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+The Project Gutenberg EBook of Streifzüge an der Riviera by Eduard
+Strasburger
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
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+Title: Streifzüge an der Riviera
+
+Author: Eduard Strasburger
+
+Release Date: 2009-09-20 [Ebook #30042]
+
+Language: German
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+Character set encoding: UTF-8
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+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZÜGE AN DER RIVIERA***
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+Streifzüge an der Riviera
+
+
+by Eduard Strasburger
+
+
+
+
+Project Gutenberg TEI edition , (2009-09-20)
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+
+
+
+ Streifzüge
+
+ an der Riviera
+
+ Von
+
+ Eduard Strasburger.
+
+ Berlin
+
+ Verlag von Gebrüder Paetel
+
+ 1895
+
+
+
+
+
+Meiner Tochter
+
+ Anna Tobold
+
+ gewidmet
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Vorwort.
+Frühjahr 1891.
+Frühjahr 1894.
+Frühjahr 1895.
+Inhaltsübersicht.
+Anmerkungen der Korrekturleser
+
+
+
+
+
+
+VORWORT.
+
+
+Während graue Winternebel das Rheinthal füllten, schrieb ich diese Zeilen
+nieder. Welch’ ein Glück, daß auch an trüben Tagen die Phantasie uns über
+die Wolken zu erheben vermag. Oft war es mir, als leuchte die Sonne hell
+in meinem Innern, während es draußen dunkel war. Dann sah ich vor mir die
+blaue See, an ihren Ufern die steil abfallenden Felsen und in weiter Ferne
+die hohe Alpenkette mit ihrem Diadem von Schnee. Sie spiegelten sich in
+meinem Geiste wider die leuchtenden Ufer des Mittelmeeres und zauberten
+mir goldigen Sonnenschein und würzigen Duft der Maquis in grauen Stunden
+vor. So mögen denn diese Zeilen auch in fremder Seele
+Frühlingsempfindungen wecken, während es draußen noch schneit und friert.
+
+*Bonn* 1895.
+
+
+
+
+
+FRÜHJAHR 1891.
+
+
+ I.
+
+Es war Mitte März: Wir erwarteten sonniges Frühlingswetter, und doch
+regnete es an der Riviera. Unaufhörlich schlugen die Regentropfen gegen
+die Scheiben, heftig oder gelinde, doch ohne Ende, so daß auch die Tage
+endlos erschienen.
+
+Mißmuthig hatte man das Buch aus der Hand gelegt, die Unterhaltungen
+stockten. Bittere Klagen wurden über das Wetter laut. So Mancher war über
+die Alpen geeilt in der sicheren Erwartung, jenseits derselben den viel
+gepriesenen ewig blauen Himmel zu schauen; er hatte gehofft, den nahenden
+Vollmond in den Fluthen des Mittelmeeres sich spiegeln zu sehen, und nun
+wurde all’ sein Sehnen und Trachten zu Wasser. – Ich selbst, der ich oft
+schon den Frühling in Italien zugebracht hatte, faßte die Sachlage weit
+ruhiger auf. Wußte ich doch, daß auch in Italien die Regenzeit auf das
+Frühjahr fällt. Würden die Felder und Gärten Italiens nicht im Spätherbst
+und Frühling mit Regen getränkt, wie sollten sie Früchte tragen? Herrscht
+doch in den übrigen Jahreszeiten meist die größte Dürre. Was mich
+veranlaßt, trotz dieser scheinbar wenig günstigen Aussichten, doch immer
+wieder gerade im Frühjahr über die Alpen zu ziehen, das ist die Sehnsucht
+nach grünen Fluren und belaubten Bäumen, nach etwas Sonne und Wärme; die
+Zuversicht, am Mittelmeer doch mildere Witterung als im Norden zu finden,
+die Hoffnung, dort auch manchen sonnigen Tag, ja bei einigem Glück eine
+ganze Reihe solcher Tage zu erleben. Nach dem langen, kahlen, kalten
+nordischen Winter wirkt der Contrast am stärksten; man freut sich über das
+kärglichste Grün, nimmt dankbar jeden Sonnenstrahl entgegen, während schon
+Mancher zur Herbstzeit in der sonnverbrannten lombardischen Ebene sich
+nach den saftreichen Matten und dem üppigen Baumwuchs der Alpen
+zurücksehnte. Der Herbst pflegt auch in unseren Breiten schön zu sein,
+während unser März- und Aprilwetter mit Recht berüchtigt ist. So kam es
+auch in diesem Frühjahr; denn während Briefe und Zeitungen uns Kunde von
+Schnee und Kälte von jenseits der Alpen brachten, hatten wir uns am
+Mittelmeer alsbald des herrlichsten Sonnenscheins zu erfreuen. Ganz
+besonders schön wurde es um die Osterzeit. Himmel und Erde zogen ihr
+Festkleid an, um sich in unsterbliche Pracht zu hüllen. Der Ostersonntag
+fand mich in Bordighera. Vor Tagesanfang brach ich auf, um den Monte Nero
+zu besteigen. Doch blieb ich bald gefesselt am Cap d’Ampeglio stehen und
+wartete dort den Sonnenaufgang ab. Geisterhaft verklärt tauchte Corsica in
+weiter Ferne auf; vorn aber folgte das entzückte Auge der
+reichgegliederten Küste, die im weiten Bogen das Meer umfaßt, als wolle
+sie es liebevoll an sich schließen. Der Osten war stark geröthet, und
+dieser purpurne Schein färbte in glühenden Tönen die Kämme der stahlblauen
+Wellen. Kein Wölkchen trübte das Himmelsgewölbe, das aus tiefstem Blau
+durch zartes Grün sich gegen die Meeresfläche senkte. Plötzlich tauchte
+der rothe Sonnenball am Horizont empor und sandte seine feurigen Strahlen
+über das weite Meer, als wenn er es entzünden sollte. Und tausend Lichter
+drangen in die tiefen Buchten des Strandes, in die dunklen Thäler der
+Küste ein, um aus denselben die Schatten der Nacht zu verscheuchen. Hell
+blitzten in weiter Ferne, wie von Feuersbrunst erfaßt, die Häuser von
+Monaco auf, und selbst das entfernte Antibes warf lange, goldige Strahlen
+der Sonne als Morgengruß zurück. Ueberall war es wie ein Aufflammen, ein
+Erwachen, und gleich einem Jubelruf tönte es durch die ganze Natur. So
+feierten an jenem Morgen Himmel und Erde am blauen Mittelmeer das Fest der
+Auferstehung! Ich war in dieses Schauspiel wie verloren und merkte nichts
+von dem Schwinden der Zeit. So kam es, daß die Sonne schon hoch am Himmel
+stand, als ich die Weiterwanderung antrat. Die ganze Meeresfläche
+glitzerte jetzt von unzähligen Lichtern, als wäre sie mit Diamanten
+übersäet; das ferne Corsica löste sich allmälig in einem Nebelstreifen
+auf, als wäre es nur ein Traumbild gewesen. Vor mir, am Cap d’Ampeglio,
+lag Alt-Bordighera, schon ganz in Sonnengluth getaucht.
+
+Zwei Stunden sind nöthig, um den Monte Nero zu besteigen. Diese Angabe
+wurde mir freilich nur nach Hörensagen gemacht, denn die Wenigsten sind
+dort oben jemals gewesen. Ohne zwingenden Grund besteigt der Eingeborene
+hier selten einen hohen Berg; nur eine Leidenschaft, die der Jagd, vermag
+ihn in so hohe Regionen zu treiben, ungeachtet er auch dort oben nur
+winzige Vögel findet, um seine Waidmannslust zu stillen.
+
+Auf einen wirklich ortskundigen Mann war ich bei allen Nachforschungen
+über den Monte Nero nicht gestoßen, und so geschah es, daß ich eigene
+Erfahrungen erst sammeln mußte. Es zeigte sich, daß der ganze Gipfel des
+Berges dicht bewaldet ist und weder die gepriesene Fernsicht noch irgend
+welchen freien Ausblick gewährt. Reichliche Entschädigung fand ich aber
+für die Mühe an dem nördlichen, vom Meere abgekehrten Abhang des Berges.
+Als ich dort abzusteigen begann, gelangte ich alsbald auf einen Sattel,
+der den Monte Nero von dem höheren Monte Caggio trennt. Hier konnte, von
+einzelnen waldfreien Stellen aus, der Blick sich ungestört in die
+tiefeingeschnittenen Thäler versenken, über sanfte Hügelketten schweifen,
+den lang gedehnten Strand erreichen und sich in dem weiten Meer verlieren.
+Jenseits des Grates, der das lange Dorf Colla di Rodi trägt, tauchte im
+Osten ein Theil von San Remo hervor. Im Nordwesten wurde das Auge durch
+die schneebedeckten Häupter mächtiger Riesen der Seealpen gefesselt. In
+wunderbarer Klarheit setzten die blendend weißen Schneemassen von dem
+dunklen Blau des Himmels ab, während nach abwärts das dunkle Grün der
+Föhren, das dem Monte Nero seinen Namen gibt, sich durch helleres Grün der
+Oliven bis zum Blau des Meeres abtönte. Nur wenige Landschaften, auch in
+Italien, gibt es, welche diese an Schönheit übertreffen. Vereinigt doch
+dieses Bild Alles, was berufen scheint, unser Auge zu entzücken, unseren
+Verstand zu fesseln, unsere Einbildungskraft anzuregen. Der Anblick der
+Schneefelder oben in den Alpen hatte dem Flug meiner Gedanken die Richtung
+nach Norden gegeben. Jenseits dieser Berge mochte noch grimmige Kälte
+herrschen; hier, südlich von den Alpen, war der Sieg des Frühlings über
+den Winter lange schon errungen, so daß der Klang der Osterglocken, der
+aus den Thälern zum Monte Nero emporstieg, nur der Freude zu gelten
+schien.
+
+Der schöne Garten vor dem Hôtel Angst stand in voller Blüthe; die Beete
+glichen großen Blumenkörben. Ueppige Sträucher des capischen Pelargoniums
+hatten überall ihre zinnoberrothen Blüthen entfaltet. Der peruanische
+Heliotrop kletterte am Hause empor und erfüllte die Luft mit
+vanilleartigem Wohlgeruch. Es gesellten sich zu diesem die Düfte von
+Nelken, Reseda und von gelben Theerosen. Die Blätter immergrüner Bäume
+leuchteten im Garten von Licht überfluthet; sie warfen auf die Wege
+dunkelblaue Schatten. Unter den Palmen saß ein junges Ehepaar, das ich bei
+der Heimkehr begrüßte. Ihm ward das Glück zu Theil, seine Flitterwochen am
+Mittelmeer zu feiern. Jener sonndurchglühte, blumenreiche Ostersonntag, an
+welchem die Natur alle ihre Schätze so verschwenderisch über die Riviera
+ausgeschüttet hatte, wird diesem Paar wohl einer der höchsten Feiertage
+des ganzen Lebens bleiben.
+
+Nicht weniger als vier Thäler münden in die schmale Ebene, die sich längs
+des Meeres vom Cap von Ampeglio bis nach Ventimiglia hinzieht. Daher
+lassen sich von Bordighera zahlreiche Ausflüge unternehmen, täglich fast
+mit neuer Abwechselung. Da man im Hôtel Angst zugleich vorzüglich
+aufgehoben ist, wird man seinen Aufenthalt in Bordighera gerne verlängern.
+Ob Bordighera auch eine geeignete Station für Brustkranke ist, vermag ich
+nicht zu beurtheilen. Seiner ins Meer weit vorgeschobenen Lage wegen ist
+der Ort den Winden stark ausgesetzt, doch streifen diese Winde ganz
+vorwiegend über das Meer, sind daher weniger kalt und trocken als an
+vielen anderen Plätzen der Riviera. Es herrscht somit in Bordighera die
+Seeluft vor, welche auf Reisende, die nur Erholung suchen – und deren Zahl
+wird an der Riviera alljährlich größer – sehr anregend und belebend wirkt.
+
+Keinesfalls dürfte man, selbst bei kurzem Aufenthalt, in Bordighera es
+versäumen, einen Ausflug nach Sasso zu unternehmen. Sasso ist ein kleines
+Dorf, auf dem Bergrücken gelegen, der die Thäler von Sasso und von
+Borghetto trennt. Der Ort liegt nur vier Kilometer von Bordighera
+entfernt, und man erreicht ihn sowohl durch das Thal von Sasso, das
+östlich von Bordighera mündet, als auch dem Bergrücken folgend, auf dem
+Alt-Bordighera steht. In dem Ort selbst ist nichts zu bewundern: schön
+erscheint er nur aus der Entfernung. Seine hohen, zu einer Masse
+verschmolzenen, nach außen nur von wenigen Fenstern durchbrochenen Häuser
+rufen den Eindruck einer einzigen gewaltigen Festung hervor. Besonders
+malerisch ist der Blick auf Sasso von dem Wege aus, der zwischen alten
+Olivenbäumen oben dem Bergrücken entlang läuft. Er überrascht uns ganz
+plötzlich an einer Straßenwendung, nachdem der steile Pfad die Höhe
+erklommen hat. Von zahlreichen Stellen des Weges überschaut der Wanderer
+alsdann die beiden Thäler von Sasso und von Borghetto; er kann mit dem
+Blick auch weiter dringen bis in das Thal von Vallecrosia, während ihm
+gleichzeitig über den nahen Hügelreihen die schneebedeckten Häupter der
+Seealpen entgegenleuchten. – Wie oft habe ich mich stundenlang an diesem
+Wege aufgehalten, von Zeit zu Zeit den Platz verändernd, um das Bild in
+anderer Umrahmung zu bewundern. Hier war es nur ein einziger
+phantastischer Schneepalast, der in lichtes Grün der Oliven gefaßt, mir
+entgegenstarrte; dort tauchte mein Blick tief in ein Thal hinab, um auf
+den dichtgedrängten Häusern einer buntscheckigen Ortschaft zu ruhen, oder
+es folgte auch mein Auge dem Lauf eines Baches, der, zwischen
+Oleanderbüschen versteckt, in zahlreichen Windungen dem Meer zueilte; oder
+es war wieder Sasso, welches über Baumwipfeln, wie in einem grünen Meer,
+zu schweben schien, oder endlich die tiefeingeschnittene Küste und das
+weite Meer, auf welchem der ermattete Blick Rast machen konnte. Welche
+Fülle von Motiven für den Landschaftsmaler! Ich mußte mich begnügen, die
+Bilder in mein Inneres aufzunehmen, wo sie freilich auch jetzt noch
+farbig-sonnigen Widerschein finden.
+
+ II.
+
+Die Olivenhaine, durch welche man am Bergrücken entlang nach Sasso
+wandert, sind von seltener Schönheit: alte, knorrige Stämme, oft auf
+mehreren Füßen, wie auf Stelzen, in die Lüfte ragend. Man bleibt gern
+stehen, um einzelne dieser Bäume zu bewundern, erfreut sich dann auch des
+Gegensatzes, den die dunkel beschatteten Stämme gegen das leuchtende Blau
+des Himmels und des Meeres bilden. Zauberhaft schön ist es aber in einem
+solchen Olivenhain des Abends zu wandeln, wenn der Vollmond über dem Meere
+steht. Da glänzen so eigenartig die mattgrauen Blätter der Bäume, und es
+blitzt bei jedem Windhauch wie Silber aus den Zweigen. Auch der lange
+Mondstreifen im Meere scheint sich zu beleben, er wiegt sich auf den
+Wellen, folgt bebend ihrem Lauf und zerschellt mit ihnen am Strande zu
+leuchtendem Schaum.
+
+Die Blüthezeit des Oelbaumes fällt in den Mai oder Juni. Dann ist er dicht
+bedeckt von kleinen, gelblichweißen Blüthen, die einen lieblichen Geruch
+verbreiten. Diese Blüthen erinnern an diejenigen unserer Rainweide, des
+_Ligustrum vulgare_, eines Strauches, der in Wirklichkeit auch dem Oelbaum
+nahe verwandt ist. Die Früchte des Oelbaums sind Steinfrüchte von länglich
+runder Gestalt. Die unreifen Früchte haben grüne Färbung, verschwinden
+daher im Laub; doch beim Reifen werden sie schwarzblau und treten dann
+scharf hervor. Ein alter Brauch verlangt, daß die Ernte der Oliven am
+21. November beginne; sie dauert im Dezember fort. Ungünstige
+Witterungsverhältnisse können die Ernte an der Riviera freilich sehr
+verzögern. So kam es, daß im Frühjahr 1891 die meisten Bäume um Bordighera
+noch voll Oliven hingen. Manche Bäume waren mit Früchten so stark beladen,
+daß man das Laub kaum sehen konnte. Die Olivenernte war Anfang April in
+vollem Gange. Arbeiter und Arbeiterinnen zogen mit Säcken und Körben
+bepackt in den Olivenhain. Dort sah man die Männer auf die Bäume steigen
+und mit Stangen gegen die Aeste schlagen. Frauen und Kinder hockten am
+Boden, um die Früchte aufzulesen. Von allen Seiten schallte dem Wanderer
+der trockne Ton der Schläge aus den Bäumen entgegen, und überall unter den
+Bäumen ging die mühevolle Arbeit des Sammelns von statten. Stundenlang
+verharren die Sammler in gebückter Stellung, um die Oliven einzeln
+aufzuheben, und doch wäre es so einfach, sich einen großen Theil der
+Arbeit zu sparen. Westlich von Nizza legen die Olivenbauer große Tücher
+unter die Bäume und fangen die Oliven mit diesen auf. Freilich wird auch
+dort noch mit Stangen gegen die Zweige geschlagen, ungeachtet schon
+Plinius im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vor diesem rohen
+Verfahren warnt, da es die Bäume schädigt. Gegen althergebrachte Sitte ist
+eben schwer anzukämpfen, sie setzt zähen Widerstand jeder Neuerung
+entgegen. In Bordighera warten die Olivenbauer meist, bis ihre Oliven ganz
+reif sind. Ein großer Theil der Früchte ist dann schon von selbst vom Baum
+gefallen. Alles das wird zusammen von dem Boden aufgelesen und liefert ein
+entsprechend schlechtes Öl. Denn feine Tafelöle preßt man aus solchen
+Früchten, die erst zu reifen beginnen. Diese müssen auch mit der Hand vom
+Baume gepflückt werden, um weder Quetschung noch Verwundung zu erleiden.
+Aus solchen Früchten gewinnt man jene Öle, die wir als Provencer Öle
+bezeichnen. Der Provence entstammen sie freilich nur zum kleineren Theil,
+zum größeren Theil Italien. Dort ist es vornehmlich Apulien und zwar die
+Gegend südlich von Bari, welche diese feinen Sorten erzeugt. Sie liefert
+jetzt sehr gute Öle, während in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts das
+apulische Öl noch ebenso schlecht und ranzig schmeckte, wie andere
+süditalienische Sorten. Auch in Apulien betrieb man die Ernte der Oliven
+damals ganz lässig und verfügte nur über sehr schlechte Ölpressen.
+Charakteristisch genug, als das antike Modell einer Ölpresse in Pompeji
+aufgefunden wurde, begrüßte man es in Apulien als einen Fortschritt und
+führte es an verschiedenen Orten ein. – Von Bordighera bis zum Esterel
+wird vorwiegend nur geringwerthiges Öl gewonnen, das als Maschinenöl
+Verwendung findet oder der Seifenfabrikation dient; Nizza bezieht die
+feinen Öle, die es vertreibt, vorwiegend aus der Ferne.
+
+Die Früchte, die man zum Zwecke feinster Ölgewinnung sorgsam pflückte,
+breitet man zunächst in dünnen Lagen auf Horden aus. Dort trocknen sie an
+der Luft oder bei künstlicher Wärme, bis sie runzlich werden. Haben sie
+einen Theil ihres Wassers in solcher Weise eingebüßt, so kommen sie in die
+Ölmühlen. Es sind das meist steinerne Behälter, in welchen die Oliven
+durch Mühlsteine zermalmt werden. Schon bei diesem Verfahren fließt etwas
+Öl ab, das als das feinste Tafelöl gilt, kaum aber in den Handel kommt.
+Der in der Mühle hergestellte Brei wird in Bast- oder Jutesäcke gefüllt
+und in einer Kelter gepreßt. Bei schwachem Druck fließt jetzt zunächst das
+beste, dann etwas weniger gutes Speiseöl ab. Dieses Oel wird als
+Jungfernöl »_huile vierge_« bezeichnet. Dann gelangen die Trester in
+hydraulische Pressen und liefern ein Öl, das der Seifenfabrikation oder
+auch gewerblichen Zwecken dient. Dann werden die Trester mit warmem Wasser
+angerührt und nochmals gepreßt, wandern schließlich oft noch in Fabriken,
+wo man ihnen den Rest ihres Öles durch chemische Mittel entzieht.
+
+Das Speiseöl, das aus der Kelter fließt, muß sorglich geklärt werden,
+bevor es zum Verkauf gelangt. Man bringt es in dunkle kühle Räume, wo über
+einander die nöthigen Bottiche zur Aufnahme des Öls sich befinden. Das
+unklare Öl gelangt in das oberste Gefäß, fließt aus dem Spundloch
+desselben durch einen durchlöcherten Zinkkasten, der mit Watte
+ausgekleidet ist, in einen zweiten Bottich und aus diesem nochmals durch
+Watte in einen dritten. Die Watte muß am nämlichen Tage oft mehrfach
+erneuert werden. Aus dem dritten Bottich gelangt das Öl in Cisternen, die
+man in Nizza mit Porzellanplatten auszukleiden pflegt. Hier steht das Öl
+wohl an die drei Monate, bevor es in Flaschen gefüllt und versandt wird.
+
+So überreife, abgeschlagene und am Boden faulende Oliven, wie wir sie in
+Bordighera hatten ernten sehen, können nur ranzige Öle ergeben. Die
+kleinen Besitzer, welchen die Ölhaine hier gehören, liefern ihre Früchte
+an fremde Mühlen ab und pflegen für die Pressung in Oliven oder in Öl zu
+zahlen. Aus den Ölpressen der Mühlen floß zur Zeit unseres Besuches eine
+Flüssigkeit ab, welche alle Bäche von Bordighera in braunen Tönen färbte.
+Bei ruhigem Wetter zeichnete sich die Mündungsstelle jedes Flüßchens als
+brauner Streifen ziemlich weit im Meere ab.
+
+Im Alterthum hieß es allgemein, daß der Ölbaum nur in der Nähe des Meeres
+gedeihe. Man rechnete aus, daß er sich von demselben nicht über
+dreihundert Stadien, somit nicht über 7-1/2 geographische Meilen entferne.
+Es ist nicht zu leugnen, daß der Ölbaum den Seestrand bevorzugt, doch
+hängt das nicht mit dem unmittelbaren Einfluß der großen Wasserfläche,
+vielmehr mit dem gleichmäßigen Klima zusammen, welches durch dieselbe
+gefördert wird. Denn der Ölbaum kann anhaltenden Frost nur sehr schlecht
+vertragen. Auch bevorzugt der Ölbaum den Kalkboden, den er hier an der
+Riviera reichlich vorfindet. Ein besonders günstiges Zusammenwirken von
+Klima und Boden, verbunden mit sorglichster Behandlung der Früchte, ist
+aber erforderlich, damit der Ölbaum ein so feines Öl, wie etwa in Apulien,
+erzeuge.
+
+Die Mühlen, in welchen das Öl gepreßt wird, sind fast immer alte
+malerische Bauten. Sie suchen oft steile Stellen in den Schluchten auf, um
+die Kraft des Baches, der dort abwärts braust, zu nutzen. Wie
+Schwalbennester kleben sie an den Felsen.
+
+Wer zur Frühjahrszeit durch die Olivenwälder um Bordighera streift, muß
+darauf bedacht sein, nicht in die Schußlinie der »Cacciatori« zu gerathen.
+Denn um diese Zeit bewegen sich jene durch alle Haine, Gärten und Fluren,
+um als einziges Wild die kleinen Vögel zu erlegen. Für die italienische
+Riviera, wie für Italien überhaupt, hat dieser Sport ganz bedenkliche
+Folgen, da die Vernichtung der Vögel eine entsprechende Vermehrung der
+Insekten nach sich zieht. Nicht nur verschwinden aus Italien die heiteren
+Sänger, welche die Wälder und Gärten in anderen Ländern in so lieblicher
+Weise beleben, sondern es nimmt auch die Zahl schädlicher Insekten in
+bedenklicher Weise dort zu. Dem Ölbaum besonders nachtheilig ist _Decus
+oleae_, der sich von dem Fruchtfleisch der Oliven nährt. Er wird von den
+Franzosen _la Mouche_, von den Italienern _Macha del Olivo_ genannt. Die
+Fliege legt ihre Eier in ganz junge Fruchtanlagen, und die Maden, welche
+diesen Eiern entschlüpfen, leben dann auf Kosten der sich entwickelnden
+Frucht. Sie verpuppen sich schließlich in derselben und verlassen sie als
+fliegende Brut. Gelangen sie mit den Oliven in die Mühle, so leidet der
+Geschmack des Öls von denselben.
+
+Von einer Wanderung durch die Olivenhaine kehrt man wohl stets, mit einem
+Blüthenstrauß geschmückt, nach Hause. Denn sie sind zu verlockend, diese
+Frühlingsgaben der Flora, zu lieblich, als daß man an ihnen so flüchtig
+vorbeieilen sollte. Ueberall stehen unter den Bäumen die dunkelblauen
+Traubenhyacinthen, die bisamartigen Duft verbreiten; besonders schön ist
+die eine Art (_Muscari comosum_), die einen amethystfarbigen Schopf über
+dem sonst unscheinbaren Blüthenstande trägt. Hier und dort schaut aus dem
+Rasen eine blühende Orchidee hervor. Meist ist es eine Art der Gattung
+Ophrys, jener merkwürdigen Orchideen-Gattung, deren Blüthen ganz den
+Insekten gleichen. Bei _Ophrys aranifera_ erinnern sie an Spinnen: man
+meint die vorgestreckten Beine und den aufgedunsenen braunen Leib eines
+solchen Thieres zu sehen. Auch _Ophrys Arachnites_ ist spinnenähnlich und
+zeigt einen purpurbraunen, grün verzierten Leib. Die schönste dieser
+Ophryden scheint mir aber die _Ophrys Bertolonii_, mit dunkelrothen
+Blüthen, zu sein. Doch Ophrys-Arten hat der Nordländer vielleicht schon in
+seiner Heimath gesehen und fesselt ihn daher mehr eine andere Orchidee von
+ungewohnter Gestalt: die _Serapias Lingua_, vielleicht gar _Serapias
+longipetala_, deren rothbraune Blüthen, von rothen Deckblättern fast
+verhüllt, nur ihre Lippen nach außen vorstrecken. Mit Freuden begrüßt er
+eine wilde Tulpe (_Tulipa Celsiana_), deren hellgelbe Blüthen sich auf
+langen Stielen wiegen. Die Siegwurz (_Gladiolus segetum_) mit rosenrothen,
+einseitig aufgereihten Blüthen tritt ihm auch an zahlreichen Stellen
+entgegen. In seinem Strauß nimmt er dann noch gern das weißblüthige
+_Allium neapolitanum_ auf, denn gehört jene Pflanze auch zu den
+Laucharten, so duften doch ihre weißen Blüthenstände in angenehmer Weise.
+Hauptsächlich sind es aber die gelben Tazetten, welche dem Strauß
+Wohlgeruch verleihen, während seine Farbenpracht gehoben wird durch eine
+reiche Auswahl bunter Anemonen (_Anemone coronaria_ und _hortensis_).
+
+Ebenso alt als Kulturpflanze wie der Ölbaum ist der Weinstock, die beide
+daher von Alters her zusammen genannt werden. – »Zwei Flüssigkeiten thun
+dem menschlichen Körper besonders wohl,« heißt es in der Naturgeschichte
+des Plinius, »innerlich der Wein, äußerlich das Öl; beide stammen aus dem
+Pflanzenreiche und sind vorzüglich, doch das Öl ist das nothwendigere.«
+Das trifft für das Öl heut nicht mehr zu. Im Alterthum rieb man sich mit
+demselben nach dem Bade den Körper ein; jetzt wird es äußerlich allenfalls
+nur noch als Marseiller Ölseife angewandt. – Wie in dem Werke des Plinius
+tritt uns auch an der Riviera der Weinstock vielfach neben dem Ölbaum
+entgegen. Doch an der Küste selbst herrscht der Ölbaum vor. Denn im
+Gegensatz zum Ölbaum meidet der Weinstock die nächste Nähe des Meeres.
+Andererseits verträgt er viel stärkere Gegensätze der Temperatur, so daß
+seine Cultur selbst weit im Norden versucht werden konnte. Im vierzehnten
+Jahrhundert drang der Weinbau bis in das preußische Ordensland, selbst bis
+nach Tilsit vor, und wenn er sich heute, um so viel weiter, nach Westen
+und Süden zurückgezogen hat, so geschah dies nur, weil er in nördlicheren
+Gegenden ertragsfähigeren Producten weichen mußte.
+
+Der Ölbaum ist sicher am Mittelmeer einheimisch, andererseits muß
+angenommen werden, daß seine Cultur im Orient begann, daß Culturformen des
+Baumes sich von da aus verbreitet haben, und schon in vorhomerischer Zeit
+nach Griechenland gelangten. Den Weinstock (_Vitis vinifera_) fanden die
+Culturvölker ebenfalls als wilde Pflanze auf europäischem Boden vor. Ja
+heut noch meint man südlich und nördlich von den Alpen stellenweise die
+Pflanze im ursprünglichen Zustande anzutreffen, doch ist es meist schwer
+zu entscheiden, daß sie nicht verwildert sei. Am üppigsten gedeiht die
+wilde Weinrebe heute um das schwarze Meer, und man hat an den südlichen
+Abhängen der Krim Stämme bis zu anderthalb Meter Umfang gemessen. Die
+Cultur des Weinstocks ging allem Anschein nach vom westlichen Kleinasien
+aus und ist einem indogermanischen Volke zu verdanken.
+
+Von den Weinen der westlichen Riviera waren im Alterthum schon die von
+Massilia, also des heutigen Marseille, bekannt, zeichneten sich aber nicht
+durch ihre Haltbarkeit aus, so daß man sie räuchern mußte. Es geschah das
+in Rauchkammern nach orientalischer und griechischer Sitte. Im
+Wesentlichen war das ein ähnliches Verfahren wie das heutige
+Pasteurisiren. Ganz wie man heut den Wein bis auf mindestens 60° C.
+erwärmt, um die schädlichen Keime in demselben zu tödten und so seine
+Haltbarkeit zu erhöhen, wurde im Alterthum der Wein in wohl verschlossenen
+Gefäßen durch heißen Rauch erhitzt. Das Feuer befand sich in einem unteren
+Raume, und Rauch und Hitze stiegen, durch ein Rohr geleitet, in das obere
+Geschoß, in dem der Wein sich befand. Der Rauch gelangte dort durch
+angebrachte Öffnungen ins Freie. Dieses Verfahren konnte den Geschmack des
+Weines nicht wesentlich beeinflussen, wohl aber mußte das geschehen bei
+Zusatz von Seewasser zum Most, wie er in Kleinasien und Griechenland
+häufig geübt wurde. Auch mit Gips, Kalk, Marmor, Thon, Pech oder Harz hat
+man die Weine versetzt, um sie haltbarer zu machen und ihnen zugleich
+einen bestimmten Geschmack zu verleihen. Es bemerkt aber bereits Plinius,
+daß der bekömmlichste Wein immer derjenige sei, dessen Most ohne
+fremdartigen Zusatz bleibe; denn welcher noch so Gesunde, meint er, sollte
+nicht Scheu haben vor Weinen, die Marmor, Gips oder Kalk enthalten?
+Überhaupt klagt Plinius sehr über die Verfälschung der Weine; es sei damit
+so weit gekommen, daß nur der Name des Weinlagers den Preis der Weine
+bestimme und daß man den Most schon in der Kelter verfälsche. Daher seien,
+so wunderlich dies auch klinge, die am wenigsten gekannten Weine oft die
+unschädlichsten. Das Anmachen des Weines mit Seewasser wird von Plinius
+als für den Magen vorzüglich gepriesen. An eine bekannte neuere
+Heilmethode erinnert seine Mahnung, daß wer hager werden will, während der
+Mahlzeit dursten oder doch nur wenig trinken soll. – Durch Einkochen und
+durch Hinzufügen von Kräutern suchte man im Alterthum vielfach die
+Haltbarkeit der Weine zu erhöhen, in ähnlicher Weise wie dies heute durch
+Zusatz von Alkohol geschieht. Daß die Römer Weinschmecker ersten Ranges
+waren, geht genugsam aus den Angaben der alten Schriftsteller hervor. Die
+Menge der zum Verkauf angebotenen Weinsorten verglich Virgil bereits mit
+derjenigen des lybischen Sandes und der Meereswellen. Man trank in Rom
+meist schon ungemischte Weine, das heißt ohne den einst üblichen Zusatz
+von Wasser; man kühlte sie mit Eis, versetzte sie öfters mit Gewürzen und
+fing an, nach alten Jahrgängen zu trachten. Guter Wein mußte acht bis zehn
+Jahre alt sein, um geschätzt zu werden, und selbst von zweihundertjährigen
+Weinen sind uns Berichte erhalten. So mundete dem Kaiser Caligula (37–41
+n. Chr.) Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten Weinjahre, dessen sich
+Italien zu erinnern wußte. Es war Italien selbst, das zu Plinius’ Zeiten
+die geschätztesten Weinsorten producirte, so daß Plinius wohl behaupten
+durfte, Italien nehme mit seinen Weinen die erste Stelle unter allen
+Ländern ein und sei nur in der Erzeugung von Wohlgerüchen von einigen
+derselben übertroffen: es gebe übrigens, fügt er hinzu, keinen Wohlgeruch,
+der denjenigen des blühenden Weinstocks übertreffe. – Auch in der
+römischen Zeit wurde der Weinstock bereits in kunstgerechter Weise
+zugeschnitten, doch ließ man ihn je nach der Gegend in verschiedener Weise
+wachsen. In Campanien schlang er sich empor an der Pappel, umfing sie wie
+seine Gattin, streckte seine üppigen Arme auf gewundenen Bahnen zwischen
+ihre Aeste, bis er ihren Gipfel erreichte. Da pflegte der Winzer, zur
+Arbeit gemiethet, sich außer dem Lohne vom Gutsherrn einen Scheiterhaufen
+und ein Grabmal auszubedingen, falls ihn bei der Weinernte ein Unfall
+treffen sollte. Anderswo waren ganze Landhäuser von den schmiegsamen
+Aesten eines einzigen Weinstocks umflochten, und in Rom lustwandelte man
+in den Säulenhallen der Livia im Schatten eines Weinstocks, der zwölf
+Amphoren Wein lieferte. In manchen Theilen Italiens zog man den Weinstock
+an Pfählen, in noch anderen ließ man ihn auf dem Boden kriechen, in all’
+jener Mannigfaltigkeit der Behandlung, die auch heut noch dem Wanderer in
+Italien auffällt. Hier, meint Plinius, schimmerten purpurne Trauben aus
+dem grünen Laub hervor, dort leuchteten sie in rosenrothem Glanz, dort
+endlich in saftigem Grün. An dem einen Orte sah man runde, an dem anderen
+längliche, hier kleine, dort große, hier harte und dickschalige, dort
+saftige und dünnschalige Beeren. Manche Trauben hing man im Zimmer an
+einem Faden auf, um sie länger zu erhalten, andere versenkte man in süßen
+Wein und ließ sie sich so im eigenen Safte berauschen. Auch gab es
+Trauben, die man räucherte, ähnlich wie es mit manchen Weinen geschah.
+Plinius erzählt, daß Kaiser Tiberius geräucherte afrikanische Trauben ganz
+besonders liebte.
+
+Nach dem Sturze Roms zerfiel auch der Weinbau in Italien. Nachlässig
+wurden die Trauben geerntet, sorglos gekeltert, und der Most lange auf den
+Trestern gelassen, damit der Wein jene dunkle Farbe erlange, wie sie im
+Lande beliebt war. Solche Weine konnten sich nicht lange halten, wurden
+von fremden Ländern daher auch nicht begehrt. Doch in neuester Zeit
+beginnt sich das zu ändern; Weinbau und Weinbereitung in Italien sind in
+erfolgreichem Aufschwung begriffen.
+
+Die alte Sitte, den Wein in Schläuchen zu befördern und dann in Amphoren
+aufzubewahren, hat sich jetzt auch im Süden verloren. Hölzerne Tonnen, die
+zur Römerzeit bei den cisalpinischen Galliern und den Alpenvölkern in
+Gebrauch waren, fanden ihren Weg damals schon nach Italien.
+
+ III.
+
+Das Bild von Bordighera schwebt der Erinnerung stets umrahmt in Palmen
+vor, so wie man sich einst die alte syrische Stadt Palmyra nicht anders
+als im Palmenschmuck vorstellen konnte. In der That gedeihen nirgends an
+der Riviera die Dattelpalmen besser als in Bordighera. An der Ostseite des
+Cap d’Ampeglio sind wahre Palmenwäldchen zu sehen. Diese östliche Bucht
+ist ganz besonders gegen die Nordwestwinde geschützt. Zwischen den Mauern
+palmenreicher Gärten, über welchen schlanke Stämme ihre Krone neigen,
+empfangen wir ganz afrikanische Eindrücke und können vergessen, daß uns
+die volle Breite des Mittelmeeres von dem Lande der Oasen trennt.
+Pietätvoll wandern deutsche Reisende zu jener malerischen Palmengruppe
+hin, die in einer halben Stunde Entfernung, östlich von Bordighera, zu
+Madonna della Ruota den Meeresstrand schmückt. Es sind das die Palmen, die
+Scheffel in seinem Liede »Dem Tode nah« besang, und unter welchen er ein
+Grab sich träumte. Sie stehen, einige zwanzig an der Zahl (nicht zwölf,
+wie es in dem Liede heißt), um eine alte Cisterne und erwecken an dem
+einsamen, wilden Orte, von Meereswellen umspült, in der That poetisches
+Empfinden. Daß dieses hier nicht allein ein deutsches Gemüth ergreift,
+geht aus der Schilderung hervor, welche Charles Garnier, der Erbauer der
+Pariser Großen Oper und des Casinos in Monte Carlo, von diesem Ort in
+seinen »_motifs artistiques de Bordighera_« entwirft. Der Stil der
+Schilderung ist freilich etwas überschwänglich und erinnert an jene
+Verzierungen, welche die Garnier’schen »Prachtbauten« überreich schmücken:
+»Das ist der Ort, wohin ihr ziehen müßt, ihr Künstler; das ist die Stätte,
+die ihr sehen müßt, ihr Poeten; das ist der Erdwinkel, der euch fesseln
+muß, ihr Alle, die ihr nach lebendigen und mächtigen Eindrücken strebt,
+und die ihr findet, daß unser Herz höher schlägt im Anblick der Natur!
+Werden Erinnerungen an den Orient in euch schon wachgerufen, wenn ihr das
+alte Bordighera und seine Umgebung durchwandert, so steht ihr hier nicht
+mehr vor dem Vergleich, nicht mehr vor Ähnlichkeiten, nein, ganz Judäa
+findet sich in diesem Eindruck verkörpert. Das ist der Brunnen der
+Samariterin, der Brunnen der Rebecca; das sind die Juden, die Apostel, das
+ist Jerusalem, Nazareth, Bethlehem, die sich euch offenbaren in jenem
+bescheidenen Flecken bordigherischen Vorgebirges.« – Die sturmgepeitschten
+Palmen um diese alte Cisterne, mit dem unvergeßlichen Hintergrund des
+Meeres, haben zahlreichen Malern schon das Motiv zu stimmungsvollen
+Bildern gegeben. Es verursachte daher in Künstlerkreisen einige Aufregung,
+daß der Ort, vom deutschen Kunstgärtner Ludwig Winter angekauft, in einen
+Garten verwandelt werden sollte. Die endliche Verwerthung des Grundstückes
+in so dicht bevölkerter Gegend war aber nicht zu vermeiden; es muß noch
+als ein besonders glücklicher Zufall angesehen werden, daß dieser schöne
+Flecken Erde in kunstsinnige Hände gelangte. Herr Winter hat dem äußersten
+Vorsprung des Vorgebirges, das die Scheffel-Palmen trägt, seinen
+ursprünglichen Charakter gelassen und den Garten harmonisch zu der
+Umgebung gestimmt. – Anemonen, Reseda, Nelken und üppig blühende
+Rosensträucher decken jetzt den Abhang; große Palmen, die man hierher
+verpflanzte, entspringen dem zuvor so kahlen Boden; um einen weiten
+Wasserbehälter, wie man sie an der Riviera oft sieht, ist eine Pergola
+errichtet, zu deren Säulen die Palme den architektonischen Gedanken gab.
+
+Im alten Testament werden die Dattelpalmen mit stolzen Königstöchtern
+verglichen. Nicht allen Dattelpalmen in den bordigherischen Gärten kommt
+aber so edle Gestalt zu. Es hängt das mit der Behandlung zusammen, welche
+die meisten Dattelpalmen hier erfahren. Man nimmt ihnen alljährig einen
+Theil ihrer Wedel. Die Familie Bresca in San Remo erhielt schon im
+sechzehnten Jahrhundert vom Papst Sixtus V. das Privilegium, Palmenwedel
+für den Palmsonntag nach Rom zu liefern, angeblich eine Belohnung für den
+Schiffscapitän Bresca, der im Jahr 1586, während der Aufstellung des
+Obelisken auf dem Sanct Petersplatz, als die trockenen Taue zu versagen
+drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: »Wasser auf die Taue!« dem
+Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half. Die Familie Bresca ließ
+ihre Palmen in Bordighera ziehen, in dessen sandig-lehmigen Boden die
+Dattelpalme besser als in dem schweren Lehmboden von San Remo gedeiht. So
+reicht die Palmenindustrie Bordigheras bis in das Mittelalter zurück, und
+auch heute noch ist es dieser Ort, der die meisten Palmenwedel zur Feier
+des Palmsonntags nach Rom entsendet. Den Palmenwedel hat die christliche
+Kirche, wie so viele andere Symbole, der Bildersprache des Orients, des
+Heidenthums und des Judenthums entnommen, und wie Palmenwedel bei den
+Festen des Osiris in Ägypten, bei dem feierlichen Einzuge der Könige und
+der Königshelden in Jerusalem und bei den olympischen Spielen prangten, so
+schmücken sie heute noch am Palmsonntag die Altäre katholischer Kirchen.
+
+Statt frei in den Lüften ihre Wedel zu schaukeln, müssen die meisten
+Palmen zur Herbstzeit es erdulden, daß ihre Krone im Innern
+pferdeschweifartig zusammengebunden werde. Diese Behandlung bezweckt eine
+bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden Wedel. Nicht alle Palmstämme
+sind für diese Behandlung gleich geeignet, und unter den geeigneten werden
+noch solche unterschieden, die mehr für den katholischen und solche, die
+mehr für den jüdischen Ritus sich schicken. Denn auch die Juden brauchen
+Palmenwedel bei dem Laubhüttenfest. Der Bordighese bezeichnet kurzweg die
+eine Dattelpalme als »_Cattolica_«, die andere als »_Ebrea_«. – Die
+Blätter der katholischen Palme sind schlanker, die der jüdischen kürzer
+und gedrungener. An der katholischen Palme bindet man die mittleren Wedel
+fest zusammen, damit die neuen Wedel bei thunlichstem Lichtabschluß sich
+entwickeln und so möglichst farblos bleiben. Denn bei der Feier des
+Palmsonntags sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen, sie sollen auch
+ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunklen werden solche Wedel auch
+schlank und lang; sie laufen spitz an ihren Enden aus und bleiben biegsam
+und weich, so daß sie leicht in beliebige Formen geflochten werden können.
+An den jüdischen Palmen werden die älteren Blätter weniger stark
+verbunden, das Licht ist somit von den jüngeren Blättern nicht ganz
+ausgeschlossen, diese können daher auch ergrünen. Sie bleiben zugleich
+kürzer, schließen mit stumpfer Spitze ab und werden härter. Mit dem
+Palmenwedel verbinden die Juden beim Laubhüttenfest die Myrte und die
+Bachweide zum Feststrauß und halten, während dieser in der rechten Hand
+geschwungen wird, einen »Paradiesapfel« in der Linken. Das Laubhüttenfest
+ist ursprünglich das Erntefest der Juden. Es verlor aber in den fremden
+Ländern diese seine Bedeutung und behielt nur die andere historische, die
+ihm ebenfalls von Alters her zukam, eine Erinnerung an den göttlichen
+Schutz während der Wüstenwanderung zu sein. Die Wahl der vier »Arten« im
+Feststrauß hat die mannigfaltigsten symbolischen Deutungen erfahren; sie
+mochte vielleicht ursprünglich die Vegetation Palästina’s versinnbildlicht
+haben. Durch religiöse Vorschriften wurden die vier »Arten« späterhin in
+starre Formen gefaßt, und wie der Palmenwedel, so müssen auch die
+Myrtenzweige und die Bachweide ganz bestimmte Gestalt besitzen. Die Myrten
+im Besonderen werden für die rechtgläubigen Juden in genau
+vorgeschriebenen Formen gezogen. Der Zweig muß eine Höhe haben, die drei
+Handbreiten gleichkommt und die Blätter in dreigliedrigen Wirteln tragen.
+Sind die Wirtel aufgelöst, d. h. die Blätter nicht zu dreien in gleicher
+Höhe befestigt, so ist der Zweig unbrauchbar. Eher geht es an, einen Zweig
+zu benutzen, der die Blätter nur zu zweien in gleicher Höhe trägt. Ein
+solcher Zweig ist im Nothfall zulässig, steht aber im Preise weit hinter
+der wahren »Hadassah« zurück.
+
+Die katholische Kirche hat sich in Betreff der Palmen, welche der
+Palmsonntag verlangt, viel nachsichtiger gezeigt. In nordischen Ländern
+hat der Buchsbaum, ja selbst der kätzchentragende Weidenzweig, das
+Palmenblatt ersetzt. An der Mosel wird der Buchsbaum geradezu als »Palm«
+bezeichnet, und auch die aus Weiden gebundenen Festzweige heißen Palmen in
+slawischen Ländern.
+
+Die Palmen hatten im Winter 1890/91 eine schwere Probe an der Riviera zu
+bestehen, als das Thermometer für mehrere Stunden auf 6° C. unter 0
+gesunken war. Besonders bewährten sich bis jetzt im bordighesischen Klima,
+außer den Dattelpalmen (_Phoenix dactylifera_), die canarische _Phoenix
+canariensis_, die kalifornische _Pritchardia filifera_, die australische
+_Livistona australis_ und die chinesische _Chamaerops excelsa_. Daß
+außerdem die Zwergpalme, _Chamaerops humilis_, gut in Bordighera gedeihe,
+ist nicht wunderbar, da sie der Mittelmeerflora thatsächlich angehört; sie
+ist unsere einzige europäische Palme, in Sicilien heimisch. In Algier
+deckt sie große Flächen. Man suchte sie dort auszurotten, um den Boden für
+neue Culturpflanzen zu gewinnen, jetzt sorgt man für ihre Verbreitung. Vom
+lästigen Unkraut, als welches sie betrachtet wurde, ist sie zu einer
+wichtigen Nutzpflanze avancirt. Entsprechend zubereitet, liefern nämlich
+die Blätter der Zwergpalme sehr elastische Fasern, die gleich Pferdehaaren
+zum Ausstopfen der Möbel und Matratzen dienen können. Den Pferdehaaren
+gegenüber zeichnen sie sich nicht nur durch ihre Billigkeit, sondern auch
+dadurch aus, daß sie nicht von Motten befallen werden. Im Gegensatz zu den
+Phoenix-Arten, die gefiederte Blätter besitzen, sind die Pritchardien,
+Coryphen, Chamaerops-Arten mit fächerförmigen Blättern versehen. Ihr
+Aussehen weicht somit nicht unwesentlich von demjenigen der Dattelpalmen
+ab, so daß ihre Acclimatisation an der Riviera auch in landschaftlicher
+Beziehung als ein Gewinn betrachtet werden kann. Zu bedeutender Höhe ist
+in zahlreichen Gärten die _Chamaerops excelsa_ bereits emporgewachsen. Sie
+gehört zu den härtesten der eingeführten Arten, so daß sie ohne Bedeckung
+selbst das Klima der Insel Wight verträgt. _Pritchardia filifera_ ist der
+zahlreichen weißen Fäden wegen, die den Blatträndern entspringen, sehr
+beliebt, verbreitet sich demgemäß auch rasch an der ganzen Riviera. Zu den
+häufigsten Palmen dürfte dort auch bald die _Phoenix canariensis_ gehören,
+welche der Dattelpalme sehr ähnlich ist, sich aber vor ihr durch
+gedrängteren üppigeren Wuchs und kräftigere Blattentwickelung auszeichnet.
+– An geschützten Stellen der Riviera gedeihen auch verschiedene Arten der
+Palmengattung Cocos, so _Cocos flexuosa_, und _Romanzoffiana_ mit äußerer
+eleganter Tracht, auch die blaugrüne _Cocos australis_. Die echte
+Cocospalme (_Cocos nucifera_), welche die Cocosnüsse liefert, kommt hier
+hingegen, sowie auch an den Südrändern des Mittelmeers, nicht fort. Ihre
+Cultur ist nur innerhalb der Wendekreise möglich. In der Form ihrer
+Blätter stimmen die Cocospalmen mit den Dattelpalmen überein. Ähnliche
+Blätter haben auch die Areca-Arten (_Areca sapida_, _Baueri_), welche an
+der Riviera gut aushalten. Es sind das nahe Verwandte der Betelnußpalme
+(_Areca catechu_), welcher die Betelnüsse entstammen, jene Nüsse, die mit
+Kalkpulver bestreut, und in Blätter des Betelpfefferstrauchs (_Piper
+Betle_) gewickelt, von Jung und Alt in Südasien gekaut werden. Zu den
+Palmen mit fächerförmigen Blättern, welche die Gärten der Riviera zieren,
+gehören auch zwei Livistona-Arten, die _Livistona chinensis_ und
+_australis_, mit mächtigen Blättern, Palmen, die häufig in unseren
+Gewächshäusern anzutreffen sind. Schön macht sich unter den anderen
+Fächerpalmen der Riviera die blaugrüne _Brahea Roezli_, dann die
+stattlichen Sabal-Arten, deren zähe Fasern für Seilerwaaren, Hüte, Körbe
+und Säcke verwandt werden, auch die wichtige Carnaubapalme Brasiliens, die
+_Copernicia cerifera_. Mit den Blättern dieser Palme wird in der
+brasilianischen Provinz Ceara ein großer Theil der Hütten gedeckt, ihre
+Fasern ähnlich wie Stroh verwandt, der harte Stamm liefert Bau- und
+Tischlerholz, die Wurzeln ein Heilmittel, die bitteren Früchte dienen als
+Nahrung, aus dem Saft wird Sirup und Arrak bereitet, kurzum diese Palme
+zeigt uns so recht ein Bild von dem Nutzen, den eine einzige Art dieser
+segensreichen Pflanzenfamilie in den Tropen stiften kann. Ihren Artennamen
+_cerifera_, sowie ihren deutschen Namen dankt aber die Wachspalme ihrem
+wichtigsten Erzeugniß, dem vegetabilischen Wachs, das sie in Schuppenform
+aus ihren Blättern ausscheidet. Diese Schuppen werden von jungen,
+getrockneten Blättern abgeklopft und dann in Wasser gekocht, auf dessen
+Oberfläche das flüssige Wachs sich sammelt. Man versetzt es mit Talg und
+formt es zu Kerzen, welchen beim Brennen ein angenehmer Duft entströmt.
+
+Bordighera begnügte sich nicht damit, seine Palmwedel für Cultuszwecke zu
+ziehen, es suchte sie auch im Kunsthandwerk zu verwerthen. So entstand die
+Palmenflechterei, die in letzter Zeit Dank dem Winter’schen Einfluß, eine
+ungeahnte Entwickelung nahm. In der Winter’schen Kunstgärtnerei wird jetzt
+die Palmenflechterei im Großen betrieben. Die Dattelpalme, die
+Chamaerops-Arten, _Livistona australis_ und _Pritchardia filifera_ geben
+im Besonderen das Material dazu her. Zur Verwendung kommen Blattspreiten,
+Blattstiele und Blattscheiden dieser Pflanzen, und wo Behälter nöthig,
+helfen auch wohl Flaschenkürbisse aus. Alle Theile der Palmen werden
+entsprechend gebogen und dann getrocknet, und hierauf zu Blumenvasen,
+Ampeln, Körbchen, Fruchtschalen, Lichtschirmen und anderen zierlichen
+Gegenständen stilgerecht vereint.
+
+Auch die Nachtigallen an der Riviera suchen Nutzen aus der neuen
+Palmen-Cultur zu ziehen. Sie fanden heraus, daß die langen großen Fäden am
+Blattrand der Pritchardien für Nesterbau vortrefflich geeignet sind. Sie
+zwicken sie ab und tragen sie zusammen, um sich aus denselben ihr
+flüchtiges Heim zu flechten. –
+
+ IV.
+
+Die zahlreichen Ausflüge, die sich landeinwärts von den Stationen der
+Riviera unternehmen lassen, haben in den Reisehandbüchern bis jetzt eine
+höchst unvollkommene Behandlung erfahren. Meist findet man in denselben
+nur eine Aufzählung der etwa zu besuchenden Orte, wobei die nächste, oft
+lohnendste Umgebung vernachlässigt ist, entferntere, beschwerliche, nicht
+immer lohnende Touren besonders empfohlen werden. Da die Wirksamkeit der
+Alpenvereine sich andererseits nicht bis zur Riviera erstreckt, die
+Wegweiser dort fehlen, die Einheimischen nur selten Auskunft über den Weg
+und niemals über die Schönheit desselben zu ertheilen vermögen, so wären
+grade für jene Gegenden gut orientirende Reisebücher sehr erwünscht. Unter
+den gegebenen Umständen kann aber nur ein wiederholter Besuch der Riviera
+denjenigen, der es gelegentlich nicht scheut, unnütz umherzuirren, in all’
+die Reize dieser zauberhaften Gegend einweihen.
+
+So müßte jeder Reisende, der für Naturschönheit empfänglich ist und einige
+Mühe nicht scheut, von Mentone über Gorbio nach Roccabruna wandern. Meist
+begnügt sich aber selbst der unternehmendste Tourist mit einem Ausflug
+nach Castellar und kommt im Gorbiothal nicht über Gorbio hinaus, weil er
+nicht weiß, daß er seinen Weg dort fortsetzen sollte. Und doch entfaltet
+sich erst jenseits von Gorbio die volle Pracht der großartigen Landschaft.
+Der ganze Ausflug dürfte fünf Stunden in Anspruch nehmen; es empfiehlt
+sich, ihn am Nachmittag zu unternehmen. Bis nach Gorbio führt jetzt eine
+schöne Fahrstraße. Sie beginnt zu steigen am Alexandra-Hôtel und folgt in
+zahlreichen Windungen dem Thale. Dieses Thal ist überaus fruchtbar; ein
+ansehnlicher Bach durchströmt dasselbe. Erst ist es breit, verengt sich,
+indem es aufsteigt. Villengärten stoßen an die Straße, dann bescheidene
+Bauerngüter. Blühende Pflanzen neigen sich über die Mauern vor. Erst die
+vornehmen Pflanzen der Reichen; dann der Goldlack, die Levkoye, die
+Pelargonie und die Anemonen, die auch der Ärmere sich zieht. Einzelne
+Cypressen, oft umrankt von Rosen, ragen hier und dort aus den Gärten vor
+und mahnen nicht selten an orientalische Landschaft. Citronen- und
+Orangengärten folgen aufeinander, dann Feigenbäume. Höher hinauf beginnen
+sich vereinzelt auch unsere Obstbäume zu zeigen. Sie stehen im
+Blüthenschmuck. Eigentlich ist ihnen auch in dieser Höhe noch zu warm, sie
+gedeihen gut erst bei Sant’ Agnese, jenseits der Felsen, die das Thal im
+Norden sperren. Im Thale von Gorbio lohnt es sich, Pflanzen zu sammeln.
+Ardoino, der Verfasser der Flora der Seealpen, gibt für die Thäler, die
+bei Mentone münden, mehr als tausend verschiedene, wild wachsende Arten
+an. Man müßte fast ganz Irland und Schweden durchstreifen, um ebenso viel
+verschiedene Pflanzen zu finden, als hier auf etwa fünfzehn Quadratmeilen
+beisammen wachsen. – Ungewöhnlich reich sind die Thäler von Mentone an
+Orchideen, und diese blühen ja fast sämmtlich im Frühjahr. Viele sonst
+seltene Farne sind hier auch zu finden. Der Botaniker sucht mit Vorliebe
+nach einem kleinen Nacktfarn, der zu derselben Gattung wie die Gold- und
+Silberfarne unserer Gewächshäuser gehört, der _Gymnogramme leptophylla_.
+Der Pflanzenliebhaber freut sich mehr noch über das _Adiantum Capillus
+Veneris_, das Venushaar, das mit seinen zarten Wedeln die feuchten
+Vertiefungen der Felsen ziert. – Ein alter gepflasterter Weg kürzt oben im
+Thale die neue Straße von Gorbio ab. Er steigt in Olivenhainen empor. An
+einer seiner Windungen taucht plötzlich Gorbio auf, ganz in der Nähe. Es
+krönt einen steilen Hügel, der von Oliven bedeckt ist. Ein Amphitheater
+mächtiger zackiger Felsen umrahmt dieses Bild von seltener malerischer
+Schönheit. – Wir steigen auf zu dem Orte, durchschreiten den Platz, dem
+eine alte Ulme ihren Schatten spendet, wenden uns dann links und schlagen
+den Fußweg ein, der, an einem offenen Brunnen vorbei, der Berglehne folgt.
+Nach kaum halbstündigem Aufstieg haben wir das weit sichtbare Kreuz
+erreicht, das hoch oben, am vorspringenden Bergesrande dem Wetter trotzt.
+Bei stark wehendem Mistral ist es kaum möglich, an jener Stelle zu weilen;
+das zersplitterte Kreuz, welches nur noch einen seiner Arme gegen den
+Himmel streckt, zeugt von der Gewalt der Stürme, die dort oben hausen.
+Bereits von diesem Kreuze aus ist der Blick überwältigend schön. Er umfaßt
+die sämmtlichen Thäler, die bei Mentone münden. Auf den Höhen sieht man
+jene wilden Ortschaften thronen, Burgen der Grimaldi und der Lascaris, die
+einst diese Thäler beherrschten; man umspannt mit dem Blicke den ganzen
+Halbkreis steil aufsteigender Berge, welche die Thäler mächtig umfassen
+und eine undurchdringbare Schranke für das Auge bilden, das hingegen nach
+Süden zu unbegrenzt über dem blauen, endlosen Meere schweift. Eine weitere
+Steigerung der Eindrücke hält man nicht für möglich, man kann sich schwer
+von dieser Stelle trennen, und doch gewinnt das Bild noch an erhabener
+Größe, betrachtet von dem Bergrücken, der jetzt in südlicher Richtung nach
+Roccabruna führt. Dann verschieben sich gegen einander, wie mächtige
+Decorationen, die Felsriesen, die den Hintergrund der Thäler schließen,
+und die Umrisse des Bildes werden immer reicher, immer bewegter. Bald
+tritt im Mittelpunkte der Landschaft, am Nordabhange des mächtigsten
+dieser Berge, Sant’ Agnese hervor, ein ansehnliches Dorf, das in
+schwindelnder Höhe, wie ein Schwalbennest am Felsen, über dem Abgrund zu
+hängen scheint. Wer konnte das Dasein dieses Ortes ahnen; ist er doch
+gegen das Meer hin von dem Felsen ganz verdeckt, an den er sich klammert.
+Dieser Felsen sollte ihn auch schützen und verbergen vor den spähenden
+Blicken der Saracenen, welche einst das tyrrhenische Meer durchkreuzten.
+Und doch war es ein Saracenenhäuptling Harun, der im zehnten Jahrhundert,
+der Sage nach, die Burg erbaute, deren Ruinen den Bergesgipfel krönen.
+Doch nicht als Feind kam er hierher, sondern von der Liebe zu einer
+Christin überwältigt, die er, selbst zum Christenthum bekehrt, zu seiner
+Gattin machte.
+
+Selbst wer den schönsten Theil Süditaliens kennt, wird sicher die volle
+Macht dieser herrlichen, so typisch italienischen Landschaft empfinden.
+Und wie wird der Eindruck noch gesteigert, wenn gegen Sonnenuntergang sich
+die Gipfel der Berge zu röthen anfangen, lange dunkle Schlagschatten in
+die Thäler fallen und Sant’ Agnese in goldigem Licht auf dem grauen Fels
+zu glühen beginnt.
+
+Doch die Zeit drängt, denn die Sonne im Westen ist lange schon hinter der
+_Tête de chien_ verschwunden; die Nachtschatten senken sich hinab in die
+Schluchten, während ein langer steiniger Weg uns von Cabbe-Roquebrune, der
+Eisenbahnstation, noch trennt.
+
+In Cabbe-Roquebrune auf dem Bahnhof erwartet uns ein botanischer Genuß.
+Über einer hohen Mauer am Abhang stehen mächtige Judasbäume (_Cercis
+siliquastrum_) und senken abwärts ihre blüthenbeladenen, noch laubfreien
+Zweige. Die schönen, dicht gedrängten Blüthen entspringen auch dem alten
+Holze, so daß die ganze Baumkrone wie ein einziges Blumengewinde
+erscheint, von rosenrother Farbe. Dieser Baum ist in Südeuropa zu Hause,
+sehr häufig sieht man ihn in Palästina die Gärten um Jerusalem schmücken,
+was wohl Veranlassung zu der Sage gab, Judas habe sich an demselben
+erhängt.
+
+ V.
+
+Bezaubernd schön ist Mentone, wenn man es vom Pont St. Louis aus
+betrachtet. Das Bild gehört zu den eindrucksvollsten der ganzen Riviera.
+Doch muß man es am Morgen betrachten, wenn die Sonne das alte Mentone von
+Osten her bescheint. Man folgt von Mentone aus in östlicher Richtung der
+Landstraße und wählt ihren linken Arm, dort, wo sie sich gabelt. Man
+steigt dann sanft in die Höhe, zwischen Villen und Mauern. Gibt es nicht
+zu viel Staub auf der Straße, so ist diese Wanderung ein Genuß. Denn die
+angrenzenden Gärten strotzen von üppigen Gewächsen, und überall drängt
+sich der Überfluß derselben bis auf die Straße. Die Pflanzen finden keinen
+Platz mehr in der eingeengten Umfriedung und streben hinaus ins Freie.
+Rosenrothe und feuerfarbige Pelargonien neigen sich über das Gitter, dort
+hängt ein Rosenstrauch über dasselbe hinaus und trägt unzählige Blüthen.
+Weiter ist eine ganze Mauer bis unten hinab mit einem epheublätterigen
+Kranichschnabel, dem _Pelargonium peltatum_, bedeckt, welcher so üppig
+blüht, daß die Blätter unter den blaßrothen Blüthen verschwinden. Jener
+Strauch, der im graziösen Bogen über eine andere Mauer sich beugt und
+ährenförmige Rispen gelber Blüthen trägt, ist eine chinesische Buddleia
+(_Buddleia Lindleyana_). Die ganze Straße duftet jetzt nach Heliotrop, der
+an dem Geländer emporklettert; weiter ist es wieder eine Pergola
+safrangelber Rosen, welche der Straße folgt. Mit ihren fleischig dicken
+Stengeln und Blättern und ihren großen rothen oder gelben Blüthen schmückt
+dort die Mittagsblume (_Mesembryanthemum __ acinaciforme_) eine Mauer.
+Dann schließen Citronen- und Orangenbäume sich an, die mit Früchten reich
+behangen, auch schon ihre duftigen Blüthen entfalten. Wir kommen an dem
+kleinen französischen Zollhaus vorbei und erreichen alsbald unser Ziel. In
+kühnem Bogen schwebt die Brücke San Luigi über der Schlucht, welche
+Frankreich von Italien trennt. Der Blick von hier auf Mentone ist in der
+That von ergreifender Schönheit. Die alte Stadt deckt einen schmalen Grat,
+der sich bis zum Meere senkt. Dicht gedrängt steigen die Häuser an ihm
+auf, über- und nebeneinander. Alle sind sie im italienischen Style gebaut,
+mit Loggien, Balkonen und Terrassen, trotzdem alle verschieden an Gestalt
+und Größe, scheinbar gesetzlos zu einer einzigen Masse vereint. Jedes
+zeigt eine andere Färbung; im hellen Glanz der Sonne verschmelzen aber die
+Gegensätze und die ganze Stadt leuchtet fast weiß in die Ferne. Aus der
+Häusermasse ragt die Kirche mit ihrem schlanken Glockenthurm hervor. Und
+welch eine großartige Einfassung zeigt dieses Bild! In weiter Ferne, kaum
+noch sichtbar, profilirt sich im nebeligen Umriß das zackige Esterel. Dann
+weicht die Küste vor dem Meere zurück und erst die _Tête de chien_ über
+Monaco bietet ihm wieder Trotz. Sie scheint an der Küste Wache zu halten.
+Dann folgen mächtige, majestätische Berge und rücken immer näher auf
+Mentone zu. Das Cap Martin streckt sich wie ein grünsammetnes Band vor in
+die blaue See, und hinter Mentone steigen die zackigen Felsenriesen auf
+und leuchten in der Sonne im bläulichen Grau. Dann folgen tiefer grüne
+Schluchten, wo helle Olivenhaine mit dunklen Citronengärten abwechseln und
+an den Abhängen weiße Dörfer verborgen im Laub. Kahle Bergrücken glänzen
+grell in der Nähe, von grünen Kiefernwäldern stellenweise wie von Oasen
+bedeckt. Der Vordergrund entzückt uns durch seine Farbenpracht, denn der
+untere Theil der Schlucht, über der wir schweben, ist in einen Garten
+verwandelt. In Stufen steigt er auf, und der Boden verschwindet ganz unter
+Blüthen. Hell- und dunkelrothe Geranien, dicht aneinander gedrängt,
+kugelige Chrysanthemum-Sträucher (_Chrysanthemum frutescens_) mit
+tausenden von Blüthen wie mit weißen Sternen übersäet. Dann ein Judasbaum,
+ganz in Blüthen gehüllt, der seine rosenrothen Aeste über die weißen
+Chrysanthemen neigt. Ein gelbblüthiger Rosenstrauch, der den rosenrothen
+Judasbaum erklimmt; schlanke Bambusen wie Federbüsche in die Lüfte ragend;
+daneben Fächerpalmen. Dunkelgrüne, schlanke Cypressen; ein Pfefferbaum mit
+hellgrünen, zartgefiederten Blättern an den hängenden Aesten; dunkelrothe
+Bougainvilleen an den aufsteigenden Wänden: ein wahres Kaleidoskop. Hohe
+Dattelpalmen ragen aus der Schlucht hervor und umrahmen das Bild von
+Mentone, phantastische Opuntien nächst der Brücke bilden den ersten
+Vordergrund. Und dieses ganze farbenreiche Bild taucht mit seinem Rande in
+die dunkelblaue Fluth. Eine frische Brise weht uns vom Meer entgegen, der
+Frühling blickt mit allen seinen Blumenaugen aus der Schlucht empor. Es
+stimmt so harmonisch und heiter dieses hehre Bild. Daher wir es auch
+vergessen möchten, daß dort über Mentone, wo weiße Steine und dunkle
+Cypressen zwischen grauen Mauern sich erheben, ein Ort der Trauer ist. Ein
+Schloß der Grimaldi stand einst auf dieser Höhe, zwischen seinen Trümmern
+und Umfassungsmauern ist dann der Friedhof entstanden. Er beherrscht
+diesen sonnigen Strand, wie einst die mächtige Burg ihn beherrschte: ein
+Wahrzeichen des heutigen Mentone. Ich suche die Gedanken von dieser Stelle
+abzuwenden, doch unablässig kehren sie zu derselben zurück. Denn trauriger
+hat mich ein Friedhof nie gestimmt wie dieser dort, mit seinen in Blumen
+ganz versteckten Gräbern. Kaum kann es einen mächtigeren Widerspruch geben
+zwischen der freudig sonnigen Natur und dem jähen Tode. Dieser Gegensatz
+preßt Einem das Herz zusammen. Und aus allen Theilen der Welt eilten jene
+zusammen, die auf diesem Friedhof ruhen. In der Blüthe der Jahre, fern von
+ihrer Heimath, legten sie sich unter Jasmin und Rosen zu ewigem Schlaf. Ob
+ihnen wohl die Erde leichter wird, weil die Blumen nie auf derselben
+verwelken? Die Rosen im besondern drängen sich dort überall vor: weiße,
+gelbe, blutigrothe, und sie verbreiten einen betäubenden Duft. Als ich
+einst diesen Friedhof besuchte, da strahlte die Welt in Frühlingsglanz und
+jauchzte es von Leben in den Lüften. Da war es besonders traurig zwischen
+diesen blumenreichen Gräbern. Auf einem frisch errichteten Denkmal saß ein
+junger Bildhauer, meißelte das Antlitz eines zarten Mädchens in den Stein
+und sang dazu ein fröhliches Lied. Ich blieb vor dem Grabe lange stehen:
+es war wie in einer Shakespeare’schen Tragödie.
+
+Hoch ragen über der Brücke San Luigi die zackigen Felsen empor, welche die
+Schlucht umfassen. Sie selber steigt hier plötzlich auf, unvermittelt in
+romantischer Wildniß. Ein einzelner Felsenkegel erhebt sich aus ihrer
+Mitte und endet mit spitzem Gipfel. Zahlreiche Grotten versenken sich in
+den Stein. Rosmarin und Wolfsmilch, Wachholder und großblüthige Malven
+(_Lavatera maritima_) klammern sich an jeden Vorsprung der Felsen an und
+beleben ihre Eintönigkeit. Unten grünt Alles von üppigem Pflanzenwuchs.
+Ein kleiner Bach rauscht abwärts in den Felsenspalten und bildet dann
+zierliche Wasserfälle. Ein Theil des Wassers wird in einen kleinen
+Aquäduct gefaßt, der in malerischen Windungen abwärts läuft, dann mit
+gewölbtem Bogen den Bach überschreitet. Wie effectvoll Alles vereint in
+diesem engen Raume: es ist fast wie eine Theaterdecoration!
+
+An jener so überaus warmen Stelle der Riviera bildet diese Felsenschlucht
+wohl noch den wärmsten Ort. Durch hohe Berge geschützt und umfaßt, steht
+sie den südlichen Winden nur offen. In dieser Schlucht beginnen schon im
+December die Veilchen zu blühen. Die Schwalben verlassen sie nie. Die
+Eidechsen sollen ihres Winterschlafs hier vergessen. An Nahrung ist stets
+Ueberfluß. Insekten durchschwirren die Luft, und die Spinne spannt ihr
+Netz auch im Winter, um sie zu fangen.
+
+ VI.
+
+Niemand sollte es versäumen, von Bordighera oder von Mentone aus, einen
+Ausflug nach La Mortola, dem Garten des Herrn Thomas Hanbury, zu
+unternehmen. Der Eintritt wird Montag und Freitag Nachmittag gegen Zahlung
+von je einem Franc gestattet. Dieses Geld dient zur Unterstützung des
+Krankenhauses von Ventimiglia. Wer eingehende Studien im Garten machen
+will, erhält hierzu vom Besitzer jederzeit Erlaubniß. Früher Eigenthum der
+Familie Orengo in Ventimiglia, trägt auch heute noch die schöne Villa im
+Garten, welche Herr Thomas Hanbury bewohnt, den Namen des Palazzo Orengo.
+Als Herr Hanbury diese Besitzung im Jahre 1866 erwarb, war sie von einem
+mageren Olivenhain bedeckt. Ludwig Winter hat sie in den feenhaften Garten
+verwandelt, der jetzt den Besucher entzückt. Der Garten deckt eine Fläche
+von ungefähr vierzig Hektaren und fällt von der Kunststraße, welche das
+Dorf Mortola in hundert Meter Höhe durchzieht, bis zum Meere ab. Die in
+dem Numullitenkalk tief gerissene Schlucht, an welche die Besitzung
+anlehnt, gewährt ihr Schutz gegen die Winde und ermöglicht die
+Entwickelung einer so üppigen Vegetation, wie sie auch an der Riviera kaum
+ihres gleichen findet. Freilich mußte durch künstliche Bewässerung
+vorgesorgt werden, daß die lange Dürre des Sommers nicht verhängnißvoll
+für die Pflanzen werde. Denn man rechnet in La Mortola über zweihundert
+Tage im Jahr, an welchen der Himmel völlig wolkenlos bleibt, und auch
+innerhalb des winterlichen Halbjahres gibt es nur etwa vierzig Regentage.
+
+Es wäre ein gewagtes Beginnen, wollte ich an dieser Stelle alle die
+zahlreichen Pflanzenformen schildern, welche der Garten von La Mortola
+birgt. Es kommt mir nur darauf an, die Reichhaltigkeit desselben
+hervorzuheben. Was aber diesen Garten insbesondere belehrend macht, ist
+der Umstand, daß alle Pflanzen Schilder tragen, auf welchen ihr Name, der
+abgekürzte Name des Autors, der sie benannte, ihre Heimath, sowie die
+Familie, der sie angehören, angegeben ist. So kann jeder Besucher des
+Gartens erfahren, wie die Pflanze heißt, die ihm durch ihre Schönheit oder
+ihren Wohlgeruch auffällt, eine Pflanze, nach deren Namen er vielleicht
+vergeblich schon in manchem anderen Garten der Riviera forschte. Herr
+Hanbury ist bemüht, seinem Garten auch wissenschaftlichen Werth zu
+verleihen und sucht unaufhörlich neue, interessante, technisch wichtige
+oder durch ihre Heilkraft ausgezeichnete Gewächse für denselben zu
+erwerben. Ein kenntnißreicher deutscher Gärtner, Gustav Cronemeyer,
+stellte vor einigen Jahren ein wissenschaftliches Verzeichniß aller
+Pflanzen des Gartens auf. Dieses Verzeichniß umfaßt über 3600 Arten. Es
+wurde an alle botanischen Anstalten der Welt versandt, mit der
+Aufforderung, aus den Schätzen des Gartens für wissenschaftliche Zwecke zu
+schöpfen. Auch die Samen und Früchte des Gartens erntet man alljährig, um
+sie wissenschaftlichen Anstalten dienstbar zu machen. Da Herr Hanbury
+gleichzeitig stattliche Schulgebäude in La Mortola errichtet, da er
+neuerdings auch ein schönes botanisches Institut in Genua erbauen ließ, um
+es der dortigen Universität zu schenken, so läßt sich wohl behaupten, daß
+er einen edlen, nachahmenswerthen Gebrauch von seinen Reichthümern macht.
+Leider ist der eifrige Leiter des Gartens, Gustav Cronemeyer, vor kurzem
+gestorben, und gewährt es nur einen Trost, daß sein Nachfolger, ebenfalls
+ein deutscher Gärtner, Herr Dinter, mit gleichem Eifer in seine Spuren
+tritt.
+
+Gerade im Frühjahr ist es, wo der Garten von La Mortola in vollstem
+Blüthenschmucke prangt. Besonders tragen die Akazien dazu bei, ihn um jene
+Zeit so üppig zu verzieren. Ueber neunzig Arten der Gattung _Acacia_
+stehen da in Cultur, von den fein gefiederten, mimosenartigen an, deren
+Blättchen jeder Windhauch in Bewegung setzt, bis zu jenen starrend
+stachlichen Arten, welche schon durch ihren botanischen Namen als
+»bewaffnet« (_armata_), »struppig« und »schauerlich« (_horrida_)
+hinreichend gekennzeichnet werden. Manche Akazien sind von gelben Blüthen
+so überdeckt, daß das grüne Laub unter denselben fast verschwindet, und
+die meisten verbreiten zur Blüthezeit ein liebliches Aroma. Benennungen
+wie »lieblich«, »angenehm« (_suaveolens_) zeichnen noch besonders einzelne
+Arten aus. Der höchste Preis des Wohlgeruchs gebührt aber unstreitig der
+tropisch-amerikanischen _Acacia Farnesiana_, welche ihre veilchenduftenden
+Blüthenköpfchen den ganzen Winter über treibt. Diese Blüthenköpfchen
+dienen in Grasse und in Cannes unter dem Namen »_fleurs de cassie_« in
+ausgiebiger Weise den Zwecken der Parfümerie. Den Namen »_Farnesiana_«
+erhielt diese schon lange in Südeuropa bekannte Pflanze wohl daher, daß
+sie in den farnesianischen Gärten in Rom zuerst gezüchtet wurde. – Durch
+ihr zartes, zierliches, doppeltgefiedertes Laub von bläulich grüner Farbe,
+fällt hier, wie auch an den anderen Stellen der Riviera, die _Acacia_ oder
+_Albizzia Julibrissin_ auf, ein stattlicher Baum vom Aussehen einer
+Mimose, dessen hellviolette Blüthenköpfchen aber erst im Juli zur
+Entfaltung kommen. Sie stammt von der Südküste des kaspischen Meeres, ihr
+Arten-Name ist persisch und bedeutet Seidenblume. – Von der
+südafrikanischen steifen _Acacia horrida_ stammt eine geringe Gummisorte,
+die als Capgummi bekannt ist. Das feinste Gummi arabicum tritt aus der
+Rinde der senegambisch-kordofanischen _Acacia Senegal_, ähnlich wie bei
+uns Kirschgummi aus der Rinde von Kirschbäumen, hervor.
+
+Durch ein ganz besonders feines Aroma zeichnet sich in dem Garten von La
+Mortola außer der _Acacia Farnesiana_ ein gelbblühender Strauch, die
+_Pteronia incana_ vom Cap aus, welche zu derselben Abtheilung der
+Compositen wie unsere Astern gehört, deren Blüthenköpfchen aber einen, man
+könnte fast sagen, vergeistigten Aprikosenduft verbreiten. Sehr
+wohlriechend in allen seinen Theilen ist ein anderer Strauch vom Cap, die
+Rutacee _Diosma fragrans_. Nicht umsonst hat sie, so wie ihre nächsten
+Verwandten, die bei uns viel in Gewächshäusern cultivirt und als
+Bouquetgrün benutzt werden, den Namen _Diosma_, d. h. »Götterduft«,
+erhalten. Ein chilenischer Strauch mit kleinen gelben Blüthen, die
+Flacourtiacee _Azara microphylla_, wird wegen seines vanillenartigen
+Duftes in der Heimath »Aromo« genannt. Eine krautartige Salbeiart, die
+_Salvia albocoerulea_, riecht wie feines Tafelobst. Verschiedene
+Pelargonien, so namentlich das _Pelargonium roseum_ und _odoratissimum_,
+verbreiten ein starkes rosenartiges Parfüm, wenn man ihre Blätter
+zerdrückt. Geradezu betäubt wird man an zahlreichen Stellen des Gartens
+von dem Duft, der den kleinen weißen Blüthen vom _Pittosporum Tobira_
+entströmt. Diese Blüthen decken in großer Zahl den baumartigen immergrünen
+Strauch, der im Aussehen an den lorbeerartigen Schneeball (_Viburnum
+Tinus_) unserer Gewächshäuser erinnert. Es gibt auch eine Art mit fast
+schwarzen Blüthen, die fremdartig genug auf den Zuschauer einwirkt. –
+Lieblich duftet, ähnlich wie unsere wohlriechende Platterbse, ein
+zierlicher Baum mit überhängenden Aesten, der aus der Ferne ganz weiß
+erscheint von reicher Blüthenfülle. Es ist eine west-mediterrane
+Ginsterart, _Genista monosperma_, die zu den anmuthigsten Pflanzenformen
+im Frühjahr an der Riviera gehört. Ist auch zu jener Zeit der
+Blüthenreichthum noch so groß, Jedem fällt, unter allen anderen, diese
+Pflanze auf, die den Namen Blüthenregen führen sollte. Erscheint es da
+nicht wunderbar, daß zu derselben Gattung, wie dieses so zart erscheinende
+Gewächs, auch die _Genista acanthoclada_ gehört, ein Strauch der
+griechischen Berge, der so stachelig ist, daß er für die Pflanze des
+Tartarus gelten konnte: _Aspalathus_, nach der Insel Aspalathe an der
+Küste von Lycien genannt, lieferte er, der Sage nach, jene Ruthen, mit
+denen die Gottlosen in der Unterwelt gepeitscht wurden.
+
+Eigenthümlich berühren den Besucher des Gartens die Casuarineen, die in
+großen Exemplaren gleich unterhalb der Eingangstreppe stehen. Die
+graugrünen feinen Zweige dieser Bäume hängen wie die Federn eines
+Casuarschweifes herab und verschafften dem Gewächs auch seinen Namen. Die
+Zweige sind blattlos; die Ernährung des Baumes, die sonst von den Blättern
+besorgt zu werden pflegt, fällt hier somit den Zweigen zu. Diese sind
+demgemäß auch grün gefärbt, d. h. sie führen jenen Farbstoff, das
+Chlorophyll, dessen Anwesenheit für die Bereitung von Nahrungsstoff durch
+die Pflanze nothwendig ist. Die Casuarineen bilden in Australien
+ausgedehnte Wälder von sehr eigenem Aussehen. Wie so viele andere
+australische Bäume vermögen sie dem Boden nur spärlichen Schatten zu
+spenden. Die Blüthen dieser Gewächse sind so klein und unansehnlich, daß
+nur das kundige Auge sie an den Zweigen zu erkennen vermag. Das Holz der
+Casuarineen zeichnet sich durch seine Härte und seine Schwere aus und hat
+daher den Eingeborenen zur Anfertigung von Streitkolben gedient.
+
+Ein australischer Baum, der in den letzten Decennien ungemein rasche
+Verbreitung über die Riviera gefunden hat und den der Garten von La
+Mortola in nicht weniger als vierundzwanzig Arten besitzt, ist der
+Eucalyptus. Jeder, der Italien einmal besuchte, kennt die Eucalypten, wenn
+auch wohl nur die eine, überall vertretene Art derselben, den _Eucalyptus
+globulus_. Auch dieser australische Baum gibt im Verhältniß nur wenig
+Schatten; seine Blätter sind zwar von ansehnlicher Größe, sie hängen aber
+an langen Stielen von den Zweigen senkrecht herab und können daher selbst
+bei dichter Belaubung den Sonnenstrahlen nicht allen Durchgang verwehren.
+Da auch der leiseste Windhauch diese Blätter in Bewegung setzt, so
+herrscht unter den Eucalyptusbäumen ein eigenes zitterndes Zwielicht, das
+allerdings erst in Eucalyptus-Wäldern voll empfunden wird. Die Eucalypten
+gehören zu den Riesen der Pflanzenwelt, zu denjenigen Bäumen, welche
+überhaupt die bedeutendste Größe erreichen. In Australien sind Stämme von
+_Eucalyptus amygdalina_ gemessen worden, deren Höhe 156 Meter betrug und
+somit genau derjenigen der Thürme des Kölner Doms entsprach, die Pyramide
+des Cheops aber um fünf Meter, die Peterskirche in Rom sogar um mehr als
+zwanzig Meter überstieg. Die Eucalypten wachsen auch an der Riviera
+äußerst rasch und ragen schon über ihre Umgebung weit empor, ungeachtet
+ihre Anpflanzung hauptsächlich erst Ende der sechziger Jahre erfolgte. Im
+Garten von La Mortola erreichte ein _Eucalyptus globulus_ in sieben Jahren
+neunzehn Meter Höhe und fast anderthalb Meter im Umfang. Kein in Europa
+sonst bekannter Baum vermag Ähnliches zu leisten. Trotz so raschen
+Wachsthums zeichnet sich das Eucalyptusholz durch große Härte aus. An
+vielen Orten hat man Eucalypten angepflanzt, weil man der Ausdünstung
+derselben besondere heilsame Kräfte zuschrieb. Thatsächlich kommt aber den
+äußerst geringen Mengen von ätherischen Ölen, die sich um die Eucalypten
+verbreiten, kaum eine merklich desinficirende Wirkung zu. Dadurch
+hingegen, daß die Eucalypten rasch auf sumpfigem Boden wachsen und als
+immergrüne Pflanzen Sommer und Winter Wasser aus ihren Blättern
+verdunsten, tragen sie zu dessen Trockenlegung bei. Die Hoffnung, daß die
+Extracte aus Blättern und Rinde der Eucalypten das Chinin ersetzen würden,
+war gleichfalls übertrieben. Kommt auch diesen Extracten eine gewisse
+febrifuge Wirkung zu und sind dieselben auch seit undenklichen Zeiten von
+den Eingeborenen Australiens gegen Malaria verwandt worden, so stehen sie
+doch dem Chinin ganz bedeutend nach. Im April sieht man die älteren
+Eucalyptusstämme an der Riviera sich mit großen weißen Blüthen bedecken,
+welche durch ihre äußerst zahlreichen, feinen und langen Staubgefäße
+auffallen. Der Kundige erkennt an diesen Blüthen, daß der Baum zu den
+myrtenartigen Gewächsen gehört. Eine Eigenthümlichkeit der Eucalypten ist
+es, daß deren Blüthenknospen sich mit einem runden Deckel öffnen, der als
+grüne, weißbereifte Mütze abgeworfen wird. Diese Deckel sieht man im
+Frühjahr in großen Mengen unter den Eucalyptusbäumen liegen; sie
+verbreiten, wenn man sie zertritt, einen sehr durchdringenden Geruch.
+Neuerdings hat sich die Industrie auch dieser Gebilde bemächtigt, und in
+Bordighera sah ich Kreuze und Rosenkränze, die aus trockenen,
+aufgefädelten Eucalyptusblüthen-Deckeln hergestellt waren.
+
+Ganz junge Eucalyptusbäume, wie man sie auch bei uns, innerhalb der
+Gewächshäuser, sehen kann, zeigen zunächst ein von den älteren Bäumen
+durchaus verschiedenes Aussehen. Kaum glaubt man dieselben Pflanzen vor
+Augen zu haben. Die Blätter sind breit, stumpf, stengelumfassend,
+wagerecht gestellt, und erst an älteren Zweigen treten an deren Stelle die
+schmalen, zugespitzten, langgestielten Blätter auf, die senkrecht abwärts
+hängen. Damit verändert sich auch ihr innerer Bau. Zuvor zeigten sie
+verschiedene Structur auf ihren beiden Seiten, jetzt sind beide Seiten
+gleich. Beide Blattflächen werden ja an den hängenden Blättern in gleicher
+Weise von Lichtstrahlen getroffen. Sie brauchen aber gleichen Bau, um
+gleiche Arbeit zu verrichten. Aehnliche Einrichtungen treten uns bei
+vielen anderen Gewächsen Neuhollands entgegen und bestimmen geradezu den
+Charakter der dortigen Vegetation.
+
+Der in Italien hauptsächlich cultivirte _Eucalyptus globulus_ ist nicht
+der widerstandfähigste Vertreter seiner Gattung, wie er denn auch im
+strengen Winter 1890–91 an exponirten Stellen der Riviera gelitten hatte.
+Manche Arten trotzen besser der Kälte, und der _Eucalyptus Gunnii_ gedeiht
+selbst in Whittingham bei Edinburgh.
+
+Der hohen Schutzmauer der Seealpen, welche die kalten Nordwinde abhält,
+verdankt die Riviera di Ponente ihr mildes Klima. Diese Schutzmauer
+bedingt es auch, daß dort die Cultur der Agrumi erfolgreich betrieben
+werden kann. An zahlreichen Stellen der Küste, zwischen Nizza und Savona,
+gedeihen die Agrumi ebenso gut wie bei Neapel, während der Reisende das
+Innere von Ober- und Mittelitalien durchwandern kann, ohne sie zu
+erblicken. Unter der Bezeichnung »Agrumi« werden die Vertreter der Gattung
+_Citrus_ zusammengefaßt. Das Verzeichniß von La Mortola weist über zwanzig
+Arten oder Formen dieser Gattung auf. Man findet dort fast alle in Italien
+cultivirten Agrumi in engem Raum beisammen. Diese Pflanzen scheinen so
+fest mit dem italienischen Boden verwachsen zu sein, daß italienische
+Bilder stets der Phantasie des Nordländers vom Blüthenduft der Citrone
+durchweht und vom Glanze der Goldorange durchleuchtet erscheinen. Am
+meisten hat diese Vorstellung wohl das Mignonlied verbreitet, jenes Lied,
+das der Sehnsucht des Nordländers nach südlicheren Gestaden so unendlichen
+Ausdruck verlieh. So sehr die Agrumi aber auch in die italienische
+Landschaft zu gehören scheinen, so sind sie doch erst verhältnißmäßig spät
+in dieselbe gelangt und nur auf ganz bestimmte Theile von Italien
+beschränkt geblieben. Ihre Heimath liegt im fernen Asien, in Ostindien und
+Südchina; über den Orient schlugen sie aber zunächst ihren Weg nach Europa
+ein. Wie aus dem alten »Traité du Citrus« von Gallesio, dem Werke Victor
+Hehn’s über »Culturpflanzen und Hausthiere«, Alphonse de Candolle’s
+»Ursprung der Culturpflanzen«, endlich Flückiger’s »Pharmacognosie« – von
+älteren Quellenwerken abgesehen – zu erfahren ist, war dasjenige, was im
+Alterthum zunächst »Citrum« hieß, das Holz von _Callitris quadrivalvis_.
+Auch diese nordafrikanische Conifere ist in dem Hanbury’schen Garten in
+vortrefflicher Entwickelung zu sehen. Ihr Holz liefert das Sandarac, ein
+Harz, das in erstarrten, weißen Thränen die Stammrinde deckt und aus der
+Wunde heraustropft, wenn ein Zweig abgeschnitten wird. Das schön
+gemaserte, wohlriechende Holz dieses Baumes stand bei den Römern in hohem
+Ansehen und diente im Besonderen zur Anfertigung von Kisten, welche
+wollene Kleider vor Motten schützen sollten. Als dann die Citrone den
+Römern bekannt wurde, und es sich zeigte, daß sie in ähnlich wirksamer
+Weise die Motten abhält, wurde der Name Citrum auf dieselbe übertragen.
+Von dem Gewächse, welches diese »_mala citria_« erzeugt, drang die erste
+Kunde nach Griechenland während der Kriegszüge Alexanders des Großen.
+Letztere waren es, welche den Orient und die Tropen der griechischen
+Cultur erschlossen. Sie brachten den classischen Ländern eine solche Fülle
+neuer Naturanschauungen, wie dies zum zweiten Mal in gleichem Maße nur
+durch die Entdeckung des tropischen Amerika wieder geschah. Ueber den
+Citronenbaum wurde berichtet, daß er ein wunderbares Gewächs der
+persischen und medischen Lande sei, und voll goldener Früchte hänge. Diese
+sollten nicht nur gegen Motten schützen, sondern auch als Gegengifte
+äußerst wirksam sein. Ja, es bildete sich, wie man in einem Werke des
+Athenaeos, eines Gelehrten, der zu Naukratis in Ägypten geboren wurde und
+um 228 n. Chr. starb, lesen kann, der Aberglaube, daß, wer von diesen
+Früchten gekostet habe, den Biß giftiger Schlangen nicht zu fürchten
+brauche. Jenes durch seine Citate sehr werthvolle und merkwürdige Werk des
+Athenaeos schildert ein fingirtes Gastmahl, welches von einem römischen
+Schlemmer und Schöngeist, Künstlern, Dichtern und Gelehrten geboten wird,
+und bei welchem an die dargereichten Speisen und Getränke sich
+entsprechende Unterhaltungen knüpfen. Da erzählt ein gewisser Demokritos,
+sein Freund, der Statthalter von Ägypten, habe ihm mitgetheilt, daß zwei
+Verbrecher, die zum Tode durch giftige Schlangen verurtheilt waren, dem
+Biß derselben nicht erlagen, weil sie von einer Citrone zuvor aßen. Der
+Statthalter habe den Versuch absichtlich mit denselben Verbrechern zum
+zweiten Male wiederholt, aber nur dem einen von beiden eine Citrone
+dargereicht. Die Folge sei gewesen, daß dieser eine nur den Bissen der
+giftigen Nattern zu widerstehen vermochte, während der andere bald nach
+der Verwundung starb. Als bestes Schutzmittel gegen Gift empfiehlt der
+Erzähler eine in Honig zerkochte Citrone. Man müsse von diesem Gegengift
+früh am Morgen eine kleine Menge zu sich nehmen und sei dann den ganzen
+Tag über vor Vergiftung sicher. Dem Aberglauben, der solche Vorstellungen
+nährte, liegt wie auch sonst in ähnlichen Fällen, ein Fünkchen Wahrheit zu
+Grunde. Thatsächlich ist die Citrone durch sehr starke fäulnißwidrige
+Eigenschaften ausgezeichnet, Eigenschaften, die sie auch heute noch als
+Antisepticum sehr schätzbar machen. Schon im Alterthum hatte man richtig
+erkannt, daß der Saft der Citrone den Athem verbessere. Ein Vergnügen
+konnte es damals nicht sein, Citronen zu genießen, denn es waren
+thatsächlich nicht unsere jetzigen »Citronen«, vielmehr Cedraten oder
+Citronat-Citronen, die uns nur eingemacht schmecken. Diese Cedraten heißen
+auch heute noch »Cedro« bei den Italienern. Saftiges Fruchtfleisch ist
+ihnen nicht eigen; sie bestehen fast ausschließlich nur aus Schale, und
+diese ist es, die, in Zucker eingekocht, die Citronate liefert. Die
+Cedraten erreichen meist bedeutendere Größe als die Citronen, sind
+letzteren im Übrigen ähnlich. Ihre Form variirt aber bedeutend, und da
+viele Abänderungen durch Veredelung fixirt worden sind, so bekommt man
+neben stark in die Länge gezogenen auch fast runde Cedraten zu sehen. Das
+gab sogar Veranlassung zur Aufstellung verschiedener Arten innerhalb
+dieses Formenkreises, wie es denn überhaupt schwer fällt, zu
+unterscheiden, was Art und was nur Abart in der Gattung Citrus ist. Eine
+rundliche durch stark höckerige Schale und feinen Wohlgeruch
+ausgezeichnete Frucht, die auch zu den Cedraten gehört, wird als
+Adamsapfel oder Paradiesapfel unterschieden. Sie galt als die Frucht vom
+Baume der Erkenntniß und findet als solche beim Laubhüttenfest der Juden
+heute noch Verwendung. Die gesuchtesten Früchte zu diesem Fest werden aus
+Corsica, Corfu, Marocco und Palästina eingeführt und können bei
+vorgeschriebener Form sehr hohen Geldwerth erreichen.
+
+Der Cedratenbaum kam bei den Römern sehr in Mode, und man sah ihn, in
+Kübeln gepflanzt, die Säulenhallen der Villen und die Gärten schmücken.
+Vom dritten Jahrhundert an wird er auch, als im freien Lande gedeihend,
+beschrieben. Heut noch wird er in Italien viel gezogen und zeichnet sich
+vor allen anderen Agrumi dadurch aus, daß er das ganze Jahr hindurch
+Blüthen und Früchte trägt.
+
+Der Baum, der die Frucht zeitigt, welche wir als Citrone bezeichnen, die
+aber richtiger auch bei uns Limone heißen müßte, kam durch Vermittlung der
+Araber erst im zehnten Jahrhundert nach Süd-Europa, zunächst nach Spanien,
+dann wohl auch nach Sicilien. Er fehlte hingegen noch an der ligurischen
+Küste, wohin ihn erst gegen Ende des elften Jahrhunderts die Kreuzfahrer
+aus Syrien und aus Palästina brachten. Mit den Limonenbäumen zugleich
+gelangten die Pampelmusen und die bitterfrüchtigen Pomeranzenbäume an die
+Riviera, und Ligurien blieb überhaupt lange Zeit das Land, in welchem die
+Cultur der Agrumi am meisten betrieben wurde. Einen bedeutenderen
+Aufschwung gewann die Cultur freilich auch dort erst im vierzehnten
+Jahrhundert, als die Ansprüche an die Genüsse des Lebens sich zu steigern
+begannen. Sie verbreitete sich in Italien zugleich mit der Limonade, deren
+Zubereitung man von den Orientalen lernte. Unter dem Cardinal Mazarin war
+es, daß auch in Paris die ersten »Limonadiers« auftraten, um bald eine
+ähnliche Rolle wie heut die »Cafetiers« zu spielen. Die Limone, durch die
+nämlichen, fäulnißwidrigen Eigenschaften wie die Cedrate ausgezeichnet,
+lieferte in der That nicht nur ein erfrischendes, sondern zugleich auch
+ein antiseptisches Getränk. In den der zweiten Hälfte des sechzehnten
+Jahrhunderts angehörenden Kräuterbüchern des Tabernaemontanus, »der Arzney
+Doctoris und Chur-Fürstlicher Pfaltz Medici zu Neuwhausen«, heißt es, daß
+der Citronensaft »nicht allein wider die innerliche Fäulung und das Gifft
+sehr gut und kräftig« sei, sondern auch »gegen alle Traurigkeit und
+Schwermüthigkeit des Hertzens und die Melancholey«. Die Rinde widerstehe
+dem Gift: »Dann zur Zeit der Pest soll man sie im Mund halten, auch ein
+Rauch damit machen.« – Der Citronensaft gilt auch heute noch als eines der
+wirksamsten Mittel gegen den Scorbut, die bekannte Mund- oder
+Zahnfleischfäule, der die Seefahrer besonders unterworfen sind. Daher
+jetzt die englische Marine, und nach ihrem Beispiel auch andere,
+Citronensaft in wohlverschlossenen Flaschen auf ihren Schiffen führen.
+
+Ich bemühte mich festzustellen, woher der jetzt noch ziemlich verbreitete,
+früher fast allgemeine Brauch stammt, daß die Leichenträger bei
+Begräbnissen eine Citrone in der Hand halten. Ursprünglich ist er durch
+die fäulnißwidrigen Eigenschaften und den starken Geruch der Citrone
+veranlaßt worden, dann hat er symbolische Bedeutung gewonnen. Die Symbolik
+hat sich in mannigfaltiger Weise der Citrone bemächtigt. So heißt es in
+J. B. Friedrich’s Werke: »Die Symbolik der Mythologie der Natur«: »Das
+Aromatische, Erquickende und Belebende der Citrone hat sie zum Symbole des
+Lebens und des Schutzes gegen das Lebensfeindliche gemacht. Daher schützt
+nach altem Glauben die Citrone gegen Bezauberung, daher trägt das indische
+Weib, welches sich nach dem Tode seines Gatten verbrennen läßt, auf seinem
+Gange zum Scheiterhaufen eine Citrone in der Hand als Sinnbild ihres
+zukünftigen Zusammenlebens mit dem Gatten; daher die noch übliche Sitte,
+daß bei einem Leichenbegängnisse die Leidtragenden die das neue Leben des
+Abgeschiedenen symbolisirende Citrone in der Hand tragen; daher endlich
+die Sitte des zum ersten Mal zur Communion gehenden Kindes, eine Citrone
+zu tragen, weil es durch die Communion ein neues Leben durch seinen
+erneuerten Bund mit Gott eingeht.«
+
+Der Pampelmusbaum (_Citrus decumana_) fällt durch die Größe auf, die seine
+Früchte erreichen. Dieselben haben süß-säuerlichen Geschmack und werden
+mit Wein und Zucker gegessen. Einzelne Früchte können unter Umständen bis
+sechs Kilo Gewicht erlangen.
+
+Der bittere Pomeranzenbaum ist durch besonders aromatische Blätter und
+Blüthen ausgezeichnet. Die Früchte zeichnen sich durch ihre goldige
+Färbung aus. Sie werden frisch nicht genossen, wohl aber gelten die in
+Zucker eingemachten Schalen derselben als besonders wohlschmeckend. Auch
+dienen die Blätter, Blüthen und die unreifen Früchte zur Gewinnung
+ätherischer Öle und spielen letztere außerdem eine wichtige Rolle bei der
+Liqueurfabrikation. Da der Stamm der bitterfrüchtigen Pomeranze sich als
+besonders widerstandsfähig erwiesen hat, so verwendet man ihn auch häufig
+als Unterlage, auf welcher andere Citrus-Arten veredelt werden.
+
+Der süßfrüchtige Pomeranzenbaum gelangte wesentlich später nach Europa als
+die bisher genannten Agrumi. Man nahm ziemlich allgemein bis vor Kurzem
+an, die Portugiesen hätten ihn erst gegen Mitte des sechzehnten
+Jahrhunderts, und zwar angeblich im Jahre 1548, aus dem südlichen China
+mitgebracht; ja man zeigte im Garten des Grafen von St. Lorenzo zu
+Lissabon einen Orangenbaum, der der eingeführte Urbaum sein sollte. Aus
+den Schriften von Galesio, Targioni und Goeze scheint aber hervorzugehen,
+daß die süße Pomeranze schon wesentlich früher die Gärten Spaniens und
+Italiens schmückte; sie muß bereits im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts
+nach Europa gelangt sein. Galesio sucht es wahrscheinlich zu machen, daß
+die Cultur der süßen Orange auch an der Riviera bis ins fünfzehnte
+Jahrhundert zurückreicht, doch ist seine Beweisführung nicht überzeugend.
+So berichtet Galesio über ein aus den Acten der Stadt Savona vom Jahre
+1471 sich ergebendes Geschenk von eingemachten Citronen und Limonen und
+frischen Citruli, welches die Stadt Savona ihrem Gesandten in Mailand
+machte. Da nun die als »Citruli« bezeichneten Früchte frisch gesandt
+wurden, hält sie Galesio für *süße* Orangen, da der Gesandte in Mailand
+wohl keine *bitteren* hätte essen mögen. In dem Archiv eines Notars in
+Savona ist andererseits ein Verkaufsact vom Jahre 1472 über eine
+Schiffsladung von 15 000 Citranguli oder Cetroni aufgefunden worden, und
+Galesio frägt sich, was man wohl mit 15 000 bitteren Pomeranzen angefangen
+hätte. Auf diese Frage kann man ihm die Antwort schuldig bleiben, ohne daß
+dadurch der Nachweis, daß es sich wirklich um süße Orangen gehandelt habe,
+beigebracht sei. Ja eine solche Annahme müßte um so gewagter erscheinen,
+als thatsächlich schon Matthaeus Silvaticus in Salerno, der Verfasser des
+1317 beendigten _Opus pandectarum medicinae_ die *bittere* Pomeranze als
+_Citrangulum_ bezeichnet und diese Bezeichnung auch von den Übersetzern
+arabischer Werke von ihm benutzt wurde, um den arabischen Namen _narindj_
+wiederzugeben. Andererseits zeigt die heute noch in Italien übliche
+Anpreisung der süßen Pomeranze als »Portogallo« deutlich den Ursprung der
+jetzt dort cultivirten Früchte an. Mögen es somit auch nicht die
+Portugiesen gewesen sein, welche die süße Pomeranze in Europa einführten,
+so haben wir denselben doch die bessere, jetzt beliebte Sorte dieser
+Frucht zu danken. Die chinesische Heimath der süßen Pomeranze dagegen
+kommt in dem deutschen Namen »Apfelsine«, ursprünglich »Sinaapfel« oder
+»chinesischer Apfel«, zur Geltung. Der deutsche Name wurde von den Russen,
+den Grenznachbarn der Chinesen adoptirt; bezeichnend genug, meint Victor
+Hehn, für die Umwälzung im Weltverkehr, der seit Vasco de Gama nicht mehr
+quer durch das Gebiet von Asien, von Ost nach West, vielmehr aus dem Ocean
+in umgekehrter Richtung sich vollzog.
+
+Der Name »Orange« stammt aus dem Sanskrit und ist auf _nagarunga_ oder
+_nagrunga_ zurückzuführen. Die Araber hatten daraus _Narunj_ gebildet, die
+Italiener _Naranzi_, _Aranci_, die Franzosen schließlich Orange. Die
+mittelalterliche Bezeichnung »_poma aurantia_« Goldäpfel, ist somit nur
+dem Klange nach dem Worte »Orange« ähnlich. Aus »poma aurantia« ging dann
+aber das deutsche »Pomeranze« und das polnische »_Pomara[’n]cza_« hervor.
+
+Daß unter den goldenen Äpfeln der Hesperiden, die Herakles, der Sage nach,
+aus dem fernen Westen holte, nicht Orangen gemeint sein konnten, geht aus
+der Geschichte jener Früchte genugsam hervor. Die goldenen Äpfel der
+Hesperiden waren vielmehr idealisirte Quitten. Der Aphrodite geweiht,
+dienten sie dauernd in Hellas als Preise bei Liebesspielen und prangten
+unter den bräutlichen Gaben.
+
+Wie schön ein Apfelsinenbaum bei voller Kraftentfaltung werden kann, wenn
+ihn Tausende von goldenen Früchten schmücken, das läßt sich freilich kaum
+an der Riviera, ja nicht einmal in Sorrent ermessen. Völlig ausgewachsene,
+üppig entfaltete Orangenbäume von der Größe unserer Apfelbäume, sah ich
+erst am Fuße des Ätna. Theobald Fischer gibt in seinen »Beiträgen zur
+physischen Geographie der Mittelmeerländer« an, daß ein ausgewachsener,
+gut gehaltener Apfelsinenbaum in Sicilien sechs- bis siebenhundert, ein
+Limonenbaum sogar tausend bis elfhundert Früchte liefert. Im Durchschnitt
+könne man auf den Hektar Agrumen bei Palermo 3000 Lire Rohgewinn rechnen,
+und was das sagen will, geht daraus hervor, daß die einträglichsten Gärten
+bei Paris es nur zu einem Rohgewinn von 2500 bis 2700 Francs auf den
+Hektar bringen.
+
+Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen zu uns aber nur einige
+wenige gelangen, darunter die jetzt immer beliebter werdende blutfarbige,
+die »Orange von Jericho«.
+
+Auch die als besondere Art der Gattung Citrus geltenden Mandarinen
+(_Citrus nobilis_) sind Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien
+geworden. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser, als der
+Apfelsinenbaum. Er ist in allen Theilen kleiner, und an seinem
+buschig-runden Wuchs unschwer zu erkennen. In China und Cochinchina steht
+er seit undenklichen Zeiten schon in Cultur, in Europa hingegen tauchte er
+erst im Jahre 1828 auf.
+
+In dem Garten von La Mortola ist auch die _Citrus bergamia_ zu finden, aus
+deren Fruchtschalen das äußerst wohlriechende Bergamottöl gewonnen wird;
+desgleichen steht dort die _Citrus myrtifolia_, deren sehr kleine Früchte,
+in Zucker eingesotten, die beliebten »Chinois« liefern. Es fehlt auch
+nicht die süße Limone oder Limette, die nur eine Abart der sauren Limone
+ist und wie die süße Orange gegessen wird.
+
+Eigenartig sieht die _Citrus trifoliata_ aus, ein aus Japan stammender
+Strauch, der dreitheilige Blätter trägt und mit großen scharfen Dornen
+bewaffnet ist. An seinen Blüthen und Früchten kann man ihn als Citrus-Art
+erkennen, sonst macht er wirklich nicht diesen Eindruck. Er verträgt die
+Kälte so gut, daß man ihn selbst in Paris im Freien sieht.
+
+Besonders fällt in dem La Mortola-Garten eine monströse Orangenform auf,
+die der Katalog als »_Citrus Aurantium var. Buddhafingered_« bezeichnet.
+Die Mißbildung beruht darauf, daß die einzelnen Fruchtfächer, aus welchen
+die Orange aufgebaut ist, statt zu einer runden Frucht vereinigt zu
+bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt diese Frucht
+eine Anzahl von Fortsätzen und erinnert entfernt an eine Hand mit
+vorgestreckten Fingern. Diese Ähnlichkeit hat in Indien den Vergleich mit
+»Buddha’s Hand« veranlaßt und abergläubische Vorstellungen erweckt. Ganz
+ähnliche Mißbildungen kommen auch, in mannigfacher Verschiedenheit, bei
+den Citronen und Limonen vor und werden durch Veredlung festgehalten.
+
+Weitaus der merkwürdigste Baum in der Reihe der Agrumi ist die Bizzarria,
+welche der La Mortola-Garten ebenfalls besitzt. Schöner entwickelt sah ich
+diese Pflanze im botanischen Garten zu Neapel. Die Bizzarria trägt
+zugleich Orangen, Citronen und Limonen. Sie weist auch Früchte auf, welche
+die Mitte zwischen jenen Fruchtformen halten, endlich auch Früchte, an
+welchen einzelne Fächer das Aussehen von Orangen, andere dasjenige von
+Limonen oder Citronen besitzen. Es sind Bizzarrien beschrieben worden,
+deren Früchte die Bestandtheile von fünf verschiedenen Fruchtformen der
+Agrumi in sich vereinigten. Die Entstehung der Bizzarrien ist bis jetzt
+nicht endgültig aufgeklärt worden. Die Einen halten sie für Bastarde,
+während Andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufällige
+Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des Edelreises entstanden.
+Letzteres wäre sehr merkwürdig, da die Erfahrung, die wir täglich bei der
+Veredelung unserer Obstbäume, der Rosen und anderer Gewächse machen, sonst
+lehrt, daß die Unterlage ohne allen Einfluß auf das Edelreis bleibt, daß
+beide ihre Eigenschaften unvermischt behalten. – Die Bizzarrien sind seit
+der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bekannt. Sie mußten ja von Alters
+her durch ihr merkwürdiges Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich richten.
+Zum ersten Mal wird über die Bizzarria im Jahre 1644 berichtet und
+angegeben, daß sie im Garten Panciatichi in Florenz wachse. Im Jahre 1711
+beschäftigte sich die französische Academie der Wissenschaften mit
+derselben und kam zu dem eigenthümlichen Schluß, sie sei eine
+ursprüngliche Pflanzenart eben so gut wie die Orange oder die Citrone.
+
+In unserem nordischen Garten wird übrigens auch ein kleiner Baum
+cultivirt, der sich ähnlich wie die Bizzarria verhält. Es ist ein
+Goldregen, der dem Gärtner zu Ehren, der ihn in den Handel einführte,
+_Cytisus Adami_ genannt wird. Sein Ursprung ist ebenso wenig wie derjenige
+der Bizzarrien aufgeklärt. Dieser äußerst zierliche und interessante Baum,
+der sich leicht cultiviren läßt und bei keinem Gartenliebhaber fehlen
+sollte, trägt zur Blüthezeit der Hauptsache nach Blüthentrauben, die ganz
+so wie diejenigen des gewöhnlichen Goldregens (_Cytisus Laburnum_) gebaut,
+aber nicht gelb, sondern mattroth sind. An einzelnen Zweigen sind aber
+auch reingelbe Blüthentrauben, die sich dann von denjenigen des
+gewöhnlichen Goldregens gar nicht mehr unterscheiden, zu sehen. Außerdem
+trägt der Baum an besonders gestalteten kleinblätterigen Zweigen purpurne
+Einzelblüthen, welche, so wie die Zweige selbst, einer anderen
+Cytisus-Art, dem _Cytisus purpureus_ gleichen. Endlich kommen gemischte
+Blüthentrauben mit gelben und rothen Blüthen und mit Blüthen, die zum
+Theil gelb, zum Theil roth sind, vor. Nur die gelben Blüthen, die
+denjenigen des _Cytisus Laburnum_, und die purpurnen Blüthen, die
+denjenigen des _Cytisus purpureus_ gleichen, setzen Früchte an, die
+anderen verhalten sich wie häufig sonst die Blüthen der Bastardpflanzen,
+sie sind unfruchtbar. Es ist möglich, daß es sich bei _Cytisus Adami_ um
+einen eigenartigen Bastard zwischen _Cytisus Laburnum_ und _Cytisus
+purpureus_ handelt; der Gärtner Adam zu Vitry bei Paris gab seinerseits
+an, ihn durch Veredelung von _Cytisus purpureus_ auf _Cytisus Laburnum_
+erhalten zu haben.
+
+In den Gärten von der Mortola wird Jeder gern auch den Namen und die
+Heimath von zwei Pflanzen erfahren wollen, die ihm in den Gärten der
+Riviera sicher zuvor schon aufgefallen sind: nämlich der _Wigandia
+Caracasana_ und des _Echium frutescens_ Die erstere ist eine stattliche,
+aus Venezuela stammende Blattpflanze, die bis zwei Meter Höhe erreicht.
+Ihre sehr großen Blätter sind elliptisch, am Rande doppelt gezähnt,
+beiderseits behaart, an der Oberseite etwas rostfarbig. Die großen
+violetten, mit gelben Staubfäden versehenen Blüthen bilden ährenförmige
+Blüthenstände. Wie bei anderen Vertretern derselben Familie, der
+Hydrophyllaceen und der nah verwandten Familie der Boragineen oder der
+Boretsch-Gewächse, sind die Blüthenstände von Wigandia in ihrem oberen
+Theile schneckenförmig eingerollt. Der eingerollte Theil ist noch unfertig
+und rollt sich in dem Maße auf als seine Blüthenknospen reifen. Solche
+Einrichtungen gewähren den Vortheil einer sehr langen Blüthezeit. Da kann
+die blühende Pflanze schlechte Witterung, oder sonst wie ungünstige Zeiten
+überdauern, ohne daß ihre Samenbildung ganz verhindert werde. Wie diese
+verhältnißmäßig große Wigandia, so gehörte zu derselben Familie der
+Hydrophyllaceen das in unseren Gärten häufig cultivirte bescheidene
+Hainschönchen, die _Nemophila insignis_; zu den nah verwandten Boragineen
+rechnen wir von unseren Gartengewächsen unter anderen das als
+Küchengewächs wohlbekannte Gurkenkraut (_Borago_), von wildwachsenden
+Pflanzen unserer Flora den nicht minder verbreiteten Natterkopf (_Echium
+vulgare_). Das in den Gärten der Riviera so auffällige, oft bis zwei Meter
+hohe, mexikanische Echium frutescens, ist eigentlich nur eine
+Riesenausgabe dieses letzteren. Wer unseren Natterkopf kennt, wird auch
+jenes Riesen-Echium erkennen und unter den anderen Gewächsen des Gartens
+sicher herausfinden. Es trägt dieselbe blaue, kolbenförmige Blüthenähre
+wie unser Echium, nur fällt dieselbe eben durch ihre Größe auf.
+
+Doch wir wenden uns nun einem Baume zu, dessen Zweige einst wie jetzt den
+Sieger schmückten, dessen Blättern freilich auch die bescheidene Aufgabe
+zufällt, unsere Speisen zu würzen. Der edle Lorbeer, der mit italischen
+Bildern ebenso wie die Agrumi verwebt erscheint, ist in Südeuropa sicher
+heimisch gewesen, sein Cultus pflanzte sich hingegen allem Anschein nach
+von Kleinasien über das Mittelmeer fort. Er wurde dem Apoll geweiht und in
+dem Maße, wie die Zahl apollinischer Heiligthümer in Griechenland zunahm,
+breiteten sich auch die aromatisch duftenden, immergrünen Lorbeerhaine
+immer mehr über dieses Land aus. Mit den griechischen Gottheiten gelangte
+der Lorbeerbaum auf italischen Boden, und es begleitete ihn dort zugleich
+als Cultus-Gewächs die der Aphrodite geweihte Myrte.
+
+Allgemein war im Alterthum der Aberglaube, daß der Lorbeer gegen Dämonen,
+gegen Zauber und auch gegen Ansteckung schütze. So suchte, wie berichtet
+wird, der furchtsame Commodus im Lorbeerhaine Rettung, wenn die Pest im
+Anzug war. Kronen von Lorbeer legte man Wahnsinnigen um Schläfe und Hals,
+um sie zu heilen. Lorbeerfrüchte oder -Blätter genossen die Priester des
+Apollo, wenn sie weissagen sollten; Lorbeer trugen Propheten, wenn sie
+eine Stadt betraten. Der Lorbeer sühnte das vergossene Blut. Daher die
+römischen Legionen sich, ihre Feldzeichen und Waffen mit Lorbeer
+reinigten, gleich nach dem Siege. Das hatte den Lorbeer folgerecht auch
+zur Trophäe des Sieges und zum Zeichen der glücklich vollbrachten
+Waffenthat gemacht. Als eine Freude und als ein Glück verheißendes
+Augurium wurde verkündet, es sei am Tage, an welchem Augustus das Licht
+der Welt erblickte, ein Lorbeer vor dem Palatin entsprossen. Die
+reinigende Kraft des Lorbeers veranlaßte dessen Verwendung zu Aspergillen.
+Der Strenggläubige besprengte sich beim Eintritt wie beim Ausgang aus dem
+Tempel mit dem Lorbeerzweig, den er in das Weihwasser tauchte, und gern
+auch nahm er beim Herausgehen ein Lorbeerblatt vom Sprengwedel in den
+Mund. Die römisch-katholische Kirche hielt sich nicht an den Lorbeer als
+Sprengwedel, übernahm vielmehr den Ysop (_Origanum Smyrnaeum_) zu gleichem
+Zwecke von den Juden.
+
+Der Lorbeer brennt, nach Plinius, nur unwillig und zeigt dies durch sein
+Knistern an. Der feuerabwehrenden Kraft des Lorbeers wurde es
+zugeschrieben, daß bei dem großen Brande Roms unter den Consuln Spurius
+Postumius und Piso, als die Regia in Flammen stand, das Sacrarium
+unversehrt blieb, da ein Lorbeer vor demselben stand. Andererseits war es
+gerade das Lorbeerholz, das im Alterthum zur Erzeugung des Feuers diente;
+doch fing es nicht selbst Feuer, es bildete vielmehr, wie uns Theophrast
+und Plinius berichten, das Reibholz, während die Unterlage, die durch
+Reibung entzündet wurde, meist aus Wegedorn (_Rhamnus_) oder aus Epheuholz
+bestand. Ein reines Feuer zu den Sacra durfte nur der Reibung zweier
+glückbringender Hölzer entstammen, oder den Sonnenstrahlen, die man mit
+Hülfe von Brenngläsern oder von metallischen Hohlspiegeln sammelte. Der
+Lorbeer sollte auch die Blitze abwehren. Daher auch der abergläubische
+Tiberius, wie Suetonius berichtet, sich mit Lorbeer bekränzte, wenn ein
+Gewitter nahte. Gewisse Erfahrungen mögen die Vorstellung erweckt haben,
+daß dem Lorbeer bei Gewittern besondere Kräfte innewohnen. Denn es werden
+nicht alle Bäume gleich häufig vom Blitze getroffen. Auch bei uns schlägt
+der Blitz fast niemals in Wallnußbäume ein, am häufigsten aber in Eichen.
+Es hängt das mit der elektrischen Leitungsfähigkeit des Holzkörpers
+zusammen, die bei den einzelnen Baumarten eine verschiedene ist. Aus den
+angestellten Versuchen und dem statistischen Material scheint sich zu
+ergeben, daß Bäume, die zur Jahreszeit der Gewitter verhältnißmäßig viel
+fettes Oel in ihrem Holzkörper führen, dem Blitzschlag am wenigsten
+ausgesetzt sind. Abgestorbene Aeste an einem Baume erhöhen für denselben
+die Blitzgefahr. Daß die Eichen am häufigsten vom Blitze getroffen werden,
+mußte von jeher auffallen, daher die Eiche auch dem Donnergott geheiligt
+war. Von dem Lorbeer ist die gegentheilige Erfahrung weniger sicher, zum
+Mindesten ist sie in Zweifel gezogen worden.
+
+Zu den Lorbeerarten gehört auch der Campherbaum (_Laurus Camphora_), der
+im westlichen China und in Japan zu Hause ist und im La Mortola-Garten
+sehr gut gedeiht. Völlig ausgewachsen, kann er bis fünfzig Meter hoch und
+sechs Meter dick werden. Seine Blätter verbreiten beim Zerreiben einen
+merklichen Camphergeruch. Der Campher wird aber im Großen nicht aus den
+Blättern, sondern aus dem Holzkörper dieses Baumes durch Sublimation
+gewonnen.
+
+Die zu den Laurineen gehörenden Zimmetbäume sind in La Mortola ebenfalls
+zu sehen, freilich nicht die wichtigste Art derselben, das in Ceylon
+heimische _Cinnamomum ceylanicum_, sondern zwei chinesische und japanische
+Arten. Der Zimmet des Handels besteht aus der Rinde junger Schößlinge,
+welche nach starken Regengüssen geschnitten und geschält werden.
+
+Im schroffen Gegensatze zu diesen duftenden Pflanzen steht eine andere
+Laurinee, ein hier prächtig gedeihender, immergrüner Baum, dessen Name:
+_Orcodaphne californica_, zugleich die Heimath angibt. Häufig wird er in
+den Gärten als _Laurus regalis_ bezeichnet. Er gleicht in der That in
+seinem Aussehen einem Lorbeer, zerreibt man aber eines seiner Blätter
+zwischen den Fingern, so strömt ein ätherisches Öl aus, dessen geringste
+Mengen schon in hohem Grade die Schleimhaut der Geruchsorgane angreifen.
+In Californien verweilt man nicht gern in der Nähe eines solchen Baumes,
+wenn der Wind von dessen Seite weht, denn die flüchtigen Öle, mit denen er
+sich beladen. hat, reizen zum fortdauernden Niesen.
+
+Man wird sich in La Mortola auch mit einer anderen Laurinee, der _Persea
+gratissima_, bekannt machen können, welche in den Gärten der Tropen viel
+cultivirt wird und die Aguacatebirnen liefert. Die Krone dieses schönen
+Baumes breitet sich domartig aus, seine Blätter gleichen denjenigen des
+Lorbeers. Die birnförmigen, doch oft auch sehr unregelmäßig gestalteten
+Früchte sind große Steinfrüchte, mit einem Kern im Innern. Ihr Fleisch
+schmilzt wie Butter auf der Zunge und erinnert im Duft an die feinsten
+Moschusmelonen. Die Mexikaner essen die Aguacaten vornehmlich als Salat
+und suchen sich in der schmackhaften Zubereitung derselben zu überbieten.
+
+Auch noch einige andere tropische Früchte reifen gut im La Mortola-Garten,
+so die Guavas oder Guayaben, welche man von zwei Psidiumarten dort erntet.
+Die Gattung Psidium gehört zu den Myrten-Gewächsen und wird in allen
+Tropenländern cultivirt. Die Guavas vertreten dort in gewissem Sinne
+unsere Stachelbeeren, denn sie sind eben so fruchtbar, beginnen rasch
+Früchte zu tragen und lassen sich leicht vermehren. Sie wachsen zu
+Sträuchern oder kleinen Bäumen mit immergrünen Blättern empor und tragen
+Früchte, die in ihrer Größe zwischen der Wallnuß und dem Hühnerei
+schwanken. Diese Früchte werden ohne Zuthat oder mit Wein und Zucker
+gegessen. Manche erinnern an Erdbeeren, andere besitzen einen
+süßsäuerlichen Geschmack, andere noch einen so durchdringenden Duft, daß
+sie nicht Allen munden. Sehr geschätzt werden auch die Guavas-Gelées in
+den Tropen, und man beginnt dieselben auch nach Europa einzuführen.
+
+Eine andere in La Mortola cultivirte Myrtacee, die _Jambosa vulgaris_,
+liefert »Rosenäpfel«, welche den Geschmack reifer Aprikosen haben und nach
+Rosenwasser duften. Der Baum selbst ist reich verzweigt und trägt
+immergrüne Blätter, die in ihrer Gestalt den Pfirsichblättern gleichen.
+
+Wichtig sind, mehr noch ihres Holzes als ihrer Früchte wegen, die zu den
+Ebenholzbäumen gehörenden Diospyros-Arten. Der japanisch-chinesische
+_Diospyros Kaki_, den man in La Mortola zieht, liefert die Kakis. Ein
+kleiner Baum mit eirunden Blättern, gelblichweißen Blüthen und runden,
+etwa pfirsichgroßen, röthlichgelben Früchten. Diese Früchte müssen
+überreif werden, um feinen Geschmack zu gewinnen, dann halten sie die
+Mitte zwischen Pflaumen und Aprikosen. An der Riviera reifen die Kakis im
+October. In Japan benutzt man auch das Holz dieser Bäume, das dem Holz
+unserer Wallnußbäume ähnelt. Doch weit übertroffen wird das Kakiholz von
+dem Holz der südindischen und ceylonischen _Diospyros Ebenum_ und anderen
+ihm nahe verwandten Arten, welche das Ebenholz liefern. Das schwarze
+Kernholz dieser Bäume war schon im Alterthum bekannt. Es galt als das
+geschätzteste Holz jener Zeiten. Nicht nur Theophrast, sondern auch das
+alte Testament sind seines Lobes voll. Seine Dichte und seine dunkle
+Färbung verleihen ihm so hohen Werth; durch seine Schwere ist es leicht
+von anderen schwarz gebeizten Hölzern zu unterscheiden.
+
+Die zu den Anacardiaceen gehörige ostindische _Mangifera indica_, den
+Mango-Baum, der die köstlichste Frucht der Tropen liefert, gelang es bis
+jetzt nicht in La Mortola zu erhalten. Wohl aber wird man zahlreiche
+andere Anacardiaceen sehen. Zu diesen gehört auch der mit hellgrünen
+gefiederten Blättern und mit rothen Fruchttrauben versehene Baum, dem man
+so oft in den Gärten und an den Straßen der Riviera begegnet und der
+_Schinus Molle_ heißt. Dieser Baum wird als Pfefferbaum bezeichnet. Mit
+dem echten Pfeffer haben seine pfefferkorngroßen Beeren aber nichts
+gemein. Der echte Pfeffer stammt vielmehr von schlanken ostindischen
+Lianen (_Piper nigrum_), die nach Art des Epheus klettern und mit
+Luftwurzeln an der Unterlage haften. Die Fruchttrauben von _Schinus Molle_
+sind aber denjenigen des Pfeffers wirklich ähnlich und nähern sich dem
+Pfeffer auch im Geschmack. Ein Getränk, das in Peru und Brasilien aus
+diesen Beeren dargestellt wird, soll an Wein erinnern. Es liegt für uns
+nahe, auch die in La Mortola cultivirten Vertreter der Gattung Zizyphus zu
+beachten. Befindet sich doch unter denselben der in Südeuropa und an der
+nordafrikanischen Küste einheimische _Zizyphus lotus_. Im Alterthum wurden
+mehrere Pflanzen Lotus genannt, doch ist _Zizyphus lotus_ allem Anschein
+nach jener Strauch, den Theophrast als Lotus bezeichnet. Von den Früchten
+dieses Strauches wäre somit schon bei Homer die Rede. Sie bildeten ein
+wichtiges Nahrungsmittel der Armen, und die Bewohner von Tunis und
+Tripolis hießen, weil sie sich vornehmlich von diesen Früchten ernährten,
+Lotophagen. Die Pflanzengattung Zizyphus gehört zu den Kreuzdorn-Gewächsen
+(_Rhamneen_). Die Früchte von _Zizyphus lotus_ sind so groß wie Schlehen;
+ihr mehliges Gewebe, das den inneren Kern umgibt, kann zu Brod verbacken
+werden und auch ein gährendes Getränk liefern. Aus den Früchten anderer
+Arten, so vor Allem des _Zizyphus vulgaris_, eines in Syrien heimischen
+Bäumchens, und von _Zizyphus jujuba_, einem Bäumchen, das in Ostindien
+wächst, werden die früher sehr beliebten Jujubapasten dargestellt. Von
+_Zizyphus spina Christi_, einem im Thale des Jordan und am Todten Meere
+verbreiteten dornigen Strauche, dem Nebeg oder Sfidr, geht die Sage, aus
+ihm sei die Dornenkrone Christi geflochten worden. Man hat auch die in
+unseren nordischen Gärten cultivirten dornigen Gleditschien als
+Christus-Akazien bezeichnet und mit ihnen die Vorstellung von Christi
+Dornenkrone verknüpft, doch dies unter allen Umständen mit Unrecht, da die
+Gleditschien erst im achtzehnten Jahrhundert aus Nordamerika eingeführt
+wurden. Die Zizyphus-Arten werfen des Winters ihre Blätter ab, treiben
+aber zeitig im Frühjahr und bedecken sich mit sehr dunklem Laub. Da sie
+sehr dünne Zweige haben, hängen diese abwärts und gewähren mit den sich
+röthenden Früchten beladen, später ein sehr zierliches Bild.
+
+Unter den Anacardiaceen von La Mortola, die ein besonderes Interesse
+bieten, befindet sich auch der echte Pistazienbaum (_Pistacia vera_), dann
+die _Rhus succedanea_, welche das japanische Baumwachs liefert, sowie die
+_Rhus vernicifera_, aus deren Milchsaft die Japaner den berühmten
+japanischen Lack bereiten. Das Ausfließen dieses sehr giftigen Milchsaftes
+wird durch Einschnitte in die Rinde veranlaßt. Um den Lack aus ihm zu
+machen, versetzt man ihn mit dem Öle von _Bignonia tomentosa_, oder von
+_Perilla ocymoides_ und fügt auch wohl Zinnober hinzu. Die _Rhus
+vernicifera_ hält im Freien selbst in den wärmeren Theilen von Deutschland
+aus.
+
+Ein äußerst niedlicher Strauch ist _Capparis spinosa_, welcher die echten
+Kapern liefert. Im Blüthenschmuck sieht man ihn erst im Herbst, und wer
+einmal um jene Zeit, am Comer See entlang, von Cadenabbia nach Tremezzo
+wanderte, dem werden sicher vor dem Eingang in den letzten Ort die
+dunkelgrünen Kapernsträucher an der Mauer, wegen ihrer schönen Blüthen,
+aufgefallen sein. Lange violette Staubgefäße in großer Zahl strahlen aus
+der schneeweißen zarten Blüthenhülle hervor, freilich hier so hoch an der
+Mauer, daß man sie nur schwer erreichen kann. An vielen Orten der Riviera
+wird der Kapernstrauch im Großen gezogen, seine Blüthenknospen sind es und
+nicht die Früchte, die als Kapern dienen. Man pflückt sie im Sommer und
+legt sie in Weinessig ein; viel Tausende von Kilogrammen Kapern werden so
+in der Provençe bereitet.
+
+Staunend bleibt man wohl im La Mortola-Garten vor einer Nachtschattenart,
+dem baumartigen _Solanum Warszewiczii_, stehen, an welchem Früchte von
+Größe und Gestalt der Hühnereier hängen. Dann bemerkt man auch das
+krautartige _Solanum Melongena_, dessen gurkenförmige violette Früchte
+gekocht werden, und oft als Gemüse den Braten an italienischer Tafel
+garniren.
+
+Unter den krautartigen Gewächsen fallen uns auch wohl manche
+Doldenpflanzen (Umbelliferen) durch ihre Größe auf. Sie sind bei weitem
+mächtiger noch als die Meisterwurz, die _Imperatoria_, unserer Gärten
+entwickelt. Besonders imponirt _Ferula communis_, das Stecken- oder
+Ruthenkraut, das auch eine eigene Geschichte besitzt. Dieses
+Doldengewächs, das am Mittelmeer zu Hause ist, kann eine Höhe bis zu vier
+Meter erreichen. Den Stengel benutzte man im Alterthum zu Spazierstöcken
+und seiner Zähigkeit wegen auch zum Züchtigen von Sklaven und Kindern,
+wozu man ihn zuvor im Wasser einzuweichen pflegte. Davon kommt der Name
+_Ferula_, der von _ferire_ (geißeln) abgeleitet ist. Das Mark des Stengels
+ist sehr locker und wird heute noch in Sicilien als Zunder benutzt. Das
+Feuer glimmt in diesem Mark fort, und daher geht die Sage, Prometheus habe
+in einem solchen Ferulastengel das Feuer zur Erde gebracht, das er dem
+Zeus entwandte. – Der _Ferula communis_ steht sehr nah der Stink-Asand,
+die _Ferula Scorodosma_ der persischen Steppen. Sie ist eine derjenigen
+Umbelliferen, welche die _asa foetida_ liefern. Dieses Gummiharz entstammt
+vornehmlich der Wurzel dieser Pflanzen. Sein Duft hält die Mitte zwischen
+Knoblauch und Benzoë. Die Pflanze war allem Anschein nach schon den Alten
+bekannt und von ihnen als Silphium bezeichnet. Das Gummiharz hieß Laser.
+Mit dem Laser würzte man die Speisen und die Perser benutzen es heute noch
+als Gewürz. Auch gab es eine Zeit, wo _asa foetida_ in Frankreich beliebt
+war, und man mit derselben die Suppenteller einrieb, um die Suppe
+»schmackhafter« zu machen.
+
+Der graublätterige, immergrüne Baum, welcher »japanische Mispeln« trägt,
+die »_Eriobotria_« oder _Photinia japonica_ ist in den Gärten der Riviera
+so verbreitet, daß man ihn in La Mortola schon als alten Bekannten
+begrüßt. Die lichtgelben, säuerlich-süßen, pflaumengroßen Früchte hat man
+oft schon bei Mahlzeiten genossen, sie allenfalls auch schmackhaft
+gefunden, wenn sie sehr reif und frisch waren. Der Baum stammt
+ursprünglich wohl aus China. Rein’s Angaben zufolge ist er 1787 mit
+anderen Ziergewächsen und Nutzpflanzen durch Sir Joseph Banks nach England
+gebracht worden. Jetzt reicht er über ganz Italien und ist selbst am
+Genfer See zu finden.
+
+Diesem Baume nahe verwandt ist ein anderer von gleich geringer Höhe, der
+in den Gärten der Riviera sehr viel cultivirt wird und jedem
+Pflanzenfreund daher auffallen muß: die in Japan und China heimische
+_Photinia serrulata_. Ihre großen Blätter sehen lorbeerartig aus, zwischen
+denselben leuchten die flachen weißen Blüthenrispen hervor. Aus der Ferne
+sehen sie fast so wie die Blüthenstände unseres Holunders aus. Die
+Photinien gehören zu den Rosifloren. Sie zeigen manche Übereinstimmung mit
+den Weißdornarten, der Gattung _Crataegus_, und werden mit denselben zum
+Theil vereinigt. Im La Mortola-Garten ist die in der Nähe des Einganges
+stehende _Photinia serrulata_ daher auch mit ihrem Synonym als _Crataegus
+glabra_ bezeichnet.
+
+Mit einigem Interesse sieht man sich im Garten von La Mortola einen
+stattlichen, mit harten, kleinen Blättern bedeckten Baum, die _Quillaja
+Saponaria_ an, der, wie die japanische Mispel, zu den rosenblüthigen
+Gewächsen gehört, merkwürdig aber durch seine saponinreiche Rinde ist.
+Diese Rinde, die als Panamaholz aus Chile importirt wird, schäumt in
+Wasser auf wie Seife, steht als solche in Chile allgemein im Gebrauch,
+dient auch bei uns zum Waschen von Wolle und Seide und zu kosmetischen
+Zwecken.
+
+Als wohl bekannte Pflanzenform begrüßt man den Johannisbrodbaum oder
+Caroubier (_Ceratonia siliqua_). Man hat ihn schon in weit prächtigeren
+Exemplaren in der Umgebung von Mentone gesehen. Alte Stämme erinnern in
+der Form an unsere Eichen; an den paarig gefiederten lederartigen Blättern
+ist aber der Johannisbrodbaum als solcher sofort zu erkennen. Die Hülsen,
+Leckerbissen, die auf keinem Jahrmarkt fehlen, und an denen sich Kinder
+allgemein erfreuen, sind im Frühjahr noch so klein, daß man sie an den
+Zweigen suchen muß. Aus den reifen Hülsen wird ein süßer, honigähnlicher
+Saft gepreßt, der als Keratameli im Orient genossen wird. Mit diesen
+Hülsen soll, der Sage nach, Johannes der Täufer sich in der Wüste ernährt
+haben und der Baum nach dem Vorläufer des Messias seinen Namen führen. Die
+reifen Samen innerhalb der Hülsen zeichnen sich durch auffallend
+übereinstimmende Größe aus, woraus sich erklärt, daß sie einst als
+Gewichte dienten und der kleinen Einheit im Gold- und Diamantengewicht den
+Namen gaben. Denn Karat stammt von Kerateia, dem griechischen Wort für
+diese Hülse. Um gute Früchte zu tragen, muß der Baum veredelt werden, und
+es waren jedenfalls die Araber, welche die bessere Fruchtform dieses
+Baumes am Mittelmeer verbreiteten. Er ist in Süd-Arabien wohl zu Hause,
+doch an vielen Orten der Riviera jetzt verwildert.
+
+Im La Mortola-Garten werden auch der Theestrauch und Kaffeebaum im Freien
+gezogen. Der Theestrauch, der baumförmig bis zu fünfzehn Meter Höhe
+emporwachsen kann, macht den Eindruck einer Camellie, und in der That
+gehört er auch wie diese zu der Familie der Ternströmiaceen, ja er wird
+jetzt sogar als _Camellia Thea_ mit dem Camellienbaum in derselben Gattung
+vereinigt. Der Name Camellia, den diese Pflanzengattung führt, klingt so
+poetisch, vielleicht weil man an die »Camelien-Dame« bei demselben denkt;
+thatsächlich hat er aber einen viel prosaischeren Ursprung. Er entstand
+nämlich aus Kamel, dem Familiennamen eines Jesuitenpaters, der vor mehr
+als anderthalb Jahrhunderten die Camellie aus Manilla nach Spanien
+brachte. Diesem Georg Kamel zu Ehren benannte Linné die Pflanze, er fügte
+_japonica_ hinzu, da die Camellie in Japan zu Hause ist, und von dort aus
+auch nach Manilla gelangt war. – Die Blüthen des Theestrauches erinnern
+sehr an die ungefüllten Camellien und haben zahlreiche Staubfäden wie
+diese. In La Mortola blüht der Theestrauch im September. Seine
+porzellanweißen, rosa angehauchten Blüthen, die sich aus den Blattachseln
+vordrängen, verbreiten einen nur schwachen Duft. Nach den Berichten des
+Rev. B. C. Henry ist die _Camellia Thea_ wild in großen Mengen noch im
+Innern der südchinesischen Insel Hainon zu finden. Die zahlreichen
+Theesorten verdanken der verschiedenen Zeit des Einsammelns, dem
+verschiedenen Alter der eingesammelten Blätter und deren verschiedener
+Behandlung ihre besonderen Eigenschaften.
+
+Der arabische Kaffeebaum, die _Coffea arabica_, ist ein kleiner
+pyramidaler Baum, der bis zu fünf oder sechs Meter Höhe emporwächst. Er
+trägt seine immergrünen dunklen Blätter in gekreuzten Paaren. Die weißen,
+nach Orangen duftenden Blüthen stehen gehäuft in den Achseln der obersten
+Blätter. Die Früchte, die aus diesen Blüthen hervorgehen, sind
+kirschgroße, dunkelrothe Beeren, die zwei Samen, die sogenannten
+Kaffeebohnen, enthalten. Der Kaffeebaum führt seinen Namen nach dem
+Bergland Kâfa im südlichen Abyssinien. Man hat überhaupt die südlichen
+Provinzen von Hoch-Abyssinien für den Ursprungsort des arabischen
+Kaffeebaumes gehalten, doch ist derselbe in neuerer Zeit wild am
+Victoria-Nyansa und in Westafrika gefunden worden, so daß Centralafrika
+wohl die eigentliche Heimath dieser Culturpflanze sein dürfte. Afrika hat
+uns neuerdings auch noch eine zweite Art des Kaffeebaumes geliefert, die
+_Coffea liberica_. Sie wird in den tiefer gelegenen Theilen der tropischen
+Küstendistricte gefunden, ist gegen Temperaturwechsel empfindlicher als
+die _Coffea arabica_, verträgt aber besser die Seewinde. Da sie durch
+Größe der Samen und feines Aroma derselben ausgezeichnet ist, so beginnt
+ihre Cultur sich über die tropischen Länder bereits auszubreiten.
+
+In den Kaffeegärten Arabiens und Abyssiniens wird auch ein zu den
+Celastrineen gehörender Strauch cultivirt, mit gegliederten Ästchen,
+lederartigen, lanzettförmigen Blättern, den man in La Mortola sehen kann
+und der _Catha edulis_ heißt. Es ist das die Khatpflanze, deren
+getrocknete Blätter von den Arabern theils wie Tabak gekaut, theils auch
+mit Wasser aufgebrüht und als Thee genossen werden. In Südamerika dienen
+andererseits ganz allgemein der Theebereitung die Blätter des _Ilex
+paraguayenses_ einer dem Khatstrauch ziemlich nah verwandten Aquifoliacee,
+die in Paraguay und Brasilien zu Hause ist. Man bezeichnet diese Blätter
+dort als _Yerba_ oder als _Mate_. Dieser Strauch wird zwar im La
+Mortola-Garten nicht cultivirt, doch sieht man dort andere immergrüne
+Ilex-Arten, die ihm sehr ähneln. – Die vorhandenen Arten der
+Sterculiaceen-Gattung _Sterculia_ können andererseits auch das Bild der
+_Sterculia acuminata_ oder _Cola acuminata_ ersetzen, welche den
+afrikanischen Negern die »Kolanüsse« liefert. Diese Früchte sehen wie
+Kastanien aus und haben schwach bitteren Geschmack. Die Neger wissen sie
+nicht genug zu preisen, denn sie sollen den Körper stärken, schlechtes
+Wasser trinkbar machen, gegen allerlei Krankheiten helfen, den Hunger
+stillen und das Gemüth erheitern. Thatsächlich enthalten auch die
+Kolanüsse Theïn, ähnlich wie die Thee- und Kaffeepflanzen und außerdem
+Theobromin wie die Chocolade. Der Genuß dieser Früchte beginnt jetzt bis
+nach England vorzudringen.
+
+Es fällt im La Mortola-Garten wie in den anderen Gärten der Riviera wohl
+auf, daß die Camellien, Rhododendren und Azaleen so stark gegen andere
+Pflanzen zurücktreten. Man erblickt sie nur vereinzelt und bei weitem
+weniger schön und kräftig wie etwa an den italienischen Seen entwickelt.
+Das hat in der Zusammensetzung des Bodens seinen Grund. Der so überaus
+kalkreiche Boden der Riviera sagt diesen Pflanzen nicht zu, die
+ausgeprägte Humusbewohner sind, außerdem reiche Bewässerung verlangen.
+
+Einen wichtigen Handelsartikel im Alterthum und Mittelalter haben auch
+wohlriechende Balsame gebildet. Ein Bäumchen, das solchen Balsam lieferte,
+tritt uns in La Mortola in dem _Styrax officinalis_ entgegen. Dieses
+Gewächs ist in der Belaubung einem Quittenbaum äußerst ähnlich; es
+entfaltet in La Mortola im Mai und Juni auch seine weißen, mit goldgelben
+Staubfäden versehenen, wohlriechenden Blüthen. Ein Haupterzeuger solcher
+Balsame, die als Parfüm, als Räucherwerk und zu Salben dienten, war der
+Storax-Baum (_Liquidambar orientale_). Die duftende Myrrhe, die zu
+gottesdienstlichen Zwecken auch den Griechen dient, stammt andererseits
+von _Balsamodendron Myrrha_, der Weihrauch, oder das _Olibanum_, von
+Boswellia-Arten, die im äußersten Osten von Afrika und auf dem arabischen
+Küstenstriche wachsen.
+
+In dem Garten von La Mortola kann man auch die zu den Hülsengewächsen
+gehörende _Indigofera tinctoria_ sehen, eine Pflanze, die zu den
+wichtigsten der Indigo liefernden Gewächse zählt. Sie stellt einen kleinen
+Strauch vor, der in Ostindien zu Hause ist, der aber jetzt in anderen
+Ländern zwischen den Wendekreisen, ja selbst an einzelnen Stellen um
+Neapel cultivirt wird. Sie trägt unpaarig gefiederte Blätter und entsendet
+aus den Achseln derselben ihre Blüthenstände, die mit kleinen weißen oder
+rosenrothen Blüthen besetzt sind. Ihre nächste Verwandte, die man auch in
+La Mortola sehen kann, die zierliche _Indigofera Dosua_ aus dem Himalaya,
+wird auch in unseren Gärten gezogen. Wie in anderen Indigo liefernden
+Pflanzen, zu denen auch unser Waid (_Isatis tinctoria_) und der
+chinesische Färber-Knöterich (_Polygonum tinctorum_) gehören, ist in der
+_Indigofera tinctoria_ der Indigo nicht schon als solcher vorhanden. Die
+zerkleinerten Pflanzen müssen vielmehr erst einen Gährungsproceß im Wasser
+durchmachen. Dieses wird abgegossen, wenn es sich stark grüngelb färbt und
+dann gerührt und geschlagen, um mit dem Sauerstoff der Luft in möglichst
+reiche Berührung zu kommen. Dabei scheidet sich der Indigo als unlösliches
+Pulver ab. Er bildet die »echteste« und geschätzteste Pflanzenfarbe, die
+auch schon den Alten bekannt war und bei ihnen als Indicum hoch im Werthe
+stand. Wie in der Jetztzeit London, so bildete einst Bagdad den Weltmarkt
+für diesen Artikel.
+
+Aus den exotischen Pflanzenformen ragen allseitig Nadelhölzer hervor. Sie
+stechen eigenartig von denselben ab. Wir sind mit ihren Gestalten wohl
+vertraut und selbst die so regelmäßig geformten Araucarien sehen wie etwas
+gezierte Tannen aus. In den Gewächshäusern der Heimath sah auch jeder
+schon die Cycadeen, die hier in einer Anzahl von Arten unter freiem Himmel
+gedeihen. Dem Laien wird es schwer, sich vorzustellen, daß die Cycadeen
+Verwandte der Nadelhölzer sind. Scheinen sie doch mit ihrem unverzweigten
+Stamm und mit ihrer einfachen Krone aus langen gefiederten Blättern, weit
+mehr den Palmen zu gleichen. Mit diesen haben sie aber thatsächlich nur
+eine gewisse Ähnlichkeit gemein. Diese äußere Ähnlichkeit der Cycasblätter
+und der Palmenblätter hat es aber bewirkt, daß sie oft fälschlich als
+Palmenblätter bezeichnet werden und als solche bei Begräbnissen Verwendung
+finden. Thatsächlich ist das aber eine arge Verwechselung. Denn
+Palmblätter und nicht Cycaswedel sollen es, der Tradition nach, sein, die
+man den Todten auf den Sarg legt, sowie es Palmenblätter sind, die
+christliche Märtyrer in der Hand halten und die auf den Gräbern in den
+Katakomben dargestellt werden.
+
+Den Palmen werfen wir in La Mortola nur flüchtige Blicke zu, da wir sie ja
+in Bordighera schon eingehend betrachtet haben. Hingegen fesseln unsere
+Aufmerksamkeit die zahlreichen Arten von Bambusen, die hier stellenweise
+schon zu mächtiger Entwickelung gelangten. Daß diese Pflanzen, trotz ihrer
+bedeutenden Höhe, die beim gemeinen Bambus (_Bambusa arundinacea_) oft
+dreißig Meter erreicht, zu den Gräsern gehören, kann nur Denjenigen in
+Erstaunen versetzen, der sich die Gräser ausschließlich als Wiesenkräuter
+vorstellt. Thatsächlich haben wir schon in unseren Schilfrohr-Arten
+Vertreter der Gramineen-Familie vor Augen, die zu ansehnlicher Höhe
+emporwachsen. Die Bambusen sind unserem Schilfrohr in mancher Beziehung
+ähnlich. Während letzteres aber bei uns nur eine beschränkte Verwendung
+findet, gibt es in den heißen Ländern kaum eine Pflanze, die
+mannigfaltigeren Nutzen als der gemeine Bambus stiftet. Die jungen
+Wurzelsprosse dienen als Gemüse, vornehmlich verwenden sie aber die
+Chinesen zur Bereitung eines beliebten Confectes, das dem Ingwer oft
+zugesetzt wird. Aus jüngeren Halmen stellt man in den heißen Ländern
+Wände, Zäune und anderes Flechtwerk her; aus den Blättern macht man Matten
+und Hüte, verpackt auch oft den Thee in dieselben. Junge Blätter dienen
+als Viehfutter. Aus den Fasern der Halme bereiten die Chinesen ihr
+berühmtes Papier, das durch seinen Seidenglanz, seine Weichheit und seine
+geringe Dicke ausgezeichnet ist. Die hohlen Stämme sind sehr leicht,
+besitzen trotzdem einen ganz außerordentlich hohen Grad von Festigkeit und
+werden zu Bauten verwendet, die allen äußeren Angriffen trotzen. Die ganze
+Oberfläche des Stammes ist verkieselt, und so kommt es, daß dieser nicht
+allein in der Luft, sondern auch im Boden sich sehr lange hält. Daher die
+Stämme auch als Wasserleitungsröhren und Wasserrinnen dienen, nachdem man
+zuvor die Scheidewände durchbohrte, welche das Innere des hohlen Stammes
+durchsetzen. Andererseits lassen sich die einzelnen Glieder des Stammes
+als Wassereimer und als Blumentöpfe verwenden, wenn man die Scheidewände
+unversehrt läßt. Aus Bambus werden Brücken und Flösse, aus Bambus Betten,
+Stühle und Tische gefertigt, mit Bambusfasern Matratzen gefüllt und Möbel
+gepolstert. Leitern aus Bambus sind sehr beliebt. Aus Bambus stellt man
+Eß- und Trinkgefäße, chirurgische Instrumente und selbst Haarkämme her,
+und als ob gezeigt werden solle, daß der Bambus einer jeglichen Verwendung
+fähig sei, verfertigen die Bewohner von Borneo und Sumatra aus demselben
+sogar Lampen, in welchen Dammaraharz gebrannt wird, und mit Dammaraharz
+gefüllte Kerzen, deren Hülle zugleich mit der Füllung in Flamme aufgeht.
+Bambusstöcke kennen auch wir: sie werden aus den zähen, knotigen
+Wurzelausläufern fabricirt, denen eine innere Höhlung abgeht. Ebenso muß
+zu Kriegszwecken der Bambus das Material hergeben: er liefert Lanzen und
+Wurfspieße von unübertrefflicher Leichtigkeit und Härte. Zu gleicher Zeit
+ist der chinesische Soldat ausgerüstet mit einem Sonnenschirm aus Bambus,
+dessen Überzug aus gefirnißtem Maulbeerpapier besteht. Desgleichen sollen
+die hohlen Stengeltheile des Bambus als Musikinstrumente zur Verschönerung
+des Lebens beitragen. Sie werden zu Flöten und Clarinetten verarbeitet,
+auch als Resonanzböden und selbst in Gestalt von Saiten verwendet. Ja
+C. Schröter berichtet, daß die Atchinesen es sogar verstanden haben, aus
+Bambus eine Art Telephon herzustellen, durch welche sie ihre Wachtposten
+in Verbindung setzen. – Die Höhlungen junger Stammtheile enthalten meist
+klares Wasser, mit welchem in Indien und in den Bergen von Java der
+Reisende seinen Durst stillen kann. – Die Bambusen blühen selten; stellt
+sich aber ein Blüthenjahr ein, so gibt es eine große Fruchternte. Die
+Früchte werden wie Reis gegessen oder in Brot verbacken, und wiederholt
+schon, so 1812, ist durch das Blühen der Bambusen eine Hungersnoth in
+Indien abgewendet worden. Mit Recht konnte somit Wallace, einer der besten
+Kenner der Tropen, aussprechen, daß der Bambus eines ihrer herrlichsten
+Producte sei. – Am vollkommensten haben Chinesen, Japaner und die Bewohner
+Indiens und des indischen Archipels ihn auszunutzen gewußt. In China gibt
+es ganze Dörfer, die nur aus Bambus aufgebaut sind. Einen merkwürdigen
+Eindruck soll es machen, wenn ein solches Dorf in Brand geräth. Die Luft
+erhitzt sich alsdann in den abgeschlossenen Gliedern der Bambusstämme und
+sprengt dieselben mit gewaltigem Knall. Man hört aus der Ferne wie
+Kanonendonner, in welchem die Eingeborenen der Molukken deutlich den Ruf
+»Bambu, Bambu« zu vernehmen glauben.
+
+In einer Pflanze, die so viel Nutzen stiftet, lag es dem Naturmenschen
+nahe, auch nach verborgenen Heilkräften zu suchen. In China werden die
+Wurzelstöcke, die jungen Sprosse, der Saft, der Samen, bestimmte Auswüchse
+der Pflanze, als Medicamente verwendet. Zu besonderer Berühmtheit gelangte
+aber als Heilmittel ein eigenthümlicher Körper, der sich in den hohlen
+Gliedern der Stämme findet und Tabaschier genannt wird. Schon die
+Mediciner der römischen Kaiserzeit wandten denselben viel an, gestützt auf
+orientalische Traditionen. Einen Weltruf gewann der Tabaschier aber erst
+durch die arabischen Ärzte im zehnten und elften Jahrhundert, und er gilt
+immer noch als ganz hervorragendes Medicament in der ganzen orientalischen
+Welt. – Das frische, dem Bambusstengel entnommene Tabaschier bildet
+schmutzig weiße, braune bis schwarze Stücke. Beim Glühen werden diese weiß
+calcinirt und in einen Chalcedon-ähnlichen Körper verwandelt, der bald
+weiß und undurchsichtig, bald bläulich weiß, durchscheinend und
+farbenschillernd aussieht. Thatsächlich ist der Tabaschier nichts Anderes
+als gemeine Kieselerde, die, durch etwas vegetabilische Substanz
+verunreinigt, beim Glühen von derselben befreit wird. Statt kostspieligen
+Tabaschiers, den er in den Bazaren theuer bezahlen muß, könnte der Patient
+somit auch reinen Kieselsand zu sich nehmen. Den rechten Glauben
+vorausgesetzt, müßte die Wirkung dieselbe sein.
+
+Sehr belehrend ist es im Frühjahr zu verfolgen, wie die jungen Knospen
+mächtiger Bambusen als überarmdicke, mit scheidenartigen Blättern
+dichtbedeckte Kegel die Erde durchbrechen. Sie pressen Wasser zwischen
+ihren Blattscheiden hervor, befeuchten und erweichen damit den umgebenden
+Boden und wachsen mit solcher Schnelligkeit, daß sich die unmöglich
+scheinende Vorstellung Gras wachsen zu sehen, bei ihnen fast in greifbare
+Wirklichkeit verwandelt. Dieses Wachsthum kann nämlich unter günstigen
+Verhältnissen einen Meter täglich betragen und ein zwanzig Meter hoher
+Sproß in wenigen Wochen somit diese Höhe erreicht haben. – Schöne Gruppen
+von Bambuspflanzen gehören zu den zierlichsten Erscheinungen des
+Pflanzenreiches; freilich kann man diese Pflanzen in voller
+Prachtentfaltung erst in den Tropen sehen und im La-Mortola-Garten nur
+eine annähernde Vorstellung davon gewinnen, welche Bedeutung ihnen in der
+tropischen Landschaft zukommt.
+
+Aus den werthvollen Angaben des Geographen Ritter und den nicht minder
+werthvollen Untersuchungen des Botanikers Ferdinand Cohn geht wohl sicher
+hervor, daß diejenige Substanz, welche die Alten als Saccharum bezeichnet
+haben, nicht Rohrzucker, sondern Tabaschier gewesen sei. Nach Bopp
+bedeutet das Sanskrit-Stammwort »_çarkara_« nicht etwas Süßes, sondern
+etwas Zerbrechliches und Steinartiges. Im alten Indien wurde das
+Tabaschier als Sakkar Mambu oder Bambusstein bezeichnet, und erst die
+Araber haben dieses Wort auf den später dargestellten, dem Tabaschier
+ähnlichen, krystallinischen Rohrzucker übertragen. Edmund O. von Lippmann
+kommt ebenfalls in seiner überaus gründlichen und erschöpfenden
+»Geschichte des Zuckers« zu dem Ergebniß, daß der Sakcharon der antiken
+Welt nicht unser Zucker gewesen sei; er weist nach, daß der *feste* Zucker
+auch in Indien erst in der Zeit zwischen dem dritten und sechsten
+Jahrhundert n. Chr. bekannt wurde.
+
+Das Zuckerrohr (_Saccharum officinarum_) ist unserem Schilfrohr sehr
+ähnlich und wie dieses eine Grasart. Man sieht es im La Mortola-Garten in
+voller Entfaltung. Das Zuckerrohr ist eine sehr alte Culturpflanze. Da es
+ausschließlich aus Stecklingen gezogen wurde, hat es die Fähigkeit, Samen
+zu erzeugen, fast eingebüßt. Man hat bis vor Kurzem überhaupt geglaubt,
+daß das Zuckerrohr nicht fructificire; doch ergaben sorgfältige
+Beobachtungen, vornehmlich aus Java, daß diese Unfruchtbarkeit nur eine
+relative sei. Die Heimath des Zuckerrohrs ist wahrscheinlich Bengalen,
+jene Provinz, die, ihrer unerschöpflichen Fruchtbarkeit wegen, seit jeher
+als der Garten Indiens gepriesen wurde. Wohl gegen das Ende des dritten
+Jahrhunderts ist das Zuckerrohr aus Indien nach China gelangt und
+zweihundert Jahre später westlich bis Gondisapur vorgedrungen. Diese Stadt
+lag am Flusse Karon, der unweit davon sich zum Theil in den Tigris, zum
+Theil nach dem Nordrand des Persischen Meerbusens ergoß. Dorthin hatten
+sich die Nestorianer geflüchtet, als das Concil zu Ephesus 431 n. Chr.
+ihre Lehre für ketzerisch erklärte. Sie führten dem Orient die Keime
+klassisch-litterarischer und wissenschaftlich-medicinischer Bildung zu,
+namentlich auch die Anfangsgründe chemischer Kenntnisse. Die Beziehungen
+Gondisapurs zu Indien bewirkten zugleich, daß sich der Einfluß der
+indischen Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie erblühte, die
+nicht nur die Traditionen der griechischen Medicin und Naturwissenschaften
+in sich aufnahm, sondern dieselben auch wesentlich förderte. Hier wurde
+allem Anschein nach die Kunst der Zuckerraffinerie erfunden, daher auch
+»Kand« der persische Name für den gereinigten Zucker ist.
+
+Durch die Araber kam das Zuckerrohr im achten Jahrhundert nach Spanien, im
+neunten nach Sicilien. In Venedig lassen sich 1150 bereits Zuckerbäcker
+nachweisen. Die drei wichtigsten Productionsstellen des Zuckers im
+Mittelalter waren Syrien, Aegypten und Cypern. Ihre Bedeutung schwand, als
+Vasco de Gama 1498 den directen Weg nach Ostindien um das Cap der guten
+Hoffnung fand und der Handel mit indischem Zucker so in die Hände der
+Portugiesen fiel. Damit war der dominirende handelspolitische Einfluß
+Venedigs und seine Macht für immer gebrochen; an Stelle des Mittelmeers
+wurde der atlantische Ocean der Schauplatz des Weltverkehrs. Um 1580
+begann Sicilien seine Zuckerproduction einzustellen, da diese gegen die
+überseeische Concurrenz nicht mehr ankämpfen konnte. Denn um jene Zeit
+hatte auch schon der amerikanische Zucker, besonders der brasilianische,
+die Bedeutung eines Weltproductes gewonnen und gelangte bis nach Palermo.
+Der Zuckerverbrauch stieg ganz enorm in Europa, und im Jahre 1600 hatte
+auch Deutschland, nach v. Lippmann, schon mehrere Zuckerraffinerien
+aufzuweisen. Freilich scheinen dieselben nach dem dreißigjährigen Kriege
+sich nur noch in Hamburg gehalten zu haben. Unter Friedrich dem Großen
+entstanden zahlreiche Zuckerraffinerien in Preußen und wurden durch
+Prohibitivzölle geschützt.
+
+Die Süßigkeit des Rübensaftes hatte den Chemiker Markgraf veranlaßt,
+Zucker aus demselben darzustellen, was ihm um 1747 gelang. Doch fand das
+gewonnene Product keine Verwerthung, zum Theil schon deshalb nicht, weil
+es an genügend zuckerreichen Rüben damals noch fehlte. Diesem Mangel wußte
+erst Achard aus seinen Gütern bei Berlin um 1786 in größerem Maßstab
+abzuhelfen. Die erste wirkliche Rübenzuckerfabrik errichtete derselbe
+Achard, mit Unterstützung Friedrich Wilhelms III., zu Cunern in Schlesien.
+Es folgten alsbald andere Fabriken in Preußen und Frankreich, wo besonders
+Delessert das Darstellungsverfahren vervollkommnete. Nach Aufhebung der
+Continentalsperre gingen trotzdem die meisten Rübenzuckerfabriken sowohl
+in Deutschland als auch in Frankreich wieder ein, und erst von 1820 etwa
+an datirt der neue Aufschwung und der schließlich großartige Erfolg dieser
+Industrie.
+
+Der Palazzo Orengo wird von phantastischen Pflanzenformen: säulenförmigen
+Opuntien, candelaberförmigen Euphorbien, sowie von zahlreichen blühenden
+Aloe- und Agave-Arten umgeben. Auf der Mauer östlich vom Hause fällt eine
+kleine, mit langen weißen Dornen bewaffnete Opuntie (_Opuntia tunicata_)
+in die Augen. Ihre Dornen sind mit zarten Scheiden umhüllt und verdanken
+diesen ihre Färbung. Man kann die Scheiden von den Dornen abziehen; doch
+gilt es vorsichtig zu sein, denn die Dornen sind äußerst scharf und
+verwunden leicht die Hand: Sie schützen wirksam die Pflanze gegen den
+Angriff der Thiere. Dieser Schutz ist aber auch nöthig in den dürren
+Gegenden Mexikos, in welchen die Pflanze zu Hause ist, und wo es den
+Thieren oft an pflanzlicher Nahrung fehlt. In solchen Gegenden sind
+dornige Pflanzen sehr häufig, Pflanzen, deren Blätter sich zum besseren
+Schutz in Dornen verwandelt haben, während der Stengel sich grün färbte,
+so in die Functionen der Blätter trat, zugleich anschwoll und für die Zeit
+der Dürre mit Wasser versorgte. Durch Hunger getrieben, pflegen wohl
+Pferde mit den Hufen die Dornen von solchen Cactusgewächsen abzuschlagen,
+um zu dem saftigen Fleisch zu gelangen, während das Rindvieh sich an
+denselben schwer verwundet. Der Angriff auf diese weißdornige _Opuntia
+tunicata_ dürfte den Thieren unter allen Umständen schwer fallen, sie ist
+so stark bewaffnet, daß sie außer dem Namen _Opuntia tunicata_ auch
+denjenigen _Opuntia furiosa_ erhielt.
+
+Doch am Palazzo Orengo fesselt unseren Blick vor allem die wunderbare
+Aussicht, die sich dort entfaltet. Gewiß ein herrliches Stück Erde, fast
+zu schön, um dasselbe dauernd zu bewohnen! Denn wonach soll man sich dann
+noch sehnen, wo eine Steigerung des Eindrucks erhoffen? – Von üppigem Grün
+und buntem Blüthenschmuck sind die Bilder eingerahmt, die hier den
+Beschauer fesseln. Sein Auge folgt entzückt der zackigen Küste, oder es
+ruht träumend aus der tiefen Schlucht, in der sich der Garten aufwärts,
+ohne Ende, bis zu den Gipfeln der Berge fortzusetzen scheint. Eine hohe
+Palme neigt sich wie sinnend über diesem Bilde und gibt ihm ein
+märchenhaftes Gepräge. Nach Osten decken dunkle Baummassen die Aussicht,
+doch durch eine blumenreiche Pergola gelangt man bald bis auf den freien
+Bergrand. Der Tag geht zur Neige, und es beginnt Altbordighera im rosigen
+Abendlicht zu glühen. Welch’ ein Anblick! Ich weiß ein krankes Mädchen,
+eine zu früh aufgeblühte Knospe, das Rettung vor dem Tode in Mentone
+suchte; dem schwebte jenes goldige Bild bis zuletzt in den Fieberträumen
+vor. Es war wie die Verheißung einer glücklicheren Welt! Sehnsuchtsvoll
+streckte die Sterbende ihre Arme in der nordischen Heimath aus, um es zu
+fassen, und ein seliges Lächeln verklärte dann ihr blasses Antlitz.
+
+Die Pergola, die nach jenem Aussichtspunkt im Garten von La Mortola führt,
+ist von Banksia-Rosen und anderen Schlinggewächsen überwuchert, deren
+Blüthen in den Abendstunden süßen Duft verbreiten. Die _Rosa Banksiae_
+können wir hier in ihrer vollen Prachtentfaltung bewundern. Überall
+leuchten aus dem grünen, dornenfreien Laub die zierlichen Trugdolden ihrer
+halbgefüllten, hellgelben und weißen Blüthen hervor. Um diese schöne Rose
+ist die Riviera zu beneiden; bei uns im Freien will sie nicht gedeihen.
+Auch ist es in Gewächshäusern nicht möglich, sie zu üppiger Entwickelung
+zu bewegen, ebensowenig als dies für die _Bougainvillea_ gelingt, jene
+prächtige Liane der Tropen, die mit ihren carmoisinrothen Hochblättern
+ganze Gebäude an der Riviera deckt.
+
+Die Sonne war inzwischen untergegangen, und fahle Lichter streiften die
+Küste. Altbordighera erschien so todtenblaß, als wäre es inzwischen
+ausgestorben; der Rahmen aus weißen Rosen umschlang es fast wie ein
+Todtenkranz. Die bunten Blüthen im dunklen Laube begannen unsichtbar zu
+werden, und scharf stachen nur vom hellen Abendhimmel die uralten
+Cypressen ab, die, dicht aneinander gereiht, im unteren Theile des Gartens
+zum Meere absteigen. Hat dieser dunkelfarbige Baum, der in so feierlichem
+Ernst zum Himmel emporragt, wirklich ein trauriges Aussehen, oder weckt er
+in uns nur traurige Empfindungen, weil er von jeher ein Symbol der
+Todtentrauer war, und wir ihn so oft neben Gräbern sehen? Hier hätte er
+wohl allen Grund, düster in die Landschaft zu schauen, denn er schmückte,
+so heißt es, vor Zeiten einen Friedhof, nach welchem der Ort heute noch
+seinen Namen »La Mortola« führen soll. Blumenbeete haben seitdem die
+Gräber verdeckt, üppiger Pflanzenwuchs die Stätten verwischt, an welchen
+Menschen einst ihre Lieben beweinten, die Cypressen allein trauern noch
+über den Todten.
+
+ VII.
+
+Die Strada nazionale, die am Garten vorbei nach Mentone führt, steigt
+zunächst in der Schlucht empor und beginnt erst jenseits der Croce della
+Mortola sich langsam zu senken. Es ist ein unendlich schöner Weg, der im
+weiten Bogen, am Abhang der Berge, langsam gegen Mentone absteigt. Bald
+ist man in einen Olivenhain gedrungen, in dem sich das Dorf Grimaldi
+verbirgt; jenseits des Ortes steigt über der Straße ein alter Thurm düster
+in die Lüfte empor, neben ihm drängt ein modernes Schloß in englisch
+gothischem Geschmack sich auf. Ein schöner Garten steigt bis zum Thurm
+empor. Es war das einst die Besitzung des englischen Arztes Bennet, dessen
+Name einen ruhmvollen Klang an der Riviera besitzt. Nach dessen Tode haben
+neue Besitzer das gothische Haus erbaut. Wir erreichen das italienische
+Zollhaus. Es dunkelt schon; in Mentone, das in geringer Ferne vor unseren
+Augen aufsteigt, beginnen auf den Straßen und in den Häusern die Lichter
+sich zu entzünden. Eine lange Reihe flammender Punkte folgt bald dem
+Strande, als hätte sich das Meer mit einer Schnur feuriger Perlen
+geschmückt. Mir zogen die Strophen des Mignonliedes durch den Sinn, und
+das Rauschen des Meeres schien sie in den Tönen der Beethoven’schen Musik
+zu begleiten. Wie bezeichnend für diesen Boden mehr als
+zweitausendjähriger Cultur, daß jene Gewächse in dem Liede, welche das
+Bild Italiens uns so lebendig vor die Seele zaubern, diesem Lande nicht
+ureigen sind. Sie kamen aus dem Orient, wie alle die großen Gedanken, auf
+welchen unsere Bildung ruht, entfalteten und veredelten sich aber auf
+diesem Boden. Die Citronen und Orangen erhielten die klassischen Lande von
+den Semiten, welche dieselben ihrerseits von den Indiern übernommen
+hatten. Der Öl- und Feigenbaum, der Weinstock und die Palme standen bei
+den Semiten in Pflege, lange bevor sie als Culturpflanzen siegreich nach
+dem Westen vordrangen. Der Cultus des Lorbeers und der Myrte gelangte von
+Osten her über das Mittelmeer. Die Cypresse hat nicht ihre Heimath in
+Italien, sondern auf den griechischen Inseln und auf dem Libanon; ja,
+selbst von der schirmförmig ausgebreiteten Pinie, der die Rauchwolke des
+Vesuvs wie zum Vorbild dient, hat man, doch dieses Mal mit Unrecht,
+bezweifelt, daß sie eine echt italienische Pflanze sei. Und als wenn
+andererseits auch der große Culturimpuls, welcher von der Entdeckung der
+neuen Welt ausging, auf italienischem Boden in typischen Pflanzenformen
+verkörpert werden sollte, brachte er diesem die Agave und die Opuntie. Die
+dornigen, blaugrünen Agaven, die stachligen, hellgrünen Opuntien, die so
+gut zu dem felsigen Strande Italiens passen, als wären sie für ihn von
+jeher bestimmt gewesen, sind thatsächlich erst im vierzehnten Jahrhundert
+von Amerika an denselben gelangt. Capri vermag man sich ohne die »_Fichi
+d’India_«, deren abgeflachte Glieder sich in wunderbaren Krümmungen über
+die Mauern drängen, kaum vorzustellen, und doch sind diese Opuntien hier
+eine moderne Erscheinung. Daher ist es ein Anachronismus, wenn die Agaven
+und Opuntien in den Preller’schen Odysseebildern den Vordergrund der
+Landschaft schmücken. Die Schönheit jener Bilder wird dadurch nicht
+beeinträchtigt, und doch kann man sich bei der Betrachtung derselben einer
+gewissen fremdartigen Empfindung nicht erwehren. Das historische
+Rechtsgefühl fühlt sich verletzt und muß erst durch das ästhetische
+Wohlgefallen beschwichtigt werden, welches diese so bedeutenden
+Kunstschöpfungen erwecken.
+
+Wie mag die Riviera ausgesehen haben, bevor die Cultur des Ölbaumes
+begann, als noch Palmen und Cypressen fehlten und der Wohlgeruch der
+Agrumi die Luft nicht erfüllte? – Sie war bedeckt mit immergrünen
+Sträuchern, während dichter Nadelwald die Höhen krönte. Das Bild der
+Vegetation mußte ein ganz anderes sein; denn sein Aussehen war bestimmt
+durch Gesammteffecte, während der Charakter jener Landschaft, die wir
+jetzt für die typisch italienische halten, auf dem wirksamen Hervortreten
+einzelner ausgeprägter Pflanzenformen und deren plastischer Sonderung
+beruht.
+
+Während noch in den Zeiten Alexander des Großen, also im vierten
+Jahrhundert vor Christus, die Griechen Italien als ein Land kannten, das
+im Vergleich zu ihrem eigenen Lande und dem Orient einen ganz
+ursprünglichen Charakter trug, konnte bereits Marcus Terentius Varro im
+ersten Jahrhundert vor Christus, Italien mit einem großen Garten
+vergleichen. Plinius klagt ein Jahrhundert später über den Luxus, der auch
+im Gartenbau eingerissen sei. Die Gemüse wurden so groß gezogen, daß sie
+der Tisch des Armen nicht mehr zu fassen vermochte. Er führt als Beispiel
+die Spargeln an, von denen in Ravenna oft nur drei auf das römische Pfund
+(ca. 300 Gramm) gingen.
+
+Daß in jenem Garten, in welchen Italien verwandelt worden war und der
+orientalische Culturpflanzen vorwiegend barg, das römische Volk sich
+verweichlichen mußte, ist nur zu klar. Es war das die Schattenseite jener
+zu üppig entwickelten Cultur, die in dem Übermaße ihrer Entfaltung auch
+die Keime ihres Untergangs trug.
+
+Als ich Mentone näher kam, begann der Mistral zu wehen und fegte mächtige
+Staubwolken über die Straße. In Garavan, im Schutze der Altstadt, wurde es
+trotzdem fast windstill, so daß ich dort am späten Abend im anmuthigen
+Garten des Hôtel d’Italie noch sitzen konnte. Garavan wird eben durch den
+Bergrücken, auf dem das alte Mentone steht, und durch die dichten
+Häusermassen dieser Stadt gegen den Westwind vollständig gedeckt und mit
+Recht daher von Brustkranken bevorzugt. Seit vorigem Winter erhielt
+Garavan einen eigenen Bahnhof, der fast eine zu große Erleichterung des
+Verkehrs für diejenigen Wintergäste schafft, die in Monte Carlo durch
+schädliche Aufregung beim Spiel, den Rest ihrer Gesundheit gefährden.
+
+ VIII.
+
+Fast alle wichtigen Reiz- und Genußmittel des Pflanzenreichs dankt der
+Culturmensch den wilden Völkern. Da bei ihm selbst die Cultur das
+instinctive Empfinden ganz zurückdrängte, so kann er sich kaum noch
+vorstellen, welche Eindrücke den Wilden bei der Wahl seiner Nahrungsmittel
+geleitet haben. Er staunt, wenn ihn die Chemie belehrt, daß der Thee der
+Chinesen, der Mate der Brasilianer, der Kaffee und die Khatpflanze der
+Araber, die Chocolade der Azteken, die Kolanüsse der Neger im wesentlichen
+dieselben Stoffe enthalten. Im La Mortola-Garten, bei Betrachtung der
+Pflanzen, die jene Stoffe liefern, konnten wir die Verschiedenheit ihres
+Aussehens feststellen. Irgend welches äußere Abzeichen, das ihnen
+gemeinsam wäre, haben wir nicht entdeckt. Ein solches Abzeichen konnte
+somit die Wahl des Wilden nicht leiten, als er diese traf. Er verfuhr
+nicht anders wie das wilde Thier, das in Wald und Flur seiner Nahrung
+nachgeht. Er war sich der Ursache seiner Wahl ebenso wenig bewußt.
+
+Meist vor langer Zeit schon den Wilden abgewonnen, haben unsere Reiz- und
+Genußmittel eine interessante Geschichte aufzuweisen.
+
+In China ist der Theegenuß so alt, daß ein im zwölften Jahrhundert
+verfaßtes Buch »Rhya« von demselben als von etwas längst Bekanntem
+spricht.
+
+In Europa begann sich der Theegenuß erst um 1630 zu verbreiten, unter dem
+Einfluß der holländisch-ostindischen Gesellschaft und der Lobpreisungen,
+welche einige holländischen Ärzte diesem Getränk zu Theil werden ließen.
+Der Thee sollte die Lebenskraft steigern, das Gedächtniß stärken, alle
+seelischen Fähigkeiten erhöhen, das Blut in willkommenster Weise
+verdünnen. Gegen Fieber wurde vorgeschrieben, nicht weniger als vierzig
+bis fünfzig Tassen hintereinander zu trinken. Zu dem interessanten Werke
+von Le Grand d’Aussy, welches 1782 zuerst erschien und die Geschichte des
+Privatlebens der Franzosen (_Histoire de la vie privée des François_)
+erzählt, ist zu lesen, daß der Thee in Paris 1636 bekannt wurde und bald
+zu Ansehen gelangte, weil ihn der Chancelier Séguier unter seine
+Protection nahm. Es scheint, daß sich in Paris einzelne Personen auch auf
+das Rauchen des Thees verlegten, so wie man Tabak raucht, und der Arzt
+Bligny rühmt sich, aus dem Thee eine Conserve, ein destillirtes Wasser und
+zwei Arten von Syrup dargestellt zu haben. In England war das Theetrinken
+um 1700 schon allgemein verbreitet und der Thee besteuert. Deutschland
+verdankt die Bekanntschaft mit dem Thee den holländischen Ärzten des
+Großen Kurfürsten. Im Jahre 1662 kostete, nach den von Flückiger
+veröffentlichten Documenten, eine Hand voll Thee in den Apotheken der
+Stadt Nordhausen noch fünfzehn Gulden, doch im Jahre 1689 in Leipzig nur
+noch vier Groschen. Nach Rußland gelangte der Thee nicht über das
+westliche Europa, sondern direct mit einer asiatischen Gesandtschaft, und
+schon in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts wurde der Thee
+dort zu einem allgemein verbreiteten Getränk. Der Thee heißt demgemäß dort
+Tschai, entsprechend der Benennung wie wir sie auch bei den Arabern im
+achten Jahrhundert schon finden, während in Polen aus _herba Theae_
+»_Herbata_« gebildet worden ist.
+
+Der wichtigste Bestandtheil der Theeblätter ist das Coffeïn, derselbe
+Körper, den die Kaffeebohnen führen und der auch dem Theobromin der
+Cacaobohnen äußerst nahe steht. Ebenso ist der Paraguay-Thee oder Mate
+coffeinhaltig, und denselben Stoff führen auch die Kola-»Nüsse«.
+
+Die Kultur des Kaffeebaumes haben die Araber zuerst in großem Maßstäbe
+betrieben, während Europa, die Türkei ausgenommen, vor Mitte des
+siebzehnten Jahrhunderts nur wenig von dem Bestehen dieses Genußmittels
+wußte. Nach Constantinopel hatte Selim I. 1517 aus Aegypten den ersten
+Kaffee gebracht, und zwanzig Jahre später gab es dort bereits viele
+Kaffeehäuser. Nach dem Westen Europas gelangte der Kaffee durch die
+Venetianer. Prosper Alpinus, der als Arzt des venetianischen Consuls in
+Ägypten lebte und von 1591 bis 1593 sein Werk über ägyptische Pflanzen
+veröffentlichte, gab die erste, wenn auch wenig vollkommene botanische
+Beschreibung des Kaffeebaumes. Von Venedig aus, wo im Jahre 1645 das erste
+Kaffeehaus eröffnet wurde, verbreitete sich die Sitte des Kaffeetrinkens
+rasch über ganz Italien. Wie Le Grand d’Aussy eingehend beschreibt, war es
+Marseille, das in Frankreich im Jahre 1644 mit der Errichtung von
+Kaffeehäusern den Anfang machte. In Paris kam das Kaffeetrinken erst unter
+Ludwig XIV. auf, und zwar vornehmlich durch Soliman Aga, den Gesandten
+Mohammeds III., der, wie Le Grand d’Aussy berichtet, sich die Gunst der
+Pariserinnen in solchem Maße zu erwerben wußte, daß es Mode ward, ihm
+Besuche abzustatten. Er ließ den Damen, nach orientalischer Sitte, den
+Kaffee serviren; es reichten ihn Sklaven in glänzenden Porzellantassen auf
+goldbefranzten Servietten. Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das
+Sitzen auf dem Boden, die Unterhaltung, die mit Hülfe eines Dolmetschers
+geführt wurde, alles das, meint Le Grand d’Aussy, mußte den Kopf der
+Französinnen verdrehen. Überall hörte man von dem Soliman’schen Kaffee
+sprechen, und Jeder wollte davon gekostet haben. Sich Kaffeebohnen zu
+verschaffen, war bei alledem damals noch schwer: das Pfund kostete bis zu
+vierzig Thalern. Im Jahre 1672 eröffnete ein Armenier, Namens Pascal, auf
+dem Quai de l’École das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem Getränk,
+welches in demselben geboten wurde, »Café« genannt ward. Es war eine
+»Boutique« nach Art der orientalischen und machte schlechte Geschäfte, da
+es für das feinere Publicum, welches allein den Kaffee damals trank, nicht
+geeignet war. Das erkannte richtig der Florentiner Procope, derselbe, der
+sich um Paris durch die Einführung des Gefrorenen verdient gemacht hat; er
+richtete gegenüber der alten Comédie Française ein Café ein, welches außer
+dem ursprünglichen Getränk, auch Thee, Chocolade, Eis und verschiedene
+Liqueure führte, und, geschmackvoll decorirt, sich alsbald des größten
+»Succès« erfreute. Die Zahl der Nachahmer war groß, und 1676 hatte Paris
+schon eine Unmasse Cafés aufzuweisen, deren Einfluß sich als ein sehr
+günstiger erwies, indem er der Trunksucht steuerte, und was Ludwig XIV.,
+»_ce Roi si décent_«, wie sich Le Grand d’Aussy ausdrückt, durch harte
+Strafen nicht zu erreichen vermochte, hatte man dem Florentiner Procope zu
+verdanken. Als ganz ungefährlich galt jedoch der Kaffee nicht, und die
+Marquise de Sévigné räth darum ihrer Tochter in einem Brief aus dem Jahre
+1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, »_pour en tempérer le danger_«.
+In England wurde der Kaffee durch Baco von Verulam schon 1624 erwähnt. Das
+erste Kaffeehaus errichtete in London 1652 der Armenier Pasqua, Diener
+eines türkischen Arztes. Berlin folgte erst weit später nach, denn Volz
+gibt an, daß dort das erste Kaffeehaus im Jahre 1721 eröffnet wurde. Eine
+Anzahl deutscher Städte war in dieser Beziehung Berlin vorangeeilt; in
+Hamburg gab es schon 1679, in Nürnberg und Regensburg 1686, in Köln 1687
+Kaffeehäuser. In Wien erhielt 1683 ein gewisser Kolschitzky die Erlaubniß
+zur Eröffnung des ersten Kaffeehauses und zwar als Belohnung für den Muth,
+durch welchen er sich in dem gleichen Jahre, bei der Befreiung der Stadt
+von den Türken, ausgezeichnet hatte. Um die Mitte des achtzehnten
+Jahrhunderts war der Kaffeegenuß über ganz Deutschland verbreitet, und der
+Kaffee bildete einen wichtigen Handelsartikel für Hamburg und Bremen.
+Friedrich der Große versuchte es vergeblich, den Verbrauch einzuschränken.
+In dem Bestreben, Preußen wirthschaftlich abzuschließen und »das Geld im
+Lande zu behalten«, hatte er besonders die theueren Colonialwaaren mit
+hohen Zöllen belegt; zum Theil verbot er sogar deren Einfuhr oder suchte
+sie zum Mindesten zu monopolisiren. Markgraf und andere Chemiker wurden
+beauftragt, Surrogate an Stelle des Kaffees zu schaffen, was zur
+Entstehung von Eichelkaffee, von Kaffee aus Gerste und Roggen, ja selbst
+aus Rüben und Roßkastanien führte. Der Cichorienkaffee jedoch wurde um
+jene Zeit noch nicht hergestellt, vielmehr, wie ich den Angaben
+E. v. Lippmanns entnehme, erst gegen 1790. Die gebotenen Kaffeesurrogate
+erfreuten sich nicht des Beifalls beim Publicum, daher 1781 ein
+Kaffeemonopol eingeführt ward, das die gewöhnlichen Consumenten zwang, den
+Kaffee schon gebrannt vom Staate, vierundzwanzig Loth zu einem Thaler, zu
+kaufen, während an Adlige, Geistliche und Beamten sogenannte
+»Brennscheine« abgegeben wurden.
+
+An den Thee und den Kaffee schließt sich der Cacao fast gleichberechtigt
+an. Sein Anbau ist schwieriger als derjenige vieler anderer tropischer
+Pflanzen, da er eine sehr beständige, relativ hohe Temperatur neben einer
+großen und gleichmäßigen Feuchtigkeit verlangt. Seine Heimath dürfte in
+den Ländern um den mexikanischen Meerbusen liegen, jetzt wird er überall
+in den Tropen, soweit es die sonstigen Bedingungen gestatten, gebaut. Die
+Cacaopflanze gehört einer Unterabtheilung der Malvaceen an; fast aller
+Cacao des Handels stammt von der _Theobroma Cacao_ ab. Es ist ein
+dunkelbelaubter Baum, mit knorrigem Stamm und breiter Krone, der für
+gewöhnlich acht bis zehn Meter Höhe erreicht. Das Charakteristische für
+die Pflanze ist, daß sie ihre Blüthenstände vorwiegend am alten Holze
+trägt, so daß der Stamm und die dicken Äste sich weiterhin mit Früchten
+behangen zeigen. Die Blüthen sind weißlich bis roth und liefern je nachdem
+gelbe oder dunkelrothe Früchte. Während die Blüthen nur klein sind, können
+die cylindrischen Früchte bis fünfundzwanzig Centimeter Länge erreichen.
+Der Baum blüht und fructificirt fast ohne Unterbrechung, liefert aber im
+Jahr meist nur zwei Haupternten. Die Samen sind in einem süßsäuerlichen
+Fruchtfleisch eingebettet und bilden in der reifen Frucht fünf
+Längsreihen. Ihr bitterer Geschmack wird durch das sogenannte »Rotten«
+gemildert, einen Gährungsproceß, dem die aus der Frucht befreiten Samen
+unterworfen werden. Der Cacao war in Mexiko schon den Azteken und selbst
+den von diesen verdrängten Tolteken bekannt, und als die Spanier 1519 das
+Land eroberten, fanden sie die Cultur des Baumes vor. Ähnlich wie der
+Pfeffer einst in Europa, dienten in Mexico, ja in ganz Mittelamerika die
+Cacaobohnen als Münze. Die Spanier sollen bei der Eroberung Mexico’s im
+dortigen Staatsschatze nicht weniger als zweiundeinhalb Millionen Pfund
+solcher Bohnen vorgefunden haben. In Mexico wurden die gerösteten
+Cacaobohnen geschält und gestoßen, mit kaltem Wasser zu Brei angerührt und
+mit Maismehl oder bei Vornehmeren mit Gewürzen, Vanille, duftenden Blumen
+und Honig versetzt. Dieser Brei »_bouillie assez dégoutante_«, sagt Le
+Grand d’Aussy, hieß Chocolatl. Ob diese Bezeichnung von dem mexikanischen
+Namen der Pflanze Cacao oder Cacagnate, oder Choco (Schaum) und Atl
+(Wasser) abzuleiten sei, ist wohl unentschieden. Die Spanier, welche die
+Chocolade am Hofe des Montezuma kennen gelernt hatten, brachten sie bald
+nach Europa, und auch heute noch ist es Spanien, welches die größten
+Mengen Chocolade verzehrt. Nach Florenz brachte Carletti die Chocolade
+mit, als er 1606 von weiten Reisen, die sich bis nach Westindien
+erstreckten, heimkehrte. Das warme Getränk, das in Florenz aus Cacaomehl
+hergestellt wurde, verbreitete sich rasch über ganz Italien. Nach
+Frankreich kam die Chocolade 1615 mit Anna von Österreich, Gemahlin
+Ludwig’s XIII. Zu einiger Geltung gelangte sie aber erst 1661, unter dem
+Einfluß von Maria Theresia von Spanien, Gemahlin Ludwig’s XIV., die sich
+aber noch versteckte (wie die Duchesse de Montpensier in ihren Memoiren
+angibt), um ihre Chocolade zu trinken; der Genuß derselben mußte somit als
+etwas Ungewohntes oder gar Verpöntes angesehen werden. Indessen schon 1671
+konnte Frau von Sévigné an ihre Tochter schreiben: »_Vous ne vous portez
+pas bien, le chocolat vous remettra._« Freilich muß die Chocolade als
+Heilmittel ihre Wirkung versagt haben, denn in einem späteren Briefe wird
+sie als »_source de vapeurs et de palpitations_« angegeben. Andererseits
+vertheidigte ein Pariser Arzt, Namens Bachot, 1684 vor der Fakultät eine
+These, in welcher er gutgemachte Chocolade als eine der edelsten
+Erfindungen pries, weit mehr würdig, als Nectar und Ambrosia, die Speise
+der Götter zu sein. Derselben Ansicht muß auch Linné gewesen sein, der die
+Chocolade 1769 in den »_Amoenitates academicae_« behandelte und dem
+Cacaobaum den botanischen Namen »_Theobroma_«, d. h. »Götterspeise« gab.
+In England begann sich die Chocolade um 1625, annähernd gleichzeitig auch
+in Holland, einzubürgern. Nach Berlin brachte Bontekoe, der Leibarzt des
+Großen Kurfürsten, den Cacao mit. Friedrich der Große verbot die Einfuhr
+der Chocolade und beauftragte den Chemiker Markgraf, denselben, der
+Ähnliches für den Kaffee schon versucht, ein Surrogat aus Lindenblüthen an
+Stelle von Chocolade herzustellen, was aber nur schlecht gelang.
+
+Als die Spanier im sechzehnten Jahrhundert nach Peru kamen, war dort ein
+anderes Reizmittel in Gebrauch, das der Instinct der Eingeborenen
+herausgefunden hatte, nämlich das Cocaïn. Dieser Körper gehört ebenso wie
+das Coffeïn und das Theobromin zu den pflanzlichen Alcaloiden. Die
+Bewohner des Inkareiches kauten die Cocablätter ganz so wie die Hindus die
+Betelnuß kauen und würzten diese Blätter auch mit Asche der Quinoapflanze
+(_Chenopodium quinoa_) oder mit gelöschtem Kalk, so wie es für die
+Betelnüsse in Indien geschieht. Bei mäßigem Genuß wirken die Cocablätter
+anregend auf das Nervensystem ein, in zu großen Mengen und fortdauernd
+gebraucht, werden sie verderblich. Es stellt sich dann ein Verfall aller
+körperlichen und geistigen Fähigkeiten bei dem »Coquero« ein, der zu einem
+Vergleich desselben mit unseren Alkoholikern geführt hat. Den Spaniern
+fielen zunächst nur die üblen Folgen des Cocakauens auf, sie suchten
+dasselbe durch Verordnungen und kirchliche Verbote in Peru einzuschränken.
+Daher wohl die Cocablätter nicht wie andere ähnliche Reizmittel ihren
+Einzug in die alte Welt hielten. Erst die 1884 von Koller in Wien gemachte
+Entdeckung, daß eine Auflösung von Cocaïn ohne üble Folgen die Hornhaut
+und Bindehaut der Augen eine Zeitlang unempfindlich macht, richtete die
+allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Alcaloid. Die Anwendung desselben bei
+Augenoperationen wurde allgemein; sie verbreitete sich auf andere Gebiete
+der Heilkunde als auch seine Fähigkeit, leicht zugängliche sensible Nerven
+unseres Körpers unempfindlich zu machen, erkannt wurde.
+
+Die Cocablätter gehören einem Strauche an, der unserer Schlehe ähnlich
+ist, aber bedeutendere Größe erreicht. Diese Blätter sind lebhaft grün
+gefärbt und sehr dünn; sie haben eiförmige Gestalt und laufen spitz an
+ihrem Ende aus. Die gelblich weißen Blüthen fallen wenig in die Augen, da
+sie nur geringe Größe besitzen. Die rothen, unseren Cornelkirschen nicht
+unähnlichen Früchte, leuchten hingegen aus dem Laub hervor. Der botanische
+Name der Pflanze ist _Erythroxylon coca_, sie bildet eine eigene kleine
+Pflanzenfamilie, die im Wesentlichen auf die artenreiche Gattung
+_Erythroxylon_ beschränkt ist. Die Blätter sind schwach aromatisch und
+besitzen einen angenehm bitterlichen Geschmack. Das Alcaloid, welches man
+aus denselben gewinnt, bildet farblose Krystalle, die sich nur wenig in
+Wasser, dagegen leicht in Alcohol und noch leichter in Äther lösen.
+
+Ein ganz besonderes culturhistorisches Interesse ist an den
+Gewürznelkenbaum geknüpft, da er eine äußerst markirte Rolle in der
+Geschichte des Gewürzhandels gespielt hat. Der Gewürznelkenbaum (_Eugenia
+caryophyllata_) gehört zu den Myrtaceen wie die Myrten, Eucalypten,
+Guaiaven und Rosenäpfel, die wir in La Mortola sahen. Er ist ein
+immergrüner Baum mit wohlgeformter Krone, der über zehn Meter Höhe
+erreichen kann und lederartige, glänzende, durchscheinend punctirte
+Blätter besitzt. Die Blüthen stehen an den Enden der Zweige in
+doldenförmigen Blüthenständen. Der vierkantige Blüthenstiel breitet sich
+am oberen Rande in vier dicke, kurze Kelchlappen aus. An der
+Ursprungsstelle derselben sind die Blumenkronenblätter und die Staubfäden
+befestigt. Erstere werden ähnlich wie bei Eucalyptus als Kappe abgeworfen,
+wenn sich die Blüthe öffnet. Diesen Zeitpunkt wartet man aber nicht ab,
+sammelt vielmehr kurz zuvor schon die »Gewürznelken«, indem man sie mit
+den Händen vom Baume pflückt oder mit Bambusstäben abschlägt. Sie sind
+somit noch ungeöffnete Blüthen eines myrtenartigen Gewächses und haben mit
+den nur ähnlich duftenden Blüthen unserer Gärten, die wir als Nelken
+bezeichnen, den Dianthus-Arten, sonst nichts gemein. Beim Trocknen
+verändert sich die dunkelrothe Farbe in das bekannte Braun. – Die
+Gewürznelken waren den Chinesen schon vor unserer Zeitrechnung bekannt. Im
+vierten Jahrhundert vor Christus gelangten sie nach Europa. Man glaubte
+bis zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, daß Java oder Ceylon ihre
+Heimath sei; thatsächlich aber waren diese Inseln nur Stationen auf dem
+Wege des Gewürznelkenhandels. Erst die Entdeckung der Molukken durch
+Varthema 1504 klärte Europa über den Ursprung der Gewürznelken auf. Mit
+den Molukken zugleich gelangte der Gewürzhandel jener Inseln in die Hände
+der Portugiesen, dann ein Jahrhundert später an die
+holländisch-ostindische Compagnie, welche die Production von Gewürznelken
+und Muskatnüssen auf jede Weise zu monopolisiren suchte, ja sogar
+dieselbe, um sie besser überwachen zu können, auf nur wenige Inseln
+einschränkte. Auf den übrigen Inseln ließ sie die Gewürzbäume ausrotten.
+Um die hohen Preise zu halten, brachte die Compagnie nur begrenzte Mengen
+des Gewürzes auf den Markt, und als in Folge guter Ernten der Vorrath
+einmal, im Jahre 1760, zu stark anwuchs, wurde ein Theil desselben bei der
+Admiralität in Amsterdam verbrannt. Trotz strengster Überwachung von
+Seiten der Holländer gelang es dem französischen Gouverneur von Mauritius
+und Bourbon 1769 in den Besitz von Gewürznelken- und Muskatbäumen zu
+gelangen und sie auf seiner Insel anzupflanzen. Zwischen 1795 und 1802,
+als die Engländer die Molukken besetzt hielten, sorgten sie auch dafür,
+daß die Cultur der Gewürzbäume sich über die Grenzen dieser Inseln hinaus
+verbreite. Jetzt hat sich ihre Cultur über die tropischen Länder weit
+ausgedehnt, auf den Molukken selbst ging der Anbau der Gewürznelkenbäume
+ganz zurück, und nur die Muskatbäume werden dort noch im großen Maßstab
+gepflegt.
+
+Die Muskatbäume, die mit den Gewürznelkenbäumen stets zusammen genannt
+werden, gehören zu der Gattung _Myristica_, die den Lorbeergewächsen sehr
+nahe steht. Der wichtigste Muskatbaum ist _Myristica fragrans_, der in
+seinem Aussehen an unsere Birnbäume erinnert. Er besitzt eine rundliche
+Krone und dichte Belaubung. Seine Blüthen sind weiß oder gelblich und
+gleichen auffallend denjenigen unserer Maiblumen. Da sie klein sind, so
+fallen sie freilich nicht in die Augen. Das thun hingegen die hellgelben,
+aprikosenähnlichen Früchte, die der Baum gleichzeitig trägt. Diese Früchte
+springen bei voller Reife auf und dann leuchtet ein carmoisinrother
+Samenmantel aus ihrem Innern hervor. In Gestalt einer zerschlitzten Hülle
+umgibt er den schwarzbraunen, als Muskatnuß bekannten Samen. Er selbst
+wird fälschlich als Muskatblüthe bezeichnet.
+
+Auch der Zimmet war einst ein Monopol der Portugiesen, hierauf der
+niederländisch-ostindischen Compagnie und ging auf die
+englisch-ostindische über, als England 1796 Besitz von Ceylon ergriff.
+
+Wie Zimmet, Gewürznelken und Muskatnuß in der niederländischen Geschichte,
+so spielte der ostindische Pfeffer einst eine nicht unbedeutende Rolle in
+der Geschichte Venedigs. Namentlich aus Rücksicht auf diesen Pfeffer lag
+Venedig daran, das rothe Meer und Ägypten sich offen zu halten. Unmengen
+von Pfeffer wurden in Venedig, in dem Fondaco de’ Tedeschi, an die
+Deutschen verhandelt. Im Mittelalter herrschte, wie Flückiger besonders
+hervorhebt, eine kaum mehr verständliche Gier nach Pfeffer, der
+schließlich fast die Bedeutung eines überall gangbaren Zahlmittels
+erlangte. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert nahm er entschieden
+den ersten Rang unter den Gewürzen ein; er stand so hoch im Preise, daß
+ärmere Klassen von dem regelmäßigen Gebrauch desselben absehen mußten und
+»_cher comme poivre_« sprichwörtlich wurde. Diese Sucht nach Gewürzen kam,
+wie Le Grand d’Aussy erzählt, von den vielen schwer verdaulichen Speisen,
+welche man damals zu genießen pflegte. Es gab raffinirte Gourmands, welche
+Gewürze bei sich führten, um nach eigenem Geschmack die Speisen bei Tische
+sich mundgerecht zu machen. Régnard bezeichnet solche Eßkünstler als
+»_Docteurs en Soupers_«.
+
+Aus der Geschichte des Levantehandels im Mittelalter von Wilhelm Heyd geht
+hervor, daß zu den verbreitetesten Specereien damals auch der Ingwer
+gehörte, und daß er fast eben so stark begehrt war wie der Pfeffer. Diese
+Pflanze, deren Heimath in Ostindien liegt, kann man im Garten von La
+Mortola sehen. Ihre bis zu einem Meter hohen grünen Sprosse entspringen
+dem wohlriechenden Wurzelstock, der im Boden versteckt ist. Die Sprosse
+erinnern an die in unseren Gärten cultivirten Canna-Arten und tragen wie
+diese, in zwei Reihen angeordnete, doch wesentlich schmälere Blätter. Am
+Gipfel schließen sie, falls sie zur Blüthe kommen, mit dichtgedrängten
+Hochblättern ab, aus deren Achseln gelb- und violettgefärbte Blüthen
+entspringen. In La Mortola blüht freilich der Ingwer nicht, und auch in
+Asien kommen nur selten blühbare Stengel zur Entwickelung. Stücke des
+Wurzelstockes sind es, die, geschält oder ungeschält, als Ingwer in den
+Handel gelangen. Der aus China eingeführte in Zucker gekochte Ingwer
+stammt von zarten, sorgfältig geschälten Wurzelstöcken. Eingemachter
+Ingwer wurde schon im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in irdenen
+Töpfen nach Italien eingeführt, doch war Marco Polo der erste Europäer,
+der auf seinen Reisen in China und Indien von 1280–1290 die Pflanzen zu
+sehen bekam. Dieser mit Recht hochberühmte Reisende des Mittelalters
+erwarb sich überhaupt sehr große Verdienste um die Erforschung von China,
+weshalb ihm der Besitzer von La Mortola, der selbst längere Zeit im »Reich
+der Mitte« lebte, in der Eingangshalle seiner Villa ein glänzendes, von
+Salviati in Venedig als Glasmosaik auf Goldgrund ausgeführtes Brustbild
+widmete. Da freilich von Marco Polo ein authentisches Bildniß nicht
+bekannt ist, blieb es der Phantasie des Künstlers überlassen, wie er sich
+ihn vorstellen wollte.
+
+ IX.
+
+Wer den Weg von Mentone nach Nizza auf der vielgerühmten Route de la
+Corniche zurücklegen will, sollte dies nur bei völlig klarem Wetter thun.
+Denn unter den großen Eindrücken dieser Bergstraße darf die Aussicht
+landeinwärts in die schneebedeckten Seealpen nicht fehlen. Im Frühjahr
+sind die Berge meist von Wolken bedeckt und so dem spähenden Auge
+verborgen. Die Route de la Corniche ist an schönen Frühlingstagen von
+unvergleichlicher Wirkung. Sie fängt an bei Roccabruna zu steigen und
+folgt dann in unzähligen Windungen dem Abhang. Das eine Mal wendet sie
+sich landeinwärts, als wolle sie den Berg durchbohren, das andere Mal
+schlägt sie die Richtung nach dem Meere ein, als stürze sie sich in die
+Fluthen. Fort und fort wechseln die Bilder. Abwärts taucht der Blick in
+die grünen Thäler und trifft immer neue Einschnitte der Küste; aufwärts
+wird er begrenzt durch die mächtigen Kuppen der Berge. Wo diese
+auseinandertreten, da tauchen, wie mit einem Zauberschlag, die
+schneebedeckten Häupter der Seealpen in der Ferne auf. – Den höchsten
+Punkt hat die Corniche bei La Tourbie, der alten _Trophea_ oder _Turris in
+via_, etwa 500 Meter über dem Meere erreicht. Die Corniche folgt der alten
+römischen Straße; Napoleon I. war es, der sie im Jahre 1805, so wie sie
+heute ist, ausbauen ließ. Jetzt ist die Tourbie sogar durch eine
+Zahnradbahn mit Monte Carlo verbunden. Einst lief hier die Grenze, welche
+Gallien von Italien schied. Der weit sichtbare, aus mächtigen Trümmern
+aufsteigende Thurm, der als Thurm des Augustus bekannt ist, trotzt noch
+immer der Zeit. Mit seinen zackigen Zinnen, erst im vierzehnten
+Jahrhundert erbaut, ging er aus den Quadern des gewaltigen Denkmals
+hervor, das hier der Senat und das römische Volk dem Octavian errichten
+ließen, als die Schlacht bei Actium ihn zum Herrn der Welt machte. Plinius
+hat uns die Inschrift bewahrt, welche das Denkmal auf seinen vier Seiten
+trug. Außer der Widmung an den _Caesar Imperator_ standen da die Namen von
+vierundvierzig Alpenvölkern verzeichnet, welche unter römisches Joch
+gebeugt worden waren. Ein Standbild des Kaisers krönte das Denkmal, das,
+alter Schilderung nach zu urtheilen, großartig gewesen sein mußte.
+Trotzdem schonten es die späteren Zeiten nicht. Die Longobarden begannen
+seine Zerstörung. Die Saracenen gestalteten es zur Festung. Dann schöpften
+Jahrhunderte lang die Bewohner von La Tourbie aus den Trümmern, wie aus
+einem Steinbruch, die Steine zum Bau ihrer Kirche und ihrer Häuser. Im
+zwölften Jahrhundert holten die Genueser hier Marmor zum Schmucke ihrer
+Bauten, und was dann noch verblieb, wurde am Hochaltar in der alten
+Kathedrale von Nizza verwandt. – Von La Tourbie aus sieht Monte Carlo mit
+all seinem Glanz und Elend nur wie ein unschuldiges Kinderspielzeug aus.
+An den Ernst des Lebens wird man aber auch in dieser Höhe durch alle die
+Festungswerke gemahnt, welche Frankreich auf den Berggipfeln errichtet
+hat. Selbst der höchste Berg über Monte Carlo, der 1150 Meter hohe
+Mont-Agel, dessen Gipfel weithin das ganze Land beherrscht, hat jetzt
+einen Kranz von Redouten erhalten.
+
+Als Glanzpunkt der Corniche erscheint mir die Stelle, an welcher Eza auf
+schroffem Fels, mitten in der Landschaft, emportaucht. Welche gewaltige
+Kraft war nöthig, um in so schwindelnder Höhe, so unvermittelt zwischen
+Himmel und Erde, aus mächtigen Quadern Burgen zu erbauen! Von Abgründen
+umgeben, vor jeder Überraschung sicher, haben nach einander nizzardische
+und piemontesische Geschlechter in dieser Burg geherrscht. Armselige
+Häuser suchten Schutz an den befestigten Mauern, und auch heut noch stehen
+sie da und drängen sich um die zerfallenen Ruinen. Die alte Pracht
+verschwand von dieser Stätte: das Elend ist geblieben. Von außen aber
+vergoldet es die strahlende Sonne des Südens und hebt den stolzen Felsen
+majestätisch ab gegen den blauen Hintergrund des Meeres.
+
+Nizza wird immer größer, verliert den ursprünglichen, italienischen
+Charakter, nimmt ganz denjenigen einer eleganten, cosmopolitischen Stadt
+an und amüsirt sich ohne Unterbrechung. Endlos folgen im Winter Redouten,
+Blumenschlachten, Regatten, Pferderennen auf einander. Wie eigen dieser
+Trieb zum Vergnügen, der sich hier auch der einheimischen Bevölkerung
+bemächtigt hat! Denn kaum hat ein Ort gleich schwere Schicksale im Laufe
+der Zeiten erlebt. Unzählige Male wurde die Stadt geplündert und verwüstet
+durch Gothen, Longobarden, Saracenen und Provençalen. Frankreich eroberte
+sie wiederholt, um sie zu verlieren und wieder zu gewinnen. Sie wurde von
+der Pest heimgesucht, durch starke Kälte ihrer Oliven- und Orangenbäume
+mehrfach beraubt, von afrikanischen Heuschrecken häufig überfallen. Daher
+vielleicht der Leichtsinn, der sich seiner Bevölkerung bemächtigt hat und
+der den Grund dazu legte, daß Nizza zu einer Metropole der schalen
+Vergnügungen aufwuchs. Mein Ziel war Nizza nicht, vielmehr das Cap
+d’Antibes, ein Ort, den ich schon vor vielen Jahren liebgewonnen hatte.
+Ein Aufsatz von George Sand, in der »_Revue des deux mondes_« vom Jahre
+1868, machte mich mit den Schönheiten dieses Vorgebirges zuerst bekannt.
+George Sand besuchte auf demselben den schönen Garten des hervorragenden
+französischen Botanikers Thuret und war von der Aussicht ganz hingerissen,
+die man von dort genoß. Daß das Cap trotzdem so unbeachtet blieb, hängt
+mit seiner exponirten Lage zusammen, die es zum Aufenthaltsorte für
+Lungenleidende wenig geeignet macht. Das Cap ist in das Meer weit
+vorgeschoben und daher den Winden ausgesetzt; auch sieht man von demselben
+die Schneealpen, und ist demgemäß auch nicht gegen den kalten Luftstrom
+geschützt, der von denselben kommt. Auch fehlte es am Cap bis vor Kurzem
+an einem guten Unterkommen, das den Reisenden zum längeren Bleiben hätte
+einladen können. – Ich halte das Cap d’Antibes für einen der Glanzpunkte
+der Riviera. Wer dessen Herrlichkeit in ganzer Fülle gleich genießen will,
+der besteige den Hügelrücken, der die Seelaterne und das bescheidene
+Kirchlein _Notre-Dame de Bon-Port_ trägt. Der Anblick, den man dort bei
+klarem, sonnigem Wetter genießt, ist geradezu überwältigend. Das Cap
+d’Antibes setzt sich so weit fort in das offene Meer, daß man von ihm aus,
+wie von einem Schiffe, das Land überblickt. Es trennt den Golf Jouan von
+der Baie des Anges und beherrscht so gleichzeitig die beiden Buchten. Im
+Westen wird das Bild von dem Esterel-Gebirge abgeschlossen, das in reicher
+Gliederung ganz unvermittelt aus dem Meere aufsteigt. Das Esterel erinnert
+in seinen Umrissen an das Siebengebirge, den Stolz unseres Rheinlandes,
+was sich aus dem vulkanischen Ursprung beider Gebirgszüge erklärt. Das vom
+Cap d’Antibes eine Stunde weit entfernte Cannes wird durch die Landenge
+der Croisette verdeckt, frei liegt hingegen vor ihm im Meere die
+Lerinische Insel St. Marguerite. Deutlich erkennt man auf ihr das Fort, in
+welchem einst der mysteriöse »_homme au masque de fer_« und neuerdings
+Bazaine eingekerkert waren. Es folgt an der Küste ein Ort auf den andern.
+Zunächst das Städtchen Golfe Jouan, in dessen wohlgeschütztem Hafen das
+französische Mittelmeer-Geschwader liegt. Zahlreiche Villen und Gärten
+decken die grünen Hügel, die sanft gegen das Meer abfallen. Nach Südwesten
+hin streckt das Cap d’Antibes noch einen Seitenarm in die Fluthen, und
+dieser trägt ein kleines Fort und das Grand Hôtel. Gegen Süden verliert
+sich der Blick in dem weiten Meer; gegen Osten kann er der Küste bis
+jenseits Bordighera folgen, wo diese endlich in dem Blau der Ferne
+schwindet. Im Halbkreis reihen sich an der Bai des Anges die Häuser von
+Nizza aneinander und versuchen es auch, die angrenzenden Hügel zu
+erklimmen. Im Vordergrund zeichnet sich grell das alte Antipolis, noch im
+mittelalterlichen Gewande, von steilen Mauern und Laufgräben umgeben und
+von dem malerischen Fort Carré beherrscht, das es zu Vaubans Zeiten
+erhielt. Nach Norden thürmen sich Berge auf Berge, um endlich in den
+schneebedeckten Alpen ihren verklärten Abschluß zu finden. So zeigt dieses
+Bild all das Erhabenste wieder vereinigt, was die Natur uns zu bieten
+vermag. Und wie wirkungsvoll zugleich ist der Gegensatz zwischen der
+unbegrenzten Fläche des Meeres und den bewegten Umrissen der
+himmelstürmenden Bergriesen; wie zart vermittelt die azurne Farbe des
+Wassers und das matte Grün der Küste, wie schroff abgesetzt das glänzende
+Weiß der Schneefelder von dem dunkeln Blau des Himmels! Wie athmet man
+frei in dem weiten Raum, welchen der Blick hier umfaßt; wie fühlt man sich
+geläutert durch die hehren Bilder, die sich in der Seele spiegeln!
+
+Das kleine Kirchlein Notre-Dame de Bon-Port ist mit manchem _ex voto_
+geschmückt. Ringe und Ketten von Schiffen, kleine aus Holz geschnitzte
+Kähne, die an den Wänden hängen, deuten den Dank Jener an, denen es
+gelang, sich aus stürmischer See zu erretten. Am 8. Juli eines jeden
+Jahres ziehen die Schiffer von Antibes barfuß den Hügel hinauf und holen
+das Standbild der Mutter Gottes herab, um es in gleichem Aufzuge am
+nächsten Sonntag von Antibes wieder hinauf zu tragen.
+
+Über das Grand Hôtel du Cap d’Antibes bildete sich ein ganz eigener
+Mythos. Es hieß, de Villemessant, der einst so bekannte Redacteur des
+»Figaro«, hätte den Bau veranlaßt, um ein Heim für Schriftsteller und
+Künstler zu schaffen. Dieselben sollten dort vereint ihren Arbeiten
+obliegen und durch die herrliche Umgebung zu bedeutendem Schaffen angeregt
+werden. Dieser Mythos war aber nur eine »_Blague_«, durch entsprechende
+Zeitungsartikel veranlaßt und durch eine »Expedition« großgezogen, die die
+Redaction des »Figaro« in diese Gegend unternahm. Auch scheint das
+treibende Motiv nur das gewesen zu sein, eine neue Station an der Riviera
+zu entdecken, von gleicher Rentabilität wie das rasch aufblühende Cannes.
+Man wollte es Lord Brougham nachmachen, von welchem der Reisebericht des
+»Figaro« vom 25. April 1867 erzählt, daß er die Stadt Cannes entdeckt habe
+– entdeckt insofern, als er dort Grundstücke zu 5 Sous den Meter vorfand,
+die sich bald zu 60 Francs verkauften. Der »Figaro« ließ es aber bei den
+schönen Plänen bewenden, und die projectirte »Villa Soleil« kam nicht zu
+Stande; wohl aber ließ ein Russe, der das Cap d’Antibes schon bewohnte,
+sich bestimmen, das große Hôtel du Cap zu erbauen. Das Unternehmen
+mißglückte, ein Pächter folgte dem andern, bis endlich das Haus
+geschlossen wurde. Erst jetzt, wo die Zahl der Reiselustigen so bedeutend
+zugenommen hat, stellen sich günstigere Bedingungen für das Unternehmen
+ein. Das Hôtel kam in sorgsame und geschickte Hände und wird sich
+voraussichtlich weiter gut entwickeln. Seine Lage ist einzig schön. Aus
+den Fenstern der Vorderseite hat man den vollen Blick auf den Golfe Jouan
+und das Esterel-Gebirge, während die Fenster der Rückseite nach den
+schneebedeckten Alpen schauen. Ein großer Garten umgibt das Gebäude und
+reicht bis zum Meer hinab. Er verliert sich in dem duftigen mediterranen
+Gestrüpp, und wo dieses aufhört, setzen nackte, zerrissene Felsen die
+schmale Landzunge fort. Unaufhörlich wälzt das Meer seine Wogen gegen
+diese Felsen, und heftiger Sturm jagt den Schaum der Wellen über dieselben
+hinweg. In tausend Klippen sind die steilen Abhänge des Caps zerrissen,
+bilden phantastische Stufen, Grotten, Buchten und Verstecke, und zu jeder
+Tagesstunde läßt sich an dem jähen Absturz eine Stelle finden, an der man,
+vor der Sonne und meist auch vor dem Winde geschützt, mit einem Buche in
+der Hand, sich niederlassen kann. Gelesen wird freilich kaum, denn die
+blauen Wellen schlagen fort und fort gegen die Steine und stören durch ihr
+Plätschern. Einmal berühren sie den Fels nur sacht, so daß man sie kaum
+hört, dann wieder schwellen sie an und plaudern so laut, als wollten sie
+vernommen werden. Zuweilen rollt die schwellende Fluth dicht heran, dann
+flieht sie wieder, und unwillkürlich folgt das Auge ihr nach. So lassen
+sich Stunden auf Stunden verträumen an dem steinigen Strande von Antibes,
+und unbemerkt verfliegt ein Tag nach dem andern. Die Nerven ruhen aus und
+sammeln neue Spannkraft für die gesteigerten Anforderungen der Zeit. –
+Ebenso wonnig wie auf seeumspülten Felsen lagert es sich zwischen den
+duftenden Sträuchern des Strandes mit dem blauen Zeltdach des Himmels über
+dem Haupte und einem begrenzten Stücke azurnen Meeres zur Seite. Man hat
+eine Decke über Myrten oder Rosmarinsträucher ausgebreitet und ruht nun
+wie auf einem Polster. Gewiß gehört es mit zu den hohen Reizen dieses
+bevorzugten Ortes, daß man aus dem Garten unmittelbar in die volle, reine,
+unverfälschte Natur gelangen kann. Denn die wohlriechenden Sträucher, die
+hier den Strand bedecken, sind nicht von Menschenhand gepflanzt. Sie
+bilden einen Vegetationstypus, der für das Mittelmeergebiet bezeichnend
+ist und den Namen _Maquis_ führt. Immer mehr weichen diese Maquis der
+Cultur, namentlich an dieser stark bevölkerten Küste. Ueber größere
+Flächen ausgedehnt, findet man sie hier noch im Esterelgebirge. In voller
+Prachtentfaltung treten sie dem Reisenden erst auf Corsica entgegen.
+
+Der Charakter dieser Maquis wird durch immergrüne Sträucher bestimmt.
+Selbst eine Anzahl baumartiger Gewächse nimmt in den Maquis Strauchform
+an. Bei der großen Mehrzahl dieser Sträucher ist die Laubentwickelung
+eingeschränkt worden, ja zum Theil geschwunden. Das Alles befähigt diese
+Pflanzen, langanhaltende Dürre auszuhalten. Im Frühjahr, wenn die nöthige
+Bodenfeuchtigkeit zur Verfügung steht, kommen sie gleichzeitig zur Blüthe
+und zaubern dann, auf sonst dürrem Boden, üppige Gärten hervor. Es walten
+in den Maquis die aromatischen Gewächsarten vor. Aus jedem Strauch, den
+man streift, befreit man ganze Ströme von Wohlgerüchen. Dem Boden, den man
+tritt, entlockt man eine Fülle flüchtiger Essenzen: Rosmarin, Thymian,
+Lavendel, Cistusrose, Myrte und Pistacie mischen ihre Düfte und erfüllen
+mit ihnen die Luft. Die Färbung der Maquis ist eine bräunlich-grüne, und
+erst die Blüthen beleben den einförmigen Ton. Sie treten auf in
+massenhafter Fülle. Das zarte Blau der Rosmarinblüthe gesellt sich dann
+dem grellen Gelb der Ginster, die helle Farbe der Ciströschen dem dunkeln
+Violett der Lavendel. Auf Corsica scheinen die Abhänge ein einziger
+Blüthenstrauß um jene Zeit zu sein, und der Wanderer wird von dem Duft
+berauscht, der diesem Blüthenmeer entströmt. Nicht ohne Grund behaupten
+die Schiffer, daß man Corsica im offenen Meere schon aus weiter Ferne
+*riechen* könne, und nach jenem würzigen Duft seiner Heimathsinsel sehnte
+sich auch Napoleon zurück auf St. Helena, vor seinem Ende.
+
+Was noch von den Maquis am Cap d’Antibes erhalten blieb, ist freilich
+wenig, und doch kann man selbst auf jener kleinen Landzunge vor dem Garten
+des Grand Hôtel fast alle die Arten zusammenlesen, welche den Typus der
+Maquis bestimmen. Unter den strauchartigen Formen fällt zunächst der
+Rosmarin durch seinen Duft, seine blauen Lippenblüthen und seine steif
+linealen, unterseits weiß-filzigen Blätter auf. Man begegnet ihm dort
+überall. Das wohlriechende Öl verflüchtigt sich, wenn man seine Blätter
+zerreibt. Diese Pflanze zieht man auch bei uns in den Gärten, besonders
+für die Bienen, deren Honig sie ein feines Aroma verleiht. Ihre
+Verbreitung nördlich von den Alpen wurde durch das Capitulare Karl’s des
+Großen 812 gefördert, welcher die Anpflanzung des »_ros marinus_« in den
+kaiserlichen Gärten befahl. Im Alterthum hat man den Rosmarin viel zum
+Winden von Kränzen benutzt und schmückte mit diesen die Bildsäulen der
+Laren. Im Mittelalter bemächtigte sich die Symbolik dieses immergrünen,
+duftigen Gewächses, und es wurde zum Sinnbild der Liebe, der Treue und des
+Todes. Als Sinnbild der Treue gilt es auch bei Shakespeare, der die
+wahnsinnig gewordene Ophelia sagen läßt: »Da ist Vergißmeinnicht, das ist
+zum Andenken: ich bitte Euch, lieber Herr, gedenket meiner – und da ist
+Rosmarin, das ist für die Treue.«
+
+Neben dem Rosmarin steht am Strande von Antibes überall der Thymian. Er
+hält sich am Boden, über und über bedeckt mit kleinen rosafarbigen
+Blüthen. Etwas höher steigt an reich verzweigten Stämmchen ein anderer
+Lippenblüthler auf, die _Lavandula Stoechas_, und streckt ihre violetten
+Blüthenähren zwischen den schmalen, weichfilzigen Blättern empor. –
+Zahlreich drängen sich aneinander die Ciststräucher. Sie erreichen hier
+kaum über einen halben Meter Höhe und tragen an reich verzweigten Ästen
+ihre bräunlich-grünen, klebrigen Blätter. Die Art mit kleineren weißen
+Blüthen ist _Cistus monspeliensis_; die andere mit weit größeren
+rosenrothen Blüthen, _Cistus albidus_. Die weißen wie die rosenrothen
+Ciströschen sind äußerst zart, in der Knospe zusammengeknittert, mit
+zahlreichen gelben Staubfäden in der Mitte verziert. Sie welken äußerst
+rasch, wenn man sie pflückt, doch entfalten sich an Zweigen, die man in
+Wasser stellt, alsobald neue Blüthen. Die Ciststräucher tragen nicht wenig
+dazu bei, den Maquis von Antibes einen charakteristischen Geruch zu
+verleihen. Das Gummiharz, welches einige südeuropäische Cistus-Arten
+ausschwitzen, war unter dem Namen Ladanum oder Labdanum früher ein
+berühmtes, von griechischen Aerzten viel benutztes Heilmittel. Heute wird
+es nur noch zum Räuchern verwendet. – Wer aufmerksam den Boden zwischen
+den Ciströschen durchsucht, kann ein eigenthümliches Gewächs dort finden,
+einen Parasiten, der aus den Wurzeln der Ciströschen seine Nahrung zieht.
+Er fällt durch seine brennend gelb-rothe Färbung auf und heißt _Cytinus
+hypocistis_. Grüne Blätter fehlen ihm; er hat sie eingebüßt, da er sich
+nicht mehr selbständig zu ernähren braucht. Die Rafflesiaceen, zu denen
+dieser Cytinus gehört, sind im Übrigen Tropenbewohner. Sie leben
+parasitisch und entwickeln dabei zum Theil riesig große Blüthen. Die
+größte Blüthe der Welt wird von einer solchen Rafflesiacee, der _Rafflesia
+Arnoldi_, erzeugt, welche auf Sumatra den Wurzeln gewisser Cistus-Arten
+aufsitzt. Diese Blüthen können einen Meter im Durchmesser erreichen. – Den
+Ciströschen nahe verwandt sind die Sonnenröschen, Helianthemum-Arten, die
+auch unserer Flora nicht fehlen und in den Maquis hier und dort mit ihren
+zarten schwefelgelben Blüthen am Boden hervorschauen. – Wesentlich höher
+als selbst die Ciströschen wird ein stark bewaffneter Strauch mit gelben
+Schmetterlingsblüthen, die _Calycotome spinosa_. Diese verdient es wohl,
+eine nahe Verwandte der _Genista acantoclada_, jener Tartarusgeißel zu
+sein, deren wir früher erwähnten. Sie ist mit dornartigen, scharfen
+Seitenästen so dicht besetzt, daß man sie sorgfältig in den Maquis meiden
+muß. Weniger unzugänglich ist die nah verwandte Besenpfrieme (_Spartium
+junceum_), ein fast blattloser Strauch mit rutenförmigen grünen Ästen und
+großen gelben Blüthen. Aus diesen Binsenpfriemen werden Körbe, Netze, ja
+selbst Schuhe geflochten, der Bast wird zum Binden benutzt, auch eine Art
+Leinwand aus ihm dargestellt.
+
+Sehr häufig in den Maquis ist die Mastix-Pistazie (_Pistacia Lentiscus_).
+Hier tritt sie nur als Strauch auf, während sie unter anderen Bedingungen
+auch zum Baume emporwachsen kann. Einen solchen schönen Lentiskenbaum, mit
+dichter, schirmförmiger Krone, kann man unweit vom Hôtel, im Garten einer
+Villa von der Straße aus bewundern, die nach Golfe Jouan führt. Die
+dunkelgrünen, paarig gefiederten, lederartig zähen, oberseits glänzenden
+Blätter sind für _Pistacia Lentiscus_ charakteristisch; es zeichnet sie
+außerdem ein besonderer harziger Geruch aus. Die an sich sehr kleinen
+Blüthen fallen schon aus der Ferne auf, weil sie in dunkelrothen Trauben
+bei einander stehen. Dieses Gewächs liefert den altberühmten Mastix, doch
+kann derselbe nicht aus dem Strauchwerk der Maquis, sondern nur aus
+sorgsam cultivirten Mastixbäumen gewonnen werden. Diese gedeihen am Besten
+auf der Insel Chios und haben dieser Insel sogar den Namen der
+Mastix-Insel verschafft. Das Harz, welches aus künstlich ausgeführten
+Einschnitten, doch auch von selbst aus den Zweigen hervortritt, findet
+seine hauptsächliche Verwendung im Orient, wo es gekaut wird, ähnlich wie
+die Blätter des Betelpfeffers in Indien. Es heißt, daß Mastix das
+Zahnfleisch festige und den Athem parfümiere. Vornehme türkische Frauen
+bringen den ganzen Tag mit Mastixkauen zu. Bei uns wird wohl auch
+Zahnpulver aus dem Mastix bereitet, vornehmlich aber dient er zum Räuchern
+und zur Firnißbereitung.
+
+Fremdartig muthet den Nordländer das Wolfsmilchbäumchen, _Euphorbia
+dendroides_, an, da wir doch unsere Wolfsmilcharten nur zu sehr
+bescheidener Höhe emporwachsen sehen. Diese Euphorbia-Bäumchen können an
+der Riviera zwei Meter Höhe erreichen und Stämme bilden, die man mit
+beiden Händen kaum zu umfassen vermag. Die Pflanze gabelt sich fort und
+fort während ihres Wachsthums und bildet eine gewölbte Scheindolde, die
+durch ihre gelbe Färbung von Weitem schon in die Augen fällt. Sie ist eine
+der eigenartigsten Pflanzenformen der Riviera. Man findet sie in den
+Maquis und auch sonst durch das Land zerstreut. Schon Dioskorides und
+Plinius war sie aufgefallen. Zur Zeit der Sommerdürre wirft sie ihre
+Blätter ab und steht kahl da, wie unsere Gewächse im Winter. Das Volk an
+der Riviera streut diese Wolfsmilchart ins Wasser, um die Fische zu
+betäuben, und über einen ähnlichen Brauch wird auch aus Griechenland
+berichtet. – Bedeutend steht diesem Wolfsmilchbäumchen an Größe eine
+andere Wolfsmilchart nach, die in den Maquis sich als niedriger Busch am
+Boden hält, die _Euphorbia spinosa_. Sie ist gelb gefärbt, wie die große
+Art und führt den Namen nach den abgestorbenen Zweigen, die in harte
+Spitzen auslaufen. – An ihren fleischigen, kleinen, dicht gedrängten
+Blättern, ihren weißbehaarten, überhängenden Zweigen, den kleinen, gelben,
+unscheinbaren Blüthen ist eine sonst seltene Thymelaeacee, die _Passerina
+hirsuta_, kenntlich. Auch die baumartige Heide, _Erica arborea_, fehlt
+nicht in den Maquis am Cap. Sie schmückt im Frühjahr ihre Zweige so dicht
+mit den kleinen glockenförmigen Blüthen, daß sie aus der Ferne ganz weiß
+erscheint. Der Erdbeerbaum (_Arbutus Unedo_) ist hier auch, doch nicht
+zahlreich, vertreten; seine erdbeerartigen Früchte werden auf den Märkten
+der Riviera feil geboten. Im Aussehen gleicht er der Heide kaum, entstammt
+aber doch derselben Familie. Die Übereinstimmung liegt nicht im Laub, wohl
+aber in den glockenförmigen Blüthen, die im Übrigen größer sind und in
+röthlich weißen Rispen abwärts hängen. Die immergrünen Blätter sind
+eiförmig, am Rande stark gezähnt; sie sehen wie Lorbeerblätter aus. Die
+Früchte reifen sehr langsam; man findet sie oft, mit neuen Blüthen
+zusammen, noch am Baume. Sie schmecken süßsäuerlich, doch fade, daher auch
+Plinius ihren Namen »_Unedo_« von »_unum tantum edo_« (nur eine esse ich)
+ableitete. Dem römischen Volke dienten Arbutuszweige als Zaubermittel. Mit
+ihnen wurden dreimal die Pfosten und Schwellen der Thüren berührt, um
+vampyrähnlichen Geschöpfen den Eingang zu wehren, die des Nachts den
+Kindern in der Wiege das Herzblut aussaugen sollten. Ein Zweig des
+glückverheißenden Weißdorns im Fenster des Schlafgemachs hielt auch die
+Unholde ab.
+
+Überall drängt sich in die Maquis die immergrüne Steineiche, _Quercus
+Ilex_, ein. Sie bleibt dort strauchartig. Ihre eiförmigen, vorn
+zugespitzten Blätter sind an der Unterseite grau und an diesem Merkmal von
+den benachbarten Sträuchern zu unterscheiden. Die scharfe Zähnelung des
+Blattrandes kann auch fehlen. Außerhalb der Maquis ist die immergrüne
+Steineiche ein mächtiger Baum. Aus ihrem Laube wurde im alten Rom die
+Bürgerkrone geflochten, von der Plinius sagt, sie überstrahle alle anderen
+Kränze, selbst die kostbarsten, an Würde. An einzelnen Sträuchern der
+Maquis klettert eine zarte Spargelart (_Asparagus acutifolius_). Der
+holzige, biegsame Stengel, der an abstehenden blattlosen Seitenästchen
+kleine nadelförmige Zweige trägt, welche die Stelle der Blätter vertreten,
+wird viel zu Guirlanden benutzt, und öfters findet man an der Riviera
+Spiegel und Kronleuchter der Wohnräume von solchem Spargelkraut umwunden.
+Die jungen Triebe dieser Asparagus-Art genießt man wie unseren Spargel. In
+Sicilien werden in ähnlicher Weise als »Spargel« die jungen,
+wohlschmeckenden, schon im Alterthum geschätzten Triebe des stechenden
+Mäusedorns (_Ruscus aculeatus_) verzehrt.
+
+Zu den Charakterpflanzen der Maquis gehört ferner der Phillyreastrauch
+(_Phillyrea angustiflora_), daher ich ihn nicht übergehen darf. Er
+erreicht ein bis zwei Meter Höhe und ist durch seine auswärts gerichteten,
+lineal-lanzettlichen, lederartigen Blätter und die kleinen, weißlichen, in
+sehr kurzen Trauben zusammengedrängten Blüthen ausgezeichnet. Dieser
+Strauch gehört zu derselben Familie wie der Ölbaum, dem er auch ein wenig
+ähnelt. – Botanisch sehr interessant als Vertreter der Cneoraceen, ist ein
+Strauch mit glänzenden grünen, lanzettförmigen Blättern und kleinen,
+gelben Blüthen, die zu zwei bis drei an den Enden der Zweige stehen:
+_Cneorum tricoccum_. Seiner eleganten Tracht wegen wird er auch in den
+Gärten der Riviera vielfach cultivirt; man sieht ihn sogar in den so
+raffinirt gehaltenen Casinogärten von Monte Carlo einen, wenn auch
+bescheidenen, Platz einnehmen.
+
+Die mit großen, rothfarbigen Scheinbeeren beladene Wachholderart der
+Maquis ist _Juniperus oxycedrus_. Ihre Scheinbeeren werden im Orient und
+in Griechenland ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.
+Das Holz widersteht sehr gut der Luft und den Würmern und diente im
+Alterthum vielfach zur Darstellung von Götterbildern. – An offenen Stellen
+strebt vom Boden empor _Globularia Alypum_ und trägt an den Enden der
+Zweige schöne blaue Blüthenköpfchen. – Wird der Boden so unfruchtbar, daß
+er andere Gewächse nicht zu ernähren vermag, so deckt ihn in dichtem Rasen
+die _Caldonia alciornis_, eine graue Flechte, die auch sonst über Europa,
+über Nordafrika, Nordamerika und einen Theil von Asien verbreitet ist.
+
+Überall in den Maquis von Antibes begegnen wir der Myrte und der
+Strauchform des Ölbaums. Der Ölbaum paßte sich wie die Steineiche den
+Maquis an und wurde zum Strauch. Er veränderte sich so stark, daß ihn
+schon die Alten in dieser Form als Oleaster unterschieden. Der Oleaster
+wie die Myrte wagen sich ganz besonders weit an dem Strande vor. Sie
+trotzen dem heftigsten Seewind und werden von ihm so abgerundet, als hätte
+sie Menschenhand geformt. Ein Theil ihrer Zweige ist an der Seeseite kahl,
+zuweilen wirklich abgestorben. Die Zweige des Ölbaums, ein Sinnbild des
+Friedens, nehmen am Oleaster, in so exponirter Lage, dornartige Gestalten
+an. Sie spitzen sich zu, ragen so als scharfe Waffen an der Seeseite vor
+und machen den Strand dort unzugänglich. An der Landseite bewahrt die
+Pflanze gleichzeitig ihren friedlichen Charakter. Dieser unmittelbare
+Einfluß der Medien kommt auch in der Ausbildung der Blätter zum Ausdruck,
+die an der Seeseite sehr klein bleiben, an der Landseite weit bedeutendere
+Größe erreichen. – Bis zuletzt begleitet die Sträucher der Maquis am
+Strande die »italienische Stechwinde« (_Smilax aspera_) und findet Schutz
+zwischen ihren Zweigen. Blätter und Stengel dieser Schlingpflanze sind mit
+Stacheln besetzt, die ihr das Klettern erleichtern. Im Frühjahr ist die
+Stechwinde mit rothen Fruchttrauben geschmückt. Nach Blüthen muß man im
+Herbst suchen. Diese duften sehr lieblich; daher wurde blühende Stechwinde
+im Alterthum, mit Epheu in Kränze gewunden, oft bei Bacchusfesten
+verwendet.
+
+Diese Aufzählung mag genügen, um Denjenigen, der Freude hat an den
+Erscheinungen der Pflanzenwelt, in das Leben der Maquis einzuführen. Er
+wird bald die einzelnen Pflanzenformen unterscheiden lernen, sie beim
+Wiedersehen als alte Bekannte begrüßen und innerhalb dieser duftigen
+Umgebung sich um so heimischer fühlen.
+
+Auf dem schmalen Vorsprung, der, den Stürmen preisgegeben, hier noch
+einige hundert Meter weit das Cap fortsetzt, sieht man schließlich alles
+Pflanzenleben schwinden. Immer härter wird der Kampf, den die Gewächse in
+so exponirter Lage zu bestehen haben, und sein Einfluß macht sich in ihrem
+Aussehen kenntlich. Da alle über die Bodenfläche sich erhebenden Theile
+der Pflanze der Zerstörung ausgesetzt sind, sucht diese aus jeder
+Vertiefung des Bodens Vortheil zu ziehen. Sie breitet sich flach an der
+Erde aus, erhält knorrige, kriechende Stengel, eine ganz abenteuerliche
+Gestalt. Auffallend ähnlich wird das Aussehen solcher Gewächse demjenigen
+der Alpenpflanzen. Wir könnten, dem Vegetationsbilde nach, uns einige
+tausend Meter hoch über dem Meeresspiegel denken, reichten die blauen
+Wellen nicht fast bis an unsere Füße. Die verkrüppelten Gewächse der
+Maquis weichen allmälig den Strandpflanzen. Auch diese finden alsbald nur
+noch Schutz in Spalten oder hinter den Steinen. Dem nackten Felsen haftet
+aber noch an vielen Stellen, in Gestalt runder Flecke, eine gelbe Flechte,
+die _Lecidea_, an. Zuletzt dringt das Meer von allen Seiten zwischen die
+zerrissenen Felsen ein, und wir stehen ganz anderen Vertretern des
+Pflanzenreichs gegenüber, den form- und farbenreichen Seealgen, den
+Bewohnern des Meeres.
+
+In vollem Contrast tritt uns dann bei der Rückkehr die Fülle südlicher
+Pflanzenformen in dem Garten des Hôtels entgegen. Vor dem Hause stehen
+Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) von ganz seltener Schönheit.
+Sie bilden kugelige Sträucher von fast zwei Meter Höhe und sind mit
+Tausenden strahliger Blüthenköpfchen, wie mit weißen Sternen besetzt. Über
+die Mauern herab hängt mit ihren dicken, fleischigen Stengeln und Blättern
+die südafrikanische Mittagsblume (_Mesembryanthemum acinaciforme_), die
+ihre großen rothen Blüthen nur bei Sonnenschein entfaltet. In
+unmittelbarer Nähe des Hauses ist der so überaus große Garten wohl
+gepflegt, weiterhin aber sich selbst überlassen. Da entwickelt sich denn
+ein merkwürdiger Kampf um Raum, um Licht und Nahrung zwischen den
+Gewächsen aller Zonen, welche der Zufall hier zusammenführte. Die
+australischen Casuarineen werden von dem amerikanischen Pfefferbaum
+bedrängt, das japanische Pittosporum wehrt sich gegen die mediterrane
+Tamariske. Siegreich dringen aber gegen sie alle die beiden Kieferarten
+vor, denen wir überall an der Riviera begegnen, die zartnadelige
+Aleppokiefer (_Pinus halepensis_) und die derbnadelige Strandkiefer
+(_Pinus Pinaster_) und vermitteln den Übergang zu den Maquis.
+
+Zwischen den Kiefern am Cap begegnet man, wie auch sonst an der Riviera,
+nur zu häufig einer Processionsraupe, der Raupe des
+Pinien-Processionsspinners, _Cnethocampa Pityocampa_. Diese schwarzen,
+braun gestreiften Raupen ziehen im Gänsemarsch zu Hunderten über die Wege.
+Die eine berührt die andere, und sie bilden so zusammen eine lange Schnur,
+eine lebendige Kette, die sich als Ganzes vorwärts bewegt. Unterbricht man
+die Kette, so bleibt der vordere Abschnitt derselben stehen, der hintere
+Abschnitt rückt nach. Hin und her tastend sucht die erste Raupe dieses
+hinteren Abschnittes wieder nach dem Anschluß. Gelang es ihr, die hintere
+Raupe des vorderen Abschnittes zu erreichen, so setzt sich die ganze Kette
+wieder in Bewegung. Diese Raupen richten großen Schaden an Kiefern und
+auch Pinien an, sie berauben sie oft vollständig ihrer Nadeln. Des Tags
+halten sie sich in jenen großen grauen Gespinnsbeuteln auf, die an Kiefern
+und Pinien so in die Augen fallen, und in der Sonne seidig glänzen. Des
+Nachts verlassen sie das Nest, um auf Futter auszugehen. Jene Raupen,
+denen man am Boden begegnet, suchen nach einer passenden Stelle, um sich
+in der Erde zu verpuppen. Man darf weder die Raupen noch ihre Nester
+berühren, da die in die Haut eindringenden Haare derselben gefährliche
+Entzündungen veranlassen. Daher auch Leute, welche die Nester von den
+Bäumen entfernen, um sie zu verbrennen, sich gegen den Wind stellen und
+auch sonst sehr vorsichtig zu Werke gehen. Als bestes Verfahren gilt,
+Petroleum in die Nester zu gießen, ohne sie zu entfernen. – Die hängenden
+Nester dieser Raupen und ihre langen Züge sind so auffällig, daß sie wohl
+jeder Reisende an der Riviera bemerkte. Nur wenige werden hingegen
+Gelegenheit haben, die Spinner kennen zu lernen, die sich aus den
+verpuppten Raupen entwickeln. Sie sind auch weder auffällig noch schön,
+grau, mit einigen dunkleren Flecken und Streifen. Sie fliegen im
+Hochsommer, legen ihre Eier an die Unterseite der Kiefernadeln und
+bedecken sie mit dünnen silbergrauen Schuppen.
+
+ X.
+
+Ein Stück unverfälschte Maquis bietet uns auch das weite Grundstück,
+östlich neben dem Hôtel. An Sonntagen steht das Thor den ganzen Tag offen,
+um den Zugang zu der englischen Kapelle zu ermöglichen, die sich innerhalb
+dieses Grundstücks befindet. Auch sonst gestattet die Besitzerin gern den
+Besuch. Der schöne Garten, der das Wohnhaus umgibt, ist nur wenig
+ausgedehnt, der meiste Boden noch in seinem früheren Zustand. So gelangt
+man nach Eintritt in die Besitzung durch immergrüne Sträucher, üppige
+Erica-Büsche und mächtige Euphorbien, bis zum Meeresstrande. Dieser ist
+hier besonders schön gestaltet und hat schon manchem Maler als Vorwurf
+gedient: Steil aufsteigende und zerrissene Felsen, vom Meere umspült,
+vielfach an die Faraglioni von Capri erinnernd. Der Besitzer James Close
+liebte dieses Stück Erde so sehr, daß er sich hier begraben ließ. Der
+Ausblick zwischen den Felsen nach dem Esterel und ins weite Meer ist
+großartig und entzückend. Auch lauscht man gern dem Rauschen des Wassers,
+das sich in den tiefen Felsenspalten hebt und senkt und forscht dem bunten
+Leben nach, das hier im Schatten der Steine aus den Tiefen des Meeres zum
+Lichte emporsteigt.
+
+ XI.
+
+Wer am Cap d’Antibes einen Seesturm erlebte, wird den Eindruck nie
+vergessen. Für das schlechte Wetter, welches er zuvor erleiden mußte, wird
+er bald durch den Anblick des entfesselten Elements entschädigt. Ein
+starker Wind bläst zunächst vom Meere aus; das ist Scirocco. Die Luft wird
+unendlich klar, und alle Gegenstände rücken in die Nähe. Die Umrisse der
+Berge sind wie mit Bleistift am Himmel gezogen. Sucht man sich vor dem
+Wind zu decken, so empfindet man beklemmende Schwüle. Dann beginnt der
+Horizont sich in rothgrauen Dunst zu hüllen. Die Macht des Windes läßt
+nach, und es trübt sich der ganze Himmel. Bald hört man große Regentropfen
+gegen die Scheiben schlagen. Das hält wohl einige Tage an. Die Temperatur
+ist stark gesunken, die Luft bleibt trotzdem drückend. In den Zimmern
+sehnt man sich nach dem warmen Ofen seiner Häuslichkeit zurück. Doch schon
+am nächsten Morgen wacht man auf, geblendet von dem leuchtenden Blau des
+Himmels. Man eilt hinaus und athmet mit voller Brust die erquickende Luft
+ein. Noch glänzen alle Pflanzen von dem frischen Regen, und wie Diamanten
+fließen funkelnde Tropfen von den Blättern ab. Die Brandung aber stürmt
+mit Gewalt gegen die Felsen der Küste, als wenn sie dieselben
+zerschmettern wollte. Weithin vernimmt man das donnerartige Getöse des
+Angriffs. Die Spitze des Caps ist nicht zu erreichen, denn die Wellen
+fegen darüber hinweg. Fern am Horizont steigt die Welle auf wie eine
+geschlossene Mauer; auf ihrem Wege schwellend und wachsend, wälzt sie sich
+gegen das Land, um zerschmettert und von weißem Schaum ganz bedeckt wieder
+zurückzurollen. Sie trifft auf eine andere Welle, die ebenso drohend
+nahte, und beide sieht man verschwinden. Da wird es plötzlich still. Ein
+Wellenberg ist auf ein Wellenthal gestoßen, beide glichen sich aus. Doch
+wenn Wellenberge zusammentreffen, dann schwillt die stürmende Woge so
+mächtig an, daß sie ächzend sich überschlägt und mit gewölbtem Rücken auf
+die Felsen wirft. Ungeheuere Wassermengen werden dann in die Luft
+geschleudert, und See und Himmel scheinen in demselben Chaos zu
+verschmelzen. Mit dumpfem Knall, wie von schwerem Geschütz, fangen sich
+die Wellen in den Grotten, die sie selbst in den Stein sich gruben; wie
+ein Jammern und Stöhnen klingt es durch das Cap von den vielen
+Wasserfäden, die sich in den Gängen zwischen den Felsen verirrten und, in
+hastigem Lauf über die Steine stürzend, ihren Weg nach dem Meere suchen.
+Von dem anstürmenden Element allseitig umgeben, glaubt man sich fast ins
+offene Meer versetzt und ist ganz von dem Schauder des Sturmes ergriffen.
+Wie wohlthuend wirkt da zugleich der feste Boden unter den Füßen!
+
+Tage vergehen, bevor die Erregung des Meeres sich legt und die weite
+Wasserfläche wieder Ruhe und Frieden athmet. Und täglich ist es ein
+anderes, wenn auch immer das gleiche, und täglich fesselt es uns von Neuem
+und entzückt unser Auge, dieses göttliche Meer.
+
+ XII.
+
+Wer am Cap d’Antibes im Bergsteigen sich üben möchte, bleibt auf den nur
+hundert Meter hohen Bergrücken angewiesen, der die Seelaterne und die
+_Notre-Dame de Bon-Port_ trägt. Doch sind die Spaziergänge längs der
+Buchten, an den Abhängen der Hügel und zwischen den Gärten so
+mannigfaltig, daß man sie täglich ändern kann. Stets wird man durch eine
+neue Aussicht auf die Küste, das Gebirge, die Schneegipfel der Alpen,
+durch malerische Felsgruppen am Strande oder durch besonders schöne
+Vegetationsbilder überrascht. Selbst die sonst so eintönige Wanderung auf
+einer Landstraße wird hier zum Genuß. So wenigstens auf der Landstraße,
+die das Cap durchschneidet. Denn diese führt an endlosen Pflanzungen von
+Anemonen, Ranunkeln, Goldlack, Levkojen, Tazzetten und Reseda vorbei.
+Besonders fesselt das Auge die Pracht der Ranunkeln und Anemonen, die man
+schöner und farbenreicher nirgends sehen kann, während der Geruchssinn
+zugleich umfangen wird von dem Dufte, der dem übrigen Blüthenmeer
+entströmt. Zu jenen Blüthen im Felde gesellen sich hier in großer Zahl
+auch die Blüthen der Lüfte, die Schmetterlinge. Rothgefleckte Aurorafalter
+fliegen rasch vorüber; langsam wiegt sich hin und her der schwarz
+gestreifte, gelbe Segelfalter; am meisten fällt aber durch ihre Schönheit
+die Cleopatra auf, ein südeuropäischer, schwefelgelber Citronenfalter mit
+orangeroth abgetönten Vorderflügeln.
+
+Das Cap von Antibes versorgt jetzt mit seinen Blumen die nächsten Märkte
+der Riviera und versendet sie auch in großen Mengen täglich nach dem
+Norden. Wie groß der Verbrauch an Blumen an der Riviera selbst geworden
+ist, wird Jeder beurtheilen können, der die Blumenmärkte der Städte dort
+besuchte und einigen Blumenfesten beigewohnt hat. Die Blumenausfuhr nach
+dem Norden hat andererseits riesige Ausdehnung angenommen. Thatsächlich
+reicht diese Art Blumencultur an der Riviera nicht über 1850 zurück,
+früher wurden die Blüthen nur zum Zwecke der Parfümerie gezogen. In der
+nächsten Nähe von Toulon beginnen die Pflanzungen und reichen bis nach
+Genua; die französische Seite der Riviera ist in einen einzigen
+Blumengarten schon verwandelt. In Ollioules bei Toulon werden Unmengen
+römischer Hyacinthen gezogen und wandern abgeschnitten nach den nordischen
+Städten, bevor die holländische Hyacinthe dort erscheint. In Ollioules
+gibt es auch Narcissen, Jonquillen, Tazzetten, weiße und rothe Nelken. In
+der Gegend von Cannes und Grasse herrschen die Anemonen und Ranunkeln vor.
+Sie zeigen ungeahnte Größe und seltene Farbenpracht. Nicht minder staunt
+man über den Umfang, den Nelken, wie der _Dianthus Caryophyllus flore
+pleno, var. Marguerite_, hier erreichen können: manche Blüthe sieht aus,
+als wenn sie ein kleiner Blumenstrauß wäre. Zu diesen Pflanzen gesellen
+sich die Theerosen. Unter ihnen herrscht die sattgelbe _Safrano_ vor, die
+auch rauhe Witterung gut verträgt und selbst im December ihre
+Blüthenknospen treibt. Gleich genügsam sind manche Monatsrosen, die weiße
+_Bengal-Ducher_ und die rothe _Bengal-Sanglant_, die demgemäß auch
+bevorzugt werden; doch an stark besonnten Mauern und unter Glasdächern,
+die in Cannes und Antibes große Bodenflächen decken, gedeihen die
+empfindlicheren Rosen, so auch _Maréchal Niel_, _Marie van Houtte_,
+_Gloire de Dijon_, _Souvenir de la Malmaison_, _Paul Nabonnand_, _La
+France_ und wie sie sonst heißen, jene Rosen, die auch unsere Blumengärten
+im Sommer zieren. Hunderttausende solcher Blüthen entfalten sich im
+Frühjahr an einem und demselben Tage in Cannes und Antibes, oft ohne daß
+noch eine Möglichkeit vorhanden wäre, sie alle zu verwerthen. – In Cannes
+steht jetzt auch die _Acacia dealbata_ in schwungvoller Cultur und wandert
+nach dem Norden. Ihre runden Blüthenknäuel, in Traubenform vereint, und
+die zart gefiederten Blätter haben ihr im Handel den Namen Mimose
+verschafft. Der Baum wächst erstaunlich rasch, so daß er in fünf bis sechs
+Jahren wohl zehn Meter Höhe erreicht. Er ist dann schon im Januar mit
+gelben Blüthen über und über bedeckt. Nach Deutschland gelangt viel
+_Acacia retinoides_, die runde Blüthenknäuel wie die andere Art besitzt,
+doch einfache lederartige lancettförmige Blätter trägt. Eigentlich sind
+jene Blattgebilde nicht ganze Blätter, vielmehr hat der wissenschaftliche
+Vergleich gelehrt, daß die Blattfläche bei diesen Acazien schwand und der
+Blattstiel sich spreitenartig erweiterte. Wir nennen solche Gebilde
+Phyllodien. Auch _Acacia longifolia_, die man viel in nordischen
+Blumenläden sieht, ist mit solchen Phyllodien versehen. Man erkennt sie
+leicht daran, daß ihre Blüthen nicht zu runden Knäueln, sondern zu
+raupenförmigen Kätzchen vereinigt sind. Alle diese Acazien blühen gelb,
+sie folgen in der Jahreszeit auf einander, zuletzt kommt _Acacia
+cultriformis_, die erst im März an der Riviera im Blüthenschmuck prangt.
+Ihre Blüthenstände sind wiederum rund, die Phyllodien aber kurz und breit,
+zugleich rautenförmig. – Allen Blumensendungen nach dem Norden pflegt man
+die überall beliebte Reseda beizulegen. Veilchen vertragen schlecht eine
+weite Reise, werden aber an der Riviera selbst in Unmengen verbraucht,
+dort auch mit Syrup getränkt und zu Dragée’s verarbeitet. Dann versendet
+man auch blaue Kornblumen, Tuberosen, Goldlack und Levkojen, Gladiolen und
+weißblühendes Allium, Ixien und die duftenden Freesien. An der Riviera
+selbst fällt dem Fremden in den Schaufenstern der Blumenläden eine große
+graue Iris auf, die ganz fein purpurn gesprenkelt ist, eine wahre
+Trauerblume, die _Iris Susiana_. Von den großen weißen oder gelben
+Chrysanthemen (_Chrysanthemum frutescens_) werden die Blüthen auch viel
+verwandt, besonders die gelben, die als _Étoile d’Or_ bekannt sind. Sie
+wandern vornehmlich nach England. Die Expedition dieser Blume reicht bis
+in den Juni hinein, so lange, als in London die Saison dauert. Man hat
+berechnet, daß von allen diesen Blumen Cannes und Antibes zusammen in
+einem Winter für mehr als eine Million Francs nach dem Norden versenden;
+viel mehr noch wird an der Riviera selbst verkauft.
+
+Die überaus starke Concurrenz veranlaßt strebsame Geister, nach immer
+neuen »Schöpfungen« für den Blumenmarkt zu sinnen. So erschienen plötzlich
+in den Centralhallen von Paris als »Neuheit« *grüne* Nelken. Solche hatte
+man in der That bisher nicht gesehen, es sei denn auf den Bildern der
+Impressionnisten. Es ergab sich, daß auch diese grünen Nelken nicht ganz
+unverfälschte Naturproducte waren. Man erhält sie, indem man
+abgeschnittene weiße Nelken einen ganzen Tag lang, ja selbst länger, in
+eine grüne Farbstofflösung stellt. Soll der Versuch gut gelingen, so muß
+der Stengel innerhalb der Lösung frisch durchschnitten werden. Man kann in
+gleicher Weise die eine oder die andere Färbung erlangen, nur gilt es,
+Farbstoffe zu wählen, welche gut in der Pflanze aufsteigen. Am leichtesten
+gelingen Rothfärbungen weißer Blüthen mit Eosin.
+
+Am Freitag Nachmittag beleben sich plötzlich die Straßen am Cap. Da kommen
+von allen Seiten Equipagen und bringen Besucher nach Elen Rock, dessen
+Garten an jenem Tage geöffnet ist. Dieser Garten nimmt einen Vorsprung ein
+östlich vom Cap. Er liegt zum Theil auf schroffen Felsen, die senkrecht
+gegen das Meer abfallen. Stufen und Gänge innerhalb dieser Felsen führen
+hinunter bis zur Meeresfläche. Der Garten bietet herrliche Aussichtspunkte
+und ist auch reich an schönen Pflanzen, doch macht er einen etwas
+gekünstelten Eindruck innerhalb der so großartigen Umgebung.
+
+Am Dienstag ist vom frühen Morgen an der Thuret’sche Garten geöffnet,
+derselbe, der einst George Sand so sehr entzückte. Er dient jetzt der
+französischen Regierung als Acclimatisationsgarten und enthält sehr viele
+werthvolle Pflanzen. Manche Arten, die wir in La Mortola schon bewundert
+haben, finden wir hier in noch größeren Exemplaren wieder. Die berühmte,
+von George Sand gefeierte Aussicht ist leider geschwunden, verdeckt von
+den heranwachsenden Bäumen.
+
+Von dem Thuret’schen Garten läßt sich gleich abwärts, in westlicher
+Richtung, der Weg nach dem Golfe Jouan einschlagen, und so kann man in den
+Pinienwald gelangen, der sich längs der Küste dort hinzieht. Dieser
+Pinienwald war einst der Stolz des Caps, jetzt ist er nur noch in
+Überresten vorhanden. Eine Actiengesellschaft hat die ganze Landstrecke
+angekauft, eine breite Straße, die Cannes mit dem Cap d’Antibes verbindet,
+durch den Pinienwald gelegt, diesen selbst parcellirt und mit Eisendraht
+umzogen. Doch steht manche mächtige Pinie noch da, und in ihrem Schatten
+gelingt es wohl, sich in die alte Herrlichkeit zurückzuträumen.
+
+ XIII.
+
+Die zweite Aprilhälfte war inzwischen angebrochen, und die Pflicht rief
+mich wieder heim. Ein klarer, wundervoller Frühlingstag ging zur Neige,
+und ich beschloß, vor Sonnenuntergang noch einmal den Leuchtthurm
+aufzusuchen. Die Sonne schickte sich an, hinter dem Esterelgebirge zu
+verschwinden und tauchte dessen dunkelblaue Gipfel in Gold und Purpur.
+Bald deuteten nur noch lange Lichtstreifen den Weg an, den sie genommen.
+Trotz seines hehren Glanzes konnte mich dieses Bild nur wehmüthig stimmen:
+es steigerte die Empfindung des Abschiedes. Ich wandte meine Blicke den
+Bergriesen zu, die mit phantastischem Umriß sich von dem östlichen Himmel
+abhoben. Sie begannen im Abendroth zu glühen. Es war ein Anblick, so
+erhaben, daß man sich in demselben ganz verlieren konnte, von jener
+weltumfassenden Sehnsucht ergriffen, die uns mit dem All verbindet. Jedes
+persönliche Empfinden war gewichen vor dem mächtigen Gefühl, sich Eins mit
+dieser göttlichen Natur zu fühlen. – Immer weiter und weiter dehnten sich
+die Schatten aus über das Land: sie begannen emporzusteigen an den Hügeln,
+an den Bergen, sie drangen ein in die Tiefe der Thäler und löschten die
+glühenden Lichter aus an den Hütten und Palästen. Die ganze Natur schien
+sich in tiefen Schlaf zu versenken. Bald waren es nur noch einzelne Segel
+im weiten Meere und die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die im rosigen
+Schimmer glühten. Dann legte sich ein schwarzer Schatten auch über das
+Meer, und nur den Riesen da oben war es vergönnt, die Königin des Lichtes
+noch zu schauen. Wie von innerem Feuer entbrannt, schwebten sie jetzt in
+überirdischer Glorie.
+
+Dieses Bild wollte ich in meinem Innern festhalten als letzten Eindruck
+von der Riviera, und mit geschlossenen Augen trat ich den Rückweg an. Als
+ich mich endlich umsah, hatten die Schatten der Nacht sich bereits über
+die Hügel gelagert und die Umrisse der Dinge in geisterhaften Schemen
+verwischt. – Hoch oben aber ragte der Leuchtthurm in die Lüfte. Vom
+Wächter entzündet, strahlte er jetzt wie ein großer Stern weit über Land
+und Meer, ein Ziel der Sehnsucht für Alle, die jenes herrliche Stück Erde
+einmal gesehen.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+FRÜHJAHR 1894.
+
+
+ I.
+
+Der Frühlingsanfang des Jahres 1894, den ich an der Riviera verlebte,
+prägte sich meiner Erinnerung in besonders glänzenden Farben ein.
+Wochenlang blieb der Himmel ohne Wolken, so daß einzelne Regentage, wenn
+sie kamen, fast willkommen erschienen. Da es an Schnee in den Bergen
+fehlte, wehte fast nie der Mistral, den sonst die eisigen Flächen der
+Alpen und Cevennen gebären. Das Meer blieb meist ruhig, und wenn die Nacht
+kam, dann funkelte der Himmel und spiegelte sich so hell in der stillen
+See, als wäre in deren Tiefen eine Saat von Sternen aufgegangen.
+
+Mitte März fanden wir uns in Hyères ein mit der Absicht, unseren Weg bald
+ostwärts in die Berge der Mauren fortzusetzen. Es war uns, als hätten wir
+eine Entdeckungsreise angetreten, so unbekannt ist dieser westliche Theil
+der Riviera. Und doch konnte Hyères, neben Montpellier und
+Aix-en-Provence, sich einst rühmen, der berühmteste Kurort des südlichen
+Frankreichs zu sein. Weiter gegen Osten an der Riviera vorzudringen,
+schien damals kaum möglich, und erst in diesem Jahrhundert änderten sich
+die Verhältnisse, begannen zuerst Nizza, dann Mentone und Cannes als
+klimatische Stationen aufzublühen. In dem Wettstreit, der sich nunmehr
+entspann, mußte Hyères unterliegen, denn es ist weniger gut gegen den
+Nordwind als seine Rivalinnen geschützt. Auch steht es ihnen nach an
+Schönheit der Lage und ist zu weit vom Meere entfernt. – »Die Hügel sind
+hier zu klein und zu nah, das Ufer ist zu flach und das Meer zu fern,«
+rief einst George Sand aus, als sie Hyères besuchte. Von dem Hügel, an den
+Hyères sich lehnt, kann der Blick erst über eine weite Ebene das Meer
+erreichen. Auf dieser stechen aber rothbraune, eckige Felder grell und
+unvermittelt gegen gelbe und grüne ab. Die rothbraunen Felder sind mit
+Rosen bedeckt; doch das bringt keine Harmonie in die Farben. Auch danken
+diese Felder thatsächlich ihre Färbung nicht der Pracht der Blüthen,
+sondern den jungen Trieben, die ihr zartes Grün vor der Gluth der
+südlichen Sonne durch rothen Farbstoff schützen. In früheren Zeiten mag
+der Blick auf diese Ebene lieblicher gewesen sein; vermochte sie doch das
+Auge Horace Benedict de Saussure’s zu entzücken, als er 1787 nach Hyères
+kam. Dieser hervorragende Geologe, Vater des noch berühmteren
+Pflanzenphysiologen Théodore de Saussure, langte hier an einem schönen
+Aprilabend an und war von der Lage des Ortes gefesselt. Von den Fenstern
+der »Auberge du St. Esprit« blickte er hinab auf Orangengärten, deren
+Bäume mit Früchten und Blüthen beladen und durch unzählige Nachtigallen
+belebt waren. Sanft fiel, so schrieb er, das Land bis zum Meer ab, und den
+Abhang schmückten vorne Gärten, weiterhin Olivenhaine und in der Ferne
+Pappeln. Bewaldete Höhen bildeten den Rahmen zu dem schönen Bilde.
+
+Hyères ist fünf Kilometer vom Strande entfernt. An diesem selbst lag einst
+Olbia, das Hyères den Ursprung gab. Von Massiliern gegründet, ward Olbia
+von Saracenen zerstört und baute sich dann, entfernter vom Meere, an der
+Anhöhe auf, um den Angriffen der Corsaren nicht so unmittelbar ausgesetzt
+zu sein. Der Strand, der einst Olbia trug, zeigt sich jetzt in Quadrate,
+wie ein Schachbrett getheilt. Das Seewasser füllt diese Quadrate. Es wird
+in dieselben geleitet, um zur heißen Sommerzeit dort zu verdunsten und so
+der Salzgewinnung zu dienen. Dem Strand gegenüber tauchen aus dem Meere
+die Hyèrischen Inseln empor. Sie strecken sich so lang dahin, als hätten
+sie sich in die See zu ewigem Schlaf gelegt. Einst haben die Ligurer an
+diesen Inseln die rothen Korallen gefischt, mit denen sie den Hals ihrer
+Frauen und das Wehrgehänge ihrer Schwerter schmückten. Weil die Inseln in
+einer Reihe angeordnet sind, hießen sie bei den Römern Stoechaden. Diesen
+Namen vertauschten sie im Mittelalter gegen den weit vornehmeren der
+goldenen Inseln. Waren es die goldenen Äpfel der Hesperiden, welche ihnen
+die Benennung »_Iles d’or_« verschafften, oder der goldige Schimmer ihres
+glimmerreichen Bodens – das läßt sich heute nicht sagen. Zum Marquisat der
+_Iles d’or_ von Franz I. erhoben, sahen sie einst glänzende Zeiten. Heute
+werden sie nur von ärmlichen Fischern und Gärtnern bewohnt.
+
+Jene Früchte, nach welchen die goldenen Inseln ihren Namen führen sollen,
+sind jetzt hier fast völlig verschwunden. Einst aber stand die
+Orangenzucht von Hyères in hoher Blüthe. Mehr denn zweimalhunderttausend
+Orangenbäume deckten das Land und konnten die Bewunderung der Reisenden
+erwecken. Wie die Chronisten erzählen, blieb Carl IX. von Frankreich
+staunend vor dem mächtigsten dieser Bäume stehen und forderte seine beiden
+Begleiter, den König von Navarra und den Herzog von Anjou auf, mit ihm den
+Stamm zu umfassen. Doch hierzu reichten, so wird weiter berichtet, die
+sechs fürstlichen Arme nicht aus. Zur Erinnerung an diese erlauchte
+Umarmung schnitt man in die Rinde des Baumes: »_Caroli regis amplexu
+glorior_«, und jene Inschrift wuchs und vergrößerte sich mit den Jahren. –
+Liegt dieser Angabe eine wirkliche Begebenheit zu Grunde? Wer kann das
+heute wissen! Sicher aber ist, daß die provençalische Phantasie der
+Chronisten sie die Maße des Stammes übertreiben ließ. Die stärksten
+Orangenbäume, welche Europa jetzt kennt, befinden sich auf Sardinien;
+manche derselben werden auf mehr denn siebenhundert Jahre geschätzt; ein
+einzelner Mann vermag sie alsdann nicht mehr zu umspannen. Im Jahre 1564,
+da Carl IX. in Hyères weilte, konnte er dort schwerlich selbst so starke
+Stämme sehen, da die Orangenbäume erst durch die Kreuzfahrer, gegen Ende
+des elften Jahrhunderts, nach Hyères gebracht wurden. Zunächst muß es der
+bitterfrüchtige Orangenbaum gewesen sein, der zwar kaum eßbare Früchte,
+aber sehr wohlriechende Essenzen liefert. Daher der Dichter Malherbe sich
+in Hyères mit jenem »_huile de fleurs d’orange_« versorgen konnte, »das
+sich die Frauen in die Haare einreiben und mit dem sie dort den Puder
+festhalten.« Die Orangenkultur von Hyères litt sehr stark durch die
+strenge Kälte des Winters 1709 und durch ähnliche harte Winter, die um die
+Mitte des vorigen Jahrhunderts aufeinander folgten. Die Pflanzungen wurden
+von nun an eingeschränkt, die bitterfrüchtigen Orangenbäume dann durch
+süßfrüchtige ersetzt, da der Transport der Orangen von Hyères aus nach dem
+Norden sich rascher vollziehen ließ, als von südlicher gelegenen Orten.
+Das kam bei den mangelhaften Verkehrsmitteln jener Zeit wohl in Betracht.
+Die Orangen mußten damals in Hyères im Herbst gepflückt werden, sobald an
+ihrer noch grünen Schale sich die ersten gelben Punkte zeigten. Sorglich
+in Papier gewickelt, traten sie die Reise auf dem Landwege oder dem
+Seewege an. Sie reiften unterwegs langsam nach und wurden erst nach
+vierzig Tagen genießbar. Jetzt sind die Orangenbäume fast vollständig aus
+Hyères verschwunden. Sie konnten den Mitbewerb geschützterer Orte der
+Riviera, vor Allem aber von Sicilien und Algier, nicht ertragen. Es erging
+Hyères mit den Orangenbäumen nicht anders, als zuvor mit dem Zuckerrohr,
+das im fünfzehnten Jahrhundert weite Strecken des Landes deckte, dann aber
+verschwand, als der indische und der brasilianische Zucker in den
+Wettstreit eintraten.
+
+Mit berechtigtem Stolz kann sich hingegen Hyères noch immer
+_Hyères-les-Palmiers_ nennen! Zwar sind die Palmen heute über die ganze
+Riviera verbreitet, doch sieht man es den hohen Stämmen von Hyères wohl
+an, daß in diesem alten Kurorte ihre sorgsame Pflege besonders weit
+zurückreicht. Da streben in der _Avenue des Palmiers_ die schlanken Stämme
+besonders mächtig zu beiden Seiten der Straße empor, gleich einer hehren
+Säulenhalle, und wiegen ihre stolzen Kronen hoch oben in der blauen Luft.
+– Doch hat sich Hyères schon seit langer Zeit auch einer zwar weniger
+vornehmen, aber einträglicheren Cultur zugewandt. Wir fanden dort Mitte
+März ganze Felder von Veilchen in Blüthe. Das waren auch freilich nicht
+die bescheidenen, kleinblüthigen, die bei uns ihre Kronen zwischen den
+Blättern verbergen, sondern eine großblüthige Form, das Veilchen _le
+Czar_, das an langen Stielen seine Blüthen keck über die Blätter erhebt.
+Es duftet sehr stark, und gerne ließen wir uns von den Lüften anwehen, die
+über Veilchenfelder gestreift waren. Andere Felder sind mit »_Primeurs_«
+bedeckt. Die Artischocken von Hyères standen schon zu Anfang dieses
+Jahrhunderts in hohem Ruf; jetzt sind es auch die grünen Erbsen und vor
+Allem die Erdbeeren, mit welchen Paris von hier aus versorgt wird. Täglich
+geht ein ganzer Eisenbahnzug solcher Erzeugnisse von Hyères ab und wird
+scherzhaft als »_Train de primeurs_« bezeichnet. Doch soll man sich nicht
+etwa denken, daß unter dem Himmel von Hyères alle diese Culturen mühelos
+gedeihen. Auch hier verlangen sie viel Umsicht und angestrengten Fleiß.
+Den Furchen der Felder folgen niedrige Hecken, die deutlich anzeigen, von
+welcher Seite Gefahr droht. Denn, trotz gegentheiliger Versicherungen, ist
+Hyères nicht völlig vor dem Mistral gedeckt, und mit elementarer Gewalt
+stürzt er durch die Lücke ein, welche die Berge nach Toulon hin offen
+lassen. Anhaltende Dürre ist auch eine schwere Plage, welcher durch
+künstliche Bewässerung nicht immer abgeholfen werden kann. – Immerhin
+besteht ein großer klimatischer Unterschied zwischen Hyères und der
+übrigen Provence, ja selbst dem nahen Toulon, weil diese dem Mistral weit
+stärker ausgesetzt sind. Daher der Reisende, der von Westen kommend, hier
+in früheren Zeiten zum ersten Mal Palmen und goldfrüchtige Orangenbäume
+sah, sich an die Pforten des Paradieses versetzt wähnte. Alte Reisewerke
+sind voll des Lobes von Hyères. So das Werk von Aubin-Louis Millin,
+»_Conservateur des médailles, des pierres gravées et des antiques de la
+Bibliothèque impériale_«, der im Auftrage des Ministers Chastal 1804
+Südfrankreich bereiste. »Ich besuchte heute«, schreibt Millin, »den Garten
+des Herrn Fille. Tausende von Blumen umgeben dessen Haus. Tuberosen
+(_Polyanthes tuberosa_), Cassie (_Mimosa Farnesiana_), und Jasmin
+(_Jasminum sambac_) würzen die Luft mit himmlischen Düften. Was Sänger und
+Poeten einst gepriesen, jene Gärten der Alcine und Armide, welche der
+fruchtbare Genius des Ariost und des Tasso schuf, so glänzend sie auch
+unserer Einbildungskraft vorgeführt werden, sie treten zurück vor dem
+Garten, den wir hier vor den Augen haben. Man glaubt nicht mehr auf Erden
+zu wandeln, vielmehr in jene Laubgänge versetzt zu sein, in welchen die
+Seelen der Gerechten ein ewiges Glück genießen. Die Bäume stehen so dicht
+an einander, daß man nur auf künstlich angebrachten Pfaden zwischen
+denselben durchdringen kann. Achtzehntausend Orangenbäume, beladen mit
+Blüthen und Früchten, bergen in ihrem Laube unzählige Nachtigallen, und
+Nachtigallengesang erschallt wie ein Hymnus an die Natur, um ihre Güte zu
+preisen, ihr für einen so freudigen und duftigen Schatten zu danken.
+Andere Vogelstimmen greifen in dieses glänzende Concert ein, während die
+fleißigen Bienen summend die Blüthen umschwärmen, um reiche Nahrung zu
+schöpfen aus so verschwenderischer Fülle.«
+
+Ein ähnliches Gefühl des sinnlichen Behagens, welches ein milderes Klima
+erweckt, mag es auch gewesen sein, das einst die Massilier bestimmte, ihre
+Niederlassung an diesem Strande »Olbia«, die Glückliche, zu nennen.
+
+Mit Vorliebe schweiften wir an sonnigen Nachmittagen auf den Maurettes
+umher, jenen Höhenzügen, an welche Hyères sich anlehnt. Wir suchten uns
+dort solche Orte aus, von welchen die alte Burg von Hyères sich in schöner
+Umrahmung zeigte. Ein Stück blaues Meer bildete den Hintergrund, während
+grüne Hügel die scheckige Ebene deckten. Da lagerten wir uns auf Rosmarin,
+Myrten und Lavendel und vergaßen der fliehenden Stunden. Wir suchten im
+Geiste jene Trümmer zu beleben, die so mächtig drüben auf den Felsen
+thronen. Auch heute noch werden diese Trümmer von Wachtthürmen und Mauern
+beschützt, die in bewegtem Umriß allen Vertiefungen des Berges folgen. –
+In dem »Chastel d’Yères« herrschten seit dem zwölften Jahrhundert die
+Herren de Foz, eine Nebenlinie der Vicomtes de Marseille. Manchen blutigen
+Strauß mußten sie pflücken, um ihre Burg zu behaupten und oft rauchte aus
+den Wachtthürmen angesichts der Feinde die Lunte der Arkebusen. In
+friedlichen Zeiten, da füllten hingegen dieses Chastel die Gesänge des
+Troubadours, und es erklang in ihnen die sechsseitige Viola. War doch
+Mabille de Foz Präsidentin des Minnehofs von Pierrefeu, jenes Minnehofes,
+der mit Romani, Avignon und Signe, die vier vornehmsten »_cours d’amour_«
+der Provençe bildete! – Im Juni 1254 gab es hohen Besuch auf der Burg; da
+kam Ludwig der Heilige, den aus Palästina der Tod seiner Mutter nach
+Frankreich zurückgerufen hatte. Einige Jahrhunderte später wurde hier oben
+auch Franz I. empfangen, während Ludwig XIII. nur noch die Ruinen der
+Veste sah: Heinrich IV. hatte deren Zerstörung beschlossen. Heute ist das
+alte Gemäuer in üppiges Grün gehüllt, und bunte Frühlingsblumen erklimmen
+selbst die Zinnen der Thürme. – Scharf hebt sich der dunkle Berg vom
+hellen Abendhimmel ab, wenn die provençalische Sonne sich hinter seinen
+Trümmern zur Ruhe senkt. Dann tränkt sie mit ihrem Glanze das Land und das
+Meer, umstrahlt die dunklen Felsen und bildet um die Burg einen goldenen
+Glorienschein. – Geisterhaft aber mutheten uns die Trümmer zur Nachtzeit
+an, da zur späten Abendstunde der Vollmond uns in die Berge gelockt hatte.
+Tief drang sein Silberschein in die Fugen und Spalten des zerklüfteten
+Gesteins und warf unheimliche Lichter in die Ruinen. Da belebten sich die
+alten Mauern und Thürme, nahmen menschliche Form an, schienen ihre Glieder
+zu bewegen und stierten mit unheimlichen Augen in die Ferne. Plötzlich war
+dann Alles wieder todt; eine dunkle Wolke breitete ihre Schatten über den
+Berg aus. Doch als der Mond wieder vortrat, da war es, als hätten die
+Thürme in der Runde sich die Arme gereicht, und als führten sie um die
+Trümmer einen infernalen Reigen aus. Da ging es bergauf, bergab über die
+steilen Felsen und stöhnte und pfiff es dabei durch die Luft in
+unheildrohender Begleitung. Für Augenblicke leuchtete die Burg so auf, als
+stünde sie in Flammen, dann wieder versank sie in das Dunkel der Nacht.
+Mit Wirbelwind und Sturm, mit Blitz und Donner zog ein Gewitter von Westen
+heran: das mochte uns diese phantastischen Bilder vorgezaubert haben.
+Rasch breitete sich Finsterniß über das Land aus, nur das Meer dort hinten
+war noch in Silberglanz getaucht. Ein greller Lichtstrahl durchzuckte die
+Luft, ihm folgte ein betäubender Schlag, der die Grundvesten der Erde zu
+erschüttern schien. Wie geblendet standen wir da, während das Rollen des
+Donners sich entfernte. Dumpf tönte es noch fort in den nahen Bergen,
+prallte dort mit immer schwächerem Echo von den Felsen ab, kam dann wieder
+näher, um endlich in der Ferne zu verhallen. Hatte dieser grelle Blitz
+nicht die Burg getroffen, nicht jene schlanke Cypresse zertrümmert, die so
+stolz aus den Ruinen dem Himmel entgegenragte, als wolle sie ihm trotzen?
+– Doch dicke Regentropfen begannen zu fallen; es war hohe Zeit, den
+Rückzug anzutreten.
+
+ II.
+
+Jenes Gebirge, das sich im Osten von Hyères erhebt, bildete im neunten und
+zehnten Jahrhundert ein Bollwerk der Mauren. Nach ihnen führt es mit Recht
+den Namen; von seinen Höhen aus beherrschten sie die weite Küste. In
+orographischer Beziehung bietet das Maurengebirge ein hohes Interesse. Es
+stellt ein in sich abgeschlossenes Gebirgssystem dar, dessen Granite,
+Gneiße und Schiefer von dem umgebenden Kalkgebirge durch tiefe Thäler
+getrennt sind. Wie etwa die Alpen oder die Pyrenäen, besitzt das
+Maurengebirge sein eigenes, wenn auch nur kleines Flußsystem, seine
+eigenen Schluchten und Thäler. Es ist von der übrigen Provençe so
+geschieden, daß es auch, ferne von derselben, eine eigene Insel im Meere
+bilden könnte. Seit Kurzem folgt eine Eisenbahn (_Chemin de fer du Sud de
+la France_) der Küste, an dem Gebirge entlang. Diese Bahn mündet in
+St. Raphaël und schließt dort an die große Linie an, die Marseille mit
+Genua verbindet. Von den Stationen der Südbahn aus dringt man leicht in
+das Gebirge ein, und solche Ausflüge waren es, die uns in Hyères
+festhielten. Wir wurden nicht müde, wiederholt dieselben Strecken der
+Küste mit der Eisenbahn zu befahren; denn der Weg ist anmuthig und führt
+entweder durch schönen Wald oder am Meeresstrande entlang, mit
+fortwährendem Wechsel der Bilder. Der Anblick der Berge selbst bietet
+hingegen geringe Mannigfaltigkeit, da alle Kuppen abgerundet sind, nur
+wenig in ihrer Höhe schwanken und vierhundert Meter nicht übersteigen. Und
+doch ladet der üppige Wald auch da zu immer neuen Ausflügen ein. Wer
+Korkeichen zuvor nicht sah, wird freilich zunächst über diese Wälder
+staunen. Er erkennt wohl die immergrüne Eiche, doch ihre geschälten Stämme
+und Aeste bieten einen ungewohnten Anblick. Die Krone der Korkeiche
+gleicht derjenigen immergrüner Eichen, auch die Blätter sind wie bei
+diesen lederartig und nur durch ihre eiförmige Gestalt und geringe
+Zähnelung ausgezeichnet. Befremdend ist aber die rothbraune Farbe der
+abgeschälten Theile, die fast blutroth erscheinen, dort, wo die Sonne sie
+trifft.
+
+Die ganze Bevölkerung des Maurengebirges lebt von der Korkgewinnung. Steht
+auch der Kork, der an dieser Küste wächst, dem spanischen und algerischen
+an Güte nach, so bleibt er doch ein geschätzter Handelsartikel und bildet
+eine einträgliche Quelle des Erwerbes. Die Korkeiche muß, bevor sie
+geschält werden kann, eine bestimmte Dicke besitzen, die sie mit fünfzehn
+bis zwanzig Jahren erlangt. Der erste Kork ist rissig, spröde und wandert
+vorwiegend in die Gerbereien. Er wird, weil rauher und härter, als
+männlicher Kork bezeichnet. Dann erst bildet sich der glatte, weniger
+harte, brauchbare Kork, den man weiblichen nennt. Er wird alle acht bis
+sechzehn Jahre entfernt, je nach der Dicke, welche die Korkplatten
+erreichen sollen. Für gewöhnliche Stopfen reichen achtjährige Platten
+schon aus, während noble Champagnerpfropfen weit stärkere, bis 5
+Centimeter dicke verlangen; die Schälungen werden so lange wiederholt, bis
+der Baum ein Alter von hundertundfünfzig, ja selbst zweihundert Jahren
+erreicht hat. Dann sinkt der Werth seiner Produkte; es gilt, ihn durch
+jüngeren Nachwuchs zu ersetzen. – Hundertjährige Korkeichen sehen schon
+majestätisch aus und treten mit ihren mächtigen Kronen und knorrigen
+Stämmen eindrucksvoll aus der Umgebung hervor. Besonders gerne ruht auf
+ihnen das Auge, wenn sie am Bergesabhang stehen, oft malerisch um einzelne
+Felsblöcke gruppirt. Die Korkeiche wächst mit Vorliebe auf einem Boden,
+der aus verwittertem Granit und Schiefer entstand, während sie den
+Kalkstein meidet. Daher die Korkeichenwälder des Maurengebirges eine
+Culturinsel in der Provençe bilden, ähnlich wie das Gebirge selbst eine
+orographische Insel dort darstellt. In den umgebenden Kalkalpen wird man
+die Korkeiche nicht finden, nach ihr vergeblich in Mentone und in Nizza
+suchen, nur um Cannes trifft man sie noch stellenweise. Wie die
+Korkeichenwälder des Maurengebirges das Urgestein seiner Berge verrathen,
+so zeigen Kalkpflanzen den Kalk der angrenzenden Alpen an. Unter Umständen
+wird ganz vereinzelt eingestreutes Gestein in solcher Weise äußerlich
+durch den Pflanzenwuchs kenntlich. So fiel vor einigen Jahren dem
+Forstinspector de Saint-Venant in dem Walde von Orléans ein schmaler,
+kilometerlanger Streifen kalkholder Pflanzen auf, während die übrige Flora
+im Walde auf Kieselboden hinwies. Das regte ihn zu Ausgrabungen an, die in
+wechselnder Tiefe das Vorhandensein einer alten, mit Kalksteinen
+gepflasterten römischen Straße ergaben.
+
+Die Korkeichen werden im Maurengebirge während des Sommers geschält. Es
+geschieht das sowohl an den Stämmen wie an dicken Aesten, doch hier wie
+dort gleichzeitig nur an einzelnen Theilen; denn es gilt als schädlich,
+den ganzen Baum auf einmal zu entblößen. Besonders eigenartig sehen die
+entblößten Theile gleich nach geschehener Schälung aus; sie zeigen die
+Farbe des menschlichen Körpers. Erst allmälig dunkeln sie nach. Zur
+Vornahme der Schälung, die als »_démaclage_« bezeichnet wird, führt der
+Arbeiter zunächst zwei Schnitte rings um den Baum durch die ganze Tiefe
+der Korkschicht aus und verbindet diese Kreisschnitte durch Längsschnitte,
+deren Zahl sich nach der Dicke des Baumes richtet. Diese Operation führt
+er mit einer Axt aus, die einen keilförmig zugeschärften Stiel besitzt.
+Mit letzterem fährt er dann von den Einschnitten aus unter die Korkschicht
+und hebt sie ab. Dann beschwert er die Korkplatten mit Steinen, damit sie
+ihre Rundung verlieren, hält sie auch wohl über Feuer und kohlt ihre
+Oberfläche ein wenig an. Unter allen Umständen müssen die Korkplatten
+trocken werden, bevor man sie versendet.
+
+Der Kork ist das natürliche Schutzmittel der Pflanzen: sie schließen sich
+damit gegen die Umgebung ab. Die ältere Rinde aller unserer Sträucher und
+Bäume ist mit Kork bedeckt und dankt ihm ihre Färbung. Der Kork läßt Gase
+und Flüssigkeiten nicht durch, ist elastisch und sehr widerstandskräftig;
+das befähigt ihn nicht nur zu seiner Aufgabe an der lebenden Pflanze,
+sondern bedingt auch seine technische Brauchbarkeit. Wird eine Pflanze
+verletzt, so bildet sich Kork an der Wunde und schließt dieselbe ab: daher
+auch der neue Kork an der geschälten Korkeiche. Wie jedes andere Gewebe
+besteht der Kork aus Zellen. Ja, ein Korkstück war es, in welchem Robert
+Hooke im Jahre 1667 jene Kammern entdeckte, die er Zellen nannte, weil sie
+ihm den Zellen der Bienenwaben zu entsprechen schienen. Den Zellen eines
+fertigen Korkes fehlt freilich der lebendige Zellleib, jener Inhalt, der
+das Wesen einer Zelle ausmacht. Den büßt die Korkzelle bald nach ihrer
+Entstehung ein, um nur noch mit ihrer verkorkten Wandung als Schutzmittel
+der Pflanze zu dienen. Eine bestimmte lebendige Gewebeschicht innerhalb
+der Rinde, das sogenannte Korkcambium, bildet durch fortgesetzte
+Vermehrung ihrer Zellen den Kork. Jüngere Korkzellen folgen in geraden
+Reihen nach innen zu auf die älteren. Ihre Gestalt ist bei der Korkeiche
+annähernd würfelförmig: gegen Schluß jeder Vegetationsperiode flachen sie
+sich tafelförmig ab. Der »weibliche« Kork der Korkeiche zeichnet sich
+durch die Dünnwandigkeit seiner Zellen und große Gleichförmigkeit in
+seinem Bau aus; nur am Schluß jeder Vegetationszeit entstehen wenige Lagen
+stärker verdickter, abgeflachter Zellen. Diese letzteren sind es, welche
+die dunklen Streifen bilden, die man in jedem Flaschenstopfen erkennen
+kann. Da die dunkleren Lagen die Grenzen des jährlichen Zuwachses
+anzeigen, so kann man das Alter einer jeden Korkplatte an ihnen abzählen,
+ganz ebenso wie sich aus der Zahl der Jahresringe im Holz dessen Alter
+bestimmen läßt.
+
+Ist eine Korkeiche geschält worden, so bildet sich ein neues Korkcambium
+unter den freigelegten Flächen und hebt mit neuer Korkbildung an. Freilich
+darf die Schälung nur den Kork entfernen, nicht den Bast oder gar den
+Holzkörper erreichen, weil das schwere Wunden gibt, die sich nur langsam
+schließen und lange die Korkproduction an der beschädigten Stelle
+beeinträchtigen. Ist ein Stamm niemals geschält worden, so zeigt er gleich
+anderen Eichenarten eine rissige Rinde, deren äußerste Schichten er nach
+und nach als Borke abwirft. Auch der am geschälten Baum erzeugte Kork darf
+nicht ein gewisses Alter übersteigen, da er sonst an der Außenseite rissig
+und unbrauchbar wird.
+
+In den westlichen Theilen des Maurengebirges gibt es keinen schöneren Ort
+als Bormes, von Hyères aus mit der Bahn in einer Stunde zu erreichen. Man
+steigt dort vom Strande aus zum Hügel empor, an den das kleine Städtchen
+amphitheatralisch sich lehnt. Seine Häuser sind in verschiedener Höhe
+verstreut, hier einzeln, dort in Gruppen, als hätten sie um die Wette den
+Berg zu erklimmen versucht. Den Ort beherrscht eine alte Burg, deren graue
+Ruinen sich eindrucksvoll abheben von dem dunklen Grün des hinterliegenden
+Waldes. Der Abhang ist mit aromatischen Kräutern bewachsen, und jeder
+Schritt befreit aus ihnen duftende Oele. Ganze Flächen werden violett
+gefärbt durch die wilde Lavendel (_Lavandula Stoechas_). Sie tritt hier so
+massenhaft auf, daß ein benachbarter Ort den Namen Lavandou nach ihr
+führt. – Wir steigen weiter hinauf in den Wald, in Korkeichen, Kiefern und
+immergrüne Sträucher. Auch da steht jetzt Alles in Blüthe. Die Luft ist
+erfüllt mit Wohlgerüchen, und den Kiefern, die man berührt, werden dichte
+Wolken von Blüthenstaub entlockt. – Immer großartiger entfaltet sich die
+Aussicht auf die dunklen Ruinen, das hellglänzende Städtchen und das blaue
+Meer, in das eine Landzunge sich weit vor uns fortsetzt; gegen Osten
+blicken wir in die Rhede von Bormes hinein; gegen Westen zeigt sich die
+Rhede von Hyères, und über eine schmale Halbinsel hinweg erreicht das Auge
+auch den Golf von Giens. In glänzender Färbung leuchten uns diese Buchten
+entgegen. Die östliche Bucht tönt sich jetzt ab in hellem Blau, die Rhede
+von Hyères scheint von flüssigem Silber zu sein, während die Fluthen des
+Golfs von Giens den rothen Abendhimmel widerspiegeln. Wir sättigen uns an
+dieser Farbenpracht und lassen das geblendete Auge dann auf dem dunklen
+Grün der fernen Wälder ruhen. Sanft breitet der purpurne Schein sich aus
+über das ganze Meer, und in dem Glanz der Abendsonne schimmern jetzt die
+goldenen Inseln von Hyères wirklich so, als wären sie von Gold.
+
+In Bormes sind vor den Häusern große Mengen von Kork aufgeschichtet. Wir
+treten in ein Haus ein, in dem Kork geschnitten wird, und sehen uns,
+freundlich empfangen, die Arbeit an. Der Mann macht Stopfen mit Hülfe
+einer Drehbank. Er fügt eckige Korkstücke in dieselbe ein, versetzt sie in
+Drehung und rückt eine Art Hobel heran, der das Korkstück schneidet. Große
+Uebung verlangt das sichere und rasche Einfügen der Korkstücke in die
+Drehbank, so daß sie gleich richtig centrirt sind. Ist der Arbeiter
+geschickt, so macht er Hunderte von Stopfen in der Stunde, während er es
+früher beim Schneiden aus freier Hand kaum auf tausend Stück im ganzen Tag
+bringen konnte. Die Korkplatten müssen mit Wasser gebrüht werden, ehe man
+sie in die eckigen Stücke zerlegt. Sie schwellen dabei nicht unwesentlich
+an. Die Längsachse der Stopfen entspricht der Längsrichtung der Platten;
+man muß sich somit die Stopfen in der Rinde des Baumes aufrecht stehend
+denken.
+
+Die Abfälle beim Schneiden der Stopfen sind durchaus nicht werthlos. Sie
+können zum Polstern dienen und werden auch wohl verkohlt, um eine schwarze
+Farbe, das _nigrum hispanicum_, oder um Zahnpulver zu liefern. Gepulverter
+Kork, mit verdicktem Leinöl angerührt und auf wasserdichtes Segeltuch
+aufgetragen, gibt den als Linoleum bezeichneten Korkteppich, mit dem man
+die Fußböden deckt.
+
+Die allgemeine Verwendung des Korkes für Flaschenverschluß greift nicht
+weiter als in das siebzehnte Jahrhundert zurück. Sie fällt zusammen mit
+der Verbreitung unserer enghalsigen Glasflaschen, die man kaum vor dem
+fünfzehnten Jahrhundert herzustellen begann. Im Mittelalter wurden kleine
+Gefäße aus Holz, Thon oder Metall verfertigt und mit Zapfen von gleichem
+Stoff verschlossen oder auch nur mit Wachs verklebt. Die Fässer
+verspundete man mit Holzpflöcken. Die Alten benützten zum Verschluß ihrer
+Amphoren sowohl Holz- als auch Korkstopfen, die sie mit einem Kitt aus
+Harz, Kreide und Oel oder auch mit Pech umgaben. Häufiger noch wurde die
+Oeffnung dieser Gefäße nur mit Gyps, mit Harz, Pech oder Wachs
+zugeschmiert. Auf den Wein gossen sie Oel, so wie das heute noch in
+Italien geschieht, und suchten ihn so vor Luftzutritt zu schützen. Nach
+Plinius dienten den Römern Korkstücke auch schon als Schwimmer an den
+Fischnetzen und als Bojen an den Ankern; nicht minder wurden die
+Schuhsohlen für Frauen aus diesem Stoffe bereits hergestellt.
+
+ III.
+
+Tief in das Maurengebirge schneidet der Golf von St. Tropez, der Sinus
+Sambracitanus der Alten, ein. An seinem Ufer sieht man schon aus der Ferne
+die Häuser von St. Tropez in bunten Farben schimmern. Von dort aus
+erscheint die Meeresbucht wie ein geschlossener See. Ihre azurnen Fluthen
+haben die Klarheit und den Schmelz eines dunklen Saphirs. Man blickt über
+dieselbe ins Maurengebirge hinein. Scharf stechen seine Höhen vom
+nördlichen Himmel ab. Im Osten wird das Bild in duftiger Ferne durch die
+zackigen Gipfel des Esterels begrenzt. Ueber diesen, hoch in den Wolken,
+glänzt der Schnee der Alpen. Hier an dem blauen Golf hat einst die
+Heraclea Cacabaria gestanden. Ein Herculestempel, so heißt es, gab der
+Stadt den Namen. Das Land war von Camatullikern bewohnt. – Dann schildert
+die Sage, wie im Jahre 66 n. Chr. an jenen Strand der Körper des heiligen
+Tropez gelangte. Dieser hatte unter Nero hohe Würden bekleidet; sein
+Vetter, Salvius Otho, wurde im Jahre 69 n. Chr. zum Kaiser proclamirt. Er
+selbst legte alle seine Aemter nieder, nachdem ihn der Apostel Paulus zum
+Christenthum bekehrt hatte, und zog sich nach Pisa zurück. Dort ließ eines
+Tages Nero unter einer ehernen Himmelsdecke mit großem theatralischem Pomp
+Diana und Apollo anbeten. St. Tropez weigerte sich dessen, er wurde
+ergriffen, auf Befehl von Nero gemartert, enthauptet und sein Körper dann
+auf einem schlechten Nachen in das Meer gestoßen. Ein Hund und ein Hahn,
+die man zugleich in den Nachen setzte, sollten sich an dem Körper weiden.
+Doch weder der Hund noch der Hahn berührten den Heiligen, sie stellten
+sich als Wächter an dessen Körper auf. Ein Engel ließ sich am Steuer
+nieder und führte den Nachen sicher durch die Fluth bis nach Heraclea.
+Durch das Krähen des Hahnes gerufen, sammelten sich dort die Christen am
+Strande und nahmen den Körper des Heiligen mit hohen Ehren auf.
+
+Im neunten Jahrhundert wurde das alte Heraclea von den Saracenen zerstört,
+und nur antike Mauern und Gräber zeigen den Ort noch an, auf dem es einst
+gestanden. Das heutige St. Tropez reicht nicht weiter als bis in das
+fünfzehnte Jahrhundert zurück. Es verdankte sein Aufblühen genuesischen
+Familien, die sich hier niederließen. Zahlreiche Wachtthürme um die Stadt,
+sowie die Festungswerke über derselben zeigen an, daß St. Tropez sich oft
+noch gegen Seeräuber und andere Feinde zu vertheidigen hatte. Heute wird
+es nur noch durch Zollwächter geschützt, die von den Höhen aus den Strand
+überwachen. So verändern sich die Zeiten; früher mußte der Ort die
+Corsaren abwehren, die ihn berauben wollten, heute sich gegen die
+Schmuggler schützen, die ihn gern versorgen möchten.
+
+St. Tropez ist ein Hauptort des Korkhandels geworden; zahlreiche Schiffe
+werden mit dieser Waare beladen, die aus allen Theilen des Maurengebirges
+hier zusammenströmt.
+
+Zum klimatischen Kurort dürfte St. Tropez wohl schwerlich jemals erhoben
+werden, denn es ist zu sehr den Winden ausgesetzt. Gegen das offene Meer
+deckt das vorspringende Cap den Hafen, doch der Mistral und der Ostwind
+treiben die Fluthen des Golfes in denselben hinein. Daß bei heftigem Sturm
+die Wellen bis auf den Uferdamm vordringen, das zeigt der eigenartige Bau
+mancher dort stehender Häuser an. Sie sind unten ohne Fenster, nur mit
+kleinen, dicht schließenden Thüren versehen, zugleich ausgehöhlt, so wie
+der Fuß eines Leuchtthurmes, der dem Meere trotzt. – Von den Winden
+abgesehen, besitzt das meerumspülte Vorgebirge ein sehr mildes Klima. Der
+bekannte Geologe Elie de Baumont hat dieses Stück Land als die Provençe
+der Provençe bezeichnet. Seine Vegetation ist üppig. Kiefern und
+immergrüne Eichen decken die Höhen; die Abhänge werden von mächtigen
+Kastanienbäumen beschattet, deren Früchte in ganz Frankreich als »_Marrons
+de Lyon_« beliebt sind. Hier und dort streckt auch eine Palme ihr
+schlankes Haupt über eine Mauer hervor; doch man sieht es ihr an, daß sie
+oft vom Winde gepeitscht wird. Den Ufern der Bäche folgen
+Oleandersträucher und Vitexbüsche. Mit den schönen Blüthen des Oleanders
+schmückten sich und schmücken sich heute noch in Griechenland auf dem
+Lande die Frauen, auch benutzt man bei uns Oleanderblätter zur Verzierung
+der Speisen, während thatsächlich der Milchsaft dieser Pflanze ziemlich
+giftig ist. Von dem schmalblätterigen Vitexstrauch hieß es einst, daß er
+die Sinnlichkeit unterdrücke, daher erhielt er seinen keuschen Namen:
+_Vitex agnus castus_. Die atheniensischen Frauen bestreuten mit
+Vitexblättern ihre Ruhelager zur Zeit der Thesmophorien, jenen mysteriösen
+Festen zu Ehren der Göttin Demeter, von denen alle Männer ausgeschlossen
+waren. Heute scheint der _Vitex agnus castus_ seine früheren Kräfte
+eingebüßt zu haben; nur seine scharf gewürzhaften Steinfrüchte gebraucht
+man im Süden noch häufig als Pfeffer. Der Oleander hat sich sogar einem
+noch weniger poetischen Verlangen anbequemen müssen, denn die Landleute um
+Nizza benützen seine gepulverte Rinde, um Ratten und Mäuse zu vertreiben.
+
+Im Hôtel Continental zu St. Tropez wird noch nach alter Art gelebt. Guter
+Tischwein steht zu gemeinsamer Benutzung auf der Tafel. Man fragt den
+Nachbar erst, ob er zu trinken wünscht, bevor man sich selbst einschenkt.
+Das Dienstpersonal wird in einige Verwirrung versetzt, wenn man nach der
+Weinkarte verlangt. – Da figurirten als Vorspeisen bei der Mahlzeit außer
+Salami, Oliven, Sardinen und anderen allgemein europäisch gewordenen
+Dingen, auch Seeigel, ein Leckerbissen, den ich bisher an keiner
+regelrechten »_table d’hôte_« gesehen hatte, und den ich auch gerne
+Anderen überlasse; er dient mir nur als Beweis, daß der Mensch das ärgste
+aller Raubthiere ist. Da werden Tausende weiblicher Seeigel gefangen,
+aufgebrochen und im Grunde genommen vergeudet: man wirft den ganzen Körper
+fort und verzehrt nur das Bißchen Eierstöcke. Dabei wird eine ungezählte
+Brut zerstört. Diesen orangerothen, faden Schleimmassen konnten wir keinen
+Geschmack abgewinnen; doch darüber läßt sich ja streiten. – In wahres
+Entzücken wurden unsere Tischgenossen stets versetzt durch
+»_Bouillabaise_«. – Nach dieser Speise sehnt sich stets der Provençale,
+auch wenn er einen anderen Theil von Frankreich bewohnt. – Die Wirthin
+suchte es ihren Gästen an den Augen abzusehen, ob ihnen die _Bouillabaise_
+schmecke; kann diese doch allein das Renommée eines Hauses begründen. Wie
+sie uns servirt wurde, bestand sie aus Langusten und Seefischen. Die
+Wirthin machte aus deren Zubereitung auch kein Geheimniß. Sie habe, sagte
+sie, zunächst etwas Knoblauch, Lorbeerblätter und weißen Pfeffer in
+Olivenöl in einer Casserolle geröstet, dann ein Glas Weißwein darauf
+gegossen, die Langusten, Fische und soviel Wasser, daß sie bedeckt waren,
+dazu gethan, Alles mit Salz und Pfeffer weiter gewürzt, hierauf zwanzig
+Minuten lang kochen lassen und mit einer Messerspitze Safran den Schluß
+gemacht. Ihre _Bouillabaise_ war dann fertig. Die Langusten und Fische
+kamen in eine tiefe Terrine und wurden mit der Brühe, in welcher auch
+Weißbrodschnitte geweicht hatten, übergossen. – Die _Bouillabaise_ fand
+ungetheilten Beifall. Die Wirthin meinte, für Franzosen allein lohne es
+sich zu kochen, während Ausländer mit demselben Gleichmuth gute und
+schlechte Speisen verschlängen: Das sei für eine sorgsame Wirthin
+entmuthigend. Darauf mein Tischnachbar in längerer Rede entwickelte, daß
+er nicht einsehen könne, weswegen man ein Sinnesorgan gegen die anderen
+zurücksetzen solle. Man könne eine dumme Zunge haben, ebenso wie ein
+dummes Auge oder ein dummes Ohr. Ein Mensch, der Karpfen von Steinbutte
+nicht zu unterscheiden wisse, flöße ihm nicht mehr Ehrfurcht, als ein
+solcher ein, der Van Dyck mit Raphael oder Gounod mit Wagner verwechsle.
+
+War das Essen auch gut, der übrige Comfort des Hauses ließ doch etwas zu
+wünschen übrig, so daß wir, trotz solcher culinarischer Genüsse, uns
+zeitweise nach einem anderen Unterkommen sehnten.
+
+Eine Straßenbahn verbindet jetzt St. Tropez mit La Foux, einer Station der
+südfranzösischen Bahn. Der Weg führt an dem Schlosse von Bertaud und vor
+dessen Thoren an einer mächtigen Pinie vorbei, deren Stamm wohl sechs
+Meter im Umfang mißt. Es dürfte eine der größten Pinien sein, die jetzt
+existiren, und wohl mancher Saracene hat schon in ihrem Schatten gelagert.
+Der Baum steht mitten auf der Straße, der »_route nationale_«, und es ist
+zu loben, daß ihn die Ingenieure schonten. Die Straßenbahn setzt sich über
+La Foux nördlich bis Cogolin fort, und von da aus kann man auf der
+Chaussee La Garde Freinet erreichen. Dort hatten einst schon die Römer
+einen Militärposten errichtet, der die Verbindung zwischen dem Sinus
+Sambracitanus und der etwas nördlicher durchs Gebirge ziehenden Via
+Aureliana überwachen sollte. Der Ort liegt in einem Engpaß zwischen zwei
+Bergen, und dort setzten sich auch die Mauren im Jahre 850 fest, nachdem
+sie St. Tropez zerstört hatten. Sie sicherten sich so den Zugang zum Meere
+und beherrschten zugleich das Gebirge. Die Festung, die sie erbauten,
+wurde Fraxinetum genannt, und dieser Name dann auf alle ähnlichen
+maurischen Festungen übertragen. Hier häuften sie die geraubten Schätze
+an, um sie später übers Meer nach Afrika zu schaffen. Wilhelm I., Graf von
+Arles, unterstützt von zwei provençalischen Edelleuten, Bavon und
+Grimaldi, stürmte und eroberte im Jahre 973 die Veste. Alle Mauren, die
+dem Schwert entgingen, wurden nebst Weibern und Kindern zu Sclaven
+gemacht. Die Veste schwand von der Erde, und nur einige Mauerreste, die
+Epheu heute deckt, sowie eine tiefe, in Fels gehauene Cisterne, zeugen
+dafür, daß sie einst gewesen.
+
+Als Preis der Tapferkeit und Lohn für die erwiesenen Dienste erhielt
+Grimaldi von Wilhelm I. das ganze Land, welches die Mauren am Sinus
+Sambracitanus besaßen. Da ragen denn noch heute, als Wahrzeichen aus jener
+Zeit, auf dem Berge, der die Thalmündung beherrscht, die Trümmer der Burg
+Grimaud in den Himmel. Zwei Thürme auf steilem Abhang, durch Mauerreste
+verbunden, scheinen über dem Abgrunde zu schweben, die übrige Burg ist
+zerstört; doch unter ihr, wenn auch ihres Schutzes beraubt, in üppiges
+Grün gehüllt, klammert sich der kleine Ort Grimaud noch immer an den
+Felsen.
+
+Von La Foux aus östlich folgt die Südbahn weiter allen Ausbuchtungen der
+Küste. Jetzt eilt sie dem Meere zu, und St. Tropez am jenseitigen Ufer
+scheint immer näher zu rücken; dann wendet sie sich landwärts, und das
+Esterel taucht plötzlich am Horizonte auf. Das Maurengebirge rückt dicht
+ans Meer heran, der Wald erreicht die Küste. Immer schwelgerischer
+entwickelt sich hier seine Pracht. Aus den immergrünen Eichen und
+Seestrandkiefern leuchtet die baumartige Erica mit ihren weißen
+Blüthenmassen hervor. Ueberall sieht man den Erdbeerbaum seine
+lorbeerartigen Blätter ausbreiten. Dunkler Epheu rankt an den Stämmen in
+die Höhe, und üppige Waldreben verbinden die Baumkronen durch helle
+Laubguirlanden. Dieses herrliche Bild verlockt uns, die Fahrt zu
+unterbrechen; wir steigen in La Gaillarde aus und setzen unseren Weg zu
+Fuß fort. Wir folgen dem Ufer. Die Strandkiefer taucht ihre Wurzeln fast
+in die Wellen; oft neigt sie sich über die Fluth, als wollte sie ihr Bild
+in der spiegelnden Fläche betrachten. Das Land wird hier geschmückt von
+der See mit einem Saum silberschäumender Wogen, dafür flicht ihr das Land
+einen Kranz aus immergrünem Walde. Zerrissene Felsen springen am Strande
+vor und verlieren sich weit in den Fluthen. Das Esterel ist uns ganz nahe
+gerückt. Es zeigt denselben reich bewegten Umriß, dem wir so gerne von
+Antibes aus folgten. Dieser Gebirgszug ist so schmal, daß die nämlichen
+Höhen von Osten wie von Westen das Bild bestimmen. In Antibes sieht man am
+Abend die Sonne hinter dem Esterel verschwinden; dann hüllen sich seine
+Gipfel in dunkelblaue Schatten und stechen mit scharfen Umrissen gegen den
+Abendhimmel ab. Hier sind sie jetzt mit Licht übergossen; die schwindende
+Sonne senkt ihre Strahlen in die Thäler hinein, sie gestaltet und modelt
+die einzelnen Berge, vergoldet die Gipfel, spart blaue Schlagschatten in
+den Tiefen aus, entzündet ganze Dörfer, wirft Irrlichter in die einzelnen
+Häuser hinein und taucht schließlich Alles in purpurne Gluth. – Hier bei
+St. Aigulf am Strande ließ sich Carolus Duran nieder, und der Ort ist wohl
+angethan, eines Malers Seele mit farbigem Glanz zu erfüllen! – Plötzlich
+öffnet sich vor uns das weite, von dem Fluß Argens in zahlreichen
+Windungen durchströmte Thal, durch welches das Maurengebirge von dem
+Esterel geschieden wird. Der Teich von Villepey und die Windungen des
+Flusses glänzen wie metallene Spiegel. In Fréjus ertönen die Abendglocken;
+vom jenseitigen Ufer des Golfs sendet uns der Leuchtthurm von St. Raphaël
+einen ersten noch blassen Strahl entgegen.
+
+ IV.
+
+Wir wandern jetzt auf classischem Boden. Ist doch Fréjus das alte Forum
+Julii, dem Julius Caesar den Namen gab. Augustus vollendete den Hafen, der
+die Stelle von Lagunen einnahm, und gab dem Orte einen Pharus. Agrippa
+ließ einen Aquäduct und ein Amphitheater erbauen; siedelte hier auch
+Soldaten der achten Legion an, was zu der späteren Benennung Colonia
+Octavanorum führte. Die Stadt wuchs rasch in Größe und Bedeutung; sie maß
+fünftausend Schritte im Umfang. Der Hafen war so ausgedehnt, daß er im
+Jahre 31 v. Chr. die zweihundert Galeeren aufnehmen konnte, die Octavian
+in der Schlacht bei Actium Antonius abgenommen hatte. Was für ein
+farbenprächtiges Bild mag das gewesen sein, als die Flotte des Antonius
+diesen Hafen füllte, als mächtige römische Bauten sich in seinen Wellen
+spiegelten, und weithin sichtbar durch das Thal der Aquaeduct in kühnen
+Bögen den fernen Bergen zueilte. – Fréjus blieb unter den Kaisern die
+wichtigste Flottenstation an diesem Gestade, dann aber begannen traurige
+Zeiten. Der _Amnis argenteus_, der heutige Argens, füllte langsam den
+Hafen mit Schlamm und Erde an. Im zehnten Jahrhundert konnten nur noch
+kleine Schiffe Zuflucht in demselben finden. Dann kamen die Saracenen und
+schleiften 940 die Befestigungen der Stadt. Im fünfzehnten Jahrhundert
+wurde Fréjus von Corsaren verbrannt, dann im sechzehnten Jahrhundert
+nochmals unter Carl V. geplündert. Der Hafen schwand allmälig, und an
+seiner Stelle bildeten sich weite Sümpfe aus, welche mit tödtlichen
+Miasmen die Gegend erfüllten. Ein Bild solchen Elends fand Aubin-Louis
+Millin im Beginn dieses Jahrhunderts hier vor. Die Straßen waren leer, die
+Häuser unbewohnt, die wenigen Menschen, die man sah, gingen mit blassen
+fahlen Gesichtern, hohlen Wangen, eingefallenen Augen umher. Man meinte,
+in einem großen Krankenhaus zu sein. »Wir nahmen Wohnung«, schreibt
+Millin, »in der besten Herberge: es war ein verpestetes und ekelerregendes
+Haus, in dem man den Aufenthalt als Strafe betrachten mußte. Schrecklicher
+Schmutz herrschte in ihm. In schlecht gespülten Gefäßen wurde uns fauliges
+Wasser dargereicht; ganze Schwärme von Fliegen belagerten die mit ranzigem
+Oel bereiteten Speisen. Den Sümpfen entstiegene Mücken und Schnacken
+peinigten uns mit ihren Stichen; des Nachts wurden wir von nicht minder
+zudringlichen, aber noch ekelhafteren Thieren aufgezehrt. Unser Blut war
+in fortwährender Wallung. Es können hier wirklich nur solche Menschen
+leben, die an derartige Plagen gewöhnt sind; uns erschienen sie als das
+größte Unheil, das einem menschlichen Wesen begegnen kann. Wir bedauerten,
+daß der Wissensdrang, der uns trieb, historisch berühmte Stätten
+aufzusuchen, uns an diesen elenden Ort geführt hatte, und wir wünschten
+denselben so bald als möglich verlassen zu können.« – Seitdem haben sich
+die Zustände in Fréjus gebessert. Abzugscanäle sind entstanden, welche die
+Umgegend entwässern und dadurch gesünder machen; der Ort selbst ist zwar
+auf ein Fünftel seiner früheren Größe zusammengeschmolzen, sieht aber
+ziemlich freundlich aus. Wer freilich tieferen Eindruck von den
+Ueberresten aus der classischen Zeit erwartet, der wird enttäuscht sein.
+Es blieb nur wenig davon zurück, zu wenig, um Achtung zu gebieten oder gar
+künstlerisch anzuregen. Nur die zerrissenen Bogen des Aquäducts draußen in
+den Feldern, mit ihrem Schmuck von kletternden Pflanzen, sind ästhetisch
+wirksam. Der Argens war so fleißig bei der Arbeit, daß heute eine weite
+sandige Fläche Fréjus vom Meere trennt; die Trümmer des alten römischen
+Leuchtthurms ragen jetzt anderthalb Kilometer vom Strande entfernt aus dem
+Boden hervor. So ist der alte Glanz von Fréjus für immer geschwunden, und
+was von demselben zurückblieb, vermag solchen Eindruck wie die Denkmäler
+von Nîmes und von Arles auf uns nicht zu machen. Doch erhebt uns auch hier
+das Gefühl, classischen Boden unter den Füßen zu haben. Wir schauen dann
+hinaus in das blaue Mittelmeer, an dessen Ufern jene mächtige Cultur
+erstarkte, welche die Welt erobert hat. Wir suchen das Band mit der
+Vergangenheit enger zu knüpfen und werden uns im Geiste wieder bewußt, daß
+jene allgemein menschlichen Gedanken und Gefühle, die hier zum ersten Mal
+zur bewußten Empfindung und Gestaltung gelangten, auch heute noch unser
+Denken und Fühlen beherrschen.
+
+Römische Villen füllten jenen Strand, an dem heut St. Raphaël sich erhebt.
+Die römischen Patricier bevorzugten überhaupt dieses schöne Land. Es war
+das ihre Provincia Romana par excellence, diejenige, die sie meinten, wenn
+sie kurzweg von Provincia sprachen, und sie behielt den Namen der
+Provence. Am Strande von St. Raphaël ließen sich nach den Römern die
+Tempelritter nieder und bauten jenen viereckigen Thurm, der auch heute
+noch die alte Kirche zu schützen scheint. Im Jahre 1799 landete hier
+Bonaparte, als er von Aegypten kam, und hier auch verließ er das Land, um
+1814 nach Elba zu gehen. Es trifft somit nicht ganz zu, wenn behauptet
+wird, Alphonse Karr habe St. Raphaël entdeckt: richtig aber ist, daß er
+unter den französischen Schriftstellern der erste war, der sich hier
+niederließ, daß ihm bald andere Celebritäten der Litteratur und Kunst
+folgten, und daß der neue Aufschwung von St. Raphaël mit jener Zeit
+begann. Was aber alle jene Künstler und Schriftsteller hier suchten, das
+war der stille abgelegene Ort, an dem man Blumen, Sonne und Meer genießen
+kann, ohne von anderen Menschen gestört zu werden. Sie alle flohen den
+Lärm des großstädtischen Nizza und des übereleganten Cannes. »Wenn ich
+eine große Stadt lieben möchte,« pflegte Alphonse Karr zu sagen, »zöge ich
+zurück nach Paris.« Auch ist es im Sommer hier kühler als jenseits des
+Esterel, und der sandige Strand ladet dann zum erfrischenden Bade ein;
+daher sich St. Raphaël immer mehr zum sommerlichen Seebad entwickelt. Im
+Winter ist es zu sehr den Winden ausgesetzt. Das sollten auch wir noch
+erfahren. Schon am Abend bei unserer Ankunft begann sich Ostwind zu
+erheben, am nächsten Tage wehte er mit Macht und war von heftigem Regen
+begleitet. Gegen dieses Unwetter ließ sich im Freien nicht ankämpfen. Der
+Wind trieb die Regentropfen fast wagrecht durch die Luft. Das dauerte so
+zwei Tage. Starker Ostwind ist hier meist mit Regen gepaart, somit
+traurig. Ganz verschieden gebärdet sich sein Widersacher, der nördliche
+Mistral. Er ist trocken und daher weit heiterer. Er fegt den Himmel rein
+und pfeift bei Sonnenschein. Er bläst nicht in langen Zügen, sondern in
+abrupten Stößen, er klingt donnerartig und rüttelt an den Gebäuden. Der
+Ostwind hingegen bläst stärker oder schwächer, doch ohne Unterbrechung
+fort; seine Stimme ist mehr ein Klagen, so daß man bei Nacht langgedehnte
+Schluchzer zu hören meint. In der zweiten Nacht, die auf unsere Ankunft
+folgte, entlud sich ein polterndes Gewitter, das mit dumpfem Dröhnen die
+Thäler erfüllte und zuckende Flammen auf die Meeresfläche warf; als der
+Morgen aber kam, da strahlte die Sonne wieder hell in unser Zimmer hinein.
+Das Meer tobte weiter, und wir zogen hinaus, um seinen Anprall gegen die
+Felsen des Strandes zu sehen. – Zu den Wahrzeichen von St. Raphaël gehören
+seine beiden Löwen: »_le lion de terre_« und »_le lion de mer_«, zwei
+rothe Porphyrfelsen, die gleichsam Wache an dem Strande halten. Der
+Seelöwe hat sich weiter in das Wasser hinausgewagt, der Landlöwe dicht am
+Ufer gelagert. Sie lauern da wie apokalyptische Thiere und trotzen seit
+Ewigkeit der nagenden Kraft der Wellen. Jetzt stürmt das Meer mit Macht
+gegen diese Felsen an, wälzt seine Wogen über sie hinweg und wirft mit
+Getöse schäumenden Gischt hoch an ihnen empor. Ueber den Porphyrlöwen im
+blauen Himmelsraum, da wiegen sich aber die Möven. Wie gerne folgt ihnen
+das Auge, diesen muthigen Vögeln, wenn sie mit breitem und mächtigem
+Flügelschlag die Luft durchschneiden. Jetzt segeln sie gegen den Wind,
+jetzt wiegen sie sich an der Stelle, jetzt schießen sie herab in die
+Fluth, um ihre Beute zu fassen; mit ihr schwinden sie in der Ferne, oder
+sie lassen sich nieder auf der schaukelnden Welle, ein weißer Punkt mehr
+inmitten der weißen Kämme. Da hinten in der See taucht plötzlich eine
+Herde von Delphinen aus den Wellen hervor. Sie zeigen zuerst ihren Kopf,
+überschlagen sich fast in der Luft und schießen hinunter in die Tiefe. Sie
+bringen Humor in das großartige Schauspiel: sie sind die Clowns des
+Meeres.
+
+Die Straße, die von St. Raphaël in östlicher Richtung dem Meeresstrande
+folgt, führt an Landhäusern vorüber, die manchen bekannten Namen tragen.
+Da ist die »_maison close_«, das geschlossene Haus, welches Alphonse Karr
+sich schuf, um der aufdringlichen Welt zu entgehen. Hier in »_Oustalet dou
+Capelan_« hat Charles Gounod sich abgesondert, und über der Eingangsthür
+liest man: »_L’illustre maître, Charles Gounod composa Roméo et Juliette à
+l’Oustalet dou Capelan, au printemps de 1866_«, und Jules Barbier, sein
+Librettist, der nebenan ein Landhaus besitzt, fügte darunter hinzu: _Hic
+Divum Romeo scripsit Gounod meus 1866. Ingenio haut amicitia impar_.«
+Gounod weilte mit Vorliebe in St. Raphaël; »ich finde hier,« meinte er
+oft, »den Golf von Neapel vor, mit der Campagna von Rom im Hintergrunde.«
+
+Ist die Lage von St. Raphaël wirklich so schön, als es Gounod empfand? Ich
+kann das nicht behaupten, so wenig ich auch sonst diesem Ort den ihm
+zukommenden Reiz absprechen möchte. Mir fehlt hier der volle Blick auf das
+Esterel, und ich fühle mich nicht hinlänglich dafür entschädigt durch die
+Aussicht auf das Maurengebirge und jenes Thal des Argens, das Gounod mit
+der Campagna von Rom vergleicht. Lieber würde ich doch dem Beispiel von
+Carolus Duran folgen und mich dort drüben in St. Aigulf niederlassen, an
+dem waldigen Strande, von dem aus man am Abend das zackige Esterel in
+Purpur leuchten sieht.
+
+ V.
+
+Hingegen bildet St. Raphaël einen vorzüglichen Standort für Ausflüge in
+das Esterel-Gebirge. Und dieses Gebirge ist sicher des Besuches werth; es
+gehört zu den Juwelen der Riviera: sein malerischer Reiz wird durch die
+Porphyre bedingt, die als nackte Felsenmassen dem Boden entsteigen. Um
+diese Porphyre und anderes eruptives Gestein sind Schiefer emporgerichtet.
+Allseitig wird das Esterel durch tiefe Thäler von den Alpen und durch das
+Thal des Argens auch von dem Maurengebirge getrennt. Noch zu Anfang dieses
+Jahrhunderts wagte man sich nur mit Schrecken in das Esterel hinein, jetzt
+wandelt man in demselben sicherer als in den Anlagen mancher großen Stadt.
+– Unser erster Besuch sollte dem höchsten Punkt des Gebirges, dem Mont
+Vinaigre gelten, dessen Gipfel sich 616 Meter hoch über den Meeresspiegel
+erhebt. Wir hofften von dieser Höhe das ganze Esterel zu überblicken und
+wollten dort unseren Plan für weitere Ausflüge entwerfen. – Wir brachen
+von St. Raphaël auf, als der Morgen graute. Der Weg führte gegen Norden
+zunächst nach Valescure. Dort am Abhang der Berge, in dem kühlen Walde,
+pflegten schon römische Familien den Sommer zu verbringen, wenn die Hitze
+des Tages in Forum Julii unerträglich wurde. _Vallis curans_, das Thal,
+welches Genesung bringt, muß, wie sein Name sagt, als besonders gesunder
+Aufenthaltsort gegolten haben. Diesen alten Ruf möchte man auch heute noch
+ausnutzen und durch den verheißungsvollen Klang des Namens neue Bewohner
+hier anlocken. Man wandert in Valescure auf fertig angelegten Straßen,
+»_Grands Boulevards_« mit hochtönenden Namen; der Wald ist in Parkanlagen
+verwandelt; große Hôtels hoffen auf Gäste, Musikpavillons warten auf
+Musikanten. Doch die Besucher bleiben noch aus. Woher auch sollen sie
+kommen, diese Millionäre, um allen Grundstückspeculanten zu Gefallen die
+ganze Riviera von Toulon bis Ventimiglia mit Villen zu bedecken? Mit dem
+Augenblick, wo der Bau der Südbahn beschlossen war, bemächtigten sich
+Actiengesellschaften aller Punkte am Strande, die durch schöne Aussicht
+aller Punkte auf der Höhe, die durch gesunde Lage, Kiefernadelduft, oder
+sonst welche Vorzüge sich auszeichnen. Auch in St. Aigulf drüben im
+Maurengebirge ist der Wald schon parcellirt, laufen »_Grands Boulevards_«
+durch denselben und sind nicht allein mit schönen Namen, sondern auch mit
+Laternen versehen. Den Laternen freilich fehlen die Scheiben; gebrannt hat
+noch keine; manche warf der Sturm, manche auch Menschenhand schon um; nun
+liegen sie da und rosten, ein trauriges Bild des Todes dort, wo niemals
+Leben war. Dazwischen in möglichst auffälliger Stellung große Tafeln mit
+bunten Inschriften und Plänen, die zum Ankauf der Grundstücke verlocken
+sollen. – Wird Valescure jemals gedeihen? Es ist wohl möglich – einen
+Anfang von Erfolg hat es schon zu verzeichnen: »_La nature sévère et
+riante, l’odeur des pins agréable et salutaire_«, wie Stéphen Liegeard den
+Ort preist, hat bereits die Künstlerin der »_Comédie française_« Suzanne
+Reichemberg und die nicht minder berühmte Sängerin der Pariser komischen
+Oper Miolan Carvalho veranlaßt, sich hier anzusiedeln. Der Ort ist
+anmuthig, dicht von immergrünem Wald umhüllt, mit heiteren Ausblicken in
+das Meer und das Gebirge: trotzdem athmeten wir freier auf, als wir die
+»_Grands Boulevards_« verlassen hatten und uns in einer von der
+Speculation weniger übertünchten Natur bewegten. – Die Sonne ging in
+blaugrauem Nebel als rothe strahlenlose Scheibe auf; dann tauchte sie aus
+dem Nebel hervor und strahlte hell an wolkenlosem Himmel. Die Erde schien
+jetzt von Licht überströmt. Bald betraten wir jene ausgedehnten Wälder,
+welche das Esterel fast ganz bedecken. Einst hatten sie oft vom Feuer zu
+leiden; statt grüner Laubkronen starrten verkohlte Skelete den Wandrer an.
+Jetzt sind die Wälder Staatseigenthum geworden und erfreuen sich so
+sorgsamer Pflege, daß sie fast den Eindruck großer Parkanlagen machen. Die
+dunklen Strandkiefern (_Pinus Pinaster_) wiegen bei Weitem vor: sie
+schließen ihre Kronen oft so dicht zusammen, daß kaum ein Sonnenstrahl
+durch das Dickicht dringt. Vorzügliche Kunststraßen führen durch den Wald,
+und bis auf den Gipfel der Berge gelangt man auf gut gehaltenen Wegen.
+Auffallend genug sieht man eine weite Kunststraße oft ganz plötzlich
+enden, wenn sie die Grenzen des Gebirges erreicht. Da hört das Departement
+der Forste nämlich auf, und es beginnt dasjenige der Brücken und
+Chausseen. Die beiden Ministerien arbeiten sich, wie es scheint, nicht
+immer in die Hände. Nach Wegweisern sieht man sich leider vergebens im
+Esterel um, und wo mehrere Straßen sich schneiden, bleibt man auf seine
+Orientirungsgabe ganz angewiesen. Die besten Karten der Gegend, die wir
+uns zu verschaffen vermocht, Karten, welche das Ministerium des Inneren im
+Jahre 1889 veröffentlicht hatte, reichten eben nur aus, um uns irre zu
+führen. Der Weg zum Mont Vinaigre war übrigens nicht schwer zu entdecken.
+Zunächst sahen wir ihn vor uns, dann brauchten wir im Walde nur der
+breiten Straße zu folgen und uns nordwestlich zu halten, dort wo sich
+dieselbe mit anderen gleich breiten Straßen schnitt. Sie stieg in
+Windungen zwischen den Bergen empor. Meist war sie im Walde versteckt, und
+wir wanderten im Schatten hoher Bäume, oder sie erreichte einen steilen
+Abhang, und über den Gipfel der Bäume hinweg konnte der Blick dann über
+grüne Thäler und Berge weithin sich verlieren. Doch kein Haus war zu
+entdecken, nirgends verrieth aufsteigender Rauch eine verborgene Hütte:
+nichts als Wälder, Thäler und Berge in endloser Einsamkeit. Seitdem wir
+das Gebirge betreten hatten, war uns kein Mensch begegnet. Wir fühlten uns
+ganz allein: es war fast unheimlich. Nach zwei Stunden erreichten wir eine
+menschliche Behausung, das Forsthaus zu Malpay: »_M[=a]ou pays_«,
+schlechte Gegend, wie es provençalisch heißt, in Erinnerung an jene Zeit,
+wo es hier nicht geheuer war, zu reisen.
+
+Die Frau Försterin schien sichtlich erfreut, sich wieder einmal
+aussprechen zu können, und gab uns, während wir frühstückten, genaue
+Auskunft über die Gegend. Sie zeigte uns auch in östlicher Richtung ein
+Stück der römischen Straße, die man von hier aus auf eine längere Strecke
+hin überblicken kann. Rom mit Gallien verbindend, endete sie in Arelate,
+dem heutigen Arles, von wo die »_via Domitia_« nach Spanien führte. Zwei
+römische Straßen, die als aurelianische bezeichnet wurden, führten durch
+das Esterel. Die ältere folgte von Cannes aus der Küste und erst vor der
+südlichsten Felsengruppe des Esterel drang sie landeinwärts, in ein Thal,
+um in westlicher Richtung Fréjus zu erreichen. Später legten die Römer die
+zweite Straße an, die, in gerader Richtung über die Berge laufend,
+ungefähr der heutigen zwischen Fréjus und Cannes entspricht und von der
+wir hier ein Stück vor Augen hatten. In einer verborgenen Schlucht unfern
+derselben liegen in Malpay noch Porphyrsäulen aus alter Zeit, unvollendete
+Arbeit der Römer. Der violettrothe Stein hat sich seitdem freilich mit
+einer dicken schwarzen Kruste bedeckt. An die Benennung jener römischen
+Straßen erinnern hier noch die Namen der Ufer und Berge. Dort, wo die
+ältere der beiden Straßen das Meer verließ, heißt immer noch das Ufer
+»Plage d’Aurel«, und »Pic d’Aurel« heißen die Porphyrmassen, denen sie
+dann folgte. Dieses Gebirge war später von aller Cultur so abgeschnitten,
+neuen Einflüssen so entzogen, daß das Volk bis auf den heutigen Tag eine
+noch benutzte Strecke der älteren Straße »_lou camin Aurelian_« nennt.
+
+Man verläßt in Malpay die breite Straße und folgt in östlicher Richtung
+dem Fußweg, der in zahlreichen Windungen am südlichen Abhang des Mont
+Vinaigre aufwärts steigt. – Wie kommt der Berg zu seinem merkwürdigen
+Namen? Es heißt der saure Wein, der an seinen Flanken wuchs, hätte ihm
+denselben verschafft. Spuren einstiger Weincultur sind freilich nicht mehr
+zu entdecken, hingegen tritt man am Abhang in die herrlichsten Maquis ein.
+Baumartige Heide, Ginster, Pistacien, Euphorbien, Asphodelen, sie alle
+blühen zu gleicher Zeit und erfüllen die Luft mit würzigem Duft. Denn er
+ist kurz, der provençalische Frühling, und die Pflanzen müssen sich
+beeilen, bevor die Dürre naht; es ist als wenn die Natur ein Frühlingsfest
+hier feiern wollte, und unbewußt dringt etwas von diesem Frühling auch in
+die Seele des Wandrers ein. Er vergißt alles Vergangene, ihm ist, als
+könne er das Leben von Neuem beginnen. Warum auch nicht? Ist doch die Welt
+so alt und erwacht sie dennoch in jedem Frühjahr zu neuem Leben. – Was
+duften nur die Heiden so schön nach bittren Mandeln? Jeder Windhauch trägt
+uns ganze Fluthen dieses Aromas entgegen. Dieser Duft war uns früher kaum
+aufgefallen, doch eine gleiche Fülle von Ericablüthen hatten wir auch noch
+nie gesehen. Ein süßer Honiggeruch erfüllt jetzt die Luft: eine
+unscheinbare kleine Wolfsmilch (_Euphorbia spinosa_) ist es, die ihn
+verbreitet. Ihr fehlen auffällige Blüthen, und da muß sie sich besonders
+bemühen, um in so farbenreicher Umgebung nicht unbeachtet zu bleiben. Sie
+wird auch von zahlreichen Bienen besucht, während die bunten
+Schmetterlinge um andere prächtigere Blüthen flattern. Hier lohnt es sich,
+Biene und Schmetterling zu sein! Aus dieser Blüthenmasse ragen dunkle
+Erdbeerbäume, zwerghafte Kiefern, immergrüne Eichen, stachelige
+Wachholdersträucher (_Juniperus oxycedrus_) hervor. Und wo ein noch so
+kleiner Platz unbesetzt geblieben an dieser reichen Tafel der Natur, da
+drängen sich die Asphodelen (_Asphodelus cerasifer_) mit ihren weißen
+Blüthenrispen ein. Auch sie wollen ihren Antheil an Licht und Wärme haben,
+an jener Nahrung, die hier in solchem Uebermaß gespendet wird.
+
+Wir steigen nur langsam in die Höhe, bleiben vor jeder einzelnen Blüthe
+stehen, belauschen die Bienen bei der Arbeit. Erst nach einer Stunde sind
+wir oben; da liegt eine ganze Welt zu unseren Füßen. Vor uns das grüne
+Esterel mit seinen tief eingeschnittenen Thälern und seinen steilen Höhen,
+wo aus dem Laub der Bäume die zackigen Porphyrfelsen in den Himmel ragen.
+Im Westen die Ebene von Fréjus von ihrem Silberfluß durchströmt; über
+dieser das Maurengebirge mit seinen dunklen Wäldern, und dann alle Buchten
+der Küste, weit hin bis nach St. Tropez. Im Norden die Kalkalpen in
+perlgrauem Ton; im Osten die Seealpen mit schneebedeckten Häuptern; davor
+üppig grünes Land, mit leuchtenden Städten und Dörfern und wieder die
+Küste, erst bei Bordighera in duftigen Nebel sich hüllend. Ganz in der
+Nähe Cannes, vor ihm die Inseln von Lerins; weit vorspringend in die See
+das schmale Cap von Antibes; endlich im Süden, scheinbar dem Himmel
+entgegenstrebend, das unbegrenzte Meer.
+
+Heute war es hier oben so windstill, daß auch die einsame Korkeiche, die
+am Gipfel steht, sich in der Sonne *wärmen* konnte. Auch sie, die
+bedauernswerthe, war ihrer schützenden Korkhülle beraubt worden. Zum
+großen Theil entblößt, mußte sie an schlimmen Tagen dem Mistral hier
+trotzen. In dem friedlichen Bilde, das uns umgab, störte diese nackte
+Eiche wie ein Mißton die Harmonie.
+
+Der Weg, den wir bei Malpay verlassen hatten, setzt sich in gerader
+Richtung am Fuße des Mont Vinaigre fort und trifft bald auf die große
+Straße von Fréjus und Cannes. Folgt man ihr in östlicher Richtung, so
+gelangt man bald zu einer Häusergruppe, der Auberge des Adrets und dem
+Gensdarmerieposten. Der Name, den das Wirthshaus führt, war in Paris einst
+in Jedermanns Mund, als der berühmte Schauspieler Fréderic Lamaître im
+Ambigu-Theater die Hauptrolle in einem Schauerdrama gab, das in einer
+»Auberge des Adrets« spielte. Das war in den vierziger Jahren, und alle
+sensationsbedürftigen Besucher von Cannes machten Ausflüge ins Esterel, um
+in der »Auberge des Adrets« die Räume zu sehen, in denen ein Herr Germeuil
+ermordet oder vielmehr *nicht* ermordet worden war. Denn abgesehen davon,
+ob die ganze Geschichte sich jemals zugetragen, oder ob sie nur erfunden
+war, handelte es sich thatsächlich in dem Drama nicht um diese, sondern,
+wie das Textbuch deutlich angab, um eine Herberge gleichen Namens auf dem
+Wege von Grenoble nach Chambéry. – Unter den Besuchern, die in fröhlicher
+Laune von Cannes aus hierher gekommen waren, befand sich im Jahre 1868
+auch Georges Sand. Die Bewohner des Hauses wurden damals schon sehr
+ungehalten, wenn man sie über jenen Herrn Germeuil ausfragen wollte; sie
+glaubten, man bezichtige sie des Mordes. Richtig ist, daß vor Jahren die
+Gegend um jene »Auberge des Adrets« besonders berüchtigt war. In den
+unzugänglichen Thälern und Schluchten des Esterel suchten alle jene
+Verbrecher ihre Zuflucht, denen es gelungen war, aus den Galeeren von
+Toulon zu entfliehen. Sie pflegten die Reisenden unfern von diesem
+Wirthshaus anzufallen, an einer Stelle, wo die Straße von angrenzenden
+Höhen beherrscht ist. »Als wir vorbeifuhren,« schreibt Horace Benedict de
+Saussure, »zeigte uns der Courier von Rom, der mit uns reiste, einen
+zertrümmerten Reisekoffer, der noch am Wege lag und einem Courier gehört
+hatte, der vor einigen Tagen ausgeplündert worden war.« Als hingegen der
+Erlanger Professor der Naturwissenschaften Gotthilf Heinrich Schubert 1822
+»mit der Hausfrau, die, wie gewöhnlich, als Haushofmeister und Adjutant,
+ihren alten Träumer begleitete«, die nämliche Stelle überschritt, hatten
+sich die Zustände bereits geändert. In dem Wirthshaus war ein
+Gensdarmerieposten errichtet. Doch fand er dort nur eine alte Frau und
+zwei kleine Kinder vor. Während die Reisenden sich stärkten, kam die Alte
+auf die verschollenen Räubergeschichten zu sprechen. »Wenn sich so ein
+Räuber doch hier wieder sehen ließe,« meinte die Frau, »damit unsere
+Gensdarmen zeigen können, daß sie ihr Brot nicht umsonst essen.« – Seitdem
+die Eisenbahn Fréjus mit Cannes verbindet, ist diese Straße wie
+ausgestorben, und Räuber würden ihr Auskommen da nicht mehr finden. Das
+Wirthshaus zeigt aber noch deutlich an, daß es einst darauf eingerichtet
+war, sich zu vertheidigen. Die Mauern sind ungewöhnlich dick, die Fenster
+des unteren Stockwerks mit eisernem Gitter versehen. Durch eine Oeffnung
+in der eichenen Thür wurde der Reisende erst genau betrachtet, bevor er
+Einlaß erhielt, schräge Schießscharten in den Wänden sind gegen die Thür
+gerichtet: das Haus gleicht einer Festung, die nur durch regelrechte
+Belagerung genommen werden konnte. Jetzt steht seine Thür weit offen, und
+kleine Kinder spielen vor dem Hause.
+
+Wir kehrten nach Malpay zurück und wählten von dort einen Weg, der in
+südöstlicher Richtung uns nach Agay führte. Bald waren wir in den _Vallon
+de la Cabre_ gelangt. Dort breitete überall am Abhang der lorbeerartige
+Schneeball (_Viburnum Tinus_) seine weißen Blüthendolden aus. Bis auf die
+betretenen Wege wagten sich die blauen Schwertlilien (_Iris germanica_)
+hervor. Die Dichternarcisse (_Narcissus poëticus_) schaute uns aus dem
+Gebüsch mit ihren leuchtenden Blumenaugen an. Hochstengelige Tulpen
+(_Tulipa Celsiana_) grüßten uns aus der Ferne mit ihren gelben Blüthen.
+Die violetten Blüthenstände der doldenblüthigen Schleifenblume (_Iberis
+umbellata_) überraschten uns durch ihre Pracht; hatten wir doch dieses
+schöne Gewächs bisher nur in Gärten gesehen. Bald war in unseren Händen
+_Ophrys aranifera_, die merkwürdige Orchidee, mit ihren spinnenartigen
+Blüthen, und zu dieser konnten wir dann auch ihre bienenähnliche Schwester
+(_Ophrys apifera_) gesellen. Am meisten aber erfreute uns das seltene
+_Limodorum abortivum_, eine blattlose Orchidee, die in allen Theilen
+hellviolett gefärbt, auch hellviolette Blüthen trägt. So wandelten wir im
+Thale mit großen Blumensträußen in den Händen. Da plötzlich tauchte vor
+uns ein großer Porphyrblock auf. Er steht auf schwachen Füßen und neigt
+sich über den Bach, als wollte er stürzen. Das Volk hat ihn den
+Taubenschlag, »_Pigeonnier_«, genannt. Dann führte unser Weg weiter an
+anderen phantastischen Felsen vorbei; oft schienen sie das Thal zu
+versperren und traten erst weit im Halbkreis auseinander, als wir den Fluß
+von Agay erreichten. Dem folgten wir bis an das Meer. Zackig zerrissen, in
+rothem Lichte glühend, schaut dort das Castel d’Agay in die See hinab. Wie
+Zähne einer Riesensäge ragen in langgedehnter Reihe die steinernen Zacken
+gegen den Himmel vor. Wir rasteten an der lieblichen Bucht von Agay, die
+der rothe Porphyr in einen farbigen Rahmen faßt. Wir sind hier zehn
+Kilometer von St. Raphaël entfernt, an der Station der Mittelmeerbahn, die
+dem Seestrande folgt, um dem Gebirge auszuweichen.
+
+Unfern von Agay, am Wege nach St. Raphaël, wird blauer Porphyr gebrochen.
+Große Blöcke sprengt man aus dem Berge heraus, schneidet sie in Platten
+und Würfel und verwerthet den Rest für Straßenbau. Der ganze Strand ist
+mit blauem Porphyr bedeckt, und zahlreiche Arbeiter sind beschäftigt, ihn
+auf Schiffe zu laden. Der Porphyr des Esterel ist ein Quarzporphyr, der in
+dichter, mit bloßem Auge nicht unterscheidbarer Grundmasse, die aus Quarz
+und Feldspath besteht, Krystalle oder crystallinische Körner aus Quarz
+oder Feldspath führt. Der Feldspath ist meist fleischroth, doch wird die
+rothe Färbung des ganzen Gesteins vornehmlich durch Eisenoxyd bedingt, das
+als ein feiner Staub in der Grundmasse vertheilt ist. In den blauen und
+andern hellgefärbten Porphyren tritt das Eisenoxyd gegen
+Eisenoxydulverbindungen zurück. Der blaue Porphyr wird für Straßenbauten
+besonders geschätzt und seine Gewinnung hier in großem Maßstab betrieben.
+– Dem Steinbruch gegenüber springt eine Landzunge, »_Le Piton de
+Dramont_«, vor in die See und trägt auf steil abfallenden Felsen einen
+hohen Leuchtthurm. Er warnt den Schiffer schon aus der Ferne vor der
+Gefahr, die ihn an dieser felsigen Küste bedroht. Die Bucht von Agay, die
+bei ruhigem Wetter still ist und leer, füllt sich bei stürmischer See oft
+mit vielen Schiffen. Sie warten hier, im sicheren Schutze der Berge, auf
+günstigeres Wetter, und schon zur römischen Zeit hat der Agathon Portus
+manches Schiff vor Untergang gerettet.
+
+ VI.
+
+Als ein Wunder des Esterels gilt das Malinfernet, ein versteinertes
+Felsenmärchen. Eine Straße führt jetzt von Agay dahin, und drei Stunden
+Wagenfahrt genügen, um es von St. Raphaël zu erreichen. Wir ziehen die
+Fußwanderung vor und brechen von le Trayas auf, wohin wir mit der Bahn in
+einer halben Stunde gelangen. Dort kreuzen wir sogleich die Schienen und
+steigen am westlichen Abhang des vor uns sich erhebenden Berges in die
+Höhe. Wir wandern in Maquis, noch üppiger als wir sie an andern Stellen
+des Esterels gesehen. Vom süßen Honigduft der Euphorbien sind wir fast
+betäubt. Weite Flächen werden gelb gefärbt von großblüthigen
+Pfriemensträuchern (_Calycotome spinosa_). Cistusrosen (_Cistus albidus_)
+beginnen eben ihre großen rothen Blüthen zu entfalten. Zunächst sind sie
+zerknittert, so wie sie es in dem engen Raum der Knospenhülle waren, doch
+breiten sie sich aus, verlieren bald alle Falten und locken nun die
+Schmetterlinge durch ihren zarten Farbenreiz. Wir pflücken keine dieser
+Blüthen, da sie zu vergänglich sind, der leiseste Windhauch trägt ihre
+Kronenblätter davon. – Welche Fülle bunter Schmetterlinge belebt hier den
+Abhang. Blüthen und Schmetterlinge gehören ja zusammen. Der sonst seltene
+Falter _Anthocharis Eupheno_ ist hier fast gemein. Er gleicht unserem
+Aurorafalter, ist aber schwefelgelb, nicht weiß wie jener. Dieselben
+rothen Flecken zieren seine Vorderflügel. Unruhig und rasch fliegt er
+durch die Lüfte. Ebenso behend ist der Osterluzeifalter (_Thaïs
+Polyxena_), dessen bräunlich gelbe Flügel mit schwarzen Zacken sich
+umrandet zeigen und rothe und blaue Flecken tragen. Er gleicht einem
+Harlekin, so bunt und befranzt ist seine Tracht. Langsam schweben in allen
+Richtungen die Segelfalter an uns vorüber. – Bald haben wir einen Kamm,
+den Col Lentisque erreicht, den zahlreiche Korkeichen schmücken. Hier
+schneiden sich mehrere Wege. Wir wählen denjenigen, der zur Rechten
+abzweigt, überschreiten alsbald die Paßhöhe und beginnen in einem waldigen
+Thale, dem »Ravin« des Baches Escalle, der hier abwärts fließt, langsam
+abzusteigen. Schöne Stecheichen (_Ilex aquifolium_) ragen stellenweise aus
+dem üppigen Dickicht hervor. Es sind das hier stattliche Bäume, während
+wir sie in unseren Wäldern nur in Strauchform finden. Da fällt uns dann
+wieder auf, was einst schon Chamisso bemerkte, daß die glänzenden,
+lederartig starren Blätter nur in den unteren Theilen des Baumes mit
+scharfen Zähnen besetzt sind, an den höher entspringenden Aesten aber
+einen fast glatten Rand haben. Nur an denjenigen Blättern, die von den
+weidenden Thieren erreicht werden können, bildet zum Schutz gegen
+dieselben diese Pflanze Stacheln aus. Der Weg wendet sich plötzlich nach
+Westen, und ganz unvermittelt stehen wir am Ausgang des Malinfernet. Da
+ragen sie nun hervor aus dem dunklen Wald, alle die rothen Felsen hier in
+der Sonne glühend, dort in den Schatten der Berge getaucht. Sie
+verschieben sich gegeneinander bei jedem Schritt, den wir vorwärts
+schreiten; die einen schwinden, die andern treten hervor, fast endlos. Und
+der klare Bach, der das Thal durchströmt, rauscht entweder stark, oder
+murmelt schwach, oder donnert laut in Wasserfällen. Einmal verbirgt er
+sich ganz im grünen Laub der Bäume, dann tritt er wieder weit sichtbar vor
+und spiegelt mit hellem Glanze den Himmel. Und erst die Felsen! Hier
+glaubt man einen spitzen Thurm zu sehen, wie den Thurm eines gothischen
+Domes, mit steinernen Blumen und Thieren und allerhand Schnörkeln
+verziert; dort eine Burg mit ihren Schanzen und Zinnen, dort eine Orgel
+mit riesigen Pfeifen, hier einen schlanken Kegel, dort einen kantigen
+Crystall, hier wieder ein Standbild auf hohem Postament. Ist das nicht der
+Gott Osiris, der auf diesen Felsen thront? Er trägt zwei junge Kiefern wie
+Scepter in den Händen. Am Eingang jener Schlucht kauert eine Sphinx und
+holt aus zum Sprunge. Und dort am fernen Abhang scheint eine wilde Jagd
+den Berg hinabzurasen. Die phantastischen Thiere ragen hoch aus dem Wald
+hervor, in letztem Todeskampf zu Stein erstarrt. Da hat die Natur ihrem
+ungezügelten Gestaltungsdrang freien Lauf gelassen; sie schuf in
+übermüthiger Laune. Und als bereue sie nachträglich diesen Uebermuth,
+verbarg sie sorgsam das Thal zwischen hohen Bergen. Das Malinfernet mußte
+thatsächlich erst entdeckt werden, und noch im December 1851, nach dem
+napoleonischen Staatsstreich konnten politische Flüchtlinge sich dort
+lange Zeit verborgen halten und den Nachforschungen der Gensdarmen
+entgehen.
+
+ VII.
+
+Gegen Abend zogen wir wieder hinaus zum Strande von St. Aigulf. Wir
+wollten das Esterel noch einmal im Glanze der untergehenden Sonne glühen
+sehen. Es war ein farbenprächtiger Abend, still und mild, einer jener
+Abende, die das Gefühl des Glückes in der menschlichen Seele erwecken.
+Kein Luftzug bewegte die Blätter der Bäume. Im See von Villepey spiegelten
+sich dunkle, goldumstrahlte Wolken. Durch unser Nahen aufgeschreckte Vögel
+flohen aus dem Dickicht des Ufers empor. Sie stiegen in die Lüfte und
+schienen schwarze Furchen zu ziehen am hellen Abendhimmel. Die Wolken im
+Westen nahmen Purpurfarben an, und in ihrem Widerschein röthete sich auch
+der See. Er sah jetzt unheimlich aus, wie eine Lache von Blut; das dunkle
+Dickicht aus Rohr umfaßte ihn mit schwarzem Trauerrand. Wir setzten unsern
+Weg fort zum Strande. Bald stand der Westen in voller Gluth, und das
+Maurengebirge glich einem Riesen in der Feuersbrunst. Die Bäume des Waldes
+zeichneten sich schwarz auf hellem Grund, als wäre ihr Umriß mit Kohle
+gezogen. Allmälig verblaßte der Himmel. Auf den spiegelnden Wellen des
+Meeres begannen sich die weißen Strahlen der ersten Sterne mit dem rothen
+Abglanz der letzten Abendlichter zu mischen. Als wir den Strand
+erreichten, war es bereits so dunkel, daß wir den Umrissen des Meeres
+nicht mehr folgen konnten. Der Himmel sprühte von Sternen und schien auch
+ungezählte Lichter im Meere auszusäen. Wir lauschten dem Stöhnen und
+Rollen der Brandung und frugen uns, warum es ewig klagt und grollt, dieses
+länderumspülende Meer; ist es der Schmerz über all’ das Leid, das sich an
+seinen Ufern zugetragen? Ist doch auch dieser Ort nach jenem Heiligen
+benannt, der auf den Lerinischen Inseln gemartert ward. Manchmal glaubten
+wir nahende Schritte zu hören; doch nein, es war nur ein reifer
+Kieferzapfen, der vom Baum zu Boden fiel, oder eine größere Welle, die
+sich über das Ufer ergoß und zischend dem Meer wieder zueilte. Die
+silberne Mondsichel, ganz schmal, tauchte hinab in die Bäume. Starr
+leuchteten uns von Osten her die Leuchtthürme von St. Raphaël und von
+Drammont entgegen; der Phar von Camarat im Westen flammte auf und nieder:
+es war, als öffnete und schlösse er abwechselnd sein großes Feuerauge. Im
+Meere tauchten Barken auf in gelbem Fackelschein. Das waren Fischer,
+welche mit Feuer die Tiefen erhellten, um Fische zu erspähen. Die
+flackernden Flammen warfen lange zitternde Streifen auf die Wellen.
+Plötzlich tauchte dicht vor unseren Augen, gespensterhaft groß, eine
+riesige Barke auf, mit ausgespannten Segeln. Sie deckte uns die Sterne und
+warf einen schwarzen Fleck über den funkelnden Himmel. Eben so rasch, wie
+sie kam, war sie auch verschwunden, lautlos, unvermittelt, wie ein
+Geisterschiff.
+
+ VIII.
+
+Unfern vom Bahnhofe bei le Trayas schaut aus dem dunklen Grün der Bäume
+ein helles Häuschen hervor. Schilder an der Station preisen es als »_Hôtel
+du Trayas et restaurant de la Réserve_« an. Der Ort liegt so schön am
+Wald, zwischen rothen Felsen, daß wir den Entschluß faßten, dort einige
+Zeit zu weilen. So fanden wir uns am nächsten Tage auf der Station von le
+Trayas mit unserem Gepäck wieder ein. Wir frugen nach dem Wege zum
+»Hôtel«, und wurden auf einen Hund verwiesen, der sich in unserer Nähe
+befand. »Sie brauchen ihm nur zu folgen, er wartet auf die Gäste«. Der
+Hund hatte sich uns genähert, als wir mit Handgepäck beladen, aus dem
+Eisenbahnwagen stiegen und sah uns verständnißvoll an. Es war ein großer
+schwarzer Vorstehhund, mit langem seidigem Haar. Wir schritten zum
+Ausgang; der Hund eilte uns voran, blickte oft sich um und wedelte dann
+mit dem Schweife. Er führte uns den Weg an der Bahn entlang, hierauf in
+den Wald. Einen Augenblick war er verschwunden: es galt einen kleinen
+Pintscher im nahen Försterhause zu besuchen, vielleicht ihm mitzutheilen,
+daß Fremde angelangt seien. Der kleine Freund kam mit bis auf den Weg, um
+uns zu betrachten, dann zog er sich zurück. In einer Viertelstunde
+erreichten wir das Gasthaus, einen bescheidenen Bau, doch mit ziemlich
+weiter Glashalle. Augenscheinlich wurde die Restauration des »Hôtels« mehr
+als seine Wohnräume in Anspruch genommen und somit wohl die Glashalle am
+meisten benützt. Der Hund stellte sich vor die Eingangsthür und bellte. Es
+war das aber nicht ein gewöhnliches Bellen, er stieß vielmehr gedämpfte,
+rasch hinter einander gedehnte Töne aus, welche die Mitte zwischen Bellen
+und Heulen hielten. Da stürzte der geschäftige Wirth mit seiner ganzen
+Familie aus dem Hause und bot uns seine Dienste an. Die Zimmer im Hause
+sind zwar äußerst klein, doch erträglich, der Aufenthalt auf der Terrasse,
+bei so schönem warmem Wetter, wie wir es trafen, war aber geradezu
+entzückend. Steht doch das Haus dicht am Meere, auf einem Porphyrfelsen,
+und kann der Blick weithin der Küste folgen, an rothen Porphyrmassen, dann
+dunkelgrünen Höhen vorbei Cannes erreichen und auf den Lerinischen Inseln
+im Meere, oder dem weißen Schnee der Alpen über den Bergen, endlich ruhen.
+Vorn ist der rothe Strand in scharfe Buchten zerschnitten und zu tiefen
+Grotten ausgehöhlt; im Norden steigt, dicht über dem Hause, der Pic
+d’Aurelle empor, im Westen schließt die mächtige Felsenmasse des Cap Roux
+die Landschaft ab.
+
+Viele Fremde kommen aus Cannes hierher, verweilen aber nur wenige Stunden,
+um sich in der Glasveranda an »_Bouillabaisse_«, oder an den Austern und
+Hummern der »Reserve« zu laben. Hin und wieder findet sich zu mehrtägigem
+Aufenthalt ein leidenschaftlicher Liebhaber des Fischfangs ein. Denn das
+Meer gilt für besonders fischreich an diesem felsigen Strande, und der
+Fischer findet vollauf Gelegenheit, seine List und seine Gewandtheit zu
+üben. Als besonders spannend gilt der Fischfang des Nachts bei Feuer und
+verlangt, so wie er hier geübt wird, sehr viel Geschick. Eine solche Fahrt
+muß man einmal mitgemacht haben!
+
+Das Meer war so ruhig, so einladend, daß wir einen Fischer veranlaßten,
+uns am Abend zu solchem Fischfang mitzunehmen. Es dunkelte schon, als wir
+das Land verließen. Kein Mond am Himmel, doch unendlich viel leuchtende
+Sterne, deren Zahl noch immer zu wachsen schien. Sie spiegelten sich in
+den Wellen, die wir durchschnitten. Die Umrisse der Berge schwanden immer
+mehr; bald bildeten sie nur noch einen dunklen sternenlosen Schatten am
+Himmelssaum. Im Meere war es still; wir hörten nur den leisen Anprall der
+Wellen gegen das Boot und den regelmäßigen Schlag der Ruder ins Wasser.
+Die Brise aber, die des Nachts von den Bergen weht, trug die Stimmen des
+Landes über das Meer. Wir hörten aus der Ferne die lauten Concerte der
+Laubfroschscharen, das schrille Zirpen der Heuschrecken. Zugleich brachte
+uns diese Brise alle die Wohlgerüche, welche den harzigen Kieferwäldern
+und den würzigen Maquis entströmen. Nah und fern glänzten am Ufer, wie
+große Sterne, die Leuchtthürme uns entgegen. Wir gaben uns diesen
+Eindrücken ganz hin und athmeten mit Wonne die balsamische Luft. Der eine
+Fischer beugte sich dann über das Boot, um das Feuer zu entzünden. Vorn an
+einem Haken war der eiserne Gitterkorb befestigt, den er mit harzigem Holz
+der Aleppokiefer gefüllt hatte. Knisternd entflammte dasselbe und
+verbreitete ein grelleres Licht, wie Fackelschein. Dieses Licht drang in
+die Tiefen des Meeres ein, während der Himmel über uns jetzt fast schwarz
+erschien. Wir glitten über Felsenmassen, auf welchen Meeresalgen wahre
+Zaubergärten bilden. Da mischen und durchdringen sich alle Farben, von
+lebhaftestem Grün bis zu dunklem Braun und zu leuchtendem Roth. Hier
+breite Blätter zu Rosetten aneinander gedrängt, dort lange fluthende
+Fäden, wie aufgelöstes Haar, dort wieder rundliche Gebilde wie Muscheln.
+Dazwischen schillernde Seeanemonen mit vorgestreckten Fühlern, rothe
+Seesterne mit ausgebreiteten Armen und stachelige Seeigel, die dunkle
+Flecke in einem bunten Teppich zu bilden scheinen. Kleine Fische fliehen
+erschreckt nach allen Seiten, größere folgen in Scharen, wie durch das
+Licht fascinirt, unserem Boot. Spähend steht am Vordertheil des Schiffes
+der Fischer und schaut in die Tiefe. Er hält eine dreizinkige, an langer
+Schnur befestigte Harpune in der Hand, bereit sie abwärts zu stoßen. Jetzt
+gießt er einige Tropfen Oel auf das Wasser, um die Fluth, die der Luftzug
+kräuselt, zu glätten. Die Ruderschläge verstummen. Plötzlich fährt der
+Wurfspeer in die Tiefe, sein mit Widerhaken versehener Dreizack durchbohrt
+einen Fisch, und zappelnd wird dieser emporgezogen, um im Boote bald zu
+verenden. – Es gehört viel Uebung und Geschick zu einer solchen Jagd.
+Nicht nur gilt es beim Wurf die Bewegung des Fisches, sondern auch jene
+Lichtbrechung im Wasser zu berücksichtigen, welche den Fisch an einer
+anderen Stelle zeigt, als die, an der er sich wirklich befindet. Wir gaben
+die Jagd auf, es genügte uns dieses eine Opfer; langsam erlosch unser
+Feuer und wieder glitten wir friedlich auf der weiten See, beschienen von
+silbernen Sternen.
+
+Gegen den Mistral ist le Trayas vollständig gedeckt, der Cap Roux fängt
+ihn mit seinem breiten Rücken auf. Zu gleicher Zeit, da in Cannes und
+Nizza dichte Staubwolken von den Straßen aufsteigen, merkt man hier kaum
+einen Luftzug und kann sich behaglich im Freien vor dem Hause sonnen. Doch
+darf der Ostwind nicht kommen; der rückt hier an, mit voller Gewalt; er
+stürmt das Gebirge, das ihm Halt gebietet, prallt zurück von den hohen
+Felsen und umwirbelt sie mit wüthendem Geheul. Das geängstigte Meer
+scheint dann auf das feste Land sich flüchten zu wollen; mit Schaum
+bedeckt versuchen es seine Wellen, die Felsen zu erklimmen, doch sie
+zerschellen an dem harten Stein und sinken gebrochen zurück in die Tiefe.
+In der Höhlung der Grotten fangen sie sich aber ein, suchen dort einen
+Ausweg nach oben und schlagen mit solcher Gewalt gegen die Wölbungen an,
+daß das ganze Ufer erdröhnt. Da ist von Schlaf kaum die Rede des Nachts in
+dem kleinen Hause, – schlummert man endlich auch ein, so träumt man
+Schauergeschichten und wacht dann plötzlich auf mit Schrecken und
+Beklemmung. Staub gibt es freilich selbst dann nicht auf den
+Porphyrstraßen des Esterel, und in einem vom Strande entfernteren, mehr
+geschütztem Hause, könnte daher wohl mancher Lungenkranke im Frühjahr
+besser aufgehoben sein, als in den von Kalkstaub erfüllten Kurorten. Im
+Winter selbst wird es hier zu kalt und fehlen demgemäß auch die
+empfindlicheren Pflanzen in der Flora.
+
+ IX.
+
+Vor Allem galt es uns von hier aus den Gipfel des Cap Roux, den »Grand
+Pic« des Esterel, zu besteigen. Gleichzeitig wollten wir die Grotte Sainte
+Beaume d’Honorat besuchen und frugen nach dem Wege zu derselben. Der Wirth
+bot uns den Hund als Führer an, denselben Hund, der uns am Bahnhof
+empfangen hatte. »Castor« wurde herbeigerufen. Wir hatten schon nähere
+Bekanntschaft mit ihm geschlossen, bei den Mahlzeiten seiner gedacht und
+so seine Zuneigung gewonnen. Dieser Hund hatte merkwürdig viel Ausdruck im
+Gesicht; seine Augen blickten so klar und treu, und wenn er uns von der
+Seite ansah und das Weiß seiner Augen sichtbar wurde, da erschienen diese
+so verständig und nachdenklich, so überlegt und klug, fast wie
+Menschenaugen. Allem Anschein nach verstand Castor den Sinn vieler Worte
+und staunten wir daher auch nicht, als der Wirth den Auftrag ihm
+ertheilte, uns nach der Beaume zu führen und zu diesem Zwecke das Wort
+»Beaume« drei Mal mit Nachdruck wiederholte. Castor wedelte mit dem
+Schwanze zum Zeichen des Verständnisses, doch blieb er zunächst noch
+stehen. Ah! sagte der Wirth, ich habe den Lohn vergessen, den er gewohnt
+ist zu erhalten: die eine Hälfte hier, die andere an der Beaume. So wurden
+denn Cakes geholt, für welche Castor eine besondere Vorliebe hatte. Die
+eine Hälfte verzehrte er sogleich mit sichtlichem Behagen, die andere
+Hälfte nahmen wir mit auf den Weg. Wir brachen jetzt auf, Castor voran,
+die Schnelligkeit seines Ganges nach der unserigen richtend, häufig nach
+rückwärts schauend, ob wir ihm auch folgen. Wir streiften den
+Eisenbahndamm in westlicher Richtung und waren bald an die Mündung des
+Thales gelangt, das den Pic d’Aurelle von der Bergwand des Cap Roux
+scheidet. Das Meer dringt vor in dieses Thal, um eine der vielen Buchten
+zu bilden, die hier Calanques heißen. Eine Eisenbahnbrücke überspannt im
+Bogen die Bucht. Wir glaubten den Weg unter derselben einschlagen zu
+müssen, doch Castor führt uns aufwärts, und ohne auf die Eisendrähte zu
+achten, durchkreuzt er die Bahn. Wir glaubten seinem Beispiel folgen zu
+müssen, und in der That schließt ja auch beiderseits der Weg an den
+Bahndamm an. Die Drähte scheinen nur da zu sein, um überstiegen zu werden,
+nur um die Bahn im Falle eines Unglücks vor der Verantwortung zu schützen.
+Diese Einrichtung wiederholt sich hier längs der ganzen Bahnstrecke,
+zahlreiche Wege münden beiderseits an dieselbe, und man wird zum
+Uebersteigen der Drähte vom Bahnwärter selbst ermuthigt, wenn man ihn nach
+dem Wege frägt. – Castor führte uns am Abhang des Cap Roux in
+nordwestlicher Richtung weiter; er kehrte sich nicht an die vielen Wege,
+die steiler am Berge aufstiegen, ging ruhig und sicher in gerader Richtung
+vor sich hin. Das Thal wendet sich dann nach Westen, und wir folgten dem
+nördlichen Abhang des Berges. Ein gemauertes Schutzhaus steht am Wege, das
+den Forstbeamten als Zufluchtsstätte dient; nebenan entspringt am Berg
+eine Quelle. Hier bog Castor seitlich ab, wählte den rechts aufsteigenden
+Pfad und führte uns jetzt steil in die Höhe. Zunächst war der Weg noch
+gut, doch nach einiger Zeit gelangten wir in Geröll und Felsen. Dann
+folgten Stufen im Stein; stellenweise schwebten wir über dem Abgrund, doch
+da waren eiserne Stäbe in den Fels geschlagen, an denen wir uns stützen
+konnten. Castor war augenscheinlich nicht schwindlig; er kletterte behende
+aufwärts, schaute oft an schwierigen Stellen sich um, als wenn er unserem
+Geschicke nicht ganz traute. Vor uns auf der Felsenkante steigen die
+Trümmer eines Thurmes auf, die Reste der früheren Einsiedelei. Ein Thorweg
+durchsetzt den Thurm; wir bleiben an dessen Eingang stehen. Der Blick
+taucht hier über die steilen Felsen in das üppige Thal hinab. Grüne Berge,
+von zackigen Porphyrmassen gekrönt, steigen jenseits auf; über dem Col
+Lèveque im Osten glänzen die Schneehäupter der Alpen. Und im Westen, in
+bläulichem Dunst getaucht, begrenzt das Maurengebirge den Horizont. –
+Jenseits des Thurmes ist der Eingang zur Grotte. Castor hatte sich vor
+denselben gelagert. Nicht ohne Selbstgefühl schaute er uns an. Er hielt es
+nicht einmal für nöthig mit dem Schweife zu wedeln, als wir ihm die Cakes
+überreichten. Er hatte sie verdient; Demuth war nicht am Platze. Wir
+traten in die Grotte ein. Rechts birgt sie eine Cisterne. Im Hintergrunde
+ist ein bescheidener Altar errichtet, und noch bescheidenere Standbilder
+der Heiligen zieren die Wände. Hier soll einst als Einsiedler der heilige
+Honoratus gelebt haben, jener Heilige, der um das Jahr 408 auf den
+Lerinischen Inseln ein berühmt gewordenes Kloster gründete. Zahlreiche
+Pilger zogen Jahrhunderte lang und ziehen auch jetzt noch am ersten
+Donnerstag im Mai den steilen Berg hinauf, um den Heiligen zu verehren.
+Eine Nische in der Grotte soll des Heiligen Lager gebildet haben. Die
+Pilger betrachten mit Andacht die Vertiefungen im Stein, die sie als
+Spuren deuten, welche der Körper des Heiligen hinterließ.
+
+St. Honoratus stammte aus dem nördlichen Gallien, wie es heißt aus einer
+vornehmen Familie. Noch jung zog er sich in diese Einöde zurück. Sein
+Beispiel regte zur Nachahmung an. Es folgte ihm der heilige Eucharius, ein
+provençalischer Edelmann, Seigneur de Théol et de Mandelieu, der aber
+später als der heilige Honoratus der Welt entsagte. Er mag manchen
+bitteren Kummer und manche Enttäuschung zuvor erlebt haben. Denn, wie ich
+der Geschichte der Diöcese Fréjus, die der Abbé Disdier veröffentlicht
+hat, entnehme, war der heilige Eucharius zuvor verheirathet gewesen und
+besaß zwei Söhne und zwei Töchter. Als ihm seine Frau durch den Tod
+entrissen wurde, übergab er die Erziehung der Söhne dem heiligen Hilarius
+und zog sich zunächst auf eine der Lerinischen Inseln und dann in die
+Einsiedelei des Cap Roux zurück. Er bewohnte hier eine Grotte, die noch
+unzugänglicher, noch abgeschlossener als diejenige des heiligen Honoratus
+war. Hier »von Allen getrennt, der Ruhe und der Schweigsamkeit sich
+weihend, hatte er weder den Willen noch die Gelegenheit zu sündigen«. Hier
+verfaßte er auch einen begeisterten Tractat zum Lob der Einsamkeit. Doch
+sollte er sein Leben nicht in dieser Einöde beschließen. Abgesandte der
+Lyoner Gemeinde entführten ihn, um ihn als Erzbischof an ihre Spitze zu
+stellen. – Schwer fällt es heute, sich in den Geist jener begeisterten
+Asketen zu versetzen, denen als Ideal der Vollkommenheit nicht die
+Erfüllung der sittlichen Pflichten des Lebens, sondern der Ertödtung aller
+sinnlichen Gelüste vorschwebte. Doch damals waren die Zeiten anders, und
+es sah so traurig aus in der Welt, daß mancher an ihr verzweifeln konnte.
+Manch’ edel angelegter Mensch mochte glauben, daß sein ethisches Ideal
+innerhalb einer solchen Welt nicht zu verwirklichen sei, und suchte es
+darum in der Weltentsagung. Solches ideale Streben, das mit dem Opfer der
+eigenen Person verbunden ist, zwingt uns Bewunderung ab; menschlicher
+muthet uns ein späterer Einsiedler vom Berge des Cap Roux an, Namens
+Laurentius Bonhomme, der dort die zweite Hälfte des siebenten Jahrhunderts
+verlebte. Er betrieb allerhand kleines Gewerbe, war immer fleißig bei der
+Arbeit, züchtete Bienen, verwerthete deren Wachs und Honig, und das Geld,
+das er verdiente, vertheilte er unter die Armen. Er schloß sich von den
+Menschen nicht ab, wanderte auch nicht selten nach Fréjus, gefolgt von
+einem Reh. Der Bischof ließ sich das Reh von ihm schenken; es blieb in
+Fréjus zurück. Später nun, als Laurentius wieder einmal in Fréjus war und
+vor dem bischöflichen Palaste sich laut unterhielt, hörte das Reh seine
+Stimme, sprang aus einem Fenster des Palastes zu ihm hinab und leckte
+seine Hände. Da fühlte der Mann sich glücklich; er empfand »_le bonheur du
+parfait solitaire_«, wie es in der Erzählung heißt. So auch war seine
+Einsiedelei stets von zahlreichen Vögeln umgeben, die er zu Zeiten der
+Dürre in den Vertiefungen der Felsen mit Wasser tränkte. Eines Tages
+überraschte er Diebe, die ihm seine Bienenstöcke geraubt hatten.
+Erschrocken sahen die Missethäter ihn nahen. Er aber trug ihnen auch noch
+die übrigen Bienenstöcke zu und rief ihnen nach, sie hätten die besten
+vergessen. Solche unerschöpfliche Güte rührte das Gemüth der Missethäter:
+sie besserten sich, so heißt es, von dieser Stunde.
+
+Wir blieben nochmals vor der Grotte stehen und verloren uns im Anblick
+dieser schönen Gegend. So mag sie auch ausgesehen haben vor anderthalb
+tausend Jahren, als der heilige Honoratus in dieselbe blickte. Auch damals
+schon glänzten die rothen Porphyrfelsen so feurig im Sonnenschein, und
+damals schon leuchtete der ewige Schnee so blendend weiß dort jenseits auf
+den Alpen. Auch dasselbe Bedürfniß nach Idealen ist dem menschlichen
+Geiste geblieben, nur hat sich die Form derselben verändert.
+
+Wir stiegen hinab bis zur Quelle und schlugen einen anderen Weg dann ein,
+um von Westen her den Gipfel des Berges zu erreichen. Wir suchten Castor
+zur Heimkehr zu bewegen, doch zog er es vor, bei uns zu bleiben. Freilich
+fühlte er sich nicht mehr verpflichtet, uns den Weg zu weisen, er ging
+nicht mehr vor uns her, schweifte vielmehr ab nach allen Seiten. Oft sah
+man ihn nicht, da war er im Gebüsch, um Vögel aufzuscheuchen; er schaute
+ihnen in den Lüften nach. Einmal schien er einem größeren Thier
+nachzujagen, vielleicht einem der vielen Füchse, die das Esterel bewohnen.
+
+Auf dem Gipfel des Cap Roux, dem Grand Pic, der einst Vigie de Peyssarin
+genannt wurde, entfaltete sich vor uns ein Bild so herrlich, wie wir es
+kaum je gesehen. Der Eindruck, den wir empfingen, war erhaben und lieblich
+zugleich, malerisch und von mächtiger Wirkung. Während vom Mont Vinaigre
+aus unser Auge erst in der Ferne über grüne Berge das Meer erreichen
+konnte, hatten wir hier die blauen Fluthen zu unseren Füßen. Die grünen
+Abhänge des Cap Roux fallen langsam zum Meere ab; sie endigen in schroffen
+Felsen, die sich senkrecht in die Wellen stürzen. Dort setzen sie sich
+fort mit Zacken und Rissen, schneiden ein in das Meer mit scharfem Grat,
+fassen es in ausgehöhlte Mulden, tauchen dann wieder wie steinerne Riesen
+aus der Fluth empor. Das Wasser nimmt violette Töne an auf dem purpurnen
+Grunde: es scheint flüssiger Amethyst zu sein in einem Becken von Rosso
+antico. Um uns herum glühen die Felsen in hellem Sonnenschein. Gelbe und
+graue Anflüge, von Flechten erzeugt, tönen das satte Roth ab in unzähligen
+Schattirungen. Gegen diesen Vordergrund hebt sich die Ferne mit ganz
+eigenem Colorit ab; man wird völlig berauscht von dieser Pracht, sie
+klingt einem wie Musik in der Seele. Zunächst beachtet man kaum die Form
+der Gegenstände und läßt nur ihre Farben auf sich wirken: wie sich die
+Töne mischen und wie sie einander durchdringen, wie sie hier verschmelzen,
+dort in effectvollem Contrast von einander absetzen. Wie wunderbar glüht
+dieser braunrothe Coloß auf dem blauen Hintergrunde des Meeres, das hoch
+hinter ihm am Horizonte aufzusteigen scheint! Wie hebt sich dieser andere
+Porphyrfelsen von dem perlgrauen Grunde der Kalkalpen ab; dort springen
+wieder rothe Zacken vor gegen den leuchtenden Himmel, im Osten über Nizza
+krönt der blendend weiße Schnee der Alpen wie ein silbernes Diadem das
+grüne Vorgebirge. Ihm wenden sich immer wieder von Neuem unsere Blicke zu.
+Unten aber schillert am Strande das blaue Meer in purpurnen Tönen auf dem
+rothen Grunde; fern im Süden spiegelt es die Sonne wider und strahlt
+unermeßliches Licht zurück. Eine mächtige Felsenmasse im Westen deckt uns
+das Thal von Fréjus, hinter ihm thürmt sich das Maurengebirge in
+sammetgrünen Farben auf. Das Auge folgt der Küste bis zu den goldenen
+Inseln. Im Osten liegt vor uns der Golf de la Napoule und Cannes fast in
+greifbarer Nähe. Die Inseln von Lerin tauchen grün wie Smaragde hervor aus
+der goldigen Fluth. Wir sehen sie jetzt alle zu einer leuchtenden Gruppe
+vereinigt, voran die Insel St. Honorat, dann St. Marguérite, und neben
+St. Honorat im Osten, nur als dunkler Streifen, die kleine St. Féréol;
+dahinter taucht das Cap d’Antibes seine belaubten Ufer in die Fluthen; es
+springt so weit vor in die See, als wollte es dieses eine Meer in zwei
+Meere theilen. Jenseits der Baie des Anges, der breiten Engelsbucht,
+glänzt das weiße Nizza im Halbkreis an grünen Hügelketten, und dann
+erheben sich Berge hinter Bergen, bis jenseits Bordighera die Umrisse der
+Küste verschwimmen.
+
+Auf Castor machte dieses Bild keinen Eindruck. Er beschnüffelt sorgsam die
+Steine, auf welchen, den Ueberresten nach zu schließen, von früheren
+Touristen manches Frühstück verzehrt worden ist. Sicherlich strengt er
+seine Einbildungskraft an, um die einzelnen »Menus« zu reconstruiren, –
+dann gähnt er zu wiederholten Malen, streckt sich aus und schläft. –
+Stunden vergingen, bevor wir uns entschlossen, den Abstieg anzutreten.
+
+ X.
+
+Den Pic d’Aurelle durften wir nicht unbeachtet lassen, ihn, unseren
+nächsten Nachbar. Wir mußten denselben besteigen, wäre es auch nur jenem
+Aurelius zu Ehren, nach welchem er den Namen führt. Was für ein Aurelius
+das ist, dessen Name durch jenen Fels wie durch die alte römische Straße
+verewigt wird, das läßt sich freilich nicht mit Sicherheit sagen. Die
+Wahrscheinlichkeit spricht für Cajus Aurelius Cotta, weil er den Plan zu
+dieser großen Straße entwarf und deren Bau auch, von Rom aus, im Jahre 241
+vor Christus begann. Die Straße soll er aber nur eine kurze Strecke weit
+ausgebaut haben; sie wurde dann von Aurelius Scaurus über Pisa und Savona
+fortgesetzt, von Julius Caesar endlich bis zum heutigen Arles geführt.
+
+Wir stiegen vom Hôtel geradeaus in die Höhe, überschritten in gewohnter
+Weise den Bahnkörper und erreichten bald einen breiten Weg, der in
+westlicher Richtung den Berg umkreist. Diesem Weg mußten wir längere Zeit
+folgen, immer das grüne Thal vor Augen, das den Pic d’Aurelle vom Cap Roux
+trennt. An dem nördlichen Abhang des Cap Roux profiliren sich scharf die
+dunkelrothen Felsen, und deutlich ragt aus denselben der Thurm hervor, der
+vor der Grotte des heiligen Honoratus wacht. – Wir wählen den ersten
+Fußweg, der jetzt bergauf am Pic d’Aurelle sich wendet. Der Berg ist nur
+etwa 300 Meter hoch, läßt sich somit ohne Anstrengung besteigen. Der Blick
+von demselben ist jenem vom Gipfel des Cap Roux ähnlich, doch entsprechend
+eingeschränkt. Denn das Cap Roux deckt die ganze Küste im Westen, und nur
+das Thal an seinem nördlichen Abhang gestattet einen Durchblick bis zum
+Maurengebirge. Da sieht man im Thale des Argens auch Fréjus liegen und
+begreift es nun wohl, warum die Römer zunächst dieses Thal erwählten, um
+ihre Straße von der Küste nach Forum Julii zu führen. In östlicher
+Richtung schweift auch vom Pic d’Aurelle das Auge unbegrenzt über die
+schneebedeckten Alpen und die weite Küste. Die nackten Porphyrfelsen, die
+den Gipfel des Berges bilden, tief zerklüftet, gleichen den Ruinen einer
+Titanenburg. Mit Vorsicht nur darf man den Felsenrändern sich nähern, denn
+ganz unvermittelt fallen sie ab in die Tiefe.
+
+Jede Wanderung im Esterel bot uns neue Reize. Mit seinem gepflegten Walde
+und seinen sorgsam unterhaltenen Wegen gleicht dieses Gebirge einem großen
+Parke, in welchem mit Kunstsinn, Geschmack und unerhörter Kraft die Natur
+mächtige Felsmassen zum Schmuck vertheilt hätte.
+
+Castor ist unser Freund, und ungeachtet ihn Fernsichten nicht fesseln,
+begleitet er uns doch auf allen unseren Ausflügen; auch den Pic d’Aurelle
+hatte er mit uns bestiegen.
+
+Ein Weg führt an unserem Hôtel vorbei und setzt sich in westlicher
+Richtung fort bis nach Agay. Auf ihm pflegen wir oft zu wandern. Er folgt
+allen Windungen der Küste. Zerfallene Häuser stehen an demselben. Sie
+bargen einst die Arbeiter, die beim Bau der Bahn beschäftigt waren. Ein
+hartes Stück Arbeit, da die ganze Strecke hier aus dem Porphyr gesprengt
+werden mußte. Die verlassenen Häuser ließ man in Wind und Wetter
+zusammenstürzen. Der an das Hôtel zunächst grenzende Strand ist wiederum
+Aurelius zu Ehren, »plage d’Aurelle« benannt. Hier war es, wo die alte
+römische Straße den Strand verließ, um landeinwärts hinter dem Cap Roux im
+Thale aufzusteigen. Jenseits der Bucht, in welche dieses Thal mündet, kann
+man vom Wege aus nach Agay schon die ganze Schneekette der Alpen
+überblicken. Hier verlassen wir den betretenen Weg, um an dem Ufer selbst
+unsere Wanderung fortzusetzen. Da geht es bergauf und bergab nicht ohne
+Hindernisse. Einmal erklimmen wir einen steilen Fels, dann steigen wir
+wieder bis zum Meer hinab. Leise Wellen schlagen an das Ufer, kaum
+umfranst von leichtem Schaum. Durch die krystallhelle Fluth dringt unser
+Auge bis auf den tiefen Grund. Es sieht dort in purpurnen Mulden
+räthselhafte Dinge liegen, die in bunten Farben gleich Edelsteinen
+funkeln. Die provençalische Sonne übergießt uns mit ihrem Glanz; auch das
+Meer und die Felsen strahlen uns Licht entgegen. Die ganze Luft zittert
+über dem erhitzten Boden. Alles leuchtet und flimmert um uns her; die
+Ferne schwindet in goldigem Nebel, und der weiße Schnee der Alpen scheint
+wie über Abgründen zu schweben.
+
+Wie kommt es nur, daß sie so rein und so klar sind, diese herrlichen
+Fluthen des Mittelmeeres? tragen doch Flüsse und Bäche fort und fort
+Schlamm und Erde dem Meere zu; nagen doch seine Wellen unaufhörlich an dem
+weit ausgedehnten Ufer. Die Klarheit des Seewassers wird durch seinen
+Salzgehalt bedingt. Trübes Flußwasser, sich selbst überlassen, braucht
+sehr lange Zeit, um sich zu klären, doch genügt es, eine Spur Kochsalz
+hinzuzufügen, damit diese Klärung äußerst rasch erfolge. Je mehr Salz das
+Seewasser enthält, um so blauer pflegt es auch zu erscheinen, daher das
+salzreiche Mittelmeer durch die Intensität seiner Färbung ausgezeichnet
+ist. In vierhundert Meter Tiefe erlöschen die letzten Strahlen des
+Lichtes, welches in das Seewasser dringt. Weiter hinab herrscht ewige
+Dunkelheit. Die verschiedenartigen Strahlen, welche das weiße Sonnenlicht
+zusammensetzen, und die unser Auge als verschiedene Farben empfindet,
+werden nicht gleich schnell im Meere resorbirt. In zwei Meter Tiefe ist
+schon die Hälfte der rothen und ein Drittel der orangegelben Strahlen
+verschwunden; das Licht, das tiefer dringt, ist jetzt nicht mehr weiß, es
+ist vorherrschend grün und blau geworden. Das bedingt die Färbung des
+Meeres. Da der Salzgehalt des Wassers auf den Vorgang der
+Strahlenabsorption einen Einfluß übt, so beeinflußt er auch die
+Farbeneffecte. Die glatte Meeresfläche wirft das meiste Licht unverändert
+zurück. Spiegelt sich in ihr die Sonne, so leuchtet sie daher in deren
+Glanz, während sie der Abendhimmel in Purpurtönen färbt. Von den
+aufsteigenden Wellen der bewegten See wird dagegen nur wenig Licht
+zurückgeworfen, daher uns das Meer dann besonders dunkel erscheint.
+
+Doch es gilt Abschied von Le Trayas zu nehmen. Castor begleitet uns zur
+Bahn. Wir streicheln ihn vor der Trennung. Er sieht lange dem
+Eisenbahnzuge nach, der uns davonträgt. Sein Blick trübt sich – fast
+scheint es uns, er habe Thränen in den Augen.
+
+ XI.
+
+Bald lag das Esterelgebirge hinter uns im Westen, und wir fuhren in
+sanftem Aufstieg dem Norden zu. Der Schienenweg führte im Thal der Siagne
+an Feldern von Rosen und Jonquillen, von Veilchen und von Jasmin vorbei;
+dann folgte er wieder grauen Olivenhainen. So erreichten wir Grasse, eine
+Stadt in mittelalterlichem Gewande. Sie klettert empor an den letzten
+Ausläufern der Alpen. In Windungen führen die Straßen in die Höhe; steile
+Treppen kürzen die Wege ab, Gewölbpfeiler verbinden in engen Gassen die
+gegenüberliegenden Häuser, damit sie den steilen Abhang nicht abwärts
+gleiten. Es drängen sich in solchen Gassen die Menschen an einander
+vorbei; stellenweise stockt der Verkehr. Der moderne Inhalt der
+Schaufenster an den Läden paßt nicht zu der alten Umrahmung. Manchem
+Hausgang entweicht ein fettiger Dampf, gewürzt mit Zwiebel und Knoblauch.
+Da gibt es Fritturen, unverfälschte mediterrane Wohlgerüche. Doch mit
+jenem Oelduft mischt sich ein anderes durchdringendes Parfüm, das an
+freieren Orten allein zur Geltung gelangt; es kommt vom Santalholz, das
+aufgeschichtet in den Parfümfabriken liegt. Seine Verarbeitung hat jetzt
+begonnen.
+
+Grasse ist sehr alten Ursprungs, wurde aber zu wiederholten Malen
+vollständig zerstört. Sein Wiederaufbau im sechsten Jahrhundert soll
+eigenartiger Weise erfolgt sein durch Juden. Es waren, so heißt es,
+Nachkommen jener Juden, die Tiberius gegen das Jahr 19 unserer
+Zeitrechnung aus Rom vertrieb. Während der Judenverfolgung, die im
+sechsten Jahrhundert in der Provence ausbrach, gingen diese Juden zum
+Christenthum über und erhielten die Ruinen der alten römischen Stadt dafür
+zum Lohn. Sie sind es, die ihr den Namen »Gratia« gaben. Das Stadtwappen
+von Grasse führt ein silbernes Osterlamm in azurnem Feld; man sucht dies
+in Verbindung zu bringen mit der einstigen Bekehrung seiner Wiedererbauer.
+
+Wir finden Grasse nicht schön, und auch der Ausblick von seinen Plätzen
+und Gärten in das ferne Meer entzückt uns nicht. Bilden doch den
+Vordergrund jenseits der Hügel steife und nüchterne Kasernen, die jedes
+ästhetische Empfinden stören. Doch anmuthig ist der Blick auf Grasse
+selbst, vom Garten des Grand Hôtel, den man auf der neuen Avenue Thiers,
+oberhalb der Stadt, in zwanzig Minuten erreicht. Die Agaven und Palmen des
+Gartens rahmen da die alte Stadt in wirksamer Weise ein; sie verdecken die
+unschönen neuen Gebäude und zeigen nur die eckigen alten Thürme und
+Häuser, die sich über und durch einander an den Abhang drängen.
+
+Das, was uns nach Grasse geführt hatte, war aber auch nicht die Hoffnung,
+die zuvor empfangenen Natureindrücke zu steigern, vielmehr der Wunsch,
+einen Einblick in die hier blühende Parfümherstellung zu gewinnen. Seit
+mehr als hundertundfünfzig Jahren ist Grasse in dieser Richtung berühmt,
+und selbst weiter noch reichen seine Erfolge auf diesem Gebiete zurück.
+Man zeigt uns das Haus, in welchem ein Sieur Tombarelli aus Florenz schon
+in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts ein Laboratorium für
+Parfümerien eingerichtet hatte. Heute ist Grasse zu einem der Hauptorte
+europäischer Parfümfabrikation geworden. Es stellt aber nicht die fertigen
+Parfüms her, so wie sie schließlich als sogenannte »Bouquets« zur
+Verwendung kommen, sondern die ersten Erzeugnisse für dieselben. Aus
+diesen einfachen Bestandtheilen mischen die eigentlichen Parfümisten erst
+jene verschiedenen Bouquets zusammen, wie sie eben die Mode vorschreibt
+oder der Geschmack der Zeit verlangt. Grasse entnimmt seine Wohlgerüche
+fast ausschließlich dem Pflanzenreich. Thatsächlich sind auch die meisten
+natürlichen Parfüms pflanzlichen Ursprungs, nur Moschus, Ambra, Bibergeil
+und Zibeth entstammen dem Thierreich. Neuerdings beginnt jedoch die
+chemische Industrie wirksam in das Parfümgeschäft einzugreifen, indem sie
+die wohlriechenden Stoffe in chemisch reinem Zustande darstellt. Im
+Besonderen ist es gelungen, das Cumarin, jenen Stoff, der den Geruch des
+frischen Heues bestimmt, aus Salicylaldehyd zu erzeugen. Das Verfahren ist
+ziemlich umständlich, der aromatisch riechende Körper, den man in
+farblosen, glänzenden Krystallen erhält, aber durchaus übereinstimmend mit
+demjenigen, den die Tonkabohnen, die Samen des Tonkabaumes (_Dipterix
+odorata_) von Guyana und auch die Stengel der _Liatris odoratissima_,
+einer in Florida wachsenden Composite, die zum Parfümiren des Tabaks und
+der Cigarren benutzt wird, enthalten. Mit etwa zwanzig Gramm künstlichen
+Cumarins erreicht man heute in der Parfümerie ebenso viel, wie mit einem
+Kilogramm Tonkabohnen. Ebenso verhält es sich mit dem natürlichen
+Wintergrünöl, das aus dem nordamerikanischen, zu den Heidengewächsen
+gehörenden Theebeerenstrauch (_Gaultheria procumbens_) gewonnen wird, und
+das jetzt vollständig durch künstlich erzeugten Salicylsäure-Methylester
+ersetzt ist. Nur unvollkommen gelang es hingegen bis jetzt, das in der
+Parfümerie vielbenutzte Bittermandelöl durch das künstliche Benzaldehyd zu
+verdrängen. Sehr großen Erfolg hat die Chemie mit dem Vanillin erzielt,
+das aus dem Saft des jungen, noch in Entwickelung begriffenen Holzes der
+Nadelbäume (Coniferen), doch auch aus dem im Nelkenöl enthaltenen Eugenol
+und verschiedenen anderen Körpern dargestellt wird. Da die Früchte der
+Vanille im besten Falle anderthalb bis zwei Procent Vanillin enthalten, so
+ist mit zwanzig bis fünfundzwanzig Gramm Vanillin in der Parfümerie
+reichlich derselbe Effect wie mit einem Kilo Vanille zu erreichen.
+Künstliches Heliotropin wird jetzt aus Safrol, dieses selbst aus
+japanischem Camphoröl dargestellt, außerdem aus
+Steinkohlentheer-Derivaten. Da aus den Blüthen des Heliotrops
+(_Heliotropium peruvianum_ und _grandiflorum_) nur äußerst wenig Parfüm
+sich gewinnen läßt, so ist dieser Ersatz sehr willkommen. Den Maiglöckchen
+ist ihr zarter Duft überhaupt nicht abzugewinnen, daher für die Parfümerie
+sehr wichtig, daß jetzt ein ähnlich riechender Körper sich aus dem
+Terpineol gewinnen läßt. Allgemein kommt jetzt auch krystallinisches
+Thymol, das aber nicht aus dem Thymian, sondern aus dem Samen des
+ostindischen Doldengewächses _Ptychotis Ajowan_ abdestillirt wird, zur
+Verwendung, desgleichen Menthol, welches zwar in der eigentlichen
+Parfümerie keine Rolle spielt, doch zur Darstellung von Migränestiften und
+auch von Schnupfpulver dient. Neuerdings werden zwei gleich
+zusammengesetzte Körper: das _Iron_ und _Jonon_, deren Aroma mit
+demjenigen der Veilchenblüthen fast völlig übereinstimmt, künstlich
+erzeugt. Es genügt, ein mit diesen Körpern erfülltes Proberöhrchen zu
+öffnen, damit ein ganzes Zimmer mit Veilchenduft erfüllt werde.
+Merkwürdiger Weise riechen diese Körper nicht zu allen Zeiten gleich
+stark, und ähnliche Schwankungen im Duft zeigen auch frische Veilchen. Das
+Iron gewinnt man aus der sogenannten Veilchenwurzel, das heißt aus dem
+Wurzelstock von _Iris florentina_, doch es kommt sehr theuer zu stehen, da
+100 Kilo Iris-Wurzelstock nur 8 bis 30 Gramm Iron ergeben. Um so
+werthvoller für die Parfümerie ist es, daß die Darstellung des Jonons aus
+Citral, einem im Citronenöl enthaltenen Körper gelang. – Vor Kurzem kam zu
+diesem Allen noch die künstliche Darstellung des Orangenblüthenöls hinzu.
+Auch den Moschus, der von den männlichen Moschusthieren stammt, hat man
+versucht, durch das künstlich erzeugte _Musc Baur_ oder _Tonquinol_ zu
+ersetzen, und es verbreitet sich dieses Product immer mehr.
+
+Sehr werthvolle Parfüms werden uns auch aus wärmeren Himmelsstrichen
+zugeführt, so von Alters her die Balsame und in neuerer Zeit das
+Ylang-Ylang, welches aus den Blüthen eines zu den Anonaceen gehörenden, in
+Südasien cultivirten Baumes, _Cananga odorata_, gewonnen wird. Der
+Hauptsache nach bleibt es aber Südeuropa, dem die Parfümisten ihre besten
+Wohlgerüche verdanken. – Die meisten pflanzlichen Parfüms werden als
+ätherische Oele gewonnen, Oele, die im Gegensatz zu den fetten Oelen
+flüchtig sind und auf Papier einen durchscheinenden Fleck bilden, der bald
+wieder schwindet. Aetherische Oele werden von den Thieren nicht erzeugt.
+Bei den Pflanzen sind es ganz vornehmlich die Blüthen, welche den
+Riechstoff enthalten. Dort wirken ja Wohlgeruch und Farbe zusammen, um
+jene Thiere anzulocken, die den Blüthenstaub von Blüthe zu Blüthe
+übertragen sollen. Doch kann die duftende Substanz auch in der Wurzel der
+Pflanze angesammelt sein, so das Opoponax, ein Gummiharz des
+kleinasiatischen Doldengewächses _Opoponax Chironium_, oder es ist in dem
+Wurzelstock der Pflanze vertreten, so bei der »Veilchenwurzel« und dem
+Vetiver, welches letztere den Wurzelstock des ostindischen Grases
+_Andropogon muricatus_ bildet. Auch das Holz der Stämme kann mit Parfüm
+beladen sein, so das Holz der balsamliefernden Bäume, oder das des
+ostindischen Santalbaumes (_Santalum album_). Die Stammrinde führt das
+Parfüm beim Zimmtbaum (_Cinnamomum ceylanicum_). In anderen Fällen sind es
+wieder die Blätter, die am stärksten duften, so bei unserer Pfeffermünze
+(_Mentha piperita_) oder Melisse (_Melissa officinalis_) und dem
+indisch-malayischen Patchuli (_Pogostemon Patchuly_); endlich können auch
+Früchte und Samen den Riechstoff enthalten, so bei der Vanille oder dem
+Kümmel.
+
+ XII.
+
+Wir hatten uns mit den nöthigen Empfehlungen versehen und durften einige
+der größten Parfümfabriken von Grasse besichtigen. Das angewandte
+Verfahren blieb in der Hauptsache überall dasselbe. Ist der wohlriechende
+Stoff in bedeutender Menge in einem Pflanzentheil vertreten und in
+größeren Drüsen dort eingeschlossen, so kann er durch Auspressen befreit
+werden. In anderen Fällen wird er durch Destillation aus den
+Pflanzentheilen gewonnen, vorausgesetzt freilich, daß er bei der Erwärmung
+nicht leidet. Wo er in sehr geringen Mengen vorhanden ist, wird er von
+warmen oder kalten Fetten, in denen er löslich ist, aufgenommen und dann
+mit Alkohol denselben entzogen.
+
+Als wir in Grasse eintrafen, ging dort die Veilchenernte zu Ende, während
+die Jonquillen in voller Blüthe standen. Die Veilchen enthalten nur Spuren
+des wohlriechenden Stoffes, so wenig, daß man auf die Behandlung der
+Blüthen mit Fett angewiesen ist. Im Allgemeinen wird dabei das
+Macerationsverfahren angewandt. Das Fett muß sehr rein sein, und wir
+konnten feststellen, daß die Fabriken selbst es aus frisch geschlachteten
+Thieren gewinnen. Dann wird es geschmolzen und durch entsprechende
+Behandlung mit Kochsalz und Alaun, durch Waschen, Abschäumen und Seihen
+durch feine Leinwand gereinigt. So nur bleibt es geruchlos und gewinnt
+eine Haltbarkeit, die man oft durch Zusatz von Benzoë, auch wohl von
+Borsäure zu erhöhen sucht. Für Salben kommen auch feine Oele, besonders
+Olivenöl und Mandelöl, seltener Ricinusöl, in Betracht.
+
+Die Veilchen, die für die Parfümfabrik bestimmt sind, dürfen nicht naß
+sein, wenn man sie sammelt. Diese Regel gilt auch für alle anderen
+Pflanzen, die mit Fett behandelt werden sollen. Man pflückt die Veilchen
+früh am Morgen, sobald der Thau verschwunden ist, bevor die Sonne Zeit
+hatte, stärker einzuwirken. Gleich nach dem Einsammeln gelangen sie in die
+Fabrik und werden in erwärmtes Fett geschüttet, das man flüssig bei 40–50
+Grad Celsius erhält. Nach einer entsprechend langen Einwirkung filtrirt
+man es von den Veilchen ab und versetzt es mit frischen Blumen. Das
+wiederholt man so lange, bis das Fett mit Veilchenduft gesättigt ist. So
+erhält man Veilchenpomade, deren Geruch völlig dem der Veilchen gleicht,
+und der man den duftenden Stoff durch Weingeist oder durch sehr gut
+gereinigten, geruchlosen Kornbranntwein entzieht, mit dem man sie
+schüttelt. Da sehr große Mengen Veilchen nöthig sind, um eine stark
+riechende Essenz zu gewinnen, so hat man von jeher schon nach einem Ersatz
+für Veilchen gesucht. Daher die »Veilchenwurz« statt Veilchen in Sachets
+so allgemeine Verwendung findet. Geschälte und getrocknete Stücke des
+nämlichen Wurzelstockes von Iris wurden auch, wie Plinius erzählt, schon
+zu römischen Zeiten den zahnenden Kindern um den Hals gehängt, so wie es
+noch heute geschieht.
+
+Jetzt wo das Jonon entdeckt ist, dürften aus der Gegend von Grasse die
+Veilchenfelder verschwinden.
+
+Der stark duftenden gelben Jonquille (_Narcissus Jonquilla_) wird das
+Aroma ebenfalls durch Fett entzogen, doch in anderer Weise, nach einem
+Verfahren, das man als »Enfleurage« bezeichnet. Wir fanden ganze Räume in
+den Fabriken mit aufeinander gelagerten viereckigen Holzrahmen erfüllt. In
+jeden derselben ist eine Glasscheibe gefaßt, die einseitig mit Fett
+überzogen wird, doch so, daß es nur eine ganz dünne Schicht auf dem Glase
+bildet. Auf dieses Fett legt man die Jonquillen und läßt sie so lange mit
+ihm in Berührung, bis aller Duft extrahirt ist. Das dichte
+Zusammenschließen der aufeinander gelegten Rahmen verhindert ein
+Entweichen desselben in die Umgebung. Die Blüthen werden auch hier
+wiederholt erneuert, bis schließlich die Pomade fertig ist, aus der man
+dann mit Weingeist den Jonquillen-Extract herstellt.
+
+Da die Jonquillen nicht in größeren Mengen bei Grasse angepflanzt werden,
+stockte die Arbeit mit frischen Blumen zur Zeit in den Fabriken. Die
+Orangenblüthen, die Rosen, Heliotrop und Reseda kommen erst im Mai, daher
+man jetzt das Santalholz in Angriff genommen hatte. Wir sahen große Massen
+dieses kostbaren braunen Holzes in den Lagerräumen aufgespeichert. Es
+steht hoch im Preise, denn auch in seiner ostindischen Heimath wird es
+sehr geschätzt. Man verfertigt dort kunstvoll geschnitzte Möbel, vor Allem
+aber Schreine aus Santalholz. Denn sein Duft hält die Insekten fern und
+verscheucht selbst die weiße, Alles zerstörende Ameise. Die Buddhisten
+verbrennen große Mengen Santalholz als Räucherwerk, und stellenweise sind
+die Santalbäume in Folge dessen ganz ausgerottet worden. In den Fabriken
+wird das Santalöl durch die Destillation des zerkleinerten Holzes mit
+Wasser gewonnen. Das Oel geht mit dem Wasserdampf aus der Blase des
+Destillationsapparates in den Kühler über und fließt mit dem Wasser
+zusammen in die Vorlage. Aus fünfzig Kilogramm Holz wird annähernd ein
+Kilogramm Oel gewonnen, das dementsprechend theuer ist und nur für feine
+Parfüms Verwendung findet.
+
+Im Mai füllen Orangenblüthen die Stadt Grasse mit ihrem betäubenden Dufte.
+Zwei bis dreimal hunderttausend Kilogramm Blüthen des bitterfrüchtigen
+Orangenbaumes werden hier für Parfüms verarbeitet. Die Blüthen riechen
+lieblicher und stärker als die der süßfrüchtigen Art und werden daher fast
+ausschließlich verwandt. Ein Baum von zwanzig bis dreißig Jahren liefert
+fünfzehn bis zwanzig Kilogramm Blüthen. Aus hundert Kilogramm werden durch
+Destillation etwa vierzig Kilogramm Orangenblüthenwasser und etwa hundert
+Gramm Orangenblüthenöl oder Neroliöl gewonnen. Völlig unverändert gibt die
+Orangenblüthe bei dem Macerationsverfahren oder bei der Enfleurage ihren
+Duft an das Fett ab. So erhält man die Orangenblüthenpomade und, nach
+Behandlung derselben mit Weingeist, die Orangenblüthenessenz. Das
+Orangenblüthenöl, sowie die Orangenblüthenessenz, sind immer noch theuer,
+weil ihre Herstellung große Mengen von Blüthen verlangt. Die Preise werden
+freilich jetzt auch auf diesem Gebiete, wie auf so vielen anderen, durch
+Ueberproduction gedrückt. Es stellen sich daher Zeichen der Entmuthigung
+unter den Producenten ein, welche die Parfümfabriken versorgen. Wie wird
+es jetzt erst werden, wo das künstliche Neroliöl angekündigt ist. Wohl
+möglich, daß überhaupt an manchen Orten der Riviera mit der Zeit die
+Cultur der Parfümerie-Pflanzen ganz aufgegeben wird. Doch auch die Zucht
+von Blumen für den Versand weist schon Ueberfluß der Erzeugung auf. Als
+der Bedarf nach solchen Blumen stieg, beeilten sich die Landbesitzer, ihre
+Olivenbäume zu fällen und Blüthenpflanzungen an deren Stelle anzulegen;
+jetzt wissen sie kaum, wo sie ihre Blüthen unterbringen sollen. Die hohe
+Temperatur förderte zudem im letzten Frühjahr die rasche Entwickelung der
+Pflanzen, und so kam es, daß man auf den Märkten der Städte zu einem kaum
+nennenswerthen Preise, sich mit großen Sträußen der herrlichsten Blumen
+beladen konnte.
+
+Wesentlich billiger als Neroliöl ist begreiflicher Weise das durch
+Destillation der Blätter oder unreifen Früchte des bitterfrüchtigen
+Orangenbaumes gewonnene Petitgrainöl. Es steht an Zartheit des Duftes dem
+Neroliöl aber bedeutend nach. Das aus den Blüthen der *süßen* Orange
+hergestellte Parfüm zeichnet sich wiederum durch besondere Eigenschaften
+aus und wird als Neroli-Portugalöl bezeichnet. – Das den frischen Schalen
+reifer Früchte des süßfrüchtigen Orangenbaumes entstammende Pomeranzenöl
+wird im Winter gewonnen. Wie viel ätherisches Oel in den Orangenschalen
+vorhanden ist, davon kann man sich überzeugen, wenn man eine solche Schale
+in der Nähe einer Flamme zusammendrückt. Das leicht entzündliche Oel
+sprüht dann entbrennend aus den Drüsen hervor. Die Oeldrüsen in der Schale
+erkennt man schon mit dem bloßen Auge.
+
+In der Parfümerie findet nur das Oel der süßen, nicht der bitteren
+Orangenschalen Verwendung. Das Verfahren bei der Gewinnung im Großen ist
+das der Pressung. Entweder kommt die Schwammmethode in Anwendung, wobei
+der Arbeiter die Schalen, die er langsam unter Druck zwischen den Fingern
+durchrollt, gegen einen Schwamm preßt; oder das Verfahren der sogenannten
+Ecuelle, wobei die Frucht unter beständigem Drehen gegen die Innenfläche
+eines flachen Trichters, der zahlreiche Nadeln entspringen, gedrückt wird.
+Das gewonnene Oel preßt man im ersten Falle aus dem Schwamme heraus, im
+zweiten fließt es von selbst durch die Oeffnung des Trichters ab. In ganz
+entsprechender Weise gewinnt man auch feines Bergamottöl aus den reifen
+Früchten des Bergamottcitronenbaumes (_Citrus Bergamia_). Das weniger
+feine Bergamottöl befreit man hingegen aus den Früchten durch
+Destillation. Feines Bergamottöl wird in der Parfümerie sehr geschätzt;
+die Riviera erzeugt es nur in geringer Menge; es kommt vornehmlich aus
+Reggio und Messina.
+
+Dies sind im Allgemeinen die Darstellungsarten, die bei der Gewinnung der
+Riechstoffe in Anwendung kommen. Das Verfahren wird freilich im Einzelnen
+abgeändert. So schüttet man oft die Blumen nicht unmittelbar in das
+geschmolzene Fett, hängt sie vielmehr in Drahtkörben in die Gefäße, durch
+die man warmes Fett fließen läßt. Es kann andererseits auch erwünscht
+sein, daß die Blüthen nicht unmittelbar mit dem Fett in Berührung kommen,
+weil Letzteres nicht allein den Riechstoff, sondern auch andere Substanzen
+aus den Blüthen aufnimmt. Dann werden die Glasscheiben durch verzinnte
+Drahtnetze in den Holzrahmen ersetzt. Auf ein solches Drahtnetz werden die
+Blüthen gestreut, das nächste erhält das Fett, und so immer abwechselnd.
+Das Fett wird in diesem Fall zu nudelartigen Fäden ausgearbeitet, um
+möglichst viel Oberfläche zu gewinnen. Die Rahmen schiebt man in einen
+Schrank, in welchem Blasebälge die Luft in langsamer Bewegung erhalten. So
+streicht der Duft an den feinen Fettfäden vorüber und wird von ihnen
+absorbirt. Die Blüthen auf den Rahmen ersetzt man nach Bedarf durch neue.
+– Soll der wohlriechende Stoff durch ein Oel aufgenommen werden, so wirft
+man die Pflanzentheile in dasselbe hinein oder hängt sie in Tüchern in das
+Oel, oder breitet sie endlich auf Tüchern aus, die mit Oel getränkt sind:
+so erhält man die »_huiles antiques_«. Von großer Bedeutung ist für die
+Parfümindustrie das nachträgliche Reinigen ihrer Essenzen, was meist durch
+wiederholte Destillation geschieht. Viel Umsicht und Erfahrung sind
+nöthig, damit der Duft bei der Reinigung nicht leide.
+
+Es sieht übrigens aus, als wenn der bisherigen Gewinnungsweise des Parfüms
+eine Umwandlung oder doch zum Mindesten eine Erweiterung bevorstehen
+sollte. Der Petroleumäther scheint berufen, mehr oder weniger die Fette zu
+verdrängen. Neue Fabriken werden auf dieses Verfahren bereits
+eingerichtet. Der Petroleumäther entzieht der Pflanze im Wesentlichen nur
+das Parfüm. Da er leicht siedet, läßt er sich außerdem unschwer von dem
+Parfüm dann trennen. Ein Kilo Essenz bedeutet aber mehr als hundert Kilo
+der jetzigen Pomade. Die Zukunft muß zeigen, ob die Benutzung des
+Petroleumäthers wirklich in allen Fällen zulässig ist.
+
+Die Möglichkeit, den Pflanzen ihren Wohlgeruch durch Fett zu entziehen,
+gestattet es auch im Kleinen, die feinste Pomade aus Pflanzen, die sonst
+vielleicht nutzlos im Garten verblühen würden, herzustellen. Möglichst
+reines Fett, das man auf eine Scheibe streicht, und ein gut
+verschließbarer Kasten, in den man die Scheibe legt, reichen aus, um den
+Erfolg zu sichern. Man muß die Blüthen, mit den Kronen abwärts gekehrt,
+auf das Fett lagern, den Kasten dann verschließen und die Blüthen
+erneuern, bevor sie welk geworden. Der Name Pomade oder vielmehr Pommade
+rührt von Apfel »_pomme_« her und war dadurch veranlaßt, daß man früher
+Aepfel zur Herstellung solcher duftender Fette verwandte. Ein Apfel wurde
+mit wohlriechenden Gewürzen, vornehmlich mit Nelken, gespickt und, nachdem
+er einige Tage an der Luft gelegen, in Fett eingeschmolzen. Erschien das
+Fett durch den ersten Apfel nicht ausreichend parfümirt, so ließ man ihm
+einen zweiten folgen.
+
+Man sieht um Grasse viel Rosen, die für die Parfümfabriken gezogen werden.
+Es sind das nicht solche, wie sie im Winter versandt, die Blumenläden ganz
+Europas jetzt schmücken, vielmehr Centifolien und Damascenerrosen. Man
+pflückt die im Oeffnen begriffenen Blüthen am Morgen, sobald der Thau
+verschwindet. Die Erntezeit fällt in den Mai und Juni. Jeder Rosenstock
+liefert in Grasse durchschnittlich zwei bis dreihundert Gramm Blüthen,
+doch tausend Kilogramm ergeben kaum hundertundfünfzig Gramm Rosenöl. Da
+darf man sich nicht wundern, daß ein Kilogramm Rosenöl über tausend Francs
+kostet. Das Rosenöl wird durch Destillation der Blumenblätter der Rose mit
+Wasser oder Wasserdampf gewonnen; es sammelt sich auf der Oberfläche des
+Destillates allmälig an. Das Rosenwasser ist das unmittelbare Product der
+Destillation einer bestimmten Menge von Rosenblumenblättern mit Wasser.
+Die ätherischen Oele sind zwar fast unlöslich in Wasser, immerhin nimmt
+dieses hinlänglich viel von den Oelen auf, um nach ihnen zu duften. So
+verhält es sich beim Rosenwasser, dem Orangenblüthenwasser und sonstigen
+aromatischen Wässern. Die Rosen von Grasse werden mehr zur Herstellung von
+Rosenpomade, als von Rosenöl und Rosenwasser verwandt. Die durch
+Maceration von Rosenblumenblättern in Fett erhaltene Pomade besitzt den
+unveränderten Duft der Rose, während der Wohlgeruch des Rosenöls von
+demjenigen der frischen Blumen etwas abweicht. Aus der Pomade wird mit
+Alkohol das »_Esprit de Rose_« extrahirt, wohl unstreitig eines der
+feinsten Parfüme, welche existiren. Kaum ein Wohlgeruch der Welt ist so
+beliebt wie derjenige der Rosen, und wer einmal den Orient bereiste, wird
+sich des aus Rosen und Verwesung gemischten Duftes erinnern, den die
+Straßen im Sonnenlichte aushauchen. Wer da freilich meint, in den Bazaren
+des Orients reines Rosenöl in jenen langgezogenen goldverzierten
+Fläschchen, die dort feilgeboten werden, mit nach Hause gebracht zu haben,
+der ist einer argen Täuschung unterworfen. Türkisches Rosenöl ist fast
+immer verfälscht, und zwar für gewöhnlich mit Palmarosaöl oder indischem
+Geraniumöl, das in Ostindien aus dem Geranium- oder Kusagras (_Andropogon
+Schoenanthus_) durch Destillation erhalten wird. Der indische Destillateur
+sorgt andererseits meist dafür, daß auch sein Palmarosaöl schon mit einem
+anderen Oel, besonders Cocosöl, gefälscht sei. So dürfte es in Deutschland
+zu empfehlen sein, das Fläschchen aus dem Orient daheim erst mit echtem
+Rosenöl zu füllen. Werden doch Rosen zum Zweck der Rosenölgewinnung nicht
+allein in Deutschland, sondern auch in England in großem Maßstabe gezogen.
+Die um die Darstellung ätherischer Oele und Essenzen so hoch verdienten
+Gebrüder Fritzsche, Inhaber der Leipziger Firma Schimmel & Co. hatten, wie
+Georg Bornemann in seinem Werk über die flüchtigen Oele angibt, im Jahre
+1884 zum ersten Mal aus deutschen Rosen drei Kilogramm Rosenöl gewonnen.
+Sie legten ausgedehnte Rosenpflanzungen in Groß-Miltitz bei Leipzig an,
+und diese lieferten, außer anderen Erzeugnissen, im letzten Jahre (1894)
+42 Kilogramm Rosenöl. Ich entnehme diese Angabe den Berichten, welche die
+genannte Firma alljährlich veröffentlicht und aus denen man nicht allein
+einen Begriff von der Großartigkeit des Betriebes in dieser Fabrik
+gewinnt, sondern auch über den rationellen Geist und das wissenschaftliche
+Streben, das sie bei ihren Unternehmungen leitet. Im Jahre 1893 erstreckte
+sich das Rosenfeld der Fabrik über zwanzig Hectare, an die sich weite
+Reseda- und Pfeffermünzculturen anschlossen. Zu diesen haben sich seitdem
+Estragon, Wermuth, Liebstock und Angelica gesellt. Aus je hundert
+Kilogramm frischer Rosen lassen sich zwanzig Gramm Rosenöl darstellen. Es
+wurden im letzten Jahre somit nicht weniger als 200 000 Kilogramm Rosen
+auf Rosenöl verarbeitet. Das ist für eine einzige Fabrik schon eine sehr
+erhebliche Leistung, welche freilich gegen die Gesammtproduction des
+Rosenöls noch wenig in die Wagschale fällt. Denn das Hauptland dafür,
+Bulgarien, liefert jährlich allein gegen zweitausend Kilogramm Rosenöl.
+
+Das Palmarosaöl riecht nicht rein nach Rosen, es duftet vielmehr wie ein
+Gemisch von Rosen und Citronen. Fast rein rosenartig ist hingegen der Duft
+des Geraniumöls, das aus den Blättern des Rosen-Geraniums gewonnen wird.
+Davon kann man sich schon überzeugen, wenn man ein Blatt dieser Pflanze,
+die auch bei uns nicht selten in Töpfen cultivirt wird, zwischen den
+Fingern zerdrückt. Streng genommen hat man es nicht mit Geranien, sondern
+mit Pelargonien dabei zu thun, und zwar mit mehreren Arten derselben,
+hauptsächlich mit _Pelargonium capitatum_, _odoratissimum_ und _radula_.
+Die Art, welche an der Riviera gezogen wird, ist _Pelargonium capitatum_.
+Gegen früher hat dort freilich diese Cultur jetzt sehr abgenommen, da der
+Wettbewerb mit Algier nicht auszuhalten ist. Man mäht an der Riviera die
+Pflanzen von Mitte August an bis Mitte September und liefert sie so frisch
+als möglich den Fabriken ab. Die Firma Schimmel & Co. erzielt jetzt
+bedeutende Erfolge mit Rosen-Geraniol. Sie destillirt reines Geraniol, das
+sie aus Citronella-Grasöl gewinnt, so lange über frisch gepflückten Rosen,
+bis es mit Rosenöl gesättigt ist und dann in der That dem Rosenöl fast
+entspricht.
+
+In den Gärten der Riviera begegnet man oft einer Verbene, der _Verbena
+triphylla_ oder _Lippia citriodora_, die auch als Citronelle oder
+Citronenkraut bezeichnet wird. Man findet diesen schönen Strauch schon in
+den Gärten an den italienischen Seen und hat wohl Gelegenheit, im Herbst
+die Rispen seiner violett angehauchten kleinen Blüthen zu sehen. Zerreibt
+man seine Blätter zwischen den Fingern, so verbreiten sie einen feinen
+Duft, der die Mitte zwischen Citronen, Melissen und Verbenen hält. Dieser
+aus Persien stammende Strauch wird auch in größerem Maßstab an manchen
+Orten der Riviera gezogen und aus seinen Blättern das echte Verbenaöl
+destillirt, das die Parfümisten sehr schätzen. Echtes Verbenaöl ist
+freilich sonst schwer zu haben und wird im Allgemeinen durch das
+Citronen-Grasöl ersetzt, das wir jener Grasgattung, _Andropogon_, danken,
+deren Arten so viele wohlriechende Öle liefern. Das Citronen-Grasöl wird
+von _Andropogon citratus_ gewonnen, der jetzt besonders auf Ceylon und in
+Singapore angebaut wird. Weit ausgedehnter betreibt man an denselben Orten
+die Cultur des _Andropogon nardus_, von dem das melissenartig riechende
+Citronella-Grasöl abstammt. Dieses findet für das Parfümiren der Seifen
+jetzt sehr starke Verwendung und bildet den Hauptbestandtheil des Parfüms
+der Honigseifen. Von dem Umfang der Citronella-Grasöl-Production geben die
+Berichte von Schimmel & Co. eine Vorstellung, da diese Firma auf einmal
+Sendungen von 10 000 Kilogramm dieses Öles aus Ceylon erhält.
+
+Der Reseda entzieht man den Duft durch Enfleurage, dem Thymian, der
+Salbei, dem Rosmarin, dem Lavendel und der Melisse durch Destillation.
+Salbei, Thymian, Rosmarin und Lavendel werden an der Riviera kaum
+cultivirt; man pflückt sie an ihrem natürlichen Standort, besonders am
+Fuße der Berge. In der Gegend von Agay zogen eines Tages vor uns Frauen
+auf der Straße mit großen Ladungen Thymian auf den Köpfen. Sie hatten ihn
+an den Abhängen des Esterel gesammelt. Der Wind blies in unserer Richtung
+und bildete einen Streifen von Duft, der sich über Hunderte von Schritten
+ausdehnte. Diese wild gewachsenen Pflanzen werden zwar auch vorwiegend in
+den Fabriken verarbeitet, zum Theil aber schon im Freien, gleich beim
+Einsammeln destillirt, in Apparaten, die man von Ort zu Ort befördert.
+Viel Rosmarinöl wandert von hier aus nach Köln, um bei der Darstellung von
+Kölnischem Wasser benutzt zu werden. Das _Eau de Cologne_ enthält gelöst
+in 85 % Weinspiritus gleiche Mengen gepreßtes Orangen- und
+Citronenschalenöl, fast ebenso viel Neroliöl, dann etwa halb so viel
+Bergamottöl, endlich, nochmals um die Hälfte weniger, Rosmarinöl. Man wird
+freilich nicht sofort gutes Kölnisches Wasser erhalten, auch dann nicht,
+wenn man nach bester Vorschrift die feinsten Oele in vorzüglichem
+Weinspiritus auflöst. Der Schmelz des Duftes stellt sich erst nach
+längerer Zeit ein. Praktische Erfahrungen hatte man in dieser Richtung
+schon lange gesammelt, in wissenschaftliche Erörterung wurde die Wirkung
+der Lagerung erst in den letzten Zeiten gezogen. Am Einfachsten zeigt sie
+sich zum Beispiel bei einem Schenkbranntwein, der durch Verdünnung von
+achtzigprocentigem Spiritus auf dreißigprocentigen gewonnen wurde. Solcher
+Schenkbranntwein, frisch dargestellt, mundet dem Trinkenden nicht, selbst
+wenn dieser nicht zu den größten Feinschmeckern gehört. Auch der
+Schenkbranntwein muß erst gelagert haben. Daß der Wein durch Lagerung
+seine »Blume« erhält, ist allgemein bekannt. Es findet also sicher bei der
+Lagerung eine gegenseitige chemische Einwirkung der gelösten Bestandtheile
+auf einander statt, und es müssen neue Verbindungen entstehen. Ihre
+Bildung erfordert völlige Ruhe und kann durch anhaltende Bewegung
+verhindert werden, ja es kommt vor, daß schon erzeugte Verbindungen
+dadurch vorübergehend oder dauernd wieder zerstört werden. Nach der
+Ansicht von Prof. Knapp schließen diese Vorgänge an solche an, welche die
+organische Chemie als Addition, Substitution, Spaltung und dergleichen
+bezeichnet. Es müssen somit auch in gemischten Parfüms durch Lagerung erst
+diejenigen Verbindungen entstehen, welche das erwünschte Zusammenwirken
+der einzelnen Düfte bedingen. Der Ursprung des Kölnischen Wassers ist
+etwas fraglich; meist wird seine Erfindung Johann Maria Farina, einem
+Italiener aus Sancta Maria Maggiore bei Domo d’Ossola, zugeschrieben, der
+zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in Köln einen Handel mit Parfüms und
+Colonialwaaren betrieb. Erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts gelangte
+das Kölnische Wasser zu allgemeiner Verbreitung und verdrängte das »_Eau
+de la reine de Hongrie_« oder Ungarwasser, welches ähnlich zusammengesetzt
+war, aber auch Rosenöl, Citronenöl, Citronellaöl und eine Spur
+Pfeffermünzöl enthielt.
+
+Bei unseren Wanderungen um Grasse sind wir Jasminpflanzungen am Häufigsten
+begegnet. Das zeigt, welche hohe Bedeutung dieser Pflanze für die dortigen
+Parfümfabriken zukommt. Meist waren die Jasminfelder an südlichen Abhängen
+terrassenförmig angelegt. Die gegen zwei Meter hohen, reich verzweigten,
+mit zusammengesetzten, immergrünen Blättern bedeckten Sträucher hatten
+auch vereinzelte Blüthen aufzuweisen und ließen sich als die aus Ostindien
+stammende Art _Jasminum grandiflorum_ bestimmen. Die Blüthen duften
+lieblich, sind ziemlich groß, rein weiß auf ihrer Innenseite, von Außen
+etwas roth angehaucht. Die eigentliche Blüthenzeit beginnt erst im Juli
+und dauert bis in den Oktober. Je tausend Stöcke liefern bis fünfzig
+Kilogramm Blüthen. Verarbeitet werden in Grasse davon bis 80 000
+Kilogramm, die einen Werth von 140 000 Francs darstellen. Man entzieht den
+Blüthen ihren Duft durch Enfleurage; die Menge des Riechstoffes, den sie
+enthalten, ist aber so gering, daß man dieselbe Fettschicht bis fünfzig
+Mal mit neuen Blüthen bestreuen muß. Aus der Jasminpomade wird mit
+feinstem Weingeist Jasminextract gewonnen. Die geschätztesten
+Taschentuchparfüms enthalten solchen Extract. Man stellt auch ein »_huile
+antique au Jasmin_« dar, indem man auf wollene, mit Olivenöl getränkte
+Zeuglappen zu wiederholten Malen frische Jasminblüthen streut und dann das
+Oel aus ihnen ausdrückt. Dieses Jasminöl ist in Frankreich sehr beliebt.
+
+Eine wichtige Rolle in der Parfümerie spielen auch die Blüthen der _Acacia
+Farnesiana_, eines Bäumchens, das zu bewundern wir im La Mortola-Garten
+schon Gelegenheit hatten. _Acacia Farnesiana_ wird in Grasse nur in
+beschränktem Maße angebaut, liefert aber immerhin 30–40 000 Kilogramm
+Blüthen im Jahre; große Pflanzungen dieser Art finden wir in Algerien. Die
+kugeligen, dunkelgelben Blüthenköpfchen, die »_Cassie_«, werden vom
+September bis in den December gepflückt, wozu jedoch viel Uebung und
+Geschick gehört, da die Pflanzen sehr dornig sind. Der zarte,
+veilchenartige Duft dieser Blüthen wird durch Enfleurage fixirt. Die
+gewonnene Essenz hat für die Zusammensetzung der »Bouquets« einen sehr
+hohen Werth.
+
+Endlich darf auch die Tuberose (_Polyanthes tuberosa_) nicht unerwähnt
+bleiben, dieses zu der Familie der Amaryllideen gehörende Knollengewächs,
+das man bei uns wegen seines starken Duftes und seiner schönen weißen
+Blüthen so gerne auf Blumentischen und in Blumensträußen sieht. Die
+Pflanze stammt aus Centralamerika; wir bekommen sie meist nur mit den
+gefüllten weißen Blüthen zu sehen, die besonders kräftig am Abend duften,
+wie es denn überhaupt eine weit verbreitete Erscheinung ist, daß Blüthen
+nicht um alle Tageszeiten gleich starken Duft verbreiten. Wer wird nicht
+bemerkt haben, daß die Daturen und Nicotianen, die Nachtviolen (_Hesperis
+matronalis_), die langblumige Wunderblume (_Mirabilis longiflora_) unserer
+Gärten am Tage fast gar nicht riechen, am Abend aber einen durchdringenden
+Duft aushauchen. Umgekehrt duften Seerose (_Nymphaea alba_), die
+Kürbisblüthe (_Cucurbita Pepo_), die Ackerwinde (_Convolvulus arvensis_)
+nur am Tage. Ein solches Verhalten hat für diese Pflanzen Bedeutung, sie
+duften bei Nacht oder am Tage, je nachdem sie Nacht- oder Tagesinsecten
+zur Uebertragung ihres Blüthenstaubes brauchen. Sehr viele Tuberoseblüthen
+gehören dazu, um ein wenig Fett mit ihrem Duft zu sättigen; daher auch
+dieser Extract, wie so viele andere feine Parfüms, hoch im Preise steht.
+Bei uns könnte man den spanischen Flieder (_Syringa vulgaris_), statt der
+Tuberose verwenden, um ein sehr ähnliches Parfüm zu gewinnen, denn das
+Fett entzieht dem Flieder einen ganz entsprechenden Wohlgeruch.
+
+Es sind nicht die als Parfüme anerkannten Pflanzendüfte allein, deren sich
+die Parfümerie zu ihren Zwecken bedient. So kommt für manche Erzeugnisse
+auffälliger Weise der Gurkengeruch in Betracht. Man stellt zu diesem
+Zwecke eine Essenz her, und zwar indem man über frisch geschnittenen
+Gurkenscheiben mehrmals denselben Alkohol destillirt. Mit solcher Essenz
+wird Coldcream parfümirt und erhält durch dieselbe das frische Aroma,
+welches man an dieser Salbe schätzt.
+
+Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß ein ätherisches Oel auch aus dem
+Knoblauch durch Destillation gewonnen wird. Dieses Oel dient nun freilich
+nicht zum Parfümiren, so sehr man das auch manchmal in Südeuropa oder im
+Orient glauben könnte; wohl aber wird es innerlich als Mittel gegen Würmer
+eingenommen. Die Firma Schimmel & Co., welche dieses, sowie überhaupt fast
+alle flüchtigen Oele, die irgend welche Anwendung gefunden haben,
+herstellt, empfiehlt das Knoblauchöl auch als Küchengewürz. Von dem
+concentrirten Duft dieses lieblichen Oeles wird man sich eine Vorstellung
+machen, wenn man sein Verhältniß zum Knoblauch selber erwägt: aus sechzehn
+Kilogramm Knoblauch werden nur zehn Gramm Oel gewonnen!
+
+Hingegen spielen Aetzammoniak, der sogenannte Salmiakgeist, und
+kohlensaures Ammoniak, trotz ihres ätzenden Geruchs in der Parfümerie eine
+nicht unwichtige Rolle. Sie dienen zur Herstellung der parfümirten
+Riechsalze. Auch der Geruch des Schnupftabaks rührt vornehmlich vom
+Ammoniak her, außerdem werden die Schnupftabake häufig noch mit anderen
+wohlriechenden Körpern aromatisirt. Nicht minder wird Essigsäure in der
+Parfümerie verwendet, und ihre Eigenschaft, ätherische Oele zu lösen,
+benutzt, um parfümirte Essige darzustellen.
+
+ XIII.
+
+Die ätherischen Oele wirken wie Gifte auf unseren Körper ein, wenn sie
+innerlich in großen Dosen oder zu häufig eingenommen werden. Daher auch
+der Mißbrauch mancher Liqueure nicht allein durch den Alcohol, den sie
+enthalten, sondern auch durch die flüchtigen Oele, mit denen sie parfümirt
+sind, nachtheilige Folgen bringt. Geradezu gefährlich kann das Kölnische
+Wasser werden, wenn es getrunken wird. Der Arzt kommt oft nur durch Zufall
+dahinter, daß eine solche stille, geheim gehaltene Neigung bei seiner
+Patientin die Ursache der räthselhaften Krankheitserscheinungen ist. –
+Viele, doch bei Weitem nicht alle flüchtigen Oele wirken, innerlich
+verordnet, antiseptisch, und werden besser von unserem Körper als von den
+niederen Organismen ertragen, die es oft in unserem Körper zu bekämpfen
+gilt. Daher die Benutzung mancher flüchtigen Oele zu ärztlichen Zwecken. –
+Die flüchtigen Oele nehmen Sauerstoff aus der Luft auf und erfahren dabei
+eine Oxydation. Bei manchen dieser Oele verläuft der Oxydationsvorgang
+sehr rasch und zwar um so rascher, je feiner sie in der Luft vertheilt
+werden. Licht und Feuchtigkeit fördern diesen Vorgang, bei welchem in der
+Luft das gasförmige Ozon oder das gleich wirksame flüssige
+Wasserstoffsuperoxyd entstehen. Ihnen ist der belebende Einfluß
+zuzuschreiben, den weingeistige Lösungen von flüchtigen Oelen, im Zimmer
+verstäubt auf die Athmenden ausüben. Besonders stellt sich diese Wirkung
+ein beim Verstäuben jener flüchtigen Oele, welche die Chemie als Terpene
+zusammenfaßt, weil sich diese an der Luft am schnellsten oxydiren.
+
+Physiologisch interessant ist es, an Parfüms die hohe Leistungsfähigkeit
+unseres Geruchssinns zu erproben. Einige Milligramm Moschus reichen aus,
+um einen Raum, der häufig gelüftet wird, Jahre lang mit Moschusduft zu
+erfüllen. Wir riechen diesen Moschus, und doch kann er in jener Luft, die
+uns umgibt, nur in unnennbar geringen Mengen vorhanden sein. Directe
+Versuche, die Passy mit alkoholischen Lösungen stark riechender Substanzen
+anstellte, haben ergeben, daß fünfhundert Tausendstel eines Milligramms
+Vanillin ausreichen, um ein Liter Luft merklich zu parfümiren. Derselbe
+Effect wird schon mit fünf Tausendstel Milligramm Camphor erreicht; von
+dem künstlichen Moschus reichten gar fünf Millionstel eines Tausendstels
+Milligramm aus, um wahrgenommen zu werden. Will man diese Menge in Zahlen
+ausdrücken, so ergibt das 0,000 000 000 005 Gramm. Dabei steht die
+Leistungsfähigkeit des Geruchssinns beim Menschen gegen diejenige vieler
+Thiere noch bedeutend nach.
+
+ XIV.
+
+»_Die Toiletten-Chemie_« von Heinrich Hirzel, ein Buch, dem ich auch sonst
+noch manche Belehrung verdanke, enthält die Angabe, daß Europa an
+flüssigen Parfüms allein jährlich über eine Million Liter verbraucht. An
+der Deckung dieses Bedarfs ist Grasse mit etwa 100 000 Kilogramm
+Lavendelöl, halb so viel Thymianöl, 25 000 Kilogramm Rosmarinöl, 2000
+Kilogramm Neroliöl und sehr beträchtlichen Mengen anderer Oele und
+Extracte betheiligt. Nicht wenig wird Grasse in der Parfüm-Erzeugung durch
+das benachbarte Cannes unterstützt, das mehrere Parfümfabriken besitzt und
+Hunderte von Arbeitern in ihnen beschäftigt. Der Verbrauch an Parfüms in
+Europa, wiewohl immer noch groß, ist doch beträchtlich zurückgegangen und
+wird, wenn überhaupt, nur in discretester Weise geübt. So verhält es sich
+auch in anderen kühlen Ländern, während die heißen Erdstriche noch immer
+ein hohes Bedürfniß nach persönlichem Parfüm bekunden. Obenan in dieser
+Beziehung steht der Orient, dessen Leistungen trotzdem noch gegen
+diejenigen des classischen Alterthums bedeutend zurückstehen. Bezeichnend
+für jene Zeit ist die Erzählung des Plinius, daß an Lucius Plocius der
+Duft zum Verräther geworden sei. Dieser Lucius Plocius, dessen Bruder
+Lucius Plancus zweimal das Consulat bekleidet hatte, wurde von den
+Triumvirn geächtet und mußte fliehen. Er verbarg sich im Salernitanischen,
+wo man ihn entdeckte, weil er so stark nach Salben roch. Er mußte den Tod
+erleiden, was Plinius nicht ohne einige Genugthuung erzählt, so empörte
+ihn der Mißbrauch, den man mit Parfüms damals trieb. Daß heute Jemand von
+wohlriechenden Salben und Oelen triefen sollte, wie es im Orient und in
+Griechenland zu alten Zeiten oft der Fall war, können wir uns kaum
+vorstellen. Wir empfinden eine entschiedene Abneigung selbst gegen fettige
+Hände und suchen solche möglichst rasch zu säubern. Oel oder Pomade werden
+allenfalls noch im *Haar* geduldet, sonst nur alkoholische Extracte
+benutzt. Im Alterthum parfümirte man sich hingegen ausschließlich mit
+duftenden Oelen. Das erste flüssige Parfüm, wie wir es jetzt benutzen,
+soll Mercutio Frangipani dargestellt haben, der ein von seinen Vorfahren
+erfundenes, aus Gewürzen und Moschus zusammengesetztes Riechpulver mit
+starkem Weingeist extrahirte. Dieser Frangipani gehörte einem römischen
+Adelsgeschlecht an, das sich im zwölften und dreizehnten Jahrhundert in
+den Kämpfen der Guelfen und Ghibellinen ausgezeichnet hatte. Daß die
+Neigung, sich mit Wohlgerüchen zu beschäftigen, in diesem Geschlechte
+fortlebte, geht aus der Angabe hervor, daß ein späterer Nachkomme der
+Frangipani in Frankreich, der Marquis de Frangipani, Feldmarschall unter
+Ludwig XIII., eine Art parfümirter Handschuhe einführte, die »_Gants à la
+Fragipane_« genannt wurden.
+
+Die Griechen lernten es von den Orientalen, ihren Körper mit duftenden
+Oelen einzusalben. Plinius möchte ohne Weiteres die Erfindung der
+wohlriechenden Salben den Persern zuschreiben. Ihr König Darius soll in
+seinem Trosse nicht weniger als vierzig Salbenbereiter geführt haben; sie
+geriethen in die Gewalt Alexanders. Aus der Beute, welche dieser damals
+machte, stammte, nach Plinius, auch jener mit Gold, Perlen und Edelsteinen
+besetzte Salbenschrein, in welchem Alexander die Werke Homers aufbewahren
+ließ, damit, so sagte er, das werthvollste Werk des menschlichen Geistes
+auch die kostbarste Hülle erhalte. In Griechenland galt die Benutzung
+wohlriechender Salben immerhin als Verweichlichung; der echte Mann
+verpönte sie und rieb sich in den Gymnasien mit reinem Oele ein.
+
+Theophrast, Plinius und Dioscorides haben uns erzählt, wie die
+wohlriechenden Salben im Alterthum hergestellt wurden. Man mischte die
+Aromata mit den Oelen und erwärmte sie zusammen. Theophrast gab schon im
+dritten Jahrhundert v. Chr. an, man solle die Operation im Wasserbade
+vornehmen, um ein Anbrennen der Aromata zu verhindern. Als Oel diente vor
+Allem das der Olive, das man kunstvoll reinigte und bleichte, auch aus
+noch unreifen Früchten preßte, um es möglichst farblos zu erhalten.
+Außerdem wurde das Oel aus süßen und bitteren Mandeln, Sesamöl, Ricinusöl
+und Behenöl benutzt. Das letztere schätzte man ganz besonders, weil es
+geruchlos ist und nicht leicht ranzig wird. Auch heute würde man es zu
+Haarölen gern verwenden, wäre es nicht aus dem Handel so gut wie
+verschwunden. Der Baum, von dem man das Behenöl gewann, hieß im Alterthum
+_Balanos_ oder _Myrobalanon_, somit Salbeneichel. Es ist die in Arabien
+und Aegypten einheimische _Moringa aptera_, deren Früchte, die Behennüsse,
+durch Auspressen das Oel liefern.
+
+Dioscorides warnt in seiner »_Materia medica_«, einem Werk, das wohl um
+die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. erschien, vor jeder Spur Wasser,
+die im Oel zurückbleibt, und räth an, das Oel öfter umzugießen in Gefäße,
+die mit Honig und Salz bestrichen sind. Durch das Salz werde dann alles
+Wässerige dem Oele entzogen. – Myrrha und andere Balsame, Cardamomen,
+Calamus, Wurzelstock der Iris, duftende Blüthen und Früchte, wohlriechende
+Kräuter mußten ihre Aromata an die Oele abgeben. Auch war die Eigenschaft
+thierischer Fette, sich mit Wohlgerüchen zu beladen, schon bekannt.
+Allgemeiner Verbreitung erfreute sich namentlich die Rosensalbe, deren
+Bereitung Dioscorides eingehend schildert. Man setzte den Salben meist
+Gummi und Harz hinzu, um sie zu färben und auch, wie es hieß, ihren Duft
+zu binden. Manche Salbe färbte man mit Drachenblut, dem blutrothen Harz
+des Drachenbaumes (_Dracaena Draco_) oder mit _Anchusa_, wohl dem
+Farbstoff, den wir aus der Wurzel der _Anchusa tinctoria_, unserer
+Alkannawurzel, gewinnen. Letzterer wurde auch zum Färben des Rosenöls
+empfohlen. – Die Zahl der benutzten Salben wuchs ganz außerordentlich, oft
+mischte man sehr viele Substanzen in einer einzigen Salbe zusammen. Die
+ägyptische Salbe »_Metopium_« stellte man aus Bittermandelöl her und
+setzte »_omphalium_, _cardamomum_, _juncum_, _calamum_, _mel_, _vinum_,
+_myrrham_, _semen balsami_, _galbanum_, _resinam terebinthinam_« hinzu.
+Soweit die Bedeutung der Namen heute klar gelegt ist, enthielt somit diese
+Salbe, außer dem Bittermandelöl, das Oel unreifer Oliven, die flüchtigen
+Oele der Cardamomen, des wohlriechenden Geraniumgrases und des Kalmus,
+dann Honig, Wein, den Balsam des nordafrikanischen Baumes _Balsamodendron
+myrrha_, Balsamkörner, d. h. den Balsam der erbsengroßen Früchte des
+arabischen Balsamstrauches _Balsamodendron giliadense_, das Gummiharz
+eines persischen Doldengewächses, _Ferula galbaniflua_, endlich das
+Terpentin der _Terpentin-Pistazie_. Von dem Duft dieser Salbe kann man
+sich annähernd eine Vorstellung machen, sie muß vorwiegend nach bitteren
+Mandeln und Balsam gerochen haben. – Man bezog die Salben von den
+verschiedensten Orten, aus Aegypten, Delos, Mendesium, Corinth, Kilikia,
+Rhodos, Kypros, später auch aus Neapolis, Capua, Praeneste. Das wechselte
+je nach Geschmack und Mode. Die Salben waren zum Theil sehr theuer und
+beschäftigten ein ganzes Heer von Verfertigern und Verkäufern. In den
+Läden der Salbenhändler hielten sich die Müßiggänger auf. Man wählte
+beschattete Orte zur Anlage solcher Läden, damit die Salben, die in Gefäße
+von Blei oder Stein eingeschlossen waren, von der Sonnengluth nicht
+litten. Der Stein, den wir Alabaster nennen, wurde viel für diese Gefäße
+verarbeitet, doch scheint die antike Bezeichnung _Alabastron_, wie
+Reinhold Sigismund in seinem Buch über die Aromata nachzuweisen sucht,
+sich mehr auf die Gestalt, als auf das Material der Salbengefäße bezogen
+zu haben.
+
+Bezeichnend für den Mißbrauch, der mit wohlriechenden Salben in
+Griechenland getrieben wurde, sind die zahlreichen, uns von Athenäus
+überlieferten Berichte. Er erzählt, daß die Schwelger in Athen jeden Theil
+ihres Körpers mit einer anderen Salbe einrieben. Aegyptische Salbe diente
+für Füße und Schenkel, phönikische Salbe für Kinnbacken und Brust,
+_Sisymbrion_-Salbe für die Arme, _Armaracon_-Salbe für Haar und
+Augenbrauen, _Serpyllos_-Salbe für Kinn und Nacken. Man kann sich
+vorstellen, wie so ein menschliches Wesen nach vollzogener Einsalbung
+geduftet haben mag. Denn die _Amaracon_-Salbe roch nach Majoran, die
+_Serpyllos_-Salbe nach Thymian, die _Sisymbrion_-Salbe wohl nach einer
+Minze, die ägyptische und phönikische nach Bittermandelöl und Balsamen.
+Das war ein ganzer Parfümladen! Dabei glänzte ein solcher Mensch von Fett
+an seinem ganzen Körper. – Ueber Demetrius Phalereus wird bei dem
+Symposion des Athenäus berichtet, er habe sich nicht nur den ganzen Körper
+gesalbt, sondern auch das Haupthaar noch gelb gefärbt, um verführerischer
+auszusehen. – Bei Trinkgelagen salbte man den Kopf, damit der Wein nicht
+in die Höhe steige; denn wenn der Kopf trocken ist, hatte Myronides
+gesagt, wandern die Dünste nach oben. Dazu kamen noch die Kränze, welche
+den Rausch verhindern, den Kopf kühl erhalten und den Kopfschmerz abwehren
+sollten. Das mögen die ursprünglichen Epheukränze gethan haben, schwerlich
+die später benutzten aus duftenden Blumen. Denn diese wurden aus Rosen,
+Lilien oder Violen (Goldlack und Levkoien) gewunden und von aufwartenden
+Dienern vielfach mit duftenden Salben noch besprengt. In dem Symposion des
+Athenäus wird berichtet, daß bei den prunkvollen Aufzügen des Königs
+Antiochus Epiphanes auf Daphne zahlreiche Frauen mit goldenen Gefäßen
+einherschritten und aus diesen duftende Salben auf die Menge verspritzten.
+Derselbe König, den man später spottweise auch Epimanes, das heißt den
+Verrückten nannte, pflegte in öffentlichen Bädern zu erscheinen, wenn das
+ganze Volk dort versammelt war. Er salbte sich mit den köstlichsten Oelen.
+Da sagte denn Einer: »Wie glücklich bist Du, o König, daß Du so
+wohlriechende Parfüms benutzen und überall einen so angenehmen Duft
+verbreiten kannst.« Antiochus antwortete ihm nicht, ließ ihm aber am
+nächsten Tage nach dem Bade ein großes Gefäß mit Myrrhensalbe über den
+Kopf gießen. Nun wälzten sich auch Andere in dem verschütteten Oele, viele
+glitten aus und fielen zu Boden, sogar der König, was allgemeine
+Heiterkeit erregte. Dieser Antiochus muß allerdings recht excentrisch
+gewesen sein, denn auch die Geschenke, die er vertheilte, waren mehr als
+sonderbar. Dem Einen drückte er Knöchel, dem Anderen Datteln, noch Anderen
+Gold in die Hände.
+
+Die Lacedämonier, heißt es, hätten die Salbenhändler und die Färber aus
+Sparta verjagt, weil die Ersteren das Oel verdarben, die Letzteren die
+Wolle ihrer ursprünglichen Reinheit beraubten. Lykurg und Sokrates traten
+gegen den Mißbrauch wohlriechender Salben auf, erreichten aber eben so
+wenig, wie später in Rom die beiden Censoren Publius Licinius Crassus und
+Lucius Julius Cäsar, die, wie Plinius mittheilt, im Jahre 189 v. Chr. ein
+Edict erließen, daß Niemand »exotische« Salben verkaufen solle.
+
+Die Haare und Kleider der Römerinnen verbreiteten, nach Plinius, so starke
+Düfte, daß sie schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Daß
+sei um so thörichter, meint er, als dieser theuer erkaufte Genuß weit mehr
+Anderen zu Gute komme, als dem, der ihn bezahlt hat. Nicht minder beklagt
+auch Plutarch diese Salbenverschwendung. Er erzählt, wie bei einem
+Gastmahl, das Salvius Otto dem Nero gab, von allen Seiten her kostbare
+Salben aus goldenen und silbernen Röhren flossen und die Gäste ganz
+durchnäßten. Juvenal spottet in seinen Satiren über Crispinus, den
+Günstling Domitians, daß er schon am Morgen mehr Amomumduft als zwei
+Leichenbegängnisse von sich aushauche. – Ein besonders lebendiges Bild aus
+Neronischer Zeit, das auch den Salbenluxus und die Vorliebe für
+Wohlgerüche zeigt, hat Petronius in dem Gastmahl des Trimalchio entworfen.
+Sind die Farben auch stark aufgetragen, so entspricht die Schilderung doch
+den damaligen Sitten, wie sie bei prahlerischen Emporkömmlingen sich
+besonders geltend machten. Während des üppigen, nicht endenwollenden
+Mahles, bei welchem die seltensten Speisen in kunstvoller Zubereitung
+aufgetragen werden, folgen die mannigfaltigsten Ueberraschungen
+aufeinander. Da plötzlich senkt sich von der Decke ein gewaltiger Reifen,
+an dem rund herum goldene Kränze nebst Flaschen wohlriechender Essenzen
+hängen. Sie sind als Geschenke für die Gäste bestimmt. Gegen Ende des
+Mahles wird die Ausgelassenheit groß, bis der trunkene Trimalchio auf den
+Einfall kommt, sich die Todtenkleider bringen zu lassen, in denen er
+wünscht, daß man ihn einst begrabe. Er befiehlt auch, wohlriechendes
+Wasser zu holen und eine Probe zum Kosten von jenem Wein, mit dem seine
+Gebeine gewaschen werden sollen. Er öffnet eine Flasche Nardenessenz,
+bestrich mit derselben seine Gäste und spricht die Hoffnung aus, dieser
+Wohlgeruch werde ihm nach dem Tode eben so gut thun, wie im Leben. –
+Petronius gehörte zu den Lieblingsautoren des vorigen Jahrhunderts; um die
+Mitte desselben hatte das »Gastmahl des Trimalchio«, wie ich Friedländers
+Einleitung zum Petronius entnehme, schon sechs französische Uebersetzungen
+aufzuweisen. Am Hofe von Hannover, im Carneval des Jahres 1702, wurde es
+sogar von fürstlichen Darstellern aufgeführt. Auf Wunsch der Königin
+Sophie Charlotte von Preußen mußte Leibniz der Fürstin von
+Hohenzollern-Hechingen diese Aufführung schildern, was in einem
+französisch geschriebenen Brief vom 25. Februar 1702 geschah.
+
+Gleicher Luxus mit Parfüms wie im Alterthum ist wohl zu keiner Zeit wieder
+getrieben worden, doch kamen sie an den Höfen von Frankreich und England
+zeitweise in hohe Gunst. In Frankreich geschah das zur Zeit der
+Renaissance unter dem Einfluß der italienischen Künstler, die Franz I. und
+Katharina von Medicis an ihren Hof zogen. Da wurde in parfümirten Pasten,
+Pomaden und duftenden Handschuhen vollauf geschwelgt. Die Cosmétiques
+kamen zu jener Zeit als Schönheitsmittel auf und riefen eine besondere
+cosmetische Literatur ins Leben. Daß Diana von Poitiers bis in das hohe
+Alter sich den Reiz der Jugend zu bewahren wußte, ungeachtet sie schon mit
+dreizehn Jahren an Ludwig von Breze, Großseneschal der Normandie, vermählt
+worden war, schrieb man cosmetischen Geheimmitteln zu, die ihr Paracelsus
+verrathen habe. Der Mißbrauch, der unter den Valois mit cosmetischen
+Mitteln getrieben wurde, rief eine Reaction gegen dieselben hervor; erst
+unter Ludwig XIII. wußte die schöne Anna von Oesterreich sie wieder in die
+Gunst des Hofes zu bringen. Da kamen die Pâtes d’Amandes, die
+verschiedenen Crêmes und Schminken auf, welche der Haut der Damen eine
+künstliche Färbung verliehen. Ludwig XIV. liebte die Cosmétiques nicht:
+ihr Gebrauch nahm ab, doch nur, um unter der Régence einen besonderen
+Aufschwung zu erfahren. Jetzt blühten Geheimmittel, welche die Jugend und
+Schönheit dauernd sichern sollten. Der berüchtigte Cagliostro nahm von der
+eben so berüchtigten Dubarry und von anderen Schönen nicht geringe Summen
+für solche Geheimmittel ein. Trotzdem schminkte man sich unter Ludwig XV.
+wieder weniger als zuvor und das »_rouge de Portugal en tasse_« röthete
+nicht so stark die Gesichter. Der Absatz an Schminke hielt sich immerhin
+auf bedeutender Höhe, so daß im Jahre 1780 eine Gesellschaft fünf
+Millionen Francs der Regierung für das Privilegium bot, ein Roth
+besonderer Güte allein verkaufen zu dürfen. Selbst mit violetter Schminke
+versuchte man es in den Gärten des Palais Royal und hielt ganz Paris
+dadurch acht Tage lang in Aufregung. – Das hörte gegen Ende des
+Jahrhunderts, unter dem Einfluß von Marie Antoinette auf; die schreienden
+Farben verschwanden aus den Gesichtern, und zugleich verlor sich auch der
+Geschmack an starken Wohlgerüchen; das Zarte mußte sich jetzt mit dem
+Schwermüthigen, das Keusche mit dem Gefühlvollen im Aussehen der Frauen
+paaren: so gewann die Parfümerie jenes discrete Gepräge, welches ihr auch
+heute noch geblieben ist. Nur vorübergehend machte sich ein
+entgegengesetzter Einfluß der Kaiserin Josephine geltend, die als Creolin
+die starken Parfüms liebte. Napoleon I. selbst bediente sich nur des
+Kölnischen Wassers, das er sich jeden Morgen über Kopf und Schultern goß.
+
+Seit dem sechzehnten Jahrhundert war Frankreichs Geschmacksrichtung in der
+Parfümerie maßgebend für die anderen Völker, im siebzehnten Jahrhundert
+gelangte sie zur Alleinherrschaft zugleich mit den französischen Moden.
+
+Frankreich und England waren es vorwiegend, welche die Welt mit ihren
+Parfümerien versorgten. Nur dem Kölnischen Wasser gelang es, als
+Weltparfüm gegen die Producte dieser Länder aufzukommen. Jetzt erst
+beginnt Deutschland, wenn auch noch nicht in den »Bouquets«, so doch in
+den ungemischten Parfüms in die erste Stelle zu rücken. Die Leipziger
+Erzeugnisse haben in dieser Richtung einen ungeahnten Erfolg erreicht.
+Außerdem steht Deutschland obenan mit seinen chemischen Producten, die
+heute in so entscheidender Weise in die Parfümerie eingreifen. Ebenso
+liefert es vornehmlich der Welt jene antiseptisch wirksamen Stoffe, welche
+die Cosmétiques verdrängt haben und allein berufen sind, die Gesundheit
+des Körpers und damit auch die Schönheit des »Teint« in Zukunft zu wahren.
+
+Die Berge strahlten von allen Seiten Licht und Wärme auf die
+Blumenpflanzungen von Grasse zurück. Es wurde heiß in der Stadt: feiner
+Staub stieg bei jedem Windhauch in dichten Wolken auf: es roch zu stark
+nach Santalholz in den Straßen, wir fühlten uns plötzlich reisemüde und
+traten den Heimweg nach dem Norden an.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+FRÜHJAHR 1895.
+
+
+ I.
+
+Der Winter war so lang und so traurig im Norden gewesen, wir sehnten uns
+nach Wärme und nach Sonne. Doch auch vom Mittelmeer trafen unaufhörlich
+Hiobsposten ein: die Kälte hielt dort an, die Vegetation hatte gelitten,
+noch zu Anfang März fiel Schnee, der viele Orte der Riviera mit einem
+weißen Gewand bedeckte. Da, endlich, siegte die Frühlingssonne: wir
+erhielten günstige Nachricht, und waren einige Tage später in Cannes.
+Schon oben in den Alpen begrüßte uns der Frühling, mit leuchtendem
+Antlitz, mit einer Strahlenkrone ums Haupt. Die Fahrt in dieser sonnigen,
+zu neuem Leben erwachenden Natur, glich jetzt einem wahren Triumphzug. So
+kamen wir ans Mittelmeer.
+
+Im Norden schneit es noch immer, und dunkle Wolken decken dort den Himmel,
+hier aber glänzt die Sonne am blauen Firmament, sie spiegelt sich im
+Meere, und ihre Strahlen dringen in unser Inneres ein und lösen die grauen
+Nebel auf, die sich an dunklen Tagen dort angesammelt haben. Auch an der
+Riviera di Ponente mußten Pflanzen und Menschen von der ungewohnten
+Strenge dieses Winters leiden. Die meisten Pflanzen erholen sich wieder.
+Die gebräunten Bougainvilleen an den Häusermauern beginnen stellenweise
+auszutreiben, sie bilden carmoisinrothe Hochblätter in Büscheln an dem
+todten Laub. Der Heliotrop durchbricht mit seinen Sprossen den Boden, bald
+werden frische lebhaft grüne Blätter an den Fächerpalmen die braun
+gefleckten alten ersetzen. – Auffällig gut haben die Acacien dem Schnee
+und der Kälte getrotzt, sie sind mit gelben Blüthen über und über bedeckt,
+wahre Blumensträuße in der sonst noch blumenarmen Landschaft. Denn die
+Vegetation ist gegen sonst sehr weit zurück, die Rosenstöcke weisen nur
+geschlossene Knospen auf, während sie sonst von Mitte Winter an hier im
+Blüthenschmuck prangen. Eine Rose ist in keinem der vielen Blumenläden von
+Cannes zu erblicken; man müßte sie wohl in den Gewächshäusern des Nordens
+bestellen; Weniger gut als so viele Pflanzen erholt sich der leidende
+Mensch, der hier in diesem letzten Winter Linderung, ja Genesung suchte.
+Tage lang mußte er in Räumen verweilen, die nur dürftig zu erheizen waren.
+Wie Manchem hat dieser Aufenthalt das Leben gekürzt. Schwerkranke sollten
+hierher überhaupt nicht geschickt werden.
+
+ II.
+
+Wir wollten nicht unten am Meere wohnen in den staubigen Theilen von
+Cannes; wir zogen den Abhang hinauf, der im Osten die Stadt beherrscht,
+zur Californie. Ueber den schönen Garten des Hôtel Californien hinweg
+blicken wir auf die Croisette, jene schmale Landzunge, welche den Golfe de
+la Nopoule vom Golfe Jouan scheidet. Weiter trifft unser Auge die Ile
+St. Marguerite, und bei Morgenbeleuchtung zeichnet sich jedes Haus in dem
+Fort ab, das diese Insel krönt. Von der Ile St. Honorat ist nur die Kirche
+sichtbar, im übrigen wird sie von ihrer Schwesterinsel verdeckt. Im Osten,
+über den blühenden Acacien, steigt an einem Hügel die alte Stadt Cannes
+empor. Sie gipfelt in ihrem alten Schlosse und bietet dem Auge ein
+malerisch bewegtes Profil. In weniger schöner Linie folgen die neuen
+Stadttheile der Bucht, doch diese Linie wird, von hier oben aus
+betrachtet, durch üppige Gärten der Hügel gebrochen und belebt. Besonders
+gerne ruht aber unser Blick auf den zackigen Umrissen des Esterel. Dorthin
+wendet sich unser Auge stets zuerst am Morgen, wenn die Sonne die Gipfel
+der Berge vergoldet und jede Ortschaft sich blendend weiß am Fuße
+derselben zeichnet; dorthin schauen wir auch zuletzt am Abend, wenn die
+Sonne jenseits der langen Kette verschwindet, und ihre Strahlen sich wie
+ein leuchtender Fächer am Abendhimmel ausbreiten. Dann entzünden sich auch
+bald die Leuchtthürme längs der Küste, und schon in der Dämmerstunde
+flammt Cannes mit Tausend Lichtern auf. Dieses Schauspiel wiederholt sich
+jeden Abend, und wir wurden nicht müde, es zu betrachten.
+
+Zugleich beginnt das Concert der Laubfrösche rings um das Hôtel, jenes
+Concert, das Jeder kennt, der im Frühjahr die Riviera besuchte. In allen
+Wasserbehältern versammeln sich um diese Zeit jene Thierchen und locken
+sich aus der Ferne mit lauten Rufen an. Die auffallende Kraft des Tones
+wird dadurch ermöglicht, daß das Männchen die schwärzliche Haut seiner
+Kehle zu einer großen Schallblase auftreibt. Im Uebrigen leben diese
+zierlichen, lebhaft grün gefärbten Geschöpfe auf den Sträuchern und
+Bäumen. Es unterhielt uns, ihnen am Tage in dem Garten des Hôtels
+nachzuspüren, und dann auch festzustellen, wie sehr der Ton ihrer Färbung
+sich nach ihrer jeweiligen Umgebung richtet. Auf hellen Blättern sind sie
+hell, auf dunklen dunkel gefärbt und daher stets schwer zu erblicken. Es
+handelt sich auch thatsächlich bei diesem Farbenwechsel um eine
+Schutzvorrichtung, die sie den Augen ihrer Feinde entziehen soll.
+Andererseits werden sie auch nicht von der Beute bemerkt, auf die sie
+lauern. Es ist belustigend zu sehen, wie der Laubfrosch auf Insecten jagt,
+mit welchem Geschick er sie fängt und wie hoch er springt, um sie zu
+erfassen.
+
+Ungeachtet des Regens, der vor Kurzem reichlich gefallen war und trotz des
+täglichen Begießens, zeichnet sich die Straße, die von Cannes nach Antibes
+führt, von hier oben gesehen, meist wie ein langer Streifen von Staub
+zwischen den grünen Gärten aus. Besonders hoch steigt dieser Staub an den
+Nachmittagen auf, wenn eine Equipage der anderen folgt und neue
+Staubwolken aufwirbelt. Dieser Staub, von zermalmtem Kalkstein stammend,
+ist wie Mehl so fein. Ueberall dringt er ein, er erhebt sich zu so
+bedeutender Höhe, daß er die angrenzenden Bäume bis in ihre Gipfel grau
+färbt. Diesen Staub athmen nun tagtäglich die vornehmen Gäste von Cannes
+ein, die meist nach dem Süden reisten, um ihre Lungen zu schonen. Derselbe
+Staub herrscht nun leider an vielen Orten der Riviera, überall dort, wo
+das Kalkgebirge bis an die Küste reicht. Doch wer zwingt auch den Kranken,
+sich auf den Landstraßen zu bewegen oder an denselben zu wohnen! – Ich
+kann den Staub nicht leiden, wenn ihn auch meine Lunge verträgt;
+glücklicher Weise ermüde ich aber auch nicht leicht beim Gehen und fühle
+mich wohler zu Fuß, als im Wagen. So war das Hôtel sehr günstig für mich
+gelegen. Auf Fußwegen lassen sich von demselben schon in kurzer Zeit
+Wälder und Maquis erreichen. Dort, auf den mit Kiefern bedeckten Gipfeln
+von »_la Maure_«, 250 Meter hoch über dem Meere, eröffneten sich die
+herrlichsten, überraschendsten Blicke in üppig grüne Thäler, nach den
+schneebedeckten Alpen und über die blaue Küste. Ganz besonders großartig
+erschienen in diesem Frühjahr die Seealpen. Der Schnee reichte tief an
+denselben hinab. Man wähnte oft Bilder aus dem Berner Oberland vor Augen
+zu haben, doch leuchtender, getaucht in den Glanz der italienischen Sonne.
+So weilte ich denn mit Vorliebe unter den Aleppo-Kiefern oben auf den
+Höhen von »_la Maure_«; doch mied ich grundsätzlich das »_Observatoire_«,
+den officiellen Aussichtspunkt, auf welchen am Nachmittag, auf staubiger
+Straße, die Wagen durch müde Pferde mühsam aufwärts gezogen werden. Dort
+ist ein Aussichtsthurm errichtet, von dem aus, gegen Zahlung, man die
+Natur bewundern kann. Meist ist man im Gedränge, und die Musik aus einer
+nahen Wirthschaft trägt dazu bei, die Stimmung zu erhöhen.
+
+ III.
+
+Beim Aufstieg zum »_Observatoire_« schneidet man einen Kanal, der Cannes,
+Golfe Jouan und Antibes mit Wasser versorgt. Er führt das nämliche Wasser,
+das die Römer einst in Forum Julii tranken. Sie hatten oberhalb Grasse
+eine Quelle der Siagne gefaßt und führten das Wasser nach Fréjus in einem
+gedeckten Aquäduct, der auf seinem Wege einen 50 Meter langen Tunnel, den
+Tunnel von Roquetaillado, zu durchsetzen hatte. Der moderne Wasserkanal,
+der in der Richtung von Cannes läuft, steht der römischen Wasserleitung
+entschieden nach, denn er ist unbedeckt und vor Verunreinigungen somit
+nicht geschützt. Man kann von La Maure aus diesem Kanal in nordwestlicher
+Richtung meilenweit folgen. Ein Fußweg führt an demselben entlang. Er
+steigt ganz unmerklich auf, so daß man fast eben zu gehen meint. In weiten
+Bogenlinien zieht er sich längs der Berge hin und bietet wechselvolle
+Ausblicke auf Cannes und das Esterel. Alsbald befindet man sich über Le
+Cannet, einem Dorfe, das nördlich von Cannes, drei Kilometer entfernt vom
+Meere liegt und durch nahe Hügel ganz besonders gut gegen Winde geschützt
+wird. Man schaut da auf große Hôtels hinab, denn Le Cannet ist Station für
+solche Kranke, die nicht am Meere weilen sollen, weil ihnen die Seebrise
+angeblich Schaden bringt. Noch weiter gen Norden krönt Mougins einen 260
+Meter hohen, isolirten Hügel; ein malerischer Ort, dessen compacte
+Häusermasse nur von spärlichen Fenstern nach außen durchbrochen wird.
+Dorthin sollen sich einst die Oxybier zurückgezogen haben, als die Römer
+die Küste besetzten. Nur eine halbe Stunde Weges trennt Mougins von dem
+Thurme von Castellaras, der die umfassendste Aussicht auf die Alpenkette
+bietet.
+
+Von dem Wege am Wasserkanal kann man alle jene Hügel ersteigen, welche Le
+Cannet von Vallauris trennen. Von da oben sieht man jenseits von Mougins,
+am Fuß der grauen Kalkalpen, Grasse im Sonnenlichte glänzen; unten im
+Kessel, nach Osten zu, breitet sich Vallauris aus. Weiter sieht man Golfe
+Jouan, Antibes, Nizza, die Küste bis in neblige Fernen und oberhalb der
+Berge die Vallauris schützen, als herrlichsten Abschluß des Bildes, die
+Schneemassen um den Col di Tenda. Dort baut Italien seit Jahren eine
+Eisenbahn, welche Turin mit Ventimiglia verbinden soll. Die Bahn ist
+fertig von Turin bis zum nördlichen Abhang des Passes, dem Orte Limone.
+Unter dem Col di Tenda läuft jetzt schon ein langer Tunnel, der den
+Verkehr der Wagen erleichtert. Dann beginnt das Thal der Roja, das bei
+Ventimiglia das Meer erreicht. Der mittlere Theil dieses Thales ist im
+Besitze Frankreichs. Ihn soll die Bahn umgehen, und das verursacht
+bedeutende Kosten. Daher die Arbeiten langsam fortschreiten und die
+Vollendung der Bahn sich noch kaum absehen läßt. Einst wird diese Bahn ein
+herrliches Stück Land dem Verkehr eröffnen; denn die Gola di Gandarena, in
+welcher die Roja zwischen himmelstürmenden Felsenmauern fließt, ist nicht
+minder großartig wie die Via mala. Bis jetzt war dieser gewaltige Engpaß,
+einer der imposantesten der Alpen, nur Jenen bekannt, welche den kleinen
+Badeort St. Dalmazzo di Tenda zur warmen Jahreszeit besuchten, oder die es
+gar unternahmen, allen Schneemassen zum Trotz, schon im Frühjahr die Fahrt
+über den Col di Tenda zu unternehmen. Das haben wir einmal gethan und
+einen unvergeßlichen Eindruck davon getragen. Ist einmal die Bahn von
+Cuneo bis Ventimiglia in Betrieb, dann bildet sie zugleich die kürzeste
+Verbindung zwischen der südlichen Schweiz und den Kurorten der Riviera di
+Ponente. Die Straße über den Col di Tenda ist aber die älteste, die jemals
+den Gallischen Strand mit den Ebenen des nördlichen Italien verband. Sie
+existirte schon tausend Jahre vor Christus, zählt somit jetzt
+achtundzwanzig Jahrhunderte und hieß die tyrrhenische Straße.
+
+Der Ort Vallauris, so unscheinbar er auch ist, hat es verstanden, jetzt
+eine gewisse Berühmtheit zu erlangen. Er dankt sie seinem farbigen
+Halbporzellan, seinen »_Faïences d’art_«, die nicht nur an der Riviera,
+sondern in allen größeren europäischen Städten jetzt die Schaufenster der
+Läden zieren. Es sind das Thonwaaren mit Zinnglasur, die im starken Feuer
+gebrannt werden. Die Familie Massier beherrscht diese Industrie. Ueberall
+liest man diesen Namen über den Lagern und über den Fabriken. Den Fremden,
+die auf der staubigen Landstraße zwischen Cannes und Antibes umherfahren,
+fällt das große Lager im Orte Golfe Jouan am meisten in die Augen durch
+seinen mit bunter Fayence verzierten oder verunzierten Garten.
+
+Bietet Vallauris als Ort auch nur wenig, so bleiben doch die Ausflüge
+anziehend, die man über die Höhen in dieser Richtung unternehmen kann. Von
+Vallauris geht man durch eine anmuthige Schlucht hinab nach Golfe Jouan
+oder durch den Wald, am Abhang der Berge, über Cannes-Eden, unmittelbar
+nach Cannes. Vielfach begegnet man hier in den Wäldern noch Korkeichen,
+die weiter nach Osten ganz fehlen. Es hängt das mit den Bodenverhältnissen
+zusammen, da Glimmerschiefer und Gneis stellenweise bei Cannes noch an die
+Oberfläche treten und dann die gleichen Vegetationsbedingungen schaffen,
+wie sie im Maurengebirge gegeben sind.
+
+ IV.
+
+Von der äußersten Spitze der Croisette ist die Insel St. Marguerite kaum
+anderthalb Kilometer entfernt. In zwanzig Minuten kann man sie mit dem
+Boote erreichen. Zweimal am Tage verkehrt auch ein kleiner Dampfer
+zwischen dem Hafen von Cannes und den Lerinischen Inseln. Er berührt sie
+beide, und man kann den Ausflug über die Mittagsstunden ausdehnen, wenn
+man den ersten Dampfer zur Hinfahrt, den zweiten zur Rückfahrt benutzt. –
+Wir wollten die Abendbeleuchtung der Küste von den Lerinischen Inseln aus
+bewundern und nahmen am Nachmittag ein Boot an der Croisette. Voller
+Sonnenschein füllte den Himmel mit einem Uebermaß von Licht und ließ das
+glatte Meer gleich einer metallenen Platte erglänzen. Ein bläulicher Dunst
+lag auf der Wasserfläche. Die gegenüberliegende Insel rückte immer näher.
+Scharf zeichneten sich auf ihr die Mauern, die das Fort umgeben, welches
+einst Richelieu erbaute. Oestlich über den Felsen blicken aus der Mauer
+die Fenster jenes berüchtigten Gefängnisses hervor, das sonderbarer Weise
+so oft schon die Gedanken der Menschen auf sich zu lenken wußte. Da war
+der mysteriöse Gefangene eingeschlossen, der als »Mann mit der eisernen
+Maske« die Historiker und Romanschreiber oft beschäftigt hat. Man nimmt
+jetzt meist an, es sei das Hercules Anthony Matthioli gewesen, ein
+Bologneser vom alten Geschlecht, der den Haß Ludwig XIV. sich zugezogen
+hatte. Matthioli sollte bei Ferdinand Carl IV. von Mantua, dem letzten
+Herzog aus dem Hause Gonzaga, den Verkauf der Festung Casale Monferrato an
+Frankreich vermitteln. Nach der Eroberung der Festung Pinerolo
+beherrschten die Franzosen den Zugang zum Piemont; ihnen hätte der Besitz
+von Casale auch die fruchtbare Ebene von Mailand eröffnet. Matthioli, der
+Senator von Mantua war und das Vertrauen seines Fürsten besaß, ließ sich
+für den Plan gewinnen. Ludwig XIV. empfing ihn an seinem Hofe mit großen
+Ehren und zeichnete ihn durch ein kostbares Geschenk aus. Dessen
+ungeachtet verrieth Matthioli die französischen Pläne an Oesterreich und
+brachte sie so zum Scheitern. Ludwig XIV. erfüllte das mit Zorn. Es gelang
+ihm, Matthioli über die Grenzen von Turin zu locken. Er wurde dort
+überfallen, gefangen genommen und in Fesseln gelegt. Man kerkerte ihn ein,
+zunächst in Pinerolo, dann in jenem Gefängniß auf St. Marguerite. Da der
+internationale Rechtsbruch geheim bleiben mußte, war es dem Gefangenen
+unter Androhung des Todes verboten, sein Gesicht zu zeigen: er trug eine
+Maske, die thatsächlich aber nicht von Eisen, sondern von schwarzem Sammet
+war. Im Jahre 1687 kam Matthioli auf die Insel, um zehn Jahre später dem
+Gouverneur der Festung, dem berüchtigten St. Mars, nach der Bastille zu
+folgen. Dort starb er am 19. November 1703. – Es heißt, daß nach der
+Revocation des Edictes von Nantes durch Ludwig XIV. auch protestantische
+Geistliche in diesem Gefängniß geschmachtet hätten. Napoleon I. setzte
+umgekehrt einen katholischen Geistlichen, de Broglie, Bischof von Gent,
+hier ein. Dann gab es weniger vornehme Gefangene, Mamelucken und
+dergleichen, erst die Einkerkerung Bazaines an dieser Stelle zog wieder
+die Blicke der Welt auf St. Marguerite. Bazaine gelang es zu entkommen.
+Seine Frau, eine noch junge Spanierin, und sein früherer Adjutant
+Willette, der ihn nach St. Marguerite begleitet hatte, ermöglichten seine
+Flucht. Er ließ sich des Nachts am Seil längs der Felsen nieder und
+erwartete unten in zerfetzten Kleidern, mit wunden Händen und blutigem
+Gesicht, seine Frau. Das stürmende Meer verhinderte die Landung des
+Bootes, das ihn abholen sollte; er mußte sich in das Meer werfen, um es zu
+erreichen. – Heut war es an diesen Felsen so still, wie auf einem See, und
+wir landeten ohne Mühe an dem steinigen Ufer. – Der Besuch der Festung
+lohnt kaum, will man sich nicht etwa an der außerordentlichen Dicke der
+Mauern und an dem dreifachen Gitter des einzigen Gefängnißfensters
+erbauen. Durch dieses Fenster hätte Bazaine nicht entkommen können. Er
+benutzte die mangelhafte Aufsicht, um gegen Abend seine noch offene Zelle
+zu verlassen. Er verbarg sich im Gefängnißhofe, während seine Zelle zur
+Nacht leer verschlossen wurde.
+
+Wir zogen in den schönen Kiefernwald, der den größten Theil der Insel
+deckt, und lagerten dort unter den Bäumen. Die Aussicht landeinwärts ist
+derjenigen ähnlich, die man von Antibes aus genießt. Nur steigt das
+Vorgebirge in größerer Nähe auf, und das Bild wirkt heiterer durch die
+große Nähe von Cannes. Die Schneemassen der Alpen scheinen in der Ferne
+fast in der Luft zu schweben, gehüllt in jenen leuchtend azurenen Nebel,
+der dem provençalischen Himmel eigen ist. Von der blauen Fläche des Meeres
+und den grünen Hügeln der Küste steigt so das Bild in Stufen, bis zu den
+schneebedeckten Riesen der Alpenwelt empor, in großartig eindrucksvollem
+Contrast.
+
+Wir ziehen nun quer durch den Wald, nach der entgegengesetzten Seite der
+Insel, wo uns das Boot erwartet. Jetzt liegt dicht vor uns die Ile
+St. Honorat. Es ist nur ein enger Meeresarm, der beide Inseln trennt, doch
+ein Meeresarm, erfüllt mit gefahrbringenden Felsen, die kaum von den
+Wellen des Meeres gedeckt werden.
+
+Die Ile St. Honorat hieß bei den Römern Lerina. Der heilige Honoratus zog
+von seiner Einsiedelei im Esterel zu Anfang des fünften Jahrhunderts nach
+dieser Insel hin. Er fand sie, so berichtet die Sage, mit giftigen
+Schlangen erfüllt, unter denen zu leben fast unmöglich schien. Doch der
+Heilige bestieg eine Palme und vertrieb die Schlangen durch den großen
+Bannfluch, den er über sie aussprach. Zu St. Honoratus gesellte sich bald
+der greise Caprasius, den spätere Zeiten auch als Heiligen anerkannten. Es
+strömten von allen Seiten Anhänger herbei, und das errichtete Kloster
+hatte bald bedeutenden Ruhm erlangt. Der heilige Vincenz, einer der
+hervorragendsten Mönche von Lérin, verfaßte dort das Commonitorium gegen
+die Irrlehre, ein Werk, das man auch in unserer Zeit im Streit um das
+Unfehlbarkeitsdogma öfters citirte, im Besonderen den Satz: »Was immer,
+was überall, was von Allen geglaubt worden ist, das ist wahrhaft
+katholisch.« Dem Kloster gehörten auch an: St. Hilarius, der wie
+St. Honoratus später Bischof von Arles wurde, ebenso St. Maximus, der den
+Bischofssitz von Fréjus bestieg, dann Faustus, Bischof von Reji, der zu
+den Heiligen zwar gezählt, dessen Rechtgläubigkeit aber vielfach
+angezweifelt wurde; dann St. Salvian, St. Valerian, auch die beiden Söhne
+des heiligen Eucharius: St. Veranius und St. Salonius und viele Andere.
+Von der kleinen Insel Lerina, die St. Honoré nach dem Begründer ihres
+Klosters benannt wurde, gingen nicht weniger als zwölf heilige
+Erzbischöfe, zwölf heilige Bischöfe, zwölf heilige Aebte und vier heilige
+Mönche hervor. »O gesegnete Einsiedelei, o dreimal glückliche Insel, die
+du so viel Sprößlinge des Himmels erzogen hast!« _Beata et felix insula
+Lyrinensis …!_ rief daher schon im Jahre 542 der Erzbischof von Arles,
+Caesarius, der Sohn des Grafen von Chalon, bei seinem Tode aus. Zu Ehren
+aller dieser Heiligen wurde am 15. Mai ein eigenes Fest, das der
+Allerheiligen von Lerina, gefeiert. Um das Jahr 690 zählte das Kloster
+über 3700 Mönche. Wie mögen sie nur alle Platz gefunden haben auf der
+kleinen Insel, die nur etwa tausend Schritte lang und vierhundert Schritte
+breit ist! Dieses rasche Aufblühen des Klosters trug die Keime des
+Verfalles auch in sich; die asketische Lebensweise schwand immer mehr. –
+Zur Zeit, da der heilige Caesarius dem Kloster als Mönch angehörte, waren
+die Ordensregeln äußerst streng. Jeder Mönch bewohnte getrennt seine
+Zelle: es gab weder ein Schlafgemach noch eine Küche. St. Caesarius
+ernährte sich von Kräutern und von Brühen, die er sich am Sonntag für den
+Bedarf der ganzen Woche kochte. Das änderte sich später, und schon zu Ende
+des siebenten Jahrhunderts mußten, wie der Abt Disdier erzählt, die Päpste
+eingreifen, um der Zügellosigkeit der Sitten unter den Mönchen zu steuern.
+– Der heilige Aigulf, hieher gesandt, um strenge Zucht im Kloster
+einzuführen und die Mönche zu besserem Lebenswandel zu bekehren, wurde von
+ihnen verstümmelt und Seeräubern übergeben. – Dann aber kamen die
+Saracenen. Sie plünderten im Jahre 732 das Kloster und mordeten alle seine
+Bewohner. Nur St. Eleutherius blieb am Leben, verborgen in einem
+unzugänglichen Felsenspalt, in dem er acht Tage lang von Wurzeln und
+Seethieren sich nährte. Das Kloster blühte noch mehrfach auf, doch die
+alte Sicherheit und Ruhe waren von der Insel geschwunden, so daß der Abt
+Adalbert im Jahre 1073 einen starken viereckigen Thurm erbauen ließ, der
+vom Strande aus gegen Afrika schaut und dauernd das Meer überwachte. Der
+Thurm war geräumig genug, um alle Mönche aufzunehmen; sie konnten die
+Klosterschätze darin bergen, dort auch sich wirksam gegen die alten
+Feinde, Seeräuber und Saracenen, vertheidigen. So kam es, daß das Kloster
+nicht nur fortbestehen, sondern auch glänzende Zeiten erleben konnte: es
+hatte noch manchen geistig hochstehenden Abt aufzuweisen. Im sechzehnten
+Jahrhundert besaß es eines der reichsten Sanctuarien, und seine Bibliothek
+war weit berühmt. Im siebzehnten Jahrhundert, unter dem Pontificat
+Gregor XV. begann es endgültig zu verfallen. Als es im Jahre 1788
+säcularisirt wurde, zählte es nur noch vier Mönche. Man vertheilte die
+Klosterschätze an die Kirchen der benachbarten Regionen. Viele
+Kostbarkeiten verschwanden während der französischen Revolution, so ein
+silberner Reliquienschrein, der die Ueberreste des heiligen Honoratus
+enthielt und nach Cannes gekommen war. Dieser kunstvoll gearbeitete
+Reliquienschrein stammte von Franz I., der nach der Schlacht von Pavia als
+Gefangener die Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1525 im Kloster zugebracht
+hatte. Im Jahre 1791 wurde das Kloster versteigert und ging, eigen genug,
+in den Besitz einer Schauspielerin über. Es war das Fräulein Alziary de
+Roquefort, die unter dem Namen Sainval an der _Comédie française_
+glänzende Triumphe gefeiert hatte.
+
+Die Insel St. Marguerite hieß bei den Römern Lero. Strabon erzählt, daß
+ein Heroentempel diese Insel schmückte und daß die Ligurischen Piraten
+dort Opfer darbrachten. Den Namen St. Marguerite, den jetzt die Insel
+führt, sucht eine Sage mit dem Namen der Schwester des heiligen Honoratus
+zu verknüpfen. Von Sehnsucht getrieben, so wird erzählt, kam Margarethe
+nach Lerina und fiel dem Bruder zu Füßen. Die Ordensregel schloß die
+Anwesenheit von Frauen auf Lerina aus. Daher St. Honoratus die Schwester
+nach der Insel Lero brachte, wo sie verblieb und Aebtissin wurde.
+Margarethe nahm unter einem blühenden Kirschbaum von dem Bruder Abschied,
+und er mußte ihr versprechen, daß er sie besuchen würde, so oft dieser
+Kirschbaum blühe. Die Heilige erwirkte dann durch ihr Gebet, daß der
+Kirschbaum allmonatlich in Blüthenschmuck prangte.
+
+Jetzt gibt es wieder Mönche im Kloster St. Honorat. Das Bisthum von Fréjus
+hat das Kloster im Jahre 1859 erworben, und zehn Jahre später zogen die
+Cistercienser hierher. Im weißen Gewande, mit schwarzer Kapuze, schwarzem
+Gurt und Scapulier schreiten sie in dem Kloster einher. Frauen ist der
+Zutritt untersagt, doch viel verlieren sie nicht durch dieses Verbot, denn
+von den älteren Theilen des Klosters blieb fast nichts erhalten, und die
+Kirche in demselben ist ganz neuen Ursprungs. Weit höheres Interesse
+beansprucht das außerhalb des Klosters am Meeresstrande aufgebaute, auch
+den Frauen zugängliche Kastell. Ein mächtiger Bau aus Quadersteinen, der
+den Angriffen der Zeit getrotzt hat. Nur von wenigen Fenstern nach außen
+durchbrochen, mit Zinnen besetzt, trägt es deutlich seine einstige
+Bestimmung zur Schau. Besonders stimmungsvoll hebt sich dieses dunkle
+Kastell von dem blauen Hintergrund des Meeres ab, wenn es aus einiger
+Entfernung betrachtet wird, und dunkelgrüne, über den Strand geneigte
+Kiefern dasselbe umrahmen. Im Innern birgt das Kastell alle jene Räume,
+die zu einem längeren Aufenthalt der Mönche nothwendig waren: zahlreiche
+Zellen und ein Refectorium, eine Capelle und eine Bibliothek, vor allem
+auch eine Cisterne. Diese Cisterne, ganz alter Construction, nimmt die
+Mitte des offenen Hofes ein; Säulengänge, in mehreren Stockwerken, steigen
+im Umkreis auf. Eingestürzte Gewölbe, halbverschüttete Räume, verborgene
+Treppen, die in unterirdische Räume führen, folgen aufeinander und
+durchschneiden sich in sinnverwirrender Weise. Die Burg ist Kloster und
+Festung zugleich, so recht ein Product jener Zeit, wo das Kreuz und das
+Schwert oft von derselben Hand geführt wurden, einer leidenschaftlich
+erregten Zeit, stark und starr in ihrer Ueberzeugungskraft, der es an
+schöpferischer That und eigenartiger Poesie nicht fehlte. Auf einer
+Wendeltreppe besteigt man den Thurm, von dem aus sich eine herrliche
+Aussicht entfaltet. Man sieht hinab auf die Lerinischen Inseln, die wie
+grüne Flöße auf dem Meere schwimmen, und überblickt die ganze weite Küste
+von St. Tropez bis zu den Bergen von Bordighera. Die Insel St. Honorat ist
+viel kleiner als ihre Schwester; daß der heilige Honoratus sie
+dessenungeachtet zur Anlage seines Klosters erwählte, war durch die Quelle
+bedingt, die sie birgt.
+
+Zerklüftete Felsen ragen in der Nähe des Kastells aus dem Meer hervor. Sie
+heißen die Mönche und bilden einen natürlichen Schutz für die Insel. An
+ihnen bricht sich die Macht der Wellen, wenn der Südsturm das Meer gegen
+die Insel treibt. Einige Capellen schmücken den Strand, Ueberreste aus
+alter Zeit; Marmorfragmente von Säulen und Capitälen sind zwischen Myrten
+und Lentisken aufzufinden und mahnen an frühere Pracht. Fünfzehn
+Jahrhunderte lang beherrschten die Mönche diese Inseln sowie auch das
+gegenüberliegende Festland, jetzt gilt ihre Fürsorge vor allem einem
+Waisenhaus, das in dem Kloster errichtet wurde und in welchem die Knaben
+verschiedene Gewerbe erlernen. In diesem Waisenhause befindet sich auch
+eine Druckerei, in welcher alte kirchliche Werke neu edirt werden. So hat
+die Druckerei von Lerin dem Papst Leo XIII. zu seinem Jubiläum ein reich
+verziertes Werk überreicht, welches das Magnificat in »hundertfünfzig«
+Sprachen enthielt.
+
+Oestlich von der Insel St. Honorat liegt die kleine Felseninsel
+St. Féréol. Während die beiden größeren Lerinischen Inseln durch Legende
+und Geschichte wie mit einem Heiligenschein umgeben werden, bildete sich
+eine seltsame, fast dämonische Mythe um St. Féréol aus. Es hieß, und heißt
+noch vielfach, daß auf St. Féréol das Grab von Paganini sich befunden
+habe. Diese Angabe ist in französischen Werken verbreitet. Sie führen an,
+Paganini sei in Nizza, im Mai 1840, an der Cholera verschieden; sein Sohn
+Achille habe die Leiche auf einem Schiffe nach Genua geführt, um den Vater
+an dessen Geburtsorte zu bestatten. Die Geistlichkeit verweigerte aber das
+Begräbniß dem Manne, von dem es hieß, er habe sich dem Satan verschrieben.
+Auch das Municipio ließ die Ausschiffung des Körpers wegen Choleragefahr
+nicht zu. So versuchte der Sohn in Marseille zu landen, doch wieder ohne
+Erfolg. Als er auch in Cannes abgewiesen wurde, entschloß er sich, den
+Sarg des Nachts auf die kleine unbewohnte Insel zu bringen und dort, von
+Stürmen oft umbraust, hat der Todte fünf Jahre lang gelegen. Erst im Mai
+1845 kehrte der Sohn wieder, nachdem es ihm gestattet worden war, den
+Vater zu begraben an der Kirche von Gajona bei Parma, unfern der Villa,
+die Paganini dort erworben hatte. Diese Erzählung kam mir schon einmal in
+den Sinn, als ich in dem herrlichen _Pallazzo Doria Tursi_, dem jetzigen
+_Palazzo del Municipio_ in Genua, die Geige Paganinis sah. Das war in den
+Tagen der Columbianischen Feste, wo die Mitglieder der wissenschaftlichen
+Congresse im Municipio durch den Sindaco empfangen wurden. Die Geige, eine
+Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne zu entlocken gewußt, bewahrt
+man wie eine Reliquie in einem kostbaren Schrein; man hatte sie zu dem
+Feste mit seidenen Bändern in den italienischen Farben geschmückt. Daran
+dachte ich jetzt, da ich die kleine Insel St. Féréol vor mir im Meere
+liegen sah. Die heitere Landschaft stimmte freilich nicht zu dem
+unheimlichen Geiste Paganinis. Wohl aber konnte es ihm behagen auf jenem
+einsamen Riff, wenn die entfesselten Elemente die brandenden Wogen über
+die Felsen trieben und der Wind klagend über der Meeresfläche pfiff. Da
+war es die Natur, welche Schaudergeschichten auf ihrer _G_-Saite spielt,
+so wie er sie einst auf jener Saite seinen erregten Zuhörern zu erzählen
+wußte. Ja, das Grab Paganinis paßt sicherlich besser in die wilde
+Brandung, als auf einen stillen Friedhof, das ist völlig klar! – Wie
+schade, daß die Geschichte nur erdichtet ist! – In Wirklichkeit starb
+Paganini in der _Via Santa Reparata_ zu Nizza an der Kehlkopfschwindsucht
+und nicht an der Cholera. Er hatte lange zuvor schon, in Folge seines
+Leidens, die Stimme eingebüßt. Da er die Sterbesacramente nicht empfangen
+hatte, verweigerte die Geistlichkeit seine kirchliche Bestattung, und
+diese konnte erst einige Jahre später erfolgen. Der Sohn Paganinis, der
+heute noch in Parma lebt, theilt mir mit, daß sein Vater dort auf dem
+großen Friedhof _della Villetta_, nachdem er, auch im Tode unstät, erst
+nach Villa-Franca, dann nach Genua gewandert, seit 1876 seine endliche
+Ruhe gefunden und er – der Sohn – ihm auf seinem Grabe ein würdiges
+Denkmal habe errichten lassen, für welches in Genua kein geeigneter Platz
+gewesen sei. Ueber Paganinis Leben hatten sich die merkwürdigsten Mythen
+ausgebildet, die durch sein ungewöhnliches Aussehen, seine fast
+gespensterhafte Magerkeit und sein blasses Gesicht, auf welchem, wie Heine
+schreibt, Kummer, Genie und Hölle ihre unverwüstlichen Zeichen eingegraben
+hatten, gefördert wurden. Paganini trug übrigens durch sein excentrisches
+Benehmen selber nicht wenig zur Verbreitung dieser Mythen bei. Nur einmal,
+in Paris, fühlte er sich veranlaßt, den Fabeln, die in den Zeitungen über
+ihn berichtet wurden, entgegenzutreten. In einem Briefe, den er in der
+»_Revue musicale_« veröffentlichen ließ, schilderte er selbst sein Leben
+und führte dort den Nachweis, daß er weder seine Geliebte ermordet noch im
+Gefängniß gesessen, noch sich dem Teufel verschrieben habe. Er schloß mit
+der Hoffnung, man werde wohl seiner Asche einst die verdiente Ruhe gönnen.
+Doch auch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen! Selbst eine
+Marmorbüste, die man Paganini in der _Villetta di Negro_ zu Genua geweiht
+hatte, verschwand spurlos von jener Stätte.
+
+Wir kehrten nach der Insel St. Marguerite zurück und verweilten dort bis
+zum Untergang der Sonne. Strahlend verschwand der feurige Ball hinter dem
+Esterelgebirge. An den hohen Bergen im Norden trieben sich langgedehnte
+Nebelstreifen umher. Sie deckten die Einschnitte der Thäler, stiegen dann
+empor bis zum Schnee der Alpen, wurden violett und rosenroth und schwanden
+spurlos. Scharf zeichneten sich jetzt die riesigen Gipfel in langer Kette
+an dem blauen Himmel. Bald rötheten sie sich auch, erglühten in Purpur,
+erloschen allmälig und wurden dann leichenblaß. Des Tages Gluth lastete
+noch auf dem Meere; seine glatte Oberfläche zeigte jene matten Reflexe,
+wie sie alten venetianischen Spiegeln eigen sind: dann begann sie die
+Farbe zu wechseln und schillerte wie Opal. Der Purpur, der von den Bergen
+schwand, legte sich über den Abendhimmel und überfluthete bald auch das
+Meer. Geheimnißvoll klagend schlugen seine scharlachrothen Wellen jetzt an
+die Felsen des Ufers. Der Himmel über den Alpen nahm fahlgrüne Färbung an,
+und dann wurde es dunkel. Ungezählte Sterne tauchten am Himmel auf, und
+ungezählte Lichter entflammten längs der Küste. Wir bestiegen jetzt wieder
+die Barke und glitten still über der Wasserfläche. Eine erfrischende Luft
+umfloß unseren Körper, drang in unsere Lungen ein und erweckte jenes
+Gefühl inneren Wohlbehagens, dem man so gern sich hingibt. Wir wechselten
+kaum ein Wort und brachen erst unser Schweigen, als wir an der Croisette
+gelandet waren.
+
+ V.
+
+Cannes stand unter der Herrschaft der Aebte von Lerin. Sie hatten dasselbe
+im zehnten Jahrhundert von Wilhelm von Gruetta, einem Sohne von Redouard,
+Grafen von Antibes, erhalten. Im Jahre 1080 begann der Abt Adalbert die
+Burg auf dem Hügel, der jetzt die Altstadt trägt, dem heutigen Mont
+Chevalier, zu erbauen. Im Kloster von Lerin wurden die geistigen Güter vor
+Allem gepflegt, daher wohl seine Herrschaft mild gewesen ist. Das
+beeinflußte die Sitten und Bräuche der Uferbewohner. Während jenseits des
+Esterels, wo rohe Burgherren herrschten, die Volksbelustigungen in
+Scheinkämpfen, den sogenannten »_bravades_« bestanden, waren es in Cannes,
+Vallauris und Antibes die »_romérages_«, das heißt Tänze und ähnliche
+Spiele, welche die Feste belebten. Bis auf den heutigen Tag haben sich die
+_bravades_ in St. Tropez, die _romérages_ in Vallauris erhalten.
+Wachtthürme längs der Küste waren zum Schutz gegen die Saracenen
+aufgerichtet. Feuerzeichen des Nachts, weiße Fahnen am Tage, warnten, von
+den Lerinischen Inseln aus, die Uferbewohner vor den nahenden Feinden.
+Cannes führte, gedeckt durch das Kloster, dem die Angriffe der Feinde
+stets vor Allem galten, ein ziemlich ruhiges Dasein, und hatte erst
+während der Kämpfe Franz I. mit Karl V. schwere Verluste zu tragen. Im
+Jahre 1580 wurde durch ein Schiff aus dem Orient die schwarze Pest nach
+Cannes eingeschleppt und verbreitete sich dann über die ganze Provence.
+Dann gab es noch manches Ungemach im Laufe der Zeiten, so im siebzehnten
+Jahrhundert, als die Lerinischen Inseln zeitweise in spanische Gewalt
+geriethen, dann im achtzehnten während der Invasion der Provençe durch
+österreichische und piemontesische Truppen, besonders aber im
+österreichischen Erbfolgekriege, während des mißglückten Angriffs der
+Oesterreicher auf die Provence. – Uebrigens fehlte es auch nicht ganz an
+komischer Tragik in der Geschichte von Cannes. So berichten die
+Stadtarchive von einem wilden Thiere, das 1785 das Land und die Stadt mit
+Schrecken erfüllte. Kein Bewohner der Stadt wagte sich mehr ins Freie.
+Schließlich wurde eine Schar muthiger Männer bewaffnet, und es gelang
+ihnen auch an der Grenze der Gemeinde das Thier zu erlegen. Ein solches
+Thier hatte noch Niemand gesehen; man wußte es nicht zu benennen. Ein
+heftiger Streit entspann sich nun um das Fell, zwischen den Gemeinden von
+Cannes, Grasse und Mougin, an deren gemeinsamen Grenzen das Thier gefallen
+war; es drohte ein ernster Conflict, glücklicher Weise machte der Marquis
+de Caraman, commandirender General der Provence, demselben ein Ende, indem
+er das Fell für sich nahm. Nunmehr wurde festgestellt, daß dieses Fell von
+einer Hyäne stamme; wie jenes Thier sich nach Cannes verirrt hat, ist
+unaufgeklärt geblieben.
+
+Am Ende des vorigen Jahrhunderts war Cannes zu einer ganz unbedeutenden
+Ortschaft herabgesunken. Als Horace Benedict de Saussure sie 1787
+besuchte, fand er nur ein paar Straßen vor, die fast ausschließlich von
+Matrosen und Fischern bewohnt waren. Die Schönheit der Lage fiel ihm auf:
+»_C’est un site vraiment délicieux_« rief er auf dem Hügel von St. Cassien
+aus, als er den blauen Golf und die grünen Inseln vor sich liegen sah,
+dann über das üppige Thal der Siagne, gegen Grasse und die grauen
+Kalkalpen schaute. Auch die Hôtels in Cannes waren damals einfacher als
+jetzt, dessen ungeachtet es dem Erlanger Professor Heinrich Schubert im
+Jahre 1822 in einem derselben sehr behagte. Er und »die gute Hausfrau«
+waren zu Fuß über das Esterel acht Stunden lang bis nach Cannes gewandert
+und kamen dort recht ermüdet in den heißen Mittagsstunden an. Darauf hin
+schreibt Schubert: »Wohler und erquicklicher zu Muthe ist es wohl der
+guten Hausfrau, auf dieser ganzen Reise, bei keinem anderen Mittagessen
+und in keinem anderen Wirthshause gewesen, als in dem bürgerlichen, für
+uns daher sehr passenden Wirthshause zu Cannes. Es war das Häuslein gleich
+eins der ersten in der Häuserreihe am Meeresstrande hin. Zwar zu der
+oberen Etage, welche fast nur aus dem Zimmer bestand, in welchem wir aßen,
+führte keine Marmorstiege, sondern eine hölzerne Treppe von außen empor,
+es stieg sich aber eben so schnell daran hinauf, als auf einer steinernen;
+der Balcon, an dessen geöffnete Thür wir uns hinsetzten, hatte zwar weder
+eiserne noch bronzene Umzäunung, sondern nur bretterne, die Aussicht von
+ihm hinaus auf das unter uns brandende Meer war aber eben so weit und
+lieblich als von einem steinernen.« »Junge Hühnlein, seit wenigen Tagen
+erst aus dem Ei gekrochen, die mit ihrer Alten da im Speisesaal und auf
+dem Balcon herumliefen, pickten die Krümlein von Weißbrod zusammen, die
+ihnen die Hausfrau auf den Boden streute.« Dann aber, nachdem wir uns an
+einem trefflichen Mahl gesättigt und ausgeruht, »verließen wir –
+Strickbeutel und Pflanzenmappe unter dem Arme – unseren Balcon mit der
+lieblichen Meeresaussicht und die gutmüthigen, billigen Wirthsleute und
+zogen unter den schattigen Bäumen der Allee, neben dem anbrandenden Meere
+hinaus auf die Straße nach Antibes.«
+
+Da war es in der That anders in Cannes als jetzt! Den Anfang zu seiner
+jetzigen Größe verdankt Cannes einem Zufall. Im Jahre 1834, als die
+Cholera im ganzen Norden von Europa herrschte, sperrte sich Italien gegen
+dieselbe durch einen Grenzcordon ab. Reisende, die aus Frankreich an diese
+Küste kamen, mußten mehrere Tage in dem seuchenfreien Cannes verweilen,
+bevor sie die Grenze am Var überschreiten durften. Unter den Reisenden
+befand sich auch Lord Brougham, der das Amt eines Lord-Kanzlers von
+England vor Kurzem niedergelegt hatte und durch den Tod seiner geliebten
+Tochter tief gebeugt, nach Italien eilte. Ihm gefiel dieser Ort, an dem er
+nun unfreiwillig verweilen mußte, so sehr, daß er sich entschloß, an
+demselben zu bleiben. Er ließ sich in Cannes nieder und erbaute auf seiner
+Besitzung das Schloß Eleonore Louise, das den Namen seiner Tochter trägt.
+Seinem Beispiel folgten zahlreiche seiner Landsleute, und die vornehme
+englische Gesellschaft zog sich allmälig von Nizza nach Cannes zurück. Ihr
+folgte die französische Aristokratie, und allmälig wuchs Cannes zu einem
+der vornehmsten Kurorte der Riviera an.
+
+ VI.
+
+Den Bewohnern des westlichen Cannes können die Ausflüge auf den Höhen der
+Croix-des-Gardes diejenigen von »La Maure« zum Theil ersetzen. Die
+Aussichten sind ähnlich, doch gilt es meist so viel Staub zu schlucken,
+ehe man sie erreicht! Die Abhänge dieses 150 Meter hohen Hügels sind mit
+den ältesten Villen des neuen Cannes bedeckt; da lehnt sich auch jener
+Château d’Eleonore Louise an, der den Grund zu dem modernen Kurort legte.
+– Man darf es auch nicht unterlassen, den Garten der Villa Larochefoucauld
+zu besuchen, dessen Zutritt Fremden stets gestattet wird. Man erreicht ihn
+bald auf der Straße von Fréjus. Die Ausblicke auf das nahe Esterel
+zwischen den Palmen, Pinien und sonstigen üppigen Gewächsen des Gartens
+sind zum Theil von hoher malerischer Wirkung.
+
+Ueber alle möglichen, wenn auch nicht immer empfehlenswerthen Ausflüge an
+den Kurorten der Riviera orientiren jetzt vollständiger wie zuvor die in
+allerletzter Zeit erschienenen »_Guides Joanne_«. Es gibt jetzt solche
+»Führer« für Cannes, für Nizza, Mentone, ja selbst für das Esterel, und
+sie sind einzeln für 50 Centimes oder einen Franc zu haben. Leider sind
+aber auch in diesen Führern die Angaben über die Wege, die man bei den
+einzelnen Ausflügen einzuschlagen hat, so mangelhaft und die beigefügten
+Karten so unvollkommen, daß man sich nur selten zurechtfinden kann.
+
+Ich plante noch einen Ausflug nach dem Cap d’Antibes und stand mit
+Tagesanbruch auf, um möglichst viel Zeit vor mir zu haben. Ich trat ans
+Fenster und öffnete die Läden: Der Himmel war mit Wolken ganz bedeckt.
+Hinter denselben im Osten mußte die Sonne soeben aufgegangen sein.
+Unentschlossen blieb ich am Fenster stehen. Wird es der Sonne gelingen,
+die Wolken zu zerstreuen? Leuchtende Stellen tauchten in der Wolkenmasse
+nach einiger Zeit auf und erweckten freudige Hoffnung. Bald schwanden sie
+aber wieder, und beklommen blickte ich empor, gedrückt von dem Gefühl, daß
+es so trüb und traurig den ganzen Tag über bleiben könne. Doch wieder
+lichten sich hier und dort die Wolken, sie wogen in schweren Massen wie
+ein bewegtes Meer; plötzlich zerreißen sie an mehreren Stellen, und aus
+glühendem Rahmen blickt dort der leuchtende Himmel hervor. Es ist, als
+wäre in den Höhen eine Feuersbrunst ausgebrochen, und als drängen lange
+Feuerstrahlen aus den Oeffnungen der Wolken hervor, um die See und das
+Land zu entzünden. Jetzt sind es Stellen im Meer, welche in Flammen
+aufgehen, dann leuchten die Lerinischen Inseln im rosigen Lichte auf
+dunkler Woge, dann wieder entzünden sich die Gipfel des Esterel, dann das
+alte Cannes. Allmälig erblassen die Wolken, sie weichen vor der
+siegreichen Sonne; sie lösen sich auf im goldigen Nebel und schwinden. Der
+ganze Himmel erstrahlt in glänzendem Licht.
+
+Wir folgen der Straße von Antibes, von Licht überfluthet. Solche
+Lichtfülle stimmt den Menschen freudig, erweckt neue Hoffnungen und trägt
+so sicherlich nicht wenig zur Heilung der hier weilenden Kranken bei. Es
+ist das der suggestive Einfluß des Sonnenlichtes; andererseits kommen
+demselben thatsächlich auch antiseptische Wirkungen zu. Intensives
+Sonnenlicht tödtet die Keime jener niederen Organismen, welche Fäulniß und
+Zersetzung bewirken. Entsprechende Versuche haben gelehrt, daß eine
+Aussaat von Bacterien durch Licht sterilisirt werden kann. Setzt man eine
+solche Aussaat dem Sonnenlichte aus, hält eine andere im Schatten, so
+werden die Keime der ersteren getödtet und die der letzteren entwickeln
+sich weiter. Intensives Sonnenlicht sterilisirt demgemäß auch die Wäsche
+und die Kleider von Kranken. Es sterilisirt auch Seen und Flüsse, falls
+ihr Wasser nicht zu trüb ist und den Lichtstrahlen das Eindringen nicht
+verwährt. Die in der Luft schwebenden Keime werden meist von dem
+Sonnenlicht getödtet. Mit Recht sagt somit ein italienisches Sprüchwort:
+»_Dove non entra il sole, entra il medico._« Wäre jenes Sprüchwort nicht
+begründet, da müßten unausstehliche Miasmen manches südliche Land erfüllen
+und Infectionskrankheiten ununterbrochen es verheeren. Wie wenig geschieht
+da meist für die Desinfection. Die moderne Hygiene ist ein Kind nordischer
+Himmelsstriche, und die peinlichsten Ansprüche an Reinlichkeit und Comfort
+sind in Ländern erwachsen, in welchen der Nebel meist das Sonnenlicht
+verhüllt. Während wir unsere Wohnräume nach Möglichkeit säubern, für
+Desinfection allerorts sorgen, öffnet der Südländer weit seine Fenster und
+läßt sein ganzes Haus vom Sonnenlicht durchstrahlen. Dazu ist aber dauernd
+klarer Himmel nöthig. – Bacterienkeime, die vom intensiven Sonnenlichte
+getroffen werden, halten die Wirkung desselben nur kurze Zeit aus. Die
+Keime des _Bacillus anthracis_, jenes gefährlichen Bacteriums, das den
+Milzbrand bei Schafen und Rindern veranlaßt, sind dann schon todt nach
+wenigen Stunden. Ein englischer Botaniker, Marshall Ward, hatte den
+Einfall, diese Wirkung des Lichtes auf Bacterienkeime gewissermaßen
+photographisch zu veranschaulichen. Er breitete Gelatine, die mit
+Bacterienkeimen versetzt war, auf einer Glastafel aus, stellte vor
+dieselbe eine durchbrochene Zinnplatte und ließ letztere vom Sonnenlicht
+bescheinen. Nach wenigen Stunden wurde die Glastafel in einen dunklen,
+warmen Raum gelegt und dort längere Zeit gelassen. Ueberall da, wo das
+Sonnenlicht durch die Oeffnungen der Zinnplatte die Gelatine erreicht
+hatte, blieb letztere klar, weil die Keime in derselben getödtet waren,
+sie trübte sich an den übrigen Stellen, weil die Keime dort unversehrt
+blieben und sich zu trüben Bacterienmassen vermehrten. So war das in die
+Zinnplatte geschnittene Bild deutlich auf der Gelatineplatte zu erkennen.
+Selbst die Negative gewöhnlicher Photographien konnten benutzt werden, um
+positive Bacterienbilder zu erhalten, wenn mit besonders empfindlichen
+Keimen operirt wurde. Ein purpurfarbiges Bacterium der Themse lieferte so
+hinter den Glas-Negativen englischer Landschaften zwar nicht scharfe, aber
+doch kenntliche Bilder derselben.
+
+Die ganze Straße von Antibes war jetzt blendend hell von Licht, von jenem
+grellen Licht, in welches alle Dinge tauchen, wenn die Sonne hoch am
+Himmel steht. Auf der kreideweißen Straße wurden die Schatten immer kürzer
+und dunkler, die Halbschatten nahmen blaue Töne an. Die Palmengruppen in
+den Gärten glänzten so stark, daß sie fast wie fabelhafte Decorationen zu
+einem Zauberstück erschienen. Es war Fest der Sonne überall in der Natur,
+und diese festliche fröhliche Stimmung theilte sich uns auch mit. – Wenig
+Orte in Europa gibt es, die über eine gleich große Lichtfülle verfügen. An
+dieser goldigen Küste darf sich das Mittelmeer rühmen, Spiegel der Sonne
+zu sein. An Klarheit der Luft können mit der Gegend um Nizza sich nur
+Valencia und Alicante messen. Während von dem Eifelthurm in Paris die
+Aussicht im günstigsten Falle bis auf hundert Kilometer reicht, zeigt hier
+nicht selten Corsica dem erstaunten Auge seine zackigen Gipfel, die um
+mehr als 200 Kilometer von dieser Küste entfernt sind. Daher mit vollem
+Recht der Mont Gros bei Nizza zum Bau eines astronomischen Observatoriums
+gewählt wurde. Auch regnet es in Nizza durchschnittlich im Jahre nur an
+67 Tagen. Der Regen dauert nicht lange, ist dafür oft so heftig, wie in
+den Tropen. Auch in diesem Frühjahr hatten wir während unseres
+fünfwöchentlichen Aufenthalts, von Mitte März bis zur zweiten Hälfte des
+April, nur drei Tage mit anhaltendem Regen hier zu verzeichnen. Wir waren
+thatsächlich die ganze Zeit über wie in ein Lichtbad getaucht.
+
+Die Straße führte uns an dem Orte Golfe Jouan vorbei nach Jouan les Pins.
+Nun folgten wir unter Pinien im weiten Bogen dem Meeresstrande. Unser
+Blick verlor sich im endlosen Meer oder er ruhte auf dem Esterel und den
+Lerinischen Inseln. Es waren das die alten, liebgewonnenen Bilder in immer
+neuer Umrahmung. Bald begrüßten wir das Cap und traten in den Garten des
+Caphôtels ein. Da ist Alles noch so wie es war, derselbe üppige
+Pflanzenwuchs, derselbe Duft der Maquis. Doch fremdartig blicken uns
+merkwürdige Bauten von der äußersten Spitze der Landzunge an. Haben die
+Saracenen wieder das Land erobert und sich am Cap niedergelassen? Das sind
+doch maurische Bauten, die sich dort erheben, eine Moschee, die mit ihrer
+schlanken Kuppel in die Lüfte ragt! Eine Mauer sperrt die Spitze des Caps
+vom Hôtelgarten ab, doch glücklicherweise ist sie schon durchbrochen und
+nichts hindert uns, weiter vorzudringen.
+
+Es war nicht ein Saracene, sondern ein Pariser, der diese Bauten errichten
+ließ. Er starb ohne das Ende seiner Werke zu sehen. Sein Wunsch, hier
+begraben zu werden, konnte nicht in Erfüllung gehen. Die französische
+Regierung verbot die Bestattung am Cap; die Familie gab daher die
+Besitzung auf.
+
+So wird denn dieses Stück Orient hier wieder verschwinden, vielleicht
+Ruinen bilden, die man dermalen als saracenische deuten wird. Der Fischer
+aber, dem ein Stück Strand nach dem andern entzogen wird, hat vom Cap
+wieder Besitz ergriffen. Mit sichtlicher Schadenfreude zerstört er die
+Mauer, die ihm den Zugang zu den Felsen sperrte, auf denen er gewohnt war,
+von Kind auf zu fischen. Und auch der Fremde, der das Cap besucht, kann
+wieder ungehindert auf diesen zerrissenen Felsenklippen streifen und dem
+geheimnißvollen Rauschen der Wogen in den tiefen Spalten des Gesteines
+lauschen.
+
+ VII.
+
+Einige Tage später verließen wir Cannes und siedelten nach dem Cap Martin
+über. Eine englische Gesellschaft hat vor einiger Zeit dieses ganze Cap
+erworben und ein Hôtel auf demselben errichtet, das zu den comfortabelsten
+der ganzen Riviera gehört. Hat man es sonst zu bedauern, daß die schönsten
+Punkte dieser Küste der Speculation zum Opfer fallen, so ist dies beim Cap
+Martin nicht der Fall. Denn mit viel Geschick und Geschmack verstand es
+die englische Gesellschaft, dem Cap seinen ursprünglichen Charakter zu
+wahren und den schönen Wald von Aleppokiefern, mit dem das Cap bedeckt
+ist, in einen nicht minder schönen englischen Park zu verwandeln. Sie
+schonte jeden einzelnen Baum; die Maquis am westlichen Strande hat sie in
+ihrem ursprünglichen Zustand belassen, fremdartige Gewächse nur in
+discretester Weise angebracht. Das Hôtel steht auf der Höhe, am südlichen
+Ende des Caps, noch in den Wald eingeschlossen, von welchem man nur so
+viel entfernte, als zum Bau des Hauses durchaus nothwendig schien. Auch
+werden die Grundstücke am Cap von der Gesellschaft nur unter Bedingungen
+verkauft, die den neuen Besitzer zur Schonung des Waldes verpflichten. So
+merkt man nicht viel von den entstehenden Villen im Walde, und man muß auf
+die Höhen steigen, die das Cap beherrschen, um sie zu entdecken. Der
+Strand sollte frei bleiben, daher keines der verkauften Grundstücke bis zu
+demselben reicht. Man kann vom Hôtel aus jetzt ungehindert den Wegen
+folgen, die sich um das ganze Cap ziehen. An dem östlichen Ufer des Caps
+läuft die Landstraße, die nach Mentone führt; sie ist staubig, und sucht
+man sie daher nach Möglichkeit auf den Spaziergängen zu meiden. Das kann
+man auch, wenn man die Straßen einschlägt, die im Walde, am Rücken des
+Caps, verlaufen. Besonders anziehend und von Staub ganz frei ist aber der
+Fußweg, der in westlicher Richtung am Cap sich hinzieht. Er folgt auf
+langer Strecke zwischen Kiefern und würzigen Sträuchern dem Strande. Er
+ist so schön, bietet so mannigfaltige Ausblicke, daß man nicht müde wird,
+auf ihm zu wandern. Der Weg steigt auf und ab, immer in unmittelbarer Nähe
+des Meeres, dicht über zerrissene Felsenmassen. Myrten, Pistacien,
+Rosmarin umranden ihn, häufig wächst da außerdem der immergrüne Wegedorn
+mit dunklen Beeren, der _Rhamnus alaternus_, auch das interessante
+_Cneorum tricoccum_ mit kleinen gelben Blüthen, das uns schon aus den
+Maquis von Antibes bekannt ist, und die würzige Weinraute (_Ruta
+bracteosa_), die um diese Zeit schon ihre gelbgrünen Blüthendolden
+entfaltet. Bei jeder Windung des Weges ragen neue Felsen aus dem Meer
+hervor, immer anders geformt, in unerschöpflichem Wechsel. Ueberall die
+anbrausenden Wogen mit ihrem Silberrand, hier von tiefem Blau, dort von
+hellem Grün, dort wieder in violetten Tönen; dann plötzlich vorübereilende
+Fischerbarken, grell beleuchtet im lichten Schein der Sonne. Die Ruder
+tauchen wie in flüssiges Metall, und funkelnde Tropfen fallen von ihnen in
+das Meer zurück. Weite Blicke öffnen sich über die Küste: hier Monte
+Carlo, sanft vom Meere aufsteigend, dort Monaco auf seinem steilen Fels,
+darüber, wie auf Wache, die riesige »Tête de Chien«. Ganz in der Nähe
+liegt am Bergesabhang das Felsennest Roccabruna, in Orangenhaine gehüllt,
+umrahmt von Cypressen und Carouben. So läßt sich hier genußreich am frühen
+Morgen wandern, da die Sonne noch im Osten steht, im Schatten der Bäume
+und des steil aufsteigenden Caps; felsauf, felsab, einmal dicht am Meere,
+dann über demselben, dann wieder am Strand, wo die Welle bis zu den Füßen
+rollt. Doch gilt es früh aufzubrechen, denn das Cap ist nicht rein
+südlich, sondern südwestlich gerichtet, und bald beginnen die Strahlen der
+Sonne auch den westlichen Abhang zu streifen. Da stellt sich aber der
+erwünschte Schatten am östlichen Strande ein. Zwischen der staubigen
+Straße und dem Meere liegt ein Felsenstreifen, auf dem Kiefern wachsen,
+und wo man, von Staub nicht belästigt, ruhen kann. Auch hier ist der
+Strand tief zerklüftet und bildet einen bewegten Vordergrund für das Bild,
+das sich jenseits der Bucht entfaltet. Die Kiefern neigen sich vor über
+die Felsen, strecken ihre Kronen dem Meer entgegen und fassen hier das
+weiße Mentone, dort die hohen Gipfel über demselben, dort wieder La
+Mortola oder Bordighera ein in ihr grünes Laub. Oft stundenlang saßen wir
+auf diesen Felsen, ein Buch in der Hand, blickten auch häufig über
+dasselbe hinweg, hinaus in die blaue Fluth. Zeitweise waren es auch
+Fischer, die unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Sie späheten in der
+Nähe den Fischen nach. Einer saß oben über dem Felsen auf einem Gestell
+aus drei verbundenen Stangen und schaute unablässig in die Tiefe. Andere
+lagerten in einem Boot, bereit auf ein gegebenes Zeichen die Netze zu
+heben. Die Netze waren an einem leeren, quergestellten Boote befestigt und
+bildeten ein Dreieck, das an einer Seite offen stand. Erblickte der Späher
+Fische, die in das Dreieck eingeschwommen waren, so zog er an einem Seil
+und daß Netz schloß sich nun auch an der freigehaltenen Seite. Rasch
+näherte sich daß Boot dem Ufer, schnitt den Fischen jeden Rückweg ab; die
+Netze wurden emporgezogen, und meist einige nicht eben große Fische, oft
+auch nur ein einziges solches zappelndes Geschöpf erkapert. Die Geduld
+dieser Menschen erweckte in mir besondere Bewunderung. Stundenlang lagen
+sie da unbeweglich im Boote; den ganzen Tag über hockte der Späher oben
+auf seiner Stangenpyramide, und die Zeit wurde ihm, wie es schien, nicht
+lang. Was für ein Gegensatz zu solchen Menschen wie wir, die wir uns den
+ganzen Tag über hetzen und aufreiben, keine Viertelstunde unbenutzt lassen
+und nun hierher kommen müssen, damit unsere Nerven sich wieder etwas
+beruhigen. Der Mann da oben auf seiner Pyramide erinnerte mich aber
+lebhaft an einen Seeadler, den ich auf einem hohen Felsen von Antibes, an
+einer einsamen Stelle des Strandes, einst sitzen sah. Auch er blickte
+starr in das Wasser, blickte lange und geduldig, ohne auch nur den Kopf zu
+bewegen, stürzte sich dann wie ein Pfeil hinab in die Fluth und stieg auf
+in die Wolken mit einem Fisch in den Krallen.
+
+Das Hôtel am Cap Martin ragt über die Bäume des Waldes empor. Südwärts
+eröffnet es die Aussicht auf das weite Meer. Nordwärts gestattet es, über
+den gewölbten Kuppeln des Waldes, der ganzen Bergkette zu folgen, welche
+diese Küste schützt. Da reihen sie sich an einander diese gewaltigen Berge
+vom Mont Agel im Osten, bis zum Berceau im Westen; die mächtigsten
+Kalkriesen liegen in der Mitte und schneiden mit scharfem Grat in den
+blauen Himmel ein. Jeden Abend waren unsere Blicke auf sie gerichtet, wenn
+die schwindende Sonne ihre Gipfel röthete, ein Gipfel nach dem andern dann
+langsam erlosch. Oefters stiegen wir auch gegen Abend zum östlichen
+Strande hinab, um die Beleuchtung der Küste zu schauen. Während tiefer
+Schatten schon Mentone deckte, flammte im purpurnen Lichte noch
+Alt-Bordighera. Ein Liebling der Sonne an dieser goldigen Küste, empfängt
+es am Abend ihren letzten Gruß.
+
+Wenn es dann ganz dunkel war, zogen wir nochmals ans Meer. Es galt Mentone
+und Monte Carlo in ihrem Lichterschmuck zu betrachten. Monte Carlo im
+Besonderen sieht dann ganz feenhaft aus. Tausende von Lichtern drängen
+sich am Fuße des Berges zusammen, der einen dunklen Schatten auf den
+bestirnten Himmel wirft. Ich schaute oft in dieses Bild, und es war mir
+wohl, als hätte ich es lange zuvor schon gesehen. Doch wo und wann? das
+wußte ich nicht mehr zu finden. Da plötzlich, sah ich es ganz lebhaft
+wieder vor mir, das alte Bild, so wie ich es mit Kinderaugen geschaut
+hatte. Es war ein gemaltes Bild von Neapel in einem kleinen Panorama, das
+ich am Weihnachtsabend einst bekommen hatte. Hielt ich es gegen ein Licht,
+dann leuchteten unzählige Flammen in Neapel auf und erregten meine
+kindliche Phantasie. Es waren Nadelstiche, welche das Bild durchsetzten.
+Wie in jenem Bilde Camaldoli über Neapel, so ragte hier die Tête de Chien
+über Monte Carlo hervor; und wie die Lichter am Posilip, so stiegen hier
+die leuchtenden Punkte am Felsen von Monaco in die Höhe. Wie stark sind
+doch solche Eindrücke der Kindheit! Was hat nicht Alles dieses geplagte
+Hirn seitdem in sich aufnehmen müssen, und doch war das alte Bild nur
+verdeckt, nicht ausgelöscht, und tauchte wieder auf, als ein äußerer
+Anstoß es zum Bewußtsein brachte.
+
+Dort, wo das Cap Martin die breite Küste erreicht, ist es mit schönen
+alten Oelbäumen bedeckt. Da sind sie wieder da, diese phantastisch
+verschnörkelten Stämme, von denen keiner dem andern gleicht. Sie werden um
+so mächtiger und schöner an dieser Küste, je weiter man sich vom Esterel
+entfernt. Welch ein Unterschied zwischen den armseligen Bäumen der
+Rhônemündung und jenen Riesen hier, die ihre Kronen stolz in die Lüfte
+erheben. So muß man sie gesehen haben, um sie zu würdigen und sie zu
+lieben; auch ist die Lichtfülle dieser sonnigen Gegenden nöthig, damit ihr
+Laub nicht grau und traurig, sondern silbern und leuchtend erscheine.
+Daher der Olivenwald ein höchst stimmungsvolles Element dieser Landschaft
+bildet. Da die Blätter des Oelbaumes nicht groß sind und seine Belaubung
+nie dicht wird, so herrscht im Olivenwalde ein Zwielicht von ganz eigenem
+Zauber. Jeder Windhauch bewegt dieses Laub, und dann zittern die einzelnen
+Lichter auf den Bäumen, sie huschen wie Leuchtkäfer über den Boden, und es
+belebt sich plötzlich die Einsamkeit.
+
+Trotz seiner scheinbar exponirten Lage ist das Cap Martin gegen die
+Nordwinde und den Mistral sehr gut gedeckt und nur den Ostwinden
+preisgegeben. Daß die hohen Berge im Norden und im Westen das Cap
+erfolgreich gegen Kälte schützen, hat der letzte strenge Winter gelehrt.
+Es lag fast kein Schnee auf dem Cap, während er Mentone deckte, und weder
+Bougainvillea noch Heliotrop haben an dem Hôtel du Cap gelitten. Die
+Pflanzen sind aber die sichersten Weiser für das Klima. Die Bougainvilleen
+und der Heliotrop sind an den meisten Orten der Riviera im letzten Winter
+erfroren oder büßten ihr Laub doch ein. Auch die strauchartige Wolfsmilch
+(_Euphorbia dendroides_), die überall am westlichen Abhange des Cap Martin
+wächst, zeigt durch ihre kräftige Entwickelung an, wie günstig die
+klimatischen Verhältnisse hier für sie sind. Man muß nach dem südlichen
+Sardinien gehen, will man noch größere Exemplare dieser Pflanze sehen. In
+dem nahen Mentone zeugen für das milde Klima dieser Region vor allem die
+üppigen Citronenwälder. Der Citronenbaum kann Temperaturen unter -5° C.
+nicht vertragen. Seine Früchte erfrieren schon bei -3° C. Man denke sich
+die Aufregung der Leute in diesem letzten Winter, wo das Thermometer
+wiederholt unter 0° sank. Der Besitzer eines größeren Citronengartens
+erzählte mir, er habe in den kalten Nächten viele Stunden am Thermometer
+gestanden und mit Angst auf die Quecksilbersäule gestarrt, ob sie nicht
+noch weiter falle. Noch einen halben Grad tiefer und die Einnahme des
+ganzen Jahres war verloren. Thatsächlich sind an vielen Stellen bei
+Mentone im letzten Winter die Citronen, nicht die Bäume, wohl aber die
+Früchte erfroren. Es geschah das besonders am Ausgang der Thäler, wo der
+Schutz gegen Norden unvollkommen ist. Dort sollten Citronen überhaupt
+nicht gebaut werden; doch die Leute vergessen die Vorsicht, wenn viele
+aufeinander folgende Winter mild gewesen sind. Für gewöhnlich berühren ja
+die kalten Nordwinde die Küste nicht, sie erreichen erst in einigen
+Kilometern Entfernung das Meer, und ist es eine häufige Erscheinung, daß
+das Meer dort stürmisch ist, während volle Windstille an der Küste
+herrscht. – Die Orangen haben bei Mentone auch in diesem Winter nicht
+gelitten. Diese Frucht kann bei bedecktem Himmel -4° C. aushalten, und die
+Kälte muß längere Zeit -6° C. betragen, damit der Baum getödtet werde.
+Daher bei Cannes wohl Orangenbäume, nicht aber Citronenbäume zu sehen
+sind, und selbst an den Orangenbäumen war bei Golfe Jouan das Laub zum
+Theil erfroren. Auch der Johannisbrotbaum ist gegen niedere Temperaturen
+sehr empfindlich, und zeugt somit, wenn stattlich entwickelt, für ein
+mildes Klima. Schöner und üppiger kann man ihn aber an der Riviera nicht
+sehen, als auf der Strecke, die von Villefranche bis San Remo reicht.
+
+An schönen, sonnenklaren Tagen pflegt an der Riviera gegen acht Uhr
+Morgens die Seebrise sich zu erheben. Dann wird es meist kühler als zuvor.
+Nach Anbruch der Nacht fällt dann die Luft von den Bergen ab, der Landwind
+stellt sich ein. Zwischen den Zeiten der beiden Winde herrscht oft völlige
+Ruhe. Die italienischen Fischer bezeichnen sie als »_bonaccia_«, weil sie
+die wenigste Gefahr in sich birgt. – Auffällig ist es dem Fremden, wenn
+gegen das Frühjahr der sonst so heiße Scirocco an der Riviera von Schnee
+begleitet ist. Es geschieht das freilich selten, kann aber erfolgen, wenn
+auf den hohen corsicanischen Bergen sich große Schneemassen anhäuften.
+
+Auf der ganzen Strecke von Villefranche bis San Remo sieht man fast keine
+laubwerfenden Bäume. Daher man hier weit weniger an den Winter gemahnt
+wird, als weiter im Süden, ja selbst in Neapel. Dort dominirt der
+Feigenbaum und der Weinstock, so daß der Posilip uns einmal im März fast
+kahler erschien, als das Rheinthal, das wir kurz zuvor verlassen hatten.
+
+Die Nächte waren jetzt vom Mondschein erhellt, und die Berge glänzten in
+magischer Beleuchtung: Ein mächtiges Amphitheater, dessen scharf gezähnte
+Gipfel sich wie feine Spitzenarbeit vom Himmel abhoben, in welchem tief
+unten die Lichter von Mentone funkelten.
+
+Dieser Vollmond sollte uns Ostern bringen. Wir gingen des Abends an den
+Strand, um ihn zu erwarten. Es war ganz dunkel auf den Felsen am Meere,
+einsam und still. Flach ausgebreitet lag vor uns die weite See und schien
+fast zu schlafen. Oben breitete sich das Himmelsgewölbe aus, fast schwarz,
+doch besäet mit ungezählten Sternen, die sich mit silbernen Streifen auch
+im Meere spiegelten. Es schien, als sei die Natur gespannt auf ein
+Ereigniß, das da kommen sollte: so still und feierlich war es rings umher.
+Kein Grashalm erzitterte. Die Kiefern streckten aber ihre Kronen vor nach
+der See, als wollten sie weit über die Fluthen hinaus in die Ferne
+lauschen. Die würzigen Düfte der Maquis senkten sich langsam zur See
+hinab, wohl um ihr duftigen Weihrauch zu streuen. Vielleicht war aber nur
+unsere Seele von Erwartung voll, und wir trugen diese Empfindung hinaus in
+die weite Welt. – Plötzlich tauchte ein rother Streifen im Osten über dem
+Wasser empor. Er nahm an Breite zu und bald warf er den ersten leuchtenden
+Strahl über die schwarze Fluth: es war, als wolle er sie liebkosen. Die
+Fluth erzitterte unter diesem Strahl und legte sich in sanfte Wellen, wohl
+um ihn einzuwiegen. Der Mond tauchte ganz aus dem Meere hervor, mit
+geröthetem Antlitz, wie verschlafen. Quer gedehnt, mit geschwollener Backe
+sah er fast lächerlich aus. Doch rasch rundete sich sein Antlitz ab, nahm
+leuchtende Silberfarbe an und schüttete Licht in Fülle über die
+Meereswellen aus. Und während er höher stieg, erblaßten die Sterne. Nur
+die Größten vermochten ihm noch ins Antlitz zu schauen, die anderen
+verloren sich in den Tiefen des Himmelsgewölbes. Am Strand, wo sich die
+Wellen an den Felsen brachen, da funkelte und blitzte es von unendlichen
+Lichtern, als hätten alle die Sterne, die am Himmel schwanden, sich hier
+gestürzt in die Tiefe. Ein breiter silberner Fluß zog sich vom Strande bis
+an die äußersten Schranken des Meeres. Stellenweise war er von glatten
+Streifen unterbrochen, die wie Opal ihre Farbe wechselten. Vorübergehend
+tauchten düstere Barken in das Mondlicht ein, wie dunkle Silhouetten auf
+Silbergrund. Der Mond stieg immer höher über die Fluthen und setzte in
+weitem Bogen seinen Siegeszug am Himmelsgewölbe fort. Bald begann sein
+Licht auch in die tiefsten Spalten des Strandes einzudringen und die
+zerrissenen Felsen traumhaft zu beleuchten. Da sah es denn aus, als wären
+die schaumgekrönten Wellen eines erregten Meeres versteinert stehen
+geblieben, oder man meinte in einen zerklüfteten Gletscher der Alpen zu
+blicken; dort zauberten schmale Felsengrotten der Phantasie einen
+arabischen Friedhof vor, dort endlich eine Schar von Pilgern, die im
+weißen Gewande von den waldigen Höhen gegen das Meer zu wanderten. In
+allen Buchten sprüht es aber Funken, die Lichter schwimmen an der
+Oberfläche oder sie sinken unter; bald verschmelzen sie mit einander, bald
+trennen sie sich wieder, in endlosem Spiel.
+
+In den Ostertagen rückte ein Nordsturm heran. Mit ungewohnter Gewalt
+stürzte er sich auf die Felsenriesen, die Mentone schützen und suchte
+ihren Widerstand zu brechen. Da entspann sich ein gewaltiger Kampf
+zwischen diesen Titanen und den entfesselten Elementen: es heulte und
+zischte in den Lüften. Wir sahen den rauhen Winter über unseren Köpfen
+schweben, während wir uns noch im milden Frühling befanden. Der Norden
+warf seinen kalten Schnee den Felsenriesen gegen das Haupt. Sie schienen
+zeitweise zu weichen. Ein kalter Luftstrom ergoß sich über das Cap. Die
+aleppischen Kiefern schüttelten bedenklich ihre Häupter, die Wellen des
+Meeres flohen wie entsetzt mit schäumender Mähne von dem Lande. Bis in die
+Nacht hinein zitterte und bebte das Cap. Dann wurde es still, bald
+leuchteten die Sterne und am nächsten Morgen standen sie wieder da im
+goldigen Sonnenschein, die Riesen über Mentone, zwar mit Schnee noch
+bedeckt, doch siegesbewußt, stolz ihre Felsenhäupter zum Himmel erhebend.
+
+Dieser Sonnenschein sollte leider nicht dauern; das Gleichgewicht in den
+Lüften war gestört. Bald zog der Ostwind heran, und das Wetter verdarb
+sich. Das erleichterte uns die Trennung von der Riviera. Dicke
+Regentropfen fielen vom Himmel und tränkten die durstige Erde. Wir aber
+konnten von hier in dem süßen Wahne scheiden, es weine uns dieser Himmel,
+den wir so liebgewonnen, einige Thränen zum Abschied nach.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+INHALTSÜBERSICHT.
+
+
+*Vorwort **VII*
+
+*Frühjahr 1891 **1*
+
+ Bordighera 2
+
+ Monte Nero 3
+
+ Sasso 5
+
+ Oelbäume 6
+
+ Frühlingsblumen 11
+
+ Weinstock 11
+
+ Palmen 15
+
+ Gorbio 23
+
+ Pont St. Louis 26
+
+ Garten von La Mortola 30
+
+ Weg nach Mentone 69
+
+ Charakterpflanzen der italienischen Landschaft 70
+
+ Reiz- und Genußmittel aus dem Pflanzenreich 72
+
+ Route de la Corniche 83
+
+ Nizza 85
+
+ Cap d’Antibes 85
+
+ Maquis 89
+
+ Garten Close 99
+
+ Seesturm am Cap 99
+
+ Blumencultur an der Riviera 101
+
+ Sonnenuntergang am Cap 105
+
+*Frühjahr 1894 **107*
+
+ Hyères 107
+
+ Maurengebirge 114
+
+ Korkeichen 115
+
+ St. Tropez 121
+
+ La Gaillarde 126
+
+ St. Aigulf 127
+
+ Fréjus 127
+
+ St. Raphaël 129
+
+ Esterel-Gebirge 132
+
+ Malinfernet 141
+
+ Abend in St. Aigulf, Le Trayas 144
+
+ Cap Roux 148
+
+ Pic d’Aurelle 154
+
+ Klarheit des Seewassers 157
+
+ Grasse 158
+
+ Ursprung der Parfüme 159
+
+ Gewinnung der Parfüme 162
+
+ Wirkungen ätherischer Oele 176
+
+ Geschichte der Parfüme 177
+
+*Frühjahr 1895 **187*
+
+ Cannes 187
+
+ La Californie 188
+
+ La Maure 191
+
+ Lerinische Inseln 193
+
+ Geschichte von Cannes 203
+
+ Ausflug nach Antibes 207
+
+ Wirkungen des Lichtes 208
+
+ Klarheit der Luft 209
+
+ Cap Martin 211
+
+
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN DER KORREKTURLESER
+
+
+Von den Korrekturlesern des _Project Gutenberg_ wurden mehrere Änderungen
+am Originaltext vorgenommen. Es folgen paarweise Textzeilen im Original
+und in der vorliegenden geänderten Fassung.
+
+
+
+ Blättern in gleicher Weise von Lichtstahlen getroffen.
+ Blättern in gleicher Weise von Lichtstrahlen getroffen.
+
+ mit Bambusfasern Matratzen gegefüllt und Möbel gepolstert.
+ mit Bambusfasern Matratzen gefüllt und Möbel gepolstert.
+
+ ganz wie die Scheinbeeren unsers Wachholders verwandt.
+ ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.
+
+ Die Geige, ein Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne
+ Die Geige, eine Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne
+
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STREIFZÜGE AN DER RIVIERA***
+
+
+
+
+CREDITS
+
+
+September 29, 2009
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by _R. Stephan_ and the _Online Distributed
+ Proofreading Team_ at <http://www.pgdp.net/c>. Page-images
+ available at
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+
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 30042-0.txt or 30042-0.zip.
+
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+renamed.
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+Section 1.
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+1.B.
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+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
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+1.C.
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+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
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+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
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+1.F.4.
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+paragraph 1.F.3, this work is provided to you ’AS-IS,’ WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+1.F.5.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+
+Section 3.
+
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+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+
+Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg™ electronic works.
+
+
+_Professor Michael S. Hart_ is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
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+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
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+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+*Versions* based on separate sources are treated as new eBooks receiving
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+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
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