich durch Eisenoxyd bedingt, das +als ein feiner Staub in der Grundmasse vertheilt ist. In den blauen und +andern hellgefärbten Porphyren tritt das Eisenoxyd gegen +Eisenoxydulverbindungen zurück. Der blaue Porphyr wird für Straßenbauten +besonders geschätzt und seine Gewinnung hier in großem Maßstab betrieben. +– Dem Steinbruch gegenüber springt eine Landzunge, »_Le Piton de +Dramont_«, vor in die See und trägt auf steil abfallenden Felsen einen +hohen Leuchtthurm. Er warnt den Schiffer schon aus der Ferne vor der +Gefahr, die ihn an dieser felsigen Küste bedroht. Die Bucht von Agay, die +bei ruhigem Wetter still ist und leer, füllt sich bei stürmischer See oft +mit vielen Schiffen. Sie warten hier, im sicheren Schutze der Berge, auf +günstigeres Wetter, und schon zur römischen Zeit hat der Agathon Portus +manches Schiff vor Untergang gerettet. + + VI. + +Als ein Wunder des Esterels gilt das Malinfernet, ein versteinertes +Felsenmärchen. Eine Straße führt jetzt von Agay dahin, und drei Stunden +Wagenfahrt genügen, um es von St. Raphaël zu erreichen. Wir ziehen die +Fußwanderung vor und brechen von le Trayas auf, wohin wir mit der Bahn in +einer halben Stunde gelangen. Dort kreuzen wir sogleich die Schienen und +steigen am westlichen Abhang des vor uns sich erhebenden Berges in die +Höhe. Wir wandern in Maquis, noch üppiger als wir sie an andern Stellen +des Esterels gesehen. Vom süßen Honigduft der Euphorbien sind wir fast +betäubt. Weite Flächen werden gelb gefärbt von großblüthigen +Pfriemensträuchern (_Calycotome spinosa_). Cistusrosen (_Cistus albidus_) +beginnen eben ihre großen rothen Blüthen zu entfalten. Zunächst sind sie +zerknittert, so wie sie es in dem engen Raum der Knospenhülle waren, doch +breiten sie sich aus, verlieren bald alle Falten und locken nun die +Schmetterlinge durch ihren zarten Farbenreiz. Wir pflücken keine dieser +Blüthen, da sie zu vergänglich sind, der leiseste Windhauch trägt ihre +Kronenblätter davon. – Welche Fülle bunter Schmetterlinge belebt hier den +Abhang. Blüthen und Schmetterlinge gehören ja zusammen. Der sonst seltene +Falter _Anthocharis Eupheno_ ist hier fast gemein. Er gleicht unserem +Aurorafalter, ist aber schwefelgelb, nicht weiß wie jener. Dieselben +rothen Flecken zieren seine Vorderflügel. Unruhig und rasch fliegt er +durch die Lüfte. Ebenso behend ist der Osterluzeifalter (_Thaïs +Polyxena_), dessen bräunlich gelbe Flügel mit schwarzen Zacken sich +umrandet zeigen und rothe und blaue Flecken tragen. Er gleicht einem +Harlekin, so bunt und befranzt ist seine Tracht. Langsam schweben in allen +Richtungen die Segelfalter an uns vorüber. – Bald haben wir einen Kamm, +den Col Lentisque erreicht, den zahlreiche Korkeichen schmücken. Hier +schneiden sich mehrere Wege. Wir wählen denjenigen, der zur Rechten +abzweigt, überschreiten alsbald die Paßhöhe und beginnen in einem waldigen +Thale, dem »Ravin« des Baches Escalle, der hier abwärts fließt, langsam +abzusteigen. Schöne Stecheichen (_Ilex aquifolium_) ragen stellenweise aus +dem üppigen Dickicht hervor. Es sind das hier stattliche Bäume, während +wir sie in unseren Wäldern nur in Strauchform finden. Da fällt uns dann +wieder auf, was einst schon Chamisso bemerkte, daß die glänzenden, +lederartig starren Blätter nur in den unteren Theilen des Baumes mit +scharfen Zähnen besetzt sind, an den höher entspringenden Aesten aber +einen fast glatten Rand haben. Nur an denjenigen Blättern, die von den +weidenden Thieren erreicht werden können, bildet zum Schutz gegen +dieselben diese Pflanze Stacheln aus. Der Weg wendet sich plötzlich nach +Westen, und ganz unvermittelt stehen wir am Ausgang des Malinfernet. Da +ragen sie nun hervor aus dem dunklen Wald, alle die rothen Felsen hier in +der Sonne glühend, dort in den Schatten der Berge getaucht. Sie +verschieben sich gegeneinander bei jedem Schritt, den wir vorwärts +schreiten; die einen schwinden, die andern treten hervor, fast endlos. Und +der klare Bach, der das Thal durchströmt, rauscht entweder stark, oder +murmelt schwach, oder donnert laut in Wasserfällen. Einmal verbirgt er +sich ganz im grünen Laub der Bäume, dann tritt er wieder weit sichtbar vor +und spiegelt mit hellem Glanze den Himmel. Und erst die Felsen! Hier +glaubt man einen spitzen Thurm zu sehen, wie den Thurm eines gothischen +Domes, mit steinernen Blumen und Thieren und allerhand Schnörkeln +verziert; dort eine Burg mit ihren Schanzen und Zinnen, dort eine Orgel +mit riesigen Pfeifen, hier einen schlanken Kegel, dort einen kantigen +Crystall, hier wieder ein Standbild auf hohem Postament. Ist das nicht der +Gott Osiris, der auf diesen Felsen thront? Er trägt zwei junge Kiefern wie +Scepter in den Händen. Am Eingang jener Schlucht kauert eine Sphinx und +holt aus zum Sprunge. Und dort am fernen Abhang scheint eine wilde Jagd +den Berg hinabzurasen. Die phantastischen Thiere ragen hoch aus dem Wald +hervor, in letztem Todeskampf zu Stein erstarrt. Da hat die Natur ihrem +ungezügelten Gestaltungsdrang freien Lauf gelassen; sie schuf in +übermüthiger Laune. Und als bereue sie nachträglich diesen Uebermuth, +verbarg sie sorgsam das Thal zwischen hohen Bergen. Das Malinfernet mußte +thatsächlich erst entdeckt werden, und noch im December 1851, nach dem +napoleonischen Staatsstreich konnten politische Flüchtlinge sich dort +lange Zeit verborgen halten und den Nachforschungen der Gensdarmen +entgehen. + + VII. + +Gegen Abend zogen wir wieder hinaus zum Strande von St. Aigulf. Wir +wollten das Esterel noch einmal im Glanze der untergehenden Sonne glühen +sehen. Es war ein farbenprächtiger Abend, still und mild, einer jener +Abende, die das Gefühl des Glückes in der menschlichen Seele erwecken. +Kein Luftzug bewegte die Blätter der Bäume. Im See von Villepey spiegelten +sich dunkle, goldumstrahlte Wolken. Durch unser Nahen aufgeschreckte Vögel +flohen aus dem Dickicht des Ufers empor. Sie stiegen in die Lüfte und +schienen schwarze Furchen zu ziehen am hellen Abendhimmel. Die Wolken im +Westen nahmen Purpurfarben an, und in ihrem Widerschein röthete sich auch +der See. Er sah jetzt unheimlich aus, wie eine Lache von Blut; das dunkle +Dickicht aus Rohr umfaßte ihn mit schwarzem Trauerrand. Wir setzten unsern +Weg fort zum Strande. Bald stand der Westen in voller Gluth, und das +Maurengebirge glich einem Riesen in der Feuersbrunst. Die Bäume des Waldes +zeichneten sich schwarz auf hellem Grund, als wäre ihr Umriß mit Kohle +gezogen. Allmälig verblaßte der Himmel. Auf den spiegelnden Wellen des +Meeres begannen sich die weißen Strahlen der ersten Sterne mit dem rothen +Abglanz der letzten Abendlichter zu mischen. Als wir den Strand +erreichten, war es bereits so dunkel, daß wir den Umrissen des Meeres +nicht mehr folgen konnten. Der Himmel sprühte von Sternen und schien auch +ungezählte Lichter im Meere auszusäen. Wir lauschten dem Stöhnen und +Rollen der Brandung und frugen uns, warum es ewig klagt und grollt, dieses +länderumspülende Meer; ist es der Schmerz über all’ das Leid, das sich an +seinen Ufern zugetragen? Ist doch auch dieser Ort nach jenem Heiligen +benannt, der auf den Lerinischen Inseln gemartert ward. Manchmal glaubten +wir nahende Schritte zu hören; doch nein, es war nur ein reifer +Kieferzapfen, der vom Baum zu Boden fiel, oder eine größere Welle, die +sich über das Ufer ergoß und zischend dem Meer wieder zueilte. Die +silberne Mondsichel, ganz schmal, tauchte hinab in die Bäume. Starr +leuchteten uns von Osten her die Leuchtthürme von St. Raphaël und von +Drammont entgegen; der Phar von Camarat im Westen flammte auf und nieder: +es war, als öffnete und schlösse er abwechselnd sein großes Feuerauge. Im +Meere tauchten Barken auf in gelbem Fackelschein. Das waren Fischer, +welche mit Feuer die Tiefen erhellten, um Fische zu erspähen. Die +flackernden Flammen warfen lange zitternde Streifen auf die Wellen. +Plötzlich tauchte dicht vor unseren Augen, gespensterhaft groß, eine +riesige Barke auf, mit ausgespannten Segeln. Sie deckte uns die Sterne und +warf einen schwarzen Fleck über den funkelnden Himmel. Eben so rasch, wie +sie kam, war sie auch verschwunden, lautlos, unvermittelt, wie ein +Geisterschiff. + + VIII. + +Unfern vom Bahnhofe bei le Trayas schaut aus dem dunklen Grün der Bäume +ein helles Häuschen hervor. Schilder an der Station preisen es als »_Hôtel +du Trayas et restaurant de la Réserve_« an. Der Ort liegt so schön am +Wald, zwischen rothen Felsen, daß wir den Entschluß faßten, dort einige +Zeit zu weilen. So fanden wir uns am nächsten Tage auf der Station von le +Trayas mit unserem Gepäck wieder ein. Wir frugen nach dem Wege zum +»Hôtel«, und wurden auf einen Hund verwiesen, der sich in unserer Nähe +befand. »Sie brauchen ihm nur zu folgen, er wartet auf die Gäste«. Der +Hund hatte sich uns genähert, als wir mit Handgepäck beladen, aus dem +Eisenbahnwagen stiegen und sah uns verständnißvoll an. Es war ein großer +schwarzer Vorstehhund, mit langem seidigem Haar. Wir schritten zum +Ausgang; der Hund eilte uns voran, blickte oft sich um und wedelte dann +mit dem Schweife. Er führte uns den Weg an der Bahn entlang, hierauf in +den Wald. Einen Augenblick war er verschwunden: es galt einen kleinen +Pintscher im nahen Försterhause zu besuchen, vielleicht ihm mitzutheilen, +daß Fremde angelangt seien. Der kleine Freund kam mit bis auf den Weg, um +uns zu betrachten, dann zog er sich zurück. In einer Viertelstunde +erreichten wir das Gasthaus, einen bescheidenen Bau, doch mit ziemlich +weiter Glashalle. Augenscheinlich wurde die Restauration des »Hôtels« mehr +als seine Wohnräume in Anspruch genommen und somit wohl die Glashalle am +meisten benützt. Der Hund stellte sich vor die Eingangsthür und bellte. Es +war das aber nicht ein gewöhnliches Bellen, er stieß vielmehr gedämpfte, +rasch hinter einander gedehnte Töne aus, welche die Mitte zwischen Bellen +und Heulen hielten. Da stürzte der geschäftige Wirth mit seiner ganzen +Familie aus dem Hause und bot uns seine Dienste an. Die Zimmer im Hause +sind zwar äußerst klein, doch erträglich, der Aufenthalt auf der Terrasse, +bei so schönem warmem Wetter, wie wir es trafen, war aber geradezu +entzückend. Steht doch das Haus dicht am Meere, auf einem Porphyrfelsen, +und kann der Blick weithin der Küste folgen, an rothen Porphyrmassen, dann +dunkelgrünen Höhen vorbei Cannes erreichen und auf den Lerinischen Inseln +im Meere, oder dem weißen Schnee der Alpen über den Bergen, endlich ruhen. +Vorn ist der rothe Strand in scharfe Buchten zerschnitten und zu tiefen +Grotten ausgehöhlt; im Norden steigt, dicht über dem Hause, der Pic +d’Aurelle empor, im Westen schließt die mächtige Felsenmasse des Cap Roux +die Landschaft ab. + +Viele Fremde kommen aus Cannes hierher, verweilen aber nur wenige Stunden, +um sich in der Glasveranda an »_Bouillabaisse_«, oder an den Austern und +Hummern der »Reserve« zu laben. Hin und wieder findet sich zu mehrtägigem +Aufenthalt ein leidenschaftlicher Liebhaber des Fischfangs ein. Denn das +Meer gilt für besonders fischreich an diesem felsigen Strande, und der +Fischer findet vollauf Gelegenheit, seine List und seine Gewandtheit zu +üben. Als besonders spannend gilt der Fischfang des Nachts bei Feuer und +verlangt, so wie er hier geübt wird, sehr viel Geschick. Eine solche Fahrt +muß man einmal mitgemacht haben! + +Das Meer war so ruhig, so einladend, daß wir einen Fischer veranlaßten, +uns am Abend zu solchem Fischfang mitzunehmen. Es dunkelte schon, als wir +das Land verließen. Kein Mond am Himmel, doch unendlich viel leuchtende +Sterne, deren Zahl noch immer zu wachsen schien. Sie spiegelten sich in +den Wellen, die wir durchschnitten. Die Umrisse der Berge schwanden immer +mehr; bald bildeten sie nur noch einen dunklen sternenlosen Schatten am +Himmelssaum. Im Meere war es still; wir hörten nur den leisen Anprall der +Wellen gegen das Boot und den regelmäßigen Schlag der Ruder ins Wasser. +Die Brise aber, die des Nachts von den Bergen weht, trug die Stimmen des +Landes über das Meer. Wir hörten aus der Ferne die lauten Concerte der +Laubfroschscharen, das schrille Zirpen der Heuschrecken. Zugleich brachte +uns diese Brise alle die Wohlgerüche, welche den harzigen Kieferwäldern +und den würzigen Maquis entströmen. Nah und fern glänzten am Ufer, wie +große Sterne, die Leuchtthürme uns entgegen. Wir gaben uns diesen +Eindrücken ganz hin und athmeten mit Wonne die balsamische Luft. Der eine +Fischer beugte sich dann über das Boot, um das Feuer zu entzünden. Vorn an +einem Haken war der eiserne Gitterkorb befestigt, den er mit harzigem Holz +der Aleppokiefer gefüllt hatte. Knisternd entflammte dasselbe und +verbreitete ein grelleres Licht, wie Fackelschein. Dieses Licht drang in +die Tiefen des Meeres ein, während der Himmel über uns jetzt fast schwarz +erschien. Wir glitten über Felsenmassen, auf welchen Meeresalgen wahre +Zaubergärten bilden. Da mischen und durchdringen sich alle Farben, von +lebhaftestem Grün bis zu dunklem Braun und zu leuchtendem Roth. Hier +breite Blätter zu Rosetten aneinander gedrängt, dort lange fluthende +Fäden, wie aufgelöstes Haar, dort wieder rundliche Gebilde wie Muscheln. +Dazwischen schillernde Seeanemonen mit vorgestreckten Fühlern, rothe +Seesterne mit ausgebreiteten Armen und stachelige Seeigel, die dunkle +Flecke in einem bunten Teppich zu bilden scheinen. Kleine Fische fliehen +erschreckt nach allen Seiten, größere folgen in Scharen, wie durch das +Licht fascinirt, unserem Boot. Spähend steht am Vordertheil des Schiffes +der Fischer und schaut in die Tiefe. Er hält eine dreizinkige, an langer +Schnur befestigte Harpune in der Hand, bereit sie abwärts zu stoßen. Jetzt +gießt er einige Tropfen Oel auf das Wasser, um die Fluth, die der Luftzug +kräuselt, zu glätten. Die Ruderschläge verstummen. Plötzlich fährt der +Wurfspeer in die Tiefe, sein mit Widerhaken versehener Dreizack durchbohrt +einen Fisch, und zappelnd wird dieser emporgezogen, um im Boote bald zu +verenden. – Es gehört viel Uebung und Geschick zu einer solchen Jagd. +Nicht nur gilt es beim Wurf die Bewegung des Fisches, sondern auch jene +Lichtbrechung im Wasser zu berücksichtigen, welche den Fisch an einer +anderen Stelle zeigt, als die, an der er sich wirklich befindet. Wir gaben +die Jagd auf, es genügte uns dieses eine Opfer; langsam erlosch unser +Feuer und wieder glitten wir friedlich auf der weiten See, beschienen von +silbernen Sternen. + +Gegen den Mistral ist le Trayas vollständig gedeckt, der Cap Roux fängt +ihn mit seinem breiten Rücken auf. Zu gleicher Zeit, da in Cannes und +Nizza dichte Staubwolken von den Straßen aufsteigen, merkt man hier kaum +einen Luftzug und kann sich behaglich im Freien vor dem Hause sonnen. Doch +darf der Ostwind nicht kommen; der rückt hier an, mit voller Gewalt; er +stürmt das Gebirge, das ihm Halt gebietet, prallt zurück von den hohen +Felsen und umwirbelt sie mit wüthendem Geheul. Das geängstigte Meer +scheint dann auf das feste Land sich flüchten zu wollen; mit Schaum +bedeckt versuchen es seine Wellen, die Felsen zu erklimmen, doch sie +zerschellen an dem harten Stein und sinken gebrochen zurück in die Tiefe. +In der Höhlung der Grotten fangen sie sich aber ein, suchen dort einen +Ausweg nach oben und schlagen mit solcher Gewalt gegen die Wölbungen an, +daß das ganze Ufer erdröhnt. Da ist von Schlaf kaum die Rede des Nachts in +dem kleinen Hause, – schlummert man endlich auch ein, so träumt man +Schauergeschichten und wacht dann plötzlich auf mit Schrecken und +Beklemmung. Staub gibt es freilich selbst dann nicht auf den +Porphyrstraßen des Esterel, und in einem vom Strande entfernteren, mehr +geschütztem Hause, könnte daher wohl mancher Lungenkranke im Frühjahr +besser aufgehoben sein, als in den von Kalkstaub erfüllten Kurorten. Im +Winter selbst wird es hier zu kalt und fehlen demgemäß auch die +empfindlicheren Pflanzen in der Flora. + + IX. + +Vor Allem galt es uns von hier aus den Gipfel des Cap Roux, den »Grand +Pic« des Esterel, zu besteigen. Gleichzeitig wollten wir die Grotte Sainte +Beaume d’Honorat besuchen und frugen nach dem Wege zu derselben. Der Wirth +bot uns den Hund als Führer an, denselben Hund, der uns am Bahnhof +empfangen hatte. »Castor« wurde herbeigerufen. Wir hatten schon nähere +Bekanntschaft mit ihm geschlossen, bei den Mahlzeiten seiner gedacht und +so seine Zuneigung gewonnen. Dieser Hund hatte merkwürdig viel Ausdruck im +Gesicht; seine Augen blickten so klar und treu, und wenn er uns von der +Seite ansah und das Weiß seiner Augen sichtbar wurde, da erschienen diese +so verständig und nachdenklich, so überlegt und klug, fast wie +Menschenaugen. Allem Anschein nach verstand Castor den Sinn vieler Worte +und staunten wir daher auch nicht, als der Wirth den Auftrag ihm +ertheilte, uns nach der Beaume zu führen und zu diesem Zwecke das Wort +»Beaume« drei Mal mit Nachdruck wiederholte. Castor wedelte mit dem +Schwanze zum Zeichen des Verständnisses, doch blieb er zunächst noch +stehen. Ah! sagte der Wirth, ich habe den Lohn vergessen, den er gewohnt +ist zu erhalten: die eine Hälfte hier, die andere an der Beaume. So wurden +denn Cakes geholt, für welche Castor eine besondere Vorliebe hatte. Die +eine Hälfte verzehrte er sogleich mit sichtlichem Behagen, die andere +Hälfte nahmen wir mit auf den Weg. Wir brachen jetzt auf, Castor voran, +die Schnelligkeit seines Ganges nach der unserigen richtend, häufig nach +rückwärts schauend, ob wir ihm auch folgen. Wir streiften den +Eisenbahndamm in westlicher Richtung und waren bald an die Mündung des +Thales gelangt, das den Pic d’Aurelle von der Bergwand des Cap Roux +scheidet. Das Meer dringt vor in dieses Thal, um eine der vielen Buchten +zu bilden, die hier Calanques heißen. Eine Eisenbahnbrücke überspannt im +Bogen die Bucht. Wir glaubten den Weg unter derselben einschlagen zu +müssen, doch Castor führt uns aufwärts, und ohne auf die Eisendrähte zu +achten, durchkreuzt er die Bahn. Wir glaubten seinem Beispiel folgen zu +müssen, und in der That schließt ja auch beiderseits der Weg an den +Bahndamm an. Die Drähte scheinen nur da zu sein, um überstiegen zu werden, +nur um die Bahn im Falle eines Unglücks vor der Verantwortung zu schützen. +Diese Einrichtung wiederholt sich hier längs der ganzen Bahnstrecke, +zahlreiche Wege münden beiderseits an dieselbe, und man wird zum +Uebersteigen der Drähte vom Bahnwärter selbst ermuthigt, wenn man ihn nach +dem Wege frägt. – Castor führte uns am Abhang des Cap Roux in +nordwestlicher Richtung weiter; er kehrte sich nicht an die vielen Wege, +die steiler am Berge aufstiegen, ging ruhig und sicher in gerader Richtung +vor sich hin. Das Thal wendet sich dann nach Westen, und wir folgten dem +nördlichen Abhang des Berges. Ein gemauertes Schutzhaus steht am Wege, das +den Forstbeamten als Zufluchtsstätte dient; nebenan entspringt am Berg +eine Quelle. Hier bog Castor seitlich ab, wählte den rechts aufsteigenden +Pfad und führte uns jetzt steil in die Höhe. Zunächst war der Weg noch +gut, doch nach einiger Zeit gelangten wir in Geröll und Felsen. Dann +folgten Stufen im Stein; stellenweise schwebten wir über dem Abgrund, doch +da waren eiserne Stäbe in den Fels geschlagen, an denen wir uns stützen +konnten. Castor war augenscheinlich nicht schwindlig; er kletterte behende +aufwärts, schaute oft an schwierigen Stellen sich um, als wenn er unserem +Geschicke nicht ganz traute. Vor uns auf der Felsenkante steigen die +Trümmer eines Thurmes auf, die Reste der früheren Einsiedelei. Ein Thorweg +durchsetzt den Thurm; wir bleiben an dessen Eingang stehen. Der Blick +taucht hier über die steilen Felsen in das üppige Thal hinab. Grüne Berge, +von zackigen Porphyrmassen gekrönt, steigen jenseits auf; über dem Col +Lèveque im Osten glänzen die Schneehäupter der Alpen. Und im Westen, in +bläulichem Dunst getaucht, begrenzt das Maurengebirge den Horizont. – +Jenseits des Thurmes ist der Eingang zur Grotte. Castor hatte sich vor +denselben gelagert. Nicht ohne Selbstgefühl schaute er uns an. Er hielt es +nicht einmal für nöthig mit dem Schweife zu wedeln, als wir ihm die Cakes +überreichten. Er hatte sie verdient; Demuth war nicht am Platze. Wir +traten in die Grotte ein. Rechts birgt sie eine Cisterne. Im Hintergrunde +ist ein bescheidener Altar errichtet, und noch bescheidenere Standbilder +der Heiligen zieren die Wände. Hier soll einst als Einsiedler der heilige +Honoratus gelebt haben, jener Heilige, der um das Jahr 408 auf den +Lerinischen Inseln ein berühmt gewordenes Kloster gründete. Zahlreiche +Pilger zogen Jahrhunderte lang und ziehen auch jetzt noch am ersten +Donnerstag im Mai den steilen Berg hinauf, um den Heiligen zu verehren. +Eine Nische in der Grotte soll des Heiligen Lager gebildet haben. Die +Pilger betrachten mit Andacht die Vertiefungen im Stein, die sie als +Spuren deuten, welche der Körper des Heiligen hinterließ. + +St. Honoratus stammte aus dem nördlichen Gallien, wie es heißt aus einer +vornehmen Familie. Noch jung zog er sich in diese Einöde zurück. Sein +Beispiel regte zur Nachahmung an. Es folgte ihm der heilige Eucharius, ein +provençalischer Edelmann, Seigneur de Théol et de Mandelieu, der aber +später als der heilige Honoratus der Welt entsagte. Er mag manchen +bitteren Kummer und manche Enttäuschung zuvor erlebt haben. Denn, wie ich +der Geschichte der Diöcese Fréjus, die der Abbé Disdier veröffentlicht +hat, entnehme, war der heilige Eucharius zuvor verheirathet gewesen und +besaß zwei Söhne und zwei Töchter. Als ihm seine Frau durch den Tod +entrissen wurde, übergab er die Erziehung der Söhne dem heiligen Hilarius +und zog sich zunächst auf eine der Lerinischen Inseln und dann in die +Einsiedelei des Cap Roux zurück. Er bewohnte hier eine Grotte, die noch +unzugänglicher, noch abgeschlossener als diejenige des heiligen Honoratus +war. Hier »von Allen getrennt, der Ruhe und der Schweigsamkeit sich +weihend, hatte er weder den Willen noch die Gelegenheit zu sündigen«. Hier +verfaßte er auch einen begeisterten Tractat zum Lob der Einsamkeit. Doch +sollte er sein Leben nicht in dieser Einöde beschließen. Abgesandte der +Lyoner Gemeinde entführten ihn, um ihn als Erzbischof an ihre Spitze zu +stellen. – Schwer fällt es heute, sich in den Geist jener begeisterten +Asketen zu versetzen, denen als Ideal der Vollkommenheit nicht die +Erfüllung der sittlichen Pflichten des Lebens, sondern der Ertödtung aller +sinnlichen Gelüste vorschwebte. Doch damals waren die Zeiten anders, und +es sah so traurig aus in der Welt, daß mancher an ihr verzweifeln konnte. +Manch’ edel angelegter Mensch mochte glauben, daß sein ethisches Ideal +innerhalb einer solchen Welt nicht zu verwirklichen sei, und suchte es +darum in der Weltentsagung. Solches ideale Streben, das mit dem Opfer der +eigenen Person verbunden ist, zwingt uns Bewunderung ab; menschlicher +muthet uns ein späterer Einsiedler vom Berge des Cap Roux an, Namens +Laurentius Bonhomme, der dort die zweite Hälfte des siebenten Jahrhunderts +verlebte. Er betrieb allerhand kleines Gewerbe, war immer fleißig bei der +Arbeit, züchtete Bienen, verwerthete deren Wachs und Honig, und das Geld, +das er verdiente, vertheilte er unter die Armen. Er schloß sich von den +Menschen nicht ab, wanderte auch nicht selten nach Fréjus, gefolgt von +einem Reh. Der Bischof ließ sich das Reh von ihm schenken; es blieb in +Fréjus zurück. Später nun, als Laurentius wieder einmal in Fréjus war und +vor dem bischöflichen Palaste sich laut unterhielt, hörte das Reh seine +Stimme, sprang aus einem Fenster des Palastes zu ihm hinab und leckte +seine Hände. Da fühlte der Mann sich glücklich; er empfand »_le bonheur du +parfait solitaire_«, wie es in der Erzählung heißt. So auch war seine +Einsiedelei stets von zahlreichen Vögeln umgeben, die er zu Zeiten der +Dürre in den Vertiefungen der Felsen mit Wasser tränkte. Eines Tages +überraschte er Diebe, die ihm seine Bienenstöcke geraubt hatten. +Erschrocken sahen die Missethäter ihn nahen. Er aber trug ihnen auch noch +die übrigen Bienenstöcke zu und rief ihnen nach, sie hätten die besten +vergessen. Solche unerschöpfliche Güte rührte das Gemüth der Missethäter: +sie besserten sich, so heißt es, von dieser Stunde. + +Wir blieben nochmals vor der Grotte stehen und verloren uns im Anblick +dieser schönen Gegend. So mag sie auch ausgesehen haben vor anderthalb +tausend Jahren, als der heilige Honoratus in dieselbe blickte. Auch damals +schon glänzten die rothen Porphyrfelsen so feurig im Sonnenschein, und +damals schon leuchtete der ewige Schnee so blendend weiß dort jenseits auf +den Alpen. Auch dasselbe Bedürfniß nach Idealen ist dem menschlichen +Geiste geblieben, nur hat sich die Form derselben verändert. + +Wir stiegen hinab bis zur Quelle und schlugen einen anderen Weg dann ein, +um von Westen her den Gipfel des Berges zu erreichen. Wir suchten Castor +zur Heimkehr zu bewegen, doch zog er es vor, bei uns zu bleiben. Freilich +fühlte er sich nicht mehr verpflichtet, uns den Weg zu weisen, er ging +nicht mehr vor uns her, schweifte vielmehr ab nach allen Seiten. Oft sah +man ihn nicht, da war er im Gebüsch, um Vögel aufzuscheuchen; er schaute +ihnen in den Lüften nach. Einmal schien er einem größeren Thier +nachzujagen, vielleicht einem der vielen Füchse, die das Esterel bewohnen. + +Auf dem Gipfel des Cap Roux, dem Grand Pic, der einst Vigie de Peyssarin +genannt wurde, entfaltete sich vor uns ein Bild so herrlich, wie wir es +kaum je gesehen. Der Eindruck, den wir empfingen, war erhaben und lieblich +zugleich, malerisch und von mächtiger Wirkung. Während vom Mont Vinaigre +aus unser Auge erst in der Ferne über grüne Berge das Meer erreichen +konnte, hatten wir hier die blauen Fluthen zu unseren Füßen. Die grünen +Abhänge des Cap Roux fallen langsam zum Meere ab; sie endigen in schroffen +Felsen, die sich senkrecht in die Wellen stürzen. Dort setzen sie sich +fort mit Zacken und Rissen, schneiden ein in das Meer mit scharfem Grat, +fassen es in ausgehöhlte Mulden, tauchen dann wieder wie steinerne Riesen +aus der Fluth empor. Das Wasser nimmt violette Töne an auf dem purpurnen +Grunde: es scheint flüssiger Amethyst zu sein in einem Becken von Rosso +antico. Um uns herum glühen die Felsen in hellem Sonnenschein. Gelbe und +graue Anflüge, von Flechten erzeugt, tönen das satte Roth ab in unzähligen +Schattirungen. Gegen diesen Vordergrund hebt sich die Ferne mit ganz +eigenem Colorit ab; man wird völlig berauscht von dieser Pracht, sie +klingt einem wie Musik in der Seele. Zunächst beachtet man kaum die Form +der Gegenstände und läßt nur ihre Farben auf sich wirken: wie sich die +Töne mischen und wie sie einander durchdringen, wie sie hier verschmelzen, +dort in effectvollem Contrast von einander absetzen. Wie wunderbar glüht +dieser braunrothe Coloß auf dem blauen Hintergrunde des Meeres, das hoch +hinter ihm am Horizonte aufzusteigen scheint! Wie hebt sich dieser andere +Porphyrfelsen von dem perlgrauen Grunde der Kalkalpen ab; dort springen +wieder rothe Zacken vor gegen den leuchtenden Himmel, im Osten über Nizza +krönt der blendend weiße Schnee der Alpen wie ein silbernes Diadem das +grüne Vorgebirge. Ihm wenden sich immer wieder von Neuem unsere Blicke zu. +Unten aber schillert am Strande das blaue Meer in purpurnen Tönen auf dem +rothen Grunde; fern im Süden spiegelt es die Sonne wider und strahlt +unermeßliches Licht zurück. Eine mächtige Felsenmasse im Westen deckt uns +das Thal von Fréjus, hinter ihm thürmt sich das Maurengebirge in +sammetgrünen Farben auf. Das Auge folgt der Küste bis zu den goldenen +Inseln. Im Osten liegt vor uns der Golf de la Napoule und Cannes fast in +greifbarer Nähe. Die Inseln von Lerin tauchen grün wie Smaragde hervor aus +der goldigen Fluth. Wir sehen sie jetzt alle zu einer leuchtenden Gruppe +vereinigt, voran die Insel St. Honorat, dann St. Marguérite, und neben +St. Honorat im Osten, nur als dunkler Streifen, die kleine St. Féréol; +dahinter taucht das Cap d’Antibes seine belaubten Ufer in die Fluthen; es +springt so weit vor in die See, als wollte es dieses eine Meer in zwei +Meere theilen. Jenseits der Baie des Anges, der breiten Engelsbucht, +glänzt das weiße Nizza im Halbkreis an grünen Hügelketten, und dann +erheben sich Berge hinter Bergen, bis jenseits Bordighera die Umrisse der +Küste verschwimmen. + +Auf Castor machte dieses Bild keinen Eindruck. Er beschnüffelt sorgsam die +Steine, auf welchen, den Ueberresten nach zu schließen, von früheren +Touristen manches Frühstück verzehrt worden ist. Sicherlich strengt er +seine Einbildungskraft an, um die einzelnen »Menus« zu reconstruiren, – +dann gähnt er zu wiederholten Malen, streckt sich aus und schläft. – +Stunden vergingen, bevor wir uns entschlossen, den Abstieg anzutreten. + + X. + +Den Pic d’Aurelle durften wir nicht unbeachtet lassen, ihn, unseren +nächsten Nachbar. Wir mußten denselben besteigen, wäre es auch nur jenem +Aurelius zu Ehren, nach welchem er den Namen führt. Was für ein Aurelius +das ist, dessen Name durch jenen Fels wie durch die alte römische Straße +verewigt wird, das läßt sich freilich nicht mit Sicherheit sagen. Die +Wahrscheinlichkeit spricht für Cajus Aurelius Cotta, weil er den Plan zu +dieser großen Straße entwarf und deren Bau auch, von Rom aus, im Jahre 241 +vor Christus begann. Die Straße soll er aber nur eine kurze Strecke weit +ausgebaut haben; sie wurde dann von Aurelius Scaurus über Pisa und Savona +fortgesetzt, von Julius Caesar endlich bis zum heutigen Arles geführt. + +Wir stiegen vom Hôtel geradeaus in die Höhe, überschritten in gewohnter +Weise den Bahnkörper und erreichten bald einen breiten Weg, der in +westlicher Richtung den Berg umkreist. Diesem Weg mußten wir längere Zeit +folgen, immer das grüne Thal vor Augen, das den Pic d’Aurelle vom Cap Roux +trennt. An dem nördlichen Abhang des Cap Roux profiliren sich scharf die +dunkelrothen Felsen, und deutlich ragt aus denselben der Thurm hervor, der +vor der Grotte des heiligen Honoratus wacht. – Wir wählen den ersten +Fußweg, der jetzt bergauf am Pic d’Aurelle sich wendet. Der Berg ist nur +etwa 300 Meter hoch, läßt sich somit ohne Anstrengung besteigen. Der Blick +von demselben ist jenem vom Gipfel des Cap Roux ähnlich, doch entsprechend +eingeschränkt. Denn das Cap Roux deckt die ganze Küste im Westen, und nur +das Thal an seinem nördlichen Abhang gestattet einen Durchblick bis zum +Maurengebirge. Da sieht man im Thale des Argens auch Fréjus liegen und +begreift es nun wohl, warum die Römer zunächst dieses Thal erwählten, um +ihre Straße von der Küste nach Forum Julii zu führen. In östlicher +Richtung schweift auch vom Pic d’Aurelle das Auge unbegrenzt über die +schneebedeckten Alpen und die weite Küste. Die nackten Porphyrfelsen, die +den Gipfel des Berges bilden, tief zerklüftet, gleichen den Ruinen einer +Titanenburg. Mit Vorsicht nur darf man den Felsenrändern sich nähern, denn +ganz unvermittelt fallen sie ab in die Tiefe. + +Jede Wanderung im Esterel bot uns neue Reize. Mit seinem gepflegten Walde +und seinen sorgsam unterhaltenen Wegen gleicht dieses Gebirge einem großen +Parke, in welchem mit Kunstsinn, Geschmack und unerhörter Kraft die Natur +mächtige Felsmassen zum Schmuck vertheilt hätte. + +Castor ist unser Freund, und ungeachtet ihn Fernsichten nicht fesseln, +begleitet er uns doch auf allen unseren Ausflügen; auch den Pic d’Aurelle +hatte er mit uns bestiegen. + +Ein Weg führt an unserem Hôtel vorbei und setzt sich in westlicher +Richtung fort bis nach Agay. Auf ihm pflegen wir oft zu wandern. Er folgt +allen Windungen der Küste. Zerfallene Häuser stehen an demselben. Sie +bargen einst die Arbeiter, die beim Bau der Bahn beschäftigt waren. Ein +hartes Stück Arbeit, da die ganze Strecke hier aus dem Porphyr gesprengt +werden mußte. Die verlassenen Häuser ließ man in Wind und Wetter +zusammenstürzen. Der an das Hôtel zunächst grenzende Strand ist wiederum +Aurelius zu Ehren, »plage d’Aurelle« benannt. Hier war es, wo die alte +römische Straße den Strand verließ, um landeinwärts hinter dem Cap Roux im +Thale aufzusteigen. Jenseits der Bucht, in welche dieses Thal mündet, kann +man vom Wege aus nach Agay schon die ganze Schneekette der Alpen +überblicken. Hier verlassen wir den betretenen Weg, um an dem Ufer selbst +unsere Wanderung fortzusetzen. Da geht es bergauf und bergab nicht ohne +Hindernisse. Einmal erklimmen wir einen steilen Fels, dann steigen wir +wieder bis zum Meer hinab. Leise Wellen schlagen an das Ufer, kaum +umfranst von leichtem Schaum. Durch die krystallhelle Fluth dringt unser +Auge bis auf den tiefen Grund. Es sieht dort in purpurnen Mulden +räthselhafte Dinge liegen, die in bunten Farben gleich Edelsteinen +funkeln. Die provençalische Sonne übergießt uns mit ihrem Glanz; auch das +Meer und die Felsen strahlen uns Licht entgegen. Die ganze Luft zittert +über dem erhitzten Boden. Alles leuchtet und flimmert um uns her; die +Ferne schwindet in goldigem Nebel, und der weiße Schnee der Alpen scheint +wie über Abgründen zu schweben. + +Wie kommt es nur, daß sie so rein und so klar sind, diese herrlichen +Fluthen des Mittelmeeres? tragen doch Flüsse und Bäche fort und fort +Schlamm und Erde dem Meere zu; nagen doch seine Wellen unaufhörlich an dem +weit ausgedehnten Ufer. Die Klarheit des Seewassers wird durch seinen +Salzgehalt bedingt. Trübes Flußwasser, sich selbst überlassen, braucht +sehr lange Zeit, um sich zu klären, doch genügt es, eine Spur Kochsalz +hinzuzufügen, damit diese Klärung äußerst rasch erfolge. Je mehr Salz das +Seewasser enthält, um so blauer pflegt es auch zu erscheinen, daher das +salzreiche Mittelmeer durch die Intensität seiner Färbung ausgezeichnet +ist. In vierhundert Meter Tiefe erlöschen die letzten Strahlen des +Lichtes, welches in das Seewasser dringt. Weiter hinab herrscht ewige +Dunkelheit. Die verschiedenartigen Strahlen, welche das weiße Sonnenlicht +zusammensetzen, und die unser Auge als verschiedene Farben empfindet, +werden nicht gleich schnell im Meere resorbirt. In zwei Meter Tiefe ist +schon die Hälfte der rothen und ein Drittel der orangegelben Strahlen +verschwunden; das Licht, das tiefer dringt, ist jetzt nicht mehr weiß, es +ist vorherrschend grün und blau geworden. Das bedingt die Färbung des +Meeres. Da der Salzgehalt des Wassers auf den Vorgang der +Strahlenabsorption einen Einfluß übt, so beeinflußt er auch die +Farbeneffecte. Die glatte Meeresfläche wirft das meiste Licht unverändert +zurück. Spiegelt sich in ihr die Sonne, so leuchtet sie daher in deren +Glanz, während sie der Abendhimmel in Purpurtönen färbt. Von den +aufsteigenden Wellen der bewegten See wird dagegen nur wenig Licht +zurückgeworfen, daher uns das Meer dann besonders dunkel erscheint. + +Doch es gilt Abschied von Le Trayas zu nehmen. Castor begleitet uns zur +Bahn. Wir streicheln ihn vor der Trennung. Er sieht lange dem +Eisenbahnzuge nach, der uns davonträgt. Sein Blick trübt sich – fast +scheint es uns, er habe Thränen in den Augen. + + XI. + +Bald lag das Esterelgebirge hinter uns im Westen, und wir fuhren in +sanftem Aufstieg dem Norden zu. Der Schienenweg führte im Thal der Siagne +an Feldern von Rosen und Jonquillen, von Veilchen und von Jasmin vorbei; +dann folgte er wieder grauen Olivenhainen. So erreichten wir Grasse, eine +Stadt in mittelalterlichem Gewande. Sie klettert empor an den letzten +Ausläufern der Alpen. In Windungen führen die Straßen in die Höhe; steile +Treppen kürzen die Wege ab, Gewölbpfeiler verbinden in engen Gassen die +gegenüberliegenden Häuser, damit sie den steilen Abhang nicht abwärts +gleiten. Es drängen sich in solchen Gassen die Menschen an einander +vorbei; stellenweise stockt der Verkehr. Der moderne Inhalt der +Schaufenster an den Läden paßt nicht zu der alten Umrahmung. Manchem +Hausgang entweicht ein fettiger Dampf, gewürzt mit Zwiebel und Knoblauch. +Da gibt es Fritturen, unverfälschte mediterrane Wohlgerüche. Doch mit +jenem Oelduft mischt sich ein anderes durchdringendes Parfüm, das an +freieren Orten allein zur Geltung gelangt; es kommt vom Santalholz, das +aufgeschichtet in den Parfümfabriken liegt. Seine Verarbeitung hat jetzt +begonnen. + +Grasse ist sehr alten Ursprungs, wurde aber zu wiederholten Malen +vollständig zerstört. Sein Wiederaufbau im sechsten Jahrhundert soll +eigenartiger Weise erfolgt sein durch Juden. Es waren, so heißt es, +Nachkommen jener Juden, die Tiberius gegen das Jahr 19 unserer +Zeitrechnung aus Rom vertrieb. Während der Judenverfolgung, die im +sechsten Jahrhundert in der Provence ausbrach, gingen diese Juden zum +Christenthum über und erhielten die Ruinen der alten römischen Stadt dafür +zum Lohn. Sie sind es, die ihr den Namen »Gratia« gaben. Das Stadtwappen +von Grasse führt ein silbernes Osterlamm in azurnem Feld; man sucht dies +in Verbindung zu bringen mit der einstigen Bekehrung seiner Wiedererbauer. + +Wir finden Grasse nicht schön, und auch der Ausblick von seinen Plätzen +und Gärten in das ferne Meer entzückt uns nicht. Bilden doch den +Vordergrund jenseits der Hügel steife und nüchterne Kasernen, die jedes +ästhetische Empfinden stören. Doch anmuthig ist der Blick auf Grasse +selbst, vom Garten des Grand Hôtel, den man auf der neuen Avenue Thiers, +oberhalb der Stadt, in zwanzig Minuten erreicht. Die Agaven und Palmen des +Gartens rahmen da die alte Stadt in wirksamer Weise ein; sie verdecken die +unschönen neuen Gebäude und zeigen nur die eckigen alten Thürme und +Häuser, die sich über und durch einander an den Abhang drängen. + +Das, was uns nach Grasse geführt hatte, war aber auch nicht die Hoffnung, +die zuvor empfangenen Natureindrücke zu steigern, vielmehr der Wunsch, +einen Einblick in die hier blühende Parfümherstellung zu gewinnen. Seit +mehr als hundertundfünfzig Jahren ist Grasse in dieser Richtung berühmt, +und selbst weiter noch reichen seine Erfolge auf diesem Gebiete zurück. +Man zeigt uns das Haus, in welchem ein Sieur Tombarelli aus Florenz schon +in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts ein Laboratorium für +Parfümerien eingerichtet hatte. Heute ist Grasse zu einem der Hauptorte +europäischer Parfümfabrikation geworden. Es stellt aber nicht die fertigen +Parfüms her, so wie sie schließlich als sogenannte »Bouquets« zur +Verwendung kommen, sondern die ersten Erzeugnisse für dieselben. Aus +diesen einfachen Bestandtheilen mischen die eigentlichen Parfümisten erst +jene verschiedenen Bouquets zusammen, wie sie eben die Mode vorschreibt +oder der Geschmack der Zeit verlangt. Grasse entnimmt seine Wohlgerüche +fast ausschließlich dem Pflanzenreich. Thatsächlich sind auch die meisten +natürlichen Parfüms pflanzlichen Ursprungs, nur Moschus, Ambra, Bibergeil +und Zibeth entstammen dem Thierreich. Neuerdings beginnt jedoch die +chemische Industrie wirksam in das Parfümgeschäft einzugreifen, indem sie +die wohlriechenden Stoffe in chemisch reinem Zustande darstellt. Im +Besonderen ist es gelungen, das Cumarin, jenen Stoff, der den Geruch des +frischen Heues bestimmt, aus Salicylaldehyd zu erzeugen. Das Verfahren ist +ziemlich umständlich, der aromatisch riechende Körper, den man in +farblosen, glänzenden Krystallen erhält, aber durchaus übereinstimmend mit +demjenigen, den die Tonkabohnen, die Samen des Tonkabaumes (_Dipterix +odorata_) von Guyana und auch die Stengel der _Liatris odoratissima_, +einer in Florida wachsenden Composite, die zum Parfümiren des Tabaks und +der Cigarren benutzt wird, enthalten. Mit etwa zwanzig Gramm künstlichen +Cumarins erreicht man heute in der Parfümerie ebenso viel, wie mit einem +Kilogramm Tonkabohnen. Ebenso verhält es sich mit dem natürlichen +Wintergrünöl, das aus dem nordamerikanischen, zu den Heidengewächsen +gehörenden Theebeerenstrauch (_Gaultheria procumbens_) gewonnen wird, und +das jetzt vollständig durch künstlich erzeugten Salicylsäure-Methylester +ersetzt ist. Nur unvollkommen gelang es hingegen bis jetzt, das in der +Parfümerie vielbenutzte Bittermandelöl durch das künstliche Benzaldehyd zu +verdrängen. Sehr großen Erfolg hat die Chemie mit dem Vanillin erzielt, +das aus dem Saft des jungen, noch in Entwickelung begriffenen Holzes der +Nadelbäume (Coniferen), doch auch aus dem im Nelkenöl enthaltenen Eugenol +und verschiedenen anderen Körpern dargestellt wird. Da die Früchte der +Vanille im besten Falle anderthalb bis zwei Procent Vanillin enthalten, so +ist mit zwanzig bis fünfundzwanzig Gramm Vanillin in der Parfümerie +reichlich derselbe Effect wie mit einem Kilo Vanille zu erreichen. +Künstliches Heliotropin wird jetzt aus Safrol, dieses selbst aus +japanischem Camphoröl dargestellt, außerdem aus +Steinkohlentheer-Derivaten. Da aus den Blüthen des Heliotrops +(_Heliotropium peruvianum_ und _grandiflorum_) nur äußerst wenig Parfüm +sich gewinnen läßt, so ist dieser Ersatz sehr willkommen. Den Maiglöckchen +ist ihr zarter Duft überhaupt nicht abzugewinnen, daher für die Parfümerie +sehr wichtig, daß jetzt ein ähnlich riechender Körper sich aus dem +Terpineol gewinnen läßt. Allgemein kommt jetzt auch krystallinisches +Thymol, das aber nicht aus dem Thymian, sondern aus dem Samen des +ostindischen Doldengewächses _Ptychotis Ajowan_ abdestillirt wird, zur +Verwendung, desgleichen Menthol, welches zwar in der eigentlichen +Parfümerie keine Rolle spielt, doch zur Darstellung von Migränestiften und +auch von Schnupfpulver dient. Neuerdings werden zwei gleich +zusammengesetzte Körper: das _Iron_ und _Jonon_, deren Aroma mit +demjenigen der Veilchenblüthen fast völlig übereinstimmt, künstlich +erzeugt. Es genügt, ein mit diesen Körpern erfülltes Proberöhrchen zu +öffnen, damit ein ganzes Zimmer mit Veilchenduft erfüllt werde. +Merkwürdiger Weise riechen diese Körper nicht zu allen Zeiten gleich +stark, und ähnliche Schwankungen im Duft zeigen auch frische Veilchen. Das +Iron gewinnt man aus der sogenannten Veilchenwurzel, das heißt aus dem +Wurzelstock von _Iris florentina_, doch es kommt sehr theuer zu stehen, da +100 Kilo Iris-Wurzelstock nur 8 bis 30 Gramm Iron ergeben. Um so +werthvoller für die Parfümerie ist es, daß die Darstellung des Jonons aus +Citral, einem im Citronenöl enthaltenen Körper gelang. – Vor Kurzem kam zu +diesem Allen noch die künstliche Darstellung des Orangenblüthenöls hinzu. +Auch den Moschus, der von den männlichen Moschusthieren stammt, hat man +versucht, durch das künstlich erzeugte _Musc Baur_ oder _Tonquinol_ zu +ersetzen, und es verbreitet sich dieses Product immer mehr. + +Sehr werthvolle Parfüms werden uns auch aus wärmeren Himmelsstrichen +zugeführt, so von Alters her die Balsame und in neuerer Zeit das +Ylang-Ylang, welches aus den Blüthen eines zu den Anonaceen gehörenden, in +Südasien cultivirten Baumes, _Cananga odorata_, gewonnen wird. Der +Hauptsache nach bleibt es aber Südeuropa, dem die Parfümisten ihre besten +Wohlgerüche verdanken. – Die meisten pflanzlichen Parfüms werden als +ätherische Oele gewonnen, Oele, die im Gegensatz zu den fetten Oelen +flüchtig sind und auf Papier einen durchscheinenden Fleck bilden, der bald +wieder schwindet. Aetherische Oele werden von den Thieren nicht erzeugt. +Bei den Pflanzen sind es ganz vornehmlich die Blüthen, welche den +Riechstoff enthalten. Dort wirken ja Wohlgeruch und Farbe zusammen, um +jene Thiere anzulocken, die den Blüthenstaub von Blüthe zu Blüthe +übertragen sollen. Doch kann die duftende Substanz auch in der Wurzel der +Pflanze angesammelt sein, so das Opoponax, ein Gummiharz des +kleinasiatischen Doldengewächses _Opoponax Chironium_, oder es ist in dem +Wurzelstock der Pflanze vertreten, so bei der »Veilchenwurzel« und dem +Vetiver, welches letztere den Wurzelstock des ostindischen Grases +_Andropogon muricatus_ bildet. Auch das Holz der Stämme kann mit Parfüm +beladen sein, so das Holz der balsamliefernden Bäume, oder das des +ostindischen Santalbaumes (_Santalum album_). Die Stammrinde führt das +Parfüm beim Zimmtbaum (_Cinnamomum ceylanicum_). In anderen Fällen sind es +wieder die Blätter, die am stärksten duften, so bei unserer Pfeffermünze +(_Mentha piperita_) oder Melisse (_Melissa officinalis_) und dem +indisch-malayischen Patchuli (_Pogostemon Patchuly_); endlich können auch +Früchte und Samen den Riechstoff enthalten, so bei der Vanille oder dem +Kümmel. + + XII. + +Wir hatten uns mit den nöthigen Empfehlungen versehen und durften einige +der größten Parfümfabriken von Grasse besichtigen. Das angewandte +Verfahren blieb in der Hauptsache überall dasselbe. Ist der wohlriechende +Stoff in bedeutender Menge in einem Pflanzentheil vertreten und in +größeren Drüsen dort eingeschlossen, so kann er durch Auspressen befreit +werden. In anderen Fällen wird er durch Destillation aus den +Pflanzentheilen gewonnen, vorausgesetzt freilich, daß er bei der Erwärmung +nicht leidet. Wo er in sehr geringen Mengen vorhanden ist, wird er von +warmen oder kalten Fetten, in denen er löslich ist, aufgenommen und dann +mit Alkohol denselben entzogen. + +Als wir in Grasse eintrafen, ging dort die Veilchenernte zu Ende, während +die Jonquillen in voller Blüthe standen. Die Veilchen enthalten nur Spuren +des wohlriechenden Stoffes, so wenig, daß man auf die Behandlung der +Blüthen mit Fett angewiesen ist. Im Allgemeinen wird dabei das +Macerationsverfahren angewandt. Das Fett muß sehr rein sein, und wir +konnten feststellen, daß die Fabriken selbst es aus frisch geschlachteten +Thieren gewinnen. Dann wird es geschmolzen und durch entsprechende +Behandlung mit Kochsalz und Alaun, durch Waschen, Abschäumen und Seihen +durch feine Leinwand gereinigt. So nur bleibt es geruchlos und gewinnt +eine Haltbarkeit, die man oft durch Zusatz von Benzoë, auch wohl von +Borsäure zu erhöhen sucht. Für Salben kommen auch feine Oele, besonders +Olivenöl und Mandelöl, seltener Ricinusöl, in Betracht. + +Die Veilchen, die für die Parfümfabrik bestimmt sind, dürfen nicht naß +sein, wenn man sie sammelt. Diese Regel gilt auch für alle anderen +Pflanzen, die mit Fett behandelt werden sollen. Man pflückt die Veilchen +früh am Morgen, sobald der Thau verschwunden ist, bevor die Sonne Zeit +hatte, stärker einzuwirken. Gleich nach dem Einsammeln gelangen sie in die +Fabrik und werden in erwärmtes Fett geschüttet, das man flüssig bei 40–50 +Grad Celsius erhält. Nach einer entsprechend langen Einwirkung filtrirt +man es von den Veilchen ab und versetzt es mit frischen Blumen. Das +wiederholt man so lange, bis das Fett mit Veilchenduft gesättigt ist. So +erhält man Veilchenpomade, deren Geruch völlig dem der Veilchen gleicht, +und der man den duftenden Stoff durch Weingeist oder durch sehr gut +gereinigten, geruchlosen Kornbranntwein entzieht, mit dem man sie +schüttelt. Da sehr große Mengen Veilchen nöthig sind, um eine stark +riechende Essenz zu gewinnen, so hat man von jeher schon nach einem Ersatz +für Veilchen gesucht. Daher die »Veilchenwurz« statt Veilchen in Sachets +so allgemeine Verwendung findet. Geschälte und getrocknete Stücke des +nämlichen Wurzelstockes von Iris wurden auch, wie Plinius erzählt, schon +zu römischen Zeiten den zahnenden Kindern um den Hals gehängt, so wie es +noch heute geschieht. + +Jetzt wo das Jonon entdeckt ist, dürften aus der Gegend von Grasse die +Veilchenfelder verschwinden. + +Der stark duftenden gelben Jonquille (_Narcissus Jonquilla_) wird das +Aroma ebenfalls durch Fett entzogen, doch in anderer Weise, nach einem +Verfahren, das man als »Enfleurage« bezeichnet. Wir fanden ganze Räume in +den Fabriken mit aufeinander gelagerten viereckigen Holzrahmen erfüllt. In +jeden derselben ist eine Glasscheibe gefaßt, die einseitig mit Fett +überzogen wird, doch so, daß es nur eine ganz dünne Schicht auf dem Glase +bildet. Auf dieses Fett legt man die Jonquillen und läßt sie so lange mit +ihm in Berührung, bis aller Duft extrahirt ist. Das dichte +Zusammenschließen der aufeinander gelegten Rahmen verhindert ein +Entweichen desselben in die Umgebung. Die Blüthen werden auch hier +wiederholt erneuert, bis schließlich die Pomade fertig ist, aus der man +dann mit Weingeist den Jonquillen-Extract herstellt. + +Da die Jonquillen nicht in größeren Mengen bei Grasse angepflanzt werden, +stockte die Arbeit mit frischen Blumen zur Zeit in den Fabriken. Die +Orangenblüthen, die Rosen, Heliotrop und Reseda kommen erst im Mai, daher +man jetzt das Santalholz in Angriff genommen hatte. Wir sahen große Massen +dieses kostbaren braunen Holzes in den Lagerräumen aufgespeichert. Es +steht hoch im Preise, denn auch in seiner ostindischen Heimath wird es +sehr geschätzt. Man verfertigt dort kunstvoll geschnitzte Möbel, vor Allem +aber Schreine aus Santalholz. Denn sein Duft hält die Insekten fern und +verscheucht selbst die weiße, Alles zerstörende Ameise. Die Buddhisten +verbrennen große Mengen Santalholz als Räucherwerk, und stellenweise sind +die Santalbäume in Folge dessen ganz ausgerottet worden. In den Fabriken +wird das Santalöl durch die Destillation des zerkleinerten Holzes mit +Wasser gewonnen. Das Oel geht mit dem Wasserdampf aus der Blase des +Destillationsapparates in den Kühler über und fließt mit dem Wasser +zusammen in die Vorlage. Aus fünfzig Kilogramm Holz wird annähernd ein +Kilogramm Oel gewonnen, das dementsprechend theuer ist und nur für feine +Parfüms Verwendung findet. + +Im Mai füllen Orangenblüthen die Stadt Grasse mit ihrem betäubenden Dufte. +Zwei bis dreimal hunderttausend Kilogramm Blüthen des bitterfrüchtigen +Orangenbaumes werden hier für Parfüms verarbeitet. Die Blüthen riechen +lieblicher und stärker als die der süßfrüchtigen Art und werden daher fast +ausschließlich verwandt. Ein Baum von zwanzig bis dreißig Jahren liefert +fünfzehn bis zwanzig Kilogramm Blüthen. Aus hundert Kilogramm werden durch +Destillation etwa vierzig Kilogramm Orangenblüthenwasser und etwa hundert +Gramm Orangenblüthenöl oder Neroliöl gewonnen. Völlig unverändert gibt die +Orangenblüthe bei dem Macerationsverfahren oder bei der Enfleurage ihren +Duft an das Fett ab. So erhält man die Orangenblüthenpomade und, nach +Behandlung derselben mit Weingeist, die Orangenblüthenessenz. Das +Orangenblüthenöl, sowie die Orangenblüthenessenz, sind immer noch theuer, +weil ihre Herstellung große Mengen von Blüthen verlangt. Die Preise werden +freilich jetzt auch auf diesem Gebiete, wie auf so vielen anderen, durch +Ueberproduction gedrückt. Es stellen sich daher Zeichen der Entmuthigung +unter den Producenten ein, welche die Parfümfabriken versorgen. Wie wird +es jetzt erst werden, wo das künstliche Neroliöl angekündigt ist. Wohl +möglich, daß überhaupt an manchen Orten der Riviera mit der Zeit die +Cultur der Parfümerie-Pflanzen ganz aufgegeben wird. Doch auch die Zucht +von Blumen für den Versand weist schon Ueberfluß der Erzeugung auf. Als +der Bedarf nach solchen Blumen stieg, beeilten sich die Landbesitzer, ihre +Olivenbäume zu fällen und Blüthenpflanzungen an deren Stelle anzulegen; +jetzt wissen sie kaum, wo sie ihre Blüthen unterbringen sollen. Die hohe +Temperatur förderte zudem im letzten Frühjahr die rasche Entwickelung der +Pflanzen, und so kam es, daß man auf den Märkten der Städte zu einem kaum +nennenswerthen Preise, sich mit großen Sträußen der herrlichsten Blumen +beladen konnte. + +Wesentlich billiger als Neroliöl ist begreiflicher Weise das durch +Destillation der Blätter oder unreifen Früchte des bitterfrüchtigen +Orangenbaumes gewonnene Petitgrainöl. Es steht an Zartheit des Duftes dem +Neroliöl aber bedeutend nach. Das aus den Blüthen der *süßen* Orange +hergestellte Parfüm zeichnet sich wiederum durch besondere Eigenschaften +aus und wird als Neroli-Portugalöl bezeichnet. – Das den frischen Schalen +reifer Früchte des süßfrüchtigen Orangenbaumes entstammende Pomeranzenöl +wird im Winter gewonnen. Wie viel ätherisches Oel in den Orangenschalen +vorhanden ist, davon kann man sich überzeugen, wenn man eine solche Schale +in der Nähe einer Flamme zusammendrückt. Das leicht entzündliche Oel +sprüht dann entbrennend aus den Drüsen hervor. Die Oeldrüsen in der Schale +erkennt man schon mit dem bloßen Auge. + +In der Parfümerie findet nur das Oel der süßen, nicht der bitteren +Orangenschalen Verwendung. Das Verfahren bei der Gewinnung im Großen ist +das der Pressung. Entweder kommt die Schwammmethode in Anwendung, wobei +der Arbeiter die Schalen, die er langsam unter Druck zwischen den Fingern +durchrollt, gegen einen Schwamm preßt; oder das Verfahren der sogenannten +Ecuelle, wobei die Frucht unter beständigem Drehen gegen die Innenfläche +eines flachen Trichters, der zahlreiche Nadeln entspringen, gedrückt wird. +Das gewonnene Oel preßt man im ersten Falle aus dem Schwamme heraus, im +zweiten fließt es von selbst durch die Oeffnung des Trichters ab. In ganz +entsprechender Weise gewinnt man auch feines Bergamottöl aus den reifen +Früchten des Bergamottcitronenbaumes (_Citrus Bergamia_). Das weniger +feine Bergamottöl befreit man hingegen aus den Früchten durch +Destillation. Feines Bergamottöl wird in der Parfümerie sehr geschätzt; +die Riviera erzeugt es nur in geringer Menge; es kommt vornehmlich aus +Reggio und Messina. + +Dies sind im Allgemeinen die Darstellungsarten, die bei der Gewinnung der +Riechstoffe in Anwendung kommen. Das Verfahren wird freilich im Einzelnen +abgeändert. So schüttet man oft die Blumen nicht unmittelbar in das +geschmolzene Fett, hängt sie vielmehr in Drahtkörben in die Gefäße, durch +die man warmes Fett fließen läßt. Es kann andererseits auch erwünscht +sein, daß die Blüthen nicht unmittelbar mit dem Fett in Berührung kommen, +weil Letzteres nicht allein den Riechstoff, sondern auch andere Substanzen +aus den Blüthen aufnimmt. Dann werden die Glasscheiben durch verzinnte +Drahtnetze in den Holzrahmen ersetzt. Auf ein solches Drahtnetz werden die +Blüthen gestreut, das nächste erhält das Fett, und so immer abwechselnd. +Das Fett wird in diesem Fall zu nudelartigen Fäden ausgearbeitet, um +möglichst viel Oberfläche zu gewinnen. Die Rahmen schiebt man in einen +Schrank, in welchem Blasebälge die Luft in langsamer Bewegung erhalten. So +streicht der Duft an den feinen Fettfäden vorüber und wird von ihnen +absorbirt. Die Blüthen auf den Rahmen ersetzt man nach Bedarf durch neue. +– Soll der wohlriechende Stoff durch ein Oel aufgenommen werden, so wirft +man die Pflanzentheile in dasselbe hinein oder hängt sie in Tüchern in das +Oel, oder breitet sie endlich auf Tüchern aus, die mit Oel getränkt sind: +so erhält man die »_huiles antiques_«. Von großer Bedeutung ist für die +Parfümindustrie das nachträgliche Reinigen ihrer Essenzen, was meist durch +wiederholte Destillation geschieht. Viel Umsicht und Erfahrung sind +nöthig, damit der Duft bei der Reinigung nicht leide. + +Es sieht übrigens aus, als wenn der bisherigen Gewinnungsweise des Parfüms +eine Umwandlung oder doch zum Mindesten eine Erweiterung bevorstehen +sollte. Der Petroleumäther scheint berufen, mehr oder weniger die Fette zu +verdrängen. Neue Fabriken werden auf dieses Verfahren bereits +eingerichtet. Der Petroleumäther entzieht der Pflanze im Wesentlichen nur +das Parfüm. Da er leicht siedet, läßt er sich außerdem unschwer von dem +Parfüm dann trennen. Ein Kilo Essenz bedeutet aber mehr als hundert Kilo +der jetzigen Pomade. Die Zukunft muß zeigen, ob die Benutzung des +Petroleumäthers wirklich in allen Fällen zulässig ist. + +Die Möglichkeit, den Pflanzen ihren Wohlgeruch durch Fett zu entziehen, +gestattet es auch im Kleinen, die feinste Pomade aus Pflanzen, die sonst +vielleicht nutzlos im Garten verblühen würden, herzustellen. Möglichst +reines Fett, das man auf eine Scheibe streicht, und ein gut +verschließbarer Kasten, in den man die Scheibe legt, reichen aus, um den +Erfolg zu sichern. Man muß die Blüthen, mit den Kronen abwärts gekehrt, +auf das Fett lagern, den Kasten dann verschließen und die Blüthen +erneuern, bevor sie welk geworden. Der Name Pomade oder vielmehr Pommade +rührt von Apfel »_pomme_« her und war dadurch veranlaßt, daß man früher +Aepfel zur Herstellung solcher duftender Fette verwandte. Ein Apfel wurde +mit wohlriechenden Gewürzen, vornehmlich mit Nelken, gespickt und, nachdem +er einige Tage an der Luft gelegen, in Fett eingeschmolzen. Erschien das +Fett durch den ersten Apfel nicht ausreichend parfümirt, so ließ man ihm +einen zweiten folgen. + +Man sieht um Grasse viel Rosen, die für die Parfümfabriken gezogen werden. +Es sind das nicht solche, wie sie im Winter versandt, die Blumenläden ganz +Europas jetzt schmücken, vielmehr Centifolien und Damascenerrosen. Man +pflückt die im Oeffnen begriffenen Blüthen am Morgen, sobald der Thau +verschwindet. Die Erntezeit fällt in den Mai und Juni. Jeder Rosenstock +liefert in Grasse durchschnittlich zwei bis dreihundert Gramm Blüthen, +doch tausend Kilogramm ergeben kaum hundertundfünfzig Gramm Rosenöl. Da +darf man sich nicht wundern, daß ein Kilogramm Rosenöl über tausend Francs +kostet. Das Rosenöl wird durch Destillation der Blumenblätter der Rose mit +Wasser oder Wasserdampf gewonnen; es sammelt sich auf der Oberfläche des +Destillates allmälig an. Das Rosenwasser ist das unmittelbare Product der +Destillation einer bestimmten Menge von Rosenblumenblättern mit Wasser. +Die ätherischen Oele sind zwar fast unlöslich in Wasser, immerhin nimmt +dieses hinlänglich viel von den Oelen auf, um nach ihnen zu duften. So +verhält es sich beim Rosenwasser, dem Orangenblüthenwasser und sonstigen +aromatischen Wässern. Die Rosen von Grasse werden mehr zur Herstellung von +Rosenpomade, als von Rosenöl und Rosenwasser verwandt. Die durch +Maceration von Rosenblumenblättern in Fett erhaltene Pomade besitzt den +unveränderten Duft der Rose, während der Wohlgeruch des Rosenöls von +demjenigen der frischen Blumen etwas abweicht. Aus der Pomade wird mit +Alkohol das »_Esprit de Rose_« extrahirt, wohl unstreitig eines der +feinsten Parfüme, welche existiren. Kaum ein Wohlgeruch der Welt ist so +beliebt wie derjenige der Rosen, und wer einmal den Orient bereiste, wird +sich des aus Rosen und Verwesung gemischten Duftes erinnern, den die +Straßen im Sonnenlichte aushauchen. Wer da freilich meint, in den Bazaren +des Orients reines Rosenöl in jenen langgezogenen goldverzierten +Fläschchen, die dort feilgeboten werden, mit nach Hause gebracht zu haben, +der ist einer argen Täuschung unterworfen. Türkisches Rosenöl ist fast +immer verfälscht, und zwar für gewöhnlich mit Palmarosaöl oder indischem +Geraniumöl, das in Ostindien aus dem Geranium- oder Kusagras (_Andropogon +Schoenanthus_) durch Destillation erhalten wird. Der indische Destillateur +sorgt andererseits meist dafür, daß auch sein Palmarosaöl schon mit einem +anderen Oel, besonders Cocosöl, gefälscht sei. So dürfte es in Deutschland +zu empfehlen sein, das Fläschchen aus dem Orient daheim erst mit echtem +Rosenöl zu füllen. Werden doch Rosen zum Zweck der Rosenölgewinnung nicht +allein in Deutschland, sondern auch in England in großem Maßstabe gezogen. +Die um die Darstellung ätherischer Oele und Essenzen so hoch verdienten +Gebrüder Fritzsche, Inhaber der Leipziger Firma Schimmel & Co. hatten, wie +Georg Bornemann in seinem Werk über die flüchtigen Oele angibt, im Jahre +1884 zum ersten Mal aus deutschen Rosen drei Kilogramm Rosenöl gewonnen. +Sie legten ausgedehnte Rosenpflanzungen in Groß-Miltitz bei Leipzig an, +und diese lieferten, außer anderen Erzeugnissen, im letzten Jahre (1894) +42 Kilogramm Rosenöl. Ich entnehme diese Angabe den Berichten, welche die +genannte Firma alljährlich veröffentlicht und aus denen man nicht allein +einen Begriff von der Großartigkeit des Betriebes in dieser Fabrik +gewinnt, sondern auch über den rationellen Geist und das wissenschaftliche +Streben, das sie bei ihren Unternehmungen leitet. Im Jahre 1893 erstreckte +sich das Rosenfeld der Fabrik über zwanzig Hectare, an die sich weite +Reseda- und Pfeffermünzculturen anschlossen. Zu diesen haben sich seitdem +Estragon, Wermuth, Liebstock und Angelica gesellt. Aus je hundert +Kilogramm frischer Rosen lassen sich zwanzig Gramm Rosenöl darstellen. Es +wurden im letzten Jahre somit nicht weniger als 200 000 Kilogramm Rosen +auf Rosenöl verarbeitet. Das ist für eine einzige Fabrik schon eine sehr +erhebliche Leistung, welche freilich gegen die Gesammtproduction des +Rosenöls noch wenig in die Wagschale fällt. Denn das Hauptland dafür, +Bulgarien, liefert jährlich allein gegen zweitausend Kilogramm Rosenöl. + +Das Palmarosaöl riecht nicht rein nach Rosen, es duftet vielmehr wie ein +Gemisch von Rosen und Citronen. Fast rein rosenartig ist hingegen der Duft +des Geraniumöls, das aus den Blättern des Rosen-Geraniums gewonnen wird. +Davon kann man sich schon überzeugen, wenn man ein Blatt dieser Pflanze, +die auch bei uns nicht selten in Töpfen cultivirt wird, zwischen den +Fingern zerdrückt. Streng genommen hat man es nicht mit Geranien, sondern +mit Pelargonien dabei zu thun, und zwar mit mehreren Arten derselben, +hauptsächlich mit _Pelargonium capitatum_, _odoratissimum_ und _radula_. +Die Art, welche an der Riviera gezogen wird, ist _Pelargonium capitatum_. +Gegen früher hat dort freilich diese Cultur jetzt sehr abgenommen, da der +Wettbewerb mit Algier nicht auszuhalten ist. Man mäht an der Riviera die +Pflanzen von Mitte August an bis Mitte September und liefert sie so frisch +als möglich den Fabriken ab. Die Firma Schimmel & Co. erzielt jetzt +bedeutende Erfolge mit Rosen-Geraniol. Sie destillirt reines Geraniol, das +sie aus Citronella-Grasöl gewinnt, so lange über frisch gepflückten Rosen, +bis es mit Rosenöl gesättigt ist und dann in der That dem Rosenöl fast +entspricht. + +In den Gärten der Riviera begegnet man oft einer Verbene, der _Verbena +triphylla_ oder _Lippia citriodora_, die auch als Citronelle oder +Citronenkraut bezeichnet wird. Man findet diesen schönen Strauch schon in +den Gärten an den italienischen Seen und hat wohl Gelegenheit, im Herbst +die Rispen seiner violett angehauchten kleinen Blüthen zu sehen. Zerreibt +man seine Blätter zwischen den Fingern, so verbreiten sie einen feinen +Duft, der die Mitte zwischen Citronen, Melissen und Verbenen hält. Dieser +aus Persien stammende Strauch wird auch in größerem Maßstab an manchen +Orten der Riviera gezogen und aus seinen Blättern das echte Verbenaöl +destillirt, das die Parfümisten sehr schätzen. Echtes Verbenaöl ist +freilich sonst schwer zu haben und wird im Allgemeinen durch das +Citronen-Grasöl ersetzt, das wir jener Grasgattung, _Andropogon_, danken, +deren Arten so viele wohlriechende Öle liefern. Das Citronen-Grasöl wird +von _Andropogon citratus_ gewonnen, der jetzt besonders auf Ceylon und in +Singapore angebaut wird. Weit ausgedehnter betreibt man an denselben Orten +die Cultur des _Andropogon nardus_, von dem das melissenartig riechende +Citronella-Grasöl abstammt. Dieses findet für das Parfümiren der Seifen +jetzt sehr starke Verwendung und bildet den Hauptbestandtheil des Parfüms +der Honigseifen. Von dem Umfang der Citronella-Grasöl-Production geben die +Berichte von Schimmel & Co. eine Vorstellung, da diese Firma auf einmal +Sendungen von 10 000 Kilogramm dieses Öles aus Ceylon erhält. + +Der Reseda entzieht man den Duft durch Enfleurage, dem Thymian, der +Salbei, dem Rosmarin, dem Lavendel und der Melisse durch Destillation. +Salbei, Thymian, Rosmarin und Lavendel werden an der Riviera kaum +cultivirt; man pflückt sie an ihrem natürlichen Standort, besonders am +Fuße der Berge. In der Gegend von Agay zogen eines Tages vor uns Frauen +auf der Straße mit großen Ladungen Thymian auf den Köpfen. Sie hatten ihn +an den Abhängen des Esterel gesammelt. Der Wind blies in unserer Richtung +und bildete einen Streifen von Duft, der sich über Hunderte von Schritten +ausdehnte. Diese wild gewachsenen Pflanzen werden zwar auch vorwiegend in +den Fabriken verarbeitet, zum Theil aber schon im Freien, gleich beim +Einsammeln destillirt, in Apparaten, die man von Ort zu Ort befördert. +Viel Rosmarinöl wandert von hier aus nach Köln, um bei der Darstellung von +Kölnischem Wasser benutzt zu werden. Das _Eau de Cologne_ enthält gelöst +in 85 % Weinspiritus gleiche Mengen gepreßtes Orangen- und +Citronenschalenöl, fast ebenso viel Neroliöl, dann etwa halb so viel +Bergamottöl, endlich, nochmals um die Hälfte weniger, Rosmarinöl. Man wird +freilich nicht sofort gutes Kölnisches Wasser erhalten, auch dann nicht, +wenn man nach bester Vorschrift die feinsten Oele in vorzüglichem +Weinspiritus auflöst. Der Schmelz des Duftes stellt sich erst nach +längerer Zeit ein. Praktische Erfahrungen hatte man in dieser Richtung +schon lange gesammelt, in wissenschaftliche Erörterung wurde die Wirkung +der Lagerung erst in den letzten Zeiten gezogen. Am Einfachsten zeigt sie +sich zum Beispiel bei einem Schenkbranntwein, der durch Verdünnung von +achtzigprocentigem Spiritus auf dreißigprocentigen gewonnen wurde. Solcher +Schenkbranntwein, frisch dargestellt, mundet dem Trinkenden nicht, selbst +wenn dieser nicht zu den größten Feinschmeckern gehört. Auch der +Schenkbranntwein muß erst gelagert haben. Daß der Wein durch Lagerung +seine »Blume« erhält, ist allgemein bekannt. Es findet also sicher bei der +Lagerung eine gegenseitige chemische Einwirkung der gelösten Bestandtheile +auf einander statt, und es müssen neue Verbindungen entstehen. Ihre +Bildung erfordert völlige Ruhe und kann durch anhaltende Bewegung +verhindert werden, ja es kommt vor, daß schon erzeugte Verbindungen +dadurch vorübergehend oder dauernd wieder zerstört werden. Nach der +Ansicht von Prof. Knapp schließen diese Vorgänge an solche an, welche die +organische Chemie als Addition, Substitution, Spaltung und dergleichen +bezeichnet. Es müssen somit auch in gemischten Parfüms durch Lagerung erst +diejenigen Verbindungen entstehen, welche das erwünschte Zusammenwirken +der einzelnen Düfte bedingen. Der Ursprung des Kölnischen Wassers ist +etwas fraglich; meist wird seine Erfindung Johann Maria Farina, einem +Italiener aus Sancta Maria Maggiore bei Domo d’Ossola, zugeschrieben, der +zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in Köln einen Handel mit Parfüms und +Colonialwaaren betrieb. Erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts gelangte +das Kölnische Wasser zu allgemeiner Verbreitung und verdrängte das »_Eau +de la reine de Hongrie_« oder Ungarwasser, welches ähnlich zusammengesetzt +war, aber auch Rosenöl, Citronenöl, Citronellaöl und eine Spur +Pfeffermünzöl enthielt. + +Bei unseren Wanderungen um Grasse sind wir Jasminpflanzungen am Häufigsten +begegnet. Das zeigt, welche hohe Bedeutung dieser Pflanze für die dortigen +Parfümfabriken zukommt. Meist waren die Jasminfelder an südlichen Abhängen +terrassenförmig angelegt. Die gegen zwei Meter hohen, reich verzweigten, +mit zusammengesetzten, immergrünen Blättern bedeckten Sträucher hatten +auch vereinzelte Blüthen aufzuweisen und ließen sich als die aus Ostindien +stammende Art _Jasminum grandiflorum_ bestimmen. Die Blüthen duften +lieblich, sind ziemlich groß, rein weiß auf ihrer Innenseite, von Außen +etwas roth angehaucht. Die eigentliche Blüthenzeit beginnt erst im Juli +und dauert bis in den Oktober. Je tausend Stöcke liefern bis fünfzig +Kilogramm Blüthen. Verarbeitet werden in Grasse davon bis 80 000 +Kilogramm, die einen Werth von 140 000 Francs darstellen. Man entzieht den +Blüthen ihren Duft durch Enfleurage; die Menge des Riechstoffes, den sie +enthalten, ist aber so gering, daß man dieselbe Fettschicht bis fünfzig +Mal mit neuen Blüthen bestreuen muß. Aus der Jasminpomade wird mit +feinstem Weingeist Jasminextract gewonnen. Die geschätztesten +Taschentuchparfüms enthalten solchen Extract. Man stellt auch ein »_huile +antique au Jasmin_« dar, indem man auf wollene, mit Olivenöl getränkte +Zeuglappen zu wiederholten Malen frische Jasminblüthen streut und dann das +Oel aus ihnen ausdrückt. Dieses Jasminöl ist in Frankreich sehr beliebt. + +Eine wichtige Rolle in der Parfümerie spielen auch die Blüthen der _Acacia +Farnesiana_, eines Bäumchens, das zu bewundern wir im La Mortola-Garten +schon Gelegenheit hatten. _Acacia Farnesiana_ wird in Grasse nur in +beschränktem Maße angebaut, liefert aber immerhin 30–40 000 Kilogramm +Blüthen im Jahre; große Pflanzungen dieser Art finden wir in Algerien. Die +kugeligen, dunkelgelben Blüthenköpfchen, die »_Cassie_«, werden vom +September bis in den December gepflückt, wozu jedoch viel Uebung und +Geschick gehört, da die Pflanzen sehr dornig sind. Der zarte, +veilchenartige Duft dieser Blüthen wird durch Enfleurage fixirt. Die +gewonnene Essenz hat für die Zusammensetzung der »Bouquets« einen sehr +hohen Werth. + +Endlich darf auch die Tuberose (_Polyanthes tuberosa_) nicht unerwähnt +bleiben, dieses zu der Familie der Amaryllideen gehörende Knollengewächs, +das man bei uns wegen seines starken Duftes und seiner schönen weißen +Blüthen so gerne auf Blumentischen und in Blumensträußen sieht. Die +Pflanze stammt aus Centralamerika; wir bekommen sie meist nur mit den +gefüllten weißen Blüthen zu sehen, die besonders kräftig am Abend duften, +wie es denn überhaupt eine weit verbreitete Erscheinung ist, daß Blüthen +nicht um alle Tageszeiten gleich starken Duft verbreiten. Wer wird nicht +bemerkt haben, daß die Daturen und Nicotianen, die Nachtviolen (_Hesperis +matronalis_), die langblumige Wunderblume (_Mirabilis longiflora_) unserer +Gärten am Tage fast gar nicht riechen, am Abend aber einen durchdringenden +Duft aushauchen. Umgekehrt duften Seerose (_Nymphaea alba_), die +Kürbisblüthe (_Cucurbita Pepo_), die Ackerwinde (_Convolvulus arvensis_) +nur am Tage. Ein solches Verhalten hat für diese Pflanzen Bedeutung, sie +duften bei Nacht oder am Tage, je nachdem sie Nacht- oder Tagesinsecten +zur Uebertragung ihres Blüthenstaubes brauchen. Sehr viele Tuberoseblüthen +gehören dazu, um ein wenig Fett mit ihrem Duft zu sättigen; daher auch +dieser Extract, wie so viele andere feine Parfüms, hoch im Preise steht. +Bei uns könnte man den spanischen Flieder (_Syringa vulgaris_), statt der +Tuberose verwenden, um ein sehr ähnliches Parfüm zu gewinnen, denn das +Fett entzieht dem Flieder einen ganz entsprechenden Wohlgeruch. + +Es sind nicht die als Parfüme anerkannten Pflanzendüfte allein, deren sich +die Parfümerie zu ihren Zwecken bedient. So kommt für manche Erzeugnisse +auffälliger Weise der Gurkengeruch in Betracht. Man stellt zu diesem +Zwecke eine Essenz her, und zwar indem man über frisch geschnittenen +Gurkenscheiben mehrmals denselben Alkohol destillirt. Mit solcher Essenz +wird Coldcream parfümirt und erhält durch dieselbe das frische Aroma, +welches man an dieser Salbe schätzt. + +Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß ein ätherisches Oel auch aus dem +Knoblauch durch Destillation gewonnen wird. Dieses Oel dient nun freilich +nicht zum Parfümiren, so sehr man das auch manchmal in Südeuropa oder im +Orient glauben könnte; wohl aber wird es innerlich als Mittel gegen Würmer +eingenommen. Die Firma Schimmel & Co., welche dieses, sowie überhaupt fast +alle flüchtigen Oele, die irgend welche Anwendung gefunden haben, +herstellt, empfiehlt das Knoblauchöl auch als Küchengewürz. Von dem +concentrirten Duft dieses lieblichen Oeles wird man sich eine Vorstellung +machen, wenn man sein Verhältniß zum Knoblauch selber erwägt: aus sechzehn +Kilogramm Knoblauch werden nur zehn Gramm Oel gewonnen! + +Hingegen spielen Aetzammoniak, der sogenannte Salmiakgeist, und +kohlensaures Ammoniak, trotz ihres ätzenden Geruchs in der Parfümerie eine +nicht unwichtige Rolle. Sie dienen zur Herstellung der parfümirten +Riechsalze. Auch der Geruch des Schnupftabaks rührt vornehmlich vom +Ammoniak her, außerdem werden die Schnupftabake häufig noch mit anderen +wohlriechenden Körpern aromatisirt. Nicht minder wird Essigsäure in der +Parfümerie verwendet, und ihre Eigenschaft, ätherische Oele zu lösen, +benutzt, um parfümirte Essige darzustellen. + + XIII. + +Die ätherischen Oele wirken wie Gifte auf unseren Körper ein, wenn sie +innerlich in großen Dosen oder zu häufig eingenommen werden. Daher auch +der Mißbrauch mancher Liqueure nicht allein durch den Alcohol, den sie +enthalten, sondern auch durch die flüchtigen Oele, mit denen sie parfümirt +sind, nachtheilige Folgen bringt. Geradezu gefährlich kann das Kölnische +Wasser werden, wenn es getrunken wird. Der Arzt kommt oft nur durch Zufall +dahinter, daß eine solche stille, geheim gehaltene Neigung bei seiner +Patientin die Ursache der räthselhaften Krankheitserscheinungen ist. – +Viele, doch bei Weitem nicht alle flüchtigen Oele wirken, innerlich +verordnet, antiseptisch, und werden besser von unserem Körper als von den +niederen Organismen ertragen, die es oft in unserem Körper zu bekämpfen +gilt. Daher die Benutzung mancher flüchtigen Oele zu ärztlichen Zwecken. – +Die flüchtigen Oele nehmen Sauerstoff aus der Luft auf und erfahren dabei +eine Oxydation. Bei manchen dieser Oele verläuft der Oxydationsvorgang +sehr rasch und zwar um so rascher, je feiner sie in der Luft vertheilt +werden. Licht und Feuchtigkeit fördern diesen Vorgang, bei welchem in der +Luft das gasförmige Ozon oder das gleich wirksame flüssige +Wasserstoffsuperoxyd entstehen. Ihnen ist der belebende Einfluß +zuzuschreiben, den weingeistige Lösungen von flüchtigen Oelen, im Zimmer +verstäubt auf die Athmenden ausüben. Besonders stellt sich diese Wirkung +ein beim Verstäuben jener flüchtigen Oele, welche die Chemie als Terpene +zusammenfaßt, weil sich diese an der Luft am schnellsten oxydiren. + +Physiologisch interessant ist es, an Parfüms die hohe Leistungsfähigkeit +unseres Geruchssinns zu erproben. Einige Milligramm Moschus reichen aus, +um einen Raum, der häufig gelüftet wird, Jahre lang mit Moschusduft zu +erfüllen. Wir riechen diesen Moschus, und doch kann er in jener Luft, die +uns umgibt, nur in unnennbar geringen Mengen vorhanden sein. Directe +Versuche, die Passy mit alkoholischen Lösungen stark riechender Substanzen +anstellte, haben ergeben, daß fünfhundert Tausendstel eines Milligramms +Vanillin ausreichen, um ein Liter Luft merklich zu parfümiren. Derselbe +Effect wird schon mit fünf Tausendstel Milligramm Camphor erreicht; von +dem künstlichen Moschus reichten gar fünf Millionstel eines Tausendstels +Milligramm aus, um wahrgenommen zu werden. Will man diese Menge in Zahlen +ausdrücken, so ergibt das 0,000 000 000 005 Gramm. Dabei steht die +Leistungsfähigkeit des Geruchssinns beim Menschen gegen diejenige vieler +Thiere noch bedeutend nach. + + XIV. + +»_Die Toiletten-Chemie_« von Heinrich Hirzel, ein Buch, dem ich auch sonst +noch manche Belehrung verdanke, enthält die Angabe, daß Europa an +flüssigen Parfüms allein jährlich über eine Million Liter verbraucht. An +der Deckung dieses Bedarfs ist Grasse mit etwa 100 000 Kilogramm +Lavendelöl, halb so viel Thymianöl, 25 000 Kilogramm Rosmarinöl, 2000 +Kilogramm Neroliöl und sehr beträchtlichen Mengen anderer Oele und +Extracte betheiligt. Nicht wenig wird Grasse in der Parfüm-Erzeugung durch +das benachbarte Cannes unterstützt, das mehrere Parfümfabriken besitzt und +Hunderte von Arbeitern in ihnen beschäftigt. Der Verbrauch an Parfüms in +Europa, wiewohl immer noch groß, ist doch beträchtlich zurückgegangen und +wird, wenn überhaupt, nur in discretester Weise geübt. So verhält es sich +auch in anderen kühlen Ländern, während die heißen Erdstriche noch immer +ein hohes Bedürfniß nach persönlichem Parfüm bekunden. Obenan in dieser +Beziehung steht der Orient, dessen Leistungen trotzdem noch gegen +diejenigen des classischen Alterthums bedeutend zurückstehen. Bezeichnend +für jene Zeit ist die Erzählung des Plinius, daß an Lucius Plocius der +Duft zum Verräther geworden sei. Dieser Lucius Plocius, dessen Bruder +Lucius Plancus zweimal das Consulat bekleidet hatte, wurde von den +Triumvirn geächtet und mußte fliehen. Er verbarg sich im Salernitanischen, +wo man ihn entdeckte, weil er so stark nach Salben roch. Er mußte den Tod +erleiden, was Plinius nicht ohne einige Genugthuung erzählt, so empörte +ihn der Mißbrauch, den man mit Parfüms damals trieb. Daß heute Jemand von +wohlriechenden Salben und Oelen triefen sollte, wie es im Orient und in +Griechenland zu alten Zeiten oft der Fall war, können wir uns kaum +vorstellen. Wir empfinden eine entschiedene Abneigung selbst gegen fettige +Hände und suchen solche möglichst rasch zu säubern. Oel oder Pomade werden +allenfalls noch im *Haar* geduldet, sonst nur alkoholische Extracte +benutzt. Im Alterthum parfümirte man sich hingegen ausschließlich mit +duftenden Oelen. Das erste flüssige Parfüm, wie wir es jetzt benutzen, +soll Mercutio Frangipani dargestellt haben, der ein von seinen Vorfahren +erfundenes, aus Gewürzen und Moschus zusammengesetztes Riechpulver mit +starkem Weingeist extrahirte. Dieser Frangipani gehörte einem römischen +Adelsgeschlecht an, das sich im zwölften und dreizehnten Jahrhundert in +den Kämpfen der Guelfen und Ghibellinen ausgezeichnet hatte. Daß die +Neigung, sich mit Wohlgerüchen zu beschäftigen, in diesem Geschlechte +fortlebte, geht aus der Angabe hervor, daß ein späterer Nachkomme der +Frangipani in Frankreich, der Marquis de Frangipani, Feldmarschall unter +Ludwig XIII., eine Art parfümirter Handschuhe einführte, die »_Gants à la +Fragipane_« genannt wurden. + +Die Griechen lernten es von den Orientalen, ihren Körper mit duftenden +Oelen einzusalben. Plinius möchte ohne Weiteres die Erfindung der +wohlriechenden Salben den Persern zuschreiben. Ihr König Darius soll in +seinem Trosse nicht weniger als vierzig Salbenbereiter geführt haben; sie +geriethen in die Gewalt Alexanders. Aus der Beute, welche dieser damals +machte, stammte, nach Plinius, auch jener mit Gold, Perlen und Edelsteinen +besetzte Salbenschrein, in welchem Alexander die Werke Homers aufbewahren +ließ, damit, so sagte er, das werthvollste Werk des menschlichen Geistes +auch die kostbarste Hülle erhalte. In Griechenland galt die Benutzung +wohlriechender Salben immerhin als Verweichlichung; der echte Mann +verpönte sie und rieb sich in den Gymnasien mit reinem Oele ein. + +Theophrast, Plinius und Dioscorides haben uns erzählt, wie die +wohlriechenden Salben im Alterthum hergestellt wurden. Man mischte die +Aromata mit den Oelen und erwärmte sie zusammen. Theophrast gab schon im +dritten Jahrhundert v. Chr. an, man solle die Operation im Wasserbade +vornehmen, um ein Anbrennen der Aromata zu verhindern. Als Oel diente vor +Allem das der Olive, das man kunstvoll reinigte und bleichte, auch aus +noch unreifen Früchten preßte, um es möglichst farblos zu erhalten. +Außerdem wurde das Oel aus süßen und bitteren Mandeln, Sesamöl, Ricinusöl +und Behenöl benutzt. Das letztere schätzte man ganz besonders, weil es +geruchlos ist und nicht leicht ranzig wird. Auch heute würde man es zu +Haarölen gern verwenden, wäre es nicht aus dem Handel so gut wie +verschwunden. Der Baum, von dem man das Behenöl gewann, hieß im Alterthum +_Balanos_ oder _Myrobalanon_, somit Salbeneichel. Es ist die in Arabien +und Aegypten einheimische _Moringa aptera_, deren Früchte, die Behennüsse, +durch Auspressen das Oel liefern. + +Dioscorides warnt in seiner »_Materia medica_«, einem Werk, das wohl um +die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. erschien, vor jeder Spur Wasser, +die im Oel zurückbleibt, und räth an, das Oel öfter umzugießen in Gefäße, +die mit Honig und Salz bestrichen sind. Durch das Salz werde dann alles +Wässerige dem Oele entzogen. – Myrrha und andere Balsame, Cardamomen, +Calamus, Wurzelstock der Iris, duftende Blüthen und Früchte, wohlriechende +Kräuter mußten ihre Aromata an die Oele abgeben. Auch war die Eigenschaft +thierischer Fette, sich mit Wohlgerüchen zu beladen, schon bekannt. +Allgemeiner Verbreitung erfreute sich namentlich die Rosensalbe, deren +Bereitung Dioscorides eingehend schildert. Man setzte den Salben meist +Gummi und Harz hinzu, um sie zu färben und auch, wie es hieß, ihren Duft +zu binden. Manche Salbe färbte man mit Drachenblut, dem blutrothen Harz +des Drachenbaumes (_Dracaena Draco_) oder mit _Anchusa_, wohl dem +Farbstoff, den wir aus der Wurzel der _Anchusa tinctoria_, unserer +Alkannawurzel, gewinnen. Letzterer wurde auch zum Färben des Rosenöls +empfohlen. – Die Zahl der benutzten Salben wuchs ganz außerordentlich, oft +mischte man sehr viele Substanzen in einer einzigen Salbe zusammen. Die +ägyptische Salbe »_Metopium_« stellte man aus Bittermandelöl her und +setzte »_omphalium_, _cardamomum_, _juncum_, _calamum_, _mel_, _vinum_, +_myrrham_, _semen balsami_, _galbanum_, _resinam terebinthinam_« hinzu. +Soweit die Bedeutung der Namen heute klar gelegt ist, enthielt somit diese +Salbe, außer dem Bittermandelöl, das Oel unreifer Oliven, die flüchtigen +Oele der Cardamomen, des wohlriechenden Geraniumgrases und des Kalmus, +dann Honig, Wein, den Balsam des nordafrikanischen Baumes _Balsamodendron +myrrha_, Balsamkörner, d. h. den Balsam der erbsengroßen Früchte des +arabischen Balsamstrauches _Balsamodendron giliadense_, das Gummiharz +eines persischen Doldengewächses, _Ferula galbaniflua_, endlich das +Terpentin der _Terpentin-Pistazie_. Von dem Duft dieser Salbe kann man +sich annähernd eine Vorstellung machen, sie muß vorwiegend nach bitteren +Mandeln und Balsam gerochen haben. – Man bezog die Salben von den +verschiedensten Orten, aus Aegypten, Delos, Mendesium, Corinth, Kilikia, +Rhodos, Kypros, später auch aus Neapolis, Capua, Praeneste. Das wechselte +je nach Geschmack und Mode. Die Salben waren zum Theil sehr theuer und +beschäftigten ein ganzes Heer von Verfertigern und Verkäufern. In den +Läden der Salbenhändler hielten sich die Müßiggänger auf. Man wählte +beschattete Orte zur Anlage solcher Läden, damit die Salben, die in Gefäße +von Blei oder Stein eingeschlossen waren, von der Sonnengluth nicht +litten. Der Stein, den wir Alabaster nennen, wurde viel für diese Gefäße +verarbeitet, doch scheint die antike Bezeichnung _Alabastron_, wie +Reinhold Sigismund in seinem Buch über die Aromata nachzuweisen sucht, +sich mehr auf die Gestalt, als auf das Material der Salbengefäße bezogen +zu haben. + +Bezeichnend für den Mißbrauch, der mit wohlriechenden Salben in +Griechenland getrieben wurde, sind die zahlreichen, uns von Athenäus +überlieferten Berichte. Er erzählt, daß die Schwelger in Athen jeden Theil +ihres Körpers mit einer anderen Salbe einrieben. Aegyptische Salbe diente +für Füße und Schenkel, phönikische Salbe für Kinnbacken und Brust, +_Sisymbrion_-Salbe für die Arme, _Armaracon_-Salbe für Haar und +Augenbrauen, _Serpyllos_-Salbe für Kinn und Nacken. Man kann sich +vorstellen, wie so ein menschliches Wesen nach vollzogener Einsalbung +geduftet haben mag. Denn die _Amaracon_-Salbe roch nach Majoran, die +_Serpyllos_-Salbe nach Thymian, die _Sisymbrion_-Salbe wohl nach einer +Minze, die ägyptische und phönikische nach Bittermandelöl und Balsamen. +Das war ein ganzer Parfümladen! Dabei glänzte ein solcher Mensch von Fett +an seinem ganzen Körper. – Ueber Demetrius Phalereus wird bei dem +Symposion des Athenäus berichtet, er habe sich nicht nur den ganzen Körper +gesalbt, sondern auch das Haupthaar noch gelb gefärbt, um verführerischer +auszusehen. – Bei Trinkgelagen salbte man den Kopf, damit der Wein nicht +in die Höhe steige; denn wenn der Kopf trocken ist, hatte Myronides +gesagt, wandern die Dünste nach oben. Dazu kamen noch die Kränze, welche +den Rausch verhindern, den Kopf kühl erhalten und den Kopfschmerz abwehren +sollten. Das mögen die ursprünglichen Epheukränze gethan haben, schwerlich +die später benutzten aus duftenden Blumen. Denn diese wurden aus Rosen, +Lilien oder Violen (Goldlack und Levkoien) gewunden und von aufwartenden +Dienern vielfach mit duftenden Salben noch besprengt. In dem Symposion des +Athenäus wird berichtet, daß bei den prunkvollen Aufzügen des Königs +Antiochus Epiphanes auf Daphne zahlreiche Frauen mit goldenen Gefäßen +einherschritten und aus diesen duftende Salben auf die Menge verspritzten. +Derselbe König, den man später spottweise auch Epimanes, das heißt den +Verrückten nannte, pflegte in öffentlichen Bädern zu erscheinen, wenn das +ganze Volk dort versammelt war. Er salbte sich mit den köstlichsten Oelen. +Da sagte denn Einer: »Wie glücklich bist Du, o König, daß Du so +wohlriechende Parfüms benutzen und überall einen so angenehmen Duft +verbreiten kannst.« Antiochus antwortete ihm nicht, ließ ihm aber am +nächsten Tage nach dem Bade ein großes Gefäß mit Myrrhensalbe über den +Kopf gießen. Nun wälzten sich auch Andere in dem verschütteten Oele, viele +glitten aus und fielen zu Boden, sogar der König, was allgemeine +Heiterkeit erregte. Dieser Antiochus muß allerdings recht excentrisch +gewesen sein, denn auch die Geschenke, die er vertheilte, waren mehr als +sonderbar. Dem Einen drückte er Knöchel, dem Anderen Datteln, noch Anderen +Gold in die Hände. + +Die Lacedämonier, heißt es, hätten die Salbenhändler und die Färber aus +Sparta verjagt, weil die Ersteren das Oel verdarben, die Letzteren die +Wolle ihrer ursprünglichen Reinheit beraubten. Lykurg und Sokrates traten +gegen den Mißbrauch wohlriechender Salben auf, erreichten aber eben so +wenig, wie später in Rom die beiden Censoren Publius Licinius Crassus und +Lucius Julius Cäsar, die, wie Plinius mittheilt, im Jahre 189 v. Chr. ein +Edict erließen, daß Niemand »exotische« Salben verkaufen solle. + +Die Haare und Kleider der Römerinnen verbreiteten, nach Plinius, so starke +Düfte, daß sie schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Daß +sei um so thörichter, meint er, als dieser theuer erkaufte Genuß weit mehr +Anderen zu Gute komme, als dem, der ihn bezahlt hat. Nicht minder beklagt +auch Plutarch diese Salbenverschwendung. Er erzählt, wie bei einem +Gastmahl, das Salvius Otto dem Nero gab, von allen Seiten her kostbare +Salben aus goldenen und silbernen Röhren flossen und die Gäste ganz +durchnäßten. Juvenal spottet in seinen Satiren über Crispinus, den +Günstling Domitians, daß er schon am Morgen mehr Amomumduft als zwei +Leichenbegängnisse von sich aushauche. – Ein besonders lebendiges Bild aus +Neronischer Zeit, das auch den Salbenluxus und die Vorliebe für +Wohlgerüche zeigt, hat Petronius in dem Gastmahl des Trimalchio entworfen. +Sind die Farben auch stark aufgetragen, so entspricht die Schilderung doch +den damaligen Sitten, wie sie bei prahlerischen Emporkömmlingen sich +besonders geltend machten. Während des üppigen, nicht endenwollenden +Mahles, bei welchem die seltensten Speisen in kunstvoller Zubereitung +aufgetragen werden, folgen die mannigfaltigsten Ueberraschungen +aufeinander. Da plötzlich senkt sich von der Decke ein gewaltiger Reifen, +an dem rund herum goldene Kränze nebst Flaschen wohlriechender Essenzen +hängen. Sie sind als Geschenke für die Gäste bestimmt. Gegen Ende des +Mahles wird die Ausgelassenheit groß, bis der trunkene Trimalchio auf den +Einfall kommt, sich die Todtenkleider bringen zu lassen, in denen er +wünscht, daß man ihn einst begrabe. Er befiehlt auch, wohlriechendes +Wasser zu holen und eine Probe zum Kosten von jenem Wein, mit dem seine +Gebeine gewaschen werden sollen. Er öffnet eine Flasche Nardenessenz, +bestrich mit derselben seine Gäste und spricht die Hoffnung aus, dieser +Wohlgeruch werde ihm nach dem Tode eben so gut thun, wie im Leben. – +Petronius gehörte zu den Lieblingsautoren des vorigen Jahrhunderts; um die +Mitte desselben hatte das »Gastmahl des Trimalchio«, wie ich Friedländers +Einleitung zum Petronius entnehme, schon sechs französische Uebersetzungen +aufzuweisen. Am Hofe von Hannover, im Carneval des Jahres 1702, wurde es +sogar von fürstlichen Darstellern aufgeführt. Auf Wunsch der Königin +Sophie Charlotte von Preußen mußte Leibniz der Fürstin von +Hohenzollern-Hechingen diese Aufführung schildern, was in einem +französisch geschriebenen Brief vom 25. Februar 1702 geschah. + +Gleicher Luxus mit Parfüms wie im Alterthum ist wohl zu keiner Zeit wieder +getrieben worden, doch kamen sie an den Höfen von Frankreich und England +zeitweise in hohe Gunst. In Frankreich geschah das zur Zeit der +Renaissance unter dem Einfluß der italienischen Künstler, die Franz I. und +Katharina von Medicis an ihren Hof zogen. Da wurde in parfümirten Pasten, +Pomaden und duftenden Handschuhen vollauf geschwelgt. Die Cosmétiques +kamen zu jener Zeit als Schönheitsmittel auf und riefen eine besondere +cosmetische Literatur ins Leben. Daß Diana von Poitiers bis in das hohe +Alter sich den Reiz der Jugend zu bewahren wußte, ungeachtet sie schon mit +dreizehn Jahren an Ludwig von Breze, Großseneschal der Normandie, vermählt +worden war, schrieb man cosmetischen Geheimmitteln zu, die ihr Paracelsus +verrathen habe. Der Mißbrauch, der unter den Valois mit cosmetischen +Mitteln getrieben wurde, rief eine Reaction gegen dieselben hervor; erst +unter Ludwig XIII. wußte die schöne Anna von Oesterreich sie wieder in die +Gunst des Hofes zu bringen. Da kamen die Pâtes d’Amandes, die +verschiedenen Crêmes und Schminken auf, welche der Haut der Damen eine +künstliche Färbung verliehen. Ludwig XIV. liebte die Cosmétiques nicht: +ihr Gebrauch nahm ab, doch nur, um unter der Régence einen besonderen +Aufschwung zu erfahren. Jetzt blühten Geheimmittel, welche die Jugend und +Schönheit dauernd sichern sollten. Der berüchtigte Cagliostro nahm von der +eben so berüchtigten Dubarry und von anderen Schönen nicht geringe Summen +für solche Geheimmittel ein. Trotzdem schminkte man sich unter Ludwig XV. +wieder weniger als zuvor und das »_rouge de Portugal en tasse_« röthete +nicht so stark die Gesichter. Der Absatz an Schminke hielt sich immerhin +auf bedeutender Höhe, so daß im Jahre 1780 eine Gesellschaft fünf +Millionen Francs der Regierung für das Privilegium bot, ein Roth +besonderer Güte allein verkaufen zu dürfen. Selbst mit violetter Schminke +versuchte man es in den Gärten des Palais Royal und hielt ganz Paris +dadurch acht Tage lang in Aufregung. – Das hörte gegen Ende des +Jahrhunderts, unter dem Einfluß von Marie Antoinette auf; die schreienden +Farben verschwanden aus den Gesichtern, und zugleich verlor sich auch der +Geschmack an starken Wohlgerüchen; das Zarte mußte sich jetzt mit dem +Schwermüthigen, das Keusche mit dem Gefühlvollen im Aussehen der Frauen +paaren: so gewann die Parfümerie jenes discrete Gepräge, welches ihr auch +heute noch geblieben ist. Nur vorübergehend machte sich ein +entgegengesetzter Einfluß der Kaiserin Josephine geltend, die als Creolin +die starken Parfüms liebte. Napoleon I. selbst bediente sich nur des +Kölnischen Wassers, das er sich jeden Morgen über Kopf und Schultern goß. + +Seit dem sechzehnten Jahrhundert war Frankreichs Geschmacksrichtung in der +Parfümerie maßgebend für die anderen Völker, im siebzehnten Jahrhundert +gelangte sie zur Alleinherrschaft zugleich mit den französischen Moden. + +Frankreich und England waren es vorwiegend, welche die Welt mit ihren +Parfümerien versorgten. Nur dem Kölnischen Wasser gelang es, als +Weltparfüm gegen die Producte dieser Länder aufzukommen. Jetzt erst +beginnt Deutschland, wenn auch noch nicht in den »Bouquets«, so doch in +den ungemischten Parfüms in die erste Stelle zu rücken. Die Leipziger +Erzeugnisse haben in dieser Richtung einen ungeahnten Erfolg erreicht. +Außerdem steht Deutschland obenan mit seinen chemischen Producten, die +heute in so entscheidender Weise in die Parfümerie eingreifen. Ebenso +liefert es vornehmlich der Welt jene antiseptisch wirksamen Stoffe, welche +die Cosmétiques verdrängt haben und allein berufen sind, die Gesundheit +des Körpers und damit auch die Schönheit des »Teint« in Zukunft zu wahren. + +Die Berge strahlten von allen Seiten Licht und Wärme auf die +Blumenpflanzungen von Grasse zurück. Es wurde heiß in der Stadt: feiner +Staub stieg bei jedem Windhauch in dichten Wolken auf: es roch zu stark +nach Santalholz in den Straßen, wir fühlten uns plötzlich reisemüde und +traten den Heimweg nach dem Norden an. + + ------------------ + + + + + +FRÜHJAHR 1895. + + + I. + +Der Winter war so lang und so traurig im Norden gewesen, wir sehnten uns +nach Wärme und nach Sonne. Doch auch vom Mittelmeer trafen unaufhörlich +Hiobsposten ein: die Kälte hielt dort an, die Vegetation hatte gelitten, +noch zu Anfang März fiel Schnee, der viele Orte der Riviera mit einem +weißen Gewand bedeckte. Da, endlich, siegte die Frühlingssonne: wir +erhielten günstige Nachricht, und waren einige Tage später in Cannes. +Schon oben in den Alpen begrüßte uns der Frühling, mit leuchtendem +Antlitz, mit einer Strahlenkrone ums Haupt. Die Fahrt in dieser sonnigen, +zu neuem Leben erwachenden Natur, glich jetzt einem wahren Triumphzug. So +kamen wir ans Mittelmeer. + +Im Norden schneit es noch immer, und dunkle Wolken decken dort den Himmel, +hier aber glänzt die Sonne am blauen Firmament, sie spiegelt sich im +Meere, und ihre Strahlen dringen in unser Inneres ein und lösen die grauen +Nebel auf, die sich an dunklen Tagen dort angesammelt haben. Auch an der +Riviera di Ponente mußten Pflanzen und Menschen von der ungewohnten +Strenge dieses Winters leiden. Die meisten Pflanzen erholen sich wieder. +Die gebräunten Bougainvilleen an den Häusermauern beginnen stellenweise +auszutreiben, sie bilden carmoisinrothe Hochblätter in Büscheln an dem +todten Laub. Der Heliotrop durchbricht mit seinen Sprossen den Boden, bald +werden frische lebhaft grüne Blätter an den Fächerpalmen die braun +gefleckten alten ersetzen. – Auffällig gut haben die Acacien dem Schnee +und der Kälte getrotzt, sie sind mit gelben Blüthen über und über bedeckt, +wahre Blumensträuße in der sonst noch blumenarmen Landschaft. Denn die +Vegetation ist gegen sonst sehr weit zurück, die Rosenstöcke weisen nur +geschlossene Knospen auf, während sie sonst von Mitte Winter an hier im +Blüthenschmuck prangen. Eine Rose ist in keinem der vielen Blumenläden von +Cannes zu erblicken; man müßte sie wohl in den Gewächshäusern des Nordens +bestellen; Weniger gut als so viele Pflanzen erholt sich der leidende +Mensch, der hier in diesem letzten Winter Linderung, ja Genesung suchte. +Tage lang mußte er in Räumen verweilen, die nur dürftig zu erheizen waren. +Wie Manchem hat dieser Aufenthalt das Leben gekürzt. Schwerkranke sollten +hierher überhaupt nicht geschickt werden. + + II. + +Wir wollten nicht unten am Meere wohnen in den staubigen Theilen von +Cannes; wir zogen den Abhang hinauf, der im Osten die Stadt beherrscht, +zur Californie. Ueber den schönen Garten des Hôtel Californien hinweg +blicken wir auf die Croisette, jene schmale Landzunge, welche den Golfe de +la Nopoule vom Golfe Jouan scheidet. Weiter trifft unser Auge die Ile +St. Marguerite, und bei Morgenbeleuchtung zeichnet sich jedes Haus in dem +Fort ab, das diese Insel krönt. Von der Ile St. Honorat ist nur die Kirche +sichtbar, im übrigen wird sie von ihrer Schwesterinsel verdeckt. Im Osten, +über den blühenden Acacien, steigt an einem Hügel die alte Stadt Cannes +empor. Sie gipfelt in ihrem alten Schlosse und bietet dem Auge ein +malerisch bewegtes Profil. In weniger schöner Linie folgen die neuen +Stadttheile der Bucht, doch diese Linie wird, von hier oben aus +betrachtet, durch üppige Gärten der Hügel gebrochen und belebt. Besonders +gerne ruht aber unser Blick auf den zackigen Umrissen des Esterel. Dorthin +wendet sich unser Auge stets zuerst am Morgen, wenn die Sonne die Gipfel +der Berge vergoldet und jede Ortschaft sich blendend weiß am Fuße +derselben zeichnet; dorthin schauen wir auch zuletzt am Abend, wenn die +Sonne jenseits der langen Kette verschwindet, und ihre Strahlen sich wie +ein leuchtender Fächer am Abendhimmel ausbreiten. Dann entzünden sich auch +bald die Leuchtthürme längs der Küste, und schon in der Dämmerstunde +flammt Cannes mit Tausend Lichtern auf. Dieses Schauspiel wiederholt sich +jeden Abend, und wir wurden nicht müde, es zu betrachten. + +Zugleich beginnt das Concert der Laubfrösche rings um das Hôtel, jenes +Concert, das Jeder kennt, der im Frühjahr die Riviera besuchte. In allen +Wasserbehältern versammeln sich um diese Zeit jene Thierchen und locken +sich aus der Ferne mit lauten Rufen an. Die auffallende Kraft des Tones +wird dadurch ermöglicht, daß das Männchen die schwärzliche Haut seiner +Kehle zu einer großen Schallblase auftreibt. Im Uebrigen leben diese +zierlichen, lebhaft grün gefärbten Geschöpfe auf den Sträuchern und +Bäumen. Es unterhielt uns, ihnen am Tage in dem Garten des Hôtels +nachzuspüren, und dann auch festzustellen, wie sehr der Ton ihrer Färbung +sich nach ihrer jeweiligen Umgebung richtet. Auf hellen Blättern sind sie +hell, auf dunklen dunkel gefärbt und daher stets schwer zu erblicken. Es +handelt sich auch thatsächlich bei diesem Farbenwechsel um eine +Schutzvorrichtung, die sie den Augen ihrer Feinde entziehen soll. +Andererseits werden sie auch nicht von der Beute bemerkt, auf die sie +lauern. Es ist belustigend zu sehen, wie der Laubfrosch auf Insecten jagt, +mit welchem Geschick er sie fängt und wie hoch er springt, um sie zu +erfassen. + +Ungeachtet des Regens, der vor Kurzem reichlich gefallen war und trotz des +täglichen Begießens, zeichnet sich die Straße, die von Cannes nach Antibes +führt, von hier oben gesehen, meist wie ein langer Streifen von Staub +zwischen den grünen Gärten aus. Besonders hoch steigt dieser Staub an den +Nachmittagen auf, wenn eine Equipage der anderen folgt und neue +Staubwolken aufwirbelt. Dieser Staub, von zermalmtem Kalkstein stammend, +ist wie Mehl so fein. Ueberall dringt er ein, er erhebt sich zu so +bedeutender Höhe, daß er die angrenzenden Bäume bis in ihre Gipfel grau +färbt. Diesen Staub athmen nun tagtäglich die vornehmen Gäste von Cannes +ein, die meist nach dem Süden reisten, um ihre Lungen zu schonen. Derselbe +Staub herrscht nun leider an vielen Orten der Riviera, überall dort, wo +das Kalkgebirge bis an die Küste reicht. Doch wer zwingt auch den Kranken, +sich auf den Landstraßen zu bewegen oder an denselben zu wohnen! – Ich +kann den Staub nicht leiden, wenn ihn auch meine Lunge verträgt; +glücklicher Weise ermüde ich aber auch nicht leicht beim Gehen und fühle +mich wohler zu Fuß, als im Wagen. So war das Hôtel sehr günstig für mich +gelegen. Auf Fußwegen lassen sich von demselben schon in kurzer Zeit +Wälder und Maquis erreichen. Dort, auf den mit Kiefern bedeckten Gipfeln +von »_la Maure_«, 250 Meter hoch über dem Meere, eröffneten sich die +herrlichsten, überraschendsten Blicke in üppig grüne Thäler, nach den +schneebedeckten Alpen und über die blaue Küste. Ganz besonders großartig +erschienen in diesem Frühjahr die Seealpen. Der Schnee reichte tief an +denselben hinab. Man wähnte oft Bilder aus dem Berner Oberland vor Augen +zu haben, doch leuchtender, getaucht in den Glanz der italienischen Sonne. +So weilte ich denn mit Vorliebe unter den Aleppo-Kiefern oben auf den +Höhen von »_la Maure_«; doch mied ich grundsätzlich das »_Observatoire_«, +den officiellen Aussichtspunkt, auf welchen am Nachmittag, auf staubiger +Straße, die Wagen durch müde Pferde mühsam aufwärts gezogen werden. Dort +ist ein Aussichtsthurm errichtet, von dem aus, gegen Zahlung, man die +Natur bewundern kann. Meist ist man im Gedränge, und die Musik aus einer +nahen Wirthschaft trägt dazu bei, die Stimmung zu erhöhen. + + III. + +Beim Aufstieg zum »_Observatoire_« schneidet man einen Kanal, der Cannes, +Golfe Jouan und Antibes mit Wasser versorgt. Er führt das nämliche Wasser, +das die Römer einst in Forum Julii tranken. Sie hatten oberhalb Grasse +eine Quelle der Siagne gefaßt und führten das Wasser nach Fréjus in einem +gedeckten Aquäduct, der auf seinem Wege einen 50 Meter langen Tunnel, den +Tunnel von Roquetaillado, zu durchsetzen hatte. Der moderne Wasserkanal, +der in der Richtung von Cannes läuft, steht der römischen Wasserleitung +entschieden nach, denn er ist unbedeckt und vor Verunreinigungen somit +nicht geschützt. Man kann von La Maure aus diesem Kanal in nordwestlicher +Richtung meilenweit folgen. Ein Fußweg führt an demselben entlang. Er +steigt ganz unmerklich auf, so daß man fast eben zu gehen meint. In weiten +Bogenlinien zieht er sich längs der Berge hin und bietet wechselvolle +Ausblicke auf Cannes und das Esterel. Alsbald befindet man sich über Le +Cannet, einem Dorfe, das nördlich von Cannes, drei Kilometer entfernt vom +Meere liegt und durch nahe Hügel ganz besonders gut gegen Winde geschützt +wird. Man schaut da auf große Hôtels hinab, denn Le Cannet ist Station für +solche Kranke, die nicht am Meere weilen sollen, weil ihnen die Seebrise +angeblich Schaden bringt. Noch weiter gen Norden krönt Mougins einen 260 +Meter hohen, isolirten Hügel; ein malerischer Ort, dessen compacte +Häusermasse nur von spärlichen Fenstern nach außen durchbrochen wird. +Dorthin sollen sich einst die Oxybier zurückgezogen haben, als die Römer +die Küste besetzten. Nur eine halbe Stunde Weges trennt Mougins von dem +Thurme von Castellaras, der die umfassendste Aussicht auf die Alpenkette +bietet. + +Von dem Wege am Wasserkanal kann man alle jene Hügel ersteigen, welche Le +Cannet von Vallauris trennen. Von da oben sieht man jenseits von Mougins, +am Fuß der grauen Kalkalpen, Grasse im Sonnenlichte glänzen; unten im +Kessel, nach Osten zu, breitet sich Vallauris aus. Weiter sieht man Golfe +Jouan, Antibes, Nizza, die Küste bis in neblige Fernen und oberhalb der +Berge die Vallauris schützen, als herrlichsten Abschluß des Bildes, die +Schneemassen um den Col di Tenda. Dort baut Italien seit Jahren eine +Eisenbahn, welche Turin mit Ventimiglia verbinden soll. Die Bahn ist +fertig von Turin bis zum nördlichen Abhang des Passes, dem Orte Limone. +Unter dem Col di Tenda läuft jetzt schon ein langer Tunnel, der den +Verkehr der Wagen erleichtert. Dann beginnt das Thal der Roja, das bei +Ventimiglia das Meer erreicht. Der mittlere Theil dieses Thales ist im +Besitze Frankreichs. Ihn soll die Bahn umgehen, und das verursacht +bedeutende Kosten. Daher die Arbeiten langsam fortschreiten und die +Vollendung der Bahn sich noch kaum absehen läßt. Einst wird diese Bahn ein +herrliches Stück Land dem Verkehr eröffnen; denn die Gola di Gandarena, in +welcher die Roja zwischen himmelstürmenden Felsenmauern fließt, ist nicht +minder großartig wie die Via mala. Bis jetzt war dieser gewaltige Engpaß, +einer der imposantesten der Alpen, nur Jenen bekannt, welche den kleinen +Badeort St. Dalmazzo di Tenda zur warmen Jahreszeit besuchten, oder die es +gar unternahmen, allen Schneemassen zum Trotz, schon im Frühjahr die Fahrt +über den Col di Tenda zu unternehmen. Das haben wir einmal gethan und +einen unvergeßlichen Eindruck davon getragen. Ist einmal die Bahn von +Cuneo bis Ventimiglia in Betrieb, dann bildet sie zugleich die kürzeste +Verbindung zwischen der südlichen Schweiz und den Kurorten der Riviera di +Ponente. Die Straße über den Col di Tenda ist aber die älteste, die jemals +den Gallischen Strand mit den Ebenen des nördlichen Italien verband. Sie +existirte schon tausend Jahre vor Christus, zählt somit jetzt +achtundzwanzig Jahrhunderte und hieß die tyrrhenische Straße. + +Der Ort Vallauris, so unscheinbar er auch ist, hat es verstanden, jetzt +eine gewisse Berühmtheit zu erlangen. Er dankt sie seinem farbigen +Halbporzellan, seinen »_Faïences d’art_«, die nicht nur an der Riviera, +sondern in allen größeren europäischen Städten jetzt die Schaufenster der +Läden zieren. Es sind das Thonwaaren mit Zinnglasur, die im starken Feuer +gebrannt werden. Die Familie Massier beherrscht diese Industrie. Ueberall +liest man diesen Namen über den Lagern und über den Fabriken. Den Fremden, +die auf der staubigen Landstraße zwischen Cannes und Antibes umherfahren, +fällt das große Lager im Orte Golfe Jouan am meisten in die Augen durch +seinen mit bunter Fayence verzierten oder verunzierten Garten. + +Bietet Vallauris als Ort auch nur wenig, so bleiben doch die Ausflüge +anziehend, die man über die Höhen in dieser Richtung unternehmen kann. Von +Vallauris geht man durch eine anmuthige Schlucht hinab nach Golfe Jouan +oder durch den Wald, am Abhang der Berge, über Cannes-Eden, unmittelbar +nach Cannes. Vielfach begegnet man hier in den Wäldern noch Korkeichen, +die weiter nach Osten ganz fehlen. Es hängt das mit den Bodenverhältnissen +zusammen, da Glimmerschiefer und Gneis stellenweise bei Cannes noch an die +Oberfläche treten und dann die gleichen Vegetationsbedingungen schaffen, +wie sie im Maurengebirge gegeben sind. + + IV. + +Von der äußersten Spitze der Croisette ist die Insel St. Marguerite kaum +anderthalb Kilometer entfernt. In zwanzig Minuten kann man sie mit dem +Boote erreichen. Zweimal am Tage verkehrt auch ein kleiner Dampfer +zwischen dem Hafen von Cannes und den Lerinischen Inseln. Er berührt sie +beide, und man kann den Ausflug über die Mittagsstunden ausdehnen, wenn +man den ersten Dampfer zur Hinfahrt, den zweiten zur Rückfahrt benutzt. – +Wir wollten die Abendbeleuchtung der Küste von den Lerinischen Inseln aus +bewundern und nahmen am Nachmittag ein Boot an der Croisette. Voller +Sonnenschein füllte den Himmel mit einem Uebermaß von Licht und ließ das +glatte Meer gleich einer metallenen Platte erglänzen. Ein bläulicher Dunst +lag auf der Wasserfläche. Die gegenüberliegende Insel rückte immer näher. +Scharf zeichneten sich auf ihr die Mauern, die das Fort umgeben, welches +einst Richelieu erbaute. Oestlich über den Felsen blicken aus der Mauer +die Fenster jenes berüchtigten Gefängnisses hervor, das sonderbarer Weise +so oft schon die Gedanken der Menschen auf sich zu lenken wußte. Da war +der mysteriöse Gefangene eingeschlossen, der als »Mann mit der eisernen +Maske« die Historiker und Romanschreiber oft beschäftigt hat. Man nimmt +jetzt meist an, es sei das Hercules Anthony Matthioli gewesen, ein +Bologneser vom alten Geschlecht, der den Haß Ludwig XIV. sich zugezogen +hatte. Matthioli sollte bei Ferdinand Carl IV. von Mantua, dem letzten +Herzog aus dem Hause Gonzaga, den Verkauf der Festung Casale Monferrato an +Frankreich vermitteln. Nach der Eroberung der Festung Pinerolo +beherrschten die Franzosen den Zugang zum Piemont; ihnen hätte der Besitz +von Casale auch die fruchtbare Ebene von Mailand eröffnet. Matthioli, der +Senator von Mantua war und das Vertrauen seines Fürsten besaß, ließ sich +für den Plan gewinnen. Ludwig XIV. empfing ihn an seinem Hofe mit großen +Ehren und zeichnete ihn durch ein kostbares Geschenk aus. Dessen +ungeachtet verrieth Matthioli die französischen Pläne an Oesterreich und +brachte sie so zum Scheitern. Ludwig XIV. erfüllte das mit Zorn. Es gelang +ihm, Matthioli über die Grenzen von Turin zu locken. Er wurde dort +überfallen, gefangen genommen und in Fesseln gelegt. Man kerkerte ihn ein, +zunächst in Pinerolo, dann in jenem Gefängniß auf St. Marguerite. Da der +internationale Rechtsbruch geheim bleiben mußte, war es dem Gefangenen +unter Androhung des Todes verboten, sein Gesicht zu zeigen: er trug eine +Maske, die thatsächlich aber nicht von Eisen, sondern von schwarzem Sammet +war. Im Jahre 1687 kam Matthioli auf die Insel, um zehn Jahre später dem +Gouverneur der Festung, dem berüchtigten St. Mars, nach der Bastille zu +folgen. Dort starb er am 19. November 1703. – Es heißt, daß nach der +Revocation des Edictes von Nantes durch Ludwig XIV. auch protestantische +Geistliche in diesem Gefängniß geschmachtet hätten. Napoleon I. setzte +umgekehrt einen katholischen Geistlichen, de Broglie, Bischof von Gent, +hier ein. Dann gab es weniger vornehme Gefangene, Mamelucken und +dergleichen, erst die Einkerkerung Bazaines an dieser Stelle zog wieder +die Blicke der Welt auf St. Marguerite. Bazaine gelang es zu entkommen. +Seine Frau, eine noch junge Spanierin, und sein früherer Adjutant +Willette, der ihn nach St. Marguerite begleitet hatte, ermöglichten seine +Flucht. Er ließ sich des Nachts am Seil längs der Felsen nieder und +erwartete unten in zerfetzten Kleidern, mit wunden Händen und blutigem +Gesicht, seine Frau. Das stürmende Meer verhinderte die Landung des +Bootes, das ihn abholen sollte; er mußte sich in das Meer werfen, um es zu +erreichen. – Heut war es an diesen Felsen so still, wie auf einem See, und +wir landeten ohne Mühe an dem steinigen Ufer. – Der Besuch der Festung +lohnt kaum, will man sich nicht etwa an der außerordentlichen Dicke der +Mauern und an dem dreifachen Gitter des einzigen Gefängnißfensters +erbauen. Durch dieses Fenster hätte Bazaine nicht entkommen können. Er +benutzte die mangelhafte Aufsicht, um gegen Abend seine noch offene Zelle +zu verlassen. Er verbarg sich im Gefängnißhofe, während seine Zelle zur +Nacht leer verschlossen wurde. + +Wir zogen in den schönen Kiefernwald, der den größten Theil der Insel +deckt, und lagerten dort unter den Bäumen. Die Aussicht landeinwärts ist +derjenigen ähnlich, die man von Antibes aus genießt. Nur steigt das +Vorgebirge in größerer Nähe auf, und das Bild wirkt heiterer durch die +große Nähe von Cannes. Die Schneemassen der Alpen scheinen in der Ferne +fast in der Luft zu schweben, gehüllt in jenen leuchtend azurenen Nebel, +der dem provençalischen Himmel eigen ist. Von der blauen Fläche des Meeres +und den grünen Hügeln der Küste steigt so das Bild in Stufen, bis zu den +schneebedeckten Riesen der Alpenwelt empor, in großartig eindrucksvollem +Contrast. + +Wir ziehen nun quer durch den Wald, nach der entgegengesetzten Seite der +Insel, wo uns das Boot erwartet. Jetzt liegt dicht vor uns die Ile +St. Honorat. Es ist nur ein enger Meeresarm, der beide Inseln trennt, doch +ein Meeresarm, erfüllt mit gefahrbringenden Felsen, die kaum von den +Wellen des Meeres gedeckt werden. + +Die Ile St. Honorat hieß bei den Römern Lerina. Der heilige Honoratus zog +von seiner Einsiedelei im Esterel zu Anfang des fünften Jahrhunderts nach +dieser Insel hin. Er fand sie, so berichtet die Sage, mit giftigen +Schlangen erfüllt, unter denen zu leben fast unmöglich schien. Doch der +Heilige bestieg eine Palme und vertrieb die Schlangen durch den großen +Bannfluch, den er über sie aussprach. Zu St. Honoratus gesellte sich bald +der greise Caprasius, den spätere Zeiten auch als Heiligen anerkannten. Es +strömten von allen Seiten Anhänger herbei, und das errichtete Kloster +hatte bald bedeutenden Ruhm erlangt. Der heilige Vincenz, einer der +hervorragendsten Mönche von Lérin, verfaßte dort das Commonitorium gegen +die Irrlehre, ein Werk, das man auch in unserer Zeit im Streit um das +Unfehlbarkeitsdogma öfters citirte, im Besonderen den Satz: »Was immer, +was überall, was von Allen geglaubt worden ist, das ist wahrhaft +katholisch.« Dem Kloster gehörten auch an: St. Hilarius, der wie +St. Honoratus später Bischof von Arles wurde, ebenso St. Maximus, der den +Bischofssitz von Fréjus bestieg, dann Faustus, Bischof von Reji, der zu +den Heiligen zwar gezählt, dessen Rechtgläubigkeit aber vielfach +angezweifelt wurde; dann St. Salvian, St. Valerian, auch die beiden Söhne +des heiligen Eucharius: St. Veranius und St. Salonius und viele Andere. +Von der kleinen Insel Lerina, die St. Honoré nach dem Begründer ihres +Klosters benannt wurde, gingen nicht weniger als zwölf heilige +Erzbischöfe, zwölf heilige Bischöfe, zwölf heilige Aebte und vier heilige +Mönche hervor. »O gesegnete Einsiedelei, o dreimal glückliche Insel, die +du so viel Sprößlinge des Himmels erzogen hast!« _Beata et felix insula +Lyrinensis …!_ rief daher schon im Jahre 542 der Erzbischof von Arles, +Caesarius, der Sohn des Grafen von Chalon, bei seinem Tode aus. Zu Ehren +aller dieser Heiligen wurde am 15. Mai ein eigenes Fest, das der +Allerheiligen von Lerina, gefeiert. Um das Jahr 690 zählte das Kloster +über 3700 Mönche. Wie mögen sie nur alle Platz gefunden haben auf der +kleinen Insel, die nur etwa tausend Schritte lang und vierhundert Schritte +breit ist! Dieses rasche Aufblühen des Klosters trug die Keime des +Verfalles auch in sich; die asketische Lebensweise schwand immer mehr. – +Zur Zeit, da der heilige Caesarius dem Kloster als Mönch angehörte, waren +die Ordensregeln äußerst streng. Jeder Mönch bewohnte getrennt seine +Zelle: es gab weder ein Schlafgemach noch eine Küche. St. Caesarius +ernährte sich von Kräutern und von Brühen, die er sich am Sonntag für den +Bedarf der ganzen Woche kochte. Das änderte sich später, und schon zu Ende +des siebenten Jahrhunderts mußten, wie der Abt Disdier erzählt, die Päpste +eingreifen, um der Zügellosigkeit der Sitten unter den Mönchen zu steuern. +– Der heilige Aigulf, hieher gesandt, um strenge Zucht im Kloster +einzuführen und die Mönche zu besserem Lebenswandel zu bekehren, wurde von +ihnen verstümmelt und Seeräubern übergeben. – Dann aber kamen die +Saracenen. Sie plünderten im Jahre 732 das Kloster und mordeten alle seine +Bewohner. Nur St. Eleutherius blieb am Leben, verborgen in einem +unzugänglichen Felsenspalt, in dem er acht Tage lang von Wurzeln und +Seethieren sich nährte. Das Kloster blühte noch mehrfach auf, doch die +alte Sicherheit und Ruhe waren von der Insel geschwunden, so daß der Abt +Adalbert im Jahre 1073 einen starken viereckigen Thurm erbauen ließ, der +vom Strande aus gegen Afrika schaut und dauernd das Meer überwachte. Der +Thurm war geräumig genug, um alle Mönche aufzunehmen; sie konnten die +Klosterschätze darin bergen, dort auch sich wirksam gegen die alten +Feinde, Seeräuber und Saracenen, vertheidigen. So kam es, daß das Kloster +nicht nur fortbestehen, sondern auch glänzende Zeiten erleben konnte: es +hatte noch manchen geistig hochstehenden Abt aufzuweisen. Im sechzehnten +Jahrhundert besaß es eines der reichsten Sanctuarien, und seine Bibliothek +war weit berühmt. Im siebzehnten Jahrhundert, unter dem Pontificat +Gregor XV. begann es endgültig zu verfallen. Als es im Jahre 1788 +säcularisirt wurde, zählte es nur noch vier Mönche. Man vertheilte die +Klosterschätze an die Kirchen der benachbarten Regionen. Viele +Kostbarkeiten verschwanden während der französischen Revolution, so ein +silberner Reliquienschrein, der die Ueberreste des heiligen Honoratus +enthielt und nach Cannes gekommen war. Dieser kunstvoll gearbeitete +Reliquienschrein stammte von Franz I., der nach der Schlacht von Pavia als +Gefangener die Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1525 im Kloster zugebracht +hatte. Im Jahre 1791 wurde das Kloster versteigert und ging, eigen genug, +in den Besitz einer Schauspielerin über. Es war das Fräulein Alziary de +Roquefort, die unter dem Namen Sainval an der _Comédie française_ +glänzende Triumphe gefeiert hatte. + +Die Insel St. Marguerite hieß bei den Römern Lero. Strabon erzählt, daß +ein Heroentempel diese Insel schmückte und daß die Ligurischen Piraten +dort Opfer darbrachten. Den Namen St. Marguerite, den jetzt die Insel +führt, sucht eine Sage mit dem Namen der Schwester des heiligen Honoratus +zu verknüpfen. Von Sehnsucht getrieben, so wird erzählt, kam Margarethe +nach Lerina und fiel dem Bruder zu Füßen. Die Ordensregel schloß die +Anwesenheit von Frauen auf Lerina aus. Daher St. Honoratus die Schwester +nach der Insel Lero brachte, wo sie verblieb und Aebtissin wurde. +Margarethe nahm unter einem blühenden Kirschbaum von dem Bruder Abschied, +und er mußte ihr versprechen, daß er sie besuchen würde, so oft dieser +Kirschbaum blühe. Die Heilige erwirkte dann durch ihr Gebet, daß der +Kirschbaum allmonatlich in Blüthenschmuck prangte. + +Jetzt gibt es wieder Mönche im Kloster St. Honorat. Das Bisthum von Fréjus +hat das Kloster im Jahre 1859 erworben, und zehn Jahre später zogen die +Cistercienser hierher. Im weißen Gewande, mit schwarzer Kapuze, schwarzem +Gurt und Scapulier schreiten sie in dem Kloster einher. Frauen ist der +Zutritt untersagt, doch viel verlieren sie nicht durch dieses Verbot, denn +von den älteren Theilen des Klosters blieb fast nichts erhalten, und die +Kirche in demselben ist ganz neuen Ursprungs. Weit höheres Interesse +beansprucht das außerhalb des Klosters am Meeresstrande aufgebaute, auch +den Frauen zugängliche Kastell. Ein mächtiger Bau aus Quadersteinen, der +den Angriffen der Zeit getrotzt hat. Nur von wenigen Fenstern nach außen +durchbrochen, mit Zinnen besetzt, trägt es deutlich seine einstige +Bestimmung zur Schau. Besonders stimmungsvoll hebt sich dieses dunkle +Kastell von dem blauen Hintergrund des Meeres ab, wenn es aus einiger +Entfernung betrachtet wird, und dunkelgrüne, über den Strand geneigte +Kiefern dasselbe umrahmen. Im Innern birgt das Kastell alle jene Räume, +die zu einem längeren Aufenthalt der Mönche nothwendig waren: zahlreiche +Zellen und ein Refectorium, eine Capelle und eine Bibliothek, vor allem +auch eine Cisterne. Diese Cisterne, ganz alter Construction, nimmt die +Mitte des offenen Hofes ein; Säulengänge, in mehreren Stockwerken, steigen +im Umkreis auf. Eingestürzte Gewölbe, halbverschüttete Räume, verborgene +Treppen, die in unterirdische Räume führen, folgen aufeinander und +durchschneiden sich in sinnverwirrender Weise. Die Burg ist Kloster und +Festung zugleich, so recht ein Product jener Zeit, wo das Kreuz und das +Schwert oft von derselben Hand geführt wurden, einer leidenschaftlich +erregten Zeit, stark und starr in ihrer Ueberzeugungskraft, der es an +schöpferischer That und eigenartiger Poesie nicht fehlte. Auf einer +Wendeltreppe besteigt man den Thurm, von dem aus sich eine herrliche +Aussicht entfaltet. Man sieht hinab auf die Lerinischen Inseln, die wie +grüne Flöße auf dem Meere schwimmen, und überblickt die ganze weite Küste +von St. Tropez bis zu den Bergen von Bordighera. Die Insel St. Honorat ist +viel kleiner als ihre Schwester; daß der heilige Honoratus sie +dessenungeachtet zur Anlage seines Klosters erwählte, war durch die Quelle +bedingt, die sie birgt. + +Zerklüftete Felsen ragen in der Nähe des Kastells aus dem Meer hervor. Sie +heißen die Mönche und bilden einen natürlichen Schutz für die Insel. An +ihnen bricht sich die Macht der Wellen, wenn der Südsturm das Meer gegen +die Insel treibt. Einige Capellen schmücken den Strand, Ueberreste aus +alter Zeit; Marmorfragmente von Säulen und Capitälen sind zwischen Myrten +und Lentisken aufzufinden und mahnen an frühere Pracht. Fünfzehn +Jahrhunderte lang beherrschten die Mönche diese Inseln sowie auch das +gegenüberliegende Festland, jetzt gilt ihre Fürsorge vor allem einem +Waisenhaus, das in dem Kloster errichtet wurde und in welchem die Knaben +verschiedene Gewerbe erlernen. In diesem Waisenhause befindet sich auch +eine Druckerei, in welcher alte kirchliche Werke neu edirt werden. So hat +die Druckerei von Lerin dem Papst Leo XIII. zu seinem Jubiläum ein reich +verziertes Werk überreicht, welches das Magnificat in »hundertfünfzig« +Sprachen enthielt. + +Oestlich von der Insel St. Honorat liegt die kleine Felseninsel +St. Féréol. Während die beiden größeren Lerinischen Inseln durch Legende +und Geschichte wie mit einem Heiligenschein umgeben werden, bildete sich +eine seltsame, fast dämonische Mythe um St. Féréol aus. Es hieß, und heißt +noch vielfach, daß auf St. Féréol das Grab von Paganini sich befunden +habe. Diese Angabe ist in französischen Werken verbreitet. Sie führen an, +Paganini sei in Nizza, im Mai 1840, an der Cholera verschieden; sein Sohn +Achille habe die Leiche auf einem Schiffe nach Genua geführt, um den Vater +an dessen Geburtsorte zu bestatten. Die Geistlichkeit verweigerte aber das +Begräbniß dem Manne, von dem es hieß, er habe sich dem Satan verschrieben. +Auch das Municipio ließ die Ausschiffung des Körpers wegen Choleragefahr +nicht zu. So versuchte der Sohn in Marseille zu landen, doch wieder ohne +Erfolg. Als er auch in Cannes abgewiesen wurde, entschloß er sich, den +Sarg des Nachts auf die kleine unbewohnte Insel zu bringen und dort, von +Stürmen oft umbraust, hat der Todte fünf Jahre lang gelegen. Erst im Mai +1845 kehrte der Sohn wieder, nachdem es ihm gestattet worden war, den +Vater zu begraben an der Kirche von Gajona bei Parma, unfern der Villa, +die Paganini dort erworben hatte. Diese Erzählung kam mir schon einmal in +den Sinn, als ich in dem herrlichen _Pallazzo Doria Tursi_, dem jetzigen +_Palazzo del Municipio_ in Genua, die Geige Paganinis sah. Das war in den +Tagen der Columbianischen Feste, wo die Mitglieder der wissenschaftlichen +Congresse im Municipio durch den Sindaco empfangen wurden. Die Geige, eine +Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne zu entlocken gewußt, bewahrt +man wie eine Reliquie in einem kostbaren Schrein; man hatte sie zu dem +Feste mit seidenen Bändern in den italienischen Farben geschmückt. Daran +dachte ich jetzt, da ich die kleine Insel St. Féréol vor mir im Meere +liegen sah. Die heitere Landschaft stimmte freilich nicht zu dem +unheimlichen Geiste Paganinis. Wohl aber konnte es ihm behagen auf jenem +einsamen Riff, wenn die entfesselten Elemente die brandenden Wogen über +die Felsen trieben und der Wind klagend über der Meeresfläche pfiff. Da +war es die Natur, welche Schaudergeschichten auf ihrer _G_-Saite spielt, +so wie er sie einst auf jener Saite seinen erregten Zuhörern zu erzählen +wußte. Ja, das Grab Paganinis paßt sicherlich besser in die wilde +Brandung, als auf einen stillen Friedhof, das ist völlig klar! – Wie +schade, daß die Geschichte nur erdichtet ist! – In Wirklichkeit starb +Paganini in der _Via Santa Reparata_ zu Nizza an der Kehlkopfschwindsucht +und nicht an der Cholera. Er hatte lange zuvor schon, in Folge seines +Leidens, die Stimme eingebüßt. Da er die Sterbesacramente nicht empfangen +hatte, verweigerte die Geistlichkeit seine kirchliche Bestattung, und +diese konnte erst einige Jahre später erfolgen. Der Sohn Paganinis, der +heute noch in Parma lebt, theilt mir mit, daß sein Vater dort auf dem +großen Friedhof _della Villetta_, nachdem er, auch im Tode unstät, erst +nach Villa-Franca, dann nach Genua gewandert, seit 1876 seine endliche +Ruhe gefunden und er – der Sohn – ihm auf seinem Grabe ein würdiges +Denkmal habe errichten lassen, für welches in Genua kein geeigneter Platz +gewesen sei. Ueber Paganinis Leben hatten sich die merkwürdigsten Mythen +ausgebildet, die durch sein ungewöhnliches Aussehen, seine fast +gespensterhafte Magerkeit und sein blasses Gesicht, auf welchem, wie Heine +schreibt, Kummer, Genie und Hölle ihre unverwüstlichen Zeichen eingegraben +hatten, gefördert wurden. Paganini trug übrigens durch sein excentrisches +Benehmen selber nicht wenig zur Verbreitung dieser Mythen bei. Nur einmal, +in Paris, fühlte er sich veranlaßt, den Fabeln, die in den Zeitungen über +ihn berichtet wurden, entgegenzutreten. In einem Briefe, den er in der +»_Revue musicale_« veröffentlichen ließ, schilderte er selbst sein Leben +und führte dort den Nachweis, daß er weder seine Geliebte ermordet noch im +Gefängniß gesessen, noch sich dem Teufel verschrieben habe. Er schloß mit +der Hoffnung, man werde wohl seiner Asche einst die verdiente Ruhe gönnen. +Doch auch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen! Selbst eine +Marmorbüste, die man Paganini in der _Villetta di Negro_ zu Genua geweiht +hatte, verschwand spurlos von jener Stätte. + +Wir kehrten nach der Insel St. Marguerite zurück und verweilten dort bis +zum Untergang der Sonne. Strahlend verschwand der feurige Ball hinter dem +Esterelgebirge. An den hohen Bergen im Norden trieben sich langgedehnte +Nebelstreifen umher. Sie deckten die Einschnitte der Thäler, stiegen dann +empor bis zum Schnee der Alpen, wurden violett und rosenroth und schwanden +spurlos. Scharf zeichneten sich jetzt die riesigen Gipfel in langer Kette +an dem blauen Himmel. Bald rötheten sie sich auch, erglühten in Purpur, +erloschen allmälig und wurden dann leichenblaß. Des Tages Gluth lastete +noch auf dem Meere; seine glatte Oberfläche zeigte jene matten Reflexe, +wie sie alten venetianischen Spiegeln eigen sind: dann begann sie die +Farbe zu wechseln und schillerte wie Opal. Der Purpur, der von den Bergen +schwand, legte sich über den Abendhimmel und überfluthete bald auch das +Meer. Geheimnißvoll klagend schlugen seine scharlachrothen Wellen jetzt an +die Felsen des Ufers. Der Himmel über den Alpen nahm fahlgrüne Färbung an, +und dann wurde es dunkel. Ungezählte Sterne tauchten am Himmel auf, und +ungezählte Lichter entflammten längs der Küste. Wir bestiegen jetzt wieder +die Barke und glitten still über der Wasserfläche. Eine erfrischende Luft +umfloß unseren Körper, drang in unsere Lungen ein und erweckte jenes +Gefühl inneren Wohlbehagens, dem man so gern sich hingibt. Wir wechselten +kaum ein Wort und brachen erst unser Schweigen, als wir an der Croisette +gelandet waren. + + V. + +Cannes stand unter der Herrschaft der Aebte von Lerin. Sie hatten dasselbe +im zehnten Jahrhundert von Wilhelm von Gruetta, einem Sohne von Redouard, +Grafen von Antibes, erhalten. Im Jahre 1080 begann der Abt Adalbert die +Burg auf dem Hügel, der jetzt die Altstadt trägt, dem heutigen Mont +Chevalier, zu erbauen. Im Kloster von Lerin wurden die geistigen Güter vor +Allem gepflegt, daher wohl seine Herrschaft mild gewesen ist. Das +beeinflußte die Sitten und Bräuche der Uferbewohner. Während jenseits des +Esterels, wo rohe Burgherren herrschten, die Volksbelustigungen in +Scheinkämpfen, den sogenannten »_bravades_« bestanden, waren es in Cannes, +Vallauris und Antibes die »_romérages_«, das heißt Tänze und ähnliche +Spiele, welche die Feste belebten. Bis auf den heutigen Tag haben sich die +_bravades_ in St. Tropez, die _romérages_ in Vallauris erhalten. +Wachtthürme längs der Küste waren zum Schutz gegen die Saracenen +aufgerichtet. Feuerzeichen des Nachts, weiße Fahnen am Tage, warnten, von +den Lerinischen Inseln aus, die Uferbewohner vor den nahenden Feinden. +Cannes führte, gedeckt durch das Kloster, dem die Angriffe der Feinde +stets vor Allem galten, ein ziemlich ruhiges Dasein, und hatte erst +während der Kämpfe Franz I. mit Karl V. schwere Verluste zu tragen. Im +Jahre 1580 wurde durch ein Schiff aus dem Orient die schwarze Pest nach +Cannes eingeschleppt und verbreitete sich dann über die ganze Provence. +Dann gab es noch manches Ungemach im Laufe der Zeiten, so im siebzehnten +Jahrhundert, als die Lerinischen Inseln zeitweise in spanische Gewalt +geriethen, dann im achtzehnten während der Invasion der Provençe durch +österreichische und piemontesische Truppen, besonders aber im +österreichischen Erbfolgekriege, während des mißglückten Angriffs der +Oesterreicher auf die Provence. – Uebrigens fehlte es auch nicht ganz an +komischer Tragik in der Geschichte von Cannes. So berichten die +Stadtarchive von einem wilden Thiere, das 1785 das Land und die Stadt mit +Schrecken erfüllte. Kein Bewohner der Stadt wagte sich mehr ins Freie. +Schließlich wurde eine Schar muthiger Männer bewaffnet, und es gelang +ihnen auch an der Grenze der Gemeinde das Thier zu erlegen. Ein solches +Thier hatte noch Niemand gesehen; man wußte es nicht zu benennen. Ein +heftiger Streit entspann sich nun um das Fell, zwischen den Gemeinden von +Cannes, Grasse und Mougin, an deren gemeinsamen Grenzen das Thier gefallen +war; es drohte ein ernster Conflict, glücklicher Weise machte der Marquis +de Caraman, commandirender General der Provence, demselben ein Ende, indem +er das Fell für sich nahm. Nunmehr wurde festgestellt, daß dieses Fell von +einer Hyäne stamme; wie jenes Thier sich nach Cannes verirrt hat, ist +unaufgeklärt geblieben. + +Am Ende des vorigen Jahrhunderts war Cannes zu einer ganz unbedeutenden +Ortschaft herabgesunken. Als Horace Benedict de Saussure sie 1787 +besuchte, fand er nur ein paar Straßen vor, die fast ausschließlich von +Matrosen und Fischern bewohnt waren. Die Schönheit der Lage fiel ihm auf: +»_C’est un site vraiment délicieux_« rief er auf dem Hügel von St. Cassien +aus, als er den blauen Golf und die grünen Inseln vor sich liegen sah, +dann über das üppige Thal der Siagne, gegen Grasse und die grauen +Kalkalpen schaute. Auch die Hôtels in Cannes waren damals einfacher als +jetzt, dessen ungeachtet es dem Erlanger Professor Heinrich Schubert im +Jahre 1822 in einem derselben sehr behagte. Er und »die gute Hausfrau« +waren zu Fuß über das Esterel acht Stunden lang bis nach Cannes gewandert +und kamen dort recht ermüdet in den heißen Mittagsstunden an. Darauf hin +schreibt Schubert: »Wohler und erquicklicher zu Muthe ist es wohl der +guten Hausfrau, auf dieser ganzen Reise, bei keinem anderen Mittagessen +und in keinem anderen Wirthshause gewesen, als in dem bürgerlichen, für +uns daher sehr passenden Wirthshause zu Cannes. Es war das Häuslein gleich +eins der ersten in der Häuserreihe am Meeresstrande hin. Zwar zu der +oberen Etage, welche fast nur aus dem Zimmer bestand, in welchem wir aßen, +führte keine Marmorstiege, sondern eine hölzerne Treppe von außen empor, +es stieg sich aber eben so schnell daran hinauf, als auf einer steinernen; +der Balcon, an dessen geöffnete Thür wir uns hinsetzten, hatte zwar weder +eiserne noch bronzene Umzäunung, sondern nur bretterne, die Aussicht von +ihm hinaus auf das unter uns brandende Meer war aber eben so weit und +lieblich als von einem steinernen.« »Junge Hühnlein, seit wenigen Tagen +erst aus dem Ei gekrochen, die mit ihrer Alten da im Speisesaal und auf +dem Balcon herumliefen, pickten die Krümlein von Weißbrod zusammen, die +ihnen die Hausfrau auf den Boden streute.« Dann aber, nachdem wir uns an +einem trefflichen Mahl gesättigt und ausgeruht, »verließen wir – +Strickbeutel und Pflanzenmappe unter dem Arme – unseren Balcon mit der +lieblichen Meeresaussicht und die gutmüthigen, billigen Wirthsleute und +zogen unter den schattigen Bäumen der Allee, neben dem anbrandenden Meere +hinaus auf die Straße nach Antibes.« + +Da war es in der That anders in Cannes als jetzt! Den Anfang zu seiner +jetzigen Größe verdankt Cannes einem Zufall. Im Jahre 1834, als die +Cholera im ganzen Norden von Europa herrschte, sperrte sich Italien gegen +dieselbe durch einen Grenzcordon ab. Reisende, die aus Frankreich an diese +Küste kamen, mußten mehrere Tage in dem seuchenfreien Cannes verweilen, +bevor sie die Grenze am Var überschreiten durften. Unter den Reisenden +befand sich auch Lord Brougham, der das Amt eines Lord-Kanzlers von +England vor Kurzem niedergelegt hatte und durch den Tod seiner geliebten +Tochter tief gebeugt, nach Italien eilte. Ihm gefiel dieser Ort, an dem er +nun unfreiwillig verweilen mußte, so sehr, daß er sich entschloß, an +demselben zu bleiben. Er ließ sich in Cannes nieder und erbaute auf seiner +Besitzung das Schloß Eleonore Louise, das den Namen seiner Tochter trägt. +Seinem Beispiel folgten zahlreiche seiner Landsleute, und die vornehme +englische Gesellschaft zog sich allmälig von Nizza nach Cannes zurück. Ihr +folgte die französische Aristokratie, und allmälig wuchs Cannes zu einem +der vornehmsten Kurorte der Riviera an. + + VI. + +Den Bewohnern des westlichen Cannes können die Ausflüge auf den Höhen der +Croix-des-Gardes diejenigen von »La Maure« zum Theil ersetzen. Die +Aussichten sind ähnlich, doch gilt es meist so viel Staub zu schlucken, +ehe man sie erreicht! Die Abhänge dieses 150 Meter hohen Hügels sind mit +den ältesten Villen des neuen Cannes bedeckt; da lehnt sich auch jener +Château d’Eleonore Louise an, der den Grund zu dem modernen Kurort legte. +– Man darf es auch nicht unterlassen, den Garten der Villa Larochefoucauld +zu besuchen, dessen Zutritt Fremden stets gestattet wird. Man erreicht ihn +bald auf der Straße von Fréjus. Die Ausblicke auf das nahe Esterel +zwischen den Palmen, Pinien und sonstigen üppigen Gewächsen des Gartens +sind zum Theil von hoher malerischer Wirkung. + +Ueber alle möglichen, wenn auch nicht immer empfehlenswerthen Ausflüge an +den Kurorten der Riviera orientiren jetzt vollständiger wie zuvor die in +allerletzter Zeit erschienenen »_Guides Joanne_«. Es gibt jetzt solche +»Führer« für Cannes, für Nizza, Mentone, ja selbst für das Esterel, und +sie sind einzeln für 50 Centimes oder einen Franc zu haben. Leider sind +aber auch in diesen Führern die Angaben über die Wege, die man bei den +einzelnen Ausflügen einzuschlagen hat, so mangelhaft und die beigefügten +Karten so unvollkommen, daß man sich nur selten zurechtfinden kann. + +Ich plante noch einen Ausflug nach dem Cap d’Antibes und stand mit +Tagesanbruch auf, um möglichst viel Zeit vor mir zu haben. Ich trat ans +Fenster und öffnete die Läden: Der Himmel war mit Wolken ganz bedeckt. +Hinter denselben im Osten mußte die Sonne soeben aufgegangen sein. +Unentschlossen blieb ich am Fenster stehen. Wird es der Sonne gelingen, +die Wolken zu zerstreuen? Leuchtende Stellen tauchten in der Wolkenmasse +nach einiger Zeit auf und erweckten freudige Hoffnung. Bald schwanden sie +aber wieder, und beklommen blickte ich empor, gedrückt von dem Gefühl, daß +es so trüb und traurig den ganzen Tag über bleiben könne. Doch wieder +lichten sich hier und dort die Wolken, sie wogen in schweren Massen wie +ein bewegtes Meer; plötzlich zerreißen sie an mehreren Stellen, und aus +glühendem Rahmen blickt dort der leuchtende Himmel hervor. Es ist, als +wäre in den Höhen eine Feuersbrunst ausgebrochen, und als drängen lange +Feuerstrahlen aus den Oeffnungen der Wolken hervor, um die See und das +Land zu entzünden. Jetzt sind es Stellen im Meer, welche in Flammen +aufgehen, dann leuchten die Lerinischen Inseln im rosigen Lichte auf +dunkler Woge, dann wieder entzünden sich die Gipfel des Esterel, dann das +alte Cannes. Allmälig erblassen die Wolken, sie weichen vor der +siegreichen Sonne; sie lösen sich auf im goldigen Nebel und schwinden. Der +ganze Himmel erstrahlt in glänzendem Licht. + +Wir folgen der Straße von Antibes, von Licht überfluthet. Solche +Lichtfülle stimmt den Menschen freudig, erweckt neue Hoffnungen und trägt +so sicherlich nicht wenig zur Heilung der hier weilenden Kranken bei. Es +ist das der suggestive Einfluß des Sonnenlichtes; andererseits kommen +demselben thatsächlich auch antiseptische Wirkungen zu. Intensives +Sonnenlicht tödtet die Keime jener niederen Organismen, welche Fäulniß und +Zersetzung bewirken. Entsprechende Versuche haben gelehrt, daß eine +Aussaat von Bacterien durch Licht sterilisirt werden kann. Setzt man eine +solche Aussaat dem Sonnenlichte aus, hält eine andere im Schatten, so +werden die Keime der ersteren getödtet und die der letzteren entwickeln +sich weiter. Intensives Sonnenlicht sterilisirt demgemäß auch die Wäsche +und die Kleider von Kranken. Es sterilisirt auch Seen und Flüsse, falls +ihr Wasser nicht zu trüb ist und den Lichtstrahlen das Eindringen nicht +verwährt. Die in der Luft schwebenden Keime werden meist von dem +Sonnenlicht getödtet. Mit Recht sagt somit ein italienisches Sprüchwort: +»_Dove non entra il sole, entra il medico._« Wäre jenes Sprüchwort nicht +begründet, da müßten unausstehliche Miasmen manches südliche Land erfüllen +und Infectionskrankheiten ununterbrochen es verheeren. Wie wenig geschieht +da meist für die Desinfection. Die moderne Hygiene ist ein Kind nordischer +Himmelsstriche, und die peinlichsten Ansprüche an Reinlichkeit und Comfort +sind in Ländern erwachsen, in welchen der Nebel meist das Sonnenlicht +verhüllt. Während wir unsere Wohnräume nach Möglichkeit säubern, für +Desinfection allerorts sorgen, öffnet der Südländer weit seine Fenster und +läßt sein ganzes Haus vom Sonnenlicht durchstrahlen. Dazu ist aber dauernd +klarer Himmel nöthig. – Bacterienkeime, die vom intensiven Sonnenlichte +getroffen werden, halten die Wirkung desselben nur kurze Zeit aus. Die +Keime des _Bacillus anthracis_, jenes gefährlichen Bacteriums, das den +Milzbrand bei Schafen und Rindern veranlaßt, sind dann schon todt nach +wenigen Stunden. Ein englischer Botaniker, Marshall Ward, hatte den +Einfall, diese Wirkung des Lichtes auf Bacterienkeime gewissermaßen +photographisch zu veranschaulichen. Er breitete Gelatine, die mit +Bacterienkeimen versetzt war, auf einer Glastafel aus, stellte vor +dieselbe eine durchbrochene Zinnplatte und ließ letztere vom Sonnenlicht +bescheinen. Nach wenigen Stunden wurde die Glastafel in einen dunklen, +warmen Raum gelegt und dort längere Zeit gelassen. Ueberall da, wo das +Sonnenlicht durch die Oeffnungen der Zinnplatte die Gelatine erreicht +hatte, blieb letztere klar, weil die Keime in derselben getödtet waren, +sie trübte sich an den übrigen Stellen, weil die Keime dort unversehrt +blieben und sich zu trüben Bacterienmassen vermehrten. So war das in die +Zinnplatte geschnittene Bild deutlich auf der Gelatineplatte zu erkennen. +Selbst die Negative gewöhnlicher Photographien konnten benutzt werden, um +positive Bacterienbilder zu erhalten, wenn mit besonders empfindlichen +Keimen operirt wurde. Ein purpurfarbiges Bacterium der Themse lieferte so +hinter den Glas-Negativen englischer Landschaften zwar nicht scharfe, aber +doch kenntliche Bilder derselben. + +Die ganze Straße von Antibes war jetzt blendend hell von Licht, von jenem +grellen Licht, in welches alle Dinge tauchen, wenn die Sonne hoch am +Himmel steht. Auf der kreideweißen Straße wurden die Schatten immer kürzer +und dunkler, die Halbschatten nahmen blaue Töne an. Die Palmengruppen in +den Gärten glänzten so stark, daß sie fast wie fabelhafte Decorationen zu +einem Zauberstück erschienen. Es war Fest der Sonne überall in der Natur, +und diese festliche fröhliche Stimmung theilte sich uns auch mit. – Wenig +Orte in Europa gibt es, die über eine gleich große Lichtfülle verfügen. An +dieser goldigen Küste darf sich das Mittelmeer rühmen, Spiegel der Sonne +zu sein. An Klarheit der Luft können mit der Gegend um Nizza sich nur +Valencia und Alicante messen. Während von dem Eifelthurm in Paris die +Aussicht im günstigsten Falle bis auf hundert Kilometer reicht, zeigt hier +nicht selten Corsica dem erstaunten Auge seine zackigen Gipfel, die um +mehr als 200 Kilometer von dieser Küste entfernt sind. Daher mit vollem +Recht der Mont Gros bei Nizza zum Bau eines astronomischen Observatoriums +gewählt wurde. Auch regnet es in Nizza durchschnittlich im Jahre nur an +67 Tagen. Der Regen dauert nicht lange, ist dafür oft so heftig, wie in +den Tropen. Auch in diesem Frühjahr hatten wir während unseres +fünfwöchentlichen Aufenthalts, von Mitte März bis zur zweiten Hälfte des +April, nur drei Tage mit anhaltendem Regen hier zu verzeichnen. Wir waren +thatsächlich die ganze Zeit über wie in ein Lichtbad getaucht. + +Die Straße führte uns an dem Orte Golfe Jouan vorbei nach Jouan les Pins. +Nun folgten wir unter Pinien im weiten Bogen dem Meeresstrande. Unser +Blick verlor sich im endlosen Meer oder er ruhte auf dem Esterel und den +Lerinischen Inseln. Es waren das die alten, liebgewonnenen Bilder in immer +neuer Umrahmung. Bald begrüßten wir das Cap und traten in den Garten des +Caphôtels ein. Da ist Alles noch so wie es war, derselbe üppige +Pflanzenwuchs, derselbe Duft der Maquis. Doch fremdartig blicken uns +merkwürdige Bauten von der äußersten Spitze der Landzunge an. Haben die +Saracenen wieder das Land erobert und sich am Cap niedergelassen? Das sind +doch maurische Bauten, die sich dort erheben, eine Moschee, die mit ihrer +schlanken Kuppel in die Lüfte ragt! Eine Mauer sperrt die Spitze des Caps +vom Hôtelgarten ab, doch glücklicherweise ist sie schon durchbrochen und +nichts hindert uns, weiter vorzudringen. + +Es war nicht ein Saracene, sondern ein Pariser, der diese Bauten errichten +ließ. Er starb ohne das Ende seiner Werke zu sehen. Sein Wunsch, hier +begraben zu werden, konnte nicht in Erfüllung gehen. Die französische +Regierung verbot die Bestattung am Cap; die Familie gab daher die +Besitzung auf. + +So wird denn dieses Stück Orient hier wieder verschwinden, vielleicht +Ruinen bilden, die man dermalen als saracenische deuten wird. Der Fischer +aber, dem ein Stück Strand nach dem andern entzogen wird, hat vom Cap +wieder Besitz ergriffen. Mit sichtlicher Schadenfreude zerstört er die +Mauer, die ihm den Zugang zu den Felsen sperrte, auf denen er gewohnt war, +von Kind auf zu fischen. Und auch der Fremde, der das Cap besucht, kann +wieder ungehindert auf diesen zerrissenen Felsenklippen streifen und dem +geheimnißvollen Rauschen der Wogen in den tiefen Spalten des Gesteines +lauschen. + + VII. + +Einige Tage später verließen wir Cannes und siedelten nach dem Cap Martin +über. Eine englische Gesellschaft hat vor einiger Zeit dieses ganze Cap +erworben und ein Hôtel auf demselben errichtet, das zu den comfortabelsten +der ganzen Riviera gehört. Hat man es sonst zu bedauern, daß die schönsten +Punkte dieser Küste der Speculation zum Opfer fallen, so ist dies beim Cap +Martin nicht der Fall. Denn mit viel Geschick und Geschmack verstand es +die englische Gesellschaft, dem Cap seinen ursprünglichen Charakter zu +wahren und den schönen Wald von Aleppokiefern, mit dem das Cap bedeckt +ist, in einen nicht minder schönen englischen Park zu verwandeln. Sie +schonte jeden einzelnen Baum; die Maquis am westlichen Strande hat sie in +ihrem ursprünglichen Zustand belassen, fremdartige Gewächse nur in +discretester Weise angebracht. Das Hôtel steht auf der Höhe, am südlichen +Ende des Caps, noch in den Wald eingeschlossen, von welchem man nur so +viel entfernte, als zum Bau des Hauses durchaus nothwendig schien. Auch +werden die Grundstücke am Cap von der Gesellschaft nur unter Bedingungen +verkauft, die den neuen Besitzer zur Schonung des Waldes verpflichten. So +merkt man nicht viel von den entstehenden Villen im Walde, und man muß auf +die Höhen steigen, die das Cap beherrschen, um sie zu entdecken. Der +Strand sollte frei bleiben, daher keines der verkauften Grundstücke bis zu +demselben reicht. Man kann vom Hôtel aus jetzt ungehindert den Wegen +folgen, die sich um das ganze Cap ziehen. An dem östlichen Ufer des Caps +läuft die Landstraße, die nach Mentone führt; sie ist staubig, und sucht +man sie daher nach Möglichkeit auf den Spaziergängen zu meiden. Das kann +man auch, wenn man die Straßen einschlägt, die im Walde, am Rücken des +Caps, verlaufen. Besonders anziehend und von Staub ganz frei ist aber der +Fußweg, der in westlicher Richtung am Cap sich hinzieht. Er folgt auf +langer Strecke zwischen Kiefern und würzigen Sträuchern dem Strande. Er +ist so schön, bietet so mannigfaltige Ausblicke, daß man nicht müde wird, +auf ihm zu wandern. Der Weg steigt auf und ab, immer in unmittelbarer Nähe +des Meeres, dicht über zerrissene Felsenmassen. Myrten, Pistacien, +Rosmarin umranden ihn, häufig wächst da außerdem der immergrüne Wegedorn +mit dunklen Beeren, der _Rhamnus alaternus_, auch das interessante +_Cneorum tricoccum_ mit kleinen gelben Blüthen, das uns schon aus den +Maquis von Antibes bekannt ist, und die würzige Weinraute (_Ruta +bracteosa_), die um diese Zeit schon ihre gelbgrünen Blüthendolden +entfaltet. Bei jeder Windung des Weges ragen neue Felsen aus dem Meer +hervor, immer anders geformt, in unerschöpflichem Wechsel. Ueberall die +anbrausenden Wogen mit ihrem Silberrand, hier von tiefem Blau, dort von +hellem Grün, dort wieder in violetten Tönen; dann plötzlich vorübereilende +Fischerbarken, grell beleuchtet im lichten Schein der Sonne. Die Ruder +tauchen wie in flüssiges Metall, und funkelnde Tropfen fallen von ihnen in +das Meer zurück. Weite Blicke öffnen sich über die Küste: hier Monte +Carlo, sanft vom Meere aufsteigend, dort Monaco auf seinem steilen Fels, +darüber, wie auf Wache, die riesige »Tête de Chien«. Ganz in der Nähe +liegt am Bergesabhang das Felsennest Roccabruna, in Orangenhaine gehüllt, +umrahmt von Cypressen und Carouben. So läßt sich hier genußreich am frühen +Morgen wandern, da die Sonne noch im Osten steht, im Schatten der Bäume +und des steil aufsteigenden Caps; felsauf, felsab, einmal dicht am Meere, +dann über demselben, dann wieder am Strand, wo die Welle bis zu den Füßen +rollt. Doch gilt es früh aufzubrechen, denn das Cap ist nicht rein +südlich, sondern südwestlich gerichtet, und bald beginnen die Strahlen der +Sonne auch den westlichen Abhang zu streifen. Da stellt sich aber der +erwünschte Schatten am östlichen Strande ein. Zwischen der staubigen +Straße und dem Meere liegt ein Felsenstreifen, auf dem Kiefern wachsen, +und wo man, von Staub nicht belästigt, ruhen kann. Auch hier ist der +Strand tief zerklüftet und bildet einen bewegten Vordergrund für das Bild, +das sich jenseits der Bucht entfaltet. Die Kiefern neigen sich vor über +die Felsen, strecken ihre Kronen dem Meer entgegen und fassen hier das +weiße Mentone, dort die hohen Gipfel über demselben, dort wieder La +Mortola oder Bordighera ein in ihr grünes Laub. Oft stundenlang saßen wir +auf diesen Felsen, ein Buch in der Hand, blickten auch häufig über +dasselbe hinweg, hinaus in die blaue Fluth. Zeitweise waren es auch +Fischer, die unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Sie späheten in der +Nähe den Fischen nach. Einer saß oben über dem Felsen auf einem Gestell +aus drei verbundenen Stangen und schaute unablässig in die Tiefe. Andere +lagerten in einem Boot, bereit auf ein gegebenes Zeichen die Netze zu +heben. Die Netze waren an einem leeren, quergestellten Boote befestigt und +bildeten ein Dreieck, das an einer Seite offen stand. Erblickte der Späher +Fische, die in das Dreieck eingeschwommen waren, so zog er an einem Seil +und daß Netz schloß sich nun auch an der freigehaltenen Seite. Rasch +näherte sich daß Boot dem Ufer, schnitt den Fischen jeden Rückweg ab; die +Netze wurden emporgezogen, und meist einige nicht eben große Fische, oft +auch nur ein einziges solches zappelndes Geschöpf erkapert. Die Geduld +dieser Menschen erweckte in mir besondere Bewunderung. Stundenlang lagen +sie da unbeweglich im Boote; den ganzen Tag über hockte der Späher oben +auf seiner Stangenpyramide, und die Zeit wurde ihm, wie es schien, nicht +lang. Was für ein Gegensatz zu solchen Menschen wie wir, die wir uns den +ganzen Tag über hetzen und aufreiben, keine Viertelstunde unbenutzt lassen +und nun hierher kommen müssen, damit unsere Nerven sich wieder etwas +beruhigen. Der Mann da oben auf seiner Pyramide erinnerte mich aber +lebhaft an einen Seeadler, den ich auf einem hohen Felsen von Antibes, an +einer einsamen Stelle des Strandes, einst sitzen sah. Auch er blickte +starr in das Wasser, blickte lange und geduldig, ohne auch nur den Kopf zu +bewegen, stürzte sich dann wie ein Pfeil hinab in die Fluth und stieg auf +in die Wolken mit einem Fisch in den Krallen. + +Das Hôtel am Cap Martin ragt über die Bäume des Waldes empor. Südwärts +eröffnet es die Aussicht auf das weite Meer. Nordwärts gestattet es, über +den gewölbten Kuppeln des Waldes, der ganzen Bergkette zu folgen, welche +diese Küste schützt. Da reihen sie sich an einander diese gewaltigen Berge +vom Mont Agel im Osten, bis zum Berceau im Westen; die mächtigsten +Kalkriesen liegen in der Mitte und schneiden mit scharfem Grat in den +blauen Himmel ein. Jeden Abend waren unsere Blicke auf sie gerichtet, wenn +die schwindende Sonne ihre Gipfel röthete, ein Gipfel nach dem andern dann +langsam erlosch. Oefters stiegen wir auch gegen Abend zum östlichen +Strande hinab, um die Beleuchtung der Küste zu schauen. Während tiefer +Schatten schon Mentone deckte, flammte im purpurnen Lichte noch +Alt-Bordighera. Ein Liebling der Sonne an dieser goldigen Küste, empfängt +es am Abend ihren letzten Gruß. + +Wenn es dann ganz dunkel war, zogen wir nochmals ans Meer. Es galt Mentone +und Monte Carlo in ihrem Lichterschmuck zu betrachten. Monte Carlo im +Besonderen sieht dann ganz feenhaft aus. Tausende von Lichtern drängen +sich am Fuße des Berges zusammen, der einen dunklen Schatten auf den +bestirnten Himmel wirft. Ich schaute oft in dieses Bild, und es war mir +wohl, als hätte ich es lange zuvor schon gesehen. Doch wo und wann? das +wußte ich nicht mehr zu finden. Da plötzlich, sah ich es ganz lebhaft +wieder vor mir, das alte Bild, so wie ich es mit Kinderaugen geschaut +hatte. Es war ein gemaltes Bild von Neapel in einem kleinen Panorama, das +ich am Weihnachtsabend einst bekommen hatte. Hielt ich es gegen ein Licht, +dann leuchteten unzählige Flammen in Neapel auf und erregten meine +kindliche Phantasie. Es waren Nadelstiche, welche das Bild durchsetzten. +Wie in jenem Bilde Camaldoli über Neapel, so ragte hier die Tête de Chien +über Monte Carlo hervor; und wie die Lichter am Posilip, so stiegen hier +die leuchtenden Punkte am Felsen von Monaco in die Höhe. Wie stark sind +doch solche Eindrücke der Kindheit! Was hat nicht Alles dieses geplagte +Hirn seitdem in sich aufnehmen müssen, und doch war das alte Bild nur +verdeckt, nicht ausgelöscht, und tauchte wieder auf, als ein äußerer +Anstoß es zum Bewußtsein brachte. + +Dort, wo das Cap Martin die breite Küste erreicht, ist es mit schönen +alten Oelbäumen bedeckt. Da sind sie wieder da, diese phantastisch +verschnörkelten Stämme, von denen keiner dem andern gleicht. Sie werden um +so mächtiger und schöner an dieser Küste, je weiter man sich vom Esterel +entfernt. Welch ein Unterschied zwischen den armseligen Bäumen der +Rhônemündung und jenen Riesen hier, die ihre Kronen stolz in die Lüfte +erheben. So muß man sie gesehen haben, um sie zu würdigen und sie zu +lieben; auch ist die Lichtfülle dieser sonnigen Gegenden nöthig, damit ihr +Laub nicht grau und traurig, sondern silbern und leuchtend erscheine. +Daher der Olivenwald ein höchst stimmungsvolles Element dieser Landschaft +bildet. Da die Blätter des Oelbaumes nicht groß sind und seine Belaubung +nie dicht wird, so herrscht im Olivenwalde ein Zwielicht von ganz eigenem +Zauber. Jeder Windhauch bewegt dieses Laub, und dann zittern die einzelnen +Lichter auf den Bäumen, sie huschen wie Leuchtkäfer über den Boden, und es +belebt sich plötzlich die Einsamkeit. + +Trotz seiner scheinbar exponirten Lage ist das Cap Martin gegen die +Nordwinde und den Mistral sehr gut gedeckt und nur den Ostwinden +preisgegeben. Daß die hohen Berge im Norden und im Westen das Cap +erfolgreich gegen Kälte schützen, hat der letzte strenge Winter gelehrt. +Es lag fast kein Schnee auf dem Cap, während er Mentone deckte, und weder +Bougainvillea noch Heliotrop haben an dem Hôtel du Cap gelitten. Die +Pflanzen sind aber die sichersten Weiser für das Klima. Die Bougainvilleen +und der Heliotrop sind an den meisten Orten der Riviera im letzten Winter +erfroren oder büßten ihr Laub doch ein. Auch die strauchartige Wolfsmilch +(_Euphorbia dendroides_), die überall am westlichen Abhange des Cap Martin +wächst, zeigt durch ihre kräftige Entwickelung an, wie günstig die +klimatischen Verhältnisse hier für sie sind. Man muß nach dem südlichen +Sardinien gehen, will man noch größere Exemplare dieser Pflanze sehen. In +dem nahen Mentone zeugen für das milde Klima dieser Region vor allem die +üppigen Citronenwälder. Der Citronenbaum kann Temperaturen unter -5° C. +nicht vertragen. Seine Früchte erfrieren schon bei -3° C. Man denke sich +die Aufregung der Leute in diesem letzten Winter, wo das Thermometer +wiederholt unter 0° sank. Der Besitzer eines größeren Citronengartens +erzählte mir, er habe in den kalten Nächten viele Stunden am Thermometer +gestanden und mit Angst auf die Quecksilbersäule gestarrt, ob sie nicht +noch weiter falle. Noch einen halben Grad tiefer und die Einnahme des +ganzen Jahres war verloren. Thatsächlich sind an vielen Stellen bei +Mentone im letzten Winter die Citronen, nicht die Bäume, wohl aber die +Früchte erfroren. Es geschah das besonders am Ausgang der Thäler, wo der +Schutz gegen Norden unvollkommen ist. Dort sollten Citronen überhaupt +nicht gebaut werden; doch die Leute vergessen die Vorsicht, wenn viele +aufeinander folgende Winter mild gewesen sind. Für gewöhnlich berühren ja +die kalten Nordwinde die Küste nicht, sie erreichen erst in einigen +Kilometern Entfernung das Meer, und ist es eine häufige Erscheinung, daß +das Meer dort stürmisch ist, während volle Windstille an der Küste +herrscht. – Die Orangen haben bei Mentone auch in diesem Winter nicht +gelitten. Diese Frucht kann bei bedecktem Himmel -4° C. aushalten, und die +Kälte muß längere Zeit -6° C. betragen, damit der Baum getödtet werde. +Daher bei Cannes wohl Orangenbäume, nicht aber Citronenbäume zu sehen +sind, und selbst an den Orangenbäumen war bei Golfe Jouan das Laub zum +Theil erfroren. Auch der Johannisbrotbaum ist gegen niedere Temperaturen +sehr empfindlich, und zeugt somit, wenn stattlich entwickelt, für ein +mildes Klima. Schöner und üppiger kann man ihn aber an der Riviera nicht +sehen, als auf der Strecke, die von Villefranche bis San Remo reicht. + +An schönen, sonnenklaren Tagen pflegt an der Riviera gegen acht Uhr +Morgens die Seebrise sich zu erheben. Dann wird es meist kühler als zuvor. +Nach Anbruch der Nacht fällt dann die Luft von den Bergen ab, der Landwind +stellt sich ein. Zwischen den Zeiten der beiden Winde herrscht oft völlige +Ruhe. Die italienischen Fischer bezeichnen sie als »_bonaccia_«, weil sie +die wenigste Gefahr in sich birgt. – Auffällig ist es dem Fremden, wenn +gegen das Frühjahr der sonst so heiße Scirocco an der Riviera von Schnee +begleitet ist. Es geschieht das freilich selten, kann aber erfolgen, wenn +auf den hohen corsicanischen Bergen sich große Schneemassen anhäuften. + +Auf der ganzen Strecke von Villefranche bis San Remo sieht man fast keine +laubwerfenden Bäume. Daher man hier weit weniger an den Winter gemahnt +wird, als weiter im Süden, ja selbst in Neapel. Dort dominirt der +Feigenbaum und der Weinstock, so daß der Posilip uns einmal im März fast +kahler erschien, als das Rheinthal, das wir kurz zuvor verlassen hatten. + +Die Nächte waren jetzt vom Mondschein erhellt, und die Berge glänzten in +magischer Beleuchtung: Ein mächtiges Amphitheater, dessen scharf gezähnte +Gipfel sich wie feine Spitzenarbeit vom Himmel abhoben, in welchem tief +unten die Lichter von Mentone funkelten. + +Dieser Vollmond sollte uns Ostern bringen. Wir gingen des Abends an den +Strand, um ihn zu erwarten. Es war ganz dunkel auf den Felsen am Meere, +einsam und still. Flach ausgebreitet lag vor uns die weite See und schien +fast zu schlafen. Oben breitete sich das Himmelsgewölbe aus, fast schwarz, +doch besäet mit ungezählten Sternen, die sich mit silbernen Streifen auch +im Meere spiegelten. Es schien, als sei die Natur gespannt auf ein +Ereigniß, das da kommen sollte: so still und feierlich war es rings umher. +Kein Grashalm erzitterte. Die Kiefern streckten aber ihre Kronen vor nach +der See, als wollten sie weit über die Fluthen hinaus in die Ferne +lauschen. Die würzigen Düfte der Maquis senkten sich langsam zur See +hinab, wohl um ihr duftigen Weihrauch zu streuen. Vielleicht war aber nur +unsere Seele von Erwartung voll, und wir trugen diese Empfindung hinaus in +die weite Welt. – Plötzlich tauchte ein rother Streifen im Osten über dem +Wasser empor. Er nahm an Breite zu und bald warf er den ersten leuchtenden +Strahl über die schwarze Fluth: es war, als wolle er sie liebkosen. Die +Fluth erzitterte unter diesem Strahl und legte sich in sanfte Wellen, wohl +um ihn einzuwiegen. Der Mond tauchte ganz aus dem Meere hervor, mit +geröthetem Antlitz, wie verschlafen. Quer gedehnt, mit geschwollener Backe +sah er fast lächerlich aus. Doch rasch rundete sich sein Antlitz ab, nahm +leuchtende Silberfarbe an und schüttete Licht in Fülle über die +Meereswellen aus. Und während er höher stieg, erblaßten die Sterne. Nur +die Größten vermochten ihm noch ins Antlitz zu schauen, die anderen +verloren sich in den Tiefen des Himmelsgewölbes. Am Strand, wo sich die +Wellen an den Felsen brachen, da funkelte und blitzte es von unendlichen +Lichtern, als hätten alle die Sterne, die am Himmel schwanden, sich hier +gestürzt in die Tiefe. Ein breiter silberner Fluß zog sich vom Strande bis +an die äußersten Schranken des Meeres. Stellenweise war er von glatten +Streifen unterbrochen, die wie Opal ihre Farbe wechselten. Vorübergehend +tauchten düstere Barken in das Mondlicht ein, wie dunkle Silhouetten auf +Silbergrund. Der Mond stieg immer höher über die Fluthen und setzte in +weitem Bogen seinen Siegeszug am Himmelsgewölbe fort. Bald begann sein +Licht auch in die tiefsten Spalten des Strandes einzudringen und die +zerrissenen Felsen traumhaft zu beleuchten. Da sah es denn aus, als wären +die schaumgekrönten Wellen eines erregten Meeres versteinert stehen +geblieben, oder man meinte in einen zerklüfteten Gletscher der Alpen zu +blicken; dort zauberten schmale Felsengrotten der Phantasie einen +arabischen Friedhof vor, dort endlich eine Schar von Pilgern, die im +weißen Gewande von den waldigen Höhen gegen das Meer zu wanderten. In +allen Buchten sprüht es aber Funken, die Lichter schwimmen an der +Oberfläche oder sie sinken unter; bald verschmelzen sie mit einander, bald +trennen sie sich wieder, in endlosem Spiel. + +In den Ostertagen rückte ein Nordsturm heran. Mit ungewohnter Gewalt +stürzte er sich auf die Felsenriesen, die Mentone schützen und suchte +ihren Widerstand zu brechen. Da entspann sich ein gewaltiger Kampf +zwischen diesen Titanen und den entfesselten Elementen: es heulte und +zischte in den Lüften. Wir sahen den rauhen Winter über unseren Köpfen +schweben, während wir uns noch im milden Frühling befanden. Der Norden +warf seinen kalten Schnee den Felsenriesen gegen das Haupt. Sie schienen +zeitweise zu weichen. Ein kalter Luftstrom ergoß sich über das Cap. Die +aleppischen Kiefern schüttelten bedenklich ihre Häupter, die Wellen des +Meeres flohen wie entsetzt mit schäumender Mähne von dem Lande. Bis in die +Nacht hinein zitterte und bebte das Cap. Dann wurde es still, bald +leuchteten die Sterne und am nächsten Morgen standen sie wieder da im +goldigen Sonnenschein, die Riesen über Mentone, zwar mit Schnee noch +bedeckt, doch siegesbewußt, stolz ihre Felsenhäupter zum Himmel erhebend. + +Dieser Sonnenschein sollte leider nicht dauern; das Gleichgewicht in den +Lüften war gestört. Bald zog der Ostwind heran, und das Wetter verdarb +sich. Das erleichterte uns die Trennung von der Riviera. Dicke +Regentropfen fielen vom Himmel und tränkten die durstige Erde. Wir aber +konnten von hier in dem süßen Wahne scheiden, es weine uns dieser Himmel, +den wir so liebgewonnen, einige Thränen zum Abschied nach. + + ------------------ + + + + + +INHALTSÜBERSICHT. + + +*Vorwort **VII* + +*Frühjahr 1891 **1* + + Bordighera 2 + + Monte Nero 3 + + Sasso 5 + + Oelbäume 6 + + Frühlingsblumen 11 + + Weinstock 11 + + Palmen 15 + + Gorbio 23 + + Pont St. Louis 26 + + Garten von La Mortola 30 + + Weg nach Mentone 69 + + Charakterpflanzen der italienischen Landschaft 70 + + Reiz- und Genußmittel aus dem Pflanzenreich 72 + + Route de la Corniche 83 + + Nizza 85 + + Cap d’Antibes 85 + + Maquis 89 + + Garten Close 99 + + Seesturm am Cap 99 + + Blumencultur an der Riviera 101 + + Sonnenuntergang am Cap 105 + +*Frühjahr 1894 **107* + + Hyères 107 + + Maurengebirge 114 + + Korkeichen 115 + + St. Tropez 121 + + La Gaillarde 126 + + St. Aigulf 127 + + Fréjus 127 + + St. Raphaël 129 + + Esterel-Gebirge 132 + + Malinfernet 141 + + Abend in St. Aigulf, Le Trayas 144 + + Cap Roux 148 + + Pic d’Aurelle 154 + + Klarheit des Seewassers 157 + + Grasse 158 + + Ursprung der Parfüme 159 + + Gewinnung der Parfüme 162 + + Wirkungen ätherischer Oele 176 + + Geschichte der Parfüme 177 + +*Frühjahr 1895 **187* + + Cannes 187 + + La Californie 188 + + La Maure 191 + + Lerinische Inseln 193 + + Geschichte von Cannes 203 + + Ausflug nach Antibes 207 + + Wirkungen des Lichtes 208 + + Klarheit der Luft 209 + + Cap Martin 211 + + + + + + +ANMERKUNGEN DER KORREKTURLESER + + +Von den Korrekturlesern des _Project Gutenberg_ wurden mehrere Änderungen +am Originaltext vorgenommen. 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To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + +Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws. + +The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. 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Hart_ is the originator of the Project Gutenberg™ +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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