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+The Project Gutenberg EBook of Ein Stück Lebensgeschichte, by Selma Lagerlöf
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ein Stück Lebensgeschichte
+
+Author: Selma Lagerlöf
+
+Release Date: September 10, 2009 [EBook #29957]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN STÜCK LEBENSGESCHICHTE ***
+
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+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+ Selma Lagerlöf
+
+
+ Ein Stück Lebensgeschichte
+ und andere Erzählungen
+
+
+ Einzige berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen
+ von
+ _Marie Franzos_
+
+
+
+ =Viertes und fünftes Tausend=
+
+
+ =Albert Langen, München=
+
+
+ Copyright 1909 by Albert Langen, Munich
+
+
+
+
+Inhalt
+ Seite
+
+Ein Stück Lebensgeschichte 7
+
+Das Mädchen vom Moorhof 26
+
+Gottesfriede 113
+
+Der Luftballon 132
+
+Der erste im ersten Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts 166
+
+Die Legende von der Christrose 190
+
+Der Wechselbalg 216
+
+Der Spielmann 238
+
+Noch ein Stück Lebensgeschichte 252
+
+
+
+
+Ein Stück Lebensgeschichte
+
+
+Es war einmal eine Saga, die wollte erzählt und in die Welt
+hinausgetragen werden. Dies war ganz natürlich, weil sie wußte, daß sie
+schon so gut wie fertig war. Viele hatten mitgeholfen, sie durch
+merkwürdige Taten zu schaffen, andre hatten ihr Teil dadurch
+beigetragen, daß sie diese Taten immer wieder und wieder erzählten. Ihr
+fehlte nur, daß einer sie notdürftig zusammenfügte, damit sie gemächlich
+durchs Land ziehen könne. Sie war erst ein ganzes Gewühl von
+Geschichten, eine formlose Wolke von Abenteuern, die hin und her
+flatterten wie ein Schwarm verirrter Bienen an einem Sommertag und nicht
+wußten, wo sie einen finden sollten, der sie in einem Korbe vereinigen
+könnte.
+
+Die Saga, die erzählt werden wollte, war in Värmland entstanden, und man
+kann sicher sein, daß sie über so manchen Herrenhöfen und Eisenhämmern,
+über so manchen Pfarrhöfen und Offizierswohnungen in der schönen Provinz
+schwebte, zum Fenster hineinguckte und um Einlaß bat. Aber sie mußte
+viele vergebliche Versuche machen: überall wurde sie abgewiesen. Es
+konnte ja kaum anders sein. Die Leute hatten an viel wichtigere Dinge zu
+denken.
+
+Endlich kam die Saga in ein altes Haus, das Mårbacka hieß. Das war ein
+kleines Gehöft mit niedrigen Wirtschaftsgebäuden, die von hohen Bäumen
+überschattet wurden. Früher einmal war es ein Pfarrhof gewesen, und es
+war, als hätte ihm das ein Gepräge aufgedrückt, das es nicht verlieren
+könnte. Man schien dort größere Liebe zu Büchern und Studien zu haben
+als anderswo, und immer lag ein stiller Friede über diesem Hause. Da
+durfte niemals ein Jagen bei der Arbeit oder ein Zank mit dem Gesinde
+vorkommen. Haß oder Zwietracht durfte es da auch nicht geben; und wer
+sich dort aufhielt, durfte das Leben nicht schwer nehmen --: die
+allererste Pflicht war, sorglos zu sein und zu glauben, daß der liebe
+Herrgott für jeden, der in diesem Hause lebte, alles zum Besten lenke.
+
+Wenn ich heute zurückdenke, weiß ich: die Saga, von der ich spreche, muß
+eine ganze lange Reihe von Jahren in ihrem vergeblichen Warten, daß sie
+einer erzähle, hier geweilt haben. Es dünkt mich, sie müsse das Haus
+umschwebt haben, so wie eine Wolke einen Bergesgipfel umschwebt; und
+einmal ums andre ließ sie eines der Abenteuer, aus denen sie bestand,
+darauf hinunterregnen. Sie kamen als seltsame Gespenstergeschichten von
+dem Gutsherrn, der immer schwarze Stiere vor dem Wagen hatte, wenn er
+nachts von einem Gastmahl heimkehrte, und in dessen Heim der
+leibhaftige Böse selbst im Schaukelstuhl saß und sich hin und her
+wiegte, während die Hausfrau spielte. Sie kamen als wunderliche
+Geschichten aus dem Nachbarhof, wo die Elstern die Hausmutter verfolgt
+hatten, so daß sie nicht wagte, vor die Tür zu gehen, von der
+Kapitänswohnung, wo sie so arm waren, daß sie sich alles hatten
+ausleihen müssen, und von der kleinen Hütte unten an der Kirche, wo so
+viele junge und alte Mädchen gewohnt, die sich alle in den schönen
+Orgelbauer verliebten.
+
+Zuweilen kamen die lieben Abenteuer gleichsam noch handgreiflicher in
+das Haus. Alte arme Offiziere fuhren in rumpelnden Carriols, die mit
+uralten Pferden bespannt waren, an der Freitreppe vor. Sie machten Halt
+und blieben wochenlang zu Gaste; und am Abend, wenn der Toddy ihnen Mut
+gemacht hatte, begannen sie von der Zeit zu erzählen, wo sie ohne
+Strümpfe in den Schuhen getanzt hatten, damit die Füße kleiner aussähen,
+und wo sie ihr Haar gebrannt und ihren Schnurrbart geschwärzt hatten.
+Einer von ihnen prahlte mit dem Abenteuer, wie er versucht hatte, ein
+schönes Mädchen zu ihrem Bräutigam zurückzuführen, und wie er auf der
+Heimfahrt von Wölfen verfolgt worden war, ein andrer war bei dem
+Weihnachtsschmause mit dabei gewesen, wo ein erzürnter Gast alle
+Haselhühner an die Wand warf, weil man ihm eingeredet hatte, es wären
+Krähen, ein dritter hatte den Alten gesehen, der dazusitzen und auf
+einem Holztische Beethoven zu spielen pflegte.
+
+Aber auch auf andere Weise konnte die Saga ihre Anwesenheit kundmachen.
+Auf dem Dachboden hing das alte Porträt einer Dame mit gepudertem Haar;
+und wenn jemand daran vorüberging, mußte er sich ja erinnern, daß es die
+schöne Grafentochter darstellte, die den jungen Lehrer ihres Bruders
+geliebt hatte und einmal gekommen war, ihn zu besuchen, als sie eine
+alte, ergraute Dame war und er ein alter verheirateter Mann. In der
+Rumpelkammer lagen große Haufen von Dokumentenbündeln, die Kaufkontrakte
+und Pachtverträge enthielten, unterzeichnet von der mächtigen Frau,
+welche einst über sieben Güter geherrscht, die sie von ihrem Geliebten
+geerbt hatte. Kam man in die Kirche, so sah man da in einem kleinen
+verstaubten Schrank unter der Empore die Truhe, die mit Schriften des
+Unglaubens gefüllt war und nicht vor dem Beginn des neuen Jahrhunderts
+geöffnet werden durfte; und nicht weit davon war der Fluß, auf dessen
+Grunde eine Menge Heiligenbilder ruhten, die nicht auf der Kanzel und
+der Empore hatten bleiben dürfen, denen sie einstmals zum Schmuck
+gedient hatten.
+
+Daher, daß so viele Überlieferungen das Haus umschwebten, kam es wohl
+schließlich, wenn eines der Kinder, die dort aufwuchsen, Lust bekam, sie
+zu erzählen. Es war keiner von den Jungen -- die waren nicht viel zu
+Hause, sie hielten sich beinahe das ganze Jahr in ihren Schulen auf,
+also daß die Saga nicht so große Macht über sie erlangte --, sondern es
+war eines von den Mädchen, eines, das kränklich war, so daß es nicht so
+viel umherlaufen und spielen durfte wie andre Kinder, sondern seine
+liebste Freude daran hatte, durch Lesen und Erzählungen von allem dem
+Großen und Merkwürdigen zu erfahren, was sich in der Welt zugetragen
+hat.
+
+Nun verhielt es sich durchaus nicht so, daß etwa das junge Mädchen von
+Anfang an die Absicht gehabt hätte, die Sagen und Geschichten
+niederzuschreiben, die sie umgaben. Es fiel ihr nicht im entferntesten
+ein, daß aus diesen Abenteuern, die sie so oft hatte erzählen hören, daß
+sie sie das Alltäglichste von der Welt däuchten, -- daß daraus ein Buch
+werden könnte. Wenn sie zu dichten versuchte, wählte sie die Stoffe aus
+ihren Büchern, und mit frischem Mute schrieb sie Geschichten über die
+Sultane aus Tausend und Einer Nacht, über Walter Scotts Ritter und
+Snorre Sturlasons Sagenkönige.
+
+Es ist sicherlich überflüssig, zu erwähnen, daß, was sie schrieb, das
+Unoriginellste und Unreifste war, was nur je niedergeschrieben worden
+ist, aber das konnte sie selbst natürlich nicht sehen. Sie ging daheim
+in dem stillen Hause umher und bedeckte jedes Stückchen Papier, dessen
+sie nur habhaft werden konnte mit Versen und Prosa, mit Schauspielen und
+Romanen. Wenn sie nicht schrieb, ging sie umher und wartete auf das
+Glück. Und das Glück sollte darin bestehen, daß irgend ein fremder
+Besucher, der sehr klug und mächtig wäre, durch einen wunderbaren Zufall
+das entdeckte, was sie geschrieben hatte, und es würdig fände, gedruckt
+zu werden. Dann würde alles andre ganz von selbst kommen.
+
+Doch es begab sich nichts derartiges, und als das junge Mädchen über
+zwanzig Jahre alt war, begann es ungeduldig zu werden. Sie konnte nicht
+begreifen, woher es kam, daß das Glück sich gar nicht einfinden wollte.
+Vielleicht fehlten ihr Kenntnisse; sie müßte auch wohl ein wenig mehr
+von der Welt zu Gesicht bekommen als das elterliche Haus. Und da es so
+lange währte, bis sie ihren Unterhalt als Schriftstellerin verdienen
+konnte, mußte sie etwas lernen, sich eine Lebensstellung schaffen, damit
+sie einen Broterwerb hätte, davon zu leben, während sie auf sich selbst
+wartete.
+
+Vielleicht war es ganz einfach so, daß die Saga die Geduld mit ihr
+verloren hatte. Sie dachte sich vielleicht: Da dieses verblendete
+Menschenkind nicht sieht, was dicht vor seinen Augen liegt, so muß es
+eben gezwungen werden, von dannen zu ziehen. Es muß durch graue
+Steinstraßen gehen, es muß in engen Stadträumen wohnen ohne andre
+Aussicht als graue Hausmauern. Dieses Mädchen muß unter Menschen
+einhergehen, die alles, was in ihnen eigentümlich ist, verbergen, und
+die einander alle zu gleichen scheinen. Das wird sie vielleicht lehren,
+das zu sehen, was vor der Tür ihres Heims wartet, alles, was zwischen
+den blauen Hügelketten lebt und webt, die sie täglich vor Augen hat.
+
+Und eines Herbsts, als sie schon zweiundzwanzig Jahre alt war, fuhr sie
+nach Stockholm, um das Studium zu beginnen und sich gleichzeitig zur
+Lehrerin auszubilden.
+
+Das junge Mädchen stak bald tief in der Arbeit. Es schrieb nicht mehr,
+sondern ging in Aufgaben und Lektionen auf. Es sah fast aus, als sollte
+die Saga es ganz und gar verlieren.
+
+Da begab sich etwas Merkwürdiges. In diesem selben Herbst, nachdem sie
+ein paar Monate in grauen Gassen zwischen Hausmauern gelebt hatte, ging
+sie an einem Vormittag mit einem Pack Bücher unter dem Arm die
+Malmskillnadsgasse hinauf. Sie hatte eben eine Vorlesung über
+Literaturgeschichte gehört. Die mußte von Bellman oder Runeberg
+gehandelt haben, denn sie ging einher und dachte an diese beiden und an
+die Gestalten, die sich in ihrer Dichtung bewegten. Sie sagte sich
+selbst, daß Runebergs gutmütige Kriegshelden und Bellmans sorglose
+Zechbrüder das vortrefflichste Material wären, das ein Dichter nur haben
+könnte. Und da auf einmal tauchte dieser Gedanke in ihr auf: Die Welt,
+in der du unten in Värmland gelebt hast, ist wohl nicht weniger
+originell als die Welt Fredmans oder die des Fähnrichs Stål. Kannst du
+nur lernen, sie zu gestalten, so hast du wohl einen ebenso guten Stoff
+für deine Arbeit wie diese beiden.
+
+So ging es zu, daß sie zum ersten Male der Saga ansichtig wurde. Und in
+demselben Augenblicke, wo sie sie sah, begann der Boden unter ihr zu
+schaukeln. Die ganze lange Malmskillnadsgasse vom Hamngatshügel bis
+hinauf zur Brandstation erhob sich zum Himmel und sank wieder hinab, hob
+sich und sank. Sie mußte eine gute Weile stille stehen, bis die Gasse
+zur Ruhe gekommen war; und erstaunt sah sie die Vorübergehenden an, die
+so ruhig einherschritten und gar nicht merkten, welches Wunder geschehen
+war.
+
+In dieser Stunde beschloß das junge Mädchen, die Geschichte der
+Värmlandskavaliere zu schreiben, und sie gab diesen Gedanken nie wieder
+auf. Aber viele, lange Jahre währte es, bis der Entschluß zur Ausführung
+kam.
+
+Denn erstens war sie nun in eine neue Lebensbahn eingetreten, und es
+gebrach ihr an Zeit, etwas Größeres auszuführen. Zweitens erlebte sie
+ein ganzes Mißlingen, als sie versuchte, diese Geschichte zu schreiben.
+
+In diesen Jahren trugen sich jedoch immer wieder Ereignisse zu, die ihr
+halfen, die Saga auszugestalten. Eines Morgens in den Ferien saß sie mit
+ihrem Vater am Frühstückstisch, und die beiden plauderten von alten
+Zeiten. Da erzählte er auch von einem Jugendbekannten, den er als den
+bezauberndsten Menschen schilderte. Dieser Mann hatte Freude und
+Heiterkeit mitgebracht, wohin er auch kam. Er konnte singen, er
+komponierte, er improvisierte Verse. Spielte er zum Tanze auf, dann
+tanzte nicht nur die Jugend, sondern auch Greise und Greisinnen, Hoch
+und Niedrig: und hielt er eine Rede, so mußte man lachen oder weinen,
+ganz wie er es wollte. Wenn er sich betrank, so konnte er noch besser
+spielen und sprechen, als wenn er nüchtern war. Und wenn er sich in ein
+Weib verliebte, war es dem unmöglich, zu widerstehen. Wenn er Torheiten
+machte, so verzieh man ihm; war er einmal betrübt, so wollte man alles
+Erdenkliche tun, um ihn nur wieder froh zu sehen. Aber großen Erfolg in
+der Welt hatte er trotz seiner reichen Begabung nicht gehabt. Den
+größten Teil seines Lebens hatte er als Hofmeister auf den verschiedenen
+Gütern Värmlands verbracht. Schließlich hatte er das Pastorexamen
+gemacht. Das war das höchste, was er erreicht hatte.
+
+Nach diesem Gespräch konnte sie den Helden der Saga besser vor sich
+sehen als früher, und damit kam ein wenig Leben und Bewegung hinein. Und
+eines schönen Tages bekam der Held sogar einen Namen und wurde Gösta
+Berling genannt. Woher er diesen Namen hatte, wußte sie nicht. Es war,
+als hätte er ihn sich selbst gegeben.
+
+Ein ander Mal war sie in den Weihnachtsfeiertagen daheim. An einem Abend
+fuhr man zu einem Weihnachtsschmaus, einen weiten Weg bei argem
+Schneegestöber. Das war eine langwierigere Fahrt, als jemand hätte
+glauben können. Das Pferd arbeitete sich mühsam vorwärts. Mehrere
+Stunden hindurch saß sie da im Schneewehen und dachte an die Saga. Als
+sie endlich angelangt waren, hatte sie ihr erstes Kapitel erdacht. Es
+war das Kapitel, das von der Weihnachtsnacht in der Schmiede handelte.
+
+Welch ein Kapitel! Es war ihr erstes, und mehrere Jahre hindurch blieb
+es ihr einziges. Es wurde zuerst in Versen geschrieben, denn der
+ursprüngliche Plan war, daß die Saga ein Romanzenzyklus werden sollte,
+so wie Fähnrich Ståls Erzählungen. Aber so allmählich änderte sich das,
+und eine Zeitlang bestand die Absicht, die Saga als Schauspiel zu
+schreiben. Da wurde die Weihnachtsnacht umgearbeitet: sie sollte den
+ersten Akt geben. Aber auch dieser Versuch glückte nicht, und nun
+entschloß sie sich endlich, die Saga als Roman zu schreiben. So wurde
+das Kapitel in Prosa niedergeschrieben und umfaßte damals vierzig
+Schreibseiten. Als es zum letzten Mal umgearbeitet wurde, hatte es nur
+neun.
+
+Nach einigen Jahren kam ein zweites Kapitel hinzu. Es war die Geschichte
+von dem Ball auf Borg und von den Wölfen, die Gösta Berling und Anna
+Stjärnhök verfolgten.
+
+Dies wurde ursprünglich gar nicht in der Absicht geschrieben, es mit in
+die Saga aufzunehmen, sondern als eine Art Gelegenheitsgedicht, das bei
+einer kleinen Gesellschaft vorgelesen werden sollte. Die Vorlesung
+jedoch unterblieb, und die Novelle wurde an die Zeitschrift Dagny
+geschickt. Nach einiger Zeit erhielt die Verfasserin sie als für Dagny
+nicht geeignet zurück. Sie war auch wirklich für niemand geeignet. Es
+fehlte ihr noch ganz und gar an der künstlerischen Ausarbeitung.
+
+Nun zerbrach sich die Verfasserin den Kopf, wozu diese unglückselige
+Novelle wohl verwendet werden könnte. Wenn sie sie in die Saga einfügte?
+Aber sie war ja ein Abenteuer für sich, ganz abgeschlossen. Sie würde
+sich seltsam ausnehmen unter den übrigen, die besser zusammenhingen.
+Vielleicht aber, dachte sie dann, wäre es gar nicht so übel, wenn alle
+Kapitel der Saga solche mehr oder weniger in sich abgeschlossene
+Abenteuer wären. Es würde schwer durchzuführen sein, aber unmöglich wäre
+es nicht. Es würden vielleicht zuweilen Lücken im Zusammenhang
+entstehen. Ja, aber es würde dem Buche großen Reichtum und Stärke geben.
+
+Nun waren zwei wichtige Dinge entschieden. Es war klar, daß das Buch ein
+Roman werden sollte, und daß jedes Kapitel ein Ganzes für sich sein
+würde; aber damit war noch nicht so besonders viel gewonnen. Sie, die
+die Idee gefaßt hatte, die Saga der Värmlandskavaliere zu schreiben, als
+sie zweiundzwanzig Jahre war, begann sich nun den Dreißigern zu nähern
+und hatte nicht mehr geschrieben als zwei Kapitel. Wohin waren die Jahre
+entschwunden? Sie hatte das Seminar absolviert, sie war seit mehreren
+Jahren Lehrerin in Landskrona, sie hatte sich für vieles interessiert
+und sich mit mancherlei befaßt, aber die Saga war noch ungeschrieben.
+Eine Menge Material war freilich gesammelt. Aber sollte das bedeuten,
+daß ihr das Schreiben so schwer fiel? Warum kam nie die Inspiration über
+sie? Warum glitt ihr die Feder so träge über das Papier? Zu dieser Zeit
+hatte sie ihre düstern Stunden. Sie würde gewiß nie damit fertig werden.
+Sie war der Knecht, der sein Pfund in die Erde vergrub und keinen
+Versuch machte, damit zu wuchern.
+
+Es verhielt sich aber so, daß sich dies alles in den achtziger Jahren
+zutrug, in der besten Zeit der strengen Wirklichkeitsdichtung. Sie
+bewunderte die großen Meister dieser Zeit und kam nie auf den Gedanken,
+daß man in der Dichtung eine andere Sprache anwenden könnte, als die,
+deren sich diese bedienten. Sie für ihr Teil liebte die Romantiker mehr,
+aber die Romantik war tot, und sie war nicht die Frau, die daran gedacht
+hätte, ihre Form und Ausdrucksweise neu zu beleben. Obgleich ihr Gehirn
+übervoll war an Geschichten von Gespenstern und wilder Liebe, von
+wunderschönen Damen und abenteuerlustigen Kavalieren, suchte sie von dem
+allen in ruhiger, realistischer Prosa zu schreiben. Sie hatte keinen
+sehr klaren Blick. Ein anderer hätte gleich erkannt, daß das Unmögliche
+unmöglich war.
+
+Einmal jedoch schrieb sie ein paar kleine Kapitel in einem andern Stil.
+Das eine schilderte eine Szene auf dem Svartsjöer Kirchhof, das andre
+handelte von dem alten Philosophen Onkel Eberhard und seinen Schriften
+des Unglaubens. Sie schrieb sie mehr zum Spaße mit vielen Achs und Ohs
+in einer Prosa, die fast rhythmisch war. Und sie merkte, daß es auf
+diese Weise mit dem Schreiben ging; es war Inspiration darin, das fühlte
+sie. Aber als die beiden kleinen Kapitel fertig waren, legte sie sie
+weg. Sie waren nur der Kurzweil halber geschrieben worden. So könnte man
+ein ganzes Buch ja nicht schreiben.
+
+Aber es war wohl so, daß die Saga nun lange genug gewartet hatte. Sie
+dachte sicherlich wie das vorige Mal, da sie sie in die Welt
+hinausgeschickt hatte: -- Ich muß diesem verblendeten Menschenkind eine
+große Sehnsucht geben, daß die ihm die Augen öffne.
+
+Diese Sehnsucht kam auf die Art über sie, daß das Haus, wo sie
+aufgewachsen war, verkauft wurde und sie hinfuhr, ihr Kindheitsheim zum
+letzten Male zu sehen, bevor Fremde Besitz davon nahmen.
+
+Und an dem Abend, bevor sie von dort abreiste, um diese Stätte
+vielleicht nie wieder zu sehen, beschloß sie in aller Demut, das Buch
+auf ihre eigne Weise und nach ihren eignen schwachen Kräften zu
+schreiben. Es würde kein Meisterwerk werden, wie sie gehofft hatte. Die
+Menschen würden über ihr Buch lachen; aber schreiben mußte sie es doch.
+Es schreiben, um für sich selbst von ihrem Heim zu retten, was sie noch
+retten konnte: die lieben alten Geschichten, den fröhlichen Frieden der
+sorglosen Tage und die schöne Landschaft mit dem langgestreckten See und
+den blauschimmernden Hügeln.
+
+Aber ihr, die gehofft hatte, sie würde es doch einmal lernen, ein Buch
+zu schreiben, das die Menschen lesen wollten, -- ihr war es, als hätte
+sie damit preisgegeben, was sie im Leben am liebsten erringen wollte. Es
+war das schwerste Opfer, das sie je gebracht hatte.
+
+Ein paar Wochen später befand sie sich wieder in ihrem Heim in
+Landskrona und setzte sich an den Schreibtisch. Sie begann zu schreiben;
+sie wußte nicht recht, was es werden sollte, aber sie wollte keine Angst
+haben vor den starken Worten, den Ausrufen, den Fragen. Auch wollte sie
+keine Furcht davor haben, sich selbst zu geben mit ihrer ganzen
+Kindlichkeit und allen ihren Träumen. Und als sie sich so entschlossen
+hatte, begann die Feder fast von selbst zu fliegen. Es versetzte sie
+beinahe in einen Taumel, sie wußte vor Entzücken nicht aus noch ein.
+Seht, das hieß schreiben! Unbekannte Dinge und Gedanken -- oder
+richtiger gesagt, etwas, von dem sie nicht geahnt hatte, daß sie es in
+ihrem Hirn besaß -- drängten sich aufs Papier. Die Seiten füllten sich
+mit einer Schnelligkeit, von der sie sich nie hatte träumen lassen. Wozu
+sie sonst Monate, ja Jahre gebraucht hatte, um es auszuarbeiten, das
+wurde nun in ein paar Stunden fertig. An diesem Abend schrieb sie die
+Erzählung von der Wanderung der jungen Gräfin über das Eis des Löfven
+und von der Überschwemmung bei Ekeby nieder.
+
+Am nächsten Nachmittag verfaßte sie die Szene, in der der gichtbrüchige
+Fähnrich Rutger von Örneclou versucht, sich aus dem Bett zu erheben, um
+La Cachuca zu tanzen; und am folgenden Abend entstand die Geschichte von
+dem alten Fräulein, das auszog, den geizigen Pastor von Broby zu
+besuchen.
+
+Nun wußte sie sicher: sie konnte das Buch in diesem Stil schreiben; aber
+ebenso sicher war sie, daß niemand die Geduld haben würde, es zu lesen.
+
+Übrigens ließen sich nicht viele Kapitel so in einem Atemzuge schreiben.
+Die meisten erforderten lange Arbeit; und sie konnte sich nur ganz kurze
+Weilchen an den Nachmittagen der Schriftstellerei widmen. Als sie ein
+halbes Jahr lang geschrieben hatte, von dem Tage an gerechnet, da sie
+sich der Romantik in die Arme geworfen hatte, waren ein Dutzend Kapitel
+vollendet. Es war vorauszusehen, daß das ganze Buch in drei bis vier
+Jahren fertig sein würde.
+
+Es war im Frühling 1890, als die Zeitschrift Idun die Einladung zu einer
+Preiskonkurrenz für Novellen im Umfang von ungefähr hundert Druckseiten
+ergehen ließ.
+
+Dies war ein Ausweg für eine Saga, die erzählt werden und in die Welt
+hinausziehen wollte. Und die Saga war es wohl, die die Schwester der
+Lehrerin dazu brachte, diese anzueifern, sie solle die Gelegenheit
+benützen. Hier lag nun endlich eine Möglichkeit, zu erfahren, ob das
+Geschriebene so ganz zu verwerfen wäre. Wenn es den Preis bekäme, wäre
+viel gewonnen. Bekam es ihn nicht, so stünde sie nur auf demselben
+Standpunkt wie zuvor.
+
+Sie hatte nichts dagegen einzuwenden, aber sie hatte so geringes
+Vertrauen zu sich selbst, daß sie zu keinem Entschluß kommen konnte.
+
+Endlich, knapp acht Tage vor Ablauf der Einlieferungsfrist entschloß sie
+sich, fünf Kapitel aus dem Romane herauszuheben, die so ziemlich
+zusammenhingen, so daß sie den Eindruck einer Novelle machten, und sich
+damit am Wettbewerb zu beteiligen.
+
+Aber diese Kapitel waren durchaus noch nicht fertig. Drei von ihnen
+waren notdürftig erzählt, aber zu den übrigen zwei war kaum ein Entwurf
+vorhanden. Und dann mußte ja noch alles ins Reine geschrieben werden.
+
+Dazu kam, daß sie gerade damals nicht bei sich zu Hause war. Sie war auf
+Besuch bei ihrer Schwester und ihrem Schwager, die noch oben in
+Värmeland wohnten. Und wer gekommen ist, für kurze Zeit liebe Freunde zu
+besuchen, kann seine Tage ja nicht am Schreibtisch verbringen.
+
+Sie schrieb also in den Nächten und saß in dieser Woche jede Nacht bis
+vier Uhr auf.
+
+Endlich fehlten nur vierundzwanzig Stunden an der kostbaren Zeit. Und
+noch waren zwanzig Seiten zu schreiben.
+
+Diesen letzten Tag waren sie eingeladen. Die ganze Familie sollte
+fortfahren und über Nacht ausbleiben. Sie mußte natürlich mit.
+
+Endlich nahm die Gesellschaft ein Ende, und sie saß bei Nacht in dem
+fremden Hause und schrieb.
+
+Es war ihr recht wunderlich zumute. Das Haus, wo sie als Gast weilte,
+war eben das, wo der böse Sintram gewohnt hatte. Das Schicksal hatte sie
+in wunderlicher Weise gerade in dieser Nacht hergeführt, wo sie über ihn
+zu schreiben hatte, der in dem Schaukelstuhl saß und sich wiegte.
+
+Zuweilen blickte sie von der Arbeit auf und horchte in den Salon
+hinüber, ob dort draußen nicht am Ende ein paar Schaukelstuhlkufen in
+Gang wären.
+
+Doch sie hörte nichts, und als in der Frühe die Uhr sechs schlug, waren
+die fünf Kapitel fertig.
+
+Im Laufe des Vormittags fuhren sie auf einem kleinen Lastdampfer nach
+Hause. Dort machte ihre Schwester ein Paket, verschloß es mit Lack und
+Siegel, die zu diesem Zwecke von zu Hause mitgenommen worden waren,
+schrieb die Adresse und schickte die Novelle ab.
+
+Dies geschah an einem der letzten Tage im Juli. Gegen Ende August
+enthielt die Zeitschrift Idun eine Notiz, daß mehr als zwanzig
+Preisnovellen bei der Redaktion eingelaufen seien; aber ein paar davon
+seien so wirr geschrieben, daß sie nicht mitgezählt werden könnten.
+
+Da gab sie es auf, noch weiter auf den Ausgang zu warten. Sie wußte
+schon, welche Novelle so wirr war, daß sie nicht mitgezählt werden
+konnte.
+
+Im November bekam sie eines Nachmittags ein wunderliches Telegramm. Es
+enthielt nur die Worte »Jubelnde Glückwünsche« und war von drei ihrer
+Kameradinnen aus dem Seminar unterzeichnet.
+
+Es erschien ihr recht lang, das Warten bis zur Mittagsstunde des
+nächsten Tages, wo die stockholmer Zeitungen ausgeteilt wurden. Und als
+sie die Zeitung in der Hand hatte, mußte sie lange suchen, ohne etwas zu
+finden. Endlich entdeckte sie auf der letzten Spalte eine kurze Notiz in
+kleinem Druck, die mitteilte, daß sie den Preis erhalten hatte.
+
+Vielleicht wäre das für einen andern nicht so viel gewesen, aber für sie
+bedeutete es, daß sie sich dem Lebensberuf widmen durfte, nach dem sie
+sich ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Dem ist wenig hinzuzufügen. Die Saga, die in die Welt hinaus wollte, war
+ihrem Ziele nun ziemlich nahe. Jetzt würde sie wenigstens geschrieben
+werden, wenn es gleich einige Jahre dauerte, bis sie fertig würde.
+
+Sie, die sie schrieb, war zu Weihnachten, nachdem sie den Preis bekommen
+hatte, nach Stockholm gereist.
+
+Der Redakteur der Zeitschrift Idun erbot sich, den Roman zu drucken,
+sobald er fertig wäre.
+
+Ja, wenn sie nur die Zeit finden könnte, ihn zu schreiben.
+
+An dem Abend, bevor sie wieder nach Landskrona fahren sollte, saß sie
+bei ihrer alten treuen Freundin, der Baronin Adlersparre, und las der
+einige Kapitel vor.
+
+Esselde hörte zu, so wie nur sie zuhören konnte, und sie war voll
+Interesse. Nachher blieb sie schweigend sitzen und versank in Grübeln.
+
+»Wie lange wird es dauern, bis es ganz fertig ist?« fragte sie
+schließlich.
+
+»So drei bis vier Jahre.«
+
+Sie gingen auseinander; aber am nächsten Morgen, zwei Stunden, bevor sie
+Stockholm verlassen sollte, kam ein Billett von Esselde mit der Bitte,
+sie möge sie vor der Abreise besuchen.
+
+Die alte Baronin war in ihrer bestimmten und entschlossenen Stimmung.
+»Du mußt dir jetzt für ein Jahr Urlaub nehmen und das Buch fertig
+schreiben. Das Geld will ich beschaffen.«
+
+Eine Viertelstunde später war sie auf dem Wege zu der Vorsteherin des
+Seminars, um sie zu bitten, ihr behilflich zu sein, daß sie eine
+Stellvertreterin finde.
+
+Um ein Uhr saß sie glücklich in dem Zuge, aber nun fuhr sie nicht weiter
+als bis nach Sörmland, wo sie gute Freunde besaß, die in einem
+entzückenden Heim wohnten.
+
+Und sie fand dort beim Ingenieur Gumaelius und seiner Frau
+Gastfreundschaft, Arbeitsfrieden und Ruhe und gute Fürsorge fast ein
+Jahr hindurch, bis das Buch fertig war.
+
+Endlich konnte sie vom Morgen bis zum Abend schreiben. Das war die
+glücklichste Zeit, die sie noch erlebt hatte.
+
+Aber als die Saga schließlich fertig war, da sah sie gar wunderlich aus.
+Sie war toll und wild; und mit dem Zusammenhang war es nicht besser
+bestellt, als daß alle ihre Teile noch immer die alte Lust hatten, jeder
+seine eigne Straße zu ziehen.
+
+Die Saga wurde nie, was sie hätte werden sollen. Es war ihr Unglück, daß
+sie so lange hatte warten müssen, bis sie erzählt wurde. Wenn sie nicht
+gebührend in Zucht und Zaum gehalten worden ist, so kam dies
+hauptsächlich daher, daß ihre Verfasserin nur allzu glücklich war, sie
+endlich schreiben zu dürfen.
+
+
+
+
+Das Mädchen vom Moorhof
+
+1
+
+
+Es ist in einem Thingsaal, weit draußen auf dem Lande. Am Richtertisch,
+hoch oben im Saal, sitzt der Richter, ein großer, stark gebauter Mann
+mit breitem, grobgeschnittenem Gesicht. Schon mehrere Stunden lang hat
+er einen Fall nach dem andern entschieden, und schließlich ist etwas wie
+Überdruß und Düsterkeit über ihn gekommen. Es ist schwer zu sagen, ob es
+die Hitze und Schwüle im Gerichtssaal ist, die ihn bedrückt, oder die
+Schuld an dieser schlechten Laune die Beschäftigung mit allen diesen
+kleinlichen Zwistigkeiten trägt, die aus keinem andern Grunde entstanden
+zu sein scheinen, als um die Händelsucht und Unbarmherzigkeit und
+Geldgier der Menschen an den Tag zu bringen.
+
+Er hat gerade mit einer der letzten Verhandlungen begonnen, die heute
+durchgeführt werden sollen. Es handelt sich um die Forderung eines
+Erziehungsbeitrages.
+
+Dieser Fall ist schon am vorigen Gerichtstag verhandelt worden, und das
+Protokoll des früheren Prozesses wird eben verlesen. Daraus erfährt man
+fürs erste, daß die Klägerin eine arme Dienstmagd ist und der Beklagte
+ein verheirateter Mann.
+
+Weiter geht aus dem Protokoll hervor, daß der Beklagte erklärt hat, die
+Klägerin habe ihn zu Unrecht und nur aus Gewinnsucht hierher laden
+lassen. Er gibt zu, daß die Klägerin eine Zeitlang auf seinem Hof in
+Dienst gestanden hat; er aber habe sich während dieser Zeit in keinerlei
+Liebeshändel mit ihr eingelassen, und sie habe kein Recht, irgendwelche
+Unterstützung von ihm zu begehren. Die Klägerin jedoch hat an ihrer
+Behauptung festgehalten; und nachdem einige Zeugen vernommen waren, ist
+dem Beklagten auferlegt worden, einen Eid zu leisten, wenn er nicht
+verurteilt werden wolle, der Klägerin die verlangte Unterstützung zu
+zahlen.
+
+Beide Parteien haben sich eingefunden und stehen nebeneinander vor dem
+Gerichtstisch. Die Klägerin ist sehr jung und sieht ganz verschüchtert
+aus. Sie weint vor Scham und trocknet mühsam ihre Tränen mit einem
+zusammengeknüllten Taschentuch; es scheint, als könne sie es nicht
+auseinanderfalten. Sie trägt schwarze Kleider, die ziemlich neu und
+ungetragen aussehen, aber sie sitzen so schlecht, daß man versucht ist,
+zu glauben, sie habe sie sich ausgeliehen, um anständig vor Gericht
+erscheinen zu können.
+
+Was den Beklagten anlangt, so sieht man ihm gleich an, daß er ein
+wohlgestellter Mann ist. Er mag etwa vierzig Jahre alt sein und hat ein
+zuversichtliches und frisches Aussehen. Wie er da vor dem Richterstuhl
+steht, zeigt er eine sehr gute Haltung. Es sieht ja nicht aus, als
+fände er ein besonderes Vergnügen daran, da zu stehen, aber er macht
+auch durchaus keinen befangnen Eindruck.
+
+Als das Protokoll verlesen ist, wendet sich der Richter an den Beklagten
+und fragt ihn, ob er an seinem Leugnen festhalte, und ob er bereit sei,
+den Eid zu schwören.
+
+Auf diese Frage antwortet der Beklagte sogleich mit einem raschen Ja. Er
+fängt an, in seiner Westentasche zu suchen, und holt ein Zeugnis des
+Pfarrers darüber hervor, daß er die Wichtigkeit und Bedeutung des Eides
+kenne und kein Hinderungsgrund für ihn vorliege, ihn zu schwören.
+
+Während dieser ganzen Zeit hat die Klägerin nicht aufgehört zu weinen.
+Sie scheint unüberwindlich scheu zu sein und hält die Augen hartnäckig
+zu Boden geschlagen. Sie hat den Blick noch nicht so weit erhoben, daß
+sie dem Beklagten ins Gesicht sehen könnte.
+
+Als er nun sein Ja gesagt hat, zuckt sie zusammen. Sie tritt ein paar
+Schritte näher an den Richterstuhl heran, als hätte sie etwas
+einzuwenden; aber dann bleibt sie stehen. Es sei wohl nicht möglich,
+scheint sie zu sich selbst zu sagen, er könne nicht Ja gesagt haben. --
+Ich habe nicht recht gehört ...
+
+Indessen nimmt der Richter das Zeugnis in die Hand und gibt zugleich dem
+Gerichtsdiener einen Wink. Der Gerichtsdiener tritt an den Tisch heran,
+um die Bibel zu nehmen und sie vor den Beklagten hinzulegen.
+
+Die Klägerin hört, daß jemand an ihr vorbeigeht, und wird unruhig. Sie
+zwingt sich, den Blick so weit zu heben, daß sie über den Tisch hinsehen
+kann, und da bemerkt sie, daß der Gerichtsdiener die Bibel zurechtlegt.
+
+Noch einmal sieht es aus, als wollte sie Einspruch erheben. Aber sie
+hält sich wieder zurück. -- Es ist ja nicht möglich, daß er den Eid
+ablegt. Der Richter muß ihn doch daran hindern.
+
+Der Richter war ein so kluger Mann, und er wußte gar wohl, was die Leute
+in seiner Heimat dachten und fühlten. Er müßte doch wissen, wie streng
+alle diese Menschen sind, sobald es sich um etwas handelt, was die Ehe
+betrifft. Sie kannten keine ärgere Sünde als die, die sie begangen
+hatte. Würde sie je so etwas aus sich selbst eingestanden haben, wenn es
+nicht wahr gewesen wäre? Der Richter könnte wohl wissen, welche
+furchtbare Verachtung sie sich zugezogen hatte. Und nicht nur Verachtung
+allein, sondern auch alles mögliche Elend. Niemand wollte sie in Dienst
+nehmen. Niemand wollte ihre Arbeit haben. Ihre eignen Eltern duldeten
+sie kaum in ihrer Hütte, sondern sprachen jeden Tag davon, sie
+hinauszuwerfen. Nein, der Richter müßte wohl begreifen, daß sie keine
+Unterstützung von einem verheirateten Mann verlangt hätte, wenn ihr kein
+Recht darauf zustünde.
+
+Der Richter könnte doch nicht glauben, daß sie in einer solchen Sache
+lüge, daß sie so furchtbares Unglück auf sich herabbeschworen hätte,
+wenn sie einen andern hätte anklagen können als einen verheirateten
+Mann. Und wenn er dies wüßte, müßte er den Eid doch verhindern.
+
+Sie sieht, daß der Richter dasitzt und das Zeugnis des Pfarrers ein
+paarmal durchliest. Darum fängt sie zu glauben an, daß er eingreifen
+werde.
+
+Es ist auch richtig, daß der Richter nachdenklich aussieht. Er heftet
+seine Blicke ein paarmal auf die Klägerin, aber dabei wird der Ausdruck
+des Ekels und des Überdrusses, der auf seinem Gesicht ruht, immer
+deutlicher. Es sieht aus, als wäre er ungünstig gegen sie gestimmt.
+Selbst wenn die Klägerin die Wahrheit spricht, -- sie ist ja doch eine
+schlechte Person, und der Richter kann keine Teilnahme für sie
+empfinden.
+
+Es kommt manchmal vor, daß der Richter in einen Prozeß eingreift als ein
+guter und kluger Ratgeber, der die Parteien davor behütet, sich ganz und
+gar zugrunde zu richten. Aber diesmal ist er müde und unlustig, und er
+denkt an nichts andres, als dem gesetzlichen Verfahren seinen Lauf zu
+lassen.
+
+Er legt das Zeugnis hin und sagt dem Beklagten mit ein paar Worten, er
+hoffe, daß dieser die verhängnisvollen Folgen eines falschen Schwurs
+genau bedacht habe. Der Beklagte hört ihn mit derselben Ruhe an, die er
+die ganze Zeit über an den Tag gelegt hat, und antwortet ehrerbietig und
+nicht ohne Würde.
+
+Die Klägerin hört dies mit dem äußersten Schrecken. Sie macht ein paar
+heftige Bewegungen und preßt die Hände zusammen. Nun will sie vor dem
+Richterstuhl sprechen. Sie kämpft einen furchtbaren Kampf mit ihrer
+Scheu und mit dem Schluchzen, das ihr die Kehle zusammenschnürt. Das
+Ende ist doch, daß sie kein hörbares Wort hervorbringen kann.
+
+Der Eid soll also geleistet werden. Er wird ihn ablegen. Niemand wird
+ihn hindern, seine Seele zu verschwören.
+
+Bis dahin hat sie nicht glauben können, daß es geschehen würde. Aber
+jetzt packt sie die Gewißheit, daß es unmittelbar bevorsteht, daß es im
+nächsten Augenblick geschehen wird. Ein Schrecken, der viel
+überwältigender ist als alles, was sie bisher gekannt hat, bemächtigt
+sich ihrer. Sie steht wie versteinert, sie weint nicht einmal mehr. Die
+Augen erstarren ihr im Kopfe.
+
+Es ist also seine Absicht, sich um seines Weibes willen freizuschwören.
+Aber wenn er auch einen schweren Stand mit ihr haben sollte, -- deshalb
+darf er doch nicht seiner Seele Seligkeit preisgeben.
+
+Es gibt nichts Furchtbareres als einen Meineid. Es ist etwas
+Geheimnisvolles und Gräßliches um diese Sünde. Es gibt keine Gnade,
+keine Vergebung für sie. Die Tore des Abgrundes öffnen sich von selbst,
+wenn der Name des Meineidigen genannt wird.
+
+Wenn sie jetzt die Blicke zu seinem Gesicht erhoben hätte, -- sie hätte
+gefürchtet, es schon mit irgendeinem Zeichen der Verdammnis gebrandmarkt
+zu sehen, ihm aufgeprägt von Gottes Zorn.
+
+Während sie so dasteht und immer größere Angst sich ihrer bemächtigt,
+hat der Richter dem Beklagten gezeigt, wie er die Finger auf die Bibel
+zu legen hat. Dann schlägt der Richter im Gesetzbuch nach, um die
+Eidesformel zu finden.
+
+Als sie ihn die Finger auf das Buch legen sieht, macht sie noch einen
+Schritt zum Richterstuhl hin; und es sieht aus, als wollte sie sich über
+den Tisch beugen und seine Hand fortziehen.
+
+Aber noch wird sie von einer letzten Hoffnung zurückgehalten. Sie
+glaubt, daß er jetzt im letzten Augenblick noch vom Schwur abstehen
+werde.
+
+Der Richter hat die Seite im Gesetzbuch gefunden, nach der er gesucht
+hat; und jetzt beginnt er, den Eid laut und deutlich vorzusagen. Dann
+macht er eine Pause, damit der Beklagte seine Worte nachsprechen könne.
+Und der Beklagte fängt wirklich an, sie nachzusprechen; aber er macht
+einen kleinen Fehler, so daß der Richter von vorn anfangen muß.
+
+Jetzt kann sie keinen Schimmer von Hoffnung mehr haben. Jetzt weiß sie,
+daß er falsch schwören, daß er Gottes Zorn für das zukünftige Leben auf
+sich herabschwören will.
+
+Sie steht da und ringt in ihrer Hilflosigkeit die Hände. Und es ist
+alles ihre Schuld, weil sie ihn verklagt hat.
+
+Aber sie war ja ohne Arbeit, sie hatte gehungert und gefroren. Das Kind
+lag im Sterben. An wen sonst hätte sie sich um Hilfe wenden sollen?
+
+Nie hätte sie auch geglaubt, daß er eine so schreckliche Sünde begehen
+könnte.
+
+Jetzt hat der Richter den Eid noch ein Mal vorgesprochen. In wenigen
+Augenblicken wird die Tat vollbracht sein. Jene Tat, von der es keine
+Umkehr gibt, die niemals gutgemacht, niemals ausgelöscht werden kann.
+
+Gerade als der Beklagte anfängt, den Eid nachzusprechen, stürzt sie vor,
+schleudert seine ausgestreckte Hand beiseite und reißt die Bibel an
+sich.
+
+Ein furchtbares Entsetzen hat ihr endlich Mut gegeben. Er darf seine
+Seele nicht verschwören. Er darf nicht.
+
+Der Gerichtsdiener eilt sogleich herbei, sie zur Ordnung zu rufen und
+ihr die Bibel abzunehmen. Sie hat ungeheure Angst vor allem, was mit dem
+Gericht zusammenhängt, und sie glaubt, daß, was sie jetzt getan hat, sie
+auf die Festung bringen werde. Aber sie gibt die Bibel nicht her. Was es
+auch kosten möge, er darf den Eid nicht ablegen. Auch er, der schwören
+will, läuft herbei, um das Buch zu ergreifen; aber sie leistet auch ihm
+Widerstand.
+
+»Du darfst den Eid nicht schwören!« ruft sie. »Du darfst nicht!«
+
+Was jetzt vorgeht, erweckt natürlich das größte Staunen. Die
+Versammelten drängen zum Richtertisch, die Geschwornen erheben sich, der
+Protokollführer springt auf, das Tintenfaß in der Hand, damit es nicht
+umgestürzt werde.
+
+Da ruft der Richter mit lauter, zorniger Stimme: »Ruhe!« und alle die
+Menschen bleiben regungslos stehen.
+
+»Was fällt dir ein? Was hast du mit der Bibel zu schaffen?« fragt der
+Richter die Klägerin mit harter und strenger Stimme.
+
+Nachdem sie ihrer Angst in einer Tat der Verzweiflung Luft gemacht hat,
+ist ihre Beklommenheit gewichen, so daß sie antworten kann: »Er darf den
+Eid nicht ablegen!«
+
+»Sei still und gib das Buch zurück!« ruft der Richter.
+
+Aber sie gehorcht nicht, sondern umklammert das Buch mit beiden Händen.
+
+»Er darf den Eid nicht ablegen!« ruft sie mit ungezügelter Heftigkeit.
+
+»Ist es dir so sehr darum zu tun, den Prozeß zu gewinnen?« fragt der
+Richter in immer schärferem Ton.
+
+»Ich will die Klage zurückziehen!« ruft sie mit lauter, schneidender
+Stimme. »Ich will ihn nicht zwingen, zu schwören!«
+
+»Was schreist du da?« fragt der Richter. »Hast du den Verstand
+verloren?«
+
+Sie ringt heftig nach Atem und versucht sich zu beruhigen. Sie hört
+selbst, wie sie schreit. Der Richter muß wohl glauben, daß sie toll
+geworden sei, weil sie, was sie will, nicht in ruhigen Worten sagen
+kann. Noch einmal kämpft sie mit sich selbst, um Macht über ihre Stimme
+zu erlangen, und diesmal gelingt es ihr. Sie sagt langsam, ernst, laut,
+während sie dem Richter gerade ins Gesicht sieht:
+
+»Ich will die Klage zurückziehen. Er ist der Vater des Kindes. Aber ich
+hab ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch schwört!«
+
+Sie steht aufrecht und entschlossen vor dem Richtertisch und sieht dem
+Richter gerade in sein strenges Gesicht. Er sitzt da, beide Hände auf
+den Tisch gestützt; und lange, lange wendet er den Blick nicht von ihr.
+Während der Richter sie betrachtet, geht eine große Veränderung mit ihm
+vor. Alle Schlaffheit und Mißvergnügtheit, die in seinen Zügen gelegen
+hat, schwindet, und das große, grobe Gesicht wird durch die Rührung
+geradezu schön. Sieh da, denkt der Richter, sieh da, so ist mein Volk.
+Ich will mich nicht darüber beklagen, wo doch bei einer der Geringsten
+so viel Liebe und Gottesfurcht zu finden ist.
+
+Plötzlich aber spürt der Richter, daß seine Augen sich mit Tränen
+füllen, und da zuckt er beinahe beschämt zusammen und wirft einen
+raschen Blick um sich. Da sieht er, daß die Schreiber und die
+Gerichtsdiener und die ganze lange Reihe der Beisitzer sich vorgebeugt
+haben, um das Mädchen anzusehen, das vor dem Richtertisch steht, die
+Bibel an die Brust gepreßt. Und er sieht einen Schimmer auf ihren
+Gesichtern, als hätten sie etwas richtig Schönes gesehen, das sie bis in
+das tiefste Herz erfreut hat.
+
+Hierauf sieht der Richter auch über das versammelte Volk hin, und ihm
+ist, als säßen alle diese Menschen stumm und atemlos da, als hätten sie
+gerade jetzt das gehört, wonach sie sich am meisten sehnten.
+
+Zu allerletzt sieht der Richter den Beklagten an. Jetzt ist er es, der
+mit gesenktem Kopf dasteht und zu Boden blickt.
+
+Der Richter wendet sich abermals an das arme Mädchen. »Es soll so sein,
+wie du es willst,« sagt er. »Die Klage wird zurückgezogen,« diktiert er
+dem Protokollführer.
+
+Der Beklagte macht eine Bewegung, als wolle er einen Einwand vorbringen.
+»Was denn? Was denn?« schreit ihn der Richter an. »Hast du vielleicht
+etwas dagegen?« Der Beklagte läßt den Kopf noch tiefer sinken und sagt
+dann kaum hörbar: »Ach nein, es ist wohl am besten so.«
+
+Der Richter sitzt noch einen Augenblick still, dann schiebt er den
+schweren Stuhl zurück, erhebt sich und geht um den Tisch herum zur
+Klägerin hin.
+
+»Ich danke dir,« sagt er und reicht ihr die Hand.
+
+Sie hat die Bibel jetzt fortgelegt und steht da und weint und trocknet
+die Tränen mit dem zusammengerollten Taschentuch.
+
+»Ich danke dir,« sagt der Richter noch einmal und ergreift ihre Hand so
+leicht und behutsam, als wäre sie etwas gar Feines und Kostbares.
+
+
+2
+
+Niemand darf glauben, daß das Mädchen, das eine so schwere Stunde vor
+dem Gerichtstisch durchgemacht hatte, selbst meinte, sie habe etwas
+Rühmenswertes getan. Sie meinte im Gegenteil, daß sie vor der ganzen
+Gemeinde beschämt sei. Sie begriff nicht die Ehre, die darin lag, daß
+der Richter auf sie zugekommen war und ihr die Hand geschüttelt hatte.
+Sie glaubte, dies bedeutete nur, daß die Verhandlung zu Ende sei, und
+sie ihrer Wege gehen könne.
+
+Sie sah auch nicht, daß die Leute ihr freundliche Blicke zuwarfen, und
+daß ihr mehrere die Hand drücken wollten. Sie schlich sich nur davon und
+wollte fort. Aber unten an der Tür herrschte ein großes Gedränge. Der
+Thing war zu Ende, und viele wollten wieder ins Freie. Sie drückte sich
+an die Wand und war wohl die letzte, die den Thingsaal verließ. Sie
+meinte, daß alle andern vor ihr hinausgehen müßten.
+
+Als sie endlich ins Freie kam, stand Gudmund Erlandssons Wägelchen
+angespannt vor der Freitreppe. Gudmund saß darin, die Zügel in der Hand,
+und schien auf jemand zu warten. Sowie er ihrer unter allem Volk, das
+aus dem Thingsaal strömte, ansichtig wurde, rief er ihr zu: »Komm her,
+Helga! Du kannst mit mir fahren, wir haben denselben Weg.«
+
+Aber obgleich sie ihren Namen hörte, -- sie konnte nicht glauben, daß er
+sie rief. Es war nicht möglich, daß Gudmund Erlandsson sie kutschieren
+wollte. Er war der schmuckste Bursche im ganzen Kirchspiel, jung und
+schön und aus gutem Hause und in Gunst bei allen Leuten. Sie konnte
+nicht glauben, daß er etwas mit ihr zu tun haben wolle.
+
+Sie ging, das Kopftuch tief in die Stirn geschoben, und eilte an ihm
+vorbei, ohne aufzusehen oder zu antworten.
+
+»Hörst du nicht, Helga, daß du mit mir fahren kannst?« fragte Gudmund,
+und es lag ein so recht freundlicher Ton in der Stimme. Aber sie konnte
+es nicht in ihren Kopf hineinbringen, daß Gudmund es gut mit ihr meine.
+Sie glaubte, er wolle sie in der einen oder andern Weise verspotten und
+wartete nur darauf, die Umstehenden in Kichern und Lachen ausbrechen zu
+hören. Sie warf ihm einen erschrocknen und zornigen Blick zu und lief
+vom Thingplatz fort, um außer Hörweite zu sein, wenn das Lachen begänne.
+
+Gudmund war damals noch unverheiratet und wohnte bei seinen Eltern. Der
+Vater war ein kleiner Bauer. Er hatte keinen großen Hof und war nicht
+vermögend, aber er konnte sorgenfrei leben. Der Sohn war zum Thing
+gefahren, um einige Urkunden für seinen Vater zu holen, aber da er noch
+eine andre Absicht mit seiner Fahrt verfolgte, hatte er sich sehr fein
+hergerichtet. Er hatte das neue Wägelchen genommen, dessen Lackierung
+keine Schramme aufwies; das Pferd hatte er gestriegelt, bis es wie Seide
+glänzte, und das Sattelzeug fein geputzt. Er hatte eine schmucke, rote
+Decke neben sich auf den Sitz gelegt, und sich selbst hatte er mit einem
+kurzen Jagdrock, einem kleinen, grauen Filzhut und hohen Stiefeln
+geputzt, in die die Hosen hineingesteckt waren. Es war wohl kein
+Feiertagsgewand, aber er wußte, daß er männlich und stattlich darin
+aussah.
+
+Als Gudmund am Morgen von daheim fortfuhr, hatte er allein im Wagen
+gesessen, aber er war in angenehme Gedanken versunken, und die Zeit war
+ihm nicht lang erschienen. Als er ungefähr auf halbem Wege war, fuhr er
+an einem armen Mädchen vorbei, das sehr langsam ging und aussah, als
+könnte es vor Müdigkeit kaum einen Fuß vor den andern setzen. Es war
+Herbst, der Weg war vom Regen aufgeweicht, und Gudmund sah, wie sie bei
+jedem Schritt tief in den Schmutz einsank. Er hielt an und fragte, wohin
+sie gehe, und als er erfuhr, daß sie zum Thing wolle, bot er ihr an,
+mitzufahren. Sie dankte und stieg rückwärts auf den Wagen, auf das
+schmale Brett, an dem der Heusack festgebunden war, ganz so, als wagte
+sie es nicht, die rote Decke neben Gudmund zu berühren. Es war auch
+nicht seine Absicht gewesen, daß sie sich neben ihn setze. Er wußte
+nicht, wer sie wäre, aber er vermutete, daß sie die Tochter irgendeines
+armen Kleinhäuslers wäre, und fand, es sei wohl genug Ehre für sie, wenn
+sie rückwärts aufsitzen dürfte.
+
+Als sie an einen Hügel kamen und das Pferd den Schritt verlangsamte,
+begann Gudmund zu plaudern. Er wollte wissen, wie sie heiße, und wo sie
+daheim sei. Als er hörte, daß sie Helga hieß und von einem Waldgütchen
+stammte, das man den Moorhof nannte, begann er unruhig zu werden. »Bist
+du immer daheim gewesen oder warst du im Dienst,« fragte er. Das letzte
+Jahr wäre sie daheim gewesen, früher hätte sie einen Dienstplatz gehabt.
+»Bei wem denn?« fragte Gudmund sehr hastig. Und es schien ihm, als daure
+es lange bis die Antwort kam. »Im Sternhof, bei Per Martensson,« sagte
+sie endlich und senkte die Stimme, als wollte sie am liebsten nicht
+gehört werden. Aber Gudmund verstand sie doch. »Ja so, du bist also
+die,« sagte er, sprach aber den Satz nicht zu Ende. Er wendete sich ab,
+richtete sich gerade auf und sprach kein Wort mehr zu ihr.
+
+Gudmund versetzte dem Pferde einen Hieb nach dem andern, fluchte laut
+über den schlechten Weg und schien recht schlechter Laune zu sein. Ein
+Weilchen verhielt sich das Mädchen still, aber bald fühlte Gudmund seine
+Hand auf seinem Arm. »Was willst du?« fragte er, ohne den Kopf zu
+wenden. Ja, er solle halten, damit sie abspringen könne. »Ach, warum
+denn?« sagte Gudmund in verächtlichem Tone. »Fährst du nicht gut?« --
+»Ja, danke, aber ich gehe doch lieber.« Gudmund kämpfte ein wenig mit
+sich selbst. Es war ärgerlich, daß er gerade an diesem Tage eine solche
+wie Helga aufgefordert hatte, mitzufahren. Aber er fand doch, daß er
+sie, nun er sie einmal in den Wagen genommen hatte, nicht wieder
+vertreiben könnte. »Halte, Gudmund,« sagte das Mädchen noch einmal. Sie
+sprach sehr bestimmt, und Gudmund zog die Zügel an. -- »Wenn sie
+durchaus aussteigen will,« dachte er, »brauche ich sie doch nicht zu
+zwingen, gegen ihren Willen zu fahren.« Sie war schon unten auf der
+Straße, bevor noch das Pferd ganz stehen geblieben war. -- »Ich glaubte,
+du wußtest, wer ich bin, als du mir sagtest, ich kann mitfahren,« sprach
+sie, »sonst wäre ich gar nicht eingestiegen.« Gudmund sagte kurz: »Behüt
+Gott!« und fuhr weiter. Sie hatte wohl Grund gehabt, zu glauben, daß er
+sie kenne. Er hatte ja das Dirnlein vom Moorhof oftmals als Kind
+gesehen; aber sie hatte sich verändert, seit sie herangewachsen war.
+Zuerst war er sehr froh, die Reisekameradin los zu sein, aber allmählich
+begann er mit sich selbst unzufrieden zu werden. Er hätte kaum anders
+handeln können, aber er war nicht gern grausam gegen irgend jemand.
+
+Ein kleines Weilchen, nachdem Gudmund sich von Helga getrennt hatte, bog
+er von der Straße ab, fuhr ein enges Gäßchen hinaus und kam zu einem
+prächtigen großen Bauernhof. Als Gudmund vor dem Hause anhielt, öffnete
+sich die Eingangstür, und eine der Töchter zeigte sich auf der Schwelle.
+Gudmund zog den Hut und grüßte, und dabei huschte eine leichte Röte über
+sein Gesicht. »Ich möchte wohl wissen, ob der Herr Amtmann daheim ist,«
+sagte er. -- »Nein, Vater ist zum Thing gefahren,« antwortete die
+Tochter. -- »So, so, ist er schon fort?« sagte Gudmund. »Ich bin
+hergekommen, um zu fragen, ob der Herr Amtmann nicht mit mir fahren
+möchte. Ich will auch zum Thing.« -- »Ach, Vater ist immer so
+überpünktlich,« klagte die Tochter. -- »Es ist ja weiter kein Schade
+geschehen,« sagte Gudmund. -- »Vater wäre gewiß gern mit einem so
+prächtigen Pferd und in einem so schmucken Wagen gefahren,« sagte das
+Mädchen freundlich. Gudmund lächelte ein wenig, als er das Lob hörte.
+-- »Ja, da muß ich also wieder abziehen,« sagte er. -- »Du willst nicht
+hereinkommen, Gudmund?« -- »Danke schön, Hildur, aber ich muß ja zum
+Thing. Ich darf nicht zu spät kommen.«
+
+Gudmund fuhr nun gerades Wegs zum Thinghause. Er war sehr vergnügt und
+dachte nicht mehr an seine Begegnung mit Helga. Es war doch schön, daß
+gerade Hildur herausgekommen war, und daß sie den Wagen und die Decke
+und das Pferd und das Sattelzeug gesehen hatte. Sie hatte wohl alles
+bemerkt.
+
+Es war das erste Mal, daß Gudmund auf einem Thing war. Er fand, daß es
+da sehr viel zu hören und zu erfahren gäbe, und blieb den ganzen Tag
+dort. Er saß im Thingsaal, als Helgas Sache geführt wurde, und sah, wie
+sie die Bibel an sich riß und Gerichtsdienern und Richter standhielt.
+Als alles zu Ende war, und der Richter Helga die Hand gedrückt hatte,
+stand Gudmund hastig auf und verließ den Saal. Rasch spannte er das
+Pferd vor den Wagen und fuhr zur Treppe hin. Er fand, daß Helga sehr
+tapfer gewesen war, und nun wollte er sie ehren. Aber sie war so
+verschüchtert, daß sie seine Absicht nicht verstand, sondern sich vor
+der Ehre, die ihr zugedacht war, flüchtete.
+
+An demselben Tag kam Gudmund spät abends zum Moorhof. Das war ein
+kleines Gehöft auf dem Abhang des bewaldeten Hügels, der das Kirchspiel
+abschloß. Der Weg, der hinführte, war nur im Winter bei Schlittenbahn
+fahrbar, und Gudmund hatte zu Fuß gehen müssen. Es war ihm recht sauer
+geworden, vorwärts zu kommen. Fast hätte er sich an Stock und Stein die
+Beine gebrochen, auch hatte er Bäche durchwaten müssen, die den Pfad an
+mehreren Stellen durchschnitten. Wäre nicht Vollmond gewesen, so hätte
+er überhaupt nicht hinfinden können; und er dachte, daß das ein
+beschwerlicher Weg wäre, den Helga an diesem Tag hatte gehen müssen.
+
+Der Moorhof lag an einer ausgerodeten Stelle, etwa auf halber Höhe des
+Hügels. Gudmund war noch nie dort gewesen, aber er hatte den Ort oftmals
+unten vom Tale aus gesehen und kannte ihn genügend, um zu wissen, daß er
+richtig gegangen war.
+
+Rings um die ausgerodete Stelle zog sich ein Reisigzaun, der sehr dicht
+und sehr schwer zu übersteigen war. Er sollte wohl gleichsam eine Wehr
+und ein Hort gegen die Wildnis sein, die das Gehöft umgab. Die Hütte
+selbst stand am oberen Rand der Einzäunung. Davor breitete sich ein
+abschüssiger Hof aus, mit kurzem, grünem Gras bewachsen, und unterhalb
+des Hofes lagen ein paar graue Schuppen und ein Keller mit grünem
+Torfdach. Es war ein geringes und ärmliches Anwesen, aber es ließ sich
+nicht leugnen, daß es dort oben schön war. Das Moor, nach dem das
+Gütchen seinen Namen hatte, lag irgendwo in der Nähe und sandte Nebel
+empor, die sich im Mondschein prachtvoll und silberglänzend heranwälzten
+und einen Kranz um den Hügel bildeten. Der höchste Gipfel ragte noch aus
+dem Nebel empor. Und der Kamm, der zackig von Tannen war, zeichnete sich
+scharf gegen den Himmel ab. Unten über dem Tal lag der Mondschein so
+hell, daß man die Felder und Gehöfte und einen geschlängelten Bach
+unterscheiden konnte, über dem der Nebel wie der leichteste Duft
+schwebte. Es war nicht weit dort hinunter, aber das Seltsame war, daß
+das Tal wie eine fremde Welt dalag, mit der das, was dem Wald angehörte,
+nichts gemein hatte. Es war, als wenn die Menschen, die hier auf dem
+Waldgut hausten, immer unter diesen Bäumen gehen müßten. Sie konnten
+unten im Tale ebensowenig fortkommen wie Auerhähne und Bergeulen und
+Luchse und Heidelbeerkraut.
+
+Gudmund ging über die Wiese auf die Hütte zu. Durch das Fenster drang
+Feuerschein, die Scheiben waren nicht verhangen; er warf einen Blick
+hinein, um zu sehen, ob Helga in der Hütte wäre. Auf einem Tisch am
+Fenster brannte ein kleines Lämpchen, und davor saß der Hausvater und
+flickte alte Schuhe. Im Hintergrunde des Zimmers neben dem Herd, auf dem
+ein schwaches Feuer brannte, saß die Hausmutter. Sie hatte den
+Spinnrocken vor sich, aber hatte zu arbeiten aufgehört, um mit einem
+kleinen Kinde zu spielen. Sie hatte es aus der Wiege genommen, und man
+hörte es bis zu Gudmund hinaus, wie sie mit ihm lachte und scherzte.
+Ihr Gesicht war von vielen Runzeln durchfurcht, und sie sah strenge aus;
+aber wie sie sich so über das Kind beugte, bekam ihr Gesicht einen
+sanften Ausdruck, und sie lächelte dem Kleinen ebenso zärtlich zu wie
+nur seine eigene Mutter.
+
+Gudmund spähte nach Helga aus, konnte sie aber in keinem Winkel der
+Hütte entdecken. Da schien es ihm am besten, draußen zu bleiben, bis sie
+käme. Er wunderte sich, daß sie noch nicht zu Hause war. Vielleicht wäre
+sie auf dem Heimweg bei Bekannten eingekehrt, sich auszuruhen und einen
+Imbiß zu nehmen? Aber bald müßte sie auf jeden Fall kommen, wenn sie vor
+Einbruch der Nacht unter Dach sein wollte.
+
+Gudmund blieb eine Weile mitten im Hof stehen und horchte nach Schritten
+aus. Es war ganz ruhig. Kein Lüftchen regte sich. Es kam ihm vor, als ob
+ihn nie vorher eine solche Stille umgeben hätte. Es war, als hielte der
+ganze Wald den Atem an und stünde da und wartete auf etwas Merkwürdiges.
+
+Niemand ging durch den Wald. Kein Zweiglein wurde geknickt, und kein
+Stein rollte. Helga war wohl noch lange nicht zu erwarten. »Ich möchte
+wohl wissen, was sie sagen wird, wenn sie sieht, daß ich hier bin,«
+dachte Gudmund. »Sie wird vielleicht schreien und in den Wald laufen und
+sich die ganze Nacht nicht heimwagen.«
+
+Dabei fiel ihm ein, es sei doch recht sonderbar, daß er nun auf einmal
+soviel mit dieser Häuslerdirne zu schaffen hatte.
+
+Als er vom Thing heim kam, war er wie gewöhnlich zu seiner Mutter
+hineingegangen, ihr alles zu erzählen, was er während des Tages erlebt
+hatte. Gudmunds Mutter war klug und hochsinnig und hatte es immer
+verstanden, gegen den Sohn so zu sein, daß er noch ebensoviel Vertrauen
+zu ihr hatte wie einst als Kind. Seit mehreren Jahren war sie krank und
+konnte nicht gehen, sondern saß den ganzen Tag still in ihrem Lehnstuhl.
+Es war immer eine gute Stunde für sie, wenn Gudmund von einer Reise
+heimkam und ihr Neuigkeiten brachte.
+
+Als Gudmund nun von Helga vom Moorhof erzählte, sah er, daß die Mutter
+gedankenvoll wurde. Lange saß sie stumm da und sah gerade vor sich hin.
+»Es scheint doch ein guter Kern in diesem Mädchen zu stecken,« sagte sie
+dann. »Man darf keinen verwerfen, weil er einmal ins Unglück gekommen
+ist. Es kann wohl sein, daß sie sich dem, der ihr jetzt beistünde,
+dankbar erweisen würde.«
+
+Gudmund begriff sogleich, woran die Mutter dachte. Sie konnte sich nicht
+mehr selbst helfen, sondern mußte beständig jemand um sich haben, der
+ihr zu Diensten stand. Aber es war immer schwer, jemand zu finden, der
+auf diesem Platz bleiben wollte. Die Mutter war anspruchsvoll und nicht
+leicht zu befriedigen, und außerdem wollten alle jungen Mägde lieber
+eine andre Arbeit haben, bei der sie mehr Freiheit genossen. Nun war es
+sicherlich der Mutter eingefallen, daß sie die Helga vom Moorhof in
+Dienst nehmen könnte, und Gudmund fand, daß dies ein guter Vorschlag
+sei. Helga würde der Mutter sicherlich sehr ergeben sein. Es wäre wohl
+möglich, daß ihnen auf diese Weise für lange geholfen wäre.
+
+»Am schwersten wird es mit dem Kinde sein,« sagte die Mutter nach einer
+Weile, und Gudmund begriff, daß sie ernsthaft an die Sache dachte. --
+»Das muß wohl bei den Großeltern bleiben,« sagte Gudmund. -- »Es ist
+nicht ausgemacht, daß sie sich von ihm trennen will.« -- »Sie wird es
+sich abgewöhnen müssen, daran zu denken, was sie will und nicht will.
+Ich finde, daß sie förmlich verhungert aussieht. Dort oben auf dem
+Moorhof ist wohl Schmalhans Küchenmeister.«
+
+Darauf antwortete die Mutter nichts, sondern begann von etwas anderm zu
+sprechen. Man merkte, daß ihr neue Bedenklichkeiten aufstiegen, die sie
+verhinderten, einen Entschluß zu fassen.
+
+Gudmund begann nun zu erzählen, wie er den Amtmann auf Älvåkra
+aufgesucht und Hildur getroffen hatte. Er berichtete, was sie über das
+Pferd und den Wagen gesagt hatte, und es war leicht zu merken, daß er
+sich der Begegnung freute. Auch die Mutter schien sehr vergnügt. Wie sie
+so unbeweglich in ihrem Lehnstuhl saß, war es ihre stete Beschäftigung,
+Pläne für die Zukunft des Sohnes auszuspinnen; und sie war zuerst auf
+den Gedanken verfallen, daß er es versuchen solle, um die schöne
+Amtmannstochter zu werben. Das war die prächtigste Heirat, die er
+machen konnte. Der Amtmann war ein richtiger Großbauer. Er hatte den
+größten Hof im Kirchspiel und viel Macht und viel Geld. Es war
+eigentlich töricht, zu hoffen, daß er sich mit einem Eidam begnügen
+würde, der kein größeres Vermögen hatte als Gudmund, aber es war
+immerhin möglich, daß er sich nach dem richtete, was seine Tochter
+wollte. Und daß Gudmund Hildur gewinnen könnte, wenn er es nur wollte,
+davon war die Mutter fest überzeugt.
+
+Dies war das erste Mal, daß Gudmund die Mutter merken ließ, wie der
+Gedanke bei ihm Wurzel geschlagen hatte, und sie sprachen nun ein langes
+und breites von Hildur und von allen den Reichtümern und Vorteilen, die
+dem zufallen würden, der sie einmal bekäme. Aber bald stockte das
+Gespräch wieder, weil die Mutter von neuem in ihre Grübeleien versunken
+war. »Könntest du diese Helga nicht holen lassen? Ich möchte sie doch
+sehen, bevor ich sie in meine Dienste nehme,« sagte sie schließlich. --
+»Das ist schön, daß du dich ihrer annehmen willst, Mutter,« entgegnete
+Gudmund und dachte bei sich: wenn die Mutter eine Pflegerin bekäme, mit
+der sie zufrieden wäre, würde seine Gattin hier daheim ein behaglicheres
+Leben führen. »Du wirst sehen, daß du mit dem Mädchen zufrieden sein
+wirst,« fuhr er fort. -- »Es ist ja auch ein gutes Werk, sich ihrer
+anzunehmen,« sagte die Mutter.
+
+Als es zu dämmern begann, begab sich die Kranke zu Bett, und Gudmund
+ging in den Stall, um die Pferde zu striegeln. Es war schönes Wetter,
+die Luft war klar, und der ganze Hof lag vom Mondschein übergossen da.
+Da fiel es ihm ein, daß er schon heute in den Moorhof gehen und die
+Botschaft der Mutter bestellen könne. Wäre morgen schönes Wetter, dann
+würde man es so eilig haben, den Hafer einzubringen, daß weder er noch
+irgend ein andrer Zeit hätte, hinzugehen.
+
+Als jetzt Gudmund vor dem Moorhof stand und horchte, hörte er zwar keine
+Schritte; doch andre Laute durchschnitten in kurzen Abständen die
+Stille. Es war ein stilles Klagen, ein sehr leises und ersticktes
+Jammern und dann hie und da ein Aufschluchzen. Gudmund glaubte zu
+merken, daß die Laute von dem Schuppen herkämen, und ging auf diesen zu.
+Als er sich näherte, hörte das Schluchzen auf; aber es war offenbar, daß
+sich drinnen jemand in der Holzkammer regte. Mit einem Male begriff
+Gudmund, wer dort drinnen war. »Bist du es, Helga, die da drinnen sitzt
+und weint?« rief er und stellte sich in die Türöffnung, damit das
+Mädchen nicht entwischen könnte, ehe er mit ihm gesprochen hätte.
+
+Wieder wurde es ganz still. Gudmund hatte wohl recht geraten: es war
+Helga, die da saß und weinte; aber sie versuchte das Schluchzen zu
+unterdrücken, damit Gudmund glaubte, er habe sich verhört, und seiner
+Wege ginge. Es war stockfinster in dem Schuppen, und sie wußte, daß er
+sie nicht sehen konnte.
+
+Aber Helga war an diesem Abend in solcher Verzweiflung, daß es ihr
+nicht leicht fiel, die Tränen zurückzudrängen. Sie war noch nicht in der
+Hütte gewesen und hatte die Eltern noch nicht begrüßt. Sie hatte nicht
+den Mut dazu gehabt. Als sie in der Dämmerung den steilen Hügel
+hinaufstieg und daran dachte, daß sie den Eltern jetzt sagen müßte, sie
+habe keinen Erziehungsbeitrag von Per Martensson zu erwarten, da hatte
+sie solche Angst vor den harten und grausamen Worten bekommen, die sie
+ihr sagen würden, daß sie es nicht wagte, hineinzugehen. Sie gedachte
+draußen zu bleiben, bis sie sich zu Bett gelegt hätten; dann brauchte
+sie vielleicht nicht vor dem nächsten Tage von der unglückseligen Sache
+zu sprechen. Und so hatte sie sich in dem Holzschuppen versteckt. Aber
+während sie so dasaß und fror und hungerte, kam es ihr erst recht zu
+Bewußtsein, wie unglücklich und ausgestoßen sie war. Alle Schmach und
+Angst, die sie hatte erleiden müssen, und alle Schmach und Angst, die
+ihrer noch harrten, stand vor ihr und drückte sie mit Bleischwere zu
+Boden. Sie weinte über sich selbst, darüber, daß sie so elend war, und
+daß niemand etwas von ihr wissen wollte. Sie erinnerte sich, wie sie
+einmal als Kind in einen Morast gefallen und gleich untergesunken war.
+Je mehr sie sich gemüht hatte, in die Höhe zu kommen, desto tiefer war
+sie gesunken. Alle Büsche und Sträucher, nach denen sie gegriffen,
+hatten nachgegeben. So war es auch jetzt. Alles, wonach sie zu greifen
+versuchte, um sich aufrechtzuhalten, ließ sie im Stich. Niemand wollte
+ihr helfen. Damals, als sie ins Moor versinken wollte, war schließlich
+ein Hirtenbub gekommen und hatte sie herausgezogen; jetzt aber kam
+niemand, sie zu retten. Jetzt war es gewiß ihre Bestimmung, zugrunde zu
+gehen.
+
+Als Helga das Moor in den Sinn kam, wurde es ihr mit einem Male klar:
+das beste, was sie tun konnte, war, dorthin zu gehn, in den Schlamm
+hinauszuwandern und sich einsinken und begraben zu lassen. Wenn eine so
+elend wäre, daß kein Mensch etwas mit ihr zu tun haben wollte, dann
+könnte sie wohl gar nichts Besseres tun als sterben. Es wäre auch für
+das Kind das Beste, wenn sie fortginge; denn Helgas Mutter hatte es
+gern, obgleich sie es nicht zeigen wollte, wenn Helga daheim war. Aber
+wenn Helga einmal für immer aus dem Wege wäre, dann würde sich die
+Großmutter des Kindes wohl so annehmen, als wäre es ihr eigenes.
+
+Sie begriff nicht, daß sie mitten in ihrem größten Elend etwas getan
+hatte, wodurch den Leuten eine bessere Meinung über sie gegeben würde.
+Ihr wurde mit jedem Augenblick gewisser, daß das Moor der einzige
+Zufluchtsort für sie sei. Und je klarer sie dies einsah, desto mehr
+weinte sie.
+
+Es war darum nicht so leicht für sie, die Tränen zu unterdrücken. Es
+dauerte nicht lange, so begann sie von neuem zu schluchzen.
+
+Gudmund war nichts verhaßter, als wenn Weibsleute weinten. Er hatte die
+größte Lust, auf und davon zu laufen; aber er sagte sich, wenn er sich
+nun einmal die Mühe gemacht hätte, zur Hütte hinaufzuklettern, müßte er
+seinen Auftrag auch ausführen.
+
+»Was ist dir denn?« sagte er in barschem Ton zu Helga. »Warum gehst du
+nicht ins Haus?« -- »Ach, ich getraue mich nicht,« antwortete Helga, und
+ihre Zähne schlugen aufeinander. »Ich getraue mich nicht.«
+
+»Wovor hast du denn Angst? Du hast dich doch heute morgen gegen
+Gerichtsdiener und Richter tapfer gehalten. Da kannst du wohl nicht vor
+deinen leiblichen Eltern Angst haben.« -- »O ja, o ja, die sind viel
+schlimmer als alle andern.« -- »Warum sollten sie denn gerade heute so
+böse sein?« -- »Ich bekomme ja kein Geld.« -- »Na, du bist doch ein so
+tüchtiges Mädel, daß du für dich und dein Kind das Brot verdienen
+kannst.« -- »Ja, aber mich will doch niemand nehmen.«
+
+Plötzlich fiel es Helga ein, daß die Eltern ihre Stimmen hören und
+herauskommen und fragen könnten, wer da spräche. Und dann wäre sie
+gezwungen, ihnen alles zu erzählen. Dann könnte sie sich nicht in das
+Moor retten. Und in ihrem Schrecken sprang sie auf und wollte an Gudmund
+vorbeieilen. Aber er kam ihr zuvor. Er packte sie am Arm und hielt sie
+fest. -- »Nein! Du kommst nicht davon, bis ich nicht mit dir gesprochen
+habe.« -- »Laß mich gehen,« rief sie und blickte ihn wild an. -- »Du
+siehst aus, als wenn du ins Wasser gehen wolltest,« sagte er; denn jetzt
+stand sie draußen im Mondschein, und er konnte ihr Gesicht sehen. --
+»Ja, das würde wohl auch niemand etwas angehen, wenn ich das täte,«
+sagte Helga und warf dabei den Kopf zurück und sah ihm gerade in die
+Augen. »Heute morgen wolltest du mich nicht einmal rückwärts auf deinem
+Wagen mitfahren lassen. Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Da mußt
+du doch selbst einsehen, daß es für solch ein armes Wurm, wie mich, am
+besten ist, wenn ich ein Ende mache.«
+
+Gudmund wußte nicht, was er beginnen solle. Er wünschte sich weit weg,
+aber er fühlte auch, daß er einen Menschen in solcher Verzweiflung nicht
+verlassen konnte. »Hör mich jetzt an! Versprich nur, daß du anhörst, was
+ich dir zu sagen habe. Dann kannst du gehen, wohin du willst.« -- Ja,
+das versprach sie. -- »Kann man hier nirgends sitzen?«
+
+»Drüben steht doch der Hackblock.« -- »Also geh hin und setze dich und
+sei still!« Sie ging ganz gehorsam hin und setzte sich. -- »Weine jetzt
+nicht mehr!« sagte er; denn es war ihm, als finge er an, Macht über sie
+zu gewinnen. Aber das hätte er nicht sagen sollen, denn sie ließ
+sogleich den Kopf in die Hände sinken und weinte heftiger denn je.
+
+»Weine nicht!« sagte er und war nahe daran, mit dem Fuß auf die Erde zu
+stampfen. »Es gibt genug Leute, denen es schlechter geht als dir.« --
+»Nein, keinem kann es schlechter gehen.« -- »Du bist jung und gesund, du
+solltest nur wissen, wie es meiner Mutter geht. Sie ist von Schmerzen so
+geplagt, daß sie sich nicht rühren kann, aber sie klagt nie.« -- »Sie
+ist nicht so verlassen von allen wie ich.« -- »Du bist auch nicht
+verlassen. Ich habe mit Mutter über dich gesprochen, und Mutter hat mich
+zu dir geschickt.« Das Schluchzen hörte auf. Man vernahm gleichsam das
+große Schweigen des Waldes, als ob der den Atem anhielte und auf etwas
+Wunderbares wartete. »Ich soll dir bestellen, daß du morgen zu Mutter
+kommst, damit sie dich sieht. Mutter gedenkt dich zu fragen, ob du zu
+uns in Dienst gehen willst.« -- »Das will sie mich fragen?« -- »Ja, aber
+zuerst will sie dich sehen.« -- »Weiß sie, daß ...?« -- »Sie weiß
+ebensoviel von dir wie alle andern.«
+
+Mit einem Schrei des Staunens und der Freude sprang das Mädchen auf, und
+im nächsten Augenblick fühlte Gudmund ein paar Arme um seinen Hals. Er
+erschrak förmlich, und sein erster Gedanke war, sich loszureißen. Aber
+dann faßte er sich und blieb stehen. Er begriff, daß das Mädchen so
+außer sich vor Freude war, daß sie nicht wußte, was sie tat; in diesem
+Augenblick hätte sie sich dem ärgsten Schurken an den Hals werfen
+können, nur um in dem großen Glück, das über sie gekommen war, ein klein
+wenig Mitgefühl zu finden.
+
+»Wenn sie mich bei sich aufnehmen will, dann kann ich ja am Leben
+bleiben!« sagte sie und legte den Kopf an Gudmunds Brust und weinte
+wieder, aber nicht so heftig wie zuvor. »Ich kann dir jetzt sagen, daß
+es mir damit Ernst war, ins Moor zu gehen,« sagte sie. »Ich danke dir,
+daß du gekommen bist! Du hast mir das Leben gerettet.« Gudmund hatte
+bisher unbeweglich dagestanden, jetzt aber fühlte er, wie sich etwas
+warm und zärtlich in ihm zu regen begann. Er hob die Hand und strich ihr
+übers Haar. Da zuckte sie zusammen, als hätte er sie aus einem Traum
+geweckt, und stellte sich kerzengerade vor ihn hin. »Ich danke dir, daß
+du gekommen bist!« sagte sie noch einmal. Sie war flammend rot im
+Gesicht geworden, und er errötete auch.
+
+»Ja, so kommst du also morgen zu uns,« sagte er und streckte die Hand
+aus, um ihr Lebewohl zu sagen. -- »Ich werde nie vergessen, daß du heute
+abend zu mir gekommen bist,« sagte Helga, und die große Dankbarkeit
+bekam die Oberhand über ihre Befangenheit. »Ach ja, es ist vielleicht
+ganz gut, daß ich da war,« sagte er ruhig, fühlte sich aber doch recht
+zufrieden mit sich selbst. -- »Jetzt gehst du doch ins Haus?« sagte er.
+-- »Ja, jetzt werde ich wohl hineingehen.«
+
+Gudmund hatte plötzlich eine solche Freude an Helga, wie man sie an
+einem hat, dem man hat helfen können. Er stand da und zauderte und
+wollte nicht gehen. »Ich möchte dich gern unter Dach und Fach sehen,
+bevor ich gehe.« -- »Ich dachte, sie sollten sich lieber erst
+niederlegen, bevor ich hineingehe.« -- »Nein, du mußt gleich gehen,
+damit du etwas zu essen kriegst und unter Dach kommst,« sagte er und
+fand es recht vergnüglich, so für sie zu sorgen.
+
+Sie ging sogleich auf die Hütte zu, und er kam mit, ganz zufrieden und
+stolz, daß sie ihm gehorchte. Als sie auf der Schwelle stand, sagten sie
+sich noch einmal Lebewohl. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht,
+als sie ihm nachkam. »Bleib hier draußen stehen, bis ich drinnen bin! Es
+geht leichter, wenn ich weiß, daß du draußen bist.« -- »Ja,« sagte er,
+»ich werde hier bleiben, bis du das Ärgste überstanden hast.«
+
+Nun öffnete Helga die Hüttentür, und Gudmund merkte, daß sie sie leicht
+angelehnt ließ. Gleichsam, damit sie sich nicht allzu abgetrennt von dem
+Helfer fühle, der dort draußen stand. Er machte sich auch kein Gewissen
+daraus, alles zu hören und zu sehen, was drinnen in der Hütte geschah.
+
+Die Alten nickten Helga, als sie eintrat, freundlich zu. Die Mutter
+legte sogleich das Kind in die Wiege, ging dann zum Schrank und holte
+einen Laib Brot und eine Schale Milch und stellte sie auf den Tisch.
+
+»Bist du da? Setz dich jetzt und iß,« sagte sie. Dann ging sie zum Herd
+und legte ein Stück Holz nach. »Ich habe das Feuer nicht ausgehen
+lassen, damit du dir die Kleider trocknen und dich erwärmen kannst, wenn
+du kommst. Aber iß jetzt zuerst! Das hast du wohl am nötigsten.«
+
+Helga war die ganze Zeit an der Tür stehen geblieben. »Ihr sollt mich
+nicht so gut aufnehmen, Mutter,« sagte sie mit leiser Stimme. »Ich
+bekomme kein Geld von Per. Ich habe auf die Unterstützung verzichtet.«
+»Es ist heute Abend schon jemand dagewesen, der bei dem Thing war und
+gehört hat, wie es dir ergangen ist,« sagte die Mutter. »Wir wissen
+alles.«
+
+Helga blieb an der Tür stehen und machte, als wüßte sie weder aus noch
+ein.
+
+Da legte der Vater die Arbeit nieder, schob die Brille auf die Stirn und
+räusperte sich, um eine Rede zu halten, die er den ganzen Abend
+überdacht hatte. »Es ist nämlich so, Helga,« sagte er: »Mutter und ich,
+wir wollten immer anständige und ehrliche Leute sein. Aber dann ist es
+uns vorgekommen, als ob du Unehre über uns gebracht hättest. Es war so,
+als hätten wir dich nicht gelehrt, zwischen Gut und Böse zu
+unterscheiden. Aber als wir nun hörten, was du heute getan hast, da
+sagten wir uns, Mutter und ich, daß die Leute jetzt doch sehen können,
+daß du eine ordentliche Erziehung genossen hast, und wir denken, daß wir
+vielleicht auch noch Freude an dir erleben können. Und Mutter wollte
+nicht, daß wir uns niederlegen, ehe du da bist, damit du doch eine
+ordentliche Heimkehr hast.«
+
+
+3
+
+Helga vom Moorhof kam jetzt nach Närlunda, und da ging alles gut. Sie
+war willig und anstellig und dankbar für jedes freundliche Wort, das man
+ihr sagte. Sie fühlte sich immer als die Geringste und wollte sich nie
+vordrängen. Es dauerte nicht lange, so hatten Herrschaft und Gesinde sie
+lieb gewonnen.
+
+In den ersten Tagen sah es aus, als fürchte sich Gudmund, mit Helga zu
+sprechen. Er hatte Angst, daß das Mädchen sich etwas einbilde, weil er
+ihr zu Hilfe gekommen war. Aber dies war eine unnötige Sorge. Helga
+hielt ihn für viel zu herrlich und hoch, als daß sie gewagt hätte, ihre
+Blicke zu ihm zu erheben. Und Gudmund merkte auch bald, daß er sie nicht
+fernzuhalten brauchte. Sie war vor ihm scheuer als vor irgend jemand.
+
+In demselben Herbst, da Helga nach Närlunda kam, machte Gudmund viele
+Besuche bei der Familie des Amtmanns auf Älvåkra, und es wurde viel
+darüber gesprochen, daß er alle Aussicht hätte, dort im Hause
+Schwiegersohn zu werden. Volle Gewißheit, daß seine Werbung Erfolg
+hatte, erhielten die Leute jedoch erst zu Weihnachten. Da kam der
+Amtmann mit Frau und Tochter nach Närlunda, und es war ganz klar, daß
+sie nur hierher gefahren waren, um zu sehen, wie es Hildur gehen würde,
+wenn sie sich mit Gudmund verheiratete.
+
+Das war das erste Mal, daß Helga das Mädchen, welches Gudmund heimführen
+wollte, aus der Nähe sah. Hildur Erikstochter war noch nicht zwanzig
+Jahre, aber das Merkwürdige an ihr war, daß niemand sie ansehen konnte,
+ohne zu denken, welche stattliche und prächtige Hausmutter einmal aus
+ihr werden würde. Sie war hochgewachsen, stark gebaut, blond und schön,
+und sah aus, als wenn sie gerne für viele um sich zu sorgen hätte. Sie
+war nie scheu oder verschüchtert, sondern sprach viel und schien alles
+besser zu wissen als der, mit dem sie sprach. Sie war ein paar Jahre in
+der Stadt zur Schule gegangen und trug die schönsten Kleider, die Helga
+je gesehen hatte, aber sie machte keinen eiteln oder prunkliebenden
+Eindruck. Reich und schön, wie sie war, hätte sie wohl jeden Tag einen
+Mann von Stand heiraten können, aber sie sagte immer, sie wolle keine
+feine Dame werden und mit den Händen im Schoß dasitzen. Sie wollte einen
+Bauer heiraten und ihr Haus selbst versehen wie eine richtige Bäuerin.
+
+Hildur schien Helga als ein wahres Wunder. Nie hatte sie jemand gesehen,
+der so prächtig aufgetreten wäre. Sie hätte nicht geglaubt, daß ein
+Mensch in allen Stücken so vollkommen sein könnte. Und es däuchte sie
+ein großes Glück, in Zukunft einer solchen Frau zu dienen.
+
+Bei dem Besuch der Amtmannsfamilie war alles gut abgelaufen; aber wenn
+Helga an den Tag zurückdachte, empfand sie eine gewisse Unruhe. Als die
+Fremden gekommen waren, war sie herumgegangen und hatte den Kaffee
+gereicht. Wie sie nun mit den Kannen hereinkam, hatte die Frau des
+Amtmanns sich zu ihrer Herrin vorgebeugt und sie gefragt, ob das nicht
+das Mädchen vom Moorhof sei. Sie hatte die Stimme nicht sehr gesenkt, so
+daß Helga die Frage deutlich hörte. Mutter Ingeborg hatte Ja gesagt, und
+da hatte die andre etwas geantwortet, was Helga nicht hören konnte. Aber
+es war so etwas gewesen, als ob sie es wunderlich fände, daß sie eine
+solche Person im Hause dulde. Dies bereitete Helga sehr viel Kummer,
+aber sie suchte sich damit zu trösten, daß es die Mutter und nicht
+Hildur war, die diese Worte gesprochen hatte.
+
+An einem Sonntag im Vorfrühling fügte es sich, daß Helga und Gudmund
+zusammen aus der Kirche kamen. Als sie über den Kirchenhügel wanderten,
+waren sie inmitten einer großen Schar von andern Kirchenbesuchern
+gegangen; aber bald bog einer nach dem andern ab, und schließlich waren
+Helga und Gudmund allein.
+
+Da fiel es Gudmund ein, daß er seit jenem Abend auf dem Moorhof nicht
+mehr mit Helga allein gewesen war, und die Erinnerung daran kam nun in
+voller Stärke wieder. Recht oft während des Winters hatte er an ihre
+erste Begegnung gedacht und dabei immer gefühlt, wie etwas Süßes und
+Wohliges seinen Sinn durchbebte. Wenn er allein bei der Arbeit war,
+pflegte er sich die ganze schöne Nacht wieder zurückzurufen: den weißen
+Nebel, den starken Mondschein, die schwarze Waldeshöhe, das lichte Tal
+und dann das Mädchen, das die Arme um seinen Hals geschlungen und vor
+Freude geweint hatte. Je öfter er sich den Vorfall zurückrief, desto
+schöner wurde er. Aber wenn Gudmund Helga daheim unter den andern in
+Arbeit und Plage umhergehen sah, dann konnte er sich nur schwer
+vorstellen, daß sie mit dabei gewesen war. Jetzt aber, wo er allein mit
+ihr den Kirchenweg entlang ging, konnte er es nicht lassen, sich zu
+wünschen, daß sie für ein Weilchen dieselbe wäre wie an jenem Abend.
+
+Helga begann sogleich von Hildur zu sprechen. Sie rühmte sie sehr,
+sagte, daß sie das schönste und klügste Mädchen in der ganzen Umgegend
+sei, und beglückwünschte Gudmund dazu, daß er eine so ausgezeichnete
+Frau bekäme. »Du mußt ihr sagen, daß sie mich immer auf Närlunda bleiben
+läßt,« sagte sie. »Es wird so schön sein, unter einer solchen Frau zu
+dienen.«
+
+Gudmund lächelte über ihren Eifer, gab ihr jedoch nur einsilbige
+Antworten, als wären seine Gedanken nicht recht dabei. Aber es war ja
+recht, daß ihr Hildur so gut gefiel, und daß sie sich über seine Heirat
+so freute.
+
+»Du bist diesen Winter doch gern bei uns gewesen?« fragte er. -- »Ja
+gewiß. Ich kann gar nicht sagen, wie gut Mutter Ingeborg und ihr alle
+gegen mich wart.« -- »Hast du dich nach dem Walde gesehnt?« -- »Ach ja,
+anfangs wohl, aber jetzt nicht mehr.« -- »Ich glaubte, wer im Wald
+daheim ist, kann es nicht lassen, sich hinzusehnen.«
+
+Helga wendete sich halb um und sah ihn an, der auf der andern Seite des
+Weges ging. Gudmund war ihr in letzter Zeit ganz fremd geworden, aber
+jetzt lag etwas in seinem Tonfall und seinem Lächeln, das sie
+wiedererkannte. Ja, er war doch derselbe, der in ihrer höchsten Not
+gekommen war und sie gerettet hatte. Obgleich er sich mit einer andern
+verheiraten wollte, war sie dessen gewiß, daß er ihr ein guter Freund
+und getreuer Helfer bleiben würde.
+
+Es wurde ihr so leicht ums Herz; sie fühlte, daß sie Vertrauen zu ihm
+haben könnte wie zu keinem andern, und es war ihr, als müßte sie ihm
+alles erzählen, was ihr geschehen war, seit sie zuletzt miteinander
+gesprochen hatten. »Ich will dir sagen, daß ich in den ersten Wochen auf
+Närlunda eine recht schwere Zeit hatte,« begann sie. »Aber du darfst es
+Mutter Ingeborg nicht wiedererzählen.« -- »Wenn du willst, daß ich
+schweigen soll, so schweige ich.« -- »Denk dir nur, daß ich anfangs so
+furchtbares Heimweh hatte! Ich war drauf und dran, wieder in den Wald
+hinaufzulaufen.« -- »Du hattest Heimweh? Ich glaubte, du wärst froh, bei
+uns zu sein.« -- »Ich konnte nichts dafür,« sagte sie entschuldigend.
+»Ich sah wohl ein, welches Glück es für mich war, hier sein zu dürfen.
+Ihr wart alle so freundlich gegen mich, und die Arbeit war nicht zu
+schwer; aber ich sehnte mich doch. Irgend etwas zog und lockte und
+wollte mich in den Wald zurückführen. Es war mir, als verriete ich
+einen, der ein Recht auf mich hatte, wenn ich unten im Tale blieb.«
+
+»Das war vielleicht ...« begann Gudmund, aber er hielt mitten im Satz
+inne. -- »Nein, es war nicht der Kleine, nach dem ich mich sehnte. Ich
+wußte ja, daß es ihm gut ging, und daß Mutter freundlich zu ihm war. Es
+war nichts Bestimmtes. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein wilder
+Vogel, den man in einen Käfig gesperrt hat, und ich glaubte, ich müßte
+sterben, wenn man mich nicht losließ.«
+
+»Nein, daß es dir so schlecht ging!« sagte Gudmund, und dabei lächelte
+er; denn jetzt kam es ihm mit einem Male vor, als ob er sie erst
+wiedererkennte. Jetzt war es, als läge nichts zwischen ihnen, sondern
+als hätten sie sich erst am vorigen Abend oben auf dem Moorhof
+voneinander getrennt. Helga lächelte wieder, sie fuhr jedoch fort, von
+ihrer Qual zu sprechen. »Keine Nacht schlief ich,« sagte sie; »kaum
+hatte ich mich niedergelegt, so begannen die Tränen zu fließen, und wenn
+ich am Morgen aufstand, war das Kopfkissen ganz naß. Am Tag, wenn ich
+unter euch andern herumging, konnte ich das Weinen unterdrücken; aber
+sowie ich allein war, schossen mir die Tränen in die Augen.«
+
+»Du hast schon viel geweint in deinem Leben,« sagte Gudmund, aber sah
+gar nicht mitleidig aus, als er diese Bemerkung machte. Helga war es,
+als ob er die ganze Zeit mit einem unterdrückten Lachen einherginge. --
+»Du kannst dir gar nicht denken, wie schlecht es mir ging,« sagte sie
+und sprach immer lebhafter, in dem Bestreben, sich ihm verständlich zu
+machen. »Es kam eine Sehnsucht über mich, die mich von mir selbst
+forttrug. Keinen Augenblick konnte ich mich glücklich fühlen. Nichts war
+schön, nichts war vergnüglich, keinen Menschen konnte ich liebgewinnen.
+Ihr wart mir alle ebenso fremd wie an dem Tag, als ich zum ersten Male
+in die Stube trat.«
+
+»Aber,« verwunderte sich Gudmund, »sagtest du nicht eben, daß du bei uns
+bleiben willst?« -- »Ja, gewiß sagte ich das.« -- »Du sehnst dich also
+jetzt nicht mehr?« -- »Nein, es ist vorübergegangen. Ich bin geheilt.
+Warte nur, du wirst schon hören!«
+
+Als sie dies sagte, kreuzte Gudmund quer über den Weg und ging an ihrer
+Seite weiter. Die ganze Zeit lächelte er. Es schien ihm Freude zu
+machen, sie reden zu hören; aber er legte dem, was sie erzählte, wohl
+nicht viel Gewicht bei. So allmählich kam Helga in dieselbe Stimmung. Es
+schien ihr, als ob alles leicht und hell würde. Der Weg von der Kirche
+war lang und beschwerlich zu gehen; aber an diesem Tage wurde sie nicht
+müde. Irgend etwas schien sie zu tragen. Sie fuhr fort zu erzählen, weil
+sie einmal begonnen hatte; aber es war nicht mehr so wichtig für sie,
+sich auszusprechen. Sie hätte ebenso vergnügt sein können, wenn sie
+stumm neben ihm einhergegangen wäre.
+
+»Als ich am allerunglücklichsten war, bat ich Mutter Ingeborg eines
+Samstagabends, mir zu erlauben, nach Hause zu gehen und über den Sonntag
+daheim zu bleiben. Und als ich an diesem Abend die Hügel zum Moor
+hinaufwanderte, glaubte ich felsenfest, daß ich nie mehr nach Närlunda
+zurückkommen würde. Aber daheim waren Vater und Mutter so froh, daß ich
+eine Stelle in einem so angesehenen Hause hatte, daß ich es nicht übers
+Herz brachte, ihnen zu sagen, ich hielte es nicht aus, bei euch zu
+bleiben. Sobald ich in den Wald hinaufkam, war auch alle Angst und Qual
+rein verschwunden. Und es schien mir, als ob das Ganze nur eine
+Einbildung gewesen wäre. Und dann war es so schwer mit dem Kind. Mutter
+hatte sich seiner angenommen und es zu dem ihren gemacht. Es gehörte
+mir nicht mehr. Und es war ja gut, daß es so war; aber es fiel mir doch
+schwer, mich daran zu gewöhnen.«
+
+»Vielleicht fingst du nun gar an, dich zu uns hinunter zu sehnen?« warf
+Gudmund hin. -- »Ach nein. Als ich am Montag Morgen erwachte und daran
+dachte, daß ich jetzt gehen müßte, kam die Sehnsucht wieder über mich.
+Ich lag da und weinte und ängstigte mich, denn das einzige Rechte und
+Richtige war doch, daß ich im Dienste blieb; aber ich hatte das Gefühl,
+als müßte ich krank werden oder den Verstand verlieren, wenn ich
+zurückkehrte. Aber da fiel mir plötzlich ein, was ich einmal gehört
+hatte: wenn man ein wenig Asche aus dem Herd in seinem Hause nimmt und
+sie dann auf den Herd im fremden Hause streut, dann wird man von seiner
+Sehnsucht befreit.« -- »Na, das ist ein Heilmittel, das leicht
+anzuwenden ist,« sagte Gudmund. -- »Ja, wenn es damit nur nicht die
+Bewandtnis hätte, daß man sich nachher nirgendwo anders heimisch fühlen
+kann. Geht man von dem Hause weg, in das man die Asche getragen hat,
+dann sehnt man sich ebensosehr dorthin zurück, als man sich früher von
+dort weggesehnt hat.« -- »Kann man die Asche nicht wieder dorthin
+mitnehmen, wohin man geht?« -- »Nein, das kann man nur einmal im Leben
+tun. Dann gibt es keine Umkehr. Und darum ist es ja sehr gefährlich, so
+etwas zu versuchen.«
+
+»Ich hätte nie so etwas gewagt,« sagte Gudmund, und sie hörte sehr
+wohl, daß er sie nur neckte. -- »Ich hab es doch gewagt,« sagte Helga.
+»Es war besser, als vor Mutter Ingeborg und dir, die mir helfen wollten,
+als undankbar dazustehen. Ich nahm ein klein wenig Asche von daheim mit,
+und wie ich nach Närlunda zurückkam, benützte ich einen Augenblick, wo
+niemand in der Stube war, und streute sie auf die Herdplatte.«
+
+»Und jetzt glaubst du, daß die Asche dir geholfen hat?« -- »Warte, du
+wirst schon hören, wie es kam! Ich ging gleich an meine Arbeit und
+dachte den ganzen Tag nicht mehr an die Asche. Ich sehnte mich ebenso
+heftig wie früher, und alles war mir ebenso zuwider wie immer. Es war an
+diesem Tage sehr viel drinnen und draußen zu tun; und als ich am Abend
+im Stalle fertig war und ins Haus ging, war auf dem Herd schon das Feuer
+angezündet.«
+
+»Jetzt bin ich aber wirklich begierig, zu hören, wie es kam,« sagte
+Gudmund. -- »Ja, denke nur, schon als ich über den Hof ging, kam es mir
+vor, als ob im Feuerschein etwas Wohlbekanntes wäre, und als ich die Tür
+öffnete, da hatte ich das Gefühl, daß ich in unsre eigene Stube kam, und
+daß Vater und Mutter am Feuer saßen. Ja, dies flog nur an mir vorbei wie
+ein Traum. Aber als ich wirklich hineinkam, da war ich ganz erstaunt,
+wie schön und traulich es in der Stube war. Nie hatten Mutter Ingeborg
+und ihr andern so freundlich ausgesehen wie an diesem Abend, als ihr da
+im Feuerschein saßet. Es war ein köstliches Gefühl, hereinzukommen, und
+das war sonst nie so gewesen. Ich war so erstaunt, daß ich fast laut
+aufgeschrieen und in die Hände geklatscht hätte. Es schien mir, als ob
+ihr wie verwandelt wäret. Ihr wart mir nicht mehr fremd, sondern ich
+konnte mit euch über alles reden. Du kannst dir denken, daß ich mich
+freute; aber dabei mußte ich mich doch immer wieder wundern. Ich fragte
+mich, ob ich denn verhext wäre, und sieh, da fiel mir plötzlich die
+Asche ein, die ich auf die Herdplatte gestreut hatte.«
+
+»Ja, das ist seltsam,« sagte Gudmund. Er glaubte nicht im geringsten an
+Zauber und Hexerei; aber es mißfiel ihm nicht, Helga von solchen Dingen
+sprechen zu hören. »Jetzt ist doch die tolle Walddirne wieder zum
+Vorschein gekommen,« dachte er. »Kann man begreifen, daß jemand, der so
+viel durchgemacht hat, wie sie, noch so kindisch ist?«
+
+»Ja, gewiß war es seltsam,« sagte Helga. »Und dasselbe hat sich den
+ganzen Winter hindurch wiederholt. Sowie das Feuer im Herd brannte, war
+es mir ebenso behaglich, als wenn ich daheim gewesen wäre. Aber es ist
+auch etwas Seltsames mit dem Feuer. Nicht mit anderm Feuer vielleicht,
+aber mit Feuer, das auf einem Herde brennt, und um das sich alle
+Hausgenossen Abend für Abend versammeln. Das wird, möcht man sagen, so
+vertraut mit einem. Es spielt und tanzt vor einem und prasselt, und
+manchmal ist es mürrisch und schlechter Laune. Es ist, als läge es in
+seiner Macht, Traulichkeit oder Unbehagen zu verbreiten. Und nun war es
+mir, als wäre das Feuer von daheim zu mir gekommen, und als gäbe es
+allem hier denselben traulichen Schein wie daheim.«
+
+»Aber wenn du nun gezwungen wärest, aus Närlunda fortzugehen?« sagte
+Gudmund. -- »Dann muß ich mich all mein Lebtag danach sehnen,« erwiderte
+sie, und man hörte an ihrer Stimme, daß sie dies im tiefsten Ernst
+sagte. -- »Ja, ich werde gewiß nicht der sein, der dich vertreibt,«
+sagte Gudmund; und obgleich er lachte, lag etwas Warmes in seinem Ton.
+-- Dann begannen sie kein neues Gespräch, sondern wanderten stumm bis
+zum Bauernhofe. Gudmund wendete zuweilen den Kopf und sah sie an, die
+neben ihm ging. Sie schien sich von der schweren Zeit, die sie im
+vorigen Jahr durchgemacht hatte, erholt zu haben. Jetzt hatte sie etwas
+Frisches und Rosiges. Die Züge waren klein und rein, das Haar umgab den
+Kopf wie ein Heiligenschein, und aus den Augen konnte man nicht recht
+klug werden. Sie ging flink und leicht. Wenn sie sprach, kamen die Worte
+rasch hervor, aber dennoch scheu. Sie hatte immer Angst, verlacht zu
+werden, doch mußte sie heraussagen, was sie auf dem Herzen hatte.
+
+Gudmund fragte sich, ob er sich wünsche, daß Hildur so wäre; aber das
+wollte er doch nicht. Diese Helga war nichts zum Heiraten. --
+
+Ein paar Wochen später erfuhr Helga, daß sie im April von Närlunda fort
+müsse, weil Hildur Erikstochter nicht mit ihr unter einem Dache hausen
+wollte.
+
+Ihre Herrschaft sagte ihr das nicht gerade heraus. Aber Mutter Ingeborg
+begann davon zu sprechen, sie würden an ihrer neuen Schwiegertochter so
+viel Hilfe haben, daß sie sich nicht so viele Dienstleute zu halten
+brauchten. Ein andermal sagte sie wieder, sie habe von einer guten
+Stelle gehört, wo es Helga viel besser gehen würde als bei ihnen.
+
+Helga brauchte nicht mehr zu hören: sie verstand, daß sie fort müsse,
+und erklärte sogleich, daß sie gehen wolle; aber eine andre Stelle wolle
+sie nicht annehmen, sondern sie kehre nach Hause zurück.
+
+Man merkte wohl, daß sie auf Närlunda Helga nicht aus freiem Willen
+kündigten.
+
+Am Abschiedstage war so viel Essen aufgetischt, daß es ein förmlicher
+Schmaus war, und Mutter Ingeborg steckte ihr eine solche Menge Kleider
+und Schuhe zu, daß sie, die nur mit einem Bündel unter dem Arm gekommen
+war, ihre Besitztümer jetzt kaum in einer Kiste unterbringen konnte.
+
+»Ich bekomme nie wieder eine so gute Magd wie dich in mein Haus,« sagte
+Mutter Ingeborg. »Und denke nun nicht zu schlecht von mir, weil ich dich
+ziehen lasse! Du weißt wohl, daß es nicht mit meinem Willen geschieht.
+Ich werde dich nicht vergessen. Solange ich noch Macht habe, wirst du
+keine Not leiden müssen.«
+
+Sie machte mit Helga ab, daß sie ihr Laken und Handtücher weben solle.
+Und sie gab ihr Arbeit für mindestens ein halbes Jahr.
+
+Am Abschiedstage stand Gudmund im Schuppen und hackte Holz. Er kam
+nicht herein, ihr Lebewohl zu sagen, obgleich das Pferd schon vor der
+Tür stand. Er schien so vertieft zu sein in seine Arbeit, daß er gar
+nicht merkte, was vorging. Sie mußte hinausgehen, um ihm Lebewohl zu
+sagen.
+
+Er legte die Axt hin, gab Helga die Hand, sagte etwas hastig: »Ich danke
+dir für all die Zeit!« und begann dann wieder zu arbeiten. Helga hatte
+sagen wollen, sie sähe ein, daß es unmöglich für ihn sei, sie zu
+behalten, und daß alles ihre eigne Schuld sei. Sie selbst hätte es so
+für sich eingerichtet. Aber Gudmund schlug zu, daß die Späne rings um
+ihn flogen, und da konnte sie sich nicht entschließen, etwas zu sagen.
+
+Aber das Merkwürdigste an der ganzen Sache war, daß der Bauer selbst,
+der alte Erland Erlandsson, Helga zum Moorhof hinauffuhr.
+
+Gudmunds Vater war ein kleines, trocknes Männchen mit kahlem Scheitel
+und schönen, klugen Augen. Er war so verschlossen und schweigsam, daß er
+zuweilen den ganzen Tag kein Wort sprach. Solange alles ging, wie es
+gehen sollte, bemerkte man ihn gar nicht. Aber wenn etwas nicht klappte,
+dann kam er immer und sagte und tat, was gesagt und getan werden mußte,
+um alles wieder in Ordnung zu bringen. Er war sehr geschickt im
+Rechnungführen und genoß unter den Männern des Kirchspiels großes
+Vertrauen. Er bekam auch alle möglichen kommunalen Aufträge und war
+angesehener als so mancher, der einen schönen Hof und großen Reichtum
+besaß.
+
+Erland Erlandsson also fuhr Helga auf dem schlechten Wege heim und ließ
+nicht zu, daß sie bei irgendeiner steilen Stelle ausstieg. Als sie auf
+dem Moorhof angelangt waren, saß er lange in der Hütte und sprach mit
+Helgas Eltern und erzählte ihnen, wie zufrieden er und Mutter Ingeborg
+mit ihr gewesen waren. Nur weil sie jetzt nicht mehr so viele
+Dienstleute brauchten, müßten sie sie nach Hause schicken. Sie hätte
+gehen müssen, weil sie die Jüngste wäre. Sie hätten es unrecht gefunden,
+jemand fortzuschicken, der schon lange bei ihnen diente.
+
+Erland Erlandssons Rede machte einen guten Eindruck, und die Eltern
+bereiteten Helga einen freundlichen Empfang. Als sie dazu noch hörten,
+sie hätte so große Bestellungen erhalten, daß sie sich mit ihrer Weberei
+das Brot verdienen könne, waren sie es recht zufrieden, daß sie nun
+daheim blieb.
+
+
+4
+
+Gudmund kam es vor, als ob er Hildur Erikstochter bis zu dem Tage
+geliebt hätte, an dem sie ihm das Versprechen abgezwungen, daß Helga aus
+Närlunda fort sollte. Wenigstens hatte es bis dahin niemand gegeben, den
+er mehr bewundert und geachtet hätte. Kein junges Mädchen schien ihm
+Hildur an die Seite gestellt werden zu können, und er war sehr stolz
+darauf gewesen, daß er sie gewonnen hatte. Es war ihm auch ein lieber
+Gedanke, sich die Zukunft mit ihr zusammen vorzustellen. Sie würden
+reich und angesehen sein, und er hatte das sichere Gefühl, daß es sich
+in dem Heim, wo Hildur das Regiment führte, gut leben lassen müßte. Er
+dachte auch gern daran, daß er viel Geld haben würde, wenn er mit ihr
+verheiratet wäre. Er könnte seine Wirtschaft verbessern, könnte alle
+verfallnen Hütten wieder aufbauen und den Hof erweitern, so daß er ein
+richtiger Großbauer würde.
+
+An demselben Sonntag, da er mit Helga von der Kirche heimging, war er
+abends nach Älvåkra gefahren. Da hatte Hildur angefangen von Helga zu
+sprechen und hatte gesagt, daß sie nicht nach Närlunda kommen wolle, ehe
+die Dirne von dort fort sei. Gudmund versuchte zuerst, das Ganze als
+einen Scherz fortzulachen. Aber es zeigte sich bald, daß es Hildur ernst
+war. Gudmund führte Helgas Sache sehr beredt; er sagte, sie sei noch so
+jung gewesen, als sie in den Dienst geschickt wurde, da sei es nicht zu
+verwundern, daß sie ins Unglück gekommen wäre, wo sie an einen so
+schlechten Menschen geraten war wie Per Martensson. Aber seit seine
+Mutter sich ihrer angenommen, hätte sie sich immer gut betragen. »Es
+kann nicht Recht sein, sie wieder hinauszustoßen,« sagte er. »Da könnte
+sie ja wieder ins Elend kommen.«
+
+Aber Hildur hatte nicht nachgeben wollen. »Wenn das Mädchen auf Närlunda
+bleibt, so komme ich nie hin,« sagte sie. »Ich kann eine solche Person
+in meinem Hause nicht dulden.« -- »Du weißt nicht, was du tust,« sagte
+Gudmund. »Niemand hat Mutter noch so gut gepflegt wie Helga. Wir sind
+alle froh, daß sie zu uns gekommen ist; früher war Mutter oft
+verdrießlich und schlechter Laune.« -- »Ich zwinge dich ja nicht, sie
+fortzuschicken,« sagte Hildur, aber man merkte: sie war, wenn Gudmund
+ihr in dieser Sache nicht den Willen täte, entschlossen, die Heirat
+aufzugeben. -- »Nein, es soll so sein, wie du willst,« sagte Gudmund
+schließlich. Er fand, daß er Helgas wegen doch nicht seine ganze Zukunft
+aufs Spiel setzen könnte. Aber er sah sehr blaß aus, als er so nachgab,
+und war den ganzen Abend schweigsam und verstimmt.
+
+Diese Sache nun ließ Gudmund befürchten, daß Hildur vielleicht nicht
+ganz so sei, wie er sie sich vorgestellt hatte. Es gefiel ihm nicht, daß
+sie ihren Willen über den seinen gesetzt hatte; aber das Schlimmste war:
+er konnte sich nicht verhehlen, daß sie im Unrecht war. Er sagte sich,
+daß er ihr gern nachgegeben hätte, wenn sie sich großherzig gezeigt
+haben würde; aber nun schien es ihm, daß sie nur kleinlich und herzlos
+gewesen wäre.
+
+Jedesmal von da an, wenn Gudmund Hildur traf, saß er und suchte und
+spähte, ob das, was er in ihr zu finden geglaubt hatte, sich wieder
+zeigen würde. Nun sein Mißtrauen einmal geweckt war, dauerte es nicht
+lange, und er fand manches, was nicht so war, wie er es sich gewünscht
+hätte. »Sie ist wohl so eine, die zu allererst an sich selbst denkt,«
+murmelte er jedesmal, wenn er sich von ihr trennte, und er fragte sich,
+wie lange wohl ihre Liebe zu ihm standhalten würde, wenn man sie auf die
+Probe stellte. Er suchte sich damit zu trösten, daß alle Menschen
+zuerst an sich selbst dächten; aber sogleich fiel ihm Helga ein. Er sah
+sie vor sich, wie sie im Thingsaal gestanden und die Bibel an sich
+gerissen hatte, er hörte, wie sie rief: »Ich will die Klage
+zurückziehen. Ich hab ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch
+schwört.« So hätte er sich Hildur gewünscht. Helga war ihm ein Maß
+geworden, nach dem er die Menschen beurteilte, -- wahrlich, es gab nicht
+viele, die ein so liebevolles Herz hatten.
+
+Von Tag zu Tag gefiel ihm Hildur weniger; aber er kam nie auf den
+Gedanken, daß er von der Heirat abstehen könnte. Er suchte sich
+einzureden, daß sein Mißmut nichts andres sei als leere Grillen. Vor
+einigen Wochen erst hatte er sie ja für die Beste gehalten, die es gäbe.
+
+Wäre er noch am Anfang seiner Werbung gewesen, dann hätte er sich
+vielleicht zurückgezogen. Aber jetzt waren sie schon aufgeboten, der
+Hochzeitstag war bestimmt, und bei ihm daheim hatten sie bereits große
+Ausbesserungen in Angriff genommen. Er wollte auch den Reichtum und die
+gute Stellung, die ihn erwarteten, nicht preisgeben. Und welchen Grund
+hätte er für einen Bruch anzuführen vermocht? Was er gegen Hildur
+einzuwenden hatte, war so unbedeutend, daß es sich auf seinen Lippen in
+Luft verwandeln würde, wenn er versuchen wollte, es auszusprechen.
+
+Aber das Herz war ihm oft schwer, und jedesmal, wenn er im Kirchdorf
+oder in der Stadt etwas zu besorgen hatte, ließ er sich Bier oder Wein
+geben, um sich eine gute Laune anzutrinken. Wenn er ein paar Flaschen
+geleert hatte, war er wieder stolz auf die Heirat und zufrieden mit
+Hildur. Dann begriff er gar nicht, was ihn eigentlich quäle.
+
+Gudmund dachte oft an Helga und empfand Sehnsucht, sie zu treffen. Aber
+er glaubte, daß Helga ihn für einen schlechten Kerl halte, weil er dem
+Versprechen, das er ihr freiwillig gegeben hatte, untreu geworden war
+und sie hatte ziehen lassen. Er konnte es ihr weder erklären, noch sich
+rechtfertigen, und darum vermied er es, mit ihr zusammenzutreffen.
+
+Doch eines Morgens, als Gudmund gerade über die Straße ging, begegnete
+er Helga, die im Tal gewesen war, Milch zu kaufen. Gudmund kehrte um und
+schloß sich ihr an. Sie schien über seine Gesellschaft nicht gerade
+erfreut zu sein, sondern schritt rasch aus, als wolle sie von ihm
+fortkommen, und sagte kein Wort. Auch Gudmund schwieg, weil er nicht
+recht wußte, wie er ein Gespräch einleiten solle.
+
+Da kam vom andern Ende der Straße ein Gefährt heran. Gudmund ging in
+Gedanken versunken und bemerkte es nicht, aber Helga hatte es gesehen
+und wendete sich nun plötzlich zu ihm. »Es hat keinen Zweck, daß du mit
+mir weitergehst, Gudmund; denn wenn ich recht sehe, kommen da Amtmanns
+aus Älvåkra gefahren.« Gudmund sah rasch auf, erkannte Pferd und Wagen
+und machte eine Bewegung, als ob er umkehren wolle. Im nächsten
+Augenblick jedoch richtete er sich auf und ging ruhig an Helgas Seite
+weiter wie zuvor; und sie trennten sich, ohne daß er ihr ein Wort gesagt
+hatte. Aber an diesem ganzen Tage war er zufriedener mit sich selbst,
+als er seit lange gewesen war.
+
+
+5
+
+Es war bestimmt, daß Gudmund und Hildurs Hochzeit am zweiten
+Pfingstfeiertag auf Älvåkra gefeiert werden sollte. Am Freitag vor
+Pfingsten fuhr Gudmund in die Stadt, einige Einkäufe für einen
+Begrüßungsschmaus zu machen, der am Tage nach der Hochzeit auf Närlunda
+stattfinden sollte. In der Stadt traf er mit einigen andern jungen
+Burschen aus seinem Kirchspiel zusammen. Sie wußten, daß dies Gudmunds
+letzter Stadtbesuch vor der Hochzeit war, und nahmen dies zum Anlaß, ein
+großes Trinkgelage zu veranstalten. Alle legten es darauf an, daß
+Gudmund trinke, und es gelang ihnen schließlich, ihn ganz bewußtlos zu
+machen.
+
+Am Samstag morgen kam er so spät nach Hause, daß sein Vater und der
+Knecht schon zu ihrer Arbeit gegangen waren, und er schlief bis tief in
+den Nachmittag. Als er aufstand und sich anziehen wollte, sah er, daß
+sein Rock an mehreren Stellen zerrissen war. »Das sieht ja aus, als wenn
+ich heute Nacht eine Schlägerei gehabt hätte,« sagte er und versuchte,
+sich zu besinnen, was geschehen wäre, erinnerte sich jedoch nur, daß er
+gegen elf Uhr in Gesellschaft der andern aus dem Wirtshaus gegangen war,
+aber wohin sie sich dann begeben hätten, das konnte er sich nicht
+zurückrufen. Es war, als versuchte er, in eine große Dunkelheit
+hineinzustarren. Er wußte nicht, ob sie sich nur auf den Straßen
+herumgetrieben hätten, oder ob sie noch irgendwo eingekehrt wären. Er
+konnte sich auch nicht erinnern, ob er selbst oder irgendein andrer sein
+Pferd eingespannt hätte, und er hatte gar keine Erinnerung an die
+Heimfahrt.
+
+Als er in die Wohnstube trat, war sie der Feiertage wegen gescheuert und
+gefegt. Alle Arbeit war beendigt, und das Hausgesinde trank Kaffee.
+Niemand sagte etwas über Gudmunds Ausbleiben. Es schien ein
+stillschweigendes Übereinkommen zu sein, daß er in diesen letzten Wochen
+die Freiheit haben solle, so zu leben, wie es ihm behagte.
+
+Gudmund setzte sich an den Tisch und bekam seinen Kaffee wie die andern.
+Während er so dasaß und ihn aus der Schale in die Untertasse und dann
+wieder in die Schale goß, um ihn abkühlen zu lassen, wurde Mutter
+Ingeborg mit dem ihren fertig; sie nahm die Zeitung zur Hand, die eben
+gekommen war, und begann zu lesen. Sie las Spalte für Spalte vor, und
+Gudmund, der Vater und die andern saßen da und hörten zu.
+
+Unter anderm las sie einen Bericht vor über eine Schlägerei, die in der
+vorhergehenden Nacht auf dem großen Marktplatz zwischen einer Schar
+betrunkner Bauern und einigen Arbeitern stattgefunden hatte. Sobald die
+Polizei sich zeigte, waren die Streitenden entflohen; nur einer von
+ihnen hatte leblos auf dem Marktplatz gelegen. Man trug den Gefallenen
+auf die Polizeistation, und da man keine äußere Verletzung an ihm
+entdecken konnte, begann man Belebungsversuche zu machen. Alle
+Bemühungen waren jedoch vergebens, und schließlich entdeckte man, daß
+eine Messerklinge in seinem Kopfe stak. Es war die Klinge eines
+ungewöhnlich großen Taschenmessers, die durch die Hirnschale ins Gehirn
+eingedrungen und dicht am Kopfe abgebrochen war. Der Mörder war mit dem
+Messerschaft entflohen, aber da die Polizei die Leute, die an der
+Schlägerei beteiligt waren, genau kannte, bestand die Hoffnung, man
+würde ihn bald finden.
+
+Während Mutter Ingeborg dies las, stellte Gudmund die Kaffeetasse hin,
+fuhr mit der Hand in die Tasche, zog sein Messer hervor und warf einen
+gleichgültigen Blick darauf. Aber mit einem Mal zuckte er zusammen,
+drehte das Messer um und steckte es dann so hastig in die Tasche, als
+hätte er sich daran verbrannt. Er rührte den Kaffee nicht mehr an,
+sondern blieb lange ganz still mit einem nachdenklichen Ausdruck sitzen.
+Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. Es war deutlich zu sehen, daß er
+mit aller Macht versuchte, sich über etwas klar zu werden.
+
+Endlich stand er auf, streckte sich, gähnte und ging langsam auf die Tür
+zu. »Ich muß mir ein bißchen Bewegung machen. Ich bin den ganzen Tag
+nicht aus dem Hause gewesen,« sagte er und verließ das Zimmer.
+
+Ungefähr gleichzeitig erhob sich auch Erland Erlandsson. Er hatte seine
+Pfeife ausgeraucht und ging nun in die Kammer, sich neuen Tabak zu
+holen. Als er da drinnen stand und die Pfeife stopfte, sah er Gudmund
+vorübergehen. Die Fenster der Kammer gingen nicht auf den Hof, wie die
+der Wohnstube, sondern auf ein kleines Gärtchen, in dem ein paar hohe
+Apfelbäume standen. Unterhalb des Gärtchens lag ein Sumpfland wo um die
+Frühlingszeit große Wasserpfützen waren, die aber im Sommer fast ganz
+austrockneten. Dahin pflegte selten jemand zu gehen. Erland Erlandsson
+fragte sich, was Gudmund da wohl zu suchen habe, und folgte ihm mit den
+Blicken. Da sah er, wie der Sohn die Hand in die Tasche steckte, einen
+Gegenstand herauszog und ihn in den Morast warf. Dann ging er durch das
+kleine Gärtchen, sprang über einen Zaun und entfernte sich in der
+Richtung nach der Straße.
+
+Sowie der Sohn außer Sehweite war, verließ Erland ebenfalls das Haus und
+begab sich an den Morast. Hier watete er in den Schlamm hinaus, beugte
+sich zu Boden und hob etwas auf, woran er mit dem Fuß gestoßen war. Es
+war ein großes Taschenmesser, dessen größte Klinge abgebrochen war. Er
+drehte es nach allen Seiten und besah es genau, während er noch immer im
+Wasser stand. Dann steckte er es in die Tasche, zog es aber noch ein
+paarmal heraus und betrachtete es prüfend, ehe er wieder ins Haus
+zurückging.
+
+Gudmund kam erst heim, als sich alle schon niedergelegt hatten. Er ging
+sofort zu Bett, ohne das Abendbrot zu berühren, das in der Wohnstube
+aufgetischt stand.
+
+Erland Erlandsson und sein Weib schliefen in der Kammer. Um das
+Morgengrauen glaubte Erland Schritte vor dem Fenster zu hören. Er stand
+auf, zog die Gardinen zurück und sah, daß Gudmund zum Morast
+hinunterging. Dort legte er Strümpfe und Schuhe ab, ging ins Wasser
+hinaus und wanderte hin und her, wie einer, der etwas sucht. Das tat er
+lange, dann ging er wieder an das Ufer, als wollte er seiner Wege gehen,
+kehrte aber bald um und suchte weiter. Eine ganze Stunde stand der Vater
+da und sah ihm zu, dann begab sich Gudmund ins Haus und legte sich
+wieder schlafen.
+
+Am Pfingsttag sollte Gudmund zur Kirche fahren. Als er das Pferd
+einzuspannen begann, kam der Vater über den Hof. »Du hast vergessen, das
+Geschirr zu putzen,« sagte er, als er vorbeiging. Denn Geschirr und
+Wagen waren schmutzig und ungescheuert. -- »Ich hab an andre Dinge zu
+denken gehabt,« sagte Gudmund mürrisch und fuhr davon, ohne etwas
+dergleichen zu tun.
+
+Nach dem Gottesdienst begleitete Gudmund seine Braut nach Älvåkra und
+blieb den ganzen Tag dort. Es kam eine Menge jungen Volkes zusammen, um
+Hildurs letzten Jungfernabend zu feiern, und man tanzte bis tief in die
+Nacht hinein. Es gab auch viel zu trinken, aber Gudmund rührte nichts
+an. Den ganzen Abend sprach er kaum ein Wort zu irgend jemand, aber er
+tanzte wild und lachte zuweilen laut und schrill auf, ohne daß jemand
+wußte, worüber.
+
+Gudmund kam nicht vor zwei Uhr nach Hause, und sobald er das Pferd in
+den Stall geführt hatte, ging er zu dem Sumpf hinter dem Hause. Er
+streifte die Schuhe ab, krempelte die Hosen hinauf und watete ins
+Wasser. Es war eine helle Sommernacht, und der Vater stand in dem
+Kämmerchen hinter der Gardine und sah dem Sohne zu. Er sah, wie er tief
+über das Wasser gebeugt einherging und suchte wie in der Nacht zuvor.
+Von Zeit zu Zeit ging er wieder an das Ufer, so als verzweifelte er,
+etwas zu finden, aber nach einer Weile watete er wieder in das Wasser
+hinaus. Einmal ging er in den Stall und holte einen Eimer und begann
+Wasser aus den kleinen Pfützen zu schöpfen, als wollte er sie
+trockenlegen, aber fand es sicherlich zwecklos und stellte den Eimer
+wieder weg. Er versuchte es auch mit einem Sieb. Er durchsuchte den
+ganzen Sumpf damit, aber schien nichts andres heraufzubekommen als
+Schlamm. Erst um die Morgenstunde kam er herein, als die Leute im Hause
+sich schon zu rühren begannen. Da war er so müde und übernächtig, daß er
+im Gehen schwankte, und warf sich aufs Bett, ohne die Kleider abzulegen.
+
+Als die Uhr acht schlug, kam der Vater und weckte ihn. Gudmund lag auf
+dem Bett, die Kleider voll Schlamm und Lehm; aber der Vater fragte
+nicht, was er angestellt habe, sondern sagte nur, es sei jetzt Zeit
+aufzustehen, und schloß die Tür. Nach einer Weile kam Gudmund in die
+Wohnstube herunter, mit den feinen Hochzeitskleidern angetan. Er war
+bleich, und die Augen brannten in unruhigem Glanz, aber niemand hatte
+ihn je so schön gesehen. Die Züge waren wie von einem inneren Schein
+verklärt. Man glaubte einen Menschen zu sehen, der nicht mehr aus
+Fleisch und Blut bestünde, sondern nur noch aus Wille und Seele.
+
+Unten in der Wohnstube sah es festlich aus. Die Mutter hatte ihr
+schwarzes Kleid angelegt und einen schönen Seidenschal über die
+Schultern gehängt, obgleich sie nicht zur Hochzeit fahren wollte. Auch
+alle Dienstleute waren in ihren besten Kleidern. Über dem Herde stak
+frisches Birkenlaub, auf dem Tische lag eine schöne Decke, und viele
+Schüsseln standen darauf.
+
+Als sie gegessen hatten, las Mutter Ingeborg einen Psalm und ein Stück
+aus der Bibel vor. Dann wendete sie sich an Gudmund, dankte ihm, weil er
+ihr ein guter Sohn gewesen war, wünschte ihm Glück für sein zukünftiges
+Leben und gab ihm ihren Segen. Mutter Ingeborg wußte ihre Worte gut zu
+setzen, und Gudmund war sehr gerührt. Immer wieder traten ihm die Tränen
+in die Augen, aber es gelang ihm doch, das Weinen zu unterdrücken. Auch
+der Vater sprach ein paar Worte. »Es wird schwer für deine Eltern sein,
+dich zu verlieren,« sagte er, und Gudmund war wieder nahe daran, in
+Schluchzen auszubrechen. Auch alle Dienstleute traten vor, schüttelten
+ihm die Hand und dankten ihm für die Zeit, die nun zu Ende war.
+Beständig hingen Gudmund die Tränen in den Wimpern. Er räusperte sich
+und machte ein paar Versuche, zu sprechen, doch brachte er kaum ein Wort
+über die Lippen.
+
+Der Vater sollte ihn in das Haus der Braut begleiten und der Hochzeit
+beiwohnen. Er ging in den Hof, spannte das Pferd ein und kam dann
+wieder, um zu sagen, daß es Zeit sei, sich auf den Weg zu machen. Als
+Gudmund sich in den Wagen setzte, merkte er, daß alles so spiegelblank
+war, wie er es selbst immer gern gehabt hatte. Zugleich sah er auch, wie
+fein der Hof herausgeputzt war; der Zufahrtsweg war frisch beschottert;
+alte Holzhaufen und andres Gerümpel, das Zeit seines Lebens dort
+gelegen, waren fortgeschafft. Zu beiden Seiten der Eingangstür standen
+ein paar abgehauene Birken als Triumphpforte, an der Wetterfahne hing
+ein großer Blumenkranz, und aus allen Fensterluken guckten lichtgrüne
+Birkenreiser. Wieder war Gudmund nahe daran, in Tränen auszubrechen. Er
+drückte dem Vater, der eben das Pferd in Gang setzen wollte, heftig die
+Hand. Es war, als wollte er ihn von der Fahrt abhalten. »Willst du
+etwas?« sagte der Vater. -- »Ach nein,« sagte Gudmund »Es ist wohl am
+besten, wenn wir uns auf den Weg machen.«
+
+Bevor sie weit vom Hofe waren, mußte Gudmund noch einmal Abschied
+nehmen. Es war Helga vom Moorhof, die an der Stelle stand und wartete,
+wo der Waldpfad von ihrem Heim her auf den Weg mündete. Der Vater, der
+kutschierte, hielt an, sowie er Helga erblickte. »Ich hab auf euch
+gewartet, weil ich Gudmund Glück wünschen möchte,« sagte Helga. Gudmund
+beugte sich aus dem Wagen und schüttelte Helga die Hand. Er glaubte zu
+sehen, daß sie abgemagert war, ihre Augen waren rot gerändert. Sie lag
+wohl nachts und weinte und sehnte sich nach Närlunda. Aber jetzt
+trachtete sie, fröhlich auszusehen, und lächelte ihm zu. Er war wieder
+sehr gerührt, konnte aber nichts sagen. Der Vater, der ja in dem Rufe
+stand, daß er nicht sprach, ehe die Not am höchsten war, fiel ein: »Ich
+glaube, über diesen Glückwunsch freut sich Gudmund mehr als über irgend
+einen andern.« -- »Ja, das ist sicher,« sagte Gudmund. Sie schüttelten
+sich noch einmal die Hand, und dann fuhr der Vater weiter. Gudmund
+beugte sich aus dem Wagen und sah Helga nach. Als sie von ein paar
+Bäumen verdeckt wurde, riß er plötzlich den Fußsack fort und erhob sich,
+als wolle er aus dem Wagen springen. -- »Willst du Helga noch etwas
+sagen?« fragte der Vater. -- »Nein, ach nein,« antwortete Gudmund und
+setzte sich wieder zurecht.
+
+Sie fuhren noch eine kleine Strecke. Der Vater fuhr sehr gemächlich. Es
+war, als mache es ihm Freude, so mit seinem Sohne neben sich zu fahren.
+Er machte keinerlei Anstalten, rasch ans Ziel zu kommen.
+
+Plötzlich ließ Gudmund den Kopf auf die Schulter des Vaters sinken und
+brach in heftiges Schluchzen aus. »Was ist dir?« fragte Erland und zog
+die Zügel so plötzlich an, daß das Pferd mit einem Ruck stehen blieb.
+-- »Ja, alle sind so gut gegen mich, und ich verdien es nicht.« -- »Du
+hast doch nichts Böses getan?« -- »Doch, Vater, das habe ich.« -- »Das
+wollen wir doch nicht glauben.« -- »Ja, ich hab einen Menschen
+erschlagen.«
+
+Der Vater holte tief Atem. Es klang beinahe wie ein Seufzer der
+Erleichterung; Gudmund hob erstaunt den Kopf und sah ihn an. Der Vater
+ließ das Pferd wieder in Trab fallen, dann sagte er still: »Ich bin
+froh, daß du es selbst gesagt hast.« -- »Wußtet Ihr es denn schon,
+Vater?« -- »Ich sah schon Samstag abend, daß irgend etwas nicht in
+Ordnung war. Und dann fand ich dein Messer im Morast.« -- »Ach so, Ihr
+habt das Messer gefunden!« -- »Ich hab es gefunden, und ich sah, daß die
+eine Klinge abgebrochen war.«
+
+»Ja, Vater, ich weiß, daß die Klinge abgebrochen ist. Aber ich kann mir
+doch nicht denken, daß ich es getan haben soll.« -- »Es ist wohl im
+Rausch geschehen.« -- »Ich weiß nichts, ich kann mich an nichts erinnern.
+Ich sehe es an meinen Kleidern, daß ich bei einer Rauferei war, und ich
+weiß, daß die Messerklinge fort ist.« -- »Ich verstehe, daß du es
+verschweigen wolltest,« sagte der Vater. -- »Ich dachte, die andern
+waren gewiß ebenso sinnlos betrunken wie ich und können sich an nichts
+erinnern. Es liegt vielleicht sonst kein Beweis gegen mich vor als das
+Messer, und darum hab ich es fortgeworfen.« -- »Ich kann mir denken,
+daß du dir die Sache so zurechtgelegt hast.« -- »Ihr versteht, Vater:
+ich weiß nicht, wer der Tote ist; ich hab ihn vielleicht nie im Leben
+gesehen. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich es getan habe. Und da
+sagte ich mir, ich brauchte doch nicht für etwas zu leiden, was ich
+nicht mit Willen getan habe. Aber bald sah ich ein, daß es eine Tollheit
+war, das Messer in den Sumpf zu werfen. Er trocknet doch im Sommer aus,
+und da kann es ein jeder finden. Darum wollte ich es gestern Nacht und
+heute Nacht suchen.« -- »Hast du gar nicht daran gedacht, zu gestehen?«
+-- »Nein, gestern dachte ich nur, wie ich es geheimhalten könnte, und ich
+versuchte zu tanzen und vergnügt zu sein, damit mir niemand etwas
+anmerkte.« -- »War es deine Absicht, vor den Traualtar zu treten, ohne
+zu gestehen? Das ist eine große Verantwortung. Sahst du nicht ein, daß
+du Hildur und ihre Familie mit in dein Elend ziehst, wenn man dich
+entdeckt?« -- »Ich dachte, daß ich sie am besten verschonte, wenn ich
+nichts sagte.«
+
+Sie fuhren im Galopp den Weg entlang. Der Vater schien es jetzt sehr
+eilig zu haben, ans Ziel zu kommen. Die ganze Zeit sprach er zu dem
+Sohne. Er hatte ihm vorher in seinem ganzen Leben nicht so viele Worte
+gesagt.
+
+»Ich wüßte gerne, wodurch du andrer Meinung geworden bist,« sagte er. --
+»Weil Helga kam und mir Glück wünschte. Da brach etwas Hartes in mir.
+Ich war so gerührt über sie. Ich war auch heute morgen über Mutter und
+über Euch gerührt, und ich wollte sprechen und sagen, daß ich eure Liebe
+nicht verdiene, aber das Harte war damals noch in mir und leistete
+Widerstand. Aber als Helga kam, da war es aus und geschehen. Ich meinte,
+sie müßte mir eigentlich böse sein, weil ich doch schuld daran bin, daß
+sie von daheim fort mußte.«
+
+»Nun, denke ich, wirst du mit mir einig sein, daß wir dies gleich den
+Amtmann wissen lassen müssen,« sagte der Vater. -- »Ja,« antwortete
+Gudmund mit leiser Stimme. »Ja gewiß,« fügte er gleich darauf lauter und
+fester hinzu, »ich will Hildur nicht in mein Unglück hineinziehen. Sie
+würde es mir nie verzeihen.« -- »Die Älvåkraleute halten ihre Ehre hoch,
+sie wie andre,« sagte der Vater, »und das magst du wissen, Gudmund: als
+ich heute morgen von daheim fortfuhr, da sagte ich mir, ich muß es dem
+Amtmann erzählen, wie es um dich steht, wenn du dich nicht
+entschließest, es selbst zu tun. Wie hätte ich schweigend zusehen und
+Hildur einen heiraten lassen können, dem jede Stunde eine Anklage wegen
+Mordes droht.«
+
+Er klatschte mit der Peitsche und fuhr in immer rasenderem Galopp. »Das
+wird das Schwerste für dich sein,« sagte er. »Wir müssen es so
+einrichten, daß es bald überstanden ist. Ich denke, der Amtmann und
+seine Familie werden es recht von dir finden, daß du dich selbst
+angibst, und sie werden freundlich gegen dich sein.«
+
+Gudmund antwortete nichts. Er sah immer gequälter aus, je mehr sie sich
+Älvåkra näherten. Der Vater sprach weiter, um ihm Mut zu machen.
+
+»Ich habe einmal eine ähnliche Geschichte gehört,« sagte er. »Ein
+Bräutigam hatte einen Kameraden auf der Jagd erschossen. Es war nicht
+seine Absicht gewesen, und man hatte nicht entdeckt, daß er es war, der
+den tödlichen Schuß abgefeuert hatte. Aber ein paar Tage später sollte
+er heiraten; und als er in das Hochzeitshaus kam, da ging er zur Braut
+und sagte: >Aus der Hochzeit kann nichts werden. Ich will dich nicht in
+das Elend hineinziehen, das mich erwartet.< Aber sie stand schon fertig
+geschmückt da, in Krone und Schleier, und sie nahm ihn bei der Hand und
+führte ihn in den Saal, wo die Gäste versammelt waren und alles für die
+Trauung bereit war. Und sie erzählte allen mit lauter Stimme, was ihr
+der Bräutigam eben gesagt hatte. >Dies erzähle ich, damit alle wissen,
+daß du nicht falsch gegen mich gewesen bist<, sagte sie dann und wendete
+sich an den Bräutigam. >Aber jetzt will ich mich gleich mit dir trauen
+lassen. Denn du bleibst der, der du bist, wenn du auch ins Unglück
+gekommen bist; und was dich auch erwartet, das will ich gemeinsam mit
+dir tragen.<«
+
+Als der Vater mit seiner Erzählung zu Ende war, waren sie gerade bei der
+langen Gasse angelangt, die nach Älvåkra führte. Gudmund sagte mit einem
+wehmütigen Lächeln zu ihm: »So wird es uns nicht ergehen.« -- »Wer
+weiß,« antwortete der Vater und richtete sich im Wagen auf. Er sah den
+Sohn an und mußte wieder staunen, wie schön der an diesem Tage war. »Es
+sollte mich nicht wundern, wenn ihm etwas Großes und Unerwartetes
+widerführe,« dachte er.
+
+Es sollte eine Kirchenhochzeit sein, und eine Menge Leute hatten sich
+schon bei den Brauteltern versammelt, um im Hochzeitszuge mitzufahren.
+Auch viele Verwandte des Amtmanns waren von weit und breit gekommen. Sie
+saßen in ihrem besten Staat auf dem Flur, bereit zur Fahrt in die
+Kirche. Wagen und Kutschen standen im Hof, und man hörte, wie die Pferde
+im Stalle stampften, während sie gestriegelt wurden. Der Dorfspielmann
+saß allein auf der Treppe der Scheuer und stimmte die Fiedel. An einem
+Fenster im oberen Stockwerk stand die Braut fertig angekleidet und hielt
+Ausschau, um den Bräutigam zu sehen, bevor der sie erspäht hätte.
+
+Erland und Gudmund stiegen aus dem Wagen und sagten sogleich, daß sie
+mit Hildur und ihren Eltern allein sprechen müßten. Bald standen sie
+alle in einem kleinen Zimmer, wo der Amtmann sein Schreibpult hatte.
+
+»Ich denke, Herr Amtmann, Sie haben in den Zeitungen von jener
+Schlägerei in der Stadt gelesen, bei der ein Mensch ermordet wurde, in
+der Nacht vom Freitag auf Samstag,« sagte Gudmund so rasch, als leiere
+er eine Lektion herunter. -- »Ja freilich habe ich davon gelesen,« sagte
+der Amtmann. -- »Ich war nämlich in jener Nacht in der Stadt,« fuhr
+Gudmund fort.
+
+Jetzt kam keine Antwort. -- Es wurde totenstill. Gudmund war es, als ob
+alle ihn mit einem solchen Entsetzen anstarrten, daß er nicht
+weitersprechen konnte. Aber der Vater kam ihm zu Hilfe. -- »Gudmund war
+von ein paar Freunden eingeladen. -- Er hat in jener Nacht wohl zu viel
+getrunken, denn als er heimkam, wußte er gar nicht, was mit ihm
+geschehen war. Aber man merkte es ihm an, daß er bei einer Rauferei
+gewesen war, denn seine Kleider waren zerrissen.« Gudmund sah, wie das
+Entsetzen, das die andern empfanden, mit jedem Worte zunahm, aber er
+selbst wurde ruhiger. Ein Gefühl des Trotzes erwachte in ihm, und er
+ergriff wieder das Wort: »Als nun am Samstag abend die Zeitung kam und
+ich von der Schlägerei las und von der Messerklinge, die in der
+Hirnschale des Mannes stecken geblieben war, da zog ich mein Messer
+hervor und sah, daß eine Klinge fehlte.« -- »Das sind schlimme
+Neuigkeiten, die du da bringst, Gudmund,« sagte der Amtmann. »Es wäre
+richtiger gewesen, wenn du uns das gestern gesagt hättest.« -- Gudmund
+schwieg, und da kam ihm der Vater wieder zu Hilfe. -- »Es war nicht so
+leicht für Gudmund. Die Versuchung, das Ganze zu verschweigen, war sehr
+groß. Er verliert sehr viel durch dieses Geständnis.« -- »Ja, wir müssen
+noch froh sein, daß er jetzt gesprochen hat, so daß wir nicht in das
+Elend hineingezogen werden,« sagte der Amtmann bitter.
+
+Gudmund hielt seine Augen die ganze Zeit auf Hildur gerichtet. Sie trug
+Krone und Schleier; und nun sah er, wie sie die Hand hob und eine der
+großen Nadeln herauszog, die die Krone festhielten. Sie schien dies ganz
+unbewußt getan zu haben. Als sie merkte, daß Gudmunds Blicke auf ihr
+ruhten, steckte sie die Nadel wieder hinein.
+
+»Es ist ja noch gar nicht bewiesen, daß Gudmund der Schuldige ist,«
+sagte der Vater, »aber ich begreife: Ihr wollt, daß die Hochzeit
+aufgeschoben wird, bis wir alles aufgeklärt haben.« -- »Es hat wohl
+wenig Zweck, von Aufschub zu sprechen,« sagte der Amtmann. »Ich denke,
+Gudmund ist seiner Sache recht sicher, und wir könnten uns wohl darüber
+einigen, daß es zwischen ihm und Hildur ein für allemal aus ist.«
+
+Gudmund antwortete nicht gleich. Er ging zu seiner Braut hinüber und
+streckte die Hand aus. Sie saß ganz regungslos da und schien ihn nicht
+zu sehen. »Willst du mir nicht Lebewohl sagen, Hildur?« Jetzt sah sie
+auf, und ihre großen Augen blitzten ihn kalt an. -- »Hast du mit dieser
+Hand das Messer geführt?« fragte sie. Gudmund antwortete ihr keine
+Silbe, sondern wendete sich an den Amtmann. -- »Ja, jetzt bin ich meiner
+Sache sicher,« sagte er. »Es hat gar keinen Zweck, die Hochzeit
+aufzuschieben.«
+
+Damit war die Unterredung beendet, und Gudmund und Erland gingen ihrer
+Wege. Sie hatten durch mehrere Stuben und Kammern zu gehen, ehe sie
+hinauskamen, und überall sahen sie Vorbereitungen zur Hochzeit. Die Tür
+nach der Küche stand offen, und sie sahen, wie eine Menge Menschen in
+eiliger Geschäftigkeit durcheinanderliefen. Der Duft von Braten und
+Backwerk drang heraus, der ganze Herd war voll kleiner und großer Töpfe,
+die Kupferkasserollen, die sonst die Wände schmückten, waren
+heruntergenommen und im Gebrauch. »Ach, daß sie alle diese Zurüstungen
+für meine Hochzeit machen!« dachte Gudmund, als er vorüberging.
+
+Er bekam Einblick in den ganzen Reichtum dieses alten Bauernhofes, wie
+er so durch das Haus wanderte. Er sah den Eßsaal, wo große Tische mit
+langen Reihen von Silberbechern und Kannen gedeckt waren. Er kam durch
+die Kleiderkammer, wo auf dem Boden große Truhen standen und an den
+Wänden Kleider in unendlicher Reihe hingen. Als er dann in den Hof
+hinaustrat, sah er eine Menge alte und neue Wagen, prächtige Pferde
+wurden aus dem Stall geführt und schöne Wagendecken in die Kutschen
+gelegt. Er sah über ein paar Höfe, die von Scheunen, Ställen, Schuppen,
+Vorratskammern und noch vielen andern Gebäuden umgeben waren. »Das alles
+hätte mein sein können,« dachte er, als er sich in den Wagen setzte.
+
+Mit einem Male kam bittre Reue über ihn. Er wäre am liebsten aus dem
+Wagen gesprungen und hineingelaufen, um ihnen zu sagen, es sei alles
+nicht wahr, was er erzählt hätte. Er hätte ja nur mit ihnen spaßen und
+sie erschrecken wollen. Es war doch unerhört töricht von ihm gewesen, zu
+bekennen. Was nützte es, daß er gestanden hatte? Dadurch wurde die Sache
+für keinen Menschen besser. Der Tote war ja tot. Nein, dieses
+Geständnis hatte nichts andres zur Folge, als daß auch er ins Verderben
+gestürzt wurde.
+
+In den letzten Wochen hatte er diese Heirat nicht mehr so eifrig
+gewünscht; aber jetzt, da er darauf verzichten mußte, fühlte er erst,
+was sie wert war. Es bedeutete viel, Hildur Erikstochter und alles, was
+an ihr hing, zu verlieren. Was hatte es zu sagen, daß sie eigenwillig
+und selbstherrlich war! Sie war doch die erste von allen in der
+Umgegend, und durch sie wäre er zu großer Macht und Ehre gekommen.
+
+Er trauerte jetzt nicht nur um Hildur und ihr Hab und Gut, sondern auch
+um kleinere Dinge. In diesem Augenblick wäre er zur Kirche gefahren, und
+alle, die ihn gesehen, hätten ihn beneidet. Und heute hätte er zu oberst
+an der Hochzeitstafel gesessen. Heute wäre er mitten in Tanz und
+Fröhlichkeit gewesen. Es war sein großer Glückstag, der ihm nun entging.
+
+Erland drehte den Kopf ein Mal ums andre dem Sohne zu und sah ihn an. Er
+war jetzt nicht so schön und verklärt, wie er am Morgen gewesen war,
+sondern saß stumpf und schwerfällig da mit erloschenem Blick. Der Vater
+hätte wohl gerne gewußt, ob der Sohn sein Geständnis bereue, und er
+wollte ihn danach fragen, hielt es aber doch für richtiger, zu
+schweigen.
+
+»Wohin wollen wir jetzt fahren?« fragte Gudmund nach einer Weile. --
+»Wäre es nicht das beste, gleich zu Gericht zu gehen?« -- »Du mußt
+zuerst nach Hause, damit du ruhen und dich ausschlafen kannst,« sagte
+der Vater. »Du hast in den letzten Nächten wohl nicht viel Schlaf
+gefunden.« -- »Mutter wird erschrecken, wenn sie uns sieht.« -- »Sie
+wird nicht so erstaunt sein,« sagte der Vater, »sie weiß ebenso viel wie
+ich. Sie wird sich freuen, daß du gestanden hast.« -- »Ich glaube,
+Mutter und ihr alle miteinander daheim seid froh, mich ins Gefängnis zu
+bringen,« sagte Gudmund bitter. -- »Wir wissen, daß du viel verlierst,
+weil du recht gehandelt hast,« sagte der Vater, »wir können nicht
+anders: wir müssen uns freuen, daß du dich selbst überwunden hast.«
+
+Gudmund glaubte es nicht ertragen zu können, nach Hause zu fahren und
+allen den Leuten zuzuhören, die ihn rühmen würden, weil er seine Zukunft
+vernichtet hatte. Er suchte einen Vorwand, um niemand treffen zu müssen,
+bevor er sich mehr Ruhe erkämpft hätte. Nun fuhren sie an der Stelle
+vorüber, wo der Pfad zum Moorhof abbog. »Wollt Ihr hier halten, Vater?
+Ich denke, ich gehe zu Helga hinauf und spreche mit ihr.« --
+
+Der Vater hielt bereitwillig das Pferd an. »Komm nur, sobald du kannst,
+nach Hause, damit du dich ausruhst,« sagte er.
+
+Gudmund schlug den Weg in den Wald ein und war bald zwischen den Bäumen
+verschwunden. Er dachte nicht daran, Helga aufzusuchen. Er war nur froh,
+allein zu sein, so daß er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte. Er
+fühlte eine unvernünftige Wut gegen alles, er stieß Steine fort, die ihm
+im Wege lagen, und blieb zuweilen stehen, um einen großen Ast
+abzubrechen, nur weil ein Blatt sein Gesicht gestreift hatte. Er schlug
+den Weg zum Moorhof ein, ging aber an der Hütte vorbei und kletterte den
+Berg hinauf. Hier wurde es ihm bald schwer, weiter zu kommen. Er hatte
+den Pfad verlassen; und um den nächsten Gipfel zu erreichen, mußte er
+über ein breites Flußbett voll kantiger Felsblöcke gehen. Es war eine
+gefährliche Wanderung über die scharfen Felskanten, und er konnte sich
+Arme und Beine brechen, wenn er einen Fehltritt machte. Das wußte er
+sehr wohl, aber er ging doch weiter, als mache es ihm Freude, sich einer
+Gefahr auszusetzen. »Und wenn ich mich zuschanden falle, so findet mich
+hier oben niemand,« dachte er. »Aber was tut das? Ich kann ebensogut
+hier liegen und sterben wie jahrelang hinter Gefängnismauern sitzen.«
+
+Doch alles ging gut ab, und ein paar Minuten später stand er auf der
+Höhe. Über den Berg war einmal ein Waldbrand hingegangen. Die oberste
+Spitze war noch kahl, und von dort hatte man eine meilenweite Aussicht.
+Er sah Täler und Seen, dunkle Wälder und fruchtbare Äcker, Kirchen und
+Herrenhöfe, kleine Bauernhütten und große Dörfer. Weit in der Ferne lag
+die Stadt, in einen weißen Schleier von Sonnenrauch gehüllt, aus dem ein
+paar funkelnde Türme aufragten. Durch die Täler schlängelten sich Wege,
+und ein Eisenbahnzug rollte am Waldessaume vorbei. Es war ein ganzes
+Reich, was er da sah.
+
+Er warf sich zu Boden, hielt aber den Blick noch immer auf die weite
+Fernsicht geheftet. Es war etwas Stolzes und Großes in dieser Landschaft
+vor ihm, und er empfand sich selbst und seine Sorgen als klein und
+unbedeutend.
+
+Ihm kam eine Erinnerung aus seiner Kindheit. Wenn er damals gelesen
+hatte, daß der Versucher Jesus auf einen hohen Berg geführt und ihm alle
+Herrlichkeit der Welt gezeigt hätte, so war er immer der Meinung
+gewesen, die beiden müßten hier oben auf dem Gipfel gestanden haben ...
+Und er sprach die alten Worte vor sich hin: Dies alles will ich dir
+geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
+
+Da kam es ihm plötzlich vor, als sei ihm selbst in diesen letzten Tagen
+eine solche Versuchung entgegengetreten. Wahrlich, hatte ihn nicht der
+Versucher auf einen hohen Berg geführt und ihm alle Herrlichkeit der
+Macht und des Reichtums gezeigt? »Verschweige nur das Böse, das du getan
+hast,« sagte er, »und ich will dir dies alles geben.« Wie Gudmund daran
+dachte, kam ein klein wenig Befriedigung über ihn. »Ich habe ja nein
+geantwortet,« sagte er; und plötzlich begriff er, worum es sich für ihn
+gehandelt hatte. Wenn er geschwiegen hätte, wäre er dann nicht all sein
+Lebtag verurteilt gewesen, den Versucher anzubeten? Ein scheuer,
+mutloser Mann wäre er geworden, ein Sklave von Hab und Gut. Die Furcht
+vor der Entdeckung hätte stets auf ihm gelastet. Nie mehr hätte er sich
+als ein freier Mann fühlen können.
+
+Eine große Ruhe kam über Gudmund. Er wurde ganz glücklich, weil er
+einsah, daß er recht gehandelt hatte. Wenn er an die vergangenen Tage
+zurückdachte, schien es ihm, daß er in einer großen Dunkelheit getappt
+hätte. Es war wunderbar, daß er sich zuletzt doch zurechtgefunden hatte.
+Er fragte sich selbst, wie es zugegangen sei, daß er nicht in die Irre
+gegangen war. »Ich danke es dem, daß sie daheim alle so gut gegen mich
+waren,« dachte er, »und die beste Hilfe war doch, daß Helga kam und mir
+Glück wünschte.«
+
+Er blieb noch eine Weile oben auf dem Gipfel liegen, aber bald sagte er
+sich, er müsse zu Vater und Mutter heimgehen und ihnen sagen, daß er den
+Frieden mit sich selbst gefunden hätte. Als er nun aufstand, um zu
+gehen, bemerkte er, daß ein Stück weiter unten Helga auf einem
+Felsenvorsprung saß.
+
+Sie hatte dort nicht die große weite Aussicht -- nur ein kleines
+Stückchen des Tales war für sie sichtbar. Es war die Gegend, wo Närlunda
+lag, und sie sah vermutlich ein Stück des Hofes. Als Gudmund sie
+erblickte, fühlte er, wie sein Herz, das den ganzen Tag mühsam und
+ängstlich gearbeitet hatte, leicht und fröhlich zu klopfen begann, und
+zu gleicher Zeit durchzuckte ihn ein so starkes Glücksgefühl, daß er
+stehen blieb und über sich selbst staunte.
+
+»Was ist mir denn? Was ist das? Was ist das?« dachte er, während das
+Blut durch seinen Körper strömte und das Glück ihn mit solcher Macht
+packte, daß er es beinahe schmerzhaft empfand. Endlich sagte er mit
+erstaunter Stimme zu sich selbst: »Aber ich hab ja sie lieb! Nein, daß
+ich das bisher gar nicht wußte!«
+
+Es packte ihn mit der Stärke eines befreiten Wasserfalls. Er war die
+ganze Zeit, solange er sie kannte, gebunden gewesen. Alles, was ihn zu
+ihr hinzog, hatte er zurückgedrängt. Jetzt erst war er frei von dem
+Gedanken, eine andre zu heiraten, hatte er die Freiheit, sie zu lieben.
+
+»Helga!« rief er und begann zugleich den Abhang zu ihr
+hinunterzuklettern. Sie wendete sich mit einem erschrockenen Aufschrei
+um. »Hab keine Angst! Ich bin es nur.« -- »Aber bist du denn nicht in
+der Kirche und wirst getraut?« -- »Ach nein, aus der Hochzeit wird
+nichts. Sie will mich nicht haben, Helga.«
+
+Helga richtete sich auf. Sie preßte die Hand aufs Herz und schloß die
+Augen. Sie dachte in diesem Augenblick wohl, daß es nicht Gudmund sei,
+der da kam. Ihre Augen und Ohren müßten hier im Walde verhext worden
+sein. Aber schön und herrlich war es doch, daß er sich zeigte, wenn auch
+nur als Traumerscheinung; und sie schloß die Augen und blieb regungslos
+stehen, um das Trugbild noch ein paar Augenblicke festzuhalten.
+
+Aber Gudmund war wild und toll von der großen Liebe, die in ihm
+aufgelodert war. Sobald er zu Helga heruntergekommen war, schlang er die
+Arme um sie und küßte sie, und sie ließ es geschehen; denn sie war ganz
+betäubt und benommen vor Überraschung. Es war ja zu wunderbar, daß er,
+der gerade jetzt in der Kirche stehen sollte, zur Seite seiner Braut,
+wirklich hierher in den Wald gekommen war. Dieser Geist oder
+Doppelgänger von ihm, der zu ihr gekommen war, mochte sie immerhin
+küssen.
+
+Aber in dem Augenblick, da Gudmund Helga küßte, wachte sie auf und stieß
+ihn von sich. Und nun begann sie ihn mit Fragen zu überschütten. Ob er
+es wirklich selbst sei? Was er im Walde zu tun hätte? Ob ein Unglück
+geschehen? Warum man die Hochzeit aufgeschoben hätte? Ob Hildur krank
+sei? Ob den Pfarrer in der Kirche der Schlag gerührt hätte?
+
+Gudmund wollte mit ihr von nichts anderm auf der Welt sprechen als von
+seiner Liebe; aber sie zwang ihn, zu erzählen, wie alles zugegangen war.
+Während er sprach, saß sie still da und hörte mit tiefer Andacht zu.
+
+Sie unterbrach ihn nicht, bis er von der abgebrochnen Klinge erzählte.
+Da fuhr sie auf und fragte, ob es sein gewöhnliches Messer sei, das er
+gehabt hätte, als sie noch auf Närlunda diente.
+
+»Ja, gerade das war es,« sagte er. -- »Wieviel Klingen waren denn
+abgebrochen?« fragte sie. -- »Nicht mehr als eine.«
+
+In Helgas Kopf begann es zu arbeiten. Sie saß mit gerunzelter Stirn da
+und suchte sich an etwas zu erinnern. Wie war es doch? Ja gewiß. Sie
+entsann sich deutlich, daß sie sich dieses Messer an dem Tage, bevor sie
+fortging, von ihm ausgeliehen hatte, um Holz zu spalten; dabei hatte sie
+es zerbrochen, aber sie war nicht dazu gekommen, es ihm zu sagen. Er
+war ihr damals immer ausgewichen und hatte nicht mit ihr sprechen
+wollen. Und nun hatte er das Messer wohl seitdem in der Tasche gehabt
+und gar nicht bemerkt, daß es zerbrochen war.
+
+Sie hob den Kopf und wollte ihm dies eben sagen; doch er erzählte weiter
+von seinem Besuch heute morgen im Hochzeitshaus, und sie wollte ihn zu
+Ende kommen lassen. Als sie hörte, wie er von Hildur geschieden war,
+erschien ihr dies als ein so furchtbares Unglück, daß sie ihn mit
+Vorwürfen überhäufte. »Das ist deine eigne Schuld,« sagte sie. »Da kommt
+ihr, du und dein Vater, angefahren und erschreckt sie zu Tode mit der
+furchtbaren Botschaft. So hätte sie nicht geantwortet, wenn sie bei
+Sinnen gewesen wäre. Ich will dir eines sagen: ich glaube, sie bereut es
+schon in diesem Augenblick.« -- »Meinethalben mag sie bereuen, soviel
+sie will,« sagte Gudmund. »Ich weiß jetzt, daß sie eine ist, die immer
+nur an sich selbst denkt. Ich bin froh, daß ich sie los bin.«
+
+Helga preßte die Lippen aufeinander, damit ihr das große Geheimnis nicht
+entschlüpfe. Sie hatte viel zu denken. Es handelte sich nicht nur darum,
+Gudmund von dem Morde reinzuwaschen. Es herrschte ja auch Feindschaft
+zwischen Gudmund und seiner Braut. Könnte sie nicht versuchen, die
+beiden mit Hilfe dessen, was sie wußte, zu versöhnen?
+
+Wieder saß sie stumm da und grübelte, bis Gudmund davon zu sprechen
+begann, daß er seinen Sinn jetzt ihr zugewandt hätte.
+
+Aber das erschien ihr als das größte Unglück, das ihm an diesem Tage
+widerfahren war. Schlimm war es schon, daß die vorteilhafte Heirat zu
+scheitern drohte, noch schlimmer aber, daß er um eine wie sie werben
+wollte. »Nein, so etwas darfst du mir nicht sagen,« rief sie und sprang
+plötzlich auf. -- »Warum soll ich es dir nicht sagen?« fragte Gudmund und
+erblaßte. »Ist es mit dir vielleicht gerade so wie mit Hildur? Hast du
+Angst vor mir?« -- »Nein, nicht deshalb.« Sie wollte ihm erklären, daß
+er in sein eigenes Verderben renne, aber er hörte ihr gar nicht zu. --
+»Ich habe gehört, daß es früher einmal Frauen gab, die den Männern zur
+Seite standen, wenn sie in Not kamen; aber heute trifft man solche
+Frauen nicht mehr.« Helga erzitterte. Sie hätte die Arme um seinen Hals
+schlingen wollen, aber sie verhielt sich still. Heute mußte sie
+vernünftig sein. -- »Es ist ja wahr, ich hätte dich nicht an demselben
+Tage, wo ich ins Gefängnis soll, bitten dürfen, mein Weib zu werden.
+Aber der Gedanke, daß du auf mich warten würdest, bis ich wieder frei
+wäre, hätte mich all das Schwere mit leichtem Mut erdulden lassen.«
+-- »Ich bin es nicht, die auf dich warten soll, Gudmund.« -- »Alle
+Menschen werden mich jetzt als einen Missetäter betrachten, als einen,
+der sich besäuft und mordet. Ach wenn es nur eine gäbe, die mich mit
+Liebe ansehen könnte! Das würde mich besser aufrechterhalten als alles
+andre.« -- »Du weißt, daß ich nie etwas andres als Gutes von dir denken
+werde, Gudmund.«
+
+Helga war sehr still. Gudmunds Bitten wurden fast zu viel für sie. Sie
+wußte gar nicht, wie sie ihm entkommen sollte. Aber Gudmund verstand
+nichts, sondern begann zu glauben, daß er sich geirrt habe. Sie könnte
+nicht dasselbe für ihn empfinden wie er für sie. Er kam ganz dicht an
+sie heran und sah sie an, als wollte er mitten durch sie hindurchsehen.
+»Sitzest du nicht gerade auf diesem Felsen hier, um nach Närlunda
+hinunterzusehen?« -- »Ja, das tu ich.« -- »Sehnst du dich nicht Tag und
+Nacht hin?« -- »Ja. Aber ich sehne mich nicht nach einem Menschen.«
+-- »Und mich magst du gar nicht?« -- »O ja, aber ich will dich nicht
+heiraten.« -- »Wen hast du denn gern?« -- Helga schwieg. -- »Per
+Martensson?« -- »Ja, ihm hab ich gesagt, daß ich ihn gern habe,« sagte
+sie und war ganz zermartert.
+
+Gudmund blieb ein Weilchen stehen und sah sie mit ergrimmtem Gesicht an.
+»Dann also lebewohl! Jetzt gehen wir getrennte Wege, du und ich,« sagte
+er, und damit machte er einen gewaltigen Sprung von dem Stein zum
+nächsten Felsabsatz und verschwand unter den Bäumen.
+
+
+6
+
+Kaum war Gudmund verschwunden, als Helga auf einem andern Wege den Berg
+hinuntereilte. Sie lief am Moorhof vorbei, ohne stehen zu bleiben und
+eilte dann, so rasch sie konnte, über die Waldhügel hinunter auf den
+Weg. Im ersten Bauernhof, den sie erreichte, bat sie die Inwohner, ihr
+Pferd und Fuhrwerk zu leihen, damit sie nach Älvåkra fahren könnte. Sie
+sagte, es gälte das Leben, daß sie hinkäme, und versprach, dafür zu
+zahlen. Die Dorfleute waren schon heimgekommen und hatten von der
+unterbliebenen Hochzeit erzählt. Alle waren sehr bewegt und mitleidig,
+und man wollte Helga die Hilfe nicht verweigern, da sie eine wichtige
+Botschaft für die Leute auf Älvåkra zu haben schien.
+
+In Älvåkra saß Hildur Erikstochter in einer kleinen Kammer im oberen
+Stockwerk, wo sie ihr Brautkleid abgelegt hatte. Die Mutter und ein paar
+andre Bäuerinnen waren um sie. Hildur weinte nicht, aber sie war
+ungewöhnlich still und blaß; es sah aus, als würde sie jeden Augenblick
+krank hinsinken. Die Frauen sprachen die ganze Zeit von Gudmund. Alle
+tadelten ihn und schienen es als ein Glück für Hildur anzusehen, daß sie
+von ihm befreit war. Einige meinten, Gudmund habe wenig Rücksicht auf
+die Schwiegereltern gezeigt. Er hätte ihnen schon am Pfingsttage sagen
+müssen, wie es um ihn stand. Andre sagten, wem ein so großes Glück
+bevorstünde, der müßte besser auf sich achten. Und einige
+beglückwünschten Hildur, daß sie dem Schicksal entging, einen zu
+heiraten, der sich so sinnlos betrinken konnte, daß er nicht mehr wußte,
+was er tat.
+
+Mitten unter diesen Reden schien Hildur ungeduldig zu werden; sie stand
+auf, um das Zimmer zu verlassen. Sowie sie zur Tür hinaus war, kam ihre
+beste Freundin, ein junges Bauernmädchen, und flüsterte ihr zu: »Unten
+ist jemand, der mit dir sprechen will.« -- »Ist es Gudmund?« fragte
+Hildur, und ein Strahl des Lebens leuchtete in ihren Augen auf. -- »Nein,
+aber, ich glaube, eine Botschaft von ihm. Sie will, was sie auszurichten
+hat, keinem als nur dir selbst sagen.« Nun hatte Hildur den ganzen Tag
+dagesessen und gedacht, daß jemand kommen müsse, der diesem Elend ein
+Ende machte. Sie konnte es gar nicht begreifen, daß ein so schreckliches
+Unglück sie treffen sollte. Sie meinte, es müsse etwas geschehen, das es
+ihr möglich machte, Krone und Kranz wieder aufzusetzen, mit dem
+Hochzeitszug zur Kirche zu fahren und getraut zu werden. Als sie nun von
+einer Botschaft Gudmunds hörte, wurde sie ganz eifrig und lief eilends
+zu Helga hinaus, die vor der Küchentür stand und auf sie wartete.
+
+Hildur wunderte sich wohl, daß Gudmund Helga zu ihr schickte, aber sie
+dachte, er hätte vielleicht heute am Feiertag keine andre Botin
+gefunden, und begrüßte sie freundlich.
+
+Sie winkte Helga, ihr in die Milchkammer zu folgen, die drüben auf der
+andern Längsseite des Hofes lag. »Ich weiß keinen andern Ort, wo wir
+allein sprechen können,« sagte sie. »Wir haben noch das ganze Haus voll
+Leute.«
+
+Sobald sie drinnen waren, trat Helga dicht an Hildur heran und sah ihr
+ins Gesicht. »Bevor ich etwas sage, muß ich erst wissen, ob du Gudmund
+lieb hast, Hildur.« Hildur zuckte vor Empörung zusammen. Es war ihr
+eine Qual, mit Helga auch nur ein einziges Wort wechseln zu müssen, und
+sie hatte wahrlich keine Lust, sie zu ihrer Vertrauten zu machen. Aber
+nun war die Not am höchsten, und so zwang sie sich, zu antworten:
+»Warum, glaubst du, hätte ich ihn sonst heiraten wollen?« -- »Ich meine,
+ob du ihn noch lieb hast, Hildur?« -- Hildur wurde wie zu Stein, aber
+unter dem forschenden Blick der andern konnte sie nicht lügen. --
+»Vielleicht habe ich ihn noch nie so lieb gehabt wie heute,« sagte sie,
+jedoch so leise, daß man glauben konnte, es täte ihr weh, die Worte
+auszusprechen.
+
+»Dann komm gleich mit mir,« sagte Helga. »Ich habe drunten auf der
+Straße einen Wagen stehen. Du brauchst dich nur fertig zu machen, dann
+können wir gleich nach Närlunda fahren.« -- »Wozu soll es gut sein, daß
+ich hinfahre?« fragte Hildur. -- »Du mußt hinfahren und sagen, daß du
+Gudmund angehören willst, Hildur, was er auch getan haben mag, und daß
+du treu auf ihn warten wirst, während er im Gefängnis sitzt.« -- »Warum
+soll ich das sagen?« -- »Damit alles zwischen euch wieder gut wird.«
+-- »Aber das ist ja unmöglich. Ich will doch keinen heiraten, der im
+Gefängnis gesessen hat.«
+
+Helga prallte ein paar Schritte zurück, so als wäre sie an eine Mauer
+gestoßen. Aber sie faßte rasch wieder Mut. Sie konnte ja begreifen, daß,
+wer mächtig und reich war wie Hildur, so denken mußte. »Ich wäre nicht
+hierher gekommen und hätte dich nicht gebeten, nach Närlunda zu fahren,
+wenn ich nicht wüßte, daß Gudmund unschuldig ist,« sagte sie. Jetzt war
+es Hildur, die einen Schritt von Helga forttrat. -- »Weißt du das, oder
+ist es nur etwas, was du glaubst?« -- »Es wäre besser, wenn wir uns
+gleich in den Wagen setzten, dann könnte ich es dir unterwegs erzählen,
+Hildur.« -- »Nein, erst mußt du mir alles sagen. Ich muß wissen, was ich
+tue.« Helga war so voll brennenden Eifers, daß sie kaum stillstehen
+konnte, aber sie mußte sich doch bequemen, Hildur zu erzählen, woher sie
+wüßte, daß nicht Gudmund der Täter sei. »Hast du das Gudmund nicht
+gleich gesagt?« -- »Nein, ich sage es jetzt dir, Hildur. Kein andrer
+weiß es.« -- »Und warum kommst du mit dieser Nachricht zu mir?« --
+»Damit es zwischen euch wieder gut werde. Auch er wird wohl bald
+erfahren, daß er nichts Böses getan hat, aber ich will, daß du wie von
+selbst zu ihm kommst, Hildur, und es gut machst.« -- »Ich soll nicht
+sagen, daß ich von seiner Schuldlosigkeit weiß?« -- »Du sollst ganz von
+selbst kommen, Hildur, und ihm nie verraten, daß ich mit dir gesprochen
+habe. Sonst verzeiht er dir nie, was du ihm heute morgen gesagt hast.«
+
+Hildur hörte schweigend zu. Es lag etwas in diesen Worten, was ihr noch
+nie im Leben begegnet war, und sie war bemüht, es sich klarzumachen.
+»Weißt du, daß ich es war, die verlangte, daß du aus Närlunda
+fortkommst?« -- »Ich weiß wohl, daß es nicht die Leute auf Närlunda
+waren, die mich forthaben wollten.« -- »Ich kann gar nicht verstehen,
+daß du heute zu mir kommst und mir helfen willst.« -- »Wenn du jetzt nur
+mitkommst, Hildur, so kann alles gut werden!« Aber Hildur sah Helga an,
+noch immer in dieselben Grübeleien versunken. -- »Vielleicht hat Gudmund
+dich lieb,« warf sie hin. Aber nun riß Helga die Geduld. -- »Was hätte
+er denn an mir!« sagte sie heftig, »du weißt doch, Hildur, daß ich
+nichts andres bin als eine arme Häuslerdirne, und das ist noch nicht
+einmal das Allerschlimmste.«
+
+Die beiden jungen Mädchen schlichen sich unbemerkt aus dem Haus und
+saßen bald im Wagen. Helga kutschierte, und sie schonte das Pferd nicht,
+sondern ließ es rasch traben. Sie waren beide stumm. Hildur saß da und
+sah Helga an. Es war, als könnte sie sich nicht genug über sie wundern,
+und als dächte sie mehr an sie als an irgend etwas andres.
+
+Als sie in die Nähe des Hofes kamen, übergab Helga Hildur die Zügel.
+»Jetzt sollst du allein hinfahren, Hildur, und mit Gudmund sprechen. Ich
+komme in einer Weile nach und erzähle die Geschichte mit dem Messer.
+Aber du darfst Gudmund kein Wort davon sagen, Hildur, daß ich dich
+geholt habe.«
+
+Gudmund saß in der Wohnstube auf Närlunda neben Mutter Ingeborg und
+sprach mit ihr. Der Vater saß etwas abseits und rauchte. Er sah
+zufrieden aus und sagte kein Wort. Man merkte, er war der Meinung,
+jetzt gehe alles, wie es sollte, so daß er nicht einzugreifen brauchte.
+
+»Ich wüßte wohl gerne, Mutter, was Ihr gesagt haben würdet, wenn Ihr
+Helga als Schwiegertochter bekommen hättet,« sagte Gudmund. Mutter
+Ingeborg hob den Kopf und antwortete mit fester Stimme: »Ich werde jede
+Schwiegertochter mit Freuden aufnehmen, wenn ich nur weiß, daß sie dich
+so lieb hat, wie eine Frau ihren Mann lieb haben soll.«
+
+Kaum war dies gesagt, als sie Hildur Erikstochter in den Hof einfahren
+sahen. Sie kam gleich darauf ins Haus und war ganz anders als sonst. Sie
+trat nicht in ihrer gewohnten zuversichtlichen Art in das Zimmer,
+sondern es sah fast aus, als wolle sie unten an der Tür stehen bleiben
+wie ein armes Bettelmädchen.
+
+Sie kam jedoch heran und gab Mutter Ingeborg und Erland die Hand. Dann
+wendete sie sich an Gudmund. »Mit dir will ich ein paar Worte sprechen.«
+Gudmund stand auf, und sie gingen in die Kammer. Er stellte Hildur einen
+Stuhl hin, aber sie setzte sich nicht. Sie war ganz rot vor
+Verlegenheit, und die Worte kamen langsam und scheu über ihre Lippen:
+»Ich war wohl -- -- ja, es war vielleicht zu hart, was ich heute morgen
+sagte.« -- »Ach, wir haben dich damit so plötzlich überfallen,« sagte
+Gudmund. Sie wurde noch röter und beschämter. »Ich hätte es mir besser
+überlegen sollen. Wir könnten -- es sollte doch -- -- « -- »Es ist schon
+am besten, wie es ist, Hildur. Darüber ist nichts mehr zu reden; aber
+es ist schön, daß du gekommen bist.«
+
+Sie schlug die Hände vors Gesicht, holte sehr tief Atem, daß es klang
+wie ein Schluchzen, hob dann aber den Kopf wieder. »Nein,« sagte sie.
+»Es geht nicht. Ich will nicht, daß du mich für besser hältst, als ich
+bin. Jemand kam zu mir und sagte, daß du unschuldig bist, und riet mir,
+hierher zu eilen und alles wieder gutzumachen. Und ich sollte nicht
+sagen, daß ich schon weiß, daß du unschuldig bist. Denn dann würdest du
+nicht so viel daran finden, daß ich komme. Jetzt sage ich dir: ich
+wünschte, ich wäre selbst auf den Gedanken gekommen. Doch so war es
+nicht. Aber ich habe mich den ganzen Tag nach dir gesehnt und gewünscht,
+daß es wieder gut zwischen uns werden könnte. Und wie es auch kommen
+mag: eins will ich dir sagen, ich freue mich, daß du unschuldig bist.«
+
+»Wer hat dir denn diesen Rat gegeben, Hildur?« fragte Gudmund. -- »Das
+darf ich nicht sagen.« -- »Ich wundere mich, daß es jemand weiß. Vater
+kommt eben jetzt vom Bürgermeister. Er hat in die Stadt telegraphiert.
+Und es ist die Antwort gekommen, daß der wahre Täter schon gefunden
+ist.«
+
+Als Gudmund dies sagte, fühlte Hildur, wie die Beine unter ihr
+zitterten, und sie setzte sich rasch nieder. Es wurde ihr ganz angst,
+weil Gudmund so ruhig und freundlich war, und sie begann zu verstehen,
+daß er ganz außerhalb ihrer Macht war. »Ich sehe schon, du kannst es
+nicht vergessen, Gudmund, wie ich heute vormittag gewesen bin.« -- »O
+doch, das kann ich dir schon verzeihen, Hildur,« sagte er in demselben
+ruhigen Ton. »Davon wollen wir nie mehr sprechen.«
+
+Sie erzitterte, schlug die Augen nieder und saß da, als wartete sie auf
+etwas. »Es ist nur ein großes Glück, Hildur,« sagte er und kam heran und
+ergriff ihre Hand, »daß es zwischen uns aus ist. Denn heute ist es mir
+klar geworden, daß ich eine andre lieb habe. Ich glaube, ich hatte sie
+schon lange lieb, aber ich weiß es erst seit heute.« -- »Wer ist die,
+die du lieb hast, Gudmund,« kam es tonlos von Hildurs Lippen. -- »Das
+kommt ja auf eins heraus. Ich werde sie nicht heiraten, denn sie hat
+mich nicht lieb. Aber eine andre kann ich nicht nehmen.«
+
+Hildur hob den Kopf. Es war nicht leicht, zu sagen, was in ihr vorging.
+Aber sie fühlte in diesem Augenblick, daß sie, die Großbauerntochter,
+mit all ihrem Reiz und allem ihrem Hab und Gut nichts für Gudmund
+bedeutete. Und sie war stolz und wollte nicht von ihm scheiden, ohne ihm
+zu zeigen, daß sie ihren Wert in sich hatte, abgesehen von allem
+Äußerlichen.
+
+»Ich will, Gudmund, daß du mir sagst, ob es Helga vom Moorhof ist, die
+du gern hast.«
+
+Gudmund stand schweigend da. »Denn wenn es Helga ist, dann weiß ich, daß
+sie dich lieb hat. Sie kam zu mir und lehrte mich, was ich tun sollte,
+damit es zwischen uns wieder gut würde. Sie wußte, daß du unschuldig
+bist, aber sie sagte es nicht dir, sondern ließ es mich zuerst wissen.«
+-- Gudmund sah ihr fest in die Augen. »Findest du darin ein Zeichen, daß
+sie eine große Liebe für mich hat?« -- »Dessen kannst du sicher sein,
+Gudmund. Das kann ich bezeugen. Niemand in der Welt kann dich lieber
+haben als sie.« Er ging hastig durch das Zimmer. Dann blieb er vor Hildur
+stehen. »Aber du? Warum sagst du mir das?« -- »Ich will Helga an Edelmut
+nicht nachstehen.« -- »Ach, Hildur, Hildur!« sagte er, legte die Hand auf
+die Schultern und schüttelte sie, um seiner Rührung Luft zu machen. »Du
+weißt nicht, nein, du weißt nicht, wie gut ich dir in diesem Augenblick
+bin. Du weißt nicht, wie glücklich du mich gemacht hast -- -- --«
+
+ * * * * *
+
+Helga saß am Wegrand und wartete. Sie saß da, das Kinn in die Hand
+gestützt und sah zu Boden. Sie sah Gudmund und Hildur vor sich und
+dachte, wie glücklich sie jetzt sein müßten.
+
+Während sie so dasaß, kam ein Knecht aus Närlunda vorüber. Als er sie
+sah, blieb er stehen. »Du hast doch von Gudmund gehört, Helga?« -- Ja,
+das hatte sie. -- »Die ganze Geschichte ist ja gar nicht wahr. Der
+richtige Täter ist schon verhaftet.« -- »Ich wußte, daß es nicht wahr
+sein konnte,« sagte Helga.
+
+Dann ging der Mann, aber Helga blieb am Wegrand sitzen wie zuvor. Ja so,
+drüben wußten sie es schon. Sie brauchte gar nicht nach Närlunda zu
+gehen, um es zu erzählen.
+
+Sie fühlte sich so wunderlich ausgeschlossen. Vorhin erst war sie so
+eifrig gewesen. Sie hatte gar nicht an sich selbst gedacht, nur daran,
+daß Gudmunds und Hildurs Hochzeit zustande kommen müsse. Aber jetzt erst
+stand es ihr vor Augen, wie einsam sie war. Und es war schwer, für die,
+die man lieb hatte, nichts sein zu dürfen. Jetzt brauchte Gudmund sie
+nicht, und ihr eigenes Kind hatte ihre Mutter zu dem ihren gemacht. Sie
+gönnte ihr kaum, daß sie es ansah.
+
+Sie dachte daran, daß sie aufstehen und nach Hause gehen müsse. Aber die
+Hügel erschienen ihr so steil und schwer zu ersteigen. Sie wußte gar
+nicht, wie sie hinaufkommen solle.
+
+Da kam ein Wagen aus Närlunda. Hildur und Gudmund saßen darin. Jetzt
+führen sie wohl nach Älvåkra, um zu sagen, daß sie sich ausgesöhnt
+hätten. Und morgen fände dann die Hochzeit statt.
+
+Als sie Helga erblickten, hielten sie an. Gudmund gab Hildur die Zügel
+und sprang heraus. Hildur nickte Helga zu und fuhr weiter.
+
+Gudmund blieb auf dem Wege vor Helga stehen. »Ich bin froh, daß du hier
+sitzest, Helga,« sagte er. »Ich glaubte, ich müßte nach dem Moorhof
+hinaufgehen, um dich zu treffen.«
+
+Er sagte dies heftig, beinahe hart, und dabei hielt er ihre Hand fest
+umklammert, und sie sah es seinen Augen an, daß er jetzt wußte, wie es
+um sie stand. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entfliehen.
+
+
+
+
+Gottesfriede
+
+
+Es war einmal ein alter Bauernhof, und es war ein Weihnachtsabend mit
+grauem Himmel, wie vor einem großen Schneefall, und mit scharfem
+Nordwind. Am Nachmittag war es, gerade um die Zeit, wo alle Leute es
+eilig hatten, ihre Arbeit zu Ende zu bringen, damit sie dann in der
+Badehütte baden konnten. Dort drinnen feuerte man so heftig ein, daß die
+Flammen zum Schornstein hinausschlugen und eine Menge Funken und
+Rußflocken mit dem Winde flogen und auf die schneebedeckten
+Schindeldächer niederfielen.
+
+Wie die Flamme so aus dem Schornstein der Badehütte aufstieg und sich
+gleich einer Feuersäule über den Bauernhof erhob, begannen alle zu
+spüren, daß Weihnachten vor der Tür stand. Die Magd, die im Hausflur lag
+und scheuerte, fing leise zu singen an obgleich das Scheuerwasser in dem
+Kübel neben ihr zu Eis gefror, die Knechte, die im Schuppen standen und
+das Weihnachtsholz hackten, begannen zwei Scheite auf einmal zu spalten
+und schwangen die Axt so lustig, als wäre die Arbeit nur ein Spiel.
+
+Aus dem Speicher kam eine alte Frau mit einem großen Haufen runder
+Bierwürzenbrote auf dem Arm. Sie ging langsam über den Hof in das große
+rotgestrichne Wohnhaus und trat vorsichtig in die Wohnstube, wo sie die
+Brote auf die lange Bank niederlegte. Dann breitete sie ein Tuch auf den
+Tisch und legte das Brot in Häufchen, in jedes ein großes und ein
+kleines. Sie war eine seltsam häßliche alte Frau, mit rötlichem Haar,
+schweren, schlaffen Augenlidern und einem eignen so strammen Zug um Mund
+und Kinn, als wären die Halssehnen zu kurz. Aber nun am Weihnachtsabend
+war eine solche Freude und ein solcher Friede über ihr, daß man gar
+nicht sehen konnte, wie häßlich sie war.
+
+Einen Menschen aber gab es auf dem Hof, der nicht vergnügt war, und das
+war das Mädchen, welches die Birkenruten band, die beim Baden benützt
+werden sollten. Sie saß am Herd, einen ganzen Arm voll feiner
+Birkenreiser vor sich auf dem Boden, und band; doch hatte sie keine
+haltbaren Gerten, um die Zweige zusammenzubinden. Die Wohnstube hatte
+ein breites, niedriges Fenster mit kleinen Scheiben, und durch diese
+fiel der Schein aus der Badehütte ins Zimmer, spielte auf dem Fußboden
+und vergoldete das Birkenreisig. Aber je lustiger das Feuer brannte,
+desto unglücklicher wurde das Mädchen. Sie wußte, daß die Rutenbüschel
+auseinanderfallen müßten, sobald man sie nur anrührte, und daß sie darum
+Spott und Schmach erleiden würde, zum mindesten so lange, bis ein neues
+Weihnachtsfeuer in diesem Schornstein flammte.
+
+Wie sie so dasaß und sich unglücklich fühlte, trat der Mann in die
+Stube, vor dem sie die allergrößte Angst hatte. Es war der Hausvater
+Ingmar Ingmarson in eigner Person. Sicherlich war er in der Badehütte
+gewesen, um sich zu vergewissern, daß der Ofen heiß genug würde; und nun
+wollte er sehen, wie es mit den Rutenbüscheln stünde. Er war alt, Ingmar
+Ingmarson, und er hielt auf alles, was alt war. Und gerade weil die
+Leute es jetzt aufzugeben begannen, in der Badehütte zu baden und sich
+mit Birkenreisern peitschen zu lassen, legte er großes Gewicht darauf,
+daß es auf seinem Hof geschehe, und ordentlich geschehe.
+
+Ingmar Ingmarson trug einen alten Schafpelz und Lederhosen und
+Pechdrahtstiefel. Er war schmutzig und unbarbiert und kam in seiner
+bedächtigen Art so leise herein, daß man ihn ebensogut für einen Bettler
+hätte halten können. Er zeigte ungefähr dieselben Züge und dieselbe
+Häßlichkeit wie die Frau; sie waren miteinander verwandt, und sie hatte
+von altersher gelernt, eine heilige Ehrfurcht vor jedem zu haben, der
+dieses Aussehen hatte. Denn es bedeutete viel, dem alten Geschlecht der
+Ingmarsöhne anzugehören, das allezeit das vornehmste in der Gegend
+gewesen war; aber das Höchste, was ein Mensch sein konnte, war Ingmar
+Ingmarson selbst, der Reichste, der Klügste und der Mächtigste im ganzen
+Kirchspiel.
+
+Ingmar Ingmarson kam auf das Mädchen zu, bückte sich, nahm eines der
+fertigen Rutenbüschel und schwang es durch die Luft. Sogleich flogen
+die Ruten auseinander; eine landete auf dem Weihnachtstisch und eine
+andre im Himmelbett.
+
+»Hei, min Deern,« sagte der alte Ingmar und lachte, »glaubst du, daß man
+solche Ruten brauchen kann, wenn man bei den Ingmarsöhnen badet? Oder
+hast du solche heillose Angst um deine Haut?«
+
+Da der Hausvater es nicht übler aufnahm, faßte das Mädchen Mut und
+sagte, sie wolle schon Rutenbüschel binden, die hielten, wenn man ihr
+nur Gerten zum Binden gäbe.
+
+»Dann muß man dir wohl Gerten schaffen, min Deern,« sagte der alte
+Ingmar; denn er war in rechter Weihnachtsstimmung.
+
+Er ging aus der Wohnstube, kletterte über die Magd mit dem Scheuereimer
+hinweg und blieb auf der Türschwelle stehen, sich nach jemand umzusehen,
+den er in den Birkenhain um Gerten schicken könnte. Die Knechte waren
+noch bei dem Weihnachtsholz, der Sohn kam mit dem Weihnachtsstroh aus
+der Tenne, die beiden Schwiegersöhne schleppten eben die Arbeitswagen in
+die Schuppen, damit der Hof feiertäglich aussähe. Keiner von ihnen hatte
+Zeit, sich aus dem Hause zu entfernen.
+
+Da beschloß der Alte ganz gelassen, sich selbst auf den Weg zu machen.
+Er ging schräg über den Hof, als wolle er in den Stall, sah sich um,
+sich zu vergewissern, daß niemand auf ihn acht gäbe, und schlüpfte dann
+hinter die Stallwand, wo ein halbwegs gebahnter Weg in den Wald hinauf
+führte. Der Alte hielt es nicht für nötig, jemand zu sagen, wohin er
+ging, denn sonst hätte es vielleicht dem Sohn oder einem der Eidame
+einfallen können, ihn abzuhalten. Und alte Leute wollen nun einmal am
+liebsten ihren eignen Willen haben.
+
+Er schlug den Weg über die Felder durch das kleine Tannenwäldchen ein
+und kam zu dem Birkenhain. Hier bog er vom Wege ab und watete in den
+Schnee hinauf, um ein paar einjährige Birkenschößlinge zu finden.
+
+Um diese Zeit hatte der Wind endlich erreicht, woran er den ganzen Tag
+gearbeitet hatte: er hatte den Schnee aus den Wolken losgerissen, und
+jetzt kam er den Wald heraufgefegt, mit einer langen Schleppe von
+Schneeflocken hinter sich.
+
+Ingmar Ingmarson bückte sich eben, um einen Zweig abzuschneiden, als der
+Wind, ganz mit Schnee beladen, heransauste. In dem Augenblick, als der
+alte Mann sich aufrichtete, pustete der Wind los und blies ihm einen
+Haufen Flocken ins Gesicht. Er bekam die Augen voll Schnee, und der Wind
+wirbelte so heftig rings um ihn, daß er sich ein paarmal herumdrehen
+mußte.
+
+Das ganze Unglück kam wohl daher, daß Ingmar Ingmarson alt geworden war.
+In seinen Jugendtagen hätte ihn ein Schneesturm wohl kaum schwindelig
+gemacht, aber jetzt drehte sich alles im Kreise, als wenn er sich in
+einer Weihnachtspolka herumgeschwungen hätte. Und als er heimwärts gehen
+wollte, ging er gerade nach der verkehrten Richtung. Er ging geradewegs
+in den großen Tannenwald hinein, der hinter dem Birkenhain anfing,
+anstatt zu den Feldern hinunter.
+
+Die Dunkelheit brach schnell herein, und unter den jungen Bäumen am
+Waldessaum trieb das Schneegestöber sein Spiel weiter. Der Alte sah
+wohl, daß er zwischen Tannen ging, aber er merkte nicht, daß er fehl
+gegangen war; denn auch auf der Seite des Birkenwaldes, die dem Hofe
+zugekehrt war, wuchsen Tannen. Aber nun kam er so tief in den Wald
+hinein, daß es ganz ruhig und still wurde; von dem Sturm war nichts mehr
+zu spüren, und die Bäume wurden hoch und großstämmig. Da sah er, daß er
+in die Irre gegangen war, und wollte umkehren.
+
+Er war ganz traumselig und erregt davon, daß er sich hatte verirren
+können; und wie er so mitten in dem weglosen Wald stand, war er nicht
+klar genug im Kopfe, um zu wissen, wohin er gehen müßte. Er schlug
+zuerst eine Richtung ein und dann wieder eine andre. Endlich kam es ihm
+in den Sinn, in seinen eignen Fußstapfen zurückzugehen, dann aber brach
+die Dunkelheit herein, und er konnte die Fußstapfen nicht mehr finden.
+Und höher und höher wurden die Bäume um ihn. Er mochte gehen, wie er
+wollte, -- er merkte schon, daß er sich weiter und weiter vom Waldsaum
+entfernte.
+
+Es war rein wie verhext und verzaubert: den ganzen Abend mußte er hier
+im Walde herumlaufen und kam gewiß zu spät zum Baden.
+
+Er drehte die Mütze um und knüpfte sein Strumpfband anders, aber es
+blieb ihm ebenso wirr im Kopfe wie zuvor, und es wurde ganz dunkel, und
+er fing an zu glauben, daß er die Nacht über im Walde bleiben müßte.
+
+Er lehnte sich an einen Tannenbaum und stand still, um seine Gedanken zu
+sammeln. Mit diesem Walde war er doch so wohl vertraut. Er war hier so
+viel umhergegangen, daß er fast jeden Baum kannte. Als Knabe war er hier
+umhergelaufen und hatte die Schafe gehütet, war er auf Schleichwegen
+gegangen und hatte den Waldvögeln Fallen gestellt. In seiner Jugend
+hatte er mitgeholfen, den Wald zu fällen. Er hatte ihn abgeholzt
+daliegen und er hatte ihn aufs neue wachsen sehen.
+
+Endlich kam es ihm vor, als ob er wieder wüßte, wo er war, und er
+glaubte, wenn er nur so und so ginge, müßte er auf den rechten Weg
+kommen. Aber wie er auch ging, -- er kam nur tiefer und tiefer in das
+Waldesdickicht.
+
+Einmal fühlte er festen, glatten Boden unter dem Fuß, und da sagte er
+sich, daß er nun endlich auf einen Weg gekommen wäre. Den versuchte er
+nun weiterzugehen, denn ein Weg mußte doch irgendwohin führen. Aber nun
+lief der Weg in eine Waldwiese aus, und da hatte das Schneegestöber
+freien Spielraum, da gab es keinen Pfad mehr, -- nur Schneehaufen und
+Schneegruben. Da sank dem Alten der Mut, und er fühlte sich als ein
+armer Wicht, der draußen in der Wildnis sterben müßte.
+
+Er begann es müde zu werden, sich durch den Schnee zu schleppen; und ein
+Mal ums andre setzte er sich auf einen Stein, um auszuruhen. Aber sobald
+er sich setzte, wurde er schläfrig, und er wußte, daß er erfrieren
+mußte, wenn er einschlummerte. Darum versuchte er zu gehen und zu gehen,
+-- das war ja das Einzige, was ihn retten konnte.
+
+Aber wie er so ging, konnte er der Lust nicht widerstehen, zu rasten. Er
+dachte, wenn er nur ruhen dürfte, fragte er gar nicht viel danach, ob es
+ihn das Leben koste.
+
+Es bereitete ihm ein solches Wohlgefühl, stillzusitzen, daß der
+Todesgedanke ihn gar nicht beängstigte. Er empfand sogar eine Art
+Freude, wenn er daran dachte, daß lange Personalien über ihn in der
+Kirche verlesen werden würden, wenn er tot wäre. Er erinnerte sich, wie
+schön der alte Propst über seinen Vater gesprochen hatte; und sicherlich
+würde auch über ihn etwas Schönes gesagt werden. Es würde gesagt werden,
+daß er den ältesten Bauernhof im Tale gehabt hätte, und es würde von der
+Ehre gesprochen werden, die darin läge, einem so ansehnlichen Geschlecht
+zu entstammen. Und auch von der Verantwortung würde die Rede sein.
+
+Ja, ja. Verantwortung war bei der Sache, das hatte er immer gewußt. Man
+mußte bis zum äußersten ausharren, wenn man einer von den Ingmarsöhnen
+war.
+
+Und plötzlich durchzuckte es ihn blitzartig, daß es nicht rühmlich für
+ihn wäre, erfroren im wilden Walde gefunden zu werden. Das wollte er
+nicht in seinem Nachruf haben. Und so stand er wieder auf und begann zu
+wandern. Doch da hatte er so lange stillgesessen, daß ganze Schneemengen
+sich aus seinem Pelze wälzten, als er sich zu rühren begann. Und nach
+einem Weilchen saß er wieder da und träumte.
+
+Jetzt kamen die Todesgedanken noch lockender zu ihm. Er dachte das ganze
+Begräbnis durch und alle die Ehren, die seinem toten Leib erwiesen
+werden würden. Er sah den großen Gastmahltisch im Festsaal des oberen
+Stockwerkes gedeckt, den Propst und die Pröpstin auf dem Hochsitz, den
+Richter mit der weißen Krause über der schmalen Brust, die Majorin in
+schwarzer Seide, die dicke Goldkette viele Male um den Hals geschlungen.
+Er sah alle Gastzimmer weiß bezogen, weiße Laken vor den Fenstern. Weiß
+auf allen Möbeln. Tannenreisig auf dem Weg vom Hausflur bis hinab zur
+Kirche. Und ein Backen und Schlachten und Brauen zwei Wochen vor dem
+Begräbnis. Zwanzig Klafter Holz in vierzehn Tagen verheizt.
+
+Die Leiche auf einer Bahre im innern Zimmer, Kohlendunst in den
+frischgeheizten Stuben. Gesang an der Leiche, wenn der Sargdeckel
+zugeschraubt wird, Silberplatten auf dem Sarge. Der Hof voll Gäste. Das
+ganze Dorf in Bewegung, um das »Mitgebrachte« zu bereiten, alle
+Kirchenhüte gebürstet, der ganze Herbstbranntwein beim Leichenschmaus
+ausgetrunken, alle Wege voll von Menschen wie an einem Markttag.
+
+Wieder fuhr der Alte auf. Er hatte sie beim Leichenschmaus von sich
+sprechen hören. »Aber wie konnte er denn in dieser Weise erfrieren?«
+fragte der Amtsrichter. »Was hatte er denn überhaupt oben im Hochwald zu
+tun?« Und da antwortete der Kapitän, das habe wohl das Weihnachtsbier
+und der Branntwein gemacht.
+
+Und dies weckte ihn aufs neue. Die Ingmarsöhne waren nüchterne Leute. Es
+sollte nicht von ihm heißen, er wäre in seiner letzten Stunde nicht bei
+Sinnen gewesen. Er begann wieder zu gehen und zu gehen. Aber er war so
+müde, daß er kaum auf den Füßen stehen konnte. Er war jetzt ganz hoch
+oben im Walde, das merkte er; denn es war ein unwegsamer Boden voll von
+großen Felsblöcken, wie sie weiter unten nicht zu finden waren. Er blieb
+mit dem Fuß zwischen ein paar Steinen hängen, so daß er sich kaum
+losmachen konnte; und nun stand er da und jammerte laut. Jetzt war es um
+ihn geschehen.
+
+Und plötzlich fiel er zu Boden in einen großen Reisighaufen. Er fiel
+ganz weich auf Schnee und Reisig, so daß ihm kein Leid geschah; aber
+jetzt konnte er nicht mehr aufstehen. Er wollte nichts andres mehr auf
+dieser Welt als schlafen. Er schob das Reisig ein bißchen beiseite und
+kroch hinein, als wäre es ein Fell. Aber wie er so den Körper unter die
+Zweige schob, spürte er, daß dort drinnen im Haufen etwas lag, was warm
+und weich war. »Hier liegt gewiß ein Bär und schläft,« dachte er.
+
+Er fühlte, wie das Tier sich rührte, und hörte, wie es rings um sich
+witterte. Er lag ganz still. Er dachte, seinethalben könne der Bär ihn
+schon auffressen. Er vermochte kein Glied zu regen, um ihm zu entkommen.
+
+Aber der Bär schien ihm, der in einer solchen Unwetternacht unter seinem
+Dach Schutz suchte, nichts zuleide tun zu wollen. Er schob sich etwas
+tiefer in seine Höhle, als wolle er dem Gast Platz machen, und gleich
+darauf schlief er mit gleichmäßigen, sausenden Atemzügen.
+
+ * * * * *
+
+Unterdessen hatten sie unten auf dem alten Ingmarshof nicht viel
+Weihnachtsfreude gehabt. Den ganzen heiligen Abend hatten sie Ingmar
+Ingmarson gesucht.
+
+Zuerst waren sie im ganzen Wohnhaus und in allen Wirtschaftsgebäuden
+umhergegangen. Sie hatten vom Boden bis zum Keller gesucht, dann waren
+sie in die Nachbarhöfe gegangen und hatten dort nach Ingmar Ingmarson
+gefragt.
+
+Als sie ihn nirgends fanden, hatten Söhne und Schwiegersöhne sich auf
+die Felder und Äcker hinaus begeben. Die Fackeln, die den
+Kirchenwanderern auf dem Weg zur Weihnachtsmette hätten leuchten sollen,
+wurden nun angezündet und in dem rasenden Schneegestöber auf allen Wegen
+und Stegen umhergetragen. Aber der Wind hatte alle Spuren verweht, und
+sein Heulen übertönte den Laut der Stimmen, wenn sie zu rufen und zu
+schreien versuchten. Bis weit über Mitternacht waren sie draußen, aber
+endlich sahen sie ein, daß sie bis zum Tagesanbruch warten müßten, wenn
+sie den Verschwundenen finden wollten.
+
+Kaum dämmerte das Morgenrot, so waren alle Leute im Ingmarshof wieder
+auf den Beinen, und die Männer standen im Hofe, bereit, in den Wald
+hinauszuziehen. Aber ehe sie sich noch aufgemacht hatten, kam die alte
+Hausmutter und rief sie in die Wohnstube. Sie hieß sie, sich auf die
+langen Bänke in der Stube setzen, und sie selbst setzte sich an den
+Weihnachtstisch, mit der Bibel vor sich, und begann zu lesen. Und als
+sie nach ihren schwachen Kräften gesucht hatte, was in einer solchen
+Stunde angemessen wäre, da hatte sie die Geschichte von dem Manne
+gefunden, der von Jerusalem gen Jericho ging und unter die Mörder fiel.
+
+Sie las langsam und singend von dem armen Manne, dem der barmherzige
+Samariter zu Hilfe kam. Söhne und Schwiegersöhne, Töchter und
+Enkeltöchter saßen ringsumher auf den Bänken. Sie alle glichen ihr und
+einander: groß und schwerfällig, mit häßlichen, altklugen Gesichtern,
+denn alle waren sie von dem alten Stamm der Ingmarsöhne. Alle hatten sie
+rötliches Haar, eine sommersprossige Haut und lichtblaue Augen mit
+weißen Wimpern. Im übrigen konnten sie verschieden genug voneinander
+sein, aber alle hatten sie einen strengen Zug um den Mund, schläfrige
+Augen und ungelenke Bewegungen, als fiele ihnen alles schwer. Aber jedem
+von ihnen konnte man doch ansehen, daß sie zu den ersten in der Gegend
+gehörten und selbst wußten, daß sie vornehmer waren als die andern.
+
+Alle Ingmarsöhne und Ingmartöchter seufzten bei dem Bibellesen tief. Sie
+fragten sich, ob wohl ein Samariter den Hausvater gefunden und sich
+seiner erbarmt hätte. Denn für alle Ingmarsöhne war es, als verlören sie
+etwas von ihrer eignen Seele, wenn jemand, der zum Stamme gehörte, von
+einem Unglück getroffen wurde.
+
+Die alte Frau las und las und kam zu der Frage: »Welcher dünkt dich, der
+unter diesen dreien der nächste sei gewesen, dem, der unter die Mörder
+gefallen?«
+
+Aber ehe sie noch die Antwort lesen konnte, ging die Tür auf, und der
+alte Ingmar trat in die Stube.
+
+»Mutter, Vater ist da,« sagte eine der Töchter, und es wurde nicht mehr
+gelesen, daß des Mannes Nächster der gewesen war, der Barmherzigkeit an
+ihm getan hatte.
+
+ * * * * *
+
+Etwas später am Tage saß die Hausmutter wieder auf demselben Platz und
+las in ihrer Bibel. Sie war allein. Die Frauen waren zur Kirche
+gegangen, und die Männer waren auf der Bärenjagd im Hochwalde. Sowie
+Ingmar Ingmarson gegessen und getrunken hatte, hatte er die Söhne
+mitgenommen und war in den Wald auf die Bärenjagd gegangen. Denn es ist
+nun einmal so, daß es eines Mannes Pflicht ist, den Bären zu fällen, wo
+und wann er ihm auch begegnet. Es geht nicht an, einen Bären zu schonen;
+denn früher oder später findet er doch Geschmack am Fleische und
+verschont dann weder Mensch noch Tier.
+
+Aber seit sie auf die Jagd gegangen waren, war eine große Angst über die
+alte Hausmutter gekommen, und sie hatte zu lesen begonnen. Jetzt machte
+sie sich daran, was an diesem Tage in der Kirche gepredigt wurde, aber
+sie kam nicht weiter als bis zu dem Wort: »Friede auf Erden und den
+Menschen ein Wohlgefallen.« Sie blieb sitzen und starrte mit ihren
+erlöschenden Blicken diese Worte an, und von Zeit zu Zeit stieß sie
+einen tiefen Seufzer aus. Sie las nicht weiter, sondern wiederholte nur
+ein Mal ums andre mit langsamer schleppender Stimme: »Friede auf Erden
+und den Menschen ein Wohlgefallen.«
+
+Da kam der älteste Sohn in die Stube, als sie sich gerade aufs neue
+durch diese Worte schleppte.
+
+»Mutter,« sagte er sehr leise.
+
+Sie hörte ihn, schlug aber die Augen nicht vom Buche auf, als sie
+fragte: »Bist du nicht mit im Walde?«
+
+»Doch,« sagte er noch leiser. »Ich bin dort gewesen.«
+
+»Komm hierher zum Tisch,« sagte sie, »so daß ich dich sehen kann.«
+
+Er kam näher, aber als ihr Blick auf ihn fiel sah sie, daß er zitterte.
+Er mußte sich auf die Tischkante stützen, um die Hände still halten zu
+können.
+
+»Habt Ihr den Bären erlegt?« fragte sie wieder.
+
+Jetzt konnte er nicht mehr antworten; er schüttelte nur den Kopf.
+
+Die Alte stand auf und tat, was sie nicht getan hatte, seit der Sohn ein
+Kind gewesen war. Sie ging auf ihn zu, legte liebkosend die Hand auf
+seinen Arm, streichelte ihm die Wange und zog ihn auf die Bank. Dann
+setzte sie sich neben ihn und hielt seine Hand in der ihren. »Sag mir
+jetzt, was geschehen ist, mein Junge.«
+
+Der Bursche erkannte die Liebkosung wieder, die ihn in den Jahren der
+Kindheit getröstet hatte, wenn er unglücklich und hilflos war; und das
+rührte ihn so tief, daß er zu weinen anfing. »Ich kann mir denken, daß
+es etwas mit Vater ist,« sagte sie.
+
+»Ja, aber es ist noch schlimmer,« schluchzte der Sohn.
+
+»Noch schlimmer?«
+
+Der Bursche weinte immer heftiger; er wußte nicht, wie er Macht über
+seine Stimme bekommen sollte. Endlich hob er die grobe Hand mit den
+breiten Fingern und wies auf die Stelle, die sie eben gelesen hatte:
+»Friede auf Erden.«
+
+»Hat es etwas damit zu tun?« fragte sie.
+
+»Ja,« antwortete er.
+
+»Mit dem Weihnachtsfrieden?«
+
+»Ja.«
+
+»Ihr wolltet heute morgen eine böse Tat tun.«
+
+»Ja.«
+
+»Und Gott hat uns gestraft?«
+
+»Gott hat uns gestraft.«
+
+Endlich erfuhr sie, wie es zugegangen war. Sie hatten die Bärenhöhle
+gesucht, und als sie so nahe waren, daß sie den Reisighaufen sehen
+konnten, waren sie stehen geblieben, um die Gewehre in Ordnung zu
+bringen. Aber ehe sie noch fertig waren, kam der Bär aus der Höhle
+gestürzt, gerade auf sie zu. Er sah weder nach rechts, noch nach links,
+er kam gerade auf den alten Ingmar Ingmarson zu und versetzte ihm einen
+Schlag auf den Kopf, der ihn zu Boden streckte, als wäre er vom Blitz
+getroffen. Aber niemand sonst fiel der Bär an, sondern stürzte an ihnen
+vorbei in den Wald hinein.
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag fuhren Ingmar Ingmarsons Frau und Sohn in den Pfarrhof und
+meldeten den Todesfall an. Der Sohn führte das Wort. Die alte Hausmutter
+saß dabei und hörte zu, mit einem Gesicht, das regungslos war wie ein
+Steinbild.
+
+Der Pfarrer saß in seinem Lehnstuhl am Schreibtisch. Er hatte seine
+Bücher hervorgenommen und den Todesfall aufgezeichnet. Er tat das ein
+wenig langsam: er wollte Zeit haben, darüber nachzudenken, was er der
+Witwe und dem Sohne sagen solle; denn dies war doch ein ungewöhnlicher
+Fall. Der Sohn hatte ganz offen erzählt, wie alles sich zugetragen
+hatte; doch der Pfarrer wollte gern wissen, wie sie selbst die Sache
+auffaßten. Es waren sehr eigentümliche Menschen, die Leute vom
+Ingmarhofe.
+
+Als nun der Pfarrer das Buch zuschlug, sagte der Sohn: »Wir wollten Euch
+auch sagen, Herr Pfarrer, daß wir keine Personalien über Vater verlesen
+haben wollen.«
+
+Der Pfarrer schob die Augengläser auf die Stirn und sah scharf forschend
+zu der alten Frau hinüber. Sie saß ebenso regungslos da wie zuvor. Sie
+zerknüllte nur das Taschentuch, das sie zwischen den Händen hielt.
+
+»Wir werden ihn an einem Werktag begraben,« fuhr der Sohn fort.
+
+»So, so, so, so,« sagte der Pfarrer. Es schwindelte ihm förmlich. Der
+alte Ingmar Ingmarson sollte unter die Erde kommen, ohne daß jemand
+darum wüßte. Die Dorfbewohner sollten nicht auf dem Hügel stehen und
+sehen, mit welchem Staat er zu Grabe getragen würde.
+
+»Wir werden keinen Leichenschmaus halten. Wir haben es den Nachbarn
+mitgeteilt, damit sie kein >Mitgebrachtes< bereiten.«
+
+»So, so, so, so,« sagte der Pfarrer abermals. Er konnte nichts andres
+über die Lippen bringen. Er wußte wohl, was es für solche Leute
+bedeutete, vom Leichenschmaus abzustehen. Er hatte gesehen, wie sehr es
+Witwen und Vaterlose tröstete, einen stattlichen Leichenschmaus
+abzuhalten.
+
+»Und es wird auch kein Trauerzug sein, nur ich und meine Brüder gehen
+mit.«
+
+Der Pfarrer sah gleichsam Antwort heischend zu der Alten hinüber. Konnte
+sie dem wirklich zustimmen? Er fragte sich, ob der Sohn auch ihren
+Willen ausspräche. Sie saß ja da und ließ sich alles dessen berauben,
+was ihr kostbarer sein mußte als Silber und Gold.
+
+»Wir wollen kein Glockengeläute haben und keine Silberplatten auf dem
+Sarge. Das wollen wir so, Mutter und ich. Aber wir sagen es Euch, Herr
+Pfarrer, um zu hören, ob Ihr es als ein Unrecht gegen Vater anseht.«
+
+Nun ergriff auch die Frau das Wort. »Ja, wir wollen wissen, ob Ihr
+meint, Herr Pfarrer, daß es ein Unrecht gegen Vater sein kann.«
+
+Der Pfarrer schwieg noch immer, und da fuhr die Frau eifrig fort: »Laßt
+Euch sagen, Herr Pfarrer: hätte mein Mann sich gegen den König oder den
+Vogt vergangen, und hätte ich ihn vom Galgen herunterschneiden müssen,
+er würde doch ein ehrliches Begräbnis bekommen haben, wie sein Vater vor
+ihm, denn die Ingmarsöhne fürchten niemand, und sie brauchen keinem aus
+dem Wege zu gehen. Aber um die Weihnachtszeit hat Gott Friede gesetzt
+zwischen Tieren und Menschen, und das arme Tier hielt Gottes Gebot, aber
+wir brachen es, und darum sind wir jetzt unter Gottes Strafgericht. Und
+es steht uns nicht an, in Prunk und Staat einherzugehen.«
+
+Der Pfarrer stand auf und ging zu der Alten hin. »Es ist ganz recht, was
+Ihr sagt,« antwortete er, »und Ihr sollt Euern eignen Willen haben.«
+Und unwillkürlich fügte er hinzu, vielleicht mehr für sich selbst: »Die
+Ingmare sind doch großangelegte Menschen.«
+
+Bei diesen Worten richtete sich die Alte ein wenig empor. Und der
+Pfarrer sah sie für einen Augenblick als das Sinnbild des ganzen
+Stammes. Er begriff, was Jahrhundert um Jahrhundert diesen
+schwerflüssigen und wortkargen Menschen die Macht gegeben hatte, die
+Führer eines ganzen Kirchspiels zu sein.
+
+»Es kommt den Ingmarsöhnen zu, dem Volke ein gutes Beispiel zu geben,«
+sagte sie. »Es ist an uns, zu zeigen, daß wir demütig sind vor Gott.«
+
+
+
+
+Der Luftballon
+
+
+Vater und die Knaben sitzen an einem regnerischen Oktoberabend in einem
+Kupee dritter Klasse, auf der Fahrt nach Stockholm. Vater ist auf seiner
+Bank allein. Die Knaben sitzen ihm gegenüber, eng aneinander geschmiegt,
+und lesen einen Roman von Jules Verne, der den Titel führt: Sechs Wochen
+im Luftballon. Das Buch ist sehr abgegriffen. Die Knaben können es fast
+auswendig und haben endlose Diskussionen darüber geführt, aber sie lesen
+es immer wieder mit demselben Vergnügen, sie haben alles vergessen, um
+den kühnen Luftschiffern quer über Afrika zu folgen, und sie erheben nur
+selten den Blick vom Buche, um die schwedischen Landschaften zu
+betrachten, die sie durchfahren.
+
+Die Knaben sehen einander sehr ähnlich. Sie sind von gleicher Größe,
+gleich gekleidet -- in graue Überröcke und blaue Schulmützen --, sie
+haben alle beide große träumerische Augen und kleine Stumpfnasen. Sie
+sind immer gut Freund, gehen immer miteinander, kümmern sich nicht um
+andre Kinder und sprechen immer von Erfindungen und Entdeckungsfahrten.
+Der Begabung nach sind sie recht verschieden geartet. Lennart, der
+ältere, der dreizehn Jahre zählt, kommt in der Schule schwer vorwärts,
+und er kann kaum in irgendeinem Gegenstande mit seiner Klasse Schritt
+halten. Dafür ist er aber sehr geschickt und unternehmungslustig. Er
+will Erfinder werden und beschäftigt sich beständig damit, eine
+Flugmaschine zu konstruieren. Hugo ist ein Jahr jünger als Lennart, aber
+er begreift leichter und ist schon in derselben Klasse wie der Bruder.
+Auch er interessiert sich nicht besonders für das Lernen, hingegen ist
+er ein großer Sportsmann: Skiläufer, Radfahrer und Eisläufer. Wenn er
+erwachsen ist, will er auf Entdeckungsreisen gehen. Sobald Lennarts
+Flugmaschine fertig ist, wird Hugo damit ausfliegen, um zu entdecken,
+was von der Welt noch zu entdecken übrig ist.
+
+Vater ist ein großgewachsener Mann mit eingesunkner Brust, fahlem
+Gesicht und schmalen, schönen Händen. Er ist nachlässig gekleidet. Seine
+Hemdbrust ist zerknittert, der Rockaufhänger guckt am Halse hervor, die
+Weste ist schief geknöpft, und die Strümpfe sind herabgerutscht. Er
+trägt das Haar so lang, daß es auf den Rockkragen hängt, dies jedoch
+nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Geschmack und Gewohnheit.
+
+Vater stammt aus einem alten Spielmannsgeschlecht, weit her aus dem
+Bauernland, und er hat als sein besondres Erbteil zwei starke Anlagen
+mitbekommen. Die eine Anlage ist eine große musikalische Begabung, und
+sie trat als Erstes zutage. Er besuchte die Akademie in Stockholm,
+studierte dann ein paar Jahre im Ausland und machte in diesen
+Studienjahren so glänzende Fortschritte, daß er selbst und seine Lehrer
+erwarteten, es würde ein großer, weltberühmter Violinspieler aus ihm
+werden. Er hätte sicherlich Talent genug gehabt, dieses Ziel zu
+erreichen, aber es fehlte ihm an Kraft und Ausdauer. Er konnte sich
+draußen in der Welt keine Stellung erkämpfen, sondern kam gar bald heim
+und nahm einen Organistenposten in einer Provinzstadt an. Anfangs
+schämte er sich wohl, daß er allen den in ihn gesetzten Erwartungen
+nicht entsprochen hatte; aber er empfand es auch angenehm, einen sichern
+Lebensunterhalt zu haben und nicht mehr die Barmherzigkeit fremder Leute
+in Anspruch nehmen zu müssen.
+
+Kurz nachdem er die Stelle bekommen hatte, heiratete er; und einige
+Jahre lang war er mit seinem Lose ganz zufrieden. Er hatte ein schönes
+kleines Heim, eine frohe und glückliche Frau und zwei kleine Jungen, und
+er war der Liebling der ganzen Stadt, überall gesucht und gefeiert. Aber
+dann war eine Zeit gekommen, wo dies alles ihn nicht mehr zu befriedigen
+schien. Er sehnte sich danach, noch einmal in die Welt hinauszuziehen
+und sein Glück zu versuchen, doch fühlte er sich verpflichtet, daheim zu
+bleiben, weil er nun Weib und Kind hatte.
+
+Vor allem war es die Frau, die ihn überredet hatte, von dieser Reise
+abzustehen. Sie glaubte, daß es ihm nicht besser glücken werde als das
+erste Mal. Sie meinte, sie seien so glücklich, daß er nichts andres zu
+erstreben brauche. Damit beging sie sicher einen Fehler, aber sie mußte
+ihn auch schwer genug büßen; denn von der Zeit an kam der zweite
+Familienzug bei dem Manne zum Vorschein. Da er seine Sehnsucht nach Ruhm
+und Erfolg nicht stillen konnte, suchte er sich mit dem Trinken zu
+trösten.
+
+Und es ging ihm nun so, wie es den Menschen aus seiner Familie zu gehen
+pflegte: er trank ohne Besinnung und ohne Maß und kam binnen kurzem ganz
+herunter. Er wurde allmählich ein ganz andrer Mensch als zuvor. Er war
+nicht mehr liebenswürdig und einnehmend, sondern böse und hart. Und das
+größte Unglück war, daß er einen furchtbaren Haß gegen seine Frau faßte
+und sie in jeder möglichen Weise quälte, wenn er betrunken war -- und
+auch sonst.
+
+Die Knaben hatten also kein gutes Heim gehabt, und ihre Kindheit wäre
+sehr unglücklich gewesen, hätten sie sich nicht eine kleine Welt für
+sich selbst geschaffen, voll von Maschinenmodellen, Entdeckungsplänen
+und Abenteuerbüchern. Die einzige, die zuweilen einen Blick in diese
+Welt werfen durfte, war Mutter. Vater hatte nicht einmal eine Ahnung,
+daß sie existierte; und auch jetzt vermag er mit den Knaben über nichts
+zu sprechen, was sie interessiert. Er stört sie ein Mal ums andre, wenn
+er fragt, ob es nicht schön wäre, Stockholm kennen zu lernen, und ob sie
+sich nicht freuten, mit Vater zu reisen, und dergleichen mehr. Sie
+antworten sehr kurz, um sich augenblicklich wieder in das Buch zu
+vertiefen. Vater jedoch fragt weiter. Er glaubt, daß die Knaben von
+seiner Liebenswürdigkeit sehr entzückt sein müßten und nur zu schüchtern
+wären, es zu zeigen.
+
+»Die haben zu lange an Mutters Schürzenband gehangen,« denkt er. »Sie
+sind ängstlich und zimperlich geworden. Das wird jetzt anders werden,
+wenn sie in meine Hand kommen.«
+
+Aber Vater täuscht sich. Daß die Knaben ihm so kurze Antworten geben,
+kommt nicht von der Schüchternheit, sondern bedeutet nur, daß sie
+wohlerzogen sind und ihn nicht verletzen wollen. Wenn es nicht so wäre,
+würden sie ganz anders antworten. »Warum sollten wir es schön finden,
+mit Vater zu reisen?« würden sie dann sagen. »Vater glaubt freilich,
+etwas ganz Besondres zu sein, aber wir sehen ja, daß er nur ein
+verkommner Schwächling ist. Und warum sollten wir uns darauf freuen,
+Stockholm kennen zu lernen? Wir wissen sehr gut, daß Vater uns nicht
+mitgenommen hat, um uns eine Freude zu machen, sondern nur, um Mutter zu
+kränken.«
+
+Es wäre klüger, wenn Vater die Knaben lesen ließe, ohne sie zu stören.
+Sie sind niedergeschlagen und ängstlich, und es reizt sie, daß er so
+guter Laune ist. »Nur weil er weiß, daß Mutter daheim sitzt und weint,
+ist er heute so vergnügt,« flüstern sie einander zu.
+
+Vaters Fragen bringen es schließlich dahin, daß die Knaben nicht mehr
+lesen, obgleich sie noch immer über das Buch gebeugt dasitzen. Anstatt
+dessen beginnen ihre Gedanken mit großer Bitterkeit um alles zu
+kreisen, was sie um Vaters willen haben leiden müssen.
+
+Sie erinnern sich, wie sich Vater einmal am hellichten Tage betrunken
+hatte und über die Straße getorkelt kam, von einer Menge Schuljungen
+verfolgt, die ihn ausspotteten. Sie rufen sich zurück, wie die andern
+Jungen sie gehänselt und ihnen Spitznamen gegeben haben, weil sie einen
+Vater hatten, der trank.
+
+Sie haben sich für Vater schämen müssen, sie mußten seinetwegen in
+beständiger Angst leben; und sowie sie irgendeinen Spaß hatten, ist er
+dazwischen gekommen und hat ihnen das Vergnügen verdorben. Es ist kein
+kleines Sündenregister, das sie da aufstellen. Die Knaben sind sehr
+sanftmütig und geduldig, aber sie fühlen einen Groll in sich aufsteigen,
+der stärker und stärker wird.
+
+Er hätte doch begreifen müssen, daß sie ihm die große Enttäuschung nicht
+verzeihen konnten, die er ihnen gestern bereitet hatte. Das war doch das
+Ärgste, was er ihnen noch angetan hatte.
+
+Die Sache war nämlich die, daß die Mutter der Knaben sich im vorigen
+Frühling entschlossen hatte, sich von deren Vater zu trennen. Mehrere
+Jahre lang hatte der Mann sie auf jede erdenkliche Art verfolgt und
+gepeinigt, doch sie hatte sich nicht von ihm trennen wollen, sondern war
+bei ihm geblieben, damit er nicht völlig verkomme. Aber jetzt endlich
+wollte sie es um der Knaben willen tun. Sie hatte beobachtet, daß der
+Vater sie unglücklich machte; und sie meinte, sie müsse sie diesem
+Elend entziehen und ihnen ein gutes, friedliches Heim schaffen.
+
+Als das Frühlingssemester zu Ende war, hatte sie die Knaben aufs Land zu
+ihren Eltern geschickt und war selbst ins Ausland gereist, um so aufs
+einfachste die Scheidung zu erlangen. Es war ihr freilich nicht recht
+gewesen, daß es dadurch den Anschein gewann, als ob die Ehe durch ihr
+Verschulden gelöst würde; aber dem hatte sie sich unterwerfen müssen.
+Noch weniger zufrieden war sie damit, daß die Knaben vom Gerichte dem
+Vater zugesprochen wurden, weil sie eine entlaufne Ehefrau wäre. Sie
+tröstete sich freilich damit, daß er unmöglich die Absicht haben könnte,
+die Kinder zu behalten; aber sie hatte doch keine rechte Ruhe mehr.
+
+Sobald die Scheidung durchgeführt war, war sie zurückgekommen und hatte
+eine Wohnung gemietet, in der sie mit den Knaben leben wollte. Erst vor
+zwei Tagen hatte sie alles fertig gehabt, so daß die Knaben zu ihr
+übersiedeln konnten. Es war der glücklichste Tag, den die Kinder noch
+erlebt hatten. Die ganze Wohnung bestand aus einem großen Zimmer und
+einer großen Küche, aber alles war neu und fein, und Mutter hatte es so
+außerordentlich behaglich eingerichtet. Das Zimmer sollte Mutter und
+ihnen tagsüber als Arbeitsraum dienen, und nachts sollten die Knaben da
+schlafen. Die Küche war sehr niedlich und hell. Da würden sie essen. Und
+in einem kleinen Verschlag hinter der Küche hatte Mutter ihr Bett.
+
+Mutter hatte ihnen gesagt, daß sie sehr arm sein würden. Sie hatte eine
+Stelle als Gesanglehrerin an der Mädchenschule bekommen; aber dies war
+auch alles: davon mußten sie leben. Sie waren nicht in der Lage, sich
+ein Dienstmädchen zu halten, sondern mußten sich allein behelfen. Die
+Knaben waren über das Ganze in hellstem Entzücken; vor allem darüber,
+daß sie mit angreifen durften. Sie erboten sich, Holz und Wasser zu
+tragen. Sie wollten die Schuhe putzen und die Betten machen. Es war ein
+rechter Spaß, sich das alles auszudenken.
+
+Eine Kammer war da, wo Lennart alle seine Maschinen aufheben konnte. Er
+selbst sollte den Schlüssel dazu haben, und kein andrer als Hugo und er
+sollten sie je betreten dürfen.
+
+Aber nur einen einzigen Tag durften die Knaben bei Mutter glücklich
+sein. Dann hatte ihnen Vater die Freude verdorben, wie er es stets getan
+hatte, solange sie sich zurückerinnern konnten. Mutter hatte ihnen
+erzählt, sie habe gehört, daß Vater eine Erbschaft von einigen tausend
+Kronen gemacht hätte; er habe seine Stellung gekündigt und wolle nun
+nach Stockholm ziehen. Mutter und sie hatten sich sehr darüber gefreut,
+daß er die Stadt verließ, so daß sie ihm nicht mehr auf der Straße zu
+begegnen brauchten. Aber dann war einer von Vaters Freunden mit der
+Botschaft zu Mutter gekommen, daß Vater die Knaben nach Stockholm
+mitnehmen wolle.
+
+Mutter hatte geweint und gefleht, ihre Knaben behalten zu dürfen, aber
+Vaters Abgesandter hatte geantwortet, daß Vater fest entschlossen sei,
+die Knaben in seine Obhut zu nehmen. Wenn sie nicht gutwillig kämen,
+würde er sie durch die Polizei holen lassen. Er sagte, Mutter solle doch
+das Scheidungsurteil durchlesen, da stünde es ja deutlich, daß die
+Knaben dem Vater gehörten. Und das wußte Mutter ja auch. Das ließ sich
+nicht leugnen.
+
+Vaters Freund hatte viele schöne Dinge gesagt: Vater liebe seine Jungen
+und wolle sie deshalb für sich haben ... Aber die Knaben wußten, daß
+Vater sie einzig und allein fortschleppte, um Mutter zu quälen. Er hatte
+sich das ausgedacht, damit Mutter an der Trennung von ihm keine Freude
+hätte. Sie sollte in beständiger Unruhe um die Knaben leben. Das Ganze
+war nur Rache und Bosheit.
+
+Aber Vater hatte seinen Willen durchgesetzt, und hier waren sie nun auf
+dem Wege nach Stockholm. Und ihnen gegenüber saß Vater und freute sich,
+daß er Mutter unglücklich gemacht hatte. Mit jedem Augenblick, der
+verging, wurde ihnen der Gedanke, daß sie bei Vater bleiben und mit ihm
+leben müßten, immer widerwärtiger. Waren sie denn völlig in seiner
+Gewalt? Gab es keine Rettung?
+
+Vater hat sich in seine Ecke zurückgelehnt, und nach einem Weilchen
+schlummert er ein. Sogleich beginnen die Knaben sehr lebhaft miteinander
+zu flüstern. Es wird ihnen nicht schwer, einen Entschluß zu fassen. Den
+ganzen Tag haben sie, jeder für sich, nur daran gedacht,
+durchzubrennen.
+
+Sie verabreden, sich auf die Plattform zu schleichen und aus dem Zuge zu
+springen, wenn er gerade durch einen großen Wald führe. Dann würden sie
+sich an einem versteckten Plätzchen im Wald eine Hütte bauen und dort
+allein leben, ohne sich irgendeinem Menschen zu zeigen.
+
+Während die Knaben diese Pläne schmieden, bleibt der Zug an einer
+Station stehen, und eine Bäuerin, die ein kleines Kind an der Hand
+führt, steigt in das Kupee. Sie ist schwarz gekleidet, trägt ein
+Kopftuch und sieht gut und freundlich aus. Sie zieht dem Kleinen das
+Überröckchen aus, das vom Regen naß geworden ist, und wickelt ihn in
+einen Schal. Dann zieht sie ihm die Schuhe ab, trocknet die kalten
+Füßchen, sucht aus einem Bündel Strümpfe und Schuhe hervor und legt sie
+ihm an. Schließlich steckt sie ihm ein Bonbon zu und legt ihn auf die
+Bank, den Kopf auf ihrem Schoße, damit er einschlafe.
+
+Bald wirft der eine, bald der andre Knabe einen Blick auf die Bäuerin,
+die sich mit ihrem Kinde beschäftigt. Diese Blicke werden immer
+häufiger, und plötzlich haben die Knaben, beide zugleich, Tränen in den
+Augen. Nun sehen sie nicht mehr auf, sondern halten die Augen hartnäckig
+niedergeschlagen.
+
+Es ist, als wäre zugleich mit der Bäuerin noch jemand anders, der für
+alle, außer für die Knaben, unsichtbar und unmerkbar ist, in den Wagen
+gekommen. Und dieser andre ist -- Mutter. Die Knaben haben das Gefühl,
+daß sie gekommen sei und sich zwischen sie gesetzt und ihre Hände
+ergriffen habe, wie sie es noch gestern abend tat, als es sich
+entschied, daß sie reisen müßten; und sie spricht ebenso zu ihnen wie
+damals: »Ihr müßt mir versprechen, daß ihr Vater meinetwegen nicht gram
+sein werdet. Vater hat es mir nie verzeihen können, daß ich ihn
+gehindert habe, fortzureisen. Er meint, daß es meine Schuld sei, wenn
+nichts aus ihm geworden ist, und wenn er trinkt. Er kann mich nie genug
+strafen. Aber ihr dürft ihm deshalb nicht böse sein. Da ihr jetzt mit
+Vater leben sollt, müßt ihr mir versprechen, gut gegen ihn zu sein. Ihr
+dürft ihn nicht reizen, ihr müßt auf ihn achten, so gut ihr könnt. Das
+müßt ihr mir versprechen; sonst weiß ich gar nicht, wie ich euch ziehen
+lassen soll.«
+
+Und die Knaben hatten es versprochen.
+
+»Ihr dürft euch nicht von Vater fortschleichen! Versprecht mir das!«
+hatte Mutter gesagt.
+
+Das hatten sie auch versprochen.
+
+Die Knaben sind zuverlässig, und in demselben Augenblick, wo sie daran
+denken, daß sie Mutter dieses Versprechen gegeben haben, lassen sie alle
+Fluchtgedanken fahren. Vater schläft noch immer, aber sie bleiben
+geduldig auf ihren Plätzen sitzen. Mit verdoppeltem Eifer fangen sie
+wieder zu lesen an, und ihr Freund, der gute Jules Verne, führt sie bald
+aus ihren Sorgen in die Wunderwelt Afrikas.
+
+ * * * * *
+
+Weit draußen in der Södervorstadt hatte Vater zwei Zimmer zu ebner Erde
+gemietet, mit der Aussicht in einen engen Hof. Die Wohnung ist schon
+lange in Gebrauch, sie ist von einer Familie auf die andre übergegangen,
+ohne je instand gesetzt zu werden. Die Tapeten haben eine Unmenge Risse
+und Flecken, die Decken sind verrußt, ein paar Fensterscheiben sind
+zerbrochen, und der Küchenboden ist so ausgetreten, daß er ganz holperig
+geworden ist. Ein paar Dienstmänner haben die Möbel vom Bahnhof geholt,
+sie in die Zimmer getragen und sie da kunterbunt stehen lassen. Vater
+und Knaben sind jetzt dabei, auszupacken. Vater steht mit hocherhobner
+Axt da, um eine Kiste zu öffnen. Die Knaben packen aus einer andern
+Kiste Glas und Porzellan und stellen es in den Wandschrank. Sie sind
+geschickt und arbeiten eifrig, aber Vater hört nicht auf, sie zur
+Vorsicht zu mahnen, und verbietet ihnen, mehr als ein Glas oder einen
+Teller auf einmal zu tragen. Inzwischen geht es mit Vaters eigner Arbeit
+nicht recht vorwärts. Seine Hände sind zitterig und kraftlos, und er ist
+schon ganz schweißbedeckt, ohne den Deckel von der Kiste losbekommen zu
+können. Er legt die Axt nieder, geht um die Kiste herum und fragt sich,
+ob sie vielleicht verkehrt stehe. Da nimmt einer der Knaben die Axt und
+fängt an, sie anzustemmen, doch Vater stößt ihn fort. Lennart werde doch
+nicht glauben, daß er den Deckel aufbringen könne, wenn Vater selbst es
+nicht zustande bringe? »Nur ein geübter Arbeiter kann diese Kiste
+öffnen,« sagt Vater und nimmt Hut und Rock, um den Hausknecht zu holen.
+
+Kaum ist Vater zur Türe hinaus, als ihm etwas einfällt. Er begreift
+plötzlich, warum er keine Kraft in den Händen hat. Es ist noch früh am
+Vormittag, und er hat nichts zu sich genommen, was das Blut in Umlauf
+bringt. Wenn er in ein Café ginge und einen Kognak tränke, dann würde er
+seine Kraft wiederfinden und könnte sich ohne fremde Unterstützung
+behelfen. Das ist viel besser, als den Hausknecht zu holen.
+
+Vater geht also auf die Straße, um ein Café zu suchen. Als er in die
+kleine Hofwohnung zurückkehrt, ist es acht Uhr abends.
+
+In Vaters Jugend, als er noch auf die Akademie ging, hatte er in der
+Södervorstadt gewohnt. Er war damals Mitglied eines Doppelquartetts
+gewesen, das hauptsächlich aus Kontoristen und kleinen Kaufleuten
+bestand und in einem Keller in der Nähe von Mosebacke seine
+Zusammenkünfte abzuhalten pflegte. Vater hatte nun Lust bekommen,
+nachzusehen, ob dieser kleine Keller noch existiere. Er war wirklich
+noch da, und Vater hatte das Glück gehabt, ein paar von den alten
+Freunden zu treffen, die da saßen und frühstückten. Sie hatten ihn mit
+größter Freude begrüßt, ihn zum Frühstück eingeladen und seine Ankunft
+in Stockholm auf die herzlichste Weise gefeiert. Als die Mahlzeit
+schließlich beendet war, hatte Vater heimgehen wollen, um seine Möbel
+auszupacken; doch die Freunde hatten ihn überredet, zu bleiben und mit
+ihnen zu Mittag zu essen. Und dies hatte sich so lange hinausgezogen,
+daß Vater nicht vor acht Uhr nach Hause gekommen war. Und es hatte ihn
+keine geringe Überwindung gekostet, sich zu so früher Stunde von der
+lustigen Gesellschaft loszureißen.
+
+Als Vater heimkommt, sitzen die Knaben in der Dunkelheit, denn sie haben
+kein Zündholz. Vater hat ein Zündholzschächtelchen in der Tasche, und
+als er ein kleines Kerzenstümpfchen angezündet hat, das glücklicherweise
+mitgekommen ist, sieht er, daß die Knaben erhitzt und verstaubt sind,
+aber munter und vergnügt und augenscheinlich sehr zufrieden mit ihrem
+Tag.
+
+In den Stübchen stehen die Möbel geordnet, die Kisten sind fortgeräumt,
+Stroh und Papierschnitzel fortgekehrt. Hugo macht gerade im ersten
+Zimmer die Betten für die Knaben. Das zweite Zimmer soll Vaters
+Schlafstube sein, und da steht sein Bett, mit so viel Sorgfalt gemacht,
+wie er sichs nur wünschen kann.
+
+Jetzt geht mit Vater ein eigentümlicher Umschwung vor. Als er heimkam,
+war er mit sich selbst unzufrieden gewesen, weil er sich von der Arbeit
+davongemacht und die Knaben ohne Speise und Trank zurückgelassen hatte.
+Aber jetzt, wo er sieht, daß sie guter Laune sind, und daß ihnen nichts
+abzugehen scheint, bereut er es, daß er ihrethalben seine Freunde
+verlassen hat; er wird reizbar und streitsüchtig.
+
+Er sieht wohl, daß die Knaben stolz auf alle die Arbeit sind, die sie
+geleistet haben, und daß sie erwarten, von ihm gelobt zu werden; aber
+dazu ist er gar nicht geneigt. Er fragt vielmehr, wer dagewesen sei und
+ihnen geholfen habe, und bittet sie, sich gefälligst zu merken, daß man
+in Stockholm nichts geschenkt bekomme und der Hausknecht für alles, was
+er täte, bezahlt werden müsse. Die Knaben antworten, daß sie keine Hilfe
+in Anspruch genommen, sondern alles allein gemacht hätten, aber er hört
+nicht auf, zu zanken. Es sei unrecht von ihnen gewesen, die große Kiste
+zu öffnen. Sie hätten sich dabei etwas zuleide tun können. Er hätte
+ihnen doch verboten, sie zu öffnen. Sie hätten jetzt ihm zu gehorchen.
+Er sei für sie verantwortlich.
+
+Er nimmt die Kerze, geht in die Küche und leuchtet in die Schränke. Der
+kleine Vorrat an Glas und Porzellan ist in guter Ordnung auf den
+Brettern aufgestellt.
+
+Er prüft alles haargenau, um Anlaß zu weiterm Tadel zu finden.
+
+Plötzlich erblickt Vater ein paar Überreste des Abendbrots der Knaben
+und beginnt sogleich zu zanken, weil sie Huhn gegessen haben. Woher sie
+sich das verschafft hätten? Ob sie wie die Prinzen zu leben gedächten?
+Ob sie sein Geld hinauswürfen, um Hühner zu essen?
+
+Dann fällt ihm ein, daß er ihnen ja kein Geld zurückgelassen hat. Er
+fragt, ob sie das Huhn gestohlen hätten, und gerät ganz außer sich.
+
+Er spricht und ermahnt, zankt und tost, aber jetzt bekommt er von den
+Knaben keine Antwort. Sie wollen ihm nicht sagen, woher sie das Huhn
+haben, sondern lassen ihn austoben. Und er hält ganze Reden, ganze
+Predigten, er erschöpft seine letzten Kräfte. Schließlich bittet und
+bettelt er.
+
+»Ich beschwöre euch, sagt mir die Wahrheit! Ich will euch alles
+verzeihen, was ihr auch begangen haben mögt, wenn ihr mir nur die
+Wahrheit sagt.«
+
+Jetzt können es die Knaben nicht länger aushalten. Vater hört einen
+prustenden Laut. Sie werfen die Decken ab und setzen sich auf, und er
+merkt, daß sie vor unterdrücktem Lachen ganz rot im Gesicht sind. Und
+während sie jetzt ungezügelt herauslachen, sagt Lennart, von beständigem
+Kichern unterbrochen: »Mutter hat uns doch ein Hühnchen in den Eßkorb
+gelegt, den sie uns auf die Reise mitgegeben hat.«
+
+Vater richtet sich auf, sieht die Knaben an, will sprechen, findet aber
+keine passenden Worte. Er richtet sich noch majestätischer empor, sieht
+sie mit tiefster Verachtung an und geht ohne weitres auf sein Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Vater hat jetzt herausgebracht, wie geschickt die Knaben sind, und er
+benützt dies, um ein Dienstmädchen zu ersparen. Morgens schickt er
+Lennart in die Küche und läßt ihn Kaffee kochen, während Hugo den
+Frühstücktisch deckt und Brot vom Bäcker holt. Nach dem Frühstück setzt
+Vater sich auf einen Stuhl und sieht zu, wie die Knaben die Betten
+machen, die Zimmer kehren und die Öfen heizen. Er gibt unaufhörlich
+Befehle und kommandiert sie von einer Arbeit zur andern, nur um seine
+Macht zu zeigen. Wenn das Morgenaufräumen vorüber ist, geht er aus und
+bleibt den ganzen Vormittag weg. Das Mittagessen läßt er aus einer
+benachbarten Kochschule holen. Dann läßt Vater die Knaben für den Abend
+allein und verlangt von ihnen nichts andres, als daß sein Bett gemacht
+sei, wenn er heimkommt.
+
+Die Knaben sind so fast den ganzen Tag allein und können sich
+beschäftigen, womit sie wollen.
+
+Eine ihrer wichtigsten Arbeiten besteht darin, an Mutter zu schreiben.
+Sie bekommen von ihr jeden Tag einen Brief, und sie schickt ihnen Papier
+und Marken, damit sie ihr antworten können.
+
+Mutters Briefe enthalten hauptsächlich Ermahnungen, artig gegen Vater zu
+sein. Sie schreibt immer, wie liebenswert Vater gewesen sei, als sie ihn
+kennen lernte, und sie erzählt ihnen, wie hochstrebend und arbeitsam er
+im Anfang seiner Laufbahn gewesen sei. Sie sollten zärtlich und
+liebevoll gegen ihn sein. Sie dürften nie vergessen, wie unglücklich er
+wäre.
+
+»Wenn Ihr so recht gut gegen Vater seid, dann hat er vielleicht Mitleid
+mit Euch und läßt Euch wieder nach Hause zu mir kommen,« schreibt
+Mutter.
+
+Mutter erzählt, daß sie beim Pfarrer und beim Bürgermeister gewesen sei,
+um zu fragen, ob es nicht möglich wäre, die Knaben wieder zu bekommen.
+Aber alle beide hätten ihr gesagt, daß es keinen Ausweg gebe. Die Knaben
+müßten bei ihrem Vater bleiben. Mutter wolle gern nach Stockholm
+übersiedeln, um ihre Jungen wenigstens ab und zu sehen zu können, aber
+alle Menschen rieten ihr, sich zu gedulden und noch zu warten. Sie
+glaubten, daß Vater die Knaben bald satt bekommen und sie wieder
+heimschicken werde. Mutter wisse nicht recht, was sie tun solle.
+Einerseits finde sie es schrecklich, daß ihre Knaben in Stockholm ohne
+irgend jemand lebten, der sich ihrer annehme; und andrerseits wisse sie:
+wenn sie ihr Heim verließe und ihre Anstellung aufgäbe, könnte sie sie
+nicht bei sich aufnehmen und versorgen, falls sie frei würden. Aber zu
+Weihnachten werde Mutter auf jeden Fall nach Stockholm kommen und nach
+ihnen sehen.
+
+Die Knaben schreiben und erzählen, was sie den ganzen Tag tun, Stunde
+für Stunde. Sie lassen Mutter wissen, daß sie Vater das Essen holen und
+ihm das Bett machen. Sie begreift, daß sie sich bemühen, ihr zuliebe gut
+gegen ihn zu sein, aber sie merkt, daß sie ihn nicht besser leiden
+können als früher.
+
+Ihre kleinen Jungen scheinen immer einsam zu sein. Sie wohnen in einer
+großen Stadt, wo es von Menschen wimmelt, aber niemand fragt nach ihnen,
+niemand beachtet sie. Und vielleicht ist es noch am besten so. Wer weiß,
+in was sie hineingeraten könnten, wenn sie irgendwelche Bekanntschaften
+machten!
+
+Sie bitten sie immer, sich ihrethalben keine Sorgen zu machen. Sie
+würden sich schon durchschlagen. Sie erzählen, daß sie sich die Strümpfe
+stopfen und die Knöpfe annähen. Sie deuten auch an, daß Lennart mit
+seiner Erfindung sehr weit gekommen sei, und sagen, daß alles gut sein
+werde, sowie die fertig wäre.
+
+Aber Mutter lebt in beständiger Angst. Tag und Nacht sind ihre Gedanken
+bei den Knaben. Tag und Nacht betet sie zu Gott, er möge über ihre
+kleinen Söhne wachen, die einsam in einer großen Stadt leben, ohne
+irgend jemand, der ihre Augen gegen die Lockungen der Verderbnis schützt
+und ihre jungen Herzen vor der Lust zum Bösen bewahrt.
+
+ * * * * *
+
+Vater und die Knaben sitzen eines Vormittags in der Oper. Einer von
+Vaters früheren Kollegen, der der Hofkapelle angehört, hat ihn
+eingeladen, der Probe zu einem Symphoniekonzert beizuwohnen, und Vater
+hat die Knaben mitgenommen. Als das Orchester einsetzt und das Haus von
+den Tonwellen erfüllt wird, gerät Vater in so heftige Bewegung, daß er
+sich nicht beherrschen kann, sondern zu weinen anfängt. Er schluchzt,
+schneuzt sich geräuschvoll und stöhnt ein Mal um das andre auf. Er legt
+sich gar keinen Zwang mehr an, sondern wird so laut, daß die Spielenden
+gestört werden. Ein Diener kommt und winkt ihm ab, darauf nimmt Vater
+die Knaben bei der Hand und schleicht sich ohne ein Wort des
+Widerspruchs hinaus, und den ganzen Heimweg hören seine Tränen nicht auf
+zu fließen.
+
+Vater hat die Hände der Knaben in den seinen behalten und geht mit einem
+Jungen an jeder Seite einher. Ganz plötzlich fangen auch die Knaben zu
+weinen an. Sie verstehen nun zum ersten Male, wie Vater seine Kunst
+geliebt hat. Es war entsetzlich für ihn gewesen, versoffen und verkommen
+dazusitzen und andre spielen zu hören. Es war ein Jammer, daß er nicht
+das geworden war, was er hätte werden sollen. Es war für Vater so, wie
+es für Lennart wäre, wenn er seine Flugmaschine nie fertigbrächte, oder
+für Hugo, wenn er keine Entdeckungsreise machen dürfte. Zu denken, daß
+sie einmal als untaugliche Greise dasitzen und sich zu Häupten prächtige
+Luftschiffe dahinbrausen sehen sollten, die sie weder erfunden hätten
+noch lenken dürften!
+
+ * * * * *
+
+Die Jungen sitzen eines Vormittags daheim und haben ihre Bücher vor
+sich. Vater hat eine Notenrolle unter den Arm genommen und ist
+ausgegangen. Er hat etwas davon gemurmelt, daß er eine Musiklektion zu
+geben hätte, aber die Knaben haben sich keinen Augenblick einreden
+lassen, daß dies die Wahrheit sei.
+
+Vater ist schlechter Laune, wie er so über die Straße geht. Er hat den
+Blick bemerkt, den die Knaben wechselten, als er sagte, daß er zu einer
+Musiklektion ginge. »Sie werfen sich zum Richter auf über ihren Vater,«
+denkt er.
+
+»Ich bin zu nachsichtig gegen sie. Ich hätte jedem eine Ohrfeige geben
+sollen. Sicherlich hetzt ihre Mutter sie gegen mich auf.«
+
+»Wie wäre es, wenn ich mich ein wenig nach den Herrchen umsähe?« fährt
+er fort. »Es könnte gewiß nichts schaden, sich zu überzeugen, wie sie
+ihren Studien obliegen.«
+
+Er kehrt um, geht rasch durch den Hof, öffnet ganz leise die Türe und
+steht in dem Zimmer der Knaben, ohne daß einer von ihnen ihn hätte
+kommen hören. Und richtig: die Knaben fahren mit ganz roten Köpfen auf,
+und Lennart reißt ängstlich ein Bündel Papiere an sich, das er in die
+Schreibtischlade wirft.
+
+Als die Knaben ein paar Tage in Stockholm waren, da hatten sie gefragt,
+in welche Schule sie gehen würden, und Vater hatte geantwortet, mit
+ihrem Schulbesuch sei es jetzt aus. Er würde versuchen, einen Meister zu
+finden, der sie in die Lehre nehmen wollte. Dies hatte er jedoch nie ins
+Werk gesetzt, und die Knaben hatten auch nicht weiter von ihrem
+Schulbesuch gesprochen. Doch nach kaum einer Woche hing in dem Zimmer
+der Knaben ein Stundenplan an der Wand. Schulbücher wurden
+hervorgesucht, und jeden Vormittag saßen die Knaben an einem alten
+Schreibtisch und machten Aufgaben. Es war offenbar: sie hatten einen
+Brief von Mutter bekommen, der sie ermahnte, auf eigne Faust zu
+arbeiten, um nicht alles zu vergessen, was sie gelernt hätten.
+
+Als Vater jetzt so unerwartet zu ihnen hereinkommt, geht er zuerst hin
+und studiert den Stundenplan. Er zieht seine Uhr heraus und vergleicht.
+Mittwoch von zehn bis elf: Geographie. Dann kommt er an den Tisch
+heran. »Hättet ihr in dieser Stunde nicht eigentlich Geographie?« fragt
+er. -- »Ja,« antworten die Knaben, flammend rot im Gesicht. -- »Aber wo
+habt ihr das Geographiebuch und den Atlas?« -- Die Knaben werfen einen
+Blick auf das Bücherbrett und sehen tödlich verlegen aus. »Wir haben
+noch nicht angefangen,« sagt Lennart. -- »So, so,« sagt Vater. »Ihr habt
+wohl etwas andres vor.« Und er richtet sich ganz vergnügt auf. Er hat
+jetzt die Oberhand, und die will er behalten, bis er die Knaben
+gründlich an die Wand gedrückt hat.
+
+Die beiden Knaben schweigen. Seit dem Tage, da sie mit Vater in die Oper
+gingen, haben sie Mitleid mit ihm, und es hat ihnen nicht soviel
+Überwindung gekostet wie früher, artig gegen ihn zu sein. Aber natürlich
+haben sie keinen Augenblick daran gedacht, Vater ins Vertrauen zu
+ziehen. Er ist in ihrem Ansehen nicht gestiegen, wenn er ihnen auch leid
+tut.
+
+»Habt ihr einen Brief geschrieben?« fragt Vater mit seiner strengsten
+Stimme. -- »Nein,« rufen die beiden Knaben wie aus einem Munde. -- »Was
+habt ihr denn getan?« -- »Wir haben nur geplaudert.« -- »Das ist nicht
+wahr! Ich habe gesehen, wie Lennart etwas in die Schreibtischlade
+gesteckt hat.« -- Jetzt schweigen die beiden Knaben wieder. -- »Nehmt es
+heraus!« ruft Vater, rot vor Zorn. Er glaubt, daß die Söhne an seine
+Frau geschrieben hätten; und da sie ihm den Brief nicht zeigen wollten,
+stünde natürlich etwas Häßliches über ihn darin. Die Knaben rühren sich
+nicht, und Vater hebt die Hand, um nach Lennart zu schlagen, der vor der
+Schublade sitzt. -- »Rühr ihn nicht an!« ruft Hugo. »Wir haben nur über
+etwas gesprochen, was Lennart sich ausgedacht hat.«
+
+Hugo schiebt Lennart weg, reißt die Lade auf und zieht einen Bogen
+Papier hervor, der mit Luftschiffen in den wunderlichsten Formen
+vollgekleckst ist. »Lennart hat sich heute nacht ein neues Segel für
+sein Luftschiff ausgedacht. Und darüber haben wir gesprochen.«
+
+Vater will ihm nicht glauben. Er beugt sich hinunter, durchsucht die
+Lade, findet aber nichts andres als Bogen Papier, bedeckt mit
+Zeichnungen, die Luftballons, Fallschirme, Flugmaschinen und alles andre
+vorstellen, was zur Luftschiffahrt gehört.
+
+Zum größten Staunen der Knaben schleudert Vater dies alles nicht gleich
+fort, er lacht auch nicht über ihre Versuche, sondern er betrachtet
+Blatt für Blatt genau. Vater hat nämlich auch ein wenig Anlage zur
+Mechanik; und er hat sich einstmals, als sein Hirn noch zu etwas taugte,
+für solche Dinge interessiert. Bald beginnt er Fragen nach dem Zweck von
+diesem und jenem zu stellen; und da seine Worte verraten, daß er großen
+Anteil nimmt und das, was er sieht, versteht, bekämpft Lennart seine
+Verlegenheit und antwortet ihm zuerst zögernd, doch allmählich mit immer
+größerer Bereitwilligkeit.
+
+Bald sind Vater und die Knaben in eine tiefsinnige Diskussion über
+Luftschiffe und Flugmaschinen vertieft. Nachdem sie so recht in Zug
+gekommen sind, plaudern die Knaben unbefangen und teilen Vater alle ihre
+Pläne und Träume mit. Und wenn Vater auch begreift, daß die Knaben mit
+den Luftschiffen, die sie jetzt konstruieren, nicht weit fliegen können,
+imponiert ihm die ganze Sache doch. Seine kleinen Söhne sprechen von
+Aluminiummotoren, Aeroplanen und Gleichgewichtslagen wie von den
+selbstverständlichsten Dingen. Er hat sie für rechte Dummköpfe gehalten,
+weil sie in der Schule nicht gut vorwärts kamen. Jetzt scheint es ihm
+mit einem Male, daß sie ein paar kleine Gelehrte seien.
+
+Und hochfliegende Gedanken und Hoffnungen, -- das versteht Vater besser
+als irgend jemand. Er erkennt es wieder: er hat selbst so geträumt und
+hat durchaus keine Lust, über solche Träume zu lachen.
+
+An diesem Vormittag geht Vater nicht mehr aus, sondern bleibt sitzen und
+plaudert mit seinen Knaben, bis es Zeit ist, das Mittagessen zu holen
+und den Tisch zu decken. Und da sind Vater und die Knaben zu ihrer
+großen Überraschung richtig gute Freunde.
+
+ * * * * *
+
+Es ist elf Uhr abends, und Vater taumelt durch die Straßen. Die kleinen
+Jungen gehen neben ihm. Sie haben ihn im Wirtshaus gesucht und haben
+sich dicht an die Tür gestellt, ohne ein Wort zu sagen. Vater saß allein
+an einem Tisch, einen großen dunkeln Toddy vor sich, und hörte einer
+Damenkapelle zu, die am andern Ende des Zimmers spielte. Nach einem
+Weilchen war er unwillig aufgestanden und zu den Knaben hingegangen.
+»Was soll das heißen?« hatte er gefragt. »Warum kommt ihr hierher?« --
+»Du solltest doch nach Hause kommen, Vater,« sagten die Knaben. »Es ist
+doch der fünfte Dezember. Du hast ja versprochen -- -- --«
+
+Da hat sich Vater erinnert, daß Lennart ihm anvertraut hatte, heute sei
+Hugos Geburtstag, und daß er versprochen hätte, beizeiten nach Hause zu
+kommen. Aber das hatte er ganz vergessen. Hugo erwartete sich wohl ein
+Geburtstagsgeschenk von ihm, aber er hatte nicht daran gedacht, eins zu
+besorgen.
+
+Auf jeden Fall ist er mit den Knaben gegangen, und nun wandert er,
+unzufrieden mit ihnen und mit sich selbst, die Straße entlang. Als er
+heimkommt, steht der Geburtstagstisch gedeckt. Die Knaben haben es
+festlich machen wollen. Lennart hat Kuchen gebacken, die jetzt ein paar
+Stunden alt sind und wie Lappen aussehen. Sie haben von Mutter ein
+bißchen Geld bekommen, und dafür haben sie Nüsse, Mandeln und eine
+Flasche Himbeersaft gekauft.
+
+Alle diese Herrlichkeiten haben sie nicht allein genießen wollen,
+sondern haben gewartet, daß Vater heimkomme und sie mit ihnen teile.
+Nachdem sie sich nun mit Vater befreundet haben, können sie ein so
+großes Fest nicht ohne ihn feiern. Vater versteht das schon. Es
+schmeichelt ihm, daß sie sich nach ihm gesehnt haben, und in leidlich
+guter Laune läßt er sich an dem Tisch nieder. Aber halb betrunken, wie
+er ist, strauchelt er, als er Platz nehmen will, er hält sich an der
+Tischdecke fest, fällt zu Boden und zieht alle Herrlichkeiten mit. Als
+er wieder aufsteht, sieht er, wie der Himbeersaft über den Boden strömt
+und Backwerk und Konfekt zwischen Scherben von Porzellan und Glas
+verstreut liegen.
+
+Vater wirft einen Blick auf die langen Gesichter der Knaben, läuft zur
+Türe hinaus und kommt nicht vor dem Morgengrauen heim.
+
+ * * * * *
+
+An einem Vormittag im Februar gehen die Knaben mit Schlittschuhen über
+der Schulter durch die Straße. Sie sind nicht recht dieselben. Sie sind
+mager und blaß geworden und sehen ungepflegt und nachlässig aus. Ihr
+Haar ist nicht geschnitten, sie sind nicht ordentlich gewaschen, und
+Strümpfe und Schuhe zeigen Löcher. Wenn sie miteinander sprechen,
+brauchen sie eine Menge Gassenjungenausdrücke, und es kommt auch vor,
+daß ein Fluch über ihre Lippen gleitet.
+
+Es ist ein Umschwung bei den Knaben eingetreten, und dies schreibt sich
+von dem Abend her, an dem Vater vergaß, heimzukommen und Hugos
+Geburtstag zu feiern. Es war, als hätte sie bis dahin doch die Hoffnung
+aufrecht erhalten, daß eine baldige Änderung in ihrem Schicksal
+eintreten würde. In der ersten Zeit hatten sie darauf gerechnet, daß
+Vater ihrer bald müde werden und sie wieder heimschicken würde. Dann
+hatten sie sich eingebildet, Vater würde sie liebgewinnen und um
+ihretwillen zu trinken aufhören. Ja, sie hatten sich gedacht, daß Mutter
+und er sich versöhnen könnten, und daß sie alle glücklich sein würden.
+Aber an jenem Abend wurde es ihnen klar, daß dies alles unmöglich war.
+Vater konnte nichts andres lieben als das Saufen. Wenn er auch ab und zu
+einmal gut gegen sie war, so machte er sich doch eigentlich nichts aus
+ihnen.
+
+Und eine schwere Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich der Knaben. Nichts
+könnte je anders werden. Sie würden nie von Vater loskommen. Sie hatten
+das Gefühl, als wären sie verurteilt, ihr ganzes Leben lang in einem
+dunkeln Gefängnis eingeschlossen zu sitzen.
+
+Nicht einmal ihre großen Pläne konnten sie trösten. Festgekettet, wie
+sie hier saßen, könnten sie die ja nie zur Ausführung bringen. Da sie ja
+doch nicht einmal etwas lernen durften ...! Sie kannten die Geschichte
+der großen Männer gut genug, um zu wissen, daß jeder, der etwas
+Bedeutendes leisten will, vor allem Kenntnisse braucht.
+
+Der härteste Schlag aber war gewesen, daß Mutter zu Weihnachten nicht zu
+ihnen gekommen war. Zu Anfang des Dezembers war sie auf der Treppe
+gefallen und hatte sich ein Bein gebrochen, so daß sie während der
+Weihnachtsferien im Krankenhaus liegen mußte und nicht nach Stockholm
+reisen konnte. Jetzt war Mutter wohl auf, aber jetzt hatte auch ihre
+Schule wieder begonnen. Überdies hatte sie kein Geld zur Reise. Alles,
+was sie zusammengespart hatte, war während ihrer Krankheit
+draufgegangen.
+
+Die Knaben fühlten sich von der ganzen Welt verlassen. Es war ganz klar,
+daß es ihnen nie besser gehen würde, wie sehr sie sich auch anstrengten;
+und darum hatten sie so allmählich aufgehört, sich mit dem zu plagen,
+was ihnen langweilig schien. Sie konnten ja ebensogut etwas tun, was
+ihnen Spaß machte.
+
+Manchmal betteten sie ihre Betten tagelang nicht auf, und sie hörten
+ganz auf, die Zimmer zu kehren. Es kam ja auf eins heraus. Es besuchte
+sie ja doch niemand, um nachzusehen, wie es ihnen ginge.
+
+Vater kam immer tiefer herunter. Er versuchte manchmal, sich
+aufzurütteln und die Knaben zur Ordnung anzuhalten, aber das waren nur
+ohnmächtige Anläufe. Er vergaß seine Befehle ebenso rasch, wie er sie
+gegeben hatte.
+
+Die Knaben hatten auch angefangen, die Vormittagsarbeit zu
+vernachlässigen. Niemand hörte ihnen die Aufgaben ab; und da hatte es ja
+keinen Zweck, daß sie lernten. Es war jetzt seit ein paar Tagen gutes
+Eis; so machten sie sich lieber Ferien und liefen Schlittschuh, solang
+es Tag war. Auf dem Eise gab es auch immer eine Menge andre Jungen, und
+sie hatten mit mehreren Bekanntschaft gemacht, die auch lieber
+Schlittschuh liefen als daheim saßen und lernten.
+
+Heute nun ist ein so wunderschöner Tag, daß sie unmöglich im Zimmer
+bleiben können. Es sind nur ein paar Grad Kälte, -- stille, hohe Luft
+und klarer Sonnenschein. Es ist so herrliches Wetter, daß die Schulen
+Eislaufferien gegeben haben. Die ganze Straße ist voll von Kindern, die
+daheim waren, um ihre Schlittschuhe zu holen, und jetzt dem Eise
+zueilen.
+
+Wie die Knaben so unter den andern Kindern einhergehen, sehen sie sehr
+ernst und schwermütig aus. Kein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Ihr
+Unglück ist so groß, daß sie es keinen Augenblick vergessen können.
+
+Als sie aufs Eis kommen, herrscht dort Leben und Bewegung. Das Ufer ist
+von einer dichten Menschenmenge umsäumt, weiter draußen schwirren die
+Schlittschuhläufer durcheinander wie Ameisen, deren Haufen beschädigt
+worden ist; noch weiter weg sieht man einzelne schwarze Punkte, die in
+blitzschneller Fahrt dahingleiten.
+
+Die Knaben schnallen die Schlittschuhe an und mischen sich unter die
+übrigen Läufer. Sie laufen sehr gut; und wie sie so in voller Fahrt über
+das Eis schießen, bekommen ihre Wangen Farbe und die Augen Glanz, doch
+nicht eine Minute sehen sie froh und sorglos aus wie andre Kinder.
+
+Auf einmal, als sie gerade eine Wendung zum Ufer machen, erblicken sie
+etwas sehr Schönes. Ein großer Luftballon kommt aus der Richtung von
+Stockholm und treibt zur Ostsee hin. Er ist rot und gelb gestreift; und
+als die Sonne darauf fällt, leuchtet er wie eine Feuerkugel. Die Gondel
+ist mit einer Menge bunter Fähnchen geschmückt, und da der Ballon nicht
+sehr hoch fliegt, ist das lebhafte Farbenspiel sehr gut zu sehen.
+
+Als die Knaben den Ballon erblicken, stoßen sie einen Freudenschrei aus.
+Es ist das erste Mal in ihrem Leben, daß sie einen großen Ballon durch
+die Luft segeln sehen. Er ist viel schöner, als sie ihn sich vorgestellt
+haben. Alle die Träume und Pläne, die in so vielen schweren Tagen ihr
+Trost und ihre Freude waren, tauchen wieder auf, da sie ihn erblicken.
+Sie bleiben stehen, um zu sehen, wie die Stricke und Leinen befestigt
+sind, sie bemerken den Anker und die Sandsäcke an der Gondelkante.
+
+Der Ballon streicht mit scharfer Geschwindigkeit über die vereiste
+Bucht. Alle Schlittschuhläufer, groß und klein durcheinander, stürzen
+ihm lachend und rufend entgegen, als er sich zeigt, und eilen ihm dann
+nach. Sie folgen ihm in einer langen geschwungnen Linie, wie ein
+ungeheures Schlepptau. Und die Luftschiffer vergnügen sich damit, eine
+Menge Papierchen in verschiednen Farben auszuwerfen, die langsam durch
+die blaue Luft flattern.
+
+Die Knaben sind die vordersten in der langen Reihe, die dem Ballon
+nachjagt. Sie eilen voran, den Kopf zurückgeworfen, den Blick nach oben
+gerichtet. Zum ersten Male, seit sie von ihrer Mutter getrennt sind,
+strahlen ihre Augen von Glück. Sie sind ganz außer sich vor Entzücken
+über das Luftschiff und denken an nichts andres, als ihm solange zu
+folgen wie nur möglich.
+
+Doch der Ballon treibt rasch dahin, und man muß schon ein guter Läufer
+sein, um nicht zurückzubleiben. Die Schar, die ihm nachjagt, lichtet
+sich, aber an der Spitze deren, die die Verfolgung fortsetzen, sind die
+kleinen Knaben. Sie sind so eifrig, daß man auf sie aufmerksam wird.
+Später sagten die Leute, es sei etwas eignes über ihnen gewesen. Sie
+lachten nicht, sie riefen nicht, aber es ruhte ein Glanz der
+Hingerissenheit auf ihren emporgewandten Gesichtern, als sähen sie eine
+Vision.
+
+Der Ballon wirkt auf die Kleinen auch fast so wie ein himmlischer
+Wegweiser, der käme, sie auf den rechten Pfad zurückzuführen und sie zu
+lehren, ihn mit frischem Mut zu gehen. Wie die Knaben ihn erblicken,
+schwellen ihre Herzen vor Sehnsucht danach, wieder an der großen
+Erfindung zu arbeiten. Sie sind wieder gewiß, daß es ihnen gelingen
+wird. Wenn sie nur ausharren, werden sie sich schon zum Siege
+durchringen. Und der Tag wird kommen, da sie ihr eignes Luftschiff
+besteigen und in den Raum hinaufschweben werden. Ja, eines Tages werden
+sie dort oben hoch über den Menschen fliegen. Und ihr Luftschiff wird
+weit vollkommner sein als dieses, das sie jetzt sehen. Es wird sich
+lenken und drehen, senken und heben lassen, wird gegen den Wind und ohne
+Wind gehen. Es wird sie durch Tage und Nächte tragen, wohin sie nur
+wollen. Sie werden sich auf den höchsten Berggipfeln niederlassen, die
+ödesten Wüsten durchfahren, die am schwersten zugänglichen Gegenden
+erforschen. Sie werden alle Herrlichkeit der Welt sehen.
+
+»Wir dürfen es nicht aufgeben, Hugo,« sagt Lennart. »Es wird prächtig
+sein, wenn wir nur fertig werden.«
+
+Vater und sein Unglück, -- das ist etwas, was sie gar nichts mehr
+angeht. Wer ein so großes Ziel hat wie sie, kann sich wohl nicht von
+etwas Erbärmlichem hindern lassen.
+
+Je weiter der Ballon kommt, desto größer wird seine Geschwindigkeit. Die
+Schlittschuhläufer haben nun aufgehört, ihn zu verfolgen. Die einzigen,
+die die Jagd fortsetzen, sind die kleinen Knaben. Sie eilen so rasch und
+leicht dahin, als hätten sie Flügel an den Füßen.
+
+Plötzlich entringt sich den Menschen, die auf dem Lande stehen und weit
+über die Bucht schauen können, ein Schrei des Entsetzens und der Angst.
+Sie sehen, wie der Ballon, noch immer von den zwei Kindern verfolgt, dem
+offnen Fahrwasser zugleitet.
+
+»Draußen ist offnes Wasser! Offnes Wasser!« So rufen die Menschen.
+
+Die Schlittschuhläufer unten auf dem Eise hören die Rufe und wenden ihre
+Blicke der Mündung der Bucht zu. Sie sehen, daß weit draußen ein
+Streifen Wasser in der Sonne glitzert. Sie sehen auch, daß zwei kleine
+Knaben gerade auf diesen Streifen zulaufen, den sie nicht bemerken,
+weil sie die Augen auf den Ballon geheftet haben, ohne sie auch nur
+einen Moment zur Erde zu wenden.
+
+Man ruft mit aller Macht, man stampft auf das Eis, Schnelläufer eilen
+dahin, sie aufzuhalten. Aber die Kleinen merken nichts von alledem, wie
+sie so dem Luftschiff nachjagen. Sie wissen nicht, daß sie die einzigen
+sind, die es verfolgen: sie hören keine Rufe hinter sich, sie vernehmen
+nicht das Wogen und Brausen des offnen Wassers vor sich. Sie sehen nur
+den Ballon, der sie gleichsam mitzieht. Schon fühlt Lennart, wie sein
+eignes Luftschiff sich unter ihm erhebt, und Hugo schwebt über den
+geheimnisvollen Gegenden des Nordpols dahin.
+
+Die Leute auf dem Eise und am Strande sehen, wie rasch sich die Knaben
+dem offnen Wasser nähern. Ein paar Augenblicke herrscht eine so atemlose
+Spannung, daß sie weder rufen noch ein Glied rühren können. Es liegt wie
+eine Verzauberung über den beiden Kindern, die in ihrem wilden
+Dahinstürmen nichts merken, die dem Tode zueilen, einer strahlenden
+Himmelserscheinung nach.
+
+Die Luftschiffer oben im Ballon haben nun auch die kleinen Knaben
+bemerkt. Sie sehen, daß sie in Gefahr sind, sie schreien ihnen zu und
+machen warnende Gebärden, aber die Knaben verstehen sie nicht. Als sie
+sehen, daß die Luftschiffer ihnen Zeichen machen, glauben sie, jene
+wollten sie in die Gondel hinaufnehmen. Sie strecken die Arme zu ihnen
+empor, überglücklich in der Hoffnung, ihnen durch den strahlenden Raum
+folgen zu dürfen.
+
+In diesem Augenblick haben die Knaben den Wasserrand erreicht, mit
+emporgewendeten, freudestrahlenden Gesichtern und aufgehobnen Armen
+gleiten sie ins Meer und verschwinden ohne einen Hilferuf. Die
+Schlittschuhläufer, die versucht haben, sie einzuholen, stehen ein paar
+Sekunden später an der Eiskante, aber die Strömung hat die Körper unter
+das Eis gezogen, und keine helfende Hand kann sie erreichen.
+
+
+
+
+Der erste im ersten Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts
+
+
+Es war am Neujahrsmorgen des Jahres 1900. Die Uhr zeigte fast die neunte
+Stunde, aber im Kirchspiel Svartsjö in Wermland war es noch beinah ganz
+dunkel. Die Sonne war noch nicht über die langgestreckten niedrigen
+Waldfirste emporgestiegen.
+
+Gerade als die Glocke schlug, öffnete sich die Tür zum Pfarrhofe, und
+der Pfarrer trat heraus, um in die Kirche zu gehen. Doch als er die
+Treppe hinuntergegangen war, blieb er stehen, um auf jemand zu warten.
+Er war ein junger und eifriger Mann; er stand da und stampfte den Schnee
+wie ein ungeduldiges Pferd.
+
+Endlich zeigte sich seine Frau in der Tür. Sie war erstaunt, daß er sich
+die Zeit genommen hatte, auf sie zu warten. »Das ist schön, daß du
+gewartet hast,« sagte sie. -- »Nein,« antwortete der Mann und lächelte,
+»das ist nicht schön. Ich möchte mit dir über etwas sprechen.«
+
+Die Glocken der Svartsjöer Kirchen begannen zu läuten, als er dies
+sagte. Er trat näher an die Frau heran und fragte sie, ob sie höre, daß
+gerade jetzt die Glocken in Löfwik am andern Ufer des Sees und dort
+oben in Bro auch läuteten?
+
+»Es ist etwas Schönes um allen diesen Glockenklang,« sagte der Pfarrer.
+-- »Ja,« sagte sie, »ja, so ist es.« -- »Hast du daran gedacht, daß sie
+heute Nacht in jeder Kirche in ganz Wermland das neue Jahr eingeläutet
+haben? Die großen Erzschlünde haben es in die dunkle Winternacht
+hinausgerufen, von den kleinen Kapellchen in Finmarken gerade so wie vom
+Domkirchenturm in Karlstad.« -- »Ja,« sagte sie, »daran hab ich auch
+gedacht.«
+
+»Aber nicht nur in Wermland ...« sagte der Pfarrer. »In ganz Schweden
+sind heute Nacht die Kirchenglocken erklungen, ja, auf einem großen Teil
+der Erde.« -- »Ja, das wird schon so sein,« sagte die Pastorin und wußte
+nicht recht, worauf der Mann hinauswolle.
+
+»Das neue Jahr, das heute Nacht geboren wurde, hat noch kaum etwas
+andres erlebt als dies Glockengeläute,« fuhr der Pfarrer fort. »Zuerst
+lag es ein wenig schlaftrunken und verschüchtert oben in den Wolken und
+wiegte sich und konnte in der tiefen Finsternis gar nicht sehen, woher
+es gekommen wäre. Da begegnete ihm der Glockenklang, der zu ihm
+hinaufdrang: stark und volltönig aus den großen Städten, wo die Kirchen
+einander nahestehen, schwächer und gleichsam rührend eintönig aus den
+kleinen verstreuten Dorfkirchlein. Ich lag heute morgen da und dachte
+daran, seit wir von dem Mitternachtsgottesdienste heimkamen. Als wir
+nach der Kirche heimgingen, da hast du etwas gesagt, was mich nicht
+schlafen ließ.«
+
+Die Frau wußte sofort, was er meinte. Auf dem Heimwege hatten sie von
+der alten versperrten und versiegelten Truhe gesprochen, die Magister
+Eberhard Berggren vor achtzig Jahren in die Svartsjöer Kirche gestellt
+hatte, mit der Vorschrift, daß sie nicht vor dem Neujahrstag des Jahres
+neunzehnhundert eröffnet werden dürfe. Die Frau hatte gesagt, sie finde
+es unrecht, daß sie jetzt hervorgenommen und geöffnet werden solle.
+Jedermann wußte ja, daß die Truhe nichts andres enthielt als Schriften
+des Unglaubens und der Gottesleugnung.
+
+Doch der Pfarrer hatte gemeint, wenn das Kirchspiel einmal die Truhe in
+seine Obhut genommen und versprochen hätte, Magister Eberhards Willen zu
+erfüllen, so könnte man nicht umhin, sie zu eröffnen. Niemand wüßte ja
+auch so recht, was eigentlich darin wäre.
+
+»Ich habe gehört, daß der alte Eberhard ein Gottesleugner war,« hatte
+die Frau geantwortet. -- Ja, das hatte der Pastor auch gehört. -- »Wär
+ich du,« beharrte die Pastorin auf ihrer Meinung, »ich würde erwirken,
+daß die Gemeinde beschlösse, die Truhe stehen zu lassen, wie sie steht.«
+-- »Nein, aber Frau,« fiel da der Pfarrer ein, »willst du mich
+vielleicht glauben machen, daß dieser alte Ekebykavalier imstande sein
+könnte, auch nur einen einzigen Menschen in seinem Gottesglauben zu
+erschüttern?«
+
+Das hatte die Pastorin zugegeben. Sie glaubte nicht, daß die Schriften
+gefährlich seien, aber sie meinte, es sei häßlich, daß sie durch einen
+christlichen Geistlichen und seine Gemeinde ans Licht gezogen werden
+sollten. Es läge etwas Anstößiges darin. Er könnte seinen Pfarrkindern
+doch wenigstens vorschlagen, die Truhe uneröffnet zu lassen.
+
+»Aber es ist eines toten Mannes Wille,« hatte der Pfarrer geantwortet;
+und als die Frau sah, daß sie sich nicht einigen konnten, hatte sie
+geschwiegen.
+
+Als ihr nun der Mann sagte, daß ihre Worte ihn so früh am Morgen geweckt
+hätten, da wurde sie sehr froh und fragte sogleich, ob er zu ihrer
+Meinung übergegangen sei.
+
+»Das wird davon abhängen, was ich dich jetzt fragen will.« -- »Ja, ich
+werde dir gewiß nicht meine Zustimmung geben, diese Truhe zu öffnen.« --
+Der Pfarrer lachte. -- »Dessen sollst du nicht so gewiß sein,« sagte er.
+
+»Ich erwachte sehr früh,« fuhr der Pfarrer fort, »und rieb sogleich ein
+Zündhölzchen an. Die Glocke schlug drei, und das erste, was ich dachte,
+war, daß heute Nacht das neunzehnte Jahrhundert zu Ende gegangen ist,
+und daß wir jetzt neunzehnhundert schreiben. Und dabei mußte ich an den
+Glockenschlag denken, der die Nacht erfüllte, und an das neugeborne
+Jahr, das da lag und lauschte. Wie ich so im Halbschlummer lag, sah ich
+deutlich vor mir, daß das alte Jahr irgendwo im fernen Osten auf einem
+Scheiterhaufen verbrannt worden war, und das neue Jahr war aus der
+Asche hervorgekrochen und hatte die Flügel ausgebreitet und war
+ausgezogen, die Welt in Besitz zu nehmen. Jetzt wiegt es sich wohl in
+dem Glockenklange der Klöster und Kirchen Palästinas, dachte ich. Es
+braucht die Flügel gar nicht zu bewegen, dachte ich weiter. Es hält sie
+nur ausgespannt, und dann kommen die Tonwellen und ergreifen es und
+wiegen es von einem Land zum andern. Ja, es liegt nur da und wiegt und
+schaukelt sich. In der Dunkelheit weiß es gar nicht, wohin es kommt.
+Alles, was es vernimmt, ist Glockenklang, und vielleicht noch
+Kirchengesang, Orgelton und die Schritte derer, die zur Christmette
+wandern.
+
+»Das neue Jahr wird fühlen, daß es über heiliger Erde schwebt,« dachte
+ich. Und ich fühlte mich ganz gerührt, wie ich da lag. Jetzt ist es über
+die Sankt Peterskirche in Rom gewiegt worden, und dann ist es über die
+Alpen nach Deutschland hinaufgeflattert. Später am Tage wird es bis zu
+uns heraufschweben.
+
+»Aber während ich so sann, wurde mir ganz weich zumute, und da kamen
+deine Worte mir wieder in den Sinn. Wenn also das neue Jahr über
+Wermland und Svartsjö geschwebt käme, dann sollte es hier einen Priester
+und seine Gemeinde sehen, die eine Truhe mit Schriften des Unglaubens
+öffneten. Und es schien mir sehr traurig, daß es so etwas schauen
+sollte, nach allem dem Schönen, das es bisher erlebt hat. In Rom bei den
+Katholiken hatte es den Papst die heilige Pforte öffnen und das Jubeltor
+einweihen sehen, und hier oben im Norden sollte es uns den Riegel
+eröffnen sehen, der Zweifel und Gottesleugnung einschloß. Das neue Jahr
+wird eine zu schlechte Meinung von uns bekommen,« sagte ich. »Es geht
+einfach nicht an, diese Truhe zu öffnen.«
+
+»Siehst du wohl! Ich wußte, daß du zu meiner Partei übergehen würdest,«
+sagte die Pastorin.
+
+»Es hat nicht viel daran gefehlt,« sagte der Pfarrer; »aber gleich
+darauf stand es mir wieder vor Augen, wie unmöglich es sei, gegen eines
+toten Mannes Willen zu handeln. Ja, es war unmöglich, -- das eine wie
+das andre: die Truhe zu öffnen wie sie geschlossen zu lassen. Und ich
+begann mich zu fragen, ob es denn keinen Ausweg gäbe. Wenn man eine
+Sache nur lange genug überdenkt, pflegt man schließlich doch
+herauszufinden, was das Rechte ist. Ich lag da und grübelte stundenlang.
+Ich dachte alles durch, was ich vom Magister Eberhard Berggren wußte, um
+Klarheit darüber zu gewinnen, was er in diese Truhe gelegt haben
+mochte.«
+
+»Hast du es also herausgebracht?«
+
+»Ich glaube wohl, daß ich es herausgebracht habe, aber ich will auch
+deine Meinung hören.«
+
+»Die kennst du schon,« sagte die Frau eigensinnig.
+
+»Das sollst du nicht so bestimmt sagen,« meinte der Pfarrer. »Du
+solltest zuerst versuchen, dich in die Sache hineinzudenken. Du solltest
+versuchen, dich in Magister Eberhards Gedanken zu versetzen. Das hab ich
+heute morgen getan. Wenn du nun ein alter Mann wärst, sagte ich zu mir
+selbst, wenn du Magister Eberhard Berggren wärst, ein alter gelehrter
+Mann, der nicht an Gott glaubte! Ich versuchte mir einzubilden, daß ich
+mein ganzes Leben am Schreibtisch verbracht hätte, ohne Unterlaß denkend
+und schreibend. Ich dachte mir, ich hätte Jahr für Jahr in einer Ecke
+des Kavalierflügels auf Ekeby gesessen, mit Büchern und Papieren rings
+um mich, -- und Leben und Scherz, Sang und Spiel wären durch die Räume
+erbraust, aber ich hätte ganz still und stumm hinter einer Mauer von
+Büchern gesessen und gearbeitet.
+
+»Und dann dachte ich mir weiter, daß ich nach vielen, unendlich vielen
+und langen Jahren endlich mit meiner Arbeit fertig geworden wäre. Und
+ich hätte ihr alle meine Lebenskräfte geopfert. Ich wäre alt und müde
+geworden, und in letzter Zeit hätte ich auch angefangen zu kränkeln. Ich
+hätte zuweilen brennende Schmerzen in der rechten Seit gespürt, in der
+Gegend der Leber, obgleich ich mir gar nicht die Zeit genommen hätte,
+mich darum zu bekümmern. Ja, ich hätte wohl gar nicht daran gedacht, was
+das Werk mich gekostet hätte: ich wäre nur glücklich gewesen, es
+vollendet zu haben.
+
+»Ich wäre auch natürlich ganz überzeugt gewesen, daß alles ganz
+vollkommen sei, daß nichts fehle. Allen andern Philosophen hätte man
+irgendeine Lücke im Gedankengang nachgewiesen, aber so etwas könnte mir
+nicht passieren. Ich hätte meine eigne Philosophie gefunden, und die sei
+ganz ohne Makel. Sie sei sicher und fest vom Grunde bis zur Turmspitze.
+
+»Ja, ich versuchte mich noch weiter in die Sache hineinzudenken,« fuhr
+der Pfarrer fort. »Wenn ich nun mein Buch fertig hätte, was würde ich
+damit anfangen? Es wäre ja das allereinfachste, es gleich in die
+Druckerei zu schicken. Aber wenn ich solch ein alter Mann wäre, würde
+ich mir die Sache sicherlich überlegen. Ich würde sie mir deshalb
+überlegen, weil ich sehr wohl wüßte: sobald meine Philosophie bekannt
+würde, könnte niemand ihr widerstehen. Alle Menschen würden dann auf
+einmal aufhören, an Gott zu glauben; und die Hoffnung auf ein ewiges
+Leben würden sie gleichfalls verlieren. Und ich müßte mir doch sagen,
+daß eine ganze Menge von jenen, die ich gekannt und geliebt, dies als
+ein großes Unglück empfinden würde. Die Menschen sind schwach, würde ich
+mir selbst sagen, sie können die Wahrheit nicht ertragen. Und so
+allmählich würde ich dahin kommen, daß ich den Entschluß faßte, mein
+Buch zu verwahren und es erst einige Zeit nach meinem Tode an den Tag
+kommen zu lassen. Wenn ich es bis zum Jahre neunzehnhundert verwahrte,
+dann müßte wohl ein neues Geschlecht herangewachsen sein, das das Licht
+der Wahrheit besser ertragen könnte. Ich glaube, es wäre gar nicht
+unmöglich, daß ich einen solchen Entschluß fassen würde, wenn ich solch
+ein alter Mann wäre,« sagte der Pfarrer und sah seine Frau an, ihrer
+Zustimmung gewiß.
+
+»Ach nein,« antwortete sie, »so ganz unmöglich wäre das wohl nicht.«
+
+»Wie ich so in der Dunkelheit dalag, glaubte ich sein Leben ganz zu
+durchleben,« fuhr der Pfarrer fort. »Wo sollte ich nun fürs erste das
+Manuskript hinterlegen? In einem der Herrenhöfe könnte ich es nicht
+aufbewahren. Die sind alle aus Holz; früher oder später könnten sie
+verbrennen, und dann wäre meine Arbeit verloren. Und wenn ich es in
+einen Keller legte, dann würde die Feuchtigkeit es ebenso sicher
+zerstören, wie es nur je das Feuer vermöchte.
+
+»Nein, der einzige sichere Aufbewahrungsort, den ich mir denken könnte,
+wäre wohl eine der Kirchen in Bro oder Svartsjö, die aus Stein erbaut
+sind. Nun muß ich sagen: wenn ich ein solcher alter Heide wäre, dann
+würde ich wohl eine gewisse Abneigung dagegen empfinden, meine Arbeit in
+einer Kirche aufzubewahren. Aber ich würde mich schon bald mit dem
+Gedanken trösten: wenn ich so sicher weiß, daß es keinen Gott gibt, kann
+ich meine Arbeit schließlich ebenso gut in eine Kirche legen wie in
+irgendein andres Gebäude.
+
+»Ja, den Tag, an dem ich alles fertig hätte, so daß ich meine große
+Dokumententruhe in den Schlitten legen und mit ihr nach Svartsjö fahren
+könnte, würde ich sicherlich als einen großen Festtag ansehen. Denn ich
+glaube, wenn ich ein so alter umsichtiger Mann wäre, würde ich meine
+Truhe lieber in Svartsjö verwahren als in Bro, weil der Vikar in
+Svartsjö ein viel nachgiebigerer Mann war als der Propst in Bro. Ja,
+wahrhaftig, -- wäre ich nicht vergnügt an diesem Wintertage, wenn ich
+bei guter Schlittenbahn mit einem flinken Pferde von Ekeby fortführe?
+Wenn ich auch in den letzten Tagen jene innerlichen Schmerzen gespürt
+hätte, so wüßte ich doch ganz genau, daß sie an einem Tage wie diesem
+ganz wie fortgeblasen wären. Ich würde nur dasitzen und denken, welche
+Wirkung es haben müßte, wenn mein Buch einmal in die Welt hinauszöge,
+und wie berühmt mein Name da auf einmal sein würde. Das ganze Jahr
+neunzehnhundert würden die Menschen von niemand anders sprechen als von
+Eberhard Berggren.
+
+»Aber obgleich ich so stolze Gedanken hätte, während ich so über die
+Straße kutschierte, würde ich doch einen Wandrer bemerken, der mit dem
+Ränzel auf dem Rücken und einem großen Bügeleisen in der Hand am
+Wegesrand ginge. Und ich würde zu mir selbst sagen: Sieh da! Da geht der
+alte lustige Schneider Lilje! Der arme Teufel muß das Ränzel und das
+Bügeleisen schleppen. Ich will ihn doch fragen, ob er nicht ein Stück in
+meinem Schlitten fahren will.
+
+»Und nun stelle ich mir dies vor: wenn Schneider Lilje das Bügeleisen
+und das Ränzel in den Schlitten gelegt und sich selbst auf die Kufen
+gestellt hätte, würden er und ich bald ins Gespräch kommen.
+
+Schneider Lilje würde fragen, wohin ich denn mit der schönen Truhe
+wolle, und ich würde es nicht lassen können, ihm zu erzählen, was darin
+sei. >Sieht er, Lilje,< würde ich wohl sagen, >diese Truhe enthält das
+große Buch, das ich geschrieben habe, und jetzt fahre ich damit zur
+Svartsjöer Kirche und verwahre es dort. Wir wollen die Truhe versperren
+und versiegeln, der Pfarrer und ich; und niemand darf sie vor dem Jahre
+neunzehnhundert öffnen.<
+
+»Aber nun würde es mir auffallen, daß Lilje die ganze Zeit still bliebe,
+und er pflegte doch sonst keine Minute lang schweigen zu können, und
+dies würde mich so verwundern, daß ich schließlich fragen müßte: >Was
+ist denn in ihn gefahren, Lilje, woran denkt er denn?< Und siehst du,
+Frau, wenn Lilje dann antwortete, daß er sich überlege, ob er mich um
+etwas bitten dürfte, dann würde ich ihm gleich die Erlaubnis geben, frei
+von der Leber weg zu sprechen.
+
+»Wahrscheinlich hätte ich in diesem Augenblicke nicht sehr auf Liljes
+Geschichte aufgepaßt, aber später würde ich mich doch an jedes Wort
+davon erinnern können. Ich würde mich erinnern, daß Lilje sagte, er habe
+vor ein paar Tagen einen Landstreicher getroffen, der sterbend am
+Wegesrande lag. Dieser Mann habe Lilje gebeten, ein kleines Päckchen,
+das er ihm reichte, in Verwahrung zu nehmen. Er habe ihm aufgetragen, es
+irgendwo aufzuheben, wo niemand es finden könnte. Er dürfte es nicht
+vernichten. Und wenn er so alt würde, daß alle, die jetzt lebten, tot
+wären, dann dürfte er es öffnen, sonst sollte er es einem andern zur
+Aufbewahrung anvertrauen. Und Lilje habe es nicht übers Herz gebracht,
+einem Sterbenden seine letzte Bitte abzuschlagen, und habe das Päckchen
+entgegengenommen.
+
+»Nun, wenn mir Lilje all dies erzählt hätte, dann würde ich natürlich
+gesagt haben: >Es ist schon gut, Lilje, ich versteh, wo er hinaus will.
+Er darf das Päckchen hier in meine Truhe legen.<
+
+»Und ich hätte das Pferd angehalten und die Truhe geöffnet, und wir
+hätten Liljes Päckchen hineingetan. Ich hätte der Sache so wenig Gewicht
+beigelegt, daß ich es kaum angeschaut hätte. Aber nachher würde ich es
+wohl oft vor Augen gesehn haben. Es war ein blaues Kuvert ohne Adresse,
+ohne ein geschriebnes Wort. Es sah aus, als enthielte es Papiere, aber
+sonst konnte man in keiner Weise erraten, was für Geheimnisse es bergen
+mochte.
+
+»Ja,« sagte der Pfarrer, »heute morgen versetzte ich mich in die ganze
+Sache hinein und fand es ganz natürlich, daß alles so zugegangen wäre,
+und stellte mir auch vor, daß ich, nachdem Lilje bei einem Kreuzweg aus
+dem Schlitten gestiegen wäre, wohl gar nicht weiter an ihn gedacht,
+sondern nur in Gedanken mein Buch noch ein letztes Mal durchgegangen und
+gefunden hätte, daß alles darin makellos und vollendet sei, und daß kein
+Wort geändert zu werden brauche.«
+
+»Ja, wenn ich in Eberhard Berggrens Haut gesteckt hätte, wäre ich auch
+nach der Ankunft in Svartsjö und während die Truhe versperrt und
+versiegelt wurde, in derselben fröhlichen Laune gewesen. Aber wenn mir
+dann der Pfarrer in Svartsjö gesagt hätte, dies könne ja jederzeit
+wieder rückgängig gemacht werden, falls es mich reuen sollte, dann hätte
+ich vielleicht etwas heftig geantwortet, weil es mich geärgert hätte,
+daß er glaubte, ich hätte mir nicht genau überlegt, was ich tat. >Nein,
+Bruder, hier kann keine Reue in Frage kommen,< hätte ich wohl
+geantwortet. >Aber eines verspreche ich dir, Bruder: wenn dein Gott mich
+zwingen kann, diese Truhe zu öffnen, dann will ich alles vernichten, was
+ich gegen ihn geschrieben habe.<
+
+»Und wenn dann der Pfarrer in Svartsjö mich ermahnt hätte, Ihn nicht
+herauszufordern, der stärker sei als ich, dann hätte ich erwidert, daß
+ich nur jemand herausforderte, der bloß in der Einbildung der Menschen
+existierte.
+
+»Glaubst du nicht, daß ich ganz so geantwortet hätte, wenn ich der
+Magister Eberhard gewesen wäre?« fragte der Pfarrer und sah die Frau
+noch einmal Zustimmung heischend an.
+
+»Ach ja,« antwortete die Frau und nickte, »das glaube ich schon. Du bist
+ja schon völlig so wie der alte Eberhard.«
+
+»Ja, darum handelt es sich eben,« sagte der Pfarrer. »Man muß ganz eins
+mit dem Manne sein, den man beurteilen soll. Sonst kann man nicht zur
+Klarheit kommen.«
+
+»Und glaubst du nun nicht,« fuhr er fort, »glaubst du, die du mich
+kennst, nicht, daß ich mich, wenn ich Eberhard Berggren gewesen wäre, in
+demselben Augenblick, wo ich mich in den Schlitten setzte, um nach Ekeby
+zurückzufahren, -- daß ich mich da nicht tief unglücklich gefühlt hätte?
+Glaubst du nicht, daß ich eine ganz furchtbare Sehnsucht nach meiner
+Arbeit empfunden hätte? Obgleich ich mir ja sagen müßte, daß es ein
+Glück sei, fertig zu sein, wäre ich doch furchtbar niedergeschlagen
+gewesen. Und glaubst du nicht, daß plötzlich das Alter über mich
+gekommen wäre, und daß die Krankheit, die ich bis dahin durch meinen
+Willen hatte unterjochen können, mir jetzt so arg zugesetzt hätte, daß
+ich mich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, bis ich zu Hause anlangte.
+Nicht wahr, glaubst du nicht auch, daß es so gekommen wäre?«
+
+»Ich kann nicht recht wissen, was ich glauben soll,« sagte die Frau,
+»aber ich denke schon, daß deine Arbeit dir gefehlt hätte.«
+
+»Ja,« sagte der Pfarrer, »dies alles stellte ich mir heute morgen so
+vor. Ich wußte, daß ich nicht nur mein Buch vermissen, sondern daß ich
+auch furchtbar krank werden würde. Das Übel würde mit so furchtbarer
+Kraft über mich hereinbrechen, weil solch ein alter Mann, wie ich es
+wäre, jetzt gar nichts mehr hätte, womit er es zurückdrängen könnte,
+nichts, wofür er leben müßte, und so bliebe mir nichts anderes übrig,
+als mich hinzulegen und auf den Tod zu warten.
+
+»Du wirst wissen, daß es damals hier im Ort keinen Arzt gab; aber
+irgendeine weise Frau wäre wohl gerufen worden, und sie hätte die
+Krankheit erkannt und gesagt, es sei Krebs. Und merkwürdigerweise wäre
+dies fast als ein Glück angesehen worden; denn damals glaubte man gar
+nicht, daß diese Krankheit unbedingt zum Tode führen müsse. Es gab
+nämlich eine alte Familie -- Amnérus hieß sie wohl --, und die besaß ein
+Rezept, das den Krebs heilen konnte. Es wurde als ein großer Schatz
+betrachtet, streng geheim gehalten und vererbte sich wie ein Majorat in
+der Familie.
+
+»Und nun kannst du dir wohl denken: Frau, wenn ich ein alter kranker
+Mann wäre, würde ich den ersten Tag benützen, an dem mir so wohl wäre,
+daß ich in einem Schlitten sitzen könnte, um zu diesen Leuten mit Namen
+Amnérus zu fahren, die das Rezept besäßen und Heilung für die
+furchtbaren Qualen hätten.
+
+»Nun denke ich mir also, siehst du, Frau, daß ich bei der Familie
+Amnérus angefahren käme. Sie wohnten tief drinnen im Walde. Es gab keine
+Felder, keinen Garten, sondern der Wald stand bis dicht ans Haus heran.
+Und die Menschen dort waren klein und lichtscheu und trugen
+altväterische Kleider und hatten dünne, piepsende Stimmen.
+
+»Ich denke, es würde mir sogleich auffallen, wie erschrocken sie
+aussähen, da sie mich erblickten. Ich würde zuerst gar nicht begreifen,
+warum sie davonlaufen zu wollen schienen, wenn ich mein Anliegen
+vorbrächte. Aber bald würde die Reihe, Angst zu haben, an mir sein. Denn
+ich würde erfahren, daß der Grund ihres Schreckens der sei, daß sie das
+Rezept nicht mehr hätten. Ja, was glaubst du, Frau, würde wohl ein armer
+Kranker fühlen, wenn er hörte, daß dieses Rezept ihnen von einem Knecht
+gestohlen sei, der in ihrem Dienst gestanden hätte, und sich aus
+irgendeinem Grunde an ihnen rächen wollte? Was würde ein Todkranker,
+der Linderung und Besserung erwartet hätte, denken, wenn sie die
+Geheimlade des Sekretärs herauszögen, wo sie das Rezept zu verwahren
+pflegten, und ihm zeigten, daß sie leer sei. Ja, sie sei leer; sie
+hätten keine Macht mehr über die Krankheit.
+
+»Natürlich würde der Kranke sie fragen, ob sie denn die Mischung nicht
+so gut kennten, daß sie sie ohne Rezept zu bereiten vermöchten. Aber das
+wäre nicht der Fall. Niemand von ihnen kennte das Heilmittel; denn die
+Sache wäre so strenge geheimgehalten worden, daß immer nur eine Person
+sich hätte damit befassen dürfen. Und die unter den Schwestern, die die
+Bereitung des Heilmittels gekannt hätte, wäre an dem Tage, bevor es
+gestohlen worden, gestorben. Der Dieb hätte sich gerade diesen Zeitpunkt
+ausgewählt, sonst hätte er ja keinen Schaden gestiftet. Aber wo der Dieb
+sich jetzt befände, das wüßten sie nicht. Es wäre ein versoffener wilder
+Geselle gewesen, vielleicht wäre er schon bei irgendeiner Schlägerei ums
+Leben gekommen. Nur eines wüßten sie sicher, daß er das Rezept genommen
+hätte. Denn ehe er fortgegangen wäre, hätte er den Mägden ein blaues
+Kuvert gezeigt und sich gerühmt, daß die Herrschaft ihn noch vermissen
+würde.
+
+»Und nun weiß ich ganz gewiß: wenn ich solch ein kranker Mann gewesen
+wäre, ich würde, wenn ich dies von dem blauen Kuvert gehört hätte, kein
+Wort weiter gefragt haben, sondern wäre aus dem Zimmer gegangen, hätte
+mich in den Wagen gesetzt und wäre davongefahren.
+
+»Ja, nur davongefahren, Frau, um allein zu sein und die Sache mit mir
+selbst durchzudenken. Dieses blaue Kuvert, dieses blaue Kuvert, ich
+würde natürlich sogleich wissen, wo es wäre. Und ich hätte doch erst
+einige wenige Tage zuvor gesagt: >Wenn dein Gott mich zwingen kann,
+diese Truhe zu öffnen, dann -- --< Nein, nein, es wäre nicht zugänglich,
+dieses Rezept, ohne daß meine ganze Lebensarbeit vernichtet würde. Aber
+in dieser Arbeit lebte Eberhard Berggren in Jugend und Klarheit; was
+sonst auf Erden von ihm übrig wäre, das sei nur ein abgelebter Greis. In
+früheren Tagen hätte Eberhard Berggren seine Arbeit höher geschätzt als
+Freude und Lust und Liebe. Und dann würde ich wohl die Fäuste ballen und
+denken -- --«
+
+Der Pfarrer trat dicht an seine Frau heran. »Du, die du mich kennst, --
+was, glaubst du, hätte ich beschlossen, wenn ich solch ein alter Mann
+wäre? Bedenke, daß ich felsenfest glauben würde, daß mein Buch das beste
+und weiseste Buch sei, das je geschrieben wurde, und bedenke, daß ich
+glauben würde, daß das Rezept mich unfehlbar gesund machen könne. Sage,
+wie glaubst du, daß ich gehandelt hätte?«
+
+»Ich glaube wohl, du hättest dich dafür entschieden, für dein Buch zu
+sterben,« sagte die Frau.
+
+»Ja,« sagte der Pfarrer, »ich hätte die Fäuste geballt und gedacht, daß
+ich dieses Rezept ja gar nicht so notwendig brauchte, -- ich könnte ja
+sterben. Und glaubst du auch, daß ich an meinem Vorsatze festgehalten
+hätte?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte die Pastorin, »ich kenne dich nicht gut genug.
+Wenn es sich nur um den Tod gehandelt hätte. Aber nun waren da ja auch
+die Schmerzen.«
+
+»Ich hätte innerlich gekämpft,« sagte der Pfarrer, »und in den ersten
+Tagen wäre die Krankheit sogar ein wenig zurückgewichen, weil ich den
+festen Entschluß gefaßt hätte, sie ihr Schlimmstes tun zu lassen. Aber
+nach ein paar Wochen hätte sie mich mit erneuter Kraft überfallen, und
+man hätte mir oben im Kavaliersflügel wieder ein Lager gebettet, und da
+hätte ich einsam gelegen, den ganzen Tag lang, und hätte mit den
+Schmerzen gekämpft.
+
+»Und ich glaube wohl, wenn ich solch ein alter, unerschütterlicher Mann
+gewesen wäre, dann hätte ich zuweilen ganz gegen meinen Willen die
+Vorstellung gehabt, daß ich gegen Gott kämpfte. Ich hätte den Gedanken
+von mir gewiesen. Ich hätte gedacht, daß ich nicht mit jemandem kämpfen
+könne, der gar nicht da wäre. Es sei doch ein bloßer Zufall, würde ich
+sagen, daß ich Lilje mit dem Rezepte begegnet sei. Es sei durchaus keine
+lenkende Vorsehung, die ihn mir geschickt hätte. Es gäbe keine
+Vorsehung, und so könne sie auch nichts schicken.
+
+»Aber einmal ums andre würde mir die Vorstellung kommen, daß ich daläge
+und mit unserm Herrgotte ränge. Vielleicht würde es mancher als Milde
+und Gnade betrachten, daß du mich wissen ließest, wo das gestohlene
+Rezept zu finden sei. Der Dieb hätte es ja ebensogut vernichten können.
+Du willst wohl, daß ich es als eine sonderliche Gnade ansehe, daß es in
+Liljes Hände kam. Aber ich wünsche, es wäre vernichtet worden. Ich sehe
+es nicht als eine Gnade an, daß ich weiß, wo es zu finden ist. Ich
+betrachte es -- -- Ja, und dann würde ich mich wieder erinnern, daß ich
+in meinem Buch doch ganz unwiderleglich bewiesen hätte, daß es keinen
+Gott gebe, und würde den Zwist abbrechen.
+
+»Ich denke, es muß eine große Versuchung, eine furchtbare Versuchung für
+den alten kranken Magister Eberhard gewesen sein: nur ein Wort an den
+Pfarrer in Svartsjö, und er hätte das Heilmittel in seiner Hand! Glaubst
+du nicht, daß er um dieser Versuchung willen die Qualen noch tausendmal
+verschärft empfand? Es handelte sich um einen furchtbaren Preis; aber
+wer wirklich krank ist, fragt wohl nach nichts anderm als nach der
+Gesundheit.
+
+»Doch immerhin -- wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, ich hätte
+versucht, auszuharren; hätte versucht, Gott und den Menschen zu zeigen,
+was Manneskraft vermag.
+
+»Aber am schlimmsten wäre es an dem Tage gewesen, an dem Schneider Lilje
+auf den Hof gekommen wäre. Da wären die Qualen so furchtbar gewesen, daß
+ich in jeder Stunde meinen Tod erwartete. Und da wäre mir wohl der
+Gedanke gekommen, daß ich jemand sagen müßte, was in diesem blauen
+Kuvert sei. Denn plötzlich hätte mich der Gedanke beängstigt, daß ich
+ein großes Unrecht gegen meine Mitmenschen beginge, wenn ich nicht
+sagte, wo dieses unschätzbare Heilmittel zu finden sei. Ich könnte es ja
+so einrichten, daß es erst nach meinem Tode hervorgenommen würde. Dann
+hätte nicht ich die Truhe geöffnet, dann könnte ja meine Arbeit
+unberührt liegen bleiben.
+
+»Ich würde mir wohl denken, daß es am sichersten wäre, das Geheimnis
+niederzuschreiben, und niemanden vor meinem Tode von dieser Schrift
+Kenntnis erlangen zu lassen. Aber siehst du, Frau, es wäre wohl für
+einen Todkranken, dem die geringste Bewegung Qualen verursacht, nicht so
+leicht, die Feder zu führen.
+
+»Und schließlich hätte ich wohl Lilje hereingerufen und ihm das
+Geheimnis anvertraut und ihm befohlen, das gestohlne Kuvert den
+Eigentümern zurückzugeben. Aber zu gleicher Zeit hätte ich ihm streng
+verboten, es vor meinem Tode aus der Truhe zu nehmen. Erst wenn ich in
+den Kirchhof gebettet wäre, dürfte er zu dem Pfarrer in Svartsjö gehen
+und mit ihm sprechen.
+
+»Du kannst sicher sein, sobald ich mit Lilje gesprochen hätte, würde es
+mich wieder gereut haben. Man könnte sich doch auf einen solchen Kerl
+nicht verlassen. Es wäre klar, ich hätte jemandem sagen müssen, wo das
+Rezept zu finden sei. Aber ich hätte es niederschreiben sollen. Ich
+hätte niemanden vor meinem Tode darum wissen lassen dürfen.
+
+»Und bei alledem hätte ich mit der stummen geheimen Hoffnung dagelegen,
+daß Lilje mir ungehorsam sein könnte.
+
+»Ein paar Tage später würde ich etwas Eignes, Geheimnisvolles an der
+Frau bemerken können, die mich pflegte. Ich würde sehen, daß sie eine
+ganz besonders frohe und feierliche Miene machte, wenn sie mit einem
+warmen Trunke zu mir hereinkäme. Ich würde erschrecken, und ich würde
+mir selbst zuflüstern: Hüte dich, trinke nicht! Es kostet dich die
+Arbeit deines ganzen Lebens!
+
+»Aber trotzdem, siehst du, Frau, würde ich wohl den Kopf vorstrecken und
+trinken; und mit jedem Tropfen, der über meine Lippen käme, würde ich
+Linderung fühlen. Ich würde das Glas von mir schieben wollen, wenn es
+halb geleert wäre, aber ich würde es nicht können. Und wenn ich es
+geleert hätte, würde ich mich auf einmal ganz gesund fühlen und vor
+Freude weinen.
+
+»Nun will ich dir sagen, wie es mir weiter ergangen wäre, wenn ich der
+alte Eberhard gewesen wäre. Am nächsten Tage wären die Schmerzen
+wiedergekommen, und da hätte ich wieder von diesem Trank getrunken. Da
+hätten die Schmerzen aufgehört und wären in kleinen Zwischenräumen
+wieder zum Leben erwacht, aber am dritten Tage wären sie ganz
+verschwunden gewesen. Und ich würde sehr wohl wissen, was für einen
+Trank man mir gegeben hätte, ich würde begreifen, daß ich eine
+Niederlage erlitten hätte, aber ich wäre allzu glücklich, um weiter
+danach zu fragen.
+
+»Dann würde ich wieder umhergehen und mich ganz gesund fühlen. Aber ich
+würde mich wohl hüten, jemand zu fragen, woher der Trank gekommen wäre,
+der mich geheilt hätte. Und ich glaube ganz gewiß nicht, daß mir jemand
+sagen würde, daß man die Truhe eröffnet und das Rezept herausgenommen
+hätte. Niemand würde es sagen, aber ich würde es doch wissen. Ich würde
+nach Svartsjö fahren und mir die Truhe ansehen, und sie würde versperrt
+und versiegelt in der Kirche stehen, aber ich würde doch wissen, daß sie
+eröffnet worden wäre. Und dann -- --«
+
+»Würdest du dich dann für verpflichtet halten, dein Buch zu vernichten?«
+fragte die Pastorsfrau.
+
+»Ich glaube wohl, daß ich versuchen würde, Schlupfwinkel und Ausflüchte
+zu finden, aber ich würde nicht leugnen können, daß ich, wenn ich ein
+Ehrenmann sein wollte, mein Buch vernichten müßte.«
+
+»Und würdest du es auch tun?«
+
+»Ja, was glaubst du? Bedenke jetzt auch recht, was dieses Buch für mich
+bedeuten würde! Wäre es vernichtet, so wäre auch mein Name und mein Ruhm
+vernichtet.«
+
+Die Pastorin sah mit einem warmen Blick zu ihrem Mann auf.
+
+»Ja, du hast es vernichtet,« sagte sie, »du hast es vernichtet!«
+
+»Ich danke dir,« sagte der Pastor.
+
+Eine Weile ging er schweigend weiter.
+
+»Nun aber: was denkst du jetzt von der Truhe?« fragte die Frau.
+
+»Ich denke, daß es nicht gefährlich sein kann, sie zu öffnen. Du hast
+meine Frage jetzt so beantwortet, wie ich es wünschte.«
+
+»Du und Magister Eberhard, ihr seid nicht eine und dieselbe Person,«
+sagte die Frau.
+
+»Liebes Kind,« sagte der Pfarrer. »Wir wissen ja, daß der alte Eberhard
+alles, was ich jetzt erzählt habe, durchgemacht hat, und daß man die
+Truhe öffnen mußte, um das Rezept herauszunehmen, das ihn heilte. Aber
+wir dürfen nicht glauben, daß Magister Eberhard ein schlechterer Mann
+gewesen sei als irgendeiner von uns. Es ist, seit ich nun die Sache
+durchdacht habe, mein fester Glaube, daß er in aller Heimlichkeit die
+Schrift aus der Truhe genommen hat, und daß das große Buch des
+Unglaubens längst, längst vernichtet ist.«
+
+»Aber die Truhe steht doch noch mit allen ihren Siegeln da.«
+
+»Ja, siehst du,« sagte der Pastor lächelnd, »allzuviel darfst du von
+einem alten Philosophen nicht verlangen. Du kannst nicht von ihm
+verlangen, daß er alle Menschen wissen lasse, daß er gezwungen war,
+nachzugeben. Ich glaube wohl, es war das Natürlichste, daß er die Truhe
+auf alle Fälle stehen ließ, wie sie stand. Er konnte es wohl nicht
+ertragen, daß alle Bekannten zu ihm kämen und sagten, jetzt müsse er
+wohl bekehrt sein und an Gott glauben.«
+
+Die Frau grübelte ein wenig nach, und dann sagte sie: »Ja, das werden
+wir jetzt bald sehen, denn nun willst du sicherlich die Truhe öffnen.«
+
+»Ja, jetzt öffne ich sie mit frohem Mut,« sagte der Pastor.
+
+Und wenn das junge Jahr so um die Mittagszeit des Neujahrtags
+neunzehnhundert in den Wolken über der Svartsjöer Kirche geschwebt
+hätte, da hätte es den Pfarrer und die angesehensten Männer des
+Kirchspiels um eine schöne alte Mosaiktruhe versammelt gesehen. Und als
+sie feierlich eröffnet wurde, da enthielt sie ein paar Pakete: alte
+Gerichtsverhandlungen und Zeitungen.
+
+Aber von gottesleugnerischer, himmelstürmender Philosophie, -- nicht
+eine Zeile.
+
+
+
+
+Die Legende von der Christrose
+
+
+Die Räubermutter, die in der Räuberhöhle oben im Göinger Walde hauste,
+hatte sich eines Tages auf einen Bettelzug in das Flachland hinunter
+begeben. Der Räubervater selbst war ein friedloser Mann und durfte den
+Wald nicht verlassen, sondern mußte sich damit begnügen, den
+Wegfahrenden aufzulauern, die sich in den Wald wagten; doch zu der Zeit,
+als der Räubervater und die Räubermutter sich in dem Göinger Wald
+aufhielten, gab es im nördlichen Schoonen nicht allzuviel Reisende. Wenn
+es sich also begab, daß der Räubervater ein paar Wochen lang Pech mit
+seiner Jagd hatte, dann machte sich die Räubermutter auf die
+Wanderschaft. Sie nahm ihre fünf Kinder mit, und jedes der Kleinen hatte
+zerfetzte Fellkleider und Holzschuhe und trug auf dem Rücken einen Sack,
+der gerade so lang war wie es selbst. Wenn die Räubermutter zu einer
+Haustüre hereinkam, dann wagte niemand, ihr das zu verweigern, was sie
+verlangte, denn sie bedachte sich keinen Augenblick, in der nächsten
+Nacht zurückzukehren und das Haus anzuzünden, in dem man sie nicht
+freundlich aufgenommen hatte. Die Räubermutter und ihre
+Nachkommenschaft waren ärger als die Wolfsbrut, und gar mancher hatte
+Lust, ihnen seinen guten Speer nachzuwerfen, aber dies geschah niemals;
+denn man wußte, daß der Mann dort oben im Walde hauste und sich zu
+rächen wissen würde, wenn den Kindern oder der Alten etwas zuleide
+geschähe.
+
+Wie nun die Räubermutter so von Hof zu Hof zog und bettelte, kam sie
+eines schönen Tages nach Öved, das zu jener Zeit ein Kloster war. Sie
+klingelte an der Klosterpforte und verlangte etwas zu essen, und der
+Türhüter ließ ein kleines Schiebfensterchen herab und reichte ihr sechs
+runde Brote, eines für sie und eines für jedes Kind.
+
+Aber während die Räubermutter so still vor der Klosterpforte stand,
+liefen ihre Kinder umher. Und nun kam eines von ihnen heran und zupfte
+sie am Rocke, zum Zeichen, daß es etwas gefunden hätte, was sie sich
+ansehen sollte, und die Räubermutter ging auch gleich mit ihm.
+
+Das ganze Kloster war von einer hohen, starken Mauer umgeben, aber der
+kleine Junge hatte es zustande gebracht, ein kleines Hintertürchen zu
+finden, das angelehnt stand. Als die Räubermutter hinkam, stieß sie
+sogleich das Pförtchen auf und trat, ohne erst viel zu fragen, ein, wie
+es eben bei ihr der Brauch war.
+
+Aber das Kloster Öved wurde zu jener Zeit von Abt Johannes regiert, der
+ein gar pflanzenkundiger Mann war. Er hatte sich hinter der
+Klostermauer einen kleinen Lustgarten angelegt, und in diesen drang nun
+die Räubermutter ein.
+
+Im ersten Augenblick war sie so erstaunt, daß sie regungslos stehen
+blieb. Es war Hochsommerzeit, und der Garten des Abtes Johannes stand so
+voll von Blumen, daß es einem blau, und rot und gelb vor den Augen
+flimmerte, wenn man hineinsah. Aber bald zeigte sich ein vergnügtes
+Lächeln auf dem Gesicht der Räubermutter, und sie begann einen schmalen
+Gang hinunterzugehen, der zwischen vielen kleinen Blumenbeeten
+durchlief.
+
+Im Garten stand der Laienbruder, der Gärtnergehilfe war, und jätete das
+Unkraut aus. Er war es, der die Tür in der Mauer halb offen gelassen
+hatte, um Queckengras und Melde auf den Kehrichthaufen davor werfen zu
+können. Als er die Räubermutter mit ihren fünf Bälgern hinter sich her
+in den Lustgarten treten sah, stürzte er ihnen sogleich entgegen und
+befahl ihnen, sich zu trollen. Aber die alte Bettlerin ging weiter, als
+sei nichts geschehen. Sie ließ die Blicke hinauf und hinab wandern, sah
+bald die starren weißen Lilien an, die sich auf einem Beet ausbreiteten,
+und bald den Efeu, der die Klosterwand hoch emporkletterte, und
+bekümmerte sich nicht im geringsten um den Laienbruder.
+
+Der Laienbruder dachte, sie hätte ihn nicht verstanden. Da wollte er sie
+am Arm nehmen, um sie nach dem Ausgang umzudrehen. Aber als die
+Räubermutter seine Absicht merkte, warf sie ihm einen Blick zu, vor dem
+er zurückprallte. Sie war unter ihrem Bettelsack mit gebeugtem Rücken
+gegangen, aber jetzt richtete sie sich zu ihrer vollen Höhe auf. -- »Ich
+bin die Räubermutter aus dem Göinger Wald,« sagte sie, »rühr mich nur
+an, wenn du es wagst.« Und es sah aus, als ob sie nach diesen Worten
+ebenso sicher wäre, in Frieden von dannen zu ziehen, als hätte sie
+verkündet, daß sie die Königin von Dänemark sei.
+
+Aber der Laienbruder wagte es dennoch, sie zu stören, obgleich er jetzt,
+wo er wußte, wer sie war, recht sanftmütig zu ihr sprach. -- »Du mußt
+wissen, Räubermutter,« sagte er, »daß dies ein Mönchskloster ist, und
+daß es keiner Frau im Lande verstattet wird, hinter diese Mauer zu
+kommen. Wenn du nun nicht deiner Wege gehst, dann werden die Mönche mir
+zürnen, weil ich vergessen habe, das Tor zu schließen, und sie werden
+mich vielleicht von Kloster und Garten verjagen.«
+
+Doch solche Bitten waren an die Räubermutter verschwendet. Die ging
+weiter durch die Rosenbeete und guckte sich den Ysop an, der mit
+lilafarbnen Blüten bedeckt war, und das Kaprifolium, das voll rotgelber
+Blumentrauben hing.
+
+Da wußte sich der Laienbruder keinen andern Rat, als in das Kloster zu
+laufen und um Hilfe zu rufen.
+
+Er kam mit zwei handfesten Mönchen zurück, und die Räubermutter sah
+sogleich, daß es nun Ernst wurde. Sie stellte sich breitbeinig in den
+Weg und begann mit gellender Stimme herauszuschreien, welche furchtbare
+Rache sie an dem Kloster nehmen würde, wenn sie nicht im Lustgarten
+bleiben dürfte, solange sie wollte. Aber die Mönche meinten, daß sie sie
+nicht zu fürchten brauchten, und sie dachten nur daran, sie zu
+vertreiben. Da stieß die Räubermutter schrille Schreie aus, stürzte sich
+auf sie und kratzte und biß, und ebenso machten es alle ihre Sprossen.
+Die drei Männer merkten bald, daß sie ihnen überlegen war. Es blieb
+ihnen nichts andres übrig, als in das Kloster zu gehen und Verstärkung
+zu holen.
+
+Wie sie über den Pfad liefen, der in das Kloster führte, begegneten sie
+dem Abt Johannes, der herbeigeeilt war, um zu sehen, was für ein Lärm
+das wäre, den man vom Lustgarten hörte. Da mußten sie gestehen, daß die
+Räubermutter aus dem Göinger Walde in das Kloster gedrungen war; sie
+hätten nicht vermocht, sie zu vertreiben, und wollten sich nun Entsatz
+schaffen.
+
+Aber Abt Johannes tadelte sie, daß sie Gewalt angewendet hätten, und
+verbot ihnen, um Hilfe zu rufen. Er schickte die beiden Mönche zu ihrer
+Arbeit zurück, und obgleich er ein alter, gebrechlicher Mann war, nahm
+er nur den Laienbruder mit in den Garten.
+
+Als Abt Johannes dort anlangte, ging die Räubermutter wie zuvor zwischen
+den Beeten umher. Und er konnte sich nicht genug über sie wundern. Er
+war ganz sicher, daß die Räubermutter nie zuvor in ihrem Leben einen
+Lustgarten erblickt hätte. Aber wie dem auch sein mochte, -- sie ging
+zwischen allen den kleinen Beeten umher, die jedes mit einer andern Art
+fremder und seltsamer Blumen bepflanzt waren, und betrachtete sie, als
+wären es alte Bekannte. Es sah aus, als hätte sie schon öfters Immergrün
+und Salbei und Rosmarin gesehen. Einigen lächelte sie zu, und über andre
+wieder schüttelte sie den Kopf.
+
+Abt Johannes liebte seinen Garten mehr als alle andern Dinge, die
+irdisch und vergänglich sind. So wild und grimmig die Räubermutter auch
+aussah, so konnte er es doch nicht lassen, Gefallen daran zu finden, daß
+sie mit drei Mönchen gekämpft hatte, um ihn in Ruhe zu betrachten. Er
+ging auf sie zu und fragte sie freundlich, ob ihr der Garten gefalle.
+
+Die Räubermutter wendete sich heftig gegen Abt Johannes, denn sie war
+nur auf Hinterhalt und Überfall gefaßt, aber als sie seine weißen Haare
+und seinen gebeugten Rücken sah, da antwortete sie ganz freundlich: »Als
+ich ihn zuerst erblickte, da schien es mir, als ob ich nie etwas
+Schöneres gesehen hätte, aber jetzt merke ich, daß er sich mit einem
+andern nicht messen kann, den ich kenne.«
+
+Abt Johannes hatte sicherlich eine andre Antwort erwartet. Als er hörte,
+daß die Räubermutter einen Lustgarten kennte, der schöner wäre, als der
+seine, bedeckten sich seine runzeligen Wangen mit einer schwachen Röte.
+
+Der Gärtnergehilfe, der daneben stand, begann auch sogleich die
+Räubermutter zurechtzuweisen.»Dies ist Abt Johannes, Räubermutter,«
+sagte er, »der selber mit großem Fleiß und Mühe von fern und nah die
+Blumen für seinen Garten gesammelt hat. Wir wissen alle, daß es im
+ganzen schoonischen Land keinen reicheren Lustgarten gibt, und es steht
+dir, die du das ganze liebe Jahr im wilden Walde hausest, wahrlich übel
+an, sein Werk meistern zu wollen.«
+
+»Ich will niemand meistern, weder ihn, noch dich,« sagte die
+Räubermutter, »ich sage nur, wenn ihr den Lustgarten sehen könntet, an
+den ich denke, dann würdet ihr jegliche Blume, die hier steht, ausraufen
+und sie als Unkraut fortwerfen.«
+
+Aber der Gärtnergehilfe war kaum weniger stolz auf die Blumen als Abt
+Johannes selbst, und als er diese Worte hörte, begann er höhnisch zu
+lachen. -- »Ich kann mir wohl denken, daß du nur so schwätzest,
+Räubermutter, um uns zu reizen,« sagte er, »das wird mir ein schöner
+Garten sein, den du dir unter Tannen und Wacholderbüschen im Göinger
+Walde eingerichtet hast! Ich wollte meine Seele verschwören, daß du
+überhaupt noch nie hinter einer Gartenmauer gewesen bist.«
+
+Die Räubermutter wurde rot vor Ärger, daß man ihr also mißtraute, und
+sie rief: »Es mag wohl sein, daß ich niemals vor heute hinter einer
+Gartenmauer gestanden habe, aber ihr Mönche, die ihr heilige Männer
+seid, solltet wohl wissen, daß der große Göinger Wald sich in jeder
+Weihnachtsnacht in einen Lustgarten verwandelt, um die Geburtsstunde
+unseres Herrn und Heilands zu feiern. Wir, die wir im Walde leben,
+haben dies nun jedes Jahr geschehen sehen, und in diesem Lustgarten habe
+ich so herrliche Blumen geschaut, daß ich es nicht wagte, die Hand zu
+erheben, um sie zu brechen.«
+
+Da lachte der Laienbruder noch lauter und stärker: »Es ist gar leicht
+für dich, dazustehen und mit derlei zu prahlen, was kein Mensch sehen
+kann. Aber ich kann nicht glauben, es könnte etwas andres als Lüge sein,
+daß der Wald Christi Geburtsstunde an einer solchen Stelle feiern
+sollte, wo so unheilige Leute wohnen, wie du und der Räubervater.« --
+»Und das, was ich sage, ist doch ebenso wahr,« entgegnete die
+Räubermutter, »wie daß du es nicht wagen würdest, in einer
+Weihnachtsnacht in den Wald zu kommen, um es zu sehen.« Der Laienbruder
+wollte ihr von neuem antworten, aber Abt Johannes bedeutete ihm durch
+ein Zeichen, stillzuschweigen. Denn Abt Johannes hatte schon seit seiner
+Kindheit erzählen hören, daß der Wald sich in der Weihnachtsnacht in ein
+Feierkleid hülle. Er hatte sich oft danach gesehnt, es zu sehen, aber es
+war ihm niemals gelungen. Nun begann er die Räubermutter gar eifrig zu
+bitten und anzurufen, sie möge ihn um die Weihnachtszeit in die
+Räuberhöhle kommen lassen. Wenn sie nur eins ihrer Kinder schickte, ihm
+den Weg zu zeigen, dann wolle er allein hinaufreiten, und er würde sie
+nie und nimmer verraten, sondern sie im Gegenteil so reich belohnen, wie
+es nur in seiner Macht stünde.
+
+Die Räubermutter weigerte sich zuerst, denn sie dachte an den
+Räubervater und an die Gefahr, der sie ihn preisgab, wenn sie Abt
+Johannes in ihre Höhle kommen ließe; aber dann wurde doch der Wunsch,
+ihm zu zeigen, daß der Lustgarten, den sie kannte, schöner sei als der
+seinige, in ihr übermächtig, und sie gab nach.
+
+»Aber mehr als einen Begleiter darfst du nicht mitnehmen,« sagte sie.
+»Und du darfst uns keinen Hinterhalt und keine Falle stellen, so gewiß
+du ein heiliger Mann bist.«
+
+Dies versprach Abt Johannes, und damit ging die Räubermutter. Aber Abt
+Johannes befahl dem Laienbruder, niemand zu verraten, was nun vereinbart
+worden war. Er fürchtete, daß seine Mönche, wenn sie von seinem Vorhaben
+etwas erführen, einem alten Mann, wie er es war, nicht gestatten würden,
+hinauf in die Räuberhöhle zu ziehen.
+
+Auch er selbst wollte den Plan keiner Menschenseele verraten. Aber da
+begab es sich, daß Erzbischof Absalon aus Lund gereist kam und eine
+Nacht in Öved verbrachte. Als nun Abt Johannes ihm seinen Garten zeigte,
+fiel ihm der Besuch der Räubermutter ein; und der Laienbruder, der dort
+umherging und arbeitete, hörte, wie der Abt dem Bischof vom Räubervater
+erzählte, der nun so viele Jahre vogelfrei im Walde gehaust hätte, und
+um einen Freibrief für ihn bat, damit er wieder ein ehrliches Leben
+unter andern Menschen führen könnte. -- »Wie es jetzt geht,« sagte Abt
+Johannes, »wachsen seine Kinder zu ärgeren Missetätern heran, als er
+selbst einer ist, und Ihr werdet es dort oben im Walde bald mit einer
+ganzen Räuberbande zu tun bekommen.«
+
+Doch Erzbischof Absalon erwiderte, daß er den bösen Räuber nicht auf die
+ehrlichen Leute im Lande loslassen wolle. Es sei für alle am besten,
+wenn er dort oben in seinem Walde bliebe.
+
+Da wurde Abt Johannes eifrig und begann dem Bischof vom Göinger Wald zu
+erzählen, der sich jedes Jahr rings um die Räuberhöhle in
+Weihnachtsschmuck kleide. »Wenn diese Räuber nicht schlimmer sind, als
+daß Gottes Herrlichkeit sich ihnen zeigen will,« sagte er, »so können
+sie wohl auch nicht zu schlecht sein, um die Gnade der Menschen zu
+erfahren.«
+
+Aber der Erzbischof wußte Abt Johannes zu antworten. -- »Soviel kann ich
+dir versprechen, Abt Johannes,« sagte er und lächelte, »an welchem Tage
+immer du mir eine Blume aus dem Weihnachtsgarten im Göinger Walde
+schickst, will ich dir einen Freibrief für alle Friedlosen geben, für
+die du mich bitten magst.«
+
+Der Laienbruder sah, daß Bischof Absalon ebensowenig wie er selbst an
+die Geschichte der Räubermutter glaubte, aber Abt Johannes merkte nichts
+davon, sondern dankte Absalon für sein gütiges Versprechen und sagte,
+die Blume wollte er ihm schon schicken.
+
+ * * * * *
+
+Abt Johannes setzte seinen Willen durch, und am nächsten Weihnachtsabend
+saß er nicht daheim in Öved, sondern war auf dem Wege nach Göinge. Einer
+der wilden Jungen der Räubermutter lief vor ihm her, und zum Geleit
+hatte er den Knecht, der im Lustgarten mit der Räubermutter gesprochen
+hatte.
+
+Abt Johannes hatte sich den ganzen Herbst über schon sehr danach
+gesehnt, diese Fahrt anzutreten, und freute sich nun sehr, daß sie
+zustande gekommen war. Aber ganz anders stand es mit dem Laienbruder,
+der ihm folgte. Er hatte Abt Johannes von Herzen lieb und würde es nicht
+gern einem andern überlassen haben, ihn zu begleiten und über ihn zu
+wachen, aber er glaubte keineswegs, daß sie einen Weihnachtsgarten zu
+Gesicht bekommen würden, er dachte nichts andres, als daß das Ganze eine
+Falle sei, die die Räubermutter mit großer Schlauheit Abt Johannes
+gelegt hätte, damit er ihrem Mann in die Hände falle.
+
+Während Abt Johannes nordwärts zur Waldgegend ritt, sah er, wie überall
+Anstalten getroffen wurden, das Weihnachtsfest zu feiern. In jedem
+Bauerndorf machte man Feuer in der Badehütte, damit sie zum
+nachmittägigen Bade warm sei. Aus den Vorratskammern wurden große Mengen
+von Fleisch und Brot in die Hütten getragen, und aus den Tennen kamen
+die Burschen mit großen Strohgarben, die über den Boden gestreut werden
+sollten.
+
+Als er an dem kleinen Dorfkirchlein vorüberritt, sah er, wie der
+Priester und seine Küster vollauf damit beschäftigt waren, sie mit den
+besten Geweben zu behängen, die sie nur hatten auftreiben können; und
+als er zu dem Wege kam, der nach dem Kloster Bosjö führte, sah er die
+Armen des Klosters mit großen Brotlaiben und langen Kerzen daherwandern,
+die sie an der Klosterpforte bekommen hatten.
+
+Als Abt Johannes alle diese Weihnachtszurüstungen sah, da spornte er zur
+Eile an. Denn er dachte daran, daß seiner ein größeres Fest harre, als
+irgendeiner der anderen feiern sollte.
+
+Doch der Knecht jammerte und klagte, als er sah, wie sie sich auch in
+der kleinsten Hütte anschickten, das Weihnachtsfest zu feiern. Und er
+wurde immer ängstlicher und bat und beschwor Abt Johannes, umzukehren
+und sich nicht freiwillig in die Hände der Räuber zu geben.
+
+Aber Abt Johannes ritt weiter, ohne sich um seine Klagen zu kümmern. Er
+hatte bald das Flachland hinter sich und kam nun hinauf in die einsamen,
+wilden Wälder. Hier wurde der Weg schlechter. Er war eigentlich nur noch
+ein steiniger, nadelbestreuter Pfad, und nicht Brücke nicht Steg halfen
+ihnen über Flüsse und Bäche. Je länger sie ritten, desto kälter wurde
+es, und tief drinnen im Walde war der Boden mit Schnee bedeckt.
+
+Es war ein langer und beschwerlicher Ritt. Sie schnitten auf steilen und
+schlüpfrigen Seitenpfaden den Weg ab und zogen über Moor und Sumpf,
+drangen durch Windbrüche und Dickicht. Gerade als der Tag zur Neige
+ging, führte der Räuberjunge sie über eine Waldwiese, die von hohen
+Bäumen umgeben war, von nackten Laubbäumen und von grünen Nadelbäumen.
+Hinter der Wiese erhob sich eine Felswand, und in der Felswand sahen sie
+eine Tür aus rohen Planken. Nun merkte Abt Johannes, daß sie am Ziel
+waren, und er stieg vom Pferde. Das Kind öffnete ihm die schwere Tür,
+und er sah in eine ärmliche Berggrotte mit nackten Steinwänden. Die
+Räubermutter saß an einem Blockfeuer, das mitten auf dem Boden brannte,
+an den Wänden standen Lagerstätten aus Tannenreisig und Moos, und auf
+einer von ihnen lag der Räubervater und schlief. -- »Kommt herein, ihr
+dort draußen!« rief die Räubermutter, ohne aufzustehen. »Und nehmt die
+Pferde mit, damit sie nicht draußen in der Nachtkälte zugrunde gehen!«
+
+Abt Johannes trat nun kühnlich in die Grotte, und der Laienbruder folgte
+ihm. Da sah es gar ärmlich und dürftig aus, und nichts war geschehen, um
+das Weihnachtsfest zu feiern. Die Räubermutter hatte weder gebraut, noch
+gebacken, sie hatte weder gefegt, noch gescheuert. Ihre Kinder lagen auf
+der Erde rings um einen Kessel, aus dem sie aßen; aber darin war nichts
+besseres als dünne Wassergrütze.
+
+Doch die Räubermutter war ebenso stolz und selbstbewußt wie nur
+irgendeine wohlbestallte Bauersfrau. -- »Setze dich nun hier ans Feuer,
+Abt Johannes, und wärme dich,« sagte sie, »und wenn du Wegzehrung
+mitgebracht hast, so iß, denn was wir hier im Walde kochen, wird dir
+wohl nicht munden. Und wenn du vom Ritt müde bist, kannst du dich auf
+eine dieser Lagerstätten ausstrecken und ruhen. Du brauchst keine Angst
+zu haben, daß du dich verschlafen könntest. Ich sitze hier am Feuer und
+wache, und ich will dich schon wecken, damit du zu sehen bekommst,
+wonach du ausgeritten bist.«
+
+Abt Johannes gehorchte der Räubermutter in allen Stücken und nahm seinen
+Schnappsack hervor. Aber er war nach dem Ritt so müde, daß er kaum zu
+essen vermochte; und sowie er sich auf dem Lager ausgestreckt hatte,
+schlummerte er ein.
+
+Dem Laienbruder ward auch eine Ruhestatt angewiesen, aber er wagte
+nicht, zu schlafen, weil er ein wachsames Auge auf den Räubervater haben
+wollte, damit dieser nicht etwa aufstünde und Abt Johannes fesselte.
+Allmählich jedoch erlangte die Müdigkeit auch über ihn solche Gewalt,
+daß er einschlummerte. Als er erwachte, sah er, daß Abt Johannes sein
+Lager verlassen hatte und jetzt am Feuer saß und mit der Räubermutter
+Zwiesprach pflog. Der Räubervater saß daneben. Er war ein
+hochaufgeschossener magerer Mann und sah schwerfällig und trübsinnig
+aus. Er kehrte Abt Johannes den Rücken, und es sah aus, als wolle er
+nicht zeigen, daß er dem Gespräch zuhörte.
+
+Abt Johannes erzählte der Räubermutter von allen den
+Weihnachtszurüstungen, die er unterwegs gesehen hatte, und er erinnerte
+sie an die Weihnachtsfeste und die fröhlichen Weihnachtsspiele, die wohl
+auch sie in ihrer Jugend mitgemacht hätte, als sie noch in Frieden
+unter den Menschen lebte. -- »Es ist ein Jammer, daß eure Kinder nie
+verkleidet auf der Dorfstraße umhertollen oder im Weihnachtsstroh
+spielen dürfen,« sagte Abt Johannes. Die Räubermutter hatte ihm zuerst
+kurz und barsch geantwortet, aber so allmählich wurde sie kleinlauter
+und lauschte eifrig. Plötzlich wendete sich der Räubervater gegen Abt
+Johannes und hielt ihm die geballte Faust vor das Gesicht. -- »Du
+elender Mönch, bist du hierhergekommen, um Weib und Kinder von mir
+fortzulocken? Weißt du nicht, daß ich ein friedloser Mann bin und diesen
+Wald nicht verlassen darf?« Abt Johannes sah ihm unerschrocken gerade in
+die Augen. -- »Mein Wille ist es, dir einen Freibrief vom Erzbischof zu
+verschaffen,« sagte er. Kaum hatte er dies gesagt, als der Räubervater
+und die Räubermutter ein schallendes Gelächter aufschlugen. Sie wußten
+nur zu wohl, welche Gnade ein Waldräuber vom Bischof Absalon zu erwarten
+hatte. -- »Ja, wenn ich einen Freibrief von Absalon bekomme,« sagte der
+Räubervater, »dann gelobe ich dir, nie mehr auch nur soviel wie eine
+Gans zu stehlen.«
+
+Den Gärtnergehilfen verdroß es sehr, daß das Räuberpack sich vermaß, Abt
+Johannes auszulachen; aber dieser selbst schien es ganz zufrieden zu
+sein. Der Knecht hatte ihn kaum je friedvoller und milder unter seinen
+Mönchen auf Öved sitzen sehen, als er ihn jetzt unter den wilden
+Räuberleuten sah.
+
+Aber plötzlich sprang die Räubermutter auf.
+
+»Du sitzest hier und plauderst, Abt Johannes,« sagte sie, »und wir
+vergessen ganz, nach dem Wald zu sehen. Jetzt höre ich bis in unsere
+Höhle, wie die Weihnachtsglocken läuten.«
+
+Kaum war dies gesagt, als alle aufsprangen und hinausliefen; aber im
+Walde war noch dunkle Nacht und grimmiger Winter. Das einzige, was man
+vernahm, war ferner Glockenklang, der von einem leisen Südwind
+hergetragen wurde.
+
+Wie soll dieser Glockenklang den toten Wald wecken können? dachte Abt
+Johannes. Denn jetzt, wo er mitten im Waldesdunkel stand, schien es ihm
+viel unmöglicher als früher, daß hier ein Lustgarten erstehen könnte.
+
+Aber als die Glocke ein paar Augenblicke geläutet hatte, zuckte
+plötzlich ein Lichtstrahl durch den Wald. Gleich darauf wurde es ebenso
+dunkel wie zuvor, aber dann kam das Licht wieder. Es kämpfte sich wie
+ein leuchtender Nebel zwischen den dunkeln Bäumen durch. Und soviel
+vermochte es, daß die Dunkelheit in schwache Morgendämmerung überging.
+
+Da sah Abt Johannes, wie der Schnee vom Boden verschwand, als hätte
+jemand einen Teppich fortgezogen; und die Erde begann zu grünen. Das
+Farrnkraut streckte seine Triebe hervor, eingerollt wie Bischofstäbe.
+Die Erika, die auf der Steinhalde wuchs, und der Porsch, der im Moor
+wurzelte, kleideten sich rasch in frisches Grün. Die Mooshügelchen
+schwollen und hoben sich, und die Frühlingsblumen schossen mit
+schwellenden Knospen auf, die schon einen Schimmer von Farbe hatten.
+
+Abt Johannes klopfte das Herz heftig, als er die ersten Zeichen sah, daß
+der Wald erwachen wollte. -- Soll nun ich alter Mann ein solches Wunder
+schauen! dachte er. Und die Tränen wollten ihm in die Augen treten.
+
+Nun wurde es wieder so dämmerig, daß er fürchtete, die nächtliche
+Finsternis könnte aufs neue Macht erlangen. Aber sogleich kam eine neue
+Lichtwelle hereingebrochen. Die brachte das Murmeln von Bächlein und das
+Rauschen der eisbefreiten Bergströme mit. Da schlugen die Blätter der
+Laubbäume so rasch aus, als wären grüne Schmetterlinge herangeflattert
+und hätten sich auf den Zweigen niedergelassen. Und nicht nur die Bäume
+und Pflanzen erwachten. Die Kreuzschnäbel begannen über die Zweige zu
+hüpfen. Die Spechte hämmerten an die Stämme, daß die Holzsplitter nur so
+flogen. Ein Zug Stare, der das Land hinanflog, ließ sich in einem
+Tannenwipfel nieder, um zu ruhen. Es waren prächtige Stare. Die Spitze
+jedes kleinen Federchens leuchtete glänzend rot, und wenn die Vögel sich
+bewegten, glitzerten sie wie Edelsteine.
+
+Wieder wurde es für ein Weilchen still, aber bald begann es von neuem.
+Ein starker, warmer Südwind blies und säte über die Waldwiese alle die
+Samen aus südlichen Ländern, die von Vögeln und Schiffen und Winden in
+das Land gebracht worden waren und auf seinem kargen Boden nirgend
+anders blühen konnten; und sie schlugen Wurzel und schossen Triebe in
+demselben Augenblick, da sie den Boden berührten.
+
+Als die nächste Welle kam, fingen Blaubeeren und Preißelbeeren zu blühen
+an. Wildgänse und Kraniche riefen hoch oben in der Luft, die Buchfinken
+bauten ihr Nest, und die Eichhörnchen begannen in den Baumzweigen zu
+spielen.
+
+Alles ging nun so rasch, daß Abt Johannes gar nicht Zeit hatte, zu
+überlegen, welches Wunder gerade geschah. Er hatte nur Zeit, Augen und
+Ohren weit aufzumachen. Die nächste Welle, die herangebraust kam,
+brachte den Duft frischgepflügter Felder. Aus weiter Ferne hörte man,
+wie die Hirtinnen die Kühe lockten, und wie die Glöckchen der Lämmer
+klingelten. Tannen und Fichten bekleideten sich so dicht mit kleinen
+roten Zapfen, daß die Bäume wie Seide leuchteten. Der Wacholder trug
+Beeren, die jeden Augenblick die Farbe wechselten. Und die Waldblumen
+bedeckten den Boden, daß er ganz weiß und blau und gelb war.
+
+Abt Johannes beugte sich zur Erde und brach eine Erdbeerblüte. Und
+während er sich aufrichtete, reifte die Beere. Die Füchsin kam aus ihrer
+Höhle mit einer großen Schar von schwarzbeinigen Jungen hinter sich her.
+Sie ging auf die Räubermutter zu und rieb sich an ihrem Rock, und die
+Räubermutter beugte sich zu ihr hinunter und lobte ihre Jungen. Der Uhu,
+der eben seine nächtige Jagd begonnen hatte, kehrte wieder nach Hause
+zurück, ganz erstaunt über das Licht, suchte seine Schlucht auf und
+legte sich schlafen. Der Kuckuck rief, und das Kuckucksweibchen
+umkreiste mit einem Ei im Schnabel die Nester der Singvögel.
+
+Die Kinder der Räubermutter stießen zwitschernde Freudenschreie aus. Sie
+aßen sich an den Waldbeeren satt, die groß wie Tannenzapfen an den
+Sträuchern hingen. Eines von ihnen spielte mit einer Schar junger Hasen,
+ein andres lief mit den jungen Krähen um die Wette, die aus dem Nest
+gehüpft waren, ehe sie noch flügge waren, das dritte hob die Natter vom
+Boden und wickelte sie sich um Hals und Arm. Der Räubervater stand
+draußen auf dem Moor und aß Brombeeren. Als er aufsah, ging ein großes
+schwarzes Tier neben ihm einher. Da brach der Räubervater einen
+Weidenzweig und schlug dem Bären auf die Schnauze. -- »Bleib du, wo du
+hingehörst,« sagte er. »Das ist mein Platz.« Da machte der Bär kehrt und
+trabte nach seiner Seite fort.
+
+Immer wieder kamen neue Wellen von Wärme und Licht, und jetzt brachten
+sie Entengeschnatter vom Waldmoor her. Gelber Blütenstaub von den
+Feldern schwebte in der Luft. Schmetterlinge kamen, so groß, daß sie wie
+fliegende Lilien aussahen. Das Nest der Bienen in einer hohlen Eiche war
+schon so voll von Honig, daß er am Stamm hinuntertropfte. Jetzt begannen
+auch die Blumen sich zu entfalten, deren Samen aus fremden Ländern
+gekommen waren. Die Rosenbüsche kletterten um die Wette mit den
+Brombeeren die Felswand hinan, und oben auf der Waldwiese sprossen
+Blumen, so groß wie ein Menschengesicht. Abt Johannes dachte an die
+Blume, die er für Bischof Absalon pflücken wollte, aber eine Blume wuchs
+herrlicher heran als die andre, und er wollte die allerschönste wählen.
+
+Welle um Welle kam, und jetzt war die Luft so von Licht durchtränkt, daß
+sie glitzerte. Und alle Lust und aller Glanz und alles Glück des Sommers
+lächelte rings um Abt Johannes. Es war ihm, als könnte die Erde keine
+größere Freude bringen als die, die ihn über den plötzlichen Anbruch der
+schönen Jahreszeit erfüllte, und er sagte zu sich selbst: »Jetzt weiß
+ich nicht, was die nächste Welle, die kommt, noch an Herrlichkeit
+bringen kann.«
+
+Aber das Licht strömte noch immer zu, und jetzt däuchte es Abt Johannes,
+daß es etwas aus einer unendlichen Ferne bringe. Er fühlte, wie
+überirdische Luft ihn umwehte, und er begann zitternd zu erwarten, es
+würde nun, nachdem die Freude der Erde gekommen war, des Himmels
+Herrlichkeit anbrechen.
+
+Abt Johannes merkte, wie alles still wurde: die Vögel verstummten, die
+jungen Füchslein spielten nicht mehr, und die Blumen ließen ab, zu
+wachsen. Die Seligkeit, die nahte, war von der Art, daß einem das Herz
+stillstehen wollte; das Auge weinte, ohne daß es darum wußte, die Seele
+sehnte sich, in die Ewigkeit hinüberzufliegen. Aus weiter, weiter Ferne
+hörte man leise Harfentöne und überirdischen Gesang. Abt Johannes
+faltete die Hände und sank in die Kniee. Sein Gesicht strahlte von
+Seligkeit. Nie hatte er erwartet, daß es ihm beschieden sein würde,
+schon in diesem Leben des Himmels Wonne zu kosten und die Engel
+Weihnachtslieder singen zu hören.
+
+Aber neben Abt Johannes stand der Gärtnergehilfe, der ihn begleitet
+hatte. Er sah den Räuberwald voll Grün und Blumen, und er wurde zornig
+in seinem Herzen, weil er sah, daß er einen solchen Lustgarten nie und
+nimmer schaffen könnte, wie er sich auch mit Hacke und Spaten mühte. Und
+er vermochte nicht zu begreifen, warum Gott solche Herrlichkeit an das
+Räubergesindel verschwende, das seine Gebote mißachtete.
+
+Gar dunkle Gedanken zogen durch seinen Kopf. »Das kann kein rechtes
+Wunder sein,« dachte er, »das sich bösen Missetätern zeigt. Das kann
+nicht von Gott stammen, das ist aus Zauberei entsprungen. Es ist von des
+Teufels arger List hierher gesandt. Es ist die Macht des bösen Feindes,
+die uns verhext und uns zwingt, das zu sehen, was nicht ist.«
+
+In der Ferne hörte man Engelsharfen klingen, und Engelgesang ertönte,
+aber der Laienbruder glaubte, daß es die böse Macht der Unholde sei, die
+nahe. »Sie wollen uns locken und verführen,« seufzte er, »nie kommen wir
+mit heiler Haut davon, wir werden betört und dem Abgrund verkauft.«
+
+Jetzt waren die Engelscharen so nahe, daß Abt Johannes ihre
+Lichtgestalten zwischen den Stämmen des Waldes schimmern sah. Und der
+Laienbruder sah dasselbe wie er, aber er dachte nur, welche Arglist
+darin läge, daß die bösen Geister ihre Künste gerade in der Nacht
+betrieben, in der der Heiland geboren war. Dies geschah ja nur, um die
+Christen um so sicherer ins Verderben zu stürzen.
+
+Die ganze Zeit über hatten die Vögel Abt Johannes Haupt umschwärmt, und
+er hatte sie zwischen seine Hände nehmen können. Aber vor dem
+Laienbruder hatten sich die Tiere gefürchtet: kein Vogel hatte sich auf
+seine Schulter gesetzt, und keine Schlange spielte zu seinen Füßen. Nun
+war da eine kleine Waldtaube. Als sie merkte, daß die Engel nahe waren,
+nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und flog dem Laienbruder auf die
+Schulter und schmiegte das Köpfchen an seine Wange. Da vermeinte er, daß
+der Zauber ihm nun völlig auf den Leib rücke, ihn in Versuchung zu
+führen und zu verderben. Er schlug mit der Hand nach der Waldtaube und
+rief mit lauter Stimme, so daß es durch den Wald hallte:
+
+»Zeuch du zur Hölle, von wannen du kommen bist!«
+
+Gerade da waren die Engel so nahe, daß Abt Johannes den Hauch ihrer
+mächtigen Fittiche fühlte, und er hatte sich zur Erde geneigt, sie zu
+grüßen. Aber als die Worte des Laienbruders ertönten, da verstummte
+urplötzlich ihr Gesang, und die heiligen Gäste wendeten sich zur Flucht.
+Und ebenso floh das Licht und die milde Wärme in unsäglichem Schreck vor
+der Kälte und Finsternis in einem Menschenherzen. Die Dunkelheit sank
+auf die Erde hinab wie eine Decke, die Kälte kam, die Pflanzen auf dem
+Boden schrumpften zusammen, die Tiere enteilten, das Rauschen der
+Wasserfälle verstummte, das Laub fiel von den Bäumen, prasselnd wie
+Regen.
+
+Abt Johannes fühlte, wie sein Herz, das eben vor Seligkeit gezittert
+hatte, sich jetzt in unsäglichem Schmerz zusammenkrampfte. Niemals kann
+ich dies überleben, dachte er, daß die Engel des Himmels mir so nahe
+waren und vertrieben wurden, daß sie mir Weihnachtslieder singen wollten
+und in die Flucht gejagt wurden.
+
+In demselben Augenblick erinnerte er sich an die Blume, die er Bischof
+Absalon versprochen hatte, und er beugte sich zur Erde und tastete unter
+dem Moos und Laub, um noch im letzten Augenblick etwas zu finden. Aber
+er fühlte, wie die Erde unter seinen Fingern gefror, und wie der weiße
+Schnee über den Boden geglitten kam.
+
+Da ward sein Herzeleid noch größer. Er konnte sich nicht erheben,
+sondern mußte auf dem Boden liegen bleiben.
+
+Aber als die Räubersleute und der Laienbruder sich in der tiefen
+Dunkelheit zur Räuberhöhle zurückgetappt hatten, da vermißten sie Abt
+Johannes. Sie nahmen glühende Scheite aus dem Feuer und zogen aus, ihn
+zu suchen, und sie fanden ihn tot auf der Schneedecke liegen.
+
+Und der Laienbruder hub an zu weinen und zu klagen, denn er erkannte,
+daß er es war, der Abt Johannes getötet hatte, weil er ihm den
+Freudenbecher entrissen, nach dem er gelechzt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Aber als Abt Johannes nach Öved hinuntergebracht worden war, sahen die,
+die sich des Toten annahmen, daß er seine rechte Hand hart um etwas
+geschlossen hielt, was er in seiner Todesstunde umklammert haben mußte.
+Und als sie die Hand endlich öffnen konnten, fanden sie, daß, was er mit
+solcher Stärke festhielt, ein paar weiße Wurzelknollen waren, die er aus
+Moos und Laub hervorgerissen hatte. Und als der Laienbruder, der Abt
+Johannes geleitet hatte, diese Wurzeln sah, nahm er sie und pflanzte sie
+in des Abtes Garten in die Erde.
+
+Er pflegte sie und wartete das ganze Jahr, daß eine Blume daraus
+erblühe, doch er wartete vergebens den ganzen Frühling und Sommer und
+Herbst. Als endlich der Winter anbrach und alle Blätter und Blumen tot
+waren, hörte er auf zu warten. Als aber der Weihnachtsabend kam, da
+überkam ihn die Erinnerung an Abt Johannes so mächtig, daß er in den
+Lustgarten hinausging, seiner zu gedenken. Und siehe, wie er nun an der
+Stelle vorbeikam, wo er die kahlen Wurzelknollen eingepflanzt hatte, da
+sah er, daß üppige grüne Stengel daraus emporgesproßt waren, die schöne
+Blumen mit silberweißen Blättern trugen.
+
+Da rief er alle Mönche von Öved zusammen; und als sie sahen, daß diese
+Pflanze am Weihnachtsabend blühte, wo alle andern Blumen tot waren, da
+erkannten sie, daß sie wirklich von Abt Johannes aus dem
+Weihnachtslustgarten im Göinger Wald gepflückt war.
+
+Aber der Laienbruder sagte den Mönchen, da nun ein so großes Wunder
+geschehen sei, sollten sie einige von den Blumen dem Bischof Absalon
+schicken.
+
+Als nun der Laienbruder vor Bischof Absalon hintrat, reichte er ihm die
+Blumen und sagte: »Dies schickt dir Abt Johannes. Es sind die Blumen,
+die er dir aus dem Weihnachtslustgarten im Göinger Walde zu pflücken
+versprochen hat.«
+
+Und als Bischof Absalon die Blumen sah, die in dunkler Winternacht der
+Erde entsprossen waren, und als er die Worte hörte, wurde er so bleich,
+als wäre er einem Toten begegnet. Eine Weile saß er schweigend da, dann
+sagte er: »Abt Johannes hat sein Wort gut gehalten; so will auch ich das
+meine halten.« Und er ließ einen Freibrief für den wilden Räuber
+ausstellen, der von Jugend an friedlos im Walde gelebt hatte.
+
+Er übergab dem Laienbruder den Brief, und dieser zog damit von dannen,
+hinauf in den Wald und suchte den Weg zur Räuberhöhle. Als er am
+Weihnachtstage dort eintrat, da eilte ihm der Räuber mit erhobner Axt
+entgegen. -- »Ich will euch Mönche niederschlagen, so viele euer auch
+sind!« rief er. »Sicherlich hat sich um euretwillen der Göinger Wald in
+dieser Nacht nicht in sein Weihnachtskleid gehüllt.«
+
+»Es ist einzig und allein meine Schuld,« sagte der Laienbruder, »und ich
+will gerne dafür sterben. Aber zuerst muß ich dir eine Botschaft von Abt
+Johannes bringen.« Und er zog den Brief des Bischofs heraus und
+verkündete ihm, daß er nicht mehr vogelfrei sei, und zeigte ihm das
+Siegel Absalons, das an dem Pergamente hing. -- »Fortab sollst du mit
+deinen Kindern im Weihnachtsstroh spielen, und ihr sollt das Christfest
+unter den Menschen feiern, wie es der Wunsch des Abtes Johannes war,«
+sagte er.
+
+Da blieb der Räubervater stumm und bleich stehen, aber die Räubermutter
+sagte in seinem Namen: »Abt Johannes hat sein Wort getreulich gehalten,
+so wird auch der Räubervater das seine halten.«
+
+Doch als der Räubervater und die Räubermutter aus der Räuberhöhle
+fortzogen, da zog der Laienbruder hinein und hauste dort einsam im Walde
+unter unablässigem Gebet, daß sein hartes Herz ihm verziehen werde.
+
+Und niemand darf ein strenges Wort über einen sagen, der bereut und sich
+bekehrt hat, wohl aber kann man wünschen, daß seine bösen Worte ungesagt
+geblieben wären, denn nie mehr hat der Göinger Wald die Geburtsstunde
+des Heilands gefeiert, und von seiner ganzen Herrlichkeit lebt nur noch
+die Pflanze, die Abt Johannes dereinst gepflückt hat. Man hat sie
+Christrose genannt, und jedes Jahr läßt sie ihre weißen Blüten und ihre
+grünen Stengel um die Weihnachtszeit aus dem Erdreich sprießen, als
+könnte sie nie und nimmer vergessen, daß sie einmal in dem großen
+Weihnachtslustgarten erwachsen ist.
+
+
+
+
+Der Wechselbalg
+
+
+Die Trollin kam durch den Wald geschlichen, ihr Junges hatte sie in
+einer Rindenbutte, die sie auf dem Rücken trug. Es war groß und häßlich,
+mit Haaren wie Borsten, nadelscharfen Zähnen und einer Kralle am kleinen
+Finger; aber die Trollin glaubte natürlich, daß es gar kein schöneres
+Kind geben könne.
+
+Wie die Trollin so einherging, kam sie zu einer Stelle, wo der Wald sich
+ein wenig lichtete. Ein Weg lief hier durch, holperig und schlüpfrig von
+Baumwurzeln, die sich darüber schlangen wie ein geknüpftes Netz. Und
+über den Weg kamen ein Bauer und sein Weib geritten.
+
+Zuerst wollte die Trollin wieder in den Wald fliehen, damit niemand sie
+zu Gesicht bekomme, aber plötzlich bemerkte sie, daß die Bäuerin ein
+Kind auf dem Arme trug, und da wurde sie andern Sinnes. Sie schlich sich
+näher zum Weg heran und versteckte sich hinter einem Haselstrauch. »Ich
+will doch sehen, ob das Menschenkind ebenso schön sein kann wie meines,«
+dachte die Trollin.
+
+Aber in ihrem Eifer streckte sie sich zu weit aus dem Busch vor, und als
+die Reitenden sich näherten, erblickten die Pferde den großen schwarzen
+Trollkopf. Sie erschraken, stellten sich auf die Hinterbeine, scheuten
+und gingen durch. Fast wären der Bauer und sein Weib abgeworfen worden.
+Sie stießen einen Schrei aus, beugten sich vor, um die Zügel anzureißen,
+und waren im nächsten Augenblick verschwunden.
+
+Die Trollin grinste vor Wut. Jetzt hatte sie das Menschenkind kaum zu
+Gesicht bekommen. Aber plötzlich wurde sie wieder seelenvergnügt, denn
+da lag ja das Kind gerade vor ihr auf der Erde. Es war der Bäuerin aus
+dem Arm gefallen, als die Pferde durchgingen.
+
+Das Kind lag auf einem Haufen dürrer Blätter und war ganz unversehrt. Es
+schrie laut vor Schrecken über den Fall; aber als die Trollin sich
+darüber beugte, schien es so belustigt über den erstaunlichen Anblick,
+daß es verstummte und lächelte und das Händchen ausstreckte, um sie an
+ihrem schwarzen Bart zu zupfen.
+
+Aber die Trollin stand ganz verblüfft da und betrachtete das
+Menschenkind. Sie sah die kleinen Händchen an mit den rosenroten Nägeln,
+die klaren blauen Äuglein und das kleine Mündchen. Sie befühlte das
+weiche Haar, strich über die Wangen und wußte sich vor Staunen gar nicht
+zu fassen, daß ein Kind so rosig und weich und fein sein könnte.
+
+Plötzlich riß die Trollin ihre Rindenbutte vom Rücken, holte ihr eignes
+Junges heraus und setzte es neben das Menschenkind. Und, als sie nun
+sah, welcher Unterschied zwischen den beiden war, konnte sie es nicht
+lassen, vor Wut laut aufzuheulen.
+
+Unterdessen hatten der Bauer und sein Weib ihre Pferde wieder gebändigt,
+und sie kamen nun zurück, um ihr Kind zu suchen. Als die Trollin sie
+herankommen hörte, kamen ihr fast die Tränen, denn sie hatte sich noch
+lange nicht an dem Menschenkind satt gesehen. Sie blieb sitzen, bis die
+Reitenden fast in Sehweite waren, da faßte sie einen raschen Entschluß.
+Sie ließ ihr Junges am Wegesrand liegen, aber das Menschenkind steckte
+sie in ihre Rindenbutte und lief damit in den Wald.
+
+ * * * * *
+
+Kaum war die Trollin in den Wald verschwunden, als der Bauer und seine
+Frau zum Vorschein kamen.
+
+Es waren prächtige Bauersleute, reich und geachtet und mit einem schönen
+Hof am Fuße des Waldhügels. Sie waren schon viele Jahre verheiratet,
+aber sie hatten nur dieses einzige Kindchen. Man kann sich also denken,
+wie sehr ihnen am Herzen lag, es wieder zu finden.
+
+Die Frau war dem Manne um ein paar Pferdelängen voraus und erblickte
+zuerst das Kind, das am Wegesrand lag. Es schrie aus Leibeskräften, um
+die Trollin zurückzurufen, und die Bäuerin hätte schon an dem Geheul
+merken können, was für ein Kind das war. Aber sie hatte solche Angst
+ausgestanden, daß der Kleine sich im Fallen erschlagen haben könnte,
+daß sie bei dem Geschrei nur dachte: Gott sei Dank, daß er am Leben ist.
+»Da liegt das Kind,« rief sie dem Manne zu und glitt aus dem Sattel und
+lief auf das Trolljunge zu.
+
+Als der Bauer zur Stelle kam, saß die Frau am Wegesrand und drehte das
+Kind hin und her und sah aus wie jemand, der seinen Sinnen nicht trauen
+kann. »Mein Kind hatte doch nicht Zähne wie die Stacheln,« sagte sie,
+und ihre Stimme drückte immer größeren und größeren Schrecken aus; »mein
+Kind hatte doch nicht Haare wie Schweinsborsten, mein Kind hatte doch
+keine Kralle am kleinen Finger.«
+
+Der Bauer konnte nichts andres glauben, als daß sein Weib verrückt
+geworden sei, und sprang nun auch vom Pferde. »Sieh das Kind an und sag,
+ob du begreifen kannst, wie es sich so verändert hat,« sagte die Frau
+und reichte es ihm. Er nahm es aus ihren Händen, aber kaum hatte er
+einen Blick darauf geworfen, als er dreimal ausspuckte und es von sich
+schleuderte. »Das ist doch ein Trolljunges,« rief er. »Das ist nicht
+unser Kind.« Die Frau saß noch immer am Wegesrand. Sie war nicht rasch
+von Gedanken und konnte nicht erraten, was sich begeben hätte. »Aber was
+tust du denn mit dem Kinde?« fragte sie. »Ja, merkst du denn nicht, daß
+das ein Wechselbalg ist?« sagte der Mann. »Die Trolle haben die
+Gelegenheit benutzt, als unsere Pferde durchgingen. Sie haben unser Kind
+gestohlen und eines von ihren eignen dafür hingelegt.« -- »Aber wo ist
+denn dann jetzt mein Kind?« fragte die Frau. -- »Das ist eben bei den
+Trollen,« antwortete der Mann.
+
+Nun begriff die Frau endlich das ganze Unglück. Sie erbleichte, und der
+Mann glaubte, daß sie auf der Stelle ihren Geist aufgeben würde.
+
+»Unser Kind kann ja nicht weit fort sein,« sagte der Mann und versuchte
+sie zu beschwichtigen, obgleich er selbst nicht viel Hoffnung hatte.
+»Wir wollen in den Wald gehen und es suchen.« Damit band er die Pferde
+an einen Baum und begab sich in das Dickicht. Die Frau stand auch auf,
+um ihm zu folgen, als sie bemerkte, daß das Trolljunge auf dem Boden lag
+und jeden Augenblick von den Pferden totgetrampelt werden könnte, die
+über seine Gegenwart unruhig schienen und einmal ums andre wild nach
+hinten ausschlugen. Sie schauderte bei dem Gedanken, den Wechselbalg
+anrühren zu müssen, aber sie schob ihn doch so, daß die Pferde ihn nicht
+zertreten konnten.
+
+»Hier liegt die Schelle, die unser Kind in der Hand hatte, als du es
+fallen ließest,« rief der Bauer aus dem Wald. »Jetzt weiß ich, daß ich
+auf der rechten Spur bin.« Die Frau eilte ihm nach, und sie gingen in
+den Wald und suchten lange und eifrig. Aber sie fanden weder Kind noch
+Troll; und als die Dämmrung einbrach, mußten sie zu ihren Pferden
+zurückkehren.
+
+Die Frau weinte und rang die Hände. Der Mann ging mit
+aufeinandergepreßten Lippen und sagte nicht ein Wort, um sie zu trösten.
+Er war aus altem gutem Stamm, der erloschen wäre, wenn er nicht einen
+Sohn bekommen hätte. Er ging jetzt einher und zürnte der Frau, weil sie
+das Kind hatte zu Boden fallen lassen. Sie hätte es doch vor allem
+andern festhalten müssen. Aber als er sah, wie betrübt sie war, brachte
+er es nicht übers Herz, sie zu tadeln.
+
+Der Bauer hatte der Frau in den Sattel geholfen, als ihr der Wechselbalg
+einfiel. »Was sollen wir aber mit dem Trolljungen anfangen?« rief sie.
+-- »Ja, wo ist denn das hingekommen?« sagte der Mann. -- »Es liegt dort
+unter dem Busch.« -- »Da liegt es ja ganz gut,« sagte der Mann und
+lächelte bitter. -- »Wir müssen es aber doch mitnehmen. Wir können es
+doch nicht hier in der Wildnis lassen.« -- »Doch, das können wir sehr
+gut,« sagte der Bauer und setzte den Fuß in den Steigbügel.
+
+Die Frau fand, daß der Mann eigentlich ganz recht hätte. Sie brauchten
+sich doch nicht des Trollkindes anzunehmen. So ließ sie das Pferd ein
+paar Schritte machen. Aber sie war von weicher und warmherziger
+Gemütsart, und plötzlich war es ihr ganz unmöglich, weiterzureiten.
+»Nein, es ist ja doch ein Kind,« sagte sie. »Ich kann es nicht hier
+lassen, den Wölfen zum Fraße. Du mußt mir den Jungen reichen.« -- »Das tu
+ich nicht,« sagte der Mann. »Er liegt ganz gut, wo er liegt.« -- »Wenn
+du ihn mir nicht jetzt bringst, so muß ich heute abend wieder herkommen
+und ihn holen,« sagte die Frau. -- »Mir scheint, es ist nicht genug, daß
+die Trolle mir meinen Knaben gestohlen haben,« sagte er, »sie haben
+auch noch meinem Weibe den Kopf verdreht.« Aber dabei hob er doch das
+Kind auf und reichte es der Frau, denn er hatte eine große Liebe zu ihr
+und war es gewohnt, ihr in allem zu Willen zu sein.
+
+Am nächsten Tage war das Unglück im ganzen Kirchspiel bekannt, und alle,
+die alt und klug waren, eilten in die Hütte des Bauern, um gute
+Ratschläge zu geben. »Wer einen Wechselbalg im Hause hat, muß ihm jeden
+Tag mit einem derben Stecken Schläge geben,« sagte eine der Alten.
+»Warum soll man denn so übel mit ihm umgehen?« fragte die Bäuerin.
+»Freilich ist er häßlich, aber er hat doch nichts Böses getan.« -- »Ja,
+wenn man das Junge schlägt, bis das Blut fließt, dann kommt schließlich
+die Trollin herangesaust, wirft einem das eigne Kind zu und nimmt ihres
+mit. Ich weiß viele, die es so gemacht haben, um ihr Kind wieder zu
+bekommen.« -- »Aber diese Kinder sind dann nicht lange am Leben
+geblieben,« sagte eine der alten Frauen; und die Bäuerin dachte bei sich
+selbst, daß sie dieses Mittel nicht anwenden könnte. Das wäre ihr
+unmöglich gewesen.
+
+Gegen Abend, als die Bäuerin mit dem Wechselbalg allein in der Stube
+war, begann sie sich auf einmal so heftig nach ihrem eignen Kinde zu
+sehnen, daß sie gar nicht wußte, wo aus noch ein. »Vielleicht sollte ich
+doch das versuchen, was sie mir geraten haben,« dachte sie, aber sie
+konnte sich doch nicht entschließen.
+
+In demselben Augenblick kam der Mann mit einem Stock in der Hand in die
+Stube und fragte nach dem Wechselbalg. Da sah die Frau, daß der Mann den
+Rat der klugen Frauen befolgen und das Trollkind prügeln wollte, um sein
+eignes zurückzubekommen. »Es ist gut, daß er es tut,« dachte sie. »Ich
+bin zu dumm. Ich könnte nie ein unschuldiges Kind schlagen.«
+
+Aber kaum hatte der Mann dem Trollkind einen Hieb versetzt, als die Frau
+herbeistürzte und ihn am Arm packte. »Nein, schlag nicht, schlag nicht!«
+bat sie. -- »Du willst wohl dein eignes Kind nicht wieder haben?« sagte
+der Mann und versuchte sich loszumachen. -- »Freilich will ich es wieder
+haben, aber nicht auf diese Art,« sagte die Frau. Der Mann erhob den Arm
+zu einem neuen Schlag, aber ehe er fiel, hatte sich die Frau auf das
+Kind geworfen, so daß der Hieb ihren Rücken traf. »Gott schütze mich,«
+sagte der Mann, »jetzt sehe ich, du willst dich so anstellen, daß unser
+Kind all sein Lebtag bei den Trollen bleiben muß.« Er blieb stehen und
+wartete, aber die Frau blieb vor ihm liegen und schützte das Kind. Da
+warf der Mann den Stock fort und ging unmutig aus der Stube. Er wunderte
+sich später, daß er seinen Vorsatz nicht seinem Weibe zum Trotz
+durchgeführt hatte, aber wenn sie da war, bezwang ihn irgend etwas: er
+konnte ihr nicht zuwiderhandeln.
+
+Ein paar Tage vergingen in Schmerz und Trauer. Was die Bäuerin am
+meisten quälte und ihren Kummer verdoppelte, war, daß sie für dieses
+Trollkind zu sorgen hatte. Um seinetwillen hatte sie so bitter zu
+leiden, daß es ihr fast die Kraft nahm, ihr eignes Kind zu betrauern.
+
+»Ich weiß rein nicht, was ich dem Wechselbalg zu essen geben soll,«
+sagte sie eines Morgens zu ihrem Mann. »Er will nichts kosten, was ich
+ihm vorsetze.« -- »Das ist nicht zu verwundern,« sagte der Mann. »Du
+wirst doch schon gehört haben, daß die Trolle nichts anderes essen als
+Frösche und Mäuse.« -- »Aber du kannst doch nicht verlangen, daß ich zum
+Froschsumpf gehe und ihm dort das Essen hole,« sagte die Frau. -- »Nein,
+ich verlange nichts dergleichen,« antwortete der Bauer. »Ich finde, es
+wäre am besten, wenn er verhungern würde.«
+
+Die ganze Woche verging, ohne daß die Bäuerin imstande war, das
+Trolljunge zu bewegen, irgend etwas zu sich zu nehmen. Es schrie nur,
+wie es da in seiner Wiege lag, und wurde so elend und mager, daß kaum
+noch etwas von ihm übrig blieb. Rings um ihn stellte die Bäuerin alles
+mögliche gute Essen auf, das sie nur bereiten konnte; aber der
+Wechselbalg fauchte und spuckte nur, wenn sie ihn überreden wollte,
+etwas von den Leckerbissen zu kosten.
+
+Eines Abends, als das Trollkind so aussah, als sollte es Hungers
+sterben, kam die Katze mit einer Maus zwischen den Zähnen in die Stube
+gelaufen. Da riß die Bäuerin der Katze die Maus aus dem Rachen, warf sie
+dem Kind hin und verließ hastig die Stube, um nicht sehen zu müssen,
+wie das Trolljunge aß.
+
+Aber als der Bauer merkte, daß die Frau wirklich anfing, Frösche und
+Spinnen für den Wechselbalg zu sammeln, da begann er einen solchen
+Abscheu vor ihr zu empfinden, daß er ihn kaum verbergen konnte. Er
+konnte sich nicht überwinden, ihr ein freundliches Wort zu sagen; und
+wäre nicht jene wunderliche Macht gewesen, die sie über ihn besaß, so
+hätte er sie sogleich verlassen.
+
+Auch die Dienstleute begannen der Bäuerin Ungehorsam und
+Unehrerbietigkeit zu zeigen, ohne daß der Bauer sich darum kümmerte.
+
+Die Frau merkte bald: wenn sie fortführe, den Wechselbalg in Schutz zu
+nehmen, würde sie es mit ihrem Manne, dem Gesinde und den Nachbarn sehr
+schwer haben; aber sie war nun einmal so: wenn es jemand gab, den alle
+andern haßten, mußte sie ihre äußerste Kraft aufbieten, um einen solchen
+armen Wicht zu schützen. Und je mehr sie um des Wechselbalgs willen litt
+und sich quälte, desto getreulicher wachte sie darüber, daß ihm nichts
+Böses widerfahre.
+
+Ein paar Jahre später an einem Vormittag saß die Bäuerin allein in der
+Stube und nähte Flicken um Flicken auf ein kleines Kinderkleid. »Ach
+ja,« dachte sie, während sie so nähte, »der hat keine guten Tage, der
+für ein fremdes Kind sorgen muß.«
+
+Sie nähte und nähte, aber die Löcher waren so groß und so zahlreich, daß
+ihr die Tränen in die Augen kamen, wenn sie sie ansah. »Aber so viel
+weiß ich,« dachte sie, »wenn ich meines eignen Sohnes Kittelchen
+flickte, da wollte ich die Löcher nicht zählen.«
+
+»Ich habe es doch gar zu schwer mit dem Wechselbalg,« dachte die
+Bäuerin, als sie ein neues Loch entdeckte. »Das Beste wäre schon, wenn
+ich ihn tief in den Wald führte, so tief, daß er nicht mehr heimfinden
+könnte, und ihn dort zurückließe.«
+
+»Obgleich ich mir gar nicht so viele Mühe zu geben brauchte, um ihn los
+zu werden,« fuhr sie nach einem Weilchen fort. »Ich brauchte ihn nur
+einen Augenblick ohne Aufsicht zu lassen, dann würde er schon im Brunnen
+ertrinken oder im Herde verbrennen oder vom Hunde gebissen oder von den
+Pferden gestoßen oder von den Knechten erschlagen werden. Ja, es wäre
+ein Leichtes, ihn los zu werden, denn ausgelassen und schlimm ist er,
+und es gibt keinen, der ihn nicht haßte. Ich glaube, wenn ich ihn nicht
+beständig um mich hätte, würde gleich jemand die Gelegenheit benützen
+und ihn umbringen.«
+
+Sie ging hin und sah das Kind an, das in einer Ecke der Stube lag und
+schlief. Es war sehr gewachsen und sah nun noch viel häßlicher aus, als
+da sie es zum ersten Male erblickt hatte. Es hatte große, wulstige
+Lippen, die Augenbrauen waren wie zwei steife Bürsten, und die Haut war
+ganz braun.
+
+»Deine Kleider flicken und über dich wachen, ginge wohl noch an,« dachte
+sie. »Wenn ich deinetwegen nicht schlimmere Sorgen hätte. Es ist ja
+fast, als hätte ich den Verstand verloren, daß ich so viel um dich
+leide, wo du doch nichts andres bist als ein widerwärtiger Troll. Mein
+Mann verabscheut mich, die Knechte verachten mich, die Mägde höhnen
+mich, die Katze faucht mich an, der Hund knurrt, wenn er mir begegnet;
+und an dem allen bist du nur schuld.«
+
+»Aber daß Tiere und Menschen mich hassen, ist noch nicht das
+Schlimmste,« fuhr sie nachdenklich fort. »Das Schlimmste ist, daß ich
+mich jedesmal, wenn ich dich ansehe, um so mehr nach meinem eignen Sohn
+sehne. O, mein liebes Kind, mein allerliebstes Goldkind, wo bist du
+jetzt? Schläfst du jetzt bei der Trollin auf Moos und Reisig?«
+
+Da ging die Tür auf, und die Frau begab sich wieder zum Tisch und setzte
+sich zu ihrer Näherei. Es war ihr Mann, der eintrat. Er hatte ein
+lächelndes Gesicht und sprach mit freundlicherer Stimme als seit langer
+Zeit.
+
+»Heute ist im Nachbardorf Jahrmarkt,« sagte er. »Wie wär es, wenn wir
+hingingen?«
+
+»Ach, das wollte ich gar so gerne,« sagte die Frau und wurde sehr froh.
+
+»Nun, dann mach dich rasch fertig,« sagte der Mann. »Wir müssen zu Fuß
+gehen, denn die Pferde sind bei der Arbeit. Aber wir kommen noch
+zurecht, wenn wir den Weg über den Hügel nehmen.«
+
+Ein kleines Weilchen später stand die Frau in Feiertagskleidern auf der
+Schwelle. Das war das Freudigste, was ihr nun schon seit Jahren begegnet
+war, und sie hatte das Trollkind völlig vergessen. »Aber,« dachte sie
+ganz plötzlich, »vielleicht will mein Mann mich nur fortlocken, damit
+einer der Knechte das Trollkind erschlagen kann, während ich nicht
+daheim bin.« Sogleich ging sie in die Stube und kam mit dem großen
+Trolljungen auf dem Arm zurück.
+
+»Kannst du den Wechselbalg nicht daheim lassen?« fragte der Mann, aber
+er lachte dabei und war ganz sanft. -- »Nein, ich traue mich nicht, von
+ihm fortzugehen,« sagte sie. »Ja, das ist deine Sache,« sagte der Bauer,
+»aber es wird dir schwer werden, solch' einen Bengel den Hügel
+hinaufzuschleppen.«
+
+Sie begannen nun ihre Wanderung, aber es ging steil aufwärts, man mußte
+einen hohen Gebirgsgrat erklimmen, ehe man in das benachbarte Dörfchen
+kam.
+
+Die Frau wurde schließlich so müde, daß sie kaum mehr einen Fuß vor den
+andern setzen konnte. Einmal ums andre suchte sie den großen Burschen zu
+überreden, selbst zu gehen, aber er wollte nicht.
+
+Der Mann war die ganze Zeit über vergnügt und so freundlich, wie er noch
+nie gewesen war, seit sie ihr Kind verloren hatten. »Jetzt mußt du mir
+aber den Wechselbalg geben,« sagte er, »ich werde ihn ein Weilchen
+tragen.« -- »Ach nein, ich kann schon,« sagte die Frau, »ich will nicht,
+daß du von diesem Trollzeug Beschwerden hast.« -- »Warum sollst du dich
+allein damit abplagen,« sagte er und nahm den Wechselbalg.
+
+Als der Bauer das Kind nahm, war der Weg gerade am allersteilsten. Er
+führte ganz schmal und schlüpfrig am Rande eines Abgrundes vorbei, und
+es war kaum Platz, um den Fuß aufzusetzen. Die Frau ging hinter ihm, und
+sie bekam plötzlich große Angst, daß dem Mann etwas geschehen könnte,
+wie er da ging und das Kind trug. »Geh hier vorsichtig,« rief sie. Sie
+meinte, wenn er so rasch und unachtsam ginge, müßte er stürzen. Gleich
+darauf glitt er auch wirklich aus und hätte fast das Trolljunge in den
+Abgrund fallen lassen.
+
+»Nein, wenn das Kind jetzt gefallen wäre, dann wären wir es für alle
+Zeit los gewesen,« dachte sie. Aber in demselben Augenblicke stand es
+ihr klar vor Augen, daß es die Absicht des Mannes war, das Kind hier
+hinunterzuwerfen und dann zu tun, als wäre ein Unglück geschehen. --
+Ach, ach, dachte sie, ist es so?! Er hat das alles nur so eingerichtet,
+um das Kind zu beseitigen, ohne daß ich merke, daß er es mit Absicht
+tut. Ja, wäre es nicht am besten, wenn ich ihm seinen Willen ließe?
+
+Wieder rutschte der Mann auf einem lockern Stein aus, wieder wäre ihm
+das Kind fast aus dem Arm gefallen. »Gib mir das Kind, du fällst damit,«
+sagte die Frau. -- »Nein,« sagte der Mann, »ich werde schon aufpassen.«
+-- »Du sollst es mir geben,« rief die Frau, »du bist schon zweimal
+ausgeglitten.«
+
+In demselben Augenblick rutschte der Mann zum drittenmal aus. Er
+streckte die Arme nach einem Baumast, um sich daran festzuhalten, und
+das Kind fiel. Die Frau kam dicht hinterdrein, und obgleich sie eben
+noch gedacht hatte, daß es schön wäre, den Wechselbalg loszuwerden,
+stürzte sie nun vor, packte einen Zipfel des Kittelchens und zog das
+Kind daran wieder auf den Weg. Da wendete sich der Mann zu ihr. Sein
+Gesicht war jetzt häßlich und wie verwandelt. »Als du unser Kind im
+Walde fallen ließest, warst du nicht so flink,« sagte er zornig.
+
+Die Frau antwortete nichts. Sie saß auf der Erde und weinte darüber, daß
+die Freundlichkeit des Mannes nur gespielt gewesen war. »Warum weinst
+du?« sagte er hart. »Es wäre wohl kein so großes Unglück gewesen, wenn
+ich den Balg hätte fallen lassen. Komm jetzt, es wird spät.« -- »Ich
+glaube, ich hab keine Lust mehr, auf den Markt zu gehen,« sagte sie. --
+»Na ja, mir ist die Lust auch vergangen,« sagte er. »Ich will lieber
+nach Hause,« sagte die Frau. »Ja, warum sollten wir auch hin, wenn es
+uns keine Freude macht,« sagte der Mann und war einig mit ihr.
+
+Auf dem Heimwege ging der Mann einher und fragte sich, wie lange er es
+noch mit seinem Weibe aushalten könnte. Wenn er nun von seiner Macht
+Gebrauch machte und ihren Willen zwänge, dann könnte ja noch alles
+zwischen ihnen wieder gut werden, meinte er; aber so, wie es jetzt war,
+wollte er am liebsten von ihr befreit sein. Er war nahe daran, Gewalt
+gegen sie anzuwenden und das Kind an sich zu reißen, aber gerade da
+begegnete er dem Blick des Weibes, der so schwermütig und traurig auf
+ihm ruhte, daß er es nicht vermochte, hart gegen sie zu verfahren. Um
+ihrer Trauer willen tat er sich Gewalt an, wie er es bisher getan hatte,
+und alles blieb, wie es gewesen war.
+
+Wieder vergingen ein paar Jahre, und es kam eine Sommernacht, wo im
+Bauernhof eine Feuersbrunst ausbrach. Als die Leute aufwachten, waren
+Stube und Kammer voll Rauch, und der ganze Dachboden war ein Feuermeer.
+Es war gar nicht daran zu denken, zu löschen oder zu retten; man konnte
+nur hinausstürmen, um nicht zu verbrennen.
+
+Der Bauer ging in den Hof hinaus und stand da und sah das brennende Haus
+an. »Eins möchte ich wissen, wer mir das angetan hat?« -- »Wer? Nun, wer
+sollte es wohl anders sein als der Wechselbalg?« sagte ein Knecht. »Es
+war schon lange immer sein Spiel, Scheiterhaufen aus Reisig zu machen
+und sie anzuzünden.« -- »Gestern hat er einen großen Haufen trockne
+Zweige auf den Dachboden getragen,« sagte die Magd. »Er wollte sie eben
+anzünden, als ich kam und ihn bemerkte.« -- »Gewiß hat er sie gestern
+Abend in Brand gesteckt,« sagte der Knecht. »Ihr könnt ganz sicher sein,
+daß er das Unglück verursacht hat.«
+
+»Wenn er nur wenigstens verbrennen wollte,« sagte der Bauer, »dann
+wollte ich nicht klagen, daß meine alte Hütte durch ihn in Flammen
+aufgegangen ist.« Wie er das eben sagte, trat die Frau aus dem Hause und
+schleppte das Kind hinter sich her. Da stürzte der Bauer heran, entriß
+ihr das Kind, hob es hoch in die Luft und warf es wieder in das Haus
+zurück. Das Feuer schlug gerade zum Dach und zu den Fenstern heraus, und
+die Hitze war fürchterlich. Einen Augenblick sah die Frau den Mann an,
+leichenblaß vor Schrecken, dann kehrte sie um und eilte in das Haus
+zurück, dem Kinde nach.
+
+»Es macht mir gar nichts, wenn du mit verbrennst,« rief ihr der Bauer
+nach. Sie kam jedoch wieder heraus und hatte das Kind in den Armen. Ihre
+Hände waren arg verbrannt, und das Haar war fast abgesengt. Niemand
+sagte ein Wort zu ihr, als sie herauskam. Sie ging zum Brunnen, löschte
+ein paar Funken, die an ihrem Rocksaum glühten, und setzte sich dann auf
+den Boden. Das Trollkind lag auf ihrem Schoß und schlummerte bald ein,
+doch sie saß hochaufgerichtet und wach da und starrte mit traurigen
+Augen vor sich hin. Eine ganze Menge Menschen eilten herbei, um zu
+löschen, aber niemand sprach zu ihr. Es sah aus, als meinten alle, daß
+sie etwas Häßliches und Unheimliches an sich hätte, das Schrecken und
+Abscheu errege.
+
+Bei Tagesanbruch, als das Feuer gelöscht war, kam der Bauer auf sie zu.
+»Ich halte es nicht länger aus, ich kann nicht mit Trollen
+zusammenleben, obgleich ich dich ungern verlasse. Ich gehe jetzt meiner
+Wege und komme nie wieder.«
+
+Als die Frau diese Worte hörte und sah, wie der Mann sich gleich darauf
+abwendete, um seiner Wege zu gehen, da fuhr ein Zucken durch sie, als
+wollte sie ihm nacheilen, aber das Trollkind lag schwer auf ihrem
+Schoß. Sie schien nicht Kraft genug zu haben, es abzuschütteln, sondern
+blieb sitzen.
+
+Aber kaum war der Bauer in den Wald gekommen, als ihm ein kleiner Knirps
+in vollem Lauf über die Hügel entgegenkam. Er war schön wie ein junges
+Bäumchen, so schmal und schlank, das Haar war seidenweich, und die Augen
+leuchteten wie blauer Stahl. »Ach ja, so wäre mein Sohn jetzt, wenn ich
+ihn hätte behalten dürfen,« dachte der Bauer. »Einen solchen Erben hätte
+ich gehabt. Das wäre freilich ein ander Ding gewesen als das schwarze
+Ungetüm, das meine Frau mir ins Haus gebracht hat.«
+
+»Grüß Gott,« sagte der Bauer, »wohin gehst du denn?« -- »Grüß Gott,«
+sagte das Bürschchen und reichte ihm die Hand. »Wenn du erraten kannst,
+wer ich bin, sollst du erfahren, wohin ich gehe.«
+
+Als der Bauer die Stimme hörte, wurde er ganz blaß.
+
+»Ich kenne diese Stimme,« sagte er. »Wenn mein Sohn nicht bei den
+Trollen wäre, würde ich sagen, daß du es bist.« -- »Ja, jetzt habt Ihr
+recht geraten, Vater,« sagte das Bürschchen und lachte. »Und weil Ihr
+recht geraten habt, sollt Ihr auch wissen, daß ich auf dem Wege zur
+Mutter bin.« -- »Du sollst nicht zur Mutter gehen,« sagte der Bauer.
+»Sie fragt gar nicht nach dir. Sie hat für niemand ein Herz, als für ein
+großes garstiges Trolljunges.« -- »Meint Ihr das, Vater?« sagte der
+Knabe und sah dem Vater tief in die Augen. »Dann ist es vielleicht
+besser, wenn ich fürs erste bei Euch bleibe.«
+
+Der Bauer war so froh über das Kind, daß ihm die Tränen in die Augen
+kamen. »Ja, bleib du nur bei mir,« sagte er und nahm den Knaben in seine
+Arme und küßte ihn. Er hatte förmlich Angst, ihn aufs neue zu verlieren,
+und wagte es nicht, ihn wieder auf den Boden zu stellen, sondern
+wanderte mit dem Kinde im Arme weiter.
+
+Als er ein paar Schritte gegangen war, begann der Kleine zu plaudern.
+»Das ist gut, daß Ihr mich nicht so tragt, wie Ihr den Wechselbalg
+getragen habt,« sagte der Knabe. »Was meinst du damit?« fragte der
+Bauer. »Ja, die Trollin ging auf der andern Seite der Kluft mit mir, und
+jedesmal, wenn Ihr mit dem Kinde ausglittet, Vater, glitt sie mit mir
+aus.« »Ach was, ihr gingt auf der andern Seite der Kluft?« sagte der
+Bauer und wurde plötzlich ganz nachdenklich. »Nie habe ich solche Angst
+gehabt,« sagte das Bürschchen. »Als Ihr das Trollkind in die Schlucht
+warft, wollte mich die Trollin hinterherwerfen. Wäre Mutter nicht so
+geschwind gewesen und hätte den andern gerettet --«
+
+Der Bauer begann langsamer zu gehen, während er dem Kleinen Fragen
+stellte. »Du mußt mir doch erzählen, wie es dir bei den Trollen ergangen
+ist.« »Manchesmal recht schlimm,« sagte der Kleine, »aber wenn Mutter
+nur gut gegen das Trolljunge war, dann war die Trollin auch gut gegen
+mich.«
+
+»Pflegte sie dich vielleicht zu schlagen?« fragte der Bauer. »Sie
+schlug mich nicht öfter, als Ihr das andre Kind schlugt.« -- »Was
+kriegtest du denn zu essen?« fragte der Bauer. »Jedesmal, wenn Mutter
+dem Wechselbalg Spinnen und Mäuse gab, bekam ich Butterbrot. Aber wenn
+ihr dem Trolljungen Kuchen und Fleisch vorsetztet, dann setzte mir die
+Trollin Schlangen und Kröten vor. In der ersten Zeit wäre ich fast
+verhungert. Wenn Mutter dann nicht mehr Barmherzigkeit bewiesen hätte
+als ihr andern, so hätte ich wohl ins Gras beißen müssen.«
+
+Als das Kind dies sagte, machte der Bauer Kehrt und ging rasch in das
+Tal hinab, seinem Hofe zu. »Ich weiß nicht, woher das kommt,« sagte er,
+»aber es ist mir, als spürte ich einen Brandgeruch, wenn ich dich
+anrühre, und dein Haar sieht aus, als ob es vom Feuer versengt wäre.«
+»Das ist doch nicht zu verwundern,« sagte das Kind. »Ich wurde doch
+heute Nacht ins Feuer geworfen, als Ihr das Trollkind in die brennende
+Hütte schleudertet. Und wenn Mutter das Trolljunge nicht gerettet hätte,
+so wäre ich wohl auch verbrannt.«
+
+Der Bauer schien nun solche Eile zu haben, daß er fast lief, um in sein
+Heim und zu seinem Weibe zurückzukommen. Aber plötzlich blieb er stehen.
+»Jetzt mußt du mir aber sagen, woher es kommt, daß die Trolle dich
+freigegeben haben?« sagte er. -- »Als Mutter das opferte, was ihr mehr
+ist als das Leben, hatten die Trolle keine Macht mehr über mich und
+ließen mich ziehen,« sagte das Kind. -- »Hat sie geopfert, was ihr mehr
+ist als das Leben?« fragte der Bauer. »Ja, das hat sie wohl, als sie
+Euch ziehen ließ, ohne einen Versuch zu machen, Euch zurückzuhalten,«
+sagte das Kind.
+
+Die Frau saß noch immer auf demselben Fleck am Brunnen. Sie schlief
+nicht, aber sie schien wie versteinert. Sie vermochte sich nicht zu
+rühren; und was rings um sie vorging, das bemerkte sie ebensowenig, als
+wenn sie tot gewesen wäre. Da hörte sie die Stimme ihres Mannes nach ihr
+rufen, und ihr Herz begann wieder zu pochen, und das Leben erwachte in
+ihr. Sie schlug die Augen auf und sah sich wie eine Schlaftrunkne um. Es
+war hellichter Tag, die Sonne schien, und die Vögel sangen, und es
+schien ihr ganz unmöglich, daß sie an einem so schönen Morgen noch ihr
+Unglück zu tragen haben sollte. Aber gleich darauf sah sie die
+verkohlten Balken, die noch umherlagen, wo einst die Hütte gestanden
+hatte, und eine Menge Menschen mit geschwärzten Händen und berußtem
+Gesicht, und da kam es ihr zum Bewußtsein, daß sie zu einem schwereren
+Unglück erwachte als je zuvor; aber dennoch hatte sie das Gefühl, als ob
+es nun zu Ende sein müßte. Sie sah sich nach dem Wechselbalg um. Er lag
+nicht mehr auf ihrem Schoße und war auch nicht in der Nähe zu sehen.
+Wäre alles wie sonst gewesen, sie wäre aufgesprungen und hätte nach ihm
+gesucht, aber jetzt empfand sie gar keine Unruhe um ihn. Sie hörte ihren
+Mann aus weiter Ferne rufen. Er kam aus dem Walde, zum Hofe hinunter,
+und alle die fremden Menschen, die beim Löschen geholfen hatten, liefen
+ihm entgegen und umringten ihn, so daß sie ihn nicht sehen konnte. Sie
+hörte nur, wie er unaufhörlich rief: »Mutter, Mutter! komm doch und
+sieh, komm und sieh!« Und die Stimme brachte Kunde von einer großen
+Freude, aber sie blieb dennoch regungslos sitzen. Sie wagte ihm nicht
+entgegenzugehen. Endlich kam die ganze Menschenschar auf sie zu, und der
+Mann trennte sich von den andern und kam heran und legte ein schönes
+Kind in ihre Arme.
+
+»Hier ist unser Sohn, er ist zu uns zurückgekehrt,« sagte der Mann. »Und
+du -- und kein andrer -- hast ihn gerettet.«
+
+
+
+
+Der Spielmann
+
+
+Ein Spielmann geht eines Sonnabends spät nachts mit seiner Fiedel unterm
+Arme einher. Er ist sehr munter und fröhlich, denn er kommt von einem
+Feste, wo er mit seinem Spiel alt und jung zum Tanzen verlockt hat.
+
+Wie er nun so geht, denkt er just daran, wie niemand sich stille halten
+konnte, solange sein Bogen im Gange war. Ein so wilder Tanz hatte durch
+die Stube gewirbelt, daß es ihm ein paarmal gewesen war, als tanzten
+Tische und Stühle mit.
+
+-- »Ich glaube doch sicherlich, daß sie niemals einen solchen Spielmann
+wie mich an diesem Orte gehabt haben,« sagte er zu sich selbst.
+
+-- »Aber recht schwer habe ich es gehabt, bis ich ein so tüchtiger Kerl
+wurde,« fährt er fort. »Das war kein Spaß, als ich noch ein Kind war und
+die Eltern mir befahlen, Schafe und Kühe zu hüten, und ich alles vergaß
+und nur dasaß und an meiner Geige zupfte. Ja, und nicht einmal eine
+richtige Geige wollten sie mir daheim geben. Ich hatte nichts andres
+zum Spielen als eine alte Holzkiste, über die ich Saiten gespannt
+hatte.«
+
+»Am Tage, wenn ich allein im Walde sein durfte, ging es mir ja ganz gut,
+aber es war kein Spaß, am Abend heimzukommen, wenn die Herde sich mir
+verirrt hatte. Da bekam ichs unzählige Male von Vater und Mutter zu
+hören, daß ich ein Taugenichts sei, und daß nie etwas aus mir werden
+würde.«
+
+In dem Teil des Waldes, den der Spielmann durchwandert, bahnt sich ein
+kleiner Bergstrom seinen Weg. Da ist der Boden steinig und hügelig, und
+dem Strom macht es große Beschwerden, vorwärts zu kommen. Er windet sich
+hin und her, stürzt sich über kleine Fälle und scheint doch nicht vom
+Fleck zu kommen. Der Weg hingegen, den der Spielmann wandert, versucht
+so schnurgerade zu gehen wie nur möglich. Er trifft so immer wieder mit
+dem sich schlängelnden Bergstrom zusammen und springt jedesmal auf einem
+kleinen Brücklein hinüber. Der Spielmann muß daher einmal ums andre den
+Strom überschreiten; und das macht ihm Freude. Es ist ihm so, als hätte
+er nun im Walde Gesellschaft gefunden.
+
+Er geht durch die helle Sommernacht. Die Sonne ist noch nicht
+aufgestanden, aber es hat nicht viel zu sagen, daß sie sich ferne hält,
+denn es herrscht doch auf jeden Fall volles Licht. Aber richtig so wie
+am Tage ist es doch nicht.
+
+Alles hat eine andre Farbe. Der Himmel ist ganz weiß, die Bäume und die
+hohen Kräuter im Grase sind glänzend grau. Aber alles ist ebenso
+deutlich erkennbar wie am Tage, und als der Spielmann auf einer der
+vielen Brücken stehen bleibt und in den Strom hinabblickt, kann er jedes
+Bläschen unterscheiden, das durch das Wasser perlt.
+
+»Wenn ich solch einen Strom in der Wildnis sehe, muß ich mich an mein
+eignes Leben erinnern,« denkt der Spielmann. »Ebenso halsstarrig wie er
+habe ich mir meine Straße gebahnt, vorbei an allem, was sich mir in den
+Weg stellte. Da war Vater: er stellte sich mir entgegen wie ein harter
+Fels. Und da war Mutter: sie suchte mich still zu halten und mich
+gleichsam zwischen Mooshügelchen einzubetten. Aber ich schlich mich an
+Vater und Mutter vorbei, und hinaus in die Welt ging es.«
+
+»Haha, jaja, ich denke, Mutter sitzt daheim und weint noch um mich; aber
+was kümmert das mich! Sie hätte doch verstehen können, daß aus mir etwas
+werden mußte, und hätte nicht versuchen sollen, mir entgegen zu sein.«
+
+Ungeduldig reißt er ein paar Blätter von einem Busch ab und wirft sie in
+den Strom.
+
+-- »So habe ich mich von allem daheim losgerissen,« sagt er, als er
+sieht, wie das Wasser die Blätter forttreibt.
+
+-- »Möchte doch gerne wissen, ob Mutter erfahren hat, daß ich nun der
+beste Spielmann in ganz Värmland bin?« sagt er, während er weiter
+wandert.
+
+Er geht mit rüstigen Schritten vorwärts, bis er wieder zu einem Steg
+kommt. Da bleibt er abermals stehen und sieht in den Strom hinab. Unter
+der Brücke schäumt der Strom in reißendem Fall und macht ein
+erschreckliches Getöse. Da es Nacht ist, hört man ganz andre Laute als
+am Tage, und der Spielmann wundert sich gar sehr, wie er stehen bleibt
+und lauscht. Da ist kein Vogelgesang im Walde und kein Spiel in den
+Nadeln und kein Rascheln im Laube. Keine Wagenräder knarren auf dem
+Wege, und keine Kuhschellen klingeln. Man hört nur den Bergstrom, aber
+gerade darum hört man ihn wohl umsoviel besser und anders als am Tage.
+Es klingt, als wenn alles Denkbare und Undenkbare in der Tiefe des
+Stromes wäre. Vor allem klingt es, als wenn jemand dort unten säße und
+zwischen großen Steinen Korn mahlte, aber zuweilen klingt es so, wie
+wenn Becher bei einem Trinkgelage aneinander stoßen, und manchmal hört
+man ein Murmeln, wie wenn die Gemeinde aus der Kirche kommt und nach dem
+Gottesdienst in eifrigem Gespräch auf dem Kirchenhügel steht.
+
+-- »Das hier ist wohl auch eine Art Musik,« denkt der Spielmann,
+»obschon ich nicht finden kann, daß es besonders weit damit her ist. Ich
+sollte doch meinen, daß die Weise, die ich jüngst gesetzt habe, mehr
+wert ist, daß man auf sie horche.«
+
+Aber je länger der Spielmann steht und dem Wasserfall lauscht, desto
+besser und besser gefällt ihm dessen Lied.
+
+-- »Ich glaube wirklich, du nimmst dich zusammen,« sagt er zum
+Wasserfall. »Du mußt wohl merken, daß der beste Spielmann von ganz
+Värmland da steht und dir zuhört.«
+
+In demselben Augenblick, wo er dies sagt, vermeint er, aus der Tiefe ein
+paar metallklare Laute zu vernehmen, wie wenn jemand an einer Saite
+zupft, um zu prüfen, ob sie stimme.
+
+»Sieh da, nun ist der Wassermann selbst zur Stelle gekommen; ich höre,
+wie er an seiner Fiedel zupft,« sagt der Spielmann und lacht. »Aber ich
+kann doch nicht die ganze Nacht hier stehen bleiben und darauf warten,
+daß du anfängst,« ruft er gleich darauf ins Wasser hinab. »Nun muß ich
+weiter gehen, aber ich verspreche dir, daß ich auch auf der nächsten
+Brücke stehen bleiben und horchen will, ob du zu spielen begonnen hast.«
+
+Er wandert weiter, und während der Strom auf seinem geschlängelten Wege
+in den Wald hineinläuft, fängt er wieder an, an seine Heimat zu denken.
+
+-- »Ich möchte wohl wissen, wie es mit dem kleinen Bächlein steht, das
+an unserm Gehöft vorbeifließt; das wollte ich gerne wieder einmal sehen.
+Ich sollte doch einmal heimgehen, um zu sehen, ob die Mutter dürftige
+und schwere Zeit hat, seit Vater tot ist, -- wenn ich nur die Zeit
+finden könnte. Aber ich bin so beschäftigt; da ist es fast unmöglich.
+Ich kann zu nichts anderm Zeit finden als für meine Fiedel; es gibt ja
+kaum einen Abend in der Woche, an dem ich frei wäre.«
+
+Nach einem kleinen Weilchen trifft er den Strom wieder, und damit kommt
+er allsogleich auf andre Gedanken. Bei diesem Übergang kommt der
+Bergstrom nicht in einem donnernden Wasserfall herangestürzt, sondern er
+fließt ganz sacht vorbei. Tiefschwarz und blank liegt er unter den
+nächtig grauen Bäumen des Waldes und trägt noch hier und dort einen
+schneeweißen Schaumkamm von den obern Fällen.
+
+Als der Spielmann auf das Brücklein kommt und keinen andern Laut vom
+Strome hört als hie und da ein leises Plätschern, fängt er abermals zu
+lachen an.
+
+-- »Ich konnte es mir ja denken, daß der Neck sich nicht bequemen würde,
+zum Stelldichein zu kommen,« rief er. »Freilich habe ich immer gehört,
+daß er ein tüchtiger Spielmann sein soll, aber gar so weit her kann es
+doch nicht mit ihm sein, wenn er immer ganz still im Bach liegt und nie
+etwas Neues zu hören bekommt. Er weiß schon, daß hier einer steht, der
+die Sache besser versteht als er, und darum will er sich nicht hören
+lassen.«
+
+Damit geht er weiter und verliert den Strom wieder aus den Augen.
+
+Er kommt in eine Gegend des Waldes, die ihn immer unheimlich und
+gruselig zu durchwandern däuchte. Da ist der Boden von Steinen und
+Geröll bedeckt, und verkrümmte Tannenwurzeln schlängeln sich dazwischen
+durch. Wenn es etwas Verhextes oder Gefährliches im Walde gäbe, sollte
+man wohl meinen, daß es sich gerade hier verborgen halten müßte.
+
+Als der Spielmann zwischen die wilden Steinblöcke kommt, überläuft ihn
+ein Schauder, und er fängt an zu bedenken, ob es nicht unklug von ihm
+gewesen sei, sich vor dem Neck zu rühmen.
+
+Es dünkt ihn, daß die großen Tannenwurzeln Gebärden gegen ihn machten,
+als wollten sie ihm drohen.
+
+-- »Hüte dich, du, der du mehr sein willst als der Wassermann!« scheinen
+sie zu sagen.
+
+Der Spielmann fühlt, wie das Herz sich ihm vor Angst zusammenschnürt.
+Eine solche Last legt sich ihm auf die Brust, daß er kaum atmen kann,
+und seine Hände werden eiskalt. Er bleibt mitten auf dem Wege stehen und
+sucht sich selbst Vernunft zuzusprechen.
+
+-- »Es gibt doch keinen Spielmann im Wasserfall!« sagt er. »Das ist nur
+Aberglaube und Ammenmärchen. Darum ist es ganz gleichgültig, was ich von
+ihm gesagt habe oder nicht gesagt habe.«
+
+Wie er so spricht, sieht er sich im Walde um, als wollte er bekräftigt
+finden, daß es sich so verhalte, wie er gesagt. Wenn es Tag gewesen
+wäre, so hätte wohl jedes Blättchen ihm zugeblinkt, daß es im Walde
+nichts Gefährliches gäbe; aber jetzt bei Nacht stehen alle Bäume
+verschlossen und stumm da und sehen aus, als bärgen sie gefährliche
+Heimlichkeiten.
+
+Der Spielmann wird auch immer ängstlicher. Was ihm am meisten Schrecken
+einflößt, ist, daß er noch einmal über den Strom gehen muß, bevor der
+und der Weg sich trennen und nach verschiednen Seiten ziehen. Er weiß
+nicht, was der Wassermann ihm tun wird, wenn er über die letzte Brücke
+geht. Vielleicht wird er eine große schwarze Hand aus den Fluten
+emporrecken und ihn in die Tiefe ziehen.
+
+Er hat sich solche Angst eingejagt, daß er ernstlich daran denkt,
+umzukehren. Aber dann würde er ja wieder den Strom treffen. Und wenn er
+vom Wege abwiche und tiefer in den Wald hineinginge, dann müßte er ihm
+wohl auch begegnen, wie der sich krümmte und schlängelte.
+
+Er fühlt solche Angst, daß er nicht weiß, was er anfangen soll. Er ist
+von dem Strome verstrickt, gebunden und gefangen und sieht keine
+Möglichkeit des Entrinnens.
+
+Aber nun fängt er zu laufen an, so rasch ihn die Beine tragen wollen,
+denn es ist ihm etwas eingefallen:
+
+»Gerade hier macht der Strom eine weite Biegung in den Wald hinaus. Der
+Wassermann hat bis zur nächsten Brücke einen viel weitern Weg als ich.
+Vielleicht kann ich ihn überholen, ehe er noch ans Ziel gekommen ist.«
+
+Und er läuft, er läuft.
+
+ * * * * *
+
+Endlich sieht er den letzten Steg vor sich. Gerade gegenüber auf der
+andern Seite des Bergstroms liegt eine alte Mühle, die schon so manches
+liebe Jahr verlassen dasteht. Das große Mühlrad hängt regungslos über
+dem Wasser, die Schleuse vermodert oben auf der Erde, die Wasserrinnen
+sind mit Moos bewachsen, und in den leeren Dachluken wuchern Steinwurz
+und Moosflechte.
+
+-- »Wenn es noch wäre wie früher und es hier Menschen gäbe,« denkt der
+Spielmann, »dann wäre ich nun aus aller Gefahr erlöst.«
+
+Aber es beruhigt ihn doch, ein Haus zu sehen, das ein Überbleibsel von
+Menschenwerk ist, und als er den Strom überschreitet, hat er beinahe
+keine Angst mehr. Es geschieht ihm auch gar nichts Gefährliches. Der
+Wassermann scheint ihm nichts anhaben zu wollen. Der Spielmann wundert
+sich nur über sich selbst, daß er sich wegen rein gar nichts solche
+Furcht hat einjagen lassen.
+
+Er fühlt sich ganz fröhlich und geborgen, und noch froher wird er, als
+die Tür der Mühle sich öffnet und ein junges Mägdlein ihm entgegenkommt.
+
+Sie sieht ganz aus wie eine gewöhnliche Bauerndirne. Sie hat ein
+Baumwolltuch auf dem Kopfe, ein kurzes Röckchen und ein weites Leibchen,
+aber die Füße sind bloß.
+
+Sie geht auf den Spielmann zu und sagt ihm ohne Umschweife:
+
+-- »Willst du mir eins spielen, so will ich dir eins tanzen.«
+
+-- »Ja, freilich,« sagt der Spielmann, der bei guter Laune ist, weil er
+seine Angst abgeschüttelt hat, »das will ich wohl. Hab doch noch nie
+einem schönen Mädchen, das tanzen wollte, Nein gesagt.«
+
+Er setzt sich auf einen Stein neben dem Mühldamm, lehnt die Fiedel ans
+Kinn und hebt an zu spielen.
+
+Das Mädchen macht ein paar Schritte im Takt zu seinem Spiel, aber dann
+bleibt es stehen.
+
+-- »Was ist denn das für eine Polka, die du da spielst?« sagt sie. »Da
+liegt ja keine Kraft darin.«
+
+Der Spielmann ändert die Melodie, er versucht es mit einer, in der mehr
+Schwung ist. Die Dirne bleibt mißmutig stehen.
+
+-- »Nach einer solchen Schleppolka kann ich nicht tanzen,« sagt sie.
+
+Da stimmt der Spielmann die wildeste Weise an, die er kennt.
+
+-- »Bist du mit der nicht zufrieden,« sagt er, »dann mußt du einen
+Spielmann rufen, der es besser kann als ich.«
+
+Wie er das sagt, fühlt er, daß eine Hand seinen Arm gerade am Ellenbogen
+packt und den Bogen zu führen und den Takt zu befeuern anfängt.
+
+Da entströmt der Geige eine Weise, wie er ihresgleichen niemals zuvor
+gehört hat. Es ist ein so hurtiger Takt darin, daß es ihn bedünken will,
+ein rollendes Rad könnte ihr nicht folgen.
+
+-- »Ja, das nenn ich eine Polka,« sagt die Dirne und beginnt sich im
+Kreise zu drehen.
+
+Aber der Spielmann sieht sie nicht an. Er ist so erstaunt über die
+Weise, die er spielt, daß er die Augen schließt, um besser zu hören.
+
+Als er sie nach einer Weile wieder aufschlägt, ist das Mädchen
+verschwunden, aber er denkt nicht weiter daran.
+
+Er spielt weiter und immer weiter, denn nie zuvor hat er ein solches
+Geigenspiel gehört.
+
+-- »Aber nun mag es wohl Zeit sein, aufzuhören«, denkt er schließlich
+und will den Bogen niederlegen.
+
+ * * * * *
+
+Aber der Bogen regt sich weiter. Er kann ihn nicht zum Stehen bringen.
+Er gleitet auf und nieder über die Saiten und reißt die Hand und den Arm
+mit. Und die Hand, die den Geigenhals umfaßt und auf den Saiten fingert,
+die kann auch nicht loskommen.
+
+Der kalte Schweiß tritt dem Spielmann auf die Stirn, und er erschrickt
+nun wirklich.
+
+-- »Wie soll dies enden? Soll ich bis zum jüngsten Tage hier sitzen und
+spielen?« fragt er sich in Verzweiflung.
+
+Der Bogen jagt dahin und zaubert eine Weise nach der andern hervor;
+stets ist es etwas Neues und so schön, daß der Arme denken muß:
+
+-- »Der auf meiner Geige spielt, der versteht die Kunst. Aber ich bin
+all mein Lebtag ein elender Stümper gewesen. Jetzt erst lerne ich, wie
+Musik klingen soll.«
+
+Für ein paar Augenblicke kann ihn die Musik so hinreißen, daß er sein
+unglückseliges Schicksal vergißt. Aber dann fühlt er seine Arme vor
+Müdigkeit schmerzen, und er wird aufs neue von Verzweiflung erfaßt.
+
+-- »Diese Geige darf ich nicht von mir legen, bis ich mich zu Tode
+gespielt habe. Ich merke, daß der Neck sich nicht früher zufrieden
+gibt.«
+
+Er fängt an, über sich selbst zu weinen, während er immer weiter spielt.
+
+-- »Es wäre besser für mich gewesen, wenn ich daheim in dem kleinen
+Hüttchen bei Mutter geblieben wäre. Was ist aller Ruhm wert, wenn dies
+das Ende sein soll!«
+
+Da sitzt er nun Stunde um Stunde. Es wird Morgen, die Sonne geht auf,
+und die Vögel singen rings um ihn her. Aber er spielt, er spielt ohne
+Unterlaß.
+
+Da es ein Sonntag ist, der anbricht, bleibt er ganz allein an der alten
+Mühle sitzen. Kein Mensch wandert in den Wald. Sie gehen alle zur Kirche
+unten im Tal, und in die Dörfer, die die große Landstraße einsäumen.
+
+Es wird Vormittag, die Sonne steigt immer höher. Die Vögel verstummen,
+aber es beginnt in den langen Nadeln der Tannen zu rauschen.
+
+Er läßt sich von der Hitze des Sommertages nicht aufhalten. Er spielt,
+er spielt. Es wird endlich Abend, die Sonne sinkt zur Ruh, aber sein
+Bogen braucht keine Ruhe, und sein Arm fährt fort sich zu regen.
+
+-- »Es ist ganz gewiß, daß dies mein Tod ist,« sagt er. »Und es ist eine
+gerechte Strafe für meinen Übermut.«
+
+In tiefer Nacht kommt der erste Mensch, den er den ganzen Tag lang
+gesehen hat, durch den Wald gewandert. Es ist ein altes armes Mütterchen
+mit gebeugtem Rücken und grauem Haar und einem Gesichte, das von vielen
+Sorgen vergrämt ist.
+
+-- »Das ist seltsam,« denkt der Spielmann. »Es ist mir, als wenn ich das
+alte Weiblein kennen müßte. Kann es möglich sein, daß das Mutter ist?
+Kann es möglich sein, daß Mutter so alt und grau geworden ist?«
+
+Er ruft sie laut und bittet sie.
+
+-- »Mutter, Mutter, komm her zu mir!« sagt er. Sie bleibt wie unwillig
+stehen.
+
+-- »Ich höre, daß du der beste Spielmann in Värmland bist,« sagt sie.
+»Was hast du mit einem armen alten Weibe wie mir zu schaffen?«
+
+-- »Mutter, Mutter, geh nicht an mir vorbei,« ruft der Spielmann, »komm
+her und sieh mich an!«
+
+Da kommt sie näher und sieht, wie er da sitzt und spielt. Das Gesicht
+ist bleich wie bei einem Toten, das Haar trieft von Schweiß, und das
+Blut perlt unter seinen Nagelwurzeln hervor.
+
+-- »Mutter,« sagt der Spielmann, »nun habe ich mich bald zu Tode
+gespielt, aber sage mir vorher noch, ob du mir verzeihen kannst, daß ich
+dich in deinem Alter einsam und arm hausen ließ?«
+
+-- »Ja, gewiß, in Gottes, des Erlösers, Namen verzeih ich dir,« sagt die
+Mutter.
+
+Aber wie sie dies sagt, bleibt der Bogen stehen, die Fiedel fällt aus
+den erstarrten Fingern zu Boden, und der Spielmann steht erlöst und
+gerettet auf. Denn der Zauber ist gebrochen, weil seine alte Mutter zu
+ihm gekommen ist und Gottes Namen über ihn ausgesprochen hat.
+
+
+
+
+Noch ein Stück Lebensgeschichte
+
+(Geschrieben zu meinem fünfzigsten Geburtstag)
+
+Die erste Prophezeiung
+
+
+Es läßt sich denken, daß es auf dem alten Herrenhof Morbacka am
+zwanzigsten November des Jahres 1858 recht unruhig zugegangen ist. Ein
+Kind ist an diesem Tage zu ziemlich später Abendstunde geboren worden,
+und so etwas bringt ja immer Verwirrung und Aufregung mit sich, selbst
+an einem Ort, wo man die Gewohnheit hat, das Leben ruhig zu nehmen und
+nicht mehr Wesens von einer Sache zu machen, als sie wirklich verdient.
+
+Am dunkeln Abend, so gegen neun Uhr, kommt die Pastorin, die im
+Nachbarhause wohnt, und steckt den Kopf zur Küchentür herein. Es ist
+eine kleine, alte Frau, eine Verwandte und gute Freundin, die von allen
+Menschen Tante Wennervik genannt wird. Sie hat es zu Hause nicht
+aushalten können, sondern hat einen Schal über den Kopf geworfen, eine
+Laterne in die Hand genommen und sich auf dem schmalen Abkürzungsweg,
+der hinter dem Garten läuft, herübergetappt, um zu hören, wie es stehe.
+
+Die Pastorin wird gleich in die Kammer neben der Küche geführt. Dort
+wohnt die alte Frau Lagerlöf, die Witwe des Regimentsschreibers
+Lagerlöf, noch heute, so wie sie ihr ganzes Leben lang da gewohnt hat,
+als junges Mädchen und als verheiratete Frau. Sie sitzt, siebzigjährig
+und weißhaarig, in ihrer Sofaecke und strickt den Enkelkindern Strümpfe,
+ganz wie immer. Drinnen bei ihr ist alles ruhig, und sie selbst ist
+ruhig, denn der Sohn, Leutnant Lagerlöf, der nach seines Vaters Tode das
+Gut übernommen hat, ist eben hier gewesen und hat ihr gesagt, daß das
+Ärgste überstanden und das Kind zur Welt gekommen sei.
+
+So spät am Tage es auch ist, die Haushälterin stellt doch gleich die
+Kaffeemaschine aufs Feuer, und bald kommt sie mit einem wohlbesetzten
+Kaffeebrett in die Kammer. Nun sitzen Tante Wennervik und die alte Frau
+Lagerlöf da und trinken ganz allein Kaffee. Tante Wennervik erfährt, daß
+das jüngste Enkelkind ihrer alten Freundin ein Mädchen sei, und die
+beiden Alten, die die Grenze des Lebens erreicht haben, sitzen da und
+sprechen davon, wie es der Neugeborenen, die ihr Leben gerade begonnen
+hat, einst ergehen werde.
+
+»Es wird ihr so ergehen, wie sie es verdient, weder besser, noch
+schlechter,« sagt die alte Frau Lagerlöf.
+
+»Es kommt auch aufs Glück an, will ich dir sagen, Schwester,« meint
+Tante Wennervik.
+
+Während die Pastorin diese Bemerkung macht, beugt sich die alte Frau
+Lagerlöf vor und fühlt das große Ridikül an, das Tante Wennervik immer
+am Arm trägt. Es sind tausend Dinge darin, denn Tante Wennervik ist
+eine, die für alles Rat weiß und darum beständig zu Hilfe gerufen wird.
+Sie hat sich erst auf ihre alten Tage mit dem alten Pastor Wennervik
+verheiratet, der Frau Lagerlöfs Bruder ist; und früher, ehe sie sich
+verheiratete, ist sie Wirtschafterin auf vielen großen Gütern gewesen.
+Darum versteht sie sich auf alles, nicht nur darauf, die feinsten Gewebe
+aufzuziehen und die größten Hochzeitsschmäuse auszurichten, sondern auch
+darauf, Kranke zu heilen und junge Bauernmädchen zu tüchtigen
+Hausmüttern zu erziehen.
+
+Als die alte Frau Lagerlöf das Ridikül befühlt, merkt sie bald, daß
+außer den Augengläsern und dem Nähzeug und der Medikamentenflasche und
+dem Riechsalz und dem Webebuch und den Brustpastillen und dem
+Schlüsselbund noch ein harter, viereckiger Gegenstand darin liegt.
+
+»Ich merke, daß du die Karten mithast, Schwester,« sagte sie.
+
+Tante Wennerviks welke Wangen werden ein wenig rot. Sie kann
+prophezeien, und sie schlägt nie die Karten auf, ohne daß alles, was sie
+voraussagt, eintritt. Es ist ihre kleine Schwäche, sich zu freuen, wenn
+man ihre Kunst in Anspruch nimmt; aber das will sie nie zugestehen. Sie
+beteuert, nicht die geringste Ahnung gehabt zu haben, daß sie die Karten
+mit hat. Sie könne gar nicht begreifen, wie sie in das Ridikül gekommen
+seien.
+
+»Aber wenn sie nun einmal da sind, kannst du sie doch für das arme Ding,
+das heute abend geboren worden ist, aufschlagen,« sagt die alte Frau
+Lagerlöf.
+
+Tante Wennervik ziert sich ein wenig, aber sie ist nicht sehr schwer zu
+erweichen; und nun wird das Kaffeebrett beiseite gerückt, und die alte
+Pastorin beginnt, die Karten zu legen. Sie hantiert mit großer Übung und
+Fertigkeit, und wie die alte Frau Lagerlöf dasitzt und sie ansieht, kann
+sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß ihre alte Schwägerin wie eine
+richtige Wahrsagerin aussehe. Sie hat einen dunkeln Teint und spielende
+schwarze Augen und eine lange Hakennase. Auf dem Kopfe trägt sie eine
+große schwarze Mütze, die mit einer scharfen Schnebbe in die Stirne
+fällt, und an jeder Schläfe liegen drei Korkzieherlocken. Sie hat kein
+einziges graues Haar und nicht ein Fleckchen in ihrem Gesicht, das noch
+nicht von Runzeln übersponnen wäre.
+
+Tante Wennervik legt die Karten in vier Reihen: neun Karten in jeder
+Reihe; und als dies geschehen ist, legt sie den Zeigefinger auf die
+erste Karte und beginnt zu zählen: eins, zwei, drei, vier -- bis
+sechzehn. Sie zählt hinauf und hinunter, von rechts und von links, und
+bewegt den Finger, während sie zählt, von einer Karte zur andern.
+Endlich bleibt sie sitzen und murmelt in sich hinein, als wäre sie nicht
+recht zufrieden.
+
+»Nun, was siehst du, Schwester?« fragte die alte Frau Lagerlöf.
+
+»Kränklichkeit folgt ihr,« antwortete Tante Wennervik. »Damit muß sie
+sich all ihr Lebtag abplagen.«
+
+»Ein jeder muß sein Kreuz tragen,« sagt die alte Frau Lagerlöf, »sonst
+wird nichts Rechtes aus einem. Da wird es wohl ein stilles Leben führen,
+dieses Kind, wenn es kränklich sein wird; und das ist ja ohnehin das
+Beste für den Menschen.«
+
+Tante Wennervik legt den Zeigefinger wieder auf die Karten und beginnt
+von neuem zu zählen. »Es liegen viele und lange Reisen vor diesem
+Mädchen,« sagt sie. »Und viele Male muß sie übersiedeln und ihren
+Wohnort wechseln.«
+
+»Ein rollender Stein deckt sich nicht mit Moos,« sagt die alte Frau
+Lagerlöf. Sie ist nicht recht zufrieden damit, daß die Sohnestochter so
+eine werden soll, die in Land und Reich herumzieht. »Ich verstehe: wenn
+sie kränklich ist, dann wird sie auch arm sein und zu den Verwandten
+herumgeschickt werden,« fährt sie fort. »Der hat es schlimm, der nicht
+arbeiten und sich nützlich machen kann.«
+
+»Sie wird all ihr Lebtag arbeiten und sich plagen müssen,« sagt Tante
+Wennervik nach einer neuen Rechnung. »Darüber brauchst du dir keine
+Sorgen zu machen, Schwester.«
+
+»Ja so, dann kommt es wohl so, daß sie ihr Brot bei Fremden verdienen
+und oftmals die Herrschaft wechseln muß,« sagt die alte Frau Lagerlöf
+und seufzt; denn es scheint ihr, die ihr ganzes Leben lang auf dem
+eignen Hof gesessen hat, daß ein Leben bei Fremden das Allerärgste sein
+müsse. Aber da sie es von jeher gewohnt ist, alles zum Besten zu wenden,
+erhellt sich ihr Gesicht bald. »Es hat dir ja auch nur Segen gebracht,
+Schwester, bei Fremden zu sein,« sagt sie. »Wenn sie ein ebenso
+tüchtiger Mensch werden kann, dann hat es keine Not.«
+
+»Sie wird in ihrem ganzen Leben kein Gewebe aufziehen,« sagt Tante
+Wennervik, die Nase in den Karten und so davon ausgefüllt, die Zukunft
+zu erforschen, daß sie sich kaum klarmacht, was sie prophezeit. »Sie
+wird viel mit Büchern und Papieren zu tun haben.«
+
+Die alte Frau Lagerlöf beugt sich über die Karten, wie um einen
+Leitfaden in all dieser Wirrnis zu finden. »Sie wird viel mit Büchern zu
+tun haben? Du meinst vielleicht, Schwester, daß sie einen armen
+Geistlichen heiraten wird, der von einem Kirchspiel ins andre ziehen muß
+und nie zur Ruhe kommt,« warf sie hin. »Aber wenn es nur ein
+ordentlicher Mann ist, der sie gut behandelt ...«
+
+Tante Wennervik erhebt den Zeigefinger gerade in die Luft und
+unterbricht sie. »Willst du, Schwester, daß ich dir sage, wie es ist?«
+fragt sie.
+
+»Gewiß will ich das,« antwortet die alte Frau Lagerlöf.
+
+»Sie wird nie heiraten.«
+
+»So, so, sie wird nie heiraten ... Na ja, dann bleiben ihr vielleicht
+viele Sorgen erspart. Aber weißt du, das ist gerade keine gute
+Prophezeiung, die du mich heute abend hören läßt, Schwester. Aber du
+kannst mir doch wenigstens sagen, ob sie ein braver, guter Mensch wird?«
+
+»Gut und freundlich wird sie sein,« sagte Tante Wennervik und guckt
+wieder in die Karten, um nachzusehen, was sie ihr noch weiter zu sagen
+haben. Aber die alte Frau Lagerlöf unterbricht sie etwas trocken:
+
+»Ich glaube, Schwester, du legst die Karten jetzt zusammen. Ich bin
+froh, daß ich wenigstens weiß, daß ein ordentlicher Mensch aus ihr wird.
+Das ist eigentlich das einzige, was man zu wissen braucht.«
+
+
+Oceola
+
+Es gibt ein Buch, das Oceola heißt. Obgleich es möglich sein kann, das
+ich mich nicht recht erinnre, und daß es irgendeinen andern prächtigen
+exotischen Namen führt. Es ist ein Indianerbuch, wie man heutzutage
+sagt, aber es ist wohl ursprünglich nicht für Kinder geschrieben,
+sondern war bestimmt, von großen Leuten gelesen zu werden. Ich weiß
+nicht, wer es verfaßt hat, ich weiß auch nicht, wann es geschrieben
+wurde, aber es ist wohl recht alt, da es mehr als vierzig Jahre her ist,
+seit ich es zum ersten Male gesehen habe.
+
+Ich kann auch nicht sagen, wie es kommt, daß das Buch seinen Weg in mein
+Heim dort oben in Värmland fand. Es gehörte nicht zu dem Bücherschatz
+des Hauses, der hauptsächlich aus Versdichtungen bestand und nur ganz
+wenige Romane umfaßte. Vielleicht hatte es ein Besucher mitgebracht,
+oder auch hatte es sich meine Tante, die eine große Romanvertilgerin
+war, von irgendeinem der Nachbarn ausgeliehen. Aber wie dem auch sein
+mag, -- eines ist sicher, daß es an einem schönen Tage, als ich etwa
+sieben, acht Jahre alt bin, daheim auf einem Tische liegt, und daß meine
+Augen darauf fallen.
+
+Ich lese gerne. Ich pflege jeden Tag auf einem Schemelchen neben Mutter
+zu sitzen, wenn sie an ihrer Näherei arbeitet, und ihr aus Nösselts
+»Weltgeschichte für Frauenzimmer« vorzulesen. Wir sind durch alle sieben
+Teile gekommen, aber am besten verstehe ich den ersten Teil mit den
+vielen Sagen. Ich kann nie aufhören, mich zu freuen, wenn Odysseus
+heimkehrt und die Freier totschießt; aber Hektors und Andromaches
+Abschied übergehe ich am liebsten, weil ich ihn nicht lesen kann, ohne
+zu weinen.
+
+Die Frithjofsage und Andersens Märchen und Fähnrich Ståls Erzählungen
+sind auch meine guten Freunde, aber einen Roman habe ich noch nie zu
+lesen versucht. Ich beabsichtige auch garnicht, mich durch dieses dicke
+Buch durchzuarbeiten. Es kommt mir vor, als müßte man mehrere Jahre
+brauchen, um es zu Ende zu lesen; ich will nur hineingucken. Aber das
+Glück will es, daß ich es gerade an der Stelle aufschlage, wo die Heldin
+des Buches, die junge, schöne Tochter eines Plantagenbesitzers, beim
+Bade von einem Alligator überrascht wird. Ich lese, wie sie entflieht
+und verfolgt wird und in Todesgefahr schwebt. Nie zuvor hat mich ein
+Buch in solche Spannung versetzt. Ich stehe atemlos und lese, bis der
+junge heldenmütige Indianer zu ihrer Rettung herbeieilt und nach einem
+furchtbaren Kampf mit dem Alligator diesem sein Messer in das Herz
+stößt.
+
+Nun lese ich Seite um Seite, solange man mich in Frieden läßt. Und sowie
+ich wieder frei bin (denn ich bin ja viele Stunden des Tages damit
+beschäftigt, bei einer Lehrerin Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen),
+kehre ich zu dem Tisch zurück, wo der Roman noch immer liegt, und lese
+darin.
+
+Ich bin ganz benommen, ganz bezaubert. Tag und Nacht denke ich nur an
+das Buch. Es ist eine neue Welt, die sich mir ganz plötzlich eröffnet
+hat. Der ganze Reichtum des Lebens strömt mir zu. Da sind Liebe,
+Heldenmut, schöne, edle Menschen, niedrige Schurken, Gefahren und
+Freuden, Glück und Schmerz. Da sind kunstvoll verschlungne Ereignisse,
+die mich in Spannung und Schrecken versetzen. Da ist alles mögliche,
+wovon ein kleines, siebenjähriges Kind, das auf einem stillen Herrenhof
+in Värmland aufgewachsen ist, nie zuvor hat reden hören. Man versetze
+einen der erwachsenen Bewohner der Erde auf einen Stern im Weltenraume.
+Ich glaube kaum, daß er diese neue Welt mit glühenderem Eifer
+untersuchen könnte, mit größerem Interesse, mit einem stärkeren Gefühl,
+wie wunderbar glücklich er sei, weil er all dies Ungeahnte kennen lernen
+dürfe.
+
+Fortab lese ich alle Romane, die mir in die Hände fallen. Es läßt sich
+schwer sagen, wieviel ich von ihnen verstand, aber ein unerhörtes
+Vergnügen bereiteten sie mir. Jetzt sind sie meiner Erinnerung
+entschwunden, die allermeisten wenigstens.
+
+Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, wundert es mich wohl, daß man mich
+alles lesen ließ, was ich nur fand. Aber ich begreife, daß es Vater und
+Mutter schwer fiel, mir etwas abzuschlagen. Jene Kränklichkeit, die
+Tante Wennervik mir prophezeit hatte, war schon eingetreten. Das eine
+Bein war schwach, und lange Zeit hindurch konnte ich gar nicht gehen.
+Man fand es nicht zuträglich für mich, daß ich mich mit körperlichen
+Übungen und Spielen belustigte wie andre Kinder; sondern die Eltern
+sahen es am liebsten, wenn ich mich still verhielt. Und da sie nun
+merkten, daß ich mich glücklich fühlte, wenn ich nur ein Buch in der
+Hand hatte, waren sie froh, daß ich mich auf diese Weise zerstreuen
+konnte.
+
+Aber für mich wurde die Bekanntschaft mit diesem Indianerbuche Oceola
+entscheidend für das ganze Leben. Es erweckte in mir die tiefe, starke
+Sehnsucht, einmal etwas ebenso Herrliches schaffen zu können. Dieses
+Buch bewirkte, daß ich von den frühesten Kindheitsjahren an wußte, daß,
+was ich in kommenden Tagen am liebsten tun wollte, Romane schreiben war.
+
+Ich hatte wohl durch Geschwister und Dienstleute gehört, was die alte
+Tante Wennervik mir an dem Abend, an dem ich geboren wurde, über meine
+Zukunft prophezeit hatte. Niemand wurde der Weissagung froh; nur ich
+selbst, -- ich war zufrieden, weil sie mir versprach, daß ich viel mit
+Büchern und Schreiben zu tun haben würde. Nach etwas anderm fragte ich
+damals nicht. -- -- --
+
+Ich will auch erzählen, daß es sich vor einigen Jahren, als ich schon
+ein paar Bücher geschrieben hatte, zutrug, daß ich in dem Bücherstand
+einer Eisenbahnstation ein kleines, dickes Büchlein erblickte, das
+»Oceola« hieß. Es war schlecht gedruckt, auf häßlichem grauem
+Zeitungspapier und in einen schäbigen braunen Umschlag geheftet; es
+wurde für einen geringen Preis feilgeboten. Ich kaufte es, und als ich
+im Zuge saß, begann ich darin zu lesen, um zu sehen, ob es wirklich das
+Wunderbuch meiner Kindheit wäre, das ich hier wiedergefunden hatte. Ich
+entdeckte auch die Szene mit den Alligator, -- es mußte also dasselbe
+Buch sein.
+
+Aber es war es doch nicht. Dies war ein armseliges, langweiliges,
+schlecht übersetztes, veraltetes Buch. Es war etwa so, wie wenn man den
+Geliebten seiner Jugend als hinfälligen Kranken wiedersieht. Ich hatte
+Angst davor, Angst, daß es das Bild der rechten, der strahlenden Oceola
+verdunkeln könnte. Ich hatte die größte Lust, es zum Kupeefenster
+hinauszuwerfen.
+
+Aber das konnte ich doch nicht tun. Es ging nicht an, dieses Buch zum
+Fenster hinauszuwerfen. Genau bedacht, war etwas Rührendes darin, daß
+mir ein solches Buch damals soviel Freude hatte schenken können.
+
+Es durfte mit nach Hause kommen, aber dann steckte ich es ganz tief
+unten in den Bücherschrank, und ich wage es nie mehr anzusehen.
+
+
+Meine Rose im Walde
+
+Als ich neun Jahre alt bin, geht eine andre von den bösen Prophezeiungen
+der Pastorin Wennervik in Erfüllung. Da mache ich eine lange Reise. Ich
+werde nach Stockholm geschickt, um Heilung für mein krankes Bein zu
+suchen, und es wird mir verordnet, eine Kur im gymnastischen Institut
+durchzumachen. Ich bleibe einen ganzen Winter in Stockholm, und die
+Behandlung tut mir sehr gut. Als ich im Frühling heimkomme, bin ich
+ebenso gesund wie andre Kinder, und man merkt es beinahe gar nicht, daß
+ich hinke.
+
+Ich wohne bei nahen Verwandten, die sehr gut gegen mich sind, aber das
+kann nicht hindern, daß ich mich ein wenig nach Hause sehne. Es fällt
+mir schwer, mich an das Stadtleben zu gewöhnen. Es ist mir eine Last,
+daß ich jedesmal, wenn ich ausgehe, Hut und Mantel anziehen muß. Ich mag
+diese Welt von Steinstraßen nicht, wo die Kinder ebenso ordentlich und
+still wie die Erwachsenen ihrer Wege gehen müssen. Ich verstehe mich
+auch nicht auf die Spiele der stockholmer Kinder. Ich kann nicht in
+ihren kleinen Schlitten fahren, und ich mache mir nichts daraus, mit
+Puppen zu spielen. Ich fühle mich dumm und ungeschickt in Gesellschaft
+dieser niedlichen und lebhaften Kinder, und ich habe große Angst,
+ausgelacht zu werden, weil ich mit värmländischem Akzent spreche.
+
+Aber es gibt Dinge in der Hauptstadt, die über alle Beschreibung
+herrlich sind und für alle Unannehmlichkeiten Ersatz bieten. So zum
+Beispiel hat mein Onkel alle Romane von Walter Scott in seinem
+Bücherschrank, und er leiht sie mir, so daß ich im Laufe des Winters die
+ganze Sammlung durchlesen kann. Und dann das Theater!
+
+Bei meinen Verwandten wohnt eine alte treue Dienerin, die dem Haushalt
+meines Onkels vorgestanden hat, bevor er sich verheiratete. Sie ist zu
+alt, um an irgendwelchen Arbeiten teilzunehmen; sie sitzt tagaus, tagein
+in einem schönen Lehnstuhl in ihrem eignen Zimmerchen und strickt und
+häkelt. Onkel ist sehr gut gegen sie. Er ist besorgt, daß ihr die Zeit
+zu einförmig werden könnte, und steckt ihr nicht selten eine
+Theaterkarte zu. Aber wenn die Alte ins Theater geht, darf ich
+mitkommen. Meine Verwandten haben schon entdeckt, welches ungeheure
+Vergnügen mir dies bereitet, und sie sind vielleicht auch ein klein
+wenig ängstlich, die Alte ganz allein fortzulassen. Meine Theaterbesuche
+kosten überdies nichts. Die alte Ursula sagt dem Theaterdiener nur ein
+gutes Wort, und ich darf mit hinein. Ich bekomme keinen Sitzplatz,
+sondern muß vor ihr stehen, aber das hat nichts zu bedeuten. Im Theater
+vergeht die Zeit so rasch, daß ich gar nicht müde werde, ehe alles schon
+vorbei ist.
+
+Es gibt wohl noch heute Menschen, die sich an die ausgetretnen Stufen
+und die schmalen Gänge im alten Opernhaus erinnern. Und es gibt auch
+wohl noch den einen oder andern, der sich entsinnt, wie es in den
+Korridoren roch. Ich komme manchmal im Ausland in irgendein altes
+Schauspielhaus, wo derselbe Theatergeruch noch herrscht. Und wenn ich
+ihn spüre, dann werde ich von der Seligkeit der Erwartung erfüllt. Es
+kommt mir vor, als ob ich wieder als ein kleines Kind vor der Logentür
+stünde und darauf wartete, daß der Diener komme und aufschließe.
+
+Ulla und ich, wir sitzen stets in der ersten Reihe der zweiten Galerie.
+Wir gehen übrigens nicht immer in die Oper, sondern wir gehen auch in
+das dramatische Theater, aber auch dort haben wir denselben Platz.
+
+Auf diese Weise sehen wir »Die Afrikanerin«, »Robert den Teufel«, den
+»Freischütz«, »Die Värmländer«, »Die schöne Helena«, »Die Frauenschule«,
+»Die Blumen im Treibhaus«, »Meine Rose im Walde«. Das ist wieder eine
+neue bunte Welt, in die ich geführt werde. Es ist wirklich gut, daß ich
+am Nähtisch meiner Mutter gesessen und Nösselts Weltgeschichte gelesen
+habe. Wie hätte ich mich sonst zurechtfinden können!
+
+Aber eigentlich ist sie nicht ganz neu. Es ist ja meine ganze Romanwelt,
+die so illustriert und mir in lebenden Bildern vorgeführt wird. So also
+sehen sie aus, meine edeln Wilden, meine geharnischten Ritter. So geht
+ein König gekleidet. So nimmt sich ein Klosterhof aus. In solchen
+langen, grauen Mänteln wandeln Mönche und Nonnen umher. Ich lerne
+sturmgepeitschte Meere, leuchtende Rittersäle und tropische Landschaften
+kennen. Und ich nehme natürlich alles blutig ernst. Ich verstehe nicht,
+daß die schöne Helena ein einziger großer Scherz ist. Ich glaube, daß
+es wirklich so zugegangen sei, als Helena von Paris geraubt wurde,
+obgleich Nösselt es zu erzählen vergessen hat.
+
+Wir haben ganz denselben Geschmack, die Alte und ich. Wir lieben
+prächtige Dekorationen, prächtige Kostüme und große Szenen, wo es auf
+der Bühne von Menschen wimmelt. Und natürlich kümmern wir uns
+hauptsächlich um die Handlung. Vom Gesang und von der Musik verstehen
+wir nicht viel. Wir werden eher davon belästigt, weil es uns schwer
+fällt, die Worte zu hören, und weil wir den Zusammenhang verlieren.
+
+Aus einfachen Stücken, in denen keine Könige und Ritter auftreten,
+machen wir uns nicht viel, obgleich ich für meinen Teil ein Volksstück
+wie »Die Värmländer« sehr gerne habe, weil es mich an die Heimat
+erinnert. Aber die alte Ulla ist unzufrieden, wenn sie nur Bauern auf
+der Bühne sieht. Sie kränkt mich tief durch die Bemerkung, daß die
+schöne Helena mit ihrer großen Königsschar doch etwas ganz andres sei.
+Ich fühle mich für meine Landsleute verletzt, aber im tiefsten Grunde
+bin ich eigentlich ihrer Meinung.
+
+Inzwischen geht der Winter zu Ende, und ich darf nach Hause reisen. Und
+natürlich verfolgt mich die Erinnerung an alles, was ich gesehen habe,
+und ich erzähle es meinen Geschwistern wieder und wieder.
+
+Eines Tages, als wir aus dem einen oder andern Anlaß keine Schularbeiten
+haben, fällt es uns ein, daß wir Theater spielen und eines der Stücke
+aufführen könnten, die ich in Stockholm gesehen habe. Wir entscheiden
+uns für »Meine Rose im Walde«. Nicht weil es das hübscheste ist, was ich
+gesehen habe, aber es ist das einfachste, das einzige, das wir uns
+darstellen zu können getrauen.
+
+Es wird ein anstrengender Tag für mich. Ich bin es, die die Rollen
+einstudiert und die Auftretenden unterweist, was sie sagen und tun
+sollen. Wir haben kein Textbuch, sondern alles muß so gemacht werden,
+wie ich es in der Erinnerung habe. Ich verwandle mit Hilfe von Decken
+und Tüchern die Kinderstube in eine Bühne. Ich wähle die Kostüme aus,
+ich erkläre, wie die Mitwirkenden frisiert und geschminkt sein müssen.
+Ich bin ja die einzige, die einige Erfahrung in allen diesen Dingen hat.
+
+Noch vor dem Abend ist alles fertig, und das Schauspiel geht in Szene.
+Zuschauer sind Vater, Mutter, Tante, die Erzieherin, die Haushälterin
+und ein paar Dienstmädchen. Sie sitzen alle in einer engen Türöffnung
+und können nicht viel von der Bühne sehen. Aber das macht nichts. Sie
+unterhalten sich doch unbeschreiblich gut.
+
+Wir haben ein junges Mädchen als Pensionärin im Hause. Sie ist sehr
+reizend und geht in einem alten Ballkleid meiner Mutter umher und spielt
+die Liebhaberin: »Meine Rose im Walde«. Meine älteste Schwester, die
+auch zwölf Jahre alt ist, hat sich mit Vaters allerältester Uniformjacke
+herausstaffiert und spielt den Liebhaber. Sie ist ganz unbeschreiblich
+niedlich. Sie hat wirklich Anlagen für den schauspielerischen Beruf.
+Unsere Kammerjungfer gibt die Rolle der Haushälterin, und ich selbst
+habe es übernommen, einen siebzigjährigen Greis zu spielen. Es muß ein
+Greis mit langem, weißem Haar im Stücke vorkommen, und ich wähle diese
+Rolle, weil mein Haar sehr lang und ganz weiß ist.
+
+Wir haben einen großen, großen Erfolg. Ich möchte wissen, was der alte
+Franz Hedberg gesagt haben würde, wenn er sein Stück auf diese Weise
+aufgeführt gesehen hätte, aber auch er wäre vielleicht mit uns zufrieden
+gewesen.
+
+Doch von diesem Tage an träume ich nicht nur davon, Romane zu schreiben.
+Jetzt will ich auch Theaterstücke verfassen. Ich sehne mich danach,
+erwachsen zu sein, damit ich nicht mehr am Schultisch sitzen und meine
+Zeit mit Lektionen und Aufgaben vergeuden muß.
+
+
+Wie dunkel ist es doch unter der Linde
+
+Es ist ein schöner Frühlingsabend, und ich gehe in dem kleinen Hain
+hinter dem Garten auf und ab. Sowie ich auf einem der geschlängelten
+Pfade an die Grenze des Haines komme, schlägt mir das blendendste Licht
+entgegen. Weite Fluren breiten sich vor mir aus, und der Sonnenschein
+zittert in dem feuchten Dunst, der von den frischgepflügten Feldern
+aufsteigt. Auf einer Seite leuchtet die Luft wie Purpur, auf der andern
+sieht es aus, als wäre sie von Goldstaub erfüllt.
+
+Drinnen unter den Bäumen ist es jedoch merkwürdig finster. Sie haben
+sich erst ganz kürzlich belaubt, ich bin das grüne Dunkel noch nicht
+gewohnt, das im Sommer unter ihnen zu herrschen pflegt. Ganz plötzlich,
+gerade als ich aus dem Licht vor dem Hain wieder unter die Bäume trete,
+kommen mir ein paar Reime auf die Lippen:
+
+ Wie dunkel ist es doch unter der Linde,
+ Wie ängstlich still wehen die Winde.
+
+Was nun? Was war das? Ich stehe da und wage kaum zu atmen. Das sind ja
+Reime. Das ist ja ein Vers. Kann ich Verse machen?
+
+Ich bin fünfzehn Jahre, und ich habe alle Dichter gelesen, die wir zu
+Hause haben: Tegnèr, Runeberg, Frau Lengren, Stagnelius, Vitalis,
+Bellman, Wallin, Dahlgren. Aber nie zuvor ist es mir eingefallen, daß
+ich Verse schreiben könnte. Verse machen, -- das ist ja etwas Hohes und
+Heiliges. Seine Gedanken in Reim und Metrum niederschreiben zu können,
+-- das ist eine Gabe, die nur den Auserwählten der Menschheit beschieden
+ist.
+
+Aber jetzt habe auch ich ein paar gereimte Zeilen zusammengestellt. Ich
+wiederhole sie mir einmal ums andre. Ich spreche sie halblaut. Ich singe
+sie leise. Aber ich versuche nicht, weitere Zeilen hinzuzufügen. Ich bin
+viel zu erstaunt darüber, was mir widerfahren ist.
+
+Stelle dir vor, daß du als armes Bettelkind aufgewachsen bist und ganz
+plötzlich die Gewißheit erlangst, ein Königskind zu sein!
+
+Stelle dir vor, daß du blind warst und plötzlich sehend wirst, daß du
+bettelarm gewesen und auf einmal reich bist, daß du ausgestoßen und
+freudlos warst und ganz unvermutet einer großen, warmen Liebe begegnest!
+Stelle dir was du willst an großem unerwartetem Glück vor, und du wirst
+dir doch kein größeres denken können, als das ich in diesem Augenblick
+empfand.
+
+Ich konnte reimen. Ich konnte Verse machen. Ich hatte dieselbe Gabe wie
+Tegnèr, Runeberg, Wallin. Ich würde werden wie einer von ihnen.
+
+Ich hatte ja schon lange daran gedacht, Romane und Theaterstücke zu
+schreiben. Aber das ist lange nicht so merkwürdig wie Verse schreiben.
+Das ist nur hübsch und vergnüglich; aber Verse, -- das ist das Hohe und
+Edle. Das ist das Ruhmvolle und Anbetungswürdige. Das ist das
+Allerwunderbarste.
+
+Ich verschweige den Meinen die große Entdeckung. Aber ich gehe den
+ganzen Tag wie im Taumel umher, höre garnichts, was man mir sagt,
+sondern antworte ganz verkehrt.
+
+Ich sehe uns noch alle an jenem Tag beim Abendbrot vor mir. Da sitzen
+Vater und Mutter. Da sind meine Schwestern, die Tante, die Erzieherin.
+Und da bin ich selbst, klein und blaß, mit langem Haar, ganz wie alle
+andern Kinder. Vater führt wie gewöhnlich das Wort. Er scherzt mit der
+Tante und der Erzieherin. Es geht fröhlich und munter her, aber das
+Gespräch bewegt sich um die alleralltäglichsten Dinge. Was würden sie
+sagen, die anderen, wenn sie eine Ahnung von den wilden Hoffnungen
+hätten, die in meinem Kopfe stürmen!
+
+Was mich beunruhigt, ist Tante Wennerviks Weissagung. Darin kam nichts
+davon vor, daß ich etwas Großes und Merkwürdiges werden solle. Aber wer
+Verse schreibt, der ist doch eine Größe, der ist fast noch mehr als ein
+König. Ich bekomme Angst, daß ich mich geirrt haben könnte, daß ich doch
+nicht die Göttergabe hätte.
+
+Da wiederhole ich mir selbst den kleinen Reim, und wieder fühle ich mich
+unendlich stolz, unendlich glücklich.
+
+Als es endlich Nacht wird, will ich versuchen, was diese neue Gabe
+vermag; und ich beginne ganz getrost, ein Poem zu verfassen. Ich liege
+bis zum Morgen wach und binde und knüpfe Wort an Wort. Ich füge
+Verszeile an Verszeile und habe bis zum Morgen eine Menge Strophen
+fertig.
+
+Aber das Gedicht ist nicht das Merkwürdige für mich. Das Merkwürdige
+ist, daß ich die Gabe habe, zu reimen, daß ich zu den Auserwählten
+gehöre.
+
+In den nächsten Jahren schreibe ich zur Zeit und zur Unzeit, früh und
+spät, Tag und Nacht Verse. Der größte Teil von diesen Dichtungen ist
+vernichtet; und das wenige, was übrig blieb, ist recht schwach.
+
+Von dieser ganzen Schriftstellerei gibt es nur ein kleines Stückchen, an
+dem ich meine Freude habe, und das ich mir zuweilen selbst wiederhole,
+wenn ich unter dem Dunkel der Bäume stehe und das Licht der Abendsonne
+über Flur und Tal lodern sehe:
+
+ Wie dunkel ist es doch unter der Linde
+ Wie ängstlich still wehen die Winde.
+
+
+Die Aufnahmeprüfung
+
+Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und befinde mich wieder in Stockholm,
+in demselben freundlichen Heim, das mich aufnahm, als ich ein
+neunjähriges Kind war. Ich bin in die Hauptstadt gekommen, um Aufnahme
+in dem Höheren Lehrerinnenseminar zu finden. Ich habe die Prüfung
+gemacht; gestern war der letzte Tag, und nun sitze ich da und warte
+darauf, zu hören, ob ich durchgekommen sei, ob ich in die Anstalt
+aufgenommen würde.
+
+Das ist ein langer Tag. Es ist fast unmöglich, ihn zu Ende zu bringen.
+Wir sind beinahe eine ganze Woche geprüft worden, und das war nicht so
+schlimm, wie ich befürchtet hatte. Es waren Tage voll starker Spannung,
+aber es ist doch immer etwas vorgegangen. Es war Kampf und Wettbewerb,
+und bisweilen ist es sogar ganz lustig gewesen. Die Prüfer waren äußerst
+wohlwollend und haben keine übertriebnen Ansprüche gestellt. Im großen
+und ganzen glaube ich, daß ich bei den Prüfungen ganz gut bestanden
+habe. Aber unglücklicherweise genügt es nicht, wenn man gut besteht, --
+man muß es auch noch besser machen als viele andre.
+
+Nicht mehr als fünfundzwanzig Schülerinnen können jedes Jahr ins Seminar
+eintreten; und es sind neunundvierzig, die Aufnahme suchen. Darin liegt
+das Schreckliche. Wir sind in kleinen Gruppen von drei und drei geprüft
+worden; und darum weiß ich nicht, wie die andern die Probe bestanden
+haben. Aber ich denke mir, daß diese andern in ordentliche Schulen in
+Städten gegangen sein würden. Sie hätten nicht ihr ganzes Leben lang auf
+dem Lande gewohnt und ihre ganze freie Zeit dazu verwendet, unnütze
+Verse zu schreiben. Es sei nur natürlich, wenn sie alle viel besser
+beschlagen wären als ich.
+
+Dieses ganze letzte Jahr habe ich in Stockholm verbracht und habe einen
+Kurs absolviert, mich für diese Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Aber es
+ist ja nur ein Jahr, in dem ich ordentlich studiert habe. Die andern
+haben große achtklassige Schulen durchgemacht ...
+
+Wir sollen unser Schicksal erst spät am Nachmittag erfahren. Zu denen,
+die die Prüfung nicht bestanden haben, kommt ein Diener mit einem Brief,
+der ihnen mitteilt, daß sie in diesem Jahre nicht in das Seminar
+aufgenommen werden könnten. Bin ich hingegen glücklich durch, so bekomme
+ich keinen Brief, gar keine Nachricht. Dann kann ich am nächsten Morgen
+ganz ruhig zum Seminar hinaufwandern und meine Studien beginnen. Aber
+noch ist es mitten am Tage. Es müssen noch viele Stunden hingehen, ehe
+ich ernstlich den Diener mit dem gefürchteten Brief erwarten kann.
+
+Die Verwandten haben Mitleid mit mir; aber was können sie tun, mir zu
+helfen! Es gibt nichts, was meine Unruhe zerstreuen könnte. Wir sitzen
+da und plaudern, aber ich kann nicht recht folgen. Die Gedanken kehren
+immer zu der Frage zurück, ob ich nicht die mathematische Aufgabe ganz
+falsch gelöst, und ob ich bei der mündlichen Prüfung im Schwedischen
+nicht am Ende sehr schlecht bestanden hätte.
+
+Ich hoffe und bete, daß ich durchkomme, nicht weil ich genug weiß und
+kann, sondern weil ich es nötiger brauche als irgendeine andre.
+
+Davon bin ich ganz überzeugt. Es ist nicht möglich, daß irgendeine von
+allen denen, die Aufnahme suchen, diese drei Jahre kostenlosen
+Unterricht, die das Seminar bietet, ebenso notwendig brauchte wie ich.
+Wenn es mir jetzt mißlingt, dann ist es aus mit mir, dann muß ich mir
+eine kleine Gouvernantenstelle mit ein paar hundert Kronen Lohn suchen,
+oder ich muß auch nach Hause zurückfahren und in der Wirtschaft
+mitarbeiten. Ich muß etwas lernen, sonst kann ich das Ziel meines Lebens
+nicht erreichen. Ich bin jetzt nicht mehr so kindisch. Ich glaube nicht,
+daß man etwas werden kann, wenn man nur umhergeht und wünscht und
+träumt. Ich weiß, daß ich Kenntnisse brauche, um Schriftstellerin werden
+zu können.
+
+Ich weiß auch, daß ich Kenntnisse brauche, um leben zu können. Wir sind
+daheim in letzter Zeit so arm geworden. Ich weiß, daß ich es lernen muß,
+mir selbst mein Brot zu verdienen, wenn ich nicht ins Elend kommen
+soll.
+
+Alle die andern, die Aufnahme suchen, handeln wohl kaum dem Willen ihres
+Vaters zuwider, sie haben sich sicherlich nicht die Erlaubnis erzwingen
+müssen, von daheim fortzufahren. Bei ihnen zu Hause hat man vielleicht
+nicht mehr den alten Aberglauben, daß ein Mädchen es nicht nötig habe,
+etwas Ordentliches zu können. Und wenn es ihnen heute schlecht ergeht,
+so dürfen sie es vielleicht nächstes Jahr noch einmal versuchen. Aber
+ich darf das nicht. Wenn es mir jetzt mißlingt, bekomme ich niemals die
+Erlaubnis von Vater, es noch einmal zu versuchen.
+
+Die andern sind vielleicht nicht so arm wie ich. Sie können vielleicht
+von andrer Seite Unterstützung für das Studium finden. Aber für mich ist
+das unmöglich. Vater kann mir kein Geld geben; und wohl größtenteils
+deshalb hat er soviel Einwände dagegen, daß ich in die Welt hinausziehe.
+Aber komme ich nur in das Seminar, dann habe ich eine gesicherte
+Laufbahn vor mir, dann macht es nicht soviel, daß ich kein Geld habe,
+dann leiht man mir vielleicht etwas, so daß ich mich während der Kurse
+in Stockholm erhalten kann. Wenn ich aber nicht hineinkomme, -- wer
+sollte mir dann helfen wollen!
+
+Wie langsam die Zeit an diesem Tage vergeht! Ich weiß rein nicht, womit
+ich mich beschäftigen soll. Ich wage nicht auszugehen; denn man denke:
+wenn der Brief käme, während ich fort bin! Ich kann mich auch nicht
+hinsetzen und lesen. Die Prüfung ist zu Ende, es kann mir nichts mehr
+helfen, was ich auch studiere. Es bleib mir nichts übrig, als still zu
+sitzen und zu warten.
+
+Mein ganzes früheres Lebenlang habe ich gewartet, aber in andrer Weise.
+Ich habe darauf gewartet, entdeckt zu werden, gewartet, daß jemand komme
+und meine Schauspiele, meine Romane, meine Verse lese und sie
+außerordentlich schön und genial finde. Jedesmal, wenn ich sie einem
+zeigte, habe ich gehofft, daß dieses Wunder geschehen würde.
+
+Und einmal war es auch sehr nahe daran. Bei einem unserer Nachbarn fand
+eine Hochzeit statt, und ich war Brautjungfer. Beim Mittagessen brachte
+einer der Brautführer ein Gedicht auf die Kranzeljungfern zum Vortrag,
+und ich hielt die Rede auf die Brautführer, auch in Versen. Wir hatten
+natürlich alle beide großen Erfolg. Man hat ja immer Erfolg, wenn man
+Gelegenheitsverse vorträgt.
+
+Aber ein Weilchen nach dem Mittagessen kam Mutter zu mir und sagte, daß
+Eva Fryxell mit mir sprechen wollte.
+
+Eva Fryxell war die Tochter des großen Historikers Anders Fryxell, der
+Probst in der Nachbargemeinde war. Sie war selbst Schriftstellerin und
+dazu eine hochgebildete Dame. Sie pflegte die Winter in Stockholm zu
+verbringen, wo sie in den literarischen Kreisen jener Zeit verkehrte.
+
+Sie hatte mich die Verse sprechen hören, und nun wollte sie mit mir
+reden.
+
+Sie fragte mich, ob ich zu schriftstellern pflegte, und ob ich schon
+viele Gedichte geschrieben hätte. Sie forderte mich auf, ihr meine
+besten Sachen zu schicken. Sie wolle versuchen, sie in einer Zeitung
+unterzubringen.
+
+Sie war sehr freundlich, und sie machte mich sehr, sehr glücklich.
+
+Aber dann verging der ganze Herbst, der ganze Winter, ohne daß ich etwas
+von ihr hörte. Endlich im Frühling kam ein großer Brief von Eva Fryxell.
+Sie schickte mir alle meine Gedichte zurück: keine Zeitschrift hätte sie
+annehmen wollen. Aber sie schrieb nicht nur davon. Sie schrieb, ich
+müsse es so einrichten, daß ich in die Welt hinauskomme. Ich müsse
+arbeiten, etwas lernen, sonst könne nie etwas aus mir werden.
+
+Und wohl hauptsächlich auf ihre Ratschläge hin hatte ich mich vor einem
+Jahre von daheim losgerissen. Das ganze letzte Jahr hatte ich kaum eine
+Zeile gedichtet, sondern nur studiert, nur gearbeitet, all das
+nachzuholen, was mir fehlte.
+
+Und die Liebe zu den Studien war in mir erwacht. Ich sehnte mich nach
+diesen drei Jahren auf dem Seminar, nach diesen drei Jahren der starken
+intensiven Arbeit und des Fortschreitens.
+
+Ab und zu klingelt es draußen, dann schrecke ich auf und frage mich, ob
+das der Diener mit dem furchtbaren Brief sei. Man hat mir gesagt, er
+könne nicht vor fünf Uhr nachmittag kommen, aber -- wer weiß! -- es
+wäre ja möglich, daß die Entscheidung in diesem Jahre früher fiele.
+
+Die Hoffnung sinkt mit jedem Augenblick. Natürlich wüßten alle die
+andern mehr als ich. Und natürlich hätte ich oft unrichtig geantwortet,
+wenn ich es auch selber nicht bemerkt hätte.
+
+Es schlägt drei Uhr. Noch zwei Stunden, ehe man ernstlich eine
+Entscheidung erwarten kann ...! Da läutet es wieder.
+
+Die kommt, ist eine Verwandte und Kollegin von mir. Sie will auch heuer
+in das Seminar eintreten; so wie ich; und wir sind bei der Prüfung in
+derselben Gruppe gewesen.
+
+Sie kommt ganz glücklich und atemlos, um zu berichten, daß wir alle
+beide durchgekommen sind, sie und ich. Sie hat es von wohlunterrichteter
+Seite. Sie will nicht sagen, woher sie es weiß, aber sicher sei es. Ich
+solle es niemand sagen, -- sie sei eben nur geschwind heraufgelaufen,
+damit ich mich nicht länger beunruhigte.
+
+Ich weiß nicht, was ich sage oder tue. Ich weiß nicht, ob ich ihr danke.
+Ich stürze nur fort, ans äußerste Ende der Wohnung, um allein zu sein.
+
+Es ist nun ganz vorbei mit meiner Selbstbeherrschung. Ich zittre und
+bebe und kann mich nicht stillhalten. Und die Tränen stürzen mir aus den
+Augen.
+
+Ich fühle, daß ich das Ärgste überwunden habe. Ich bin nicht mehr
+hilflos und abhängig. Ich habe eine Laufbahn vor mir. Ich werde imstande
+sein, mir selbst mein Brot zu verdienen. Ich werde selbst über mein Tun
+und Lassen bestimmen. Künftighin hängt es von mir allein ab, ob ich das
+erreichen werde, was ich erreichen will.
+
+»Sie wird all ihr Lebtag arbeiten und sich plagen müssen,« hatte Tante
+Wennervik gesagt, und ich freue mich darüber und hoffe, daß es
+eintreffe.
+
+
+Die zweite Prophezeiung
+
+Es ist im Grand Hotel in Jerusalem, an einem Märzabend des Jahres
+neunzehnhundert. Ich bin von unserm syrischen Dragoman aus meinem Zimmer
+gerufen worden, einen Gast zu empfangen. Aber dieser Gast kann nicht in
+mein Zimmer geführt werden, auch nicht in den großen Empfangssalon.
+Jemil, der Dragoman, glaubt ihn nicht weiter führen zu dürfen als bis in
+die Vorhalle des Hotels; und ich muß mich dorthin begeben, ihn zu
+begrüßen.
+
+Das ist auch nicht zu verwundern, denn mein Gast hat kein einnehmendes
+Aussehen. Es ist ein alter Neger von einer furchtbar häßlichen Rasse.
+Mit seinen wulstigen Lippen, den langen Affenarmen, seinem großen
+plumpen Körper, seiner groben, rindenähnlichen Haut, seinen starken,
+angeschwollnen Muskeln macht er den Eindruck, als gehöre er jener
+Menschenwelt an, die vor der Sintflut da war. Und dieser abstoßende
+Mensch ist nicht in etwas gehüllt, was man Kleider nennen könnte. Er ist
+in lange, schmutzigweiße Tücher gerollt und gewickelt. Die Füße sind
+nackt, und über den Kopf hängt ihm ein Zipfel desselben Tuches, das um
+den Körper geschlungen ist.
+
+Vor einigen Tagen hat Jemil mich und meine Reisegenossin, Frau Sophie
+Elkan, durch die ehrwürdige alte Moschee El Aksa in Jerusalem geführt,
+und wir wunderten uns damals, in der Fensternische eines Seitenganges
+eine schmutzige, zerfetzte Decke ausgebreitet zu sehen. Jemil erklärte
+uns, daß sich in dieser Fensternische ein Wahrsager aufzuhalten pflege,
+der den Besuchern Aufklärungen über ihre künftigen Schicksale gebe. Ich
+bedauerte, daß er nicht auf seinem Platze war. Ich hätte mir gerne von
+einem richtigen Wahrsager prophezeien lassen, in einem Tempel, der auf
+demselben Grund errichtet war wie der Salomos.
+
+Und nun hat der Dragoman den Wahrsager aufgesucht und ihn in das Hotel
+gebracht, damit ich mir wirklich in Jerusalem prophezeien lassen könne.
+
+Es ist nicht so feierlich, sich in der Vorhalle des Hotels wahrsagen zu
+lassen, wo Diener und Reisende hinaus- und hereinströmen, als es in El
+Aksa gewesen wäre; aber ich habe keine Wahl. Wir gehen alle drei zu
+einem Tisch, der in einer Ecke steht. Der Wahrsager zieht einen Beutel
+hervor, den er unter seinen Tüchern verborgen gehalten hat, knüpft ihn
+auf und schüttet eine ziemlich dicke Lage grauweißen Sand auf den Tisch,
+zweifelsohne eine Art Meersand, denn ich sehe, daß eine Menge zerbrochne
+Muscheln darin sind.
+
+Während ich so stehe und die Vorbereitungen betrachte, muß ich
+unwillkürlich an die alte Tante Wennervik und ihre Wahrsagekunst
+denken; und ich bin gespannt, ob dieser schmutzige Neger sich ihr
+überlegen zeigen werde.
+
+Sowie der Sand ausgebreitet ist, sagt der Wahrsager ein paar Worte auf
+Arabisch, die der Dragoman ins Englische übersetzt.
+
+»Er bittet die Lady, an etwas zu denken, worüber sie Aufklärung wünscht.
+Die Lady soll nicht sagen, woran sie denkt, sondern es nur eine Zeitlang
+in Gedanken festhalten, dann wird sie Antwort bekommen.«
+
+Einen Augenblick stehe ich verdutzt da. Liegt nicht eine unüberbrückbare
+Kluft zwischen mir und diesem Negerwahrsager? Wir haben in verschiednen
+Welten gelebt, sind auf verschiednen Pfaden gewandelt. Was sollte ich
+denken können, das innerhalb seiner Gedankensphäre läge! Während meines
+ganzen Aufenthalts in Jerusalem habe ich nur an eine einzige Sache
+gedacht. Ich habe die ganze Reise hierher in das Morgenland einzig und
+allein unternommen, um schwedische Bauern zu besuchen, die hierher
+ausgewandert sind und gemeinsam mit einigen Amerikanern eine Kolonie
+gegründet haben. Ich habe sie hier draußen sehen wollen, um ein Buch
+über sie zu schreiben.
+
+Und ich bin mehrere Male bei ihnen gewesen, habe an ihrem Tisch
+gegessen, ihre Schulen besucht, sie in ihren Werkstätten und Küchen
+arbeiten sehen, ich bin in ihren selbstverfertigten Wagen gefahren, bin
+auf Teppichen gegangen und habe auf Stühlen gesessen, die sie selbst
+gemacht haben. Ich habe sie von ihrer Lehre sprechen hören. Ich habe
+nichts an ihnen gefunden, was nicht gut, ehrlich und aufrichtig gewesen
+wäre.
+
+Ich war so froh, als ich hier draußen im Morgenlande ihre guten,
+schwedischen Gesichter erblickte und ihre treuherzigen, schwedischen
+Worte hörte, daß mir die Tränen in die Augen traten. Ich habe ihrem
+schönen Gottesdienste beigewohnt, ich habe sie ihre Abschiedslieder an
+uns, ihre schwedischen Gäste, singen hören. Ich habe sie einig,
+glücklich, geduldig gefunden, und ich brenne vor Sehnsucht, ein Buch
+über sie zu schreiben.
+
+Aber zugleich läßt mich vieles befürchten, daß ich nie imstande sein
+würde, dieses Buch zu schreiben. Jeden Tag kommen mir neue Zweifel und
+Besorgnisse. Nicht nur, daß der Stoff für meine Kräfte zu schwer ist, --
+noch eine Menge andre Dinge machen mir Angst. Ich gehe in einem Zweifel,
+einer Unentschlossenheit umher, die beinahe qualvoll geworden ist.
+
+Es handelt sich für mich um etwas Ernstes. Diese ganze lange Reise wäre
+vergebens gewesen, wenn ich dieses Buch nicht schreiben könnte. Zeit,
+Mühe und Geld nutzlos vergeudet ... Das ist kein Spaß.
+
+Mich selbst frage ich alle Tage: Wird daraus ein Buch werden können?
+Wird es je geschrieben werden? Wird irgendein Mensch es lesen wollen?
+
+Aber kann man diesem Neger solche Frage stellen? Hat solch ein
+Urzeitwesen je ein Buch gesehen? Hat es eine Ahnung davon, was überhaupt
+ein Roman ist?
+
+Aber da es ja doch nichts andres gibt, was ich in diesem Augenblick
+wissen wollte, entschließe ich mich, einen Versuch zu machen. Und ich
+hefte meinen Gedanken auf dieses: »Wird es mir gelingen, ein Buch über
+die Schweden hier draußen in Jerusalem zu schreiben?«
+
+Der Wahrsager erhebt seine Hand über den Sand, den er vor sich
+ausgebreitet hat. Er streckt einen dicken Zeigefinger aus, an dem ein
+Nagel sitzt, der einer Tierkralle gleicht, und macht einige Linien und
+Löcher, die er dann sehr eingehend betrachtet. Es dauert ziemlich lange,
+bevor er zu sprechen anfängt. Aber plötzlich wendet er sich an den
+Dragoman und spricht eine Menge unverständliche Worte.
+
+»Er sagt, daß die Lady an etwas denkt, was sie auf ein Papier schreiben
+will,« übersetzt Jemil. »Er bittet die Lady, sich nicht zu beunruhigen.
+Was sie zu tun gedenkt, wird ihr gelingen.«
+
+Ich bin wirklich ein wenig erstaunt. Das sieht aus, als könnte er
+Gedanken lesen, dieser schmutzige alte Neger.
+
+Er betrachtet mich abwartend, und ich bitte den Dragoman, ihm zu
+erklären, daß er eine richtige Antwort gegeben habe, und daß ich sehr
+zufrieden sei.
+
+Sogleich fährt er über den Sand, so daß er wieder ganz glatt daliegt,
+und bittet mich dann, noch eine stumme Frage zu stellen.
+
+Diesmal besinne ich mich nicht lange. Wir wollen Jerusalem am nächsten
+Tage verlassen, um nach Nazareth, Tiberius, Damaskus zu reisen. Ich
+frage nur: »Werden wir eine gute Reise haben? Werden wir alles sehen,
+was wir zu sehen wünschen?«
+
+Es dauert nicht lange, so beginnt der Wahrsager wieder zu sprechen. Aber
+er gibt keine Antwort auf meine Frage, sondern bittet mich, ihm meine
+Hände zu zeigen, meine beiden Hände.
+
+Ich strecke die Hände mit den Handflächen nach oben aus. Der Wahrsager
+betrachtet sie, macht einen Schritt zurück und erhebt die Arme zum
+Himmel. Die Worte stürzen über seine Lippen. Er ist offenbar erregt.
+
+»Was gibt es? Was sagt er?« frage ich den Dragoman.
+
+»Er sagt, daß die Lady an einen Weg denkt, der vor ihr liegt,« antwortet
+dieser, »und er versichert, daß die Lady eine gute Reise haben wird. Er
+sagt weiter, daß diese Lady Sultan Ibrahim il Kalils und Sultan Solimans
+Zeichen auf ihren Händen hat. Er sagt, daß dieser Lady alles gelingen
+wird. Diese Lady hat einen sehr starken Stern.«
+
+Ich bitte den Dragoman, ihm zu versichern, daß ich sehr erfreut über
+seine Antwort sei, und ich frage nicht weiter, sondern bezahle ihm
+seinen Frank. Nun ich erfahren habe, daß ich Abrahams und Salomos
+Zeichen in meinen Händen trage, muß ich ja wohl zufrieden sein.
+
+Während ich in mein Zimmer zurückkehre, denke ich an Tante Wennervik und
+frage mich, was sie dazu sagen würde.
+
+In demselben Augenblick ist es mir, als wenn eine harte und klare Stimme
+mir im traulichsten Värmländisch ins Ohr sagte:
+
+»Das mußt du doch wissen, Kind, daß sich diese Orientalen, auch wenn sie
+in Fetzen gehen und häßlich wie die Affen sind, doch besser darauf
+verstehen, zu schmeicheln und schöne Dinge zu sagen als wir andern,
+namentlich wenn es sich darum handelt, ein paar Groschen zu verdienen.
+Aber auf meine Prophezeiung kannst du dich verlassen. Die ist nicht
+bezahlt. Reisen wirst du machen, Arbeit wirst du haben, und Bücher
+schreiben wirst du, und so richtig gesund wirst du nie. Und so wird dein
+Leben hingehen.«
+
+»Ja, das ist wahr,« antworte ich, »aber du verstehst den Sinn seiner
+Worte nicht. Er will nur sagen, daß, wem sich in reifen Jahren seine
+Kindheitsträume erfüllen, das Glück der alten Weisen besitzt und von
+einem guten Stern geleitet wird.«
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 38: Lachen ausbrechen zu hären -> hören
+p 57: du Unehre über uns gebracht hätte -> hättest
+p 71: IV -> 4
+p 76: V -> 5
+p 107: »Jetzt sollst ... geholt habe.« [Anführungszeichen ergänzt]
+p 111: Gudmud sah ihr fest in die Augen. [Anführungszeichen entfernt]
+p 119: Strumpfband anders, aber er -> es
+p 137: wie die andern Jungern -> Jungen
+p 141: sich auf die Plattform schleichen -> zu schleichen
+p 143: kunterbunt stehen lassen. [Punkt ergänzt]
+p 164: den sie icht -> nicht
+p 169: zu Ende gegegangen -> gegangen
+p 170: und die Schritte deren -> derer
+p 177: »Ja« [Anführungszeichen ergänzt]
+p 185: der Gedanke beängstigt, daß [Komma ergänzt]
+p 187: »Würdest du dich dann für verflichtet -> verpflichtet
+p 193: bedeckt war, und das Kaprifoliuum -> Kaprifolium
+p 194: zuvor zwischen den Beeren -> Beeten
+p 197: Johannes bedeutete ihn -> ihm
+p 214: sagte den Mönchen, nun ein so -> Mönchen, da nun
+p 234: glitt sie mit mir aus.« [Anführungszeichen ergänzt]
+p 239: über die ich Saiten gespannt hatte.« [Anführungszeichen ergänzt]
+p 256: antwortete Tante Wennervik. [Punkt ergänzt]
+p 265: natürlich alles blutig ernst. [Punkt ergänzt]
+p 273: Wir sind in kleine Gruppen von drei -> in kleinen Gruppen
+
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Formatierung:
+
+Fettgedruckter Text wurde mit Unterstrich markiert (_text_) und gesperrter
+Text mit Gleichheitszeichen (=text=)
+
+
+
+
+Transcriber's Notes:
+
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+p 38: Lachen ausbrechen zu hären -> hören
+p 57: du Unehre über uns gebracht hätte -> hättest
+p 71: IV -> 4
+p 76: V -> 5
+p 107: »Jetzt sollst du ... ich dich geholt habe.« [both quotes added]
+p 111: Gudmud sah ihr fest in die Augen. [closing quotes deleted]
+p 119: Strumpfband anders, aber er -> es
+p 137: wie die andern Jungern -> Jungen
+p 141: sich auf die Plattform schleichen -> zu schleichen
+p 143: kunterbunt stehen lassen. [period added]
+p 164: den sie icht -> nicht
+p 169: zu Ende gegegangen -> gegangen
+p 170: und die Schritte deren -> derer
+p 177: »Ja« [closing quotes added]
+p 185: der Gedanke beängstigt, daß [comma added]
+p 187: »Würdest du dich dann für verflichtet -> verpflichtet
+p 193: bedeckt war, und das Kaprifoliuum -> Kaprifolium
+p 194: zuvor zwischen den Beeren -> Beeten
+p 197: Johannes bedeutete ihn -> ihm
+p 214: sagte den Mönchen, nun ein so -> Mönchen, da nun
+p 234: glitt sie mit mir aus.« [closing quotes added]
+p 239: über die ich Saiten gespannt hatte.« [closing quotes added]
+p 256: antwortete Tante Wennervik. [period added]
+p 265: natürlich alles blutig ernst. [period added]
+p 273: Wir sind in kleine Gruppen von drei -> in kleinen Gruppen
+
+The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.
+
+Formatting:
+
+Bold Text was marked using underscores (_text_) and spaced text with
+equal signs (=text=).
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Ein Stück Lebensgeschichte, by Selma Lagerlöf
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN STÜCK LEBENSGESCHICHTE ***
+
+***** This file should be named 29957-8.txt or 29957-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/9/9/5/29957/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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+
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.