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diff --git a/29746-h/29746-h.htm b/29746-h/29746-h.htm new file mode 100644 index 0000000..e174014 --- /dev/null +++ b/29746-h/29746-h.htm @@ -0,0 +1,9650 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Nach Amerika! Band 3, by Friedrich Gerstäcker</title> +<style type="text/css"> + body {background:#fdfdfd; + color:black; + font-size: large; + margin-top:100px; + margin-left:15%; + margin-right:15%; + text-align:justify; } + h1, h2, h3, h4, h5, h6 {text-align: center; } + hr.narrow { width: 40%; + text-align: center; } + hr { width: 100%; } + hr.full { width: 100%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 3px; + border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */ + border-style: solid; + border-color: #000000; + clear: both; } + blockquote { font-size: large; margin-left: 4%; margin-right: 4% } + blockquote.med { font-size: medium; } + img.left { float:left; + margin: 0px 8px 6px 0px; } + table {font-size: large; } + table.sm {font-size: medium; } + table.j {font-size: large; + text-align: justify; } + td.j {text-align: justify; } + td.w50 { width: 50%; } + p {text-indent: 3%; } + p.noindent { text-indent: 0%; } + .caption { font-size: small; + font-weight: bold; } + .center { text-align: center; } + img { border: 0; } + .ind1 { margin-left: 1em; } + .ind2 { margin-left: 2em; } + .ind4 { margin-left: 4em; } + .ind6 { margin-left: 6em; } + ins { text-decoration: none; border-bottom: thin dotted gray;} + .wide { letter-spacing: .15em; } + + .nowrap { white-space: nowrap; } + .poem { margin-left: 15%; margin-right: 5%; text-align: left; font-size: 90%} + .right { text-align: right; } + .sig { text-align: right; margin-right: 2em;} + .small { font-size: 70%; } + .smallcaps { font-variant: small-caps; } + .toctitle { font-weight: bold; + font-size: 90%; } + a:link {color:blue; + text-decoration:none} + link {color:blue; + text-decoration:none} + a:visited {color:blue; + text-decoration:none} + a:hover {color:red; + text-decoration: underline; } +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Nach Amerika! Dritter Band + Ein Volksbuch + +Author: Friedrich Gerstäcker + +Illustrator: Carl Reinhardt + +Release Date: August 21, 2009 [EBook #29746] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! DRITTER BAND *** + + + + +Produced by Delphine Lettau, Clive Pickton and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + +<hr class="full" /> +<p> </p> +<h1> Nach Amerika!</h1> +<p> </p> +<h3>Ein Volksbuch</h3> +<h5>von</h5> +<h2>Friedrich Gerstäcker</h2> +<p> </p> +<h3>Illustrirt von Carl Reinhardt.</h3> +<p> </p> +<p> </p> + +<h3>Dritter Band.</h3> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<table border="0" style="background-color: #fdfdfd; margin: 0 auto" cellpadding="0" summary="PUBLISHERS"> +<tr> + <td align="center" valign="top">Leipzig,</td> + <td align="center" valign="top"> </td> + <td align="center" valign="top">Berlin,</td> +</tr> +<tr> + <td align="center" valign="top"><b>Hermann Costenoble</b>,</td> + <td align="center" valign="top"> </td> + <td align="center" valign="top"><b>Rudolph Gaertner,</b></td> +</tr> +<tr> + <td align="center" valign="top"><small>Verlagsbuchhandlung.</small></td> + <td align="center" valign="top"> </td> + <td align="center" valign="top"><small>Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.</small></td> +</tr> +</table> +<p> </p> +<h4>1855.</h4> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> + +<p> </p> +<p> </p> +<h3>Inhalt des dritten Bandes.</h3> +<p> </p> +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="Inhalt_Contents"> + +<tr><td align="right" valign="top">1. </td> <td align="left"><a href="#kap1" >Die Mündung des Mississippi</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">2. </td> <td align="left"><a href="#kap2" >New-Orleans</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">3. </td> <td align="left"><a href="#kap3" >An Land</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">4. </td> <td align="left"><a href="#kap4" >Abschied der Passagiere </a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">5. </td> <td align="left"><a href="#kap5" >Der Mississippi</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">6. </td> <td align="left"><a href="#kap6" >Leben an Bord des Dampfers</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">7. </td> <td align="left"><a href="#kap7" >Die Ufer des Mississippi und Ohio</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">8. </td> <td align="left"><a href="#kap8" >Die Farm in Indiana</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">9. </td> <td align="left"><a href="#kap9" >Das deutsche Wirthshaus in New-Orleans</a></td></tr> +</table> +</div> + +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap1" id="kap1"></a>Capitel 1.</h2> +<h3>Die Mündung des Mississippi.</h3> + +<p>Die Brise wurde stärker, und die Passagiere hatten bald +alles Andere in dem einen Gefühl der Landung vergessen. +Das niedere Ufer, an dem sich freilich noch immer keine Berge +entdecken ließen, so viel auch die Leute mit bewaffneten und +unbewaffneten Augen danach spähten, trat dabei mehr und +mehr heraus. Dort ließ sich schon die Einfahrt selbst unterscheiden, +wo der gewaltige Mississippi in den Golf von Mexico +mündet, und »süßes Wasser« kam ihnen von da wieder aus +dem Land ihrer Sehnsucht entgegen — ein Fluß war es, der +sie bald mit beiden Armen liebend umfangen sollte, und die +See, die weite öde See lag hinter ihnen, wie ein schwerer +Traum.</p> + +<p>Selbst die Cajütenpassagiere gingen jetzt ernstlich daran +ihre Sachen zu packen und sich auf eine baldige Landung vorzubereiten, +und die Matrosen waren unter der Leitung des +Untersteuermanns emsig damit beschäftigt die beiden, auf der +Back liegenden Anker »klar« zu machen, und die große mächtige +Kette gliederweis heraufzuheben aus ihrem dunklen Bett, +und an Deck auszulegen.</p> + +<p>Die meisten der Zwischendeckspassagiere glänzten heute in +ihrem Sonntagsstaat, und selbst Steinert und Mehlmeier +waren wie buntfarbige Tagfalter aus ihrer, allerdings etwas +unscheinbaren und schmutzigen Verpuppung hervorgegangen. +Steinert besonders war das Erstaunen der übrigen Passagiere, +obgleich sie die Verwandlung hatten Stück für Stück vor sich +gehen sehn. Er trug vor allen Dingen ein schneeweißes geplättetes Hemd, +das er sich für diesen Moment besonders aufgespart, +dann eben solche Hosen mit Strippen, spiegelblank +gewichste Stiefeln, eine sehr buntfarbige helle Piquéweste mit +rothen Glasknöpfen, einen blauen Frack mit blanken Metallknöpfen, +eine sehr dicke blau- und rothseidene Cravatte mit +entsprechenden Vatermördern, und einen höchst modernen, sorgfältig +gebürsteten Seidenhut auf dem Kopf, den er nur manchmal +abnahm, sich in dem darin befindlichen kleinen Spiegel +anzusehn, dann die steinbesetzten Hemdknöpfchen ein wenig +mehr zurecht rückte, die goldene Uhrkette mit dem großen Carniol +als letzte Vollkommenheit etwas weiter herauszog, und +schließlich vollständig mit sich zufrieden war.</p> + +<p>Die Frauen und Mädchen kicherten mit einander — das +Begräbniß war lange vergessen — und manche der Männer +amüsirten sich gerade so über ihn, wie sie sich vorher über den +improvisirten Handwerksburschen gefreut hatten. Steinert aber +schien mit dem blauen Frack auch einen vollkommen neuen +Menschen angezogen, und seine frühere Gesellschaft von sich +geschüttelt zu haben, denn er sprach, Mehlmeier ausgenommen, +mit Niemandem mehr, und ging nur, den Blick oft und +ungeduldig nach dem Quarterdeck hinüber werfend, als ob er +dort Jemanden suche oder erwarte, mit raschen Schritten den +Gangweg zu luvwärts auf und ab. Der Einzige der ihn dabei +ärgerte war Maulbeere.</p> + +<p>»<i>A la bonheur</i> Herr Steinert« sagte dieser, als er ihm +zuerst in solchem Glanz und Schmuck begegnete — »<span class="wide">sehre</span> +schön — ganz außer ordentlich sehre schön.«</p> + +<p>»Lieber Maulbeere lassen Sie mich zufrieden, ich habe +Nichts mit Ihnen zu thun« sagte Steinert, und drehte sich +von ihm ab.</p> + +<p>»Ne wahrhaftig Herr Steinert« sagte aber Maulbeere in +höchstem Ernst, und mit beruhigender Handbewegung, »das +thut kranken Augen ordentlich wohl Sie nur anzuschauen — und +das feine Tuch zum Frack — wie Sammet.«</p> + +<p>»Rühren Sie mich nicht an, wenn ich bitten darf« rief +aber jetzt der Weinreisende, ernstlich böse gemacht, als der +Scheerenschleifer, der heute womöglich noch struppiger und +ungewaschener aussah wie je, mit dem Zeige- und dritten +Finger der rechten Hand vorsichtig und bewundernd an dem +linken Ärmel des ihn eben wieder Passirenden niederstrich.</p> + +<p>»Bitte tausendmal um Entschuldigung« sagte Maulbeere +aber in spöttischer Devotion, rasch und erschreckt den Arm zurückziehend +— »hatte keine Idee daß es abfärbte. — Und die +schöne Uhrkette — ist doch vortrefflich gearbeitet, sieht genau +so aus als ob es wirkliches Gold wäre — ja das machen sie +jetzt famos.«</p> + +<p>Steinert warf den Kopf auf die Seite und ging, dem +fatalen Menschen den Platz räumend, auf den anderen Gangweg +hinüber, seinen Spatziergang fortzusetzen; Maulbeere aber, +ohne sich dadurch irre machen zu lassen, kroch und kletterte auf +Händen und Füßen, wie ein großer ungeschlachter Orang +Utang dem er in diesem Augenblick merkwürdig ähnlich sah, +ebenfalls auf die andere Seite hinüber, glitt dort auf eines +der Wasserfässer, wo die Leiche noch vor kaum einer Stunde +gelegen hatte und fuhr, als Steinert jetzt wieder an ihm vorüber +mußte, ganz unbefangen in seinen drüben begonnenen +Bemerkungen fort.</p> + +<p>»Strupfen sind freilich unbequem unter den Hosen an +Bord — platzen leicht wenn man sich bückt, aber hübsch sehn +die Beine damit aus — schade daß Sie etwas eingebogene +Knie haben.«</p> + +<p>Steinert mußte seinen Spatziergang aufgeben; denn von +den übrigen Passagieren sammelten sich schon Manche, die +schadenfroh die Bemerkungen des alten Maulbeere mit anhörten, +und auch laut darüber lachten.</p> + +<p>Auf dem Quarterdeck ging aber der junge Henkel, seine +graue Reisemütze fest in die Stirn gezogen, den Rock bis oben +hin zugeknöpft, und die rechte Hand vorn in der Brust, die +linke auf dem Rücken liegend, allein und mit seinen eigenen +Gedanken beschäftigt auf und ab, und Steinert, der auf ihn +gewartet zu haben schien, erstieg mit raschen Schritten den ihm +verbotenen Platz.</p> + +<p>Gerade in dem Augenblick kam der Capitain von unten +aus der Cajüte, sah den Zwischendeckspassagier auf dem geheiligten +Boden der Cajüte, und frug ziemlich kurz angebunden +den sich zierlich gegen ihn Verbeugenden, ohne den Gruß auch +nur mit einem Blick zu erwiedern:</p> + +<p>»Wen suchen Sie?«</p> + +<p>»Ich habe mit dem Herrn dort etwas von Wichtigkeit zu +reden, Herr Capitain« sagte Steinert, den seine gewohnte Zuversichtlichkeit, +dem stets ernsten und strengen Capitain gegenüber +doch in etwas verließ, noch dazu da er wußte, daß er +sich auf verbotenem Grund befand, ungemein artig und zuvorkommend.</p> + +<p>»Mit Herrn Henkel?«</p> + +<p>»Ja wohl Herr Capitain.«</p> + +<p>Henkel hob, als er seinen Namen hörte, rasch +den Kopf und fixirte den in der neuen Kleidung nicht gleich +Erkannten scharf und mißtrauisch. Der Capitain gab übrigens +dem gar so stattlich angezogenen Zwischendeckspassagier, wenn +auch nicht gerade mit eben freundlichem Gesichte Raum, und +dieser kam jetzt, den Hut in der Hand, auf Henkel zu und +sagte verbindlich:</p> + +<p>»Herr Henkel, ich habe schon lange nach dem Vergnügen +getrachtet Ihre werthe persönliche Bekanntschaft machen zu +dürfen — Convenienzen die uns bis jetzt getrennt haben, +wissen Sie — hatte auch keine Ahnung dabei daß die Schiffsordnung +so streng sei — »D'rum prüfe wer sich ewig bindet« — würde +sonst jedenfalls selber Cajütspassage genommen haben. +Doch das ist jetzt zu spät, und da wir nun dem Lande der +Gleichheit und allgemeinen Freiheit so nahe sind, ja uns eigentlich +nach völkerrechtlichen Grundsätzen auf deren Gebiet +<i>quasi</i> Ankergrund befinden, habe ich mir die Privatfreiheit +genommen — wenn ich Sie nicht störe, heißt das — Ihre +Zeit, wenn auch nur für wenige Minuten zu beanspruchen — die +Zeit ist kurz die Reu ist lang.«</p> + +<p>»Womit kann ich Ihnen dienen?« sagte Henkel mit +einer leisen wie zustimmenden Verbeugung — »Sie sehen daß +ich jetzt nicht beschäftigt bin — darf ich Ihnen einen Sitz anbieten?«</p> + +<p>»Bitte« sagte Steinert, und ließ sich ohne weiteres auf +der nächsten Bank nieder, während Henkel vor ihm, an die +eiserne Railing gelehnt, stehen blieb. »Was mich hierher +treibt zu Ihnen?« fuhr Steinert endlich fort, nachdem er den +ungewohnten Hut bald aus der einen in die andere Hand +genommen, und immer vergebens gesucht hatte ihn in die richtige +Lage zu bringen, bis er ihn endlich neben sich auf die +Bank stellte — »ist der Wunsch etwas Gediegenes, Wahres +über das Land zu hören, dem wir uns jetzt, von den Flügeln +des Windes getragen, nähern; »Eilende Wolken« wissen Sie +wohl, »Segler der Lüfte«. Sie kennen es von eigener Anschauung, +Sie vor Allen scheinen mir auch, Ihrem ganzen +Äußern nach der Mann zu sein, der im Stande ist ein richtiges +und allgemeines Urtheil zu fällen, und um das komme +ich, Sie zu ersuchen.«</p> + +<p>»Und in welchem Fach?« frug Henkel, einen leichten +Seufzer dabei unterdrückend, aber sich doch mit einer gewissen +Geduld der langweiligen Einleitung fügend; von Hopfgarten +war indessen ebenfalls an Deck gekommen, und ging hinter +ihnen langsam auf und ab — »für welchen Geschäftszweig +wünschen Sie — «</p> + +<p>»Erlauben Sie mir« fiel ihm aber Steinert rasch in's +Wort, »daß ich Ihnen vorher noch eine kleine Bemerkung +vorausschicke, eine Bemerkung die Sie überzeugen mag, wie +ich nicht eben in das Blaue hinein einen Plan zur Auswanderung +gefaßt, sondern mich ziemlich genau nach Allem erkundigt, +und besonders Alles gelesen habe, was je darüber geschrieben +worden. Amerika ist ein Land wo Einem die gebratenen +Tauben <span class="wide">nicht</span> in's Maul fliegen, so viel steht fest, das +ist Thatsache, und Sie mögen deshalb versichert sein, daß ich +nicht mit extravaganten Erwartungen, unmöglich zu erfüllenden +Hoffnungen etc. hinübergehe — ankomme, könnte man +jetzt fast sagen. Meine früheren Schicksale können Ihnen +gleichgültig sein — »weit in nebelgrauer Ferne, liegt mir das +verlass'ne Glück« — es ist vorbei, und ich muß Ihnen jetzt +nur vor allen Dingen sagen daß ich Kaufmann bin, und es +für vortheilhaft halten würde eine kurze Zeit erst, ehe ich mich +selbstständig etablirte, in irgend eine Condition zu treten, sei +es auch nur auf zwei oder drei Monat, die Verhältnisse dort +vor allen Dingen durch Augenschein genau kennen zu lernen.«</p> + +<p>»Conditionen« begann Henkel, als ihm der Weinreisende +wieder in die Rede fiel:</p> + +<p>»Sind vielleicht nicht so ganz leicht gleich zu bekommen, +ja das glaub ich; auch das habe ich schon mehrfach gelesen; +aber wissen Sie, ich bin auch zugleich <span class="wide">Geschäftsmann</span>, +und Ihnen, Herr Henkel, brauche ich nicht zu sagen daß +Amerika gerade das Land der wirklichen Geschäftsleute ist — Sie +wissen das ja am besten aus eigener Erfahrung. Übrigens +stehe ich auch noch mit dem Haus für das ich in Deutschland +gereist bin: Schwartz und Pelzer, eines der bedeutendsten +Häuser in Frankfurt in selbst intimer Verbindung. Der +Mensch muß so viel Eisen als möglich im Feuer haben, wenn +er in dieser Welt reussiren will, und ich habe es für zweckmäßig +gehalten keine Brücke hinter mir abzubrechen, so lange +ich sie mit Bequemlichkeit gangbar halten konnte. Sie werden +mir darin Recht geben Herr Henkel. Auch darüber sind Sie +vielleicht im Stande mir Auskunft zu ertheilen, verehrter +Herr, ob und wiefern ich auf einen Absatz in diesem Geschäft, +wenn alle übrigen Stricke rissen, und günstigen Erfolg wohl +rechnen könnte.«</p> + +<p>»Um deutsche Weine in Amerika zu verkaufen?« frug +Henkel.</p> + +<p>»Allerdings — freilich kann ich mir denken« fuhr Steinert +rasch fort, ohne dem Gefragten Zeit zu einer direkten +Antwort zu geben, »daß der amerikanische Markt zu Zeiten +mit solchen Vorräthen überfüllt sein mag, denn es werden +enorme Massen von Wein auch wohl von anderen Ländern +hinübergeschickt, <span class="wide">gute</span> Waare hält aber doch, wie ich <span class="wide">Ihnen</span> +nicht zu sagen brauche, ihren Werth, und wenn die Leute erst +einmal merken daß sie prompt und reell bedient werden, dann +sind sie gar nicht mehr wegzutreiben aus der Kundschaft; ich +habe darüber unendlich viel Erfahrungen gesammelt, in meinem +Leben, und Sie sind darin gewiß ganz meiner Meinung. +Übrigens habe ich einige vortreffliche Empfehlungen, an sehr +bedeutende Häuser in New-Orleans; glauben Sie nicht daß +<i>die</i> mit etwas nützen können? — Ich baue nicht etwa zu viel, +oder gar einzig und allein darauf,« fuhr er dabei rasch fort, +als ob er fürchte daß ihm Herr Henkel die Hoffnung über den +Haufen werfen könne, und ehe dieser auch nur im Stande +war eine Sylbe darauf zu erwiedern — »<span class="wide">selbst</span> ist der Mann +und die Empfehlung die man im eigenen Kopfe trägt ist immer +die Beste, und man kann sich am Festesten auf sie verlassen, +aber jedenfalls sind es doch immer Einführungen in +gute Häuser — so zu sagen gestempelte Visitenkarten. Ein +Freund von mir hat zum Beispiel eine brillante Parthie, nur +durch solch einen einfachen Empfehlungsbrief gemacht, er +mußte zwar seine Braut — seine jetzige Frau — entführen +und die Eltern waren außer sich darüber — haben die Tochter +auch enterbt, aber was wollen Eltern in einem solchen Fall +machen, wenn der Priester erst einmal seinen Segen darüber +gesprochen hat — dann ist die Geschichte aus, und das Klügste +was sie thun können ist, daß sie ebenso thun als ob sie selber +damit zufrieden wären. — O zarte Sehnsucht süßes Hoffen; +der ersten Liebe goldne Zeit — «</p> + +<p>»Aber Sie wünschten, soviel ich verstanden habe, irgend +etwas Specielles über Amerika zu erfahren« sagte Henkel, +dem das Gespräch mit dem Mann anfing unbequem zu werden.</p> + +<p>»Allerdings, mein verehrter Herr Henkel« sagte Steinert, +einen flüchtigen Blick in den Hut werfend, ob seine Frisur +auch noch nicht durch den Wind gelitten habe — »ich möchte +ungemein gern einen Blick in das Verhältniß thun, in dem +in Amerika der Commis z. B. zu seinem Principal, und die +Geschäftswelt im Allgemeinen zu der politischen Welt, von +einem rein menschlichen Standpunkte aus genommen, steht. — Ich +muß Ihnen dabei voraus bemerken« setzte er wieder rasch +hinzu, als er sah daß Henkel etwas darauf antworten wollte, +»daß ich schon von einem dort lebenden Freund einige sehr +werthvolle Briefe über Amerika besitze, in denen er mir das +dortige Leben flüchtig — mehr allerdings in Anekdoten die in +unser Fach schlagen — schildert. Es ist aber Nichts gefährlicher +als sich auf einseitige Urtheile, die doch immer hie und da +durch ein gewisses Verhältniß bestimmt sein können, zu verlassen, +und ich habe mir deshalb besonders die Freiheit genommen +Sie aufzusuchen. Glauben Sie übrigens nicht« fuhr +er ohne weiteres fort, »daß ich, wie viele meiner Landsleute, +den höchsten Werth gerade in jene so oft herausgehobene Gleichheit +der Amerikanischen Bürger setze — ich weiß recht gut daß ein +allgemeiner Leiter des Geschäftes nicht allein unbedingt nöthig, +sondern auch für die Engagirten höchst angenehm und bequem +ist; der vernünftige Mann fügt sich dabei leicht in das, was +ihm selber als nothwendig erscheint, aber gerade diese Gleichberechtigung +des einen Standes selbst der höchsten Aristokratie +gegenüber, hat doch auch wieder, wie sich nicht leugnen läßt, +etwas sehr Angenehmes und Verlockendes, darf aber natürlich, +wie Sie gewiß auch der Meinung sind, unter keinen Umständen +gemisbraucht werden.«</p> + +<p>»Allerdings« sagte Henkel, der es jetzt aufgegeben hatte +irgend etwas Selbständiges zu äußern, und den Mann eben +ausreden ließ.</p> + +<p>»Das steht also auch fest« sagte Steinert, mit einer verbindlichen +Verbeugung für die Anerkennung, »daß eben unser +Stand, der uns die freie Bewegung nach allen Seiten läßt, +einer der angenehmsten im ganzen weiten Reiche sein müßte, +und man, wenn man nicht gerade mit zu großen Erwartungen +hinüber geht, ja eigentlich eher auf einzelne kleine Enttäuschungen +gefaßt ist, eines ziemlich sicheren Erfolges, natürlich +den einzelnen Fähigkeiten entsprechend, auch gewiß sein könne, +nicht wahr? — Ich versichere Sie, Herr Henkel, daß es mir +eine große Beruhigung gewährt, diese Ansicht auch von Ihnen, +der das Land doch durch und durch kennt, vertreten zu sehn, +und ich bin Ihnen in der That ungemein verpflichtet, verehrter +Herr, für Ihre gütige Bereitwilligkeit, mir darin Auskunft zu +geben.«</p> + +<p>»Wenn Ihnen das Wenige genügt« sagte Henkel, der +trotz seiner sonst ernsten Stimmung doch ein Lächeln nicht verbergen +konnte, indem er sich von der Railing, an der er gelehnt, +aufrichtete.</p> + +<p>»Oh bitte« rief aber Steinert, »guter Rath kommt oft +vor guter That, und wer nur ein wenig Auffassungsgabe hat, +für den ist ein Wink soviel, wie eine ganze Predigt für einen +minder Begabten. Entschuldigen Sie nur daß ich Sie vielleicht +indeß von einer angenehmeren Beschäftigung abgehalten +habe.«</p> + +<p>Er war indessen ebenfalls aufgestanden und, seinen Hut +in der Hand, im Begriff das Quarterdeck wieder zu verlassen.</p> + +<p>»Ganz und gar nicht« sagte Henkel, froh so billigen +Kaufs davongekommen zu sein, setzte aber mit leiser Ironie +im Ton, die jedoch an Steinert gänzlich verloren ging, hinzu — »und +wenn Sie wieder eine Auskunft wünschen sollten, die +ich im Stande wäre Ihnen zu geben, so stehe ich mit Vergnügen +zu Diensten.«</p> + +<p>»Zu gütig — zu gütig in der That« sagte der Weinreisende, +seinen Hut in der Hand herumdrehend, »aber — aber +<span class="wide">eine</span> Frage möchte ich mir doch noch, und zwar mehr +vom particularistischen Standpunkte aus erlauben. Sie sind +in New-Orleans ansässig, mein verehrter Herr Henkel?«</p> + +<p>»Allerdings.«</p> + +<p>»Werden sich dort etabliren?«</p> + +<p>» — Ja.«</p> + +<p>»Dürfte ich mir in dem Fall erlauben« sagte Herr Steinert, +indem er seinen Hut unter den linken Arm drückte und +seine Brieftasche aus der linken Brusttasche nahm, »Ihnen +unser Haus, in allen Arten von feinen und leichten Rheinweinen, +Rheinischen Champagnern und Pfälzer Weinen zu +empfehlen — hier die Adresse mit Preiscourant und der Versicherung +billiger, rascher und prompter Bedienung.«</p> + +<p>»Aber ich weiß nicht ob ich — «</p> + +<p>»Bitte« unterbrach ihn Steinert rasch, »ist auch für den +Augenblick gar nicht nöthig — für später vielleicht — ist auch +nicht etwa des Nutzens wegen, verehrter Herr, nur wirklich +der Annehmlichkeit wegen, mit Ihnen in eine angenehme Geschäftsverbindung +zu treten. Ich bin auch dabei so von der +Solidität unseres Hauses überzeugt, daß ich in diesem Augenblick +wirklich nicht weiß Ihnen meine Dankbarkeit auf eine +bessere und würdigere Weise dazuthun. 'Werde mir dann +schon die Freude machen Sie in New-Orleans wieder aufzusuchen, +wozu ich Sie noch ersuchen möchte, mir gefälligst Ihre +dortige Adresse zukommen zu lassen.«</p> + +<p>»Meine Adresse?« sagte Henkel, den Mann indessen einige +Secunden scharf fixirend — »schön — ich werde Ihnen meine +Adresse geben. Sie ist für die ersten Tage im St. Charles +Hotel — sollte ich da ausgegangen sein, bin ich bei diesem +Herrn« — er nahm zugleich eine Karte aus seiner eigenen +Brieftasche — »zu erfragen. Es ist nicht unmöglich daß wir +ein Geschäft zusammen machen.«</p> + +<p>»Sie haben mich zu doppeltem Danke verpflichtet« sagte +Steinert, »nun erlauben Sie aber daß ich mich entferne« +setzte er dann mit etwas leiserer Stimme und einem Seitenblick +auf den, immer noch unfern davon stehenden Capitain +hinzu, »denn der alte Seearistokrat dort wird schon ungeduldig +über mein langes Hierobensein — <i>eh bien</i>, wir +kommen bald an einen Ort, wo das ganze Land ein einziges +Quarterdeck ist, und der Unterschied der Stände fällt, bis dahin, +mein bester Herr Henkel, habe ich die Ehre mich Ihnen +gehorsamst zu empfehlen und zeichne mich indessen als Ihr ergebenster +Adalbert Steinert.«</p> + +<p>Mit einer halbrunden Verbeugung dabei, die Herrn Henkel +in der Mitte, mit Herrn von Hopfgarten und den Capitain +an den Flanken zugleich einschloß, verließ er das Quarterdeck +und stieg wieder in sein Territorium hinab, wo er aber noch +nicht drei Schritte gethan, als er schon wieder von Maulbeere, +der ihm hier jedenfalls aufgelauert haben mußte, begrüßt +wurde.</p> + +<p>»Nun, Herr Steinert, schon Geschäfte gemacht auf Amerikanischem +Grund und Boden — das ist recht, die stolzen +Burschen, die sich mit uns Zwischendeckspassagieren nicht abgeben +wollten, müssen mit saueren Weinen angeschmiert werden; +darin liegt Charakter.«</p> + +<p>»Herr Maulbeere, ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten.«</p> + +<p>»Ne wahrhaftig« sagte aber der unverwüstliche Scheerenschleifer, +»das geschieht ihnen ganz recht, und ich wünsche den +Hochnasen nichts Besseres, als daß sie <span class="wide">Ihnen</span> in die Klauen +fallen.«</p> + +<p>Steinert setzte seinen Hut auf, steckte die rechte Hand +vorn in die Brust, und ging, einen verächtlichen Blick auf den +Scheerenschleifer schleudernd, nach vorn.</p> + +<p>»Nu Gott sei Dank« sagte der Capitain, als der Zwischendeckspassagier +das Quarterdeck verlassen hatte, zu Henkel +tretend, »der hatte aber ein Maulwerk am Kopf; das ging ja +wie geschmiert. Ich glaube der könnte Einen in einem halben +Tage todt reden.«</p> + +<p>»Die Aufschlüsse die Sie ihm ertheilten, waren in der +That werthvoll« lachte aber auch von Hopfgarten, zu den +Beiden tretend — »es wunderte mich nur daß Sie ihm Ihre +Karte gaben.«</p> + +<p>»Um ihn los zu werden« sagte Henkel — »übrigens« +setzte er mit einem leichten Lächeln hinzu, »war es nicht +<span class="wide">meine</span> Karte, sondern eine fremde die ich zufälliger Weise +bei mir hatte — er wird mich in New-Orleans nicht geniren.«</p> + +<p>»Hahahaha, das ist prächtig« lachte von Hopfgarten, +»das ist eine famose Ausflucht; der wird schön schimpfen.«</p> + +<p>»Da kommt unser Lootse!« rief in diesem Augenblick der +Capitain, der das Glas genommen und ein paar Secunden +damit nach dem Land hinübergeschaut hatte, das sich noch immer +vor ihnen hinzog und keinen Hügel, kein Landhaus verrathen +wollte. Flach und öde zog sich der schmale Streifen +am Horizont hin, und nur nach der Richtung, nach welcher +der Capitain deutete, ließ sich eine kleine Wolke leichten Qualms +erkennen, die zuerst wie über dem flachen Lande lag, und dann, +als der Blick der Passagiere fester darauf haftete, sich zu bewegen, +und näher zu kommen schien.</p> + +<p>Herr von Hopfgarten war indessen rasch in die Cajüte +hinab gestiegen, den Damen zu melden daß das Lootsenschiff, +wozu in den Mississippimündungen meist Schleppdampfer gebraucht +werden, in Sicht käme, und die Zwischendeckspassagiere, +die aus dem Leben auf dem Quarterdeck wohl gemerkt hatten +daß irgend etwas Außerordentliches vorgehe — wenn sie auch +noch nicht herausbekommen konnten was, kletterten wieder in +die Wanten und auf alle einigermaßen hohe Stellen an Bord, +nach der Richtung hin, wohin die Fernröhre des Capitains +und der Cajütspassagiere gerichtet waren, zu entdecken was +etwa in Sicht käme.</p> + +<p>Über den Dampfer, dessen Rauch sich bald mit bloßen +Augen erkennen ließ, sollten sie aber nicht lange in Zweifel +bleiben, denn er kam merklich näher. Deutlich ließen sich +schon die Umrisse seines oberen Decks, bald sogar einzelne +Gestalten an Bord unterscheiden, und die wehende Bremer +Flagge an der Gaffel der Haidschnucke wurde jetzt kaum mit +dem antwortenden Signal des Lootsen, den Amerikanischen +Sternen und Streifen<a href="#g3fn1"><small><sup>1</sup></small></a><a name="g3fn1r" id="g3fn1r"></a> begrüßt, als lauter Jubel an Bord +des Auswandererschiffes losbrach, und ein donnerndes, wieder +und wieder erneutes Hurrah den Farben des neugewonnenen +Vaterlands entgegenjauchzte.</p> + +<p>Von jetzt an war alles Andere in dem einen Gefühl des +endlich erreichten Zieles, für das ihnen der Amerikanische +Lootsendampfer volle Bürgschaft leistete, vergessen; Jeder hatte +nur Augen und Gedanken für das heranbrausende Dampfschiff, +dessen Räder sie jetzt schon über das stille Wasser des +Golfes konnten arbeiten hören, dessen einzelne Matrosen sie +an Bord erkannten, und wie es sie endlich erreicht, einen engen +Kreis um sie beschrieb und an ihrer Seite hinfuhr, und der +Amerikanische Capitain, der auf dem Radkasten seines Fahrzeugs +mit dem Sprachrohr in der Hand stand, seinen Anruf +herüberschrie, da brach sich der Jubel von Neuem Bahn, +und der Amerikaner, der sein Sprachrohr erstaunt absetzte, +sah ein paar Secunden die Schreier ruhig an, drehte sich dann +nach seinem Steuermann um und lachte. Die Matrosen an +Bord des Schleppdampfers glaubten aber indessen den Gruß +ebenfalls erwiedern zu müssen, und antworteten, während die +beiden Fahrzeuge jetzt in etwa hundert Schritt Entfernung +neben einander hinliefen, mit drei kräftigen »<i>Hip hip hip +hurrahs!</i>« das auf der Haidschnucke wieder sein Echo fand.</p> + +<p>Ehe sich das Geschrei legte ließ sich natürlich an ein +gegenseitiges Verständniß nicht denken, den ersten Ruhepunkt +aber benutzend, setzte der Amerikaner wieder das Rohr an die +Lippen, und der, dem Laien zum ersten Mal gewiß unverständliche +Seeruf, der durch den wunderlich dröhnenden Schall +des metallenen Rohres nur noch verworrener wird, tönte +herüber.</p> + +<p>»<i>Where do you hail from?</i>«<a href="#g3fn2"><small><sup>2</sup></small></a><a name="g3fn2r" id="g3fn2r"></a></p> + +<p>Nun hatte aber Steinert, besonders in der letzten Zeit, +nicht allein unter seinen näheren Bekannten, sondern auch im +Zwischendeck überhaupt, viel mit seiner Kenntniß der Englischen +Sprache geprahlt, die ihm dort allerdings von keinem +bestritten werden konnte oder wurde. Diesen Anruf hielt er +aber für eine allgemeine, an das ganze Schiff gerichtete Höflichkeitsformel, +die er nicht glaubte unbenutzt vorübergehn lassen zu dürfen, ohne +seine Kenntnisse zu zeigen. Ehe deshalb der eigene Capitain, +der jetzt ebenfalls auf seinem Quarterdeck mit der +»Sprechtrompete« in der Hand stand, auch nur das Geringste +darauf erwiedern konnte, sprang er auf die, an der Railing +befestigte Nothspieren, hielt beide Hände trichterförmig an +die Lippen, und schrie in höchst mittelmäßigem fremdartigen +Englisch:</p> + +<p>»Danke Ihnen Herr Capitain — wir sind Alle wohl!«</p> + +<p>»Halten Sie's Maul davorne!« brüllte aber Capitain +Siebelt auf's Äußerste indignirt, als er einen Zwischendeckspassagier +in sein Geschäft hineinfallen hörte, während der +Amerikaner erstaunt dorthin sah von woher die unverständliche +Stimme tönte, und von wo aus er allerdings keine Antwort +erwartet haben konnte.</p> + +<p>»Wenn man gefragt wird, Herr Capitain, darf man +antworten« rief aber Steinert, der hier in seinem guten Recht +zu sein glaubte und sich als freier Amerikanischer Bürger zurückgesetzt +und beleidigt fühlte — »übrigens verbitte ich mir +alle Anzüglichkeiten.«</p> + +<p>»<i>Where do you hail from!</i>« tönte aber des Amerikaners +Ruf noch einmal herüber.</p> + +<p>»Ich würde mich noch einmal bei ihm bedanken, Herr +Steinert« sagte Maulbeere, der seine innige Freude an dem +Zwischenfall gehabt, ermunternd; »er wird Sie wahrscheinlich +nicht verstanden haben.«</p> + +<p>Steinert war aber zu klug Maulbeeres Rath — den er +in dem sehr gegründeten Verdacht hatte, <span class="wide">sein</span> Bestes eben nicht +zu wollen, zu folgen, und Capitain Siebelt konnte die nöthigen +Antworten auf diese, wie die späteren Fragen: »wie +lange Reise?« — »Alles wohl an Bord?« gehörig beantworten.</p> + +<p>Der schnaubende Dampfer hielt jetzt mehr auf sie zu und +Matrosen sprangen an Bord der Haidschnucke mit bereit gehaltenen +Tauen hin, sie in Wurfs Nähe an Deck des Schleppschiffs +zu schleudern, während sie dort rasch aufgefangen und +befestigt wurden. Die Zwischendeckspassagiere, die jetzt natürlich +überall im Wege standen, stieß man dabei bald hier bald +da zur Seite, aber sie ließen sich heute Alles gefallen, war +doch das Schiffsleben überhaupt bald überstanden, und das +hier nur noch eine kleine, leicht zu ertragende Unbequemlichkeit, +für die sie in wenigen Stunden — sie zählten nicht +einmal mehr nach Tagen — das ganze Amerikanische Reich +entschädigen sollte.</p> + +<p>Festgeschnürt an Bord des viel niedrigeren kleinen Dampfers +lag jetzt das Segelschiff, das ihnen noch nie so groß erschienen +war wie in diesem Augenblick; alle Segel schlugen +aber, in ihren Schoten gelöst, an den Raaen, und an den +Tauen hingen die Matrosen sie aufzugeyen, während ein Theil +schon wie Katzen an den steilen Wanten emporkletterte und +an den Raaen hinauslief, die Segel überhaupt vollständig +einzuziehn und festzuschnüren auf ihren Hölzern.</p> + +<p>Der Wind war indeß, wie die Seeleute sagen, fast vollständig +eingeschlafen, und die Hitze schwül und drückend, nichts +destoweniger setzte das Schiff mit Hülfe des Dampfers, seine +Fahrt weit rascher, als sie die letzten Tage zu segeln gewohnt +gewesen waren, fort, und die Küste, oder das wenigstens was +sie bis jetzt für festes Land gehalten, rückte ihnen rasch näher. +Das aber was ihnen bis dahin eine weite grüne Wiesenfläche +geschienen, auf der sie, freilich umsonst, nach grasenden Heerden +umhergesucht, zeigte sich jetzt, wie sie es endlich erreichten, +als ein weiter trauriger Schilfbruch, dessen dunkelgrüne schlanke +Halme aus der, ihnen nun entgegenquillenden schmutziggelben +Fluth des mächtigen Mississippi, dessen untere Ufer sie bildeten, +herausschauten, und in der starken Strömung zitterten +und schwankten.</p> + +<p>»<span class="wide">Das</span> ist Amerika?« rief da eine der Frauen, die mit +vorn auf der Back stand, und deren Blicke bis dahin nur ängstlich +und erwartungsvoll an dem näher und näher kommenden +Lande gehangen — »lieber Gott, da kann man ja nicht einmal +an's Ufer gehn.« Manche der übrigen Passagiere schauten +jetzt ebenfalls, mit keineswegs mehr so zuversichtlichen +Mienen als sie noch an dem Morgen gezeigt, auf die wüste +Fläche von Schilf und Wasser hinaus, die sie schon zur rechten +und linken Seite umgab, und, der Aussage des zweiten Steuermanns +nach, das <span class="wide">Ufer</span> des Mississippi bildete. Es war ein +beengendes erdrückendes Gefühl das sie erfaßte — die <span class="wide">erste</span> +getäuschte Hoffnung in dem neuen Land, das sie sich mit allem +Zauber südlicher Zonen, wenn auch heimlich doch nur zu eifrig +ausgeschmückt, und das jetzt vor ihren Augen wie ein stehender +endloser Sumpf begann.</p> + +<p>»Aber wo um Gottes Willen wohnen die Menschen?« +riefen Andere aus — »hier kann man ja doch nicht leben in +Wasser und Schilf?« —</p> + +<p>»Dort sind Häuser — dort hinten — wo? — dort wo +der dunkelgrüne Streif hinaufläuft und die Sonne auf das +Wasser blitzt; gleich rechts davorn. Ja wahrhaftig — da stehn +Häuser — das ist New-Orleans!« riefen und flüsterten zaghafte +Stimmen durcheinander und Steinert selbst war auf einmal +ungemein kleinlaut geworden, und saß, mit auf den Knieen +gefalteten Händen vorn auf dem Bugspriet die ihn umgebende +Scenerie schweigend zu betrachten.</p> + +<p>»Das New-Orleans? — Unsinn« lachten aber einige der +Matrosen, die jene Bemerkung gehört, und schon früher einmal +die »Königin des Südens« — wie New-Orleans von +den Amerikanern genannt wird, besucht hatten — »das ist hier +nur eine der Mündungen des Mississippi und die Häuser dort +sind La Balize; das hohe Land aber liegt weiter oben.«</p> + +<p>»<span class="wide">Weiter oben</span>« das war ein neuer Hoffnungsstrahl +in die Nacht des Zweifels, der die armen Auswanderer eben +zu erfassen drohte — »weiter oben.« Aber noch immer ließen +sich keine Berge erkennen; die öde Fläche schien sich viele viele +Meilen weit auszudehnen und der Fluß wälzte trüb und +reißend seine schmutzige Fluth an ihnen vorüber.</p> + +<p>»Dort liegt ein Schiff — dort noch eins — « ging jetzt der +Ruf über Deck, »ha dort oben kommen eine ganze Menge — ich +kann die Masten erkennen« zeigten Einzelne den Anderen +ihre Entdeckung. <span class="wide">Die</span> kamen <span class="wide">von oben</span> herab, ja <span class="wide">die</span> +wußten wie es dort aussah, und mit einer gewissen Ehrfurcht +hingen ihre Blicke an den fernen Fahrzeugen, deren Umrisse +sie noch nicht einmal deutlich unterscheiden konnten.</p> + +<p>Bis sie aber die immer deutlicher werdenden Häuser erreichten, +wollten manche der Zwischendeckspassagiere gern von +den Matrosen, die schon erklärt hatten daß sie in New-Orleans +gewesen waren, etwas Näheres über die Stadt und deren +Umgegend wissen; die Leute waren aber viel zu sehr beschäftigt +ihren Fragen Rede stehn zu können, und sie mußten sich zuletzt +darein finden eben abzuwarten, wie sich ihnen die Stadt +selber zeigen würde. Ewig konnte das ja nun doch nicht mehr +dauern.</p> + +<p>Ziemlich langsam gegen die starke Strömung rückten sie +indessen vorwärts, die schon in Sicht gekommenen Gebäude, +in den Windungen des Flusses bald rechts bald links lassend, +und erreichten endlich den Platz wo eine Anzahl hölzerner +Gebäude auf Pfählen, und nur von Schilf und Schlammwasser +umgeben mitten in diesem entsetzlichen Sumpfe standen +und in der That auch nur durch hochgelegte Planken unter +sich verbunden waren.</p> + +<p>Dieß Lootsendorf, die sogenannte Balize, bot in der That +einen traurigen Anblick, und man begriff nicht wie Menschen +dort überhaupt existiren konnten. Die weite Fläche der See +selbst that dem Auge, in Vergleich mit dem öden Sumpfe wohl, +der sich hier nach Norden, Osten und Westen ausdehnte, und +die Passagiere erschraken als die Glocke des Dampfschiffs läutete, +denn sie fürchteten jetzt das, was sie noch an dem Morgen +so heiß ersehnt — gelandet zu werden. Das Signal galt +aber einem, noch eine kleine Strecke weiter oben liegenden +Segelschiff, das jetzt seine Flagge aufhißte und zur Freude der +Auswanderer die Hamburger Farben zeigte. Dort waren halbe +Reise- und ganze Leidensgefährten, und als die Haidschnucke, +mit der Bremer Flagge noch immer auswehend, dem Hamburger +Schiffe näher kam, grüßte sie von dort, wie sie erst +selber den Amerikaner bewillkommt, ein donnerndes Hurrah, +das sie allerdings, aber lange nicht mehr so kräftig wie heute +früh, beantworteten.</p> + +<p>Sie erfuhren jetzt auch, daß der Dampfer das andere +deutsche Schiff ebenfalls in's Schlepptau nehmen würde, aber +sie freuten sich nicht besonders darüber, denn nicht mit Unrecht +fürchteten sie dadurch nur soviel langsamer von der Stelle zu +rücken. Das kümmerte jedoch den Amerikaner wenig, der sich +für die Fahrt den doppelten Verdienst natürlich nicht entgehen +ließ, und das Hamburger Schiff, Orinoko wie es hieß, erst +hierher gebracht und vor Anker gelegt hatte, noch ein zweites +aus dem Golf dazu zu holen, ehe er es nach New-Orleans +hinauf zog.</p> + +<p>Der Hamburger hatte indeß, unter dem lauten taktmäßigen +Singen der Matrosen, seinen Anker aufgeholt, als +der Dampfer an ihn hinanlief und ihn an den anderen Bug +nahm, die Taue wurden befestigt, wie sie früher an der Haidschnucke +befestigt waren, und wenige Minuten später schnaubt +das kleine aber kräftige Boot mit seiner doppelten Last, aber +nicht viel langsamer als vorher, den mächtigen Strom hinauf.</p> + +<p>Die Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke hatten nun +allerdings nichts Eiligeres zu thun als einen Versuch zu machen, +von ihrem Schiff hinunter, über das Dampfboot hinweg, +an Bord des Landsmannes zu klettern, und dort Bekanntschaft +mit dessen Passagieren zu machen. Darin sollten sie sich aber +getäuscht sehn, denn die Steuerleute verboten es ihnen nicht +allein auf das Entschiedenste, sondern die Wacht des Dampfers +selber hatte strenge Ordre Niemanden hinunter auf ihr Deck +oder hinüber zu lassen, und weder Bitten noch Protestiren half, +die Capitaine zu einer Änderung der Maaßnahme zu bewegen. +Die angegebene Ursache war nicht allein Unordnung zu vermeiden, +sondern auch ihren eignen Schiffahrtsgesetzen nachzukommen, +nach denen sie keine Communication mit fremden +Schiffen, ehe sie den Hafen erreicht hätten, unterhalten durften.</p> + +<p>Das aber verhinderte Steinert nicht eine sehr lebhafte, +und natürlich außerordentlich laut geführte Unterhaltung von +der Back der Haidschnucke aus, mit einigen Passagieren des +Orinoko, über das Dampfschiff weg, anzuknüpfen, sich nach +Zeit der Abfahrt und Erlebnissen der Reise zu erkundigen, und +seine einzelnen Ansichten über die Haidschnucke, die nicht immer +zu Gunsten derselben ausfielen, einzutauschen. Andere schlossen +sich dem an, und die Conversation, von allen hohen Theilen +des Schiffs und selbst den Wanten und Marsen ausgeführt, +wurde bald allgemein; bis die Scenerie auf dem Strome selbst +diesem ein Ende machte.</p> + +<p>Schon seit einiger Zeit hatte ein Theil der Passagiere +<span class="wide">Bäume</span> wirkliche Bäume voraus entdeckt, denn das einzige +was sich ihnen bis jetzt an Vegetation außer dem Schilf und +alten eingeschwemmten und versenkten Baumstämmen gezeigt +hatte, waren nur niedere Weidenbüsche gewesen, und wie sie +jene erreichten sahen sie auch den ersten festen Boden aus der +gelben Fluth hervorragen.</p> + +<p>»Da ist Land — da ist Land!« jubelte es in dem Augenblick +vom Deck, als ob die Leute in der That geglaubt hätten +daß Amerika im Wasser liege — »da sind Bäume, da ist Gras. +Hurrah für Amerika.«</p> + +<p>»Hurrah für Amerika!« jauchzte das Schiff nach und die +Matrosen des Schleppdampfers hatten Nichts dagegen in den +ihrer eignen Heimath gebrachten Jubelruf mit einzustimmen.</p> + +<p>Es war indessen ziemlich spät am Tag geworden; während +das Ufer aber zu beiden Seiten einen festeren Charakter +annahm, mit hohen Bäumen besetzt und nur noch hie und da +von Schilf durchwachsen, ließen sich noch immer keine menschlichen +Wohnungen, hie und da eine kleine unansehnliche Hütte +abgerechnet, erkennen; das Land schien eine unbewohnte Wildniß, +die von den Passagieren schon mit Bären, Panthern und +Büffeln belebt wurde, und die cultivirte Gegend lag jedenfalls +noch <span class="wide">weiter oben.</span> Einzelne Schiffe begegneten ihnen jedoch +jetzt, und zweimal sogar eine ordentliche kleine Flotte, von einem +einzigen Dampfer stromab bugsirt, der an jedem Bord ein +großes Schiff führte, und drei kleinere noch hinten an langen +Leinen im Schlepptau hatte. Auch kleine Küstenfahrzeuge segelten +und ruderten auf dem Strom, manche von ihnen mit +farbigen Leuten bemannt, ihre kleinen Fahrzeuge bunt bemalt, +und herüber und hinüber kreuzend gegen die starke Strömung +des »Vaters der Wasser«.<a href="#g3fn3"><small><sup>3</sup></small></a><a name="g3fn3r" id="g3fn3r"></a></p> + +<p>Aber die Sonne neigte sich ihrem Untergang, und was +Manchem von ihnen schon auf der See aufgefallen war, die +kurze Dämmerung, machte sich hier, wo sie das schattige Laub +der hohen Bäume an ihrer Seite hatten, nur noch mehr bemerkbar. +Kaum war das Taggestirn hinter dem dunkeln Waldstreifen, +der das jenseitige ziemlich ferne Ufer deckte, verschwunden, +als die Nacht mit einer Schnelle anbrach, von der sie bis +jetzt wirklich keine Ahnung gehabt. Sie hielten dabei dem linken +Ufer des Stromes zu, dort Holz für den Dampfer, dessen +Kohlen auf die Neige gingen, einzunehmen, und die Passagiere +freuten sich schon das Ufer betreten und die wunderliche Vegetation +des neuen Landes beschauen zu dürfen, dessen riesige Bäume +hier alle mit wehendem silbergrauen Moos bis hinab auf den +Grund behangen schienen; doch hatten sie dasselbe noch lange +nicht erreicht, als es schon unter den Bäumen dunkelte und +das Licht der einzelnen dort wie versteckten Hütte, seinen rothglühenden +Schein herüberschickte.</p> + +<p>Das Einnehmen von Holz zeigte mit den tiefgehenden +Schiffen seine Schwierigkeit, da der Dampfer mit diesen nicht +so dicht an Land fahren konnte, und die Capitaine nicht gern +vor Anker gehen wollten. Der Eigenthümer des Holzes war +aber schon darauf eingerichtet, und hatte eine Anzahl Klafter +in einem niederen und sehr breiten Boote mit flachem Boden +aufgestapelt, mit dem er, auf den Anruf des Capitains eine +Strecke in den Fluß hinaus fuhr und sich queer vor dem Bug +des Dampfers legte. Von hier aus wurden die Scheite, während +die Maschine wieder an zu arbeiten fing, und alle vier +Fahrzeuge doch wenigstens gegen die Strömung stemmte, rasch +an Bord geworfen, die Taue der Haidschnucke aber dann gelößt, +damit das entladene Holzboot zwischen ihnen durch mit +der Strömung zurücktreiben konnte, und der Schleppdampfer +setzte seinen Weg jetzt wieder, in der Nacht ziemlich die Mitte +des Stromes haltend, den zahlreichen im Flußbett angeschwemmten +Stämmen auszuweichen, langsam fort.</p> + +<p>Es war ein wundervoller Abend, der Mond hob sich, als +sie kaum eine Stunde gefahren waren, über die Bäume, und +goß sein silbernes Licht auf den breiten Strom, und die Passagiere +der verschiedenen Schiffe hatten sich vorn auf Deck gelagert, +und sangen wechselsweise in volltönenden oft harmonischen +Chören ihre heimischen Lieder, die meist ernsten, schwermüthigen +Inhalts gar wunderbar ergreifend über den stillen +Strom klangen.</p> + +<p>Frau von Kaulitz hatte unter der Zeit versucht ihre gewöhnliche +Whistparthie zu Stande zu bringen, heute jedoch nicht +einmal Herrn von Benkendroff bewegen können daran Theil +zu nehmen, und saß jetzt, eine Patience legend, allein in der +Cajüte. Es war ihr ein verlorener Abend den sie ohne Karten +zubrachte. Die übrigen Passagiere saßen und standen in +schweigenden Gruppen auf dem Quarterdeck umher, oder flüsterten +leise mit einander, so eigen berührt waren sie selber von +den heimischen Klängen denen sich das Herz, mag es das Vaterland +noch so lang verlassen und es fast vergessen haben, doch +nie verschließt.</p> + +<p>Es liegt ein eigener Zauber in den Tönen die wir als +Kind gekannt, geliebt, und die nicht selten schon Wurzel in der +Kindesbrust geschlagen. Alte Gedanken, liebe und trübe Erinnerungen +wecken sie dann wo wir sie wieder hören, und das +Herz lauscht ihnen wollte selbst das Ohr den lieben Lauten den +Eingang weigern.</p> + +<p>»Wie das so reizend klingt auf dem stillen Strome« sagte +Marie, die den Arm um der Schwester Schulter gelegt, neben +Clara und Hedwig unfern der Quarterdeckstreppe stand, und +nach dem Mond hinüberschaute — »ich könnte den Liedern +die ganze Nacht lauschen, und doch habe ich sie schon so oft, +so oft gehört.«</p> + +<p>»Das ist es ja gerade was sie uns so lieb macht« lächelte +die Schwester sich freundlich zu ihr neigend — »weißt Du noch +wie wir daheim in unserem Gärtchen saßen, und die Zimmerleute +unten vom Bauplatz, Abends, wenn sie an unserer Mauer +vorbei zu Hause gingen all diese Lieder sangen, und wir sie +weit weit noch hören konnten durch den stillen Abend.«</p> + +<p>»Unser liebes Gärtchen« seufzte leise Marie, und auch der +Schwester Brust hob sich in der schmerzlichen Erinnerung +an das Zurückgelassene, aber sie wollte jetzt nicht jene Bilder +heraufbeschwören und sagte rasch, der Schwester Arm berührend +und dann nach dem Nachbarschiffe hinüber deutend, wo sie eben +wieder ein anderes Lied begannen.</p> + +<p>»Kennst Du das, Marie?«</p> + +<p>»Noah« lachte die Schwester, »Herrn Kellmanns Leiblied, +ei wenn er jetzt bei uns wäre, wie er da einstimmen würde +nach Herzenslust. — Was er jetzt wohl treibt?«</p> + +<p>Anna schwieg und lauschte den Tönen, bis sie in der +Nacht verklungen waren.</p> + +<p>Die Passagiere der Haidschnucke antworteten dem letzten +Lied mit »Schweizers Heimweh«. Wenn aber die einzelnen +Schiffe bis dahin allein gesungen, und so gewissermaaßen +einen Wechselchor gebildet hatten, dessen einer immer erst begonnen +wenn der andere geendet, und dem die Mannschaft des +Schleppdampfers mit lautlosem Schweigen lauschte, so waren +die ersten Töne dieses alten lieben heimischen Sanges kaum +angeschlagen, als das Hamburger Schiff ebenfalls mit einstimmte, +und der volle Chor weich und klagend durch die +Nacht drang.</p> + +<div class="poem"> + <p class="noindent">Herz mein Herz, warum so traurig,<br /> +und was soll das ach und weh,<br /> +S' ist ja schon im fremden Lande —<br /> +Herz mein Herz, was willst Du mehr. + </p> +</div> + +<p>Still und lautlos lauschten die Mädchen den lieben, +schwermüthigen Klängen, und leise, leise, mit kaum bewegten +Lippen fielen sie endlich mit ein in die Melodie, bis sie mehr +Muth gewannen, und mit lauterer Stimme, aber innigem +Gefühl dem Liede folgten. Wie aber der Schluß verklang, +»<span class="wide">doch zur Heimath wird es nie</span>«, schwiegen beide Chöre +— lautlose Stille legte sich über Deck — Keiner hatte mehr das +Herz, nach diesen Strophen noch ein anderes, vielleicht gar +triviales Lied zu beginnen. Dem neuen Vaterland hatten sie +heute ein donnerndes Hurrah gebracht, als sie dessen Flagge +zum ersten Male in der Brise wehen sahen, dem alten brachten +sie das Lied, mit mancher heimlich zerdrückten Thräne, mit +manchem, gewaltsam in die Brust zurückgedrängten Seufzer.</p> + +<p>Auch die Cajütenpassagiere waren recht still und nachdenkend +geworden, Herr von Hopfgarten, der sich anfänglich +mit dem Professor in einen großen ökonomischen Streit eingelassen, +hatte den und die ganze Verhandlung in dem Lied vergessen, +und horchte ihm noch viele Minuten, als es schon +längst in dem Rauschen des Stromes und dem monotonen +Klappern der neben ihnen arbeitenden Maschine verschwommen +war.</p> + +<p>Herr Henkel ging indeß auf der einen, Herr von Benkendroff +auf der anderen Seite des Besahnmastes spatzieren, während +Frau Professor Lobenstein, ihre beiden jüngsten Kinder an +sich geschmiegt am Fuße desselben auf einer Bank saß, und der +Nacht dankte die ihr die einzeln niederrollenden Thränen verbarg +vor dem Auge der Menschen.</p> + +<p>Nur Doctor Hückler lag behaglich der Länge nach ausgestreckt +auf der Scheilichtklappe, dampfte seine Cigarre in den +wundervollen Abend hinein, und trommelte zu den Liedern den +falschen Takt auf dem Holz, auf dem er ruhte.</p> + +<p>Eine Zeitlang hatte ununterbrochenes Schweigen an Bord +geherrscht; es war fast, als ob sich Jeder scheute den Zauber +zu brechen der auf den Schiffen, durch diese einfachen vaterländischen +Weisen heraufbeschworen lag, als plötzlich vom vorderen +Theil der Haidschnucke, ja fast wie von dem jetzt ziemlich +nahen Lande kommend, an das sie das Fahrwasser des mächtigen +Stromes gebracht hatte, der volle glockenreine klagende Ton +einer Nachtigall herüber drang.</p> + +<p>»Was ist das?« rief Marie fast erschreckt auffahrend — +»giebt es hier Nachtigallen in den Wäldern?«</p> + +<p>»Das ist nicht im Wald, das ist an Bord« sagte aber +Anna, sich hoch empor richtend — »doch zum ersten Mal +schlägt sie, seit wir in See sind.«</p> + +<p>»Du lieber Gott, sie hat die nahen Bäume gespürt und +sehnt sich nach dem Lande« sagte Marie tief aufseufzend, — +»ist es uns doch selbst ganz weh und weich um's Herz geworden, +als wir wieder die rauschenden Bäume hörten. Oh weißt +Du, Clara, noch die Nachtigall, die immer so wundervoll vor +Deinem Fenster schlug — aber — um Gottes Willen was ist +Dir — Clara — liebe Clara!«</p> + +<p>Der Ausruf galt der jungen unglücklichen Frau, die schon, +von den heimischen Liedern aufgeregt, nur mit Mühe ihre +Fassung bewahrt hatte, jetzt aber bei der so wohlbekannten so +heißgeliebten Weise der Nachtigall, die mit furchtbarer Kraft +die Erinnerung an die verlassene Heimath — an ihr jetziges +Elend zurückrief in das gequälte Herz, das mächtig ausbrechende +Gefühl nicht mehr zurückdrängen konnte und das Antlitz an +Hedwigs Schulter bergend, heftig weinte. Marie hatte ihren +Arm um sie gelegt und suchte sie emporzurichten und zu sich +herüberzuziehen; sie wehrte ihr leise, behielt aber ihre Hand die +sie wie krampfhaft preßte, in der ihren.</p> + +<p>»Liebe, liebe Clara!«</p> + +<p>»Laß mich, mein liebes Kind — es wird gleich besser +sein« flüsterte die Frau — »nur eine Art von <ins title="original hat Weinkampf">Weinkrampf</ins> +ist's, der wohl mit meinem Unwohlsein zusammenhängt.«</p> + +<p>»So will ich Deinen Mann rufen — es muß doch wohl — «</p> + +<p>»Nein — nein!« rief Clara aber rasch und fast heftig — +»nicht — nein, es ist nicht nöthig« setzte sie langsamer hinzu, +»und wird gleich vorüber gehen ja ist schon vorbei. Mir ist +schon wieder besser Marie, so ängstige Dich nicht meinethalben.«</p> + +<p>»Du solltest doch einmal einen Arzt fragen liebes Herz« +sagte aber auch jetzt Anna, die zu ihr getreten war und ihren +Arm leise berührte »Du siehst seit einigen Tagen bleich und +krank — recht krank aus, Clara, viel kränker wie Du es vielleicht +selber denkst, und darfst nicht zu fest auf Deine, sonst so +kräftige Natur trotzen. Auch das Plötzliche Deines Zustandes +hat etwas beunruhigendes, das nicht vernachlässigt werden darf.«</p> + +<p>»Was kann ihr <span class="wide">der</span> Doctor helfen« flüsterte aber Marie, +von dem, unfern von ihnen ausgestreckt liegenden Stiefsohn +Aesculaps nicht gehört zu werden — »der ließe sie höchstens +zur Ader und erzählte uns bei Tisch wieder ein paar blutige +Geschichten.«</p> + +<p>»<span class="wide">Der</span> Doctor soll ihr auch Nichts helfen« erwiederte Anna, +»aber im Zwischendeck ist, wie mir Hedwig erzählt, ein recht +tüchtiger junger Arzt, der schon viele dort, rasch und anspruchslos +wieder hergestellt, und den zu fragen, da wir ihn doch jetzt +bei der Hand haben, gewiß Nichts schadete.«</p> + +<p>»Nein, nein« bat aber Clara jetzt »ich weiß selber besser, +wie nur ein Arzt, und wäre er der geschickteste, mir sagen +könnte was mir fehlt. Es ist Nichts wie Erkältung mit vielleicht +einiger Aufregung dazu, die mir der Abschied von zu +Hause doch gemacht, und die sich, wenn auch etwas spät, in +den Folgen zeigt. Ruhe ist das Einzige was mir helfen kann. +Laßt mich still meinen Weg gehen, und wenige Tage haben +mich vollkommen wieder hergestellt.«</p> + +<p>»Oh wenn die Nachtigall nur noch einmal schlagen wollte« +sagte Marie — »es war gar so schön — wenn ich nur wüßte +wer sie mit auf See genommen.«</p> + +<p>Während sie sprach war sie vorn an die Reiling des +Quarterdecks getreten, an der Fräulein von Seebald stand und +nach dem Mond hinaufschwärmte. Unten in Sicht auf dem +niederen Deck saß nur eine einzige Person, und das helle Licht +des Mondes fiel voll auf die ebenfalls andächtig erhobenen +Züge des jungen Dichters.</p> + +<p>Der zweite Steuermann kam jetzt von vorn und ging zu +dem, seit das Schiff im Schlepptau hing, befestigten Steuer, +die Taue nachzusehn.</p> + +<p>»Oh wie wundervoll das war« seufzte in diesem Augenblick +Fräulein von Seebald, mit dem Taschentuch eine Thräne +von der Wange entfernend — »wie das Herz und Seele ergreift +und mit den weichen, liebevollen Klängen alle Nerven +nachfibriren läßt.«</p> + +<p>»Ja, Schultze pfeift recht hübsch« sagte der Seemann, +der gerade die kleine Treppe heraufkam und an ihnen vorbei +wollte — »er macht seine Sache ausgezeichnet — es klingt +ordentlich natürlich.«</p> + +<p>»<span class="wide">Wer</span> pfeift recht hübsch?« rief Fräulein von Seebald +entsetzt, die gegen den prosaischen Menschen seit jenem Gespräch +einen Widerwillen hatte, den sie kaum so weit bezwingen +konnte nicht unartig gegen ihn zu sein.</p> + +<p>»Ih nu Schultze« sagte der Untersteuermann lachend — »er +sitzt vorn auf der Back und pfiff wie eine Nachtigall; wie +sie aber von allen Seiten auf ihn zu kamen, schwieg er still +und will das Maul nicht mehr aufthun.«</p> + +<p>»Das war <span class="wide">keine</span> Nachtigall?« rief Marie erstaunt, und +Fräulein von Seebald seufzte nur leise und mit innerster Entrüstung.</p> + +<p>»<span class="wide">Schultze!</span>«</p> + +<p>»Ach das ist der Mann!« rief die lebendige Marie, die +in der neuen Entdeckung bald die Nachtigall vergaß, »von dem +Sie uns erzählten daß er den sonderbaren Glauben hätte, wir +Menschen seien alle früher Vögel gewesen, und meine Mama +eine Nachtigall. Eduard war er schon in Bremen aufgefallen, +wo er sie scharf beobachtet hatte, wahrscheinlich mit der Entdeckung +der Ähnlichkeit beschäftigt.«</p> + +<p>»Jede Enttäuschung schmerzt« sagte aber Fräulein von +Seebald, »und ich hatte mir das schon so reizend ausgemalt, +es war ein so hochpoetischer Gedanke, daß wir in den waldigen +Schatten Amerikas durch eine heimische Nachtigall begrüßt +werden sollten — es ist vorbei — der Traum ist verschwunden +und wir sind erwacht.«</p> + +<p>Ein tief ausgeholter Seufzer vom untern Deck antwortete +—es war Theobald, der ihre Worte gehört und schmerzlich +mit empfunden hatte — er saß still und regungslos, den Kopf +auf die Hand gestützt, an der Nagelbank des großen Mastes, +und wie ihm die dunklen Locken fast unheimlich die bleiche +Stirn umspielten, schaute er voll und lange in den Mond und +nach dem Deck hinauf, auf dem die beiden Damen standen, +und schloß dann die Augen, das Bild in seinem Inneren fest +zu halten.</p> + +<p>Der Untersteuermann kam wieder zurück (Fräulein von +Seebald trat, den Kopf abwendend, von ihm fort) stieg die +Treppe hinunter und wollte eben wieder nach vorn gehn, wo +Leute postirt waren nach etwaigen Gefahren im Strom selber +auszuschaun; da fiel sein Blick auf das bleiche Antlitz des +Dichters und zu ihm hinantretend und ihn derb an der Schulter +schüttelnd rief er gutmüthig:</p> + +<p>»Sie da, Sie wollen wohl ein schiefes Gesicht kriegen, +daß Sie hier im Monde liegen und schlafen.«</p> + +<p>»Ich habe nicht geschlafen — lassen Sie mich zufrieden!« +rief Theobald, entrüstet aufspringend.</p> + +<p>»Nu, nu, Fiepchen biet mi nich« sagte der Steuermann +lachend weitergehend — »es ist doch hoffentlich kein Unglück +geschehn.«</p> + +<p>Marie, die wie Fräulein von Seebald Zeuge der Scene +gewesen <ins title="Original hat waren">war</ins>, lachte heimlich vor sich hin, aber ihre ältere +Freundin sagte seufzend:</p> + +<p>»Das ist ein entsetzlicher Mensch, dieser Untersteuermann, +roh an Geist und Gemüth, wie an Gestalt.«</p> + +<p>»Mich amüsirt er« lachte Marie, »und was kann man +von ihm viel verlangen. Er ist Seemann, und scheint sein +Geschäft aus dem Grunde zu verstehen; daß er derb ist, gehört +mit dazu.«</p> + +<p>»Ich werde schlafen gehn« sagte Fräulein von Seebald — »dieser +Abend hat meine Nerven furchtbar angegriffen, und +eine lange Zeit wird dazu gehören das wieder gut zu machen. +Gute Nacht!«</p> + +<p>Sie sprach die letzten Worte ziemlich laut, und ein Seufzer +klang fast wie antwortend vom Fuß des großen Mast's +herauf. Marie sah sich danach um, aber ihre Mutter rief sie +in dem Augenblick; es wurde feucht an Deck in dem Flußnebel, +und die Damen zogen sich in ihre Cajüten zurück.</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap2" id="kap2"></a>Capitel 2.</h2> +<h3>New-Orleans.</h3> + +<p>Waren die Passagiere der Haidschnucke schon am vorigen +Tage früh aufgewesen, Land zu entdecken, so zeigten sie sich +heute noch viel zeitiger an Deck, denn was sie vom Land gestern +Abend gesehn, hatte ihre Neugierde nur noch mehr und gewaltiger +geweckt. Sehr zum Ärger der Seeleute also, die heute +Morgen das Deck besonders sauber zu waschen hatten und jetzt +die Passagiere überall im Wege fanden, kletterten die meisten +schon mit Tagesanbruch aus ihrer Luke vor, und die Matrosen +theilten manchen Eimer Seewasser mit gut gezieltem Wurf +unter sie aus, wo das nur irgend mit einer Entschuldigung +von »nicht gesehen haben« oder »nicht wissen können« zu ermöglichen +war. Viele staken dabei schon in ihren besten +Kleidern, und Manche bereuten in der That ihren »Sonntagsstaat« +nicht bis zum entscheidenden Augenblick aufgehoben und +solcher Art vier und zwanzig oder gar noch mehr Stunden zu +früh, preisgegeben zu haben.</p> + +<p>Steinert besonders, kam mit seinen weißen Hosen am +schlechtesten weg, denn nicht allein daß ihnen der letzte Tag +an Deck keineswegs zuträglich gewesen, und einige lange und +runde Theerstreifen und Flecken nur zu deutlich die Stellen verriethen, +wo er sich leichtsinniger oder vergeßlicher Weise angelehnt, +nein er bekam auch heute Morgen, als er vor der Cambuse +stand und dem Koch unter falschen Versprechungen eine +vorzeitige Tasse Kaffee abzulocken suchte, einen vollen Eimer +Seewasser angegossen, dessen Urheber sich später allerdings +nicht ermitteln ließ, dessen Wirkung aber total die Frage entschied, +ob er möglicher Weise noch mit der Hose New Orleans +betreten konnte oder nicht.</p> + +<p>Ein leichter dünner Nebel lag übrigens auf dem Wasser, +der die angestrengteste Aufmerksamkeit der Lootsen erforderte, +während er die Ufer bis ziemlich zu den Wipfeln der Bäume +mit einer feinen Art von Hehrrauch füllte. Wie die Sonne +aber höher und höher stieg sanken die weißen Schwaden, einem +Schleier gleich zu Wasser nieder, und die armen seemüden +Auswanderer konnten einen Jubelruf kaum unterdrücken, als, +wie mit einem Zauberschlag die prachtvollste, herrlichste Landschaft +vor ihren Augen lag, die sie sich in dem Schmuck fremdartiger +Vegetation, nur je gedacht.</p> + +<p>Verschwunden war der dunkle Wald mit seinem wehenden +Moos, oder zurückgedrängt wenigstens, weit zurück zu +einem niedern Streifen am Horizont, zu einem Rahmen des +Gemäldes, das sich jetzt ihren Blicken entrollte, und wie aus +dem Boden mit einem Schlage herausgewachsen schien. +Reizende Landhäuser mit wunderlich ausgezweigten Bäumen schauten +mit ihren dunklen Dächern und weißen Mauern, luftigen +Verandahs und kühl verwahrten Fenstern aus dichten Bosquets +blühender Tulpenbäume und fruchtschwerer Orangenhaine +vor, und weite, regelmäßig angelegte Colonieen niederer +aber reinlicher und vollkommen gleichmäßig gebauter Häuser — die +zu den Plantagen gehörenden Negerwohnungen — schlossen +sich ihnen an und trennten sie von weiten wogenden +Zuckerrohr- und Baumwollenfeldern; Schaaren geschäftiger +Neger in ihren weißen Anzügen arbeiteten in diesen, und auf +der breiten Straße, die dicht am Ufer des Stromes hinaufzuführen +schien, rasselten leichte bequeme Chaisen, und gallopirten +stattliche Reiter mit <ins title="original hat breitrundigen">breiträndigen</ins> Strohhüten und leichten lichten +Sommerkleidern auf und nieder.</p> + +<p>Und so belebt wie das Ufer war der Strom; Massen von +kleinen Segelbooten glitten herüber und hinüber zu den sonnigen +Ufern, breite Dampfer schnaubten hinab, die Produkte +des üppigen Landes fernen Zonen zuzuführen, und mächtige +Seeschiffe lagen hie und da am Ufer vor Anker, ja oft mit +Tauen an irgend einen Baum befestigt, am Land hoch aufgestapelte +Baumwollenballen und lange dunkle Reihen von Zucker- +und Syropsfässern an Bord zu nehmen, und zu kälteren Welttheilen +hinüber zu tragen.</p> + +<p>Und daran vorbei keuchte das wackere kleine Dampfboot, +die beiden Kolosse aufschleppend gegen den mächtigen Strom, +und so dicht am Ufer streiften sie nicht selten hin, daß sie die +Neger konnten in den Feldern singen hören, und die weißen +Frauen erkannten, die in luftiger Morgenkleidung auf ihren +Blumen geschmückten Verandas saßen und auf den Fluß und +das rege Leben und Treiben um sich her hinausschauten.</p> + +<p>Die Passagiere der Haidschnucke waren außer sich, und +so niedergeschlagen sie durch den alleinigen Anblick der flachen +Sumpfstrecke an der Mündung geworden, so scharf gingen sie +jetzt, und mit verhängten Zügeln zum anderen Extrem über. +Die Leute sangen und tanzten und schrieen und lachten und +jauchzten, wie ebensoviele dem Irrenhaus Entsprungene, und +jubelten Einer dem Anderen zu, da drüben lägen die Farmen +in die sie jetzt hineinziehn würden, das sei das Land, von dem +der ganze Acker nur 1¼ Dollar koste, und Einzelne redeten +sogar davon sich gleich Papier und Feder und Dinte geben zu +lassen und nach Hause zu schreiben, daß ihr ganzes Dorf nur +gleich herüber käme über's Wasser, und Theil nähme an der +Herrlichkeit.</p> + +<p>Die Oldenburger waren die übermüthigsten, und vorn +auf der Back, wo sie sich auf den Starbord-Anker gesetzt hatten +und einander immer auf neu entdeckte Herrlichkeiten des Ufers +aufmerksam machten, brach sich ihr Jubel endlich in einem +Liede Bahn, das sie schon den ersten Tag auf der Weser einmal +gesungen, dann aber ganz vergessen zu haben schienen, und +dessen Schlußvers, von der ganzen Schaar als Chor gesungen +lautete:</p> + +<div class="poem"> + <p class="noindent"> +»In Amerika können die Bauern in den Kuts-chen fahren<br /> +In den Kuts-chen mit Sammet und mit S-e-i-de.<br /> +Und sie essen dreimal Fleisch, und sie trinken Wein dazu<br /> +Und das ist eine herrliche Freu-i-de!« + </p> +</div> + +<p>Das Wort Kuts-chen sprachen sie dabei so aus, das sie +das s vollkommen vom ch trennten, während das letzte Wort +»Freude« mit aller Kraft der Stimmen herausgeschrieen wurde, +vielleicht den empfundenen Grad von Seligkeit dadurch anzudeuten.</p> + +<p>Je mehr sie sich aber der Hauptstadt von Louisiana, dem +prächtigen New-Orleans näherten, desto lebendiger wurde der +Strom; die Fahrzeuge, welche die Verbindung der einzelnen +kleinen Städtchen und Plantagen mit der »City« unterhielten, +wurden häufiger — Dampffähren kreuzten herüber und hinüber, +eine Anzahl kleiner Segelboote führte die Produkte des +Landes nach der Stadt, und überall an den Ufern, an denen +reizende Pflanzerswohnungen unter Blüthenbüschen und Fruchtbäumen +versteckt lagen, ankerten volle Schiffe, Brigs, Barquen +und Schooner, die letzteren meist mit Negern und Mulatten +bemannt, und die bunten Flaggen im Winde flatternd.</p> + +<p>Aber weiter, immer weiter schnaubte das Boot; hie und +da tauchten weiße Häusermassen auf, aus dunklen Streifen bis +zum Ufer des Stromes reichender Waldung immergrüner Magnolien +und mächtiger Cottonbäume; aber das war noch lange +nicht New-Orleans, — die Villen wuchsen zu Städten an, +und immer noch vorbei schäumten sie, aufwärts, aufwärts den +Riesenstrom, dessen Fluth gewaltige nackte Stämme mit sich +führte, die er sich oben im Norden losgerissen aus ihrem Bett +und sie nun hinabführte dem Golfstrom zu, tausende von Meilen +weit, damit sie der durch den Ocean hinüberwälze, einem +anderen Welttheil zu.</p> + +<p>So kam Mittag heran und ging vorüber, während die +Passagiere schon vollständig seit mehr als vier und zwanzig +Stunden gerüstet an Deck auf- und abliefen, und ungeduldig +den Zeitpunkt kaum erwarten konnten, der ihnen erlauben +würde dieses wundervolle Land zu betreten.</p> + +<p>»Dort liegt New-Orleans!« sagte da der Steuermann, +der vorn auf die Back kam, die dicht gedrängt von Passagieren +stand, nach dem Anker und dessen Befestigung zu sehn. Er +deutete dabei mit der Hand nach rechts hinüber, wo ein weites +dünnes, fast spinnwebartiges Mastengitter den Horizont begrenzte.</p> + +<p>»Wo? — wo?« riefen eine Menge Stimmen durcheinander, +und Einer frug — es war Löwenhaupt — »dort drüben, +wo das lange Staket ist?«</p> + +<p>Der Steuermann warf ihm einen mitleidsvollen Blick zu +glaubte aber schon überflüssig Auskunft gegeben zu haben, und +stieg, ohne irgend eine der tausend an ihn gerichteten Fragen +weiter zu beantworten, wieder an Deck hinunter, nach hinten +auf seinen Posten zu gehn. Aber die Leute bedurften keiner +weiteren Weisung; nur erst das Auge in etwas gewöhnt die +fernen Gegenstände in ihren einzelnen Umrissen von einander +zu trennen, und zu erkennen, unterschieden sie bald selbst klar +und deutlich die Masten unzähliger Schiffe, und Kirchthürme +und Kuppeln, die sich scharf gegen den rein blauen Horizont +abzeichneten, und bald auch den letzten Zweifel zerstreuten daß +sie sich der Stadt, daß sie sich dem Ziel ihrer Reise näherten.</p> + +<p>Von dem Augenblick an schienen aber auch alle Bande +der Ordnung gelößt zu sein und New-Orleans war vergessen, +wie das rege bunte Leben um sie her, an denen noch vor wenig +Minuten ihr Blick mit Entzücken und stummem Staunen +gehangen. <span class="wide">An Land:</span> jeder andere Gedanke erstarb in dem +einen bewältigenden Gefühl, und jeder einzelne Passagier schien +es jetzt ganz besonders und allein darauf angelegt zu haben, +durch Vorziehn seines Koffers wie sonstigen Gepäcks, seiner Kisten +und Hutschachteln, Körbe und Betten, allen Übrigen den Weg +auf das gründlichste zu versperren, und die schon ohnedieß im +Zwischendeck herrschende Confusion zu ihrem möglich höchsten +Grad zu treiben. Vergebens blieb alles Schimpfen und Befehlen +der Steuerleute; vergebens blieben die Flüche und Verwünschungen +der Matrosen, die bald hier bald da über an Deck +geschleppte Kisten und Kasten stürzten und wegfielen, die Passagiere +thaten als ob sie fürchteten man würde sie nicht von +Bord lassen, wenn sie landeten, und nun Alles vorbereiteten +zu schleunigster Flucht. Der Capitain ging endlich sogar, was +er die ganze Reise über noch nicht ein einziges Mal gethan, +zu ihnen, und erklärte ihnen daß es sehr die Frage sei, ob sie +diese Nacht noch überhaupt an Land dürften, denn die Gesundheits-Policey +in New-Orleans visitire erst das Schiff und bestimme +dann, ob den Passagieren eine augenblickliche Landung +gestattet werden könne; sie möchten deshalb sich nicht überall +Platz und Weg verstellen, da zehn gegen eins zu wetten sei, +daß sie Beides noch nothwendig brauchen würden, ehe sie das +Schiff verließen. Niemand glaubte ihm.</p> + +<p>»<span class="wide">Jetzt</span> kommt der alte Hallunke nun wir von Bord +wollen« rief Steinert besonders, doch natürlich erst als der +Capitain außer Hörweite war, »und denkt sich noch beim Abschied +einen weißen Fuß bei uns zu machen; redet süß und +dreht den Kopf bald so, bald so herüber. Er soll zum Teufel +gehn, wir brauchen ihn jetzt nicht mehr, und thun was wir +wollen.«</p> + +<p>Der kleine Dampfer hatte indessen wacker die Strömung +gestemmt, und seine beiden Schiffe dem bestimmten Landungsplatz +merklich näher gebracht. Höher und höher tauchten dabei +die Masten aus dem flachen Lande auf, und dehnten sich in +unabsehbarer Reihe am linken Ufer des Stromes hinauf. +Auch gewaltige Häusermassen wurden sichtbar, die in geschlossenen +Colonnen den Mastenwald umzogen und die untere +Grenze der Stadt, wenigstens eine langgestreckte Reihe von +Häusern die mit ihr in unmittelbarer Verbindung stand, lag +ihnen, wie sie den Strom hinaufschauten, schon gerade gegenüber, +von dort ankernden Schiffen wie mit einem festen Damm +umzogen.</p> + +<p>Clara Henkel hatte indessen eine furchtbare Zeit verlebt, +und mit keinem Herzen, dem sie sich und ihr entsetzliches Schicksal +anzuvertrauen wagte, die Last allein getragen, bis sie drohte +sie zu Boden zu drücken. Mit dem Bewußtsein welches entsetzliche +Verbrechen der Mann verübt, in dessen Hand sie die +ihre am Altar gelegt, war auch der feste unerschütterliche Entschluß +in ihr gereift, von diesem Augenblick an das Band als +zerrissen zu betrachten, das sie an ihn gebunden. Aber was +jetzt thun? — in dem fremden Lande allein und freundlos; +was beginnen, wie handeln? — Zurück zu ihren Eltern kehren? — alle +Pulse ihres Herzens zogen sie dorthin und es blieb +fast kein anderer Ausweg für sie; aber was würde die Stadt +dann sagen, wie würde das müßige Volk die Köpfe zusammenstecken +und lachen und spotten über die »reiche Amerikanische +Braut« die so rasch und allein gebrochenen Herzens zurückgekehrt +in das Haus, das sie in Glück und Glanz verlassen? — Was +kümmerte sie die Stadt, was herzlose Menschen, die +mit kaltem Blut und lachendem Munde Ruf und Glück einer +Welt unter die Füße treten, wenn sie sich eine Viertel Stunde +die Zeit damit vertreiben können, und doch bebte sie davor +zurück — doch malte sie sich mit grausamer Phantasie alle die +einzelnen kleinen Gruppen aus, alle die Märchen und Erdichtungen, +alle die schlauen und nur zu furchtbar wahren Combinationen +die auf ihr Haupt allein dann fallen würden. Und +doch, blieb ihr eine andere Wahl?</p> + +<p>Aber noch eine andere Sorge füllte ihr die Brust — konnte +sie so, unmittelbar in das väterliche Haus zurück? mußte nicht +erst ein Brief wenigstens die armen Eltern vorbereiten auf das +Schreckliche? — Oh wer rieth — wer half ihr da? Und ja, +<span class="wide">ein</span> Wesen war an Bord dem sie ihr Elend klagen, die sie um +Rath um Trost bitten konnte in ihrem Schmerz. <span class="wide">Trost</span>? +allmächtiger Gott wo lag ein Trost für die Vernichtete — doch +Rath, doch Mitgefühl — ein freundlich, theilnahmvolles Wort +als Tropfen Lindrung in das Meer von Jammer. Die wackere +Frau Professor Lobenstein, die sich ihr stets als mütterliche +Freundin gezeigt, der durfte sie vertrauen was sie zu Boden +drückte, was sie nicht mehr allein zu tragen im Stande war, +und ihrem Rath wollte sie folgen — gehorchen wie ein Kind +der Mutter folgt. Aber nicht an Bord ging das an, die einzelnen +Cajütenwände bestanden nur aus dünnen Planken, die +nicht einmal bis oben hinauf fest anschlossen, sondern dort +einen offenen Rand hatten — die Nebencoye konnte jedes gesprochene +Wort verstehn, und auf dem Quarterdeck selbst waren +sie nie allein. Und konnte sie warten bis sie in New-Orleans +gelandet? — wie sollte sie denn von Bord kommen wenn sie +nicht gerade mit Lobensteins das Schiff verließ, und bat sie +diese, sich ihrer Sachen, ihrer selbst anzunehmen, ehe sie sich +der Frau entdeckte, was hätten sie von ihr denken, was ihrem +Gatten gegenüber selber da thun können?</p> + +<p>In Angst und Verwirrung konnte die Unglückliche zu +keinem festen Entschluß kommen, und überließ der Zeit, dem +Augenblick, das Weitere — ja sie fing endlich an, als ihr die +quälenden Gedanken Tag und Nacht das Hirn zermartert hatten, +gleichgültig gegen Alles zu werden, was sie von jetzt ab +noch betreffen konnte. — Das Schrecklichste — das Furchtbarste +war geschehn, was konnte sie noch schlimmer treffen als +<span class="wide">der</span> Schlag. Nur das eine stand fest und unerschüttert in ihrer +Seele — mit <span class="wide">ihm</span> keinen Schritt weiter in diesem Leben.</p> + +<p>Auf dem Schiffe herrschte indessen ein wildes reges Leben; +überall hatten sich kleine Gruppen gebildet, die das Neue, das +sie umgab anstaunten und bewunderten, und einander auf +frisch auftauchende Merkwürdigkeiten mit Hand und Mund +aufmerksam machten. Und wie die Kinder lachten und jubelten +sie dabei, und streckten die Arme danach aus, als ob sie den +Augenblick nicht erwarten könnten, der sie endlich, endlich in +wirklichen Besitz all dieser Herrlichkeiten bringen sollte. Da +gab der Dampfer ein plötzliches Zeichen mit der Glocke, die +Taue an beiden Borden wurden losgeworfen, und das kleine +schwarze Fahrzeug glitt im nächsten Augenblick, seine Wellen +schäumend gegen ihren Bug anwerfend, zwischen den beiden +Kolossen die er heraufführte vor. Zu gleicher Zeit fast sprangen +die Matrosen der beiden deutschen Auswanderer-Schiffe +nach vorn an ihre Anker.</p> +<p> </p> + +<p>»Steht klar da von der Kette — zurück da — fort aus +dem Weg!« schrieen die Seeleute durcheinander, und stießen +die Passagiere die nicht gleich begriffen was sie sollten, und +wem sie eigentlich im Weg standen, unsanft zur Seite; +»Alles klar — laßt los« kreischte eine Stimme und alles +Weitere verschwand in dem Schlag auf's Wasser, den der Anker +that, und dem furchtbaren Gerassel der ihm, durch die Klüsenlöcher +nachsausenden Kette, die gleich darauf um die Ankerwinde +geschlagen das Schiff bis in seinen Kiel hinab erschütterte +und — hielt.</p> + +<p> </p> + +<p>Der Capitain kündigte indessen den jetzt unruhig werdenden +Passagieren an, daß sie hier zu liegen hätten bis das +Sanitäts- und Policeyboot an Bord gewesen wäre, was sehr +wahrscheinlich bald kommen, und ihnen dann völlige Freiheit +lassen würde, so rasch an Land zu gehn wie sie eben wünschten. +Dagegen ließ sich Nichts thun, und die Leute behielten jetzt +wenigstens Zeit sich ihre Umgebung zu betrachten, die sich mannigfaltig +und bunt genug erwieß.</p> + +<p>Auf der Straße die sich dicht am Ufer hinzog, wimmelte +es von Menschen und Wägen; Karrenführer brachten auf +zweirädrigen Karren mit einem kräftigen Pferd bespannt, in +fast ununterbrochenem Zuge Waaren herab gefahren, große +Omnibusse fuhren auf und ab, Passagiere an allen Ecken absetzend +und wieder aufnehmend, Neger mit schweren Lasten auf +den Schultern eilten vorüber, oder standen in lachenden Gruppen +an den Werften. Reiter gallopirten die Straße nieder, +kleine Chaisen und Wägen kreuzten sich herüber, und hinüber, +und Negerinnen mit Körben oder großen Blechkannen auf den +Schultern boten von Haus zu Haus, von Schiff zu Schiff +ihre Waaren feil. Und das laute taktmäßige Singen dort +drüben, mit dem »Ahoy-y-oh!« der Matrosen dazwischen? +Ein Trupp von halbnackten Negern lud dort ein französisches +Schiff mit großen Zuckerfässern, ein Vorsänger gab dabei Takt +und Versmaas an, und während sechs kräftige Burschen mit +dem rollenden Coloß den hohen Damm der das Ufer einfaßte +herunterliefen, den Aufschlag gegen die schräg zum Schiff +emporliegende Planke zu bekommen, tanzten und sprangen die +Neger, das Faß jedoch umgebend, daß sie der geringsten Abweichung +steuern konnten, darum her, und warfen sich dann +alle zugleich, aber immer im Takt ihrer Melodie, und diese +nicht einen Moment unterbrechend, mit den Schultern dagegen, +es eben so rasch die Planken hinauf an Bord zu rollen, +als es den Damm allein herunter gekommen. So geschickt +benahmen sich die Leute dabei, und so anscheinend leicht lief +ihnen das kolossale Faß unter den Händen fort, daß die Arbeit +wie Spiel aussah; hätten sie aber die furchtbar schweren +und nicht einmal ganz gefüllten Fässer, in denen der rohe +Zucker immer wie Blei nach unten fiel, langsam rollen wollen, +kaum doppelt die Zahl würden sie dann an Bord gebracht haben.</p> + +<p>Und wie mit Fahrzeugen belebt war der Strom; wohin +das Auge blickte ein reges Drängen und Treiben von Dampf- +und Segelschiffen, und schwerfälligen breitmächtigen Ruderbooten +und Flößen, die mit der Strömung hinab, tiefer gelegenen +Plantagen oder Ortschaften zuschwammen. Was für +Colosse trug dabei die Fluth und die Deutschen staunten, und +hatten Ursache dazu, als breite Dampfboote den Strom nieder +kamen, die schwimmenden Bergen aufgethürmter Baumwollenballen +glichen, aus denen oben, während sie bis unmittelbar +über die Oberfläche des Wassers reichten, nur eben die beiden +schwarzen qualmenden Schornsteine herausschauten. Ballen +auf Ballen war da gepackt, regelmäßig wie Backsteine in einer +Mauer, von dem Rand des unteren Verdecks gerade und steil +emporlaufend, daß selbst das kleine, vorn oben auf dem höchsten +Deck stehende Lootsenhaus nur eine Öffnung zum Durchschauen +hatte, und Cajüte wie Zwischendeck von einer unerbittlichen +Baumwollenwand umschlossen blieb.<a href="#g3fn4"><small><sup>4</sup></small></a><a name="g3fn4r" id="g3fn4r"></a> Die Erndte +brachten sie nieder aus den reichen Plantagen der südlichen +Staaten, aus Tenessee und Arkansas, Mississippi und Louisiana, +hier in Schiffe gestaut und über die Welt versandt zu +werden, während die gewaltigen Boote schon nach wenigen +Tagen wieder mit Seesalz, Reis, Kaffee und den Produkten +der Tropenländer beladen, ihre Salons und ihre Zwischendecks +mit Passagieren gefüllt, die Rückreise nach den nördlichen +Staaten antraten.</p> + +<p>Aber das nicht allein — gerade auf sie zu kam ein kleiner +scharfgebauter Dampfer, das untere Deck mit Rindern und +Schaafen gefüllt, die in Pensylvanien, zweitausend englische +Meilen von hier entfernt, in voriger Woche eingeschifft wurden +und jetzt bestimmt sind den New-Orleans Markt auf einen +Tag mit frischem Fleisch zu versehn. Die Passagiere der Haidschnucke +hatten übrigens volle Muße dieß Boot zu beobachten, +das dicht an ihnen vorbeilief, eine kleine Strecke weiter dem +Lande zu hielt, sein Boot mit vier Matrosen und dem Steuermann +darin aussetzte, und dann plötzlich die Planken losschlug +die am hinteren Theil oder <i>steerage deck</i> das Vieh +bis jetzt verhindert hatten über Bord zu springen. Es dauerte +auch gar nicht lange, so fingen sich die Rinder, wahrscheinlich +im Inneren gestört, an zu drängen, und kamen der Öffnung +oder dem Bord, der etwa noch immer zehn Fuß über der Oberfläche +des Stromes lag, näher und näher, bis ein Stier, der +die Hörner gegen einen Kameraden einsetzte von diesem zurück +und dem Bootrand zugepreßt wurde, über den er mit den Hinterbeinen +glitt, sich mit den Vorderbeinen, ängstlich brüllend, +noch einen Augenblick hielt, und dann kopfüber in den Strom +hinunterstürzte. Wie er aber wieder nach oben kam, und sich +von dem Boot verhindert sah stromab zu gehn, hielt er rasch +dem Lande zu, wo dieses sich an einer schmalen Stelle zwischen +zwei dort vor Anker liegenden Schiffen zeigte, und das +war gerade der Punkt wohin ihn die Burschen haben wollten, +und wo die Käufer schon eine kleine Umzäunung hergestellt +hatten, die an Land schwimmenden Thiere in Empfang zu +nehmen. Einer nach dem anderen wurde so, wenn sie nicht +gutwillig gehn wollten, von Bord hinuntergeworfen, und +ihnen folgte, als auch der letzte in Sicherheit war, in Masse +die Schaafheerde, der man nur einfach den Leithammel voran +hineinwarf, als sich die ganze Heerde auch in größter Eile +und Hals über Kopf ihm nachstürzte.</p> + +<p>Dieß außergewöhnliche Schauspiel hatte die Aufmerksamkeit +der Passagiere so in Anspruch genommen, daß sie im Anfang +gar nicht bemerkten, wie ein paar Fruchtboote indessen +an das Schiff herangekommen waren und dieses jetzt, mit ihrer +delicaten Last umkreisten. Ziemlich vorn im Boot saß eine +sonngebräunte Gestalt mit breiträndigem Strohhut, nur mit +Hemd und Hose bekleidet und ein buntfarbiges Seidentuch +locker um den Hals geschlagen, in jeder Hand ein leichtes kurzes +Ruder mit denen er das zierlich schlanke Fahrzeug rasch +und behende vorwärtstrieb, und durch die geringste Bewegung +herüber und hinüber lenkte. Von der Mitte des Bootes ab +aber, bis hinten zum Spiegel desselben lagen, in entzückender +Fülle die Schätze der Tropen, wie dieses sonnigen Landes aufgestapelt +und zum Genuß bereit, während in dem Spiegel des +einen Boots ein kleiner Capuziner-Affe, in dem des anderen +ein buntfarbiger Papagei dem reizenden Bild zur Staffage zu +dienen schienen. Duftige Ananas mit den grüngezackten Kronen, +rothbäckige Granatäpfel, goldene Apfelsinen, saftige Pfirsiche, +Cocosnüsse in ihrer braunen Schaale, mehlige Bananen, +mit nordischen Äpfeln und Birnen und schwellenden Trauben, +mit Granat- und Orangenblüthen überworfen lagen in wilder +Mischung bunt und wirr und doch sinnig geordnet, durcheinander, +und die Hände der armen, Salzkost gewöhnten und +gequälten Auswanderer, streckten sich nur soviel sehnsüchtiger +nach den gezeigten Schätzen aus, als fast den meisten die Mittel +fehlten, sich augenblicklich in Besitz derselben zu setzen.</p> + +<p>Kleines Geld — oh wer jetzt kleine Amerikanische oder +Englische Münzen hatte, sich einen Theil des Reichthums da unten +zuzueignen — nur ein einziges Stück den lechzenden +Gaumen zu letzen. Und wie sie durch einander liefen und in +den Taschen suchten, und borgen wollten, Einer vom Anderen, +und Keiner, wie ihnen das wohl auch oft in der alten Heimath +geschehn sein mochte, die landesübliche Münze zu zeigen +hatte. Hie und da tauchte aber doch ein Spanischer Dollar +auf, Früchte <span class="wide">mußten</span> gekauft werden, die erste Landung auch +würdig zu feiern, und der Steward wurde dann ebenfalls +hinunter geschickt, für die Cajüte ein reiches und willkommenes +Desert zur Abendtafel einzukaufen. Die beiden Spanier in +den Fruchtbooten machten glänzende Geschäfte an den beiden +deutschen Schiffen.</p> + +<p>Endlich kam auch das Sanitätsboot und das Schiff +wurde, nach sehr flüchtiger Untersuchung, als vollkommen gesund +erklärt, wie den Passagieren von Obrigkeitswegen gestattet, +sobald sie wollten oder könnten an Land zu gehn. Es +war aber indessen auch beinah Abend geworden, und der Capitain +erklärte seinen Cajütspassagieren daß er selber allerdings +augenblicklich an Land müsse, und gern von ihnen mitnehmen +wolle wer zu gehen wünsche, daß er ihnen aber rathe die Nacht +noch an Bord zu bleiben, und dann morgen früh ihre Ausschiffung +in Muße und mit Ruhe vorzunehmen. Mit den +Zwischendeckspassagieren wurden schon weniger Umstände gemacht, +und ihnen eben nur einfach angekündigt, daß es für +heute zu spät sei sie auszuschiffen, und sie morgen früh, wenn +sie es wünschten mit Tagesanbruch befördert werden sollten. +Übrigens hätten sie heute Abend noch einmal Abendbrod und +morgen Frühstück zu erwarten — wonach zu richten.</p> + +<p>Von den Cajütspassagieren hatten sich aber eben der Professor +und die Herren Benkendroff, Henkel, und der Doktor +entschlossen mit an Land zu fahren, als von dort aus ein +Boot abstieß in dem ein Herr und eine Dame saßen und auf +die Haidschnucke zuhielten. Frau von Kaulitz, die schon seit +einer Stunde ungeduldig auf dem Quarterdeck auf- und abgegangen +war, und diesen Besuch in der That erwartet hatte, +trat an die Reiling und winkte mit dem Tuch, und das Zeichen +wurde von der Dame im Boot, die in großer Aufregung +zu sein schien, beantwortet. Desto ruhiger blieb aber die alte +Dame, die schon an dem Nachmittag ihre Whistberechnung +mit ihren bisherigen Aiden gemacht und ihren Gewinn +eingestrichen hatte, während ihre Koffer gepackt und zum Abholen +fertig standen.</p> + +<p>»Wer mögen nur die Fremden sein die uns dort besuchen +wollen?« rief die lebhafte Marie, die sich nicht satt sehn konnte +an ihrer neuen Umgebung und Augen für Alles hatte, was +um sie her vorging. »Sie kommen wahrhaftig hierher, gerade +auf das Schiff zu!«</p> + +<p>»Das ist meine Tochter, mein Kind« sagte aber die alte +Dame mit unendlicher Ruhe, »die sich vor einem Jahre von +einem jungen Engländer Namens Bloomfield hat entführen +und heirathen lassen, ohne mein Wissen und gegen meinen +Willen. Das junge Ehepaar flüchtete damals nach Amerika +und ich habe ihnen jetzt, da der Mann sonst brav und ordentlich +zu sein scheint und sehr vermögend ist, verziehen und bin +gekommen sie zu besuchen.«</p> + +<p>Es waren dieß die ersten Worte die Frau von Kaulitz je +über ihre Familienverhältnisse, wie überhaupt den Zweck ihrer +Reise geäußert hatte, und Marie blickte lächelnd zu ihr auf, +denn sie konnte natürlich nicht anders glauben, als daß die +alte Dame sich einen Scherz mit ihr mache, obgleich das sonst +nicht eben ihre Gewohnheit war. Sie sah aber auch jetzt so +ernst und trocken aus wie nur je, und hatte noch dazu ihre +Brille aus ihrem großen sammetgestickten Strickbeutel herausgeholt, +die sie aufsetzte und die Herankommenden aufmerksam +und forschend damit betrachtete. Es war eben noch hell genug +die Gesichter unten zu erkennen.</p> + +<p>Das Boot lag jetzt langseit und die alte Dame ging +zweimal auf dem Quarterdeck auf und ab als der Capitain, +der an die Fallreepstreppe getreten war der Dame hereinzuhelfen, +mit den beiden Fremden den Starbordgangweg herauf +kam und sie zur Quarterdeckstreppe führte. Die junge Dame, +ein reizendes kleines zartes Frauchen von vielleicht zweiundzwanzig +Jahren, aber jetzt mit vor innerer Aufregung bleichen +und erregten Zügen, eilte voran, dicht hinter ihr folgte ihr +Gatte, eine ebenfalls noch jugendliche, aber edle, männliche +Gestalt. Frau von Kaulitz war mitten auf dem Deck stehn +geblieben sie zu erwarten.</p> + +<p>»Mutter — liebe — liebe Mutter!« rief die junge Frau, +flog auf die alte Dame zu und barg, der Fremden die sie umstanden +nicht achtend, ja sie wohl nicht einmal bemerkend, +schluchzend ihr Antlitz an ihrer Brust.</p> + +<p>»Mein Kind — mein liebes Kind!« sagte Frau von +Kaulitz, mit einem unverkennbaren Anflug von Rührung und +hob sie zu sich auf, küßte sie und streckte dann ihre Hand dem +wenige Schritte hinter ihr stehen gebliebenen Gatten entgegen.</p> + +<p>»Liebe — beste Mutter!« rief aber jetzt auch dieser, tief +ergriffen ihre Hand fassend und an seine Lippen ziehend — »können +Sie uns verzeihn?«</p> + +<p>»Bst Kinder — keinen Auftritt hier« sagte aber Frau +von Kaulitz, rasch wieder gefaßt, »komm Pauline — komm, +richte Dich auf — sieh nur die fremden Leute hier um uns +her. Ach bitte William haben Sie die Güte und sehen Sie +nach daß meine Koffer und Hutschachteln hinunter in das +Boot kommen.«</p> + +<p>»Ich werde Ihnen das schon besorgen, gnädige Frau« +sagte aber der Capitain freundlich — »ist das all Ihr Gepäck +was hier oben an Deck steht?«</p> + +<p>»Das ist Alles — halt Steward meine Whistmarken liegen +noch unten auf meinem Waschtisch, in dem kleinen grünen +Etui.«</p> + +<p>»Hier Jahn — hier Jacob!« rief der Capitain ein paar +seiner Leute an — »hinunter mit den Sachen da in's Boot — macht +rasch, aber geht mir vorsichtig damit um — hier die +drei Koffer und die drei, vier, fünf Schachteln mit den zwei +Reisesäcken.«</p> + +<p>»Wartet Kinder, meine Marken kommen gleich« sagte +Frau von Kaulitz, als die junge Frau sie unter Thränen lächelnd +noch einmal geküßt hatte und dann mit sich fortziehen +wollte — »apropos William, spielen Sie Whist?«</p> + +<p>»Nein liebe Mutter« — sagte der junge Mann, verlegen +lächelnd über die etwas abgebrochene Frage.</p> + +<p>»Kein Whist?« — rief Frau von Kaulitz, fast erschreckt +stehen bleibend — »wo bekommen wir denn heute Abend den +dritten Mann her? — Pauline spielt.«</p> + +<p>»Mein Compagnon spielt vortrefflich und wird heute +Abend bei uns sein« sagte ihr Schwiegersohn, jetzt wirklich +verlegen.</p> + +<p>»Ah, das ist schön!« rief Frau von Kaulitz, sichtlich beruhigt, +»und nun kommt Kinder — <i>adieu, adieu!</i>« sagte sie +dabei freundlich ihren bisherigen Mitpassagieren, von denen +sie sich in diesem Augenblick wahrscheinlich auf immer trennte, +zunickend — »<i>adieu,</i>« und von dem Capitain geführt, der sie, +jetzt schon wieder in seinen entsetzlichen Schwalbenschwanzfrack +mit den engen Ärmeln hineingezwängt, sehr artig bis an die +Fallreepstreppe begleitete, verließ sie das Quarterdeck.</p> + +<p>Der junge Mann folgte ihr, seine Frau am Arm, die +Cajütspassagiere an denen er vorüberging, freundlich grüßend, +als sein Blick auf den, gerade an Deck kommenden Henkel fiel. +Fast unwillkürlich blieb er einen Moment stehn und sah ihn +starr an, wie es oft geschieht daß uns ein Gesicht plötzlich +auffällt, dem wir nicht gleich Namen und Stelle zu geben +wissen in unserem Gedächtniß. Auch Henkel begegnete, wie +es schien ebenso überrascht dem Blick; beide Männer verbeugten +sich dann leicht gegeneinander und der Engländer verließ, seine +Frau am Arm das Schiff.</p> + +<p>Das Boot stieß ab von Bord, und die beiden Seeleute +die es führten legten sich kräftig in ihre Ruder, waren aber noch +keine vier Längen in den Strom hinausgehalten, als Frau +von Kaulitz ein ängstliches <span class="wide">»Halt«</span> rief.</p> + +<p>»Ach bitte William, ich habe meinen Regenschirm an +Bord vergessen!«</p> + +<p>Der junge Mann, der am Steuer saß, lenkte den Bug +des Bootes rasch wieder herum dem kaum verlassenen Schiffe +zu, an dessen Railing der Steuermann schon stand und mit +einem vergnügten Gesicht — er war an derlei gewohnt — hinunter +rief:</p> + +<p>»Etwas vergessen, Madame?«</p> + +<p>»Meinen Regenschirm — er steht unten in der Coye — schwarze +Seide mit Elfenbeingriff« —</p> + +<p>»Nun natürlich« lachte der Seemann leise vor sich hin, +und rief dann laut — »Steward, den Regenschirm von Frau +von Kaulitz« —</p> + +<p>»Und mein rothsaffian Brillenfutteral muß auch noch +unten liegen!« rief die Dame hinauf.</p> + +<p>»Steward — rothsaffianen Brillenfutteral« repetirte der +Steuermann — »sonst noch etwas, Madame?«</p> + +<p>»Nein — nicht daß ich jetzt wüßte.« —</p> + +<p>Die Sachen wurden durch einen Matrosen, der die Fallreepstreppe +niederlief, hinunter gereicht, und das Boot stieß +zum zweitenmale ab.</p> + +<p>»Liebe Mutter, jener Herr Soldegg, den ich auf dem +Quarterdeck fand, ist doch nicht mit Ihnen von Deutschland, +sondern wahrscheinlich erst hier an Bord gekommen?« frug +der junge Mann die alte Dame, als sie wieder eine kleine +Strecke vom Schiff ab waren.</p> + +<p>»Soldegg? — ich weiß nicht« sagte Frau von Kaulitz, +»ich kenne die Zwischendeckspassagiere nicht, und habe den +Namen nie gehört.«</p> + +<p>»Er sah nicht aus wie ein Zwischendeckspassagier, und +stand auch auf dem Quarterdeck bei den Damen« sagte +Bloomfield.</p> + +<p>»Soldegg — Soldegg? — kenne ich nicht — vom Land +ist aber auch Niemand herüber gekommen, den Steuerbeamten +ausgenommen.«</p> + +<p>»Dort drüben steht er, etwas rechts vom Besahnmast — den +meine ich, der jetzt gerade den Hut aufsetzt.«</p> + +<p>Die alte Dame, die ihre Brille noch aufbehalten hatte, +drehte den Kopf dorthin und sagte dann:</p> + +<p>»Das ist ein Herr Namens Henkel, der sich eine junge +hübsche Frau von Deutschland geholt hat, aber nicht mit ihr +durchgebrannt ist, wie gewisse Leute.«</p> + +<p>»Liebe — liebe Mutter« bat Pauline, tief erröthend, und +die Hand nach ihr ausstreckend —</p> + +<p>»Schon gut, schon gut« lächelte die alte Dame, die Hand +ergreifend und streichelnd —</p> + +<p>»<span class="wide">Henkel?</span>« sagte Bloomfield, dem die eben gesehene +Persönlichkeit selbst in diesem Augenblick nicht aus dem Sinne +wollte — indem er still vor sich hin mit dem Kopf schüttelte.</p> + +<p>»Haben Sie die auffallend schöne junge Frau nicht bemerkt, +die mit auf dem Quarterdeck stand?« frug Frau von +Kaulitz.</p> + +<p>»Dieselbe die so außerordentlich bleich aussah?«</p> + +<p>»Dieselbe — das ist seine Frau — aber nehmen Sie sich +um Gottes Willen in Acht. Sie fahren uns ja mitten auf +das Schiff hinauf!«</p> + +<p>Bloomfield lenkte den Bug des Bootes noch zur rechten +Zeit zur Seite, der Rudernde warf seinen Riemen rasch aus +der Dolle, und das schlanke Boot schoß, den Augen der ihm +nachschauenden Passagiere der Haidschnucke entzogen, zwischen +die dort ankernden Schiffe hinein an Land, wo schon ein leichter +eleganter Wagen sie erwartend hielt.</p> + +<p>Des Capitains Jölle war indessen ebenfalls auf das +Wasser niedergelassen und bemannt worden, und der Capitain +noch einmal in seine Cajüte gegangen seine Schiffspapiere, +die in einer langen, festschließenden Blechbüchse staken, mitzunehmen, +wie Geld und abzugebende Briefe zu sich zu stecken.</p> + +<p>Schon vorher war ein Mauthbeamter an Bord gekommen, +der aber die Koffer der Passagiere, nach flüchtiger Öffnung, +passiren ließ. Einwanderern wird darin viel nachgesehn, +und wo nicht durch zu große Massen oder zu geschäftsmäßige +Verpackung gegründeter Verdacht vorliegt daß sich +Sachen zum Verkauf darin vorfinden, läßt man sie keineswegs +selten uneröffnet, oder wenigstens nach ganz oberflächlichem +Darüberhingesehn, passiren.</p> + +<p>Clara ging, als Frau von Kaulitz das Schiff verlassen +hatte, in ihre Cajüte hinab, wohin ihr, wie des Capitains +Boot auf das Wasser niedergelassen wurde, Henkel folgte.</p> + +<p>»Clara« sagte da ihr Gatte mit leiser unterdrückter +Stimme, als er den kleinen Raum betrat — »ich gehe heut +Abend an Land und kehre vielleicht erst spät, vielleicht erst +morgen Früh zurück. Du wirst wohl thun Alles indeß zu +ordnen daß wir das Schiff dann gleich verlassen können — ich +werde indeß Quartier für uns besorgen.«</p> + +<p>Clara hatte ihn ruhig angehört, aber ihr Körper zitterte +während er sprach und sie brauchte Minuten sich soweit zu +sammeln daß sie ihm nur erwidern konnte, dann aber sagte +sie mit leiser, doch von innerer Heftigkeit fast erstickter bebender +Stimme, indem sie ihm fest und entschlossen in das scheu +abweichende Auge sah.</p> + +<p>»Für uns? für <span class="wide">uns</span>? — unsere Bahnen trennen sich +hier — mein Herr — ich kenne Sie nicht mehr und <span class="wide">wagen</span> +Sie es mich zu zwingen.«</p> + +<p>»Du bist eine Thörin, Clara« — sagte Henkel ungeduldig — »was +helfen Dir die unnützen Reden — wer soll +Dir hier Beschuldigungen, die Du etwa vorbringen könntest, +glauben. Sei vernünftig« setzte er dann ruhig hinzu — »laß +den wahnsinnigen Verdacht, den Du nun einmal kindischer +Weise gegen mich gefaßt zu haben scheinst, fahren, und füge +Dich in das Unvermeidliche. Du kennst die Amerikanischen +Gesetze nicht.«</p> + +<p>»Und <span class="wide">Du</span> wagst es <span class="wide">mir</span> mit dem Gesetz zu drohen?« +rief aber jetzt Clara, in furchtbarer Aufregung selbst den Ort +vergessend an dem sie sich befanden, und wie leicht sie von +Anderen in dem belauscht oder gehört werden konnten was sie +sprachen — »Du zitterst nicht, nur vor dem Namen des Richters, +dem Dein <span class="wide">Kopf</span> verfallen wäre, wenn Gerechtigkeit nicht +eine Lüge hieß.«</p> + +<p>»Du bist wahnsinnig!« zischte der Mann, in scheuer +Furcht daß die Worte draußen zu dem Ohr eines Dritten gedrungen +wären, durch die zusammengebissenen Zähne — »ich +will Dir Zeit geben Dich zu sammeln;« und die Thüre öffnend, +die er wieder hinter sich ins Schloß drückte, verließ er +rasch die Cajüte. Clara aber blieb wie sie der Gatte verlassen, +die Augen in grimmem Zorn fest auf die Thüre geheftet +durch die er verschwunden, stehn und wollte sich dann umdrehen +ihren Sitz wieder einzunehmen. Die Aufregung jedoch +und Alles was das arme Herz in den letzten Tagen bedrängt +und jetzt in furchtbarer Gewalt wieder über sie hereinbrach, +war zu viel für sie gewesen, sie fühlte wie ihr die Sinne +schwanden — sie wollte rufen, aber vermochte es nicht mehr — einen +Moment hielt sie sich an der Coye neben der sie stand, +aber vor ihren Augen dunkelte es, die Cajüte drehte sich mit +ihr und bleich und lautlos brach sie ohnmächtig zusammen.</p> + +<p>»Nun meine Herren, wer mich begleiten will« sagte der +Capitain der wieder in seinen unbequemsten »geh zu Ufer« +Kleidern, mit der »Schraube« auf dem Kopf an Deck stand +und die Arme ausdehnte seinen Ellbogen nur einigermaßen +Luft zu gönnen — »es ist Alles bereit.«</p> + +<p>»Mit dem größten Vergnügen Herr Capitain« rief der +Doktor, der, von Herrn von Benkendroff und dem Professor +gefolgt, voransprang, damit wenigstens nicht auf ihn gewartet +würde. Henkel, eine breite Geldtasche umgehangen stieg langsam +nach.</p> + +<p>»Aber wo ist Ihre Frau?« rief ihm Hopfgarten nach, +»die sollten Sie doch jedenfalls mit an Land nehmen, und +wenn es nur wäre einen kleinen Spatziergang auf festem Grund +und Boden zu machen — die Landluft würde ihr auch gewiß +gut thun.«</p> + +<p>Henkel gab eine ausweichende Antwort, und die Cajütspassagiere +verließen, von ihren Zwischendecks-Reisegefährten +beneidet, das Schiff.</p> + +<p>Die Nacht war indessen vollständig angebrochen, die Cajütslampe +angesteckt und der Thee für die wenigen zurückgebliebenen +Cajütspassagiere, während Herr Hopfgarten die +Honneurs machte, servirt worden.</p> + +<p>»Aber Clara fehlt wieder« sagte Marie, von ihrem Sitze +aufstehend, und an die Thür der Freundin tretend, an die sie +mit dem Finger klopfte — »Clara, der Thee ist servirt, hast +Du die Klingel nicht gehört?« —</p> + +<p>Keine Antwort.</p> + +<p>»Clara — bist Du wieder krank?« frug das junge Mädchen +lauter und ängstlich — Alles blieb todtenstill in dem +kleinen dunklen Gemach, und vorsichtig und leise die Thür +öffnend stieß sie einen Angstschrei aus, als sie die Freundin +ausgestreckt und besinnungslos auf dem Boden ihrer Cajüte +liegen sah.</p> + +<p>Der Schrei machte aber sämmtliche Passagiere von ihren +Sitzen aufspringen und zu ihr eilen, der Steuermann hakte +rasch die in der Cajüte hängende Lampe aus und folgte, und +während Marie und Anna die Ohnmächtige aufhoben, rief +Hopfgarten:</p> + +<p>»Es ist nur ein Glück daß der Doktor nicht an Bord ist« +und sprang, so schnell er konnte die Cajütstreppe hinauf in +das Zwischendeck nieder, dort den jungen Arzt zu ersuchen +einen Augenblick in die Cajüte zu kommen — gleichzeitig rief +er Hedwig, ihrer Herrin beizustehen.</p> + +<p>Die Mädchen hatten indeß die junge Frau auf ihr Bett +gelegt, und ihr das Kleid geöffnet als Georg Donner, von +Hopfgarten eingeführt und von Hedwig gefolgt erschien und +durch leichte Mittel die Kranke bald wieder zu sich brachte. +Schwerer aber wurde es ihm zu bestimmen was ihr eigentlich +fehle, denn ihr Blut ging ruhig, von Fieber war keine Spur, +und ihr Blick doch so stier und dann wieder unstät, wie ängstlich +und scheu nach Jemand forschend den sie zu suchen schien; +das Antlitz dabei so todtenbleich, das Auge eingefallen und +trüb, daß er zuletzt fast fürchtete diese Schwäche sei die Vorbotin +einer größeren, schwereren Krankheit, die noch unausgesprochen +in ihr ruhe. Er bat sie deshalb sich für jetzt nur +ruhig in ihrem Bette, neben dem Hedwig die Nacht schlafen +sollte, zu verhalten, ihm selber aber zu erlauben sie noch einmal +nach Mitternacht zu besuchen etwaigen, dann vielleicht +deutlicher ausgesprochenen Symptomen rasch begegnen zu +können. Die übrige Gesellschaft ersuchte er die Kranke am +Besten sich selber und der Sorge Hedwigs zu überlassen, und +zog sich wieder, nach einem herzlichen Händedruck Hopfgartens, +dem der junge Mann ungemein gefallen, in das Zwischendeck +zurück.</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap3" id="kap3"></a>Capitel 3.</h2> + +<h3>An Land.</h3> + +<p>Die Nacht war still vergangen, die Kranke aber erst mit +anbrechender Dämmerung in einen ruhigen wohlthätigen Schlaf +gefallen, in dem sie der junge Arzt unter <ins title="Original hat keine">keiner</ins> Bedingung gestört +haben wollte. Dazu hätte es aber freilich keinen unglückseligern +Tag an Bord geben können, wie gerade heute, wo das +Schiff mit Tagesanbruch eben an Land gelegt werden sollte, +und die damit verbundenen Arbeiten das ganze Fahrzeug bis +in den Kiel hinab erschüttern machten. Jedenfalls mußte die +Kranke je eher desto besser, an das Ufer geschafft werden, dort +die nöthige Ruhe und Pflege zu erhalten, wo sich hoffen ließ +daß sie sich auch bald erholen würde, und Georg Donner beschloß +deshalb selber mit Herrn Henkel zu reden, sobald dieser +zurück an Bord kommen würde.</p> + +<p>Das geschah bald nach Sonnenaufgang und Henkel, der +aber sehr ruhig über den Fall und fest überzeugt schien, daß +es als ein leichtes Unwohlsein bald vorüber gehen würde, +versicherte ihn er habe schon ihr Quartier und Alles in Ordnung +gebracht, und gab ihm dabei zu verstehn daß ein sehr intimer +Freund von ihm einer der ausgezeichnetsten Ärzte der +Stadt sei, der, sollte das Unwohlsein wirklich bedeutendere +Folgen haben, mit den klimatischen Verhältnissen hier bekannt, +die Kranke bald wieder herstellen würde. Übrigens dankte er +ihm für die seiner Frau geleisteten Dienste und schien einen +Augenblick sogar unschlüssig ob er ihm ein Honorar dafür anbieten +dürfe oder nicht; Donner jedoch, der etwas Ähnliches +fürchten mochte, und zu stolz war seine Hülfe weiter aufzudrängen, +schnitt die Unterredung kurz ab, und rüstete sich jetzt selber +so rasch als möglich das Land betreten zu können.</p> + +<p>An Bord herrschte indessen ein reges, geschäftiges Leben. +Schon mit Tagesanbruch hatten die Seeleute den Anker gelichtet +und zu gleicher Zeit mit dem Boot ein Tau nach dem +nächst liegenden Schiff gebracht, wohin sie sich jetzt mit dem +vorderen Gangspill bugsirten, und um acht Uhr etwa lag die +Haidschnucke mit ausgeschobenen und wohl befestigten Planken, +ihre Fracht und Passagiergüter bequem ausladen zu können, +dicht an der Levée — ein Platz den ich dem Leser später näher +beschreiben werde — und der Vorstadt von New-Orleans, dem +zum großen Theil von Deutschen bewohnten Lafayette gerade +gegenüber. Etwa zwanzig Schritt unterhalb, an derselben +Stelle lief zu gleicher Zeit das Hamburger Schiff an, das mit +ihnen zugleich, und von einem Dampfer geschleppt, aus dem +Golf von Mexico heraufgekommen war. Welche Mühe hatten +sich die Passagiere dabei vorher gegeben dieß Schiff zu betreten; +wie hatten sie den Steuermann und Capitain gequält, +und als es ihnen die nicht erlaubten, geflucht und geschimpft. +Jetzt hätten sie es ungemein bequem haben können, ihre halben +Reisegefährten zu besuchen — jetzt, wunderbarer Weise, dachte +aber Niemand von ihnen mehr daran, auch nur mit einem +Schritt hinüber und an Bord zu gehn, und Jeder drängte und +trieb nur, hinauszukommen an Land, Amerika erst einmal unter +den Füßen zu fühlen, und sich dem wohlthuenden Bewußtsein +hingeben zu können endlich — endlich, nach allen ausgestandenen +und erlittenen Drangsalen und Beschwerden das +heiß ersehnte Ziel <span class="wide">erreicht</span> zu haben.</p> + +<p>Ein Theil der Männer hatte sich übrigens schon mit +Tagesanbruch, und zwar mit dem Boot welches das Tau an +Bord des anderen Schiffes brachte, an's Ufer setzen lassen die +dortigen Verhältnisse von einzelnen, gewiß anzutreffenden +Landsleuten zu erfahren, und sich gleich zu erkundigen ob nicht +irgendwo in der Nähe Arbeit zu bekommen wäre. Sie mußten +doch erst einmal ein Unterkommen für die Familie und ihr Gepäck +haben, wonach sie sich dann weiter und bequemer umschauen +konnten. Unter ihnen waren die Oldenburger, (die +besonders drängten und trieben, damit ihnen »die von dem +Hamburger Schiff« nicht zuvorkämen) Steinert, Löwenhaupt, +Rechheimer, Wald und Eltrich, der ebenfalls ein Quartier +für seine kleine Familie zu suchen hatte, da er beabsichtigte +New-Orleans zu seinem nächsten Wohnsitz und Aufenthalt +zu wählen, und noch einige der Handwerker und Bauern an +Bord. Sie wollten die Zeit benutzen, bis ihre Sachen gelandet +werden konnten.</p> + +<p>Es war noch die frühste Morgenstunde, nichts destoweniger +schwärmte die Levée<a href="#g3fn5"><small><sup>5</sup></small></a><a name="g3fn5r" id="g3fn5r"></a> schon — da in dem warmen Klima +fast alle Geschäfte Morgens beendet werden, von thätigen +Leuten, die sich Alle in größter Eile durcheinander drängten, +und die Neugekommenen kaum eines Blickes würdigten. Schwergepackte +zweirädrige und eigenthümlich gebaute Karren, mit +<span class="wide">einem</span> kräftigen Pferd bespannt, zogen in fast ununterbrochener +Reihe den verschiedenen Schiffen zu oder in die Stadt +hinein, und abgeladene trabten, mit dem Führer vorn darauf +stehend, rasch wieder zurück, neue Fracht zu holen. Kleine +einspännige Milchkarren, mit einer Masse blechener Kannen bepackt, +rasselten über das Pflaster; wunderhübsche Mulatten, +und Quadroonmädchen, schlank und voll gewachsen, mit elastischem +Gang, ein buntfarbiges Tuch kokett um das dunkle +Haar geschlagen, boten Blumen und Früchte aus; Männer +und Knaben, mit Körben und kleine Glaskasten umgeschnallt +in denen eine Masse verschiedener Kleinigkeiten zum Verkauf +auslagen, standen an den Ecken oder wanderten an den +Schiffen entlang, ihre Waaren mit ungemeiner Zungenfertigkeit +und meist in einer schauerlichen Mischung von Englisch-Französisch +und jüdischem Deutsch feil bietend.</p> + +<p>Dann die Kaufläden, die wunderlichen großen Schilder +mit den riesigen Buchstaben, die Heerden von Vieh, die sich, +hier in der Vorstadt, mitten durch die Menschenschaaren drängten, +oder gedrängt wurden, ihrem Bestimmungsort, dem Schlachtplatz +zu, die Masse von Negern und Mulatten, Mestizen, +Quadroonen, mit allen nur erdenklichen Schattirungen von +Weiß und Gelb zu Schwarz und Braun, die eleganten Cabriolets +neben den schmutzigen Marktwägen die Früchte und Gemüse +aus dem Inneren zur Stadt bringen; es war ein Gewirr +von Sachen daß die Einwanderer, von denen sich nur Eltrich +getrennt hatte seine eigenen Geschäfte desto rascher besorgen zu +können, nicht Augen genug zu sehen, nicht Ohren genug zu +hören hatten, und im Anfang wirklich wie von einem wilden, +hirnverdrehenden Traum befangen an der Levée hinauf, der +eigentlichen Stadt zugingen, und herüber und hinüber gestoßen, +denn sie schienen <span class="wide">allen</span> Menschen heute im Weg, endlich +unfern von da stehen blieben wo eine Anzahl Männer und +Frauen, neben aufschichteten Kisten und Koffern auf der Levée +saßen und das Wogen und Drängen der Weltstadt still und +die Hände in den Schooß gelegt, an sich vorüber strömen ließen.</p> + +<p>»Das sind Deutsche!« rief Steinert, mit der Hand nach +ihnen hinüber deutend — »die können uns auch vielleicht Auskunft +geben wohin wir uns am Besten wenden, mitten in die +Stadt zu kommen; wir wollen sie jedenfalls fragen.«</p> + +<p>»Und wo wir hier Arbeit kriegen« sagte da ein Oldenburger, +»Donnerwetter, seit wir hier auf dem Damm herum +laufen ist mir ganz wunderlich zu Muthe geworden; ich glaubte +erst wir würden den Fuß nicht an Land setzen können, ohne +daß die Amerikaner auf uns zukämen, und uns frügen was +wir den Tag oder Monat für Lohn haben wollten, und jetzt +bekümmert sich keine Menschen-Seele um uns, und die Leute +thun gerade so, als ob wir gar nicht in der Welt wären.«</p> + +<p>»Guten Tag Landsleute« sagte Steinert als sie sich den +Leuten näherten, und die Männer und Frauen drehten rasch +den Kopf nach ihm um, und erwiederten den Gruß.</p> + +<p>»Auch erst angekommen?« frug der eine Oldenburger den +ihm nächst sitzenden, einen alten Mann mit braunledernen kurzen +Hosen, baumwollenen langen Strümpfen, eine blaue Jacke mit +bleiernen Knöpfen darauf, weiß und blaugesprenkelte Weste +und eine Pelzmütze auf.</p> + +<p>»<i>Jes</i>« sagte der Mann, »seit gestern Morgen.«</p> + +<p>»Und spricht schon Englisch?« lachte Steinert.</p> + +<p>»<i>Jes</i> a Bisle« sagte der Mann wieder, aber mit einem +wehmüthigen Zug um den Mund, als ob es ihm leid thue.</p> + +<p>»Und weshalb sitzt Ihr hier und verpaßt die schöne Zeit?« +rief Steinert, »oder wartet Ihr auf ein Dampfboot, den Fluß +hinauf zu gehen?«</p> + +<p>»Wir sitzen hier, weil uns der Capitain nicht länger an +Bord behalten und nicht wieder mitnehmen wollte« sagte der +Mann finster.</p> + +<p>»Wieder mitnehmen? — nach Deutschland?«</p> + +<p>»<i>Jes.</i>«</p> + +<p>»Aber um Gottes Willen weshalb?«</p> + +<p>»Weil wir nicht gern gleich die erste Woche verhungern +möchten in Amerika« sagte der Mann und die Frau die neben +ihm saß preßte ihr Kind fester an sich und wandte den Kopf +ab, daß die Fremden die Thränen nicht sehen sollten, die ihr +in den Augen standen.</p> + +<p>»Ist es so schlecht hier?« frug der andere Oldenburger +rasch.</p> + +<p>»Schlecht? — das weiß ich nicht« sagte der Mann — »aber +wir sind unserer sechse gestern den ganzen Tag von +Morgen bis Abend herumgelaufen Arbeit zu suchen und Brod +zu finden, und Niemand hat uns haben wollen, und Geld +haben wir auch nicht mehr uns Provisionen zu kaufen. +Gestern hatten wir noch Schiffszwieback den wir vom Bord +mitgenommen — heute werden wir von den halbfaulen Apfelsinen +und Äpfeln leben können, die die Obstweiber fortwerfen.«</p> + +<p>»Aber sollen denn Eure Sachen hier im Freien liegen +bleiben?« frug sie Steinert kopfschüttelnd; »es wird doch wohl +gewiß Plätze geben wo Ihr die unterbringen könntet.«</p> + +<p>»Ja es gibt so Häuser, die sie hier Bordinghäuser nennen« +sagte ein Anderer — »aber die verlangen gleich Geld, +oder die Sachen in Versatz, weil wir mit Frauen und Kindern +ankamen, und sie die überdieß nicht gern einnehmen wollen. +Das ist nun Amerika — <span class="wide">jetzt sind wir da!</span>« und der Mann +stützte seinen Kopf in beide Hände, holte tief Athem, und sah +still und starr vor sich nieder eine ganze Weile lang.</p> + +<p>»Seid Ihr auch eben erst angekommen?« frug der Erste +wieder.</p> + +<p>»Ja« sagte der eine Oldenburger, aber sehr kleinlaut — +»heute Morgen — vor einer halben Stunde etwa.«</p> + +<p>»Und habt Ihr auch Frauen mit?« frug die eine Frau +mit leiser Stimme, aber es lag ein solcher Schmerz darin, daß +es selbst Steinert unbehaglich zu Muthe wurde, und er rasch +sagte:</p> + +<p>»Ihr müßt nicht verzagen Leute; Wetter noch einmal, +die gebratenen Tauben fliegen Einem nicht in's Maul, und +Ihr sitzt hier gerade so, als ob Ihr darauf wartetet. Ihr seid +gesund und kräftig, und allen Solchen fehlt es in Amerika +nicht, das ist eine allbekannte Sache.«</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 3"> + <tr> + <td align="center"> + <a href="images/il1r.jpg"> + <img src="images/il1r.jpg" height="600" + alt="Illustration Capitel 3" /></a> + </td> + </tr> + <tr> + <td align="center"> + <span class="caption">Capitel 3.<br /> + Click to <a href="images/il1r.jpg">ENLARGE</a></span> + </td> + </tr> +</table> +</div> + +<p>»Wenn man aber nun Nichts zu essen, und auch Niemanden +hat der Einem was giebt?« sagte einer der Anderen wieder. +»Ihr habt klug reden — vielleicht die Taschen noch voll +Geld und keine Weiber und Kinder, aber lauft erst einmal in +der ganzen Stadt in der Hitze herum von Haus zu Haus, und +fragt nach Arbeit, und werdet überall fortgeschickt, und wißt +dann daß Eure Kinder am Fluß sitzen und nach Brod schreien. — Ich +bleibe jetzt hier ruhig hocken,« setzte er dann mit finsterem +Trotz hinzu, »und will eben einmal sehn ob uns die +Amerikaner hier auf der Straße verhungern lassen oder nicht.«</p> + +<p>»Und seid Ihr allein mit dem Schiff gekommen?« frug +ihn Wald, der indessen heimlich in die Taschen gegriffen und +einen halben Dollar herausgenommen hatte.</p> + +<p>»Nein, wir sind ihrer noch mehr« sagte der Erste — »die +Anderen sind wieder ausgegangen heut Morgen und suchen +Arbeit oder Brod — wenn wir nur Milch für die Kinder +hätten.«</p> + +<p>»Da hab' ich gerade vorhin einen halben Dollar auf der +Straße gefunden« sagte Wald, das Geldstück der Frau hinhaltend — »Euch +thuts hier wahrscheinlich mehr Noth, denn +ich habe keine Familie — nehmts!«</p> + +<p>Die Frau zögerte, — die Hand zuckte ihr nach dem Silber, +aber unschlüssig sah sie dabei nach dem Mann hinüber, +ob sie es nehmen dürfe; da warf ihr Wald das Geld in den +Schooß und ging rasch die Straße hinunter, in deren dichten +Getümmel er im nächsten Augenblick schon verschwunden war.</p> + +<p>»Du — hast <span class="wide">Du</span> gesehn daß der Jude den halben Dollar +gefunden hat?« frug der eine Oldenburger den andern leise, +als sie die Straße wieder hinaufgingen.</p> + +<p>»Ne« sagte der.</p> + +<p>»Ich auch nicht — paß man ein Bischen auf, vielleicht +finden wir auch was« meinte der Erste wieder und betrachtete +von da an die Levée mit höchst mistrauischen Blicken.</p> + +<p>Auf Steinert hatte diese Begegnung aber einen höchst unangenehmen +Eindruck gemacht, und Amerika ungemein viel in +seinen Augen verloren. Da waren Leute — gesund, kräftig +und stark, die <span class="wide">Arbeit</span> suchten und keine finden konnten, und +sich vor dem Hungertode fürchteten — zu Hause aber hatten +ihm die Auswanderungs-Agenten ganz andere Geschichten erzählt, +und in Büchern konnte er sich auch nicht erinnern, schon +etwas Ähnliches gelesen zu haben.</p> + +<p>»Verfluchte Geschichte das,« murmelte er dabei vor sich +hin »ich weiß nicht was soll es bedeuten, daß ich so traurig +bin« — »ganz verfluchte Geschichte das. — Aber die Leute +haben keine Empfehlungsbriefe, <span class="wide">das</span> ist die Sache, und keine +Lebensart — wissen sich nicht zu benehmen, nicht in die +Schwächen und Fehler ihrer Mitmenschen zu schicken oder diese +zu benutzen — vertrauen zu wenig auf ihre eigene Kraft — +bitte um Entschuldigung« unterbrach er sich in dem Augenblick +selbst, als er von einem riesigen Irländer, der sich aber nicht +weiter um ihn kümmerte, fast über den Haufen geworfen wurde +— »hm, der Weg war doch breit genug« brummte er dann +hinter ihn her und setzte, immer noch kopfschüttelnd aber doch +jetzt etwas vorsichtiger, seinen Weg in das Innere der Stadt fort.</p> + +<p>Wald hatte sich indeß in das dickste Gedräng geworfen, +wo er plötzlich voll und breit gegen einen hölzernen, mit kleinen +Glasscheiben versehenen Kasten anlief, über dem er zu +seinem nicht geringen Erstaunen ein bekanntes Gesicht entdeckte.</p> + +<p>»Rosengarten — Gottes Wunder wo kommst <span class="wide">Du</span> her?« +rief er überrascht aus, während er den Kasten mit beiden Händen +festhielt und dem Träger desselben, der ihn an ein paar +breiten ledernen Riemen über die Schultern gehängt trug, in +das Gesicht schaute.</p> + +<p>»Wald! als ich gesund will bleiben — <i>tri 'scaleng a piece +trois bits</i> drei Real 's Stück, bester Qualität <i>werry fine +bong!</i>« rief der junge Bursche in einem Athem den Freund +begrüßend und in allen möglichen Sprachen seine Waaren zugleich +ausbietend, keine unnöthige Zeit zu versäumen — »<i>wer +you come from? tri 'scaleng — only tri bits</i> Schentelman, +<i>werry fine bong!</i>«</p> + +<p>»Hallo« — lachte aber Wald in das Gewirr von Ausrufen +hinein, die nicht allein von dem neu gefundenen Freund, +sondern von allen Seiten und allen Arten von Ausrufern und +Ausruferinnen in seine Ohren schwirrten und ihn taub zu +machen drohten »mit mir mußt Du schon noch deutsch reden, +sonst verstehe ich keine Sylbe.«</p> + +<p>»Just <i>from</i> Schermany gekommen?« rief aber der kleine +Jude ihn erstaunt ansehend »und was mache se in Bamberg? +stehen die vier Thirmle noch?« »<i>tri scaleng a piece</i> — <i>only +tri bits, trois scaleng werry bong! who will puy?</i>«</p> + +<p>Wald sah wohl daß mit dem Burschen hier auf offener +Straße, wo er jeden Menschen in Verdacht hatte seine Waaren +kaufen zu wollen, Nichts anzufangen sei, so also, ohne weiter +ein Wort an ihn zu verlieren, kroch er ihm unter dem Kasten +weg, faßte ihn hinten am Rockschoß, und zog ihn, während +dieser noch unverdrossen ausschrie, rückwärts aus dem dichtesten +Gewirr hinaus einer verhältnißmäßig stilleren Straße zu, die +gerade dort wo sie sich befanden auf die Levée ausmündete. +Diese Straße mit ihm hinaufgehend kamen sie bald zu einem +Haus an dem auf <ins title="Orignal hat weißen">weißem</ins> Schild mit grünen Buchstaben +»Deutsches Kosthaus« geschrieben stand, und da Beide noch +nüchtern waren, verständigten sie sich leicht dort hinein zu gehn +und während der Mahlzeit eine Viertelstunde mit einander zu +plaudern. Rosengarten war um so eher damit einverstanden, +als er dabei auch nicht so viel Zeit unnöthig zu versäumen +brauchte, denn essen mußte er doch.</p> + +<p>»Aber um Gottes Willen was hast Du nur heute Morgen +gerade so viel zu thun?« frug ihn Wald — »so früh +wird Dir doch Niemand etwas abkaufen.«</p> + +<p>»So früh?« rief aber der kleine Bursche — »so früh, und +so viel zu thun? — kein Mensch kann das wissen, und Geld +muß der Mensch hier machen, wenn er leben will; jede Viertelstunde +also die man versäumt, macht man kein Geld, und +die ist verloren, kommt nicht wieder.«</p> + +<p>Er kauderwelschte dabei das wenige was er sprach so +furchtbar in dem nichtswürdigsten Englisch und Französisch, +mit sogar einigen spanischen Brocken, wie eben so schlechtem +Deutsch durcheinander, daß sich Wald wirklich die größte Mühe +geben mußte, nur zu verstehen was er im Ganzen sagen wolle, +denn die einzelnen Sätze hatte er schon lange aufgegeben. Der +Bericht aber, den der kleine Bursche von sich selber und seinen +Erfolgen gab, war ungefähr kurz der folgende. Vor kaum +einem Jahr von Bamberg ausgewandert hatte er, hier angekommen, +zuerst Monate lang vergebens gesucht bei irgend einem +Landsmann und Glaubensgenossen in ein Geschäft aufgenommen +zu werden. Was in einem solchen zu thun war, +besorgten die Leute Alles selbst, und als er das letzte Geld, +wenige Gulden die er noch mitgebracht, verzehrt, wußte er in +Verzweiflung wirklich nicht was er beginnen sollte. Ein Landsmann, +den er endlich um Unterstützung anzugehn gezwungen +war, gab ihm kein Geld, sondern <span class="wide">borgte</span> ihm ein Dutzend +baumwollene Hosenträger, mit denen er ihm ganz ernsthaft +rieth ein Geschäft <span class="wide">selber</span> zu beginnen, und er folgte dem Rath. +Die Hosenträger bezahlte er nicht, sondern borgte bei einem +Anderen einige Kämme, Zahnbürsten, Band und Stecknadeln, etc. +Auch diese trugen gute Früchte, und in drei Monaten konnte +er sich einen Glaskasten mit solch werthvollen Gegenständen +anschaffen, daß er sich jetzt zu einem drei Real<a href="#g3fn6"><small><sup>6</sup></small></a><a name="g3fn6r" id="g3fn6r"></a> pro Stück +Krämer emporgeschwungen hatte, und goldene Ringe und Tuchnadeln, +Messer, Dolche, kleine Pistolen, Uhrketten, Ohrringe +und überhaupt Byjouterieen in den Straßen der Stadt, als +wandernder Tabulettkrämer feil bot. Amerika war übrigens +das Land »Geld zu machen« <span class="wide">seiner</span> Aussage nach, und die +Leute die drinnen <span class="wide">hungerten</span>, deren eigene Schuld sei es, +und sie verdienten es eben nicht besser.</p> + +<p>Die Mahlzeit hatte indessen begonnen und Wald fand +sich hier ebenfalls in einer fremden ungewohnten Welt, der das +bisher ertragene Schiffsleben nur einen noch höheren Reiz verlieh. +Der lange Tisch, an dem eine Masse Menschen saßen +und, ohne mit einander ein flüchtiges Wort zu wechseln, ihr +Essen mehr einschlangen als verzehrten, so rasch als möglich +wieder fertig zu werden, die Quantität der Speisen selber, und +frisches Brod, frisches Fleisch, gekochte Eier, und Milch und Zucker +im Kaffee, lauter Luxusartikel die man auf dem Schiff im Anfang +schmerzlich vermißt, und später fast vergißt, daß sie überhaupt +existiren, bis sie mit einem Male sämmtlich wieder in Armes +Bereich auftauchen, hatten einen viel zu großen Reiz für ihn, +nicht selbst seine Amerikanische Zukunft für den Augenblick in +den Hintergrund zu drängen, und als Rosengarten — dem der +Boden unter den Füßen an zu brennen fing, bis er wieder +hinauskam auf den Schauplatz seiner Thaten — ihm die Adresse +des eignen Kosthauses gegeben hatte, wo sie sich heute Abend +wieder finden wollten, und dann fortgeeilt war sein Ausschreien +auf's Neue zu beginnen, blieb er noch eine ganze Weile +an dem Tisch sitzen und gab sich dem behaglichen Gefühl hin, +wieder einmal nach langer Entbehrung, von einem ordentlichen +Stuhl aus seine Beine unter einen Tisch strecken zu können, +auf dem es der Mühe werth war einen Teller stehn zu haben, +und nicht mehr, wie bisher, mit einem Blechnapf voll Erbsen +und einem Stück salzigen Fleisch auf den Knieen so lange zu +balanciren bis das Bischen Essen nur des Hungers, nicht des +Wohlgeschmacks wegen <ins title="Original hat hintergewürgt">hinuntergewürgt</ins> war.</p> + +<p>Von den übrigen Passagieren hatten sich übrigens die +wenigsten schon dem Genuß einer ordentlichen Mahlzeit +hingeben können, denn jetzt auf ihre eigenen Kräfte angewiesen +einen Beginn in dem neuen Land zu finden, mußten sie vor +allen Dingen einen Platz suchen, von dem sie ausspringen +konnten, eine Stelle ihren Hebel aufzulegen für ihre künftigen +Hoffnungen. Das aber war ein schwieriges und wichtiges Geschäft, +da von dem einen Schritt vielleicht ihr ganzes künftiges +Glück oder Unglück abhing, und die Folgen, wie sie den Anfang +nahmen, segensreich oder verderblich werden mußten.</p> + +<p>Professor Lobenstein besonders mit seiner zahlreichen Familie +und den, an Entbehrungen noch nicht gewohnten Frauen, wie +mit einer enormen Masse Gepäck (die ihn doch jetzt etwas besorgt +machte, da er sie von dem Schiff nehmen sollte ohne genau +zu wissen wohin) war gezwungen einen Entschluß zu +fassen, ob er in New-Orleans eine Zeitlang bleiben, oder mit +einem der Flußdampfer, von denen an jedem Tag drei oder +vier, oft noch mehr, stromauf gingen, einem anderen, etwas +mehr nördlich gelegenen Klima zueilen wolle.</p> + +<p>Henkel, dessen Meinung er darüber ganz besonders schon +unterwegs eingeholt, und der außerdem seine eigenen Gründe +hatte den Professor mit seiner Familie so rasch als möglich +von New-Orleans zu entfernen, rieth ihm unbedingt zu dem +letzteren Weg. Louisiana war nicht allein ein Sclavenstaat, +sondern ein fast nur Zucker und Baumwolle zum Export producirendes +Land, in dem sich ein neuer Ansiedler, wenn er nicht +mit bedeutenden Mitteln und mit einer Anzahl Negern auftrat, +den Boden in Angriff zu nehmen, kaum über Wasser halten +konnte. Der Norden bot ihm dafür sicherere Hülfsquellen und +ein besseres, dem Europäer mehr zusagendes Klima, wo sie ihre +eigenen Kräfte verwerthen konnten, und mit einem weit geringeren +Capital im Stande waren zu beginnen. Er hatte ihm +dazu Wisconsin, oder wenn er nicht so weit nördlich gehen +wollte, Illinois, selbst Kentucky oder Missouri vorgeschlagen, +denn trieben die beiden letzten Staaten auch Sclaverei, so waren +doch schon so viele nordische Einwanderer, besonders +Deutsche in ihnen angesiedelt, die ihre eigene Arbeit verrichteten, +daß die eigene Arbeit auch eben mit der Sclavenarbeit concurriren +konnte, während der Ansiedler zugleich in einem nicht +zu kalten Klima, alle Vortheile eines äußerst fruchtbaren Bodens, +und außerdem verhältnißmäßig gesunden Landes genoß. +Selbst Arkansas, obgleich schon etwas nah an Louisiana gelegen, +war da zu empfehlen, noch dazu da dieß junge Land +einmal eine große Zukunft hätte; wolle er aber ganz sicher +gehn und hätte er ein paar tausend Thaler an einen Anfang +zu wenden, so riethe er ihm die mehr östlichen Staaten, Indiana +oder Ohio zu wählen, wo er gewissermaßen schon in +eine civilisirtere Nachbarschaft komme, und nicht mitten im +Wald zu beginnen brauche; Boote für den Ohiostrom gingen +überdieß an jedem Tag ab und er habe die Erleichterung sein +Gepäck, was je eher desto besser geschehe, gleich von Bord der +Haidschnucke fort an Bord des Dampfboots schaffen zu können, +das ihn in die nächste Nähe, vielleicht vor die Thür seiner +nächsten Heimath trüge.</p> + +<p>Es ist immer eine schwierige Sache sich zu der Wahl eines +Platzes zu entschließen, besonders wenn man das Land noch +nicht kennt und Familie hat. Alle Beschreibungen und Schilderungen +die wir da hören und lesen, schwimmen uns in +wüsten, undeutlichen Bildern vor der Seele herum, und dem +Trieb, das eine zu greifen und zu halten, mischt sich die Furcht +— die oft nur zu gegründete — das Alles nicht so zu finden, +nicht etwa wie es erzählt wird, sondern wie wir es uns denken, +und dann einen Schritt gethan zu haben, der eben gethan +<span class="wide">ist,</span> und nicht mehr zurückgenommen werden kann. Der Auswanderer +weiß dabei, daß von diesem Entschluß sein ganzes +künftiges Leben, Glück oder Unglück abhängt; sind dann die +Würfel wirklich in seine Hand gegeben, so zittert er vor dem +Wurf zurück, denn nicht allein seine Kraft und Ausdauer, sein +Fleiß und guter Wille sind es mehr, die hier allein den Ausschlag +geben, nein der Zufall hat viel dabei zu entscheiden ob +er das rechte trifft, und nicht vielleicht später einsehn muß Geld +und Zeit an ein <span class="wide">Experiment</span>, an eine viel zu theuer erkaufte +Erfahrung weggeworfen zu haben, wie gezwungen zu +sein noch einmal, und wie viel schwerer <span class="wide">dann</span>, von vorne zu +beginnen.</p> + +<p>Das Schlimmste dabei ist, daß er sich in Amerika selber +wenig auf den Rath fremder Leute verlassen darf, denn überall +ist er der Gefahr ausgesetzt solchen in die Hände zu fallen, die +eigener Nutzen treibt ihm diesen oder jenen Landstrich ganz besonders +zu empfehlen. Die Leute brauchen nicht gerade selber +irgend einen gewissen Platz verkaufen zu wollen, aber sie haben +meist Alle irgendwo in den Staaten oder Städten der Staate +Land, oder einen Bauplatz, das nur dadurch im Preis steigen +und für sie selber einen Gewinn abwerfen kann, wenn sich eben +andere Ansiedler in dessen Nähe niederlassen, das Land bebauen +und die Produkte durch eine größere Cultur im Werthe steigen +machen. Ihr Rath braucht deshalb nicht schlecht zu sein, aber +die Frage bleibt immer ob der Einwanderer nicht doch noch +einen besseren Platz hätte finden können für seine Niederlassung +— wenn ihm eben nur Zeit gegeben wäre sich den selber zu +suchen.</p> + +<p>Henkel hatte nun allerdings keine solchen Beweggründe, +die ihn trieben dem Professor eine Strecke Landes zu empfehlen, +wenn er auch in ruhigerer Zeit wohl vielleicht nicht versäumt +haben würde die Unerfahrenheit des Fremden zu benutzen. Für +jetzt lag ihm nur Alles daran ihn und seine Familie, an die +sich sein Weib näher angeschlossen hatte als ihm lieb war, so +rasch als möglich von ihr zu entfernen; <span class="wide">wohin</span> er dabei den +Professor mit den Seinen schickte war ihm ziemlich gleichgültig +nur fort mußte er von New-Orleans.</p> + +<p>Der Professor hatte sich aber in seinem ganzen Leben noch +nicht so rath- und thatlos gefühlt als in dem Augenblick, wo +er am vorigen Abend und gleich nach seiner Landung, in Henkels +und seiner übrigen Reisegefährten Begleitung, festen Grund +und Boden betrat, und nun für sich selber <span class="wide">handeln</span> sollte. +So viel hatte er allerdings bis dahin über Amerika gelesen +und studirt, daß er mit größter Leichtigkeit selber hätte eine +sehr ausführliche Abhandlung darüber schreiben können, wie +sich eben der Auswanderer, gleich nach seinem ersten an Land +treten zu benehmen, und welche Schritte er zu thun habe, +am raschesten zu einem günstigen Ziel zu kommen; nun er aber +selber da stand und das auch an sich selber ausführen sollte +was er anderen mit fester Überzeugung gerathen haben würde, +da wirbelte ihm der Kopf von alle dem Neuen, Fremden das +ihn umgab, und er fühlte eine Befangenheit, die er früher +nimmermehr für möglich gehalten hätte, und sich jetzt am allerwenigsten +selber eingestehen mochte. Die Häusermassen schienen +ihn zu erdrücken, die fremde Sprache, deren er Herr +zu sein geglaubt, und deren Wortgewirr ihm jetzt die Ohren +mit einem Chaos von unbegriffenen Tönen füllte, machte ihn +schwindeln, der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, und er +mußte mehrmals stehen bleiben um Athem zu schöpfen und +sich zu besinnen was er eigentlich wolle, was ihn hierher +geführt.</p> + +<p>Die übrigen Passagiere zerstreuten sich indessen bald nach +verschiedenen Richtungen, mehr ihrer Neugierde, als irgend +einem bestimmten Geschäft nachgehend, und der Professor zitterte +wirklich schon vor dem Augenblick, wo er sich selber überlassen +bleiben würde, wenn er sich gleich noch immer nicht gestehen +wollte, daß es doch ein ganz anders Ding um die Praxis +als die Theorie sei. Ein Stein fiel ihm da vom Herzen, als +sich ihm Henkel, wenn er irgend ein bestimmtes Ziel vor Augen +habe, zum Führer in der ihm wohlbekannten Stadt anbot, und +er hing sich ordentlich krampfhaft an dessen Arm, als ob er +fürchte daß er ihm wieder entschlüpfen könne.</p> + +<p>Henkel ersah bald seinen Vortheil; der Professor war ihm +unter den Händen wie weiches Wachs geworden, und verlangte +schon gar keinen Rath mehr, sondern nur eine bestimmte Richtung +von Jemand angegeben zu bekommen, der er, scheinbar +freiwillig, folgen könne. Der junge Mann erzählte ihm jetzt +von seinem früheren Aufenthalt in Indiana, welch gesundes, +vortreffliches Land dort liege, wie er selber da viele Freunde +habe und diesen Staat, so er sich dazu entschließen könnte +Ackerbau zu treiben, jedenfalls zu seinem bleibenden Wohnsitz +wählen würde, und wußte die Vortheile desselben, die glückliche +Lage, die ausgezeichneten Communicationsmittel, die Produktionsfähigkeit, +die reizende Scenerie, die fleißigen stillen Menschen +dort mit solch lebendigen Farben zu schildern, daß es dem +Professor nach und nach wie eine Last von der Seele rollte, +und er freier, fröhlicher zu athmen begann. Eine Stunde später +hatte er denn auch richtig — wenn auch noch keine Farm gekauft, +denn ein gewisser glücklicher Instinkt ließ ihn davon zurückschrecken +baar Geld aus den Händen zu geben, ehe er mit +eigenen Augen sähe was er dafür bekäme, aber doch einen +Empfehlungsbrief an einen bedeutenden Kaufmann in Grahamstown +am Ohiofluß, Staat Indiana, in der Tasche, und sogar +höchst unnöthiger Weise schon seine Passage für sich und die +Seinen an Bord des Dampfers Jane Wilmington bezahlt, der +am nächsten Morgen um zwölf Uhr nach Cincinnati bestimmt, +die Levée von New-Orleans verlassen sollte, und ihn in Grahamstown +absetzen konnte.</p> + +<p>Seine Aussichten hatten sich dadurch nicht um ein Jota geändert +oder gebessert, er wußte so wenig von seinem künftigen Schicksal +als vorher, und der Ort Grahamstown klang ihm so fremd +und unbekannt, wie es jedes andere kleine Städtchen des ungeheueren +Reiches gethan haben würde; aber von dem Augenblick +an wo er ein festes Ziel bekommen hatte, dem er von +jetzt an zustreben durfte, von dem Moment wo ihm, ob durch +fremden Einfluß oder eigenen Entschluß, ein bestimmter Punkt +gegeben worden, den er für jetzt nur zu erreichen, und dann +auf dem Begonnenen weiter zu bauen hatte, fühlte er plötzlich +eine Zuversicht und Sicherheit in seinem ganzen Wesen, wie +er sie seit langen Jahren selbst nicht gekannt. Er war nicht +mehr fremd in Amerika — er gehörte nach Grahamstown im +Staat Indiana an dem Ohiofluß, er konnte mit dem Finger +auf der Karte genau die Stelle bezeichnen wohin er wollte, +und der Schritt mit dem er gegen zehn Uhr Abends an Bord +zurückkehrte, schwankte nicht mehr und zögerte unschlüssig, wie +wenige Stunden vorher, als er das Land zuerst betreten hatte, +sondern war leicht und elastisch geworden, wie in früheren, +glücklicheren Tagen.</p> + +<p>Eine einzige Schwierigkeit blieb jetzt noch zu überwinden, +und zwar das Gepäck sämmtlich vor der bestimmten Abfahrt +des Dampfbootes aus dem unteren Raum herauf und an +Land zu bringen, wo es auf Karren dann leicht nach der fast +drei englische Meilen weiter oben liegenden Dampfbootlandung +geschafft werden konnte. Der Steuermann aber, an den er +sich deshalb noch gleich an dem Abend wandte, glaubte ihm +das versprechen zu können, da es ziemlich oben auf, und zwar +alles zusammen unter die Vorderluke gestaut war, und wenn +die Leute mit Tagesanbruch daran begannen, und der +Professor eben keine weiteren Schwierigkeiten mit den Mauthbeamten +hatte, so ließ sich das schon bis zu der bestimmten +Zeit in's Werk richten.</p> + +<p>Henkel war, wie schon vorerwähnt, erst am frühen Morgen +an Bord zurückgekehrt, wo er jetzt freilich mit Ungeduld +den Aufbruch der übrigen Passagiere erwartete. Er fürchtete +nicht mit Unrecht daß Clara sich ernstlich weigern würde nach +dem Vorgefallenen mit ihm zugleich das Schiff zu verlassen, +mehr als das aber noch, daß sie sich irgend Jemanden, und +von allen vorzüglich der Frau des Professors anvertrauen, und +eine Sache zur Sprache bringen könne, die jetzt — was auch +immer später geschehen mochte — jedenfalls noch Geheimniß +bleiben mußte. Daß etwas derartiges noch <span class="wide">nicht</span> geschehen +sei, konnte er leicht aus dem freundlichen, unbefangenen Wesen +der übrigen Frauen entnehmen; es zu verhindern daß es jetzt +noch, im letzten Augenblick, geschehen könne, mußte seine +Hauptsorge sein. Ebenso hatte er aber auch die Waaren, die +unter einem falschen Namen verschifft worden, in Sicherheit +zu bringen, war das geschehen konnte er jeder etwaigen Anklage +lachen; er selber war zu bekannt auf dem Terrain, auf +dem er sich jetzt befand, etwas für seine persönliche Sicherheit +fürchten zu dürfen.</p> + +<p>Das Anholen des Schiffes an die Landung nahm allerdings +eine ziemliche Zeit in Anspruch, und die übrigen Passagiere +wenigstens ein großer Theil von ihnen, drängte ebenfalls +seine Sachen aus dem unteren Raum zu bekommen, das +Schiff zu verlassen; Professor Lobenstein hatte aber das +Versprechen des Steuermanns, und die Leute, denen er ein tüchtiges +Trinkgeld zusagte wenn sie sich beeilten, arbeiteten »<i>with +a will</i>« wie sie an Bord sagen, und Kiste nach Kiste, Koffer +nach Koffer entstieg dem dunklen Raum, und wurde an Deck +gehoben, rasch geöffnet, von dem Mauthbeamten flüchtig angesehn, +wieder zugeschlagen und über die ausgeschobenen Planken +an Land geschafft. Die Effekten waren für eine Farm in's +Innere, für eine große Familie und eigenen Gebrauch bestimmt; +neue Sachen ebenfalls nicht dabei, lagen wenigstens nicht oben +auf, und die Steuerbeamten hatten mit der <span class="wide">Fracht</span> schon genug +zu thun, sich eben mit <span class="wide">Passagiergut</span> viel abzugeben.</p> + +<p>Um elf Uhr war sämmtliches Gepäck des Professors, dem +sich von Hopfgarten angeschlossen und ihm erklärt hatte die +Reise nach Indiana in seiner und seiner Familie Gesellschaft +machen zu wollen, gelandet und revidirt, und zum großen Theil +auch schon auf den dort gebräuchlichen <i>drays</i> (zweirädrigen +Karren mit einem Pferd) abgegangen, an Bord der Jane +Wilmington geschafft zu werden. Henkel drängte aber jetzt +den Professor, seine Familie hinauf zu führen sich dort an +Bord einzurichten, und zugleich mehr Sicherheit zu haben daß +der Dampfer wirklich nicht eher abführe, bis sämmtliches Gepäck +auf ihm eingeladen sei; Eduard konnte indeß bei dem +kleinen Rest der Sachen zurückbleiben, und mit der letzten Ladung +nachfolgen.</p> + +<p>Die Damen hatten ihre Sachen schon voraus geschickt, +und hielten es ebenfalls für nöthig daß sie sich dort ihre Coyen +vor Abfahrt des Bootes ein wenig einrichteten. Allerdings +bedauerten sie, so nahe an New-Orleans nur eben <span class="wide">vorbei +zu gehen</span>, ohne mehr von der Stadt zu sehn als die dem +Wasser zunächst gelegenen Häuser, der Professor tröstete sie +aber damit daß sie, wenn ordentlich eingerichtet, leicht einmal +eine Vergnügungstour hierher machen konnten, wo sie täglich, +an ihrem Hause vorbei, drei-, viermal Schiffsgelegenheit haben +würden. Dann waren sie auch im Stande das Leben in New-Orleans +mehr zu genießen als jetzt, wo sie die Sorge um ihre +nächste Zukunft, ihre nächste Heimath doch nicht ruhig ließe, +und außerdem der Aufenthalt in einem Hotel, zu dem dann +erst ihre sämmtlichen Sachen geschafft werden mußten, ein +böses Geld gekostet hätte.</p> + +<p>Henkel hatte indeß einen viersitzigen Wagen besorgt der, +von einem Mulattenknaben gefahren, dicht unter der Levée +herankam und den ausgeschobenen Planken gegenüber hielt.</p> + +<p>»Aber wir müssen erst von Clara Abschied nehmen« sagte +Marie, als der Vater sie rief und aufforderte sich zu eilen, +damit der Wagen nicht so lange zu warten brauche — »lieber +Gott es ist so traurig genug daß wir sie jetzt krank zurücklassen, +und ihr nicht beizustehen suchen in dem fremden Land.«</p> + +<p>»Ich sagte ihr gern Adieu« versicherte die Frau Professorin, +»wenn ich nicht fürchtete sie vielleicht gerade in ihrem +jetzigen Zustand noch mehr aufzuregen.«</p> + +<p>»Sie würden mich unendlich verbinden« erwiederte Henkel +mit einem bittenden Blick auf die alte Dame, »wenn Sie +Alles vermieden Clara zu beunruhigen; sie ist so nervös, daß +das Geringste sie in Thränen ausbrechen macht.«</p> + +<p>»Aber ich begreife nicht was ihr um Gottes Willen so +plötzlich kann zugestoßen sein« sagte Anna — »Clara war, so +lange ich sie kenne, stets so gesund und wohl, und heiter und +vergnügt, und jetzt auf einmal ist sie in einem Zustand von +Schmerz und Aufregung, den ich mir nicht zu erklären weiß.«</p> + +<p>»Laß nur mein Kind« sagte die Frau Professorin freundlich, +»das wird, und hoffentlich bald, vorübergehn. Gern +hätt' ich sie freilich selber noch einmal gesehen, Herr Henkel +hat aber ganz recht, wir vermeiden am Besten jede Aufregung, +und ich bitte Sie nur Ihre liebe Frau noch recht herzlich von +uns zu grüßen, und ihr alles Gute und Liebe zu wünschen +was sie sich nur selber wünschen kann.«</p> + +<p>»Die Jahreszeit ist noch früh und der Herbst bringt gewöhnlich +das schönste Wetter in Nordamerika, oft bis tief in +December hinein« sagte Henkel rasch und freudig, »hat sich +dann Clara erholt, und erlauben es nur irgend meine Geschäfte, +wie ich nicht den mindesten Zweifel habe, dann besuchen +wir Sie, vielleicht eher als Sie glauben, auf Ihrer +Farm. Ich kenne die Gegend wohin Sie ziehen, und werde +Sie dort schon finden.«</p> + +<p>»Oh das wäre herrlich, das wäre wunderhübsch« rief +Anna — »Clara wird gewiß recht bald besser werden.«</p> + +<p>»Aber ohne ihr Adieu zu sagen gehe ich nicht vom Schiff« +rief Marie jetzt entschlossen — »ich will sie nicht stören — +wenn sie schläft, sie nur leise küssen — nur ihre Hand wenigstens +— sie braucht auch gar nicht zu wissen daß wir fortgehn, +aber sehn muß ich sie noch einmal; ich habe eine Angst, +der ich nicht Worte zu geben vermag, und weiß gewiß, ich +würde nicht froh werden, hätte ich sie so ohne Abschied zurückgelassen.«</p> + +<p>»Du bist ein Kind« sagte die Mutter freundlich, »so geh, +wenn es Dir Herr Henkel erlaubt, und grüße und küsse sie von +uns; aber bleib nicht lange« setzte sie rasch hinzu, »denn der +Vater winkt dort schon wieder vom Land, und wir wollen indessen +hinuntergehn, und uns in den Wagen setzen.«</p> + +<p>Henkel biß sich die Unterlippe; der letzte Moment noch +konnte vielleicht Alles verderben, aber er durfte dem jungen +Mädchen auch die Erlaubniß nicht weigern, und sie deshalb +nur noch bittend, Alles zu vermeiden was die Kranke auch +nur im Geringsten erregen konnte, stieg er ihr voran, in die +Cajüte hinunter.</p> + +<p>Clara war erwacht — sie lag, völlig angezogen in ihrer +Coye, mit Hedwig, an ihrer Seite knieend, als Henkel dieselbe +leise öffnete, hinein sah und dem jungen Mädchen dann +den Vortritt ließ.</p> + +<p>»Clara — meine liebe, liebe Clara wie geht es Dir?« +rief Marie auf sie zueilend, und den Arm um ihren Nacken +legend — »Du siehst besser aus heute Morgen, und gewiß +wirst Du Dich jetzt recht bald und schnell erholen, wenn Du +nur erst einmal festes Land betrittst. Die alte häßliche Seefahrt +hat so lang gedauert.«</p> + +<p>»Du gehst an Land?« frug Clara rasch und wie erschreckt, +die Freundin mit ihrem Arm leise von sich drückend, ihren +reisefertigen Anzug zu betrachten — »Du gehst fort von hier — +und — und Deine Mutter auch?«</p> + +<p>»Nein, Clara noch nicht mein Herz — wir bleiben noch +kurze Zeit zusammen« erwiederte Marie, aber sie mußte sich +zwingen daß sie die Thränen zurückdrängte, die ihr in's Auge +pressen wollten.</p> + +<p>»Wo ist Deine Mutter?« frug Clara, noch immer nicht +beruhigt — »bitte sie zu mir zu kommen ich — ich möchte sie +sehen.«</p> + +<p>»Du darfst Dich jetzt nicht aufregen mein Herz« antwortete +das junge Mädchen ausweichend — »nachher, wenn +Du wieder wohl und auf bist — ich soll Dich jetzt von ihr +grüßen und küssen.«</p> + +<p>»Weshalb kommt sie nicht selber? — sie ist fort!« rief +die Kranke und suchte sich selbst emporzurichten.</p> + +<p>»Quäle Dich nicht mit solchen Gedanken, Clara — was +hast Du nur?«</p> + +<p>»Fräulein Marie sollen nach oben kommen — der Wagen +wartet« rief in dem Augenblick der Steward in die Cajüte +hinunter.</p> + +<p>»Der Wagen? — was für ein Wagen?« rief Clara, +rasch aufmerksam geworden, indem sie versuchte ihre Coye zu +verlassen. Marie verhinderte sie daran.</p> + +<p>»Bleibe liegen mein süßes Herz« bat sie in Todesangst, +»bleibe liegen — ich muß jetzt fort; bald — bald komme ich +wieder — Gott schütze Dich« und ihre Lippen auf die heiße +Wange der Freundin pressend, richtete sie sich rasch empor und +floh aus der Cajüte.</p> + +<p>»Marie!« schrie Clara, die Arme nach ihr ausstreckend — +»ich muß — «</p> + +<p>»Mich <span class="wide">mäßigen</span>« sagte Henkel ernst und finster, der in +diesem Augenblick in der noch offenen Thür erschien und mit +einem warnenden Blick diese wieder schloß.</p> + +<p>»Teufel!« stöhnte die Unglückliche und sank, ihr Antlitz +in den Händen bergend, erschöpft, gebrochen, auf ihr Lager +zurück.</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap4" id="kap4"></a>Capitel 4.</h2> + +<h3>Abschied der Passagiere.</h3> + +<p>Unten am Wagenschlag an der Levée, während Professors +noch auf die zurückgebliebene Marie warteten, stand +Fräulein von Seebald, Abschied von den bisherigen Reisegefährten +zu nehmen, und ihnen das Geleit zu geben, so weit +als möglich.</p> + +<p>»Und was ist <span class="wide">Ihr</span> Ziel hier, mein liebes Fräulein?« +frug die Frau Professorin, als ihr die junge Dame wieder +und wieder, mit Thränen im Auge, die Hand geschüttelt hatte, +»werden Sie in New-Orleans bleiben, oder gehen Sie ebenfalls +in das Innere?«</p> + +<p>»Mein Ziel liegt weit von hier« sagte Fräulein von Seebald +mit dem ihr eigenen Anflug von Schwärmerei, »weit im +fernen Westen, in dem jungen Staate Arkansas, wo noch die +wilden rothen Krieger und Jäger das Land durchstreifen, und +die Büffel und Bären fällen.«</p> + +<p>»Nach Arkansas? — und ganz allein?« rief Anna erschreckt, +»aber was um Gottes Willen zieht Sie dorthin?«</p> + +<p>»Familienbande — die Bande des Herzens« lächelte aber +Amalie, »eine liebe Schwester lebt mir dort, an einen tapferen +Polen, einen Grafen, der sein Vaterland nach jenen unglücklichen +Kämpfen verlassen mußte, verheirathet.«</p> + +<p>»Und wie kommen Sie dorthin?« frug die Frau Professorin.</p> + +<p>»Morgen, wie ich aus den Zeitungen ersehen habe, die +mir der Capitain freundlich mitgebracht hat, geht ein Dampfboot +den Arkansasstrom hinauf, und ihre Heimath ist nur +wenig englische Meilen von dessen Ufern entfernt.«</p> + +<p>»Das nenne ich Geschwisterliebe« sagte die Frau Professorin +freundlich mit dem Kopf nickend, und die Hand der +jungen Dame herzlich pressend — »einen so weiten Weg allein +zu gehn.«</p> + +<p>»Nennen Sie es Eigennutz — Selbstsucht liebe mütterliche +Freundin« rief aber Fräulein von Seebald lächelnd aus — +»das prosaische Leben Deutschlands ekelte mich an, und ich +konnte der Sehnsucht nicht länger widerstehn das freie herrliche +Land selber aufzusuchen, in der die Schwester ihren Herd +gebaut.«</p> + +<p>»Und es geht ihr gut dort?«</p> + +<p>»Gewiß, Graf Olnitzki hat dort eine eigene Farm, und +zahlreiche Heerden — aber sie hat lange nicht geschrieben, und +ich werde sie jetzt überraschen.«</p> + +<p>»Sie weiß gar nicht daß Sie kommen?«</p> + +<p>»Nicht ein Wort.«</p> + +<p>»Das wird ein Jubel sein« sagte die gute Frau — »lieber +Gott, wenn man sich nach so langen Jahren wieder sieht +— wie lebhaft kann ich mir die Freude denken.«</p> + +<p>In diesem Augenblick kam ein kleiner Trupp ihrer Reisegefährten +aus dem Zwischendeck, über die ausgelegte Planke +an Land — sie hatten Neger bei sich die ihr Gepäck trugen.</p> + +<p>Voran ging Eltrich, seine kleine Frau am rechten, sein +Kind auf dem linken Arm, und ihnen folgte ein stämmiger +Schwarzer mit einem großen Holz- und einem kleineren Lederkoffer +mit zwei Hutschachteln und einem Reisesack dem Violinetui +und ihren Betten auf einem zweirädrigen Handkarren — eine +kleine Tasche trug noch Adele am Arm. Als sie an dem +Wagen vorbeigingen grüßten sie freundlich die Damen, und +wandten sich dann der nächsten Querstraße zu, die hinauf in +die Stadt führte.</p> + +<p>»Welch ein liebes freundliches Gesicht die junge Frau +hat« sagte Anna, die den Gruß herzlich erwiedert hatte und +ihnen nachschaute »ein so zartes Wesen und hat die ganze +Reise im Zwischendeck ausdauern müssen — ich habe sie oft +bewundert; und sie war immer froh und heiter.«</p> + +<p>»Ich wäre gestorben«; seufzte Fräulein von Seebald.</p> + +<p>»Da kommen noch mehr Zwischendecks-Passagiere«!« rief +Anna, nach der Planke zeigend, wo in diesem Augenblick Herr +Mehlmeier die Hände in den Taschen, und einen rothseidenen +Regenschirm unter <ins title="Original hat dem">den</ins> linken Arm gedrückt, von einem Mulatten +begleitet, der einen nicht eben schweren Koffer auf der +Schulter trug, leise ein Lied vor sich hinpfeifend die Planke +hinunterstieg, und dicht an dem Wagen <span class="nowrap">vorüberging. —</span></p> + +<p>»Wünsche Ihnen eine recht glückliche Reise meine Damen« +murmelte er dabei mit seiner feinen Stimme, während +er keine Miene verzog und sie eher mit einem Gesicht anschaute +als hätte er <ins title="Original hat sogar">sagen</ins> wollen, »Na <span class="wide">Ihr</span> könntet auch zu Fuße +gehn.«</p> + +<p>»Ist das ein grober Mensch« lächelte die Frau Professorin +hinter ihm her — »sind nun so lange auf <span class="wide">einem</span> Schiff +gewesen, und soweit mitsammen über das Wasser gekommen, +und er grüßt nicht einmal, hat uns auch nie an Bord gegrüßt, +und uns nur immer steif und hölzern angesehn.«</p> + +<p>»Mir war es fast als ob er Ihnen glückliche Reise +wünschte« sagte Fräulein von Seebald — »aber ich konnte es +nicht deutlich verstehen.«</p> + +<p>»Nein gewiß nicht« lachte Anna, »er verzog ja keine +Miene dabei — aber da kommt auch der Dichter — wenn +das sein ganzes Gepäck ist, wird er nicht viel Umstände damit +haben.«</p> + +<p>Es war allerdings Theobald, dem ein junger Mulattenbursch +mit einem sehr schmächtigen gelben Lederkoffer unter dem +linken Arm, und einem kurzen Reisesack auf dem ein Pegasus +gestickt war in der rechten Hand, voran lief. Theobald selber +trug ein pappenes, etwas mitgenommenes Hutfutteral in der +rechten Hand und einen schwarzseidenen Regenschirm mit einem +Fischbein-Stöckchen hineingebunden, unter dem linken Arm, +faßte aber, als er die Damen an der Levée halten sah, seinen +gelben Lastträger hinten in den Bund, daß er ihm nicht in dem +Gewirr von Menschen abhanden kam, und bedeutete ihn mit +nach dem Wagen hinüber zu gehn, und dort zu warten. Er +sprach kein Wort englisch und die ganze Unterhaltung mußte +durch Zeichen geführt werden.</p> + +<p>»Meine Damen, ich habe die Ehre — ich möchte fast +sagen den <span class="wide">Schmerz</span> — mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen« +sagte er, hier angekommen mit einer besonders bedeutungsvollen +Verbeugung gegen Fräulein von Seebald, und einen Ausdruck +in den Zügen, der mehr sagen sollte als die kalten Worte.</p> + +<p>»Und wohin trägt Sie Ihr Flug?« frug Amalie mit einem +leichten, vielleicht kaum bewußten Erröthen.</p> + +<p>»Wohin?« rief Theobald stehen bleibend und in der Begeisterung +des Augenblicks die Hand mit dem Hutfutteral emporhebend, +»in den Strudel der sich hier vor uns öffnet, in die +Charybdis dieses weiten Reichs spring ich hinein, ein kühner +Schwimmer. Ob mich die Wasser tragen werden? — ich weiß +es nicht — ob ich darin untergehe? — « die Hand mit dem +Hutfutteral kam wieder herunter — »wer mag den dunklen +Schleier der Zukunft lüften — nur ein Gott.«</p> + +<p>Er stak fest — die Frauen waren in Verlegenheit was +sie ihm darauf erwiedern, ob sie ihn trösten oder bewundern +sollten, und Theobald selber hatte den Faden verloren, als der +kleine Mulatte beide Theile aus der Verlegenheit riß. Da +dieser nämlich nicht den mindesten Grund sah weshalb er +hier stehn bleiben und seine schöne Zeit versäumen solle, während +er, wenn er rasch zurückkam, leicht noch eine Passagierfracht +von demselben Schiffe aus befördern konnte, so setzte +er plötzlich, ohne weiter auf den Eigenthümer des Koffers +und Reisesacks Rücksicht zu nehmen, seinen Weg queer über die +Fahrstraße fort.</p> + +<p>»Sie da! — Sohn Afrikas — hallo!« rief Theobald, +in der Sorge um sein Eigenthum plötzlich wieder auf die Erde +herabkommend — »hallo da — warten Sie bis ich mit komme!«</p> + +<p>»Sie werden schon eine Laufbahn finden, die Ihrer würdig +ist« sagte mit leisem tröstenden Ton Fräulein von Seebald — der +Koffer drohte aber in dem Gewirr von Menschen zu +verschwinden.</p> + +<p>»Sie werden entschuldigen meine Damen!« rief Theobald, +die Schnur des Hutfutterals in die Finger der linken Hand +pressend, die rechte zum Hutabnehmen frei zu bekommen — »ich +hoffe jedenfalls noch das Vergnügen zu haben Sie wieder +zu sehn« und sich den Hut fest in die Stirne drückend folgte +er raschen Schrittes seinem viel zu eiligen Mulatten.</p> + +<p>Anna lachte, Fräulein von Seebald aber sagte sinnend.</p> + +<p>»Wie wir nun Alle hier, die wir bis jetzt nur einer Bahn +gefolgt, am Scheidewege stehn und hinausziehen nach Nord und +West und Süd und Ost. <span class="wide">Wo</span> werden wir uns wiedersehn, +und wird das überhaupt wohl je geschehn?«</p> + +<p>»Gewiß — und mit Gottes Hülfe froh und glücklich« +sagte die Frau Professorin herzlich — »aber da kommt Marie, +Kind, Kind, Du hast Dich, und wahrscheinlich auch Clara +furchtbar aufgeregt!«</p> + +<p>»Nein, meine liebe Mutter« betheuerte Marie, sich die +großen hellen Thränen aus den Augen trocknend; »ich bin ihr +davon gelaufen, ehe sie nur ein Wort sagen konnte.«</p> + +<p>»Und nun fort!« rief der Professor, der sich bis jetzt von +der Levée ab den Arm fast ausgeschwenkt hatte, die gar zu lang +an Bord zögernde Tochter zurück zu winken »Kinder wir haben +noch furchtbar viel zu thun. Eduard Du besorgst Alles ordentlich +und notirst Dir besonders die Nummern der Karren, +denen Du die Fracht überlieferst, und giebst ihnen jedesmal +den Zettel mit der darauf verzeichneten Anzahl mit; ich denke +zwei Karren werden den Rest bequem mit fortbringen, und +dann kommst Du augenblicklich nach — <i>Jane Wilmington</i>, hier +mit der Adresse der Straße an deren Fuß sie liegt. Ah Fräulein +von Seebald. Sie entschuldigen.«</p> + +<p>»Recht, recht glückliche Reise.«</p> + +<p>»Danke — danke herzlich — Capitain ich sehe Sie noch +ehe das Boot abgeht?«</p> + +<p>»Ich bin gleich oben, habe nur noch etwas mit dem +Steuermann zu reden — auf Wiedersehn. Ich komme dann +gleich mit Herrn Henkel nach.«</p> + +<p>»So Kutscher — wir haben doch Nichts vergessen?«</p> + +<p>»Nein Alles in Ordnung.«</p> + +<p>»Also <i>go ahead</i>! — vorwärts und mit Gott!«</p> + +<p>»Adieu — adieu!«</p> + +<p>Der Wagen bog in die Stadt ein, da an der Levée das +Gedräng der Karren und Fußgänger zu groß war, und fuhr +in scharfem Trabe den nächsten Weg nach der Dampfbootlandung, +während Eduard jetzt rasch das noch zurückgebliebene +Gepäck beförderte, mit dem letzten Karren den Eltern nachzufolgen.</p> + +<p>Der junge Eltrich, der an dem Morgen mit Hülfe eines +mitten in der Stadt aufgegriffenen Deutschen ein kleines Logis +(Stube und Kammer wenigstens) gefunden hatte, war rasch +zurückgeeilt seine Frau und sein Kind aus dem entsetzlichen +Zwischendeck zu befreien. Mit ihrem Gepäck hatten sie, da +Alles oben vor ihrer Coye stand, gar keine Umstände, Lastträger +gab es zu hunderten an allen Theilen der Levée mit +Hand- und Pferdekarren, und so stand ihnen denn Nichts +weiter im Weg das Schiff, wo seine arme Frau besonders +eine schwere Zeit verlebt, so rasch als möglich zu verlassen. +Der Neger kannte übrigens die Straße und das Haus wohin +sie wollten, und als er die Sachen auf seinen Handkarren geladen, +nahm Eltrich sein junges Weib an, sein Kind auf den +Arm, und zog, das Herz voll Jubel und froher Hoffnung mit +ihnen in eine neue Welt, in ein neues Leben ein.</p> + +<p>Das war <span class="wide">Amerika</span>, der feste Grund den sie unter den +Sohlen fühlten — <ins title="Original hat das das">das</ins> endlich erreichte Land ihrer Sehnsucht, +für das sie gedarbt und gespart daheim, und die hellblitzende +Sonne schien ihnen freundlich zuzuwinken im neuen +Vaterland — der wolkenleere reine Himmel ein frohes Omen +zu sein, all ihrer Hoffnungen und Träume. Freilich ringen und +kämpfen mußten sie auch hier; eine Bahn galt es erst sich hier +zu brechen, vielleicht wieder mit Sorgen und Entbehrungen, +wie vordem, aber dafür bot ihnen auch das ungeheure Reich +einen freien ungehinderten Spielraum für ihre Thätigkeit, und +Eltrich fühlte die Kraft in sich, fühlte daß er im Stande war +alle Hindernisse zu besiegen und sich den Weg zu bahnen, zu +einer selbstständigen sorgenfreien Existenz. Seine Ansprüche an +das Leben waren dabei mäßig; auf seinem Instrument aber +war er Meister, und die aufblühende Kunst in Amerika mußte +dem Künstler endlich ein Feld bieten zu wirken und den Lohn +dafür zu erndten. War das aber auch nicht, nun so scheute +er sich hier keiner Arbeit, die in dem freien Lande ihn nicht +schändete und ihm nicht, einmal begonnen, die Bahn verschloß +zu einer edleren Thätigkeit, wie blinde Vorurtheile das im +alten Vaterland gethan. Jung und kräftig brauchte er nicht +zu fürchten Hunger zu leiden, und wo so viele Tausende ihr +Glück — eine Heimath fanden, durfte auch er der Zukunft mit +froher Zuversicht entgegensehn.</p> + +<p>»Was für ein reges wunderliches Leben das hier ist, +meine Adele« sagte er, den Arm der Gattin pressend, der in +dem seinen hing, und lächelnd zu ihr niederschauend — »sieh +nur allein die wunderlichen Farben, an der Tausende, die hier +herüber und hinüber eilen — nicht zwei haben gleiche Schattirungen +und es ist fast, als ob der ganze Erdball seine Bewohner +hierher geschickt hätte, die eine Stadt zu füllen.«</p> + +<p>»Aber was für häßliche Gesichter diese Neger haben« +lächelte die Frau, in komischer Angst über die Schulter zurück +nach dem Schwarzen sehend, der ihnen die Sachen nachführte, +»besonders jener Bursche da hinter uns; was für böse Augen +und entsetzliche Lippen. Und so höhnisch und tückisch sehn sie +dabei aus.«</p> + +<p>»Was können sie für den Ausdruck ihrer Race« lachte +Eltrich, »aber es sollen vortreffliche Arbeiter sein, und meist +guten Humors — sehr oft guten Herzens. Was kümmert +uns ihre Farbe und der Schnitt ihres Profils; wer weiß überdieß, +ob wir ihnen nicht eben so häßlich erscheinen, wie sie uns.«</p> + +<p>»Oh die herrlichen Früchte!« rief da Adele, als sie vor +einem Stand vorbeikamen, der mit Ananas, Orangen, Bananen +und Cocosnüssen bedeckt war — »oh der gottvolle Duft! +ach das thut wohl <span class="wide">solche</span> Luft zu athmen nach so langer Zeit — und +Blumen da drüben — oh sieh die lieben herrlichen +Blumen an, Paul; nicht wahr, so wie wir uns nur ein klein +wenig eingerichtet haben, gehen wir mit dem Kind hinaus in's +Freie und pflücken uns viele viele Blumen — ich freue mich +selber wie ein Kind darauf.«</p> + +<p>»Gewiß mein Herz gewiß — aber die Blumen hier in +Amerika sollen keinen Duft haben wie die unsrigen, wie man +den Vögeln auch hier nachsagt daß sie nicht singen könnten.«</p> + +<p>»Verleumdung Paul — böse Verleumdung!« rief die +kleine fröhliche Frau, die vor dem Blumenstand stehn geblieben +war und sich zu den vollen, zierlich gebundenen Bouquets die +ein reizendes Quadroonmädchen feil bot, niedergebogen hatte — »hier +überzeuge Dich selbst was für einen zarten herzigen +Duft das kleine weiße Blümchen hat — und Luz muß auch +riechen — nicht wahr Herz das riecht anders, wie da unten +in dem bösen dunstigen Schiff, wo mein armer kleiner Bursche +so lange gesteckt hat, und sich nicht herumtummeln konnte auf +grünem Rasen.«</p> + +<p>Das Mädchen bot ihnen Sträuße zum Verkauf an, doch +Adele schüttelte erröthend den Kopf, drängte von dem Korbe +fort, und bat den Gatten mit leiser Stimme kein Geld an +solche Sachen zu wenden, wo sie es vielleicht zum Leben nöthig +in der ersten Zeit gebrauchten.</p> + +<p>»Es sind die ersten Blumen die uns geboten werden« +sagte aber lächelnd der junge Mann, »laß sie uns nicht zurückweisen. +Sie mögen uns ein gutes Zeichen sein. Was kosten +die Blumen Kind?« frug er dann auf Englisch das junge +Quadroonmädchen das sie feil bot.</p> + +<p>»Nichts« sagte dieses aber, jetzt selber tief erröthend in +reinem Deutsch — »die junge Frau und das Kind mögen sie +nehmen!«</p> + +<p>»Du sprichst deutsch?« rief Eltrich im höchsten Erstaunen +aus, »und bist doch nicht über dem Wasser drüben geboren.«</p> + +<p>»Nein« sagte die Sclavin ernst den Kopf schüttelnd — »aber +mein Master ist ein Deutscher, und in seinem Hause +wird deutsch gesprochen, da habe ich es schon als Kind gelernt.«</p> + +<p>»Wie heißt Dein Master?«</p> + +<p>»Messerschmidt.«</p> + +<p>»Aber dürfen wir da die Blumen nehmen?«</p> + +<p>»Ich darf sie geben« sagte das junge Mädchen, und das +Blut drohte ihr in dem Augenblick die Schläfe zu zersprengen, +»denn ich habe heute Morgen schon mehr, weit mehr für meine +Blumen gelößt als mein Master von mir verlangt — ich bitte +Sie recht herzlich darum sie zu behalten.«</p> + +<p>»Recht herzlichen Dank dann für Dein freundliches Geschenk, +Du liebes Kind« sagte Adele, ihr die Hand hinüber +reichend, die sie nur schüchtern nahm — »es mag uns Glück +bringen in dem neuen Land.«</p> + +<p>»Sie sind noch nicht lange hier?«</p> + +<p>»Erst seit heute.«</p> + +<p>»Du lieber Gott!« sagte das junge Mädchen die Hände +faltend.</p> + +<p>»Aber liebes Kind wir müssen fort« unterbrach hier Eltrich +das Gespräch, indem er zurück und dann um sich her +schaute, den Neger zu sehn, der ihre Koffer fuhr — »der Bursche +ist wahrhaftig wohl schon voran gegangen und ich weiß +jetzt nicht einmal ob ich den Weg wieder so rasch finden kann.«</p> + +<p>»Er wird doch ehrlich sein« rief Adele mit jähem Schreck — »guter +Gott, sein Gesicht sah nicht darnach aus. Hast Du +einen Neger jetzt ganz kürzlich hier vorbei gehn sehn, mein +Kind, der einen Wagen zog auf dem zwei Koffer mit anderem +Gepäck standen?«</p> + +<p>»Es gehn so viele vorbei, man achtet nicht darauf« sagte +das Mädchen — »fast war mir's aber, als ob gleich hier unten +Einer vor kurzer Zeit in die Quergasse eingebogen wäre. +Das schadet aber Nichts« setzte sie rasch und beruhigend hinzu — »die +Leute haben meist alle ihre Nummer, und wenn Sie +die gemerkt haben kann er mit den Sachen hingehn wohin er +will, die Policey schafft sie Ihnen gleich wieder.«</p> + +<p>»Die Nummer?« — sagte Eltrich, etwas bestürzt vor sich +hinsehend »ja — ich glaube er hatte eine Nummer, aber welche, +wahrhaftig und wenn ich sterben sollte, ich wüßte es nicht.«</p> + +<p>»Barmherziger Himmel wenn alle unsere Sachen — « +rief Adele in Todesangst — »es wäre furchtbar — was fingen +wir nur an?«</p> + +<p>»Thorheit, liebes Herz« suchte aber der Mann ihr die +Sorge von der Stirn zu lachen — »er weiß das Haus und +ist vorangegangen wo er auf uns warten wird. — Ah, hier +ist der Zettel, — straße Nr. 43.«</p> + +<p>»Der Weg führt hier gerade hinauf« sagte die junge +Sclavin, »und oben am fünften Square von hier — der fünften +Querstraße die Sie treffen, biegen Sie links ein, Sie können +nicht fehlen.«</p> + +<p>»So adieu mein Kind, und nochmals schönen Dank für +Dein Geschenk!«</p> + +<p>Auch die Frau nickte ihr noch freundlich zu, aber die +Sorge für Alles was sie jetzt auf der Welt noch das ihre +nannten, nahm für den Augenblick ihre Sinne und Gedanken +zu sehr in Anspruch, an etwas Anderem mehr als momentan +zu haften. Die Läden an denen sie vorbeigingen, die wunderlichen +Charaktere und Menschen, denen sie begegneten, die ausgestellten +Waaren, die eigenthümliche Bauart der Häuser, mit +all dem Neuen und Interessanten um sie her, das eine fremde +Welt ihr bot, lockte sie nicht mehr oder vermochte ihr Auge zu +fesseln, das nur einen Punkt zu suchen schien in der weiten +fremden Stadt — das häßliche Gesicht des Negers. So eilten +sie, Eltrich selber weit ängstlicher als er der Frau gestehen +mochte, ihre eigene Sorge nicht noch, vielleicht nutzlos, zu mehren, +die Straßen entlang, so rasch sie eben mit dem Kind +vorwärts kommen konnten, immer noch in der Hoffnung den +doch wohl nur vorangegangenen Schwarzen zu überholen.</p> + +<p>»Ha dort geht er!« rief Eltrich plötzlich — »Gott sei Dank +wir haben uns geirrt!« und der Seufzer den er dabei ausstieß +bewieß wie sehr er selber das Schlimmste gefürchtet.</p> + +<p>»Nein, das ist er nicht!« rief aber Adele, deren schärferes +Auge leicht den Unterschied in Neger wie Gepäck entdeckt hatte +— »das sind nicht unsere Koffer.« —</p> + +<p>Es war nur zu wahr — ein fremdes Gesicht blickte sie +an als sie daran vorüber eilten und ihm forschend in's Auge +sahen, fremdes Gepäck lag auf dem kleinen Karren, und fast +im Lauf flohen sie jetzt die Straße hinauf, bogen um die bezeichnete +Ecke und standen wenige Minuten später vor der +Nummer des Hauses — wo <span class="wide">kein</span> Karren sie erwartete.</p> + +<p>»Er ist noch nicht da« stöhnte Eltrich — »wir sind zu +rasch gelaufen und haben ihn übersehn.«</p> + +<p>Adele zitterte am ganzen Körper — sie <span class="wide">wußte</span> das war +nicht geschehn, sagte aber kein Wort.</p> + +<p>»Oder er ist vielleicht in eine andere Straße eingebogen +wo er ungestörter fahren konnte — die vielen Wagen hier. — «</p> + +<p>»Er kann noch nicht dagewesen sein« sagte Adele endlich +leise, so leise als ob sie fürchte der unwahrscheinlichen Vermuthung +auch nur Raum zu geben.</p> + +<p>»Er hätte gewartet!« — sagte aber auch Eltrich jetzt mit +einem tiefen, angstvollen Seufzer — sein Blick flog die Straße +auf und nieder — umsonst, der Neger ließ sich nirgends sehn, +und die Gewißheit drang sich ihm immer furchtbarer auf daß +er Alles — Alles — nein es war ja nicht möglich — Gott +konnte nicht wollen daß sie <span class="wide">so</span> von allem entblößt was sie noch +das ihre bis dahin genannt, in der fremden Stadt in der +fremden <span class="wide">Welt</span> ein Leben beginnen sollten — es war nicht möglich; +aber auch schon diese Ungewißheit, eine Höllenqual.</p> + +<p>Er bat jetzt sein Weib mit dem Kind einen Augenblick an +der Thüre stehn zu bleiben, während er hinein in das Haus +lief dort in ihr Zimmer zu sehn — der Neger konnte die +Straße heraufkommen während er im Inneren war. Er kehrte +nach wenigen Minuten zurück. —</p> + +<p>»Er ist <span class="wide">nicht</span> oben?«</p> + +<p>Traurig, verzweifelnd schüttelte er mit dem Kopf.</p> + +<p>Nur noch eine Hoffnung blieb ihm jetzt — er wollte noch +kurze Zeit warten — noch war es möglich daß der Bursche, +in eine andere Straße vielleicht eingebogen, sich da aufgehalten +und verspätet hatte — er <span class="wide">konnte</span> noch kommen, kam er aber +<span class="wide">nicht,</span> dann wollte er rasch auf die Policey und dort die Anzeige +des Geschehenen machen. Lieber Gott es war das eine +schwache, trostlose Hoffnung — ohne Nummer oder Namen +des Negers konnte er der Policey selbst keinen Halt geben an +irgend etwas; große Augen und aufgeworfene Lippen hatten +alle die Tausende von Negern die sich in New-Orleans herumtrieben +und er wußte ja selber nicht, ob er sogar zu dem Mann +würde schwören können, wenn er ihn jemals wieder angetroffen. +Adele aber mußte erst mit dem Kind in ihrem Zimmer +untergebracht werden, daß er selber freie Hand behielt; er führte sie +hinauf. Es war ein kleines Gemach, das auf den engen Hof +hinaus sah; die Thür stand offen, denn zu stehlen war Nichts +darin, und das Meublement bestand in einem Tisch, drei +Rohrstühlen und zwei leeren Bettstellen.</p> + +<p>»Habe nur ein klein wenig Geduld Adele, ich bin bald +wieder zurück — und — quäle und ängstige Dich nicht zu +sehr — noch ist Hoffnung da; ein trauriger Anfang macht oft +ein fröhliches Ende, liebes Herz.«</p> + +<p>Er küßte sie auf die Stirn, nahm das Kind auf und +herzte es ab, und verließ dann rasch das Zimmer; Adele aber +legte die Blumen vor sich auf den Tisch, barg, darüber gebeugt, +ihr Antlitz in den Händen, und weinte still und trostlos.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<p>Auf der Haidschnucke waren indessen die drei, bei dem +Leuchtschiff in der Weser an Bord gekommenen Passagiere in +die Cajüte zum Capitain gerufen worden, dort entlassen zu +werden. Sie traten, die Mützen in der Hand herein, und +blieben an der Thür mit dem Untersteuermann neben sich stehn, +den Capitain zu erwarten, der in sein eignes Zimmer gegangen +war, und nach einer Weile mit einigen Papieren und ein +paar kleinen Packeten in der Hand, zurück kam.</p> + +<p>»Na Ihr seid fertig an Land zu gehn?« rief er, nach +einem flüchtigen Blick auf die Leute — »Stürmann, sin here +Sahken ruut schafft.«</p> + +<p>»All's klaar Captein — « antwortete der Seemann.</p> + +<p>»Gut, dann könnt Ihr jetzt gehn wohin Ihr wollt. Hier +Pelz, da hast Du Deinen Zettel — hier Du Deinen Alper, +und da Du den Deinen Mooswerder.«</p> + +<p>»Ne ich bin Mooswerder, Capitain — « sagte der zweite.</p> + +<p>»Schon gut, Ihr könnt sie Euch an Land dann aussuchen +— es steht drinn daß Ihr Euch in Deutschland gut aufgeführt +hättet — Ihr werdet das schriftlich brauchen, denn auf Euer +Gesicht glaubt's Euch doch hier Niemand.«</p> + +<p>»Muß das ein <span class="wide">Jeder</span> hier haben?« frug der älteste der +drei, das Papier etwas mistrauisch betrachtend.</p> + +<p>»Ich soll <span class="wide">Dir</span> wohl auch noch eine Erklärung geben,« +fuhr ihn der Capitain barsch an — »da hier« setzte er dann +ruhiger hinzu, »sind auch für jeden noch fünf Dollar Amerikanisches +Geld, daß Ihr die ersten Wochen was zu leben habt; +für 3 Dollar die Woche könnt Ihr hier in den billigsten +Gasthäusern Kost und Logis bekommen, und habt Zeit Euch +nach <span class="wide">Arbeit</span> umzusehn; verstanden? Daß Ihr Euch gut zu +betragen habt, brauch ich Euch nicht erst noch zu sagen, wohlmeinend +warnen möcht ich Euch aber doch keine dummen +Streiche zu machen, denn sie verstehn hier keinen Spaß; aber +Ihr werdet selber am Besten wissen was Euerer Haut gut ist.«</p> + +<p>»Denke so, Capitain« sagte der Alte, die Hand nach dem +Geld ausstreckend — »sind doch alt genug dazu.«</p> + +<p>»Schön — weiter hab' ich mit Euch Nichts zu thun — Eure +Kisten stehn oben an Deck, in einer halben Stunde müßt +Ihr an Land sein.«</p> + +<p>»Vielleicht wäre es gut, Herr Capitain« sagte da der +Alte mit einem eigenthümlich versteckten Lächeln, »wenn Sie +sich von den hiesigen Behörden eine Quittung über <span class="wide">richtige +Ablieferung</span> geben ließen.«</p> + +<p>»Geht zum Teufel!« rief aber Capitain Siebelt ärgerlich, +»oder ich lasse Euch die Quittung noch vorher auf den Rücken +schreiben.«</p> + +<p>»Nun Nichts für ungut« lachte der Alte, »war nur so +eine Meinung von mir; übrigens sind wir hier <span class="wide">freie Bürger</span>« +setzte er mit einer Art verstecktem Trotz hinzu.</p> + +<p>»Ja, sobald Ihr an Land seid« sagte der Capitain — »nicht +bei mir an Bord.«</p> + +<p>»Danke für den Wink« lachte der Alte, »und glückliche +Rückfahrt. — <span class="wide">Grüße</span> brauchen wir Ihnen doch wohl nicht +aufzutragen?«</p> + +<p>Die Andern lachten, der Capitain aber winkte dem Steuermann +ungeduldig die Burschen hinauszuschaffen, die übrigens +gar nicht daran dachten den Mann noch böse zu machen, und +rasch dem Befehl gehorchten.</p> + +<p>An Deck oben standen ihre Kisten schon bereit, die Jeder +von ihnen — sie waren leicht genug — schulterte, und damit, +ohne sich weiter um irgend einen der anderen Passagiere +zu kümmern, das Schiff verließ.</p> + +<p>»Capitain!« sagte Henkel, der in demselben Augenblick +die Cajüte betrat, als die drei Männer sie verlassen hatten, +»dürfte ich Sie bitten mein Gepäck nach oben schaffen zu lassen, +ich möchte es, noch ehe wir an Bord der Jane Wilmington +fahren, gern befördern.«</p> + +<p>»Aber was eilen Sie?« frug der Capitain, der eben seinen +Hut und Stock genommen hatte, seinen Passagier zu begleiten, +»Ihre Fracht wird auch noch nicht oben sein, und für +Ihre Frau Gemahlin ist es doch am Ende besser daß sie noch +ein paar Tage ruhig in ihrer Coye bleibt, bis sie sich vollständig +erholt hat. Der Arzt kann sie ja auch hier besuchen.«</p> + +<p>»Meine Ballen kommen eben herauf« sagte Henkel aber, +»und ich habe schon Jemanden dabei, der mit ihnen auf das +Steueramt geht und dort Alles berichtigt, und meine Frau +wird sich jedenfalls besser an Land erholen. Unsere Wohnung +ist nicht weit von hier.« —</p> + +<p>»Gut, wie Sie wollen, ist Alles herausgesetzt?«</p> + +<p>»Ja, hier von der Cajüte — ein Drayman steht schon +oben und wartet, das Gepäck in Empfang zu nehmen.«</p> + +<p>»Und weiter ist Nichts?«</p> + +<p>»Noch zwei Koffer die in der Coye stehn, mit Kleidern +und Wäsche meiner Frau.«</p> + +<p>»Dürfen die Leute hinein?«</p> + +<p>»Ich werde sie selber heraussetzen.«</p> + +<p>»Gut« sagte der Capitain, »dann will ich nach oben gehn +und den Steward mit einem von den Matrosen hinunter +schicken; aber machen Sie rasch, wir haben nicht viel Zeit zu +verlieren und ich muß selber um halb zwölf in Canalstraße +sein.«</p> + +<p>Er verließ die Cajüte und wenige Minuten später folgte +ihm Henkel, aber er sah bleich und erregt aus — seine Lippen +zitterten und er strich sich mit der Hand ein paar Mal heftig +die Stirn. Selbst dem Capitain, sonst gerade kein scharfer +Beobachter, fiel das Aussehn seines Passagiers auf, und er rief +überrascht:</p> + +<p>»Hallo Sir, Sie sehn ja aus als wenn Ihnen ein Gespenst +begegnet wäre — was ist Ihnen?«</p> + +<p>»Mir? — o Nichts« erwiederte Henkel, sich gewaltsam +sammelnd — »nur unwohl wurde mir plötzlich unten — ich +weiß nicht wovon; der Kopf schwindelte mir und es wurde +mir so schwarz vor den Augen; aber es ist vorbei jetzt« setzte +er ruhiger hinzu, »ich habe auch schon früher etwas Ähnliches +gehabt — ein leichtes Unwohlsein, das eben so rasch entsteht +wie verschwindet.«</p> + +<p>»Hier zu Lande muß man vorsichtig mit solchen Dingen +sein« meinte Capitain Siebelt kopfschüttelnd — »Sie sahen +wie eine Leiche aus, als Sie an Deck kamen.«</p> + +<p>»Wirklich?« lachte Henkel, aber das Lachen klang hohl +und unheimlich »ah da kommen die Sachen« unterbrach er sich +rasch, als der Steward mit einem der Matrosen, jeder einen +Koffer tragend, an Deck erschien — »dort dem Mann Leute, +überliefert das Gepäck; Nr. 477 er weiß wohin es kommt.«</p> + +<p>»Ist Alles herausgesetzt unten?«</p> + +<p>»Ja; — nein — zwei Koffer stehn noch in der Cajüte, +aber meine Frau wird selber darüber bestimmen, wann die +fortgeschafft werden sollen. Doch bald hätte ich ja vergessen +— hier Steward, ist etwas für Ihre Bemühungen.« —</p> + +<p>»Oh ich bitte, Herr Henkel — war gar nicht nöthig; +nun ich danke auch recht viel tausendmal.«</p> + +<p>»Und hier Steuermann, haben Sie die Güte das von +mir den Leuten an Bord zu geben.«</p> + +<p>»Danke herzlich, Herr Henkel, in deren Namen — werden +sich einen guten Tag damit machen können — aber das +hätte ja Zeit gehabt, Sie kommen doch wieder an Bord.«</p> + +<p>»Ich? — ja — allerdings — aber ich könnte es vergessen.«</p> + +<p>»Sind Sie fertig?« frug der Capitain, der indessen langsam +vorangegangen war und schon unten auf der Levée stand, +herüber.</p> + +<p>»Ich komme Capitain — also Steuermann, ich verlasse +mich auf Sie, daß der Mann da rasch befördert wird — die +Karrennummer ist 477.«</p> + +<p>»Er soll in zehn Minuten die Sachen an Bord haben« +sagte der Seemann, »so wahr ich Köhler heiße.«</p> + +<p>Der Steuermann stand oben an der Reiling, mitten auf +den ausgeschobenen Planken, und sah den fortfahrenden Männern +nach, als er vom Schiff aus angeredet wurde.</p> + +<p>»Herr Obersteuermann, wenn ich bitten darf?«</p> + +<p>»Ja wohl, was giebts? — ah Herr Maulbeere — nun +auch zum Abmarsch fertig? das ist ja schnell gegangen.«</p> + +<p>»Freut mich, wenn meine Bereitwilligkeit Ihr angenehmes +Schiff zu verlassen, Ihren Beifall hat — wäre gern noch +länger geblieben, aber Sie wissen wohl, Geschäfte müssen immer +den Vergnügungen vorgehn.«</p> + +<p>»Ja wohl Herr Maulbeere und was für Geschäfte haben +Sie? wenn ich fragen darf?«</p> + +<p>»Scheerenschleifen mit Ihrer Erlaubniß Herr Obersteuermann; +die Scheeren in hiesiger Stadt sollen sich, neueren Nachrichten +zufolge, in einem höchst traurigen und vernachlässigten +Zustand befinden, es ist demnach die höchste Zeit, daß ich an +Land komme.«</p> + +<p>»Ich hoffe nicht« lachte der Seemann trocken, »daß Ihnen +in diesem löblichen Vorsatz irgend Jemand an Bord etwas +in den Weg gelegt hätte.«</p> + +<p>»Müßte es lügen« sagte Maulbeere ruhig, »der Herr +Untersteuermann hat mich schon dreimal ersucht, zu machen +daß ich fort käme.«</p> + +<p>»Nun so eilig ist's nicht« lachte der Steuermann, »Mittag +können Sie immer noch bei uns machen. Die Familien +dürfen sogar noch über Nacht bleiben; wir wollen die Leute +nicht Hals über Kopf auf die Straße setzen.«</p> + +<p>»Höchst christliche Grundsätze und wirklich verführerisch +genug« versetzte Maulbeere »Jemanden, der nicht in gar zu +großer Eile wäre, zu veranlassen seinen Magen noch einmal +mit Bremer Erbsenbrüh zu ärgern.«</p> + +<p>»Nun es zwingt Sie Niemand« meinte der Steuermann +kurz.</p> + +<p>»Danke Ihnen« sagte Maulbeere.</p> + +<p>»Und was wünschen Sie von mir?«</p> + +<p>»Daß Sie die Gnade hätten« sagte Maulbeere mit ironischer +Devotion, »mir meine Werkstätte zu Tag fördern zu +lassen.«</p> + +<p>»Ihre Werkstätte?«</p> + +<p>»Den Schleifsteinkarren, der im unteren Gefache Ihres +Schiffes liegt, wenn Ihnen das deutlicher ist.«</p> + +<p>»Ach den überwachsenen Schiebbock?« sagte der Seemann, +»der gehört Ihnen?«</p> + +<p>»Ich bin der glückliche Eigenthümer, und es ist Alles +was mich noch an Bord fesselt.«</p> + +<p>»Nun da kann geholfen werden« rief der Steuermann, +von der Planke herunter und zur offenen Luke tretend, »Du +Jahn, smiet mal dat Tüg da rup, vor de Scheerenslieper; de +ole scheepe Kaar met en Raad dervör!«</p> + +<p>»Dat Donnerslagse Ding; ick hebb mi all min Schen +dran verstoten« fluchte eine Stimme von unten herauf.</p> + +<p>»Nu? kommt se vorn Tag?«</p> + +<p>»Ja, gliek — hahl op! — «</p> + +<p>»Staat by hier — oh — aho-y-oh!«</p> + +<p>Der Karren, ein ungeschlachtes Ding, mit einem Kasten +dabei, in den wahrscheinlich die Steine gepackt waren, denn +die Leute die ihn heraufwanden fluchten über das Gewicht, +kam bald darauf zu Tage, und Maulbeere nahm ihn in +Empfang, untersuchte ihn erst auf das Sorgsamste, und begann +dann, ihn zum augenblicklichen Gebrauch in der Stadt, +vollständig in Ordnung zu bringen.</p> + +<p>Als er noch damit beschäftigt war kam Meier mit seiner +Frau aus dem unteren Deck herauf; Beide schienen ebenfalls +gerüstet das Schiff zu verlassen, aber die Frau sah todtenbleich +und abgemagert aus, und war so schwach daß sie sich kaum +auf den Füßen halten konnte. Maulbeere kauerte neben seinem +Kasten, und sah die Beiden vorüber gehn, unterbrach aber +seine Arbeit nicht dabei, und hämmerte und schraubte ruhig fort.</p> + +<p>Das Gepäck der Beiden war schon heute morgen früh +an Land und durch Meier selber nach einem billigen Boardinghause +in — Street geschafft worden; die Frau trug nur ein +kleines in ein rothbuntes seidenes Tuch eingeknüpftes Bündel, +und wankte hinter dem Mann her, der den Hut etwas auf +einer Seite, die Hände in den Hosentaschen und einen ziemlich +derben Stock unter den linken Arm gedrückt, ohne weiter Notiz +von irgend Jemand an Bord zu nehmen, im Begriff war das +Schiff zu verlassen. Nur als er vor Maulbeere vorüber ging +blieb er stehn, sah zu ihm nieder und sagte:</p> + +<p>»Auch fertig?«</p> + +<p>»Bald« erwiederte der Scheerenschleifer, eben im Begriff +eine etwas schwergehende Schraube einzuziehn, was seinem +Gesicht eine fast dunkelrothe Färbung gab.</p> + +<p>»Ist hübsch in Amerika.« —</p> + +<p>»Sehr!« sagte der Scheerenschleifer.</p> + +<p>»Schon Aussichten?«</p> + +<p>»Siebzehn!«</p> + +<p>»Guten Morgen.« —</p> + +<p>»Morgen!« lautete die trockene Antwort, und der Mann +ging, dicht von der Frau gefolgt, ohne sie aber zu führen oder +zu stützen auf dem schwanken Bret, über die Planke an Land. +Der Scheerenschleifer aber, in seiner Stellung mit dem eingestemmten +Schraubenzieher bleibend, und nur mit den Augen +dem wunderlichen Paare folgend, sah ihnen eine Weile nach, +bis sie über die Levée verschwunden waren, und wollte dann +eben wieder in seiner Arbeit fortfahren, als der Untersteuermann +zu ihm trat, und hinter dem fortgegangenen Passagier +herdeutend sagte:</p> + +<p>»Ein hübsches Pärchen, wie? — scheint sich recht wohl +zusammen zu fühlen.« —</p> + +<p>»Scheint so« sagte Maulbeere, wieder an der Schraube +beginnend.</p> + +<p>»Ihr wißt nicht wo sie her sind?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und was der Bursche drüben gewesen ist?« frug der +Seemann neugierig. —</p> + +<p>»Ja wohl« sagte Maulbeere.</p> + +<p>»Umsonst ist der nicht weggegangen von zu Haus.«</p> + +<p>»Das weiß Gott« meinte der Scheerenschleifer — »er +hat für zwei Personen theuere Passage zahlen müssen?«</p> + +<p>»Also Ihr wißt was Näheres über ihn?«</p> + +<p>»Näheres? — ich kann Ihnen den Fleck zeigen wo er die +letzten sieben Wochen geschlafen hat, Herr Untersteuermann.«</p> + +<p>»Bah, ich meine von drüben.«</p> + +<p>»Oh von drüben meinen Sie.«</p> + +<p>»Was war er denn drüben?«</p> + +<p>»Glücklicher deutscher Staatsbürger.«</p> + +<p>»Ich meine was er sonst getrieben hat.«</p> + +<p>»Ich werde nachher den Herrn Obersteuermann um die +Schiffsliste ersuchen, und Ihnen dann mit größtem Vergnügen +das Nähere mittheilen.«</p> + +<p>»Gehn Sie zum Teufel!« sagte der Untersteuermann +ärgerlich.</p> + +<p>»Danke Ihnen«, Maulbeere, vollkommen ruhig an seiner +Arbeit fortfahrend.</p> + +<p>Maulbeere, der mit unerschütterter Gemüthsruhe, den Matrosen +dabei fortwährend im Weg, seine Arbeit beendet, das +Rad eingeschlagen und vier oder fünf Schiebladen in seinem +Gestell mit allerhand Dingen aus einem kleinen Kistchen gefüllt +hatte, stand jetzt auf, setzte seinen Hut auf, nahm den +breiten ledernen Tragriemen über die Schultern des unverwüstlichen +grünen Rockes — (dessen Glanz dort oben auch dadurch +seine Erklärung fand) und war im Begriff das Schiff zu verlassen +indem er seinen Scheerenschleiferkarren vor sich her, über +den Gangweg hin, der Planke zuschob.</p> + +<p>»Nun Herr Maulbeere glückliche Reise!« sagte der +Obersteuermann, der ihn kopfschüttelnd die letzten Minuten +beobachtet hatte — »aber was soll mit dem Kistchen hier +geschehn?« — Der weiße kleine Kasten war an Deck zurückgeblieben.</p> + +<p>»Den vermach ich dem Schiff!« sagte Maulbeere, den +Karren etwas mehr nach der linken Seite werfend, das Gleichgewicht +herauszubekommen.</p> + +<p>»Und Ihr anderes Gepäck?«</p> + +<p>»Gegenwärtig.«</p> + +<p>»Was? — keine Kleider mehr? — wo ist denn Ihre +Wäsche?« lachte der Seemann.</p> + +<p>»In der Wäsche Herr Obersteuermann« sagte Maulbeere, +und war eben im Begriff mit einem plötzlichen Ruck über eine +im Wege, und queer über den Gangweg liegende Handspeiche +hin zu fahren, als Frau Henkel mit Hedwig die Cajütstreppe +heraufkam und auf den Obersteuermann zuging.</p> + +<p>Sie sah todtenbleich aus, war aber vollständig angezogen, +mit ihrem Hut auf und einen weiten Shawl um ihre Schultern +geschlagen; eben so Hedwig, die eine Tasche in der Hand +trug, und stark verweinte Augen hatte.</p> + +<p>»Halt Maulbeere!« rief der Obersteuermann — »wartet +einen Augenblick, ich glaube die Damen wollen an Land gehn, +daß Ihr ihnen nicht mit Eurem gefährlichen Karren da in den +Weg kommt.«</p> + +<p>»Werde ihnen Bahn machen« sagte jedoch Maulbeere, +eben nicht gesonnen Rücksichten auf Jemand zu nehmen, wer +es auch sei; der Seemann trat ihm aber in den Weg, und +zwang ihn dadurch zum Stillhalten, während Clara Henkel +auf ihn zutrat und freundlich sagte —</p> + +<p>»Dürfte ich Sie bitten mir zwei von Ihren Leuten mitzugeben +und meine beiden Koffer tragen zu lassen?«</p> + +<p>»Sie wollen doch nicht zu Fuß in die Stadt gehn, Madame?« +sagte der Steuermann — »ich glaubte erst, Sie +wünschten nur einmal frische Luft wieder zu schöpfen, aber da +besorg ich Ihnen doch lieber einen Wagen.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen« sagte die Frau mit leiser, doch entschlossener +Stimme — »wir werden gehn — aber ich möchte die +Koffer mit mir nehmen.«</p> + +<p>»Sie sehen noch so blaß und angegriffen aus« sagte der +Seemann auf seine derbe doch herzliche Weise — »wenn Sie +mir folgen, lassen Sie sich einen Wagen holen.«</p> + +<p>Clara schüttelte mit dem Kopf, und sich umsehend auf +Deck sagte sie endlich:</p> + +<p>»Hat Herr Henkel sein ganzes Gepäck fortschaffen +lassen?«</p> + +<p>»Alles, bis auf das was in der Coye stand.«</p> + +<p>»Ist nicht ein kleiner gelber lederner Koffer mit schwarzen +Riemen zurückgeblieben?«</p> + +<p>»Nicht daß ich wüßte, aber ich kann fragen.«</p> + +<p>»Nein Madame« mischte sich hier aber einer der Matrosen +in das Gespräch — »ich habe selber die Sachen mit +auf den Karren und den kleinen gelben Lederkoffer mit hinausgetragen; +der Koffer fiel mir noch auf weil er so hübsch +gearbeitet war und eben die schwarzen Tragriemen hatte.«</p> + +<p>Clara seufzte tief auf, aber sie sah freudiger dabei aus +— es war als wenn eine Last von ihrer Seele genommen +wäre.</p> + +<p>»Ich weiß selber nicht einmal wohin die Sachen geschafft +sind« sagte der Steuermann wieder, »und die Leute +wissen auch nicht Bescheid.«</p> + +<p>»Wir werden uns schon zurecht finden« sagte Frau Henkel +— »ich bitte Sie recht sehr mir zwei Leute mitzugeben.«</p> + +<p>»Von Herzen gern, wenn Sie es denn absolut wollen +— heh Jahn und Görg — loopt mal gau daal in de Cajüt, +und sackt die beiden Koffers op. — Sind sie herausgestellt, +Madame?«</p> + +<p>»Sie stehen vor unserer Thür.«</p> + +<p>»Also flink Jungens, und dann gaat Jü mit Madame +in de Stadt. — Kann ich Ihnen sonst noch mit etwas +dienen?«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen Steuermann« sagte die Frau freundlich, +aber gar wehmüthig lächelnd — »ich brauche <span class="wide">Nichts</span> +weiter — leben Sie wohl. Vielleicht aber sehn wir uns +recht bald wieder — wann wird Ihr Schiff fertig sein zur +Rückfahrt?«</p> + +<p>»Ja das hängt von der Fracht ab, Madame, aber ich +denke doch <span class="wide">spätestens</span> in vier Wochen.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen leben Sie wohl!« Sie ging, von +Hedwig jetzt unterstützt, auf deren Schulter sie sich lehnte, +langsam über die Planke an Land, und die Matrosen folgten +ihr, mit den beiden Koffern auf den Schultern.</p> + +<p>Maulbeere hatte seinen Karren hingesetzt, und war ein +stummer, doch sehr aufmerksamer Zeuge der letzten Scene gewesen; +jetzt aber, wieder unter das Lederband duckend, sagte er +sehr förmlich zu dem Seemann, der noch auf der Planke stand +und den Damen nachschaute.</p> + +<p>»Erlauben mir <span class="wide">jetzt</span> der Herr Steuermann daß ich <span class="wide">auch</span> +hinaus darf?«</p> + +<p>»Oh mit Vergnügen Herr Maulbeere«, rief der Seemann, +lachend auf die Seite tretend — »thut mir unendlich +leid Sie aufgehalten zu haben.«</p> + +<p>»Bitte mich dem Herrn Capitain gehorsamst zu empfehlen« +sagte der Passagier, ohne eine Miene zu verziehn, indem +er an dem Steuermann vorbeischob. —</p> + +<p>Die Matrosen die in der Nähe standen lachten, der +Scheerenschleifer kümmerte sich aber nicht weiter um sie, fuhr +in einen kurzen Trab die etwas schräg nach dem Land liegende +Planke nieder, an der anderen Seite mit kräftigerem Anstoß +hinauf, und verschwand bald darauf in dem am Lande wogenden +Gedräng von Menschen.</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap5" id="kap5"></a>Capitel 5.</h2> + +<h3>Der Mississippi.</h3> + +<p>Die <span class="wide">Jane Wilmington</span> einer jener mächtigen Mississippi-Dampfer, +von denen hunderte die Wasser jenes riesigen Stromes +befahren, lag zur Abfahrt fertig an der Levée von New-Orleans, +mitten zwischen einigen dreißig anderen, ihr ganz +ähnlichen Booten.</p> + +<p>Keinen lebendigeren, geschäftigeren Platz giebt es auch +wohl auf der Welt, so weit Handel und Schiffahrt Länder +und Menschen mit einander verbinden, als die Dampfbootlandung +von New-Orleans, besonders in dieser Jahreszeit. +Die Stadt ist neuverjüngt; das gelbe Fieber das alljährlich im +Spätsommer, bis Ende September, oft sogar bis in die ersten +Tage des Oktober, New-Orleans fast entvölkert, die wohlhabenderen +Bewohner nach dem gesünderen Norden hinaufscheucht, +die Fremden decimirt, und der ganzen Stadt das Ansehn eines +großen Leichenhauses giebt, von dessen tausenden von Leichen +sich zuletzt selbst die Aasgeier in Ekel abwenden, hatte schon +lange seine letzten Opfer gefordert, und der bis dahin gewaltsam +zurückgehaltene Handel, der seine natürliche Strömung +nach dieser mächtigsten Hafenstadt des Südens hat, brach sich +jetzt wie gewaltsam wieder Bahn. Ganze Flotten von Dampfern, +die scheu und ängstlich in der schweren Zeit den Platz gemieden, +und sich mit geringer Fracht, und der ungeheueren Concurrenz +wegen nur mit wenigen Passagieren begnügend, zwischen +den oberen Staaten herumfuhren, und wenn sie ja +Mannschaft nach der »Peststadt« bekommen konnten und es +wagen wollten, nur eben hinunter fuhren, an Bord nahmen +was Geld hatte seine Passage zu zahlen, und dann schnaubend +und in Ballast wieder zurückeilten nach Norden auf, führten +jetzt die tausende zurück in ihre verlassene Heimath, die der +»Gelbe Jack« wie die Epidemie spottweise heißt, daraus vertrieben, +und brachten zugleich die Schätze des Nordens den verödeten +Waarenhäusern der Stadt.</p> + +<p>Boot nach Boot kommt, die gelbe Fluth vor sich aufspritzend, +den Strom nieder — noch ist es nicht elf Uhr Morgens, +und das siebzehnte ist schon gelandet; gewaltige Fahrzeuge +mit von vier bis acht Kesseln an Bord, viele mit einer +Mannschaft von 50-60 Leuten, die breiten <i>guards</i><a href="#g3fn7"><small><sup>7</sup></small></a><a name="g3fn7r" id="g3fn7r"></a> bis hoch +hinauf selbst über das höchste Deck mit einer ordentlichen Wand +von Baumwollenballen umthürmt, andere, ihre oberen Decks +wenigstens frei, aber doch <span class="wide">bis</span> zu den <i>guards</i> im Wasser gehend, +<ins title="fehlt im Original">die</ins> gesalzenes Schweinefleisch in tausenden von Fässern von +Cincinnati, Mehl von Ohio und Pensylvanien, Whiskey von +eben daher, Blei von Missouri, Vieh von Kentucky, und feines +Salz und Tabak aus Virginien herunter bringen.</p> + +<p>Die Levée selbst liegt schon fest gepreßt unter einer riesigen +Last all solcher Produkte, die der Norden hier hernieder +schickt, baar Geld oder die Erzeugnisse der Tropen dafür +einzutauschen — Baumwollenballen so weit das Auge reicht; +Fleisch und Mehlfässer und <i>whiskey barrels</i> mit ihren rothen +Böden und dem Cincinnati-Stempel; Kaffee- und Reissäcke zu +tausenden als neue Fracht für die eingetroffenen Boote; Blei +in schweren kurzen Barren; Syrop- und Zuckerfässer; Salzsäcke +und dichtgeschnürte Ballen kostbarer Felle vom Norden; ein +stehendes Waarenmagazin unter freiem Himmel von kaum berechenbarem +Werth, Nachts unter dem Schutz von vielleicht ein +oder zwei schläfrigen Wachen, seine Masse behauptend, während +hunderte von Karren ununterbrochen daran arbeiten es abzutragen.</p> + +<p>Und das Gewimmel von Menschen auf dem Platz, über +den hie und da kleine Austerbuden wie gesprenkelt stehn, die +Hungrigen zu erquicken, während die Häuser der ganzen Front +ihre unteren Hallen verlockend öffnen den Durstigen jene Unzahl +Mischungen geistiger Getränke zu bieten, wegen denen +Amerika berühmt ist. Die Karrenführer selbst, meist Irländer +und Neger mit wenigen Deutschen, eine wilde thätige, rauflustige +Bande, die tausende von Bootsleuten der verschiedenen +Dampfer, Feuermänner und Matrosen, die schwere Fässer vor +sich her die Levée hinaufrollen, oder gewichtige Kaffee- und +Reissäcke auf den Schultern niedertragen, oder mit stumpfen +Handhaken, Stiefelziehern nicht unähnlich, riesige Baumwollenballen +in Schwung bringen und herüber und hinüber werfen, +als wären es Körbe mit Federn gefüllt — wie sie da schaffen +und arbeiten, und lachen und fluchen. Und zwischen den kräftigen +sonngebräunten Burschen mit aufgestreiften Ärmeln und +offenen Hemdkragen, denen der Schweiß in hellen dicken Tropfen +auf den rothen Stirnen perlt, und deren Sehnen wie Stricke an den +markigen Armen herunter liegen, seht Ihr jene kleinen schmächtigen +Gestalten in seidene Fracks oder lichte Oberröcke gekleidet, mit +gewichsten Stiefeln und gegen die Sonne gespanntem Regenschirm, +kleine Bücher in der Hand, und den gespitzten Bleistift +mit den dünnen Lippen feuchtend? das sind die »<i>clerks</i>« oder +Buchhalter der Kaufleute aus der Stadt, oder die der verschiedenen +dortliegenden Dampfboote, Waaren überliefernd, oder +übernehmend, und den Kopf voll Zeichen und Zahlen.</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 5"> + <tr> + <td align="center"> + <a href="images/il2r.jpg"> + <img src="images/il2r.jpg" height="600" + alt="Illustration Capitel 5" /></a> + </td> + </tr> + <tr> + <td align="center"> + <span class="caption">Capitel 5.<br /> + Click to <a href="images/il2r.jpg">ENLARGE</a></span> + </td> + </tr> +</table> +</div> + +<p>Passagiere drängen dabei herüber und hinüber, denen sich +die Bewohner der Stadt, in Geschäften oder Müssiggang, zu +gesellen; der lebendige Franzose dessen Stamm ziemlich den +vierten Theil der ganzen Stadt bevölkert, und sich selbst dem, +im Besitz befindlichen Amerikaner gegenüber das Recht seiner +Muttersprache in den Gerichtshöfen neben dem Englischen gesichert +hat; der ruhige Spanier mit seinem breiträndigen <i>sombrero</i>; +der geschäftige Yankee, an der langen ungelenken Gestalt, +dem knochigen Gesicht und den grauen lebendigen Augen +kenntlich; zwischen ihnen der reiche Creole<a href="#g3fn8"><small><sup>8</sup></small></a><a name="g3fn8r" id="g3fn8r"></a> mit seiner sonngebräunten +Haut und der thätige Deutsche, der schweigsame +Engländer und der feurige Italiener, durch ein Gewühl von +Negern und Mulatten drängend, die mit Fracht auf und ab +die Levée steigen, oder hin und her geschäftig laufen, und dabei +lachen und singen, schreien und zanken.</p> + +<p>Und da hindurch pressen die Züge der ankommenden Einwanderer, +meist Deutsche in ihren Nationaltrachten, wie sie +daheim den Bauerhof verlassen, auch viele Irländer in ärmlichen +Kleidern, aber mit entschlossenen, fröhlichen Gesichtern, +die meist ihr Gepäck selber den Dampfschiffen zuschultern, auf +denen sie im Begriff sind die Fahrt in's Innere anzutreten.</p> + +<p>Die Deutschen besonders tragen schwere hölzerne Kisten, +gewöhnlich zwei und zwei zusammen; alte Truhen mit +buntgemalten Kränzen von unmöglichen Blumen, und frommen +Sprüchen geziert, über die hin keck und rücksichtslos der Name +des Eigenthümers und das Wort <span class="wide">Amerika</span>, mit schwarzer +Farbe seinen Platz gesucht, während die Frauen, Kinder auf +dem Arm und an der Hand, in weitbauschigen Ärmeln und +kurzen <ins title="Original hat Rücken">Röcken</ins>, die braunen Stirnen der Sonne vertrauend +preisgegeben, den Männern folgen. Jetzt stehn sie und suchen +den Namen des Bootes für das sie sich bestimmt, von »Läufern« +indeß überrannt, die sie dem oder jenem Dampfer werben wollen. +Kleine Seelenverkäufer in ihrer Art, diese Burschen, und eigentlich +wilde Schößlinge der Überseeischen Agenten, die auch ihre +Procente haben <i>pro</i> Kopf, für alle die sie als Passagiere sicher +auf ein Dampfboot liefern. Ob dann die Leute dorthin kommen +wohin sie gerade wollen, und ob sie dort glücklich sind oder +zu Grunde gehn, was kümmerts die; nur so und so viel Köpfe +sicher an Bord, so und so viel <i>escalins</i><a href="#g3fn9"><small><sup>9</sup></small></a><a name="g3fn9r" id="g3fn9r"></a> dafür eingestrichen, +aus dem fremden Volk mag dann werden was da will.</p> + +<p>Die Deutschen geben sich aber am wenigsten mit den Leuten +ab; wieder und wieder schon im alten Vaterland vor ihnen +gewarnt, lassen sie sich wenigstens nicht mehr soleicht auf der +Straße von ihnen abfangen, fallen ihnen aber sonst doch noch +in die Hände. Haben sie jedoch erst einmal den Namen eines +bestimmten Bootes, dann halten sie sich auch hartnäckig an dem +fest, mögen die Bequemlichkeiten darauf sein wie sie wollen, +schaffen ihre Sachen selber an Bord, und richten sich dann wieder, +das alte Zwischendecks-Leben frisch im Gedächtniß, gar +bald für die Tage die sie auf dem Wasser noch zubringen müssen, +häuslich ein.</p> + +<p>Das Alles wogt und drängt über die Levée von New-Orleans, +und auf dem Strome herrscht gleiches reges Leben. +Hier kommt ein schnaubender Dampfer, die Thüren vor den +Kesseln weit aufgerissen daß die Hitze da ausströmen kann, und +das Boot aussieht als ob es einen glühenden Rachen geöffnet +habe, pfeilschnell bergab, zieht einen weiten Bogen in der +schäumenden Fluth, und gleitet, von kundiger Hand geführt, +genau in die Lücke ein die jenes andere Boot gelassen, das eben +noch in Sicht, langsam stromauf dampft. Dort stößt ein anderes +ab — seine Planken sind eingezogen, die die Verbindung +mit dem Lande unterhielten, aber sein Deck schwärmt noch von +Fremden aller Farben, die Geschäfte oder Neugier an Bord +getrieben. Die Leute legen sich indessen unter dem gellenden +Ho-y-oh! der Matrosen in lange ausgeschobene Stangen, den +Bug zurückzuschieben, die Maschine beginnt zu arbeiten, und +wie das breitmächtige Boot langsam nachzugeben beginnt und, +die <i>guards</i> der beiden Nachbar-Dampfer reibend, sich rückwärts +hinausdrängt aus der langen Reihe, springen an beiden Seiten +die Müßiggänger und nicht an Bord Gehörigen hinüber +auf andere Boote, nicht mit hinaus in den Strom genommen +zu werden, denn der Capitain hielte wahrlich keine Secunde an +ihretwegen, und der erste Landungsplatz wäre wahrscheinlich +erst dreißig oder vierzig Miles<a href="#g3fn10"><small><sup>10</sup></small></a><a name="g3fn10r" id="g3fn10r"></a> stromauf gewesen, wo er das +erste Holz einnehmen mußte. Jetzt hat sich das schnaubende +Boot frei gemacht und schießt mit vermehrter Kraft, über sein +Steuer fort, eine Strecke in den Strom hinein — nun drängt +sich der scharfe Bug hinauf, nach vorne ein, die Räder schlagen, +die Wasser kräuseln, brechen sich unter der Gallion, und +werden zu Schaum geschlagen von den peitschenden Radplanken, +und fort schießt das gewaltige Fahrzeug von der ungeheueren +Kraft getrieben, auf seiner Bahn. Die Schaar von +Menschen aber, die eben dem einen Boot entsprang, eilt jetzt +flüchtigen Laufs an Land das andere, eben gekommene Boot +zu gewinnen; Kofferträger und Verkäufer, Boardinghaus-Wirthe +und Taschendiebe — oft beide zu einer Klasse gehörend — Käufer +und Zwischenhändler von jeder Farbe, jedem Stand, +und das Drängen und Treiben beginnt von vorne an.</p> + +<p>Die <span class="wide">Jane Wilmington</span>, eben so überladen von Menschen +wie alle übrigen abgehenden Boote, hatte das Zwischendeck +dabei von Deutschen und Irischen Auswanderern mit ihren +Kisten so vollgedrängt, daß an ein Hindurchgehn schon gar +nicht mehr zu denken war, und wer wirklich hindurch oder +hinein <span class="wide">mußte</span>, konnte sehen wie er eben über die Kisten und +Koffer hin eine Passage fand. Und nicht um eine Idee besser +sah es oben in der Cajüte aus, wo sich, als Lobensteins die +schmale Treppe zum Boilerdeck hinauf gestiegen waren, die +Männer, ihre Cigarren im Mund, die Hüte auf dem Kopf, +Schulter an Schulter herumdrängten, hier in kleinen Gruppen +standen und plauderten, dort an der <i>bar</i> (dem Schenkstand) +ein Abschiedsglas mit irgend einem Bekannten leerten, oder +auch eben nur, die Hände in den Taschen, müßig, und sehr zum +Ärger einer Zahl von Kofferträgern umherschlenderten, die +ihre Lasten auf Schulter oder Kopf, mit einem ununterbrochenen +»<i>please Sir — beg your pardon gentlemen</i>« aus einem +Knäuel in den anderen preßten, durchzukommen.</p> + +<p>Lobensteins konnten kaum die für sie bestimmten, sehr elegant +eingerichteten Cajüten erreichen, und der Professor hätte +ohne Henkels Hülfe durch das Gewühl von Menschen im Leben +nicht sein Gepäck zusammengefunden. Endlich war aber +Alles glücklich an Bord, Eduard mit den letzten Koffern angekommen, +und Capitain Siebelt hatte schon lange Abschied +genommen und seinen bisherigen Passagieren eine glückliche +Weiterreise gewünscht, als sich auch Henkel dem Professor wie +den Frauen empfahl, seinen »eigenen Geschäften« wie er sagte, +nachzugehn.</p> + +<p>»Und grüßen Sie uns nur noch recht herzlich Ihre liebe +Frau« bat ihn die Frau Professorin, als er auf dem Gangweg, +vor der Damencajüte die hinter dem Radkasten liegt, sich verabschiedete, +»und sie soll sich ja recht schonen — ich lasse sie +herzlich darum bitten.«</p> + +<p>»Und tausend Grüße und Küsse noch von uns« rief +Anna — »lieber Gott, es wäre doch recht traurig wenn sie +ihren Eintritt in das fremde Land gleich mit einer Krankheit +beginnen sollte.«</p> + +<p>»Und Sie besuchen uns also mit Clara noch diesen +Herbst!« frug Marie, ihm scharf dabei in's Auge sehend — +»Sie haben es versprochen.«</p> + +<p>»Gewiß« sagte Henkel, ihr lächelnd die Hand entgegenstreckend.</p> + +<p>»Ein Wort ein Mann!« rief Marie, zögernd ihre Hand +in die seine legend.</p> + +<p>»Sie haben doch die Adresse die ich Ihnen gegeben Herr +Professor?« frug Henkel jetzt noch einmal — »dort draußen +läutet die dritte Glocke und ich werde am Ende noch mit fortgeschleppt.«</p> + +<p>»Und Claras Angst dann!« rief Anna.</p> + +<p>»Es wäre allerdings fatal, aber noch kann ich abkommen.«</p> + +<p>»Die Adresse habe ich, und denke daß ich ein Geschäft +mit dem Herrn mache, wenn mir das Land nur irgend convenirt,« +sagte der Professor.</p> + +<p>»Es ist ein Ehrenmann, Sie können sich auf sein Wort +verlassen.«</p> + +<p>»Desto besser — also auf Wiedersehn!«</p> + +<p>»Auf Wiedersehn!« rief Henkel und hatte wirklich nur +noch eben Zeit die <i>guards</i> des nächsten Bootes zu erreichen, ja +mußte schon zu dem Zweck hinauf auf den Radkasten laufen +und von dort hinüber springen, als die wackere Jane das Freie +suchte, und wenige Minuten später lustig den vorangelaufenen +Steamern nachdampfte.</p> + +<p>Eine solche Menge von Menschen, alle nicht zum Boot +gehörig, hatte sich dabei empfohlen, daß die wirklichen Passagiere +mit Erstaunen, aber auch großer Befriedigung sahen, wie +sie Raum genug behielten, und keineswegs gedrängt waren, +und nur mit der ersten Stunde überstanden, die sie allerdings +gebrauchten ihr verschiedenes Gepäck einiger Maßen in Ordnung +zu bringen, konnten sie sich ganz dem Genuß der reizenden +Gegend hingeben, an der das wackere Boot sie rasch hinaufführte.</p> + +<p>Es giebt wohl kaum ein wunderlieblicheres Bild, so im +Vorbeifliegen gesehn, als die Ufer des Mississippi überhalb +New-Orleans. Mit Plantagen dicht besäet, deren reizende +Pflanzerwohnungen aus einem Dickicht von Blüthenbüschen +und fruchtschweren Orangenbäumen lauschig und still hervorschauen, +schmiegen sich die kleinen, colonienähnlich gebauten +Negerwohnungen dicht an diese an, und geben der ganzen Gegend +einen so wohnlichen, geselligen Charakter, daß das Auge +mit Entzücken auf ihnen weilt. Berge fehlen freilich im Hintergrund, +den nur ein einziger dunkler Streifen Wald bildet +— der Mississippi-Sumpf — aber die üppigen Felder, die sorgsam +eingefenzt, so weit das Auge reicht dem Blick begegnen, +die geschäftigen Schaaren weiß gekleideter Neger in den Feldern, +theils beschäftigt Zuckerrohr zu schneiden, oder Baumwolle +zu pflücken, die munteren Heerden auf den Weiden dazwischen, +das rege Leben auf dem breiten bequemen Fahrweg, der zwischen +der sich am ganzen Strom hinauferstreckenden Levée und den +Fenzen der Plantagen hinläuft; die kleinen freundlichen Städtchen +dabei am Ufer, die Kirchen mit ihren schlanken Thürmen, +die gewaltigen Waarenhäuser, und dahinter die hohen dunklen +Schornsteine der Zuckerfabriken, die aus dem dichten Laub der +Fruchtbäume herüberschaun; das Alles fesselt das Auge des +Fremden rasch genug, und hält ihn ordentlich an Deck gebannt, +keinen Moment, keinen Punkt dieses freundlich sonnigen Bildes +zu versäumen. Alles ist hier neu, alles eigenthümlich, und +fehlen dem Fremden auch die Palmen, die seine Phantasie +wohl meist dem Süden der vereinigten Staaten (oft selbst dem +Norden) giebt, so bietet ihm doch auch die Vegetation schon +des Neuen und Südlichen viel, ihn dafür wenigstens in etwas +zu entschädigen. Stattliche Pecanbäume am Ufer, mit ihren +schlanken Stämmen und schattigem Laub, und weiter drinnen +im Land die riesigen hochwüchsigen Cypressen mit ihrer rothen +Rinde und dem prachtvoll wehenden grauen Moos, die fruchtbedeckten +Orangendickichte, die freundlichen Blumen geschmückten +Gärten, mit ihren Tulpenbäumen, Rosenranken, und Granatbüschen, +das Alles zeugt für die heiße Sonne dieser Breite, +wäre nicht schon das wehende Zuckerrohr am Ufer und die +eigenthümliche Baumwollenpflanze selbst Beweis genug auch +ohne das.</p> + +<p>So lichtbeschienen liegt das weite, wunderschöne Land +dort ausgebreitet — ein Paradies, wenn man's so flüchtig +sieht und auf bequemem raschem Boot daran vorübergleitet — aber +es ist das nur die äußere Rinde des Ganzen, die blitzt +und glänzt und in die Augen scheint, nicht alles ächt und +Gold. Wie lieblich liegen jene acht oder neun Reihen gleichmäßig +gebauter reinlicher Häuser mitten in diesem »Paradies« +— dort wo wir gerade vorüber fahren sind große weitästige +Feigenbäume vor die Thüren gepflanzt, kleine sauber gehaltene +Gärtchen schließen sich daran, und vor den Thüren spielen Kinder +— kleine schwarze, braune und gelbe lachende Gestalten +mit frohem Jubel herüber und hinüber, von alten Leuten dabei +beaufsichtigt die, zu alt zum Arbeiten, von ihren Herren +jetzt das Gnadenbrod bekommen, und ihre übrige Lebenszeit, +die ihnen Gott noch giebt, in Ruhe und Frieden verleben +dürfen. —</p> + +<p>Ruhe und Frieden! — dem alten Manne da, der das +Kind auf dem Schooße hält und hätschelt und es küßt — Ihr +könnt vom Boot aus die Thränen nicht sehn, die ihm die +dunklen, tiefgefurchten Wangen hinunter rollen — ist vor drei +Tagen seine Enkelin, ein bildhübsches Mädchen von achtzehn +Jahren, nach Kentucky hinauf verkauft, und ein anderer Enkel +von ihm, ein junger Bursch von zwölf Jahren, wurde blutig +gepeitscht, weil er die Ruthen nicht selber, wie es der Aufseher +befahl, von den Weiden schneiden wollte, mit denen die eigene +Mutter geschlagen werden sollte. Der Knabe liegt jetzt da +drinnen — in demselben freundlichen Haus vor dem der alte +Feigenbaum steht — auf seinem harten Lager, mit blutigen, +geschwollenen Gliedern und ächzt und stöhnt, und der Alte hat +das kleine Kind auf dem Schooß, und küßt es und herzt +es, und sieht im Geist schon die Peitsche gehalten, hört die +scharfen entsetzlichen Streiche, die auf die zarte Haut des Lieblings +niederfallen werden.</p> + +<p>»Seht die reizenden Wohnungen an« haben viele Reisende +geschrieben — »wie behaglich und warm sind eben diese +<span class="wide">Sclaven</span> hier gebettet, und möchten sie mit den unglücklichen +Armen unseres eigenen Vaterlandes tauschen, die mit fröstelnden +Gliedern, in erbärmlichen zugichen Hütten ihre trockene +Brodrinde oder faule Kartoffeln kauen, und sich das Haar raufen +wenn ihnen die Kinder die Ärmchen entgegenstrecken und +<span class="wide">umsonst</span> nach Nahrung schreien?« — Ich weiß es nicht; aber +<span class="wide">ein</span> Elend wird nicht durch das andere gehoben, und tausende +und tausende von ihnen würden lieber die letzte Brodrinde mit +dem Kind theilen und mit ihm hungern, als daß sie es aus +ihren Armen gerissen sähen, einem anderen, nicht geringeren +Elend entgegengeschleudert zu werden. Die Weißen, die den +lockeren sittlichen Verhältnissen jener Staaten nach, und in dem +ungestörten unantastbaren Recht des <span class="wide">Herrn</span> schon alle Familienbande +ihrer Sclaven außerdem mit Füßen treten, zerreißen +diese auch nach Gutdünken durch Verkauf der einzelnen +Glieder — der kleine Kreis der Sclaven, der nach schwerer +Arbeit um das Feuer seiner Hütte sitzt, kann er selbst dieses +Glück in Ruh genießen, wo er nicht sicher ist, ob nicht des +Herren Wille schon morgen, schon heute Nacht, das liebste +Kind aus ihrer Mitte nimmt — das vom Bord des Dampfers +noch einmal die Hände nach ihnen hinüberstreckt, und todt — +verloren ist für sie auf immer?</p> + +<p>Die Sclaverei, das Brandmal der Civilisation, wird immer +ihre Vertheidiger finden, die aus Eigennutz oder Unwissenheit +diesem Fluch der Menschheit das Wort reden, und den +faulen giftigen Kern mit der hie und da glatten Rinde entschuldigen +wollen, wer aber in ihrem Kreis gelebt, die zitternden +Geschöpfe unter dem Hammer des eisblütigen Tabakskauenden +Auktionators gesehn, und die Thränen gezählt hat, +wer dem Elend gefolgt ist, mit dem der Eigennutz hier unter +dem frechen Schutz <span class="wide">christlicher</span> Gesetze <span class="wide">Menschen</span> foltert, +der wird sich nur mit Abscheu von dem Elend wenden, dem er +nicht steuern kann und darf — ob's ihm auch fast das Herz +manchmal zerreißt.</p> + +<p>Aber vorbei — vom Dampfboot aus sehen wir Nichts +von alle dem; nur die freundlichen Dächer blitzen zu uns herüber +aus dem Grün des Buschwerks, und die geschäftigen regen +Gruppen, klein und zierlich mit scharfen Umrissen in der +reinen Luft wie auf dem Spiegelbild einer <i>camera obscura,</i> +geben der Scene ihren heiteren lebendigen Charakter.</p> + +<p>Das Boot schießt und schäumt jetzt dicht am Ufer hin, +und seine wildtanzenden Schlagwellen die hinter den Rädern +drein tanzen, waschen und schleudern an dem so schon genug +unterwühlten Ufer auf, und hetzen vergeblich hinter dem +davonbrausenden Fahrzeug drein. Dort auf der Levée spielt +ein munterer Trupp Creol-Poneys; die kleinen lebhaften +Thiere halten, wie sie das riesige Fahrzeug herankommen sehn, +wiehern und schnauben ihm mit offenen Nüstern entgegen, +und stampfen den weichen Boden mit den unbeschlagenen Hufen, +bis es ihnen fast gegenüber ist — Wetter noch einmal +wie sie da die dicken langen Mähnen und die Schweife emporwerfen, +und klappernd und tollend geht's die Levée entlang in +wildem Lauf. — Hier treiben sich kleine Negerkinder am Ufer +auf und ab; ein ganzer Schwarm ist's, und sie suchen Stücken +schwimmenden Holzes aus der Fluth zu fischen, die der Strom +zu ihnen niederführt. Eine alte Negerin sitzt dabei und paßt +auf die unbändigsten, daß sie sich nicht zu keck hinauswagen +an den tückischen Uferrand, der oft nur noch oben den dünnen +Rasen über einen verrätherisch darunter kochenden Wirbel +spannt. Selbst ihre alte Haut wäre vor Strafe nicht sicher, +wenn sie eines der Kinder verunglücken ließe, denn sie sind fast +so werthvoll wie die glatthaarigen feurigen Poneys dort.</p> + +<p>Wie die kleine Bande schreit und singt und tanzt und +jauchzt, als das Boot in Steinwurfs-Nähe an ihnen vorüber +rauscht — glückliche Kinderzeit, in der die ganze Welt noch im +rosigen Lichte liegt — selbst dem Sclaven.</p> + +<p>Vorüber wühlt sich das Boot seine Bahn — ha was ist +das? — was liegt da so gestreckt und glitternd in der Sonne +mit seiner Schuppenhaut, blinzelt mit den kleinen tückischen +Augen halb scheu halb trotzig herüber, und hebt den langen +häßlichen Kopf empor? — ein Alligator ist's, ein tüchtiger +Bursch, der seine fünfzehn Fuß wohl mißt, und sich hier sonnen +wollte auf dem weichen feuchten, warmen Rasen, bis ihn +die keuchende Maschine aufgestört. Das Boot will vorbei, +aber er traut dem Frieden nicht; müßige Gesellen an Bord +haben ihm schon ein paar Mal im Vorüberfahren die scharfen +Kugeln auf den Pelz gebrannt und wenn es ihm auch +gerade nicht schadete, war's ihm doch auch nicht eben angenehm. +Jetzt regt er sich — es ist Zeit, denn der eine Cajütenpassagier +ist richtig schon hineingesprungen in seine Coye +seinen Reifel<a href="#g3fn11"><small><sup>11</sup></small></a><a name="g3fn11r" id="g3fn11r"></a> zu holen für das bequeme Ziel.</p> + +<p>»Dort liegt er!« zwanzig Arme deuten hinüber und freuen +sich auf den Schuß, aber wie ein Stein rollt die schwerfällige +Gestalt hinein in's Wasser, und die ihm etwas zu spät nachgeschickte +Kugel zischte in die Fluth die über ihm zusammenschlägt.</p> + +<p>Weiter — weiter — der Dampfer hält mehr in die Mitte +des Flusses hinaus, einer Sandbank zu entgehen die sich an +dieser Stelle hin gebildet hat, und dem tiefgehenden Boot gefährlich +werden konnte. Ha was schwimmt dort im Strom +— ein großer Vogel, der die Reise zu Floß nach New-Orleans +macht? — es ist ein Aasgeier, der auf einem ertränkten und +häßlich angeschwollenen Rinde sitzt, an dem er sich über und +über gesättigt hat, und nun zu faul oder zu vollgefressen ist +hier aus der Mitte des Stromes das feste Land wieder zu erreichen; +er wartet ruhig bis sein ekles Fahrzeug näher zum +Ufer kommt, oder treibt auch wohl noch mit bis zum anderen +Morgen, den guten Bissen nicht sogleich zu verlieren.</p> + +<p>Und da drüben? — Pilot um Gottes Willen ist das +nicht eine menschliche Leiche die da schwimmt? — Wo? — dort? +wohl möglich, das kommt oft vor und treibt wohl von +Vicksburg oder Natchez oder aus Arkansas und dem Redriver +nieder — »Aber wollen Sie nicht das Boot hinüberschicken? —« +»Boot hinüber schicken wegen dem Cadaver? — Bah, da hätten +wir viel zu thun; der ist gut aufgehoben.«</p> + +<p>Weiter — weiter — was das für wunderliche Boote +oder Fahrzeuge sind, denn Boote kann man sie nicht nennen, +die mit vier oder fünf schläfrigen Gesellen an Bord, ohne Räder, +ohne Segel langsam den Strom niedertreiben. Unförmlichen +Kasten gleich, viereckig, von sechzig bis achtzig Fuß lang, +und zwanzig Fuß breit, fünf oder sechs Fuß hoch mit einem +rohen Gestell von Bretern von denen queerübergebogene auch +das Dach bilden, aufgerichtet. Ein langes Ruder (von denen +eines vorn und eines hinten angebracht ist, denn es bleibt sich +gleich wie sie treiben), dient dazu es wenigstens in etwas zu +steuern, und ein paar, oft auch zwei paar eben solche lange +Seitenruder <i>sweeps</i> genannt, die finnenähnlich an den Seiten +sitzen und nur aus einem kurzen Bret an einer Stange schräg +genagelt bestehn, dienen dazu manchmal das schwerfällige +Fahrzeug einem drohenden <i>snag</i>,<a href="#g3fn12"><small><sup>12</sup></small></a><a name="g3fn12r" id="g3fn12r"></a> einer Sandbank, oder einer +unbequemen Gegenströmung aus dem Weg zu schieben. Die +Arbeit ist aber anstrengend, und wenn nicht ein <span class="wide">muß</span> da ist, +rühren sich die faulen Burschen gewiß nicht.</p> + +<p>Aber diese Archen — und sie werden in der That oft so +genannt — so unscheinbar und roh sie aussehn, führen nicht selten +kostbare Ladungen den Strom hinunter; Mehl und Fleisch, +Whiskey, Äpfel, Mais, Butter, Hühner, Schmalz, wildes +Heu, Tabak, getrocknetes Obst, Faßdauben und Reifen und +lebendiges Vieh, Rinder, Schaafe, Schweine, Pferde, Maulthiere. +In den Städten des Südens dann angekommen, landen +sie ihr Boot, dessen vorderer Theil gleich zu einer Art +Verkaufslokal, ziemlich frei von Waaren gelassen ist, und verkaufen +nicht allein ihre Ladungen sondern auch das ganze +Fahrzeug, dessen Planken auseinander geschlagen und wieder +benutzt werden. Die Verkäufer aber, die Monate lang dazu +gebraucht aus den verschiedenen Flüssen, Ohio und Missouri, +Arkansas und Redriver, ja selbst aus den nördlichsten Strömen +des großen Reiches, aus dem Illinois und Foxriver niederzuschwimmen, +fahren an Bord der Dampfer in wenigen Tagen +jetzt wieder zurück in ihre Heimath, vielleicht ein neues Boot +bauen zu helfen und dieselbe Fahrt von vorne zu beginnen.</p> + +<p>Wie sich so leise der blaue Rauch aus den flachen nieder +geduckten Booten stiehlt, und langsam und gerade in die Höhe +wirbelt — die Leute kochen ihr Abendbrod, und wenn es Nacht +wird fahren sie an das nächste Land, werfen ein Tau um einen +irgendwo eingestürzten oder selbst noch stehenden Baum, und +liegen daran, bis ihnen Tageslicht wieder die freie Bahn zeigt, +und sie nicht mehr der Gefahr ausgesetzt sind im Dunkel irgendwo +auf den Strand zu treiben oder von einem, wenig +darnach fragenden Dampfer überrannt zu werden.</p> + +<p>Weiter — weiter der Abend naht — über den Strom +streichen lange Züge von Wildenten und Gänsen — dort drüben +an der kleinen Insel die mitten im Fluß liegt — der Mississippi +zählt deren einige achtzig — hat sich ein großes Volk +Pelikane auf der Sandbank zu Ruh gesetzt — sie schauen dem +weit von ihnen ab vorbeibrausenden Dampfer ruhig nach, und +nur manchmal ärgerlich nach einem unfern von ihnen auf einem +alten Stamm sitzenden Loon oder Wassertruthahn hinüber, +der ihnen mit seinem monoton melancholischen Schrei zu viel +Lärmen an dem stillen Abend macht. Dort in den Wipfeln +jener Cypressen geht ein Volk weißer und blauer Reiher zu +Ruh; schlanke langhalsige Burschen, die sich die höchsten Spitzen +der Bäume aussuchen, darauf zu schaukeln. — Und die Nacht, +wie sie so still durch den Wald zieht, erst die Büsche und +Dickichte füllt und die Schluchten, dann weiter und weiter +preßt und sich zuletzt erst, wenn der Wald schon in tiefem +Schweigen ruht, mit weißlichem Hauch auf den Strom legt, +der jetzt noch einmal so rasch zu laufen, noch einmal so laut +zu rauschen scheint.</p> + +<p>Wie die Maschine da klappert, die Räder schlagen und +schäumen, und der Dampf so scharf und zischend aus den +schlanken Röhren fährt. Und die Fluth quirlt so dick und +tückisch darunter hin, und hebt sich und springt hinten nach, +wie ein bissiger Köter, der schnappend nach dem stolz vorbeitrabenden +Roß hinüber fängt.</p> + +<p>Die Arbeiter an den Plantagen ziehn zu Haus, muntere +Lieder tönen von dort herüber wo die kleinen Feuer sichtbar +werden, die Leute haben einen Arbeitstag hinter und eine freie +Nacht vor sich, warum sollen sie nicht fröhlich sein? — bis die +Negerglocke morgen früh um 4 Uhr tönt dürfen sie ruhen.</p> + +<p>Und vorwärts wühlt und klappert und schnaubt das +Boot; die Gluth der unter den Kesseln geschürten Feuer wirft +einen rothen unheimlichen Schein links und rechts hinaus auf +die Fluth, und vor den Kesseln, mit langen Schürstangen in +der Hand, mit nacktem Oberleib, an dem der Schweiß in +Strömen niederträuft, die Gesichter und Arme geschwärzt, und +die Stirnen so heiß und glühend fast wie der Heerd an dem +sie arbeiten, stehen die Feuerleute des Boots, rühren die flammenden +Scheite durch- und ineinander, und werfen neue ein +in die kleine Öffnung die zu dem Zweck über den Thüren gelassen. +Es sind Neger und Weiße — meist freie Schwarze, +oft aber auch Sclaven und zwischen ihnen die Söhne aller +Stände, fast aller Welttheile, die mit der Schürstange und +dem heißen Schweiß sich ihr Brod verdienen müssen im Lande +der Freiheit. Manche Hand, die sich sonst nicht ohne glacirtes +Leder der Luft preisgab hat hier den eisernen Schürer geführt, +und mit dem Eimer die schmutzige Fluth heraufgezogen, einen +frischen Labetrunk zu thun; manches Muttersöhnchen, das zu +Hause gehätschelt und gepflegt und verzogen wurde, und den +Zug meiden mußte und die kalte Nachtluft, hat hier eingeholt, +was es daheim versäumt, und ist mit triefender Stirne und +von der schweren Arbeit zitterndem Körper, hinausgesprungen +auf den offenen Gangweg, von dem kalten einigen Luftstrom +der sich dem Boot entgegenwarf die fieberheißen Glieder kühlen +zu lassen und dann von Neuem in das Gluthenmeer der Kessel +einzutauchen. Grafen und Barone, Referendare und Lieutenants +haben neben und mit dem zäheren Neger hier schon oft +geheitzt, mit ihm aus einer Schüssel gegessen, in einem Raum +geschlafen, wie er behandelt und bezahlt und — sind nicht +schlechter dadurch geworden; aber kräftiger und gesunder — +wer von ihnen es eben aushielt und nicht vielleicht in New-Orleans +im Pottersfield<a href="#g3fn13"><small><sup>13</sup></small></a><a name="g3fn13r" id="g3fn13r"></a> oder an irgend einer Holzladung +im Mississippi-Sumpf abgeladen und eingescharrt wurde.</p> + +<p>»<i>Flatboot ahead — look out to starbord!</i>« schreit der +Mann der ganz vorn oben auf das oberste Deck (<i>hurricane +deck</i>) gestellt ist, dem Lootsen, der in dem kleinen Glashaus +oben aufsteht, Nachricht zu geben wenn er irgend etwas im +Strom sieht, das dem Boot gefährlich werden könnte, oder das +sie vermeiden müssen — das Steuerrad dreht sich rasch, den +Bug des Dampfers nach Larbord hinüber zu werfen, und dicht +an ihnen vorbei, so dicht daß das Radhaus den einen auf +Decke gelegten <i>sweep</i> des unbehülflichen Fahrzeugs faßt und +abreißt, und die dunkle schwerfällige Masse wie ein Schatten +an ihnen vorüber fliegt, schießt das Boot vorbei. An Deck +des Flatboots aber rennt die erschreckte und für Fahrzeug und +Leben nicht mit Unrecht besorgte Mannschaft wild und kopflos +durch einander, und schreit und flucht noch drohend nach, wie +die Gefahr schon lange für sie vorüber ist, und die nachschäumenden +Wellen den ungelenken Kasten nur noch tanzen und +schaukeln machen.</p> + +<p>Wie der Mond jetzt dort so still und freundlich über den +niederen dunklen Waldstreifen heraufsteigt, und sein mildes +Licht über die lauschigen Plätze am Ufer, über das matt +glitzernde Wasser des Stromes gießt; dicht am Land schnauben +wir wieder hin, und können jetzt das Rauschen der hohen stattlichen +Bäume, das Quaken der Frösche hören, die in den +Sümpfen drin ihre Nacht feiern. Und dort? — o wie so süß +der leise Flötenlaut des <i>mocking bird</i> klingt, der sich im niedern +Busche sein Nest gebaut hat, und jetzt die Kleinen in +Schlaf singt, die auf den Zweigen träumen — die Amerikanische +Nachtigall nennen ihn die Creolen, und er verdient's. +Wie sich das so heimlich fährt, so dicht am Ufer hin, wenn +man die Wellen an den Damm plätschern und das Lachen und +Sprechen von Menschen am nahen Lande hört, in Sprunges +Nähe fast an ihnen hingleitet und doch in einer ganz anderen, +ganz verschiedenen Welt als jene lebt. Wie es dem +Luftschiffer zu Muthe sein mag, der in stiller Nacht langsam +und tief über dem großen Ameisenhaufen, den wir Menschen +eine Stadt nennen, hingleitet, nieder in die erleuchteten Fenster, +auf die rauchenden Schornsteine sieht, und dem Summen +und Treiben der lebendigen Welt unter sich, der er in diesem +Augenblick nicht mehr gehört, dann lauscht; so braust das +Boot, eine kleine abgeschlossene Welt in sich selber mit seiner +staatlichen und bürgerlichen Einrichtung, dem Ufer fremd an +dem's vorüberschießt, dicht an dem dunklen Lande hin. Am +Ufer drüben grünt's und blüht's, die Blumen duften stärker +in der Nacht dort, im traulichen Familienkreis sammeln sich +die Glieder um den geselligen Tisch — Hunde bellen — Gänse +schnattern und die regelmäßigen Schläge der Axt, die Brennholz +in die Küche liefert, tönen noch, selbst durch die Nacht +im Takt herüber — Alles fremde Laute, und nicht dieser Welt +gehörig, in der die Schürstange die blitzenden Funken zum +schwarzen hohen Schlot hinaus gegen den dunklen Himmel +jagt, und das Rasseln und Klappern der Maschine, das dumpfe +Brausen der Räder, den Sang der Nachtigall vertreten muß.</p> + +<p>Weiter — weiter — dort drüben leuchtet ein Feuer am +Ufer, von einem Neger geschürt, der hier den Mosquitos zum +Trotz die Wache hat. Es ist das ein Zeichen für die Dampfboote +daß dort Holz zu verkaufen liegt, und die Landung gut +ist, und der Neger, wenn er auf solche Art ein Boot in der +Nacht zum Landen bringt, hat einen Viertel Dollar Prämie +von seinem Herrn — dafür muß er sich aber den Schlaf selber +abstehlen und zündet manches Feuer vergebens an. Die Glocke +läutet jetzt, die Heizer werfen die Thüren auf, aus denen eine +Gluth herausströmt Blei schmelzen zu machen, und die ihnen +oft auf viele Schritte Entfernung die Kleider am Leib versengt, +und Blasen in die Haut zieht. Der breite Bug dreht sich dem +Lande zu, von dessen Levée aus Hunde klaffen, und Stimmen, +auf die Frage von Deck aus, Preis und Art des Holzes herüberschreien. +Vorn zu Starbord, ein zusammengerolltes Tau in +der Hand, steht ein Matrose zum Wurf bereit, und sobald das +Ende nur das Ufer erreichen kann, springen Neger, von denen +indessen eine Menge zusammengelaufen, hinzu es zu fangen. +Jetzt fliegt es aus, wird gefaßt, in Land gezogen dort in Hast +um einen Baum oder Stumpf geschlagen und »<i>hawl in!</i>« tönt +der Ruf; die <i>deckhands</i> an Bord fassen zu, und holen das +Tau zurück an Bord so weit es reicht, es dort zu festigen, +Planken werden ausgestoßen und die Bootsmannschaft mit einem +Theil der Zwischendeckspassagiere, die ihre Passage billiger +bekommen wenn sie sich verpflichten mit Holz zu tragen, strömen +hinaus, schichten die einzelnen Scheite der lang aufgestapelten +»Korde« auf die Schultern, und eilen damit an Bord +zurück.</p> + +<p>Wie eigen doch das aussieht — die hellen Feuer die auf +der Levée jetzt zu lichter Gluth geschürt werden, daß sie hoch +aufflammen und den Platz erleuchten, die neugierigen Gesichter +der Neger mit den großen blitzenden Augen und hellen prachtvollen +Zähnen, in ihren weißen Jacken und Röcken, Männer, +Frauen und Kinder, die den Ort mit einem gewissen Wohlbehagen +umdrängen auch einmal weiße Leute arbeiten zu sehn — eben +wie Neger; der Verkäufer des Holzes selbst, gewöhnlich +der Oberaufseher der Plantage, in lichtgestreifter +Jacke und Hose, den breiträndigen Hut auf und das Pferd, +von einem der Sclaven geführt, gesattelt hinter sich, mit den +wildmalerischen Gestalten der Dampfbootleute, die sich neues +Material holen für ihr nächtiges Werk. Rechts davon der +stille Frieden des Landhauses mit seinen lauschigen Schatten, +links das weißgemalte Boot mit den vielen hellerleuchteten +Thüren und Fenstern, den buntgekleideten und gemischten Gestalten +auf seiner Gallerie, und den riesig dunklen Schornsteinen, +wie es da innerlich kochend und brausend aber festgebunden +liegt, und nur mit den Rädern noch langsam, fast wie +ungeduldig, gegen die Strömung anarbeitet, einem gefesselten +Stier nicht unähnlich der mit den Füßen scharrt, und den +Augenblick nicht erwarten kann der ihm wieder den Gebrauch +seiner mächtigen Glieder giebt.</p> + +<p>Wieder tönt die Glocke! »Alle an Bord« schallt der, den +Leuten willkommene Ruf des Steuermanns — was noch am +Lande ist und dort nicht hingehört eilt zurück, die Planken werden +eingeholt »<i>let go!</i>« das Tau am Ufer losgeworfen, der +Bug vom Lande mit langen dazu besonders gehaltenen Stangen +abgestoßen, und schärfer schlagen die Räder ein — höher +kräuselt die Fluth am Bug; der Koloß ist frei und arbeitet wieder, +seine Bahn verfolgend, in den Strom hinaus.</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap6" id="kap6"></a>Capitel 6.</h2> + +<h3>Leben an Bord des Dampfers.</h3> + +<p>Aber wir müssen uns auch zu dem Inneren des gewaltigen +Bootes wenden, denen tausende unserer Landsleute Leben +und Eigenthum auf Tage und Wochen anvertrauen, ihr weit +im Lande d'rin gelegnes Ziel, sei es, in welchem Staat es +wolle, zu erreichen.<a href="#g3fn14"><small><sup>14</sup></small></a><a name="g3fn14r" id="g3fn14r"></a></p> + +<p>In der Cajüte, einem sehr geschmackvoll eingerichteten +geräumigen Salon, der an beiden Seiten seine bequemen +<i>staterooms</i> oder Einzelcajüten für zwei Passagiere zusammen +hatte, war die größte Zahl der Reisenden um die lange Tafel +versammelt, die in der Mitte stand, und bei den Mahlzeiten +zum Eßtisch, später in ihren einzelnen Theilen auseinander +genommen, meist zu Spieltischen verwandt wurde. Hie und +da hatte sich auch schon ein kleines Spiel arrangirt, und sich +drei und drei zu einer Parthie Whist oder Eucre, oder zwei +zu einem Schach oder Domino zusammengefunden; die Leute +waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden. +Das unbehagliche Gefühl, sich selber fremd an einem Ort zu +wissen, den man auf kurze Zeit zu seiner Heimath machen +soll, hatte sich noch nicht überwinden lassen, und Manche gingen +auch, theils allein, theils in Gesellschaft, in der Cajüte +auf und ab, miteinander plaudernd und eben Bekanntschaft +knüpfend.</p> + +<p>Hopfgarten allein hatte noch eine Zeitlang volle Beschäftigung +seine Coye, wie er sich das schon früher gedacht +und ausgemalt, ordentlich herzurichten. Ein <i>life preserver</i> +(Lebenserhalter) ein großer Ring von luftdichtem Zeug zum +Aufblasen, hing vor allen Dingen über seinem Bett; er war +dabei so fest überzeugt daß sie auf dieser Fahrt irgend ein — <span class="wide">Unglück</span> konnte +er es eigentlich nicht nennen, — aber irgend +einen Zufall haben würden, daß er dem Professor schon die +bittersten Vorwürfe gemacht hatte, sich nicht besser auf etwas +derartiges vorgesehn, und besonders für die Damen die nöthigen +Vorkehrungen getroffen zu haben. Außerdem hatte er +aber, auch nach anderer Seite hin gerüstet zu sein, einen +zweischneidigen Dolch und ein paar Pistolen bei sich, von denen +der erste vorn unter seiner Weste, dem Auge verborgen, +der Hand aber erreichbar, ruhte. Aber das nicht allein; er +führte auch eine kleine Taschenapotheke mit, in der Heftpflaster, +Charpie, Wundbalsam etc. etc. einen sehr vorragenden +Platz einnahmen; ebenso war er mit Lanzetten, Verbänden, +Bandagen etc. versehn, und besaß in der That Alles, einen +menschlichen Körper nach allen Arten von Hieb-, Stich- und +Schußwunden, Quetschungen, Brüchen etc. etc. wieder soviel +nur irgend möglich auf die Beine zu helfen.</p> + +<p>Nachdem er dieß nun Alles, soweit sich das hier thun +ließ, sorgsam geordnet und zum augenblicklichen Gebrauch bereit +gelegt, trat er durch die allgemeine Cajüte auf das vorn +liegende Boilerdeck hinaus, wo Professor Lobenstein, die Hände +auf dem Rücken, dem Gewirr von Sprachen und Menschen ein +klein wenig entzogen zu sein, still und allein spatzieren ging, sich +aber nicht besonders wohl darin zu fühlen schien. Unbehaglich +dabei war ihm schon die, allerdings sonst höchst wohlthätige +Einrichtung an Bord, die Herren und Damen, außer der Tischzeit +in abgesonderte Räume verwiesen und getrennt zu sehn. +<span class="wide">Den</span> Herren allerdings die Damen ihrer Verwandtschaft an +Bord haben, ist es gestattet unter Umständen die Damencajüte +zu betreten, aber die Menge <span class="wide">fremder</span> Damen <ins title="Original hat verleitete">verleidete</ins> ihm +das bald, während es Herrn Hopfgarten den Besuch direkt +abschnitt und unmöglich machte. Er konnte sich nur +bei dem Professor nach ihrem Wohlbefinden erkundigen, und +wie er darüber gute Auskunft erhalten, gingen die beiden +Männer, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, eine Weile nebeneinander +auf und ab, als Hopfgarten, jedenfalls seinen bis +dahin verfolgten Ideeen Worte gebend, plötzlich sagte:</p> + +<p>»Aber ich weiß doch nicht — sein Betragen in der letzten +Zeit hat mir gar nicht gefallen.«</p> + +<p>»Wessen Betragen?« frug der Professor erstaunt.</p> + +<p>»Wessen Betragen? Henkels.«</p> + +<p>»Aber wie kommen Sie denn jetzt auf Henkel?«</p> + +<p>»Sprachen wir denn nicht von ihm?«</p> + +<p>»Wir haben nicht daran gedacht; aber wie so — wie verstehn +Sie das? sein Betragen in gesellschaftlicher Beziehung +da weiß ich doch nicht; er hat sich immer höchst anständig +benommen.«</p> + +<p>»Oh das dank' ihm der Teufel!« rief Hopfgarten rasch, +»nein ich meine sein Betragen gegen seine Frau.«</p> + +<p>»Ich habe Nichts bemerkt was mir aufgefallen wäre« +sagte der Professor gutmüthig.</p> + +<p>»Das ist sehr leicht möglich« meinte Hopfgarten, +»auffällig war aber jedenfalls, daß die beiden Leutchen die +letzten Tage gar nicht mehr zusammen an Deck erschienen sind, +oder wenn es geschah, kein Wort mit einander gewechselt haben. +Was ich nicht gleich an Bord bemerkte oder beachtete, +ist mir nachher, bei ruhigerem Nachdenken erst wieder ein- und +aufgefallen und es muß etwas, kurz vor unserer Landung +zwischen den beiden Gatten vorgefallen sein, was sie uns übrigen +Passagiere eben nicht wollten merken lassen.«</p> + +<p>»Wenn das wirklich der Fall war, so hatten sie da aber +auch vollkommen recht« lachte der Professor — »es muß nicht +Alles gleich an die große Glocke geschlagen werden, was zwischen +Eheleute tritt und sie vielleicht auf kurze Stunden entzweit — das +Alles gleicht sich dann bald wieder aus.«</p> + +<p>»Ja das ist allerdings richtig« sagte Hopfgarten nachdenkend, +»aber die plötzliche Krankheit der Dame dann nachher, +das furchtbar bleiche Aussehn — das stille Wesen, sie die noch +kurz vorher die lebendigste heiterste Frau unseres ganzen Schiffs +gewesen war. Es kam uns nur das Land und die Landung +und all das Neue dazwischen, und es thut mir jetzt wahrhaftig +leid, nicht noch kurze Zeit in New-Orleans geblieben und der +Sache besser auf die Spur gekommen zu sein. — Es war ein +gar zu liebes nettes Weibchen,« setzte er nach kurzer Pause, +wie mit sich selber redend, hinzu.</p> + +<p>»Bah, junge Eheleute haben auch manchmal einen kleinen +Tanz miteinander« sagte der Professor kopfschüttelnd, »und +wenn das zum ersten Mal kommt, nimmt sich's die junge +Frau gewöhnlich um so mehr zu Herzen, weil sie vielleicht bis +dahin geglaubt hat, daß so etwas in <span class="wide">ihrer</span> Ehe gar nicht vorfallen +könne, und solche Enttäuschung ist immer schmerzlich. +Das giebt sich aber bald, und sind nur Gewitterwolken, die +um so rascher wieder dem schönsten blauen Himmel weichen +müssen.«</p> + +<p>»Hm — ja — ich will es hoffen — wenn ich aber nur +eine Idee hätte, daß der Mann <span class="wide">die</span> Frau schlecht behandelte +oder unglücklich machte, wahrhaftig, ich kehrte mit dem nächsten +Dampfboot wieder nach New-Orleans zurück und — «</p> + +<p>»Und?« — frug der Professor ihn lachend dabei anschauend +— »und was wollten Sie dann nachher thun? wie +und auf welche Art könnten Sie sich in die Familienverhältnisse +irgend eines Hauses mischen?« —</p> + +<p>»Ich forderte ihn!« rief Hopfgarten entschlossen.</p> + +<p>»Bah« sagte aber der Professor kopfschüttelnd, »damit +würden Sie nicht einmal der Frau, noch weniger aber sich +selber einen Gefallen thun — sich <span class="wide">mit</span> dem Mann <span class="wide">für</span> dessen +Frau schlagen, hahahaha, das wäre wahrhaftig nicht so übel. +Übrigens« setzte er hinzu, als Hopfgarten mit fest verschränkten +Armen finster und schweigend neben ihm auf- und +abging »haben Sie sich da nur selber irgend etwas in den +Kopf gesetzt, was wahrscheinlich nichts weiter ist als eine Geburt +Ihrer Phantasie. Meine Töchter sind doch auch viel mit +ihr zusammengewesen, und haben Nichts gemerkt.«</p> + +<p>»Sie haben wahrscheinlich noch gar nicht mit ihnen darüber +gesprochen?«</p> + +<p>»Nein, allerdings nicht.«</p> + +<p>»Nun sehn Sie — die Sache geht mir furchtbar im Kopf +herum, aber es läßt sich in diesem Augenblick freilich Nichts +dagegen thun, und in einigen Wochen denke ich so wieder unten +in New-Orleans zu sein.«</p> + +<p>»So rasch?«</p> + +<p>»Vielleicht etwas später, das kommt eben auf Verhältnis +an; jedenfalls werde ich einige Zeit das nördliche Land durchkreuzen +und den Mississippi nach verschiedenen Richtungen befahren.«</p> + +<p>»Ihrem alten Projekte nach?« lächelte der Professor.</p> + +<p>»Zum Theil« lachte Hopfgarten, »aber doch auch in +der Absicht das Land kennen zu lernen und dessen Charakter; ich +bin deshalb besonders nach Amerika gekommen, und habe mir +eben nur ein paar tausend Dollar zu der Reise ausgesetzt — sind +die verthan, so gehe ich wieder nach Deutschland zurück.«</p> + +<p>»Weshalb ist Herr von Benkendroff eigentlich nach Amerika +gegangen?« frug der Professor.</p> + +<p>»Gegründete Ursache zu haben über Amerika schimpfen +zu können« lachte Hopfgarten — »ich bin fest überzeugt +er hat keinen andern Grund. Ich freue mich schon darauf ihn +nach einigen Wochen wieder zu sprechen.«</p> + +<p>»Sie werden ihn dann aber schwerlich finden, denn er +durchreist doch gewiß ebenfalls das Land.«</p> + +<p>»Kommt aber auch sicher wieder nach New-Orleans zurück, +und hat mir für dort schon seine Adresse gegeben. Doch es +wird kühl, wir wollen hineingehen; Sie spielen ja Schach, da +können wir uns die Zeit mit einer Parthie vertreiben.«</p> + +<p>In dem großen hellerleuchteten Saal herrschte eine angenehme +Temperatur; an den verschiedenen Tischen saßen jetzt +mannichfaltige Gruppen spielend oder plaudernd, mit einer +Flasche Wein oder gemischten spirituösen Getränken zwischen sich; +es wurde gelacht und erzählt und das Ganze, mit den dazwischen +herumgehenden Aufwärtern die neuen Vorrath von Getränken +herbeitrugen, oder gebrauchte Gläser fortschafften, gab der Cajüte +fast das Ansehn eines großen geräumigen und sehr eleganten +Cafés in irgend einer bedeutenden Stadt — nur daß +es über einen Krater gebaut stand, unter dem die Maschine +hämmerte, die Räder wirbelten, die Kessel siedeten, und oft +schon gerade ein solches sorgloses Stillleben mit <span class="wide">einem</span> furchtbaren +Schlag in Tod und Vernichtung geschleudert haben. +<span class="wide">Ein</span> dumpfer Knall — ein Prasseln und Brechen, ein gellender +Schrei, und die zerstückten Leichname der fröhlichen lebenslustigen +Menschen, die vergoldeten und mit Bildern behangenen, +hellerleuchteten Wände flogen zerrissen, zerfleischt, zerstückt +hinaus, und der gierige tanzende Strom spielte mit den entsetzlichen +Resten.</p> + +<p>Aber was thuts? — wir können deshalb nicht langsamer +fahren, weil das und jenes Boot einmal seinen Kessel +sprengte, und eine Anzahl Passagiere zu früh in die Ewigkeit +sandte — auf dieser Fahrt wird es nicht gleich platzen lautet +der gewöhnliche Trost der Reisenden, und kaum eine Stunde +an Bord, vergessen sie die Gefahr, ja reizen sie wohl sogar noch +selbst in dem oft still gedachten, oft laut geäußerten Wunsch, +das oder jenes Boot was eben in Sicht vorausläuft, zu überholen. +Niemand will auf einem langsamen Dampfer fahren, +an die Möglichkeit einer Zerstörung wird kaum noch mehr +gedacht, und das Völkchen lacht und plaudert und trinkt und +schläft so sicher und ruhig <span class="wide">über</span> dem Vulkan, wie — die buntere, +wild gemischtere Schaar, die <span class="wide">hinter</span> der Maschine, im +sogenannten Zwischendeck ihr <span class="wide">Lager</span> im eigentlichen Sinn des +Wortes aufgeschlagen.</p> + +<p>Was für ein Unterschied zwischen den beiden Plätzen, die +nur durch eine Reihe Planken und dünner Balken voneinander +getrennt liegen. — Oben Luxus und Bequemlichkeit, Alles +vergoldet und tapezirt, mit Teppichen belegt und blank polirt, +Licht und Glanz den ganzen Raum durchströmend, und elegant +und reinlich gekleidete Leute im behaglichen Bewußtsein ungestörter +Ruhe das Alles genießend — unten, nur rohe und unbehobelte +Breter zu Verschlägen angeschlagen — Kisten und +Koffer überall im Weg, der ja freie Boden von Tabakssaft +schlüpfrig gemacht; eine Masse Volk, zusammengewürfelt aus +allen Schichten der Gesellschaft, selbst bis zur letzten nieder, +und in der letzten gar nicht selten am häufigsten vertreten, +durch einander drängend und fluchend und schreiend — Niemand +mit einem gewissen Platz, die Wenigen ausgenommen, +die zuerst gekommen waren, und einen der Verschläge für sich +besetzen konnten. Hier ein Trupp Bootsleute, schon halb betrunken, +die vollen Flaschen noch zwischen sich auf einer Auswandererkiste, +gleichviel wem sie gehört, die Nacht durchzuschwelgen +und zu toben, weil sie doch keinen Platz haben sich +hinzulegen; dort ein paar andere bei einem schmutzigen laufenden +Talglicht — Privateigenthum — über einen Kasten und +ein altes Spiel kaum erkennbarer Karten gebückt. Dort weinende +und schreiende Kinder, die von ihren Müttern mit eben +so gellender Stimme in Schlaf gesungen werden sollen, und +dort drüben ein Bursche, der trotz allem Lärm und Toben, +mitten in dem Gewirr ruhig an einem Pfeiler lehnt, und zum +Besten seiner Bootsmannschaft, mit der er auf einem Flatboot den +Strom herabgekommen, wie aller Anderen die es hören und +nicht hören wollen, eine alte wahnsinnige Violine mishandelt.</p> + +<p>Ein fast glühender Ofen, in solcher Temperatur gehalten +die verschiedenen Töpfe und Geschirre mit Wasser zum Kochen +zu bringen, in denen sich die verschiedenen Familien nach der +Reihe ihr Abendbrod selber kochen müssen, wird besonders von +den Frauen mit rothheißen Gesichtern umlagert, und verbreitet +drückende Schwüle und einen fatalen Fettgeruch durch den +ganzen, schon ohnedieß vollgedrängten und dunstigen Raum. +Eine trübe mattbrennende Laterne wirft zu gleicher Zeit ein +unsicheres zuckendes Licht über das Drängen und Treiben unter +sich, und das Rasseln und Klappern und Schleifen und Schütteln +der dicht daneben befindlichen Maschine donnert den Chor +zu dem ganzen Lärm.</p> + +<p>Ha was war das? — die hellen reinen glockenähnlichen +Töne die da plötzlich das dumpfe Murmeln und laute Schreien, +sogar die gellenden Kinderstimmen und scharfen Discorde der +Violine überwältigen, und plötzlich aus all dem Wirrwarr +herauszittern, sind sie nicht wie Öl in die stürmische See gegossen, +dem sich die bäumenden Wellen selber, im Aufruhr +der tobenden Elemente schmiegen? Selbst zum Ingenieur, der +vorn an den Kesseln steht und eben den Stock gehoben hat die +Dampfstärke zu proben, sind sie gedrungen, und er bleibt in +der Stellung und biegt den Kopf zurück, dem ungewohnten, +fremden Ton zu lauschen — das Toben und Kreischen vorher +hatte er gar nicht mehr gehört. Und in dem Zwischendeck +selbst — welch wunderbare Veränderung brachte der leise +schwimmende Laut. Die Violine schweigt mitten in einer +Parodie auf Alles was nur Harmonie und Takt genannt +werden konnte, der Spieler vergißt seine Karten zu mischen, +die Frauen den siedenden Topf vom Feuer zu nehmen, die +schwatzenden, lachenden, singenden, brüllenden Gruppen öffnen sich +und drängen, und suchen dem einen Orte zuzukommen. Selbst die +Trinker stoßen nur noch ein wildes »Juch!« aus, und horchen +der neuen wunderlichen Musik, die jetzt in weichen aber wunderbar +harmonischen Tönen gerade aus dem Mittelpunkt des +Zwischendecks herüber tönt, und von Niemand Anderem herrührte +als unserem alten Bekannten, dem Polnischen Juden +Veitel Kochmer.</p> + +<p>Mit weiter keinem Gepäck als einem kleinen, mit altem +Seehundsfell überzogenen Kistchen, das neben der Holzharmonika +alle seine wie des Knaben irdische Habseligkeiten enthielt, +hatte sich Veitel Kochmer, der aus Gott weiß welchem Grunde +mehr Vertrauen zum Norden gefaßt zu haben schien Geld zu +verdienen, oder sich vielleicht auch noch in der warmen Jahreszeit +fürchtete ein so heißes Klima für seinen gefütterten +Kaftan zu wählen, als New-Orleans um diese Zeit noch war, +auf dem ersten besten Dampfer eingeschifft der stromauf ging, +und hielt die Zeit jetzt für vollkommen passend, den Grund zu +dem in Amerika zu erwerbenden Vermögen zu legen.</p> + +<p>Auf einer gerade dort stehenden breitdeckeligen Kiste, die +sich vortrefflich zum Resonanzboden eignete, breitete er bei dem +Schein eines dazu geborgten Stückchen Lichts, seine Hölzer aus; +die Umstehenden, neugierig was der wunderliche Fremde beginnen +würde, gaben ihm gern Raum, und Veitel ließ jetzt +die ersten Töne erschallen, die mit ihrer wunderbaren aber doch +durchdringenden <ins title="Original hat Weiche">Weise</ins>, bis in die entfernteren Räume drangen, +nur erst einmal die Aufmerksamkeit der Passagiere auf +sich zu lenken. Das gelang ihm auch vollkommen, und von +allen Seiten ergingen jetzt Aufforderungen an ihn zu spielen, +und sein Instrument hören zu lassen. Veitel Kochmer war +aber nicht der Mann der etwas umsonst gethan hätte, wo +Aussicht auf Gewinn sich zeigte; so also einen Landsmann, +den er sich schon unter den Passagieren aufgefunden und der +vollkommen gut englisch sprach, in der Geschwindigkeit eine +große Geschichte aufbindend, erzählte er ihm, daß er, der Musikus, +ein armer eingewanderter Pole sei, der den politischen +Verfolgungen in Europa entflohn, im Canal Schiffbruch gelitten +und fast Alles verloren habe was er sein nannte, und +nun gezwungen wäre sein Brod in dem neuen Vaterland, dem +Lande der Freiheit, mit Musikmachen zu verdienen. Der +Deutsche mußte das den Amerikanern übersetzen und hinzufügen, +der arme Mann habe nur sein Instrument gestimmt und +in Ordnung gebracht, und wolle damit, wenn es der Capitain +erlaube, in die Cajüte hinauf gehn, um sich dort bei den Cajütspassagieren +ein paar Dollar einsammeln zu können.</p> + +<p>»Verdamm die Cajütspassagiere!« rief aber da Einer der +Bootsleute dazwischen, der, die Taschen voll Geld von verkaufter +Ladung, sich in seinem Stolz gekränkt fühlte, weniger +gelten zu sollen als die »<i>Swells</i>« — »wir haben hier ebenso +viel Geld wie die da oben, wenn nicht noch mehr, ob wir gleich +im Zwischendeck fahren; sind eben so gut <i>gentlemen</i> wie die +»<i>fine folks</i>« in der Cajüte, und wenn Musik eben für Geld +zu haben ist, können wir's gerade so gut bezahlen.«</p> + +<p>»Ja wohl, ja wohl!« schrieen Andere dazwischen, froh +irgend etwas zu haben, ein paar Stunden der langweiligen +Nacht zu vertreiben »spiel auf Pole, spiel auf, und was <span class="wide">die</span> +Dir da oben geben, geben wir Dir auch.«</p> + +<p>Veitel Kochmer verlangte gar nicht mehr; die Cajüte lief +ihm überdieß nicht weg, und er war gern bereit dem allgemeinen +Verlangen zu willfahren. Der Knabe trat jetzt ebenfalls +an seinen Platz, und die Zwischendeckspassagiere jauchzten und +jubelten, als sie die merkwürdig reinen Flötentöne des Kindes +hörten, wollten es auch im Anfang gar nicht glauben daß er es +mit der Stimme allein mache, und drängten sich dicht um ihn +her, und sahen ihm starr in's Gesicht, ob er nicht doch noch +eine heimliche Flöte irgendwo versteckt habe. Die Sammlung +fiel dabei viel reichhaltiger aus, als der Alte je gedacht haben +mochte; Viertel Dollar regnete es von allen Seiten und Veitel +füllte seine ganze Tasche mit Silber. Nach der Sammlung +mußte er aber wieder spielen, und die Bootsleute besonders, die +den Ton hier anzugeben schienen, verlangten jetzt auch ihnen +bekannte Lieder, wie Lord <i>Howes hornpipe</i>, Washingtons +Marsch, Napoleons Retirade, <i>the star spangled banner</i> und +besonders den <i>Yankee doodle</i>. Die Melodieen kannte aber +der Alte nicht, und ein langer Yankee setzte sich vor ihn hin auf +eine Kiste, spitzte den Mund und begann ihm die einzelnen +Melodieen vorzupfeifen.</p> + +<p>Die Unruhigsten der Schaar fingen aber schon an sich +über das viele Musiciren, das ihnen überhaupt nicht laut genug +war, und dessen fremden Melodieen sie, wie sie sich ausdrückten, +»nicht verstanden«, zu ärgern und langweilen, und +wie der Yankee die ihnen bekannten Weisen zu pfeifen begann, +stimmten sie, jeder nach seiner eigenen Tonart, mit ein. +Nicht einmal den Beginn eines ganz anderen Liedes respektirten +sie dabei, und nach kaum einer Viertelstunde wogte ein Gewirr +von Mistönen durch den Raum, daß der alte Polnische Jude +sein Instrument in Verzweiflung einpackte und wegstellte.</p> + +<p>Ein neuer Lärm, der am anderen Ende des Decks stattfand, +lenkte aber auch die Aufmerksamkeit der Leute wieder nach +anderer Richtung. Zwei Irländer waren sich über ihr Kartenspiel +in die Haare gerathen, der Eine sollte betrogen haben +und suchte jetzt seine Unschuld dem Andern mit der Faust zu +beweisen; das aber war ein Spiel was dieser auch verstand, +und die beiden stämmigen Burschen flogen in voller Wuth gegeneinander +an, bald mit ordentlichem Boxen, wobei sie einander +die Augen schwarz schlugen, bald wieder in einander gehakt +mit Armen und Beinen, daß ihre Köpfe gegen Pfeiler und +Kistenecken anschlugen, den Kampf zu entscheiden. Die Weiber +kreischten, die Kinder schrieen dazu und die Männer jauchzten +und jubelten, brüllten Hurrah und klatschten in die Hände.</p> + +<p>Der Eine von ihnen bekam die Sache aber, da sich Niemand +weiter hinein mischte, doch endlich satt, und schrie »genug!« +wonach ihn sein Gegner für vollständig überzeugt hielt, +und wurde von seinen Freunden halb besinnungslos fortgeschleppt; +der Andere aber erging sich in seiner Freude in allerlei +ungewöhnlichen Capriolen, schlug sich mit den flachen Händen +auf die Lenden, krähte wie ein Hahn, sprang dann in +tollem Übermuth im Deck herum, und bot Jedem der »<i>gentlemen</i>« +fünf Dollar, der sich mit ihm prügeln wollte. Es dauerte +lange ehe der, von Whiskey halbtolle Mensch konnte beruhigt +und zu Ruhe gebracht werden. Der Abend war aber indessen +auch weit vorgerückt, das Holztragen vorüber, und die Passagiere +mußten daran denken Plätze zu suchen, wo sie sich für +die Nacht nur einiger Maßen unterbringen konnten.</p> + +<p>Viele hatten sich das weit leichter gedacht als es sich +auswieß; die unverhältnißmäßig wenigen Coyen, da ein Dampfbootcapitain +an Zwischendeckspassagieren aufnimmt was er eben +bekommen kann, waren sämmtlich besetzt und in Beschlag genommen, +die einzelnen Kisten zu kurz sich darauf auszustrecken, +und der Boden selber so von Tabakssaft der kauenden Amerikaner +verunreinigt, daß selbst ein solches Lager zur Unmöglichkeit +wurde. Manche krümmten und rollten sich doch noch auf +Kisten und Koffern, oft in den verdrehtesten Stellungen zusammen, +Andere kauerten sich in eine Ecke, und suchten auf diese +Art der Nacht eine Stunde Schlaf abzupressen. Wer so glücklich +war irgend eine Art Rücklehne zu finden, setzte sich auf +was er eben kam, und ein Theil versuchte sogar mit Auf- und +Abgehen in dem vollgedrängten Deck die Nacht hinzubringen, +mußte das aber bald aufgeben, und drückte sich nun in dem +Maschinenraum auf dort aufgespeicherte Zuckerfässer, oder selbst +auf die <i>guards</i> hinaus, trotz der feuchten Nachtluft, wo der +Zimmermann des Bootes eine Hobelbank stehen hatte, und die +beiden Plätze, darunter und oben drauf, den vollen Werth einer +Coye bekamen. Es war ein entsetzliches Gewirr von Gliedmaßen, +das hierdurch, über- und ineinander lag.</p> + +<p>Ein paar deutsche Familien, und unter ihnen die mit +der Haidschnucke erst nach New-Orleans gekommenen Webersleute, +hatten sich, so gut das gehen wollte, in die eine +Ecke ihre Kasten zusammengerückt, wenigstens für die Frauen +und Kinder einen in etwas geschützten Ort zu bekommen, und +unfern von ihnen kauerte auf seinem kleinen Kistchen, den +Knaben zu seinen Füßen, an einer Stelle, von der sie erst +eine größere Kiste weggeschoben, Veitel Kochmer. Das an +dem Abend eingenommene Geld hatte Veitel aber in einen +leinenen Beutel gesteckt, und in eine Seitentasche seines Kaftans +geschoben, die neben ihm ihrer Schwere wegen, mit auf dem +Kistchen stand. Nicht vermeiden ließ es sich dabei, daß mehre +der anderen Passagiere dicht um ihn herum ihren Platz nahmen, +wie es der Raum gerade gestattete, und kaum ein wild +gemischteres Bild ließ sich auf der Welt denken, als dieß Deck +mit seinen bunt und toll zusammengewürfelten, halb liegenden, +halb kauernden, über und durch einander gestreckten Gestalten, +über welche das matte Licht der Laterne nur seinen ungewissen +zitternden Schein warf, und hie und da dichte Schatten ließ, +aus denen in der und jener Ecke ein paar Beine oder Arme, +oder ein unnatürlich zurück gebeugter Kopf hervorschauten.</p> + +<p>Es war indessen, im so schrofferen Gegensatz zu dem +früheren Toben, still und ruhig hier geworden; nur hie und +da tönte das regelmäßige Schnarchen eines der Glücklichen vor, +die eine Coye erbeutet hatten und auf dem Rücken, wenn auch +auf harten Planken, doch ausgestreckt liegen konnten, und +Brust und Lunge frei behielten. Auch ein leise gemurmelter, +aber darum nicht minder herzlich gemeinter Fluch theilte da +und dort die Lippen Einer der ineinander gekrümmten Gestalten, +wenn sich der Gegenmann oder Antipode im Schlafe streckte +und ihm vielleicht mit den rauhen Füßen über Gesicht oder +Brust fuhr. Die Maschine allein klapperte und schleifte dabei +regelmäßig fort und der Ingenieur, der mit der Öllampe daran +herumging, die einzelnen Gelenke derselben anzufeuchten, schien +das einzige lebendige, bewußte Wesen in dem ganzen unteren +Raum.</p> + +<p>Philipp, der Knabe des Polen, war nach der Anstrengung +des Abends fest eingeschlafen und lag, halb zurück an den +Vater gelehnt, mit weit nach hinten gebeugtem Kopf und +offenem Mund, die bleichen schönen, aber jetzt verzerrten Züge +von der Laterne matt beleuchtet, da, und der Alte saß, den +Kopf auf seinen schmutzigen Kaftan vorn stützend, in unruhigem +Schlummer, in dem er auf- und niedernickte und das schwere, +von seinem Hut voll beschattete Haupt bald auf die, bald auf +jene Seite sinken ließ.</p> + +<p>Zu seiner Rechten kauerte eine, in ein blaues kurzes +Oberhemd, wie es die Bootsleute trugen, gekleidete Gestalt, +deren Gesicht von einem breiträndigen Hut ebenfalls ganz bedeckt +wurde. Halb über sich herüber, wenigstens die linke +Schulter und einen Theil der Brust bedeckend, hatte der Mann +einen alten hellen, aus einer wollenen Decke zugeschnittenen +Rock, gleichsam als Schutz gegen die frischere Nachtluft gezogen, +obgleich es in dem untern Deck noch warm genug war, das +entbehren zu können, und auch er schien zu schlafen, und im +Schlaf eben mehr und mehr, wie um ein bequemeres Lager +zu bekommen, sich an seinen Nachbar anzulehnen. Der Pole, +dem das unbequem wurde, sträubte sich im Anfang dagegen, +aber in solchem Fall hören alle Rücksichten auf, und der schläfrige +Gesell, drei, vier Mal angestoßen, knickte doch immer, +so wie er wieder in Schlaf kam, nach seinem etwas höher +sitzenden Nachbar hinüber, der ihn zuletzt mußte gewähren +lassen, oder auch selber endlich darüber einschlief.</p> + +<p>Aber der Bursche schlief <span class="wide">nicht,</span> denn unter dem breiten +Rand des Hut's heraus blitzten von Zeit zu Zeit ein paar +kleine stechende Augen scheu und forschend hervor, überflogen +wie suchend den weiten Raum, und hafteten dann wieder mistrauisch +und prüfend an der ruhigen Gestalt des Polen. Nach +und nach, aber so langsam und allmählich, daß es kaum zu +erkennen war, brachte er dabei den rechten Arm mehr und mehr +unter seinen übergeschobenen Rock, und die kaum sichtbare +aber geschäftige Thätigkeit seines Ellbogens verrieth, daß er +ihn nicht nur zum Ausruhen dort hingehoben habe.</p> + +<p>Veitel Kochmer nickte und schwankte indessen im Schlaf +herüber und hinüber, als er auf einmal, den Kopf auf die +Brust gesenkt, den rechten Arm an seiner Seite herunter hängend, +daß der Ellbogen jedoch leicht auf dem Beutel mit Geld +auflag, oder ihn wenigstens berührte — still und regungslos +sitzen blieb. Seinem Nachbar, der jedenfalls ein bedeutendes +Interesse dabei hatte ihn in Schlaf zu halten, mochte das verdächtig +vorkommen, denn auch er rührte von diesem Augenblick +kein Glied mehr, und athmete schwer und regelmäßig, ja schloß +selbst unbewußt die Augen unter dem tiefen Schatten des +Hutes, als ob das hätte sein Athmen bekräftigen können. So +mochten die Beiden wohl etwa zehn Minuten gesessen haben, +und kein Laut sonst als die schon vorerwähnten hatte die Stille +bis dahin unterbrochen, da fing Veitel wieder an mit dem +Kopf zu nicken, schwankte erst etwas rechts, dann etwas nach +links hinüber, lehnte den Kopf zurück an das Mittelbret der +hinter ihm befindlichen Coye, und fing an leise zu schnarchen. +Aber der Bursche an seiner Seite traute dem Frieden noch immer +nicht, und den eignen Kopf langsam emporhebend, wie in +tiefem Schlaf unbewußt nach einer bequemeren Stellung suchend, +blinzte sein Auge scheu nach dem bleichen bärtigen Angesicht +des Nachbars auf. Das aber lag regungs- und ausdruckslos +an der Bretwand an, und mit dem Drängen der Zeit, denn +jeden Augenblick konnte irgend ein Lärm die Schläfer wecken, +begann der bis dahin ruhig gebliebene Arm seine Thätigkeit +wieder.</p> + +<p>Wie die Maschine so still und ruhig mit ihren gewaltigen +Armen und Hebeln hämmerte — wie das <i>flywheel</i> schlug und +schwirrte, und das Rauschen der mächtigen Räder, mit den +rasch und regelmäßig einschlagenden <i>bucketplanks</i><a href="#g3fn15"><small><sup>15</sup></small></a><a name="g3fn15r" id="g3fn15r"></a> zum Takt +dazwischen die Wellen peitschte, und sie schäumend hinter dem +Boot hinauswarf. Wie so ruhig der Strom da draußen lag, +daß man das Murmeln selbst der kleinen Wogen hören konnte, +und die schlummernden Gestalten hier im Deck, von dem schon +halb verlöschten Lichte der Laterne kaum noch beleuchtet, so +ruhig und friedlich schliefen, als lägen sie daheim in ihren +weichen Betten, und nicht über Kistendeckel und Fässer, Körbe +und Schachteln hin, mit eingezwängten Gliedern. —</p> + +<p>»Diebe! Mörder! Diebe!« ein gellender, kreischender Aufschrei +schmetterte durch das Zwischendeck die Schläfer wach, +und jagte sie, fertig angezogen wie sie ringsum lagen, so rasch +empor, als ob sie von einem Zauberstab berührt, aus dem +Boden heraufgesprungen wären.</p> + +<p>»Hallo! wer ist todt? — wo brennts? — aufgeblasen — +bei <span class="wide">Gott!</span>« schrieen verschiedene Stimmen, von denen einzelne +schon befürchteten, daß dem Boot irgend ein Unglück zugestoßen +sei, wild und erschreckt durcheinander.</p> + +<p>»Diebe — Mörder! Diebe — Diebe!« dröhnte aber +Veitel Kochmers Stimme in gutem Polnischen Deutsch unverdrossen +und gellend dazwischen, und die noch halb Schlaftrunkenen +sahen wie der Mann mit dem wunderlich spitzen Bart und +dem langen seidenen Rock, den sie schon vorher unten mit einer +Frau, und oben mit einem Affen verglichen hatten, einen Andern, +der sein Möglichstes versuchte von ihm wegzukommen, +beim Rockschoß gefaßt hielt und die Hülfe der Übrigen anrief. +Allein war er aber nicht im Stande den Mann länger im +Griff zu behalten, und ehe die Übrigen sich besinnen und zuspringen +konnten, riß der seinen Rockschoß aus dem krampfhaften +Griff des Polen, und wollte mit einem Satz hinaus auf +die offenen und vollkommen dunklen <i>guards</i> des Bootes springen, +als sein Fuß in einem der anderen Schläfer, die hier +queerüber der Passage lagen, hängen blieb, und er der Länge +nach, mit einem lauten Aufschrei niederschlug. Im nächsten +Moment hatten sich auch ein paar stämmige Kentuckier, die +unfern von dort ebenfalls gelegen und jetzt aufgesprungen +waren, über ihn geworfen und hielten ihn fest, und während +er mit Armen und Beinen um sich schlug und austrat, schrie +Veitel in einem fort, und ohne irgend eine der von allen Seiten +an ihn gerichteten Fragen zu beantworten, »mein Geld +— mein Geld — Gott der Gerechte mein Geld!«</p> + +<p>»Aber zum Donnerwetter was ist los? — was brüllt der +Bursche hier? — was hat der da verbrochen?« schrieen die +Amerikaner durcheinander, die wohl eine undeutliche Ahnung +haben mochten was geschehen sei, die Sache aber auch genauer +erfahren wollten, und von dem Schreien des deutsch Redenden +keine Sylbe verstanden.</p> + +<p>»Mein Geld — mein Geld!« brüllte aber Veitel und +warf sich über den Gefangenen, seine Hände und Taschen zu +untersuchen, während sein früherer Dolmetscher den Übrigen +die gerufenen Worte übersetzte. Alles drängte jetzt gegen +den Gefangenen an, vor allen Dingen das <i>corpus delicti</i> +zu finden, und den Verbrecher dadurch zu überführen; dieser +aber hatte sich indessen, von den ihn Umdrängenden jedoch +noch immer festgehalten, wieder aufgerichtet, und fing nun +auch seinerseits an eine eigene Meinung über die Sache zu +bekommen.</p> + +<p>»Was, im Namen von Hölle und Verdammniß habt +Ihr mit mir?« schrie er mit lauter trotziger Stimme, »seid +Ihr toll oder betrunken, daß Ihr einen Menschen, den die +verrückte Bestie von einem Halbaffen da aus dem Schlafe geschrieen, +überfallt und festhaltet, als ob er irgend etwas verbrochen +hätte? Was wollt Ihr von mir, was soll ich — +weshalb preßt Ihr mir die Arme zusammen, als ob sie von +Eisen wären — wer zum Teufel hat ein Recht mich so zu +behandeln?«</p> + +<p>»Nur ruhig, <i>honey</i>!« rief ihm aber Einer der Irländer, +der jetzt seinen Rausch so ziemlich ausgeschlafen hatte, freundlich +zu, »nimm's nur kaltblütig mein Herzchen, und wenn +Du's nicht kaltblütig nehmen kannst, nimm's doch so.«</p> + +<p>»Was wollt Ihr? — weshalb haltet Ihr mich? weil der +verrückte Schuft da im Schlafe brüllt? — Da, such, was +willst Du von mir, Canaille, <span class="wide">ich</span> habe Nichts.«</p> + +<p>»Mein Geld! mein Geld!« schrie aber der Israelit, mit +zitternden Händen an dem Mann, freilich vergebens, herumfühlend +— »er hat mein Geld gestohlen.«</p> + +<p>Die nächsten Minuten war es kaum möglich ein weiteres +Wort zu verstehn; Alles schrie, tobte, lachte und fluchte durcheinander, +und der Ingenieur verließ seine Maschine, die Mannschaft +vorn ihre Posten, und was noch wach an Bord war, +drängte nach dem Zwischendeck zurück, zu sehn und zu hören +was es da gebe. Veitel Kochmer war aber in der Zeit auch +nicht müßig gewesen, und das Geld nicht an dem vermeintlichen +Dieb findend, suchte er dort, von wo dieser aufgesprungen, +und fand da den Sack auf der Erde liegen, mit einem kleinen +scharfen und geöffneten Federmesser dicht daneben; rasch an +seinen Kaftan fühlend entdeckte er dort zugleich einen breiten +Schnitt, der diesen mit der Tasche vollständig offen gelegt, und +sogar noch in den leinenen Sack hineingeschnitten hatte, so +daß die Thatsache selber Allen, die ihn beim Suchen unterstützten, +klar genug wurde. Der Mann mit dem blauen Überhemd +leugnete aber Schnitt und Messer ab, wie überhaupt +irgend etwas von dem Juden oder seinem Geld zu wissen; er +habe dagesessen und fest geschlafen, und sei durch das Brüllen +seines Nachbars aufgeschreckt worden, ja im Anfang der Meinung +gewesen die Kessel wären geplatzt, und nur im Instinkt +der Selbsterhaltung aufgesprungen.</p> + +<p>»Ja wohl <i>honey</i>«, lachte der Irländer dabei, während +Veitel sein Geld wieder barg und erstaunt von einem zum +anderen der Männer sah, ohne ein Wort von dem was sie +sprachen zu verstehn, »das glaub' ich Dir schon, daß Du die +Geschichte im Instinkt hast, denn es mag nicht das erste Mal +sein, daß Du in Gedanken oder im Instinkt in anderer Leute +Taschen kommst — wie war also die Sache, Langbart da, +woher weißt Du, daß dieser <i>gentleman</i> hier Dein Geld im +Instinkt forttragen wollte?«</p> + +<p>Andere, die deutsch sprachen, übersetzten dem Polen die +Frage, und dieser erzählte jetzt wie er im Schlaf seinen rechten +Arm auf dem Geldsack habe liegen gehabt, einmal aber, halb +munter geworden, sei es ihm vorgekommen, als ob Jemand +langsam daran ziehe. Nicht recht sicher, sei er ruhig sitzen geblieben, +bis auf einmal das Geld ihm unter dem Arm fortgeglitten +und der Bursche da, als er rasch und erschreckt +emporfuhr, in dem Augenblick auch auf und fortgesprungen +wäre.</p> + +<p>Der Dieb leugnete natürlich Alles, und schrie über Gewalt +und Unrecht, das einem Bürger der Vereinigten Staaten +auf die schlaftrunkene Anklage eines fremden Juden angethan +würde. Das fremde unnütze Gesindel sei überdieß nur da, +und komme von Europa herüber sie, die Amerikaner, auszusaugen, +ihren Arbeitslohn herunter zu drücken und den Eingeborenen +<i>(natives)</i> das Brod vor dem Munde wegzuschnappen.</p> + +<p>»Hör' einmal mein Junge!« fiel ihm da Einer der +langen Kentuckier in die in Zorn ausgesprudelte Rede — +»es will mir beinah vorkommen, als ob Dir die Fremden +noch verdammt wenig Arbeitslohn heruntergedrückt hätten. +Außerdem wissen wir noch gar nicht einmal ob Du ein Amerikaner +bist oder nicht.«</p> + +<p>»Ich bin im »alten Staat«<a href="#g3fn16"><small><sup>16</sup></small></a><a name="g3fn16r" id="g3fn16r"></a> geboren!« rief der Gefangene +trotzig.</p> + +<p>»Kein Compliment für den alten Staat« sagte der Kentuckier +ruhig, »doch das bleibt sich jetzt gleich. Wir sind hier +verdammt, eine Woche mitsammen auszuhalten »in Freud und +Leid« wie die Friedensrichter bei den Trauungen sagen, und +müssen uns also auch die Luft frei und die Taschen zu halten +vor derartigem Gesindel das daran herumschneiden will.«</p> + +<p>»Aber was wollt Ihr da von <span class="wide">mir?</span>«</p> + +<p>»Wirst es gleich hören mein Herz.«</p> + +<p>»Werft den Lump über Bord und laßt ihn an Land +schwimmen« schrie der Irländer dazwischen.</p> + +<p>»Frieden da!« rief aber der Kentuckier, »wir dürfen einen +Mann nicht strafen, ohne ihn gehört zu haben; wählt einmal +einen Richter unter Euch, Kameraden, und zwölf Geschworene; +zu schwören brauchen sie weiter nicht, da wir keinen wirklichen +Richter haben, und dann wollen wir der Sache gleich auf den +Grund kommen.«</p> + +<p>»Hurrah für den Kentuckier!« schrieen eine Masse Stimmen, +froh jetzt irgend etwas zu haben die lange Nacht durchzubringen, +»wählt eine Jury — wählt einen Richter!«</p> + +<p>»Wir wollen den Steuermann zum Richter nehmen!« +rief eine feine Stimme durch den Lärm — der Steuermann +war mit den übrigen Neugierigen ebenfalls herbeigekommen, +zu sehn was es gäbe.</p> + +<p>»Was schiert uns der Steuermann!« schrie aber ein langer +Bootsmann aus dem Staat Mississippi dazwischen — »wir +sind hier Passagiere und was wir untereinander haben, machen +wir auch untereinander aus.«</p> + +<p>»Ja wohl, ja wohl!« riefen Andere — »der Kentuckier +soll Richter sein; Hurrah für den Kentuckier!«</p> + +<p>Unter Lärmen, Lachen und Schreien, während der ertappte +Dieb jetzt freigelassen war, sich aber so von Wachen umstellt +sah, daß an ein Entrinnen nicht zu denken war, wurde jetzt +auch eine Jury aus den Passagieren gewählt, wozu man jedoch +nur Amerikaner nahm, und den Angeklagten dann frug ob er +mit der Wahl zufrieden sei. Dieser aber, dem doch nicht wohl +dabei wurde als die Leute Ernst machten, protestirte gegen ein +solches Verfahren, verschwor sich noch einmal hoch und theuer +daß er von der ganzen Geschichte Nichts wisse, neben dem Juden +ruhig geschlafen habe, das Messer gar nicht kenne und ein +ehrlicher Mann sei, und verlangte den Capitain zu sehen, der +ihn vor einer solchen Behandlung wie sie ihm hier widerfahre +schützen müßte, oder er verklage ihn selber in der ersten Stadt +an der sie anlegten, wegen Mishandlung seiner Passagiere.</p> + +<p>Das half ihm übrigens Alles Nichts, die Leute im Zwischendeck +hatten Langeweile, brauchten etwas, das ihnen die +Nacht hindurch die Zeit vertriebe, und die Bootsleute selber, +Capitain und Steuermann, hüteten sich schon da einzugreifen, +wo sie doch recht gut wußten daß ihnen die Macht fehlte, +noch dazu da es hätte zu Gunsten eines Burschen geschehen +müssen, gegen den doch ziemlich gegründeter Verdacht wenigstens +beabsichtigten Diebstahls vorlag.</p> + +<p>Dem Angeklagten nun hätte es frei gestanden gegen sechs +aus der Jury, Amerikanischen Gesetzen nach, Protest einzulegen, +wofür dann andere gewählt worden wären; da er aber gegen +die ganze Jury protestirte, und ihr das Recht abstritt über ihn +zu urtheilen, wurde sie ganz beibehalten, und das Verhör begann. +Veitel Kochmer, der sich jetzt übrigens gern von der +ganzen Geschichte zurückgezogen hätte, bekam einen Dolmetscher, +und mußte besonders <i>in figura</i> wieder zeigen wie sie Beide +gesessen hatten, während man noch alle übrigen Zeugen vernahm, +die vorher die beabsichtigte Flucht des Angeklagten mit +angesehn.</p> + +<p>Als die vernommen worden, wurde der Angeklagte aufgefordert +Zeugen für sich selber zu stellen, und ein anderes Individuum, +das sich aber weit besser ruhig verhalten hätte, trat +jetzt freiwillig auf, und erklärte den Angeklagten schon seit einer +Reihe von Jahren als einen braven, in seiner Heimath geachteten, +und sonst in jeder Beziehung ehrenwerthen Mann zu +kennen. <span class="wide">Dem</span> Burschen stand das Wort »Gauner« aber mit +so deutlichen Zügen auf der Stirn geschrieben, daß die ganze +Jury laut lachte als er von Ehrlichkeit und Achtung sprach, +und der Angeklagte selber schien nicht sehr mit der Fürsprache +zufrieden zu sein. Es war ein langer hagerer Gesell, der +neue Zeuge, mit einer hellgrünen Flanelljacke an, die sehr kurz +in den Ärmeln, seine Gelenke und dünnen Armen weiter zeigte +als gerade schön sein mochte; auf dem einen Auge schielte er +dabei, und da das andere nicht eine Secunde auf ein und demselben +Menschen haftete, konnte sich keiner an Bord rühmen +dem Blick des Burschen auch nur ein einziges Mal begegnet +zu sein. Einen alten zerknitterten Fitz, den er bis dahin auf +dem struppigen Haar gehabt, drückte er, so lang er mit der +Jury sprach, in den Händen herum.</p> + +<p>Der Staatsanwalt, zu dem sich ebenfalls ein junger, ganz +ordentlich gekleideter Mann an Bord für diesen einzeln Fall +gemeldet hatte, trat jetzt auf und versicherte der Jury, unter +dem schallenden Gelächter sämmtlicher übrigen Passagiere, nur +nicht der beiden Freunde, daß dieser Zeuge die Sache des Angeklagten +eher verschlimmert als verbessert habe, hob dann noch +einmal in sehr glücklich gewählten, meist humoristischen Wendungen +das ganze Entsetzliche dieses Falles an einem Ort hervor, +wo Alle so zusammengedrängt waren daß sie schon ohnedieß +Einer die Hände in den Taschen des Anderen haben +mußten nur stehen zu können, und eröffnete schließlich den geehrten +Geschworenen, daß ihnen kaum etwas anderes übrig +bleiben würde als den Mann zu — hängen, wie seinen Freund +Landes zu verweisen.</p> + +<p>Ein lautes Hurrah! antwortete diesem Vorschlag, der von +Allen natürlich als ein Scherz aufgenommen wurde, nur nicht +von dem Angeklagten selber, der vielleicht schon früher Zeuge +gewesen war, wessen eine Bande müssiger Bootsleute, in Übermuth +und Langerweile fähig sei. Die Jury zog sich jetzt auf +die Außenguards zurück dort miteinander den Fall zu berathen, +kehrte aber nach sehr kurzer Zeit wieder, und erklärte kein Urtheil +abgeben zu wollen, bis man nicht weitere Beweise gegen +den Mann habe, der zu diesem Zweck zu visitiren sei, ob er +nicht irgend etwas Verdächtiges bei sich trage was seine jetzige +böse Absicht noch mehr bekräftigen könne.</p> + +<p>Dagegen sträubte sich aber der Angeklagte auf das Entschiedenste, +machte sogar Miene sich ernsthaft zur Wehr zu +stellen und schrie, als ihn ein paar von den baumstarken Flatbootmen +unterliefen und hielten, aus Leibeskräften um Hülfe +und Feuer und Mord. Das Alles half ihm aber nicht allein +Nichts, sondern machte die Leute nur noch mistrauischer gegen +ihn, die jetzt ohne weiteres, während ihn Einige festhielten, +seine Taschen umdrehten und ihn aufforderten sein Gepäck +auszuliefern das er an Bord habe.</p> + +<p>Wider Erwarten entdeckte man bei ihm ein mit Geld sehr +wohlgespicktes Taschenbuch, in dem sich einige zwanzig ganz +neue Banknoten der »<i>White water canal banking company</i>« +mit einigen einzelnen Mississippi-Dollar-Noten und einige kleine +Münzen vorfanden. Hiervon erregten aber die neuen Noten +Verdacht, von denen eine im Kreis herumging, bis sie zu den +Händen des Staats-Anwalts, jedenfalls eines jungen Handlungscommis +der irgend eine Anstellung im Norden suchte, +kam. Dieser erklärte sie nach kurzer Besichtigung für <i>counterfeit +money</i> (falsches Geld), und erbot sich sehr freundlich und +bereitwillig selber zu hängen, wenn er nicht die Wahrheit gesagt +habe und das Geld genau kenne. Mit diesem Ausspruch +allein begnügten sich aber die Passagiere nicht, und eine Deputation +wurde hinauf in die Cajüte geschickt, zu sehen ob noch +Einer von den Buchhaltern wach wäre, dessen Urtheil über die +Banknoten zu hören.</p> + +<p>Der zweite Buchhalter war kurz vorher vom Steuermann +geweckt worden, da das Boot wieder anlegen mußte +Holz einzunehmen. Noch halb im Schlaf wollte der freilich die +Passagiere erst unwirsch wieder abweisen, ließ sich aber doch +endlich bewegen, einen in Neu-York herausgegebenen <i>counterfeit +detector</i>, in dem allmonatlich sämmtliche falsche Banknoten +veröffentlicht werden, nachzusehn, und erklärte die Banknote +dann ebenfalls nach kurzer Untersuchung für falsch. Das +war genug und die Sache im Zwischendeck, die bis jetzt mehr +in Scherz und Übermuth getrieben worden, drohte einen ernsteren +Charakter zu bekommen.</p> + +<p>Der Kentuckier nahm vor allen Dingen das als falsch +erkannte Geld in Beschlag, zerriß es in Stücken und steckte es +unter dem wüthenden Heulen und Schreien des Angeklagten +in den Ofen, wo es bald hell aufloderte, das übrige Geld +wurde ihm jedoch zurück gegeben, und die Jury ging dann +noch einmal auf die <i>guards</i> hinaus, das Endurtheil zu fällen, +als die Glocke draußen — das Zeichen zum Landen und Holztragen +— ertönte.</p> + +<p>»<i>Wood pile, wood pile boys!</i>«<a href="#g3fn17"><small><sup>17</sup></small></a><a name="g3fn17r" id="g3fn17r"></a> schrie der Mate oder +Steuermann, froh eine Gelegenheit zu haben den Skandal zu +unterbrechen, in das Deck hinein — »hinaus mit Euch wer +nicht bezahlt hat, Eure Albernheiten könnt Ihr nachher abmachen +— <i>Wood pile!</i>«</p> + +<p>Das Boot landete, die Planken wurden ausgeschoben, +und die Zwischendeckspassagiere, die sich eben zum Holztragen +verpflichtet hatten, konnten sich dessen nicht weigern; der Delinquent +sollte indessen unter der Aufsicht von drei oder vieren, +die nicht mit zu tragen brauchten, zurückgelassen werden; das +aber duldete der Mate nicht, der erklärte daß er den Mann +nothwendig zum Holztragen brauche; wenn sie was von ihm +wollten, könnten sie das ebensogut nachher abmachen, hier in +Nacht und Nebel und einem wildfremden Staat würde er ihnen +nicht fortlaufen. Die Anderen trauten ihm jedoch nicht, +und zwei von den Kentuckiern erboten sich draußen an seiner +Seite zu bleiben, und jeden etwaigen Versuch zur Flucht unmöglich +zu machen.</p> + +<p>Der Bursche, der aber jedenfalls ein böses Gewissen hatte, +und vielleicht nicht mit Unrecht fürchtete auch noch andere +Sachen an den Tag gebracht zu sehn, schien das Resultat der +Jury nicht abwarten zu wollen, denn als er, einmal im Freien, +seine zweite oder dritte Ladung aufgenommen, wußte er seine +Gelegenheit zu benutzen, warf dem Einen von seinen beiden +Wachen den ganzen Stoß Holz auf den Leib, sprang über ihn +fort, und war im nächsten Augenblick über die Fenz hin, in +einem Baumwollenfeld verschwunden, das Boot wie seine bezahlte +Passage im Stich lassend.</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap7" id="kap7"></a>Capitel 7.</h2> + +<h3>Die Ufer des Mississippi und Ohio.</h3> + +<p>Der Dampfer verfolgte indessen rasch seine Bahn, und erreichte +am nächsten Nachmittag die Grenze der Plantagen; die +Grenze nämlich insofern, als diese kein geschlossenes Ganzes, Fenz +an Fenz mehr bildeten, und den Urwald erst in schmaleren, dann +immer breiter werdenden Streifen zum Ufer des Stromes heranließen, +bis zuletzt Wald, dichter finsterer mächtiger Wald an +beiden Seiten lag, und nur hie und da eine größere Lichtung +den Ort verrieth, wo die Axt des Menschen thätig gewesen +war sich in das Herz der Wildniß einzuwühlen, und den +überreichen Boden sich zinsbar zu machen.</p> + +<p>Der Strom gewann hier einen ganz anderen Charakter; +noch war das graue wehende Moos an den Bäumen sichtbar, +aber es hing nicht mehr in solch gewaltigen prachtvollen Massen +von den höchsten Wipfeln bis zur Erde nieder, die Riesen +des Waldes in einen weiten Schleier hüllend. Dichte Schilfbrüche +füllten dabei den Unterwald bis zum äußersten Rand +des eingebrochenen Ufers, von dem ab zahlreiche unterwaschene +und niedergeschwemmte Stämme die Verheerung nur zu deutlich +verriethen, die hier von den ungestüm reißenden, und +noch täglich weiter in das feste Land hineinfressenden Wassern +angerichtet worden.</p> + +<p>Wieder kamen dann weite, Plantagen bedeckte Flächen, +wie die ganze Strecke von Point-Coupée, bis fast zum Atchafalaya +— einem Abstrom des Mississippi der sich auf eigene +Faust in den Golf von Mexiko ergießt — hinauf; aber das +Zuckerrohr wurde hier schon seltner, Mais nahm dessen Stelle +ein, und nur die Baumwollenfelder dauerten noch fort.</p> + +<p>Weiter und weiter arbeitete das Boot — die Lichtungen +wurden schmäler und seltener, auch die Gebäude unansehnlicher, +die an den Ufern standen, bis sie zuletzt zu niedere fensterlose, +in Sumpf und Rohr gebaute Blockhütten zusammenschrumpften, +mit mächtigen Reihen Klafterholz an der Seite, den auf- +und abgehenden Dampfern das so nöthige Material zu liefern, +und kaum einen halben Acker urbar gemachten Landes dabei, +für die Bewohner der Hütte etwas Mais und einige Kürbisse +und Melonen zu ziehn.</p> + +<p>Mitten aus dem Wald heraus leuchteten den Reisenden +dann wieder plötzlich die hellen und oft ganz stattlichen Gebäude +eines bald größeren bald kleineren Ortes entgegen, und +nirgends läßt sich der Unternehmungsgeist der Amerikaner +gerade besser erkennen, als an den Ufern der westlichen Ströme, +wo sich der Mensch ordentlich in die Öde mit seinen Bedürfnissen +hineinbohrt, weiter und weiter um sich greift, und +aus dem Wald heraus, von Wölfen Nachts umheult und von +der rauschenden Wildniß dicht begrenzt, seine Städte mit ihrem +Handel und Verkehr, Dampfmaschinen und Banken heraufzaubert. +Im Anfang sind diese denn auch natürlich nur auf +den Strom selber angewiesen, dessen Schiffahrt sie entstehen +ließ; nach und nach aber siedeln sich Nachbarn an, Plantagen +und Farmen entstehn, Mühlen und Fabriken werden gebaut, +Wege angelegt, und das Holz verschwindet unter den unausgesetzten +Schlägen der gefräßigen Art.</p> + +<p>So passirten sie Natchez und Vicksburg, beide Städte mit +prachtvollen massiven Gebäuden, scheinbar an der Grenze der +Civilisation gegründet, und ließen die Mündung des gewaltigen +Redriver an ihrer Linken, der seine rothen Fluthen, ein fast +ebenso mächtiger Strom als der Mississippi selber, in diesen +wälzt, ohne dessen Ufer auch nur eines Schrittes Breite auszudehnen. +Ebenso hat der »Vater der Wasser« den stattlichen +Arkansas, den White River, den breiten Ohio, mit einer Unzahl +kleinerer Flüsse aufgenommen, ohne die Breite seines Bettes, +von der Mündung des fast noch bedeutenderen Missouri +auch nur im mindesten zu ändern. Aber tiefer und reißender +wird er, je weiter er sich wühlt, und je größere Kräfte er in +sich aufnimmt; weiter hinein in den Grund reißt er sich seine +furchtbare Bahn, und die größten Kriegsschiffe würden ihn +tausende von Meilen befahren können, dämmte seine Mündung +nicht die, den meisten großen Flüssen gefährliche Queerbank, +die gerade über sein Fahrwasser wegliegt, und tiefgehenden +Schiffen den Eingang hartnäckig weigert.</p> + +<p>Weiter, weiter schäumen wir stromauf; dort drüben zu +unserer Linken mündet der Arkansas seine Wasser, eine kurze +Strecke weiter oben ein Arm des White River, und der kleine +Ort, in die Spitze, die beide Ströme miteinander bilden, hineingebaut, +heißt Montgomery.</p> + +<p>Unser Lootse weiß aber von dem Ort da drüben, und von +dem Mann der hier das erste Haus gegründet, viel zu erzählen. +Er selber ist früher lange Jahre auf dem Arkansas gefahren +und oft an der Spitze die Montgomerys Point hieß und noch +heißt gelandet; der aber, der hier den ersten Axtschlag gethan, +war Einer jener wilden Charaktere wie sie der Westen leider +noch in Masse liefert — Männer die nur das eine Ziel im +Auge tragen — <span class="wide">Geld</span> — deren Herz und Seele, wenn sie +Beides wirklich haben, nur dem einen Trieb sich weiht und +eigen giebt, und die selbst Raub und Mord zu Brücken brauchen, +das zu erreichen. Wenn nur die Hälfte von dem wahr +ist, was er dem an das Lootsenhaus gelehnten Passagier halblaut, +und mit einem scheuen Blick dort hinüber in's Ohr +flüstert, daß es dem Mann eine Eishaut über den ganzen +Leib jagt, so hat das Land da drüben Ursache fruchtbar zu sein, +denn es ist mit Menschenblut gedüngt.</p> + +<p>Wald dehnt sich jetzt zu rechts und links — weiter endloser +Wald mit furchtbaren Sümpfen die nur, das Ufer des +Stromes verlassend, der Jäger betritt, den Bär in seinem +Schlupfwinkel aufzusuchen, oder die hier ziemlich zahlreichen +Hirsche zu jagen. Selbst Büffel haben sich, noch etwas weiter +zurück vom Mississippi, in diesen furchtbaren Dickichten gehalten, +und es ist das der einzige Platz in den, in die Union aufgenommenen +Staaten, wo sie noch zu finden sind.</p> + +<p>Auch die Vegetation nimmt hier wieder einen etwas anderen +Charakter an; das graue Moos ist ganz verschwunden, +selbst die Cypressen kommen schon vereinzelter vor als weiter +unten, und der mächtige <i>cotton</i> oder Baumwollenholzbaum, +nach einer weißen Flocke in der sein Saamen sitzt, so genannt, +hat den Ehrenplatz am Ufer, und füllt das flache sumpfige +Land mit seinen wahrhaft riesigen Stämmen. Aber während +der rastlos schaffende und vernichtende Mississippi an dem einem +Ufer den Boden unterwäscht und wühlt, und oft ganze +Acker Land, mit hunderten von Stämmen in sein Bett herniederreißt, +wirft er am andern wieder weite Sandbänke aus, +deckt sie und düngt sie mit dem fruchtbaren Schlamm, den ihm +der Missouri aus den weiten Steppen des Westens hernieder +führt, und läßt sich vom Wind dann, in den leichten fasrigen +Flocken, den Saamen des Baumwollenbaumes niederstreuen +auf den jungen Grund. Jedes Jahr legt er sich der Art einen +kleinen Streifen um den neugegründeten Besitz, und während +das erst besäete Stück schon die jungen Cottonbäume bis zehn +und fünfzehn Fuß Höhe trägt, die sich mit den saftgrünen +jungen Kronen dicht und fest an den alten Urwald selber anschmiegen, +werden sie kleiner und kleiner je weiter sie dem Ufer +selbst sich nähern, bis sie in kleinen, kaum sichtbaren Schößlingen, +noch von dem Schaum des Stromes bespühlt, nur +eben erst die schwachen grünen Keime zeigen, und damit eine +förmliche grüne Stufenleiter bilden, bis zum Wasser nieder.</p> + +<p>Auch die Alligatoren sind jetzt verschwunden und zeigen +nicht mehr die dunklen zackigen Rücken und Stirnen, verbranntem +Holze gleichend, über der trüben Fluth; statt dessen sonnen +sich weichschalige Schildkröten in Masse auf dem gelben Sand +und den in den Strom geschwemmten Stämmen, strecken die +langen Köpfe neugierig und scheu herauf, wie sie das heranschnaubende +Boot hören, und lassen sich dann schwerfällig nieder +gleiten in die Fluth, dem fremden unheimlichen Feinde zu +entgehn.</p> + +<p>Auch die weißstämmige Sycamora, mit ihrem schweren +rothen Holz das nicht im Wasser schwimmt, drängt sich bis +zum Ufer vor, gar seltsam gegen die dunklen Stämme der +übrigen Waldung abstechend, während bis zu ihren ersten +Ästen hinauf, in dreißig und vierzig Fuß Höhe, eine feste +grüne Wand emporsteigt, das Mississippi-Rohr (<i>cane</i>) das +seine Bambusähnlichen Wurzeln bis in den neben ihnen hinwaschenden +Strom hinunter hängt, und eine fast ununterbrochene +Mauer bildet gegen das offene Flußbett zu.</p> + +<p>Als ob ein einzelner Baum umgeschlagen wäre und da +hinein hie und da eine kleine, kaum bemerkbare Lücke gerissen +hätte, so sehen die kleinen Lichtungen aus, in die sich ein Holzhauer +gedrängt und sein Lager da mitten im furchtbarsten +Sumpf, von Wasser und Schlamm rings umgeben, aufgeschlagen +hat mit Frau und Kind. Gegen das Gesetz der Vereinigten +Staaten, das dem Einzelnen verbietet Holz auf Grund +und Eigenthum der Union zu schlagen, macht er ein anderes +Recht der Squatter, das <i>preemption right</i> für sich geltend, +das dem armen Ansiedler erlaubt Land, ohne es gleich zu bezahlen, +so lange zu occupiren und zu bebauen und dann darauf +das Vorkaufsrecht zum Congreßpreis (<i>1¼ Dollar pr. acre</i>) zu +behalten, bis es vermessen und zum Verkauf dann ausgeboten +wird. Dem Staat gegenüber erklären diese Leute, wenn sie je +darum gefragt werden sollten, daß sie die Bäume hier fällen +um das Land urbar zu machen, und es für sich selber, zu ihrem +bleibenden Wohnsitz zu wählen, in Wirklichkeit aber bleiben +sie nur bis sie sich eine gewisse Summe baaren Geldes durch +den Holzverkauf an die Dampfboote verdient haben, und ziehen +dann weiter westlich in gesündere Gegenden, sich dort erst +anzukaufen — wenn sie nicht früher schon durch den Verlust +von Frau oder Kindern oder durch eigene Krankheit in den +bösen Miasmen der Sümpfe verscheucht und gezwungen werden +die Hügel aufzusuchen, das eigene Leben zu retten. Von +kaltem Fieber geschüttelt, von Mosquitos zerstochen, an Stellen +die von giftigen Schlangen wimmeln, vor denen sie die Kinder +kaum genug hüten können, verleben die armen Frauen besonders +dort eine traurige Existenz. Ja diese wird oft selbst durch +den Strom bedroht, der in seinen furchtbaren Überschwemmungen +das ganze Land überfluthet, das geschlagene und +mühsam aufgeschichtete Holz und nicht selten die niederen +Blockhütten selber faßt, und weit hinabschwemmt dem Meere +zu, so daß diese Holzhauer, besonders an den niedrigst gelegenen +Stellen, stets gezwungen sind ein Boot oder Canoe an +ihrem Haus zu haben, in der Zeit der Gefahr wenigstens ihr +Leben vor der Gewalt der Wasser schützen zu können, und +stromab den Hügeln zuzuflüchten.</p> + +<p>S'ist eine traurige Existenz die tausende von Menschen +auf solche Art führen, und bezeichnend dabei, daß fast nur +Amerikaner selber, die abgehärteten und die Wildniß gewohnten +Kinder der Pioniere und ersten Vorkämpfer der Civilisation, +sie freiwillig wählen. Selten oder nie findet man in diesen +Hütten und Sümpfen Deutsche, oder andere fremde Einwanderer, +die fast alle geringeren Verdienst und gesünderen Boden +vorziehn, auch wohl dieß Klima mit seinen Entbehrungen nicht +so ertragen könnten als der Amerikaner.</p> + +<p>Weiter wühlt sich das Boot, an Hütte und Wildniß vorbei +und was ist das dort drüben, das so weiß und breit da +aus dem Wasser ragt? — Ein versunkenes Dampfboot, das +in Nacht und Nebel gegen ein <i>snag</i> rannte und sank — »aber +die meisten Passagiere wurden gerettet« — und da drüben, das +mit den schwarzen Rippen? — das ist ein anderes Boot das +mitten auf dem Strom in Brand gerieth und unglücklicher +Weise, ehe es das feste Ufer erreichen konnte, auf eine Sandbank +lief. Der Steuermann weiß eine furchtbare Geschichte +davon zu erzählen, denn er war an Bord, und man hat nie +erfahren wie viel Unglückliche ihr Leben dabei einbüßten.</p> + +<p>Und weiter da drüben? — lieber Freund das sind auch +die Überreste eines Wracks; es ist hier gerade eine etwas gefährliche +Stelle, aber überhalb der Mündung des Ohio ist's +noch viel ärger, denn dort haben die Bootsleute einem Theil +des Stromes den Namen, »Dampfers Kirchhof« gegeben, und +manches Menschenleben hat der schon gekostet.</p> + +<p>Es ist wahr, auf keinem Strom der Welt ist mit Dampfbooten +schon soviel Unglück geschehn, wie gerade auf dem +Mississippi mit seinen Nebenflüssen; auf keinem wird dabei +trotzdem leichtsinniger gefahren, auf keinem werden, neben +den prachtvollsten, besteingerichtetsten Fahrzeugen, schlechtere, untüchtigere +Kasten benutzt Waaren und Menschen zu transportiren +wie gerade hier, denn der Amerikaner <span class="wide">will</span> und <span class="wide">muß</span> +Geld verdienen, und so lange ein Dampfboot nur eben noch +auf dem Wasser schwimmt, so lange die wieder und wieder geflickten +Kessel nur noch möglicher Weise halten, wird ihm seine +Ladung anvertraut, und drängen sich die Passagiere selber an +Bord, nur keine Zeit zu versäumen, und vielleicht einen halben +Tag länger warten zu müssen mit einem besseren, neuen Boot +dieselbe Fahrt zu machen. Aber wir müssen auch gerecht sein; +auf keinem Strom der Welt fahren und kreuzen sich eine solche +Masse von Dampfern jeder Größe, jeder Gattung wie hier, +von dem stattlichen Boot an das mit acht Kesseln an Deck +und jeder ordentlichen Bequemlichkeit ausgestattet, von drei +bis vier tausend Ballen Baumwolle im Stande ist zu tragen, +bis zu dem kleinen Diminutiv-Boot nieder, das kaum zwölf +Zoll im Wasser gehend die zahlreichen kleinen Nebenflüsse befährt +und explorirt, mitten in Wald und Wildniß hineindampft +allen Gefahren zum Trotz, und nicht selten den Bären und +Panther überrascht die zum Trinken herabkamen, und scheu +und entsetzt jetzt vor dem fremden Ungethüm zurück fliehen in +Dickicht und Gestrüpp. Die Nebenflüsse mitgerechnet, von denen +ab die einzelnen Dampfer den Mississippi immer wieder +berühren, beträgt die Zahl derselben jetzt weit über sieben hundert, +und im Verhältniß ist die Zahl der Unglücksfälle dann +noch immer nicht gar so entsetzlich, wie es von solchen, die +nur die dunklen Seiten jenes Landes aufzudecken suchen, oft +geschildert und beschrieen, nicht beschrieben wird.</p> + +<p>An Bord war indessen, seit der Flucht des Diebes, der +sich doch nicht hatte der Gefahr aussetzen wollen einen Urtheilsspruch +der übermüthigen Reisegefährten abzuwarten, und +lieber seine schon gezahlte Passage (Gepäck hatte er gar nicht) +im Stich ließ, Alles ruhig und friedlich abgegangen, und Veitel +Kochmer besonders hatte seine Zeit gut benutzt, auch oben +in der Cajüte mit der Holzharmonika und der Kehle des Kindes +Geld zu verdienen.</p> + +<p>Professor Lobenstein redete ihn da, als alten Reisegefährten +an, frug ob noch andere Passagiere von der <span class="wide">Haidschnucke</span> +an Bord seien, und erfuhr von ihm, daß sich auch +die Weberfamilie auf der Jane Wilmington eingeschifft habe +nach Cincinnati zu gehn, dort unter den vielen Deutschen leichter +Arbeit zu finden. Nun war es aber dem Professor, jemehr +sie sich dem Orte näherten wo er selber ein neues ungewohntes +Leben beginnen und Arbeiten unternehmen sollte, die sich doch +in der Praxis ganz anders herausstellten als in Büchern, schon +mehrfach im Kopf herum gegangen, wo er Jemand passenden +gleich herbekam ihm wenigstens in der ersten Zeit zur Hand +zu gehn. Auch seine Frau, seine Töchter brauchten eine Hülfe, +denn waschen, scheuern, das Vieh besorgen etc. waren ebenfalls +Dinge an die er noch nie so sehr gedacht hatte wie gerade jetzt, +und die er den Seinigen kaum zumuthen konnte, vom ersten +Augenblick gleich an zu übernehmen. Von Hopfgarten, mit +dem er darüber Rücksprache nahm war sogar entschieden dagegen, +daß den an etwas derartiges gar nicht gewohnten Frauen +je dergleichen Beschäftigungen obliegen dürften, und betrachtete +es als eine Sache die sich von selbst verstände, daß er Leute +engagiren müsse, die eben die gröberen Arbeiten für ihn verrichteten. +Da aber solche, wie sie vielfach gehört, in Amerika +nicht immer gleich und leicht zu bekommen wären, könnte er +auf der Gotteswelt nichts Besseres thun, als gerade die ganze +Weberfamilie, die er als ordentliche, rechtschaffene, fleißige +Leute kennen gelernt hatte, wenn sie irgend zu bekommen wären, +in Dienst zu nehmen.</p> + +<p>Der Professor fühlte daß er recht hatte; freilich gehörte +das, als schwere Ziffer, zu den »nicht gerechneten Ausgaben«, +die er sich bis dahin immer noch eingeredet sie umgehen zu +können; so viel Hände mehr verdienten aber auch mehr im +Feld — auch der deutsche Landmann hielt ja seine Knechte +und Mägde und befand sich wohl dabei — warum nicht er.</p> + +<p>Zu solchem Entschluß, zu dem die Weberfamilie auch +noch ihre Zustimmung zu geben hatte, war dann aber auch +keine Zeit mehr zu verlieren, und um es besser mit ihnen besprechen +zu können, ging er gleich am nächsten Morgen zu +ihnen hinunter in's Zwischendeck. Hier machte er den beiden +Leuten gerade zu den Vorschlag, gegen einen entsprechenden +Gehalt über den sie sich einigen wollten, auf ein Jahr bei ihm +in Dienst zu treten, wo sie ein kleines Haus für sich bekommen, +und ihre Familie, von der der älteste Knabe schon wacker +mit zugreifen konnte, bei sich behalten sollten.</p> + +<p>Auch für den Weber war übrigens dieser Vorschlag gut +und annehmbar, denn er genoß dadurch jedenfalls den sehr +großen Vortheil nicht allein in der ersten Zeit das wenige +was er an baarem Geld sein nannte, zu sparen, sondern sogar +noch etwas dazu zu verdienen und nebenbei, das Wichtigste +von Allem, das Land in dem er sich später selber niederlassen +wollte, aus eigner Erfahrung kennen zu lernen. Auch für die +Kinder hatte er dabei ein Unterkommen, wie für die alte Mutter, +die sich auf der Seereise merkwürdig gekräftigt und gestärkt, +jetzt aber in dem neuen ungewohnten Leben und Treiben an +Bord, still und ängstlich in ihrer Ecke saß, aber doch nicht +mehr jammerte und wehklagte, sondern mehr betäubt von all +dem Neuen das sie umgab, ruhig abwartete was ihr und den +ihrigen die nächste Zukunft bringen würde.</p> + +<p>Nun war es dem Mann freilich ein ungewohntes und +auch fast drückendes Gefühl hier in Amerika, wo er seine Lage +gegen Deutschland hatte verbessern wollen, in <span class="wide">Dienst</span> zu treten, +während er im alten Vaterland, wenn auch arm und +kümmerlich, doch selbstständig, und von Niemandem abhängend, +gelebt hatte; aber er sah auch wohl daß er hier in +eine ganz fremde ihm vollkommen neue Welt gerathen sei, in +der er vor allen Dingen lernen und Erfahrung sammeln mußte, +und mit der Schüchternheit sich gleich von vorn herein ein +selbstständiges Handeln zuzutrauen, die unseren armen Klassen +nur zu sehr eigen ist, mochte er die Hand nicht zurückweisen, +die sich ganz unerwartet ausstreckte ihn zu unterstützen. Auch +die Frau, die vor Nichts solche Angst gehabt als gerade vor +dem ersten Beginn, griff mit Freuden nach diesem Anerbieten +— arbeiten, lieber Gott das wollte sie ja gern von früh bis +spät, hatte auch noch nichts Anderes gekannt seit sie kaum alt +genug geworden die jüngeren Geschwister umherzutragen, und +selber wieder ein eignes Haus? ja lieber Himmel, das ging +nicht im Handumdrehen, und das was ihnen jetzt und zwar +von einer Familie geboten wurde, die sie schon auf dem Schiff +hatten achten und lieben lernen, durften sie nicht zurückweisen, +wenn sie sich nicht später die bittersten Vorwürfe hätten machen +wollen.</p> + +<p>Der Lohn freilich, den ihnen der Professor bei weiterer +Unterhandlung bieten konnte war gegen das, was sie früher +von den Arbeitslöhnen in Amerika gehört, nicht hoch, und betrug +für beide Eheleute nur zwölf Dollar monatlich an baarem +Gelde, aber sie bekamen auch dabei für sich und ihre Familie +die Kost, und hatten in sicherem Verdienst, nach Abschluß des +Jahres zu dem was sie schon ohnedieß besaßen und jetzt nicht +anzugreifen brauchten, noch eine hübsche runde Summe von +144 Dollar übrig, mit der sich schon etwas anfangen ließ. So +schlugen sie denn nach kurzem Besinnen ein, ließen ihre überaus +sehr schwankenden Aussichten in Cincinnati fahren, und +beschlossen in Grahamstown mit an Land zu gehn — die +Passagezahlung blieb sich überdieß nach beiden Orten gleich.</p> + +<p>»Du bist doch auch dümmer wie's eigentlich erlaubt ist«, +wandte sich übrigens, wie der Professor nur kaum den Rücken +gedreht hatte und wieder nach oben gegangen war, ein anderer +deutscher Bauer, der ebenfalls erst vor einigen Wochen mit +Frau und Kindern von Deutschland gekommen, nach Cincinnati +hinauf wollte, an den Weber — »läßt Dich da von dem +Breimaul beschwatzen, Dich für sechs Thaler den <span class="wide">Monat</span> zu +schinden und zu plagen, wo Du so viel die <span class="wide">Woche</span> kriegen +könntest, und bedankst Dich auch nachher noch bei ihm daß er +so gut ist und Dich umsonst arbeiten läßt. Herr Jeses, <span class="wide">mir</span> +sollte so Einer so etwas bieten, den wollte ich heimschicken.«</p> + +<p>Der Mann war aus Kurhessen und sah dürftig aus, hatte +auch in der That schon fast alles Mitgebrachte aufgezehrt, und +eben noch die Passage für sich und die Seinen auf dem Dampfboot +erschwingen können, aber er wußte was ihm die Agenten +in Deutschland für Lohn versprochen, und war nicht gesonnen, +wie er meinte, für einen Dreier weniger zu arbeiten.</p> + +<p>»Aber warum hast Du mir das nicht früher gesagt, wie +ich noch mit dem Herrn sprach« meinte der Weber, durch den +so bestimmt ausgesprochenen Vorwurf doch etwas kleinlaut geworden.</p> + +<p>»Was gehts mich an« brummte der Hesse — »Jeder muß +am Besten selber wissen was er zu thun hat.«</p> + +<p>»Aber Du weißt auch nicht gewiß, was Du im Ohio zu +erwarten hast« sagte der Weber kopfschüttelnd.</p> + +<p>»Nun <span class="wide">sechs Dollar</span> laufen mir da nicht weg« lachte +der Andere, »und überdieß hab' ich's schwarz auf weiß, und +zwar von Leuten zu Hause, die die Sache verstehn. Soviel +weiß ich aber, ehe ich für sechs Dollar den Monat arbeite, +hungre ich lieber, denn <span class="wide">mit</span> sechs Dollar könnte ich auch eben +nicht mehr thun als mich satt essen, und so spar' ich doch meine +Knochen. Übrigens hast Du ja gar keinen festen Contrakt gemacht, +und kannst deshalb noch immer thun was Dir am +Besten scheint.«</p> + +<p>Dem Weber war es ein unbehagliches Gefühl, sich von +Jemanden, der schon beinah so viel Wochen im Land war +wie er Tage, so direkt tadeln zu lassen, aber er konnte es auch +jetzt nicht mehr ändern, denn er hatte sein Wort gegeben, was +er wenigstens für ebenso bindend hielt wie einen Contrakt. +Dann aber stieß ihn auch seine Frau heimlich an, und flüsterte +ihm zu sich nicht irre machen zu lassen von dem Menschen. +Sie seien nicht herüber nach Amerika gekommen in einem Jahr +reich zu werden — das möchte manchmal glücken, aber auch +nicht immer — sondern sich und ihren Kindern nach und nach, +aber dann auch gewiß, eine feste Stätte zu erbauen, daß sie +glücklich und unabhängig leben könnten, und mit jedem Jahre +weiter vorwärts kämen, nicht zurück wie in Deutschland. Damit +aber hätten sie jetzt den Anfang gemacht, und wenn es +der Andere da drüben, mit dem zerrissenen Rocke und der bleichen +kranken Frau, besser wisse und verstehe, so solle er nur +hingehn und es versuchen, sie selber wollten lieber »den Sperling +in der Hand, wie die Taube auf dem Dache.«</p> + +<p>Fünf Tage und Nächte fuhren sie so stromauf, immer in +vierundzwanzig Stunden etwa 200 englische Meilen, den +Windungen des Stromes nach, zurücklegend, und erreichten +endlich die Mündung des Ohio, der, von Osten kommend, +seine klaren Wasser mit starker Strömung, deutlich unterscheidbar +bis über die Mitte hinaus in die schmutzig gelbe Fluth des +Mississippi drängt, und sich erst eine lange Strecke weiter unten +mit diesem ganz vermischt. Die Staaten Missouri an der +linken, Kentucky an der rechten und Illinois gegenüber, laufen +hier in ihren Grenzspitzen zusammen, während der Ohio +selber, durch seinen Strom von Ost nach West, die freien und +Sclavenstaaten von einander trennt.</p> + +<p>Aber die Ufer selber bekommen hier einen ganz anderen +Charakter; schon Kentucky zur rechten zeigte hohes Land, das +mit seinen nordischen Kiefern dem Auge unendlich wohl that, +und wenn auch die Spitze von Illinois, auf der ein kleines +dem Mississippi zehnmal abgetrotztes, und zehnmal wieder von +ihm überschwemmtes und vernichtetes Städtchen liegt, noch +flach und öde ausläuft in den Strom, hebt sich doch auch bald +an dieser Seite das Land, und mit dem durchsichtig klaren +Wasser, das vorn den Bug beschäumt, mit selbst kaum halb so +starker Strömung gegen sich als im Mississippi, braust das Boot +lebendiger voran, und das Auge hängt mit Wohlgefallen an +den freundlichen Ufer-Bergen.</p> + +<p>Der Ohiostrom ist schon von vielen Amerikanern mit unserem +deutschen Rhein verglichen worden, und nicht ganz mit +Unrecht; der breite klare Strom, die meist wellenförmigen, oft +schroffen, nicht zu hohen Hügel, die sein Ufer bilden, und +mit dem herrlichsten Grün bekleidet sind, haben allerdings viel +Ähnliches mit unserem deutschen Strom; auch viele trefflich angelegte +Farmen und kleine blühende Städte, die überall den Unternehmungsgeist +der thätigen Amerikaner bekunden, geben dem +Bild etwas Liebes und Freundliches, im Gegensatz zu dem, +von Sumpf und wildem Urwald begrenzten und trüb und +reißend dahin strömenden Mississippi. Aber die Burgen fehlen +ihm, und nicht allein als Schmuck in der Scenerie, nein auch mit +ihnen die alten historischen Erinnerungen, die Sagen und Legenden, +die jedem Fels am Vater Rhein, dem Hügelhang, der +Waldesschlucht, jeder Thurmspitze und Mauer ihren eigenen, +wunderbaren Reiz verleihn. Der Schmuck der Berge, selbst +wenn sie in all den wundervollen herbstlichen Tinten prangen, +die gerade jener Zone eigen, kann diesen Reiz und Zauber nicht +ersetzen — sie bleiben todt und kalt, so schön sie sind, und der +Reisende, besonders der Deutsche, wird sie anschaun und sich +freun darüber, aber nie sein Herz mit solchen Banden zu ihnen +hingezogen fühlen wie zu dem eigenen heimischen Rhein, selbst +wenn das eigene Vaterhaus weit, weit von diesem stand.</p> + +<p>Rasch fliegt indeß das wackre Boot die klare breite Bahn +entlang, und andere Ufer grüßen den Fremden wieder, der +mit neugierigem Blick hinüber schaut auf das fremde Land. +Cypressen wie Baumwollenholzbäume sind lange in dem mehr +südlichen Klima zurückgeblieben und nur die weißstämmige +Sycamore begrenzt noch, von Eichen und Kiefern überragt, +mit Erlen und Weiden die Ufer des Stromes, und neigt sich +oft weit hinaus über die murmelnde, spiegelhelle Fluth.</p> + +<p>An diesem Abend, dem ersten im Ohiostrom wollte Veitel +Kochmer, der sich indessen wacker auf alle die Amerikanischen +Melodieen eingeübt hatte, wieder eine Vorstellung geben. Der +gute Gewinnst lockte ihn, und er schien nicht gesonnen eine +solche Gelegenheit eben unbenutzt vorüber zu lassen; der Knabe +aber, der sich die Tage über zu sehr angestrengt und blaß und +leidend aussah, klagte über Schmerzen im Hals und weigerte +sich zu singen. Veitel glaubte indeß auch ohne ihn das Publikum +befriedigen zu können, und ließ die Leute durch Einen +der Englisch redenden Deutschen wieder einladen ihm zuzuhören. +Ob diese aber der Holzharmonika schon überdrüßig waren, die +den meisten mit ihren weichen sanften Tönen auch außerdem +nicht viel Befriedigendes bot, oder ob sie kein Geld mehr an +eine Sache wenden wollten, die sie am Ende ebenso gut umsonst +zu hören bekamen, da der Pole, wenn er nur für sich +selber etwas spielte, das eben an Bord nicht geheim thun +konnte, kurz sie erklärten ihm, ohne Flöte mache ihnen die +Sache keinen Spaß. Wenn der Knabe nicht wohl sei, möge +er das Spielen lieber lassen, oder spielen wenn er Lust hätte, +aber sie zahlten ihm Nichts dafür.</p> + +<p>»Siehst Du Philippche!« flüsterte da Veitel dem jungen +Burschen zu, der in einer Ecke kauerte, und bog sich dabei +über ihn und stieß ihn in die Seite — »siehst Du mein Söhnche — +Nichts zahlen wollen se — <span class="wide">werst</span> Du nu singen?«</p> + +<p>»Aber ich <span class="wide">kann</span> nicht Vater.«</p> + +<p>»Wie heißt, <span class="wide">kann</span> nicht, werd ich Dir gleich beweisen, +ob Du kannst oder nich; kenn ich doch Deine Mucken, mai +Philippche und werd ich Dir kommen mit en Stock — werst +Du wohl kennen.«</p> + +<p>»Mir brennt der Hals, als wenn ich glühende Kohlen +darin hätte.«</p> + +<p>»Ich werd' se Dir löschen,« sagte aber der Alte boshaft, +»Gott der Gerechte, glaubt das Jingelche, ich soll's fittern +vor's reine Vergnigen. Werst Du singen, frag ich Dich jetzt +zum letzten Mal, oder werste nicht?«</p> + +<p>Der Knabe also getrieben, und in scheuer Furcht vor +dem finstern Mann, der ihm wohl schon oft bewiesen haben +mochte, daß er im Stande sei seine Drohungen auszuführen, +stand langsam auf, wischte sich furchtsam die hellen Thränen +aus den Augen und trat zu der Kiste, an der der Alte sein +Instrument schon aufgestellt und geordnet hatte.</p> + +<p>»Hallo Freund, was fehlt dem jungen Burschen?« frug +da ein alter Pensylvanier in seinem wunderlichen Pensylvanisch-Deutsch +den Polen, der dem Knaben jetzt mürrisch zuwinkte +sich bereit zu halten. Der Pensylvanier saß unfern von ihnen +auf einem Koffer, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und schaute +mit den scharf geschnittenen aber grundehrlichen Zügen und +den kleinen blauen lebendigen Augen bald den Knaben, bald +dessen Vater an.</p> + +<p>»Was ihm fehlt? — ene Tracht Prügel werd ihm fehlen,« +knurrte aber Veitel mürrisch — »faul ist er und will +nich singen.«</p> + +<p>»Ich bin nicht faul, Vater,« sagte aber der arme junge +Bursche, dem das Blut bei der Anklage in Stirn und Schläfe +stieg, »ich bin nicht faul, sondern krank, und Du wirst mich +so lange zum Singen zwingen, bis ich unter der Erde liege, +wie — «</p> + +<p>Er schwieg und wandte sich ab, der Alte hatte aber in +rücksichtslos ausbrechender Wuth eine Flasche ergriffen, die +neben ihm stand, und wollte damit einen Schlag nach dem +Kinde führen, holte wenigstens dazu aus, als der Pensylvanier +auf und dazwischen sprang, dem Juden die Flasche entriß, +und ihn selber fünf oder sechs Schritt zurückschleuderte, daß +er taumelte und sich an den nächsten Coyen halten mußte, +nicht zu fallen.</p> + +<p>»Nichtswürdiger Hallunke!« rief der alte Mann dabei, +während ihm edle Entrüstung das Blut in die Wangen jagte, +»schämst Du Dich nicht der paar Dollars wegen, Dein eigenes +krankes Kind zu quälen und zu mishandeln? untersteh Dich +und leg Hand an ihn, so lange wir hier an Bord zusammen +sind, und sieh was wir dann mit Dir selber machen.«</p> + +<p>»Es ist <span class="wide">mein</span> Junge, und ich kann mit ihm machen was +ich will,« rief der Alte halb scheu, halb trotzig vor dem unvermutheten +Angriff, dem er nicht zu begegnen wagte — »wer +hat mer was in mei eigene Familie zu reden?«</p> + +<p>»Ich will Dir was sagen, Kamerad,« redete ihn aber +jetzt der Pensylvanier <ins title="fehlt im Original">an</ins>, der mit ein paar flüchtigen Worten den +ihm nächst Stehenden und neugierig Herandrängenden die +Ursache des Streites erzählt hatte, »wenn Du gescheut bist, +dann beträgst Du Dich wenigstens so lange vernünftig, wie +wir hier zusammen an Bord sind; was Du nachher thust, mußt +Du mit Deinem eigenen Gewissen abmachen. Soviel sag ich +Dir aber, wenn Du Deinen Jungen schlecht behandelst und er +<span class="wide">läuft Dir hier fort</span> — so darfst Du Dich nicht darüber +beklagen, und käme er zu <span class="wide">mir</span> — und ich wohne im nächsten +Haus am Indian Hill bei Cincinnati und heiße Brower — +und suchte da Schutz, so wärst Du der letzte, der ihn wieder +bekäm. Hast Du mich verstanden?«</p> + +<p>»Was hab ich mit Euch zu schaffen?« sagte Veitel, aber +er packte sein Instrument verdrießlich wieder ein, da er wohl +sah daß jetzt keine Zeit sei zu spielen und einzusammeln. Der +Knabe, den Zorn des alten Mannes fürchtend, drückte sich indessen +wieder zurück in seine Ecke, ihn wenigstens nicht durch +seinen Anblick mehr als nöthig auf sich aufmerksam zu machen, +blieb jedoch für jetzt mit jedem Zwang verschont.</p> + +<p>Die wackere Jane Wilmington verfolgte indessen rasch, +und ohne sich irgendwo aufzuhalten, ihre Bahn. Hie und +da wurde wohl manchmal am Tag ein Tuch, oder Nachts ein +Feuerbrand am Ufer geschwenkt, das bekannte Zeichen daß +Passagiere an Bord wollten, und das Boot setzte dann die +Jölle aus, oder lief, wenn es der Platz erlaubte, selber dicht +an das Land hinan, die Fremden aufzunehmen. Manchmal +aber auch, wenn der Capitain mit seinem Fernrohr dem äußeren +Aussehn nach vermuthete, daß er nur Zwischendecks-Passagiere +zu erwarten habe, schwieg auch wohl die Glocke und das +Boot brauste, herzlich von den am Land Harrenden verwünscht, +vorbei ohne anzuhalten.</p> + +<p>Aber das Ufer an beiden Seiten verrieth auch jetzt weit +größere Cultur, als sie, seit sie den unteren Mississippi verlassen, +an diesem Strom gesehen. Überall wo ein unbedeutender +Fluß oder auch nur ein Bach in den Ohio mündete, +lagen kleine Städtchen, die mit ihren neuen, hell gemalten +hölzernen Häusern, manchmal noch von dem Wald aus dem +sie entsprungen umschlossen, oft aber auch von gut bebauten +Farmen dicht umgeben, gar eigenthümlich gegen den dunklen +Hintergrund abstachen. Fabrikgebäude standen am Ufer, Kohlengruben +sandten ihre Schätze auf improvisirten kleinen Eisenbahnen +bis dicht an den Rand des Stromes hin, die Kohlen +von überbauten Werften gleich in die darunter gelandeten +Boote zu werfen; Heerden weideten auf gelichteten Grasplätzen, +Getraide und Heuschober standen aufgespeichert, den +Reichthum des Bodens bekundend. Massen von kleinen und +größeren Dampfern lagen dabei theils an den besiedelten +Plätzen oder kamen den Strom herab, tief mit den kräftigen +Produkten des Nordens geladen. Die aufgehenden Dampfer +brauchten zugleich ihre Zeit nicht mehr damit zu versäumen an +Land zu fahren, ihren Holzbedarf einzunehmen, denn die +Holzverkäufer hatten die Klaftern schon in offenen breiten +Booten aufgespeichert und fertig liegen. Nur ein Tau wurde +ihnen zugeworfen, das befestigten sie an Bord, und während +das Dampfboot mit ihnen stromauf lief, wurde das Holz auf +seine <i>guards</i> geworfen, der Eigenthümer ging in die Cajüte, +sich sein Geld geben zu lassen und steuerte dann sein etwas +schwerfälliges Fahrzeug wieder mit der Strömung zurück, dem +eigenen Landungsplatze zu.</p> + +<p>So liefen sie zwischen Illinois und Kentucky hin, und +erreichten am siebenten Tag nach ihrer Abfahrt von New-Orleans +die Mündung des ebenfalls schiffbaren Wabasch, der +von Michigan herunter kommend und oben queer durch den +Staat Indiana durchströmend weiter unten die Grenze bildet +zwischen diesem und dem Nachbarstaat Illinois, bis zum Ohio +nieder. Kentucky dehnte sich jetzt noch an ihrer Rechten aus, +aber zu ihrer Linken lag Indiana.</p> + +<p>Herr von Hopfgarten hatte sich indessen entschlossen, ebenfalls +mit in Grahamstown an Land zu gehn; er kam noch +früh genug nach Cincinnati, und bekam hier zugleich Gelegenheit +das innere Land wie die Verhältnisse des Ankaufs, welche +der Professor jetzt durchmachen mußte, näher kennen zu lernen. +Außerdem waren sie doch nun auch hier ein tüchtiges Stück +in Amerika hineingekommen, ja befanden sich in der That ziemlich +im Mittelpunkt der ganzen Vereinigten Staaten, die sich +hier jedenfalls eher mußten in ihrem urthümlichen Charakter +erkennen lassen, als in den großen, volkreichen Städten.</p> + +<p>Nun sie übrigens ihr Ziel bald erreicht hatten, und die +Passagiere, selbst die Damen, durch die längere Dampfbootfahrt +zuversichtlicher und sicherer geworden waren, begann +Marie, wenn sie bei Tische oder Abends manchmal auf der +hinteren Gallerie zusammen kamen, den Reisegefährten zu necken, +daß ihre Reise so ganz ruhig und ohne Zwischenfall abgelaufen +sei, und Herr von Hopfgarten nun wahrscheinlich wieder +den ganzen Weg werde zurück machen müssen, noch einmal +von vorn anzufangen. Hopfgarten war aber auch wirklich +nicht so ganz mit dem bis jetzt erzielten Resultat zufrieden, +denn nicht allein war die Reise bis jetzt so glatt und still vor +sich gegangen, als ob sie auf einem Europäischen Dampfer +gefahren wären, sondern er hatte auch selbst unter seinen Mitpassagieren +noch nicht das geringste Außergewöhnliche entdeckt. +Nirgends boxten sich die Leute — als einmal im Zwischendeck +und das hatte er versäumt — nirgends sah er Pistolen oder +Bowiemesser<a href="#g3fn18"><small><sup>18</sup></small></a><a name="g3fn18r" id="g3fn18r"></a> gegen einander gezogen, und wie oft hatte er +doch in Deutschland gelesen, daß diese beiden Waffen von +Amerikanern bei den geringsten Streitigkeiten aufeinander gezückt +würden. Es war ein verzweifelt langweiliges Leben an +Bord, und wenn ihn nicht die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft +der Passagiere selber amüsirt hätte, er würde nicht +gewußt haben was mit sich anzufangen.</p> + +<p>Die Cajüte eines Mississippi-Dampfboots ist aber auch +wirklich für Jemanden, der Charakterstudien zu machen wünscht, +der beste Platz der sich nur denken läßt. Im Zwischendeck +geben sich die Leute wie sie sind, und sind wie sie sich geben, +meist rohes Bootsvolk, das sich nicht wohl in anständiger Gesellschaft +fühlt, oder die ärmere Klasse der Einwanderer, die +still und anspruchslos alle Unbequemlichkeiten und Entbehrungen +dieses Platzes ertragen, weil sie eben wissen, daß sie nicht +für mehr bezahlen können.</p> + +<p>In der Cajüte ist das anders; die Passagepreise auf den +westlichen Dampfbooten sind der ungeheueren Frequenz und +des wohlfeileren Brennmaterials, wie der billigen Lebensmittel +wegen so niedrig gestellt, daß Jeder, der nicht wirklich zur +arbeitenden Klasse gehört, und sich sein Brod im Schweiß seines +Angesichts verdienen muß — und selbst von diesen Mancher +— in der Cajüte bei guter Kost und bequemem und reinlichem +Aufenthalt seine Reise macht. So finden wir neben +dem reichen Pflanzer aus dem Süden und dem Crösus aus +den östlichen Städten, der in die theuersten und feinsten Stoffe +nach elegantem Schnitt gekleidet Passage genommen hat +seine Freunde im Norden zu besuchen, den rauhen Backwoodsman +oder Hinterwäldler gerad' aus dem Wald heraus, in +seinem blauwollenen oder ledernen Jagdhemd, der seine lange +Büchse in die Ecke der Cajüte zwischen die seidenen Regenschirme +und Fischbeinspatzierstöcke gelehnt hat, und seinen Tabackssaft +zwischen den Zähnen durch über Bord spritzt wie — +der beste Gentleman der Union; finden den langen Yankee-Sclavenhändler +mit grell buntgestreiftem Hemd und unvermeidlichen +Frack, den Hut nach hinten in den Kopf gedrückt; finden, +dicht neben dem salbungsvollen Gesicht und breiträndigen +Hut, dem braunen Rock mit Stehkragen und der weißen Cravatte +des Reverend So und So, den Abschaum der Menschheit +— den Spieler von Profession — der mit falschen Karten »sein +Leben macht« und zu Mord und Straßenraub eher seine +Zuflucht nehmen würde wie zu ehrlicher Arbeit; finden den Vieh- +und Mehlhändler, und den »Stadt-Speculanten«, der seine +Bauplätze irgend einer imaginären Stadt an den Mann zu +bringen sucht; den weichlichen Creolen aus Louisiana, und den +zähen, derbknochigen Yankee-Uhrenhändler; den Spanischen +Kaufmann aus New-Orleans, der nach Cincinnati geht seine +Einkäufe in Manufakturwaaren zu machen, und den Ohio-Schweinefleischhändler, +der seine gesalzenen Heerden in der +Königin des Südens gegen Spanische Dollar vertauschte; +finden mit einem Wort den ganzen bunten Extrakt der wunderlich +gemischten Bevölkerung Amerikas, mit einer einzigen +Ausnahme; wir finden keine Neger oder von farbigen Blut +Entsprossene, bis zum Quadroon<a href="#g3fn19"><small><sup>19</sup></small></a><a name="g3fn19r" id="g3fn19r"></a> hinunter, in der Cajüte +eines Dampfers — außer den Dienern natürlich, Steward, +Koch und Aufwärtern — denn dem farbigen Blut ist der +Aufenthalt dort zwischen <span class="wide">Weißen</span> verboten, und wenn sie +über Millionen zu gebieten hätte. Wie würde es einem +Weißen einfallen sich mit dem Abkömmling der verachteten +Race an <span class="wide">einen</span> Tisch zu setzen, oder gar <span class="wide">eine</span> Coye mit +ihm zu theilen. — Mit den Zwischendeckspassagieren ist +das eine andere Sache — Vieh wird auch oft im Zwischendeck +befördert, und zwar mitten zwischen den übrigen +Passagieren — dasselbe Recht haben die <span class="wide">Nigger.</span></p> + +<p>Kaum minder interessant — das Wenige gerechnet was +er davon zu sehn bekam — war für unseren Freund Hopfgarten +die Damencajüte, in der er gewiß vortreffliche und +höchst angenehme Studien Amerikanischen Familienlebens +hätte machen können, wenn nicht die magischen Worte <i>no +admittance,</i><a href="#g3fn20"><small><sup>20</sup></small></a><a name="g3fn20r" id="g3fn20r"></a> die auf einer rothen Tafel mit goldenen +Buchstaben darüber standen, jedes Eindringen in das +Mysterium dieser mit rothseidenen Vorhängen verschlossenen +Halle unmöglich, oder doch zu einem sehr gewagten Unternehmen +gemacht hätten. Manchmal war er allerdings im +Stande einen flüchtigen Blick in das sehr elegant ausgestattete +und mit weichen Teppichen belegte Gemach zu +gewinnen, wenn ein oder die andere Dame, vielleicht absichtlich, +einmal den Vorhang hob herauszuschauen, oder +wenn die Kammerjungfer, ein allerliebstes Quadroon-Mädchen +aus- und einging, ihren nöthigen Beschäftigungen nach. +Es ließen sich dann wohl ein paar reizende Gestalten, +nachlässig in einen Schaukelstuhl hingegossen, erkennen, +die sich, ein Buch oder Kind auf dem Schooß um nur +etwas in der Hand zu haben, behaglich herüber und +hinüber wiegten; viel mehr war aber nicht davon +wegzubekommen, und er selbst zu schüchtern sich irgendwo +einzudrängen wohin er nicht gehörte, und wo er glauben +konnte vielleicht nicht gern gesehen zu sein.</p> + +<p>Des Neuen bot der Strom überhaupt genug, nach +jeder Seite hin, und die Zeit verging ihnen, sie wußten +selbst nicht wie.</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap8" id="kap8"></a>Capitel 8.</h2> + +<h3>Die Farm in Indiana.</h3> + + +<p>Die Schiffsglocke läutete wieder, und der Platz wo sie +jetzt landeten, ein Holzboot in's Schlepptau zu nehmen, lag +wie der Farmer sagte, der das Holz an Bord brachte, gerade +drei Miles (engl. Meilen) unter Grahamstown; es war +für die Passagiere die dort auszusteigen gedachten, die höchste +Zeit ihr Gepäck in Ordnung zu bringen.</p> + +<p>Über das Wort <i>town</i> (Stadt) hatte der Professor indeß +unterwegs seine überseeischen Ansichten in etwas geändert, +denn den Fluß entlang, besonders am Ohio, waren ihm schon +eine Menge kleiner Nester mit ein paar zerstreuten hölzernen +Wohnungen, aber immer unter diesem Titel, vorgestellt worden, +daß er eben auch nicht sehr erstaunte — wenigstens nicht <span class="wide">so</span> +überrascht war, wie er es sonst wohl gewesen wäre — als sie +etwa eine halbe Stunde später in Grahamstown einen eben +solchen kleinen Fleck begrüßten, den er anderen Falls, beim +bloßen Vorbeifahren, gewiß nur für eine gut und bequem angelegte +Farm gehalten haben würde. Lange Zeit zu Betrachtungen +blieb ihnen aber nicht; wieder hämmerte der Steuermann +gegen die Glocke, die Leute standen vorn am Bug mit +den zusammengerollten, zum Wurf bereiten Tauen, ein paar +Neger am Ufer — aber hier freie Leute, keine Sclaven — +sprangen bereitwillig, die Köpfe vorsichtig geduckt daß sie nicht +von dem schweren Tau getroffen wurden — herbei es aufzufangen, +die Klingel des Ingenieurs, vom Lootsen gezogen, ertönte +und gab das Zeichen zum Halten, der Dampf strömte +mit einem scharfen jähen Schlag in's Freie, die Räder standen +und wenige Secunden später lag die Jane Wilmington fest +an Land, ihre Passagiere abzusetzen. Die Planken wurden zu +gleicher Zeit ausgeschoben und während die Deckhands und +Feuerleute Alles faßten, hinübertrugen und <span class="wide">abwarfen</span>, was +ihnen gepäckartig in den Weg kam, hatten die letzten der Passagiere +kaum das Boot verlassen, als ihnen die langen Breter +schon wieder unter den Füßen fortgerissen wurden. <i>Go ahead!</i> +tönte der Ruf des Capitains vom Hurricane-Deck aus, und die +große Schiffsglocke läutete zum Zeichen daß Alle, die noch an +Bord wären und nicht dahin gehörten, das Boot verlassen +sollten — aber es war das eine bloße Formalität, denn das +Boot war faktisch schon wieder im Strom, gegen den es wenige +Secunden später an und — weiter brauste.</p> + +<p>Die Passagiere der Haidschnucke schienen die einzigen an +Bord der Jane Wilmington die Grahamstown zu ihrem Ziel +gewählt; nur noch zwei Amerikaner, die ihr ganzes Gepäck, +einen winzigen Lederkoffer, in der Hand trugen und damit +ohne weiteres die Uferbank hinaufklommen, waren mit ihnen +ausgestiegen. Die ganze Landung ging dabei so rasch und +fast möchte man sagen gewaltsam von Statten, daß sie nicht +einmal Zeit behielten sich zu erkundigen ob dieß auch wirklich +Grahamstown sei. Die kleine Stadt lag übrigens auf einem +hier zum Wasser niederlaufenden, etwa zwei hundert Schritt +hohen und vollkommen baumleeren Hügelhang; eine sehr +ausgefahrene Straße lief schräg an dem Hang hinauf zu den +ersten Häusern, und einzelne kleine Holzgebäude, ohne eigentlichen +sichtbaren Zweck und Nutzen, standen zerstreut unter dem +höchsten Rand. Oben konnte man auch, nachdem die beiden +Amerikanischen Passagiere in ihren schwarzen Fracks hinter den +Häusern verschwunden waren, hie und da einen Mann erkennen +der, die Hände in den Hosentaschen, an einer Fenzecke +lehnte und hinunter sah, oder eine Frau mit ihrem großen, +den ganzen Kopf verhüllenden Bonnet, die ein paar Stücken +Wäsche aufhing, um die Fremden da unten mit ihrem Gepäck, +einer ordentlichen Burg von lauter Kisten, Kasten, deutschen +Ackergeräthschaften, Koffern und Hutschachteln, schien sich +keine Seele zu bekümmern, auch kein Fuhrwerk war zu sehn, +mit dem sie hätten hoffen können ihr Passagiergut hinauf zu +befördern.</p> + +<p>»Lieber Gott wie öde das hier aussieht« sagte Marie, die +sich mit der Mutter und den übrigen Geschwistern auf ihre +Koffer gesetzt hatte, während der Weber mit seiner Familie, und +der Professor mit Eduard und Herrn von Hopfgarten noch +eifrig beschäftigt waren, das dicht an den Wasserrand, und hie +und da selbst in den nassen Sand und Schlamm geworfene +Gepäck ein paar Schritte weiter hinauf, wenigstens auf trockenen +Boden zu schaffen. —</p> + +<p>»Und kein Mensch zu hören und zu sehn« sagte Anna +kopfschüttelnd, »große Freude scheinen die Einwohner eben +nicht zu haben daß neue Ansiedler kommen.«</p> + +<p>Die Mutter sagte kein Wort, aber sie hielt ihr jüngstes +Kind auf dem Schooß, und schaute sich dabei still und mit +einem unbeschreiblich unheimlichen Gefühl die ganze ziemlich +öde unversprechende Umgebung an.</p> + +<p>Nichts macht auch wohl einen so traurigen, beengenden +Eindruck auf den Fremden, als das erste Betreten einer neuen +»<i>clearing</i>«,<a href="#g3fn21"><small><sup>21</sup></small></a><a name="g3fn21r" id="g3fn21r"></a> eines neu angefangenen Platzes in den weiten +Wäldern Amerikas. Alles ist noch neu und unfertig, überall +liegt Baumaterial und Holz; gefällte Bäume, abgehauene +Wipfel, ausgerodete Wurzeln trifft das Auge wohin es fällt; +Straßen existiren auch nicht, nur zerfahrene Wege, bald hier +bald da hinaus ausweichend, natürlichen Hindernissen des +Bodens zu entgehn; Nichts hat noch einen Platz, Niemand +selbst von den schon Angesiedelten fühlt sich heimisch, und die +zertretenen, zerstampften Plätze um die Wohnungen selbst +herum, mit nicht einem Baum stehn gelassen der Schatten gäbe, +oder Abwechslung in diese Wüste der Civilisation brächte. +Wohl hatten die Eingeborenen recht als sie, die ersten Ansiedlungen +der Weißen sehend behaupteten, der Indianer sei +der einzige rechtmäßige und von dem großen Geist für sein +Vaterland bestimmte Eigenthümer, »denn er <span class="wide">entstelle</span> den +Platz nicht, auf dem er sich niederlasse«, und nur den Jahren +ist es dann vorbehalten das auszugleichen; die Natur selber +muß wieder schaffen und wirken auf dem mishandelten Platz, +bis es da wohnlich, bis es heimisch wird.</p> + +<p>Die Männer hatten indessen ihre Arbeit unten vollendet, +als Hopfgarten, sich mit dem seidenen Taschentuch den +Schweiß von der Stirn trocknend, zu den Damen trat.</p> + +<p>»Das wird Appetit machen« sagte er lachend, »Wetter +noch einmal, nach einem so müßigen Leben, kommt einem die +Arbeit ordentlich ungewohnt vor; die Bootsleute hätten sich +auch ein wenig mehr Zeit lassen dürfen — ich habe ordentlichen +Hunger.«</p> + +<p>»Ja, wenn wir hier nur überhaupt etwas bekommen können« +meinte Marie neckend — »Sie und Papa werden jedenfalls +erst einmal recognosciren gehn müssen, um irgend ein +Unterkommen zu entdecken, oder wir werden genöthigt sein die +Nacht hier zu campiren und von dem Zwieback zu leben, den +Mutter für die Kleinen mitgenommen hat.«</p> + +<p>»So weit wird es hoffentlich nicht kommen« sagte der +Professor, der jetzt ebenfalls zu ihnen getreten war, »aber — +aber ich muß gestehn — <span class="wide">etwas</span> Anders habe ich mir den Platz, +nach Herrn Henkels Beschreibung doch auch gedacht und, was +mir das Auffallendste ist, die Leute scheinen hier auf fremde +Einwanderung gar nicht vorbereitet zu sein und — brauchen +uns entweder nicht, oder — oder glauben vielleicht daß wir +gar nicht zu ihnen wollen.«</p> + +<p>»Das läßt sich bald erfahren« rief aber Hopfgarten +— »wir Beide wollen, wie eben Fräulein Marie vorgeschlagen +hat, einmal hinaufgehn und den Herrn aufsuchen, an den Sie, +lieber Professor, adressirt sind; jedenfalls werden wir dort gleich +erfahren woran wir sind, und was wir hier in diesem <i>Embryo</i> +Städtchen zu hoffen haben. Ich für mein Theil trete den Weg +mit sehr geringen Erwartungen an, und brauche kaum zu +fürchten selbst in denen getäuscht zu werden.«</p> + +<p>»Gut« sagte der Professor »dann mag Eduard als Beschützer +der Frauen zurückbleiben, und dem Weber indessen helfen +das kleinere Gepäck etwas mehr zusammenstellen; hoffentlich +hat die Stadt da oben auch ein besseres Aussehn, als wir +von hier unten erkennen können. Spätestens sind wir in einer +Stunde etwa zurück und bringen Bescheid.«</p> + +<p>»Aber sollten wir die Damen nicht doch lieber mitnehmen, +als sie allein hier in der Sonne sitzen lassen?« wandte Hopfgarten +ein.</p> + +<p>»Wir bleiben lieber hier« sagte die Frau Professorin +rasch — »ich möchte nicht gern den Platz betreten, ehe ich nicht +weiß daß unsere Kinder und das Gepäck ein sicheres Unterkommen +finden.«</p> + +<p>Der Professor hielt das auch für das Beste, denn ihre +Familie war durch die Weberleute natürlich sehr angewachsen, +und die beiden Männer machten sich jetzt auf den Weg vor +allen Dingen den Mr. Goodly zu finden, an den sie empfohlen +waren, wie auch Grahamstown selber, das sich bis jetzt noch sehr +passiv verhielt, etwas näher in Augenschein zu nehmen. Sie +kletterten also vor allen Dingen den etwas steilen und unbequemen +Landungsplatz, den schmutzigen schräg anlaufenden +Weg dabei vermeidend, hinan und erreichten bald die ersten, +schon von unten auf bemerkten Häuser, wo sie das aber, was +sie von der Landung aus für einen freien, noch nicht bebauten +Platz, als eine breit in den Wald hineingehauene +Straße erkannten, an der allerdings Fenzen entlang liefen und +in regelmäßigen Zwischenräumen kleine niedere theils Block- +theils <i>frame</i><a href="#g3fn22"><small><sup>22</sup></small></a><a name="g3fn22r" id="g3fn22r"></a> Häuser standen, in der aber auch nur erst die +Bäume, die hier ursprünglich den Wald gebildet, gefällt und +die Klötze zu den Gebäuden benutzt, die Wipfel zu Feuerholz +verbrannt, die Wurzeln und Stümpfe aber noch keineswegs entfernt +waren, und der Straße, die ein breites Schild als <i>Mainstreet</i> +verkündete, etwas ungemein urthümliches gaben.</p> + +<p>Die Straße — in der nur zwei Menschen sichtbar waren, +der eine mit einer Axt beschäftigt einen knorrigen Eichenast zu +Feuerholz zu spalten, der Andere auf einem umgeworfenen +Stamm sitzend, auf dem er, mit einem Zeitungsblatt in der +Hand, eingeschlafen schien — bot aber doch etwas, dessen +Entdeckung ihnen nicht geringe Freude machte — ein Wirthshaus, +auf das sie jetzt rasch und entschieden lossteuerten, dort +natürlich an der Quelle alle nöthigen Erkundigungen einzuziehn.</p> + +<p>Das Zeichen, das ihnen der Platz verkündete, bestand in +einem roh von Stangen aufgerichteten Gerüst, zwischen dem +schwebend, an zwei eisernen knarrenden Haken ein Gemälde +mit der Unterschrift »<i>Inn</i>« (Wirthshaus) hing. Das Bild +allein wäre nun schon hinreichend gewesen die Aufmerksamkeit +der beiden Reisenden zu fesseln, und Hopfgarten konnte es sich +auch nicht versagen, ein paar Secunden davor stehn zu bleiben +und diesen, hier dem Wetter preisgegebenen Kunstschatz, zu +bewundern. Es stellte allem Vermuthen nach eine Meerjungfer +dar, die höchst sinnreich mit dem zur Kufe ausgebogenen +sehr schuppigen Fischschwanz über die jedenfalls gefrorene +Oberfläche der See hinlief, und dabei eifrig beschäftigt war +mit einem siebenzinkigen riesenhaften Kamm, — das Ding +sah aus wie das abgebrochene Wurfeisen einer Harpune — +die allerdings sehr struppigen rothen Haare zu kämmen. Sie +war dabei gewissenhaft nackt, und außerordentlich kräftig gebaut, +ob aber der Maler dadurch das Diabolische ihres Charakters +am Besten zu geben glaubte, oder ob es nur Phantasie von +ihm war, kurz er hatte der Gestalt, die ihre linke, etwas verdrehte +und den Daumen auswärts gehaltene Hand unter den +Erfolg des Kammes hielt, mit einer so scheußlichen Galgenphysionomie +versehen, daß sie als die Urmutter des ganzen +Geschlechts gelten konnte, und wohl kaum einem armen +»Schiffer in seinem Kahne« der vielleicht den Ohio herunter +kam, gefährlich geworden wäre.</p> + +<p>»Nun, wie gleicht ihr das Bild?« sagte da plötzlich, in +dem sogenannten Pensylvanisch deutschen, aber eigentlich Amerikanisch +deutschen Dialekt, da ihn sehr Viele annehmen die +nie Pensylvanien gesehen, eine vierschrötige Figur, die in +einem blauen Frack von selbst gewebten Zeug und eben solchen +pfeffer- und salzfarbenen nur etwas zu kurzen Hosen, die Hände +in den Taschen derselben, und den Cylinderhut auf dem Kopf, +in der Thür stand, und die beiden Fremden theils, theils die +andere Seite seines Schildes die genau dieselbe Figur darstellte, +wohlgefällig betrachtet zu haben schien.</p> + +<p>»Oh vortrefflich« sagte Herr von Hopfgarten rasch, und +etwas erstaunt über die deutsche Anrede — »aber Sie sprechen +deutsch?« —</p> + +<p>»<i>Y-e-s</i>« sagte der Pensylvanier langsam und selbstbewußt.</p> + +<p>»Aber Sie sind kein Deutscher?«</p> + +<p>»No — denke nicht.«</p> + +<p>»Und woher wußten Sie daß <span class="wide">wir</span> Deutsche sind?« frug +der Professor, dem es ein eigenthümliches Gefühl war trotz +seiner, keineswegs auffälligen oder außergewöhnlichen Kleidung +gleich als Fremder, nicht zum Land Gehöriger erkannt zu sein.</p> + +<p>»Well, ich weiß nicht« sagte der Pensylvanier schmunzelnd, +»aber Ihr Deutsche seht immer so artlich aus, daß man +Euch gleich wie die schwarzen Schaafe unter den Weißen herausfinden +kann. Aber wollt Ihr nicht hereinkommen und +ein Glas Cider trinken? es ist heiß heute.«</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 8"> + <tr> + <td align="center"> + <a href="images/il3r.jpg"> + <img src="images/il3r.jpg" height="600" + alt="Illustration Capitel 8" /></a> + </td> + </tr> + <tr> + <td align="center"> + <span class="caption">Capitel 8.<br /> + Click to <a href="images/il3r.jpg">ENLARGE</a></span> + </td> + </tr> +</table> +</div> + +<p>Die beiden Fremden folgten gern der Einladung, weniger +des in Aussicht gehenden Äpfelweins als der gehofften Nachrichten +wegen, und folgten dem Mann, der sie in den unteren, +eben nicht sehr gemüthlichen Raum seines Schenk- und Gastzimmers +führte, dort ohne weiteres hinter seinen Schenktisch +trat, ein paar Gläser vor sie hinsetzte und ihnen dann eine +gelblich trübe Flüssigkeit eingoß die er ihnen als »<i>first rate</i>«<a href="#g3fn23"><small><sup>23</sup></small></a><a name="g3fn23r" id="g3fn23r"></a> +und honigsüß anprieß. Er lehnte sich dann mit den beiden +Ellbogen auf seinen Tisch und sah ihnen freundlich zu wie +sie die Flüssigkeit, ein sauersüßes etwas fade schmeckendes Gebräu, +mit der bestmöglichsten Miene verschluckten.</p> + +<p>»Capitaler Cider das — hat mein Junge selber gemalt, +alle beiden Seiten.«</p> + +<p>»Was?« sagte Hopfgarten rasch, über sein halbgeleertes +Glas hinwegsehend.</p> + +<p>»Das Bild draußen mein ich« sagte der Pensylvanier — +»die <i>Mermaid</i> — verfluchter Junge, hat es Alles von sich +selber gelernt.«</p> + +<p>»Oh das Schild draußen — ja, ist wirklich vortrefflich +gemacht« stimmte ihm Hopfgarten bei, nur nicht in die +Möglichkeit versetzt zu werden den Cider ebenfalls loben zu +müssen — »verräth sehr viel Talent.«</p> + +<p>»<i>Yes</i>« — sagte der Pensylvanier schmunzelnd — »und +noch dazu ohne Pinsel, blos mit einer Zahnbürste.«</p> + +<p>Das Gemälde gewann durch diese Nachricht allerdings +an artistischem Werth, dem Professor, der sich sonst vielleicht +sehr über das Gespräch amüsirt hätte, gingen aber doch in diesem +Augenblick zu viel andere Dinge im Kopf herum, und er +schnitt die Unterhaltung durch eine direkte Frage nach dem +Mann ab, an den er hierher adressirt worden, und für den er +freundschaftliche Briefe bei sich trug.</p> + +<p>»Mister Goodly — so? — « sagte aber der Pensylvanier, +dessen Name Ezra Ludkins war, seine beiden Gäste Einen nach +dem Anderen rasch aufmerksamer als vorher von oben bis unten +betrachtend — »und Ihr wünscht Mister Goodly zu +sprechen und habt Briefe für ihn?«</p> + +<p>»Ja mein Herr« sagte der Professor, der sich aber noch +immer nicht recht an das Pensylvanische <span class="wide">Du</span> gewöhnen konnte, +»und Sie würden uns einen großen Dienst erweisen, wenn +Sie uns zu ihm führen wollten.«</p> + +<p>»So? — hm?« sagte der Wirth wieder, mit den Fingern +der linken Hand dabei den Yankeedoodle auf dem Tisch trommelnd +— »Mr. Goodly? Und Ihr seid Freunde von Mr. +Goodly? —«</p> + +<p>»Wenigstens durch einen Freund an ihn empfohlen; und +wo können wir ihn wohl finden?«</p> + +<p>»Darum hätte der Sheriff viel Geld gegeben wenn er +das wüßte« sagte Ezra.</p> + +<p>»Der Sheriff? — wie so — ist er nicht mehr hier?« +frug der Professor rasch und erschreckt.</p> + +<p>»Ich denke nicht« erwiederte der Pensylvanier, mit +unzerstörbarer Ruhe — »könnten hier auch nicht <i>care</i> auf ihn tähken,<a href="#g3fn24"><small><sup>24</sup></small></a><a name="g3fn24r" id="g3fn24r"></a> +denn wir haben noch keine <i>penitentiary</i>.«</p> + +<p>»Kein Zuchthaus?« rief Herr von Hopfgarten — »hat +Herr Goodly irgend etwas verbrochen?«</p> + +<p>»Well ich weiß nicht ob Ihr das etwas verbrochen +nennt, aber er hat erstlich ein halb Dutzend Menschen mit falschem +Spiel ruinirt, und dann einer alten Frau, die hier allein +in einem Hause wohnte und viel <i>Cash</i> (baar Geld) haben +sollte, blos den Hals abgeschnitten. Nachher hat er sich <i>scarce</i> +gemacht und bis jetzt haben sie ihn noch nicht wieder ketschen<a href="#g3fn25"><small><sup>25</sup></small></a><a name="g3fn25r" id="g3fn25r"></a> +können.«</p> + +<p>»Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief der Professor, +»das kann <span class="wide">der</span> Goodly nicht sein — Mr. Goodly hat hier +eine Farm dicht bei Grahamstown am <i>blue creek</i>, etwa eine +halbe Meile von hier — ausgedehnte Rinder- und Schaafheerden, +und zieht hauptsächlich Schweine für den Cincinnati-Markt.«</p> + +<p>»Well« sagte der Pensylvanier mit dem Kopfe nickend, +und ein Glas für sich selber von dem Gesims herunter nehmend, +das er sich mit <i>brandy</i> — er selber trank keinen Cider +— anfüllte, und auf einen Schluck austrank — »das trifft. +Seine kleine <i>cabin</i> stand am <i>blue creek</i>, wie der Platz heißt +— er hielt zwei Kühe, und das Weibsbild das er die letzten +drei Monate bei sich hatte, und die mit ihm durchgebrannt ist, +kaufte sich von Bill Owen ein zahmes Schaaf zur Unterhaltung.«</p> + +<p>»Aber das sind keine Heerden — «</p> + +<p>»Bah, wenn er's eine Heerde nennt — Grahamstown +ist auch noch keine Stadt, wenn wir so wollen.«</p> + +<p>»Und Mr. Goodly war wirklich — «</p> + +<p>»Der nichtswürdigste Schurke, den je die Welt getragen,« +unterbrach ihn der Pensylvanier ruhig, »und ich will Euch +wünschen, Leute, daß Ihr noch bessere Empfehlungen mit +nach Grahamstown gebracht habt wie an den.«</p> + +<p>»Allerdings keine weiter,« sagte der Professor, mit einem +aus tiefster Brust herausgeholten Seufzer, denn wie ein Wetterschlag +schmetterte diese Nachricht all seine Hoffnungen zu +Boden. Was jetzt thun, was machen, wohin gehn? — und +seine Familie, rathlos ohne einen Freund in dem fremden +Lande, mit seinem Gepäck im Freien und dem Zufall preis gegeben.</p> + +<p>»Apropos Fremder,« sagte da der Pensylvanier plötzlich +von einem neuen Gedanken ergriffen, »Ihr sagt, Ihr habt +einen Brief von einem Freund von Goodly — vielleicht wäre +da Auskunft darin über ihn zu finden, wo er jetzt steckt — setze +nun den Fall wir machten den Brief einmal auf.«</p> + +<p>»Der Gedanke ist vortrefflich«, rief Herr von Hopfgarten, +»und ich wäre ungemein gespannt zu sehn was Herr Henkel +an ihn schreibt.«</p> + +<p>»Ich darf doch keinen Brief von einem Fremden öffnen«, +sagte der Professor — »überdieß konnte Henkel Nichts über +seine Flucht wissen, sonst hätte er mir den Brief nicht mitgegeben.«</p> + +<p>»Nun, vielleicht wünscht ihn der Sheriff zu sehn,« sagte +der Pensylvanier, ruhig die eben gebrauchte Flasche wieder +zurückstellend, »wäre jedenfalls interessant auch den <span class="wide">Freund</span> +kennen zu lernen.« Der Mann hatte die beiden Fremden, seit +er sie mit jenem anerkannten Gauner in Verbindung gebracht, +ziemlich kalt und mistrauisch fortwährend betrachtet, und ein +Verdacht war jedenfalls in ihm aufgestiegen, ob es mit deren +Ehrlichkeit nicht am Ende ebenso schwach beschaffen sein könne, +wie mit der des Burschen nach dem sie frugen, und dessen +Abwesenheit besonders den Einen — wie ihm keineswegs entgangen — augenscheinlich +in Verlegenheit setzte. Herr von +Hopfgarten übrigens, der seine eigenen Beweggründe dabei +hatte, drang jetzt selber in den Professor das Schreiben, von +dem ihm ja auch Henkel gesagt daß es nur eine Empfehlung +sei, zu erbrechen. Henkel selber konnte nicht wissen, daß Mr. +Goodly in der Zeit solche Streiche gemacht, und würde, wenn +er es später erführe, gewiß sehr damit einverstanden sein, daß +sein Brief geöffnet und von ihm selber der Verdacht entfernt +worden, in unehrenhafter Beziehung zu dem Entwichenen gestanden +zu haben. Der Professor sträubte sich aber noch lange +dagegen, und nur erst als sie das Papier gegen das Licht gehalten +und dadurch gesehen, daß es wirklich nur wenige Zeilen +enthalte, und selbst in der Hoffnung für sich vielleicht einen +Fingerzeig zu weiterem Handeln zu finden, entschloß er sich +endlich dazu dem Wunsch des Pensylvaniers zu willfahren. +Dieser schien außerdem nicht übel Lust zu haben ihm den +Sheriff auf den Hals zu schicken, wodurch er am Ende noch +in eine ganze Masse unangenehmer Geschichten verwickelt werden +konnte, und er hatte von Deutschland her noch einen ganz +besonderen Respekt vor jeder Berührung mit den Gerichten, +dachte auch nicht daran seinen ersten Schritt in Amerika gleich +mit einer ähnlichen Verlegenheit zu beginnen. So endlich öffnete +er das Siegel und überlas flüchtig die Zeilen, die er dann +achselzuckend an Hopfgarten, während diesem der Pensylvanier +neugierig über die Schulter schaute, gab. Der Brief +lautete einfach.</p> + +<p class="ind4"> +»Lieber Goodly.«</p> + +<p>»Ich sende Dir hier einen Freund, der Land zu kaufen +wünscht — womöglich gleich eine eingerichtete Farm — ich +habe nicht den geringsten Zweifel, daß Du ihm das besorgen +wirst. Er hat Geld und ist ein Professor. Es wäre mir <span class="wide">sehr</span> +angenehm, wenn er einen passenden Platz im Norden fände — +ich brauche Dir nicht mehr zu sagen.«</p> + +<p>»Ich bin seit einigen Tagen wieder in Amerika — habe +sehr gute Geschäfte gemacht und hoffe Dich <span class="wide">jedenfalls</span> im +Laufe des nächsten Monats in New-Orleans zu sehn. Du +<span class="wide">mußt</span> kommen. Meine Adresse kennst Du. — O..... ist auch +hier und immer noch der Alte. Es grüßt Dich bestens</p> +<p class="center">Dein</p> +<p class="sig">Soldegg <span class="wide">Henkel.</span>«</p> + +<p>»<span class="wide">Soldegg</span> Henkel?« sagte Herr von Hopfgarten, als +er den Brief einmal flüchtig, den Inhalt nur überfliegend, +dann langsamer durchlesen hatte — »<span class="wide">Soldegg</span>, was für ein +sonderbarer Vorname; hieß denn Henkel nicht anders?«</p> + +<p>»Ja ich weiß es wahrhaftig nicht,« sagte der Professor, +»ich habe nie darauf geachtet, und soviel ich weiß seinen Vornamen +auch nie gehört — vielleicht ist dieser hier in Amerika +gebräuchlich.«</p> + +<p>»Soldegg?« sagte der Pensylvanier, an den diese Bemerkung +halb als Frage gerichtet war, indem er hinter seinen +Schenktisch ging und sich den Namen aufschrieb, »nicht daß +ich wüßte; s' ist aber möglich, die Methodisten und Baptisten +geben ihren Kindern manchmal ganz artliche Namen, von +denen man nie weiß wo sie her sind, aber — wie ich da eben +aus dem Brief sehe, habt Ihr die <i>intention</i> Euch hier zu settlen, +und eine Farm zu kaufen; ist das wahr?«</p> + +<p>»Das war allerdings meine Absicht,« sagte der Professor +kopfschüttelnd im Zimmer auf und abgehend, während sich +Hopfgarten mit dem Brief in eine Ecke gesetzt hatte, und +ihn wieder und wieder durchstudirte, »damals hoffte ich aber +keine weiteren Schwierigkeiten dabei zu finden, sondern gleich +Jemanden in diesem Herrn Goodly zu haben, der mir mit +Rath und That an die Hand gehen könnte. Ich wäre sonst +wahrhaftig nicht nur so auf gerathewohl mit Weib und Kindern, +Dienstboten und Gepäck hier heraufgekommen.«</p> + +<p>»Well, wenn Du bei Allem solch Glück hast, als daß +Du den Schuft von Goodly nicht mehr hier findest und in +dessen Klauen gefallen bist,« meinte der Pensylvanier trocken, +»dann kannst Du es noch zu 'was bringen in den States. +Aber Deine Familie hast Du wohl in Cincinnati?«</p> + +<p>»In Cincinnati? — <span class="wide">hier</span> — unten am Fluß, mit Kisten +und Kasten.«</p> + +<p>»<i>The devil!</i>« rief der Pensylvanier überrascht aus — +fügte aber dann, indem er sich ohne weitere Schwierigkeit auf +seinen Schenktisch setzte und sein rechtes Knie zwischen die zusammengefalteten +Hände nahm, langsamer und wie überlegend +hinzu, »hm — da befindest Du Dich <i>anyhow</i> in einem <i>fix</i><a href="#g3fn26"><small><sup>26</sup></small></a><a name="g3fn26r" id="g3fn26r"></a> +— seid heute Morgen mit dem Dampfer gelandet, heh?«</p> + +<p>»Ja wohl, mit der Jane Wilmington.«</p> + +<p>»Ahem, calculirte so; und wollt eine Farm wirklich +<span class="wide">kaufen</span>?«</p> + +<p>»Wenn ich etwas passendes fände.«</p> + +<p>»Mit Vieh und Einrichtung?«</p> + +<p>»Wäre mir allerdings das Liebste.«</p> + +<p>»Und Gebäuden?«</p> + +<p>»Versteht sich von selbst.«</p> + +<p>»Und wie theuer äbaut?«</p> + +<p>»Ja lieber Herr, das hinge allerdings von Umständen +ab, und müßte sich doch entschieden nach der Farm selber +richten.«</p> + +<p>»Well, vor allen Dingen können wir die Ladies nicht +unten an der Landung sitzen lassen,« meinte der Pensylvanier, +»und es wird das Beste sein sie hier heraufzumuven — Unterkommen +haben wir schon für sie; wir müssen wenigstens sehn, +daß wir 'was auffixen — aber so recht bequem wird's freilich +nicht werden.«</p> + +<p>»Ja ich weiß aber gar nicht,« sagte der Professor unschlüssig, +indem er sich an den noch immer den Brief studirenden +Herrn von Hopfgarten wandte, »ob ich unter solchen Umständen +überhaupt hier bleibe, oder nicht lieber gleich direkt +nach Cincinnati gehe. Was meinen Sie dazu lieber Hopfgarten +— lassen Sie doch den unglücklichen Brief, Sie +lernen ihn wohl auswendig?«</p> + +<p>»Auswendig nein,« sagte der kleine Mann aufstehend, +»obgleich er's am Ende verdiente, denn ich fange an zwischen +den Zeilen zu lesen und ich versichere Sie, lieber Professor, +mir wird angst und bange dabei zu Muthe.«</p> + +<p>»Aber wie so? — was haben Sie?«</p> + +<p>»Lassen Sie nur jetzt, davon nachher; jetzt müssen wir +doch wohl an das Ihnen näher Liegende denken.«</p> + +<p>»Ja nach Cincinnati wieder fahren,« sagte der Pensylvanier +achselzuckend, »das ist so eine Sache. Natürlich könnt +Ihr das thun, denn Steamboote dorthin laufen fast alle Tage +hier vorbei; heute sind aber schon drei aufwärts gegangen, es +ist also sehr die Frage, ob über Tag noch eins kommt, und +die Ladies dürfen doch die Nacht nicht gut unten am River +bleiben. Außerdem seid Ihr einmal hier, das Land ist hier +auch billiger wie um Cincinnati herum, und ich calculire, daß +Ihr doch am Ende besser thätet, Euch hier erst einmal ein paar +Tage umzusehen; nachher könnt Ihr ja <i>anyhow</i> doch noch +immer thun was Ihr wollt.«</p> + +<p>In dem Rath lag sehr viel Vernünftiges; das ewige Gepäck +herumschleifen bekam der Professor auch satt, und die Passage +nach Cincinnati, so gering die Strecke sein mochte, hätte +für seine wie des Webers Familie, »<i>a smart sprinkle</i> Geld« +gekostet, wie sich der Pensylvanier ausdrückte, da sich die +»Steamboote« das Anlegen schon besonders zahlen lassen. +Zu dem kam dann noch das Hinaufschaffen der Fracht in ein +Gasthaus, der Aufenthalt dort, das Wiederwegschaffen — die +Masse Personen — auch von Hopfgarten rieth ihm jedenfalls +erst die Umgegend hier einmal in Augenschein zu nehmen; +gefiel es ihm dann wirklich <span class="wide">nicht</span>, so hatte er doch ein Stück +vom Lande gesehen, die Preise und Verhältnisse etwas kennen +gelernt und — Erfahrung gesammelt, ohne eben mehr wie +ein paar Tage, mit nicht größerem Kostenaufwand als doch +nicht mehr zu umgehen war, versäumt zu haben.</p> + +<p>Der Pensylvanier ging jetzt vor allen Dingen mit ihnen +an die Landung hinunter, dort das Gepäck in Augenschein zu +nehmen, um es nachher mit seinem Geschirr heraufzuholen, +und die Damen in sein Haus einzuführen. Er war, nachdem +er die Absicht der Fremden gehört, und nun doch auch wohl +gesehen hatte, daß sie mit jenem übel berüchtigten Goodly in +nicht dem geringsten Verhältniß standen, wieder sehr freundlich +und zuvorkommend, wenn auch immer auf seine sehr trockene +ungenirte Weise geworden. Gegen die Damen aber war er +besonders artig, und bot sogar der Frau Professorin, die er +in Indiana mit den jungen Ladies willkommen hieß, den +Arm an und führte sie den Berg hinauf, und die Männer +nahmen Jeder ein Stück des leichteren Gepäcks und folgten. +Des Pensylvaniers Wagen wurde dann augenblicklich nach +unten geschickt die übrigen Sachen, bei denen des Webers Frau +mit den Kindern so lange als Wache bleiben mußte, ebenfalls +hinauf und unter Dach und Fach zu bringen — hatte aber +dreimal zu fahren, ehe er sämmtliche Kisten und Collis an +Ort und Stelle schaffen konnte.</p> + +<p>Für diesen Tag war nun allerdings nicht viel mehr zu +unternehmen, am nächsten Morgen aber, sobald es den Herren +gefiel, erbot sich der Pensylvanier sehr bereitwillig mit ihnen +in das Land zu reiten, wo er ihnen sogar, nur neun Miles +von Grahamstown und etwa vier oder fünf vom Ohiostrom +entfernt, eine kleine reizende Farm offeriren könne. Diese, jetzt +von einem seiner Söhne bewohnt, wäre ihm vielleicht feil, +»wenn er seine Auslagen bezahlt bekäme«, indem er selber keinen +Gebrauch mehr dafür hätte. Die Wirthschaft sagte ihm, seiner +Aussage nach, mehr zu als das Farmerleben, und Grahamstown +würde und müßte sich in sehr kurzer Zeit so heben, daß +sich seine jetzt unscheinbare Inn zu einem Hotel umgestalten +könnte. Wenn besonders <span class="wide">der</span> Plan verwirklicht würde, an +dem das <i>County</i> jetzt arbeitete — den Platz mit der nach St. +Louis führenden und schon fast beendigten Eisenbahn zu verbinden, +hoffe er das Fabelhafteste für Grahamstown. Er gab +dabei nicht undeutlich zu verstehn, daß ein paar hundert Thaler +für Bauplätze in der Stadt selber ausgelegt, leicht in drei +oder vier Jahren zu ebenso vielen Tausenden werden könnten, +und wie er für die Zukunft sogar an dem Bestehen Cincinnatis +zweifelte, das mit der weit vortrefflicheren Lage dieses +Platzes, <span class="wide">unterhalb</span> den bei Louisville gelegenen Stromschnellen, +kaum werde auf die Länge der Zeit concurriren können. Er +mochte es sich dabei nicht versagen die Fremden, wahrscheinlich +um sie noch mehr zu überzeugen, auch in die Anlage des +»beabsichtigten« Grahamstown hinauszuführen, und Mainstreet +hinuntergehend, was einige Schwierigkeiten der weiter +oben häufig queerüberliegenden Bäume wegen hatte, kamen sie +etwa 500 Schritt von dem oberen Rand des kleinen Platzes +zu dem ausgesteckten und hier und da selbst schon »geklearten« +Marktplatz, wo allerdings noch sämmtliches gefälltes Holz wie +Kraut und Rüben durcheinander lag, nichts destoweniger aber +doch schon der Platz für die Bank, für das Theater und für +die Börse — das Court oder Gerichtshaus stand schon in +Gestalt eines breiten überwachsenen Blockhauses an der nämlichen +Stelle, an der es sich später von massivem Sandstein +oder Granit erheben sollte — ausgemessen, und an den noch +stehenden Bäumen durch kleine hölzerne Tafeln bezeichnet +worden.</p> + +<p>Der Professor hätte unter anderen Umständen gewiß über +dieß großartige Planmachen, in dem die Amerikaner überhaupt +berühmt sind, gelächelt, und sich damit amusirt, denn seinen +eigenen Ansichten von Städtebauen nach, soviel er auch Amerikanischer +Triebkraft dabei zu Gute schrieb, konnte und mußte +wohl ein halbes Jahrhundert vergehn, ehe die Hälfte dessen +wahr geworden, über das der Pensylvanier sprach als ob es +sich im nächsten Frühjahr ereignen würde. Jetzt aber, mit in +den Wirbel schon halb und halb hineingezogen, der hier Alles +drehte und mit sich fortriß, schon ein halbes Glied des Ganzen, +und doch noch eigentlich nicht dazu gehörig, noch ganz +fremd auf dem Boden, den er unterwegs schon gewissermaßen +als seine Heimath betrachtet, erfüllte ihn das Alles mit einem +unbehaglich drückenden Gefühl, so daß er manchmal ordentlich +tief aufathmen mußte, wie eine schwere Last von seiner Brust +zu wälzen.</p> + +<p>Der Amerikaner dagegen ritt auf seinem Steckenpferd, und +die <i>improvements</i> des Bodens und der Stadt, der Wachsthum +der Einwohnerzahl, die Erbauung von Kirchen, Schulen, +Universitäten, Bibliotheken etc. etc. riß ihn mit einer Phantasie +und Einbildungskraft fort, die so innerste Überzeugung +schien, daß sich selbst der Professor, trotz seiner niedergedrückten +Stimmung, doch zuletzt nicht enthalten konnte wenigstens +einen kleinen Theil des in soliden Luftschlössern aufgebauten +Bildes für möglich zu halten, und sich in der That, noch ehe +sie das Gasthaus wieder erreichten, dabei erwischte wie er eine +Zuckerfabrik — den Runkelrübenbau in Amerika einzuführen +war eine Lieblings-Idee von ihm — an der <i>blue creek</i> errichtete, +mit derselben Wasserkraft eine Säge- und Mahlmühle +trieb, und weiter unten eine Talgsiederei anlegte von den +Überbleibseln der Heerden, die er nach St. Louis und New-Orleans +schickte, den größtmöglichsten Nutzen zu ziehn.</p> + +<p>Der Abend ging trotzdem sehr still vorüber — das drückende +Gefühl der Heimathlosigkeit, das auf ihnen Allen lag, +sie mochten ankämpfen dagegen wie sie wollten, ließ sich nicht +so rasch bewältigen, und wenn auch der Pensylvanier Alles +that ihnen die Eigenschaften des Landes, auf dem sie sich jetzt +befänden, herauszustreichen, und seine Frau, ein freundliches +Weibchen aus Louisville, ihre öden Zimmer so behaglich herrichtete +wie es unter den Umständen nur möglich war, sie +blieben still und einsylbig und selbst Marie, die munterste sonst +von Allen, hätte sich am allerliebsten in irgend eine versteckte +Ecke gedrückt und recht herzlich ausgeweint — so weh, so +eigenthümlich war ihnen zu Allen zu Muthe.</p> + +<p>»Apropos,« rief da plötzlich Herr von Hopfgarten, als +sie sich gerade für die Nacht trennen wollten (der Pensylvanier +hatte ihnen nur drei Zimmer zur Verfügung stellen können — +eins für die Damen, eins für die Weberfamilie und eins für +die Herren) »was ich Sie noch fragen wollte — kennt eine +von den Damen vielleicht den Vornamen unseres gemeinschaftlichen +Freundes Henkel?«</p> + +<p>»Ja wohl,« rief Marie rasch — »er heißt Joseph; +warum?«</p> + +<p>»Ganz recht — jetzt fällt es mir auch ein, Joseph!« +sagte Hopfgarten schnell; »wie man doch so etwas vergessen +kann, ich habe selber den Namen mehr wie hundert Mal +gehört.«</p> + +<p>»Joseph — ja wohl,« sagte auch jetzt der Professor, »da +muß das wirklich sein Amerikanischer Beinamen sein.«</p> + +<p>»Sein <span class="wide">Amerikanischer</span> Name?«</p> + +<p>»Der Brief, von dem ich Euch sagte, ist mit <span class="wide">Soldegg</span> +Henkel unterschrieben und es war auch mir so, als ob seine +Frau wenigstens ihn mit einem anderen Vornamen, nicht +Soldegg, genannt hätte.«</p> + +<p>»Soldegg — Soldegg — ich habe den Namen nie, auch +selbst nicht in Heilingen gehört,« sagte Anna — »lieber Gott +was mag Clara jetzt machen; es ist mir immer ein recht trauriges, +wehmüthiges Gefühl, daß wir sie krank zurücklassen mußten.«</p> + +<p>Herr von Hopfgarten war aufgestanden und ging, mit +auf den Rücken gelegten Händen unruhig im Zimmer auf und +ab, aber er sagte kein Wort weiter, und da die Frau Professorin +etwas über Kopfweh klagte, und die Kinder auch unruhig +wurden, verabschiedeten sich die Männer bald, und +suchten ebenfalls ihr Lager.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<p>Der andere Morgen brach an, und mit ihm ein wichtiger +Tag für die neuen Ansiedler, der vielleicht entscheidend für sie +sein sollte, für ihr ganzes Leben und Glück, denn eine neue +Heimath sollte gesucht, ein Platz gefunden werden, auf dem +sie ihre neue Laufbahn nicht allein beginnen, sondern für den +sie auch die Mittel, die sie zu ihrem Fortkommen mit herüber +gebracht, auslegen wollten, daß ein Rückschritt nachher ohne +bedeutende Verluste nicht möglich gewesen wäre. Und entsprach +etwa Alles, was sie bis jetzt von dem Lande gesehen, ihren +Erwartungen? durfte der Professor hoffen in dieser Gegend +gleich einen solchen Platz zu finden, an dem er es vor sich +und seiner Familie verantworten konnte zu bleiben? Er wagte +gar nicht sich die Frage vorzulegen, denn der erste Eindruck +von Grahamstown war ein gar zu beengender, ja enttäuschender +gewesen. Allerdings befanden sie sich in einem neuen +Land, und da, wo noch Ackerbau und Cultur in der Wiege +lagen und eben deshalb auch dem, der sie weckte und in's +Leben rief, so wacker lohnte, durfte und konnte man nicht erwarten +ein Land zu finden wie man es daheim verlassen hatte; +es war eben eine halbe Wildniß, in der erst gerade <span class="wide">durch</span> die +geweckte Cultur der Segen aufkeimen sollte, den sich die Auswanderer +von Amerika versprachen. Das Alles hatte man +sich daheim auch wohl wie oft selber gesagt, und war allem +Anschein nach vollkommen darauf vorbereitet gewesen; und +doch jetzt da es wirklich so aussah wie man es — innerlich +gewiß mit manchem Vorbehalt — aber doch äußerlich nicht +anders erwartet, mit den wild umher gestreuten Stämmen, +den niederen, jeder Bequemlichkeit mangelnden Holzhäusern, +den fremden Menschen, da fühlte sich die Brust beklemmt und +sorgenschwer, und der Blick suchte wohl gar einen Augenblick +halb unbewußt und scheu nach dem verlassenen Ufer zurück. +Aber lieber Gott, das lag weit, weit dahinten; mit der abgerissenen +Brücke hinter sich standen sie an dem fremden Strand, +und wenn auch keinen Trost doch wenigstens Beruhigung gab +ihnen das Bewußtsein jetzt: »Du <span class="wide">mußt</span>!« Ein Rückweg +war nicht mehr möglich, wenn sie das selbst gewollt hätten, +und mit <span class="wide">dem</span> Gefühl kehrte auch wirklich mehr Ruhe, jedenfalls +mehr Entschlossenheit, in ihr Herz zurück.</p> + +<p>Viel gleichgültiger betrachtete der Weber das neue fremde +Land, in dem er durch seine Anstellung bei dem Professor schon +gewissermaßen festen und sicheren Fuß gefaßt, ehe er es nur +betreten. Er war neugierig allerdings, wie er es finden +würde, und ob die Erzählungen, die er davon zu Hause gehört +und gelesen, jetzt sich als wahr erweisen sollten; aber vor +der Hand in seiner und der Seinigen Existenz gesichert, fürchtete +er eben Nichts, und konnte die Zeit mit dem, wie sie sich +entwickeln würde, ruhig und sorglos erwarten. Seine Ansprüche +an das Leben waren auch geringer; Vieles, was der +in anderen Kreisen erzogenen Familie des Professors Entbehrung +schien, wenn sie sich auch nicht darüber aussprachen oder +gar beklagten, war ihm selbst schon eine Verbesserung seines +bisher gewöhnten Zustandes, und die Gewißheit nicht allein +seine Familie auf ein volles Jahr untergebracht und versorgt +zu haben, sondern auch sogar an baarem Geld mehr zu verdienen, +als er bis jetzt in seinem ganzen Leben im Stande gewesen +war zu erübrigen, ließ ihn dem neuen Leben mit freudiger +Zuversicht entgegengehn.</p> + +<p>Seine Frau theilte das Gefühl, wenn sie sich auch noch +in der fremden Welt gedrückt und unbehaglich fühlte; nur die +alte Mutter, der ihre gewohnte Ecke mit dem Spinnrad fehlte +sich darin niederzuhocken, der die Sonne an der verkehrten +Stelle auf- und unterging, und die Bäume nicht dahin den +Schatten warfen wohin sie sollten, der die Vögel nicht zwitscherten +wie daheim und die Blumen — ihre Astern — nicht +blühten, und die schon zehnmal in Gedanken vor die fremde +Thür getreten war die Linde zu besuchen, unter der der Leberecht +ruhte, dann immer nur um so viel niedergeschlagener, +so viel mürrischer zurückzukehren zu dem selbst nicht gewohnten +Sitz, stöhnte und klagte den ganzen Tag und saß, die Hände +müßig im Schooß gefaltet, und still und langsam dazu mit +dem zitternden Haupte nickend und schüttelnd, auf ihrem Stuhl. +Sie fühlte daß sie dem heimischen Boden, den Gräbern ihrer +Lieben, der alten Dorfkirche und dem stillen Plätzchen, das sie +so lange, lange Jahre das ihre genannt, entrissen, für ewig, +und auf Nimmerwiedersehn entrissen sei, und sie glaubte jetzt +das Herz müsse ihr brechen.</p> + +<p>Der Professor hatte sich übrigens, wogegen der Pensylvanier +erst einige Schwierigkeiten machte, dazu entschlossen den +Weber auf ihrer heutigen Excursion mitzunehmen, sein Urtheil +über das Land dabei zugleich zu hören und seine Meinung +über den ganzen Kauf an Ort und Stelle zu haben. Der +Wirth schien nicht recht damit einverstanden; er hatte im Anfang +kein Pferd mehr für ihn da, dann dauerte es zu lang +bis eins geholt werden könnte; der Professor aber, der klug +genug war in einer Sache mistrauisch gegen sich selbst zu sein, +die doch jetzt über alles Theoretische hinausging und in das +praktische Leben direkt eingriff, vielleicht auch in der unbestimmten +Furcht vor einem doch möglichen Fehlschlagen, in dem er +nachher die Schuld nicht ganz allein zu tragen hätte, ließ +keine Ausrede gelten und erklärte, dann lieber noch einen +Tag warten zu wollen bis die Pferde gefunden wären, ehe +er eben <span class="wide">ohne</span> den Weber, dem er vielleicht mehr zutraute als +er verstand, die Farm in Augenschein nähme. Als der Pensylvanier +endlich sah daß der Fremde von diesem Entschluß +nicht abging, waren auch die Pferde nach kaum einer Viertelstunde +gesattelt und bereit, und die kleine Gesellschaft, von der +sich der Professor selber am unbehaglichsten »an Bord« des +etwas hohen Pferdes fühlte, setzte sich in einem scharfen Schritt +in Marsch, dem freien Lande zu.</p> + +<p>Die hölzernen, mit Fenzen eingefaßten Gebäude ließen sie +bald hinter sich, und folgten der sogenannten <i>county</i>-Straße, +die noch eine Strecke weit durch den breit ausgehauenen Wald +hinführte, wobei ihnen der Pensylvanier mit dem größten +Ernst immer noch die schon ausgelegten aber noch nicht einmal +»urbar gemachten« Straßen von Grahamstown zeigte. +Dort, in das dicke Gebüsch von Hickory und Eichen sollte einmal +später das Waisenhaus kommen — da drüben an dem +etwas feuchten Fleck wo die Sycomore und Erlen standen war +der Platz für den Gasometer ausgelegt — die Telegraphenstation +mit der Post mußte unten am Fluß selber sein, in dem +Centralpunkt des Handels und Verkehrs, der sich natürlich in +den ersten zehn Jahren, und bis die Eisenbahnen von hier aus +nach allen Richtungen auszweigten, jedenfalls in der Nähe +des Wassers halten müßte. Er selber hatte sich aber auch zwei +Bauplätze hier an der Grenze des Weichbildes reservirt, einen +an dem nächst zu erwartenden St. Louis, den anderen, an dem +Cincinnati-Bahnhof. Wo die Eisenbahn die einmal später +nach New-Orleans und Charlestown führte, auslaufen sollte, +darüber hatten sich die Bürger noch nicht geeinigt, und es +war einer späteren Versammlung vorbehalten worden darüber +zu entscheiden.</p> + +<p>Der Mann sprach dabei mit solcher Ruhe und Sicherheit, +und schien selber von dem rasenden Wachsthum der Stadt so +fest überzeugt zu sein, daß sich der Professor nicht allein mehr +und mehr mit dem Gedanken vertraut machte sich in der Nähe +eines so bedeutenden Platzes, jetzt da das Land noch billig zu +haben sei, niederzulassen, sondern sogar schon unbestimmte +Wünsche in sich aufsteigen fühlte, selber ein paar Bauplätze +in den bestgelegensten Theilen der Stadt — nur nicht zu nahe +am Gasometer — zu erstehen. Ezra Ludkins hatte ihn dabei +schon aufmerksam gemacht, daß gegenwärtig die passendste Zeit +dazu sein würde, da mit dem Winter besonders ihre, nur für +jetzt noch aus Holz bestehenden Bauten gewiß am Stärksten +in Angriff genommen werden würden, und der Preis der Lots +(Bauplätze) mit jedem neu errichteten Hause an Werth gewinnen +und steigen <span class="wide">müßte.</span></p> + +<p>Der Weber daneben, der ziemlich sicher auf seinem Pferde +saß, war ganz Ohr bei der fabelhaften Beschreibung des Landes, +und dankte im Stillen seinem Gott und dem Professor, +daß er nicht in völliger Blindheit an diesem merkwürdigen +Platz vorübergefahren, sondern mit Sack und Pack ausgestiegen +sei, und nun natürlich auch im Stande sein würde mit zuzulangen, +wenn es hier einmal Brei oder Goldstücken regnete, +denn weiter blieb, nach des Amerikaners Beschreibung und +Aussichten, wirklich nicht viel mehr übrig.</p> + +<p>Am wenigsten achtete von Hopfgarten darauf der, nicht +in der Absicht sich hier niederzulassen, wenig Interesse dabei +fand in wie fern die Stadt den Hoffnungen, die ihr neuer +Freund dafür hegte, entsprechen würde, und mehr darauf achtete +das sich jetzt rasch vor ihnen aufrollende Land mit seinen +Eigenthümlichkeiten zu beobachten. Das aber fesselte auch +bald die Aufmerksamkeit der beiden Anderen, und als sie eine +Strecke lang im Wald, durch den sich die Straße um Sumpflöcher +und Baumwurzeln hinwand, fortgeritten waren, die erste +Lichtung, und mit dieser eine Farm — eine wirkliche Farm im +Inneren von Amerika — erreichten, hielten sie wie auf gemeinsame +Verabredung ihre Pferde an, und schauten still und +schweigend, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, den +Platz an, der sich hier vor ihnen ausbreitete. —</p> + +<p>Aber wie anders hatten sie sich eine Ansiedlung in Amerika +gedacht, wie freundlich sich das ausgemalt, und die stille Wohnung +im Walde, mit all dem Zauber geschmückt, den die Natur +fähig ist einem solchen Bilde zu geben. Das rege Schaffen +der Menschen dabei, muntere fette Heerden, ein freundlicher +Garten, schattige fruchtschwere Obstbäume, unter denen die +lauschigen Fenster freundlich und versteckt hervorschauten; der +reinliche Kies oder Rasenplatz dann vor der Thür, auf dem die +Kinder spielten, und die niederen Nebengebäude mit Ställen +und Scheunen, die sich dicht an das Wohnhaus schmiegten — +Lieber Gott, wie anders sah das hier aus.</p> + +<p>Eine sogenannte Wurmfenz — die langgespaltenen Hölzer +ohne weitere Befestigung untereinander, nur im Zickzack immer +Enden über Enden gelegt — umschloß ein Stück von etwa zehn +Acker »geklearten« Landes, wie sich der Pensylvanier ausdrückte, +d. h. ein Theil der Stämme vor etwa drei Fuß vom +Boden, je nach Bequemlichkeit des Fällers, theils umgeschlagen +und das überflüssige Holz auf große Haufen geschafft, verbrannt +zu werden, theils standen die übrigen Bäume noch eingeringelt +oder »getödtet« dürr und trocken die nackten Arme +gen Himmel streckend, einzeln zerstreut über den Plan. Der +Wald begrenzte an der Rückseite diese Rodung, aber noch war +ihm keine Zeit gegeben da, wo er erst kürzlich seines Schmuckes +beraubt worden, wieder frisch auszuschießen, und die grüne +Wand die er bildete sah zerrissen, rauh und wüst aus, eben +wie der Boden, der mit dem Pflug gelüftet ein wildes trostloses +Gewirr und Chaos von Wurzeln, Schollen und zackigen +Furchen bot, daß es dem Fremden gar nicht so schien, als ob +er je im Leben im Stande sein würde eine ordentliche Erndte +zu tragen.</p> + +<p>Die Straße die hindurchlief und an beiden Seiten von +Fenzen eingefaßt war hatte man, kein besonderes Zeichen für den +<span class="wide">Werth</span> des Landes — fast vierzig Schritt breit gelassen, und +der Fuhrweg zog sich, sumpfigen Stellen, Klötzen und Stümpfen +aus dem Weg gehend, herüber und hinüber in ausgefahrenen +Gleisen, während einzelne niedere Blockhäuser, mehr Ställen +als Wohnungen gleichend, zerstreut über den Platz weglagen, +und mit dem Rauch der aus ihren Schornsteinen stieg nur zu +wohl verriethen wie sie bewohnt seien.</p> + +<p>Und nichts — gar nichts Freundliches boten sie, kein +Gärtchen schmiegte sich an sie an, kein Fruchtbaum verrieth +die sorgsame Hand des Gärtners — keine Blume blühte, kein +Grashalm fast war hier soweit das Auge reichte zu sehn, die +Einzackungen der Fenzen ausgenommen, die Pflug- oder Wagengleis +nicht hatte erreichen können; Alles war umgewühlt +und roh, und einzelne Schweine die in den Pfützen arbeiteten +und mit dem Rüssel den Schlamm aufschaufelten, schienen hier +in der That den Ton anzugeben und auch die einzigen Wesen +zu sein, die sich wirklich wohl und behaglich fühlten.</p> + +<p>»Und das ist eine Farm?« sagte Herr von Hopfgarten, +der zuerst die Sprache wieder gewann, und mit keineswegs +freudiger Überraschung die Scene um sich her betrachtete; +»guter Gott, die Geschichte habe ich mir doch eigentlich anders +gedacht.«</p> + +<p>»Das ist eine Farm Gentlemen« sagte aber Ezra Ludkins +freundlich — »oder soll vielmehr erst eine werden, denn die +Leute haben erst vorigen Winter angefangen den ersten Baum +zu fällen und es sieht noch eher ein Bischen wild und unbehaglich +aus; die Sache kriegt aber ein anderes Ansehn, wenn +hier erst das <i>corn</i> (Mais) zwölf und vierzehn Fuß hoch mit +seinen armstarken Kolben und wehenden grünen Blättern steht, +wenn ordentliche Cabins gebaut und Obstgärten angelegt sind, +und die Leute erst beginnen sich ein wenig comfortabel zu fühlen +— nachher »schwätze mer anders« und die <i>railroad</i> (Eisenbahn) +wird keine zweihundert <i>yards</i> von hier vorbeilaufen.«</p> + +<p>»Es ist das der erste Beginn« sagte aber auch jetzt der +Professor seufzend, »der erste Kampf der Civilisation gegen die +Wildniß; die erste Verschmelzung, wie man beinah sagen +könnte, des Waldes mit der Cultur, in der der Mensch wieder +mit zurück in seinen Urzustand gezogen wird, und ein Stadium, +das wir allerdings ebenfalls gezwungen sein werden durchmachen +zu müssen. Wie gefällt es Ihnen, Brockfeld?«</p> + +<p>»Mir?« sagte der Weber, wie überrascht durch die Anrede, +»ih nu — es ist — es ist recht hübsch hier — scheint +gutes Land zu sein und — und recht viel Platz; nur noch ein +Bischen wild. Tüchtiges Stück Arbeit noch, die Baumstümpfe +alle herauszukriegen, ehe man mit dem Pflug hinein kann.«</p> + +<p>»Mit dem Pflug hinein?« sagte der Pensylvanier sich +erstaunt nach ihm umdrehend — »das <span class="wide">ist</span> ja hier schon gepflügt.«</p> + +<p>»Das hier?« rief der Weber, sich erstaunt im Sattel aufrichtend, +»aber wahrhaftig es sieht so aus, als ob hier Jemand +mit einem Pflug drin herum gekratzt wäre — nun das ist ein +Kunststück? wie kommt man denn damit einem Pflug <span class="wide">durch</span>? +Da muß unser Einer freilich wieder von vorn anfangen zu +lernen.«</p> + +<p>»Aber kommt Gentlemen, kommt« sagte der Amerikaner, +»wir verlieren hier zu viel Zeit und haben noch einen guten +Ritt vor uns.«</p> + +<p>»Sollten wir uns nicht einmal lieber hier die Häuser im +Inneren ansehn?« sagte der Professor.</p> + +<p>»Verdammt wenig, was wir da würden zu sehn kriegen« +lachte Ludkins; »so kahl wie's von außen ist, sind auch die +Wände im Innern, und die Leute haben höchstens einen Kasten +oder <i>gum</i><a href="#g3fn27"><small><sup>27</sup></small></a><a name="g3fn27r" id="g3fn27r"></a> zum draufsitzen, und einen roh zusammengenagelten +Tisch, ein paar Blechbecher, einen Kaffeetopf und ein <i>skillet</i> +(Bratpfanne). Das finden wir auch wohin wir kommen; +wer aber Lust dazu hat, kann sich das selber bald ganz anders +und viel behaglicher einrichten — diese <i>squatter</i> wissen es +eben nicht besser.«</p> + +<p>Er hatte dabei seinem Pferd langsam den Zügel gelassen, +und die Männer ritten durch die lange »<i>lane</i>« oder eingefenzte +Straße hindurch, wieder in den Wald hinein, bis sie +zu einer anderen, eben solchen Lichtung kamen. Die nächste +Farm stand aber schon etwas länger, und zum Theil wenigstens +mit Mais bepflanzt der reif und abgetrocknet noch im Feld +gelassen war, bot sie ein freundlicheres Bild. Die Gebäude +freilich sahen eben nicht viel besser aus und aus den Thüren +schauten, als sie vorüberritten, das etwas bleiche Gesicht einer +jungen Frau in einem lichten baumwollen Kleid, und vier +oder fünf blondhaarige sonst aber sehr vernachlässigte Kinderköpfe +heraus.</p> + +<p>Ezra Ludkins begann jetzt, freilich mit sehr geringem Erfolg, +ihnen die Grenzen der verschiedenen Besitzungen, ja sogar +hie und da die Bäume zu zeigen, an denen die Ecken der Sectionen +mit Buchstaben und Zahlen angemarkt waren; er besaß +darin eine außerordentliche Ortskenntniß der verschiedenen +Stellen, und wurde nicht müde ihnen die Vortheile der einzelnen +Sectionen, mit ihrem Fruchtboden und ihren Weidegründen +auseinanderzusetzen. Die Krone der Ganzen war aber +seiner Aussage nach doch die Farm, die er für sie bestimmt +hatte, ebenso in Lage, wie in Boden, Gebäuden und +Baumwuchs, wenn sie auch jetzt noch, wie er übrigens vorsichtig +dazu setzte, ein wenig <i>unpromising</i> (wenig versprechend) +drein schaute, und der Verbesserungen noch manche bedürfe ehe +sie <span class="wide">vollkommen</span> wäre.</p> + +<p>So waren sie eine Strecke recht eigentlich mitten im Walde, +der nur hie und da von kleinen Lichtungen mehr gestört als +belebt wurde, hingeritten, ohne selbst von diesem mehr gesehn +zu haben, als in ihrem Wachsthum gestörte grüne Wände, +die ihre zerbrochenen Zweige und mishandelten Stämme wie +anklagend gen Himmel streckten; als sie endlich durch dünnes +Kiefergebüsch und über dürren Boden fort, für den selbst der +Pensylvanier keine Entschuldigung fand, vielleicht eine englische +Meile berganreitend den Kamm eines Hügels erreichten, +und hier ihren Pferden überrascht in die Zügel fielen.</p> + +<p>»Mein Gott wie schön!« rief der Professor fast unwillkürlich, +als sich ein weites sonniges Thal, im Ganzen dicht +bewaldet und nur hie und da von freundlichen grünen Lichtungen +unterbrochen, vor ihren Blicken soweit das Auge reichte +ausspannte, und nur im Hintergrund von blauen, wellenförmigen, +aber ebenfalls holzbedeckten Hügeln begrenzt wurde. +Die Wildniß lag hier in aller Pracht und Herrlichkeit vor +ihren entzückten Blicken, und der Herbst, der in keinem Lande +der Welt den Bäumen solchen Farbenschmuck verleiht wie in +Amerika, hatte den Wald mit seinen wundervollen Tinten +förmlich übergossen. In roth und grün in gelb und braun +und lilla schmolzen die Lichter, hier in blitzenden Flächen glühend, +dort in sanften Schatten verschwimmend abscheinend durch +einander, und während die jungen schlanken Hickorystämme wie +flammende gelbe Lichter aus dem dunkleren Hintergrund hervorstachen, +prangte Ahorn und Eiche in so wundervollem Purpur +und saftigem Braun, das nur von dem hindurchgeflochtenen +in allen Farben schillernden wilden Wein fast noch übertroffen +wurde, und zitterten die Pappeln mit ihrem silberleuchtenden +Schmuck in dem blitzenden Sonnenlicht, daß das Auge, geblendet +von der Pracht, die Wunder dieser neuen Welt kaum +zu fassen, zu begreifen vermochte.</p> + +<p>»Nun? — wollen wir nicht weiter?« frug der Pensylvanier +der diesen Farbenreichthum zu oft gesehn, etwas Außerordentliches +darin zu finden, und jetzt nicht recht begreifen +konnte weshalb die Fremden gerade hier anhielten, wo eben +gar Nichts zu sehen und zu bewundern war, nicht einmal ein +Eckbaum irgend einer Viertelsection mit zierlichen, auf der abgeschlagenen +Rinde gemalten Buchstaben — »hier haben wir +allerdings Nichts wie Wald, aber ein kleines Stückchen weiter +unten kommen wir wieder zu einer Farm, und dann ist's genau +noch eine Quartersektion bis zu dem Platz wohin wir +heute wollen.«</p> + +<p>»Welches wundervolle Farbenspiel in dem Laub hier« +rief aber der Professor, die Mahnung kaum hörend — »sehn +Sie nur Hopfgarten, jene Gruppe dort hinten, mit dem mächtig +dunklen Baum zum Mittelpunkt, aus dem die Lichter ordentlich +wie Strahlen nach allen Seiten schießen.«</p> + +<p>»Und jene schillernden Festons die sich um jene Eiche +schlängeln, mit den Gold und Purpur durchwirkten Blättern« +rief von Hopfgarten, »und den Massen dunkelblauer, daran +niederhängender Trauben — oh wie schön, wie wunderbar +schön ist dieß Land!«</p> + +<p>»Ja, 's ist <i>putty considerable</i> hübsch« sagte der Amerikaner, +der Nichts dagegen hatte daß die Fremden den blanken +Wald schön fanden, während er sein rechtes Bein, der Bequemlichkeit +halber nach links mit über den Sattel legte und den +rechten Arm darauf stemmte, »'s läßt sich ansehn, und famoser +Boden dazu. Da unten wachsen Zucker-Ahorn und wilde Kirschen +in Masse, nur ein Bischen viel Holz steht d'rauf, sonst +wär' es ebenfalls schon lange gekleart worden. Aber das wird +schon noch hübscher, wenn die Eisenbahn erst hier durchgeht; +seht Ihr Leutchen, gerade über die kleine Ridge<a href="#g3fn28"><small><sup>28</sup></small></a><a name="g3fn28r" id="g3fn28r"></a> da drüben +wo die vielen Hickorys stehn — sie sehn jetzt alle gelb aus +— da soll sie weg gehn, und ein Bruder von mir hat sich da +oben schon angekauft — aber 's ist jetzt noch ein Bischen einsam da.«</p> + +<p>Die Männer konnten sich kaum von dem wundervollen +Schauspiel, über dem sich der Himmel jetzt klar und rein ausspannte, +losreißen, als Ezra Ludkins aber glaubte daß sie sich +nun lange genug die »Blätter« angesehn, warf er sein Bein +wieder zurück, angelte ein paar Secunden damit nach dem +schlenkernden Steigbügel, und ritt dann langsam voraus den +Hang hinab.</p> + +<p>Eine halbe Stunde später, und immer noch in dem prachtvollen +Wald hinreitend, wobei sie die ziemlich schlechte Straße +ganz übersahen, erreichten sie endlich die Marken des bezeichneten +Platzes, und Ezra hatte von dem Augenblick an das Wort. +Hier kannte er jeden Baum, gezeichnet und ungezeichnet, auf +jede Senke in der die Bäume stärker und laubiger standen, +machte er sie aufmerksam, auf den sprudelnden Bach und den +lehmig sandigen Boden, auf jede einzelne Pflanze die gern auf +üppigem Boden wächst, auf die stämmigen Maisstengel endlich +als sie die kleine Rodung erreichten, auf die guten und hohen +Fenzen, auf den vortrefflichen Weideboden und die gesunde +Lage, auf die netten Häuser — die sich allerdings nur wenig +oder gar nicht von den früher gesehenen unterschieden, auf das +kräftige Vieh, von dem sie einige Stücke im Wege trafen, bis +sie zuletzt vor der Hütte selber hielten, und ein junger, etwas +bleich aussehender Mann der nicht weit davon arbeitete, mit +der Axt ein Ochsenjoch auszuschlagen, auf sie zukam, sie zu +begrüßen und ihnen, mit Hülfe eines anderen etwa zehnjährigen +Knaben die Pferde abzunehmen.</p> + +<p>Der Pensylvanier, der dem jungen Mann zurief indessen, +bis sie wieder zurückkämen »etwas zu essen« für sie bereit +zu halten, führte die Fremden jetzt vor allen Dingen in +das Maisfeld selber, wo die Kolben noch nicht gepflückt und +eingesammelt, aber zum großen Theil nieder geknickt waren, +damit Spechte und Raben nicht oben hineinpicken konnten, +und einfließender Regen dann die Frucht anfaulte. Die Stengel +standen aber in der That kräftig und stämmig da, die +Kolben selber waren groß und stark, und mächtige Kürbisse lagen, +mit dem Mais gepflanzt, durch das ganze Feld. Der +Boden mußte hier allerdings fruchtbar sein, und der Weber +besonders konnte sein Erstaunen und seine Freude über das +herrliche Land kaum zurückhalten.</p> + +<p>Auch die Gegend war reizend; die Farm lag in einem +kleinen, rings von bewaldeten Hügeln eingeschlossenen Kessel, +ein nicht großer, aber sehr klares Wasser haltender Bach lief +munter plätschernd hindurch, und eine nicht unbedeutende Anpflanzung +von jungen Äpfel- und Pfirsichbäumen, die allerdings +noch keine Früchte trugen, aber für spätere Jahre reiche +Erndten versprachen, gaben dem ganzen Platz auch schon eher +etwas freundliches, wohnliches, und konnten einen guten Anfang +bilden zu späterer Obstzucht und Gärtnerei. Die Verhältnisse +mit dem Land waren ebenfalls annehmbar, und vierzig +Acker die, wie ihnen der Pensylvanier sagte, schon von ihm +als Eigenthum vom Staat erworben worden, während leicht +noch mehr Land, wenn auch nicht gerade mehr zum Congreßpreis, +in der Nähe zu kaufen lag. Nur die Wohnungen sahen +noch wild und unbehaglich aus, und nachdem sie einen langen +Spatziergang um das ganze Grundstück herumgemacht, und +auch noch zu einer anderen Rodung geführt waren, wo der +jetzige Eigenthümer eben begonnen hatte weitere fünf Acker +urbar zu machen, sein Feld zu vergrößern, gingen sie langsam +zu dem Haus zurück, in deren Thüre sie eine junge schlanke +Frau in die einfache aber geschmackvolle selbstgewebte Tracht +der Waldestöchter gekleidet, freundlich begrüßte.</p> + +<p>Es war eine schlanke, fast edle Gestalt mit wundervollem +Haar und Auge, aber wieder störten den Professor die bleichen +Gesichtszüge, störte ihn die fast durchsichtige Haut — nur +die Kinder, ein kleiner Bube von drei und ein Mädchen von +zwei Jahren, sahen frisch und munter aus.</p> + +<p>Das Haus war übrigens nur eine der gewöhnlichen +Blockhütten, ohne Fenster und Ofen, mit einem riesigen Camin +der fast die ganze hintere Wand einnahm, und ein paar eingetriebene +Plöcke auf denen ungehobelte Breter lagen, die wenige +Wäsche wie ein paar Bücher zu tragen, bildeten mit drei ordinairen +Rohrstühlen und einem mit der Axt zugehauenen +Tisch, das ganze Hausgeräth. Auf dem Tisch lag aber ein +schneeweißes Tuch ausgebreitet, blanke zinnerne Teller und +Blechbecher, die ihnen ordentlich entgegen blitzten, standen darauf, +und eine riesige Kaffeekanne wie ein großer steinerner Krug +voll Milch schienen die Gäste schon lange erwartet zu haben.</p> + +<p>»So Kitty, trag auf was Du hast« sagte Ezra Ludkins +in englischer Sprache, ohne sich auch nur die Mühe zu geben +der Frau guten Tag zu bieten, »die Herren hier sind schon +seit Tagesanbruch auf und draußen, und werden Hunger haben +— keine süßen Kartoffeln?«</p> + +<p>»Ja wohl Mr. Ludkins« sagte die junge Frau — »wenn +die Herren niedersitzen wollen, es ist Alles bereit.«</p> + +<p>Der Professor hatte wirklich Hunger bekommen, und ein +braunes kuchenartiges Gebäck, das ihm aus der einen Schüssel +warm <ins title="Original hat entgegendufte">entgegenduftete</ins>, sah so einladend aus, daß er selbst die +Examination des inneren Hauses bis auf weiteres verschob, +und der freundlichen Einladung, von Hopfgarten gefolgt, rasch +nachkam. Nur der Weber blieb verlegen in der Thür stehn +und betrachtete sich höchst aufmerksam das große Baumwollen-Spinnrad +das unfern davon, mit der weißen Flocke noch am +aufgewickelten Garn hängend, in der Ecke stand. Er dachte +gar nicht daran sich mit dem Professor, seinem jetzigen Herrn, +und dem Herrn Baron aus der Cajüte, an einen Tisch zu setzen.</p> + +<p>»Nun Mister?« sagte der Pensylvanier — »keinen Hunger? +kommen Sie her und fallen Sie zu; hier ist Ihr Platz.«</p> + +<p>»Oh ich bitte — ich kann ja warten« stammelte der Mann.</p> + +<p>»Warten? — weshalb; hier haben wir alle Platz.«</p> + +<p>»Aber die Madame« meinte Brockfeld, denn es war allerdings +nur noch ein Sitz am Tisch frei.</p> + +<p>»Kitty? — die ißt nachher — kommen Sie nur es wird +kalt.«</p> + +<p>»Machen Sie doch keine Umstände lieber Brockfeld« sagte +ihm aber auch jetzt der Professor freundlich — »hier sind wir +nun einmal in Amerika, und wo uns da etwas geboten wird +müssen wir zulangen.«</p> + +<p>»Nun wenn Sie denn befehlen« sagte der Weber, dessen +Weigerung fehlender Appetit keineswegs verschuldet hatte, +und über ein rundes wunderliches Gestell, das wie ein abgesägtes +Stück Baumstamm aussah und mit einem dünnen +Bret übernagelt war hintretend, setzte er sich darauf und langte +tüchtig mit zu.</p> + +<p>Den Mittelpunkt der Mahlzeit bildete übrigens ein groß +mächtiges Stück warm aufgetragener Speck, von dem Ludkins +jetzt, der hier förmlich zu Hause zu sein schien, große dicke +Scheiben abschnitt und jedem vorlegte; eine dunkle Sauce +wurde dabei herumgegeben, von der sich alle nahmen, und der +Professor, der sich besonders viel von dem Brode zugelangt, +dem ihm etwas zu fetten Braten damit nachzuhelfen, hatte +seinen Speck kaum in die Brühe getunkt und zum Munde geführt, +als er die Gabel auch erschreckt wieder absetzte, niederlegte +und an zu lachen fing.</p> + +<p>»Ich habe aus Versehn <span class="wide">Syrup</span> zu meinem Fleisch genommen,« +sagte er dabei schmunzelnd, »das hätte doch curios +schmecken sollen.«</p> + +<p>»Du hast noch keinen Syrup? — oh, <i>beg your pardon</i>, +hier steht er,« sagte Ezra freundlich.</p> + +<p>»Essen Sie Syrup zum Speck?« frug der Professor, eben +nicht angenehm von der neuen Kost überrascht.</p> + +<p>»Thust Du das <span class="wide">nicht</span>?« frug der Pensylvanier mit einem +halb ungläubigen Lächeln.</p> + +<p>Die Fremden glaubten sich aber keine Blöße geben zu +dürfen und langten von da an, ohne irgend eine Einwendung +zu machen, wacker zu; aber auch das wunderschön aussehende +Gebäck mit dunkelgelber krustiger Rinde, das dem schönsten +Sandkuchen glich, erwieß sich als etwas sehr trockenes, bröckliges +Maisbrod, das genau so schmeckte als ob wirklicher +Sand dazwischen wäre, und nur auch in der That mit dem +sehr fetten Fleisch genießbar schien. Auch gegen die sogenannten +<span class="wide">süßen</span> Kartoffeln hatten sie, schon des Namens wegen, +eine Art Widerwillen zu überwinden, und der <span class="wide">gebratene</span> +Speck, den die Amerikaner zum <span class="wide">Gekochten</span> aßen, konnte den +nicht zerstören.</p> + +<p>Nichts destoweniger ging die Mahlzeit besser vorüber als +sich den Umständen nach erwarten ließ. Die Leute waren eben +<span class="wide">hungrig</span>, und da schmeckt Manches gut, was der gesättigte +Magen selbst mit Widerwillen zurückweisen würde; so mit dem +heißen Kaffee dazu, standen sie auch gesättigt vom Tische +auf, ohne übrigens von der Amerikanischen Farmerskost, +von der sie hier die erste Probe bekommen, sonderlich erbaut +zu sein.</p> + +<p>Vor allen Dingen besichtigten sie jetzt die Gebäude, fanden +da aber allerdings noch viel zu wünschen übrig, denn die +kleine Hütte, in der sie gegessen, mit einer Art Speisekammer +daneben machte den Hauptbestandtheil derselben aus. Dann +stand noch ein Maisschuppen etwa dreißig Schritt vom Haus +entfernt, und eine Entschuldigung für einen Stall, ein offenes +Gestell, eben nur nothdürftig gedeckt und kaum im Stande das +dahineintretende Vieh gegen einen Nordweststurm zu schützen, +da es jedem anderen Winde preisgegeben blieb. Aber die +Summe für das Ganze war auch, wenigstens nach Europäischen +Begriffen nicht hoch. Das schon vom Staat gekaufte +Land sollte nur sieben Dollar der Acker kosten, wobei allerdings +das Urbarmachen selbst wie die errichteten Fenzen und Hütten +besonders zu bezahlen waren. Aber auch die Erndte selber mit +dem dazu gehörigen Vieh, einige zwanzig Rinder, vielleicht +vierzig Schweine und zwei Pferde nebst vier Zugochsen erbot +sich ihm der Amerikaner billig zu überlassen — einzig und +allein nur weil sein Sohn »nach dem Westen» zu ziehn beabsichtige, +und er selber von der Stadt aus die Bebauung des +Platzes nicht leiten könne, auch wirklich zu viel mit seinen +städtischen Einrichtungen zu thun habe, und zu viel Geld dort +brauche zu allen beabsichtigten Anlagen.</p> + +<p>Die für Vieh und andere Einrichtungen geforderten Preise +kamen dem Professor, wie auch Herrn von Hopfgarten und +dem Weber mäßig vor; jedoch wollte der Erstere keinesfalls +abschließen ohne mit seiner Frau vorerst darüber gesprochen +und ihr den Platz ebenfalls gezeigt zu haben; überdieß konnte +er gar nicht dort einziehn ehe noch ein anderes Blockhaus dicht +neben dem schon stehenden errichtet wäre, dem man dann zwei +Abtheilungen geben, und die Familie wenigstens so lange +darin unterbringen konnte, bis er selber im Stande war ein +bequemes, und seinen Wünschen wie Bedürfnissen entsprechendes +Wohnhaus aufzurichten.</p> + +<p>Nach allen Einrichtungen, die er sich übrigens schon im +Geist machte, schien der Professor mehr als halb gewillt die +Farm, die er jedoch noch zu einem mäßigeren Preis zu bekommen +hoffte, zu kaufen. Er konnte ja doch auch nicht mit +seiner ganzen Familie und der nun einmal engagirten Dienerschaft +im Lande herumziehn, wo er jedenfalls beinah soviel +verzehrt hätte, als das ganze Land hier, mit Wohnungen und +Vieh kostete — und die Familie hier lassen, während er allein +reiste, war fast eben so mislich. Das Bedürfniß einen Platz +zu haben den er sein nannte, und wo er anfangen konnte zu +wirken und zu schaffen, kam dazu, und als er auf dem Heimweg, +während der Pensylvanier mit dem Weber vorausritt, +mit Herrn von Hopfgarten darüber sprach, und dieser ihm +rieth doch am Ende nicht zu rasch in einer so wichtigen Sache +zu handeln, vertheidigte er den Kauf schon, selbst nur den +dritten Theil der Hoffnungen angenommen die der Amerikaner +mit solcher Zuversicht über den Wachsthum der kleinen Stadt +ausgesprochen hatte, auf das Lebendigste.</p> + +<p>Von dem Kaufpreis wollte nun aber Ezra Ludkins Nichts +herunter lassen; er behauptete schon die billigste Summe angegeben +zu haben. Dem Professor aber zu beweisen wie er gern +erbötig sei Alles in seinen Kräften stehende zu thun ihn zufrieden +zu stellen, erbot er sich ihm, wenn sie sich über den +Kauf einigten, noch ein solches Blockhaus an der bezeichneten +Stelle <span class="wide">unentgeldlich</span> neu aufzurichten, wie ebenfalls ihn +so lange bis das hergestellt sei mit der eigenen Familie, +während der Weber gleich hinaufziehen sollte mit arbeiten +zu helfen ohne weitere Bezahlung dafür zu nehmen, zu verköstigen.</p> + +<p>Das war ein Vorschlag zur Güte, und am zweiten Tag, +nachdem die Frau Professorin — zum ersten Mal in ihrem +Leben im Sattel — auf dem vollkommen gutmüthigen Pferd +ihrer Wirthin, mit ihrem Mann und dem Pensylvanier nochmals +hinübergeritten war den Platz in Augenschein zu nehmen, +wurde der Handel zwischen Ezra Ludkins und Professor +Lobenstein abgeschlossen, und der Professor — war Farmer in +Indiana.</p> + +<p>Von Hopfgarten konnte im Ganzen nicht viel dagegen +einwenden, obgleich es ihm — er wußte eigentlich selber nicht +recht weshalb — doch ein gewissermaßen unbehagliches Gefühl +war, die Damen in <span class="wide">den</span> Häusern, die sie da oben gefunden, +als Bewohnerinnen zurückzulassen. Die Wirklichkeit war doch, +so sehr er sich dagegen sträubte einzugestehn er wäre mit zu +poetischen Ansichten nach Amerika gekommen, hinter seinen +Erwartungen zurückgeblieben, und die blanke Thatsache der +Blockhäuser mit dem schauerlichen Speck und Syrup ließ sich +eben nicht fortphantasiren. Er selber hatte sich aber auch schon +länger hier aufgehalten, als es im Anfang seine Absicht gewesen, +denn er wollte vor allen Dingen nach Cincinnati, von +da nach den Seen hinauf und den Niagarafall besuchen, und +dann zurück nach New-Orleans, wo er sein meistes Gepäck +gelassen, um von dieser Stadt eine weitere Tour nach dem +Westen zu unternehmen. Jetzt war hierzu, besonders die +nordische Reise abzumachen, die günstigste Jahreszeit, denn +der sogenannte Indianische Sommer, der in Nordamerika +ziemlich den ganzen Herbst umfaßte und einen wolkenleeren +blauen Himmel über October und November, ja nicht selten +bis über die Hälfte des December spannte, lag mit seiner +wundervollen Reine und Frische auf dem Land. Konnte er +in diesem seine nördliche Tour beendigen, so blieb ihm der +ganze Winter für die südliche Reise, und er war dann vielleicht +im Stande im nächsten Frühjahr — der erste Eindruck mußte +doch kein so günstiger gewesen sein, daß er schon wieder an +die Abreise dachte — nach Europa zurückzukehren.</p> + +<p>Vorher aber hatte er noch etwas auf dem Herzen, dessen +er sich erst vor allen Dingen entledigen mußte, und zwar Befürchtungen, +die in ihm — er wußte sich selber keinen bestimmten +Grund dafür anzugeben — gegen Henkels Charakter +aufgestiegen waren, und ihn mit Sorge für das Glück der +jungen Frau erfüllten. Aber er scheute sich diesen in Gegenwart +der Damen, die er vielleicht unnöthiger Weise ängstigte, +Worte zu geben, hätte er nicht gerade ihrer Hülfe bedurft, Gewißheit +zu erhalten. Den letzten Abend also, wie sie in Ludkins +Inn beisammen saßen, brachte er zuerst das Gespräch auf +die beiden jungen Gatten, und die auffällige Veränderung in +dem ganzen Wesen der jungen, sonst so munteren und lebenslustigen +Frau während der letzten Tage an Bord, und erst als +ein Wort das andere gab, und Marie zuletzt gestand, daß der +Abschied von der Freundin ihr einen unendlich schmerzlichen, +ja unheimlichen Eindruck hinterlassen, rückte er selbst mit seiner +Furcht heraus, und gab dadurch dem Verdacht, der in Mariens +wie Annas Herzen bis dahin fast unbewußt gelegen, gleichfalls Worte.</p> + +<p>Vermuthungen und Combinationen halfen ihnen aber +Nichts, sie mußten sich eben Gewißheit darüber verschaffen, und +das war für jetzt nur schriftlich möglich. Es ließ sich auch +denken, daß sich Clara, wenn ihr irgend etwas das Herz bedrücke, +schriftlich eher gegen die Freundin aussprechen würde, +als mündlich, Marie sollte ihr also deshalb schreiben — Stoff +und Grund hatte sie ja genug dafür, und rechtfertigte ihre +Antwort dann den Verdacht, dann wollte von Hopfgarten, +wenn er wieder nach New-Orleans hinunter kam — ja <span class="wide">was</span> +er dann thun wollte, wußte er eigentlich selber noch nicht, aber +Clara sollte doch wenigstens nicht ganz ohne Freund, von +Allen vergessen, in der fremden Welt da stehn, und war Hülfe +und Beistand nöthig, dann fand sich auch vielleicht ein Mittel +ihn zu leisten.</p> + +<p>Henkel hatte dem Professor Lobenstein seine Adresse gegeben, +die sich von Hopfgarten jetzt ebenfalls in sein Taschenbuch +schrieb, und nicht allein versprach auf seiner Rückreise aus +dem Norden hier wieder anzuhalten, sondern sogar seinen +Koffer bei ihnen zurückließ, und nur seine Reisetasche mitnahm, +durch überflüssiges Gepäck bei möglichen Abstechern bald +dort bald dahin, nicht zu sehr behindert zu werden. Er wollte +dann auf dem Rückweg, bis wohin jedenfalls eine Antwort +von New-Orleans eingetroffen war, wieder Briefe mit hinunter +nehmen, was ihm zugleich eine doppelte Einführung gab, +und versprach selber auf das Ausführlichste zu berichten, wie +er die Verhältnisse gefunden.</p> + +<p>Am liebsten wäre er nun freilich von hier zu Lande nach +Cincinnati gegangen, das Innere mehr und besser in Augenschein +nehmen zu können, die von Ezra Ludkins im Geist angelegten +Schienenwege bestanden aber noch nicht; die Tour zu +Pferde zu machen, dazu war er nicht Reiter genug, fürchtete +sich auch, aufrichtig gestanden, nicht etwa vor Gefahren, die +hätte er eher aufgesucht, nein vor dem Maisbrod und Speck +der Farmer, was ihm gar nicht gemundet hatte, und beschloß +also mit dem nächsten stromaufgehenden Dampfboot seine Reise +rascher und bequemer fortzusetzen.</p> + +<p>Das kam aber schon am nächsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang, +und ehe Hopfgarten selber im Stande gewesen +war seine Toilette ordentlich zu beenden und sich bei den +Damen zu empfehlen. Versäumen durfte er es aber auch +nicht, und so, während der älteste Knabe des Pensylvaniers +nach unten gelaufen war das Boot, das sie schon eine Zeitlang +hatten stromauf dampfen hören, anzurufen und zum Beilegen +zu bringen, stopfte er die schon bereit gelegten Sachen schnell +in die Reisetasche, ließ sich durch Eduard, der ihn hinunter +begleitete, noch seinen Eltern und Schwestern auf das Freundlichste +empfehlen und wenige Minuten später Grahamstown +mit all seinen Hoffnungen künftiger Größe hinter sich.</p> + +<p>Als das Boot eben um die nächste Biegung, oberhalb +der Stelle wo die Stadt lag, einlenken wollte, sah er noch +wie ihm Jemand mit einem weißen Tuche vom Hügelkamm +aus nachwinkte, aber er konnte schon nicht mehr erkennen wer +es war.</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap9" id="kap9"></a>Capitel 9.</h2> + +<h3>Das deutsche Wirthshaus zu New-Orleans.</h3> + + +<p>Die »Haidschnucke« hatte indessen, wie schon vorher erwähnt, +ihren Passagieren gleich am ersten Tage angekündigt, +daß sie sich nun, je eher desto besser, ihr Unterkommen an +Land selber suchen sollten, da das Schiff nicht weiter verpflichtet +sei für sie zu sorgen. Fast alle waren auch, so rasch sie +nur ihr Gepäck bekommen konnten, von Bord gegangen, selber +froh, dem Schiffsleben mit seiner groben monotonen Kost endlich +enthoben zu sein; nur einige der ärmeren Familien, und +unter ihnen wunderbarer Weise die Oldenburger, die unterwegs +gerade am meisten und lautesten über Kost und Behandlung +raisonnirt, und sogar häufig davon gesprochen hatten die +Schiffsrheder, wenn sie nur erst in New-Orleans wären, für +nicht erfüllte Versprechungen zu verklagen, zeigten noch nicht +die mindeste Lust sich durch Hinüberschaffen ihrer Kisten an +Land von dem Fahrzeug zu trennen.</p> + +<p>Sie waren, der Sprache natürlich nicht mächtig, von dem +sie überall umwogenden Menschen-Gewühl wie betäubt, den +ganzen Tag in den Straßen der ungeheueren Stadt förmlich +umher getaumelt, und nur hie und da mit anderen Deutschen, +in gleichen Verhältnissen zusammengetroffen, die auch Arbeit +suchten und ebenso wie diese der Meinung schienen, daß man +sie ihnen auf der Straße anbieten würde. Hie und da fanden +sie dabei irgend ein deutsches Schild über einer Thür, das +entweder einem Wirthshaus oder Kleiderladen gehörte, und +dort sprachen sie dann vor, wollten sich nach den Verhältnissen +des Landes erkundigen und wurden, wenn sie in dem einen +Nichts verzehrten, oder in dem andern Nichts kauften, +wenn auch nicht mit groben, doch sehr kurzen Worten abgefertigt. +So verging der Tag, und kleinlaut und niedergeschlagen +kehrten sie Abends an Bord zurück.</p> + +<p>Capitain Siebelt dachte aber viel zu menschlich und vernünftig +die Leute, besonders da sie Familien hatten, wirklich +gleich hinauszujagen; auf die paar Mahlzeiten, die ihnen noch +gegeben wurden, kam es nicht an, der Koch war an dem Tag +auch noch darauf eingerichtet, und Abendbrod und Frühstück +wurde ihnen gern und ohne weiteres Wort gegeben; aber der +nächste Morgen brachte ihnen keine besseren Aussichten. Vergebens +wandten sie sich an Alles was nur deutsch sprach und +ihnen in den Weg lief, Arbeit zu bekommen. »Vor drei Monaten, +ja,« so wurde ihnen fast überall die Antwort, »wie die +Krankheit Alles hinaustrieb aus New-Orleans, was eben +nicht zu bleiben gezwungen war, da hätten sie Arbeit bekommen +können, Arbeit und Lohn, so hoch sie ihn nur fordern +sollten — bis man sie selbst nach Pottersfield hinausgefahren +— aber jetzt waren die Tausende mit anderen Schaaren aus +dem Norden wieder zurückgekehrt, und Arbeit war schon noch +zu bekommen, aber eben nicht mehr so leicht; man mußte Geduld +haben.</p> + +<p>Geduld — ja das ist ein ganz gutes Wort, wenn die +Gewißheit eines Erfolgs dahinter sitzt, und der Mensch eben +bis dahin, neben seiner Geduld <span class="wide">Brod</span> hat, davon zu zehren; +wo das aber fehlt, und der fremde Einwanderer sich zum ersten +Mal in seinem Leben ganz allein auf sich selber angewiesen +sieht, und mit Schrecken fühlt daß er sich eben auf sich selber, +ohne andere Hülfe, gar nicht verlassen kann, da ist's dann +freilich eine misliche Sache um die Geduld, und das Menschenherz +verzagt da nur zu oft, und glaubt sich gleich vom +ersten Ansprung ab verloren.</p> + +<p>Der Capitain hätte die Leute aber selbst am nächsten Tag +noch nicht fortgetrieben, und ihnen, wenn auch nicht mehr besonders +für sie gekocht werden konnte, doch wenigstens Schiffszwieback +und etwas kaltes Fleisch geben lassen, wenn sie nicht +gleich ein Unterkommen finden konnten; der Steuermann aber, +der sich gerade über diese Burschen die ganze Reise hindurch +am meisten geärgert, weil ihnen auch gar Nichts recht gemacht +werden konnte, und kein Essen gut genug war, selbst wenn +sich niemand Andres darüber beklagte, ließ sich am dritten +Morgen auf keine weiteren Unterhandlungen mit ihnen ein, +befahl den Matrosen die Kisten und Kasten, die schon an Deck +standen, da das Zwischendeck abgebrochen wurde, ohne weiteres +auf die Levée zu schaffen, und erklärte dann den bisherigen +Passagieren daß sie von diesem Augenblick an nichts weiter +von der Haidschnucke zu erwarten hätten — »er wolle ihnen +nicht zumuthen ihr faules Brod und stinkiges Fleisch, den +ranzigen Speck und den dünnen Thee noch länger zu kauen +und hinterzuschlucken.«</p> + +<p>Das war wenigstens deutlich, und die Frauen weinten +und baten den Capitain, als er von Land zurück kam, um Gottes +Willen sie nicht hier im Elend sitzen zu lassen, sondern lieber +wieder mit zurück nach Deutschland zu nehmen, wo sie +arbeiten wollten Tag und Nacht, ihre Passage abzuverdienen +— nur daß sie hier nicht in dem fremden Land auf der Straße +verderben und umkommen müßten.</p> + +<p>Schiffscapitaine haben sonderbarer Weise sehr häufig eine +höchst ungünstige Idee von dem Inneren Amerikas, das sie +nur in sehr seltenen Fällen zu sehn bekommen, denn da ihnen +häufig Matrosen desertiren, sind sie so daran gewöhnt diesen +das schrecklichste Schicksal und Hunger und Elend zu prophezeihen, +daß sie ihre eigenen Prophezeihungen zuletzt wirklich +selber glauben. Sie fühlen dabei nicht selten ordentlich eine +Art von Mitleid mit all den unglücklichen Schlachtopfern, die +sie in das fremde Land transportiren müssen, und die ihrem +Elend da höchst wahrscheinlich schnurstracks entgegenlaufen; +sie aber wieder mit zurückzunehmen, so weit lauten ihre Instruktionen +nicht, und die Leute, die vorher alles Mögliche +gethan haben nur von Deutschland nach Amerika hinüber zu +kommen, müssen nun auch sehen wie sie hier drüben »fertig +werden.«</p> + +<p>Es ist ein schmerzlich, wehmüthiges Gefühl, in Deutschland +die langen Züge armer Auswanderer zu sehn, die, das +Herz wohl voll frischer Hoffnungen, aber dabei nur zu oft +mit Mangel und Noth kämpfend, die Heimath mit Frau und +Kindern verlassen, in die Fremde zu ziehn. Unpraktisch dabei +bis zum Äußersten, scheu und schüchtern vor Jedem, der einen +besseren Rock trägt wie sie, herumgestoßen und geprellt, so +lange noch etwas aus ihnen herauszupressen ist, in der dritten +oder vierten Klasse der Eisenbahn, wenn sie so viel Geld erschwingen +können, oder zu Fuß mit den schweren Packen auf +den Rücken oder den Kindern auf dem Arm, <span class="wide">arbeiten</span> sie sich +dem Hafenplatz zu, das Schiff zu erreichen; und wenn sie +dann dort am Strande sitzen und des Bootes harren, das sie +hinüber führen soll zum großen Schiff, möchte man weinen über +die Unglücklichen, die die Gräber ihrer Väter verlassen haben in +Schmerz und Kummer, und die Scholle jetzt meiden müssen, +an der ihr Herz mit allen Fasern hängt.</p> + +<p>Und doch ist <span class="wide">der</span> Augenblick, so schrecklich das auch klingt, +beneidenswerth und glücklich im Vergleich mit dem, wo sie das +neue Vaterland betreten haben, und rathlos — trostlos, verzweifelnd +an seinem Ufer stehn — Fremde, Ausgestoßene an +einer Küste, von der es keinen Rückweg für sie giebt.</p> + +<p>Als sie die Heimath verließen, und wenn das auch in +Sorg' und Noth geschah, ihr Herz war doch voll Hoffnung +und schlug dem neuen Vaterland in freudiger Zuversicht +entgegen. »Wir wandern aus!« in dem Bewußtsein lag ihnen +reicher Trost für Alles was sie hier traf und niederdrückte. +Alle Beschwerden, die sie ertragen mußten, der Schmerz der +Trennung von ihren Lieben, von dem eigenen noch so kleinen +Heerd, verschwand nur in dem einen Wort: <span class="wide">Amerika!</span> und +hinter ihnen lag aller Gram und Kummer, wenn nicht vergessen +oder leicht und herzlos abgeschüttelt, doch gemildert von +dem frohen Licht, das ihre eigene Phantasie, die Zuversicht, mit +der sie hoffend dem neuen Leben entgegen gingen, darüber warf.</p> + +<p>Viele malen sich dann noch das Land mit bunten Farben +aus, Luftschlösser steigen empor mit Zauberschnelle, die eigenen +wie der Freunde Herzen tröstend, betäubend — Amerika, oh +nur den Fuß erst dort an Land gesetzt und Alles, Alles ist +vorbei, was sie da noch mit Sorge, Ängsten füllen könnte.</p> + +<p><span class="wide">Und dort?</span> — zerknirscht, gebrochen, mit <span class="wide">jeder</span> Hoffnung +geknickt, da ihnen nicht beim ersten Landen gleich der +Amerikaner froh die Arme öffnet, von den Fremden unbeachtet, +von ihren Landsleuten verlassen, zurückgestoßen, stehen sie da, +jedes Trostes baar, Enttäuschung, Reue, Angst in den bleichen +Zügen, und die wogende kalte Menschenmenge sehn sie +vorüber drängen, wie der Schiffbrüchige, der sich auf nackten +Felsen gerettet vor dem augenblicklichen Tod, die blitzenden +Wellen vorbeiströmen sieht, und nicht den Muth hat, mit starkem +Arm und mit entschlossenem Muthe sich dahineinzuwerfen +und die Fluth zu theilen. Oh es zerreißt Einem das Herz, +die Unglücklichen so da stehn zu sehen, und nicht helfen zu +können <span class="wide">aller</span> Noth.</p> + +<p>Wenn sie aber unrecht hatten, im alten Vaterland sich +blind und leichtsinnig zu wilden überspannten Hoffnungen hinzugeben, +so haben sie das doppelt jetzt, wo gleich beim ersten +Anlauf der erste Sprung nicht etwa schon misglückt ist, nein +wo sie noch gar nicht einmal zum Sprunge angesetzt, und nun +jenen schmalen Küstenstreifen, auf dem fast täglich hunderte +von Auswandern landen und in dem Menschenstrom spurlos, +unbeachtet verschwinden, für das Land selber halten.</p> + +<p>Der Hafenplatz ist erst die Brandung der neuen Welt, +die Bank an der sich alle Wellen brechen, wild und toll +aufschäumend dabei, einander überstürzend, wieder hebend. +Durch die hindurch muß erst der Auswanderer den schwanken +Kahn zum Ufer führen, und darf sich nicht durch das wilde +Tosen derselben betäuben, entnerven lassen; ruhig nur das +Steuer in der Hand, und fest den stürzenden Wellen auf +den Kamm geschaut, der Gefahr zu entgehn, den günstigen +Moment zu benutzen, muß er stehn, nicht blos vorn im +Bug sitzen, die Hände im Schooß, und die Blicke verzweifelnd +in die Wolken gerichtet. Hat er den Muth gehabt sich von +der Heimath loszureißen, darf er sich jetzt auch nicht davor +fürchten ein wenig herüber und hinüber gestoßen zu werden. +Das ist ein Übergang, und ein Jahr später nur und er stößt +selber mit.</p> + +<p>Ein Bild trostloser Niedergeschlagenheit saßen die Oldenburger +aber, so gewaltsam hinausgestoßen in die Welt, auf +ihren Kisten an der Levée, die Männer mit den Händen in +den Taschen, an die Hessen denkend, die sie weiter oben in +ähnlicher Lage gesehn, und gleich verzweifeltes Loos für sich +erwartend, die Frauen ihre Kinder im Arm, die Augen voll +Thränen, die Herzen voll Kummer und Sorge für die Zukunft.</p> + +<p>»Hallo Ihr Leute, Ihr sitzt ja da als ob Euch die Petersilie +verhagelt wäre« sagte da plötzlich eine freundliche Stimme, +in rein deutschem Dialekt — »ist Euch Jemand gestorben oder +habt Ihr Euer Geld in den Strom fallen lassen?«</p> + +<p>»Gestorben ist Niemand, und unser Geld fällt schon nicht +weg; dafür sind wir sicher!« sagte der eine der Leute den +Fremden finster und mistrauisch betrachtend, denn was sie bis +jetzt von ihren Landsleuten gesehn, war gerade nicht geeignet +sich sehr nach ihrer weiteren Bekanntschaft zu sehnen. Nur +die Frauen schauten rasch und halb voll Hoffnung zu dem +<span class="wide">Deutschen</span> auf, der sie so freundlich angeredet, und dabei so +anständig in feiner weißer Wäsche und breiträndigem Strohhut, +mit einer großen goldnen Uhrkette über die feingestreifte +Weste, gekleidet ging.</p> + +<p>»Oh Ihr wartet wohl auf einen Wagen, Euer Gepäck +in die Stadt hinauf zu bringen« sagte aber der Deutsche +wieder — »habt Ihr schon ein Kosthaus?«</p> + +<p>»Kosthaus« — wiederholte der eine der verheiratheten +Männer mit einem kaum unterdrückten Seufzer und einem +halbscheuen Blick nach Frau und Kind — »Kosthaus — ich +möchte wissen was uns ein Kosthaus helfen sollte — wenn +wir nur erst einen Platz wüßten wo wir überhaupt Kost bekämen, +das Haus wollten wir ihnen gern schenken.«</p> + +<p>»Oh, <span class="wide">so</span> stehn die Sachen?« lachte der Deutsche wieder +— »Ihr habt kein Geld? — ja dann müßt Ihr freilich arbeiten.«</p> + +<p>»Habt Ihr Arbeit?« riefen die Männer rasch und zugleich.</p> + +<p>»Ich gerade nicht« lachte der Deutsche, »aber wenn Ihr +<span class="wide">die</span> haben wolltet, die wäre leicht genug zu bekommen.«</p> + +<p>»Aber wo?« rief der Erste von den Oldenburgern wieder, +»wir haben uns schon fast die Schuhsohlen abgelaufen durch +die Stadt, und Niemand hat uns haben wollen.«</p> + +<p>»Haben wollen« sagte der fremde Deutsche kopfschüttelnd +— »Ihr seid nicht an die rechte Schmiede gegangen, das ist +die ganze Geschichte; da möcht' ich die größte Wette eingehn, +daß ich Euch alle miteinander in drei Tagen unterbrächte. +Was habt Ihr für ein Geschäft?«</p> + +<p>»Geschäft? — wir sind Bauern.«</p> + +<p>»Bauern? — hm, das ist allerdings schon schwieriger, +aber für eine Weile könntet Ihr auch schon einmal was anderes +angreifen. Wenn der Mensch Lust hat geht Alles.«</p> + +<p>»Hier werden wir auch wohl noch gefragt werden ob wir +Lust haben« brummte der Erste wieder.</p> + +<p>»Aber wo ist die Arbeit zu kriegen?« frug jetzt eine der +Frauen, »lieber Gott wir wollen ja gerne arbeiten, wenn wir +nur für uns und die Kinder Brod haben.«</p> + +<p>»Brod?« lachte der Fremde, »um Brod allein wird man +auch hier eine Hand regen — wenn nicht Fleisch und Gemüse +und Kaffee wie das sonst Nöthige dabei ist, soll's der Henker holen; für Brod +allein würden wir hier wenig Arbeiter bekommen. + — Aber hier auf der Straße könnt Ihr doch nicht liegen +bleiben« setzte er dann hinzu, indem er seine Uhr aus der +Tasche nahm und nach der Zeit sah; »es ist jetzt eben halb +zwölf, wenn Ihr Euch dazu haltet, könnt Ihr noch gerade zum +Mittagsessen im Gasthaus sein.«</p> + +<p>»Mittagsessen« seufzte aber eine der Frauen — »die paar +Groschen die wir noch haben, dürfen wir nicht für Mittagessen +hinauswerfen, wer weiß ob nicht Einer von uns krank wird +in dem fremden Land, und dann brauchen wir sie nöthiger.«</p> + +<p>»Ja krank — jetzt wird Niemand hier mehr krank« lachte +der Deutsche, »jetzt haben wir hier die gesunde Zeit, da ist's +in New-Orleans besser wohnen wie in New-York. Aber Ihr +braucht kein Geld um in ein Wirthshaus zu gehn.«</p> + +<p>»Na, umsonst werden sie uns auch nicht hier füttern.«</p> + +<p>»Nein — das würdet Ihr auch gar nicht verlangen« +sagte ihr neuer Freund ganz unbefangen, »aber Ihr geht ganz +einfach in das erste beste Gasthaus, stellt Eure Sachen dort +ein, eßt und trinkt was Ihr braucht, und zahlt so bald Ihr +könnt. Glaubt Ihr denn nicht daß so etwas alle Tage hier +vorkommt?«</p> + +<p>»Ja aber wo würden sie uns denn da so aufnehmen?« +frug der Mann verwundert.</p> + +<p>»Wo? ich sage Euch ja im ersten besten Gasthaus — ich +gehe mit Euch die nächste Straße hinunter, und ich wette wir +sind noch keine tausend Schritt gegangen, so seid Ihr zu Haus +und könnt Euere Beine unter einen gedeckten Tisch strecken.«</p> + +<p>»Du, das ist Einer von denen wo sie uns in Deutschland +von erzählt haben« flüsterte der eine dem anderen Bauer zu, +»daß sie den Deutschen auflauern und sie seelenverkaufen.«</p> + +<p>»<span class="wide">Schaafskopf</span> verkaufen hätte ich bald gesagt« brummte +aber der Andere eben so leise — »ein gedeckter Tisch wird unseren +Seelen wahrhaftig keinen Schaden thun — ich glaube +nur nicht daß er's kann.«</p> + +<p>»Aber wenn es nun doch Einer von denen ist, die einem +armen Auswanderer auch das Letzte abjagen was er mitgebracht +hat?«</p> + +<p>»Und was soll er <span class="wide">uns</span> denn etwa abjagen, unser Geld? +— da wird er sich schneiden, und unsere Sachen? — die dürfen +sie uns nicht nehmen, das leidet die Regierung nicht.«</p> + +<p>»Ja die Regierung wird sich was d'rum kümmern« meinte +der Erste wieder.</p> + +<p>»Na adieu Ihr Leute« sagte der Mann jetzt, indem er sich +den Hut etwas fester in die Stirn drückte, und sich abdrehte, +als ob er gehen wollte, »ich sehe es gefällt Euch hier auf der +Levée, und hier in Amerika kann Jeder thun was er will; hier +sind wir Alle freie Leute.«</p> + +<p>»Aber warten Sie doch nur noch einmal einen Augenblick« +rief die eine der Frauen ängstlich und besorgt — »lieber +Gott, wenn Sie uns Arbeit verschaffen könnten, die wollen +wir ja doch gar so gerne haben; sagen Sie uns nur <span class="wide">wie.</span>«</p> + +<p>»Ja Kinder aus dem Ärmel kann ich sie auch nicht +schütteln« lachte der Fremde, »aber ich habe eine Menge Bekannte +hier, die viel Leute brauchen, und am liebsten Deutsche +anstellen, und wenn Ihr Euch eben, wie ich das wohl glaube, +keiner Arbeit scheut, so sollt Ihr da bald untergebracht sein, und +zwar nicht etwa wie in Deutschland mit sechzehn oder achtzehn +Thaler Lohn <span class="wide">jährlich</span>, und einer Kost die man hier kaum seinen +Schweinen vorwerfen würde, sondern mit drei Mal Fleisch +täglich, wie es überall Sitte ist, und mit Kaffee Morgens und +Abends Thee.</p> + +<p>»Und da sollen wir so lange in das Wirthshaus gehn?«</p> + +<p>»Wenn Ihr lieber hier auf der Levée sitzen bleibt kann's +mir auch recht sein« lachte der Mann, »wenn Euch aber Euere +Kinder hier krank werden, könnt Ihr einem Doktor eben so viel +bezahlen nach ihnen zu sehn, wie Ihr in Deutschland das ganze +Jahr verdient habt — nachher ist Euer Geld gut angelegt. +Aber wie gesagt, Jeder thut hier was ihn freut. Ich will mich +aber doch für Euch nach Arbeit umsehn, und wenn Ihr hier +bleiben wollt, so komme ich morgen oder übermorgen wieder +her, und sage Euch Antwort.«</p> + +<p>»Darf denn einmal Einer von uns mit Ihnen gehn?« +frug da der Erste wieder, »daß wir nur erst einmal den Platz +finden wo sie uns aufnehmen, denn unsere Sachen möchten wir +nicht in Versatz geben; man weiß nachher nicht wie's wird.«</p> + +<p>»Aber Euere Sachen müßt Ihr doch unter Dach und +Fach bringen« lachte der Mann, »seid Ihr närrische Burschen! +die könnt Ihr doch nicht derweile vor die Thür setzen, und +wenn Ihr eine ganze Woche alle zusammen im Wirthshaus +läget, zahlte die nächste Woche Arbeitslohn Euere sämmtlichen +Schulden.«</p> + +<p>»Und was bekommt man hier den Monat?«</p> + +<p>»Das geht hier nicht Monatweis, das geht nach dem Tag; +die Leute die an der Levée und auf den Dampfbooten arbeiten, +bekommen einen Dollar <i>pr.</i> Tag.«</p> + +<p>»Ja, aber da brauchen sie Niemanden mehr.«</p> + +<p>»Seid Ihr überall an der Levée gewesen?« frug der +Mann, »die Levée ist wohl sieben englische Meilen lang.«</p> + +<p>»Überall wohl nicht, aber doch an <span class="wide">vielen</span> Plätzen.«</p> + +<p>»Nun ja, <span class="wide">vielen</span>, das will Nichts sage; nein ich werde +Euch gleich eine <i>dray</i><a href="#g3fn29"><small><sup>29</sup></small></a><a name="g3fn29r" id="g3fn29r"></a> wie + man hier sagt, oder einen Güterkarren +besorgen, Euere Sachen in die Stadt zu schaffen, und +dann sind wir in zehn Minuten untergebracht.«</p> + +<p>»Oh dazu brauchen wir keinen Karren« riefen aber die +beiden; »die packen wir auf und tragen sie selber, wenn's weiter +Nichts ist — die Frauen tragen die zwei da, und wir die +hier, mein Junge bleibt bei den Übrigen zurück und die holen +wir dann nachher.«</p> + +<p>»Gut, wie Ihr wollt; aber Leute das muß ich Euch +gleich sagen, lange Zeit kann ich hier nicht mehr stehn bleiben, +denn ich habe noch viel zu thun, und hier schon mehr Zeit +versäumt als ich vor meiner eignen Familie verantworten möchte. +Wir haben hier ein Sprichwort in Amerika »Zeit ist Geld« +und das werdet Ihr wohl noch ebenfalls kennen lernen.«</p> + +<p>Es bedurfte übrigens keines weiteren Zuredens von seiner +Seite, denn den armen Teufeln, die sich noch vor wenigen +Minuten vor Hunger und Noth gefürchtet hatten, stak der +versprochene gedeckte Tisch jetzt im Kopf, auf dem sie im Geist +jetzt schon alle geträumten Herrlichkeiten der neuen Welt aufgestapelt +sahen, und nach kurzer Berathung untereinander +griffen sie ihre großen, mit eisernen Henkeln versehenen Koffer +auf und baten den Fremden, hinter dem sie gleich darauf herkeuchten, +ihnen den Weg zu zeigen.</p> + +<p>Sie hatten nicht weit zu gehn; gleich die nächste Straße +hinauf, die nach der Vorstadt Lafayette hineinlief, über die +zweite Queerstraße hin, leuchtete ihnen schon von fern ein großes +weißes Schild entgegen, auf dem mit großen schwarzen Buchstaben +die Worte »<span class="wide">Deutsches Gasthaus zum deutschen +Vaterland</span>« standen.</p> + +<p>»Dort ist gleich ein deutsches Wirthshaus; wollen wir +anfragen?« frug sie ihr Führer.</p> + +<p>»Ja wenn Sie glauben« meinte der eine Oldenburger.</p> + +<p>»Eins ist so gut wie das Andere,« sagte Jener achselzuckend +— »setzt nur erst einmal Euere Kiste vor die Thür, und +wir wollen hinein gehn und mit dem Mann sprechen; nachher +könnt Ihr ja dann noch immer thun was Euch gut dünkt.«</p> + +<p>Dagegen ließ sich Nichts sagen, und die Männer betraten +gleich darauf einen kleinen, ziemlich engen Saal, der als +Schenkzimmer benutzt und durch einen etwas schmutzigen weißen +Vorhang von dem nächsten Gemach, in dem sie viele +Stimmen hörten, getrennt wurde. Ein Schenktisch war hier +an der einen Seite aufgestellt, auf dem eine Masse umgedrehte +leere Gläser und einige kleine Flaschen standen, während dahinter, +auf langen Regalen, drei oder vier Reihen mit +verschiedenen Spirituosen gefüllte gläserne Karaffen geordnet und +mit dazwischengelegten Orangen und Citronen verziert waren. +Hinter dem Schenktisch, oder der »<i>bar</i>« wie ein solcher Platz +in Amerika genannt wird, stand ein junger stämmiger Bursche +von vielleicht fünf oder sechs und zwanzig Jahren, mit glatt +zurückgekämmten blonden Haaren, fast auffallend großen Ohren, +stieren, aus dem Kopf ordentlich herausstehenden blauen +Augen, und einem sehr runden, halb geöffneten Mund, was +ihm ein sehr erstauntes überraschtes Aussehn gab, sonst aber +so leicht und bequem an- oder vielmehr ausgezogen, wie das +nur irgend möglich war. Er trug Sommerhosen und Weste, +aber weder Rock noch Jacke, und die Hemdsärmel bis hoch +über die Ellbogen aufgekrempelt, wobei er die sehnigen muskulösen +Arme auf dem Schenktisch, etwas weit auseinander, +aufgestemmt hatte, und mit vorgebeugtem Körper die Neuangekommenen +gerade so anstarrte, als ob er sich nur erst einen +von ihnen aussuchen und diesem dann augenblicklich auf den +Hals springen werde.</p> + +<p>»Hallo Jimmy« rief der Fremde in ziemlich vertraulichem +Ton, als er zwei von den Männern, die verlegen an der Thür +stehn blieben, hier eingeführt hatte — »wie gehts Mann, immer +noch frisch und munter?«</p> + +<p>»Ja wohl Schentelmen« sagte Jimmy, drei frische Gläser +auf dem Tisch umdrehend und die Frage etwa so beantwortend, +als ob sich der Mann erkundigt hätte ob er noch etwas +zu trinken habe — »was Ihr Herz begehrt — was solls +sein?«</p> + +<p>»Nun ich nehme einen Gin cocktail«<a href="#g3fn30"><small><sup>30</sup></small></a><a name="g3fn30r" id="g3fn30r"></a> sagte der Führer +— »und was trinkt Ihr, Leute? — kommt nur herein, das +geht jetzt in Einem hin, und trinken müssen wir doch.«</p> + +<p>Die Deutschen bedurften erst noch einer Nöthigung, während +sie der Ausschenker oder <i>barkeeper,</i> wie diese Leute +sämmtlich heißen, mit immer höher steigenden <ins title="Original hat Augenbraunen">Augenbrauen</ins> +und immer stierer werdenden Augen, ohne einen Blick von +ihnen zu verwenden, anstarrte. Endlich entschlossen sie sich +nach einem Glas Bier zu fragen, das sie durch eine ihnen +merkwürdig erscheinende Vorrichtung aus einem Zinnrohre eingeschenkt +bekamen, das mit einem niedergebogenen Schlauch +versehn aus dem Schenktisch auflief, und durch ein hinter demselben +angebrachtes Pumpwerk aus dem Keller, oder wenigstens +dem in die Erde gegrabenen Faß herauf, gespeißt wurde.</p> + +<p>»Nun Jimmy trinkst Du Nichts?« sagte der Fremde.</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 9"> + <tr> + <td align="center"> + <a href="images/il4r.jpg"> + <img src="images/il4r.jpg" height="600" + alt="Illustration Capitel 9" /></a> + </td> + </tr> + <tr> + <td align="center"> + <span class="caption">Capitel 9.<br /> + Click to <a href="images/il4r.jpg">ENLARGE</a></span> + </td> + </tr> +</table> +</div> + + +<p>»<i>Thank you</i>«<a href="#g3fn31"><small><sup>31</sup></small></a><a name="g3fn31r" id="g3fn31r"></a> sagte Jimmy, füllte sich in ein Glas +ein paar Tropfen Brandy, und goß es auf einen Schwung +hinter, fuhr dann mit den geleerten Gläsern blitzschnell unter +den Schenktisch in einen dort angebrachten Kübel mit Wasser, +schwenkte und trocknete die Gläser, die wieder auf ihren alten +Platz kamen, und seinen Händen dann eine gleiche Gefälligkeit +erweisend stemmte er die Arme wieder wie vorher auf den Tisch +und sagte:</p> + +<p>»<i>Two bits!</i>«<a href="#g3fn32"><small><sup>32</sup></small></a><a name="g3fn32r" id="g3fn32r"></a></p> + +<p>Der Fremde rief ihm aber auf Englisch ein paar Worte +zu, welche die Auswanderer nicht verstanden und der <i>barkeeper,</i> +der sie jetzt noch viel stierer ansah als vorher sagte plötzlich.</p> + +<p>»Hier boarden?«</p> + +<p>»Die Leute verstehn noch kein Englisch Jimmy, und +wissen nicht was boarden ist — <span class="wide">wohnen</span> wollen sie hier allerdings +— habt Ihr Platz?«</p> + +<p>»<i>Lots</i>« lautete die lakonische Antwort.</p> + +<p>»Gut, dann zeigt ihnen einen Platz wo sie ihr Gepäck +unterbringen und wohin wir die Frauen mit den Kindern +schaffen können — wie viel macht es die Woche <i>à person?</i>«</p> + +<p>»Drei Dollar ohne Bitteres — «</p> + +<p>»Unsinn, Bitteres, wenn sie trinken wollen zahlen sie's +apart; sie werden auch schwerlich eine Woche hier sein, sondern +gleich auf Arbeit gehn — hier Nichts im Hause, Jimmy?«</p> + +<p>»Arbeit?« lachte der Barkeeper mit einem breiten Grinsen +wobei ihm die Augen fast aus dem Kopf herausfielen — »wir +sind froh daß wir selber Nichts zu thun haben.«</p> + +<p>»Nun macht Nichts, wollen das schon besorgen — Also +schafft die Sachen nur hier herein, der Mann da wird Euch +gleich eine Stelle zeigen, wohin Ihr sie bringen könnt, und +Jimmy, seid so gut notirt es Euch — sieben Personen« setzte +er dann auf Englisch hinzu »und die vier Kinder können wir +zwei rechnen.«</p> + +<p>»Alles in Ordnung Mr. Messerschmidt« antwortete ihm +der <i>barkeeper</i> ebenso — »doch Alles sicher?«</p> + +<p>»Alles — « sagte der Mann, der sich der Deutschen so +freundlich angenommen, und dann sich wieder in ihrer Sprache +zu ihnen wendend, setzte er hinzu — »Euere Tochter da, werde +ich wahrscheinlich selber bei einer entfernten Verwandten von +mir unterbringen können, darüber bringe ich Euch aber erst +morgen Antwort; unter der Zeit laßt es Euch übrigens wohl +sein und macht's Euch bequem. Ihr habt hier ein eben so +gutes Recht zu wohnen wie jeder Andere und bezahlt eben so +gut dafür, ob nun das gleich baar auf den Tisch oder erst in +drei oder vier Wochen ist, bleibt sich ganz gleich. So <i>goodbye</i> +Jimmy — adieu Ihr Leute — ich werde morgen einmal wieder +nachfragen wie es Euch geht.«</p> + +<p>Der Mann verließ mit einem freundlichen Kopfnicken +gegen die Leute das Schenkzimmer, und die Oldenburger, von +dem Barkeeper dazu angewiesen, vor dem sich die Kinder aber +fürchteten, weil er ihnen heimlich Gesichter schnitt — schafften +bald ihre großen hölzernen Koffer mit Geschirr und Allem, +seitwärts von der Hausthüre über einen engen Hof, eine +schmale wacklige Stiege hinauf und in ein kleines Käfterchen, +das der Mann ein Zimmer nannte, und wo fünf Betten so +dicht neben einander aufgestellt waren, daß sie auch eben so gut +als eines gelten konnten. In die mittelsten mußte man auch +in der That über die beiden Eckbetten hin oder über ihre Fußenden +hinübersteigen.</p> + +<p>Ungemüthlich genug sah der Platz ohne dem aus; die +Betten waren noch nicht einmal gemacht, und das Bettzeug +sah gelb und gebraucht aus, mit kleinen Blutflecken hie und +da wie gesprenkelt, ein böses Zeichen vorhandenen Ungeziefers. +Die Fenster waren ebenfalls seit Jahren nicht gewaschen, und +die Spinnweben füllten die Ecken mit ihren Generationen. +Zwischendeckspassagiere sind aber in der Art gerade nicht eigen, +und an solche »Unbequemlichkeiten« wie sie es gewöhnlich nennen, +noch vom Schiff aus viel zu sehr gewöhnt, wenigstens gleich +in den ersten Tagen dagegen zu protestiren, besonders wenn +sie wenig oder gar kein Geld bei sich haben, und sich dadurch +gedrückt und nur geduldet fühlen. Die Oldenburger nun gar +dachten nicht daran sich auch nur über das Geringste zu beschweren, +hatten sie doch ein Dach gefunden unter dem sie +gegen Regen geschützt lagen, und ein gedeckter Tisch war ihnen +ebenfalls versprochen worden. Was konnten sie mehr verlangen, +wo sie noch wenige Stunden vorher in Verzweiflung +an der Levée draußen gesessen, und keinen Platz gewußt hatten +ihr Haupt hinzulegen.</p> + +<p>Noch waren sie übrigens mit dem Ordnen ihres Gepäcks +nicht einmal fertig, als eine Klingel unten tönte, und der +Barkeeper wieder in das Zimmer stierte und ihnen ankündigte +es wäre »zu Dinner gebellt worden.«<a href="#g3fn33"><small><sup>33</sup></small></a><a name="g3fn33r" id="g3fn33r"></a></p> + +<p>»Dinner gebellt?« rief der eine von den Männern erstaunt +— »<span class="wide">wir</span> haben keinen Hund mit.«</p> + +<p>»Hund mit? — wer spricht denn von einem Hund?« +brummte aber der Barkeeper, »zu Dinner ist gebellt — das +Essen ist fertig und Ihr müßt Euch bereit halten; wenn's +wieder läutet wird gegessen; aber die Männer kommen zuerst +dran, und nachher die Weibsen mit den Kindern — s'ist wegen +dem Platz.«</p> + +<p>»Ja so« sagte der Mann, »nun versteh' ich's — wir können +noch kein englisch.«</p> + +<p>Der Barkeeper sah sie wieder eine ganze Weile, ohne eine +Miene zu verziehen stier an, drehte sich dann um, schnitt dem +jüngsten Kind ein so furchtbares Gesicht daß dieses laut aufschrie, +und schlug dann die Thür hinter sich in's Schloß daß +die Scheiben klirrten.</p> + +<p>»Ist das ein sonderbarer Mensch« rief die eine Frau, +»und wie er spricht — aber wir sollen jetzt zum Essen hinunter +gehn — ich fürchte mich ordentlich.«</p> + +<p>»Fürchten? — vor dem Essen? na ja« sagte ihr Mann +— »ich möcht' mir lieber die Ärmel dazu aufstreifen, so 'nen +Hunger hab' ich; aber kommt nur, da bimmelts schon wieder +— was der nur mit dem <span class="wide">Bellen</span> wollte?«</p> + +<p>Es blieb ihnen indeß keine lange Zeit zu weiteren Betrachtungen, +denn die Glocke unten läutete allerdings schon +wieder, und die Männer schlugen sich deshalb rasch den Staub +ein wenig mit den Händen von den Ärmeln, dem <ins title="Original hat Rocktragen">Rockkragen</ins> +und den Hosen vorn herunter, und stiegen die Treppe nieder, +wo ihnen das merkwürdige Gesicht des Barkeepers, der seine +Nase an einer der Fensterscheiben des vorderen Gebäudes breit +und weiß drückte, und dadurch nur noch wunderlicher aussah, +schon zunickte sie sollten machen daß sie herein kämen. Das +ließen sie sich denn auch nicht zweimal sagen, und betraten +gleich darauf einen ziemlich geräumigen Speisesaal, in dem +eine lange Tafel aufgestellt, mit Speisen bedeckt, und schon +auch fast vollständig von Gästen besetzt war.</p> + +<p>»Hallo die Oldenburger!« rief ihnen da eine bekannte +Stimme vom anderen Ende der Tafel, wo noch ein paar freie +Sitze waren, entgegen, »wo kommt <span class="wide">Ihr</span> her, vom Schiff?«</p> + +<p>Die Leute schauten überrascht dorthin, und erkannten jetzt +zu ihrem Erstaunen eine ganze Menge bekannte Gesichter an +der Tafel, die, so wenig sie sich an Bord um sie bekümmert +hatten, jetzt doch freundlich grüßend nach ihnen herübernickten, +und ganz zufrieden damit schienen unter den vielen Fremden +um sie her ebenfalls Bekannte zu treffen.</p> + +<p>In der That hatten sich aber wirklich ein paar ganze +Coyen von den Zwischendeckspassagieren der Haidschnucke hier +versammelt, von denen die meisten schon am ersten Morgen +nach ihrer Ankunft, und zwar durch einen in der Stadt gefundenen +Deutschen herrecommandirt, eingezogen waren.</p> + +<p>Herr Messerschmidt mußte in dieser Zeit ungemein thätig +gewesen sein, und die Oldenburger sahen die Leute hier richtig +wieder Coyenweis, alter Gewohnheit nach, neben einander +sitzen und erkannten die Herren Steinert, Mehlmeier und +Schultze, und neben diesen den schwärmerischen Theobald, +während nur ein paar Stühle weiter, durch ein paar fremde +Gesichter getrennt, auch Herrn Theobalds anderer Coyengenosse +und Schlafkamerad der finstere schwarze Gesell der sich +Meier an Bord nannte, Platz genommen. Aber seine Frau +saß nicht neben ihm, obgleich mehrere andere Frauen zugegen +und keineswegs, wie der Barkeeper gegen die Oldenburger angedeutet +hatte, von der ersten Tafel ausgeschlossen waren.</p> + +<p>Diese ließen sich aber immer noch mit einer gewissen +Scheu an dem, für ihre Begriffe kostbar besetzten Tische nieder; +das verlor sich jedoch schon bedeutend nach der Suppe, +und verschwand gänzlich wie sie die rege Geschäftigkeit der um +sie her Essenden bemerkten, bis sie eben so tapfer zulangten +als irgend Einer der Übrigen.</p> + +<p>Das Gespräch bei Tisch führte indessen fast allein ihr +früherer Reisegefährte Steinert, der hier schon so zu Hause +schien, als ob er seit Jahren Stammgast gewesen, und mit +allen Leuten bei Tisch auch bekannt geworden sein mußte, denn +er nannte sie sämmtlich bei Namen, und lachte und erzählte +nach Herzenslust. Mehlmeier amüsirte sich dabei am meisten +über seine Witze, die er aber etwas schwer begriff, und gewöhnlich +erst dann an zu lachen fing, wenn die Übrigen das Erzählte +schon beinah wieder vergessen hatten. Da er aber bei +seinem Lachen ein sehr weinerliches Gesicht schnitt, merkten +das nur seine nächsten Bekannten.</p> + +<p>Schultze beobachtete wieder nach seiner gewohnten Weise +die ganze Tischgesellschaft, hielt, wenn das heimlich und unbemerkt +geschehen konnte, seine aufgehobene und breitgedrehte +Hand halb unter die verschiedenen Physionomieen und Profile +und fuhr dann, wenn sich Einer der also auf's Korn genommen +zufällig nach ihm umdrehte, so zusammen und griff rasch +nach Messer oder Gabel oder seinem Glase, als ob er irgend +etwas Böses begangen hätte und dabei erwischt wäre.</p> + +<p>Theobald auf der einen Seite und Meier auf der anderen +sprachen bei Tisch kein Wort und beendeten, wie die meisten +der Gäste, so rasch als möglich ihre Mahlzeit, und als Alle +aufgestanden waren, wurden die Teller und Messer und Gabeln +gewechselt, dann die Frauen und Kinder mit den Hausgenossen +in den indeß von den Übrigen geräumten Speisesaal gerufen, +und die zweite Tafel hielt, unter dem Vorsitz des Barkeepers +der einen mächtigen Rinderbraten unter sie vertheilte, ihre +Mahlzeit.</p> + +<p>Nach Tisch zerstreuten sich fast sämmtliche Gäste durch die +Stadt, ein Theil seinen Geschäften nachgehend, ein anderer, +der noch keine hatte, zum Vergnügen oder aus langer Weile +durch die Straßen zu schlendern, die für sie des Neuen und +Eigenthümlichen auch genug boten. Das Abendessen war auf +sechs Uhr angesetzt worden, und verlief dann in eben der Ordnung +wie der Mittagstisch, nur mit dem Unterschied daß die +meisten der Gäste nicht mehr ausgingen, oder nach einem kürzern +Spatziergang durch die Stadt oder über die Levée, die um +diese Tageszeit den Sammelplatz der vornehmen Welt von New-Orleans +bildet, wieder in das Gasthaus zurückzukehren, und dort +bei einem Glase gutem französischen Wein oder schlechtem Cincinnati-Bier +die Erlebnisse des Tages zu besprechen.</p> + +<p>Heute aber ging es besonders lebhaft in der kleinen, hinter +dem Schenkzimmer gelegenen Gaststube her, denn der Dampfer +von New-York war mit neuen deutschen Zeitungen eingetroffen, +und den eben erst angekommenen Passagieren, die seit ihrer +Abfahrt von dort auch keine Sylbe aus der Heimath gehört, +war es besonders ein ganz eigenthümliches Gefühl, Berichte +von Monate alten Daten als eben Geschehenes zu erhalten, +und sich darüber zu freuen.</p> + +<p>Vor allem Anderen wurde die Politik durchgenommen — +die Leute durften sich hier eine Güte thun und frei und ungescheut +über Verhältnisse schimpfen, denen sie dort entgangen +waren; dann kamen die Hofnachrichten aus einem Königlichen +Blatt, in dem die Privatnachrichten über die hohen und höchsten +Herrschaften, und wann allerhöchst dieselben zu speisen +geruht etc., etc., etc., laut vorgelesen und mit Jubel begrüßt +wurden. Die Ordensverleihungen wurden ebenfalls laut und +gewissenhaft vorgelesen bis die Leute die spaltenweisen Austheilungen +satt bekamen und Anderes hören wollten.</p> + +<p>»Oh hören Sie auf mit dem Unsinn,« rief Herr Schultze +endlich, sich die Hände reibend, »wir sind hier froh, daß wir +nichts mehr damit zu thun haben; Herr Steinert, lesen Sie +uns etwas Gescheuteres vor.«</p> + +<p>»Etwas Gescheutes verlangen Sie aus einer deutschen +Zeitung sehr verehrter Herr Reisegefährte?« rief aber der Weinreisende +über das Blatt nach ihm hinüber lachend, »da thut +es mir leid Ihnen nicht willfahren zu können, ich müßte Ihnen +sonst hinten die Subhastationen oder Steckbriefe vorlesen, von +denen ich da drüben in der Weserzeitung eine ganze Menge +gesehen habe.«</p> + +<p>»Apropos Steckbriefe,« rief Mehlmeier mit seiner feinen +Stimme, »haben Sie wohl schon nachgesehn, ob sie dem armen +Jungen keinen hinterher schicken, der mit der Haidschnucke so +glücklich fortgekommen ist? — wie hieß er doch gleich, Berger +glaub ich?«</p> + +<p>»Ja wohl Carl Berger,« rief Steinert, »da wollen wir +doch gleich einmal sehen, bitte — erlauben Sie einen Augenblick« +sagte er dabei, seinem Nachbar, einem kleinen dürren +Männchen mit einer Brille, der ungeheuere Ähnlichkeit mit +einem kleinen deutschen Beamten hatte, sich aber schon längere +Zeit in New-Orleans aufhielt, die Zeitung, in der dieser gerade +las, ohne weiteres aus der Hand nehmend.</p> + +<p>»Bitte tausend Mal um Entschuldigung,« sagte der kleine +Mann sehr artig, »ich glaubte sie würde nicht gebraucht.«</p> + +<p>»Bitte — bitte« — murmelte Steinert zerstreut, mit den +Augen dabei die klein gedruckten Spalten der gerichtlichen Ankündigungen +überfliegend — »Über den Nachlaß des am 12. +Februar verstorbenen Fuhrmanns; — das ist Nichts — auf +den herrschaftlichen Gütern zu Hellbhausen sollen am 5. nächsten +Monats — auch Nichts — hier kommen die Steckbriefe — der +Korbmacher Carl Christoph Hinterleben von Ehlstein — der +war's nicht, aber halt wahrhaftig« — rief er plötzlich, mit der linken +Hand dabei auf den Tisch schlagend — »hier haben wir ihn« —</p> + +<p>»Der unten signalisirte Lohgerber, Carl Eduard Berger, +zwanzig Jahr alt, hat sich seiner Militairpflicht heimlicher +Weise durch die Flucht entzogen, und werden sämmtliche Justiz- +und Polizeibehörden ersucht — ja wohl — versteht sich von selbst +— alle Justiz- und Polizeibehörden ersucht den besagten Carl +Eduard Berger zu arretiren und hierher abzuliefern!«</p> + +<p>»Dem fuhr es damals übrigens verdammt dicht am Leder +vorbei; wenn sie ihn erwischt hätten wär es ihm schlecht gegangen. +Wetter noch einmal es muß doch ein ganz wundervolles +Gefühl sein, wenn man irgendwo was ausgefressen hat, +mit den Rothkragen auf der Ferse am Ende glücklich Salzwasser +erreicht, und nun draußen frank und frei, mit <span class="wide">einem</span> +Schlage jeder Furcht vor Verfolgung enthoben, »durch die +Wellen streicht, Fridolin«.«</p> + +<p>»Nun sogar gefährlich sind die Leute doch auch nicht immer,« +lächelte Herr Schultze freundlich vor sich hin, »wissen +Sie die Gesellschaft, die uns die Herrn mit den egalen Mützen +selber noch im Hafen an Bord brachten?« —</p> + +<p>»Oh Doris, wärst Du nur verschwiegen,« citirte Steinert +seinen Lieblingsschriftsteller; »was hilft es solche Sachen +an die große Glocke zu schlagen.«</p> + +<p>»Nein, das seh ich aber gar nicht ein,« sagte Herr +Schultze, »wenn die Regierungen indiscret genug sind ehrlichen +Menschen zuzumuthen mit solchem Gesindel eine solche Reise +zusammenzumachen, weiß ich auch nicht warum <span class="wide">wir</span> so discret +sein sollen nicht darüber zu sprechen, oder vielmehr darüber +zu schimpfen.«</p> + +<p>»Aha,« sagte ein anderer Deutscher, der ebenfalls mit +ihnen an einem Tisch saß und bis jetzt den Gesprächen der +Einwanderer aufmerksam zugehört hatte, indem er immer die +Sprecher mit seinen kleinen lebendigen Augen fest und stechend +ansah; der Mann trug einen großen rothen Schnurrbart, hatte +sonst aber, außer einer rothen Nase und etwas bramarbasirend +zusammengezogenen Stirnfalten, viel Gutmüthiges im Gesicht +— »aha,« sagte dieser jetzt, »wieder eine Sendung von Correktionsfleisch +mitgekommen? — könnte es der Regierung der +Vereinigten Staaten wahrhaftig nicht verdenken, wenn sie +Gleiches mit Gleichem vergälte und auch einmal eine Sendung +<span class="wide">ihres</span> Auswurfs mit guten Pässen versehn nach Deutschland +hinüberschickte. Drüben schimpft das Gesindel auf unser Land, +und thut dabei alles Mögliche was in seinen Kräften steht die +Bevölkerung hier zu vergiften — hilft ihnen aber doch Nichts, +den Neidpilzen, die sich über unsere freie Verfassung ärgern, +und denen es ein Dorn im Fleische ist daß wir hier in einer +<span class="wide">Republik</span> glücklich leben; es ist als ob sie den Ocean mit ein +paar Eimern Schmutz trüben wollten.«</p> + +<p>»Sie sehn die Sache zu schwarz an, verehrter Herr,« +nahm Steinert das Gespräch auf, »den Leutchen daheim liegt +weniger daran hier in Amerika eine wesentliche Veränderung +hervorzubringen, als nur die einzelnen Individuen los zu werden. +Ihr Vergleich mit dem Meer ist aber vortrefflich. Amerika +nimmt diese Körper in sich auf, verarbeitet sie, theilt +ihnen seine Reine mit und läutert sich selber — halb zog sie +ihn, halb ging er mit, und ward nicht mehr gesehn.«</p> + +<p>»Papperlapapp!« rief aber der Mann mit dem großen +Schnurrbart, dem an Steinert's Beistand in seiner Ansicht gar +Nichts gelegen schien, »das klingt auswendig vernünftig, und +ist inwendig baarer Unsinn — läutert sich — ja wohl läutert +es sich, nimmt aber »diese Körper«, wie Sie das Gesindel +nennen, nicht in sich auf, sondern hängt sie an Galgen oder +Baum, was gerade am bequemsten und nächsten ist.«</p> + +<p>»Hängen,« sagte Steinert, der sich durch die Bemerkung +beleidigt fühlte, unwillig mit dem Kopfe schüttelnd — »Nürnberger +— hat sich was — für <span class="wide">einen</span> Schurken liefert Deutschland +auch dafür dem rohen Lande hier <span class="wide">tausend</span> ehrliche +Hände und <span class="wide">geistreiche Köpfe</span> dazwischen, die Schwung +hier in die Geschäfte bringen, die den Amerikanern zeigen müssen, +wo Barthel eigentlich den Most holt.«</p> + +<p>»Die haben <span class="wide">Sie</span> wohl mit herüber gebracht?« sagte der +Rothbart wieder mit einem boshaften Blick auf den Weinreisenden; +dieser aber hielt es unter seiner Würde sich mit dem +»ungebildeten Menschen« in weiteres Gespräch einzulassen und +nahm, ohne etwas auf die Frage zu erwiedern, und indessen +Herr Schultze aus einem anderen Blatte jetzt einige politische +Neuigkeiten vorlas, seine Zeitung wieder vor.</p> + +<p>»Beim Obertribunal kam kürzlich folgender interessanter +Proceß in Kassationsinstanz« — las Schultze — »zur Entscheidung +— Kläger war das Handlungshaus J. M. Oppenheimer +in Rodach am Main — Verklagter der Justiz Commissar +Ohnewetter in — «</p> + +<p>»Scheußlich — niederträchtig!« unterbrach Steinert da +plötzlich, ohne sich weiter um die Vorlesung zu kümmern, den +erstaunt zu ihm aufsehenden Schultze, »nein das ist nichtswürdig.«</p> + +<p>»Was ist denn, was giebts?« frugen die Andern dazwischen, +neugierig durch die Ausrufungen gemacht.</p> + +<p>»Nein abominabel!« rief aber Steinert noch einmal, +»ha das Schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in +seinem Wahn.«</p> + +<p>»Na, wer ist nun wieder todt, Herr Steinert?« frug +Mehlmeier aus seiner Ecke vor, in der er sich ganz gemüthlich +mit einem Glas Eierpunsch niedergelassen hatte — »war er +lange krank?«</p> + +<p>»Nein hören Sie nur,« rief aber Steinert in gerechter +Entrüstung dem Mann, dem er vorher die Zeitung weggenommen +hatte, jetzt auch das Licht vor der Nase wegziehend und +vor sich hin rückend, »man sollte wirklich kaum glauben, daß +etwas derartiges möglich wäre.«</p> + +<p>»Aber zum Teufel so schießen Sie doch einmal los!« +rief Herr Schultze, der endlich ungeduldig wurde, und über +seine Brille, die er beim Lesen aufsetzen mußte, mit seitwärts +gehaltenem Kopfe nach dem Besitzer der Weserzeitung hinüber +sah, »was ist denn vorgefallen.«</p> + +<p>»Man sollte doch wirklich nicht denken daß die menschliche +Natur einer derartigen Scheußlichkeit fähig wäre,« sagte +aber Steinert, also aufgefordert, die Zeitung jetzt etwas näher +zu dem occupirten Licht herüberziehend, »da steht von Hannover +aus, über dem Steckbrief von zwei Menschen — es ist +nur gut daß sämmtliche Steckbriefe gerade so eingerichtet sind, +daß sie immer gleich auf eine ganze Gemeinde passen — ein +Bericht, den ich Ihnen einmal vorlesen werde. — Von einem +Greise will ich singen, der neunzig Jahr die Welt gesehn, — +also passen sie auf.«</p> + +<p>»Waldenhayn den 29. August. Am Dienstag Abend den +18. August ds. J. verließen der unfern des Dorfes an einer +etwas vom Wege abseits gelegenen alten Försterswohnung, zur +Zeit nicht mehr ansässige und schon gekündigt seiende, auch +schon seit längeren Jahren in keinem guten Ruf, und die letzten +sechs Monate sogar unter polizeilicher Aufsicht stehende — +hah — erlauben Sie erst einmal meine Herren daß ich absetze, +um Athem zu holen — der Canzleistyl kann einem Schnellläufer +die Lunge zuschnüren — polizeilicher Aufsicht stehende +Carl Heinrich Steffen, von den Dorfbewohnern seines schwarzen +Haares und Bartes wegen gewöhnlich »der schwarze Steffen« +genannt, und unter diesem Namen auch in dortiger Gegend +überall bekannt, mit seiner Frau der Johanna, Julie, +Gertrude Steffen, geborene Melzer, heimlicher Weise seine mit +ihr in rechtmäßiger Ehe erzeugten drei Kinder wie ein unehelich +erzeugtes Mädchen, indem sie dieselben Abends unter dem +Vorwand auf das Amt citirt zu sein verließen, und allem Vermuthen +nach ihren Weg nach Amerika oder sonst in das Ausland +genommen haben, und bis jetzt aber noch nicht ermittelt werden +konnten. Die Kinder wurden von den nächsten, etwa eine +Viertelstunde von dem entlegenen Haus wohnenden Nachbarn, +erst am fünften Tag halb verhungert gefunden, da sich dieselben +durch eine vorgeschobene Lüge der unnatürlichen Eltern, +die ihnen erzählt hatten, daß ein toller Hund die Gegend +draußen unsicher mache, nicht getraut hatten — der Satz +nimmt wieder kein Ende — nicht getraut hatten den äußeren +Weg zu betreten. Die Kinder sind in den Altern von 9, 5, +3 und 1½ Jahr alt — es ist scheußlich, wahrhaftig und kaum +zu glauben — 1½ Jahr und einstweilen von der Gemeinde +von Waldenhayn theils, theils von dem dortigen Geistlichen +versorgt und vor augenblicklichem Mangel geschützt worden. +Donnerwetter der junge hübsche Bursche der Georg Donner, +das war ja der Sohn von dem Pastor in Waldenhayn.«</p> + +<p>»Na und nun weiter?« frug der alte Soldat mit dem +rothen Schnurrbart, »kreuz Element sie werden die schurkischen +Eltern doch wohl erwischt haben.«</p> + +<p>»Ja erwischen,« sagte Steinert, unwillig mit dem Fuße +stampfend, »da hier drunter steht der Steckbrief von den Beiden, +mit einer freundlichen Bitte an alle Polizei- und Justizbehörden +die beiden unnatürlichen Eltern im »Betretungsfalle«, +ja, hat sich was — im Betretungsfalle nach dem Amt Ohnleben +zurück- und abzuliefern.«</p> + +<p>»Das ist ja furchtbar, wenn man sich das so bedenkt,« +sagte der kleine ängstliche Mann neben Herrn Steinert, indem +er die eigene Brille abnahm und auswischte und dann halb +schüchtern die Hand nach der Zeitung ausstreckte, die Steinert +neben sich hingelegt hatte, sie aber rasch und wie erschreckt +wieder zurückzog, als dieser, ohne seiner Bemerkung einer Antwort +zu würdigen, noch einmal danach griff.</p> + +<p>»Ich begreife nur nicht daß sie ihn nicht wieder erwischt +haben,« sagte Herr Schultze.</p> + +<p>»Er wird sich wohl <span class="wide">heimlich</span> fortgemacht haben,« +meinte Mehlmeier und sah sich erstaunt um, als die Übrigen +lachten.</p> + +<p>»Und solche Scheusale kommen dann alle nach Amerika,« +rief der Mann mit dem rothen Schnurrbart, »und nachher +soll man's den Amerikanern verdenken, wenn sie von uns +Fremden Nichts wollen.«</p> + +<p>Die Unterhaltung wurde hier plötzlich durch den etwas +ungestümen Eintritt eines anderen Reisegefährten und zwar +des Dichters Theobald unterbrochen, der übrigens in einem +sehr außergewöhnlichen Zustand, mit zerrissenem Rock, blutigem +Gesicht und außerdem noch in furchtbarer Aufregung die Thüre +hinter sich zu, sich selber in einen Stuhl warf, und ein Glas +Punsch von dem aus dem Schenkzimmer ab- und zugehenden +Barkeeper forderte.</p> + +<p>»Hallo Herr Theobald?« sagte Mehlmeier, der der Thür +am nächsten saß und die jedenfalls mishandelte und bös zugerichtete +Gestalt des kleinen schmächtigen Mannes etwas erstaunt +betrachtete — »wie sehn Sie denn aus? was haben Sie denn +angefangen und wo sind Sie gewesen?«</p> + +<p>»Ha Rache — Rache!« knirschte aber nur der Poet als +einzige Antwort durch die Zähne — »Rache will ich haben +und wenn ich mir Blitze vom Himmel dafür borgen sollte.«</p> + +<p>»Würden Sie schwerlich eine Leihanstalt dazu finden,« +sagte der Mann mit dem rothen Schnurrbart, »übrigens sehen +Sie gerade so aus, als ob Sie einem Irischen Draymann +unter die Fäuste gerathen wären, was neu eingewanderten +Deutschen manchmal passirt. Sie können wahrscheinlich noch +nicht boxen.«</p> + +<p>»Boxen?« wiederholte Theobald aber entrüstet, »boxen +Sie einmal, wenn eine halbe Straße über Sie herfällt und +Sie mishandelt — boxen — ha wenn mir die Canaillen freien +Raum mit dem Schuft gegeben hätten, er <span class="wide">lebte</span> jetzt nicht +mehr — «</p> + +<p>Und <span class="wide">Sie</span> säßen dann in der Calabouse und könnten +Betrachtungen über die innere Polizei Louisianas anstellen,« +sagte der Rothbart trocken.</p> + +<p>»Aber so erzählen Sie doch nur,« rief Steinert; er hatte +die Zeitung bei dem trostlosen Anblick ihres Reisegefährten +zur Seite geworfen, die sich jetzt der Mann mit der grünen +Brille rasch herüber nahm, die augenblicklich freie Zeit zu +benutzen — »was ist geschehn, was ist vorgefallen? Donnerwetter +Mann, Sie haben famoses Glück. Sie kamen hierher +Schicksale zu erleben und darüber schreiben zu können, und +sind da gleich in eine Goldquelle hineingefallen, die Ihnen +reichhaltigen und kostbaren Stoff zu Ihren Versen liefern +kann.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen für die Goldquelle,« rief Theobald, +»die man mit der eigenen Haut bezahlen muß; aber Stoff +hab' ich allerdings gefunden <span class="wide">Bände</span> zu schreiben, und bei +Gott, ich werde ihn benutzen.«</p> + +<p>»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen« —</p> + +<p>»Gut, so hören Sie; ich gehe oben in der Stadt über +einen großen freien Platz, auf dem ein höchst ungeschicktes steinernes +Gebäude, ein großes Dach eigentlich nur von viereckigen +steinernen Pfeilern getragen steht.«</p> + +<p>»Oh das ist ein Markthaus,« sagte der Rothbart.</p> + +<p>»Schön,« fuhr Theobald fort, »also in diesem Markthaus, +wo aber nicht viel zu verkaufen war« —</p> + +<p>»Da müssen Sie Morgens hinkommen.«</p> + +<p>»Bitte, unterbrechen Sie mich nicht alle Augenblicke — +also in diesem Markthaus reizten meine Aufmerksamkeit einzelne, +hell erleuchtete Stände, auf denen große Messing- und +Kupfer-Maschinen mit Hähnen unten daran zum Ausschenken +standen, wie auch die kleinen, reinlich gedeckten Tische mit +deliciösem Backwerk und Kaffee- und Theegeschirr bedeckt waren. +Allerliebste junge Mädchen« —</p> + +<p>»Na erzählen Sie uns nicht die alte Geschichte,« unterbrach +ihn der Rothbart da wieder, »um das zu sehn, brauchen +Sie nur um die nächste Ecke zu gehn; da stehn auch welche.«</p> + +<p>»Aber <span class="wide">wir</span> kennen es noch nicht, verehrter Herr,« sagte +Schultze, »bitte fahren Sie fort lieber Theobald, und lassen +Sie sich nicht irre machen von — von dem Herrn da.«</p> + +<p>»Allerliebste junge Mädchen standen daneben und credenzten +den Spatziergängern, die an ihren Tischen stehen blieben, +Kaffee, Thee oder Chokolade, und ich war auch zu einem der +Tische gegangen, an dem ein reizendes Kind mit etwas dunkler Haut +aber wundervollen Augen und langen kastanienbraunen +Locken —</p> + +<div class="poem"> +<p class="noindent"> +Die freie kühne Stirn von ihnen überwallt<br /> +Und in dem Blick, mit zauberischer Gewalt,<br /> +Den ganzen weiten Himmel offen,<br /> +Auf mich hernieder sah. — Betroffen,<br /> +Ja zitternd fast von Lust und Liebeswahn<br /> +Betrete ich des holden Mädchens Nähe<br /> +Und frage — stammle halb verzückt<br /> +Von solcher nie geahnten Schöne<br /> +Oh Holde sprich — « +</p> +</div> + +<p>»Ich bin verrückt,« fiel hier der Rothbart trocken ein, +den Reim completirend; während sich aber Theobald stolz und +indignirt von ihm abwandte, erklärten sich die übrigen Gäste +sämmtlich über den ewigen Störenfried entrüstet, und Steinert +besonders, der aufstand und in einer wohlgesetzten Rede den +Mann zu vernichten suchte, wandte sich dann wieder an den +Dichter und sagte —</p> + +<p>»Lassen Sie sich nicht irre machen Herr Theobald — Sie +wissen wohl — ein dicker fetter Mops ging einst im Mondenschein +spatzieren — erzählen Sie nur weiter; fahren Sie fort +in Ihrer treulich begonnenen Improvisation — Sie haben +aufmerksame, theilnehmende Zuhörer — da ist auch Ihr Punsch, +der wird Ihnen gut thun.«</p> + +<p>Theobald trank einen tüchtigen Schluck, aber den poetischen +Anlauf, den er genommen, fand er nicht wieder, und +erzählte nun den Reisegefährten mit prosaischen aber dadurch +auch kürzeren Worten, wie er über den Markt gegangen, bei +einem wunderhübschen, etwas dunkelhäutigen Mädchen stehen +geblieben und in Gedanken eine Tasse dünnen Kaffees nach der +anderen, jedesmal für 6¼ <i>cent</i> die Tasse, getrunken habe, +als eine arme, abgerissene alte Frau, vor Fieberfrost schüttelnd, +herangekommen sei, und sich dicht neben den Kaffeestand an einen +Pfeiler gekauert habe. Das junge Mädchen erkundigte sich theilnehmend +bei ihr was ihr fehle und schenkte ihr dann eine +Tasse heißen Kaffee ein, die die kranke Alte mit zitternden +Händen nahm und austrank, und mit innigem Dank wieder +zurückreichen wollte, als ein Mann, derselbe der ihm dieß +Gasthaus recommandirt habe, als er ihn am ersten Tag zufällig +auf der Straße traf, über den Weg wegsprang, der Frau +die Tasse aus der Hand riß und auf die Steine warf, daß sie +in tausend Scherben zersplitterte, und dann auf das holde, vor +Angst jetzt zitternde Kind lossprang, sie zweimal mit aller Kraft +auf die furchtgebleichten Wangen schlug, und sie in <span class="wide">deutscher</span> +Sprache mit den nichtswürdigsten Worten ausschalt und +schimpfte, weil sie den Kaffee, der ihrem Herrn gehöre, verschenke, +und die Tassen, aus denen kein Gentleman dann wieder +werde trinken wollen, solch schmutzigem alten Drachen zum +Gebrauch in die Hände gebe.</p> + +<p>»Das war zu viel« rief Theobald, in der Erinnerung an +die erlebte Schandthat noch einmal von seinem Stuhle aufspringend; +»ein deutsches Mädchen, denn dafür mußte ich die +Unglückliche jetzt halten, vor meinen Augen also mishandelt +zu sehn, konnte ich nicht ertragen, und mit zwei Sätzen auf +den Elenden zuspringend, faßte ich ihn bei der Brust, schleuderte +ihn zurück und schwur ihm, daß ich ihn zu Boden schlagen +würde, wenn er noch eine Hand gegen das Kind aufhebe, +das ich von diesem Augenblick an unter <span class="wide">meinen</span> Schutz +gekommen.« »Was?« schrie da der Bube, zu feige mir selber +männlich entgegen zu treten — »was? — wollen <span class="wide">Sie</span> sich hier +einmischen wenn ich meine <span class="wide">Sclavin</span> züchtige, — Sie Abolitionist +Sie?« — Und wie er das Wort sprach, und dann noch +einer Zahl vorübergehender Menschen etwas in Englischer +Sprache zurief, das ich nicht verstehen konnte, schrieen die +plötzlich »Ein Abolitionist — ein Abolitionist« und noch eine +Masse anderes Zeug und fielen über mich her, rissen mir den +Rock in Stücken, schlugen mich über den Kopf, und hätten +mich, glaub' ich, erwürgt, wenn nicht glücklicher Weise ein paar +Policeydiener zu meiner Rettung herbeigekommen wären, die +mich in Schutz nahmen und der Rotte aus den Händen rissen.«</p> + +<p>»Scheußlich — nichtswürdig — niederträchtig!« schrieen +die Deutschen in gerechter Entrüstung, nur der Mann mit dem +rothen Schnurrbart drehte diesen langsam in die Höhe und +sagte:</p> + +<p>»Sie können sich gratuliren daß Sie dießmal so weggekommen +sind; wer unter den Wölfen ist muß mit ihnen heulen, +und wer in einem Sclavenstaat leben will und nicht das Maul +halten kann, dem wäre wohler er hätte das Land nie gesehen!«</p> + +<p>»So, meinen Sie?« rief aber Theobald, noch von der +vorigen malitiösen Bemerkung entrüstet — »ich werde ihnen +aber hier beweisen was ich zu thun im Stande bin — sie +haben mich gereizt und sie sollen meine Rache fühlen.«</p> + +<p>»Gefährlich ist's den Leu zu wecken« sagte Steinert.</p> + +<p>»Und was können Sie thun?« frug der Rothbart achselzuckend.</p> + +<p>»Was ich thun kann?« rief Theobald, den Rest seines +Punsches auf einen Zug leerend — »ich habe eine Waffe die +sie zu Boden schmettern, und den Zorn der Völker auf sie niederrufen, +nein noch schlimmer, die sie der eigenen Schaam und +Verachtung preis geben soll.«</p> + +<p>»Und wenn's eine Kanone wäre mit lauter Spitzkugeln +geladen« sagte der Mann kopfschüttelnd, »und wenn sie mit +Dampf gefeuert würde, können Sie Nichts gegen diese Masse +und gegen Gewalt ausrichten.«</p> + +<p>»Es ist mehr wie das!« rief aber Theobald mit freudigem +Selbstbewußtsein — »es ist meine <span class="wide">Feder</span>!«</p> + +<p>»Bah« sagte der Rothbart, trank sein Glas aus, stand +auf und verließ das Zimmer.</p> + +<p>»Wer ist denn der unverschämte Gesell?« frug Steinert, +als jener die Thür hinter sich zugemacht hatte und draußen mit +dem Barkeeper abrechnete — »wo kommt er her und was +treibt er?«</p> + +<p>»Wenn Sie mir erlauben verehrter Herr« sagte der kleine +Mann mit der grünen Brille, indem er diese abnahm und sich +entschuldigend gegen Herrn Steinert verbeugte, »so ist dieser +Herr, so unscheinbar er da saß und aussah, Einer der reichsten +Leute in der Stadt, der vier Häuser in Canalstreet und einen +halben <i>square</i> in <i>Tchapitoulas street</i> besitzt.«</p> + +<p>»Den Teufel auch« rief Steinert.</p> + +<p>»Meine beiden Ohren stehen Ihnen zu Diensten wenn +ich nicht die Wahrheit rede,« bekräftigte aber der Höfliche seine +Worte, »der Herr mit dem langen rothen Schnurrbart weiß +kaum wie reich er ist, besucht aber regelmäßig sämmtliche +deutsche Wirthshäuser in denen Auswanderer einkehren, unterhält +sich mit ihnen und hat, wenn sie ihm gefallen, schon Manchens +Glück gemacht.«</p> + +<p>»Ja zum Donnerwetter Herr, warum haben Sie denn +das nicht gleich gesagt?« fuhr ihn Steinert an, während sich +der kleine Mann mit einem schüchternen Achselzucken etwas +weiter von ihm fort und wieder hinter seine grüne Brille zurückzog, +Theobald aber, durch die schlechte Behandlung und +den starken Punsch erregt, schwor daß der Mann, und wenn +er ein Millionair wäre, kein Herz im Busen und keine Ader +für Poesie habe, und verließ nach dieser anatomischen Behauptung +rasch das Zimmer sein eignes Lager zu suchen, oder sich +wenigstens der beschmutzten und zerrißnen Kleider zu entledigen.</p> + +<p>Die übrigen Gäste blieben noch eine Zeitlang, theils politisirend, +theils über die hiesigen Verhältnisse plaudernd, zusammen, +bis endlich Einer nach dem Anderen sein Glas austrank, +entweder zu Bett zu gehn, oder die eigene Wohnung +aufzusuchen. Nur ein einzelner Mann, der den ganzen Abend +still und lautlos in der dunkelsten Ecke des Zimmers gesessen +und seinen Grog für sich allein getrunken hatte, ohne mit +Einem der Übrigen zu verkehren, blieb noch zurück und bestellte, +als der großäugige Barkeeper vor ihm stehen blieb, als +ob er ihm ebenfalls andeuten wolle daß es Zeit sei zu Bett +zu gehn, noch ein letztes Glas als Abendtrunk.</p> + +<p>Als der Bursche hinaus in das Schenkzimmer ging, wo +er sein heißes Wasser stehen hatte, ihm das zu bereiten, trat der +Fremde (es war ein alter Bekannter von uns, und der Mann der +sich an Bord der Haidschnucke Meier genannt hatte) langsam +zu dem Tisch an dem die Zeitungen lagen, griff sich die Weserzeitung +heraus, suchte ein paar Secunden darin, und riß dann +den Theil des Blattes, auf dem der vorgelesene Steckbrief +stand, ab.</p> + +<p>»Hallo Sir — das sind neue Zeitungen« schrie ihn aber +der Barkeeper an, der in diesem Augenblick mit dem bestellten +dampfenden Grog wieder zurück in's Zimmer kam — »wer +hat Euch erlaubt da ein Stück herauszureißen?«</p> + +<p>»So?« sagte der Mann vollkommen ruhig; indem er das +Stück zusammendrehte und über dem Licht entzündete, sich seine +Pfeife anzubrennen — »ich glaubte es wären alte.«</p> + +<p>»Na ja, und nun verbrennen Sie's noch — «</p> + +<p>»Was kostet denn so eine Nummer — «</p> + +<p>»Was kostet so eine Nummer? — die sind hier gar nicht +wieder zu bekommen.«</p> + +<p>»Das thut mir sehr leid« sagte der Mann achselzuckend, +nahm das Glas, während der Fidibus ihm in der Hand bis +auf den Stumpf verbrannte, trank es auf einen Zug aus, und +verließ dann ebenfalls das Zimmer.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<h3>FOOTNOTES — FUSSNOTEN</h3> + + +<p class="noindent"><a name="g3fn1" id="g3fn1"></a><a href="#g3fn1r">1</a>: +Die Amerikanische Flagge ist weiß und roth gestreift mit einem +blauen Viereck in der oberen Ecke am Fahnenstock, das weiße Sterne +führt. Im Beginn der Union war deren Zahl 13, nach Anzahl der +Staaten, aber mit jedem neu hinzukommenden Staat wurde auch ein +Stern hinzugefügt.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn2" id="g3fn2"></a><a href="#g3fn2r">2</a>: +»Von wo kommt ihr her?«</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn3" id="g3fn3"></a><a href="#g3fn3r">3</a>: +Der Mississippi heißt in der bilderreichen Sprache der Indianer +der »Vater der Wasser.«</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn4" id="g3fn4"></a><a href="#g3fn4r">4</a>: +Es giebt Dampfboote auf dem Mississippi, die solcher Art 4000 +Amerikanische Ballen Baumwolle tragen.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn5" id="g3fn5"></a><a href="#g3fn5r">5</a>: +Die Levée von New-Orleans ist von New-Orleans selber nicht +zu trennen, denn sie macht den Hauptbestandtheil der Stadt aus und ist +ihr einziger Schutz gegen den oft 12-15 Fuß höher steigenden Strom. +Das ganze Ufer des Mississippi ist nämlich so niedrig, und war den jährlichen +Überschwemmungen des gewaltigen Stromes so ausgesetzt, daß +die Ansiedler, das werthvolle Land urbar zu erhalten, einen hohen Damm +am ganzen Ufer des Stromes hin errichten mußten. Die Franzosen, +unter deren Regierung dieser Damm besonders angelegt wurde, gaben +ihm den Namen Levée, den die Amerikaner später adoptirten, und die +Levée von New-Orleans, die jetzt an der ganzen Stadt über acht Engl. +Meilen weit herunter läuft ist, mit einer durchschnittlichen Breite von +100 Fuß und 15 Fuß über niedriger Wasser-Höhe angelegt, ein eben +so langer Landungs- und Stapelplatz der ungeheuren Waarenmassen, die +dort täglich aus dem Inneren und für das Innere bestimmt, gelandet +und geschifft werden, und läuft nach der Stadt zu in einem sanften +Abhang nieder, während nach dem Strom hin, wo dieser selber eine +nicht unbedeutende Strecke neuen Alluviallandes angespühlt hat, hie und +da schon hölzerne Werfte errichtet werden mußten, die Waaren trocken +und leicht landen zu können.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn6" id="g3fn6"></a><a href="#g3fn6r">6</a>: Etwa ein halber Thaler.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn7" id="g3fn7"></a><a href="#g3fn7r">7</a>: +Die Amerikanischen Dampfboote erhalten durch diese breiten <i>guards</i> +etwas sehr Eigenthümliches, da sie von dem eigentlichen, oft — etwa +sehr schmalen Rumpf des Bootes ab, eine Art Vorbau rings um dieses +selber bilden, wodurch es nicht selten <span class="wide">über</span> dem Wasser fast die doppelte +Breite seines <i>unter</i> Wasser befindlichen Rumpfes bekommt. Von +dem äußersten Rand der <i>guard</i> ab laufen dabei die unteren Stützen +des Zwischen-Decks, in dem sich auch <span class="wide">über</span> dem Wasser, die Maschine +mit den Kesseln befindet, und auf diesen ruht die Cajüte — der große +oft prachtvoll eingerichtete Salon, mit den Schlafplätzen der Passagiere +und oberen Officiere des Bootes.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn8" id="g3fn8"></a><a href="#g3fn8r">8</a>: +Es ist ein ziemlich allgemeines Vorurtheil in Deutschland, daß +man unter dem Wort Kreole sich einen von Indianischen Blut Entsprossenen +denkt. Creole bedeutet in Amerika und Westindien, wo das Wort +besonders gebräuchlich ist und (wahrscheinlich von <i>criar,</i> erschaffen, herstammend) +einen im Lande selber aber von rein Europäischen Eltern +Geborenen. Die Halbabkömmlinge der Indianer, Mischlinge von Europäern +(oder Creolen) und Indianern heißen Mestizen.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn9" id="g3fn9"></a><a href="#g3fn9r">9</a>: +<i>Escalin</i> wird der spanische Real genannt, der in Nord-Amerika +noch andere Namen hat; so heißt er, besonders in den Südlichen Staaten +<i>bit</i>, in New-York <i>Shilling</i>. Es ist Spanisches Geld von 12½ +<i>cent</i> oder ein Achtel Dollar Werth. Das wirklich Amerikanische Geld +nach Decimaleintheilung kennt nur als kleinere Silbermünze <i>dimes</i> (10 +<i>cent</i>) und <i>half dimes</i> (5 <i>cent</i>).</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn10" id="g3fn10"></a><a href="#g3fn10r">10</a>: +Englische Meilen, etwas über vier auf die deutsche.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn11" id="g3fn11"></a><a href="#g3fn11r">11</a>: +<i>Rifle</i> heißt im Allgemeinen die Amerikanische lange Büchse, obgleich +<i>rifled</i> eigentlich nur »gezogen, mit Zügen versehn« bedeutet.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn12" id="g3fn12"></a><a href="#g3fn12r">12</a>: Im Flußbett festsitzende Stämme.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn13" id="g3fn13"></a><a href="#g3fn13r">13</a>: +Pottersfield wird in New-Orleans der Begräbnißplatz genannt, +auf den die Armen kommen, die kein Grab in den gemauerten Behaltern +bezahlen können.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn14" id="g3fn14"></a><a href="#g3fn14r">14</a>: +Die Beschreibung des Bootes selber mag mir der Leser erlassen, +ich habe derartige Fahrzeuge schon flüchtig in meinen Streif- und Jagdzügen, +ganz ausführlich aber in den Mississippibildern 2ter Band in der +Erzählung »Sieben Tage auf einem Amerikanischen Dampfboot« geschildert, +und muß ihn darauf verweisen.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn15" id="g3fn15"></a><a href="#g3fn15r">15</a>: +Die einzelnen Schaufeln am Rad.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn16" id="g3fn16"></a><a href="#g3fn16r">16</a>: Virginien.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn17" id="g3fn17"></a><a href="#g3fn17r">17</a>: +Holztragen, Holztragen meine Burschen.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn18" id="g3fn18"></a><a href="#g3fn18r">18</a>: +Das <i>Bowieknife</i> (sprich Buih), nach seinem Erfinder so genannt, +ist ein schweres Messer etwa 12 Zoll lang und drei am Heft breit, mit +einer Stärke im unteren Rücken von reichlich ein Viertel, oft ein Drittel +Zoll, was ihm zum Hieb eine furchtbare und gefährliche Wucht giebt. +Die Spitze ist gebogen und nach hinten etwas ausgeschnitten, aber an +beiden Seiten haarscharf, und dieß Messer, selbst in der Hand eines +ganz schwachen Menschen, eine entsetzliche Waffe.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn19" id="g3fn19"></a><a href="#g3fn19r">19</a>: +Die von der reinen Afrikanischen Race Abstammenden heißen +Neger; Abkömmlinge von Weißen und Negern — Mulatten, und +von Weißen und Mulatten — Quadroonen — Alle, in den Vereinigten +Staaten unter dem allgemeinen Begriff <span class="wide">Farbige</span> oder dem Spottnamen +Nigger begriffen. Die Kinder von Weißen und Quadroonen — +da sich die Quadroonen selber oft kaum von Weißen in Farbe und +Haar unterscheiden lassen, sind, selber wenn die Quadroonin Sclavin +wäre, <span class="wide">frei.</span></p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn20" id="g3fn20"></a><a href="#g3fn20r">20</a>: Kein Zutritt.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn21" id="g3fn21"></a><a href="#g3fn21r">21</a>: +Die ersten Anfänge einer Farm, das eben erst urbar gemachte +Land.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn22" id="g3fn22"></a><a href="#g3fn22r">22</a>: +<i>frame</i> Häuser heißen in Amerika die von einem hölzernen Gestell +gebauten und auswendig mit Bretern übernagelten Gebäude.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn23" id="g3fn23"></a><a href="#g3fn23r">23</a>: erster Klasse.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn24" id="g3fn24"></a><a href="#g3fn24r">24</a>: +<i>to take care</i> Sorge für etwas tragen.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn25" id="g3fn25"></a><a href="#g3fn25r">25</a>: <i>to catch</i> fangen.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn26" id="g3fn26"></a><a href="#g3fn26r">26</a>: +<i>to be in a fix,</i> sich in schwieriger Lage befinden.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn27" id="g3fn27"></a><a href="#g3fn27r">27</a>: +<i>gum</i> von Gumbaum nennt man in den ersten Ansiedlungen abgesägte +Stöcke hohler Gumbäume, die von den »Settlern« theils zum +Aufbewahren von Salz und anderen Sachen, wie auch als Stühle benutzt +werden.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn28" id="g3fn28"></a><a href="#g3fn28r">28</a>: Hügelrücken.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn29" id="g3fn29"></a><a href="#g3fn29r">29</a>: Die kleinen Güterkarren.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn30" id="g3fn30"></a><a href="#g3fn30r">30</a>: +Eine eigene Mischung von Genevre, Wasser, Zucker und bitteren +Tropfen.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn31" id="g3fn31"></a><a href="#g3fn31r">31</a>: Dank Euch.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn32" id="g3fn32"></a><a href="#g3fn32r">32</a>: +Zwei Bit — der Bit eine Amerikanische, im Süden der Vereinigten +Staaten sogenannte Geldmünze von 12½ Cent, etwa 5 Silbergroschen +an Werth.</p> + +<p class="noindent"><a name="g3fn33" id="g3fn33"></a><a href="#g3fn33r">33</a>: +<i>Dinner</i> Mittagessen <i>bell</i> die Glocke in dem schauerlich verderbten +Dialekt der Amerik. Deutschen »zum Mittagsessen geläutet.«</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<table class="small" border="0" style="background-color: #E6E6FA; margin: 0 auto" cellpadding="6" summary="NOTES"> +<tr> +<td colspan="2"> + <div class="center">TRANSCRIBER'S NOTE — ZUR KENNTNISNAHME</div> +</td> +</tr> + +<tr> +<td valign="top"> +<p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA"> +Contemporary spellings have generally been retained even +when inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been +corrected and some names regularised; missing punctuation has been silently added.</p></td> + +<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA"> +Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, +auch wenn gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. +Einige wenige orthografische Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; +fehlende Zeichensetzung wurde ergänzt.</p></td> +</tr> +<tr> + <td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA"> +The following additional changes have been made; they can be identified +in the body of the text by a grey dotted underline:<br /> +</p></td> + +<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA"> +Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen +und sind im Text grau unterstrichelt:</p></td> +</tr> + +<tr> + <td valign="top">die er nicht glaubte unbenutzt vorübergehn zu lassen seine Kenntnisse zu zeigen</td> + <td valign="top">die er nicht glaubte unbenutzt vorübergehn <i>lassen zu können, ohne</i> seine Kenntnisse zu zeigen</td> +</tr> + +<tr> + <td valign="top">Weinkampf</td> + <td valign="top"><i>Weinkrampf</i></td> +</tr> + +<tr> + <td valign="top">Marie, die (…) Zeuge der Scene gewesen waren</td> + <td valign="top">Marie, die (…) Zeuge der Scene gewesen <i>war</i></td> +</tr> + +<tr> + <td valign="top">breitrundigen</td> + <td valign="top">breiträndigen</td> +</tr> + +<tr> + <td valign="top">unter keine Bedingung</td> + <td valign="top">unter <i>keiner</i> Bedingung</td> +</tr> + +<tr> + <td valign="top">auf weißen Schild</td> + <td valign="top">auf <i>weißem</i> Schild</td> +</tr> + +<tr> + <td valign="top">hintergewürgt</td> + <td valign="top"><i>hinuntergewürgt</i></td> +</tr> + + <tr> + <td valign="top">Regenschirm unter dem linken Arm gedrückt</td> + <td valign="top">Regenschirm unter <i>den</i> linken Arm gedrückt</td> +</tr> + + <tr> + <td valign="top">als hätte er sogar wollen</td> +<td valign="top">als hätte er <i>sagen</i> wollen</td> +</tr> + +<tr> + <td valign="top">das das endlich erreichte Land</td> + <td valign="top"><i>das</i> endlich erreichte Land</td> + </tr> + + <tr> + <td valign="top">andere (…) gesalzenes Schweinefleisch (…) bringen</td> + <td valign="top">andere (…) <i>die</i> gesalzenes Schweinefleisch (…) bringen</td> +</tr> + + <tr> + <td valign="top">Rücken</td> + <td valign="top"><i>Röcken</i></td> +</tr> + + <tr> + <td valign="top">verleitete</td> + <td valign="top"><i>verleidete</i></td> +</tr> + + <tr> + <td valign="top">wunderbaren aber doch durchdringenden Weiche</td> + <td valign="top">wunderbaren aber doch durchdringenden <i>Weise</i></td> +</tr> + + <tr> + <td valign="top">redete ihn aber jetzt der Pensylvanier</td> + <td valign="top">redete ihn aber jetzt der Pensylvanier <i>an</i></td> +</tr> + + <tr> + <td valign="top">warm entgegendufte</td> + <td valign="top">warm <i>entgegenduftete</i></td> +</tr> + + <tr> + <td valign="top">Augenbraunen</td> + <td valign="top"><i>Augenbrauen</i></td> +</tr> + + <tr> + <td valign="top">Rocktragen</td> + <td valign="top"><i>Rockkragen</i></td> +</tr> +</table> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! DRITTER BAND *** + +***** This file should be named 29746-h.htm or 29746-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/9/7/4/29746/ + +Produced by Delphine Lettau, Clive Pickton and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> + diff --git a/29746-h/images/il1r.jpg b/29746-h/images/il1r.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f15635d --- /dev/null +++ b/29746-h/images/il1r.jpg diff --git a/29746-h/images/il2r.jpg b/29746-h/images/il2r.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..395cc8a --- /dev/null +++ b/29746-h/images/il2r.jpg diff --git a/29746-h/images/il3r.jpg b/29746-h/images/il3r.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..87ce2fe --- /dev/null +++ b/29746-h/images/il3r.jpg diff --git a/29746-h/images/il4r.jpg b/29746-h/images/il4r.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..25b6060 --- /dev/null +++ b/29746-h/images/il4r.jpg |
