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+Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Nach Amerika! Dritter Band
+ Ein Volksbuch
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Illustrator: Carl Reinhardt
+
+Release Date: August 21, 2009 [EBook #29746]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! DRITTER BAND ***
+
+
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+
+Produced by Delphine Lettau, Clive Pickton and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Nach Amerika!
+
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+
+ Ein Volksbuch
+ von
+ Friedrich Gerstäcker.
+ Illustrirt von Carl Reinhardt.
+
+
+ Dritter Band.
+
+
+ Leipzig,
+ Hermann Costenoble,
+ Verlagsbuchhandlung
+
+ Berlin,
+ Rudolph Gaertner,
+ Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.
+
+ 1855.
+
+
+
+
+ Inhalt des dritten Bandes
+
+ Die Mündung des Mississippi 1
+ New-Orleans 37
+ An Land 65
+ Abschied der Passagiere 93
+ Der Mississippi 123
+ Leben an Bord des Dampfers 149
+ Die Ufer des Mississippi und Ohio 180
+ Die Farm in Indiana 209
+ Das deutsche Wirthshaus in New-Orleans 257
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+Die Mündung des Mississippi.
+
+
+Die Brise wurde stärker, und die Passagiere hatten bald alles Andere in
+dem einen Gefühl der Landung vergessen. Das niedere Ufer, an dem sich
+freilich noch immer keine Berge entdecken ließen, so viel auch die Leute
+mit bewaffneten und unbewaffneten Augen danach spähten, trat dabei mehr
+und mehr heraus. Dort ließ sich schon die Einfahrt selbst unterscheiden,
+wo der gewaltige Mississippi in den Golf von Mexico mündet, und »süßes
+Wasser« kam ihnen von da wieder aus dem Land ihrer Sehnsucht entgegen
+-- ein Fluß war es, der sie bald mit beiden Armen liebend umfangen
+sollte, und die See, die weite öde See lag hinter ihnen, wie ein
+schwerer Traum.
+
+Selbst die Cajütenpassagiere gingen jetzt ernstlich daran ihre Sachen zu
+packen und sich auf eine baldige Landung vorzubereiten, und die Matrosen
+waren unter der Leitung des Untersteuermanns emsig damit beschäftigt
+die beiden, auf der Back liegenden Anker »klar« zu machen, und die große
+mächtige Kette gliederweis heraufzuheben aus ihrem dunklen Bett, und an
+Deck auszulegen.
+
+Die meisten der Zwischendeckspassagiere glänzten heute in ihrem
+Sonntagsstaat, und selbst Steinert und Mehlmeier waren wie buntfarbige
+Tagfalter aus ihrer, allerdings etwas unscheinbaren und schmutzigen
+Verpuppung hervorgegangen. Steinert besonders war das Erstaunen der
+übrigen Passagiere, obgleich sie die Verwandlung hatten Stück für
+Stück vor sich gehen sehn. Er trug vor allen Dingen ein schneeweißes
+geplättetes Hemd, das er sich für diesen Moment besonders aufgespart,
+dann eben solche Hosen mit Strippen, spiegelblank gewichste Stiefeln,
+eine sehr buntfarbige helle Piquéweste mit rothen Glasknöpfen, einen
+blauen Frack mit blanken Metallknöpfen, eine sehr dicke blau- und
+rothseidene Cravatte mit entsprechenden Vatermördern, und einen höchst
+modernen, sorgfältig gebürsteten Seidenhut auf dem Kopf, den er nur
+manchmal abnahm, sich in dem darin befindlichen kleinen Spiegel anzusehn,
+dann die steinbesetzten Hemdknöpfchen ein wenig mehr zurecht rückte, die
+goldene Uhrkette mit dem großen Carniol als letzte Vollkommenheit etwas
+weiter herauszog, und schließlich vollständig mit sich zufrieden war.
+
+Die Frauen und Mädchen kicherten mit einander -- das Begräbniß war
+lange vergessen -- und manche der Männer amüsirten sich gerade so über
+ihn, wie sie sich vorher über den improvisirten Handwerksburschen
+gefreut hatten. Steinert aber schien mit dem blauen Frack auch einen
+vollkommen neuen Menschen angezogen, und seine frühere Gesellschaft von
+sich geschüttelt zu haben, denn er sprach, Mehlmeier ausgenommen, mit
+Niemandem mehr, und ging nur, den Blick oft und ungeduldig nach dem
+Quarterdeck hinüber werfend, als ob er dort Jemanden suche oder erwarte,
+mit raschen Schritten den Gangweg zu luvwärts auf und ab. Der Einzige
+der ihn dabei ärgerte war Maulbeere.
+
+»#A la bonheur# Herr Steinert« sagte dieser, als er ihm zuerst in
+solchem Glanz und Schmuck begegnete -- »_sehre_ schön -- ganz außer
+ordentlich sehre schön.«
+
+»Lieber Maulbeere lassen Sie mich zufrieden, ich habe Nichts mit Ihnen
+zu thun« sagte Steinert, und drehte sich von ihm ab.
+
+»Ne wahrhaftig Herr Steinert« sagte aber Maulbeere in höchstem Ernst,
+und mit beruhigender Handbewegung, »das thut kranken Augen ordentlich
+wohl Sie nur anzuschauen -- und das feine Tuch zum Frack -- wie Sammet.«
+
+»Rühren Sie mich nicht an, wenn ich bitten darf« rief aber jetzt der
+Weinreisende, ernstlich böse gemacht, als der Scheerenschleifer, der
+heute womöglich noch struppiger und ungewaschener aussah wie je, mit dem
+Zeige- und dritten Finger der rechten Hand vorsichtig und bewundernd an
+dem linken Ärmel des ihn eben wieder Passirenden niederstrich.
+
+»Bitte tausendmal um Entschuldigung« sagte Maulbeere aber in spöttischer
+Devotion, rasch und erschreckt den Arm zurückziehend -- »hatte keine
+Idee daß es abfärbte. -- Und die schöne Uhrkette -- ist doch
+vortrefflich gearbeitet, sieht genau so aus als ob es wirkliches Gold
+wäre -- ja das machen sie jetzt famos.«
+
+Steinert warf den Kopf auf die Seite und ging, dem fatalen Menschen den
+Platz räumend, auf den anderen Gangweg hinüber, seinen Spatziergang
+fortzusetzen; Maulbeere aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen,
+kroch und kletterte auf Händen und Füßen, wie ein großer ungeschlachter
+Orang Utang dem er in diesem Augenblick merkwürdig ähnlich sah, ebenfalls
+auf die andere Seite hinüber, glitt dort auf eines der Wasserfässer,
+wo die Leiche noch vor kaum einer Stunde gelegen hatte und fuhr, als
+Steinert jetzt wieder an ihm vorüber mußte, ganz unbefangen in seinen
+drüben begonnenen Bemerkungen fort.
+
+»Strupfen sind freilich unbequem unter den Hosen an Bord -- platzen
+leicht wenn man sich bückt, aber hübsch sehn die Beine damit aus
+-- schade daß Sie etwas eingebogene Knie haben.«
+
+Steinert mußte seinen Spatziergang aufgeben; denn von den übrigen
+Passagieren sammelten sich schon Manche, die schadenfroh die Bemerkungen
+des alten Maulbeere mit anhörten, und auch laut darüber lachten.
+
+Auf dem Quarterdeck ging aber der junge Henkel, seine graue Reisemütze
+fest in die Stirn gezogen, den Rock bis oben hin zugeknöpft, und die
+rechte Hand vorn in der Brust, die linke auf dem Rücken liegend, allein
+und mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt auf und ab, und Steinert,
+der auf ihn gewartet zu haben schien, erstieg mit raschen Schritten den
+ihm verbotenen Platz.
+
+Gerade in dem Augenblick kam der Capitain von unten aus der Cajüte, sah
+den Zwischendeckspassagier auf dem geheiligten Boden der Cajüte, und
+frug ziemlich kurz angebunden den sich zierlich gegen ihn Verbeugenden,
+ohne den Gruß auch nur mit einem Blick zu erwiedern:
+
+»Wen suchen Sie?«
+
+»Ich habe mit dem Herrn dort etwas von Wichtigkeit zu reden, Herr
+Capitain« sagte Steinert, den seine gewohnte Zuversichtlichkeit, dem
+stets ernsten und strengen Capitain gegenüber doch in etwas verließ,
+noch dazu da er wußte, daß er sich auf verbotenem Grund befand, ungemein
+artig und zuvorkommend.
+
+»Mit Herrn Henkel?«
+
+»Ja wohl Herr Capitain.«
+
+Henkel hob, als er seinen Namen hörte, rasch den Kopf und fixirte
+den in der neuen Kleidung nicht gleich Erkannten scharf und
+mißtrauisch. Der Capitain gab übrigens dem gar so stattlich angezogenen
+Zwischendeckspassagier, wenn auch nicht gerade mit eben freundlichem
+Gesichte Raum, und dieser kam jetzt, den Hut in der Hand, auf Henkel zu
+und sagte verbindlich:
+
+»Herr Henkel, ich habe schon lange nach dem Vergnügen getrachtet Ihre
+werthe persönliche Bekanntschaft machen zu dürfen -- Convenienzen die
+uns bis jetzt getrennt haben, wissen Sie -- hatte auch keine Ahnung
+dabei daß die Schiffsordnung so streng sei -- »D'rum prüfe wer sich
+ewig bindet« -- würde sonst jedenfalls selber Cajütspassage genommen
+haben. Doch das ist jetzt zu spät, und da wir nun dem Lande der
+Gleichheit und allgemeinen Freiheit so nahe sind, ja uns eigentlich
+nach völkerrechtlichen Grundsätzen auf deren Gebiet #quasi# Ankergrund
+befinden, habe ich mir die Privatfreiheit genommen -- wenn ich Sie nicht
+störe, heißt das -- Ihre Zeit, wenn auch nur für wenige Minuten zu
+beanspruchen -- die Zeit ist kurz die Reu ist lang.«
+
+»Womit kann ich Ihnen dienen?« sagte Henkel mit einer leisen wie
+zustimmenden Verbeugung -- »Sie sehen daß ich jetzt nicht beschäftigt
+bin -- darf ich Ihnen einen Sitz anbieten?«
+
+»Bitte« sagte Steinert, und ließ sich ohne weiteres auf der nächsten
+Bank nieder, während Henkel vor ihm, an die eiserne Railing gelehnt,
+stehen blieb. »Was mich hierher treibt zu Ihnen?« fuhr Steinert endlich
+fort, nachdem er den ungewohnten Hut bald aus der einen in die andere
+Hand genommen, und immer vergebens gesucht hatte ihn in die richtige
+Lage zu bringen, bis er ihn endlich neben sich auf die Bank stellte
+-- »ist der Wunsch etwas Gediegenes, Wahres über das Land zu hören, dem
+wir uns jetzt, von den Flügeln des Windes getragen, nähern; »Eilende
+Wolken« wissen Sie wohl, »Segler der Lüfte«. Sie kennen es von eigener
+Anschauung, Sie vor Allen scheinen mir auch, Ihrem ganzen Äußern nach
+der Mann zu sein, der im Stande ist ein richtiges und allgemeines
+Urtheil zu fällen, und um das komme ich, Sie zu ersuchen.«
+
+»Und in welchem Fach?« frug Henkel, einen leichten Seufzer dabei
+unterdrückend, aber sich doch mit einer gewissen Geduld der langweiligen
+Einleitung fügend; von Hopfgarten war indessen ebenfalls an Deck
+gekommen, und ging hinter ihnen langsam auf und ab -- »für welchen
+Geschäftszweig wünschen Sie --«
+
+»Erlauben Sie mir« fiel ihm aber Steinert rasch in's Wort, »daß ich
+Ihnen vorher noch eine kleine Bemerkung vorausschicke, eine Bemerkung
+die Sie überzeugen mag, wie ich nicht eben in das Blaue hinein einen
+Plan zur Auswanderung gefaßt, sondern mich ziemlich genau nach Allem
+erkundigt, und besonders Alles gelesen habe, was je darüber geschrieben
+worden. Amerika ist ein Land wo Einem die gebratenen Tauben _nicht_
+in's Maul fliegen, so viel steht fest, das ist Thatsache, und Sie mögen
+deshalb versichert sein, daß ich nicht mit extravaganten Erwartungen,
+unmöglich zu erfüllenden Hoffnungen etc. hinübergehe -- ankomme,
+könnte man jetzt fast sagen. Meine früheren Schicksale können Ihnen
+gleichgültig sein -- »weit in nebelgrauer Ferne, liegt mir das
+verlass'ne Glück« -- es ist vorbei, und ich muß Ihnen jetzt nur vor
+allen Dingen sagen daß ich Kaufmann bin, und es für vortheilhaft halten
+würde eine kurze Zeit erst, ehe ich mich selbstständig etablirte, in
+irgend eine Condition zu treten, sei es auch nur auf zwei oder drei
+Monat, die Verhältnisse dort vor allen Dingen durch Augenschein genau
+kennen zu lernen.«
+
+»Conditionen« begann Henkel, als ihm der Weinreisende wieder in die Rede
+fiel:
+
+»Sind vielleicht nicht so ganz leicht gleich zu bekommen, ja das glaub
+ich; auch das habe ich schon mehrfach gelesen; aber wissen Sie, ich bin
+auch zugleich _Geschäftsmann_, und Ihnen, Herr Henkel, brauche ich nicht
+zu sagen daß Amerika gerade das Land der wirklichen Geschäftsleute ist
+-- Sie wissen das ja am besten aus eigener Erfahrung. Übrigens stehe ich
+auch noch mit dem Haus für das ich in Deutschland gereist bin: Schwartz
+und Pelzer, eines der bedeutendsten Häuser in Frankfurt in selbst intimer
+Verbindung. Der Mensch muß so viel Eisen als möglich im Feuer haben,
+wenn er in dieser Welt reussiren will, und ich habe es für zweckmäßig
+gehalten keine Brücke hinter mir abzubrechen, so lange ich sie mit
+Bequemlichkeit gangbar halten konnte. Sie werden mir darin Recht geben
+Herr Henkel. Auch darüber sind Sie vielleicht im Stande mir Auskunft zu
+ertheilen, verehrter Herr, ob und wiefern ich auf einen Absatz in diesem
+Geschäft, wenn alle übrigen Stricke rissen, und günstigen Erfolg wohl
+rechnen könnte.«
+
+»Um deutsche Weine in Amerika zu verkaufen?« frug Henkel.
+
+»Allerdings -- freilich kann ich mir denken« fuhr Steinert rasch fort,
+ohne dem Gefragten Zeit zu einer direkten Antwort zu geben, »daß der
+amerikanische Markt zu Zeiten mit solchen Vorräthen überfüllt sein mag,
+denn es werden enorme Massen von Wein auch wohl von anderen Ländern
+hinübergeschickt, _gute_ Waare hält aber doch, wie ich _Ihnen_ nicht
+zu sagen brauche, ihren Werth, und wenn die Leute erst einmal merken
+daß sie prompt und reell bedient werden, dann sind sie gar nicht mehr
+wegzutreiben aus der Kundschaft; ich habe darüber unendlich viel
+Erfahrungen gesammelt, in meinem Leben, und Sie sind darin gewiß ganz
+meiner Meinung. Übrigens habe ich einige vortreffliche Empfehlungen, an
+sehr bedeutende Häuser in New-Orleans; glauben Sie nicht daß _die_ mit
+etwas nützen können? -- Ich baue nicht etwa zu viel, oder gar einzig und
+allein darauf,« fuhr er dabei rasch fort, als ob er fürchte daß ihm Herr
+Henkel die Hoffnung über den Haufen werfen könne, und ehe dieser auch
+nur im Stande war eine Sylbe darauf zu erwiedern -- »_selbst_ ist der
+Mann und die Empfehlung die man im eigenen Kopfe trägt ist immer die
+Beste, und man kann sich am Festesten auf sie verlassen, aber jedenfalls
+sind es doch immer Einführungen in gute Häuser -- so zu sagen gestempelte
+Visitenkarten. Ein Freund von mir hat zum Beispiel eine brillante
+Parthie, nur durch solch einen einfachen Empfehlungsbrief gemacht, er
+mußte zwar seine Braut -- seine jetzige Frau -- entführen und die Eltern
+waren außer sich darüber -- haben die Tochter auch enterbt, aber was
+wollen Eltern in einem solchen Fall machen, wenn der Priester erst
+einmal seinen Segen darüber gesprochen hat -- dann ist die Geschichte
+aus, und das Klügste was sie thun können ist, daß sie ebenso thun als ob
+sie selber damit zufrieden wären. -- O zarte Sehnsucht süßes Hoffen; der
+ersten Liebe goldne Zeit --«
+
+»Aber Sie wünschten, soviel ich verstanden habe, irgend etwas Specielles
+über Amerika zu erfahren« sagte Henkel, dem das Gespräch mit dem Mann
+anfing unbequem zu werden.
+
+»Allerdings, mein verehrter Herr Henkel« sagte Steinert, einen
+flüchtigen Blick in den Hut werfend, ob seine Frisur auch noch nicht
+durch den Wind gelitten habe -- »ich möchte ungemein gern einen Blick in
+das Verhältniß thun, in dem in Amerika der Commis z. B. zu seinem
+Principal, und die Geschäftswelt im Allgemeinen zu der politischen Welt,
+von einem rein menschlichen Standpunkte aus genommen, steht. -- Ich muß
+Ihnen dabei voraus bemerken« setzte er wieder rasch hinzu, als er sah
+daß Henkel etwas darauf antworten wollte, »daß ich schon von einem dort
+lebenden Freund einige sehr werthvolle Briefe über Amerika besitze, in
+denen er mir das dortige Leben flüchtig -- mehr allerdings in Anekdoten
+die in unser Fach schlagen -- schildert. Es ist aber Nichts gefährlicher
+als sich auf einseitige Urtheile, die doch immer hie und da durch ein
+gewisses Verhältniß bestimmt sein können, zu verlassen, und ich habe mir
+deshalb besonders die Freiheit genommen Sie aufzusuchen. Glauben Sie
+übrigens nicht« fuhr er ohne weiteres fort, »daß ich, wie viele meiner
+Landsleute, den höchsten Werth gerade in jene so oft herausgehobene
+Gleichheit der Amerikanischen Bürger setze -- ich weiß recht gut daß ein
+allgemeiner Leiter des Geschäftes nicht allein unbedingt nöthig, sondern
+auch für die Engagirten höchst angenehm und bequem ist; der vernünftige
+Mann fügt sich dabei leicht in das, was ihm selber als nothwendig
+erscheint, aber gerade diese Gleichberechtigung des einen Standes selbst
+der höchsten Aristokratie gegenüber, hat doch auch wieder, wie sich
+nicht leugnen läßt, etwas sehr Angenehmes und Verlockendes, darf aber
+natürlich, wie Sie gewiß auch der Meinung sind, unter keinen Umständen
+gemisbraucht werden.«
+
+»Allerdings« sagte Henkel, der es jetzt aufgegeben hatte irgend etwas
+Selbständiges zu äußern, und den Mann eben ausreden ließ.
+
+»Das steht also auch fest« sagte Steinert, mit einer verbindlichen
+Verbeugung für die Anerkennung, »daß eben unser Stand, der uns die
+freie Bewegung nach allen Seiten läßt, einer der angenehmsten im ganzen
+weiten Reiche sein müßte, und man, wenn man nicht gerade mit zu großen
+Erwartungen hinüber geht, ja eigentlich eher auf einzelne kleine
+Enttäuschungen gefaßt ist, eines ziemlich sicheren Erfolges, natürlich
+den einzelnen Fähigkeiten entsprechend, auch gewiß sein könne, nicht
+wahr? -- Ich versichere Sie, Herr Henkel, daß es mir eine große
+Beruhigung gewährt, diese Ansicht auch von Ihnen, der das Land doch
+durch und durch kennt, vertreten zu sehn, und ich bin Ihnen in der That
+ungemein verpflichtet, verehrter Herr, für Ihre gütige Bereitwilligkeit,
+mir darin Auskunft zu geben.«
+
+»Wenn Ihnen das Wenige genügt« sagte Henkel, der trotz seiner sonst
+ernsten Stimmung doch ein Lächeln nicht verbergen konnte, indem er sich
+von der Railing, an der er gelehnt, aufrichtete.
+
+»Oh bitte« rief aber Steinert, »guter Rath kommt oft vor guter That,
+und wer nur ein wenig Auffassungsgabe hat, für den ist ein Wink soviel,
+wie eine ganze Predigt für einen minder Begabten. Entschuldigen Sie nur
+daß ich Sie vielleicht indeß von einer angenehmeren Beschäftigung
+abgehalten habe.«
+
+Er war indessen ebenfalls aufgestanden und, seinen Hut in der Hand, im
+Begriff das Quarterdeck wieder zu verlassen.
+
+»Ganz und gar nicht« sagte Henkel, froh so billigen Kaufs davongekommen
+zu sein, setzte aber mit leiser Ironie im Ton, die jedoch an Steinert
+gänzlich verloren ging, hinzu -- »und wenn Sie wieder eine Auskunft
+wünschen sollten, die ich im Stande wäre Ihnen zu geben, so stehe ich
+mit Vergnügen zu Diensten.«
+
+»Zu gütig -- zu gütig in der That« sagte der Weinreisende, seinen Hut in
+der Hand herumdrehend, »aber -- aber _eine_ Frage möchte ich mir doch
+noch, und zwar mehr vom particularistischen Standpunkte aus erlauben.
+Sie sind in New-Orleans ansässig, mein verehrter Herr Henkel?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Werden sich dort etabliren?«
+
+» -- Ja.«
+
+»Dürfte ich mir in dem Fall erlauben« sagte Herr Steinert, indem er
+seinen Hut unter den linken Arm drückte und seine Brieftasche aus der
+linken Brusttasche nahm, »Ihnen unser Haus, in allen Arten von feinen
+und leichten Rheinweinen, Rheinischen Champagnern und Pfälzer Weinen zu
+empfehlen -- hier die Adresse mit Preiscourant und der Versicherung
+billiger, rascher und prompter Bedienung.«
+
+»Aber ich weiß nicht ob ich --«
+
+»Bitte« unterbrach ihn Steinert rasch, »ist auch für den Augenblick gar
+nicht nöthig -- für später vielleicht -- ist auch nicht etwa des Nutzens
+wegen, verehrter Herr, nur wirklich der Annehmlichkeit wegen, mit Ihnen
+in eine angenehme Geschäftsverbindung zu treten. Ich bin auch dabei so
+von der Solidität unseres Hauses überzeugt, daß ich in diesem Augenblick
+wirklich nicht weiß Ihnen meine Dankbarkeit auf eine bessere und
+würdigere Weise dazuthun. 'Werde mir dann schon die Freude machen Sie in
+New-Orleans wieder aufzusuchen, wozu ich Sie noch ersuchen möchte, mir
+gefälligst Ihre dortige Adresse zukommen zu lassen.«
+
+»Meine Adresse?« sagte Henkel, den Mann indessen einige Secunden scharf
+fixirend -- »schön -- ich werde Ihnen meine Adresse geben. Sie ist für
+die ersten Tage im St. Charles Hotel -- sollte ich da ausgegangen sein,
+bin ich bei diesem Herrn« -- er nahm zugleich eine Karte aus seiner
+eigenen Brieftasche -- »zu erfragen. Es ist nicht unmöglich daß wir ein
+Geschäft zusammen machen.«
+
+»Sie haben mich zu doppeltem Danke verpflichtet« sagte Steinert, »nun
+erlauben Sie aber daß ich mich entferne« setzte er dann mit etwas
+leiserer Stimme und einem Seitenblick auf den, immer noch unfern davon
+stehenden Capitain hinzu, »denn der alte Seearistokrat dort wird schon
+ungeduldig über mein langes Hierobensein -- #eh bien#, wir kommen bald
+an einen Ort, wo das ganze Land ein einziges Quarterdeck ist, und der
+Unterschied der Stände fällt, bis dahin, mein bester Herr Henkel, habe
+ich die Ehre mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen und zeichne mich
+indessen als Ihr ergebenster Adalbert Steinert.«
+
+Mit einer halbrunden Verbeugung dabei, die Herrn Henkel in der Mitte,
+mit Herrn von Hopfgarten und den Capitain an den Flanken zugleich
+einschloß, verließ er das Quarterdeck und stieg wieder in sein
+Territorium hinab, wo er aber noch nicht drei Schritte gethan, als er
+schon wieder von Maulbeere, der ihm hier jedenfalls aufgelauert haben
+mußte, begrüßt wurde.
+
+»Nun, Herr Steinert, schon Geschäfte gemacht auf Amerikanischem Grund
+und Boden -- das ist recht, die stolzen Burschen, die sich mit uns
+Zwischendeckspassagieren nicht abgeben wollten, müssen mit saueren
+Weinen angeschmiert werden; darin liegt Charakter.«
+
+»Herr Maulbeere, ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten.«
+
+»Ne wahrhaftig« sagte aber der unverwüstliche Scheerenschleifer, »das
+geschieht ihnen ganz recht, und ich wünsche den Hochnasen nichts
+Besseres, als daß sie _Ihnen_ in die Klauen fallen.«
+
+Steinert setzte seinen Hut auf, steckte die rechte Hand vorn in die
+Brust, und ging, einen verächtlichen Blick auf den Scheerenschleifer
+schleudernd, nach vorn.
+
+»Nu Gott sei Dank« sagte der Capitain, als der Zwischendeckspassagier
+das Quarterdeck verlassen hatte, zu Henkel tretend, »der hatte aber ein
+Maulwerk am Kopf; das ging ja wie geschmiert. Ich glaube der könnte
+Einen in einem halben Tage todt reden.«
+
+»Die Aufschlüsse die Sie ihm ertheilten, waren in der That werthvoll«
+lachte aber auch von Hopfgarten, zu den Beiden tretend -- »es wunderte
+mich nur daß Sie ihm Ihre Karte gaben.«
+
+»Um ihn los zu werden« sagte Henkel -- »übrigens« setzte er mit einem
+leichten Lächeln hinzu, »war es nicht _meine_ Karte, sondern eine fremde
+die ich zufälliger Weise bei mir hatte -- er wird mich in New-Orleans
+nicht geniren.«
+
+»Hahahaha, das ist prächtig« lachte von Hopfgarten, »das ist eine famose
+Ausflucht; der wird schön schimpfen.«
+
+»Da kommt unser Lootse!« rief in diesem Augenblick der Capitain, der das
+Glas genommen und ein paar Secunden damit nach dem Land hinübergeschaut
+hatte, das sich noch immer vor ihnen hinzog und keinen Hügel, kein
+Landhaus verrathen wollte. Flach und öde zog sich der schmale Streifen
+am Horizont hin, und nur nach der Richtung, nach welcher der Capitain
+deutete, ließ sich eine kleine Wolke leichten Qualms erkennen, die
+zuerst wie über dem flachen Lande lag, und dann, als der Blick der
+Passagiere fester darauf haftete, sich zu bewegen, und näher zu kommen
+schien.
+
+Herr von Hopfgarten war indessen rasch in die Cajüte hinab
+gestiegen, den Damen zu melden daß das Lootsenschiff, wozu in den
+Mississippimündungen meist Schleppdampfer gebraucht werden, in Sicht
+käme, und die Zwischendeckspassagiere, die aus dem Leben auf dem
+Quarterdeck wohl gemerkt hatten daß irgend etwas Außerordentliches
+vorgehe -- wenn sie auch noch nicht herausbekommen konnten was,
+kletterten wieder in die Wanten und auf alle einigermaßen hohe Stellen
+an Bord, nach der Richtung hin, wohin die Fernröhre des Capitains und
+der Cajütspassagiere gerichtet waren, zu entdecken was etwa in Sicht
+käme.
+
+Über den Dampfer, dessen Rauch sich bald mit bloßen Augen erkennen ließ,
+sollten sie aber nicht lange in Zweifel bleiben, denn er kam merklich
+näher. Deutlich ließen sich schon die Umrisse seines oberen Decks,
+bald sogar einzelne Gestalten an Bord unterscheiden, und die wehende
+Bremer Flagge an der Gaffel der Haidschnucke wurde jetzt kaum mit
+dem antwortenden Signal des Lootsen, den Amerikanischen Sternen und
+Streifen[1] begrüßt, als lauter Jubel an Bord des Auswandererschiffes
+losbrach, und ein donnerndes, wieder und wieder erneutes Hurrah den
+Farben des neugewonnenen Vaterlands entgegenjauchzte.
+
+Von jetzt an war alles Andere in dem einen Gefühl des endlich erreichten
+Zieles, für das ihnen der Amerikanische Lootsendampfer volle Bürgschaft
+leistete, vergessen; Jeder hatte nur Augen und Gedanken für das
+heranbrausende Dampfschiff, dessen Räder sie jetzt schon über das stille
+Wasser des Golfes konnten arbeiten hören, dessen einzelne Matrosen sie
+an Bord erkannten, und wie es sie endlich erreicht, einen engen Kreis
+um sie beschrieb und an ihrer Seite hinfuhr, und der Amerikanische
+Capitain, der auf dem Radkasten seines Fahrzeugs mit dem Sprachrohr in
+der Hand stand, seinen Anruf herüberschrie, da brach sich der Jubel von
+Neuem Bahn, und der Amerikaner, der sein Sprachrohr erstaunt absetzte,
+sah ein paar Secunden die Schreier ruhig an, drehte sich dann nach
+seinem Steuermann um und lachte. Die Matrosen an Bord des Schleppdampfers
+glaubten aber indessen den Gruß ebenfalls erwiedern zu müssen, und
+antworteten, während die beiden Fahrzeuge jetzt in etwa hundert Schritt
+Entfernung neben einander hinliefen, mit drei kräftigen »#Hip hip hip
+hurrahs!#« das auf der Haidschnucke wieder sein Echo fand.
+
+Ehe sich das Geschrei legte ließ sich natürlich an ein gegenseitiges
+Verständniß nicht denken, den ersten Ruhepunkt aber benutzend, setzte
+der Amerikaner wieder das Rohr an die Lippen, und der, dem Laien zum
+ersten Mal gewiß unverständliche Seeruf, der durch den wunderlich
+dröhnenden Schall des metallenen Rohres nur noch verworrener wird, tönte
+herüber.
+
+»#Where do you hail from?#«[2]
+
+Nun hatte aber Steinert, besonders in der letzten Zeit, nicht allein
+unter seinen näheren Bekannten, sondern auch im Zwischendeck überhaupt,
+viel mit seiner Kenntniß der Englischen Sprache geprahlt, die ihm
+dort allerdings von keinem bestritten werden konnte oder wurde. Diesen
+Anruf hielt er aber für eine allgemeine, an das ganze Schiff gerichtete
+Höflichkeitsformel, die er nicht glaubte unbenutzt vorübergehn lassen zu
+dürfen, ohn seine Kenntnisse zu zeigen. Ehe deshalb der eigene Capitain,
+der jetzt ebenfalls auf seinem Quarterdeck mit der »Sprechtrompete« in
+der Hand stand, auch nur das Geringste darauf erwiedern konnte, sprang
+er auf die, an der Railing befestigte Nothspieren, hielt beide Hände
+trichterförmig an die Lippen, und schrie in höchst mittelmäßigem
+fremdartigen Englisch:
+
+»Danke Ihnen Herr Capitain -- wir sind Alle wohl!«
+
+»Halten Sie's Maul davorne!« brüllte aber Capitain Siebelt auf's
+Äußerste indignirt, als er einen Zwischendeckspassagier in sein Geschäft
+hineinfallen hörte, während der Amerikaner erstaunt dorthin sah von
+woher die unverständliche Stimme tönte, und von wo aus er allerdings
+keine Antwort erwartet haben konnte.
+
+»Wenn man gefragt wird, Herr Capitain, darf man antworten« rief aber
+Steinert, der hier in seinem guten Recht zu sein glaubte und sich
+als freier Amerikanischer Bürger zurückgesetzt und beleidigt fühlte
+-- »übrigens verbitte ich mir alle Anzüglichkeiten.«
+
+»#Where do you hail from!#« tönte aber des Amerikaners Ruf noch einmal
+herüber.
+
+»Ich würde mich noch einmal bei ihm bedanken, Herr Steinert« sagte
+Maulbeere, der seine innige Freude an dem Zwischenfall gehabt,
+ermunternd; »er wird Sie wahrscheinlich nicht verstanden haben.«
+
+Steinert war aber zu klug Maulbeeres Rath -- den er in dem sehr
+gegründeten Verdacht hatte, _sein_ Bestes eben nicht zu wollen, zu
+folgen, und Capitain Siebelt konnte die nöthigen Antworten auf diese,
+wie die späteren Fragen: »wie lange Reise?« -- »Alles wohl an Bord?«
+gehörig beantworten.
+
+Der schnaubende Dampfer hielt jetzt mehr auf sie zu und Matrosen
+sprangen an Bord der Haidschnucke mit bereit gehaltenen Tauen hin, sie
+in Wurfs Nähe an Deck des Schleppschiffs zu schleudern, während sie dort
+rasch aufgefangen und befestigt wurden. Die Zwischendeckspassagiere, die
+jetzt natürlich überall im Wege standen, stieß man dabei bald hier bald
+da zur Seite, aber sie ließen sich heute Alles gefallen, war doch das
+Schiffsleben überhaupt bald überstanden, und das hier nur noch eine
+kleine, leicht zu ertragende Unbequemlichkeit, für die sie in wenigen
+Stunden -- sie zählten nicht einmal mehr nach Tagen -- das ganze
+Amerikanische Reich entschädigen sollte.
+
+Festgeschnürt an Bord des viel niedrigeren kleinen Dampfers lag jetzt
+das Segelschiff, das ihnen noch nie so groß erschienen war wie in diesem
+Augenblick; alle Segel schlugen aber, in ihren Schoten gelöst, an den
+Raaen, und an den Tauen hingen die Matrosen sie aufzugeyen, während ein
+Theil schon wie Katzen an den steilen Wanten emporkletterte und an den
+Raaen hinauslief, die Segel überhaupt vollständig einzuziehn und
+festzuschnüren auf ihren Hölzern.
+
+Der Wind war indeß, wie die Seeleute sagen, fast vollständig
+eingeschlafen, und die Hitze schwül und drückend, nichts destoweniger
+setzte das Schiff mit Hülfe des Dampfers, seine Fahrt weit rascher, als
+sie die letzten Tage zu segeln gewohnt gewesen waren, fort, und die
+Küste, oder das wenigstens was sie bis jetzt für festes Land gehalten,
+rückte ihnen rasch näher. Das aber was ihnen bis dahin eine weite grüne
+Wiesenfläche geschienen, auf der sie, freilich umsonst, nach grasenden
+Heerden umhergesucht, zeigte sich jetzt, wie sie es endlich erreichten,
+als ein weiter trauriger Schilfbruch, dessen dunkelgrüne schlanke
+Halme aus der, ihnen nun entgegenquillenden schmutziggelben Fluth des
+mächtigen Mississippi, dessen untere Ufer sie bildeten, herausschauten,
+und in der starken Strömung zitterten und schwankten.
+
+»_Das_ ist Amerika?« rief da eine der Frauen, die mit vorn auf der Back
+stand, und deren Blicke bis dahin nur ängstlich und erwartungsvoll an
+dem näher und näher kommenden Lande gehangen -- »lieber Gott, da kann
+man ja nicht einmal an's Ufer gehn.« Manche der übrigen Passagiere
+schauten jetzt ebenfalls, mit keineswegs mehr so zuversichtlichen Mienen
+als sie noch an dem Morgen gezeigt, auf die wüste Fläche von Schilf und
+Wasser hinaus, die sie schon zur rechten und linken Seite umgab, und,
+der Aussage des zweiten Steuermanns nach, das _Ufer_ des Mississippi
+bildete. Es war ein beengendes erdrückendes Gefühl das sie erfaßte
+-- die _erste_ getäuschte Hoffnung in dem neuen Land, das sie sich mit
+allem Zauber südlicher Zonen, wenn auch heimlich doch nur zu eifrig
+ausgeschmückt, und das jetzt vor ihren Augen wie ein stehender endloser
+Sumpf begann.
+
+»Aber wo um Gottes Willen wohnen die Menschen?« riefen Andere aus
+-- »hier kann man ja doch nicht leben in Wasser und Schilf?« --
+
+»Dort sind Häuser -- dort hinten -- wo? -- dort wo der dunkelgrüne Streif
+hinaufläuft und die Sonne auf das Wasser blitzt; gleich rechts davorn.
+Ja wahrhaftig -- da stehn Häuser -- das ist New-Orleans!« riefen und
+flüsterten zaghafte Stimmen durcheinander und Steinert selbst war
+auf einmal ungemein kleinlaut geworden, und saß, mit auf den Knieen
+gefalteten Händen vorn auf dem Bugspriet die ihn umgebende Scenerie
+schweigend zu betrachten.
+
+»Das New-Orleans? -- Unsinn« lachten aber einige der Matrosen, die
+jene Bemerkung gehört, und schon früher einmal die »Königin des Südens«
+-- wie New-Orleans von den Amerikanern genannt wird, besucht hatten
+-- »das ist hier nur eine der Mündungen des Mississippi und die Häuser
+dort sind La Balize; das hohe Land aber liegt weiter oben.«
+
+»_Weiter oben_« das war ein neuer Hoffnungsstrahl in die Nacht des
+Zweifels, der die armen Auswanderer eben zu erfassen drohte -- »weiter
+oben.« Aber noch immer ließen sich keine Berge erkennen; die öde Fläche
+schien sich viele viele Meilen weit auszudehnen und der Fluß wälzte trüb
+und reißend seine schmutzige Fluth an ihnen vorüber.
+
+»Dort liegt ein Schiff -- dort noch eins --« ging jetzt der Ruf über
+Deck, »ha dort oben kommen eine ganze Menge -- ich kann die Masten
+erkennen« zeigten Einzelne den Anderen ihre Entdeckung. _Die_ kamen _von
+oben_ herab, ja _die_ wußten wie es dort aussah, und mit einer gewissen
+Ehrfurcht hingen ihre Blicke an den fernen Fahrzeugen, deren Umrisse sie
+noch nicht einmal deutlich unterscheiden konnten.
+
+Bis sie aber die immer deutlicher werdenden Häuser erreichten, wollten
+manche der Zwischendeckspassagiere gern von den Matrosen, die schon
+erklärt hatten daß sie in New-Orleans gewesen waren, etwas Näheres über
+die Stadt und deren Umgegend wissen; die Leute waren aber viel zu sehr
+beschäftigt ihren Fragen Rede stehn zu können, und sie mußten sich
+zuletzt darein finden eben abzuwarten, wie sich ihnen die Stadt selber
+zeigen würde. Ewig konnte das ja nun doch nicht mehr dauern.
+
+Ziemlich langsam gegen die starke Strömung rückten sie indessen
+vorwärts, die schon in Sicht gekommenen Gebäude, in den Windungen des
+Flusses bald rechts bald links lassend, und erreichten endlich den Platz
+wo eine Anzahl hölzerner Gebäude auf Pfählen, und nur von Schilf und
+Schlammwasser umgeben mitten in diesem entsetzlichen Sumpfe standen und
+in der That auch nur durch hochgelegte Planken unter sich verbunden
+waren.
+
+Dieß Lootsendorf, die sogenannte Balize, bot in der That einen traurigen
+Anblick, und man begriff nicht wie Menschen dort überhaupt existiren
+konnten. Die weite Fläche der See selbst that dem Auge, in Vergleich
+mit dem öden Sumpfe wohl, der sich hier nach Norden, Osten und Westen
+ausdehnte, und die Passagiere erschraken als die Glocke des Dampfschiffs
+läutete, denn sie fürchteten jetzt das, was sie noch an dem Morgen so
+heiß ersehnt -- gelandet zu werden. Das Signal galt aber einem, noch
+eine kleine Strecke weiter oben liegenden Segelschiff, das jetzt seine
+Flagge aufhißte und zur Freude der Auswanderer die Hamburger Farben
+zeigte. Dort waren halbe Reise- und ganze Leidensgefährten, und als die
+Haidschnucke, mit der Bremer Flagge noch immer auswehend, dem Hamburger
+Schiffe näher kam, grüßte sie von dort, wie sie erst selber den Amerikaner
+bewillkommt, ein donnerndes Hurrah, das sie allerdings, aber lange nicht
+mehr so kräftig wie heute früh, beantworteten.
+
+Sie erfuhren jetzt auch, daß der Dampfer das andere deutsche Schiff
+ebenfalls in's Schlepptau nehmen würde, aber sie freuten sich nicht
+besonders darüber, denn nicht mit Unrecht fürchteten sie dadurch nur
+soviel langsamer von der Stelle zu rücken. Das kümmerte jedoch den
+Amerikaner wenig, der sich für die Fahrt den doppelten Verdienst
+natürlich nicht entgehen ließ, und das Hamburger Schiff, Orinoko wie es
+hieß, erst hierher gebracht und vor Anker gelegt hatte, noch ein zweites
+aus dem Golf dazu zu holen, ehe er es nach New-Orleans hinauf zog.
+
+Der Hamburger hatte indeß, unter dem lauten taktmäßigen Singen der
+Matrosen, seinen Anker aufgeholt, als der Dampfer an ihn hinanlief und
+ihn an den anderen Bug nahm, die Taue wurden befestigt, wie sie früher
+an der Haidschnucke befestigt waren, und wenige Minuten später schnaubt
+das kleine aber kräftige Boot mit seiner doppelten Last, aber nicht viel
+langsamer als vorher, den mächtigen Strom hinauf.
+
+Die Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke hatten nun allerdings
+nichts Eiligeres zu thun als einen Versuch zu machen, von ihrem Schiff
+hinunter, über das Dampfboot hinweg, an Bord des Landsmannes zu klettern,
+und dort Bekanntschaft mit dessen Passagieren zu machen. Darin sollten
+sie sich aber getäuscht sehn, denn die Steuerleute verboten es ihnen
+nicht allein auf das Entschiedenste, sondern die Wacht des Dampfers
+selber hatte strenge Ordre Niemanden hinunter auf ihr Deck oder hinüber
+zu lassen, und weder Bitten noch Protestiren half, die Capitaine
+zu einer Änderung der Maaßnahme zu bewegen. Die angegebene Ursache
+war nicht allein Unordnung zu vermeiden, sondern auch ihren eignen
+Schiffahrtsgesetzen nachzukommen, nach denen sie keine Communication
+mit fremden Schiffen, ehe sie den Hafen erreicht hätten, unterhalten
+durften.
+
+Das aber verhinderte Steinert nicht eine sehr lebhafte, und natürlich
+außerordentlich laut geführte Unterhaltung von der Back der Haidschnucke
+aus, mit einigen Passagieren des Orinoko, über das Dampfschiff weg,
+anzuknüpfen, sich nach Zeit der Abfahrt und Erlebnissen der Reise zu
+erkundigen, und seine einzelnen Ansichten über die Haidschnucke, die
+nicht immer zu Gunsten derselben ausfielen, einzutauschen. Andere
+schlossen sich dem an, und die Conversation, von allen hohen Theilen des
+Schiffs und selbst den Wanten und Marsen ausgeführt, wurde bald
+allgemein; bis die Scenerie auf dem Strome selbst diesem ein Ende
+machte.
+
+Schon seit einiger Zeit hatte ein Theil der Passagiere _Bäume_ wirkliche
+Bäume voraus entdeckt, denn das einzige was sich ihnen bis jetzt an
+Vegetation außer dem Schilf und alten eingeschwemmten und versenkten
+Baumstämmen gezeigt hatte, waren nur niedere Weidenbüsche gewesen, und
+wie sie jene erreichten sahen sie auch den ersten festen Boden aus der
+gelben Fluth hervorragen.
+
+»Da ist Land -- da ist Land!« jubelte es in dem Augenblick vom Deck,
+als ob die Leute in der That geglaubt hätten daß Amerika im Wasser
+liege -- »da sind Bäume, da ist Gras. Hurrah für Amerika.«
+
+»Hurrah für Amerika!« jauchzte das Schiff nach und die Matrosen des
+Schleppdampfers hatten Nichts dagegen in den ihrer eignen Heimath
+gebrachten Jubelruf mit einzustimmen.
+
+Es war indessen ziemlich spät am Tag geworden; während das Ufer aber zu
+beiden Seiten einen festeren Charakter annahm, mit hohen Bäumen besetzt
+und nur noch hie und da von Schilf durchwachsen, ließen sich noch immer
+keine menschlichen Wohnungen, hie und da eine kleine unansehnliche Hütte
+abgerechnet, erkennen; das Land schien eine unbewohnte Wildniß, die von
+den Passagieren schon mit Bären, Panthern und Büffeln belebt wurde,
+und die cultivirte Gegend lag jedenfalls noch _weiter oben_. Einzelne
+Schiffe begegneten ihnen jedoch jetzt, und zweimal sogar eine
+ordentliche kleine Flotte, von einem einzigen Dampfer stromab bugsirt,
+der an jedem Bord ein großes Schiff führte, und drei kleinere noch
+hinten an langen Leinen im Schlepptau hatte. Auch kleine Küstenfahrzeuge
+segelten und ruderten auf dem Strom, manche von ihnen mit farbigen
+Leuten bemannt, ihre kleinen Fahrzeuge bunt bemalt, und herüber und
+hinüber kreuzend gegen die starke Strömung des »Vaters der Wasser«.[3]
+
+Aber die Sonne neigte sich ihrem Untergang, und was Manchem von ihnen
+schon auf der See aufgefallen war, die kurze Dämmerung, machte sich
+hier, wo sie das schattige Laub der hohen Bäume an ihrer Seite hatten,
+nur noch mehr bemerkbar. Kaum war das Taggestirn hinter dem dunkeln
+Waldstreifen, der das jenseitige ziemlich ferne Ufer deckte, verschwunden,
+als die Nacht mit einer Schnelle anbrach, von der sie bis jetzt wirklich
+keine Ahnung gehabt. Sie hielten dabei dem linken Ufer des Stromes
+zu, dort Holz für den Dampfer, dessen Kohlen auf die Neige gingen,
+einzunehmen, und die Passagiere freuten sich schon das Ufer betreten und
+die wunderliche Vegetation des neuen Landes beschauen zu dürfen, dessen
+riesige Bäume hier alle mit wehendem silbergrauen Moos bis hinab auf den
+Grund behangen schienen; doch hatten sie dasselbe noch lange nicht
+erreicht, als es schon unter den Bäumen dunkelte und das Licht der
+einzelnen dort wie versteckten Hütte, seinen rothglühenden Schein
+herüberschickte.
+
+Das Einnehmen von Holz zeigte mit den tiefgehenden Schiffen seine
+Schwierigkeit, da der Dampfer mit diesen nicht so dicht an Land fahren
+konnte, und die Capitaine nicht gern vor Anker gehen wollten. Der
+Eigenthümer des Holzes war aber schon darauf eingerichtet, und hatte
+eine Anzahl Klafter in einem niederen und sehr breiten Boote mit flachem
+Boden aufgestapelt, mit dem er, auf den Anruf des Capitains eine Strecke
+in den Fluß hinaus fuhr und sich queer vor dem Bug des Dampfers legte.
+Von hier aus wurden die Scheite, während die Maschine wieder an zu
+arbeiten fing, und alle vier Fahrzeuge doch wenigstens gegen die Strömung
+stemmte, rasch an Bord geworfen, die Taue der Haidschnucke aber dann
+gelößt, damit das entladene Holzboot zwischen ihnen durch mit der
+Strömung zurücktreiben konnte, und der Schleppdampfer setzte seinen Weg
+jetzt wieder, in der Nacht ziemlich die Mitte des Stromes haltend, den
+zahlreichen im Flußbett angeschwemmten Stämmen auszuweichen, langsam
+fort.
+
+Es war ein wundervoller Abend, der Mond hob sich, als sie kaum eine
+Stunde gefahren waren, über die Bäume, und goß sein silbernes Licht auf
+den breiten Strom, und die Passagiere der verschiedenen Schiffe hatten
+sich vorn auf Deck gelagert, und sangen wechselsweise in volltönenden
+oft harmonischen Chören ihre heimischen Lieder, die meist ernsten,
+schwermüthigen Inhalts gar wunderbar ergreifend über den stillen Strom
+klangen.
+
+Frau von Kaulitz hatte unter der Zeit versucht ihre gewöhnliche
+Whistparthie zu Stande zu bringen, heute jedoch nicht einmal Herrn von
+Benkendroff bewegen können daran Theil zu nehmen, und saß jetzt, eine
+Patience legend, allein in der Cajüte. Es war ihr ein verlorener Abend
+den sie ohne Karten zubrachte. Die übrigen Passagiere saßen und standen
+in schweigenden Gruppen auf dem Quarterdeck umher, oder flüsterten leise
+mit einander, so eigen berührt waren sie selber von den heimischen Klängen
+denen sich das Herz, mag es das Vaterland noch so lang verlassen und es
+fast vergessen haben, doch nie verschließt.
+
+Es liegt ein eigener Zauber in den Tönen die wir als Kind gekannt,
+geliebt, und die nicht selten schon Wurzel in der Kindesbrust geschlagen.
+Alte Gedanken, liebe und trübe Erinnerungen wecken sie dann wo wir sie
+wieder hören, und das Herz lauscht ihnen wollte selbst das Ohr den
+lieben Lauten den Eingang weigern.
+
+»Wie das so reizend klingt auf dem stillen Strome« sagte Marie, die den
+Arm um der Schwester Schulter gelegt, neben Clara und Hedwig unfern der
+Quarterdeckstreppe stand, und nach dem Mond hinüberschaute -- »ich
+könnte den Liedern die ganze Nacht lauschen, und doch habe ich sie schon
+so oft, so oft gehört.«
+
+»Das ist es ja gerade was sie uns so lieb macht« lächelte die Schwester
+sich freundlich zu ihr neigend -- »weißt Du noch wie wir daheim in
+unserem Gärtchen saßen, und die Zimmerleute unten vom Bauplatz, Abends,
+wenn sie an unserer Mauer vorbei zu Hause gingen all diese Lieder
+sangen, und wir sie weit weit noch hören konnten durch den stillen
+Abend.«
+
+»Unser liebes Gärtchen« seufzte leise Marie, und auch der Schwester
+Brust hob sich in der schmerzlichen Erinnerung an das Zurückgelassene,
+aber sie wollte jetzt nicht jene Bilder heraufbeschwören und sagte
+rasch, der Schwester Arm berührend und dann nach dem Nachbarschiffe
+hinüber deutend, wo sie eben wieder ein anderes Lied begannen.
+
+»Kennst Du das, Marie?«
+
+»Noah« lachte die Schwester, »Herrn Kellmanns Leiblied, ei wenn er jetzt
+bei uns wäre, wie er da einstimmen würde nach Herzenslust. -- Was er
+jetzt wohl treibt?«
+
+Anna schwieg und lauschte den Tönen, bis sie in der Nacht verklungen
+waren.
+
+Die Passagiere der Haidschnucke antworteten dem letzten Lied mit
+»Schweizers Heimweh«. Wenn aber die einzelnen Schiffe bis dahin allein
+gesungen, und so gewissermaaßen einen Wechselchor gebildet hatten,
+dessen einer immer erst begonnen wenn der andere geendet, und dem die
+Mannschaft des Schleppdampfers mit lautlosem Schweigen lauschte, so
+waren die ersten Töne dieses alten lieben heimischen Sanges kaum
+angeschlagen, als das Hamburger Schiff ebenfalls mit einstimmte, und
+der volle Chor weich und klagend durch die Nacht drang.
+
+ Herz mein Herz, warum so traurig,
+ und was soll das ach und weh,
+ S' ist ja schon im fremden Lande --
+ Herz mein Herz, was willst Du mehr.
+
+Still und lautlos lauschten die Mädchen den lieben, schwermüthigen
+Klängen, und leise, leise, mit kaum bewegten Lippen fielen sie endlich
+mit ein in die Melodie, bis sie mehr Muth gewannen, und mit lauterer
+Stimme, aber innigem Gefühl dem Liede folgten. Wie aber der Schluß
+verklang, »_doch zur Heimath wird es nie_«, schwiegen beide Chöre
+-- lautlose Stille legte sich über Deck -- Keiner hatte mehr das Herz,
+nach diesen Strophen noch ein anderes, vielleicht gar triviales Lied zu
+beginnen. Dem neuen Vaterland hatten sie heute ein donnerndes Hurrah
+gebracht, als sie dessen Flagge zum ersten Male in der Brise wehen
+sahen, dem alten brachten sie das Lied, mit mancher heimlich zerdrückten
+Thräne, mit manchem, gewaltsam in die Brust zurückgedrängten Seufzer.
+
+Auch die Cajütenpassagiere waren recht still und nachdenkend geworden,
+Herr von Hopfgarten, der sich anfänglich mit dem Professor in einen
+großen ökonomischen Streit eingelassen, hatte den und die ganze
+Verhandlung in dem Lied vergessen, und horchte ihm noch viele Minuten,
+als es schon längst in dem Rauschen des Stromes und dem monotonen
+Klappern der neben ihnen arbeitenden Maschine verschwommen war.
+
+Herr Henkel ging indeß auf der einen, Herr von Benkendroff auf der
+anderen Seite des Besahnmastes spatzieren, während Frau Professor
+Lobenstein, ihre beiden jüngsten Kinder an sich geschmiegt am Fuße
+desselben auf einer Bank saß, und der Nacht dankte die ihr die einzeln
+niederrollenden Thränen verbarg vor dem Auge der Menschen.
+
+Nur Doctor Hückler lag behaglich der Länge nach ausgestreckt auf der
+Scheilichtklappe, dampfte seine Cigarre in den wundervollen Abend hinein,
+und trommelte zu den Liedern den falschen Takt auf dem Holz, auf dem er
+ruhte.
+
+Eine Zeitlang hatte ununterbrochenes Schweigen an Bord geherrscht; es
+war fast, als ob sich Jeder scheute den Zauber zu brechen der auf den
+Schiffen, durch diese einfachen vaterländischen Weisen heraufbeschworen
+lag, als plötzlich vom vorderen Theil der Haidschnucke, ja fast wie von
+dem jetzt ziemlich nahen Lande kommend, an das sie das Fahrwasser des
+mächtigen Stromes gebracht hatte, der volle glockenreine klagende Ton
+einer Nachtigall herüber drang.
+
+»Was ist das?« rief Marie fast erschreckt auffahrend -- »giebt es hier
+Nachtigallen in den Wäldern?«
+
+»Das ist nicht im Wald, das ist an Bord« sagte aber Anna, sich hoch
+empor richtend -- »doch zum ersten Mal schlägt sie, seit wir in See
+sind.«
+
+»Du lieber Gott, sie hat die nahen Bäume gespürt und sehnt sich nach dem
+Lande« sagte Marie tief aufseufzend, -- »ist es uns doch selbst ganz weh
+und weich um's Herz geworden, als wir wieder die rauschenden Bäume
+hörten. Oh weißt Du, Clara, noch die Nachtigall, die immer so wundervoll
+vor Deinem Fenster schlug -- aber -- um Gottes Willen was ist
+Dir -- Clara -- liebe Clara!«
+
+Der Ausruf galt der jungen unglücklichen Frau, die schon, von den
+heimischen Liedern aufgeregt, nur mit Mühe ihre Fassung bewahrt hatte,
+jetzt aber bei der so wohlbekannten so heißgeliebten Weise der Nachtigall,
+die mit furchtbarer Kraft die Erinnerung an die verlassene Heimath
+-- an ihr jetziges Elend zurückrief in das gequälte Herz, das mächtig
+ausbrechende Gefühl nicht mehr zurückdrängen konnte und das Antlitz an
+Hedwigs Schulter bergend, heftig weinte. Marie hatte ihren Arm um sie
+gelegt und suchte sie emporzurichten und zu sich herüberzuziehen; sie
+wehrte ihr leise, behielt aber ihre Hand die sie wie krampfhaft preßte,
+in der ihren.
+
+»Liebe, liebe Clara!«
+
+»Laß mich, mein liebes Kind -- es wird gleich besser sein« flüsterte die
+Frau -- »nur eine Art von Weinkrampf ist's, der wohl mit meinem
+Unwohlsein zusammenhängt.«
+
+»So will ich Deinen Mann rufen -- es muß doch wohl --«
+
+»Nein -- nein!« rief Clara aber rasch und fast heftig -- »nicht -- nein,
+es ist nicht nöthig« setzte sie langsamer hinzu, »und wird gleich
+vorüber gehen ja ist schon vorbei. Mir ist schon wieder besser Marie, so
+ängstige Dich nicht meinethalben.«
+
+»Du solltest doch einmal einen Arzt fragen liebes Herz« sagte aber auch
+jetzt Anna, die zu ihr getreten war und ihren Arm leise berührte »Du
+siehst seit einigen Tagen bleich und krank -- recht krank aus, Clara,
+viel kränker wie Du es vielleicht selber denkst, und darfst nicht zu
+fest auf Deine, sonst so kräftige Natur trotzen. Auch das Plötzliche
+Deines Zustandes hat etwas beunruhigendes, das nicht vernachlässigt
+werden darf.«
+
+»Was kann ihr _der_ Doctor helfen« flüsterte aber Marie, von dem, unfern
+von ihnen ausgestreckt liegenden Stiefsohn Aesculaps nicht gehört zu
+werden -- »der ließe sie höchstens zur Ader und erzählte uns bei Tisch
+wieder ein paar blutige Geschichten.«
+
+»_Der_ Doctor soll ihr auch Nichts helfen« erwiederte Anna, »aber im
+Zwischendeck ist, wie mir Hedwig erzählt, ein recht tüchtiger junger
+Arzt, der schon viele dort, rasch und anspruchslos wieder hergestellt,
+und den zu fragen, da wir ihn doch jetzt bei der Hand haben, gewiß
+Nichts schadete.«
+
+»Nein, nein« bat aber Clara jetzt »ich weiß selber besser, wie nur ein
+Arzt, und wäre er der geschickteste, mir sagen könnte was mir fehlt. Es
+ist Nichts wie Erkältung mit vielleicht einiger Aufregung dazu, die mir
+der Abschied von zu Hause doch gemacht, und die sich, wenn auch etwas
+spät, in den Folgen zeigt. Ruhe ist das Einzige was mir helfen kann.
+Laßt mich still meinen Weg gehen, und wenige Tage haben mich vollkommen
+wieder hergestellt.«
+
+»Oh wenn die Nachtigall nur noch einmal schlagen wollte« sagte Marie
+-- »es war gar so schön -- wenn ich nur wüßte wer sie mit auf See
+genommen.«
+
+Während sie sprach war sie vorn an die Reiling des Quarterdecks
+getreten, an der Fräulein von Seebald stand und nach dem Mond
+hinaufschwärmte. Unten in Sicht auf dem niederen Deck saß nur eine
+einzige Person, und das helle Licht des Mondes fiel voll auf die
+ebenfalls andächtig erhobenen Züge des jungen Dichters.
+
+Der zweite Steuermann kam jetzt von vorn und ging zu dem, seit das
+Schiff im Schlepptau hing, befestigten Steuer, die Taue nachzusehn.
+
+»Oh wie wundervoll das war« seufzte in diesem Augenblick Fräulein von
+Seebald, mit dem Taschentuch eine Thräne von der Wange entfernend
+-- »wie das Herz und Seele ergreift und mit den weichen, liebevollen
+Klängen alle Nerven nachfibriren läßt.«
+
+»Ja, Schultze pfeift recht hübsch« sagte der Seemann, der gerade die
+kleine Treppe heraufkam und an ihnen vorbei wollte -- »er macht seine
+Sache ausgezeichnet -- es klingt ordentlich natürlich.«
+
+»_Wer_ pfeift recht hübsch?« rief Fräulein von Seebald entsetzt, die
+gegen den prosaischen Menschen seit jenem Gespräch einen Widerwillen
+hatte, den sie kaum so weit bezwingen konnte nicht unartig gegen ihn zu
+sein.
+
+»Ih nu Schultze« sagte der Untersteuermann lachend -- »er sitzt vorn auf
+der Back und pfiff wie eine Nachtigall; wie sie aber von allen Seiten
+auf ihn zu kamen, schwieg er still und will das Maul nicht mehr
+aufthun.«
+
+»Das war _keine_ Nachtigall?« rief Marie erstaunt, und Fräulein von
+Seebald seufzte nur leise und mit innerster Entrüstung.
+
+»_Schultze!_«
+
+»Ach das ist der Mann!« rief die lebendige Marie, die in der neuen
+Entdeckung bald die Nachtigall vergaß, »von dem Sie uns erzählten daß er
+den sonderbaren Glauben hätte, wir Menschen seien alle früher Vögel
+gewesen, und meine Mama eine Nachtigall. Eduard war er schon in Bremen
+aufgefallen, wo er sie scharf beobachtet hatte, wahrscheinlich mit der
+Entdeckung der Ähnlichkeit beschäftigt.«
+
+»Jede Enttäuschung schmerzt« sagte aber Fräulein von Seebald, »und ich
+hatte mir das schon so reizend ausgemalt, es war ein so hochpoetischer
+Gedanke, daß wir in den waldigen Schatten Amerikas durch eine heimische
+Nachtigall begrüßt werden sollten -- es ist vorbei -- der Traum ist
+verschwunden und wir sind erwacht.«
+
+Ein tief ausgeholter Seufzer vom untern Deck antwortete -- es war
+Theobald, der ihre Worte gehört und schmerzlich mit empfunden hatte
+-- er saß still und regungslos, den Kopf auf die Hand gestützt, an
+der Nagelbank des großen Mastes, und wie ihm die dunklen Locken fast
+unheimlich die bleiche Stirn umspielten, schaute er voll und lange in
+den Mond und nach dem Deck hinauf, auf dem die beiden Damen standen, und
+schloß dann die Augen, das Bild in seinem Inneren fest zu halten.
+
+Der Untersteuermann kam wieder zurück (Fräulein von Seebald trat, den
+Kopf abwendend, von ihm fort) stieg die Treppe hinunter und wollte eben
+wieder nach vorn gehn, wo Leute postirt waren nach etwaigen Gefahren im
+Strom selber auszuschaun; da fiel sein Blick auf das bleiche Antlitz des
+Dichters und zu ihm hinantretend und ihn derb an der Schulter schüttelnd
+rief er gutmüthig:
+
+»Sie da, Sie wollen wohl ein schiefes Gesicht kriegen, daß Sie hier im
+Monde liegen und schlafen.«
+
+»Ich habe nicht geschlafen -- lassen Sie mich zufrieden!« rief Theobald,
+entrüstet aufspringend.
+
+»Nu, nu, Fiepchen biet mi nich« sagte der Steuermann lachend
+weitergehend -- »es ist doch hoffentlich kein Unglück geschehn.«
+
+Marie, die wie Fräulein von Seebald Zeuge der Scene gewesen war, lachte
+heimlich vor sich hin, aber ihre ältere Freundin sagte seufzend:
+
+»Das ist ein entsetzlicher Mensch, dieser Untersteuermann, roh an Geist
+und Gemüth, wie an Gestalt.«
+
+»Mich amüsirt er« lachte Marie, »und was kann man von ihm viel
+verlangen. Er ist Seemann, und scheint sein Geschäft aus dem Grunde zu
+verstehen; daß er derb ist, gehört mit dazu.«
+
+»Ich werde schlafen gehn« sagte Fräulein von Seebald -- »dieser Abend
+hat meine Nerven furchtbar angegriffen, und eine lange Zeit wird dazu
+gehören das wieder gut zu machen. Gute Nacht!«
+
+Sie sprach die letzten Worte ziemlich laut, und ein Seufzer klang fast
+wie antwortend vom Fuß des großen Mast's herauf. Marie sah sich danach
+um, aber ihre Mutter rief sie in dem Augenblick; es wurde feucht an Deck
+in dem Flußnebel, und die Damen zogen sich in ihre Cajüten zurück.
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+New-Orleans.
+
+
+Waren die Passagiere der Haidschnucke schon am vorigen Tage früh
+aufgewesen, Land zu entdecken, so zeigten sie sich heute noch viel
+zeitiger an Deck, denn was sie vom Land gestern Abend gesehn, hatte
+ihre Neugierde nur noch mehr und gewaltiger geweckt. Sehr zum Ärger der
+Seeleute also, die heute Morgen das Deck besonders sauber zu waschen
+hatten und jetzt die Passagiere überall im Wege fanden, kletterten die
+meisten schon mit Tagesanbruch aus ihrer Luke vor, und die Matrosen
+theilten manchen Eimer Seewasser mit gut gezieltem Wurf unter sie aus,
+wo das nur irgend mit einer Entschuldigung von »nicht gesehen haben«
+oder »nicht wissen können« zu ermöglichen war. Viele staken dabei schon
+in ihren besten Kleidern, und Manche bereuten in der That ihren
+»Sonntagsstaat« nicht bis zum entscheidenden Augenblick aufgehoben und
+solcher Art vier und zwanzig oder gar noch mehr Stunden zu früh,
+preisgegeben zu haben.
+
+Steinert besonders, kam mit seinen weißen Hosen am schlechtesten weg,
+denn nicht allein daß ihnen der letzte Tag an Deck keineswegs zuträglich
+gewesen, und einige lange und runde Theerstreifen und Flecken nur
+zu deutlich die Stellen verriethen, wo er sich leichtsinniger oder
+vergeßlicher Weise angelehnt, nein er bekam auch heute Morgen, als er
+vor der Cambuse stand und dem Koch unter falschen Versprechungen eine
+vorzeitige Tasse Kaffee abzulocken suchte, einen vollen Eimer Seewasser
+angegossen, dessen Urheber sich später allerdings nicht ermitteln ließ,
+dessen Wirkung aber total die Frage entschied, ob er möglicher Weise
+noch mit der Hose New Orleans betreten konnte oder nicht.
+
+Ein leichter dünner Nebel lag übrigens auf dem Wasser, der die
+angestrengteste Aufmerksamkeit der Lootsen erforderte, während er die
+Ufer bis ziemlich zu den Wipfeln der Bäume mit einer feinen Art von
+Hehrrauch füllte. Wie die Sonne aber höher und höher stieg sanken die
+weißen Schwaden, einem Schleier gleich zu Wasser nieder, und die armen
+seemüden Auswanderer konnten einen Jubelruf kaum unterdrücken, als, wie
+mit einem Zauberschlag die prachtvollste, herrlichste Landschaft vor
+ihren Augen lag, die sie sich in dem Schmuck fremdartiger Vegetation,
+nur je gedacht.
+
+Verschwunden war der dunkle Wald mit seinem wehenden Moos, oder
+zurückgedrängt wenigstens, weit zurück zu einem niedern Streifen am
+Horizont, zu einem Rahmen des Gemäldes, das sich jetzt ihren Blicken
+entrollte, und wie aus dem Boden mit einem Schlage herausgewachsen
+schien. Reizende Landhäuser mit wunderlich ausgezweigten Bäumen schauten
+mit ihren dunklen Dächern und weißen Mauern, luftigen Verandahs und
+kühl verwahrten Fenstern aus dichten Bosquets blühender Tulpenbäume
+und fruchtschwerer Orangenhaine vor, und weite, regelmäßig angelegte
+Colonieen niederer aber reinlicher und vollkommen gleichmäßig gebauter
+Häuser -- die zu den Plantagen gehörenden Negerwohnungen -- schlossen
+sich ihnen an und trennten sie von weiten wogenden Zuckerrohr- und
+Baumwollenfeldern; Schaaren geschäftiger Neger in ihren weißen Anzügen
+arbeiteten in diesen, und auf der breiten Straße, die dicht am Ufer des
+Stromes hinaufzuführen schien, rasselten leichte bequeme Chaisen, und
+gallopirten stattliche Reiter mit breiträndigen Strohhüten und leichten
+lichten Sommerkleidern auf und nieder.
+
+Und so belebt wie das Ufer war der Strom; Massen von kleinen Segelbooten
+glitten herüber und hinüber zu den sonnigen Ufern, breite Dampfer
+schnaubten hinab, die Produkte des üppigen Landes fernen Zonen
+zuzuführen, und mächtige Seeschiffe lagen hie und da am Ufer vor
+Anker, ja oft mit Tauen an irgend einen Baum befestigt, am Land hoch
+aufgestapelte Baumwollenballen und lange dunkle Reihen von Zucker- und
+Syropsfässern an Bord zu nehmen, und zu kälteren Welttheilen hinüber zu
+tragen.
+
+Und daran vorbei keuchte das wackere kleine Dampfboot, die beiden
+Kolosse aufschleppend gegen den mächtigen Strom, und so dicht am
+Ufer streiften sie nicht selten hin, daß sie die Neger konnten in den
+Feldern singen hören, und die weißen Frauen erkannten, die in luftiger
+Morgenkleidung auf ihren Blumen geschmückten Verandas saßen und auf den
+Fluß und das rege Leben und Treiben um sich her hinausschauten.
+
+Die Passagiere der Haidschnucke waren außer sich, und so niedergeschlagen
+sie durch den alleinigen Anblick der flachen Sumpfstrecke an der Mündung
+geworden, so scharf gingen sie jetzt, und mit verhängten Zügeln zum
+anderen Extrem über. Die Leute sangen und tanzten und schrieen und
+lachten und jauchzten, wie ebensoviele dem Irrenhaus Entsprungene, und
+jubelten Einer dem Anderen zu, da drüben lägen die Farmen in die sie
+jetzt hineinziehn würden, das sei das Land, von dem der ganze Acker nur
+1-1/4 Dollar koste, und Einzelne redeten sogar davon sich gleich Papier
+und Feder und Dinte geben zu lassen und nach Hause zu schreiben, daß ihr
+ganzes Dorf nur gleich herüber käme über's Wasser, und Theil nähme an
+der Herrlichkeit.
+
+Die Oldenburger waren die übermüthigsten, und vorn auf der Back, wo sie
+sich auf den Starbord-Anker gesetzt hatten und einander immer auf neu
+entdeckte Herrlichkeiten des Ufers aufmerksam machten, brach sich ihr
+Jubel endlich in einem Liede Bahn, das sie schon den ersten Tag auf der
+Weser einmal gesungen, dann aber ganz vergessen zu haben schienen, und
+dessen Schlußvers, von der ganzen Schaar als Chor gesungen lautete:
+
+ »In Amerika können die Bauern in den Kuts-chen fahren
+ In den Kuts-chen mit Sammet und mit S-e-i-de.
+ Und sie essen dreimal Fleisch, und sie trinken Wein dazu
+ Und das ist eine herrliche Freu-i-de!«
+
+
+Das Wort Kuts-chen sprachen sie dabei so aus, das sie das s vollkommen
+vom ch trennten, während das letzte Wort »Freude« mit aller Kraft der
+Stimmen herausgeschrieen wurde, vielleicht den empfundenen Grad von
+Seligkeit dadurch anzudeuten.
+
+Je mehr sie sich aber der Hauptstadt von Louisiana, dem prächtigen
+New-Orleans näherten, desto lebendiger wurde der Strom; die Fahrzeuge,
+welche die Verbindung der einzelnen kleinen Städtchen und Plantagen mit
+der »City« unterhielten, wurden häufiger -- Dampffähren kreuzten herüber
+und hinüber, eine Anzahl kleiner Segelboote führte die Produkte des
+Landes nach der Stadt, und überall an den Ufern, an denen reizende
+Pflanzerswohnungen unter Blüthenbüschen und Fruchtbäumen versteckt
+lagen, ankerten volle Schiffe, Brigs, Barquen und Schooner, die
+letzteren meist mit Negern und Mulatten bemannt, und die bunten Flaggen
+im Winde flatternd.
+
+Aber weiter, immer weiter schnaubte das Boot; hie und da tauchten
+weiße Häusermassen auf, aus dunklen Streifen bis zum Ufer des Stromes
+reichender Waldung immergrüner Magnolien und mächtiger Cottonbäume;
+aber das war noch lange nicht New-Orleans, -- die Villen wuchsen zu
+Städten an, und immer noch vorbei schäumten sie, aufwärts, aufwärts den
+Riesenstrom, dessen Fluth gewaltige nackte Stämme mit sich führte,
+die er sich oben im Norden losgerissen aus ihrem Bett und sie nun
+hinabführte dem Golfstrom zu, tausende von Meilen weit, damit sie
+der durch den Ocean hinüberwälze, einem anderen Welttheil zu.
+
+So kam Mittag heran und ging vorüber, während die Passagiere schon
+vollständig seit mehr als vier und zwanzig Stunden gerüstet an Deck
+auf- und abliefen, und ungeduldig den Zeitpunkt kaum erwarten konnten,
+der ihnen erlauben würde dieses wundervolle Land zu betreten.
+
+»Dort liegt New-Orleans!« sagte da der Steuermann, der vorn auf die Back
+kam, die dicht gedrängt von Passagieren stand, nach dem Anker und dessen
+Befestigung zu sehn. Er deutete dabei mit der Hand nach rechts hinüber,
+wo ein weites dünnes, fast spinnwebartiges Mastengitter den Horizont
+begrenzte.
+
+»Wo? -- wo?« riefen eine Menge Stimmen durcheinander, und Einer
+frug -- es war Löwenhaupt -- »dort drüben, wo das lange Staket ist?«
+
+Der Steuermann warf ihm einen mitleidsvollen Blick zu glaubte aber schon
+überflüssig Auskunft gegeben zu haben, und stieg, ohne irgend eine der
+tausend an ihn gerichteten Fragen weiter zu beantworten, wieder an
+Deck hinunter, nach hinten auf seinen Posten zu gehn. Aber die Leute
+bedurften keiner weiteren Weisung; nur erst das Auge in etwas gewöhnt
+die fernen Gegenstände in ihren einzelnen Umrissen von einander zu
+trennen, und zu erkennen, unterschieden sie bald selbst klar und deutlich
+die Masten unzähliger Schiffe, und Kirchthürme und Kuppeln, die sich
+scharf gegen den rein blauen Horizont abzeichneten, und bald auch den
+letzten Zweifel zerstreuten daß sie sich der Stadt, daß sie sich dem
+Ziel ihrer Reise näherten.
+
+Von dem Augenblick an schienen aber auch alle Bande der Ordnung gelößt
+zu sein und New-Orleans war vergessen, wie das rege bunte Leben um sie
+her, an denen noch vor wenig Minuten ihr Blick mit Entzücken und stummem
+Staunen gehangen. _An Land:_ jeder andere Gedanke erstarb in dem einen
+bewältigenden Gefühl, und jeder einzelne Passagier schien es jetzt ganz
+besonders und allein darauf angelegt zu haben, durch Vorziehn seines
+Koffers wie sonstigen Gepäcks, seiner Kisten und Hutschachteln, Körbe
+und Betten, allen Übrigen den Weg auf das gründlichste zu versperren,
+und die schon ohnedieß im Zwischendeck herrschende Confusion zu ihrem
+möglich höchsten Grad zu treiben. Vergebens blieb alles Schimpfen und
+Befehlen der Steuerleute; vergebens blieben die Flüche und Verwünschungen
+der Matrosen, die bald hier bald da über an Deck geschleppte Kisten
+und Kasten stürzten und wegfielen, die Passagiere thaten als ob sie
+fürchteten man würde sie nicht von Bord lassen, wenn sie landeten, und
+nun Alles vorbereiteten zu schleunigster Flucht. Der Capitain ging
+endlich sogar, was er die ganze Reise über noch nicht ein einziges Mal
+gethan, zu ihnen, und erklärte ihnen daß es sehr die Frage sei, ob sie
+diese Nacht noch überhaupt an Land dürften, denn die Gesundheits-Policey
+in New-Orleans visitire erst das Schiff und bestimme dann, ob den
+Passagieren eine augenblickliche Landung gestattet werden könne; sie
+möchten deshalb sich nicht überall Platz und Weg verstellen, da zehn
+gegen eins zu wetten sei, daß sie Beides noch nothwendig brauchen
+würden, ehe sie das Schiff verließen. Niemand glaubte ihm.
+
+»_Jetzt_ kommt der alte Hallunke nun wir von Bord wollen« rief Steinert
+besonders, doch natürlich erst als der Capitain außer Hörweite war, »und
+denkt sich noch beim Abschied einen weißen Fuß bei uns zu machen; redet
+süß und dreht den Kopf bald so, bald so herüber. Er soll zum Teufel
+gehn, wir brauchen ihn jetzt nicht mehr, und thun was wir wollen.«
+
+Der kleine Dampfer hatte indessen wacker die Strömung gestemmt, und
+seine beiden Schiffe dem bestimmten Landungsplatz merklich näher
+gebracht. Höher und höher tauchten dabei die Masten aus dem flachen
+Lande auf, und dehnten sich in unabsehbarer Reihe am linken Ufer des
+Stromes hinauf. Auch gewaltige Häusermassen wurden sichtbar, die in
+geschlossenen Colonnen den Mastenwald umzogen und die untere Grenze
+der Stadt, wenigstens eine langgestreckte Reihe von Häusern die mit
+ihr in unmittelbarer Verbindung stand, lag ihnen, wie sie den Strom
+hinaufschauten, schon gerade gegenüber, von dort ankernden Schiffen
+wie mit einem festen Damm umzogen.
+
+Clara Henkel hatte indessen eine furchtbare Zeit verlebt, und mit keinem
+Herzen, dem sie sich und ihr entsetzliches Schicksal anzuvertrauen wagte,
+die Last allein getragen, bis sie drohte sie zu Boden zu drücken. Mit
+dem Bewußtsein welches entsetzliche Verbrechen der Mann verübt, in dessen
+Hand sie die ihre am Altar gelegt, war auch der feste unerschütterliche
+Entschluß in ihr gereift, von diesem Augenblick an das Band als
+zerrissen zu betrachten, das sie an ihn gebunden. Aber was jetzt
+thun? -- in dem fremden Lande allein und freundlos; was beginnen, wie
+handeln? -- Zurück zu ihren Eltern kehren? -- alle Pulse ihres Herzens
+zogen sie dorthin und es blieb fast kein anderer Ausweg für sie; aber
+was würde die Stadt dann sagen, wie würde das müßige Volk die Köpfe
+zusammenstecken und lachen und spotten über die »reiche Amerikanische
+Braut« die so rasch und allein gebrochenen Herzens zurückgekehrt in das
+Haus, das sie in Glück und Glanz verlassen? -- Was kümmerte sie die
+Stadt, was herzlose Menschen, die mit kaltem Blut und lachendem Munde
+Ruf und Glück einer Welt unter die Füße treten, wenn sie sich eine
+Viertel Stunde die Zeit damit vertreiben können, und doch bebte sie
+davor zurück -- doch malte sie sich mit grausamer Phantasie alle die
+einzelnen kleinen Gruppen aus, alle die Märchen und Erdichtungen, alle
+die schlauen und nur zu furchtbar wahren Combinationen die auf ihr Haupt
+allein dann fallen würden. Und doch, blieb ihr eine andere Wahl?
+
+Aber noch eine andere Sorge füllte ihr die Brust -- konnte sie so,
+unmittelbar in das väterliche Haus zurück? mußte nicht erst ein Brief
+wenigstens die armen Eltern vorbereiten auf das Schreckliche? -- Oh wer
+rieth -- wer half ihr da? Und ja, _ein_ Wesen war an Bord dem sie ihr
+Elend klagen, die sie um Rath um Trost bitten konnte in ihrem Schmerz.
+_Trost_? allmächtiger Gott wo lag ein Trost für die Vernichtete -- doch
+Rath, doch Mitgefühl -- ein freundlich, theilnahmvolles Wort als Tropfen
+Lindrung in das Meer von Jammer. Die wackere Frau Professor Lobenstein,
+die sich ihr stets als mütterliche Freundin gezeigt, der durfte sie
+vertrauen was sie zu Boden drückte, was sie nicht mehr allein zu tragen
+im Stande war, und ihrem Rath wollte sie folgen -- gehorchen wie ein
+Kind der Mutter folgt. Aber nicht an Bord ging das an, die einzelnen
+Cajütenwände bestanden nur aus dünnen Planken, die nicht einmal bis oben
+hinauf fest anschlossen, sondern dort einen offenen Rand hatten -- die
+Nebencoye konnte jedes gesprochene Wort verstehn, und auf dem Quarterdeck
+selbst waren sie nie allein. Und konnte sie warten bis sie in New-Orleans
+gelandet? -- wie sollte sie denn von Bord kommen wenn sie nicht gerade
+mit Lobensteins das Schiff verließ, und bat sie diese, sich ihrer
+Sachen, ihrer selbst anzunehmen, ehe sie sich der Frau entdeckte, was
+hätten sie von ihr denken, was ihrem Gatten gegenüber selber da thun
+können?
+
+In Angst und Verwirrung konnte die Unglückliche zu keinem festen Entschluß
+kommen, und überließ der Zeit, dem Augenblick, das Weitere -- ja sie
+fing endlich an, als ihr die quälenden Gedanken Tag und Nacht das Hirn
+zermartert hatten, gleichgültig gegen Alles zu werden, was sie von jetzt
+ab noch betreffen konnte. -- Das Schrecklichste -- das Furchtbarste war
+geschehn, was konnte sie noch schlimmer treffen als _der_ Schlag. Nur
+das eine stand fest und unerschüttert in ihrer Seele -- mit _ihm_ keinen
+Schritt weiter in diesem Leben.
+
+Auf dem Schiffe herrschte indessen ein wildes reges Leben; überall
+hatten sich kleine Gruppen gebildet, die das Neue, das sie umgab
+anstaunten und bewunderten, und einander auf frisch auftauchende
+Merkwürdigkeiten mit Hand und Mund aufmerksam machten. Und wie die
+Kinder lachten und jubelten sie dabei, und streckten die Arme danach
+aus, als ob sie den Augenblick nicht erwarten könnten, der sie endlich,
+endlich in wirklichen Besitz all dieser Herrlichkeiten bringen sollte.
+Da gab der Dampfer ein plötzliches Zeichen mit der Glocke, die Taue an
+beiden Borden wurden losgeworfen, und das kleine schwarze Fahrzeug
+glitt im nächsten Augenblick, seine Wellen schäumend gegen ihren Bug
+anwerfend, zwischen den beiden Kolossen die er heraufführte vor. Zu
+gleicher Zeit fast sprangen die Matrosen der beiden deutschen
+Auswanderer-Schiffe nach vorn an ihre Anker.
+
+ * * * * *
+
+»Steht klar da von der Kette -- zurück da -- fort aus dem Weg!« schrieen
+die Seeleute durcheinander, und stießen die Passagiere die nicht gleich
+begriffen was sie sollten, und wem sie eigentlich im Weg standen, unsanft
+zur Seite; »Alles klar -- laßt los« kreischte eine Stimme und alles
+Weitere verschwand in dem Schlag auf's Wasser, den der Anker that, und
+dem furchtbaren Gerassel der ihm, durch die Klüsenlöcher nachsausenden
+Kette, die gleich darauf um die Ankerwinde geschlagen das Schiff bis in
+seinen Kiel hinab erschütterte und -- hielt.
+
+ * * * * *
+
+Der Capitain kündigte indessen den jetzt unruhig werdenden Passagieren
+an, daß sie hier zu liegen hätten bis das Sanitäts- und Policeyboot an
+Bord gewesen wäre, was sehr wahrscheinlich bald kommen, und ihnen dann
+völlige Freiheit lassen würde, so rasch an Land zu gehn wie sie eben
+wünschten. Dagegen ließ sich Nichts thun, und die Leute behielten jetzt
+wenigstens Zeit sich ihre Umgebung zu betrachten, die sich mannigfaltig
+und bunt genug erwieß.
+
+Auf der Straße die sich dicht am Ufer hinzog, wimmelte es von Menschen
+und Wägen; Karrenführer brachten auf zweirädrigen Karren mit einem
+kräftigen Pferd bespannt, in fast ununterbrochenem Zuge Waaren herab
+gefahren, große Omnibusse fuhren auf und ab, Passagiere an allen Ecken
+absetzend und wieder aufnehmend, Neger mit schweren Lasten auf den
+Schultern eilten vorüber, oder standen in lachenden Gruppen an den
+Werften. Reiter gallopirten die Straße nieder, kleine Chaisen und Wägen
+kreuzten sich herüber, und hinüber, und Negerinnen mit Körben oder
+großen Blechkannen auf den Schultern boten von Haus zu Haus, von Schiff
+zu Schiff ihre Waaren feil. Und das laute taktmäßige Singen dort drüben,
+mit dem »Ahoy-y-oh!« der Matrosen dazwischen? Ein Trupp von halbnackten
+Negern lud dort ein französisches Schiff mit großen Zuckerfässern, ein
+Vorsänger gab dabei Takt und Versmaas an, und während sechs kräftige
+Burschen mit dem rollenden Coloß den hohen Damm der das Ufer einfaßte
+herunterliefen, den Aufschlag gegen die schräg zum Schiff emporliegende
+Planke zu bekommen, tanzten und sprangen die Neger, das Faß jedoch
+umgebend, daß sie der geringsten Abweichung steuern konnten, darum her,
+und warfen sich dann alle zugleich, aber immer im Takt ihrer Melodie,
+und diese nicht einen Moment unterbrechend, mit den Schultern dagegen,
+es eben so rasch die Planken hinauf an Bord zu rollen, als es den Damm
+allein herunter gekommen. So geschickt benahmen sich die Leute dabei,
+und so anscheinend leicht lief ihnen das kolossale Faß unter den Händen
+fort, daß die Arbeit wie Spiel aussah; hätten sie aber die furchtbar
+schweren und nicht einmal ganz gefüllten Fässer, in denen der rohe
+Zucker immer wie Blei nach unten fiel, langsam rollen wollen, kaum
+doppelt die Zahl würden sie dann an Bord gebracht haben.
+
+Und wie mit Fahrzeugen belebt war der Strom; wohin das Auge blickte ein
+reges Drängen und Treiben von Dampf-und Segelschiffen, und schwerfälligen
+breitmächtigen Ruderbooten und Flößen, die mit der Strömung hinab, tiefer
+gelegenen Plantagen oder Ortschaften zuschwammen. Was für Colosse trug
+dabei die Fluth und die Deutschen staunten, und hatten Ursache dazu,
+als breite Dampfboote den Strom nieder kamen, die schwimmenden Bergen
+aufgethürmter Baumwollenballen glichen, aus denen oben, während sie
+bis unmittelbar über die Oberfläche des Wassers reichten, nur eben die
+beiden schwarzen qualmenden Schornsteine herausschauten. Ballen auf
+Ballen war da gepackt, regelmäßig wie Backsteine in einer Mauer, von dem
+Rand des unteren Verdecks gerade und steil emporlaufend, daß selbst das
+kleine, vorn oben auf dem höchsten Deck stehende Lootsenhaus nur eine
+Öffnung zum Durchschauen hatte, und Cajüte wie Zwischendeck von einer
+unerbittlichen Baumwollenwand umschlossen blieb.[4] Die Erndte brachten
+sie nieder aus den reichen Plantagen der südlichen Staaten, aus Tenessee
+und Arkansas, Mississippi und Louisiana, hier in Schiffe gestaut und
+über die Welt versandt zu werden, während die gewaltigen Boote schon
+nach wenigen Tagen wieder mit Seesalz, Reis, Kaffee und den Produkten
+der Tropenländer beladen, ihre Salons und ihre Zwischendecks mit
+Passagieren gefüllt, die Rückreise nach den nördlichen Staaten antraten.
+
+Aber das nicht allein -- gerade auf sie zu kam ein kleiner
+scharfgebauter Dampfer, das untere Deck mit Rindern und Schaafen
+gefüllt, die in Pensylvanien, zweitausend englische Meilen von hier
+entfernt, in voriger Woche eingeschifft wurden und jetzt bestimmt sind
+den New-Orleans Markt auf einen Tag mit frischem Fleisch zu versehn. Die
+Passagiere der Haidschnucke hatten übrigens volle Muße dieß Boot zu
+beobachten, das dicht an ihnen vorbeilief, eine kleine Strecke weiter
+dem Lande zu hielt, sein Boot mit vier Matrosen und dem Steuermann darin
+aussetzte, und dann plötzlich die Planken losschlug die am hinteren
+Theil oder #steerage deck# das Vieh bis jetzt verhindert hatten über
+Bord zu springen. Es dauerte auch gar nicht lange, so fingen sich die
+Rinder, wahrscheinlich im Inneren gestört, an zu drängen, und kamen der
+Öffnung oder dem Bord, der etwa noch immer zehn Fuß über der Oberfläche
+des Stromes lag, näher und näher, bis ein Stier, der die Hörner gegen
+einen Kameraden einsetzte von diesem zurück und dem Bootrand zugepreßt
+wurde, über den er mit den Hinterbeinen glitt, sich mit den Vorderbeinen,
+ängstlich brüllend, noch einen Augenblick hielt, und dann kopfüber in
+den Strom hinunterstürzte. Wie er aber wieder nach oben kam, und sich
+von dem Boot verhindert sah stromab zu gehn, hielt er rasch dem Lande
+zu, wo dieses sich an einer schmalen Stelle zwischen zwei dort vor Anker
+liegenden Schiffen zeigte, und das war gerade der Punkt wohin ihn die
+Burschen haben wollten, und wo die Käufer schon eine kleine Umzäunung
+hergestellt hatten, die an Land schwimmenden Thiere in Empfang zu nehmen.
+Einer nach dem anderen wurde so, wenn sie nicht gutwillig gehn wollten,
+von Bord hinuntergeworfen, und ihnen folgte, als auch der letzte in
+Sicherheit war, in Masse die Schaafheerde, der man nur einfach den
+Leithammel voran hineinwarf, als sich die ganze Heerde auch in größter
+Eile und Hals über Kopf ihm nachstürzte.
+
+Dieß außergewöhnliche Schauspiel hatte die Aufmerksamkeit der Passagiere
+so in Anspruch genommen, daß sie im Anfang gar nicht bemerkten, wie ein
+paar Fruchtboote indessen an das Schiff herangekommen waren und dieses
+jetzt, mit ihrer delicaten Last umkreisten. Ziemlich vorn im Boot saß
+eine sonngebräunte Gestalt mit breiträndigem Strohhut, nur mit Hemd
+und Hose bekleidet und ein buntfarbiges Seidentuch locker um den Hals
+geschlagen, in jeder Hand ein leichtes kurzes Ruder mit denen er das
+zierlich schlanke Fahrzeug rasch und behende vorwärtstrieb, und durch
+die geringste Bewegung herüber und hinüber lenkte. Von der Mitte des
+Bootes ab aber, bis hinten zum Spiegel desselben lagen, in entzückender
+Fülle die Schätze der Tropen, wie dieses sonnigen Landes aufgestapelt
+und zum Genuß bereit, während in dem Spiegel des einen Boots ein
+kleiner Capuziner-Affe, in dem des anderen ein buntfarbiger Papagei dem
+reizenden Bild zur Staffage zu dienen schienen. Duftige Ananas mit den
+grüngezackten Kronen, rothbäckige Granatäpfel, goldene Apfelsinen,
+saftige Pfirsiche, Cocosnüsse in ihrer braunen Schaale, mehlige Bananen,
+mit nordischen Äpfeln und Birnen und schwellenden Trauben, mit Granat- und
+Orangenblüthen überworfen lagen in wilder Mischung bunt und wirr und
+doch sinnig geordnet, durcheinander, und die Hände der armen, Salzkost
+gewöhnten und gequälten Auswanderer, streckten sich nur soviel
+sehnsüchtiger nach den gezeigten Schätzen aus, als fast den meisten die
+Mittel fehlten, sich augenblicklich in Besitz derselben zu setzen.
+
+Kleines Geld -- oh wer jetzt kleine Amerikanische oder Englische Münzen
+hatte, sich einen Theil des Reichthums da unten zuzueignen -- nur ein
+einziges Stück den lechzenden Gaumen zu letzen. Und wie sie durch
+einander liefen und in den Taschen suchten, und borgen wollten, Einer
+vom Anderen, und Keiner, wie ihnen das wohl auch oft in der alten
+Heimath geschehn sein mochte, die landesübliche Münze zu zeigen hatte.
+Hie und da tauchte aber doch ein Spanischer Dollar auf, Früchte _mußten_
+gekauft werden, die erste Landung auch würdig zu feiern, und der Steward
+wurde dann ebenfalls hinunter geschickt, für die Cajüte ein reiches und
+willkommenes Desert zur Abendtafel einzukaufen. Die beiden Spanier in
+den Fruchtbooten machten glänzende Geschäfte an den beiden deutschen
+Schiffen.
+
+Endlich kam auch das Sanitätsboot und das Schiff wurde, nach sehr
+flüchtiger Untersuchung, als vollkommen gesund erklärt, wie den
+Passagieren von Obrigkeitswegen gestattet, sobald sie wollten oder
+könnten an Land zu gehn. Es war aber indessen auch beinah Abend
+geworden, und der Capitain erklärte seinen Cajütspassagieren daß er
+selber allerdings augenblicklich an Land müsse, und gern von ihnen
+mitnehmen wolle wer zu gehen wünsche, daß er ihnen aber rathe die Nacht
+noch an Bord zu bleiben, und dann morgen früh ihre Ausschiffung in Muße
+und mit Ruhe vorzunehmen. Mit den Zwischendeckspassagieren wurden schon
+weniger Umstände gemacht, und ihnen eben nur einfach angekündigt, daß es
+für heute zu spät sei sie auszuschiffen, und sie morgen früh, wenn sie
+es wünschten mit Tagesanbruch befördert werden sollten. Übrigens hätten
+sie heute Abend noch einmal Abendbrod und morgen Frühstück zu erwarten
+-- wonach zu richten.
+
+Von den Cajütspassagieren hatten sich aber eben der Professor und die
+Herren Benkendroff, Henkel, und der Doktor entschlossen mit an Land zu
+fahren, als von dort aus ein Boot abstieß in dem ein Herr und eine Dame
+saßen und auf die Haidschnucke zuhielten. Frau von Kaulitz, die schon
+seit einer Stunde ungeduldig auf dem Quarterdeck auf- und abgegangen
+war, und diesen Besuch in der That erwartet hatte, trat an die Reiling
+und winkte mit dem Tuch, und das Zeichen wurde von der Dame im Boot, die
+in großer Aufregung zu sein schien, beantwortet. Desto ruhiger blieb
+aber die alte Dame, die schon an dem Nachmittag ihre Whistberechnung mit
+ihren bisherigen Aiden gemacht und ihren Gewinn eingestrichen hatte,
+während ihre Koffer gepackt und zum Abholen fertig standen.
+
+»Wer mögen nur die Fremden sein die uns dort besuchen wollen?« rief die
+lebhafte Marie, die sich nicht satt sehn konnte an ihrer neuen Umgebung
+und Augen für Alles hatte, was um sie her vorging. »Sie kommen
+wahrhaftig hierher, gerade auf das Schiff zu!«
+
+»Das ist meine Tochter, mein Kind« sagte aber die alte Dame mit
+unendlicher Ruhe, »die sich vor einem Jahre von einem jungen Engländer
+Namens Bloomfield hat entführen und heirathen lassen, ohne mein Wissen
+und gegen meinen Willen. Das junge Ehepaar flüchtete damals nach Amerika
+und ich habe ihnen jetzt, da der Mann sonst brav und ordentlich zu sein
+scheint und sehr vermögend ist, verziehen und bin gekommen sie zu
+besuchen.«
+
+Es waren dieß die ersten Worte die Frau von Kaulitz je über ihre
+Familienverhältnisse, wie überhaupt den Zweck ihrer Reise geäußert
+hatte, und Marie blickte lächelnd zu ihr auf, denn sie konnte natürlich
+nicht anders glauben, als daß die alte Dame sich einen Scherz mit ihr
+mache, obgleich das sonst nicht eben ihre Gewohnheit war. Sie sah aber
+auch jetzt so ernst und trocken aus wie nur je, und hatte noch dazu ihre
+Brille aus ihrem großen sammetgestickten Strickbeutel herausgeholt, die
+sie aufsetzte und die Herankommenden aufmerksam und forschend damit
+betrachtete. Es war eben noch hell genug die Gesichter unten zu
+erkennen.
+
+Das Boot lag jetzt langseit und die alte Dame ging zweimal auf dem
+Quarterdeck auf und ab als der Capitain, der an die Fallreepstreppe
+getreten war der Dame hereinzuhelfen, mit den beiden Fremden den
+Starbordgangweg herauf kam und sie zur Quarterdeckstreppe führte. Die
+junge Dame, ein reizendes kleines zartes Frauchen von vielleicht
+zweiundzwanzig Jahren, aber jetzt mit vor innerer Aufregung bleichen und
+erregten Zügen, eilte voran, dicht hinter ihr folgte ihr Gatte, eine
+ebenfalls noch jugendliche, aber edle, männliche Gestalt. Frau von
+Kaulitz war mitten auf dem Deck stehn geblieben sie zu erwarten.
+
+»Mutter -- liebe -- liebe Mutter!« rief die junge Frau, flog auf die
+alte Dame zu und barg, der Fremden die sie umstanden nicht achtend, ja
+sie wohl nicht einmal bemerkend, schluchzend ihr Antlitz an ihrer Brust.
+
+»Mein Kind -- mein liebes Kind!« sagte Frau von Kaulitz, mit einem
+unverkennbaren Anflug von Rührung und hob sie zu sich auf, küßte sie und
+streckte dann ihre Hand dem wenige Schritte hinter ihr stehen
+gebliebenen Gatten entgegen.
+
+»Liebe -- beste Mutter!« rief aber jetzt auch dieser, tief ergriffen
+ihre Hand fassend und an seine Lippen ziehend -- »können Sie uns
+verzeihn?«
+
+»Bst Kinder -- keinen Auftritt hier« sagte aber Frau von Kaulitz, rasch
+wieder gefaßt, »komm Pauline -- komm, richte Dich auf -- sieh nur die
+fremden Leute hier um uns her. Ach bitte William haben Sie die Güte und
+sehen Sie nach daß meine Koffer und Hutschachteln hinunter in das Boot
+kommen.«
+
+»Ich werde Ihnen das schon besorgen, gnädige Frau« sagte aber der
+Capitain freundlich -- »ist das all Ihr Gepäck was hier oben an Deck
+steht?«
+
+»Das ist Alles -- halt Steward meine Whistmarken liegen noch unten auf
+meinem Waschtisch, in dem kleinen grünen Etui.«
+
+»Hier Jahn -- hier Jacob!« rief der Capitain ein paar seiner Leute an --
+»hinunter mit den Sachen da in's Boot -- macht rasch, aber geht mir
+vorsichtig damit um -- hier die drei Koffer und die drei, vier, fünf
+Schachteln mit den zwei Reisesäcken.«
+
+»Wartet Kinder, meine Marken kommen gleich« sagte Frau von Kaulitz, als
+die junge Frau sie unter Thränen lächelnd noch einmal geküßt hatte und
+dann mit sich fortziehen wollte -- »apropos William, spielen Sie Whist?«
+
+»Nein liebe Mutter« -- sagte der junge Mann, verlegen lächelnd über die
+etwas abgebrochene Frage.
+
+»Kein Whist?« -- rief Frau von Kaulitz, fast erschreckt stehen bleibend
+-- »wo bekommen wir denn heute Abend den dritten Mann her? -- Pauline
+spielt.«
+
+»Mein Compagnon spielt vortrefflich und wird heute Abend bei uns sein«
+sagte ihr Schwiegersohn, jetzt wirklich verlegen.
+
+»Ah, das ist schön!« rief Frau von Kaulitz, sichtlich beruhigt, »und nun
+kommt Kinder -- #adieu, adieu#!« sagte sie dabei freundlich ihren
+bisherigen Mitpassagieren, von denen sie sich in diesem Augenblick
+wahrscheinlich auf immer trennte, zunickend -- »#adieu,#« und von dem
+Capitain geführt, der sie, jetzt schon wieder in seinen entsetzlichen
+Schwalbenschwanzfrack mit den engen Ärmeln hineingezwängt, sehr artig
+bis an die Fallreepstreppe begleitete, verließ sie das Quarterdeck.
+
+Der junge Mann folgte ihr, seine Frau am Arm, die Cajütspassagiere an
+denen er vorüberging, freundlich grüßend, als sein Blick auf den, gerade
+an Deck kommenden Henkel fiel. Fast unwillkürlich blieb er einen Moment
+stehn und sah ihn starr an, wie es oft geschieht daß uns ein Gesicht
+plötzlich auffällt, dem wir nicht gleich Namen und Stelle zu geben
+wissen in unserem Gedächtniß. Auch Henkel begegnete, wie es schien
+ebenso überrascht dem Blick; beide Männer verbeugten sich dann leicht
+gegeneinander und der Engländer verließ, seine Frau am Arm das Schiff.
+
+Das Boot stieß ab von Bord, und die beiden Seeleute die es führten
+legten sich kräftig in ihre Ruder, waren aber noch keine vier Längen in
+den Strom hinausgehalten, als Frau von Kaulitz ein ängstliches _»Halt«_
+rief.
+
+»Ach bitte William, ich habe meinen Regenschirm an Bord vergessen!«
+
+Der junge Mann, der am Steuer saß, lenkte den Bug des Bootes rasch
+wieder herum dem kaum verlassenen Schiffe zu, an dessen Railing der
+Steuermann schon stand und mit einem vergnügten Gesicht -- er war an
+derlei gewohnt -- hinunter rief:
+
+»Etwas vergessen, Madame?«
+
+»Meinen Regenschirm -- er steht unten in der Coye -- schwarze Seide mit
+Elfenbeingriff« --
+
+»Nun natürlich« lachte der Seemann leise vor sich hin, und rief dann
+laut -- »Steward, den Regenschirm von Frau von Kaulitz« --
+
+»Und mein rothsaffian Brillenfutteral muß auch noch unten liegen!« rief
+die Dame hinauf.
+
+»Steward -- rothsaffianen Brillenfutteral« repetirte der Steuermann --
+»sonst noch etwas, Madame?«
+
+»Nein -- nicht daß ich jetzt wüßte.« --
+
+Die Sachen wurden durch einen Matrosen, der die Fallreepstreppe
+niederlief, hinunter gereicht, und das Boot stieß zum zweitenmale ab.
+
+»Liebe Mutter, jener Herr Soldegg, den ich auf dem Quarterdeck fand, ist
+doch nicht mit Ihnen von Deutschland, sondern wahrscheinlich erst hier
+an Bord gekommen?« frug der junge Mann die alte Dame, als sie wieder
+eine kleine Strecke vom Schiff ab waren.
+
+»Soldegg? -- ich weiß nicht« sagte Frau von Kaulitz, »ich kenne die
+Zwischendeckspassagiere nicht, und habe den Namen nie gehört.«
+
+»Er sah nicht aus wie ein Zwischendeckspassagier, und stand auch auf dem
+Quarterdeck bei den Damen« sagte Bloomfield.
+
+»Soldegg -- Soldegg? -- kenne ich nicht -- vom Land ist aber auch
+Niemand herüber gekommen, den Steuerbeamten ausgenommen.«
+
+»Dort drüben steht er, etwas rechts vom Besahnmast -- den meine ich, der
+jetzt gerade den Hut aufsetzt.«
+
+Die alte Dame, die ihre Brille noch aufbehalten hatte, drehte den Kopf
+dorthin und sagte dann:
+
+»Das ist ein Herr Namens Henkel, der sich eine junge hübsche Frau von
+Deutschland geholt hat, aber nicht mit ihr durchgebrannt ist, wie
+gewisse Leute.«
+
+»Liebe -- liebe Mutter« bat Pauline, tief erröthend, und die Hand nach
+ihr ausstreckend --
+
+»Schon gut, schon gut« lächelte die alte Dame, die Hand ergreifend und
+streichelnd --
+
+»_Henkel?_« sagte Bloomfield, dem die eben gesehene Persönlichkeit
+selbst in diesem Augenblick nicht aus dem Sinne wollte -- indem er still
+vor sich hin mit dem Kopf schüttelte.
+
+»Haben Sie die auffallend schöne junge Frau nicht bemerkt, die mit auf
+dem Quarterdeck stand?« frug Frau von Kaulitz.
+
+»Dieselbe die so außerordentlich bleich aussah?«
+
+»Dieselbe -- das ist seine Frau -- aber nehmen Sie sich um Gottes Willen
+in Acht. Sie fahren uns ja mitten auf das Schiff hinauf!«
+
+Bloomfield lenkte den Bug des Bootes noch zur rechten Zeit zur Seite,
+der Rudernde warf seinen Riemen rasch aus der Dolle, und das schlanke
+Boot schoß, den Augen der ihm nachschauenden Passagiere der Haidschnucke
+entzogen, zwischen die dort ankernden Schiffe hinein an Land, wo schon
+ein leichter eleganter Wagen sie erwartend hielt.
+
+Des Capitains Jölle war indessen ebenfalls auf das Wasser niedergelassen
+und bemannt worden, und der Capitain noch einmal in seine Cajüte
+gegangen seine Schiffspapiere, die in einer langen, festschließenden
+Blechbüchse staken, mitzunehmen, wie Geld und abzugebende Briefe zu sich
+zu stecken.
+
+Schon vorher war ein Mauthbeamter an Bord gekommen, der aber die Koffer
+der Passagiere, nach flüchtiger Öffnung, passiren ließ. Einwanderern
+wird darin viel nachgesehn, und wo nicht durch zu große Massen oder zu
+geschäftsmäßige Verpackung gegründeter Verdacht vorliegt daß sich Sachen
+zum Verkauf darin vorfinden, läßt man sie keineswegs selten uneröffnet,
+oder wenigstens nach ganz oberflächlichem Darüberhingesehn, passiren.
+
+Clara ging, als Frau von Kaulitz das Schiff verlassen hatte, in ihre
+Cajüte hinab, wohin ihr, wie des Capitains Boot auf das Wasser
+niedergelassen wurde, Henkel folgte.
+
+»Clara« sagte da ihr Gatte mit leiser unterdrückter Stimme, als er den
+kleinen Raum betrat -- »ich gehe heut Abend an Land und kehre vielleicht
+erst spät, vielleicht erst morgen Früh zurück. Du wirst wohl thun Alles
+indeß zu ordnen daß wir das Schiff dann gleich verlassen können -- ich
+werde indeß Quartier für uns besorgen.«
+
+Clara hatte ihn ruhig angehört, aber ihr Körper zitterte während er
+sprach und sie brauchte Minuten sich soweit zu sammeln daß sie ihm nur
+erwidern konnte, dann aber sagte sie mit leiser, doch von innerer
+Heftigkeit fast erstickter bebender Stimme, indem sie ihm fest und
+entschlossen in das scheu abweichende Auge sah.
+
+»Für uns? für _uns_? -- unsere Bahnen trennen sich hier -- mein Herr
+-- ich kenne Sie nicht mehr und _wagen_ Sie es mich zu zwingen.«
+
+»Du bist eine Thörin, Clara« -- sagte Henkel ungeduldig -- »was helfen
+Dir die unnützen Reden -- wer soll Dir hier Beschuldigungen, die Du etwa
+vorbringen könntest, glauben. Sei vernünftig« setzte er dann ruhig hinzu
+-- »laß den wahnsinnigen Verdacht, den Du nun einmal kindischer Weise
+gegen mich gefaßt zu haben scheinst, fahren, und füge Dich in das
+Unvermeidliche. Du kennst die Amerikanischen Gesetze nicht.«
+
+»Und _Du_ wagst es _mir_ mit dem Gesetz zu drohen?« rief aber jetzt
+Clara, in furchtbarer Aufregung selbst den Ort vergessend an dem sie
+sich befanden, und wie leicht sie von Anderen in dem belauscht oder
+gehört werden konnten was sie sprachen -- »Du zitterst nicht, nur
+vor dem Namen des Richters, dem Dein _Kopf_ verfallen wäre, wenn
+Gerechtigkeit nicht eine Lüge hieß.«
+
+»Du bist wahnsinnig!« zischte der Mann, in scheuer Furcht daß die
+Worte draußen zu dem Ohr eines Dritten gedrungen wären, durch die
+zusammengebissenen Zähne -- »ich will Dir Zeit geben Dich zu sammeln;«
+und die Thüre öffnend, die er wieder hinter sich ins Schloß drückte,
+verließ er rasch die Cajüte. Clara aber blieb wie sie der Gatte
+verlassen, die Augen in grimmem Zorn fest auf die Thüre geheftet durch
+die er verschwunden, stehn und wollte sich dann umdrehen ihren Sitz
+wieder einzunehmen. Die Aufregung jedoch und Alles was das arme Herz
+in den letzten Tagen bedrängt und jetzt in furchtbarer Gewalt wieder
+über sie hereinbrach, war zu viel für sie gewesen, sie fühlte wie ihr
+die Sinne schwanden -- sie wollte rufen, aber vermochte es nicht mehr
+-- einen Moment hielt sie sich an der Coye neben der sie stand, aber vor
+ihren Augen dunkelte es, die Cajüte drehte sich mit ihr und bleich und
+lautlos brach sie ohnmächtig zusammen.
+
+»Nun meine Herren, wer mich begleiten will« sagte der Capitain der
+wieder in seinen unbequemsten »geh zu Ufer« Kleidern, mit der »Schraube«
+auf dem Kopf an Deck stand und die Arme ausdehnte seinen Ellbogen nur
+einigermaßen Luft zu gönnen -- »es ist Alles bereit.«
+
+»Mit dem größten Vergnügen Herr Capitain« rief der Doktor, der, von
+Herrn von Benkendroff und dem Professor gefolgt, voransprang, damit
+wenigstens nicht auf ihn gewartet würde. Henkel, eine breite Geldtasche
+umgehangen stieg langsam nach.
+
+»Aber wo ist Ihre Frau?« rief ihm Hopfgarten nach, »die sollten Sie
+doch jedenfalls mit an Land nehmen, und wenn es nur wäre einen kleinen
+Spatziergang auf festem Grund und Boden zu machen -- die Landluft würde
+ihr auch gewiß gut thun.«
+
+Henkel gab eine ausweichende Antwort, und die Cajütspassagiere
+verließen, von ihren Zwischendecks-Reisegefährten beneidet, das Schiff.
+
+Die Nacht war indessen vollständig angebrochen, die Cajütslampe angesteckt
+und der Thee für die wenigen zurückgebliebenen Cajütspassagiere, während
+Herr Hopfgarten die Honneurs machte, servirt worden.
+
+»Aber Clara fehlt wieder« sagte Marie, von ihrem Sitze aufstehend, und
+an die Thür der Freundin tretend, an die sie mit dem Finger klopfte
+-- »Clara, der Thee ist servirt, hast Du die Klingel nicht gehört?« --
+
+Keine Antwort.
+
+»Clara -- bist Du wieder krank?« frug das junge Mädchen lauter und
+ängstlich -- Alles blieb todtenstill in dem kleinen dunklen Gemach, und
+vorsichtig und leise die Thür öffnend stieß sie einen Angstschrei aus,
+als sie die Freundin ausgestreckt und besinnungslos auf dem Boden ihrer
+Cajüte liegen sah.
+
+Der Schrei machte aber sämmtliche Passagiere von ihren Sitzen
+aufspringen und zu ihr eilen, der Steuermann hakte rasch die in der
+Cajüte hängende Lampe aus und folgte, und während Marie und Anna die
+Ohnmächtige aufhoben, rief Hopfgarten:
+
+»Es ist nur ein Glück daß der Doktor nicht an Bord ist« und sprang, so
+schnell er konnte die Cajütstreppe hinauf in das Zwischendeck nieder,
+dort den jungen Arzt zu ersuchen einen Augenblick in die Cajüte zu
+kommen -- gleichzeitig rief er Hedwig, ihrer Herrin beizustehen.
+
+Die Mädchen hatten indeß die junge Frau auf ihr Bett gelegt, und ihr das
+Kleid geöffnet als Georg Donner, von Hopfgarten eingeführt und von
+Hedwig gefolgt erschien und durch leichte Mittel die Kranke bald wieder
+zu sich brachte. Schwerer aber wurde es ihm zu bestimmen was ihr
+eigentlich fehle, denn ihr Blut ging ruhig, von Fieber war keine Spur,
+und ihr Blick doch so stier und dann wieder unstät, wie ängstlich und
+scheu nach Jemand forschend den sie zu suchen schien; das Antlitz dabei
+so todtenbleich, das Auge eingefallen und trüb, daß er zuletzt fast
+fürchtete diese Schwäche sei die Vorbotin einer größeren, schwereren
+Krankheit, die noch unausgesprochen in ihr ruhe. Er bat sie deshalb sich
+für jetzt nur ruhig in ihrem Bette, neben dem Hedwig die Nacht schlafen
+sollte, zu verhalten, ihm selber aber zu erlauben sie noch einmal
+nach Mitternacht zu besuchen etwaigen, dann vielleicht deutlicher
+ausgesprochenen Symptomen rasch begegnen zu können. Die übrige
+Gesellschaft ersuchte er die Kranke am Besten sich selber und der
+Sorge Hedwigs zu überlassen, und zog sich wieder, nach einem herzlichen
+Händedruck Hopfgartens, dem der junge Mann ungemein gefallen, in das
+Zwischendeck zurück.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+An Land.
+
+
+Die Nacht war still vergangen, die Kranke aber erst mit anbrechender
+Dämmerung in einen ruhigen wohlthätigen Schlaf gefallen, in dem sie der
+junge Arzt unter keiner Bedingung gestört haben wollte. Dazu hätte es
+aber freilich keinen unglückseligern Tag an Bord geben können, wie
+gerade heute, wo das Schiff mit Tagesanbruch eben an Land gelegt werden
+sollte, und die damit verbundenen Arbeiten das ganze Fahrzeug bis in
+den Kiel hinab erschüttern machten. Jedenfalls mußte die Kranke je eher
+desto besser, an das Ufer geschafft werden, dort die nöthige Ruhe und
+Pflege zu erhalten, wo sich hoffen ließ daß sie sich auch bald erholen
+würde, und Georg Donner beschloß deshalb selber mit Herrn Henkel zu
+reden, sobald dieser zurück an Bord kommen würde.
+
+Das geschah bald nach Sonnenaufgang und Henkel, der aber sehr ruhig über
+den Fall und fest überzeugt schien, daß es als ein leichtes Unwohlsein
+bald vorüber gehen würde, versicherte ihn er habe schon ihr Quartier und
+Alles in Ordnung gebracht, und gab ihm dabei zu verstehn daß ein sehr
+intimer Freund von ihm einer der ausgezeichnetsten Ärzte der Stadt sei,
+der, sollte das Unwohlsein wirklich bedeutendere Folgen haben, mit den
+klimatischen Verhältnissen hier bekannt, die Kranke bald wieder herstellen
+würde. Übrigens dankte er ihm für die seiner Frau geleisteten Dienste
+und schien einen Augenblick sogar unschlüssig ob er ihm ein Honorar
+dafür anbieten dürfe oder nicht; Donner jedoch, der etwas Ähnliches
+fürchten mochte, und zu stolz war seine Hülfe weiter aufzudrängen,
+schnitt die Unterredung kurz ab, und rüstete sich jetzt selber so
+rasch als möglich das Land betreten zu können.
+
+An Bord herrschte indessen ein reges, geschäftiges Leben. Schon mit
+Tagesanbruch hatten die Seeleute den Anker gelichtet und zu gleicher
+Zeit mit dem Boot ein Tau nach dem nächst liegenden Schiff gebracht,
+wohin sie sich jetzt mit dem vorderen Gangspill bugsirten, und um acht
+Uhr etwa lag die Haidschnucke mit ausgeschobenen und wohl befestigten
+Planken, ihre Fracht und Passagiergüter bequem ausladen zu können, dicht
+an der Levée -- ein Platz den ich dem Leser später näher beschreiben
+werde -- und der Vorstadt von New-Orleans, dem zum großen Theil von
+Deutschen bewohnten Lafayette gerade gegenüber. Etwa zwanzig Schritt
+unterhalb, an derselben Stelle lief zu gleicher Zeit das Hamburger
+Schiff an, das mit ihnen zugleich, und von einem Dampfer geschleppt, aus
+dem Golf von Mexico heraufgekommen war. Welche Mühe hatten sich die
+Passagiere dabei vorher gegeben dieß Schiff zu betreten; wie hatten
+sie den Steuermann und Capitain gequält, und als es ihnen die nicht
+erlaubten, geflucht und geschimpft. Jetzt hätten sie es ungemein
+bequem haben können, ihre halben Reisegefährten zu besuchen -- jetzt,
+wunderbarer Weise, dachte aber Niemand von ihnen mehr daran, auch nur
+mit einem Schritt hinüber und an Bord zu gehn, und Jeder drängte und
+trieb nur, hinauszukommen an Land, Amerika erst einmal unter den Füßen
+zu fühlen, und sich dem wohlthuenden Bewußtsein hingeben zu können
+endlich -- endlich, nach allen ausgestandenen und erlittenen Drangsalen
+und Beschwerden das heiß ersehnte Ziel _erreicht_ zu haben.
+
+Ein Theil der Männer hatte sich übrigens schon mit Tagesanbruch, und
+zwar mit dem Boot welches das Tau an Bord des anderen Schiffes brachte,
+an's Ufer setzen lassen die dortigen Verhältnisse von einzelnen, gewiß
+anzutreffenden Landsleuten zu erfahren, und sich gleich zu erkundigen ob
+nicht irgendwo in der Nähe Arbeit zu bekommen wäre. Sie mußten doch erst
+einmal ein Unterkommen für die Familie und ihr Gepäck haben, wonach sie
+sich dann weiter und bequemer umschauen konnten. Unter ihnen waren die
+Oldenburger, (die besonders drängten und trieben, damit ihnen »die von
+dem Hamburger Schiff« nicht zuvorkämen) Steinert, Löwenhaupt, Rechheimer,
+Wald und Eltrich, der ebenfalls ein Quartier für seine kleine Familie
+zu suchen hatte, da er beabsichtigte New-Orleans zu seinem nächsten
+Wohnsitz und Aufenthalt zu wählen, und noch einige der Handwerker und
+Bauern an Bord. Sie wollten die Zeit benutzen, bis ihre Sachen gelandet
+werden konnten.
+
+Es war noch die frühste Morgenstunde, nichts destoweniger schwärmte die
+Levée[5] schon -- da in dem warmen Klima fast alle Geschäfte Morgens
+beendet werden, von thätigen Leuten, die sich Alle in größter Eile
+durcheinander drängten, und die Neugekommenen kaum eines Blickes
+würdigten. Schwergepackte zweirädrige und eigenthümlich gebaute Karren,
+mit _einem_ kräftigen Pferd bespannt, zogen in fast ununterbrochener
+Reihe den verschiedenen Schiffen zu oder in die Stadt hinein, und
+abgeladene trabten, mit dem Führer vorn darauf stehend, rasch wieder
+zurück, neue Fracht zu holen. Kleine einspännige Milchkarren, mit
+einer Masse blechener Kannen bepackt, rasselten über das Pflaster;
+wunderhübsche Mulatten, und Quadroonmädchen, schlank und voll gewachsen,
+mit elastischem Gang, ein buntfarbiges Tuch kokett um das dunkle Haar
+geschlagen, boten Blumen und Früchte aus; Männer und Knaben, mit Körben
+und kleine Glaskasten umgeschnallt in denen eine Masse verschiedener
+Kleinigkeiten zum Verkauf auslagen, standen an den Ecken oder wanderten
+an den Schiffen entlang, ihre Waaren mit ungemeiner Zungenfertigkeit und
+meist in einer schauerlichen Mischung von Englisch-Französisch und
+jüdischem Deutsch feil bietend.
+
+Dann die Kaufläden, die wunderlichen großen Schilder mit den riesigen
+Buchstaben, die Heerden von Vieh, die sich, hier in der Vorstadt, mitten
+durch die Menschenschaaren drängten, oder gedrängt wurden, ihrem
+Bestimmungsort, dem Schlachtplatz zu, die Masse von Negern und Mulatten,
+Mestizen, Quadroonen, mit allen nur erdenklichen Schattirungen von
+Weiß und Gelb zu Schwarz und Braun, die eleganten Cabriolets neben den
+schmutzigen Marktwägen die Früchte und Gemüse aus dem Inneren zur Stadt
+bringen; es war ein Gewirr von Sachen daß die Einwanderer, von denen
+sich nur Eltrich getrennt hatte seine eigenen Geschäfte desto rascher
+besorgen zu können, nicht Augen genug zu sehen, nicht Ohren genug zu hören
+hatten, und im Anfang wirklich wie von einem wilden, hirnverdrehenden
+Traum befangen an der Levée hinauf, der eigentlichen Stadt zugingen, und
+herüber und hinüber gestoßen, denn sie schienen _allen_ Menschen heute
+im Weg, endlich unfern von da stehen blieben wo eine Anzahl Männer und
+Frauen, neben aufschichteten Kisten und Koffern auf der Levée saßen und
+das Wogen und Drängen der Weltstadt still und die Hände in den Schooß
+gelegt, an sich vorüber strömen ließen.
+
+»Das sind Deutsche!« rief Steinert, mit der Hand nach ihnen hinüber
+deutend -- »die können uns auch vielleicht Auskunft geben wohin wir
+uns am Besten wenden, mitten in die Stadt zu kommen; wir wollen sie
+jedenfalls fragen.«
+
+»Und wo wir hier Arbeit kriegen« sagte da ein Oldenburger, »Donnerwetter,
+seit wir hier auf dem Damm herum laufen ist mir ganz wunderlich zu Muthe
+geworden; ich glaubte erst wir würden den Fuß nicht an Land setzen
+können, ohne daß die Amerikaner auf uns zukämen, und uns frügen was wir
+den Tag oder Monat für Lohn haben wollten, und jetzt bekümmert sich
+keine Menschen-Seele um uns, und die Leute thun gerade so, als ob wir
+gar nicht in der Welt wären.«
+
+»Guten Tag Landsleute« sagte Steinert als sie sich den Leuten näherten,
+und die Männer und Frauen drehten rasch den Kopf nach ihm um, und
+erwiederten den Gruß.
+
+»Auch erst angekommen?« frug der eine Oldenburger den ihm nächst
+sitzenden, einen alten Mann mit braunledernen kurzen Hosen, baumwollenen
+langen Strümpfen, eine blaue Jacke mit bleiernen Knöpfen darauf, weiß
+und blaugesprenkelte Weste und eine Pelzmütze auf.
+
+»#Jes#« sagte der Mann, »seit gestern Morgen.«
+
+»Und spricht schon Englisch?« lachte Steinert.
+
+»#Jes# a Bisle« sagte der Mann wieder, aber mit einem wehmüthigen Zug um
+den Mund, als ob es ihm leid thue.
+
+»Und weshalb sitzt Ihr hier und verpaßt die schöne Zeit?« rief Steinert,
+»oder wartet Ihr auf ein Dampfboot, den Fluß hinauf zu gehen?«
+
+»Wir sitzen hier, weil uns der Capitain nicht länger an Bord behalten
+und nicht wieder mitnehmen wollte« sagte der Mann finster.
+
+»Wieder mitnehmen? -- nach Deutschland?«
+
+»#Jes.#«
+
+»Aber um Gottes Willen weshalb?«
+
+»Weil wir nicht gern gleich die erste Woche verhungern möchten in
+Amerika« sagte der Mann und die Frau die neben ihm saß preßte ihr Kind
+fester an sich und wandte den Kopf ab, daß die Fremden die Thränen nicht
+sehen sollten, die ihr in den Augen standen.
+
+»Ist es so schlecht hier?« frug der andere Oldenburger rasch.
+
+»Schlecht? -- das weiß ich nicht« sagte der Mann -- »aber wir sind
+unserer sechse gestern den ganzen Tag von Morgen bis Abend herumgelaufen
+Arbeit zu suchen und Brod zu finden, und Niemand hat uns haben wollen,
+und Geld haben wir auch nicht mehr uns Provisionen zu kaufen. Gestern
+hatten wir noch Schiffszwieback den wir vom Bord mitgenommen -- heute
+werden wir von den halbfaulen Apfelsinen und Äpfeln leben können, die
+die Obstweiber fortwerfen.«
+
+»Aber sollen denn Eure Sachen hier im Freien liegen bleiben?« frug sie
+Steinert kopfschüttelnd; »es wird doch wohl gewiß Plätze geben wo Ihr
+die unterbringen könntet.«
+
+»Ja es gibt so Häuser, die sie hier Bordinghäuser nennen« sagte ein
+Anderer -- »aber die verlangen gleich Geld, oder die Sachen in Versatz,
+weil wir mit Frauen und Kindern ankamen, und sie die überdieß nicht gern
+einnehmen wollen. Das ist nun Amerika -- _jetzt sind wir da!_« und der
+Mann stützte seinen Kopf in beide Hände, holte tief Athem, und sah still
+und starr vor sich nieder eine ganze Weile lang.
+
+»Seid Ihr auch eben erst angekommen?« frug der Erste wieder.
+
+»Ja« sagte der eine Oldenburger, aber sehr kleinlaut -- »heute Morgen
+-- vor einer halben Stunde etwa.«
+
+»Und habt Ihr auch Frauen mit?« frug die eine Frau mit leiser Stimme,
+aber es lag ein solcher Schmerz darin, daß es selbst Steinert unbehaglich
+zu Muthe wurde, und er rasch sagte:
+
+»Ihr müßt nicht verzagen Leute; Wetter noch einmal, die gebratenen Tauben
+fliegen Einem nicht in's Maul, und Ihr sitzt hier gerade so, als ob Ihr
+darauf wartetet. Ihr seid gesund und kräftig, und allen Solchen fehlt es
+in Amerika nicht, das ist eine allbekannte Sache.«
+
+ [Illustration: Capitel 3.]
+
+»Wenn man aber nun Nichts zu essen, und auch Niemanden hat der Einem was
+giebt?« sagte einer der Anderen wieder. »Ihr habt klug reden -- vielleicht
+die Taschen noch voll Geld und keine Weiber und Kinder, aber lauft erst
+einmal in der ganzen Stadt in der Hitze herum von Haus zu Haus, und
+fragt nach Arbeit, und werdet überall fortgeschickt, und wißt dann daß
+Eure Kinder am Fluß sitzen und nach Brod schreien. -- Ich bleibe jetzt
+hier ruhig hocken,« setzte er dann mit finsterem Trotz hinzu, »und will
+eben einmal sehn ob uns die Amerikaner hier auf der Straße verhungern
+lassen oder nicht.«
+
+»Und seid Ihr allein mit dem Schiff gekommen?« frug ihn Wald, der
+indessen heimlich in die Taschen gegriffen und einen halben Dollar
+herausgenommen hatte.
+
+»Nein, wir sind ihrer noch mehr« sagte der Erste -- »die Anderen sind
+wieder ausgegangen heut Morgen und suchen Arbeit oder Brod -- wenn wir
+nur Milch für die Kinder hätten.«
+
+»Da hab' ich gerade vorhin einen halben Dollar auf der Straße gefunden«
+sagte Wald, das Geldstück der Frau hinhaltend -- »Euch thuts hier
+wahrscheinlich mehr Noth, denn ich habe keine Familie -- nehmts!«
+
+Die Frau zögerte, -- die Hand zuckte ihr nach dem Silber, aber unschlüssig
+sah sie dabei nach dem Mann hinüber, ob sie es nehmen dürfe; da warf ihr
+Wald das Geld in den Schooß und ging rasch die Straße hinunter, in deren
+dichten Getümmel er im nächsten Augenblick schon verschwunden war.
+
+»Du -- hast _Du_ gesehn daß der Jude den halben Dollar gefunden hat?«
+frug der eine Oldenburger den andern leise, als sie die Straße wieder
+hinaufgingen.
+
+»Ne« sagte der.
+
+»Ich auch nicht -- paß man ein Bischen auf, vielleicht finden wir auch
+was« meinte der Erste wieder und betrachtete von da an die Levée mit
+höchst mistrauischen Blicken.
+
+Auf Steinert hatte diese Begegnung aber einen höchst unangenehmen
+Eindruck gemacht, und Amerika ungemein viel in seinen Augen verloren. Da
+waren Leute -- gesund, kräftig und stark, die _Arbeit_ suchten und keine
+finden konnten, und sich vor dem Hungertode fürchteten -- zu Hause aber
+hatten ihm die Auswanderungs-Agenten ganz andere Geschichten erzählt,
+und in Büchern konnte er sich auch nicht erinnern, schon etwas Ähnliches
+gelesen zu haben.
+
+»Verfluchte Geschichte das,« murmelte er dabei vor sich hin »ich weiß
+nicht was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin« -- »ganz verfluchte
+Geschichte das. -- Aber die Leute haben keine Empfehlungsbriefe, _das_
+ist die Sache, und keine Lebensart -- wissen sich nicht zu benehmen,
+nicht in die Schwächen und Fehler ihrer Mitmenschen zu schicken oder
+diese zu benutzen -- vertrauen zu wenig auf ihre eigene Kraft -- bitte
+um Entschuldigung« unterbrach er sich in dem Augenblick selbst, als er
+von einem riesigen Irländer, der sich aber nicht weiter um ihn kümmerte,
+fast über den Haufen geworfen wurde -- »hm, der Weg war doch breit genug«
+brummte er dann hinter ihn her und setzte, immer noch kopfschüttelnd
+aber doch jetzt etwas vorsichtiger, seinen Weg in das Innere der Stadt
+fort.
+
+Wald hatte sich indeß in das dickste Gedräng geworfen, wo er plötzlich
+voll und breit gegen einen hölzernen, mit kleinen Glasscheiben versehenen
+Kasten anlief, über dem er zu seinem nicht geringen Erstaunen ein
+bekanntes Gesicht entdeckte.
+
+»Rosengarten -- Gottes Wunder wo kommst _Du_ her?« rief er überrascht
+aus, während er den Kasten mit beiden Händen festhielt und dem Träger
+desselben, der ihn an ein paar breiten ledernen Riemen über die Schultern
+gehängt trug, in das Gesicht schaute.
+
+»Wald! als ich gesund will bleiben -- #tri 'scaleng a piece trois bits#
+drei Real 's Stück, bester Qualität #werry fine bong!#« rief der junge
+Bursche in einem Athem den Freund begrüßend und in allen möglichen
+Sprachen seine Waaren zugleich ausbietend, keine unnöthige Zeit zu
+versäumen -- »#wer you come from? tri 'scaleng -- only tri bits#
+Schentelman, #werry fine bong!#«
+
+»Hallo« -- lachte aber Wald in das Gewirr von Ausrufen hinein, die nicht
+allein von dem neu gefundenen Freund, sondern von allen Seiten und allen
+Arten von Ausrufern und Ausruferinnen in seine Ohren schwirrten und ihn
+taub zu machen drohten »mit mir mußt Du schon noch deutsch reden, sonst
+verstehe ich keine Sylbe.«
+
+»Just #from# Schermany gekommen?« rief aber der kleine Jude ihn erstaunt
+ansehend »und was mache se in Bamberg? stehen die vier Thirmle noch?
+#tri scaleng a piece -- only tri bits, trois scaleng werry bong! who
+will puy?#«
+
+Wald sah wohl daß mit dem Burschen hier auf offener Straße, wo er
+jeden Menschen in Verdacht hatte seine Waaren kaufen zu wollen, Nichts
+anzufangen sei, so also, ohne weiter ein Wort an ihn zu verlieren, kroch
+er ihm unter dem Kasten weg, faßte ihn hinten am Rockschoß, und zog ihn,
+während dieser noch unverdrossen ausschrie, rückwärts aus dem dichtesten
+Gewirr hinaus einer verhältnißmäßig stilleren Straße zu, die gerade dort
+wo sie sich befanden auf die Levée ausmündete. Diese Straße mit ihm
+hinaufgehend kamen sie bald zu einem Haus an dem auf weißem Schild mit
+grünen Buchstaben »Deutsches Kosthaus« geschrieben stand, und da Beide
+noch nüchtern waren, verständigten sie sich leicht dort hinein zu gehn
+und während der Mahlzeit eine Viertelstunde mit einander zu plaudern.
+Rosengarten war um so eher damit einverstanden, als er dabei auch nicht
+so viel Zeit unnöthig zu versäumen brauchte, denn essen mußte er doch.
+
+»Aber um Gottes Willen was hast Du nur heute Morgen gerade so viel zu
+thun?« frug ihn Wald -- »so früh wird Dir doch Niemand etwas abkaufen.«
+
+»So früh?« rief aber der kleine Bursche -- »so früh, und so viel zu
+thun? -- kein Mensch kann das wissen, und Geld muß der Mensch hier
+machen, wenn er leben will; jede Viertelstunde also die man versäumt,
+macht man kein Geld, und die ist verloren, kommt nicht wieder.«
+
+Er kauderwelschte dabei das wenige was er sprach so furchtbar in dem
+nichtswürdigsten Englisch und Französisch, mit sogar einigen spanischen
+Brocken, wie eben so schlechtem Deutsch durcheinander, daß sich Wald
+wirklich die größte Mühe geben mußte, nur zu verstehen was er im Ganzen
+sagen wolle, denn die einzelnen Sätze hatte er schon lange aufgegeben.
+Der Bericht aber, den der kleine Bursche von sich selber und seinen
+Erfolgen gab, war ungefähr kurz der folgende. Vor kaum einem Jahr von
+Bamberg ausgewandert hatte er, hier angekommen, zuerst Monate lang
+vergebens gesucht bei irgend einem Landsmann und Glaubensgenossen in
+ein Geschäft aufgenommen zu werden. Was in einem solchen zu thun war,
+besorgten die Leute Alles selbst, und als er das letzte Geld, wenige
+Gulden die er noch mitgebracht, verzehrt, wußte er in Verzweiflung
+wirklich nicht was er beginnen sollte. Ein Landsmann, den er endlich
+um Unterstützung anzugehn gezwungen war, gab ihm kein Geld, sondern
+_borgte_ ihm ein Dutzend baumwollene Hosenträger, mit denen er ihm ganz
+ernsthaft rieth ein Geschäft _selber_ zu beginnen, und er folgte dem
+Rath. Die Hosenträger bezahlte er nicht, sondern borgte bei einem
+Anderen einige Kämme, Zahnbürsten, Band und Stecknadeln, etc. Auch diese
+trugen gute Früchte, und in drei Monaten konnte er sich einen Glaskasten
+mit solch werthvollen Gegenständen anschaffen, daß er sich jetzt zu
+einem drei Real[6] pro Stück Krämer emporgeschwungen hatte, und goldene
+Ringe und Tuchnadeln, Messer, Dolche, kleine Pistolen, Uhrketten,
+Ohrringe und überhaupt Byjouterieen in den Straßen der Stadt, als
+wandernder Tabulettkrämer feil bot. Amerika war übrigens das Land »Geld
+zu machen« _seiner_ Aussage nach, und die Leute die drinnen _hungerten_,
+deren eigene Schuld sei es, und sie verdienten es eben nicht besser.
+
+Die Mahlzeit hatte indessen begonnen und Wald fand sich hier ebenfalls
+in einer fremden ungewohnten Welt, der das bisher ertragene Schiffsleben
+nur einen noch höheren Reiz verlieh. Der lange Tisch, an dem eine Masse
+Menschen saßen und, ohne mit einander ein flüchtiges Wort zu wechseln,
+ihr Essen mehr einschlangen als verzehrten, so rasch als möglich wieder
+fertig zu werden, die Quantität der Speisen selber, und frisches Brod,
+frisches Fleisch, gekochte Eier, und Milch und Zucker im Kaffee, lauter
+Luxusartikel die man auf dem Schiff im Anfang schmerzlich vermißt, und
+später fast vergißt, daß sie überhaupt existiren, bis sie mit einem
+Male sämmtlich wieder in Armes Bereich auftauchen, hatten einen viel zu
+großen Reiz für ihn, nicht selbst seine Amerikanische Zukunft für den
+Augenblick in den Hintergrund zu drängen, und als Rosengarten -- dem der
+Boden unter den Füßen an zu brennen fing, bis er wieder hinauskam auf
+den Schauplatz seiner Thaten -- ihm die Adresse des eignen Kosthauses
+gegeben hatte, wo sie sich heute Abend wieder finden wollten, und dann
+fortgeeilt war sein Ausschreien auf's Neue zu beginnen, blieb er noch
+eine ganze Weile an dem Tisch sitzen und gab sich dem behaglichen Gefühl
+hin, wieder einmal nach langer Entbehrung, von einem ordentlichen Stuhl
+aus seine Beine unter einen Tisch strecken zu können, auf dem es der
+Mühe werth war einen Teller stehn zu haben, und nicht mehr, wie bisher,
+mit einem Blechnapf voll Erbsen und einem Stück salzigen Fleisch auf den
+Knieen so lange zu balanciren bis das Bischen Essen nur des Hungers,
+nicht des Wohlgeschmacks wegen hinuntergewürgt war.
+
+Von den übrigen Passagieren hatten sich übrigens die wenigsten schon dem
+Genuß einer ordentlichen Mahlzeit hingeben können, denn jetzt auf ihre
+eigenen Kräfte angewiesen einen Beginn in dem neuen Land zu finden,
+mußten sie vor allen Dingen einen Platz suchen, von dem sie ausspringen
+konnten, eine Stelle ihren Hebel aufzulegen für ihre künftigen Hoffnungen.
+Das aber war ein schwieriges und wichtiges Geschäft, da von dem einen
+Schritt vielleicht ihr ganzes künftiges Glück oder Unglück abhing, und
+die Folgen, wie sie den Anfang nahmen, segensreich oder verderblich
+werden mußten.
+
+Professor Lobenstein besonders mit seiner zahlreichen Familie und den,
+an Entbehrungen noch nicht gewohnten Frauen, wie mit einer enormen Masse
+Gepäck (die ihn doch jetzt etwas besorgt machte, da er sie von dem
+Schiff nehmen sollte ohne genau zu wissen wohin) war gezwungen einen
+Entschluß zu fassen, ob er in New-Orleans eine Zeitlang bleiben, oder
+mit einem der Flußdampfer, von denen an jedem Tag drei oder vier, oft
+noch mehr, stromauf gingen, einem anderen, etwas mehr nördlich gelegenen
+Klima zueilen wolle.
+
+Henkel, dessen Meinung er darüber ganz besonders schon unterwegs
+eingeholt, und der außerdem seine eigenen Gründe hatte den Professor
+mit seiner Familie so rasch als möglich von New-Orleans zu entfernen,
+rieth ihm unbedingt zu dem letzteren Weg. Louisiana war nicht allein
+ein Sclavenstaat, sondern ein fast nur Zucker und Baumwolle zum Export
+producirendes Land, in dem sich ein neuer Ansiedler, wenn er nicht mit
+bedeutenden Mitteln und mit einer Anzahl Negern auftrat, den Boden
+in Angriff zu nehmen, kaum über Wasser halten konnte. Der Norden bot
+ihm dafür sicherere Hülfsquellen und ein besseres, dem Europäer mehr
+zusagendes Klima, wo sie ihre eigenen Kräfte verwerthen konnten, und mit
+einem weit geringeren Capital im Stande waren zu beginnen. Er hatte
+ihm dazu Wisconsin, oder wenn er nicht so weit nördlich gehen wollte,
+Illinois, selbst Kentucky oder Missouri vorgeschlagen, denn trieben die
+beiden letzten Staaten auch Sclaverei, so waren doch schon so viele
+nordische Einwanderer, besonders Deutsche in ihnen angesiedelt, die ihre
+eigene Arbeit verrichteten, daß die eigene Arbeit auch eben mit der
+Sclavenarbeit concurriren konnte, während der Ansiedler zugleich in
+einem nicht zu kalten Klima, alle Vortheile eines äußerst fruchtbaren
+Bodens, und außerdem verhältnißmäßig gesunden Landes genoß. Selbst
+Arkansas, obgleich schon etwas nah an Louisiana gelegen, war da zu
+empfehlen, noch dazu da dieß junge Land einmal eine große Zukunft
+hätte; wolle er aber ganz sicher gehn und hätte er ein paar tausend
+Thaler an einen Anfang zu wenden, so riethe er ihm die mehr östlichen
+Staaten, Indiana oder Ohio zu wählen, wo er gewissermaßen schon in eine
+civilisirtere Nachbarschaft komme, und nicht mitten im Wald zu beginnen
+brauche; Boote für den Ohiostrom gingen überdieß an jedem Tag ab und er
+habe die Erleichterung sein Gepäck, was je eher desto besser geschehe,
+gleich von Bord der Haidschnucke fort an Bord des Dampfboots schaffen
+zu können, das ihn in die nächste Nähe, vielleicht vor die Thür seiner
+nächsten Heimath trüge.
+
+Es ist immer eine schwierige Sache sich zu der Wahl eines Platzes zu
+entschließen, besonders wenn man das Land noch nicht kennt und Familie
+hat. Alle Beschreibungen und Schilderungen die wir da hören und lesen,
+schwimmen uns in wüsten, undeutlichen Bildern vor der Seele herum, und
+dem Trieb, das eine zu greifen und zu halten, mischt sich die Furcht
+-- die oft nur zu gegründete -- das Alles nicht so zu finden, nicht
+etwa wie es erzählt wird, sondern wie wir es uns denken, und dann
+einen Schritt gethan zu haben, der eben gethan _ist_, und nicht mehr
+zurückgenommen werden kann. Der Auswanderer weiß dabei, daß von diesem
+Entschluß sein ganzes künftiges Leben, Glück oder Unglück abhängt; sind
+dann die Würfel wirklich in seine Hand gegeben, so zittert er vor dem
+Wurf zurück, denn nicht allein seine Kraft und Ausdauer, sein Fleiß und
+guter Wille sind es mehr, die hier allein den Ausschlag geben, nein der
+Zufall hat viel dabei zu entscheiden ob er das rechte trifft, und nicht
+vielleicht später einsehn muß Geld und Zeit an ein _Experiment_, an eine
+viel zu theuer erkaufte Erfahrung weggeworfen zu haben, wie gezwungen zu
+sein noch einmal, und wie viel schwerer _dann_, von vorne zu beginnen.
+
+Das Schlimmste dabei ist, daß er sich in Amerika selber wenig auf den
+Rath fremder Leute verlassen darf, denn überall ist er der Gefahr
+ausgesetzt solchen in die Hände zu fallen, die eigener Nutzen treibt ihm
+diesen oder jenen Landstrich ganz besonders zu empfehlen. Die Leute
+brauchen nicht gerade selber irgend einen gewissen Platz verkaufen zu
+wollen, aber sie haben meist Alle irgendwo in den Staaten oder Städten
+der Staate Land, oder einen Bauplatz, das nur dadurch im Preis steigen
+und für sie selber einen Gewinn abwerfen kann, wenn sich eben andere
+Ansiedler in dessen Nähe niederlassen, das Land bebauen und die Produkte
+durch eine größere Cultur im Werthe steigen machen. Ihr Rath braucht
+deshalb nicht schlecht zu sein, aber die Frage bleibt immer ob der
+Einwanderer nicht doch noch einen besseren Platz hätte finden können
+für seine Niederlassung -- wenn ihm eben nur Zeit gegeben wäre sich
+den selber zu suchen.
+
+Henkel hatte nun allerdings keine solchen Beweggründe, die ihn trieben
+dem Professor eine Strecke Landes zu empfehlen, wenn er auch in
+ruhigerer Zeit wohl vielleicht nicht versäumt haben würde die
+Unerfahrenheit des Fremden zu benutzen. Für jetzt lag ihm nur Alles
+daran ihn und seine Familie, an die sich sein Weib näher angeschlossen
+hatte als ihm lieb war, so rasch als möglich von ihr zu entfernen;
+_wohin_ er dabei den Professor mit den Seinen schickte war ihm ziemlich
+gleichgültig nur fort mußte er von New-Orleans.
+
+Der Professor hatte sich aber in seinem ganzen Leben noch nicht so
+rath- und thatlos gefühlt als in dem Augenblick, wo er am vorigen
+Abend und gleich nach seiner Landung, in Henkels und seiner übrigen
+Reisegefährten Begleitung, festen Grund und Boden betrat, und nun für
+sich selber _handeln_ sollte. So viel hatte er allerdings bis dahin über
+Amerika gelesen und studirt, daß er mit größter Leichtigkeit selber
+hätte eine sehr ausführliche Abhandlung darüber schreiben können, wie
+sich eben der Auswanderer, gleich nach seinem ersten an Land treten zu
+benehmen, und welche Schritte er zu thun habe, am raschesten zu einem
+günstigen Ziel zu kommen; nun er aber selber da stand und das auch an
+sich selber ausführen sollte was er anderen mit fester Überzeugung
+gerathen haben würde, da wirbelte ihm der Kopf von alle dem Neuen,
+Fremden das ihn umgab, und er fühlte eine Befangenheit, die er früher
+nimmermehr für möglich gehalten hätte, und sich jetzt am allerwenigsten
+selber eingestehen mochte. Die Häusermassen schienen ihn zu erdrücken,
+die fremde Sprache, deren er Herr zu sein geglaubt, und deren Wortgewirr
+ihm jetzt die Ohren mit einem Chaos von unbegriffenen Tönen füllte,
+machte ihn schwindeln, der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, und er
+mußte mehrmals stehen bleiben um Athem zu schöpfen und sich zu besinnen
+was er eigentlich wolle, was ihn hierher geführt.
+
+Die übrigen Passagiere zerstreuten sich indessen bald nach verschiedenen
+Richtungen, mehr ihrer Neugierde, als irgend einem bestimmten Geschäft
+nachgehend, und der Professor zitterte wirklich schon vor dem Augenblick,
+wo er sich selber überlassen bleiben würde, wenn er sich gleich noch
+immer nicht gestehen wollte, daß es doch ein ganz anders Ding um die
+Praxis als die Theorie sei. Ein Stein fiel ihm da vom Herzen, als sich
+ihm Henkel, wenn er irgend ein bestimmtes Ziel vor Augen habe, zum
+Führer in der ihm wohlbekannten Stadt anbot, und er hing sich ordentlich
+krampfhaft an dessen Arm, als ob er fürchte daß er ihm wieder
+entschlüpfen könne.
+
+Henkel ersah bald seinen Vortheil; der Professor war ihm unter den
+Händen wie weiches Wachs geworden, und verlangte schon gar keinen Rath
+mehr, sondern nur eine bestimmte Richtung von Jemand angegeben zu
+bekommen, der er, scheinbar freiwillig, folgen könne. Der junge Mann
+erzählte ihm jetzt von seinem früheren Aufenthalt in Indiana, welch
+gesundes, vortreffliches Land dort liege, wie er selber da viele Freunde
+habe und diesen Staat, so er sich dazu entschließen könnte Ackerbau zu
+treiben, jedenfalls zu seinem bleibenden Wohnsitz wählen würde, und
+wußte die Vortheile desselben, die glückliche Lage, die ausgezeichneten
+Communicationsmittel, die Produktionsfähigkeit, die reizende Scenerie,
+die fleißigen stillen Menschen dort mit solch lebendigen Farben zu
+schildern, daß es dem Professor nach und nach wie eine Last von der
+Seele rollte, und er freier, fröhlicher zu athmen begann. Eine Stunde
+später hatte er denn auch richtig -- wenn auch noch keine Farm gekauft,
+denn ein gewisser glücklicher Instinkt ließ ihn davon zurückschrecken
+baar Geld aus den Händen zu geben, ehe er mit eigenen Augen sähe was er
+dafür bekäme, aber doch einen Empfehlungsbrief an einen bedeutenden
+Kaufmann in Grahamstown am Ohiofluß, Staat Indiana, in der Tasche, und
+sogar höchst unnöthiger Weise schon seine Passage für sich und die
+Seinen an Bord des Dampfers Jane Wilmington bezahlt, der am nächsten
+Morgen um zwölf Uhr nach Cincinnati bestimmt, die Levée von New-Orleans
+verlassen sollte, und ihn in Grahamstown absetzen konnte.
+
+Seine Aussichten hatten sich dadurch nicht um ein Jota geändert oder
+gebessert, er wußte so wenig von seinem künftigen Schicksal als vorher,
+und der Ort Grahamstown klang ihm so fremd und unbekannt, wie es jedes
+andere kleine Städtchen des ungeheueren Reiches gethan haben würde; aber
+von dem Augenblick an wo er ein festes Ziel bekommen hatte, dem er von
+jetzt an zustreben durfte, von dem Moment wo ihm, ob durch fremden Einfluß
+oder eigenen Entschluß, ein bestimmter Punkt gegeben worden, den er für
+jetzt nur zu erreichen, und dann auf dem Begonnenen weiter zu bauen
+hatte, fühlte er plötzlich eine Zuversicht und Sicherheit in seinem
+ganzen Wesen, wie er sie seit langen Jahren selbst nicht gekannt. Er
+war nicht mehr fremd in Amerika -- er gehörte nach Grahamstown im Staat
+Indiana an dem Ohiofluß, er konnte mit dem Finger auf der Karte genau
+die Stelle bezeichnen wohin er wollte, und der Schritt mit dem er gegen
+zehn Uhr Abends an Bord zurückkehrte, schwankte nicht mehr und zögerte
+unschlüssig, wie wenige Stunden vorher, als er das Land zuerst betreten
+hatte, sondern war leicht und elastisch geworden, wie in früheren,
+glücklicheren Tagen.
+
+Eine einzige Schwierigkeit blieb jetzt noch zu überwinden, und zwar das
+Gepäck sämmtlich vor der bestimmten Abfahrt des Dampfbootes aus dem
+unteren Raum herauf und an Land zu bringen, wo es auf Karren dann leicht
+nach der fast drei englische Meilen weiter oben liegenden Dampfbootlandung
+geschafft werden konnte. Der Steuermann aber, an den er sich deshalb
+noch gleich an dem Abend wandte, glaubte ihm das versprechen zu können,
+da es ziemlich oben auf, und zwar alles zusammen unter die Vorderluke
+gestaut war, und wenn die Leute mit Tagesanbruch daran begannen, und der
+Professor eben keine weiteren Schwierigkeiten mit den Mauthbeamten
+hatte, so ließ sich das schon bis zu der bestimmten Zeit in's Werk
+richten.
+
+Henkel war, wie schon vorerwähnt, erst am frühen Morgen an Bord
+zurückgekehrt, wo er jetzt freilich mit Ungeduld den Aufbruch der
+übrigen Passagiere erwartete. Er fürchtete nicht mit Unrecht daß Clara
+sich ernstlich weigern würde nach dem Vorgefallenen mit ihm zugleich
+das Schiff zu verlassen, mehr als das aber noch, daß sie sich irgend
+Jemanden, und von allen vorzüglich der Frau des Professors anvertrauen,
+und eine Sache zur Sprache bringen könne, die jetzt -- was auch immer
+später geschehen mochte -- jedenfalls noch Geheimniß bleiben mußte. Daß
+etwas derartiges noch _nicht_ geschehen sei, konnte er leicht aus dem
+freundlichen, unbefangenen Wesen der übrigen Frauen entnehmen; es zu
+verhindern daß es jetzt noch, im letzten Augenblick, geschehen könne,
+mußte seine Hauptsorge sein. Ebenso hatte er aber auch die Waaren, die
+unter einem falschen Namen verschifft worden, in Sicherheit zu bringen,
+war das geschehen konnte er jeder etwaigen Anklage lachen; er selber war
+zu bekannt auf dem Terrain, auf dem er sich jetzt befand, etwas für
+seine persönliche Sicherheit fürchten zu dürfen.
+
+Das Anholen des Schiffes an die Landung nahm allerdings eine ziemliche
+Zeit in Anspruch, und die übrigen Passagiere wenigstens ein großer
+Theil von ihnen, drängte ebenfalls seine Sachen aus dem unteren Raum zu
+bekommen, das Schiff zu verlassen; Professor Lobenstein hatte aber das
+Versprechen des Steuermanns, und die Leute, denen er ein tüchtiges
+Trinkgeld zusagte wenn sie sich beeilten, arbeiteten »#with a will#« wie
+sie an Bord sagen, und Kiste nach Kiste, Koffer nach Koffer entstieg
+dem dunklen Raum, und wurde an Deck gehoben, rasch geöffnet, von dem
+Mauthbeamten flüchtig angesehn, wieder zugeschlagen und über die
+ausgeschobenen Planken an Land geschafft. Die Effekten waren für eine
+Farm in's Innere, für eine große Familie und eigenen Gebrauch bestimmt;
+neue Sachen ebenfalls nicht dabei, lagen wenigstens nicht oben auf, und
+die Steuerbeamten hatten mit der _Fracht_ schon genug zu thun, sich eben
+mit _Passagiergut_ viel abzugeben.
+
+Um elf Uhr war sämmtliches Gepäck des Professors, dem sich von Hopfgarten
+angeschlossen und ihm erklärt hatte die Reise nach Indiana in seiner und
+seiner Familie Gesellschaft machen zu wollen, gelandet und revidirt,
+und zum großen Theil auch schon auf den dort gebräuchlichen #drays#
+(zweirädrigen Karren mit einem Pferd) abgegangen, an Bord der Jane
+Wilmington geschafft zu werden. Henkel drängte aber jetzt den Professor,
+seine Familie hinauf zu führen sich dort an Bord einzurichten, und
+zugleich mehr Sicherheit zu haben daß der Dampfer wirklich nicht eher
+abführe, bis sämmtliches Gepäck auf ihm eingeladen sei; Eduard konnte
+indeß bei dem kleinen Rest der Sachen zurückbleiben, und mit der letzten
+Ladung nachfolgen.
+
+Die Damen hatten ihre Sachen schon voraus geschickt, und hielten es
+ebenfalls für nöthig daß sie sich dort ihre Coyen vor Abfahrt des
+Bootes ein wenig einrichteten. Allerdings bedauerten sie, so nahe an
+New-Orleans nur eben _vorbei zu gehen_, ohne mehr von der Stadt zu sehn
+als die dem Wasser zunächst gelegenen Häuser, der Professor tröstete sie
+aber damit daß sie, wenn ordentlich eingerichtet, leicht einmal eine
+Vergnügungstour hierher machen konnten, wo sie täglich, an ihrem Hause
+vorbei, drei-, viermal Schiffsgelegenheit haben würden. Dann waren sie
+auch im Stande das Leben in New-Orleans mehr zu genießen als jetzt, wo
+sie die Sorge um ihre nächste Zukunft, ihre nächste Heimath doch nicht
+ruhig ließe, und außerdem der Aufenthalt in einem Hotel, zu dem dann
+erst ihre sämmtlichen Sachen geschafft werden mußten, ein böses Geld
+gekostet hätte.
+
+Henkel hatte indeß einen viersitzigen Wagen besorgt der, von einem
+Mulattenknaben gefahren, dicht unter der Levée herankam und den
+ausgeschobenen Planken gegenüber hielt.
+
+»Aber wir müssen erst von Clara Abschied nehmen« sagte Marie, als der
+Vater sie rief und aufforderte sich zu eilen, damit der Wagen nicht so
+lange zu warten brauche -- »lieber Gott es ist so traurig genug daß wir
+sie jetzt krank zurücklassen, und ihr nicht beizustehen suchen in dem
+fremden Land.«
+
+»Ich sagte ihr gern Adieu« versicherte die Frau Professorin, »wenn ich
+nicht fürchtete sie vielleicht gerade in ihrem jetzigen Zustand noch
+mehr aufzuregen.«
+
+»Sie würden mich unendlich verbinden« erwiederte Henkel mit einem
+bittenden Blick auf die alte Dame, »wenn Sie Alles vermieden Clara zu
+beunruhigen; sie ist so nervös, daß das Geringste sie in Thränen
+ausbrechen macht.«
+
+»Aber ich begreife nicht was ihr um Gottes Willen so plötzlich kann
+zugestoßen sein« sagte Anna -- »Clara war, so lange ich sie kenne, stets
+so gesund und wohl, und heiter und vergnügt, und jetzt auf einmal ist
+sie in einem Zustand von Schmerz und Aufregung, den ich mir nicht zu
+erklären weiß.«
+
+»Laß nur mein Kind« sagte die Frau Professorin freundlich, »das wird,
+und hoffentlich bald, vorübergehn. Gern hätt' ich sie freilich selber
+noch einmal gesehen, Herr Henkel hat aber ganz recht, wir vermeiden am
+Besten jede Aufregung, und ich bitte Sie nur Ihre liebe Frau noch recht
+herzlich von uns zu grüßen, und ihr alles Gute und Liebe zu wünschen was
+sie sich nur selber wünschen kann.«
+
+»Die Jahreszeit ist noch früh und der Herbst bringt gewöhnlich das
+schönste Wetter in Nordamerika, oft bis tief in December hinein« sagte
+Henkel rasch und freudig, »hat sich dann Clara erholt, und erlauben es
+nur irgend meine Geschäfte, wie ich nicht den mindesten Zweifel habe,
+dann besuchen wir Sie, vielleicht eher als Sie glauben, auf Ihrer Farm.
+Ich kenne die Gegend wohin Sie ziehen, und werde Sie dort schon finden.«
+
+»Oh das wäre herrlich, das wäre wunderhübsch« rief Anna -- »Clara wird
+gewiß recht bald besser werden.«
+
+»Aber ohne ihr Adieu zu sagen gehe ich nicht vom Schiff« rief Marie
+jetzt entschlossen -- »ich will sie nicht stören -- wenn sie schläft,
+sie nur leise küssen -- nur ihre Hand wenigstens -- sie braucht auch gar
+nicht zu wissen daß wir fortgehn, aber sehn muß ich sie noch einmal; ich
+habe eine Angst, der ich nicht Worte zu geben vermag, und weiß gewiß,
+ich würde nicht froh werden, hätte ich sie so ohne Abschied
+zurückgelassen.«
+
+»Du bist ein Kind« sagte die Mutter freundlich, »so geh, wenn es Dir
+Herr Henkel erlaubt, und grüße und küsse sie von uns; aber bleib nicht
+lange« setzte sie rasch hinzu, »denn der Vater winkt dort schon wieder
+vom Land, und wir wollen indessen hinuntergehn, und uns in den Wagen
+setzen.«
+
+Henkel biß sich die Unterlippe; der letzte Moment noch konnte vielleicht
+Alles verderben, aber er durfte dem jungen Mädchen auch die Erlaubniß
+nicht weigern, und sie deshalb nur noch bittend, Alles zu vermeiden was
+die Kranke auch nur im Geringsten erregen konnte, stieg er ihr voran, in
+die Cajüte hinunter.
+
+Clara war erwacht -- sie lag, völlig angezogen in ihrer Coye, mit Hedwig,
+an ihrer Seite knieend, als Henkel dieselbe leise öffnete, hinein sah
+und dem jungen Mädchen dann den Vortritt ließ.
+
+»Clara -- meine liebe, liebe Clara wie geht es Dir?« rief Marie auf sie
+zueilend, und den Arm um ihren Nacken legend -- »Du siehst besser aus
+heute Morgen, und gewiß wirst Du Dich jetzt recht bald und schnell
+erholen, wenn Du nur erst einmal festes Land betrittst. Die alte
+häßliche Seefahrt hat so lang gedauert.«
+
+»Du gehst an Land?« frug Clara rasch und wie erschreckt, die Freundin
+mit ihrem Arm leise von sich drückend, ihren reisefertigen Anzug zu
+betrachten -- »Du gehst fort von hier --und -- und Deine Mutter auch?«
+
+»Nein, Clara noch nicht mein Herz -- wir bleiben noch kurze Zeit
+zusammen« erwiederte Marie, aber sie mußte sich zwingen daß sie die
+Thränen zurückdrängte, die ihr in's Auge pressen wollten.
+
+»Wo ist Deine Mutter?« frug Clara, noch immer nicht beruhigt -- »bitte
+sie zu mir zu kommen ich -- ich möchte sie sehen.«
+
+»Du darfst Dich jetzt nicht aufregen mein Herz« antwortete das junge
+Mädchen ausweichend -- »nachher, wenn Du wieder wohl und auf bist -- ich
+soll Dich jetzt von ihr grüßen und küssen.«
+
+»Weshalb kommt sie nicht selber? -- sie ist fort!« rief die Kranke und
+suchte sich selbst emporzurichten.
+
+»Quäle Dich nicht mit solchen Gedanken, Clara -- was hast Du nur?«
+
+»Fräulein Marie sollen nach oben kommen -- der Wagen wartet« rief in dem
+Augenblick der Steward in die Cajüte hinunter.
+
+»Der Wagen? -- was für ein Wagen?« rief Clara, rasch aufmerksam
+geworden, indem sie versuchte ihre Coye zu verlassen. Marie verhinderte
+sie daran.
+
+»Bleibe liegen mein süßes Herz« bat sie in Todesangst, »bleibe liegen
+-- ich muß jetzt fort; bald -- bald komme ich wieder -- Gott schütze
+Dich« und ihre Lippen auf die heiße Wange der Freundin pressend, richtete
+sie sich rasch empor und floh aus der Cajüte.
+
+»Marie!« schrie Clara, die Arme nach ihr ausstreckend --»ich muß --«
+
+»Mich _mäßigen_« sagte Henkel ernst und finster, der in diesem
+Augenblick in der noch offenen Thür erschien und mit einem warnenden
+Blick diese wieder schloß.
+
+»Teufel!« stöhnte die Unglückliche und sank, ihr Antlitz in den Händen
+bergend, erschöpft, gebrochen, auf ihr Lager zurück.
+
+
+
+
+Capitel 4.
+
+Abschied der Passagiere.
+
+
+Unten am Wagenschlag an der Levée, während Professors noch auf die
+zurückgebliebene Marie warteten, stand Fräulein von Seebald, Abschied
+von den bisherigen Reisegefährten zu nehmen, und ihnen das Geleit zu
+geben, so weit als möglich.
+
+»Und was ist _Ihr_ Ziel hier, mein liebes Fräulein?« frug die Frau
+Professorin, als ihr die junge Dame wieder und wieder, mit Thränen im
+Auge, die Hand geschüttelt hatte, »werden Sie in New-Orleans bleiben,
+oder gehen Sie ebenfalls in das Innere?«
+
+»Mein Ziel liegt weit von hier« sagte Fräulein von Seebald mit dem ihr
+eigenen Anflug von Schwärmerei, »weit im fernen Westen, in dem jungen
+Staate Arkansas, wo noch die wilden rothen Krieger und Jäger das Land
+durchstreifen, und die Büffel und Bären fällen.«
+
+»Nach Arkansas? -- und ganz allein?« rief Anna erschreckt, »aber was um
+Gottes Willen zieht Sie dorthin?«
+
+»Familienbande -- die Bande des Herzens« lächelte aber Amalie, »eine
+liebe Schwester lebt mir dort, an einen tapferen Polen, einen Grafen,
+der sein Vaterland nach jenen unglücklichen Kämpfen verlassen mußte,
+verheirathet.«
+
+»Und wie kommen Sie dorthin?« frug die Frau Professorin.
+
+»Morgen, wie ich aus den Zeitungen ersehen habe, die mir der Capitain
+freundlich mitgebracht hat, geht ein Dampfboot den Arkansasstrom hinauf,
+und ihre Heimath ist nur wenig englische Meilen von dessen Ufern
+entfernt.«
+
+»Das nenne ich Geschwisterliebe« sagte die Frau Professorin freundlich
+mit dem Kopf nickend, und die Hand der jungen Dame herzlich pressend
+-- »einen so weiten Weg allein zu gehn.«
+
+»Nennen Sie es Eigennutz -- Selbstsucht liebe mütterliche Freundin«
+rief aber Fräulein von Seebald lächelnd aus -- »das prosaische Leben
+Deutschlands ekelte mich an, und ich konnte der Sehnsucht nicht länger
+widerstehn das freie herrliche Land selber aufzusuchen, in der die
+Schwester ihren Herd gebaut.«
+
+»Und es geht ihr gut dort?«
+
+»Gewiß, Graf Olnitzki hat dort eine eigene Farm, und zahlreiche Heerden
+-- aber sie hat lange nicht geschrieben, und ich werde sie jetzt
+überraschen.«
+
+»Sie weiß gar nicht daß Sie kommen?«
+
+»Nicht ein Wort.«
+
+»Das wird ein Jubel sein« sagte die gute Frau -- »lieber Gott, wenn man
+sich nach so langen Jahren wieder sieht -- wie lebhaft kann ich mir die
+Freude denken.«
+
+In diesem Augenblick kam ein kleiner Trupp ihrer Reisegefährten aus dem
+Zwischendeck, über die ausgelegte Planke an Land -- sie hatten Neger bei
+sich die ihr Gepäck trugen.
+
+Voran ging Eltrich, seine kleine Frau am rechten, sein Kind auf dem
+linken Arm, und ihnen folgte ein stämmiger Schwarzer mit einem großen
+Holz- und einem kleineren Lederkoffer mit zwei Hutschachteln und einem
+Reisesack dem Violinetui und ihren Betten auf einem zweirädrigen
+Handkarren -- eine kleine Tasche trug noch Adele am Arm. Als sie an dem
+Wagen vorbeigingen grüßten sie freundlich die Damen, und wandten sich
+dann der nächsten Querstraße zu, die hinauf in die Stadt führte.
+
+»Welch ein liebes freundliches Gesicht die junge Frau hat« sagte Anna,
+die den Gruß herzlich erwiedert hatte und ihnen nachschaute »ein so
+zartes Wesen und hat die ganze Reise im Zwischendeck ausdauern müssen
+-- ich habe sie oft bewundert; und sie war immer froh und heiter.«
+
+»Ich wäre gestorben«; seufzte Fräulein von Seebald.
+
+»Da kommen noch mehr Zwischendecks-Passagiere«!« rief Anna, nach der
+Planke zeigend, wo in diesem Augenblick Herr Mehlmeier die Hände in
+den Taschen, und einen rothseidenen Regenschirm unter den linken Arm
+gedrückt, von einem Mulatten begleitet, der einen nicht eben schweren
+Koffer auf der Schulter trug, leise ein Lied vor sich hinpfeifend die
+Planke hinunterstieg, und dicht an dem Wagen vorüberging. --
+
+»Wünsche Ihnen eine recht glückliche Reise meine Damen« murmelte er
+dabei mit seiner feinen Stimme, während er keine Miene verzog und sie
+eher mit einem Gesicht anschaute als hätte er sagen wollen, »Na _Ihr_
+könntet auch zu Fuße gehn.«
+
+»Ist das ein grober Mensch« lächelte die Frau Professorin hinter ihm her
+-- »sind nun so lange auf _einem_ Schiff gewesen, und soweit mitsammen
+über das Wasser gekommen, und er grüßt nicht einmal, hat uns auch nie an
+Bord gegrüßt, und uns nur immer steif und hölzern angesehn.«
+
+»Mir war es fast als ob er Ihnen glückliche Reise wünschte« sagte
+Fräulein von Seebald -- »aber ich konnte es nicht deutlich verstehen.«
+
+»Nein gewiß nicht« lachte Anna, »er verzog ja keine Miene dabei -- aber
+da kommt auch der Dichter -- wenn das sein ganzes Gepäck ist, wird er
+nicht viel Umstände damit haben.«
+
+Es war allerdings Theobald, dem ein junger Mulattenbursch mit einem sehr
+schmächtigen gelben Lederkoffer unter dem linken Arm, und einem kurzen
+Reisesack auf dem ein Pegasus gestickt war in der rechten Hand, voran
+lief. Theobald selber trug ein pappenes, etwas mitgenommenes Hutfutteral
+in der rechten Hand und einen schwarzseidenen Regenschirm mit einem
+Fischbein-Stöckchen hineingebunden, unter dem linken Arm, faßte aber,
+als er die Damen an der Levée halten sah, seinen gelben Lastträger
+hinten in den Bund, daß er ihm nicht in dem Gewirr von Menschen abhanden
+kam, und bedeutete ihn mit nach dem Wagen hinüber zu gehn, und dort zu
+warten. Er sprach kein Wort englisch und die ganze Unterhaltung mußte
+durch Zeichen geführt werden.
+
+»Meine Damen, ich habe die Ehre -- ich möchte fast sagen den _Schmerz_
+-- mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen« sagte er, hier angekommen mit
+einer besonders bedeutungsvollen Verbeugung gegen Fräulein von Seebald,
+und einen Ausdruck in den Zügen, der mehr sagen sollte als die kalten
+Worte.
+
+»Und wohin trägt Sie Ihr Flug?« frug Amalie mit einem leichten,
+vielleicht kaum bewußten Erröthen.
+
+»Wohin?« rief Theobald stehen bleibend und in der Begeisterung des
+Augenblicks die Hand mit dem Hutfutteral emporhebend, »in den Strudel
+der sich hier vor uns öffnet, in die Charybdis dieses weiten Reichs
+spring ich hinein, ein kühner Schwimmer. Ob mich die Wasser tragen
+werden? -- ich weiß es nicht -- ob ich darin untergehe? -- « die Hand mit
+dem Hutfutteral kam wieder herunter -- »wer mag den dunklen Schleier der
+Zukunft lüften -- nur ein Gott.«
+
+Er stak fest -- die Frauen waren in Verlegenheit was sie ihm darauf
+erwiedern, ob sie ihn trösten oder bewundern sollten, und Theobald
+selber hatte den Faden verloren, als der kleine Mulatte beide Theile aus
+der Verlegenheit riß. Da dieser nämlich nicht den mindesten Grund sah
+weshalb er hier stehn bleiben und seine schöne Zeit versäumen solle,
+während er, wenn er rasch zurückkam, leicht noch eine Passagierfracht
+von demselben Schiffe aus befördern konnte, so setzte er plötzlich, ohne
+weiter auf den Eigenthümer des Koffers und Reisesacks Rücksicht zu
+nehmen, seinen Weg queer über die Fahrstraße fort.
+
+»Sie da! -- Sohn Afrikas -- hallo!« rief Theobald, in der Sorge um
+sein Eigenthum plötzlich wieder auf die Erde herabkommend -- »hallo
+da -- warten Sie bis ich mit komme!«
+
+»Sie werden schon eine Laufbahn finden, die Ihrer würdig ist« sagte mit
+leisem tröstenden Ton Fräulein von Seebald -- der Koffer drohte aber in
+dem Gewirr von Menschen zu verschwinden.
+
+»Sie werden entschuldigen meine Damen!« rief Theobald, die Schnur des
+Hutfutterals in die Finger der linken Hand pressend, die rechte zum
+Hutabnehmen frei zu bekommen -- »ich hoffe jedenfalls noch das Vergnügen
+zu haben Sie wieder zu sehn« und sich den Hut fest in die Stirne
+drückend folgte er raschen Schrittes seinem viel zu eiligen Mulatten.
+
+Anna lachte, Fräulein von Seebald aber sagte sinnend.
+
+»Wie wir nun Alle hier, die wir bis jetzt nur einer Bahn gefolgt, am
+Scheidewege stehn und hinausziehen nach Nord und West und Süd und Ost.
+_Wo_ werden wir uns wiedersehn, und wird das überhaupt wohl je
+geschehn?«
+
+»Gewiß -- und mit Gottes Hülfe froh und glücklich« sagte die Frau
+Professorin herzlich -- »aber da kommt Marie, Kind, Kind, Du hast Dich,
+und wahrscheinlich auch Clara furchtbar aufgeregt!«
+
+»Nein, meine liebe Mutter« betheuerte Marie, sich die großen hellen
+Thränen aus den Augen trocknend; »ich bin ihr davon gelaufen, ehe sie
+nur ein Wort sagen konnte.«
+
+»Und nun fort!« rief der Professor, der sich bis jetzt von der Levée ab
+den Arm fast ausgeschwenkt hatte, die gar zu lang an Bord zögernde
+Tochter zurück zu winken »Kinder wir haben noch furchtbar viel zu thun.
+Eduard Du besorgst Alles ordentlich und notirst Dir besonders die
+Nummern der Karren, denen Du die Fracht überlieferst, und giebst ihnen
+jedesmal den Zettel mit der darauf verzeichneten Anzahl mit; ich denke
+zwei Karren werden den Rest bequem mit fortbringen, und dann kommst Du
+augenblicklich nach -- #Jane Wilmington#, hier mit der Adresse der
+Straße an deren Fuß sie liegt. Ah Fräulein von Seebald. Sie
+entschuldigen.«
+
+»Recht, recht glückliche Reise.«
+
+»Danke -- danke herzlich -- Capitain ich sehe Sie noch ehe das Boot
+abgeht?«
+
+»Ich bin gleich oben, habe nur noch etwas mit dem Steuermann zu reden
+-- auf Wiedersehn. Ich komme dann gleich mit Herrn Henkel nach.«
+
+»So Kutscher -- wir haben doch Nichts vergessen?«
+
+»Nein Alles in Ordnung.«
+
+»Also #go ahead#! -- vorwärts und mit Gott!«
+
+»Adieu -- adieu!«
+
+Der Wagen bog in die Stadt ein, da an der Levée das Gedräng der Karren
+und Fußgänger zu groß war, und fuhr in scharfem Trabe den nächsten
+Weg nach der Dampfbootlandung, während Eduard jetzt rasch das noch
+zurückgebliebene Gepäck beförderte, mit dem letzten Karren den Eltern
+nachzufolgen.
+
+Der junge Eltrich, der an dem Morgen mit Hülfe eines mitten in der Stadt
+aufgegriffenen Deutschen ein kleines Logis (Stube und Kammer wenigstens)
+gefunden hatte, war rasch zurückgeeilt seine Frau und sein Kind aus dem
+entsetzlichen Zwischendeck zu befreien. Mit ihrem Gepäck hatten sie, da
+Alles oben vor ihrer Coye stand, gar keine Umstände, Lastträger gab es
+zu hunderten an allen Theilen der Levée mit Hand- und Pferdekarren, und
+so stand ihnen denn Nichts weiter im Weg das Schiff, wo seine arme Frau
+besonders eine schwere Zeit verlebt, so rasch als möglich zu verlassen.
+Der Neger kannte übrigens die Straße und das Haus wohin sie wollten, und
+als er die Sachen auf seinen Handkarren geladen, nahm Eltrich sein
+junges Weib an, sein Kind auf den Arm, und zog, das Herz voll Jubel und
+froher Hoffnung mit ihnen in eine neue Welt, in ein neues Leben ein.
+
+Das war _Amerika_, der feste Grund den sie unter den Sohlen fühlten
+-- das endlich erreichte Land ihrer Sehnsucht, für das sie gedarbt und
+gespart daheim, und die hellblitzende Sonne schien ihnen freundlich
+zuzuwinken im neuen Vaterland -- der wolkenleere reine Himmel ein frohes
+Omen zu sein, all ihrer Hoffnungen und Träume. Freilich ringen und kämpfen
+mußten sie auch hier; eine Bahn galt es erst sich hier zu brechen,
+vielleicht wieder mit Sorgen und Entbehrungen, wie vordem, aber dafür
+bot ihnen auch das ungeheure Reich einen freien ungehinderten Spielraum
+für ihre Thätigkeit, und Eltrich fühlte die Kraft in sich, fühlte daß er
+im Stande war alle Hindernisse zu besiegen und sich den Weg zu bahnen,
+zu einer selbstständigen sorgenfreien Existenz. Seine Ansprüche an das
+Leben waren dabei mäßig; auf seinem Instrument aber war er Meister, und
+die aufblühende Kunst in Amerika mußte dem Künstler endlich ein Feld
+bieten zu wirken und den Lohn dafür zu erndten. War das aber auch nicht,
+nun so scheute er sich hier keiner Arbeit, die in dem freien Lande ihn
+nicht schändete und ihm nicht, einmal begonnen, die Bahn verschloß zu
+einer edleren Thätigkeit, wie blinde Vorurtheile das im alten Vaterland
+gethan. Jung und kräftig brauchte er nicht zu fürchten Hunger zu leiden,
+und wo so viele Tausende ihr Glück -- eine Heimath fanden, durfte auch
+er der Zukunft mit froher Zuversicht entgegensehn.
+
+»Was für ein reges wunderliches Leben das hier ist, meine Adele« sagte
+er, den Arm der Gattin pressend, der in dem seinen hing, und lächelnd zu
+ihr niederschauend -- »sieh nur allein die wunderlichen Farben, an der
+Tausende, die hier herüber und hinüber eilen -- nicht zwei haben gleiche
+Schattirungen und es ist fast, als ob der ganze Erdball seine Bewohner
+hierher geschickt hätte, die eine Stadt zu füllen.«
+
+»Aber was für häßliche Gesichter diese Neger haben« lächelte die Frau,
+in komischer Angst über die Schulter zurück nach dem Schwarzen sehend,
+der ihnen die Sachen nachführte, »besonders jener Bursche da hinter uns;
+was für böse Augen und entsetzliche Lippen. Und so höhnisch und tückisch
+sehn sie dabei aus.«
+
+»Was können sie für den Ausdruck ihrer Race« lachte Eltrich, »aber es
+sollen vortreffliche Arbeiter sein, und meist guten Humors -- sehr oft
+guten Herzens. Was kümmert uns ihre Farbe und der Schnitt ihres Profils;
+wer weiß überdieß, ob wir ihnen nicht eben so häßlich erscheinen, wie
+sie uns.«
+
+»Oh die herrlichen Früchte!« rief da Adele, als sie vor einem Stand
+vorbeikamen, der mit Ananas, Orangen, Bananen und Cocosnüssen bedeckt
+war -- »oh der gottvolle Duft! ach das thut wohl _solche_ Luft zu athmen
+nach so langer Zeit -- und Blumen da drüben -- oh sieh die lieben
+herrlichen Blumen an, Paul; nicht wahr, so wie wir uns nur ein klein
+wenig eingerichtet haben, gehen wir mit dem Kind hinaus in's Freie und
+pflücken uns viele viele Blumen -- ich freue mich selber wie ein Kind
+darauf.«
+
+»Gewiß mein Herz gewiß -- aber die Blumen hier in Amerika sollen keinen
+Duft haben wie die unsrigen, wie man den Vögeln auch hier nachsagt daß
+sie nicht singen könnten.«
+
+»Verleumdung Paul -- böse Verleumdung!« rief die kleine fröhliche Frau,
+die vor dem Blumenstand stehn geblieben war und sich zu den vollen,
+zierlich gebundenen Bouquets die ein reizendes Quadroonmädchen feil bot,
+niedergebogen hatte -- »hier überzeuge Dich selbst was für einen zarten
+herzigen Duft das kleine weiße Blümchen hat -- und Luz muß auch riechen
+-- nicht wahr Herz das riecht anders, wie da unten in dem bösen
+dunstigen Schiff, wo mein armer kleiner Bursche so lange gesteckt hat,
+und sich nicht herumtummeln konnte auf grünem Rasen.«
+
+Das Mädchen bot ihnen Sträuße zum Verkauf an, doch Adele schüttelte
+erröthend den Kopf, drängte von dem Korbe fort, und bat den Gatten mit
+leiser Stimme kein Geld an solche Sachen zu wenden, wo sie es vielleicht
+zum Leben nöthig in der ersten Zeit gebrauchten.
+
+»Es sind die ersten Blumen die uns geboten werden« sagte aber lächelnd
+der junge Mann, »laß sie uns nicht zurückweisen. Sie mögen uns ein gutes
+Zeichen sein. Was kosten die Blumen Kind?« frug er dann auf Englisch das
+junge Quadroonmädchen das sie feil bot.
+
+»Nichts« sagte dieses aber, jetzt selber tief erröthend in reinem
+Deutsch -- »die junge Frau und das Kind mögen sie nehmen!«
+
+»Du sprichst deutsch?« rief Eltrich im höchsten Erstaunen aus, »und bist
+doch nicht über dem Wasser drüben geboren.«
+
+»Nein« sagte die Sclavin ernst den Kopf schüttelnd -- »aber mein Master
+ist ein Deutscher, und in seinem Hause wird deutsch gesprochen, da habe
+ich es schon als Kind gelernt.«
+
+»Wie heißt Dein Master?«
+
+»Messerschmidt.«
+
+»Aber dürfen wir da die Blumen nehmen?«
+
+»Ich darf sie geben« sagte das junge Mädchen, und das Blut drohte ihr in
+dem Augenblick die Schläfe zu zersprengen, »denn ich habe heute Morgen
+schon mehr, weit mehr für meine Blumen gelößt als mein Master von mir
+verlangt -- ich bitte Sie recht herzlich darum sie zu behalten.«
+
+»Recht herzlichen Dank dann für Dein freundliches Geschenk, Du liebes
+Kind« sagte Adele, ihr die Hand hinüber reichend, die sie nur schüchtern
+nahm -- »es mag uns Glück bringen in dem neuen Land.«
+
+»Sie sind noch nicht lange hier?«
+
+»Erst seit heute.«
+
+»Du lieber Gott!« sagte das junge Mädchen die Hände faltend.
+
+»Aber liebes Kind wir müssen fort« unterbrach hier Eltrich das Gespräch,
+indem er zurück und dann um sich her schaute, den Neger zu sehn, der
+ihre Koffer fuhr -- »der Bursche ist wahrhaftig wohl schon voran gegangen
+und ich weiß jetzt nicht einmal ob ich den Weg wieder so rasch finden
+kann.«
+
+»Er wird doch ehrlich sein« rief Adele mit jähem Schreck -- »guter Gott,
+sein Gesicht sah nicht darnach aus. Hast Du einen Neger jetzt ganz
+kürzlich hier vorbei gehn sehn, mein Kind, der einen Wagen zog auf dem
+zwei Koffer mit anderem Gepäck standen?«
+
+»Es gehn so viele vorbei, man achtet nicht darauf« sagte das Mädchen
+-- »fast war mir's aber, als ob gleich hier unten Einer vor kurzer Zeit
+in die Quergasse eingebogen wäre. Das schadet aber Nichts« setzte sie
+rasch und beruhigend hinzu -- »die Leute haben meist alle ihre Nummer,
+und wenn Sie die gemerkt haben kann er mit den Sachen hingehn wohin er
+will, die Policey schafft sie Ihnen gleich wieder.«
+
+»Die Nummer?« -- sagte Eltrich, etwas bestürzt vor sich hinsehend »ja
+-- ich glaube er hatte eine Nummer, aber welche, wahrhaftig und wenn ich
+sterben sollte, ich wüßte es nicht.«
+
+»Barmherziger Himmel wenn alle unsere Sachen --« rief Adele in Todesangst
+-- »es wäre furchtbar -- was fingen wir nur an?«
+
+»Thorheit, liebes Herz« suchte aber der Mann ihr die Sorge von der Stirn
+zu lachen -- »er weiß das Haus und ist vorangegangen wo er auf uns
+warten wird. -- Ah, hier ist der Zettel, -- straße Nr. 43.«
+
+»Der Weg führt hier gerade hinauf« sagte die junge Sclavin, »und oben am
+fünften Square von hier -- der fünften Querstraße die Sie treffen,
+biegen Sie links ein, Sie können nicht fehlen.«
+
+»So adieu mein Kind, und nochmals schönen Dank für Dein Geschenk!«
+
+Auch die Frau nickte ihr noch freundlich zu, aber die Sorge für Alles
+was sie jetzt auf der Welt noch das ihre nannten, nahm für den Augenblick
+ihre Sinne und Gedanken zu sehr in Anspruch, an etwas Anderem mehr als
+momentan zu haften. Die Läden an denen sie vorbeigingen, die wunderlichen
+Charaktere und Menschen, denen sie begegneten, die ausgestellten Waaren,
+die eigenthümliche Bauart der Häuser, mit all dem Neuen und Interessanten
+um sie her, das eine fremde Welt ihr bot, lockte sie nicht mehr oder
+vermochte ihr Auge zu fesseln, das nur einen Punkt zu suchen schien in
+der weiten fremden Stadt -- das häßliche Gesicht des Negers. So eilten
+sie, Eltrich selber weit ängstlicher als er der Frau gestehen mochte,
+ihre eigene Sorge nicht noch, vielleicht nutzlos, zu mehren, die Straßen
+entlang, so rasch sie eben mit dem Kind vorwärts kommen konnten, immer
+noch in der Hoffnung den doch wohl nur vorangegangenen Schwarzen zu
+überholen.
+
+»Ha dort geht er!« rief Eltrich plötzlich -- »Gott sei Dank wir haben
+uns geirrt!« und der Seufzer den er dabei ausstieß bewieß wie sehr er
+selber das Schlimmste gefürchtet.
+
+»Nein, das ist er nicht!« rief aber Adele, deren schärferes Auge leicht
+den Unterschied in Neger wie Gepäck entdeckt hatte -- »das sind nicht
+unsere Koffer.« --
+
+Es war nur zu wahr -- ein fremdes Gesicht blickte sie an als sie daran
+vorüber eilten und ihm forschend in's Auge sahen, fremdes Gepäck lag auf
+dem kleinen Karren, und fast im Lauf flohen sie jetzt die Straße hinauf,
+bogen um die bezeichnete Ecke und standen wenige Minuten später vor der
+Nummer des Hauses -- wo _kein_ Karren sie erwartete.
+
+»Er ist noch nicht da« stöhnte Eltrich -- »wir sind zu rasch gelaufen
+und haben ihn übersehn.«
+
+Adele zitterte am ganzen Körper -- sie _wußte_ das war nicht geschehn,
+sagte aber kein Wort.
+
+»Oder er ist vielleicht in eine andere Straße eingebogen wo er ungestörter
+fahren konnte -- die vielen Wagen hier. --«
+
+»Er kann noch nicht dagewesen sein« sagte Adele endlich leise, so leise
+als ob sie fürchte der unwahrscheinlichen Vermuthung auch nur Raum zu
+geben.
+
+»Er hätte gewartet!« -- sagte aber auch Eltrich jetzt mit einem tiefen,
+angstvollen Seufzer -- sein Blick flog die Straße auf und nieder --
+umsonst, der Neger ließ sich nirgends sehn, und die Gewißheit drang sich
+ihm immer furchtbarer auf daß er Alles -- Alles -- nein es war ja nicht
+möglich -- Gott konnte nicht wollen daß sie _so_ von allem entblößt was
+sie noch das ihre bis dahin genannt, in der fremden Stadt in der fremden
+_Welt_ ein Leben beginnen sollten -- es war nicht möglich; aber auch
+schon diese Ungewißheit, eine Höllenqual.
+
+Er bat jetzt sein Weib mit dem Kind einen Augenblick an der Thüre stehn
+zu bleiben, während er hinein in das Haus lief dort in ihr Zimmer zu
+sehn -- der Neger konnte die Straße heraufkommen während er im Inneren
+war. Er kehrte nach wenigen Minuten zurück. --
+
+»Er ist _nicht_ oben?«
+
+Traurig, verzweifelnd schüttelte er mit dem Kopf.
+
+Nur noch eine Hoffnung blieb ihm jetzt -- er wollte noch kurze Zeit
+warten -- noch war es möglich daß der Bursche, in eine andere Straße
+vielleicht eingebogen, sich da aufgehalten und verspätet hatte -- er
+_konnte_ noch kommen, kam er aber _nicht_, dann wollte er rasch auf die
+Policey und dort die Anzeige des Geschehenen machen. Lieber Gott es war
+das eine schwache, trostlose Hoffnung -- ohne Nummer oder Namen des
+Negers konnte er der Policey selbst keinen Halt geben an irgend etwas;
+große Augen und aufgeworfene Lippen hatten alle die Tausende von Negern
+die sich in New-Orleans herumtrieben und er wußte ja selber nicht, ob
+er sogar zu dem Mann würde schwören können, wenn er ihn jemals wieder
+angetroffen. Adele aber mußte erst mit dem Kind in ihrem Zimmer
+untergebracht werden, daß er selber freie Hand behielt; er führte sie
+hinauf. Es war ein kleines Gemach, das auf den engen Hof hinaus sah; die
+Thür stand offen, denn zu stehlen war Nichts darin, und das Meublement
+bestand in einem Tisch, drei Rohrstühlen und zwei leeren Bettstellen.
+
+»Habe nur ein klein wenig Geduld Adele, ich bin bald wieder zurück
+-- und -- quäle und ängstige Dich nicht zu sehr -- noch ist Hoffnung da;
+ein trauriger Anfang macht oft ein fröhliches Ende, liebes Herz.«
+
+Er küßte sie auf die Stirn, nahm das Kind auf und herzte es ab, und
+verließ dann rasch das Zimmer; Adele aber legte die Blumen vor sich auf
+den Tisch, barg, darüber gebeugt, ihr Antlitz in den Händen, und weinte
+still und trostlos.
+
+ * * * * *
+
+Auf der Haidschnucke waren indessen die drei, bei dem Leuchtschiff in
+der Weser an Bord gekommenen Passagiere in die Cajüte zum Capitain
+gerufen worden, dort entlassen zu werden. Sie traten, die Mützen in der
+Hand herein, und blieben an der Thür mit dem Untersteuermann neben sich
+stehn, den Capitain zu erwarten, der in sein eignes Zimmer gegangen war,
+und nach einer Weile mit einigen Papieren und ein paar kleinen Packeten
+in der Hand, zurück kam.
+
+»Na Ihr seid fertig an Land zu gehn?« rief er, nach einem flüchtigen
+Blick auf die Leute -- »Stürmann, sin here Sahken ruut schafft.«
+
+»All's klaar Captein --« antwortete der Seemann.
+
+»Gut, dann könnt Ihr jetzt gehn wohin Ihr wollt. Hier Pelz, da hast Du
+Deinen Zettel -- hier Du Deinen Alper, und da Du den Deinen Mooswerder.«
+
+»Ne ich bin Mooswerder, Capitain --« sagte der zweite.
+
+»Schon gut, Ihr könnt sie Euch an Land dann aussuchen -- es steht drinn
+daß Ihr Euch in Deutschland gut aufgeführt hättet -- Ihr werdet das
+schriftlich brauchen, denn auf Euer Gesicht glaubt's Euch doch hier
+Niemand.«
+
+»Muß das ein _Jeder_ hier haben?« frug der älteste der drei, das Papier
+etwas mistrauisch betrachtend.
+
+»Ich soll _Dir_ wohl auch noch eine Erklärung geben,« fuhr ihn der
+Capitain barsch an -- »da hier« setzte er dann ruhiger hinzu, »sind
+auch für jeden noch fünf Dollar Amerikanisches Geld, daß Ihr die ersten
+Wochen was zu leben habt; für 3 Dollar die Woche könnt Ihr hier in den
+billigsten Gasthäusern Kost und Logis bekommen, und habt Zeit Euch nach
+_Arbeit_ umzusehn; verstanden? Daß Ihr Euch gut zu betragen habt, brauch
+ich Euch nicht erst noch zu sagen, wohlmeinend warnen möcht ich Euch
+aber doch keine dummen Streiche zu machen, denn sie verstehn hier keinen
+Spaß; aber Ihr werdet selber am Besten wissen was Euerer Haut gut ist.«
+
+»Denke so, Capitain« sagte der Alte, die Hand nach dem Geld ausstreckend
+-- »sind doch alt genug dazu.«
+
+»Schön -- weiter hab' ich mit Euch Nichts zu thun -- Eure Kisten stehn
+oben an Deck, in einer halben Stunde müßt Ihr an Land sein.«
+
+»Vielleicht wäre es gut, Herr Capitain« sagte da der Alte mit einem
+eigenthümlich versteckten Lächeln, »wenn Sie sich von den hiesigen
+Behörden eine Quittung über _richtige Ablieferung_ geben ließen.«
+
+»Geht zum Teufel!« rief aber Capitain Siebelt ärgerlich, »oder ich lasse
+Euch die Quittung noch vorher auf den Rücken schreiben.«
+
+»Nun Nichts für ungut« lachte der Alte, »war nur so eine Meinung von
+mir; übrigens sind wir hier _freie Bürger_« setzte er mit einer Art
+verstecktem Trotz hinzu.
+
+»Ja, sobald Ihr an Land seid« sagte der Capitain -- »nicht bei mir an
+Bord.«
+
+»Danke für den Wink« lachte der Alte, »und glückliche Rückfahrt.
+-- _Grüße_ brauchen wir Ihnen doch wohl nicht aufzutragen?«
+
+Die Andern lachten, der Capitain aber winkte dem Steuermann ungeduldig
+die Burschen hinauszuschaffen, die übrigens gar nicht daran dachten den
+Mann noch böse zu machen, und rasch dem Befehl gehorchten.
+
+An Deck oben standen ihre Kisten schon bereit, die Jeder von ihnen
+-- sie waren leicht genug -- schulterte, und damit, ohne sich weiter
+um irgend einen der anderen Passagiere zu kümmern, das Schiff verließ.
+
+»Capitain!« sagte Henkel, der in demselben Augenblick die Cajüte betrat,
+als die drei Männer sie verlassen hatten, »dürfte ich Sie bitten mein
+Gepäck nach oben schaffen zu lassen, ich möchte es, noch ehe wir an Bord
+der Jane Wilmington fahren, gern befördern.«
+
+»Aber was eilen Sie?« frug der Capitain, der eben seinen Hut und Stock
+genommen hatte, seinen Passagier zu begleiten, »Ihre Fracht wird auch
+noch nicht oben sein, und für Ihre Frau Gemahlin ist es doch am Ende
+besser daß sie noch ein paar Tage ruhig in ihrer Coye bleibt, bis sie
+sich vollständig erholt hat. Der Arzt kann sie ja auch hier besuchen.«
+
+»Meine Ballen kommen eben herauf« sagte Henkel aber, »und ich habe schon
+Jemanden dabei, der mit ihnen auf das Steueramt geht und dort Alles
+berichtigt, und meine Frau wird sich jedenfalls besser an Land erholen.
+Unsere Wohnung ist nicht weit von hier.« --
+
+»Gut, wie Sie wollen, ist Alles herausgesetzt?«
+
+»Ja, hier von der Cajüte -- ein Drayman steht schon oben und wartet, das
+Gepäck in Empfang zu nehmen.«
+
+»Und weiter ist Nichts?«
+
+»Noch zwei Koffer die in der Coye stehn, mit Kleidern und Wäsche meiner
+Frau.«
+
+»Dürfen die Leute hinein?«
+
+»Ich werde sie selber heraussetzen.«
+
+»Gut« sagte der Capitain, »dann will ich nach oben gehn und den Steward
+mit einem von den Matrosen hinunter schicken; aber machen Sie rasch, wir
+haben nicht viel Zeit zu verlieren und ich muß selber um halb zwölf in
+Canalstraße sein.«
+
+Er verließ die Cajüte und wenige Minuten später folgte ihm Henkel, aber
+er sah bleich und erregt aus -- seine Lippen zitterten und er strich
+sich mit der Hand ein paar Mal heftig die Stirn. Selbst dem Capitain,
+sonst gerade kein scharfer Beobachter, fiel das Aussehn seines
+Passagiers auf, und er rief überrascht:
+
+»Hallo Sir, Sie sehn ja aus als wenn Ihnen ein Gespenst begegnet wäre
+-- was ist Ihnen?«
+
+»Mir? -- o Nichts« erwiederte Henkel, sich gewaltsam sammelnd -- »nur
+unwohl wurde mir plötzlich unten -- ich weiß nicht wovon; der Kopf
+schwindelte mir und es wurde mir so schwarz vor den Augen; aber es ist
+vorbei jetzt« setzte er ruhiger hinzu, »ich habe auch schon früher etwas
+Ähnliches gehabt -- ein leichtes Unwohlsein, das eben so rasch entsteht
+wie verschwindet.«
+
+»Hier zu Lande muß man vorsichtig mit solchen Dingen sein« meinte
+Capitain Siebelt kopfschüttelnd -- »Sie sahen wie eine Leiche aus, als
+Sie an Deck kamen.«
+
+»Wirklich?« lachte Henkel, aber das Lachen klang hohl und unheimlich »ah
+da kommen die Sachen« unterbrach er sich rasch, als der Steward mit
+einem der Matrosen, jeder einen Koffer tragend, an Deck erschien -- »dort
+dem Mann Leute, überliefert das Gepäck; Nr. 477 er weiß wohin es kommt.«
+
+»Ist Alles herausgesetzt unten?«
+
+»Ja; -- nein -- zwei Koffer stehn noch in der Cajüte, aber meine Frau
+wird selber darüber bestimmen, wann die fortgeschafft werden sollen.
+Doch bald hätte ich ja vergessen -- hier Steward, ist etwas für Ihre
+Bemühungen.« --
+
+»Oh ich bitte, Herr Henkel -- war gar nicht nöthig; nun ich danke auch
+recht viel tausendmal.«
+
+»Und hier Steuermann, haben Sie die Güte das von mir den Leuten an Bord
+zu geben.«
+
+»Danke herzlich, Herr Henkel, in deren Namen -- werden sich einen guten
+Tag damit machen können -- aber das hätte ja Zeit gehabt, Sie kommen
+doch wieder an Bord.«
+
+»Ich? -- ja -- allerdings -- aber ich könnte es vergessen.«
+
+»Sind Sie fertig?« frug der Capitain, der indessen langsam vorangegangen
+war und schon unten auf der Levée stand, herüber.
+
+»Ich komme Capitain -- also Steuermann, ich verlasse mich auf Sie, daß
+der Mann da rasch befördert wird -- die Karrennummer ist 477.«
+
+»Er soll in zehn Minuten die Sachen an Bord haben« sagte der Seemann,
+»so wahr ich Köhler heiße.«
+
+Der Steuermann stand oben an der Reiling, mitten auf den ausgeschobenen
+Planken, und sah den fortfahrenden Männern nach, als er vom Schiff aus
+angeredet wurde.
+
+»Herr Obersteuermann, wenn ich bitten darf?«
+
+»Ja wohl, was giebts? -- ah Herr Maulbeere -- nun auch zum Abmarsch
+fertig? das ist ja schnell gegangen.«
+
+»Freut mich, wenn meine Bereitwilligkeit Ihr angenehmes Schiff zu
+verlassen, Ihren Beifall hat -- wäre gern noch länger geblieben, aber
+Sie wissen wohl, Geschäfte müssen immer den Vergnügungen vorgehn.«
+
+»Ja wohl Herr Maulbeere und was für Geschäfte haben Sie? wenn ich fragen
+darf?«
+
+»Scheerenschleifen mit Ihrer Erlaubniß Herr Obersteuermann; die Scheeren
+in hiesiger Stadt sollen sich, neueren Nachrichten zufolge, in einem
+höchst traurigen und vernachlässigten Zustand befinden, es ist demnach
+die höchste Zeit, daß ich an Land komme.«
+
+»Ich hoffe nicht« lachte der Seemann trocken, »daß Ihnen in diesem
+löblichen Vorsatz irgend Jemand an Bord etwas in den Weg gelegt hätte.«
+
+»Müßte es lügen« sagte Maulbeere ruhig, »der Herr Untersteuermann hat
+mich schon dreimal ersucht, zu machen daß ich fort käme.«
+
+»Nun so eilig ist's nicht« lachte der Steuermann, »Mittag können Sie
+immer noch bei uns machen. Die Familien dürfen sogar noch über Nacht
+bleiben; wir wollen die Leute nicht Hals über Kopf auf die Straße
+setzen.«
+
+»Höchst christliche Grundsätze und wirklich verführerisch genug«
+versetzte Maulbeere »Jemanden, der nicht in gar zu großer Eile wäre, zu
+veranlassen seinen Magen noch einmal mit Bremer Erbsenbrüh zu ärgern.«
+
+»Nun es zwingt Sie Niemand« meinte der Steuermann kurz.
+
+»Danke Ihnen« sagte Maulbeere.
+
+»Und was wünschen Sie von mir?«
+
+»Daß Sie die Gnade hätten« sagte Maulbeere mit ironischer Devotion, »mir
+meine Werkstätte zu Tag fördern zu lassen.«
+
+»Ihre Werkstätte?«
+
+»Den Schleifsteinkarren, der im unteren Gefache Ihres Schiffes liegt,
+wenn Ihnen das deutlicher ist.«
+
+»Ach den überwachsenen Schiebbock?« sagte der Seemann, »der gehört
+Ihnen?«
+
+»Ich bin der glückliche Eigenthümer, und es ist Alles was mich noch an
+Bord fesselt.«
+
+»Nun da kann geholfen werden« rief der Steuermann, von der Planke
+herunter und zur offenen Luke tretend, »Du Jahn, smiet mal dat Tüg da
+rup, vor de Scheerenslieper; de ole scheepe Kaar met en Raad dervör!«
+
+»Dat Donnerslagse Ding; ick hebb mi all min Schen dran verstoten«
+fluchte eine Stimme von unten herauf.
+
+»Nu? kommt se vorn Tag?«
+
+»Ja, gliek -- hahl op! --«
+
+»Staat by hier -- oh -- aho-y-oh!«
+
+Der Karren, ein ungeschlachtes Ding, mit einem Kasten dabei, in den
+wahrscheinlich die Steine gepackt waren, denn die Leute die ihn
+heraufwanden fluchten über das Gewicht, kam bald darauf zu Tage, und
+Maulbeere nahm ihn in Empfang, untersuchte ihn erst auf das Sorgsamste,
+und begann dann, ihn zum augenblicklichen Gebrauch in der Stadt,
+vollständig in Ordnung zu bringen.
+
+Als er noch damit beschäftigt war kam Meier mit seiner Frau aus dem
+unteren Deck herauf; Beide schienen ebenfalls gerüstet das Schiff zu
+verlassen, aber die Frau sah todtenbleich und abgemagert aus, und war so
+schwach daß sie sich kaum auf den Füßen halten konnte. Maulbeere kauerte
+neben seinem Kasten, und sah die Beiden vorüber gehn, unterbrach aber
+seine Arbeit nicht dabei, und hämmerte und schraubte ruhig fort.
+
+Das Gepäck der Beiden war schon heute morgen früh an Land und durch
+Meier selber nach einem billigen Boardinghause in -- Street geschafft
+worden; die Frau trug nur ein kleines in ein rothbuntes seidenes Tuch
+eingeknüpftes Bündel, und wankte hinter dem Mann her, der den Hut etwas
+auf einer Seite, die Hände in den Hosentaschen und einen ziemlich derben
+Stock unter den linken Arm gedrückt, ohne weiter Notiz von irgend Jemand
+an Bord zu nehmen, im Begriff war das Schiff zu verlassen. Nur als er
+vor Maulbeere vorüber ging blieb er stehn, sah zu ihm nieder und sagte:
+
+»Auch fertig?«
+
+»Bald« erwiederte der Scheerenschleifer, eben im Begriff eine etwas
+schwergehende Schraube einzuziehn, was seinem Gesicht eine fast
+dunkelrothe Färbung gab.
+
+»Ist hübsch in Amerika.« --
+
+»Sehr!« sagte der Scheerenschleifer.
+
+»Schon Aussichten?«
+
+»Siebzehn!«
+
+»Guten Morgen.« --
+
+»Morgen!« lautete die trockene Antwort, und der Mann ging, dicht von der
+Frau gefolgt, ohne sie aber zu führen oder zu stützen auf dem schwanken
+Bret, über die Planke an Land. Der Scheerenschleifer aber, in seiner
+Stellung mit dem eingestemmten Schraubenzieher bleibend, und nur mit den
+Augen dem wunderlichen Paare folgend, sah ihnen eine Weile nach, bis
+sie über die Levée verschwunden waren, und wollte dann eben wieder in
+seiner Arbeit fortfahren, als der Untersteuermann zu ihm trat, und
+hinter dem fortgegangenen Passagier herdeutend sagte:
+
+»Ein hübsches Pärchen, wie? -- scheint sich recht wohl zusammen zu
+fühlen.« --
+
+»Scheint so« sagte Maulbeere, wieder an der Schraube beginnend.
+
+»Ihr wißt nicht wo sie her sind?«
+
+»Ja.«
+
+»Und was der Bursche drüben gewesen ist?« frug der Seemann neugierig. --
+
+»Ja wohl« sagte Maulbeere.
+
+»Umsonst ist der nicht weggegangen von zu Haus.«
+
+»Das weiß Gott« meinte der Scheerenschleifer -- »er hat für zwei
+Personen theuere Passage zahlen müssen?«
+
+»Also Ihr wißt was Näheres über ihn?«
+
+»Näheres? -- ich kann Ihnen den Fleck zeigen wo er die letzten sieben
+Wochen geschlafen hat, Herr Untersteuermann.«
+
+»Bah, ich meine von drüben.«
+
+»Oh von drüben meinen Sie.«
+
+»Was war er denn drüben?«
+
+»Glücklicher deutscher Staatsbürger.«
+
+»Ich meine was er sonst getrieben hat.«
+
+»Ich werde nachher den Herrn Obersteuermann um die Schiffsliste
+ersuchen, und Ihnen dann mit größtem Vergnügen das Nähere mittheilen.«
+
+»Gehn Sie zum Teufel!« sagte der Untersteuermann ärgerlich.
+
+»Danke Ihnen«, sagte Maulbeere, vollkommen ruhig an seiner Arbeit
+fortfahrend.
+
+Maulbeere, der mit unerschütterter Gemüthsruhe, den Matrosen dabei
+fortwährend im Weg, seine Arbeit beendet, das Rad eingeschlagen und vier
+oder fünf Schiebladen in seinem Gestell mit allerhand Dingen aus einem
+kleinen Kistchen gefüllt hatte, stand jetzt auf, setzte seinen Hut auf,
+nahm den breiten ledernen Tragriemen über die Schultern des unverwüstlichen
+grünen Rockes -- (dessen Glanz dort oben auch dadurch seine Erklärung
+fand) und war im Begriff das Schiff zu verlassen indem er seinen
+Scheerenschleiferkarren vor sich her, über den Gangweg hin, der Planke
+zuschob.
+
+»Nun Herr Maulbeere glückliche Reise!« sagte der Obersteuermann, der ihn
+kopfschüttelnd die letzten Minuten beobachtet hatte -- »aber was soll
+mit dem Kistchen hier geschehn?« -- Der weiße kleine Kasten war an Deck
+zurückgeblieben.
+
+»Den vermach ich dem Schiff!« sagte Maulbeere, den Karren etwas mehr
+nach der linken Seite werfend, das Gleichgewicht herauszubekommen.
+
+»Und Ihr anderes Gepäck?«
+
+»Gegenwärtig.«
+
+»Was? -- keine Kleider mehr? -- wo ist denn Ihre Wäsche?« lachte der
+Seemann.
+
+»In der Wäsche Herr Obersteuermann« sagte Maulbeere, und war eben im
+Begriff mit einem plötzlichen Ruck über eine im Wege, und queer über den
+Gangweg liegende Handspeiche hin zu fahren, als Frau Henkel mit Hedwig
+die Cajütstreppe heraufkam und auf den Obersteuermann zuging.
+
+Sie sah todtenbleich aus, war aber vollständig angezogen, mit ihrem Hut
+auf und einen weiten Shawl um ihre Schultern geschlagen; eben so Hedwig,
+die eine Tasche in der Hand trug, und stark verweinte Augen hatte.
+
+»Halt Maulbeere!« rief der Obersteuermann -- »wartet einen Augenblick,
+ich glaube die Damen wollen an Land gehn, daß Ihr ihnen nicht mit Eurem
+gefährlichen Karren da in den Weg kommt.«
+
+»Werde ihnen Bahn machen« sagte jedoch Maulbeere, eben nicht gesonnen
+Rücksichten auf Jemand zu nehmen, wer es auch sei; der Seemann trat ihm
+aber in den Weg, und zwang ihn dadurch zum Stillhalten, während Clara
+Henkel auf ihn zutrat und freundlich sagte --
+
+»Dürfte ich Sie bitten mir zwei von Ihren Leuten mitzugeben und meine
+beiden Koffer tragen zu lassen?«
+
+»Sie wollen doch nicht zu Fuß in die Stadt gehn, Madame?« sagte der
+Steuermann -- »ich glaubte erst, Sie wünschten nur einmal frische Luft
+wieder zu schöpfen, aber da besorg ich Ihnen doch lieber einen Wagen.«
+
+»Ich danke Ihnen« sagte die Frau mit leiser, doch entschlossener Stimme
+-- »wir werden gehn -- aber ich möchte die Koffer mit mir nehmen.«
+
+»Sie sehen noch so blaß und angegriffen aus« sagte der Seemann auf seine
+derbe doch herzliche Weise -- »wenn Sie mir folgen, lassen Sie sich
+einen Wagen holen.«
+
+Clara schüttelte mit dem Kopf, und sich umsehend auf Deck sagte sie
+endlich:
+
+»Hat Herr Henkel sein ganzes Gepäck fortschaffen lassen?«
+
+»Alles, bis auf das was in der Coye stand.«
+
+»Ist nicht ein kleiner gelber lederner Koffer mit schwarzen Riemen
+zurückgeblieben?«
+
+»Nicht daß ich wüßte, aber ich kann fragen.«
+
+»Nein Madame« mischte sich hier aber einer der Matrosen in das Gespräch
+-- »ich habe selber die Sachen mit auf den Karren und den kleinen gelben
+Lederkoffer mit hinausgetragen; der Koffer fiel mir noch auf weil er so
+hübsch gearbeitet war und eben die schwarzen Tragriemen hatte.«
+
+Clara seufzte tief auf, aber sie sah freudiger dabei aus -- es war als
+wenn eine Last von ihrer Seele genommen wäre.
+
+»Ich weiß selber nicht einmal wohin die Sachen geschafft sind« sagte der
+Steuermann wieder, »und die Leute wissen auch nicht Bescheid.«
+
+»Wir werden uns schon zurecht finden« sagte Frau Henkel -- »ich bitte
+Sie recht sehr mir zwei Leute mitzugeben.«
+
+»Von Herzen gern, wenn Sie es denn absolut wollen -- heh Jahn und
+Görg -- loopt mal gau daal in de Cajüt, und sackt die beiden Koffers
+op. -- Sind sie herausgestellt, Madame?«
+
+»Sie stehen vor unserer Thür.«
+
+»Also flink Jungens, und dann gaat Jü mit Madame in de Stadt. -- Kann
+ich Ihnen sonst noch mit etwas dienen?«
+
+»Ich danke Ihnen Steuermann« sagte die Frau freundlich, aber gar
+wehmüthig lächelnd -- »ich brauche _Nichts_ weiter -- leben Sie wohl.
+Vielleicht aber sehn wir uns recht bald wieder -- wann wird Ihr Schiff
+fertig sein zur Rückfahrt?«
+
+»Ja das hängt von der Fracht ab, Madame, aber ich denke doch _spätestens_
+in vier Wochen.«
+
+»Ich danke Ihnen leben Sie wohl!« Sie ging, von Hedwig jetzt unterstützt,
+auf deren Schulter sie sich lehnte, langsam über die Planke an Land, und
+die Matrosen folgten ihr, mit den beiden Koffern auf den Schultern.
+
+Maulbeere hatte seinen Karren hingesetzt, und war ein stummer, doch sehr
+aufmerksamer Zeuge der letzten Scene gewesen; jetzt aber, wieder unter
+das Lederband duckend, sagte er sehr förmlich zu dem Seemann, der noch
+auf der Planke stand und den Damen nachschaute.
+
+»Erlauben mir _jetzt_ der Herr Steuermann daß ich _auch_ hinaus darf?«
+
+»Oh mit Vergnügen Herr Maulbeere«, rief der Seemann, lachend auf die
+Seite tretend -- »thut mir unendlich leid Sie aufgehalten zu haben.«
+
+»Bitte mich dem Herrn Capitain gehorsamst zu empfehlen« sagte der
+Passagier, ohne eine Miene zu verziehn, indem er an dem Steuermann
+vorbeischob. --
+
+Die Matrosen die in der Nähe standen lachten, der Scheerenschleifer
+kümmerte sich aber nicht weiter um sie, fuhr in einen kurzen Trab die
+etwas schräg nach dem Land liegende Planke nieder, an der anderen Seite
+mit kräftigerem Anstoß hinauf, und verschwand bald darauf in dem am
+Lande wogenden Gedräng von Menschen.
+
+
+
+
+Capitel 5.
+
+Der Mississippi.
+
+
+Die _Jane Wilmington_ einer jener mächtigen Mississippi-Dampfer, von
+denen hunderte die Wasser jenes riesigen Stromes befahren, lag zur
+Abfahrt fertig an der Levée von New-Orleans, mitten zwischen einigen
+dreißig anderen, ihr ganz ähnlichen Booten.
+
+Keinen lebendigeren, geschäftigeren Platz giebt es auch wohl auf der
+Welt, so weit Handel und Schiffahrt Länder und Menschen mit einander
+verbinden, als die Dampfbootlandung von New-Orleans, besonders in dieser
+Jahreszeit. Die Stadt ist neuverjüngt; das gelbe Fieber das alljährlich
+im Spätsommer, bis Ende September, oft sogar bis in die ersten Tage des
+Oktober, New-Orleans fast entvölkert, die wohlhabenderen Bewohner nach
+dem gesünderen Norden hinaufscheucht, die Fremden decimirt, und der
+ganzen Stadt das Ansehn eines großen Leichenhauses giebt, von dessen
+tausenden von Leichen sich zuletzt selbst die Aasgeier in Ekel abwenden,
+hatte schon lange seine letzten Opfer gefordert, und der bis dahin
+gewaltsam zurückgehaltene Handel, der seine natürliche Strömung nach
+dieser mächtigsten Hafenstadt des Südens hat, brach sich jetzt wie
+gewaltsam wieder Bahn. Ganze Flotten von Dampfern, die scheu und
+ängstlich in der schweren Zeit den Platz gemieden, und sich mit geringer
+Fracht, und der ungeheueren Concurrenz wegen nur mit wenigen Passagieren
+begnügend, zwischen den oberen Staaten herumfuhren, und wenn sie ja
+Mannschaft nach der »Peststadt« bekommen konnten und es wagen wollten,
+nur eben hinunter fuhren, an Bord nahmen was Geld hatte seine Passage
+zu zahlen, und dann schnaubend und in Ballast wieder zurückeilten
+nach Norden auf, führten jetzt die tausende zurück in ihre verlassene
+Heimath, die der »Gelbe Jack« wie die Epidemie spottweise heißt, daraus
+vertrieben, und brachten zugleich die Schätze des Nordens den verödeten
+Waarenhäusern der Stadt.
+
+Boot nach Boot kommt, die gelbe Fluth vor sich aufspritzend, den Strom
+nieder -- noch ist es nicht elf Uhr Morgens, und das siebzehnte ist
+schon gelandet; gewaltige Fahrzeuge mit von vier bis acht Kesseln
+an Bord, viele mit einer Mannschaft von 50-60 Leuten, die breiten
+#guards#[7] bis hoch hinauf selbst über das höchste Deck mit einer
+ordentlichen Wand von Baumwollenballen umthürmt, andere, ihre oberen
+Decks wenigstens frei, aber doch _bis_ zu den #guards# im Wasser gehend,
+die gesalzenes Schweinefleisch in tausenden von Fässern von Cincinnati,
+Mehl von Ohio und Pensylvanien, Whiskey von eben daher, Blei von
+Missouri, Vieh von Kentucky, und feines Salz und Tabak aus Virginien
+herunter bringen.
+
+Die Levée selbst liegt schon fest gepreßt unter einer riesigen Last all
+solcher Produkte, die der Norden hier hernieder schickt, baar Geld oder
+die Erzeugnisse der Tropen dafür einzutauschen -- Baumwollenballen so
+weit das Auge reicht; Fleisch und Mehlfässer und #whiskey barrels# mit
+ihren rothen Böden und dem Cincinnati-Stempel; Kaffee- und Reissäcke zu
+tausenden als neue Fracht für die eingetroffenen Boote; Blei in schweren
+kurzen Barren; Syrop- und Zuckerfässer; Salzsäcke und dichtgeschnürte
+Ballen kostbarer Felle vom Norden; ein stehendes Waarenmagazin unter
+freiem Himmel von kaum berechenbarem Werth, Nachts unter dem Schutz von
+vielleicht ein oder zwei schläfrigen Wachen, seine Masse behauptend,
+während hunderte von Karren ununterbrochen daran arbeiten es abzutragen.
+
+Und das Gewimmel von Menschen auf dem Platz, über den hie und da kleine
+Austerbuden wie gesprenkelt stehn, die Hungrigen zu erquicken, während
+die Häuser der ganzen Front ihre unteren Hallen verlockend öffnen den
+Durstigen jene Unzahl Mischungen geistiger Getränke zu bieten, wegen
+denen Amerika berühmt ist. Die Karrenführer selbst, meist Irländer und
+Neger mit wenigen Deutschen, eine wilde thätige, rauflustige Bande,
+die tausende von Bootsleuten der verschiedenen Dampfer, Feuermänner
+und Matrosen, die schwere Fässer vor sich her die Levée hinaufrollen,
+oder gewichtige Kaffee- und Reissäcke auf den Schultern niedertragen,
+oder mit stumpfen Handhaken, Stiefelziehern nicht unähnlich, riesige
+Baumwollenballen in Schwung bringen und herüber und hinüber werfen, als
+wären es Körbe mit Federn gefüllt -- wie sie da schaffen und arbeiten,
+und lachen und fluchen. Und zwischen den kräftigen sonngebräunten
+Burschen mit aufgestreiften Ärmeln und offenen Hemdkragen, denen der
+Schweiß in hellen dicken Tropfen auf den rothen Stirnen perlt, und deren
+Sehnen wie Stricke an den markigen Armen herunter liegen, seht Ihr jene
+kleinen schmächtigen Gestalten in seidene Fracks oder lichte Oberröcke
+gekleidet, mit gewichsten Stiefeln und gegen die Sonne gespanntem
+Regenschirm, kleine Bücher in der Hand, und den gespitzten Bleistift mit
+den dünnen Lippen feuchtend? das sind die »#clerks#« oder Buchhalter
+der Kaufleute aus der Stadt, oder die der verschiedenen dortliegenden
+Dampfboote, Waaren überliefernd, oder übernehmend, und den Kopf voll
+Zeichen und Zahlen.
+
+ [Illustration: Capitel 5.]
+
+Passagiere drängen dabei herüber und hinüber, denen sich die Bewohner
+der Stadt, in Geschäften oder Müssiggang, zu gesellen; der lebendige
+Franzose dessen Stamm ziemlich den vierten Theil der ganzen Stadt
+bevölkert, und sich selbst dem, im Besitz befindlichen Amerikaner
+gegenüber das Recht seiner Muttersprache in den Gerichtshöfen neben dem
+Englischen gesichert hat; der ruhige Spanier mit seinem breiträndigen
+#sombrero#; der geschäftige Yankee, an der langen ungelenken Gestalt,
+dem knochigen Gesicht und den grauen lebendigen Augen kenntlich;
+zwischen ihnen der reiche Creole[8] mit seiner sonngebräunten Haut
+und der thätige Deutsche, der schweigsame Engländer und der feurige
+Italiener, durch ein Gewühl von Negern und Mulatten drängend, die mit
+Fracht auf und ab die Levée steigen, oder hin und her geschäftig laufen,
+und dabei lachen und singen, schreien und zanken.
+
+Und da hindurch pressen die Züge der ankommenden Einwanderer, meist
+Deutsche in ihren Nationaltrachten, wie sie daheim den Bauerhof
+verlassen, auch viele Irländer in ärmlichen Kleidern, aber mit
+entschlossenen, fröhlichen Gesichtern, die meist ihr Gepäck selber den
+Dampfschiffen zuschultern, auf denen sie im Begriff sind die Fahrt in's
+Innere anzutreten.
+
+Die Deutschen besonders tragen schwere hölzerne Kisten, gewöhnlich zwei
+und zwei zusammen; alte Truhen mit buntgemalten Kränzen von unmöglichen
+Blumen, und frommen Sprüchen geziert, über die hin keck und rücksichtslos
+der Name des Eigenthümers und das Wort _Amerika_, mit schwarzer Farbe
+seinen Platz gesucht, während die Frauen, Kinder auf dem Arm und an der
+Hand, in weitbauschigen Ärmeln und kurzen Röcken, die braunen Stirnen
+der Sonne vertrauend preisgegeben, den Männern folgen. Jetzt stehn sie
+und suchen den Namen des Bootes für das sie sich bestimmt, von »Läufern«
+indeß überrannt, die sie dem oder jenem Dampfer werben wollen. Kleine
+Seelenverkäufer in ihrer Art, diese Burschen, und eigentlich wilde
+Schößlinge der Überseeischen Agenten, die auch ihre Procente haben #pro#
+Kopf, für alle die sie als Passagiere sicher auf ein Dampfboot liefern.
+Ob dann die Leute dorthin kommen wohin sie gerade wollen, und ob sie
+dort glücklich sind oder zu Grunde gehn, was kümmerts die; nur so und
+so viel Köpfe sicher an Bord, so und so viel #escalins#[9] dafür
+eingestrichen, aus dem fremden Volk mag dann werden was da will.
+
+Die Deutschen geben sich aber am wenigsten mit den Leuten ab; wieder und
+wieder schon im alten Vaterland vor ihnen gewarnt, lassen sie sich
+wenigstens nicht mehr soleicht auf der Straße von ihnen abfangen, fallen
+ihnen aber sonst doch noch in die Hände. Haben sie jedoch erst einmal
+den Namen eines bestimmten Bootes, dann halten sie sich auch hartnäckig
+an dem fest, mögen die Bequemlichkeiten darauf sein wie sie wollen,
+schaffen ihre Sachen selber an Bord, und richten sich dann wieder, das
+alte Zwischendecks-Leben frisch im Gedächtniß, gar bald für die Tage die
+sie auf dem Wasser noch zubringen müssen, häuslich ein.
+
+Das Alles wogt und drängt über die Levée von New-Orleans, und auf dem
+Strome herrscht gleiches reges Leben. Hier kommt ein schnaubender Dampfer,
+die Thüren vor den Kesseln weit aufgerissen daß die Hitze da ausströmen
+kann, und das Boot aussieht als ob es einen glühenden Rachen geöffnet
+habe, pfeilschnell bergab, zieht einen weiten Bogen in der schäumenden
+Fluth, und gleitet, von kundiger Hand geführt, genau in die Lücke ein
+die jenes andere Boot gelassen, das eben noch in Sicht, langsam stromauf
+dampft. Dort stößt ein anderes ab -- seine Planken sind eingezogen, die
+die Verbindung mit dem Lande unterhielten, aber sein Deck schwärmt noch
+von Fremden aller Farben, die Geschäfte oder Neugier an Bord getrieben.
+Die Leute legen sich indessen unter dem gellenden Ho-y-oh! der Matrosen
+in lange ausgeschobene Stangen, den Bug zurückzuschieben, die Maschine
+beginnt zu arbeiten, und wie das breitmächtige Boot langsam nachzugeben
+beginnt und, die #guards# der beiden Nachbar-Dampfer reibend, sich
+rückwärts hinausdrängt aus der langen Reihe, springen an beiden Seiten
+die Müßiggänger und nicht an Bord Gehörigen hinüber auf andere Boote,
+nicht mit hinaus in den Strom genommen zu werden, denn der Capitain
+hielte wahrlich keine Secunde an ihretwegen, und der erste Landungsplatz
+wäre wahrscheinlich erst dreißig oder vierzig Miles[10] stromauf
+gewesen, wo er das erste Holz einnehmen mußte. Jetzt hat sich das
+schnaubende Boot frei gemacht und schießt mit vermehrter Kraft, über
+sein Steuer fort, eine Strecke in den Strom hinein -- nun drängt sich
+der scharfe Bug hinauf, nach vorne ein, die Räder schlagen, die Wasser
+kräuseln, brechen sich unter der Gallion, und werden zu Schaum geschlagen
+von den peitschenden Radplanken, und fort schießt das gewaltige Fahrzeug
+von der ungeheueren Kraft getrieben, auf seiner Bahn. Die Schaar von
+Menschen aber, die eben dem einen Boot entsprang, eilt jetzt flüchtigen
+Laufs an Land das andere, eben gekommene Boot zu gewinnen; Kofferträger
+und Verkäufer, Boardinghaus-Wirthe und Taschendiebe -- oft beide zu
+einer Klasse gehörend -- Käufer und Zwischenhändler von jeder Farbe,
+jedem Stand, und das Drängen und Treiben beginnt von vorne an.
+
+Die _Jane Wilmington_, eben so überladen von Menschen wie alle übrigen
+abgehenden Boote, hatte das Zwischendeck dabei von Deutschen und
+Irischen Auswanderern mit ihren Kisten so vollgedrängt, daß an ein
+Hindurchgehn schon gar nicht mehr zu denken war, und wer wirklich
+hindurch oder hinein _mußte_, konnte sehen wie er eben über die Kisten
+und Koffer hin eine Passage fand. Und nicht um eine Idee besser sah es
+oben in der Cajüte aus, wo sich, als Lobensteins die schmale Treppe
+zum Boilerdeck hinauf gestiegen waren, die Männer, ihre Cigarren im
+Mund, die Hüte auf dem Kopf, Schulter an Schulter herumdrängten,
+hier in kleinen Gruppen standen und plauderten, dort an der #bar# (dem
+Schenkstand) ein Abschiedsglas mit irgend einem Bekannten leerten, oder
+auch eben nur, die Hände in den Taschen, müßig, und sehr zum Ärger einer
+Zahl von Kofferträgern umherschlenderten, die ihre Lasten auf Schulter
+oder Kopf, mit einem ununterbrochenen »#please Sir -- beg your pardon
+gentlemen#« aus einem Knäuel in den anderen preßten, durchzukommen.
+
+Lobensteins konnten kaum die für sie bestimmten, sehr elegant
+eingerichteten Cajüten erreichen, und der Professor hätte ohne Henkels
+Hülfe durch das Gewühl von Menschen im Leben nicht sein Gepäck
+zusammengefunden. Endlich war aber Alles glücklich an Bord, Eduard mit
+den letzten Koffern angekommen, und Capitain Siebelt hatte schon lange
+Abschied genommen und seinen bisherigen Passagieren eine glückliche
+Weiterreise gewünscht, als sich auch Henkel dem Professor wie den Frauen
+empfahl, seinen »eigenen Geschäften« wie er sagte, nachzugehn.
+
+»Und grüßen Sie uns nur noch recht herzlich Ihre liebe Frau« bat ihn die
+Frau Professorin, als er auf dem Gangweg, vor der Damencajüte die hinter
+dem Radkasten liegt, sich verabschiedete, »und sie soll sich ja recht
+schonen -- ich lasse sie herzlich darum bitten.«
+
+»Und tausend Grüße und Küsse noch von uns« rief Anna -- »lieber Gott,
+es wäre doch recht traurig wenn sie ihren Eintritt in das fremde Land
+gleich mit einer Krankheit beginnen sollte.«
+
+»Und Sie besuchen uns also mit Clara noch diesen Herbst!« frug Marie,
+ihm scharf dabei in's Auge sehend -- »Sie haben es versprochen.«
+
+»Gewiß« sagte Henkel, ihr lächelnd die Hand entgegenstreckend.
+
+»Ein Wort ein Mann!« rief Marie, zögernd ihre Hand in die seine legend.
+
+»Sie haben doch die Adresse die ich Ihnen gegeben Herr Professor?« frug
+Henkel jetzt noch einmal -- »dort draußen läutet die dritte Glocke und
+ich werde am Ende noch mit fortgeschleppt.«
+
+»Und Claras Angst dann!« rief Anna.
+
+»Es wäre allerdings fatal, aber noch kann ich abkommen.«
+
+»Die Adresse habe ich, und denke daß ich ein Geschäft mit dem Herrn
+mache, wenn mir das Land nur irgend convenirt,« sagte der Professor.
+
+»Es ist ein Ehrenmann, Sie können sich auf sein Wort verlassen.«
+
+»Desto besser -- also auf Wiedersehn!«
+
+»Auf Wiedersehn!« rief Henkel und hatte wirklich nur noch eben Zeit die
+#guards# des nächsten Bootes zu erreichen, ja mußte schon zu dem Zweck
+hinauf auf den Radkasten laufen und von dort hinüber springen, als die
+wackere Jane das Freie suchte, und wenige Minuten später lustig den
+vorangelaufenen Steamern nachdampfte.
+
+Eine solche Menge von Menschen, alle nicht zum Boot gehörig, hatte sich
+dabei empfohlen, daß die wirklichen Passagiere mit Erstaunen, aber auch
+großer Befriedigung sahen, wie sie Raum genug behielten, und keineswegs
+gedrängt waren, und nur mit der ersten Stunde überstanden, die sie
+allerdings gebrauchten ihr verschiedenes Gepäck einiger Maßen in Ordnung
+zu bringen, konnten sie sich ganz dem Genuß der reizenden Gegend hingeben,
+an der das wackere Boot sie rasch hinaufführte.
+
+Es giebt wohl kaum ein wunderlieblicheres Bild, so im Vorbeifliegen
+gesehn, als die Ufer des Mississippi überhalb New-Orleans. Mit Plantagen
+dicht besäet, deren reizende Pflanzerwohnungen aus einem Dickicht von
+Blüthenbüschen und fruchtschweren Orangenbäumen lauschig und still
+hervorschauen, schmiegen sich die kleinen, colonienähnlich gebauten
+Negerwohnungen dicht an diese an, und geben der ganzen Gegend einen so
+wohnlichen, geselligen Charakter, daß das Auge mit Entzücken auf ihnen
+weilt. Berge fehlen freilich im Hintergrund, den nur ein einziger
+dunkler Streifen Wald bildet -- der Mississippi-Sumpf -- aber die
+üppigen Felder, die sorgsam eingefenzt, so weit das Auge reicht dem
+Blick begegnen, die geschäftigen Schaaren weiß gekleideter Neger in den
+Feldern, theils beschäftigt Zuckerrohr zu schneiden, oder Baumwolle zu
+pflücken, die munteren Heerden auf den Weiden dazwischen, das rege Leben
+auf dem breiten bequemen Fahrweg, der zwischen der sich am ganzen Strom
+hinauferstreckenden Levée und den Fenzen der Plantagen hinläuft; die
+kleinen freundlichen Städtchen dabei am Ufer, die Kirchen mit ihren
+schlanken Thürmen, die gewaltigen Waarenhäuser, und dahinter die hohen
+dunklen Schornsteine der Zuckerfabriken, die aus dem dichten Laub der
+Fruchtbäume herüberschaun; das Alles fesselt das Auge des Fremden rasch
+genug, und hält ihn ordentlich an Deck gebannt, keinen Moment, keinen
+Punkt dieses freundlich sonnigen Bildes zu versäumen. Alles ist hier
+neu, alles eigenthümlich, und fehlen dem Fremden auch die Palmen, die
+seine Phantasie wohl meist dem Süden der vereinigten Staaten (oft selbst
+dem Norden) giebt, so bietet ihm doch auch die Vegetation schon des
+Neuen und Südlichen viel, ihn dafür wenigstens in etwas zu entschädigen.
+Stattliche Pecanbäume am Ufer, mit ihren schlanken Stämmen und schattigem
+Laub, und weiter drinnen im Land die riesigen hochwüchsigen Cypressen
+mit ihrer rothen Rinde und dem prachtvoll wehenden grauen Moos, die
+fruchtbedeckten Orangendickichte, die freundlichen Blumen geschmückten
+Gärten, mit ihren Tulpenbäumen, Rosenranken, und Granatbüschen, das
+Alles zeugt für die heiße Sonne dieser Breite, wäre nicht schon das
+wehende Zuckerrohr am Ufer und die eigenthümliche Baumwollenpflanze
+selbst Beweis genug auch ohne das.
+
+So lichtbeschienen liegt das weite, wunderschöne Land dort ausgebreitet
+-- ein Paradies, wenn man's so flüchtig sieht und auf bequemem raschem
+Boot daran vorübergleitet -- aber es ist das nur die äußere Rinde des
+Ganzen, die blitzt und glänzt und in die Augen scheint, nicht alles ächt
+und Gold. Wie lieblich liegen jene acht oder neun Reihen gleichmäßig
+gebauter reinlicher Häuser mitten in diesem »Paradies« -- dort wo wir
+gerade vorüber fahren sind große weitästige Feigenbäume vor die Thüren
+gepflanzt, kleine sauber gehaltene Gärtchen schließen sich daran, und
+vor den Thüren spielen Kinder -- kleine schwarze, braune und gelbe
+lachende Gestalten mit frohem Jubel herüber und hinüber, von alten
+Leuten dabei beaufsichtigt die, zu alt zum Arbeiten, von ihren Herren
+jetzt das Gnadenbrod bekommen, und ihre übrige Lebenszeit, die ihnen
+Gott noch giebt, in Ruhe und Frieden verleben dürfen. --
+
+Ruhe und Frieden! -- dem alten Manne da, der das Kind auf dem Schooße
+hält und hätschelt und es küßt -- Ihr könnt vom Boot aus die Thränen
+nicht sehn, die ihm die dunklen, tiefgefurchten Wangen hinunter rollen
+-- ist vor drei Tagen seine Enkelin, ein bildhübsches Mädchen von
+achtzehn Jahren, nach Kentucky hinauf verkauft, und ein anderer Enkel
+von ihm, ein junger Bursch von zwölf Jahren, wurde blutig gepeitscht,
+weil er die Ruthen nicht selber, wie es der Aufseher befahl, von den
+Weiden schneiden wollte, mit denen die eigene Mutter geschlagen werden
+sollte. Der Knabe liegt jetzt da drinnen -- in demselben freundlichen
+Haus vor dem der alte Feigenbaum steht -- auf seinem harten Lager, mit
+blutigen, geschwollenen Gliedern und ächzt und stöhnt, und der Alte hat
+das kleine Kind auf dem Schooß, und küßt es und herzt es, und sieht im
+Geist schon die Peitsche gehalten, hört die scharfen entsetzlichen
+Streiche, die auf die zarte Haut des Lieblings niederfallen werden.
+
+»Seht die reizenden Wohnungen an« haben viele Reisende geschrieben
+-- »wie behaglich und warm sind eben diese _Sclaven_ hier gebettet, und
+möchten sie mit den unglücklichen Armen unseres eigenen Vaterlandes
+tauschen, die mit fröstelnden Gliedern, in erbärmlichen zugichen Hütten
+ihre trockene Brodrinde oder faule Kartoffeln kauen, und sich das Haar
+raufen wenn ihnen die Kinder die Ärmchen entgegenstrecken und _umsonst_
+nach Nahrung schreien?« -- Ich weiß es nicht; aber _ein_ Elend wird
+nicht durch das andere gehoben, und tausende und tausende von ihnen
+würden lieber die letzte Brodrinde mit dem Kind theilen und mit ihm
+hungern, als daß sie es aus ihren Armen gerissen sähen, einem anderen,
+nicht geringeren Elend entgegengeschleudert zu werden. Die Weißen, die
+den lockeren sittlichen Verhältnissen jener Staaten nach, und in dem
+ungestörten unantastbaren Recht des _Herrn_ schon alle Familienbande
+ihrer Sclaven außerdem mit Füßen treten, zerreißen diese auch nach
+Gutdünken durch Verkauf der einzelnen Glieder -- der kleine Kreis der
+Sclaven, der nach schwerer Arbeit um das Feuer seiner Hütte sitzt, kann
+er selbst dieses Glück in Ruh genießen, wo er nicht sicher ist, ob nicht
+des Herren Wille schon morgen, schon heute Nacht, das liebste Kind aus
+ihrer Mitte nimmt -- das vom Bord des Dampfers noch einmal die Hände
+nach ihnen hinüberstreckt, und todt -- verloren ist für sie auf immer?
+
+Die Sclaverei, das Brandmal der Civilisation, wird immer ihre
+Vertheidiger finden, die aus Eigennutz oder Unwissenheit diesem Fluch
+der Menschheit das Wort reden, und den faulen giftigen Kern mit der
+hie und da glatten Rinde entschuldigen wollen, wer aber in ihrem Kreis
+gelebt, die zitternden Geschöpfe unter dem Hammer des eisblütigen
+Tabakskauenden Auktionators gesehn, und die Thränen gezählt hat, wer dem
+Elend gefolgt ist, mit dem der Eigennutz hier unter dem frechen Schutz
+_christlicher_ Gesetze _Menschen_ foltert, der wird sich nur mit Abscheu
+von dem Elend wenden, dem er nicht steuern kann und darf -- ob's ihm
+auch fast das Herz manchmal zerreißt.
+
+Aber vorbei -- vom Dampfboot aus sehen wir Nichts von alle dem; nur die
+freundlichen Dächer blitzen zu uns herüber aus dem Grün des Buschwerks,
+und die geschäftigen regen Gruppen, klein und zierlich mit scharfen
+Umrissen in der reinen Luft wie auf dem Spiegelbild einer #camera
+obscura,# geben der Scene ihren heiteren lebendigen Charakter.
+
+Das Boot schießt und schäumt jetzt dicht am Ufer hin, und seine
+wildtanzenden Schlagwellen die hinter den Rädern drein tanzen, waschen
+und schleudern an dem so schon genug unterwühlten Ufer auf, und hetzen
+vergeblich hinter dem davonbrausenden Fahrzeug drein. Dort auf der Levée
+spielt ein munterer Trupp Creol-Poneys; die kleinen lebhaften Thiere
+halten, wie sie das riesige Fahrzeug herankommen sehn, wiehern und
+schnauben ihm mit offenen Nüstern entgegen, und stampfen den weichen
+Boden mit den unbeschlagenen Hufen, bis es ihnen fast gegenüber ist
+-- Wetter noch einmal wie sie da die dicken langen Mähnen und die
+Schweife emporwerfen, und klappernd und tollend geht's die Levée entlang
+in wildem Lauf. -- Hier treiben sich kleine Negerkinder am Ufer auf und
+ab; ein ganzer Schwarm ist's, und sie suchen Stücken schwimmenden Holzes
+aus der Fluth zu fischen, die der Strom zu ihnen niederführt. Eine alte
+Negerin sitzt dabei und paßt auf die unbändigsten, daß sie sich nicht zu
+keck hinauswagen an den tückischen Uferrand, der oft nur noch oben den
+dünnen Rasen über einen verrätherisch darunter kochenden Wirbel spannt.
+Selbst ihre alte Haut wäre vor Strafe nicht sicher, wenn sie eines der
+Kinder verunglücken ließe, denn sie sind fast so werthvoll wie die
+glatthaarigen feurigen Poneys dort.
+
+Wie die kleine Bande schreit und singt und tanzt und jauchzt, als das
+Boot in Steinwurfs-Nähe an ihnen vorüber rauscht -- glückliche Kinderzeit,
+in der die ganze Welt noch im rosigen Lichte liegt -- selbst dem Sclaven.
+
+Vorüber wühlt sich das Boot seine Bahn -- ha was ist das? -- was liegt
+da so gestreckt und glitternd in der Sonne mit seiner Schuppenhaut,
+blinzelt mit den kleinen tückischen Augen halb scheu halb trotzig
+herüber, und hebt den langen häßlichen Kopf empor? -- ein Alligator
+ist's, ein tüchtiger Bursch, der seine fünfzehn Fuß wohl mißt, und sich
+hier sonnen wollte auf dem weichen feuchten, warmen Rasen, bis ihn die
+keuchende Maschine aufgestört. Das Boot will vorbei, aber er traut dem
+Frieden nicht; müßige Gesellen an Bord haben ihm schon ein paar Mal im
+Vorüberfahren die scharfen Kugeln auf den Pelz gebrannt und wenn es ihm
+auch gerade nicht schadete, war's ihm doch auch nicht eben angenehm.
+Jetzt regt er sich -- es ist Zeit, denn der eine Cajütenpassagier ist
+richtig schon hineingesprungen in seine Coye seinen Reifel[11] zu holen
+für das bequeme Ziel.
+
+»Dort liegt er!« zwanzig Arme deuten hinüber und freuen sich auf den
+Schuß, aber wie ein Stein rollt die schwerfällige Gestalt hinein in's
+Wasser, und die ihm etwas zu spät nachgeschickte Kugel zischte in die
+Fluth die über ihm zusammenschlägt.
+
+Weiter -- weiter -- der Dampfer hält mehr in die Mitte des Flusses
+hinaus, einer Sandbank zu entgehen die sich an dieser Stelle hin
+gebildet hat, und dem tiefgehenden Boot gefährlich werden konnte. Ha was
+schwimmt dort im Strom -- ein großer Vogel, der die Reise zu Floß nach
+New-Orleans macht? -- es ist ein Aasgeier, der auf einem ertränkten und
+häßlich angeschwollenen Rinde sitzt, an dem er sich über und über
+gesättigt hat, und nun zu faul oder zu vollgefressen ist hier aus der
+Mitte des Stromes das feste Land wieder zu erreichen; er wartet ruhig
+bis sein ekles Fahrzeug näher zum Ufer kommt, oder treibt auch wohl noch
+mit bis zum anderen Morgen, den guten Bissen nicht sogleich zu
+verlieren.
+
+Und da drüben? -- Pilot um Gottes Willen ist das nicht eine menschliche
+Leiche die da schwimmt? -- Wo? -- dort? wohl möglich, das kommt oft vor
+und treibt wohl von Vicksburg oder Natchez oder aus Arkansas und dem
+Redriver nieder -- »Aber wollen Sie nicht das Boot hinüberschicken? --«
+»Boot hinüber schicken wegen dem Cadaver? -- Bah, da hätten wir viel zu
+thun; der ist gut aufgehoben.«
+
+Weiter -- weiter -- was das für wunderliche Boote oder Fahrzeuge sind,
+denn Boote kann man sie nicht nennen, die mit vier oder fünf schläfrigen
+Gesellen an Bord, ohne Räder, ohne Segel langsam den Strom niedertreiben.
+Unförmlichen Kasten gleich, viereckig, von sechzig bis achtzig Fuß lang,
+und zwanzig Fuß breit, fünf oder sechs Fuß hoch mit einem rohen Gestell
+von Bretern von denen queerübergebogene auch das Dach bilden, aufgerichtet.
+Ein langes Ruder (von denen eines vorn und eines hinten angebracht ist,
+denn es bleibt sich gleich wie sie treiben), dient dazu es wenigstens in
+etwas zu steuern, und ein paar, oft auch zwei paar eben solche lange
+Seitenruder #sweeps# genannt, die finnenähnlich an den Seiten sitzen
+und nur aus einem kurzen Bret an einer Stange schräg genagelt bestehn,
+dienen dazu manchmal das schwerfällige Fahrzeug einem drohenden
+#snag#[12], einer Sandbank, oder einer unbequemen Gegenströmung aus dem
+Weg zu schieben. Die Arbeit ist aber anstrengend, und wenn nicht ein
+_muß_ da ist, rühren sich die faulen Burschen gewiß nicht.
+
+Aber diese Archen -- und sie werden in der That oft so genannt -- so
+unscheinbar und roh sie aussehn, führen nicht selten kostbare Ladungen
+den Strom hinunter; Mehl und Fleisch, Whiskey, Äpfel, Mais, Butter,
+Hühner, Schmalz, wildes Heu, Tabak, getrocknetes Obst, Faßdauben
+und Reifen und lebendiges Vieh, Rinder, Schaafe, Schweine, Pferde,
+Maulthiere. In den Städten des Südens dann angekommen, landen sie ihr
+Boot, dessen vorderer Theil gleich zu einer Art Verkaufslokal, ziemlich
+frei von Waaren gelassen ist, und verkaufen nicht allein ihre Ladungen
+sondern auch das ganze Fahrzeug, dessen Planken auseinander geschlagen
+und wieder benutzt werden. Die Verkäufer aber, die Monate lang dazu
+gebraucht aus den verschiedenen Flüssen, Ohio und Missouri, Arkansas und
+Redriver, ja selbst aus den nördlichsten Strömen des großen Reiches, aus
+dem Illinois und Foxriver niederzuschwimmen, fahren an Bord der Dampfer
+in wenigen Tagen jetzt wieder zurück in ihre Heimath, vielleicht ein
+neues Boot bauen zu helfen und dieselbe Fahrt von vorne zu beginnen.
+
+Wie sich so leise der blaue Rauch aus den flachen nieder geduckten
+Booten stiehlt, und langsam und gerade in die Höhe wirbelt -- die Leute
+kochen ihr Abendbrod, und wenn es Nacht wird fahren sie an das nächste
+Land, werfen ein Tau um einen irgendwo eingestürzten oder selbst noch
+stehenden Baum, und liegen daran, bis ihnen Tageslicht wieder die freie
+Bahn zeigt, und sie nicht mehr der Gefahr ausgesetzt sind im Dunkel
+irgendwo auf den Strand zu treiben oder von einem, wenig darnach
+fragenden Dampfer überrannt zu werden.
+
+Weiter -- weiter der Abend naht -- über den Strom streichen lange Züge
+von Wildenten und Gänsen -- dort drüben an der kleinen Insel die mitten
+im Fluß liegt -- der Mississippi zählt deren einige achtzig -- hat sich
+ein großes Volk Pelikane auf der Sandbank zu Ruh gesetzt -- sie schauen
+dem weit von ihnen ab vorbeibrausenden Dampfer ruhig nach, und nur
+manchmal ärgerlich nach einem unfern von ihnen auf einem alten Stamm
+sitzenden Loon oder Wassertruthahn hinüber, der ihnen mit seinem monoton
+melancholischen Schrei zu viel Lärmen an dem stillen Abend macht. Dort
+in den Wipfeln jener Cypressen geht ein Volk weißer und blauer Reiher zu
+Ruh; schlanke langhalsige Burschen, die sich die höchsten Spitzen der
+Bäume aussuchen, darauf zu schaukeln. -- Und die Nacht, wie sie so
+still durch den Wald zieht, erst die Büsche und Dickichte füllt und die
+Schluchten, dann weiter und weiter preßt und sich zuletzt erst, wenn der
+Wald schon in tiefem Schweigen ruht, mit weißlichem Hauch auf den Strom
+legt, der jetzt noch einmal so rasch zu laufen, noch einmal so laut zu
+rauschen scheint.
+
+Wie die Maschine da klappert, die Räder schlagen und schäumen, und der
+Dampf so scharf und zischend aus den schlanken Röhren fährt. Und die
+Fluth quirlt so dick und tückisch darunter hin, und hebt sich und
+springt hinten nach, wie ein bissiger Köter, der schnappend nach dem
+stolz vorbeitrabenden Roß hinüber fängt.
+
+Die Arbeiter an den Plantagen ziehn zu Haus, muntere Lieder tönen von
+dort herüber wo die kleinen Feuer sichtbar werden, die Leute haben einen
+Arbeitstag hinter und eine freie Nacht vor sich, warum sollen sie nicht
+fröhlich sein? -- bis die Negerglocke morgen früh um 4 Uhr tönt dürfen
+sie ruhen.
+
+Und vorwärts wühlt und klappert und schnaubt das Boot; die Gluth der
+unter den Kesseln geschürten Feuer wirft einen rothen unheimlichen
+Schein links und rechts hinaus auf die Fluth, und vor den Kesseln, mit
+langen Schürstangen in der Hand, mit nacktem Oberleib, an dem der
+Schweiß in Strömen niederträuft, die Gesichter und Arme geschwärzt,
+und die Stirnen so heiß und glühend fast wie der Heerd an dem sie
+arbeiten, stehen die Feuerleute des Boots, rühren die flammenden Scheite
+durch- und ineinander, und werfen neue ein in die kleine Öffnung die zu
+dem Zweck über den Thüren gelassen. Es sind Neger und Weiße -- meist
+freie Schwarze, oft aber auch Sclaven und zwischen ihnen die Söhne aller
+Stände, fast aller Welttheile, die mit der Schürstange und dem heißen
+Schweiß sich ihr Brod verdienen müssen im Lande der Freiheit. Manche
+Hand, die sich sonst nicht ohne glacirtes Leder der Luft preisgab hat
+hier den eisernen Schürer geführt, und mit dem Eimer die schmutzige
+Fluth heraufgezogen, einen frischen Labetrunk zu thun; manches
+Muttersöhnchen, das zu Hause gehätschelt und gepflegt und verzogen
+wurde, und den Zug meiden mußte und die kalte Nachtluft, hat hier
+eingeholt, was es daheim versäumt, und ist mit triefender Stirne und von
+der schweren Arbeit zitterndem Körper, hinausgesprungen auf den offenen
+Gangweg, von dem kalten einigen Luftstrom der sich dem Boot entgegenwarf
+die fieberheißen Glieder kühlen zu lassen und dann von Neuem in das
+Gluthenmeer der Kessel einzutauchen. Grafen und Barone, Referendare
+und Lieutenants haben neben und mit dem zäheren Neger hier schon oft
+geheitzt, mit ihm aus einer Schüssel gegessen, in einem Raum geschlafen,
+wie er behandelt und bezahlt und -- sind nicht schlechter dadurch
+geworden; aber kräftiger und gesunder --wer von ihnen es eben aushielt
+und nicht vielleicht in New-Orleans im Pottersfield[13] oder an irgend
+einer Holzladung im Mississippi-Sumpf abgeladen und eingescharrt wurde.
+
+»#Flatboot ahead -- look out to starbord!#« schreit der Mann der ganz
+vorn oben auf das oberste Deck (#hurricane deck#) gestellt ist, dem
+Lootsen, der in dem kleinen Glashaus oben aufsteht, Nachricht zu geben
+wenn er irgend etwas im Strom sieht, das dem Boot gefährlich werden
+könnte, oder das sie vermeiden müssen -- das Steuerrad dreht sich rasch,
+den Bug des Dampfers nach Larbord hinüber zu werfen, und dicht an ihnen
+vorbei, so dicht daß das Radhaus den einen auf Decke gelegten #sweep#
+des unbehülflichen Fahrzeugs faßt und abreißt, und die dunkle
+schwerfällige Masse wie ein Schatten an ihnen vorüber fliegt, schießt
+das Boot vorbei. An Deck des Flatboots aber rennt die erschreckte und
+für Fahrzeug und Leben nicht mit Unrecht besorgte Mannschaft wild und
+kopflos durch einander, und schreit und flucht noch drohend nach, wie
+die Gefahr schon lange für sie vorüber ist, und die nachschäumenden
+Wellen den ungelenken Kasten nur noch tanzen und schaukeln machen.
+
+Wie der Mond jetzt dort so still und freundlich über den niederen
+dunklen Waldstreifen heraufsteigt, und sein mildes Licht über die
+lauschigen Plätze am Ufer, über das matt glitzernde Wasser des Stromes
+gießt; dicht am Land schnauben wir wieder hin, und können jetzt das
+Rauschen der hohen stattlichen Bäume, das Quaken der Frösche hören, die
+in den Sümpfen drin ihre Nacht feiern. Und dort? -- o wie so süß der
+leise Flötenlaut des #mocking bird# klingt, der sich im niedern Busche
+sein Nest gebaut hat, und jetzt die Kleinen in Schlaf singt, die auf den
+Zweigen träumen -- die Amerikanische Nachtigall nennen ihn die Creolen,
+und er verdient's. Wie sich das so heimlich fährt, so dicht am Ufer hin,
+wenn man die Wellen an den Damm plätschern und das Lachen und Sprechen
+von Menschen am nahen Lande hört, in Sprunges Nähe fast an ihnen
+hingleitet und doch in einer ganz anderen, ganz verschiedenen Welt als
+jene lebt. Wie es dem Luftschiffer zu Muthe sein mag, der in stiller
+Nacht langsam und tief über dem großen Ameisenhaufen, den wir Menschen
+eine Stadt nennen, hingleitet, nieder in die erleuchteten Fenster,
+auf die rauchenden Schornsteine sieht, und dem Summen und Treiben der
+lebendigen Welt unter sich, der er in diesem Augenblick nicht mehr
+gehört, dann lauscht; so braust das Boot, eine kleine abgeschlossene
+Welt in sich selber mit seiner staatlichen und bürgerlichen Einrichtung,
+dem Ufer fremd an dem's vorüberschießt, dicht an dem dunklen Lande hin.
+Am Ufer drüben grünt's und blüht's, die Blumen duften stärker in der
+Nacht dort, im traulichen Familienkreis sammeln sich die Glieder
+um den geselligen Tisch -- Hunde bellen -- Gänse schnattern und die
+regelmäßigen Schläge der Axt, die Brennholz in die Küche liefert, tönen
+noch, selbst durch die Nacht im Takt herüber -- Alles fremde Laute, und
+nicht dieser Welt gehörig, in der die Schürstange die blitzenden Funken
+zum schwarzen hohen Schlot hinaus gegen den dunklen Himmel jagt, und das
+Rasseln und Klappern der Maschine, das dumpfe Brausen der Räder, den
+Sang der Nachtigall vertreten muß.
+
+Weiter -- weiter -- dort drüben leuchtet ein Feuer am Ufer, von einem
+Neger geschürt, der hier den Mosquitos zum Trotz die Wache hat. Es ist
+das ein Zeichen für die Dampfboote daß dort Holz zu verkaufen liegt, und
+die Landung gut ist, und der Neger, wenn er auf solche Art ein Boot in
+der Nacht zum Landen bringt, hat einen Viertel Dollar Prämie von seinem
+Herrn -- dafür muß er sich aber den Schlaf selber abstehlen und zündet
+manches Feuer vergebens an. Die Glocke läutet jetzt, die Heizer werfen
+die Thüren auf, aus denen eine Gluth herausströmt Blei schmelzen zu
+machen, und die ihnen oft auf viele Schritte Entfernung die Kleider am
+Leib versengt, und Blasen in die Haut zieht. Der breite Bug dreht sich
+dem Lande zu, von dessen Levée aus Hunde klaffen, und Stimmen, auf die
+Frage von Deck aus, Preis und Art des Holzes herüberschreien. Vorn zu
+Starbord, ein zusammengerolltes Tau in der Hand, steht ein Matrose zum
+Wurf bereit, und sobald das Ende nur das Ufer erreichen kann, springen
+Neger, von denen indessen eine Menge zusammengelaufen, hinzu es zu
+fangen. Jetzt fliegt es aus, wird gefaßt, in Land gezogen dort in Hast
+um einen Baum oder Stumpf geschlagen und »#hawl in!#« tönt der Ruf; die
+#deckhands# an Bord fassen zu, und holen das Tau zurück an Bord so weit
+es reicht, es dort zu festigen, Planken werden ausgestoßen und die
+Bootsmannschaft mit einem Theil der Zwischendeckspassagiere, die ihre
+Passage billiger bekommen wenn sie sich verpflichten mit Holz zu tragen,
+strömen hinaus, schichten die einzelnen Scheite der lang aufgestapelten
+»Korde« auf die Schultern, und eilen damit an Bord zurück.
+
+Wie eigen doch das aussieht -- die hellen Feuer die auf der Levée jetzt
+zu lichter Gluth geschürt werden, daß sie hoch aufflammen und den Platz
+erleuchten, die neugierigen Gesichter der Neger mit den großen
+blitzenden Augen und hellen prachtvollen Zähnen, in ihren weißen Jacken
+und Röcken, Männer, Frauen und Kinder, die den Ort mit einem gewissen
+Wohlbehagen umdrängen auch einmal weiße Leute arbeiten zu sehn -- eben
+wie Neger; der Verkäufer des Holzes selbst, gewöhnlich der Oberaufseher
+der Plantage, in lichtgestreifter Jacke und Hose, den breiträndigen Hut
+auf und das Pferd, von einem der Sclaven geführt, gesattelt hinter sich,
+mit den wildmalerischen Gestalten der Dampfbootleute, die sich neues
+Material holen für ihr nächtiges Werk. Rechts davon der stille Frieden
+des Landhauses mit seinen lauschigen Schatten, links das weißgemalte
+Boot mit den vielen hellerleuchteten Thüren und Fenstern, den
+buntgekleideten und gemischten Gestalten auf seiner Gallerie, und den
+riesig dunklen Schornsteinen, wie es da innerlich kochend und brausend
+aber festgebunden liegt, und nur mit den Rädern noch langsam, fast wie
+ungeduldig, gegen die Strömung anarbeitet, einem gefesselten Stier nicht
+unähnlich der mit den Füßen scharrt, und den Augenblick nicht erwarten
+kann der ihm wieder den Gebrauch seiner mächtigen Glieder giebt.
+
+Wieder tönt die Glocke! »Alle an Bord« schallt der, den Leuten
+willkommene Ruf des Steuermanns -- was noch am Lande ist und dort nicht
+hingehört eilt zurück, die Planken werden eingeholt »#let go!#« das Tau
+am Ufer losgeworfen, der Bug vom Lande mit langen dazu besonders
+gehaltenen Stangen abgestoßen, und schärfer schlagen die Räder ein
+-- höher kräuselt die Fluth am Bug; der Koloß ist frei und arbeitet
+wieder, seine Bahn verfolgend, in den Strom hinaus.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+Leben an Bord des Dampfers.
+
+
+Aber wir müssen uns auch zu dem Inneren des gewaltigen Bootes wenden,
+denen tausende unserer Landsleute Leben und Eigenthum auf Tage und
+Wochen anvertrauen, ihr weit im Lande d'rin gelegnes Ziel, sei es, in
+welchem Staat es wolle, zu erreichen.[14]
+
+In der Cajüte, einem sehr geschmackvoll eingerichteten geräumigen Salon,
+der an beiden Seiten seine bequemen #staterooms# oder Einzelcajüten für
+zwei Passagiere zusammen hatte, war die größte Zahl der Reisenden um die
+lange Tafel versammelt, die in der Mitte stand, und bei den Mahlzeiten
+zum Eßtisch, später in ihren einzelnen Theilen auseinander genommen,
+meist zu Spieltischen verwandt wurde. Hie und da hatte sich auch schon
+ein kleines Spiel arrangirt, und sich drei und drei zu einer Parthie
+Whist oder Eucre, oder zwei zu einem Schach oder Domino zusammengefunden;
+die Leute waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden. Das
+unbehagliche Gefühl, sich selber fremd an einem Ort zu wissen, den man
+auf kurze Zeit zu seiner Heimath machen soll, hatte sich noch nicht
+überwinden lassen, und Manche gingen auch, theils allein, theils in
+Gesellschaft, in der Cajüte auf und ab, miteinander plaudernd und eben
+Bekanntschaft knüpfend.
+
+Hopfgarten allein hatte noch eine Zeitlang volle Beschäftigung seine
+Coye, wie er sich das schon früher gedacht und ausgemalt, ordentlich
+herzurichten. Ein #life preserver# (Lebenserhalter) ein großer Ring von
+luftdichtem Zeug zum Aufblasen, hing vor allen Dingen über seinem Bett;
+er war dabei so fest überzeugt daß sie auf dieser Fahrt irgend ein
+-- _Unglück_ konnte er es eigentlich nicht nennen, -- aber irgend einen
+Zufall haben würden, daß er dem Professor schon die bittersten Vorwürfe
+gemacht hatte, sich nicht besser auf etwas derartiges vorgesehn, und
+besonders für die Damen die nöthigen Vorkehrungen getroffen zu haben.
+Außerdem hatte er aber, auch nach anderer Seite hin gerüstet zu sein,
+einen zweischneidigen Dolch und ein paar Pistolen bei sich, von denen
+der erste vorn unter seiner Weste, dem Auge verborgen, der Hand aber
+erreichbar, ruhte. Aber das nicht allein; er führte auch eine kleine
+Taschenapotheke mit, in der Heftpflaster, Charpie, Wundbalsam etc. etc.
+einen sehr vorragenden Platz einnahmen; ebenso war er mit Lanzetten,
+Verbänden, Bandagen etc. versehn, und besaß in der That Alles, einen
+menschlichen Körper nach allen Arten von Hieb-, Stich- und Schußwunden,
+Quetschungen, Brüchen etc. etc. wieder soviel nur irgend möglich auf die
+Beine zu helfen.
+
+Nachdem er dieß nun Alles, soweit sich das hier thun ließ, sorgsam
+geordnet und zum augenblicklichen Gebrauch bereit gelegt, trat er durch
+die allgemeine Cajüte auf das vorn liegende Boilerdeck hinaus, wo
+Professor Lobenstein, die Hände auf dem Rücken, dem Gewirr von Sprachen
+und Menschen ein klein wenig entzogen zu sein, still und allein spatzieren
+ging, sich aber nicht besonders wohl darin zu fühlen schien. Unbehaglich
+dabei war ihm schon die, allerdings sonst höchst wohlthätige Einrichtung
+an Bord, die Herren und Damen, außer der Tischzeit in abgesonderte Räume
+verwiesen und getrennt zu sehn. _Den_ Herren allerdings die Damen ihrer
+Verwandtschaft an Bord haben, ist es gestattet unter Umständen die
+Damencajüte zu betreten, aber die Menge _fremder_ Damen verleidete ihm
+das bald, während es Herrn Hopfgarten den Besuch direkt abschnitt und
+unmöglich machte. Er konnte sich nur bei dem Professor nach ihrem
+Wohlbefinden erkundigen, und wie er darüber gute Auskunft erhalten,
+gingen die beiden Männer, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, eine
+Weile nebeneinander auf und ab, als Hopfgarten, jedenfalls seinen bis
+dahin verfolgten Ideeen Worte gebend, plötzlich sagte:
+
+»Aber ich weiß doch nicht -- sein Betragen in der letzten Zeit hat mir
+gar nicht gefallen.«
+
+»Wessen Betragen?« frug der Professor erstaunt.
+
+»Wessen Betragen? Henkels.«
+
+»Aber wie kommen Sie denn jetzt auf Henkel?«
+
+»Sprachen wir denn nicht von ihm?«
+
+»Wir haben nicht daran gedacht; aber wie so -- wie verstehn Sie das?
+sein Betragen in gesellschaftlicher Beziehung da weiß ich doch nicht; er
+hat sich immer höchst anständig benommen.«
+
+»Oh das dank' ihm der Teufel!« rief Hopfgarten rasch, »nein ich meine
+sein Betragen gegen seine Frau.«
+
+»Ich habe Nichts bemerkt was mir aufgefallen wäre« sagte der Professor
+gutmüthig.
+
+»Das ist sehr leicht möglich« meinte Hopfgarten, »auffällig war aber
+jedenfalls, daß die beiden Leutchen die letzten Tage gar nicht mehr
+zusammen an Deck erschienen sind, oder wenn es geschah, kein Wort mit
+einander gewechselt haben. Was ich nicht gleich an Bord bemerkte oder
+beachtete, ist mir nachher, bei ruhigerem Nachdenken erst wieder ein- und
+aufgefallen und es muß etwas, kurz vor unserer Landung zwischen den beiden
+Gatten vorgefallen sein, was sie uns übrigen Passagiere eben nicht
+wollten merken lassen.«
+
+»Wenn das wirklich der Fall war, so hatten sie da aber auch vollkommen
+recht« lachte der Professor -- »es muß nicht Alles gleich an die
+große Glocke geschlagen werden, was zwischen Eheleute tritt und sie
+vielleicht auf kurze Stunden entzweit -- das Alles gleicht sich dann bald
+wieder aus.«
+
+»Ja das ist allerdings richtig« sagte Hopfgarten nachdenkend, »aber die
+plötzliche Krankheit der Dame dann nachher, das furchtbar bleiche
+Aussehn -- das stille Wesen, sie die noch kurz vorher die lebendigste
+heiterste Frau unseres ganzen Schiffs gewesen war. Es kam uns nur das
+Land und die Landung und all das Neue dazwischen, und es thut mir jetzt
+wahrhaftig leid, nicht noch kurze Zeit in New-Orleans geblieben und der
+Sache besser auf die Spur gekommen zu sein. -- Es war ein gar zu liebes
+nettes Weibchen,« setzte er nach kurzer Pause, wie mit sich selber
+redend, hinzu.
+
+»Bah, junge Eheleute haben auch manchmal einen kleinen Tanz miteinander«
+sagte der Professor kopfschüttelnd, »und wenn das zum ersten Mal kommt,
+nimmt sich's die junge Frau gewöhnlich um so mehr zu Herzen, weil sie
+vielleicht bis dahin geglaubt hat, daß so etwas in _ihrer_ Ehe gar nicht
+vorfallen könne, und solche Enttäuschung ist immer schmerzlich. Das
+giebt sich aber bald, und sind nur Gewitterwolken, die um so rascher
+wieder dem schönsten blauen Himmel weichen müssen.«
+
+»Hm -- ja -- ich will es hoffen -- wenn ich aber nur eine Idee hätte,
+daß der Mann _die_ Frau schlecht behandelte oder unglücklich machte,
+wahrhaftig, ich kehrte mit dem nächsten Dampfboot wieder nach
+New-Orleans zurück und --«
+
+»Und?« -- frug der Professor ihn lachend dabei anschauend -- »und was
+wollten Sie dann nachher thun? wie und auf welche Art könnten Sie sich
+in die Familienverhältnisse irgend eines Hauses mischen?« --
+
+»Ich forderte ihn!« rief Hopfgarten entschlossen.
+
+»Bah« sagte aber der Professor kopfschüttelnd, »damit würden Sie
+nicht einmal der Frau, noch weniger aber sich selber einen Gefallen thun
+-- sich _mit_ dem Mann _für_ dessen Frau schlagen, hahahaha, das wäre
+wahrhaftig nicht so übel. Übrigens« setzte er hinzu, als Hopfgarten mit
+fest verschränkten Armen finster und schweigend neben ihm auf- und
+abging »haben Sie sich da nur selber irgend etwas in den Kopf gesetzt,
+was wahrscheinlich nichts weiter ist als eine Geburt Ihrer Phantasie.
+Meine Töchter sind doch auch viel mit ihr zusammengewesen, und haben
+Nichts gemerkt.«
+
+»Sie haben wahrscheinlich noch gar nicht mit ihnen darüber gesprochen?«
+
+»Nein, allerdings nicht.«
+
+»Nun sehn Sie -- die Sache geht mir furchtbar im Kopf herum, aber es
+läßt sich in diesem Augenblick freilich Nichts dagegen thun, und in
+einigen Wochen denke ich so wieder unten in New-Orleans zu sein.«
+
+»So rasch?«
+
+»Vielleicht etwas später, das kommt eben auf Verhältnis an; jedenfalls
+werde ich einige Zeit das nördliche Land durchkreuzen und den
+Mississippi nach verschiedenen Richtungen befahren.«
+
+»Ihrem alten Projekte nach?« lächelte der Professor.
+
+»Zum Theil« lachte Hopfgarten, »aber doch auch in der Absicht das Land
+kennen zu lernen und dessen Charakter; ich bin deshalb besonders nach
+Amerika gekommen, und habe mir eben nur ein paar tausend Dollar zu
+der Reise ausgesetzt -- sind die verthan, so gehe ich wieder nach
+Deutschland zurück.«
+
+»Weshalb ist Herr von Benkendroff eigentlich nach Amerika gegangen?«
+frug der Professor.
+
+»Gegründete Ursache zu haben über Amerika schimpfen zu können« lachte
+Hopfgarten -- »ich bin fest überzeugt er hat keinen andern Grund. Ich
+freue mich schon darauf ihn nach einigen Wochen wieder zu sprechen.«
+
+»Sie werden ihn dann aber schwerlich finden, denn er durchreist doch
+gewiß ebenfalls das Land.«
+
+»Kommt aber auch sicher wieder nach New-Orleans zurück, und hat mir
+für dort schon seine Adresse gegeben. Doch es wird kühl, wir wollen
+hineingehen; Sie spielen ja Schach, da können wir uns die Zeit mit
+einer Parthie vertreiben.«
+
+In dem großen hellerleuchteten Saal herrschte eine angenehme Temperatur;
+an den verschiedenen Tischen saßen jetzt mannichfaltige Gruppen spielend
+oder plaudernd, mit einer Flasche Wein oder gemischten spirituösen
+Getränken zwischen sich; es wurde gelacht und erzählt und das Ganze, mit
+den dazwischen herumgehenden Aufwärtern die neuen Vorrath von Getränken
+herbeitrugen, oder gebrauchte Gläser fortschafften, gab der Cajüte fast
+das Ansehn eines großen geräumigen und sehr eleganten Cafés in irgend
+einer bedeutenden Stadt -- nur daß es über einen Krater gebaut stand,
+unter dem die Maschine hämmerte, die Räder wirbelten, die Kessel
+siedeten, und oft schon gerade ein solches sorgloses Stillleben mit
+_einem_ furchtbaren Schlag in Tod und Vernichtung geschleudert haben.
+_Ein_ dumpfer Knall -- ein Prasseln und Brechen, ein gellender Schrei,
+und die zerstückten Leichname der fröhlichen lebenslustigen Menschen,
+die vergoldeten und mit Bildern behangenen, hellerleuchteten Wände
+flogen zerrissen, zerfleischt, zerstückt hinaus, und der gierige
+tanzende Strom spielte mit den entsetzlichen Resten.
+
+Aber was thuts? -- wir können deshalb nicht langsamer fahren, weil das
+und jenes Boot einmal seinen Kessel sprengte, und eine Anzahl Passagiere
+zu früh in die Ewigkeit sandte -- auf dieser Fahrt wird es nicht gleich
+platzen lautet der gewöhnliche Trost der Reisenden, und kaum eine Stunde
+an Bord, vergessen sie die Gefahr, ja reizen sie wohl sogar noch selbst
+in dem oft still gedachten, oft laut geäußerten Wunsch, das oder jenes
+Boot was eben in Sicht vorausläuft, zu überholen. Niemand will auf einem
+langsamen Dampfer fahren, an die Möglichkeit einer Zerstörung wird kaum
+noch mehr gedacht, und das Völkchen lacht und plaudert und trinkt und
+schläft so sicher und ruhig _über_ dem Vulkan, wie -- die buntere,
+wild gemischtere Schaar, die _hinter_ der Maschine, im sogenannten
+Zwischendeck ihr _Lager_ im eigentlichen Sinn des Wortes aufgeschlagen.
+
+Was für ein Unterschied zwischen den beiden Plätzen, die nur durch eine
+Reihe Planken und dünner Balken voneinander getrennt liegen. -- Oben
+Luxus und Bequemlichkeit, Alles vergoldet und tapezirt, mit Teppichen
+belegt und blank polirt, Licht und Glanz den ganzen Raum durchströmend,
+und elegant und reinlich gekleidete Leute im behaglichen Bewußtsein
+ungestörter Ruhe das Alles genießend -- unten, nur rohe und unbehobelte
+Breter zu Verschlägen angeschlagen -- Kisten und Koffer überall im Weg,
+der ja freie Boden von Tabakssaft schlüpfrig gemacht; eine Masse Volk,
+zusammengewürfelt aus allen Schichten der Gesellschaft, selbst bis zur
+letzten nieder, und in der letzten gar nicht selten am häufigsten
+vertreten, durch einander drängend und fluchend und schreiend -- Niemand
+mit einem gewissen Platz, die Wenigen ausgenommen, die zuerst gekommen
+waren, und einen der Verschläge für sich besetzen konnten. Hier ein
+Trupp Bootsleute, schon halb betrunken, die vollen Flaschen noch zwischen
+sich auf einer Auswandererkiste, gleichviel wem sie gehört, die Nacht
+durchzuschwelgen und zu toben, weil sie doch keinen Platz haben sich
+hinzulegen; dort ein paar andere bei einem schmutzigen laufenden
+Talglicht -- Privateigenthum -- über einen Kasten und ein altes Spiel
+kaum erkennbarer Karten gebückt. Dort weinende und schreiende Kinder,
+die von ihren Müttern mit eben so gellender Stimme in Schlaf gesungen
+werden sollen, und dort drüben ein Bursche, der trotz allem Lärm und
+Toben, mitten in dem Gewirr ruhig an einem Pfeiler lehnt, und zum
+Besten seiner Bootsmannschaft, mit der er auf einem Flatboot den Strom
+herabgekommen, wie aller Anderen die es hören und nicht hören wollen,
+eine alte wahnsinnige Violine mishandelt.
+
+Ein fast glühender Ofen, in solcher Temperatur gehalten die verschiedenen
+Töpfe und Geschirre mit Wasser zum Kochen zu bringen, in denen sich
+die verschiedenen Familien nach der Reihe ihr Abendbrod selber kochen
+müssen, wird besonders von den Frauen mit rothheißen Gesichtern
+umlagert, und verbreitet drückende Schwüle und einen fatalen Fettgeruch
+durch den ganzen, schon ohnedieß vollgedrängten und dunstigen Raum.
+Eine trübe mattbrennende Laterne wirft zu gleicher Zeit ein unsicheres
+zuckendes Licht über das Drängen und Treiben unter sich, und das Rasseln
+und Klappern und Schleifen und Schütteln der dicht daneben befindlichen
+Maschine donnert den Chor zu dem ganzen Lärm.
+
+Ha was war das? -- die hellen reinen glockenähnlichen Töne die da
+plötzlich das dumpfe Murmeln und laute Schreien, sogar die gellenden
+Kinderstimmen und scharfen Discorde der Violine überwältigen, und
+plötzlich aus all dem Wirrwarr herauszittern, sind sie nicht wie Öl in
+die stürmische See gegossen, dem sich die bäumenden Wellen selber, im
+Aufruhr der tobenden Elemente schmiegen? Selbst zum Ingenieur, der vorn
+an den Kesseln steht und eben den Stock gehoben hat die Dampfstärke zu
+proben, sind sie gedrungen, und er bleibt in der Stellung und biegt den
+Kopf zurück, dem ungewohnten, fremden Ton zu lauschen -- das Toben und
+Kreischen vorher hatte er gar nicht mehr gehört. Und in dem Zwischendeck
+selbst -- welch wunderbare Veränderung brachte der leise schwimmende
+Laut. Die Violine schweigt mitten in einer Parodie auf Alles was nur
+Harmonie und Takt genannt werden konnte, der Spieler vergißt seine
+Karten zu mischen, die Frauen den siedenden Topf vom Feuer zu nehmen,
+die schwatzenden, lachenden, singenden, brüllenden Gruppen öffnen sich
+und drängen, und suchen dem einen Orte zuzukommen. Selbst die Trinker
+stoßen nur noch ein wildes »Juch!« aus, und horchen der neuen
+wunderlichen Musik, die jetzt in weichen aber wunderbar harmonischen
+Tönen gerade aus dem Mittelpunkt des Zwischendecks herüber tönt, und von
+Niemand Anderem herrührte als unserem alten Bekannten, dem Polnischen
+Juden Veitel Kochmer.
+
+Mit weiter keinem Gepäck als einem kleinen, mit altem Seehundsfell
+überzogenen Kistchen, das neben der Holzharmonika alle seine wie des
+Knaben irdische Habseligkeiten enthielt, hatte sich Veitel Kochmer, der
+aus Gott weiß welchem Grunde mehr Vertrauen zum Norden gefaßt zu haben
+schien Geld zu verdienen, oder sich vielleicht auch noch in der warmen
+Jahreszeit fürchtete ein so heißes Klima für seinen gefütterten Kaftan
+zu wählen, als New-Orleans um diese Zeit noch war, auf dem ersten besten
+Dampfer eingeschifft der stromauf ging, und hielt die Zeit jetzt für
+vollkommen passend, den Grund zu dem in Amerika zu erwerbenden Vermögen
+zu legen.
+
+Auf einer gerade dort stehenden breitdeckeligen Kiste, die sich
+vortrefflich zum Resonanzboden eignete, breitete er bei dem Schein eines
+dazu geborgten Stückchen Lichts, seine Hölzer aus; die Umstehenden,
+neugierig was der wunderliche Fremde beginnen würde, gaben ihm gern
+Raum, und Veitel ließ jetzt die ersten Töne erschallen, die mit ihrer
+wunderbaren aber doch durchdringenden Weise, bis in die entfernteren
+Räume drangen, nur erst einmal die Aufmerksamkeit der Passagiere auf
+sich zu lenken. Das gelang ihm auch vollkommen, und von allen Seiten
+ergingen jetzt Aufforderungen an ihn zu spielen, und sein Instrument
+hören zu lassen. Veitel Kochmer war aber nicht der Mann der etwas
+umsonst gethan hätte, wo Aussicht auf Gewinn sich zeigte; so also einen
+Landsmann, den er sich schon unter den Passagieren aufgefunden und der
+vollkommen gut englisch sprach, in der Geschwindigkeit eine große
+Geschichte aufbindend, erzählte er ihm, daß er, der Musikus, ein armer
+eingewanderter Pole sei, der den politischen Verfolgungen in Europa
+entflohn, im Canal Schiffbruch gelitten und fast Alles verloren habe was
+er sein nannte, und nun gezwungen wäre sein Brod in dem neuen Vaterland,
+dem Lande der Freiheit, mit Musikmachen zu verdienen. Der Deutsche mußte
+das den Amerikanern übersetzen und hinzufügen, der arme Mann habe nur
+sein Instrument gestimmt und in Ordnung gebracht, und wolle damit, wenn
+es der Capitain erlaube, in die Cajüte hinauf gehn, um sich dort bei den
+Cajütspassagieren ein paar Dollar einsammeln zu können.
+
+»Verdamm die Cajütspassagiere!« rief aber da Einer der Bootsleute
+dazwischen, der, die Taschen voll Geld von verkaufter Ladung, sich
+in seinem Stolz gekränkt fühlte, weniger gelten zu sollen als die
+»#Swells#« -- »wir haben hier ebenso viel Geld wie die da oben, wenn
+nicht noch mehr, ob wir gleich im Zwischendeck fahren; sind eben so gut
+#gentlemen# wie die »#fine folks#« in der Cajüte, und wenn Musik eben
+für Geld zu haben ist, können wir's gerade so gut bezahlen.«
+
+»Ja wohl, ja wohl!« schrieen Andere dazwischen, froh irgend etwas zu
+haben, ein paar Stunden der langweiligen Nacht zu vertreiben »spiel auf
+Pole, spiel auf, und was _die_ Dir da oben geben, geben wir Dir auch.«
+
+Veitel Kochmer verlangte gar nicht mehr; die Cajüte lief ihm überdieß
+nicht weg, und er war gern bereit dem allgemeinen Verlangen zu
+willfahren. Der Knabe trat jetzt ebenfalls an seinen Platz, und die
+Zwischendeckspassagiere jauchzten und jubelten, als sie die merkwürdig
+reinen Flötentöne des Kindes hörten, wollten es auch im Anfang gar nicht
+glauben daß er es mit der Stimme allein mache, und drängten sich dicht
+um ihn her, und sahen ihm starr in's Gesicht, ob er nicht doch noch eine
+heimliche Flöte irgendwo versteckt habe. Die Sammlung fiel dabei viel
+reichhaltiger aus, als der Alte je gedacht haben mochte; Viertel Dollar
+regnete es von allen Seiten und Veitel füllte seine ganze Tasche
+mit Silber. Nach der Sammlung mußte er aber wieder spielen, und die
+Bootsleute besonders, die den Ton hier anzugeben schienen, verlangten
+jetzt auch ihnen bekannte Lieder, wie Lord #Howes hornpipe#, Washingtons
+Marsch, Napoleons Retirade, #the star spangled banner# und besonders den
+#Yankee doodle#. Die Melodieen kannte aber der Alte nicht, und ein
+langer Yankee setzte sich vor ihn hin auf eine Kiste, spitzte den Mund
+und begann ihm die einzelnen Melodieen vorzupfeifen.
+
+Die Unruhigsten der Schaar fingen aber schon an sich über das viele
+Musiciren, das ihnen überhaupt nicht laut genug war, und dessen fremden
+Melodieen sie, wie sie sich ausdrückten, »nicht verstanden«, zu ärgern
+und langweilen, und wie der Yankee die ihnen bekannten Weisen zu pfeifen
+begann, stimmten sie, jeder nach seiner eigenen Tonart, mit ein. Nicht
+einmal den Beginn eines ganz anderen Liedes respektirten sie dabei, und
+nach kaum einer Viertelstunde wogte ein Gewirr von Mistönen durch den
+Raum, daß der alte Polnische Jude sein Instrument in Verzweiflung
+einpackte und wegstellte.
+
+Ein neuer Lärm, der am anderen Ende des Decks stattfand, lenkte aber
+auch die Aufmerksamkeit der Leute wieder nach anderer Richtung. Zwei
+Irländer waren sich über ihr Kartenspiel in die Haare gerathen, der Eine
+sollte betrogen haben und suchte jetzt seine Unschuld dem Andern mit der
+Faust zu beweisen; das aber war ein Spiel was dieser auch verstand, und
+die beiden stämmigen Burschen flogen in voller Wuth gegeneinander an,
+bald mit ordentlichem Boxen, wobei sie einander die Augen schwarz
+schlugen, bald wieder in einander gehakt mit Armen und Beinen, daß ihre
+Köpfe gegen Pfeiler und Kistenecken anschlugen, den Kampf zu entscheiden.
+Die Weiber kreischten, die Kinder schrieen dazu und die Männer jauchzten
+und jubelten, brüllten Hurrah und klatschten in die Hände.
+
+Der Eine von ihnen bekam die Sache aber, da sich Niemand weiter hinein
+mischte, doch endlich satt, und schrie »genug!« wonach ihn sein Gegner
+für vollständig überzeugt hielt, und wurde von seinen Freunden halb
+besinnungslos fortgeschleppt; der Andere aber erging sich in seiner
+Freude in allerlei ungewöhnlichen Capriolen, schlug sich mit den flachen
+Händen auf die Lenden, krähte wie ein Hahn, sprang dann in tollem
+Übermuth im Deck herum, und bot Jedem der »#gentlemen#« fünf Dollar,
+der sich mit ihm prügeln wollte. Es dauerte lange ehe der, von Whiskey
+halbtolle Mensch konnte beruhigt und zu Ruhe gebracht werden. Der Abend
+war aber indessen auch weit vorgerückt, das Holztragen vorüber, und die
+Passagiere mußten daran denken Plätze zu suchen, wo sie sich für die
+Nacht nur einiger Maßen unterbringen konnten.
+
+Viele hatten sich das weit leichter gedacht als es sich auswieß; die
+unverhältnißmäßig wenigen Coyen, da ein Dampfbootcapitain an
+Zwischendeckspassagieren aufnimmt was er eben bekommen kann, waren
+sämmtlich besetzt und in Beschlag genommen, die einzelnen Kisten zu kurz
+sich darauf auszustrecken, und der Boden selber so von Tabakssaft der
+kauenden Amerikaner verunreinigt, daß selbst ein solches Lager zur
+Unmöglichkeit wurde. Manche krümmten und rollten sich doch noch auf
+Kisten und Koffern, oft in den verdrehtesten Stellungen zusammen, Andere
+kauerten sich in eine Ecke, und suchten auf diese Art der Nacht eine
+Stunde Schlaf abzupressen. Wer so glücklich war irgend eine Art Rücklehne
+zu finden, setzte sich auf was er eben kam, und ein Theil versuchte
+sogar mit Auf- und Abgehen in dem vollgedrängten Deck die Nacht
+hinzubringen, mußte das aber bald aufgeben, und drückte sich nun in dem
+Maschinenraum auf dort aufgespeicherte Zuckerfässer, oder selbst auf die
+#guards# hinaus, trotz der feuchten Nachtluft, wo der Zimmermann des
+Bootes eine Hobelbank stehen hatte, und die beiden Plätze, darunter
+und oben drauf, den vollen Werth einer Coye bekamen. Es war ein
+entsetzliches Gewirr von Gliedmaßen, das hierdurch, über- und ineinander
+lag.
+
+Ein paar deutsche Familien, und unter ihnen die mit der Haidschnucke
+erst nach New-Orleans gekommenen Webersleute, hatten sich, so gut das
+gehen wollte, in die eine Ecke ihre Kasten zusammengerückt, wenigstens
+für die Frauen und Kinder einen in etwas geschützten Ort zu bekommen,
+und unfern von ihnen kauerte auf seinem kleinen Kistchen, den Knaben zu
+seinen Füßen, an einer Stelle, von der sie erst eine größere Kiste
+weggeschoben, Veitel Kochmer. Das an dem Abend eingenommene Geld hatte
+Veitel aber in einen leinenen Beutel gesteckt, und in eine Seitentasche
+seines Kaftans geschoben, die neben ihm ihrer Schwere wegen, mit auf
+dem Kistchen stand. Nicht vermeiden ließ es sich dabei, daß mehre der
+anderen Passagiere dicht um ihn herum ihren Platz nahmen, wie es der
+Raum gerade gestattete, und kaum ein wild gemischteres Bild ließ
+sich auf der Welt denken, als dieß Deck mit seinen bunt und toll
+zusammengewürfelten, halb liegenden, halb kauernden, über und durch
+einander gestreckten Gestalten, über welche das matte Licht der Laterne
+nur seinen ungewissen zitternden Schein warf, und hie und da dichte
+Schatten ließ, aus denen in der und jener Ecke ein paar Beine oder Arme,
+oder ein unnatürlich zurück gebeugter Kopf hervorschauten.
+
+Es war indessen, im so schrofferen Gegensatz zu dem früheren Toben,
+still und ruhig hier geworden; nur hie und da tönte das regelmäßige
+Schnarchen eines der Glücklichen vor, die eine Coye erbeutet hatten
+und auf dem Rücken, wenn auch auf harten Planken, doch ausgestreckt
+liegen konnten, und Brust und Lunge frei behielten. Auch ein leise
+gemurmelter, aber darum nicht minder herzlich gemeinter Fluch theilte
+da und dort die Lippen Einer der ineinander gekrümmten Gestalten, wenn
+sich der Gegenmann oder Antipode im Schlafe streckte und ihm vielleicht
+mit den rauhen Füßen über Gesicht oder Brust fuhr. Die Maschine allein
+klapperte und schleifte dabei regelmäßig fort und der Ingenieur,
+der mit der Öllampe daran herumging, die einzelnen Gelenke derselben
+anzufeuchten, schien das einzige lebendige, bewußte Wesen in dem ganzen
+unteren Raum.
+
+Philipp, der Knabe des Polen, war nach der Anstrengung des Abends fest
+eingeschlafen und lag, halb zurück an den Vater gelehnt, mit weit nach
+hinten gebeugtem Kopf und offenem Mund, die bleichen schönen, aber jetzt
+verzerrten Züge von der Laterne matt beleuchtet, da, und der Alte saß,
+den Kopf auf seinen schmutzigen Kaftan vorn stützend, in unruhigem
+Schlummer, in dem er auf- und niedernickte und das schwere, von seinem
+Hut voll beschattete Haupt bald auf die, bald auf jene Seite sinken
+ließ.
+
+Zu seiner Rechten kauerte eine, in ein blaues kurzes Oberhemd, wie es
+die Bootsleute trugen, gekleidete Gestalt, deren Gesicht von einem
+breiträndigen Hut ebenfalls ganz bedeckt wurde. Halb über sich herüber,
+wenigstens die linke Schulter und einen Theil der Brust bedeckend, hatte
+der Mann einen alten hellen, aus einer wollenen Decke zugeschnittenen
+Rock, gleichsam als Schutz gegen die frischere Nachtluft gezogen,
+obgleich es in dem untern Deck noch warm genug war, das entbehren zu
+können, und auch er schien zu schlafen, und im Schlaf eben mehr und
+mehr, wie um ein bequemeres Lager zu bekommen, sich an seinen Nachbar
+anzulehnen. Der Pole, dem das unbequem wurde, sträubte sich im Anfang
+dagegen, aber in solchem Fall hören alle Rücksichten auf, und der
+schläfrige Gesell, drei, vier Mal angestoßen, knickte doch immer, so
+wie er wieder in Schlaf kam, nach seinem etwas höher sitzenden Nachbar
+hinüber, der ihn zuletzt mußte gewähren lassen, oder auch selber endlich
+darüber einschlief.
+
+Aber der Bursche schlief _nicht_, denn unter dem breiten Rand des Hut's
+heraus blitzten von Zeit zu Zeit ein paar kleine stechende Augen scheu
+und forschend hervor, überflogen wie suchend den weiten Raum, und
+hafteten dann wieder mistrauisch und prüfend an der ruhigen Gestalt des
+Polen. Nach und nach, aber so langsam und allmählich, daß es kaum zu
+erkennen war, brachte er dabei den rechten Arm mehr und mehr unter
+seinen übergeschobenen Rock, und die kaum sichtbare aber geschäftige
+Thätigkeit seines Ellbogens verrieth, daß er ihn nicht nur zum Ausruhen
+dort hingehoben habe.
+
+Veitel Kochmer nickte und schwankte indessen im Schlaf herüber und
+hinüber, als er auf einmal, den Kopf auf die Brust gesenkt, den rechten
+Arm an seiner Seite herunter hängend, daß der Ellbogen jedoch leicht auf
+dem Beutel mit Geld auflag, oder ihn wenigstens berührte -- still und
+regungslos sitzen blieb. Seinem Nachbar, der jedenfalls ein bedeutendes
+Interesse dabei hatte ihn in Schlaf zu halten, mochte das verdächtig
+vorkommen, denn auch er rührte von diesem Augenblick kein Glied mehr,
+und athmete schwer und regelmäßig, ja schloß selbst unbewußt die Augen
+unter dem tiefen Schatten des Hutes, als ob das hätte sein Athmen
+bekräftigen können. So mochten die Beiden wohl etwa zehn Minuten
+gesessen haben, und kein Laut sonst als die schon vorerwähnten hatte die
+Stille bis dahin unterbrochen, da fing Veitel wieder an mit dem Kopf zu
+nicken, schwankte erst etwas rechts, dann etwas nach links hinüber,
+lehnte den Kopf zurück an das Mittelbret der hinter ihm befindlichen
+Coye, und fing an leise zu schnarchen. Aber der Bursche an seiner Seite
+traute dem Frieden noch immer nicht, und den eignen Kopf langsam
+emporhebend, wie in tiefem Schlaf unbewußt nach einer bequemeren
+Stellung suchend, blinzte sein Auge scheu nach dem bleichen bärtigen
+Angesicht des Nachbars auf. Das aber lag regungs- und ausdruckslos an
+der Bretwand an, und mit dem Drängen der Zeit, denn jeden Augenblick
+konnte irgend ein Lärm die Schläfer wecken, begann der bis dahin ruhig
+gebliebene Arm seine Thätigkeit wieder.
+
+Wie die Maschine so still und ruhig mit ihren gewaltigen Armen und
+Hebeln hämmerte -- wie das #flywheel# schlug und schwirrte, und
+das Rauschen der mächtigen Räder, mit den rasch und regelmäßig
+einschlagenden #bucketplanks#[15] zum Takt dazwischen die Wellen
+peitschte, und sie schäumend hinter dem Boot hinauswarf. Wie so ruhig
+der Strom da draußen lag, daß man das Murmeln selbst der kleinen Wogen
+hören konnte, und die schlummernden Gestalten hier im Deck, von dem
+schon halb verlöschten Lichte der Laterne kaum noch beleuchtet, so
+ruhig und friedlich schliefen, als lägen sie daheim in ihren weichen
+Betten, und nicht über Kistendeckel und Fässer, Körbe und Schachteln
+hin, mit eingezwängten Gliedern. --
+
+»Diebe! Mörder! Diebe!« ein gellender, kreischender Aufschrei
+schmetterte durch das Zwischendeck die Schläfer wach, und jagte sie,
+fertig angezogen wie sie ringsum lagen, so rasch empor, als ob sie von
+einem Zauberstab berührt, aus dem Boden heraufgesprungen wären.
+
+»Hallo! wer ist todt? -- wo brennts? -- aufgeblasen -- bei _Gott_!«
+schrieen verschiedene Stimmen, von denen einzelne schon befürchteten,
+daß dem Boot irgend ein Unglück zugestoßen sei, wild und erschreckt
+durcheinander.
+
+»Diebe -- Mörder! Diebe -- Diebe!« dröhnte aber Veitel Kochmers Stimme
+in gutem Polnischen Deutsch unverdrossen und gellend dazwischen, und die
+noch halb Schlaftrunkenen sahen wie der Mann mit dem wunderlich spitzen
+Bart und dem langen seidenen Rock, den sie schon vorher unten mit einer
+Frau, und oben mit einem Affen verglichen hatten, einen Andern, der sein
+Möglichstes versuchte von ihm wegzukommen, beim Rockschoß gefaßt hielt
+und die Hülfe der Übrigen anrief. Allein war er aber nicht im Stande den
+Mann länger im Griff zu behalten, und ehe die Übrigen sich besinnen und
+zuspringen konnten, riß der seinen Rockschoß aus dem krampfhaften
+Griff des Polen, und wollte mit einem Satz hinaus auf die offenen und
+vollkommen dunklen #guards# des Bootes springen, als sein Fuß in einem
+der anderen Schläfer, die hier queerüber der Passage lagen, hängen
+blieb, und er der Länge nach, mit einem lauten Aufschrei niederschlug.
+Im nächsten Moment hatten sich auch ein paar stämmige Kentuckier, die
+unfern von dort ebenfalls gelegen und jetzt aufgesprungen waren, über
+ihn geworfen und hielten ihn fest, und während er mit Armen und Beinen
+um sich schlug und austrat, schrie Veitel in einem fort, und ohne irgend
+eine der von allen Seiten an ihn gerichteten Fragen zu beantworten,
+»mein Geld -- mein Geld -- Gott der Gerechte mein Geld!«
+
+»Aber zum Donnerwetter was ist los? -- was brüllt der Bursche hier?
+-- was hat der da verbrochen?« schrieen die Amerikaner durcheinander,
+die wohl eine undeutliche Ahnung haben mochten was geschehen sei, die
+Sache aber auch genauer erfahren wollten, und von dem Schreien des
+deutsch Redenden keine Sylbe verstanden.
+
+»Mein Geld -- mein Geld!« brüllte aber Veitel und warf sich über den
+Gefangenen, seine Hände und Taschen zu untersuchen, während sein
+früherer Dolmetscher den Übrigen die gerufenen Worte übersetzte. Alles
+drängte jetzt gegen den Gefangenen an, vor allen Dingen das #corpus
+delicti# zu finden, und den Verbrecher dadurch zu überführen; dieser
+aber hatte sich indessen, von den ihn Umdrängenden jedoch noch immer
+festgehalten, wieder aufgerichtet, und fing nun auch seinerseits an eine
+eigene Meinung über die Sache zu bekommen.
+
+»Was, im Namen von Hölle und Verdammniß habt Ihr mit mir?« schrie er mit
+lauter trotziger Stimme, »seid Ihr toll oder betrunken, daß Ihr einen
+Menschen, den die verrückte Bestie von einem Halbaffen da aus dem
+Schlafe geschrieen, überfallt und festhaltet, als ob er irgend etwas
+verbrochen hätte? Was wollt Ihr von mir, was soll ich -- weshalb preßt
+Ihr mir die Arme zusammen, als ob sie von Eisen wären -- wer zum Teufel
+hat ein Recht mich so zu behandeln?«
+
+»Nur ruhig, #honey#!« rief ihm aber Einer der Irländer, der jetzt seinen
+Rausch so ziemlich ausgeschlafen hatte, freundlich zu, »nimm's nur
+kaltblütig mein Herzchen, und wenn Du's nicht kaltblütig nehmen kannst,
+nimm's doch so.«
+
+»Was wollt Ihr? -- weshalb haltet Ihr mich? weil der verrückte Schuft da
+im Schlafe brüllt? -- Da, such, was willst Du von mir, Canaille, _ich_
+habe Nichts.«
+
+»Mein Geld! mein Geld!« schrie aber der Israelit, mit zitternden Händen
+an dem Mann, freilich vergebens, herumfühlend -- »er hat mein Geld
+gestohlen.«
+
+Die nächsten Minuten war es kaum möglich ein weiteres Wort zu verstehn;
+Alles schrie, tobte, lachte und fluchte durcheinander, und der Ingenieur
+verließ seine Maschine, die Mannschaft vorn ihre Posten, und was noch
+wach an Bord war, drängte nach dem Zwischendeck zurück, zu sehn und zu
+hören was es da gebe. Veitel Kochmer war aber in der Zeit auch nicht
+müßig gewesen, und das Geld nicht an dem vermeintlichen Dieb findend,
+suchte er dort, von wo dieser aufgesprungen, und fand da den Sack auf
+der Erde liegen, mit einem kleinen scharfen und geöffneten Federmesser
+dicht daneben; rasch an seinen Kaftan fühlend entdeckte er dort zugleich
+einen breiten Schnitt, der diesen mit der Tasche vollständig offen gelegt,
+und sogar noch in den leinenen Sack hineingeschnitten hatte, so daß die
+Thatsache selber Allen, die ihn beim Suchen unterstützten, klar genug
+wurde. Der Mann mit dem blauen Überhemd leugnete aber Schnitt und Messer
+ab, wie überhaupt irgend etwas von dem Juden oder seinem Geld zu wissen;
+er habe dagesessen und fest geschlafen, und sei durch das Brüllen seines
+Nachbars aufgeschreckt worden, ja im Anfang der Meinung gewesen die
+Kessel wären geplatzt, und nur im Instinkt der Selbsterhaltung
+aufgesprungen.
+
+»Ja wohl #honey#«, lachte der Irländer dabei, während Veitel sein Geld
+wieder barg und erstaunt von einem zum anderen der Männer sah, ohne ein
+Wort von dem was sie sprachen zu verstehn, »das glaub' ich Dir schon,
+daß Du die Geschichte im Instinkt hast, denn es mag nicht das erste Mal
+sein, daß Du in Gedanken oder im Instinkt in anderer Leute Taschen
+kommst -- wie war also die Sache, Langbart da, woher weißt Du, daß
+dieser #gentleman# hier Dein Geld im Instinkt forttragen wollte?«
+
+Andere, die deutsch sprachen, übersetzten dem Polen die Frage, und
+dieser erzählte jetzt wie er im Schlaf seinen rechten Arm auf dem
+Geldsack habe liegen gehabt, einmal aber, halb munter geworden, sei es
+ihm vorgekommen, als ob Jemand langsam daran ziehe. Nicht recht sicher,
+sei er ruhig sitzen geblieben, bis auf einmal das Geld ihm unter dem
+Arm fortgeglitten und der Bursche da, als er rasch und erschreckt
+emporfuhr, in dem Augenblick auch auf und fortgesprungen wäre.
+
+Der Dieb leugnete natürlich Alles, und schrie über Gewalt und Unrecht,
+das einem Bürger der Vereinigten Staaten auf die schlaftrunkene Anklage
+eines fremden Juden angethan würde. Das fremde unnütze Gesindel sei
+überdieß nur da, und komme von Europa herüber sie, die Amerikaner,
+auszusaugen, ihren Arbeitslohn herunter zu drücken und den Eingeborenen
+#(natives)# das Brod vor dem Munde wegzuschnappen.
+
+»Hör' einmal mein Junge!« fiel ihm da Einer der langen Kentuckier in die
+in Zorn ausgesprudelte Rede -- »es will mir beinah vorkommen, als ob Dir
+die Fremden noch verdammt wenig Arbeitslohn heruntergedrückt hätten.
+Außerdem wissen wir noch gar nicht einmal ob Du ein Amerikaner bist oder
+nicht.«
+
+»Ich bin im »alten Staat«[16] geboren!« rief der Gefangene trotzig.
+
+»Kein Compliment für den alten Staat« sagte der Kentuckier ruhig, »doch
+das bleibt sich jetzt gleich. Wir sind hier verdammt, eine Woche mitsammen
+auszuhalten »in Freud und Leid« wie die Friedensrichter bei den
+Trauungen sagen, und müssen uns also auch die Luft frei und die Taschen
+zu halten vor derartigem Gesindel das daran herumschneiden will.«
+
+»Aber was wollt Ihr da von _mir_?«
+
+»Wirst es gleich hören mein Herz.«
+
+»Werft den Lump über Bord und laßt ihn an Land schwimmen« schrie der
+Irländer dazwischen.
+
+»Frieden da!« rief aber der Kentuckier, »wir dürfen einen Mann nicht
+strafen, ohne ihn gehört zu haben; wählt einmal einen Richter unter
+Euch, Kameraden, und zwölf Geschworene; zu schwören brauchen sie weiter
+nicht, da wir keinen wirklichen Richter haben, und dann wollen wir der
+Sache gleich auf den Grund kommen.«
+
+»Hurrah für den Kentuckier!« schrieen eine Masse Stimmen, froh jetzt
+irgend etwas zu haben die lange Nacht durchzubringen, »wählt eine Jury
+-- wählt einen Richter!«
+
+»Wir wollen den Steuermann zum Richter nehmen!« rief eine feine Stimme
+durch den Lärm -- der Steuermann war mit den übrigen Neugierigen
+ebenfalls herbeigekommen, zu sehn was es gäbe.
+
+»Was schiert uns der Steuermann!« schrie aber ein langer Bootsmann aus
+dem Staat Mississippi dazwischen -- »wir sind hier Passagiere und was
+wir untereinander haben, machen wir auch untereinander aus.«
+
+»Ja wohl, ja wohl!« riefen Andere -- »der Kentuckier soll Richter sein;
+Hurrah für den Kentuckier!«
+
+Unter Lärmen, Lachen und Schreien, während der ertappte Dieb jetzt
+freigelassen war, sich aber so von Wachen umstellt sah, daß an ein
+Entrinnen nicht zu denken war, wurde jetzt auch eine Jury aus den
+Passagieren gewählt, wozu man jedoch nur Amerikaner nahm, und den
+Angeklagten dann frug ob er mit der Wahl zufrieden sei. Dieser aber, dem
+doch nicht wohl dabei wurde als die Leute Ernst machten, protestirte
+gegen ein solches Verfahren, verschwor sich noch einmal hoch und theuer
+daß er von der ganzen Geschichte Nichts wisse, neben dem Juden ruhig
+geschlafen habe, das Messer gar nicht kenne und ein ehrlicher Mann
+sei, und verlangte den Capitain zu sehen, der ihn vor einer solchen
+Behandlung wie sie ihm hier widerfahre schützen müßte, oder er verklage
+ihn selber in der ersten Stadt an der sie anlegten, wegen Mishandlung
+seiner Passagiere.
+
+Das half ihm übrigens Alles Nichts, die Leute im Zwischendeck hatten
+Langeweile, brauchten etwas, das ihnen die Nacht hindurch die Zeit
+vertriebe, und die Bootsleute selber, Capitain und Steuermann, hüteten
+sich schon da einzugreifen, wo sie doch recht gut wußten daß ihnen die
+Macht fehlte, noch dazu da es hätte zu Gunsten eines Burschen geschehen
+müssen, gegen den doch ziemlich gegründeter Verdacht wenigstens
+beabsichtigten Diebstahls vorlag.
+
+Dem Angeklagten nun hätte es frei gestanden gegen sechs aus der Jury,
+Amerikanischen Gesetzen nach, Protest einzulegen, wofür dann andere
+gewählt worden wären; da er aber gegen die ganze Jury protestirte, und
+ihr das Recht abstritt über ihn zu urtheilen, wurde sie ganz beibehalten,
+und das Verhör begann. Veitel Kochmer, der sich jetzt übrigens gern von
+der ganzen Geschichte zurückgezogen hätte, bekam einen Dolmetscher, und
+mußte besonders #in figura# wieder zeigen wie sie Beide gesessen hatten,
+während man noch alle übrigen Zeugen vernahm, die vorher die
+beabsichtigte Flucht des Angeklagten mit angesehn.
+
+Als die vernommen worden, wurde der Angeklagte aufgefordert Zeugen für
+sich selber zu stellen, und ein anderes Individuum, das sich aber weit
+besser ruhig verhalten hätte, trat jetzt freiwillig auf, und erklärte
+den Angeklagten schon seit einer Reihe von Jahren als einen braven, in
+seiner Heimath geachteten, und sonst in jeder Beziehung ehrenwerthen
+Mann zu kennen. _Dem_ Burschen stand das Wort »Gauner« aber mit so
+deutlichen Zügen auf der Stirn geschrieben, daß die ganze Jury laut
+lachte als er von Ehrlichkeit und Achtung sprach, und der Angeklagte
+selber schien nicht sehr mit der Fürsprache zufrieden zu sein. Es
+war ein langer hagerer Gesell, der neue Zeuge, mit einer hellgrünen
+Flanelljacke an, die sehr kurz in den Ärmeln, seine Gelenke und dünnen
+Armen weiter zeigte als gerade schön sein mochte; auf dem einen Auge
+schielte er dabei, und da das andere nicht eine Secunde auf ein und
+demselben Menschen haftete, konnte sich keiner an Bord rühmen dem Blick
+des Burschen auch nur ein einziges Mal begegnet zu sein. Einen alten
+zerknitterten Fitz, den er bis dahin auf dem struppigen Haar gehabt,
+drückte er, so lang er mit der Jury sprach, in den Händen herum.
+
+Der Staatsanwalt, zu dem sich ebenfalls ein junger, ganz ordentlich
+gekleideter Mann an Bord für diesen einzeln Fall gemeldet hatte, trat
+jetzt auf und versicherte der Jury, unter dem schallenden Gelächter
+sämmtlicher übrigen Passagiere, nur nicht der beiden Freunde, daß dieser
+Zeuge die Sache des Angeklagten eher verschlimmert als verbessert habe,
+hob dann noch einmal in sehr glücklich gewählten, meist humoristischen
+Wendungen das ganze Entsetzliche dieses Falles an einem Ort hervor, wo
+Alle so zusammengedrängt waren daß sie schon ohnedieß Einer die Hände in
+den Taschen des Anderen haben mußten nur stehen zu können, und eröffnete
+schließlich den geehrten Geschworenen, daß ihnen kaum etwas anderes
+übrig bleiben würde als den Mann zu -- hängen, wie seinen Freund Landes
+zu verweisen.
+
+Ein lautes Hurrah! antwortete diesem Vorschlag, der von Allen natürlich
+als ein Scherz aufgenommen wurde, nur nicht von dem Angeklagten selber,
+der vielleicht schon früher Zeuge gewesen war, wessen eine Bande müssiger
+Bootsleute, in Übermuth und Langerweile fähig sei. Die Jury zog sich
+jetzt auf die Außenguards zurück dort miteinander den Fall zu berathen,
+kehrte aber nach sehr kurzer Zeit wieder, und erklärte kein Urtheil
+abgeben zu wollen, bis man nicht weitere Beweise gegen den Mann habe,
+der zu diesem Zweck zu visitiren sei, ob er nicht irgend etwas
+Verdächtiges bei sich trage was seine jetzige böse Absicht noch mehr
+bekräftigen könne.
+
+Dagegen sträubte sich aber der Angeklagte auf das Entschiedenste, machte
+sogar Miene sich ernsthaft zur Wehr zu stellen und schrie, als ihn
+ein paar von den baumstarken Flatbootmen unterliefen und hielten, aus
+Leibeskräften um Hülfe und Feuer und Mord. Das Alles half ihm aber nicht
+allein Nichts, sondern machte die Leute nur noch mistrauischer gegen
+ihn, die jetzt ohne weiteres, während ihn Einige festhielten, seine
+Taschen umdrehten und ihn aufforderten sein Gepäck auszuliefern das er
+an Bord habe.
+
+Wider Erwarten entdeckte man bei ihm ein mit Geld sehr wohlgespicktes
+Taschenbuch, in dem sich einige zwanzig ganz neue Banknoten der
+»#White water canal banking company#« mit einigen einzelnen
+Mississippi-Dollar-Noten und einige kleine Münzen vorfanden. Hiervon
+erregten aber die neuen Noten Verdacht, von denen eine im Kreis
+herumging, bis sie zu den Händen des Staats-Anwalts, jedenfalls eines
+jungen Handlungscommis der irgend eine Anstellung im Norden suchte, kam.
+Dieser erklärte sie nach kurzer Besichtigung für #counterfeit money#
+(falsches Geld), und erbot sich sehr freundlich und bereitwillig selber
+zu hängen, wenn er nicht die Wahrheit gesagt habe und das Geld genau
+kenne. Mit diesem Ausspruch allein begnügten sich aber die Passagiere
+nicht, und eine Deputation wurde hinauf in die Cajüte geschickt, zu
+sehen ob noch Einer von den Buchhaltern wach wäre, dessen Urtheil über
+die Banknoten zu hören.
+
+Der zweite Buchhalter war kurz vorher vom Steuermann geweckt worden,
+da das Boot wieder anlegen mußte Holz einzunehmen. Noch halb im Schlaf
+wollte der freilich die Passagiere erst unwirsch wieder abweisen, ließ
+sich aber doch endlich bewegen, einen in Neu-York herausgegebenen
+#counterfeit detector#, in dem allmonatlich sämmtliche falsche Banknoten
+veröffentlicht werden, nachzusehn, und erklärte die Banknote dann
+ebenfalls nach kurzer Untersuchung für falsch. Das war genug und die
+Sache im Zwischendeck, die bis jetzt mehr in Scherz und Übermuth
+getrieben worden, drohte einen ernsteren Charakter zu bekommen.
+
+Der Kentuckier nahm vor allen Dingen das als falsch erkannte Geld in
+Beschlag, zerriß es in Stücken und steckte es unter dem wüthenden Heulen
+und Schreien des Angeklagten in den Ofen, wo es bald hell aufloderte,
+das übrige Geld wurde ihm jedoch zurück gegeben, und die Jury ging dann
+noch einmal auf die #guards# hinaus, das Endurtheil zu fällen, als die
+Glocke draußen -- das Zeichen zum Landen und Holztragen -- ertönte.
+
+»#Wood pile, wood pile boys!#«[17] schrie der Mate oder Steuermann, froh
+eine Gelegenheit zu haben den Skandal zu unterbrechen, in das Deck
+hinein -- »hinaus mit Euch wer nicht bezahlt hat, Eure Albernheiten
+könnt Ihr nachher abmachen -- #Wood pile!#«
+
+Das Boot landete, die Planken wurden ausgeschoben, und die
+Zwischendeckspassagiere, die sich eben zum Holztragen verpflichtet
+hatten, konnten sich dessen nicht weigern; der Delinquent sollte
+indessen unter der Aufsicht von drei oder vieren, die nicht mit zu
+tragen brauchten, zurückgelassen werden; das aber duldete der Mate
+nicht, der erklärte daß er den Mann nothwendig zum Holztragen brauche;
+wenn sie was von ihm wollten, könnten sie das ebensogut nachher
+abmachen, hier in Nacht und Nebel und einem wildfremden Staat würde er
+ihnen nicht fortlaufen. Die Anderen trauten ihm jedoch nicht, und zwei
+von den Kentuckiern erboten sich draußen an seiner Seite zu bleiben,
+und jeden etwaigen Versuch zur Flucht unmöglich zu machen.
+
+Der Bursche, der aber jedenfalls ein böses Gewissen hatte, und
+vielleicht nicht mit Unrecht fürchtete auch noch andere Sachen an den
+Tag gebracht zu sehn, schien das Resultat der Jury nicht abwarten zu
+wollen, denn als er, einmal im Freien, seine zweite oder dritte Ladung
+aufgenommen, wußte er seine Gelegenheit zu benutzen, warf dem Einen von
+seinen beiden Wachen den ganzen Stoß Holz auf den Leib, sprang über ihn
+fort, und war im nächsten Augenblick über die Fenz hin, in einem
+Baumwollenfeld verschwunden, das Boot wie seine bezahlte Passage im
+Stich lassend.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+Die Ufer des Mississippi und Ohio.
+
+
+Der Dampfer verfolgte indessen rasch seine Bahn, und erreichte am
+nächsten Nachmittag die Grenze der Plantagen; die Grenze nämlich
+insofern, als diese kein geschlossenes Ganzes, Fenz an Fenz mehr
+bildeten, und den Urwald erst in schmaleren, dann immer breiter
+werdenden Streifen zum Ufer des Stromes heranließen, bis zuletzt Wald,
+dichter finsterer mächtiger Wald an beiden Seiten lag, und nur hie und
+da eine größere Lichtung den Ort verrieth, wo die Axt des Menschen
+thätig gewesen war sich in das Herz der Wildniß einzuwühlen, und den
+überreichen Boden sich zinsbar zu machen.
+
+Der Strom gewann hier einen ganz anderen Charakter; noch war das graue
+wehende Moos an den Bäumen sichtbar, aber es hing nicht mehr in solch
+gewaltigen prachtvollen Massen von den höchsten Wipfeln bis zur Erde
+nieder, die Riesen des Waldes in einen weiten Schleier hüllend. Dichte
+Schilfbrüche füllten dabei den Unterwald bis zum äußersten Rand
+des eingebrochenen Ufers, von dem ab zahlreiche unterwaschene und
+niedergeschwemmte Stämme die Verheerung nur zu deutlich verriethen, die
+hier von den ungestüm reißenden, und noch täglich weiter in das feste
+Land hineinfressenden Wassern angerichtet worden.
+
+Wieder kamen dann weite, Plantagen bedeckte Flächen, wie die ganze
+Strecke von Point-Coupée, bis fast zum Atchafalaya -- einem Abstrom des
+Mississippi der sich auf eigene Faust in den Golf von Mexiko ergießt
+-- hinauf; aber das Zuckerrohr wurde hier schon seltner, Mais nahm
+dessen Stelle ein, und nur die Baumwollenfelder dauerten noch fort.
+
+Weiter und weiter arbeitete das Boot -- die Lichtungen wurden schmäler
+und seltener, auch die Gebäude unansehnlicher, die an den Ufern standen,
+bis sie zuletzt zu niedere fensterlose, in Sumpf und Rohr gebaute
+Blockhütten zusammenschrumpften, mit mächtigen Reihen Klafterholz an
+der Seite, den auf-und abgehenden Dampfern das so nöthige Material zu
+liefern, und kaum einen halben Acker urbar gemachten Landes dabei, für
+die Bewohner der Hütte etwas Mais und einige Kürbisse und Melonen zu
+ziehn.
+
+Mitten aus dem Wald heraus leuchteten den Reisenden dann wieder
+plötzlich die hellen und oft ganz stattlichen Gebäude eines bald
+größeren bald kleineren Ortes entgegen, und nirgends läßt sich der
+Unternehmungsgeist der Amerikaner gerade besser erkennen, als an den
+Ufern der westlichen Ströme, wo sich der Mensch ordentlich in die Öde mit
+seinen Bedürfnissen hineinbohrt, weiter und weiter um sich greift, und
+aus dem Wald heraus, von Wölfen Nachts umheult und von der rauschenden
+Wildniß dicht begrenzt, seine Städte mit ihrem Handel und Verkehr,
+Dampfmaschinen und Banken heraufzaubert. Im Anfang sind diese denn auch
+natürlich nur auf den Strom selber angewiesen, dessen Schiffahrt sie
+entstehen ließ; nach und nach aber siedeln sich Nachbarn an, Plantagen
+und Farmen entstehn, Mühlen und Fabriken werden gebaut, Wege angelegt,
+und das Holz verschwindet unter den unausgesetzten Schlägen der
+gefräßigen Axt.
+
+So passirten sie Natchez und Vicksburg, beide Städte mit prachtvollen
+massiven Gebäuden, scheinbar an der Grenze der Civilisation gegründet,
+und ließen die Mündung des gewaltigen Redriver an ihrer Linken,
+der seine rothen Fluthen, ein fast ebenso mächtiger Strom als der
+Mississippi selber, in diesen wälzt, ohne dessen Ufer auch nur eines
+Schrittes Breite auszudehnen. Ebenso hat der »Vater der Wasser« den
+stattlichen Arkansas, den White River, den breiten Ohio, mit einer
+Unzahl kleinerer Flüsse aufgenommen, ohne die Breite seines Bettes, von
+der Mündung des fast noch bedeutenderen Missouri auch nur im mindesten
+zu ändern. Aber tiefer und reißender wird er, je weiter er sich wühlt,
+und je größere Kräfte er in sich aufnimmt; weiter hinein in den Grund
+reißt er sich seine furchtbare Bahn, und die größten Kriegsschiffe
+würden ihn tausende von Meilen befahren können, dämmte seine Mündung
+nicht die, den meisten großen Flüssen gefährliche Queerbank, die gerade
+über sein Fahrwasser wegliegt, und tiefgehenden Schiffen den Eingang
+hartnäckig weigert.
+
+Weiter, weiter schäumen wir stromauf; dort drüben zu unserer Linken
+mündet der Arkansas seine Wasser, eine kurze Strecke weiter oben ein Arm
+des White River, und der kleine Ort, in die Spitze, die beide Ströme
+miteinander bilden, hineingebaut, heißt Montgomery.
+
+Unser Lootse weiß aber von dem Ort da drüben, und von dem Mann der hier
+das erste Haus gegründet, viel zu erzählen. Er selber ist früher lange
+Jahre auf dem Arkansas gefahren und oft an der Spitze die Montgomerys
+Point hieß und noch heißt gelandet; der aber, der hier den ersten
+Axtschlag gethan, war Einer jener wilden Charaktere wie sie der Westen
+leider noch in Masse liefert -- Männer die nur das eine Ziel im Auge
+tragen -- _Geld_ -- deren Herz und Seele, wenn sie Beides wirklich
+haben, nur dem einen Trieb sich weiht und eigen giebt, und die selbst
+Raub und Mord zu Brücken brauchen, das zu erreichen. Wenn nur die Hälfte
+von dem wahr ist, was er dem an das Lootsenhaus gelehnten Passagier
+halblaut, und mit einem scheuen Blick dort hinüber in's Ohr flüstert,
+daß es dem Mann eine Eishaut über den ganzen Leib jagt, so hat das Land
+da drüben Ursache fruchtbar zu sein, denn es ist mit Menschenblut
+gedüngt.
+
+Wald dehnt sich jetzt zu rechts und links -- weiter endloser Wald mit
+furchtbaren Sümpfen die nur, das Ufer des Stromes verlassend, der Jäger
+betritt, den Bär in seinem Schlupfwinkel aufzusuchen, oder die hier
+ziemlich zahlreichen Hirsche zu jagen. Selbst Büffel haben sich, noch
+etwas weiter zurück vom Mississippi, in diesen furchtbaren Dickichten
+gehalten, und es ist das der einzige Platz in den, in die Union
+aufgenommenen Staaten, wo sie noch zu finden sind.
+
+Auch die Vegetation nimmt hier wieder einen etwas anderen Charakter an;
+das graue Moos ist ganz verschwunden, selbst die Cypressen kommen schon
+vereinzelter vor als weiter unten, und der mächtige #cotton# oder
+Baumwollenholzbaum, nach einer weißen Flocke in der sein Saamen sitzt,
+so genannt, hat den Ehrenplatz am Ufer, und füllt das flache sumpfige
+Land mit seinen wahrhaft riesigen Stämmen. Aber während der rastlos
+schaffende und vernichtende Mississippi an dem einem Ufer den Boden
+unterwäscht und wühlt, und oft ganze Acker Land, mit hunderten von
+Stämmen in sein Bett herniederreißt, wirft er am andern wieder weite
+Sandbänke aus, deckt sie und düngt sie mit dem fruchtbaren Schlamm, den
+ihm der Missouri aus den weiten Steppen des Westens hernieder führt, und
+läßt sich vom Wind dann, in den leichten fasrigen Flocken, den Saamen
+des Baumwollenbaumes niederstreuen auf den jungen Grund. Jedes Jahr legt
+er sich der Art einen kleinen Streifen um den neugegründeten Besitz, und
+während das erst besäete Stück schon die jungen Cottonbäume bis zehn und
+fünfzehn Fuß Höhe trägt, die sich mit den saftgrünen jungen Kronen dicht
+und fest an den alten Urwald selber anschmiegen, werden sie kleiner und
+kleiner je weiter sie dem Ufer selbst sich nähern, bis sie in kleinen,
+kaum sichtbaren Schößlingen, noch von dem Schaum des Stromes bespühlt,
+nur eben erst die schwachen grünen Keime zeigen, und damit eine
+förmliche grüne Stufenleiter bilden, bis zum Wasser nieder.
+
+Auch die Alligatoren sind jetzt verschwunden und zeigen nicht mehr die
+dunklen zackigen Rücken und Stirnen, verbranntem Holze gleichend, über
+der trüben Fluth; statt dessen sonnen sich weichschalige Schildkröten in
+Masse auf dem gelben Sand und den in den Strom geschwemmten Stämmen,
+strecken die langen Köpfe neugierig und scheu herauf, wie sie das
+heranschnaubende Boot hören, und lassen sich dann schwerfällig nieder
+gleiten in die Fluth, dem fremden unheimlichen Feinde zu entgehn.
+
+Auch die weißstämmige Sycamora, mit ihrem schweren rothen Holz das nicht
+im Wasser schwimmt, drängt sich bis zum Ufer vor, gar seltsam gegen die
+dunklen Stämme der übrigen Waldung abstechend, während bis zu ihren
+ersten Ästen hinauf, in dreißig und vierzig Fuß Höhe, eine feste grüne
+Wand emporsteigt, das Mississippi-Rohr (#cane#) das seine Bambusähnlichen
+Wurzeln bis in den neben ihnen hinwaschenden Strom hinunter hängt, und
+eine fast ununterbrochene Mauer bildet gegen das offene Flußbett zu.
+
+Als ob ein einzelner Baum umgeschlagen wäre und da hinein hie und da
+eine kleine, kaum bemerkbare Lücke gerissen hätte, so sehen die kleinen
+Lichtungen aus, in die sich ein Holzhauer gedrängt und sein Lager da
+mitten im furchtbarsten Sumpf, von Wasser und Schlamm rings umgeben,
+aufgeschlagen hat mit Frau und Kind. Gegen das Gesetz der Vereinigten
+Staaten, das dem Einzelnen verbietet Holz auf Grund und Eigenthum der
+Union zu schlagen, macht er ein anderes Recht der Squatter, das
+#preemption right# für sich geltend, das dem armen Ansiedler erlaubt
+Land, ohne es gleich zu bezahlen, so lange zu occupiren und zu bebauen
+und dann darauf das Vorkaufsrecht zum Congreßpreis (1-1/4 #Dollar pr.
+acre#) zu behalten, bis es vermessen und zum Verkauf dann ausgeboten
+wird. Dem Staat gegenüber erklären diese Leute, wenn sie je darum
+gefragt werden sollten, daß sie die Bäume hier fällen um das Land urbar
+zu machen, und es für sich selber, zu ihrem bleibenden Wohnsitz zu
+wählen, in Wirklichkeit aber bleiben sie nur bis sie sich eine gewisse
+Summe baaren Geldes durch den Holzverkauf an die Dampfboote verdient
+haben, und ziehen dann weiter westlich in gesündere Gegenden, sich dort
+erst anzukaufen -- wenn sie nicht früher schon durch den Verlust von
+Frau oder Kindern oder durch eigene Krankheit in den bösen Miasmen der
+Sümpfe verscheucht und gezwungen werden die Hügel aufzusuchen, das
+eigene Leben zu retten. Von kaltem Fieber geschüttelt, von Mosquitos
+zerstochen, an Stellen die von giftigen Schlangen wimmeln, vor denen sie
+die Kinder kaum genug hüten können, verleben die armen Frauen besonders
+dort eine traurige Existenz. Ja diese wird oft selbst durch den Strom
+bedroht, der in seinen furchtbaren Überschwemmungen das ganze Land
+überfluthet, das geschlagene und mühsam aufgeschichtete Holz und nicht
+selten die niederen Blockhütten selber faßt, und weit hinabschwemmt dem
+Meere zu, so daß diese Holzhauer, besonders an den niedrigst gelegenen
+Stellen, stets gezwungen sind ein Boot oder Canoe an ihrem Haus zu
+haben, in der Zeit der Gefahr wenigstens ihr Leben vor der Gewalt der
+Wasser schützen zu können, und stromab den Hügeln zuzuflüchten.
+
+S'ist eine traurige Existenz die tausende von Menschen auf solche Art
+führen, und bezeichnend dabei, daß fast nur Amerikaner selber, die
+abgehärteten und die Wildniß gewohnten Kinder der Pioniere und ersten
+Vorkämpfer der Civilisation, sie freiwillig wählen. Selten oder nie
+findet man in diesen Hütten und Sümpfen Deutsche, oder andere fremde
+Einwanderer, die fast alle geringeren Verdienst und gesünderen Boden
+vorziehn, auch wohl dieß Klima mit seinen Entbehrungen nicht so ertragen
+könnten als der Amerikaner.
+
+Weiter wühlt sich das Boot, an Hütte und Wildniß vorbei und was ist das
+dort drüben, das so weiß und breit da aus dem Wasser ragt? -- Ein
+versunkenes Dampfboot, das in Nacht und Nebel gegen ein #snag# rannte
+und sank -- »aber die meisten Passagiere wurden gerettet« -- und da
+drüben, das mit den schwarzen Rippen? -- das ist ein anderes Boot das
+mitten auf dem Strom in Brand gerieth und unglücklicher Weise, ehe es
+das feste Ufer erreichen konnte, auf eine Sandbank lief. Der Steuermann
+weiß eine furchtbare Geschichte davon zu erzählen, denn er war an Bord,
+und man hat nie erfahren wie viel Unglückliche ihr Leben dabei
+einbüßten.
+
+Und weiter da drüben? -- lieber Freund das sind auch die Überreste eines
+Wracks; es ist hier gerade eine etwas gefährliche Stelle, aber überhalb
+der Mündung des Ohio ist's noch viel ärger, denn dort haben die
+Bootsleute einem Theil des Stromes den Namen, »Dampfers Kirchhof«
+gegeben, und manches Menschenleben hat der schon gekostet.
+
+Es ist wahr, auf keinem Strom der Welt ist mit Dampfbooten schon
+soviel Unglück geschehn, wie gerade auf dem Mississippi mit seinen
+Nebenflüssen; auf keinem wird dabei trotzdem leichtsinniger gefahren,
+auf keinem werden, neben den prachtvollsten, besteingerichtetsten
+Fahrzeugen, schlechtere, untüchtigere Kasten benutzt Waaren und Menschen
+zu transportiren wie gerade hier, denn der Amerikaner _will_ und _muß_
+Geld verdienen, und so lange ein Dampfboot nur eben noch auf dem Wasser
+schwimmt, so lange die wieder und wieder geflickten Kessel nur noch
+möglicher Weise halten, wird ihm seine Ladung anvertraut, und drängen
+sich die Passagiere selber an Bord, nur keine Zeit zu versäumen, und
+vielleicht einen halben Tag länger warten zu müssen mit einem besseren,
+neuen Boot dieselbe Fahrt zu machen. Aber wir müssen auch gerecht sein;
+auf keinem Strom der Welt fahren und kreuzen sich eine solche Masse von
+Dampfern jeder Größe, jeder Gattung wie hier, von dem stattlichen Boot
+an das mit acht Kesseln an Deck und jeder ordentlichen Bequemlichkeit
+ausgestattet, von drei bis vier tausend Ballen Baumwolle im Stande ist
+zu tragen, bis zu dem kleinen Diminutiv-Boot nieder, das kaum zwölf
+Zoll im Wasser gehend die zahlreichen kleinen Nebenflüsse befährt und
+explorirt, mitten in Wald und Wildniß hineindampft allen Gefahren zum
+Trotz, und nicht selten den Bären und Panther überrascht die zum Trinken
+herabkamen, und scheu und entsetzt jetzt vor dem fremden Ungethüm zurück
+fliehen in Dickicht und Gestrüpp. Die Nebenflüsse mitgerechnet, von
+denen ab die einzelnen Dampfer den Mississippi immer wieder berühren,
+beträgt die Zahl derselben jetzt weit über sieben hundert, und im
+Verhältniß ist die Zahl der Unglücksfälle dann noch immer nicht gar so
+entsetzlich, wie es von solchen, die nur die dunklen Seiten jenes Landes
+aufzudecken suchen, oft geschildert und beschrieen, nicht beschrieben
+wird.
+
+An Bord war indessen, seit der Flucht des Diebes, der sich doch nicht
+hatte der Gefahr aussetzen wollen einen Urtheilsspruch der übermüthigen
+Reisegefährten abzuwarten, und lieber seine schon gezahlte Passage
+(Gepäck hatte er gar nicht) im Stich ließ, Alles ruhig und friedlich
+abgegangen, und Veitel Kochmer besonders hatte seine Zeit gut benutzt,
+auch oben in der Cajüte mit der Holzharmonika und der Kehle des Kindes
+Geld zu verdienen.
+
+Professor Lobenstein redete ihn da, als alten Reisegefährten an, frug
+ob noch andere Passagiere von der _Haidschnucke_ an Bord seien, und
+erfuhr von ihm, daß sich auch die Weberfamilie auf der Jane Wilmington
+eingeschifft habe nach Cincinnati zu gehn, dort unter den vielen
+Deutschen leichter Arbeit zu finden. Nun war es aber dem Professor,
+jemehr sie sich dem Orte näherten wo er selber ein neues ungewohntes
+Leben beginnen und Arbeiten unternehmen sollte, die sich doch in der
+Praxis ganz anders herausstellten als in Büchern, schon mehrfach im Kopf
+herum gegangen, wo er Jemand passenden gleich herbekam ihm wenigstens
+in der ersten Zeit zur Hand zu gehn. Auch seine Frau, seine Töchter
+brauchten eine Hülfe, denn waschen, scheuern, das Vieh besorgen etc.
+waren ebenfalls Dinge an die er noch nie so sehr gedacht hatte wie
+gerade jetzt, und die er den Seinigen kaum zumuthen konnte, vom ersten
+Augenblick gleich an zu übernehmen. Von Hopfgarten, mit dem er darüber
+Rücksprache nahm war sogar entschieden dagegen, daß den an etwas
+derartiges gar nicht gewohnten Frauen je dergleichen Beschäftigungen
+obliegen dürften, und betrachtete es als eine Sache die sich von selbst
+verstände, daß er Leute engagiren müsse, die eben die gröberen Arbeiten
+für ihn verrichteten. Da aber solche, wie sie vielfach gehört, in
+Amerika nicht immer gleich und leicht zu bekommen wären, könnte er auf
+der Gotteswelt nichts Besseres thun, als gerade die ganze Weberfamilie,
+die er als ordentliche, rechtschaffene, fleißige Leute kennen gelernt
+hatte, wenn sie irgend zu bekommen wären, in Dienst zu nehmen.
+
+Der Professor fühlte daß er recht hatte; freilich gehörte das, als
+schwere Ziffer, zu den »nicht gerechneten Ausgaben«, die er sich bis
+dahin immer noch eingeredet sie umgehen zu können; so viel Hände mehr
+verdienten aber auch mehr im Feld -- auch der deutsche Landmann hielt
+ja seine Knechte und Mägde und befand sich wohl dabei -- warum nicht er.
+
+Zu solchem Entschluß, zu dem die Weberfamilie auch noch ihre Zustimmung
+zu geben hatte, war dann aber auch keine Zeit mehr zu verlieren, und um
+es besser mit ihnen besprechen zu können, ging er gleich am nächsten
+Morgen zu ihnen hinunter in's Zwischendeck. Hier machte er den beiden
+Leuten gerade zu den Vorschlag, gegen einen entsprechenden Gehalt über
+den sie sich einigen wollten, auf ein Jahr bei ihm in Dienst zu treten,
+wo sie ein kleines Haus für sich bekommen, und ihre Familie, von der der
+älteste Knabe schon wacker mit zugreifen konnte, bei sich behalten
+sollten.
+
+Auch für den Weber war übrigens dieser Vorschlag gut und annehmbar, denn
+er genoß dadurch jedenfalls den sehr großen Vortheil nicht allein in der
+ersten Zeit das wenige was er an baarem Geld sein nannte, zu sparen,
+sondern sogar noch etwas dazu zu verdienen und nebenbei, das Wichtigste
+von Allem, das Land in dem er sich später selber niederlassen wollte,
+aus eigner Erfahrung kennen zu lernen. Auch für die Kinder hatte er
+dabei ein Unterkommen, wie für die alte Mutter, die sich auf der Seereise
+merkwürdig gekräftigt und gestärkt, jetzt aber in dem neuen ungewohnten
+Leben und Treiben an Bord, still und ängstlich in ihrer Ecke saß, aber
+doch nicht mehr jammerte und wehklagte, sondern mehr betäubt von all dem
+Neuen das sie umgab, ruhig abwartete was ihr und den ihrigen die nächste
+Zukunft bringen würde.
+
+Nun war es dem Mann freilich ein ungewohntes und auch fast drückendes
+Gefühl hier in Amerika, wo er seine Lage gegen Deutschland hatte
+verbessern wollen, in _Dienst_ zu treten, während er im alten Vaterland,
+wenn auch arm und kümmerlich, doch selbstständig, und von Niemandem
+abhängend, gelebt hatte; aber er sah auch wohl daß er hier in eine ganz
+fremde ihm vollkommen neue Welt gerathen sei, in der er vor allen Dingen
+lernen und Erfahrung sammeln mußte, und mit der Schüchternheit sich
+gleich von vorn herein ein selbstständiges Handeln zuzutrauen, die
+unseren armen Klassen nur zu sehr eigen ist, mochte er die Hand nicht
+zurückweisen, die sich ganz unerwartet ausstreckte ihn zu unterstützen.
+Auch die Frau, die vor Nichts solche Angst gehabt als gerade vor dem
+ersten Beginn, griff mit Freuden nach diesem Anerbieten -- arbeiten,
+lieber Gott das wollte sie ja gern von früh bis spät, hatte auch noch
+nichts Anderes gekannt seit sie kaum alt genug geworden die jüngeren
+Geschwister umherzutragen, und selber wieder ein eignes Haus? ja lieber
+Himmel, das ging nicht im Handumdrehen, und das was ihnen jetzt und zwar
+von einer Familie geboten wurde, die sie schon auf dem Schiff hatten
+achten und lieben lernen, durften sie nicht zurückweisen, wenn sie sich
+nicht später die bittersten Vorwürfe hätten machen wollen.
+
+Der Lohn freilich, den ihnen der Professor bei weiterer Unterhandlung
+bieten konnte war gegen das, was sie früher von den Arbeitslöhnen in
+Amerika gehört, nicht hoch, und betrug für beide Eheleute nur zwölf
+Dollar monatlich an baarem Gelde, aber sie bekamen auch dabei für sich
+und ihre Familie die Kost, und hatten in sicherem Verdienst, nach
+Abschluß des Jahres zu dem was sie schon ohnedieß besaßen und jetzt
+nicht anzugreifen brauchten, noch eine hübsche runde Summe von 144
+Dollar übrig, mit der sich schon etwas anfangen ließ. So schlugen sie
+denn nach kurzem Besinnen ein, ließen ihre überaus sehr schwankenden
+Aussichten in Cincinnati fahren, und beschlossen in Grahamstown mit an
+Land zu gehn -- die Passagezahlung blieb sich überdieß nach beiden Orten
+gleich.
+
+»Du bist doch auch dümmer wie's eigentlich erlaubt ist«, wandte sich
+übrigens, wie der Professor nur kaum den Rücken gedreht hatte und wieder
+nach oben gegangen war, ein anderer deutscher Bauer, der ebenfalls erst
+vor einigen Wochen mit Frau und Kindern von Deutschland gekommen, nach
+Cincinnati hinauf wollte, an den Weber -- »läßt Dich da von dem Breimaul
+beschwatzen, Dich für sechs Thaler den _Monat_ zu schinden und zu
+plagen, wo Du so viel die _Woche_ kriegen könntest, und bedankst Dich
+auch nachher noch bei ihm daß er so gut ist und Dich umsonst arbeiten
+läßt. Herr Jeses, _mir_ sollte so Einer so etwas bieten, den wollte ich
+heimschicken.«
+
+Der Mann war aus Kurhessen und sah dürftig aus, hatte auch in der That
+schon fast alles Mitgebrachte aufgezehrt, und eben noch die Passage für
+sich und die Seinen auf dem Dampfboot erschwingen können, aber er wußte
+was ihm die Agenten in Deutschland für Lohn versprochen, und war nicht
+gesonnen, wie er meinte, für einen Dreier weniger zu arbeiten.
+
+»Aber warum hast Du mir das nicht früher gesagt, wie ich noch mit dem
+Herrn sprach« meinte der Weber, durch den so bestimmt ausgesprochenen
+Vorwurf doch etwas kleinlaut geworden.
+
+»Was gehts mich an« brummte der Hesse -- »Jeder muß am Besten selber
+wissen was er zu thun hat.«
+
+»Aber Du weißt auch nicht gewiß, was Du im Ohio zu erwarten hast« sagte
+der Weber kopfschüttelnd.
+
+»Nun _sechs Dollar_ laufen mir da nicht weg« lachte der Andere, »und
+überdieß hab' ich's schwarz auf weiß, und zwar von Leuten zu Hause, die
+die Sache verstehn. Soviel weiß ich aber, ehe ich für sechs Dollar den
+Monat arbeite, hungre ich lieber, denn _mit_ sechs Dollar könnte ich
+auch eben nicht mehr thun als mich satt essen, und so spar' ich doch
+meine Knochen. Übrigens hast Du ja gar keinen festen Contrakt gemacht,
+und kannst deshalb noch immer thun was Dir am Besten scheint.«
+
+Dem Weber war es ein unbehagliches Gefühl, sich von Jemanden, der schon
+beinah so viel Wochen im Land war wie er Tage, so direkt tadeln zu
+lassen, aber er konnte es auch jetzt nicht mehr ändern, denn er hatte
+sein Wort gegeben, was er wenigstens für ebenso bindend hielt wie einen
+Contrakt. Dann aber stieß ihn auch seine Frau heimlich an, und flüsterte
+ihm zu sich nicht irre machen zu lassen von dem Menschen. Sie seien
+nicht herüber nach Amerika gekommen in einem Jahr reich zu werden -- das
+möchte manchmal glücken, aber auch nicht immer -- sondern sich und
+ihren Kindern nach und nach, aber dann auch gewiß, eine feste Stätte zu
+erbauen, daß sie glücklich und unabhängig leben könnten, und mit jedem
+Jahre weiter vorwärts kämen, nicht zurück wie in Deutschland. Damit aber
+hätten sie jetzt den Anfang gemacht, und wenn es der Andere da drüben,
+mit dem zerrissenen Rocke und der bleichen kranken Frau, besser wisse
+und verstehe, so solle er nur hingehn und es versuchen, sie selber
+wollten lieber »den Sperling in der Hand, wie die Taube auf dem Dache.«
+
+Fünf Tage und Nächte fuhren sie so stromauf, immer in vierundzwanzig
+Stunden etwa 200 englische Meilen, den Windungen des Stromes nach,
+zurücklegend, und erreichten endlich die Mündung des Ohio, der, von
+Osten kommend, seine klaren Wasser mit starker Strömung, deutlich
+unterscheidbar bis über die Mitte hinaus in die schmutzig gelbe Fluth
+des Mississippi drängt, und sich erst eine lange Strecke weiter unten
+mit diesem ganz vermischt. Die Staaten Missouri an der linken, Kentucky
+an der rechten und Illinois gegenüber, laufen hier in ihren Grenzspitzen
+zusammen, während der Ohio selber, durch seinen Strom von Ost nach West,
+die freien und Sclavenstaaten von einander trennt.
+
+Aber die Ufer selber bekommen hier einen ganz anderen Charakter; schon
+Kentucky zur rechten zeigte hohes Land, das mit seinen nordischen
+Kiefern dem Auge unendlich wohl that, und wenn auch die Spitze von
+Illinois, auf der ein kleines dem Mississippi zehnmal abgetrotztes, und
+zehnmal wieder von ihm überschwemmtes und vernichtetes Städtchen liegt,
+noch flach und öde ausläuft in den Strom, hebt sich doch auch bald an
+dieser Seite das Land, und mit dem durchsichtig klaren Wasser, das vorn
+den Bug beschäumt, mit selbst kaum halb so starker Strömung gegen sich
+als im Mississippi, braust das Boot lebendiger voran, und das Auge hängt
+mit Wohlgefallen an den freundlichen Ufer-Bergen.
+
+Der Ohiostrom ist schon von vielen Amerikanern mit unserem deutschen
+Rhein verglichen worden, und nicht ganz mit Unrecht; der breite klare
+Strom, die meist wellenförmigen, oft schroffen, nicht zu hohen Hügel,
+die sein Ufer bilden, und mit dem herrlichsten Grün bekleidet sind,
+haben allerdings viel Ähnliches mit unserem deutschen Strom; auch viele
+trefflich angelegte Farmen und kleine blühende Städte, die überall den
+Unternehmungsgeist der thätigen Amerikaner bekunden, geben dem Bild
+etwas Liebes und Freundliches, im Gegensatz zu dem, von Sumpf und wildem
+Urwald begrenzten und trüb und reißend dahin strömenden Mississippi.
+Aber die Burgen fehlen ihm, und nicht allein als Schmuck in der
+Scenerie, nein auch mit ihnen die alten historischen Erinnerungen, die
+Sagen und Legenden, die jedem Fels am Vater Rhein, dem Hügelhang, der
+Waldesschlucht, jeder Thurmspitze und Mauer ihren eigenen, wunderbaren
+Reiz verleihn. Der Schmuck der Berge, selbst wenn sie in all den
+wundervollen herbstlichen Tinten prangen, die gerade jener Zone eigen,
+kann diesen Reiz und Zauber nicht ersetzen -- sie bleiben todt und kalt,
+so schön sie sind, und der Reisende, besonders der Deutsche, wird sie
+anschaun und sich freun darüber, aber nie sein Herz mit solchen Banden
+zu ihnen hingezogen fühlen wie zu dem eigenen heimischen Rhein, selbst
+wenn das eigene Vaterhaus weit, weit von diesem stand.
+
+Rasch fliegt indeß das wackre Boot die klare breite Bahn entlang, und
+andere Ufer grüßen den Fremden wieder, der mit neugierigem Blick hinüber
+schaut auf das fremde Land. Cypressen wie Baumwollenholzbäume sind lange
+in dem mehr südlichen Klima zurückgeblieben und nur die weißstämmige
+Sycamore begrenzt noch, von Eichen und Kiefern überragt, mit Erlen und
+Weiden die Ufer des Stromes, und neigt sich oft weit hinaus über die
+murmelnde, spiegelhelle Fluth.
+
+An diesem Abend, dem ersten im Ohiostrom wollte Veitel Kochmer, der
+sich indessen wacker auf alle die Amerikanischen Melodieen eingeübt
+hatte, wieder eine Vorstellung geben. Der gute Gewinnst lockte ihn, und
+er schien nicht gesonnen eine solche Gelegenheit eben unbenutzt vorüber
+zu lassen; der Knabe aber, der sich die Tage über zu sehr angestrengt
+und blaß und leidend aussah, klagte über Schmerzen im Hals und weigerte
+sich zu singen. Veitel glaubte indeß auch ohne ihn das Publikum
+befriedigen zu können, und ließ die Leute durch Einen der Englisch
+redenden Deutschen wieder einladen ihm zuzuhören. Ob diese aber der
+Holzharmonika schon überdrüßig waren, die den meisten mit ihren weichen
+sanften Tönen auch außerdem nicht viel Befriedigendes bot, oder ob sie
+kein Geld mehr an eine Sache wenden wollten, die sie am Ende ebenso gut
+umsonst zu hören bekamen, da der Pole, wenn er nur für sich selber etwas
+spielte, das eben an Bord nicht geheim thun konnte, kurz sie erklärten
+ihm, ohne Flöte mache ihnen die Sache keinen Spaß. Wenn der Knabe nicht
+wohl sei, möge er das Spielen lieber lassen, oder spielen wenn er Lust
+hätte, aber sie zahlten ihm Nichts dafür.
+
+»Siehst Du Philippche!« flüsterte da Veitel dem jungen Burschen zu, der
+in einer Ecke kauerte, und bog sich dabei über ihn und stieß ihn in die
+Seite -- »siehst Du mein Söhnche -- Nichts zahlen wollen se -- _werst_ Du
+nu singen?«
+
+»Aber ich _kann_ nicht Vater.«
+
+»Wie heißt, _kann_ nicht, werd ich Dir gleich beweisen, ob Du kannst
+oder nich; kenn ich doch Deine Mucken, mai Philippche und werd ich Dir
+kommen mit en Stock -- werst Du wohl kennen.«
+
+»Mir brennt der Hals, als wenn ich glühende Kohlen darin hätte.«
+
+»Ich werd' se Dir löschen,« sagte aber der Alte boshaft, »Gott der
+Gerechte, glaubt das Jingelche, ich soll's fittern vor's reine
+Vergnigen. Werst Du singen, frag ich Dich jetzt zum letzten Mal, oder
+werste nicht?«
+
+Der Knabe also getrieben, und in scheuer Furcht vor dem finstern Mann,
+der ihm wohl schon oft bewiesen haben mochte, daß er im Stande sei seine
+Drohungen auszuführen, stand langsam auf, wischte sich furchtsam die
+hellen Thränen aus den Augen und trat zu der Kiste, an der der Alte sein
+Instrument schon aufgestellt und geordnet hatte.
+
+»Hallo Freund, was fehlt dem jungen Burschen?« frug da ein alter
+Pensylvanier in seinem wunderlichen Pensylvanisch-Deutsch den Polen,
+der dem Knaben jetzt mürrisch zuwinkte sich bereit zu halten. Der
+Pensylvanier saß unfern von ihnen auf einem Koffer, die Ellbogen
+auf die Knie gestützt, und schaute mit den scharf geschnittenen aber
+grundehrlichen Zügen und den kleinen blauen lebendigen Augen bald den
+Knaben, bald dessen Vater an.
+
+»Was ihm fehlt? -- ene Tracht Prügel werd ihm fehlen,« knurrte aber
+Veitel mürrisch -- »faul ist er und will nich singen.«
+
+»Ich bin nicht faul, Vater,« sagte aber der arme junge Bursche, dem das
+Blut bei der Anklage in Stirn und Schläfe stieg, »ich bin nicht faul,
+sondern krank, und Du wirst mich so lange zum Singen zwingen, bis ich
+unter der Erde liege, wie --«
+
+Er schwieg und wandte sich ab, der Alte hatte aber in rücksichtslos
+ausbrechender Wuth eine Flasche ergriffen, die neben ihm stand, und
+wollte damit einen Schlag nach dem Kinde führen, holte wenigstens dazu
+aus, als der Pensylvanier auf und dazwischen sprang, dem Juden die
+Flasche entriß, und ihn selber fünf oder sechs Schritt zurückschleuderte,
+daß er taumelte und sich an den nächsten Coyen halten mußte, nicht zu
+fallen.
+
+»Nichtswürdiger Hallunke!« rief der alte Mann dabei, während ihm edle
+Entrüstung das Blut in die Wangen jagte, »schämst Du Dich nicht der paar
+Dollars wegen, Dein eigenes krankes Kind zu quälen und zu mishandeln?
+untersteh Dich und leg Hand an ihn, so lange wir hier an Bord zusammen
+sind, und sieh was wir dann mit Dir selber machen.«
+
+»Es ist _mein_ Junge, und ich kann mit ihm machen was ich will,« rief
+der Alte halb scheu, halb trotzig vor dem unvermutheten Angriff, dem er
+nicht zu begegnen wagte -- »wer hat mer was in mei eigene Familie zu
+reden?«
+
+»Ich will Dir was sagen, Kamerad,« redete ihn aber jetzt der Pensylvanier
+an, der mit ein paar flüchtigen Worten den ihm nächst Stehenden und
+neugierig Herandrängenden die Ursache des Streites erzählt hatte, »wenn
+Du gescheut bist, dann beträgst Du Dich wenigstens so lange vernünftig,
+wie wir hier zusammen an Bord sind; was Du nachher thust, mußt Du mit
+Deinem eigenen Gewissen abmachen. Soviel sag ich Dir aber, wenn Du
+Deinen Jungen schlecht behandelst und er _läuft Dir hier fort_ -- so
+darfst Du Dich nicht darüber beklagen, und käme er zu _mir_ -- und ich
+wohne im nächsten Haus am Indian Hill bei Cincinnati und heiße Brower
+-- und suchte da Schutz, so wärst Du der letzte, der ihn wieder bekäm.
+Hast Du mich verstanden?«
+
+»Was hab ich mit Euch zu schaffen?« sagte Veitel, aber er packte sein
+Instrument verdrießlich wieder ein, da er wohl sah daß jetzt keine Zeit
+sei zu spielen und einzusammeln. Der Knabe, den Zorn des alten Mannes
+fürchtend, drückte sich indessen wieder zurück in seine Ecke, ihn
+wenigstens nicht durch seinen Anblick mehr als nöthig auf sich aufmerksam
+zu machen, blieb jedoch für jetzt mit jedem Zwang verschont.
+
+Die wackere Jane Wilmington verfolgte indessen rasch, und ohne sich
+irgendwo aufzuhalten, ihre Bahn. Hie und da wurde wohl manchmal am Tag
+ein Tuch, oder Nachts ein Feuerbrand am Ufer geschwenkt, das bekannte
+Zeichen daß Passagiere an Bord wollten, und das Boot setzte dann die
+Jölle aus, oder lief, wenn es der Platz erlaubte, selber dicht an das
+Land hinan, die Fremden aufzunehmen. Manchmal aber auch, wenn der Capitain
+mit seinem Fernrohr dem äußeren Aussehn nach vermuthete, daß er nur
+Zwischendecks-Passagiere zu erwarten habe, schwieg auch wohl die Glocke
+und das Boot brauste, herzlich von den am Land Harrenden verwünscht,
+vorbei ohne anzuhalten.
+
+Aber das Ufer an beiden Seiten verrieth auch jetzt weit größere Cultur,
+als sie, seit sie den unteren Mississippi verlassen, an diesem Strom
+gesehen. Überall wo ein unbedeutender Fluß oder auch nur ein Bach in den
+Ohio mündete, lagen kleine Städtchen, die mit ihren neuen, hell gemalten
+hölzernen Häusern, manchmal noch von dem Wald aus dem sie entsprungen
+umschlossen, oft aber auch von gut bebauten Farmen dicht umgeben, gar
+eigenthümlich gegen den dunklen Hintergrund abstachen. Fabrikgebäude
+standen am Ufer, Kohlengruben sandten ihre Schätze auf improvisirten
+kleinen Eisenbahnen bis dicht an den Rand des Stromes hin, die Kohlen
+von überbauten Werften gleich in die darunter gelandeten Boote zu
+werfen; Heerden weideten auf gelichteten Grasplätzen, Getraide und
+Heuschober standen aufgespeichert, den Reichthum des Bodens bekundend.
+Massen von kleinen und größeren Dampfern lagen dabei theils an den
+besiedelten Plätzen oder kamen den Strom herab, tief mit den kräftigen
+Produkten des Nordens geladen. Die aufgehenden Dampfer brauchten zugleich
+ihre Zeit nicht mehr damit zu versäumen an Land zu fahren, ihren
+Holzbedarf einzunehmen, denn die Holzverkäufer hatten die Klaftern schon
+in offenen breiten Booten aufgespeichert und fertig liegen. Nur ein Tau
+wurde ihnen zugeworfen, das befestigten sie an Bord, und während das
+Dampfboot mit ihnen stromauf lief, wurde das Holz auf seine #guards#
+geworfen, der Eigenthümer ging in die Cajüte, sich sein Geld geben zu
+lassen und steuerte dann sein etwas schwerfälliges Fahrzeug wieder mit
+der Strömung zurück, dem eigenen Landungsplatze zu.
+
+So liefen sie zwischen Illinois und Kentucky hin, und erreichten am
+siebenten Tag nach ihrer Abfahrt von New-Orleans die Mündung des
+ebenfalls schiffbaren Wabasch, der von Michigan herunter kommend und
+oben queer durch den Staat Indiana durchströmend weiter unten die Grenze
+bildet zwischen diesem und dem Nachbarstaat Illinois, bis zum Ohio
+nieder. Kentucky dehnte sich jetzt noch an ihrer Rechten aus, aber zu
+ihrer Linken lag Indiana.
+
+Herr von Hopfgarten hatte sich indessen entschlossen, ebenfalls mit in
+Grahamstown an Land zu gehn; er kam noch früh genug nach Cincinnati, und
+bekam hier zugleich Gelegenheit das innere Land wie die Verhältnisse des
+Ankaufs, welche der Professor jetzt durchmachen mußte, näher kennen zu
+lernen. Außerdem waren sie doch nun auch hier ein tüchtiges Stück in
+Amerika hineingekommen, ja befanden sich in der That ziemlich im
+Mittelpunkt der ganzen Vereinigten Staaten, die sich hier jedenfalls
+eher mußten in ihrem urthümlichen Charakter erkennen lassen, als in den
+großen, volkreichen Städten.
+
+Nun sie übrigens ihr Ziel bald erreicht hatten, und die Passagiere,
+selbst die Damen, durch die längere Dampfbootfahrt zuversichtlicher und
+sicherer geworden waren, begann Marie, wenn sie bei Tische oder Abends
+manchmal auf der hinteren Gallerie zusammen kamen, den Reisegefährten zu
+necken, daß ihre Reise so ganz ruhig und ohne Zwischenfall abgelaufen
+sei, und Herr von Hopfgarten nun wahrscheinlich wieder den ganzen Weg
+werde zurück machen müssen, noch einmal von vorn anzufangen. Hopfgarten
+war aber auch wirklich nicht so ganz mit dem bis jetzt erzielten
+Resultat zufrieden, denn nicht allein war die Reise bis jetzt so glatt
+und still vor sich gegangen, als ob sie auf einem Europäischen Dampfer
+gefahren wären, sondern er hatte auch selbst unter seinen Mitpassagieren
+noch nicht das geringste Außergewöhnliche entdeckt. Nirgends boxten sich
+die Leute -- als einmal im Zwischendeck und das hatte er versäumt
+-- nirgends sah er Pistolen oder Bowiemesser[18] gegen einander gezogen,
+und wie oft hatte er doch in Deutschland gelesen, daß diese beiden
+Waffen von Amerikanern bei den geringsten Streitigkeiten aufeinander
+gezückt würden. Es war ein verzweifelt langweiliges Leben an Bord, und
+wenn ihn nicht die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft der Passagiere
+selber amüsirt hätte, er würde nicht gewußt haben was mit sich
+anzufangen.
+
+Die Cajüte eines Mississippi-Dampfboots ist aber auch wirklich für
+Jemanden, der Charakterstudien zu machen wünscht, der beste Platz der
+sich nur denken läßt. Im Zwischendeck geben sich die Leute wie sie
+sind, und sind wie sie sich geben, meist rohes Bootsvolk, das sich nicht
+wohl in anständiger Gesellschaft fühlt, oder die ärmere Klasse der
+Einwanderer, die still und anspruchslos alle Unbequemlichkeiten und
+Entbehrungen dieses Platzes ertragen, weil sie eben wissen, daß sie
+nicht für mehr bezahlen können.
+
+In der Cajüte ist das anders; die Passagepreise auf den westlichen
+Dampfbooten sind der ungeheueren Frequenz und des wohlfeileren
+Brennmaterials, wie der billigen Lebensmittel wegen so niedrig gestellt,
+daß Jeder, der nicht wirklich zur arbeitenden Klasse gehört, und sich
+sein Brod im Schweiß seines Angesichts verdienen muß -- und selbst
+von diesen Mancher -- in der Cajüte bei guter Kost und bequemem und
+reinlichem Aufenthalt seine Reise macht. So finden wir neben dem reichen
+Pflanzer aus dem Süden und dem Crösus aus den östlichen Städten, der in
+die theuersten und feinsten Stoffe nach elegantem Schnitt gekleidet
+Passage genommen hat seine Freunde im Norden zu besuchen, den rauhen
+Backwoodsman oder Hinterwäldler gerad' aus dem Wald heraus, in seinem
+blauwollenen oder ledernen Jagdhemd, der seine lange Büchse in die Ecke
+der Cajüte zwischen die seidenen Regenschirme und Fischbeinspatzierstöcke
+gelehnt hat, und seinen Tabackssaft zwischen den Zähnen durch über
+Bord spritzt wie -- der beste Gentleman der Union; finden den langen
+Yankee-Sclavenhändler mit grell buntgestreiftem Hemd und unvermeidlichen
+Frack, den Hut nach hinten in den Kopf gedrückt; finden, dicht neben
+dem salbungsvollen Gesicht und breiträndigen Hut, dem braunen Rock mit
+Stehkragen und der weißen Cravatte des Reverend So und So, den Abschaum
+der Menschheit -- den Spieler von Profession -- der mit falschen Karten
+»sein Leben macht« und zu Mord und Straßenraub eher seine Zuflucht
+nehmen würde wie zu ehrlicher Arbeit; finden den Vieh-und Mehlhändler,
+und den »Stadt-Speculanten«, der seine Bauplätze irgend einer imaginären
+Stadt an den Mann zu bringen sucht; den weichlichen Creolen aus Louisiana,
+und den zähen, derbknochigen Yankee-Uhrenhändler; den Spanischen
+Kaufmann aus New-Orleans, der nach Cincinnati geht seine Einkäufe in
+Manufakturwaaren zu machen, und den Ohio-Schweinefleischhändler, der
+seine gesalzenen Heerden in der Königin des Südens gegen Spanische
+Dollar vertauschte; finden mit einem Wort den ganzen bunten Extrakt der
+wunderlich gemischten Bevölkerung Amerikas, mit einer einzigen Ausnahme;
+wir finden keine Neger oder von farbigen Blut Entsprossene, bis zum
+Quadroon[19] hinunter, in der Cajüte eines Dampfers -- außer den Dienern
+natürlich, Steward, Koch und Aufwärtern -- denn dem farbigen Blut ist der
+Aufenthalt dort zwischen _Weißen_ verboten, und wenn sie über Millionen
+zu gebieten hätte. Wie würde es einem Weißen einfallen sich mit dem
+Abkömmling der verachteten Race an _einen_ Tisch zu setzen, oder gar
+_eine_ Coye mit ihm zu theilen. -- Mit den Zwischendeckspassagieren ist
+das eine andere Sache -- Vieh wird auch oft im Zwischendeck befördert,
+und zwar mitten zwischen den übrigen Passagieren -- dasselbe Recht haben
+die _Nigger_.
+
+Kaum minder interessant -- das Wenige gerechnet was er davon zu sehn
+bekam -- war für unseren Freund Hopfgarten die Damencajüte, in der er
+gewiß vortreffliche und höchst angenehme Studien Amerikanischen
+Familienlebens hätte machen können, wenn nicht die magischen Worte
+#no admittance,#[20] die auf einer rothen Tafel mit goldenen Buchstaben
+darüber standen, jedes Eindringen in das Mysterium dieser mit rothseidenen
+Vorhängen verschlossenen Halle unmöglich, oder doch zu einem sehr gewagten
+Unternehmen gemacht hätten. Manchmal war er allerdings im Stande einen
+flüchtigen Blick in das sehr elegant ausgestattete und mit weichen
+Teppichen belegte Gemach zu gewinnen, wenn ein oder die andere Dame,
+vielleicht absichtlich, einmal den Vorhang hob herauszuschauen, oder
+wenn die Kammerjungfer, ein allerliebstes Quadroon-Mädchen aus- und
+einging, ihren nöthigen Beschäftigungen nach. Es ließen sich dann
+wohl ein paar reizende Gestalten, nachlässig in einen Schaukelstuhl
+hingegossen, erkennen, die sich, ein Buch oder Kind auf dem Schooß um
+nur etwas in der Hand zu haben, behaglich herüber und hinüber wiegten;
+viel mehr war aber nicht davon wegzubekommen, und er selbst zu schüchtern
+sich irgendwo einzudrängen wohin er nicht gehörte, und wo er glauben
+konnte vielleicht nicht gern gesehen zu sein.
+
+Des Neuen bot der Strom überhaupt genug, nach jeder Seite hin, und die
+Zeit verging ihnen, sie wußten selbst nicht wie.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+Die Farm in Indiana.
+
+
+Die Schiffsglocke läutete wieder, und der Platz wo sie jetzt landeten,
+ein Holzboot in's Schlepptau zu nehmen, lag wie der Farmer sagte, der
+das Holz an Bord brachte, gerade drei Miles (engl. Meilen) unter
+Grahamstown; es war für die Passagiere die dort auszusteigen gedachten,
+die höchste Zeit ihr Gepäck in Ordnung zu bringen.
+
+Über das Wort #town# (Stadt) hatte der Professor indeß unterwegs seine
+überseeischen Ansichten in etwas geändert, denn den Fluß entlang,
+besonders am Ohio, waren ihm schon eine Menge kleiner Nester mit ein
+paar zerstreuten hölzernen Wohnungen, aber immer unter diesem Titel,
+vorgestellt worden, daß er eben auch nicht sehr erstaunte -- wenigstens
+nicht _so_ überrascht war, wie er es sonst wohl gewesen wäre -- als sie
+etwa eine halbe Stunde später in Grahamstown einen eben solchen kleinen
+Fleck begrüßten, den er anderen Falls, beim bloßen Vorbeifahren, gewiß
+nur für eine gut und bequem angelegte Farm gehalten haben würde. Lange
+Zeit zu Betrachtungen blieb ihnen aber nicht; wieder hämmerte der
+Steuermann gegen die Glocke, die Leute standen vorn am Bug mit den
+zusammengerollten, zum Wurf bereiten Tauen, ein paar Neger am Ufer
+-- aber hier freie Leute, keine Sclaven --sprangen bereitwillig, die
+Köpfe vorsichtig geduckt daß sie nicht von dem schweren Tau getroffen
+wurden -- herbei es aufzufangen, die Klingel des Ingenieurs, vom Lootsen
+gezogen, ertönte und gab das Zeichen zum Halten, der Dampf strömte mit
+einem scharfen jähen Schlag in's Freie, die Räder standen und wenige
+Secunden später lag die Jane Wilmington fest an Land, ihre Passagiere
+abzusetzen. Die Planken wurden zu gleicher Zeit ausgeschoben und während
+die Deckhands und Feuerleute Alles faßten, hinübertrugen und _abwarfen_,
+was ihnen gepäckartig in den Weg kam, hatten die letzten der Passagiere
+kaum das Boot verlassen, als ihnen die langen Breter schon wieder unter
+den Füßen fortgerissen wurden. #Go ahead!# tönte der Ruf des Capitains
+vom Hurricane-Deck aus, und die große Schiffsglocke läutete zum Zeichen
+daß Alle, die noch an Bord wären und nicht dahin gehörten, das Boot
+verlassen sollten -- aber es war das eine bloße Formalität, denn das
+Boot war faktisch schon wieder im Strom, gegen den es wenige Secunden
+später an und -- weiter brauste.
+
+Die Passagiere der Haidschnucke schienen die einzigen an Bord der Jane
+Wilmington die Grahamstown zu ihrem Ziel gewählt; nur noch zwei
+Amerikaner, die ihr ganzes Gepäck, einen winzigen Lederkoffer, in der
+Hand trugen und damit ohne weiteres die Uferbank hinaufklommen, waren
+mit ihnen ausgestiegen. Die ganze Landung ging dabei so rasch und fast
+möchte man sagen gewaltsam von Statten, daß sie nicht einmal Zeit
+behielten sich zu erkundigen ob dieß auch wirklich Grahamstown sei. Die
+kleine Stadt lag übrigens auf einem hier zum Wasser niederlaufenden,
+etwa zwei hundert Schritt hohen und vollkommen baumleeren Hügelhang;
+eine sehr ausgefahrene Straße lief schräg an dem Hang hinauf zu den
+ersten Häusern, und einzelne kleine Holzgebäude, ohne eigentlichen
+sichtbaren Zweck und Nutzen, standen zerstreut unter dem höchsten Rand.
+Oben konnte man auch, nachdem die beiden Amerikanischen Passagiere in
+ihren schwarzen Fracks hinter den Häusern verschwunden waren, hie und
+da einen Mann erkennen der, die Hände in den Hosentaschen, an einer
+Fenzecke lehnte und hinunter sah, oder eine Frau mit ihrem großen, den
+ganzen Kopf verhüllenden Bonnet, die ein paar Stücken Wäsche aufhing,
+um die Fremden da unten mit ihrem Gepäck, einer ordentlichen Burg von
+lauter Kisten, Kasten, deutschen Ackergeräthschaften, Koffern und
+Hutschachteln, schien sich keine Seele zu bekümmern, auch kein Fuhrwerk
+war zu sehn, mit dem sie hätten hoffen können ihr Passagiergut hinauf zu
+befördern.
+
+»Lieber Gott wie öde das hier aussieht« sagte Marie, die sich mit der
+Mutter und den übrigen Geschwistern auf ihre Koffer gesetzt hatte,
+während der Weber mit seiner Familie, und der Professor mit Eduard und
+Herrn von Hopfgarten noch eifrig beschäftigt waren, das dicht an den
+Wasserrand, und hie und da selbst in den nassen Sand und Schlamm
+geworfene Gepäck ein paar Schritte weiter hinauf, wenigstens auf
+trockenen Boden zu schaffen. --
+
+»Und kein Mensch zu hören und zu sehn« sagte Anna kopfschüttelnd, »große
+Freude scheinen die Einwohner eben nicht zu haben daß neue Ansiedler
+kommen.«
+
+Die Mutter sagte kein Wort, aber sie hielt ihr jüngstes Kind auf dem
+Schooß, und schaute sich dabei still und mit einem unbeschreiblich
+unheimlichen Gefühl die ganze ziemlich öde unversprechende Umgebung an.
+
+Nichts macht auch wohl einen so traurigen, beengenden Eindruck auf den
+Fremden, als das erste Betreten einer neuen »#clearing#«[21], eines neu
+angefangenen Platzes in den weiten Wäldern Amerikas. Alles ist noch neu
+und unfertig, überall liegt Baumaterial und Holz; gefällte Bäume,
+abgehauene Wipfel, ausgerodete Wurzeln trifft das Auge wohin es fällt;
+Straßen existiren auch nicht, nur zerfahrene Wege, bald hier bald da
+hinaus ausweichend, natürlichen Hindernissen des Bodens zu entgehn;
+Nichts hat noch einen Platz, Niemand selbst von den schon Angesiedelten
+fühlt sich heimisch, und die zertretenen, zerstampften Plätze um die
+Wohnungen selbst herum, mit nicht einem Baum stehn gelassen der Schatten
+gäbe, oder Abwechslung in diese Wüste der Civilisation brächte. Wohl
+hatten die Eingeborenen recht als sie, die ersten Ansiedlungen der
+Weißen sehend behaupteten, der Indianer sei der einzige rechtmäßige und
+von dem großen Geist für sein Vaterland bestimmte Eigenthümer, »denn er
+_entstelle_ den Platz nicht, auf dem er sich niederlasse«, und nur den
+Jahren ist es dann vorbehalten das auszugleichen; die Natur selber muß
+wieder schaffen und wirken auf dem mishandelten Platz, bis es da
+wohnlich, bis es heimisch wird.
+
+Die Männer hatten indessen ihre Arbeit unten vollendet, als Hopfgarten,
+sich mit dem seidenen Taschentuch den Schweiß von der Stirn trocknend,
+zu den Damen trat.
+
+»Das wird Appetit machen« sagte er lachend, »Wetter noch einmal, nach
+einem so müßigen Leben, kommt einem die Arbeit ordentlich ungewohnt vor;
+die Bootsleute hätten sich auch ein wenig mehr Zeit lassen dürfen -- ich
+habe ordentlichen Hunger.«
+
+»Ja, wenn wir hier nur überhaupt etwas bekommen können« meinte Marie
+neckend -- »Sie und Papa werden jedenfalls erst einmal recognosciren
+gehn müssen, um irgend ein Unterkommen zu entdecken, oder wir werden
+genöthigt sein die Nacht hier zu campiren und von dem Zwieback zu leben,
+den Mutter für die Kleinen mitgenommen hat.«
+
+»So weit wird es hoffentlich nicht kommen« sagte der Professor, der
+jetzt ebenfalls zu ihnen getreten war, »aber -- aber ich muß gestehn
+-- _etwas_ Anders habe ich mir den Platz, nach Herrn Henkels Beschreibung
+doch auch gedacht und, was mir das Auffallendste ist, die Leute scheinen
+hier auf fremde Einwanderung gar nicht vorbereitet zu sein und -- brauchen
+uns entweder nicht, oder -- oder glauben vielleicht daß wir gar nicht zu
+ihnen wollen.«
+
+»Das läßt sich bald erfahren« rief aber Hopfgarten -- »wir Beide
+wollen, wie eben Fräulein Marie vorgeschlagen hat, einmal hinaufgehn
+und den Herrn aufsuchen, an den Sie, lieber Professor, adressirt sind;
+jedenfalls werden wir dort gleich erfahren woran wir sind, und was wir
+hier in diesem #Embryo# Städtchen zu hoffen haben. Ich für mein Theil
+trete den Weg mit sehr geringen Erwartungen an, und brauche kaum zu
+fürchten selbst in denen getäuscht zu werden.«
+
+»Gut« sagte der Professor »dann mag Eduard als Beschützer der Frauen
+zurückbleiben, und dem Weber indessen helfen das kleinere Gepäck etwas
+mehr zusammenstellen; hoffentlich hat die Stadt da oben auch ein
+besseres Aussehn, als wir von hier unten erkennen können. Spätestens
+sind wir in einer Stunde etwa zurück und bringen Bescheid.«
+
+»Aber sollten wir die Damen nicht doch lieber mitnehmen, als sie allein
+hier in der Sonne sitzen lassen?« wandte Hopfgarten ein.
+
+»Wir bleiben lieber hier« sagte die Frau Professorin rasch -- »ich
+möchte nicht gern den Platz betreten, ehe ich nicht weiß daß unsere
+Kinder und das Gepäck ein sicheres Unterkommen finden.«
+
+Der Professor hielt das auch für das Beste, denn ihre Familie war durch
+die Weberleute natürlich sehr angewachsen, und die beiden Männer machten
+sich jetzt auf den Weg vor allen Dingen den Mr. Goodly zu finden, an
+den sie empfohlen waren, wie auch Grahamstown selber, das sich bis jetzt
+noch sehr passiv verhielt, etwas näher in Augenschein zu nehmen. Sie
+kletterten also vor allen Dingen den etwas steilen und unbequemen
+Landungsplatz, den schmutzigen schräg anlaufenden Weg dabei vermeidend,
+hinan und erreichten bald die ersten, schon von unten auf bemerkten
+Häuser, wo sie das aber, was sie von der Landung aus für einen freien,
+noch nicht bebauten Platz, als eine breit in den Wald hineingehauene
+Straße erkannten, an der allerdings Fenzen entlang liefen und in
+regelmäßigen Zwischenräumen kleine niedere theils Block-theils
+#frame#[22] Häuser standen, in der aber auch nur erst die Bäume, die
+hier ursprünglich den Wald gebildet, gefällt und die Klötze zu den
+Gebäuden benutzt, die Wipfel zu Feuerholz verbrannt, die Wurzeln und
+Stümpfe aber noch keineswegs entfernt waren, und der Straße, die ein
+breites Schild als #Mainstreet# verkündete, etwas ungemein urthümliches
+gaben.
+
+Die Straße -- in der nur zwei Menschen sichtbar waren, der eine mit
+einer Axt beschäftigt einen knorrigen Eichenast zu Feuerholz zu spalten,
+der Andere auf einem umgeworfenen Stamm sitzend, auf dem er, mit einem
+Zeitungsblatt in der Hand, eingeschlafen schien -- bot aber doch etwas,
+dessen Entdeckung ihnen nicht geringe Freude machte -- ein Wirthshaus,
+auf das sie jetzt rasch und entschieden lossteuerten, dort natürlich an
+der Quelle alle nöthigen Erkundigungen einzuziehn.
+
+Das Zeichen, das ihnen der Platz verkündete, bestand in einem roh
+von Stangen aufgerichteten Gerüst, zwischen dem schwebend, an zwei
+eisernen knarrenden Haken ein Gemälde mit der Unterschrift »#Inn#«
+(Wirthshaus) hing. Das Bild allein wäre nun schon hinreichend gewesen die
+Aufmerksamkeit der beiden Reisenden zu fesseln, und Hopfgarten konnte es
+sich auch nicht versagen, ein paar Secunden davor stehn zu bleiben und
+diesen, hier dem Wetter preisgegebenen Kunstschatz, zu bewundern. Es
+stellte allem Vermuthen nach eine Meerjungfer dar, die höchst sinnreich
+mit dem zur Kufe ausgebogenen sehr schuppigen Fischschwanz über die
+jedenfalls gefrorene Oberfläche der See hinlief, und dabei eifrig
+beschäftigt war mit einem siebenzinkigen riesenhaften Kamm, -- das Ding
+sah aus wie das abgebrochene Wurfeisen einer Harpune -- die allerdings
+sehr struppigen rothen Haare zu kämmen. Sie war dabei gewissenhaft
+nackt, und außerordentlich kräftig gebaut, ob aber der Maler dadurch das
+Diabolische ihres Charakters am Besten zu geben glaubte, oder ob es nur
+Phantasie von ihm war, kurz er hatte der Gestalt, die ihre linke, etwas
+verdrehte und den Daumen auswärts gehaltene Hand unter den Erfolg des
+Kammes hielt, mit einer so scheußlichen Galgenphysionomie versehen, daß
+sie als die Urmutter des ganzen Geschlechts gelten konnte, und wohl kaum
+einem armen »Schiffer in seinem Kahne« der vielleicht den Ohio herunter
+kam, gefährlich geworden wäre.
+
+»Nun, wie gleicht ihr das Bild?« sagte da plötzlich, in dem sogenannten
+Pensylvanisch deutschen, aber eigentlich Amerikanisch deutschen
+Dialekt, da ihn sehr Viele annehmen die nie Pensylvanien gesehen, eine
+vierschrötige Figur, die in einem blauen Frack von selbst gewebten Zeug
+und eben solchen pfeffer- und salzfarbenen nur etwas zu kurzen Hosen,
+die Hände in den Taschen derselben, und den Cylinderhut auf dem Kopf, in
+der Thür stand, und die beiden Fremden theils, theils die andere Seite
+seines Schildes die genau dieselbe Figur darstellte, wohlgefällig
+betrachtet zu haben schien.
+
+»Oh vortrefflich« sagte Herr von Hopfgarten rasch, und etwas erstaunt
+über die deutsche Anrede -- »aber Sie sprechen deutsch?« --
+
+»#Y-e-s#« sagte der Pensylvanier langsam und selbstbewußt.
+
+»Aber Sie sind kein Deutscher?«
+
+»No -- denke nicht.«
+
+»Und woher wußten Sie daß _wir_ Deutsche sind?« frug der Professor, dem
+es ein eigenthümliches Gefühl war trotz seiner, keineswegs auffälligen
+oder außergewöhnlichen Kleidung gleich als Fremder, nicht zum Land
+Gehöriger erkannt zu sein.
+
+»Well, ich weiß nicht« sagte der Pensylvanier schmunzelnd, »aber Ihr
+Deutsche seht immer so artlich aus, daß man Euch gleich wie die
+schwarzen Schaafe unter den Weißen herausfinden kann. Aber wollt Ihr
+nicht hereinkommen und ein Glas Cider trinken? es ist heiß heute.«
+
+ [Illustration: Capitel 8.]
+
+Die beiden Fremden folgten gern der Einladung, weniger des in Aussicht
+gehenden Äpfelweins als der gehofften Nachrichten wegen, und folgten dem
+Mann, der sie in den unteren, eben nicht sehr gemüthlichen Raum seines
+Schenk- und Gastzimmers führte, dort ohne weiteres hinter seinen
+Schenktisch trat, ein paar Gläser vor sie hinsetzte und ihnen dann eine
+gelblich trübe Flüssigkeit eingoß die er ihnen als »#first rate#«[23]
+und honigsüß anprieß. Er lehnte sich dann mit den beiden Ellbogen auf
+seinen Tisch und sah ihnen freundlich zu wie sie die Flüssigkeit, ein
+sauersüßes etwas fade schmeckendes Gebräu, mit der bestmöglichsten Miene
+verschluckten.
+
+»Capitaler Cider das -- hat mein Junge selber gemalt, alle beiden
+Seiten.«
+
+»Was?« sagte Hopfgarten rasch, über sein halbgeleertes Glas
+hinwegsehend.
+
+»Das Bild draußen mein ich« sagte der Pensylvanier -- »die #Mermaid#
+-- verfluchter Junge, hat es Alles von sich selber gelernt.«
+
+»Oh das Schild draußen -- ja, ist wirklich vortrefflich gemacht« stimmte
+ihm Hopfgarten bei, nur nicht in die Möglichkeit versetzt zu werden den
+Cider ebenfalls loben zu müssen -- »verräth sehr viel Talent.«
+
+»#Yes#« -- sagte der Pensylvanier schmunzelnd -- »und noch dazu ohne
+Pinsel, blos mit einer Zahnbürste.«
+
+Das Gemälde gewann durch diese Nachricht allerdings an artistischem
+Werth, dem Professor, der sich sonst vielleicht sehr über das Gespräch
+amüsirt hätte, gingen aber doch in diesem Augenblick zu viel andere
+Dinge im Kopf herum, und er schnitt die Unterhaltung durch eine direkte
+Frage nach dem Mann ab, an den er hierher adressirt worden, und für den
+er freundschaftliche Briefe bei sich trug.
+
+»Mister Goodly -- so? --« sagte aber der Pensylvanier, dessen Name Ezra
+Ludkins war, seine beiden Gäste Einen nach dem Anderen rasch aufmerksamer
+als vorher von oben bis unten betrachtend -- »und Ihr wünscht Mister
+Goodly zu sprechen und habt Briefe für ihn?«
+
+»Ja mein Herr« sagte der Professor, der sich aber noch immer nicht recht
+an das Pensylvanische _Du_ gewöhnen konnte, »und Sie würden uns einen
+großen Dienst erweisen, wenn Sie uns zu ihm führen wollten.«
+
+»So? -- hm?« sagte der Wirth wieder, mit den Fingern der linken Hand
+dabei den Yankeedoodle auf dem Tisch trommelnd -- »Mr. Goodly? Und Ihr
+seid Freunde von Mr. Goodly? --«
+
+»Wenigstens durch einen Freund an ihn empfohlen; und wo können wir ihn
+wohl finden?«
+
+»Darum hätte der Sheriff viel Geld gegeben wenn er das wüßte« sagte
+Ezra.
+
+»Der Sheriff? -- wie so -- ist er nicht mehr hier?« frug der Professor
+rasch und erschreckt.
+
+»Ich denke nicht« erwiederte der Pensylvanier, mit unzerstörbarer Ruhe
+-- »könnten hier auch nicht #care# auf ihn tähken,[24] denn wir haben
+noch keine #penitentiary#.«
+
+»Kein Zuchthaus?« rief Herr von Hopfgarten -- »hat Herr Goodly irgend
+etwas verbrochen?«
+
+»Well ich weiß nicht ob Ihr das etwas verbrochen nennt, aber er hat
+erstlich ein halb Dutzend Menschen mit falschem Spiel ruinirt, und dann
+einer alten Frau, die hier allein in einem Hause wohnte und viel #Cash#
+(baar Geld) haben sollte, blos den Hals abgeschnitten. Nachher hat er
+sich #scarce# gemacht und bis jetzt haben sie ihn noch nicht wieder
+ketschen[25] können.«
+
+»Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief der Professor, »das kann _der_
+Goodly nicht sein -- Mr. Goodly hat hier eine Farm dicht bei Grahamstown
+am #blue creek#, etwa eine halbe Meile von hier -- ausgedehnte Rinder- und
+Schaafheerden, und zieht hauptsächlich Schweine für den Cincinnati-Markt.«
+
+»Well« sagte der Pensylvanier mit dem Kopfe nickend, und ein Glas für
+sich selber von dem Gesims herunter nehmend, das er sich mit #brandy#
+-- er selber trank keinen Cider -- anfüllte, und auf einen Schluck
+austrank -- »das trifft. Seine kleine #cabin# stand am #blue creek#, wie
+der Platz heißt -- er hielt zwei Kühe, und das Weibsbild das er die
+letzten drei Monate bei sich hatte, und die mit ihm durchgebrannt ist,
+kaufte sich von Bill Owen ein zahmes Schaaf zur Unterhaltung.«
+
+»Aber das sind keine Heerden --«
+
+»Bah, wenn er's eine Heerde nennt -- Grahamstown ist auch noch keine
+Stadt, wenn wir so wollen.«
+
+»Und Mr. Goodly war wirklich --«
+
+»Der nichtswürdigste Schurke, den je die Welt getragen,« unterbrach ihn
+der Pensylvanier ruhig, »und ich will Euch wünschen, Leute, daß Ihr noch
+bessere Empfehlungen mit nach Grahamstown gebracht habt wie an den.«
+
+»Allerdings keine weiter,« sagte der Professor, mit einem aus tiefster
+Brust herausgeholten Seufzer, denn wie ein Wetterschlag schmetterte
+diese Nachricht all seine Hoffnungen zu Boden. Was jetzt thun, was
+machen, wohin gehn? -- und seine Familie, rathlos ohne einen Freund in
+dem fremden Lande, mit seinem Gepäck im Freien und dem Zufall preis
+gegeben.
+
+»Apropos Fremder,« sagte da der Pensylvanier plötzlich von einem neuen
+Gedanken ergriffen, »Ihr sagt, Ihr habt einen Brief von einem Freund von
+Goodly -- vielleicht wäre da Auskunft darin über ihn zu finden, wo er
+jetzt steckt -- setze nun den Fall wir machten den Brief einmal auf.«
+
+»Der Gedanke ist vortrefflich«, rief Herr von Hopfgarten, »und ich wäre
+ungemein gespannt zu sehn was Herr Henkel an ihn schreibt.«
+
+»Ich darf doch keinen Brief von einem Fremden öffnen«, sagte der
+Professor -- »überdieß konnte Henkel Nichts über seine Flucht wissen,
+sonst hätte er mir den Brief nicht mitgegeben.«
+
+»Nun, vielleicht wünscht ihn der Sheriff zu sehn,« sagte der
+Pensylvanier, ruhig die eben gebrauchte Flasche wieder zurückstellend,
+»wäre jedenfalls interessant auch den _Freund_ kennen zu lernen.« Der
+Mann hatte die beiden Fremden, seit er sie mit jenem anerkannten Gauner
+in Verbindung gebracht, ziemlich kalt und mistrauisch fortwährend
+betrachtet, und ein Verdacht war jedenfalls in ihm aufgestiegen, ob
+es mit deren Ehrlichkeit nicht am Ende ebenso schwach beschaffen
+sein könne, wie mit der des Burschen nach dem sie frugen, und dessen
+Abwesenheit besonders den Einen -- wie ihm keineswegs entgangen
+-- augenscheinlich in Verlegenheit setzte. Herr von Hopfgarten übrigens,
+der seine eigenen Beweggründe dabei hatte, drang jetzt selber in den
+Professor das Schreiben, von dem ihm ja auch Henkel gesagt daß es nur
+eine Empfehlung sei, zu erbrechen. Henkel selber konnte nicht wissen,
+daß Mr. Goodly in der Zeit solche Streiche gemacht, und würde, wenn er
+es später erführe, gewiß sehr damit einverstanden sein, daß sein
+Brief geöffnet und von ihm selber der Verdacht entfernt worden, in
+unehrenhafter Beziehung zu dem Entwichenen gestanden zu haben. Der
+Professor sträubte sich aber noch lange dagegen, und nur erst als
+sie das Papier gegen das Licht gehalten und dadurch gesehen, daß es
+wirklich nur wenige Zeilen enthalte, und selbst in der Hoffnung für sich
+vielleicht einen Fingerzeig zu weiterem Handeln zu finden, entschloß er
+sich endlich dazu dem Wunsch des Pensylvaniers zu willfahren. Dieser
+schien außerdem nicht übel Lust zu haben ihm den Sheriff auf den Hals
+zu schicken, wodurch er am Ende noch in eine ganze Masse unangenehmer
+Geschichten verwickelt werden konnte, und er hatte von Deutschland
+her noch einen ganz besonderen Respekt vor jeder Berührung mit den
+Gerichten, dachte auch nicht daran seinen ersten Schritt in Amerika
+gleich mit einer ähnlichen Verlegenheit zu beginnen. So endlich öffnete
+er das Siegel und überlas flüchtig die Zeilen, die er dann achselzuckend
+an Hopfgarten, während diesem der Pensylvanier neugierig über die
+Schulter schaute, gab. Der Brief lautete einfach.
+
+
+ »Lieber Goodly.«
+
+ »Ich sende Dir hier einen Freund, der Land zu kaufen wünscht
+ -- womöglich gleich eine eingerichtete Farm -- ich habe nicht den
+ geringsten Zweifel, daß Du ihm das besorgen wirst. Er hat Geld und ist
+ ein Professor. Es wäre mir _sehr_ angenehm, wenn er einen passenden
+ Platz im Norden fände --ich brauche Dir nicht mehr zu sagen.«
+
+ »Ich bin seit einigen Tagen wieder in Amerika -- habe sehr gute
+ Geschäfte gemacht und hoffe Dich _jedenfalls_ im Laufe des nächsten
+ Monats in New-Orleans zu sehn. Du _mußt_ kommen. Meine Adresse kennst
+ Du. -- O..... ist auch hier und immer noch der Alte. Es grüßt Dich
+ bestens
+
+ Dein
+ Soldegg _Henkel_.«
+
+
+»_Soldegg_ Henkel?« sagte Herr von Hopfgarten, als er den Brief einmal
+flüchtig, den Inhalt nur überfliegend, dann langsamer durchlesen hatte
+-- »_Soldegg_, was für ein sonderbarer Vorname; hieß denn Henkel nicht
+anders?«
+
+»Ja ich weiß es wahrhaftig nicht,« sagte der Professor, »ich habe nie
+darauf geachtet, und soviel ich weiß seinen Vornamen auch nie gehört
+-- vielleicht ist dieser hier in Amerika gebräuchlich.«
+
+»Soldegg?« sagte der Pensylvanier, an den diese Bemerkung halb als Frage
+gerichtet war, indem er hinter seinen Schenktisch ging und sich den
+Namen aufschrieb, »nicht daß ich wüßte; s' ist aber möglich, die
+Methodisten und Baptisten geben ihren Kindern manchmal ganz artliche
+Namen, von denen man nie weiß wo sie her sind, aber -- wie ich da eben
+aus dem Brief sehe, habt Ihr die #intention# Euch hier zu settlen, und
+eine Farm zu kaufen; ist das wahr?«
+
+»Das war allerdings meine Absicht,« sagte der Professor kopfschüttelnd
+im Zimmer auf und abgehend, während sich Hopfgarten mit dem Brief in
+eine Ecke gesetzt hatte, und ihn wieder und wieder durchstudirte,
+»damals hoffte ich aber keine weiteren Schwierigkeiten dabei zu finden,
+sondern gleich Jemanden in diesem Herrn Goodly zu haben, der mir mit
+Rath und That an die Hand gehen könnte. Ich wäre sonst wahrhaftig nicht
+nur so auf gerathewohl mit Weib und Kindern, Dienstboten und Gepäck hier
+heraufgekommen.«
+
+»Well, wenn Du bei Allem solch Glück hast, als daß Du den Schuft von
+Goodly nicht mehr hier findest und in dessen Klauen gefallen bist,«
+meinte der Pensylvanier trocken, »dann kannst Du es noch zu 'was
+bringen in den States. Aber Deine Familie hast Du wohl in Cincinnati?«
+
+»In Cincinnati? -- _hier_ -- unten am Fluß, mit Kisten und Kasten.«
+
+»#The devil!#« rief der Pensylvanier überrascht aus -- fügte aber dann,
+indem er sich ohne weitere Schwierigkeit auf seinen Schenktisch setzte
+und sein rechtes Knie zwischen die zusammengefalteten Hände nahm,
+langsamer und wie überlegend hinzu, »hm -- da befindest Du Dich #anyhow#
+in einem #fix#[26] -- seid heute Morgen mit dem Dampfer gelandet, heh?«
+
+»Ja wohl, mit der Jane Wilmington.«
+
+»Ahem, calculirte so; und wollt eine Farm wirklich _kaufen_?«
+
+»Wenn ich etwas passendes fände.«
+
+»Mit Vieh und Einrichtung?«
+
+»Wäre mir allerdings das Liebste.«
+
+»Und Gebäuden?«
+
+»Versteht sich von selbst.«
+
+»Und wie theuer äbaut?«
+
+»Ja lieber Herr, das hinge allerdings von Umständen ab, und müßte sich
+doch entschieden nach der Farm selber richten.«
+
+»Well, vor allen Dingen können wir die Ladies nicht unten an der Landung
+sitzen lassen,« meinte der Pensylvanier, »und es wird das Beste sein sie
+hier heraufzumuven -- Unterkommen haben wir schon für sie; wir müssen
+wenigstens sehn, daß wir 'was auffixen -- aber so recht bequem wird's
+freilich nicht werden.«
+
+»Ja ich weiß aber gar nicht,« sagte der Professor unschlüssig, indem
+er sich an den noch immer den Brief studirenden Herrn von Hopfgarten
+wandte, »ob ich unter solchen Umständen überhaupt hier bleibe, oder
+nicht lieber gleich direkt nach Cincinnati gehe. Was meinen Sie dazu
+lieber Hopfgarten -- lassen Sie doch den unglücklichen Brief, Sie lernen
+ihn wohl auswendig?«
+
+»Auswendig nein,« sagte der kleine Mann aufstehend, »obgleich er's am
+Ende verdiente, denn ich fange an zwischen den Zeilen zu lesen und ich
+versichere Sie, lieber Professor, mir wird angst und bange dabei zu
+Muthe.«
+
+»Aber wie so? -- was haben Sie?«
+
+»Lassen Sie nur jetzt, davon nachher; jetzt müssen wir doch wohl an das
+Ihnen näher Liegende denken.«
+
+»Ja nach Cincinnati wieder fahren,« sagte der Pensylvanier
+achselzuckend, »das ist so eine Sache. Natürlich könnt Ihr das thun,
+denn Steamboote dorthin laufen fast alle Tage hier vorbei; heute sind
+aber schon drei aufwärts gegangen, es ist also sehr die Frage, ob über
+Tag noch eins kommt, und die Ladies dürfen doch die Nacht nicht gut
+unten am River bleiben. Außerdem seid Ihr einmal hier, das Land ist hier
+auch billiger wie um Cincinnati herum, und ich calculire, daß Ihr doch
+am Ende besser thätet, Euch hier erst einmal ein paar Tage umzusehen;
+nachher könnt Ihr ja #anyhow# doch noch immer thun was Ihr wollt.«
+
+In dem Rath lag sehr viel Vernünftiges; das ewige Gepäck herumschleifen
+bekam der Professor auch satt, und die Passage nach Cincinnati, so
+gering die Strecke sein mochte, hätte für seine wie des Webers Familie,
+»#a smart sprinkle# Geld« gekostet, wie sich der Pensylvanier ausdrückte,
+da sich die »Steamboote« das Anlegen schon besonders zahlen lassen. Zu
+dem kam dann noch das Hinaufschaffen der Fracht in ein Gasthaus, der
+Aufenthalt dort, das Wiederwegschaffen -- die Masse Personen -- auch
+von Hopfgarten rieth ihm jedenfalls erst die Umgegend hier einmal in
+Augenschein zu nehmen; gefiel es ihm dann wirklich _nicht_, so hatte er
+doch ein Stück vom Lande gesehen, die Preise und Verhältnisse etwas
+kennen gelernt und -- Erfahrung gesammelt, ohne eben mehr wie ein paar
+Tage, mit nicht größerem Kostenaufwand als doch nicht mehr zu umgehen
+war, versäumt zu haben.
+
+Der Pensylvanier ging jetzt vor allen Dingen mit ihnen an die Landung
+hinunter, dort das Gepäck in Augenschein zu nehmen, um es nachher mit
+seinem Geschirr heraufzuholen, und die Damen in sein Haus einzuführen.
+Er war, nachdem er die Absicht der Fremden gehört, und nun doch auch
+wohl gesehen hatte, daß sie mit jenem übel berüchtigten Goodly in
+nicht dem geringsten Verhältniß standen, wieder sehr freundlich und
+zuvorkommend, wenn auch immer auf seine sehr trockene ungenirte Weise
+geworden. Gegen die Damen aber war er besonders artig, und bot sogar der
+Frau Professorin, die er in Indiana mit den jungen Ladies willkommen
+hieß, den Arm an und führte sie den Berg hinauf, und die Männer nahmen
+Jeder ein Stück des leichteren Gepäcks und folgten. Des Pensylvaniers
+Wagen wurde dann augenblicklich nach unten geschickt die übrigen Sachen,
+bei denen des Webers Frau mit den Kindern so lange als Wache bleiben
+mußte, ebenfalls hinauf und unter Dach und Fach zu bringen -- hatte aber
+dreimal zu fahren, ehe er sämmtliche Kisten und Collis an Ort und Stelle
+schaffen konnte.
+
+Für diesen Tag war nun allerdings nicht viel mehr zu unternehmen, am
+nächsten Morgen aber, sobald es den Herren gefiel, erbot sich der
+Pensylvanier sehr bereitwillig mit ihnen in das Land zu reiten, wo er
+ihnen sogar, nur neun Miles von Grahamstown und etwa vier oder fünf vom
+Ohiostrom entfernt, eine kleine reizende Farm offeriren könne. Diese,
+jetzt von einem seiner Söhne bewohnt, wäre ihm vielleicht feil, »wenn er
+seine Auslagen bezahlt bekäme«, indem er selber keinen Gebrauch mehr
+dafür hätte. Die Wirthschaft sagte ihm, seiner Aussage nach, mehr zu als
+das Farmerleben, und Grahamstown würde und müßte sich in sehr kurzer
+Zeit so heben, daß sich seine jetzt unscheinbare Inn zu einem Hotel
+umgestalten könnte. Wenn besonders _der_ Plan verwirklicht würde, an
+dem das #County# jetzt arbeitete -- den Platz mit der nach St. Louis
+führenden und schon fast beendigten Eisenbahn zu verbinden, hoffe er
+das Fabelhafteste für Grahamstown. Er gab dabei nicht undeutlich zu
+verstehn, daß ein paar hundert Thaler für Bauplätze in der Stadt selber
+ausgelegt, leicht in drei oder vier Jahren zu ebenso vielen Tausenden
+werden könnten, und wie er für die Zukunft sogar an dem Bestehen
+Cincinnatis zweifelte, das mit der weit vortrefflicheren Lage dieses
+Platzes, _unterhalb_ den bei Louisville gelegenen Stromschnellen, kaum
+werde auf die Länge der Zeit concurriren können. Er mochte es sich
+dabei nicht versagen die Fremden, wahrscheinlich um sie noch mehr
+zu überzeugen, auch in die Anlage des »beabsichtigten« Grahamstown
+hinauszuführen, und Mainstreet hinuntergehend, was einige Schwierigkeiten
+der weiter oben häufig queerüberliegenden Bäume wegen hatte, kamen
+sie etwa 500 Schritt von dem oberen Rand des kleinen Platzes zu dem
+ausgesteckten und hier und da selbst schon »geklearten« Marktplatz,
+wo allerdings noch sämmtliches gefälltes Holz wie Kraut und Rüben
+durcheinander lag, nichts destoweniger aber doch schon der Platz für die
+Bank, für das Theater und für die Börse -- das Court oder Gerichtshaus
+stand schon in Gestalt eines breiten überwachsenen Blockhauses an der
+nämlichen Stelle, an der es sich später von massivem Sandstein oder
+Granit erheben sollte -- ausgemessen, und an den noch stehenden Bäumen
+durch kleine hölzerne Tafeln bezeichnet worden.
+
+Der Professor hätte unter anderen Umständen gewiß über dieß großartige
+Planmachen, in dem die Amerikaner überhaupt berühmt sind, gelächelt, und
+sich damit amusirt, denn seinen eigenen Ansichten von Städtebauen nach,
+soviel er auch Amerikanischer Triebkraft dabei zu Gute schrieb, konnte
+und mußte wohl ein halbes Jahrhundert vergehn, ehe die Hälfte dessen
+wahr geworden, über das der Pensylvanier sprach als ob es sich im
+nächsten Frühjahr ereignen würde. Jetzt aber, mit in den Wirbel schon
+halb und halb hineingezogen, der hier Alles drehte und mit sich fortriß,
+schon ein halbes Glied des Ganzen, und doch noch eigentlich nicht
+dazu gehörig, noch ganz fremd auf dem Boden, den er unterwegs schon
+gewissermaßen als seine Heimath betrachtet, erfüllte ihn das Alles mit
+einem unbehaglich drückenden Gefühl, so daß er manchmal ordentlich tief
+aufathmen mußte, wie eine schwere Last von seiner Brust zu wälzen.
+
+Der Amerikaner dagegen ritt auf seinem Steckenpferd, und die
+#improvements# des Bodens und der Stadt, der Wachsthum der Einwohnerzahl,
+die Erbauung von Kirchen, Schulen, Universitäten, Bibliotheken etc. etc.
+riß ihn mit einer Phantasie und Einbildungskraft fort, die so innerste
+Überzeugung schien, daß sich selbst der Professor, trotz seiner
+niedergedrückten Stimmung, doch zuletzt nicht enthalten konnte wenigstens
+einen kleinen Theil des in soliden Luftschlössern aufgebauten Bildes
+für möglich zu halten, und sich in der That, noch ehe sie das Gasthaus
+wieder erreichten, dabei erwischte wie er eine Zuckerfabrik -- den
+Runkelrübenbau in Amerika einzuführen war eine Lieblings-Idee von ihm
+-- an der #blue creek# errichtete, mit derselben Wasserkraft eine
+Säge- und Mahlmühle trieb, und weiter unten eine Talgsiederei anlegte
+von den Überbleibseln der Heerden, die er nach St. Louis und New-Orleans
+schickte, den größtmöglichsten Nutzen zu ziehn.
+
+Der Abend ging trotzdem sehr still vorüber -- das drückende Gefühl der
+Heimathlosigkeit, das auf ihnen Allen lag, sie mochten ankämpfen dagegen
+wie sie wollten, ließ sich nicht so rasch bewältigen, und wenn auch der
+Pensylvanier Alles that ihnen die Eigenschaften des Landes, auf dem sie
+sich jetzt befänden, herauszustreichen, und seine Frau, ein freundliches
+Weibchen aus Louisville, ihre öden Zimmer so behaglich herrichtete
+wie es unter den Umständen nur möglich war, sie blieben still und
+einsylbig und selbst Marie, die munterste sonst von Allen, hätte sich am
+allerliebsten in irgend eine versteckte Ecke gedrückt und recht herzlich
+ausgeweint -- so weh, so eigenthümlich war ihnen zu Allen zu Muthe.
+
+»Apropos,« rief da plötzlich Herr von Hopfgarten, als sie sich gerade
+für die Nacht trennen wollten (der Pensylvanier hatte ihnen nur drei
+Zimmer zur Verfügung stellen können -- eins für die Damen, eins für die
+Weberfamilie und eins für die Herren) »was ich Sie noch fragen wollte
+-- kennt eine von den Damen vielleicht den Vornamen unseres
+gemeinschaftlichen Freundes Henkel?«
+
+»Ja wohl,« rief Marie rasch -- »er heißt Joseph; warum?«
+
+»Ganz recht -- jetzt fällt es mir auch ein, Joseph!« sagte Hopfgarten
+schnell; »wie man doch so etwas vergessen kann, ich habe selber den
+Namen mehr wie hundert Mal gehört.«
+
+»Joseph -- ja wohl,« sagte auch jetzt der Professor, »da muß das
+wirklich sein Amerikanischer Beinamen sein.«
+
+»Sein _Amerikanischer_ Name?«
+
+»Der Brief, von dem ich Euch sagte, ist mit _Soldegg_ Henkel
+unterschrieben und es war auch mir so, als ob seine Frau wenigstens ihn
+mit einem anderen Vornamen, nicht Soldegg, genannt hätte.«
+
+»Soldegg -- Soldegg -- ich habe den Namen nie, auch selbst nicht in
+Heilingen gehört,« sagte Anna -- »lieber Gott was mag Clara jetzt
+machen; es ist mir immer ein recht trauriges, wehmüthiges Gefühl, daß
+wir sie krank zurücklassen mußten.«
+
+Herr von Hopfgarten war aufgestanden und ging, mit auf den Rücken
+gelegten Händen unruhig im Zimmer auf und ab, aber er sagte kein Wort
+weiter, und da die Frau Professorin etwas über Kopfweh klagte, und die
+Kinder auch unruhig wurden, verabschiedeten sich die Männer bald, und
+suchten ebenfalls ihr Lager.
+
+ * * * * *
+
+Der andere Morgen brach an, und mit ihm ein wichtiger Tag für die neuen
+Ansiedler, der vielleicht entscheidend für sie sein sollte, für ihr
+ganzes Leben und Glück, denn eine neue Heimath sollte gesucht, ein Platz
+gefunden werden, auf dem sie ihre neue Laufbahn nicht allein beginnen,
+sondern für den sie auch die Mittel, die sie zu ihrem Fortkommen mit
+herüber gebracht, auslegen wollten, daß ein Rückschritt nachher ohne
+bedeutende Verluste nicht möglich gewesen wäre. Und entsprach etwa
+Alles, was sie bis jetzt von dem Lande gesehen, ihren Erwartungen?
+durfte der Professor hoffen in dieser Gegend gleich einen solchen Platz
+zu finden, an dem er es vor sich und seiner Familie verantworten konnte
+zu bleiben? Er wagte gar nicht sich die Frage vorzulegen, denn der erste
+Eindruck von Grahamstown war ein gar zu beengender, ja enttäuschender
+gewesen. Allerdings befanden sie sich in einem neuen Land, und da, wo
+noch Ackerbau und Cultur in der Wiege lagen und eben deshalb auch dem,
+der sie weckte und in's Leben rief, so wacker lohnte, durfte und konnte
+man nicht erwarten ein Land zu finden wie man es daheim verlassen hatte;
+es war eben eine halbe Wildniß, in der erst gerade _durch_ die geweckte
+Cultur der Segen aufkeimen sollte, den sich die Auswanderer von Amerika
+versprachen. Das Alles hatte man sich daheim auch wohl wie oft selber
+gesagt, und war allem Anschein nach vollkommen darauf vorbereitet
+gewesen; und doch jetzt da es wirklich so aussah wie man es -- innerlich
+gewiß mit manchem Vorbehalt -- aber doch äußerlich nicht anders erwartet,
+mit den wild umher gestreuten Stämmen, den niederen, jeder Bequemlichkeit
+mangelnden Holzhäusern, den fremden Menschen, da fühlte sich die
+Brust beklemmt und sorgenschwer, und der Blick suchte wohl gar einen
+Augenblick halb unbewußt und scheu nach dem verlassenen Ufer zurück.
+Aber lieber Gott, das lag weit, weit dahinten; mit der abgerissenen
+Brücke hinter sich standen sie an dem fremden Strand, und wenn auch
+keinen Trost doch wenigstens Beruhigung gab ihnen das Bewußtsein jetzt:
+»Du _mußt_!« Ein Rückweg war nicht mehr möglich, wenn sie das selbst
+gewollt hätten, und mit _dem_ Gefühl kehrte auch wirklich mehr Ruhe,
+jedenfalls mehr Entschlossenheit, in ihr Herz zurück.
+
+Viel gleichgültiger betrachtete der Weber das neue fremde Land, in dem
+er durch seine Anstellung bei dem Professor schon gewissermaßen festen
+und sicheren Fuß gefaßt, ehe er es nur betreten. Er war neugierig
+allerdings, wie er es finden würde, und ob die Erzählungen, die er davon
+zu Hause gehört und gelesen, jetzt sich als wahr erweisen sollten; aber
+vor der Hand in seiner und der Seinigen Existenz gesichert, fürchtete er
+eben Nichts, und konnte die Zeit mit dem, wie sie sich entwickeln würde,
+ruhig und sorglos erwarten. Seine Ansprüche an das Leben waren auch
+geringer; Vieles, was der in anderen Kreisen erzogenen Familie des
+Professors Entbehrung schien, wenn sie sich auch nicht darüber aussprachen
+oder gar beklagten, war ihm selbst schon eine Verbesserung seines bisher
+gewöhnten Zustandes, und die Gewißheit nicht allein seine Familie auf
+ein volles Jahr untergebracht und versorgt zu haben, sondern auch sogar
+an baarem Geld mehr zu verdienen, als er bis jetzt in seinem ganzen
+Leben im Stande gewesen war zu erübrigen, ließ ihn dem neuen Leben mit
+freudiger Zuversicht entgegengehn.
+
+Seine Frau theilte das Gefühl, wenn sie sich auch noch in der fremden
+Welt gedrückt und unbehaglich fühlte; nur die alte Mutter, der ihre
+gewohnte Ecke mit dem Spinnrad fehlte sich darin niederzuhocken, der
+die Sonne an der verkehrten Stelle auf- und unterging, und die Bäume
+nicht dahin den Schatten warfen wohin sie sollten, der die Vögel nicht
+zwitscherten wie daheim und die Blumen -- ihre Astern -- nicht blühten,
+und die schon zehnmal in Gedanken vor die fremde Thür getreten war die
+Linde zu besuchen, unter der der Leberecht ruhte, dann immer nur um so
+viel niedergeschlagener, so viel mürrischer zurückzukehren zu dem
+selbst nicht gewohnten Sitz, stöhnte und klagte den ganzen Tag und saß,
+die Hände müßig im Schooß gefaltet, und still und langsam dazu mit dem
+zitternden Haupte nickend und schüttelnd, auf ihrem Stuhl. Sie fühlte
+daß sie dem heimischen Boden, den Gräbern ihrer Lieben, der alten
+Dorfkirche und dem stillen Plätzchen, das sie so lange, lange Jahre das
+ihre genannt, entrissen, für ewig, und auf Nimmerwiedersehn entrissen
+sei, und sie glaubte jetzt das Herz müsse ihr brechen.
+
+Der Professor hatte sich übrigens, wogegen der Pensylvanier erst einige
+Schwierigkeiten machte, dazu entschlossen den Weber auf ihrer heutigen
+Excursion mitzunehmen, sein Urtheil über das Land dabei zugleich zu
+hören und seine Meinung über den ganzen Kauf an Ort und Stelle zu haben.
+Der Wirth schien nicht recht damit einverstanden; er hatte im Anfang
+kein Pferd mehr für ihn da, dann dauerte es zu lang bis eins geholt
+werden könnte; der Professor aber, der klug genug war in einer Sache
+mistrauisch gegen sich selbst zu sein, die doch jetzt über alles
+Theoretische hinausging und in das praktische Leben direkt eingriff,
+vielleicht auch in der unbestimmten Furcht vor einem doch möglichen
+Fehlschlagen, in dem er nachher die Schuld nicht ganz allein zu tragen
+hätte, ließ keine Ausrede gelten und erklärte, dann lieber noch einen
+Tag warten zu wollen bis die Pferde gefunden wären, ehe er eben _ohne_
+den Weber, dem er vielleicht mehr zutraute als er verstand, die Farm in
+Augenschein nähme. Als der Pensylvanier endlich sah daß der Fremde von
+diesem Entschluß nicht abging, waren auch die Pferde nach kaum einer
+Viertelstunde gesattelt und bereit, und die kleine Gesellschaft, von der
+sich der Professor selber am unbehaglichsten »an Bord« des etwas hohen
+Pferdes fühlte, setzte sich in einem scharfen Schritt in Marsch, dem
+freien Lande zu.
+
+Die hölzernen, mit Fenzen eingefaßten Gebäude ließen sie bald hinter
+sich, und folgten der sogenannten #county#-Straße, die noch eine Strecke
+weit durch den breit ausgehauenen Wald hinführte, wobei ihnen der
+Pensylvanier mit dem größten Ernst immer noch die schon ausgelegten aber
+noch nicht einmal »urbar gemachten« Straßen von Grahamstown zeigte.
+Dort, in das dicke Gebüsch von Hickory und Eichen sollte einmal später
+das Waisenhaus kommen -- da drüben an dem etwas feuchten Fleck wo die
+Sycomore und Erlen standen war der Platz für den Gasometer ausgelegt
+-- die Telegraphenstation mit der Post mußte unten am Fluß selber sein,
+in dem Centralpunkt des Handels und Verkehrs, der sich natürlich in den
+ersten zehn Jahren, und bis die Eisenbahnen von hier aus nach allen
+Richtungen auszweigten, jedenfalls in der Nähe des Wassers halten müßte.
+Er selber hatte sich aber auch zwei Bauplätze hier an der Grenze des
+Weichbildes reservirt, einen an dem nächst zu erwartenden St. Louis, den
+anderen, an dem Cincinnati-Bahnhof. Wo die Eisenbahn die einmal später
+nach New-Orleans und Charlestown führte, auslaufen sollte, darüber
+hatten sich die Bürger noch nicht geeinigt, und es war einer späteren
+Versammlung vorbehalten worden darüber zu entscheiden.
+
+Der Mann sprach dabei mit solcher Ruhe und Sicherheit, und schien selber
+von dem rasenden Wachsthum der Stadt so fest überzeugt zu sein, daß sich
+der Professor nicht allein mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut
+machte sich in der Nähe eines so bedeutenden Platzes, jetzt da das
+Land noch billig zu haben sei, niederzulassen, sondern sogar schon
+unbestimmte Wünsche in sich aufsteigen fühlte, selber ein paar Bauplätze
+in den bestgelegensten Theilen der Stadt -- nur nicht zu nahe am Gasometer
+-- zu erstehen. Ezra Ludkins hatte ihn dabei schon aufmerksam gemacht,
+daß gegenwärtig die passendste Zeit dazu sein würde, da mit dem Winter
+besonders ihre, nur für jetzt noch aus Holz bestehenden Bauten gewiß am
+Stärksten in Angriff genommen werden würden, und der Preis der Lots
+(Bauplätze) mit jedem neu errichteten Hause an Werth gewinnen und
+steigen _müßte_.
+
+Der Weber daneben, der ziemlich sicher auf seinem Pferde saß, war ganz
+Ohr bei der fabelhaften Beschreibung des Landes, und dankte im Stillen
+seinem Gott und dem Professor, daß er nicht in völliger Blindheit an
+diesem merkwürdigen Platz vorübergefahren, sondern mit Sack und Pack
+ausgestiegen sei, und nun natürlich auch im Stande sein würde mit
+zuzulangen, wenn es hier einmal Brei oder Goldstücken regnete, denn
+weiter blieb, nach des Amerikaners Beschreibung und Aussichten, wirklich
+nicht viel mehr übrig.
+
+Am wenigsten achtete von Hopfgarten darauf der, nicht in der Absicht
+sich hier niederzulassen, wenig Interesse dabei fand in wie fern die
+Stadt den Hoffnungen, die ihr neuer Freund dafür hegte, entsprechen
+würde, und mehr darauf achtete das sich jetzt rasch vor ihnen aufrollende
+Land mit seinen Eigenthümlichkeiten zu beobachten. Das aber fesselte
+auch bald die Aufmerksamkeit der beiden Anderen, und als sie eine
+Strecke lang im Wald, durch den sich die Straße um Sumpflöcher und
+Baumwurzeln hinwand, fortgeritten waren, die erste Lichtung, und mit
+dieser eine Farm -- eine wirkliche Farm im Inneren von Amerika
+-- erreichten, hielten sie wie auf gemeinsame Verabredung ihre Pferde
+an, und schauten still und schweigend, jeder mit seinen eigenen Gedanken
+beschäftigt, den Platz an, der sich hier vor ihnen ausbreitete. --
+
+Aber wie anders hatten sie sich eine Ansiedlung in Amerika gedacht, wie
+freundlich sich das ausgemalt, und die stille Wohnung im Walde, mit all
+dem Zauber geschmückt, den die Natur fähig ist einem solchen Bilde zu
+geben. Das rege Schaffen der Menschen dabei, muntere fette Heerden, ein
+freundlicher Garten, schattige fruchtschwere Obstbäume, unter denen
+die lauschigen Fenster freundlich und versteckt hervorschauten; der
+reinliche Kies oder Rasenplatz dann vor der Thür, auf dem die Kinder
+spielten, und die niederen Nebengebäude mit Ställen und Scheunen, die
+sich dicht an das Wohnhaus schmiegten --Lieber Gott, wie anders sah das
+hier aus.
+
+Eine sogenannte Wurmfenz -- die langgespaltenen Hölzer ohne weitere
+Befestigung untereinander, nur im Zickzack immer Enden über Enden gelegt
+-- umschloß ein Stück von etwa zehn Acker »geklearten« Landes, wie sich
+der Pensylvanier ausdrückte, d. h. ein Theil der Stämme vor etwa drei
+Fuß vom Boden, je nach Bequemlichkeit des Fällers, theils umgeschlagen
+und das überflüssige Holz auf große Haufen geschafft, verbrannt zu werden,
+theils standen die übrigen Bäume noch eingeringelt oder »getödtet« dürr
+und trocken die nackten Arme gen Himmel streckend, einzeln zerstreut
+über den Plan. Der Wald begrenzte an der Rückseite diese Rodung, aber
+noch war ihm keine Zeit gegeben da, wo er erst kürzlich seines Schmuckes
+beraubt worden, wieder frisch auszuschießen, und die grüne Wand die er
+bildete sah zerrissen, rauh und wüst aus, eben wie der Boden, der mit
+dem Pflug gelüftet ein wildes trostloses Gewirr und Chaos von Wurzeln,
+Schollen und zackigen Furchen bot, daß es dem Fremden gar nicht so
+schien, als ob er je im Leben im Stande sein würde eine ordentliche
+Erndte zu tragen.
+
+Die Straße die hindurchlief und an beiden Seiten von Fenzen eingefaßt
+war hatte man, kein besonderes Zeichen für den _Werth_ des Landes -- fast
+vierzig Schritt breit gelassen, und der Fuhrweg zog sich, sumpfigen
+Stellen, Klötzen und Stümpfen aus dem Weg gehend, herüber und hinüber in
+ausgefahrenen Gleisen, während einzelne niedere Blockhäuser, mehr
+Ställen als Wohnungen gleichend, zerstreut über den Platz weglagen, und
+mit dem Rauch der aus ihren Schornsteinen stieg nur zu wohl verriethen
+wie sie bewohnt seien.
+
+Und nichts -- gar nichts Freundliches boten sie, kein Gärtchen schmiegte
+sich an sie an, kein Fruchtbaum verrieth die sorgsame Hand des Gärtners
+-- keine Blume blühte, kein Grashalm fast war hier soweit das Auge
+reichte zu sehn, die Einzackungen der Fenzen ausgenommen, die Pflug- oder
+Wagengleis nicht hatte erreichen können; Alles war umgewühlt und roh,
+und einzelne Schweine die in den Pfützen arbeiteten und mit dem Rüssel
+den Schlamm aufschaufelten, schienen hier in der That den Ton anzugeben
+und auch die einzigen Wesen zu sein, die sich wirklich wohl und
+behaglich fühlten.
+
+»Und das ist eine Farm?« sagte Herr von Hopfgarten, der zuerst die
+Sprache wieder gewann, und mit keineswegs freudiger Überraschung die
+Scene um sich her betrachtete; »guter Gott, die Geschichte habe ich mir
+doch eigentlich anders gedacht.«
+
+»Das ist eine Farm Gentlemen« sagte aber Ezra Ludkins freundlich -- »oder
+soll vielmehr erst eine werden, denn die Leute haben erst vorigen Winter
+angefangen den ersten Baum zu fällen und es sieht noch eher ein Bischen
+wild und unbehaglich aus; die Sache kriegt aber ein anderes Ansehn,
+wenn hier erst das #corn# (Mais) zwölf und vierzehn Fuß hoch mit seinen
+armstarken Kolben und wehenden grünen Blättern steht, wenn ordentliche
+Cabins gebaut und Obstgärten angelegt sind, und die Leute erst beginnen
+sich ein wenig comfortabel zu fühlen -- nachher »schwätze mer anders«
+und die #railroad# (Eisenbahn) wird keine zweihundert #yards# von hier
+vorbeilaufen.«
+
+»Es ist das der erste Beginn« sagte aber auch jetzt der Professor
+seufzend, »der erste Kampf der Civilisation gegen die Wildniß; die erste
+Verschmelzung, wie man beinah sagen könnte, des Waldes mit der Cultur,
+in der der Mensch wieder mit zurück in seinen Urzustand gezogen wird,
+und ein Stadium, das wir allerdings ebenfalls gezwungen sein werden
+durchmachen zu müssen. Wie gefällt es Ihnen, Brockfeld?«
+
+»Mir?« sagte der Weber, wie überrascht durch die Anrede, »ih nu -- es
+ist -- es ist recht hübsch hier -- scheint gutes Land zu sein und -- und
+recht viel Platz; nur noch ein Bischen wild. Tüchtiges Stück Arbeit
+noch, die Baumstümpfe alle herauszukriegen, ehe man mit dem Pflug hinein
+kann.«
+
+»Mit dem Pflug hinein?« sagte der Pensylvanier sich erstaunt nach ihm
+umdrehend -- »das _ist_ ja hier schon gepflügt.«
+
+»Das hier?« rief der Weber, sich erstaunt im Sattel aufrichtend, »aber
+wahrhaftig es sieht so aus, als ob hier Jemand mit einem Pflug drin
+herum gekratzt wäre -- nun das ist ein Kunststück? wie kommt man denn
+damit einem Pflug _durch_? Da muß unser Einer freilich wieder von vorn
+anfangen zu lernen.«
+
+»Aber kommt Gentlemen, kommt« sagte der Amerikaner, »wir verlieren hier
+zu viel Zeit und haben noch einen guten Ritt vor uns.«
+
+»Sollten wir uns nicht einmal lieber hier die Häuser im Inneren ansehn?«
+sagte der Professor.
+
+»Verdammt wenig, was wir da würden zu sehn kriegen« lachte Ludkins; »so
+kahl wie's von außen ist, sind auch die Wände im Innern, und die Leute
+haben höchstens einen Kasten oder #gum#[27] zum draufsitzen, und einen
+roh zusammengenagelten Tisch, ein paar Blechbecher, einen Kaffeetopf und
+ein #skillet# (Bratpfanne). Das finden wir auch wohin wir kommen; wer
+aber Lust dazu hat, kann sich das selber bald ganz anders und viel
+behaglicher einrichten -- diese #squatter# wissen es eben nicht besser.«
+
+Er hatte dabei seinem Pferd langsam den Zügel gelassen, und die Männer
+ritten durch die lange »#lane#« oder eingefenzte Straße hindurch, wieder
+in den Wald hinein, bis sie zu einer anderen, eben solchen Lichtung
+kamen. Die nächste Farm stand aber schon etwas länger, und zum Theil
+wenigstens mit Mais bepflanzt der reif und abgetrocknet noch im Feld
+gelassen war, bot sie ein freundlicheres Bild. Die Gebäude freilich
+sahen eben nicht viel besser aus und aus den Thüren schauten, als sie
+vorüberritten, das etwas bleiche Gesicht einer jungen Frau in einem
+lichten baumwollen Kleid, und vier oder fünf blondhaarige sonst aber
+sehr vernachlässigte Kinderköpfe heraus.
+
+Ezra Ludkins begann jetzt, freilich mit sehr geringem Erfolg, ihnen die
+Grenzen der verschiedenen Besitzungen, ja sogar hie und da die Bäume zu
+zeigen, an denen die Ecken der Sectionen mit Buchstaben und Zahlen
+angemarkt waren; er besaß darin eine außerordentliche Ortskenntniß der
+verschiedenen Stellen, und wurde nicht müde ihnen die Vortheile der
+einzelnen Sectionen, mit ihrem Fruchtboden und ihren Weidegründen
+auseinanderzusetzen. Die Krone der Ganzen war aber seiner Aussage nach
+doch die Farm, die er für sie bestimmt hatte, ebenso in Lage, wie in
+Boden, Gebäuden und Baumwuchs, wenn sie auch jetzt noch, wie er übrigens
+vorsichtig dazu setzte, ein wenig #unpromising# (wenig versprechend)
+drein schaute, und der Verbesserungen noch manche bedürfe ehe sie
+_vollkommen_ wäre.
+
+So waren sie eine Strecke recht eigentlich mitten im Walde, der
+nur hie und da von kleinen Lichtungen mehr gestört als belebt wurde,
+hingeritten, ohne selbst von diesem mehr gesehn zu haben, als in ihrem
+Wachsthum gestörte grüne Wände, die ihre zerbrochenen Zweige und
+mishandelten Stämme wie anklagend gen Himmel streckten; als sie endlich
+durch dünnes Kiefergebüsch und über dürren Boden fort, für den selbst
+der Pensylvanier keine Entschuldigung fand, vielleicht eine englische
+Meile berganreitend den Kamm eines Hügels erreichten, und hier ihren
+Pferden überrascht in die Zügel fielen.
+
+»Mein Gott wie schön!« rief der Professor fast unwillkürlich, als sich
+ein weites sonniges Thal, im Ganzen dicht bewaldet und nur hie und da
+von freundlichen grünen Lichtungen unterbrochen, vor ihren Blicken
+soweit das Auge reichte ausspannte, und nur im Hintergrund von blauen,
+wellenförmigen, aber ebenfalls holzbedeckten Hügeln begrenzt wurde. Die
+Wildniß lag hier in aller Pracht und Herrlichkeit vor ihren entzückten
+Blicken, und der Herbst, der in keinem Lande der Welt den Bäumen solchen
+Farbenschmuck verleiht wie in Amerika, hatte den Wald mit seinen
+wundervollen Tinten förmlich übergossen. In roth und grün in gelb und
+braun und lilla schmolzen die Lichter, hier in blitzenden Flächen
+glühend, dort in sanften Schatten verschwimmend abscheinend durch
+einander, und während die jungen schlanken Hickorystämme wie flammende
+gelbe Lichter aus dem dunkleren Hintergrund hervorstachen, prangte Ahorn
+und Eiche in so wundervollem Purpur und saftigem Braun, das nur von dem
+hindurchgeflochtenen in allen Farben schillernden wilden Wein fast noch
+übertroffen wurde, und zitterten die Pappeln mit ihrem silberleuchtenden
+Schmuck in dem blitzenden Sonnenlicht, daß das Auge, geblendet von der
+Pracht, die Wunder dieser neuen Welt kaum zu fassen, zu begreifen
+vermochte.
+
+»Nun? -- wollen wir nicht weiter?« frug der Pensylvanier der diesen
+Farbenreichthum zu oft gesehn, etwas Außerordentliches darin zu finden,
+und jetzt nicht recht begreifen konnte weshalb die Fremden gerade hier
+anhielten, wo eben gar Nichts zu sehen und zu bewundern war, nicht
+einmal ein Eckbaum irgend einer Viertelsection mit zierlichen, auf der
+abgeschlagenen Rinde gemalten Buchstaben -- »hier haben wir allerdings
+Nichts wie Wald, aber ein kleines Stückchen weiter unten kommen wir
+wieder zu einer Farm, und dann ist's genau noch eine Quartersektion bis
+zu dem Platz wohin wir heute wollen.«
+
+»Welches wundervolle Farbenspiel in dem Laub hier« rief aber der
+Professor, die Mahnung kaum hörend -- »sehn Sie nur Hopfgarten, jene
+Gruppe dort hinten, mit dem mächtig dunklen Baum zum Mittelpunkt, aus
+dem die Lichter ordentlich wie Strahlen nach allen Seiten schießen.«
+
+»Und jene schillernden Festons die sich um jene Eiche schlängeln, mit
+den Gold und Purpur durchwirkten Blättern« rief von Hopfgarten, »und den
+Massen dunkelblauer, daran niederhängender Trauben -- oh wie schön, wie
+wunderbar schön ist dieß Land!«
+
+»Ja, 's ist #putty considerable# hübsch« sagte der Amerikaner, der
+Nichts dagegen hatte daß die Fremden den blanken Wald schön fanden,
+während er sein rechtes Bein, der Bequemlichkeit halber nach links mit
+über den Sattel legte und den rechten Arm darauf stemmte, »'s läßt sich
+ansehn, und famoser Boden dazu. Da unten wachsen Zucker-Ahorn und wilde
+Kirschen in Masse, nur ein Bischen viel Holz steht d'rauf, sonst wär'
+es ebenfalls schon lange gekleart worden. Aber das wird schon noch
+hübscher, wenn die Eisenbahn erst hier durchgeht; seht Ihr Leutchen,
+gerade über die kleine Ridge[28] da drüben wo die vielen Hickorys stehn
+-- sie sehn jetzt alle gelb aus -- da soll sie weg gehn, und ein Bruder
+von mir hat sich da oben schon angekauft -- aber 's ist jetzt noch ein
+Bischen einsam da.«
+
+Die Männer konnten sich kaum von dem wundervollen Schauspiel, über dem
+sich der Himmel jetzt klar und rein ausspannte, losreißen, als Ezra
+Ludkins aber glaubte daß sie sich nun lange genug die »Blätter«
+angesehn, warf er sein Bein wieder zurück, angelte ein paar Secunden
+damit nach dem schlenkernden Steigbügel, und ritt dann langsam voraus
+den Hang hinab.
+
+Eine halbe Stunde später, und immer noch in dem prachtvollen Wald
+hinreitend, wobei sie die ziemlich schlechte Straße ganz übersahen,
+erreichten sie endlich die Marken des bezeichneten Platzes, und Ezra
+hatte von dem Augenblick an das Wort. Hier kannte er jeden Baum,
+gezeichnet und ungezeichnet, auf jede Senke in der die Bäume stärker und
+laubiger standen, machte er sie aufmerksam, auf den sprudelnden Bach
+und den lehmig sandigen Boden, auf jede einzelne Pflanze die gern auf
+üppigem Boden wächst, auf die stämmigen Maisstengel endlich als sie
+die kleine Rodung erreichten, auf die guten und hohen Fenzen, auf den
+vortrefflichen Weideboden und die gesunde Lage, auf die netten Häuser
+-- die sich allerdings nur wenig oder gar nicht von den früher gesehenen
+unterschieden, auf das kräftige Vieh, von dem sie einige Stücke im Wege
+trafen, bis sie zuletzt vor der Hütte selber hielten, und ein junger,
+etwas bleich aussehender Mann der nicht weit davon arbeitete, mit der
+Axt ein Ochsenjoch auszuschlagen, auf sie zukam, sie zu begrüßen und
+ihnen, mit Hülfe eines anderen etwa zehnjährigen Knaben die Pferde
+abzunehmen.
+
+Der Pensylvanier, der dem jungen Mann zurief indessen, bis sie wieder
+zurückkämen »etwas zu essen« für sie bereit zu halten, führte die
+Fremden jetzt vor allen Dingen in das Maisfeld selber, wo die Kolben
+noch nicht gepflückt und eingesammelt, aber zum großen Theil nieder
+geknickt waren, damit Spechte und Raben nicht oben hineinpicken
+konnten, und einfließender Regen dann die Frucht anfaulte. Die Stengel
+standen aber in der That kräftig und stämmig da, die Kolben selber waren
+groß und stark, und mächtige Kürbisse lagen, mit dem Mais gepflanzt,
+durch das ganze Feld. Der Boden mußte hier allerdings fruchtbar sein,
+und der Weber besonders konnte sein Erstaunen und seine Freude über das
+herrliche Land kaum zurückhalten.
+
+Auch die Gegend war reizend; die Farm lag in einem kleinen, rings von
+bewaldeten Hügeln eingeschlossenen Kessel, ein nicht großer, aber sehr
+klares Wasser haltender Bach lief munter plätschernd hindurch, und eine
+nicht unbedeutende Anpflanzung von jungen Äpfel- und Pfirsichbäumen,
+die allerdings noch keine Früchte trugen, aber für spätere Jahre reiche
+Erndten versprachen, gaben dem ganzen Platz auch schon eher etwas
+freundliches, wohnliches, und konnten einen guten Anfang bilden zu
+späterer Obstzucht und Gärtnerei. Die Verhältnisse mit dem Land waren
+ebenfalls annehmbar, und vierzig Acker die, wie ihnen der Pensylvanier
+sagte, schon von ihm als Eigenthum vom Staat erworben worden, während
+leicht noch mehr Land, wenn auch nicht gerade mehr zum Congreßpreis, in
+der Nähe zu kaufen lag. Nur die Wohnungen sahen noch wild und unbehaglich
+aus, und nachdem sie einen langen Spatziergang um das ganze Grundstück
+herumgemacht, und auch noch zu einer anderen Rodung geführt waren, wo
+der jetzige Eigenthümer eben begonnen hatte weitere fünf Acker urbar zu
+machen, sein Feld zu vergrößern, gingen sie langsam zu dem Haus zurück,
+in deren Thüre sie eine junge schlanke Frau in die einfache aber
+geschmackvolle selbstgewebte Tracht der Waldestöchter gekleidet,
+freundlich begrüßte.
+
+Es war eine schlanke, fast edle Gestalt mit wundervollem Haar und Auge,
+aber wieder störten den Professor die bleichen Gesichtszüge, störte ihn
+die fast durchsichtige Haut -- nur die Kinder, ein kleiner Bube von drei
+und ein Mädchen von zwei Jahren, sahen frisch und munter aus.
+
+Das Haus war übrigens nur eine der gewöhnlichen Blockhütten, ohne
+Fenster und Ofen, mit einem riesigen Camin der fast die ganze hintere
+Wand einnahm, und ein paar eingetriebene Plöcke auf denen ungehobelte
+Breter lagen, die wenige Wäsche wie ein paar Bücher zu tragen, bildeten
+mit drei ordinairen Rohrstühlen und einem mit der Axt zugehauenen Tisch,
+das ganze Hausgeräth. Auf dem Tisch lag aber ein schneeweißes Tuch
+ausgebreitet, blanke zinnerne Teller und Blechbecher, die ihnen ordentlich
+entgegen blitzten, standen darauf, und eine riesige Kaffeekanne wie ein
+großer steinerner Krug voll Milch schienen die Gäste schon lange erwartet
+zu haben.
+
+»So Kitty, trag auf was Du hast« sagte Ezra Ludkins in englischer
+Sprache, ohne sich auch nur die Mühe zu geben der Frau guten Tag zu
+bieten, »die Herren hier sind schon seit Tagesanbruch auf und draußen,
+und werden Hunger haben -- keine süßen Kartoffeln?«
+
+»Ja wohl Mr. Ludkins« sagte die junge Frau -- »wenn die Herren
+niedersitzen wollen, es ist Alles bereit.«
+
+Der Professor hatte wirklich Hunger bekommen, und ein braunes
+kuchenartiges Gebäck, das ihm aus der einen Schüssel warm entgegenduftete,
+sah so einladend aus, daß er selbst die Examination des inneren Hauses
+bis auf weiteres verschob, und der freundlichen Einladung, von Hopfgarten
+gefolgt, rasch nachkam. Nur der Weber blieb verlegen in der Thür stehn
+und betrachtete sich höchst aufmerksam das große Baumwollen-Spinnrad das
+unfern davon, mit der weißen Flocke noch am aufgewickelten Garn hängend,
+in der Ecke stand. Er dachte gar nicht daran sich mit dem Professor,
+seinem jetzigen Herrn, und dem Herrn Baron aus der Cajüte, an einen
+Tisch zu setzen.
+
+»Nun Mister?« sagte der Pensylvanier -- »keinen Hunger? kommen Sie her
+und fallen Sie zu; hier ist Ihr Platz.«
+
+»Oh ich bitte -- ich kann ja warten« stammelte der Mann.
+
+»Warten? -- weshalb; hier haben wir alle Platz.«
+
+»Aber die Madame« meinte Brockfeld, denn es war allerdings nur noch ein
+Sitz am Tisch frei.
+
+»Kitty? -- die ißt nachher -- kommen Sie nur es wird kalt.«
+
+»Machen Sie doch keine Umstände lieber Brockfeld« sagte ihm aber auch
+jetzt der Professor freundlich -- »hier sind wir nun einmal in Amerika,
+und wo uns da etwas geboten wird müssen wir zulangen.«
+
+»Nun wenn Sie denn befehlen« sagte der Weber, dessen Weigerung fehlender
+Appetit keineswegs verschuldet hatte, und über ein rundes wunderliches
+Gestell, das wie ein abgesägtes Stück Baumstamm aussah und mit einem
+dünnen Bret übernagelt war hintretend, setzte er sich darauf und langte
+tüchtig mit zu.
+
+Den Mittelpunkt der Mahlzeit bildete übrigens ein groß mächtiges Stück
+warm aufgetragener Speck, von dem Ludkins jetzt, der hier förmlich zu
+Hause zu sein schien, große dicke Scheiben abschnitt und jedem vorlegte;
+eine dunkle Sauce wurde dabei herumgegeben, von der sich alle nahmen,
+und der Professor, der sich besonders viel von dem Brode zugelangt, dem
+ihm etwas zu fetten Braten damit nachzuhelfen, hatte seinen Speck kaum
+in die Brühe getunkt und zum Munde geführt, als er die Gabel auch
+erschreckt wieder absetzte, niederlegte und an zu lachen fing.
+
+»Ich habe aus Versehn _Syrup_ zu meinem Fleisch genommen,« sagte er
+dabei schmunzelnd, »das hätte doch curios schmecken sollen.«
+
+»Du hast noch keinen Syrup? -- oh, #beg your pardon#, hier steht er,«
+sagte Ezra freundlich.
+
+»Essen Sie Syrup zum Speck?« frug der Professor, eben nicht angenehm von
+der neuen Kost überrascht.
+
+»Thust Du das _nicht_?« frug der Pensylvanier mit einem halb ungläubigen
+Lächeln.
+
+Die Fremden glaubten sich aber keine Blöße geben zu dürfen und langten
+von da an, ohne irgend eine Einwendung zu machen, wacker zu; aber auch
+das wunderschön aussehende Gebäck mit dunkelgelber krustiger Rinde, das
+dem schönsten Sandkuchen glich, erwieß sich als etwas sehr trockenes,
+bröckliges Maisbrod, das genau so schmeckte als ob wirklicher Sand
+dazwischen wäre, und nur auch in der That mit dem sehr fetten Fleisch
+genießbar schien. Auch gegen die sogenannten _süßen_ Kartoffeln hatten
+sie, schon des Namens wegen, eine Art Widerwillen zu überwinden, und der
+_gebratene_ Speck, den die Amerikaner zum _Gekochten_ aßen, konnte den
+nicht zerstören.
+
+Nichts destoweniger ging die Mahlzeit besser vorüber als sich den
+Umständen nach erwarten ließ. Die Leute waren eben _hungrig_, und da
+schmeckt Manches gut, was der gesättigte Magen selbst mit Widerwillen
+zurückweisen würde; so mit dem heißen Kaffee dazu, standen sie auch
+gesättigt vom Tische auf, ohne übrigens von der Amerikanischen
+Farmerskost, von der sie hier die erste Probe bekommen, sonderlich
+erbaut zu sein.
+
+Vor allen Dingen besichtigten sie jetzt die Gebäude, fanden da aber
+allerdings noch viel zu wünschen übrig, denn die kleine Hütte,
+in der sie gegessen, mit einer Art Speisekammer daneben machte den
+Hauptbestandtheil derselben aus. Dann stand noch ein Maisschuppen etwa
+dreißig Schritt vom Haus entfernt, und eine Entschuldigung für einen
+Stall, ein offenes Gestell, eben nur nothdürftig gedeckt und kaum im
+Stande das dahineintretende Vieh gegen einen Nordweststurm zu schützen,
+da es jedem anderen Winde preisgegeben blieb. Aber die Summe für das
+Ganze war auch, wenigstens nach Europäischen Begriffen nicht hoch. Das
+schon vom Staat gekaufte Land sollte nur sieben Dollar der Acker kosten,
+wobei allerdings das Urbarmachen selbst wie die errichteten Fenzen und
+Hütten besonders zu bezahlen waren. Aber auch die Erndte selber mit dem
+dazu gehörigen Vieh, einige zwanzig Rinder, vielleicht vierzig Schweine
+und zwei Pferde nebst vier Zugochsen erbot sich ihm der Amerikaner
+billig zu überlassen -- einzig und allein nur weil sein Sohn »nach dem
+Westen» zu ziehn beabsichtige, und er selber von der Stadt aus die
+Bebauung des Platzes nicht leiten könne, auch wirklich zu viel mit
+seinen städtischen Einrichtungen zu thun habe, und zu viel Geld dort
+brauche zu allen beabsichtigten Anlagen.
+
+Die für Vieh und andere Einrichtungen geforderten Preise kamen dem
+Professor, wie auch Herrn von Hopfgarten und dem Weber mäßig vor; jedoch
+wollte der Erstere keinesfalls abschließen ohne mit seiner Frau vorerst
+darüber gesprochen und ihr den Platz ebenfalls gezeigt zu haben;
+überdieß konnte er gar nicht dort einziehn ehe noch ein anderes
+Blockhaus dicht neben dem schon stehenden errichtet wäre, dem man dann
+zwei Abtheilungen geben, und die Familie wenigstens so lange darin
+unterbringen konnte, bis er selber im Stande war ein bequemes, und
+seinen Wünschen wie Bedürfnissen entsprechendes Wohnhaus aufzurichten.
+
+Nach allen Einrichtungen, die er sich übrigens schon im Geist machte,
+schien der Professor mehr als halb gewillt die Farm, die er jedoch noch
+zu einem mäßigeren Preis zu bekommen hoffte, zu kaufen. Er konnte ja
+doch auch nicht mit seiner ganzen Familie und der nun einmal engagirten
+Dienerschaft im Lande herumziehn, wo er jedenfalls beinah soviel verzehrt
+hätte, als das ganze Land hier, mit Wohnungen und Vieh kostete -- und
+die Familie hier lassen, während er allein reiste, war fast eben so
+mislich. Das Bedürfniß einen Platz zu haben den er sein nannte, und wo
+er anfangen konnte zu wirken und zu schaffen, kam dazu, und als er auf
+dem Heimweg, während der Pensylvanier mit dem Weber vorausritt, mit
+Herrn von Hopfgarten darüber sprach, und dieser ihm rieth doch am Ende
+nicht zu rasch in einer so wichtigen Sache zu handeln, vertheidigte er
+den Kauf schon, selbst nur den dritten Theil der Hoffnungen angenommen
+die der Amerikaner mit solcher Zuversicht über den Wachsthum der kleinen
+Stadt ausgesprochen hatte, auf das Lebendigste.
+
+Von dem Kaufpreis wollte nun aber Ezra Ludkins Nichts herunter lassen;
+er behauptete schon die billigste Summe angegeben zu haben. Dem Professor
+aber zu beweisen wie er gern erbötig sei Alles in seinen Kräften
+stehende zu thun ihn zufrieden zu stellen, erbot er sich ihm, wenn
+sie sich über den Kauf einigten, noch ein solches Blockhaus an der
+bezeichneten Stelle _unentgeldlich_ neu aufzurichten, wie ebenfalls ihn
+so lange bis das hergestellt sei mit der eigenen Familie, während der
+Weber gleich hinaufziehen sollte mit arbeiten zu helfen ohne weitere
+Bezahlung dafür zu nehmen, zu verköstigen.
+
+Das war ein Vorschlag zur Güte, und am zweiten Tag, nachdem die Frau
+Professorin -- zum ersten Mal in ihrem Leben im Sattel -- auf dem
+vollkommen gutmüthigen Pferd ihrer Wirthin, mit ihrem Mann und dem
+Pensylvanier nochmals hinübergeritten war den Platz in Augenschein zu
+nehmen, wurde der Handel zwischen Ezra Ludkins und Professor Lobenstein
+abgeschlossen, und der Professor -- war Farmer in Indiana.
+
+Von Hopfgarten konnte im Ganzen nicht viel dagegen einwenden, obgleich
+es ihm -- er wußte eigentlich selber nicht recht weshalb -- doch ein
+gewissermaßen unbehagliches Gefühl war, die Damen in _den_ Häusern, die
+sie da oben gefunden, als Bewohnerinnen zurückzulassen. Die Wirklichkeit
+war doch, so sehr er sich dagegen sträubte einzugestehn er wäre mit zu
+poetischen Ansichten nach Amerika gekommen, hinter seinen Erwartungen
+zurückgeblieben, und die blanke Thatsache der Blockhäuser mit dem
+schauerlichen Speck und Syrup ließ sich eben nicht fortphantasiren. Er
+selber hatte sich aber auch schon länger hier aufgehalten, als es im
+Anfang seine Absicht gewesen, denn er wollte vor allen Dingen nach
+Cincinnati, von da nach den Seen hinauf und den Niagarafall besuchen,
+und dann zurück nach New-Orleans, wo er sein meistes Gepäck gelassen, um
+von dieser Stadt eine weitere Tour nach dem Westen zu unternehmen. Jetzt
+war hierzu, besonders die nordische Reise abzumachen, die günstigste
+Jahreszeit, denn der sogenannte Indianische Sommer, der in Nordamerika
+ziemlich den ganzen Herbst umfaßte und einen wolkenleeren blauen Himmel
+über October und November, ja nicht selten bis über die Hälfte des
+December spannte, lag mit seiner wundervollen Reine und Frische auf dem
+Land. Konnte er in diesem seine nördliche Tour beendigen, so blieb ihm
+der ganze Winter für die südliche Reise, und er war dann vielleicht im
+Stande im nächsten Frühjahr -- der erste Eindruck mußte doch kein so
+günstiger gewesen sein, daß er schon wieder an die Abreise dachte
+-- nach Europa zurückzukehren.
+
+Vorher aber hatte er noch etwas auf dem Herzen, dessen er sich erst vor
+allen Dingen entledigen mußte, und zwar Befürchtungen, die in ihm -- er
+wußte sich selber keinen bestimmten Grund dafür anzugeben -- gegen Henkels
+Charakter aufgestiegen waren, und ihn mit Sorge für das Glück der jungen
+Frau erfüllten. Aber er scheute sich diesen in Gegenwart der Damen, die
+er vielleicht unnöthiger Weise ängstigte, Worte zu geben, hätte er nicht
+gerade ihrer Hülfe bedurft, Gewißheit zu erhalten. Den letzten Abend
+also, wie sie in Ludkins Inn beisammen saßen, brachte er zuerst das
+Gespräch auf die beiden jungen Gatten, und die auffällige Veränderung in
+dem ganzen Wesen der jungen, sonst so munteren und lebenslustigen Frau
+während der letzten Tage an Bord, und erst als ein Wort das andere gab,
+und Marie zuletzt gestand, daß der Abschied von der Freundin ihr einen
+unendlich schmerzlichen, ja unheimlichen Eindruck hinterlassen, rückte
+er selbst mit seiner Furcht heraus, und gab dadurch dem Verdacht, der in
+Mariens wie Annas Herzen bis dahin fast unbewußt gelegen, gleichfalls
+Worte.
+
+Vermuthungen und Combinationen halfen ihnen aber Nichts, sie mußten
+sich eben Gewißheit darüber verschaffen, und das war für jetzt nur
+schriftlich möglich. Es ließ sich auch denken, daß sich Clara, wenn ihr
+irgend etwas das Herz bedrücke, schriftlich eher gegen die Freundin
+aussprechen würde, als mündlich, Marie sollte ihr also deshalb schreiben
+-- Stoff und Grund hatte sie ja genug dafür, und rechtfertigte ihre
+Antwort dann den Verdacht, dann wollte von Hopfgarten, wenn er wieder
+nach New-Orleans hinunter kam -- ja _was_ er dann thun wollte, wußte er
+eigentlich selber noch nicht, aber Clara sollte doch wenigstens nicht
+ganz ohne Freund, von Allen vergessen, in der fremden Welt da stehn, und
+war Hülfe und Beistand nöthig, dann fand sich auch vielleicht ein Mittel
+ihn zu leisten.
+
+Henkel hatte dem Professor Lobenstein seine Adresse gegeben, die sich
+von Hopfgarten jetzt ebenfalls in sein Taschenbuch schrieb, und nicht
+allein versprach auf seiner Rückreise aus dem Norden hier wieder
+anzuhalten, sondern sogar seinen Koffer bei ihnen zurückließ, und nur
+seine Reisetasche mitnahm, durch überflüssiges Gepäck bei möglichen
+Abstechern bald dort bald dahin, nicht zu sehr behindert zu werden. Er
+wollte dann auf dem Rückweg, bis wohin jedenfalls eine Antwort von
+New-Orleans eingetroffen war, wieder Briefe mit hinunter nehmen, was
+ihm zugleich eine doppelte Einführung gab, und versprach selber auf
+das Ausführlichste zu berichten, wie er die Verhältnisse gefunden.
+
+Am liebsten wäre er nun freilich von hier zu Lande nach Cincinnati
+gegangen, das Innere mehr und besser in Augenschein nehmen zu können,
+die von Ezra Ludkins im Geist angelegten Schienenwege bestanden aber
+noch nicht; die Tour zu Pferde zu machen, dazu war er nicht Reiter
+genug, fürchtete sich auch, aufrichtig gestanden, nicht etwa vor
+Gefahren, die hätte er eher aufgesucht, nein vor dem Maisbrod und Speck
+der Farmer, was ihm gar nicht gemundet hatte, und beschloß also mit dem
+nächsten stromaufgehenden Dampfboot seine Reise rascher und bequemer
+fortzusetzen.
+
+Das kam aber schon am nächsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang, und ehe
+Hopfgarten selber im Stande gewesen war seine Toilette ordentlich zu
+beenden und sich bei den Damen zu empfehlen. Versäumen durfte er es aber
+auch nicht, und so, während der älteste Knabe des Pensylvaniers nach
+unten gelaufen war das Boot, das sie schon eine Zeitlang hatten stromauf
+dampfen hören, anzurufen und zum Beilegen zu bringen, stopfte er die
+schon bereit gelegten Sachen schnell in die Reisetasche, ließ sich durch
+Eduard, der ihn hinunter begleitete, noch seinen Eltern und Schwestern
+auf das Freundlichste empfehlen und wenige Minuten später Grahamstown
+mit all seinen Hoffnungen künftiger Größe hinter sich.
+
+Als das Boot eben um die nächste Biegung, oberhalb der Stelle wo die
+Stadt lag, einlenken wollte, sah er noch wie ihm Jemand mit einem weißen
+Tuche vom Hügelkamm aus nachwinkte, aber er konnte schon nicht mehr
+erkennen wer es war.
+
+
+
+
+Capitel 9.
+
+Das deutsche Wirthshaus zu New-Orleans.
+
+
+Die »Haidschnucke« hatte indessen, wie schon vorher erwähnt, ihren
+Passagieren gleich am ersten Tage angekündigt, daß sie sich nun, je eher
+desto besser, ihr Unterkommen an Land selber suchen sollten, da das
+Schiff nicht weiter verpflichtet sei für sie zu sorgen. Fast alle waren
+auch, so rasch sie nur ihr Gepäck bekommen konnten, von Bord gegangen,
+selber froh, dem Schiffsleben mit seiner groben monotonen Kost endlich
+enthoben zu sein; nur einige der ärmeren Familien, und unter ihnen
+wunderbarer Weise die Oldenburger, die unterwegs gerade am meisten und
+lautesten über Kost und Behandlung raisonnirt, und sogar häufig davon
+gesprochen hatten die Schiffsrheder, wenn sie nur erst in New-Orleans
+wären, für nicht erfüllte Versprechungen zu verklagen, zeigten noch
+nicht die mindeste Lust sich durch Hinüberschaffen ihrer Kisten an Land
+von dem Fahrzeug zu trennen.
+
+Sie waren, der Sprache natürlich nicht mächtig, von dem sie überall
+umwogenden Menschen-Gewühl wie betäubt, den ganzen Tag in den Straßen
+der ungeheueren Stadt förmlich umher getaumelt, und nur hie und da mit
+anderen Deutschen, in gleichen Verhältnissen zusammengetroffen, die auch
+Arbeit suchten und ebenso wie diese der Meinung schienen, daß man sie
+ihnen auf der Straße anbieten würde. Hie und da fanden sie dabei irgend
+ein deutsches Schild über einer Thür, das entweder einem Wirthshaus oder
+Kleiderladen gehörte, und dort sprachen sie dann vor, wollten sich nach
+den Verhältnissen des Landes erkundigen und wurden, wenn sie in dem
+einen Nichts verzehrten, oder in dem andern Nichts kauften, wenn auch
+nicht mit groben, doch sehr kurzen Worten abgefertigt. So verging der
+Tag, und kleinlaut und niedergeschlagen kehrten sie Abends an Bord
+zurück.
+
+Capitain Siebelt dachte aber viel zu menschlich und vernünftig die
+Leute, besonders da sie Familien hatten, wirklich gleich hinauszujagen;
+auf die paar Mahlzeiten, die ihnen noch gegeben wurden, kam es nicht an,
+der Koch war an dem Tag auch noch darauf eingerichtet, und Abendbrod und
+Frühstück wurde ihnen gern und ohne weiteres Wort gegeben; aber der
+nächste Morgen brachte ihnen keine besseren Aussichten. Vergebens
+wandten sie sich an Alles was nur deutsch sprach und ihnen in den
+Weg lief, Arbeit zu bekommen. »Vor drei Monaten, ja,« so wurde ihnen
+fast überall die Antwort, »wie die Krankheit Alles hinaustrieb aus
+New-Orleans, was eben nicht zu bleiben gezwungen war, da hätten sie
+Arbeit bekommen können, Arbeit und Lohn, so hoch sie ihn nur fordern
+sollten -- bis man sie selbst nach Pottersfield hinausgefahren -- aber
+jetzt waren die Tausende mit anderen Schaaren aus dem Norden wieder
+zurückgekehrt, und Arbeit war schon noch zu bekommen, aber eben nicht
+mehr so leicht; man mußte Geduld haben.
+
+Geduld -- ja das ist ein ganz gutes Wort, wenn die Gewißheit eines
+Erfolgs dahinter sitzt, und der Mensch eben bis dahin, neben seiner
+Geduld _Brod_ hat, davon zu zehren; wo das aber fehlt, und der fremde
+Einwanderer sich zum ersten Mal in seinem Leben ganz allein auf sich
+selber angewiesen sieht, und mit Schrecken fühlt daß er sich eben auf
+sich selber, ohne andere Hülfe, gar nicht verlassen kann, da ist's dann
+freilich eine misliche Sache um die Geduld, und das Menschenherz verzagt
+da nur zu oft, und glaubt sich gleich vom ersten Ansprung ab verloren.
+
+Der Capitain hätte die Leute aber selbst am nächsten Tag noch nicht
+fortgetrieben, und ihnen, wenn auch nicht mehr besonders für sie gekocht
+werden konnte, doch wenigstens Schiffszwieback und etwas kaltes Fleisch
+geben lassen, wenn sie nicht gleich ein Unterkommen finden konnten; der
+Steuermann aber, der sich gerade über diese Burschen die ganze Reise
+hindurch am meisten geärgert, weil ihnen auch gar Nichts recht gemacht
+werden konnte, und kein Essen gut genug war, selbst wenn sich niemand
+Andres darüber beklagte, ließ sich am dritten Morgen auf keine weiteren
+Unterhandlungen mit ihnen ein, befahl den Matrosen die Kisten und
+Kasten, die schon an Deck standen, da das Zwischendeck abgebrochen
+wurde, ohne weiteres auf die Levée zu schaffen, und erklärte dann den
+bisherigen Passagieren daß sie von diesem Augenblick an nichts weiter
+von der Haidschnucke zu erwarten hätten -- »er wolle ihnen nicht
+zumuthen ihr faules Brod und stinkiges Fleisch, den ranzigen Speck und
+den dünnen Thee noch länger zu kauen und hinterzuschlucken.«
+
+Das war wenigstens deutlich, und die Frauen weinten und baten den
+Capitain, als er von Land zurück kam, um Gottes Willen sie nicht
+hier im Elend sitzen zu lassen, sondern lieber wieder mit zurück nach
+Deutschland zu nehmen, wo sie arbeiten wollten Tag und Nacht, ihre
+Passage abzuverdienen -- nur daß sie hier nicht in dem fremden Land auf
+der Straße verderben und umkommen müßten.
+
+Schiffscapitaine haben sonderbarer Weise sehr häufig eine höchst
+ungünstige Idee von dem Inneren Amerikas, das sie nur in sehr seltenen
+Fällen zu sehn bekommen, denn da ihnen häufig Matrosen desertiren, sind
+sie so daran gewöhnt diesen das schrecklichste Schicksal und Hunger und
+Elend zu prophezeihen, daß sie ihre eigenen Prophezeihungen zuletzt
+wirklich selber glauben. Sie fühlen dabei nicht selten ordentlich eine
+Art von Mitleid mit all den unglücklichen Schlachtopfern, die sie in
+das fremde Land transportiren müssen, und die ihrem Elend da höchst
+wahrscheinlich schnurstracks entgegenlaufen; sie aber wieder mit
+zurückzunehmen, so weit lauten ihre Instruktionen nicht, und die Leute,
+die vorher alles Mögliche gethan haben nur von Deutschland nach Amerika
+hinüber zu kommen, müssen nun auch sehen wie sie hier drüben »fertig
+werden.«
+
+Es ist ein schmerzlich, wehmüthiges Gefühl, in Deutschland die langen Züge
+armer Auswanderer zu sehn, die, das Herz wohl voll frischer Hoffnungen,
+aber dabei nur zu oft mit Mangel und Noth kämpfend, die Heimath mit Frau
+und Kindern verlassen, in die Fremde zu ziehn. Unpraktisch dabei bis zum
+Äußersten, scheu und schüchtern vor Jedem, der einen besseren Rock trägt
+wie sie, herumgestoßen und geprellt, so lange noch etwas aus ihnen
+herauszupressen ist, in der dritten oder vierten Klasse der Eisenbahn,
+wenn sie so viel Geld erschwingen können, oder zu Fuß mit den schweren
+Packen auf den Rücken oder den Kindern auf dem Arm, _arbeiten_ sie sich
+dem Hafenplatz zu, das Schiff zu erreichen; und wenn sie dann dort am
+Strande sitzen und des Bootes harren, das sie hinüber führen soll zum
+großen Schiff, möchte man weinen über die Unglücklichen, die die Gräber
+ihrer Väter verlassen haben in Schmerz und Kummer, und die Scholle jetzt
+meiden müssen, an der ihr Herz mit allen Fasern hängt.
+
+Und doch ist _der_ Augenblick, so schrecklich das auch klingt,
+beneidenswerth und glücklich im Vergleich mit dem, wo sie das neue
+Vaterland betreten haben, und rathlos -- trostlos, verzweifelnd an
+seinem Ufer stehn -- Fremde, Ausgestoßene an einer Küste, von der es
+keinen Rückweg für sie giebt.
+
+Als sie die Heimath verließen, und wenn das auch in Sorg' und Noth
+geschah, ihr Herz war doch voll Hoffnung und schlug dem neuen Vaterland
+in freudiger Zuversicht entgegen. »Wir wandern aus!« in dem Bewußtsein
+lag ihnen reicher Trost für Alles was sie hier traf und niederdrückte.
+Alle Beschwerden, die sie ertragen mußten, der Schmerz der Trennung
+von ihren Lieben, von dem eigenen noch so kleinen Heerd, verschwand nur
+in dem einen Wort: _Amerika_! und hinter ihnen lag aller Gram und Kummer,
+wenn nicht vergessen oder leicht und herzlos abgeschüttelt, doch
+gemildert von dem frohen Licht, das ihre eigene Phantasie, die
+Zuversicht, mit der sie hoffend dem neuen Leben entgegen gingen,
+darüber warf.
+
+Viele malen sich dann noch das Land mit bunten Farben aus, Luftschlösser
+steigen empor mit Zauberschnelle, die eigenen wie der Freunde Herzen
+tröstend, betäubend -- Amerika, oh nur den Fuß erst dort an Land gesetzt
+und Alles, Alles ist vorbei, was sie da noch mit Sorge, Ängsten füllen
+könnte.
+
+_Und dort?_ -- zerknirscht, gebrochen, mit _jeder_ Hoffnung geknickt,
+da ihnen nicht beim ersten Landen gleich der Amerikaner froh die Arme
+öffnet, von den Fremden unbeachtet, von ihren Landsleuten verlassen,
+zurückgestoßen, stehen sie da, jedes Trostes baar, Enttäuschung, Reue,
+Angst in den bleichen Zügen, und die wogende kalte Menschenmenge sehn
+sie vorüber drängen, wie der Schiffbrüchige, der sich auf nackten
+Felsen gerettet vor dem augenblicklichen Tod, die blitzenden Wellen
+vorbeiströmen sieht, und nicht den Muth hat, mit starkem Arm und mit
+entschlossenem Muthe sich dahineinzuwerfen und die Fluth zu theilen. Oh
+es zerreißt Einem das Herz, die Unglücklichen so da stehn zu sehen, und
+nicht helfen zu können _aller_ Noth.
+
+Wenn sie aber unrecht hatten, im alten Vaterland sich blind und
+leichtsinnig zu wilden überspannten Hoffnungen hinzugeben, so haben sie
+das doppelt jetzt, wo gleich beim ersten Anlauf der erste Sprung nicht
+etwa schon misglückt ist, nein wo sie noch gar nicht einmal zum Sprunge
+angesetzt, und nun jenen schmalen Küstenstreifen, auf dem fast täglich
+hunderte von Auswandern landen und in dem Menschenstrom spurlos,
+unbeachtet verschwinden, für das Land selber halten.
+
+Der Hafenplatz ist erst die Brandung der neuen Welt, die Bank an der
+sich alle Wellen brechen, wild und toll aufschäumend dabei, einander
+überstürzend, wieder hebend. Durch die hindurch muß erst der Auswanderer
+den schwanken Kahn zum Ufer führen, und darf sich nicht durch das wilde
+Tosen derselben betäuben, entnerven lassen; ruhig nur das Steuer in der
+Hand, und fest den stürzenden Wellen auf den Kamm geschaut, der Gefahr
+zu entgehn, den günstigen Moment zu benutzen, muß er stehn, nicht blos
+vorn im Bug sitzen, die Hände im Schooß, und die Blicke verzweifelnd
+in die Wolken gerichtet. Hat er den Muth gehabt sich von der Heimath
+loszureißen, darf er sich jetzt auch nicht davor fürchten ein wenig
+herüber und hinüber gestoßen zu werden. Das ist ein Übergang, und ein
+Jahr später nur und er stößt selber mit.
+
+Ein Bild trostloser Niedergeschlagenheit saßen die Oldenburger aber, so
+gewaltsam hinausgestoßen in die Welt, auf ihren Kisten an der Levée, die
+Männer mit den Händen in den Taschen, an die Hessen denkend, die sie
+weiter oben in ähnlicher Lage gesehn, und gleich verzweifeltes Loos für
+sich erwartend, die Frauen ihre Kinder im Arm, die Augen voll Thränen,
+die Herzen voll Kummer und Sorge für die Zukunft.
+
+»Hallo Ihr Leute, Ihr sitzt ja da als ob Euch die Petersilie verhagelt
+wäre« sagte da plötzlich eine freundliche Stimme, in rein deutschem
+Dialekt -- »ist Euch Jemand gestorben oder habt Ihr Euer Geld in den
+Strom fallen lassen?«
+
+»Gestorben ist Niemand, und unser Geld fällt schon nicht weg; dafür
+sind wir sicher!« sagte der eine der Leute den Fremden finster und
+mistrauisch betrachtend, denn was sie bis jetzt von ihren Landsleuten
+gesehn, war gerade nicht geeignet sich sehr nach ihrer weiteren
+Bekanntschaft zu sehnen. Nur die Frauen schauten rasch und halb voll
+Hoffnung zu dem _Deutschen_ auf, der sie so freundlich angeredet, und
+dabei so anständig in feiner weißer Wäsche und breiträndigem Strohhut,
+mit einer großen goldnen Uhrkette über die feingestreifte Weste,
+gekleidet ging.
+
+»Oh Ihr wartet wohl auf einen Wagen, Euer Gepäck in die Stadt hinauf zu
+bringen« sagte aber der Deutsche wieder -- »habt Ihr schon ein
+Kosthaus?«
+
+»Kosthaus« -- wiederholte der eine der verheiratheten Männer mit einem
+kaum unterdrückten Seufzer und einem halbscheuen Blick nach Frau und
+Kind -- »Kosthaus -- ich möchte wissen was uns ein Kosthaus helfen
+sollte -- wenn wir nur erst einen Platz wüßten wo wir überhaupt Kost
+bekämen, das Haus wollten wir ihnen gern schenken.«
+
+»Oh, _so_ stehn die Sachen?« lachte der Deutsche wieder -- »Ihr habt
+kein Geld? -- ja dann müßt Ihr freilich arbeiten.«
+
+»Habt Ihr Arbeit?« riefen die Männer rasch und zugleich.
+
+»Ich gerade nicht« lachte der Deutsche, »aber wenn Ihr _die_ haben
+wolltet, die wäre leicht genug zu bekommen.«
+
+»Aber wo?« rief der Erste von den Oldenburgern wieder, »wir haben uns
+schon fast die Schuhsohlen abgelaufen durch die Stadt, und Niemand hat
+uns haben wollen.«
+
+»Haben wollen« sagte der fremde Deutsche kopfschüttelnd -- »Ihr seid
+nicht an die rechte Schmiede gegangen, das ist die ganze Geschichte; da
+möcht' ich die größte Wette eingehn, daß ich Euch alle miteinander in
+drei Tagen unterbrächte. Was habt Ihr für ein Geschäft?«
+
+»Geschäft? -- wir sind Bauern.«
+
+»Bauern? -- hm, das ist allerdings schon schwieriger, aber für eine
+Weile könntet Ihr auch schon einmal was anderes angreifen. Wenn der
+Mensch Lust hat geht Alles.«
+
+»Hier werden wir auch wohl noch gefragt werden ob wir Lust haben«
+brummte der Erste wieder.
+
+»Aber wo ist die Arbeit zu kriegen?« frug jetzt eine der Frauen, »lieber
+Gott wir wollen ja gerne arbeiten, wenn wir nur für uns und die Kinder
+Brod haben.«
+
+»Brod?« lachte der Fremde, »um Brod allein wird man auch hier eine Hand
+regen -- wenn nicht Fleisch und Gemüse und Kaffee wie das sonst Nöthige
+dabei ist, soll's der Henker holen; für Brod allein würden wir hier
+wenig Arbeiter bekommen. -- Aber hier auf der Straße könnt Ihr doch nicht
+liegen bleiben« setzte er dann hinzu, indem er seine Uhr aus der Tasche
+nahm und nach der Zeit sah; »es ist jetzt eben halb zwölf, wenn Ihr Euch
+dazu haltet, könnt Ihr noch gerade zum Mittagsessen im Gasthaus sein.«
+
+»Mittagsessen« seufzte aber eine der Frauen -- »die paar Groschen die
+wir noch haben, dürfen wir nicht für Mittagessen hinauswerfen, wer weiß
+ob nicht Einer von uns krank wird in dem fremden Land, und dann brauchen
+wir sie nöthiger.«
+
+»Ja krank -- jetzt wird Niemand hier mehr krank« lachte der Deutsche,
+»jetzt haben wir hier die gesunde Zeit, da ist's in New-Orleans besser
+wohnen wie in New-York. Aber Ihr braucht kein Geld um in ein Wirthshaus
+zu gehn.«
+
+»Na, umsonst werden sie uns auch nicht hier füttern.«
+
+»Nein -- das würdet Ihr auch gar nicht verlangen« sagte ihr neuer
+Freund ganz unbefangen, »aber Ihr geht ganz einfach in das erste beste
+Gasthaus, stellt Eure Sachen dort ein, eßt und trinkt was Ihr braucht,
+und zahlt so bald Ihr könnt. Glaubt Ihr denn nicht daß so etwas alle
+Tage hier vorkommt?«
+
+»Ja aber wo würden sie uns denn da so aufnehmen« frug der Mann
+verwundert.
+
+»Wo? ich sage Euch ja im ersten besten Gasthaus -- ich gehe mit Euch
+die nächste Straße hinunter, und ich wette wir sind noch keine tausend
+Schritt gegangen, so seid Ihr zu Haus und könnt Euere Beine unter einen
+gedeckten Tisch strecken.«
+
+»Du, das ist Einer von denen wo sie uns in Deutschland von erzählt
+haben« flüsterte der eine dem anderen Bauer zu, »daß sie den Deutschen
+auflauern und sie seelenverkaufen.«
+
+»_Schaafskopf_ verkaufen hätte ich bald gesagt« brummte aber der Andere
+eben so leise -- »ein gedeckter Tisch wird unseren Seelen wahrhaftig
+keinen Schaden thun -- ich glaube nur nicht daß er's kann.«
+
+»Aber wenn es nun doch Einer von denen ist, die einem armen Auswanderer
+auch das Letzte abjagen was er mitgebracht hat?«
+
+»Und was soll er _uns_ denn etwa abjagen, unser Geld? -- da wird er sich
+schneiden, und unsere Sachen? -- die dürfen sie uns nicht nehmen, das
+leidet die Regierung nicht.«
+
+»Ja die Regierung wird sich was d'rum kümmern« meinte der Erste wieder.
+
+»Na adieu Ihr Leute« sagte der Mann jetzt, indem er sich den Hut etwas
+fester in die Stirn drückte, und sich abdrehte, als ob er gehen wollte,
+»ich sehe es gefällt Euch hier auf der Levée, und hier in Amerika kann
+Jeder thun was er will; hier sind wir Alle freie Leute.«
+
+»Aber warten Sie doch nur noch einmal einen Augenblick« rief die eine
+der Frauen ängstlich und besorgt -- »lieber Gott, wenn Sie uns Arbeit
+verschaffen könnten, die wollen wir ja doch gar so gerne haben; sagen
+Sie uns nur _wie_.«
+
+»Ja Kinder aus dem Ärmel kann ich sie auch nicht schütteln« lachte
+der Fremde, »aber ich habe eine Menge Bekannte hier, die viel Leute
+brauchen, und am liebsten Deutsche anstellen, und wenn Ihr Euch eben,
+wie ich das wohl glaube, keiner Arbeit scheut, so sollt Ihr da bald
+untergebracht sein, und zwar nicht etwa wie in Deutschland mit sechzehn
+oder achtzehn Thaler Lohn _jährlich_, und einer Kost die man hier kaum
+seinen Schweinen vorwerfen würde, sondern mit drei Mal Fleisch täglich,
+wie es überall Sitte ist, und mit Kaffee Morgens und Abends Thee.
+
+»Und da sollen wir so lange in das Wirthshaus gehn?«
+
+»Wenn Ihr lieber hier auf der Levée sitzen bleibt kann's mir auch recht
+sein« lachte der Mann, »wenn Euch aber Euere Kinder hier krank werden,
+könnt Ihr einem Doktor eben so viel bezahlen nach ihnen zu sehn, wie Ihr
+in Deutschland das ganze Jahr verdient habt -- nachher ist Euer Geld gut
+angelegt. Aber wie gesagt, Jeder thut hier was ihn freut. Ich will mich
+aber doch für Euch nach Arbeit umsehn, und wenn Ihr hier bleiben wollt,
+so komme ich morgen oder übermorgen wieder her, und sage Euch Antwort.«
+
+»Darf denn einmal Einer von uns mit Ihnen gehn?« frug da der Erste
+wieder, »daß wir nur erst einmal den Platz finden wo sie uns aufnehmen,
+denn unsere Sachen möchten wir nicht in Versatz geben; man weiß nachher
+nicht wie's wird.«
+
+»Aber Euere Sachen müßt Ihr doch unter Dach und Fach bringen« lachte der
+Mann, »seid Ihr närrische Burschen! die könnt Ihr doch nicht derweile
+vor die Thür setzen, und wenn Ihr eine ganze Woche alle zusammen im
+Wirthshaus läget, zahlte die nächste Woche Arbeitslohn Euere sämmtlichen
+Schulden.«
+
+»Und was bekommt man hier den Monat?«
+
+»Das geht hier nicht Monatweis, das geht nach dem Tag; die Leute die an
+der Levée und auf den Dampfbooten arbeiten, bekommen einen Dollar #pr.#
+Tag.«
+
+»Ja, aber da brauchen sie Niemanden mehr.«
+
+»Seid Ihr überall an der Levée gewesen?« frug der Mann, »die Levée ist
+wohl sieben englische Meilen lang.«
+
+»Überall wohl nicht, aber doch an _vielen_ Plätzen.«
+
+»Nun ja, _vielen_, das will Nichts sage; nein ich werde Euch gleich eine
+#dray#[29] wie man hier sagt, oder einen Güterkarren besorgen, Euere
+Sachen in die Stadt zu schaffen, und dann sind wir in zehn Minuten
+untergebracht.«
+
+»Oh dazu brauchen wir keinen Karren« riefen aber die beiden; »die packen
+wir auf und tragen sie selber, wenn's weiter Nichts ist -- die Frauen
+tragen die zwei da, und wir die hier, mein Junge bleibt bei den Übrigen
+zurück und die holen wir dann nachher.«
+
+»Gut, wie Ihr wollt; aber Leute das muß ich Euch gleich sagen, lange
+Zeit kann ich hier nicht mehr stehn bleiben, denn ich habe noch viel zu
+thun, und hier schon mehr Zeit versäumt als ich vor meiner eignen
+Familie verantworten möchte. Wir haben hier ein Sprichwort in Amerika
+»Zeit ist Geld« und das werdet Ihr wohl noch ebenfalls kennen lernen.«
+
+Es bedurfte übrigens keines weiteren Zuredens von seiner Seite, denn den
+armen Teufeln, die sich noch vor wenigen Minuten vor Hunger und Noth
+gefürchtet hatten, stak der versprochene gedeckte Tisch jetzt im Kopf,
+auf dem sie im Geist jetzt schon alle geträumten Herrlichkeiten der
+neuen Welt aufgestapelt sahen, und nach kurzer Berathung untereinander
+griffen sie ihre großen, mit eisernen Henkeln versehenen Koffer auf und
+baten den Fremden, hinter dem sie gleich darauf herkeuchten, ihnen den
+Weg zu zeigen.
+
+Sie hatten nicht weit zu gehn; gleich die nächste Straße hinauf, die
+nach der Vorstadt Lafayette hineinlief, über die zweite Queerstraße hin,
+leuchtete ihnen schon von fern ein großes weißes Schild entgegen, auf
+dem mit großen schwarzen Buchstaben die Worte »_Deutsches Gasthaus zum
+deutschen Vaterland_« standen.
+
+»Dort ist gleich ein deutsches Wirthshaus; wollen wir anfragen?« frug
+sie ihr Führer.
+
+»Ja wenn Sie glauben« meinte der eine Oldenburger.
+
+»Eins ist so gut wie das Andere,« sagte Jener achselzuckend -- »setzt
+nur erst einmal Euere Kiste vor die Thür, und wir wollen hinein gehn und
+mit dem Mann sprechen; nachher könnt Ihr ja dann noch immer thun was
+Euch gut dünkt.«
+
+Dagegen ließ sich Nichts sagen, und die Männer betraten gleich darauf
+einen kleinen, ziemlich engen Saal, der als Schenkzimmer benutzt und
+durch einen etwas schmutzigen weißen Vorhang von dem nächsten Gemach, in
+dem sie viele Stimmen hörten, getrennt wurde. Ein Schenktisch war hier
+an der einen Seite aufgestellt, auf dem eine Masse umgedrehte leere
+Gläser und einige kleine Flaschen standen, während dahinter, auf langen
+Regalen, drei oder vier Reihen mit verschiedenen Spirituosen gefüllte
+gläserne Karaffen geordnet und mit dazwischengelegten Orangen und
+Citronen verziert waren. Hinter dem Schenktisch, oder der »#bar#« wie
+ein solcher Platz in Amerika genannt wird, stand ein junger stämmiger
+Bursche von vielleicht fünf oder sechs und zwanzig Jahren, mit glatt
+zurückgekämmten blonden Haaren, fast auffallend großen Ohren, stieren,
+aus dem Kopf ordentlich herausstehenden blauen Augen, und einem sehr
+runden, halb geöffneten Mund, was ihm ein sehr erstauntes überraschtes
+Aussehn gab, sonst aber so leicht und bequem an- oder vielmehr ausgezogen,
+wie das nur irgend möglich war. Er trug Sommerhosen und Weste, aber
+weder Rock noch Jacke, und die Hemdsärmel bis hoch über die Ellbogen
+aufgekrempelt, wobei er die sehnigen muskulösen Arme auf dem Schenktisch,
+etwas weit auseinander, aufgestemmt hatte, und mit vorgebeugtem Körper
+die Neuangekommenen gerade so anstarrte, als ob er sich nur erst einen
+von ihnen aussuchen und diesem dann augenblicklich auf den Hals springen
+werde.
+
+»Hallo Jimmy« rief der Fremde in ziemlich vertraulichem Ton, als er zwei
+von den Männern, die verlegen an der Thür stehn blieben, hier eingeführt
+hatte -- »wie gehts Mann, immer noch frisch und munter?«
+
+»Ja wohl Schentelmen« sagte Jimmy, drei frische Gläser auf dem Tisch
+umdrehend und die Frage etwa so beantwortend, als ob sich der Mann
+erkundigt hätte ob er noch etwas zu trinken habe -- »was Ihr Herz
+begehrt -- was solls sein?«
+
+»Nun ich nehme einen Gin cocktail«[30] sagte der Führer -- »und was
+trinkt Ihr, Leute? -- kommt nur herein, das geht jetzt in Einem hin, und
+trinken müssen wir doch.«
+
+Die Deutschen bedurften erst noch einer Nöthigung, während sie der
+Ausschenker oder #barkeeper#, wie diese Leute sämmtlich heißen, mit
+immer höher steigenden Augenbrauen und immer stierer werdenden Augen,
+ohne einen Blick von ihnen zu verwenden, anstarrte. Endlich entschlossen
+sie sich nach einem Glas Bier zu fragen, das sie durch eine ihnen
+merkwürdig erscheinende Vorrichtung aus einem Zinnrohre eingeschenkt
+bekamen, das mit einem niedergebogenen Schlauch versehn aus dem
+Schenktisch auflief, und durch ein hinter demselben angebrachtes
+Pumpwerk aus dem Keller, oder wenigstens dem in die Erde gegrabenen Faß
+herauf, gespeißt wurde.
+
+»Nun Jimmy trinkst Du Nichts?« sagte der Fremde.
+
+ [Illustration: Capitel 9.]
+
+»#Thank you#«[31] sagte Jimmy, füllte sich in ein Glas ein paar Tropfen
+Brandy, und goß es auf einen Schwung hinter, fuhr dann mit den geleerten
+Gläsern blitzschnell unter den Schenktisch in einen dort angebrachten
+Kübel mit Wasser, schwenkte und trocknete die Gläser, die wieder
+auf ihren alten Platz kamen, und seinen Händen dann eine gleiche
+Gefälligkeit erweisend stemmte er die Arme wieder wie vorher auf den
+Tisch und sagte:
+
+»#Two bits!#«[32]
+
+Der Fremde rief ihm aber auf Englisch ein paar Worte zu, welche die
+Auswanderer nicht verstanden und der #barkeeper#, der sie jetzt noch
+viel stierer ansah als vorher sagte plötzlich:
+
+»Hier boarden?«
+
+»Die Leute verstehn noch kein Englisch Jimmy, und wissen nicht was
+boarden ist -- _wohnen_ wollen sie hier allerdings -- habt Ihr Platz?«
+
+»#Lots#« lautete die lakonische Antwort.
+
+»Gut, dann zeigt ihnen einen Platz wo sie ihr Gepäck unterbringen und
+wohin wir die Frauen mit den Kindern schaffen können -- wie viel macht
+es die Woche #à person?#«
+
+»Drei Dollar ohne Bitteres --«
+
+»Unsinn, Bitteres, wenn sie trinken wollen zahlen sie's apart; sie
+werden auch schwerlich eine Woche hier sein, sondern gleich auf Arbeit
+gehn -- hier Nichts im Hause, Jimmy?«
+
+»Arbeit?« lachte der Barkeeper mit einem breiten Grinsen wobei ihm die
+Augen fast aus dem Kopf herausfielen -- »wir sind froh daß wir selber
+Nichts zu thun haben.«
+
+»Nun macht Nichts, wollen das schon besorgen -- Also schafft die Sachen
+nur hier herein, der Mann da wird Euch gleich eine Stelle zeigen, wohin
+Ihr sie bringen könnt, und Jimmy, seid so gut notirt es Euch -- sieben
+Personen« setzte er dann auf Englisch hinzu »und die vier Kinder können
+wir zwei rechnen.«
+
+»Alles in Ordnung Mr. Messerschmidt« antwortete ihm der #barkeeper#
+ebenso -- »doch Alles sicher?«
+
+»Alles --« sagte der Mann, der sich der Deutschen so freundlich
+angenommen, und dann sich wieder in ihrer Sprache zu ihnen wendend,
+setzte er hinzu -- »Euere Tochter da, werde ich wahrscheinlich selber
+bei einer entfernten Verwandten von mir unterbringen können, darüber
+bringe ich Euch aber erst morgen Antwort; unter der Zeit laßt es Euch
+übrigens wohl sein und macht's Euch bequem. Ihr habt hier ein eben so
+gutes Recht zu wohnen wie jeder Andere und bezahlt eben so gut dafür,
+ob nun das gleich baar auf den Tisch oder erst in drei oder vier Wochen
+ist, bleibt sich ganz gleich. So #goodbye# Jimmy -- adieu Ihr Leute
+-- ich werde morgen einmal wieder nachfragen wie es Euch geht.«
+
+Der Mann verließ mit einem freundlichen Kopfnicken gegen die Leute das
+Schenkzimmer, und die Oldenburger, von dem Barkeeper dazu angewiesen,
+vor dem sich die Kinder aber fürchteten, weil er ihnen heimlich
+Gesichter schnitt -- schafften bald ihre großen hölzernen Koffer mit
+Geschirr und Allem, seitwärts von der Hausthüre über einen engen Hof,
+eine schmale wacklige Stiege hinauf und in ein kleines Käfterchen, das
+der Mann ein Zimmer nannte, und wo fünf Betten so dicht neben einander
+aufgestellt waren, daß sie auch eben so gut als eines gelten konnten. In
+die mittelsten mußte man auch in der That über die beiden Eckbetten hin
+oder über ihre Fußenden hinübersteigen.
+
+Ungemüthlich genug sah der Platz ohne dem aus; die Betten waren noch
+nicht einmal gemacht, und das Bettzeug sah gelb und gebraucht aus,
+mit kleinen Blutflecken hie und da wie gesprenkelt, ein böses Zeichen
+vorhandenen Ungeziefers. Die Fenster waren ebenfalls seit Jahren nicht
+gewaschen, und die Spinnweben füllten die Ecken mit ihren Generationen.
+Zwischendeckspassagiere sind aber in der Art gerade nicht eigen, und
+an solche »Unbequemlichkeiten« wie sie es gewöhnlich nennen, noch vom
+Schiff aus viel zu sehr gewöhnt, wenigstens gleich in den ersten Tagen
+dagegen zu protestiren, besonders wenn sie wenig oder gar kein Geld
+bei sich haben, und sich dadurch gedrückt und nur geduldet fühlen. Die
+Oldenburger nun gar dachten nicht daran sich auch nur über das Geringste
+zu beschweren, hatten sie doch ein Dach gefunden unter dem sie gegen
+Regen geschützt lagen, und ein gedeckter Tisch war ihnen ebenfalls
+versprochen worden. Was konnten sie mehr verlangen, wo sie noch wenige
+Stunden vorher in Verzweiflung an der Levée draußen gesessen, und keinen
+Platz gewußt hatten ihr Haupt hinzulegen.
+
+Noch waren sie übrigens mit dem Ordnen ihres Gepäcks nicht einmal
+fertig, als eine Klingel unten tönte, und der Barkeeper wieder in
+das Zimmer stierte und ihnen ankündigte es wäre »zu Dinner gebellt
+worden.«[33]
+
+»Dinner gebellt?« rief der eine von den Männern erstaunt -- »_wir_ haben
+keinen Hund mit.«
+
+»Hund mit? -- wer spricht denn von einem Hund?« brummte aber der
+Barkeeper, »zu Dinner ist gebellt -- das Essen ist fertig und Ihr müßt
+Euch bereit halten; wenn's wieder läutet wird gegessen; aber die Männer
+kommen zuerst dran, und nachher die Weibsen mit den Kindern -- s'ist
+wegen dem Platz.«
+
+»Ja so« sagte der Mann, »nun versteh' ich's -- wir können noch kein
+englisch.«
+
+Der Barkeeper sah sie wieder eine ganze Weile, ohne eine Miene zu
+verziehen stier an, drehte sich dann um, schnitt dem jüngsten Kind ein
+so furchtbares Gesicht daß dieses laut aufschrie, und schlug dann die
+Thür hinter sich in's Schloß daß die Scheiben klirrten.
+
+»Ist das ein sonderbarer Mensch« rief die eine Frau, »und wie er spricht
+-- aber wir sollen jetzt zum Essen hinunter gehn -- ich fürchte mich
+ordentlich.«
+
+»Fürchten? -- vor dem Essen? na ja« sagte ihr Mann -- »ich möcht' mir
+lieber die Ärmel dazu aufstreifen, so 'nen Hunger hab' ich; aber kommt
+nur, da bimmelts schon wieder -- was der nur mit dem _Bellen_ wollte?«
+
+Es blieb ihnen indeß keine lange Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn
+die Glocke unten läutete allerdings schon wieder, und die Männer
+schlugen sich deshalb rasch den Staub ein wenig mit den Händen von den
+Ärmeln, dem Rockkragen und den Hosen vorn herunter, und stiegen die
+Treppe nieder, wo ihnen das merkwürdige Gesicht des Barkeepers, der
+seine Nase an einer der Fensterscheiben des vorderen Gebäudes breit und
+weiß drückte, und dadurch nur noch wunderlicher aussah, schon zunickte
+sie sollten machen daß sie herein kämen. Das ließen sie sich denn
+auch nicht zweimal sagen, und betraten gleich darauf einen ziemlich
+geräumigen Speisesaal, in dem eine lange Tafel aufgestellt, mit Speisen
+bedeckt, und schon auch fast vollständig von Gästen besetzt war.
+
+»Hallo die Oldenburger!« rief ihnen da eine bekannte Stimme vom anderen
+Ende der Tafel, wo noch ein paar freie Sitze waren, entgegen, »wo kommt
+_Ihr_ her, vom Schiff?«
+
+Die Leute schauten überrascht dorthin, und erkannten jetzt zu ihrem
+Erstaunen eine ganze Menge bekannte Gesichter an der Tafel, die, so
+wenig sie sich an Bord um sie bekümmert hatten, jetzt doch freundlich
+grüßend nach ihnen herübernickten, und ganz zufrieden damit schienen
+unter den vielen Fremden um sie her ebenfalls Bekannte zu treffen.
+
+In der That hatten sich aber wirklich ein paar ganze Coyen von den
+Zwischendeckspassagieren der Haidschnucke hier versammelt, von denen die
+meisten schon am ersten Morgen nach ihrer Ankunft, und zwar durch einen
+in der Stadt gefundenen Deutschen herrecommandirt, eingezogen waren.
+
+Herr Messerschmidt mußte in dieser Zeit ungemein thätig gewesen sein,
+und die Oldenburger sahen die Leute hier richtig wieder Coyenweis,
+alter Gewohnheit nach, neben einander sitzen und erkannten die Herren
+Steinert, Mehlmeier und Schultze, und neben diesen den schwärmerischen
+Theobald, während nur ein paar Stühle weiter, durch ein paar fremde
+Gesichter getrennt, auch Herrn Theobalds anderer Coyengenosse und
+Schlafkamerad der finstere schwarze Gesell der sich Meier an Bord
+nannte, Platz genommen. Aber seine Frau saß nicht neben ihm, obgleich
+mehrere andere Frauen zugegen und keineswegs, wie der Barkeeper gegen
+die Oldenburger angedeutet hatte, von der ersten Tafel ausgeschlossen
+waren.
+
+Diese ließen sich aber immer noch mit einer gewissen Scheu an dem, für
+ihre Begriffe kostbar besetzten Tische nieder; das verlor sich jedoch
+schon bedeutend nach der Suppe, und verschwand gänzlich wie sie die rege
+Geschäftigkeit der um sie her Essenden bemerkten, bis sie eben so tapfer
+zulangten als irgend Einer der Übrigen.
+
+Das Gespräch bei Tisch führte indessen fast allein ihr früherer
+Reisegefährte Steinert, der hier schon so zu Hause schien, als ob er
+seit Jahren Stammgast gewesen, und mit allen Leuten bei Tisch auch
+bekannt geworden sein mußte, denn er nannte sie sämmtlich bei Namen,
+und lachte und erzählte nach Herzenslust. Mehlmeier amüsirte sich dabei
+am meisten über seine Witze, die er aber etwas schwer begriff, und
+gewöhnlich erst dann an zu lachen fing, wenn die Übrigen das Erzählte
+schon beinah wieder vergessen hatten. Da er aber bei seinem Lachen ein
+sehr weinerliches Gesicht schnitt, merkten das nur seine nächsten
+Bekannten.
+
+Schultze beobachtete wieder nach seiner gewohnten Weise die ganze
+Tischgesellschaft, hielt, wenn das heimlich und unbemerkt geschehen
+konnte, seine aufgehobene und breitgedrehte Hand halb unter die
+verschiedenen Physionomieen und Profile und fuhr dann, wenn sich Einer
+der also auf's Korn genommen zufällig nach ihm umdrehte, so zusammen und
+griff rasch nach Messer oder Gabel oder seinem Glase, als ob er irgend
+etwas Böses begangen hätte und dabei erwischt wäre.
+
+Theobald auf der einen Seite und Meier auf der anderen sprachen bei
+Tisch kein Wort und beendeten, wie die meisten der Gäste, so rasch als
+möglich ihre Mahlzeit, und als Alle aufgestanden waren, wurden die
+Teller und Messer und Gabeln gewechselt, dann die Frauen und Kinder mit
+den Hausgenossen in den indeß von den Übrigen geräumten Speisesaal
+gerufen, und die zweite Tafel hielt, unter dem Vorsitz des Barkeepers
+der einen mächtigen Rinderbraten unter sie vertheilte, ihre Mahlzeit.
+
+Nach Tisch zerstreuten sich fast sämmtliche Gäste durch die Stadt, ein
+Theil seinen Geschäften nachgehend, ein anderer, der noch keine hatte,
+zum Vergnügen oder aus langer Weile durch die Straßen zu schlendern, die
+für sie des Neuen und Eigenthümlichen auch genug boten. Das Abendessen
+war auf sechs Uhr angesetzt worden, und verlief dann in eben der Ordnung
+wie der Mittagstisch, nur mit dem Unterschied daß die meisten der Gäste
+nicht mehr ausgingen, oder nach einem kürzern Spatziergang durch die
+Stadt oder über die Levée, die um diese Tageszeit den Sammelplatz
+der vornehmen Welt von New-Orleans bildet, wieder in das Gasthaus
+zurückzukehren, und dort bei einem Glase gutem französischen Wein oder
+schlechtem Cincinnati-Bier die Erlebnisse des Tages zu besprechen.
+
+Heute aber ging es besonders lebhaft in der kleinen, hinter dem
+Schenkzimmer gelegenen Gaststube her, denn der Dampfer von New-York
+war mit neuen deutschen Zeitungen eingetroffen, und den eben erst
+angekommenen Passagieren, die seit ihrer Abfahrt von dort auch keine
+Sylbe aus der Heimath gehört, war es besonders ein ganz eigenthümliches
+Gefühl, Berichte von Monate alten Daten als eben Geschehenes zu
+erhalten, und sich darüber zu freuen.
+
+Vor allem Anderen wurde die Politik durchgenommen -- die Leute durften
+sich hier eine Güte thun und frei und ungescheut über Verhältnisse
+schimpfen, denen sie dort entgangen waren; dann kamen die Hofnachrichten
+aus einem Königlichen Blatt, in dem die Privatnachrichten über die hohen
+und höchsten Herrschaften, und wann allerhöchst dieselben zu speisen
+geruht etc., etc., etc., laut vorgelesen und mit Jubel begrüßt wurden.
+Die Ordensverleihungen wurden ebenfalls laut und gewissenhaft vorgelesen
+bis die Leute die spaltenweisen Austheilungen satt bekamen und Anderes
+hören wollten.
+
+»Oh hören Sie auf mit dem Unsinn,« rief Herr Schultze endlich, sich die
+Hände reibend, »wir sind hier froh, daß wir nichts mehr damit zu thun
+haben; Herr Steinert, lesen Sie uns etwas Gescheuteres vor.«
+
+»Etwas Gescheutes verlangen Sie aus einer deutschen Zeitung sehr
+verehrter Herr Reisegefährte?« rief aber der Weinreisende über das Blatt
+nach ihm hinüber lachend, »da thut es mir leid Ihnen nicht willfahren zu
+können, ich müßte Ihnen sonst hinten die Subhastationen oder Steckbriefe
+vorlesen, von denen ich da drüben in der Weserzeitung eine ganze Menge
+gesehen habe.«
+
+»Apropos Steckbriefe,« rief Mehlmeier mit seiner feinen Stimme, »haben
+Sie wohl schon nachgesehn, ob sie dem armen Jungen keinen hinterher
+schicken, der mit der Haidschnucke so glücklich fortgekommen ist? -- wie
+hieß er doch gleich, Berger glaub ich?«
+
+»Ja wohl Carl Berger,« rief Steinert, »da wollen wir doch gleich einmal
+sehen, bitte -- erlauben Sie einen Augenblick« sagte er dabei, seinem
+Nachbar, einem kleinen dürren Männchen mit einer Brille, der ungeheuere
+Ähnlichkeit mit einem kleinen deutschen Beamten hatte, sich aber schon
+längere Zeit in New-Orleans aufhielt, die Zeitung, in der dieser gerade
+las, ohne weiteres aus der Hand nehmend.
+
+»Bitte tausend Mal um Entschuldigung,« sagte der kleine Mann sehr artig,
+»ich glaubte sie würde nicht gebraucht.«
+
+»Bitte -- bitte« -- murmelte Steinert zerstreut, mit den Augen dabei die
+klein gedruckten Spalten der gerichtlichen Ankündigungen überfliegend
+-- »Über den Nachlaß des am 12. Februar verstorbenen Fuhrmanns -- das
+ist Nichts -- auf den herrschaftlichen Gütern zu Hellbhausen sollen am
+5. nächsten Monats -- auch Nichts -- hier kommen die Steckbriefe -- der
+Korbmacher Carl Christoph Hinterleben von Ehlstein -- der war's nicht,
+aber halt wahrhaftig« -- rief er plötzlich, mit der linken Hand dabei
+auf den Tisch schlagend -- »hier haben wir ihn« --
+
+»Der unten signalisirte Lohgerber, Carl Eduard Berger, zwanzig Jahr
+alt, hat sich seiner Militairpflicht heimlicher Weise durch die Flucht
+entzogen, und werden sämmtliche Justiz-und Polizeibehörden ersucht -- ja
+wohl -- versteht sich von selbst -- alle Justiz- und Polizeibehörden
+ersucht den besagten Carl Eduard Berger zu arretiren und hierher
+abzuliefern!«
+
+»Dem fuhr es damals übrigens verdammt dicht am Leder vorbei; wenn sie
+ihn erwischt hätten wär es ihm schlecht gegangen. Wetter noch einmal es
+muß doch ein ganz wundervolles Gefühl sein, wenn man irgendwo was
+ausgefressen hat, mit den Rothkragen auf der Ferse am Ende glücklich
+Salzwasser erreicht, und nun draußen frank und frei, mit _einem_ Schlage
+jeder Furcht vor Verfolgung enthoben, »durch die Wellen streicht,
+Fridolin«.«
+
+»Nun sogar gefährlich sind die Leute doch auch nicht immer,« lächelte
+Herr Schultze freundlich vor sich hin, »wissen Sie die Gesellschaft,
+die uns die Herrn mit den egalen Mützen selber noch im Hafen an Bord
+brachten?« --
+
+»Oh Doris, wärst Du nur verschwiegen,« citirte Steinert seinen
+Lieblingsschriftsteller; »was hilft es solche Sachen an die große Glocke
+zu schlagen.«
+
+»Nein, das seh ich aber gar nicht ein,« sagte Herr Schultze, »wenn die
+Regierungen indiscret genug sind ehrlichen Menschen zuzumuthen mit
+solchem Gesindel eine solche Reise zusammenzumachen, weiß ich auch nicht
+warum _wir_ so discret sein sollen nicht darüber zu sprechen, oder
+vielmehr darüber zu schimpfen.«
+
+»Aha,« sagte ein anderer Deutscher, der ebenfalls mit ihnen an einem Tisch
+saß und bis jetzt den Gesprächen der Einwanderer aufmerksam zugehört
+hatte, indem er immer die Sprecher mit seinen kleinen lebendigen Augen
+fest und stechend ansah; der Mann trug einen großen rothen Schnurrbart,
+hatte sonst aber, außer einer rothen Nase und etwas bramarbasirend
+zusammengezogenen Stirnfalten, viel Gutmüthiges im Gesicht -- »aha,«
+sagte dieser jetzt, »wieder eine Sendung von Correktionsfleisch
+mitgekommen? -- könnte es der Regierung der Vereinigten Staaten
+wahrhaftig nicht verdenken, wenn sie Gleiches mit Gleichem vergälte und
+auch einmal eine Sendung _ihres_ Auswurfs mit guten Pässen versehn nach
+Deutschland hinüberschickte. Drüben schimpft das Gesindel auf unser
+Land, und thut dabei alles Mögliche was in seinen Kräften steht die
+Bevölkerung hier zu vergiften -- hilft ihnen aber doch Nichts, den
+Neidpilzen, die sich über unsere freie Verfassung ärgern, und denen es
+ein Dorn im Fleische ist daß wir hier in einer _Republik_ glücklich
+leben; es ist als ob sie den Ocean mit ein paar Eimern Schmutz trüben
+wollten.«
+
+»Sie sehn die Sache zu schwarz an, verehrter Herr,« nahm Steinert das
+Gespräch auf, »den Leutchen daheim liegt weniger daran hier in Amerika
+eine wesentliche Veränderung hervorzubringen, als nur die einzelnen
+Individuen los zu werden. Ihr Vergleich mit dem Meer ist aber
+vortrefflich. Amerika nimmt diese Körper in sich auf, verarbeitet sie,
+theilt ihnen seine Reine mit und läutert sich selber -- halb zog sie
+ihn, halb ging er mit, und ward nicht mehr gesehn.«
+
+»Papperlapapp!« rief aber der Mann mit dem großen Schnurrbart, dem an
+Steinert's Beistand in seiner Ansicht gar Nichts gelegen schien, »das
+klingt auswendig vernünftig, und ist inwendig baarer Unsinn -- läutert
+sich -- ja wohl läutert es sich, nimmt aber »diese Körper«, wie Sie das
+Gesindel nennen, nicht in sich auf, sondern hängt sie an Galgen oder
+Baum, was gerade am bequemsten und nächsten ist.«
+
+»Hängen,« sagte Steinert, der sich durch die Bemerkung beleidigt fühlte,
+unwillig mit dem Kopfe schüttelnd -- »Nürnberger -- hat sich was -- für
+_einen_ Schurken liefert Deutschland auch dafür dem rohen Lande hier
+_tausend_ ehrliche Hände und _geistreiche Köpfe_ dazwischen, die Schwung
+hier in die Geschäfte bringen, die den Amerikanern zeigen müssen, wo
+Barthel eigentlich den Most holt.«
+
+»Die haben _Sie_ wohl mit herüber gebracht?« sagte der Rothbart wieder
+mit einem boshaften Blick auf den Weinreisenden; dieser aber hielt es
+unter seiner Würde sich mit dem »ungebildeten Menschen« in weiteres
+Gespräch einzulassen und nahm, ohne etwas auf die Frage zu erwiedern,
+und indessen Herr Schultze aus einem anderen Blatte jetzt einige
+politische Neuigkeiten vorlas, seine Zeitung wieder vor.
+
+»Beim Obertribunal kam kürzlich folgender interessanter Proceß in
+Kassationsinstanz« -- las Schultze -- »zur Entscheidung -- Kläger war
+das Handlungshaus J. M. Oppenheimer in Rodach am Main -- Verklagter der
+Justiz Commissar Ohnewetter in --«
+
+»Scheußlich -- niederträchtig!« unterbrach Steinert da plötzlich,
+ohne sich weiter um die Vorlesung zu kümmern, den erstaunt zu ihm
+aufsehenden Schultze, »nein das ist nichtswürdig.«
+
+»Was ist denn, was giebts?« frugen die Andern dazwischen, neugierig
+durch die Ausrufungen gemacht.
+
+»Nein abominabel!« rief aber Steinert noch einmal, »ha das Schrecklichste
+der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.«
+
+»Na, wer ist nun wieder todt, Herr Steinert?« frug Mehlmeier aus seiner
+Ecke vor, in der er sich ganz gemüthlich mit einem Glas Eierpunsch
+niedergelassen hatte -- »war er lange krank?«
+
+»Nein hören Sie nur,« rief aber Steinert in gerechter Entrüstung dem
+Mann, dem er vorher die Zeitung weggenommen hatte, jetzt auch das Licht
+vor der Nase wegziehend und vor sich hin rückend, »man sollte wirklich
+kaum glauben, daß etwas derartiges möglich wäre.«
+
+»Aber zum Teufel so schießen Sie doch einmal los!« rief Herr Schultze,
+der endlich ungeduldig wurde, und über seine Brille, die er beim Lesen
+aufsetzen mußte, mit seitwärts gehaltenem Kopfe nach dem Besitzer der
+Weserzeitung hinüber sah, »was ist denn vorgefallen.«
+
+»Man sollte doch wirklich nicht denken daß die menschliche Natur einer
+derartigen Scheußlichkeit fähig wäre,« sagte aber Steinert, also
+aufgefordert, die Zeitung jetzt etwas näher zu dem occupirten Licht
+herüberziehend, »da steht von Hannover aus, über dem Steckbrief von zwei
+Menschen -- es ist nur gut daß sämmtliche Steckbriefe gerade so
+eingerichtet sind, daß sie immer gleich auf eine ganze Gemeinde passen
+-- ein Bericht, den ich Ihnen einmal vorlesen werde. -- Von einem Greise
+will ich singen, der neunzig Jahr die Welt gesehn, -- also passen sie
+auf.«
+
+»Waldenhayn den 29. August. Am Dienstag Abend den 18. August ds. J.
+verließen der unfern des Dorfes an einer etwas vom Wege abseits
+gelegenen alten Försterswohnung, zur Zeit nicht mehr ansässige und schon
+gekündigt seiende, auch schon seit längeren Jahren in keinem guten Ruf,
+und die letzten sechs Monate sogar unter polizeilicher Aufsicht stehende
+--hah -- erlauben Sie erst einmal meine Herren daß ich absetze, um
+Athem zu holen -- der Canzleistyl kann einem Schnellläufer die Lunge
+zuschnüren -- polizeilicher Aufsicht stehende Carl Heinrich Steffen, von
+den Dorfbewohnern seines schwarzen Haares und Bartes wegen gewöhnlich
+»der schwarze Steffen« genannt, und unter diesem Namen auch in dortiger
+Gegend überall bekannt, mit seiner Frau der Johanna, Julie, Gertrude
+Steffen, geborene Melzer, heimlicher Weise seine mit ihr in rechtmäßiger
+Ehe erzeugten drei Kinder wie ein unehelich erzeugtes Mädchen, indem sie
+dieselben Abends unter dem Vorwand auf das Amt citirt zu sein verließen,
+und allem Vermuthen nach ihren Weg nach Amerika oder sonst in das
+Ausland genommen haben, und bis jetzt aber noch nicht ermittelt werden
+konnten. Die Kinder wurden von den nächsten, etwa eine Viertelstunde
+von dem entlegenen Haus wohnenden Nachbarn, erst am fünften Tag halb
+verhungert gefunden, da sich dieselben durch eine vorgeschobene Lüge der
+unnatürlichen Eltern, die ihnen erzählt hatten, daß ein toller Hund die
+Gegend draußen unsicher mache, nicht getraut hatten -- der Satz nimmt
+wieder kein Ende -- nicht getraut hatten den äußeren Weg zu betreten.
+Die Kinder sind in den Altern von 9, 5, 3 und 1-1/2 Jahr alt -- es ist
+scheußlich, wahrhaftig und kaum zu glauben -- 1-1/2 Jahr und einstweilen
+von der Gemeinde von Waldenhayn theils, theils von dem dortigen
+Geistlichen versorgt und vor augenblicklichem Mangel geschützt worden.
+Donnerwetter der junge hübsche Bursche der Georg Donner, das war ja der
+Sohn von dem Pastor in Waldenhayn.«
+
+»Na und nun weiter?« frug der alte Soldat mit dem rothen Schnurrbart,
+»kreuz Element sie werden die schurkischen Eltern doch wohl erwischt
+haben.«
+
+»Ja erwischen,« sagte Steinert, unwillig mit dem Fuße stampfend, »da
+hier drunter steht der Steckbrief von den Beiden, mit einer freundlichen
+Bitte an alle Polizei- und Justizbehörden die beiden unnatürlichen
+Eltern im »Betretungsfalle«, ja, hat sich was -- im Betretungsfalle nach
+dem Amt Ohnleben zurück- und abzuliefern.«
+
+»Das ist ja furchtbar, wenn man sich das so bedenkt,« sagte der kleine
+ängstliche Mann neben Herrn Steinert, indem er die eigene Brille abnahm
+und auswischte und dann halb schüchtern die Hand nach der Zeitung
+ausstreckte, die Steinert neben sich hingelegt hatte, sie aber rasch und
+wie erschreckt wieder zurückzog, als dieser, ohne seiner Bemerkung einer
+Antwort zu würdigen, noch einmal danach griff.
+
+»Ich begreife nur nicht daß sie ihn nicht wieder erwischt haben,« sagte
+Herr Schultze.
+
+»Er wird sich wohl _heimlich_ fortgemacht haben,« meinte Mehlmeier und
+sah sich erstaunt um, als die Übrigen lachten.
+
+»Und solche Scheusale kommen dann alle nach Amerika,« rief der Mann
+mit dem rothen Schnurrbart, »und nachher soll man's den Amerikanern
+verdenken, wenn sie von uns Fremden Nichts wollen.«
+
+Die Unterhaltung wurde hier plötzlich durch den etwas ungestümen
+Eintritt eines anderen Reisegefährten und zwar des Dichters Theobald
+unterbrochen, der übrigens in einem sehr außergewöhnlichen Zustand, mit
+zerrissenem Rock, blutigem Gesicht und außerdem noch in furchtbarer
+Aufregung die Thüre hinter sich zu, sich selber in einen Stuhl warf,
+und ein Glas Punsch von dem aus dem Schenkzimmer ab- und zugehenden
+Barkeeper forderte.
+
+»Hallo Herr Theobald?« sagte Mehlmeier, der der Thür am nächsten saß
+und die jedenfalls mishandelte und bös zugerichtete Gestalt des kleinen
+schmächtigen Mannes etwas erstaunt betrachtete -- »wie sehn Sie denn
+aus? was haben Sie denn angefangen und wo sind Sie gewesen?«
+
+»Ha Rache -- Rache!« knirschte aber nur der Poet als einzige Antwort
+durch die Zähne -- »Rache will ich haben und wenn ich mir Blitze vom
+Himmel dafür borgen sollte.«
+
+»Würden Sie schwerlich eine Leihanstalt dazu finden,« sagte der Mann
+mit dem rothen Schnurrbart, ȟbrigens sehen Sie gerade so aus, als ob
+Sie einem Irischen Draymann unter die Fäuste gerathen wären, was neu
+eingewanderten Deutschen manchmal passirt. Sie können wahrscheinlich
+noch nicht boxen.«
+
+»Boxen?« wiederholte Theobald aber entrüstet, »boxen Sie einmal, wenn
+eine halbe Straße über Sie herfällt und Sie mishandelt -- boxen -- ha
+wenn mir die Canaillen freien Raum mit dem Schuft gegeben hätten, er
+_lebte_ jetzt nicht mehr --«
+
+Und _Sie_ säßen dann in der Calabouse und könnten Betrachtungen über die
+innere Polizei Louisianas anstellen,« sagte der Rothbart trocken.
+
+»Aber so erzählen Sie doch nur,« rief Steinert; er hatte die Zeitung
+bei dem trostlosen Anblick ihres Reisegefährten zur Seite geworfen,
+die sich jetzt der Mann mit der grünen Brille rasch herüber nahm, die
+augenblicklich freie Zeit zu benutzen -- »was ist geschehn, was ist
+vorgefallen? Donnerwetter Mann, Sie haben famoses Glück. Sie kamen
+hierher Schicksale zu erleben und darüber schreiben zu können, und sind
+da gleich in eine Goldquelle hineingefallen, die Ihnen reichhaltigen und
+kostbaren Stoff zu Ihren Versen liefern kann.«
+
+»Ich danke Ihnen für die Goldquelle,« rief Theobald, »die man mit der
+eigenen Haut bezahlen muß; aber Stoff hab' ich allerdings gefunden
+_Bände_ zu schreiben, und bei Gott, ich werde ihn benutzen.«
+
+»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen« --
+
+»Gut, so hören Sie; ich gehe oben in der Stadt über einen großen freien
+Platz, auf dem ein höchst ungeschicktes steinernes Gebäude, ein großes
+Dach eigentlich nur von viereckigen steinernen Pfeilern getragen steht.«
+
+»Oh das ist ein Markthaus,« sagte der Rothbart.
+
+»Schön,« fuhr Theobald fort, »also in diesem Markthaus, wo aber nicht
+viel zu verkaufen war« --
+
+»Da müssen Sie Morgens hinkommen.«
+
+»Bitte, unterbrechen Sie mich nicht alle Augenblicke -- also in diesem
+Markthaus reizten meine Aufmerksamkeit einzelne, hell erleuchtete
+Stände, auf denen große Messing- und Kupfer-Maschinen mit Hähnen unten
+daran zum Ausschenken standen, wie auch die kleinen, reinlich gedeckten
+Tische mit deliciösem Backwerk und Kaffee- und Theegeschirr bedeckt
+waren. Allerliebste junge Mädchen« --
+
+»Na erzählen Sie uns nicht die alte Geschichte,« unterbrach ihn der
+Rothbart da wieder, »um das zu sehn, brauchen Sie nur um die nächste
+Ecke zu gehn; da stehn auch welche.«
+
+»Aber _wir_ kennen es noch nicht, verehrter Herr,« sagte Schultze,
+»bitte fahren Sie fort lieber Theobald, und lassen Sie sich nicht irre
+machen von -- von dem Herrn da.«
+
+»Allerliebste junge Mädchen standen daneben und credenzten den
+Spatziergängern, die an ihren Tischen stehen blieben, Kaffee, Thee oder
+Chokolade, und ich war auch zu einem der Tische gegangen, an dem ein
+reizendes Kind mit etwas dunkler Haut aber wundervollen Augen und langen
+kastanienbraunen Locken --
+
+ Die freie kühne Stirn von ihnen überwallt
+ Und in dem Blick, mit zauberischer Gewalt,
+ Den ganzen weiten Himmel offen,
+ Auf mich hernieder sah. -- Betroffen,
+ Ja zitternd fast von Lust und Liebeswahn
+ Betrete ich des holden Mädchens Nähe
+ Und frage -- stammle halb verzückt
+ Von solcher nie geahnten Schöne
+ Oh Holde sprich -- «
+
+»Ich bin verrückt,« fiel hier der Rothbart trocken ein, den Reim
+completirend; während sich aber Theobald stolz und indignirt von ihm
+abwandte, erklärten sich die übrigen Gäste sämmtlich über den ewigen
+Störenfried entrüstet, und Steinert besonders, der aufstand und in einer
+wohlgesetzten Rede den Mann zu vernichten suchte, wandte sich dann
+wieder an den Dichter und sagte --
+
+»Lassen Sie sich nicht irre machen Herr Theobald -- Sie wissen
+wohl -- ein dicker fetter Mops ging einst im Mondenschein spatzieren
+-- erzählen Sie nur weiter; fahren Sie fort in Ihrer treulich begonnenen
+Improvisation -- Sie haben aufmerksame, theilnehmende Zuhörer -- da ist
+auch Ihr Punsch, der wird Ihnen gut thun.«
+
+Theobald trank einen tüchtigen Schluck, aber den poetischen Anlauf, den
+er genommen, fand er nicht wieder, und erzählte nun den Reisegefährten
+mit prosaischen aber dadurch auch kürzeren Worten, wie er über den Markt
+gegangen, bei einem wunderhübschen, etwas dunkelhäutigen Mädchen stehen
+geblieben und in Gedanken eine Tasse dünnen Kaffees nach der anderen,
+jedesmal für 6-1/4 #cent# die Tasse, getrunken habe, als eine arme,
+abgerissene alte Frau, vor Fieberfrost schüttelnd, herangekommen sei,
+und sich dicht neben den Kaffeestand an einen Pfeiler gekauert habe. Das
+junge Mädchen erkundigte sich theilnehmend bei ihr was ihr fehle und
+schenkte ihr dann eine Tasse heißen Kaffee ein, die die kranke Alte
+mit zitternden Händen nahm und austrank, und mit innigem Dank wieder
+zurückreichen wollte, als ein Mann, derselbe der ihm dieß Gasthaus
+recommandirt habe, als er ihn am ersten Tag zufällig auf der Straße
+traf, über den Weg wegsprang, der Frau die Tasse aus der Hand riß und
+auf die Steine warf, daß sie in tausend Scherben zersplitterte, und dann
+auf das holde, vor Angst jetzt zitternde Kind lossprang, sie zweimal
+mit aller Kraft auf die furchtgebleichten Wangen schlug, und sie in
+_deutscher_ Sprache mit den nichtswürdigsten Worten ausschalt und
+schimpfte, weil sie den Kaffee, der ihrem Herrn gehöre, verschenke, und
+die Tassen, aus denen kein Gentleman dann wieder werde trinken wollen,
+solch schmutzigem alten Drachen zum Gebrauch in die Hände gebe.
+
+»Das war zu viel« rief Theobald, in der Erinnerung an die erlebte
+Schandthat noch einmal von seinem Stuhle aufspringend; »ein deutsches
+Mädchen, denn dafür mußte ich die Unglückliche jetzt halten, vor meinen
+Augen also mishandelt zu sehn, konnte ich nicht ertragen, und mit zwei
+Sätzen auf den Elenden zuspringend, faßte ich ihn bei der Brust,
+schleuderte ihn zurück und schwur ihm, daß ich ihn zu Boden schlagen
+würde, wenn er noch eine Hand gegen das Kind aufhebe, das ich von diesem
+Augenblick an unter _meinen_ Schutz gekommen.« »Was?« schrie da der
+Bube, zu feige mir selber männlich entgegen zu treten -- »was? -- wollen
+_Sie_ sich hier einmischen wenn ich meine _Sclavin_ züchtige, -- Sie
+Abolitionist Sie?« -- Und wie er das Wort sprach, und dann noch einer
+Zahl vorübergehender Menschen etwas in Englischer Sprache zurief, das
+ich nicht verstehen konnte, schrieen die plötzlich »Ein Abolitionist
+-- ein Abolitionist« und noch eine Masse anderes Zeug und fielen über
+mich her, rissen mir den Rock in Stücken, schlugen mich über den Kopf,
+und hätten mich, glaub' ich, erwürgt, wenn nicht glücklicher Weise ein
+paar Policeydiener zu meiner Rettung herbeigekommen wären, die mich in
+Schutz nahmen und der Rotte aus den Händen rissen.«
+
+»Scheußlich -- nichtswürdig -- niederträchtig!« schrieen die Deutschen
+in gerechter Entrüstung, nur der Mann mit dem rothen Schnurrbart drehte
+diesen langsam in die Höhe und sagte:
+
+»Sie können sich gratuliren daß Sie dießmal so weggekommen sind; wer
+unter den Wölfen ist muß mit ihnen heulen, und wer in einem Sclavenstaat
+leben will und nicht das Maul halten kann, dem wäre wohler er hätte das
+Land nie gesehen!«
+
+»So, meinen Sie?« rief aber Theobald, noch von der vorigen malitiösen
+Bemerkung entrüstet -- »ich werde ihnen aber hier beweisen was ich zu
+thun im Stande bin -- sie haben mich gereizt und sie sollen meine Rache
+fühlen.«
+
+»Gefährlich ist's den Leu zu wecken« sagte Steinert.
+
+»Und was können Sie thun?« frug der Rothbart achselzuckend.
+
+»Was ich thun kann?« rief Theobald, den Rest seines Punsches auf einen
+Zug leerend -- »ich habe eine Waffe die sie zu Boden schmettern, und den
+Zorn der Völker auf sie niederrufen, nein noch schlimmer, die sie der
+eigenen Schaam und Verachtung preis geben soll.«
+
+»Und wenn's eine Kanone wäre mit lauter Spitzkugeln geladen« sagte der
+Mann kopfschüttelnd, »und wenn sie mit Dampf gefeuert würde, können Sie
+Nichts gegen diese Masse und gegen Gewalt ausrichten.«
+
+»Es ist mehr wie das!« rief aber Theobald mit freudigem Selbstbewußtsein
+-- »es ist meine _Feder_!«
+
+»Bah« sagte der Rothbart, trank sein Glas aus, stand auf und verließ das
+Zimmer.
+
+»Wer ist denn der unverschämte Gesell?« frug Steinert, als jener die
+Thür hinter sich zugemacht hatte und draußen mit dem Barkeeper
+abrechnete -- »wo kommt er her und was treibt er?«
+
+»Wenn Sie mir erlauben verehrter Herr« sagte der kleine Mann mit der
+grünen Brille, indem er diese abnahm und sich entschuldigend gegen Herrn
+Steinert verbeugte, »so ist dieser Herr, so unscheinbar er da saß und
+aussah, Einer der reichsten Leute in der Stadt, der vier Häuser in
+Canalstreet und einen halben #square# in #Tchapitoulas street# besitzt.«
+
+»Den Teufel auch« rief Steinert.
+
+»Meine beiden Ohren stehen Ihnen zu Diensten wenn ich nicht die Wahrheit
+rede,« bekräftigte aber der Höfliche seine Worte, »der Herr mit dem
+langen rothen Schnurrbart weiß kaum wie reich er ist, besucht aber
+regelmäßig sämmtliche deutsche Wirthshäuser in denen Auswanderer
+einkehren, unterhält sich mit ihnen und hat, wenn sie ihm gefallen,
+schon Manchens Glück gemacht.«
+
+»Ja zum Donnerwetter Herr, warum haben Sie denn das nicht gleich
+gesagt?« fuhr ihn Steinert an, während sich der kleine Mann mit einem
+schüchternen Achselzucken etwas weiter von ihm fort und wieder hinter
+seine grüne Brille zurückzog, Theobald aber, durch die schlechte
+Behandlung und den starken Punsch erregt, schwor daß der Mann, und wenn
+er ein Millionair wäre, kein Herz im Busen und keine Ader für Poesie
+habe, und verließ nach dieser anatomischen Behauptung rasch das Zimmer
+sein eignes Lager zu suchen, oder sich wenigstens der beschmutzten und
+zerrißnen Kleider zu entledigen.
+
+Die übrigen Gäste blieben noch eine Zeitlang, theils politisirend,
+theils über die hiesigen Verhältnisse plaudernd, zusammen, bis endlich
+Einer nach dem Anderen sein Glas austrank, entweder zu Bett zu gehn,
+oder die eigene Wohnung aufzusuchen. Nur ein einzelner Mann, der den
+ganzen Abend still und lautlos in der dunkelsten Ecke des Zimmers
+gesessen und seinen Grog für sich allein getrunken hatte, ohne mit Einem
+der Übrigen zu verkehren, blieb noch zurück und bestellte, als der
+großäugige Barkeeper vor ihm stehen blieb, als ob er ihm ebenfalls
+andeuten wolle daß es Zeit sei zu Bett zu gehn, noch ein letztes Glas
+als Abendtrunk.
+
+Als der Bursche hinaus in das Schenkzimmer ging, wo er sein heißes
+Wasser stehen hatte, ihm das zu bereiten, trat der Fremde (es war ein
+alter Bekannter von uns, und der Mann der sich an Bord der Haidschnucke
+Meier genannt hatte) langsam zu dem Tisch an dem die Zeitungen lagen,
+griff sich die Weserzeitung heraus, suchte ein paar Secunden darin, und
+riß dann den Theil des Blattes, auf dem der vorgelesene Steckbrief
+stand, ab.
+
+»Hallo Sir -- das sind neue Zeitungen« schrie ihn aber der Barkeeper
+an, der in diesem Augenblick mit dem bestellten dampfenden Grog
+wieder zurück in's Zimmer kam -- »wer hat Euch erlaubt da ein Stück
+herauszureißen?«
+
+»So?« sagte der Mann vollkommen ruhig; indem er das Stück zusammendrehte
+und über dem Licht entzündete, sich seine Pfeife anzubrennen -- »ich
+glaubte es wären alte.«
+
+»Na ja, und nun verbrennen Sie's noch --«
+
+»Was kostet denn so eine Nummer --«
+
+»Was kostet so eine Nummer? -- die sind hier gar nicht wieder zu
+bekommen.«
+
+»Das thut mir sehr leid« sagte der Mann achselzuckend, nahm das Glas,
+während der Fidibus ihm in der Hand bis auf den Stumpf verbrannte, trank
+es auf einen Zug aus, und verließ dann ebenfalls das Zimmer.
+
+
+
+
+FUSSNOTEN -- FOOTNOTES
+
+ 1. Die Amerikanische Flagge ist weiß und roth gestreift mit einem blauen
+ Viereck in der oberen Ecke am Fahnenstock, das weiße Sterne führt. Im
+ Beginn der Union war deren Zahl 13, nach Anzahl der Staaten, aber mit
+ jedem neu hinzukommenden Staat wurde auch ein Stern hinzugefügt.
+
+ 2. »Von wo kommt ihr her?«
+
+ 3. Der Mississippi heißt in der bilderreichen Sprache der Indianer der
+ »Vater der Wasser.«
+
+ 4. Es giebt Dampfboote auf dem Mississippi, die solcher Art 4000
+ Amerikanische Ballen Baumwolle tragen.
+
+ 5. Die Levée von New-Orleans ist von New-Orleans selber nicht zu
+ trennen, denn sie macht den Hauptbestandtheil der Stadt aus und ist ihr
+ einziger Schutz gegen den oft 12-15 Fuß höher steigenden Strom. Das
+ ganze Ufer des Mississippi ist nämlich so niedrig, und war den
+ jährlichen Überschwemmungen des gewaltigen Stromes so ausgesetzt, daß
+ die Ansiedler, das werthvolle Land urbar zu erhalten, einen hohen Damm
+ am ganzen Ufer des Stromes hin errichten mußten. Die Franzosen, unter
+ deren Regierung dieser Damm besonders angelegt wurde, gaben ihm den
+ Namen Levée, den die Amerikaner später adoptirten, und die Levée von
+ New-Orleans, die jetzt an der ganzen Stadt über acht Engl. Meilen weit
+ herunter läuft ist, mit einer durchschnittlichen Breite von 100 Fuß
+ und 15 Fuß über niedriger Wasser-Höhe angelegt, ein eben so langer
+ Landungs- und Stapelplatz der ungeheuren Waarenmassen, die dort täglich
+ aus dem Inneren und für das Innere bestimmt, gelandet und geschifft
+ werden, und läuft nach der Stadt zu in einem sanften Abhang nieder,
+ während nach dem Strom hin, wo dieser selber eine nicht unbedeutende
+ Strecke neuen Alluviallandes angespühlt hat, hie und da schon hölzerne
+ Werfte errichtet werden mußten, die Waaren trocken und leicht landen zu
+ können.
+
+ 6. Etwa ein halber Thaler.
+
+ 7. Die Amerikanischen Dampfboote erhalten durch diese breiten #guards#
+ etwas sehr Eigenthümliches, da sie von dem eigentlichen, oft -- etwa
+ sehr schmalen Rumpf des Bootes ab, eine Art Vorbau rings um dieses
+ selber bilden, wodurch es nicht selten _über_ dem Wasser fast die
+ doppelte Breite seines _unter_ Wasser befindlichen Rumpfes bekommt. Von
+ dem äußersten Rand der #guard# ab laufen dabei die unteren Stützen des
+ Zwischen-Decks, in dem sich auch _über_ dem Wasser, die Maschine mit den
+ Kesseln befindet, und auf diesen ruht die Cajüte -- der große oft
+ prachtvoll eingerichtete Salon, mit den Schlafplätzen der Passagiere und
+ oberen Officiere des Bootes.
+
+ 8. Es ist ein ziemlich allgemeines Vorurtheil in Deutschland, daß man
+ unter dem Wort Kreole sich einen von Indianischen Blut Entsprossenen
+ denkt. Creole bedeutet in Amerika und Westindien, wo das Wort besonders
+ gebräuchlich ist und (wahrscheinlich von #criar,# erschaffen,
+ herstammend) einen im Lande selber aber von rein Europäischen Eltern
+ Geborenen. Die Halbabkömmlinge der Indianer, Mischlinge von Europäern
+ (oder Creolen) und Indianern heißen Mestizen.
+
+ 9. #Escalin# wird der spanische Real genannt, der in Nord-Amerika noch
+ andere Namen hat; so heißt er, besonders in den Südlichen Staaten
+ #bit#, in New-York #Shilling#. Es ist Spanisches Geld von 12-1/2 #cent#
+ oder ein Achtel Dollar Werth. Das wirklich Amerikanische Geld nach
+ Decimaleintheilung kennt nur als kleinere Silbermünze #dimes# (10
+ #cent#) und #half dimes# (5 #cent#).
+
+ 10. Englische Meilen, etwas über vier auf die deutsche.
+
+ 11. #Rifle# heißt im Allgemeinen die Amerikanische lange Büchse,
+ obgleich #rifled# eigentlich nur »gezogen, mit Zügen versehn« bedeutet.
+
+ 12. Im Flußbett festsitzende Stämme.
+
+ 13. Pottersfield wird in New-Orleans der Begräbnißplatz genannt, auf den
+ die Armen kommen, die kein Grab in den gemauerten Behaltern bezahlen
+ können.
+
+ 14. Die Beschreibung des Bootes selber mag mir der Leser erlassen, ich
+ habe derartige Fahrzeuge schon flüchtig in meinen Streif- und Jagdzügen,
+ ganz ausführlich aber in den Mississippibildern 2ter Band in der
+ Erzählung »Sieben Tage auf einem Amerikanischen Dampfboot« geschildert,
+ und muß ihn darauf verweisen.
+
+ 15. Die einzelnen Schaufeln am Rad.
+
+ 16. Virginien.
+
+ 17. Holztragen, Holztragen meine Burschen.
+
+ 18. Das #Bowieknife# (sprich Buih), nach seinem Erfinder so genannt, ist
+ ein schweres Messer etwa 12 Zoll lang und drei am Heft breit, mit einer
+ Stärke im unteren Rücken von reichlich ein Viertel, oft ein Drittel
+ Zoll, was ihm zum Hieb eine furchtbare und gefährliche Wucht giebt. Die
+ Spitze ist gebogen und nach hinten etwas ausgeschnitten, aber an beiden
+ Seiten haarscharf, und dieß Messer, selbst in der Hand eines ganz
+ schwachen Menschen, eine entsetzliche Waffe.
+
+ 19. Die von der reinen Afrikanischen Race Abstammenden heißen Neger;
+ Abkömmlinge von Weißen und Negern -- Mulatten, und von Weißen und
+ Mulatten -- Quadroonen -- Alle, in den Vereinigten Staaten unter dem
+ allgemeinen Begriff _Farbige_ oder dem Spottnamen Nigger begriffen. Die
+ Kinder von Weißen und Quadroonen --da sich die Quadroonen selber oft
+ kaum von Weißen in Farbe und Haar unterscheiden lassen, sind, selber
+ wenn die Quadroonin Sclavin wäre, _frei_.
+
+ 20. Kein Zutritt.
+
+ 21. Die ersten Anfänge einer Farm, das eben erst urbar gemachte Land.
+
+ 22. #frame# Häuser heißen in Amerika die von einem hölzernen Gestell
+ gebauten und auswendig mit Bretern übernagelten Gebäude.
+
+ 23. erster Klasse.
+
+ 24. #to take care# Sorge für etwas tragen.
+
+ 25. #to catch# fangen.
+
+ 26. #to be in a fix#, sich in schwieriger Lage befinden.
+
+ 27. #gum# von Gumbaum nennt man in den ersten Ansiedlungen abgesägte
+ Stöcke hohler Gumbäume, die von den »Settlern« theils zum Aufbewahren
+ von Salz und anderen Sachen, wie auch als Stühle benutzt werden.
+
+ 28. Hügelrücken.
+
+ 29. Die kleinen Güterkarren.
+
+ 30. Eine eigene Mischung von Genevre, Wasser, Zucker und bitteren
+ Tropfen.
+
+ 31. Dank Euch.
+
+ 32. Zwei Bit -- der Bit eine Amerikanische, im Süden der Vereinigten
+ Staaten sogenannte Geldmünze von 12-1/2 Cent, etwa 5 Silbergroschen an
+ Werth.
+
+ 33. #Dinner# Mittagessen #bell# die Glocke in dem schauerlich verderbten
+ Dialekt der Amerik. Deutschen »zum Mittagsessen geläutet.«
+
+
+
+
+TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME
+
+Contemporary spellings have generally been retained even when
+inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected and some names regularised; missing punctuation has been
+silently added.
+
+Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
+gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
+Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende
+Zeichensetzung wurde ergänzt.
+
+The following additional changes have been made:
+
+Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen:
+
+
+ die er nicht glaubte unbenutzt die er nicht glaubte unbenutzt
+ vorübergehn zu lassen seine vorübergehn _lassen zu können, ohne_
+ Kenntnisse zu zeigen seine Kenntnisse zu zeigen
+
+ Weinkampf _Weinkrampf_
+
+ Marie, die (...) Zeuge der Marie, die (...) Zeuge der
+ Scene gewesen waren Scene gewesen _war_
+
+ breitrundigen _breiträndigen_
+
+ unter keine Bedingung unter _keiner_ Bedingung
+
+ auf weißen Schild auf _weißem_ Schild
+
+ hintergewürgt _hinuntergewürgt_
+
+ Regenschirm unter dem linken Regenschirm unter _den_ linken
+ Arm gedrückt Arm gedrückt
+
+ als hätte er sogar wollen als hätte er _sagen_ wollen
+
+ das das endlich erreichte Land das endlich erreichte Land
+
+ andere (...) gesalzenes andere (...) _die_ gesalzenes
+ Schweinefleisch (...) bringen Schweinefleisch (...) bringen
+
+ Rücken _Röcken_
+
+ verleitete _verleidete_
+
+ wunderbaren aber doch wunderbaren aber doch
+ durchdringenden Weiche durchdringenden _Weise_
+
+ redete ihn aber jetzt redete ihn aber jetzt
+ der Pensylvanier der Pensylvanier _an_
+
+ warm entgegendufte warm _entgegenduftete_
+
+ Augenbraunen _Augenbrauen_
+
+ Rocktragen _Rockkragen_
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! DRITTER BAND ***
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
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+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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