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+Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Nach Amerika! Dritter Band
+ Ein Volksbuch
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Illustrator: Carl Reinhardt
+
+Release Date: August 21, 2009 [EBook #29746]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! DRITTER BAND ***
+
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+
+Produced by Delphine Lettau, Clive Pickton and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Nach Amerika!
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+ Ein Volksbuch
+ von
+ Friedrich Gerstäcker.
+ Illustrirt von Carl Reinhardt.
+
+
+ Dritter Band.
+
+
+ Leipzig,
+ Hermann Costenoble,
+ Verlagsbuchhandlung
+
+ Berlin,
+ Rudolph Gaertner,
+ Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.
+
+ 1855.
+
+
+
+
+ Inhalt des dritten Bandes
+
+ Die Mündung des Mississippi 1
+ New-Orleans 37
+ An Land 65
+ Abschied der Passagiere 93
+ Der Mississippi 123
+ Leben an Bord des Dampfers 149
+ Die Ufer des Mississippi und Ohio 180
+ Die Farm in Indiana 209
+ Das deutsche Wirthshaus in New-Orleans 257
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+Die Mündung des Mississippi.
+
+
+Die Brise wurde stärker, und die Passagiere hatten bald alles Andere in
+dem einen Gefühl der Landung vergessen. Das niedere Ufer, an dem sich
+freilich noch immer keine Berge entdecken ließen, so viel auch die Leute
+mit bewaffneten und unbewaffneten Augen danach spähten, trat dabei mehr
+und mehr heraus. Dort ließ sich schon die Einfahrt selbst unterscheiden,
+wo der gewaltige Mississippi in den Golf von Mexico mündet, und »süßes
+Wasser« kam ihnen von da wieder aus dem Land ihrer Sehnsucht entgegen
+-- ein Fluß war es, der sie bald mit beiden Armen liebend umfangen
+sollte, und die See, die weite öde See lag hinter ihnen, wie ein
+schwerer Traum.
+
+Selbst die Cajütenpassagiere gingen jetzt ernstlich daran ihre Sachen zu
+packen und sich auf eine baldige Landung vorzubereiten, und die Matrosen
+waren unter der Leitung des Untersteuermanns emsig damit beschäftigt
+die beiden, auf der Back liegenden Anker »klar« zu machen, und die große
+mächtige Kette gliederweis heraufzuheben aus ihrem dunklen Bett, und an
+Deck auszulegen.
+
+Die meisten der Zwischendeckspassagiere glänzten heute in ihrem
+Sonntagsstaat, und selbst Steinert und Mehlmeier waren wie buntfarbige
+Tagfalter aus ihrer, allerdings etwas unscheinbaren und schmutzigen
+Verpuppung hervorgegangen. Steinert besonders war das Erstaunen der
+übrigen Passagiere, obgleich sie die Verwandlung hatten Stück für
+Stück vor sich gehen sehn. Er trug vor allen Dingen ein schneeweißes
+geplättetes Hemd, das er sich für diesen Moment besonders aufgespart,
+dann eben solche Hosen mit Strippen, spiegelblank gewichste Stiefeln,
+eine sehr buntfarbige helle Piquéweste mit rothen Glasknöpfen, einen
+blauen Frack mit blanken Metallknöpfen, eine sehr dicke blau- und
+rothseidene Cravatte mit entsprechenden Vatermördern, und einen höchst
+modernen, sorgfältig gebürsteten Seidenhut auf dem Kopf, den er nur
+manchmal abnahm, sich in dem darin befindlichen kleinen Spiegel anzusehn,
+dann die steinbesetzten Hemdknöpfchen ein wenig mehr zurecht rückte, die
+goldene Uhrkette mit dem großen Carniol als letzte Vollkommenheit etwas
+weiter herauszog, und schließlich vollständig mit sich zufrieden war.
+
+Die Frauen und Mädchen kicherten mit einander -- das Begräbniß war
+lange vergessen -- und manche der Männer amüsirten sich gerade so über
+ihn, wie sie sich vorher über den improvisirten Handwerksburschen
+gefreut hatten. Steinert aber schien mit dem blauen Frack auch einen
+vollkommen neuen Menschen angezogen, und seine frühere Gesellschaft von
+sich geschüttelt zu haben, denn er sprach, Mehlmeier ausgenommen, mit
+Niemandem mehr, und ging nur, den Blick oft und ungeduldig nach dem
+Quarterdeck hinüber werfend, als ob er dort Jemanden suche oder erwarte,
+mit raschen Schritten den Gangweg zu luvwärts auf und ab. Der Einzige
+der ihn dabei ärgerte war Maulbeere.
+
+»#A la bonheur# Herr Steinert« sagte dieser, als er ihm zuerst in
+solchem Glanz und Schmuck begegnete -- »_sehre_ schön -- ganz außer
+ordentlich sehre schön.«
+
+»Lieber Maulbeere lassen Sie mich zufrieden, ich habe Nichts mit Ihnen
+zu thun« sagte Steinert, und drehte sich von ihm ab.
+
+»Ne wahrhaftig Herr Steinert« sagte aber Maulbeere in höchstem Ernst,
+und mit beruhigender Handbewegung, »das thut kranken Augen ordentlich
+wohl Sie nur anzuschauen -- und das feine Tuch zum Frack -- wie Sammet.«
+
+»Rühren Sie mich nicht an, wenn ich bitten darf« rief aber jetzt der
+Weinreisende, ernstlich böse gemacht, als der Scheerenschleifer, der
+heute womöglich noch struppiger und ungewaschener aussah wie je, mit dem
+Zeige- und dritten Finger der rechten Hand vorsichtig und bewundernd an
+dem linken Ärmel des ihn eben wieder Passirenden niederstrich.
+
+»Bitte tausendmal um Entschuldigung« sagte Maulbeere aber in spöttischer
+Devotion, rasch und erschreckt den Arm zurückziehend -- »hatte keine
+Idee daß es abfärbte. -- Und die schöne Uhrkette -- ist doch
+vortrefflich gearbeitet, sieht genau so aus als ob es wirkliches Gold
+wäre -- ja das machen sie jetzt famos.«
+
+Steinert warf den Kopf auf die Seite und ging, dem fatalen Menschen den
+Platz räumend, auf den anderen Gangweg hinüber, seinen Spatziergang
+fortzusetzen; Maulbeere aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen,
+kroch und kletterte auf Händen und Füßen, wie ein großer ungeschlachter
+Orang Utang dem er in diesem Augenblick merkwürdig ähnlich sah, ebenfalls
+auf die andere Seite hinüber, glitt dort auf eines der Wasserfässer,
+wo die Leiche noch vor kaum einer Stunde gelegen hatte und fuhr, als
+Steinert jetzt wieder an ihm vorüber mußte, ganz unbefangen in seinen
+drüben begonnenen Bemerkungen fort.
+
+»Strupfen sind freilich unbequem unter den Hosen an Bord -- platzen
+leicht wenn man sich bückt, aber hübsch sehn die Beine damit aus
+-- schade daß Sie etwas eingebogene Knie haben.«
+
+Steinert mußte seinen Spatziergang aufgeben; denn von den übrigen
+Passagieren sammelten sich schon Manche, die schadenfroh die Bemerkungen
+des alten Maulbeere mit anhörten, und auch laut darüber lachten.
+
+Auf dem Quarterdeck ging aber der junge Henkel, seine graue Reisemütze
+fest in die Stirn gezogen, den Rock bis oben hin zugeknöpft, und die
+rechte Hand vorn in der Brust, die linke auf dem Rücken liegend, allein
+und mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt auf und ab, und Steinert,
+der auf ihn gewartet zu haben schien, erstieg mit raschen Schritten den
+ihm verbotenen Platz.
+
+Gerade in dem Augenblick kam der Capitain von unten aus der Cajüte, sah
+den Zwischendeckspassagier auf dem geheiligten Boden der Cajüte, und
+frug ziemlich kurz angebunden den sich zierlich gegen ihn Verbeugenden,
+ohne den Gruß auch nur mit einem Blick zu erwiedern:
+
+»Wen suchen Sie?«
+
+»Ich habe mit dem Herrn dort etwas von Wichtigkeit zu reden, Herr
+Capitain« sagte Steinert, den seine gewohnte Zuversichtlichkeit, dem
+stets ernsten und strengen Capitain gegenüber doch in etwas verließ,
+noch dazu da er wußte, daß er sich auf verbotenem Grund befand, ungemein
+artig und zuvorkommend.
+
+»Mit Herrn Henkel?«
+
+»Ja wohl Herr Capitain.«
+
+Henkel hob, als er seinen Namen hörte, rasch den Kopf und fixirte
+den in der neuen Kleidung nicht gleich Erkannten scharf und
+mißtrauisch. Der Capitain gab übrigens dem gar so stattlich angezogenen
+Zwischendeckspassagier, wenn auch nicht gerade mit eben freundlichem
+Gesichte Raum, und dieser kam jetzt, den Hut in der Hand, auf Henkel zu
+und sagte verbindlich:
+
+»Herr Henkel, ich habe schon lange nach dem Vergnügen getrachtet Ihre
+werthe persönliche Bekanntschaft machen zu dürfen -- Convenienzen die
+uns bis jetzt getrennt haben, wissen Sie -- hatte auch keine Ahnung
+dabei daß die Schiffsordnung so streng sei -- »D'rum prüfe wer sich
+ewig bindet« -- würde sonst jedenfalls selber Cajütspassage genommen
+haben. Doch das ist jetzt zu spät, und da wir nun dem Lande der
+Gleichheit und allgemeinen Freiheit so nahe sind, ja uns eigentlich
+nach völkerrechtlichen Grundsätzen auf deren Gebiet #quasi# Ankergrund
+befinden, habe ich mir die Privatfreiheit genommen -- wenn ich Sie nicht
+störe, heißt das -- Ihre Zeit, wenn auch nur für wenige Minuten zu
+beanspruchen -- die Zeit ist kurz die Reu ist lang.«
+
+»Womit kann ich Ihnen dienen?« sagte Henkel mit einer leisen wie
+zustimmenden Verbeugung -- »Sie sehen daß ich jetzt nicht beschäftigt
+bin -- darf ich Ihnen einen Sitz anbieten?«
+
+»Bitte« sagte Steinert, und ließ sich ohne weiteres auf der nächsten
+Bank nieder, während Henkel vor ihm, an die eiserne Railing gelehnt,
+stehen blieb. »Was mich hierher treibt zu Ihnen?« fuhr Steinert endlich
+fort, nachdem er den ungewohnten Hut bald aus der einen in die andere
+Hand genommen, und immer vergebens gesucht hatte ihn in die richtige
+Lage zu bringen, bis er ihn endlich neben sich auf die Bank stellte
+-- »ist der Wunsch etwas Gediegenes, Wahres über das Land zu hören, dem
+wir uns jetzt, von den Flügeln des Windes getragen, nähern; »Eilende
+Wolken« wissen Sie wohl, »Segler der Lüfte«. Sie kennen es von eigener
+Anschauung, Sie vor Allen scheinen mir auch, Ihrem ganzen Äußern nach
+der Mann zu sein, der im Stande ist ein richtiges und allgemeines
+Urtheil zu fällen, und um das komme ich, Sie zu ersuchen.«
+
+»Und in welchem Fach?« frug Henkel, einen leichten Seufzer dabei
+unterdrückend, aber sich doch mit einer gewissen Geduld der langweiligen
+Einleitung fügend; von Hopfgarten war indessen ebenfalls an Deck
+gekommen, und ging hinter ihnen langsam auf und ab -- »für welchen
+Geschäftszweig wünschen Sie --«
+
+»Erlauben Sie mir« fiel ihm aber Steinert rasch in's Wort, »daß ich
+Ihnen vorher noch eine kleine Bemerkung vorausschicke, eine Bemerkung
+die Sie überzeugen mag, wie ich nicht eben in das Blaue hinein einen
+Plan zur Auswanderung gefaßt, sondern mich ziemlich genau nach Allem
+erkundigt, und besonders Alles gelesen habe, was je darüber geschrieben
+worden. Amerika ist ein Land wo Einem die gebratenen Tauben _nicht_
+in's Maul fliegen, so viel steht fest, das ist Thatsache, und Sie mögen
+deshalb versichert sein, daß ich nicht mit extravaganten Erwartungen,
+unmöglich zu erfüllenden Hoffnungen etc. hinübergehe -- ankomme,
+könnte man jetzt fast sagen. Meine früheren Schicksale können Ihnen
+gleichgültig sein -- »weit in nebelgrauer Ferne, liegt mir das
+verlass'ne Glück« -- es ist vorbei, und ich muß Ihnen jetzt nur vor
+allen Dingen sagen daß ich Kaufmann bin, und es für vortheilhaft halten
+würde eine kurze Zeit erst, ehe ich mich selbstständig etablirte, in
+irgend eine Condition zu treten, sei es auch nur auf zwei oder drei
+Monat, die Verhältnisse dort vor allen Dingen durch Augenschein genau
+kennen zu lernen.«
+
+»Conditionen« begann Henkel, als ihm der Weinreisende wieder in die Rede
+fiel:
+
+»Sind vielleicht nicht so ganz leicht gleich zu bekommen, ja das glaub
+ich; auch das habe ich schon mehrfach gelesen; aber wissen Sie, ich bin
+auch zugleich _Geschäftsmann_, und Ihnen, Herr Henkel, brauche ich nicht
+zu sagen daß Amerika gerade das Land der wirklichen Geschäftsleute ist
+-- Sie wissen das ja am besten aus eigener Erfahrung. Übrigens stehe ich
+auch noch mit dem Haus für das ich in Deutschland gereist bin: Schwartz
+und Pelzer, eines der bedeutendsten Häuser in Frankfurt in selbst intimer
+Verbindung. Der Mensch muß so viel Eisen als möglich im Feuer haben,
+wenn er in dieser Welt reussiren will, und ich habe es für zweckmäßig
+gehalten keine Brücke hinter mir abzubrechen, so lange ich sie mit
+Bequemlichkeit gangbar halten konnte. Sie werden mir darin Recht geben
+Herr Henkel. Auch darüber sind Sie vielleicht im Stande mir Auskunft zu
+ertheilen, verehrter Herr, ob und wiefern ich auf einen Absatz in diesem
+Geschäft, wenn alle übrigen Stricke rissen, und günstigen Erfolg wohl
+rechnen könnte.«
+
+»Um deutsche Weine in Amerika zu verkaufen?« frug Henkel.
+
+»Allerdings -- freilich kann ich mir denken« fuhr Steinert rasch fort,
+ohne dem Gefragten Zeit zu einer direkten Antwort zu geben, »daß der
+amerikanische Markt zu Zeiten mit solchen Vorräthen überfüllt sein mag,
+denn es werden enorme Massen von Wein auch wohl von anderen Ländern
+hinübergeschickt, _gute_ Waare hält aber doch, wie ich _Ihnen_ nicht
+zu sagen brauche, ihren Werth, und wenn die Leute erst einmal merken
+daß sie prompt und reell bedient werden, dann sind sie gar nicht mehr
+wegzutreiben aus der Kundschaft; ich habe darüber unendlich viel
+Erfahrungen gesammelt, in meinem Leben, und Sie sind darin gewiß ganz
+meiner Meinung. Übrigens habe ich einige vortreffliche Empfehlungen, an
+sehr bedeutende Häuser in New-Orleans; glauben Sie nicht daß _die_ mit
+etwas nützen können? -- Ich baue nicht etwa zu viel, oder gar einzig und
+allein darauf,« fuhr er dabei rasch fort, als ob er fürchte daß ihm Herr
+Henkel die Hoffnung über den Haufen werfen könne, und ehe dieser auch
+nur im Stande war eine Sylbe darauf zu erwiedern -- »_selbst_ ist der
+Mann und die Empfehlung die man im eigenen Kopfe trägt ist immer die
+Beste, und man kann sich am Festesten auf sie verlassen, aber jedenfalls
+sind es doch immer Einführungen in gute Häuser -- so zu sagen gestempelte
+Visitenkarten. Ein Freund von mir hat zum Beispiel eine brillante
+Parthie, nur durch solch einen einfachen Empfehlungsbrief gemacht, er
+mußte zwar seine Braut -- seine jetzige Frau -- entführen und die Eltern
+waren außer sich darüber -- haben die Tochter auch enterbt, aber was
+wollen Eltern in einem solchen Fall machen, wenn der Priester erst
+einmal seinen Segen darüber gesprochen hat -- dann ist die Geschichte
+aus, und das Klügste was sie thun können ist, daß sie ebenso thun als ob
+sie selber damit zufrieden wären. -- O zarte Sehnsucht süßes Hoffen; der
+ersten Liebe goldne Zeit --«
+
+»Aber Sie wünschten, soviel ich verstanden habe, irgend etwas Specielles
+über Amerika zu erfahren« sagte Henkel, dem das Gespräch mit dem Mann
+anfing unbequem zu werden.
+
+»Allerdings, mein verehrter Herr Henkel« sagte Steinert, einen
+flüchtigen Blick in den Hut werfend, ob seine Frisur auch noch nicht
+durch den Wind gelitten habe -- »ich möchte ungemein gern einen Blick in
+das Verhältniß thun, in dem in Amerika der Commis z. B. zu seinem
+Principal, und die Geschäftswelt im Allgemeinen zu der politischen Welt,
+von einem rein menschlichen Standpunkte aus genommen, steht. -- Ich muß
+Ihnen dabei voraus bemerken« setzte er wieder rasch hinzu, als er sah
+daß Henkel etwas darauf antworten wollte, »daß ich schon von einem dort
+lebenden Freund einige sehr werthvolle Briefe über Amerika besitze, in
+denen er mir das dortige Leben flüchtig -- mehr allerdings in Anekdoten
+die in unser Fach schlagen -- schildert. Es ist aber Nichts gefährlicher
+als sich auf einseitige Urtheile, die doch immer hie und da durch ein
+gewisses Verhältniß bestimmt sein können, zu verlassen, und ich habe mir
+deshalb besonders die Freiheit genommen Sie aufzusuchen. Glauben Sie
+übrigens nicht« fuhr er ohne weiteres fort, »daß ich, wie viele meiner
+Landsleute, den höchsten Werth gerade in jene so oft herausgehobene
+Gleichheit der Amerikanischen Bürger setze -- ich weiß recht gut daß ein
+allgemeiner Leiter des Geschäftes nicht allein unbedingt nöthig, sondern
+auch für die Engagirten höchst angenehm und bequem ist; der vernünftige
+Mann fügt sich dabei leicht in das, was ihm selber als nothwendig
+erscheint, aber gerade diese Gleichberechtigung des einen Standes selbst
+der höchsten Aristokratie gegenüber, hat doch auch wieder, wie sich
+nicht leugnen läßt, etwas sehr Angenehmes und Verlockendes, darf aber
+natürlich, wie Sie gewiß auch der Meinung sind, unter keinen Umständen
+gemisbraucht werden.«
+
+»Allerdings« sagte Henkel, der es jetzt aufgegeben hatte irgend etwas
+Selbständiges zu äußern, und den Mann eben ausreden ließ.
+
+»Das steht also auch fest« sagte Steinert, mit einer verbindlichen
+Verbeugung für die Anerkennung, »daß eben unser Stand, der uns die
+freie Bewegung nach allen Seiten läßt, einer der angenehmsten im ganzen
+weiten Reiche sein müßte, und man, wenn man nicht gerade mit zu großen
+Erwartungen hinüber geht, ja eigentlich eher auf einzelne kleine
+Enttäuschungen gefaßt ist, eines ziemlich sicheren Erfolges, natürlich
+den einzelnen Fähigkeiten entsprechend, auch gewiß sein könne, nicht
+wahr? -- Ich versichere Sie, Herr Henkel, daß es mir eine große
+Beruhigung gewährt, diese Ansicht auch von Ihnen, der das Land doch
+durch und durch kennt, vertreten zu sehn, und ich bin Ihnen in der That
+ungemein verpflichtet, verehrter Herr, für Ihre gütige Bereitwilligkeit,
+mir darin Auskunft zu geben.«
+
+»Wenn Ihnen das Wenige genügt« sagte Henkel, der trotz seiner sonst
+ernsten Stimmung doch ein Lächeln nicht verbergen konnte, indem er sich
+von der Railing, an der er gelehnt, aufrichtete.
+
+»Oh bitte« rief aber Steinert, »guter Rath kommt oft vor guter That,
+und wer nur ein wenig Auffassungsgabe hat, für den ist ein Wink soviel,
+wie eine ganze Predigt für einen minder Begabten. Entschuldigen Sie nur
+daß ich Sie vielleicht indeß von einer angenehmeren Beschäftigung
+abgehalten habe.«
+
+Er war indessen ebenfalls aufgestanden und, seinen Hut in der Hand, im
+Begriff das Quarterdeck wieder zu verlassen.
+
+»Ganz und gar nicht« sagte Henkel, froh so billigen Kaufs davongekommen
+zu sein, setzte aber mit leiser Ironie im Ton, die jedoch an Steinert
+gänzlich verloren ging, hinzu -- »und wenn Sie wieder eine Auskunft
+wünschen sollten, die ich im Stande wäre Ihnen zu geben, so stehe ich
+mit Vergnügen zu Diensten.«
+
+»Zu gütig -- zu gütig in der That« sagte der Weinreisende, seinen Hut in
+der Hand herumdrehend, »aber -- aber _eine_ Frage möchte ich mir doch
+noch, und zwar mehr vom particularistischen Standpunkte aus erlauben.
+Sie sind in New-Orleans ansässig, mein verehrter Herr Henkel?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Werden sich dort etabliren?«
+
+» -- Ja.«
+
+»Dürfte ich mir in dem Fall erlauben« sagte Herr Steinert, indem er
+seinen Hut unter den linken Arm drückte und seine Brieftasche aus der
+linken Brusttasche nahm, »Ihnen unser Haus, in allen Arten von feinen
+und leichten Rheinweinen, Rheinischen Champagnern und Pfälzer Weinen zu
+empfehlen -- hier die Adresse mit Preiscourant und der Versicherung
+billiger, rascher und prompter Bedienung.«
+
+»Aber ich weiß nicht ob ich --«
+
+»Bitte« unterbrach ihn Steinert rasch, »ist auch für den Augenblick gar
+nicht nöthig -- für später vielleicht -- ist auch nicht etwa des Nutzens
+wegen, verehrter Herr, nur wirklich der Annehmlichkeit wegen, mit Ihnen
+in eine angenehme Geschäftsverbindung zu treten. Ich bin auch dabei so
+von der Solidität unseres Hauses überzeugt, daß ich in diesem Augenblick
+wirklich nicht weiß Ihnen meine Dankbarkeit auf eine bessere und
+würdigere Weise dazuthun. 'Werde mir dann schon die Freude machen Sie in
+New-Orleans wieder aufzusuchen, wozu ich Sie noch ersuchen möchte, mir
+gefälligst Ihre dortige Adresse zukommen zu lassen.«
+
+»Meine Adresse?« sagte Henkel, den Mann indessen einige Secunden scharf
+fixirend -- »schön -- ich werde Ihnen meine Adresse geben. Sie ist für
+die ersten Tage im St. Charles Hotel -- sollte ich da ausgegangen sein,
+bin ich bei diesem Herrn« -- er nahm zugleich eine Karte aus seiner
+eigenen Brieftasche -- »zu erfragen. Es ist nicht unmöglich daß wir ein
+Geschäft zusammen machen.«
+
+»Sie haben mich zu doppeltem Danke verpflichtet« sagte Steinert, »nun
+erlauben Sie aber daß ich mich entferne« setzte er dann mit etwas
+leiserer Stimme und einem Seitenblick auf den, immer noch unfern davon
+stehenden Capitain hinzu, »denn der alte Seearistokrat dort wird schon
+ungeduldig über mein langes Hierobensein -- #eh bien#, wir kommen bald
+an einen Ort, wo das ganze Land ein einziges Quarterdeck ist, und der
+Unterschied der Stände fällt, bis dahin, mein bester Herr Henkel, habe
+ich die Ehre mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen und zeichne mich
+indessen als Ihr ergebenster Adalbert Steinert.«
+
+Mit einer halbrunden Verbeugung dabei, die Herrn Henkel in der Mitte,
+mit Herrn von Hopfgarten und den Capitain an den Flanken zugleich
+einschloß, verließ er das Quarterdeck und stieg wieder in sein
+Territorium hinab, wo er aber noch nicht drei Schritte gethan, als er
+schon wieder von Maulbeere, der ihm hier jedenfalls aufgelauert haben
+mußte, begrüßt wurde.
+
+»Nun, Herr Steinert, schon Geschäfte gemacht auf Amerikanischem Grund
+und Boden -- das ist recht, die stolzen Burschen, die sich mit uns
+Zwischendeckspassagieren nicht abgeben wollten, müssen mit saueren
+Weinen angeschmiert werden; darin liegt Charakter.«
+
+»Herr Maulbeere, ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten.«
+
+»Ne wahrhaftig« sagte aber der unverwüstliche Scheerenschleifer, »das
+geschieht ihnen ganz recht, und ich wünsche den Hochnasen nichts
+Besseres, als daß sie _Ihnen_ in die Klauen fallen.«
+
+Steinert setzte seinen Hut auf, steckte die rechte Hand vorn in die
+Brust, und ging, einen verächtlichen Blick auf den Scheerenschleifer
+schleudernd, nach vorn.
+
+»Nu Gott sei Dank« sagte der Capitain, als der Zwischendeckspassagier
+das Quarterdeck verlassen hatte, zu Henkel tretend, »der hatte aber ein
+Maulwerk am Kopf; das ging ja wie geschmiert. Ich glaube der könnte
+Einen in einem halben Tage todt reden.«
+
+»Die Aufschlüsse die Sie ihm ertheilten, waren in der That werthvoll«
+lachte aber auch von Hopfgarten, zu den Beiden tretend -- »es wunderte
+mich nur daß Sie ihm Ihre Karte gaben.«
+
+»Um ihn los zu werden« sagte Henkel -- »übrigens« setzte er mit einem
+leichten Lächeln hinzu, »war es nicht _meine_ Karte, sondern eine fremde
+die ich zufälliger Weise bei mir hatte -- er wird mich in New-Orleans
+nicht geniren.«
+
+»Hahahaha, das ist prächtig« lachte von Hopfgarten, »das ist eine famose
+Ausflucht; der wird schön schimpfen.«
+
+»Da kommt unser Lootse!« rief in diesem Augenblick der Capitain, der das
+Glas genommen und ein paar Secunden damit nach dem Land hinübergeschaut
+hatte, das sich noch immer vor ihnen hinzog und keinen Hügel, kein
+Landhaus verrathen wollte. Flach und öde zog sich der schmale Streifen
+am Horizont hin, und nur nach der Richtung, nach welcher der Capitain
+deutete, ließ sich eine kleine Wolke leichten Qualms erkennen, die
+zuerst wie über dem flachen Lande lag, und dann, als der Blick der
+Passagiere fester darauf haftete, sich zu bewegen, und näher zu kommen
+schien.
+
+Herr von Hopfgarten war indessen rasch in die Cajüte hinab
+gestiegen, den Damen zu melden daß das Lootsenschiff, wozu in den
+Mississippimündungen meist Schleppdampfer gebraucht werden, in Sicht
+käme, und die Zwischendeckspassagiere, die aus dem Leben auf dem
+Quarterdeck wohl gemerkt hatten daß irgend etwas Außerordentliches
+vorgehe -- wenn sie auch noch nicht herausbekommen konnten was,
+kletterten wieder in die Wanten und auf alle einigermaßen hohe Stellen
+an Bord, nach der Richtung hin, wohin die Fernröhre des Capitains und
+der Cajütspassagiere gerichtet waren, zu entdecken was etwa in Sicht
+käme.
+
+Über den Dampfer, dessen Rauch sich bald mit bloßen Augen erkennen ließ,
+sollten sie aber nicht lange in Zweifel bleiben, denn er kam merklich
+näher. Deutlich ließen sich schon die Umrisse seines oberen Decks,
+bald sogar einzelne Gestalten an Bord unterscheiden, und die wehende
+Bremer Flagge an der Gaffel der Haidschnucke wurde jetzt kaum mit
+dem antwortenden Signal des Lootsen, den Amerikanischen Sternen und
+Streifen[1] begrüßt, als lauter Jubel an Bord des Auswandererschiffes
+losbrach, und ein donnerndes, wieder und wieder erneutes Hurrah den
+Farben des neugewonnenen Vaterlands entgegenjauchzte.
+
+Von jetzt an war alles Andere in dem einen Gefühl des endlich erreichten
+Zieles, für das ihnen der Amerikanische Lootsendampfer volle Bürgschaft
+leistete, vergessen; Jeder hatte nur Augen und Gedanken für das
+heranbrausende Dampfschiff, dessen Räder sie jetzt schon über das stille
+Wasser des Golfes konnten arbeiten hören, dessen einzelne Matrosen sie
+an Bord erkannten, und wie es sie endlich erreicht, einen engen Kreis
+um sie beschrieb und an ihrer Seite hinfuhr, und der Amerikanische
+Capitain, der auf dem Radkasten seines Fahrzeugs mit dem Sprachrohr in
+der Hand stand, seinen Anruf herüberschrie, da brach sich der Jubel von
+Neuem Bahn, und der Amerikaner, der sein Sprachrohr erstaunt absetzte,
+sah ein paar Secunden die Schreier ruhig an, drehte sich dann nach
+seinem Steuermann um und lachte. Die Matrosen an Bord des Schleppdampfers
+glaubten aber indessen den Gruß ebenfalls erwiedern zu müssen, und
+antworteten, während die beiden Fahrzeuge jetzt in etwa hundert Schritt
+Entfernung neben einander hinliefen, mit drei kräftigen »#Hip hip hip
+hurrahs!#« das auf der Haidschnucke wieder sein Echo fand.
+
+Ehe sich das Geschrei legte ließ sich natürlich an ein gegenseitiges
+Verständniß nicht denken, den ersten Ruhepunkt aber benutzend, setzte
+der Amerikaner wieder das Rohr an die Lippen, und der, dem Laien zum
+ersten Mal gewiß unverständliche Seeruf, der durch den wunderlich
+dröhnenden Schall des metallenen Rohres nur noch verworrener wird, tönte
+herüber.
+
+»#Where do you hail from?#«[2]
+
+Nun hatte aber Steinert, besonders in der letzten Zeit, nicht allein
+unter seinen näheren Bekannten, sondern auch im Zwischendeck überhaupt,
+viel mit seiner Kenntniß der Englischen Sprache geprahlt, die ihm
+dort allerdings von keinem bestritten werden konnte oder wurde. Diesen
+Anruf hielt er aber für eine allgemeine, an das ganze Schiff gerichtete
+Höflichkeitsformel, die er nicht glaubte unbenutzt vorübergehn lassen zu
+dürfen, ohn seine Kenntnisse zu zeigen. Ehe deshalb der eigene Capitain,
+der jetzt ebenfalls auf seinem Quarterdeck mit der »Sprechtrompete« in
+der Hand stand, auch nur das Geringste darauf erwiedern konnte, sprang
+er auf die, an der Railing befestigte Nothspieren, hielt beide Hände
+trichterförmig an die Lippen, und schrie in höchst mittelmäßigem
+fremdartigen Englisch:
+
+»Danke Ihnen Herr Capitain -- wir sind Alle wohl!«
+
+»Halten Sie's Maul davorne!« brüllte aber Capitain Siebelt auf's
+Äußerste indignirt, als er einen Zwischendeckspassagier in sein Geschäft
+hineinfallen hörte, während der Amerikaner erstaunt dorthin sah von
+woher die unverständliche Stimme tönte, und von wo aus er allerdings
+keine Antwort erwartet haben konnte.
+
+»Wenn man gefragt wird, Herr Capitain, darf man antworten« rief aber
+Steinert, der hier in seinem guten Recht zu sein glaubte und sich
+als freier Amerikanischer Bürger zurückgesetzt und beleidigt fühlte
+-- »übrigens verbitte ich mir alle Anzüglichkeiten.«
+
+»#Where do you hail from!#« tönte aber des Amerikaners Ruf noch einmal
+herüber.
+
+»Ich würde mich noch einmal bei ihm bedanken, Herr Steinert« sagte
+Maulbeere, der seine innige Freude an dem Zwischenfall gehabt,
+ermunternd; »er wird Sie wahrscheinlich nicht verstanden haben.«
+
+Steinert war aber zu klug Maulbeeres Rath -- den er in dem sehr
+gegründeten Verdacht hatte, _sein_ Bestes eben nicht zu wollen, zu
+folgen, und Capitain Siebelt konnte die nöthigen Antworten auf diese,
+wie die späteren Fragen: »wie lange Reise?« -- »Alles wohl an Bord?«
+gehörig beantworten.
+
+Der schnaubende Dampfer hielt jetzt mehr auf sie zu und Matrosen
+sprangen an Bord der Haidschnucke mit bereit gehaltenen Tauen hin, sie
+in Wurfs Nähe an Deck des Schleppschiffs zu schleudern, während sie dort
+rasch aufgefangen und befestigt wurden. Die Zwischendeckspassagiere, die
+jetzt natürlich überall im Wege standen, stieß man dabei bald hier bald
+da zur Seite, aber sie ließen sich heute Alles gefallen, war doch das
+Schiffsleben überhaupt bald überstanden, und das hier nur noch eine
+kleine, leicht zu ertragende Unbequemlichkeit, für die sie in wenigen
+Stunden -- sie zählten nicht einmal mehr nach Tagen -- das ganze
+Amerikanische Reich entschädigen sollte.
+
+Festgeschnürt an Bord des viel niedrigeren kleinen Dampfers lag jetzt
+das Segelschiff, das ihnen noch nie so groß erschienen war wie in diesem
+Augenblick; alle Segel schlugen aber, in ihren Schoten gelöst, an den
+Raaen, und an den Tauen hingen die Matrosen sie aufzugeyen, während ein
+Theil schon wie Katzen an den steilen Wanten emporkletterte und an den
+Raaen hinauslief, die Segel überhaupt vollständig einzuziehn und
+festzuschnüren auf ihren Hölzern.
+
+Der Wind war indeß, wie die Seeleute sagen, fast vollständig
+eingeschlafen, und die Hitze schwül und drückend, nichts destoweniger
+setzte das Schiff mit Hülfe des Dampfers, seine Fahrt weit rascher, als
+sie die letzten Tage zu segeln gewohnt gewesen waren, fort, und die
+Küste, oder das wenigstens was sie bis jetzt für festes Land gehalten,
+rückte ihnen rasch näher. Das aber was ihnen bis dahin eine weite grüne
+Wiesenfläche geschienen, auf der sie, freilich umsonst, nach grasenden
+Heerden umhergesucht, zeigte sich jetzt, wie sie es endlich erreichten,
+als ein weiter trauriger Schilfbruch, dessen dunkelgrüne schlanke
+Halme aus der, ihnen nun entgegenquillenden schmutziggelben Fluth des
+mächtigen Mississippi, dessen untere Ufer sie bildeten, herausschauten,
+und in der starken Strömung zitterten und schwankten.
+
+»_Das_ ist Amerika?« rief da eine der Frauen, die mit vorn auf der Back
+stand, und deren Blicke bis dahin nur ängstlich und erwartungsvoll an
+dem näher und näher kommenden Lande gehangen -- »lieber Gott, da kann
+man ja nicht einmal an's Ufer gehn.« Manche der übrigen Passagiere
+schauten jetzt ebenfalls, mit keineswegs mehr so zuversichtlichen Mienen
+als sie noch an dem Morgen gezeigt, auf die wüste Fläche von Schilf und
+Wasser hinaus, die sie schon zur rechten und linken Seite umgab, und,
+der Aussage des zweiten Steuermanns nach, das _Ufer_ des Mississippi
+bildete. Es war ein beengendes erdrückendes Gefühl das sie erfaßte
+-- die _erste_ getäuschte Hoffnung in dem neuen Land, das sie sich mit
+allem Zauber südlicher Zonen, wenn auch heimlich doch nur zu eifrig
+ausgeschmückt, und das jetzt vor ihren Augen wie ein stehender endloser
+Sumpf begann.
+
+»Aber wo um Gottes Willen wohnen die Menschen?« riefen Andere aus
+-- »hier kann man ja doch nicht leben in Wasser und Schilf?« --
+
+»Dort sind Häuser -- dort hinten -- wo? -- dort wo der dunkelgrüne Streif
+hinaufläuft und die Sonne auf das Wasser blitzt; gleich rechts davorn.
+Ja wahrhaftig -- da stehn Häuser -- das ist New-Orleans!« riefen und
+flüsterten zaghafte Stimmen durcheinander und Steinert selbst war
+auf einmal ungemein kleinlaut geworden, und saß, mit auf den Knieen
+gefalteten Händen vorn auf dem Bugspriet die ihn umgebende Scenerie
+schweigend zu betrachten.
+
+»Das New-Orleans? -- Unsinn« lachten aber einige der Matrosen, die
+jene Bemerkung gehört, und schon früher einmal die »Königin des Südens«
+-- wie New-Orleans von den Amerikanern genannt wird, besucht hatten
+-- »das ist hier nur eine der Mündungen des Mississippi und die Häuser
+dort sind La Balize; das hohe Land aber liegt weiter oben.«
+
+»_Weiter oben_« das war ein neuer Hoffnungsstrahl in die Nacht des
+Zweifels, der die armen Auswanderer eben zu erfassen drohte -- »weiter
+oben.« Aber noch immer ließen sich keine Berge erkennen; die öde Fläche
+schien sich viele viele Meilen weit auszudehnen und der Fluß wälzte trüb
+und reißend seine schmutzige Fluth an ihnen vorüber.
+
+»Dort liegt ein Schiff -- dort noch eins --« ging jetzt der Ruf über
+Deck, »ha dort oben kommen eine ganze Menge -- ich kann die Masten
+erkennen« zeigten Einzelne den Anderen ihre Entdeckung. _Die_ kamen _von
+oben_ herab, ja _die_ wußten wie es dort aussah, und mit einer gewissen
+Ehrfurcht hingen ihre Blicke an den fernen Fahrzeugen, deren Umrisse sie
+noch nicht einmal deutlich unterscheiden konnten.
+
+Bis sie aber die immer deutlicher werdenden Häuser erreichten, wollten
+manche der Zwischendeckspassagiere gern von den Matrosen, die schon
+erklärt hatten daß sie in New-Orleans gewesen waren, etwas Näheres über
+die Stadt und deren Umgegend wissen; die Leute waren aber viel zu sehr
+beschäftigt ihren Fragen Rede stehn zu können, und sie mußten sich
+zuletzt darein finden eben abzuwarten, wie sich ihnen die Stadt selber
+zeigen würde. Ewig konnte das ja nun doch nicht mehr dauern.
+
+Ziemlich langsam gegen die starke Strömung rückten sie indessen
+vorwärts, die schon in Sicht gekommenen Gebäude, in den Windungen des
+Flusses bald rechts bald links lassend, und erreichten endlich den Platz
+wo eine Anzahl hölzerner Gebäude auf Pfählen, und nur von Schilf und
+Schlammwasser umgeben mitten in diesem entsetzlichen Sumpfe standen und
+in der That auch nur durch hochgelegte Planken unter sich verbunden
+waren.
+
+Dieß Lootsendorf, die sogenannte Balize, bot in der That einen traurigen
+Anblick, und man begriff nicht wie Menschen dort überhaupt existiren
+konnten. Die weite Fläche der See selbst that dem Auge, in Vergleich
+mit dem öden Sumpfe wohl, der sich hier nach Norden, Osten und Westen
+ausdehnte, und die Passagiere erschraken als die Glocke des Dampfschiffs
+läutete, denn sie fürchteten jetzt das, was sie noch an dem Morgen so
+heiß ersehnt -- gelandet zu werden. Das Signal galt aber einem, noch
+eine kleine Strecke weiter oben liegenden Segelschiff, das jetzt seine
+Flagge aufhißte und zur Freude der Auswanderer die Hamburger Farben
+zeigte. Dort waren halbe Reise- und ganze Leidensgefährten, und als die
+Haidschnucke, mit der Bremer Flagge noch immer auswehend, dem Hamburger
+Schiffe näher kam, grüßte sie von dort, wie sie erst selber den Amerikaner
+bewillkommt, ein donnerndes Hurrah, das sie allerdings, aber lange nicht
+mehr so kräftig wie heute früh, beantworteten.
+
+Sie erfuhren jetzt auch, daß der Dampfer das andere deutsche Schiff
+ebenfalls in's Schlepptau nehmen würde, aber sie freuten sich nicht
+besonders darüber, denn nicht mit Unrecht fürchteten sie dadurch nur
+soviel langsamer von der Stelle zu rücken. Das kümmerte jedoch den
+Amerikaner wenig, der sich für die Fahrt den doppelten Verdienst
+natürlich nicht entgehen ließ, und das Hamburger Schiff, Orinoko wie es
+hieß, erst hierher gebracht und vor Anker gelegt hatte, noch ein zweites
+aus dem Golf dazu zu holen, ehe er es nach New-Orleans hinauf zog.
+
+Der Hamburger hatte indeß, unter dem lauten taktmäßigen Singen der
+Matrosen, seinen Anker aufgeholt, als der Dampfer an ihn hinanlief und
+ihn an den anderen Bug nahm, die Taue wurden befestigt, wie sie früher
+an der Haidschnucke befestigt waren, und wenige Minuten später schnaubt
+das kleine aber kräftige Boot mit seiner doppelten Last, aber nicht viel
+langsamer als vorher, den mächtigen Strom hinauf.
+
+Die Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke hatten nun allerdings
+nichts Eiligeres zu thun als einen Versuch zu machen, von ihrem Schiff
+hinunter, über das Dampfboot hinweg, an Bord des Landsmannes zu klettern,
+und dort Bekanntschaft mit dessen Passagieren zu machen. Darin sollten
+sie sich aber getäuscht sehn, denn die Steuerleute verboten es ihnen
+nicht allein auf das Entschiedenste, sondern die Wacht des Dampfers
+selber hatte strenge Ordre Niemanden hinunter auf ihr Deck oder hinüber
+zu lassen, und weder Bitten noch Protestiren half, die Capitaine
+zu einer Änderung der Maaßnahme zu bewegen. Die angegebene Ursache
+war nicht allein Unordnung zu vermeiden, sondern auch ihren eignen
+Schiffahrtsgesetzen nachzukommen, nach denen sie keine Communication
+mit fremden Schiffen, ehe sie den Hafen erreicht hätten, unterhalten
+durften.
+
+Das aber verhinderte Steinert nicht eine sehr lebhafte, und natürlich
+außerordentlich laut geführte Unterhaltung von der Back der Haidschnucke
+aus, mit einigen Passagieren des Orinoko, über das Dampfschiff weg,
+anzuknüpfen, sich nach Zeit der Abfahrt und Erlebnissen der Reise zu
+erkundigen, und seine einzelnen Ansichten über die Haidschnucke, die
+nicht immer zu Gunsten derselben ausfielen, einzutauschen. Andere
+schlossen sich dem an, und die Conversation, von allen hohen Theilen des
+Schiffs und selbst den Wanten und Marsen ausgeführt, wurde bald
+allgemein; bis die Scenerie auf dem Strome selbst diesem ein Ende
+machte.
+
+Schon seit einiger Zeit hatte ein Theil der Passagiere _Bäume_ wirkliche
+Bäume voraus entdeckt, denn das einzige was sich ihnen bis jetzt an
+Vegetation außer dem Schilf und alten eingeschwemmten und versenkten
+Baumstämmen gezeigt hatte, waren nur niedere Weidenbüsche gewesen, und
+wie sie jene erreichten sahen sie auch den ersten festen Boden aus der
+gelben Fluth hervorragen.
+
+»Da ist Land -- da ist Land!« jubelte es in dem Augenblick vom Deck,
+als ob die Leute in der That geglaubt hätten daß Amerika im Wasser
+liege -- »da sind Bäume, da ist Gras. Hurrah für Amerika.«
+
+»Hurrah für Amerika!« jauchzte das Schiff nach und die Matrosen des
+Schleppdampfers hatten Nichts dagegen in den ihrer eignen Heimath
+gebrachten Jubelruf mit einzustimmen.
+
+Es war indessen ziemlich spät am Tag geworden; während das Ufer aber zu
+beiden Seiten einen festeren Charakter annahm, mit hohen Bäumen besetzt
+und nur noch hie und da von Schilf durchwachsen, ließen sich noch immer
+keine menschlichen Wohnungen, hie und da eine kleine unansehnliche Hütte
+abgerechnet, erkennen; das Land schien eine unbewohnte Wildniß, die von
+den Passagieren schon mit Bären, Panthern und Büffeln belebt wurde,
+und die cultivirte Gegend lag jedenfalls noch _weiter oben_. Einzelne
+Schiffe begegneten ihnen jedoch jetzt, und zweimal sogar eine
+ordentliche kleine Flotte, von einem einzigen Dampfer stromab bugsirt,
+der an jedem Bord ein großes Schiff führte, und drei kleinere noch
+hinten an langen Leinen im Schlepptau hatte. Auch kleine Küstenfahrzeuge
+segelten und ruderten auf dem Strom, manche von ihnen mit farbigen
+Leuten bemannt, ihre kleinen Fahrzeuge bunt bemalt, und herüber und
+hinüber kreuzend gegen die starke Strömung des »Vaters der Wasser«.[3]
+
+Aber die Sonne neigte sich ihrem Untergang, und was Manchem von ihnen
+schon auf der See aufgefallen war, die kurze Dämmerung, machte sich
+hier, wo sie das schattige Laub der hohen Bäume an ihrer Seite hatten,
+nur noch mehr bemerkbar. Kaum war das Taggestirn hinter dem dunkeln
+Waldstreifen, der das jenseitige ziemlich ferne Ufer deckte, verschwunden,
+als die Nacht mit einer Schnelle anbrach, von der sie bis jetzt wirklich
+keine Ahnung gehabt. Sie hielten dabei dem linken Ufer des Stromes
+zu, dort Holz für den Dampfer, dessen Kohlen auf die Neige gingen,
+einzunehmen, und die Passagiere freuten sich schon das Ufer betreten und
+die wunderliche Vegetation des neuen Landes beschauen zu dürfen, dessen
+riesige Bäume hier alle mit wehendem silbergrauen Moos bis hinab auf den
+Grund behangen schienen; doch hatten sie dasselbe noch lange nicht
+erreicht, als es schon unter den Bäumen dunkelte und das Licht der
+einzelnen dort wie versteckten Hütte, seinen rothglühenden Schein
+herüberschickte.
+
+Das Einnehmen von Holz zeigte mit den tiefgehenden Schiffen seine
+Schwierigkeit, da der Dampfer mit diesen nicht so dicht an Land fahren
+konnte, und die Capitaine nicht gern vor Anker gehen wollten. Der
+Eigenthümer des Holzes war aber schon darauf eingerichtet, und hatte
+eine Anzahl Klafter in einem niederen und sehr breiten Boote mit flachem
+Boden aufgestapelt, mit dem er, auf den Anruf des Capitains eine Strecke
+in den Fluß hinaus fuhr und sich queer vor dem Bug des Dampfers legte.
+Von hier aus wurden die Scheite, während die Maschine wieder an zu
+arbeiten fing, und alle vier Fahrzeuge doch wenigstens gegen die Strömung
+stemmte, rasch an Bord geworfen, die Taue der Haidschnucke aber dann
+gelößt, damit das entladene Holzboot zwischen ihnen durch mit der
+Strömung zurücktreiben konnte, und der Schleppdampfer setzte seinen Weg
+jetzt wieder, in der Nacht ziemlich die Mitte des Stromes haltend, den
+zahlreichen im Flußbett angeschwemmten Stämmen auszuweichen, langsam
+fort.
+
+Es war ein wundervoller Abend, der Mond hob sich, als sie kaum eine
+Stunde gefahren waren, über die Bäume, und goß sein silbernes Licht auf
+den breiten Strom, und die Passagiere der verschiedenen Schiffe hatten
+sich vorn auf Deck gelagert, und sangen wechselsweise in volltönenden
+oft harmonischen Chören ihre heimischen Lieder, die meist ernsten,
+schwermüthigen Inhalts gar wunderbar ergreifend über den stillen Strom
+klangen.
+
+Frau von Kaulitz hatte unter der Zeit versucht ihre gewöhnliche
+Whistparthie zu Stande zu bringen, heute jedoch nicht einmal Herrn von
+Benkendroff bewegen können daran Theil zu nehmen, und saß jetzt, eine
+Patience legend, allein in der Cajüte. Es war ihr ein verlorener Abend
+den sie ohne Karten zubrachte. Die übrigen Passagiere saßen und standen
+in schweigenden Gruppen auf dem Quarterdeck umher, oder flüsterten leise
+mit einander, so eigen berührt waren sie selber von den heimischen Klängen
+denen sich das Herz, mag es das Vaterland noch so lang verlassen und es
+fast vergessen haben, doch nie verschließt.
+
+Es liegt ein eigener Zauber in den Tönen die wir als Kind gekannt,
+geliebt, und die nicht selten schon Wurzel in der Kindesbrust geschlagen.
+Alte Gedanken, liebe und trübe Erinnerungen wecken sie dann wo wir sie
+wieder hören, und das Herz lauscht ihnen wollte selbst das Ohr den
+lieben Lauten den Eingang weigern.
+
+»Wie das so reizend klingt auf dem stillen Strome« sagte Marie, die den
+Arm um der Schwester Schulter gelegt, neben Clara und Hedwig unfern der
+Quarterdeckstreppe stand, und nach dem Mond hinüberschaute -- »ich
+könnte den Liedern die ganze Nacht lauschen, und doch habe ich sie schon
+so oft, so oft gehört.«
+
+»Das ist es ja gerade was sie uns so lieb macht« lächelte die Schwester
+sich freundlich zu ihr neigend -- »weißt Du noch wie wir daheim in
+unserem Gärtchen saßen, und die Zimmerleute unten vom Bauplatz, Abends,
+wenn sie an unserer Mauer vorbei zu Hause gingen all diese Lieder
+sangen, und wir sie weit weit noch hören konnten durch den stillen
+Abend.«
+
+»Unser liebes Gärtchen« seufzte leise Marie, und auch der Schwester
+Brust hob sich in der schmerzlichen Erinnerung an das Zurückgelassene,
+aber sie wollte jetzt nicht jene Bilder heraufbeschwören und sagte
+rasch, der Schwester Arm berührend und dann nach dem Nachbarschiffe
+hinüber deutend, wo sie eben wieder ein anderes Lied begannen.
+
+»Kennst Du das, Marie?«
+
+»Noah« lachte die Schwester, »Herrn Kellmanns Leiblied, ei wenn er jetzt
+bei uns wäre, wie er da einstimmen würde nach Herzenslust. -- Was er
+jetzt wohl treibt?«
+
+Anna schwieg und lauschte den Tönen, bis sie in der Nacht verklungen
+waren.
+
+Die Passagiere der Haidschnucke antworteten dem letzten Lied mit
+»Schweizers Heimweh«. Wenn aber die einzelnen Schiffe bis dahin allein
+gesungen, und so gewissermaaßen einen Wechselchor gebildet hatten,
+dessen einer immer erst begonnen wenn der andere geendet, und dem die
+Mannschaft des Schleppdampfers mit lautlosem Schweigen lauschte, so
+waren die ersten Töne dieses alten lieben heimischen Sanges kaum
+angeschlagen, als das Hamburger Schiff ebenfalls mit einstimmte, und
+der volle Chor weich und klagend durch die Nacht drang.
+
+ Herz mein Herz, warum so traurig,
+ und was soll das ach und weh,
+ S' ist ja schon im fremden Lande --
+ Herz mein Herz, was willst Du mehr.
+
+Still und lautlos lauschten die Mädchen den lieben, schwermüthigen
+Klängen, und leise, leise, mit kaum bewegten Lippen fielen sie endlich
+mit ein in die Melodie, bis sie mehr Muth gewannen, und mit lauterer
+Stimme, aber innigem Gefühl dem Liede folgten. Wie aber der Schluß
+verklang, »_doch zur Heimath wird es nie_«, schwiegen beide Chöre
+-- lautlose Stille legte sich über Deck -- Keiner hatte mehr das Herz,
+nach diesen Strophen noch ein anderes, vielleicht gar triviales Lied zu
+beginnen. Dem neuen Vaterland hatten sie heute ein donnerndes Hurrah
+gebracht, als sie dessen Flagge zum ersten Male in der Brise wehen
+sahen, dem alten brachten sie das Lied, mit mancher heimlich zerdrückten
+Thräne, mit manchem, gewaltsam in die Brust zurückgedrängten Seufzer.
+
+Auch die Cajütenpassagiere waren recht still und nachdenkend geworden,
+Herr von Hopfgarten, der sich anfänglich mit dem Professor in einen
+großen ökonomischen Streit eingelassen, hatte den und die ganze
+Verhandlung in dem Lied vergessen, und horchte ihm noch viele Minuten,
+als es schon längst in dem Rauschen des Stromes und dem monotonen
+Klappern der neben ihnen arbeitenden Maschine verschwommen war.
+
+Herr Henkel ging indeß auf der einen, Herr von Benkendroff auf der
+anderen Seite des Besahnmastes spatzieren, während Frau Professor
+Lobenstein, ihre beiden jüngsten Kinder an sich geschmiegt am Fuße
+desselben auf einer Bank saß, und der Nacht dankte die ihr die einzeln
+niederrollenden Thränen verbarg vor dem Auge der Menschen.
+
+Nur Doctor Hückler lag behaglich der Länge nach ausgestreckt auf der
+Scheilichtklappe, dampfte seine Cigarre in den wundervollen Abend hinein,
+und trommelte zu den Liedern den falschen Takt auf dem Holz, auf dem er
+ruhte.
+
+Eine Zeitlang hatte ununterbrochenes Schweigen an Bord geherrscht; es
+war fast, als ob sich Jeder scheute den Zauber zu brechen der auf den
+Schiffen, durch diese einfachen vaterländischen Weisen heraufbeschworen
+lag, als plötzlich vom vorderen Theil der Haidschnucke, ja fast wie von
+dem jetzt ziemlich nahen Lande kommend, an das sie das Fahrwasser des
+mächtigen Stromes gebracht hatte, der volle glockenreine klagende Ton
+einer Nachtigall herüber drang.
+
+»Was ist das?« rief Marie fast erschreckt auffahrend -- »giebt es hier
+Nachtigallen in den Wäldern?«
+
+»Das ist nicht im Wald, das ist an Bord« sagte aber Anna, sich hoch
+empor richtend -- »doch zum ersten Mal schlägt sie, seit wir in See
+sind.«
+
+»Du lieber Gott, sie hat die nahen Bäume gespürt und sehnt sich nach dem
+Lande« sagte Marie tief aufseufzend, -- »ist es uns doch selbst ganz weh
+und weich um's Herz geworden, als wir wieder die rauschenden Bäume
+hörten. Oh weißt Du, Clara, noch die Nachtigall, die immer so wundervoll
+vor Deinem Fenster schlug -- aber -- um Gottes Willen was ist
+Dir -- Clara -- liebe Clara!«
+
+Der Ausruf galt der jungen unglücklichen Frau, die schon, von den
+heimischen Liedern aufgeregt, nur mit Mühe ihre Fassung bewahrt hatte,
+jetzt aber bei der so wohlbekannten so heißgeliebten Weise der Nachtigall,
+die mit furchtbarer Kraft die Erinnerung an die verlassene Heimath
+-- an ihr jetziges Elend zurückrief in das gequälte Herz, das mächtig
+ausbrechende Gefühl nicht mehr zurückdrängen konnte und das Antlitz an
+Hedwigs Schulter bergend, heftig weinte. Marie hatte ihren Arm um sie
+gelegt und suchte sie emporzurichten und zu sich herüberzuziehen; sie
+wehrte ihr leise, behielt aber ihre Hand die sie wie krampfhaft preßte,
+in der ihren.
+
+»Liebe, liebe Clara!«
+
+»Laß mich, mein liebes Kind -- es wird gleich besser sein« flüsterte die
+Frau -- »nur eine Art von Weinkrampf ist's, der wohl mit meinem
+Unwohlsein zusammenhängt.«
+
+»So will ich Deinen Mann rufen -- es muß doch wohl --«
+
+»Nein -- nein!« rief Clara aber rasch und fast heftig -- »nicht -- nein,
+es ist nicht nöthig« setzte sie langsamer hinzu, »und wird gleich
+vorüber gehen ja ist schon vorbei. Mir ist schon wieder besser Marie, so
+ängstige Dich nicht meinethalben.«
+
+»Du solltest doch einmal einen Arzt fragen liebes Herz« sagte aber auch
+jetzt Anna, die zu ihr getreten war und ihren Arm leise berührte »Du
+siehst seit einigen Tagen bleich und krank -- recht krank aus, Clara,
+viel kränker wie Du es vielleicht selber denkst, und darfst nicht zu
+fest auf Deine, sonst so kräftige Natur trotzen. Auch das Plötzliche
+Deines Zustandes hat etwas beunruhigendes, das nicht vernachlässigt
+werden darf.«
+
+»Was kann ihr _der_ Doctor helfen« flüsterte aber Marie, von dem, unfern
+von ihnen ausgestreckt liegenden Stiefsohn Aesculaps nicht gehört zu
+werden -- »der ließe sie höchstens zur Ader und erzählte uns bei Tisch
+wieder ein paar blutige Geschichten.«
+
+»_Der_ Doctor soll ihr auch Nichts helfen« erwiederte Anna, »aber im
+Zwischendeck ist, wie mir Hedwig erzählt, ein recht tüchtiger junger
+Arzt, der schon viele dort, rasch und anspruchslos wieder hergestellt,
+und den zu fragen, da wir ihn doch jetzt bei der Hand haben, gewiß
+Nichts schadete.«
+
+»Nein, nein« bat aber Clara jetzt »ich weiß selber besser, wie nur ein
+Arzt, und wäre er der geschickteste, mir sagen könnte was mir fehlt. Es
+ist Nichts wie Erkältung mit vielleicht einiger Aufregung dazu, die mir
+der Abschied von zu Hause doch gemacht, und die sich, wenn auch etwas
+spät, in den Folgen zeigt. Ruhe ist das Einzige was mir helfen kann.
+Laßt mich still meinen Weg gehen, und wenige Tage haben mich vollkommen
+wieder hergestellt.«
+
+»Oh wenn die Nachtigall nur noch einmal schlagen wollte« sagte Marie
+-- »es war gar so schön -- wenn ich nur wüßte wer sie mit auf See
+genommen.«
+
+Während sie sprach war sie vorn an die Reiling des Quarterdecks
+getreten, an der Fräulein von Seebald stand und nach dem Mond
+hinaufschwärmte. Unten in Sicht auf dem niederen Deck saß nur eine
+einzige Person, und das helle Licht des Mondes fiel voll auf die
+ebenfalls andächtig erhobenen Züge des jungen Dichters.
+
+Der zweite Steuermann kam jetzt von vorn und ging zu dem, seit das
+Schiff im Schlepptau hing, befestigten Steuer, die Taue nachzusehn.
+
+»Oh wie wundervoll das war« seufzte in diesem Augenblick Fräulein von
+Seebald, mit dem Taschentuch eine Thräne von der Wange entfernend
+-- »wie das Herz und Seele ergreift und mit den weichen, liebevollen
+Klängen alle Nerven nachfibriren läßt.«
+
+»Ja, Schultze pfeift recht hübsch« sagte der Seemann, der gerade die
+kleine Treppe heraufkam und an ihnen vorbei wollte -- »er macht seine
+Sache ausgezeichnet -- es klingt ordentlich natürlich.«
+
+»_Wer_ pfeift recht hübsch?« rief Fräulein von Seebald entsetzt, die
+gegen den prosaischen Menschen seit jenem Gespräch einen Widerwillen
+hatte, den sie kaum so weit bezwingen konnte nicht unartig gegen ihn zu
+sein.
+
+»Ih nu Schultze« sagte der Untersteuermann lachend -- »er sitzt vorn auf
+der Back und pfiff wie eine Nachtigall; wie sie aber von allen Seiten
+auf ihn zu kamen, schwieg er still und will das Maul nicht mehr
+aufthun.«
+
+»Das war _keine_ Nachtigall?« rief Marie erstaunt, und Fräulein von
+Seebald seufzte nur leise und mit innerster Entrüstung.
+
+»_Schultze!_«
+
+»Ach das ist der Mann!« rief die lebendige Marie, die in der neuen
+Entdeckung bald die Nachtigall vergaß, »von dem Sie uns erzählten daß er
+den sonderbaren Glauben hätte, wir Menschen seien alle früher Vögel
+gewesen, und meine Mama eine Nachtigall. Eduard war er schon in Bremen
+aufgefallen, wo er sie scharf beobachtet hatte, wahrscheinlich mit der
+Entdeckung der Ähnlichkeit beschäftigt.«
+
+»Jede Enttäuschung schmerzt« sagte aber Fräulein von Seebald, »und ich
+hatte mir das schon so reizend ausgemalt, es war ein so hochpoetischer
+Gedanke, daß wir in den waldigen Schatten Amerikas durch eine heimische
+Nachtigall begrüßt werden sollten -- es ist vorbei -- der Traum ist
+verschwunden und wir sind erwacht.«
+
+Ein tief ausgeholter Seufzer vom untern Deck antwortete -- es war
+Theobald, der ihre Worte gehört und schmerzlich mit empfunden hatte
+-- er saß still und regungslos, den Kopf auf die Hand gestützt, an
+der Nagelbank des großen Mastes, und wie ihm die dunklen Locken fast
+unheimlich die bleiche Stirn umspielten, schaute er voll und lange in
+den Mond und nach dem Deck hinauf, auf dem die beiden Damen standen, und
+schloß dann die Augen, das Bild in seinem Inneren fest zu halten.
+
+Der Untersteuermann kam wieder zurück (Fräulein von Seebald trat, den
+Kopf abwendend, von ihm fort) stieg die Treppe hinunter und wollte eben
+wieder nach vorn gehn, wo Leute postirt waren nach etwaigen Gefahren im
+Strom selber auszuschaun; da fiel sein Blick auf das bleiche Antlitz des
+Dichters und zu ihm hinantretend und ihn derb an der Schulter schüttelnd
+rief er gutmüthig:
+
+»Sie da, Sie wollen wohl ein schiefes Gesicht kriegen, daß Sie hier im
+Monde liegen und schlafen.«
+
+»Ich habe nicht geschlafen -- lassen Sie mich zufrieden!« rief Theobald,
+entrüstet aufspringend.
+
+»Nu, nu, Fiepchen biet mi nich« sagte der Steuermann lachend
+weitergehend -- »es ist doch hoffentlich kein Unglück geschehn.«
+
+Marie, die wie Fräulein von Seebald Zeuge der Scene gewesen war, lachte
+heimlich vor sich hin, aber ihre ältere Freundin sagte seufzend:
+
+»Das ist ein entsetzlicher Mensch, dieser Untersteuermann, roh an Geist
+und Gemüth, wie an Gestalt.«
+
+»Mich amüsirt er« lachte Marie, »und was kann man von ihm viel
+verlangen. Er ist Seemann, und scheint sein Geschäft aus dem Grunde zu
+verstehen; daß er derb ist, gehört mit dazu.«
+
+»Ich werde schlafen gehn« sagte Fräulein von Seebald -- »dieser Abend
+hat meine Nerven furchtbar angegriffen, und eine lange Zeit wird dazu
+gehören das wieder gut zu machen. Gute Nacht!«
+
+Sie sprach die letzten Worte ziemlich laut, und ein Seufzer klang fast
+wie antwortend vom Fuß des großen Mast's herauf. Marie sah sich danach
+um, aber ihre Mutter rief sie in dem Augenblick; es wurde feucht an Deck
+in dem Flußnebel, und die Damen zogen sich in ihre Cajüten zurück.
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+New-Orleans.
+
+
+Waren die Passagiere der Haidschnucke schon am vorigen Tage früh
+aufgewesen, Land zu entdecken, so zeigten sie sich heute noch viel
+zeitiger an Deck, denn was sie vom Land gestern Abend gesehn, hatte
+ihre Neugierde nur noch mehr und gewaltiger geweckt. Sehr zum Ärger der
+Seeleute also, die heute Morgen das Deck besonders sauber zu waschen
+hatten und jetzt die Passagiere überall im Wege fanden, kletterten die
+meisten schon mit Tagesanbruch aus ihrer Luke vor, und die Matrosen
+theilten manchen Eimer Seewasser mit gut gezieltem Wurf unter sie aus,
+wo das nur irgend mit einer Entschuldigung von »nicht gesehen haben«
+oder »nicht wissen können« zu ermöglichen war. Viele staken dabei schon
+in ihren besten Kleidern, und Manche bereuten in der That ihren
+»Sonntagsstaat« nicht bis zum entscheidenden Augenblick aufgehoben und
+solcher Art vier und zwanzig oder gar noch mehr Stunden zu früh,
+preisgegeben zu haben.
+
+Steinert besonders, kam mit seinen weißen Hosen am schlechtesten weg,
+denn nicht allein daß ihnen der letzte Tag an Deck keineswegs zuträglich
+gewesen, und einige lange und runde Theerstreifen und Flecken nur
+zu deutlich die Stellen verriethen, wo er sich leichtsinniger oder
+vergeßlicher Weise angelehnt, nein er bekam auch heute Morgen, als er
+vor der Cambuse stand und dem Koch unter falschen Versprechungen eine
+vorzeitige Tasse Kaffee abzulocken suchte, einen vollen Eimer Seewasser
+angegossen, dessen Urheber sich später allerdings nicht ermitteln ließ,
+dessen Wirkung aber total die Frage entschied, ob er möglicher Weise
+noch mit der Hose New Orleans betreten konnte oder nicht.
+
+Ein leichter dünner Nebel lag übrigens auf dem Wasser, der die
+angestrengteste Aufmerksamkeit der Lootsen erforderte, während er die
+Ufer bis ziemlich zu den Wipfeln der Bäume mit einer feinen Art von
+Hehrrauch füllte. Wie die Sonne aber höher und höher stieg sanken die
+weißen Schwaden, einem Schleier gleich zu Wasser nieder, und die armen
+seemüden Auswanderer konnten einen Jubelruf kaum unterdrücken, als, wie
+mit einem Zauberschlag die prachtvollste, herrlichste Landschaft vor
+ihren Augen lag, die sie sich in dem Schmuck fremdartiger Vegetation,
+nur je gedacht.
+
+Verschwunden war der dunkle Wald mit seinem wehenden Moos, oder
+zurückgedrängt wenigstens, weit zurück zu einem niedern Streifen am
+Horizont, zu einem Rahmen des Gemäldes, das sich jetzt ihren Blicken
+entrollte, und wie aus dem Boden mit einem Schlage herausgewachsen
+schien. Reizende Landhäuser mit wunderlich ausgezweigten Bäumen schauten
+mit ihren dunklen Dächern und weißen Mauern, luftigen Verandahs und
+kühl verwahrten Fenstern aus dichten Bosquets blühender Tulpenbäume
+und fruchtschwerer Orangenhaine vor, und weite, regelmäßig angelegte
+Colonieen niederer aber reinlicher und vollkommen gleichmäßig gebauter
+Häuser -- die zu den Plantagen gehörenden Negerwohnungen -- schlossen
+sich ihnen an und trennten sie von weiten wogenden Zuckerrohr- und
+Baumwollenfeldern; Schaaren geschäftiger Neger in ihren weißen Anzügen
+arbeiteten in diesen, und auf der breiten Straße, die dicht am Ufer des
+Stromes hinaufzuführen schien, rasselten leichte bequeme Chaisen, und
+gallopirten stattliche Reiter mit breiträndigen Strohhüten und leichten
+lichten Sommerkleidern auf und nieder.
+
+Und so belebt wie das Ufer war der Strom; Massen von kleinen Segelbooten
+glitten herüber und hinüber zu den sonnigen Ufern, breite Dampfer
+schnaubten hinab, die Produkte des üppigen Landes fernen Zonen
+zuzuführen, und mächtige Seeschiffe lagen hie und da am Ufer vor
+Anker, ja oft mit Tauen an irgend einen Baum befestigt, am Land hoch
+aufgestapelte Baumwollenballen und lange dunkle Reihen von Zucker- und
+Syropsfässern an Bord zu nehmen, und zu kälteren Welttheilen hinüber zu
+tragen.
+
+Und daran vorbei keuchte das wackere kleine Dampfboot, die beiden
+Kolosse aufschleppend gegen den mächtigen Strom, und so dicht am
+Ufer streiften sie nicht selten hin, daß sie die Neger konnten in den
+Feldern singen hören, und die weißen Frauen erkannten, die in luftiger
+Morgenkleidung auf ihren Blumen geschmückten Verandas saßen und auf den
+Fluß und das rege Leben und Treiben um sich her hinausschauten.
+
+Die Passagiere der Haidschnucke waren außer sich, und so niedergeschlagen
+sie durch den alleinigen Anblick der flachen Sumpfstrecke an der Mündung
+geworden, so scharf gingen sie jetzt, und mit verhängten Zügeln zum
+anderen Extrem über. Die Leute sangen und tanzten und schrieen und
+lachten und jauchzten, wie ebensoviele dem Irrenhaus Entsprungene, und
+jubelten Einer dem Anderen zu, da drüben lägen die Farmen in die sie
+jetzt hineinziehn würden, das sei das Land, von dem der ganze Acker nur
+1-1/4 Dollar koste, und Einzelne redeten sogar davon sich gleich Papier
+und Feder und Dinte geben zu lassen und nach Hause zu schreiben, daß ihr
+ganzes Dorf nur gleich herüber käme über's Wasser, und Theil nähme an
+der Herrlichkeit.
+
+Die Oldenburger waren die übermüthigsten, und vorn auf der Back, wo sie
+sich auf den Starbord-Anker gesetzt hatten und einander immer auf neu
+entdeckte Herrlichkeiten des Ufers aufmerksam machten, brach sich ihr
+Jubel endlich in einem Liede Bahn, das sie schon den ersten Tag auf der
+Weser einmal gesungen, dann aber ganz vergessen zu haben schienen, und
+dessen Schlußvers, von der ganzen Schaar als Chor gesungen lautete:
+
+ »In Amerika können die Bauern in den Kuts-chen fahren
+ In den Kuts-chen mit Sammet und mit S-e-i-de.
+ Und sie essen dreimal Fleisch, und sie trinken Wein dazu
+ Und das ist eine herrliche Freu-i-de!«
+
+
+Das Wort Kuts-chen sprachen sie dabei so aus, das sie das s vollkommen
+vom ch trennten, während das letzte Wort »Freude« mit aller Kraft der
+Stimmen herausgeschrieen wurde, vielleicht den empfundenen Grad von
+Seligkeit dadurch anzudeuten.
+
+Je mehr sie sich aber der Hauptstadt von Louisiana, dem prächtigen
+New-Orleans näherten, desto lebendiger wurde der Strom; die Fahrzeuge,
+welche die Verbindung der einzelnen kleinen Städtchen und Plantagen mit
+der »City« unterhielten, wurden häufiger -- Dampffähren kreuzten herüber
+und hinüber, eine Anzahl kleiner Segelboote führte die Produkte des
+Landes nach der Stadt, und überall an den Ufern, an denen reizende
+Pflanzerswohnungen unter Blüthenbüschen und Fruchtbäumen versteckt
+lagen, ankerten volle Schiffe, Brigs, Barquen und Schooner, die
+letzteren meist mit Negern und Mulatten bemannt, und die bunten Flaggen
+im Winde flatternd.
+
+Aber weiter, immer weiter schnaubte das Boot; hie und da tauchten
+weiße Häusermassen auf, aus dunklen Streifen bis zum Ufer des Stromes
+reichender Waldung immergrüner Magnolien und mächtiger Cottonbäume;
+aber das war noch lange nicht New-Orleans, -- die Villen wuchsen zu
+Städten an, und immer noch vorbei schäumten sie, aufwärts, aufwärts den
+Riesenstrom, dessen Fluth gewaltige nackte Stämme mit sich führte,
+die er sich oben im Norden losgerissen aus ihrem Bett und sie nun
+hinabführte dem Golfstrom zu, tausende von Meilen weit, damit sie
+der durch den Ocean hinüberwälze, einem anderen Welttheil zu.
+
+So kam Mittag heran und ging vorüber, während die Passagiere schon
+vollständig seit mehr als vier und zwanzig Stunden gerüstet an Deck
+auf- und abliefen, und ungeduldig den Zeitpunkt kaum erwarten konnten,
+der ihnen erlauben würde dieses wundervolle Land zu betreten.
+
+»Dort liegt New-Orleans!« sagte da der Steuermann, der vorn auf die Back
+kam, die dicht gedrängt von Passagieren stand, nach dem Anker und dessen
+Befestigung zu sehn. Er deutete dabei mit der Hand nach rechts hinüber,
+wo ein weites dünnes, fast spinnwebartiges Mastengitter den Horizont
+begrenzte.
+
+»Wo? -- wo?« riefen eine Menge Stimmen durcheinander, und Einer
+frug -- es war Löwenhaupt -- »dort drüben, wo das lange Staket ist?«
+
+Der Steuermann warf ihm einen mitleidsvollen Blick zu glaubte aber schon
+überflüssig Auskunft gegeben zu haben, und stieg, ohne irgend eine der
+tausend an ihn gerichteten Fragen weiter zu beantworten, wieder an
+Deck hinunter, nach hinten auf seinen Posten zu gehn. Aber die Leute
+bedurften keiner weiteren Weisung; nur erst das Auge in etwas gewöhnt
+die fernen Gegenstände in ihren einzelnen Umrissen von einander zu
+trennen, und zu erkennen, unterschieden sie bald selbst klar und deutlich
+die Masten unzähliger Schiffe, und Kirchthürme und Kuppeln, die sich
+scharf gegen den rein blauen Horizont abzeichneten, und bald auch den
+letzten Zweifel zerstreuten daß sie sich der Stadt, daß sie sich dem
+Ziel ihrer Reise näherten.
+
+Von dem Augenblick an schienen aber auch alle Bande der Ordnung gelößt
+zu sein und New-Orleans war vergessen, wie das rege bunte Leben um sie
+her, an denen noch vor wenig Minuten ihr Blick mit Entzücken und stummem
+Staunen gehangen. _An Land:_ jeder andere Gedanke erstarb in dem einen
+bewältigenden Gefühl, und jeder einzelne Passagier schien es jetzt ganz
+besonders und allein darauf angelegt zu haben, durch Vorziehn seines
+Koffers wie sonstigen Gepäcks, seiner Kisten und Hutschachteln, Körbe
+und Betten, allen Übrigen den Weg auf das gründlichste zu versperren,
+und die schon ohnedieß im Zwischendeck herrschende Confusion zu ihrem
+möglich höchsten Grad zu treiben. Vergebens blieb alles Schimpfen und
+Befehlen der Steuerleute; vergebens blieben die Flüche und Verwünschungen
+der Matrosen, die bald hier bald da über an Deck geschleppte Kisten
+und Kasten stürzten und wegfielen, die Passagiere thaten als ob sie
+fürchteten man würde sie nicht von Bord lassen, wenn sie landeten, und
+nun Alles vorbereiteten zu schleunigster Flucht. Der Capitain ging
+endlich sogar, was er die ganze Reise über noch nicht ein einziges Mal
+gethan, zu ihnen, und erklärte ihnen daß es sehr die Frage sei, ob sie
+diese Nacht noch überhaupt an Land dürften, denn die Gesundheits-Policey
+in New-Orleans visitire erst das Schiff und bestimme dann, ob den
+Passagieren eine augenblickliche Landung gestattet werden könne; sie
+möchten deshalb sich nicht überall Platz und Weg verstellen, da zehn
+gegen eins zu wetten sei, daß sie Beides noch nothwendig brauchen
+würden, ehe sie das Schiff verließen. Niemand glaubte ihm.
+
+»_Jetzt_ kommt der alte Hallunke nun wir von Bord wollen« rief Steinert
+besonders, doch natürlich erst als der Capitain außer Hörweite war, »und
+denkt sich noch beim Abschied einen weißen Fuß bei uns zu machen; redet
+süß und dreht den Kopf bald so, bald so herüber. Er soll zum Teufel
+gehn, wir brauchen ihn jetzt nicht mehr, und thun was wir wollen.«
+
+Der kleine Dampfer hatte indessen wacker die Strömung gestemmt, und
+seine beiden Schiffe dem bestimmten Landungsplatz merklich näher
+gebracht. Höher und höher tauchten dabei die Masten aus dem flachen
+Lande auf, und dehnten sich in unabsehbarer Reihe am linken Ufer des
+Stromes hinauf. Auch gewaltige Häusermassen wurden sichtbar, die in
+geschlossenen Colonnen den Mastenwald umzogen und die untere Grenze
+der Stadt, wenigstens eine langgestreckte Reihe von Häusern die mit
+ihr in unmittelbarer Verbindung stand, lag ihnen, wie sie den Strom
+hinaufschauten, schon gerade gegenüber, von dort ankernden Schiffen
+wie mit einem festen Damm umzogen.
+
+Clara Henkel hatte indessen eine furchtbare Zeit verlebt, und mit keinem
+Herzen, dem sie sich und ihr entsetzliches Schicksal anzuvertrauen wagte,
+die Last allein getragen, bis sie drohte sie zu Boden zu drücken. Mit
+dem Bewußtsein welches entsetzliche Verbrechen der Mann verübt, in dessen
+Hand sie die ihre am Altar gelegt, war auch der feste unerschütterliche
+Entschluß in ihr gereift, von diesem Augenblick an das Band als
+zerrissen zu betrachten, das sie an ihn gebunden. Aber was jetzt
+thun? -- in dem fremden Lande allein und freundlos; was beginnen, wie
+handeln? -- Zurück zu ihren Eltern kehren? -- alle Pulse ihres Herzens
+zogen sie dorthin und es blieb fast kein anderer Ausweg für sie; aber
+was würde die Stadt dann sagen, wie würde das müßige Volk die Köpfe
+zusammenstecken und lachen und spotten über die »reiche Amerikanische
+Braut« die so rasch und allein gebrochenen Herzens zurückgekehrt in das
+Haus, das sie in Glück und Glanz verlassen? -- Was kümmerte sie die
+Stadt, was herzlose Menschen, die mit kaltem Blut und lachendem Munde
+Ruf und Glück einer Welt unter die Füße treten, wenn sie sich eine
+Viertel Stunde die Zeit damit vertreiben können, und doch bebte sie
+davor zurück -- doch malte sie sich mit grausamer Phantasie alle die
+einzelnen kleinen Gruppen aus, alle die Märchen und Erdichtungen, alle
+die schlauen und nur zu furchtbar wahren Combinationen die auf ihr Haupt
+allein dann fallen würden. Und doch, blieb ihr eine andere Wahl?
+
+Aber noch eine andere Sorge füllte ihr die Brust -- konnte sie so,
+unmittelbar in das väterliche Haus zurück? mußte nicht erst ein Brief
+wenigstens die armen Eltern vorbereiten auf das Schreckliche? -- Oh wer
+rieth -- wer half ihr da? Und ja, _ein_ Wesen war an Bord dem sie ihr
+Elend klagen, die sie um Rath um Trost bitten konnte in ihrem Schmerz.
+_Trost_? allmächtiger Gott wo lag ein Trost für die Vernichtete -- doch
+Rath, doch Mitgefühl -- ein freundlich, theilnahmvolles Wort als Tropfen
+Lindrung in das Meer von Jammer. Die wackere Frau Professor Lobenstein,
+die sich ihr stets als mütterliche Freundin gezeigt, der durfte sie
+vertrauen was sie zu Boden drückte, was sie nicht mehr allein zu tragen
+im Stande war, und ihrem Rath wollte sie folgen -- gehorchen wie ein
+Kind der Mutter folgt. Aber nicht an Bord ging das an, die einzelnen
+Cajütenwände bestanden nur aus dünnen Planken, die nicht einmal bis oben
+hinauf fest anschlossen, sondern dort einen offenen Rand hatten -- die
+Nebencoye konnte jedes gesprochene Wort verstehn, und auf dem Quarterdeck
+selbst waren sie nie allein. Und konnte sie warten bis sie in New-Orleans
+gelandet? -- wie sollte sie denn von Bord kommen wenn sie nicht gerade
+mit Lobensteins das Schiff verließ, und bat sie diese, sich ihrer
+Sachen, ihrer selbst anzunehmen, ehe sie sich der Frau entdeckte, was
+hätten sie von ihr denken, was ihrem Gatten gegenüber selber da thun
+können?
+
+In Angst und Verwirrung konnte die Unglückliche zu keinem festen Entschluß
+kommen, und überließ der Zeit, dem Augenblick, das Weitere -- ja sie
+fing endlich an, als ihr die quälenden Gedanken Tag und Nacht das Hirn
+zermartert hatten, gleichgültig gegen Alles zu werden, was sie von jetzt
+ab noch betreffen konnte. -- Das Schrecklichste -- das Furchtbarste war
+geschehn, was konnte sie noch schlimmer treffen als _der_ Schlag. Nur
+das eine stand fest und unerschüttert in ihrer Seele -- mit _ihm_ keinen
+Schritt weiter in diesem Leben.
+
+Auf dem Schiffe herrschte indessen ein wildes reges Leben; überall
+hatten sich kleine Gruppen gebildet, die das Neue, das sie umgab
+anstaunten und bewunderten, und einander auf frisch auftauchende
+Merkwürdigkeiten mit Hand und Mund aufmerksam machten. Und wie die
+Kinder lachten und jubelten sie dabei, und streckten die Arme danach
+aus, als ob sie den Augenblick nicht erwarten könnten, der sie endlich,
+endlich in wirklichen Besitz all dieser Herrlichkeiten bringen sollte.
+Da gab der Dampfer ein plötzliches Zeichen mit der Glocke, die Taue an
+beiden Borden wurden losgeworfen, und das kleine schwarze Fahrzeug
+glitt im nächsten Augenblick, seine Wellen schäumend gegen ihren Bug
+anwerfend, zwischen den beiden Kolossen die er heraufführte vor. Zu
+gleicher Zeit fast sprangen die Matrosen der beiden deutschen
+Auswanderer-Schiffe nach vorn an ihre Anker.
+
+ * * * * *
+
+»Steht klar da von der Kette -- zurück da -- fort aus dem Weg!« schrieen
+die Seeleute durcheinander, und stießen die Passagiere die nicht gleich
+begriffen was sie sollten, und wem sie eigentlich im Weg standen, unsanft
+zur Seite; »Alles klar -- laßt los« kreischte eine Stimme und alles
+Weitere verschwand in dem Schlag auf's Wasser, den der Anker that, und
+dem furchtbaren Gerassel der ihm, durch die Klüsenlöcher nachsausenden
+Kette, die gleich darauf um die Ankerwinde geschlagen das Schiff bis in
+seinen Kiel hinab erschütterte und -- hielt.
+
+ * * * * *
+
+Der Capitain kündigte indessen den jetzt unruhig werdenden Passagieren
+an, daß sie hier zu liegen hätten bis das Sanitäts- und Policeyboot an
+Bord gewesen wäre, was sehr wahrscheinlich bald kommen, und ihnen dann
+völlige Freiheit lassen würde, so rasch an Land zu gehn wie sie eben
+wünschten. Dagegen ließ sich Nichts thun, und die Leute behielten jetzt
+wenigstens Zeit sich ihre Umgebung zu betrachten, die sich mannigfaltig
+und bunt genug erwieß.
+
+Auf der Straße die sich dicht am Ufer hinzog, wimmelte es von Menschen
+und Wägen; Karrenführer brachten auf zweirädrigen Karren mit einem
+kräftigen Pferd bespannt, in fast ununterbrochenem Zuge Waaren herab
+gefahren, große Omnibusse fuhren auf und ab, Passagiere an allen Ecken
+absetzend und wieder aufnehmend, Neger mit schweren Lasten auf den
+Schultern eilten vorüber, oder standen in lachenden Gruppen an den
+Werften. Reiter gallopirten die Straße nieder, kleine Chaisen und Wägen
+kreuzten sich herüber, und hinüber, und Negerinnen mit Körben oder
+großen Blechkannen auf den Schultern boten von Haus zu Haus, von Schiff
+zu Schiff ihre Waaren feil. Und das laute taktmäßige Singen dort drüben,
+mit dem »Ahoy-y-oh!« der Matrosen dazwischen? Ein Trupp von halbnackten
+Negern lud dort ein französisches Schiff mit großen Zuckerfässern, ein
+Vorsänger gab dabei Takt und Versmaas an, und während sechs kräftige
+Burschen mit dem rollenden Coloß den hohen Damm der das Ufer einfaßte
+herunterliefen, den Aufschlag gegen die schräg zum Schiff emporliegende
+Planke zu bekommen, tanzten und sprangen die Neger, das Faß jedoch
+umgebend, daß sie der geringsten Abweichung steuern konnten, darum her,
+und warfen sich dann alle zugleich, aber immer im Takt ihrer Melodie,
+und diese nicht einen Moment unterbrechend, mit den Schultern dagegen,
+es eben so rasch die Planken hinauf an Bord zu rollen, als es den Damm
+allein herunter gekommen. So geschickt benahmen sich die Leute dabei,
+und so anscheinend leicht lief ihnen das kolossale Faß unter den Händen
+fort, daß die Arbeit wie Spiel aussah; hätten sie aber die furchtbar
+schweren und nicht einmal ganz gefüllten Fässer, in denen der rohe
+Zucker immer wie Blei nach unten fiel, langsam rollen wollen, kaum
+doppelt die Zahl würden sie dann an Bord gebracht haben.
+
+Und wie mit Fahrzeugen belebt war der Strom; wohin das Auge blickte ein
+reges Drängen und Treiben von Dampf-und Segelschiffen, und schwerfälligen
+breitmächtigen Ruderbooten und Flößen, die mit der Strömung hinab, tiefer
+gelegenen Plantagen oder Ortschaften zuschwammen. Was für Colosse trug
+dabei die Fluth und die Deutschen staunten, und hatten Ursache dazu,
+als breite Dampfboote den Strom nieder kamen, die schwimmenden Bergen
+aufgethürmter Baumwollenballen glichen, aus denen oben, während sie
+bis unmittelbar über die Oberfläche des Wassers reichten, nur eben die
+beiden schwarzen qualmenden Schornsteine herausschauten. Ballen auf
+Ballen war da gepackt, regelmäßig wie Backsteine in einer Mauer, von dem
+Rand des unteren Verdecks gerade und steil emporlaufend, daß selbst das
+kleine, vorn oben auf dem höchsten Deck stehende Lootsenhaus nur eine
+Öffnung zum Durchschauen hatte, und Cajüte wie Zwischendeck von einer
+unerbittlichen Baumwollenwand umschlossen blieb.[4] Die Erndte brachten
+sie nieder aus den reichen Plantagen der südlichen Staaten, aus Tenessee
+und Arkansas, Mississippi und Louisiana, hier in Schiffe gestaut und
+über die Welt versandt zu werden, während die gewaltigen Boote schon
+nach wenigen Tagen wieder mit Seesalz, Reis, Kaffee und den Produkten
+der Tropenländer beladen, ihre Salons und ihre Zwischendecks mit
+Passagieren gefüllt, die Rückreise nach den nördlichen Staaten antraten.
+
+Aber das nicht allein -- gerade auf sie zu kam ein kleiner
+scharfgebauter Dampfer, das untere Deck mit Rindern und Schaafen
+gefüllt, die in Pensylvanien, zweitausend englische Meilen von hier
+entfernt, in voriger Woche eingeschifft wurden und jetzt bestimmt sind
+den New-Orleans Markt auf einen Tag mit frischem Fleisch zu versehn. Die
+Passagiere der Haidschnucke hatten übrigens volle Muße dieß Boot zu
+beobachten, das dicht an ihnen vorbeilief, eine kleine Strecke weiter
+dem Lande zu hielt, sein Boot mit vier Matrosen und dem Steuermann darin
+aussetzte, und dann plötzlich die Planken losschlug die am hinteren
+Theil oder #steerage deck# das Vieh bis jetzt verhindert hatten über
+Bord zu springen. Es dauerte auch gar nicht lange, so fingen sich die
+Rinder, wahrscheinlich im Inneren gestört, an zu drängen, und kamen der
+Öffnung oder dem Bord, der etwa noch immer zehn Fuß über der Oberfläche
+des Stromes lag, näher und näher, bis ein Stier, der die Hörner gegen
+einen Kameraden einsetzte von diesem zurück und dem Bootrand zugepreßt
+wurde, über den er mit den Hinterbeinen glitt, sich mit den Vorderbeinen,
+ängstlich brüllend, noch einen Augenblick hielt, und dann kopfüber in
+den Strom hinunterstürzte. Wie er aber wieder nach oben kam, und sich
+von dem Boot verhindert sah stromab zu gehn, hielt er rasch dem Lande
+zu, wo dieses sich an einer schmalen Stelle zwischen zwei dort vor Anker
+liegenden Schiffen zeigte, und das war gerade der Punkt wohin ihn die
+Burschen haben wollten, und wo die Käufer schon eine kleine Umzäunung
+hergestellt hatten, die an Land schwimmenden Thiere in Empfang zu nehmen.
+Einer nach dem anderen wurde so, wenn sie nicht gutwillig gehn wollten,
+von Bord hinuntergeworfen, und ihnen folgte, als auch der letzte in
+Sicherheit war, in Masse die Schaafheerde, der man nur einfach den
+Leithammel voran hineinwarf, als sich die ganze Heerde auch in größter
+Eile und Hals über Kopf ihm nachstürzte.
+
+Dieß außergewöhnliche Schauspiel hatte die Aufmerksamkeit der Passagiere
+so in Anspruch genommen, daß sie im Anfang gar nicht bemerkten, wie ein
+paar Fruchtboote indessen an das Schiff herangekommen waren und dieses
+jetzt, mit ihrer delicaten Last umkreisten. Ziemlich vorn im Boot saß
+eine sonngebräunte Gestalt mit breiträndigem Strohhut, nur mit Hemd
+und Hose bekleidet und ein buntfarbiges Seidentuch locker um den Hals
+geschlagen, in jeder Hand ein leichtes kurzes Ruder mit denen er das
+zierlich schlanke Fahrzeug rasch und behende vorwärtstrieb, und durch
+die geringste Bewegung herüber und hinüber lenkte. Von der Mitte des
+Bootes ab aber, bis hinten zum Spiegel desselben lagen, in entzückender
+Fülle die Schätze der Tropen, wie dieses sonnigen Landes aufgestapelt
+und zum Genuß bereit, während in dem Spiegel des einen Boots ein
+kleiner Capuziner-Affe, in dem des anderen ein buntfarbiger Papagei dem
+reizenden Bild zur Staffage zu dienen schienen. Duftige Ananas mit den
+grüngezackten Kronen, rothbäckige Granatäpfel, goldene Apfelsinen,
+saftige Pfirsiche, Cocosnüsse in ihrer braunen Schaale, mehlige Bananen,
+mit nordischen Äpfeln und Birnen und schwellenden Trauben, mit Granat- und
+Orangenblüthen überworfen lagen in wilder Mischung bunt und wirr und
+doch sinnig geordnet, durcheinander, und die Hände der armen, Salzkost
+gewöhnten und gequälten Auswanderer, streckten sich nur soviel
+sehnsüchtiger nach den gezeigten Schätzen aus, als fast den meisten die
+Mittel fehlten, sich augenblicklich in Besitz derselben zu setzen.
+
+Kleines Geld -- oh wer jetzt kleine Amerikanische oder Englische Münzen
+hatte, sich einen Theil des Reichthums da unten zuzueignen -- nur ein
+einziges Stück den lechzenden Gaumen zu letzen. Und wie sie durch
+einander liefen und in den Taschen suchten, und borgen wollten, Einer
+vom Anderen, und Keiner, wie ihnen das wohl auch oft in der alten
+Heimath geschehn sein mochte, die landesübliche Münze zu zeigen hatte.
+Hie und da tauchte aber doch ein Spanischer Dollar auf, Früchte _mußten_
+gekauft werden, die erste Landung auch würdig zu feiern, und der Steward
+wurde dann ebenfalls hinunter geschickt, für die Cajüte ein reiches und
+willkommenes Desert zur Abendtafel einzukaufen. Die beiden Spanier in
+den Fruchtbooten machten glänzende Geschäfte an den beiden deutschen
+Schiffen.
+
+Endlich kam auch das Sanitätsboot und das Schiff wurde, nach sehr
+flüchtiger Untersuchung, als vollkommen gesund erklärt, wie den
+Passagieren von Obrigkeitswegen gestattet, sobald sie wollten oder
+könnten an Land zu gehn. Es war aber indessen auch beinah Abend
+geworden, und der Capitain erklärte seinen Cajütspassagieren daß er
+selber allerdings augenblicklich an Land müsse, und gern von ihnen
+mitnehmen wolle wer zu gehen wünsche, daß er ihnen aber rathe die Nacht
+noch an Bord zu bleiben, und dann morgen früh ihre Ausschiffung in Muße
+und mit Ruhe vorzunehmen. Mit den Zwischendeckspassagieren wurden schon
+weniger Umstände gemacht, und ihnen eben nur einfach angekündigt, daß es
+für heute zu spät sei sie auszuschiffen, und sie morgen früh, wenn sie
+es wünschten mit Tagesanbruch befördert werden sollten. Übrigens hätten
+sie heute Abend noch einmal Abendbrod und morgen Frühstück zu erwarten
+-- wonach zu richten.
+
+Von den Cajütspassagieren hatten sich aber eben der Professor und die
+Herren Benkendroff, Henkel, und der Doktor entschlossen mit an Land zu
+fahren, als von dort aus ein Boot abstieß in dem ein Herr und eine Dame
+saßen und auf die Haidschnucke zuhielten. Frau von Kaulitz, die schon
+seit einer Stunde ungeduldig auf dem Quarterdeck auf- und abgegangen
+war, und diesen Besuch in der That erwartet hatte, trat an die Reiling
+und winkte mit dem Tuch, und das Zeichen wurde von der Dame im Boot, die
+in großer Aufregung zu sein schien, beantwortet. Desto ruhiger blieb
+aber die alte Dame, die schon an dem Nachmittag ihre Whistberechnung mit
+ihren bisherigen Aiden gemacht und ihren Gewinn eingestrichen hatte,
+während ihre Koffer gepackt und zum Abholen fertig standen.
+
+»Wer mögen nur die Fremden sein die uns dort besuchen wollen?« rief die
+lebhafte Marie, die sich nicht satt sehn konnte an ihrer neuen Umgebung
+und Augen für Alles hatte, was um sie her vorging. »Sie kommen
+wahrhaftig hierher, gerade auf das Schiff zu!«
+
+»Das ist meine Tochter, mein Kind« sagte aber die alte Dame mit
+unendlicher Ruhe, »die sich vor einem Jahre von einem jungen Engländer
+Namens Bloomfield hat entführen und heirathen lassen, ohne mein Wissen
+und gegen meinen Willen. Das junge Ehepaar flüchtete damals nach Amerika
+und ich habe ihnen jetzt, da der Mann sonst brav und ordentlich zu sein
+scheint und sehr vermögend ist, verziehen und bin gekommen sie zu
+besuchen.«
+
+Es waren dieß die ersten Worte die Frau von Kaulitz je über ihre
+Familienverhältnisse, wie überhaupt den Zweck ihrer Reise geäußert
+hatte, und Marie blickte lächelnd zu ihr auf, denn sie konnte natürlich
+nicht anders glauben, als daß die alte Dame sich einen Scherz mit ihr
+mache, obgleich das sonst nicht eben ihre Gewohnheit war. Sie sah aber
+auch jetzt so ernst und trocken aus wie nur je, und hatte noch dazu ihre
+Brille aus ihrem großen sammetgestickten Strickbeutel herausgeholt, die
+sie aufsetzte und die Herankommenden aufmerksam und forschend damit
+betrachtete. Es war eben noch hell genug die Gesichter unten zu
+erkennen.
+
+Das Boot lag jetzt langseit und die alte Dame ging zweimal auf dem
+Quarterdeck auf und ab als der Capitain, der an die Fallreepstreppe
+getreten war der Dame hereinzuhelfen, mit den beiden Fremden den
+Starbordgangweg herauf kam und sie zur Quarterdeckstreppe führte. Die
+junge Dame, ein reizendes kleines zartes Frauchen von vielleicht
+zweiundzwanzig Jahren, aber jetzt mit vor innerer Aufregung bleichen und
+erregten Zügen, eilte voran, dicht hinter ihr folgte ihr Gatte, eine
+ebenfalls noch jugendliche, aber edle, männliche Gestalt. Frau von
+Kaulitz war mitten auf dem Deck stehn geblieben sie zu erwarten.
+
+»Mutter -- liebe -- liebe Mutter!« rief die junge Frau, flog auf die
+alte Dame zu und barg, der Fremden die sie umstanden nicht achtend, ja
+sie wohl nicht einmal bemerkend, schluchzend ihr Antlitz an ihrer Brust.
+
+»Mein Kind -- mein liebes Kind!« sagte Frau von Kaulitz, mit einem
+unverkennbaren Anflug von Rührung und hob sie zu sich auf, küßte sie und
+streckte dann ihre Hand dem wenige Schritte hinter ihr stehen
+gebliebenen Gatten entgegen.
+
+»Liebe -- beste Mutter!« rief aber jetzt auch dieser, tief ergriffen
+ihre Hand fassend und an seine Lippen ziehend -- »können Sie uns
+verzeihn?«
+
+»Bst Kinder -- keinen Auftritt hier« sagte aber Frau von Kaulitz, rasch
+wieder gefaßt, »komm Pauline -- komm, richte Dich auf -- sieh nur die
+fremden Leute hier um uns her. Ach bitte William haben Sie die Güte und
+sehen Sie nach daß meine Koffer und Hutschachteln hinunter in das Boot
+kommen.«
+
+»Ich werde Ihnen das schon besorgen, gnädige Frau« sagte aber der
+Capitain freundlich -- »ist das all Ihr Gepäck was hier oben an Deck
+steht?«
+
+»Das ist Alles -- halt Steward meine Whistmarken liegen noch unten auf
+meinem Waschtisch, in dem kleinen grünen Etui.«
+
+»Hier Jahn -- hier Jacob!« rief der Capitain ein paar seiner Leute an --
+»hinunter mit den Sachen da in's Boot -- macht rasch, aber geht mir
+vorsichtig damit um -- hier die drei Koffer und die drei, vier, fünf
+Schachteln mit den zwei Reisesäcken.«
+
+»Wartet Kinder, meine Marken kommen gleich« sagte Frau von Kaulitz, als
+die junge Frau sie unter Thränen lächelnd noch einmal geküßt hatte und
+dann mit sich fortziehen wollte -- »apropos William, spielen Sie Whist?«
+
+»Nein liebe Mutter« -- sagte der junge Mann, verlegen lächelnd über die
+etwas abgebrochene Frage.
+
+»Kein Whist?« -- rief Frau von Kaulitz, fast erschreckt stehen bleibend
+-- »wo bekommen wir denn heute Abend den dritten Mann her? -- Pauline
+spielt.«
+
+»Mein Compagnon spielt vortrefflich und wird heute Abend bei uns sein«
+sagte ihr Schwiegersohn, jetzt wirklich verlegen.
+
+»Ah, das ist schön!« rief Frau von Kaulitz, sichtlich beruhigt, »und nun
+kommt Kinder -- #adieu, adieu#!« sagte sie dabei freundlich ihren
+bisherigen Mitpassagieren, von denen sie sich in diesem Augenblick
+wahrscheinlich auf immer trennte, zunickend -- »#adieu,#« und von dem
+Capitain geführt, der sie, jetzt schon wieder in seinen entsetzlichen
+Schwalbenschwanzfrack mit den engen Ärmeln hineingezwängt, sehr artig
+bis an die Fallreepstreppe begleitete, verließ sie das Quarterdeck.
+
+Der junge Mann folgte ihr, seine Frau am Arm, die Cajütspassagiere an
+denen er vorüberging, freundlich grüßend, als sein Blick auf den, gerade
+an Deck kommenden Henkel fiel. Fast unwillkürlich blieb er einen Moment
+stehn und sah ihn starr an, wie es oft geschieht daß uns ein Gesicht
+plötzlich auffällt, dem wir nicht gleich Namen und Stelle zu geben
+wissen in unserem Gedächtniß. Auch Henkel begegnete, wie es schien
+ebenso überrascht dem Blick; beide Männer verbeugten sich dann leicht
+gegeneinander und der Engländer verließ, seine Frau am Arm das Schiff.
+
+Das Boot stieß ab von Bord, und die beiden Seeleute die es führten
+legten sich kräftig in ihre Ruder, waren aber noch keine vier Längen in
+den Strom hinausgehalten, als Frau von Kaulitz ein ängstliches _»Halt«_
+rief.
+
+»Ach bitte William, ich habe meinen Regenschirm an Bord vergessen!«
+
+Der junge Mann, der am Steuer saß, lenkte den Bug des Bootes rasch
+wieder herum dem kaum verlassenen Schiffe zu, an dessen Railing der
+Steuermann schon stand und mit einem vergnügten Gesicht -- er war an
+derlei gewohnt -- hinunter rief:
+
+»Etwas vergessen, Madame?«
+
+»Meinen Regenschirm -- er steht unten in der Coye -- schwarze Seide mit
+Elfenbeingriff« --
+
+»Nun natürlich« lachte der Seemann leise vor sich hin, und rief dann
+laut -- »Steward, den Regenschirm von Frau von Kaulitz« --
+
+»Und mein rothsaffian Brillenfutteral muß auch noch unten liegen!« rief
+die Dame hinauf.
+
+»Steward -- rothsaffianen Brillenfutteral« repetirte der Steuermann --
+»sonst noch etwas, Madame?«
+
+»Nein -- nicht daß ich jetzt wüßte.« --
+
+Die Sachen wurden durch einen Matrosen, der die Fallreepstreppe
+niederlief, hinunter gereicht, und das Boot stieß zum zweitenmale ab.
+
+»Liebe Mutter, jener Herr Soldegg, den ich auf dem Quarterdeck fand, ist
+doch nicht mit Ihnen von Deutschland, sondern wahrscheinlich erst hier
+an Bord gekommen?« frug der junge Mann die alte Dame, als sie wieder
+eine kleine Strecke vom Schiff ab waren.
+
+»Soldegg? -- ich weiß nicht« sagte Frau von Kaulitz, »ich kenne die
+Zwischendeckspassagiere nicht, und habe den Namen nie gehört.«
+
+»Er sah nicht aus wie ein Zwischendeckspassagier, und stand auch auf dem
+Quarterdeck bei den Damen« sagte Bloomfield.
+
+»Soldegg -- Soldegg? -- kenne ich nicht -- vom Land ist aber auch
+Niemand herüber gekommen, den Steuerbeamten ausgenommen.«
+
+»Dort drüben steht er, etwas rechts vom Besahnmast -- den meine ich, der
+jetzt gerade den Hut aufsetzt.«
+
+Die alte Dame, die ihre Brille noch aufbehalten hatte, drehte den Kopf
+dorthin und sagte dann:
+
+»Das ist ein Herr Namens Henkel, der sich eine junge hübsche Frau von
+Deutschland geholt hat, aber nicht mit ihr durchgebrannt ist, wie
+gewisse Leute.«
+
+»Liebe -- liebe Mutter« bat Pauline, tief erröthend, und die Hand nach
+ihr ausstreckend --
+
+»Schon gut, schon gut« lächelte die alte Dame, die Hand ergreifend und
+streichelnd --
+
+»_Henkel?_« sagte Bloomfield, dem die eben gesehene Persönlichkeit
+selbst in diesem Augenblick nicht aus dem Sinne wollte -- indem er still
+vor sich hin mit dem Kopf schüttelte.
+
+»Haben Sie die auffallend schöne junge Frau nicht bemerkt, die mit auf
+dem Quarterdeck stand?« frug Frau von Kaulitz.
+
+»Dieselbe die so außerordentlich bleich aussah?«
+
+»Dieselbe -- das ist seine Frau -- aber nehmen Sie sich um Gottes Willen
+in Acht. Sie fahren uns ja mitten auf das Schiff hinauf!«
+
+Bloomfield lenkte den Bug des Bootes noch zur rechten Zeit zur Seite,
+der Rudernde warf seinen Riemen rasch aus der Dolle, und das schlanke
+Boot schoß, den Augen der ihm nachschauenden Passagiere der Haidschnucke
+entzogen, zwischen die dort ankernden Schiffe hinein an Land, wo schon
+ein leichter eleganter Wagen sie erwartend hielt.
+
+Des Capitains Jölle war indessen ebenfalls auf das Wasser niedergelassen
+und bemannt worden, und der Capitain noch einmal in seine Cajüte
+gegangen seine Schiffspapiere, die in einer langen, festschließenden
+Blechbüchse staken, mitzunehmen, wie Geld und abzugebende Briefe zu sich
+zu stecken.
+
+Schon vorher war ein Mauthbeamter an Bord gekommen, der aber die Koffer
+der Passagiere, nach flüchtiger Öffnung, passiren ließ. Einwanderern
+wird darin viel nachgesehn, und wo nicht durch zu große Massen oder zu
+geschäftsmäßige Verpackung gegründeter Verdacht vorliegt daß sich Sachen
+zum Verkauf darin vorfinden, läßt man sie keineswegs selten uneröffnet,
+oder wenigstens nach ganz oberflächlichem Darüberhingesehn, passiren.
+
+Clara ging, als Frau von Kaulitz das Schiff verlassen hatte, in ihre
+Cajüte hinab, wohin ihr, wie des Capitains Boot auf das Wasser
+niedergelassen wurde, Henkel folgte.
+
+»Clara« sagte da ihr Gatte mit leiser unterdrückter Stimme, als er den
+kleinen Raum betrat -- »ich gehe heut Abend an Land und kehre vielleicht
+erst spät, vielleicht erst morgen Früh zurück. Du wirst wohl thun Alles
+indeß zu ordnen daß wir das Schiff dann gleich verlassen können -- ich
+werde indeß Quartier für uns besorgen.«
+
+Clara hatte ihn ruhig angehört, aber ihr Körper zitterte während er
+sprach und sie brauchte Minuten sich soweit zu sammeln daß sie ihm nur
+erwidern konnte, dann aber sagte sie mit leiser, doch von innerer
+Heftigkeit fast erstickter bebender Stimme, indem sie ihm fest und
+entschlossen in das scheu abweichende Auge sah.
+
+»Für uns? für _uns_? -- unsere Bahnen trennen sich hier -- mein Herr
+-- ich kenne Sie nicht mehr und _wagen_ Sie es mich zu zwingen.«
+
+»Du bist eine Thörin, Clara« -- sagte Henkel ungeduldig -- »was helfen
+Dir die unnützen Reden -- wer soll Dir hier Beschuldigungen, die Du etwa
+vorbringen könntest, glauben. Sei vernünftig« setzte er dann ruhig hinzu
+-- »laß den wahnsinnigen Verdacht, den Du nun einmal kindischer Weise
+gegen mich gefaßt zu haben scheinst, fahren, und füge Dich in das
+Unvermeidliche. Du kennst die Amerikanischen Gesetze nicht.«
+
+»Und _Du_ wagst es _mir_ mit dem Gesetz zu drohen?« rief aber jetzt
+Clara, in furchtbarer Aufregung selbst den Ort vergessend an dem sie
+sich befanden, und wie leicht sie von Anderen in dem belauscht oder
+gehört werden konnten was sie sprachen -- »Du zitterst nicht, nur
+vor dem Namen des Richters, dem Dein _Kopf_ verfallen wäre, wenn
+Gerechtigkeit nicht eine Lüge hieß.«
+
+»Du bist wahnsinnig!« zischte der Mann, in scheuer Furcht daß die
+Worte draußen zu dem Ohr eines Dritten gedrungen wären, durch die
+zusammengebissenen Zähne -- »ich will Dir Zeit geben Dich zu sammeln;«
+und die Thüre öffnend, die er wieder hinter sich ins Schloß drückte,
+verließ er rasch die Cajüte. Clara aber blieb wie sie der Gatte
+verlassen, die Augen in grimmem Zorn fest auf die Thüre geheftet durch
+die er verschwunden, stehn und wollte sich dann umdrehen ihren Sitz
+wieder einzunehmen. Die Aufregung jedoch und Alles was das arme Herz
+in den letzten Tagen bedrängt und jetzt in furchtbarer Gewalt wieder
+über sie hereinbrach, war zu viel für sie gewesen, sie fühlte wie ihr
+die Sinne schwanden -- sie wollte rufen, aber vermochte es nicht mehr
+-- einen Moment hielt sie sich an der Coye neben der sie stand, aber vor
+ihren Augen dunkelte es, die Cajüte drehte sich mit ihr und bleich und
+lautlos brach sie ohnmächtig zusammen.
+
+»Nun meine Herren, wer mich begleiten will« sagte der Capitain der
+wieder in seinen unbequemsten »geh zu Ufer« Kleidern, mit der »Schraube«
+auf dem Kopf an Deck stand und die Arme ausdehnte seinen Ellbogen nur
+einigermaßen Luft zu gönnen -- »es ist Alles bereit.«
+
+»Mit dem größten Vergnügen Herr Capitain« rief der Doktor, der, von
+Herrn von Benkendroff und dem Professor gefolgt, voransprang, damit
+wenigstens nicht auf ihn gewartet würde. Henkel, eine breite Geldtasche
+umgehangen stieg langsam nach.
+
+»Aber wo ist Ihre Frau?« rief ihm Hopfgarten nach, »die sollten Sie
+doch jedenfalls mit an Land nehmen, und wenn es nur wäre einen kleinen
+Spatziergang auf festem Grund und Boden zu machen -- die Landluft würde
+ihr auch gewiß gut thun.«
+
+Henkel gab eine ausweichende Antwort, und die Cajütspassagiere
+verließen, von ihren Zwischendecks-Reisegefährten beneidet, das Schiff.
+
+Die Nacht war indessen vollständig angebrochen, die Cajütslampe angesteckt
+und der Thee für die wenigen zurückgebliebenen Cajütspassagiere, während
+Herr Hopfgarten die Honneurs machte, servirt worden.
+
+»Aber Clara fehlt wieder« sagte Marie, von ihrem Sitze aufstehend, und
+an die Thür der Freundin tretend, an die sie mit dem Finger klopfte
+-- »Clara, der Thee ist servirt, hast Du die Klingel nicht gehört?« --
+
+Keine Antwort.
+
+»Clara -- bist Du wieder krank?« frug das junge Mädchen lauter und
+ängstlich -- Alles blieb todtenstill in dem kleinen dunklen Gemach, und
+vorsichtig und leise die Thür öffnend stieß sie einen Angstschrei aus,
+als sie die Freundin ausgestreckt und besinnungslos auf dem Boden ihrer
+Cajüte liegen sah.
+
+Der Schrei machte aber sämmtliche Passagiere von ihren Sitzen
+aufspringen und zu ihr eilen, der Steuermann hakte rasch die in der
+Cajüte hängende Lampe aus und folgte, und während Marie und Anna die
+Ohnmächtige aufhoben, rief Hopfgarten:
+
+»Es ist nur ein Glück daß der Doktor nicht an Bord ist« und sprang, so
+schnell er konnte die Cajütstreppe hinauf in das Zwischendeck nieder,
+dort den jungen Arzt zu ersuchen einen Augenblick in die Cajüte zu
+kommen -- gleichzeitig rief er Hedwig, ihrer Herrin beizustehen.
+
+Die Mädchen hatten indeß die junge Frau auf ihr Bett gelegt, und ihr das
+Kleid geöffnet als Georg Donner, von Hopfgarten eingeführt und von
+Hedwig gefolgt erschien und durch leichte Mittel die Kranke bald wieder
+zu sich brachte. Schwerer aber wurde es ihm zu bestimmen was ihr
+eigentlich fehle, denn ihr Blut ging ruhig, von Fieber war keine Spur,
+und ihr Blick doch so stier und dann wieder unstät, wie ängstlich und
+scheu nach Jemand forschend den sie zu suchen schien; das Antlitz dabei
+so todtenbleich, das Auge eingefallen und trüb, daß er zuletzt fast
+fürchtete diese Schwäche sei die Vorbotin einer größeren, schwereren
+Krankheit, die noch unausgesprochen in ihr ruhe. Er bat sie deshalb sich
+für jetzt nur ruhig in ihrem Bette, neben dem Hedwig die Nacht schlafen
+sollte, zu verhalten, ihm selber aber zu erlauben sie noch einmal
+nach Mitternacht zu besuchen etwaigen, dann vielleicht deutlicher
+ausgesprochenen Symptomen rasch begegnen zu können. Die übrige
+Gesellschaft ersuchte er die Kranke am Besten sich selber und der
+Sorge Hedwigs zu überlassen, und zog sich wieder, nach einem herzlichen
+Händedruck Hopfgartens, dem der junge Mann ungemein gefallen, in das
+Zwischendeck zurück.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+An Land.
+
+
+Die Nacht war still vergangen, die Kranke aber erst mit anbrechender
+Dämmerung in einen ruhigen wohlthätigen Schlaf gefallen, in dem sie der
+junge Arzt unter keiner Bedingung gestört haben wollte. Dazu hätte es
+aber freilich keinen unglückseligern Tag an Bord geben können, wie
+gerade heute, wo das Schiff mit Tagesanbruch eben an Land gelegt werden
+sollte, und die damit verbundenen Arbeiten das ganze Fahrzeug bis in
+den Kiel hinab erschüttern machten. Jedenfalls mußte die Kranke je eher
+desto besser, an das Ufer geschafft werden, dort die nöthige Ruhe und
+Pflege zu erhalten, wo sich hoffen ließ daß sie sich auch bald erholen
+würde, und Georg Donner beschloß deshalb selber mit Herrn Henkel zu
+reden, sobald dieser zurück an Bord kommen würde.
+
+Das geschah bald nach Sonnenaufgang und Henkel, der aber sehr ruhig über
+den Fall und fest überzeugt schien, daß es als ein leichtes Unwohlsein
+bald vorüber gehen würde, versicherte ihn er habe schon ihr Quartier und
+Alles in Ordnung gebracht, und gab ihm dabei zu verstehn daß ein sehr
+intimer Freund von ihm einer der ausgezeichnetsten Ärzte der Stadt sei,
+der, sollte das Unwohlsein wirklich bedeutendere Folgen haben, mit den
+klimatischen Verhältnissen hier bekannt, die Kranke bald wieder herstellen
+würde. Übrigens dankte er ihm für die seiner Frau geleisteten Dienste
+und schien einen Augenblick sogar unschlüssig ob er ihm ein Honorar
+dafür anbieten dürfe oder nicht; Donner jedoch, der etwas Ähnliches
+fürchten mochte, und zu stolz war seine Hülfe weiter aufzudrängen,
+schnitt die Unterredung kurz ab, und rüstete sich jetzt selber so
+rasch als möglich das Land betreten zu können.
+
+An Bord herrschte indessen ein reges, geschäftiges Leben. Schon mit
+Tagesanbruch hatten die Seeleute den Anker gelichtet und zu gleicher
+Zeit mit dem Boot ein Tau nach dem nächst liegenden Schiff gebracht,
+wohin sie sich jetzt mit dem vorderen Gangspill bugsirten, und um acht
+Uhr etwa lag die Haidschnucke mit ausgeschobenen und wohl befestigten
+Planken, ihre Fracht und Passagiergüter bequem ausladen zu können, dicht
+an der Levée -- ein Platz den ich dem Leser später näher beschreiben
+werde -- und der Vorstadt von New-Orleans, dem zum großen Theil von
+Deutschen bewohnten Lafayette gerade gegenüber. Etwa zwanzig Schritt
+unterhalb, an derselben Stelle lief zu gleicher Zeit das Hamburger
+Schiff an, das mit ihnen zugleich, und von einem Dampfer geschleppt, aus
+dem Golf von Mexico heraufgekommen war. Welche Mühe hatten sich die
+Passagiere dabei vorher gegeben dieß Schiff zu betreten; wie hatten
+sie den Steuermann und Capitain gequält, und als es ihnen die nicht
+erlaubten, geflucht und geschimpft. Jetzt hätten sie es ungemein
+bequem haben können, ihre halben Reisegefährten zu besuchen -- jetzt,
+wunderbarer Weise, dachte aber Niemand von ihnen mehr daran, auch nur
+mit einem Schritt hinüber und an Bord zu gehn, und Jeder drängte und
+trieb nur, hinauszukommen an Land, Amerika erst einmal unter den Füßen
+zu fühlen, und sich dem wohlthuenden Bewußtsein hingeben zu können
+endlich -- endlich, nach allen ausgestandenen und erlittenen Drangsalen
+und Beschwerden das heiß ersehnte Ziel _erreicht_ zu haben.
+
+Ein Theil der Männer hatte sich übrigens schon mit Tagesanbruch, und
+zwar mit dem Boot welches das Tau an Bord des anderen Schiffes brachte,
+an's Ufer setzen lassen die dortigen Verhältnisse von einzelnen, gewiß
+anzutreffenden Landsleuten zu erfahren, und sich gleich zu erkundigen ob
+nicht irgendwo in der Nähe Arbeit zu bekommen wäre. Sie mußten doch erst
+einmal ein Unterkommen für die Familie und ihr Gepäck haben, wonach sie
+sich dann weiter und bequemer umschauen konnten. Unter ihnen waren die
+Oldenburger, (die besonders drängten und trieben, damit ihnen »die von
+dem Hamburger Schiff« nicht zuvorkämen) Steinert, Löwenhaupt, Rechheimer,
+Wald und Eltrich, der ebenfalls ein Quartier für seine kleine Familie
+zu suchen hatte, da er beabsichtigte New-Orleans zu seinem nächsten
+Wohnsitz und Aufenthalt zu wählen, und noch einige der Handwerker und
+Bauern an Bord. Sie wollten die Zeit benutzen, bis ihre Sachen gelandet
+werden konnten.
+
+Es war noch die frühste Morgenstunde, nichts destoweniger schwärmte die
+Levée[5] schon -- da in dem warmen Klima fast alle Geschäfte Morgens
+beendet werden, von thätigen Leuten, die sich Alle in größter Eile
+durcheinander drängten, und die Neugekommenen kaum eines Blickes
+würdigten. Schwergepackte zweirädrige und eigenthümlich gebaute Karren,
+mit _einem_ kräftigen Pferd bespannt, zogen in fast ununterbrochener
+Reihe den verschiedenen Schiffen zu oder in die Stadt hinein, und
+abgeladene trabten, mit dem Führer vorn darauf stehend, rasch wieder
+zurück, neue Fracht zu holen. Kleine einspännige Milchkarren, mit
+einer Masse blechener Kannen bepackt, rasselten über das Pflaster;
+wunderhübsche Mulatten, und Quadroonmädchen, schlank und voll gewachsen,
+mit elastischem Gang, ein buntfarbiges Tuch kokett um das dunkle Haar
+geschlagen, boten Blumen und Früchte aus; Männer und Knaben, mit Körben
+und kleine Glaskasten umgeschnallt in denen eine Masse verschiedener
+Kleinigkeiten zum Verkauf auslagen, standen an den Ecken oder wanderten
+an den Schiffen entlang, ihre Waaren mit ungemeiner Zungenfertigkeit und
+meist in einer schauerlichen Mischung von Englisch-Französisch und
+jüdischem Deutsch feil bietend.
+
+Dann die Kaufläden, die wunderlichen großen Schilder mit den riesigen
+Buchstaben, die Heerden von Vieh, die sich, hier in der Vorstadt, mitten
+durch die Menschenschaaren drängten, oder gedrängt wurden, ihrem
+Bestimmungsort, dem Schlachtplatz zu, die Masse von Negern und Mulatten,
+Mestizen, Quadroonen, mit allen nur erdenklichen Schattirungen von
+Weiß und Gelb zu Schwarz und Braun, die eleganten Cabriolets neben den
+schmutzigen Marktwägen die Früchte und Gemüse aus dem Inneren zur Stadt
+bringen; es war ein Gewirr von Sachen daß die Einwanderer, von denen
+sich nur Eltrich getrennt hatte seine eigenen Geschäfte desto rascher
+besorgen zu können, nicht Augen genug zu sehen, nicht Ohren genug zu hören
+hatten, und im Anfang wirklich wie von einem wilden, hirnverdrehenden
+Traum befangen an der Levée hinauf, der eigentlichen Stadt zugingen, und
+herüber und hinüber gestoßen, denn sie schienen _allen_ Menschen heute
+im Weg, endlich unfern von da stehen blieben wo eine Anzahl Männer und
+Frauen, neben aufschichteten Kisten und Koffern auf der Levée saßen und
+das Wogen und Drängen der Weltstadt still und die Hände in den Schooß
+gelegt, an sich vorüber strömen ließen.
+
+»Das sind Deutsche!« rief Steinert, mit der Hand nach ihnen hinüber
+deutend -- »die können uns auch vielleicht Auskunft geben wohin wir
+uns am Besten wenden, mitten in die Stadt zu kommen; wir wollen sie
+jedenfalls fragen.«
+
+»Und wo wir hier Arbeit kriegen« sagte da ein Oldenburger, »Donnerwetter,
+seit wir hier auf dem Damm herum laufen ist mir ganz wunderlich zu Muthe
+geworden; ich glaubte erst wir würden den Fuß nicht an Land setzen
+können, ohne daß die Amerikaner auf uns zukämen, und uns frügen was wir
+den Tag oder Monat für Lohn haben wollten, und jetzt bekümmert sich
+keine Menschen-Seele um uns, und die Leute thun gerade so, als ob wir
+gar nicht in der Welt wären.«
+
+»Guten Tag Landsleute« sagte Steinert als sie sich den Leuten näherten,
+und die Männer und Frauen drehten rasch den Kopf nach ihm um, und
+erwiederten den Gruß.
+
+»Auch erst angekommen?« frug der eine Oldenburger den ihm nächst
+sitzenden, einen alten Mann mit braunledernen kurzen Hosen, baumwollenen
+langen Strümpfen, eine blaue Jacke mit bleiernen Knöpfen darauf, weiß
+und blaugesprenkelte Weste und eine Pelzmütze auf.
+
+»#Jes#« sagte der Mann, »seit gestern Morgen.«
+
+»Und spricht schon Englisch?« lachte Steinert.
+
+»#Jes# a Bisle« sagte der Mann wieder, aber mit einem wehmüthigen Zug um
+den Mund, als ob es ihm leid thue.
+
+»Und weshalb sitzt Ihr hier und verpaßt die schöne Zeit?« rief Steinert,
+»oder wartet Ihr auf ein Dampfboot, den Fluß hinauf zu gehen?«
+
+»Wir sitzen hier, weil uns der Capitain nicht länger an Bord behalten
+und nicht wieder mitnehmen wollte« sagte der Mann finster.
+
+»Wieder mitnehmen? -- nach Deutschland?«
+
+»#Jes.#«
+
+»Aber um Gottes Willen weshalb?«
+
+»Weil wir nicht gern gleich die erste Woche verhungern möchten in
+Amerika« sagte der Mann und die Frau die neben ihm saß preßte ihr Kind
+fester an sich und wandte den Kopf ab, daß die Fremden die Thränen nicht
+sehen sollten, die ihr in den Augen standen.
+
+»Ist es so schlecht hier?« frug der andere Oldenburger rasch.
+
+»Schlecht? -- das weiß ich nicht« sagte der Mann -- »aber wir sind
+unserer sechse gestern den ganzen Tag von Morgen bis Abend herumgelaufen
+Arbeit zu suchen und Brod zu finden, und Niemand hat uns haben wollen,
+und Geld haben wir auch nicht mehr uns Provisionen zu kaufen. Gestern
+hatten wir noch Schiffszwieback den wir vom Bord mitgenommen -- heute
+werden wir von den halbfaulen Apfelsinen und Äpfeln leben können, die
+die Obstweiber fortwerfen.«
+
+»Aber sollen denn Eure Sachen hier im Freien liegen bleiben?« frug sie
+Steinert kopfschüttelnd; »es wird doch wohl gewiß Plätze geben wo Ihr
+die unterbringen könntet.«
+
+»Ja es gibt so Häuser, die sie hier Bordinghäuser nennen« sagte ein
+Anderer -- »aber die verlangen gleich Geld, oder die Sachen in Versatz,
+weil wir mit Frauen und Kindern ankamen, und sie die überdieß nicht gern
+einnehmen wollen. Das ist nun Amerika -- _jetzt sind wir da!_« und der
+Mann stützte seinen Kopf in beide Hände, holte tief Athem, und sah still
+und starr vor sich nieder eine ganze Weile lang.
+
+»Seid Ihr auch eben erst angekommen?« frug der Erste wieder.
+
+»Ja« sagte der eine Oldenburger, aber sehr kleinlaut -- »heute Morgen
+-- vor einer halben Stunde etwa.«
+
+»Und habt Ihr auch Frauen mit?« frug die eine Frau mit leiser Stimme,
+aber es lag ein solcher Schmerz darin, daß es selbst Steinert unbehaglich
+zu Muthe wurde, und er rasch sagte:
+
+»Ihr müßt nicht verzagen Leute; Wetter noch einmal, die gebratenen Tauben
+fliegen Einem nicht in's Maul, und Ihr sitzt hier gerade so, als ob Ihr
+darauf wartetet. Ihr seid gesund und kräftig, und allen Solchen fehlt es
+in Amerika nicht, das ist eine allbekannte Sache.«
+
+ [Illustration: Capitel 3.]
+
+»Wenn man aber nun Nichts zu essen, und auch Niemanden hat der Einem was
+giebt?« sagte einer der Anderen wieder. »Ihr habt klug reden -- vielleicht
+die Taschen noch voll Geld und keine Weiber und Kinder, aber lauft erst
+einmal in der ganzen Stadt in der Hitze herum von Haus zu Haus, und
+fragt nach Arbeit, und werdet überall fortgeschickt, und wißt dann daß
+Eure Kinder am Fluß sitzen und nach Brod schreien. -- Ich bleibe jetzt
+hier ruhig hocken,« setzte er dann mit finsterem Trotz hinzu, »und will
+eben einmal sehn ob uns die Amerikaner hier auf der Straße verhungern
+lassen oder nicht.«
+
+»Und seid Ihr allein mit dem Schiff gekommen?« frug ihn Wald, der
+indessen heimlich in die Taschen gegriffen und einen halben Dollar
+herausgenommen hatte.
+
+»Nein, wir sind ihrer noch mehr« sagte der Erste -- »die Anderen sind
+wieder ausgegangen heut Morgen und suchen Arbeit oder Brod -- wenn wir
+nur Milch für die Kinder hätten.«
+
+»Da hab' ich gerade vorhin einen halben Dollar auf der Straße gefunden«
+sagte Wald, das Geldstück der Frau hinhaltend -- »Euch thuts hier
+wahrscheinlich mehr Noth, denn ich habe keine Familie -- nehmts!«
+
+Die Frau zögerte, -- die Hand zuckte ihr nach dem Silber, aber unschlüssig
+sah sie dabei nach dem Mann hinüber, ob sie es nehmen dürfe; da warf ihr
+Wald das Geld in den Schooß und ging rasch die Straße hinunter, in deren
+dichten Getümmel er im nächsten Augenblick schon verschwunden war.
+
+»Du -- hast _Du_ gesehn daß der Jude den halben Dollar gefunden hat?«
+frug der eine Oldenburger den andern leise, als sie die Straße wieder
+hinaufgingen.
+
+»Ne« sagte der.
+
+»Ich auch nicht -- paß man ein Bischen auf, vielleicht finden wir auch
+was« meinte der Erste wieder und betrachtete von da an die Levée mit
+höchst mistrauischen Blicken.
+
+Auf Steinert hatte diese Begegnung aber einen höchst unangenehmen
+Eindruck gemacht, und Amerika ungemein viel in seinen Augen verloren. Da
+waren Leute -- gesund, kräftig und stark, die _Arbeit_ suchten und keine
+finden konnten, und sich vor dem Hungertode fürchteten -- zu Hause aber
+hatten ihm die Auswanderungs-Agenten ganz andere Geschichten erzählt,
+und in Büchern konnte er sich auch nicht erinnern, schon etwas Ähnliches
+gelesen zu haben.
+
+»Verfluchte Geschichte das,« murmelte er dabei vor sich hin »ich weiß
+nicht was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin« -- »ganz verfluchte
+Geschichte das. -- Aber die Leute haben keine Empfehlungsbriefe, _das_
+ist die Sache, und keine Lebensart -- wissen sich nicht zu benehmen,
+nicht in die Schwächen und Fehler ihrer Mitmenschen zu schicken oder
+diese zu benutzen -- vertrauen zu wenig auf ihre eigene Kraft -- bitte
+um Entschuldigung« unterbrach er sich in dem Augenblick selbst, als er
+von einem riesigen Irländer, der sich aber nicht weiter um ihn kümmerte,
+fast über den Haufen geworfen wurde -- »hm, der Weg war doch breit genug«
+brummte er dann hinter ihn her und setzte, immer noch kopfschüttelnd
+aber doch jetzt etwas vorsichtiger, seinen Weg in das Innere der Stadt
+fort.
+
+Wald hatte sich indeß in das dickste Gedräng geworfen, wo er plötzlich
+voll und breit gegen einen hölzernen, mit kleinen Glasscheiben versehenen
+Kasten anlief, über dem er zu seinem nicht geringen Erstaunen ein
+bekanntes Gesicht entdeckte.
+
+»Rosengarten -- Gottes Wunder wo kommst _Du_ her?« rief er überrascht
+aus, während er den Kasten mit beiden Händen festhielt und dem Träger
+desselben, der ihn an ein paar breiten ledernen Riemen über die Schultern
+gehängt trug, in das Gesicht schaute.
+
+»Wald! als ich gesund will bleiben -- #tri 'scaleng a piece trois bits#
+drei Real 's Stück, bester Qualität #werry fine bong!#« rief der junge
+Bursche in einem Athem den Freund begrüßend und in allen möglichen
+Sprachen seine Waaren zugleich ausbietend, keine unnöthige Zeit zu
+versäumen -- »#wer you come from? tri 'scaleng -- only tri bits#
+Schentelman, #werry fine bong!#«
+
+»Hallo« -- lachte aber Wald in das Gewirr von Ausrufen hinein, die nicht
+allein von dem neu gefundenen Freund, sondern von allen Seiten und allen
+Arten von Ausrufern und Ausruferinnen in seine Ohren schwirrten und ihn
+taub zu machen drohten »mit mir mußt Du schon noch deutsch reden, sonst
+verstehe ich keine Sylbe.«
+
+»Just #from# Schermany gekommen?« rief aber der kleine Jude ihn erstaunt
+ansehend »und was mache se in Bamberg? stehen die vier Thirmle noch?
+#tri scaleng a piece -- only tri bits, trois scaleng werry bong! who
+will puy?#«
+
+Wald sah wohl daß mit dem Burschen hier auf offener Straße, wo er
+jeden Menschen in Verdacht hatte seine Waaren kaufen zu wollen, Nichts
+anzufangen sei, so also, ohne weiter ein Wort an ihn zu verlieren, kroch
+er ihm unter dem Kasten weg, faßte ihn hinten am Rockschoß, und zog ihn,
+während dieser noch unverdrossen ausschrie, rückwärts aus dem dichtesten
+Gewirr hinaus einer verhältnißmäßig stilleren Straße zu, die gerade dort
+wo sie sich befanden auf die Levée ausmündete. Diese Straße mit ihm
+hinaufgehend kamen sie bald zu einem Haus an dem auf weißem Schild mit
+grünen Buchstaben »Deutsches Kosthaus« geschrieben stand, und da Beide
+noch nüchtern waren, verständigten sie sich leicht dort hinein zu gehn
+und während der Mahlzeit eine Viertelstunde mit einander zu plaudern.
+Rosengarten war um so eher damit einverstanden, als er dabei auch nicht
+so viel Zeit unnöthig zu versäumen brauchte, denn essen mußte er doch.
+
+»Aber um Gottes Willen was hast Du nur heute Morgen gerade so viel zu
+thun?« frug ihn Wald -- »so früh wird Dir doch Niemand etwas abkaufen.«
+
+»So früh?« rief aber der kleine Bursche -- »so früh, und so viel zu
+thun? -- kein Mensch kann das wissen, und Geld muß der Mensch hier
+machen, wenn er leben will; jede Viertelstunde also die man versäumt,
+macht man kein Geld, und die ist verloren, kommt nicht wieder.«
+
+Er kauderwelschte dabei das wenige was er sprach so furchtbar in dem
+nichtswürdigsten Englisch und Französisch, mit sogar einigen spanischen
+Brocken, wie eben so schlechtem Deutsch durcheinander, daß sich Wald
+wirklich die größte Mühe geben mußte, nur zu verstehen was er im Ganzen
+sagen wolle, denn die einzelnen Sätze hatte er schon lange aufgegeben.
+Der Bericht aber, den der kleine Bursche von sich selber und seinen
+Erfolgen gab, war ungefähr kurz der folgende. Vor kaum einem Jahr von
+Bamberg ausgewandert hatte er, hier angekommen, zuerst Monate lang
+vergebens gesucht bei irgend einem Landsmann und Glaubensgenossen in
+ein Geschäft aufgenommen zu werden. Was in einem solchen zu thun war,
+besorgten die Leute Alles selbst, und als er das letzte Geld, wenige
+Gulden die er noch mitgebracht, verzehrt, wußte er in Verzweiflung
+wirklich nicht was er beginnen sollte. Ein Landsmann, den er endlich
+um Unterstützung anzugehn gezwungen war, gab ihm kein Geld, sondern
+_borgte_ ihm ein Dutzend baumwollene Hosenträger, mit denen er ihm ganz
+ernsthaft rieth ein Geschäft _selber_ zu beginnen, und er folgte dem
+Rath. Die Hosenträger bezahlte er nicht, sondern borgte bei einem
+Anderen einige Kämme, Zahnbürsten, Band und Stecknadeln, etc. Auch diese
+trugen gute Früchte, und in drei Monaten konnte er sich einen Glaskasten
+mit solch werthvollen Gegenständen anschaffen, daß er sich jetzt zu
+einem drei Real[6] pro Stück Krämer emporgeschwungen hatte, und goldene
+Ringe und Tuchnadeln, Messer, Dolche, kleine Pistolen, Uhrketten,
+Ohrringe und überhaupt Byjouterieen in den Straßen der Stadt, als
+wandernder Tabulettkrämer feil bot. Amerika war übrigens das Land »Geld
+zu machen« _seiner_ Aussage nach, und die Leute die drinnen _hungerten_,
+deren eigene Schuld sei es, und sie verdienten es eben nicht besser.
+
+Die Mahlzeit hatte indessen begonnen und Wald fand sich hier ebenfalls
+in einer fremden ungewohnten Welt, der das bisher ertragene Schiffsleben
+nur einen noch höheren Reiz verlieh. Der lange Tisch, an dem eine Masse
+Menschen saßen und, ohne mit einander ein flüchtiges Wort zu wechseln,
+ihr Essen mehr einschlangen als verzehrten, so rasch als möglich wieder
+fertig zu werden, die Quantität der Speisen selber, und frisches Brod,
+frisches Fleisch, gekochte Eier, und Milch und Zucker im Kaffee, lauter
+Luxusartikel die man auf dem Schiff im Anfang schmerzlich vermißt, und
+später fast vergißt, daß sie überhaupt existiren, bis sie mit einem
+Male sämmtlich wieder in Armes Bereich auftauchen, hatten einen viel zu
+großen Reiz für ihn, nicht selbst seine Amerikanische Zukunft für den
+Augenblick in den Hintergrund zu drängen, und als Rosengarten -- dem der
+Boden unter den Füßen an zu brennen fing, bis er wieder hinauskam auf
+den Schauplatz seiner Thaten -- ihm die Adresse des eignen Kosthauses
+gegeben hatte, wo sie sich heute Abend wieder finden wollten, und dann
+fortgeeilt war sein Ausschreien auf's Neue zu beginnen, blieb er noch
+eine ganze Weile an dem Tisch sitzen und gab sich dem behaglichen Gefühl
+hin, wieder einmal nach langer Entbehrung, von einem ordentlichen Stuhl
+aus seine Beine unter einen Tisch strecken zu können, auf dem es der
+Mühe werth war einen Teller stehn zu haben, und nicht mehr, wie bisher,
+mit einem Blechnapf voll Erbsen und einem Stück salzigen Fleisch auf den
+Knieen so lange zu balanciren bis das Bischen Essen nur des Hungers,
+nicht des Wohlgeschmacks wegen hinuntergewürgt war.
+
+Von den übrigen Passagieren hatten sich übrigens die wenigsten schon dem
+Genuß einer ordentlichen Mahlzeit hingeben können, denn jetzt auf ihre
+eigenen Kräfte angewiesen einen Beginn in dem neuen Land zu finden,
+mußten sie vor allen Dingen einen Platz suchen, von dem sie ausspringen
+konnten, eine Stelle ihren Hebel aufzulegen für ihre künftigen Hoffnungen.
+Das aber war ein schwieriges und wichtiges Geschäft, da von dem einen
+Schritt vielleicht ihr ganzes künftiges Glück oder Unglück abhing, und
+die Folgen, wie sie den Anfang nahmen, segensreich oder verderblich
+werden mußten.
+
+Professor Lobenstein besonders mit seiner zahlreichen Familie und den,
+an Entbehrungen noch nicht gewohnten Frauen, wie mit einer enormen Masse
+Gepäck (die ihn doch jetzt etwas besorgt machte, da er sie von dem
+Schiff nehmen sollte ohne genau zu wissen wohin) war gezwungen einen
+Entschluß zu fassen, ob er in New-Orleans eine Zeitlang bleiben, oder
+mit einem der Flußdampfer, von denen an jedem Tag drei oder vier, oft
+noch mehr, stromauf gingen, einem anderen, etwas mehr nördlich gelegenen
+Klima zueilen wolle.
+
+Henkel, dessen Meinung er darüber ganz besonders schon unterwegs
+eingeholt, und der außerdem seine eigenen Gründe hatte den Professor
+mit seiner Familie so rasch als möglich von New-Orleans zu entfernen,
+rieth ihm unbedingt zu dem letzteren Weg. Louisiana war nicht allein
+ein Sclavenstaat, sondern ein fast nur Zucker und Baumwolle zum Export
+producirendes Land, in dem sich ein neuer Ansiedler, wenn er nicht mit
+bedeutenden Mitteln und mit einer Anzahl Negern auftrat, den Boden
+in Angriff zu nehmen, kaum über Wasser halten konnte. Der Norden bot
+ihm dafür sicherere Hülfsquellen und ein besseres, dem Europäer mehr
+zusagendes Klima, wo sie ihre eigenen Kräfte verwerthen konnten, und mit
+einem weit geringeren Capital im Stande waren zu beginnen. Er hatte
+ihm dazu Wisconsin, oder wenn er nicht so weit nördlich gehen wollte,
+Illinois, selbst Kentucky oder Missouri vorgeschlagen, denn trieben die
+beiden letzten Staaten auch Sclaverei, so waren doch schon so viele
+nordische Einwanderer, besonders Deutsche in ihnen angesiedelt, die ihre
+eigene Arbeit verrichteten, daß die eigene Arbeit auch eben mit der
+Sclavenarbeit concurriren konnte, während der Ansiedler zugleich in
+einem nicht zu kalten Klima, alle Vortheile eines äußerst fruchtbaren
+Bodens, und außerdem verhältnißmäßig gesunden Landes genoß. Selbst
+Arkansas, obgleich schon etwas nah an Louisiana gelegen, war da zu
+empfehlen, noch dazu da dieß junge Land einmal eine große Zukunft
+hätte; wolle er aber ganz sicher gehn und hätte er ein paar tausend
+Thaler an einen Anfang zu wenden, so riethe er ihm die mehr östlichen
+Staaten, Indiana oder Ohio zu wählen, wo er gewissermaßen schon in eine
+civilisirtere Nachbarschaft komme, und nicht mitten im Wald zu beginnen
+brauche; Boote für den Ohiostrom gingen überdieß an jedem Tag ab und er
+habe die Erleichterung sein Gepäck, was je eher desto besser geschehe,
+gleich von Bord der Haidschnucke fort an Bord des Dampfboots schaffen
+zu können, das ihn in die nächste Nähe, vielleicht vor die Thür seiner
+nächsten Heimath trüge.
+
+Es ist immer eine schwierige Sache sich zu der Wahl eines Platzes zu
+entschließen, besonders wenn man das Land noch nicht kennt und Familie
+hat. Alle Beschreibungen und Schilderungen die wir da hören und lesen,
+schwimmen uns in wüsten, undeutlichen Bildern vor der Seele herum, und
+dem Trieb, das eine zu greifen und zu halten, mischt sich die Furcht
+-- die oft nur zu gegründete -- das Alles nicht so zu finden, nicht
+etwa wie es erzählt wird, sondern wie wir es uns denken, und dann
+einen Schritt gethan zu haben, der eben gethan _ist_, und nicht mehr
+zurückgenommen werden kann. Der Auswanderer weiß dabei, daß von diesem
+Entschluß sein ganzes künftiges Leben, Glück oder Unglück abhängt; sind
+dann die Würfel wirklich in seine Hand gegeben, so zittert er vor dem
+Wurf zurück, denn nicht allein seine Kraft und Ausdauer, sein Fleiß und
+guter Wille sind es mehr, die hier allein den Ausschlag geben, nein der
+Zufall hat viel dabei zu entscheiden ob er das rechte trifft, und nicht
+vielleicht später einsehn muß Geld und Zeit an ein _Experiment_, an eine
+viel zu theuer erkaufte Erfahrung weggeworfen zu haben, wie gezwungen zu
+sein noch einmal, und wie viel schwerer _dann_, von vorne zu beginnen.
+
+Das Schlimmste dabei ist, daß er sich in Amerika selber wenig auf den
+Rath fremder Leute verlassen darf, denn überall ist er der Gefahr
+ausgesetzt solchen in die Hände zu fallen, die eigener Nutzen treibt ihm
+diesen oder jenen Landstrich ganz besonders zu empfehlen. Die Leute
+brauchen nicht gerade selber irgend einen gewissen Platz verkaufen zu
+wollen, aber sie haben meist Alle irgendwo in den Staaten oder Städten
+der Staate Land, oder einen Bauplatz, das nur dadurch im Preis steigen
+und für sie selber einen Gewinn abwerfen kann, wenn sich eben andere
+Ansiedler in dessen Nähe niederlassen, das Land bebauen und die Produkte
+durch eine größere Cultur im Werthe steigen machen. Ihr Rath braucht
+deshalb nicht schlecht zu sein, aber die Frage bleibt immer ob der
+Einwanderer nicht doch noch einen besseren Platz hätte finden können
+für seine Niederlassung -- wenn ihm eben nur Zeit gegeben wäre sich
+den selber zu suchen.
+
+Henkel hatte nun allerdings keine solchen Beweggründe, die ihn trieben
+dem Professor eine Strecke Landes zu empfehlen, wenn er auch in
+ruhigerer Zeit wohl vielleicht nicht versäumt haben würde die
+Unerfahrenheit des Fremden zu benutzen. Für jetzt lag ihm nur Alles
+daran ihn und seine Familie, an die sich sein Weib näher angeschlossen
+hatte als ihm lieb war, so rasch als möglich von ihr zu entfernen;
+_wohin_ er dabei den Professor mit den Seinen schickte war ihm ziemlich
+gleichgültig nur fort mußte er von New-Orleans.
+
+Der Professor hatte sich aber in seinem ganzen Leben noch nicht so
+rath- und thatlos gefühlt als in dem Augenblick, wo er am vorigen
+Abend und gleich nach seiner Landung, in Henkels und seiner übrigen
+Reisegefährten Begleitung, festen Grund und Boden betrat, und nun für
+sich selber _handeln_ sollte. So viel hatte er allerdings bis dahin über
+Amerika gelesen und studirt, daß er mit größter Leichtigkeit selber
+hätte eine sehr ausführliche Abhandlung darüber schreiben können, wie
+sich eben der Auswanderer, gleich nach seinem ersten an Land treten zu
+benehmen, und welche Schritte er zu thun habe, am raschesten zu einem
+günstigen Ziel zu kommen; nun er aber selber da stand und das auch an
+sich selber ausführen sollte was er anderen mit fester Überzeugung
+gerathen haben würde, da wirbelte ihm der Kopf von alle dem Neuen,
+Fremden das ihn umgab, und er fühlte eine Befangenheit, die er früher
+nimmermehr für möglich gehalten hätte, und sich jetzt am allerwenigsten
+selber eingestehen mochte. Die Häusermassen schienen ihn zu erdrücken,
+die fremde Sprache, deren er Herr zu sein geglaubt, und deren Wortgewirr
+ihm jetzt die Ohren mit einem Chaos von unbegriffenen Tönen füllte,
+machte ihn schwindeln, der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, und er
+mußte mehrmals stehen bleiben um Athem zu schöpfen und sich zu besinnen
+was er eigentlich wolle, was ihn hierher geführt.
+
+Die übrigen Passagiere zerstreuten sich indessen bald nach verschiedenen
+Richtungen, mehr ihrer Neugierde, als irgend einem bestimmten Geschäft
+nachgehend, und der Professor zitterte wirklich schon vor dem Augenblick,
+wo er sich selber überlassen bleiben würde, wenn er sich gleich noch
+immer nicht gestehen wollte, daß es doch ein ganz anders Ding um die
+Praxis als die Theorie sei. Ein Stein fiel ihm da vom Herzen, als sich
+ihm Henkel, wenn er irgend ein bestimmtes Ziel vor Augen habe, zum
+Führer in der ihm wohlbekannten Stadt anbot, und er hing sich ordentlich
+krampfhaft an dessen Arm, als ob er fürchte daß er ihm wieder
+entschlüpfen könne.
+
+Henkel ersah bald seinen Vortheil; der Professor war ihm unter den
+Händen wie weiches Wachs geworden, und verlangte schon gar keinen Rath
+mehr, sondern nur eine bestimmte Richtung von Jemand angegeben zu
+bekommen, der er, scheinbar freiwillig, folgen könne. Der junge Mann
+erzählte ihm jetzt von seinem früheren Aufenthalt in Indiana, welch
+gesundes, vortreffliches Land dort liege, wie er selber da viele Freunde
+habe und diesen Staat, so er sich dazu entschließen könnte Ackerbau zu
+treiben, jedenfalls zu seinem bleibenden Wohnsitz wählen würde, und
+wußte die Vortheile desselben, die glückliche Lage, die ausgezeichneten
+Communicationsmittel, die Produktionsfähigkeit, die reizende Scenerie,
+die fleißigen stillen Menschen dort mit solch lebendigen Farben zu
+schildern, daß es dem Professor nach und nach wie eine Last von der
+Seele rollte, und er freier, fröhlicher zu athmen begann. Eine Stunde
+später hatte er denn auch richtig -- wenn auch noch keine Farm gekauft,
+denn ein gewisser glücklicher Instinkt ließ ihn davon zurückschrecken
+baar Geld aus den Händen zu geben, ehe er mit eigenen Augen sähe was er
+dafür bekäme, aber doch einen Empfehlungsbrief an einen bedeutenden
+Kaufmann in Grahamstown am Ohiofluß, Staat Indiana, in der Tasche, und
+sogar höchst unnöthiger Weise schon seine Passage für sich und die
+Seinen an Bord des Dampfers Jane Wilmington bezahlt, der am nächsten
+Morgen um zwölf Uhr nach Cincinnati bestimmt, die Levée von New-Orleans
+verlassen sollte, und ihn in Grahamstown absetzen konnte.
+
+Seine Aussichten hatten sich dadurch nicht um ein Jota geändert oder
+gebessert, er wußte so wenig von seinem künftigen Schicksal als vorher,
+und der Ort Grahamstown klang ihm so fremd und unbekannt, wie es jedes
+andere kleine Städtchen des ungeheueren Reiches gethan haben würde; aber
+von dem Augenblick an wo er ein festes Ziel bekommen hatte, dem er von
+jetzt an zustreben durfte, von dem Moment wo ihm, ob durch fremden Einfluß
+oder eigenen Entschluß, ein bestimmter Punkt gegeben worden, den er für
+jetzt nur zu erreichen, und dann auf dem Begonnenen weiter zu bauen
+hatte, fühlte er plötzlich eine Zuversicht und Sicherheit in seinem
+ganzen Wesen, wie er sie seit langen Jahren selbst nicht gekannt. Er
+war nicht mehr fremd in Amerika -- er gehörte nach Grahamstown im Staat
+Indiana an dem Ohiofluß, er konnte mit dem Finger auf der Karte genau
+die Stelle bezeichnen wohin er wollte, und der Schritt mit dem er gegen
+zehn Uhr Abends an Bord zurückkehrte, schwankte nicht mehr und zögerte
+unschlüssig, wie wenige Stunden vorher, als er das Land zuerst betreten
+hatte, sondern war leicht und elastisch geworden, wie in früheren,
+glücklicheren Tagen.
+
+Eine einzige Schwierigkeit blieb jetzt noch zu überwinden, und zwar das
+Gepäck sämmtlich vor der bestimmten Abfahrt des Dampfbootes aus dem
+unteren Raum herauf und an Land zu bringen, wo es auf Karren dann leicht
+nach der fast drei englische Meilen weiter oben liegenden Dampfbootlandung
+geschafft werden konnte. Der Steuermann aber, an den er sich deshalb
+noch gleich an dem Abend wandte, glaubte ihm das versprechen zu können,
+da es ziemlich oben auf, und zwar alles zusammen unter die Vorderluke
+gestaut war, und wenn die Leute mit Tagesanbruch daran begannen, und der
+Professor eben keine weiteren Schwierigkeiten mit den Mauthbeamten
+hatte, so ließ sich das schon bis zu der bestimmten Zeit in's Werk
+richten.
+
+Henkel war, wie schon vorerwähnt, erst am frühen Morgen an Bord
+zurückgekehrt, wo er jetzt freilich mit Ungeduld den Aufbruch der
+übrigen Passagiere erwartete. Er fürchtete nicht mit Unrecht daß Clara
+sich ernstlich weigern würde nach dem Vorgefallenen mit ihm zugleich
+das Schiff zu verlassen, mehr als das aber noch, daß sie sich irgend
+Jemanden, und von allen vorzüglich der Frau des Professors anvertrauen,
+und eine Sache zur Sprache bringen könne, die jetzt -- was auch immer
+später geschehen mochte -- jedenfalls noch Geheimniß bleiben mußte. Daß
+etwas derartiges noch _nicht_ geschehen sei, konnte er leicht aus dem
+freundlichen, unbefangenen Wesen der übrigen Frauen entnehmen; es zu
+verhindern daß es jetzt noch, im letzten Augenblick, geschehen könne,
+mußte seine Hauptsorge sein. Ebenso hatte er aber auch die Waaren, die
+unter einem falschen Namen verschifft worden, in Sicherheit zu bringen,
+war das geschehen konnte er jeder etwaigen Anklage lachen; er selber war
+zu bekannt auf dem Terrain, auf dem er sich jetzt befand, etwas für
+seine persönliche Sicherheit fürchten zu dürfen.
+
+Das Anholen des Schiffes an die Landung nahm allerdings eine ziemliche
+Zeit in Anspruch, und die übrigen Passagiere wenigstens ein großer
+Theil von ihnen, drängte ebenfalls seine Sachen aus dem unteren Raum zu
+bekommen, das Schiff zu verlassen; Professor Lobenstein hatte aber das
+Versprechen des Steuermanns, und die Leute, denen er ein tüchtiges
+Trinkgeld zusagte wenn sie sich beeilten, arbeiteten »#with a will#« wie
+sie an Bord sagen, und Kiste nach Kiste, Koffer nach Koffer entstieg
+dem dunklen Raum, und wurde an Deck gehoben, rasch geöffnet, von dem
+Mauthbeamten flüchtig angesehn, wieder zugeschlagen und über die
+ausgeschobenen Planken an Land geschafft. Die Effekten waren für eine
+Farm in's Innere, für eine große Familie und eigenen Gebrauch bestimmt;
+neue Sachen ebenfalls nicht dabei, lagen wenigstens nicht oben auf, und
+die Steuerbeamten hatten mit der _Fracht_ schon genug zu thun, sich eben
+mit _Passagiergut_ viel abzugeben.
+
+Um elf Uhr war sämmtliches Gepäck des Professors, dem sich von Hopfgarten
+angeschlossen und ihm erklärt hatte die Reise nach Indiana in seiner und
+seiner Familie Gesellschaft machen zu wollen, gelandet und revidirt,
+und zum großen Theil auch schon auf den dort gebräuchlichen #drays#
+(zweirädrigen Karren mit einem Pferd) abgegangen, an Bord der Jane
+Wilmington geschafft zu werden. Henkel drängte aber jetzt den Professor,
+seine Familie hinauf zu führen sich dort an Bord einzurichten, und
+zugleich mehr Sicherheit zu haben daß der Dampfer wirklich nicht eher
+abführe, bis sämmtliches Gepäck auf ihm eingeladen sei; Eduard konnte
+indeß bei dem kleinen Rest der Sachen zurückbleiben, und mit der letzten
+Ladung nachfolgen.
+
+Die Damen hatten ihre Sachen schon voraus geschickt, und hielten es
+ebenfalls für nöthig daß sie sich dort ihre Coyen vor Abfahrt des
+Bootes ein wenig einrichteten. Allerdings bedauerten sie, so nahe an
+New-Orleans nur eben _vorbei zu gehen_, ohne mehr von der Stadt zu sehn
+als die dem Wasser zunächst gelegenen Häuser, der Professor tröstete sie
+aber damit daß sie, wenn ordentlich eingerichtet, leicht einmal eine
+Vergnügungstour hierher machen konnten, wo sie täglich, an ihrem Hause
+vorbei, drei-, viermal Schiffsgelegenheit haben würden. Dann waren sie
+auch im Stande das Leben in New-Orleans mehr zu genießen als jetzt, wo
+sie die Sorge um ihre nächste Zukunft, ihre nächste Heimath doch nicht
+ruhig ließe, und außerdem der Aufenthalt in einem Hotel, zu dem dann
+erst ihre sämmtlichen Sachen geschafft werden mußten, ein böses Geld
+gekostet hätte.
+
+Henkel hatte indeß einen viersitzigen Wagen besorgt der, von einem
+Mulattenknaben gefahren, dicht unter der Levée herankam und den
+ausgeschobenen Planken gegenüber hielt.
+
+»Aber wir müssen erst von Clara Abschied nehmen« sagte Marie, als der
+Vater sie rief und aufforderte sich zu eilen, damit der Wagen nicht so
+lange zu warten brauche -- »lieber Gott es ist so traurig genug daß wir
+sie jetzt krank zurücklassen, und ihr nicht beizustehen suchen in dem
+fremden Land.«
+
+»Ich sagte ihr gern Adieu« versicherte die Frau Professorin, »wenn ich
+nicht fürchtete sie vielleicht gerade in ihrem jetzigen Zustand noch
+mehr aufzuregen.«
+
+»Sie würden mich unendlich verbinden« erwiederte Henkel mit einem
+bittenden Blick auf die alte Dame, »wenn Sie Alles vermieden Clara zu
+beunruhigen; sie ist so nervös, daß das Geringste sie in Thränen
+ausbrechen macht.«
+
+»Aber ich begreife nicht was ihr um Gottes Willen so plötzlich kann
+zugestoßen sein« sagte Anna -- »Clara war, so lange ich sie kenne, stets
+so gesund und wohl, und heiter und vergnügt, und jetzt auf einmal ist
+sie in einem Zustand von Schmerz und Aufregung, den ich mir nicht zu
+erklären weiß.«
+
+»Laß nur mein Kind« sagte die Frau Professorin freundlich, »das wird,
+und hoffentlich bald, vorübergehn. Gern hätt' ich sie freilich selber
+noch einmal gesehen, Herr Henkel hat aber ganz recht, wir vermeiden am
+Besten jede Aufregung, und ich bitte Sie nur Ihre liebe Frau noch recht
+herzlich von uns zu grüßen, und ihr alles Gute und Liebe zu wünschen was
+sie sich nur selber wünschen kann.«
+
+»Die Jahreszeit ist noch früh und der Herbst bringt gewöhnlich das
+schönste Wetter in Nordamerika, oft bis tief in December hinein« sagte
+Henkel rasch und freudig, »hat sich dann Clara erholt, und erlauben es
+nur irgend meine Geschäfte, wie ich nicht den mindesten Zweifel habe,
+dann besuchen wir Sie, vielleicht eher als Sie glauben, auf Ihrer Farm.
+Ich kenne die Gegend wohin Sie ziehen, und werde Sie dort schon finden.«
+
+»Oh das wäre herrlich, das wäre wunderhübsch« rief Anna -- »Clara wird
+gewiß recht bald besser werden.«
+
+»Aber ohne ihr Adieu zu sagen gehe ich nicht vom Schiff« rief Marie
+jetzt entschlossen -- »ich will sie nicht stören -- wenn sie schläft,
+sie nur leise küssen -- nur ihre Hand wenigstens -- sie braucht auch gar
+nicht zu wissen daß wir fortgehn, aber sehn muß ich sie noch einmal; ich
+habe eine Angst, der ich nicht Worte zu geben vermag, und weiß gewiß,
+ich würde nicht froh werden, hätte ich sie so ohne Abschied
+zurückgelassen.«
+
+»Du bist ein Kind« sagte die Mutter freundlich, »so geh, wenn es Dir
+Herr Henkel erlaubt, und grüße und küsse sie von uns; aber bleib nicht
+lange« setzte sie rasch hinzu, »denn der Vater winkt dort schon wieder
+vom Land, und wir wollen indessen hinuntergehn, und uns in den Wagen
+setzen.«
+
+Henkel biß sich die Unterlippe; der letzte Moment noch konnte vielleicht
+Alles verderben, aber er durfte dem jungen Mädchen auch die Erlaubniß
+nicht weigern, und sie deshalb nur noch bittend, Alles zu vermeiden was
+die Kranke auch nur im Geringsten erregen konnte, stieg er ihr voran, in
+die Cajüte hinunter.
+
+Clara war erwacht -- sie lag, völlig angezogen in ihrer Coye, mit Hedwig,
+an ihrer Seite knieend, als Henkel dieselbe leise öffnete, hinein sah
+und dem jungen Mädchen dann den Vortritt ließ.
+
+»Clara -- meine liebe, liebe Clara wie geht es Dir?« rief Marie auf sie
+zueilend, und den Arm um ihren Nacken legend -- »Du siehst besser aus
+heute Morgen, und gewiß wirst Du Dich jetzt recht bald und schnell
+erholen, wenn Du nur erst einmal festes Land betrittst. Die alte
+häßliche Seefahrt hat so lang gedauert.«
+
+»Du gehst an Land?« frug Clara rasch und wie erschreckt, die Freundin
+mit ihrem Arm leise von sich drückend, ihren reisefertigen Anzug zu
+betrachten -- »Du gehst fort von hier --und -- und Deine Mutter auch?«
+
+»Nein, Clara noch nicht mein Herz -- wir bleiben noch kurze Zeit
+zusammen« erwiederte Marie, aber sie mußte sich zwingen daß sie die
+Thränen zurückdrängte, die ihr in's Auge pressen wollten.
+
+»Wo ist Deine Mutter?« frug Clara, noch immer nicht beruhigt -- »bitte
+sie zu mir zu kommen ich -- ich möchte sie sehen.«
+
+»Du darfst Dich jetzt nicht aufregen mein Herz« antwortete das junge
+Mädchen ausweichend -- »nachher, wenn Du wieder wohl und auf bist -- ich
+soll Dich jetzt von ihr grüßen und küssen.«
+
+»Weshalb kommt sie nicht selber? -- sie ist fort!« rief die Kranke und
+suchte sich selbst emporzurichten.
+
+»Quäle Dich nicht mit solchen Gedanken, Clara -- was hast Du nur?«
+
+»Fräulein Marie sollen nach oben kommen -- der Wagen wartet« rief in dem
+Augenblick der Steward in die Cajüte hinunter.
+
+»Der Wagen? -- was für ein Wagen?« rief Clara, rasch aufmerksam
+geworden, indem sie versuchte ihre Coye zu verlassen. Marie verhinderte
+sie daran.
+
+»Bleibe liegen mein süßes Herz« bat sie in Todesangst, »bleibe liegen
+-- ich muß jetzt fort; bald -- bald komme ich wieder -- Gott schütze
+Dich« und ihre Lippen auf die heiße Wange der Freundin pressend, richtete
+sie sich rasch empor und floh aus der Cajüte.
+
+»Marie!« schrie Clara, die Arme nach ihr ausstreckend --»ich muß --«
+
+»Mich _mäßigen_« sagte Henkel ernst und finster, der in diesem
+Augenblick in der noch offenen Thür erschien und mit einem warnenden
+Blick diese wieder schloß.
+
+»Teufel!« stöhnte die Unglückliche und sank, ihr Antlitz in den Händen
+bergend, erschöpft, gebrochen, auf ihr Lager zurück.
+
+
+
+
+Capitel 4.
+
+Abschied der Passagiere.
+
+
+Unten am Wagenschlag an der Levée, während Professors noch auf die
+zurückgebliebene Marie warteten, stand Fräulein von Seebald, Abschied
+von den bisherigen Reisegefährten zu nehmen, und ihnen das Geleit zu
+geben, so weit als möglich.
+
+»Und was ist _Ihr_ Ziel hier, mein liebes Fräulein?« frug die Frau
+Professorin, als ihr die junge Dame wieder und wieder, mit Thränen im
+Auge, die Hand geschüttelt hatte, »werden Sie in New-Orleans bleiben,
+oder gehen Sie ebenfalls in das Innere?«
+
+»Mein Ziel liegt weit von hier« sagte Fräulein von Seebald mit dem ihr
+eigenen Anflug von Schwärmerei, »weit im fernen Westen, in dem jungen
+Staate Arkansas, wo noch die wilden rothen Krieger und Jäger das Land
+durchstreifen, und die Büffel und Bären fällen.«
+
+»Nach Arkansas? -- und ganz allein?« rief Anna erschreckt, »aber was um
+Gottes Willen zieht Sie dorthin?«
+
+»Familienbande -- die Bande des Herzens« lächelte aber Amalie, »eine
+liebe Schwester lebt mir dort, an einen tapferen Polen, einen Grafen,
+der sein Vaterland nach jenen unglücklichen Kämpfen verlassen mußte,
+verheirathet.«
+
+»Und wie kommen Sie dorthin?« frug die Frau Professorin.
+
+»Morgen, wie ich aus den Zeitungen ersehen habe, die mir der Capitain
+freundlich mitgebracht hat, geht ein Dampfboot den Arkansasstrom hinauf,
+und ihre Heimath ist nur wenig englische Meilen von dessen Ufern
+entfernt.«
+
+»Das nenne ich Geschwisterliebe« sagte die Frau Professorin freundlich
+mit dem Kopf nickend, und die Hand der jungen Dame herzlich pressend
+-- »einen so weiten Weg allein zu gehn.«
+
+»Nennen Sie es Eigennutz -- Selbstsucht liebe mütterliche Freundin«
+rief aber Fräulein von Seebald lächelnd aus -- »das prosaische Leben
+Deutschlands ekelte mich an, und ich konnte der Sehnsucht nicht länger
+widerstehn das freie herrliche Land selber aufzusuchen, in der die
+Schwester ihren Herd gebaut.«
+
+»Und es geht ihr gut dort?«
+
+»Gewiß, Graf Olnitzki hat dort eine eigene Farm, und zahlreiche Heerden
+-- aber sie hat lange nicht geschrieben, und ich werde sie jetzt
+überraschen.«
+
+»Sie weiß gar nicht daß Sie kommen?«
+
+»Nicht ein Wort.«
+
+»Das wird ein Jubel sein« sagte die gute Frau -- »lieber Gott, wenn man
+sich nach so langen Jahren wieder sieht -- wie lebhaft kann ich mir die
+Freude denken.«
+
+In diesem Augenblick kam ein kleiner Trupp ihrer Reisegefährten aus dem
+Zwischendeck, über die ausgelegte Planke an Land -- sie hatten Neger bei
+sich die ihr Gepäck trugen.
+
+Voran ging Eltrich, seine kleine Frau am rechten, sein Kind auf dem
+linken Arm, und ihnen folgte ein stämmiger Schwarzer mit einem großen
+Holz- und einem kleineren Lederkoffer mit zwei Hutschachteln und einem
+Reisesack dem Violinetui und ihren Betten auf einem zweirädrigen
+Handkarren -- eine kleine Tasche trug noch Adele am Arm. Als sie an dem
+Wagen vorbeigingen grüßten sie freundlich die Damen, und wandten sich
+dann der nächsten Querstraße zu, die hinauf in die Stadt führte.
+
+»Welch ein liebes freundliches Gesicht die junge Frau hat« sagte Anna,
+die den Gruß herzlich erwiedert hatte und ihnen nachschaute »ein so
+zartes Wesen und hat die ganze Reise im Zwischendeck ausdauern müssen
+-- ich habe sie oft bewundert; und sie war immer froh und heiter.«
+
+»Ich wäre gestorben«; seufzte Fräulein von Seebald.
+
+»Da kommen noch mehr Zwischendecks-Passagiere«!« rief Anna, nach der
+Planke zeigend, wo in diesem Augenblick Herr Mehlmeier die Hände in
+den Taschen, und einen rothseidenen Regenschirm unter den linken Arm
+gedrückt, von einem Mulatten begleitet, der einen nicht eben schweren
+Koffer auf der Schulter trug, leise ein Lied vor sich hinpfeifend die
+Planke hinunterstieg, und dicht an dem Wagen vorüberging. --
+
+»Wünsche Ihnen eine recht glückliche Reise meine Damen« murmelte er
+dabei mit seiner feinen Stimme, während er keine Miene verzog und sie
+eher mit einem Gesicht anschaute als hätte er sagen wollen, »Na _Ihr_
+könntet auch zu Fuße gehn.«
+
+»Ist das ein grober Mensch« lächelte die Frau Professorin hinter ihm her
+-- »sind nun so lange auf _einem_ Schiff gewesen, und soweit mitsammen
+über das Wasser gekommen, und er grüßt nicht einmal, hat uns auch nie an
+Bord gegrüßt, und uns nur immer steif und hölzern angesehn.«
+
+»Mir war es fast als ob er Ihnen glückliche Reise wünschte« sagte
+Fräulein von Seebald -- »aber ich konnte es nicht deutlich verstehen.«
+
+»Nein gewiß nicht« lachte Anna, »er verzog ja keine Miene dabei -- aber
+da kommt auch der Dichter -- wenn das sein ganzes Gepäck ist, wird er
+nicht viel Umstände damit haben.«
+
+Es war allerdings Theobald, dem ein junger Mulattenbursch mit einem sehr
+schmächtigen gelben Lederkoffer unter dem linken Arm, und einem kurzen
+Reisesack auf dem ein Pegasus gestickt war in der rechten Hand, voran
+lief. Theobald selber trug ein pappenes, etwas mitgenommenes Hutfutteral
+in der rechten Hand und einen schwarzseidenen Regenschirm mit einem
+Fischbein-Stöckchen hineingebunden, unter dem linken Arm, faßte aber,
+als er die Damen an der Levée halten sah, seinen gelben Lastträger
+hinten in den Bund, daß er ihm nicht in dem Gewirr von Menschen abhanden
+kam, und bedeutete ihn mit nach dem Wagen hinüber zu gehn, und dort zu
+warten. Er sprach kein Wort englisch und die ganze Unterhaltung mußte
+durch Zeichen geführt werden.
+
+»Meine Damen, ich habe die Ehre -- ich möchte fast sagen den _Schmerz_
+-- mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen« sagte er, hier angekommen mit
+einer besonders bedeutungsvollen Verbeugung gegen Fräulein von Seebald,
+und einen Ausdruck in den Zügen, der mehr sagen sollte als die kalten
+Worte.
+
+»Und wohin trägt Sie Ihr Flug?« frug Amalie mit einem leichten,
+vielleicht kaum bewußten Erröthen.
+
+»Wohin?« rief Theobald stehen bleibend und in der Begeisterung des
+Augenblicks die Hand mit dem Hutfutteral emporhebend, »in den Strudel
+der sich hier vor uns öffnet, in die Charybdis dieses weiten Reichs
+spring ich hinein, ein kühner Schwimmer. Ob mich die Wasser tragen
+werden? -- ich weiß es nicht -- ob ich darin untergehe? -- « die Hand mit
+dem Hutfutteral kam wieder herunter -- »wer mag den dunklen Schleier der
+Zukunft lüften -- nur ein Gott.«
+
+Er stak fest -- die Frauen waren in Verlegenheit was sie ihm darauf
+erwiedern, ob sie ihn trösten oder bewundern sollten, und Theobald
+selber hatte den Faden verloren, als der kleine Mulatte beide Theile aus
+der Verlegenheit riß. Da dieser nämlich nicht den mindesten Grund sah
+weshalb er hier stehn bleiben und seine schöne Zeit versäumen solle,
+während er, wenn er rasch zurückkam, leicht noch eine Passagierfracht
+von demselben Schiffe aus befördern konnte, so setzte er plötzlich, ohne
+weiter auf den Eigenthümer des Koffers und Reisesacks Rücksicht zu
+nehmen, seinen Weg queer über die Fahrstraße fort.
+
+»Sie da! -- Sohn Afrikas -- hallo!« rief Theobald, in der Sorge um
+sein Eigenthum plötzlich wieder auf die Erde herabkommend -- »hallo
+da -- warten Sie bis ich mit komme!«
+
+»Sie werden schon eine Laufbahn finden, die Ihrer würdig ist« sagte mit
+leisem tröstenden Ton Fräulein von Seebald -- der Koffer drohte aber in
+dem Gewirr von Menschen zu verschwinden.
+
+»Sie werden entschuldigen meine Damen!« rief Theobald, die Schnur des
+Hutfutterals in die Finger der linken Hand pressend, die rechte zum
+Hutabnehmen frei zu bekommen -- »ich hoffe jedenfalls noch das Vergnügen
+zu haben Sie wieder zu sehn« und sich den Hut fest in die Stirne
+drückend folgte er raschen Schrittes seinem viel zu eiligen Mulatten.
+
+Anna lachte, Fräulein von Seebald aber sagte sinnend.
+
+»Wie wir nun Alle hier, die wir bis jetzt nur einer Bahn gefolgt, am
+Scheidewege stehn und hinausziehen nach Nord und West und Süd und Ost.
+_Wo_ werden wir uns wiedersehn, und wird das überhaupt wohl je
+geschehn?«
+
+»Gewiß -- und mit Gottes Hülfe froh und glücklich« sagte die Frau
+Professorin herzlich -- »aber da kommt Marie, Kind, Kind, Du hast Dich,
+und wahrscheinlich auch Clara furchtbar aufgeregt!«
+
+»Nein, meine liebe Mutter« betheuerte Marie, sich die großen hellen
+Thränen aus den Augen trocknend; »ich bin ihr davon gelaufen, ehe sie
+nur ein Wort sagen konnte.«
+
+»Und nun fort!« rief der Professor, der sich bis jetzt von der Levée ab
+den Arm fast ausgeschwenkt hatte, die gar zu lang an Bord zögernde
+Tochter zurück zu winken »Kinder wir haben noch furchtbar viel zu thun.
+Eduard Du besorgst Alles ordentlich und notirst Dir besonders die
+Nummern der Karren, denen Du die Fracht überlieferst, und giebst ihnen
+jedesmal den Zettel mit der darauf verzeichneten Anzahl mit; ich denke
+zwei Karren werden den Rest bequem mit fortbringen, und dann kommst Du
+augenblicklich nach -- #Jane Wilmington#, hier mit der Adresse der
+Straße an deren Fuß sie liegt. Ah Fräulein von Seebald. Sie
+entschuldigen.«
+
+»Recht, recht glückliche Reise.«
+
+»Danke -- danke herzlich -- Capitain ich sehe Sie noch ehe das Boot
+abgeht?«
+
+»Ich bin gleich oben, habe nur noch etwas mit dem Steuermann zu reden
+-- auf Wiedersehn. Ich komme dann gleich mit Herrn Henkel nach.«
+
+»So Kutscher -- wir haben doch Nichts vergessen?«
+
+»Nein Alles in Ordnung.«
+
+»Also #go ahead#! -- vorwärts und mit Gott!«
+
+»Adieu -- adieu!«
+
+Der Wagen bog in die Stadt ein, da an der Levée das Gedräng der Karren
+und Fußgänger zu groß war, und fuhr in scharfem Trabe den nächsten
+Weg nach der Dampfbootlandung, während Eduard jetzt rasch das noch
+zurückgebliebene Gepäck beförderte, mit dem letzten Karren den Eltern
+nachzufolgen.
+
+Der junge Eltrich, der an dem Morgen mit Hülfe eines mitten in der Stadt
+aufgegriffenen Deutschen ein kleines Logis (Stube und Kammer wenigstens)
+gefunden hatte, war rasch zurückgeeilt seine Frau und sein Kind aus dem
+entsetzlichen Zwischendeck zu befreien. Mit ihrem Gepäck hatten sie, da
+Alles oben vor ihrer Coye stand, gar keine Umstände, Lastträger gab es
+zu hunderten an allen Theilen der Levée mit Hand- und Pferdekarren, und
+so stand ihnen denn Nichts weiter im Weg das Schiff, wo seine arme Frau
+besonders eine schwere Zeit verlebt, so rasch als möglich zu verlassen.
+Der Neger kannte übrigens die Straße und das Haus wohin sie wollten, und
+als er die Sachen auf seinen Handkarren geladen, nahm Eltrich sein
+junges Weib an, sein Kind auf den Arm, und zog, das Herz voll Jubel und
+froher Hoffnung mit ihnen in eine neue Welt, in ein neues Leben ein.
+
+Das war _Amerika_, der feste Grund den sie unter den Sohlen fühlten
+-- das endlich erreichte Land ihrer Sehnsucht, für das sie gedarbt und
+gespart daheim, und die hellblitzende Sonne schien ihnen freundlich
+zuzuwinken im neuen Vaterland -- der wolkenleere reine Himmel ein frohes
+Omen zu sein, all ihrer Hoffnungen und Träume. Freilich ringen und kämpfen
+mußten sie auch hier; eine Bahn galt es erst sich hier zu brechen,
+vielleicht wieder mit Sorgen und Entbehrungen, wie vordem, aber dafür
+bot ihnen auch das ungeheure Reich einen freien ungehinderten Spielraum
+für ihre Thätigkeit, und Eltrich fühlte die Kraft in sich, fühlte daß er
+im Stande war alle Hindernisse zu besiegen und sich den Weg zu bahnen,
+zu einer selbstständigen sorgenfreien Existenz. Seine Ansprüche an das
+Leben waren dabei mäßig; auf seinem Instrument aber war er Meister, und
+die aufblühende Kunst in Amerika mußte dem Künstler endlich ein Feld
+bieten zu wirken und den Lohn dafür zu erndten. War das aber auch nicht,
+nun so scheute er sich hier keiner Arbeit, die in dem freien Lande ihn
+nicht schändete und ihm nicht, einmal begonnen, die Bahn verschloß zu
+einer edleren Thätigkeit, wie blinde Vorurtheile das im alten Vaterland
+gethan. Jung und kräftig brauchte er nicht zu fürchten Hunger zu leiden,
+und wo so viele Tausende ihr Glück -- eine Heimath fanden, durfte auch
+er der Zukunft mit froher Zuversicht entgegensehn.
+
+»Was für ein reges wunderliches Leben das hier ist, meine Adele« sagte
+er, den Arm der Gattin pressend, der in dem seinen hing, und lächelnd zu
+ihr niederschauend -- »sieh nur allein die wunderlichen Farben, an der
+Tausende, die hier herüber und hinüber eilen -- nicht zwei haben gleiche
+Schattirungen und es ist fast, als ob der ganze Erdball seine Bewohner
+hierher geschickt hätte, die eine Stadt zu füllen.«
+
+»Aber was für häßliche Gesichter diese Neger haben« lächelte die Frau,
+in komischer Angst über die Schulter zurück nach dem Schwarzen sehend,
+der ihnen die Sachen nachführte, »besonders jener Bursche da hinter uns;
+was für böse Augen und entsetzliche Lippen. Und so höhnisch und tückisch
+sehn sie dabei aus.«
+
+»Was können sie für den Ausdruck ihrer Race« lachte Eltrich, »aber es
+sollen vortreffliche Arbeiter sein, und meist guten Humors -- sehr oft
+guten Herzens. Was kümmert uns ihre Farbe und der Schnitt ihres Profils;
+wer weiß überdieß, ob wir ihnen nicht eben so häßlich erscheinen, wie
+sie uns.«
+
+»Oh die herrlichen Früchte!« rief da Adele, als sie vor einem Stand
+vorbeikamen, der mit Ananas, Orangen, Bananen und Cocosnüssen bedeckt
+war -- »oh der gottvolle Duft! ach das thut wohl _solche_ Luft zu athmen
+nach so langer Zeit -- und Blumen da drüben -- oh sieh die lieben
+herrlichen Blumen an, Paul; nicht wahr, so wie wir uns nur ein klein
+wenig eingerichtet haben, gehen wir mit dem Kind hinaus in's Freie und
+pflücken uns viele viele Blumen -- ich freue mich selber wie ein Kind
+darauf.«
+
+»Gewiß mein Herz gewiß -- aber die Blumen hier in Amerika sollen keinen
+Duft haben wie die unsrigen, wie man den Vögeln auch hier nachsagt daß
+sie nicht singen könnten.«
+
+»Verleumdung Paul -- böse Verleumdung!« rief die kleine fröhliche Frau,
+die vor dem Blumenstand stehn geblieben war und sich zu den vollen,
+zierlich gebundenen Bouquets die ein reizendes Quadroonmädchen feil bot,
+niedergebogen hatte -- »hier überzeuge Dich selbst was für einen zarten
+herzigen Duft das kleine weiße Blümchen hat -- und Luz muß auch riechen
+-- nicht wahr Herz das riecht anders, wie da unten in dem bösen
+dunstigen Schiff, wo mein armer kleiner Bursche so lange gesteckt hat,
+und sich nicht herumtummeln konnte auf grünem Rasen.«
+
+Das Mädchen bot ihnen Sträuße zum Verkauf an, doch Adele schüttelte
+erröthend den Kopf, drängte von dem Korbe fort, und bat den Gatten mit
+leiser Stimme kein Geld an solche Sachen zu wenden, wo sie es vielleicht
+zum Leben nöthig in der ersten Zeit gebrauchten.
+
+»Es sind die ersten Blumen die uns geboten werden« sagte aber lächelnd
+der junge Mann, »laß sie uns nicht zurückweisen. Sie mögen uns ein gutes
+Zeichen sein. Was kosten die Blumen Kind?« frug er dann auf Englisch das
+junge Quadroonmädchen das sie feil bot.
+
+»Nichts« sagte dieses aber, jetzt selber tief erröthend in reinem
+Deutsch -- »die junge Frau und das Kind mögen sie nehmen!«
+
+»Du sprichst deutsch?« rief Eltrich im höchsten Erstaunen aus, »und bist
+doch nicht über dem Wasser drüben geboren.«
+
+»Nein« sagte die Sclavin ernst den Kopf schüttelnd -- »aber mein Master
+ist ein Deutscher, und in seinem Hause wird deutsch gesprochen, da habe
+ich es schon als Kind gelernt.«
+
+»Wie heißt Dein Master?«
+
+»Messerschmidt.«
+
+»Aber dürfen wir da die Blumen nehmen?«
+
+»Ich darf sie geben« sagte das junge Mädchen, und das Blut drohte ihr in
+dem Augenblick die Schläfe zu zersprengen, »denn ich habe heute Morgen
+schon mehr, weit mehr für meine Blumen gelößt als mein Master von mir
+verlangt -- ich bitte Sie recht herzlich darum sie zu behalten.«
+
+»Recht herzlichen Dank dann für Dein freundliches Geschenk, Du liebes
+Kind« sagte Adele, ihr die Hand hinüber reichend, die sie nur schüchtern
+nahm -- »es mag uns Glück bringen in dem neuen Land.«
+
+»Sie sind noch nicht lange hier?«
+
+»Erst seit heute.«
+
+»Du lieber Gott!« sagte das junge Mädchen die Hände faltend.
+
+»Aber liebes Kind wir müssen fort« unterbrach hier Eltrich das Gespräch,
+indem er zurück und dann um sich her schaute, den Neger zu sehn, der
+ihre Koffer fuhr -- »der Bursche ist wahrhaftig wohl schon voran gegangen
+und ich weiß jetzt nicht einmal ob ich den Weg wieder so rasch finden
+kann.«
+
+»Er wird doch ehrlich sein« rief Adele mit jähem Schreck -- »guter Gott,
+sein Gesicht sah nicht darnach aus. Hast Du einen Neger jetzt ganz
+kürzlich hier vorbei gehn sehn, mein Kind, der einen Wagen zog auf dem
+zwei Koffer mit anderem Gepäck standen?«
+
+»Es gehn so viele vorbei, man achtet nicht darauf« sagte das Mädchen
+-- »fast war mir's aber, als ob gleich hier unten Einer vor kurzer Zeit
+in die Quergasse eingebogen wäre. Das schadet aber Nichts« setzte sie
+rasch und beruhigend hinzu -- »die Leute haben meist alle ihre Nummer,
+und wenn Sie die gemerkt haben kann er mit den Sachen hingehn wohin er
+will, die Policey schafft sie Ihnen gleich wieder.«
+
+»Die Nummer?« -- sagte Eltrich, etwas bestürzt vor sich hinsehend »ja
+-- ich glaube er hatte eine Nummer, aber welche, wahrhaftig und wenn ich
+sterben sollte, ich wüßte es nicht.«
+
+»Barmherziger Himmel wenn alle unsere Sachen --« rief Adele in Todesangst
+-- »es wäre furchtbar -- was fingen wir nur an?«
+
+»Thorheit, liebes Herz« suchte aber der Mann ihr die Sorge von der Stirn
+zu lachen -- »er weiß das Haus und ist vorangegangen wo er auf uns
+warten wird. -- Ah, hier ist der Zettel, -- straße Nr. 43.«
+
+»Der Weg führt hier gerade hinauf« sagte die junge Sclavin, »und oben am
+fünften Square von hier -- der fünften Querstraße die Sie treffen,
+biegen Sie links ein, Sie können nicht fehlen.«
+
+»So adieu mein Kind, und nochmals schönen Dank für Dein Geschenk!«
+
+Auch die Frau nickte ihr noch freundlich zu, aber die Sorge für Alles
+was sie jetzt auf der Welt noch das ihre nannten, nahm für den Augenblick
+ihre Sinne und Gedanken zu sehr in Anspruch, an etwas Anderem mehr als
+momentan zu haften. Die Läden an denen sie vorbeigingen, die wunderlichen
+Charaktere und Menschen, denen sie begegneten, die ausgestellten Waaren,
+die eigenthümliche Bauart der Häuser, mit all dem Neuen und Interessanten
+um sie her, das eine fremde Welt ihr bot, lockte sie nicht mehr oder
+vermochte ihr Auge zu fesseln, das nur einen Punkt zu suchen schien in
+der weiten fremden Stadt -- das häßliche Gesicht des Negers. So eilten
+sie, Eltrich selber weit ängstlicher als er der Frau gestehen mochte,
+ihre eigene Sorge nicht noch, vielleicht nutzlos, zu mehren, die Straßen
+entlang, so rasch sie eben mit dem Kind vorwärts kommen konnten, immer
+noch in der Hoffnung den doch wohl nur vorangegangenen Schwarzen zu
+überholen.
+
+»Ha dort geht er!« rief Eltrich plötzlich -- »Gott sei Dank wir haben
+uns geirrt!« und der Seufzer den er dabei ausstieß bewieß wie sehr er
+selber das Schlimmste gefürchtet.
+
+»Nein, das ist er nicht!« rief aber Adele, deren schärferes Auge leicht
+den Unterschied in Neger wie Gepäck entdeckt hatte -- »das sind nicht
+unsere Koffer.« --
+
+Es war nur zu wahr -- ein fremdes Gesicht blickte sie an als sie daran
+vorüber eilten und ihm forschend in's Auge sahen, fremdes Gepäck lag auf
+dem kleinen Karren, und fast im Lauf flohen sie jetzt die Straße hinauf,
+bogen um die bezeichnete Ecke und standen wenige Minuten später vor der
+Nummer des Hauses -- wo _kein_ Karren sie erwartete.
+
+»Er ist noch nicht da« stöhnte Eltrich -- »wir sind zu rasch gelaufen
+und haben ihn übersehn.«
+
+Adele zitterte am ganzen Körper -- sie _wußte_ das war nicht geschehn,
+sagte aber kein Wort.
+
+»Oder er ist vielleicht in eine andere Straße eingebogen wo er ungestörter
+fahren konnte -- die vielen Wagen hier. --«
+
+»Er kann noch nicht dagewesen sein« sagte Adele endlich leise, so leise
+als ob sie fürchte der unwahrscheinlichen Vermuthung auch nur Raum zu
+geben.
+
+»Er hätte gewartet!« -- sagte aber auch Eltrich jetzt mit einem tiefen,
+angstvollen Seufzer -- sein Blick flog die Straße auf und nieder --
+umsonst, der Neger ließ sich nirgends sehn, und die Gewißheit drang sich
+ihm immer furchtbarer auf daß er Alles -- Alles -- nein es war ja nicht
+möglich -- Gott konnte nicht wollen daß sie _so_ von allem entblößt was
+sie noch das ihre bis dahin genannt, in der fremden Stadt in der fremden
+_Welt_ ein Leben beginnen sollten -- es war nicht möglich; aber auch
+schon diese Ungewißheit, eine Höllenqual.
+
+Er bat jetzt sein Weib mit dem Kind einen Augenblick an der Thüre stehn
+zu bleiben, während er hinein in das Haus lief dort in ihr Zimmer zu
+sehn -- der Neger konnte die Straße heraufkommen während er im Inneren
+war. Er kehrte nach wenigen Minuten zurück. --
+
+»Er ist _nicht_ oben?«
+
+Traurig, verzweifelnd schüttelte er mit dem Kopf.
+
+Nur noch eine Hoffnung blieb ihm jetzt -- er wollte noch kurze Zeit
+warten -- noch war es möglich daß der Bursche, in eine andere Straße
+vielleicht eingebogen, sich da aufgehalten und verspätet hatte -- er
+_konnte_ noch kommen, kam er aber _nicht_, dann wollte er rasch auf die
+Policey und dort die Anzeige des Geschehenen machen. Lieber Gott es war
+das eine schwache, trostlose Hoffnung -- ohne Nummer oder Namen des
+Negers konnte er der Policey selbst keinen Halt geben an irgend etwas;
+große Augen und aufgeworfene Lippen hatten alle die Tausende von Negern
+die sich in New-Orleans herumtrieben und er wußte ja selber nicht, ob
+er sogar zu dem Mann würde schwören können, wenn er ihn jemals wieder
+angetroffen. Adele aber mußte erst mit dem Kind in ihrem Zimmer
+untergebracht werden, daß er selber freie Hand behielt; er führte sie
+hinauf. Es war ein kleines Gemach, das auf den engen Hof hinaus sah; die
+Thür stand offen, denn zu stehlen war Nichts darin, und das Meublement
+bestand in einem Tisch, drei Rohrstühlen und zwei leeren Bettstellen.
+
+»Habe nur ein klein wenig Geduld Adele, ich bin bald wieder zurück
+-- und -- quäle und ängstige Dich nicht zu sehr -- noch ist Hoffnung da;
+ein trauriger Anfang macht oft ein fröhliches Ende, liebes Herz.«
+
+Er küßte sie auf die Stirn, nahm das Kind auf und herzte es ab, und
+verließ dann rasch das Zimmer; Adele aber legte die Blumen vor sich auf
+den Tisch, barg, darüber gebeugt, ihr Antlitz in den Händen, und weinte
+still und trostlos.
+
+ * * * * *
+
+Auf der Haidschnucke waren indessen die drei, bei dem Leuchtschiff in
+der Weser an Bord gekommenen Passagiere in die Cajüte zum Capitain
+gerufen worden, dort entlassen zu werden. Sie traten, die Mützen in der
+Hand herein, und blieben an der Thür mit dem Untersteuermann neben sich
+stehn, den Capitain zu erwarten, der in sein eignes Zimmer gegangen war,
+und nach einer Weile mit einigen Papieren und ein paar kleinen Packeten
+in der Hand, zurück kam.
+
+»Na Ihr seid fertig an Land zu gehn?« rief er, nach einem flüchtigen
+Blick auf die Leute -- »Stürmann, sin here Sahken ruut schafft.«
+
+»All's klaar Captein --« antwortete der Seemann.
+
+»Gut, dann könnt Ihr jetzt gehn wohin Ihr wollt. Hier Pelz, da hast Du
+Deinen Zettel -- hier Du Deinen Alper, und da Du den Deinen Mooswerder.«
+
+»Ne ich bin Mooswerder, Capitain --« sagte der zweite.
+
+»Schon gut, Ihr könnt sie Euch an Land dann aussuchen -- es steht drinn
+daß Ihr Euch in Deutschland gut aufgeführt hättet -- Ihr werdet das
+schriftlich brauchen, denn auf Euer Gesicht glaubt's Euch doch hier
+Niemand.«
+
+»Muß das ein _Jeder_ hier haben?« frug der älteste der drei, das Papier
+etwas mistrauisch betrachtend.
+
+»Ich soll _Dir_ wohl auch noch eine Erklärung geben,« fuhr ihn der
+Capitain barsch an -- »da hier« setzte er dann ruhiger hinzu, »sind
+auch für jeden noch fünf Dollar Amerikanisches Geld, daß Ihr die ersten
+Wochen was zu leben habt; für 3 Dollar die Woche könnt Ihr hier in den
+billigsten Gasthäusern Kost und Logis bekommen, und habt Zeit Euch nach
+_Arbeit_ umzusehn; verstanden? Daß Ihr Euch gut zu betragen habt, brauch
+ich Euch nicht erst noch zu sagen, wohlmeinend warnen möcht ich Euch
+aber doch keine dummen Streiche zu machen, denn sie verstehn hier keinen
+Spaß; aber Ihr werdet selber am Besten wissen was Euerer Haut gut ist.«
+
+»Denke so, Capitain« sagte der Alte, die Hand nach dem Geld ausstreckend
+-- »sind doch alt genug dazu.«
+
+»Schön -- weiter hab' ich mit Euch Nichts zu thun -- Eure Kisten stehn
+oben an Deck, in einer halben Stunde müßt Ihr an Land sein.«
+
+»Vielleicht wäre es gut, Herr Capitain« sagte da der Alte mit einem
+eigenthümlich versteckten Lächeln, »wenn Sie sich von den hiesigen
+Behörden eine Quittung über _richtige Ablieferung_ geben ließen.«
+
+»Geht zum Teufel!« rief aber Capitain Siebelt ärgerlich, »oder ich lasse
+Euch die Quittung noch vorher auf den Rücken schreiben.«
+
+»Nun Nichts für ungut« lachte der Alte, »war nur so eine Meinung von
+mir; übrigens sind wir hier _freie Bürger_« setzte er mit einer Art
+verstecktem Trotz hinzu.
+
+»Ja, sobald Ihr an Land seid« sagte der Capitain -- »nicht bei mir an
+Bord.«
+
+»Danke für den Wink« lachte der Alte, »und glückliche Rückfahrt.
+-- _Grüße_ brauchen wir Ihnen doch wohl nicht aufzutragen?«
+
+Die Andern lachten, der Capitain aber winkte dem Steuermann ungeduldig
+die Burschen hinauszuschaffen, die übrigens gar nicht daran dachten den
+Mann noch böse zu machen, und rasch dem Befehl gehorchten.
+
+An Deck oben standen ihre Kisten schon bereit, die Jeder von ihnen
+-- sie waren leicht genug -- schulterte, und damit, ohne sich weiter
+um irgend einen der anderen Passagiere zu kümmern, das Schiff verließ.
+
+»Capitain!« sagte Henkel, der in demselben Augenblick die Cajüte betrat,
+als die drei Männer sie verlassen hatten, »dürfte ich Sie bitten mein
+Gepäck nach oben schaffen zu lassen, ich möchte es, noch ehe wir an Bord
+der Jane Wilmington fahren, gern befördern.«
+
+»Aber was eilen Sie?« frug der Capitain, der eben seinen Hut und Stock
+genommen hatte, seinen Passagier zu begleiten, »Ihre Fracht wird auch
+noch nicht oben sein, und für Ihre Frau Gemahlin ist es doch am Ende
+besser daß sie noch ein paar Tage ruhig in ihrer Coye bleibt, bis sie
+sich vollständig erholt hat. Der Arzt kann sie ja auch hier besuchen.«
+
+»Meine Ballen kommen eben herauf« sagte Henkel aber, »und ich habe schon
+Jemanden dabei, der mit ihnen auf das Steueramt geht und dort Alles
+berichtigt, und meine Frau wird sich jedenfalls besser an Land erholen.
+Unsere Wohnung ist nicht weit von hier.« --
+
+»Gut, wie Sie wollen, ist Alles herausgesetzt?«
+
+»Ja, hier von der Cajüte -- ein Drayman steht schon oben und wartet, das
+Gepäck in Empfang zu nehmen.«
+
+»Und weiter ist Nichts?«
+
+»Noch zwei Koffer die in der Coye stehn, mit Kleidern und Wäsche meiner
+Frau.«
+
+»Dürfen die Leute hinein?«
+
+»Ich werde sie selber heraussetzen.«
+
+»Gut« sagte der Capitain, »dann will ich nach oben gehn und den Steward
+mit einem von den Matrosen hinunter schicken; aber machen Sie rasch, wir
+haben nicht viel Zeit zu verlieren und ich muß selber um halb zwölf in
+Canalstraße sein.«
+
+Er verließ die Cajüte und wenige Minuten später folgte ihm Henkel, aber
+er sah bleich und erregt aus -- seine Lippen zitterten und er strich
+sich mit der Hand ein paar Mal heftig die Stirn. Selbst dem Capitain,
+sonst gerade kein scharfer Beobachter, fiel das Aussehn seines
+Passagiers auf, und er rief überrascht:
+
+»Hallo Sir, Sie sehn ja aus als wenn Ihnen ein Gespenst begegnet wäre
+-- was ist Ihnen?«
+
+»Mir? -- o Nichts« erwiederte Henkel, sich gewaltsam sammelnd -- »nur
+unwohl wurde mir plötzlich unten -- ich weiß nicht wovon; der Kopf
+schwindelte mir und es wurde mir so schwarz vor den Augen; aber es ist
+vorbei jetzt« setzte er ruhiger hinzu, »ich habe auch schon früher etwas
+Ähnliches gehabt -- ein leichtes Unwohlsein, das eben so rasch entsteht
+wie verschwindet.«
+
+»Hier zu Lande muß man vorsichtig mit solchen Dingen sein« meinte
+Capitain Siebelt kopfschüttelnd -- »Sie sahen wie eine Leiche aus, als
+Sie an Deck kamen.«
+
+»Wirklich?« lachte Henkel, aber das Lachen klang hohl und unheimlich »ah
+da kommen die Sachen« unterbrach er sich rasch, als der Steward mit
+einem der Matrosen, jeder einen Koffer tragend, an Deck erschien -- »dort
+dem Mann Leute, überliefert das Gepäck; Nr. 477 er weiß wohin es kommt.«
+
+»Ist Alles herausgesetzt unten?«
+
+»Ja; -- nein -- zwei Koffer stehn noch in der Cajüte, aber meine Frau
+wird selber darüber bestimmen, wann die fortgeschafft werden sollen.
+Doch bald hätte ich ja vergessen -- hier Steward, ist etwas für Ihre
+Bemühungen.« --
+
+»Oh ich bitte, Herr Henkel -- war gar nicht nöthig; nun ich danke auch
+recht viel tausendmal.«
+
+»Und hier Steuermann, haben Sie die Güte das von mir den Leuten an Bord
+zu geben.«
+
+»Danke herzlich, Herr Henkel, in deren Namen -- werden sich einen guten
+Tag damit machen können -- aber das hätte ja Zeit gehabt, Sie kommen
+doch wieder an Bord.«
+
+»Ich? -- ja -- allerdings -- aber ich könnte es vergessen.«
+
+»Sind Sie fertig?« frug der Capitain, der indessen langsam vorangegangen
+war und schon unten auf der Levée stand, herüber.
+
+»Ich komme Capitain -- also Steuermann, ich verlasse mich auf Sie, daß
+der Mann da rasch befördert wird -- die Karrennummer ist 477.«
+
+»Er soll in zehn Minuten die Sachen an Bord haben« sagte der Seemann,
+»so wahr ich Köhler heiße.«
+
+Der Steuermann stand oben an der Reiling, mitten auf den ausgeschobenen
+Planken, und sah den fortfahrenden Männern nach, als er vom Schiff aus
+angeredet wurde.
+
+»Herr Obersteuermann, wenn ich bitten darf?«
+
+»Ja wohl, was giebts? -- ah Herr Maulbeere -- nun auch zum Abmarsch
+fertig? das ist ja schnell gegangen.«
+
+»Freut mich, wenn meine Bereitwilligkeit Ihr angenehmes Schiff zu
+verlassen, Ihren Beifall hat -- wäre gern noch länger geblieben, aber
+Sie wissen wohl, Geschäfte müssen immer den Vergnügungen vorgehn.«
+
+»Ja wohl Herr Maulbeere und was für Geschäfte haben Sie? wenn ich fragen
+darf?«
+
+»Scheerenschleifen mit Ihrer Erlaubniß Herr Obersteuermann; die Scheeren
+in hiesiger Stadt sollen sich, neueren Nachrichten zufolge, in einem
+höchst traurigen und vernachlässigten Zustand befinden, es ist demnach
+die höchste Zeit, daß ich an Land komme.«
+
+»Ich hoffe nicht« lachte der Seemann trocken, »daß Ihnen in diesem
+löblichen Vorsatz irgend Jemand an Bord etwas in den Weg gelegt hätte.«
+
+»Müßte es lügen« sagte Maulbeere ruhig, »der Herr Untersteuermann hat
+mich schon dreimal ersucht, zu machen daß ich fort käme.«
+
+»Nun so eilig ist's nicht« lachte der Steuermann, »Mittag können Sie
+immer noch bei uns machen. Die Familien dürfen sogar noch über Nacht
+bleiben; wir wollen die Leute nicht Hals über Kopf auf die Straße
+setzen.«
+
+»Höchst christliche Grundsätze und wirklich verführerisch genug«
+versetzte Maulbeere »Jemanden, der nicht in gar zu großer Eile wäre, zu
+veranlassen seinen Magen noch einmal mit Bremer Erbsenbrüh zu ärgern.«
+
+»Nun es zwingt Sie Niemand« meinte der Steuermann kurz.
+
+»Danke Ihnen« sagte Maulbeere.
+
+»Und was wünschen Sie von mir?«
+
+»Daß Sie die Gnade hätten« sagte Maulbeere mit ironischer Devotion, »mir
+meine Werkstätte zu Tag fördern zu lassen.«
+
+»Ihre Werkstätte?«
+
+»Den Schleifsteinkarren, der im unteren Gefache Ihres Schiffes liegt,
+wenn Ihnen das deutlicher ist.«
+
+»Ach den überwachsenen Schiebbock?« sagte der Seemann, »der gehört
+Ihnen?«
+
+»Ich bin der glückliche Eigenthümer, und es ist Alles was mich noch an
+Bord fesselt.«
+
+»Nun da kann geholfen werden« rief der Steuermann, von der Planke
+herunter und zur offenen Luke tretend, »Du Jahn, smiet mal dat Tüg da
+rup, vor de Scheerenslieper; de ole scheepe Kaar met en Raad dervör!«
+
+»Dat Donnerslagse Ding; ick hebb mi all min Schen dran verstoten«
+fluchte eine Stimme von unten herauf.
+
+»Nu? kommt se vorn Tag?«
+
+»Ja, gliek -- hahl op! --«
+
+»Staat by hier -- oh -- aho-y-oh!«
+
+Der Karren, ein ungeschlachtes Ding, mit einem Kasten dabei, in den
+wahrscheinlich die Steine gepackt waren, denn die Leute die ihn
+heraufwanden fluchten über das Gewicht, kam bald darauf zu Tage, und
+Maulbeere nahm ihn in Empfang, untersuchte ihn erst auf das Sorgsamste,
+und begann dann, ihn zum augenblicklichen Gebrauch in der Stadt,
+vollständig in Ordnung zu bringen.
+
+Als er noch damit beschäftigt war kam Meier mit seiner Frau aus dem
+unteren Deck herauf; Beide schienen ebenfalls gerüstet das Schiff zu
+verlassen, aber die Frau sah todtenbleich und abgemagert aus, und war so
+schwach daß sie sich kaum auf den Füßen halten konnte. Maulbeere kauerte
+neben seinem Kasten, und sah die Beiden vorüber gehn, unterbrach aber
+seine Arbeit nicht dabei, und hämmerte und schraubte ruhig fort.
+
+Das Gepäck der Beiden war schon heute morgen früh an Land und durch
+Meier selber nach einem billigen Boardinghause in -- Street geschafft
+worden; die Frau trug nur ein kleines in ein rothbuntes seidenes Tuch
+eingeknüpftes Bündel, und wankte hinter dem Mann her, der den Hut etwas
+auf einer Seite, die Hände in den Hosentaschen und einen ziemlich derben
+Stock unter den linken Arm gedrückt, ohne weiter Notiz von irgend Jemand
+an Bord zu nehmen, im Begriff war das Schiff zu verlassen. Nur als er
+vor Maulbeere vorüber ging blieb er stehn, sah zu ihm nieder und sagte:
+
+»Auch fertig?«
+
+»Bald« erwiederte der Scheerenschleifer, eben im Begriff eine etwas
+schwergehende Schraube einzuziehn, was seinem Gesicht eine fast
+dunkelrothe Färbung gab.
+
+»Ist hübsch in Amerika.« --
+
+»Sehr!« sagte der Scheerenschleifer.
+
+»Schon Aussichten?«
+
+»Siebzehn!«
+
+»Guten Morgen.« --
+
+»Morgen!« lautete die trockene Antwort, und der Mann ging, dicht von der
+Frau gefolgt, ohne sie aber zu führen oder zu stützen auf dem schwanken
+Bret, über die Planke an Land. Der Scheerenschleifer aber, in seiner
+Stellung mit dem eingestemmten Schraubenzieher bleibend, und nur mit den
+Augen dem wunderlichen Paare folgend, sah ihnen eine Weile nach, bis
+sie über die Levée verschwunden waren, und wollte dann eben wieder in
+seiner Arbeit fortfahren, als der Untersteuermann zu ihm trat, und
+hinter dem fortgegangenen Passagier herdeutend sagte:
+
+»Ein hübsches Pärchen, wie? -- scheint sich recht wohl zusammen zu
+fühlen.« --
+
+»Scheint so« sagte Maulbeere, wieder an der Schraube beginnend.
+
+»Ihr wißt nicht wo sie her sind?«
+
+»Ja.«
+
+»Und was der Bursche drüben gewesen ist?« frug der Seemann neugierig. --
+
+»Ja wohl« sagte Maulbeere.
+
+»Umsonst ist der nicht weggegangen von zu Haus.«
+
+»Das weiß Gott« meinte der Scheerenschleifer -- »er hat für zwei
+Personen theuere Passage zahlen müssen?«
+
+»Also Ihr wißt was Näheres über ihn?«
+
+»Näheres? -- ich kann Ihnen den Fleck zeigen wo er die letzten sieben
+Wochen geschlafen hat, Herr Untersteuermann.«
+
+»Bah, ich meine von drüben.«
+
+»Oh von drüben meinen Sie.«
+
+»Was war er denn drüben?«
+
+»Glücklicher deutscher Staatsbürger.«
+
+»Ich meine was er sonst getrieben hat.«
+
+»Ich werde nachher den Herrn Obersteuermann um die Schiffsliste
+ersuchen, und Ihnen dann mit größtem Vergnügen das Nähere mittheilen.«
+
+»Gehn Sie zum Teufel!« sagte der Untersteuermann ärgerlich.
+
+»Danke Ihnen«, sagte Maulbeere, vollkommen ruhig an seiner Arbeit
+fortfahrend.
+
+Maulbeere, der mit unerschütterter Gemüthsruhe, den Matrosen dabei
+fortwährend im Weg, seine Arbeit beendet, das Rad eingeschlagen und vier
+oder fünf Schiebladen in seinem Gestell mit allerhand Dingen aus einem
+kleinen Kistchen gefüllt hatte, stand jetzt auf, setzte seinen Hut auf,
+nahm den breiten ledernen Tragriemen über die Schultern des unverwüstlichen
+grünen Rockes -- (dessen Glanz dort oben auch dadurch seine Erklärung
+fand) und war im Begriff das Schiff zu verlassen indem er seinen
+Scheerenschleiferkarren vor sich her, über den Gangweg hin, der Planke
+zuschob.
+
+»Nun Herr Maulbeere glückliche Reise!« sagte der Obersteuermann, der ihn
+kopfschüttelnd die letzten Minuten beobachtet hatte -- »aber was soll
+mit dem Kistchen hier geschehn?« -- Der weiße kleine Kasten war an Deck
+zurückgeblieben.
+
+»Den vermach ich dem Schiff!« sagte Maulbeere, den Karren etwas mehr
+nach der linken Seite werfend, das Gleichgewicht herauszubekommen.
+
+»Und Ihr anderes Gepäck?«
+
+»Gegenwärtig.«
+
+»Was? -- keine Kleider mehr? -- wo ist denn Ihre Wäsche?« lachte der
+Seemann.
+
+»In der Wäsche Herr Obersteuermann« sagte Maulbeere, und war eben im
+Begriff mit einem plötzlichen Ruck über eine im Wege, und queer über den
+Gangweg liegende Handspeiche hin zu fahren, als Frau Henkel mit Hedwig
+die Cajütstreppe heraufkam und auf den Obersteuermann zuging.
+
+Sie sah todtenbleich aus, war aber vollständig angezogen, mit ihrem Hut
+auf und einen weiten Shawl um ihre Schultern geschlagen; eben so Hedwig,
+die eine Tasche in der Hand trug, und stark verweinte Augen hatte.
+
+»Halt Maulbeere!« rief der Obersteuermann -- »wartet einen Augenblick,
+ich glaube die Damen wollen an Land gehn, daß Ihr ihnen nicht mit Eurem
+gefährlichen Karren da in den Weg kommt.«
+
+»Werde ihnen Bahn machen« sagte jedoch Maulbeere, eben nicht gesonnen
+Rücksichten auf Jemand zu nehmen, wer es auch sei; der Seemann trat ihm
+aber in den Weg, und zwang ihn dadurch zum Stillhalten, während Clara
+Henkel auf ihn zutrat und freundlich sagte --
+
+»Dürfte ich Sie bitten mir zwei von Ihren Leuten mitzugeben und meine
+beiden Koffer tragen zu lassen?«
+
+»Sie wollen doch nicht zu Fuß in die Stadt gehn, Madame?« sagte der
+Steuermann -- »ich glaubte erst, Sie wünschten nur einmal frische Luft
+wieder zu schöpfen, aber da besorg ich Ihnen doch lieber einen Wagen.«
+
+»Ich danke Ihnen« sagte die Frau mit leiser, doch entschlossener Stimme
+-- »wir werden gehn -- aber ich möchte die Koffer mit mir nehmen.«
+
+»Sie sehen noch so blaß und angegriffen aus« sagte der Seemann auf seine
+derbe doch herzliche Weise -- »wenn Sie mir folgen, lassen Sie sich
+einen Wagen holen.«
+
+Clara schüttelte mit dem Kopf, und sich umsehend auf Deck sagte sie
+endlich:
+
+»Hat Herr Henkel sein ganzes Gepäck fortschaffen lassen?«
+
+»Alles, bis auf das was in der Coye stand.«
+
+»Ist nicht ein kleiner gelber lederner Koffer mit schwarzen Riemen
+zurückgeblieben?«
+
+»Nicht daß ich wüßte, aber ich kann fragen.«
+
+»Nein Madame« mischte sich hier aber einer der Matrosen in das Gespräch
+-- »ich habe selber die Sachen mit auf den Karren und den kleinen gelben
+Lederkoffer mit hinausgetragen; der Koffer fiel mir noch auf weil er so
+hübsch gearbeitet war und eben die schwarzen Tragriemen hatte.«
+
+Clara seufzte tief auf, aber sie sah freudiger dabei aus -- es war als
+wenn eine Last von ihrer Seele genommen wäre.
+
+»Ich weiß selber nicht einmal wohin die Sachen geschafft sind« sagte der
+Steuermann wieder, »und die Leute wissen auch nicht Bescheid.«
+
+»Wir werden uns schon zurecht finden« sagte Frau Henkel -- »ich bitte
+Sie recht sehr mir zwei Leute mitzugeben.«
+
+»Von Herzen gern, wenn Sie es denn absolut wollen -- heh Jahn und
+Görg -- loopt mal gau daal in de Cajüt, und sackt die beiden Koffers
+op. -- Sind sie herausgestellt, Madame?«
+
+»Sie stehen vor unserer Thür.«
+
+»Also flink Jungens, und dann gaat Jü mit Madame in de Stadt. -- Kann
+ich Ihnen sonst noch mit etwas dienen?«
+
+»Ich danke Ihnen Steuermann« sagte die Frau freundlich, aber gar
+wehmüthig lächelnd -- »ich brauche _Nichts_ weiter -- leben Sie wohl.
+Vielleicht aber sehn wir uns recht bald wieder -- wann wird Ihr Schiff
+fertig sein zur Rückfahrt?«
+
+»Ja das hängt von der Fracht ab, Madame, aber ich denke doch _spätestens_
+in vier Wochen.«
+
+»Ich danke Ihnen leben Sie wohl!« Sie ging, von Hedwig jetzt unterstützt,
+auf deren Schulter sie sich lehnte, langsam über die Planke an Land, und
+die Matrosen folgten ihr, mit den beiden Koffern auf den Schultern.
+
+Maulbeere hatte seinen Karren hingesetzt, und war ein stummer, doch sehr
+aufmerksamer Zeuge der letzten Scene gewesen; jetzt aber, wieder unter
+das Lederband duckend, sagte er sehr förmlich zu dem Seemann, der noch
+auf der Planke stand und den Damen nachschaute.
+
+»Erlauben mir _jetzt_ der Herr Steuermann daß ich _auch_ hinaus darf?«
+
+»Oh mit Vergnügen Herr Maulbeere«, rief der Seemann, lachend auf die
+Seite tretend -- »thut mir unendlich leid Sie aufgehalten zu haben.«
+
+»Bitte mich dem Herrn Capitain gehorsamst zu empfehlen« sagte der
+Passagier, ohne eine Miene zu verziehn, indem er an dem Steuermann
+vorbeischob. --
+
+Die Matrosen die in der Nähe standen lachten, der Scheerenschleifer
+kümmerte sich aber nicht weiter um sie, fuhr in einen kurzen Trab die
+etwas schräg nach dem Land liegende Planke nieder, an der anderen Seite
+mit kräftigerem Anstoß hinauf, und verschwand bald darauf in dem am
+Lande wogenden Gedräng von Menschen.
+
+
+
+
+Capitel 5.
+
+Der Mississippi.
+
+
+Die _Jane Wilmington_ einer jener mächtigen Mississippi-Dampfer, von
+denen hunderte die Wasser jenes riesigen Stromes befahren, lag zur
+Abfahrt fertig an der Levée von New-Orleans, mitten zwischen einigen
+dreißig anderen, ihr ganz ähnlichen Booten.
+
+Keinen lebendigeren, geschäftigeren Platz giebt es auch wohl auf der
+Welt, so weit Handel und Schiffahrt Länder und Menschen mit einander
+verbinden, als die Dampfbootlandung von New-Orleans, besonders in dieser
+Jahreszeit. Die Stadt ist neuverjüngt; das gelbe Fieber das alljährlich
+im Spätsommer, bis Ende September, oft sogar bis in die ersten Tage des
+Oktober, New-Orleans fast entvölkert, die wohlhabenderen Bewohner nach
+dem gesünderen Norden hinaufscheucht, die Fremden decimirt, und der
+ganzen Stadt das Ansehn eines großen Leichenhauses giebt, von dessen
+tausenden von Leichen sich zuletzt selbst die Aasgeier in Ekel abwenden,
+hatte schon lange seine letzten Opfer gefordert, und der bis dahin
+gewaltsam zurückgehaltene Handel, der seine natürliche Strömung nach
+dieser mächtigsten Hafenstadt des Südens hat, brach sich jetzt wie
+gewaltsam wieder Bahn. Ganze Flotten von Dampfern, die scheu und
+ängstlich in der schweren Zeit den Platz gemieden, und sich mit geringer
+Fracht, und der ungeheueren Concurrenz wegen nur mit wenigen Passagieren
+begnügend, zwischen den oberen Staaten herumfuhren, und wenn sie ja
+Mannschaft nach der »Peststadt« bekommen konnten und es wagen wollten,
+nur eben hinunter fuhren, an Bord nahmen was Geld hatte seine Passage
+zu zahlen, und dann schnaubend und in Ballast wieder zurückeilten
+nach Norden auf, führten jetzt die tausende zurück in ihre verlassene
+Heimath, die der »Gelbe Jack« wie die Epidemie spottweise heißt, daraus
+vertrieben, und brachten zugleich die Schätze des Nordens den verödeten
+Waarenhäusern der Stadt.
+
+Boot nach Boot kommt, die gelbe Fluth vor sich aufspritzend, den Strom
+nieder -- noch ist es nicht elf Uhr Morgens, und das siebzehnte ist
+schon gelandet; gewaltige Fahrzeuge mit von vier bis acht Kesseln
+an Bord, viele mit einer Mannschaft von 50-60 Leuten, die breiten
+#guards#[7] bis hoch hinauf selbst über das höchste Deck mit einer
+ordentlichen Wand von Baumwollenballen umthürmt, andere, ihre oberen
+Decks wenigstens frei, aber doch _bis_ zu den #guards# im Wasser gehend,
+die gesalzenes Schweinefleisch in tausenden von Fässern von Cincinnati,
+Mehl von Ohio und Pensylvanien, Whiskey von eben daher, Blei von
+Missouri, Vieh von Kentucky, und feines Salz und Tabak aus Virginien
+herunter bringen.
+
+Die Levée selbst liegt schon fest gepreßt unter einer riesigen Last all
+solcher Produkte, die der Norden hier hernieder schickt, baar Geld oder
+die Erzeugnisse der Tropen dafür einzutauschen -- Baumwollenballen so
+weit das Auge reicht; Fleisch und Mehlfässer und #whiskey barrels# mit
+ihren rothen Böden und dem Cincinnati-Stempel; Kaffee- und Reissäcke zu
+tausenden als neue Fracht für die eingetroffenen Boote; Blei in schweren
+kurzen Barren; Syrop- und Zuckerfässer; Salzsäcke und dichtgeschnürte
+Ballen kostbarer Felle vom Norden; ein stehendes Waarenmagazin unter
+freiem Himmel von kaum berechenbarem Werth, Nachts unter dem Schutz von
+vielleicht ein oder zwei schläfrigen Wachen, seine Masse behauptend,
+während hunderte von Karren ununterbrochen daran arbeiten es abzutragen.
+
+Und das Gewimmel von Menschen auf dem Platz, über den hie und da kleine
+Austerbuden wie gesprenkelt stehn, die Hungrigen zu erquicken, während
+die Häuser der ganzen Front ihre unteren Hallen verlockend öffnen den
+Durstigen jene Unzahl Mischungen geistiger Getränke zu bieten, wegen
+denen Amerika berühmt ist. Die Karrenführer selbst, meist Irländer und
+Neger mit wenigen Deutschen, eine wilde thätige, rauflustige Bande,
+die tausende von Bootsleuten der verschiedenen Dampfer, Feuermänner
+und Matrosen, die schwere Fässer vor sich her die Levée hinaufrollen,
+oder gewichtige Kaffee- und Reissäcke auf den Schultern niedertragen,
+oder mit stumpfen Handhaken, Stiefelziehern nicht unähnlich, riesige
+Baumwollenballen in Schwung bringen und herüber und hinüber werfen, als
+wären es Körbe mit Federn gefüllt -- wie sie da schaffen und arbeiten,
+und lachen und fluchen. Und zwischen den kräftigen sonngebräunten
+Burschen mit aufgestreiften Ärmeln und offenen Hemdkragen, denen der
+Schweiß in hellen dicken Tropfen auf den rothen Stirnen perlt, und deren
+Sehnen wie Stricke an den markigen Armen herunter liegen, seht Ihr jene
+kleinen schmächtigen Gestalten in seidene Fracks oder lichte Oberröcke
+gekleidet, mit gewichsten Stiefeln und gegen die Sonne gespanntem
+Regenschirm, kleine Bücher in der Hand, und den gespitzten Bleistift mit
+den dünnen Lippen feuchtend? das sind die »#clerks#« oder Buchhalter
+der Kaufleute aus der Stadt, oder die der verschiedenen dortliegenden
+Dampfboote, Waaren überliefernd, oder übernehmend, und den Kopf voll
+Zeichen und Zahlen.
+
+ [Illustration: Capitel 5.]
+
+Passagiere drängen dabei herüber und hinüber, denen sich die Bewohner
+der Stadt, in Geschäften oder Müssiggang, zu gesellen; der lebendige
+Franzose dessen Stamm ziemlich den vierten Theil der ganzen Stadt
+bevölkert, und sich selbst dem, im Besitz befindlichen Amerikaner
+gegenüber das Recht seiner Muttersprache in den Gerichtshöfen neben dem
+Englischen gesichert hat; der ruhige Spanier mit seinem breiträndigen
+#sombrero#; der geschäftige Yankee, an der langen ungelenken Gestalt,
+dem knochigen Gesicht und den grauen lebendigen Augen kenntlich;
+zwischen ihnen der reiche Creole[8] mit seiner sonngebräunten Haut
+und der thätige Deutsche, der schweigsame Engländer und der feurige
+Italiener, durch ein Gewühl von Negern und Mulatten drängend, die mit
+Fracht auf und ab die Levée steigen, oder hin und her geschäftig laufen,
+und dabei lachen und singen, schreien und zanken.
+
+Und da hindurch pressen die Züge der ankommenden Einwanderer, meist
+Deutsche in ihren Nationaltrachten, wie sie daheim den Bauerhof
+verlassen, auch viele Irländer in ärmlichen Kleidern, aber mit
+entschlossenen, fröhlichen Gesichtern, die meist ihr Gepäck selber den
+Dampfschiffen zuschultern, auf denen sie im Begriff sind die Fahrt in's
+Innere anzutreten.
+
+Die Deutschen besonders tragen schwere hölzerne Kisten, gewöhnlich zwei
+und zwei zusammen; alte Truhen mit buntgemalten Kränzen von unmöglichen
+Blumen, und frommen Sprüchen geziert, über die hin keck und rücksichtslos
+der Name des Eigenthümers und das Wort _Amerika_, mit schwarzer Farbe
+seinen Platz gesucht, während die Frauen, Kinder auf dem Arm und an der
+Hand, in weitbauschigen Ärmeln und kurzen Röcken, die braunen Stirnen
+der Sonne vertrauend preisgegeben, den Männern folgen. Jetzt stehn sie
+und suchen den Namen des Bootes für das sie sich bestimmt, von »Läufern«
+indeß überrannt, die sie dem oder jenem Dampfer werben wollen. Kleine
+Seelenverkäufer in ihrer Art, diese Burschen, und eigentlich wilde
+Schößlinge der Überseeischen Agenten, die auch ihre Procente haben #pro#
+Kopf, für alle die sie als Passagiere sicher auf ein Dampfboot liefern.
+Ob dann die Leute dorthin kommen wohin sie gerade wollen, und ob sie
+dort glücklich sind oder zu Grunde gehn, was kümmerts die; nur so und
+so viel Köpfe sicher an Bord, so und so viel #escalins#[9] dafür
+eingestrichen, aus dem fremden Volk mag dann werden was da will.
+
+Die Deutschen geben sich aber am wenigsten mit den Leuten ab; wieder und
+wieder schon im alten Vaterland vor ihnen gewarnt, lassen sie sich
+wenigstens nicht mehr soleicht auf der Straße von ihnen abfangen, fallen
+ihnen aber sonst doch noch in die Hände. Haben sie jedoch erst einmal
+den Namen eines bestimmten Bootes, dann halten sie sich auch hartnäckig
+an dem fest, mögen die Bequemlichkeiten darauf sein wie sie wollen,
+schaffen ihre Sachen selber an Bord, und richten sich dann wieder, das
+alte Zwischendecks-Leben frisch im Gedächtniß, gar bald für die Tage die
+sie auf dem Wasser noch zubringen müssen, häuslich ein.
+
+Das Alles wogt und drängt über die Levée von New-Orleans, und auf dem
+Strome herrscht gleiches reges Leben. Hier kommt ein schnaubender Dampfer,
+die Thüren vor den Kesseln weit aufgerissen daß die Hitze da ausströmen
+kann, und das Boot aussieht als ob es einen glühenden Rachen geöffnet
+habe, pfeilschnell bergab, zieht einen weiten Bogen in der schäumenden
+Fluth, und gleitet, von kundiger Hand geführt, genau in die Lücke ein
+die jenes andere Boot gelassen, das eben noch in Sicht, langsam stromauf
+dampft. Dort stößt ein anderes ab -- seine Planken sind eingezogen, die
+die Verbindung mit dem Lande unterhielten, aber sein Deck schwärmt noch
+von Fremden aller Farben, die Geschäfte oder Neugier an Bord getrieben.
+Die Leute legen sich indessen unter dem gellenden Ho-y-oh! der Matrosen
+in lange ausgeschobene Stangen, den Bug zurückzuschieben, die Maschine
+beginnt zu arbeiten, und wie das breitmächtige Boot langsam nachzugeben
+beginnt und, die #guards# der beiden Nachbar-Dampfer reibend, sich
+rückwärts hinausdrängt aus der langen Reihe, springen an beiden Seiten
+die Müßiggänger und nicht an Bord Gehörigen hinüber auf andere Boote,
+nicht mit hinaus in den Strom genommen zu werden, denn der Capitain
+hielte wahrlich keine Secunde an ihretwegen, und der erste Landungsplatz
+wäre wahrscheinlich erst dreißig oder vierzig Miles[10] stromauf
+gewesen, wo er das erste Holz einnehmen mußte. Jetzt hat sich das
+schnaubende Boot frei gemacht und schießt mit vermehrter Kraft, über
+sein Steuer fort, eine Strecke in den Strom hinein -- nun drängt sich
+der scharfe Bug hinauf, nach vorne ein, die Räder schlagen, die Wasser
+kräuseln, brechen sich unter der Gallion, und werden zu Schaum geschlagen
+von den peitschenden Radplanken, und fort schießt das gewaltige Fahrzeug
+von der ungeheueren Kraft getrieben, auf seiner Bahn. Die Schaar von
+Menschen aber, die eben dem einen Boot entsprang, eilt jetzt flüchtigen
+Laufs an Land das andere, eben gekommene Boot zu gewinnen; Kofferträger
+und Verkäufer, Boardinghaus-Wirthe und Taschendiebe -- oft beide zu
+einer Klasse gehörend -- Käufer und Zwischenhändler von jeder Farbe,
+jedem Stand, und das Drängen und Treiben beginnt von vorne an.
+
+Die _Jane Wilmington_, eben so überladen von Menschen wie alle übrigen
+abgehenden Boote, hatte das Zwischendeck dabei von Deutschen und
+Irischen Auswanderern mit ihren Kisten so vollgedrängt, daß an ein
+Hindurchgehn schon gar nicht mehr zu denken war, und wer wirklich
+hindurch oder hinein _mußte_, konnte sehen wie er eben über die Kisten
+und Koffer hin eine Passage fand. Und nicht um eine Idee besser sah es
+oben in der Cajüte aus, wo sich, als Lobensteins die schmale Treppe
+zum Boilerdeck hinauf gestiegen waren, die Männer, ihre Cigarren im
+Mund, die Hüte auf dem Kopf, Schulter an Schulter herumdrängten,
+hier in kleinen Gruppen standen und plauderten, dort an der #bar# (dem
+Schenkstand) ein Abschiedsglas mit irgend einem Bekannten leerten, oder
+auch eben nur, die Hände in den Taschen, müßig, und sehr zum Ärger einer
+Zahl von Kofferträgern umherschlenderten, die ihre Lasten auf Schulter
+oder Kopf, mit einem ununterbrochenen »#please Sir -- beg your pardon
+gentlemen#« aus einem Knäuel in den anderen preßten, durchzukommen.
+
+Lobensteins konnten kaum die für sie bestimmten, sehr elegant
+eingerichteten Cajüten erreichen, und der Professor hätte ohne Henkels
+Hülfe durch das Gewühl von Menschen im Leben nicht sein Gepäck
+zusammengefunden. Endlich war aber Alles glücklich an Bord, Eduard mit
+den letzten Koffern angekommen, und Capitain Siebelt hatte schon lange
+Abschied genommen und seinen bisherigen Passagieren eine glückliche
+Weiterreise gewünscht, als sich auch Henkel dem Professor wie den Frauen
+empfahl, seinen »eigenen Geschäften« wie er sagte, nachzugehn.
+
+»Und grüßen Sie uns nur noch recht herzlich Ihre liebe Frau« bat ihn die
+Frau Professorin, als er auf dem Gangweg, vor der Damencajüte die hinter
+dem Radkasten liegt, sich verabschiedete, »und sie soll sich ja recht
+schonen -- ich lasse sie herzlich darum bitten.«
+
+»Und tausend Grüße und Küsse noch von uns« rief Anna -- »lieber Gott,
+es wäre doch recht traurig wenn sie ihren Eintritt in das fremde Land
+gleich mit einer Krankheit beginnen sollte.«
+
+»Und Sie besuchen uns also mit Clara noch diesen Herbst!« frug Marie,
+ihm scharf dabei in's Auge sehend -- »Sie haben es versprochen.«
+
+»Gewiß« sagte Henkel, ihr lächelnd die Hand entgegenstreckend.
+
+»Ein Wort ein Mann!« rief Marie, zögernd ihre Hand in die seine legend.
+
+»Sie haben doch die Adresse die ich Ihnen gegeben Herr Professor?« frug
+Henkel jetzt noch einmal -- »dort draußen läutet die dritte Glocke und
+ich werde am Ende noch mit fortgeschleppt.«
+
+»Und Claras Angst dann!« rief Anna.
+
+»Es wäre allerdings fatal, aber noch kann ich abkommen.«
+
+»Die Adresse habe ich, und denke daß ich ein Geschäft mit dem Herrn
+mache, wenn mir das Land nur irgend convenirt,« sagte der Professor.
+
+»Es ist ein Ehrenmann, Sie können sich auf sein Wort verlassen.«
+
+»Desto besser -- also auf Wiedersehn!«
+
+»Auf Wiedersehn!« rief Henkel und hatte wirklich nur noch eben Zeit die
+#guards# des nächsten Bootes zu erreichen, ja mußte schon zu dem Zweck
+hinauf auf den Radkasten laufen und von dort hinüber springen, als die
+wackere Jane das Freie suchte, und wenige Minuten später lustig den
+vorangelaufenen Steamern nachdampfte.
+
+Eine solche Menge von Menschen, alle nicht zum Boot gehörig, hatte sich
+dabei empfohlen, daß die wirklichen Passagiere mit Erstaunen, aber auch
+großer Befriedigung sahen, wie sie Raum genug behielten, und keineswegs
+gedrängt waren, und nur mit der ersten Stunde überstanden, die sie
+allerdings gebrauchten ihr verschiedenes Gepäck einiger Maßen in Ordnung
+zu bringen, konnten sie sich ganz dem Genuß der reizenden Gegend hingeben,
+an der das wackere Boot sie rasch hinaufführte.
+
+Es giebt wohl kaum ein wunderlieblicheres Bild, so im Vorbeifliegen
+gesehn, als die Ufer des Mississippi überhalb New-Orleans. Mit Plantagen
+dicht besäet, deren reizende Pflanzerwohnungen aus einem Dickicht von
+Blüthenbüschen und fruchtschweren Orangenbäumen lauschig und still
+hervorschauen, schmiegen sich die kleinen, colonienähnlich gebauten
+Negerwohnungen dicht an diese an, und geben der ganzen Gegend einen so
+wohnlichen, geselligen Charakter, daß das Auge mit Entzücken auf ihnen
+weilt. Berge fehlen freilich im Hintergrund, den nur ein einziger
+dunkler Streifen Wald bildet -- der Mississippi-Sumpf -- aber die
+üppigen Felder, die sorgsam eingefenzt, so weit das Auge reicht dem
+Blick begegnen, die geschäftigen Schaaren weiß gekleideter Neger in den
+Feldern, theils beschäftigt Zuckerrohr zu schneiden, oder Baumwolle zu
+pflücken, die munteren Heerden auf den Weiden dazwischen, das rege Leben
+auf dem breiten bequemen Fahrweg, der zwischen der sich am ganzen Strom
+hinauferstreckenden Levée und den Fenzen der Plantagen hinläuft; die
+kleinen freundlichen Städtchen dabei am Ufer, die Kirchen mit ihren
+schlanken Thürmen, die gewaltigen Waarenhäuser, und dahinter die hohen
+dunklen Schornsteine der Zuckerfabriken, die aus dem dichten Laub der
+Fruchtbäume herüberschaun; das Alles fesselt das Auge des Fremden rasch
+genug, und hält ihn ordentlich an Deck gebannt, keinen Moment, keinen
+Punkt dieses freundlich sonnigen Bildes zu versäumen. Alles ist hier
+neu, alles eigenthümlich, und fehlen dem Fremden auch die Palmen, die
+seine Phantasie wohl meist dem Süden der vereinigten Staaten (oft selbst
+dem Norden) giebt, so bietet ihm doch auch die Vegetation schon des
+Neuen und Südlichen viel, ihn dafür wenigstens in etwas zu entschädigen.
+Stattliche Pecanbäume am Ufer, mit ihren schlanken Stämmen und schattigem
+Laub, und weiter drinnen im Land die riesigen hochwüchsigen Cypressen
+mit ihrer rothen Rinde und dem prachtvoll wehenden grauen Moos, die
+fruchtbedeckten Orangendickichte, die freundlichen Blumen geschmückten
+Gärten, mit ihren Tulpenbäumen, Rosenranken, und Granatbüschen, das
+Alles zeugt für die heiße Sonne dieser Breite, wäre nicht schon das
+wehende Zuckerrohr am Ufer und die eigenthümliche Baumwollenpflanze
+selbst Beweis genug auch ohne das.
+
+So lichtbeschienen liegt das weite, wunderschöne Land dort ausgebreitet
+-- ein Paradies, wenn man's so flüchtig sieht und auf bequemem raschem
+Boot daran vorübergleitet -- aber es ist das nur die äußere Rinde des
+Ganzen, die blitzt und glänzt und in die Augen scheint, nicht alles ächt
+und Gold. Wie lieblich liegen jene acht oder neun Reihen gleichmäßig
+gebauter reinlicher Häuser mitten in diesem »Paradies« -- dort wo wir
+gerade vorüber fahren sind große weitästige Feigenbäume vor die Thüren
+gepflanzt, kleine sauber gehaltene Gärtchen schließen sich daran, und
+vor den Thüren spielen Kinder -- kleine schwarze, braune und gelbe
+lachende Gestalten mit frohem Jubel herüber und hinüber, von alten
+Leuten dabei beaufsichtigt die, zu alt zum Arbeiten, von ihren Herren
+jetzt das Gnadenbrod bekommen, und ihre übrige Lebenszeit, die ihnen
+Gott noch giebt, in Ruhe und Frieden verleben dürfen. --
+
+Ruhe und Frieden! -- dem alten Manne da, der das Kind auf dem Schooße
+hält und hätschelt und es küßt -- Ihr könnt vom Boot aus die Thränen
+nicht sehn, die ihm die dunklen, tiefgefurchten Wangen hinunter rollen
+-- ist vor drei Tagen seine Enkelin, ein bildhübsches Mädchen von
+achtzehn Jahren, nach Kentucky hinauf verkauft, und ein anderer Enkel
+von ihm, ein junger Bursch von zwölf Jahren, wurde blutig gepeitscht,
+weil er die Ruthen nicht selber, wie es der Aufseher befahl, von den
+Weiden schneiden wollte, mit denen die eigene Mutter geschlagen werden
+sollte. Der Knabe liegt jetzt da drinnen -- in demselben freundlichen
+Haus vor dem der alte Feigenbaum steht -- auf seinem harten Lager, mit
+blutigen, geschwollenen Gliedern und ächzt und stöhnt, und der Alte hat
+das kleine Kind auf dem Schooß, und küßt es und herzt es, und sieht im
+Geist schon die Peitsche gehalten, hört die scharfen entsetzlichen
+Streiche, die auf die zarte Haut des Lieblings niederfallen werden.
+
+»Seht die reizenden Wohnungen an« haben viele Reisende geschrieben
+-- »wie behaglich und warm sind eben diese _Sclaven_ hier gebettet, und
+möchten sie mit den unglücklichen Armen unseres eigenen Vaterlandes
+tauschen, die mit fröstelnden Gliedern, in erbärmlichen zugichen Hütten
+ihre trockene Brodrinde oder faule Kartoffeln kauen, und sich das Haar
+raufen wenn ihnen die Kinder die Ärmchen entgegenstrecken und _umsonst_
+nach Nahrung schreien?« -- Ich weiß es nicht; aber _ein_ Elend wird
+nicht durch das andere gehoben, und tausende und tausende von ihnen
+würden lieber die letzte Brodrinde mit dem Kind theilen und mit ihm
+hungern, als daß sie es aus ihren Armen gerissen sähen, einem anderen,
+nicht geringeren Elend entgegengeschleudert zu werden. Die Weißen, die
+den lockeren sittlichen Verhältnissen jener Staaten nach, und in dem
+ungestörten unantastbaren Recht des _Herrn_ schon alle Familienbande
+ihrer Sclaven außerdem mit Füßen treten, zerreißen diese auch nach
+Gutdünken durch Verkauf der einzelnen Glieder -- der kleine Kreis der
+Sclaven, der nach schwerer Arbeit um das Feuer seiner Hütte sitzt, kann
+er selbst dieses Glück in Ruh genießen, wo er nicht sicher ist, ob nicht
+des Herren Wille schon morgen, schon heute Nacht, das liebste Kind aus
+ihrer Mitte nimmt -- das vom Bord des Dampfers noch einmal die Hände
+nach ihnen hinüberstreckt, und todt -- verloren ist für sie auf immer?
+
+Die Sclaverei, das Brandmal der Civilisation, wird immer ihre
+Vertheidiger finden, die aus Eigennutz oder Unwissenheit diesem Fluch
+der Menschheit das Wort reden, und den faulen giftigen Kern mit der
+hie und da glatten Rinde entschuldigen wollen, wer aber in ihrem Kreis
+gelebt, die zitternden Geschöpfe unter dem Hammer des eisblütigen
+Tabakskauenden Auktionators gesehn, und die Thränen gezählt hat, wer dem
+Elend gefolgt ist, mit dem der Eigennutz hier unter dem frechen Schutz
+_christlicher_ Gesetze _Menschen_ foltert, der wird sich nur mit Abscheu
+von dem Elend wenden, dem er nicht steuern kann und darf -- ob's ihm
+auch fast das Herz manchmal zerreißt.
+
+Aber vorbei -- vom Dampfboot aus sehen wir Nichts von alle dem; nur die
+freundlichen Dächer blitzen zu uns herüber aus dem Grün des Buschwerks,
+und die geschäftigen regen Gruppen, klein und zierlich mit scharfen
+Umrissen in der reinen Luft wie auf dem Spiegelbild einer #camera
+obscura,# geben der Scene ihren heiteren lebendigen Charakter.
+
+Das Boot schießt und schäumt jetzt dicht am Ufer hin, und seine
+wildtanzenden Schlagwellen die hinter den Rädern drein tanzen, waschen
+und schleudern an dem so schon genug unterwühlten Ufer auf, und hetzen
+vergeblich hinter dem davonbrausenden Fahrzeug drein. Dort auf der Levée
+spielt ein munterer Trupp Creol-Poneys; die kleinen lebhaften Thiere
+halten, wie sie das riesige Fahrzeug herankommen sehn, wiehern und
+schnauben ihm mit offenen Nüstern entgegen, und stampfen den weichen
+Boden mit den unbeschlagenen Hufen, bis es ihnen fast gegenüber ist
+-- Wetter noch einmal wie sie da die dicken langen Mähnen und die
+Schweife emporwerfen, und klappernd und tollend geht's die Levée entlang
+in wildem Lauf. -- Hier treiben sich kleine Negerkinder am Ufer auf und
+ab; ein ganzer Schwarm ist's, und sie suchen Stücken schwimmenden Holzes
+aus der Fluth zu fischen, die der Strom zu ihnen niederführt. Eine alte
+Negerin sitzt dabei und paßt auf die unbändigsten, daß sie sich nicht zu
+keck hinauswagen an den tückischen Uferrand, der oft nur noch oben den
+dünnen Rasen über einen verrätherisch darunter kochenden Wirbel spannt.
+Selbst ihre alte Haut wäre vor Strafe nicht sicher, wenn sie eines der
+Kinder verunglücken ließe, denn sie sind fast so werthvoll wie die
+glatthaarigen feurigen Poneys dort.
+
+Wie die kleine Bande schreit und singt und tanzt und jauchzt, als das
+Boot in Steinwurfs-Nähe an ihnen vorüber rauscht -- glückliche Kinderzeit,
+in der die ganze Welt noch im rosigen Lichte liegt -- selbst dem Sclaven.
+
+Vorüber wühlt sich das Boot seine Bahn -- ha was ist das? -- was liegt
+da so gestreckt und glitternd in der Sonne mit seiner Schuppenhaut,
+blinzelt mit den kleinen tückischen Augen halb scheu halb trotzig
+herüber, und hebt den langen häßlichen Kopf empor? -- ein Alligator
+ist's, ein tüchtiger Bursch, der seine fünfzehn Fuß wohl mißt, und sich
+hier sonnen wollte auf dem weichen feuchten, warmen Rasen, bis ihn die
+keuchende Maschine aufgestört. Das Boot will vorbei, aber er traut dem
+Frieden nicht; müßige Gesellen an Bord haben ihm schon ein paar Mal im
+Vorüberfahren die scharfen Kugeln auf den Pelz gebrannt und wenn es ihm
+auch gerade nicht schadete, war's ihm doch auch nicht eben angenehm.
+Jetzt regt er sich -- es ist Zeit, denn der eine Cajütenpassagier ist
+richtig schon hineingesprungen in seine Coye seinen Reifel[11] zu holen
+für das bequeme Ziel.
+
+»Dort liegt er!« zwanzig Arme deuten hinüber und freuen sich auf den
+Schuß, aber wie ein Stein rollt die schwerfällige Gestalt hinein in's
+Wasser, und die ihm etwas zu spät nachgeschickte Kugel zischte in die
+Fluth die über ihm zusammenschlägt.
+
+Weiter -- weiter -- der Dampfer hält mehr in die Mitte des Flusses
+hinaus, einer Sandbank zu entgehen die sich an dieser Stelle hin
+gebildet hat, und dem tiefgehenden Boot gefährlich werden konnte. Ha was
+schwimmt dort im Strom -- ein großer Vogel, der die Reise zu Floß nach
+New-Orleans macht? -- es ist ein Aasgeier, der auf einem ertränkten und
+häßlich angeschwollenen Rinde sitzt, an dem er sich über und über
+gesättigt hat, und nun zu faul oder zu vollgefressen ist hier aus der
+Mitte des Stromes das feste Land wieder zu erreichen; er wartet ruhig
+bis sein ekles Fahrzeug näher zum Ufer kommt, oder treibt auch wohl noch
+mit bis zum anderen Morgen, den guten Bissen nicht sogleich zu
+verlieren.
+
+Und da drüben? -- Pilot um Gottes Willen ist das nicht eine menschliche
+Leiche die da schwimmt? -- Wo? -- dort? wohl möglich, das kommt oft vor
+und treibt wohl von Vicksburg oder Natchez oder aus Arkansas und dem
+Redriver nieder -- »Aber wollen Sie nicht das Boot hinüberschicken? --«
+»Boot hinüber schicken wegen dem Cadaver? -- Bah, da hätten wir viel zu
+thun; der ist gut aufgehoben.«
+
+Weiter -- weiter -- was das für wunderliche Boote oder Fahrzeuge sind,
+denn Boote kann man sie nicht nennen, die mit vier oder fünf schläfrigen
+Gesellen an Bord, ohne Räder, ohne Segel langsam den Strom niedertreiben.
+Unförmlichen Kasten gleich, viereckig, von sechzig bis achtzig Fuß lang,
+und zwanzig Fuß breit, fünf oder sechs Fuß hoch mit einem rohen Gestell
+von Bretern von denen queerübergebogene auch das Dach bilden, aufgerichtet.
+Ein langes Ruder (von denen eines vorn und eines hinten angebracht ist,
+denn es bleibt sich gleich wie sie treiben), dient dazu es wenigstens in
+etwas zu steuern, und ein paar, oft auch zwei paar eben solche lange
+Seitenruder #sweeps# genannt, die finnenähnlich an den Seiten sitzen
+und nur aus einem kurzen Bret an einer Stange schräg genagelt bestehn,
+dienen dazu manchmal das schwerfällige Fahrzeug einem drohenden
+#snag#[12], einer Sandbank, oder einer unbequemen Gegenströmung aus dem
+Weg zu schieben. Die Arbeit ist aber anstrengend, und wenn nicht ein
+_muß_ da ist, rühren sich die faulen Burschen gewiß nicht.
+
+Aber diese Archen -- und sie werden in der That oft so genannt -- so
+unscheinbar und roh sie aussehn, führen nicht selten kostbare Ladungen
+den Strom hinunter; Mehl und Fleisch, Whiskey, Äpfel, Mais, Butter,
+Hühner, Schmalz, wildes Heu, Tabak, getrocknetes Obst, Faßdauben
+und Reifen und lebendiges Vieh, Rinder, Schaafe, Schweine, Pferde,
+Maulthiere. In den Städten des Südens dann angekommen, landen sie ihr
+Boot, dessen vorderer Theil gleich zu einer Art Verkaufslokal, ziemlich
+frei von Waaren gelassen ist, und verkaufen nicht allein ihre Ladungen
+sondern auch das ganze Fahrzeug, dessen Planken auseinander geschlagen
+und wieder benutzt werden. Die Verkäufer aber, die Monate lang dazu
+gebraucht aus den verschiedenen Flüssen, Ohio und Missouri, Arkansas und
+Redriver, ja selbst aus den nördlichsten Strömen des großen Reiches, aus
+dem Illinois und Foxriver niederzuschwimmen, fahren an Bord der Dampfer
+in wenigen Tagen jetzt wieder zurück in ihre Heimath, vielleicht ein
+neues Boot bauen zu helfen und dieselbe Fahrt von vorne zu beginnen.
+
+Wie sich so leise der blaue Rauch aus den flachen nieder geduckten
+Booten stiehlt, und langsam und gerade in die Höhe wirbelt -- die Leute
+kochen ihr Abendbrod, und wenn es Nacht wird fahren sie an das nächste
+Land, werfen ein Tau um einen irgendwo eingestürzten oder selbst noch
+stehenden Baum, und liegen daran, bis ihnen Tageslicht wieder die freie
+Bahn zeigt, und sie nicht mehr der Gefahr ausgesetzt sind im Dunkel
+irgendwo auf den Strand zu treiben oder von einem, wenig darnach
+fragenden Dampfer überrannt zu werden.
+
+Weiter -- weiter der Abend naht -- über den Strom streichen lange Züge
+von Wildenten und Gänsen -- dort drüben an der kleinen Insel die mitten
+im Fluß liegt -- der Mississippi zählt deren einige achtzig -- hat sich
+ein großes Volk Pelikane auf der Sandbank zu Ruh gesetzt -- sie schauen
+dem weit von ihnen ab vorbeibrausenden Dampfer ruhig nach, und nur
+manchmal ärgerlich nach einem unfern von ihnen auf einem alten Stamm
+sitzenden Loon oder Wassertruthahn hinüber, der ihnen mit seinem monoton
+melancholischen Schrei zu viel Lärmen an dem stillen Abend macht. Dort
+in den Wipfeln jener Cypressen geht ein Volk weißer und blauer Reiher zu
+Ruh; schlanke langhalsige Burschen, die sich die höchsten Spitzen der
+Bäume aussuchen, darauf zu schaukeln. -- Und die Nacht, wie sie so
+still durch den Wald zieht, erst die Büsche und Dickichte füllt und die
+Schluchten, dann weiter und weiter preßt und sich zuletzt erst, wenn der
+Wald schon in tiefem Schweigen ruht, mit weißlichem Hauch auf den Strom
+legt, der jetzt noch einmal so rasch zu laufen, noch einmal so laut zu
+rauschen scheint.
+
+Wie die Maschine da klappert, die Räder schlagen und schäumen, und der
+Dampf so scharf und zischend aus den schlanken Röhren fährt. Und die
+Fluth quirlt so dick und tückisch darunter hin, und hebt sich und
+springt hinten nach, wie ein bissiger Köter, der schnappend nach dem
+stolz vorbeitrabenden Roß hinüber fängt.
+
+Die Arbeiter an den Plantagen ziehn zu Haus, muntere Lieder tönen von
+dort herüber wo die kleinen Feuer sichtbar werden, die Leute haben einen
+Arbeitstag hinter und eine freie Nacht vor sich, warum sollen sie nicht
+fröhlich sein? -- bis die Negerglocke morgen früh um 4 Uhr tönt dürfen
+sie ruhen.
+
+Und vorwärts wühlt und klappert und schnaubt das Boot; die Gluth der
+unter den Kesseln geschürten Feuer wirft einen rothen unheimlichen
+Schein links und rechts hinaus auf die Fluth, und vor den Kesseln, mit
+langen Schürstangen in der Hand, mit nacktem Oberleib, an dem der
+Schweiß in Strömen niederträuft, die Gesichter und Arme geschwärzt,
+und die Stirnen so heiß und glühend fast wie der Heerd an dem sie
+arbeiten, stehen die Feuerleute des Boots, rühren die flammenden Scheite
+durch- und ineinander, und werfen neue ein in die kleine Öffnung die zu
+dem Zweck über den Thüren gelassen. Es sind Neger und Weiße -- meist
+freie Schwarze, oft aber auch Sclaven und zwischen ihnen die Söhne aller
+Stände, fast aller Welttheile, die mit der Schürstange und dem heißen
+Schweiß sich ihr Brod verdienen müssen im Lande der Freiheit. Manche
+Hand, die sich sonst nicht ohne glacirtes Leder der Luft preisgab hat
+hier den eisernen Schürer geführt, und mit dem Eimer die schmutzige
+Fluth heraufgezogen, einen frischen Labetrunk zu thun; manches
+Muttersöhnchen, das zu Hause gehätschelt und gepflegt und verzogen
+wurde, und den Zug meiden mußte und die kalte Nachtluft, hat hier
+eingeholt, was es daheim versäumt, und ist mit triefender Stirne und von
+der schweren Arbeit zitterndem Körper, hinausgesprungen auf den offenen
+Gangweg, von dem kalten einigen Luftstrom der sich dem Boot entgegenwarf
+die fieberheißen Glieder kühlen zu lassen und dann von Neuem in das
+Gluthenmeer der Kessel einzutauchen. Grafen und Barone, Referendare
+und Lieutenants haben neben und mit dem zäheren Neger hier schon oft
+geheitzt, mit ihm aus einer Schüssel gegessen, in einem Raum geschlafen,
+wie er behandelt und bezahlt und -- sind nicht schlechter dadurch
+geworden; aber kräftiger und gesunder --wer von ihnen es eben aushielt
+und nicht vielleicht in New-Orleans im Pottersfield[13] oder an irgend
+einer Holzladung im Mississippi-Sumpf abgeladen und eingescharrt wurde.
+
+»#Flatboot ahead -- look out to starbord!#« schreit der Mann der ganz
+vorn oben auf das oberste Deck (#hurricane deck#) gestellt ist, dem
+Lootsen, der in dem kleinen Glashaus oben aufsteht, Nachricht zu geben
+wenn er irgend etwas im Strom sieht, das dem Boot gefährlich werden
+könnte, oder das sie vermeiden müssen -- das Steuerrad dreht sich rasch,
+den Bug des Dampfers nach Larbord hinüber zu werfen, und dicht an ihnen
+vorbei, so dicht daß das Radhaus den einen auf Decke gelegten #sweep#
+des unbehülflichen Fahrzeugs faßt und abreißt, und die dunkle
+schwerfällige Masse wie ein Schatten an ihnen vorüber fliegt, schießt
+das Boot vorbei. An Deck des Flatboots aber rennt die erschreckte und
+für Fahrzeug und Leben nicht mit Unrecht besorgte Mannschaft wild und
+kopflos durch einander, und schreit und flucht noch drohend nach, wie
+die Gefahr schon lange für sie vorüber ist, und die nachschäumenden
+Wellen den ungelenken Kasten nur noch tanzen und schaukeln machen.
+
+Wie der Mond jetzt dort so still und freundlich über den niederen
+dunklen Waldstreifen heraufsteigt, und sein mildes Licht über die
+lauschigen Plätze am Ufer, über das matt glitzernde Wasser des Stromes
+gießt; dicht am Land schnauben wir wieder hin, und können jetzt das
+Rauschen der hohen stattlichen Bäume, das Quaken der Frösche hören, die
+in den Sümpfen drin ihre Nacht feiern. Und dort? -- o wie so süß der
+leise Flötenlaut des #mocking bird# klingt, der sich im niedern Busche
+sein Nest gebaut hat, und jetzt die Kleinen in Schlaf singt, die auf den
+Zweigen träumen -- die Amerikanische Nachtigall nennen ihn die Creolen,
+und er verdient's. Wie sich das so heimlich fährt, so dicht am Ufer hin,
+wenn man die Wellen an den Damm plätschern und das Lachen und Sprechen
+von Menschen am nahen Lande hört, in Sprunges Nähe fast an ihnen
+hingleitet und doch in einer ganz anderen, ganz verschiedenen Welt als
+jene lebt. Wie es dem Luftschiffer zu Muthe sein mag, der in stiller
+Nacht langsam und tief über dem großen Ameisenhaufen, den wir Menschen
+eine Stadt nennen, hingleitet, nieder in die erleuchteten Fenster,
+auf die rauchenden Schornsteine sieht, und dem Summen und Treiben der
+lebendigen Welt unter sich, der er in diesem Augenblick nicht mehr
+gehört, dann lauscht; so braust das Boot, eine kleine abgeschlossene
+Welt in sich selber mit seiner staatlichen und bürgerlichen Einrichtung,
+dem Ufer fremd an dem's vorüberschießt, dicht an dem dunklen Lande hin.
+Am Ufer drüben grünt's und blüht's, die Blumen duften stärker in der
+Nacht dort, im traulichen Familienkreis sammeln sich die Glieder
+um den geselligen Tisch -- Hunde bellen -- Gänse schnattern und die
+regelmäßigen Schläge der Axt, die Brennholz in die Küche liefert, tönen
+noch, selbst durch die Nacht im Takt herüber -- Alles fremde Laute, und
+nicht dieser Welt gehörig, in der die Schürstange die blitzenden Funken
+zum schwarzen hohen Schlot hinaus gegen den dunklen Himmel jagt, und das
+Rasseln und Klappern der Maschine, das dumpfe Brausen der Räder, den
+Sang der Nachtigall vertreten muß.
+
+Weiter -- weiter -- dort drüben leuchtet ein Feuer am Ufer, von einem
+Neger geschürt, der hier den Mosquitos zum Trotz die Wache hat. Es ist
+das ein Zeichen für die Dampfboote daß dort Holz zu verkaufen liegt, und
+die Landung gut ist, und der Neger, wenn er auf solche Art ein Boot in
+der Nacht zum Landen bringt, hat einen Viertel Dollar Prämie von seinem
+Herrn -- dafür muß er sich aber den Schlaf selber abstehlen und zündet
+manches Feuer vergebens an. Die Glocke läutet jetzt, die Heizer werfen
+die Thüren auf, aus denen eine Gluth herausströmt Blei schmelzen zu
+machen, und die ihnen oft auf viele Schritte Entfernung die Kleider am
+Leib versengt, und Blasen in die Haut zieht. Der breite Bug dreht sich
+dem Lande zu, von dessen Levée aus Hunde klaffen, und Stimmen, auf die
+Frage von Deck aus, Preis und Art des Holzes herüberschreien. Vorn zu
+Starbord, ein zusammengerolltes Tau in der Hand, steht ein Matrose zum
+Wurf bereit, und sobald das Ende nur das Ufer erreichen kann, springen
+Neger, von denen indessen eine Menge zusammengelaufen, hinzu es zu
+fangen. Jetzt fliegt es aus, wird gefaßt, in Land gezogen dort in Hast
+um einen Baum oder Stumpf geschlagen und »#hawl in!#« tönt der Ruf; die
+#deckhands# an Bord fassen zu, und holen das Tau zurück an Bord so weit
+es reicht, es dort zu festigen, Planken werden ausgestoßen und die
+Bootsmannschaft mit einem Theil der Zwischendeckspassagiere, die ihre
+Passage billiger bekommen wenn sie sich verpflichten mit Holz zu tragen,
+strömen hinaus, schichten die einzelnen Scheite der lang aufgestapelten
+»Korde« auf die Schultern, und eilen damit an Bord zurück.
+
+Wie eigen doch das aussieht -- die hellen Feuer die auf der Levée jetzt
+zu lichter Gluth geschürt werden, daß sie hoch aufflammen und den Platz
+erleuchten, die neugierigen Gesichter der Neger mit den großen
+blitzenden Augen und hellen prachtvollen Zähnen, in ihren weißen Jacken
+und Röcken, Männer, Frauen und Kinder, die den Ort mit einem gewissen
+Wohlbehagen umdrängen auch einmal weiße Leute arbeiten zu sehn -- eben
+wie Neger; der Verkäufer des Holzes selbst, gewöhnlich der Oberaufseher
+der Plantage, in lichtgestreifter Jacke und Hose, den breiträndigen Hut
+auf und das Pferd, von einem der Sclaven geführt, gesattelt hinter sich,
+mit den wildmalerischen Gestalten der Dampfbootleute, die sich neues
+Material holen für ihr nächtiges Werk. Rechts davon der stille Frieden
+des Landhauses mit seinen lauschigen Schatten, links das weißgemalte
+Boot mit den vielen hellerleuchteten Thüren und Fenstern, den
+buntgekleideten und gemischten Gestalten auf seiner Gallerie, und den
+riesig dunklen Schornsteinen, wie es da innerlich kochend und brausend
+aber festgebunden liegt, und nur mit den Rädern noch langsam, fast wie
+ungeduldig, gegen die Strömung anarbeitet, einem gefesselten Stier nicht
+unähnlich der mit den Füßen scharrt, und den Augenblick nicht erwarten
+kann der ihm wieder den Gebrauch seiner mächtigen Glieder giebt.
+
+Wieder tönt die Glocke! »Alle an Bord« schallt der, den Leuten
+willkommene Ruf des Steuermanns -- was noch am Lande ist und dort nicht
+hingehört eilt zurück, die Planken werden eingeholt »#let go!#« das Tau
+am Ufer losgeworfen, der Bug vom Lande mit langen dazu besonders
+gehaltenen Stangen abgestoßen, und schärfer schlagen die Räder ein
+-- höher kräuselt die Fluth am Bug; der Koloß ist frei und arbeitet
+wieder, seine Bahn verfolgend, in den Strom hinaus.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+Leben an Bord des Dampfers.
+
+
+Aber wir müssen uns auch zu dem Inneren des gewaltigen Bootes wenden,
+denen tausende unserer Landsleute Leben und Eigenthum auf Tage und
+Wochen anvertrauen, ihr weit im Lande d'rin gelegnes Ziel, sei es, in
+welchem Staat es wolle, zu erreichen.[14]
+
+In der Cajüte, einem sehr geschmackvoll eingerichteten geräumigen Salon,
+der an beiden Seiten seine bequemen #staterooms# oder Einzelcajüten für
+zwei Passagiere zusammen hatte, war die größte Zahl der Reisenden um die
+lange Tafel versammelt, die in der Mitte stand, und bei den Mahlzeiten
+zum Eßtisch, später in ihren einzelnen Theilen auseinander genommen,
+meist zu Spieltischen verwandt wurde. Hie und da hatte sich auch schon
+ein kleines Spiel arrangirt, und sich drei und drei zu einer Parthie
+Whist oder Eucre, oder zwei zu einem Schach oder Domino zusammengefunden;
+die Leute waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden. Das
+unbehagliche Gefühl, sich selber fremd an einem Ort zu wissen, den man
+auf kurze Zeit zu seiner Heimath machen soll, hatte sich noch nicht
+überwinden lassen, und Manche gingen auch, theils allein, theils in
+Gesellschaft, in der Cajüte auf und ab, miteinander plaudernd und eben
+Bekanntschaft knüpfend.
+
+Hopfgarten allein hatte noch eine Zeitlang volle Beschäftigung seine
+Coye, wie er sich das schon früher gedacht und ausgemalt, ordentlich
+herzurichten. Ein #life preserver# (Lebenserhalter) ein großer Ring von
+luftdichtem Zeug zum Aufblasen, hing vor allen Dingen über seinem Bett;
+er war dabei so fest überzeugt daß sie auf dieser Fahrt irgend ein
+-- _Unglück_ konnte er es eigentlich nicht nennen, -- aber irgend einen
+Zufall haben würden, daß er dem Professor schon die bittersten Vorwürfe
+gemacht hatte, sich nicht besser auf etwas derartiges vorgesehn, und
+besonders für die Damen die nöthigen Vorkehrungen getroffen zu haben.
+Außerdem hatte er aber, auch nach anderer Seite hin gerüstet zu sein,
+einen zweischneidigen Dolch und ein paar Pistolen bei sich, von denen
+der erste vorn unter seiner Weste, dem Auge verborgen, der Hand aber
+erreichbar, ruhte. Aber das nicht allein; er führte auch eine kleine
+Taschenapotheke mit, in der Heftpflaster, Charpie, Wundbalsam etc. etc.
+einen sehr vorragenden Platz einnahmen; ebenso war er mit Lanzetten,
+Verbänden, Bandagen etc. versehn, und besaß in der That Alles, einen
+menschlichen Körper nach allen Arten von Hieb-, Stich- und Schußwunden,
+Quetschungen, Brüchen etc. etc. wieder soviel nur irgend möglich auf die
+Beine zu helfen.
+
+Nachdem er dieß nun Alles, soweit sich das hier thun ließ, sorgsam
+geordnet und zum augenblicklichen Gebrauch bereit gelegt, trat er durch
+die allgemeine Cajüte auf das vorn liegende Boilerdeck hinaus, wo
+Professor Lobenstein, die Hände auf dem Rücken, dem Gewirr von Sprachen
+und Menschen ein klein wenig entzogen zu sein, still und allein spatzieren
+ging, sich aber nicht besonders wohl darin zu fühlen schien. Unbehaglich
+dabei war ihm schon die, allerdings sonst höchst wohlthätige Einrichtung
+an Bord, die Herren und Damen, außer der Tischzeit in abgesonderte Räume
+verwiesen und getrennt zu sehn. _Den_ Herren allerdings die Damen ihrer
+Verwandtschaft an Bord haben, ist es gestattet unter Umständen die
+Damencajüte zu betreten, aber die Menge _fremder_ Damen verleidete ihm
+das bald, während es Herrn Hopfgarten den Besuch direkt abschnitt und
+unmöglich machte. Er konnte sich nur bei dem Professor nach ihrem
+Wohlbefinden erkundigen, und wie er darüber gute Auskunft erhalten,
+gingen die beiden Männer, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, eine
+Weile nebeneinander auf und ab, als Hopfgarten, jedenfalls seinen bis
+dahin verfolgten Ideeen Worte gebend, plötzlich sagte:
+
+»Aber ich weiß doch nicht -- sein Betragen in der letzten Zeit hat mir
+gar nicht gefallen.«
+
+»Wessen Betragen?« frug der Professor erstaunt.
+
+»Wessen Betragen? Henkels.«
+
+»Aber wie kommen Sie denn jetzt auf Henkel?«
+
+»Sprachen wir denn nicht von ihm?«
+
+»Wir haben nicht daran gedacht; aber wie so -- wie verstehn Sie das?
+sein Betragen in gesellschaftlicher Beziehung da weiß ich doch nicht; er
+hat sich immer höchst anständig benommen.«
+
+»Oh das dank' ihm der Teufel!« rief Hopfgarten rasch, »nein ich meine
+sein Betragen gegen seine Frau.«
+
+»Ich habe Nichts bemerkt was mir aufgefallen wäre« sagte der Professor
+gutmüthig.
+
+»Das ist sehr leicht möglich« meinte Hopfgarten, »auffällig war aber
+jedenfalls, daß die beiden Leutchen die letzten Tage gar nicht mehr
+zusammen an Deck erschienen sind, oder wenn es geschah, kein Wort mit
+einander gewechselt haben. Was ich nicht gleich an Bord bemerkte oder
+beachtete, ist mir nachher, bei ruhigerem Nachdenken erst wieder ein- und
+aufgefallen und es muß etwas, kurz vor unserer Landung zwischen den beiden
+Gatten vorgefallen sein, was sie uns übrigen Passagiere eben nicht
+wollten merken lassen.«
+
+»Wenn das wirklich der Fall war, so hatten sie da aber auch vollkommen
+recht« lachte der Professor -- »es muß nicht Alles gleich an die
+große Glocke geschlagen werden, was zwischen Eheleute tritt und sie
+vielleicht auf kurze Stunden entzweit -- das Alles gleicht sich dann bald
+wieder aus.«
+
+»Ja das ist allerdings richtig« sagte Hopfgarten nachdenkend, »aber die
+plötzliche Krankheit der Dame dann nachher, das furchtbar bleiche
+Aussehn -- das stille Wesen, sie die noch kurz vorher die lebendigste
+heiterste Frau unseres ganzen Schiffs gewesen war. Es kam uns nur das
+Land und die Landung und all das Neue dazwischen, und es thut mir jetzt
+wahrhaftig leid, nicht noch kurze Zeit in New-Orleans geblieben und der
+Sache besser auf die Spur gekommen zu sein. -- Es war ein gar zu liebes
+nettes Weibchen,« setzte er nach kurzer Pause, wie mit sich selber
+redend, hinzu.
+
+»Bah, junge Eheleute haben auch manchmal einen kleinen Tanz miteinander«
+sagte der Professor kopfschüttelnd, »und wenn das zum ersten Mal kommt,
+nimmt sich's die junge Frau gewöhnlich um so mehr zu Herzen, weil sie
+vielleicht bis dahin geglaubt hat, daß so etwas in _ihrer_ Ehe gar nicht
+vorfallen könne, und solche Enttäuschung ist immer schmerzlich. Das
+giebt sich aber bald, und sind nur Gewitterwolken, die um so rascher
+wieder dem schönsten blauen Himmel weichen müssen.«
+
+»Hm -- ja -- ich will es hoffen -- wenn ich aber nur eine Idee hätte,
+daß der Mann _die_ Frau schlecht behandelte oder unglücklich machte,
+wahrhaftig, ich kehrte mit dem nächsten Dampfboot wieder nach
+New-Orleans zurück und --«
+
+»Und?« -- frug der Professor ihn lachend dabei anschauend -- »und was
+wollten Sie dann nachher thun? wie und auf welche Art könnten Sie sich
+in die Familienverhältnisse irgend eines Hauses mischen?« --
+
+»Ich forderte ihn!« rief Hopfgarten entschlossen.
+
+»Bah« sagte aber der Professor kopfschüttelnd, »damit würden Sie
+nicht einmal der Frau, noch weniger aber sich selber einen Gefallen thun
+-- sich _mit_ dem Mann _für_ dessen Frau schlagen, hahahaha, das wäre
+wahrhaftig nicht so übel. Übrigens« setzte er hinzu, als Hopfgarten mit
+fest verschränkten Armen finster und schweigend neben ihm auf- und
+abging »haben Sie sich da nur selber irgend etwas in den Kopf gesetzt,
+was wahrscheinlich nichts weiter ist als eine Geburt Ihrer Phantasie.
+Meine Töchter sind doch auch viel mit ihr zusammengewesen, und haben
+Nichts gemerkt.«
+
+»Sie haben wahrscheinlich noch gar nicht mit ihnen darüber gesprochen?«
+
+»Nein, allerdings nicht.«
+
+»Nun sehn Sie -- die Sache geht mir furchtbar im Kopf herum, aber es
+läßt sich in diesem Augenblick freilich Nichts dagegen thun, und in
+einigen Wochen denke ich so wieder unten in New-Orleans zu sein.«
+
+»So rasch?«
+
+»Vielleicht etwas später, das kommt eben auf Verhältnis an; jedenfalls
+werde ich einige Zeit das nördliche Land durchkreuzen und den
+Mississippi nach verschiedenen Richtungen befahren.«
+
+»Ihrem alten Projekte nach?« lächelte der Professor.
+
+»Zum Theil« lachte Hopfgarten, »aber doch auch in der Absicht das Land
+kennen zu lernen und dessen Charakter; ich bin deshalb besonders nach
+Amerika gekommen, und habe mir eben nur ein paar tausend Dollar zu
+der Reise ausgesetzt -- sind die verthan, so gehe ich wieder nach
+Deutschland zurück.«
+
+»Weshalb ist Herr von Benkendroff eigentlich nach Amerika gegangen?«
+frug der Professor.
+
+»Gegründete Ursache zu haben über Amerika schimpfen zu können« lachte
+Hopfgarten -- »ich bin fest überzeugt er hat keinen andern Grund. Ich
+freue mich schon darauf ihn nach einigen Wochen wieder zu sprechen.«
+
+»Sie werden ihn dann aber schwerlich finden, denn er durchreist doch
+gewiß ebenfalls das Land.«
+
+»Kommt aber auch sicher wieder nach New-Orleans zurück, und hat mir
+für dort schon seine Adresse gegeben. Doch es wird kühl, wir wollen
+hineingehen; Sie spielen ja Schach, da können wir uns die Zeit mit
+einer Parthie vertreiben.«
+
+In dem großen hellerleuchteten Saal herrschte eine angenehme Temperatur;
+an den verschiedenen Tischen saßen jetzt mannichfaltige Gruppen spielend
+oder plaudernd, mit einer Flasche Wein oder gemischten spirituösen
+Getränken zwischen sich; es wurde gelacht und erzählt und das Ganze, mit
+den dazwischen herumgehenden Aufwärtern die neuen Vorrath von Getränken
+herbeitrugen, oder gebrauchte Gläser fortschafften, gab der Cajüte fast
+das Ansehn eines großen geräumigen und sehr eleganten Cafés in irgend
+einer bedeutenden Stadt -- nur daß es über einen Krater gebaut stand,
+unter dem die Maschine hämmerte, die Räder wirbelten, die Kessel
+siedeten, und oft schon gerade ein solches sorgloses Stillleben mit
+_einem_ furchtbaren Schlag in Tod und Vernichtung geschleudert haben.
+_Ein_ dumpfer Knall -- ein Prasseln und Brechen, ein gellender Schrei,
+und die zerstückten Leichname der fröhlichen lebenslustigen Menschen,
+die vergoldeten und mit Bildern behangenen, hellerleuchteten Wände
+flogen zerrissen, zerfleischt, zerstückt hinaus, und der gierige
+tanzende Strom spielte mit den entsetzlichen Resten.
+
+Aber was thuts? -- wir können deshalb nicht langsamer fahren, weil das
+und jenes Boot einmal seinen Kessel sprengte, und eine Anzahl Passagiere
+zu früh in die Ewigkeit sandte -- auf dieser Fahrt wird es nicht gleich
+platzen lautet der gewöhnliche Trost der Reisenden, und kaum eine Stunde
+an Bord, vergessen sie die Gefahr, ja reizen sie wohl sogar noch selbst
+in dem oft still gedachten, oft laut geäußerten Wunsch, das oder jenes
+Boot was eben in Sicht vorausläuft, zu überholen. Niemand will auf einem
+langsamen Dampfer fahren, an die Möglichkeit einer Zerstörung wird kaum
+noch mehr gedacht, und das Völkchen lacht und plaudert und trinkt und
+schläft so sicher und ruhig _über_ dem Vulkan, wie -- die buntere,
+wild gemischtere Schaar, die _hinter_ der Maschine, im sogenannten
+Zwischendeck ihr _Lager_ im eigentlichen Sinn des Wortes aufgeschlagen.
+
+Was für ein Unterschied zwischen den beiden Plätzen, die nur durch eine
+Reihe Planken und dünner Balken voneinander getrennt liegen. -- Oben
+Luxus und Bequemlichkeit, Alles vergoldet und tapezirt, mit Teppichen
+belegt und blank polirt, Licht und Glanz den ganzen Raum durchströmend,
+und elegant und reinlich gekleidete Leute im behaglichen Bewußtsein
+ungestörter Ruhe das Alles genießend -- unten, nur rohe und unbehobelte
+Breter zu Verschlägen angeschlagen -- Kisten und Koffer überall im Weg,
+der ja freie Boden von Tabakssaft schlüpfrig gemacht; eine Masse Volk,
+zusammengewürfelt aus allen Schichten der Gesellschaft, selbst bis zur
+letzten nieder, und in der letzten gar nicht selten am häufigsten
+vertreten, durch einander drängend und fluchend und schreiend -- Niemand
+mit einem gewissen Platz, die Wenigen ausgenommen, die zuerst gekommen
+waren, und einen der Verschläge für sich besetzen konnten. Hier ein
+Trupp Bootsleute, schon halb betrunken, die vollen Flaschen noch zwischen
+sich auf einer Auswandererkiste, gleichviel wem sie gehört, die Nacht
+durchzuschwelgen und zu toben, weil sie doch keinen Platz haben sich
+hinzulegen; dort ein paar andere bei einem schmutzigen laufenden
+Talglicht -- Privateigenthum -- über einen Kasten und ein altes Spiel
+kaum erkennbarer Karten gebückt. Dort weinende und schreiende Kinder,
+die von ihren Müttern mit eben so gellender Stimme in Schlaf gesungen
+werden sollen, und dort drüben ein Bursche, der trotz allem Lärm und
+Toben, mitten in dem Gewirr ruhig an einem Pfeiler lehnt, und zum
+Besten seiner Bootsmannschaft, mit der er auf einem Flatboot den Strom
+herabgekommen, wie aller Anderen die es hören und nicht hören wollen,
+eine alte wahnsinnige Violine mishandelt.
+
+Ein fast glühender Ofen, in solcher Temperatur gehalten die verschiedenen
+Töpfe und Geschirre mit Wasser zum Kochen zu bringen, in denen sich
+die verschiedenen Familien nach der Reihe ihr Abendbrod selber kochen
+müssen, wird besonders von den Frauen mit rothheißen Gesichtern
+umlagert, und verbreitet drückende Schwüle und einen fatalen Fettgeruch
+durch den ganzen, schon ohnedieß vollgedrängten und dunstigen Raum.
+Eine trübe mattbrennende Laterne wirft zu gleicher Zeit ein unsicheres
+zuckendes Licht über das Drängen und Treiben unter sich, und das Rasseln
+und Klappern und Schleifen und Schütteln der dicht daneben befindlichen
+Maschine donnert den Chor zu dem ganzen Lärm.
+
+Ha was war das? -- die hellen reinen glockenähnlichen Töne die da
+plötzlich das dumpfe Murmeln und laute Schreien, sogar die gellenden
+Kinderstimmen und scharfen Discorde der Violine überwältigen, und
+plötzlich aus all dem Wirrwarr herauszittern, sind sie nicht wie Öl in
+die stürmische See gegossen, dem sich die bäumenden Wellen selber, im
+Aufruhr der tobenden Elemente schmiegen? Selbst zum Ingenieur, der vorn
+an den Kesseln steht und eben den Stock gehoben hat die Dampfstärke zu
+proben, sind sie gedrungen, und er bleibt in der Stellung und biegt den
+Kopf zurück, dem ungewohnten, fremden Ton zu lauschen -- das Toben und
+Kreischen vorher hatte er gar nicht mehr gehört. Und in dem Zwischendeck
+selbst -- welch wunderbare Veränderung brachte der leise schwimmende
+Laut. Die Violine schweigt mitten in einer Parodie auf Alles was nur
+Harmonie und Takt genannt werden konnte, der Spieler vergißt seine
+Karten zu mischen, die Frauen den siedenden Topf vom Feuer zu nehmen,
+die schwatzenden, lachenden, singenden, brüllenden Gruppen öffnen sich
+und drängen, und suchen dem einen Orte zuzukommen. Selbst die Trinker
+stoßen nur noch ein wildes »Juch!« aus, und horchen der neuen
+wunderlichen Musik, die jetzt in weichen aber wunderbar harmonischen
+Tönen gerade aus dem Mittelpunkt des Zwischendecks herüber tönt, und von
+Niemand Anderem herrührte als unserem alten Bekannten, dem Polnischen
+Juden Veitel Kochmer.
+
+Mit weiter keinem Gepäck als einem kleinen, mit altem Seehundsfell
+überzogenen Kistchen, das neben der Holzharmonika alle seine wie des
+Knaben irdische Habseligkeiten enthielt, hatte sich Veitel Kochmer, der
+aus Gott weiß welchem Grunde mehr Vertrauen zum Norden gefaßt zu haben
+schien Geld zu verdienen, oder sich vielleicht auch noch in der warmen
+Jahreszeit fürchtete ein so heißes Klima für seinen gefütterten Kaftan
+zu wählen, als New-Orleans um diese Zeit noch war, auf dem ersten besten
+Dampfer eingeschifft der stromauf ging, und hielt die Zeit jetzt für
+vollkommen passend, den Grund zu dem in Amerika zu erwerbenden Vermögen
+zu legen.
+
+Auf einer gerade dort stehenden breitdeckeligen Kiste, die sich
+vortrefflich zum Resonanzboden eignete, breitete er bei dem Schein eines
+dazu geborgten Stückchen Lichts, seine Hölzer aus; die Umstehenden,
+neugierig was der wunderliche Fremde beginnen würde, gaben ihm gern
+Raum, und Veitel ließ jetzt die ersten Töne erschallen, die mit ihrer
+wunderbaren aber doch durchdringenden Weise, bis in die entfernteren
+Räume drangen, nur erst einmal die Aufmerksamkeit der Passagiere auf
+sich zu lenken. Das gelang ihm auch vollkommen, und von allen Seiten
+ergingen jetzt Aufforderungen an ihn zu spielen, und sein Instrument
+hören zu lassen. Veitel Kochmer war aber nicht der Mann der etwas
+umsonst gethan hätte, wo Aussicht auf Gewinn sich zeigte; so also einen
+Landsmann, den er sich schon unter den Passagieren aufgefunden und der
+vollkommen gut englisch sprach, in der Geschwindigkeit eine große
+Geschichte aufbindend, erzählte er ihm, daß er, der Musikus, ein armer
+eingewanderter Pole sei, der den politischen Verfolgungen in Europa
+entflohn, im Canal Schiffbruch gelitten und fast Alles verloren habe was
+er sein nannte, und nun gezwungen wäre sein Brod in dem neuen Vaterland,
+dem Lande der Freiheit, mit Musikmachen zu verdienen. Der Deutsche mußte
+das den Amerikanern übersetzen und hinzufügen, der arme Mann habe nur
+sein Instrument gestimmt und in Ordnung gebracht, und wolle damit, wenn
+es der Capitain erlaube, in die Cajüte hinauf gehn, um sich dort bei den
+Cajütspassagieren ein paar Dollar einsammeln zu können.
+
+»Verdamm die Cajütspassagiere!« rief aber da Einer der Bootsleute
+dazwischen, der, die Taschen voll Geld von verkaufter Ladung, sich
+in seinem Stolz gekränkt fühlte, weniger gelten zu sollen als die
+»#Swells#« -- »wir haben hier ebenso viel Geld wie die da oben, wenn
+nicht noch mehr, ob wir gleich im Zwischendeck fahren; sind eben so gut
+#gentlemen# wie die »#fine folks#« in der Cajüte, und wenn Musik eben
+für Geld zu haben ist, können wir's gerade so gut bezahlen.«
+
+»Ja wohl, ja wohl!« schrieen Andere dazwischen, froh irgend etwas zu
+haben, ein paar Stunden der langweiligen Nacht zu vertreiben »spiel auf
+Pole, spiel auf, und was _die_ Dir da oben geben, geben wir Dir auch.«
+
+Veitel Kochmer verlangte gar nicht mehr; die Cajüte lief ihm überdieß
+nicht weg, und er war gern bereit dem allgemeinen Verlangen zu
+willfahren. Der Knabe trat jetzt ebenfalls an seinen Platz, und die
+Zwischendeckspassagiere jauchzten und jubelten, als sie die merkwürdig
+reinen Flötentöne des Kindes hörten, wollten es auch im Anfang gar nicht
+glauben daß er es mit der Stimme allein mache, und drängten sich dicht
+um ihn her, und sahen ihm starr in's Gesicht, ob er nicht doch noch eine
+heimliche Flöte irgendwo versteckt habe. Die Sammlung fiel dabei viel
+reichhaltiger aus, als der Alte je gedacht haben mochte; Viertel Dollar
+regnete es von allen Seiten und Veitel füllte seine ganze Tasche
+mit Silber. Nach der Sammlung mußte er aber wieder spielen, und die
+Bootsleute besonders, die den Ton hier anzugeben schienen, verlangten
+jetzt auch ihnen bekannte Lieder, wie Lord #Howes hornpipe#, Washingtons
+Marsch, Napoleons Retirade, #the star spangled banner# und besonders den
+#Yankee doodle#. Die Melodieen kannte aber der Alte nicht, und ein
+langer Yankee setzte sich vor ihn hin auf eine Kiste, spitzte den Mund
+und begann ihm die einzelnen Melodieen vorzupfeifen.
+
+Die Unruhigsten der Schaar fingen aber schon an sich über das viele
+Musiciren, das ihnen überhaupt nicht laut genug war, und dessen fremden
+Melodieen sie, wie sie sich ausdrückten, »nicht verstanden«, zu ärgern
+und langweilen, und wie der Yankee die ihnen bekannten Weisen zu pfeifen
+begann, stimmten sie, jeder nach seiner eigenen Tonart, mit ein. Nicht
+einmal den Beginn eines ganz anderen Liedes respektirten sie dabei, und
+nach kaum einer Viertelstunde wogte ein Gewirr von Mistönen durch den
+Raum, daß der alte Polnische Jude sein Instrument in Verzweiflung
+einpackte und wegstellte.
+
+Ein neuer Lärm, der am anderen Ende des Decks stattfand, lenkte aber
+auch die Aufmerksamkeit der Leute wieder nach anderer Richtung. Zwei
+Irländer waren sich über ihr Kartenspiel in die Haare gerathen, der Eine
+sollte betrogen haben und suchte jetzt seine Unschuld dem Andern mit der
+Faust zu beweisen; das aber war ein Spiel was dieser auch verstand, und
+die beiden stämmigen Burschen flogen in voller Wuth gegeneinander an,
+bald mit ordentlichem Boxen, wobei sie einander die Augen schwarz
+schlugen, bald wieder in einander gehakt mit Armen und Beinen, daß ihre
+Köpfe gegen Pfeiler und Kistenecken anschlugen, den Kampf zu entscheiden.
+Die Weiber kreischten, die Kinder schrieen dazu und die Männer jauchzten
+und jubelten, brüllten Hurrah und klatschten in die Hände.
+
+Der Eine von ihnen bekam die Sache aber, da sich Niemand weiter hinein
+mischte, doch endlich satt, und schrie »genug!« wonach ihn sein Gegner
+für vollständig überzeugt hielt, und wurde von seinen Freunden halb
+besinnungslos fortgeschleppt; der Andere aber erging sich in seiner
+Freude in allerlei ungewöhnlichen Capriolen, schlug sich mit den flachen
+Händen auf die Lenden, krähte wie ein Hahn, sprang dann in tollem
+Übermuth im Deck herum, und bot Jedem der »#gentlemen#« fünf Dollar,
+der sich mit ihm prügeln wollte. Es dauerte lange ehe der, von Whiskey
+halbtolle Mensch konnte beruhigt und zu Ruhe gebracht werden. Der Abend
+war aber indessen auch weit vorgerückt, das Holztragen vorüber, und die
+Passagiere mußten daran denken Plätze zu suchen, wo sie sich für die
+Nacht nur einiger Maßen unterbringen konnten.
+
+Viele hatten sich das weit leichter gedacht als es sich auswieß; die
+unverhältnißmäßig wenigen Coyen, da ein Dampfbootcapitain an
+Zwischendeckspassagieren aufnimmt was er eben bekommen kann, waren
+sämmtlich besetzt und in Beschlag genommen, die einzelnen Kisten zu kurz
+sich darauf auszustrecken, und der Boden selber so von Tabakssaft der
+kauenden Amerikaner verunreinigt, daß selbst ein solches Lager zur
+Unmöglichkeit wurde. Manche krümmten und rollten sich doch noch auf
+Kisten und Koffern, oft in den verdrehtesten Stellungen zusammen, Andere
+kauerten sich in eine Ecke, und suchten auf diese Art der Nacht eine
+Stunde Schlaf abzupressen. Wer so glücklich war irgend eine Art Rücklehne
+zu finden, setzte sich auf was er eben kam, und ein Theil versuchte
+sogar mit Auf- und Abgehen in dem vollgedrängten Deck die Nacht
+hinzubringen, mußte das aber bald aufgeben, und drückte sich nun in dem
+Maschinenraum auf dort aufgespeicherte Zuckerfässer, oder selbst auf die
+#guards# hinaus, trotz der feuchten Nachtluft, wo der Zimmermann des
+Bootes eine Hobelbank stehen hatte, und die beiden Plätze, darunter
+und oben drauf, den vollen Werth einer Coye bekamen. Es war ein
+entsetzliches Gewirr von Gliedmaßen, das hierdurch, über- und ineinander
+lag.
+
+Ein paar deutsche Familien, und unter ihnen die mit der Haidschnucke
+erst nach New-Orleans gekommenen Webersleute, hatten sich, so gut das
+gehen wollte, in die eine Ecke ihre Kasten zusammengerückt, wenigstens
+für die Frauen und Kinder einen in etwas geschützten Ort zu bekommen,
+und unfern von ihnen kauerte auf seinem kleinen Kistchen, den Knaben zu
+seinen Füßen, an einer Stelle, von der sie erst eine größere Kiste
+weggeschoben, Veitel Kochmer. Das an dem Abend eingenommene Geld hatte
+Veitel aber in einen leinenen Beutel gesteckt, und in eine Seitentasche
+seines Kaftans geschoben, die neben ihm ihrer Schwere wegen, mit auf
+dem Kistchen stand. Nicht vermeiden ließ es sich dabei, daß mehre der
+anderen Passagiere dicht um ihn herum ihren Platz nahmen, wie es der
+Raum gerade gestattete, und kaum ein wild gemischteres Bild ließ
+sich auf der Welt denken, als dieß Deck mit seinen bunt und toll
+zusammengewürfelten, halb liegenden, halb kauernden, über und durch
+einander gestreckten Gestalten, über welche das matte Licht der Laterne
+nur seinen ungewissen zitternden Schein warf, und hie und da dichte
+Schatten ließ, aus denen in der und jener Ecke ein paar Beine oder Arme,
+oder ein unnatürlich zurück gebeugter Kopf hervorschauten.
+
+Es war indessen, im so schrofferen Gegensatz zu dem früheren Toben,
+still und ruhig hier geworden; nur hie und da tönte das regelmäßige
+Schnarchen eines der Glücklichen vor, die eine Coye erbeutet hatten
+und auf dem Rücken, wenn auch auf harten Planken, doch ausgestreckt
+liegen konnten, und Brust und Lunge frei behielten. Auch ein leise
+gemurmelter, aber darum nicht minder herzlich gemeinter Fluch theilte
+da und dort die Lippen Einer der ineinander gekrümmten Gestalten, wenn
+sich der Gegenmann oder Antipode im Schlafe streckte und ihm vielleicht
+mit den rauhen Füßen über Gesicht oder Brust fuhr. Die Maschine allein
+klapperte und schleifte dabei regelmäßig fort und der Ingenieur,
+der mit der Öllampe daran herumging, die einzelnen Gelenke derselben
+anzufeuchten, schien das einzige lebendige, bewußte Wesen in dem ganzen
+unteren Raum.
+
+Philipp, der Knabe des Polen, war nach der Anstrengung des Abends fest
+eingeschlafen und lag, halb zurück an den Vater gelehnt, mit weit nach
+hinten gebeugtem Kopf und offenem Mund, die bleichen schönen, aber jetzt
+verzerrten Züge von der Laterne matt beleuchtet, da, und der Alte saß,
+den Kopf auf seinen schmutzigen Kaftan vorn stützend, in unruhigem
+Schlummer, in dem er auf- und niedernickte und das schwere, von seinem
+Hut voll beschattete Haupt bald auf die, bald auf jene Seite sinken
+ließ.
+
+Zu seiner Rechten kauerte eine, in ein blaues kurzes Oberhemd, wie es
+die Bootsleute trugen, gekleidete Gestalt, deren Gesicht von einem
+breiträndigen Hut ebenfalls ganz bedeckt wurde. Halb über sich herüber,
+wenigstens die linke Schulter und einen Theil der Brust bedeckend, hatte
+der Mann einen alten hellen, aus einer wollenen Decke zugeschnittenen
+Rock, gleichsam als Schutz gegen die frischere Nachtluft gezogen,
+obgleich es in dem untern Deck noch warm genug war, das entbehren zu
+können, und auch er schien zu schlafen, und im Schlaf eben mehr und
+mehr, wie um ein bequemeres Lager zu bekommen, sich an seinen Nachbar
+anzulehnen. Der Pole, dem das unbequem wurde, sträubte sich im Anfang
+dagegen, aber in solchem Fall hören alle Rücksichten auf, und der
+schläfrige Gesell, drei, vier Mal angestoßen, knickte doch immer, so
+wie er wieder in Schlaf kam, nach seinem etwas höher sitzenden Nachbar
+hinüber, der ihn zuletzt mußte gewähren lassen, oder auch selber endlich
+darüber einschlief.
+
+Aber der Bursche schlief _nicht_, denn unter dem breiten Rand des Hut's
+heraus blitzten von Zeit zu Zeit ein paar kleine stechende Augen scheu
+und forschend hervor, überflogen wie suchend den weiten Raum, und
+hafteten dann wieder mistrauisch und prüfend an der ruhigen Gestalt des
+Polen. Nach und nach, aber so langsam und allmählich, daß es kaum zu
+erkennen war, brachte er dabei den rechten Arm mehr und mehr unter
+seinen übergeschobenen Rock, und die kaum sichtbare aber geschäftige
+Thätigkeit seines Ellbogens verrieth, daß er ihn nicht nur zum Ausruhen
+dort hingehoben habe.
+
+Veitel Kochmer nickte und schwankte indessen im Schlaf herüber und
+hinüber, als er auf einmal, den Kopf auf die Brust gesenkt, den rechten
+Arm an seiner Seite herunter hängend, daß der Ellbogen jedoch leicht auf
+dem Beutel mit Geld auflag, oder ihn wenigstens berührte -- still und
+regungslos sitzen blieb. Seinem Nachbar, der jedenfalls ein bedeutendes
+Interesse dabei hatte ihn in Schlaf zu halten, mochte das verdächtig
+vorkommen, denn auch er rührte von diesem Augenblick kein Glied mehr,
+und athmete schwer und regelmäßig, ja schloß selbst unbewußt die Augen
+unter dem tiefen Schatten des Hutes, als ob das hätte sein Athmen
+bekräftigen können. So mochten die Beiden wohl etwa zehn Minuten
+gesessen haben, und kein Laut sonst als die schon vorerwähnten hatte die
+Stille bis dahin unterbrochen, da fing Veitel wieder an mit dem Kopf zu
+nicken, schwankte erst etwas rechts, dann etwas nach links hinüber,
+lehnte den Kopf zurück an das Mittelbret der hinter ihm befindlichen
+Coye, und fing an leise zu schnarchen. Aber der Bursche an seiner Seite
+traute dem Frieden noch immer nicht, und den eignen Kopf langsam
+emporhebend, wie in tiefem Schlaf unbewußt nach einer bequemeren
+Stellung suchend, blinzte sein Auge scheu nach dem bleichen bärtigen
+Angesicht des Nachbars auf. Das aber lag regungs- und ausdruckslos an
+der Bretwand an, und mit dem Drängen der Zeit, denn jeden Augenblick
+konnte irgend ein Lärm die Schläfer wecken, begann der bis dahin ruhig
+gebliebene Arm seine Thätigkeit wieder.
+
+Wie die Maschine so still und ruhig mit ihren gewaltigen Armen und
+Hebeln hämmerte -- wie das #flywheel# schlug und schwirrte, und
+das Rauschen der mächtigen Räder, mit den rasch und regelmäßig
+einschlagenden #bucketplanks#[15] zum Takt dazwischen die Wellen
+peitschte, und sie schäumend hinter dem Boot hinauswarf. Wie so ruhig
+der Strom da draußen lag, daß man das Murmeln selbst der kleinen Wogen
+hören konnte, und die schlummernden Gestalten hier im Deck, von dem
+schon halb verlöschten Lichte der Laterne kaum noch beleuchtet, so
+ruhig und friedlich schliefen, als lägen sie daheim in ihren weichen
+Betten, und nicht über Kistendeckel und Fässer, Körbe und Schachteln
+hin, mit eingezwängten Gliedern. --
+
+»Diebe! Mörder! Diebe!« ein gellender, kreischender Aufschrei
+schmetterte durch das Zwischendeck die Schläfer wach, und jagte sie,
+fertig angezogen wie sie ringsum lagen, so rasch empor, als ob sie von
+einem Zauberstab berührt, aus dem Boden heraufgesprungen wären.
+
+»Hallo! wer ist todt? -- wo brennts? -- aufgeblasen -- bei _Gott_!«
+schrieen verschiedene Stimmen, von denen einzelne schon befürchteten,
+daß dem Boot irgend ein Unglück zugestoßen sei, wild und erschreckt
+durcheinander.
+
+»Diebe -- Mörder! Diebe -- Diebe!« dröhnte aber Veitel Kochmers Stimme
+in gutem Polnischen Deutsch unverdrossen und gellend dazwischen, und die
+noch halb Schlaftrunkenen sahen wie der Mann mit dem wunderlich spitzen
+Bart und dem langen seidenen Rock, den sie schon vorher unten mit einer
+Frau, und oben mit einem Affen verglichen hatten, einen Andern, der sein
+Möglichstes versuchte von ihm wegzukommen, beim Rockschoß gefaßt hielt
+und die Hülfe der Übrigen anrief. Allein war er aber nicht im Stande den
+Mann länger im Griff zu behalten, und ehe die Übrigen sich besinnen und
+zuspringen konnten, riß der seinen Rockschoß aus dem krampfhaften
+Griff des Polen, und wollte mit einem Satz hinaus auf die offenen und
+vollkommen dunklen #guards# des Bootes springen, als sein Fuß in einem
+der anderen Schläfer, die hier queerüber der Passage lagen, hängen
+blieb, und er der Länge nach, mit einem lauten Aufschrei niederschlug.
+Im nächsten Moment hatten sich auch ein paar stämmige Kentuckier, die
+unfern von dort ebenfalls gelegen und jetzt aufgesprungen waren, über
+ihn geworfen und hielten ihn fest, und während er mit Armen und Beinen
+um sich schlug und austrat, schrie Veitel in einem fort, und ohne irgend
+eine der von allen Seiten an ihn gerichteten Fragen zu beantworten,
+»mein Geld -- mein Geld -- Gott der Gerechte mein Geld!«
+
+»Aber zum Donnerwetter was ist los? -- was brüllt der Bursche hier?
+-- was hat der da verbrochen?« schrieen die Amerikaner durcheinander,
+die wohl eine undeutliche Ahnung haben mochten was geschehen sei, die
+Sache aber auch genauer erfahren wollten, und von dem Schreien des
+deutsch Redenden keine Sylbe verstanden.
+
+»Mein Geld -- mein Geld!« brüllte aber Veitel und warf sich über den
+Gefangenen, seine Hände und Taschen zu untersuchen, während sein
+früherer Dolmetscher den Übrigen die gerufenen Worte übersetzte. Alles
+drängte jetzt gegen den Gefangenen an, vor allen Dingen das #corpus
+delicti# zu finden, und den Verbrecher dadurch zu überführen; dieser
+aber hatte sich indessen, von den ihn Umdrängenden jedoch noch immer
+festgehalten, wieder aufgerichtet, und fing nun auch seinerseits an eine
+eigene Meinung über die Sache zu bekommen.
+
+»Was, im Namen von Hölle und Verdammniß habt Ihr mit mir?« schrie er mit
+lauter trotziger Stimme, »seid Ihr toll oder betrunken, daß Ihr einen
+Menschen, den die verrückte Bestie von einem Halbaffen da aus dem
+Schlafe geschrieen, überfallt und festhaltet, als ob er irgend etwas
+verbrochen hätte? Was wollt Ihr von mir, was soll ich -- weshalb preßt
+Ihr mir die Arme zusammen, als ob sie von Eisen wären -- wer zum Teufel
+hat ein Recht mich so zu behandeln?«
+
+»Nur ruhig, #honey#!« rief ihm aber Einer der Irländer, der jetzt seinen
+Rausch so ziemlich ausgeschlafen hatte, freundlich zu, »nimm's nur
+kaltblütig mein Herzchen, und wenn Du's nicht kaltblütig nehmen kannst,
+nimm's doch so.«
+
+»Was wollt Ihr? -- weshalb haltet Ihr mich? weil der verrückte Schuft da
+im Schlafe brüllt? -- Da, such, was willst Du von mir, Canaille, _ich_
+habe Nichts.«
+
+»Mein Geld! mein Geld!« schrie aber der Israelit, mit zitternden Händen
+an dem Mann, freilich vergebens, herumfühlend -- »er hat mein Geld
+gestohlen.«
+
+Die nächsten Minuten war es kaum möglich ein weiteres Wort zu verstehn;
+Alles schrie, tobte, lachte und fluchte durcheinander, und der Ingenieur
+verließ seine Maschine, die Mannschaft vorn ihre Posten, und was noch
+wach an Bord war, drängte nach dem Zwischendeck zurück, zu sehn und zu
+hören was es da gebe. Veitel Kochmer war aber in der Zeit auch nicht
+müßig gewesen, und das Geld nicht an dem vermeintlichen Dieb findend,
+suchte er dort, von wo dieser aufgesprungen, und fand da den Sack auf
+der Erde liegen, mit einem kleinen scharfen und geöffneten Federmesser
+dicht daneben; rasch an seinen Kaftan fühlend entdeckte er dort zugleich
+einen breiten Schnitt, der diesen mit der Tasche vollständig offen gelegt,
+und sogar noch in den leinenen Sack hineingeschnitten hatte, so daß die
+Thatsache selber Allen, die ihn beim Suchen unterstützten, klar genug
+wurde. Der Mann mit dem blauen Überhemd leugnete aber Schnitt und Messer
+ab, wie überhaupt irgend etwas von dem Juden oder seinem Geld zu wissen;
+er habe dagesessen und fest geschlafen, und sei durch das Brüllen seines
+Nachbars aufgeschreckt worden, ja im Anfang der Meinung gewesen die
+Kessel wären geplatzt, und nur im Instinkt der Selbsterhaltung
+aufgesprungen.
+
+»Ja wohl #honey#«, lachte der Irländer dabei, während Veitel sein Geld
+wieder barg und erstaunt von einem zum anderen der Männer sah, ohne ein
+Wort von dem was sie sprachen zu verstehn, »das glaub' ich Dir schon,
+daß Du die Geschichte im Instinkt hast, denn es mag nicht das erste Mal
+sein, daß Du in Gedanken oder im Instinkt in anderer Leute Taschen
+kommst -- wie war also die Sache, Langbart da, woher weißt Du, daß
+dieser #gentleman# hier Dein Geld im Instinkt forttragen wollte?«
+
+Andere, die deutsch sprachen, übersetzten dem Polen die Frage, und
+dieser erzählte jetzt wie er im Schlaf seinen rechten Arm auf dem
+Geldsack habe liegen gehabt, einmal aber, halb munter geworden, sei es
+ihm vorgekommen, als ob Jemand langsam daran ziehe. Nicht recht sicher,
+sei er ruhig sitzen geblieben, bis auf einmal das Geld ihm unter dem
+Arm fortgeglitten und der Bursche da, als er rasch und erschreckt
+emporfuhr, in dem Augenblick auch auf und fortgesprungen wäre.
+
+Der Dieb leugnete natürlich Alles, und schrie über Gewalt und Unrecht,
+das einem Bürger der Vereinigten Staaten auf die schlaftrunkene Anklage
+eines fremden Juden angethan würde. Das fremde unnütze Gesindel sei
+überdieß nur da, und komme von Europa herüber sie, die Amerikaner,
+auszusaugen, ihren Arbeitslohn herunter zu drücken und den Eingeborenen
+#(natives)# das Brod vor dem Munde wegzuschnappen.
+
+»Hör' einmal mein Junge!« fiel ihm da Einer der langen Kentuckier in die
+in Zorn ausgesprudelte Rede -- »es will mir beinah vorkommen, als ob Dir
+die Fremden noch verdammt wenig Arbeitslohn heruntergedrückt hätten.
+Außerdem wissen wir noch gar nicht einmal ob Du ein Amerikaner bist oder
+nicht.«
+
+»Ich bin im »alten Staat«[16] geboren!« rief der Gefangene trotzig.
+
+»Kein Compliment für den alten Staat« sagte der Kentuckier ruhig, »doch
+das bleibt sich jetzt gleich. Wir sind hier verdammt, eine Woche mitsammen
+auszuhalten »in Freud und Leid« wie die Friedensrichter bei den
+Trauungen sagen, und müssen uns also auch die Luft frei und die Taschen
+zu halten vor derartigem Gesindel das daran herumschneiden will.«
+
+»Aber was wollt Ihr da von _mir_?«
+
+»Wirst es gleich hören mein Herz.«
+
+»Werft den Lump über Bord und laßt ihn an Land schwimmen« schrie der
+Irländer dazwischen.
+
+»Frieden da!« rief aber der Kentuckier, »wir dürfen einen Mann nicht
+strafen, ohne ihn gehört zu haben; wählt einmal einen Richter unter
+Euch, Kameraden, und zwölf Geschworene; zu schwören brauchen sie weiter
+nicht, da wir keinen wirklichen Richter haben, und dann wollen wir der
+Sache gleich auf den Grund kommen.«
+
+»Hurrah für den Kentuckier!« schrieen eine Masse Stimmen, froh jetzt
+irgend etwas zu haben die lange Nacht durchzubringen, »wählt eine Jury
+-- wählt einen Richter!«
+
+»Wir wollen den Steuermann zum Richter nehmen!« rief eine feine Stimme
+durch den Lärm -- der Steuermann war mit den übrigen Neugierigen
+ebenfalls herbeigekommen, zu sehn was es gäbe.
+
+»Was schiert uns der Steuermann!« schrie aber ein langer Bootsmann aus
+dem Staat Mississippi dazwischen -- »wir sind hier Passagiere und was
+wir untereinander haben, machen wir auch untereinander aus.«
+
+»Ja wohl, ja wohl!« riefen Andere -- »der Kentuckier soll Richter sein;
+Hurrah für den Kentuckier!«
+
+Unter Lärmen, Lachen und Schreien, während der ertappte Dieb jetzt
+freigelassen war, sich aber so von Wachen umstellt sah, daß an ein
+Entrinnen nicht zu denken war, wurde jetzt auch eine Jury aus den
+Passagieren gewählt, wozu man jedoch nur Amerikaner nahm, und den
+Angeklagten dann frug ob er mit der Wahl zufrieden sei. Dieser aber, dem
+doch nicht wohl dabei wurde als die Leute Ernst machten, protestirte
+gegen ein solches Verfahren, verschwor sich noch einmal hoch und theuer
+daß er von der ganzen Geschichte Nichts wisse, neben dem Juden ruhig
+geschlafen habe, das Messer gar nicht kenne und ein ehrlicher Mann
+sei, und verlangte den Capitain zu sehen, der ihn vor einer solchen
+Behandlung wie sie ihm hier widerfahre schützen müßte, oder er verklage
+ihn selber in der ersten Stadt an der sie anlegten, wegen Mishandlung
+seiner Passagiere.
+
+Das half ihm übrigens Alles Nichts, die Leute im Zwischendeck hatten
+Langeweile, brauchten etwas, das ihnen die Nacht hindurch die Zeit
+vertriebe, und die Bootsleute selber, Capitain und Steuermann, hüteten
+sich schon da einzugreifen, wo sie doch recht gut wußten daß ihnen die
+Macht fehlte, noch dazu da es hätte zu Gunsten eines Burschen geschehen
+müssen, gegen den doch ziemlich gegründeter Verdacht wenigstens
+beabsichtigten Diebstahls vorlag.
+
+Dem Angeklagten nun hätte es frei gestanden gegen sechs aus der Jury,
+Amerikanischen Gesetzen nach, Protest einzulegen, wofür dann andere
+gewählt worden wären; da er aber gegen die ganze Jury protestirte, und
+ihr das Recht abstritt über ihn zu urtheilen, wurde sie ganz beibehalten,
+und das Verhör begann. Veitel Kochmer, der sich jetzt übrigens gern von
+der ganzen Geschichte zurückgezogen hätte, bekam einen Dolmetscher, und
+mußte besonders #in figura# wieder zeigen wie sie Beide gesessen hatten,
+während man noch alle übrigen Zeugen vernahm, die vorher die
+beabsichtigte Flucht des Angeklagten mit angesehn.
+
+Als die vernommen worden, wurde der Angeklagte aufgefordert Zeugen für
+sich selber zu stellen, und ein anderes Individuum, das sich aber weit
+besser ruhig verhalten hätte, trat jetzt freiwillig auf, und erklärte
+den Angeklagten schon seit einer Reihe von Jahren als einen braven, in
+seiner Heimath geachteten, und sonst in jeder Beziehung ehrenwerthen
+Mann zu kennen. _Dem_ Burschen stand das Wort »Gauner« aber mit so
+deutlichen Zügen auf der Stirn geschrieben, daß die ganze Jury laut
+lachte als er von Ehrlichkeit und Achtung sprach, und der Angeklagte
+selber schien nicht sehr mit der Fürsprache zufrieden zu sein. Es
+war ein langer hagerer Gesell, der neue Zeuge, mit einer hellgrünen
+Flanelljacke an, die sehr kurz in den Ärmeln, seine Gelenke und dünnen
+Armen weiter zeigte als gerade schön sein mochte; auf dem einen Auge
+schielte er dabei, und da das andere nicht eine Secunde auf ein und
+demselben Menschen haftete, konnte sich keiner an Bord rühmen dem Blick
+des Burschen auch nur ein einziges Mal begegnet zu sein. Einen alten
+zerknitterten Fitz, den er bis dahin auf dem struppigen Haar gehabt,
+drückte er, so lang er mit der Jury sprach, in den Händen herum.
+
+Der Staatsanwalt, zu dem sich ebenfalls ein junger, ganz ordentlich
+gekleideter Mann an Bord für diesen einzeln Fall gemeldet hatte, trat
+jetzt auf und versicherte der Jury, unter dem schallenden Gelächter
+sämmtlicher übrigen Passagiere, nur nicht der beiden Freunde, daß dieser
+Zeuge die Sache des Angeklagten eher verschlimmert als verbessert habe,
+hob dann noch einmal in sehr glücklich gewählten, meist humoristischen
+Wendungen das ganze Entsetzliche dieses Falles an einem Ort hervor, wo
+Alle so zusammengedrängt waren daß sie schon ohnedieß Einer die Hände in
+den Taschen des Anderen haben mußten nur stehen zu können, und eröffnete
+schließlich den geehrten Geschworenen, daß ihnen kaum etwas anderes
+übrig bleiben würde als den Mann zu -- hängen, wie seinen Freund Landes
+zu verweisen.
+
+Ein lautes Hurrah! antwortete diesem Vorschlag, der von Allen natürlich
+als ein Scherz aufgenommen wurde, nur nicht von dem Angeklagten selber,
+der vielleicht schon früher Zeuge gewesen war, wessen eine Bande müssiger
+Bootsleute, in Übermuth und Langerweile fähig sei. Die Jury zog sich
+jetzt auf die Außenguards zurück dort miteinander den Fall zu berathen,
+kehrte aber nach sehr kurzer Zeit wieder, und erklärte kein Urtheil
+abgeben zu wollen, bis man nicht weitere Beweise gegen den Mann habe,
+der zu diesem Zweck zu visitiren sei, ob er nicht irgend etwas
+Verdächtiges bei sich trage was seine jetzige böse Absicht noch mehr
+bekräftigen könne.
+
+Dagegen sträubte sich aber der Angeklagte auf das Entschiedenste, machte
+sogar Miene sich ernsthaft zur Wehr zu stellen und schrie, als ihn
+ein paar von den baumstarken Flatbootmen unterliefen und hielten, aus
+Leibeskräften um Hülfe und Feuer und Mord. Das Alles half ihm aber nicht
+allein Nichts, sondern machte die Leute nur noch mistrauischer gegen
+ihn, die jetzt ohne weiteres, während ihn Einige festhielten, seine
+Taschen umdrehten und ihn aufforderten sein Gepäck auszuliefern das er
+an Bord habe.
+
+Wider Erwarten entdeckte man bei ihm ein mit Geld sehr wohlgespicktes
+Taschenbuch, in dem sich einige zwanzig ganz neue Banknoten der
+»#White water canal banking company#« mit einigen einzelnen
+Mississippi-Dollar-Noten und einige kleine Münzen vorfanden. Hiervon
+erregten aber die neuen Noten Verdacht, von denen eine im Kreis
+herumging, bis sie zu den Händen des Staats-Anwalts, jedenfalls eines
+jungen Handlungscommis der irgend eine Anstellung im Norden suchte, kam.
+Dieser erklärte sie nach kurzer Besichtigung für #counterfeit money#
+(falsches Geld), und erbot sich sehr freundlich und bereitwillig selber
+zu hängen, wenn er nicht die Wahrheit gesagt habe und das Geld genau
+kenne. Mit diesem Ausspruch allein begnügten sich aber die Passagiere
+nicht, und eine Deputation wurde hinauf in die Cajüte geschickt, zu
+sehen ob noch Einer von den Buchhaltern wach wäre, dessen Urtheil über
+die Banknoten zu hören.
+
+Der zweite Buchhalter war kurz vorher vom Steuermann geweckt worden,
+da das Boot wieder anlegen mußte Holz einzunehmen. Noch halb im Schlaf
+wollte der freilich die Passagiere erst unwirsch wieder abweisen, ließ
+sich aber doch endlich bewegen, einen in Neu-York herausgegebenen
+#counterfeit detector#, in dem allmonatlich sämmtliche falsche Banknoten
+veröffentlicht werden, nachzusehn, und erklärte die Banknote dann
+ebenfalls nach kurzer Untersuchung für falsch. Das war genug und die
+Sache im Zwischendeck, die bis jetzt mehr in Scherz und Übermuth
+getrieben worden, drohte einen ernsteren Charakter zu bekommen.
+
+Der Kentuckier nahm vor allen Dingen das als falsch erkannte Geld in
+Beschlag, zerriß es in Stücken und steckte es unter dem wüthenden Heulen
+und Schreien des Angeklagten in den Ofen, wo es bald hell aufloderte,
+das übrige Geld wurde ihm jedoch zurück gegeben, und die Jury ging dann
+noch einmal auf die #guards# hinaus, das Endurtheil zu fällen, als die
+Glocke draußen -- das Zeichen zum Landen und Holztragen -- ertönte.
+
+»#Wood pile, wood pile boys!#«[17] schrie der Mate oder Steuermann, froh
+eine Gelegenheit zu haben den Skandal zu unterbrechen, in das Deck
+hinein -- »hinaus mit Euch wer nicht bezahlt hat, Eure Albernheiten
+könnt Ihr nachher abmachen -- #Wood pile!#«
+
+Das Boot landete, die Planken wurden ausgeschoben, und die
+Zwischendeckspassagiere, die sich eben zum Holztragen verpflichtet
+hatten, konnten sich dessen nicht weigern; der Delinquent sollte
+indessen unter der Aufsicht von drei oder vieren, die nicht mit zu
+tragen brauchten, zurückgelassen werden; das aber duldete der Mate
+nicht, der erklärte daß er den Mann nothwendig zum Holztragen brauche;
+wenn sie was von ihm wollten, könnten sie das ebensogut nachher
+abmachen, hier in Nacht und Nebel und einem wildfremden Staat würde er
+ihnen nicht fortlaufen. Die Anderen trauten ihm jedoch nicht, und zwei
+von den Kentuckiern erboten sich draußen an seiner Seite zu bleiben,
+und jeden etwaigen Versuch zur Flucht unmöglich zu machen.
+
+Der Bursche, der aber jedenfalls ein böses Gewissen hatte, und
+vielleicht nicht mit Unrecht fürchtete auch noch andere Sachen an den
+Tag gebracht zu sehn, schien das Resultat der Jury nicht abwarten zu
+wollen, denn als er, einmal im Freien, seine zweite oder dritte Ladung
+aufgenommen, wußte er seine Gelegenheit zu benutzen, warf dem Einen von
+seinen beiden Wachen den ganzen Stoß Holz auf den Leib, sprang über ihn
+fort, und war im nächsten Augenblick über die Fenz hin, in einem
+Baumwollenfeld verschwunden, das Boot wie seine bezahlte Passage im
+Stich lassend.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+Die Ufer des Mississippi und Ohio.
+
+
+Der Dampfer verfolgte indessen rasch seine Bahn, und erreichte am
+nächsten Nachmittag die Grenze der Plantagen; die Grenze nämlich
+insofern, als diese kein geschlossenes Ganzes, Fenz an Fenz mehr
+bildeten, und den Urwald erst in schmaleren, dann immer breiter
+werdenden Streifen zum Ufer des Stromes heranließen, bis zuletzt Wald,
+dichter finsterer mächtiger Wald an beiden Seiten lag, und nur hie und
+da eine größere Lichtung den Ort verrieth, wo die Axt des Menschen
+thätig gewesen war sich in das Herz der Wildniß einzuwühlen, und den
+überreichen Boden sich zinsbar zu machen.
+
+Der Strom gewann hier einen ganz anderen Charakter; noch war das graue
+wehende Moos an den Bäumen sichtbar, aber es hing nicht mehr in solch
+gewaltigen prachtvollen Massen von den höchsten Wipfeln bis zur Erde
+nieder, die Riesen des Waldes in einen weiten Schleier hüllend. Dichte
+Schilfbrüche füllten dabei den Unterwald bis zum äußersten Rand
+des eingebrochenen Ufers, von dem ab zahlreiche unterwaschene und
+niedergeschwemmte Stämme die Verheerung nur zu deutlich verriethen, die
+hier von den ungestüm reißenden, und noch täglich weiter in das feste
+Land hineinfressenden Wassern angerichtet worden.
+
+Wieder kamen dann weite, Plantagen bedeckte Flächen, wie die ganze
+Strecke von Point-Coupée, bis fast zum Atchafalaya -- einem Abstrom des
+Mississippi der sich auf eigene Faust in den Golf von Mexiko ergießt
+-- hinauf; aber das Zuckerrohr wurde hier schon seltner, Mais nahm
+dessen Stelle ein, und nur die Baumwollenfelder dauerten noch fort.
+
+Weiter und weiter arbeitete das Boot -- die Lichtungen wurden schmäler
+und seltener, auch die Gebäude unansehnlicher, die an den Ufern standen,
+bis sie zuletzt zu niedere fensterlose, in Sumpf und Rohr gebaute
+Blockhütten zusammenschrumpften, mit mächtigen Reihen Klafterholz an
+der Seite, den auf-und abgehenden Dampfern das so nöthige Material zu
+liefern, und kaum einen halben Acker urbar gemachten Landes dabei, für
+die Bewohner der Hütte etwas Mais und einige Kürbisse und Melonen zu
+ziehn.
+
+Mitten aus dem Wald heraus leuchteten den Reisenden dann wieder
+plötzlich die hellen und oft ganz stattlichen Gebäude eines bald
+größeren bald kleineren Ortes entgegen, und nirgends läßt sich der
+Unternehmungsgeist der Amerikaner gerade besser erkennen, als an den
+Ufern der westlichen Ströme, wo sich der Mensch ordentlich in die Öde mit
+seinen Bedürfnissen hineinbohrt, weiter und weiter um sich greift, und
+aus dem Wald heraus, von Wölfen Nachts umheult und von der rauschenden
+Wildniß dicht begrenzt, seine Städte mit ihrem Handel und Verkehr,
+Dampfmaschinen und Banken heraufzaubert. Im Anfang sind diese denn auch
+natürlich nur auf den Strom selber angewiesen, dessen Schiffahrt sie
+entstehen ließ; nach und nach aber siedeln sich Nachbarn an, Plantagen
+und Farmen entstehn, Mühlen und Fabriken werden gebaut, Wege angelegt,
+und das Holz verschwindet unter den unausgesetzten Schlägen der
+gefräßigen Axt.
+
+So passirten sie Natchez und Vicksburg, beide Städte mit prachtvollen
+massiven Gebäuden, scheinbar an der Grenze der Civilisation gegründet,
+und ließen die Mündung des gewaltigen Redriver an ihrer Linken,
+der seine rothen Fluthen, ein fast ebenso mächtiger Strom als der
+Mississippi selber, in diesen wälzt, ohne dessen Ufer auch nur eines
+Schrittes Breite auszudehnen. Ebenso hat der »Vater der Wasser« den
+stattlichen Arkansas, den White River, den breiten Ohio, mit einer
+Unzahl kleinerer Flüsse aufgenommen, ohne die Breite seines Bettes, von
+der Mündung des fast noch bedeutenderen Missouri auch nur im mindesten
+zu ändern. Aber tiefer und reißender wird er, je weiter er sich wühlt,
+und je größere Kräfte er in sich aufnimmt; weiter hinein in den Grund
+reißt er sich seine furchtbare Bahn, und die größten Kriegsschiffe
+würden ihn tausende von Meilen befahren können, dämmte seine Mündung
+nicht die, den meisten großen Flüssen gefährliche Queerbank, die gerade
+über sein Fahrwasser wegliegt, und tiefgehenden Schiffen den Eingang
+hartnäckig weigert.
+
+Weiter, weiter schäumen wir stromauf; dort drüben zu unserer Linken
+mündet der Arkansas seine Wasser, eine kurze Strecke weiter oben ein Arm
+des White River, und der kleine Ort, in die Spitze, die beide Ströme
+miteinander bilden, hineingebaut, heißt Montgomery.
+
+Unser Lootse weiß aber von dem Ort da drüben, und von dem Mann der hier
+das erste Haus gegründet, viel zu erzählen. Er selber ist früher lange
+Jahre auf dem Arkansas gefahren und oft an der Spitze die Montgomerys
+Point hieß und noch heißt gelandet; der aber, der hier den ersten
+Axtschlag gethan, war Einer jener wilden Charaktere wie sie der Westen
+leider noch in Masse liefert -- Männer die nur das eine Ziel im Auge
+tragen -- _Geld_ -- deren Herz und Seele, wenn sie Beides wirklich
+haben, nur dem einen Trieb sich weiht und eigen giebt, und die selbst
+Raub und Mord zu Brücken brauchen, das zu erreichen. Wenn nur die Hälfte
+von dem wahr ist, was er dem an das Lootsenhaus gelehnten Passagier
+halblaut, und mit einem scheuen Blick dort hinüber in's Ohr flüstert,
+daß es dem Mann eine Eishaut über den ganzen Leib jagt, so hat das Land
+da drüben Ursache fruchtbar zu sein, denn es ist mit Menschenblut
+gedüngt.
+
+Wald dehnt sich jetzt zu rechts und links -- weiter endloser Wald mit
+furchtbaren Sümpfen die nur, das Ufer des Stromes verlassend, der Jäger
+betritt, den Bär in seinem Schlupfwinkel aufzusuchen, oder die hier
+ziemlich zahlreichen Hirsche zu jagen. Selbst Büffel haben sich, noch
+etwas weiter zurück vom Mississippi, in diesen furchtbaren Dickichten
+gehalten, und es ist das der einzige Platz in den, in die Union
+aufgenommenen Staaten, wo sie noch zu finden sind.
+
+Auch die Vegetation nimmt hier wieder einen etwas anderen Charakter an;
+das graue Moos ist ganz verschwunden, selbst die Cypressen kommen schon
+vereinzelter vor als weiter unten, und der mächtige #cotton# oder
+Baumwollenholzbaum, nach einer weißen Flocke in der sein Saamen sitzt,
+so genannt, hat den Ehrenplatz am Ufer, und füllt das flache sumpfige
+Land mit seinen wahrhaft riesigen Stämmen. Aber während der rastlos
+schaffende und vernichtende Mississippi an dem einem Ufer den Boden
+unterwäscht und wühlt, und oft ganze Acker Land, mit hunderten von
+Stämmen in sein Bett herniederreißt, wirft er am andern wieder weite
+Sandbänke aus, deckt sie und düngt sie mit dem fruchtbaren Schlamm, den
+ihm der Missouri aus den weiten Steppen des Westens hernieder führt, und
+läßt sich vom Wind dann, in den leichten fasrigen Flocken, den Saamen
+des Baumwollenbaumes niederstreuen auf den jungen Grund. Jedes Jahr legt
+er sich der Art einen kleinen Streifen um den neugegründeten Besitz, und
+während das erst besäete Stück schon die jungen Cottonbäume bis zehn und
+fünfzehn Fuß Höhe trägt, die sich mit den saftgrünen jungen Kronen dicht
+und fest an den alten Urwald selber anschmiegen, werden sie kleiner und
+kleiner je weiter sie dem Ufer selbst sich nähern, bis sie in kleinen,
+kaum sichtbaren Schößlingen, noch von dem Schaum des Stromes bespühlt,
+nur eben erst die schwachen grünen Keime zeigen, und damit eine
+förmliche grüne Stufenleiter bilden, bis zum Wasser nieder.
+
+Auch die Alligatoren sind jetzt verschwunden und zeigen nicht mehr die
+dunklen zackigen Rücken und Stirnen, verbranntem Holze gleichend, über
+der trüben Fluth; statt dessen sonnen sich weichschalige Schildkröten in
+Masse auf dem gelben Sand und den in den Strom geschwemmten Stämmen,
+strecken die langen Köpfe neugierig und scheu herauf, wie sie das
+heranschnaubende Boot hören, und lassen sich dann schwerfällig nieder
+gleiten in die Fluth, dem fremden unheimlichen Feinde zu entgehn.
+
+Auch die weißstämmige Sycamora, mit ihrem schweren rothen Holz das nicht
+im Wasser schwimmt, drängt sich bis zum Ufer vor, gar seltsam gegen die
+dunklen Stämme der übrigen Waldung abstechend, während bis zu ihren
+ersten Ästen hinauf, in dreißig und vierzig Fuß Höhe, eine feste grüne
+Wand emporsteigt, das Mississippi-Rohr (#cane#) das seine Bambusähnlichen
+Wurzeln bis in den neben ihnen hinwaschenden Strom hinunter hängt, und
+eine fast ununterbrochene Mauer bildet gegen das offene Flußbett zu.
+
+Als ob ein einzelner Baum umgeschlagen wäre und da hinein hie und da
+eine kleine, kaum bemerkbare Lücke gerissen hätte, so sehen die kleinen
+Lichtungen aus, in die sich ein Holzhauer gedrängt und sein Lager da
+mitten im furchtbarsten Sumpf, von Wasser und Schlamm rings umgeben,
+aufgeschlagen hat mit Frau und Kind. Gegen das Gesetz der Vereinigten
+Staaten, das dem Einzelnen verbietet Holz auf Grund und Eigenthum der
+Union zu schlagen, macht er ein anderes Recht der Squatter, das
+#preemption right# für sich geltend, das dem armen Ansiedler erlaubt
+Land, ohne es gleich zu bezahlen, so lange zu occupiren und zu bebauen
+und dann darauf das Vorkaufsrecht zum Congreßpreis (1-1/4 #Dollar pr.
+acre#) zu behalten, bis es vermessen und zum Verkauf dann ausgeboten
+wird. Dem Staat gegenüber erklären diese Leute, wenn sie je darum
+gefragt werden sollten, daß sie die Bäume hier fällen um das Land urbar
+zu machen, und es für sich selber, zu ihrem bleibenden Wohnsitz zu
+wählen, in Wirklichkeit aber bleiben sie nur bis sie sich eine gewisse
+Summe baaren Geldes durch den Holzverkauf an die Dampfboote verdient
+haben, und ziehen dann weiter westlich in gesündere Gegenden, sich dort
+erst anzukaufen -- wenn sie nicht früher schon durch den Verlust von
+Frau oder Kindern oder durch eigene Krankheit in den bösen Miasmen der
+Sümpfe verscheucht und gezwungen werden die Hügel aufzusuchen, das
+eigene Leben zu retten. Von kaltem Fieber geschüttelt, von Mosquitos
+zerstochen, an Stellen die von giftigen Schlangen wimmeln, vor denen sie
+die Kinder kaum genug hüten können, verleben die armen Frauen besonders
+dort eine traurige Existenz. Ja diese wird oft selbst durch den Strom
+bedroht, der in seinen furchtbaren Überschwemmungen das ganze Land
+überfluthet, das geschlagene und mühsam aufgeschichtete Holz und nicht
+selten die niederen Blockhütten selber faßt, und weit hinabschwemmt dem
+Meere zu, so daß diese Holzhauer, besonders an den niedrigst gelegenen
+Stellen, stets gezwungen sind ein Boot oder Canoe an ihrem Haus zu
+haben, in der Zeit der Gefahr wenigstens ihr Leben vor der Gewalt der
+Wasser schützen zu können, und stromab den Hügeln zuzuflüchten.
+
+S'ist eine traurige Existenz die tausende von Menschen auf solche Art
+führen, und bezeichnend dabei, daß fast nur Amerikaner selber, die
+abgehärteten und die Wildniß gewohnten Kinder der Pioniere und ersten
+Vorkämpfer der Civilisation, sie freiwillig wählen. Selten oder nie
+findet man in diesen Hütten und Sümpfen Deutsche, oder andere fremde
+Einwanderer, die fast alle geringeren Verdienst und gesünderen Boden
+vorziehn, auch wohl dieß Klima mit seinen Entbehrungen nicht so ertragen
+könnten als der Amerikaner.
+
+Weiter wühlt sich das Boot, an Hütte und Wildniß vorbei und was ist das
+dort drüben, das so weiß und breit da aus dem Wasser ragt? -- Ein
+versunkenes Dampfboot, das in Nacht und Nebel gegen ein #snag# rannte
+und sank -- »aber die meisten Passagiere wurden gerettet« -- und da
+drüben, das mit den schwarzen Rippen? -- das ist ein anderes Boot das
+mitten auf dem Strom in Brand gerieth und unglücklicher Weise, ehe es
+das feste Ufer erreichen konnte, auf eine Sandbank lief. Der Steuermann
+weiß eine furchtbare Geschichte davon zu erzählen, denn er war an Bord,
+und man hat nie erfahren wie viel Unglückliche ihr Leben dabei
+einbüßten.
+
+Und weiter da drüben? -- lieber Freund das sind auch die Überreste eines
+Wracks; es ist hier gerade eine etwas gefährliche Stelle, aber überhalb
+der Mündung des Ohio ist's noch viel ärger, denn dort haben die
+Bootsleute einem Theil des Stromes den Namen, »Dampfers Kirchhof«
+gegeben, und manches Menschenleben hat der schon gekostet.
+
+Es ist wahr, auf keinem Strom der Welt ist mit Dampfbooten schon
+soviel Unglück geschehn, wie gerade auf dem Mississippi mit seinen
+Nebenflüssen; auf keinem wird dabei trotzdem leichtsinniger gefahren,
+auf keinem werden, neben den prachtvollsten, besteingerichtetsten
+Fahrzeugen, schlechtere, untüchtigere Kasten benutzt Waaren und Menschen
+zu transportiren wie gerade hier, denn der Amerikaner _will_ und _muß_
+Geld verdienen, und so lange ein Dampfboot nur eben noch auf dem Wasser
+schwimmt, so lange die wieder und wieder geflickten Kessel nur noch
+möglicher Weise halten, wird ihm seine Ladung anvertraut, und drängen
+sich die Passagiere selber an Bord, nur keine Zeit zu versäumen, und
+vielleicht einen halben Tag länger warten zu müssen mit einem besseren,
+neuen Boot dieselbe Fahrt zu machen. Aber wir müssen auch gerecht sein;
+auf keinem Strom der Welt fahren und kreuzen sich eine solche Masse von
+Dampfern jeder Größe, jeder Gattung wie hier, von dem stattlichen Boot
+an das mit acht Kesseln an Deck und jeder ordentlichen Bequemlichkeit
+ausgestattet, von drei bis vier tausend Ballen Baumwolle im Stande ist
+zu tragen, bis zu dem kleinen Diminutiv-Boot nieder, das kaum zwölf
+Zoll im Wasser gehend die zahlreichen kleinen Nebenflüsse befährt und
+explorirt, mitten in Wald und Wildniß hineindampft allen Gefahren zum
+Trotz, und nicht selten den Bären und Panther überrascht die zum Trinken
+herabkamen, und scheu und entsetzt jetzt vor dem fremden Ungethüm zurück
+fliehen in Dickicht und Gestrüpp. Die Nebenflüsse mitgerechnet, von
+denen ab die einzelnen Dampfer den Mississippi immer wieder berühren,
+beträgt die Zahl derselben jetzt weit über sieben hundert, und im
+Verhältniß ist die Zahl der Unglücksfälle dann noch immer nicht gar so
+entsetzlich, wie es von solchen, die nur die dunklen Seiten jenes Landes
+aufzudecken suchen, oft geschildert und beschrieen, nicht beschrieben
+wird.
+
+An Bord war indessen, seit der Flucht des Diebes, der sich doch nicht
+hatte der Gefahr aussetzen wollen einen Urtheilsspruch der übermüthigen
+Reisegefährten abzuwarten, und lieber seine schon gezahlte Passage
+(Gepäck hatte er gar nicht) im Stich ließ, Alles ruhig und friedlich
+abgegangen, und Veitel Kochmer besonders hatte seine Zeit gut benutzt,
+auch oben in der Cajüte mit der Holzharmonika und der Kehle des Kindes
+Geld zu verdienen.
+
+Professor Lobenstein redete ihn da, als alten Reisegefährten an, frug
+ob noch andere Passagiere von der _Haidschnucke_ an Bord seien, und
+erfuhr von ihm, daß sich auch die Weberfamilie auf der Jane Wilmington
+eingeschifft habe nach Cincinnati zu gehn, dort unter den vielen
+Deutschen leichter Arbeit zu finden. Nun war es aber dem Professor,
+jemehr sie sich dem Orte näherten wo er selber ein neues ungewohntes
+Leben beginnen und Arbeiten unternehmen sollte, die sich doch in der
+Praxis ganz anders herausstellten als in Büchern, schon mehrfach im Kopf
+herum gegangen, wo er Jemand passenden gleich herbekam ihm wenigstens
+in der ersten Zeit zur Hand zu gehn. Auch seine Frau, seine Töchter
+brauchten eine Hülfe, denn waschen, scheuern, das Vieh besorgen etc.
+waren ebenfalls Dinge an die er noch nie so sehr gedacht hatte wie
+gerade jetzt, und die er den Seinigen kaum zumuthen konnte, vom ersten
+Augenblick gleich an zu übernehmen. Von Hopfgarten, mit dem er darüber
+Rücksprache nahm war sogar entschieden dagegen, daß den an etwas
+derartiges gar nicht gewohnten Frauen je dergleichen Beschäftigungen
+obliegen dürften, und betrachtete es als eine Sache die sich von selbst
+verstände, daß er Leute engagiren müsse, die eben die gröberen Arbeiten
+für ihn verrichteten. Da aber solche, wie sie vielfach gehört, in
+Amerika nicht immer gleich und leicht zu bekommen wären, könnte er auf
+der Gotteswelt nichts Besseres thun, als gerade die ganze Weberfamilie,
+die er als ordentliche, rechtschaffene, fleißige Leute kennen gelernt
+hatte, wenn sie irgend zu bekommen wären, in Dienst zu nehmen.
+
+Der Professor fühlte daß er recht hatte; freilich gehörte das, als
+schwere Ziffer, zu den »nicht gerechneten Ausgaben«, die er sich bis
+dahin immer noch eingeredet sie umgehen zu können; so viel Hände mehr
+verdienten aber auch mehr im Feld -- auch der deutsche Landmann hielt
+ja seine Knechte und Mägde und befand sich wohl dabei -- warum nicht er.
+
+Zu solchem Entschluß, zu dem die Weberfamilie auch noch ihre Zustimmung
+zu geben hatte, war dann aber auch keine Zeit mehr zu verlieren, und um
+es besser mit ihnen besprechen zu können, ging er gleich am nächsten
+Morgen zu ihnen hinunter in's Zwischendeck. Hier machte er den beiden
+Leuten gerade zu den Vorschlag, gegen einen entsprechenden Gehalt über
+den sie sich einigen wollten, auf ein Jahr bei ihm in Dienst zu treten,
+wo sie ein kleines Haus für sich bekommen, und ihre Familie, von der der
+älteste Knabe schon wacker mit zugreifen konnte, bei sich behalten
+sollten.
+
+Auch für den Weber war übrigens dieser Vorschlag gut und annehmbar, denn
+er genoß dadurch jedenfalls den sehr großen Vortheil nicht allein in der
+ersten Zeit das wenige was er an baarem Geld sein nannte, zu sparen,
+sondern sogar noch etwas dazu zu verdienen und nebenbei, das Wichtigste
+von Allem, das Land in dem er sich später selber niederlassen wollte,
+aus eigner Erfahrung kennen zu lernen. Auch für die Kinder hatte er
+dabei ein Unterkommen, wie für die alte Mutter, die sich auf der Seereise
+merkwürdig gekräftigt und gestärkt, jetzt aber in dem neuen ungewohnten
+Leben und Treiben an Bord, still und ängstlich in ihrer Ecke saß, aber
+doch nicht mehr jammerte und wehklagte, sondern mehr betäubt von all dem
+Neuen das sie umgab, ruhig abwartete was ihr und den ihrigen die nächste
+Zukunft bringen würde.
+
+Nun war es dem Mann freilich ein ungewohntes und auch fast drückendes
+Gefühl hier in Amerika, wo er seine Lage gegen Deutschland hatte
+verbessern wollen, in _Dienst_ zu treten, während er im alten Vaterland,
+wenn auch arm und kümmerlich, doch selbstständig, und von Niemandem
+abhängend, gelebt hatte; aber er sah auch wohl daß er hier in eine ganz
+fremde ihm vollkommen neue Welt gerathen sei, in der er vor allen Dingen
+lernen und Erfahrung sammeln mußte, und mit der Schüchternheit sich
+gleich von vorn herein ein selbstständiges Handeln zuzutrauen, die
+unseren armen Klassen nur zu sehr eigen ist, mochte er die Hand nicht
+zurückweisen, die sich ganz unerwartet ausstreckte ihn zu unterstützen.
+Auch die Frau, die vor Nichts solche Angst gehabt als gerade vor dem
+ersten Beginn, griff mit Freuden nach diesem Anerbieten -- arbeiten,
+lieber Gott das wollte sie ja gern von früh bis spät, hatte auch noch
+nichts Anderes gekannt seit sie kaum alt genug geworden die jüngeren
+Geschwister umherzutragen, und selber wieder ein eignes Haus? ja lieber
+Himmel, das ging nicht im Handumdrehen, und das was ihnen jetzt und zwar
+von einer Familie geboten wurde, die sie schon auf dem Schiff hatten
+achten und lieben lernen, durften sie nicht zurückweisen, wenn sie sich
+nicht später die bittersten Vorwürfe hätten machen wollen.
+
+Der Lohn freilich, den ihnen der Professor bei weiterer Unterhandlung
+bieten konnte war gegen das, was sie früher von den Arbeitslöhnen in
+Amerika gehört, nicht hoch, und betrug für beide Eheleute nur zwölf
+Dollar monatlich an baarem Gelde, aber sie bekamen auch dabei für sich
+und ihre Familie die Kost, und hatten in sicherem Verdienst, nach
+Abschluß des Jahres zu dem was sie schon ohnedieß besaßen und jetzt
+nicht anzugreifen brauchten, noch eine hübsche runde Summe von 144
+Dollar übrig, mit der sich schon etwas anfangen ließ. So schlugen sie
+denn nach kurzem Besinnen ein, ließen ihre überaus sehr schwankenden
+Aussichten in Cincinnati fahren, und beschlossen in Grahamstown mit an
+Land zu gehn -- die Passagezahlung blieb sich überdieß nach beiden Orten
+gleich.
+
+»Du bist doch auch dümmer wie's eigentlich erlaubt ist«, wandte sich
+übrigens, wie der Professor nur kaum den Rücken gedreht hatte und wieder
+nach oben gegangen war, ein anderer deutscher Bauer, der ebenfalls erst
+vor einigen Wochen mit Frau und Kindern von Deutschland gekommen, nach
+Cincinnati hinauf wollte, an den Weber -- »läßt Dich da von dem Breimaul
+beschwatzen, Dich für sechs Thaler den _Monat_ zu schinden und zu
+plagen, wo Du so viel die _Woche_ kriegen könntest, und bedankst Dich
+auch nachher noch bei ihm daß er so gut ist und Dich umsonst arbeiten
+läßt. Herr Jeses, _mir_ sollte so Einer so etwas bieten, den wollte ich
+heimschicken.«
+
+Der Mann war aus Kurhessen und sah dürftig aus, hatte auch in der That
+schon fast alles Mitgebrachte aufgezehrt, und eben noch die Passage für
+sich und die Seinen auf dem Dampfboot erschwingen können, aber er wußte
+was ihm die Agenten in Deutschland für Lohn versprochen, und war nicht
+gesonnen, wie er meinte, für einen Dreier weniger zu arbeiten.
+
+»Aber warum hast Du mir das nicht früher gesagt, wie ich noch mit dem
+Herrn sprach« meinte der Weber, durch den so bestimmt ausgesprochenen
+Vorwurf doch etwas kleinlaut geworden.
+
+»Was gehts mich an« brummte der Hesse -- »Jeder muß am Besten selber
+wissen was er zu thun hat.«
+
+»Aber Du weißt auch nicht gewiß, was Du im Ohio zu erwarten hast« sagte
+der Weber kopfschüttelnd.
+
+»Nun _sechs Dollar_ laufen mir da nicht weg« lachte der Andere, »und
+überdieß hab' ich's schwarz auf weiß, und zwar von Leuten zu Hause, die
+die Sache verstehn. Soviel weiß ich aber, ehe ich für sechs Dollar den
+Monat arbeite, hungre ich lieber, denn _mit_ sechs Dollar könnte ich
+auch eben nicht mehr thun als mich satt essen, und so spar' ich doch
+meine Knochen. Übrigens hast Du ja gar keinen festen Contrakt gemacht,
+und kannst deshalb noch immer thun was Dir am Besten scheint.«
+
+Dem Weber war es ein unbehagliches Gefühl, sich von Jemanden, der schon
+beinah so viel Wochen im Land war wie er Tage, so direkt tadeln zu
+lassen, aber er konnte es auch jetzt nicht mehr ändern, denn er hatte
+sein Wort gegeben, was er wenigstens für ebenso bindend hielt wie einen
+Contrakt. Dann aber stieß ihn auch seine Frau heimlich an, und flüsterte
+ihm zu sich nicht irre machen zu lassen von dem Menschen. Sie seien
+nicht herüber nach Amerika gekommen in einem Jahr reich zu werden -- das
+möchte manchmal glücken, aber auch nicht immer -- sondern sich und
+ihren Kindern nach und nach, aber dann auch gewiß, eine feste Stätte zu
+erbauen, daß sie glücklich und unabhängig leben könnten, und mit jedem
+Jahre weiter vorwärts kämen, nicht zurück wie in Deutschland. Damit aber
+hätten sie jetzt den Anfang gemacht, und wenn es der Andere da drüben,
+mit dem zerrissenen Rocke und der bleichen kranken Frau, besser wisse
+und verstehe, so solle er nur hingehn und es versuchen, sie selber
+wollten lieber »den Sperling in der Hand, wie die Taube auf dem Dache.«
+
+Fünf Tage und Nächte fuhren sie so stromauf, immer in vierundzwanzig
+Stunden etwa 200 englische Meilen, den Windungen des Stromes nach,
+zurücklegend, und erreichten endlich die Mündung des Ohio, der, von
+Osten kommend, seine klaren Wasser mit starker Strömung, deutlich
+unterscheidbar bis über die Mitte hinaus in die schmutzig gelbe Fluth
+des Mississippi drängt, und sich erst eine lange Strecke weiter unten
+mit diesem ganz vermischt. Die Staaten Missouri an der linken, Kentucky
+an der rechten und Illinois gegenüber, laufen hier in ihren Grenzspitzen
+zusammen, während der Ohio selber, durch seinen Strom von Ost nach West,
+die freien und Sclavenstaaten von einander trennt.
+
+Aber die Ufer selber bekommen hier einen ganz anderen Charakter; schon
+Kentucky zur rechten zeigte hohes Land, das mit seinen nordischen
+Kiefern dem Auge unendlich wohl that, und wenn auch die Spitze von
+Illinois, auf der ein kleines dem Mississippi zehnmal abgetrotztes, und
+zehnmal wieder von ihm überschwemmtes und vernichtetes Städtchen liegt,
+noch flach und öde ausläuft in den Strom, hebt sich doch auch bald an
+dieser Seite das Land, und mit dem durchsichtig klaren Wasser, das vorn
+den Bug beschäumt, mit selbst kaum halb so starker Strömung gegen sich
+als im Mississippi, braust das Boot lebendiger voran, und das Auge hängt
+mit Wohlgefallen an den freundlichen Ufer-Bergen.
+
+Der Ohiostrom ist schon von vielen Amerikanern mit unserem deutschen
+Rhein verglichen worden, und nicht ganz mit Unrecht; der breite klare
+Strom, die meist wellenförmigen, oft schroffen, nicht zu hohen Hügel,
+die sein Ufer bilden, und mit dem herrlichsten Grün bekleidet sind,
+haben allerdings viel Ähnliches mit unserem deutschen Strom; auch viele
+trefflich angelegte Farmen und kleine blühende Städte, die überall den
+Unternehmungsgeist der thätigen Amerikaner bekunden, geben dem Bild
+etwas Liebes und Freundliches, im Gegensatz zu dem, von Sumpf und wildem
+Urwald begrenzten und trüb und reißend dahin strömenden Mississippi.
+Aber die Burgen fehlen ihm, und nicht allein als Schmuck in der
+Scenerie, nein auch mit ihnen die alten historischen Erinnerungen, die
+Sagen und Legenden, die jedem Fels am Vater Rhein, dem Hügelhang, der
+Waldesschlucht, jeder Thurmspitze und Mauer ihren eigenen, wunderbaren
+Reiz verleihn. Der Schmuck der Berge, selbst wenn sie in all den
+wundervollen herbstlichen Tinten prangen, die gerade jener Zone eigen,
+kann diesen Reiz und Zauber nicht ersetzen -- sie bleiben todt und kalt,
+so schön sie sind, und der Reisende, besonders der Deutsche, wird sie
+anschaun und sich freun darüber, aber nie sein Herz mit solchen Banden
+zu ihnen hingezogen fühlen wie zu dem eigenen heimischen Rhein, selbst
+wenn das eigene Vaterhaus weit, weit von diesem stand.
+
+Rasch fliegt indeß das wackre Boot die klare breite Bahn entlang, und
+andere Ufer grüßen den Fremden wieder, der mit neugierigem Blick hinüber
+schaut auf das fremde Land. Cypressen wie Baumwollenholzbäume sind lange
+in dem mehr südlichen Klima zurückgeblieben und nur die weißstämmige
+Sycamore begrenzt noch, von Eichen und Kiefern überragt, mit Erlen und
+Weiden die Ufer des Stromes, und neigt sich oft weit hinaus über die
+murmelnde, spiegelhelle Fluth.
+
+An diesem Abend, dem ersten im Ohiostrom wollte Veitel Kochmer, der
+sich indessen wacker auf alle die Amerikanischen Melodieen eingeübt
+hatte, wieder eine Vorstellung geben. Der gute Gewinnst lockte ihn, und
+er schien nicht gesonnen eine solche Gelegenheit eben unbenutzt vorüber
+zu lassen; der Knabe aber, der sich die Tage über zu sehr angestrengt
+und blaß und leidend aussah, klagte über Schmerzen im Hals und weigerte
+sich zu singen. Veitel glaubte indeß auch ohne ihn das Publikum
+befriedigen zu können, und ließ die Leute durch Einen der Englisch
+redenden Deutschen wieder einladen ihm zuzuhören. Ob diese aber der
+Holzharmonika schon überdrüßig waren, die den meisten mit ihren weichen
+sanften Tönen auch außerdem nicht viel Befriedigendes bot, oder ob sie
+kein Geld mehr an eine Sache wenden wollten, die sie am Ende ebenso gut
+umsonst zu hören bekamen, da der Pole, wenn er nur für sich selber etwas
+spielte, das eben an Bord nicht geheim thun konnte, kurz sie erklärten
+ihm, ohne Flöte mache ihnen die Sache keinen Spaß. Wenn der Knabe nicht
+wohl sei, möge er das Spielen lieber lassen, oder spielen wenn er Lust
+hätte, aber sie zahlten ihm Nichts dafür.
+
+»Siehst Du Philippche!« flüsterte da Veitel dem jungen Burschen zu, der
+in einer Ecke kauerte, und bog sich dabei über ihn und stieß ihn in die
+Seite -- »siehst Du mein Söhnche -- Nichts zahlen wollen se -- _werst_ Du
+nu singen?«
+
+»Aber ich _kann_ nicht Vater.«
+
+»Wie heißt, _kann_ nicht, werd ich Dir gleich beweisen, ob Du kannst
+oder nich; kenn ich doch Deine Mucken, mai Philippche und werd ich Dir
+kommen mit en Stock -- werst Du wohl kennen.«
+
+»Mir brennt der Hals, als wenn ich glühende Kohlen darin hätte.«
+
+»Ich werd' se Dir löschen,« sagte aber der Alte boshaft, »Gott der
+Gerechte, glaubt das Jingelche, ich soll's fittern vor's reine
+Vergnigen. Werst Du singen, frag ich Dich jetzt zum letzten Mal, oder
+werste nicht?«
+
+Der Knabe also getrieben, und in scheuer Furcht vor dem finstern Mann,
+der ihm wohl schon oft bewiesen haben mochte, daß er im Stande sei seine
+Drohungen auszuführen, stand langsam auf, wischte sich furchtsam die
+hellen Thränen aus den Augen und trat zu der Kiste, an der der Alte sein
+Instrument schon aufgestellt und geordnet hatte.
+
+»Hallo Freund, was fehlt dem jungen Burschen?« frug da ein alter
+Pensylvanier in seinem wunderlichen Pensylvanisch-Deutsch den Polen,
+der dem Knaben jetzt mürrisch zuwinkte sich bereit zu halten. Der
+Pensylvanier saß unfern von ihnen auf einem Koffer, die Ellbogen
+auf die Knie gestützt, und schaute mit den scharf geschnittenen aber
+grundehrlichen Zügen und den kleinen blauen lebendigen Augen bald den
+Knaben, bald dessen Vater an.
+
+»Was ihm fehlt? -- ene Tracht Prügel werd ihm fehlen,« knurrte aber
+Veitel mürrisch -- »faul ist er und will nich singen.«
+
+»Ich bin nicht faul, Vater,« sagte aber der arme junge Bursche, dem das
+Blut bei der Anklage in Stirn und Schläfe stieg, »ich bin nicht faul,
+sondern krank, und Du wirst mich so lange zum Singen zwingen, bis ich
+unter der Erde liege, wie --«
+
+Er schwieg und wandte sich ab, der Alte hatte aber in rücksichtslos
+ausbrechender Wuth eine Flasche ergriffen, die neben ihm stand, und
+wollte damit einen Schlag nach dem Kinde führen, holte wenigstens dazu
+aus, als der Pensylvanier auf und dazwischen sprang, dem Juden die
+Flasche entriß, und ihn selber fünf oder sechs Schritt zurückschleuderte,
+daß er taumelte und sich an den nächsten Coyen halten mußte, nicht zu
+fallen.
+
+»Nichtswürdiger Hallunke!« rief der alte Mann dabei, während ihm edle
+Entrüstung das Blut in die Wangen jagte, »schämst Du Dich nicht der paar
+Dollars wegen, Dein eigenes krankes Kind zu quälen und zu mishandeln?
+untersteh Dich und leg Hand an ihn, so lange wir hier an Bord zusammen
+sind, und sieh was wir dann mit Dir selber machen.«
+
+»Es ist _mein_ Junge, und ich kann mit ihm machen was ich will,« rief
+der Alte halb scheu, halb trotzig vor dem unvermutheten Angriff, dem er
+nicht zu begegnen wagte -- »wer hat mer was in mei eigene Familie zu
+reden?«
+
+»Ich will Dir was sagen, Kamerad,« redete ihn aber jetzt der Pensylvanier
+an, der mit ein paar flüchtigen Worten den ihm nächst Stehenden und
+neugierig Herandrängenden die Ursache des Streites erzählt hatte, »wenn
+Du gescheut bist, dann beträgst Du Dich wenigstens so lange vernünftig,
+wie wir hier zusammen an Bord sind; was Du nachher thust, mußt Du mit
+Deinem eigenen Gewissen abmachen. Soviel sag ich Dir aber, wenn Du
+Deinen Jungen schlecht behandelst und er _läuft Dir hier fort_ -- so
+darfst Du Dich nicht darüber beklagen, und käme er zu _mir_ -- und ich
+wohne im nächsten Haus am Indian Hill bei Cincinnati und heiße Brower
+-- und suchte da Schutz, so wärst Du der letzte, der ihn wieder bekäm.
+Hast Du mich verstanden?«
+
+»Was hab ich mit Euch zu schaffen?« sagte Veitel, aber er packte sein
+Instrument verdrießlich wieder ein, da er wohl sah daß jetzt keine Zeit
+sei zu spielen und einzusammeln. Der Knabe, den Zorn des alten Mannes
+fürchtend, drückte sich indessen wieder zurück in seine Ecke, ihn
+wenigstens nicht durch seinen Anblick mehr als nöthig auf sich aufmerksam
+zu machen, blieb jedoch für jetzt mit jedem Zwang verschont.
+
+Die wackere Jane Wilmington verfolgte indessen rasch, und ohne sich
+irgendwo aufzuhalten, ihre Bahn. Hie und da wurde wohl manchmal am Tag
+ein Tuch, oder Nachts ein Feuerbrand am Ufer geschwenkt, das bekannte
+Zeichen daß Passagiere an Bord wollten, und das Boot setzte dann die
+Jölle aus, oder lief, wenn es der Platz erlaubte, selber dicht an das
+Land hinan, die Fremden aufzunehmen. Manchmal aber auch, wenn der Capitain
+mit seinem Fernrohr dem äußeren Aussehn nach vermuthete, daß er nur
+Zwischendecks-Passagiere zu erwarten habe, schwieg auch wohl die Glocke
+und das Boot brauste, herzlich von den am Land Harrenden verwünscht,
+vorbei ohne anzuhalten.
+
+Aber das Ufer an beiden Seiten verrieth auch jetzt weit größere Cultur,
+als sie, seit sie den unteren Mississippi verlassen, an diesem Strom
+gesehen. Überall wo ein unbedeutender Fluß oder auch nur ein Bach in den
+Ohio mündete, lagen kleine Städtchen, die mit ihren neuen, hell gemalten
+hölzernen Häusern, manchmal noch von dem Wald aus dem sie entsprungen
+umschlossen, oft aber auch von gut bebauten Farmen dicht umgeben, gar
+eigenthümlich gegen den dunklen Hintergrund abstachen. Fabrikgebäude
+standen am Ufer, Kohlengruben sandten ihre Schätze auf improvisirten
+kleinen Eisenbahnen bis dicht an den Rand des Stromes hin, die Kohlen
+von überbauten Werften gleich in die darunter gelandeten Boote zu
+werfen; Heerden weideten auf gelichteten Grasplätzen, Getraide und
+Heuschober standen aufgespeichert, den Reichthum des Bodens bekundend.
+Massen von kleinen und größeren Dampfern lagen dabei theils an den
+besiedelten Plätzen oder kamen den Strom herab, tief mit den kräftigen
+Produkten des Nordens geladen. Die aufgehenden Dampfer brauchten zugleich
+ihre Zeit nicht mehr damit zu versäumen an Land zu fahren, ihren
+Holzbedarf einzunehmen, denn die Holzverkäufer hatten die Klaftern schon
+in offenen breiten Booten aufgespeichert und fertig liegen. Nur ein Tau
+wurde ihnen zugeworfen, das befestigten sie an Bord, und während das
+Dampfboot mit ihnen stromauf lief, wurde das Holz auf seine #guards#
+geworfen, der Eigenthümer ging in die Cajüte, sich sein Geld geben zu
+lassen und steuerte dann sein etwas schwerfälliges Fahrzeug wieder mit
+der Strömung zurück, dem eigenen Landungsplatze zu.
+
+So liefen sie zwischen Illinois und Kentucky hin, und erreichten am
+siebenten Tag nach ihrer Abfahrt von New-Orleans die Mündung des
+ebenfalls schiffbaren Wabasch, der von Michigan herunter kommend und
+oben queer durch den Staat Indiana durchströmend weiter unten die Grenze
+bildet zwischen diesem und dem Nachbarstaat Illinois, bis zum Ohio
+nieder. Kentucky dehnte sich jetzt noch an ihrer Rechten aus, aber zu
+ihrer Linken lag Indiana.
+
+Herr von Hopfgarten hatte sich indessen entschlossen, ebenfalls mit in
+Grahamstown an Land zu gehn; er kam noch früh genug nach Cincinnati, und
+bekam hier zugleich Gelegenheit das innere Land wie die Verhältnisse des
+Ankaufs, welche der Professor jetzt durchmachen mußte, näher kennen zu
+lernen. Außerdem waren sie doch nun auch hier ein tüchtiges Stück in
+Amerika hineingekommen, ja befanden sich in der That ziemlich im
+Mittelpunkt der ganzen Vereinigten Staaten, die sich hier jedenfalls
+eher mußten in ihrem urthümlichen Charakter erkennen lassen, als in den
+großen, volkreichen Städten.
+
+Nun sie übrigens ihr Ziel bald erreicht hatten, und die Passagiere,
+selbst die Damen, durch die längere Dampfbootfahrt zuversichtlicher und
+sicherer geworden waren, begann Marie, wenn sie bei Tische oder Abends
+manchmal auf der hinteren Gallerie zusammen kamen, den Reisegefährten zu
+necken, daß ihre Reise so ganz ruhig und ohne Zwischenfall abgelaufen
+sei, und Herr von Hopfgarten nun wahrscheinlich wieder den ganzen Weg
+werde zurück machen müssen, noch einmal von vorn anzufangen. Hopfgarten
+war aber auch wirklich nicht so ganz mit dem bis jetzt erzielten
+Resultat zufrieden, denn nicht allein war die Reise bis jetzt so glatt
+und still vor sich gegangen, als ob sie auf einem Europäischen Dampfer
+gefahren wären, sondern er hatte auch selbst unter seinen Mitpassagieren
+noch nicht das geringste Außergewöhnliche entdeckt. Nirgends boxten sich
+die Leute -- als einmal im Zwischendeck und das hatte er versäumt
+-- nirgends sah er Pistolen oder Bowiemesser[18] gegen einander gezogen,
+und wie oft hatte er doch in Deutschland gelesen, daß diese beiden
+Waffen von Amerikanern bei den geringsten Streitigkeiten aufeinander
+gezückt würden. Es war ein verzweifelt langweiliges Leben an Bord, und
+wenn ihn nicht die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft der Passagiere
+selber amüsirt hätte, er würde nicht gewußt haben was mit sich
+anzufangen.
+
+Die Cajüte eines Mississippi-Dampfboots ist aber auch wirklich für
+Jemanden, der Charakterstudien zu machen wünscht, der beste Platz der
+sich nur denken läßt. Im Zwischendeck geben sich die Leute wie sie
+sind, und sind wie sie sich geben, meist rohes Bootsvolk, das sich nicht
+wohl in anständiger Gesellschaft fühlt, oder die ärmere Klasse der
+Einwanderer, die still und anspruchslos alle Unbequemlichkeiten und
+Entbehrungen dieses Platzes ertragen, weil sie eben wissen, daß sie
+nicht für mehr bezahlen können.
+
+In der Cajüte ist das anders; die Passagepreise auf den westlichen
+Dampfbooten sind der ungeheueren Frequenz und des wohlfeileren
+Brennmaterials, wie der billigen Lebensmittel wegen so niedrig gestellt,
+daß Jeder, der nicht wirklich zur arbeitenden Klasse gehört, und sich
+sein Brod im Schweiß seines Angesichts verdienen muß -- und selbst
+von diesen Mancher -- in der Cajüte bei guter Kost und bequemem und
+reinlichem Aufenthalt seine Reise macht. So finden wir neben dem reichen
+Pflanzer aus dem Süden und dem Crösus aus den östlichen Städten, der in
+die theuersten und feinsten Stoffe nach elegantem Schnitt gekleidet
+Passage genommen hat seine Freunde im Norden zu besuchen, den rauhen
+Backwoodsman oder Hinterwäldler gerad' aus dem Wald heraus, in seinem
+blauwollenen oder ledernen Jagdhemd, der seine lange Büchse in die Ecke
+der Cajüte zwischen die seidenen Regenschirme und Fischbeinspatzierstöcke
+gelehnt hat, und seinen Tabackssaft zwischen den Zähnen durch über
+Bord spritzt wie -- der beste Gentleman der Union; finden den langen
+Yankee-Sclavenhändler mit grell buntgestreiftem Hemd und unvermeidlichen
+Frack, den Hut nach hinten in den Kopf gedrückt; finden, dicht neben
+dem salbungsvollen Gesicht und breiträndigen Hut, dem braunen Rock mit
+Stehkragen und der weißen Cravatte des Reverend So und So, den Abschaum
+der Menschheit -- den Spieler von Profession -- der mit falschen Karten
+»sein Leben macht« und zu Mord und Straßenraub eher seine Zuflucht
+nehmen würde wie zu ehrlicher Arbeit; finden den Vieh-und Mehlhändler,
+und den »Stadt-Speculanten«, der seine Bauplätze irgend einer imaginären
+Stadt an den Mann zu bringen sucht; den weichlichen Creolen aus Louisiana,
+und den zähen, derbknochigen Yankee-Uhrenhändler; den Spanischen
+Kaufmann aus New-Orleans, der nach Cincinnati geht seine Einkäufe in
+Manufakturwaaren zu machen, und den Ohio-Schweinefleischhändler, der
+seine gesalzenen Heerden in der Königin des Südens gegen Spanische
+Dollar vertauschte; finden mit einem Wort den ganzen bunten Extrakt der
+wunderlich gemischten Bevölkerung Amerikas, mit einer einzigen Ausnahme;
+wir finden keine Neger oder von farbigen Blut Entsprossene, bis zum
+Quadroon[19] hinunter, in der Cajüte eines Dampfers -- außer den Dienern
+natürlich, Steward, Koch und Aufwärtern -- denn dem farbigen Blut ist der
+Aufenthalt dort zwischen _Weißen_ verboten, und wenn sie über Millionen
+zu gebieten hätte. Wie würde es einem Weißen einfallen sich mit dem
+Abkömmling der verachteten Race an _einen_ Tisch zu setzen, oder gar
+_eine_ Coye mit ihm zu theilen. -- Mit den Zwischendeckspassagieren ist
+das eine andere Sache -- Vieh wird auch oft im Zwischendeck befördert,
+und zwar mitten zwischen den übrigen Passagieren -- dasselbe Recht haben
+die _Nigger_.
+
+Kaum minder interessant -- das Wenige gerechnet was er davon zu sehn
+bekam -- war für unseren Freund Hopfgarten die Damencajüte, in der er
+gewiß vortreffliche und höchst angenehme Studien Amerikanischen
+Familienlebens hätte machen können, wenn nicht die magischen Worte
+#no admittance,#[20] die auf einer rothen Tafel mit goldenen Buchstaben
+darüber standen, jedes Eindringen in das Mysterium dieser mit rothseidenen
+Vorhängen verschlossenen Halle unmöglich, oder doch zu einem sehr gewagten
+Unternehmen gemacht hätten. Manchmal war er allerdings im Stande einen
+flüchtigen Blick in das sehr elegant ausgestattete und mit weichen
+Teppichen belegte Gemach zu gewinnen, wenn ein oder die andere Dame,
+vielleicht absichtlich, einmal den Vorhang hob herauszuschauen, oder
+wenn die Kammerjungfer, ein allerliebstes Quadroon-Mädchen aus- und
+einging, ihren nöthigen Beschäftigungen nach. Es ließen sich dann
+wohl ein paar reizende Gestalten, nachlässig in einen Schaukelstuhl
+hingegossen, erkennen, die sich, ein Buch oder Kind auf dem Schooß um
+nur etwas in der Hand zu haben, behaglich herüber und hinüber wiegten;
+viel mehr war aber nicht davon wegzubekommen, und er selbst zu schüchtern
+sich irgendwo einzudrängen wohin er nicht gehörte, und wo er glauben
+konnte vielleicht nicht gern gesehen zu sein.
+
+Des Neuen bot der Strom überhaupt genug, nach jeder Seite hin, und die
+Zeit verging ihnen, sie wußten selbst nicht wie.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+Die Farm in Indiana.
+
+
+Die Schiffsglocke läutete wieder, und der Platz wo sie jetzt landeten,
+ein Holzboot in's Schlepptau zu nehmen, lag wie der Farmer sagte, der
+das Holz an Bord brachte, gerade drei Miles (engl. Meilen) unter
+Grahamstown; es war für die Passagiere die dort auszusteigen gedachten,
+die höchste Zeit ihr Gepäck in Ordnung zu bringen.
+
+Über das Wort #town# (Stadt) hatte der Professor indeß unterwegs seine
+überseeischen Ansichten in etwas geändert, denn den Fluß entlang,
+besonders am Ohio, waren ihm schon eine Menge kleiner Nester mit ein
+paar zerstreuten hölzernen Wohnungen, aber immer unter diesem Titel,
+vorgestellt worden, daß er eben auch nicht sehr erstaunte -- wenigstens
+nicht _so_ überrascht war, wie er es sonst wohl gewesen wäre -- als sie
+etwa eine halbe Stunde später in Grahamstown einen eben solchen kleinen
+Fleck begrüßten, den er anderen Falls, beim bloßen Vorbeifahren, gewiß
+nur für eine gut und bequem angelegte Farm gehalten haben würde. Lange
+Zeit zu Betrachtungen blieb ihnen aber nicht; wieder hämmerte der
+Steuermann gegen die Glocke, die Leute standen vorn am Bug mit den
+zusammengerollten, zum Wurf bereiten Tauen, ein paar Neger am Ufer
+-- aber hier freie Leute, keine Sclaven --sprangen bereitwillig, die
+Köpfe vorsichtig geduckt daß sie nicht von dem schweren Tau getroffen
+wurden -- herbei es aufzufangen, die Klingel des Ingenieurs, vom Lootsen
+gezogen, ertönte und gab das Zeichen zum Halten, der Dampf strömte mit
+einem scharfen jähen Schlag in's Freie, die Räder standen und wenige
+Secunden später lag die Jane Wilmington fest an Land, ihre Passagiere
+abzusetzen. Die Planken wurden zu gleicher Zeit ausgeschoben und während
+die Deckhands und Feuerleute Alles faßten, hinübertrugen und _abwarfen_,
+was ihnen gepäckartig in den Weg kam, hatten die letzten der Passagiere
+kaum das Boot verlassen, als ihnen die langen Breter schon wieder unter
+den Füßen fortgerissen wurden. #Go ahead!# tönte der Ruf des Capitains
+vom Hurricane-Deck aus, und die große Schiffsglocke läutete zum Zeichen
+daß Alle, die noch an Bord wären und nicht dahin gehörten, das Boot
+verlassen sollten -- aber es war das eine bloße Formalität, denn das
+Boot war faktisch schon wieder im Strom, gegen den es wenige Secunden
+später an und -- weiter brauste.
+
+Die Passagiere der Haidschnucke schienen die einzigen an Bord der Jane
+Wilmington die Grahamstown zu ihrem Ziel gewählt; nur noch zwei
+Amerikaner, die ihr ganzes Gepäck, einen winzigen Lederkoffer, in der
+Hand trugen und damit ohne weiteres die Uferbank hinaufklommen, waren
+mit ihnen ausgestiegen. Die ganze Landung ging dabei so rasch und fast
+möchte man sagen gewaltsam von Statten, daß sie nicht einmal Zeit
+behielten sich zu erkundigen ob dieß auch wirklich Grahamstown sei. Die
+kleine Stadt lag übrigens auf einem hier zum Wasser niederlaufenden,
+etwa zwei hundert Schritt hohen und vollkommen baumleeren Hügelhang;
+eine sehr ausgefahrene Straße lief schräg an dem Hang hinauf zu den
+ersten Häusern, und einzelne kleine Holzgebäude, ohne eigentlichen
+sichtbaren Zweck und Nutzen, standen zerstreut unter dem höchsten Rand.
+Oben konnte man auch, nachdem die beiden Amerikanischen Passagiere in
+ihren schwarzen Fracks hinter den Häusern verschwunden waren, hie und
+da einen Mann erkennen der, die Hände in den Hosentaschen, an einer
+Fenzecke lehnte und hinunter sah, oder eine Frau mit ihrem großen, den
+ganzen Kopf verhüllenden Bonnet, die ein paar Stücken Wäsche aufhing,
+um die Fremden da unten mit ihrem Gepäck, einer ordentlichen Burg von
+lauter Kisten, Kasten, deutschen Ackergeräthschaften, Koffern und
+Hutschachteln, schien sich keine Seele zu bekümmern, auch kein Fuhrwerk
+war zu sehn, mit dem sie hätten hoffen können ihr Passagiergut hinauf zu
+befördern.
+
+»Lieber Gott wie öde das hier aussieht« sagte Marie, die sich mit der
+Mutter und den übrigen Geschwistern auf ihre Koffer gesetzt hatte,
+während der Weber mit seiner Familie, und der Professor mit Eduard und
+Herrn von Hopfgarten noch eifrig beschäftigt waren, das dicht an den
+Wasserrand, und hie und da selbst in den nassen Sand und Schlamm
+geworfene Gepäck ein paar Schritte weiter hinauf, wenigstens auf
+trockenen Boden zu schaffen. --
+
+»Und kein Mensch zu hören und zu sehn« sagte Anna kopfschüttelnd, »große
+Freude scheinen die Einwohner eben nicht zu haben daß neue Ansiedler
+kommen.«
+
+Die Mutter sagte kein Wort, aber sie hielt ihr jüngstes Kind auf dem
+Schooß, und schaute sich dabei still und mit einem unbeschreiblich
+unheimlichen Gefühl die ganze ziemlich öde unversprechende Umgebung an.
+
+Nichts macht auch wohl einen so traurigen, beengenden Eindruck auf den
+Fremden, als das erste Betreten einer neuen »#clearing#«[21], eines neu
+angefangenen Platzes in den weiten Wäldern Amerikas. Alles ist noch neu
+und unfertig, überall liegt Baumaterial und Holz; gefällte Bäume,
+abgehauene Wipfel, ausgerodete Wurzeln trifft das Auge wohin es fällt;
+Straßen existiren auch nicht, nur zerfahrene Wege, bald hier bald da
+hinaus ausweichend, natürlichen Hindernissen des Bodens zu entgehn;
+Nichts hat noch einen Platz, Niemand selbst von den schon Angesiedelten
+fühlt sich heimisch, und die zertretenen, zerstampften Plätze um die
+Wohnungen selbst herum, mit nicht einem Baum stehn gelassen der Schatten
+gäbe, oder Abwechslung in diese Wüste der Civilisation brächte. Wohl
+hatten die Eingeborenen recht als sie, die ersten Ansiedlungen der
+Weißen sehend behaupteten, der Indianer sei der einzige rechtmäßige und
+von dem großen Geist für sein Vaterland bestimmte Eigenthümer, »denn er
+_entstelle_ den Platz nicht, auf dem er sich niederlasse«, und nur den
+Jahren ist es dann vorbehalten das auszugleichen; die Natur selber muß
+wieder schaffen und wirken auf dem mishandelten Platz, bis es da
+wohnlich, bis es heimisch wird.
+
+Die Männer hatten indessen ihre Arbeit unten vollendet, als Hopfgarten,
+sich mit dem seidenen Taschentuch den Schweiß von der Stirn trocknend,
+zu den Damen trat.
+
+»Das wird Appetit machen« sagte er lachend, »Wetter noch einmal, nach
+einem so müßigen Leben, kommt einem die Arbeit ordentlich ungewohnt vor;
+die Bootsleute hätten sich auch ein wenig mehr Zeit lassen dürfen -- ich
+habe ordentlichen Hunger.«
+
+»Ja, wenn wir hier nur überhaupt etwas bekommen können« meinte Marie
+neckend -- »Sie und Papa werden jedenfalls erst einmal recognosciren
+gehn müssen, um irgend ein Unterkommen zu entdecken, oder wir werden
+genöthigt sein die Nacht hier zu campiren und von dem Zwieback zu leben,
+den Mutter für die Kleinen mitgenommen hat.«
+
+»So weit wird es hoffentlich nicht kommen« sagte der Professor, der
+jetzt ebenfalls zu ihnen getreten war, »aber -- aber ich muß gestehn
+-- _etwas_ Anders habe ich mir den Platz, nach Herrn Henkels Beschreibung
+doch auch gedacht und, was mir das Auffallendste ist, die Leute scheinen
+hier auf fremde Einwanderung gar nicht vorbereitet zu sein und -- brauchen
+uns entweder nicht, oder -- oder glauben vielleicht daß wir gar nicht zu
+ihnen wollen.«
+
+»Das läßt sich bald erfahren« rief aber Hopfgarten -- »wir Beide
+wollen, wie eben Fräulein Marie vorgeschlagen hat, einmal hinaufgehn
+und den Herrn aufsuchen, an den Sie, lieber Professor, adressirt sind;
+jedenfalls werden wir dort gleich erfahren woran wir sind, und was wir
+hier in diesem #Embryo# Städtchen zu hoffen haben. Ich für mein Theil
+trete den Weg mit sehr geringen Erwartungen an, und brauche kaum zu
+fürchten selbst in denen getäuscht zu werden.«
+
+»Gut« sagte der Professor »dann mag Eduard als Beschützer der Frauen
+zurückbleiben, und dem Weber indessen helfen das kleinere Gepäck etwas
+mehr zusammenstellen; hoffentlich hat die Stadt da oben auch ein
+besseres Aussehn, als wir von hier unten erkennen können. Spätestens
+sind wir in einer Stunde etwa zurück und bringen Bescheid.«
+
+»Aber sollten wir die Damen nicht doch lieber mitnehmen, als sie allein
+hier in der Sonne sitzen lassen?« wandte Hopfgarten ein.
+
+»Wir bleiben lieber hier« sagte die Frau Professorin rasch -- »ich
+möchte nicht gern den Platz betreten, ehe ich nicht weiß daß unsere
+Kinder und das Gepäck ein sicheres Unterkommen finden.«
+
+Der Professor hielt das auch für das Beste, denn ihre Familie war durch
+die Weberleute natürlich sehr angewachsen, und die beiden Männer machten
+sich jetzt auf den Weg vor allen Dingen den Mr. Goodly zu finden, an
+den sie empfohlen waren, wie auch Grahamstown selber, das sich bis jetzt
+noch sehr passiv verhielt, etwas näher in Augenschein zu nehmen. Sie
+kletterten also vor allen Dingen den etwas steilen und unbequemen
+Landungsplatz, den schmutzigen schräg anlaufenden Weg dabei vermeidend,
+hinan und erreichten bald die ersten, schon von unten auf bemerkten
+Häuser, wo sie das aber, was sie von der Landung aus für einen freien,
+noch nicht bebauten Platz, als eine breit in den Wald hineingehauene
+Straße erkannten, an der allerdings Fenzen entlang liefen und in
+regelmäßigen Zwischenräumen kleine niedere theils Block-theils
+#frame#[22] Häuser standen, in der aber auch nur erst die Bäume, die
+hier ursprünglich den Wald gebildet, gefällt und die Klötze zu den
+Gebäuden benutzt, die Wipfel zu Feuerholz verbrannt, die Wurzeln und
+Stümpfe aber noch keineswegs entfernt waren, und der Straße, die ein
+breites Schild als #Mainstreet# verkündete, etwas ungemein urthümliches
+gaben.
+
+Die Straße -- in der nur zwei Menschen sichtbar waren, der eine mit
+einer Axt beschäftigt einen knorrigen Eichenast zu Feuerholz zu spalten,
+der Andere auf einem umgeworfenen Stamm sitzend, auf dem er, mit einem
+Zeitungsblatt in der Hand, eingeschlafen schien -- bot aber doch etwas,
+dessen Entdeckung ihnen nicht geringe Freude machte -- ein Wirthshaus,
+auf das sie jetzt rasch und entschieden lossteuerten, dort natürlich an
+der Quelle alle nöthigen Erkundigungen einzuziehn.
+
+Das Zeichen, das ihnen der Platz verkündete, bestand in einem roh
+von Stangen aufgerichteten Gerüst, zwischen dem schwebend, an zwei
+eisernen knarrenden Haken ein Gemälde mit der Unterschrift »#Inn#«
+(Wirthshaus) hing. Das Bild allein wäre nun schon hinreichend gewesen die
+Aufmerksamkeit der beiden Reisenden zu fesseln, und Hopfgarten konnte es
+sich auch nicht versagen, ein paar Secunden davor stehn zu bleiben und
+diesen, hier dem Wetter preisgegebenen Kunstschatz, zu bewundern. Es
+stellte allem Vermuthen nach eine Meerjungfer dar, die höchst sinnreich
+mit dem zur Kufe ausgebogenen sehr schuppigen Fischschwanz über die
+jedenfalls gefrorene Oberfläche der See hinlief, und dabei eifrig
+beschäftigt war mit einem siebenzinkigen riesenhaften Kamm, -- das Ding
+sah aus wie das abgebrochene Wurfeisen einer Harpune -- die allerdings
+sehr struppigen rothen Haare zu kämmen. Sie war dabei gewissenhaft
+nackt, und außerordentlich kräftig gebaut, ob aber der Maler dadurch das
+Diabolische ihres Charakters am Besten zu geben glaubte, oder ob es nur
+Phantasie von ihm war, kurz er hatte der Gestalt, die ihre linke, etwas
+verdrehte und den Daumen auswärts gehaltene Hand unter den Erfolg des
+Kammes hielt, mit einer so scheußlichen Galgenphysionomie versehen, daß
+sie als die Urmutter des ganzen Geschlechts gelten konnte, und wohl kaum
+einem armen »Schiffer in seinem Kahne« der vielleicht den Ohio herunter
+kam, gefährlich geworden wäre.
+
+»Nun, wie gleicht ihr das Bild?« sagte da plötzlich, in dem sogenannten
+Pensylvanisch deutschen, aber eigentlich Amerikanisch deutschen
+Dialekt, da ihn sehr Viele annehmen die nie Pensylvanien gesehen, eine
+vierschrötige Figur, die in einem blauen Frack von selbst gewebten Zeug
+und eben solchen pfeffer- und salzfarbenen nur etwas zu kurzen Hosen,
+die Hände in den Taschen derselben, und den Cylinderhut auf dem Kopf, in
+der Thür stand, und die beiden Fremden theils, theils die andere Seite
+seines Schildes die genau dieselbe Figur darstellte, wohlgefällig
+betrachtet zu haben schien.
+
+»Oh vortrefflich« sagte Herr von Hopfgarten rasch, und etwas erstaunt
+über die deutsche Anrede -- »aber Sie sprechen deutsch?« --
+
+»#Y-e-s#« sagte der Pensylvanier langsam und selbstbewußt.
+
+»Aber Sie sind kein Deutscher?«
+
+»No -- denke nicht.«
+
+»Und woher wußten Sie daß _wir_ Deutsche sind?« frug der Professor, dem
+es ein eigenthümliches Gefühl war trotz seiner, keineswegs auffälligen
+oder außergewöhnlichen Kleidung gleich als Fremder, nicht zum Land
+Gehöriger erkannt zu sein.
+
+»Well, ich weiß nicht« sagte der Pensylvanier schmunzelnd, »aber Ihr
+Deutsche seht immer so artlich aus, daß man Euch gleich wie die
+schwarzen Schaafe unter den Weißen herausfinden kann. Aber wollt Ihr
+nicht hereinkommen und ein Glas Cider trinken? es ist heiß heute.«
+
+ [Illustration: Capitel 8.]
+
+Die beiden Fremden folgten gern der Einladung, weniger des in Aussicht
+gehenden Äpfelweins als der gehofften Nachrichten wegen, und folgten dem
+Mann, der sie in den unteren, eben nicht sehr gemüthlichen Raum seines
+Schenk- und Gastzimmers führte, dort ohne weiteres hinter seinen
+Schenktisch trat, ein paar Gläser vor sie hinsetzte und ihnen dann eine
+gelblich trübe Flüssigkeit eingoß die er ihnen als »#first rate#«[23]
+und honigsüß anprieß. Er lehnte sich dann mit den beiden Ellbogen auf
+seinen Tisch und sah ihnen freundlich zu wie sie die Flüssigkeit, ein
+sauersüßes etwas fade schmeckendes Gebräu, mit der bestmöglichsten Miene
+verschluckten.
+
+»Capitaler Cider das -- hat mein Junge selber gemalt, alle beiden
+Seiten.«
+
+»Was?« sagte Hopfgarten rasch, über sein halbgeleertes Glas
+hinwegsehend.
+
+»Das Bild draußen mein ich« sagte der Pensylvanier -- »die #Mermaid#
+-- verfluchter Junge, hat es Alles von sich selber gelernt.«
+
+»Oh das Schild draußen -- ja, ist wirklich vortrefflich gemacht« stimmte
+ihm Hopfgarten bei, nur nicht in die Möglichkeit versetzt zu werden den
+Cider ebenfalls loben zu müssen -- »verräth sehr viel Talent.«
+
+»#Yes#« -- sagte der Pensylvanier schmunzelnd -- »und noch dazu ohne
+Pinsel, blos mit einer Zahnbürste.«
+
+Das Gemälde gewann durch diese Nachricht allerdings an artistischem
+Werth, dem Professor, der sich sonst vielleicht sehr über das Gespräch
+amüsirt hätte, gingen aber doch in diesem Augenblick zu viel andere
+Dinge im Kopf herum, und er schnitt die Unterhaltung durch eine direkte
+Frage nach dem Mann ab, an den er hierher adressirt worden, und für den
+er freundschaftliche Briefe bei sich trug.
+
+»Mister Goodly -- so? --« sagte aber der Pensylvanier, dessen Name Ezra
+Ludkins war, seine beiden Gäste Einen nach dem Anderen rasch aufmerksamer
+als vorher von oben bis unten betrachtend -- »und Ihr wünscht Mister
+Goodly zu sprechen und habt Briefe für ihn?«
+
+»Ja mein Herr« sagte der Professor, der sich aber noch immer nicht recht
+an das Pensylvanische _Du_ gewöhnen konnte, »und Sie würden uns einen
+großen Dienst erweisen, wenn Sie uns zu ihm führen wollten.«
+
+»So? -- hm?« sagte der Wirth wieder, mit den Fingern der linken Hand
+dabei den Yankeedoodle auf dem Tisch trommelnd -- »Mr. Goodly? Und Ihr
+seid Freunde von Mr. Goodly? --«
+
+»Wenigstens durch einen Freund an ihn empfohlen; und wo können wir ihn
+wohl finden?«
+
+»Darum hätte der Sheriff viel Geld gegeben wenn er das wüßte« sagte
+Ezra.
+
+»Der Sheriff? -- wie so -- ist er nicht mehr hier?« frug der Professor
+rasch und erschreckt.
+
+»Ich denke nicht« erwiederte der Pensylvanier, mit unzerstörbarer Ruhe
+-- »könnten hier auch nicht #care# auf ihn tähken,[24] denn wir haben
+noch keine #penitentiary#.«
+
+»Kein Zuchthaus?« rief Herr von Hopfgarten -- »hat Herr Goodly irgend
+etwas verbrochen?«
+
+»Well ich weiß nicht ob Ihr das etwas verbrochen nennt, aber er hat
+erstlich ein halb Dutzend Menschen mit falschem Spiel ruinirt, und dann
+einer alten Frau, die hier allein in einem Hause wohnte und viel #Cash#
+(baar Geld) haben sollte, blos den Hals abgeschnitten. Nachher hat er
+sich #scarce# gemacht und bis jetzt haben sie ihn noch nicht wieder
+ketschen[25] können.«
+
+»Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief der Professor, »das kann _der_
+Goodly nicht sein -- Mr. Goodly hat hier eine Farm dicht bei Grahamstown
+am #blue creek#, etwa eine halbe Meile von hier -- ausgedehnte Rinder- und
+Schaafheerden, und zieht hauptsächlich Schweine für den Cincinnati-Markt.«
+
+»Well« sagte der Pensylvanier mit dem Kopfe nickend, und ein Glas für
+sich selber von dem Gesims herunter nehmend, das er sich mit #brandy#
+-- er selber trank keinen Cider -- anfüllte, und auf einen Schluck
+austrank -- »das trifft. Seine kleine #cabin# stand am #blue creek#, wie
+der Platz heißt -- er hielt zwei Kühe, und das Weibsbild das er die
+letzten drei Monate bei sich hatte, und die mit ihm durchgebrannt ist,
+kaufte sich von Bill Owen ein zahmes Schaaf zur Unterhaltung.«
+
+»Aber das sind keine Heerden --«
+
+»Bah, wenn er's eine Heerde nennt -- Grahamstown ist auch noch keine
+Stadt, wenn wir so wollen.«
+
+»Und Mr. Goodly war wirklich --«
+
+»Der nichtswürdigste Schurke, den je die Welt getragen,« unterbrach ihn
+der Pensylvanier ruhig, »und ich will Euch wünschen, Leute, daß Ihr noch
+bessere Empfehlungen mit nach Grahamstown gebracht habt wie an den.«
+
+»Allerdings keine weiter,« sagte der Professor, mit einem aus tiefster
+Brust herausgeholten Seufzer, denn wie ein Wetterschlag schmetterte
+diese Nachricht all seine Hoffnungen zu Boden. Was jetzt thun, was
+machen, wohin gehn? -- und seine Familie, rathlos ohne einen Freund in
+dem fremden Lande, mit seinem Gepäck im Freien und dem Zufall preis
+gegeben.
+
+»Apropos Fremder,« sagte da der Pensylvanier plötzlich von einem neuen
+Gedanken ergriffen, »Ihr sagt, Ihr habt einen Brief von einem Freund von
+Goodly -- vielleicht wäre da Auskunft darin über ihn zu finden, wo er
+jetzt steckt -- setze nun den Fall wir machten den Brief einmal auf.«
+
+»Der Gedanke ist vortrefflich«, rief Herr von Hopfgarten, »und ich wäre
+ungemein gespannt zu sehn was Herr Henkel an ihn schreibt.«
+
+»Ich darf doch keinen Brief von einem Fremden öffnen«, sagte der
+Professor -- »überdieß konnte Henkel Nichts über seine Flucht wissen,
+sonst hätte er mir den Brief nicht mitgegeben.«
+
+»Nun, vielleicht wünscht ihn der Sheriff zu sehn,« sagte der
+Pensylvanier, ruhig die eben gebrauchte Flasche wieder zurückstellend,
+»wäre jedenfalls interessant auch den _Freund_ kennen zu lernen.« Der
+Mann hatte die beiden Fremden, seit er sie mit jenem anerkannten Gauner
+in Verbindung gebracht, ziemlich kalt und mistrauisch fortwährend
+betrachtet, und ein Verdacht war jedenfalls in ihm aufgestiegen, ob
+es mit deren Ehrlichkeit nicht am Ende ebenso schwach beschaffen
+sein könne, wie mit der des Burschen nach dem sie frugen, und dessen
+Abwesenheit besonders den Einen -- wie ihm keineswegs entgangen
+-- augenscheinlich in Verlegenheit setzte. Herr von Hopfgarten übrigens,
+der seine eigenen Beweggründe dabei hatte, drang jetzt selber in den
+Professor das Schreiben, von dem ihm ja auch Henkel gesagt daß es nur
+eine Empfehlung sei, zu erbrechen. Henkel selber konnte nicht wissen,
+daß Mr. Goodly in der Zeit solche Streiche gemacht, und würde, wenn er
+es später erführe, gewiß sehr damit einverstanden sein, daß sein
+Brief geöffnet und von ihm selber der Verdacht entfernt worden, in
+unehrenhafter Beziehung zu dem Entwichenen gestanden zu haben. Der
+Professor sträubte sich aber noch lange dagegen, und nur erst als
+sie das Papier gegen das Licht gehalten und dadurch gesehen, daß es
+wirklich nur wenige Zeilen enthalte, und selbst in der Hoffnung für sich
+vielleicht einen Fingerzeig zu weiterem Handeln zu finden, entschloß er
+sich endlich dazu dem Wunsch des Pensylvaniers zu willfahren. Dieser
+schien außerdem nicht übel Lust zu haben ihm den Sheriff auf den Hals
+zu schicken, wodurch er am Ende noch in eine ganze Masse unangenehmer
+Geschichten verwickelt werden konnte, und er hatte von Deutschland
+her noch einen ganz besonderen Respekt vor jeder Berührung mit den
+Gerichten, dachte auch nicht daran seinen ersten Schritt in Amerika
+gleich mit einer ähnlichen Verlegenheit zu beginnen. So endlich öffnete
+er das Siegel und überlas flüchtig die Zeilen, die er dann achselzuckend
+an Hopfgarten, während diesem der Pensylvanier neugierig über die
+Schulter schaute, gab. Der Brief lautete einfach.
+
+
+ »Lieber Goodly.«
+
+ »Ich sende Dir hier einen Freund, der Land zu kaufen wünscht
+ -- womöglich gleich eine eingerichtete Farm -- ich habe nicht den
+ geringsten Zweifel, daß Du ihm das besorgen wirst. Er hat Geld und ist
+ ein Professor. Es wäre mir _sehr_ angenehm, wenn er einen passenden
+ Platz im Norden fände --ich brauche Dir nicht mehr zu sagen.«
+
+ »Ich bin seit einigen Tagen wieder in Amerika -- habe sehr gute
+ Geschäfte gemacht und hoffe Dich _jedenfalls_ im Laufe des nächsten
+ Monats in New-Orleans zu sehn. Du _mußt_ kommen. Meine Adresse kennst
+ Du. -- O..... ist auch hier und immer noch der Alte. Es grüßt Dich
+ bestens
+
+ Dein
+ Soldegg _Henkel_.«
+
+
+»_Soldegg_ Henkel?« sagte Herr von Hopfgarten, als er den Brief einmal
+flüchtig, den Inhalt nur überfliegend, dann langsamer durchlesen hatte
+-- »_Soldegg_, was für ein sonderbarer Vorname; hieß denn Henkel nicht
+anders?«
+
+»Ja ich weiß es wahrhaftig nicht,« sagte der Professor, »ich habe nie
+darauf geachtet, und soviel ich weiß seinen Vornamen auch nie gehört
+-- vielleicht ist dieser hier in Amerika gebräuchlich.«
+
+»Soldegg?« sagte der Pensylvanier, an den diese Bemerkung halb als Frage
+gerichtet war, indem er hinter seinen Schenktisch ging und sich den
+Namen aufschrieb, »nicht daß ich wüßte; s' ist aber möglich, die
+Methodisten und Baptisten geben ihren Kindern manchmal ganz artliche
+Namen, von denen man nie weiß wo sie her sind, aber -- wie ich da eben
+aus dem Brief sehe, habt Ihr die #intention# Euch hier zu settlen, und
+eine Farm zu kaufen; ist das wahr?«
+
+»Das war allerdings meine Absicht,« sagte der Professor kopfschüttelnd
+im Zimmer auf und abgehend, während sich Hopfgarten mit dem Brief in
+eine Ecke gesetzt hatte, und ihn wieder und wieder durchstudirte,
+»damals hoffte ich aber keine weiteren Schwierigkeiten dabei zu finden,
+sondern gleich Jemanden in diesem Herrn Goodly zu haben, der mir mit
+Rath und That an die Hand gehen könnte. Ich wäre sonst wahrhaftig nicht
+nur so auf gerathewohl mit Weib und Kindern, Dienstboten und Gepäck hier
+heraufgekommen.«
+
+»Well, wenn Du bei Allem solch Glück hast, als daß Du den Schuft von
+Goodly nicht mehr hier findest und in dessen Klauen gefallen bist,«
+meinte der Pensylvanier trocken, »dann kannst Du es noch zu 'was
+bringen in den States. Aber Deine Familie hast Du wohl in Cincinnati?«
+
+»In Cincinnati? -- _hier_ -- unten am Fluß, mit Kisten und Kasten.«
+
+»#The devil!#« rief der Pensylvanier überrascht aus -- fügte aber dann,
+indem er sich ohne weitere Schwierigkeit auf seinen Schenktisch setzte
+und sein rechtes Knie zwischen die zusammengefalteten Hände nahm,
+langsamer und wie überlegend hinzu, »hm -- da befindest Du Dich #anyhow#
+in einem #fix#[26] -- seid heute Morgen mit dem Dampfer gelandet, heh?«
+
+»Ja wohl, mit der Jane Wilmington.«
+
+»Ahem, calculirte so; und wollt eine Farm wirklich _kaufen_?«
+
+»Wenn ich etwas passendes fände.«
+
+»Mit Vieh und Einrichtung?«
+
+»Wäre mir allerdings das Liebste.«
+
+»Und Gebäuden?«
+
+»Versteht sich von selbst.«
+
+»Und wie theuer äbaut?«
+
+»Ja lieber Herr, das hinge allerdings von Umständen ab, und müßte sich
+doch entschieden nach der Farm selber richten.«
+
+»Well, vor allen Dingen können wir die Ladies nicht unten an der Landung
+sitzen lassen,« meinte der Pensylvanier, »und es wird das Beste sein sie
+hier heraufzumuven -- Unterkommen haben wir schon für sie; wir müssen
+wenigstens sehn, daß wir 'was auffixen -- aber so recht bequem wird's
+freilich nicht werden.«
+
+»Ja ich weiß aber gar nicht,« sagte der Professor unschlüssig, indem
+er sich an den noch immer den Brief studirenden Herrn von Hopfgarten
+wandte, »ob ich unter solchen Umständen überhaupt hier bleibe, oder
+nicht lieber gleich direkt nach Cincinnati gehe. Was meinen Sie dazu
+lieber Hopfgarten -- lassen Sie doch den unglücklichen Brief, Sie lernen
+ihn wohl auswendig?«
+
+»Auswendig nein,« sagte der kleine Mann aufstehend, »obgleich er's am
+Ende verdiente, denn ich fange an zwischen den Zeilen zu lesen und ich
+versichere Sie, lieber Professor, mir wird angst und bange dabei zu
+Muthe.«
+
+»Aber wie so? -- was haben Sie?«
+
+»Lassen Sie nur jetzt, davon nachher; jetzt müssen wir doch wohl an das
+Ihnen näher Liegende denken.«
+
+»Ja nach Cincinnati wieder fahren,« sagte der Pensylvanier
+achselzuckend, »das ist so eine Sache. Natürlich könnt Ihr das thun,
+denn Steamboote dorthin laufen fast alle Tage hier vorbei; heute sind
+aber schon drei aufwärts gegangen, es ist also sehr die Frage, ob über
+Tag noch eins kommt, und die Ladies dürfen doch die Nacht nicht gut
+unten am River bleiben. Außerdem seid Ihr einmal hier, das Land ist hier
+auch billiger wie um Cincinnati herum, und ich calculire, daß Ihr doch
+am Ende besser thätet, Euch hier erst einmal ein paar Tage umzusehen;
+nachher könnt Ihr ja #anyhow# doch noch immer thun was Ihr wollt.«
+
+In dem Rath lag sehr viel Vernünftiges; das ewige Gepäck herumschleifen
+bekam der Professor auch satt, und die Passage nach Cincinnati, so
+gering die Strecke sein mochte, hätte für seine wie des Webers Familie,
+»#a smart sprinkle# Geld« gekostet, wie sich der Pensylvanier ausdrückte,
+da sich die »Steamboote« das Anlegen schon besonders zahlen lassen. Zu
+dem kam dann noch das Hinaufschaffen der Fracht in ein Gasthaus, der
+Aufenthalt dort, das Wiederwegschaffen -- die Masse Personen -- auch
+von Hopfgarten rieth ihm jedenfalls erst die Umgegend hier einmal in
+Augenschein zu nehmen; gefiel es ihm dann wirklich _nicht_, so hatte er
+doch ein Stück vom Lande gesehen, die Preise und Verhältnisse etwas
+kennen gelernt und -- Erfahrung gesammelt, ohne eben mehr wie ein paar
+Tage, mit nicht größerem Kostenaufwand als doch nicht mehr zu umgehen
+war, versäumt zu haben.
+
+Der Pensylvanier ging jetzt vor allen Dingen mit ihnen an die Landung
+hinunter, dort das Gepäck in Augenschein zu nehmen, um es nachher mit
+seinem Geschirr heraufzuholen, und die Damen in sein Haus einzuführen.
+Er war, nachdem er die Absicht der Fremden gehört, und nun doch auch
+wohl gesehen hatte, daß sie mit jenem übel berüchtigten Goodly in
+nicht dem geringsten Verhältniß standen, wieder sehr freundlich und
+zuvorkommend, wenn auch immer auf seine sehr trockene ungenirte Weise
+geworden. Gegen die Damen aber war er besonders artig, und bot sogar der
+Frau Professorin, die er in Indiana mit den jungen Ladies willkommen
+hieß, den Arm an und führte sie den Berg hinauf, und die Männer nahmen
+Jeder ein Stück des leichteren Gepäcks und folgten. Des Pensylvaniers
+Wagen wurde dann augenblicklich nach unten geschickt die übrigen Sachen,
+bei denen des Webers Frau mit den Kindern so lange als Wache bleiben
+mußte, ebenfalls hinauf und unter Dach und Fach zu bringen -- hatte aber
+dreimal zu fahren, ehe er sämmtliche Kisten und Collis an Ort und Stelle
+schaffen konnte.
+
+Für diesen Tag war nun allerdings nicht viel mehr zu unternehmen, am
+nächsten Morgen aber, sobald es den Herren gefiel, erbot sich der
+Pensylvanier sehr bereitwillig mit ihnen in das Land zu reiten, wo er
+ihnen sogar, nur neun Miles von Grahamstown und etwa vier oder fünf vom
+Ohiostrom entfernt, eine kleine reizende Farm offeriren könne. Diese,
+jetzt von einem seiner Söhne bewohnt, wäre ihm vielleicht feil, »wenn er
+seine Auslagen bezahlt bekäme«, indem er selber keinen Gebrauch mehr
+dafür hätte. Die Wirthschaft sagte ihm, seiner Aussage nach, mehr zu als
+das Farmerleben, und Grahamstown würde und müßte sich in sehr kurzer
+Zeit so heben, daß sich seine jetzt unscheinbare Inn zu einem Hotel
+umgestalten könnte. Wenn besonders _der_ Plan verwirklicht würde, an
+dem das #County# jetzt arbeitete -- den Platz mit der nach St. Louis
+führenden und schon fast beendigten Eisenbahn zu verbinden, hoffe er
+das Fabelhafteste für Grahamstown. Er gab dabei nicht undeutlich zu
+verstehn, daß ein paar hundert Thaler für Bauplätze in der Stadt selber
+ausgelegt, leicht in drei oder vier Jahren zu ebenso vielen Tausenden
+werden könnten, und wie er für die Zukunft sogar an dem Bestehen
+Cincinnatis zweifelte, das mit der weit vortrefflicheren Lage dieses
+Platzes, _unterhalb_ den bei Louisville gelegenen Stromschnellen, kaum
+werde auf die Länge der Zeit concurriren können. Er mochte es sich
+dabei nicht versagen die Fremden, wahrscheinlich um sie noch mehr
+zu überzeugen, auch in die Anlage des »beabsichtigten« Grahamstown
+hinauszuführen, und Mainstreet hinuntergehend, was einige Schwierigkeiten
+der weiter oben häufig queerüberliegenden Bäume wegen hatte, kamen
+sie etwa 500 Schritt von dem oberen Rand des kleinen Platzes zu dem
+ausgesteckten und hier und da selbst schon »geklearten« Marktplatz,
+wo allerdings noch sämmtliches gefälltes Holz wie Kraut und Rüben
+durcheinander lag, nichts destoweniger aber doch schon der Platz für die
+Bank, für das Theater und für die Börse -- das Court oder Gerichtshaus
+stand schon in Gestalt eines breiten überwachsenen Blockhauses an der
+nämlichen Stelle, an der es sich später von massivem Sandstein oder
+Granit erheben sollte -- ausgemessen, und an den noch stehenden Bäumen
+durch kleine hölzerne Tafeln bezeichnet worden.
+
+Der Professor hätte unter anderen Umständen gewiß über dieß großartige
+Planmachen, in dem die Amerikaner überhaupt berühmt sind, gelächelt, und
+sich damit amusirt, denn seinen eigenen Ansichten von Städtebauen nach,
+soviel er auch Amerikanischer Triebkraft dabei zu Gute schrieb, konnte
+und mußte wohl ein halbes Jahrhundert vergehn, ehe die Hälfte dessen
+wahr geworden, über das der Pensylvanier sprach als ob es sich im
+nächsten Frühjahr ereignen würde. Jetzt aber, mit in den Wirbel schon
+halb und halb hineingezogen, der hier Alles drehte und mit sich fortriß,
+schon ein halbes Glied des Ganzen, und doch noch eigentlich nicht
+dazu gehörig, noch ganz fremd auf dem Boden, den er unterwegs schon
+gewissermaßen als seine Heimath betrachtet, erfüllte ihn das Alles mit
+einem unbehaglich drückenden Gefühl, so daß er manchmal ordentlich tief
+aufathmen mußte, wie eine schwere Last von seiner Brust zu wälzen.
+
+Der Amerikaner dagegen ritt auf seinem Steckenpferd, und die
+#improvements# des Bodens und der Stadt, der Wachsthum der Einwohnerzahl,
+die Erbauung von Kirchen, Schulen, Universitäten, Bibliotheken etc. etc.
+riß ihn mit einer Phantasie und Einbildungskraft fort, die so innerste
+Überzeugung schien, daß sich selbst der Professor, trotz seiner
+niedergedrückten Stimmung, doch zuletzt nicht enthalten konnte wenigstens
+einen kleinen Theil des in soliden Luftschlössern aufgebauten Bildes
+für möglich zu halten, und sich in der That, noch ehe sie das Gasthaus
+wieder erreichten, dabei erwischte wie er eine Zuckerfabrik -- den
+Runkelrübenbau in Amerika einzuführen war eine Lieblings-Idee von ihm
+-- an der #blue creek# errichtete, mit derselben Wasserkraft eine
+Säge- und Mahlmühle trieb, und weiter unten eine Talgsiederei anlegte
+von den Überbleibseln der Heerden, die er nach St. Louis und New-Orleans
+schickte, den größtmöglichsten Nutzen zu ziehn.
+
+Der Abend ging trotzdem sehr still vorüber -- das drückende Gefühl der
+Heimathlosigkeit, das auf ihnen Allen lag, sie mochten ankämpfen dagegen
+wie sie wollten, ließ sich nicht so rasch bewältigen, und wenn auch der
+Pensylvanier Alles that ihnen die Eigenschaften des Landes, auf dem sie
+sich jetzt befänden, herauszustreichen, und seine Frau, ein freundliches
+Weibchen aus Louisville, ihre öden Zimmer so behaglich herrichtete
+wie es unter den Umständen nur möglich war, sie blieben still und
+einsylbig und selbst Marie, die munterste sonst von Allen, hätte sich am
+allerliebsten in irgend eine versteckte Ecke gedrückt und recht herzlich
+ausgeweint -- so weh, so eigenthümlich war ihnen zu Allen zu Muthe.
+
+»Apropos,« rief da plötzlich Herr von Hopfgarten, als sie sich gerade
+für die Nacht trennen wollten (der Pensylvanier hatte ihnen nur drei
+Zimmer zur Verfügung stellen können -- eins für die Damen, eins für die
+Weberfamilie und eins für die Herren) »was ich Sie noch fragen wollte
+-- kennt eine von den Damen vielleicht den Vornamen unseres
+gemeinschaftlichen Freundes Henkel?«
+
+»Ja wohl,« rief Marie rasch -- »er heißt Joseph; warum?«
+
+»Ganz recht -- jetzt fällt es mir auch ein, Joseph!« sagte Hopfgarten
+schnell; »wie man doch so etwas vergessen kann, ich habe selber den
+Namen mehr wie hundert Mal gehört.«
+
+»Joseph -- ja wohl,« sagte auch jetzt der Professor, »da muß das
+wirklich sein Amerikanischer Beinamen sein.«
+
+»Sein _Amerikanischer_ Name?«
+
+»Der Brief, von dem ich Euch sagte, ist mit _Soldegg_ Henkel
+unterschrieben und es war auch mir so, als ob seine Frau wenigstens ihn
+mit einem anderen Vornamen, nicht Soldegg, genannt hätte.«
+
+»Soldegg -- Soldegg -- ich habe den Namen nie, auch selbst nicht in
+Heilingen gehört,« sagte Anna -- »lieber Gott was mag Clara jetzt
+machen; es ist mir immer ein recht trauriges, wehmüthiges Gefühl, daß
+wir sie krank zurücklassen mußten.«
+
+Herr von Hopfgarten war aufgestanden und ging, mit auf den Rücken
+gelegten Händen unruhig im Zimmer auf und ab, aber er sagte kein Wort
+weiter, und da die Frau Professorin etwas über Kopfweh klagte, und die
+Kinder auch unruhig wurden, verabschiedeten sich die Männer bald, und
+suchten ebenfalls ihr Lager.
+
+ * * * * *
+
+Der andere Morgen brach an, und mit ihm ein wichtiger Tag für die neuen
+Ansiedler, der vielleicht entscheidend für sie sein sollte, für ihr
+ganzes Leben und Glück, denn eine neue Heimath sollte gesucht, ein Platz
+gefunden werden, auf dem sie ihre neue Laufbahn nicht allein beginnen,
+sondern für den sie auch die Mittel, die sie zu ihrem Fortkommen mit
+herüber gebracht, auslegen wollten, daß ein Rückschritt nachher ohne
+bedeutende Verluste nicht möglich gewesen wäre. Und entsprach etwa
+Alles, was sie bis jetzt von dem Lande gesehen, ihren Erwartungen?
+durfte der Professor hoffen in dieser Gegend gleich einen solchen Platz
+zu finden, an dem er es vor sich und seiner Familie verantworten konnte
+zu bleiben? Er wagte gar nicht sich die Frage vorzulegen, denn der erste
+Eindruck von Grahamstown war ein gar zu beengender, ja enttäuschender
+gewesen. Allerdings befanden sie sich in einem neuen Land, und da, wo
+noch Ackerbau und Cultur in der Wiege lagen und eben deshalb auch dem,
+der sie weckte und in's Leben rief, so wacker lohnte, durfte und konnte
+man nicht erwarten ein Land zu finden wie man es daheim verlassen hatte;
+es war eben eine halbe Wildniß, in der erst gerade _durch_ die geweckte
+Cultur der Segen aufkeimen sollte, den sich die Auswanderer von Amerika
+versprachen. Das Alles hatte man sich daheim auch wohl wie oft selber
+gesagt, und war allem Anschein nach vollkommen darauf vorbereitet
+gewesen; und doch jetzt da es wirklich so aussah wie man es -- innerlich
+gewiß mit manchem Vorbehalt -- aber doch äußerlich nicht anders erwartet,
+mit den wild umher gestreuten Stämmen, den niederen, jeder Bequemlichkeit
+mangelnden Holzhäusern, den fremden Menschen, da fühlte sich die
+Brust beklemmt und sorgenschwer, und der Blick suchte wohl gar einen
+Augenblick halb unbewußt und scheu nach dem verlassenen Ufer zurück.
+Aber lieber Gott, das lag weit, weit dahinten; mit der abgerissenen
+Brücke hinter sich standen sie an dem fremden Strand, und wenn auch
+keinen Trost doch wenigstens Beruhigung gab ihnen das Bewußtsein jetzt:
+»Du _mußt_!« Ein Rückweg war nicht mehr möglich, wenn sie das selbst
+gewollt hätten, und mit _dem_ Gefühl kehrte auch wirklich mehr Ruhe,
+jedenfalls mehr Entschlossenheit, in ihr Herz zurück.
+
+Viel gleichgültiger betrachtete der Weber das neue fremde Land, in dem
+er durch seine Anstellung bei dem Professor schon gewissermaßen festen
+und sicheren Fuß gefaßt, ehe er es nur betreten. Er war neugierig
+allerdings, wie er es finden würde, und ob die Erzählungen, die er davon
+zu Hause gehört und gelesen, jetzt sich als wahr erweisen sollten; aber
+vor der Hand in seiner und der Seinigen Existenz gesichert, fürchtete er
+eben Nichts, und konnte die Zeit mit dem, wie sie sich entwickeln würde,
+ruhig und sorglos erwarten. Seine Ansprüche an das Leben waren auch
+geringer; Vieles, was der in anderen Kreisen erzogenen Familie des
+Professors Entbehrung schien, wenn sie sich auch nicht darüber aussprachen
+oder gar beklagten, war ihm selbst schon eine Verbesserung seines bisher
+gewöhnten Zustandes, und die Gewißheit nicht allein seine Familie auf
+ein volles Jahr untergebracht und versorgt zu haben, sondern auch sogar
+an baarem Geld mehr zu verdienen, als er bis jetzt in seinem ganzen
+Leben im Stande gewesen war zu erübrigen, ließ ihn dem neuen Leben mit
+freudiger Zuversicht entgegengehn.
+
+Seine Frau theilte das Gefühl, wenn sie sich auch noch in der fremden
+Welt gedrückt und unbehaglich fühlte; nur die alte Mutter, der ihre
+gewohnte Ecke mit dem Spinnrad fehlte sich darin niederzuhocken, der
+die Sonne an der verkehrten Stelle auf- und unterging, und die Bäume
+nicht dahin den Schatten warfen wohin sie sollten, der die Vögel nicht
+zwitscherten wie daheim und die Blumen -- ihre Astern -- nicht blühten,
+und die schon zehnmal in Gedanken vor die fremde Thür getreten war die
+Linde zu besuchen, unter der der Leberecht ruhte, dann immer nur um so
+viel niedergeschlagener, so viel mürrischer zurückzukehren zu dem
+selbst nicht gewohnten Sitz, stöhnte und klagte den ganzen Tag und saß,
+die Hände müßig im Schooß gefaltet, und still und langsam dazu mit dem
+zitternden Haupte nickend und schüttelnd, auf ihrem Stuhl. Sie fühlte
+daß sie dem heimischen Boden, den Gräbern ihrer Lieben, der alten
+Dorfkirche und dem stillen Plätzchen, das sie so lange, lange Jahre das
+ihre genannt, entrissen, für ewig, und auf Nimmerwiedersehn entrissen
+sei, und sie glaubte jetzt das Herz müsse ihr brechen.
+
+Der Professor hatte sich übrigens, wogegen der Pensylvanier erst einige
+Schwierigkeiten machte, dazu entschlossen den Weber auf ihrer heutigen
+Excursion mitzunehmen, sein Urtheil über das Land dabei zugleich zu
+hören und seine Meinung über den ganzen Kauf an Ort und Stelle zu haben.
+Der Wirth schien nicht recht damit einverstanden; er hatte im Anfang
+kein Pferd mehr für ihn da, dann dauerte es zu lang bis eins geholt
+werden könnte; der Professor aber, der klug genug war in einer Sache
+mistrauisch gegen sich selbst zu sein, die doch jetzt über alles
+Theoretische hinausging und in das praktische Leben direkt eingriff,
+vielleicht auch in der unbestimmten Furcht vor einem doch möglichen
+Fehlschlagen, in dem er nachher die Schuld nicht ganz allein zu tragen
+hätte, ließ keine Ausrede gelten und erklärte, dann lieber noch einen
+Tag warten zu wollen bis die Pferde gefunden wären, ehe er eben _ohne_
+den Weber, dem er vielleicht mehr zutraute als er verstand, die Farm in
+Augenschein nähme. Als der Pensylvanier endlich sah daß der Fremde von
+diesem Entschluß nicht abging, waren auch die Pferde nach kaum einer
+Viertelstunde gesattelt und bereit, und die kleine Gesellschaft, von der
+sich der Professor selber am unbehaglichsten »an Bord« des etwas hohen
+Pferdes fühlte, setzte sich in einem scharfen Schritt in Marsch, dem
+freien Lande zu.
+
+Die hölzernen, mit Fenzen eingefaßten Gebäude ließen sie bald hinter
+sich, und folgten der sogenannten #county#-Straße, die noch eine Strecke
+weit durch den breit ausgehauenen Wald hinführte, wobei ihnen der
+Pensylvanier mit dem größten Ernst immer noch die schon ausgelegten aber
+noch nicht einmal »urbar gemachten« Straßen von Grahamstown zeigte.
+Dort, in das dicke Gebüsch von Hickory und Eichen sollte einmal später
+das Waisenhaus kommen -- da drüben an dem etwas feuchten Fleck wo die
+Sycomore und Erlen standen war der Platz für den Gasometer ausgelegt
+-- die Telegraphenstation mit der Post mußte unten am Fluß selber sein,
+in dem Centralpunkt des Handels und Verkehrs, der sich natürlich in den
+ersten zehn Jahren, und bis die Eisenbahnen von hier aus nach allen
+Richtungen auszweigten, jedenfalls in der Nähe des Wassers halten müßte.
+Er selber hatte sich aber auch zwei Bauplätze hier an der Grenze des
+Weichbildes reservirt, einen an dem nächst zu erwartenden St. Louis, den
+anderen, an dem Cincinnati-Bahnhof. Wo die Eisenbahn die einmal später
+nach New-Orleans und Charlestown führte, auslaufen sollte, darüber
+hatten sich die Bürger noch nicht geeinigt, und es war einer späteren
+Versammlung vorbehalten worden darüber zu entscheiden.
+
+Der Mann sprach dabei mit solcher Ruhe und Sicherheit, und schien selber
+von dem rasenden Wachsthum der Stadt so fest überzeugt zu sein, daß sich
+der Professor nicht allein mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut
+machte sich in der Nähe eines so bedeutenden Platzes, jetzt da das
+Land noch billig zu haben sei, niederzulassen, sondern sogar schon
+unbestimmte Wünsche in sich aufsteigen fühlte, selber ein paar Bauplätze
+in den bestgelegensten Theilen der Stadt -- nur nicht zu nahe am Gasometer
+-- zu erstehen. Ezra Ludkins hatte ihn dabei schon aufmerksam gemacht,
+daß gegenwärtig die passendste Zeit dazu sein würde, da mit dem Winter
+besonders ihre, nur für jetzt noch aus Holz bestehenden Bauten gewiß am
+Stärksten in Angriff genommen werden würden, und der Preis der Lots
+(Bauplätze) mit jedem neu errichteten Hause an Werth gewinnen und
+steigen _müßte_.
+
+Der Weber daneben, der ziemlich sicher auf seinem Pferde saß, war ganz
+Ohr bei der fabelhaften Beschreibung des Landes, und dankte im Stillen
+seinem Gott und dem Professor, daß er nicht in völliger Blindheit an
+diesem merkwürdigen Platz vorübergefahren, sondern mit Sack und Pack
+ausgestiegen sei, und nun natürlich auch im Stande sein würde mit
+zuzulangen, wenn es hier einmal Brei oder Goldstücken regnete, denn
+weiter blieb, nach des Amerikaners Beschreibung und Aussichten, wirklich
+nicht viel mehr übrig.
+
+Am wenigsten achtete von Hopfgarten darauf der, nicht in der Absicht
+sich hier niederzulassen, wenig Interesse dabei fand in wie fern die
+Stadt den Hoffnungen, die ihr neuer Freund dafür hegte, entsprechen
+würde, und mehr darauf achtete das sich jetzt rasch vor ihnen aufrollende
+Land mit seinen Eigenthümlichkeiten zu beobachten. Das aber fesselte
+auch bald die Aufmerksamkeit der beiden Anderen, und als sie eine
+Strecke lang im Wald, durch den sich die Straße um Sumpflöcher und
+Baumwurzeln hinwand, fortgeritten waren, die erste Lichtung, und mit
+dieser eine Farm -- eine wirkliche Farm im Inneren von Amerika
+-- erreichten, hielten sie wie auf gemeinsame Verabredung ihre Pferde
+an, und schauten still und schweigend, jeder mit seinen eigenen Gedanken
+beschäftigt, den Platz an, der sich hier vor ihnen ausbreitete. --
+
+Aber wie anders hatten sie sich eine Ansiedlung in Amerika gedacht, wie
+freundlich sich das ausgemalt, und die stille Wohnung im Walde, mit all
+dem Zauber geschmückt, den die Natur fähig ist einem solchen Bilde zu
+geben. Das rege Schaffen der Menschen dabei, muntere fette Heerden, ein
+freundlicher Garten, schattige fruchtschwere Obstbäume, unter denen
+die lauschigen Fenster freundlich und versteckt hervorschauten; der
+reinliche Kies oder Rasenplatz dann vor der Thür, auf dem die Kinder
+spielten, und die niederen Nebengebäude mit Ställen und Scheunen, die
+sich dicht an das Wohnhaus schmiegten --Lieber Gott, wie anders sah das
+hier aus.
+
+Eine sogenannte Wurmfenz -- die langgespaltenen Hölzer ohne weitere
+Befestigung untereinander, nur im Zickzack immer Enden über Enden gelegt
+-- umschloß ein Stück von etwa zehn Acker »geklearten« Landes, wie sich
+der Pensylvanier ausdrückte, d. h. ein Theil der Stämme vor etwa drei
+Fuß vom Boden, je nach Bequemlichkeit des Fällers, theils umgeschlagen
+und das überflüssige Holz auf große Haufen geschafft, verbrannt zu werden,
+theils standen die übrigen Bäume noch eingeringelt oder »getödtet« dürr
+und trocken die nackten Arme gen Himmel streckend, einzeln zerstreut
+über den Plan. Der Wald begrenzte an der Rückseite diese Rodung, aber
+noch war ihm keine Zeit gegeben da, wo er erst kürzlich seines Schmuckes
+beraubt worden, wieder frisch auszuschießen, und die grüne Wand die er
+bildete sah zerrissen, rauh und wüst aus, eben wie der Boden, der mit
+dem Pflug gelüftet ein wildes trostloses Gewirr und Chaos von Wurzeln,
+Schollen und zackigen Furchen bot, daß es dem Fremden gar nicht so
+schien, als ob er je im Leben im Stande sein würde eine ordentliche
+Erndte zu tragen.
+
+Die Straße die hindurchlief und an beiden Seiten von Fenzen eingefaßt
+war hatte man, kein besonderes Zeichen für den _Werth_ des Landes -- fast
+vierzig Schritt breit gelassen, und der Fuhrweg zog sich, sumpfigen
+Stellen, Klötzen und Stümpfen aus dem Weg gehend, herüber und hinüber in
+ausgefahrenen Gleisen, während einzelne niedere Blockhäuser, mehr
+Ställen als Wohnungen gleichend, zerstreut über den Platz weglagen, und
+mit dem Rauch der aus ihren Schornsteinen stieg nur zu wohl verriethen
+wie sie bewohnt seien.
+
+Und nichts -- gar nichts Freundliches boten sie, kein Gärtchen schmiegte
+sich an sie an, kein Fruchtbaum verrieth die sorgsame Hand des Gärtners
+-- keine Blume blühte, kein Grashalm fast war hier soweit das Auge
+reichte zu sehn, die Einzackungen der Fenzen ausgenommen, die Pflug- oder
+Wagengleis nicht hatte erreichen können; Alles war umgewühlt und roh,
+und einzelne Schweine die in den Pfützen arbeiteten und mit dem Rüssel
+den Schlamm aufschaufelten, schienen hier in der That den Ton anzugeben
+und auch die einzigen Wesen zu sein, die sich wirklich wohl und
+behaglich fühlten.
+
+»Und das ist eine Farm?« sagte Herr von Hopfgarten, der zuerst die
+Sprache wieder gewann, und mit keineswegs freudiger Überraschung die
+Scene um sich her betrachtete; »guter Gott, die Geschichte habe ich mir
+doch eigentlich anders gedacht.«
+
+»Das ist eine Farm Gentlemen« sagte aber Ezra Ludkins freundlich -- »oder
+soll vielmehr erst eine werden, denn die Leute haben erst vorigen Winter
+angefangen den ersten Baum zu fällen und es sieht noch eher ein Bischen
+wild und unbehaglich aus; die Sache kriegt aber ein anderes Ansehn,
+wenn hier erst das #corn# (Mais) zwölf und vierzehn Fuß hoch mit seinen
+armstarken Kolben und wehenden grünen Blättern steht, wenn ordentliche
+Cabins gebaut und Obstgärten angelegt sind, und die Leute erst beginnen
+sich ein wenig comfortabel zu fühlen -- nachher »schwätze mer anders«
+und die #railroad# (Eisenbahn) wird keine zweihundert #yards# von hier
+vorbeilaufen.«
+
+»Es ist das der erste Beginn« sagte aber auch jetzt der Professor
+seufzend, »der erste Kampf der Civilisation gegen die Wildniß; die erste
+Verschmelzung, wie man beinah sagen könnte, des Waldes mit der Cultur,
+in der der Mensch wieder mit zurück in seinen Urzustand gezogen wird,
+und ein Stadium, das wir allerdings ebenfalls gezwungen sein werden
+durchmachen zu müssen. Wie gefällt es Ihnen, Brockfeld?«
+
+»Mir?« sagte der Weber, wie überrascht durch die Anrede, »ih nu -- es
+ist -- es ist recht hübsch hier -- scheint gutes Land zu sein und -- und
+recht viel Platz; nur noch ein Bischen wild. Tüchtiges Stück Arbeit
+noch, die Baumstümpfe alle herauszukriegen, ehe man mit dem Pflug hinein
+kann.«
+
+»Mit dem Pflug hinein?« sagte der Pensylvanier sich erstaunt nach ihm
+umdrehend -- »das _ist_ ja hier schon gepflügt.«
+
+»Das hier?« rief der Weber, sich erstaunt im Sattel aufrichtend, »aber
+wahrhaftig es sieht so aus, als ob hier Jemand mit einem Pflug drin
+herum gekratzt wäre -- nun das ist ein Kunststück? wie kommt man denn
+damit einem Pflug _durch_? Da muß unser Einer freilich wieder von vorn
+anfangen zu lernen.«
+
+»Aber kommt Gentlemen, kommt« sagte der Amerikaner, »wir verlieren hier
+zu viel Zeit und haben noch einen guten Ritt vor uns.«
+
+»Sollten wir uns nicht einmal lieber hier die Häuser im Inneren ansehn?«
+sagte der Professor.
+
+»Verdammt wenig, was wir da würden zu sehn kriegen« lachte Ludkins; »so
+kahl wie's von außen ist, sind auch die Wände im Innern, und die Leute
+haben höchstens einen Kasten oder #gum#[27] zum draufsitzen, und einen
+roh zusammengenagelten Tisch, ein paar Blechbecher, einen Kaffeetopf und
+ein #skillet# (Bratpfanne). Das finden wir auch wohin wir kommen; wer
+aber Lust dazu hat, kann sich das selber bald ganz anders und viel
+behaglicher einrichten -- diese #squatter# wissen es eben nicht besser.«
+
+Er hatte dabei seinem Pferd langsam den Zügel gelassen, und die Männer
+ritten durch die lange »#lane#« oder eingefenzte Straße hindurch, wieder
+in den Wald hinein, bis sie zu einer anderen, eben solchen Lichtung
+kamen. Die nächste Farm stand aber schon etwas länger, und zum Theil
+wenigstens mit Mais bepflanzt der reif und abgetrocknet noch im Feld
+gelassen war, bot sie ein freundlicheres Bild. Die Gebäude freilich
+sahen eben nicht viel besser aus und aus den Thüren schauten, als sie
+vorüberritten, das etwas bleiche Gesicht einer jungen Frau in einem
+lichten baumwollen Kleid, und vier oder fünf blondhaarige sonst aber
+sehr vernachlässigte Kinderköpfe heraus.
+
+Ezra Ludkins begann jetzt, freilich mit sehr geringem Erfolg, ihnen die
+Grenzen der verschiedenen Besitzungen, ja sogar hie und da die Bäume zu
+zeigen, an denen die Ecken der Sectionen mit Buchstaben und Zahlen
+angemarkt waren; er besaß darin eine außerordentliche Ortskenntniß der
+verschiedenen Stellen, und wurde nicht müde ihnen die Vortheile der
+einzelnen Sectionen, mit ihrem Fruchtboden und ihren Weidegründen
+auseinanderzusetzen. Die Krone der Ganzen war aber seiner Aussage nach
+doch die Farm, die er für sie bestimmt hatte, ebenso in Lage, wie in
+Boden, Gebäuden und Baumwuchs, wenn sie auch jetzt noch, wie er übrigens
+vorsichtig dazu setzte, ein wenig #unpromising# (wenig versprechend)
+drein schaute, und der Verbesserungen noch manche bedürfe ehe sie
+_vollkommen_ wäre.
+
+So waren sie eine Strecke recht eigentlich mitten im Walde, der
+nur hie und da von kleinen Lichtungen mehr gestört als belebt wurde,
+hingeritten, ohne selbst von diesem mehr gesehn zu haben, als in ihrem
+Wachsthum gestörte grüne Wände, die ihre zerbrochenen Zweige und
+mishandelten Stämme wie anklagend gen Himmel streckten; als sie endlich
+durch dünnes Kiefergebüsch und über dürren Boden fort, für den selbst
+der Pensylvanier keine Entschuldigung fand, vielleicht eine englische
+Meile berganreitend den Kamm eines Hügels erreichten, und hier ihren
+Pferden überrascht in die Zügel fielen.
+
+»Mein Gott wie schön!« rief der Professor fast unwillkürlich, als sich
+ein weites sonniges Thal, im Ganzen dicht bewaldet und nur hie und da
+von freundlichen grünen Lichtungen unterbrochen, vor ihren Blicken
+soweit das Auge reichte ausspannte, und nur im Hintergrund von blauen,
+wellenförmigen, aber ebenfalls holzbedeckten Hügeln begrenzt wurde. Die
+Wildniß lag hier in aller Pracht und Herrlichkeit vor ihren entzückten
+Blicken, und der Herbst, der in keinem Lande der Welt den Bäumen solchen
+Farbenschmuck verleiht wie in Amerika, hatte den Wald mit seinen
+wundervollen Tinten förmlich übergossen. In roth und grün in gelb und
+braun und lilla schmolzen die Lichter, hier in blitzenden Flächen
+glühend, dort in sanften Schatten verschwimmend abscheinend durch
+einander, und während die jungen schlanken Hickorystämme wie flammende
+gelbe Lichter aus dem dunkleren Hintergrund hervorstachen, prangte Ahorn
+und Eiche in so wundervollem Purpur und saftigem Braun, das nur von dem
+hindurchgeflochtenen in allen Farben schillernden wilden Wein fast noch
+übertroffen wurde, und zitterten die Pappeln mit ihrem silberleuchtenden
+Schmuck in dem blitzenden Sonnenlicht, daß das Auge, geblendet von der
+Pracht, die Wunder dieser neuen Welt kaum zu fassen, zu begreifen
+vermochte.
+
+»Nun? -- wollen wir nicht weiter?« frug der Pensylvanier der diesen
+Farbenreichthum zu oft gesehn, etwas Außerordentliches darin zu finden,
+und jetzt nicht recht begreifen konnte weshalb die Fremden gerade hier
+anhielten, wo eben gar Nichts zu sehen und zu bewundern war, nicht
+einmal ein Eckbaum irgend einer Viertelsection mit zierlichen, auf der
+abgeschlagenen Rinde gemalten Buchstaben -- »hier haben wir allerdings
+Nichts wie Wald, aber ein kleines Stückchen weiter unten kommen wir
+wieder zu einer Farm, und dann ist's genau noch eine Quartersektion bis
+zu dem Platz wohin wir heute wollen.«
+
+»Welches wundervolle Farbenspiel in dem Laub hier« rief aber der
+Professor, die Mahnung kaum hörend -- »sehn Sie nur Hopfgarten, jene
+Gruppe dort hinten, mit dem mächtig dunklen Baum zum Mittelpunkt, aus
+dem die Lichter ordentlich wie Strahlen nach allen Seiten schießen.«
+
+»Und jene schillernden Festons die sich um jene Eiche schlängeln, mit
+den Gold und Purpur durchwirkten Blättern« rief von Hopfgarten, »und den
+Massen dunkelblauer, daran niederhängender Trauben -- oh wie schön, wie
+wunderbar schön ist dieß Land!«
+
+»Ja, 's ist #putty considerable# hübsch« sagte der Amerikaner, der
+Nichts dagegen hatte daß die Fremden den blanken Wald schön fanden,
+während er sein rechtes Bein, der Bequemlichkeit halber nach links mit
+über den Sattel legte und den rechten Arm darauf stemmte, »'s läßt sich
+ansehn, und famoser Boden dazu. Da unten wachsen Zucker-Ahorn und wilde
+Kirschen in Masse, nur ein Bischen viel Holz steht d'rauf, sonst wär'
+es ebenfalls schon lange gekleart worden. Aber das wird schon noch
+hübscher, wenn die Eisenbahn erst hier durchgeht; seht Ihr Leutchen,
+gerade über die kleine Ridge[28] da drüben wo die vielen Hickorys stehn
+-- sie sehn jetzt alle gelb aus -- da soll sie weg gehn, und ein Bruder
+von mir hat sich da oben schon angekauft -- aber 's ist jetzt noch ein
+Bischen einsam da.«
+
+Die Männer konnten sich kaum von dem wundervollen Schauspiel, über dem
+sich der Himmel jetzt klar und rein ausspannte, losreißen, als Ezra
+Ludkins aber glaubte daß sie sich nun lange genug die »Blätter«
+angesehn, warf er sein Bein wieder zurück, angelte ein paar Secunden
+damit nach dem schlenkernden Steigbügel, und ritt dann langsam voraus
+den Hang hinab.
+
+Eine halbe Stunde später, und immer noch in dem prachtvollen Wald
+hinreitend, wobei sie die ziemlich schlechte Straße ganz übersahen,
+erreichten sie endlich die Marken des bezeichneten Platzes, und Ezra
+hatte von dem Augenblick an das Wort. Hier kannte er jeden Baum,
+gezeichnet und ungezeichnet, auf jede Senke in der die Bäume stärker und
+laubiger standen, machte er sie aufmerksam, auf den sprudelnden Bach
+und den lehmig sandigen Boden, auf jede einzelne Pflanze die gern auf
+üppigem Boden wächst, auf die stämmigen Maisstengel endlich als sie
+die kleine Rodung erreichten, auf die guten und hohen Fenzen, auf den
+vortrefflichen Weideboden und die gesunde Lage, auf die netten Häuser
+-- die sich allerdings nur wenig oder gar nicht von den früher gesehenen
+unterschieden, auf das kräftige Vieh, von dem sie einige Stücke im Wege
+trafen, bis sie zuletzt vor der Hütte selber hielten, und ein junger,
+etwas bleich aussehender Mann der nicht weit davon arbeitete, mit der
+Axt ein Ochsenjoch auszuschlagen, auf sie zukam, sie zu begrüßen und
+ihnen, mit Hülfe eines anderen etwa zehnjährigen Knaben die Pferde
+abzunehmen.
+
+Der Pensylvanier, der dem jungen Mann zurief indessen, bis sie wieder
+zurückkämen »etwas zu essen« für sie bereit zu halten, führte die
+Fremden jetzt vor allen Dingen in das Maisfeld selber, wo die Kolben
+noch nicht gepflückt und eingesammelt, aber zum großen Theil nieder
+geknickt waren, damit Spechte und Raben nicht oben hineinpicken
+konnten, und einfließender Regen dann die Frucht anfaulte. Die Stengel
+standen aber in der That kräftig und stämmig da, die Kolben selber waren
+groß und stark, und mächtige Kürbisse lagen, mit dem Mais gepflanzt,
+durch das ganze Feld. Der Boden mußte hier allerdings fruchtbar sein,
+und der Weber besonders konnte sein Erstaunen und seine Freude über das
+herrliche Land kaum zurückhalten.
+
+Auch die Gegend war reizend; die Farm lag in einem kleinen, rings von
+bewaldeten Hügeln eingeschlossenen Kessel, ein nicht großer, aber sehr
+klares Wasser haltender Bach lief munter plätschernd hindurch, und eine
+nicht unbedeutende Anpflanzung von jungen Äpfel- und Pfirsichbäumen,
+die allerdings noch keine Früchte trugen, aber für spätere Jahre reiche
+Erndten versprachen, gaben dem ganzen Platz auch schon eher etwas
+freundliches, wohnliches, und konnten einen guten Anfang bilden zu
+späterer Obstzucht und Gärtnerei. Die Verhältnisse mit dem Land waren
+ebenfalls annehmbar, und vierzig Acker die, wie ihnen der Pensylvanier
+sagte, schon von ihm als Eigenthum vom Staat erworben worden, während
+leicht noch mehr Land, wenn auch nicht gerade mehr zum Congreßpreis, in
+der Nähe zu kaufen lag. Nur die Wohnungen sahen noch wild und unbehaglich
+aus, und nachdem sie einen langen Spatziergang um das ganze Grundstück
+herumgemacht, und auch noch zu einer anderen Rodung geführt waren, wo
+der jetzige Eigenthümer eben begonnen hatte weitere fünf Acker urbar zu
+machen, sein Feld zu vergrößern, gingen sie langsam zu dem Haus zurück,
+in deren Thüre sie eine junge schlanke Frau in die einfache aber
+geschmackvolle selbstgewebte Tracht der Waldestöchter gekleidet,
+freundlich begrüßte.
+
+Es war eine schlanke, fast edle Gestalt mit wundervollem Haar und Auge,
+aber wieder störten den Professor die bleichen Gesichtszüge, störte ihn
+die fast durchsichtige Haut -- nur die Kinder, ein kleiner Bube von drei
+und ein Mädchen von zwei Jahren, sahen frisch und munter aus.
+
+Das Haus war übrigens nur eine der gewöhnlichen Blockhütten, ohne
+Fenster und Ofen, mit einem riesigen Camin der fast die ganze hintere
+Wand einnahm, und ein paar eingetriebene Plöcke auf denen ungehobelte
+Breter lagen, die wenige Wäsche wie ein paar Bücher zu tragen, bildeten
+mit drei ordinairen Rohrstühlen und einem mit der Axt zugehauenen Tisch,
+das ganze Hausgeräth. Auf dem Tisch lag aber ein schneeweißes Tuch
+ausgebreitet, blanke zinnerne Teller und Blechbecher, die ihnen ordentlich
+entgegen blitzten, standen darauf, und eine riesige Kaffeekanne wie ein
+großer steinerner Krug voll Milch schienen die Gäste schon lange erwartet
+zu haben.
+
+»So Kitty, trag auf was Du hast« sagte Ezra Ludkins in englischer
+Sprache, ohne sich auch nur die Mühe zu geben der Frau guten Tag zu
+bieten, »die Herren hier sind schon seit Tagesanbruch auf und draußen,
+und werden Hunger haben -- keine süßen Kartoffeln?«
+
+»Ja wohl Mr. Ludkins« sagte die junge Frau -- »wenn die Herren
+niedersitzen wollen, es ist Alles bereit.«
+
+Der Professor hatte wirklich Hunger bekommen, und ein braunes
+kuchenartiges Gebäck, das ihm aus der einen Schüssel warm entgegenduftete,
+sah so einladend aus, daß er selbst die Examination des inneren Hauses
+bis auf weiteres verschob, und der freundlichen Einladung, von Hopfgarten
+gefolgt, rasch nachkam. Nur der Weber blieb verlegen in der Thür stehn
+und betrachtete sich höchst aufmerksam das große Baumwollen-Spinnrad das
+unfern davon, mit der weißen Flocke noch am aufgewickelten Garn hängend,
+in der Ecke stand. Er dachte gar nicht daran sich mit dem Professor,
+seinem jetzigen Herrn, und dem Herrn Baron aus der Cajüte, an einen
+Tisch zu setzen.
+
+»Nun Mister?« sagte der Pensylvanier -- »keinen Hunger? kommen Sie her
+und fallen Sie zu; hier ist Ihr Platz.«
+
+»Oh ich bitte -- ich kann ja warten« stammelte der Mann.
+
+»Warten? -- weshalb; hier haben wir alle Platz.«
+
+»Aber die Madame« meinte Brockfeld, denn es war allerdings nur noch ein
+Sitz am Tisch frei.
+
+»Kitty? -- die ißt nachher -- kommen Sie nur es wird kalt.«
+
+»Machen Sie doch keine Umstände lieber Brockfeld« sagte ihm aber auch
+jetzt der Professor freundlich -- »hier sind wir nun einmal in Amerika,
+und wo uns da etwas geboten wird müssen wir zulangen.«
+
+»Nun wenn Sie denn befehlen« sagte der Weber, dessen Weigerung fehlender
+Appetit keineswegs verschuldet hatte, und über ein rundes wunderliches
+Gestell, das wie ein abgesägtes Stück Baumstamm aussah und mit einem
+dünnen Bret übernagelt war hintretend, setzte er sich darauf und langte
+tüchtig mit zu.
+
+Den Mittelpunkt der Mahlzeit bildete übrigens ein groß mächtiges Stück
+warm aufgetragener Speck, von dem Ludkins jetzt, der hier förmlich zu
+Hause zu sein schien, große dicke Scheiben abschnitt und jedem vorlegte;
+eine dunkle Sauce wurde dabei herumgegeben, von der sich alle nahmen,
+und der Professor, der sich besonders viel von dem Brode zugelangt, dem
+ihm etwas zu fetten Braten damit nachzuhelfen, hatte seinen Speck kaum
+in die Brühe getunkt und zum Munde geführt, als er die Gabel auch
+erschreckt wieder absetzte, niederlegte und an zu lachen fing.
+
+»Ich habe aus Versehn _Syrup_ zu meinem Fleisch genommen,« sagte er
+dabei schmunzelnd, »das hätte doch curios schmecken sollen.«
+
+»Du hast noch keinen Syrup? -- oh, #beg your pardon#, hier steht er,«
+sagte Ezra freundlich.
+
+»Essen Sie Syrup zum Speck?« frug der Professor, eben nicht angenehm von
+der neuen Kost überrascht.
+
+»Thust Du das _nicht_?« frug der Pensylvanier mit einem halb ungläubigen
+Lächeln.
+
+Die Fremden glaubten sich aber keine Blöße geben zu dürfen und langten
+von da an, ohne irgend eine Einwendung zu machen, wacker zu; aber auch
+das wunderschön aussehende Gebäck mit dunkelgelber krustiger Rinde, das
+dem schönsten Sandkuchen glich, erwieß sich als etwas sehr trockenes,
+bröckliges Maisbrod, das genau so schmeckte als ob wirklicher Sand
+dazwischen wäre, und nur auch in der That mit dem sehr fetten Fleisch
+genießbar schien. Auch gegen die sogenannten _süßen_ Kartoffeln hatten
+sie, schon des Namens wegen, eine Art Widerwillen zu überwinden, und der
+_gebratene_ Speck, den die Amerikaner zum _Gekochten_ aßen, konnte den
+nicht zerstören.
+
+Nichts destoweniger ging die Mahlzeit besser vorüber als sich den
+Umständen nach erwarten ließ. Die Leute waren eben _hungrig_, und da
+schmeckt Manches gut, was der gesättigte Magen selbst mit Widerwillen
+zurückweisen würde; so mit dem heißen Kaffee dazu, standen sie auch
+gesättigt vom Tische auf, ohne übrigens von der Amerikanischen
+Farmerskost, von der sie hier die erste Probe bekommen, sonderlich
+erbaut zu sein.
+
+Vor allen Dingen besichtigten sie jetzt die Gebäude, fanden da aber
+allerdings noch viel zu wünschen übrig, denn die kleine Hütte,
+in der sie gegessen, mit einer Art Speisekammer daneben machte den
+Hauptbestandtheil derselben aus. Dann stand noch ein Maisschuppen etwa
+dreißig Schritt vom Haus entfernt, und eine Entschuldigung für einen
+Stall, ein offenes Gestell, eben nur nothdürftig gedeckt und kaum im
+Stande das dahineintretende Vieh gegen einen Nordweststurm zu schützen,
+da es jedem anderen Winde preisgegeben blieb. Aber die Summe für das
+Ganze war auch, wenigstens nach Europäischen Begriffen nicht hoch. Das
+schon vom Staat gekaufte Land sollte nur sieben Dollar der Acker kosten,
+wobei allerdings das Urbarmachen selbst wie die errichteten Fenzen und
+Hütten besonders zu bezahlen waren. Aber auch die Erndte selber mit dem
+dazu gehörigen Vieh, einige zwanzig Rinder, vielleicht vierzig Schweine
+und zwei Pferde nebst vier Zugochsen erbot sich ihm der Amerikaner
+billig zu überlassen -- einzig und allein nur weil sein Sohn »nach dem
+Westen» zu ziehn beabsichtige, und er selber von der Stadt aus die
+Bebauung des Platzes nicht leiten könne, auch wirklich zu viel mit
+seinen städtischen Einrichtungen zu thun habe, und zu viel Geld dort
+brauche zu allen beabsichtigten Anlagen.
+
+Die für Vieh und andere Einrichtungen geforderten Preise kamen dem
+Professor, wie auch Herrn von Hopfgarten und dem Weber mäßig vor; jedoch
+wollte der Erstere keinesfalls abschließen ohne mit seiner Frau vorerst
+darüber gesprochen und ihr den Platz ebenfalls gezeigt zu haben;
+überdieß konnte er gar nicht dort einziehn ehe noch ein anderes
+Blockhaus dicht neben dem schon stehenden errichtet wäre, dem man dann
+zwei Abtheilungen geben, und die Familie wenigstens so lange darin
+unterbringen konnte, bis er selber im Stande war ein bequemes, und
+seinen Wünschen wie Bedürfnissen entsprechendes Wohnhaus aufzurichten.
+
+Nach allen Einrichtungen, die er sich übrigens schon im Geist machte,
+schien der Professor mehr als halb gewillt die Farm, die er jedoch noch
+zu einem mäßigeren Preis zu bekommen hoffte, zu kaufen. Er konnte ja
+doch auch nicht mit seiner ganzen Familie und der nun einmal engagirten
+Dienerschaft im Lande herumziehn, wo er jedenfalls beinah soviel verzehrt
+hätte, als das ganze Land hier, mit Wohnungen und Vieh kostete -- und
+die Familie hier lassen, während er allein reiste, war fast eben so
+mislich. Das Bedürfniß einen Platz zu haben den er sein nannte, und wo
+er anfangen konnte zu wirken und zu schaffen, kam dazu, und als er auf
+dem Heimweg, während der Pensylvanier mit dem Weber vorausritt, mit
+Herrn von Hopfgarten darüber sprach, und dieser ihm rieth doch am Ende
+nicht zu rasch in einer so wichtigen Sache zu handeln, vertheidigte er
+den Kauf schon, selbst nur den dritten Theil der Hoffnungen angenommen
+die der Amerikaner mit solcher Zuversicht über den Wachsthum der kleinen
+Stadt ausgesprochen hatte, auf das Lebendigste.
+
+Von dem Kaufpreis wollte nun aber Ezra Ludkins Nichts herunter lassen;
+er behauptete schon die billigste Summe angegeben zu haben. Dem Professor
+aber zu beweisen wie er gern erbötig sei Alles in seinen Kräften
+stehende zu thun ihn zufrieden zu stellen, erbot er sich ihm, wenn
+sie sich über den Kauf einigten, noch ein solches Blockhaus an der
+bezeichneten Stelle _unentgeldlich_ neu aufzurichten, wie ebenfalls ihn
+so lange bis das hergestellt sei mit der eigenen Familie, während der
+Weber gleich hinaufziehen sollte mit arbeiten zu helfen ohne weitere
+Bezahlung dafür zu nehmen, zu verköstigen.
+
+Das war ein Vorschlag zur Güte, und am zweiten Tag, nachdem die Frau
+Professorin -- zum ersten Mal in ihrem Leben im Sattel -- auf dem
+vollkommen gutmüthigen Pferd ihrer Wirthin, mit ihrem Mann und dem
+Pensylvanier nochmals hinübergeritten war den Platz in Augenschein zu
+nehmen, wurde der Handel zwischen Ezra Ludkins und Professor Lobenstein
+abgeschlossen, und der Professor -- war Farmer in Indiana.
+
+Von Hopfgarten konnte im Ganzen nicht viel dagegen einwenden, obgleich
+es ihm -- er wußte eigentlich selber nicht recht weshalb -- doch ein
+gewissermaßen unbehagliches Gefühl war, die Damen in _den_ Häusern, die
+sie da oben gefunden, als Bewohnerinnen zurückzulassen. Die Wirklichkeit
+war doch, so sehr er sich dagegen sträubte einzugestehn er wäre mit zu
+poetischen Ansichten nach Amerika gekommen, hinter seinen Erwartungen
+zurückgeblieben, und die blanke Thatsache der Blockhäuser mit dem
+schauerlichen Speck und Syrup ließ sich eben nicht fortphantasiren. Er
+selber hatte sich aber auch schon länger hier aufgehalten, als es im
+Anfang seine Absicht gewesen, denn er wollte vor allen Dingen nach
+Cincinnati, von da nach den Seen hinauf und den Niagarafall besuchen,
+und dann zurück nach New-Orleans, wo er sein meistes Gepäck gelassen, um
+von dieser Stadt eine weitere Tour nach dem Westen zu unternehmen. Jetzt
+war hierzu, besonders die nordische Reise abzumachen, die günstigste
+Jahreszeit, denn der sogenannte Indianische Sommer, der in Nordamerika
+ziemlich den ganzen Herbst umfaßte und einen wolkenleeren blauen Himmel
+über October und November, ja nicht selten bis über die Hälfte des
+December spannte, lag mit seiner wundervollen Reine und Frische auf dem
+Land. Konnte er in diesem seine nördliche Tour beendigen, so blieb ihm
+der ganze Winter für die südliche Reise, und er war dann vielleicht im
+Stande im nächsten Frühjahr -- der erste Eindruck mußte doch kein so
+günstiger gewesen sein, daß er schon wieder an die Abreise dachte
+-- nach Europa zurückzukehren.
+
+Vorher aber hatte er noch etwas auf dem Herzen, dessen er sich erst vor
+allen Dingen entledigen mußte, und zwar Befürchtungen, die in ihm -- er
+wußte sich selber keinen bestimmten Grund dafür anzugeben -- gegen Henkels
+Charakter aufgestiegen waren, und ihn mit Sorge für das Glück der jungen
+Frau erfüllten. Aber er scheute sich diesen in Gegenwart der Damen, die
+er vielleicht unnöthiger Weise ängstigte, Worte zu geben, hätte er nicht
+gerade ihrer Hülfe bedurft, Gewißheit zu erhalten. Den letzten Abend
+also, wie sie in Ludkins Inn beisammen saßen, brachte er zuerst das
+Gespräch auf die beiden jungen Gatten, und die auffällige Veränderung in
+dem ganzen Wesen der jungen, sonst so munteren und lebenslustigen Frau
+während der letzten Tage an Bord, und erst als ein Wort das andere gab,
+und Marie zuletzt gestand, daß der Abschied von der Freundin ihr einen
+unendlich schmerzlichen, ja unheimlichen Eindruck hinterlassen, rückte
+er selbst mit seiner Furcht heraus, und gab dadurch dem Verdacht, der in
+Mariens wie Annas Herzen bis dahin fast unbewußt gelegen, gleichfalls
+Worte.
+
+Vermuthungen und Combinationen halfen ihnen aber Nichts, sie mußten
+sich eben Gewißheit darüber verschaffen, und das war für jetzt nur
+schriftlich möglich. Es ließ sich auch denken, daß sich Clara, wenn ihr
+irgend etwas das Herz bedrücke, schriftlich eher gegen die Freundin
+aussprechen würde, als mündlich, Marie sollte ihr also deshalb schreiben
+-- Stoff und Grund hatte sie ja genug dafür, und rechtfertigte ihre
+Antwort dann den Verdacht, dann wollte von Hopfgarten, wenn er wieder
+nach New-Orleans hinunter kam -- ja _was_ er dann thun wollte, wußte er
+eigentlich selber noch nicht, aber Clara sollte doch wenigstens nicht
+ganz ohne Freund, von Allen vergessen, in der fremden Welt da stehn, und
+war Hülfe und Beistand nöthig, dann fand sich auch vielleicht ein Mittel
+ihn zu leisten.
+
+Henkel hatte dem Professor Lobenstein seine Adresse gegeben, die sich
+von Hopfgarten jetzt ebenfalls in sein Taschenbuch schrieb, und nicht
+allein versprach auf seiner Rückreise aus dem Norden hier wieder
+anzuhalten, sondern sogar seinen Koffer bei ihnen zurückließ, und nur
+seine Reisetasche mitnahm, durch überflüssiges Gepäck bei möglichen
+Abstechern bald dort bald dahin, nicht zu sehr behindert zu werden. Er
+wollte dann auf dem Rückweg, bis wohin jedenfalls eine Antwort von
+New-Orleans eingetroffen war, wieder Briefe mit hinunter nehmen, was
+ihm zugleich eine doppelte Einführung gab, und versprach selber auf
+das Ausführlichste zu berichten, wie er die Verhältnisse gefunden.
+
+Am liebsten wäre er nun freilich von hier zu Lande nach Cincinnati
+gegangen, das Innere mehr und besser in Augenschein nehmen zu können,
+die von Ezra Ludkins im Geist angelegten Schienenwege bestanden aber
+noch nicht; die Tour zu Pferde zu machen, dazu war er nicht Reiter
+genug, fürchtete sich auch, aufrichtig gestanden, nicht etwa vor
+Gefahren, die hätte er eher aufgesucht, nein vor dem Maisbrod und Speck
+der Farmer, was ihm gar nicht gemundet hatte, und beschloß also mit dem
+nächsten stromaufgehenden Dampfboot seine Reise rascher und bequemer
+fortzusetzen.
+
+Das kam aber schon am nächsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang, und ehe
+Hopfgarten selber im Stande gewesen war seine Toilette ordentlich zu
+beenden und sich bei den Damen zu empfehlen. Versäumen durfte er es aber
+auch nicht, und so, während der älteste Knabe des Pensylvaniers nach
+unten gelaufen war das Boot, das sie schon eine Zeitlang hatten stromauf
+dampfen hören, anzurufen und zum Beilegen zu bringen, stopfte er die
+schon bereit gelegten Sachen schnell in die Reisetasche, ließ sich durch
+Eduard, der ihn hinunter begleitete, noch seinen Eltern und Schwestern
+auf das Freundlichste empfehlen und wenige Minuten später Grahamstown
+mit all seinen Hoffnungen künftiger Größe hinter sich.
+
+Als das Boot eben um die nächste Biegung, oberhalb der Stelle wo die
+Stadt lag, einlenken wollte, sah er noch wie ihm Jemand mit einem weißen
+Tuche vom Hügelkamm aus nachwinkte, aber er konnte schon nicht mehr
+erkennen wer es war.
+
+
+
+
+Capitel 9.
+
+Das deutsche Wirthshaus zu New-Orleans.
+
+
+Die »Haidschnucke« hatte indessen, wie schon vorher erwähnt, ihren
+Passagieren gleich am ersten Tage angekündigt, daß sie sich nun, je eher
+desto besser, ihr Unterkommen an Land selber suchen sollten, da das
+Schiff nicht weiter verpflichtet sei für sie zu sorgen. Fast alle waren
+auch, so rasch sie nur ihr Gepäck bekommen konnten, von Bord gegangen,
+selber froh, dem Schiffsleben mit seiner groben monotonen Kost endlich
+enthoben zu sein; nur einige der ärmeren Familien, und unter ihnen
+wunderbarer Weise die Oldenburger, die unterwegs gerade am meisten und
+lautesten über Kost und Behandlung raisonnirt, und sogar häufig davon
+gesprochen hatten die Schiffsrheder, wenn sie nur erst in New-Orleans
+wären, für nicht erfüllte Versprechungen zu verklagen, zeigten noch
+nicht die mindeste Lust sich durch Hinüberschaffen ihrer Kisten an Land
+von dem Fahrzeug zu trennen.
+
+Sie waren, der Sprache natürlich nicht mächtig, von dem sie überall
+umwogenden Menschen-Gewühl wie betäubt, den ganzen Tag in den Straßen
+der ungeheueren Stadt förmlich umher getaumelt, und nur hie und da mit
+anderen Deutschen, in gleichen Verhältnissen zusammengetroffen, die auch
+Arbeit suchten und ebenso wie diese der Meinung schienen, daß man sie
+ihnen auf der Straße anbieten würde. Hie und da fanden sie dabei irgend
+ein deutsches Schild über einer Thür, das entweder einem Wirthshaus oder
+Kleiderladen gehörte, und dort sprachen sie dann vor, wollten sich nach
+den Verhältnissen des Landes erkundigen und wurden, wenn sie in dem
+einen Nichts verzehrten, oder in dem andern Nichts kauften, wenn auch
+nicht mit groben, doch sehr kurzen Worten abgefertigt. So verging der
+Tag, und kleinlaut und niedergeschlagen kehrten sie Abends an Bord
+zurück.
+
+Capitain Siebelt dachte aber viel zu menschlich und vernünftig die
+Leute, besonders da sie Familien hatten, wirklich gleich hinauszujagen;
+auf die paar Mahlzeiten, die ihnen noch gegeben wurden, kam es nicht an,
+der Koch war an dem Tag auch noch darauf eingerichtet, und Abendbrod und
+Frühstück wurde ihnen gern und ohne weiteres Wort gegeben; aber der
+nächste Morgen brachte ihnen keine besseren Aussichten. Vergebens
+wandten sie sich an Alles was nur deutsch sprach und ihnen in den
+Weg lief, Arbeit zu bekommen. »Vor drei Monaten, ja,« so wurde ihnen
+fast überall die Antwort, »wie die Krankheit Alles hinaustrieb aus
+New-Orleans, was eben nicht zu bleiben gezwungen war, da hätten sie
+Arbeit bekommen können, Arbeit und Lohn, so hoch sie ihn nur fordern
+sollten -- bis man sie selbst nach Pottersfield hinausgefahren -- aber
+jetzt waren die Tausende mit anderen Schaaren aus dem Norden wieder
+zurückgekehrt, und Arbeit war schon noch zu bekommen, aber eben nicht
+mehr so leicht; man mußte Geduld haben.
+
+Geduld -- ja das ist ein ganz gutes Wort, wenn die Gewißheit eines
+Erfolgs dahinter sitzt, und der Mensch eben bis dahin, neben seiner
+Geduld _Brod_ hat, davon zu zehren; wo das aber fehlt, und der fremde
+Einwanderer sich zum ersten Mal in seinem Leben ganz allein auf sich
+selber angewiesen sieht, und mit Schrecken fühlt daß er sich eben auf
+sich selber, ohne andere Hülfe, gar nicht verlassen kann, da ist's dann
+freilich eine misliche Sache um die Geduld, und das Menschenherz verzagt
+da nur zu oft, und glaubt sich gleich vom ersten Ansprung ab verloren.
+
+Der Capitain hätte die Leute aber selbst am nächsten Tag noch nicht
+fortgetrieben, und ihnen, wenn auch nicht mehr besonders für sie gekocht
+werden konnte, doch wenigstens Schiffszwieback und etwas kaltes Fleisch
+geben lassen, wenn sie nicht gleich ein Unterkommen finden konnten; der
+Steuermann aber, der sich gerade über diese Burschen die ganze Reise
+hindurch am meisten geärgert, weil ihnen auch gar Nichts recht gemacht
+werden konnte, und kein Essen gut genug war, selbst wenn sich niemand
+Andres darüber beklagte, ließ sich am dritten Morgen auf keine weiteren
+Unterhandlungen mit ihnen ein, befahl den Matrosen die Kisten und
+Kasten, die schon an Deck standen, da das Zwischendeck abgebrochen
+wurde, ohne weiteres auf die Levée zu schaffen, und erklärte dann den
+bisherigen Passagieren daß sie von diesem Augenblick an nichts weiter
+von der Haidschnucke zu erwarten hätten -- »er wolle ihnen nicht
+zumuthen ihr faules Brod und stinkiges Fleisch, den ranzigen Speck und
+den dünnen Thee noch länger zu kauen und hinterzuschlucken.«
+
+Das war wenigstens deutlich, und die Frauen weinten und baten den
+Capitain, als er von Land zurück kam, um Gottes Willen sie nicht
+hier im Elend sitzen zu lassen, sondern lieber wieder mit zurück nach
+Deutschland zu nehmen, wo sie arbeiten wollten Tag und Nacht, ihre
+Passage abzuverdienen -- nur daß sie hier nicht in dem fremden Land auf
+der Straße verderben und umkommen müßten.
+
+Schiffscapitaine haben sonderbarer Weise sehr häufig eine höchst
+ungünstige Idee von dem Inneren Amerikas, das sie nur in sehr seltenen
+Fällen zu sehn bekommen, denn da ihnen häufig Matrosen desertiren, sind
+sie so daran gewöhnt diesen das schrecklichste Schicksal und Hunger und
+Elend zu prophezeihen, daß sie ihre eigenen Prophezeihungen zuletzt
+wirklich selber glauben. Sie fühlen dabei nicht selten ordentlich eine
+Art von Mitleid mit all den unglücklichen Schlachtopfern, die sie in
+das fremde Land transportiren müssen, und die ihrem Elend da höchst
+wahrscheinlich schnurstracks entgegenlaufen; sie aber wieder mit
+zurückzunehmen, so weit lauten ihre Instruktionen nicht, und die Leute,
+die vorher alles Mögliche gethan haben nur von Deutschland nach Amerika
+hinüber zu kommen, müssen nun auch sehen wie sie hier drüben »fertig
+werden.«
+
+Es ist ein schmerzlich, wehmüthiges Gefühl, in Deutschland die langen Züge
+armer Auswanderer zu sehn, die, das Herz wohl voll frischer Hoffnungen,
+aber dabei nur zu oft mit Mangel und Noth kämpfend, die Heimath mit Frau
+und Kindern verlassen, in die Fremde zu ziehn. Unpraktisch dabei bis zum
+Äußersten, scheu und schüchtern vor Jedem, der einen besseren Rock trägt
+wie sie, herumgestoßen und geprellt, so lange noch etwas aus ihnen
+herauszupressen ist, in der dritten oder vierten Klasse der Eisenbahn,
+wenn sie so viel Geld erschwingen können, oder zu Fuß mit den schweren
+Packen auf den Rücken oder den Kindern auf dem Arm, _arbeiten_ sie sich
+dem Hafenplatz zu, das Schiff zu erreichen; und wenn sie dann dort am
+Strande sitzen und des Bootes harren, das sie hinüber führen soll zum
+großen Schiff, möchte man weinen über die Unglücklichen, die die Gräber
+ihrer Väter verlassen haben in Schmerz und Kummer, und die Scholle jetzt
+meiden müssen, an der ihr Herz mit allen Fasern hängt.
+
+Und doch ist _der_ Augenblick, so schrecklich das auch klingt,
+beneidenswerth und glücklich im Vergleich mit dem, wo sie das neue
+Vaterland betreten haben, und rathlos -- trostlos, verzweifelnd an
+seinem Ufer stehn -- Fremde, Ausgestoßene an einer Küste, von der es
+keinen Rückweg für sie giebt.
+
+Als sie die Heimath verließen, und wenn das auch in Sorg' und Noth
+geschah, ihr Herz war doch voll Hoffnung und schlug dem neuen Vaterland
+in freudiger Zuversicht entgegen. »Wir wandern aus!« in dem Bewußtsein
+lag ihnen reicher Trost für Alles was sie hier traf und niederdrückte.
+Alle Beschwerden, die sie ertragen mußten, der Schmerz der Trennung
+von ihren Lieben, von dem eigenen noch so kleinen Heerd, verschwand nur
+in dem einen Wort: _Amerika_! und hinter ihnen lag aller Gram und Kummer,
+wenn nicht vergessen oder leicht und herzlos abgeschüttelt, doch
+gemildert von dem frohen Licht, das ihre eigene Phantasie, die
+Zuversicht, mit der sie hoffend dem neuen Leben entgegen gingen,
+darüber warf.
+
+Viele malen sich dann noch das Land mit bunten Farben aus, Luftschlösser
+steigen empor mit Zauberschnelle, die eigenen wie der Freunde Herzen
+tröstend, betäubend -- Amerika, oh nur den Fuß erst dort an Land gesetzt
+und Alles, Alles ist vorbei, was sie da noch mit Sorge, Ängsten füllen
+könnte.
+
+_Und dort?_ -- zerknirscht, gebrochen, mit _jeder_ Hoffnung geknickt,
+da ihnen nicht beim ersten Landen gleich der Amerikaner froh die Arme
+öffnet, von den Fremden unbeachtet, von ihren Landsleuten verlassen,
+zurückgestoßen, stehen sie da, jedes Trostes baar, Enttäuschung, Reue,
+Angst in den bleichen Zügen, und die wogende kalte Menschenmenge sehn
+sie vorüber drängen, wie der Schiffbrüchige, der sich auf nackten
+Felsen gerettet vor dem augenblicklichen Tod, die blitzenden Wellen
+vorbeiströmen sieht, und nicht den Muth hat, mit starkem Arm und mit
+entschlossenem Muthe sich dahineinzuwerfen und die Fluth zu theilen. Oh
+es zerreißt Einem das Herz, die Unglücklichen so da stehn zu sehen, und
+nicht helfen zu können _aller_ Noth.
+
+Wenn sie aber unrecht hatten, im alten Vaterland sich blind und
+leichtsinnig zu wilden überspannten Hoffnungen hinzugeben, so haben sie
+das doppelt jetzt, wo gleich beim ersten Anlauf der erste Sprung nicht
+etwa schon misglückt ist, nein wo sie noch gar nicht einmal zum Sprunge
+angesetzt, und nun jenen schmalen Küstenstreifen, auf dem fast täglich
+hunderte von Auswandern landen und in dem Menschenstrom spurlos,
+unbeachtet verschwinden, für das Land selber halten.
+
+Der Hafenplatz ist erst die Brandung der neuen Welt, die Bank an der
+sich alle Wellen brechen, wild und toll aufschäumend dabei, einander
+überstürzend, wieder hebend. Durch die hindurch muß erst der Auswanderer
+den schwanken Kahn zum Ufer führen, und darf sich nicht durch das wilde
+Tosen derselben betäuben, entnerven lassen; ruhig nur das Steuer in der
+Hand, und fest den stürzenden Wellen auf den Kamm geschaut, der Gefahr
+zu entgehn, den günstigen Moment zu benutzen, muß er stehn, nicht blos
+vorn im Bug sitzen, die Hände im Schooß, und die Blicke verzweifelnd
+in die Wolken gerichtet. Hat er den Muth gehabt sich von der Heimath
+loszureißen, darf er sich jetzt auch nicht davor fürchten ein wenig
+herüber und hinüber gestoßen zu werden. Das ist ein Übergang, und ein
+Jahr später nur und er stößt selber mit.
+
+Ein Bild trostloser Niedergeschlagenheit saßen die Oldenburger aber, so
+gewaltsam hinausgestoßen in die Welt, auf ihren Kisten an der Levée, die
+Männer mit den Händen in den Taschen, an die Hessen denkend, die sie
+weiter oben in ähnlicher Lage gesehn, und gleich verzweifeltes Loos für
+sich erwartend, die Frauen ihre Kinder im Arm, die Augen voll Thränen,
+die Herzen voll Kummer und Sorge für die Zukunft.
+
+»Hallo Ihr Leute, Ihr sitzt ja da als ob Euch die Petersilie verhagelt
+wäre« sagte da plötzlich eine freundliche Stimme, in rein deutschem
+Dialekt -- »ist Euch Jemand gestorben oder habt Ihr Euer Geld in den
+Strom fallen lassen?«
+
+»Gestorben ist Niemand, und unser Geld fällt schon nicht weg; dafür
+sind wir sicher!« sagte der eine der Leute den Fremden finster und
+mistrauisch betrachtend, denn was sie bis jetzt von ihren Landsleuten
+gesehn, war gerade nicht geeignet sich sehr nach ihrer weiteren
+Bekanntschaft zu sehnen. Nur die Frauen schauten rasch und halb voll
+Hoffnung zu dem _Deutschen_ auf, der sie so freundlich angeredet, und
+dabei so anständig in feiner weißer Wäsche und breiträndigem Strohhut,
+mit einer großen goldnen Uhrkette über die feingestreifte Weste,
+gekleidet ging.
+
+»Oh Ihr wartet wohl auf einen Wagen, Euer Gepäck in die Stadt hinauf zu
+bringen« sagte aber der Deutsche wieder -- »habt Ihr schon ein
+Kosthaus?«
+
+»Kosthaus« -- wiederholte der eine der verheiratheten Männer mit einem
+kaum unterdrückten Seufzer und einem halbscheuen Blick nach Frau und
+Kind -- »Kosthaus -- ich möchte wissen was uns ein Kosthaus helfen
+sollte -- wenn wir nur erst einen Platz wüßten wo wir überhaupt Kost
+bekämen, das Haus wollten wir ihnen gern schenken.«
+
+»Oh, _so_ stehn die Sachen?« lachte der Deutsche wieder -- »Ihr habt
+kein Geld? -- ja dann müßt Ihr freilich arbeiten.«
+
+»Habt Ihr Arbeit?« riefen die Männer rasch und zugleich.
+
+»Ich gerade nicht« lachte der Deutsche, »aber wenn Ihr _die_ haben
+wolltet, die wäre leicht genug zu bekommen.«
+
+»Aber wo?« rief der Erste von den Oldenburgern wieder, »wir haben uns
+schon fast die Schuhsohlen abgelaufen durch die Stadt, und Niemand hat
+uns haben wollen.«
+
+»Haben wollen« sagte der fremde Deutsche kopfschüttelnd -- »Ihr seid
+nicht an die rechte Schmiede gegangen, das ist die ganze Geschichte; da
+möcht' ich die größte Wette eingehn, daß ich Euch alle miteinander in
+drei Tagen unterbrächte. Was habt Ihr für ein Geschäft?«
+
+»Geschäft? -- wir sind Bauern.«
+
+»Bauern? -- hm, das ist allerdings schon schwieriger, aber für eine
+Weile könntet Ihr auch schon einmal was anderes angreifen. Wenn der
+Mensch Lust hat geht Alles.«
+
+»Hier werden wir auch wohl noch gefragt werden ob wir Lust haben«
+brummte der Erste wieder.
+
+»Aber wo ist die Arbeit zu kriegen?« frug jetzt eine der Frauen, »lieber
+Gott wir wollen ja gerne arbeiten, wenn wir nur für uns und die Kinder
+Brod haben.«
+
+»Brod?« lachte der Fremde, »um Brod allein wird man auch hier eine Hand
+regen -- wenn nicht Fleisch und Gemüse und Kaffee wie das sonst Nöthige
+dabei ist, soll's der Henker holen; für Brod allein würden wir hier
+wenig Arbeiter bekommen. -- Aber hier auf der Straße könnt Ihr doch nicht
+liegen bleiben« setzte er dann hinzu, indem er seine Uhr aus der Tasche
+nahm und nach der Zeit sah; »es ist jetzt eben halb zwölf, wenn Ihr Euch
+dazu haltet, könnt Ihr noch gerade zum Mittagsessen im Gasthaus sein.«
+
+»Mittagsessen« seufzte aber eine der Frauen -- »die paar Groschen die
+wir noch haben, dürfen wir nicht für Mittagessen hinauswerfen, wer weiß
+ob nicht Einer von uns krank wird in dem fremden Land, und dann brauchen
+wir sie nöthiger.«
+
+»Ja krank -- jetzt wird Niemand hier mehr krank« lachte der Deutsche,
+»jetzt haben wir hier die gesunde Zeit, da ist's in New-Orleans besser
+wohnen wie in New-York. Aber Ihr braucht kein Geld um in ein Wirthshaus
+zu gehn.«
+
+»Na, umsonst werden sie uns auch nicht hier füttern.«
+
+»Nein -- das würdet Ihr auch gar nicht verlangen« sagte ihr neuer
+Freund ganz unbefangen, »aber Ihr geht ganz einfach in das erste beste
+Gasthaus, stellt Eure Sachen dort ein, eßt und trinkt was Ihr braucht,
+und zahlt so bald Ihr könnt. Glaubt Ihr denn nicht daß so etwas alle
+Tage hier vorkommt?«
+
+»Ja aber wo würden sie uns denn da so aufnehmen« frug der Mann
+verwundert.
+
+»Wo? ich sage Euch ja im ersten besten Gasthaus -- ich gehe mit Euch
+die nächste Straße hinunter, und ich wette wir sind noch keine tausend
+Schritt gegangen, so seid Ihr zu Haus und könnt Euere Beine unter einen
+gedeckten Tisch strecken.«
+
+»Du, das ist Einer von denen wo sie uns in Deutschland von erzählt
+haben« flüsterte der eine dem anderen Bauer zu, »daß sie den Deutschen
+auflauern und sie seelenverkaufen.«
+
+»_Schaafskopf_ verkaufen hätte ich bald gesagt« brummte aber der Andere
+eben so leise -- »ein gedeckter Tisch wird unseren Seelen wahrhaftig
+keinen Schaden thun -- ich glaube nur nicht daß er's kann.«
+
+»Aber wenn es nun doch Einer von denen ist, die einem armen Auswanderer
+auch das Letzte abjagen was er mitgebracht hat?«
+
+»Und was soll er _uns_ denn etwa abjagen, unser Geld? -- da wird er sich
+schneiden, und unsere Sachen? -- die dürfen sie uns nicht nehmen, das
+leidet die Regierung nicht.«
+
+»Ja die Regierung wird sich was d'rum kümmern« meinte der Erste wieder.
+
+»Na adieu Ihr Leute« sagte der Mann jetzt, indem er sich den Hut etwas
+fester in die Stirn drückte, und sich abdrehte, als ob er gehen wollte,
+»ich sehe es gefällt Euch hier auf der Levée, und hier in Amerika kann
+Jeder thun was er will; hier sind wir Alle freie Leute.«
+
+»Aber warten Sie doch nur noch einmal einen Augenblick« rief die eine
+der Frauen ängstlich und besorgt -- »lieber Gott, wenn Sie uns Arbeit
+verschaffen könnten, die wollen wir ja doch gar so gerne haben; sagen
+Sie uns nur _wie_.«
+
+»Ja Kinder aus dem Ärmel kann ich sie auch nicht schütteln« lachte
+der Fremde, »aber ich habe eine Menge Bekannte hier, die viel Leute
+brauchen, und am liebsten Deutsche anstellen, und wenn Ihr Euch eben,
+wie ich das wohl glaube, keiner Arbeit scheut, so sollt Ihr da bald
+untergebracht sein, und zwar nicht etwa wie in Deutschland mit sechzehn
+oder achtzehn Thaler Lohn _jährlich_, und einer Kost die man hier kaum
+seinen Schweinen vorwerfen würde, sondern mit drei Mal Fleisch täglich,
+wie es überall Sitte ist, und mit Kaffee Morgens und Abends Thee.
+
+»Und da sollen wir so lange in das Wirthshaus gehn?«
+
+»Wenn Ihr lieber hier auf der Levée sitzen bleibt kann's mir auch recht
+sein« lachte der Mann, »wenn Euch aber Euere Kinder hier krank werden,
+könnt Ihr einem Doktor eben so viel bezahlen nach ihnen zu sehn, wie Ihr
+in Deutschland das ganze Jahr verdient habt -- nachher ist Euer Geld gut
+angelegt. Aber wie gesagt, Jeder thut hier was ihn freut. Ich will mich
+aber doch für Euch nach Arbeit umsehn, und wenn Ihr hier bleiben wollt,
+so komme ich morgen oder übermorgen wieder her, und sage Euch Antwort.«
+
+»Darf denn einmal Einer von uns mit Ihnen gehn?« frug da der Erste
+wieder, »daß wir nur erst einmal den Platz finden wo sie uns aufnehmen,
+denn unsere Sachen möchten wir nicht in Versatz geben; man weiß nachher
+nicht wie's wird.«
+
+»Aber Euere Sachen müßt Ihr doch unter Dach und Fach bringen« lachte der
+Mann, »seid Ihr närrische Burschen! die könnt Ihr doch nicht derweile
+vor die Thür setzen, und wenn Ihr eine ganze Woche alle zusammen im
+Wirthshaus läget, zahlte die nächste Woche Arbeitslohn Euere sämmtlichen
+Schulden.«
+
+»Und was bekommt man hier den Monat?«
+
+»Das geht hier nicht Monatweis, das geht nach dem Tag; die Leute die an
+der Levée und auf den Dampfbooten arbeiten, bekommen einen Dollar #pr.#
+Tag.«
+
+»Ja, aber da brauchen sie Niemanden mehr.«
+
+»Seid Ihr überall an der Levée gewesen?« frug der Mann, »die Levée ist
+wohl sieben englische Meilen lang.«
+
+»Überall wohl nicht, aber doch an _vielen_ Plätzen.«
+
+»Nun ja, _vielen_, das will Nichts sage; nein ich werde Euch gleich eine
+#dray#[29] wie man hier sagt, oder einen Güterkarren besorgen, Euere
+Sachen in die Stadt zu schaffen, und dann sind wir in zehn Minuten
+untergebracht.«
+
+»Oh dazu brauchen wir keinen Karren« riefen aber die beiden; »die packen
+wir auf und tragen sie selber, wenn's weiter Nichts ist -- die Frauen
+tragen die zwei da, und wir die hier, mein Junge bleibt bei den Übrigen
+zurück und die holen wir dann nachher.«
+
+»Gut, wie Ihr wollt; aber Leute das muß ich Euch gleich sagen, lange
+Zeit kann ich hier nicht mehr stehn bleiben, denn ich habe noch viel zu
+thun, und hier schon mehr Zeit versäumt als ich vor meiner eignen
+Familie verantworten möchte. Wir haben hier ein Sprichwort in Amerika
+»Zeit ist Geld« und das werdet Ihr wohl noch ebenfalls kennen lernen.«
+
+Es bedurfte übrigens keines weiteren Zuredens von seiner Seite, denn den
+armen Teufeln, die sich noch vor wenigen Minuten vor Hunger und Noth
+gefürchtet hatten, stak der versprochene gedeckte Tisch jetzt im Kopf,
+auf dem sie im Geist jetzt schon alle geträumten Herrlichkeiten der
+neuen Welt aufgestapelt sahen, und nach kurzer Berathung untereinander
+griffen sie ihre großen, mit eisernen Henkeln versehenen Koffer auf und
+baten den Fremden, hinter dem sie gleich darauf herkeuchten, ihnen den
+Weg zu zeigen.
+
+Sie hatten nicht weit zu gehn; gleich die nächste Straße hinauf, die
+nach der Vorstadt Lafayette hineinlief, über die zweite Queerstraße hin,
+leuchtete ihnen schon von fern ein großes weißes Schild entgegen, auf
+dem mit großen schwarzen Buchstaben die Worte »_Deutsches Gasthaus zum
+deutschen Vaterland_« standen.
+
+»Dort ist gleich ein deutsches Wirthshaus; wollen wir anfragen?« frug
+sie ihr Führer.
+
+»Ja wenn Sie glauben« meinte der eine Oldenburger.
+
+»Eins ist so gut wie das Andere,« sagte Jener achselzuckend -- »setzt
+nur erst einmal Euere Kiste vor die Thür, und wir wollen hinein gehn und
+mit dem Mann sprechen; nachher könnt Ihr ja dann noch immer thun was
+Euch gut dünkt.«
+
+Dagegen ließ sich Nichts sagen, und die Männer betraten gleich darauf
+einen kleinen, ziemlich engen Saal, der als Schenkzimmer benutzt und
+durch einen etwas schmutzigen weißen Vorhang von dem nächsten Gemach, in
+dem sie viele Stimmen hörten, getrennt wurde. Ein Schenktisch war hier
+an der einen Seite aufgestellt, auf dem eine Masse umgedrehte leere
+Gläser und einige kleine Flaschen standen, während dahinter, auf langen
+Regalen, drei oder vier Reihen mit verschiedenen Spirituosen gefüllte
+gläserne Karaffen geordnet und mit dazwischengelegten Orangen und
+Citronen verziert waren. Hinter dem Schenktisch, oder der »#bar#« wie
+ein solcher Platz in Amerika genannt wird, stand ein junger stämmiger
+Bursche von vielleicht fünf oder sechs und zwanzig Jahren, mit glatt
+zurückgekämmten blonden Haaren, fast auffallend großen Ohren, stieren,
+aus dem Kopf ordentlich herausstehenden blauen Augen, und einem sehr
+runden, halb geöffneten Mund, was ihm ein sehr erstauntes überraschtes
+Aussehn gab, sonst aber so leicht und bequem an- oder vielmehr ausgezogen,
+wie das nur irgend möglich war. Er trug Sommerhosen und Weste, aber
+weder Rock noch Jacke, und die Hemdsärmel bis hoch über die Ellbogen
+aufgekrempelt, wobei er die sehnigen muskulösen Arme auf dem Schenktisch,
+etwas weit auseinander, aufgestemmt hatte, und mit vorgebeugtem Körper
+die Neuangekommenen gerade so anstarrte, als ob er sich nur erst einen
+von ihnen aussuchen und diesem dann augenblicklich auf den Hals springen
+werde.
+
+»Hallo Jimmy« rief der Fremde in ziemlich vertraulichem Ton, als er zwei
+von den Männern, die verlegen an der Thür stehn blieben, hier eingeführt
+hatte -- »wie gehts Mann, immer noch frisch und munter?«
+
+»Ja wohl Schentelmen« sagte Jimmy, drei frische Gläser auf dem Tisch
+umdrehend und die Frage etwa so beantwortend, als ob sich der Mann
+erkundigt hätte ob er noch etwas zu trinken habe -- »was Ihr Herz
+begehrt -- was solls sein?«
+
+»Nun ich nehme einen Gin cocktail«[30] sagte der Führer -- »und was
+trinkt Ihr, Leute? -- kommt nur herein, das geht jetzt in Einem hin, und
+trinken müssen wir doch.«
+
+Die Deutschen bedurften erst noch einer Nöthigung, während sie der
+Ausschenker oder #barkeeper#, wie diese Leute sämmtlich heißen, mit
+immer höher steigenden Augenbrauen und immer stierer werdenden Augen,
+ohne einen Blick von ihnen zu verwenden, anstarrte. Endlich entschlossen
+sie sich nach einem Glas Bier zu fragen, das sie durch eine ihnen
+merkwürdig erscheinende Vorrichtung aus einem Zinnrohre eingeschenkt
+bekamen, das mit einem niedergebogenen Schlauch versehn aus dem
+Schenktisch auflief, und durch ein hinter demselben angebrachtes
+Pumpwerk aus dem Keller, oder wenigstens dem in die Erde gegrabenen Faß
+herauf, gespeißt wurde.
+
+»Nun Jimmy trinkst Du Nichts?« sagte der Fremde.
+
+ [Illustration: Capitel 9.]
+
+»#Thank you#«[31] sagte Jimmy, füllte sich in ein Glas ein paar Tropfen
+Brandy, und goß es auf einen Schwung hinter, fuhr dann mit den geleerten
+Gläsern blitzschnell unter den Schenktisch in einen dort angebrachten
+Kübel mit Wasser, schwenkte und trocknete die Gläser, die wieder
+auf ihren alten Platz kamen, und seinen Händen dann eine gleiche
+Gefälligkeit erweisend stemmte er die Arme wieder wie vorher auf den
+Tisch und sagte:
+
+»#Two bits!#«[32]
+
+Der Fremde rief ihm aber auf Englisch ein paar Worte zu, welche die
+Auswanderer nicht verstanden und der #barkeeper#, der sie jetzt noch
+viel stierer ansah als vorher sagte plötzlich:
+
+»Hier boarden?«
+
+»Die Leute verstehn noch kein Englisch Jimmy, und wissen nicht was
+boarden ist -- _wohnen_ wollen sie hier allerdings -- habt Ihr Platz?«
+
+»#Lots#« lautete die lakonische Antwort.
+
+»Gut, dann zeigt ihnen einen Platz wo sie ihr Gepäck unterbringen und
+wohin wir die Frauen mit den Kindern schaffen können -- wie viel macht
+es die Woche #à person?#«
+
+»Drei Dollar ohne Bitteres --«
+
+»Unsinn, Bitteres, wenn sie trinken wollen zahlen sie's apart; sie
+werden auch schwerlich eine Woche hier sein, sondern gleich auf Arbeit
+gehn -- hier Nichts im Hause, Jimmy?«
+
+»Arbeit?« lachte der Barkeeper mit einem breiten Grinsen wobei ihm die
+Augen fast aus dem Kopf herausfielen -- »wir sind froh daß wir selber
+Nichts zu thun haben.«
+
+»Nun macht Nichts, wollen das schon besorgen -- Also schafft die Sachen
+nur hier herein, der Mann da wird Euch gleich eine Stelle zeigen, wohin
+Ihr sie bringen könnt, und Jimmy, seid so gut notirt es Euch -- sieben
+Personen« setzte er dann auf Englisch hinzu »und die vier Kinder können
+wir zwei rechnen.«
+
+»Alles in Ordnung Mr. Messerschmidt« antwortete ihm der #barkeeper#
+ebenso -- »doch Alles sicher?«
+
+»Alles --« sagte der Mann, der sich der Deutschen so freundlich
+angenommen, und dann sich wieder in ihrer Sprache zu ihnen wendend,
+setzte er hinzu -- »Euere Tochter da, werde ich wahrscheinlich selber
+bei einer entfernten Verwandten von mir unterbringen können, darüber
+bringe ich Euch aber erst morgen Antwort; unter der Zeit laßt es Euch
+übrigens wohl sein und macht's Euch bequem. Ihr habt hier ein eben so
+gutes Recht zu wohnen wie jeder Andere und bezahlt eben so gut dafür,
+ob nun das gleich baar auf den Tisch oder erst in drei oder vier Wochen
+ist, bleibt sich ganz gleich. So #goodbye# Jimmy -- adieu Ihr Leute
+-- ich werde morgen einmal wieder nachfragen wie es Euch geht.«
+
+Der Mann verließ mit einem freundlichen Kopfnicken gegen die Leute das
+Schenkzimmer, und die Oldenburger, von dem Barkeeper dazu angewiesen,
+vor dem sich die Kinder aber fürchteten, weil er ihnen heimlich
+Gesichter schnitt -- schafften bald ihre großen hölzernen Koffer mit
+Geschirr und Allem, seitwärts von der Hausthüre über einen engen Hof,
+eine schmale wacklige Stiege hinauf und in ein kleines Käfterchen, das
+der Mann ein Zimmer nannte, und wo fünf Betten so dicht neben einander
+aufgestellt waren, daß sie auch eben so gut als eines gelten konnten. In
+die mittelsten mußte man auch in der That über die beiden Eckbetten hin
+oder über ihre Fußenden hinübersteigen.
+
+Ungemüthlich genug sah der Platz ohne dem aus; die Betten waren noch
+nicht einmal gemacht, und das Bettzeug sah gelb und gebraucht aus,
+mit kleinen Blutflecken hie und da wie gesprenkelt, ein böses Zeichen
+vorhandenen Ungeziefers. Die Fenster waren ebenfalls seit Jahren nicht
+gewaschen, und die Spinnweben füllten die Ecken mit ihren Generationen.
+Zwischendeckspassagiere sind aber in der Art gerade nicht eigen, und
+an solche »Unbequemlichkeiten« wie sie es gewöhnlich nennen, noch vom
+Schiff aus viel zu sehr gewöhnt, wenigstens gleich in den ersten Tagen
+dagegen zu protestiren, besonders wenn sie wenig oder gar kein Geld
+bei sich haben, und sich dadurch gedrückt und nur geduldet fühlen. Die
+Oldenburger nun gar dachten nicht daran sich auch nur über das Geringste
+zu beschweren, hatten sie doch ein Dach gefunden unter dem sie gegen
+Regen geschützt lagen, und ein gedeckter Tisch war ihnen ebenfalls
+versprochen worden. Was konnten sie mehr verlangen, wo sie noch wenige
+Stunden vorher in Verzweiflung an der Levée draußen gesessen, und keinen
+Platz gewußt hatten ihr Haupt hinzulegen.
+
+Noch waren sie übrigens mit dem Ordnen ihres Gepäcks nicht einmal
+fertig, als eine Klingel unten tönte, und der Barkeeper wieder in
+das Zimmer stierte und ihnen ankündigte es wäre »zu Dinner gebellt
+worden.«[33]
+
+»Dinner gebellt?« rief der eine von den Männern erstaunt -- »_wir_ haben
+keinen Hund mit.«
+
+»Hund mit? -- wer spricht denn von einem Hund?« brummte aber der
+Barkeeper, »zu Dinner ist gebellt -- das Essen ist fertig und Ihr müßt
+Euch bereit halten; wenn's wieder läutet wird gegessen; aber die Männer
+kommen zuerst dran, und nachher die Weibsen mit den Kindern -- s'ist
+wegen dem Platz.«
+
+»Ja so« sagte der Mann, »nun versteh' ich's -- wir können noch kein
+englisch.«
+
+Der Barkeeper sah sie wieder eine ganze Weile, ohne eine Miene zu
+verziehen stier an, drehte sich dann um, schnitt dem jüngsten Kind ein
+so furchtbares Gesicht daß dieses laut aufschrie, und schlug dann die
+Thür hinter sich in's Schloß daß die Scheiben klirrten.
+
+»Ist das ein sonderbarer Mensch« rief die eine Frau, »und wie er spricht
+-- aber wir sollen jetzt zum Essen hinunter gehn -- ich fürchte mich
+ordentlich.«
+
+»Fürchten? -- vor dem Essen? na ja« sagte ihr Mann -- »ich möcht' mir
+lieber die Ärmel dazu aufstreifen, so 'nen Hunger hab' ich; aber kommt
+nur, da bimmelts schon wieder -- was der nur mit dem _Bellen_ wollte?«
+
+Es blieb ihnen indeß keine lange Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn
+die Glocke unten läutete allerdings schon wieder, und die Männer
+schlugen sich deshalb rasch den Staub ein wenig mit den Händen von den
+Ärmeln, dem Rockkragen und den Hosen vorn herunter, und stiegen die
+Treppe nieder, wo ihnen das merkwürdige Gesicht des Barkeepers, der
+seine Nase an einer der Fensterscheiben des vorderen Gebäudes breit und
+weiß drückte, und dadurch nur noch wunderlicher aussah, schon zunickte
+sie sollten machen daß sie herein kämen. Das ließen sie sich denn
+auch nicht zweimal sagen, und betraten gleich darauf einen ziemlich
+geräumigen Speisesaal, in dem eine lange Tafel aufgestellt, mit Speisen
+bedeckt, und schon auch fast vollständig von Gästen besetzt war.
+
+»Hallo die Oldenburger!« rief ihnen da eine bekannte Stimme vom anderen
+Ende der Tafel, wo noch ein paar freie Sitze waren, entgegen, »wo kommt
+_Ihr_ her, vom Schiff?«
+
+Die Leute schauten überrascht dorthin, und erkannten jetzt zu ihrem
+Erstaunen eine ganze Menge bekannte Gesichter an der Tafel, die, so
+wenig sie sich an Bord um sie bekümmert hatten, jetzt doch freundlich
+grüßend nach ihnen herübernickten, und ganz zufrieden damit schienen
+unter den vielen Fremden um sie her ebenfalls Bekannte zu treffen.
+
+In der That hatten sich aber wirklich ein paar ganze Coyen von den
+Zwischendeckspassagieren der Haidschnucke hier versammelt, von denen die
+meisten schon am ersten Morgen nach ihrer Ankunft, und zwar durch einen
+in der Stadt gefundenen Deutschen herrecommandirt, eingezogen waren.
+
+Herr Messerschmidt mußte in dieser Zeit ungemein thätig gewesen sein,
+und die Oldenburger sahen die Leute hier richtig wieder Coyenweis,
+alter Gewohnheit nach, neben einander sitzen und erkannten die Herren
+Steinert, Mehlmeier und Schultze, und neben diesen den schwärmerischen
+Theobald, während nur ein paar Stühle weiter, durch ein paar fremde
+Gesichter getrennt, auch Herrn Theobalds anderer Coyengenosse und
+Schlafkamerad der finstere schwarze Gesell der sich Meier an Bord
+nannte, Platz genommen. Aber seine Frau saß nicht neben ihm, obgleich
+mehrere andere Frauen zugegen und keineswegs, wie der Barkeeper gegen
+die Oldenburger angedeutet hatte, von der ersten Tafel ausgeschlossen
+waren.
+
+Diese ließen sich aber immer noch mit einer gewissen Scheu an dem, für
+ihre Begriffe kostbar besetzten Tische nieder; das verlor sich jedoch
+schon bedeutend nach der Suppe, und verschwand gänzlich wie sie die rege
+Geschäftigkeit der um sie her Essenden bemerkten, bis sie eben so tapfer
+zulangten als irgend Einer der Übrigen.
+
+Das Gespräch bei Tisch führte indessen fast allein ihr früherer
+Reisegefährte Steinert, der hier schon so zu Hause schien, als ob er
+seit Jahren Stammgast gewesen, und mit allen Leuten bei Tisch auch
+bekannt geworden sein mußte, denn er nannte sie sämmtlich bei Namen,
+und lachte und erzählte nach Herzenslust. Mehlmeier amüsirte sich dabei
+am meisten über seine Witze, die er aber etwas schwer begriff, und
+gewöhnlich erst dann an zu lachen fing, wenn die Übrigen das Erzählte
+schon beinah wieder vergessen hatten. Da er aber bei seinem Lachen ein
+sehr weinerliches Gesicht schnitt, merkten das nur seine nächsten
+Bekannten.
+
+Schultze beobachtete wieder nach seiner gewohnten Weise die ganze
+Tischgesellschaft, hielt, wenn das heimlich und unbemerkt geschehen
+konnte, seine aufgehobene und breitgedrehte Hand halb unter die
+verschiedenen Physionomieen und Profile und fuhr dann, wenn sich Einer
+der also auf's Korn genommen zufällig nach ihm umdrehte, so zusammen und
+griff rasch nach Messer oder Gabel oder seinem Glase, als ob er irgend
+etwas Böses begangen hätte und dabei erwischt wäre.
+
+Theobald auf der einen Seite und Meier auf der anderen sprachen bei
+Tisch kein Wort und beendeten, wie die meisten der Gäste, so rasch als
+möglich ihre Mahlzeit, und als Alle aufgestanden waren, wurden die
+Teller und Messer und Gabeln gewechselt, dann die Frauen und Kinder mit
+den Hausgenossen in den indeß von den Übrigen geräumten Speisesaal
+gerufen, und die zweite Tafel hielt, unter dem Vorsitz des Barkeepers
+der einen mächtigen Rinderbraten unter sie vertheilte, ihre Mahlzeit.
+
+Nach Tisch zerstreuten sich fast sämmtliche Gäste durch die Stadt, ein
+Theil seinen Geschäften nachgehend, ein anderer, der noch keine hatte,
+zum Vergnügen oder aus langer Weile durch die Straßen zu schlendern, die
+für sie des Neuen und Eigenthümlichen auch genug boten. Das Abendessen
+war auf sechs Uhr angesetzt worden, und verlief dann in eben der Ordnung
+wie der Mittagstisch, nur mit dem Unterschied daß die meisten der Gäste
+nicht mehr ausgingen, oder nach einem kürzern Spatziergang durch die
+Stadt oder über die Levée, die um diese Tageszeit den Sammelplatz
+der vornehmen Welt von New-Orleans bildet, wieder in das Gasthaus
+zurückzukehren, und dort bei einem Glase gutem französischen Wein oder
+schlechtem Cincinnati-Bier die Erlebnisse des Tages zu besprechen.
+
+Heute aber ging es besonders lebhaft in der kleinen, hinter dem
+Schenkzimmer gelegenen Gaststube her, denn der Dampfer von New-York
+war mit neuen deutschen Zeitungen eingetroffen, und den eben erst
+angekommenen Passagieren, die seit ihrer Abfahrt von dort auch keine
+Sylbe aus der Heimath gehört, war es besonders ein ganz eigenthümliches
+Gefühl, Berichte von Monate alten Daten als eben Geschehenes zu
+erhalten, und sich darüber zu freuen.
+
+Vor allem Anderen wurde die Politik durchgenommen -- die Leute durften
+sich hier eine Güte thun und frei und ungescheut über Verhältnisse
+schimpfen, denen sie dort entgangen waren; dann kamen die Hofnachrichten
+aus einem Königlichen Blatt, in dem die Privatnachrichten über die hohen
+und höchsten Herrschaften, und wann allerhöchst dieselben zu speisen
+geruht etc., etc., etc., laut vorgelesen und mit Jubel begrüßt wurden.
+Die Ordensverleihungen wurden ebenfalls laut und gewissenhaft vorgelesen
+bis die Leute die spaltenweisen Austheilungen satt bekamen und Anderes
+hören wollten.
+
+»Oh hören Sie auf mit dem Unsinn,« rief Herr Schultze endlich, sich die
+Hände reibend, »wir sind hier froh, daß wir nichts mehr damit zu thun
+haben; Herr Steinert, lesen Sie uns etwas Gescheuteres vor.«
+
+»Etwas Gescheutes verlangen Sie aus einer deutschen Zeitung sehr
+verehrter Herr Reisegefährte?« rief aber der Weinreisende über das Blatt
+nach ihm hinüber lachend, »da thut es mir leid Ihnen nicht willfahren zu
+können, ich müßte Ihnen sonst hinten die Subhastationen oder Steckbriefe
+vorlesen, von denen ich da drüben in der Weserzeitung eine ganze Menge
+gesehen habe.«
+
+»Apropos Steckbriefe,« rief Mehlmeier mit seiner feinen Stimme, »haben
+Sie wohl schon nachgesehn, ob sie dem armen Jungen keinen hinterher
+schicken, der mit der Haidschnucke so glücklich fortgekommen ist? -- wie
+hieß er doch gleich, Berger glaub ich?«
+
+»Ja wohl Carl Berger,« rief Steinert, »da wollen wir doch gleich einmal
+sehen, bitte -- erlauben Sie einen Augenblick« sagte er dabei, seinem
+Nachbar, einem kleinen dürren Männchen mit einer Brille, der ungeheuere
+Ähnlichkeit mit einem kleinen deutschen Beamten hatte, sich aber schon
+längere Zeit in New-Orleans aufhielt, die Zeitung, in der dieser gerade
+las, ohne weiteres aus der Hand nehmend.
+
+»Bitte tausend Mal um Entschuldigung,« sagte der kleine Mann sehr artig,
+»ich glaubte sie würde nicht gebraucht.«
+
+»Bitte -- bitte« -- murmelte Steinert zerstreut, mit den Augen dabei die
+klein gedruckten Spalten der gerichtlichen Ankündigungen überfliegend
+-- »Über den Nachlaß des am 12. Februar verstorbenen Fuhrmanns -- das
+ist Nichts -- auf den herrschaftlichen Gütern zu Hellbhausen sollen am
+5. nächsten Monats -- auch Nichts -- hier kommen die Steckbriefe -- der
+Korbmacher Carl Christoph Hinterleben von Ehlstein -- der war's nicht,
+aber halt wahrhaftig« -- rief er plötzlich, mit der linken Hand dabei
+auf den Tisch schlagend -- »hier haben wir ihn« --
+
+»Der unten signalisirte Lohgerber, Carl Eduard Berger, zwanzig Jahr
+alt, hat sich seiner Militairpflicht heimlicher Weise durch die Flucht
+entzogen, und werden sämmtliche Justiz-und Polizeibehörden ersucht -- ja
+wohl -- versteht sich von selbst -- alle Justiz- und Polizeibehörden
+ersucht den besagten Carl Eduard Berger zu arretiren und hierher
+abzuliefern!«
+
+»Dem fuhr es damals übrigens verdammt dicht am Leder vorbei; wenn sie
+ihn erwischt hätten wär es ihm schlecht gegangen. Wetter noch einmal es
+muß doch ein ganz wundervolles Gefühl sein, wenn man irgendwo was
+ausgefressen hat, mit den Rothkragen auf der Ferse am Ende glücklich
+Salzwasser erreicht, und nun draußen frank und frei, mit _einem_ Schlage
+jeder Furcht vor Verfolgung enthoben, »durch die Wellen streicht,
+Fridolin«.«
+
+»Nun sogar gefährlich sind die Leute doch auch nicht immer,« lächelte
+Herr Schultze freundlich vor sich hin, »wissen Sie die Gesellschaft,
+die uns die Herrn mit den egalen Mützen selber noch im Hafen an Bord
+brachten?« --
+
+»Oh Doris, wärst Du nur verschwiegen,« citirte Steinert seinen
+Lieblingsschriftsteller; »was hilft es solche Sachen an die große Glocke
+zu schlagen.«
+
+»Nein, das seh ich aber gar nicht ein,« sagte Herr Schultze, »wenn die
+Regierungen indiscret genug sind ehrlichen Menschen zuzumuthen mit
+solchem Gesindel eine solche Reise zusammenzumachen, weiß ich auch nicht
+warum _wir_ so discret sein sollen nicht darüber zu sprechen, oder
+vielmehr darüber zu schimpfen.«
+
+»Aha,« sagte ein anderer Deutscher, der ebenfalls mit ihnen an einem Tisch
+saß und bis jetzt den Gesprächen der Einwanderer aufmerksam zugehört
+hatte, indem er immer die Sprecher mit seinen kleinen lebendigen Augen
+fest und stechend ansah; der Mann trug einen großen rothen Schnurrbart,
+hatte sonst aber, außer einer rothen Nase und etwas bramarbasirend
+zusammengezogenen Stirnfalten, viel Gutmüthiges im Gesicht -- »aha,«
+sagte dieser jetzt, »wieder eine Sendung von Correktionsfleisch
+mitgekommen? -- könnte es der Regierung der Vereinigten Staaten
+wahrhaftig nicht verdenken, wenn sie Gleiches mit Gleichem vergälte und
+auch einmal eine Sendung _ihres_ Auswurfs mit guten Pässen versehn nach
+Deutschland hinüberschickte. Drüben schimpft das Gesindel auf unser
+Land, und thut dabei alles Mögliche was in seinen Kräften steht die
+Bevölkerung hier zu vergiften -- hilft ihnen aber doch Nichts, den
+Neidpilzen, die sich über unsere freie Verfassung ärgern, und denen es
+ein Dorn im Fleische ist daß wir hier in einer _Republik_ glücklich
+leben; es ist als ob sie den Ocean mit ein paar Eimern Schmutz trüben
+wollten.«
+
+»Sie sehn die Sache zu schwarz an, verehrter Herr,« nahm Steinert das
+Gespräch auf, »den Leutchen daheim liegt weniger daran hier in Amerika
+eine wesentliche Veränderung hervorzubringen, als nur die einzelnen
+Individuen los zu werden. Ihr Vergleich mit dem Meer ist aber
+vortrefflich. Amerika nimmt diese Körper in sich auf, verarbeitet sie,
+theilt ihnen seine Reine mit und läutert sich selber -- halb zog sie
+ihn, halb ging er mit, und ward nicht mehr gesehn.«
+
+»Papperlapapp!« rief aber der Mann mit dem großen Schnurrbart, dem an
+Steinert's Beistand in seiner Ansicht gar Nichts gelegen schien, »das
+klingt auswendig vernünftig, und ist inwendig baarer Unsinn -- läutert
+sich -- ja wohl läutert es sich, nimmt aber »diese Körper«, wie Sie das
+Gesindel nennen, nicht in sich auf, sondern hängt sie an Galgen oder
+Baum, was gerade am bequemsten und nächsten ist.«
+
+»Hängen,« sagte Steinert, der sich durch die Bemerkung beleidigt fühlte,
+unwillig mit dem Kopfe schüttelnd -- »Nürnberger -- hat sich was -- für
+_einen_ Schurken liefert Deutschland auch dafür dem rohen Lande hier
+_tausend_ ehrliche Hände und _geistreiche Köpfe_ dazwischen, die Schwung
+hier in die Geschäfte bringen, die den Amerikanern zeigen müssen, wo
+Barthel eigentlich den Most holt.«
+
+»Die haben _Sie_ wohl mit herüber gebracht?« sagte der Rothbart wieder
+mit einem boshaften Blick auf den Weinreisenden; dieser aber hielt es
+unter seiner Würde sich mit dem »ungebildeten Menschen« in weiteres
+Gespräch einzulassen und nahm, ohne etwas auf die Frage zu erwiedern,
+und indessen Herr Schultze aus einem anderen Blatte jetzt einige
+politische Neuigkeiten vorlas, seine Zeitung wieder vor.
+
+»Beim Obertribunal kam kürzlich folgender interessanter Proceß in
+Kassationsinstanz« -- las Schultze -- »zur Entscheidung -- Kläger war
+das Handlungshaus J. M. Oppenheimer in Rodach am Main -- Verklagter der
+Justiz Commissar Ohnewetter in --«
+
+»Scheußlich -- niederträchtig!« unterbrach Steinert da plötzlich,
+ohne sich weiter um die Vorlesung zu kümmern, den erstaunt zu ihm
+aufsehenden Schultze, »nein das ist nichtswürdig.«
+
+»Was ist denn, was giebts?« frugen die Andern dazwischen, neugierig
+durch die Ausrufungen gemacht.
+
+»Nein abominabel!« rief aber Steinert noch einmal, »ha das Schrecklichste
+der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.«
+
+»Na, wer ist nun wieder todt, Herr Steinert?« frug Mehlmeier aus seiner
+Ecke vor, in der er sich ganz gemüthlich mit einem Glas Eierpunsch
+niedergelassen hatte -- »war er lange krank?«
+
+»Nein hören Sie nur,« rief aber Steinert in gerechter Entrüstung dem
+Mann, dem er vorher die Zeitung weggenommen hatte, jetzt auch das Licht
+vor der Nase wegziehend und vor sich hin rückend, »man sollte wirklich
+kaum glauben, daß etwas derartiges möglich wäre.«
+
+»Aber zum Teufel so schießen Sie doch einmal los!« rief Herr Schultze,
+der endlich ungeduldig wurde, und über seine Brille, die er beim Lesen
+aufsetzen mußte, mit seitwärts gehaltenem Kopfe nach dem Besitzer der
+Weserzeitung hinüber sah, »was ist denn vorgefallen.«
+
+»Man sollte doch wirklich nicht denken daß die menschliche Natur einer
+derartigen Scheußlichkeit fähig wäre,« sagte aber Steinert, also
+aufgefordert, die Zeitung jetzt etwas näher zu dem occupirten Licht
+herüberziehend, »da steht von Hannover aus, über dem Steckbrief von zwei
+Menschen -- es ist nur gut daß sämmtliche Steckbriefe gerade so
+eingerichtet sind, daß sie immer gleich auf eine ganze Gemeinde passen
+-- ein Bericht, den ich Ihnen einmal vorlesen werde. -- Von einem Greise
+will ich singen, der neunzig Jahr die Welt gesehn, -- also passen sie
+auf.«
+
+»Waldenhayn den 29. August. Am Dienstag Abend den 18. August ds. J.
+verließen der unfern des Dorfes an einer etwas vom Wege abseits
+gelegenen alten Försterswohnung, zur Zeit nicht mehr ansässige und schon
+gekündigt seiende, auch schon seit längeren Jahren in keinem guten Ruf,
+und die letzten sechs Monate sogar unter polizeilicher Aufsicht stehende
+--hah -- erlauben Sie erst einmal meine Herren daß ich absetze, um
+Athem zu holen -- der Canzleistyl kann einem Schnellläufer die Lunge
+zuschnüren -- polizeilicher Aufsicht stehende Carl Heinrich Steffen, von
+den Dorfbewohnern seines schwarzen Haares und Bartes wegen gewöhnlich
+»der schwarze Steffen« genannt, und unter diesem Namen auch in dortiger
+Gegend überall bekannt, mit seiner Frau der Johanna, Julie, Gertrude
+Steffen, geborene Melzer, heimlicher Weise seine mit ihr in rechtmäßiger
+Ehe erzeugten drei Kinder wie ein unehelich erzeugtes Mädchen, indem sie
+dieselben Abends unter dem Vorwand auf das Amt citirt zu sein verließen,
+und allem Vermuthen nach ihren Weg nach Amerika oder sonst in das
+Ausland genommen haben, und bis jetzt aber noch nicht ermittelt werden
+konnten. Die Kinder wurden von den nächsten, etwa eine Viertelstunde
+von dem entlegenen Haus wohnenden Nachbarn, erst am fünften Tag halb
+verhungert gefunden, da sich dieselben durch eine vorgeschobene Lüge der
+unnatürlichen Eltern, die ihnen erzählt hatten, daß ein toller Hund die
+Gegend draußen unsicher mache, nicht getraut hatten -- der Satz nimmt
+wieder kein Ende -- nicht getraut hatten den äußeren Weg zu betreten.
+Die Kinder sind in den Altern von 9, 5, 3 und 1-1/2 Jahr alt -- es ist
+scheußlich, wahrhaftig und kaum zu glauben -- 1-1/2 Jahr und einstweilen
+von der Gemeinde von Waldenhayn theils, theils von dem dortigen
+Geistlichen versorgt und vor augenblicklichem Mangel geschützt worden.
+Donnerwetter der junge hübsche Bursche der Georg Donner, das war ja der
+Sohn von dem Pastor in Waldenhayn.«
+
+»Na und nun weiter?« frug der alte Soldat mit dem rothen Schnurrbart,
+»kreuz Element sie werden die schurkischen Eltern doch wohl erwischt
+haben.«
+
+»Ja erwischen,« sagte Steinert, unwillig mit dem Fuße stampfend, »da
+hier drunter steht der Steckbrief von den Beiden, mit einer freundlichen
+Bitte an alle Polizei- und Justizbehörden die beiden unnatürlichen
+Eltern im »Betretungsfalle«, ja, hat sich was -- im Betretungsfalle nach
+dem Amt Ohnleben zurück- und abzuliefern.«
+
+»Das ist ja furchtbar, wenn man sich das so bedenkt,« sagte der kleine
+ängstliche Mann neben Herrn Steinert, indem er die eigene Brille abnahm
+und auswischte und dann halb schüchtern die Hand nach der Zeitung
+ausstreckte, die Steinert neben sich hingelegt hatte, sie aber rasch und
+wie erschreckt wieder zurückzog, als dieser, ohne seiner Bemerkung einer
+Antwort zu würdigen, noch einmal danach griff.
+
+»Ich begreife nur nicht daß sie ihn nicht wieder erwischt haben,« sagte
+Herr Schultze.
+
+»Er wird sich wohl _heimlich_ fortgemacht haben,« meinte Mehlmeier und
+sah sich erstaunt um, als die Übrigen lachten.
+
+»Und solche Scheusale kommen dann alle nach Amerika,« rief der Mann
+mit dem rothen Schnurrbart, »und nachher soll man's den Amerikanern
+verdenken, wenn sie von uns Fremden Nichts wollen.«
+
+Die Unterhaltung wurde hier plötzlich durch den etwas ungestümen
+Eintritt eines anderen Reisegefährten und zwar des Dichters Theobald
+unterbrochen, der übrigens in einem sehr außergewöhnlichen Zustand, mit
+zerrissenem Rock, blutigem Gesicht und außerdem noch in furchtbarer
+Aufregung die Thüre hinter sich zu, sich selber in einen Stuhl warf,
+und ein Glas Punsch von dem aus dem Schenkzimmer ab- und zugehenden
+Barkeeper forderte.
+
+»Hallo Herr Theobald?« sagte Mehlmeier, der der Thür am nächsten saß
+und die jedenfalls mishandelte und bös zugerichtete Gestalt des kleinen
+schmächtigen Mannes etwas erstaunt betrachtete -- »wie sehn Sie denn
+aus? was haben Sie denn angefangen und wo sind Sie gewesen?«
+
+»Ha Rache -- Rache!« knirschte aber nur der Poet als einzige Antwort
+durch die Zähne -- »Rache will ich haben und wenn ich mir Blitze vom
+Himmel dafür borgen sollte.«
+
+»Würden Sie schwerlich eine Leihanstalt dazu finden,« sagte der Mann
+mit dem rothen Schnurrbart, ȟbrigens sehen Sie gerade so aus, als ob
+Sie einem Irischen Draymann unter die Fäuste gerathen wären, was neu
+eingewanderten Deutschen manchmal passirt. Sie können wahrscheinlich
+noch nicht boxen.«
+
+»Boxen?« wiederholte Theobald aber entrüstet, »boxen Sie einmal, wenn
+eine halbe Straße über Sie herfällt und Sie mishandelt -- boxen -- ha
+wenn mir die Canaillen freien Raum mit dem Schuft gegeben hätten, er
+_lebte_ jetzt nicht mehr --«
+
+Und _Sie_ säßen dann in der Calabouse und könnten Betrachtungen über die
+innere Polizei Louisianas anstellen,« sagte der Rothbart trocken.
+
+»Aber so erzählen Sie doch nur,« rief Steinert; er hatte die Zeitung
+bei dem trostlosen Anblick ihres Reisegefährten zur Seite geworfen,
+die sich jetzt der Mann mit der grünen Brille rasch herüber nahm, die
+augenblicklich freie Zeit zu benutzen -- »was ist geschehn, was ist
+vorgefallen? Donnerwetter Mann, Sie haben famoses Glück. Sie kamen
+hierher Schicksale zu erleben und darüber schreiben zu können, und sind
+da gleich in eine Goldquelle hineingefallen, die Ihnen reichhaltigen und
+kostbaren Stoff zu Ihren Versen liefern kann.«
+
+»Ich danke Ihnen für die Goldquelle,« rief Theobald, »die man mit der
+eigenen Haut bezahlen muß; aber Stoff hab' ich allerdings gefunden
+_Bände_ zu schreiben, und bei Gott, ich werde ihn benutzen.«
+
+»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen« --
+
+»Gut, so hören Sie; ich gehe oben in der Stadt über einen großen freien
+Platz, auf dem ein höchst ungeschicktes steinernes Gebäude, ein großes
+Dach eigentlich nur von viereckigen steinernen Pfeilern getragen steht.«
+
+»Oh das ist ein Markthaus,« sagte der Rothbart.
+
+»Schön,« fuhr Theobald fort, »also in diesem Markthaus, wo aber nicht
+viel zu verkaufen war« --
+
+»Da müssen Sie Morgens hinkommen.«
+
+»Bitte, unterbrechen Sie mich nicht alle Augenblicke -- also in diesem
+Markthaus reizten meine Aufmerksamkeit einzelne, hell erleuchtete
+Stände, auf denen große Messing- und Kupfer-Maschinen mit Hähnen unten
+daran zum Ausschenken standen, wie auch die kleinen, reinlich gedeckten
+Tische mit deliciösem Backwerk und Kaffee- und Theegeschirr bedeckt
+waren. Allerliebste junge Mädchen« --
+
+»Na erzählen Sie uns nicht die alte Geschichte,« unterbrach ihn der
+Rothbart da wieder, »um das zu sehn, brauchen Sie nur um die nächste
+Ecke zu gehn; da stehn auch welche.«
+
+»Aber _wir_ kennen es noch nicht, verehrter Herr,« sagte Schultze,
+»bitte fahren Sie fort lieber Theobald, und lassen Sie sich nicht irre
+machen von -- von dem Herrn da.«
+
+»Allerliebste junge Mädchen standen daneben und credenzten den
+Spatziergängern, die an ihren Tischen stehen blieben, Kaffee, Thee oder
+Chokolade, und ich war auch zu einem der Tische gegangen, an dem ein
+reizendes Kind mit etwas dunkler Haut aber wundervollen Augen und langen
+kastanienbraunen Locken --
+
+ Die freie kühne Stirn von ihnen überwallt
+ Und in dem Blick, mit zauberischer Gewalt,
+ Den ganzen weiten Himmel offen,
+ Auf mich hernieder sah. -- Betroffen,
+ Ja zitternd fast von Lust und Liebeswahn
+ Betrete ich des holden Mädchens Nähe
+ Und frage -- stammle halb verzückt
+ Von solcher nie geahnten Schöne
+ Oh Holde sprich -- «
+
+»Ich bin verrückt,« fiel hier der Rothbart trocken ein, den Reim
+completirend; während sich aber Theobald stolz und indignirt von ihm
+abwandte, erklärten sich die übrigen Gäste sämmtlich über den ewigen
+Störenfried entrüstet, und Steinert besonders, der aufstand und in einer
+wohlgesetzten Rede den Mann zu vernichten suchte, wandte sich dann
+wieder an den Dichter und sagte --
+
+»Lassen Sie sich nicht irre machen Herr Theobald -- Sie wissen
+wohl -- ein dicker fetter Mops ging einst im Mondenschein spatzieren
+-- erzählen Sie nur weiter; fahren Sie fort in Ihrer treulich begonnenen
+Improvisation -- Sie haben aufmerksame, theilnehmende Zuhörer -- da ist
+auch Ihr Punsch, der wird Ihnen gut thun.«
+
+Theobald trank einen tüchtigen Schluck, aber den poetischen Anlauf, den
+er genommen, fand er nicht wieder, und erzählte nun den Reisegefährten
+mit prosaischen aber dadurch auch kürzeren Worten, wie er über den Markt
+gegangen, bei einem wunderhübschen, etwas dunkelhäutigen Mädchen stehen
+geblieben und in Gedanken eine Tasse dünnen Kaffees nach der anderen,
+jedesmal für 6-1/4 #cent# die Tasse, getrunken habe, als eine arme,
+abgerissene alte Frau, vor Fieberfrost schüttelnd, herangekommen sei,
+und sich dicht neben den Kaffeestand an einen Pfeiler gekauert habe. Das
+junge Mädchen erkundigte sich theilnehmend bei ihr was ihr fehle und
+schenkte ihr dann eine Tasse heißen Kaffee ein, die die kranke Alte
+mit zitternden Händen nahm und austrank, und mit innigem Dank wieder
+zurückreichen wollte, als ein Mann, derselbe der ihm dieß Gasthaus
+recommandirt habe, als er ihn am ersten Tag zufällig auf der Straße
+traf, über den Weg wegsprang, der Frau die Tasse aus der Hand riß und
+auf die Steine warf, daß sie in tausend Scherben zersplitterte, und dann
+auf das holde, vor Angst jetzt zitternde Kind lossprang, sie zweimal
+mit aller Kraft auf die furchtgebleichten Wangen schlug, und sie in
+_deutscher_ Sprache mit den nichtswürdigsten Worten ausschalt und
+schimpfte, weil sie den Kaffee, der ihrem Herrn gehöre, verschenke, und
+die Tassen, aus denen kein Gentleman dann wieder werde trinken wollen,
+solch schmutzigem alten Drachen zum Gebrauch in die Hände gebe.
+
+»Das war zu viel« rief Theobald, in der Erinnerung an die erlebte
+Schandthat noch einmal von seinem Stuhle aufspringend; »ein deutsches
+Mädchen, denn dafür mußte ich die Unglückliche jetzt halten, vor meinen
+Augen also mishandelt zu sehn, konnte ich nicht ertragen, und mit zwei
+Sätzen auf den Elenden zuspringend, faßte ich ihn bei der Brust,
+schleuderte ihn zurück und schwur ihm, daß ich ihn zu Boden schlagen
+würde, wenn er noch eine Hand gegen das Kind aufhebe, das ich von diesem
+Augenblick an unter _meinen_ Schutz gekommen.« »Was?« schrie da der
+Bube, zu feige mir selber männlich entgegen zu treten -- »was? -- wollen
+_Sie_ sich hier einmischen wenn ich meine _Sclavin_ züchtige, -- Sie
+Abolitionist Sie?« -- Und wie er das Wort sprach, und dann noch einer
+Zahl vorübergehender Menschen etwas in Englischer Sprache zurief, das
+ich nicht verstehen konnte, schrieen die plötzlich »Ein Abolitionist
+-- ein Abolitionist« und noch eine Masse anderes Zeug und fielen über
+mich her, rissen mir den Rock in Stücken, schlugen mich über den Kopf,
+und hätten mich, glaub' ich, erwürgt, wenn nicht glücklicher Weise ein
+paar Policeydiener zu meiner Rettung herbeigekommen wären, die mich in
+Schutz nahmen und der Rotte aus den Händen rissen.«
+
+»Scheußlich -- nichtswürdig -- niederträchtig!« schrieen die Deutschen
+in gerechter Entrüstung, nur der Mann mit dem rothen Schnurrbart drehte
+diesen langsam in die Höhe und sagte:
+
+»Sie können sich gratuliren daß Sie dießmal so weggekommen sind; wer
+unter den Wölfen ist muß mit ihnen heulen, und wer in einem Sclavenstaat
+leben will und nicht das Maul halten kann, dem wäre wohler er hätte das
+Land nie gesehen!«
+
+»So, meinen Sie?« rief aber Theobald, noch von der vorigen malitiösen
+Bemerkung entrüstet -- »ich werde ihnen aber hier beweisen was ich zu
+thun im Stande bin -- sie haben mich gereizt und sie sollen meine Rache
+fühlen.«
+
+»Gefährlich ist's den Leu zu wecken« sagte Steinert.
+
+»Und was können Sie thun?« frug der Rothbart achselzuckend.
+
+»Was ich thun kann?« rief Theobald, den Rest seines Punsches auf einen
+Zug leerend -- »ich habe eine Waffe die sie zu Boden schmettern, und den
+Zorn der Völker auf sie niederrufen, nein noch schlimmer, die sie der
+eigenen Schaam und Verachtung preis geben soll.«
+
+»Und wenn's eine Kanone wäre mit lauter Spitzkugeln geladen« sagte der
+Mann kopfschüttelnd, »und wenn sie mit Dampf gefeuert würde, können Sie
+Nichts gegen diese Masse und gegen Gewalt ausrichten.«
+
+»Es ist mehr wie das!« rief aber Theobald mit freudigem Selbstbewußtsein
+-- »es ist meine _Feder_!«
+
+»Bah« sagte der Rothbart, trank sein Glas aus, stand auf und verließ das
+Zimmer.
+
+»Wer ist denn der unverschämte Gesell?« frug Steinert, als jener die
+Thür hinter sich zugemacht hatte und draußen mit dem Barkeeper
+abrechnete -- »wo kommt er her und was treibt er?«
+
+»Wenn Sie mir erlauben verehrter Herr« sagte der kleine Mann mit der
+grünen Brille, indem er diese abnahm und sich entschuldigend gegen Herrn
+Steinert verbeugte, »so ist dieser Herr, so unscheinbar er da saß und
+aussah, Einer der reichsten Leute in der Stadt, der vier Häuser in
+Canalstreet und einen halben #square# in #Tchapitoulas street# besitzt.«
+
+»Den Teufel auch« rief Steinert.
+
+»Meine beiden Ohren stehen Ihnen zu Diensten wenn ich nicht die Wahrheit
+rede,« bekräftigte aber der Höfliche seine Worte, »der Herr mit dem
+langen rothen Schnurrbart weiß kaum wie reich er ist, besucht aber
+regelmäßig sämmtliche deutsche Wirthshäuser in denen Auswanderer
+einkehren, unterhält sich mit ihnen und hat, wenn sie ihm gefallen,
+schon Manchens Glück gemacht.«
+
+»Ja zum Donnerwetter Herr, warum haben Sie denn das nicht gleich
+gesagt?« fuhr ihn Steinert an, während sich der kleine Mann mit einem
+schüchternen Achselzucken etwas weiter von ihm fort und wieder hinter
+seine grüne Brille zurückzog, Theobald aber, durch die schlechte
+Behandlung und den starken Punsch erregt, schwor daß der Mann, und wenn
+er ein Millionair wäre, kein Herz im Busen und keine Ader für Poesie
+habe, und verließ nach dieser anatomischen Behauptung rasch das Zimmer
+sein eignes Lager zu suchen, oder sich wenigstens der beschmutzten und
+zerrißnen Kleider zu entledigen.
+
+Die übrigen Gäste blieben noch eine Zeitlang, theils politisirend,
+theils über die hiesigen Verhältnisse plaudernd, zusammen, bis endlich
+Einer nach dem Anderen sein Glas austrank, entweder zu Bett zu gehn,
+oder die eigene Wohnung aufzusuchen. Nur ein einzelner Mann, der den
+ganzen Abend still und lautlos in der dunkelsten Ecke des Zimmers
+gesessen und seinen Grog für sich allein getrunken hatte, ohne mit Einem
+der Übrigen zu verkehren, blieb noch zurück und bestellte, als der
+großäugige Barkeeper vor ihm stehen blieb, als ob er ihm ebenfalls
+andeuten wolle daß es Zeit sei zu Bett zu gehn, noch ein letztes Glas
+als Abendtrunk.
+
+Als der Bursche hinaus in das Schenkzimmer ging, wo er sein heißes
+Wasser stehen hatte, ihm das zu bereiten, trat der Fremde (es war ein
+alter Bekannter von uns, und der Mann der sich an Bord der Haidschnucke
+Meier genannt hatte) langsam zu dem Tisch an dem die Zeitungen lagen,
+griff sich die Weserzeitung heraus, suchte ein paar Secunden darin, und
+riß dann den Theil des Blattes, auf dem der vorgelesene Steckbrief
+stand, ab.
+
+»Hallo Sir -- das sind neue Zeitungen« schrie ihn aber der Barkeeper
+an, der in diesem Augenblick mit dem bestellten dampfenden Grog
+wieder zurück in's Zimmer kam -- »wer hat Euch erlaubt da ein Stück
+herauszureißen?«
+
+»So?« sagte der Mann vollkommen ruhig; indem er das Stück zusammendrehte
+und über dem Licht entzündete, sich seine Pfeife anzubrennen -- »ich
+glaubte es wären alte.«
+
+»Na ja, und nun verbrennen Sie's noch --«
+
+»Was kostet denn so eine Nummer --«
+
+»Was kostet so eine Nummer? -- die sind hier gar nicht wieder zu
+bekommen.«
+
+»Das thut mir sehr leid« sagte der Mann achselzuckend, nahm das Glas,
+während der Fidibus ihm in der Hand bis auf den Stumpf verbrannte, trank
+es auf einen Zug aus, und verließ dann ebenfalls das Zimmer.
+
+
+
+
+FUSSNOTEN -- FOOTNOTES
+
+ 1. Die Amerikanische Flagge ist weiß und roth gestreift mit einem blauen
+ Viereck in der oberen Ecke am Fahnenstock, das weiße Sterne führt. Im
+ Beginn der Union war deren Zahl 13, nach Anzahl der Staaten, aber mit
+ jedem neu hinzukommenden Staat wurde auch ein Stern hinzugefügt.
+
+ 2. »Von wo kommt ihr her?«
+
+ 3. Der Mississippi heißt in der bilderreichen Sprache der Indianer der
+ »Vater der Wasser.«
+
+ 4. Es giebt Dampfboote auf dem Mississippi, die solcher Art 4000
+ Amerikanische Ballen Baumwolle tragen.
+
+ 5. Die Levée von New-Orleans ist von New-Orleans selber nicht zu
+ trennen, denn sie macht den Hauptbestandtheil der Stadt aus und ist ihr
+ einziger Schutz gegen den oft 12-15 Fuß höher steigenden Strom. Das
+ ganze Ufer des Mississippi ist nämlich so niedrig, und war den
+ jährlichen Überschwemmungen des gewaltigen Stromes so ausgesetzt, daß
+ die Ansiedler, das werthvolle Land urbar zu erhalten, einen hohen Damm
+ am ganzen Ufer des Stromes hin errichten mußten. Die Franzosen, unter
+ deren Regierung dieser Damm besonders angelegt wurde, gaben ihm den
+ Namen Levée, den die Amerikaner später adoptirten, und die Levée von
+ New-Orleans, die jetzt an der ganzen Stadt über acht Engl. Meilen weit
+ herunter läuft ist, mit einer durchschnittlichen Breite von 100 Fuß
+ und 15 Fuß über niedriger Wasser-Höhe angelegt, ein eben so langer
+ Landungs- und Stapelplatz der ungeheuren Waarenmassen, die dort täglich
+ aus dem Inneren und für das Innere bestimmt, gelandet und geschifft
+ werden, und läuft nach der Stadt zu in einem sanften Abhang nieder,
+ während nach dem Strom hin, wo dieser selber eine nicht unbedeutende
+ Strecke neuen Alluviallandes angespühlt hat, hie und da schon hölzerne
+ Werfte errichtet werden mußten, die Waaren trocken und leicht landen zu
+ können.
+
+ 6. Etwa ein halber Thaler.
+
+ 7. Die Amerikanischen Dampfboote erhalten durch diese breiten #guards#
+ etwas sehr Eigenthümliches, da sie von dem eigentlichen, oft -- etwa
+ sehr schmalen Rumpf des Bootes ab, eine Art Vorbau rings um dieses
+ selber bilden, wodurch es nicht selten _über_ dem Wasser fast die
+ doppelte Breite seines _unter_ Wasser befindlichen Rumpfes bekommt. Von
+ dem äußersten Rand der #guard# ab laufen dabei die unteren Stützen des
+ Zwischen-Decks, in dem sich auch _über_ dem Wasser, die Maschine mit den
+ Kesseln befindet, und auf diesen ruht die Cajüte -- der große oft
+ prachtvoll eingerichtete Salon, mit den Schlafplätzen der Passagiere und
+ oberen Officiere des Bootes.
+
+ 8. Es ist ein ziemlich allgemeines Vorurtheil in Deutschland, daß man
+ unter dem Wort Kreole sich einen von Indianischen Blut Entsprossenen
+ denkt. Creole bedeutet in Amerika und Westindien, wo das Wort besonders
+ gebräuchlich ist und (wahrscheinlich von #criar,# erschaffen,
+ herstammend) einen im Lande selber aber von rein Europäischen Eltern
+ Geborenen. Die Halbabkömmlinge der Indianer, Mischlinge von Europäern
+ (oder Creolen) und Indianern heißen Mestizen.
+
+ 9. #Escalin# wird der spanische Real genannt, der in Nord-Amerika noch
+ andere Namen hat; so heißt er, besonders in den Südlichen Staaten
+ #bit#, in New-York #Shilling#. Es ist Spanisches Geld von 12-1/2 #cent#
+ oder ein Achtel Dollar Werth. Das wirklich Amerikanische Geld nach
+ Decimaleintheilung kennt nur als kleinere Silbermünze #dimes# (10
+ #cent#) und #half dimes# (5 #cent#).
+
+ 10. Englische Meilen, etwas über vier auf die deutsche.
+
+ 11. #Rifle# heißt im Allgemeinen die Amerikanische lange Büchse,
+ obgleich #rifled# eigentlich nur »gezogen, mit Zügen versehn« bedeutet.
+
+ 12. Im Flußbett festsitzende Stämme.
+
+ 13. Pottersfield wird in New-Orleans der Begräbnißplatz genannt, auf den
+ die Armen kommen, die kein Grab in den gemauerten Behaltern bezahlen
+ können.
+
+ 14. Die Beschreibung des Bootes selber mag mir der Leser erlassen, ich
+ habe derartige Fahrzeuge schon flüchtig in meinen Streif- und Jagdzügen,
+ ganz ausführlich aber in den Mississippibildern 2ter Band in der
+ Erzählung »Sieben Tage auf einem Amerikanischen Dampfboot« geschildert,
+ und muß ihn darauf verweisen.
+
+ 15. Die einzelnen Schaufeln am Rad.
+
+ 16. Virginien.
+
+ 17. Holztragen, Holztragen meine Burschen.
+
+ 18. Das #Bowieknife# (sprich Buih), nach seinem Erfinder so genannt, ist
+ ein schweres Messer etwa 12 Zoll lang und drei am Heft breit, mit einer
+ Stärke im unteren Rücken von reichlich ein Viertel, oft ein Drittel
+ Zoll, was ihm zum Hieb eine furchtbare und gefährliche Wucht giebt. Die
+ Spitze ist gebogen und nach hinten etwas ausgeschnitten, aber an beiden
+ Seiten haarscharf, und dieß Messer, selbst in der Hand eines ganz
+ schwachen Menschen, eine entsetzliche Waffe.
+
+ 19. Die von der reinen Afrikanischen Race Abstammenden heißen Neger;
+ Abkömmlinge von Weißen und Negern -- Mulatten, und von Weißen und
+ Mulatten -- Quadroonen -- Alle, in den Vereinigten Staaten unter dem
+ allgemeinen Begriff _Farbige_ oder dem Spottnamen Nigger begriffen. Die
+ Kinder von Weißen und Quadroonen --da sich die Quadroonen selber oft
+ kaum von Weißen in Farbe und Haar unterscheiden lassen, sind, selber
+ wenn die Quadroonin Sclavin wäre, _frei_.
+
+ 20. Kein Zutritt.
+
+ 21. Die ersten Anfänge einer Farm, das eben erst urbar gemachte Land.
+
+ 22. #frame# Häuser heißen in Amerika die von einem hölzernen Gestell
+ gebauten und auswendig mit Bretern übernagelten Gebäude.
+
+ 23. erster Klasse.
+
+ 24. #to take care# Sorge für etwas tragen.
+
+ 25. #to catch# fangen.
+
+ 26. #to be in a fix#, sich in schwieriger Lage befinden.
+
+ 27. #gum# von Gumbaum nennt man in den ersten Ansiedlungen abgesägte
+ Stöcke hohler Gumbäume, die von den »Settlern« theils zum Aufbewahren
+ von Salz und anderen Sachen, wie auch als Stühle benutzt werden.
+
+ 28. Hügelrücken.
+
+ 29. Die kleinen Güterkarren.
+
+ 30. Eine eigene Mischung von Genevre, Wasser, Zucker und bitteren
+ Tropfen.
+
+ 31. Dank Euch.
+
+ 32. Zwei Bit -- der Bit eine Amerikanische, im Süden der Vereinigten
+ Staaten sogenannte Geldmünze von 12-1/2 Cent, etwa 5 Silbergroschen an
+ Werth.
+
+ 33. #Dinner# Mittagessen #bell# die Glocke in dem schauerlich verderbten
+ Dialekt der Amerik. Deutschen »zum Mittagsessen geläutet.«
+
+
+
+
+TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME
+
+Contemporary spellings have generally been retained even when
+inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected and some names regularised; missing punctuation has been
+silently added.
+
+Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
+gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
+Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende
+Zeichensetzung wurde ergänzt.
+
+The following additional changes have been made:
+
+Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen:
+
+
+ die er nicht glaubte unbenutzt die er nicht glaubte unbenutzt
+ vorübergehn zu lassen seine vorübergehn _lassen zu können, ohne_
+ Kenntnisse zu zeigen seine Kenntnisse zu zeigen
+
+ Weinkampf _Weinkrampf_
+
+ Marie, die (...) Zeuge der Marie, die (...) Zeuge der
+ Scene gewesen waren Scene gewesen _war_
+
+ breitrundigen _breiträndigen_
+
+ unter keine Bedingung unter _keiner_ Bedingung
+
+ auf weißen Schild auf _weißem_ Schild
+
+ hintergewürgt _hinuntergewürgt_
+
+ Regenschirm unter dem linken Regenschirm unter _den_ linken
+ Arm gedrückt Arm gedrückt
+
+ als hätte er sogar wollen als hätte er _sagen_ wollen
+
+ das das endlich erreichte Land das endlich erreichte Land
+
+ andere (...) gesalzenes andere (...) _die_ gesalzenes
+ Schweinefleisch (...) bringen Schweinefleisch (...) bringen
+
+ Rücken _Röcken_
+
+ verleitete _verleidete_
+
+ wunderbaren aber doch wunderbaren aber doch
+ durchdringenden Weiche durchdringenden _Weise_
+
+ redete ihn aber jetzt redete ihn aber jetzt
+ der Pensylvanier der Pensylvanier _an_
+
+ warm entgegendufte warm _entgegenduftete_
+
+ Augenbraunen _Augenbrauen_
+
+ Rocktragen _Rockkragen_
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! DRITTER BAND ***
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+<title>The Project Gutenberg eBook of Nach Amerika! Band 3, by Friedrich Gerst&auml;cker</title>
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+Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Nach Amerika! Dritter Band
+ Ein Volksbuch
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+Author: Friedrich Gerstäcker
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+Release Date: August 21, 2009 [EBook #29746]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! DRITTER BAND ***
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+Produced by Delphine Lettau, Clive Pickton and the Online
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+<p>&nbsp;</p>
+<h1> Nach Amerika!</h1>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Ein Volksbuch</h3>
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+<h2>Friedrich Gerst&auml;cker</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Illustrirt von Carl Reinhardt.</h3>
+<p>&nbsp;</p>
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+<h3>Dritter Band.</h3>
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+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<table border="0" style="background-color: #fdfdfd; margin: 0 auto" cellpadding="0" summary="PUBLISHERS">
+<tr>
+ <td align="center" valign="top">Leipzig,</td>
+ <td align="center" valign="top">&nbsp;</td>
+ <td align="center" valign="top">Berlin,</td>
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+<tr>
+ <td align="center" valign="top"><b>Hermann Costenoble</b>,</td>
+ <td align="center" valign="top">&nbsp;</td>
+ <td align="center" valign="top"><b>Rudolph Gaertner,</b></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="center" valign="top"><small>Verlagsbuchhandlung.</small></td>
+ <td align="center" valign="top">&nbsp;</td>
+ <td align="center" valign="top"><small>Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.</small></td>
+</tr>
+</table>
+<p>&nbsp;</p>
+<h4>1855.</h4>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Inhalt des dritten Bandes.</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="Inhalt_Contents">
+
+<tr><td align="right" valign="top">1.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap1" >Die M&uuml;ndung des Mississippi</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">2.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap2" >New-Orleans</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">3.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap3" >An Land</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">4.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap4" >Abschied der Passagiere </a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">5.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap5" >Der Mississippi</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">6.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap6" >Leben an Bord des Dampfers</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">7.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap7" >Die Ufer des Mississippi und Ohio</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">8.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap8" >Die Farm in Indiana</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">9.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap9" >Das deutsche Wirthshaus in New-Orleans</a></td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap1" id="kap1"></a>Capitel 1.</h2>
+<h3>Die M&uuml;ndung des Mississippi.</h3>
+
+<p>Die Brise wurde st&auml;rker, und die Passagiere hatten bald
+alles Andere in dem einen Gef&uuml;hl der Landung vergessen.
+Das niedere Ufer, an dem sich freilich noch immer keine Berge
+entdecken lie&szlig;en, so viel auch die Leute mit bewaffneten und
+unbewaffneten Augen danach sp&auml;hten, trat dabei mehr und
+mehr heraus. Dort lie&szlig; sich schon die Einfahrt selbst unterscheiden,
+wo der gewaltige Mississippi in den Golf von Mexico
+m&uuml;ndet, und &raquo;s&uuml;&szlig;es Wasser&laquo; kam ihnen von da wieder aus
+dem Land ihrer Sehnsucht entgegen &mdash; ein Flu&szlig; war es, der
+sie bald mit beiden Armen liebend umfangen sollte, und die
+See, die weite &ouml;de See lag hinter ihnen, wie ein schwerer
+Traum.</p>
+
+<p>Selbst die Caj&uuml;tenpassagiere gingen jetzt ernstlich daran
+ihre Sachen zu packen und sich auf eine baldige Landung vorzubereiten,
+und die Matrosen waren unter der Leitung des
+Untersteuermanns emsig damit besch&auml;ftigt die beiden, auf der
+Back liegenden Anker &raquo;klar&laquo; zu machen, und die gro&szlig;e m&auml;chtige
+Kette gliederweis heraufzuheben aus ihrem dunklen Bett,
+und an Deck auszulegen.</p>
+
+<p>Die meisten der Zwischendeckspassagiere gl&auml;nzten heute in
+ihrem Sonntagsstaat, und selbst Steinert und Mehlmeier
+waren wie buntfarbige Tagfalter aus ihrer, allerdings etwas
+unscheinbaren und schmutzigen Verpuppung hervorgegangen.
+Steinert besonders war das Erstaunen der &uuml;brigen Passagiere,
+obgleich sie die Verwandlung hatten St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck vor sich
+gehen sehn. Er trug vor allen Dingen ein schneewei&szlig;es gepl&auml;ttetes Hemd,
+das er sich f&uuml;r diesen Moment besonders aufgespart,
+dann eben solche Hosen mit Strippen, spiegelblank
+gewichste Stiefeln, eine sehr buntfarbige helle Piqu&eacute;weste mit
+rothen Glaskn&ouml;pfen, einen blauen Frack mit blanken Metallkn&ouml;pfen,
+eine sehr dicke blau- und rothseidene Cravatte mit
+entsprechenden Vaterm&ouml;rdern, und einen h&ouml;chst modernen, sorgf&auml;ltig
+geb&uuml;rsteten Seidenhut auf dem Kopf, den er nur manchmal
+abnahm, sich in dem darin befindlichen kleinen Spiegel
+anzusehn, dann die steinbesetzten Hemdkn&ouml;pfchen ein wenig
+mehr zurecht r&uuml;ckte, die goldene Uhrkette mit dem gro&szlig;en Carniol
+als letzte Vollkommenheit etwas weiter herauszog, und
+schlie&szlig;lich vollst&auml;ndig mit sich zufrieden war.</p>
+
+<p>Die Frauen und M&auml;dchen kicherten mit einander &mdash; das
+Begr&auml;bni&szlig; war lange vergessen &mdash; und manche der M&auml;nner
+am&uuml;sirten sich gerade so &uuml;ber ihn, wie sie sich vorher &uuml;ber den
+improvisirten Handwerksburschen gefreut hatten. Steinert aber
+schien mit dem blauen Frack auch einen vollkommen neuen
+Menschen angezogen, und seine fr&uuml;here Gesellschaft von sich
+gesch&uuml;ttelt zu haben, denn er sprach, Mehlmeier ausgenommen,
+mit Niemandem mehr, und ging nur, den Blick oft und
+ungeduldig nach dem Quarterdeck hin&uuml;ber werfend, als ob er
+dort Jemanden suche oder erwarte, mit raschen Schritten den
+Gangweg zu luvw&auml;rts auf und ab. Der Einzige der ihn dabei
+&auml;rgerte war Maulbeere.</p>
+
+<p>&raquo;<i>A la bonheur</i> Herr Steinert&laquo; sagte dieser, als er ihm
+zuerst in solchem Glanz und Schmuck begegnete &mdash; &raquo;<span class="wide">sehre</span>
+sch&ouml;n &mdash; ganz au&szlig;er ordentlich sehre sch&ouml;n.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Maulbeere lassen Sie mich zufrieden, ich habe
+Nichts mit Ihnen zu thun&laquo; sagte Steinert, und drehte sich
+von ihm ab.</p>
+
+<p>&raquo;Ne wahrhaftig Herr Steinert&laquo; sagte aber Maulbeere in
+h&ouml;chstem Ernst, und mit beruhigender Handbewegung, &raquo;das
+thut kranken Augen ordentlich wohl Sie nur anzuschauen &mdash; und
+das feine Tuch zum Frack &mdash; wie Sammet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;R&uuml;hren Sie mich nicht an, wenn ich bitten darf&laquo; rief
+aber jetzt der Weinreisende, ernstlich b&ouml;se gemacht, als der
+Scheerenschleifer, der heute wom&ouml;glich noch struppiger und
+ungewaschener aussah wie je, mit dem Zeige- und dritten
+Finger der rechten Hand vorsichtig und bewundernd an dem
+linken &Auml;rmel des ihn eben wieder Passirenden niederstrich.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte tausendmal um Entschuldigung&laquo; sagte Maulbeere
+aber in sp&ouml;ttischer Devotion, rasch und erschreckt den Arm zur&uuml;ckziehend
+&mdash; &raquo;hatte keine Idee da&szlig; es abf&auml;rbte. &mdash; Und die
+sch&ouml;ne Uhrkette &mdash; ist doch vortrefflich gearbeitet, sieht genau
+so aus als ob es wirkliches Gold w&auml;re &mdash; ja das machen sie
+jetzt famos.&laquo;</p>
+
+<p>Steinert warf den Kopf auf die Seite und ging, dem
+fatalen Menschen den Platz r&auml;umend, auf den anderen Gangweg
+hin&uuml;ber, seinen Spatziergang fortzusetzen; Maulbeere aber,
+ohne sich dadurch irre machen zu lassen, kroch und kletterte auf
+H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en, wie ein gro&szlig;er ungeschlachter Orang
+Utang dem er in diesem Augenblick merkw&uuml;rdig &auml;hnlich sah,
+ebenfalls auf die andere Seite hin&uuml;ber, glitt dort auf eines
+der Wasserf&auml;sser, wo die Leiche noch vor kaum einer Stunde
+gelegen hatte und fuhr, als Steinert jetzt wieder an ihm vor&uuml;ber
+mu&szlig;te, ganz unbefangen in seinen dr&uuml;ben begonnenen
+Bemerkungen fort.</p>
+
+<p>&raquo;Strupfen sind freilich unbequem unter den Hosen an
+Bord &mdash; platzen leicht wenn man sich b&uuml;ckt, aber h&uuml;bsch sehn
+die Beine damit aus &mdash; schade da&szlig; Sie etwas eingebogene
+Knie haben.&laquo;</p>
+
+<p>Steinert mu&szlig;te seinen Spatziergang aufgeben; denn von
+den &uuml;brigen Passagieren sammelten sich schon Manche, die
+schadenfroh die Bemerkungen des alten Maulbeere mit anh&ouml;rten,
+und auch laut dar&uuml;ber lachten.</p>
+
+<p>Auf dem Quarterdeck ging aber der junge Henkel, seine
+graue Reisem&uuml;tze fest in die Stirn gezogen, den Rock bis oben
+hin zugekn&ouml;pft, und die rechte Hand vorn in der Brust, die
+linke auf dem R&uuml;cken liegend, allein und mit seinen eigenen
+Gedanken besch&auml;ftigt auf und ab, und Steinert, der auf ihn
+gewartet zu haben schien, erstieg mit raschen Schritten den ihm
+verbotenen Platz.</p>
+
+<p>Gerade in dem Augenblick kam der Capitain von unten
+aus der Caj&uuml;te, sah den Zwischendeckspassagier auf dem geheiligten
+Boden der Caj&uuml;te, und frug ziemlich kurz angebunden
+den sich zierlich gegen ihn Verbeugenden, ohne den Gru&szlig; auch
+nur mit einem Blick zu erwiedern:</p>
+
+<p>&raquo;Wen suchen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mit dem Herrn dort etwas von Wichtigkeit zu
+reden, Herr Capitain&laquo; sagte Steinert, den seine gewohnte Zuversichtlichkeit,
+dem stets ernsten und strengen Capitain gegen&uuml;ber
+doch in etwas verlie&szlig;, noch dazu da er wu&szlig;te, da&szlig; er
+sich auf verbotenem Grund befand, ungemein artig und zuvorkommend.</p>
+
+<p>&raquo;Mit Herrn Henkel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl Herr Capitain.&laquo;</p>
+
+<p>Henkel hob, als er seinen Namen h&ouml;rte, rasch
+den Kopf und fixirte den in der neuen Kleidung nicht gleich
+Erkannten scharf und mi&szlig;trauisch. Der Capitain gab &uuml;brigens
+dem gar so stattlich angezogenen Zwischendeckspassagier, wenn
+auch nicht gerade mit eben freundlichem Gesichte Raum, und
+dieser kam jetzt, den Hut in der Hand, auf Henkel zu und
+sagte verbindlich:</p>
+
+<p>&raquo;Herr Henkel, ich habe schon lange nach dem Vergn&uuml;gen
+getrachtet Ihre werthe pers&ouml;nliche Bekanntschaft machen zu
+d&uuml;rfen &mdash; Convenienzen die uns bis jetzt getrennt haben,
+wissen Sie &mdash; hatte auch keine Ahnung dabei da&szlig; die Schiffsordnung
+so streng sei &mdash; &raquo;D'rum pr&uuml;fe wer sich ewig bindet&laquo; &mdash; w&uuml;rde
+sonst jedenfalls selber Caj&uuml;tspassage genommen haben.
+Doch das ist jetzt zu sp&auml;t, und da wir nun dem Lande der
+Gleichheit und allgemeinen Freiheit so nahe sind, ja uns eigentlich
+nach v&ouml;lkerrechtlichen Grunds&auml;tzen auf deren Gebiet
+<i>quasi</i> Ankergrund befinden, habe ich mir die Privatfreiheit
+genommen &mdash; wenn ich Sie nicht st&ouml;re, hei&szlig;t das &mdash; Ihre
+Zeit, wenn auch nur f&uuml;r wenige Minuten zu beanspruchen &mdash; die
+Zeit ist kurz die Reu ist lang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Womit kann ich Ihnen dienen?&laquo; sagte Henkel mit
+einer leisen wie zustimmenden Verbeugung &mdash; &raquo;Sie sehen da&szlig;
+ich jetzt nicht besch&auml;ftigt bin &mdash; darf ich Ihnen einen Sitz anbieten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte&laquo; sagte Steinert, und lie&szlig; sich ohne weiteres auf
+der n&auml;chsten Bank nieder, w&auml;hrend Henkel vor ihm, an die
+eiserne Railing gelehnt, stehen blieb. &raquo;Was mich hierher
+treibt zu Ihnen?&laquo; fuhr Steinert endlich fort, nachdem er den
+ungewohnten Hut bald aus der einen in die andere Hand
+genommen, und immer vergebens gesucht hatte ihn in die richtige
+Lage zu bringen, bis er ihn endlich neben sich auf die
+Bank stellte &mdash; &raquo;ist der Wunsch etwas Gediegenes, Wahres
+&uuml;ber das Land zu h&ouml;ren, dem wir uns jetzt, von den Fl&uuml;geln
+des Windes getragen, n&auml;hern; &raquo;Eilende Wolken&laquo; wissen Sie
+wohl, &raquo;Segler der L&uuml;fte&laquo;. Sie kennen es von eigener Anschauung,
+Sie vor Allen scheinen mir auch, Ihrem ganzen
+&Auml;u&szlig;ern nach der Mann zu sein, der im Stande ist ein richtiges
+und allgemeines Urtheil zu f&auml;llen, und um das komme
+ich, Sie zu ersuchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und in welchem Fach?&laquo; frug Henkel, einen leichten
+Seufzer dabei unterdr&uuml;ckend, aber sich doch mit einer gewissen
+Geduld der langweiligen Einleitung f&uuml;gend; von Hopfgarten
+war indessen ebenfalls an Deck gekommen, und ging hinter
+ihnen langsam auf und ab &mdash; &raquo;f&uuml;r welchen Gesch&auml;ftszweig
+w&uuml;nschen Sie&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erlauben Sie mir&laquo; fiel ihm aber Steinert rasch in's
+Wort, &raquo;da&szlig; ich Ihnen vorher noch eine kleine Bemerkung
+vorausschicke, eine Bemerkung die Sie &uuml;berzeugen mag, wie
+ich nicht eben in das Blaue hinein einen Plan zur Auswanderung
+gefa&szlig;t, sondern mich ziemlich genau nach Allem erkundigt,
+und besonders Alles gelesen habe, was je dar&uuml;ber geschrieben
+worden. Amerika ist ein Land wo Einem die gebratenen
+Tauben <span class="wide">nicht</span> in's Maul fliegen, so viel steht fest, das
+ist Thatsache, und Sie m&ouml;gen deshalb versichert sein, da&szlig; ich
+nicht mit extravaganten Erwartungen, unm&ouml;glich zu erf&uuml;llenden
+Hoffnungen etc. hin&uuml;bergehe &mdash; ankomme, k&ouml;nnte man
+jetzt fast sagen. Meine fr&uuml;heren Schicksale k&ouml;nnen Ihnen
+gleichg&uuml;ltig sein &mdash; &raquo;weit in nebelgrauer Ferne, liegt mir das
+verlass'ne Gl&uuml;ck&laquo; &mdash; es ist vorbei, und ich mu&szlig; Ihnen jetzt
+nur vor allen Dingen sagen da&szlig; ich Kaufmann bin, und es
+f&uuml;r vortheilhaft halten w&uuml;rde eine kurze Zeit erst, ehe ich mich
+selbstst&auml;ndig etablirte, in irgend eine Condition zu treten, sei
+es auch nur auf zwei oder drei Monat, die Verh&auml;ltnisse dort
+vor allen Dingen durch Augenschein genau kennen zu lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Conditionen&laquo; begann Henkel, als ihm der Weinreisende
+wieder in die Rede fiel:</p>
+
+<p>&raquo;Sind vielleicht nicht so ganz leicht gleich zu bekommen,
+ja das glaub ich; auch das habe ich schon mehrfach gelesen;
+aber wissen Sie, ich bin auch zugleich <span class="wide">Gesch&auml;ftsmann</span>,
+und Ihnen, Herr Henkel, brauche ich nicht zu sagen da&szlig;
+Amerika gerade das Land der wirklichen Gesch&auml;ftsleute ist &mdash; Sie
+wissen das ja am besten aus eigener Erfahrung. &Uuml;brigens
+stehe ich auch noch mit dem Haus f&uuml;r das ich in Deutschland
+gereist bin: Schwartz und Pelzer, eines der bedeutendsten
+H&auml;user in Frankfurt in selbst intimer Verbindung. Der
+Mensch mu&szlig; so viel Eisen als m&ouml;glich im Feuer haben, wenn
+er in dieser Welt reussiren will, und ich habe es f&uuml;r zweckm&auml;&szlig;ig
+gehalten keine Br&uuml;cke hinter mir abzubrechen, so lange
+ich sie mit Bequemlichkeit gangbar halten konnte. Sie werden
+mir darin Recht geben Herr Henkel. Auch dar&uuml;ber sind Sie
+vielleicht im Stande mir Auskunft zu ertheilen, verehrter
+Herr, ob und wiefern ich auf einen Absatz in diesem Gesch&auml;ft,
+wenn alle &uuml;brigen Stricke rissen, und g&uuml;nstigen Erfolg wohl
+rechnen k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um deutsche Weine in Amerika zu verkaufen?&laquo; frug
+Henkel.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings &mdash; freilich kann ich mir denken&laquo; fuhr Steinert
+rasch fort, ohne dem Gefragten Zeit zu einer direkten
+Antwort zu geben, &raquo;da&szlig; der amerikanische Markt zu Zeiten
+mit solchen Vorr&auml;then &uuml;berf&uuml;llt sein mag, denn es werden
+enorme Massen von Wein auch wohl von anderen L&auml;ndern
+hin&uuml;bergeschickt, <span class="wide">gute</span> Waare h&auml;lt aber doch, wie ich <span class="wide">Ihnen</span>
+nicht zu sagen brauche, ihren Werth, und wenn die Leute erst
+einmal merken da&szlig; sie prompt und reell bedient werden, dann
+sind sie gar nicht mehr wegzutreiben aus der Kundschaft; ich
+habe dar&uuml;ber unendlich viel Erfahrungen gesammelt, in meinem
+Leben, und Sie sind darin gewi&szlig; ganz meiner Meinung.
+&Uuml;brigens habe ich einige vortreffliche Empfehlungen, an sehr
+bedeutende H&auml;user in New-Orleans; glauben Sie nicht da&szlig;
+<i>die</i> mit etwas n&uuml;tzen k&ouml;nnen? &mdash; Ich baue nicht etwa zu viel,
+oder gar einzig und allein darauf,&laquo; fuhr er dabei rasch fort,
+als ob er f&uuml;rchte da&szlig; ihm Herr Henkel die Hoffnung &uuml;ber den
+Haufen werfen k&ouml;nne, und ehe dieser auch nur im Stande
+war eine Sylbe darauf zu erwiedern &mdash; &raquo;<span class="wide">selbst</span> ist der Mann
+und die Empfehlung die man im eigenen Kopfe tr&auml;gt ist immer
+die Beste, und man kann sich am Festesten auf sie verlassen,
+aber jedenfalls sind es doch immer Einf&uuml;hrungen in
+gute H&auml;user &mdash; so zu sagen gestempelte Visitenkarten. Ein
+Freund von mir hat zum Beispiel eine brillante Parthie, nur
+durch solch einen einfachen Empfehlungsbrief gemacht, er
+mu&szlig;te zwar seine Braut &mdash; seine jetzige Frau &mdash; entf&uuml;hren
+und die Eltern waren au&szlig;er sich dar&uuml;ber &mdash; haben die Tochter
+auch enterbt, aber was wollen Eltern in einem solchen Fall
+machen, wenn der Priester erst einmal seinen Segen dar&uuml;ber
+gesprochen hat &mdash; dann ist die Geschichte aus, und das Kl&uuml;gste
+was sie thun k&ouml;nnen ist, da&szlig; sie ebenso thun als ob sie selber
+damit zufrieden w&auml;ren. &mdash; O zarte Sehnsucht s&uuml;&szlig;es Hoffen;
+der ersten Liebe goldne Zeit&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sie w&uuml;nschten, soviel ich verstanden habe, irgend
+etwas Specielles &uuml;ber Amerika zu erfahren&laquo; sagte Henkel,
+dem das Gespr&auml;ch mit dem Mann anfing unbequem zu werden.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings, mein verehrter Herr Henkel&laquo; sagte Steinert,
+einen fl&uuml;chtigen Blick in den Hut werfend, ob seine Frisur
+auch noch nicht durch den Wind gelitten habe &mdash; &raquo;ich m&ouml;chte
+ungemein gern einen Blick in das Verh&auml;ltni&szlig; thun, in dem
+in Amerika der Commis z. B. zu seinem Principal, und die
+Gesch&auml;ftswelt im Allgemeinen zu der politischen Welt, von
+einem rein menschlichen Standpunkte aus genommen, steht. &mdash; Ich
+mu&szlig; Ihnen dabei voraus bemerken&laquo; setzte er wieder rasch
+hinzu, als er sah da&szlig; Henkel etwas darauf antworten wollte,
+&raquo;da&szlig; ich schon von einem dort lebenden Freund einige sehr
+werthvolle Briefe &uuml;ber Amerika besitze, in denen er mir das
+dortige Leben fl&uuml;chtig &mdash; mehr allerdings in Anekdoten die in
+unser Fach schlagen &mdash; schildert. Es ist aber Nichts gef&auml;hrlicher
+als sich auf einseitige Urtheile, die doch immer hie und da
+durch ein gewisses Verh&auml;ltni&szlig; bestimmt sein k&ouml;nnen, zu verlassen,
+und ich habe mir deshalb besonders die Freiheit genommen
+Sie aufzusuchen. Glauben Sie &uuml;brigens nicht&laquo; fuhr
+er ohne weiteres fort, &raquo;da&szlig; ich, wie viele meiner Landsleute,
+den h&ouml;chsten Werth gerade in jene so oft herausgehobene Gleichheit
+der Amerikanischen B&uuml;rger setze &mdash; ich wei&szlig; recht gut da&szlig; ein
+allgemeiner Leiter des Gesch&auml;ftes nicht allein unbedingt n&ouml;thig,
+sondern auch f&uuml;r die Engagirten h&ouml;chst angenehm und bequem
+ist; der vern&uuml;nftige Mann f&uuml;gt sich dabei leicht in das, was
+ihm selber als nothwendig erscheint, aber gerade diese Gleichberechtigung
+des einen Standes selbst der h&ouml;chsten Aristokratie
+gegen&uuml;ber, hat doch auch wieder, wie sich nicht leugnen l&auml;&szlig;t,
+etwas sehr Angenehmes und Verlockendes, darf aber nat&uuml;rlich,
+wie Sie gewi&szlig; auch der Meinung sind, unter keinen Umst&auml;nden
+gemisbraucht werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings&laquo; sagte Henkel, der es jetzt aufgegeben hatte
+irgend etwas Selbst&auml;ndiges zu &auml;u&szlig;ern, und den Mann eben
+ausreden lie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Das steht also auch fest&laquo; sagte Steinert, mit einer verbindlichen
+Verbeugung f&uuml;r die Anerkennung, &raquo;da&szlig; eben unser
+Stand, der uns die freie Bewegung nach allen Seiten l&auml;&szlig;t,
+einer der angenehmsten im ganzen weiten Reiche sein m&uuml;&szlig;te,
+und man, wenn man nicht gerade mit zu gro&szlig;en Erwartungen
+hin&uuml;ber geht, ja eigentlich eher auf einzelne kleine Entt&auml;uschungen
+gefa&szlig;t ist, eines ziemlich sicheren Erfolges, nat&uuml;rlich
+den einzelnen F&auml;higkeiten entsprechend, auch gewi&szlig; sein k&ouml;nne,
+nicht wahr? &mdash; Ich versichere Sie, Herr Henkel, da&szlig; es mir
+eine gro&szlig;e Beruhigung gew&auml;hrt, diese Ansicht auch von Ihnen,
+der das Land doch durch und durch kennt, vertreten zu sehn,
+und ich bin Ihnen in der That ungemein verpflichtet, verehrter
+Herr, f&uuml;r Ihre g&uuml;tige Bereitwilligkeit, mir darin Auskunft zu
+geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihnen das Wenige gen&uuml;gt&laquo; sagte Henkel, der
+trotz seiner sonst ernsten Stimmung doch ein L&auml;cheln nicht verbergen
+konnte, indem er sich von der Railing, an der er gelehnt,
+aufrichtete.</p>
+
+<p>&raquo;Oh bitte&laquo; rief aber Steinert, &raquo;guter Rath kommt oft
+vor guter That, und wer nur ein wenig Auffassungsgabe hat,
+f&uuml;r den ist ein Wink soviel, wie eine ganze Predigt f&uuml;r einen
+minder Begabten. Entschuldigen Sie nur da&szlig; ich Sie vielleicht
+inde&szlig; von einer angenehmeren Besch&auml;ftigung abgehalten
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>Er war indessen ebenfalls aufgestanden und, seinen Hut
+in der Hand, im Begriff das Quarterdeck wieder zu verlassen.</p>
+
+<p>&raquo;Ganz und gar nicht&laquo; sagte Henkel, froh so billigen
+Kaufs davongekommen zu sein, setzte aber mit leiser Ironie
+im Ton, die jedoch an Steinert g&auml;nzlich verloren ging, hinzu &mdash; &raquo;und
+wenn Sie wieder eine Auskunft w&uuml;nschen sollten, die
+ich im Stande w&auml;re Ihnen zu geben, so stehe ich mit Vergn&uuml;gen
+zu Diensten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu g&uuml;tig &mdash; zu g&uuml;tig in der That&laquo; sagte der Weinreisende,
+seinen Hut in der Hand herumdrehend, &raquo;aber &mdash; aber
+<span class="wide">eine</span> Frage m&ouml;chte ich mir doch noch, und zwar mehr
+vom particularistischen Standpunkte aus erlauben. Sie sind
+in New-Orleans ans&auml;ssig, mein verehrter Herr Henkel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden sich dort etabliren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo; &mdash; Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;D&uuml;rfte ich mir in dem Fall erlauben&laquo; sagte Herr Steinert,
+indem er seinen Hut unter den linken Arm dr&uuml;ckte und
+seine Brieftasche aus der linken Brusttasche nahm, &raquo;Ihnen
+unser Haus, in allen Arten von feinen und leichten Rheinweinen,
+Rheinischen Champagnern und Pf&auml;lzer Weinen zu
+empfehlen &mdash; hier die Adresse mit Preiscourant und der Versicherung
+billiger, rascher und prompter Bedienung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich wei&szlig; nicht ob ich &mdash; &laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte&laquo; unterbrach ihn Steinert rasch, &raquo;ist auch f&uuml;r den
+Augenblick gar nicht n&ouml;thig &mdash; f&uuml;r sp&auml;ter vielleicht &mdash; ist auch
+nicht etwa des Nutzens wegen, verehrter Herr, nur wirklich
+der Annehmlichkeit wegen, mit Ihnen in eine angenehme Gesch&auml;ftsverbindung
+zu treten. Ich bin auch dabei so von der
+Solidit&auml;t unseres Hauses &uuml;berzeugt, da&szlig; ich in diesem Augenblick
+wirklich nicht wei&szlig; Ihnen meine Dankbarkeit auf eine
+bessere und w&uuml;rdigere Weise dazuthun. 'Werde mir dann
+schon die Freude machen Sie in New-Orleans wieder aufzusuchen,
+wozu ich Sie noch ersuchen m&ouml;chte, mir gef&auml;lligst Ihre
+dortige Adresse zukommen zu lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Adresse?&laquo; sagte Henkel, den Mann indessen einige
+Secunden scharf fixirend &mdash; &raquo;sch&ouml;n &mdash; ich werde Ihnen meine
+Adresse geben. Sie ist f&uuml;r die ersten Tage im St. Charles
+Hotel &mdash; sollte ich da ausgegangen sein, bin ich bei diesem
+Herrn&laquo; &mdash; er nahm zugleich eine Karte aus seiner eigenen
+Brieftasche &mdash; &raquo;zu erfragen. Es ist nicht unm&ouml;glich da&szlig; wir
+ein Gesch&auml;ft zusammen machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben mich zu doppeltem Danke verpflichtet&laquo; sagte
+Steinert, &raquo;nun erlauben Sie aber da&szlig; ich mich entferne&laquo;
+setzte er dann mit etwas leiserer Stimme und einem Seitenblick
+auf den, immer noch unfern davon stehenden Capitain
+hinzu, &raquo;denn der alte Seearistokrat dort wird schon ungeduldig
+&uuml;ber mein langes Hierobensein &mdash; <i>eh bien</i>, wir
+kommen bald an einen Ort, wo das ganze Land ein einziges
+Quarterdeck ist, und der Unterschied der St&auml;nde f&auml;llt, bis dahin,
+mein bester Herr Henkel, habe ich die Ehre mich Ihnen
+gehorsamst zu empfehlen und zeichne mich indessen als Ihr ergebenster
+Adalbert Steinert.&laquo;</p>
+
+<p>Mit einer halbrunden Verbeugung dabei, die Herrn Henkel
+in der Mitte, mit Herrn von Hopfgarten und den Capitain
+an den Flanken zugleich einschlo&szlig;, verlie&szlig; er das Quarterdeck
+und stieg wieder in sein Territorium hinab, wo er aber noch
+nicht drei Schritte gethan, als er schon wieder von Maulbeere,
+der ihm hier jedenfalls aufgelauert haben mu&szlig;te, begr&uuml;&szlig;t
+wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Herr Steinert, schon Gesch&auml;fte gemacht auf Amerikanischem
+Grund und Boden &mdash; das ist recht, die stolzen
+Burschen, die sich mit uns Zwischendeckspassagieren nicht abgeben
+wollten, m&uuml;ssen mit saueren Weinen angeschmiert werden;
+darin liegt Charakter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Maulbeere, ich verbitte mir alle Anz&uuml;glichkeiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne wahrhaftig&laquo; sagte aber der unverw&uuml;stliche Scheerenschleifer,
+&raquo;das geschieht ihnen ganz recht, und ich w&uuml;nsche den
+Hochnasen nichts Besseres, als da&szlig; sie <span class="wide">Ihnen</span> in die Klauen
+fallen.&laquo;</p>
+
+<p>Steinert setzte seinen Hut auf, steckte die rechte Hand
+vorn in die Brust, und ging, einen ver&auml;chtlichen Blick auf den
+Scheerenschleifer schleudernd, nach vorn.</p>
+
+<p>&raquo;Nu Gott sei Dank&laquo; sagte der Capitain, als der Zwischendeckspassagier
+das Quarterdeck verlassen hatte, zu Henkel
+tretend, &raquo;der hatte aber ein Maulwerk am Kopf; das ging ja
+wie geschmiert. Ich glaube der k&ouml;nnte Einen in einem halben
+Tage todt reden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Aufschl&uuml;sse die Sie ihm ertheilten, waren in der
+That werthvoll&laquo; lachte aber auch von Hopfgarten, zu den
+Beiden tretend &mdash; &raquo;es wunderte mich nur da&szlig; Sie ihm Ihre
+Karte gaben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um ihn los zu werden&laquo; sagte Henkel &mdash; &raquo;&uuml;brigens&laquo;
+setzte er mit einem leichten L&auml;cheln hinzu, &raquo;war es nicht
+<span class="wide">meine</span> Karte, sondern eine fremde die ich zuf&auml;lliger Weise
+bei mir hatte &mdash; er wird mich in New-Orleans nicht geniren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hahahaha, das ist pr&auml;chtig&laquo; lachte von Hopfgarten,
+&raquo;das ist eine famose Ausflucht; der wird sch&ouml;n schimpfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da kommt unser Lootse!&laquo; rief in diesem Augenblick der
+Capitain, der das Glas genommen und ein paar Secunden
+damit nach dem Land hin&uuml;bergeschaut hatte, das sich noch immer
+vor ihnen hinzog und keinen H&uuml;gel, kein Landhaus verrathen
+wollte. Flach und &ouml;de zog sich der schmale Streifen
+am Horizont hin, und nur nach der Richtung, nach welcher
+der Capitain deutete, lie&szlig; sich eine kleine Wolke leichten Qualms
+erkennen, die zuerst wie &uuml;ber dem flachen Lande lag, und dann,
+als der Blick der Passagiere fester darauf haftete, sich zu bewegen,
+und n&auml;her zu kommen schien.</p>
+
+<p>Herr von Hopfgarten war indessen rasch in die Caj&uuml;te
+hinab gestiegen, den Damen zu melden da&szlig; das Lootsenschiff,
+wozu in den Mississippim&uuml;ndungen meist Schleppdampfer gebraucht
+werden, in Sicht k&auml;me, und die Zwischendeckspassagiere,
+die aus dem Leben auf dem Quarterdeck wohl gemerkt hatten
+da&szlig; irgend etwas Au&szlig;erordentliches vorgehe &mdash; wenn sie auch
+noch nicht herausbekommen konnten was, kletterten wieder in
+die Wanten und auf alle einigerma&szlig;en hohe Stellen an Bord,
+nach der Richtung hin, wohin die Fernr&ouml;hre des Capitains
+und der Caj&uuml;tspassagiere gerichtet waren, zu entdecken was
+etwa in Sicht k&auml;me.</p>
+
+<p>&Uuml;ber den Dampfer, dessen Rauch sich bald mit blo&szlig;en
+Augen erkennen lie&szlig;, sollten sie aber nicht lange in Zweifel
+bleiben, denn er kam merklich n&auml;her. Deutlich lie&szlig;en sich
+schon die Umrisse seines oberen Decks, bald sogar einzelne
+Gestalten an Bord unterscheiden, und die wehende Bremer
+Flagge an der Gaffel der Haidschnucke wurde jetzt kaum mit
+dem antwortenden Signal des Lootsen, den Amerikanischen
+Sternen und Streifen<a href="#g3fn1"><small><sup>1</sup></small></a><a name="g3fn1r" id="g3fn1r"></a> begr&uuml;&szlig;t, als lauter Jubel an Bord
+des Auswandererschiffes losbrach, und ein donnerndes, wieder
+und wieder erneutes Hurrah den Farben des neugewonnenen
+Vaterlands entgegenjauchzte.</p>
+
+<p>Von jetzt an war alles Andere in dem einen Gef&uuml;hl des
+endlich erreichten Zieles, f&uuml;r das ihnen der Amerikanische
+Lootsendampfer volle B&uuml;rgschaft leistete, vergessen; Jeder hatte
+nur Augen und Gedanken f&uuml;r das heranbrausende Dampfschiff,
+dessen R&auml;der sie jetzt schon &uuml;ber das stille Wasser des
+Golfes konnten arbeiten h&ouml;ren, dessen einzelne Matrosen sie
+an Bord erkannten, und wie es sie endlich erreicht, einen engen
+Kreis um sie beschrieb und an ihrer Seite hinfuhr, und der
+Amerikanische Capitain, der auf dem Radkasten seines Fahrzeugs
+mit dem Sprachrohr in der Hand stand, seinen Anruf
+her&uuml;berschrie, da brach sich der Jubel von Neuem Bahn,
+und der Amerikaner, der sein Sprachrohr erstaunt absetzte,
+sah ein paar Secunden die Schreier ruhig an, drehte sich dann
+nach seinem Steuermann um und lachte. Die Matrosen an
+Bord des Schleppdampfers glaubten aber indessen den Gru&szlig;
+ebenfalls erwiedern zu m&uuml;ssen, und antworteten, w&auml;hrend die
+beiden Fahrzeuge jetzt in etwa hundert Schritt Entfernung
+neben einander hinliefen, mit drei kr&auml;ftigen &raquo;<i>Hip hip hip
+hurrahs!</i>&laquo; das auf der Haidschnucke wieder sein Echo fand.</p>
+
+<p>Ehe sich das Geschrei legte lie&szlig; sich nat&uuml;rlich an ein
+gegenseitiges Verst&auml;ndni&szlig; nicht denken, den ersten Ruhepunkt
+aber benutzend, setzte der Amerikaner wieder das Rohr an die
+Lippen, und der, dem Laien zum ersten Mal gewi&szlig; unverst&auml;ndliche
+Seeruf, der durch den wunderlich dr&ouml;hnenden Schall
+des metallenen Rohres nur noch verworrener wird, t&ouml;nte
+her&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Where do you hail from?</i>&laquo;<a href="#g3fn2"><small><sup>2</sup></small></a><a name="g3fn2r" id="g3fn2r"></a></p>
+
+<p>Nun hatte aber Steinert, besonders in der letzten Zeit,
+nicht allein unter seinen n&auml;heren Bekannten, sondern auch im
+Zwischendeck &uuml;berhaupt, viel mit seiner Kenntni&szlig; der Englischen
+Sprache geprahlt, die ihm dort allerdings von keinem
+bestritten werden konnte oder wurde. Diesen Anruf hielt er
+aber f&uuml;r eine allgemeine, an das ganze Schiff gerichtete H&ouml;flichkeitsformel,
+die er nicht glaubte unbenutzt vor&uuml;bergehn lassen zu dürfen, ohne
+seine Kenntnisse zu zeigen. Ehe deshalb der eigene Capitain,
+der jetzt ebenfalls auf seinem Quarterdeck mit der
+&raquo;Sprechtrompete&laquo; in der Hand stand, auch nur das Geringste
+darauf erwiedern konnte, sprang er auf die, an der Railing
+befestigte Nothspieren, hielt beide H&auml;nde trichterf&ouml;rmig an
+die Lippen, und schrie in h&ouml;chst mittelm&auml;&szlig;igem fremdartigen
+Englisch:</p>
+
+<p>&raquo;Danke Ihnen Herr Capitain &mdash; wir sind Alle wohl!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halten Sie's Maul davorne!&laquo; br&uuml;llte aber Capitain
+Siebelt auf's &Auml;u&szlig;erste indignirt, als er einen Zwischendeckspassagier
+in sein Gesch&auml;ft hineinfallen h&ouml;rte, w&auml;hrend der
+Amerikaner erstaunt dorthin sah von woher die unverst&auml;ndliche
+Stimme t&ouml;nte, und von wo aus er allerdings keine Antwort
+erwartet haben konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man gefragt wird, Herr Capitain, darf man
+antworten&laquo; rief aber Steinert, der hier in seinem guten Recht
+zu sein glaubte und sich als freier Amerikanischer B&uuml;rger zur&uuml;ckgesetzt
+und beleidigt f&uuml;hlte &mdash; &raquo;&uuml;brigens verbitte ich mir
+alle Anz&uuml;glichkeiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Where do you hail from!</i>&laquo; t&ouml;nte aber des Amerikaners
+Ruf noch einmal her&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde mich noch einmal bei ihm bedanken, Herr
+Steinert&laquo; sagte Maulbeere, der seine innige Freude an dem
+Zwischenfall gehabt, ermunternd; &raquo;er wird Sie wahrscheinlich
+nicht verstanden haben.&laquo;</p>
+
+<p>Steinert war aber zu klug Maulbeeres Rath &mdash; den er
+in dem sehr gegr&uuml;ndeten Verdacht hatte, <span class="wide">sein</span> Bestes eben nicht
+zu wollen, zu folgen, und Capitain Siebelt konnte die n&ouml;thigen
+Antworten auf diese, wie die sp&auml;teren Fragen: &raquo;wie
+lange Reise?&laquo; &mdash; &raquo;Alles wohl an Bord?&laquo; geh&ouml;rig beantworten.</p>
+
+<p>Der schnaubende Dampfer hielt jetzt mehr auf sie zu und
+Matrosen sprangen an Bord der Haidschnucke mit bereit gehaltenen
+Tauen hin, sie in Wurfs N&auml;he an Deck des Schleppschiffs
+zu schleudern, w&auml;hrend sie dort rasch aufgefangen und
+befestigt wurden. Die Zwischendeckspassagiere, die jetzt nat&uuml;rlich
+&uuml;berall im Wege standen, stie&szlig; man dabei bald hier bald
+da zur Seite, aber sie lie&szlig;en sich heute Alles gefallen, war
+doch das Schiffsleben &uuml;berhaupt bald &uuml;berstanden, und das
+hier nur noch eine kleine, leicht zu ertragende Unbequemlichkeit,
+f&uuml;r die sie in wenigen Stunden &mdash; sie z&auml;hlten nicht
+einmal mehr nach Tagen &mdash; das ganze Amerikanische Reich
+entsch&auml;digen sollte.</p>
+
+<p>Festgeschn&uuml;rt an Bord des viel niedrigeren kleinen Dampfers
+lag jetzt das Segelschiff, das ihnen noch nie so gro&szlig; erschienen
+war wie in diesem Augenblick; alle Segel schlugen
+aber, in ihren Schoten gel&ouml;st, an den Raaen, und an den
+Tauen hingen die Matrosen sie aufzugeyen, w&auml;hrend ein Theil
+schon wie Katzen an den steilen Wanten emporkletterte und
+an den Raaen hinauslief, die Segel &uuml;berhaupt vollst&auml;ndig
+einzuziehn und festzuschn&uuml;ren auf ihren H&ouml;lzern.</p>
+
+<p>Der Wind war inde&szlig;, wie die Seeleute sagen, fast vollst&auml;ndig
+eingeschlafen, und die Hitze schw&uuml;l und dr&uuml;ckend, nichts
+destoweniger setzte das Schiff mit H&uuml;lfe des Dampfers, seine
+Fahrt weit rascher, als sie die letzten Tage zu segeln gewohnt
+gewesen waren, fort, und die K&uuml;ste, oder das wenigstens was
+sie bis jetzt f&uuml;r festes Land gehalten, r&uuml;ckte ihnen rasch n&auml;her.
+Das aber was ihnen bis dahin eine weite gr&uuml;ne Wiesenfl&auml;che
+geschienen, auf der sie, freilich umsonst, nach grasenden Heerden
+umhergesucht, zeigte sich jetzt, wie sie es endlich erreichten,
+als ein weiter trauriger Schilfbruch, dessen dunkelgr&uuml;ne schlanke
+Halme aus der, ihnen nun entgegenquillenden schmutziggelben
+Fluth des m&auml;chtigen Mississippi, dessen untere Ufer sie bildeten,
+herausschauten, und in der starken Str&ouml;mung zitterten
+und schwankten.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Das</span> ist Amerika?&laquo; rief da eine der Frauen, die mit
+vorn auf der Back stand, und deren Blicke bis dahin nur &auml;ngstlich
+und erwartungsvoll an dem n&auml;her und n&auml;her kommenden
+Lande gehangen &mdash; &raquo;lieber Gott, da kann man ja nicht einmal
+an's Ufer gehn.&laquo; Manche der &uuml;brigen Passagiere schauten
+jetzt ebenfalls, mit keineswegs mehr so zuversichtlichen
+Mienen als sie noch an dem Morgen gezeigt, auf die w&uuml;ste
+Fl&auml;che von Schilf und Wasser hinaus, die sie schon zur rechten
+und linken Seite umgab, und, der Aussage des zweiten Steuermanns
+nach, das <span class="wide">Ufer</span> des Mississippi bildete. Es war ein
+beengendes erdr&uuml;ckendes Gef&uuml;hl das sie erfa&szlig;te &mdash; die <span class="wide">erste</span>
+get&auml;uschte Hoffnung in dem neuen Land, das sie sich mit allem
+Zauber s&uuml;dlicher Zonen, wenn auch heimlich doch nur zu eifrig
+ausgeschm&uuml;ckt, und das jetzt vor ihren Augen wie ein stehender
+endloser Sumpf begann.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wo um Gottes Willen wohnen die Menschen?&laquo;
+riefen Andere aus &mdash; &raquo;hier kann man ja doch nicht leben in
+Wasser und Schilf?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Dort sind H&auml;user &mdash; dort hinten &mdash; wo? &mdash; dort wo
+der dunkelgr&uuml;ne Streif hinaufl&auml;uft und die Sonne auf das
+Wasser blitzt; gleich rechts davorn. Ja wahrhaftig &mdash; da stehn
+H&auml;user &mdash; das ist New-Orleans!&laquo; riefen und fl&uuml;sterten zaghafte
+Stimmen durcheinander und Steinert selbst war auf einmal
+ungemein kleinlaut geworden, und sa&szlig;, mit auf den Knieen
+gefalteten H&auml;nden vorn auf dem Bugspriet die ihn umgebende
+Scenerie schweigend zu betrachten.</p>
+
+<p>&raquo;Das New-Orleans? &mdash; Unsinn&laquo; lachten aber einige der
+Matrosen, die jene Bemerkung geh&ouml;rt, und schon fr&uuml;her einmal
+die &raquo;K&ouml;nigin des S&uuml;dens&laquo; &mdash; wie New-Orleans von
+den Amerikanern genannt wird, besucht hatten &mdash; &raquo;das ist hier
+nur eine der M&uuml;ndungen des Mississippi und die H&auml;user dort
+sind La Balize; das hohe Land aber liegt weiter oben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Weiter oben</span>&laquo; das war ein neuer Hoffnungsstrahl
+in die Nacht des Zweifels, der die armen Auswanderer eben
+zu erfassen drohte &mdash; &raquo;weiter oben.&laquo; Aber noch immer lie&szlig;en
+sich keine Berge erkennen; die &ouml;de Fl&auml;che schien sich viele viele
+Meilen weit auszudehnen und der Flu&szlig; w&auml;lzte tr&uuml;b und
+rei&szlig;end seine schmutzige Fluth an ihnen vor&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Dort liegt ein Schiff &mdash; dort noch eins &mdash;&nbsp;&laquo; ging jetzt der
+Ruf &uuml;ber Deck, &raquo;ha dort oben kommen eine ganze Menge &mdash; ich
+kann die Masten erkennen&laquo; zeigten Einzelne den Anderen
+ihre Entdeckung. <span class="wide">Die</span> kamen <span class="wide">von oben</span> herab, ja <span class="wide">die</span>
+wu&szlig;ten wie es dort aussah, und mit einer gewissen Ehrfurcht
+hingen ihre Blicke an den fernen Fahrzeugen, deren Umrisse
+sie noch nicht einmal deutlich unterscheiden konnten.</p>
+
+<p>Bis sie aber die immer deutlicher werdenden H&auml;user erreichten,
+wollten manche der Zwischendeckspassagiere gern von
+den Matrosen, die schon erkl&auml;rt hatten da&szlig; sie in New-Orleans
+gewesen waren, etwas N&auml;heres &uuml;ber die Stadt und deren
+Umgegend wissen; die Leute waren aber viel zu sehr besch&auml;ftigt
+ihren Fragen Rede stehn zu k&ouml;nnen, und sie mu&szlig;ten sich zuletzt
+darein finden eben abzuwarten, wie sich ihnen die Stadt
+selber zeigen w&uuml;rde. Ewig konnte das ja nun doch nicht mehr
+dauern.</p>
+
+<p>Ziemlich langsam gegen die starke Str&ouml;mung r&uuml;ckten sie
+indessen vorw&auml;rts, die schon in Sicht gekommenen Geb&auml;ude,
+in den Windungen des Flusses bald rechts bald links lassend,
+und erreichten endlich den Platz wo eine Anzahl h&ouml;lzerner
+Geb&auml;ude auf Pf&auml;hlen, und nur von Schilf und Schlammwasser
+umgeben mitten in diesem entsetzlichen Sumpfe standen
+und in der That auch nur durch hochgelegte Planken unter
+sich verbunden waren.</p>
+
+<p>Die&szlig; Lootsendorf, die sogenannte Balize, bot in der That
+einen traurigen Anblick, und man begriff nicht wie Menschen
+dort &uuml;berhaupt existiren konnten. Die weite Fl&auml;che der See
+selbst that dem Auge, in Vergleich mit dem &ouml;den Sumpfe wohl,
+der sich hier nach Norden, Osten und Westen ausdehnte, und
+die Passagiere erschraken als die Glocke des Dampfschiffs l&auml;utete,
+denn sie f&uuml;rchteten jetzt das, was sie noch an dem Morgen
+so hei&szlig; ersehnt &mdash; gelandet zu werden. Das Signal galt
+aber einem, noch eine kleine Strecke weiter oben liegenden
+Segelschiff, das jetzt seine Flagge aufhi&szlig;te und zur Freude der
+Auswanderer die Hamburger Farben zeigte. Dort waren halbe
+Reise- und ganze Leidensgef&auml;hrten, und als die Haidschnucke,
+mit der Bremer Flagge noch immer auswehend, dem Hamburger
+Schiffe n&auml;her kam, gr&uuml;&szlig;te sie von dort, wie sie erst
+selber den Amerikaner bewillkommt, ein donnerndes Hurrah,
+das sie allerdings, aber lange nicht mehr so kr&auml;ftig wie heute
+fr&uuml;h, beantworteten.</p>
+
+<p>Sie erfuhren jetzt auch, da&szlig; der Dampfer das andere
+deutsche Schiff ebenfalls in's Schlepptau nehmen w&uuml;rde, aber
+sie freuten sich nicht besonders dar&uuml;ber, denn nicht mit Unrecht
+f&uuml;rchteten sie dadurch nur soviel langsamer von der Stelle zu
+r&uuml;cken. Das k&uuml;mmerte jedoch den Amerikaner wenig, der sich
+f&uuml;r die Fahrt den doppelten Verdienst nat&uuml;rlich nicht entgehen
+lie&szlig;, und das Hamburger Schiff, Orinoko wie es hie&szlig;, erst
+hierher gebracht und vor Anker gelegt hatte, noch ein zweites
+aus dem Golf dazu zu holen, ehe er es nach New-Orleans
+hinauf zog.</p>
+
+<p>Der Hamburger hatte inde&szlig;, unter dem lauten taktm&auml;&szlig;igen
+Singen der Matrosen, seinen Anker aufgeholt, als
+der Dampfer an ihn hinanlief und ihn an den anderen Bug
+nahm, die Taue wurden befestigt, wie sie fr&uuml;her an der Haidschnucke
+befestigt waren, und wenige Minuten sp&auml;ter schnaubt
+das kleine aber kr&auml;ftige Boot mit seiner doppelten Last, aber
+nicht viel langsamer als vorher, den m&auml;chtigen Strom hinauf.</p>
+
+<p>Die Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke hatten nun
+allerdings nichts Eiligeres zu thun als einen Versuch zu machen,
+von ihrem Schiff hinunter, &uuml;ber das Dampfboot hinweg,
+an Bord des Landsmannes zu klettern, und dort Bekanntschaft
+mit dessen Passagieren zu machen. Darin sollten sie sich aber
+get&auml;uscht sehn, denn die Steuerleute verboten es ihnen nicht
+allein auf das Entschiedenste, sondern die Wacht des Dampfers
+selber hatte strenge Ordre Niemanden hinunter auf ihr Deck
+oder hin&uuml;ber zu lassen, und weder Bitten noch Protestiren half,
+die Capitaine zu einer &Auml;nderung der Maa&szlig;nahme zu bewegen.
+Die angegebene Ursache war nicht allein Unordnung zu vermeiden,
+sondern auch ihren eignen Schiffahrtsgesetzen nachzukommen,
+nach denen sie keine Communication mit fremden
+Schiffen, ehe sie den Hafen erreicht h&auml;tten, unterhalten durften.</p>
+
+<p>Das aber verhinderte Steinert nicht eine sehr lebhafte,
+und nat&uuml;rlich au&szlig;erordentlich laut gef&uuml;hrte Unterhaltung von
+der Back der Haidschnucke aus, mit einigen Passagieren des
+Orinoko, &uuml;ber das Dampfschiff weg, anzukn&uuml;pfen, sich nach
+Zeit der Abfahrt und Erlebnissen der Reise zu erkundigen, und
+seine einzelnen Ansichten &uuml;ber die Haidschnucke, die nicht immer
+zu Gunsten derselben ausfielen, einzutauschen. Andere schlossen
+sich dem an, und die Conversation, von allen hohen Theilen
+des Schiffs und selbst den Wanten und Marsen ausgef&uuml;hrt,
+wurde bald allgemein; bis die Scenerie auf dem Strome selbst
+diesem ein Ende machte.</p>
+
+<p>Schon seit einiger Zeit hatte ein Theil der Passagiere
+<span class="wide">B&auml;ume</span> wirkliche B&auml;ume voraus entdeckt, denn das einzige
+was sich ihnen bis jetzt an Vegetation au&szlig;er dem Schilf und
+alten eingeschwemmten und versenkten Baumst&auml;mmen gezeigt
+hatte, waren nur niedere Weidenb&uuml;sche gewesen, und wie sie
+jene erreichten sahen sie auch den ersten festen Boden aus der
+gelben Fluth hervorragen.</p>
+
+<p>&raquo;Da ist Land &mdash; da ist Land!&laquo; jubelte es in dem Augenblick
+vom Deck, als ob die Leute in der That geglaubt h&auml;tten
+da&szlig; Amerika im Wasser liege &mdash; &raquo;da sind B&auml;ume, da ist Gras.
+Hurrah f&uuml;r Amerika.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hurrah f&uuml;r Amerika!&laquo; jauchzte das Schiff nach und die
+Matrosen des Schleppdampfers hatten Nichts dagegen in den
+ihrer eignen Heimath gebrachten Jubelruf mit einzustimmen.</p>
+
+<p>Es war indessen ziemlich sp&auml;t am Tag geworden; w&auml;hrend
+das Ufer aber zu beiden Seiten einen festeren Charakter
+annahm, mit hohen B&auml;umen besetzt und nur noch hie und da
+von Schilf durchwachsen, lie&szlig;en sich noch immer keine menschlichen
+Wohnungen, hie und da eine kleine unansehnliche H&uuml;tte
+abgerechnet, erkennen; das Land schien eine unbewohnte Wildni&szlig;,
+die von den Passagieren schon mit B&auml;ren, Panthern und
+B&uuml;ffeln belebt wurde, und die cultivirte Gegend lag jedenfalls
+noch <span class="wide">weiter oben.</span> Einzelne Schiffe begegneten ihnen jedoch
+jetzt, und zweimal sogar eine ordentliche kleine Flotte, von einem
+einzigen Dampfer stromab bugsirt, der an jedem Bord ein
+gro&szlig;es Schiff f&uuml;hrte, und drei kleinere noch hinten an langen
+Leinen im Schlepptau hatte. Auch kleine K&uuml;stenfahrzeuge segelten
+und ruderten auf dem Strom, manche von ihnen mit
+farbigen Leuten bemannt, ihre kleinen Fahrzeuge bunt bemalt,
+und her&uuml;ber und hin&uuml;ber kreuzend gegen die starke Str&ouml;mung
+des &raquo;Vaters der Wasser&laquo;.<a href="#g3fn3"><small><sup>3</sup></small></a><a name="g3fn3r" id="g3fn3r"></a></p>
+
+<p>Aber die Sonne neigte sich ihrem Untergang, und was
+Manchem von ihnen schon auf der See aufgefallen war, die
+kurze D&auml;mmerung, machte sich hier, wo sie das schattige Laub
+der hohen B&auml;ume an ihrer Seite hatten, nur noch mehr bemerkbar.
+Kaum war das Taggestirn hinter dem dunkeln Waldstreifen,
+der das jenseitige ziemlich ferne Ufer deckte, verschwunden,
+als die Nacht mit einer Schnelle anbrach, von der sie bis
+jetzt wirklich keine Ahnung gehabt. Sie hielten dabei dem linken
+Ufer des Stromes zu, dort Holz f&uuml;r den Dampfer, dessen
+Kohlen auf die Neige gingen, einzunehmen, und die Passagiere
+freuten sich schon das Ufer betreten und die wunderliche Vegetation
+des neuen Landes beschauen zu d&uuml;rfen, dessen riesige B&auml;ume
+hier alle mit wehendem silbergrauen Moos bis hinab auf den
+Grund behangen schienen; doch hatten sie dasselbe noch lange
+nicht erreicht, als es schon unter den B&auml;umen dunkelte und
+das Licht der einzelnen dort wie versteckten H&uuml;tte, seinen rothgl&uuml;henden
+Schein her&uuml;berschickte.</p>
+
+<p>Das Einnehmen von Holz zeigte mit den tiefgehenden
+Schiffen seine Schwierigkeit, da der Dampfer mit diesen nicht
+so dicht an Land fahren konnte, und die Capitaine nicht gern
+vor Anker gehen wollten. Der Eigenth&uuml;mer des Holzes war
+aber schon darauf eingerichtet, und hatte eine Anzahl Klafter
+in einem niederen und sehr breiten Boote mit flachem Boden
+aufgestapelt, mit dem er, auf den Anruf des Capitains eine
+Strecke in den Flu&szlig; hinaus fuhr und sich queer vor dem Bug
+des Dampfers legte. Von hier aus wurden die Scheite, w&auml;hrend
+die Maschine wieder an zu arbeiten fing, und alle vier
+Fahrzeuge doch wenigstens gegen die Str&ouml;mung stemmte, rasch
+an Bord geworfen, die Taue der Haidschnucke aber dann gel&ouml;&szlig;t,
+damit das entladene Holzboot zwischen ihnen durch mit
+der Str&ouml;mung zur&uuml;cktreiben konnte, und der Schleppdampfer
+setzte seinen Weg jetzt wieder, in der Nacht ziemlich die Mitte
+des Stromes haltend, den zahlreichen im Flu&szlig;bett angeschwemmten
+St&auml;mmen auszuweichen, langsam fort.</p>
+
+<p>Es war ein wundervoller Abend, der Mond hob sich, als
+sie kaum eine Stunde gefahren waren, &uuml;ber die B&auml;ume, und
+go&szlig; sein silbernes Licht auf den breiten Strom, und die Passagiere
+der verschiedenen Schiffe hatten sich vorn auf Deck gelagert,
+und sangen wechselsweise in vollt&ouml;nenden oft harmonischen
+Ch&ouml;ren ihre heimischen Lieder, die meist ernsten, schwerm&uuml;thigen
+Inhalts gar wunderbar ergreifend &uuml;ber den stillen
+Strom klangen.</p>
+
+<p>Frau von Kaulitz hatte unter der Zeit versucht ihre gew&ouml;hnliche
+Whistparthie zu Stande zu bringen, heute jedoch nicht
+einmal Herrn von Benkendroff bewegen k&ouml;nnen daran Theil
+zu nehmen, und sa&szlig; jetzt, eine Patience legend, allein in der
+Caj&uuml;te. Es war ihr ein verlorener Abend den sie ohne Karten
+zubrachte. Die &uuml;brigen Passagiere sa&szlig;en und standen in
+schweigenden Gruppen auf dem Quarterdeck umher, oder fl&uuml;sterten
+leise mit einander, so eigen ber&uuml;hrt waren sie selber von
+den heimischen Kl&auml;ngen denen sich das Herz, mag es das Vaterland
+noch so lang verlassen und es fast vergessen haben, doch
+nie verschlie&szlig;t.</p>
+
+<p>Es liegt ein eigener Zauber in den T&ouml;nen die wir als
+Kind gekannt, geliebt, und die nicht selten schon Wurzel in der
+Kindesbrust geschlagen. Alte Gedanken, liebe und tr&uuml;be Erinnerungen
+wecken sie dann wo wir sie wieder h&ouml;ren, und das
+Herz lauscht ihnen wollte selbst das Ohr den lieben Lauten den
+Eingang weigern.</p>
+
+<p>&raquo;Wie das so reizend klingt auf dem stillen Strome&laquo; sagte
+Marie, die den Arm um der Schwester Schulter gelegt, neben
+Clara und Hedwig unfern der Quarterdeckstreppe stand, und
+nach dem Mond hin&uuml;berschaute &mdash; &raquo;ich k&ouml;nnte den Liedern
+die ganze Nacht lauschen, und doch habe ich sie schon so oft,
+so oft geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist es ja gerade was sie uns so lieb macht&laquo; l&auml;chelte
+die Schwester sich freundlich zu ihr neigend &mdash; &raquo;wei&szlig;t Du noch
+wie wir daheim in unserem G&auml;rtchen sa&szlig;en, und die Zimmerleute
+unten vom Bauplatz, Abends, wenn sie an unserer Mauer
+vorbei zu Hause gingen all diese Lieder sangen, und wir sie
+weit weit noch h&ouml;ren konnten durch den stillen Abend.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unser liebes G&auml;rtchen&laquo; seufzte leise Marie, und auch der
+Schwester Brust hob sich in der schmerzlichen Erinnerung
+an das Zur&uuml;ckgelassene, aber sie wollte jetzt nicht jene Bilder
+heraufbeschw&ouml;ren und sagte rasch, der Schwester Arm ber&uuml;hrend
+und dann nach dem Nachbarschiffe hin&uuml;ber deutend, wo sie eben
+wieder ein anderes Lied begannen.</p>
+
+<p>&raquo;Kennst Du das, Marie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noah&laquo; lachte die Schwester, &raquo;Herrn Kellmanns Leiblied,
+ei wenn er jetzt bei uns w&auml;re, wie er da einstimmen w&uuml;rde
+nach Herzenslust. &mdash; Was er jetzt wohl treibt?&laquo;</p>
+
+<p>Anna schwieg und lauschte den T&ouml;nen, bis sie in der
+Nacht verklungen waren.</p>
+
+<p>Die Passagiere der Haidschnucke antworteten dem letzten
+Lied mit &raquo;Schweizers Heimweh&laquo;. Wenn aber die einzelnen
+Schiffe bis dahin allein gesungen, und so gewissermaa&szlig;en
+einen Wechselchor gebildet hatten, dessen einer immer erst begonnen
+wenn der andere geendet, und dem die Mannschaft des
+Schleppdampfers mit lautlosem Schweigen lauschte, so waren
+die ersten T&ouml;ne dieses alten lieben heimischen Sanges kaum
+angeschlagen, als das Hamburger Schiff ebenfalls mit einstimmte,
+und der volle Chor weich und klagend durch die
+Nacht drang.</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="noindent">Herz mein Herz, warum so traurig,<br />
+und was soll das ach und weh,<br />
+S' ist ja schon im fremden Lande &mdash;<br />
+Herz mein Herz, was willst Du mehr.
+ </p>
+</div>
+
+<p>Still und lautlos lauschten die M&auml;dchen den lieben,
+schwerm&uuml;thigen Kl&auml;ngen, und leise, leise, mit kaum bewegten
+Lippen fielen sie endlich mit ein in die Melodie, bis sie mehr
+Muth gewannen, und mit lauterer Stimme, aber innigem
+Gef&uuml;hl dem Liede folgten. Wie aber der Schlu&szlig; verklang,
+&raquo;<span class="wide">doch zur Heimath wird es nie</span>&laquo;, schwiegen beide Ch&ouml;re
+&mdash; lautlose Stille legte sich &uuml;ber Deck &mdash; Keiner hatte mehr das
+Herz, nach diesen Strophen noch ein anderes, vielleicht gar
+triviales Lied zu beginnen. Dem neuen Vaterland hatten sie
+heute ein donnerndes Hurrah gebracht, als sie dessen Flagge
+zum ersten Male in der Brise wehen sahen, dem alten brachten
+sie das Lied, mit mancher heimlich zerdr&uuml;ckten Thr&auml;ne, mit
+manchem, gewaltsam in die Brust zur&uuml;ckgedr&auml;ngten Seufzer.</p>
+
+<p>Auch die Caj&uuml;tenpassagiere waren recht still und nachdenkend
+geworden, Herr von Hopfgarten, der sich anf&auml;nglich
+mit dem Professor in einen gro&szlig;en &ouml;konomischen Streit eingelassen,
+hatte den und die ganze Verhandlung in dem Lied vergessen,
+und horchte ihm noch viele Minuten, als es schon
+l&auml;ngst in dem Rauschen des Stromes und dem monotonen
+Klappern der neben ihnen arbeitenden Maschine verschwommen
+war.</p>
+
+<p>Herr Henkel ging inde&szlig; auf der einen, Herr von Benkendroff
+auf der anderen Seite des Besahnmastes spatzieren, w&auml;hrend
+Frau Professor Lobenstein, ihre beiden j&uuml;ngsten Kinder an
+sich geschmiegt am Fu&szlig;e desselben auf einer Bank sa&szlig;, und der
+Nacht dankte die ihr die einzeln niederrollenden Thr&auml;nen verbarg
+vor dem Auge der Menschen.</p>
+
+<p>Nur Doctor H&uuml;ckler lag behaglich der L&auml;nge nach ausgestreckt
+auf der Scheilichtklappe, dampfte seine Cigarre in den
+wundervollen Abend hinein, und trommelte zu den Liedern den
+falschen Takt auf dem Holz, auf dem er ruhte.</p>
+
+<p>Eine Zeitlang hatte ununterbrochenes Schweigen an Bord
+geherrscht; es war fast, als ob sich Jeder scheute den Zauber
+zu brechen der auf den Schiffen, durch diese einfachen vaterl&auml;ndischen
+Weisen heraufbeschworen lag, als pl&ouml;tzlich vom vorderen
+Theil der Haidschnucke, ja fast wie von dem jetzt ziemlich
+nahen Lande kommend, an das sie das Fahrwasser des m&auml;chtigen
+Stromes gebracht hatte, der volle glockenreine klagende Ton
+einer Nachtigall her&uuml;ber drang.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist das?&laquo; rief Marie fast erschreckt auffahrend &mdash;
+&raquo;giebt es hier Nachtigallen in den W&auml;ldern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht im Wald, das ist an Bord&laquo; sagte aber
+Anna, sich hoch empor richtend &mdash; &raquo;doch zum ersten Mal
+schl&auml;gt sie, seit wir in See sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du lieber Gott, sie hat die nahen B&auml;ume gesp&uuml;rt und
+sehnt sich nach dem Lande&laquo; sagte Marie tief aufseufzend, &mdash;
+&raquo;ist es uns doch selbst ganz weh und weich um's Herz geworden,
+als wir wieder die rauschenden B&auml;ume h&ouml;rten. Oh wei&szlig;t
+Du, Clara, noch die Nachtigall, die immer so wundervoll vor
+Deinem Fenster schlug &mdash; aber &mdash; um Gottes Willen was ist
+Dir &mdash; Clara &mdash; liebe Clara!&laquo;</p>
+
+<p>Der Ausruf galt der jungen ungl&uuml;cklichen Frau, die schon,
+von den heimischen Liedern aufgeregt, nur mit M&uuml;he ihre
+Fassung bewahrt hatte, jetzt aber bei der so wohlbekannten so
+hei&szlig;geliebten Weise der Nachtigall, die mit furchtbarer Kraft
+die Erinnerung an die verlassene Heimath &mdash; an ihr jetziges
+Elend zur&uuml;ckrief in das gequ&auml;lte Herz, das m&auml;chtig ausbrechende
+Gef&uuml;hl nicht mehr zur&uuml;ckdr&auml;ngen konnte und das Antlitz an
+Hedwigs Schulter bergend, heftig weinte. Marie hatte ihren
+Arm um sie gelegt und suchte sie emporzurichten und zu sich
+her&uuml;berzuziehen; sie wehrte ihr leise, behielt aber ihre Hand die
+sie wie krampfhaft pre&szlig;te, in der ihren.</p>
+
+<p>&raquo;Liebe, liebe Clara!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; mich, mein liebes Kind &mdash; es wird gleich besser
+sein&laquo; fl&uuml;sterte die Frau &mdash; &raquo;nur eine Art von <ins title="original hat Weinkampf">Weinkrampf</ins>
+ist's, der wohl mit meinem Unwohlsein zusammenh&auml;ngt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So will ich Deinen Mann rufen &mdash; es mu&szlig; doch wohl&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; nein!&laquo; rief Clara aber rasch und fast heftig &mdash;
+&raquo;nicht &mdash; nein, es ist nicht n&ouml;thig&laquo; setzte sie langsamer hinzu,
+&raquo;und wird gleich vor&uuml;ber gehen ja ist schon vorbei. Mir ist
+schon wieder besser Marie, so &auml;ngstige Dich nicht meinethalben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du solltest doch einmal einen Arzt fragen liebes Herz&laquo;
+sagte aber auch jetzt Anna, die zu ihr getreten war und ihren
+Arm leise ber&uuml;hrte &raquo;Du siehst seit einigen Tagen bleich und
+krank &mdash; recht krank aus, Clara, viel kr&auml;nker wie Du es vielleicht
+selber denkst, und darfst nicht zu fest auf Deine, sonst so
+kr&auml;ftige Natur trotzen. Auch das Pl&ouml;tzliche Deines Zustandes
+hat etwas beunruhigendes, das nicht vernachl&auml;ssigt werden darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was kann ihr <span class="wide">der</span> Doctor helfen&laquo; fl&uuml;sterte aber Marie,
+von dem, unfern von ihnen ausgestreckt liegenden Stiefsohn
+Aesculaps nicht geh&ouml;rt zu werden &mdash; &raquo;der lie&szlig;e sie h&ouml;chstens
+zur Ader und erz&auml;hlte uns bei Tisch wieder ein paar blutige
+Geschichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Der</span> Doctor soll ihr auch Nichts helfen&laquo; erwiederte Anna,
+&raquo;aber im Zwischendeck ist, wie mir Hedwig erz&auml;hlt, ein recht
+t&uuml;chtiger junger Arzt, der schon viele dort, rasch und anspruchslos
+wieder hergestellt, und den zu fragen, da wir ihn doch jetzt
+bei der Hand haben, gewi&szlig; Nichts schadete.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein&laquo; bat aber Clara jetzt &raquo;ich wei&szlig; selber besser,
+wie nur ein Arzt, und w&auml;re er der geschickteste, mir sagen
+k&ouml;nnte was mir fehlt. Es ist Nichts wie Erk&auml;ltung mit vielleicht
+einiger Aufregung dazu, die mir der Abschied von zu
+Hause doch gemacht, und die sich, wenn auch etwas sp&auml;t, in
+den Folgen zeigt. Ruhe ist das Einzige was mir helfen kann.
+La&szlig;t mich still meinen Weg gehen, und wenige Tage haben
+mich vollkommen wieder hergestellt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh wenn die Nachtigall nur noch einmal schlagen wollte&laquo;
+sagte Marie &mdash; &raquo;es war gar so sch&ouml;n &mdash; wenn ich nur w&uuml;&szlig;te
+wer sie mit auf See genommen.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend sie sprach war sie vorn an die Reiling des
+Quarterdecks getreten, an der Fr&auml;ulein von Seebald stand und
+nach dem Mond hinaufschw&auml;rmte. Unten in Sicht auf dem
+niederen Deck sa&szlig; nur eine einzige Person, und das helle Licht
+des Mondes fiel voll auf die ebenfalls and&auml;chtig erhobenen
+Z&uuml;ge des jungen Dichters.</p>
+
+<p>Der zweite Steuermann kam jetzt von vorn und ging zu
+dem, seit das Schiff im Schlepptau hing, befestigten Steuer,
+die Taue nachzusehn.</p>
+
+<p>&raquo;Oh wie wundervoll das war&laquo; seufzte in diesem Augenblick
+Fr&auml;ulein von Seebald, mit dem Taschentuch eine Thr&auml;ne
+von der Wange entfernend &mdash; &raquo;wie das Herz und Seele ergreift
+und mit den weichen, liebevollen Kl&auml;ngen alle Nerven
+nachfibriren l&auml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Schultze pfeift recht h&uuml;bsch&laquo; sagte der Seemann,
+der gerade die kleine Treppe heraufkam und an ihnen vorbei
+wollte &mdash; &raquo;er macht seine Sache ausgezeichnet &mdash; es klingt
+ordentlich nat&uuml;rlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Wer</span> pfeift recht h&uuml;bsch?&laquo; rief Fr&auml;ulein von Seebald
+entsetzt, die gegen den prosaischen Menschen seit jenem Gespr&auml;ch
+einen Widerwillen hatte, den sie kaum so weit bezwingen
+konnte nicht unartig gegen ihn zu sein.</p>
+
+<p>&raquo;Ih nu Schultze&laquo; sagte der Untersteuermann lachend &mdash; &raquo;er
+sitzt vorn auf der Back und pfiff wie eine Nachtigall; wie
+sie aber von allen Seiten auf ihn zu kamen, schwieg er still
+und will das Maul nicht mehr aufthun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das war <span class="wide">keine</span> Nachtigall?&laquo; rief Marie erstaunt, und
+Fr&auml;ulein von Seebald seufzte nur leise und mit innerster Entr&uuml;stung.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Schultze!</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach das ist der Mann!&laquo; rief die lebendige Marie, die
+in der neuen Entdeckung bald die Nachtigall verga&szlig;, &raquo;von dem
+Sie uns erz&auml;hlten da&szlig; er den sonderbaren Glauben h&auml;tte, wir
+Menschen seien alle fr&uuml;her V&ouml;gel gewesen, und meine Mama
+eine Nachtigall. Eduard war er schon in Bremen aufgefallen,
+wo er sie scharf beobachtet hatte, wahrscheinlich mit der Entdeckung
+der &Auml;hnlichkeit besch&auml;ftigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jede Entt&auml;uschung schmerzt&laquo; sagte aber Fr&auml;ulein von
+Seebald, &raquo;und ich hatte mir das schon so reizend ausgemalt,
+es war ein so hochpoetischer Gedanke, da&szlig; wir in den waldigen
+Schatten Amerikas durch eine heimische Nachtigall begr&uuml;&szlig;t
+werden sollten &mdash; es ist vorbei &mdash; der Traum ist verschwunden
+und wir sind erwacht.&laquo;</p>
+
+<p>Ein tief ausgeholter Seufzer vom untern Deck antwortete
+&mdash;es war Theobald, der ihre Worte geh&ouml;rt und schmerzlich
+mit empfunden hatte &mdash; er sa&szlig; still und regungslos, den Kopf
+auf die Hand gest&uuml;tzt, an der Nagelbank des gro&szlig;en Mastes,
+und wie ihm die dunklen Locken fast unheimlich die bleiche
+Stirn umspielten, schaute er voll und lange in den Mond und
+nach dem Deck hinauf, auf dem die beiden Damen standen,
+und schlo&szlig; dann die Augen, das Bild in seinem Inneren fest
+zu halten.</p>
+
+<p>Der Untersteuermann kam wieder zur&uuml;ck (Fr&auml;ulein von
+Seebald trat, den Kopf abwendend, von ihm fort) stieg die
+Treppe hinunter und wollte eben wieder nach vorn gehn, wo
+Leute postirt waren nach etwaigen Gefahren im Strom selber
+auszuschaun; da fiel sein Blick auf das bleiche Antlitz des
+Dichters und zu ihm hinantretend und ihn derb an der Schulter
+sch&uuml;ttelnd rief er gutm&uuml;thig:</p>
+
+<p>&raquo;Sie da, Sie wollen wohl ein schiefes Gesicht kriegen,
+da&szlig; Sie hier im Monde liegen und schlafen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nicht geschlafen &mdash; lassen Sie mich zufrieden!&laquo;
+rief Theobald, entr&uuml;stet aufspringend.</p>
+
+<p>&raquo;Nu, nu, Fiepchen biet mi nich&laquo; sagte der Steuermann
+lachend weitergehend &mdash; &raquo;es ist doch hoffentlich kein Ungl&uuml;ck
+geschehn.&laquo;</p>
+
+<p>Marie, die wie Fr&auml;ulein von Seebald Zeuge der Scene
+gewesen <ins title="Original hat waren">war</ins>, lachte heimlich vor sich hin, aber ihre &auml;ltere
+Freundin sagte seufzend:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein entsetzlicher Mensch, dieser Untersteuermann,
+roh an Geist und Gem&uuml;th, wie an Gestalt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich am&uuml;sirt er&laquo; lachte Marie, &raquo;und was kann man
+von ihm viel verlangen. Er ist Seemann, und scheint sein
+Gesch&auml;ft aus dem Grunde zu verstehen; da&szlig; er derb ist, geh&ouml;rt
+mit dazu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde schlafen gehn&laquo; sagte Fr&auml;ulein von Seebald &mdash; &raquo;dieser
+Abend hat meine Nerven furchtbar angegriffen, und
+eine lange Zeit wird dazu geh&ouml;ren das wieder gut zu machen.
+Gute Nacht!&laquo;</p>
+
+<p>Sie sprach die letzten Worte ziemlich laut, und ein Seufzer
+klang fast wie antwortend vom Fu&szlig; des gro&szlig;en Mast's
+herauf. Marie sah sich danach um, aber ihre Mutter rief sie
+in dem Augenblick; es wurde feucht an Deck in dem Flu&szlig;nebel,
+und die Damen zogen sich in ihre Caj&uuml;ten zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap2" id="kap2"></a>Capitel 2.</h2>
+<h3>New-Orleans.</h3>
+
+<p>Waren die Passagiere der Haidschnucke schon am vorigen
+Tage fr&uuml;h aufgewesen, Land zu entdecken, so zeigten sie sich
+heute noch viel zeitiger an Deck, denn was sie vom Land gestern
+Abend gesehn, hatte ihre Neugierde nur noch mehr und gewaltiger
+geweckt. Sehr zum &Auml;rger der Seeleute also, die heute
+Morgen das Deck besonders sauber zu waschen hatten und jetzt
+die Passagiere &uuml;berall im Wege fanden, kletterten die meisten
+schon mit Tagesanbruch aus ihrer Luke vor, und die Matrosen
+theilten manchen Eimer Seewasser mit gut gezieltem Wurf
+unter sie aus, wo das nur irgend mit einer Entschuldigung
+von &raquo;nicht gesehen haben&laquo; oder &raquo;nicht wissen k&ouml;nnen&laquo; zu erm&ouml;glichen
+war. Viele staken dabei schon in ihren besten
+Kleidern, und Manche bereuten in der That ihren &raquo;Sonntagsstaat&laquo;
+nicht bis zum entscheidenden Augenblick aufgehoben und
+solcher Art vier und zwanzig oder gar noch mehr Stunden zu
+fr&uuml;h, preisgegeben zu haben.</p>
+
+<p>Steinert besonders, kam mit seinen wei&szlig;en Hosen am
+schlechtesten weg, denn nicht allein da&szlig; ihnen der letzte Tag
+an Deck keineswegs zutr&auml;glich gewesen, und einige lange und
+runde Theerstreifen und Flecken nur zu deutlich die Stellen verriethen,
+wo er sich leichtsinniger oder verge&szlig;licher Weise angelehnt,
+nein er bekam auch heute Morgen, als er vor der Cambuse
+stand und dem Koch unter falschen Versprechungen eine
+vorzeitige Tasse Kaffee abzulocken suchte, einen vollen Eimer
+Seewasser angegossen, dessen Urheber sich sp&auml;ter allerdings
+nicht ermitteln lie&szlig;, dessen Wirkung aber total die Frage entschied,
+ob er m&ouml;glicher Weise noch mit der Hose New Orleans
+betreten konnte oder nicht.</p>
+
+<p>Ein leichter d&uuml;nner Nebel lag &uuml;brigens auf dem Wasser,
+der die angestrengteste Aufmerksamkeit der Lootsen erforderte,
+w&auml;hrend er die Ufer bis ziemlich zu den Wipfeln der B&auml;ume
+mit einer feinen Art von Hehrrauch f&uuml;llte. Wie die Sonne
+aber h&ouml;her und h&ouml;her stieg sanken die wei&szlig;en Schwaden, einem
+Schleier gleich zu Wasser nieder, und die armen seem&uuml;den
+Auswanderer konnten einen Jubelruf kaum unterdr&uuml;cken, als,
+wie mit einem Zauberschlag die prachtvollste, herrlichste Landschaft
+vor ihren Augen lag, die sie sich in dem Schmuck fremdartiger
+Vegetation, nur je gedacht.</p>
+
+<p>Verschwunden war der dunkle Wald mit seinem wehenden
+Moos, oder zur&uuml;ckgedr&auml;ngt wenigstens, weit zur&uuml;ck zu
+einem niedern Streifen am Horizont, zu einem Rahmen des
+Gem&auml;ldes, das sich jetzt ihren Blicken entrollte, und wie aus
+dem Boden mit einem Schlage herausgewachsen schien.
+Reizende Landh&auml;user mit wunderlich ausgezweigten B&auml;umen schauten
+mit ihren dunklen D&auml;chern und wei&szlig;en Mauern, luftigen
+Verandahs und k&uuml;hl verwahrten Fenstern aus dichten Bosquets
+bl&uuml;hender Tulpenb&auml;ume und fruchtschwerer Orangenhaine
+vor, und weite, regelm&auml;&szlig;ig angelegte Colonieen niederer
+aber reinlicher und vollkommen gleichm&auml;&szlig;ig gebauter H&auml;user &mdash; die
+zu den Plantagen geh&ouml;renden Negerwohnungen &mdash; schlossen
+sich ihnen an und trennten sie von weiten wogenden
+Zuckerrohr- und Baumwollenfeldern; Schaaren gesch&auml;ftiger
+Neger in ihren wei&szlig;en Anz&uuml;gen arbeiteten in diesen, und auf
+der breiten Stra&szlig;e, die dicht am Ufer des Stromes hinaufzuf&uuml;hren
+schien, rasselten leichte bequeme Chaisen, und gallopirten
+stattliche Reiter mit <ins title="original hat breitrundigen">breitr&auml;ndigen</ins> Strohh&uuml;ten und leichten lichten
+Sommerkleidern auf und nieder.</p>
+
+<p>Und so belebt wie das Ufer war der Strom; Massen von
+kleinen Segelbooten glitten her&uuml;ber und hin&uuml;ber zu den sonnigen
+Ufern, breite Dampfer schnaubten hinab, die Produkte
+des &uuml;ppigen Landes fernen Zonen zuzuf&uuml;hren, und m&auml;chtige
+Seeschiffe lagen hie und da am Ufer vor Anker, ja oft mit
+Tauen an irgend einen Baum befestigt, am Land hoch aufgestapelte
+Baumwollenballen und lange dunkle Reihen von Zucker-
+und Syropsf&auml;ssern an Bord zu nehmen, und zu k&auml;lteren Welttheilen
+hin&uuml;ber zu tragen.</p>
+
+<p>Und daran vorbei keuchte das wackere kleine Dampfboot,
+die beiden Kolosse aufschleppend gegen den m&auml;chtigen Strom,
+und so dicht am Ufer streiften sie nicht selten hin, da&szlig; sie die
+Neger konnten in den Feldern singen h&ouml;ren, und die wei&szlig;en
+Frauen erkannten, die in luftiger Morgenkleidung auf ihren
+Blumen geschm&uuml;ckten Verandas sa&szlig;en und auf den Flu&szlig; und
+das rege Leben und Treiben um sich her hinausschauten.</p>
+
+<p>Die Passagiere der Haidschnucke waren au&szlig;er sich, und
+so niedergeschlagen sie durch den alleinigen Anblick der flachen
+Sumpfstrecke an der M&uuml;ndung geworden, so scharf gingen sie
+jetzt, und mit verh&auml;ngten Z&uuml;geln zum anderen Extrem &uuml;ber.
+Die Leute sangen und tanzten und schrieen und lachten und
+jauchzten, wie ebensoviele dem Irrenhaus Entsprungene, und
+jubelten Einer dem Anderen zu, da dr&uuml;ben l&auml;gen die Farmen
+in die sie jetzt hineinziehn w&uuml;rden, das sei das Land, von dem
+der ganze Acker nur 1&#188; Dollar koste, und Einzelne redeten
+sogar davon sich gleich Papier und Feder und Dinte geben zu
+lassen und nach Hause zu schreiben, da&szlig; ihr ganzes Dorf nur
+gleich her&uuml;ber k&auml;me &uuml;ber's Wasser, und Theil n&auml;hme an der
+Herrlichkeit.</p>
+
+<p>Die Oldenburger waren die &uuml;berm&uuml;thigsten, und vorn
+auf der Back, wo sie sich auf den Starbord-Anker gesetzt hatten
+und einander immer auf neu entdeckte Herrlichkeiten des Ufers
+aufmerksam machten, brach sich ihr Jubel endlich in einem
+Liede Bahn, das sie schon den ersten Tag auf der Weser einmal
+gesungen, dann aber ganz vergessen zu haben schienen, und
+dessen Schlu&szlig;vers, von der ganzen Schaar als Chor gesungen
+lautete:</p>
+
+<div class="poem">
+ <p class="noindent">
+&raquo;In Amerika k&ouml;nnen die Bauern in den Kuts-chen fahren<br />
+In den Kuts-chen mit Sammet und mit S-e-i-de.<br />
+Und sie essen dreimal Fleisch, und sie trinken Wein dazu<br />
+Und das ist eine herrliche Freu-i-de!&laquo;
+ </p>
+</div>
+
+<p>Das Wort Kuts-chen sprachen sie dabei so aus, das sie
+das s vollkommen vom ch trennten, w&auml;hrend das letzte Wort
+&raquo;Freude&laquo; mit aller Kraft der Stimmen herausgeschrieen wurde,
+vielleicht den empfundenen Grad von Seligkeit dadurch anzudeuten.</p>
+
+<p>Je mehr sie sich aber der Hauptstadt von Louisiana, dem
+pr&auml;chtigen New-Orleans n&auml;herten, desto lebendiger wurde der
+Strom; die Fahrzeuge, welche die Verbindung der einzelnen
+kleinen St&auml;dtchen und Plantagen mit der &raquo;City&laquo; unterhielten,
+wurden h&auml;ufiger &mdash; Dampff&auml;hren kreuzten her&uuml;ber und hin&uuml;ber,
+eine Anzahl kleiner Segelboote f&uuml;hrte die Produkte des
+Landes nach der Stadt, und &uuml;berall an den Ufern, an denen
+reizende Pflanzerswohnungen unter Bl&uuml;thenb&uuml;schen und Fruchtb&auml;umen
+versteckt lagen, ankerten volle Schiffe, Brigs, Barquen
+und Schooner, die letzteren meist mit Negern und Mulatten
+bemannt, und die bunten Flaggen im Winde flatternd.</p>
+
+<p>Aber weiter, immer weiter schnaubte das Boot; hie und
+da tauchten wei&szlig;e H&auml;usermassen auf, aus dunklen Streifen bis
+zum Ufer des Stromes reichender Waldung immergr&uuml;ner Magnolien
+und m&auml;chtiger Cottonb&auml;ume; aber das war noch lange
+nicht New-Orleans, &mdash; die Villen wuchsen zu St&auml;dten an,
+und immer noch vorbei sch&auml;umten sie, aufw&auml;rts, aufw&auml;rts den
+Riesenstrom, dessen Fluth gewaltige nackte St&auml;mme mit sich
+f&uuml;hrte, die er sich oben im Norden losgerissen aus ihrem Bett
+und sie nun hinabf&uuml;hrte dem Golfstrom zu, tausende von Meilen
+weit, damit sie der durch den Ocean hin&uuml;berw&auml;lze, einem
+anderen Welttheil zu.</p>
+
+<p>So kam Mittag heran und ging vor&uuml;ber, w&auml;hrend die
+Passagiere schon vollst&auml;ndig seit mehr als vier und zwanzig
+Stunden ger&uuml;stet an Deck auf- und abliefen, und ungeduldig
+den Zeitpunkt kaum erwarten konnten, der ihnen erlauben
+w&uuml;rde dieses wundervolle Land zu betreten.</p>
+
+<p>&raquo;Dort liegt New-Orleans!&laquo; sagte da der Steuermann,
+der vorn auf die Back kam, die dicht gedr&auml;ngt von Passagieren
+stand, nach dem Anker und dessen Befestigung zu sehn. Er
+deutete dabei mit der Hand nach rechts hin&uuml;ber, wo ein weites
+d&uuml;nnes, fast spinnwebartiges Mastengitter den Horizont begrenzte.</p>
+
+<p>&raquo;Wo? &mdash; wo?&laquo; riefen eine Menge Stimmen durcheinander,
+und Einer frug &mdash; es war L&ouml;wenhaupt &mdash; &raquo;dort dr&uuml;ben,
+wo das lange Staket ist?&laquo;</p>
+
+<p>Der Steuermann warf ihm einen mitleidsvollen Blick zu
+glaubte aber schon &uuml;berfl&uuml;ssig Auskunft gegeben zu haben, und
+stieg, ohne irgend eine der tausend an ihn gerichteten Fragen
+weiter zu beantworten, wieder an Deck hinunter, nach hinten
+auf seinen Posten zu gehn. Aber die Leute bedurften keiner
+weiteren Weisung; nur erst das Auge in etwas gew&ouml;hnt die
+fernen Gegenst&auml;nde in ihren einzelnen Umrissen von einander
+zu trennen, und zu erkennen, unterschieden sie bald selbst klar
+und deutlich die Masten unz&auml;hliger Schiffe, und Kirchth&uuml;rme
+und Kuppeln, die sich scharf gegen den rein blauen Horizont
+abzeichneten, und bald auch den letzten Zweifel zerstreuten da&szlig;
+sie sich der Stadt, da&szlig; sie sich dem Ziel ihrer Reise n&auml;herten.</p>
+
+<p>Von dem Augenblick an schienen aber auch alle Bande
+der Ordnung gel&ouml;&szlig;t zu sein und New-Orleans war vergessen,
+wie das rege bunte Leben um sie her, an denen noch vor wenig
+Minuten ihr Blick mit Entz&uuml;cken und stummem Staunen
+gehangen. <span class="wide">An Land:</span> jeder andere Gedanke erstarb in dem
+einen bew&auml;ltigenden Gef&uuml;hl, und jeder einzelne Passagier schien
+es jetzt ganz besonders und allein darauf angelegt zu haben,
+durch Vorziehn seines Koffers wie sonstigen Gep&auml;cks, seiner Kisten
+und Hutschachteln, K&ouml;rbe und Betten, allen &Uuml;brigen den Weg
+auf das gr&uuml;ndlichste zu versperren, und die schon ohnedie&szlig; im
+Zwischendeck herrschende Confusion zu ihrem m&ouml;glich h&ouml;chsten
+Grad zu treiben. Vergebens blieb alles Schimpfen und Befehlen
+der Steuerleute; vergebens blieben die Fl&uuml;che und Verw&uuml;nschungen
+der Matrosen, die bald hier bald da &uuml;ber an Deck
+geschleppte Kisten und Kasten st&uuml;rzten und wegfielen, die Passagiere
+thaten als ob sie f&uuml;rchteten man w&uuml;rde sie nicht von
+Bord lassen, wenn sie landeten, und nun Alles vorbereiteten
+zu schleunigster Flucht. Der Capitain ging endlich sogar, was
+er die ganze Reise &uuml;ber noch nicht ein einziges Mal gethan,
+zu ihnen, und erkl&auml;rte ihnen da&szlig; es sehr die Frage sei, ob sie
+diese Nacht noch &uuml;berhaupt an Land d&uuml;rften, denn die Gesundheits-Policey
+in New-Orleans visitire erst das Schiff und bestimme
+dann, ob den Passagieren eine augenblickliche Landung
+gestattet werden k&ouml;nne; sie m&ouml;chten deshalb sich nicht &uuml;berall
+Platz und Weg verstellen, da zehn gegen eins zu wetten sei,
+da&szlig; sie Beides noch nothwendig brauchen w&uuml;rden, ehe sie das
+Schiff verlie&szlig;en. Niemand glaubte ihm.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Jetzt</span> kommt der alte Hallunke nun wir von Bord
+wollen&laquo; rief Steinert besonders, doch nat&uuml;rlich erst als der
+Capitain au&szlig;er H&ouml;rweite war, &raquo;und denkt sich noch beim Abschied
+einen wei&szlig;en Fu&szlig; bei uns zu machen; redet s&uuml;&szlig; und
+dreht den Kopf bald so, bald so her&uuml;ber. Er soll zum Teufel
+gehn, wir brauchen ihn jetzt nicht mehr, und thun was wir
+wollen.&laquo;</p>
+
+<p>Der kleine Dampfer hatte indessen wacker die Str&ouml;mung
+gestemmt, und seine beiden Schiffe dem bestimmten Landungsplatz
+merklich n&auml;her gebracht. H&ouml;her und h&ouml;her tauchten dabei
+die Masten aus dem flachen Lande auf, und dehnten sich in
+unabsehbarer Reihe am linken Ufer des Stromes hinauf.
+Auch gewaltige H&auml;usermassen wurden sichtbar, die in geschlossenen
+Colonnen den Mastenwald umzogen und die untere
+Grenze der Stadt, wenigstens eine langgestreckte Reihe von
+H&auml;usern die mit ihr in unmittelbarer Verbindung stand, lag
+ihnen, wie sie den Strom hinaufschauten, schon gerade gegen&uuml;ber,
+von dort ankernden Schiffen wie mit einem festen Damm
+umzogen.</p>
+
+<p>Clara Henkel hatte indessen eine furchtbare Zeit verlebt,
+und mit keinem Herzen, dem sie sich und ihr entsetzliches Schicksal
+anzuvertrauen wagte, die Last allein getragen, bis sie drohte
+sie zu Boden zu dr&uuml;cken. Mit dem Bewu&szlig;tsein welches entsetzliche
+Verbrechen der Mann ver&uuml;bt, in dessen Hand sie die
+ihre am Altar gelegt, war auch der feste unersch&uuml;tterliche Entschlu&szlig;
+in ihr gereift, von diesem Augenblick an das Band als
+zerrissen zu betrachten, das sie an ihn gebunden. Aber was
+jetzt thun? &mdash; in dem fremden Lande allein und freundlos;
+was beginnen, wie handeln? &mdash; Zur&uuml;ck zu ihren Eltern kehren? &mdash; alle
+Pulse ihres Herzens zogen sie dorthin und es blieb
+fast kein anderer Ausweg f&uuml;r sie; aber was w&uuml;rde die Stadt
+dann sagen, wie w&uuml;rde das m&uuml;&szlig;ige Volk die K&ouml;pfe zusammenstecken
+und lachen und spotten &uuml;ber die &raquo;reiche Amerikanische
+Braut&laquo; die so rasch und allein gebrochenen Herzens zur&uuml;ckgekehrt
+in das Haus, das sie in Gl&uuml;ck und Glanz verlassen? &mdash; Was
+k&uuml;mmerte sie die Stadt, was herzlose Menschen, die
+mit kaltem Blut und lachendem Munde Ruf und Gl&uuml;ck einer
+Welt unter die F&uuml;&szlig;e treten, wenn sie sich eine Viertel Stunde
+die Zeit damit vertreiben k&ouml;nnen, und doch bebte sie davor
+zur&uuml;ck &mdash; doch malte sie sich mit grausamer Phantasie alle die
+einzelnen kleinen Gruppen aus, alle die M&auml;rchen und Erdichtungen,
+alle die schlauen und nur zu furchtbar wahren Combinationen
+die auf ihr Haupt allein dann fallen w&uuml;rden. Und
+doch, blieb ihr eine andere Wahl?</p>
+
+<p>Aber noch eine andere Sorge f&uuml;llte ihr die Brust &mdash; konnte
+sie so, unmittelbar in das v&auml;terliche Haus zur&uuml;ck? mu&szlig;te nicht
+erst ein Brief wenigstens die armen Eltern vorbereiten auf das
+Schreckliche? &mdash; Oh wer rieth &mdash; wer half ihr da? Und ja,
+<span class="wide">ein</span> Wesen war an Bord dem sie ihr Elend klagen, die sie um
+Rath um Trost bitten konnte in ihrem Schmerz. <span class="wide">Trost</span>?
+allm&auml;chtiger Gott wo lag ein Trost f&uuml;r die Vernichtete &mdash; doch
+Rath, doch Mitgef&uuml;hl &mdash; ein freundlich, theilnahmvolles Wort
+als Tropfen Lindrung in das Meer von Jammer. Die wackere
+Frau Professor Lobenstein, die sich ihr stets als m&uuml;tterliche
+Freundin gezeigt, der durfte sie vertrauen was sie zu Boden
+dr&uuml;ckte, was sie nicht mehr allein zu tragen im Stande war,
+und ihrem Rath wollte sie folgen &mdash; gehorchen wie ein Kind
+der Mutter folgt. Aber nicht an Bord ging das an, die einzelnen
+Caj&uuml;tenw&auml;nde bestanden nur aus d&uuml;nnen Planken, die
+nicht einmal bis oben hinauf fest anschlossen, sondern dort
+einen offenen Rand hatten &mdash; die Nebencoye konnte jedes gesprochene
+Wort verstehn, und auf dem Quarterdeck selbst waren
+sie nie allein. Und konnte sie warten bis sie in New-Orleans
+gelandet? &mdash; wie sollte sie denn von Bord kommen wenn sie
+nicht gerade mit Lobensteins das Schiff verlie&szlig;, und bat sie
+diese, sich ihrer Sachen, ihrer selbst anzunehmen, ehe sie sich
+der Frau entdeckte, was h&auml;tten sie von ihr denken, was ihrem
+Gatten gegen&uuml;ber selber da thun k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>In Angst und Verwirrung konnte die Ungl&uuml;ckliche zu
+keinem festen Entschlu&szlig; kommen, und &uuml;berlie&szlig; der Zeit, dem
+Augenblick, das Weitere &mdash; ja sie fing endlich an, als ihr die
+qu&auml;lenden Gedanken Tag und Nacht das Hirn zermartert hatten,
+gleichg&uuml;ltig gegen Alles zu werden, was sie von jetzt ab
+noch betreffen konnte. &mdash; Das Schrecklichste &mdash; das Furchtbarste
+war geschehn, was konnte sie noch schlimmer treffen als
+<span class="wide">der</span> Schlag. Nur das eine stand fest und unersch&uuml;ttert in ihrer
+Seele &mdash; mit <span class="wide">ihm</span> keinen Schritt weiter in diesem Leben.</p>
+
+<p>Auf dem Schiffe herrschte indessen ein wildes reges Leben;
+&uuml;berall hatten sich kleine Gruppen gebildet, die das Neue, das
+sie umgab anstaunten und bewunderten, und einander auf
+frisch auftauchende Merkw&uuml;rdigkeiten mit Hand und Mund
+aufmerksam machten. Und wie die Kinder lachten und jubelten
+sie dabei, und streckten die Arme danach aus, als ob sie den
+Augenblick nicht erwarten k&ouml;nnten, der sie endlich, endlich in
+wirklichen Besitz all dieser Herrlichkeiten bringen sollte. Da
+gab der Dampfer ein pl&ouml;tzliches Zeichen mit der Glocke, die
+Taue an beiden Borden wurden losgeworfen, und das kleine
+schwarze Fahrzeug glitt im n&auml;chsten Augenblick, seine Wellen
+sch&auml;umend gegen ihren Bug anwerfend, zwischen den beiden
+Kolossen die er herauff&uuml;hrte vor. Zu gleicher Zeit fast sprangen
+die Matrosen der beiden deutschen Auswanderer-Schiffe
+nach vorn an ihre Anker.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>&raquo;Steht klar da von der Kette &mdash; zur&uuml;ck da &mdash; fort aus
+dem Weg!&laquo; schrieen die Seeleute durcheinander, und stie&szlig;en
+die Passagiere die nicht gleich begriffen was sie sollten, und
+wem sie eigentlich im Weg standen, unsanft zur Seite;
+&raquo;Alles klar &mdash; la&szlig;t los&laquo; kreischte eine Stimme und alles
+Weitere verschwand in dem Schlag auf's Wasser, den der Anker
+that, und dem furchtbaren Gerassel der ihm, durch die Kl&uuml;senl&ouml;cher
+nachsausenden Kette, die gleich darauf um die Ankerwinde
+geschlagen das Schiff bis in seinen Kiel hinab ersch&uuml;tterte
+und &mdash; hielt.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Der Capitain k&uuml;ndigte indessen den jetzt unruhig werdenden
+Passagieren an, da&szlig; sie hier zu liegen h&auml;tten bis das
+Sanit&auml;ts- und Policeyboot an Bord gewesen w&auml;re, was sehr
+wahrscheinlich bald kommen, und ihnen dann v&ouml;llige Freiheit
+lassen w&uuml;rde, so rasch an Land zu gehn wie sie eben w&uuml;nschten.
+Dagegen lie&szlig; sich Nichts thun, und die Leute behielten jetzt
+wenigstens Zeit sich ihre Umgebung zu betrachten, die sich mannigfaltig
+und bunt genug erwie&szlig;.</p>
+
+<p>Auf der Stra&szlig;e die sich dicht am Ufer hinzog, wimmelte
+es von Menschen und W&auml;gen; Karrenf&uuml;hrer brachten auf
+zweir&auml;drigen Karren mit einem kr&auml;ftigen Pferd bespannt, in
+fast ununterbrochenem Zuge Waaren herab gefahren, gro&szlig;e
+Omnibusse fuhren auf und ab, Passagiere an allen Ecken absetzend
+und wieder aufnehmend, Neger mit schweren Lasten auf
+den Schultern eilten vor&uuml;ber, oder standen in lachenden Gruppen
+an den Werften. Reiter gallopirten die Stra&szlig;e nieder,
+kleine Chaisen und W&auml;gen kreuzten sich her&uuml;ber, und hin&uuml;ber,
+und Negerinnen mit K&ouml;rben oder gro&szlig;en Blechkannen auf den
+Schultern boten von Haus zu Haus, von Schiff zu Schiff
+ihre Waaren feil. Und das laute taktm&auml;&szlig;ige Singen dort
+dr&uuml;ben, mit dem &raquo;Ahoy-y-oh!&laquo; der Matrosen dazwischen?
+Ein Trupp von halbnackten Negern lud dort ein franz&ouml;sisches
+Schiff mit gro&szlig;en Zuckerf&auml;ssern, ein Vors&auml;nger gab dabei Takt
+und Versmaas an, und w&auml;hrend sechs kr&auml;ftige Burschen mit
+dem rollenden Colo&szlig; den hohen Damm der das Ufer einfa&szlig;te
+herunterliefen, den Aufschlag gegen die schr&auml;g zum Schiff
+emporliegende Planke zu bekommen, tanzten und sprangen die
+Neger, das Fa&szlig; jedoch umgebend, da&szlig; sie der geringsten Abweichung
+steuern konnten, darum her, und warfen sich dann
+alle zugleich, aber immer im Takt ihrer Melodie, und diese
+nicht einen Moment unterbrechend, mit den Schultern dagegen,
+es eben so rasch die Planken hinauf an Bord zu rollen,
+als es den Damm allein herunter gekommen. So geschickt
+benahmen sich die Leute dabei, und so anscheinend leicht lief
+ihnen das kolossale Fa&szlig; unter den H&auml;nden fort, da&szlig; die Arbeit
+wie Spiel aussah; h&auml;tten sie aber die furchtbar schweren
+und nicht einmal ganz gef&uuml;llten F&auml;sser, in denen der rohe
+Zucker immer wie Blei nach unten fiel, langsam rollen wollen,
+kaum doppelt die Zahl w&uuml;rden sie dann an Bord gebracht haben.</p>
+
+<p>Und wie mit Fahrzeugen belebt war der Strom; wohin
+das Auge blickte ein reges Dr&auml;ngen und Treiben von Dampf-
+und Segelschiffen, und schwerf&auml;lligen breitm&auml;chtigen Ruderbooten
+und Fl&ouml;&szlig;en, die mit der Str&ouml;mung hinab, tiefer gelegenen
+Plantagen oder Ortschaften zuschwammen. Was f&uuml;r
+Colosse trug dabei die Fluth und die Deutschen staunten, und
+hatten Ursache dazu, als breite Dampfboote den Strom nieder
+kamen, die schwimmenden Bergen aufgeth&uuml;rmter Baumwollenballen
+glichen, aus denen oben, w&auml;hrend sie bis unmittelbar
+&uuml;ber die Oberfl&auml;che des Wassers reichten, nur eben die beiden
+schwarzen qualmenden Schornsteine herausschauten. Ballen
+auf Ballen war da gepackt, regelm&auml;&szlig;ig wie Backsteine in einer
+Mauer, von dem Rand des unteren Verdecks gerade und steil
+emporlaufend, da&szlig; selbst das kleine, vorn oben auf dem h&ouml;chsten
+Deck stehende Lootsenhaus nur eine &Ouml;ffnung zum Durchschauen
+hatte, und Caj&uuml;te wie Zwischendeck von einer unerbittlichen
+Baumwollenwand umschlossen blieb.<a href="#g3fn4"><small><sup>4</sup></small></a><a name="g3fn4r" id="g3fn4r"></a> Die Erndte
+brachten sie nieder aus den reichen Plantagen der s&uuml;dlichen
+Staaten, aus Tenessee und Arkansas, Mississippi und Louisiana,
+hier in Schiffe gestaut und &uuml;ber die Welt versandt zu
+werden, w&auml;hrend die gewaltigen Boote schon nach wenigen
+Tagen wieder mit Seesalz, Reis, Kaffee und den Produkten
+der Tropenl&auml;nder beladen, ihre Salons und ihre Zwischendecks
+mit Passagieren gef&uuml;llt, die R&uuml;ckreise nach den n&ouml;rdlichen
+Staaten antraten.</p>
+
+<p>Aber das nicht allein &mdash; gerade auf sie zu kam ein kleiner
+scharfgebauter Dampfer, das untere Deck mit Rindern und
+Schaafen gef&uuml;llt, die in Pensylvanien, zweitausend englische
+Meilen von hier entfernt, in voriger Woche eingeschifft wurden
+und jetzt bestimmt sind den New-Orleans Markt auf einen
+Tag mit frischem Fleisch zu versehn. Die Passagiere der Haidschnucke
+hatten &uuml;brigens volle Mu&szlig;e die&szlig; Boot zu beobachten,
+das dicht an ihnen vorbeilief, eine kleine Strecke weiter dem
+Lande zu hielt, sein Boot mit vier Matrosen und dem Steuermann
+darin aussetzte, und dann pl&ouml;tzlich die Planken losschlug
+die am hinteren Theil oder <i>steerage deck</i> das Vieh
+bis jetzt verhindert hatten &uuml;ber Bord zu springen. Es dauerte
+auch gar nicht lange, so fingen sich die Rinder, wahrscheinlich
+im Inneren gest&ouml;rt, an zu dr&auml;ngen, und kamen der &Ouml;ffnung
+oder dem Bord, der etwa noch immer zehn Fu&szlig; &uuml;ber der Oberfl&auml;che
+des Stromes lag, n&auml;her und n&auml;her, bis ein Stier, der
+die H&ouml;rner gegen einen Kameraden einsetzte von diesem zur&uuml;ck
+und dem Bootrand zugepre&szlig;t wurde, &uuml;ber den er mit den Hinterbeinen
+glitt, sich mit den Vorderbeinen, &auml;ngstlich br&uuml;llend,
+noch einen Augenblick hielt, und dann kopf&uuml;ber in den Strom
+hinunterst&uuml;rzte. Wie er aber wieder nach oben kam, und sich
+von dem Boot verhindert sah stromab zu gehn, hielt er rasch
+dem Lande zu, wo dieses sich an einer schmalen Stelle zwischen
+zwei dort vor Anker liegenden Schiffen zeigte, und das
+war gerade der Punkt wohin ihn die Burschen haben wollten,
+und wo die K&auml;ufer schon eine kleine Umz&auml;unung hergestellt
+hatten, die an Land schwimmenden Thiere in Empfang zu
+nehmen. Einer nach dem anderen wurde so, wenn sie nicht
+gutwillig gehn wollten, von Bord hinuntergeworfen, und
+ihnen folgte, als auch der letzte in Sicherheit war, in Masse
+die Schaafheerde, der man nur einfach den Leithammel voran
+hineinwarf, als sich die ganze Heerde auch in gr&ouml;&szlig;ter Eile
+und Hals &uuml;ber Kopf ihm nachst&uuml;rzte.</p>
+
+<p>Die&szlig; au&szlig;ergew&ouml;hnliche Schauspiel hatte die Aufmerksamkeit
+der Passagiere so in Anspruch genommen, da&szlig; sie im Anfang
+gar nicht bemerkten, wie ein paar Fruchtboote indessen
+an das Schiff herangekommen waren und dieses jetzt, mit ihrer
+delicaten Last umkreisten. Ziemlich vorn im Boot sa&szlig; eine
+sonngebr&auml;unte Gestalt mit breitr&auml;ndigem Strohhut, nur mit
+Hemd und Hose bekleidet und ein buntfarbiges Seidentuch
+locker um den Hals geschlagen, in jeder Hand ein leichtes kurzes
+Ruder mit denen er das zierlich schlanke Fahrzeug rasch
+und behende vorw&auml;rtstrieb, und durch die geringste Bewegung
+her&uuml;ber und hin&uuml;ber lenkte. Von der Mitte des Bootes ab
+aber, bis hinten zum Spiegel desselben lagen, in entz&uuml;ckender
+F&uuml;lle die Sch&auml;tze der Tropen, wie dieses sonnigen Landes aufgestapelt
+und zum Genu&szlig; bereit, w&auml;hrend in dem Spiegel des
+einen Boots ein kleiner Capuziner-Affe, in dem des anderen
+ein buntfarbiger Papagei dem reizenden Bild zur Staffage zu
+dienen schienen. Duftige Ananas mit den gr&uuml;ngezackten Kronen,
+rothb&auml;ckige Granat&auml;pfel, goldene Apfelsinen, saftige Pfirsiche,
+Cocosn&uuml;sse in ihrer braunen Schaale, mehlige Bananen,
+mit nordischen &Auml;pfeln und Birnen und schwellenden Trauben,
+mit Granat- und Orangenbl&uuml;then &uuml;berworfen lagen in wilder
+Mischung bunt und wirr und doch sinnig geordnet, durcheinander,
+und die H&auml;nde der armen, Salzkost gew&ouml;hnten und
+gequ&auml;lten Auswanderer, streckten sich nur soviel sehns&uuml;chtiger
+nach den gezeigten Sch&auml;tzen aus, als fast den meisten die Mittel
+fehlten, sich augenblicklich in Besitz derselben zu setzen.</p>
+
+<p>Kleines Geld &mdash; oh wer jetzt kleine Amerikanische oder
+Englische M&uuml;nzen hatte, sich einen Theil des Reichthums da unten
+zuzueignen &mdash; nur ein einziges St&uuml;ck den lechzenden
+Gaumen zu letzen. Und wie sie durch einander liefen und in
+den Taschen suchten, und borgen wollten, Einer vom Anderen,
+und Keiner, wie ihnen das wohl auch oft in der alten Heimath
+geschehn sein mochte, die landes&uuml;bliche M&uuml;nze zu zeigen
+hatte. Hie und da tauchte aber doch ein Spanischer Dollar
+auf, Fr&uuml;chte <span class="wide">mu&szlig;ten</span> gekauft werden, die erste Landung auch
+w&uuml;rdig zu feiern, und der Steward wurde dann ebenfalls
+hinunter geschickt, f&uuml;r die Caj&uuml;te ein reiches und willkommenes
+Desert zur Abendtafel einzukaufen. Die beiden Spanier in
+den Fruchtbooten machten gl&auml;nzende Gesch&auml;fte an den beiden
+deutschen Schiffen.</p>
+
+<p>Endlich kam auch das Sanit&auml;tsboot und das Schiff
+wurde, nach sehr fl&uuml;chtiger Untersuchung, als vollkommen gesund
+erkl&auml;rt, wie den Passagieren von Obrigkeitswegen gestattet,
+sobald sie wollten oder k&ouml;nnten an Land zu gehn. Es
+war aber indessen auch beinah Abend geworden, und der Capitain
+erkl&auml;rte seinen Caj&uuml;tspassagieren da&szlig; er selber allerdings
+augenblicklich an Land m&uuml;sse, und gern von ihnen mitnehmen
+wolle wer zu gehen w&uuml;nsche, da&szlig; er ihnen aber rathe die Nacht
+noch an Bord zu bleiben, und dann morgen fr&uuml;h ihre Ausschiffung
+in Mu&szlig;e und mit Ruhe vorzunehmen. Mit den
+Zwischendeckspassagieren wurden schon weniger Umst&auml;nde gemacht,
+und ihnen eben nur einfach angek&uuml;ndigt, da&szlig; es f&uuml;r
+heute zu sp&auml;t sei sie auszuschiffen, und sie morgen fr&uuml;h, wenn
+sie es w&uuml;nschten mit Tagesanbruch bef&ouml;rdert werden sollten.
+&Uuml;brigens h&auml;tten sie heute Abend noch einmal Abendbrod und
+morgen Fr&uuml;hst&uuml;ck zu erwarten &mdash; wonach zu richten.</p>
+
+<p>Von den Caj&uuml;tspassagieren hatten sich aber eben der Professor
+und die Herren Benkendroff, Henkel, und der Doktor
+entschlossen mit an Land zu fahren, als von dort aus ein
+Boot abstie&szlig; in dem ein Herr und eine Dame sa&szlig;en und auf
+die Haidschnucke zuhielten. Frau von Kaulitz, die schon seit
+einer Stunde ungeduldig auf dem Quarterdeck auf- und abgegangen
+war, und diesen Besuch in der That erwartet hatte,
+trat an die Reiling und winkte mit dem Tuch, und das Zeichen
+wurde von der Dame im Boot, die in gro&szlig;er Aufregung
+zu sein schien, beantwortet. Desto ruhiger blieb aber die alte
+Dame, die schon an dem Nachmittag ihre Whistberechnung
+mit ihren bisherigen Aiden gemacht und ihren Gewinn
+eingestrichen hatte, w&auml;hrend ihre Koffer gepackt und zum Abholen
+fertig standen.</p>
+
+<p>&raquo;Wer m&ouml;gen nur die Fremden sein die uns dort besuchen
+wollen?&laquo; rief die lebhafte Marie, die sich nicht satt sehn konnte
+an ihrer neuen Umgebung und Augen f&uuml;r Alles hatte, was
+um sie her vorging. &raquo;Sie kommen wahrhaftig hierher, gerade
+auf das Schiff zu!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist meine Tochter, mein Kind&laquo; sagte aber die alte
+Dame mit unendlicher Ruhe, &raquo;die sich vor einem Jahre von
+einem jungen Engl&auml;nder Namens Bloomfield hat entf&uuml;hren
+und heirathen lassen, ohne mein Wissen und gegen meinen
+Willen. Das junge Ehepaar fl&uuml;chtete damals nach Amerika
+und ich habe ihnen jetzt, da der Mann sonst brav und ordentlich
+zu sein scheint und sehr verm&ouml;gend ist, verziehen und bin
+gekommen sie zu besuchen.&laquo;</p>
+
+<p>Es waren die&szlig; die ersten Worte die Frau von Kaulitz je
+&uuml;ber ihre Familienverh&auml;ltnisse, wie &uuml;berhaupt den Zweck ihrer
+Reise ge&auml;u&szlig;ert hatte, und Marie blickte l&auml;chelnd zu ihr auf,
+denn sie konnte nat&uuml;rlich nicht anders glauben, als da&szlig; die
+alte Dame sich einen Scherz mit ihr mache, obgleich das sonst
+nicht eben ihre Gewohnheit war. Sie sah aber auch jetzt so
+ernst und trocken aus wie nur je, und hatte noch dazu ihre
+Brille aus ihrem gro&szlig;en sammetgestickten Strickbeutel herausgeholt,
+die sie aufsetzte und die Herankommenden aufmerksam
+und forschend damit betrachtete. Es war eben noch hell genug
+die Gesichter unten zu erkennen.</p>
+
+<p>Das Boot lag jetzt langseit und die alte Dame ging
+zweimal auf dem Quarterdeck auf und ab als der Capitain,
+der an die Fallreepstreppe getreten war der Dame hereinzuhelfen,
+mit den beiden Fremden den Starbordgangweg herauf
+kam und sie zur Quarterdeckstreppe f&uuml;hrte. Die junge Dame,
+ein reizendes kleines zartes Frauchen von vielleicht zweiundzwanzig
+Jahren, aber jetzt mit vor innerer Aufregung bleichen
+und erregten Z&uuml;gen, eilte voran, dicht hinter ihr folgte ihr
+Gatte, eine ebenfalls noch jugendliche, aber edle, m&auml;nnliche
+Gestalt. Frau von Kaulitz war mitten auf dem Deck stehn
+geblieben sie zu erwarten.</p>
+
+<p>&raquo;Mutter &mdash; liebe &mdash; liebe Mutter!&laquo; rief die junge Frau,
+flog auf die alte Dame zu und barg, der Fremden die sie umstanden
+nicht achtend, ja sie wohl nicht einmal bemerkend,
+schluchzend ihr Antlitz an ihrer Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Kind &mdash; mein liebes Kind!&laquo; sagte Frau von
+Kaulitz, mit einem unverkennbaren Anflug von R&uuml;hrung und
+hob sie zu sich auf, k&uuml;&szlig;te sie und streckte dann ihre Hand dem
+wenige Schritte hinter ihr stehen gebliebenen Gatten entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Liebe &mdash; beste Mutter!&laquo; rief aber jetzt auch dieser, tief
+ergriffen ihre Hand fassend und an seine Lippen ziehend &mdash; &raquo;k&ouml;nnen
+Sie uns verzeihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bst Kinder &mdash; keinen Auftritt hier&laquo; sagte aber Frau
+von Kaulitz, rasch wieder gefa&szlig;t, &raquo;komm Pauline &mdash; komm,
+richte Dich auf &mdash; sieh nur die fremden Leute hier um uns
+her. Ach bitte William haben Sie die G&uuml;te und sehen Sie
+nach da&szlig; meine Koffer und Hutschachteln hinunter in das
+Boot kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde Ihnen das schon besorgen, gn&auml;dige Frau&laquo;
+sagte aber der Capitain freundlich &mdash; &raquo;ist das all Ihr Gep&auml;ck
+was hier oben an Deck steht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Alles &mdash; halt Steward meine Whistmarken liegen
+noch unten auf meinem Waschtisch, in dem kleinen gr&uuml;nen
+Etui.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier Jahn &mdash; hier Jacob!&laquo; rief der Capitain ein paar
+seiner Leute an &mdash; &raquo;hinunter mit den Sachen da in's Boot &mdash; macht
+rasch, aber geht mir vorsichtig damit um &mdash; hier die
+drei Koffer und die drei, vier, f&uuml;nf Schachteln mit den zwei
+Reises&auml;cken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wartet Kinder, meine Marken kommen gleich&laquo; sagte
+Frau von Kaulitz, als die junge Frau sie unter Thr&auml;nen l&auml;chelnd
+noch einmal gek&uuml;&szlig;t hatte und dann mit sich fortziehen
+wollte &mdash; &raquo;apropos William, spielen Sie Whist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein liebe Mutter&laquo; &mdash; sagte der junge Mann, verlegen
+l&auml;chelnd &uuml;ber die etwas abgebrochene Frage.</p>
+
+<p>&raquo;Kein Whist?&laquo; &mdash; rief Frau von Kaulitz, fast erschreckt
+stehen bleibend &mdash; &raquo;wo bekommen wir denn heute Abend den
+dritten Mann her? &mdash; Pauline spielt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Compagnon spielt vortrefflich und wird heute
+Abend bei uns sein&laquo; sagte ihr Schwiegersohn, jetzt wirklich
+verlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ah, das ist sch&ouml;n!&laquo; rief Frau von Kaulitz, sichtlich beruhigt,
+&raquo;und nun kommt Kinder &mdash; <i>adieu, adieu!</i>&laquo; sagte sie
+dabei freundlich ihren bisherigen Mitpassagieren, von denen
+sie sich in diesem Augenblick wahrscheinlich auf immer trennte,
+zunickend &mdash; &raquo;<i>adieu,</i>&laquo; und von dem Capitain gef&uuml;hrt, der sie,
+jetzt schon wieder in seinen entsetzlichen Schwalbenschwanzfrack
+mit den engen &Auml;rmeln hineingezw&auml;ngt, sehr artig bis an die
+Fallreepstreppe begleitete, verlie&szlig; sie das Quarterdeck.</p>
+
+<p>Der junge Mann folgte ihr, seine Frau am Arm, die
+Caj&uuml;tspassagiere an denen er vor&uuml;berging, freundlich gr&uuml;&szlig;end,
+als sein Blick auf den, gerade an Deck kommenden Henkel fiel.
+Fast unwillk&uuml;rlich blieb er einen Moment stehn und sah ihn
+starr an, wie es oft geschieht da&szlig; uns ein Gesicht pl&ouml;tzlich
+auff&auml;llt, dem wir nicht gleich Namen und Stelle zu geben
+wissen in unserem Ged&auml;chtni&szlig;. Auch Henkel begegnete, wie
+es schien ebenso &uuml;berrascht dem Blick; beide M&auml;nner verbeugten
+sich dann leicht gegeneinander und der Engl&auml;nder verlie&szlig;, seine
+Frau am Arm das Schiff.</p>
+
+<p>Das Boot stie&szlig; ab von Bord, und die beiden Seeleute
+die es f&uuml;hrten legten sich kr&auml;ftig in ihre Ruder, waren aber noch
+keine vier L&auml;ngen in den Strom hinausgehalten, als Frau
+von Kaulitz ein &auml;ngstliches <span class="wide">&raquo;Halt&laquo;</span> rief.</p>
+
+<p>&raquo;Ach bitte William, ich habe meinen Regenschirm an
+Bord vergessen!&laquo;</p>
+
+<p>Der junge Mann, der am Steuer sa&szlig;, lenkte den Bug
+des Bootes rasch wieder herum dem kaum verlassenen Schiffe
+zu, an dessen Railing der Steuermann schon stand und mit
+einem vergn&uuml;gten Gesicht &mdash; er war an derlei gewohnt &mdash; hinunter
+rief:</p>
+
+<p>&raquo;Etwas vergessen, Madame?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinen Regenschirm &mdash; er steht unten in der Coye &mdash; schwarze
+Seide mit Elfenbeingriff&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nun nat&uuml;rlich&laquo; lachte der Seemann leise vor sich hin,
+und rief dann laut &mdash; &raquo;Steward, den Regenschirm von Frau
+von Kaulitz&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Und mein rothsaffian Brillenfutteral mu&szlig; auch noch
+unten liegen!&laquo; rief die Dame hinauf.</p>
+
+<p>&raquo;Steward &mdash; rothsaffianen Brillenfutteral&laquo; repetirte der
+Steuermann &mdash; &raquo;sonst noch etwas, Madame?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; nicht da&szlig; ich jetzt w&uuml;&szlig;te.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Sachen wurden durch einen Matrosen, der die Fallreepstreppe
+niederlief, hinunter gereicht, und das Boot stie&szlig;
+zum zweitenmale ab.</p>
+
+<p>&raquo;Liebe Mutter, jener Herr Soldegg, den ich auf dem
+Quarterdeck fand, ist doch nicht mit Ihnen von Deutschland,
+sondern wahrscheinlich erst hier an Bord gekommen?&laquo; frug
+der junge Mann die alte Dame, als sie wieder eine kleine
+Strecke vom Schiff ab waren.</p>
+
+<p>&raquo;Soldegg? &mdash; ich wei&szlig; nicht&laquo; sagte Frau von Kaulitz,
+&raquo;ich kenne die Zwischendeckspassagiere nicht, und habe den
+Namen nie geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er sah nicht aus wie ein Zwischendeckspassagier, und
+stand auch auf dem Quarterdeck bei den Damen&laquo; sagte
+Bloomfield.</p>
+
+<p>&raquo;Soldegg &mdash; Soldegg? &mdash; kenne ich nicht &mdash; vom Land
+ist aber auch Niemand her&uuml;ber gekommen, den Steuerbeamten
+ausgenommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort dr&uuml;ben steht er, etwas rechts vom Besahnmast &mdash; den
+meine ich, der jetzt gerade den Hut aufsetzt.&laquo;</p>
+
+<p>Die alte Dame, die ihre Brille noch aufbehalten hatte,
+drehte den Kopf dorthin und sagte dann:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein Herr Namens Henkel, der sich eine junge
+h&uuml;bsche Frau von Deutschland geholt hat, aber nicht mit ihr
+durchgebrannt ist, wie gewisse Leute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Liebe &mdash; liebe Mutter&laquo; bat Pauline, tief err&ouml;thend, und
+die Hand nach ihr ausstreckend&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Schon gut, schon gut&laquo; l&auml;chelte die alte Dame, die Hand
+ergreifend und streichelnd&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Henkel?</span>&laquo; sagte Bloomfield, dem die eben gesehene
+Pers&ouml;nlichkeit selbst in diesem Augenblick nicht aus dem Sinne
+wollte &mdash; indem er still vor sich hin mit dem Kopf sch&uuml;ttelte.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie die auffallend sch&ouml;ne junge Frau nicht bemerkt,
+die mit auf dem Quarterdeck stand?&laquo; frug Frau von
+Kaulitz.</p>
+
+<p>&raquo;Dieselbe die so au&szlig;erordentlich bleich aussah?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieselbe &mdash; das ist seine Frau &mdash; aber nehmen Sie sich
+um Gottes Willen in Acht. Sie fahren uns ja mitten auf
+das Schiff hinauf!&laquo;</p>
+
+<p>Bloomfield lenkte den Bug des Bootes noch zur rechten
+Zeit zur Seite, der Rudernde warf seinen Riemen rasch aus
+der Dolle, und das schlanke Boot scho&szlig;, den Augen der ihm
+nachschauenden Passagiere der Haidschnucke entzogen, zwischen
+die dort ankernden Schiffe hinein an Land, wo schon ein leichter
+eleganter Wagen sie erwartend hielt.</p>
+
+<p>Des Capitains J&ouml;lle war indessen ebenfalls auf das
+Wasser niedergelassen und bemannt worden, und der Capitain
+noch einmal in seine Caj&uuml;te gegangen seine Schiffspapiere,
+die in einer langen, festschlie&szlig;enden Blechb&uuml;chse staken, mitzunehmen,
+wie Geld und abzugebende Briefe zu sich zu stecken.</p>
+
+<p>Schon vorher war ein Mauthbeamter an Bord gekommen,
+der aber die Koffer der Passagiere, nach fl&uuml;chtiger &Ouml;ffnung,
+passiren lie&szlig;. Einwanderern wird darin viel nachgesehn,
+und wo nicht durch zu gro&szlig;e Massen oder zu gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ige
+Verpackung gegr&uuml;ndeter Verdacht vorliegt da&szlig; sich
+Sachen zum Verkauf darin vorfinden, l&auml;&szlig;t man sie keineswegs
+selten uner&ouml;ffnet, oder wenigstens nach ganz oberfl&auml;chlichem
+Dar&uuml;berhingesehn, passiren.</p>
+
+<p>Clara ging, als Frau von Kaulitz das Schiff verlassen
+hatte, in ihre Caj&uuml;te hinab, wohin ihr, wie des Capitains
+Boot auf das Wasser niedergelassen wurde, Henkel folgte.</p>
+
+<p>&raquo;Clara&laquo; sagte da ihr Gatte mit leiser unterdr&uuml;ckter
+Stimme, als er den kleinen Raum betrat &mdash; &raquo;ich gehe heut
+Abend an Land und kehre vielleicht erst sp&auml;t, vielleicht erst
+morgen Fr&uuml;h zur&uuml;ck. Du wirst wohl thun Alles inde&szlig; zu
+ordnen da&szlig; wir das Schiff dann gleich verlassen k&ouml;nnen &mdash; ich
+werde inde&szlig; Quartier f&uuml;r uns besorgen.&laquo;</p>
+
+<p>Clara hatte ihn ruhig angeh&ouml;rt, aber ihr K&ouml;rper zitterte
+w&auml;hrend er sprach und sie brauchte Minuten sich soweit zu
+sammeln da&szlig; sie ihm nur erwidern konnte, dann aber sagte
+sie mit leiser, doch von innerer Heftigkeit fast erstickter bebender
+Stimme, indem sie ihm fest und entschlossen in das scheu
+abweichende Auge sah.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r uns? f&uuml;r <span class="wide">uns</span>? &mdash; unsere Bahnen trennen sich
+hier &mdash; mein Herr &mdash; ich kenne Sie nicht mehr und <span class="wide">wagen</span>
+Sie es mich zu zwingen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist eine Th&ouml;rin, Clara&laquo; &mdash; sagte Henkel ungeduldig &mdash; &raquo;was
+helfen Dir die unn&uuml;tzen Reden &mdash; wer soll
+Dir hier Beschuldigungen, die Du etwa vorbringen k&ouml;nntest,
+glauben. Sei vern&uuml;nftig&laquo; setzte er dann ruhig hinzu &mdash; &raquo;la&szlig;
+den wahnsinnigen Verdacht, den Du nun einmal kindischer
+Weise gegen mich gefa&szlig;t zu haben scheinst, fahren, und f&uuml;ge
+Dich in das Unvermeidliche. Du kennst die Amerikanischen
+Gesetze nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="wide">Du</span> wagst es <span class="wide">mir</span> mit dem Gesetz zu drohen?&laquo;
+rief aber jetzt Clara, in furchtbarer Aufregung selbst den Ort
+vergessend an dem sie sich befanden, und wie leicht sie von
+Anderen in dem belauscht oder geh&ouml;rt werden konnten was sie
+sprachen &mdash; &raquo;Du zitterst nicht, nur vor dem Namen des Richters,
+dem Dein <span class="wide">Kopf</span> verfallen w&auml;re, wenn Gerechtigkeit nicht
+eine L&uuml;ge hie&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist wahnsinnig!&laquo; zischte der Mann, in scheuer
+Furcht da&szlig; die Worte drau&szlig;en zu dem Ohr eines Dritten gedrungen
+w&auml;ren, durch die zusammengebissenen Z&auml;hne &mdash; &raquo;ich
+will Dir Zeit geben Dich zu sammeln;&laquo; und die Th&uuml;re &ouml;ffnend,
+die er wieder hinter sich ins Schlo&szlig; dr&uuml;ckte, verlie&szlig; er
+rasch die Caj&uuml;te. Clara aber blieb wie sie der Gatte verlassen,
+die Augen in grimmem Zorn fest auf die Th&uuml;re geheftet
+durch die er verschwunden, stehn und wollte sich dann umdrehen
+ihren Sitz wieder einzunehmen. Die Aufregung jedoch
+und Alles was das arme Herz in den letzten Tagen bedr&auml;ngt
+und jetzt in furchtbarer Gewalt wieder &uuml;ber sie hereinbrach,
+war zu viel f&uuml;r sie gewesen, sie f&uuml;hlte wie ihr die Sinne
+schwanden &mdash; sie wollte rufen, aber vermochte es nicht mehr &mdash; einen
+Moment hielt sie sich an der Coye neben der sie stand,
+aber vor ihren Augen dunkelte es, die Caj&uuml;te drehte sich mit
+ihr und bleich und lautlos brach sie ohnm&auml;chtig zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun meine Herren, wer mich begleiten will&laquo; sagte der
+Capitain der wieder in seinen unbequemsten &raquo;geh zu Ufer&laquo;
+Kleidern, mit der &raquo;Schraube&laquo; auf dem Kopf an Deck stand
+und die Arme ausdehnte seinen Ellbogen nur einigerma&szlig;en
+Luft zu g&ouml;nnen &mdash; &raquo;es ist Alles bereit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem gr&ouml;&szlig;ten Vergn&uuml;gen Herr Capitain&laquo; rief der
+Doktor, der, von Herrn von Benkendroff und dem Professor
+gefolgt, voransprang, damit wenigstens nicht auf ihn gewartet
+w&uuml;rde. Henkel, eine breite Geldtasche umgehangen stieg langsam
+nach.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wo ist Ihre Frau?&laquo; rief ihm Hopfgarten nach,
+&raquo;die sollten Sie doch jedenfalls mit an Land nehmen, und
+wenn es nur w&auml;re einen kleinen Spatziergang auf festem Grund
+und Boden zu machen &mdash; die Landluft w&uuml;rde ihr auch gewi&szlig;
+gut thun.&laquo;</p>
+
+<p>Henkel gab eine ausweichende Antwort, und die Caj&uuml;tspassagiere
+verlie&szlig;en, von ihren Zwischendecks-Reisegef&auml;hrten
+beneidet, das Schiff.</p>
+
+<p>Die Nacht war indessen vollst&auml;ndig angebrochen, die Caj&uuml;tslampe
+angesteckt und der Thee f&uuml;r die wenigen zur&uuml;ckgebliebenen
+Caj&uuml;tspassagiere, w&auml;hrend Herr Hopfgarten die
+Honneurs machte, servirt worden.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Clara fehlt wieder&laquo; sagte Marie, von ihrem Sitze
+aufstehend, und an die Th&uuml;r der Freundin tretend, an die sie
+mit dem Finger klopfte &mdash; &raquo;Clara, der Thee ist servirt, hast
+Du die Klingel nicht geh&ouml;rt?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Keine Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Clara &mdash; bist Du wieder krank?&laquo; frug das junge M&auml;dchen
+lauter und &auml;ngstlich &mdash; Alles blieb todtenstill in dem
+kleinen dunklen Gemach, und vorsichtig und leise die Th&uuml;r
+&ouml;ffnend stie&szlig; sie einen Angstschrei aus, als sie die Freundin
+ausgestreckt und besinnungslos auf dem Boden ihrer Caj&uuml;te
+liegen sah.</p>
+
+<p>Der Schrei machte aber s&auml;mmtliche Passagiere von ihren
+Sitzen aufspringen und zu ihr eilen, der Steuermann hakte
+rasch die in der Caj&uuml;te h&auml;ngende Lampe aus und folgte, und
+w&auml;hrend Marie und Anna die Ohnm&auml;chtige aufhoben, rief
+Hopfgarten:</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nur ein Gl&uuml;ck da&szlig; der Doktor nicht an Bord ist&laquo;
+und sprang, so schnell er konnte die Caj&uuml;tstreppe hinauf in
+das Zwischendeck nieder, dort den jungen Arzt zu ersuchen
+einen Augenblick in die Caj&uuml;te zu kommen &mdash; gleichzeitig rief
+er Hedwig, ihrer Herrin beizustehen.</p>
+
+<p>Die M&auml;dchen hatten inde&szlig; die junge Frau auf ihr Bett
+gelegt, und ihr das Kleid ge&ouml;ffnet als Georg Donner, von
+Hopfgarten eingef&uuml;hrt und von Hedwig gefolgt erschien und
+durch leichte Mittel die Kranke bald wieder zu sich brachte.
+Schwerer aber wurde es ihm zu bestimmen was ihr eigentlich
+fehle, denn ihr Blut ging ruhig, von Fieber war keine Spur,
+und ihr Blick doch so stier und dann wieder unst&auml;t, wie &auml;ngstlich
+und scheu nach Jemand forschend den sie zu suchen schien;
+das Antlitz dabei so todtenbleich, das Auge eingefallen und
+tr&uuml;b, da&szlig; er zuletzt fast f&uuml;rchtete diese Schw&auml;che sei die Vorbotin
+einer gr&ouml;&szlig;eren, schwereren Krankheit, die noch unausgesprochen
+in ihr ruhe. Er bat sie deshalb sich f&uuml;r jetzt nur
+ruhig in ihrem Bette, neben dem Hedwig die Nacht schlafen
+sollte, zu verhalten, ihm selber aber zu erlauben sie noch einmal
+nach Mitternacht zu besuchen etwaigen, dann vielleicht
+deutlicher ausgesprochenen Symptomen rasch begegnen zu
+k&ouml;nnen. Die &uuml;brige Gesellschaft ersuchte er die Kranke am
+Besten sich selber und der Sorge Hedwigs zu &uuml;berlassen, und
+zog sich wieder, nach einem herzlichen H&auml;ndedruck Hopfgartens,
+dem der junge Mann ungemein gefallen, in das Zwischendeck
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap3" id="kap3"></a>Capitel 3.</h2>
+
+<h3>An Land.</h3>
+
+<p>Die Nacht war still vergangen, die Kranke aber erst mit
+anbrechender D&auml;mmerung in einen ruhigen wohlth&auml;tigen Schlaf
+gefallen, in dem sie der junge Arzt unter <ins title="Original hat keine">keiner</ins> Bedingung gest&ouml;rt
+haben wollte. Dazu h&auml;tte es aber freilich keinen ungl&uuml;ckseligern
+Tag an Bord geben k&ouml;nnen, wie gerade heute, wo das
+Schiff mit Tagesanbruch eben an Land gelegt werden sollte,
+und die damit verbundenen Arbeiten das ganze Fahrzeug bis
+in den Kiel hinab ersch&uuml;ttern machten. Jedenfalls mu&szlig;te die
+Kranke je eher desto besser, an das Ufer geschafft werden, dort
+die n&ouml;thige Ruhe und Pflege zu erhalten, wo sich hoffen lie&szlig;
+da&szlig; sie sich auch bald erholen w&uuml;rde, und Georg Donner beschlo&szlig;
+deshalb selber mit Herrn Henkel zu reden, sobald dieser
+zur&uuml;ck an Bord kommen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Das geschah bald nach Sonnenaufgang und Henkel, der
+aber sehr ruhig &uuml;ber den Fall und fest &uuml;berzeugt schien, da&szlig;
+es als ein leichtes Unwohlsein bald vor&uuml;ber gehen w&uuml;rde,
+versicherte ihn er habe schon ihr Quartier und Alles in Ordnung
+gebracht, und gab ihm dabei zu verstehn da&szlig; ein sehr intimer
+Freund von ihm einer der ausgezeichnetsten &Auml;rzte der
+Stadt sei, der, sollte das Unwohlsein wirklich bedeutendere
+Folgen haben, mit den klimatischen Verh&auml;ltnissen hier bekannt,
+die Kranke bald wieder herstellen w&uuml;rde. &Uuml;brigens dankte er
+ihm f&uuml;r die seiner Frau geleisteten Dienste und schien einen
+Augenblick sogar unschl&uuml;ssig ob er ihm ein Honorar daf&uuml;r anbieten
+d&uuml;rfe oder nicht; Donner jedoch, der etwas &Auml;hnliches
+f&uuml;rchten mochte, und zu stolz war seine H&uuml;lfe weiter aufzudr&auml;ngen,
+schnitt die Unterredung kurz ab, und r&uuml;stete sich jetzt selber
+so rasch als m&ouml;glich das Land betreten zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>An Bord herrschte indessen ein reges, gesch&auml;ftiges Leben.
+Schon mit Tagesanbruch hatten die Seeleute den Anker gelichtet
+und zu gleicher Zeit mit dem Boot ein Tau nach dem
+n&auml;chst liegenden Schiff gebracht, wohin sie sich jetzt mit dem
+vorderen Gangspill bugsirten, und um acht Uhr etwa lag die
+Haidschnucke mit ausgeschobenen und wohl befestigten Planken,
+ihre Fracht und Passagierg&uuml;ter bequem ausladen zu k&ouml;nnen,
+dicht an der Lev&eacute;e &mdash; ein Platz den ich dem Leser sp&auml;ter n&auml;her
+beschreiben werde &mdash; und der Vorstadt von New-Orleans, dem
+zum gro&szlig;en Theil von Deutschen bewohnten Lafayette gerade
+gegen&uuml;ber. Etwa zwanzig Schritt unterhalb, an derselben
+Stelle lief zu gleicher Zeit das Hamburger Schiff an, das mit
+ihnen zugleich, und von einem Dampfer geschleppt, aus dem
+Golf von Mexico heraufgekommen war. Welche M&uuml;he hatten
+sich die Passagiere dabei vorher gegeben die&szlig; Schiff zu betreten;
+wie hatten sie den Steuermann und Capitain gequ&auml;lt,
+und als es ihnen die nicht erlaubten, geflucht und geschimpft.
+Jetzt h&auml;tten sie es ungemein bequem haben k&ouml;nnen, ihre halben
+Reisegef&auml;hrten zu besuchen &mdash; jetzt, wunderbarer Weise, dachte
+aber Niemand von ihnen mehr daran, auch nur mit einem
+Schritt hin&uuml;ber und an Bord zu gehn, und Jeder dr&auml;ngte und
+trieb nur, hinauszukommen an Land, Amerika erst einmal unter
+den F&uuml;&szlig;en zu f&uuml;hlen, und sich dem wohlthuenden Bewu&szlig;tsein
+hingeben zu k&ouml;nnen endlich &mdash; endlich, nach allen ausgestandenen
+und erlittenen Drangsalen und Beschwerden das
+hei&szlig; ersehnte Ziel <span class="wide">erreicht</span> zu haben.</p>
+
+<p>Ein Theil der M&auml;nner hatte sich &uuml;brigens schon mit
+Tagesanbruch, und zwar mit dem Boot welches das Tau an
+Bord des anderen Schiffes brachte, an's Ufer setzen lassen die
+dortigen Verh&auml;ltnisse von einzelnen, gewi&szlig; anzutreffenden
+Landsleuten zu erfahren, und sich gleich zu erkundigen ob nicht
+irgendwo in der N&auml;he Arbeit zu bekommen w&auml;re. Sie mu&szlig;ten
+doch erst einmal ein Unterkommen f&uuml;r die Familie und ihr Gep&auml;ck
+haben, wonach sie sich dann weiter und bequemer umschauen
+konnten. Unter ihnen waren die Oldenburger, (die
+besonders dr&auml;ngten und trieben, damit ihnen &raquo;die von dem
+Hamburger Schiff&laquo; nicht zuvork&auml;men) Steinert, L&ouml;wenhaupt,
+Rechheimer, Wald und Eltrich, der ebenfalls ein Quartier
+f&uuml;r seine kleine Familie zu suchen hatte, da er beabsichtigte
+New-Orleans zu seinem n&auml;chsten Wohnsitz und Aufenthalt
+zu w&auml;hlen, und noch einige der Handwerker und Bauern an
+Bord. Sie wollten die Zeit benutzen, bis ihre Sachen gelandet
+werden konnten.</p>
+
+<p>Es war noch die fr&uuml;hste Morgenstunde, nichts destoweniger
+schw&auml;rmte die Lev&eacute;e<a href="#g3fn5"><small><sup>5</sup></small></a><a name="g3fn5r" id="g3fn5r"></a> schon &mdash; da in dem warmen Klima
+fast alle Gesch&auml;fte Morgens beendet werden, von th&auml;tigen
+Leuten, die sich Alle in gr&ouml;&szlig;ter Eile durcheinander dr&auml;ngten,
+und die Neugekommenen kaum eines Blickes w&uuml;rdigten. Schwergepackte
+zweir&auml;drige und eigenth&uuml;mlich gebaute Karren, mit
+<span class="wide">einem</span> kr&auml;ftigen Pferd bespannt, zogen in fast ununterbrochener
+Reihe den verschiedenen Schiffen zu oder in die Stadt
+hinein, und abgeladene trabten, mit dem F&uuml;hrer vorn darauf
+stehend, rasch wieder zur&uuml;ck, neue Fracht zu holen. Kleine
+einsp&auml;nnige Milchkarren, mit einer Masse blechener Kannen bepackt,
+rasselten &uuml;ber das Pflaster; wunderh&uuml;bsche Mulatten,
+und Quadroonm&auml;dchen, schlank und voll gewachsen, mit elastischem
+Gang, ein buntfarbiges Tuch kokett um das dunkle
+Haar geschlagen, boten Blumen und Fr&uuml;chte aus; M&auml;nner
+und Knaben, mit K&ouml;rben und kleine Glaskasten umgeschnallt
+in denen eine Masse verschiedener Kleinigkeiten zum Verkauf
+auslagen, standen an den Ecken oder wanderten an den
+Schiffen entlang, ihre Waaren mit ungemeiner Zungenfertigkeit
+und meist in einer schauerlichen Mischung von Englisch-Franz&ouml;sisch
+und j&uuml;dischem Deutsch feil bietend.</p>
+
+<p>Dann die Kaufl&auml;den, die wunderlichen gro&szlig;en Schilder
+mit den riesigen Buchstaben, die Heerden von Vieh, die sich,
+hier in der Vorstadt, mitten durch die Menschenschaaren dr&auml;ngten,
+oder gedr&auml;ngt wurden, ihrem Bestimmungsort, dem Schlachtplatz
+zu, die Masse von Negern und Mulatten, Mestizen,
+Quadroonen, mit allen nur erdenklichen Schattirungen von
+Wei&szlig; und Gelb zu Schwarz und Braun, die eleganten Cabriolets
+neben den schmutzigen Marktw&auml;gen die Fr&uuml;chte und Gem&uuml;se
+aus dem Inneren zur Stadt bringen; es war ein Gewirr
+von Sachen da&szlig; die Einwanderer, von denen sich nur Eltrich
+getrennt hatte seine eigenen Gesch&auml;fte desto rascher besorgen zu
+k&ouml;nnen, nicht Augen genug zu sehen, nicht Ohren genug zu
+h&ouml;ren hatten, und im Anfang wirklich wie von einem wilden,
+hirnverdrehenden Traum befangen an der Lev&eacute;e hinauf, der
+eigentlichen Stadt zugingen, und her&uuml;ber und hin&uuml;ber gesto&szlig;en,
+denn sie schienen <span class="wide">allen</span> Menschen heute im Weg, endlich
+unfern von da stehen blieben wo eine Anzahl M&auml;nner und
+Frauen, neben aufschichteten Kisten und Koffern auf der Lev&eacute;e
+sa&szlig;en und das Wogen und Dr&auml;ngen der Weltstadt still und
+die H&auml;nde in den Schoo&szlig; gelegt, an sich vor&uuml;ber str&ouml;men lie&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Das sind Deutsche!&laquo; rief Steinert, mit der Hand nach
+ihnen hin&uuml;ber deutend &mdash; &raquo;die k&ouml;nnen uns auch vielleicht Auskunft
+geben wohin wir uns am Besten wenden, mitten in die
+Stadt zu kommen; wir wollen sie jedenfalls fragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wo wir hier Arbeit kriegen&laquo; sagte da ein Oldenburger,
+&raquo;Donnerwetter, seit wir hier auf dem Damm herum
+laufen ist mir ganz wunderlich zu Muthe geworden; ich glaubte
+erst wir w&uuml;rden den Fu&szlig; nicht an Land setzen k&ouml;nnen, ohne
+da&szlig; die Amerikaner auf uns zuk&auml;men, und uns fr&uuml;gen was
+wir den Tag oder Monat f&uuml;r Lohn haben wollten, und jetzt
+bek&uuml;mmert sich keine Menschen-Seele um uns, und die Leute
+thun gerade so, als ob wir gar nicht in der Welt w&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Guten Tag Landsleute&laquo; sagte Steinert als sie sich den
+Leuten n&auml;herten, und die M&auml;nner und Frauen drehten rasch
+den Kopf nach ihm um, und erwiederten den Gru&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Auch erst angekommen?&laquo; frug der eine Oldenburger den
+ihm n&auml;chst sitzenden, einen alten Mann mit braunledernen kurzen
+Hosen, baumwollenen langen Str&uuml;mpfen, eine blaue Jacke mit
+bleiernen Kn&ouml;pfen darauf, wei&szlig; und blaugesprenkelte Weste
+und eine Pelzm&uuml;tze auf.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Jes</i>&laquo; sagte der Mann, &raquo;seit gestern Morgen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und spricht schon Englisch?&laquo; lachte Steinert.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Jes</i> a Bisle&laquo; sagte der Mann wieder, aber mit einem
+wehm&uuml;thigen Zug um den Mund, als ob es ihm leid thue.</p>
+
+<p>&raquo;Und weshalb sitzt Ihr hier und verpa&szlig;t die sch&ouml;ne Zeit?&laquo;
+rief Steinert, &raquo;oder wartet Ihr auf ein Dampfboot, den Flu&szlig;
+hinauf zu gehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sitzen hier, weil uns der Capitain nicht l&auml;nger an
+Bord behalten und nicht wieder mitnehmen wollte&laquo; sagte der
+Mann finster.</p>
+
+<p>&raquo;Wieder mitnehmen? &mdash; nach Deutschland?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Jes.</i>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber um Gottes Willen weshalb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil wir nicht gern gleich die erste Woche verhungern
+m&ouml;chten in Amerika&laquo; sagte der Mann und die Frau die neben
+ihm sa&szlig; pre&szlig;te ihr Kind fester an sich und wandte den Kopf
+ab, da&szlig; die Fremden die Thr&auml;nen nicht sehen sollten, die ihr
+in den Augen standen.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es so schlecht hier?&laquo; frug der andere Oldenburger
+rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Schlecht? &mdash; das wei&szlig; ich nicht&laquo; sagte der Mann &mdash; &raquo;aber
+wir sind unserer sechse gestern den ganzen Tag von
+Morgen bis Abend herumgelaufen Arbeit zu suchen und Brod
+zu finden, und Niemand hat uns haben wollen, und Geld
+haben wir auch nicht mehr uns Provisionen zu kaufen.
+Gestern hatten wir noch Schiffszwieback den wir vom Bord
+mitgenommen &mdash; heute werden wir von den halbfaulen Apfelsinen
+und &Auml;pfeln leben k&ouml;nnen, die die Obstweiber fortwerfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sollen denn Eure Sachen hier im Freien liegen
+bleiben?&laquo; frug sie Steinert kopfsch&uuml;ttelnd; &raquo;es wird doch wohl
+gewi&szlig; Pl&auml;tze geben wo Ihr die unterbringen k&ouml;nntet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja es gibt so H&auml;user, die sie hier Bordingh&auml;user nennen&laquo;
+sagte ein Anderer &mdash; &raquo;aber die verlangen gleich Geld,
+oder die Sachen in Versatz, weil wir mit Frauen und Kindern
+ankamen, und sie die &uuml;berdie&szlig; nicht gern einnehmen wollen.
+Das ist nun Amerika &mdash; <span class="wide">jetzt sind wir da!</span>&laquo; und der Mann
+st&uuml;tzte seinen Kopf in beide H&auml;nde, holte tief Athem, und sah
+still und starr vor sich nieder eine ganze Weile lang.</p>
+
+<p>&raquo;Seid Ihr auch eben erst angekommen?&laquo; frug der Erste
+wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Ja&laquo; sagte der eine Oldenburger, aber sehr kleinlaut &mdash;
+&raquo;heute Morgen &mdash; vor einer halben Stunde etwa.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und habt Ihr auch Frauen mit?&laquo; frug die eine Frau
+mit leiser Stimme, aber es lag ein solcher Schmerz darin, da&szlig;
+es selbst Steinert unbehaglich zu Muthe wurde, und er rasch
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr m&uuml;&szlig;t nicht verzagen Leute; Wetter noch einmal,
+die gebratenen Tauben fliegen Einem nicht in's Maul, und
+Ihr sitzt hier gerade so, als ob Ihr darauf wartetet. Ihr seid
+gesund und kr&auml;ftig, und allen Solchen fehlt es in Amerika
+nicht, das ist eine allbekannte Sache.&laquo;</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 3">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/il1r.jpg">
+ <img src="images/il1r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 3" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 3.<br />
+ Click to <a href="images/il1r.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>&raquo;Wenn man aber nun Nichts zu essen, und auch Niemanden
+hat der Einem was giebt?&laquo; sagte einer der Anderen wieder.
+&raquo;Ihr habt klug reden &mdash; vielleicht die Taschen noch voll
+Geld und keine Weiber und Kinder, aber lauft erst einmal in
+der ganzen Stadt in der Hitze herum von Haus zu Haus, und
+fragt nach Arbeit, und werdet &uuml;berall fortgeschickt, und wi&szlig;t
+dann da&szlig; Eure Kinder am Flu&szlig; sitzen und nach Brod schreien. &mdash; Ich
+bleibe jetzt hier ruhig hocken,&laquo; setzte er dann mit finsterem
+Trotz hinzu, &raquo;und will eben einmal sehn ob uns die
+Amerikaner hier auf der Stra&szlig;e verhungern lassen oder nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und seid Ihr allein mit dem Schiff gekommen?&laquo; frug
+ihn Wald, der indessen heimlich in die Taschen gegriffen und
+einen halben Dollar herausgenommen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, wir sind ihrer noch mehr&laquo; sagte der Erste &mdash; &raquo;die
+Anderen sind wieder ausgegangen heut Morgen und suchen
+Arbeit oder Brod &mdash; wenn wir nur Milch f&uuml;r die Kinder
+h&auml;tten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da hab' ich gerade vorhin einen halben Dollar auf der
+Stra&szlig;e gefunden&laquo; sagte Wald, das Geldst&uuml;ck der Frau hinhaltend &mdash; &raquo;Euch
+thuts hier wahrscheinlich mehr Noth, denn
+ich habe keine Familie &mdash; nehmts!&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau z&ouml;gerte, &mdash; die Hand zuckte ihr nach dem Silber,
+aber unschl&uuml;ssig sah sie dabei nach dem Mann hin&uuml;ber,
+ob sie es nehmen d&uuml;rfe; da warf ihr Wald das Geld in den
+Schoo&szlig; und ging rasch die Stra&szlig;e hinunter, in deren dichten
+Get&uuml;mmel er im n&auml;chsten Augenblick schon verschwunden war.</p>
+
+<p>&raquo;Du &mdash; hast <span class="wide">Du</span> gesehn da&szlig; der Jude den halben Dollar
+gefunden hat?&laquo; frug der eine Oldenburger den andern leise,
+als sie die Stra&szlig;e wieder hinaufgingen.</p>
+
+<p>&raquo;Ne&laquo; sagte der.</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch nicht &mdash; pa&szlig; man ein Bischen auf, vielleicht
+finden wir auch was&laquo; meinte der Erste wieder und betrachtete
+von da an die Lev&eacute;e mit h&ouml;chst mistrauischen Blicken.</p>
+
+<p>Auf Steinert hatte diese Begegnung aber einen h&ouml;chst unangenehmen
+Eindruck gemacht, und Amerika ungemein viel in
+seinen Augen verloren. Da waren Leute &mdash; gesund, kr&auml;ftig
+und stark, die <span class="wide">Arbeit</span> suchten und keine finden konnten, und
+sich vor dem Hungertode f&uuml;rchteten &mdash; zu Hause aber hatten
+ihm die Auswanderungs-Agenten ganz andere Geschichten erz&auml;hlt,
+und in B&uuml;chern konnte er sich auch nicht erinnern, schon
+etwas &Auml;hnliches gelesen zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Verfluchte Geschichte das,&laquo; murmelte er dabei vor sich
+hin &raquo;ich wei&szlig; nicht was soll es bedeuten, da&szlig; ich so traurig
+bin&laquo; &mdash; &raquo;ganz verfluchte Geschichte das. &mdash; Aber die Leute
+haben keine Empfehlungsbriefe, <span class="wide">das</span> ist die Sache, und keine
+Lebensart &mdash; wissen sich nicht zu benehmen, nicht in die
+Schw&auml;chen und Fehler ihrer Mitmenschen zu schicken oder diese
+zu benutzen &mdash; vertrauen zu wenig auf ihre eigene Kraft &mdash;
+bitte um Entschuldigung&laquo; unterbrach er sich in dem Augenblick
+selbst, als er von einem riesigen Irl&auml;nder, der sich aber nicht
+weiter um ihn k&uuml;mmerte, fast &uuml;ber den Haufen geworfen wurde
+&mdash; &raquo;hm, der Weg war doch breit genug&laquo; brummte er dann
+hinter ihn her und setzte, immer noch kopfsch&uuml;ttelnd aber doch
+jetzt etwas vorsichtiger, seinen Weg in das Innere der Stadt fort.</p>
+
+<p>Wald hatte sich inde&szlig; in das dickste Gedr&auml;ng geworfen,
+wo er pl&ouml;tzlich voll und breit gegen einen h&ouml;lzernen, mit kleinen
+Glasscheiben versehenen Kasten anlief, &uuml;ber dem er zu
+seinem nicht geringen Erstaunen ein bekanntes Gesicht entdeckte.</p>
+
+<p>&raquo;Rosengarten &mdash; Gottes Wunder wo kommst <span class="wide">Du</span> her?&laquo;
+rief er &uuml;berrascht aus, w&auml;hrend er den Kasten mit beiden H&auml;nden
+festhielt und dem Tr&auml;ger desselben, der ihn an ein paar
+breiten ledernen Riemen &uuml;ber die Schultern geh&auml;ngt trug, in
+das Gesicht schaute.</p>
+
+<p>&raquo;Wald! als ich gesund will bleiben &mdash; <i>tri 'scaleng a piece
+trois bits</i> drei Real 's St&uuml;ck, bester Qualit&auml;t <i>werry fine
+bong!</i>&laquo; rief der junge Bursche in einem Athem den Freund
+begr&uuml;&szlig;end und in allen m&ouml;glichen Sprachen seine Waaren zugleich
+ausbietend, keine unn&ouml;thige Zeit zu vers&auml;umen &mdash; &raquo;<i>wer
+you come from? tri 'scaleng &mdash; only tri bits</i> Schentelman,
+<i>werry fine bong!</i>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hallo&laquo; &mdash; lachte aber Wald in das Gewirr von Ausrufen
+hinein, die nicht allein von dem neu gefundenen Freund,
+sondern von allen Seiten und allen Arten von Ausrufern und
+Ausruferinnen in seine Ohren schwirrten und ihn taub zu
+machen drohten &raquo;mit mir mu&szlig;t Du schon noch deutsch reden,
+sonst verstehe ich keine Sylbe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Just <i>from</i> Schermany gekommen?&laquo; rief aber der kleine
+Jude ihn erstaunt ansehend &raquo;und was mache se in Bamberg?
+stehen die vier Thirmle noch?&laquo; &raquo;<i>tri scaleng a piece</i> &mdash; <i>only
+tri bits, trois scaleng werry bong! who will puy?</i>&laquo;</p>
+
+<p>Wald sah wohl da&szlig; mit dem Burschen hier auf offener
+Stra&szlig;e, wo er jeden Menschen in Verdacht hatte seine Waaren
+kaufen zu wollen, Nichts anzufangen sei, so also, ohne weiter
+ein Wort an ihn zu verlieren, kroch er ihm unter dem Kasten
+weg, fa&szlig;te ihn hinten am Rockscho&szlig;, und zog ihn, w&auml;hrend
+dieser noch unverdrossen ausschrie, r&uuml;ckw&auml;rts aus dem dichtesten
+Gewirr hinaus einer verh&auml;ltni&szlig;m&auml;&szlig;ig stilleren Stra&szlig;e zu, die
+gerade dort wo sie sich befanden auf die Lev&eacute;e ausm&uuml;ndete.
+Diese Stra&szlig;e mit ihm hinaufgehend kamen sie bald zu einem
+Haus an dem auf <ins title="Orignal hat wei&szlig;en">wei&szlig;em</ins> Schild mit gr&uuml;nen Buchstaben
+&raquo;Deutsches Kosthaus&laquo; geschrieben stand, und da Beide noch
+n&uuml;chtern waren, verst&auml;ndigten sie sich leicht dort hinein zu gehn
+und w&auml;hrend der Mahlzeit eine Viertelstunde mit einander zu
+plaudern. Rosengarten war um so eher damit einverstanden,
+als er dabei auch nicht so viel Zeit unn&ouml;thig zu vers&auml;umen
+brauchte, denn essen mu&szlig;te er doch.</p>
+
+<p>&raquo;Aber um Gottes Willen was hast Du nur heute Morgen
+gerade so viel zu thun?&laquo; frug ihn Wald &mdash; &raquo;so fr&uuml;h
+wird Dir doch Niemand etwas abkaufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So fr&uuml;h?&laquo; rief aber der kleine Bursche &mdash; &raquo;so fr&uuml;h, und
+so viel zu thun? &mdash; kein Mensch kann das wissen, und Geld
+mu&szlig; der Mensch hier machen, wenn er leben will; jede Viertelstunde
+also die man vers&auml;umt, macht man kein Geld, und
+die ist verloren, kommt nicht wieder.&laquo;</p>
+
+<p>Er kauderwelschte dabei das wenige was er sprach so
+furchtbar in dem nichtsw&uuml;rdigsten Englisch und Franz&ouml;sisch,
+mit sogar einigen spanischen Brocken, wie eben so schlechtem
+Deutsch durcheinander, da&szlig; sich Wald wirklich die gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he
+geben mu&szlig;te, nur zu verstehen was er im Ganzen sagen wolle,
+denn die einzelnen S&auml;tze hatte er schon lange aufgegeben. Der
+Bericht aber, den der kleine Bursche von sich selber und seinen
+Erfolgen gab, war ungef&auml;hr kurz der folgende. Vor kaum
+einem Jahr von Bamberg ausgewandert hatte er, hier angekommen,
+zuerst Monate lang vergebens gesucht bei irgend einem
+Landsmann und Glaubensgenossen in ein Gesch&auml;ft aufgenommen
+zu werden. Was in einem solchen zu thun war,
+besorgten die Leute Alles selbst, und als er das letzte Geld,
+wenige Gulden die er noch mitgebracht, verzehrt, wu&szlig;te er in
+Verzweiflung wirklich nicht was er beginnen sollte. Ein Landsmann,
+den er endlich um Unterst&uuml;tzung anzugehn gezwungen
+war, gab ihm kein Geld, sondern <span class="wide">borgte</span> ihm ein Dutzend
+baumwollene Hosentr&auml;ger, mit denen er ihm ganz ernsthaft
+rieth ein Gesch&auml;ft <span class="wide">selber</span> zu beginnen, und er folgte dem Rath.
+Die Hosentr&auml;ger bezahlte er nicht, sondern borgte bei einem
+Anderen einige K&auml;mme, Zahnb&uuml;rsten, Band und Stecknadeln, etc.
+Auch diese trugen gute Fr&uuml;chte, und in drei Monaten konnte
+er sich einen Glaskasten mit solch werthvollen Gegenst&auml;nden
+anschaffen, da&szlig; er sich jetzt zu einem drei Real<a href="#g3fn6"><small><sup>6</sup></small></a><a name="g3fn6r" id="g3fn6r"></a> pro St&uuml;ck
+Kr&auml;mer emporgeschwungen hatte, und goldene Ringe und Tuchnadeln,
+Messer, Dolche, kleine Pistolen, Uhrketten, Ohrringe
+und &uuml;berhaupt Byjouterieen in den Stra&szlig;en der Stadt, als
+wandernder Tabulettkr&auml;mer feil bot. Amerika war &uuml;brigens
+das Land &raquo;Geld zu machen&laquo; <span class="wide">seiner</span> Aussage nach, und die
+Leute die drinnen <span class="wide">hungerten</span>, deren eigene Schuld sei es,
+und sie verdienten es eben nicht besser.</p>
+
+<p>Die Mahlzeit hatte indessen begonnen und Wald fand
+sich hier ebenfalls in einer fremden ungewohnten Welt, der das
+bisher ertragene Schiffsleben nur einen noch h&ouml;heren Reiz verlieh.
+Der lange Tisch, an dem eine Masse Menschen sa&szlig;en
+und, ohne mit einander ein fl&uuml;chtiges Wort zu wechseln, ihr
+Essen mehr einschlangen als verzehrten, so rasch als m&ouml;glich
+wieder fertig zu werden, die Quantit&auml;t der Speisen selber, und
+frisches Brod, frisches Fleisch, gekochte Eier, und Milch und Zucker
+im Kaffee, lauter Luxusartikel die man auf dem Schiff im Anfang
+schmerzlich vermi&szlig;t, und sp&auml;ter fast vergi&szlig;t, da&szlig; sie &uuml;berhaupt
+existiren, bis sie mit einem Male s&auml;mmtlich wieder in Armes
+Bereich auftauchen, hatten einen viel zu gro&szlig;en Reiz f&uuml;r ihn,
+nicht selbst seine Amerikanische Zukunft f&uuml;r den Augenblick in
+den Hintergrund zu dr&auml;ngen, und als Rosengarten &mdash; dem der
+Boden unter den F&uuml;&szlig;en an zu brennen fing, bis er wieder
+hinauskam auf den Schauplatz seiner Thaten &mdash; ihm die Adresse
+des eignen Kosthauses gegeben hatte, wo sie sich heute Abend
+wieder finden wollten, und dann fortgeeilt war sein Ausschreien
+auf's Neue zu beginnen, blieb er noch eine ganze Weile
+an dem Tisch sitzen und gab sich dem behaglichen Gef&uuml;hl hin,
+wieder einmal nach langer Entbehrung, von einem ordentlichen
+Stuhl aus seine Beine unter einen Tisch strecken zu k&ouml;nnen,
+auf dem es der M&uuml;he werth war einen Teller stehn zu haben,
+und nicht mehr, wie bisher, mit einem Blechnapf voll Erbsen
+und einem St&uuml;ck salzigen Fleisch auf den Knieen so lange zu
+balanciren bis das Bischen Essen nur des Hungers, nicht des
+Wohlgeschmacks wegen <ins title="Original hat hintergew&uuml;rgt">hinuntergew&uuml;rgt</ins> war.</p>
+
+<p>Von den &uuml;brigen Passagieren hatten sich &uuml;brigens die
+wenigsten schon dem Genu&szlig; einer ordentlichen Mahlzeit
+hingeben k&ouml;nnen, denn jetzt auf ihre eigenen Kr&auml;fte angewiesen
+einen Beginn in dem neuen Land zu finden, mu&szlig;ten sie vor
+allen Dingen einen Platz suchen, von dem sie ausspringen
+konnten, eine Stelle ihren Hebel aufzulegen f&uuml;r ihre k&uuml;nftigen
+Hoffnungen. Das aber war ein schwieriges und wichtiges Gesch&auml;ft,
+da von dem einen Schritt vielleicht ihr ganzes k&uuml;nftiges
+Gl&uuml;ck oder Ungl&uuml;ck abhing, und die Folgen, wie sie den Anfang
+nahmen, segensreich oder verderblich werden mu&szlig;ten.</p>
+
+<p>Professor Lobenstein besonders mit seiner zahlreichen Familie
+und den, an Entbehrungen noch nicht gewohnten Frauen, wie
+mit einer enormen Masse Gep&auml;ck (die ihn doch jetzt etwas besorgt
+machte, da er sie von dem Schiff nehmen sollte ohne genau
+zu wissen wohin) war gezwungen einen Entschlu&szlig; zu
+fassen, ob er in New-Orleans eine Zeitlang bleiben, oder mit
+einem der Flu&szlig;dampfer, von denen an jedem Tag drei oder
+vier, oft noch mehr, stromauf gingen, einem anderen, etwas
+mehr n&ouml;rdlich gelegenen Klima zueilen wolle.</p>
+
+<p>Henkel, dessen Meinung er dar&uuml;ber ganz besonders schon
+unterwegs eingeholt, und der au&szlig;erdem seine eigenen Gr&uuml;nde
+hatte den Professor mit seiner Familie so rasch als m&ouml;glich
+von New-Orleans zu entfernen, rieth ihm unbedingt zu dem
+letzteren Weg. Louisiana war nicht allein ein Sclavenstaat,
+sondern ein fast nur Zucker und Baumwolle zum Export producirendes
+Land, in dem sich ein neuer Ansiedler, wenn er nicht
+mit bedeutenden Mitteln und mit einer Anzahl Negern auftrat,
+den Boden in Angriff zu nehmen, kaum &uuml;ber Wasser halten
+konnte. Der Norden bot ihm daf&uuml;r sicherere H&uuml;lfsquellen und
+ein besseres, dem Europ&auml;er mehr zusagendes Klima, wo sie ihre
+eigenen Kr&auml;fte verwerthen konnten, und mit einem weit geringeren
+Capital im Stande waren zu beginnen. Er hatte ihm
+dazu Wisconsin, oder wenn er nicht so weit n&ouml;rdlich gehen
+wollte, Illinois, selbst Kentucky oder Missouri vorgeschlagen,
+denn trieben die beiden letzten Staaten auch Sclaverei, so waren
+doch schon so viele nordische Einwanderer, besonders
+Deutsche in ihnen angesiedelt, die ihre eigene Arbeit verrichteten,
+da&szlig; die eigene Arbeit auch eben mit der Sclavenarbeit concurriren
+konnte, w&auml;hrend der Ansiedler zugleich in einem nicht
+zu kalten Klima, alle Vortheile eines &auml;u&szlig;erst fruchtbaren Bodens,
+und au&szlig;erdem verh&auml;ltni&szlig;m&auml;&szlig;ig gesunden Landes geno&szlig;.
+Selbst Arkansas, obgleich schon etwas nah an Louisiana gelegen,
+war da zu empfehlen, noch dazu da die&szlig; junge Land
+einmal eine gro&szlig;e Zukunft h&auml;tte; wolle er aber ganz sicher
+gehn und h&auml;tte er ein paar tausend Thaler an einen Anfang
+zu wenden, so riethe er ihm die mehr &ouml;stlichen Staaten, Indiana
+oder Ohio zu w&auml;hlen, wo er gewisserma&szlig;en schon in
+eine civilisirtere Nachbarschaft komme, und nicht mitten im
+Wald zu beginnen brauche; Boote f&uuml;r den Ohiostrom gingen
+&uuml;berdie&szlig; an jedem Tag ab und er habe die Erleichterung sein
+Gep&auml;ck, was je eher desto besser geschehe, gleich von Bord der
+Haidschnucke fort an Bord des Dampfboots schaffen zu k&ouml;nnen,
+das ihn in die n&auml;chste N&auml;he, vielleicht vor die Th&uuml;r seiner
+n&auml;chsten Heimath tr&uuml;ge.</p>
+
+<p>Es ist immer eine schwierige Sache sich zu der Wahl eines
+Platzes zu entschlie&szlig;en, besonders wenn man das Land noch
+nicht kennt und Familie hat. Alle Beschreibungen und Schilderungen
+die wir da h&ouml;ren und lesen, schwimmen uns in
+w&uuml;sten, undeutlichen Bildern vor der Seele herum, und dem
+Trieb, das eine zu greifen und zu halten, mischt sich die Furcht
+&mdash; die oft nur zu gegr&uuml;ndete &mdash; das Alles nicht so zu finden,
+nicht etwa wie es erz&auml;hlt wird, sondern wie wir es uns denken,
+und dann einen Schritt gethan zu haben, der eben gethan
+<span class="wide">ist,</span> und nicht mehr zur&uuml;ckgenommen werden kann. Der Auswanderer
+wei&szlig; dabei, da&szlig; von diesem Entschlu&szlig; sein ganzes
+k&uuml;nftiges Leben, Gl&uuml;ck oder Ungl&uuml;ck abh&auml;ngt; sind dann die
+W&uuml;rfel wirklich in seine Hand gegeben, so zittert er vor dem
+Wurf zur&uuml;ck, denn nicht allein seine Kraft und Ausdauer, sein
+Flei&szlig; und guter Wille sind es mehr, die hier allein den Ausschlag
+geben, nein der Zufall hat viel dabei zu entscheiden ob
+er das rechte trifft, und nicht vielleicht sp&auml;ter einsehn mu&szlig; Geld
+und Zeit an ein <span class="wide">Experiment</span>, an eine viel zu theuer erkaufte
+Erfahrung weggeworfen zu haben, wie gezwungen zu
+sein noch einmal, und wie viel schwerer <span class="wide">dann</span>, von vorne zu
+beginnen.</p>
+
+<p>Das Schlimmste dabei ist, da&szlig; er sich in Amerika selber
+wenig auf den Rath fremder Leute verlassen darf, denn &uuml;berall
+ist er der Gefahr ausgesetzt solchen in die H&auml;nde zu fallen, die
+eigener Nutzen treibt ihm diesen oder jenen Landstrich ganz besonders
+zu empfehlen. Die Leute brauchen nicht gerade selber
+irgend einen gewissen Platz verkaufen zu wollen, aber sie haben
+meist Alle irgendwo in den Staaten oder St&auml;dten der Staate
+Land, oder einen Bauplatz, das nur dadurch im Preis steigen
+und f&uuml;r sie selber einen Gewinn abwerfen kann, wenn sich eben
+andere Ansiedler in dessen N&auml;he niederlassen, das Land bebauen
+und die Produkte durch eine gr&ouml;&szlig;ere Cultur im Werthe steigen
+machen. Ihr Rath braucht deshalb nicht schlecht zu sein, aber
+die Frage bleibt immer ob der Einwanderer nicht doch noch
+einen besseren Platz h&auml;tte finden k&ouml;nnen f&uuml;r seine Niederlassung
+&mdash; wenn ihm eben nur Zeit gegeben w&auml;re sich den selber zu
+suchen.</p>
+
+<p>Henkel hatte nun allerdings keine solchen Beweggr&uuml;nde,
+die ihn trieben dem Professor eine Strecke Landes zu empfehlen,
+wenn er auch in ruhigerer Zeit wohl vielleicht nicht vers&auml;umt
+haben w&uuml;rde die Unerfahrenheit des Fremden zu benutzen. F&uuml;r
+jetzt lag ihm nur Alles daran ihn und seine Familie, an die
+sich sein Weib n&auml;her angeschlossen hatte als ihm lieb war, so
+rasch als m&ouml;glich von ihr zu entfernen; <span class="wide">wohin</span> er dabei den
+Professor mit den Seinen schickte war ihm ziemlich gleichg&uuml;ltig
+nur fort mu&szlig;te er von New-Orleans.</p>
+
+<p>Der Professor hatte sich aber in seinem ganzen Leben noch
+nicht so rath- und thatlos gef&uuml;hlt als in dem Augenblick, wo
+er am vorigen Abend und gleich nach seiner Landung, in Henkels
+und seiner &uuml;brigen Reisegef&auml;hrten Begleitung, festen Grund
+und Boden betrat, und nun f&uuml;r sich selber <span class="wide">handeln</span> sollte.
+So viel hatte er allerdings bis dahin &uuml;ber Amerika gelesen
+und studirt, da&szlig; er mit gr&ouml;&szlig;ter Leichtigkeit selber h&auml;tte eine
+sehr ausf&uuml;hrliche Abhandlung dar&uuml;ber schreiben k&ouml;nnen, wie
+sich eben der Auswanderer, gleich nach seinem ersten an Land
+treten zu benehmen, und welche Schritte er zu thun habe,
+am raschesten zu einem g&uuml;nstigen Ziel zu kommen; nun er aber
+selber da stand und das auch an sich selber ausf&uuml;hren sollte
+was er anderen mit fester &Uuml;berzeugung gerathen haben w&uuml;rde,
+da wirbelte ihm der Kopf von alle dem Neuen, Fremden das
+ihn umgab, und er f&uuml;hlte eine Befangenheit, die er fr&uuml;her
+nimmermehr f&uuml;r m&ouml;glich gehalten h&auml;tte, und sich jetzt am allerwenigsten
+selber eingestehen mochte. Die H&auml;usermassen schienen
+ihn zu erdr&uuml;cken, die fremde Sprache, deren er Herr
+zu sein geglaubt, und deren Wortgewirr ihm jetzt die Ohren
+mit einem Chaos von unbegriffenen T&ouml;nen f&uuml;llte, machte ihn
+schwindeln, der Angstschwei&szlig; trat ihm auf die Stirn, und er
+mu&szlig;te mehrmals stehen bleiben um Athem zu sch&ouml;pfen und
+sich zu besinnen was er eigentlich wolle, was ihn hierher
+gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Die &uuml;brigen Passagiere zerstreuten sich indessen bald nach
+verschiedenen Richtungen, mehr ihrer Neugierde, als irgend
+einem bestimmten Gesch&auml;ft nachgehend, und der Professor zitterte
+wirklich schon vor dem Augenblick, wo er sich selber &uuml;berlassen
+bleiben w&uuml;rde, wenn er sich gleich noch immer nicht gestehen
+wollte, da&szlig; es doch ein ganz anders Ding um die Praxis
+als die Theorie sei. Ein Stein fiel ihm da vom Herzen, als
+sich ihm Henkel, wenn er irgend ein bestimmtes Ziel vor Augen
+habe, zum F&uuml;hrer in der ihm wohlbekannten Stadt anbot, und
+er hing sich ordentlich krampfhaft an dessen Arm, als ob er
+f&uuml;rchte da&szlig; er ihm wieder entschl&uuml;pfen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Henkel ersah bald seinen Vortheil; der Professor war ihm
+unter den H&auml;nden wie weiches Wachs geworden, und verlangte
+schon gar keinen Rath mehr, sondern nur eine bestimmte Richtung
+von Jemand angegeben zu bekommen, der er, scheinbar
+freiwillig, folgen k&ouml;nne. Der junge Mann erz&auml;hlte ihm jetzt
+von seinem fr&uuml;heren Aufenthalt in Indiana, welch gesundes,
+vortreffliches Land dort liege, wie er selber da viele Freunde
+habe und diesen Staat, so er sich dazu entschlie&szlig;en k&ouml;nnte
+Ackerbau zu treiben, jedenfalls zu seinem bleibenden Wohnsitz
+w&auml;hlen w&uuml;rde, und wu&szlig;te die Vortheile desselben, die gl&uuml;ckliche
+Lage, die ausgezeichneten Communicationsmittel, die Produktionsf&auml;higkeit,
+die reizende Scenerie, die flei&szlig;igen stillen Menschen
+dort mit solch lebendigen Farben zu schildern, da&szlig; es dem
+Professor nach und nach wie eine Last von der Seele rollte,
+und er freier, fr&ouml;hlicher zu athmen begann. Eine Stunde sp&auml;ter
+hatte er denn auch richtig &mdash; wenn auch noch keine Farm gekauft,
+denn ein gewisser gl&uuml;cklicher Instinkt lie&szlig; ihn davon zur&uuml;ckschrecken
+baar Geld aus den H&auml;nden zu geben, ehe er mit
+eigenen Augen s&auml;he was er daf&uuml;r bek&auml;me, aber doch einen
+Empfehlungsbrief an einen bedeutenden Kaufmann in Grahamstown
+am Ohioflu&szlig;, Staat Indiana, in der Tasche, und sogar
+h&ouml;chst unn&ouml;thiger Weise schon seine Passage f&uuml;r sich und die
+Seinen an Bord des Dampfers Jane Wilmington bezahlt, der
+am n&auml;chsten Morgen um zw&ouml;lf Uhr nach Cincinnati bestimmt,
+die Lev&eacute;e von New-Orleans verlassen sollte, und ihn in Grahamstown
+absetzen konnte.</p>
+
+<p>Seine Aussichten hatten sich dadurch nicht um ein Jota ge&auml;ndert
+oder gebessert, er wu&szlig;te so wenig von seinem k&uuml;nftigen Schicksal
+als vorher, und der Ort Grahamstown klang ihm so fremd
+und unbekannt, wie es jedes andere kleine St&auml;dtchen des ungeheueren
+Reiches gethan haben w&uuml;rde; aber von dem Augenblick
+an wo er ein festes Ziel bekommen hatte, dem er von
+jetzt an zustreben durfte, von dem Moment wo ihm, ob durch
+fremden Einflu&szlig; oder eigenen Entschlu&szlig;, ein bestimmter Punkt
+gegeben worden, den er f&uuml;r jetzt nur zu erreichen, und dann
+auf dem Begonnenen weiter zu bauen hatte, f&uuml;hlte er pl&ouml;tzlich
+eine Zuversicht und Sicherheit in seinem ganzen Wesen, wie
+er sie seit langen Jahren selbst nicht gekannt. Er war nicht
+mehr fremd in Amerika &mdash; er geh&ouml;rte nach Grahamstown im
+Staat Indiana an dem Ohioflu&szlig;, er konnte mit dem Finger
+auf der Karte genau die Stelle bezeichnen wohin er wollte,
+und der Schritt mit dem er gegen zehn Uhr Abends an Bord
+zur&uuml;ckkehrte, schwankte nicht mehr und z&ouml;gerte unschl&uuml;ssig, wie
+wenige Stunden vorher, als er das Land zuerst betreten hatte,
+sondern war leicht und elastisch geworden, wie in fr&uuml;heren,
+gl&uuml;cklicheren Tagen.</p>
+
+<p>Eine einzige Schwierigkeit blieb jetzt noch zu &uuml;berwinden,
+und zwar das Gep&auml;ck s&auml;mmtlich vor der bestimmten Abfahrt
+des Dampfbootes aus dem unteren Raum herauf und an
+Land zu bringen, wo es auf Karren dann leicht nach der fast
+drei englische Meilen weiter oben liegenden Dampfbootlandung
+geschafft werden konnte. Der Steuermann aber, an den er
+sich deshalb noch gleich an dem Abend wandte, glaubte ihm
+das versprechen zu k&ouml;nnen, da es ziemlich oben auf, und zwar
+alles zusammen unter die Vorderluke gestaut war, und wenn
+die Leute mit Tagesanbruch daran begannen, und der
+Professor eben keine weiteren Schwierigkeiten mit den Mauthbeamten
+hatte, so lie&szlig; sich das schon bis zu der bestimmten
+Zeit in's Werk richten.</p>
+
+<p>Henkel war, wie schon vorerw&auml;hnt, erst am fr&uuml;hen Morgen
+an Bord zur&uuml;ckgekehrt, wo er jetzt freilich mit Ungeduld
+den Aufbruch der &uuml;brigen Passagiere erwartete. Er f&uuml;rchtete
+nicht mit Unrecht da&szlig; Clara sich ernstlich weigern w&uuml;rde nach
+dem Vorgefallenen mit ihm zugleich das Schiff zu verlassen,
+mehr als das aber noch, da&szlig; sie sich irgend Jemanden, und
+von allen vorz&uuml;glich der Frau des Professors anvertrauen, und
+eine Sache zur Sprache bringen k&ouml;nne, die jetzt &mdash; was auch
+immer sp&auml;ter geschehen mochte &mdash; jedenfalls noch Geheimni&szlig;
+bleiben mu&szlig;te. Da&szlig; etwas derartiges noch <span class="wide">nicht</span> geschehen
+sei, konnte er leicht aus dem freundlichen, unbefangenen Wesen
+der &uuml;brigen Frauen entnehmen; es zu verhindern da&szlig; es jetzt
+noch, im letzten Augenblick, geschehen k&ouml;nne, mu&szlig;te seine
+Hauptsorge sein. Ebenso hatte er aber auch die Waaren, die
+unter einem falschen Namen verschifft worden, in Sicherheit
+zu bringen, war das geschehen konnte er jeder etwaigen Anklage
+lachen; er selber war zu bekannt auf dem Terrain, auf
+dem er sich jetzt befand, etwas f&uuml;r seine pers&ouml;nliche Sicherheit
+f&uuml;rchten zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Das Anholen des Schiffes an die Landung nahm allerdings
+eine ziemliche Zeit in Anspruch, und die &uuml;brigen Passagiere
+wenigstens ein gro&szlig;er Theil von ihnen, dr&auml;ngte ebenfalls
+seine Sachen aus dem unteren Raum zu bekommen, das
+Schiff zu verlassen; Professor Lobenstein hatte aber das
+Versprechen des Steuermanns, und die Leute, denen er ein t&uuml;chtiges
+Trinkgeld zusagte wenn sie sich beeilten, arbeiteten &raquo;<i>with
+a will</i>&laquo; wie sie an Bord sagen, und Kiste nach Kiste, Koffer
+nach Koffer entstieg dem dunklen Raum, und wurde an Deck
+gehoben, rasch ge&ouml;ffnet, von dem Mauthbeamten fl&uuml;chtig angesehn,
+wieder zugeschlagen und &uuml;ber die ausgeschobenen Planken
+an Land geschafft. Die Effekten waren f&uuml;r eine Farm in's
+Innere, f&uuml;r eine gro&szlig;e Familie und eigenen Gebrauch bestimmt;
+neue Sachen ebenfalls nicht dabei, lagen wenigstens nicht oben
+auf, und die Steuerbeamten hatten mit der <span class="wide">Fracht</span> schon genug
+zu thun, sich eben mit <span class="wide">Passagiergut</span> viel abzugeben.</p>
+
+<p>Um elf Uhr war s&auml;mmtliches Gep&auml;ck des Professors, dem
+sich von Hopfgarten angeschlossen und ihm erkl&auml;rt hatte die
+Reise nach Indiana in seiner und seiner Familie Gesellschaft
+machen zu wollen, gelandet und revidirt, und zum gro&szlig;en Theil
+auch schon auf den dort gebr&auml;uchlichen <i>drays</i> (zweir&auml;drigen
+Karren mit einem Pferd) abgegangen, an Bord der Jane
+Wilmington geschafft zu werden. Henkel dr&auml;ngte aber jetzt
+den Professor, seine Familie hinauf zu f&uuml;hren sich dort an
+Bord einzurichten, und zugleich mehr Sicherheit zu haben da&szlig;
+der Dampfer wirklich nicht eher abf&uuml;hre, bis s&auml;mmtliches Gep&auml;ck
+auf ihm eingeladen sei; Eduard konnte inde&szlig; bei dem
+kleinen Rest der Sachen zur&uuml;ckbleiben, und mit der letzten Ladung
+nachfolgen.</p>
+
+<p>Die Damen hatten ihre Sachen schon voraus geschickt,
+und hielten es ebenfalls f&uuml;r n&ouml;thig da&szlig; sie sich dort ihre Coyen
+vor Abfahrt des Bootes ein wenig einrichteten. Allerdings
+bedauerten sie, so nahe an New-Orleans nur eben <span class="wide">vorbei
+zu gehen</span>, ohne mehr von der Stadt zu sehn als die dem
+Wasser zun&auml;chst gelegenen H&auml;user, der Professor tr&ouml;stete sie
+aber damit da&szlig; sie, wenn ordentlich eingerichtet, leicht einmal
+eine Vergn&uuml;gungstour hierher machen konnten, wo sie t&auml;glich,
+an ihrem Hause vorbei, drei-, viermal Schiffsgelegenheit haben
+w&uuml;rden. Dann waren sie auch im Stande das Leben in New-Orleans
+mehr zu genie&szlig;en als jetzt, wo sie die Sorge um ihre
+n&auml;chste Zukunft, ihre n&auml;chste Heimath doch nicht ruhig lie&szlig;e,
+und au&szlig;erdem der Aufenthalt in einem Hotel, zu dem dann
+erst ihre s&auml;mmtlichen Sachen geschafft werden mu&szlig;ten, ein
+b&ouml;ses Geld gekostet h&auml;tte.</p>
+
+<p>Henkel hatte inde&szlig; einen viersitzigen Wagen besorgt der,
+von einem Mulattenknaben gefahren, dicht unter der Lev&eacute;e
+herankam und den ausgeschobenen Planken gegen&uuml;ber hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wir m&uuml;ssen erst von Clara Abschied nehmen&laquo; sagte
+Marie, als der Vater sie rief und aufforderte sich zu eilen,
+damit der Wagen nicht so lange zu warten brauche &mdash; &raquo;lieber
+Gott es ist so traurig genug da&szlig; wir sie jetzt krank zur&uuml;cklassen,
+und ihr nicht beizustehen suchen in dem fremden Land.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sagte ihr gern Adieu&laquo; versicherte die Frau Professorin,
+&raquo;wenn ich nicht f&uuml;rchtete sie vielleicht gerade in ihrem
+jetzigen Zustand noch mehr aufzuregen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie w&uuml;rden mich unendlich verbinden&laquo; erwiederte Henkel
+mit einem bittenden Blick auf die alte Dame, &raquo;wenn Sie
+Alles vermieden Clara zu beunruhigen; sie ist so nerv&ouml;s, da&szlig;
+das Geringste sie in Thr&auml;nen ausbrechen macht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich begreife nicht was ihr um Gottes Willen so
+pl&ouml;tzlich kann zugesto&szlig;en sein&laquo; sagte Anna &mdash; &raquo;Clara war, so
+lange ich sie kenne, stets so gesund und wohl, und heiter und
+vergn&uuml;gt, und jetzt auf einmal ist sie in einem Zustand von
+Schmerz und Aufregung, den ich mir nicht zu erkl&auml;ren wei&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; nur mein Kind&laquo; sagte die Frau Professorin freundlich,
+&raquo;das wird, und hoffentlich bald, vor&uuml;bergehn. Gern
+h&auml;tt' ich sie freilich selber noch einmal gesehen, Herr Henkel
+hat aber ganz recht, wir vermeiden am Besten jede Aufregung,
+und ich bitte Sie nur Ihre liebe Frau noch recht herzlich von
+uns zu gr&uuml;&szlig;en, und ihr alles Gute und Liebe zu w&uuml;nschen
+was sie sich nur selber w&uuml;nschen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Jahreszeit ist noch fr&uuml;h und der Herbst bringt gew&ouml;hnlich
+das sch&ouml;nste Wetter in Nordamerika, oft bis tief in
+December hinein&laquo; sagte Henkel rasch und freudig, &raquo;hat sich
+dann Clara erholt, und erlauben es nur irgend meine Gesch&auml;fte,
+wie ich nicht den mindesten Zweifel habe, dann besuchen
+wir Sie, vielleicht eher als Sie glauben, auf Ihrer
+Farm. Ich kenne die Gegend wohin Sie ziehen, und werde
+Sie dort schon finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh das w&auml;re herrlich, das w&auml;re wunderh&uuml;bsch&laquo; rief
+Anna &mdash; &raquo;Clara wird gewi&szlig; recht bald besser werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ohne ihr Adieu zu sagen gehe ich nicht vom Schiff&laquo;
+rief Marie jetzt entschlossen &mdash; &raquo;ich will sie nicht st&ouml;ren &mdash;
+wenn sie schl&auml;ft, sie nur leise k&uuml;ssen &mdash; nur ihre Hand wenigstens
+&mdash; sie braucht auch gar nicht zu wissen da&szlig; wir fortgehn,
+aber sehn mu&szlig; ich sie noch einmal; ich habe eine Angst,
+der ich nicht Worte zu geben vermag, und wei&szlig; gewi&szlig;, ich
+w&uuml;rde nicht froh werden, h&auml;tte ich sie so ohne Abschied zur&uuml;ckgelassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Kind&laquo; sagte die Mutter freundlich, &raquo;so geh,
+wenn es Dir Herr Henkel erlaubt, und gr&uuml;&szlig;e und k&uuml;sse sie von
+uns; aber bleib nicht lange&laquo; setzte sie rasch hinzu, &raquo;denn der
+Vater winkt dort schon wieder vom Land, und wir wollen indessen
+hinuntergehn, und uns in den Wagen setzen.&laquo;</p>
+
+<p>Henkel bi&szlig; sich die Unterlippe; der letzte Moment noch
+konnte vielleicht Alles verderben, aber er durfte dem jungen
+M&auml;dchen auch die Erlaubni&szlig; nicht weigern, und sie deshalb
+nur noch bittend, Alles zu vermeiden was die Kranke auch
+nur im Geringsten erregen konnte, stieg er ihr voran, in die
+Caj&uuml;te hinunter.</p>
+
+<p>Clara war erwacht &mdash; sie lag, v&ouml;llig angezogen in ihrer
+Coye, mit Hedwig, an ihrer Seite knieend, als Henkel dieselbe
+leise &ouml;ffnete, hinein sah und dem jungen M&auml;dchen dann
+den Vortritt lie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Clara &mdash; meine liebe, liebe Clara wie geht es Dir?&laquo;
+rief Marie auf sie zueilend, und den Arm um ihren Nacken
+legend &mdash; &raquo;Du siehst besser aus heute Morgen, und gewi&szlig;
+wirst Du Dich jetzt recht bald und schnell erholen, wenn Du
+nur erst einmal festes Land betrittst. Die alte h&auml;&szlig;liche Seefahrt
+hat so lang gedauert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du gehst an Land?&laquo; frug Clara rasch und wie erschreckt,
+die Freundin mit ihrem Arm leise von sich dr&uuml;ckend, ihren
+reisefertigen Anzug zu betrachten &mdash; &raquo;Du gehst fort von hier &mdash;
+und &mdash; und Deine Mutter auch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Clara noch nicht mein Herz &mdash; wir bleiben noch
+kurze Zeit zusammen&laquo; erwiederte Marie, aber sie mu&szlig;te sich
+zwingen da&szlig; sie die Thr&auml;nen zur&uuml;ckdr&auml;ngte, die ihr in's Auge
+pressen wollten.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist Deine Mutter?&laquo; frug Clara, noch immer nicht
+beruhigt &mdash; &raquo;bitte sie zu mir zu kommen ich &mdash; ich m&ouml;chte sie
+sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du darfst Dich jetzt nicht aufregen mein Herz&laquo; antwortete
+das junge M&auml;dchen ausweichend &mdash; &raquo;nachher, wenn
+Du wieder wohl und auf bist &mdash; ich soll Dich jetzt von ihr
+gr&uuml;&szlig;en und k&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb kommt sie nicht selber? &mdash; sie ist fort!&laquo; rief
+die Kranke und suchte sich selbst emporzurichten.</p>
+
+<p>&raquo;Qu&auml;le Dich nicht mit solchen Gedanken, Clara &mdash; was
+hast Du nur?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;ulein Marie sollen nach oben kommen &mdash; der Wagen
+wartet&laquo; rief in dem Augenblick der Steward in die Caj&uuml;te
+hinunter.</p>
+
+<p>&raquo;Der Wagen? &mdash; was f&uuml;r ein Wagen?&laquo; rief Clara,
+rasch aufmerksam geworden, indem sie versuchte ihre Coye zu
+verlassen. Marie verhinderte sie daran.</p>
+
+<p>&raquo;Bleibe liegen mein s&uuml;&szlig;es Herz&laquo; bat sie in Todesangst,
+&raquo;bleibe liegen &mdash; ich mu&szlig; jetzt fort; bald &mdash; bald komme ich
+wieder &mdash; Gott sch&uuml;tze Dich&laquo; und ihre Lippen auf die hei&szlig;e
+Wange der Freundin pressend, richtete sie sich rasch empor und
+floh aus der Caj&uuml;te.</p>
+
+<p>&raquo;Marie!&laquo; schrie Clara, die Arme nach ihr ausstreckend &mdash;
+&raquo;ich mu&szlig;&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich <span class="wide">m&auml;&szlig;igen</span>&laquo; sagte Henkel ernst und finster, der in
+diesem Augenblick in der noch offenen Th&uuml;r erschien und mit
+einem warnenden Blick diese wieder schlo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Teufel!&laquo; st&ouml;hnte die Ungl&uuml;ckliche und sank, ihr Antlitz
+in den H&auml;nden bergend, ersch&ouml;pft, gebrochen, auf ihr Lager
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap4" id="kap4"></a>Capitel 4.</h2>
+
+<h3>Abschied der Passagiere.</h3>
+
+<p>Unten am Wagenschlag an der Lev&eacute;e, w&auml;hrend Professors
+noch auf die zur&uuml;ckgebliebene Marie warteten, stand
+Fr&auml;ulein von Seebald, Abschied von den bisherigen Reisegef&auml;hrten
+zu nehmen, und ihnen das Geleit zu geben, so weit
+als m&ouml;glich.</p>
+
+<p>&raquo;Und was ist <span class="wide">Ihr</span> Ziel hier, mein liebes Fr&auml;ulein?&laquo;
+frug die Frau Professorin, als ihr die junge Dame wieder
+und wieder, mit Thr&auml;nen im Auge, die Hand gesch&uuml;ttelt hatte,
+&raquo;werden Sie in New-Orleans bleiben, oder gehen Sie ebenfalls
+in das Innere?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Ziel liegt weit von hier&laquo; sagte Fr&auml;ulein von Seebald
+mit dem ihr eigenen Anflug von Schw&auml;rmerei, &raquo;weit im
+fernen Westen, in dem jungen Staate Arkansas, wo noch die
+wilden rothen Krieger und J&auml;ger das Land durchstreifen, und
+die B&uuml;ffel und B&auml;ren f&auml;llen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Arkansas? &mdash; und ganz allein?&laquo; rief Anna erschreckt,
+&raquo;aber was um Gottes Willen zieht Sie dorthin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Familienbande &mdash; die Bande des Herzens&laquo; l&auml;chelte aber
+Amalie, &raquo;eine liebe Schwester lebt mir dort, an einen tapferen
+Polen, einen Grafen, der sein Vaterland nach jenen ungl&uuml;cklichen
+K&auml;mpfen verlassen mu&szlig;te, verheirathet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie kommen Sie dorthin?&laquo; frug die Frau Professorin.</p>
+
+<p>&raquo;Morgen, wie ich aus den Zeitungen ersehen habe, die
+mir der Capitain freundlich mitgebracht hat, geht ein Dampfboot
+den Arkansasstrom hinauf, und ihre Heimath ist nur
+wenig englische Meilen von dessen Ufern entfernt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das nenne ich Geschwisterliebe&laquo; sagte die Frau Professorin
+freundlich mit dem Kopf nickend, und die Hand der
+jungen Dame herzlich pressend &mdash; &raquo;einen so weiten Weg allein
+zu gehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nennen Sie es Eigennutz &mdash; Selbstsucht liebe m&uuml;tterliche
+Freundin&laquo; rief aber Fr&auml;ulein von Seebald l&auml;chelnd aus &mdash;
+&raquo;das prosaische Leben Deutschlands ekelte mich an, und ich
+konnte der Sehnsucht nicht l&auml;nger widerstehn das freie herrliche
+Land selber aufzusuchen, in der die Schwester ihren Herd
+gebaut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und es geht ihr gut dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, Graf Olnitzki hat dort eine eigene Farm, und
+zahlreiche Heerden &mdash; aber sie hat lange nicht geschrieben, und
+ich werde sie jetzt &uuml;berraschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wei&szlig; gar nicht da&szlig; Sie kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht ein Wort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird ein Jubel sein&laquo; sagte die gute Frau &mdash; &raquo;lieber
+Gott, wenn man sich nach so langen Jahren wieder sieht
+&mdash; wie lebhaft kann ich mir die Freude denken.&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick kam ein kleiner Trupp ihrer Reisegef&auml;hrten
+aus dem Zwischendeck, &uuml;ber die ausgelegte Planke
+an Land &mdash; sie hatten Neger bei sich die ihr Gep&auml;ck trugen.</p>
+
+<p>Voran ging Eltrich, seine kleine Frau am rechten, sein
+Kind auf dem linken Arm, und ihnen folgte ein st&auml;mmiger
+Schwarzer mit einem gro&szlig;en Holz- und einem kleineren Lederkoffer
+mit zwei Hutschachteln und einem Reisesack dem Violinetui
+und ihren Betten auf einem zweir&auml;drigen Handkarren &mdash; eine
+kleine Tasche trug noch Adele am Arm. Als sie an dem
+Wagen vorbeigingen gr&uuml;&szlig;ten sie freundlich die Damen, und
+wandten sich dann der n&auml;chsten Querstra&szlig;e zu, die hinauf in
+die Stadt f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Welch ein liebes freundliches Gesicht die junge Frau
+hat&laquo; sagte Anna, die den Gru&szlig; herzlich erwiedert hatte und
+ihnen nachschaute &raquo;ein so zartes Wesen und hat die ganze
+Reise im Zwischendeck ausdauern m&uuml;ssen &mdash; ich habe sie oft
+bewundert; und sie war immer froh und heiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&auml;re gestorben&laquo;; seufzte Fr&auml;ulein von Seebald.</p>
+
+<p>&raquo;Da kommen noch mehr Zwischendecks-Passagiere&laquo;!&laquo; rief
+Anna, nach der Planke zeigend, wo in diesem Augenblick Herr
+Mehlmeier die H&auml;nde in den Taschen, und einen rothseidenen
+Regenschirm unter <ins title="Original hat dem">den</ins> linken Arm gedr&uuml;ckt, von einem Mulatten
+begleitet, der einen nicht eben schweren Koffer auf der
+Schulter trug, leise ein Lied vor sich hinpfeifend die Planke
+hinunterstieg, und dicht an dem Wagen <span class="nowrap">vor&uuml;berging. &mdash;</span></p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;nsche Ihnen eine recht gl&uuml;ckliche Reise meine Damen&laquo;
+murmelte er dabei mit seiner feinen Stimme, w&auml;hrend
+er keine Miene verzog und sie eher mit einem Gesicht anschaute
+als h&auml;tte er <ins title="Original hat sogar">sagen</ins> wollen, &raquo;Na <span class="wide">Ihr</span> k&ouml;nntet auch zu Fu&szlig;e
+gehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist das ein grober Mensch&laquo; l&auml;chelte die Frau Professorin
+hinter ihm her &mdash; &raquo;sind nun so lange auf <span class="wide">einem</span> Schiff
+gewesen, und soweit mitsammen &uuml;ber das Wasser gekommen,
+und er gr&uuml;&szlig;t nicht einmal, hat uns auch nie an Bord gegr&uuml;&szlig;t,
+und uns nur immer steif und h&ouml;lzern angesehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir war es fast als ob er Ihnen gl&uuml;ckliche Reise
+w&uuml;nschte&laquo; sagte Fr&auml;ulein von Seebald &mdash; &raquo;aber ich konnte es
+nicht deutlich verstehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein gewi&szlig; nicht&laquo; lachte Anna, &raquo;er verzog ja keine
+Miene dabei &mdash; aber da kommt auch der Dichter &mdash; wenn
+das sein ganzes Gep&auml;ck ist, wird er nicht viel Umst&auml;nde damit
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>Es war allerdings Theobald, dem ein junger Mulattenbursch
+mit einem sehr schm&auml;chtigen gelben Lederkoffer unter dem
+linken Arm, und einem kurzen Reisesack auf dem ein Pegasus
+gestickt war in der rechten Hand, voran lief. Theobald selber
+trug ein pappenes, etwas mitgenommenes Hutfutteral in der
+rechten Hand und einen schwarzseidenen Regenschirm mit einem
+Fischbein-St&ouml;ckchen hineingebunden, unter dem linken Arm,
+fa&szlig;te aber, als er die Damen an der Lev&eacute;e halten sah, seinen
+gelben Lasttr&auml;ger hinten in den Bund, da&szlig; er ihm nicht in dem
+Gewirr von Menschen abhanden kam, und bedeutete ihn mit
+nach dem Wagen hin&uuml;ber zu gehn, und dort zu warten. Er
+sprach kein Wort englisch und die ganze Unterhaltung mu&szlig;te
+durch Zeichen gef&uuml;hrt werden.</p>
+
+<p>&raquo;Meine Damen, ich habe die Ehre &mdash; ich m&ouml;chte fast
+sagen den <span class="wide">Schmerz</span> &mdash; mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen&laquo;
+sagte er, hier angekommen mit einer besonders bedeutungsvollen
+Verbeugung gegen Fr&auml;ulein von Seebald, und einen Ausdruck
+in den Z&uuml;gen, der mehr sagen sollte als die kalten Worte.</p>
+
+<p>&raquo;Und wohin tr&auml;gt Sie Ihr Flug?&laquo; frug Amalie mit einem
+leichten, vielleicht kaum bewu&szlig;ten Err&ouml;then.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo; rief Theobald stehen bleibend und in der Begeisterung
+des Augenblicks die Hand mit dem Hutfutteral emporhebend,
+&raquo;in den Strudel der sich hier vor uns &ouml;ffnet, in die
+Charybdis dieses weiten Reichs spring ich hinein, ein k&uuml;hner
+Schwimmer. Ob mich die Wasser tragen werden? &mdash; ich wei&szlig;
+es nicht &mdash; ob ich darin untergehe? &mdash; &laquo; die Hand mit dem
+Hutfutteral kam wieder herunter &mdash; &raquo;wer mag den dunklen
+Schleier der Zukunft l&uuml;ften &mdash; nur ein Gott.&laquo;</p>
+
+<p>Er stak fest &mdash; die Frauen waren in Verlegenheit was
+sie ihm darauf erwiedern, ob sie ihn tr&ouml;sten oder bewundern
+sollten, und Theobald selber hatte den Faden verloren, als der
+kleine Mulatte beide Theile aus der Verlegenheit ri&szlig;. Da
+dieser n&auml;mlich nicht den mindesten Grund sah weshalb er
+hier stehn bleiben und seine sch&ouml;ne Zeit vers&auml;umen solle, w&auml;hrend
+er, wenn er rasch zur&uuml;ckkam, leicht noch eine Passagierfracht
+von demselben Schiffe aus bef&ouml;rdern konnte, so setzte
+er pl&ouml;tzlich, ohne weiter auf den Eigenth&uuml;mer des Koffers
+und Reisesacks R&uuml;cksicht zu nehmen, seinen Weg queer &uuml;ber die
+Fahrstra&szlig;e fort.</p>
+
+<p>&raquo;Sie da! &mdash; Sohn Afrikas &mdash; hallo!&laquo; rief Theobald,
+in der Sorge um sein Eigenthum pl&ouml;tzlich wieder auf die Erde
+herabkommend &mdash; &raquo;hallo da &mdash; warten Sie bis ich mit komme!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden schon eine Laufbahn finden, die Ihrer w&uuml;rdig
+ist&laquo; sagte mit leisem tr&ouml;stenden Ton Fr&auml;ulein von Seebald &mdash; der
+Koffer drohte aber in dem Gewirr von Menschen zu
+verschwinden.</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden entschuldigen meine Damen!&laquo; rief Theobald,
+die Schnur des Hutfutterals in die Finger der linken Hand
+pressend, die rechte zum Hutabnehmen frei zu bekommen &mdash; &raquo;ich
+hoffe jedenfalls noch das Vergn&uuml;gen zu haben Sie wieder
+zu sehn&laquo; und sich den Hut fest in die Stirne dr&uuml;ckend folgte
+er raschen Schrittes seinem viel zu eiligen Mulatten.</p>
+
+<p>Anna lachte, Fr&auml;ulein von Seebald aber sagte sinnend.</p>
+
+<p>&raquo;Wie wir nun Alle hier, die wir bis jetzt nur einer Bahn
+gefolgt, am Scheidewege stehn und hinausziehen nach Nord und
+West und S&uuml;d und Ost. <span class="wide">Wo</span> werden wir uns wiedersehn,
+und wird das &uuml;berhaupt wohl je geschehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; &mdash; und mit Gottes H&uuml;lfe froh und gl&uuml;cklich&laquo;
+sagte die Frau Professorin herzlich &mdash; &raquo;aber da kommt Marie,
+Kind, Kind, Du hast Dich, und wahrscheinlich auch Clara
+furchtbar aufgeregt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, meine liebe Mutter&laquo; betheuerte Marie, sich die
+gro&szlig;en hellen Thr&auml;nen aus den Augen trocknend; &raquo;ich bin ihr
+davon gelaufen, ehe sie nur ein Wort sagen konnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und nun fort!&laquo; rief der Professor, der sich bis jetzt von
+der Lev&eacute;e ab den Arm fast ausgeschwenkt hatte, die gar zu lang
+an Bord z&ouml;gernde Tochter zur&uuml;ck zu winken &raquo;Kinder wir haben
+noch furchtbar viel zu thun. Eduard Du besorgst Alles ordentlich
+und notirst Dir besonders die Nummern der Karren,
+denen Du die Fracht &uuml;berlieferst, und giebst ihnen jedesmal
+den Zettel mit der darauf verzeichneten Anzahl mit; ich denke
+zwei Karren werden den Rest bequem mit fortbringen, und
+dann kommst Du augenblicklich nach &mdash; <i>Jane Wilmington</i>, hier
+mit der Adresse der Stra&szlig;e an deren Fu&szlig; sie liegt. Ah Fr&auml;ulein
+von Seebald. Sie entschuldigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Recht, recht gl&uuml;ckliche Reise.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke &mdash; danke herzlich &mdash; Capitain ich sehe Sie noch
+ehe das Boot abgeht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin gleich oben, habe nur noch etwas mit dem
+Steuermann zu reden &mdash; auf Wiedersehn. Ich komme dann
+gleich mit Herrn Henkel nach.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So Kutscher &mdash; wir haben doch Nichts vergessen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein Alles in Ordnung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also <i>go ahead</i>! &mdash; vorw&auml;rts und mit Gott!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Adieu &mdash; adieu!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wagen bog in die Stadt ein, da an der Lev&eacute;e das
+Gedr&auml;ng der Karren und Fu&szlig;g&auml;nger zu gro&szlig; war, und fuhr
+in scharfem Trabe den n&auml;chsten Weg nach der Dampfbootlandung,
+w&auml;hrend Eduard jetzt rasch das noch zur&uuml;ckgebliebene
+Gep&auml;ck bef&ouml;rderte, mit dem letzten Karren den Eltern nachzufolgen.</p>
+
+<p>Der junge Eltrich, der an dem Morgen mit H&uuml;lfe eines
+mitten in der Stadt aufgegriffenen Deutschen ein kleines Logis
+(Stube und Kammer wenigstens) gefunden hatte, war rasch
+zur&uuml;ckgeeilt seine Frau und sein Kind aus dem entsetzlichen
+Zwischendeck zu befreien. Mit ihrem Gep&auml;ck hatten sie, da
+Alles oben vor ihrer Coye stand, gar keine Umst&auml;nde, Lasttr&auml;ger
+gab es zu hunderten an allen Theilen der Lev&eacute;e mit
+Hand- und Pferdekarren, und so stand ihnen denn Nichts
+weiter im Weg das Schiff, wo seine arme Frau besonders
+eine schwere Zeit verlebt, so rasch als m&ouml;glich zu verlassen.
+Der Neger kannte &uuml;brigens die Stra&szlig;e und das Haus wohin
+sie wollten, und als er die Sachen auf seinen Handkarren geladen,
+nahm Eltrich sein junges Weib an, sein Kind auf den
+Arm, und zog, das Herz voll Jubel und froher Hoffnung mit
+ihnen in eine neue Welt, in ein neues Leben ein.</p>
+
+<p>Das war <span class="wide">Amerika</span>, der feste Grund den sie unter den
+Sohlen f&uuml;hlten &mdash; <ins title="Original hat das das">das</ins> endlich erreichte Land ihrer Sehnsucht,
+f&uuml;r das sie gedarbt und gespart daheim, und die hellblitzende
+Sonne schien ihnen freundlich zuzuwinken im neuen
+Vaterland &mdash; der wolkenleere reine Himmel ein frohes Omen
+zu sein, all ihrer Hoffnungen und Tr&auml;ume. Freilich ringen und
+k&auml;mpfen mu&szlig;ten sie auch hier; eine Bahn galt es erst sich hier
+zu brechen, vielleicht wieder mit Sorgen und Entbehrungen,
+wie vordem, aber daf&uuml;r bot ihnen auch das ungeheure Reich
+einen freien ungehinderten Spielraum f&uuml;r ihre Th&auml;tigkeit, und
+Eltrich f&uuml;hlte die Kraft in sich, f&uuml;hlte da&szlig; er im Stande war
+alle Hindernisse zu besiegen und sich den Weg zu bahnen, zu
+einer selbstst&auml;ndigen sorgenfreien Existenz. Seine Anspr&uuml;che an
+das Leben waren dabei m&auml;&szlig;ig; auf seinem Instrument aber
+war er Meister, und die aufbl&uuml;hende Kunst in Amerika mu&szlig;te
+dem K&uuml;nstler endlich ein Feld bieten zu wirken und den Lohn
+daf&uuml;r zu erndten. War das aber auch nicht, nun so scheute
+er sich hier keiner Arbeit, die in dem freien Lande ihn nicht
+sch&auml;ndete und ihm nicht, einmal begonnen, die Bahn verschlo&szlig;
+zu einer edleren Th&auml;tigkeit, wie blinde Vorurtheile das im
+alten Vaterland gethan. Jung und kr&auml;ftig brauchte er nicht
+zu f&uuml;rchten Hunger zu leiden, und wo so viele Tausende ihr
+Gl&uuml;ck &mdash; eine Heimath fanden, durfte auch er der Zukunft mit
+froher Zuversicht entgegensehn.</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein reges wunderliches Leben das hier ist,
+meine Adele&laquo; sagte er, den Arm der Gattin pressend, der in
+dem seinen hing, und l&auml;chelnd zu ihr niederschauend &mdash; &raquo;sieh
+nur allein die wunderlichen Farben, an der Tausende, die hier
+her&uuml;ber und hin&uuml;ber eilen &mdash; nicht zwei haben gleiche Schattirungen
+und es ist fast, als ob der ganze Erdball seine Bewohner
+hierher geschickt h&auml;tte, die eine Stadt zu f&uuml;llen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was f&uuml;r h&auml;&szlig;liche Gesichter diese Neger haben&laquo;
+l&auml;chelte die Frau, in komischer Angst &uuml;ber die Schulter zur&uuml;ck
+nach dem Schwarzen sehend, der ihnen die Sachen nachf&uuml;hrte,
+&raquo;besonders jener Bursche da hinter uns; was f&uuml;r b&ouml;se Augen
+und entsetzliche Lippen. Und so h&ouml;hnisch und t&uuml;ckisch sehn sie
+dabei aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was k&ouml;nnen sie f&uuml;r den Ausdruck ihrer Race&laquo; lachte
+Eltrich, &raquo;aber es sollen vortreffliche Arbeiter sein, und meist
+guten Humors &mdash; sehr oft guten Herzens. Was k&uuml;mmert
+uns ihre Farbe und der Schnitt ihres Profils; wer wei&szlig; &uuml;berdie&szlig;,
+ob wir ihnen nicht eben so h&auml;&szlig;lich erscheinen, wie sie uns.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh die herrlichen Fr&uuml;chte!&laquo; rief da Adele, als sie vor
+einem Stand vorbeikamen, der mit Ananas, Orangen, Bananen
+und Cocosn&uuml;ssen bedeckt war &mdash; &raquo;oh der gottvolle Duft!
+ach das thut wohl <span class="wide">solche</span> Luft zu athmen nach so langer Zeit &mdash; und
+Blumen da dr&uuml;ben &mdash; oh sieh die lieben herrlichen
+Blumen an, Paul; nicht wahr, so wie wir uns nur ein klein
+wenig eingerichtet haben, gehen wir mit dem Kind hinaus in's
+Freie und pfl&uuml;cken uns viele viele Blumen &mdash; ich freue mich
+selber wie ein Kind darauf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; mein Herz gewi&szlig; &mdash; aber die Blumen hier in
+Amerika sollen keinen Duft haben wie die unsrigen, wie man
+den V&ouml;geln auch hier nachsagt da&szlig; sie nicht singen k&ouml;nnten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verleumdung Paul &mdash; b&ouml;se Verleumdung!&laquo; rief die
+kleine fr&ouml;hliche Frau, die vor dem Blumenstand stehn geblieben
+war und sich zu den vollen, zierlich gebundenen Bouquets die
+ein reizendes Quadroonm&auml;dchen feil bot, niedergebogen hatte &mdash; &raquo;hier
+&uuml;berzeuge Dich selbst was f&uuml;r einen zarten herzigen
+Duft das kleine wei&szlig;e Bl&uuml;mchen hat &mdash; und Luz mu&szlig; auch
+riechen &mdash; nicht wahr Herz das riecht anders, wie da unten
+in dem b&ouml;sen dunstigen Schiff, wo mein armer kleiner Bursche
+so lange gesteckt hat, und sich nicht herumtummeln konnte auf
+gr&uuml;nem Rasen.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen bot ihnen Str&auml;u&szlig;e zum Verkauf an, doch
+Adele sch&uuml;ttelte err&ouml;thend den Kopf, dr&auml;ngte von dem Korbe
+fort, und bat den Gatten mit leiser Stimme kein Geld an
+solche Sachen zu wenden, wo sie es vielleicht zum Leben n&ouml;thig
+in der ersten Zeit gebrauchten.</p>
+
+<p>&raquo;Es sind die ersten Blumen die uns geboten werden&laquo;
+sagte aber l&auml;chelnd der junge Mann, &raquo;la&szlig; sie uns nicht zur&uuml;ckweisen.
+Sie m&ouml;gen uns ein gutes Zeichen sein. Was kosten
+die Blumen Kind?&laquo; frug er dann auf Englisch das junge
+Quadroonm&auml;dchen das sie feil bot.</p>
+
+<p>&raquo;Nichts&laquo; sagte dieses aber, jetzt selber tief err&ouml;thend in
+reinem Deutsch &mdash; &raquo;die junge Frau und das Kind m&ouml;gen sie
+nehmen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sprichst deutsch?&laquo; rief Eltrich im h&ouml;chsten Erstaunen
+aus, &raquo;und bist doch nicht &uuml;ber dem Wasser dr&uuml;ben geboren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein&laquo; sagte die Sclavin ernst den Kopf sch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;aber
+mein Master ist ein Deutscher, und in seinem Hause
+wird deutsch gesprochen, da habe ich es schon als Kind gelernt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t Dein Master?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Messerschmidt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber d&uuml;rfen wir da die Blumen nehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf sie geben&laquo; sagte das junge M&auml;dchen, und das
+Blut drohte ihr in dem Augenblick die Schl&auml;fe zu zersprengen,
+&raquo;denn ich habe heute Morgen schon mehr, weit mehr f&uuml;r meine
+Blumen gel&ouml;&szlig;t als mein Master von mir verlangt &mdash; ich bitte
+Sie recht herzlich darum sie zu behalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Recht herzlichen Dank dann f&uuml;r Dein freundliches Geschenk,
+Du liebes Kind&laquo; sagte Adele, ihr die Hand hin&uuml;ber
+reichend, die sie nur sch&uuml;chtern nahm &mdash; &raquo;es mag uns Gl&uuml;ck
+bringen in dem neuen Land.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind noch nicht lange hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erst seit heute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du lieber Gott!&laquo; sagte das junge M&auml;dchen die H&auml;nde
+faltend.</p>
+
+<p>&raquo;Aber liebes Kind wir m&uuml;ssen fort&laquo; unterbrach hier Eltrich
+das Gespr&auml;ch, indem er zur&uuml;ck und dann um sich her
+schaute, den Neger zu sehn, der ihre Koffer fuhr &mdash; &raquo;der Bursche
+ist wahrhaftig wohl schon voran gegangen und ich wei&szlig;
+jetzt nicht einmal ob ich den Weg wieder so rasch finden kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird doch ehrlich sein&laquo; rief Adele mit j&auml;hem Schreck &mdash; &raquo;guter
+Gott, sein Gesicht sah nicht darnach aus. Hast Du
+einen Neger jetzt ganz k&uuml;rzlich hier vorbei gehn sehn, mein
+Kind, der einen Wagen zog auf dem zwei Koffer mit anderem
+Gep&auml;ck standen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es gehn so viele vorbei, man achtet nicht darauf&laquo; sagte
+das M&auml;dchen &mdash; &raquo;fast war mir's aber, als ob gleich hier unten
+Einer vor kurzer Zeit in die Quergasse eingebogen w&auml;re.
+Das schadet aber Nichts&laquo; setzte sie rasch und beruhigend hinzu &mdash; &raquo;die
+Leute haben meist alle ihre Nummer, und wenn Sie
+die gemerkt haben kann er mit den Sachen hingehn wohin er
+will, die Policey schafft sie Ihnen gleich wieder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Nummer?&laquo; &mdash; sagte Eltrich, etwas best&uuml;rzt vor sich
+hinsehend &raquo;ja &mdash; ich glaube er hatte eine Nummer, aber welche,
+wahrhaftig und wenn ich sterben sollte, ich w&uuml;&szlig;te es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Barmherziger Himmel wenn alle unsere Sachen &mdash; &laquo;
+rief Adele in Todesangst &mdash; &raquo;es w&auml;re furchtbar &mdash; was fingen
+wir nur an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thorheit, liebes Herz&laquo; suchte aber der Mann ihr die
+Sorge von der Stirn zu lachen &mdash; &raquo;er wei&szlig; das Haus und
+ist vorangegangen wo er auf uns warten wird. &mdash; Ah, hier
+ist der Zettel, &mdash; stra&szlig;e Nr. 43.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Weg f&uuml;hrt hier gerade hinauf&laquo; sagte die junge
+Sclavin, &raquo;und oben am f&uuml;nften Square von hier &mdash; der f&uuml;nften
+Querstra&szlig;e die Sie treffen, biegen Sie links ein, Sie k&ouml;nnen
+nicht fehlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So adieu mein Kind, und nochmals sch&ouml;nen Dank f&uuml;r
+Dein Geschenk!&laquo;</p>
+
+<p>Auch die Frau nickte ihr noch freundlich zu, aber die
+Sorge f&uuml;r Alles was sie jetzt auf der Welt noch das ihre
+nannten, nahm f&uuml;r den Augenblick ihre Sinne und Gedanken
+zu sehr in Anspruch, an etwas Anderem mehr als momentan
+zu haften. Die L&auml;den an denen sie vorbeigingen, die wunderlichen
+Charaktere und Menschen, denen sie begegneten, die ausgestellten
+Waaren, die eigenth&uuml;mliche Bauart der H&auml;user, mit
+all dem Neuen und Interessanten um sie her, das eine fremde
+Welt ihr bot, lockte sie nicht mehr oder vermochte ihr Auge zu
+fesseln, das nur einen Punkt zu suchen schien in der weiten
+fremden Stadt &mdash; das h&auml;&szlig;liche Gesicht des Negers. So eilten
+sie, Eltrich selber weit &auml;ngstlicher als er der Frau gestehen
+mochte, ihre eigene Sorge nicht noch, vielleicht nutzlos, zu mehren,
+die Stra&szlig;en entlang, so rasch sie eben mit dem Kind
+vorw&auml;rts kommen konnten, immer noch in der Hoffnung den
+doch wohl nur vorangegangenen Schwarzen zu &uuml;berholen.</p>
+
+<p>&raquo;Ha dort geht er!&laquo; rief Eltrich pl&ouml;tzlich &mdash; &raquo;Gott sei Dank
+wir haben uns geirrt!&laquo; und der Seufzer den er dabei ausstie&szlig;
+bewie&szlig; wie sehr er selber das Schlimmste gef&uuml;rchtet.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das ist er nicht!&laquo; rief aber Adele, deren sch&auml;rferes
+Auge leicht den Unterschied in Neger wie Gep&auml;ck entdeckt hatte
+&mdash; &raquo;das sind nicht unsere Koffer.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es war nur zu wahr &mdash; ein fremdes Gesicht blickte sie
+an als sie daran vor&uuml;ber eilten und ihm forschend in's Auge
+sahen, fremdes Gep&auml;ck lag auf dem kleinen Karren, und fast
+im Lauf flohen sie jetzt die Stra&szlig;e hinauf, bogen um die bezeichnete
+Ecke und standen wenige Minuten sp&auml;ter vor der
+Nummer des Hauses &mdash; wo <span class="wide">kein</span> Karren sie erwartete.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist noch nicht da&laquo; st&ouml;hnte Eltrich &mdash; &raquo;wir sind zu
+rasch gelaufen und haben ihn &uuml;bersehn.&laquo;</p>
+
+<p>Adele zitterte am ganzen K&ouml;rper &mdash; sie <span class="wide">wu&szlig;te</span> das war
+nicht geschehn, sagte aber kein Wort.</p>
+
+<p>&raquo;Oder er ist vielleicht in eine andere Stra&szlig;e eingebogen
+wo er ungest&ouml;rter fahren konnte &mdash; die vielen Wagen hier.&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er kann noch nicht dagewesen sein&laquo; sagte Adele endlich
+leise, so leise als ob sie f&uuml;rchte der unwahrscheinlichen Vermuthung
+auch nur Raum zu geben.</p>
+
+<p>&raquo;Er h&auml;tte gewartet!&laquo; &mdash; sagte aber auch Eltrich jetzt mit
+einem tiefen, angstvollen Seufzer &mdash; sein Blick flog die Stra&szlig;e
+auf und nieder &mdash; umsonst, der Neger lie&szlig; sich nirgends sehn,
+und die Gewi&szlig;heit drang sich ihm immer furchtbarer auf da&szlig;
+er Alles &mdash; Alles &mdash; nein es war ja nicht m&ouml;glich &mdash; Gott
+konnte nicht wollen da&szlig; sie <span class="wide">so</span> von allem entbl&ouml;&szlig;t was sie noch
+das ihre bis dahin genannt, in der fremden Stadt in der
+fremden <span class="wide">Welt</span> ein Leben beginnen sollten &mdash; es war nicht m&ouml;glich;
+aber auch schon diese Ungewi&szlig;heit, eine H&ouml;llenqual.</p>
+
+<p>Er bat jetzt sein Weib mit dem Kind einen Augenblick an
+der Th&uuml;re stehn zu bleiben, w&auml;hrend er hinein in das Haus
+lief dort in ihr Zimmer zu sehn &mdash; der Neger konnte die
+Stra&szlig;e heraufkommen w&auml;hrend er im Inneren war. Er kehrte
+nach wenigen Minuten zur&uuml;ck.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist <span class="wide">nicht</span> oben?&laquo;</p>
+
+<p>Traurig, verzweifelnd sch&uuml;ttelte er mit dem Kopf.</p>
+
+<p>Nur noch eine Hoffnung blieb ihm jetzt &mdash; er wollte noch
+kurze Zeit warten &mdash; noch war es m&ouml;glich da&szlig; der Bursche,
+in eine andere Stra&szlig;e vielleicht eingebogen, sich da aufgehalten
+und versp&auml;tet hatte &mdash; er <span class="wide">konnte</span> noch kommen, kam er aber
+<span class="wide">nicht,</span> dann wollte er rasch auf die Policey und dort die Anzeige
+des Geschehenen machen. Lieber Gott es war das eine
+schwache, trostlose Hoffnung &mdash; ohne Nummer oder Namen
+des Negers konnte er der Policey selbst keinen Halt geben an
+irgend etwas; gro&szlig;e Augen und aufgeworfene Lippen hatten
+alle die Tausende von Negern die sich in New-Orleans herumtrieben
+und er wu&szlig;te ja selber nicht, ob er sogar zu dem Mann
+w&uuml;rde schw&ouml;ren k&ouml;nnen, wenn er ihn jemals wieder angetroffen.
+Adele aber mu&szlig;te erst mit dem Kind in ihrem Zimmer
+untergebracht werden, da&szlig; er selber freie Hand behielt; er f&uuml;hrte sie
+hinauf. Es war ein kleines Gemach, das auf den engen Hof
+hinaus sah; die Th&uuml;r stand offen, denn zu stehlen war Nichts
+darin, und das Meublement bestand in einem Tisch, drei
+Rohrst&uuml;hlen und zwei leeren Bettstellen.</p>
+
+<p>&raquo;Habe nur ein klein wenig Geduld Adele, ich bin bald
+wieder zur&uuml;ck &mdash; und &mdash; qu&auml;le und &auml;ngstige Dich nicht zu
+sehr &mdash; noch ist Hoffnung da; ein trauriger Anfang macht oft
+ein fr&ouml;hliches Ende, liebes Herz.&laquo;</p>
+
+<p>Er k&uuml;&szlig;te sie auf die Stirn, nahm das Kind auf und
+herzte es ab, und verlie&szlig; dann rasch das Zimmer; Adele aber
+legte die Blumen vor sich auf den Tisch, barg, dar&uuml;ber gebeugt,
+ihr Antlitz in den H&auml;nden, und weinte still und trostlos.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Auf der Haidschnucke waren indessen die drei, bei dem
+Leuchtschiff in der Weser an Bord gekommenen Passagiere in
+die Caj&uuml;te zum Capitain gerufen worden, dort entlassen zu
+werden. Sie traten, die M&uuml;tzen in der Hand herein, und
+blieben an der Th&uuml;r mit dem Untersteuermann neben sich stehn,
+den Capitain zu erwarten, der in sein eignes Zimmer gegangen
+war, und nach einer Weile mit einigen Papieren und ein
+paar kleinen Packeten in der Hand, zur&uuml;ck kam.</p>
+
+<p>&raquo;Na Ihr seid fertig an Land zu gehn?&laquo; rief er, nach
+einem fl&uuml;chtigen Blick auf die Leute &mdash; &raquo;St&uuml;rmann, sin here
+Sahken ruut schafft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;All's klaar Captein &mdash;&nbsp;&laquo; antwortete der Seemann.</p>
+
+<p>&raquo;Gut, dann k&ouml;nnt Ihr jetzt gehn wohin Ihr wollt. Hier
+Pelz, da hast Du Deinen Zettel &mdash; hier Du Deinen Alper,
+und da Du den Deinen Mooswerder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne ich bin Mooswerder, Capitain &mdash;&nbsp;&laquo; sagte der zweite.</p>
+
+<p>&raquo;Schon gut, Ihr k&ouml;nnt sie Euch an Land dann aussuchen
+&mdash; es steht drinn da&szlig; Ihr Euch in Deutschland gut aufgef&uuml;hrt
+h&auml;ttet &mdash; Ihr werdet das schriftlich brauchen, denn auf Euer
+Gesicht glaubt's Euch doch hier Niemand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig; das ein <span class="wide">Jeder</span> hier haben?&laquo; frug der &auml;lteste der
+drei, das Papier etwas mistrauisch betrachtend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich soll <span class="wide">Dir</span> wohl auch noch eine Erkl&auml;rung geben,&laquo;
+fuhr ihn der Capitain barsch an &mdash; &raquo;da hier&laquo; setzte er dann
+ruhiger hinzu, &raquo;sind auch f&uuml;r jeden noch f&uuml;nf Dollar Amerikanisches
+Geld, da&szlig; Ihr die ersten Wochen was zu leben habt;
+f&uuml;r 3 Dollar die Woche k&ouml;nnt Ihr hier in den billigsten
+Gasth&auml;usern Kost und Logis bekommen, und habt Zeit Euch
+nach <span class="wide">Arbeit</span> umzusehn; verstanden? Da&szlig; Ihr Euch gut zu
+betragen habt, brauch ich Euch nicht erst noch zu sagen, wohlmeinend
+warnen m&ouml;cht ich Euch aber doch keine dummen
+Streiche zu machen, denn sie verstehn hier keinen Spa&szlig;; aber
+Ihr werdet selber am Besten wissen was Euerer Haut gut ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Denke so, Capitain&laquo; sagte der Alte, die Hand nach dem
+Geld ausstreckend &mdash; &raquo;sind doch alt genug dazu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n &mdash; weiter hab' ich mit Euch Nichts zu thun &mdash; Eure
+Kisten stehn oben an Deck, in einer halben Stunde m&uuml;&szlig;t
+Ihr an Land sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht w&auml;re es gut, Herr Capitain&laquo; sagte da der
+Alte mit einem eigenth&uuml;mlich versteckten L&auml;cheln, &raquo;wenn Sie
+sich von den hiesigen Beh&ouml;rden eine Quittung &uuml;ber <span class="wide">richtige
+Ablieferung</span> geben lie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geht zum Teufel!&laquo; rief aber Capitain Siebelt &auml;rgerlich,
+&raquo;oder ich lasse Euch die Quittung noch vorher auf den R&uuml;cken
+schreiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun Nichts f&uuml;r ungut&laquo; lachte der Alte, &raquo;war nur so
+eine Meinung von mir; &uuml;brigens sind wir hier <span class="wide">freie B&uuml;rger</span>&laquo;
+setzte er mit einer Art verstecktem Trotz hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sobald Ihr an Land seid&laquo; sagte der Capitain &mdash; &raquo;nicht
+bei mir an Bord.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke f&uuml;r den Wink&laquo; lachte der Alte, &raquo;und gl&uuml;ckliche
+R&uuml;ckfahrt. &mdash; <span class="wide">Gr&uuml;&szlig;e</span> brauchen wir Ihnen doch wohl nicht
+aufzutragen?&laquo;</p>
+
+<p>Die Andern lachten, der Capitain aber winkte dem Steuermann
+ungeduldig die Burschen hinauszuschaffen, die &uuml;brigens
+gar nicht daran dachten den Mann noch b&ouml;se zu machen, und
+rasch dem Befehl gehorchten.</p>
+
+<p>An Deck oben standen ihre Kisten schon bereit, die Jeder
+von ihnen &mdash; sie waren leicht genug &mdash; schulterte, und damit,
+ohne sich weiter um irgend einen der anderen Passagiere
+zu k&uuml;mmern, das Schiff verlie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Capitain!&laquo; sagte Henkel, der in demselben Augenblick
+die Caj&uuml;te betrat, als die drei M&auml;nner sie verlassen hatten,
+&raquo;d&uuml;rfte ich Sie bitten mein Gep&auml;ck nach oben schaffen zu lassen,
+ich m&ouml;chte es, noch ehe wir an Bord der Jane Wilmington
+fahren, gern bef&ouml;rdern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was eilen Sie?&laquo; frug der Capitain, der eben seinen
+Hut und Stock genommen hatte, seinen Passagier zu begleiten,
+&raquo;Ihre Fracht wird auch noch nicht oben sein, und f&uuml;r
+Ihre Frau Gemahlin ist es doch am Ende besser da&szlig; sie noch
+ein paar Tage ruhig in ihrer Coye bleibt, bis sie sich vollst&auml;ndig
+erholt hat. Der Arzt kann sie ja auch hier besuchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Ballen kommen eben herauf&laquo; sagte Henkel aber,
+&raquo;und ich habe schon Jemanden dabei, der mit ihnen auf das
+Steueramt geht und dort Alles berichtigt, und meine Frau
+wird sich jedenfalls besser an Land erholen. Unsere Wohnung
+ist nicht weit von hier.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, wie Sie wollen, ist Alles herausgesetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, hier von der Caj&uuml;te &mdash; ein Drayman steht schon
+oben und wartet, das Gep&auml;ck in Empfang zu nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und weiter ist Nichts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch zwei Koffer die in der Coye stehn, mit Kleidern
+und W&auml;sche meiner Frau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;D&uuml;rfen die Leute hinein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde sie selber heraussetzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut&laquo; sagte der Capitain, &raquo;dann will ich nach oben gehn
+und den Steward mit einem von den Matrosen hinunter
+schicken; aber machen Sie rasch, wir haben nicht viel Zeit zu
+verlieren und ich mu&szlig; selber um halb zw&ouml;lf in Canalstra&szlig;e
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>Er verlie&szlig; die Caj&uuml;te und wenige Minuten sp&auml;ter folgte
+ihm Henkel, aber er sah bleich und erregt aus &mdash; seine Lippen
+zitterten und er strich sich mit der Hand ein paar Mal heftig
+die Stirn. Selbst dem Capitain, sonst gerade kein scharfer
+Beobachter, fiel das Aussehn seines Passagiers auf, und er rief
+&uuml;berrascht:</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Sir, Sie sehn ja aus als wenn Ihnen ein Gespenst
+begegnet w&auml;re &mdash; was ist Ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir? &mdash; o Nichts&laquo; erwiederte Henkel, sich gewaltsam
+sammelnd &mdash; &raquo;nur unwohl wurde mir pl&ouml;tzlich unten &mdash; ich
+wei&szlig; nicht wovon; der Kopf schwindelte mir und es wurde
+mir so schwarz vor den Augen; aber es ist vorbei jetzt&laquo; setzte
+er ruhiger hinzu, &raquo;ich habe auch schon fr&uuml;her etwas &Auml;hnliches
+gehabt &mdash; ein leichtes Unwohlsein, das eben so rasch entsteht
+wie verschwindet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier zu Lande mu&szlig; man vorsichtig mit solchen Dingen
+sein&laquo; meinte Capitain Siebelt kopfsch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;Sie sahen
+wie eine Leiche aus, als Sie an Deck kamen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich?&laquo; lachte Henkel, aber das Lachen klang hohl
+und unheimlich &raquo;ah da kommen die Sachen&laquo; unterbrach er sich
+rasch, als der Steward mit einem der Matrosen, jeder einen
+Koffer tragend, an Deck erschien &mdash; &raquo;dort dem Mann Leute,
+&uuml;berliefert das Gep&auml;ck; Nr. 477 er wei&szlig; wohin es kommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Alles herausgesetzt unten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; &mdash; nein &mdash; zwei Koffer stehn noch in der Caj&uuml;te,
+aber meine Frau wird selber dar&uuml;ber bestimmen, wann die
+fortgeschafft werden sollen. Doch bald h&auml;tte ich ja vergessen
+&mdash; hier Steward, ist etwas f&uuml;r Ihre Bem&uuml;hungen.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Oh ich bitte, Herr Henkel &mdash; war gar nicht n&ouml;thig;
+nun ich danke auch recht viel tausendmal.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hier Steuermann, haben Sie die G&uuml;te das von
+mir den Leuten an Bord zu geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke herzlich, Herr Henkel, in deren Namen &mdash; werden
+sich einen guten Tag damit machen k&ouml;nnen &mdash; aber das
+h&auml;tte ja Zeit gehabt, Sie kommen doch wieder an Bord.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? &mdash; ja &mdash; allerdings &mdash; aber ich k&ouml;nnte es vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind Sie fertig?&laquo; frug der Capitain, der indessen langsam
+vorangegangen war und schon unten auf der Lev&eacute;e stand,
+her&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme Capitain &mdash; also Steuermann, ich verlasse
+mich auf Sie, da&szlig; der Mann da rasch bef&ouml;rdert wird &mdash; die
+Karrennummer ist 477.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er soll in zehn Minuten die Sachen an Bord haben&laquo;
+sagte der Seemann, &raquo;so wahr ich K&ouml;hler hei&szlig;e.&laquo;</p>
+
+<p>Der Steuermann stand oben an der Reiling, mitten auf
+den ausgeschobenen Planken, und sah den fortfahrenden M&auml;nnern
+nach, als er vom Schiff aus angeredet wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Obersteuermann, wenn ich bitten darf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl, was giebts? &mdash; ah Herr Maulbeere &mdash; nun
+auch zum Abmarsch fertig? das ist ja schnell gegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freut mich, wenn meine Bereitwilligkeit Ihr angenehmes
+Schiff zu verlassen, Ihren Beifall hat &mdash; w&auml;re gern noch
+l&auml;nger geblieben, aber Sie wissen wohl, Gesch&auml;fte m&uuml;ssen immer
+den Vergn&uuml;gungen vorgehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl Herr Maulbeere und was f&uuml;r Gesch&auml;fte haben
+Sie? wenn ich fragen darf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Scheerenschleifen mit Ihrer Erlaubni&szlig; Herr Obersteuermann;
+die Scheeren in hiesiger Stadt sollen sich, neueren Nachrichten
+zufolge, in einem h&ouml;chst traurigen und vernachl&auml;ssigten
+Zustand befinden, es ist demnach die h&ouml;chste Zeit, da&szlig; ich an
+Land komme.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hoffe nicht&laquo; lachte der Seemann trocken, &raquo;da&szlig; Ihnen
+in diesem l&ouml;blichen Vorsatz irgend Jemand an Bord etwas
+in den Weg gelegt h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&uuml;&szlig;te es l&uuml;gen&laquo; sagte Maulbeere ruhig, &raquo;der Herr
+Untersteuermann hat mich schon dreimal ersucht, zu machen
+da&szlig; ich fort k&auml;me.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun so eilig ist's nicht&laquo; lachte der Steuermann, &raquo;Mittag
+k&ouml;nnen Sie immer noch bei uns machen. Die Familien
+d&uuml;rfen sogar noch &uuml;ber Nacht bleiben; wir wollen die Leute
+nicht Hals &uuml;ber Kopf auf die Stra&szlig;e setzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;chst christliche Grunds&auml;tze und wirklich verf&uuml;hrerisch
+genug&laquo; versetzte Maulbeere &raquo;Jemanden, der nicht in gar zu
+gro&szlig;er Eile w&auml;re, zu veranlassen seinen Magen noch einmal
+mit Bremer Erbsenbr&uuml;h zu &auml;rgern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun es zwingt Sie Niemand&laquo; meinte der Steuermann
+kurz.</p>
+
+<p>&raquo;Danke Ihnen&laquo; sagte Maulbeere.</p>
+
+<p>&raquo;Und was w&uuml;nschen Sie von mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; Sie die Gnade h&auml;tten&laquo; sagte Maulbeere mit ironischer
+Devotion, &raquo;mir meine Werkst&auml;tte zu Tag f&ouml;rdern zu
+lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Werkst&auml;tte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Schleifsteinkarren, der im unteren Gefache Ihres
+Schiffes liegt, wenn Ihnen das deutlicher ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach den &uuml;berwachsenen Schiebbock?&laquo; sagte der Seemann,
+&raquo;der geh&ouml;rt Ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin der gl&uuml;ckliche Eigenth&uuml;mer, und es ist Alles
+was mich noch an Bord fesselt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun da kann geholfen werden&laquo; rief der Steuermann,
+von der Planke herunter und zur offenen Luke tretend, &raquo;Du
+Jahn, smiet mal dat T&uuml;g da rup, vor de Scheerenslieper; de
+ole scheepe Kaar met en Raad derv&ouml;r!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dat Donnerslagse Ding; ick hebb mi all min Schen
+dran verstoten&laquo; fluchte eine Stimme von unten herauf.</p>
+
+<p>&raquo;Nu? kommt se vorn Tag?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, gliek &mdash; hahl op!&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Staat by hier &mdash; oh &mdash; aho-y-oh!&laquo;</p>
+
+<p>Der Karren, ein ungeschlachtes Ding, mit einem Kasten
+dabei, in den wahrscheinlich die Steine gepackt waren, denn
+die Leute die ihn heraufwanden fluchten &uuml;ber das Gewicht,
+kam bald darauf zu Tage, und Maulbeere nahm ihn in
+Empfang, untersuchte ihn erst auf das Sorgsamste, und begann
+dann, ihn zum augenblicklichen Gebrauch in der Stadt,
+vollst&auml;ndig in Ordnung zu bringen.</p>
+
+<p>Als er noch damit besch&auml;ftigt war kam Meier mit seiner
+Frau aus dem unteren Deck herauf; Beide schienen ebenfalls
+ger&uuml;stet das Schiff zu verlassen, aber die Frau sah todtenbleich
+und abgemagert aus, und war so schwach da&szlig; sie sich kaum
+auf den F&uuml;&szlig;en halten konnte. Maulbeere kauerte neben seinem
+Kasten, und sah die Beiden vor&uuml;ber gehn, unterbrach aber
+seine Arbeit nicht dabei, und h&auml;mmerte und schraubte ruhig fort.</p>
+
+<p>Das Gep&auml;ck der Beiden war schon heute morgen fr&uuml;h
+an Land und durch Meier selber nach einem billigen Boardinghause
+in &mdash; Street geschafft worden; die Frau trug nur ein
+kleines in ein rothbuntes seidenes Tuch eingekn&uuml;pftes B&uuml;ndel,
+und wankte hinter dem Mann her, der den Hut etwas auf
+einer Seite, die H&auml;nde in den Hosentaschen und einen ziemlich
+derben Stock unter den linken Arm gedr&uuml;ckt, ohne weiter Notiz
+von irgend Jemand an Bord zu nehmen, im Begriff war das
+Schiff zu verlassen. Nur als er vor Maulbeere vor&uuml;ber ging
+blieb er stehn, sah zu ihm nieder und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Auch fertig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bald&laquo; erwiederte der Scheerenschleifer, eben im Begriff
+eine etwas schwergehende Schraube einzuziehn, was seinem
+Gesicht eine fast dunkelrothe F&auml;rbung gab.</p>
+
+<p>&raquo;Ist h&uuml;bsch in Amerika.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr!&laquo; sagte der Scheerenschleifer.</p>
+
+<p>&raquo;Schon Aussichten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siebzehn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Morgen!&laquo; lautete die trockene Antwort, und der Mann
+ging, dicht von der Frau gefolgt, ohne sie aber zu f&uuml;hren oder
+zu st&uuml;tzen auf dem schwanken Bret, &uuml;ber die Planke an Land.
+Der Scheerenschleifer aber, in seiner Stellung mit dem eingestemmten
+Schraubenzieher bleibend, und nur mit den Augen
+dem wunderlichen Paare folgend, sah ihnen eine Weile nach,
+bis sie &uuml;ber die Lev&eacute;e verschwunden waren, und wollte dann
+eben wieder in seiner Arbeit fortfahren, als der Untersteuermann
+zu ihm trat, und hinter dem fortgegangenen Passagier
+herdeutend sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Ein h&uuml;bsches P&auml;rchen, wie? &mdash; scheint sich recht wohl
+zusammen zu f&uuml;hlen.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Scheint so&laquo; sagte Maulbeere, wieder an der Schraube
+beginnend.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr wi&szlig;t nicht wo sie her sind?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was der Bursche dr&uuml;ben gewesen ist?&laquo; frug der
+Seemann neugierig.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl&laquo; sagte Maulbeere.</p>
+
+<p>&raquo;Umsonst ist der nicht weggegangen von zu Haus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; Gott&laquo; meinte der Scheerenschleifer &mdash; &raquo;er
+hat f&uuml;r zwei Personen theuere Passage zahlen m&uuml;ssen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also Ihr wi&szlig;t was N&auml;heres &uuml;ber ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;N&auml;heres? &mdash; ich kann Ihnen den Fleck zeigen wo er die
+letzten sieben Wochen geschlafen hat, Herr Untersteuermann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah, ich meine von dr&uuml;ben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh von dr&uuml;ben meinen Sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was war er denn dr&uuml;ben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gl&uuml;cklicher deutscher Staatsb&uuml;rger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine was er sonst getrieben hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde nachher den Herrn Obersteuermann um die
+Schiffsliste ersuchen, und Ihnen dann mit gr&ouml;&szlig;tem Vergn&uuml;gen
+das N&auml;here mittheilen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehn Sie zum Teufel!&laquo; sagte der Untersteuermann
+&auml;rgerlich.</p>
+
+<p>&raquo;Danke Ihnen&laquo;, Maulbeere, vollkommen ruhig an seiner
+Arbeit fortfahrend.</p>
+
+<p>Maulbeere, der mit unersch&uuml;tterter Gem&uuml;thsruhe, den Matrosen
+dabei fortw&auml;hrend im Weg, seine Arbeit beendet, das
+Rad eingeschlagen und vier oder f&uuml;nf Schiebladen in seinem
+Gestell mit allerhand Dingen aus einem kleinen Kistchen gef&uuml;llt
+hatte, stand jetzt auf, setzte seinen Hut auf, nahm den
+breiten ledernen Tragriemen &uuml;ber die Schultern des unverw&uuml;stlichen
+gr&uuml;nen Rockes &mdash; (dessen Glanz dort oben auch dadurch
+seine Erkl&auml;rung fand) und war im Begriff das Schiff zu verlassen
+indem er seinen Scheerenschleiferkarren vor sich her, &uuml;ber
+den Gangweg hin, der Planke zuschob.</p>
+
+<p>&raquo;Nun Herr Maulbeere gl&uuml;ckliche Reise!&laquo; sagte der
+Obersteuermann, der ihn kopfsch&uuml;ttelnd die letzten Minuten
+beobachtet hatte &mdash; &raquo;aber was soll mit dem Kistchen hier
+geschehn?&laquo; &mdash; Der wei&szlig;e kleine Kasten war an Deck zur&uuml;ckgeblieben.</p>
+
+<p>&raquo;Den vermach ich dem Schiff!&laquo; sagte Maulbeere, den
+Karren etwas mehr nach der linken Seite werfend, das Gleichgewicht
+herauszubekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihr anderes Gep&auml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegenw&auml;rtig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was? &mdash; keine Kleider mehr? &mdash; wo ist denn Ihre
+W&auml;sche?&laquo; lachte der Seemann.</p>
+
+<p>&raquo;In der W&auml;sche Herr Obersteuermann&laquo; sagte Maulbeere,
+und war eben im Begriff mit einem pl&ouml;tzlichen Ruck &uuml;ber eine
+im Wege, und queer &uuml;ber den Gangweg liegende Handspeiche
+hin zu fahren, als Frau Henkel mit Hedwig die Caj&uuml;tstreppe
+heraufkam und auf den Obersteuermann zuging.</p>
+
+<p>Sie sah todtenbleich aus, war aber vollst&auml;ndig angezogen,
+mit ihrem Hut auf und einen weiten Shawl um ihre Schultern
+geschlagen; eben so Hedwig, die eine Tasche in der Hand
+trug, und stark verweinte Augen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Halt Maulbeere!&laquo; rief der Obersteuermann &mdash; &raquo;wartet
+einen Augenblick, ich glaube die Damen wollen an Land gehn,
+da&szlig; Ihr ihnen nicht mit Eurem gef&auml;hrlichen Karren da in den
+Weg kommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werde ihnen Bahn machen&laquo; sagte jedoch Maulbeere,
+eben nicht gesonnen R&uuml;cksichten auf Jemand zu nehmen, wer
+es auch sei; der Seemann trat ihm aber in den Weg, und
+zwang ihn dadurch zum Stillhalten, w&auml;hrend Clara Henkel
+auf ihn zutrat und freundlich sagte&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;D&uuml;rfte ich Sie bitten mir zwei von Ihren Leuten mitzugeben
+und meine beiden Koffer tragen zu lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen doch nicht zu Fu&szlig; in die Stadt gehn, Madame?&laquo;
+sagte der Steuermann &mdash; &raquo;ich glaubte erst, Sie
+w&uuml;nschten nur einmal frische Luft wieder zu sch&ouml;pfen, aber da
+besorg ich Ihnen doch lieber einen Wagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen&laquo; sagte die Frau mit leiser, doch entschlossener
+Stimme &mdash; &raquo;wir werden gehn &mdash; aber ich m&ouml;chte die
+Koffer mit mir nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sehen noch so bla&szlig; und angegriffen aus&laquo; sagte der
+Seemann auf seine derbe doch herzliche Weise &mdash; &raquo;wenn Sie
+mir folgen, lassen Sie sich einen Wagen holen.&laquo;</p>
+
+<p>Clara sch&uuml;ttelte mit dem Kopf, und sich umsehend auf
+Deck sagte sie endlich:</p>
+
+<p>&raquo;Hat Herr Henkel sein ganzes Gep&auml;ck fortschaffen
+lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles, bis auf das was in der Coye stand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist nicht ein kleiner gelber lederner Koffer mit schwarzen
+Riemen zur&uuml;ckgeblieben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht da&szlig; ich w&uuml;&szlig;te, aber ich kann fragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein Madame&laquo; mischte sich hier aber einer der Matrosen
+in das Gespr&auml;ch &mdash; &raquo;ich habe selber die Sachen mit
+auf den Karren und den kleinen gelben Lederkoffer mit hinausgetragen;
+der Koffer fiel mir noch auf weil er so h&uuml;bsch
+gearbeitet war und eben die schwarzen Tragriemen hatte.&laquo;</p>
+
+<p>Clara seufzte tief auf, aber sie sah freudiger dabei aus
+&mdash; es war als wenn eine Last von ihrer Seele genommen
+w&auml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; selber nicht einmal wohin die Sachen geschafft
+sind&laquo; sagte der Steuermann wieder, &raquo;und die Leute
+wissen auch nicht Bescheid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden uns schon zurecht finden&laquo; sagte Frau Henkel
+&mdash; &raquo;ich bitte Sie recht sehr mir zwei Leute mitzugeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Herzen gern, wenn Sie es denn absolut wollen
+&mdash; heh Jahn und G&ouml;rg &mdash; loopt mal gau daal in de Caj&uuml;t,
+und sackt die beiden Koffers op. &mdash; Sind sie herausgestellt,
+Madame?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie stehen vor unserer Th&uuml;r.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also flink Jungens, und dann gaat J&uuml; mit Madame
+in de Stadt. &mdash; Kann ich Ihnen sonst noch mit etwas
+dienen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen Steuermann&laquo; sagte die Frau freundlich,
+aber gar wehm&uuml;thig l&auml;chelnd &mdash; &raquo;ich brauche <span class="wide">Nichts</span>
+weiter &mdash; leben Sie wohl. Vielleicht aber sehn wir uns
+recht bald wieder &mdash; wann wird Ihr Schiff fertig sein zur
+R&uuml;ckfahrt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja das h&auml;ngt von der Fracht ab, Madame, aber ich
+denke doch <span class="wide">sp&auml;testens</span> in vier Wochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen leben Sie wohl!&laquo; Sie ging, von
+Hedwig jetzt unterst&uuml;tzt, auf deren Schulter sie sich lehnte,
+langsam &uuml;ber die Planke an Land, und die Matrosen folgten
+ihr, mit den beiden Koffern auf den Schultern.</p>
+
+<p>Maulbeere hatte seinen Karren hingesetzt, und war ein
+stummer, doch sehr aufmerksamer Zeuge der letzten Scene gewesen;
+jetzt aber, wieder unter das Lederband duckend, sagte er
+sehr f&ouml;rmlich zu dem Seemann, der noch auf der Planke stand
+und den Damen nachschaute.</p>
+
+<p>&raquo;Erlauben mir <span class="wide">jetzt</span> der Herr Steuermann da&szlig; ich <span class="wide">auch</span>
+hinaus darf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh mit Vergn&uuml;gen Herr Maulbeere&laquo;, rief der Seemann,
+lachend auf die Seite tretend &mdash; &raquo;thut mir unendlich
+leid Sie aufgehalten zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte mich dem Herrn Capitain gehorsamst zu empfehlen&laquo;
+sagte der Passagier, ohne eine Miene zu verziehn, indem
+er an dem Steuermann vorbeischob.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Matrosen die in der N&auml;he standen lachten, der
+Scheerenschleifer k&uuml;mmerte sich aber nicht weiter um sie, fuhr
+in einen kurzen Trab die etwas schr&auml;g nach dem Land liegende
+Planke nieder, an der anderen Seite mit kr&auml;ftigerem Ansto&szlig;
+hinauf, und verschwand bald darauf in dem am Lande wogenden
+Gedr&auml;ng von Menschen.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap5" id="kap5"></a>Capitel 5.</h2>
+
+<h3>Der Mississippi.</h3>
+
+<p>Die <span class="wide">Jane Wilmington</span> einer jener m&auml;chtigen Mississippi-Dampfer,
+von denen hunderte die Wasser jenes riesigen Stromes
+befahren, lag zur Abfahrt fertig an der Lev&eacute;e von New-Orleans,
+mitten zwischen einigen drei&szlig;ig anderen, ihr ganz
+&auml;hnlichen Booten.</p>
+
+<p>Keinen lebendigeren, gesch&auml;ftigeren Platz giebt es auch
+wohl auf der Welt, so weit Handel und Schiffahrt L&auml;nder
+und Menschen mit einander verbinden, als die Dampfbootlandung
+von New-Orleans, besonders in dieser Jahreszeit.
+Die Stadt ist neuverj&uuml;ngt; das gelbe Fieber das allj&auml;hrlich im
+Sp&auml;tsommer, bis Ende September, oft sogar bis in die ersten
+Tage des Oktober, New-Orleans fast entv&ouml;lkert, die wohlhabenderen
+Bewohner nach dem ges&uuml;nderen Norden hinaufscheucht,
+die Fremden decimirt, und der ganzen Stadt das Ansehn eines
+gro&szlig;en Leichenhauses giebt, von dessen tausenden von Leichen
+sich zuletzt selbst die Aasgeier in Ekel abwenden, hatte schon
+lange seine letzten Opfer gefordert, und der bis dahin gewaltsam
+zur&uuml;ckgehaltene Handel, der seine nat&uuml;rliche Str&ouml;mung
+nach dieser m&auml;chtigsten Hafenstadt des S&uuml;dens hat, brach sich
+jetzt wie gewaltsam wieder Bahn. Ganze Flotten von Dampfern,
+die scheu und &auml;ngstlich in der schweren Zeit den Platz gemieden,
+und sich mit geringer Fracht, und der ungeheueren Concurrenz
+wegen nur mit wenigen Passagieren begn&uuml;gend, zwischen
+den oberen Staaten herumfuhren, und wenn sie ja
+Mannschaft nach der &raquo;Peststadt&laquo; bekommen konnten und es
+wagen wollten, nur eben hinunter fuhren, an Bord nahmen
+was Geld hatte seine Passage zu zahlen, und dann schnaubend
+und in Ballast wieder zur&uuml;ckeilten nach Norden auf, f&uuml;hrten
+jetzt die tausende zur&uuml;ck in ihre verlassene Heimath, die der
+&raquo;Gelbe Jack&laquo; wie die Epidemie spottweise hei&szlig;t, daraus vertrieben,
+und brachten zugleich die Sch&auml;tze des Nordens den ver&ouml;deten
+Waarenh&auml;usern der Stadt.</p>
+
+<p>Boot nach Boot kommt, die gelbe Fluth vor sich aufspritzend,
+den Strom nieder &mdash; noch ist es nicht elf Uhr Morgens,
+und das siebzehnte ist schon gelandet; gewaltige Fahrzeuge
+mit von vier bis acht Kesseln an Bord, viele mit einer
+Mannschaft von 50-60 Leuten, die breiten <i>guards</i><a href="#g3fn7"><small><sup>7</sup></small></a><a name="g3fn7r" id="g3fn7r"></a> bis hoch
+hinauf selbst &uuml;ber das h&ouml;chste Deck mit einer ordentlichen Wand
+von Baumwollenballen umth&uuml;rmt, andere, ihre oberen Decks
+wenigstens frei, aber doch <span class="wide">bis</span> zu den <i>guards</i> im Wasser gehend,
+<ins title="fehlt im Original">die</ins> gesalzenes Schweinefleisch in tausenden von F&auml;ssern von
+Cincinnati, Mehl von Ohio und Pensylvanien, Whiskey von
+eben daher, Blei von Missouri, Vieh von Kentucky, und feines
+Salz und Tabak aus Virginien herunter bringen.</p>
+
+<p>Die Lev&eacute;e selbst liegt schon fest gepre&szlig;t unter einer riesigen
+Last all solcher Produkte, die der Norden hier hernieder
+schickt, baar Geld oder die Erzeugnisse der Tropen daf&uuml;r
+einzutauschen &mdash; Baumwollenballen so weit das Auge reicht;
+Fleisch und Mehlf&auml;sser und <i>whiskey barrels</i> mit ihren rothen
+B&ouml;den und dem Cincinnati-Stempel; Kaffee- und Reiss&auml;cke zu
+tausenden als neue Fracht f&uuml;r die eingetroffenen Boote; Blei
+in schweren kurzen Barren; Syrop- und Zuckerf&auml;sser; Salzs&auml;cke
+und dichtgeschn&uuml;rte Ballen kostbarer Felle vom Norden; ein
+stehendes Waarenmagazin unter freiem Himmel von kaum berechenbarem
+Werth, Nachts unter dem Schutz von vielleicht ein
+oder zwei schl&auml;frigen Wachen, seine Masse behauptend, w&auml;hrend
+hunderte von Karren ununterbrochen daran arbeiten es abzutragen.</p>
+
+<p>Und das Gewimmel von Menschen auf dem Platz, &uuml;ber
+den hie und da kleine Austerbuden wie gesprenkelt stehn, die
+Hungrigen zu erquicken, w&auml;hrend die H&auml;user der ganzen Front
+ihre unteren Hallen verlockend &ouml;ffnen den Durstigen jene Unzahl
+Mischungen geistiger Getr&auml;nke zu bieten, wegen denen
+Amerika ber&uuml;hmt ist. Die Karrenf&uuml;hrer selbst, meist Irl&auml;nder
+und Neger mit wenigen Deutschen, eine wilde th&auml;tige, rauflustige
+Bande, die tausende von Bootsleuten der verschiedenen
+Dampfer, Feuerm&auml;nner und Matrosen, die schwere F&auml;sser vor
+sich her die Lev&eacute;e hinaufrollen, oder gewichtige Kaffee- und
+Reiss&auml;cke auf den Schultern niedertragen, oder mit stumpfen
+Handhaken, Stiefelziehern nicht un&auml;hnlich, riesige Baumwollenballen
+in Schwung bringen und her&uuml;ber und hin&uuml;ber werfen,
+als w&auml;ren es K&ouml;rbe mit Federn gef&uuml;llt &mdash; wie sie da schaffen
+und arbeiten, und lachen und fluchen. Und zwischen den kr&auml;ftigen
+sonngebr&auml;unten Burschen mit aufgestreiften &Auml;rmeln und
+offenen Hemdkragen, denen der Schwei&szlig; in hellen dicken Tropfen
+auf den rothen Stirnen perlt, und deren Sehnen wie Stricke an den
+markigen Armen herunter liegen, seht Ihr jene kleinen schm&auml;chtigen
+Gestalten in seidene Fracks oder lichte Oberr&ouml;cke gekleidet, mit
+gewichsten Stiefeln und gegen die Sonne gespanntem Regenschirm,
+kleine B&uuml;cher in der Hand, und den gespitzten Bleistift
+mit den d&uuml;nnen Lippen feuchtend? das sind die &raquo;<i>clerks</i>&laquo; oder
+Buchhalter der Kaufleute aus der Stadt, oder die der verschiedenen
+dortliegenden Dampfboote, Waaren &uuml;berliefernd, oder
+&uuml;bernehmend, und den Kopf voll Zeichen und Zahlen.</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 5">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/il2r.jpg">
+ <img src="images/il2r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 5" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 5.<br />
+ Click to <a href="images/il2r.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Passagiere dr&auml;ngen dabei her&uuml;ber und hin&uuml;ber, denen sich
+die Bewohner der Stadt, in Gesch&auml;ften oder M&uuml;ssiggang, zu
+gesellen; der lebendige Franzose dessen Stamm ziemlich den
+vierten Theil der ganzen Stadt bev&ouml;lkert, und sich selbst dem,
+im Besitz befindlichen Amerikaner gegen&uuml;ber das Recht seiner
+Muttersprache in den Gerichtsh&ouml;fen neben dem Englischen gesichert
+hat; der ruhige Spanier mit seinem breitr&auml;ndigen <i>sombrero</i>;
+der gesch&auml;ftige Yankee, an der langen ungelenken Gestalt,
+dem knochigen Gesicht und den grauen lebendigen Augen
+kenntlich; zwischen ihnen der reiche Creole<a href="#g3fn8"><small><sup>8</sup></small></a><a name="g3fn8r" id="g3fn8r"></a> mit seiner sonngebr&auml;unten
+Haut und der th&auml;tige Deutsche, der schweigsame
+Engl&auml;nder und der feurige Italiener, durch ein Gew&uuml;hl von
+Negern und Mulatten dr&auml;ngend, die mit Fracht auf und ab
+die Lev&eacute;e steigen, oder hin und her gesch&auml;ftig laufen, und dabei
+lachen und singen, schreien und zanken.</p>
+
+<p>Und da hindurch pressen die Z&uuml;ge der ankommenden Einwanderer,
+meist Deutsche in ihren Nationaltrachten, wie sie
+daheim den Bauerhof verlassen, auch viele Irl&auml;nder in &auml;rmlichen
+Kleidern, aber mit entschlossenen, fr&ouml;hlichen Gesichtern,
+die meist ihr Gep&auml;ck selber den Dampfschiffen zuschultern, auf
+denen sie im Begriff sind die Fahrt in's Innere anzutreten.</p>
+
+<p>Die Deutschen besonders tragen schwere h&ouml;lzerne Kisten,
+gew&ouml;hnlich zwei und zwei zusammen; alte Truhen mit
+buntgemalten Kr&auml;nzen von unm&ouml;glichen Blumen, und frommen
+Spr&uuml;chen geziert, &uuml;ber die hin keck und r&uuml;cksichtslos der Name
+des Eigenth&uuml;mers und das Wort <span class="wide">Amerika</span>, mit schwarzer
+Farbe seinen Platz gesucht, w&auml;hrend die Frauen, Kinder auf
+dem Arm und an der Hand, in weitbauschigen &Auml;rmeln und
+kurzen <ins title="Original hat R&uuml;cken">R&ouml;cken</ins>, die braunen Stirnen der Sonne vertrauend
+preisgegeben, den M&auml;nnern folgen. Jetzt stehn sie und suchen
+den Namen des Bootes f&uuml;r das sie sich bestimmt, von &raquo;L&auml;ufern&laquo;
+inde&szlig; &uuml;berrannt, die sie dem oder jenem Dampfer werben wollen.
+Kleine Seelenverk&auml;ufer in ihrer Art, diese Burschen, und eigentlich
+wilde Sch&ouml;&szlig;linge der &Uuml;berseeischen Agenten, die auch ihre
+Procente haben <i>pro</i> Kopf, f&uuml;r alle die sie als Passagiere sicher
+auf ein Dampfboot liefern. Ob dann die Leute dorthin kommen
+wohin sie gerade wollen, und ob sie dort gl&uuml;cklich sind oder
+zu Grunde gehn, was k&uuml;mmerts die; nur so und so viel K&ouml;pfe
+sicher an Bord, so und so viel <i>escalins</i><a href="#g3fn9"><small><sup>9</sup></small></a><a name="g3fn9r" id="g3fn9r"></a> daf&uuml;r eingestrichen,
+aus dem fremden Volk mag dann werden was da will.</p>
+
+<p>Die Deutschen geben sich aber am wenigsten mit den Leuten
+ab; wieder und wieder schon im alten Vaterland vor ihnen
+gewarnt, lassen sie sich wenigstens nicht mehr soleicht auf der
+Stra&szlig;e von ihnen abfangen, fallen ihnen aber sonst doch noch
+in die H&auml;nde. Haben sie jedoch erst einmal den Namen eines
+bestimmten Bootes, dann halten sie sich auch hartn&auml;ckig an dem
+fest, m&ouml;gen die Bequemlichkeiten darauf sein wie sie wollen,
+schaffen ihre Sachen selber an Bord, und richten sich dann wieder,
+das alte Zwischendecks-Leben frisch im Ged&auml;chtni&szlig;, gar
+bald f&uuml;r die Tage die sie auf dem Wasser noch zubringen m&uuml;ssen,
+h&auml;uslich ein.</p>
+
+<p>Das Alles wogt und dr&auml;ngt &uuml;ber die Lev&eacute;e von New-Orleans,
+und auf dem Strome herrscht gleiches reges Leben.
+Hier kommt ein schnaubender Dampfer, die Th&uuml;ren vor den
+Kesseln weit aufgerissen da&szlig; die Hitze da ausstr&ouml;men kann, und
+das Boot aussieht als ob es einen gl&uuml;henden Rachen ge&ouml;ffnet
+habe, pfeilschnell bergab, zieht einen weiten Bogen in der
+sch&auml;umenden Fluth, und gleitet, von kundiger Hand gef&uuml;hrt,
+genau in die L&uuml;cke ein die jenes andere Boot gelassen, das eben
+noch in Sicht, langsam stromauf dampft. Dort st&ouml;&szlig;t ein anderes
+ab &mdash; seine Planken sind eingezogen, die die Verbindung
+mit dem Lande unterhielten, aber sein Deck schw&auml;rmt noch von
+Fremden aller Farben, die Gesch&auml;fte oder Neugier an Bord
+getrieben. Die Leute legen sich indessen unter dem gellenden
+Ho-y-oh! der Matrosen in lange ausgeschobene Stangen, den
+Bug zur&uuml;ckzuschieben, die Maschine beginnt zu arbeiten, und
+wie das breitm&auml;chtige Boot langsam nachzugeben beginnt und,
+die <i>guards</i> der beiden Nachbar-Dampfer reibend, sich r&uuml;ckw&auml;rts
+hinausdr&auml;ngt aus der langen Reihe, springen an beiden Seiten
+die M&uuml;&szlig;igg&auml;nger und nicht an Bord Geh&ouml;rigen hin&uuml;ber
+auf andere Boote, nicht mit hinaus in den Strom genommen
+zu werden, denn der Capitain hielte wahrlich keine Secunde an
+ihretwegen, und der erste Landungsplatz w&auml;re wahrscheinlich
+erst drei&szlig;ig oder vierzig Miles<a href="#g3fn10"><small><sup>10</sup></small></a><a name="g3fn10r" id="g3fn10r"></a> stromauf gewesen, wo er das
+erste Holz einnehmen mu&szlig;te. Jetzt hat sich das schnaubende
+Boot frei gemacht und schie&szlig;t mit vermehrter Kraft, &uuml;ber sein
+Steuer fort, eine Strecke in den Strom hinein &mdash; nun dr&auml;ngt
+sich der scharfe Bug hinauf, nach vorne ein, die R&auml;der schlagen,
+die Wasser kr&auml;useln, brechen sich unter der Gallion, und
+werden zu Schaum geschlagen von den peitschenden Radplanken,
+und fort schie&szlig;t das gewaltige Fahrzeug von der ungeheueren
+Kraft getrieben, auf seiner Bahn. Die Schaar von
+Menschen aber, die eben dem einen Boot entsprang, eilt jetzt
+fl&uuml;chtigen Laufs an Land das andere, eben gekommene Boot
+zu gewinnen; Koffertr&auml;ger und Verk&auml;ufer, Boardinghaus-Wirthe
+und Taschendiebe &mdash; oft beide zu einer Klasse geh&ouml;rend &mdash; K&auml;ufer
+und Zwischenh&auml;ndler von jeder Farbe, jedem Stand,
+und das Dr&auml;ngen und Treiben beginnt von vorne an.</p>
+
+<p>Die <span class="wide">Jane Wilmington</span>, eben so &uuml;berladen von Menschen
+wie alle &uuml;brigen abgehenden Boote, hatte das Zwischendeck
+dabei von Deutschen und Irischen Auswanderern mit ihren
+Kisten so vollgedr&auml;ngt, da&szlig; an ein Hindurchgehn schon gar
+nicht mehr zu denken war, und wer wirklich hindurch oder
+hinein <span class="wide">mu&szlig;te</span>, konnte sehen wie er eben &uuml;ber die Kisten und
+Koffer hin eine Passage fand. Und nicht um eine Idee besser
+sah es oben in der Caj&uuml;te aus, wo sich, als Lobensteins die
+schmale Treppe zum Boilerdeck hinauf gestiegen waren, die
+M&auml;nner, ihre Cigarren im Mund, die H&uuml;te auf dem Kopf,
+Schulter an Schulter herumdr&auml;ngten, hier in kleinen Gruppen
+standen und plauderten, dort an der <i>bar</i> (dem Schenkstand)
+ein Abschiedsglas mit irgend einem Bekannten leerten, oder
+auch eben nur, die H&auml;nde in den Taschen, m&uuml;&szlig;ig, und sehr zum
+&Auml;rger einer Zahl von Koffertr&auml;gern umherschlenderten, die
+ihre Lasten auf Schulter oder Kopf, mit einem ununterbrochenen
+&raquo;<i>please Sir &mdash; beg your pardon gentlemen</i>&laquo; aus einem
+Kn&auml;uel in den anderen pre&szlig;ten, durchzukommen.</p>
+
+<p>Lobensteins konnten kaum die f&uuml;r sie bestimmten, sehr elegant
+eingerichteten Caj&uuml;ten erreichen, und der Professor h&auml;tte
+ohne Henkels H&uuml;lfe durch das Gew&uuml;hl von Menschen im Leben
+nicht sein Gep&auml;ck zusammengefunden. Endlich war aber
+Alles gl&uuml;cklich an Bord, Eduard mit den letzten Koffern angekommen,
+und Capitain Siebelt hatte schon lange Abschied
+genommen und seinen bisherigen Passagieren eine gl&uuml;ckliche
+Weiterreise gew&uuml;nscht, als sich auch Henkel dem Professor wie
+den Frauen empfahl, seinen &raquo;eigenen Gesch&auml;ften&laquo; wie er sagte,
+nachzugehn.</p>
+
+<p>&raquo;Und gr&uuml;&szlig;en Sie uns nur noch recht herzlich Ihre liebe
+Frau&laquo; bat ihn die Frau Professorin, als er auf dem Gangweg,
+vor der Damencaj&uuml;te die hinter dem Radkasten liegt, sich verabschiedete,
+&raquo;und sie soll sich ja recht schonen &mdash; ich lasse sie
+herzlich darum bitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und tausend Gr&uuml;&szlig;e und K&uuml;sse noch von uns&laquo; rief
+Anna &mdash; &raquo;lieber Gott, es w&auml;re doch recht traurig wenn sie
+ihren Eintritt in das fremde Land gleich mit einer Krankheit
+beginnen sollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie besuchen uns also mit Clara noch diesen
+Herbst!&laquo; frug Marie, ihm scharf dabei in's Auge sehend &mdash;
+&raquo;Sie haben es versprochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;&laquo; sagte Henkel, ihr l&auml;chelnd die Hand entgegenstreckend.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Wort ein Mann!&laquo; rief Marie, z&ouml;gernd ihre Hand
+in die seine legend.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben doch die Adresse die ich Ihnen gegeben Herr
+Professor?&laquo; frug Henkel jetzt noch einmal &mdash; &raquo;dort drau&szlig;en
+l&auml;utet die dritte Glocke und ich werde am Ende noch mit fortgeschleppt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Claras Angst dann!&laquo; rief Anna.</p>
+
+<p>&raquo;Es w&auml;re allerdings fatal, aber noch kann ich abkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Adresse habe ich, und denke da&szlig; ich ein Gesch&auml;ft
+mit dem Herrn mache, wenn mir das Land nur irgend convenirt,&laquo;
+sagte der Professor.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein Ehrenmann, Sie k&ouml;nnen sich auf sein Wort
+verlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Desto besser &mdash; also auf Wiedersehn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf Wiedersehn!&laquo; rief Henkel und hatte wirklich nur
+noch eben Zeit die <i>guards</i> des n&auml;chsten Bootes zu erreichen, ja
+mu&szlig;te schon zu dem Zweck hinauf auf den Radkasten laufen
+und von dort hin&uuml;ber springen, als die wackere Jane das Freie
+suchte, und wenige Minuten sp&auml;ter lustig den vorangelaufenen
+Steamern nachdampfte.</p>
+
+<p>Eine solche Menge von Menschen, alle nicht zum Boot
+geh&ouml;rig, hatte sich dabei empfohlen, da&szlig; die wirklichen Passagiere
+mit Erstaunen, aber auch gro&szlig;er Befriedigung sahen, wie
+sie Raum genug behielten, und keineswegs gedr&auml;ngt waren,
+und nur mit der ersten Stunde &uuml;berstanden, die sie allerdings
+gebrauchten ihr verschiedenes Gep&auml;ck einiger Ma&szlig;en in Ordnung
+zu bringen, konnten sie sich ganz dem Genu&szlig; der reizenden
+Gegend hingeben, an der das wackere Boot sie rasch hinauff&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Es giebt wohl kaum ein wunderlieblicheres Bild, so im
+Vorbeifliegen gesehn, als die Ufer des Mississippi &uuml;berhalb
+New-Orleans. Mit Plantagen dicht bes&auml;et, deren reizende
+Pflanzerwohnungen aus einem Dickicht von Bl&uuml;thenb&uuml;schen
+und fruchtschweren Orangenb&auml;umen lauschig und still hervorschauen,
+schmiegen sich die kleinen, colonien&auml;hnlich gebauten
+Negerwohnungen dicht an diese an, und geben der ganzen Gegend
+einen so wohnlichen, geselligen Charakter, da&szlig; das Auge
+mit Entz&uuml;cken auf ihnen weilt. Berge fehlen freilich im Hintergrund,
+den nur ein einziger dunkler Streifen Wald bildet
+&mdash; der Mississippi-Sumpf &mdash; aber die &uuml;ppigen Felder, die sorgsam
+eingefenzt, so weit das Auge reicht dem Blick begegnen,
+die gesch&auml;ftigen Schaaren wei&szlig; gekleideter Neger in den Feldern,
+theils besch&auml;ftigt Zuckerrohr zu schneiden, oder Baumwolle
+zu pfl&uuml;cken, die munteren Heerden auf den Weiden dazwischen,
+das rege Leben auf dem breiten bequemen Fahrweg, der zwischen
+der sich am ganzen Strom hinauferstreckenden Lev&eacute;e und den
+Fenzen der Plantagen hinl&auml;uft; die kleinen freundlichen St&auml;dtchen
+dabei am Ufer, die Kirchen mit ihren schlanken Th&uuml;rmen,
+die gewaltigen Waarenh&auml;user, und dahinter die hohen dunklen
+Schornsteine der Zuckerfabriken, die aus dem dichten Laub der
+Fruchtb&auml;ume her&uuml;berschaun; das Alles fesselt das Auge des
+Fremden rasch genug, und h&auml;lt ihn ordentlich an Deck gebannt,
+keinen Moment, keinen Punkt dieses freundlich sonnigen Bildes
+zu vers&auml;umen. Alles ist hier neu, alles eigenth&uuml;mlich, und
+fehlen dem Fremden auch die Palmen, die seine Phantasie
+wohl meist dem S&uuml;den der vereinigten Staaten (oft selbst dem
+Norden) giebt, so bietet ihm doch auch die Vegetation schon
+des Neuen und S&uuml;dlichen viel, ihn daf&uuml;r wenigstens in etwas
+zu entsch&auml;digen. Stattliche Pecanb&auml;ume am Ufer, mit ihren
+schlanken St&auml;mmen und schattigem Laub, und weiter drinnen
+im Land die riesigen hochw&uuml;chsigen Cypressen mit ihrer rothen
+Rinde und dem prachtvoll wehenden grauen Moos, die fruchtbedeckten
+Orangendickichte, die freundlichen Blumen geschm&uuml;ckten
+G&auml;rten, mit ihren Tulpenb&auml;umen, Rosenranken, und Granatb&uuml;schen,
+das Alles zeugt f&uuml;r die hei&szlig;e Sonne dieser Breite,
+w&auml;re nicht schon das wehende Zuckerrohr am Ufer und die
+eigenth&uuml;mliche Baumwollenpflanze selbst Beweis genug auch
+ohne das.</p>
+
+<p>So lichtbeschienen liegt das weite, wundersch&ouml;ne Land
+dort ausgebreitet &mdash; ein Paradies, wenn man's so fl&uuml;chtig
+sieht und auf bequemem raschem Boot daran vor&uuml;bergleitet &mdash; aber
+es ist das nur die &auml;u&szlig;ere Rinde des Ganzen, die blitzt
+und gl&auml;nzt und in die Augen scheint, nicht alles &auml;cht und
+Gold. Wie lieblich liegen jene acht oder neun Reihen gleichm&auml;&szlig;ig
+gebauter reinlicher H&auml;user mitten in diesem &raquo;Paradies&laquo;
+&mdash; dort wo wir gerade vor&uuml;ber fahren sind gro&szlig;e weit&auml;stige
+Feigenb&auml;ume vor die Th&uuml;ren gepflanzt, kleine sauber gehaltene
+G&auml;rtchen schlie&szlig;en sich daran, und vor den Th&uuml;ren spielen Kinder
+&mdash; kleine schwarze, braune und gelbe lachende Gestalten
+mit frohem Jubel her&uuml;ber und hin&uuml;ber, von alten Leuten dabei
+beaufsichtigt die, zu alt zum Arbeiten, von ihren Herren
+jetzt das Gnadenbrod bekommen, und ihre &uuml;brige Lebenszeit,
+die ihnen Gott noch giebt, in Ruhe und Frieden verleben
+d&uuml;rfen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ruhe und Frieden! &mdash; dem alten Manne da, der das
+Kind auf dem Schoo&szlig;e h&auml;lt und h&auml;tschelt und es k&uuml;&szlig;t &mdash; Ihr
+k&ouml;nnt vom Boot aus die Thr&auml;nen nicht sehn, die ihm die
+dunklen, tiefgefurchten Wangen hinunter rollen &mdash; ist vor drei
+Tagen seine Enkelin, ein bildh&uuml;bsches M&auml;dchen von achtzehn
+Jahren, nach Kentucky hinauf verkauft, und ein anderer Enkel
+von ihm, ein junger Bursch von zw&ouml;lf Jahren, wurde blutig
+gepeitscht, weil er die Ruthen nicht selber, wie es der Aufseher
+befahl, von den Weiden schneiden wollte, mit denen die eigene
+Mutter geschlagen werden sollte. Der Knabe liegt jetzt da
+drinnen &mdash; in demselben freundlichen Haus vor dem der alte
+Feigenbaum steht &mdash; auf seinem harten Lager, mit blutigen,
+geschwollenen Gliedern und &auml;chzt und st&ouml;hnt, und der Alte hat
+das kleine Kind auf dem Schoo&szlig;, und k&uuml;&szlig;t es und herzt
+es, und sieht im Geist schon die Peitsche gehalten, h&ouml;rt die
+scharfen entsetzlichen Streiche, die auf die zarte Haut des Lieblings
+niederfallen werden.</p>
+
+<p>&raquo;Seht die reizenden Wohnungen an&laquo; haben viele Reisende
+geschrieben &mdash; &raquo;wie behaglich und warm sind eben diese
+<span class="wide">Sclaven</span> hier gebettet, und m&ouml;chten sie mit den ungl&uuml;cklichen
+Armen unseres eigenen Vaterlandes tauschen, die mit fr&ouml;stelnden
+Gliedern, in erb&auml;rmlichen zugichen H&uuml;tten ihre trockene
+Brodrinde oder faule Kartoffeln kauen, und sich das Haar raufen
+wenn ihnen die Kinder die &Auml;rmchen entgegenstrecken und
+<span class="wide">umsonst</span> nach Nahrung schreien?&laquo; &mdash; Ich wei&szlig; es nicht; aber
+<span class="wide">ein</span> Elend wird nicht durch das andere gehoben, und tausende
+und tausende von ihnen w&uuml;rden lieber die letzte Brodrinde mit
+dem Kind theilen und mit ihm hungern, als da&szlig; sie es aus
+ihren Armen gerissen s&auml;hen, einem anderen, nicht geringeren
+Elend entgegengeschleudert zu werden. Die Wei&szlig;en, die den
+lockeren sittlichen Verh&auml;ltnissen jener Staaten nach, und in dem
+ungest&ouml;rten unantastbaren Recht des <span class="wide">Herrn</span> schon alle Familienbande
+ihrer Sclaven au&szlig;erdem mit F&uuml;&szlig;en treten, zerrei&szlig;en
+diese auch nach Gutd&uuml;nken durch Verkauf der einzelnen
+Glieder &mdash; der kleine Kreis der Sclaven, der nach schwerer
+Arbeit um das Feuer seiner H&uuml;tte sitzt, kann er selbst dieses
+Gl&uuml;ck in Ruh genie&szlig;en, wo er nicht sicher ist, ob nicht des
+Herren Wille schon morgen, schon heute Nacht, das liebste
+Kind aus ihrer Mitte nimmt &mdash; das vom Bord des Dampfers
+noch einmal die H&auml;nde nach ihnen hin&uuml;berstreckt, und todt &mdash;
+verloren ist f&uuml;r sie auf immer?</p>
+
+<p>Die Sclaverei, das Brandmal der Civilisation, wird immer
+ihre Vertheidiger finden, die aus Eigennutz oder Unwissenheit
+diesem Fluch der Menschheit das Wort reden, und den
+faulen giftigen Kern mit der hie und da glatten Rinde entschuldigen
+wollen, wer aber in ihrem Kreis gelebt, die zitternden
+Gesch&ouml;pfe unter dem Hammer des eisbl&uuml;tigen Tabakskauenden
+Auktionators gesehn, und die Thr&auml;nen gez&auml;hlt hat,
+wer dem Elend gefolgt ist, mit dem der Eigennutz hier unter
+dem frechen Schutz <span class="wide">christlicher</span> Gesetze <span class="wide">Menschen</span> foltert,
+der wird sich nur mit Abscheu von dem Elend wenden, dem er
+nicht steuern kann und darf &mdash; ob's ihm auch fast das Herz
+manchmal zerrei&szlig;t.</p>
+
+<p>Aber vorbei &mdash; vom Dampfboot aus sehen wir Nichts
+von alle dem; nur die freundlichen D&auml;cher blitzen zu uns her&uuml;ber
+aus dem Gr&uuml;n des Buschwerks, und die gesch&auml;ftigen regen
+Gruppen, klein und zierlich mit scharfen Umrissen in der
+reinen Luft wie auf dem Spiegelbild einer <i>camera obscura,</i>
+geben der Scene ihren heiteren lebendigen Charakter.</p>
+
+<p>Das Boot schie&szlig;t und sch&auml;umt jetzt dicht am Ufer hin,
+und seine wildtanzenden Schlagwellen die hinter den R&auml;dern
+drein tanzen, waschen und schleudern an dem so schon genug
+unterw&uuml;hlten Ufer auf, und hetzen vergeblich hinter dem
+davonbrausenden Fahrzeug drein. Dort auf der Lev&eacute;e spielt
+ein munterer Trupp Creol-Poneys; die kleinen lebhaften
+Thiere halten, wie sie das riesige Fahrzeug herankommen sehn,
+wiehern und schnauben ihm mit offenen N&uuml;stern entgegen,
+und stampfen den weichen Boden mit den unbeschlagenen Hufen,
+bis es ihnen fast gegen&uuml;ber ist &mdash; Wetter noch einmal
+wie sie da die dicken langen M&auml;hnen und die Schweife emporwerfen,
+und klappernd und tollend geht's die Lev&eacute;e entlang in
+wildem Lauf. &mdash; Hier treiben sich kleine Negerkinder am Ufer
+auf und ab; ein ganzer Schwarm ist's, und sie suchen St&uuml;cken
+schwimmenden Holzes aus der Fluth zu fischen, die der Strom
+zu ihnen niederf&uuml;hrt. Eine alte Negerin sitzt dabei und pa&szlig;t
+auf die unb&auml;ndigsten, da&szlig; sie sich nicht zu keck hinauswagen
+an den t&uuml;ckischen Uferrand, der oft nur noch oben den d&uuml;nnen
+Rasen &uuml;ber einen verr&auml;therisch darunter kochenden Wirbel
+spannt. Selbst ihre alte Haut w&auml;re vor Strafe nicht sicher,
+wenn sie eines der Kinder verungl&uuml;cken lie&szlig;e, denn sie sind fast
+so werthvoll wie die glatthaarigen feurigen Poneys dort.</p>
+
+<p>Wie die kleine Bande schreit und singt und tanzt und
+jauchzt, als das Boot in Steinwurfs-N&auml;he an ihnen vor&uuml;ber
+rauscht &mdash; gl&uuml;ckliche Kinderzeit, in der die ganze Welt noch im
+rosigen Lichte liegt &mdash; selbst dem Sclaven.</p>
+
+<p>Vor&uuml;ber w&uuml;hlt sich das Boot seine Bahn &mdash; ha was ist
+das? &mdash; was liegt da so gestreckt und glitternd in der Sonne
+mit seiner Schuppenhaut, blinzelt mit den kleinen t&uuml;ckischen
+Augen halb scheu halb trotzig her&uuml;ber, und hebt den langen
+h&auml;&szlig;lichen Kopf empor? &mdash; ein Alligator ist's, ein t&uuml;chtiger
+Bursch, der seine f&uuml;nfzehn Fu&szlig; wohl mi&szlig;t, und sich hier sonnen
+wollte auf dem weichen feuchten, warmen Rasen, bis ihn
+die keuchende Maschine aufgest&ouml;rt. Das Boot will vorbei,
+aber er traut dem Frieden nicht; m&uuml;&szlig;ige Gesellen an Bord
+haben ihm schon ein paar Mal im Vor&uuml;berfahren die scharfen
+Kugeln auf den Pelz gebrannt und wenn es ihm auch
+gerade nicht schadete, war's ihm doch auch nicht eben angenehm.
+Jetzt regt er sich &mdash; es ist Zeit, denn der eine Caj&uuml;tenpassagier
+ist richtig schon hineingesprungen in seine Coye
+seinen Reifel<a href="#g3fn11"><small><sup>11</sup></small></a><a name="g3fn11r" id="g3fn11r"></a> zu holen f&uuml;r das bequeme Ziel.</p>
+
+<p>&raquo;Dort liegt er!&laquo; zwanzig Arme deuten hin&uuml;ber und freuen
+sich auf den Schu&szlig;, aber wie ein Stein rollt die schwerf&auml;llige
+Gestalt hinein in's Wasser, und die ihm etwas zu sp&auml;t nachgeschickte
+Kugel zischte in die Fluth die &uuml;ber ihm zusammenschl&auml;gt.</p>
+
+<p>Weiter &mdash; weiter &mdash; der Dampfer h&auml;lt mehr in die Mitte
+des Flusses hinaus, einer Sandbank zu entgehen die sich an
+dieser Stelle hin gebildet hat, und dem tiefgehenden Boot gef&auml;hrlich
+werden konnte. Ha was schwimmt dort im Strom
+&mdash; ein gro&szlig;er Vogel, der die Reise zu Flo&szlig; nach New-Orleans
+macht? &mdash; es ist ein Aasgeier, der auf einem ertr&auml;nkten und
+h&auml;&szlig;lich angeschwollenen Rinde sitzt, an dem er sich &uuml;ber und
+&uuml;ber ges&auml;ttigt hat, und nun zu faul oder zu vollgefressen ist
+hier aus der Mitte des Stromes das feste Land wieder zu erreichen;
+er wartet ruhig bis sein ekles Fahrzeug n&auml;her zum
+Ufer kommt, oder treibt auch wohl noch mit bis zum anderen
+Morgen, den guten Bissen nicht sogleich zu verlieren.</p>
+
+<p>Und da dr&uuml;ben? &mdash; Pilot um Gottes Willen ist das
+nicht eine menschliche Leiche die da schwimmt? &mdash; Wo? &mdash; dort?
+wohl m&ouml;glich, das kommt oft vor und treibt wohl von
+Vicksburg oder Natchez oder aus Arkansas und dem Redriver
+nieder &mdash; &raquo;Aber wollen Sie nicht das Boot hin&uuml;berschicken? &mdash;&laquo;
+&raquo;Boot hin&uuml;ber schicken wegen dem Cadaver? &mdash; Bah, da h&auml;tten
+wir viel zu thun; der ist gut aufgehoben.&laquo;</p>
+
+<p>Weiter &mdash; weiter &mdash; was das f&uuml;r wunderliche Boote
+oder Fahrzeuge sind, denn Boote kann man sie nicht nennen,
+die mit vier oder f&uuml;nf schl&auml;frigen Gesellen an Bord, ohne R&auml;der,
+ohne Segel langsam den Strom niedertreiben. Unf&ouml;rmlichen
+Kasten gleich, viereckig, von sechzig bis achtzig Fu&szlig; lang,
+und zwanzig Fu&szlig; breit, f&uuml;nf oder sechs Fu&szlig; hoch mit einem
+rohen Gestell von Bretern von denen queer&uuml;bergebogene auch
+das Dach bilden, aufgerichtet. Ein langes Ruder (von denen
+eines vorn und eines hinten angebracht ist, denn es bleibt sich
+gleich wie sie treiben), dient dazu es wenigstens in etwas zu
+steuern, und ein paar, oft auch zwei paar eben solche lange
+Seitenruder <i>sweeps</i> genannt, die finnen&auml;hnlich an den Seiten
+sitzen und nur aus einem kurzen Bret an einer Stange schr&auml;g
+genagelt bestehn, dienen dazu manchmal das schwerf&auml;llige
+Fahrzeug einem drohenden <i>snag</i>,<a href="#g3fn12"><small><sup>12</sup></small></a><a name="g3fn12r" id="g3fn12r"></a> einer Sandbank, oder einer
+unbequemen Gegenstr&ouml;mung aus dem Weg zu schieben. Die
+Arbeit ist aber anstrengend, und wenn nicht ein <span class="wide">mu&szlig;</span> da ist,
+r&uuml;hren sich die faulen Burschen gewi&szlig; nicht.</p>
+
+<p>Aber diese Archen &mdash; und sie werden in der That oft so
+genannt &mdash; so unscheinbar und roh sie aussehn, f&uuml;hren nicht selten
+kostbare Ladungen den Strom hinunter; Mehl und Fleisch,
+Whiskey, &Auml;pfel, Mais, Butter, H&uuml;hner, Schmalz, wildes
+Heu, Tabak, getrocknetes Obst, Fa&szlig;dauben und Reifen und
+lebendiges Vieh, Rinder, Schaafe, Schweine, Pferde, Maulthiere.
+In den St&auml;dten des S&uuml;dens dann angekommen, landen
+sie ihr Boot, dessen vorderer Theil gleich zu einer Art
+Verkaufslokal, ziemlich frei von Waaren gelassen ist, und verkaufen
+nicht allein ihre Ladungen sondern auch das ganze
+Fahrzeug, dessen Planken auseinander geschlagen und wieder
+benutzt werden. Die Verk&auml;ufer aber, die Monate lang dazu
+gebraucht aus den verschiedenen Fl&uuml;ssen, Ohio und Missouri,
+Arkansas und Redriver, ja selbst aus den n&ouml;rdlichsten Str&ouml;men
+des gro&szlig;en Reiches, aus dem Illinois und Foxriver niederzuschwimmen,
+fahren an Bord der Dampfer in wenigen Tagen
+jetzt wieder zur&uuml;ck in ihre Heimath, vielleicht ein neues Boot
+bauen zu helfen und dieselbe Fahrt von vorne zu beginnen.</p>
+
+<p>Wie sich so leise der blaue Rauch aus den flachen nieder
+geduckten Booten stiehlt, und langsam und gerade in die H&ouml;he
+wirbelt &mdash; die Leute kochen ihr Abendbrod, und wenn es Nacht
+wird fahren sie an das n&auml;chste Land, werfen ein Tau um einen
+irgendwo eingest&uuml;rzten oder selbst noch stehenden Baum, und
+liegen daran, bis ihnen Tageslicht wieder die freie Bahn zeigt,
+und sie nicht mehr der Gefahr ausgesetzt sind im Dunkel irgendwo
+auf den Strand zu treiben oder von einem, wenig
+darnach fragenden Dampfer &uuml;berrannt zu werden.</p>
+
+<p>Weiter &mdash; weiter der Abend naht &mdash; &uuml;ber den Strom
+streichen lange Z&uuml;ge von Wildenten und G&auml;nsen &mdash; dort dr&uuml;ben
+an der kleinen Insel die mitten im Flu&szlig; liegt &mdash; der Mississippi
+z&auml;hlt deren einige achtzig &mdash; hat sich ein gro&szlig;es Volk
+Pelikane auf der Sandbank zu Ruh gesetzt &mdash; sie schauen dem
+weit von ihnen ab vorbeibrausenden Dampfer ruhig nach, und
+nur manchmal &auml;rgerlich nach einem unfern von ihnen auf einem
+alten Stamm sitzenden Loon oder Wassertruthahn hin&uuml;ber,
+der ihnen mit seinem monoton melancholischen Schrei zu viel
+L&auml;rmen an dem stillen Abend macht. Dort in den Wipfeln
+jener Cypressen geht ein Volk wei&szlig;er und blauer Reiher zu
+Ruh; schlanke langhalsige Burschen, die sich die h&ouml;chsten Spitzen
+der B&auml;ume aussuchen, darauf zu schaukeln. &mdash; Und die Nacht,
+wie sie so still durch den Wald zieht, erst die B&uuml;sche und
+Dickichte f&uuml;llt und die Schluchten, dann weiter und weiter
+pre&szlig;t und sich zuletzt erst, wenn der Wald schon in tiefem
+Schweigen ruht, mit wei&szlig;lichem Hauch auf den Strom legt,
+der jetzt noch einmal so rasch zu laufen, noch einmal so laut
+zu rauschen scheint.</p>
+
+<p>Wie die Maschine da klappert, die R&auml;der schlagen und
+sch&auml;umen, und der Dampf so scharf und zischend aus den
+schlanken R&ouml;hren f&auml;hrt. Und die Fluth quirlt so dick und
+t&uuml;ckisch darunter hin, und hebt sich und springt hinten nach,
+wie ein bissiger K&ouml;ter, der schnappend nach dem stolz vorbeitrabenden
+Ro&szlig; hin&uuml;ber f&auml;ngt.</p>
+
+<p>Die Arbeiter an den Plantagen ziehn zu Haus, muntere
+Lieder t&ouml;nen von dort her&uuml;ber wo die kleinen Feuer sichtbar
+werden, die Leute haben einen Arbeitstag hinter und eine freie
+Nacht vor sich, warum sollen sie nicht fr&ouml;hlich sein? &mdash; bis die
+Negerglocke morgen fr&uuml;h um 4 Uhr t&ouml;nt d&uuml;rfen sie ruhen.</p>
+
+<p>Und vorw&auml;rts w&uuml;hlt und klappert und schnaubt das
+Boot; die Gluth der unter den Kesseln gesch&uuml;rten Feuer wirft
+einen rothen unheimlichen Schein links und rechts hinaus auf
+die Fluth, und vor den Kesseln, mit langen Sch&uuml;rstangen in
+der Hand, mit nacktem Oberleib, an dem der Schwei&szlig; in
+Str&ouml;men niedertr&auml;uft, die Gesichter und Arme geschw&auml;rzt, und
+die Stirnen so hei&szlig; und gl&uuml;hend fast wie der Heerd an dem
+sie arbeiten, stehen die Feuerleute des Boots, r&uuml;hren die flammenden
+Scheite durch- und ineinander, und werfen neue ein
+in die kleine &Ouml;ffnung die zu dem Zweck &uuml;ber den Th&uuml;ren gelassen.
+Es sind Neger und Wei&szlig;e &mdash; meist freie Schwarze,
+oft aber auch Sclaven und zwischen ihnen die S&ouml;hne aller
+St&auml;nde, fast aller Welttheile, die mit der Sch&uuml;rstange und
+dem hei&szlig;en Schwei&szlig; sich ihr Brod verdienen m&uuml;ssen im Lande
+der Freiheit. Manche Hand, die sich sonst nicht ohne glacirtes
+Leder der Luft preisgab hat hier den eisernen Sch&uuml;rer gef&uuml;hrt,
+und mit dem Eimer die schmutzige Fluth heraufgezogen, einen
+frischen Labetrunk zu thun; manches Mutters&ouml;hnchen, das zu
+Hause geh&auml;tschelt und gepflegt und verzogen wurde, und den
+Zug meiden mu&szlig;te und die kalte Nachtluft, hat hier eingeholt,
+was es daheim vers&auml;umt, und ist mit triefender Stirne und
+von der schweren Arbeit zitterndem K&ouml;rper, hinausgesprungen
+auf den offenen Gangweg, von dem kalten einigen Luftstrom
+der sich dem Boot entgegenwarf die fieberhei&szlig;en Glieder k&uuml;hlen
+zu lassen und dann von Neuem in das Gluthenmeer der Kessel
+einzutauchen. Grafen und Barone, Referendare und Lieutenants
+haben neben und mit dem z&auml;heren Neger hier schon oft
+geheitzt, mit ihm aus einer Sch&uuml;ssel gegessen, in einem Raum
+geschlafen, wie er behandelt und bezahlt und &mdash; sind nicht
+schlechter dadurch geworden; aber kr&auml;ftiger und gesunder &mdash;
+wer von ihnen es eben aushielt und nicht vielleicht in New-Orleans
+im Pottersfield<a href="#g3fn13"><small><sup>13</sup></small></a><a name="g3fn13r" id="g3fn13r"></a> oder an irgend einer Holzladung
+im Mississippi-Sumpf abgeladen und eingescharrt wurde.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Flatboot ahead &mdash; look out to starbord!</i>&laquo; schreit der
+Mann der ganz vorn oben auf das oberste Deck (<i>hurricane
+deck</i>) gestellt ist, dem Lootsen, der in dem kleinen Glashaus
+oben aufsteht, Nachricht zu geben wenn er irgend etwas im
+Strom sieht, das dem Boot gef&auml;hrlich werden k&ouml;nnte, oder das
+sie vermeiden m&uuml;ssen &mdash; das Steuerrad dreht sich rasch, den
+Bug des Dampfers nach Larbord hin&uuml;ber zu werfen, und dicht
+an ihnen vorbei, so dicht da&szlig; das Radhaus den einen auf
+Decke gelegten <i>sweep</i> des unbeh&uuml;lflichen Fahrzeugs fa&szlig;t und
+abrei&szlig;t, und die dunkle schwerf&auml;llige Masse wie ein Schatten
+an ihnen vor&uuml;ber fliegt, schie&szlig;t das Boot vorbei. An Deck
+des Flatboots aber rennt die erschreckte und f&uuml;r Fahrzeug und
+Leben nicht mit Unrecht besorgte Mannschaft wild und kopflos
+durch einander, und schreit und flucht noch drohend nach, wie
+die Gefahr schon lange f&uuml;r sie vor&uuml;ber ist, und die nachsch&auml;umenden
+Wellen den ungelenken Kasten nur noch tanzen und
+schaukeln machen.</p>
+
+<p>Wie der Mond jetzt dort so still und freundlich &uuml;ber den
+niederen dunklen Waldstreifen heraufsteigt, und sein mildes
+Licht &uuml;ber die lauschigen Pl&auml;tze am Ufer, &uuml;ber das matt
+glitzernde Wasser des Stromes gie&szlig;t; dicht am Land schnauben
+wir wieder hin, und k&ouml;nnen jetzt das Rauschen der hohen stattlichen
+B&auml;ume, das Quaken der Fr&ouml;sche h&ouml;ren, die in den
+S&uuml;mpfen drin ihre Nacht feiern. Und dort? &mdash; o wie so s&uuml;&szlig;
+der leise Fl&ouml;tenlaut des <i>mocking bird</i> klingt, der sich im niedern
+Busche sein Nest gebaut hat, und jetzt die Kleinen in
+Schlaf singt, die auf den Zweigen tr&auml;umen &mdash; die Amerikanische
+Nachtigall nennen ihn die Creolen, und er verdient's.
+Wie sich das so heimlich f&auml;hrt, so dicht am Ufer hin, wenn
+man die Wellen an den Damm pl&auml;tschern und das Lachen und
+Sprechen von Menschen am nahen Lande h&ouml;rt, in Sprunges
+N&auml;he fast an ihnen hingleitet und doch in einer ganz anderen,
+ganz verschiedenen Welt als jene lebt. Wie es dem
+Luftschiffer zu Muthe sein mag, der in stiller Nacht langsam
+und tief &uuml;ber dem gro&szlig;en Ameisenhaufen, den wir Menschen
+eine Stadt nennen, hingleitet, nieder in die erleuchteten Fenster,
+auf die rauchenden Schornsteine sieht, und dem Summen
+und Treiben der lebendigen Welt unter sich, der er in diesem
+Augenblick nicht mehr geh&ouml;rt, dann lauscht; so braust das
+Boot, eine kleine abgeschlossene Welt in sich selber mit seiner
+staatlichen und b&uuml;rgerlichen Einrichtung, dem Ufer fremd an
+dem's vor&uuml;berschie&szlig;t, dicht an dem dunklen Lande hin. Am
+Ufer dr&uuml;ben gr&uuml;nt's und bl&uuml;ht's, die Blumen duften st&auml;rker
+in der Nacht dort, im traulichen Familienkreis sammeln sich
+die Glieder um den geselligen Tisch &mdash; Hunde bellen &mdash; G&auml;nse
+schnattern und die regelm&auml;&szlig;igen Schl&auml;ge der Axt, die Brennholz
+in die K&uuml;che liefert, t&ouml;nen noch, selbst durch die Nacht
+im Takt her&uuml;ber &mdash; Alles fremde Laute, und nicht dieser Welt
+geh&ouml;rig, in der die Sch&uuml;rstange die blitzenden Funken zum
+schwarzen hohen Schlot hinaus gegen den dunklen Himmel
+jagt, und das Rasseln und Klappern der Maschine, das dumpfe
+Brausen der R&auml;der, den Sang der Nachtigall vertreten mu&szlig;.</p>
+
+<p>Weiter &mdash; weiter &mdash; dort dr&uuml;ben leuchtet ein Feuer am
+Ufer, von einem Neger gesch&uuml;rt, der hier den Mosquitos zum
+Trotz die Wache hat. Es ist das ein Zeichen f&uuml;r die Dampfboote
+da&szlig; dort Holz zu verkaufen liegt, und die Landung gut
+ist, und der Neger, wenn er auf solche Art ein Boot in der
+Nacht zum Landen bringt, hat einen Viertel Dollar Pr&auml;mie
+von seinem Herrn &mdash; daf&uuml;r mu&szlig; er sich aber den Schlaf selber
+abstehlen und z&uuml;ndet manches Feuer vergebens an. Die Glocke
+l&auml;utet jetzt, die Heizer werfen die Th&uuml;ren auf, aus denen eine
+Gluth herausstr&ouml;mt Blei schmelzen zu machen, und die ihnen
+oft auf viele Schritte Entfernung die Kleider am Leib versengt,
+und Blasen in die Haut zieht. Der breite Bug dreht sich dem
+Lande zu, von dessen Lev&eacute;e aus Hunde klaffen, und Stimmen,
+auf die Frage von Deck aus, Preis und Art des Holzes her&uuml;berschreien.
+Vorn zu Starbord, ein zusammengerolltes Tau in
+der Hand, steht ein Matrose zum Wurf bereit, und sobald das
+Ende nur das Ufer erreichen kann, springen Neger, von denen
+indessen eine Menge zusammengelaufen, hinzu es zu fangen.
+Jetzt fliegt es aus, wird gefa&szlig;t, in Land gezogen dort in Hast
+um einen Baum oder Stumpf geschlagen und &raquo;<i>hawl in!</i>&laquo; t&ouml;nt
+der Ruf; die <i>deckhands</i> an Bord fassen zu, und holen das
+Tau zur&uuml;ck an Bord so weit es reicht, es dort zu festigen,
+Planken werden ausgesto&szlig;en und die Bootsmannschaft mit einem
+Theil der Zwischendeckspassagiere, die ihre Passage billiger
+bekommen wenn sie sich verpflichten mit Holz zu tragen, str&ouml;men
+hinaus, schichten die einzelnen Scheite der lang aufgestapelten
+&raquo;Korde&laquo; auf die Schultern, und eilen damit an Bord
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Wie eigen doch das aussieht &mdash; die hellen Feuer die auf
+der Lev&eacute;e jetzt zu lichter Gluth gesch&uuml;rt werden, da&szlig; sie hoch
+aufflammen und den Platz erleuchten, die neugierigen Gesichter
+der Neger mit den gro&szlig;en blitzenden Augen und hellen prachtvollen
+Z&auml;hnen, in ihren wei&szlig;en Jacken und R&ouml;cken, M&auml;nner,
+Frauen und Kinder, die den Ort mit einem gewissen Wohlbehagen
+umdr&auml;ngen auch einmal wei&szlig;e Leute arbeiten zu sehn &mdash; eben
+wie Neger; der Verk&auml;ufer des Holzes selbst, gew&ouml;hnlich
+der Oberaufseher der Plantage, in lichtgestreifter
+Jacke und Hose, den breitr&auml;ndigen Hut auf und das Pferd,
+von einem der Sclaven gef&uuml;hrt, gesattelt hinter sich, mit den
+wildmalerischen Gestalten der Dampfbootleute, die sich neues
+Material holen f&uuml;r ihr n&auml;chtiges Werk. Rechts davon der
+stille Frieden des Landhauses mit seinen lauschigen Schatten,
+links das wei&szlig;gemalte Boot mit den vielen hellerleuchteten
+Th&uuml;ren und Fenstern, den buntgekleideten und gemischten Gestalten
+auf seiner Gallerie, und den riesig dunklen Schornsteinen,
+wie es da innerlich kochend und brausend aber festgebunden
+liegt, und nur mit den R&auml;dern noch langsam, fast wie
+ungeduldig, gegen die Str&ouml;mung anarbeitet, einem gefesselten
+Stier nicht un&auml;hnlich der mit den F&uuml;&szlig;en scharrt, und den
+Augenblick nicht erwarten kann der ihm wieder den Gebrauch
+seiner m&auml;chtigen Glieder giebt.</p>
+
+<p>Wieder t&ouml;nt die Glocke! &raquo;Alle an Bord&laquo; schallt der, den
+Leuten willkommene Ruf des Steuermanns &mdash; was noch am
+Lande ist und dort nicht hingeh&ouml;rt eilt zur&uuml;ck, die Planken werden
+eingeholt &raquo;<i>let go!</i>&laquo; das Tau am Ufer losgeworfen, der
+Bug vom Lande mit langen dazu besonders gehaltenen Stangen
+abgesto&szlig;en, und sch&auml;rfer schlagen die R&auml;der ein &mdash; h&ouml;her
+kr&auml;uselt die Fluth am Bug; der Kolo&szlig; ist frei und arbeitet wieder,
+seine Bahn verfolgend, in den Strom hinaus.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap6" id="kap6"></a>Capitel 6.</h2>
+
+<h3>Leben an Bord des Dampfers.</h3>
+
+<p>Aber wir m&uuml;ssen uns auch zu dem Inneren des gewaltigen
+Bootes wenden, denen tausende unserer Landsleute Leben
+und Eigenthum auf Tage und Wochen anvertrauen, ihr weit
+im Lande d'rin gelegnes Ziel, sei es, in welchem Staat es
+wolle, zu erreichen.<a href="#g3fn14"><small><sup>14</sup></small></a><a name="g3fn14r" id="g3fn14r"></a></p>
+
+<p>In der Caj&uuml;te, einem sehr geschmackvoll eingerichteten
+ger&auml;umigen Salon, der an beiden Seiten seine bequemen
+<i>staterooms</i> oder Einzelcaj&uuml;ten f&uuml;r zwei Passagiere zusammen
+hatte, war die gr&ouml;&szlig;te Zahl der Reisenden um die lange Tafel
+versammelt, die in der Mitte stand, und bei den Mahlzeiten
+zum E&szlig;tisch, sp&auml;ter in ihren einzelnen Theilen auseinander
+genommen, meist zu Spieltischen verwandt wurde. Hie und
+da hatte sich auch schon ein kleines Spiel arrangirt, und sich
+drei und drei zu einer Parthie Whist oder Eucre, oder zwei
+zu einem Schach oder Domino zusammengefunden; die Leute
+waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden.
+Das unbehagliche Gef&uuml;hl, sich selber fremd an einem Ort zu
+wissen, den man auf kurze Zeit zu seiner Heimath machen
+soll, hatte sich noch nicht &uuml;berwinden lassen, und Manche gingen
+auch, theils allein, theils in Gesellschaft, in der Caj&uuml;te
+auf und ab, miteinander plaudernd und eben Bekanntschaft
+kn&uuml;pfend.</p>
+
+<p>Hopfgarten allein hatte noch eine Zeitlang volle Besch&auml;ftigung
+seine Coye, wie er sich das schon fr&uuml;her gedacht
+und ausgemalt, ordentlich herzurichten. Ein <i>life preserver</i>
+(Lebenserhalter) ein gro&szlig;er Ring von luftdichtem Zeug zum
+Aufblasen, hing vor allen Dingen &uuml;ber seinem Bett; er war
+dabei so fest &uuml;berzeugt da&szlig; sie auf dieser Fahrt irgend ein &mdash; <span class="wide">Ungl&uuml;ck</span> konnte
+er es eigentlich nicht nennen, &mdash; aber irgend
+einen Zufall haben w&uuml;rden, da&szlig; er dem Professor schon die
+bittersten Vorw&uuml;rfe gemacht hatte, sich nicht besser auf etwas
+derartiges vorgesehn, und besonders f&uuml;r die Damen die n&ouml;thigen
+Vorkehrungen getroffen zu haben. Au&szlig;erdem hatte er
+aber, auch nach anderer Seite hin ger&uuml;stet zu sein, einen
+zweischneidigen Dolch und ein paar Pistolen bei sich, von denen
+der erste vorn unter seiner Weste, dem Auge verborgen,
+der Hand aber erreichbar, ruhte. Aber das nicht allein; er
+f&uuml;hrte auch eine kleine Taschenapotheke mit, in der Heftpflaster,
+Charpie, Wundbalsam etc. etc. einen sehr vorragenden
+Platz einnahmen; ebenso war er mit Lanzetten, Verb&auml;nden,
+Bandagen etc. versehn, und besa&szlig; in der That Alles, einen
+menschlichen K&ouml;rper nach allen Arten von Hieb-, Stich- und
+Schu&szlig;wunden, Quetschungen, Br&uuml;chen etc. etc. wieder soviel
+nur irgend m&ouml;glich auf die Beine zu helfen.</p>
+
+<p>Nachdem er die&szlig; nun Alles, soweit sich das hier thun
+lie&szlig;, sorgsam geordnet und zum augenblicklichen Gebrauch bereit
+gelegt, trat er durch die allgemeine Caj&uuml;te auf das vorn
+liegende Boilerdeck hinaus, wo Professor Lobenstein, die H&auml;nde
+auf dem R&uuml;cken, dem Gewirr von Sprachen und Menschen ein
+klein wenig entzogen zu sein, still und allein spatzieren ging, sich
+aber nicht besonders wohl darin zu f&uuml;hlen schien. Unbehaglich
+dabei war ihm schon die, allerdings sonst h&ouml;chst wohlth&auml;tige
+Einrichtung an Bord, die Herren und Damen, au&szlig;er der Tischzeit
+in abgesonderte R&auml;ume verwiesen und getrennt zu sehn.
+<span class="wide">Den</span> Herren allerdings die Damen ihrer Verwandtschaft an
+Bord haben, ist es gestattet unter Umst&auml;nden die Damencaj&uuml;te
+zu betreten, aber die Menge <span class="wide">fremder</span> Damen <ins title="Original hat verleitete">verleidete</ins> ihm
+das bald, w&auml;hrend es Herrn Hopfgarten den Besuch direkt
+abschnitt und unm&ouml;glich machte. Er konnte sich nur
+bei dem Professor nach ihrem Wohlbefinden erkundigen, und
+wie er dar&uuml;ber gute Auskunft erhalten, gingen die beiden
+M&auml;nner, jeder mit seinen Gedanken besch&auml;ftigt, eine Weile nebeneinander
+auf und ab, als Hopfgarten, jedenfalls seinen bis
+dahin verfolgten Ideeen Worte gebend, pl&ouml;tzlich sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich wei&szlig; doch nicht &mdash; sein Betragen in der letzten
+Zeit hat mir gar nicht gefallen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wessen Betragen?&laquo; frug der Professor erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Wessen Betragen? Henkels.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie kommen Sie denn jetzt auf Henkel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sprachen wir denn nicht von ihm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben nicht daran gedacht; aber wie so &mdash; wie verstehn
+Sie das? sein Betragen in gesellschaftlicher Beziehung
+da wei&szlig; ich doch nicht; er hat sich immer h&ouml;chst anst&auml;ndig
+benommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh das dank' ihm der Teufel!&laquo; rief Hopfgarten rasch,
+&raquo;nein ich meine sein Betragen gegen seine Frau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Nichts bemerkt was mir aufgefallen w&auml;re&laquo;
+sagte der Professor gutm&uuml;thig.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sehr leicht m&ouml;glich&laquo; meinte Hopfgarten,
+&raquo;auff&auml;llig war aber jedenfalls, da&szlig; die beiden Leutchen die
+letzten Tage gar nicht mehr zusammen an Deck erschienen sind,
+oder wenn es geschah, kein Wort mit einander gewechselt haben.
+Was ich nicht gleich an Bord bemerkte oder beachtete,
+ist mir nachher, bei ruhigerem Nachdenken erst wieder ein- und
+aufgefallen und es mu&szlig; etwas, kurz vor unserer Landung
+zwischen den beiden Gatten vorgefallen sein, was sie uns &uuml;brigen
+Passagiere eben nicht wollten merken lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn das wirklich der Fall war, so hatten sie da aber
+auch vollkommen recht&laquo; lachte der Professor &mdash; &raquo;es mu&szlig; nicht
+Alles gleich an die gro&szlig;e Glocke geschlagen werden, was zwischen
+Eheleute tritt und sie vielleicht auf kurze Stunden entzweit &mdash; das
+Alles gleicht sich dann bald wieder aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja das ist allerdings richtig&laquo; sagte Hopfgarten nachdenkend,
+&raquo;aber die pl&ouml;tzliche Krankheit der Dame dann nachher,
+das furchtbar bleiche Aussehn &mdash; das stille Wesen, sie die noch
+kurz vorher die lebendigste heiterste Frau unseres ganzen Schiffs
+gewesen war. Es kam uns nur das Land und die Landung
+und all das Neue dazwischen, und es thut mir jetzt wahrhaftig
+leid, nicht noch kurze Zeit in New-Orleans geblieben und der
+Sache besser auf die Spur gekommen zu sein. &mdash; Es war ein
+gar zu liebes nettes Weibchen,&laquo; setzte er nach kurzer Pause,
+wie mit sich selber redend, hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Bah, junge Eheleute haben auch manchmal einen kleinen
+Tanz miteinander&laquo; sagte der Professor kopfsch&uuml;ttelnd, &raquo;und
+wenn das zum ersten Mal kommt, nimmt sich's die junge
+Frau gew&ouml;hnlich um so mehr zu Herzen, weil sie vielleicht bis
+dahin geglaubt hat, da&szlig; so etwas in <span class="wide">ihrer</span> Ehe gar nicht vorfallen
+k&ouml;nne, und solche Entt&auml;uschung ist immer schmerzlich.
+Das giebt sich aber bald, und sind nur Gewitterwolken, die
+um so rascher wieder dem sch&ouml;nsten blauen Himmel weichen
+m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm &mdash; ja &mdash; ich will es hoffen &mdash; wenn ich aber nur
+eine Idee h&auml;tte, da&szlig; der Mann <span class="wide">die</span> Frau schlecht behandelte
+oder ungl&uuml;cklich machte, wahrhaftig, ich kehrte mit dem n&auml;chsten
+Dampfboot wieder nach New-Orleans zur&uuml;ck und&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und?&laquo; &mdash; frug der Professor ihn lachend dabei anschauend
+&mdash; &raquo;und was wollten Sie dann nachher thun? wie
+und auf welche Art k&ouml;nnten Sie sich in die Familienverh&auml;ltnisse
+irgend eines Hauses mischen?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich forderte ihn!&laquo; rief Hopfgarten entschlossen.</p>
+
+<p>&raquo;Bah&laquo; sagte aber der Professor kopfsch&uuml;ttelnd, &raquo;damit
+w&uuml;rden Sie nicht einmal der Frau, noch weniger aber sich
+selber einen Gefallen thun &mdash; sich <span class="wide">mit</span> dem Mann <span class="wide">f&uuml;r</span> dessen
+Frau schlagen, hahahaha, das w&auml;re wahrhaftig nicht so &uuml;bel.
+&Uuml;brigens&laquo; setzte er hinzu, als Hopfgarten mit fest verschr&auml;nkten
+Armen finster und schweigend neben ihm auf- und
+abging &raquo;haben Sie sich da nur selber irgend etwas in den
+Kopf gesetzt, was wahrscheinlich nichts weiter ist als eine Geburt
+Ihrer Phantasie. Meine T&ouml;chter sind doch auch viel mit
+ihr zusammengewesen, und haben Nichts gemerkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben wahrscheinlich noch gar nicht mit ihnen dar&uuml;ber
+gesprochen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, allerdings nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun sehn Sie &mdash; die Sache geht mir furchtbar im Kopf
+herum, aber es l&auml;&szlig;t sich in diesem Augenblick freilich Nichts
+dagegen thun, und in einigen Wochen denke ich so wieder unten
+in New-Orleans zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So rasch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht etwas sp&auml;ter, das kommt eben auf Verh&auml;ltnis
+an; jedenfalls werde ich einige Zeit das n&ouml;rdliche Land durchkreuzen
+und den Mississippi nach verschiedenen Richtungen befahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihrem alten Projekte nach?&laquo; l&auml;chelte der Professor.</p>
+
+<p>&raquo;Zum Theil&laquo; lachte Hopfgarten, &raquo;aber doch auch in
+der Absicht das Land kennen zu lernen und dessen Charakter; ich
+bin deshalb besonders nach Amerika gekommen, und habe mir
+eben nur ein paar tausend Dollar zu der Reise ausgesetzt &mdash; sind
+die verthan, so gehe ich wieder nach Deutschland zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb ist Herr von Benkendroff eigentlich nach Amerika
+gegangen?&laquo; frug der Professor.</p>
+
+<p>&raquo;Gegr&uuml;ndete Ursache zu haben &uuml;ber Amerika schimpfen
+zu k&ouml;nnen&laquo; lachte Hopfgarten &mdash; &raquo;ich bin fest &uuml;berzeugt
+er hat keinen andern Grund. Ich freue mich schon darauf ihn
+nach einigen Wochen wieder zu sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden ihn dann aber schwerlich finden, denn er
+durchreist doch gewi&szlig; ebenfalls das Land.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommt aber auch sicher wieder nach New-Orleans zur&uuml;ck,
+und hat mir f&uuml;r dort schon seine Adresse gegeben. Doch es
+wird k&uuml;hl, wir wollen hineingehen; Sie spielen ja Schach, da
+k&ouml;nnen wir uns die Zeit mit einer Parthie vertreiben.&laquo;</p>
+
+<p>In dem gro&szlig;en hellerleuchteten Saal herrschte eine angenehme
+Temperatur; an den verschiedenen Tischen sa&szlig;en jetzt
+mannichfaltige Gruppen spielend oder plaudernd, mit einer
+Flasche Wein oder gemischten spiritu&ouml;sen Getr&auml;nken zwischen sich;
+es wurde gelacht und erz&auml;hlt und das Ganze, mit den dazwischen
+herumgehenden Aufw&auml;rtern die neuen Vorrath von Getr&auml;nken
+herbeitrugen, oder gebrauchte Gl&auml;ser fortschafften, gab der Caj&uuml;te
+fast das Ansehn eines gro&szlig;en ger&auml;umigen und sehr eleganten
+Caf&eacute;s in irgend einer bedeutenden Stadt &mdash; nur da&szlig;
+es &uuml;ber einen Krater gebaut stand, unter dem die Maschine
+h&auml;mmerte, die R&auml;der wirbelten, die Kessel siedeten, und oft
+schon gerade ein solches sorgloses Stillleben mit <span class="wide">einem</span> furchtbaren
+Schlag in Tod und Vernichtung geschleudert haben.
+<span class="wide">Ein</span> dumpfer Knall &mdash; ein Prasseln und Brechen, ein gellender
+Schrei, und die zerst&uuml;ckten Leichname der fr&ouml;hlichen lebenslustigen
+Menschen, die vergoldeten und mit Bildern behangenen,
+hellerleuchteten W&auml;nde flogen zerrissen, zerfleischt, zerst&uuml;ckt
+hinaus, und der gierige tanzende Strom spielte mit den entsetzlichen
+Resten.</p>
+
+<p>Aber was thuts? &mdash; wir k&ouml;nnen deshalb nicht langsamer
+fahren, weil das und jenes Boot einmal seinen Kessel
+sprengte, und eine Anzahl Passagiere zu fr&uuml;h in die Ewigkeit
+sandte &mdash; auf dieser Fahrt wird es nicht gleich platzen lautet
+der gew&ouml;hnliche Trost der Reisenden, und kaum eine Stunde
+an Bord, vergessen sie die Gefahr, ja reizen sie wohl sogar noch
+selbst in dem oft still gedachten, oft laut ge&auml;u&szlig;erten Wunsch,
+das oder jenes Boot was eben in Sicht vorausl&auml;uft, zu &uuml;berholen.
+Niemand will auf einem langsamen Dampfer fahren,
+an die M&ouml;glichkeit einer Zerst&ouml;rung wird kaum noch mehr
+gedacht, und das V&ouml;lkchen lacht und plaudert und trinkt und
+schl&auml;ft so sicher und ruhig <span class="wide">&uuml;ber</span> dem Vulkan, wie &mdash; die buntere,
+wild gemischtere Schaar, die <span class="wide">hinter</span> der Maschine, im
+sogenannten Zwischendeck ihr <span class="wide">Lager</span> im eigentlichen Sinn des
+Wortes aufgeschlagen.</p>
+
+<p>Was f&uuml;r ein Unterschied zwischen den beiden Pl&auml;tzen, die
+nur durch eine Reihe Planken und d&uuml;nner Balken voneinander
+getrennt liegen. &mdash; Oben Luxus und Bequemlichkeit, Alles
+vergoldet und tapezirt, mit Teppichen belegt und blank polirt,
+Licht und Glanz den ganzen Raum durchstr&ouml;mend, und elegant
+und reinlich gekleidete Leute im behaglichen Bewu&szlig;tsein ungest&ouml;rter
+Ruhe das Alles genie&szlig;end &mdash; unten, nur rohe und unbehobelte
+Breter zu Verschl&auml;gen angeschlagen &mdash; Kisten und
+Koffer &uuml;berall im Weg, der ja freie Boden von Tabakssaft
+schl&uuml;pfrig gemacht; eine Masse Volk, zusammengew&uuml;rfelt aus
+allen Schichten der Gesellschaft, selbst bis zur letzten nieder,
+und in der letzten gar nicht selten am h&auml;ufigsten vertreten,
+durch einander dr&auml;ngend und fluchend und schreiend &mdash; Niemand
+mit einem gewissen Platz, die Wenigen ausgenommen,
+die zuerst gekommen waren, und einen der Verschl&auml;ge f&uuml;r sich
+besetzen konnten. Hier ein Trupp Bootsleute, schon halb betrunken,
+die vollen Flaschen noch zwischen sich auf einer Auswandererkiste,
+gleichviel wem sie geh&ouml;rt, die Nacht durchzuschwelgen
+und zu toben, weil sie doch keinen Platz haben sich
+hinzulegen; dort ein paar andere bei einem schmutzigen laufenden
+Talglicht &mdash; Privateigenthum &mdash; &uuml;ber einen Kasten und
+ein altes Spiel kaum erkennbarer Karten geb&uuml;ckt. Dort weinende
+und schreiende Kinder, die von ihren M&uuml;ttern mit eben
+so gellender Stimme in Schlaf gesungen werden sollen, und
+dort dr&uuml;ben ein Bursche, der trotz allem L&auml;rm und Toben,
+mitten in dem Gewirr ruhig an einem Pfeiler lehnt, und zum
+Besten seiner Bootsmannschaft, mit der er auf einem Flatboot den
+Strom herabgekommen, wie aller Anderen die es h&ouml;ren und
+nicht h&ouml;ren wollen, eine alte wahnsinnige Violine mishandelt.</p>
+
+<p>Ein fast gl&uuml;hender Ofen, in solcher Temperatur gehalten
+die verschiedenen T&ouml;pfe und Geschirre mit Wasser zum Kochen
+zu bringen, in denen sich die verschiedenen Familien nach der
+Reihe ihr Abendbrod selber kochen m&uuml;ssen, wird besonders von
+den Frauen mit rothhei&szlig;en Gesichtern umlagert, und verbreitet
+dr&uuml;ckende Schw&uuml;le und einen fatalen Fettgeruch durch den
+ganzen, schon ohnedie&szlig; vollgedr&auml;ngten und dunstigen Raum.
+Eine tr&uuml;be mattbrennende Laterne wirft zu gleicher Zeit ein
+unsicheres zuckendes Licht &uuml;ber das Dr&auml;ngen und Treiben unter
+sich, und das Rasseln und Klappern und Schleifen und Sch&uuml;tteln
+der dicht daneben befindlichen Maschine donnert den Chor
+zu dem ganzen L&auml;rm.</p>
+
+<p>Ha was war das? &mdash; die hellen reinen glocken&auml;hnlichen
+T&ouml;ne die da pl&ouml;tzlich das dumpfe Murmeln und laute Schreien,
+sogar die gellenden Kinderstimmen und scharfen Discorde der
+Violine &uuml;berw&auml;ltigen, und pl&ouml;tzlich aus all dem Wirrwarr
+herauszittern, sind sie nicht wie &Ouml;l in die st&uuml;rmische See gegossen,
+dem sich die b&auml;umenden Wellen selber, im Aufruhr
+der tobenden Elemente schmiegen? Selbst zum Ingenieur, der
+vorn an den Kesseln steht und eben den Stock gehoben hat die
+Dampfst&auml;rke zu proben, sind sie gedrungen, und er bleibt in
+der Stellung und biegt den Kopf zur&uuml;ck, dem ungewohnten,
+fremden Ton zu lauschen &mdash; das Toben und Kreischen vorher
+hatte er gar nicht mehr geh&ouml;rt. Und in dem Zwischendeck
+selbst &mdash; welch wunderbare Ver&auml;nderung brachte der leise
+schwimmende Laut. Die Violine schweigt mitten in einer
+Parodie auf Alles was nur Harmonie und Takt genannt
+werden konnte, der Spieler vergi&szlig;t seine Karten zu mischen,
+die Frauen den siedenden Topf vom Feuer zu nehmen, die
+schwatzenden, lachenden, singenden, br&uuml;llenden Gruppen &ouml;ffnen sich
+und dr&auml;ngen, und suchen dem einen Orte zuzukommen. Selbst die
+Trinker sto&szlig;en nur noch ein wildes &raquo;Juch!&laquo; aus, und horchen
+der neuen wunderlichen Musik, die jetzt in weichen aber wunderbar
+harmonischen T&ouml;nen gerade aus dem Mittelpunkt des
+Zwischendecks her&uuml;ber t&ouml;nt, und von Niemand Anderem herr&uuml;hrte
+als unserem alten Bekannten, dem Polnischen Juden
+Veitel Kochmer.</p>
+
+<p>Mit weiter keinem Gep&auml;ck als einem kleinen, mit altem
+Seehundsfell &uuml;berzogenen Kistchen, das neben der Holzharmonika
+alle seine wie des Knaben irdische Habseligkeiten enthielt,
+hatte sich Veitel Kochmer, der aus Gott wei&szlig; welchem Grunde
+mehr Vertrauen zum Norden gefa&szlig;t zu haben schien Geld zu
+verdienen, oder sich vielleicht auch noch in der warmen Jahreszeit
+f&uuml;rchtete ein so hei&szlig;es Klima f&uuml;r seinen gef&uuml;tterten
+Kaftan zu w&auml;hlen, als New-Orleans um diese Zeit noch war,
+auf dem ersten besten Dampfer eingeschifft der stromauf ging,
+und hielt die Zeit jetzt f&uuml;r vollkommen passend, den Grund zu
+dem in Amerika zu erwerbenden Verm&ouml;gen zu legen.</p>
+
+<p>Auf einer gerade dort stehenden breitdeckeligen Kiste, die
+sich vortrefflich zum Resonanzboden eignete, breitete er bei dem
+Schein eines dazu geborgten St&uuml;ckchen Lichts, seine H&ouml;lzer aus;
+die Umstehenden, neugierig was der wunderliche Fremde beginnen
+w&uuml;rde, gaben ihm gern Raum, und Veitel lie&szlig; jetzt
+die ersten T&ouml;ne erschallen, die mit ihrer wunderbaren aber doch
+durchdringenden <ins title="Original hat Weiche">Weise</ins>, bis in die entfernteren R&auml;ume drangen,
+nur erst einmal die Aufmerksamkeit der Passagiere auf
+sich zu lenken. Das gelang ihm auch vollkommen, und von
+allen Seiten ergingen jetzt Aufforderungen an ihn zu spielen,
+und sein Instrument h&ouml;ren zu lassen. Veitel Kochmer war
+aber nicht der Mann der etwas umsonst gethan h&auml;tte, wo
+Aussicht auf Gewinn sich zeigte; so also einen Landsmann,
+den er sich schon unter den Passagieren aufgefunden und der
+vollkommen gut englisch sprach, in der Geschwindigkeit eine
+gro&szlig;e Geschichte aufbindend, erz&auml;hlte er ihm, da&szlig; er, der Musikus,
+ein armer eingewanderter Pole sei, der den politischen
+Verfolgungen in Europa entflohn, im Canal Schiffbruch gelitten
+und fast Alles verloren habe was er sein nannte, und
+nun gezwungen w&auml;re sein Brod in dem neuen Vaterland, dem
+Lande der Freiheit, mit Musikmachen zu verdienen. Der
+Deutsche mu&szlig;te das den Amerikanern &uuml;bersetzen und hinzuf&uuml;gen,
+der arme Mann habe nur sein Instrument gestimmt und
+in Ordnung gebracht, und wolle damit, wenn es der Capitain
+erlaube, in die Caj&uuml;te hinauf gehn, um sich dort bei den Caj&uuml;tspassagieren
+ein paar Dollar einsammeln zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Verdamm die Caj&uuml;tspassagiere!&laquo; rief aber da Einer der
+Bootsleute dazwischen, der, die Taschen voll Geld von verkaufter
+Ladung, sich in seinem Stolz gekr&auml;nkt f&uuml;hlte, weniger
+gelten zu sollen als die &raquo;<i>Swells</i>&laquo; &mdash; &raquo;wir haben hier ebenso
+viel Geld wie die da oben, wenn nicht noch mehr, ob wir gleich
+im Zwischendeck fahren; sind eben so gut <i>gentlemen</i> wie die
+&raquo;<i>fine folks</i>&laquo; in der Caj&uuml;te, und wenn Musik eben f&uuml;r Geld
+zu haben ist, k&ouml;nnen wir's gerade so gut bezahlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl, ja wohl!&laquo; schrieen Andere dazwischen, froh
+irgend etwas zu haben, ein paar Stunden der langweiligen
+Nacht zu vertreiben &raquo;spiel auf Pole, spiel auf, und was <span class="wide">die</span>
+Dir da oben geben, geben wir Dir auch.&laquo;</p>
+
+<p>Veitel Kochmer verlangte gar nicht mehr; die Caj&uuml;te lief
+ihm &uuml;berdie&szlig; nicht weg, und er war gern bereit dem allgemeinen
+Verlangen zu willfahren. Der Knabe trat jetzt ebenfalls
+an seinen Platz, und die Zwischendeckspassagiere jauchzten und
+jubelten, als sie die merkw&uuml;rdig reinen Fl&ouml;tent&ouml;ne des Kindes
+h&ouml;rten, wollten es auch im Anfang gar nicht glauben da&szlig; er es
+mit der Stimme allein mache, und dr&auml;ngten sich dicht um ihn
+her, und sahen ihm starr in's Gesicht, ob er nicht doch noch
+eine heimliche Fl&ouml;te irgendwo versteckt habe. Die Sammlung
+fiel dabei viel reichhaltiger aus, als der Alte je gedacht haben
+mochte; Viertel Dollar regnete es von allen Seiten und Veitel
+f&uuml;llte seine ganze Tasche mit Silber. Nach der Sammlung
+mu&szlig;te er aber wieder spielen, und die Bootsleute besonders, die
+den Ton hier anzugeben schienen, verlangten jetzt auch ihnen
+bekannte Lieder, wie Lord <i>Howes hornpipe</i>, Washingtons
+Marsch, Napoleons Retirade, <i>the star spangled banner</i> und
+besonders den <i>Yankee doodle</i>. Die Melodieen kannte aber
+der Alte nicht, und ein langer Yankee setzte sich vor ihn hin auf
+eine Kiste, spitzte den Mund und begann ihm die einzelnen
+Melodieen vorzupfeifen.</p>
+
+<p>Die Unruhigsten der Schaar fingen aber schon an sich
+&uuml;ber das viele Musiciren, das ihnen &uuml;berhaupt nicht laut genug
+war, und dessen fremden Melodieen sie, wie sie sich ausdr&uuml;ckten,
+&raquo;nicht verstanden&laquo;, zu &auml;rgern und langweilen, und
+wie der Yankee die ihnen bekannten Weisen zu pfeifen begann,
+stimmten sie, jeder nach seiner eigenen Tonart, mit ein.
+Nicht einmal den Beginn eines ganz anderen Liedes respektirten
+sie dabei, und nach kaum einer Viertelstunde wogte ein Gewirr
+von Mist&ouml;nen durch den Raum, da&szlig; der alte Polnische Jude
+sein Instrument in Verzweiflung einpackte und wegstellte.</p>
+
+<p>Ein neuer L&auml;rm, der am anderen Ende des Decks stattfand,
+lenkte aber auch die Aufmerksamkeit der Leute wieder nach
+anderer Richtung. Zwei Irl&auml;nder waren sich &uuml;ber ihr Kartenspiel
+in die Haare gerathen, der Eine sollte betrogen haben
+und suchte jetzt seine Unschuld dem Andern mit der Faust zu
+beweisen; das aber war ein Spiel was dieser auch verstand,
+und die beiden st&auml;mmigen Burschen flogen in voller Wuth gegeneinander
+an, bald mit ordentlichem Boxen, wobei sie einander
+die Augen schwarz schlugen, bald wieder in einander gehakt
+mit Armen und Beinen, da&szlig; ihre K&ouml;pfe gegen Pfeiler und
+Kistenecken anschlugen, den Kampf zu entscheiden. Die Weiber
+kreischten, die Kinder schrieen dazu und die M&auml;nner jauchzten
+und jubelten, br&uuml;llten Hurrah und klatschten in die H&auml;nde.</p>
+
+<p>Der Eine von ihnen bekam die Sache aber, da sich Niemand
+weiter hinein mischte, doch endlich satt, und schrie &raquo;genug!&laquo;
+wonach ihn sein Gegner f&uuml;r vollst&auml;ndig &uuml;berzeugt hielt,
+und wurde von seinen Freunden halb besinnungslos fortgeschleppt;
+der Andere aber erging sich in seiner Freude in allerlei
+ungew&ouml;hnlichen Capriolen, schlug sich mit den flachen H&auml;nden
+auf die Lenden, kr&auml;hte wie ein Hahn, sprang dann in
+tollem &Uuml;bermuth im Deck herum, und bot Jedem der &raquo;<i>gentlemen</i>&laquo;
+f&uuml;nf Dollar, der sich mit ihm pr&uuml;geln wollte. Es dauerte
+lange ehe der, von Whiskey halbtolle Mensch konnte beruhigt
+und zu Ruhe gebracht werden. Der Abend war aber indessen
+auch weit vorger&uuml;ckt, das Holztragen vor&uuml;ber, und die Passagiere
+mu&szlig;ten daran denken Pl&auml;tze zu suchen, wo sie sich f&uuml;r
+die Nacht nur einiger Ma&szlig;en unterbringen konnten.</p>
+
+<p>Viele hatten sich das weit leichter gedacht als es sich
+auswie&szlig;; die unverh&auml;ltni&szlig;m&auml;&szlig;ig wenigen Coyen, da ein Dampfbootcapitain
+an Zwischendeckspassagieren aufnimmt was er eben
+bekommen kann, waren s&auml;mmtlich besetzt und in Beschlag genommen,
+die einzelnen Kisten zu kurz sich darauf auszustrecken,
+und der Boden selber so von Tabakssaft der kauenden Amerikaner
+verunreinigt, da&szlig; selbst ein solches Lager zur Unm&ouml;glichkeit
+wurde. Manche kr&uuml;mmten und rollten sich doch noch auf
+Kisten und Koffern, oft in den verdrehtesten Stellungen zusammen,
+Andere kauerten sich in eine Ecke, und suchten auf diese
+Art der Nacht eine Stunde Schlaf abzupressen. Wer so gl&uuml;cklich
+war irgend eine Art R&uuml;cklehne zu finden, setzte sich auf
+was er eben kam, und ein Theil versuchte sogar mit Auf- und
+Abgehen in dem vollgedr&auml;ngten Deck die Nacht hinzubringen,
+mu&szlig;te das aber bald aufgeben, und dr&uuml;ckte sich nun in dem
+Maschinenraum auf dort aufgespeicherte Zuckerf&auml;sser, oder selbst
+auf die <i>guards</i> hinaus, trotz der feuchten Nachtluft, wo der
+Zimmermann des Bootes eine Hobelbank stehen hatte, und die
+beiden Pl&auml;tze, darunter und oben drauf, den vollen Werth einer
+Coye bekamen. Es war ein entsetzliches Gewirr von Gliedma&szlig;en,
+das hierdurch, &uuml;ber- und ineinander lag.</p>
+
+<p>Ein paar deutsche Familien, und unter ihnen die mit
+der Haidschnucke erst nach New-Orleans gekommenen Webersleute,
+hatten sich, so gut das gehen wollte, in die eine
+Ecke ihre Kasten zusammenger&uuml;ckt, wenigstens f&uuml;r die Frauen
+und Kinder einen in etwas gesch&uuml;tzten Ort zu bekommen, und
+unfern von ihnen kauerte auf seinem kleinen Kistchen, den
+Knaben zu seinen F&uuml;&szlig;en, an einer Stelle, von der sie erst
+eine gr&ouml;&szlig;ere Kiste weggeschoben, Veitel Kochmer. Das an
+dem Abend eingenommene Geld hatte Veitel aber in einen
+leinenen Beutel gesteckt, und in eine Seitentasche seines Kaftans
+geschoben, die neben ihm ihrer Schwere wegen, mit auf dem
+Kistchen stand. Nicht vermeiden lie&szlig; es sich dabei, da&szlig; mehre
+der anderen Passagiere dicht um ihn herum ihren Platz nahmen,
+wie es der Raum gerade gestattete, und kaum ein wild
+gemischteres Bild lie&szlig; sich auf der Welt denken, als die&szlig; Deck
+mit seinen bunt und toll zusammengew&uuml;rfelten, halb liegenden,
+halb kauernden, &uuml;ber und durch einander gestreckten Gestalten,
+&uuml;ber welche das matte Licht der Laterne nur seinen ungewissen
+zitternden Schein warf, und hie und da dichte Schatten lie&szlig;,
+aus denen in der und jener Ecke ein paar Beine oder Arme,
+oder ein unnat&uuml;rlich zur&uuml;ck gebeugter Kopf hervorschauten.</p>
+
+<p>Es war indessen, im so schrofferen Gegensatz zu dem
+fr&uuml;heren Toben, still und ruhig hier geworden; nur hie und
+da t&ouml;nte das regelm&auml;&szlig;ige Schnarchen eines der Gl&uuml;cklichen vor,
+die eine Coye erbeutet hatten und auf dem R&uuml;cken, wenn auch
+auf harten Planken, doch ausgestreckt liegen konnten, und
+Brust und Lunge frei behielten. Auch ein leise gemurmelter,
+aber darum nicht minder herzlich gemeinter Fluch theilte da
+und dort die Lippen Einer der ineinander gekr&uuml;mmten Gestalten,
+wenn sich der Gegenmann oder Antipode im Schlafe streckte
+und ihm vielleicht mit den rauhen F&uuml;&szlig;en &uuml;ber Gesicht oder
+Brust fuhr. Die Maschine allein klapperte und schleifte dabei
+regelm&auml;&szlig;ig fort und der Ingenieur, der mit der &Ouml;llampe daran
+herumging, die einzelnen Gelenke derselben anzufeuchten, schien
+das einzige lebendige, bewu&szlig;te Wesen in dem ganzen unteren
+Raum.</p>
+
+<p>Philipp, der Knabe des Polen, war nach der Anstrengung
+des Abends fest eingeschlafen und lag, halb zur&uuml;ck an den
+Vater gelehnt, mit weit nach hinten gebeugtem Kopf und
+offenem Mund, die bleichen sch&ouml;nen, aber jetzt verzerrten Z&uuml;ge
+von der Laterne matt beleuchtet, da, und der Alte sa&szlig;, den
+Kopf auf seinen schmutzigen Kaftan vorn st&uuml;tzend, in unruhigem
+Schlummer, in dem er auf- und niedernickte und das schwere,
+von seinem Hut voll beschattete Haupt bald auf die, bald auf
+jene Seite sinken lie&szlig;.</p>
+
+<p>Zu seiner Rechten kauerte eine, in ein blaues kurzes
+Oberhemd, wie es die Bootsleute trugen, gekleidete Gestalt,
+deren Gesicht von einem breitr&auml;ndigen Hut ebenfalls ganz bedeckt
+wurde. Halb &uuml;ber sich her&uuml;ber, wenigstens die linke
+Schulter und einen Theil der Brust bedeckend, hatte der Mann
+einen alten hellen, aus einer wollenen Decke zugeschnittenen
+Rock, gleichsam als Schutz gegen die frischere Nachtluft gezogen,
+obgleich es in dem untern Deck noch warm genug war, das
+entbehren zu k&ouml;nnen, und auch er schien zu schlafen, und im
+Schlaf eben mehr und mehr, wie um ein bequemeres Lager
+zu bekommen, sich an seinen Nachbar anzulehnen. Der Pole,
+dem das unbequem wurde, str&auml;ubte sich im Anfang dagegen,
+aber in solchem Fall h&ouml;ren alle R&uuml;cksichten auf, und der schl&auml;frige
+Gesell, drei, vier Mal angesto&szlig;en, knickte doch immer,
+so wie er wieder in Schlaf kam, nach seinem etwas h&ouml;her
+sitzenden Nachbar hin&uuml;ber, der ihn zuletzt mu&szlig;te gew&auml;hren
+lassen, oder auch selber endlich dar&uuml;ber einschlief.</p>
+
+<p>Aber der Bursche schlief <span class="wide">nicht,</span> denn unter dem breiten
+Rand des Hut's heraus blitzten von Zeit zu Zeit ein paar
+kleine stechende Augen scheu und forschend hervor, &uuml;berflogen
+wie suchend den weiten Raum, und hafteten dann wieder mistrauisch
+und pr&uuml;fend an der ruhigen Gestalt des Polen. Nach
+und nach, aber so langsam und allm&auml;hlich, da&szlig; es kaum zu
+erkennen war, brachte er dabei den rechten Arm mehr und mehr
+unter seinen &uuml;bergeschobenen Rock, und die kaum sichtbare
+aber gesch&auml;ftige Th&auml;tigkeit seines Ellbogens verrieth, da&szlig; er
+ihn nicht nur zum Ausruhen dort hingehoben habe.</p>
+
+<p>Veitel Kochmer nickte und schwankte indessen im Schlaf
+her&uuml;ber und hin&uuml;ber, als er auf einmal, den Kopf auf die
+Brust gesenkt, den rechten Arm an seiner Seite herunter h&auml;ngend,
+da&szlig; der Ellbogen jedoch leicht auf dem Beutel mit Geld
+auflag, oder ihn wenigstens ber&uuml;hrte &mdash; still und regungslos
+sitzen blieb. Seinem Nachbar, der jedenfalls ein bedeutendes
+Interesse dabei hatte ihn in Schlaf zu halten, mochte das verd&auml;chtig
+vorkommen, denn auch er r&uuml;hrte von diesem Augenblick
+kein Glied mehr, und athmete schwer und regelm&auml;&szlig;ig, ja schlo&szlig;
+selbst unbewu&szlig;t die Augen unter dem tiefen Schatten des
+Hutes, als ob das h&auml;tte sein Athmen bekr&auml;ftigen k&ouml;nnen. So
+mochten die Beiden wohl etwa zehn Minuten gesessen haben,
+und kein Laut sonst als die schon vorerw&auml;hnten hatte die Stille
+bis dahin unterbrochen, da fing Veitel wieder an mit dem
+Kopf zu nicken, schwankte erst etwas rechts, dann etwas nach
+links hin&uuml;ber, lehnte den Kopf zur&uuml;ck an das Mittelbret der
+hinter ihm befindlichen Coye, und fing an leise zu schnarchen.
+Aber der Bursche an seiner Seite traute dem Frieden noch immer
+nicht, und den eignen Kopf langsam emporhebend, wie in
+tiefem Schlaf unbewu&szlig;t nach einer bequemeren Stellung suchend,
+blinzte sein Auge scheu nach dem bleichen b&auml;rtigen Angesicht
+des Nachbars auf. Das aber lag regungs- und ausdruckslos
+an der Bretwand an, und mit dem Dr&auml;ngen der Zeit, denn
+jeden Augenblick konnte irgend ein L&auml;rm die Schl&auml;fer wecken,
+begann der bis dahin ruhig gebliebene Arm seine Th&auml;tigkeit
+wieder.</p>
+
+<p>Wie die Maschine so still und ruhig mit ihren gewaltigen
+Armen und Hebeln h&auml;mmerte &mdash; wie das <i>flywheel</i> schlug und
+schwirrte, und das Rauschen der m&auml;chtigen R&auml;der, mit den
+rasch und regelm&auml;&szlig;ig einschlagenden <i>bucketplanks</i><a href="#g3fn15"><small><sup>15</sup></small></a><a name="g3fn15r" id="g3fn15r"></a> zum Takt
+dazwischen die Wellen peitschte, und sie sch&auml;umend hinter dem
+Boot hinauswarf. Wie so ruhig der Strom da drau&szlig;en lag,
+da&szlig; man das Murmeln selbst der kleinen Wogen h&ouml;ren konnte,
+und die schlummernden Gestalten hier im Deck, von dem schon
+halb verl&ouml;schten Lichte der Laterne kaum noch beleuchtet, so
+ruhig und friedlich schliefen, als l&auml;gen sie daheim in ihren
+weichen Betten, und nicht &uuml;ber Kistendeckel und F&auml;sser, K&ouml;rbe
+und Schachteln hin, mit eingezw&auml;ngten Gliedern. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Diebe! M&ouml;rder! Diebe!&laquo; ein gellender, kreischender Aufschrei
+schmetterte durch das Zwischendeck die Schl&auml;fer wach,
+und jagte sie, fertig angezogen wie sie ringsum lagen, so rasch
+empor, als ob sie von einem Zauberstab ber&uuml;hrt, aus dem
+Boden heraufgesprungen w&auml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo! wer ist todt? &mdash; wo brennts? &mdash; aufgeblasen &mdash;
+bei <span class="wide">Gott!</span>&laquo; schrieen verschiedene Stimmen, von denen einzelne
+schon bef&uuml;rchteten, da&szlig; dem Boot irgend ein Ungl&uuml;ck zugesto&szlig;en
+sei, wild und erschreckt durcheinander.</p>
+
+<p>&raquo;Diebe &mdash; M&ouml;rder! Diebe &mdash; Diebe!&laquo; dr&ouml;hnte aber
+Veitel Kochmers Stimme in gutem Polnischen Deutsch unverdrossen
+und gellend dazwischen, und die noch halb Schlaftrunkenen
+sahen wie der Mann mit dem wunderlich spitzen Bart und
+dem langen seidenen Rock, den sie schon vorher unten mit einer
+Frau, und oben mit einem Affen verglichen hatten, einen Andern,
+der sein M&ouml;glichstes versuchte von ihm wegzukommen,
+beim Rockscho&szlig; gefa&szlig;t hielt und die H&uuml;lfe der &Uuml;brigen anrief.
+Allein war er aber nicht im Stande den Mann l&auml;nger im
+Griff zu behalten, und ehe die &Uuml;brigen sich besinnen und zuspringen
+konnten, ri&szlig; der seinen Rockscho&szlig; aus dem krampfhaften
+Griff des Polen, und wollte mit einem Satz hinaus auf
+die offenen und vollkommen dunklen <i>guards</i> des Bootes springen,
+als sein Fu&szlig; in einem der anderen Schl&auml;fer, die hier
+queer&uuml;ber der Passage lagen, h&auml;ngen blieb, und er der L&auml;nge
+nach, mit einem lauten Aufschrei niederschlug. Im n&auml;chsten
+Moment hatten sich auch ein paar st&auml;mmige Kentuckier, die
+unfern von dort ebenfalls gelegen und jetzt aufgesprungen
+waren, &uuml;ber ihn geworfen und hielten ihn fest, und w&auml;hrend
+er mit Armen und Beinen um sich schlug und austrat, schrie
+Veitel in einem fort, und ohne irgend eine der von allen Seiten
+an ihn gerichteten Fragen zu beantworten, &raquo;mein Geld
+&mdash; mein Geld &mdash; Gott der Gerechte mein Geld!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber zum Donnerwetter was ist los? &mdash; was br&uuml;llt der
+Bursche hier? &mdash; was hat der da verbrochen?&laquo; schrieen die
+Amerikaner durcheinander, die wohl eine undeutliche Ahnung
+haben mochten was geschehen sei, die Sache aber auch genauer
+erfahren wollten, und von dem Schreien des deutsch Redenden
+keine Sylbe verstanden.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Geld &mdash; mein Geld!&laquo; br&uuml;llte aber Veitel und
+warf sich &uuml;ber den Gefangenen, seine H&auml;nde und Taschen zu
+untersuchen, w&auml;hrend sein fr&uuml;herer Dolmetscher den &Uuml;brigen
+die gerufenen Worte &uuml;bersetzte. Alles dr&auml;ngte jetzt gegen
+den Gefangenen an, vor allen Dingen das <i>corpus delicti</i>
+zu finden, und den Verbrecher dadurch zu &uuml;berf&uuml;hren; dieser
+aber hatte sich indessen, von den ihn Umdr&auml;ngenden jedoch
+noch immer festgehalten, wieder aufgerichtet, und fing nun
+auch seinerseits an eine eigene Meinung &uuml;ber die Sache zu
+bekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Was, im Namen von H&ouml;lle und Verdammni&szlig; habt
+Ihr mit mir?&laquo; schrie er mit lauter trotziger Stimme, &raquo;seid
+Ihr toll oder betrunken, da&szlig; Ihr einen Menschen, den die
+verr&uuml;ckte Bestie von einem Halbaffen da aus dem Schlafe geschrieen,
+&uuml;berfallt und festhaltet, als ob er irgend etwas verbrochen
+h&auml;tte? Was wollt Ihr von mir, was soll ich &mdash;
+weshalb pre&szlig;t Ihr mir die Arme zusammen, als ob sie von
+Eisen w&auml;ren &mdash; wer zum Teufel hat ein Recht mich so zu
+behandeln?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur ruhig, <i>honey</i>!&laquo; rief ihm aber Einer der Irl&auml;nder,
+der jetzt seinen Rausch so ziemlich ausgeschlafen hatte, freundlich
+zu, &raquo;nimm's nur kaltbl&uuml;tig mein Herzchen, und wenn
+Du's nicht kaltbl&uuml;tig nehmen kannst, nimm's doch so.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was wollt Ihr? &mdash; weshalb haltet Ihr mich? weil der
+verr&uuml;ckte Schuft da im Schlafe br&uuml;llt? &mdash; Da, such, was
+willst Du von mir, Canaille, <span class="wide">ich</span> habe Nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Geld! mein Geld!&laquo; schrie aber der Israelit, mit
+zitternden H&auml;nden an dem Mann, freilich vergebens, herumf&uuml;hlend
+&mdash; &raquo;er hat mein Geld gestohlen.&laquo;</p>
+
+<p>Die n&auml;chsten Minuten war es kaum m&ouml;glich ein weiteres
+Wort zu verstehn; Alles schrie, tobte, lachte und fluchte durcheinander,
+und der Ingenieur verlie&szlig; seine Maschine, die Mannschaft
+vorn ihre Posten, und was noch wach an Bord war,
+dr&auml;ngte nach dem Zwischendeck zur&uuml;ck, zu sehn und zu h&ouml;ren
+was es da gebe. Veitel Kochmer war aber in der Zeit auch
+nicht m&uuml;&szlig;ig gewesen, und das Geld nicht an dem vermeintlichen
+Dieb findend, suchte er dort, von wo dieser aufgesprungen,
+und fand da den Sack auf der Erde liegen, mit einem kleinen
+scharfen und ge&ouml;ffneten Federmesser dicht daneben; rasch an
+seinen Kaftan f&uuml;hlend entdeckte er dort zugleich einen breiten
+Schnitt, der diesen mit der Tasche vollst&auml;ndig offen gelegt, und
+sogar noch in den leinenen Sack hineingeschnitten hatte, so
+da&szlig; die Thatsache selber Allen, die ihn beim Suchen unterst&uuml;tzten,
+klar genug wurde. Der Mann mit dem blauen &Uuml;berhemd
+leugnete aber Schnitt und Messer ab, wie &uuml;berhaupt
+irgend etwas von dem Juden oder seinem Geld zu wissen; er
+habe dagesessen und fest geschlafen, und sei durch das Br&uuml;llen
+seines Nachbars aufgeschreckt worden, ja im Anfang der Meinung
+gewesen die Kessel w&auml;ren geplatzt, und nur im Instinkt
+der Selbsterhaltung aufgesprungen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl <i>honey</i>&laquo;, lachte der Irl&auml;nder dabei, w&auml;hrend
+Veitel sein Geld wieder barg und erstaunt von einem zum
+anderen der M&auml;nner sah, ohne ein Wort von dem was sie
+sprachen zu verstehn, &raquo;das glaub' ich Dir schon, da&szlig; Du die
+Geschichte im Instinkt hast, denn es mag nicht das erste Mal
+sein, da&szlig; Du in Gedanken oder im Instinkt in anderer Leute
+Taschen kommst &mdash; wie war also die Sache, Langbart da,
+woher wei&szlig;t Du, da&szlig; dieser <i>gentleman</i> hier Dein Geld im
+Instinkt forttragen wollte?&laquo;</p>
+
+<p>Andere, die deutsch sprachen, &uuml;bersetzten dem Polen die
+Frage, und dieser erz&auml;hlte jetzt wie er im Schlaf seinen rechten
+Arm auf dem Geldsack habe liegen gehabt, einmal aber, halb
+munter geworden, sei es ihm vorgekommen, als ob Jemand
+langsam daran ziehe. Nicht recht sicher, sei er ruhig sitzen geblieben,
+bis auf einmal das Geld ihm unter dem Arm fortgeglitten
+und der Bursche da, als er rasch und erschreckt
+emporfuhr, in dem Augenblick auch auf und fortgesprungen
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Der Dieb leugnete nat&uuml;rlich Alles, und schrie &uuml;ber Gewalt
+und Unrecht, das einem B&uuml;rger der Vereinigten Staaten
+auf die schlaftrunkene Anklage eines fremden Juden angethan
+w&uuml;rde. Das fremde unn&uuml;tze Gesindel sei &uuml;berdie&szlig; nur da,
+und komme von Europa her&uuml;ber sie, die Amerikaner, auszusaugen,
+ihren Arbeitslohn herunter zu dr&uuml;cken und den Eingeborenen
+<i>(natives)</i> das Brod vor dem Munde wegzuschnappen.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;r' einmal mein Junge!&laquo; fiel ihm da Einer der
+langen Kentuckier in die in Zorn ausgesprudelte Rede &mdash;
+&raquo;es will mir beinah vorkommen, als ob Dir die Fremden
+noch verdammt wenig Arbeitslohn heruntergedr&uuml;ckt h&auml;tten.
+Au&szlig;erdem wissen wir noch gar nicht einmal ob Du ein Amerikaner
+bist oder nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin im &raquo;alten Staat&laquo;<a href="#g3fn16"><small><sup>16</sup></small></a><a name="g3fn16r" id="g3fn16r"></a> geboren!&laquo; rief der Gefangene
+trotzig.</p>
+
+<p>&raquo;Kein Compliment f&uuml;r den alten Staat&laquo; sagte der Kentuckier
+ruhig, &raquo;doch das bleibt sich jetzt gleich. Wir sind hier
+verdammt, eine Woche mitsammen auszuhalten &raquo;in Freud und
+Leid&laquo; wie die Friedensrichter bei den Trauungen sagen, und
+m&uuml;ssen uns also auch die Luft frei und die Taschen zu halten
+vor derartigem Gesindel das daran herumschneiden will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was wollt Ihr da von <span class="wide">mir?</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirst es gleich h&ouml;ren mein Herz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werft den Lump &uuml;ber Bord und la&szlig;t ihn an Land
+schwimmen&laquo; schrie der Irl&auml;nder dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Frieden da!&laquo; rief aber der Kentuckier, &raquo;wir d&uuml;rfen einen
+Mann nicht strafen, ohne ihn geh&ouml;rt zu haben; w&auml;hlt einmal
+einen Richter unter Euch, Kameraden, und zw&ouml;lf Geschworene;
+zu schw&ouml;ren brauchen sie weiter nicht, da wir keinen wirklichen
+Richter haben, und dann wollen wir der Sache gleich auf den
+Grund kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hurrah f&uuml;r den Kentuckier!&laquo; schrieen eine Masse Stimmen,
+froh jetzt irgend etwas zu haben die lange Nacht durchzubringen,
+&raquo;w&auml;hlt eine Jury &mdash; w&auml;hlt einen Richter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen den Steuermann zum Richter nehmen!&laquo;
+rief eine feine Stimme durch den L&auml;rm &mdash; der Steuermann
+war mit den &uuml;brigen Neugierigen ebenfalls herbeigekommen,
+zu sehn was es g&auml;be.</p>
+
+<p>&raquo;Was schiert uns der Steuermann!&laquo; schrie aber ein langer
+Bootsmann aus dem Staat Mississippi dazwischen &mdash; &raquo;wir
+sind hier Passagiere und was wir untereinander haben, machen
+wir auch untereinander aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl, ja wohl!&laquo; riefen Andere &mdash; &raquo;der Kentuckier
+soll Richter sein; Hurrah f&uuml;r den Kentuckier!&laquo;</p>
+
+<p>Unter L&auml;rmen, Lachen und Schreien, w&auml;hrend der ertappte
+Dieb jetzt freigelassen war, sich aber so von Wachen umstellt
+sah, da&szlig; an ein Entrinnen nicht zu denken war, wurde jetzt
+auch eine Jury aus den Passagieren gew&auml;hlt, wozu man jedoch
+nur Amerikaner nahm, und den Angeklagten dann frug ob er
+mit der Wahl zufrieden sei. Dieser aber, dem doch nicht wohl
+dabei wurde als die Leute Ernst machten, protestirte gegen ein
+solches Verfahren, verschwor sich noch einmal hoch und theuer
+da&szlig; er von der ganzen Geschichte Nichts wisse, neben dem Juden
+ruhig geschlafen habe, das Messer gar nicht kenne und ein
+ehrlicher Mann sei, und verlangte den Capitain zu sehen, der
+ihn vor einer solchen Behandlung wie sie ihm hier widerfahre
+sch&uuml;tzen m&uuml;&szlig;te, oder er verklage ihn selber in der ersten Stadt
+an der sie anlegten, wegen Mishandlung seiner Passagiere.</p>
+
+<p>Das half ihm &uuml;brigens Alles Nichts, die Leute im Zwischendeck
+hatten Langeweile, brauchten etwas, das ihnen die
+Nacht hindurch die Zeit vertriebe, und die Bootsleute selber,
+Capitain und Steuermann, h&uuml;teten sich schon da einzugreifen,
+wo sie doch recht gut wu&szlig;ten da&szlig; ihnen die Macht fehlte,
+noch dazu da es h&auml;tte zu Gunsten eines Burschen geschehen
+m&uuml;ssen, gegen den doch ziemlich gegr&uuml;ndeter Verdacht wenigstens
+beabsichtigten Diebstahls vorlag.</p>
+
+<p>Dem Angeklagten nun h&auml;tte es frei gestanden gegen sechs
+aus der Jury, Amerikanischen Gesetzen nach, Protest einzulegen,
+wof&uuml;r dann andere gew&auml;hlt worden w&auml;ren; da er aber gegen
+die ganze Jury protestirte, und ihr das Recht abstritt &uuml;ber ihn
+zu urtheilen, wurde sie ganz beibehalten, und das Verh&ouml;r begann.
+Veitel Kochmer, der sich jetzt &uuml;brigens gern von der
+ganzen Geschichte zur&uuml;ckgezogen h&auml;tte, bekam einen Dolmetscher,
+und mu&szlig;te besonders <i>in figura</i> wieder zeigen wie sie Beide
+gesessen hatten, w&auml;hrend man noch alle &uuml;brigen Zeugen vernahm,
+die vorher die beabsichtigte Flucht des Angeklagten mit
+angesehn.</p>
+
+<p>Als die vernommen worden, wurde der Angeklagte aufgefordert
+Zeugen f&uuml;r sich selber zu stellen, und ein anderes Individuum,
+das sich aber weit besser ruhig verhalten h&auml;tte, trat
+jetzt freiwillig auf, und erkl&auml;rte den Angeklagten schon seit einer
+Reihe von Jahren als einen braven, in seiner Heimath geachteten,
+und sonst in jeder Beziehung ehrenwerthen Mann zu
+kennen. <span class="wide">Dem</span> Burschen stand das Wort &raquo;Gauner&laquo; aber mit
+so deutlichen Z&uuml;gen auf der Stirn geschrieben, da&szlig; die ganze
+Jury laut lachte als er von Ehrlichkeit und Achtung sprach,
+und der Angeklagte selber schien nicht sehr mit der F&uuml;rsprache
+zufrieden zu sein. Es war ein langer hagerer Gesell, der
+neue Zeuge, mit einer hellgr&uuml;nen Flanelljacke an, die sehr kurz
+in den &Auml;rmeln, seine Gelenke und d&uuml;nnen Armen weiter zeigte
+als gerade sch&ouml;n sein mochte; auf dem einen Auge schielte er
+dabei, und da das andere nicht eine Secunde auf ein und demselben
+Menschen haftete, konnte sich keiner an Bord r&uuml;hmen
+dem Blick des Burschen auch nur ein einziges Mal begegnet
+zu sein. Einen alten zerknitterten Fitz, den er bis dahin auf
+dem struppigen Haar gehabt, dr&uuml;ckte er, so lang er mit der
+Jury sprach, in den H&auml;nden herum.</p>
+
+<p>Der Staatsanwalt, zu dem sich ebenfalls ein junger, ganz
+ordentlich gekleideter Mann an Bord f&uuml;r diesen einzeln Fall
+gemeldet hatte, trat jetzt auf und versicherte der Jury, unter
+dem schallenden Gel&auml;chter s&auml;mmtlicher &uuml;brigen Passagiere, nur
+nicht der beiden Freunde, da&szlig; dieser Zeuge die Sache des Angeklagten
+eher verschlimmert als verbessert habe, hob dann noch
+einmal in sehr gl&uuml;cklich gew&auml;hlten, meist humoristischen Wendungen
+das ganze Entsetzliche dieses Falles an einem Ort hervor,
+wo Alle so zusammengedr&auml;ngt waren da&szlig; sie schon ohnedie&szlig;
+Einer die H&auml;nde in den Taschen des Anderen haben
+mu&szlig;ten nur stehen zu k&ouml;nnen, und er&ouml;ffnete schlie&szlig;lich den geehrten
+Geschworenen, da&szlig; ihnen kaum etwas anderes &uuml;brig
+bleiben w&uuml;rde als den Mann zu &mdash; h&auml;ngen, wie seinen Freund
+Landes zu verweisen.</p>
+
+<p>Ein lautes Hurrah! antwortete diesem Vorschlag, der von
+Allen nat&uuml;rlich als ein Scherz aufgenommen wurde, nur nicht
+von dem Angeklagten selber, der vielleicht schon fr&uuml;her Zeuge
+gewesen war, wessen eine Bande m&uuml;ssiger Bootsleute, in &Uuml;bermuth
+und Langerweile f&auml;hig sei. Die Jury zog sich jetzt auf
+die Au&szlig;enguards zur&uuml;ck dort miteinander den Fall zu berathen,
+kehrte aber nach sehr kurzer Zeit wieder, und erkl&auml;rte kein Urtheil
+abgeben zu wollen, bis man nicht weitere Beweise gegen
+den Mann habe, der zu diesem Zweck zu visitiren sei, ob er
+nicht irgend etwas Verd&auml;chtiges bei sich trage was seine jetzige
+b&ouml;se Absicht noch mehr bekr&auml;ftigen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Dagegen str&auml;ubte sich aber der Angeklagte auf das Entschiedenste,
+machte sogar Miene sich ernsthaft zur Wehr zu
+stellen und schrie, als ihn ein paar von den baumstarken Flatbootmen
+unterliefen und hielten, aus Leibeskr&auml;ften um H&uuml;lfe
+und Feuer und Mord. Das Alles half ihm aber nicht allein
+Nichts, sondern machte die Leute nur noch mistrauischer gegen
+ihn, die jetzt ohne weiteres, w&auml;hrend ihn Einige festhielten,
+seine Taschen umdrehten und ihn aufforderten sein Gep&auml;ck
+auszuliefern das er an Bord habe.</p>
+
+<p>Wider Erwarten entdeckte man bei ihm ein mit Geld sehr
+wohlgespicktes Taschenbuch, in dem sich einige zwanzig ganz
+neue Banknoten der &raquo;<i>White water canal banking company</i>&laquo;
+mit einigen einzelnen Mississippi-Dollar-Noten und einige kleine
+M&uuml;nzen vorfanden. Hiervon erregten aber die neuen Noten
+Verdacht, von denen eine im Kreis herumging, bis sie zu den
+H&auml;nden des Staats-Anwalts, jedenfalls eines jungen Handlungscommis
+der irgend eine Anstellung im Norden suchte,
+kam. Dieser erkl&auml;rte sie nach kurzer Besichtigung f&uuml;r <i>counterfeit
+money</i> (falsches Geld), und erbot sich sehr freundlich und
+bereitwillig selber zu h&auml;ngen, wenn er nicht die Wahrheit gesagt
+habe und das Geld genau kenne. Mit diesem Ausspruch
+allein begn&uuml;gten sich aber die Passagiere nicht, und eine Deputation
+wurde hinauf in die Caj&uuml;te geschickt, zu sehen ob noch
+Einer von den Buchhaltern wach w&auml;re, dessen Urtheil &uuml;ber die
+Banknoten zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Der zweite Buchhalter war kurz vorher vom Steuermann
+geweckt worden, da das Boot wieder anlegen mu&szlig;te
+Holz einzunehmen. Noch halb im Schlaf wollte der freilich die
+Passagiere erst unwirsch wieder abweisen, lie&szlig; sich aber doch
+endlich bewegen, einen in Neu-York herausgegebenen <i>counterfeit
+detector</i>, in dem allmonatlich s&auml;mmtliche falsche Banknoten
+ver&ouml;ffentlicht werden, nachzusehn, und erkl&auml;rte die Banknote
+dann ebenfalls nach kurzer Untersuchung f&uuml;r falsch. Das
+war genug und die Sache im Zwischendeck, die bis jetzt mehr
+in Scherz und &Uuml;bermuth getrieben worden, drohte einen ernsteren
+Charakter zu bekommen.</p>
+
+<p>Der Kentuckier nahm vor allen Dingen das als falsch
+erkannte Geld in Beschlag, zerri&szlig; es in St&uuml;cken und steckte es
+unter dem w&uuml;thenden Heulen und Schreien des Angeklagten
+in den Ofen, wo es bald hell aufloderte, das &uuml;brige Geld
+wurde ihm jedoch zur&uuml;ck gegeben, und die Jury ging dann
+noch einmal auf die <i>guards</i> hinaus, das Endurtheil zu f&auml;llen,
+als die Glocke drau&szlig;en &mdash; das Zeichen zum Landen und Holztragen
+&mdash; ert&ouml;nte.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Wood pile, wood pile boys!</i>&laquo;<a href="#g3fn17"><small><sup>17</sup></small></a><a name="g3fn17r" id="g3fn17r"></a> schrie der Mate oder
+Steuermann, froh eine Gelegenheit zu haben den Skandal zu
+unterbrechen, in das Deck hinein &mdash; &raquo;hinaus mit Euch wer
+nicht bezahlt hat, Eure Albernheiten k&ouml;nnt Ihr nachher abmachen
+&mdash; <i>Wood pile!</i>&laquo;</p>
+
+<p>Das Boot landete, die Planken wurden ausgeschoben,
+und die Zwischendeckspassagiere, die sich eben zum Holztragen
+verpflichtet hatten, konnten sich dessen nicht weigern; der Delinquent
+sollte indessen unter der Aufsicht von drei oder vieren,
+die nicht mit zu tragen brauchten, zur&uuml;ckgelassen werden; das
+aber duldete der Mate nicht, der erkl&auml;rte da&szlig; er den Mann
+nothwendig zum Holztragen brauche; wenn sie was von ihm
+wollten, k&ouml;nnten sie das ebensogut nachher abmachen, hier in
+Nacht und Nebel und einem wildfremden Staat w&uuml;rde er ihnen
+nicht fortlaufen. Die Anderen trauten ihm jedoch nicht,
+und zwei von den Kentuckiern erboten sich drau&szlig;en an seiner
+Seite zu bleiben, und jeden etwaigen Versuch zur Flucht unm&ouml;glich
+zu machen.</p>
+
+<p>Der Bursche, der aber jedenfalls ein b&ouml;ses Gewissen hatte,
+und vielleicht nicht mit Unrecht f&uuml;rchtete auch noch andere
+Sachen an den Tag gebracht zu sehn, schien das Resultat der
+Jury nicht abwarten zu wollen, denn als er, einmal im Freien,
+seine zweite oder dritte Ladung aufgenommen, wu&szlig;te er seine
+Gelegenheit zu benutzen, warf dem Einen von seinen beiden
+Wachen den ganzen Sto&szlig; Holz auf den Leib, sprang &uuml;ber ihn
+fort, und war im n&auml;chsten Augenblick &uuml;ber die Fenz hin, in
+einem Baumwollenfeld verschwunden, das Boot wie seine bezahlte
+Passage im Stich lassend.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap7" id="kap7"></a>Capitel 7.</h2>
+
+<h3>Die Ufer des Mississippi und Ohio.</h3>
+
+<p>Der Dampfer verfolgte indessen rasch seine Bahn, und erreichte
+am n&auml;chsten Nachmittag die Grenze der Plantagen; die
+Grenze n&auml;mlich insofern, als diese kein geschlossenes Ganzes, Fenz
+an Fenz mehr bildeten, und den Urwald erst in schmaleren, dann
+immer breiter werdenden Streifen zum Ufer des Stromes heranlie&szlig;en,
+bis zuletzt Wald, dichter finsterer m&auml;chtiger Wald an
+beiden Seiten lag, und nur hie und da eine gr&ouml;&szlig;ere Lichtung
+den Ort verrieth, wo die Axt des Menschen th&auml;tig gewesen
+war sich in das Herz der Wildni&szlig; einzuw&uuml;hlen, und den
+&uuml;berreichen Boden sich zinsbar zu machen.</p>
+
+<p>Der Strom gewann hier einen ganz anderen Charakter;
+noch war das graue wehende Moos an den B&auml;umen sichtbar,
+aber es hing nicht mehr in solch gewaltigen prachtvollen Massen
+von den h&ouml;chsten Wipfeln bis zur Erde nieder, die Riesen
+des Waldes in einen weiten Schleier h&uuml;llend. Dichte Schilfbr&uuml;che
+f&uuml;llten dabei den Unterwald bis zum &auml;u&szlig;ersten Rand
+des eingebrochenen Ufers, von dem ab zahlreiche unterwaschene
+und niedergeschwemmte St&auml;mme die Verheerung nur zu deutlich
+verriethen, die hier von den ungest&uuml;m rei&szlig;enden, und
+noch t&auml;glich weiter in das feste Land hineinfressenden Wassern
+angerichtet worden.</p>
+
+<p>Wieder kamen dann weite, Plantagen bedeckte Fl&auml;chen,
+wie die ganze Strecke von Point-Coup&eacute;e, bis fast zum Atchafalaya
+&mdash; einem Abstrom des Mississippi der sich auf eigene
+Faust in den Golf von Mexiko ergie&szlig;t &mdash; hinauf; aber das
+Zuckerrohr wurde hier schon seltner, Mais nahm dessen Stelle
+ein, und nur die Baumwollenfelder dauerten noch fort.</p>
+
+<p>Weiter und weiter arbeitete das Boot &mdash; die Lichtungen
+wurden schm&auml;ler und seltener, auch die Geb&auml;ude unansehnlicher,
+die an den Ufern standen, bis sie zuletzt zu niedere fensterlose,
+in Sumpf und Rohr gebaute Blockh&uuml;tten zusammenschrumpften,
+mit m&auml;chtigen Reihen Klafterholz an der Seite, den auf-
+und abgehenden Dampfern das so n&ouml;thige Material zu liefern,
+und kaum einen halben Acker urbar gemachten Landes dabei,
+f&uuml;r die Bewohner der H&uuml;tte etwas Mais und einige K&uuml;rbisse
+und Melonen zu ziehn.</p>
+
+<p>Mitten aus dem Wald heraus leuchteten den Reisenden
+dann wieder pl&ouml;tzlich die hellen und oft ganz stattlichen Geb&auml;ude
+eines bald gr&ouml;&szlig;eren bald kleineren Ortes entgegen, und
+nirgends l&auml;&szlig;t sich der Unternehmungsgeist der Amerikaner
+gerade besser erkennen, als an den Ufern der westlichen Str&ouml;me,
+wo sich der Mensch ordentlich in die &Ouml;de mit seinen Bed&uuml;rfnissen
+hineinbohrt, weiter und weiter um sich greift, und
+aus dem Wald heraus, von W&ouml;lfen Nachts umheult und von
+der rauschenden Wildni&szlig; dicht begrenzt, seine St&auml;dte mit ihrem
+Handel und Verkehr, Dampfmaschinen und Banken heraufzaubert.
+Im Anfang sind diese denn auch nat&uuml;rlich nur auf
+den Strom selber angewiesen, dessen Schiffahrt sie entstehen
+lie&szlig;; nach und nach aber siedeln sich Nachbarn an, Plantagen
+und Farmen entstehn, M&uuml;hlen und Fabriken werden gebaut,
+Wege angelegt, und das Holz verschwindet unter den unausgesetzten
+Schl&auml;gen der gefr&auml;&szlig;igen Art.</p>
+
+<p>So passirten sie Natchez und Vicksburg, beide St&auml;dte mit
+prachtvollen massiven Geb&auml;uden, scheinbar an der Grenze der
+Civilisation gegr&uuml;ndet, und lie&szlig;en die M&uuml;ndung des gewaltigen
+Redriver an ihrer Linken, der seine rothen Fluthen, ein fast
+ebenso m&auml;chtiger Strom als der Mississippi selber, in diesen
+w&auml;lzt, ohne dessen Ufer auch nur eines Schrittes Breite auszudehnen.
+Ebenso hat der &raquo;Vater der Wasser&laquo; den stattlichen
+Arkansas, den White River, den breiten Ohio, mit einer Unzahl
+kleinerer Fl&uuml;sse aufgenommen, ohne die Breite seines Bettes,
+von der M&uuml;ndung des fast noch bedeutenderen Missouri
+auch nur im mindesten zu &auml;ndern. Aber tiefer und rei&szlig;ender
+wird er, je weiter er sich w&uuml;hlt, und je gr&ouml;&szlig;ere Kr&auml;fte er in
+sich aufnimmt; weiter hinein in den Grund rei&szlig;t er sich seine
+furchtbare Bahn, und die gr&ouml;&szlig;ten Kriegsschiffe w&uuml;rden ihn
+tausende von Meilen befahren k&ouml;nnen, d&auml;mmte seine M&uuml;ndung
+nicht die, den meisten gro&szlig;en Fl&uuml;ssen gef&auml;hrliche Queerbank,
+die gerade &uuml;ber sein Fahrwasser wegliegt, und tiefgehenden
+Schiffen den Eingang hartn&auml;ckig weigert.</p>
+
+<p>Weiter, weiter sch&auml;umen wir stromauf; dort dr&uuml;ben zu
+unserer Linken m&uuml;ndet der Arkansas seine Wasser, eine kurze
+Strecke weiter oben ein Arm des White River, und der kleine
+Ort, in die Spitze, die beide Str&ouml;me miteinander bilden, hineingebaut,
+hei&szlig;t Montgomery.</p>
+
+<p>Unser Lootse wei&szlig; aber von dem Ort da dr&uuml;ben, und von
+dem Mann der hier das erste Haus gegr&uuml;ndet, viel zu erz&auml;hlen.
+Er selber ist fr&uuml;her lange Jahre auf dem Arkansas gefahren
+und oft an der Spitze die Montgomerys Point hie&szlig; und noch
+hei&szlig;t gelandet; der aber, der hier den ersten Axtschlag gethan,
+war Einer jener wilden Charaktere wie sie der Westen leider
+noch in Masse liefert &mdash; M&auml;nner die nur das eine Ziel im
+Auge tragen &mdash; <span class="wide">Geld</span> &mdash; deren Herz und Seele, wenn sie
+Beides wirklich haben, nur dem einen Trieb sich weiht und
+eigen giebt, und die selbst Raub und Mord zu Br&uuml;cken brauchen,
+das zu erreichen. Wenn nur die H&auml;lfte von dem wahr
+ist, was er dem an das Lootsenhaus gelehnten Passagier halblaut,
+und mit einem scheuen Blick dort hin&uuml;ber in's Ohr
+fl&uuml;stert, da&szlig; es dem Mann eine Eishaut &uuml;ber den ganzen
+Leib jagt, so hat das Land da dr&uuml;ben Ursache fruchtbar zu sein,
+denn es ist mit Menschenblut ged&uuml;ngt.</p>
+
+<p>Wald dehnt sich jetzt zu rechts und links &mdash; weiter endloser
+Wald mit furchtbaren S&uuml;mpfen die nur, das Ufer des
+Stromes verlassend, der J&auml;ger betritt, den B&auml;r in seinem
+Schlupfwinkel aufzusuchen, oder die hier ziemlich zahlreichen
+Hirsche zu jagen. Selbst B&uuml;ffel haben sich, noch etwas weiter
+zur&uuml;ck vom Mississippi, in diesen furchtbaren Dickichten gehalten,
+und es ist das der einzige Platz in den, in die Union aufgenommenen
+Staaten, wo sie noch zu finden sind.</p>
+
+<p>Auch die Vegetation nimmt hier wieder einen etwas anderen
+Charakter an; das graue Moos ist ganz verschwunden,
+selbst die Cypressen kommen schon vereinzelter vor als weiter
+unten, und der m&auml;chtige <i>cotton</i> oder Baumwollenholzbaum,
+nach einer wei&szlig;en Flocke in der sein Saamen sitzt, so genannt,
+hat den Ehrenplatz am Ufer, und f&uuml;llt das flache sumpfige
+Land mit seinen wahrhaft riesigen St&auml;mmen. Aber w&auml;hrend
+der rastlos schaffende und vernichtende Mississippi an dem einem
+Ufer den Boden unterw&auml;scht und w&uuml;hlt, und oft ganze
+Acker Land, mit hunderten von St&auml;mmen in sein Bett herniederrei&szlig;t,
+wirft er am andern wieder weite Sandb&auml;nke aus,
+deckt sie und d&uuml;ngt sie mit dem fruchtbaren Schlamm, den ihm
+der Missouri aus den weiten Steppen des Westens hernieder
+f&uuml;hrt, und l&auml;&szlig;t sich vom Wind dann, in den leichten fasrigen
+Flocken, den Saamen des Baumwollenbaumes niederstreuen
+auf den jungen Grund. Jedes Jahr legt er sich der Art einen
+kleinen Streifen um den neugegr&uuml;ndeten Besitz, und w&auml;hrend
+das erst bes&auml;ete St&uuml;ck schon die jungen Cottonb&auml;ume bis zehn
+und f&uuml;nfzehn Fu&szlig; H&ouml;he tr&auml;gt, die sich mit den saftgr&uuml;nen
+jungen Kronen dicht und fest an den alten Urwald selber anschmiegen,
+werden sie kleiner und kleiner je weiter sie dem Ufer
+selbst sich n&auml;hern, bis sie in kleinen, kaum sichtbaren Sch&ouml;&szlig;lingen,
+noch von dem Schaum des Stromes besp&uuml;hlt, nur
+eben erst die schwachen gr&uuml;nen Keime zeigen, und damit eine
+f&ouml;rmliche gr&uuml;ne Stufenleiter bilden, bis zum Wasser nieder.</p>
+
+<p>Auch die Alligatoren sind jetzt verschwunden und zeigen
+nicht mehr die dunklen zackigen R&uuml;cken und Stirnen, verbranntem
+Holze gleichend, &uuml;ber der tr&uuml;ben Fluth; statt dessen sonnen
+sich weichschalige Schildkr&ouml;ten in Masse auf dem gelben Sand
+und den in den Strom geschwemmten St&auml;mmen, strecken die
+langen K&ouml;pfe neugierig und scheu herauf, wie sie das heranschnaubende
+Boot h&ouml;ren, und lassen sich dann schwerf&auml;llig nieder
+gleiten in die Fluth, dem fremden unheimlichen Feinde zu
+entgehn.</p>
+
+<p>Auch die wei&szlig;st&auml;mmige Sycamora, mit ihrem schweren
+rothen Holz das nicht im Wasser schwimmt, dr&auml;ngt sich bis
+zum Ufer vor, gar seltsam gegen die dunklen St&auml;mme der
+&uuml;brigen Waldung abstechend, w&auml;hrend bis zu ihren ersten
+&Auml;sten hinauf, in drei&szlig;ig und vierzig Fu&szlig; H&ouml;he, eine feste
+gr&uuml;ne Wand emporsteigt, das Mississippi-Rohr (<i>cane</i>) das
+seine Bambus&auml;hnlichen Wurzeln bis in den neben ihnen hinwaschenden
+Strom hinunter h&auml;ngt, und eine fast ununterbrochene
+Mauer bildet gegen das offene Flu&szlig;bett zu.</p>
+
+<p>Als ob ein einzelner Baum umgeschlagen w&auml;re und da
+hinein hie und da eine kleine, kaum bemerkbare L&uuml;cke gerissen
+h&auml;tte, so sehen die kleinen Lichtungen aus, in die sich ein Holzhauer
+gedr&auml;ngt und sein Lager da mitten im furchtbarsten
+Sumpf, von Wasser und Schlamm rings umgeben, aufgeschlagen
+hat mit Frau und Kind. Gegen das Gesetz der Vereinigten
+Staaten, das dem Einzelnen verbietet Holz auf Grund
+und Eigenthum der Union zu schlagen, macht er ein anderes
+Recht der Squatter, das <i>preemption right</i> f&uuml;r sich geltend,
+das dem armen Ansiedler erlaubt Land, ohne es gleich zu bezahlen,
+so lange zu occupiren und zu bebauen und dann darauf
+das Vorkaufsrecht zum Congre&szlig;preis (<i>1&#188; Dollar pr. acre</i>) zu
+behalten, bis es vermessen und zum Verkauf dann ausgeboten
+wird. Dem Staat gegen&uuml;ber erkl&auml;ren diese Leute, wenn sie je
+darum gefragt werden sollten, da&szlig; sie die B&auml;ume hier f&auml;llen
+um das Land urbar zu machen, und es f&uuml;r sich selber, zu ihrem
+bleibenden Wohnsitz zu w&auml;hlen, in Wirklichkeit aber bleiben
+sie nur bis sie sich eine gewisse Summe baaren Geldes durch
+den Holzverkauf an die Dampfboote verdient haben, und ziehen
+dann weiter westlich in ges&uuml;ndere Gegenden, sich dort erst
+anzukaufen &mdash; wenn sie nicht fr&uuml;her schon durch den Verlust
+von Frau oder Kindern oder durch eigene Krankheit in den
+b&ouml;sen Miasmen der S&uuml;mpfe verscheucht und gezwungen werden
+die H&uuml;gel aufzusuchen, das eigene Leben zu retten. Von
+kaltem Fieber gesch&uuml;ttelt, von Mosquitos zerstochen, an Stellen
+die von giftigen Schlangen wimmeln, vor denen sie die Kinder
+kaum genug h&uuml;ten k&ouml;nnen, verleben die armen Frauen besonders
+dort eine traurige Existenz. Ja diese wird oft selbst durch
+den Strom bedroht, der in seinen furchtbaren &Uuml;berschwemmungen
+das ganze Land &uuml;berfluthet, das geschlagene und
+m&uuml;hsam aufgeschichtete Holz und nicht selten die niederen
+Blockh&uuml;tten selber fa&szlig;t, und weit hinabschwemmt dem Meere
+zu, so da&szlig; diese Holzhauer, besonders an den niedrigst gelegenen
+Stellen, stets gezwungen sind ein Boot oder Canoe an
+ihrem Haus zu haben, in der Zeit der Gefahr wenigstens ihr
+Leben vor der Gewalt der Wasser sch&uuml;tzen zu k&ouml;nnen, und
+stromab den H&uuml;geln zuzufl&uuml;chten.</p>
+
+<p>S'ist eine traurige Existenz die tausende von Menschen
+auf solche Art f&uuml;hren, und bezeichnend dabei, da&szlig; fast nur
+Amerikaner selber, die abgeh&auml;rteten und die Wildni&szlig; gewohnten
+Kinder der Pioniere und ersten Vork&auml;mpfer der Civilisation,
+sie freiwillig w&auml;hlen. Selten oder nie findet man in diesen
+H&uuml;tten und S&uuml;mpfen Deutsche, oder andere fremde Einwanderer,
+die fast alle geringeren Verdienst und ges&uuml;nderen Boden
+vorziehn, auch wohl die&szlig; Klima mit seinen Entbehrungen nicht
+so ertragen k&ouml;nnten als der Amerikaner.</p>
+
+<p>Weiter w&uuml;hlt sich das Boot, an H&uuml;tte und Wildni&szlig; vorbei
+und was ist das dort dr&uuml;ben, das so wei&szlig; und breit da
+aus dem Wasser ragt? &mdash; Ein versunkenes Dampfboot, das
+in Nacht und Nebel gegen ein <i>snag</i> rannte und sank &mdash; &raquo;aber
+die meisten Passagiere wurden gerettet&laquo; &mdash; und da dr&uuml;ben, das
+mit den schwarzen Rippen? &mdash; das ist ein anderes Boot das
+mitten auf dem Strom in Brand gerieth und ungl&uuml;cklicher
+Weise, ehe es das feste Ufer erreichen konnte, auf eine Sandbank
+lief. Der Steuermann wei&szlig; eine furchtbare Geschichte
+davon zu erz&auml;hlen, denn er war an Bord, und man hat nie
+erfahren wie viel Ungl&uuml;ckliche ihr Leben dabei einb&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>Und weiter da dr&uuml;ben? &mdash; lieber Freund das sind auch
+die &Uuml;berreste eines Wracks; es ist hier gerade eine etwas gef&auml;hrliche
+Stelle, aber &uuml;berhalb der M&uuml;ndung des Ohio ist's
+noch viel &auml;rger, denn dort haben die Bootsleute einem Theil
+des Stromes den Namen, &raquo;Dampfers Kirchhof&laquo; gegeben, und
+manches Menschenleben hat der schon gekostet.</p>
+
+<p>Es ist wahr, auf keinem Strom der Welt ist mit Dampfbooten
+schon soviel Ungl&uuml;ck geschehn, wie gerade auf dem
+Mississippi mit seinen Nebenfl&uuml;ssen; auf keinem wird dabei
+trotzdem leichtsinniger gefahren, auf keinem werden, neben
+den prachtvollsten, besteingerichtetsten Fahrzeugen, schlechtere, unt&uuml;chtigere
+Kasten benutzt Waaren und Menschen zu transportiren
+wie gerade hier, denn der Amerikaner <span class="wide">will</span> und <span class="wide">mu&szlig;</span>
+Geld verdienen, und so lange ein Dampfboot nur eben noch
+auf dem Wasser schwimmt, so lange die wieder und wieder geflickten
+Kessel nur noch m&ouml;glicher Weise halten, wird ihm seine
+Ladung anvertraut, und dr&auml;ngen sich die Passagiere selber an
+Bord, nur keine Zeit zu vers&auml;umen, und vielleicht einen halben
+Tag l&auml;nger warten zu m&uuml;ssen mit einem besseren, neuen Boot
+dieselbe Fahrt zu machen. Aber wir m&uuml;ssen auch gerecht sein;
+auf keinem Strom der Welt fahren und kreuzen sich eine solche
+Masse von Dampfern jeder Gr&ouml;&szlig;e, jeder Gattung wie hier,
+von dem stattlichen Boot an das mit acht Kesseln an Deck
+und jeder ordentlichen Bequemlichkeit ausgestattet, von drei
+bis vier tausend Ballen Baumwolle im Stande ist zu tragen,
+bis zu dem kleinen Diminutiv-Boot nieder, das kaum zw&ouml;lf
+Zoll im Wasser gehend die zahlreichen kleinen Nebenfl&uuml;sse bef&auml;hrt
+und explorirt, mitten in Wald und Wildni&szlig; hineindampft
+allen Gefahren zum Trotz, und nicht selten den B&auml;ren und
+Panther &uuml;berrascht die zum Trinken herabkamen, und scheu
+und entsetzt jetzt vor dem fremden Ungeth&uuml;m zur&uuml;ck fliehen in
+Dickicht und Gestr&uuml;pp. Die Nebenfl&uuml;sse mitgerechnet, von denen
+ab die einzelnen Dampfer den Mississippi immer wieder
+ber&uuml;hren, betr&auml;gt die Zahl derselben jetzt weit &uuml;ber sieben hundert,
+und im Verh&auml;ltni&szlig; ist die Zahl der Ungl&uuml;cksf&auml;lle dann
+noch immer nicht gar so entsetzlich, wie es von solchen, die
+nur die dunklen Seiten jenes Landes aufzudecken suchen, oft
+geschildert und beschrieen, nicht beschrieben wird.</p>
+
+<p>An Bord war indessen, seit der Flucht des Diebes, der
+sich doch nicht hatte der Gefahr aussetzen wollen einen Urtheilsspruch
+der &uuml;berm&uuml;thigen Reisegef&auml;hrten abzuwarten, und
+lieber seine schon gezahlte Passage (Gep&auml;ck hatte er gar nicht)
+im Stich lie&szlig;, Alles ruhig und friedlich abgegangen, und Veitel
+Kochmer besonders hatte seine Zeit gut benutzt, auch oben
+in der Caj&uuml;te mit der Holzharmonika und der Kehle des Kindes
+Geld zu verdienen.</p>
+
+<p>Professor Lobenstein redete ihn da, als alten Reisegef&auml;hrten
+an, frug ob noch andere Passagiere von der <span class="wide">Haidschnucke</span>
+an Bord seien, und erfuhr von ihm, da&szlig; sich auch
+die Weberfamilie auf der Jane Wilmington eingeschifft habe
+nach Cincinnati zu gehn, dort unter den vielen Deutschen leichter
+Arbeit zu finden. Nun war es aber dem Professor, jemehr
+sie sich dem Orte n&auml;herten wo er selber ein neues ungewohntes
+Leben beginnen und Arbeiten unternehmen sollte, die sich doch
+in der Praxis ganz anders herausstellten als in B&uuml;chern, schon
+mehrfach im Kopf herum gegangen, wo er Jemand passenden
+gleich herbekam ihm wenigstens in der ersten Zeit zur Hand
+zu gehn. Auch seine Frau, seine T&ouml;chter brauchten eine H&uuml;lfe,
+denn waschen, scheuern, das Vieh besorgen etc. waren ebenfalls
+Dinge an die er noch nie so sehr gedacht hatte wie gerade jetzt,
+und die er den Seinigen kaum zumuthen konnte, vom ersten
+Augenblick gleich an zu &uuml;bernehmen. Von Hopfgarten, mit
+dem er dar&uuml;ber R&uuml;cksprache nahm war sogar entschieden dagegen,
+da&szlig; den an etwas derartiges gar nicht gewohnten Frauen
+je dergleichen Besch&auml;ftigungen obliegen d&uuml;rften, und betrachtete
+es als eine Sache die sich von selbst verst&auml;nde, da&szlig; er Leute
+engagiren m&uuml;sse, die eben die gr&ouml;beren Arbeiten f&uuml;r ihn verrichteten.
+Da aber solche, wie sie vielfach geh&ouml;rt, in Amerika
+nicht immer gleich und leicht zu bekommen w&auml;ren, k&ouml;nnte er
+auf der Gotteswelt nichts Besseres thun, als gerade die ganze
+Weberfamilie, die er als ordentliche, rechtschaffene, flei&szlig;ige
+Leute kennen gelernt hatte, wenn sie irgend zu bekommen w&auml;ren,
+in Dienst zu nehmen.</p>
+
+<p>Der Professor f&uuml;hlte da&szlig; er recht hatte; freilich geh&ouml;rte
+das, als schwere Ziffer, zu den &raquo;nicht gerechneten Ausgaben&laquo;,
+die er sich bis dahin immer noch eingeredet sie umgehen zu
+k&ouml;nnen; so viel H&auml;nde mehr verdienten aber auch mehr im
+Feld &mdash; auch der deutsche Landmann hielt ja seine Knechte
+und M&auml;gde und befand sich wohl dabei &mdash; warum nicht er.</p>
+
+<p>Zu solchem Entschlu&szlig;, zu dem die Weberfamilie auch
+noch ihre Zustimmung zu geben hatte, war dann aber auch
+keine Zeit mehr zu verlieren, und um es besser mit ihnen besprechen
+zu k&ouml;nnen, ging er gleich am n&auml;chsten Morgen zu
+ihnen hinunter in's Zwischendeck. Hier machte er den beiden
+Leuten gerade zu den Vorschlag, gegen einen entsprechenden
+Gehalt &uuml;ber den sie sich einigen wollten, auf ein Jahr bei ihm
+in Dienst zu treten, wo sie ein kleines Haus f&uuml;r sich bekommen,
+und ihre Familie, von der der &auml;lteste Knabe schon wacker
+mit zugreifen konnte, bei sich behalten sollten.</p>
+
+<p>Auch f&uuml;r den Weber war &uuml;brigens dieser Vorschlag gut
+und annehmbar, denn er geno&szlig; dadurch jedenfalls den sehr
+gro&szlig;en Vortheil nicht allein in der ersten Zeit das wenige
+was er an baarem Geld sein nannte, zu sparen, sondern sogar
+noch etwas dazu zu verdienen und nebenbei, das Wichtigste
+von Allem, das Land in dem er sich sp&auml;ter selber niederlassen
+wollte, aus eigner Erfahrung kennen zu lernen. Auch f&uuml;r die
+Kinder hatte er dabei ein Unterkommen, wie f&uuml;r die alte Mutter,
+die sich auf der Seereise merkw&uuml;rdig gekr&auml;ftigt und gest&auml;rkt,
+jetzt aber in dem neuen ungewohnten Leben und Treiben an
+Bord, still und &auml;ngstlich in ihrer Ecke sa&szlig;, aber doch nicht
+mehr jammerte und wehklagte, sondern mehr bet&auml;ubt von all
+dem Neuen das sie umgab, ruhig abwartete was ihr und den
+ihrigen die n&auml;chste Zukunft bringen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Nun war es dem Mann freilich ein ungewohntes und
+auch fast dr&uuml;ckendes Gef&uuml;hl hier in Amerika, wo er seine Lage
+gegen Deutschland hatte verbessern wollen, in <span class="wide">Dienst</span> zu treten,
+w&auml;hrend er im alten Vaterland, wenn auch arm und
+k&uuml;mmerlich, doch selbstst&auml;ndig, und von Niemandem abh&auml;ngend,
+gelebt hatte; aber er sah auch wohl da&szlig; er hier in
+eine ganz fremde ihm vollkommen neue Welt gerathen sei, in
+der er vor allen Dingen lernen und Erfahrung sammeln mu&szlig;te,
+und mit der Sch&uuml;chternheit sich gleich von vorn herein ein
+selbstst&auml;ndiges Handeln zuzutrauen, die unseren armen Klassen
+nur zu sehr eigen ist, mochte er die Hand nicht zur&uuml;ckweisen,
+die sich ganz unerwartet ausstreckte ihn zu unterst&uuml;tzen. Auch
+die Frau, die vor Nichts solche Angst gehabt als gerade vor
+dem ersten Beginn, griff mit Freuden nach diesem Anerbieten
+&mdash; arbeiten, lieber Gott das wollte sie ja gern von fr&uuml;h bis
+sp&auml;t, hatte auch noch nichts Anderes gekannt seit sie kaum alt
+genug geworden die j&uuml;ngeren Geschwister umherzutragen, und
+selber wieder ein eignes Haus? ja lieber Himmel, das ging
+nicht im Handumdrehen, und das was ihnen jetzt und zwar
+von einer Familie geboten wurde, die sie schon auf dem Schiff
+hatten achten und lieben lernen, durften sie nicht zur&uuml;ckweisen,
+wenn sie sich nicht sp&auml;ter die bittersten Vorw&uuml;rfe h&auml;tten machen
+wollen.</p>
+
+<p>Der Lohn freilich, den ihnen der Professor bei weiterer
+Unterhandlung bieten konnte war gegen das, was sie fr&uuml;her
+von den Arbeitsl&ouml;hnen in Amerika geh&ouml;rt, nicht hoch, und betrug
+f&uuml;r beide Eheleute nur zw&ouml;lf Dollar monatlich an baarem
+Gelde, aber sie bekamen auch dabei f&uuml;r sich und ihre Familie
+die Kost, und hatten in sicherem Verdienst, nach Abschlu&szlig; des
+Jahres zu dem was sie schon ohnedie&szlig; besa&szlig;en und jetzt nicht
+anzugreifen brauchten, noch eine h&uuml;bsche runde Summe von
+144 Dollar &uuml;brig, mit der sich schon etwas anfangen lie&szlig;. So
+schlugen sie denn nach kurzem Besinnen ein, lie&szlig;en ihre &uuml;beraus
+sehr schwankenden Aussichten in Cincinnati fahren, und
+beschlossen in Grahamstown mit an Land zu gehn &mdash; die
+Passagezahlung blieb sich &uuml;berdie&szlig; nach beiden Orten gleich.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist doch auch d&uuml;mmer wie's eigentlich erlaubt ist&laquo;,
+wandte sich &uuml;brigens, wie der Professor nur kaum den R&uuml;cken
+gedreht hatte und wieder nach oben gegangen war, ein anderer
+deutscher Bauer, der ebenfalls erst vor einigen Wochen mit
+Frau und Kindern von Deutschland gekommen, nach Cincinnati
+hinauf wollte, an den Weber &mdash; &raquo;l&auml;&szlig;t Dich da von dem
+Breimaul beschwatzen, Dich f&uuml;r sechs Thaler den <span class="wide">Monat</span> zu
+schinden und zu plagen, wo Du so viel die <span class="wide">Woche</span> kriegen
+k&ouml;nntest, und bedankst Dich auch nachher noch bei ihm da&szlig; er
+so gut ist und Dich umsonst arbeiten l&auml;&szlig;t. Herr Jeses, <span class="wide">mir</span>
+sollte so Einer so etwas bieten, den wollte ich heimschicken.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann war aus Kurhessen und sah d&uuml;rftig aus, hatte
+auch in der That schon fast alles Mitgebrachte aufgezehrt, und
+eben noch die Passage f&uuml;r sich und die Seinen auf dem Dampfboot
+erschwingen k&ouml;nnen, aber er wu&szlig;te was ihm die Agenten
+in Deutschland f&uuml;r Lohn versprochen, und war nicht gesonnen,
+wie er meinte, f&uuml;r einen Dreier weniger zu arbeiten.</p>
+
+<p>&raquo;Aber warum hast Du mir das nicht fr&uuml;her gesagt, wie
+ich noch mit dem Herrn sprach&laquo; meinte der Weber, durch den
+so bestimmt ausgesprochenen Vorwurf doch etwas kleinlaut geworden.</p>
+
+<p>&raquo;Was gehts mich an&laquo; brummte der Hesse &mdash; &raquo;Jeder mu&szlig;
+am Besten selber wissen was er zu thun hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Du wei&szlig;t auch nicht gewi&szlig;, was Du im Ohio zu
+erwarten hast&laquo; sagte der Weber kopfsch&uuml;ttelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Nun <span class="wide">sechs Dollar</span> laufen mir da nicht weg&laquo; lachte
+der Andere, &raquo;und &uuml;berdie&szlig; hab' ich's schwarz auf wei&szlig;, und
+zwar von Leuten zu Hause, die die Sache verstehn. Soviel
+wei&szlig; ich aber, ehe ich f&uuml;r sechs Dollar den Monat arbeite,
+hungre ich lieber, denn <span class="wide">mit</span> sechs Dollar k&ouml;nnte ich auch eben
+nicht mehr thun als mich satt essen, und so spar' ich doch meine
+Knochen. &Uuml;brigens hast Du ja gar keinen festen Contrakt gemacht,
+und kannst deshalb noch immer thun was Dir am
+Besten scheint.&laquo;</p>
+
+<p>Dem Weber war es ein unbehagliches Gef&uuml;hl, sich von
+Jemanden, der schon beinah so viel Wochen im Land war
+wie er Tage, so direkt tadeln zu lassen, aber er konnte es auch
+jetzt nicht mehr &auml;ndern, denn er hatte sein Wort gegeben, was
+er wenigstens f&uuml;r ebenso bindend hielt wie einen Contrakt.
+Dann aber stie&szlig; ihn auch seine Frau heimlich an, und fl&uuml;sterte
+ihm zu sich nicht irre machen zu lassen von dem Menschen.
+Sie seien nicht her&uuml;ber nach Amerika gekommen in einem Jahr
+reich zu werden &mdash; das m&ouml;chte manchmal gl&uuml;cken, aber auch
+nicht immer &mdash; sondern sich und ihren Kindern nach und nach,
+aber dann auch gewi&szlig;, eine feste St&auml;tte zu erbauen, da&szlig; sie
+gl&uuml;cklich und unabh&auml;ngig leben k&ouml;nnten, und mit jedem Jahre
+weiter vorw&auml;rts k&auml;men, nicht zur&uuml;ck wie in Deutschland. Damit
+aber h&auml;tten sie jetzt den Anfang gemacht, und wenn es
+der Andere da dr&uuml;ben, mit dem zerrissenen Rocke und der bleichen
+kranken Frau, besser wisse und verstehe, so solle er nur
+hingehn und es versuchen, sie selber wollten lieber &raquo;den Sperling
+in der Hand, wie die Taube auf dem Dache.&laquo;</p>
+
+<p>F&uuml;nf Tage und N&auml;chte fuhren sie so stromauf, immer in
+vierundzwanzig Stunden etwa 200 englische Meilen, den
+Windungen des Stromes nach, zur&uuml;cklegend, und erreichten
+endlich die M&uuml;ndung des Ohio, der, von Osten kommend,
+seine klaren Wasser mit starker Str&ouml;mung, deutlich unterscheidbar
+bis &uuml;ber die Mitte hinaus in die schmutzig gelbe Fluth des
+Mississippi dr&auml;ngt, und sich erst eine lange Strecke weiter unten
+mit diesem ganz vermischt. Die Staaten Missouri an der
+linken, Kentucky an der rechten und Illinois gegen&uuml;ber, laufen
+hier in ihren Grenzspitzen zusammen, w&auml;hrend der Ohio
+selber, durch seinen Strom von Ost nach West, die freien und
+Sclavenstaaten von einander trennt.</p>
+
+<p>Aber die Ufer selber bekommen hier einen ganz anderen
+Charakter; schon Kentucky zur rechten zeigte hohes Land, das
+mit seinen nordischen Kiefern dem Auge unendlich wohl that,
+und wenn auch die Spitze von Illinois, auf der ein kleines
+dem Mississippi zehnmal abgetrotztes, und zehnmal wieder von
+ihm &uuml;berschwemmtes und vernichtetes St&auml;dtchen liegt, noch
+flach und &ouml;de ausl&auml;uft in den Strom, hebt sich doch auch bald
+an dieser Seite das Land, und mit dem durchsichtig klaren
+Wasser, das vorn den Bug besch&auml;umt, mit selbst kaum halb so
+starker Str&ouml;mung gegen sich als im Mississippi, braust das Boot
+lebendiger voran, und das Auge h&auml;ngt mit Wohlgefallen an
+den freundlichen Ufer-Bergen.</p>
+
+<p>Der Ohiostrom ist schon von vielen Amerikanern mit unserem
+deutschen Rhein verglichen worden, und nicht ganz mit
+Unrecht; der breite klare Strom, die meist wellenf&ouml;rmigen, oft
+schroffen, nicht zu hohen H&uuml;gel, die sein Ufer bilden, und
+mit dem herrlichsten Gr&uuml;n bekleidet sind, haben allerdings viel
+&Auml;hnliches mit unserem deutschen Strom; auch viele trefflich angelegte
+Farmen und kleine bl&uuml;hende St&auml;dte, die &uuml;berall den Unternehmungsgeist
+der th&auml;tigen Amerikaner bekunden, geben dem
+Bild etwas Liebes und Freundliches, im Gegensatz zu dem,
+von Sumpf und wildem Urwald begrenzten und tr&uuml;b und
+rei&szlig;end dahin str&ouml;menden Mississippi. Aber die Burgen fehlen
+ihm, und nicht allein als Schmuck in der Scenerie, nein auch mit
+ihnen die alten historischen Erinnerungen, die Sagen und Legenden,
+die jedem Fels am Vater Rhein, dem H&uuml;gelhang, der
+Waldesschlucht, jeder Thurmspitze und Mauer ihren eigenen,
+wunderbaren Reiz verleihn. Der Schmuck der Berge, selbst
+wenn sie in all den wundervollen herbstlichen Tinten prangen,
+die gerade jener Zone eigen, kann diesen Reiz und Zauber nicht
+ersetzen &mdash; sie bleiben todt und kalt, so sch&ouml;n sie sind, und der
+Reisende, besonders der Deutsche, wird sie anschaun und sich
+freun dar&uuml;ber, aber nie sein Herz mit solchen Banden zu ihnen
+hingezogen f&uuml;hlen wie zu dem eigenen heimischen Rhein, selbst
+wenn das eigene Vaterhaus weit, weit von diesem stand.</p>
+
+<p>Rasch fliegt inde&szlig; das wackre Boot die klare breite Bahn
+entlang, und andere Ufer gr&uuml;&szlig;en den Fremden wieder, der
+mit neugierigem Blick hin&uuml;ber schaut auf das fremde Land.
+Cypressen wie Baumwollenholzb&auml;ume sind lange in dem mehr
+s&uuml;dlichen Klima zur&uuml;ckgeblieben und nur die wei&szlig;st&auml;mmige
+Sycamore begrenzt noch, von Eichen und Kiefern &uuml;berragt,
+mit Erlen und Weiden die Ufer des Stromes, und neigt sich
+oft weit hinaus &uuml;ber die murmelnde, spiegelhelle Fluth.</p>
+
+<p>An diesem Abend, dem ersten im Ohiostrom wollte Veitel
+Kochmer, der sich indessen wacker auf alle die Amerikanischen
+Melodieen einge&uuml;bt hatte, wieder eine Vorstellung geben. Der
+gute Gewinnst lockte ihn, und er schien nicht gesonnen eine
+solche Gelegenheit eben unbenutzt vor&uuml;ber zu lassen; der Knabe
+aber, der sich die Tage &uuml;ber zu sehr angestrengt und bla&szlig; und
+leidend aussah, klagte &uuml;ber Schmerzen im Hals und weigerte
+sich zu singen. Veitel glaubte inde&szlig; auch ohne ihn das Publikum
+befriedigen zu k&ouml;nnen, und lie&szlig; die Leute durch Einen
+der Englisch redenden Deutschen wieder einladen ihm zuzuh&ouml;ren.
+Ob diese aber der Holzharmonika schon &uuml;berdr&uuml;&szlig;ig waren, die
+den meisten mit ihren weichen sanften T&ouml;nen auch au&szlig;erdem
+nicht viel Befriedigendes bot, oder ob sie kein Geld mehr an
+eine Sache wenden wollten, die sie am Ende ebenso gut umsonst
+zu h&ouml;ren bekamen, da der Pole, wenn er nur f&uuml;r sich
+selber etwas spielte, das eben an Bord nicht geheim thun
+konnte, kurz sie erkl&auml;rten ihm, ohne Fl&ouml;te mache ihnen die
+Sache keinen Spa&szlig;. Wenn der Knabe nicht wohl sei, m&ouml;ge
+er das Spielen lieber lassen, oder spielen wenn er Lust h&auml;tte,
+aber sie zahlten ihm Nichts daf&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst Du Philippche!&laquo; fl&uuml;sterte da Veitel dem jungen
+Burschen zu, der in einer Ecke kauerte, und bog sich dabei
+&uuml;ber ihn und stie&szlig; ihn in die Seite &mdash; &raquo;siehst Du mein S&ouml;hnche &mdash;
+Nichts zahlen wollen se &mdash; <span class="wide">werst</span> Du nu singen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich <span class="wide">kann</span> nicht Vater.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t, <span class="wide">kann</span> nicht, werd ich Dir gleich beweisen,
+ob Du kannst oder nich; kenn ich doch Deine Mucken, mai
+Philippche und werd ich Dir kommen mit en Stock &mdash; werst
+Du wohl kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir brennt der Hals, als wenn ich gl&uuml;hende Kohlen
+darin h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werd' se Dir l&ouml;schen,&laquo; sagte aber der Alte boshaft,
+&raquo;Gott der Gerechte, glaubt das Jingelche, ich soll's fittern
+vor's reine Vergnigen. Werst Du singen, frag ich Dich jetzt
+zum letzten Mal, oder werste nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Der Knabe also getrieben, und in scheuer Furcht vor
+dem finstern Mann, der ihm wohl schon oft bewiesen haben
+mochte, da&szlig; er im Stande sei seine Drohungen auszuf&uuml;hren,
+stand langsam auf, wischte sich furchtsam die hellen Thr&auml;nen
+aus den Augen und trat zu der Kiste, an der der Alte sein
+Instrument schon aufgestellt und geordnet hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Freund, was fehlt dem jungen Burschen?&laquo; frug
+da ein alter Pensylvanier in seinem wunderlichen Pensylvanisch-Deutsch
+den Polen, der dem Knaben jetzt m&uuml;rrisch zuwinkte
+sich bereit zu halten. Der Pensylvanier sa&szlig; unfern von ihnen
+auf einem Koffer, die Ellbogen auf die Knie gest&uuml;tzt, und schaute
+mit den scharf geschnittenen aber grundehrlichen Z&uuml;gen und
+den kleinen blauen lebendigen Augen bald den Knaben, bald
+dessen Vater an.</p>
+
+<p>&raquo;Was ihm fehlt? &mdash; ene Tracht Pr&uuml;gel werd ihm fehlen,&laquo;
+knurrte aber Veitel m&uuml;rrisch &mdash; &raquo;faul ist er und will
+nich singen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin nicht faul, Vater,&laquo; sagte aber der arme junge
+Bursche, dem das Blut bei der Anklage in Stirn und Schl&auml;fe
+stieg, &raquo;ich bin nicht faul, sondern krank, und Du wirst mich
+so lange zum Singen zwingen, bis ich unter der Erde liege,
+wie&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>Er schwieg und wandte sich ab, der Alte hatte aber in
+r&uuml;cksichtslos ausbrechender Wuth eine Flasche ergriffen, die
+neben ihm stand, und wollte damit einen Schlag nach dem
+Kinde f&uuml;hren, holte wenigstens dazu aus, als der Pensylvanier
+auf und dazwischen sprang, dem Juden die Flasche entri&szlig;,
+und ihn selber f&uuml;nf oder sechs Schritt zur&uuml;ckschleuderte, da&szlig;
+er taumelte und sich an den n&auml;chsten Coyen halten mu&szlig;te,
+nicht zu fallen.</p>
+
+<p>&raquo;Nichtsw&uuml;rdiger Hallunke!&laquo; rief der alte Mann dabei,
+w&auml;hrend ihm edle Entr&uuml;stung das Blut in die Wangen jagte,
+&raquo;sch&auml;mst Du Dich nicht der paar Dollars wegen, Dein eigenes
+krankes Kind zu qu&auml;len und zu mishandeln? untersteh Dich
+und leg Hand an ihn, so lange wir hier an Bord zusammen
+sind, und sieh was wir dann mit Dir selber machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist <span class="wide">mein</span> Junge, und ich kann mit ihm machen was
+ich will,&laquo; rief der Alte halb scheu, halb trotzig vor dem unvermutheten
+Angriff, dem er nicht zu begegnen wagte &mdash; &raquo;wer
+hat mer was in mei eigene Familie zu reden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will Dir was sagen, Kamerad,&laquo; redete ihn aber
+jetzt der Pensylvanier <ins title="fehlt im Original">an</ins>, der mit ein paar fl&uuml;chtigen Worten den
+ihm n&auml;chst Stehenden und neugierig Herandr&auml;ngenden die
+Ursache des Streites erz&auml;hlt hatte, &raquo;wenn Du gescheut bist,
+dann betr&auml;gst Du Dich wenigstens so lange vern&uuml;nftig, wie
+wir hier zusammen an Bord sind; was Du nachher thust, mu&szlig;t
+Du mit Deinem eigenen Gewissen abmachen. Soviel sag ich
+Dir aber, wenn Du Deinen Jungen schlecht behandelst und er
+<span class="wide">l&auml;uft Dir hier fort</span> &mdash; so darfst Du Dich nicht dar&uuml;ber
+beklagen, und k&auml;me er zu <span class="wide">mir</span> &mdash; und ich wohne im n&auml;chsten
+Haus am Indian Hill bei Cincinnati und hei&szlig;e Brower &mdash;
+und suchte da Schutz, so w&auml;rst Du der letzte, der ihn wieder
+bek&auml;m. Hast Du mich verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hab ich mit Euch zu schaffen?&laquo; sagte Veitel, aber
+er packte sein Instrument verdrie&szlig;lich wieder ein, da er wohl
+sah da&szlig; jetzt keine Zeit sei zu spielen und einzusammeln. Der
+Knabe, den Zorn des alten Mannes f&uuml;rchtend, dr&uuml;ckte sich indessen
+wieder zur&uuml;ck in seine Ecke, ihn wenigstens nicht durch
+seinen Anblick mehr als n&ouml;thig auf sich aufmerksam zu machen,
+blieb jedoch f&uuml;r jetzt mit jedem Zwang verschont.</p>
+
+<p>Die wackere Jane Wilmington verfolgte indessen rasch,
+und ohne sich irgendwo aufzuhalten, ihre Bahn. Hie und
+da wurde wohl manchmal am Tag ein Tuch, oder Nachts ein
+Feuerbrand am Ufer geschwenkt, das bekannte Zeichen da&szlig;
+Passagiere an Bord wollten, und das Boot setzte dann die
+J&ouml;lle aus, oder lief, wenn es der Platz erlaubte, selber dicht
+an das Land hinan, die Fremden aufzunehmen. Manchmal
+aber auch, wenn der Capitain mit seinem Fernrohr dem &auml;u&szlig;eren
+Aussehn nach vermuthete, da&szlig; er nur Zwischendecks-Passagiere
+zu erwarten habe, schwieg auch wohl die Glocke und das
+Boot brauste, herzlich von den am Land Harrenden verw&uuml;nscht,
+vorbei ohne anzuhalten.</p>
+
+<p>Aber das Ufer an beiden Seiten verrieth auch jetzt weit
+gr&ouml;&szlig;ere Cultur, als sie, seit sie den unteren Mississippi verlassen,
+an diesem Strom gesehen. &Uuml;berall wo ein unbedeutender
+Flu&szlig; oder auch nur ein Bach in den Ohio m&uuml;ndete,
+lagen kleine St&auml;dtchen, die mit ihren neuen, hell gemalten
+h&ouml;lzernen H&auml;usern, manchmal noch von dem Wald aus dem
+sie entsprungen umschlossen, oft aber auch von gut bebauten
+Farmen dicht umgeben, gar eigenth&uuml;mlich gegen den dunklen
+Hintergrund abstachen. Fabrikgeb&auml;ude standen am Ufer, Kohlengruben
+sandten ihre Sch&auml;tze auf improvisirten kleinen Eisenbahnen
+bis dicht an den Rand des Stromes hin, die Kohlen
+von &uuml;berbauten Werften gleich in die darunter gelandeten
+Boote zu werfen; Heerden weideten auf gelichteten Graspl&auml;tzen,
+Getraide und Heuschober standen aufgespeichert, den
+Reichthum des Bodens bekundend. Massen von kleinen und
+gr&ouml;&szlig;eren Dampfern lagen dabei theils an den besiedelten
+Pl&auml;tzen oder kamen den Strom herab, tief mit den kr&auml;ftigen
+Produkten des Nordens geladen. Die aufgehenden Dampfer
+brauchten zugleich ihre Zeit nicht mehr damit zu vers&auml;umen an
+Land zu fahren, ihren Holzbedarf einzunehmen, denn die
+Holzverk&auml;ufer hatten die Klaftern schon in offenen breiten
+Booten aufgespeichert und fertig liegen. Nur ein Tau wurde
+ihnen zugeworfen, das befestigten sie an Bord, und w&auml;hrend
+das Dampfboot mit ihnen stromauf lief, wurde das Holz auf
+seine <i>guards</i> geworfen, der Eigenth&uuml;mer ging in die Caj&uuml;te,
+sich sein Geld geben zu lassen und steuerte dann sein etwas
+schwerf&auml;lliges Fahrzeug wieder mit der Str&ouml;mung zur&uuml;ck, dem
+eigenen Landungsplatze zu.</p>
+
+<p>So liefen sie zwischen Illinois und Kentucky hin, und
+erreichten am siebenten Tag nach ihrer Abfahrt von New-Orleans
+die M&uuml;ndung des ebenfalls schiffbaren Wabasch, der
+von Michigan herunter kommend und oben queer durch den
+Staat Indiana durchstr&ouml;mend weiter unten die Grenze bildet
+zwischen diesem und dem Nachbarstaat Illinois, bis zum Ohio
+nieder. Kentucky dehnte sich jetzt noch an ihrer Rechten aus,
+aber zu ihrer Linken lag Indiana.</p>
+
+<p>Herr von Hopfgarten hatte sich indessen entschlossen, ebenfalls
+mit in Grahamstown an Land zu gehn; er kam noch
+fr&uuml;h genug nach Cincinnati, und bekam hier zugleich Gelegenheit
+das innere Land wie die Verh&auml;ltnisse des Ankaufs, welche
+der Professor jetzt durchmachen mu&szlig;te, n&auml;her kennen zu lernen.
+Au&szlig;erdem waren sie doch nun auch hier ein t&uuml;chtiges St&uuml;ck
+in Amerika hineingekommen, ja befanden sich in der That ziemlich
+im Mittelpunkt der ganzen Vereinigten Staaten, die sich
+hier jedenfalls eher mu&szlig;ten in ihrem urth&uuml;mlichen Charakter
+erkennen lassen, als in den gro&szlig;en, volkreichen St&auml;dten.</p>
+
+<p>Nun sie &uuml;brigens ihr Ziel bald erreicht hatten, und die
+Passagiere, selbst die Damen, durch die l&auml;ngere Dampfbootfahrt
+zuversichtlicher und sicherer geworden waren, begann
+Marie, wenn sie bei Tische oder Abends manchmal auf der
+hinteren Gallerie zusammen kamen, den Reisegef&auml;hrten zu necken,
+da&szlig; ihre Reise so ganz ruhig und ohne Zwischenfall abgelaufen
+sei, und Herr von Hopfgarten nun wahrscheinlich wieder
+den ganzen Weg werde zur&uuml;ck machen m&uuml;ssen, noch einmal
+von vorn anzufangen. Hopfgarten war aber auch wirklich
+nicht so ganz mit dem bis jetzt erzielten Resultat zufrieden,
+denn nicht allein war die Reise bis jetzt so glatt und still vor
+sich gegangen, als ob sie auf einem Europ&auml;ischen Dampfer
+gefahren w&auml;ren, sondern er hatte auch selbst unter seinen Mitpassagieren
+noch nicht das geringste Au&szlig;ergew&ouml;hnliche entdeckt.
+Nirgends boxten sich die Leute &mdash; als einmal im Zwischendeck
+und das hatte er vers&auml;umt &mdash; nirgends sah er Pistolen oder
+Bowiemesser<a href="#g3fn18"><small><sup>18</sup></small></a><a name="g3fn18r" id="g3fn18r"></a> gegen einander gezogen, und wie oft hatte er
+doch in Deutschland gelesen, da&szlig; diese beiden Waffen von
+Amerikanern bei den geringsten Streitigkeiten aufeinander gez&uuml;ckt
+w&uuml;rden. Es war ein verzweifelt langweiliges Leben an
+Bord, und wenn ihn nicht die bunt zusammengew&uuml;rfelte Gesellschaft
+der Passagiere selber am&uuml;sirt h&auml;tte, er w&uuml;rde nicht
+gewu&szlig;t haben was mit sich anzufangen.</p>
+
+<p>Die Caj&uuml;te eines Mississippi-Dampfboots ist aber auch
+wirklich f&uuml;r Jemanden, der Charakterstudien zu machen w&uuml;nscht,
+der beste Platz der sich nur denken l&auml;&szlig;t. Im Zwischendeck
+geben sich die Leute wie sie sind, und sind wie sie sich geben,
+meist rohes Bootsvolk, das sich nicht wohl in anst&auml;ndiger Gesellschaft
+f&uuml;hlt, oder die &auml;rmere Klasse der Einwanderer, die
+still und anspruchslos alle Unbequemlichkeiten und Entbehrungen
+dieses Platzes ertragen, weil sie eben wissen, da&szlig; sie nicht
+f&uuml;r mehr bezahlen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>In der Caj&uuml;te ist das anders; die Passagepreise auf den
+westlichen Dampfbooten sind der ungeheueren Frequenz und
+des wohlfeileren Brennmaterials, wie der billigen Lebensmittel
+wegen so niedrig gestellt, da&szlig; Jeder, der nicht wirklich zur
+arbeitenden Klasse geh&ouml;rt, und sich sein Brod im Schwei&szlig; seines
+Angesichts verdienen mu&szlig; &mdash; und selbst von diesen Mancher
+&mdash; in der Caj&uuml;te bei guter Kost und bequemem und reinlichem
+Aufenthalt seine Reise macht. So finden wir neben
+dem reichen Pflanzer aus dem S&uuml;den und dem Cr&ouml;sus aus
+den &ouml;stlichen St&auml;dten, der in die theuersten und feinsten Stoffe
+nach elegantem Schnitt gekleidet Passage genommen hat
+seine Freunde im Norden zu besuchen, den rauhen Backwoodsman
+oder Hinterw&auml;ldler gerad' aus dem Wald heraus, in
+seinem blauwollenen oder ledernen Jagdhemd, der seine lange
+B&uuml;chse in die Ecke der Caj&uuml;te zwischen die seidenen Regenschirme
+und Fischbeinspatzierst&ouml;cke gelehnt hat, und seinen Tabackssaft
+zwischen den Z&auml;hnen durch &uuml;ber Bord spritzt wie &mdash;
+der beste Gentleman der Union; finden den langen Yankee-Sclavenh&auml;ndler
+mit grell buntgestreiftem Hemd und unvermeidlichen
+Frack, den Hut nach hinten in den Kopf gedr&uuml;ckt; finden,
+dicht neben dem salbungsvollen Gesicht und breitr&auml;ndigen
+Hut, dem braunen Rock mit Stehkragen und der wei&szlig;en Cravatte
+des Reverend So und So, den Abschaum der Menschheit
+&mdash; den Spieler von Profession &mdash; der mit falschen Karten &raquo;sein
+Leben macht&laquo; und zu Mord und Stra&szlig;enraub eher seine
+Zuflucht nehmen w&uuml;rde wie zu ehrlicher Arbeit; finden den Vieh-
+und Mehlh&auml;ndler, und den &raquo;Stadt-Speculanten&laquo;, der seine
+Baupl&auml;tze irgend einer imagin&auml;ren Stadt an den Mann zu
+bringen sucht; den weichlichen Creolen aus Louisiana, und den
+z&auml;hen, derbknochigen Yankee-Uhrenh&auml;ndler; den Spanischen
+Kaufmann aus New-Orleans, der nach Cincinnati geht seine
+Eink&auml;ufe in Manufakturwaaren zu machen, und den Ohio-Schweinefleischh&auml;ndler,
+der seine gesalzenen Heerden in der
+K&ouml;nigin des S&uuml;dens gegen Spanische Dollar vertauschte;
+finden mit einem Wort den ganzen bunten Extrakt der wunderlich
+gemischten Bev&ouml;lkerung Amerikas, mit einer einzigen
+Ausnahme; wir finden keine Neger oder von farbigen Blut
+Entsprossene, bis zum Quadroon<a href="#g3fn19"><small><sup>19</sup></small></a><a name="g3fn19r" id="g3fn19r"></a> hinunter, in der Caj&uuml;te
+eines Dampfers &mdash; au&szlig;er den Dienern nat&uuml;rlich, Steward,
+Koch und Aufw&auml;rtern &mdash; denn dem farbigen Blut ist der
+Aufenthalt dort zwischen <span class="wide">Wei&szlig;en</span> verboten, und wenn sie
+&uuml;ber Millionen zu gebieten h&auml;tte. Wie w&uuml;rde es einem
+Wei&szlig;en einfallen sich mit dem Abk&ouml;mmling der verachteten
+Race an <span class="wide">einen</span> Tisch zu setzen, oder gar <span class="wide">eine</span> Coye mit
+ihm zu theilen. &mdash; Mit den Zwischendeckspassagieren ist
+das eine andere Sache &mdash; Vieh wird auch oft im Zwischendeck
+bef&ouml;rdert, und zwar mitten zwischen den &uuml;brigen
+Passagieren &mdash; dasselbe Recht haben die <span class="wide">Nigger.</span></p>
+
+<p>Kaum minder interessant &mdash; das Wenige gerechnet was
+er davon zu sehn bekam &mdash; war f&uuml;r unseren Freund Hopfgarten
+die Damencaj&uuml;te, in der er gewi&szlig; vortreffliche und
+h&ouml;chst angenehme Studien Amerikanischen Familienlebens
+h&auml;tte machen k&ouml;nnen, wenn nicht die magischen Worte <i>no
+admittance,</i><a href="#g3fn20"><small><sup>20</sup></small></a><a name="g3fn20r" id="g3fn20r"></a> die auf einer rothen Tafel mit goldenen
+Buchstaben dar&uuml;ber standen, jedes Eindringen in das
+Mysterium dieser mit rothseidenen Vorh&auml;ngen verschlossenen
+Halle unm&ouml;glich, oder doch zu einem sehr gewagten Unternehmen
+gemacht h&auml;tten. Manchmal war er allerdings im
+Stande einen fl&uuml;chtigen Blick in das sehr elegant ausgestattete
+und mit weichen Teppichen belegte Gemach zu
+gewinnen, wenn ein oder die andere Dame, vielleicht absichtlich,
+einmal den Vorhang hob herauszuschauen, oder
+wenn die Kammerjungfer, ein allerliebstes Quadroon-M&auml;dchen
+aus- und einging, ihren n&ouml;thigen Besch&auml;ftigungen nach.
+Es lie&szlig;en sich dann wohl ein paar reizende Gestalten,
+nachl&auml;ssig in einen Schaukelstuhl hingegossen, erkennen,
+die sich, ein Buch oder Kind auf dem Schoo&szlig; um nur
+etwas in der Hand zu haben, behaglich her&uuml;ber und
+hin&uuml;ber wiegten; viel mehr war aber nicht davon
+wegzubekommen, und er selbst zu sch&uuml;chtern sich irgendwo
+einzudr&auml;ngen wohin er nicht geh&ouml;rte, und wo er glauben
+konnte vielleicht nicht gern gesehen zu sein.</p>
+
+<p>Des Neuen bot der Strom &uuml;berhaupt genug, nach
+jeder Seite hin, und die Zeit verging ihnen, sie wu&szlig;ten
+selbst nicht wie.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap8" id="kap8"></a>Capitel 8.</h2>
+
+<h3>Die Farm in Indiana.</h3>
+
+
+<p>Die Schiffsglocke l&auml;utete wieder, und der Platz wo sie
+jetzt landeten, ein Holzboot in's Schlepptau zu nehmen, lag
+wie der Farmer sagte, der das Holz an Bord brachte, gerade
+drei Miles (engl. Meilen) unter Grahamstown; es war
+f&uuml;r die Passagiere die dort auszusteigen gedachten, die h&ouml;chste
+Zeit ihr Gep&auml;ck in Ordnung zu bringen.</p>
+
+<p>&Uuml;ber das Wort <i>town</i> (Stadt) hatte der Professor inde&szlig;
+unterwegs seine &uuml;berseeischen Ansichten in etwas ge&auml;ndert,
+denn den Flu&szlig; entlang, besonders am Ohio, waren ihm schon
+eine Menge kleiner Nester mit ein paar zerstreuten h&ouml;lzernen
+Wohnungen, aber immer unter diesem Titel, vorgestellt worden,
+da&szlig; er eben auch nicht sehr erstaunte &mdash; wenigstens nicht <span class="wide">so</span>
+&uuml;berrascht war, wie er es sonst wohl gewesen w&auml;re &mdash; als sie
+etwa eine halbe Stunde sp&auml;ter in Grahamstown einen eben
+solchen kleinen Fleck begr&uuml;&szlig;ten, den er anderen Falls, beim
+blo&szlig;en Vorbeifahren, gewi&szlig; nur f&uuml;r eine gut und bequem angelegte
+Farm gehalten haben w&uuml;rde. Lange Zeit zu Betrachtungen
+blieb ihnen aber nicht; wieder h&auml;mmerte der Steuermann
+gegen die Glocke, die Leute standen vorn am Bug mit
+den zusammengerollten, zum Wurf bereiten Tauen, ein paar
+Neger am Ufer &mdash; aber hier freie Leute, keine Sclaven &mdash;
+sprangen bereitwillig, die K&ouml;pfe vorsichtig geduckt da&szlig; sie nicht
+von dem schweren Tau getroffen wurden &mdash; herbei es aufzufangen,
+die Klingel des Ingenieurs, vom Lootsen gezogen, ert&ouml;nte
+und gab das Zeichen zum Halten, der Dampf str&ouml;mte
+mit einem scharfen j&auml;hen Schlag in's Freie, die R&auml;der standen
+und wenige Secunden sp&auml;ter lag die Jane Wilmington fest
+an Land, ihre Passagiere abzusetzen. Die Planken wurden zu
+gleicher Zeit ausgeschoben und w&auml;hrend die Deckhands und
+Feuerleute Alles fa&szlig;ten, hin&uuml;bertrugen und <span class="wide">abwarfen</span>, was
+ihnen gep&auml;ckartig in den Weg kam, hatten die letzten der Passagiere
+kaum das Boot verlassen, als ihnen die langen Breter
+schon wieder unter den F&uuml;&szlig;en fortgerissen wurden. <i>Go ahead!</i>
+t&ouml;nte der Ruf des Capitains vom Hurricane-Deck aus, und die
+gro&szlig;e Schiffsglocke l&auml;utete zum Zeichen da&szlig; Alle, die noch an
+Bord w&auml;ren und nicht dahin geh&ouml;rten, das Boot verlassen
+sollten &mdash; aber es war das eine blo&szlig;e Formalit&auml;t, denn das
+Boot war faktisch schon wieder im Strom, gegen den es wenige
+Secunden sp&auml;ter an und &mdash; weiter brauste.</p>
+
+<p>Die Passagiere der Haidschnucke schienen die einzigen an
+Bord der Jane Wilmington die Grahamstown zu ihrem Ziel
+gew&auml;hlt; nur noch zwei Amerikaner, die ihr ganzes Gep&auml;ck,
+einen winzigen Lederkoffer, in der Hand trugen und damit
+ohne weiteres die Uferbank hinaufklommen, waren mit ihnen
+ausgestiegen. Die ganze Landung ging dabei so rasch und
+fast m&ouml;chte man sagen gewaltsam von Statten, da&szlig; sie nicht
+einmal Zeit behielten sich zu erkundigen ob die&szlig; auch wirklich
+Grahamstown sei. Die kleine Stadt lag &uuml;brigens auf einem
+hier zum Wasser niederlaufenden, etwa zwei hundert Schritt
+hohen und vollkommen baumleeren H&uuml;gelhang; eine sehr
+ausgefahrene Stra&szlig;e lief schr&auml;g an dem Hang hinauf zu den
+ersten H&auml;usern, und einzelne kleine Holzgeb&auml;ude, ohne eigentlichen
+sichtbaren Zweck und Nutzen, standen zerstreut unter dem
+h&ouml;chsten Rand. Oben konnte man auch, nachdem die beiden
+Amerikanischen Passagiere in ihren schwarzen Fracks hinter den
+H&auml;usern verschwunden waren, hie und da einen Mann erkennen
+der, die H&auml;nde in den Hosentaschen, an einer Fenzecke
+lehnte und hinunter sah, oder eine Frau mit ihrem gro&szlig;en,
+den ganzen Kopf verh&uuml;llenden Bonnet, die ein paar St&uuml;cken
+W&auml;sche aufhing, um die Fremden da unten mit ihrem Gep&auml;ck,
+einer ordentlichen Burg von lauter Kisten, Kasten, deutschen
+Ackerger&auml;thschaften, Koffern und Hutschachteln, schien sich
+keine Seele zu bek&uuml;mmern, auch kein Fuhrwerk war zu sehn,
+mit dem sie h&auml;tten hoffen k&ouml;nnen ihr Passagiergut hinauf zu
+bef&ouml;rdern.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Gott wie &ouml;de das hier aussieht&laquo; sagte Marie, die
+sich mit der Mutter und den &uuml;brigen Geschwistern auf ihre
+Koffer gesetzt hatte, w&auml;hrend der Weber mit seiner Familie, und
+der Professor mit Eduard und Herrn von Hopfgarten noch
+eifrig besch&auml;ftigt waren, das dicht an den Wasserrand, und hie
+und da selbst in den nassen Sand und Schlamm geworfene
+Gep&auml;ck ein paar Schritte weiter hinauf, wenigstens auf trockenen
+Boden zu schaffen. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Und kein Mensch zu h&ouml;ren und zu sehn&laquo; sagte Anna
+kopfsch&uuml;ttelnd, &raquo;gro&szlig;e Freude scheinen die Einwohner eben
+nicht zu haben da&szlig; neue Ansiedler kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Mutter sagte kein Wort, aber sie hielt ihr j&uuml;ngstes
+Kind auf dem Schoo&szlig;, und schaute sich dabei still und mit
+einem unbeschreiblich unheimlichen Gef&uuml;hl die ganze ziemlich
+&ouml;de unversprechende Umgebung an.</p>
+
+<p>Nichts macht auch wohl einen so traurigen, beengenden
+Eindruck auf den Fremden, als das erste Betreten einer neuen
+&raquo;<i>clearing</i>&laquo;,<a href="#g3fn21"><small><sup>21</sup></small></a><a name="g3fn21r" id="g3fn21r"></a> eines neu angefangenen Platzes in den weiten
+W&auml;ldern Amerikas. Alles ist noch neu und unfertig, &uuml;berall
+liegt Baumaterial und Holz; gef&auml;llte B&auml;ume, abgehauene
+Wipfel, ausgerodete Wurzeln trifft das Auge wohin es f&auml;llt;
+Stra&szlig;en existiren auch nicht, nur zerfahrene Wege, bald hier
+bald da hinaus ausweichend, nat&uuml;rlichen Hindernissen des
+Bodens zu entgehn; Nichts hat noch einen Platz, Niemand
+selbst von den schon Angesiedelten f&uuml;hlt sich heimisch, und die
+zertretenen, zerstampften Pl&auml;tze um die Wohnungen selbst
+herum, mit nicht einem Baum stehn gelassen der Schatten g&auml;be,
+oder Abwechslung in diese W&uuml;ste der Civilisation br&auml;chte.
+Wohl hatten die Eingeborenen recht als sie, die ersten Ansiedlungen
+der Wei&szlig;en sehend behaupteten, der Indianer sei
+der einzige rechtm&auml;&szlig;ige und von dem gro&szlig;en Geist f&uuml;r sein
+Vaterland bestimmte Eigenth&uuml;mer, &raquo;denn er <span class="wide">entstelle</span> den
+Platz nicht, auf dem er sich niederlasse&laquo;, und nur den Jahren
+ist es dann vorbehalten das auszugleichen; die Natur selber
+mu&szlig; wieder schaffen und wirken auf dem mishandelten Platz,
+bis es da wohnlich, bis es heimisch wird.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner hatten indessen ihre Arbeit unten vollendet,
+als Hopfgarten, sich mit dem seidenen Taschentuch den
+Schwei&szlig; von der Stirn trocknend, zu den Damen trat.</p>
+
+<p>&raquo;Das wird Appetit machen&laquo; sagte er lachend, &raquo;Wetter
+noch einmal, nach einem so m&uuml;&szlig;igen Leben, kommt einem die
+Arbeit ordentlich ungewohnt vor; die Bootsleute h&auml;tten sich
+auch ein wenig mehr Zeit lassen d&uuml;rfen &mdash; ich habe ordentlichen
+Hunger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn wir hier nur &uuml;berhaupt etwas bekommen k&ouml;nnen&laquo;
+meinte Marie neckend &mdash; &raquo;Sie und Papa werden jedenfalls
+erst einmal recognosciren gehn m&uuml;ssen, um irgend ein
+Unterkommen zu entdecken, oder wir werden gen&ouml;thigt sein die
+Nacht hier zu campiren und von dem Zwieback zu leben, den
+Mutter f&uuml;r die Kleinen mitgenommen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So weit wird es hoffentlich nicht kommen&laquo; sagte der
+Professor, der jetzt ebenfalls zu ihnen getreten war, &raquo;aber &mdash;
+aber ich mu&szlig; gestehn &mdash; <span class="wide">etwas</span> Anders habe ich mir den Platz,
+nach Herrn Henkels Beschreibung doch auch gedacht und, was
+mir das Auffallendste ist, die Leute scheinen hier auf fremde
+Einwanderung gar nicht vorbereitet zu sein und &mdash; brauchen
+uns entweder nicht, oder &mdash; oder glauben vielleicht da&szlig; wir
+gar nicht zu ihnen wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das l&auml;&szlig;t sich bald erfahren&laquo; rief aber Hopfgarten
+&mdash; &raquo;wir Beide wollen, wie eben Fr&auml;ulein Marie vorgeschlagen
+hat, einmal hinaufgehn und den Herrn aufsuchen, an den Sie,
+lieber Professor, adressirt sind; jedenfalls werden wir dort gleich
+erfahren woran wir sind, und was wir hier in diesem <i>Embryo</i>
+St&auml;dtchen zu hoffen haben. Ich f&uuml;r mein Theil trete den Weg
+mit sehr geringen Erwartungen an, und brauche kaum zu
+f&uuml;rchten selbst in denen get&auml;uscht zu werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut&laquo; sagte der Professor &raquo;dann mag Eduard als Besch&uuml;tzer
+der Frauen zur&uuml;ckbleiben, und dem Weber indessen helfen
+das kleinere Gep&auml;ck etwas mehr zusammenstellen; hoffentlich
+hat die Stadt da oben auch ein besseres Aussehn, als wir
+von hier unten erkennen k&ouml;nnen. Sp&auml;testens sind wir in einer
+Stunde etwa zur&uuml;ck und bringen Bescheid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sollten wir die Damen nicht doch lieber mitnehmen,
+als sie allein hier in der Sonne sitzen lassen?&laquo; wandte Hopfgarten
+ein.</p>
+
+<p>&raquo;Wir bleiben lieber hier&laquo; sagte die Frau Professorin
+rasch &mdash; &raquo;ich m&ouml;chte nicht gern den Platz betreten, ehe ich nicht
+wei&szlig; da&szlig; unsere Kinder und das Gep&auml;ck ein sicheres Unterkommen
+finden.&laquo;</p>
+
+<p>Der Professor hielt das auch f&uuml;r das Beste, denn ihre
+Familie war durch die Weberleute nat&uuml;rlich sehr angewachsen,
+und die beiden M&auml;nner machten sich jetzt auf den Weg vor
+allen Dingen den Mr. Goodly zu finden, an den sie empfohlen
+waren, wie auch Grahamstown selber, das sich bis jetzt noch sehr
+passiv verhielt, etwas n&auml;her in Augenschein zu nehmen. Sie
+kletterten also vor allen Dingen den etwas steilen und unbequemen
+Landungsplatz, den schmutzigen schr&auml;g anlaufenden
+Weg dabei vermeidend, hinan und erreichten bald die ersten,
+schon von unten auf bemerkten H&auml;user, wo sie das aber, was
+sie von der Landung aus f&uuml;r einen freien, noch nicht bebauten
+Platz, als eine breit in den Wald hineingehauene
+Stra&szlig;e erkannten, an der allerdings Fenzen entlang liefen und
+in regelm&auml;&szlig;igen Zwischenr&auml;umen kleine niedere theils Block-
+theils <i>frame</i><a href="#g3fn22"><small><sup>22</sup></small></a><a name="g3fn22r" id="g3fn22r"></a> H&auml;user standen, in der aber auch nur erst die
+B&auml;ume, die hier urspr&uuml;nglich den Wald gebildet, gef&auml;llt und
+die Kl&ouml;tze zu den Geb&auml;uden benutzt, die Wipfel zu Feuerholz
+verbrannt, die Wurzeln und St&uuml;mpfe aber noch keineswegs entfernt
+waren, und der Stra&szlig;e, die ein breites Schild als <i>Mainstreet</i>
+verk&uuml;ndete, etwas ungemein urth&uuml;mliches gaben.</p>
+
+<p>Die Stra&szlig;e &mdash; in der nur zwei Menschen sichtbar waren,
+der eine mit einer Axt besch&auml;ftigt einen knorrigen Eichenast zu
+Feuerholz zu spalten, der Andere auf einem umgeworfenen
+Stamm sitzend, auf dem er, mit einem Zeitungsblatt in der
+Hand, eingeschlafen schien &mdash; bot aber doch etwas, dessen
+Entdeckung ihnen nicht geringe Freude machte &mdash; ein Wirthshaus,
+auf das sie jetzt rasch und entschieden lossteuerten, dort
+nat&uuml;rlich an der Quelle alle n&ouml;thigen Erkundigungen einzuziehn.</p>
+
+<p>Das Zeichen, das ihnen der Platz verk&uuml;ndete, bestand in
+einem roh von Stangen aufgerichteten Ger&uuml;st, zwischen dem
+schwebend, an zwei eisernen knarrenden Haken ein Gem&auml;lde
+mit der Unterschrift &raquo;<i>Inn</i>&laquo; (Wirthshaus) hing. Das Bild
+allein w&auml;re nun schon hinreichend gewesen die Aufmerksamkeit
+der beiden Reisenden zu fesseln, und Hopfgarten konnte es sich
+auch nicht versagen, ein paar Secunden davor stehn zu bleiben
+und diesen, hier dem Wetter preisgegebenen Kunstschatz, zu
+bewundern. Es stellte allem Vermuthen nach eine Meerjungfer
+dar, die h&ouml;chst sinnreich mit dem zur Kufe ausgebogenen
+sehr schuppigen Fischschwanz &uuml;ber die jedenfalls gefrorene
+Oberfl&auml;che der See hinlief, und dabei eifrig besch&auml;ftigt war
+mit einem siebenzinkigen riesenhaften Kamm, &mdash; das Ding
+sah aus wie das abgebrochene Wurfeisen einer Harpune &mdash;
+die allerdings sehr struppigen rothen Haare zu k&auml;mmen. Sie
+war dabei gewissenhaft nackt, und au&szlig;erordentlich kr&auml;ftig gebaut,
+ob aber der Maler dadurch das Diabolische ihres Charakters
+am Besten zu geben glaubte, oder ob es nur Phantasie von
+ihm war, kurz er hatte der Gestalt, die ihre linke, etwas verdrehte
+und den Daumen ausw&auml;rts gehaltene Hand unter den
+Erfolg des Kammes hielt, mit einer so scheu&szlig;lichen Galgenphysionomie
+versehen, da&szlig; sie als die Urmutter des ganzen
+Geschlechts gelten konnte, und wohl kaum einem armen
+&raquo;Schiffer in seinem Kahne&laquo; der vielleicht den Ohio herunter
+kam, gef&auml;hrlich geworden w&auml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wie gleicht ihr das Bild?&laquo; sagte da pl&ouml;tzlich, in
+dem sogenannten Pensylvanisch deutschen, aber eigentlich Amerikanisch
+deutschen Dialekt, da ihn sehr Viele annehmen die
+nie Pensylvanien gesehen, eine vierschr&ouml;tige Figur, die in
+einem blauen Frack von selbst gewebten Zeug und eben solchen
+pfeffer- und salzfarbenen nur etwas zu kurzen Hosen, die H&auml;nde
+in den Taschen derselben, und den Cylinderhut auf dem Kopf,
+in der Th&uuml;r stand, und die beiden Fremden theils, theils die
+andere Seite seines Schildes die genau dieselbe Figur darstellte,
+wohlgef&auml;llig betrachtet zu haben schien.</p>
+
+<p>&raquo;Oh vortrefflich&laquo; sagte Herr von Hopfgarten rasch, und
+etwas erstaunt &uuml;ber die deutsche Anrede &mdash; &raquo;aber Sie sprechen
+deutsch?&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Y-e-s</i>&laquo; sagte der Pensylvanier langsam und selbstbewu&szlig;t.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sie sind kein Deutscher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;No &mdash; denke nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und woher wu&szlig;ten Sie da&szlig; <span class="wide">wir</span> Deutsche sind?&laquo; frug
+der Professor, dem es ein eigenth&uuml;mliches Gef&uuml;hl war trotz
+seiner, keineswegs auff&auml;lligen oder au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Kleidung
+gleich als Fremder, nicht zum Land Geh&ouml;riger erkannt zu sein.</p>
+
+<p>&raquo;Well, ich wei&szlig; nicht&laquo; sagte der Pensylvanier schmunzelnd,
+&raquo;aber Ihr Deutsche seht immer so artlich aus, da&szlig; man
+Euch gleich wie die schwarzen Schaafe unter den Wei&szlig;en herausfinden
+kann. Aber wollt Ihr nicht hereinkommen und
+ein Glas Cider trinken? es ist hei&szlig; heute.&laquo;</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 8">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/il3r.jpg">
+ <img src="images/il3r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 8" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 8.<br />
+ Click to <a href="images/il3r.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Die beiden Fremden folgten gern der Einladung, weniger
+des in Aussicht gehenden &Auml;pfelweins als der gehofften Nachrichten
+wegen, und folgten dem Mann, der sie in den unteren,
+eben nicht sehr gem&uuml;thlichen Raum seines Schenk- und Gastzimmers
+f&uuml;hrte, dort ohne weiteres hinter seinen Schenktisch
+trat, ein paar Gl&auml;ser vor sie hinsetzte und ihnen dann eine
+gelblich tr&uuml;be Fl&uuml;ssigkeit eingo&szlig; die er ihnen als &raquo;<i>first rate</i>&laquo;<a href="#g3fn23"><small><sup>23</sup></small></a><a name="g3fn23r" id="g3fn23r"></a>
+und honigs&uuml;&szlig; anprie&szlig;. Er lehnte sich dann mit den beiden
+Ellbogen auf seinen Tisch und sah ihnen freundlich zu wie
+sie die Fl&uuml;ssigkeit, ein sauers&uuml;&szlig;es etwas fade schmeckendes Gebr&auml;u,
+mit der bestm&ouml;glichsten Miene verschluckten.</p>
+
+<p>&raquo;Capitaler Cider das &mdash; hat mein Junge selber gemalt,
+alle beiden Seiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; sagte Hopfgarten rasch, &uuml;ber sein halbgeleertes
+Glas hinwegsehend.</p>
+
+<p>&raquo;Das Bild drau&szlig;en mein ich&laquo; sagte der Pensylvanier &mdash;
+&raquo;die <i>Mermaid</i> &mdash; verfluchter Junge, hat es Alles von sich
+selber gelernt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh das Schild drau&szlig;en &mdash; ja, ist wirklich vortrefflich
+gemacht&laquo; stimmte ihm Hopfgarten bei, nur nicht in die
+M&ouml;glichkeit versetzt zu werden den Cider ebenfalls loben zu
+m&uuml;ssen &mdash; &raquo;verr&auml;th sehr viel Talent.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Yes</i>&laquo; &mdash; sagte der Pensylvanier schmunzelnd &mdash; &raquo;und
+noch dazu ohne Pinsel, blos mit einer Zahnb&uuml;rste.&laquo;</p>
+
+<p>Das Gem&auml;lde gewann durch diese Nachricht allerdings
+an artistischem Werth, dem Professor, der sich sonst vielleicht
+sehr &uuml;ber das Gespr&auml;ch am&uuml;sirt h&auml;tte, gingen aber doch in diesem
+Augenblick zu viel andere Dinge im Kopf herum, und er
+schnitt die Unterhaltung durch eine direkte Frage nach dem
+Mann ab, an den er hierher adressirt worden, und f&uuml;r den er
+freundschaftliche Briefe bei sich trug.</p>
+
+<p>&raquo;Mister Goodly &mdash; so? &mdash; &laquo; sagte aber der Pensylvanier,
+dessen Name Ezra Ludkins war, seine beiden G&auml;ste Einen nach
+dem Anderen rasch aufmerksamer als vorher von oben bis unten
+betrachtend &mdash; &raquo;und Ihr w&uuml;nscht Mister Goodly zu
+sprechen und habt Briefe f&uuml;r ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja mein Herr&laquo; sagte der Professor, der sich aber noch
+immer nicht recht an das Pensylvanische <span class="wide">Du</span> gew&ouml;hnen konnte,
+&raquo;und Sie w&uuml;rden uns einen gro&szlig;en Dienst erweisen, wenn
+Sie uns zu ihm f&uuml;hren wollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? &mdash; hm?&laquo; sagte der Wirth wieder, mit den Fingern
+der linken Hand dabei den Yankeedoodle auf dem Tisch trommelnd
+&mdash; &raquo;Mr. Goodly? Und Ihr seid Freunde von Mr.
+Goodly? &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenigstens durch einen Freund an ihn empfohlen; und
+wo k&ouml;nnen wir ihn wohl finden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darum h&auml;tte der Sheriff viel Geld gegeben wenn er
+das w&uuml;&szlig;te&laquo; sagte Ezra.</p>
+
+<p>&raquo;Der Sheriff? &mdash; wie so &mdash; ist er nicht mehr hier?&laquo;
+frug der Professor rasch und erschreckt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke nicht&laquo; erwiederte der Pensylvanier, mit
+unzerst&ouml;rbarer Ruhe &mdash; &raquo;k&ouml;nnten hier auch nicht <i>care</i> auf ihn t&auml;hken,<a href="#g3fn24"><small><sup>24</sup></small></a><a name="g3fn24r" id="g3fn24r"></a>
+denn wir haben noch keine <i>penitentiary</i>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kein Zuchthaus?&laquo; rief Herr von Hopfgarten &mdash; &raquo;hat
+Herr Goodly irgend etwas verbrochen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Well ich wei&szlig; nicht ob Ihr das etwas verbrochen
+nennt, aber er hat erstlich ein halb Dutzend Menschen mit falschem
+Spiel ruinirt, und dann einer alten Frau, die hier allein
+in einem Hause wohnte und viel <i>Cash</i> (baar Geld) haben
+sollte, blos den Hals abgeschnitten. Nachher hat er sich <i>scarce</i>
+gemacht und bis jetzt haben sie ihn noch nicht wieder ketschen<a href="#g3fn25"><small><sup>25</sup></small></a><a name="g3fn25r" id="g3fn25r"></a>
+k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber das ist ja gar nicht m&ouml;glich!&laquo; rief der Professor,
+&raquo;das kann <span class="wide">der</span> Goodly nicht sein &mdash; Mr. Goodly hat hier
+eine Farm dicht bei Grahamstown am <i>blue creek</i>, etwa eine
+halbe Meile von hier &mdash; ausgedehnte Rinder- und Schaafheerden,
+und zieht haupts&auml;chlich Schweine f&uuml;r den Cincinnati-Markt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Well&laquo; sagte der Pensylvanier mit dem Kopfe nickend,
+und ein Glas f&uuml;r sich selber von dem Gesims herunter nehmend,
+das er sich mit <i>brandy</i> &mdash; er selber trank keinen Cider
+&mdash; anf&uuml;llte, und auf einen Schluck austrank &mdash; &raquo;das trifft.
+Seine kleine <i>cabin</i> stand am <i>blue creek</i>, wie der Platz hei&szlig;t
+&mdash; er hielt zwei K&uuml;he, und das Weibsbild das er die letzten
+drei Monate bei sich hatte, und die mit ihm durchgebrannt ist,
+kaufte sich von Bill Owen ein zahmes Schaaf zur Unterhaltung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber das sind keine Heerden&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah, wenn er's eine Heerde nennt &mdash; Grahamstown
+ist auch noch keine Stadt, wenn wir so wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Mr. Goodly war wirklich&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der nichtsw&uuml;rdigste Schurke, den je die Welt getragen,&laquo;
+unterbrach ihn der Pensylvanier ruhig, &raquo;und ich will Euch
+w&uuml;nschen, Leute, da&szlig; Ihr noch bessere Empfehlungen mit
+nach Grahamstown gebracht habt wie an den.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings keine weiter,&laquo; sagte der Professor, mit einem
+aus tiefster Brust herausgeholten Seufzer, denn wie ein Wetterschlag
+schmetterte diese Nachricht all seine Hoffnungen zu
+Boden. Was jetzt thun, was machen, wohin gehn? &mdash; und
+seine Familie, rathlos ohne einen Freund in dem fremden
+Lande, mit seinem Gep&auml;ck im Freien und dem Zufall preis gegeben.</p>
+
+<p>&raquo;Apropos Fremder,&laquo; sagte da der Pensylvanier pl&ouml;tzlich
+von einem neuen Gedanken ergriffen, &raquo;Ihr sagt, Ihr habt
+einen Brief von einem Freund von Goodly &mdash; vielleicht w&auml;re
+da Auskunft darin &uuml;ber ihn zu finden, wo er jetzt steckt &mdash; setze
+nun den Fall wir machten den Brief einmal auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Gedanke ist vortrefflich&laquo;, rief Herr von Hopfgarten,
+&raquo;und ich w&auml;re ungemein gespannt zu sehn was Herr Henkel
+an ihn schreibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf doch keinen Brief von einem Fremden &ouml;ffnen&laquo;,
+sagte der Professor &mdash; &raquo;&uuml;berdie&szlig; konnte Henkel Nichts &uuml;ber
+seine Flucht wissen, sonst h&auml;tte er mir den Brief nicht mitgegeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, vielleicht w&uuml;nscht ihn der Sheriff zu sehn,&laquo; sagte
+der Pensylvanier, ruhig die eben gebrauchte Flasche wieder
+zur&uuml;ckstellend, &raquo;w&auml;re jedenfalls interessant auch den <span class="wide">Freund</span>
+kennen zu lernen.&laquo; Der Mann hatte die beiden Fremden, seit
+er sie mit jenem anerkannten Gauner in Verbindung gebracht,
+ziemlich kalt und mistrauisch fortw&auml;hrend betrachtet, und ein
+Verdacht war jedenfalls in ihm aufgestiegen, ob es mit deren
+Ehrlichkeit nicht am Ende ebenso schwach beschaffen sein k&ouml;nne,
+wie mit der des Burschen nach dem sie frugen, und dessen
+Abwesenheit besonders den Einen &mdash; wie ihm keineswegs entgangen &mdash; augenscheinlich
+in Verlegenheit setzte. Herr von
+Hopfgarten &uuml;brigens, der seine eigenen Beweggr&uuml;nde dabei
+hatte, drang jetzt selber in den Professor das Schreiben, von
+dem ihm ja auch Henkel gesagt da&szlig; es nur eine Empfehlung
+sei, zu erbrechen. Henkel selber konnte nicht wissen, da&szlig; Mr.
+Goodly in der Zeit solche Streiche gemacht, und w&uuml;rde, wenn
+er es sp&auml;ter erf&uuml;hre, gewi&szlig; sehr damit einverstanden sein, da&szlig;
+sein Brief ge&ouml;ffnet und von ihm selber der Verdacht entfernt
+worden, in unehrenhafter Beziehung zu dem Entwichenen gestanden
+zu haben. Der Professor str&auml;ubte sich aber noch lange
+dagegen, und nur erst als sie das Papier gegen das Licht gehalten
+und dadurch gesehen, da&szlig; es wirklich nur wenige Zeilen
+enthalte, und selbst in der Hoffnung f&uuml;r sich vielleicht einen
+Fingerzeig zu weiterem Handeln zu finden, entschlo&szlig; er sich
+endlich dazu dem Wunsch des Pensylvaniers zu willfahren.
+Dieser schien au&szlig;erdem nicht &uuml;bel Lust zu haben ihm den
+Sheriff auf den Hals zu schicken, wodurch er am Ende noch
+in eine ganze Masse unangenehmer Geschichten verwickelt werden
+konnte, und er hatte von Deutschland her noch einen ganz
+besonderen Respekt vor jeder Ber&uuml;hrung mit den Gerichten,
+dachte auch nicht daran seinen ersten Schritt in Amerika gleich
+mit einer &auml;hnlichen Verlegenheit zu beginnen. So endlich &ouml;ffnete
+er das Siegel und &uuml;berlas fl&uuml;chtig die Zeilen, die er dann
+achselzuckend an Hopfgarten, w&auml;hrend diesem der Pensylvanier
+neugierig &uuml;ber die Schulter schaute, gab. Der Brief
+lautete einfach.</p>
+
+<p class="ind4">
+&raquo;Lieber Goodly.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sende Dir hier einen Freund, der Land zu kaufen
+w&uuml;nscht &mdash; wom&ouml;glich gleich eine eingerichtete Farm &mdash; ich
+habe nicht den geringsten Zweifel, da&szlig; Du ihm das besorgen
+wirst. Er hat Geld und ist ein Professor. Es w&auml;re mir <span class="wide">sehr</span>
+angenehm, wenn er einen passenden Platz im Norden f&auml;nde &mdash;
+ich brauche Dir nicht mehr zu sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin seit einigen Tagen wieder in Amerika &mdash; habe
+sehr gute Gesch&auml;fte gemacht und hoffe Dich <span class="wide">jedenfalls</span> im
+Laufe des n&auml;chsten Monats in New-Orleans zu sehn. Du
+<span class="wide">mu&szlig;t</span> kommen. Meine Adresse kennst Du. &mdash; O..... ist auch
+hier und immer noch der Alte. Es gr&uuml;&szlig;t Dich bestens</p>
+<p class="center">Dein</p>
+<p class="sig">Soldegg <span class="wide">Henkel.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Soldegg</span> Henkel?&laquo; sagte Herr von Hopfgarten, als
+er den Brief einmal fl&uuml;chtig, den Inhalt nur &uuml;berfliegend,
+dann langsamer durchlesen hatte &mdash; &raquo;<span class="wide">Soldegg</span>, was f&uuml;r ein
+sonderbarer Vorname; hie&szlig; denn Henkel nicht anders?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja ich wei&szlig; es wahrhaftig nicht,&laquo; sagte der Professor,
+&raquo;ich habe nie darauf geachtet, und soviel ich wei&szlig; seinen Vornamen
+auch nie geh&ouml;rt &mdash; vielleicht ist dieser hier in Amerika
+gebr&auml;uchlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soldegg?&laquo; sagte der Pensylvanier, an den diese Bemerkung
+halb als Frage gerichtet war, indem er hinter seinen
+Schenktisch ging und sich den Namen aufschrieb, &raquo;nicht da&szlig;
+ich w&uuml;&szlig;te; s' ist aber m&ouml;glich, die Methodisten und Baptisten
+geben ihren Kindern manchmal ganz artliche Namen, von
+denen man nie wei&szlig; wo sie her sind, aber &mdash; wie ich da eben
+aus dem Brief sehe, habt Ihr die <i>intention</i> Euch hier zu settlen,
+und eine Farm zu kaufen; ist das wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das war allerdings meine Absicht,&laquo; sagte der Professor
+kopfsch&uuml;ttelnd im Zimmer auf und abgehend, w&auml;hrend sich
+Hopfgarten mit dem Brief in eine Ecke gesetzt hatte, und
+ihn wieder und wieder durchstudirte, &raquo;damals hoffte ich aber
+keine weiteren Schwierigkeiten dabei zu finden, sondern gleich
+Jemanden in diesem Herrn Goodly zu haben, der mir mit
+Rath und That an die Hand gehen k&ouml;nnte. Ich w&auml;re sonst
+wahrhaftig nicht nur so auf gerathewohl mit Weib und Kindern,
+Dienstboten und Gep&auml;ck hier heraufgekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Well, wenn Du bei Allem solch Gl&uuml;ck hast, als da&szlig;
+Du den Schuft von Goodly nicht mehr hier findest und in
+dessen Klauen gefallen bist,&laquo; meinte der Pensylvanier trocken,
+&raquo;dann kannst Du es noch zu 'was bringen in den States.
+Aber Deine Familie hast Du wohl in Cincinnati?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In Cincinnati? &mdash; <span class="wide">hier</span> &mdash; unten am Flu&szlig;, mit Kisten
+und Kasten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>The devil!</i>&laquo; rief der Pensylvanier &uuml;berrascht aus &mdash;
+f&uuml;gte aber dann, indem er sich ohne weitere Schwierigkeit auf
+seinen Schenktisch setzte und sein rechtes Knie zwischen die zusammengefalteten
+H&auml;nde nahm, langsamer und wie &uuml;berlegend
+hinzu, &raquo;hm &mdash; da befindest Du Dich <i>anyhow</i> in einem <i>fix</i><a href="#g3fn26"><small><sup>26</sup></small></a><a name="g3fn26r" id="g3fn26r"></a>
+&mdash; seid heute Morgen mit dem Dampfer gelandet, heh?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl, mit der Jane Wilmington.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ahem, calculirte so; und wollt eine Farm wirklich
+<span class="wide">kaufen</span>?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich etwas passendes f&auml;nde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit Vieh und Einrichtung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;re mir allerdings das Liebste.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Geb&auml;uden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Versteht sich von selbst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie theuer &auml;baut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja lieber Herr, das hinge allerdings von Umst&auml;nden
+ab, und m&uuml;&szlig;te sich doch entschieden nach der Farm selber
+richten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Well, vor allen Dingen k&ouml;nnen wir die Ladies nicht
+unten an der Landung sitzen lassen,&laquo; meinte der Pensylvanier,
+&raquo;und es wird das Beste sein sie hier heraufzumuven &mdash; Unterkommen
+haben wir schon f&uuml;r sie; wir m&uuml;ssen wenigstens sehn,
+da&szlig; wir 'was auffixen &mdash; aber so recht bequem wird's freilich
+nicht werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja ich wei&szlig; aber gar nicht,&laquo; sagte der Professor unschl&uuml;ssig,
+indem er sich an den noch immer den Brief studirenden
+Herrn von Hopfgarten wandte, &raquo;ob ich unter solchen Umst&auml;nden
+&uuml;berhaupt hier bleibe, oder nicht lieber gleich direkt
+nach Cincinnati gehe. Was meinen Sie dazu lieber Hopfgarten
+&mdash; lassen Sie doch den ungl&uuml;cklichen Brief, Sie
+lernen ihn wohl auswendig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auswendig nein,&laquo; sagte der kleine Mann aufstehend,
+&raquo;obgleich er's am Ende verdiente, denn ich fange an zwischen
+den Zeilen zu lesen und ich versichere Sie, lieber Professor,
+mir wird angst und bange dabei zu Muthe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie so? &mdash; was haben Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie nur jetzt, davon nachher; jetzt m&uuml;ssen wir
+doch wohl an das Ihnen n&auml;her Liegende denken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja nach Cincinnati wieder fahren,&laquo; sagte der Pensylvanier
+achselzuckend, &raquo;das ist so eine Sache. Nat&uuml;rlich k&ouml;nnt
+Ihr das thun, denn Steamboote dorthin laufen fast alle Tage
+hier vorbei; heute sind aber schon drei aufw&auml;rts gegangen, es
+ist also sehr die Frage, ob &uuml;ber Tag noch eins kommt, und
+die Ladies d&uuml;rfen doch die Nacht nicht gut unten am River
+bleiben. Au&szlig;erdem seid Ihr einmal hier, das Land ist hier
+auch billiger wie um Cincinnati herum, und ich calculire, da&szlig;
+Ihr doch am Ende besser th&auml;tet, Euch hier erst einmal ein paar
+Tage umzusehen; nachher k&ouml;nnt Ihr ja <i>anyhow</i> doch noch
+immer thun was Ihr wollt.&laquo;</p>
+
+<p>In dem Rath lag sehr viel Vern&uuml;nftiges; das ewige Gep&auml;ck
+herumschleifen bekam der Professor auch satt, und die Passage
+nach Cincinnati, so gering die Strecke sein mochte, h&auml;tte
+f&uuml;r seine wie des Webers Familie, &raquo;<i>a smart sprinkle</i> Geld&laquo;
+gekostet, wie sich der Pensylvanier ausdr&uuml;ckte, da sich die
+&raquo;Steamboote&laquo; das Anlegen schon besonders zahlen lassen.
+Zu dem kam dann noch das Hinaufschaffen der Fracht in ein
+Gasthaus, der Aufenthalt dort, das Wiederwegschaffen &mdash; die
+Masse Personen &mdash; auch von Hopfgarten rieth ihm jedenfalls
+erst die Umgegend hier einmal in Augenschein zu nehmen;
+gefiel es ihm dann wirklich <span class="wide">nicht</span>, so hatte er doch ein St&uuml;ck
+vom Lande gesehen, die Preise und Verh&auml;ltnisse etwas kennen
+gelernt und &mdash; Erfahrung gesammelt, ohne eben mehr wie
+ein paar Tage, mit nicht gr&ouml;&szlig;erem Kostenaufwand als doch
+nicht mehr zu umgehen war, vers&auml;umt zu haben.</p>
+
+<p>Der Pensylvanier ging jetzt vor allen Dingen mit ihnen
+an die Landung hinunter, dort das Gep&auml;ck in Augenschein zu
+nehmen, um es nachher mit seinem Geschirr heraufzuholen,
+und die Damen in sein Haus einzuf&uuml;hren. Er war, nachdem
+er die Absicht der Fremden geh&ouml;rt, und nun doch auch wohl
+gesehen hatte, da&szlig; sie mit jenem &uuml;bel ber&uuml;chtigten Goodly in
+nicht dem geringsten Verh&auml;ltni&szlig; standen, wieder sehr freundlich
+und zuvorkommend, wenn auch immer auf seine sehr trockene
+ungenirte Weise geworden. Gegen die Damen aber war er
+besonders artig, und bot sogar der Frau Professorin, die er
+in Indiana mit den jungen Ladies willkommen hie&szlig;, den
+Arm an und f&uuml;hrte sie den Berg hinauf, und die M&auml;nner
+nahmen Jeder ein St&uuml;ck des leichteren Gep&auml;cks und folgten.
+Des Pensylvaniers Wagen wurde dann augenblicklich nach
+unten geschickt die &uuml;brigen Sachen, bei denen des Webers Frau
+mit den Kindern so lange als Wache bleiben mu&szlig;te, ebenfalls
+hinauf und unter Dach und Fach zu bringen &mdash; hatte aber
+dreimal zu fahren, ehe er s&auml;mmtliche Kisten und Collis an
+Ort und Stelle schaffen konnte.</p>
+
+<p>F&uuml;r diesen Tag war nun allerdings nicht viel mehr zu
+unternehmen, am n&auml;chsten Morgen aber, sobald es den Herren
+gefiel, erbot sich der Pensylvanier sehr bereitwillig mit ihnen
+in das Land zu reiten, wo er ihnen sogar, nur neun Miles
+von Grahamstown und etwa vier oder f&uuml;nf vom Ohiostrom
+entfernt, eine kleine reizende Farm offeriren k&ouml;nne. Diese, jetzt
+von einem seiner S&ouml;hne bewohnt, w&auml;re ihm vielleicht feil,
+&raquo;wenn er seine Auslagen bezahlt bek&auml;me&laquo;, indem er selber keinen
+Gebrauch mehr daf&uuml;r h&auml;tte. Die Wirthschaft sagte ihm, seiner
+Aussage nach, mehr zu als das Farmerleben, und Grahamstown
+w&uuml;rde und m&uuml;&szlig;te sich in sehr kurzer Zeit so heben, da&szlig;
+sich seine jetzt unscheinbare Inn zu einem Hotel umgestalten
+k&ouml;nnte. Wenn besonders <span class="wide">der</span> Plan verwirklicht w&uuml;rde, an
+dem das <i>County</i> jetzt arbeitete &mdash; den Platz mit der nach St.
+Louis f&uuml;hrenden und schon fast beendigten Eisenbahn zu verbinden,
+hoffe er das Fabelhafteste f&uuml;r Grahamstown. Er gab
+dabei nicht undeutlich zu verstehn, da&szlig; ein paar hundert Thaler
+f&uuml;r Baupl&auml;tze in der Stadt selber ausgelegt, leicht in drei
+oder vier Jahren zu ebenso vielen Tausenden werden k&ouml;nnten,
+und wie er f&uuml;r die Zukunft sogar an dem Bestehen Cincinnatis
+zweifelte, das mit der weit vortrefflicheren Lage dieses
+Platzes, <span class="wide">unterhalb</span> den bei Louisville gelegenen Stromschnellen,
+kaum werde auf die L&auml;nge der Zeit concurriren k&ouml;nnen. Er
+mochte es sich dabei nicht versagen die Fremden, wahrscheinlich
+um sie noch mehr zu &uuml;berzeugen, auch in die Anlage des
+&raquo;beabsichtigten&laquo; Grahamstown hinauszuf&uuml;hren, und Mainstreet
+hinuntergehend, was einige Schwierigkeiten der weiter
+oben h&auml;ufig queer&uuml;berliegenden B&auml;ume wegen hatte, kamen sie
+etwa 500 Schritt von dem oberen Rand des kleinen Platzes
+zu dem ausgesteckten und hier und da selbst schon &raquo;geklearten&laquo;
+Marktplatz, wo allerdings noch s&auml;mmtliches gef&auml;lltes Holz wie
+Kraut und R&uuml;ben durcheinander lag, nichts destoweniger aber
+doch schon der Platz f&uuml;r die Bank, f&uuml;r das Theater und f&uuml;r
+die B&ouml;rse &mdash; das Court oder Gerichtshaus stand schon in
+Gestalt eines breiten &uuml;berwachsenen Blockhauses an der n&auml;mlichen
+Stelle, an der es sich sp&auml;ter von massivem Sandstein
+oder Granit erheben sollte &mdash; ausgemessen, und an den noch
+stehenden B&auml;umen durch kleine h&ouml;lzerne Tafeln bezeichnet
+worden.</p>
+
+<p>Der Professor h&auml;tte unter anderen Umst&auml;nden gewi&szlig; &uuml;ber
+die&szlig; gro&szlig;artige Planmachen, in dem die Amerikaner &uuml;berhaupt
+ber&uuml;hmt sind, gel&auml;chelt, und sich damit amusirt, denn seinen
+eigenen Ansichten von St&auml;dtebauen nach, soviel er auch Amerikanischer
+Triebkraft dabei zu Gute schrieb, konnte und mu&szlig;te
+wohl ein halbes Jahrhundert vergehn, ehe die H&auml;lfte dessen
+wahr geworden, &uuml;ber das der Pensylvanier sprach als ob es
+sich im n&auml;chsten Fr&uuml;hjahr ereignen w&uuml;rde. Jetzt aber, mit in
+den Wirbel schon halb und halb hineingezogen, der hier Alles
+drehte und mit sich fortri&szlig;, schon ein halbes Glied des Ganzen,
+und doch noch eigentlich nicht dazu geh&ouml;rig, noch ganz
+fremd auf dem Boden, den er unterwegs schon gewisserma&szlig;en
+als seine Heimath betrachtet, erf&uuml;llte ihn das Alles mit einem
+unbehaglich dr&uuml;ckenden Gef&uuml;hl, so da&szlig; er manchmal ordentlich
+tief aufathmen mu&szlig;te, wie eine schwere Last von seiner Brust
+zu w&auml;lzen.</p>
+
+<p>Der Amerikaner dagegen ritt auf seinem Steckenpferd, und
+die <i>improvements</i> des Bodens und der Stadt, der Wachsthum
+der Einwohnerzahl, die Erbauung von Kirchen, Schulen,
+Universit&auml;ten, Bibliotheken etc. etc. ri&szlig; ihn mit einer Phantasie
+und Einbildungskraft fort, die so innerste &Uuml;berzeugung
+schien, da&szlig; sich selbst der Professor, trotz seiner niedergedr&uuml;ckten
+Stimmung, doch zuletzt nicht enthalten konnte wenigstens
+einen kleinen Theil des in soliden Luftschl&ouml;ssern aufgebauten
+Bildes f&uuml;r m&ouml;glich zu halten, und sich in der That, noch ehe
+sie das Gasthaus wieder erreichten, dabei erwischte wie er eine
+Zuckerfabrik &mdash; den Runkelr&uuml;benbau in Amerika einzuf&uuml;hren
+war eine Lieblings-Idee von ihm &mdash; an der <i>blue creek</i> errichtete,
+mit derselben Wasserkraft eine S&auml;ge- und Mahlm&uuml;hle
+trieb, und weiter unten eine Talgsiederei anlegte von den
+&Uuml;berbleibseln der Heerden, die er nach St. Louis und New-Orleans
+schickte, den gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichsten Nutzen zu ziehn.</p>
+
+<p>Der Abend ging trotzdem sehr still vor&uuml;ber &mdash; das dr&uuml;ckende
+Gef&uuml;hl der Heimathlosigkeit, das auf ihnen Allen lag,
+sie mochten ank&auml;mpfen dagegen wie sie wollten, lie&szlig; sich nicht
+so rasch bew&auml;ltigen, und wenn auch der Pensylvanier Alles
+that ihnen die Eigenschaften des Landes, auf dem sie sich jetzt
+bef&auml;nden, herauszustreichen, und seine Frau, ein freundliches
+Weibchen aus Louisville, ihre &ouml;den Zimmer so behaglich herrichtete
+wie es unter den Umst&auml;nden nur m&ouml;glich war, sie
+blieben still und einsylbig und selbst Marie, die munterste sonst
+von Allen, h&auml;tte sich am allerliebsten in irgend eine versteckte
+Ecke gedr&uuml;ckt und recht herzlich ausgeweint &mdash; so weh, so
+eigenth&uuml;mlich war ihnen zu Allen zu Muthe.</p>
+
+<p>&raquo;Apropos,&laquo; rief da pl&ouml;tzlich Herr von Hopfgarten, als
+sie sich gerade f&uuml;r die Nacht trennen wollten (der Pensylvanier
+hatte ihnen nur drei Zimmer zur Verf&uuml;gung stellen k&ouml;nnen &mdash;
+eins f&uuml;r die Damen, eins f&uuml;r die Weberfamilie und eins f&uuml;r
+die Herren) &raquo;was ich Sie noch fragen wollte &mdash; kennt eine
+von den Damen vielleicht den Vornamen unseres gemeinschaftlichen
+Freundes Henkel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl,&laquo; rief Marie rasch &mdash; &raquo;er hei&szlig;t Joseph;
+warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz recht &mdash; jetzt f&auml;llt es mir auch ein, Joseph!&laquo;
+sagte Hopfgarten schnell; &raquo;wie man doch so etwas vergessen
+kann, ich habe selber den Namen mehr wie hundert Mal
+geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Joseph &mdash; ja wohl,&laquo; sagte auch jetzt der Professor, &raquo;da
+mu&szlig; das wirklich sein Amerikanischer Beinamen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sein <span class="wide">Amerikanischer</span> Name?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Brief, von dem ich Euch sagte, ist mit <span class="wide">Soldegg</span>
+Henkel unterschrieben und es war auch mir so, als ob seine
+Frau wenigstens ihn mit einem anderen Vornamen, nicht
+Soldegg, genannt h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soldegg &mdash; Soldegg &mdash; ich habe den Namen nie, auch
+selbst nicht in Heilingen geh&ouml;rt,&laquo; sagte Anna &mdash; &raquo;lieber Gott
+was mag Clara jetzt machen; es ist mir immer ein recht trauriges,
+wehm&uuml;thiges Gef&uuml;hl, da&szlig; wir sie krank zur&uuml;cklassen mu&szlig;ten.&laquo;</p>
+
+<p>Herr von Hopfgarten war aufgestanden und ging, mit
+auf den R&uuml;cken gelegten H&auml;nden unruhig im Zimmer auf und
+ab, aber er sagte kein Wort weiter, und da die Frau Professorin
+etwas &uuml;ber Kopfweh klagte, und die Kinder auch unruhig
+wurden, verabschiedeten sich die M&auml;nner bald, und
+suchten ebenfalls ihr Lager.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Der andere Morgen brach an, und mit ihm ein wichtiger
+Tag f&uuml;r die neuen Ansiedler, der vielleicht entscheidend f&uuml;r sie
+sein sollte, f&uuml;r ihr ganzes Leben und Gl&uuml;ck, denn eine neue
+Heimath sollte gesucht, ein Platz gefunden werden, auf dem
+sie ihre neue Laufbahn nicht allein beginnen, sondern f&uuml;r den
+sie auch die Mittel, die sie zu ihrem Fortkommen mit her&uuml;ber
+gebracht, auslegen wollten, da&szlig; ein R&uuml;ckschritt nachher ohne
+bedeutende Verluste nicht m&ouml;glich gewesen w&auml;re. Und entsprach
+etwa Alles, was sie bis jetzt von dem Lande gesehen, ihren
+Erwartungen? durfte der Professor hoffen in dieser Gegend
+gleich einen solchen Platz zu finden, an dem er es vor sich
+und seiner Familie verantworten konnte zu bleiben? Er wagte
+gar nicht sich die Frage vorzulegen, denn der erste Eindruck
+von Grahamstown war ein gar zu beengender, ja entt&auml;uschender
+gewesen. Allerdings befanden sie sich in einem neuen
+Land, und da, wo noch Ackerbau und Cultur in der Wiege
+lagen und eben deshalb auch dem, der sie weckte und in's
+Leben rief, so wacker lohnte, durfte und konnte man nicht erwarten
+ein Land zu finden wie man es daheim verlassen hatte;
+es war eben eine halbe Wildni&szlig;, in der erst gerade <span class="wide">durch</span> die
+geweckte Cultur der Segen aufkeimen sollte, den sich die Auswanderer
+von Amerika versprachen. Das Alles hatte man
+sich daheim auch wohl wie oft selber gesagt, und war allem
+Anschein nach vollkommen darauf vorbereitet gewesen; und
+doch jetzt da es wirklich so aussah wie man es &mdash; innerlich
+gewi&szlig; mit manchem Vorbehalt &mdash; aber doch &auml;u&szlig;erlich nicht
+anders erwartet, mit den wild umher gestreuten St&auml;mmen,
+den niederen, jeder Bequemlichkeit mangelnden Holzh&auml;usern,
+den fremden Menschen, da f&uuml;hlte sich die Brust beklemmt und
+sorgenschwer, und der Blick suchte wohl gar einen Augenblick
+halb unbewu&szlig;t und scheu nach dem verlassenen Ufer zur&uuml;ck.
+Aber lieber Gott, das lag weit, weit dahinten; mit der abgerissenen
+Br&uuml;cke hinter sich standen sie an dem fremden Strand,
+und wenn auch keinen Trost doch wenigstens Beruhigung gab
+ihnen das Bewu&szlig;tsein jetzt: &raquo;Du <span class="wide">mu&szlig;t</span>!&laquo; Ein R&uuml;ckweg
+war nicht mehr m&ouml;glich, wenn sie das selbst gewollt h&auml;tten,
+und mit <span class="wide">dem</span> Gef&uuml;hl kehrte auch wirklich mehr Ruhe, jedenfalls
+mehr Entschlossenheit, in ihr Herz zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Viel gleichg&uuml;ltiger betrachtete der Weber das neue fremde
+Land, in dem er durch seine Anstellung bei dem Professor schon
+gewisserma&szlig;en festen und sicheren Fu&szlig; gefa&szlig;t, ehe er es nur
+betreten. Er war neugierig allerdings, wie er es finden
+w&uuml;rde, und ob die Erz&auml;hlungen, die er davon zu Hause geh&ouml;rt
+und gelesen, jetzt sich als wahr erweisen sollten; aber vor
+der Hand in seiner und der Seinigen Existenz gesichert, f&uuml;rchtete
+er eben Nichts, und konnte die Zeit mit dem, wie sie sich
+entwickeln w&uuml;rde, ruhig und sorglos erwarten. Seine Anspr&uuml;che
+an das Leben waren auch geringer; Vieles, was der
+in anderen Kreisen erzogenen Familie des Professors Entbehrung
+schien, wenn sie sich auch nicht dar&uuml;ber aussprachen oder
+gar beklagten, war ihm selbst schon eine Verbesserung seines
+bisher gew&ouml;hnten Zustandes, und die Gewi&szlig;heit nicht allein
+seine Familie auf ein volles Jahr untergebracht und versorgt
+zu haben, sondern auch sogar an baarem Geld mehr zu verdienen,
+als er bis jetzt in seinem ganzen Leben im Stande gewesen
+war zu er&uuml;brigen, lie&szlig; ihn dem neuen Leben mit freudiger
+Zuversicht entgegengehn.</p>
+
+<p>Seine Frau theilte das Gef&uuml;hl, wenn sie sich auch noch
+in der fremden Welt gedr&uuml;ckt und unbehaglich f&uuml;hlte; nur die
+alte Mutter, der ihre gewohnte Ecke mit dem Spinnrad fehlte
+sich darin niederzuhocken, der die Sonne an der verkehrten
+Stelle auf- und unterging, und die B&auml;ume nicht dahin den
+Schatten warfen wohin sie sollten, der die V&ouml;gel nicht zwitscherten
+wie daheim und die Blumen &mdash; ihre Astern &mdash; nicht
+bl&uuml;hten, und die schon zehnmal in Gedanken vor die fremde
+Th&uuml;r getreten war die Linde zu besuchen, unter der der Leberecht
+ruhte, dann immer nur um so viel niedergeschlagener,
+so viel m&uuml;rrischer zur&uuml;ckzukehren zu dem selbst nicht gewohnten
+Sitz, st&ouml;hnte und klagte den ganzen Tag und sa&szlig;, die H&auml;nde
+m&uuml;&szlig;ig im Schoo&szlig; gefaltet, und still und langsam dazu mit
+dem zitternden Haupte nickend und sch&uuml;ttelnd, auf ihrem Stuhl.
+Sie f&uuml;hlte da&szlig; sie dem heimischen Boden, den Gr&auml;bern ihrer
+Lieben, der alten Dorfkirche und dem stillen Pl&auml;tzchen, das sie
+so lange, lange Jahre das ihre genannt, entrissen, f&uuml;r ewig,
+und auf Nimmerwiedersehn entrissen sei, und sie glaubte jetzt
+das Herz m&uuml;sse ihr brechen.</p>
+
+<p>Der Professor hatte sich &uuml;brigens, wogegen der Pensylvanier
+erst einige Schwierigkeiten machte, dazu entschlossen den
+Weber auf ihrer heutigen Excursion mitzunehmen, sein Urtheil
+&uuml;ber das Land dabei zugleich zu h&ouml;ren und seine Meinung
+&uuml;ber den ganzen Kauf an Ort und Stelle zu haben. Der
+Wirth schien nicht recht damit einverstanden; er hatte im Anfang
+kein Pferd mehr f&uuml;r ihn da, dann dauerte es zu lang
+bis eins geholt werden k&ouml;nnte; der Professor aber, der klug
+genug war in einer Sache mistrauisch gegen sich selbst zu sein,
+die doch jetzt &uuml;ber alles Theoretische hinausging und in das
+praktische Leben direkt eingriff, vielleicht auch in der unbestimmten
+Furcht vor einem doch m&ouml;glichen Fehlschlagen, in dem er
+nachher die Schuld nicht ganz allein zu tragen h&auml;tte, lie&szlig;
+keine Ausrede gelten und erkl&auml;rte, dann lieber noch einen
+Tag warten zu wollen bis die Pferde gefunden w&auml;ren, ehe
+er eben <span class="wide">ohne</span> den Weber, dem er vielleicht mehr zutraute als
+er verstand, die Farm in Augenschein n&auml;hme. Als der Pensylvanier
+endlich sah da&szlig; der Fremde von diesem Entschlu&szlig;
+nicht abging, waren auch die Pferde nach kaum einer Viertelstunde
+gesattelt und bereit, und die kleine Gesellschaft, von der
+sich der Professor selber am unbehaglichsten &raquo;an Bord&laquo; des
+etwas hohen Pferdes f&uuml;hlte, setzte sich in einem scharfen Schritt
+in Marsch, dem freien Lande zu.</p>
+
+<p>Die h&ouml;lzernen, mit Fenzen eingefa&szlig;ten Geb&auml;ude lie&szlig;en sie
+bald hinter sich, und folgten der sogenannten <i>county</i>-Stra&szlig;e,
+die noch eine Strecke weit durch den breit ausgehauenen Wald
+hinf&uuml;hrte, wobei ihnen der Pensylvanier mit dem gr&ouml;&szlig;ten
+Ernst immer noch die schon ausgelegten aber noch nicht einmal
+&raquo;urbar gemachten&laquo; Stra&szlig;en von Grahamstown zeigte.
+Dort, in das dicke Geb&uuml;sch von Hickory und Eichen sollte einmal
+sp&auml;ter das Waisenhaus kommen &mdash; da dr&uuml;ben an dem
+etwas feuchten Fleck wo die Sycomore und Erlen standen war
+der Platz f&uuml;r den Gasometer ausgelegt &mdash; die Telegraphenstation
+mit der Post mu&szlig;te unten am Flu&szlig; selber sein, in dem
+Centralpunkt des Handels und Verkehrs, der sich nat&uuml;rlich in
+den ersten zehn Jahren, und bis die Eisenbahnen von hier aus
+nach allen Richtungen auszweigten, jedenfalls in der N&auml;he
+des Wassers halten m&uuml;&szlig;te. Er selber hatte sich aber auch zwei
+Baupl&auml;tze hier an der Grenze des Weichbildes reservirt, einen
+an dem n&auml;chst zu erwartenden St. Louis, den anderen, an dem
+Cincinnati-Bahnhof. Wo die Eisenbahn die einmal sp&auml;ter
+nach New-Orleans und Charlestown f&uuml;hrte, auslaufen sollte,
+dar&uuml;ber hatten sich die B&uuml;rger noch nicht geeinigt, und es
+war einer sp&auml;teren Versammlung vorbehalten worden dar&uuml;ber
+zu entscheiden.</p>
+
+<p>Der Mann sprach dabei mit solcher Ruhe und Sicherheit,
+und schien selber von dem rasenden Wachsthum der Stadt so
+fest &uuml;berzeugt zu sein, da&szlig; sich der Professor nicht allein mehr
+und mehr mit dem Gedanken vertraut machte sich in der N&auml;he
+eines so bedeutenden Platzes, jetzt da das Land noch billig zu
+haben sei, niederzulassen, sondern sogar schon unbestimmte
+W&uuml;nsche in sich aufsteigen f&uuml;hlte, selber ein paar Baupl&auml;tze
+in den bestgelegensten Theilen der Stadt &mdash; nur nicht zu nahe
+am Gasometer &mdash; zu erstehen. Ezra Ludkins hatte ihn dabei
+schon aufmerksam gemacht, da&szlig; gegenw&auml;rtig die passendste Zeit
+dazu sein w&uuml;rde, da mit dem Winter besonders ihre, nur f&uuml;r
+jetzt noch aus Holz bestehenden Bauten gewi&szlig; am St&auml;rksten
+in Angriff genommen werden w&uuml;rden, und der Preis der Lots
+(Baupl&auml;tze) mit jedem neu errichteten Hause an Werth gewinnen
+und steigen <span class="wide">m&uuml;&szlig;te.</span></p>
+
+<p>Der Weber daneben, der ziemlich sicher auf seinem Pferde
+sa&szlig;, war ganz Ohr bei der fabelhaften Beschreibung des Landes,
+und dankte im Stillen seinem Gott und dem Professor,
+da&szlig; er nicht in v&ouml;lliger Blindheit an diesem merkw&uuml;rdigen
+Platz vor&uuml;bergefahren, sondern mit Sack und Pack ausgestiegen
+sei, und nun nat&uuml;rlich auch im Stande sein w&uuml;rde mit zuzulangen,
+wenn es hier einmal Brei oder Goldst&uuml;cken regnete,
+denn weiter blieb, nach des Amerikaners Beschreibung und
+Aussichten, wirklich nicht viel mehr &uuml;brig.</p>
+
+<p>Am wenigsten achtete von Hopfgarten darauf der, nicht
+in der Absicht sich hier niederzulassen, wenig Interesse dabei
+fand in wie fern die Stadt den Hoffnungen, die ihr neuer
+Freund daf&uuml;r hegte, entsprechen w&uuml;rde, und mehr darauf achtete
+das sich jetzt rasch vor ihnen aufrollende Land mit seinen
+Eigenth&uuml;mlichkeiten zu beobachten. Das aber fesselte auch
+bald die Aufmerksamkeit der beiden Anderen, und als sie eine
+Strecke lang im Wald, durch den sich die Stra&szlig;e um Sumpfl&ouml;cher
+und Baumwurzeln hinwand, fortgeritten waren, die erste
+Lichtung, und mit dieser eine Farm &mdash; eine wirkliche Farm im
+Inneren von Amerika &mdash; erreichten, hielten sie wie auf gemeinsame
+Verabredung ihre Pferde an, und schauten still und
+schweigend, jeder mit seinen eigenen Gedanken besch&auml;ftigt, den
+Platz an, der sich hier vor ihnen ausbreitete.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber wie anders hatten sie sich eine Ansiedlung in Amerika
+gedacht, wie freundlich sich das ausgemalt, und die stille Wohnung
+im Walde, mit all dem Zauber geschm&uuml;ckt, den die Natur
+f&auml;hig ist einem solchen Bilde zu geben. Das rege Schaffen
+der Menschen dabei, muntere fette Heerden, ein freundlicher
+Garten, schattige fruchtschwere Obstb&auml;ume, unter denen die
+lauschigen Fenster freundlich und versteckt hervorschauten; der
+reinliche Kies oder Rasenplatz dann vor der Th&uuml;r, auf dem die
+Kinder spielten, und die niederen Nebengeb&auml;ude mit St&auml;llen
+und Scheunen, die sich dicht an das Wohnhaus schmiegten &mdash;
+Lieber Gott, wie anders sah das hier aus.</p>
+
+<p>Eine sogenannte Wurmfenz &mdash; die langgespaltenen H&ouml;lzer
+ohne weitere Befestigung untereinander, nur im Zickzack immer
+Enden &uuml;ber Enden gelegt &mdash; umschlo&szlig; ein St&uuml;ck von etwa zehn
+Acker &raquo;geklearten&laquo; Landes, wie sich der Pensylvanier ausdr&uuml;ckte,
+d. h. ein Theil der St&auml;mme vor etwa drei Fu&szlig; vom
+Boden, je nach Bequemlichkeit des F&auml;llers, theils umgeschlagen
+und das &uuml;berfl&uuml;ssige Holz auf gro&szlig;e Haufen geschafft, verbrannt
+zu werden, theils standen die &uuml;brigen B&auml;ume noch eingeringelt
+oder &raquo;get&ouml;dtet&laquo; d&uuml;rr und trocken die nackten Arme
+gen Himmel streckend, einzeln zerstreut &uuml;ber den Plan. Der
+Wald begrenzte an der R&uuml;ckseite diese Rodung, aber noch war
+ihm keine Zeit gegeben da, wo er erst k&uuml;rzlich seines Schmuckes
+beraubt worden, wieder frisch auszuschie&szlig;en, und die gr&uuml;ne
+Wand die er bildete sah zerrissen, rauh und w&uuml;st aus, eben
+wie der Boden, der mit dem Pflug gel&uuml;ftet ein wildes trostloses
+Gewirr und Chaos von Wurzeln, Schollen und zackigen
+Furchen bot, da&szlig; es dem Fremden gar nicht so schien, als ob
+er je im Leben im Stande sein w&uuml;rde eine ordentliche Erndte
+zu tragen.</p>
+
+<p>Die Stra&szlig;e die hindurchlief und an beiden Seiten von
+Fenzen eingefa&szlig;t war hatte man, kein besonderes Zeichen f&uuml;r den
+<span class="wide">Werth</span> des Landes &mdash; fast vierzig Schritt breit gelassen, und
+der Fuhrweg zog sich, sumpfigen Stellen, Kl&ouml;tzen und St&uuml;mpfen
+aus dem Weg gehend, her&uuml;ber und hin&uuml;ber in ausgefahrenen
+Gleisen, w&auml;hrend einzelne niedere Blockh&auml;user, mehr St&auml;llen
+als Wohnungen gleichend, zerstreut &uuml;ber den Platz weglagen,
+und mit dem Rauch der aus ihren Schornsteinen stieg nur zu
+wohl verriethen wie sie bewohnt seien.</p>
+
+<p>Und nichts &mdash; gar nichts Freundliches boten sie, kein
+G&auml;rtchen schmiegte sich an sie an, kein Fruchtbaum verrieth
+die sorgsame Hand des G&auml;rtners &mdash; keine Blume bl&uuml;hte, kein
+Grashalm fast war hier soweit das Auge reichte zu sehn, die
+Einzackungen der Fenzen ausgenommen, die Pflug- oder Wagengleis
+nicht hatte erreichen k&ouml;nnen; Alles war umgew&uuml;hlt
+und roh, und einzelne Schweine die in den Pf&uuml;tzen arbeiteten
+und mit dem R&uuml;ssel den Schlamm aufschaufelten, schienen hier
+in der That den Ton anzugeben und auch die einzigen Wesen
+zu sein, die sich wirklich wohl und behaglich f&uuml;hlten.</p>
+
+<p>&raquo;Und das ist eine Farm?&laquo; sagte Herr von Hopfgarten,
+der zuerst die Sprache wieder gewann, und mit keineswegs
+freudiger &Uuml;berraschung die Scene um sich her betrachtete;
+&raquo;guter Gott, die Geschichte habe ich mir doch eigentlich anders
+gedacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist eine Farm Gentlemen&laquo; sagte aber Ezra Ludkins
+freundlich &mdash; &raquo;oder soll vielmehr erst eine werden, denn die
+Leute haben erst vorigen Winter angefangen den ersten Baum
+zu f&auml;llen und es sieht noch eher ein Bischen wild und unbehaglich
+aus; die Sache kriegt aber ein anderes Ansehn, wenn
+hier erst das <i>corn</i> (Mais) zw&ouml;lf und vierzehn Fu&szlig; hoch mit
+seinen armstarken Kolben und wehenden gr&uuml;nen Bl&auml;ttern steht,
+wenn ordentliche Cabins gebaut und Obstg&auml;rten angelegt sind,
+und die Leute erst beginnen sich ein wenig comfortabel zu f&uuml;hlen
+&mdash; nachher &raquo;schw&auml;tze mer anders&laquo; und die <i>railroad</i> (Eisenbahn)
+wird keine zweihundert <i>yards</i> von hier vorbeilaufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist das der erste Beginn&laquo; sagte aber auch jetzt der
+Professor seufzend, &raquo;der erste Kampf der Civilisation gegen die
+Wildni&szlig;; die erste Verschmelzung, wie man beinah sagen
+k&ouml;nnte, des Waldes mit der Cultur, in der der Mensch wieder
+mit zur&uuml;ck in seinen Urzustand gezogen wird, und ein Stadium,
+das wir allerdings ebenfalls gezwungen sein werden durchmachen
+zu m&uuml;ssen. Wie gef&auml;llt es Ihnen, Brockfeld?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir?&laquo; sagte der Weber, wie &uuml;berrascht durch die Anrede,
+&raquo;ih nu &mdash; es ist &mdash; es ist recht h&uuml;bsch hier &mdash; scheint
+gutes Land zu sein und &mdash; und recht viel Platz; nur noch ein
+Bischen wild. T&uuml;chtiges St&uuml;ck Arbeit noch, die Baumst&uuml;mpfe
+alle herauszukriegen, ehe man mit dem Pflug hinein kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Pflug hinein?&laquo; sagte der Pensylvanier sich
+erstaunt nach ihm umdrehend &mdash; &raquo;das <span class="wide">ist</span> ja hier schon gepfl&uuml;gt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das hier?&laquo; rief der Weber, sich erstaunt im Sattel aufrichtend,
+&raquo;aber wahrhaftig es sieht so aus, als ob hier Jemand
+mit einem Pflug drin herum gekratzt w&auml;re &mdash; nun das ist ein
+Kunstst&uuml;ck? wie kommt man denn damit einem Pflug <span class="wide">durch</span>?
+Da mu&szlig; unser Einer freilich wieder von vorn anfangen zu
+lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber kommt Gentlemen, kommt&laquo; sagte der Amerikaner,
+&raquo;wir verlieren hier zu viel Zeit und haben noch einen guten
+Ritt vor uns.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sollten wir uns nicht einmal lieber hier die H&auml;user im
+Inneren ansehn?&laquo; sagte der Professor.</p>
+
+<p>&raquo;Verdammt wenig, was wir da w&uuml;rden zu sehn kriegen&laquo;
+lachte Ludkins; &raquo;so kahl wie's von au&szlig;en ist, sind auch die
+W&auml;nde im Innern, und die Leute haben h&ouml;chstens einen Kasten
+oder <i>gum</i><a href="#g3fn27"><small><sup>27</sup></small></a><a name="g3fn27r" id="g3fn27r"></a> zum draufsitzen, und einen roh zusammengenagelten
+Tisch, ein paar Blechbecher, einen Kaffeetopf und ein <i>skillet</i>
+(Bratpfanne). Das finden wir auch wohin wir kommen;
+wer aber Lust dazu hat, kann sich das selber bald ganz anders
+und viel behaglicher einrichten &mdash; diese <i>squatter</i> wissen es
+eben nicht besser.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte dabei seinem Pferd langsam den Z&uuml;gel gelassen,
+und die M&auml;nner ritten durch die lange &raquo;<i>lane</i>&laquo; oder eingefenzte
+Stra&szlig;e hindurch, wieder in den Wald hinein, bis sie
+zu einer anderen, eben solchen Lichtung kamen. Die n&auml;chste
+Farm stand aber schon etwas l&auml;nger, und zum Theil wenigstens
+mit Mais bepflanzt der reif und abgetrocknet noch im Feld
+gelassen war, bot sie ein freundlicheres Bild. Die Geb&auml;ude
+freilich sahen eben nicht viel besser aus und aus den Th&uuml;ren
+schauten, als sie vor&uuml;berritten, das etwas bleiche Gesicht einer
+jungen Frau in einem lichten baumwollen Kleid, und vier
+oder f&uuml;nf blondhaarige sonst aber sehr vernachl&auml;ssigte Kinderk&ouml;pfe
+heraus.</p>
+
+<p>Ezra Ludkins begann jetzt, freilich mit sehr geringem Erfolg,
+ihnen die Grenzen der verschiedenen Besitzungen, ja sogar
+hie und da die B&auml;ume zu zeigen, an denen die Ecken der Sectionen
+mit Buchstaben und Zahlen angemarkt waren; er besa&szlig;
+darin eine au&szlig;erordentliche Ortskenntni&szlig; der verschiedenen
+Stellen, und wurde nicht m&uuml;de ihnen die Vortheile der einzelnen
+Sectionen, mit ihrem Fruchtboden und ihren Weidegr&uuml;nden
+auseinanderzusetzen. Die Krone der Ganzen war aber
+seiner Aussage nach doch die Farm, die er f&uuml;r sie bestimmt
+hatte, ebenso in Lage, wie in Boden, Geb&auml;uden und
+Baumwuchs, wenn sie auch jetzt noch, wie er &uuml;brigens vorsichtig
+dazu setzte, ein wenig <i>unpromising</i> (wenig versprechend)
+drein schaute, und der Verbesserungen noch manche bed&uuml;rfe ehe
+sie <span class="wide">vollkommen</span> w&auml;re.</p>
+
+<p>So waren sie eine Strecke recht eigentlich mitten im Walde,
+der nur hie und da von kleinen Lichtungen mehr gest&ouml;rt als
+belebt wurde, hingeritten, ohne selbst von diesem mehr gesehn
+zu haben, als in ihrem Wachsthum gest&ouml;rte gr&uuml;ne W&auml;nde,
+die ihre zerbrochenen Zweige und mishandelten St&auml;mme wie
+anklagend gen Himmel streckten; als sie endlich durch d&uuml;nnes
+Kiefergeb&uuml;sch und &uuml;ber d&uuml;rren Boden fort, f&uuml;r den selbst der
+Pensylvanier keine Entschuldigung fand, vielleicht eine englische
+Meile berganreitend den Kamm eines H&uuml;gels erreichten,
+und hier ihren Pferden &uuml;berrascht in die Z&uuml;gel fielen.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Gott wie sch&ouml;n!&laquo; rief der Professor fast unwillk&uuml;rlich,
+als sich ein weites sonniges Thal, im Ganzen dicht
+bewaldet und nur hie und da von freundlichen gr&uuml;nen Lichtungen
+unterbrochen, vor ihren Blicken soweit das Auge reichte
+ausspannte, und nur im Hintergrund von blauen, wellenf&ouml;rmigen,
+aber ebenfalls holzbedeckten H&uuml;geln begrenzt wurde.
+Die Wildni&szlig; lag hier in aller Pracht und Herrlichkeit vor
+ihren entz&uuml;ckten Blicken, und der Herbst, der in keinem Lande
+der Welt den B&auml;umen solchen Farbenschmuck verleiht wie in
+Amerika, hatte den Wald mit seinen wundervollen Tinten
+f&ouml;rmlich &uuml;bergossen. In roth und gr&uuml;n in gelb und braun
+und lilla schmolzen die Lichter, hier in blitzenden Fl&auml;chen gl&uuml;hend,
+dort in sanften Schatten verschwimmend abscheinend durch
+einander, und w&auml;hrend die jungen schlanken Hickoryst&auml;mme wie
+flammende gelbe Lichter aus dem dunkleren Hintergrund hervorstachen,
+prangte Ahorn und Eiche in so wundervollem Purpur
+und saftigem Braun, das nur von dem hindurchgeflochtenen
+in allen Farben schillernden wilden Wein fast noch &uuml;bertroffen
+wurde, und zitterten die Pappeln mit ihrem silberleuchtenden
+Schmuck in dem blitzenden Sonnenlicht, da&szlig; das Auge, geblendet
+von der Pracht, die Wunder dieser neuen Welt kaum
+zu fassen, zu begreifen vermochte.</p>
+
+<p>&raquo;Nun? &mdash; wollen wir nicht weiter?&laquo; frug der Pensylvanier
+der diesen Farbenreichthum zu oft gesehn, etwas Au&szlig;erordentliches
+darin zu finden, und jetzt nicht recht begreifen
+konnte weshalb die Fremden gerade hier anhielten, wo eben
+gar Nichts zu sehen und zu bewundern war, nicht einmal ein
+Eckbaum irgend einer Viertelsection mit zierlichen, auf der abgeschlagenen
+Rinde gemalten Buchstaben &mdash; &raquo;hier haben wir
+allerdings Nichts wie Wald, aber ein kleines St&uuml;ckchen weiter
+unten kommen wir wieder zu einer Farm, und dann ist's genau
+noch eine Quartersektion bis zu dem Platz wohin wir
+heute wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches wundervolle Farbenspiel in dem Laub hier&laquo;
+rief aber der Professor, die Mahnung kaum h&ouml;rend &mdash; &raquo;sehn
+Sie nur Hopfgarten, jene Gruppe dort hinten, mit dem m&auml;chtig
+dunklen Baum zum Mittelpunkt, aus dem die Lichter ordentlich
+wie Strahlen nach allen Seiten schie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und jene schillernden Festons die sich um jene Eiche
+schl&auml;ngeln, mit den Gold und Purpur durchwirkten Bl&auml;ttern&laquo;
+rief von Hopfgarten, &raquo;und den Massen dunkelblauer, daran
+niederh&auml;ngender Trauben &mdash; oh wie sch&ouml;n, wie wunderbar
+sch&ouml;n ist die&szlig; Land!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, 's ist <i>putty considerable</i> h&uuml;bsch&laquo; sagte der Amerikaner,
+der Nichts dagegen hatte da&szlig; die Fremden den blanken
+Wald sch&ouml;n fanden, w&auml;hrend er sein rechtes Bein, der Bequemlichkeit
+halber nach links mit &uuml;ber den Sattel legte und den
+rechten Arm darauf stemmte, &raquo;'s l&auml;&szlig;t sich ansehn, und famoser
+Boden dazu. Da unten wachsen Zucker-Ahorn und wilde Kirschen
+in Masse, nur ein Bischen viel Holz steht d'rauf, sonst
+w&auml;r' es ebenfalls schon lange gekleart worden. Aber das wird
+schon noch h&uuml;bscher, wenn die Eisenbahn erst hier durchgeht;
+seht Ihr Leutchen, gerade &uuml;ber die kleine Ridge<a href="#g3fn28"><small><sup>28</sup></small></a><a name="g3fn28r" id="g3fn28r"></a> da dr&uuml;ben
+wo die vielen Hickorys stehn &mdash; sie sehn jetzt alle gelb aus
+&mdash; da soll sie weg gehn, und ein Bruder von mir hat sich da
+oben schon angekauft &mdash; aber 's ist jetzt noch ein Bischen einsam da.&laquo;</p>
+
+<p>Die M&auml;nner konnten sich kaum von dem wundervollen
+Schauspiel, &uuml;ber dem sich der Himmel jetzt klar und rein ausspannte,
+losrei&szlig;en, als Ezra Ludkins aber glaubte da&szlig; sie sich
+nun lange genug die &raquo;Bl&auml;tter&laquo; angesehn, warf er sein Bein
+wieder zur&uuml;ck, angelte ein paar Secunden damit nach dem
+schlenkernden Steigb&uuml;gel, und ritt dann langsam voraus den
+Hang hinab.</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde sp&auml;ter, und immer noch in dem prachtvollen
+Wald hinreitend, wobei sie die ziemlich schlechte Stra&szlig;e
+ganz &uuml;bersahen, erreichten sie endlich die Marken des bezeichneten
+Platzes, und Ezra hatte von dem Augenblick an das Wort.
+Hier kannte er jeden Baum, gezeichnet und ungezeichnet, auf
+jede Senke in der die B&auml;ume st&auml;rker und laubiger standen,
+machte er sie aufmerksam, auf den sprudelnden Bach und den
+lehmig sandigen Boden, auf jede einzelne Pflanze die gern auf
+&uuml;ppigem Boden w&auml;chst, auf die st&auml;mmigen Maisstengel endlich
+als sie die kleine Rodung erreichten, auf die guten und hohen
+Fenzen, auf den vortrefflichen Weideboden und die gesunde
+Lage, auf die netten H&auml;user &mdash; die sich allerdings nur wenig
+oder gar nicht von den fr&uuml;her gesehenen unterschieden, auf das
+kr&auml;ftige Vieh, von dem sie einige St&uuml;cke im Wege trafen, bis
+sie zuletzt vor der H&uuml;tte selber hielten, und ein junger, etwas
+bleich aussehender Mann der nicht weit davon arbeitete, mit
+der Axt ein Ochsenjoch auszuschlagen, auf sie zukam, sie zu
+begr&uuml;&szlig;en und ihnen, mit H&uuml;lfe eines anderen etwa zehnj&auml;hrigen
+Knaben die Pferde abzunehmen.</p>
+
+<p>Der Pensylvanier, der dem jungen Mann zurief indessen,
+bis sie wieder zur&uuml;ckk&auml;men &raquo;etwas zu essen&laquo; f&uuml;r sie bereit
+zu halten, f&uuml;hrte die Fremden jetzt vor allen Dingen in
+das Maisfeld selber, wo die Kolben noch nicht gepfl&uuml;ckt und
+eingesammelt, aber zum gro&szlig;en Theil nieder geknickt waren,
+damit Spechte und Raben nicht oben hineinpicken konnten,
+und einflie&szlig;ender Regen dann die Frucht anfaulte. Die Stengel
+standen aber in der That kr&auml;ftig und st&auml;mmig da, die
+Kolben selber waren gro&szlig; und stark, und m&auml;chtige K&uuml;rbisse lagen,
+mit dem Mais gepflanzt, durch das ganze Feld. Der
+Boden mu&szlig;te hier allerdings fruchtbar sein, und der Weber
+besonders konnte sein Erstaunen und seine Freude &uuml;ber das
+herrliche Land kaum zur&uuml;ckhalten.</p>
+
+<p>Auch die Gegend war reizend; die Farm lag in einem
+kleinen, rings von bewaldeten H&uuml;geln eingeschlossenen Kessel,
+ein nicht gro&szlig;er, aber sehr klares Wasser haltender Bach lief
+munter pl&auml;tschernd hindurch, und eine nicht unbedeutende Anpflanzung
+von jungen &Auml;pfel- und Pfirsichb&auml;umen, die allerdings
+noch keine Fr&uuml;chte trugen, aber f&uuml;r sp&auml;tere Jahre reiche
+Erndten versprachen, gaben dem ganzen Platz auch schon eher
+etwas freundliches, wohnliches, und konnten einen guten Anfang
+bilden zu sp&auml;terer Obstzucht und G&auml;rtnerei. Die Verh&auml;ltnisse
+mit dem Land waren ebenfalls annehmbar, und vierzig
+Acker die, wie ihnen der Pensylvanier sagte, schon von ihm
+als Eigenthum vom Staat erworben worden, w&auml;hrend leicht
+noch mehr Land, wenn auch nicht gerade mehr zum Congre&szlig;preis,
+in der N&auml;he zu kaufen lag. Nur die Wohnungen sahen
+noch wild und unbehaglich aus, und nachdem sie einen langen
+Spatziergang um das ganze Grundst&uuml;ck herumgemacht, und
+auch noch zu einer anderen Rodung gef&uuml;hrt waren, wo der
+jetzige Eigenth&uuml;mer eben begonnen hatte weitere f&uuml;nf Acker
+urbar zu machen, sein Feld zu vergr&ouml;&szlig;ern, gingen sie langsam
+zu dem Haus zur&uuml;ck, in deren Th&uuml;re sie eine junge schlanke
+Frau in die einfache aber geschmackvolle selbstgewebte Tracht
+der Waldest&ouml;chter gekleidet, freundlich begr&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Es war eine schlanke, fast edle Gestalt mit wundervollem
+Haar und Auge, aber wieder st&ouml;rten den Professor die bleichen
+Gesichtsz&uuml;ge, st&ouml;rte ihn die fast durchsichtige Haut &mdash; nur
+die Kinder, ein kleiner Bube von drei und ein M&auml;dchen von
+zwei Jahren, sahen frisch und munter aus.</p>
+
+<p>Das Haus war &uuml;brigens nur eine der gew&ouml;hnlichen
+Blockh&uuml;tten, ohne Fenster und Ofen, mit einem riesigen Camin
+der fast die ganze hintere Wand einnahm, und ein paar eingetriebene
+Pl&ouml;cke auf denen ungehobelte Breter lagen, die wenige
+W&auml;sche wie ein paar B&uuml;cher zu tragen, bildeten mit drei ordinairen
+Rohrst&uuml;hlen und einem mit der Axt zugehauenen
+Tisch, das ganze Hausger&auml;th. Auf dem Tisch lag aber ein
+schneewei&szlig;es Tuch ausgebreitet, blanke zinnerne Teller und
+Blechbecher, die ihnen ordentlich entgegen blitzten, standen darauf,
+und eine riesige Kaffeekanne wie ein gro&szlig;er steinerner Krug
+voll Milch schienen die G&auml;ste schon lange erwartet zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;So Kitty, trag auf was Du hast&laquo; sagte Ezra Ludkins
+in englischer Sprache, ohne sich auch nur die M&uuml;he zu geben
+der Frau guten Tag zu bieten, &raquo;die Herren hier sind schon
+seit Tagesanbruch auf und drau&szlig;en, und werden Hunger haben
+&mdash; keine s&uuml;&szlig;en Kartoffeln?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl Mr. Ludkins&laquo; sagte die junge Frau &mdash; &raquo;wenn
+die Herren niedersitzen wollen, es ist Alles bereit.&laquo;</p>
+
+<p>Der Professor hatte wirklich Hunger bekommen, und ein
+braunes kuchenartiges Geb&auml;ck, das ihm aus der einen Sch&uuml;ssel
+warm <ins title="Original hat entgegendufte">entgegenduftete</ins>, sah so einladend aus, da&szlig; er selbst die
+Examination des inneren Hauses bis auf weiteres verschob,
+und der freundlichen Einladung, von Hopfgarten gefolgt, rasch
+nachkam. Nur der Weber blieb verlegen in der Th&uuml;r stehn
+und betrachtete sich h&ouml;chst aufmerksam das gro&szlig;e Baumwollen-Spinnrad
+das unfern davon, mit der wei&szlig;en Flocke noch am
+aufgewickelten Garn h&auml;ngend, in der Ecke stand. Er dachte
+gar nicht daran sich mit dem Professor, seinem jetzigen Herrn,
+und dem Herrn Baron aus der Caj&uuml;te, an einen Tisch zu setzen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun Mister?&laquo; sagte der Pensylvanier &mdash; &raquo;keinen Hunger?
+kommen Sie her und fallen Sie zu; hier ist Ihr Platz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh ich bitte &mdash; ich kann ja warten&laquo; stammelte der Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Warten? &mdash; weshalb; hier haben wir alle Platz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber die Madame&laquo; meinte Brockfeld, denn es war allerdings
+nur noch ein Sitz am Tisch frei.</p>
+
+<p>&raquo;Kitty? &mdash; die i&szlig;t nachher &mdash; kommen Sie nur es wird
+kalt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Machen Sie doch keine Umst&auml;nde lieber Brockfeld&laquo; sagte
+ihm aber auch jetzt der Professor freundlich &mdash; &raquo;hier sind wir
+nun einmal in Amerika, und wo uns da etwas geboten wird
+m&uuml;ssen wir zulangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun wenn Sie denn befehlen&laquo; sagte der Weber, dessen
+Weigerung fehlender Appetit keineswegs verschuldet hatte,
+und &uuml;ber ein rundes wunderliches Gestell, das wie ein abges&auml;gtes
+St&uuml;ck Baumstamm aussah und mit einem d&uuml;nnen
+Bret &uuml;bernagelt war hintretend, setzte er sich darauf und langte
+t&uuml;chtig mit zu.</p>
+
+<p>Den Mittelpunkt der Mahlzeit bildete &uuml;brigens ein gro&szlig;
+m&auml;chtiges St&uuml;ck warm aufgetragener Speck, von dem Ludkins
+jetzt, der hier f&ouml;rmlich zu Hause zu sein schien, gro&szlig;e dicke
+Scheiben abschnitt und jedem vorlegte; eine dunkle Sauce
+wurde dabei herumgegeben, von der sich alle nahmen, und der
+Professor, der sich besonders viel von dem Brode zugelangt,
+dem ihm etwas zu fetten Braten damit nachzuhelfen, hatte
+seinen Speck kaum in die Br&uuml;he getunkt und zum Munde gef&uuml;hrt,
+als er die Gabel auch erschreckt wieder absetzte, niederlegte
+und an zu lachen fing.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe aus Versehn <span class="wide">Syrup</span> zu meinem Fleisch genommen,&laquo;
+sagte er dabei schmunzelnd, &raquo;das h&auml;tte doch curios
+schmecken sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast noch keinen Syrup? &mdash; oh, <i>beg your pardon</i>,
+hier steht er,&laquo; sagte Ezra freundlich.</p>
+
+<p>&raquo;Essen Sie Syrup zum Speck?&laquo; frug der Professor, eben
+nicht angenehm von der neuen Kost &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>&raquo;Thust Du das <span class="wide">nicht</span>?&laquo; frug der Pensylvanier mit einem
+halb ungl&auml;ubigen L&auml;cheln.</p>
+
+<p>Die Fremden glaubten sich aber keine Bl&ouml;&szlig;e geben zu
+d&uuml;rfen und langten von da an, ohne irgend eine Einwendung
+zu machen, wacker zu; aber auch das wundersch&ouml;n aussehende
+Geb&auml;ck mit dunkelgelber krustiger Rinde, das dem sch&ouml;nsten
+Sandkuchen glich, erwie&szlig; sich als etwas sehr trockenes, br&ouml;ckliges
+Maisbrod, das genau so schmeckte als ob wirklicher
+Sand dazwischen w&auml;re, und nur auch in der That mit dem
+sehr fetten Fleisch genie&szlig;bar schien. Auch gegen die sogenannten
+<span class="wide">s&uuml;&szlig;en</span> Kartoffeln hatten sie, schon des Namens wegen,
+eine Art Widerwillen zu &uuml;berwinden, und der <span class="wide">gebratene</span>
+Speck, den die Amerikaner zum <span class="wide">Gekochten</span> a&szlig;en, konnte den
+nicht zerst&ouml;ren.</p>
+
+<p>Nichts destoweniger ging die Mahlzeit besser vor&uuml;ber als
+sich den Umst&auml;nden nach erwarten lie&szlig;. Die Leute waren eben
+<span class="wide">hungrig</span>, und da schmeckt Manches gut, was der ges&auml;ttigte
+Magen selbst mit Widerwillen zur&uuml;ckweisen w&uuml;rde; so mit dem
+hei&szlig;en Kaffee dazu, standen sie auch ges&auml;ttigt vom Tische
+auf, ohne &uuml;brigens von der Amerikanischen Farmerskost,
+von der sie hier die erste Probe bekommen, sonderlich erbaut
+zu sein.</p>
+
+<p>Vor allen Dingen besichtigten sie jetzt die Geb&auml;ude, fanden
+da aber allerdings noch viel zu w&uuml;nschen &uuml;brig, denn die
+kleine H&uuml;tte, in der sie gegessen, mit einer Art Speisekammer
+daneben machte den Hauptbestandtheil derselben aus. Dann
+stand noch ein Maisschuppen etwa drei&szlig;ig Schritt vom Haus
+entfernt, und eine Entschuldigung f&uuml;r einen Stall, ein offenes
+Gestell, eben nur nothd&uuml;rftig gedeckt und kaum im Stande das
+dahineintretende Vieh gegen einen Nordweststurm zu sch&uuml;tzen,
+da es jedem anderen Winde preisgegeben blieb. Aber die
+Summe f&uuml;r das Ganze war auch, wenigstens nach Europ&auml;ischen
+Begriffen nicht hoch. Das schon vom Staat gekaufte
+Land sollte nur sieben Dollar der Acker kosten, wobei allerdings
+das Urbarmachen selbst wie die errichteten Fenzen und H&uuml;tten
+besonders zu bezahlen waren. Aber auch die Erndte selber mit
+dem dazu geh&ouml;rigen Vieh, einige zwanzig Rinder, vielleicht
+vierzig Schweine und zwei Pferde nebst vier Zugochsen erbot
+sich ihm der Amerikaner billig zu &uuml;berlassen &mdash; einzig und
+allein nur weil sein Sohn &raquo;nach dem Westen&raquo; zu ziehn beabsichtige,
+und er selber von der Stadt aus die Bebauung des
+Platzes nicht leiten k&ouml;nne, auch wirklich zu viel mit seinen
+st&auml;dtischen Einrichtungen zu thun habe, und zu viel Geld dort
+brauche zu allen beabsichtigten Anlagen.</p>
+
+<p>Die f&uuml;r Vieh und andere Einrichtungen geforderten Preise
+kamen dem Professor, wie auch Herrn von Hopfgarten und
+dem Weber m&auml;&szlig;ig vor; jedoch wollte der Erstere keinesfalls
+abschlie&szlig;en ohne mit seiner Frau vorerst dar&uuml;ber gesprochen
+und ihr den Platz ebenfalls gezeigt zu haben; &uuml;berdie&szlig; konnte
+er gar nicht dort einziehn ehe noch ein anderes Blockhaus dicht
+neben dem schon stehenden errichtet w&auml;re, dem man dann zwei
+Abtheilungen geben, und die Familie wenigstens so lange
+darin unterbringen konnte, bis er selber im Stande war ein
+bequemes, und seinen W&uuml;nschen wie Bed&uuml;rfnissen entsprechendes
+Wohnhaus aufzurichten.</p>
+
+<p>Nach allen Einrichtungen, die er sich &uuml;brigens schon im
+Geist machte, schien der Professor mehr als halb gewillt die
+Farm, die er jedoch noch zu einem m&auml;&szlig;igeren Preis zu bekommen
+hoffte, zu kaufen. Er konnte ja doch auch nicht mit
+seiner ganzen Familie und der nun einmal engagirten Dienerschaft
+im Lande herumziehn, wo er jedenfalls beinah soviel
+verzehrt h&auml;tte, als das ganze Land hier, mit Wohnungen und
+Vieh kostete &mdash; und die Familie hier lassen, w&auml;hrend er allein
+reiste, war fast eben so mislich. Das Bed&uuml;rfni&szlig; einen Platz
+zu haben den er sein nannte, und wo er anfangen konnte zu
+wirken und zu schaffen, kam dazu, und als er auf dem Heimweg,
+w&auml;hrend der Pensylvanier mit dem Weber vorausritt,
+mit Herrn von Hopfgarten dar&uuml;ber sprach, und dieser ihm
+rieth doch am Ende nicht zu rasch in einer so wichtigen Sache
+zu handeln, vertheidigte er den Kauf schon, selbst nur den
+dritten Theil der Hoffnungen angenommen die der Amerikaner
+mit solcher Zuversicht &uuml;ber den Wachsthum der kleinen Stadt
+ausgesprochen hatte, auf das Lebendigste.</p>
+
+<p>Von dem Kaufpreis wollte nun aber Ezra Ludkins Nichts
+herunter lassen; er behauptete schon die billigste Summe angegeben
+zu haben. Dem Professor aber zu beweisen wie er gern
+erb&ouml;tig sei Alles in seinen Kr&auml;ften stehende zu thun ihn zufrieden
+zu stellen, erbot er sich ihm, wenn sie sich &uuml;ber den
+Kauf einigten, noch ein solches Blockhaus an der bezeichneten
+Stelle <span class="wide">unentgeldlich</span> neu aufzurichten, wie ebenfalls ihn
+so lange bis das hergestellt sei mit der eigenen Familie,
+w&auml;hrend der Weber gleich hinaufziehen sollte mit arbeiten
+zu helfen ohne weitere Bezahlung daf&uuml;r zu nehmen, zu verk&ouml;stigen.</p>
+
+<p>Das war ein Vorschlag zur G&uuml;te, und am zweiten Tag,
+nachdem die Frau Professorin &mdash; zum ersten Mal in ihrem
+Leben im Sattel &mdash; auf dem vollkommen gutm&uuml;thigen Pferd
+ihrer Wirthin, mit ihrem Mann und dem Pensylvanier nochmals
+hin&uuml;bergeritten war den Platz in Augenschein zu nehmen,
+wurde der Handel zwischen Ezra Ludkins und Professor
+Lobenstein abgeschlossen, und der Professor &mdash; war Farmer in
+Indiana.</p>
+
+<p>Von Hopfgarten konnte im Ganzen nicht viel dagegen
+einwenden, obgleich es ihm &mdash; er wu&szlig;te eigentlich selber nicht
+recht weshalb &mdash; doch ein gewisserma&szlig;en unbehagliches Gef&uuml;hl
+war, die Damen in <span class="wide">den</span> H&auml;usern, die sie da oben gefunden,
+als Bewohnerinnen zur&uuml;ckzulassen. Die Wirklichkeit war doch,
+so sehr er sich dagegen str&auml;ubte einzugestehn er w&auml;re mit zu
+poetischen Ansichten nach Amerika gekommen, hinter seinen
+Erwartungen zur&uuml;ckgeblieben, und die blanke Thatsache der
+Blockh&auml;user mit dem schauerlichen Speck und Syrup lie&szlig; sich
+eben nicht fortphantasiren. Er selber hatte sich aber auch schon
+l&auml;nger hier aufgehalten, als es im Anfang seine Absicht gewesen,
+denn er wollte vor allen Dingen nach Cincinnati, von
+da nach den Seen hinauf und den Niagarafall besuchen, und
+dann zur&uuml;ck nach New-Orleans, wo er sein meistes Gep&auml;ck
+gelassen, um von dieser Stadt eine weitere Tour nach dem
+Westen zu unternehmen. Jetzt war hierzu, besonders die
+nordische Reise abzumachen, die g&uuml;nstigste Jahreszeit, denn
+der sogenannte Indianische Sommer, der in Nordamerika
+ziemlich den ganzen Herbst umfa&szlig;te und einen wolkenleeren
+blauen Himmel &uuml;ber October und November, ja nicht selten
+bis &uuml;ber die H&auml;lfte des December spannte, lag mit seiner
+wundervollen Reine und Frische auf dem Land. Konnte er
+in diesem seine n&ouml;rdliche Tour beendigen, so blieb ihm der
+ganze Winter f&uuml;r die s&uuml;dliche Reise, und er war dann vielleicht
+im Stande im n&auml;chsten Fr&uuml;hjahr &mdash; der erste Eindruck mu&szlig;te
+doch kein so g&uuml;nstiger gewesen sein, da&szlig; er schon wieder an
+die Abreise dachte &mdash; nach Europa zur&uuml;ckzukehren.</p>
+
+<p>Vorher aber hatte er noch etwas auf dem Herzen, dessen
+er sich erst vor allen Dingen entledigen mu&szlig;te, und zwar Bef&uuml;rchtungen,
+die in ihm &mdash; er wu&szlig;te sich selber keinen bestimmten
+Grund daf&uuml;r anzugeben &mdash; gegen Henkels Charakter
+aufgestiegen waren, und ihn mit Sorge f&uuml;r das Gl&uuml;ck der
+jungen Frau erf&uuml;llten. Aber er scheute sich diesen in Gegenwart
+der Damen, die er vielleicht unn&ouml;thiger Weise &auml;ngstigte,
+Worte zu geben, h&auml;tte er nicht gerade ihrer H&uuml;lfe bedurft, Gewi&szlig;heit
+zu erhalten. Den letzten Abend also, wie sie in Ludkins
+Inn beisammen sa&szlig;en, brachte er zuerst das Gespr&auml;ch auf
+die beiden jungen Gatten, und die auff&auml;llige Ver&auml;nderung in
+dem ganzen Wesen der jungen, sonst so munteren und lebenslustigen
+Frau w&auml;hrend der letzten Tage an Bord, und erst als
+ein Wort das andere gab, und Marie zuletzt gestand, da&szlig; der
+Abschied von der Freundin ihr einen unendlich schmerzlichen,
+ja unheimlichen Eindruck hinterlassen, r&uuml;ckte er selbst mit seiner
+Furcht heraus, und gab dadurch dem Verdacht, der in Mariens
+wie Annas Herzen bis dahin fast unbewu&szlig;t gelegen, gleichfalls Worte.</p>
+
+<p>Vermuthungen und Combinationen halfen ihnen aber
+Nichts, sie mu&szlig;ten sich eben Gewi&szlig;heit dar&uuml;ber verschaffen, und
+das war f&uuml;r jetzt nur schriftlich m&ouml;glich. Es lie&szlig; sich auch
+denken, da&szlig; sich Clara, wenn ihr irgend etwas das Herz bedr&uuml;cke,
+schriftlich eher gegen die Freundin aussprechen w&uuml;rde,
+als m&uuml;ndlich, Marie sollte ihr also deshalb schreiben &mdash; Stoff
+und Grund hatte sie ja genug daf&uuml;r, und rechtfertigte ihre
+Antwort dann den Verdacht, dann wollte von Hopfgarten,
+wenn er wieder nach New-Orleans hinunter kam &mdash; ja <span class="wide">was</span>
+er dann thun wollte, wu&szlig;te er eigentlich selber noch nicht, aber
+Clara sollte doch wenigstens nicht ganz ohne Freund, von
+Allen vergessen, in der fremden Welt da stehn, und war H&uuml;lfe
+und Beistand n&ouml;thig, dann fand sich auch vielleicht ein Mittel
+ihn zu leisten.</p>
+
+<p>Henkel hatte dem Professor Lobenstein seine Adresse gegeben,
+die sich von Hopfgarten jetzt ebenfalls in sein Taschenbuch
+schrieb, und nicht allein versprach auf seiner R&uuml;ckreise aus
+dem Norden hier wieder anzuhalten, sondern sogar seinen
+Koffer bei ihnen zur&uuml;cklie&szlig;, und nur seine Reisetasche mitnahm,
+durch &uuml;berfl&uuml;ssiges Gep&auml;ck bei m&ouml;glichen Abstechern bald
+dort bald dahin, nicht zu sehr behindert zu werden. Er wollte
+dann auf dem R&uuml;ckweg, bis wohin jedenfalls eine Antwort
+von New-Orleans eingetroffen war, wieder Briefe mit hinunter
+nehmen, was ihm zugleich eine doppelte Einf&uuml;hrung gab,
+und versprach selber auf das Ausf&uuml;hrlichste zu berichten, wie
+er die Verh&auml;ltnisse gefunden.</p>
+
+<p>Am liebsten w&auml;re er nun freilich von hier zu Lande nach
+Cincinnati gegangen, das Innere mehr und besser in Augenschein
+nehmen zu k&ouml;nnen, die von Ezra Ludkins im Geist angelegten
+Schienenwege bestanden aber noch nicht; die Tour zu
+Pferde zu machen, dazu war er nicht Reiter genug, f&uuml;rchtete
+sich auch, aufrichtig gestanden, nicht etwa vor Gefahren, die
+h&auml;tte er eher aufgesucht, nein vor dem Maisbrod und Speck
+der Farmer, was ihm gar nicht gemundet hatte, und beschlo&szlig;
+also mit dem n&auml;chsten stromaufgehenden Dampfboot seine Reise
+rascher und bequemer fortzusetzen.</p>
+
+<p>Das kam aber schon am n&auml;chsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang,
+und ehe Hopfgarten selber im Stande gewesen
+war seine Toilette ordentlich zu beenden und sich bei den
+Damen zu empfehlen. Vers&auml;umen durfte er es aber auch
+nicht, und so, w&auml;hrend der &auml;lteste Knabe des Pensylvaniers
+nach unten gelaufen war das Boot, das sie schon eine Zeitlang
+hatten stromauf dampfen h&ouml;ren, anzurufen und zum Beilegen
+zu bringen, stopfte er die schon bereit gelegten Sachen schnell
+in die Reisetasche, lie&szlig; sich durch Eduard, der ihn hinunter
+begleitete, noch seinen Eltern und Schwestern auf das Freundlichste
+empfehlen und wenige Minuten sp&auml;ter Grahamstown
+mit all seinen Hoffnungen k&uuml;nftiger Gr&ouml;&szlig;e hinter sich.</p>
+
+<p>Als das Boot eben um die n&auml;chste Biegung, oberhalb
+der Stelle wo die Stadt lag, einlenken wollte, sah er noch
+wie ihm Jemand mit einem wei&szlig;en Tuche vom H&uuml;gelkamm
+aus nachwinkte, aber er konnte schon nicht mehr erkennen wer
+es war.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap9" id="kap9"></a>Capitel 9.</h2>
+
+<h3>Das deutsche Wirthshaus zu New-Orleans.</h3>
+
+
+<p>Die &raquo;Haidschnucke&laquo; hatte indessen, wie schon vorher erw&auml;hnt,
+ihren Passagieren gleich am ersten Tage angek&uuml;ndigt,
+da&szlig; sie sich nun, je eher desto besser, ihr Unterkommen an
+Land selber suchen sollten, da das Schiff nicht weiter verpflichtet
+sei f&uuml;r sie zu sorgen. Fast alle waren auch, so rasch sie
+nur ihr Gep&auml;ck bekommen konnten, von Bord gegangen, selber
+froh, dem Schiffsleben mit seiner groben monotonen Kost endlich
+enthoben zu sein; nur einige der &auml;rmeren Familien, und
+unter ihnen wunderbarer Weise die Oldenburger, die unterwegs
+gerade am meisten und lautesten &uuml;ber Kost und Behandlung
+raisonnirt, und sogar h&auml;ufig davon gesprochen hatten die
+Schiffsrheder, wenn sie nur erst in New-Orleans w&auml;ren, f&uuml;r
+nicht erf&uuml;llte Versprechungen zu verklagen, zeigten noch nicht
+die mindeste Lust sich durch Hin&uuml;berschaffen ihrer Kisten an
+Land von dem Fahrzeug zu trennen.</p>
+
+<p>Sie waren, der Sprache nat&uuml;rlich nicht m&auml;chtig, von dem
+sie &uuml;berall umwogenden Menschen-Gew&uuml;hl wie bet&auml;ubt, den
+ganzen Tag in den Stra&szlig;en der ungeheueren Stadt f&ouml;rmlich
+umher getaumelt, und nur hie und da mit anderen Deutschen,
+in gleichen Verh&auml;ltnissen zusammengetroffen, die auch Arbeit
+suchten und ebenso wie diese der Meinung schienen, da&szlig; man
+sie ihnen auf der Stra&szlig;e anbieten w&uuml;rde. Hie und da fanden
+sie dabei irgend ein deutsches Schild &uuml;ber einer Th&uuml;r, das
+entweder einem Wirthshaus oder Kleiderladen geh&ouml;rte, und
+dort sprachen sie dann vor, wollten sich nach den Verh&auml;ltnissen
+des Landes erkundigen und wurden, wenn sie in dem einen
+Nichts verzehrten, oder in dem andern Nichts kauften,
+wenn auch nicht mit groben, doch sehr kurzen Worten abgefertigt.
+So verging der Tag, und kleinlaut und niedergeschlagen
+kehrten sie Abends an Bord zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Capitain Siebelt dachte aber viel zu menschlich und vern&uuml;nftig
+die Leute, besonders da sie Familien hatten, wirklich
+gleich hinauszujagen; auf die paar Mahlzeiten, die ihnen noch
+gegeben wurden, kam es nicht an, der Koch war an dem Tag
+auch noch darauf eingerichtet, und Abendbrod und Fr&uuml;hst&uuml;ck
+wurde ihnen gern und ohne weiteres Wort gegeben; aber der
+n&auml;chste Morgen brachte ihnen keine besseren Aussichten. Vergebens
+wandten sie sich an Alles was nur deutsch sprach und
+ihnen in den Weg lief, Arbeit zu bekommen. &raquo;Vor drei Monaten,
+ja,&laquo; so wurde ihnen fast &uuml;berall die Antwort, &raquo;wie die
+Krankheit Alles hinaustrieb aus New-Orleans, was eben
+nicht zu bleiben gezwungen war, da h&auml;tten sie Arbeit bekommen
+k&ouml;nnen, Arbeit und Lohn, so hoch sie ihn nur fordern
+sollten &mdash; bis man sie selbst nach Pottersfield hinausgefahren
+&mdash; aber jetzt waren die Tausende mit anderen Schaaren aus
+dem Norden wieder zur&uuml;ckgekehrt, und Arbeit war schon noch
+zu bekommen, aber eben nicht mehr so leicht; man mu&szlig;te Geduld
+haben.</p>
+
+<p>Geduld &mdash; ja das ist ein ganz gutes Wort, wenn die
+Gewi&szlig;heit eines Erfolgs dahinter sitzt, und der Mensch eben
+bis dahin, neben seiner Geduld <span class="wide">Brod</span> hat, davon zu zehren;
+wo das aber fehlt, und der fremde Einwanderer sich zum ersten
+Mal in seinem Leben ganz allein auf sich selber angewiesen
+sieht, und mit Schrecken f&uuml;hlt da&szlig; er sich eben auf sich selber,
+ohne andere H&uuml;lfe, gar nicht verlassen kann, da ist's dann
+freilich eine misliche Sache um die Geduld, und das Menschenherz
+verzagt da nur zu oft, und glaubt sich gleich vom
+ersten Ansprung ab verloren.</p>
+
+<p>Der Capitain h&auml;tte die Leute aber selbst am n&auml;chsten Tag
+noch nicht fortgetrieben, und ihnen, wenn auch nicht mehr besonders
+f&uuml;r sie gekocht werden konnte, doch wenigstens Schiffszwieback
+und etwas kaltes Fleisch geben lassen, wenn sie nicht
+gleich ein Unterkommen finden konnten; der Steuermann aber,
+der sich gerade &uuml;ber diese Burschen die ganze Reise hindurch
+am meisten ge&auml;rgert, weil ihnen auch gar Nichts recht gemacht
+werden konnte, und kein Essen gut genug war, selbst wenn
+sich niemand Andres dar&uuml;ber beklagte, lie&szlig; sich am dritten
+Morgen auf keine weiteren Unterhandlungen mit ihnen ein,
+befahl den Matrosen die Kisten und Kasten, die schon an Deck
+standen, da das Zwischendeck abgebrochen wurde, ohne weiteres
+auf die Lev&eacute;e zu schaffen, und erkl&auml;rte dann den bisherigen
+Passagieren da&szlig; sie von diesem Augenblick an nichts weiter
+von der Haidschnucke zu erwarten h&auml;tten &mdash; &raquo;er wolle ihnen
+nicht zumuthen ihr faules Brod und stinkiges Fleisch, den
+ranzigen Speck und den d&uuml;nnen Thee noch l&auml;nger zu kauen
+und hinterzuschlucken.&laquo;</p>
+
+<p>Das war wenigstens deutlich, und die Frauen weinten
+und baten den Capitain, als er von Land zur&uuml;ck kam, um Gottes
+Willen sie nicht hier im Elend sitzen zu lassen, sondern lieber
+wieder mit zur&uuml;ck nach Deutschland zu nehmen, wo sie
+arbeiten wollten Tag und Nacht, ihre Passage abzuverdienen
+&mdash; nur da&szlig; sie hier nicht in dem fremden Land auf der Stra&szlig;e
+verderben und umkommen m&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>Schiffscapitaine haben sonderbarer Weise sehr h&auml;ufig eine
+h&ouml;chst ung&uuml;nstige Idee von dem Inneren Amerikas, das sie
+nur in sehr seltenen F&auml;llen zu sehn bekommen, denn da ihnen
+h&auml;ufig Matrosen desertiren, sind sie so daran gew&ouml;hnt diesen
+das schrecklichste Schicksal und Hunger und Elend zu prophezeihen,
+da&szlig; sie ihre eigenen Prophezeihungen zuletzt wirklich
+selber glauben. Sie f&uuml;hlen dabei nicht selten ordentlich eine
+Art von Mitleid mit all den ungl&uuml;cklichen Schlachtopfern, die
+sie in das fremde Land transportiren m&uuml;ssen, und die ihrem
+Elend da h&ouml;chst wahrscheinlich schnurstracks entgegenlaufen;
+sie aber wieder mit zur&uuml;ckzunehmen, so weit lauten ihre Instruktionen
+nicht, und die Leute, die vorher alles M&ouml;gliche
+gethan haben nur von Deutschland nach Amerika hin&uuml;ber zu
+kommen, m&uuml;ssen nun auch sehen wie sie hier dr&uuml;ben &raquo;fertig
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>Es ist ein schmerzlich, wehm&uuml;thiges Gef&uuml;hl, in Deutschland
+die langen Z&uuml;ge armer Auswanderer zu sehn, die, das
+Herz wohl voll frischer Hoffnungen, aber dabei nur zu oft
+mit Mangel und Noth k&auml;mpfend, die Heimath mit Frau und
+Kindern verlassen, in die Fremde zu ziehn. Unpraktisch dabei
+bis zum &Auml;u&szlig;ersten, scheu und sch&uuml;chtern vor Jedem, der einen
+besseren Rock tr&auml;gt wie sie, herumgesto&szlig;en und geprellt, so
+lange noch etwas aus ihnen herauszupressen ist, in der dritten
+oder vierten Klasse der Eisenbahn, wenn sie so viel Geld erschwingen
+k&ouml;nnen, oder zu Fu&szlig; mit den schweren Packen auf
+den R&uuml;cken oder den Kindern auf dem Arm, <span class="wide">arbeiten</span> sie sich
+dem Hafenplatz zu, das Schiff zu erreichen; und wenn sie
+dann dort am Strande sitzen und des Bootes harren, das sie
+hin&uuml;ber f&uuml;hren soll zum gro&szlig;en Schiff, m&ouml;chte man weinen &uuml;ber
+die Ungl&uuml;cklichen, die die Gr&auml;ber ihrer V&auml;ter verlassen haben in
+Schmerz und Kummer, und die Scholle jetzt meiden m&uuml;ssen,
+an der ihr Herz mit allen Fasern h&auml;ngt.</p>
+
+<p>Und doch ist <span class="wide">der</span> Augenblick, so schrecklich das auch klingt,
+beneidenswerth und gl&uuml;cklich im Vergleich mit dem, wo sie das
+neue Vaterland betreten haben, und rathlos &mdash; trostlos, verzweifelnd
+an seinem Ufer stehn &mdash; Fremde, Ausgesto&szlig;ene an
+einer K&uuml;ste, von der es keinen R&uuml;ckweg f&uuml;r sie giebt.</p>
+
+<p>Als sie die Heimath verlie&szlig;en, und wenn das auch in
+Sorg' und Noth geschah, ihr Herz war doch voll Hoffnung
+und schlug dem neuen Vaterland in freudiger Zuversicht
+entgegen. &raquo;Wir wandern aus!&laquo; in dem Bewu&szlig;tsein lag ihnen
+reicher Trost f&uuml;r Alles was sie hier traf und niederdr&uuml;ckte.
+Alle Beschwerden, die sie ertragen mu&szlig;ten, der Schmerz der
+Trennung von ihren Lieben, von dem eigenen noch so kleinen
+Heerd, verschwand nur in dem einen Wort: <span class="wide">Amerika!</span> und
+hinter ihnen lag aller Gram und Kummer, wenn nicht vergessen
+oder leicht und herzlos abgesch&uuml;ttelt, doch gemildert von
+dem frohen Licht, das ihre eigene Phantasie, die Zuversicht, mit
+der sie hoffend dem neuen Leben entgegen gingen, dar&uuml;ber warf.</p>
+
+<p>Viele malen sich dann noch das Land mit bunten Farben
+aus, Luftschl&ouml;sser steigen empor mit Zauberschnelle, die eigenen
+wie der Freunde Herzen tr&ouml;stend, bet&auml;ubend &mdash; Amerika, oh
+nur den Fu&szlig; erst dort an Land gesetzt und Alles, Alles ist
+vorbei, was sie da noch mit Sorge, &Auml;ngsten f&uuml;llen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p><span class="wide">Und dort?</span> &mdash; zerknirscht, gebrochen, mit <span class="wide">jeder</span> Hoffnung
+geknickt, da ihnen nicht beim ersten Landen gleich der
+Amerikaner froh die Arme &ouml;ffnet, von den Fremden unbeachtet,
+von ihren Landsleuten verlassen, zur&uuml;ckgesto&szlig;en, stehen sie da,
+jedes Trostes baar, Entt&auml;uschung, Reue, Angst in den bleichen
+Z&uuml;gen, und die wogende kalte Menschenmenge sehn sie
+vor&uuml;ber dr&auml;ngen, wie der Schiffbr&uuml;chige, der sich auf nackten
+Felsen gerettet vor dem augenblicklichen Tod, die blitzenden
+Wellen vorbeistr&ouml;men sieht, und nicht den Muth hat, mit starkem
+Arm und mit entschlossenem Muthe sich dahineinzuwerfen
+und die Fluth zu theilen. Oh es zerrei&szlig;t Einem das Herz,
+die Ungl&uuml;cklichen so da stehn zu sehen, und nicht helfen zu
+k&ouml;nnen <span class="wide">aller</span> Noth.</p>
+
+<p>Wenn sie aber unrecht hatten, im alten Vaterland sich
+blind und leichtsinnig zu wilden &uuml;berspannten Hoffnungen hinzugeben,
+so haben sie das doppelt jetzt, wo gleich beim ersten
+Anlauf der erste Sprung nicht etwa schon misgl&uuml;ckt ist, nein
+wo sie noch gar nicht einmal zum Sprunge angesetzt, und nun
+jenen schmalen K&uuml;stenstreifen, auf dem fast t&auml;glich hunderte
+von Auswandern landen und in dem Menschenstrom spurlos,
+unbeachtet verschwinden, f&uuml;r das Land selber halten.</p>
+
+<p>Der Hafenplatz ist erst die Brandung der neuen Welt,
+die Bank an der sich alle Wellen brechen, wild und toll
+aufsch&auml;umend dabei, einander &uuml;berst&uuml;rzend, wieder hebend.
+Durch die hindurch mu&szlig; erst der Auswanderer den schwanken
+Kahn zum Ufer f&uuml;hren, und darf sich nicht durch das wilde
+Tosen derselben bet&auml;uben, entnerven lassen; ruhig nur das
+Steuer in der Hand, und fest den st&uuml;rzenden Wellen auf
+den Kamm geschaut, der Gefahr zu entgehn, den g&uuml;nstigen
+Moment zu benutzen, mu&szlig; er stehn, nicht blos vorn im
+Bug sitzen, die H&auml;nde im Schoo&szlig;, und die Blicke verzweifelnd
+in die Wolken gerichtet. Hat er den Muth gehabt sich von
+der Heimath loszurei&szlig;en, darf er sich jetzt auch nicht davor
+f&uuml;rchten ein wenig her&uuml;ber und hin&uuml;ber gesto&szlig;en zu werden.
+Das ist ein &Uuml;bergang, und ein Jahr sp&auml;ter nur und er st&ouml;&szlig;t
+selber mit.</p>
+
+<p>Ein Bild trostloser Niedergeschlagenheit sa&szlig;en die Oldenburger
+aber, so gewaltsam hinausgesto&szlig;en in die Welt, auf
+ihren Kisten an der Lev&eacute;e, die M&auml;nner mit den H&auml;nden in
+den Taschen, an die Hessen denkend, die sie weiter oben in
+&auml;hnlicher Lage gesehn, und gleich verzweifeltes Loos f&uuml;r sich
+erwartend, die Frauen ihre Kinder im Arm, die Augen voll
+Thr&auml;nen, die Herzen voll Kummer und Sorge f&uuml;r die Zukunft.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Ihr Leute, Ihr sitzt ja da als ob Euch die Petersilie
+verhagelt w&auml;re&laquo; sagte da pl&ouml;tzlich eine freundliche Stimme,
+in rein deutschem Dialekt &mdash; &raquo;ist Euch Jemand gestorben oder
+habt Ihr Euer Geld in den Strom fallen lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gestorben ist Niemand, und unser Geld f&auml;llt schon nicht
+weg; daf&uuml;r sind wir sicher!&laquo; sagte der eine der Leute den
+Fremden finster und mistrauisch betrachtend, denn was sie bis
+jetzt von ihren Landsleuten gesehn, war gerade nicht geeignet
+sich sehr nach ihrer weiteren Bekanntschaft zu sehnen. Nur
+die Frauen schauten rasch und halb voll Hoffnung zu dem
+<span class="wide">Deutschen</span> auf, der sie so freundlich angeredet, und dabei so
+anst&auml;ndig in feiner wei&szlig;er W&auml;sche und breitr&auml;ndigem Strohhut,
+mit einer gro&szlig;en goldnen Uhrkette &uuml;ber die feingestreifte
+Weste, gekleidet ging.</p>
+
+<p>&raquo;Oh Ihr wartet wohl auf einen Wagen, Euer Gep&auml;ck
+in die Stadt hinauf zu bringen&laquo; sagte aber der Deutsche
+wieder &mdash; &raquo;habt Ihr schon ein Kosthaus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kosthaus&laquo; &mdash; wiederholte der eine der verheiratheten
+M&auml;nner mit einem kaum unterdr&uuml;ckten Seufzer und einem
+halbscheuen Blick nach Frau und Kind &mdash; &raquo;Kosthaus &mdash; ich
+m&ouml;chte wissen was uns ein Kosthaus helfen sollte &mdash; wenn
+wir nur erst einen Platz w&uuml;&szlig;ten wo wir &uuml;berhaupt Kost bek&auml;men,
+das Haus wollten wir ihnen gern schenken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh, <span class="wide">so</span> stehn die Sachen?&laquo; lachte der Deutsche wieder
+&mdash; &raquo;Ihr habt kein Geld? &mdash; ja dann m&uuml;&szlig;t Ihr freilich arbeiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt Ihr Arbeit?&laquo; riefen die M&auml;nner rasch und zugleich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gerade nicht&laquo; lachte der Deutsche, &raquo;aber wenn Ihr
+<span class="wide">die</span> haben wolltet, die w&auml;re leicht genug zu bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wo?&laquo; rief der Erste von den Oldenburgern wieder,
+&raquo;wir haben uns schon fast die Schuhsohlen abgelaufen durch
+die Stadt, und Niemand hat uns haben wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben wollen&laquo; sagte der fremde Deutsche kopfsch&uuml;ttelnd
+&mdash; &raquo;Ihr seid nicht an die rechte Schmiede gegangen, das ist
+die ganze Geschichte; da m&ouml;cht' ich die gr&ouml;&szlig;te Wette eingehn,
+da&szlig; ich Euch alle miteinander in drei Tagen unterbr&auml;chte.
+Was habt Ihr f&uuml;r ein Gesch&auml;ft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gesch&auml;ft? &mdash; wir sind Bauern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bauern? &mdash; hm, das ist allerdings schon schwieriger,
+aber f&uuml;r eine Weile k&ouml;nntet Ihr auch schon einmal was anderes
+angreifen. Wenn der Mensch Lust hat geht Alles.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier werden wir auch wohl noch gefragt werden ob wir
+Lust haben&laquo; brummte der Erste wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wo ist die Arbeit zu kriegen?&laquo; frug jetzt eine der
+Frauen, &raquo;lieber Gott wir wollen ja gerne arbeiten, wenn wir
+nur f&uuml;r uns und die Kinder Brod haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Brod?&laquo; lachte der Fremde, &raquo;um Brod allein wird man
+auch hier eine Hand regen &mdash; wenn nicht Fleisch und Gem&uuml;se
+und Kaffee wie das sonst N&ouml;thige dabei ist, soll's der Henker holen; f&uuml;r Brod
+allein w&uuml;rden wir hier wenig Arbeiter bekommen.
+ &mdash; Aber hier auf der Stra&szlig;e k&ouml;nnt Ihr doch nicht liegen
+bleiben&laquo; setzte er dann hinzu, indem er seine Uhr aus der
+Tasche nahm und nach der Zeit sah; &raquo;es ist jetzt eben halb
+zw&ouml;lf, wenn Ihr Euch dazu haltet, k&ouml;nnt Ihr noch gerade zum
+Mittagsessen im Gasthaus sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mittagsessen&laquo; seufzte aber eine der Frauen &mdash; &raquo;die paar
+Groschen die wir noch haben, d&uuml;rfen wir nicht f&uuml;r Mittagessen
+hinauswerfen, wer wei&szlig; ob nicht Einer von uns krank wird
+in dem fremden Land, und dann brauchen wir sie n&ouml;thiger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja krank &mdash; jetzt wird Niemand hier mehr krank&laquo; lachte
+der Deutsche, &raquo;jetzt haben wir hier die gesunde Zeit, da ist's
+in New-Orleans besser wohnen wie in New-York. Aber Ihr
+braucht kein Geld um in ein Wirthshaus zu gehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, umsonst werden sie uns auch nicht hier f&uuml;ttern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; das w&uuml;rdet Ihr auch gar nicht verlangen&laquo;
+sagte ihr neuer Freund ganz unbefangen, &raquo;aber Ihr geht ganz
+einfach in das erste beste Gasthaus, stellt Eure Sachen dort
+ein, e&szlig;t und trinkt was Ihr braucht, und zahlt so bald Ihr
+k&ouml;nnt. Glaubt Ihr denn nicht da&szlig; so etwas alle Tage hier
+vorkommt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja aber wo w&uuml;rden sie uns denn da so aufnehmen?&laquo;
+frug der Mann verwundert.</p>
+
+<p>&raquo;Wo? ich sage Euch ja im ersten besten Gasthaus &mdash; ich
+gehe mit Euch die n&auml;chste Stra&szlig;e hinunter, und ich wette wir
+sind noch keine tausend Schritt gegangen, so seid Ihr zu Haus
+und k&ouml;nnt Euere Beine unter einen gedeckten Tisch strecken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du, das ist Einer von denen wo sie uns in Deutschland
+von erz&auml;hlt haben&laquo; fl&uuml;sterte der eine dem anderen Bauer zu,
+&raquo;da&szlig; sie den Deutschen auflauern und sie seelenverkaufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Schaafskopf</span> verkaufen h&auml;tte ich bald gesagt&laquo; brummte
+aber der Andere eben so leise &mdash; &raquo;ein gedeckter Tisch wird unseren
+Seelen wahrhaftig keinen Schaden thun &mdash; ich glaube
+nur nicht da&szlig; er's kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn es nun doch Einer von denen ist, die einem
+armen Auswanderer auch das Letzte abjagen was er mitgebracht
+hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was soll er <span class="wide">uns</span> denn etwa abjagen, unser Geld?
+&mdash; da wird er sich schneiden, und unsere Sachen? &mdash; die d&uuml;rfen
+sie uns nicht nehmen, das leidet die Regierung nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja die Regierung wird sich was d'rum k&uuml;mmern&laquo; meinte
+der Erste wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Na adieu Ihr Leute&laquo; sagte der Mann jetzt, indem er sich
+den Hut etwas fester in die Stirn dr&uuml;ckte, und sich abdrehte,
+als ob er gehen wollte, &raquo;ich sehe es gef&auml;llt Euch hier auf der
+Lev&eacute;e, und hier in Amerika kann Jeder thun was er will; hier
+sind wir Alle freie Leute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber warten Sie doch nur noch einmal einen Augenblick&laquo;
+rief die eine der Frauen &auml;ngstlich und besorgt &mdash; &raquo;lieber
+Gott, wenn Sie uns Arbeit verschaffen k&ouml;nnten, die wollen
+wir ja doch gar so gerne haben; sagen Sie uns nur <span class="wide">wie.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja Kinder aus dem &Auml;rmel kann ich sie auch nicht
+sch&uuml;tteln&laquo; lachte der Fremde, &raquo;aber ich habe eine Menge Bekannte
+hier, die viel Leute brauchen, und am liebsten Deutsche
+anstellen, und wenn Ihr Euch eben, wie ich das wohl glaube,
+keiner Arbeit scheut, so sollt Ihr da bald untergebracht sein, und
+zwar nicht etwa wie in Deutschland mit sechzehn oder achtzehn
+Thaler Lohn <span class="wide">j&auml;hrlich</span>, und einer Kost die man hier kaum seinen
+Schweinen vorwerfen w&uuml;rde, sondern mit drei Mal Fleisch
+t&auml;glich, wie es &uuml;berall Sitte ist, und mit Kaffee Morgens und
+Abends Thee.</p>
+
+<p>&raquo;Und da sollen wir so lange in das Wirthshaus gehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihr lieber hier auf der Lev&eacute;e sitzen bleibt kann's
+mir auch recht sein&laquo; lachte der Mann, &raquo;wenn Euch aber Euere
+Kinder hier krank werden, k&ouml;nnt Ihr einem Doktor eben so viel
+bezahlen nach ihnen zu sehn, wie Ihr in Deutschland das ganze
+Jahr verdient habt &mdash; nachher ist Euer Geld gut angelegt.
+Aber wie gesagt, Jeder thut hier was ihn freut. Ich will mich
+aber doch f&uuml;r Euch nach Arbeit umsehn, und wenn Ihr hier
+bleiben wollt, so komme ich morgen oder &uuml;bermorgen wieder
+her, und sage Euch Antwort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf denn einmal Einer von uns mit Ihnen gehn?&laquo;
+frug da der Erste wieder, &raquo;da&szlig; wir nur erst einmal den Platz
+finden wo sie uns aufnehmen, denn unsere Sachen m&ouml;chten wir
+nicht in Versatz geben; man wei&szlig; nachher nicht wie's wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Euere Sachen m&uuml;&szlig;t Ihr doch unter Dach und
+Fach bringen&laquo; lachte der Mann, &raquo;seid Ihr n&auml;rrische Burschen!
+die k&ouml;nnt Ihr doch nicht derweile vor die Th&uuml;r setzen, und
+wenn Ihr eine ganze Woche alle zusammen im Wirthshaus
+l&auml;get, zahlte die n&auml;chste Woche Arbeitslohn Euere s&auml;mmtlichen
+Schulden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was bekommt man hier den Monat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das geht hier nicht Monatweis, das geht nach dem Tag;
+die Leute die an der Lev&eacute;e und auf den Dampfbooten arbeiten,
+bekommen einen Dollar <i>pr.</i> Tag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber da brauchen sie Niemanden mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid Ihr &uuml;berall an der Lev&eacute;e gewesen?&laquo; frug der
+Mann, &raquo;die Lev&eacute;e ist wohl sieben englische Meilen lang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berall wohl nicht, aber doch an <span class="wide">vielen</span> Pl&auml;tzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja, <span class="wide">vielen</span>, das will Nichts sage; nein ich werde
+Euch gleich eine <i>dray</i><a href="#g3fn29"><small><sup>29</sup></small></a><a name="g3fn29r" id="g3fn29r"></a> wie
+ man hier sagt, oder einen G&uuml;terkarren
+besorgen, Euere Sachen in die Stadt zu schaffen, und
+dann sind wir in zehn Minuten untergebracht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh dazu brauchen wir keinen Karren&laquo; riefen aber die
+beiden; &raquo;die packen wir auf und tragen sie selber, wenn's weiter
+Nichts ist &mdash; die Frauen tragen die zwei da, und wir die
+hier, mein Junge bleibt bei den &Uuml;brigen zur&uuml;ck und die holen
+wir dann nachher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, wie Ihr wollt; aber Leute das mu&szlig; ich Euch
+gleich sagen, lange Zeit kann ich hier nicht mehr stehn bleiben,
+denn ich habe noch viel zu thun, und hier schon mehr Zeit
+vers&auml;umt als ich vor meiner eignen Familie verantworten m&ouml;chte.
+Wir haben hier ein Sprichwort in Amerika &raquo;Zeit ist Geld&laquo;
+und das werdet Ihr wohl noch ebenfalls kennen lernen.&laquo;</p>
+
+<p>Es bedurfte &uuml;brigens keines weiteren Zuredens von seiner
+Seite, denn den armen Teufeln, die sich noch vor wenigen
+Minuten vor Hunger und Noth gef&uuml;rchtet hatten, stak der
+versprochene gedeckte Tisch jetzt im Kopf, auf dem sie im Geist
+jetzt schon alle getr&auml;umten Herrlichkeiten der neuen Welt aufgestapelt
+sahen, und nach kurzer Berathung untereinander
+griffen sie ihre gro&szlig;en, mit eisernen Henkeln versehenen Koffer
+auf und baten den Fremden, hinter dem sie gleich darauf herkeuchten,
+ihnen den Weg zu zeigen.</p>
+
+<p>Sie hatten nicht weit zu gehn; gleich die n&auml;chste Stra&szlig;e
+hinauf, die nach der Vorstadt Lafayette hineinlief, &uuml;ber die
+zweite Queerstra&szlig;e hin, leuchtete ihnen schon von fern ein gro&szlig;es
+wei&szlig;es Schild entgegen, auf dem mit gro&szlig;en schwarzen Buchstaben
+die Worte &raquo;<span class="wide">Deutsches Gasthaus zum deutschen
+Vaterland</span>&laquo; standen.</p>
+
+<p>&raquo;Dort ist gleich ein deutsches Wirthshaus; wollen wir
+anfragen?&laquo; frug sie ihr F&uuml;hrer.</p>
+
+<p>&raquo;Ja wenn Sie glauben&laquo; meinte der eine Oldenburger.</p>
+
+<p>&raquo;Eins ist so gut wie das Andere,&laquo; sagte Jener achselzuckend
+&mdash; &raquo;setzt nur erst einmal Euere Kiste vor die Th&uuml;r, und
+wir wollen hinein gehn und mit dem Mann sprechen; nachher
+k&ouml;nnt Ihr ja dann noch immer thun was Euch gut d&uuml;nkt.&laquo;</p>
+
+<p>Dagegen lie&szlig; sich Nichts sagen, und die M&auml;nner betraten
+gleich darauf einen kleinen, ziemlich engen Saal, der als
+Schenkzimmer benutzt und durch einen etwas schmutzigen wei&szlig;en
+Vorhang von dem n&auml;chsten Gemach, in dem sie viele
+Stimmen h&ouml;rten, getrennt wurde. Ein Schenktisch war hier
+an der einen Seite aufgestellt, auf dem eine Masse umgedrehte
+leere Gl&auml;ser und einige kleine Flaschen standen, w&auml;hrend dahinter,
+auf langen Regalen, drei oder vier Reihen mit
+verschiedenen Spirituosen gef&uuml;llte gl&auml;serne Karaffen geordnet und
+mit dazwischengelegten Orangen und Citronen verziert waren.
+Hinter dem Schenktisch, oder der &raquo;<i>bar</i>&laquo; wie ein solcher Platz
+in Amerika genannt wird, stand ein junger st&auml;mmiger Bursche
+von vielleicht f&uuml;nf oder sechs und zwanzig Jahren, mit glatt
+zur&uuml;ckgek&auml;mmten blonden Haaren, fast auffallend gro&szlig;en Ohren,
+stieren, aus dem Kopf ordentlich herausstehenden blauen
+Augen, und einem sehr runden, halb ge&ouml;ffneten Mund, was
+ihm ein sehr erstauntes &uuml;berraschtes Aussehn gab, sonst aber
+so leicht und bequem an- oder vielmehr ausgezogen, wie das
+nur irgend m&ouml;glich war. Er trug Sommerhosen und Weste,
+aber weder Rock noch Jacke, und die Hemds&auml;rmel bis hoch
+&uuml;ber die Ellbogen aufgekrempelt, wobei er die sehnigen muskul&ouml;sen
+Arme auf dem Schenktisch, etwas weit auseinander,
+aufgestemmt hatte, und mit vorgebeugtem K&ouml;rper die Neuangekommenen
+gerade so anstarrte, als ob er sich nur erst einen
+von ihnen aussuchen und diesem dann augenblicklich auf den
+Hals springen werde.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Jimmy&laquo; rief der Fremde in ziemlich vertraulichem
+Ton, als er zwei von den M&auml;nnern, die verlegen an der Th&uuml;r
+stehn blieben, hier eingef&uuml;hrt hatte &mdash; &raquo;wie gehts Mann, immer
+noch frisch und munter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl Schentelmen&laquo; sagte Jimmy, drei frische Gl&auml;ser
+auf dem Tisch umdrehend und die Frage etwa so beantwortend,
+als ob sich der Mann erkundigt h&auml;tte ob er noch etwas
+zu trinken habe &mdash; &raquo;was Ihr Herz begehrt &mdash; was solls
+sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ich nehme einen Gin cocktail&laquo;<a href="#g3fn30"><small><sup>30</sup></small></a><a name="g3fn30r" id="g3fn30r"></a> sagte der F&uuml;hrer
+&mdash; &raquo;und was trinkt Ihr, Leute? &mdash; kommt nur herein, das
+geht jetzt in Einem hin, und trinken m&uuml;ssen wir doch.&laquo;</p>
+
+<p>Die Deutschen bedurften erst noch einer N&ouml;thigung, w&auml;hrend
+sie der Ausschenker oder <i>barkeeper,</i> wie diese Leute
+s&auml;mmtlich hei&szlig;en, mit immer h&ouml;her steigenden <ins title="Original hat Augenbraunen">Augenbrauen</ins>
+und immer stierer werdenden Augen, ohne einen Blick von
+ihnen zu verwenden, anstarrte. Endlich entschlossen sie sich
+nach einem Glas Bier zu fragen, das sie durch eine ihnen
+merkw&uuml;rdig erscheinende Vorrichtung aus einem Zinnrohre eingeschenkt
+bekamen, das mit einem niedergebogenen Schlauch
+versehn aus dem Schenktisch auflief, und durch ein hinter demselben
+angebrachtes Pumpwerk aus dem Keller, oder wenigstens
+dem in die Erde gegrabenen Fa&szlig; herauf, gespei&szlig;t wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Nun Jimmy trinkst Du Nichts?&laquo; sagte der Fremde.</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 9">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/il4r.jpg">
+ <img src="images/il4r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 9" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 9.<br />
+ Click to <a href="images/il4r.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+
+<p>&raquo;<i>Thank you</i>&laquo;<a href="#g3fn31"><small><sup>31</sup></small></a><a name="g3fn31r" id="g3fn31r"></a> sagte Jimmy, f&uuml;llte sich in ein Glas
+ein paar Tropfen Brandy, und go&szlig; es auf einen Schwung
+hinter, fuhr dann mit den geleerten Gl&auml;sern blitzschnell unter
+den Schenktisch in einen dort angebrachten K&uuml;bel mit Wasser,
+schwenkte und trocknete die Gl&auml;ser, die wieder auf ihren alten
+Platz kamen, und seinen H&auml;nden dann eine gleiche Gef&auml;lligkeit
+erweisend stemmte er die Arme wieder wie vorher auf den Tisch
+und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;<i>Two bits!</i>&laquo;<a href="#g3fn32"><small><sup>32</sup></small></a><a name="g3fn32r" id="g3fn32r"></a></p>
+
+<p>Der Fremde rief ihm aber auf Englisch ein paar Worte
+zu, welche die Auswanderer nicht verstanden und der <i>barkeeper,</i>
+der sie jetzt noch viel stierer ansah als vorher sagte pl&ouml;tzlich.</p>
+
+<p>&raquo;Hier boarden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Leute verstehn noch kein Englisch Jimmy, und
+wissen nicht was boarden ist &mdash; <span class="wide">wohnen</span> wollen sie hier allerdings
+&mdash; habt Ihr Platz?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Lots</i>&laquo; lautete die lakonische Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Gut, dann zeigt ihnen einen Platz wo sie ihr Gep&auml;ck
+unterbringen und wohin wir die Frauen mit den Kindern
+schaffen k&ouml;nnen &mdash; wie viel macht es die Woche <i>&agrave; person?</i>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Drei Dollar ohne Bitteres&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn, Bitteres, wenn sie trinken wollen zahlen sie's
+apart; sie werden auch schwerlich eine Woche hier sein, sondern
+gleich auf Arbeit gehn &mdash; hier Nichts im Hause, Jimmy?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Arbeit?&laquo; lachte der Barkeeper mit einem breiten Grinsen
+wobei ihm die Augen fast aus dem Kopf herausfielen &mdash; &raquo;wir
+sind froh da&szlig; wir selber Nichts zu thun haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun macht Nichts, wollen das schon besorgen &mdash; Also
+schafft die Sachen nur hier herein, der Mann da wird Euch
+gleich eine Stelle zeigen, wohin Ihr sie bringen k&ouml;nnt, und
+Jimmy, seid so gut notirt es Euch &mdash; sieben Personen&laquo; setzte
+er dann auf Englisch hinzu &raquo;und die vier Kinder k&ouml;nnen wir
+zwei rechnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles in Ordnung Mr. Messerschmidt&laquo; antwortete ihm
+der <i>barkeeper</i> ebenso &mdash; &raquo;doch Alles sicher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles &mdash; &laquo; sagte der Mann, der sich der Deutschen so
+freundlich angenommen, und dann sich wieder in ihrer Sprache
+zu ihnen wendend, setzte er hinzu &mdash; &raquo;Euere Tochter da, werde
+ich wahrscheinlich selber bei einer entfernten Verwandten von
+mir unterbringen k&ouml;nnen, dar&uuml;ber bringe ich Euch aber erst
+morgen Antwort; unter der Zeit la&szlig;t es Euch &uuml;brigens wohl
+sein und macht's Euch bequem. Ihr habt hier ein eben so
+gutes Recht zu wohnen wie jeder Andere und bezahlt eben so
+gut daf&uuml;r, ob nun das gleich baar auf den Tisch oder erst in
+drei oder vier Wochen ist, bleibt sich ganz gleich. So <i>goodbye</i>
+Jimmy &mdash; adieu Ihr Leute &mdash; ich werde morgen einmal wieder
+nachfragen wie es Euch geht.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann verlie&szlig; mit einem freundlichen Kopfnicken
+gegen die Leute das Schenkzimmer, und die Oldenburger, von
+dem Barkeeper dazu angewiesen, vor dem sich die Kinder aber
+f&uuml;rchteten, weil er ihnen heimlich Gesichter schnitt &mdash; schafften
+bald ihre gro&szlig;en h&ouml;lzernen Koffer mit Geschirr und Allem,
+seitw&auml;rts von der Hausth&uuml;re &uuml;ber einen engen Hof, eine
+schmale wacklige Stiege hinauf und in ein kleines K&auml;fterchen,
+das der Mann ein Zimmer nannte, und wo f&uuml;nf Betten so
+dicht neben einander aufgestellt waren, da&szlig; sie auch eben so gut
+als eines gelten konnten. In die mittelsten mu&szlig;te man auch
+in der That &uuml;ber die beiden Eckbetten hin oder &uuml;ber ihre Fu&szlig;enden
+hin&uuml;bersteigen.</p>
+
+<p>Ungem&uuml;thlich genug sah der Platz ohne dem aus; die
+Betten waren noch nicht einmal gemacht, und das Bettzeug
+sah gelb und gebraucht aus, mit kleinen Blutflecken hie und
+da wie gesprenkelt, ein b&ouml;ses Zeichen vorhandenen Ungeziefers.
+Die Fenster waren ebenfalls seit Jahren nicht gewaschen, und
+die Spinnweben f&uuml;llten die Ecken mit ihren Generationen.
+Zwischendeckspassagiere sind aber in der Art gerade nicht eigen,
+und an solche &raquo;Unbequemlichkeiten&laquo; wie sie es gew&ouml;hnlich nennen,
+noch vom Schiff aus viel zu sehr gew&ouml;hnt, wenigstens gleich
+in den ersten Tagen dagegen zu protestiren, besonders wenn
+sie wenig oder gar kein Geld bei sich haben, und sich dadurch
+gedr&uuml;ckt und nur geduldet f&uuml;hlen. Die Oldenburger nun gar
+dachten nicht daran sich auch nur &uuml;ber das Geringste zu beschweren,
+hatten sie doch ein Dach gefunden unter dem sie
+gegen Regen gesch&uuml;tzt lagen, und ein gedeckter Tisch war ihnen
+ebenfalls versprochen worden. Was konnten sie mehr verlangen,
+wo sie noch wenige Stunden vorher in Verzweiflung
+an der Lev&eacute;e drau&szlig;en gesessen, und keinen Platz gewu&szlig;t hatten
+ihr Haupt hinzulegen.</p>
+
+<p>Noch waren sie &uuml;brigens mit dem Ordnen ihres Gep&auml;cks
+nicht einmal fertig, als eine Klingel unten t&ouml;nte, und der
+Barkeeper wieder in das Zimmer stierte und ihnen ank&uuml;ndigte
+es w&auml;re &raquo;zu Dinner gebellt worden.&laquo;<a href="#g3fn33"><small><sup>33</sup></small></a><a name="g3fn33r" id="g3fn33r"></a></p>
+
+<p>&raquo;Dinner gebellt?&laquo; rief der eine von den M&auml;nnern erstaunt
+&mdash; &raquo;<span class="wide">wir</span> haben keinen Hund mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hund mit? &mdash; wer spricht denn von einem Hund?&laquo;
+brummte aber der Barkeeper, &raquo;zu Dinner ist gebellt &mdash; das
+Essen ist fertig und Ihr m&uuml;&szlig;t Euch bereit halten; wenn's
+wieder l&auml;utet wird gegessen; aber die M&auml;nner kommen zuerst
+dran, und nachher die Weibsen mit den Kindern &mdash; s'ist wegen
+dem Platz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja so&laquo; sagte der Mann, &raquo;nun versteh' ich's &mdash; wir k&ouml;nnen
+noch kein englisch.&laquo;</p>
+
+<p>Der Barkeeper sah sie wieder eine ganze Weile, ohne eine
+Miene zu verziehen stier an, drehte sich dann um, schnitt dem
+j&uuml;ngsten Kind ein so furchtbares Gesicht da&szlig; dieses laut aufschrie,
+und schlug dann die Th&uuml;r hinter sich in's Schlo&szlig; da&szlig;
+die Scheiben klirrten.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das ein sonderbarer Mensch&laquo; rief die eine Frau,
+&raquo;und wie er spricht &mdash; aber wir sollen jetzt zum Essen hinunter
+gehn &mdash; ich f&uuml;rchte mich ordentlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;rchten? &mdash; vor dem Essen? na ja&laquo; sagte ihr Mann
+&mdash; &raquo;ich m&ouml;cht' mir lieber die &Auml;rmel dazu aufstreifen, so 'nen
+Hunger hab' ich; aber kommt nur, da bimmelts schon wieder
+&mdash; was der nur mit dem <span class="wide">Bellen</span> wollte?&laquo;</p>
+
+<p>Es blieb ihnen inde&szlig; keine lange Zeit zu weiteren Betrachtungen,
+denn die Glocke unten l&auml;utete allerdings schon
+wieder, und die M&auml;nner schlugen sich deshalb rasch den Staub
+ein wenig mit den H&auml;nden von den &Auml;rmeln, dem <ins title="Original hat Rocktragen">Rockkragen</ins>
+und den Hosen vorn herunter, und stiegen die Treppe nieder,
+wo ihnen das merkw&uuml;rdige Gesicht des Barkeepers, der seine
+Nase an einer der Fensterscheiben des vorderen Geb&auml;udes breit
+und wei&szlig; dr&uuml;ckte, und dadurch nur noch wunderlicher aussah,
+schon zunickte sie sollten machen da&szlig; sie herein k&auml;men. Das
+lie&szlig;en sie sich denn auch nicht zweimal sagen, und betraten
+gleich darauf einen ziemlich ger&auml;umigen Speisesaal, in dem
+eine lange Tafel aufgestellt, mit Speisen bedeckt, und schon
+auch fast vollst&auml;ndig von G&auml;sten besetzt war.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo die Oldenburger!&laquo; rief ihnen da eine bekannte
+Stimme vom anderen Ende der Tafel, wo noch ein paar freie
+Sitze waren, entgegen, &raquo;wo kommt <span class="wide">Ihr</span> her, vom Schiff?&laquo;</p>
+
+<p>Die Leute schauten &uuml;berrascht dorthin, und erkannten jetzt
+zu ihrem Erstaunen eine ganze Menge bekannte Gesichter an
+der Tafel, die, so wenig sie sich an Bord um sie bek&uuml;mmert
+hatten, jetzt doch freundlich gr&uuml;&szlig;end nach ihnen her&uuml;bernickten,
+und ganz zufrieden damit schienen unter den vielen Fremden
+um sie her ebenfalls Bekannte zu treffen.</p>
+
+<p>In der That hatten sich aber wirklich ein paar ganze
+Coyen von den Zwischendeckspassagieren der Haidschnucke hier
+versammelt, von denen die meisten schon am ersten Morgen
+nach ihrer Ankunft, und zwar durch einen in der Stadt gefundenen
+Deutschen herrecommandirt, eingezogen waren.</p>
+
+<p>Herr Messerschmidt mu&szlig;te in dieser Zeit ungemein th&auml;tig
+gewesen sein, und die Oldenburger sahen die Leute hier richtig
+wieder Coyenweis, alter Gewohnheit nach, neben einander
+sitzen und erkannten die Herren Steinert, Mehlmeier und
+Schultze, und neben diesen den schw&auml;rmerischen Theobald,
+w&auml;hrend nur ein paar St&uuml;hle weiter, durch ein paar fremde
+Gesichter getrennt, auch Herrn Theobalds anderer Coyengenosse
+und Schlafkamerad der finstere schwarze Gesell der sich
+Meier an Bord nannte, Platz genommen. Aber seine Frau
+sa&szlig; nicht neben ihm, obgleich mehrere andere Frauen zugegen
+und keineswegs, wie der Barkeeper gegen die Oldenburger angedeutet
+hatte, von der ersten Tafel ausgeschlossen waren.</p>
+
+<p>Diese lie&szlig;en sich aber immer noch mit einer gewissen
+Scheu an dem, f&uuml;r ihre Begriffe kostbar besetzten Tische nieder;
+das verlor sich jedoch schon bedeutend nach der Suppe,
+und verschwand g&auml;nzlich wie sie die rege Gesch&auml;ftigkeit der um
+sie her Essenden bemerkten, bis sie eben so tapfer zulangten
+als irgend Einer der &Uuml;brigen.</p>
+
+<p>Das Gespr&auml;ch bei Tisch f&uuml;hrte indessen fast allein ihr
+fr&uuml;herer Reisegef&auml;hrte Steinert, der hier schon so zu Hause
+schien, als ob er seit Jahren Stammgast gewesen, und mit
+allen Leuten bei Tisch auch bekannt geworden sein mu&szlig;te, denn
+er nannte sie s&auml;mmtlich bei Namen, und lachte und erz&auml;hlte
+nach Herzenslust. Mehlmeier am&uuml;sirte sich dabei am meisten
+&uuml;ber seine Witze, die er aber etwas schwer begriff, und gew&ouml;hnlich
+erst dann an zu lachen fing, wenn die &Uuml;brigen das Erz&auml;hlte
+schon beinah wieder vergessen hatten. Da er aber bei
+seinem Lachen ein sehr weinerliches Gesicht schnitt, merkten
+das nur seine n&auml;chsten Bekannten.</p>
+
+<p>Schultze beobachtete wieder nach seiner gewohnten Weise
+die ganze Tischgesellschaft, hielt, wenn das heimlich und unbemerkt
+geschehen konnte, seine aufgehobene und breitgedrehte
+Hand halb unter die verschiedenen Physionomieen und Profile
+und fuhr dann, wenn sich Einer der also auf's Korn genommen
+zuf&auml;llig nach ihm umdrehte, so zusammen und griff rasch
+nach Messer oder Gabel oder seinem Glase, als ob er irgend
+etwas B&ouml;ses begangen h&auml;tte und dabei erwischt w&auml;re.</p>
+
+<p>Theobald auf der einen Seite und Meier auf der anderen
+sprachen bei Tisch kein Wort und beendeten, wie die meisten
+der G&auml;ste, so rasch als m&ouml;glich ihre Mahlzeit, und als Alle
+aufgestanden waren, wurden die Teller und Messer und Gabeln
+gewechselt, dann die Frauen und Kinder mit den Hausgenossen
+in den inde&szlig; von den &Uuml;brigen ger&auml;umten Speisesaal gerufen,
+und die zweite Tafel hielt, unter dem Vorsitz des Barkeepers
+der einen m&auml;chtigen Rinderbraten unter sie vertheilte, ihre
+Mahlzeit.</p>
+
+<p>Nach Tisch zerstreuten sich fast s&auml;mmtliche G&auml;ste durch die
+Stadt, ein Theil seinen Gesch&auml;ften nachgehend, ein anderer,
+der noch keine hatte, zum Vergn&uuml;gen oder aus langer Weile
+durch die Stra&szlig;en zu schlendern, die f&uuml;r sie des Neuen und
+Eigenth&uuml;mlichen auch genug boten. Das Abendessen war auf
+sechs Uhr angesetzt worden, und verlief dann in eben der Ordnung
+wie der Mittagstisch, nur mit dem Unterschied da&szlig; die
+meisten der G&auml;ste nicht mehr ausgingen, oder nach einem k&uuml;rzern
+Spatziergang durch die Stadt oder &uuml;ber die Lev&eacute;e, die um
+diese Tageszeit den Sammelplatz der vornehmen Welt von New-Orleans
+bildet, wieder in das Gasthaus zur&uuml;ckzukehren, und dort
+bei einem Glase gutem franz&ouml;sischen Wein oder schlechtem Cincinnati-Bier
+die Erlebnisse des Tages zu besprechen.</p>
+
+<p>Heute aber ging es besonders lebhaft in der kleinen, hinter
+dem Schenkzimmer gelegenen Gaststube her, denn der Dampfer
+von New-York war mit neuen deutschen Zeitungen eingetroffen,
+und den eben erst angekommenen Passagieren, die seit ihrer
+Abfahrt von dort auch keine Sylbe aus der Heimath geh&ouml;rt,
+war es besonders ein ganz eigenth&uuml;mliches Gef&uuml;hl, Berichte
+von Monate alten Daten als eben Geschehenes zu erhalten,
+und sich dar&uuml;ber zu freuen.</p>
+
+<p>Vor allem Anderen wurde die Politik durchgenommen &mdash;
+die Leute durften sich hier eine G&uuml;te thun und frei und ungescheut
+&uuml;ber Verh&auml;ltnisse schimpfen, denen sie dort entgangen
+waren; dann kamen die Hofnachrichten aus einem K&ouml;niglichen
+Blatt, in dem die Privatnachrichten &uuml;ber die hohen und h&ouml;chsten
+Herrschaften, und wann allerh&ouml;chst dieselben zu speisen
+geruht etc., etc., etc., laut vorgelesen und mit Jubel begr&uuml;&szlig;t
+wurden. Die Ordensverleihungen wurden ebenfalls laut und
+gewissenhaft vorgelesen bis die Leute die spaltenweisen Austheilungen
+satt bekamen und Anderes h&ouml;ren wollten.</p>
+
+<p>&raquo;Oh h&ouml;ren Sie auf mit dem Unsinn,&laquo; rief Herr Schultze
+endlich, sich die H&auml;nde reibend, &raquo;wir sind hier froh, da&szlig; wir
+nichts mehr damit zu thun haben; Herr Steinert, lesen Sie
+uns etwas Gescheuteres vor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Etwas Gescheutes verlangen Sie aus einer deutschen
+Zeitung sehr verehrter Herr Reisegef&auml;hrte?&laquo; rief aber der Weinreisende
+&uuml;ber das Blatt nach ihm hin&uuml;ber lachend, &raquo;da thut
+es mir leid Ihnen nicht willfahren zu k&ouml;nnen, ich m&uuml;&szlig;te Ihnen
+sonst hinten die Subhastationen oder Steckbriefe vorlesen, von
+denen ich da dr&uuml;ben in der Weserzeitung eine ganze Menge
+gesehen habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Apropos Steckbriefe,&laquo; rief Mehlmeier mit seiner feinen
+Stimme, &raquo;haben Sie wohl schon nachgesehn, ob sie dem armen
+Jungen keinen hinterher schicken, der mit der Haidschnucke so
+gl&uuml;cklich fortgekommen ist? &mdash; wie hie&szlig; er doch gleich, Berger
+glaub ich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl Carl Berger,&laquo; rief Steinert, &raquo;da wollen wir
+doch gleich einmal sehen, bitte &mdash; erlauben Sie einen Augenblick&laquo;
+sagte er dabei, seinem Nachbar, einem kleinen d&uuml;rren
+M&auml;nnchen mit einer Brille, der ungeheuere &Auml;hnlichkeit mit
+einem kleinen deutschen Beamten hatte, sich aber schon l&auml;ngere
+Zeit in New-Orleans aufhielt, die Zeitung, in der dieser gerade
+las, ohne weiteres aus der Hand nehmend.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte tausend Mal um Entschuldigung,&laquo; sagte der kleine
+Mann sehr artig, &raquo;ich glaubte sie w&uuml;rde nicht gebraucht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte &mdash; bitte&laquo; &mdash; murmelte Steinert zerstreut, mit den
+Augen dabei die klein gedruckten Spalten der gerichtlichen Ank&uuml;ndigungen
+&uuml;berfliegend &mdash; &raquo;&Uuml;ber den Nachla&szlig; des am 12.
+Februar verstorbenen Fuhrmanns; &mdash; das ist Nichts &mdash; auf
+den herrschaftlichen G&uuml;tern zu Hellbhausen sollen am 5. n&auml;chsten
+Monats &mdash; auch Nichts &mdash; hier kommen die Steckbriefe &mdash; der
+Korbmacher Carl Christoph Hinterleben von Ehlstein &mdash; der
+war's nicht, aber halt wahrhaftig&laquo; &mdash; rief er pl&ouml;tzlich, mit der linken
+Hand dabei auf den Tisch schlagend &mdash; &raquo;hier haben wir ihn&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Der unten signalisirte Lohgerber, Carl Eduard Berger,
+zwanzig Jahr alt, hat sich seiner Militairpflicht heimlicher
+Weise durch die Flucht entzogen, und werden s&auml;mmtliche Justiz-
+und Polizeibeh&ouml;rden ersucht &mdash; ja wohl &mdash; versteht sich von selbst
+&mdash; alle Justiz- und Polizeibeh&ouml;rden ersucht den besagten Carl
+Eduard Berger zu arretiren und hierher abzuliefern!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem fuhr es damals &uuml;brigens verdammt dicht am Leder
+vorbei; wenn sie ihn erwischt h&auml;tten w&auml;r es ihm schlecht gegangen.
+Wetter noch einmal es mu&szlig; doch ein ganz wundervolles
+Gef&uuml;hl sein, wenn man irgendwo was ausgefressen hat,
+mit den Rothkragen auf der Ferse am Ende gl&uuml;cklich Salzwasser
+erreicht, und nun drau&szlig;en frank und frei, mit <span class="wide">einem</span>
+Schlage jeder Furcht vor Verfolgung enthoben, &raquo;durch die
+Wellen streicht, Fridolin&laquo;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun sogar gef&auml;hrlich sind die Leute doch auch nicht immer,&laquo;
+l&auml;chelte Herr Schultze freundlich vor sich hin, &raquo;wissen
+Sie die Gesellschaft, die uns die Herrn mit den egalen M&uuml;tzen
+selber noch im Hafen an Bord brachten?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Oh Doris, w&auml;rst Du nur verschwiegen,&laquo; citirte Steinert
+seinen Lieblingsschriftsteller; &raquo;was hilft es solche Sachen
+an die gro&szlig;e Glocke zu schlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das seh ich aber gar nicht ein,&laquo; sagte Herr
+Schultze, &raquo;wenn die Regierungen indiscret genug sind ehrlichen
+Menschen zuzumuthen mit solchem Gesindel eine solche Reise
+zusammenzumachen, wei&szlig; ich auch nicht warum <span class="wide">wir</span> so discret
+sein sollen nicht dar&uuml;ber zu sprechen, oder vielmehr dar&uuml;ber
+zu schimpfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aha,&laquo; sagte ein anderer Deutscher, der ebenfalls mit
+ihnen an einem Tisch sa&szlig; und bis jetzt den Gespr&auml;chen der
+Einwanderer aufmerksam zugeh&ouml;rt hatte, indem er immer die
+Sprecher mit seinen kleinen lebendigen Augen fest und stechend
+ansah; der Mann trug einen gro&szlig;en rothen Schnurrbart, hatte
+sonst aber, au&szlig;er einer rothen Nase und etwas bramarbasirend
+zusammengezogenen Stirnfalten, viel Gutm&uuml;thiges im Gesicht
+&mdash; &raquo;aha,&laquo; sagte dieser jetzt, &raquo;wieder eine Sendung von Correktionsfleisch
+mitgekommen? &mdash; k&ouml;nnte es der Regierung der
+Vereinigten Staaten wahrhaftig nicht verdenken, wenn sie
+Gleiches mit Gleichem verg&auml;lte und auch einmal eine Sendung
+<span class="wide">ihres</span> Auswurfs mit guten P&auml;ssen versehn nach Deutschland
+hin&uuml;berschickte. Dr&uuml;ben schimpft das Gesindel auf unser Land,
+und thut dabei alles M&ouml;gliche was in seinen Kr&auml;ften steht die
+Bev&ouml;lkerung hier zu vergiften &mdash; hilft ihnen aber doch Nichts,
+den Neidpilzen, die sich &uuml;ber unsere freie Verfassung &auml;rgern,
+und denen es ein Dorn im Fleische ist da&szlig; wir hier in einer
+<span class="wide">Republik</span> gl&uuml;cklich leben; es ist als ob sie den Ocean mit ein
+paar Eimern Schmutz tr&uuml;ben wollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sehn die Sache zu schwarz an, verehrter Herr,&laquo;
+nahm Steinert das Gespr&auml;ch auf, &raquo;den Leutchen daheim liegt
+weniger daran hier in Amerika eine wesentliche Ver&auml;nderung
+hervorzubringen, als nur die einzelnen Individuen los zu werden.
+Ihr Vergleich mit dem Meer ist aber vortrefflich. Amerika
+nimmt diese K&ouml;rper in sich auf, verarbeitet sie, theilt
+ihnen seine Reine mit und l&auml;utert sich selber &mdash; halb zog sie
+ihn, halb ging er mit, und ward nicht mehr gesehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Papperlapapp!&laquo; rief aber der Mann mit dem gro&szlig;en
+Schnurrbart, dem an Steinert's Beistand in seiner Ansicht gar
+Nichts gelegen schien, &raquo;das klingt auswendig vern&uuml;nftig, und
+ist inwendig baarer Unsinn &mdash; l&auml;utert sich &mdash; ja wohl l&auml;utert
+es sich, nimmt aber &raquo;diese K&ouml;rper&laquo;, wie Sie das Gesindel
+nennen, nicht in sich auf, sondern h&auml;ngt sie an Galgen oder
+Baum, was gerade am bequemsten und n&auml;chsten ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;ngen,&laquo; sagte Steinert, der sich durch die Bemerkung
+beleidigt f&uuml;hlte, unwillig mit dem Kopfe sch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;N&uuml;rnberger
+&mdash; hat sich was &mdash; f&uuml;r <span class="wide">einen</span> Schurken liefert Deutschland
+auch daf&uuml;r dem rohen Lande hier <span class="wide">tausend</span> ehrliche
+H&auml;nde und <span class="wide">geistreiche K&ouml;pfe</span> dazwischen, die Schwung
+hier in die Gesch&auml;fte bringen, die den Amerikanern zeigen m&uuml;ssen,
+wo Barthel eigentlich den Most holt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die haben <span class="wide">Sie</span> wohl mit her&uuml;ber gebracht?&laquo; sagte der
+Rothbart wieder mit einem boshaften Blick auf den Weinreisenden;
+dieser aber hielt es unter seiner W&uuml;rde sich mit dem
+&raquo;ungebildeten Menschen&laquo; in weiteres Gespr&auml;ch einzulassen und
+nahm, ohne etwas auf die Frage zu erwiedern, und indessen
+Herr Schultze aus einem anderen Blatte jetzt einige politische
+Neuigkeiten vorlas, seine Zeitung wieder vor.</p>
+
+<p>&raquo;Beim Obertribunal kam k&uuml;rzlich folgender interessanter
+Proce&szlig; in Kassationsinstanz&laquo; &mdash; las Schultze &mdash; &raquo;zur Entscheidung
+&mdash; Kl&auml;ger war das Handlungshaus J. M. Oppenheimer
+in Rodach am Main &mdash; Verklagter der Justiz Commissar
+Ohnewetter in&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Scheu&szlig;lich &mdash; niedertr&auml;chtig!&laquo; unterbrach Steinert da
+pl&ouml;tzlich, ohne sich weiter um die Vorlesung zu k&uuml;mmern, den
+erstaunt zu ihm aufsehenden Schultze, &raquo;nein das ist nichtsw&uuml;rdig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ist denn, was giebts?&laquo; frugen die Andern dazwischen,
+neugierig durch die Ausrufungen gemacht.</p>
+
+<p>&raquo;Nein abominabel!&laquo; rief aber Steinert noch einmal,
+&raquo;ha das Schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in
+seinem Wahn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, wer ist nun wieder todt, Herr Steinert?&laquo; frug
+Mehlmeier aus seiner Ecke vor, in der er sich ganz gem&uuml;thlich
+mit einem Glas Eierpunsch niedergelassen hatte &mdash; &raquo;war er
+lange krank?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein h&ouml;ren Sie nur,&laquo; rief aber Steinert in gerechter
+Entr&uuml;stung dem Mann, dem er vorher die Zeitung weggenommen
+hatte, jetzt auch das Licht vor der Nase wegziehend und
+vor sich hin r&uuml;ckend, &raquo;man sollte wirklich kaum glauben, da&szlig;
+etwas derartiges m&ouml;glich w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber zum Teufel so schie&szlig;en Sie doch einmal los!&laquo;
+rief Herr Schultze, der endlich ungeduldig wurde, und &uuml;ber
+seine Brille, die er beim Lesen aufsetzen mu&szlig;te, mit seitw&auml;rts
+gehaltenem Kopfe nach dem Besitzer der Weserzeitung hin&uuml;ber
+sah, &raquo;was ist denn vorgefallen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man sollte doch wirklich nicht denken da&szlig; die menschliche
+Natur einer derartigen Scheu&szlig;lichkeit f&auml;hig w&auml;re,&laquo; sagte
+aber Steinert, also aufgefordert, die Zeitung jetzt etwas n&auml;her
+zu dem occupirten Licht her&uuml;berziehend, &raquo;da steht von Hannover
+aus, &uuml;ber dem Steckbrief von zwei Menschen &mdash; es ist
+nur gut da&szlig; s&auml;mmtliche Steckbriefe gerade so eingerichtet sind,
+da&szlig; sie immer gleich auf eine ganze Gemeinde passen &mdash; ein
+Bericht, den ich Ihnen einmal vorlesen werde. &mdash; Von einem
+Greise will ich singen, der neunzig Jahr die Welt gesehn, &mdash;
+also passen sie auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Waldenhayn den 29. August. Am Dienstag Abend den
+18. August ds. J. verlie&szlig;en der unfern des Dorfes an einer
+etwas vom Wege abseits gelegenen alten F&ouml;rsterswohnung, zur
+Zeit nicht mehr ans&auml;ssige und schon gek&uuml;ndigt seiende, auch
+schon seit l&auml;ngeren Jahren in keinem guten Ruf, und die letzten
+sechs Monate sogar unter polizeilicher Aufsicht stehende &mdash;
+hah &mdash; erlauben Sie erst einmal meine Herren da&szlig; ich absetze,
+um Athem zu holen &mdash; der Canzleistyl kann einem Schnelll&auml;ufer
+die Lunge zuschn&uuml;ren &mdash; polizeilicher Aufsicht stehende
+Carl Heinrich Steffen, von den Dorfbewohnern seines schwarzen
+Haares und Bartes wegen gew&ouml;hnlich &raquo;der schwarze Steffen&laquo;
+genannt, und unter diesem Namen auch in dortiger Gegend
+&uuml;berall bekannt, mit seiner Frau der Johanna, Julie,
+Gertrude Steffen, geborene Melzer, heimlicher Weise seine mit
+ihr in rechtm&auml;&szlig;iger Ehe erzeugten drei Kinder wie ein unehelich
+erzeugtes M&auml;dchen, indem sie dieselben Abends unter dem
+Vorwand auf das Amt citirt zu sein verlie&szlig;en, und allem Vermuthen
+nach ihren Weg nach Amerika oder sonst in das Ausland
+genommen haben, und bis jetzt aber noch nicht ermittelt werden
+konnten. Die Kinder wurden von den n&auml;chsten, etwa eine
+Viertelstunde von dem entlegenen Haus wohnenden Nachbarn,
+erst am f&uuml;nften Tag halb verhungert gefunden, da sich dieselben
+durch eine vorgeschobene L&uuml;ge der unnat&uuml;rlichen Eltern,
+die ihnen erz&auml;hlt hatten, da&szlig; ein toller Hund die Gegend
+drau&szlig;en unsicher mache, nicht getraut hatten &mdash; der Satz
+nimmt wieder kein Ende &mdash; nicht getraut hatten den &auml;u&szlig;eren
+Weg zu betreten. Die Kinder sind in den Altern von 9, 5,
+3 und 1&#189; Jahr alt &mdash; es ist scheu&szlig;lich, wahrhaftig und kaum
+zu glauben &mdash; 1&#189; Jahr und einstweilen von der Gemeinde
+von Waldenhayn theils, theils von dem dortigen Geistlichen
+versorgt und vor augenblicklichem Mangel gesch&uuml;tzt worden.
+Donnerwetter der junge h&uuml;bsche Bursche der Georg Donner,
+das war ja der Sohn von dem Pastor in Waldenhayn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na und nun weiter?&laquo; frug der alte Soldat mit dem
+rothen Schnurrbart, &raquo;kreuz Element sie werden die schurkischen
+Eltern doch wohl erwischt haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja erwischen,&laquo; sagte Steinert, unwillig mit dem Fu&szlig;e
+stampfend, &raquo;da hier drunter steht der Steckbrief von den Beiden,
+mit einer freundlichen Bitte an alle Polizei- und Justizbeh&ouml;rden
+die beiden unnat&uuml;rlichen Eltern im &raquo;Betretungsfalle&laquo;,
+ja, hat sich was &mdash; im Betretungsfalle nach dem Amt Ohnleben
+zur&uuml;ck- und abzuliefern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja furchtbar, wenn man sich das so bedenkt,&laquo;
+sagte der kleine &auml;ngstliche Mann neben Herrn Steinert, indem
+er die eigene Brille abnahm und auswischte und dann halb
+sch&uuml;chtern die Hand nach der Zeitung ausstreckte, die Steinert
+neben sich hingelegt hatte, sie aber rasch und wie erschreckt
+wieder zur&uuml;ckzog, als dieser, ohne seiner Bemerkung einer Antwort
+zu w&uuml;rdigen, noch einmal danach griff.</p>
+
+<p>&raquo;Ich begreife nur nicht da&szlig; sie ihn nicht wieder erwischt
+haben,&laquo; sagte Herr Schultze.</p>
+
+<p>&raquo;Er wird sich wohl <span class="wide">heimlich</span> fortgemacht haben,&laquo;
+meinte Mehlmeier und sah sich erstaunt um, als die &Uuml;brigen
+lachten.</p>
+
+<p>&raquo;Und solche Scheusale kommen dann alle nach Amerika,&laquo;
+rief der Mann mit dem rothen Schnurrbart, &raquo;und nachher
+soll man's den Amerikanern verdenken, wenn sie von uns
+Fremden Nichts wollen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Unterhaltung wurde hier pl&ouml;tzlich durch den etwas
+ungest&uuml;men Eintritt eines anderen Reisegef&auml;hrten und zwar
+des Dichters Theobald unterbrochen, der &uuml;brigens in einem
+sehr au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Zustand, mit zerrissenem Rock, blutigem
+Gesicht und au&szlig;erdem noch in furchtbarer Aufregung die Th&uuml;re
+hinter sich zu, sich selber in einen Stuhl warf, und ein Glas
+Punsch von dem aus dem Schenkzimmer ab- und zugehenden
+Barkeeper forderte.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Herr Theobald?&laquo; sagte Mehlmeier, der der Th&uuml;r
+am n&auml;chsten sa&szlig; und die jedenfalls mishandelte und b&ouml;s zugerichtete
+Gestalt des kleinen schm&auml;chtigen Mannes etwas erstaunt
+betrachtete &mdash; &raquo;wie sehn Sie denn aus? was haben Sie denn
+angefangen und wo sind Sie gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ha Rache &mdash; Rache!&laquo; knirschte aber nur der Poet als
+einzige Antwort durch die Z&auml;hne &mdash; &raquo;Rache will ich haben
+und wenn ich mir Blitze vom Himmel daf&uuml;r borgen sollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rden Sie schwerlich eine Leihanstalt dazu finden,&laquo;
+sagte der Mann mit dem rothen Schnurrbart, &raquo;&uuml;brigens sehen
+Sie gerade so aus, als ob Sie einem Irischen Draymann
+unter die F&auml;uste gerathen w&auml;ren, was neu eingewanderten
+Deutschen manchmal passirt. Sie k&ouml;nnen wahrscheinlich noch
+nicht boxen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Boxen?&laquo; wiederholte Theobald aber entr&uuml;stet, &raquo;boxen
+Sie einmal, wenn eine halbe Stra&szlig;e &uuml;ber Sie herf&auml;llt und
+Sie mishandelt &mdash; boxen &mdash; ha wenn mir die Canaillen freien
+Raum mit dem Schuft gegeben h&auml;tten, er <span class="wide">lebte</span> jetzt nicht
+mehr&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>Und <span class="wide">Sie</span> s&auml;&szlig;en dann in der Calabouse und k&ouml;nnten
+Betrachtungen &uuml;ber die innere Polizei Louisianas anstellen,&laquo;
+sagte der Rothbart trocken.</p>
+
+<p>&raquo;Aber so erz&auml;hlen Sie doch nur,&laquo; rief Steinert; er hatte
+die Zeitung bei dem trostlosen Anblick ihres Reisegef&auml;hrten
+zur Seite geworfen, die sich jetzt der Mann mit der gr&uuml;nen
+Brille rasch her&uuml;ber nahm, die augenblicklich freie Zeit zu
+benutzen &mdash; &raquo;was ist geschehn, was ist vorgefallen? Donnerwetter
+Mann, Sie haben famoses Gl&uuml;ck. Sie kamen hierher
+Schicksale zu erleben und dar&uuml;ber schreiben zu k&ouml;nnen, und
+sind da gleich in eine Goldquelle hineingefallen, die Ihnen
+reichhaltigen und kostbaren Stoff zu Ihren Versen liefern
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen f&uuml;r die Goldquelle,&laquo; rief Theobald,
+&raquo;die man mit der eigenen Haut bezahlen mu&szlig;; aber Stoff
+hab' ich allerdings gefunden <span class="wide">B&auml;nde</span> zu schreiben, und bei
+Gott, ich werde ihn benutzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitte Sie um Gottes Willen&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, so h&ouml;ren Sie; ich gehe oben in der Stadt &uuml;ber
+einen gro&szlig;en freien Platz, auf dem ein h&ouml;chst ungeschicktes steinernes
+Geb&auml;ude, ein gro&szlig;es Dach eigentlich nur von viereckigen
+steinernen Pfeilern getragen steht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh das ist ein Markthaus,&laquo; sagte der Rothbart.</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n,&laquo; fuhr Theobald fort, &raquo;also in diesem Markthaus,
+wo aber nicht viel zu verkaufen war&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Da m&uuml;ssen Sie Morgens hinkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, unterbrechen Sie mich nicht alle Augenblicke &mdash;
+also in diesem Markthaus reizten meine Aufmerksamkeit einzelne,
+hell erleuchtete St&auml;nde, auf denen gro&szlig;e Messing- und
+Kupfer-Maschinen mit H&auml;hnen unten daran zum Ausschenken
+standen, wie auch die kleinen, reinlich gedeckten Tische mit
+delici&ouml;sem Backwerk und Kaffee- und Theegeschirr bedeckt waren.
+Allerliebste junge M&auml;dchen&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Na erz&auml;hlen Sie uns nicht die alte Geschichte,&laquo; unterbrach
+ihn der Rothbart da wieder, &raquo;um das zu sehn, brauchen
+Sie nur um die n&auml;chste Ecke zu gehn; da stehn auch welche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber <span class="wide">wir</span> kennen es noch nicht, verehrter Herr,&laquo; sagte
+Schultze, &raquo;bitte fahren Sie fort lieber Theobald, und lassen
+Sie sich nicht irre machen von &mdash; von dem Herrn da.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerliebste junge M&auml;dchen standen daneben und credenzten
+den Spatzierg&auml;ngern, die an ihren Tischen stehen blieben,
+Kaffee, Thee oder Chokolade, und ich war auch zu einem der
+Tische gegangen, an dem ein reizendes Kind mit etwas dunkler Haut
+aber wundervollen Augen und langen kastanienbraunen
+Locken &mdash;</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="noindent">
+Die freie k&uuml;hne Stirn von ihnen &uuml;berwallt<br />
+Und in dem Blick, mit zauberischer Gewalt,<br />
+Den ganzen weiten Himmel offen,<br />
+Auf mich hernieder sah. &mdash; Betroffen,<br />
+Ja zitternd fast von Lust und Liebeswahn<br />
+Betrete ich des holden M&auml;dchens N&auml;he<br />
+Und frage &mdash; stammle halb verz&uuml;ckt<br />
+Von solcher nie geahnten Sch&ouml;ne<br />
+Oh Holde sprich&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;
+</p>
+</div>
+
+<p>&raquo;Ich bin verr&uuml;ckt,&laquo; fiel hier der Rothbart trocken ein,
+den Reim completirend; w&auml;hrend sich aber Theobald stolz und
+indignirt von ihm abwandte, erkl&auml;rten sich die &uuml;brigen G&auml;ste
+s&auml;mmtlich &uuml;ber den ewigen St&ouml;renfried entr&uuml;stet, und Steinert
+besonders, der aufstand und in einer wohlgesetzten Rede den
+Mann zu vernichten suchte, wandte sich dann wieder an den
+Dichter und sagte &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie sich nicht irre machen Herr Theobald &mdash; Sie
+wissen wohl &mdash; ein dicker fetter Mops ging einst im Mondenschein
+spatzieren &mdash; erz&auml;hlen Sie nur weiter; fahren Sie fort
+in Ihrer treulich begonnenen Improvisation &mdash; Sie haben
+aufmerksame, theilnehmende Zuh&ouml;rer &mdash; da ist auch Ihr Punsch,
+der wird Ihnen gut thun.&laquo;</p>
+
+<p>Theobald trank einen t&uuml;chtigen Schluck, aber den poetischen
+Anlauf, den er genommen, fand er nicht wieder, und
+erz&auml;hlte nun den Reisegef&auml;hrten mit prosaischen aber dadurch
+auch k&uuml;rzeren Worten, wie er &uuml;ber den Markt gegangen, bei
+einem wunderh&uuml;bschen, etwas dunkelh&auml;utigen M&auml;dchen stehen
+geblieben und in Gedanken eine Tasse d&uuml;nnen Kaffees nach der
+anderen, jedesmal f&uuml;r 6&frac14; <i>cent</i> die Tasse, getrunken habe,
+als eine arme, abgerissene alte Frau, vor Fieberfrost sch&uuml;ttelnd,
+herangekommen sei, und sich dicht neben den Kaffeestand an einen
+Pfeiler gekauert habe. Das junge M&auml;dchen erkundigte sich theilnehmend
+bei ihr was ihr fehle und schenkte ihr dann eine
+Tasse hei&szlig;en Kaffee ein, die die kranke Alte mit zitternden
+H&auml;nden nahm und austrank, und mit innigem Dank wieder
+zur&uuml;ckreichen wollte, als ein Mann, derselbe der ihm die&szlig;
+Gasthaus recommandirt habe, als er ihn am ersten Tag zuf&auml;llig
+auf der Stra&szlig;e traf, &uuml;ber den Weg wegsprang, der Frau
+die Tasse aus der Hand ri&szlig; und auf die Steine warf, da&szlig; sie
+in tausend Scherben zersplitterte, und dann auf das holde, vor
+Angst jetzt zitternde Kind lossprang, sie zweimal mit aller Kraft
+auf die furchtgebleichten Wangen schlug, und sie in <span class="wide">deutscher</span>
+Sprache mit den nichtsw&uuml;rdigsten Worten ausschalt und
+schimpfte, weil sie den Kaffee, der ihrem Herrn geh&ouml;re, verschenke,
+und die Tassen, aus denen kein Gentleman dann wieder
+werde trinken wollen, solch schmutzigem alten Drachen zum
+Gebrauch in die H&auml;nde gebe.</p>
+
+<p>&raquo;Das war zu viel&laquo; rief Theobald, in der Erinnerung an
+die erlebte Schandthat noch einmal von seinem Stuhle aufspringend;
+&raquo;ein deutsches M&auml;dchen, denn daf&uuml;r mu&szlig;te ich die
+Ungl&uuml;ckliche jetzt halten, vor meinen Augen also mishandelt
+zu sehn, konnte ich nicht ertragen, und mit zwei S&auml;tzen auf
+den Elenden zuspringend, fa&szlig;te ich ihn bei der Brust, schleuderte
+ihn zur&uuml;ck und schwur ihm, da&szlig; ich ihn zu Boden schlagen
+w&uuml;rde, wenn er noch eine Hand gegen das Kind aufhebe,
+das ich von diesem Augenblick an unter <span class="wide">meinen</span> Schutz
+gekommen.&laquo; &raquo;Was?&laquo; schrie da der Bube, zu feige mir selber
+m&auml;nnlich entgegen zu treten &mdash; &raquo;was? &mdash; wollen <span class="wide">Sie</span> sich hier
+einmischen wenn ich meine <span class="wide">Sclavin</span> z&uuml;chtige, &mdash; Sie Abolitionist
+Sie?&laquo; &mdash; Und wie er das Wort sprach, und dann noch
+einer Zahl vor&uuml;bergehender Menschen etwas in Englischer
+Sprache zurief, das ich nicht verstehen konnte, schrieen die
+pl&ouml;tzlich &raquo;Ein Abolitionist &mdash; ein Abolitionist&laquo; und noch eine
+Masse anderes Zeug und fielen &uuml;ber mich her, rissen mir den
+Rock in St&uuml;cken, schlugen mich &uuml;ber den Kopf, und h&auml;tten
+mich, glaub' ich, erw&uuml;rgt, wenn nicht gl&uuml;cklicher Weise ein paar
+Policeydiener zu meiner Rettung herbeigekommen w&auml;ren, die
+mich in Schutz nahmen und der Rotte aus den H&auml;nden rissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Scheu&szlig;lich &mdash; nichtsw&uuml;rdig &mdash; niedertr&auml;chtig!&laquo; schrieen
+die Deutschen in gerechter Entr&uuml;stung, nur der Mann mit dem
+rothen Schnurrbart drehte diesen langsam in die H&ouml;he und
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen sich gratuliren da&szlig; Sie die&szlig;mal so weggekommen
+sind; wer unter den W&ouml;lfen ist mu&szlig; mit ihnen heulen,
+und wer in einem Sclavenstaat leben will und nicht das Maul
+halten kann, dem w&auml;re wohler er h&auml;tte das Land nie gesehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, meinen Sie?&laquo; rief aber Theobald, noch von der
+vorigen maliti&ouml;sen Bemerkung entr&uuml;stet &mdash; &raquo;ich werde ihnen
+aber hier beweisen was ich zu thun im Stande bin &mdash; sie
+haben mich gereizt und sie sollen meine Rache f&uuml;hlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gef&auml;hrlich ist's den Leu zu wecken&laquo; sagte Steinert.</p>
+
+<p>&raquo;Und was k&ouml;nnen Sie thun?&laquo; frug der Rothbart achselzuckend.</p>
+
+<p>&raquo;Was ich thun kann?&laquo; rief Theobald, den Rest seines
+Punsches auf einen Zug leerend &mdash; &raquo;ich habe eine Waffe die
+sie zu Boden schmettern, und den Zorn der V&ouml;lker auf sie niederrufen,
+nein noch schlimmer, die sie der eigenen Schaam und
+Verachtung preis geben soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn's eine Kanone w&auml;re mit lauter Spitzkugeln
+geladen&laquo; sagte der Mann kopfsch&uuml;ttelnd, &raquo;und wenn sie mit
+Dampf gefeuert w&uuml;rde, k&ouml;nnen Sie Nichts gegen diese Masse
+und gegen Gewalt ausrichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mehr wie das!&laquo; rief aber Theobald mit freudigem
+Selbstbewu&szlig;tsein &mdash; &raquo;es ist meine <span class="wide">Feder</span>!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah&laquo; sagte der Rothbart, trank sein Glas aus, stand
+auf und verlie&szlig; das Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist denn der unversch&auml;mte Gesell?&laquo; frug Steinert,
+als jener die Th&uuml;r hinter sich zugemacht hatte und drau&szlig;en mit
+dem Barkeeper abrechnete &mdash; &raquo;wo kommt er her und was
+treibt er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie mir erlauben verehrter Herr&laquo; sagte der kleine
+Mann mit der gr&uuml;nen Brille, indem er diese abnahm und sich
+entschuldigend gegen Herrn Steinert verbeugte, &raquo;so ist dieser
+Herr, so unscheinbar er da sa&szlig; und aussah, Einer der reichsten
+Leute in der Stadt, der vier H&auml;user in Canalstreet und einen
+halben <i>square</i> in <i>Tchapitoulas street</i> besitzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Teufel auch&laquo; rief Steinert.</p>
+
+<p>&raquo;Meine beiden Ohren stehen Ihnen zu Diensten wenn
+ich nicht die Wahrheit rede,&laquo; bekr&auml;ftigte aber der H&ouml;fliche seine
+Worte, &raquo;der Herr mit dem langen rothen Schnurrbart wei&szlig;
+kaum wie reich er ist, besucht aber regelm&auml;&szlig;ig s&auml;mmtliche
+deutsche Wirthsh&auml;user in denen Auswanderer einkehren, unterh&auml;lt
+sich mit ihnen und hat, wenn sie ihm gefallen, schon Manchens
+Gl&uuml;ck gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja zum Donnerwetter Herr, warum haben Sie denn
+das nicht gleich gesagt?&laquo; fuhr ihn Steinert an, w&auml;hrend sich
+der kleine Mann mit einem sch&uuml;chternen Achselzucken etwas
+weiter von ihm fort und wieder hinter seine gr&uuml;ne Brille zur&uuml;ckzog,
+Theobald aber, durch die schlechte Behandlung und
+den starken Punsch erregt, schwor da&szlig; der Mann, und wenn
+er ein Millionair w&auml;re, kein Herz im Busen und keine Ader
+f&uuml;r Poesie habe, und verlie&szlig; nach dieser anatomischen Behauptung
+rasch das Zimmer sein eignes Lager zu suchen, oder sich
+wenigstens der beschmutzten und zerri&szlig;nen Kleider zu entledigen.</p>
+
+<p>Die &uuml;brigen G&auml;ste blieben noch eine Zeitlang, theils politisirend,
+theils &uuml;ber die hiesigen Verh&auml;ltnisse plaudernd, zusammen,
+bis endlich Einer nach dem Anderen sein Glas austrank,
+entweder zu Bett zu gehn, oder die eigene Wohnung
+aufzusuchen. Nur ein einzelner Mann, der den ganzen Abend
+still und lautlos in der dunkelsten Ecke des Zimmers gesessen
+und seinen Grog f&uuml;r sich allein getrunken hatte, ohne mit
+Einem der &Uuml;brigen zu verkehren, blieb noch zur&uuml;ck und bestellte,
+als der gro&szlig;&auml;ugige Barkeeper vor ihm stehen blieb, als
+ob er ihm ebenfalls andeuten wolle da&szlig; es Zeit sei zu Bett
+zu gehn, noch ein letztes Glas als Abendtrunk.</p>
+
+<p>Als der Bursche hinaus in das Schenkzimmer ging, wo
+er sein hei&szlig;es Wasser stehen hatte, ihm das zu bereiten, trat der
+Fremde (es war ein alter Bekannter von uns, und der Mann der
+sich an Bord der Haidschnucke Meier genannt hatte) langsam
+zu dem Tisch an dem die Zeitungen lagen, griff sich die Weserzeitung
+heraus, suchte ein paar Secunden darin, und ri&szlig; dann
+den Theil des Blattes, auf dem der vorgelesene Steckbrief
+stand, ab.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Sir &mdash; das sind neue Zeitungen&laquo; schrie ihn aber
+der Barkeeper an, der in diesem Augenblick mit dem bestellten
+dampfenden Grog wieder zur&uuml;ck in's Zimmer kam &mdash; &raquo;wer
+hat Euch erlaubt da ein St&uuml;ck herauszurei&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; sagte der Mann vollkommen ruhig; indem er das
+St&uuml;ck zusammendrehte und &uuml;ber dem Licht entz&uuml;ndete, sich seine
+Pfeife anzubrennen &mdash; &raquo;ich glaubte es w&auml;ren alte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na ja, und nun verbrennen Sie's noch&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was kostet denn so eine Nummer&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was kostet so eine Nummer? &mdash; die sind hier gar nicht
+wieder zu bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das thut mir sehr leid&laquo; sagte der Mann achselzuckend,
+nahm das Glas, w&auml;hrend der Fidibus ihm in der Hand bis
+auf den Stumpf verbrannte, trank es auf einen Zug aus, und
+verlie&szlig; dann ebenfalls das Zimmer.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3>FOOTNOTES &mdash; FUSSNOTEN</h3>
+
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn1" id="g3fn1"></a><a href="#g3fn1r">1</a>:
+Die Amerikanische Flagge ist wei&szlig; und roth gestreift mit einem
+blauen Viereck in der oberen Ecke am Fahnenstock, das wei&szlig;e Sterne
+f&uuml;hrt. Im Beginn der Union war deren Zahl 13, nach Anzahl der
+Staaten, aber mit jedem neu hinzukommenden Staat wurde auch ein
+Stern hinzugef&uuml;gt.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn2" id="g3fn2"></a><a href="#g3fn2r">2</a>:
+&raquo;Von wo kommt ihr her?&laquo;</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn3" id="g3fn3"></a><a href="#g3fn3r">3</a>:
+Der Mississippi hei&szlig;t in der bilderreichen Sprache der Indianer
+der &raquo;Vater der Wasser.&laquo;</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn4" id="g3fn4"></a><a href="#g3fn4r">4</a>:
+Es giebt Dampfboote auf dem Mississippi, die solcher Art 4000
+Amerikanische Ballen Baumwolle tragen.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn5" id="g3fn5"></a><a href="#g3fn5r">5</a>:
+Die Lev&eacute;e von New-Orleans ist von New-Orleans selber nicht
+zu trennen, denn sie macht den Hauptbestandtheil der Stadt aus und ist
+ihr einziger Schutz gegen den oft 12-15 Fu&szlig; h&ouml;her steigenden Strom.
+Das ganze Ufer des Mississippi ist n&auml;mlich so niedrig, und war den j&auml;hrlichen
+&Uuml;berschwemmungen des gewaltigen Stromes so ausgesetzt, da&szlig;
+die Ansiedler, das werthvolle Land urbar zu erhalten, einen hohen Damm
+am ganzen Ufer des Stromes hin errichten mu&szlig;ten. Die Franzosen,
+unter deren Regierung dieser Damm besonders angelegt wurde, gaben
+ihm den Namen Lev&eacute;e, den die Amerikaner sp&auml;ter adoptirten, und die
+Lev&eacute;e von New-Orleans, die jetzt an der ganzen Stadt &uuml;ber acht Engl.
+Meilen weit herunter l&auml;uft ist, mit einer durchschnittlichen Breite von
+100 Fu&szlig; und 15 Fu&szlig; &uuml;ber niedriger Wasser-H&ouml;he angelegt, ein eben
+so langer Landungs- und Stapelplatz der ungeheuren Waarenmassen, die
+dort t&auml;glich aus dem Inneren und f&uuml;r das Innere bestimmt, gelandet
+und geschifft werden, und l&auml;uft nach der Stadt zu in einem sanften
+Abhang nieder, w&auml;hrend nach dem Strom hin, wo dieser selber eine
+nicht unbedeutende Strecke neuen Alluviallandes angesp&uuml;hlt hat, hie und
+da schon h&ouml;lzerne Werfte errichtet werden mu&szlig;ten, die Waaren trocken
+und leicht landen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn6" id="g3fn6"></a><a href="#g3fn6r">6</a>: Etwa ein halber Thaler.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn7" id="g3fn7"></a><a href="#g3fn7r">7</a>:
+Die Amerikanischen Dampfboote erhalten durch diese breiten <i>guards</i>
+etwas sehr Eigenth&uuml;mliches, da sie von dem eigentlichen, oft &mdash; etwa
+sehr schmalen Rumpf des Bootes ab, eine Art Vorbau rings um dieses
+selber bilden, wodurch es nicht selten <span class="wide">&uuml;ber</span> dem Wasser fast die doppelte
+Breite seines <i>unter</i> Wasser befindlichen Rumpfes bekommt. Von
+dem &auml;u&szlig;ersten Rand der <i>guard</i> ab laufen dabei die unteren St&uuml;tzen
+des Zwischen-Decks, in dem sich auch <span class="wide">&uuml;ber</span> dem Wasser, die Maschine
+mit den Kesseln befindet, und auf diesen ruht die Caj&uuml;te &mdash; der gro&szlig;e
+oft prachtvoll eingerichtete Salon, mit den Schlafpl&auml;tzen der Passagiere
+und oberen Officiere des Bootes.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn8" id="g3fn8"></a><a href="#g3fn8r">8</a>:
+Es ist ein ziemlich allgemeines Vorurtheil in Deutschland, da&szlig;
+man unter dem Wort Kreole sich einen von Indianischen Blut Entsprossenen
+denkt. Creole bedeutet in Amerika und Westindien, wo das Wort
+besonders gebr&auml;uchlich ist und (wahrscheinlich von <i>criar,</i> erschaffen, herstammend)
+einen im Lande selber aber von rein Europ&auml;ischen Eltern
+Geborenen. Die Halbabk&ouml;mmlinge der Indianer, Mischlinge von Europ&auml;ern
+(oder Creolen) und Indianern hei&szlig;en Mestizen.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn9" id="g3fn9"></a><a href="#g3fn9r">9</a>:
+<i>Escalin</i> wird der spanische Real genannt, der in Nord-Amerika
+noch andere Namen hat; so hei&szlig;t er, besonders in den S&uuml;dlichen Staaten
+<i>bit</i>, in New-York <i>Shilling</i>. Es ist Spanisches Geld von 12&#189;
+<i>cent</i> oder ein Achtel Dollar Werth. Das wirklich Amerikanische Geld
+nach Decimaleintheilung kennt nur als kleinere Silberm&uuml;nze <i>dimes</i> (10
+<i>cent</i>) und <i>half dimes</i> (5 <i>cent</i>).</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn10" id="g3fn10"></a><a href="#g3fn10r">10</a>:
+Englische Meilen, etwas &uuml;ber vier auf die deutsche.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn11" id="g3fn11"></a><a href="#g3fn11r">11</a>:
+<i>Rifle</i> hei&szlig;t im Allgemeinen die Amerikanische lange B&uuml;chse, obgleich
+<i>rifled</i> eigentlich nur &raquo;gezogen, mit Z&uuml;gen versehn&laquo; bedeutet.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn12" id="g3fn12"></a><a href="#g3fn12r">12</a>: Im Flu&szlig;bett festsitzende St&auml;mme.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn13" id="g3fn13"></a><a href="#g3fn13r">13</a>:
+Pottersfield wird in New-Orleans der Begr&auml;bni&szlig;platz genannt,
+auf den die Armen kommen, die kein Grab in den gemauerten Behaltern
+bezahlen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn14" id="g3fn14"></a><a href="#g3fn14r">14</a>:
+Die Beschreibung des Bootes selber mag mir der Leser erlassen,
+ich habe derartige Fahrzeuge schon fl&uuml;chtig in meinen Streif- und Jagdz&uuml;gen,
+ganz ausf&uuml;hrlich aber in den Mississippibildern 2ter Band in der
+Erz&auml;hlung &raquo;Sieben Tage auf einem Amerikanischen Dampfboot&laquo; geschildert,
+und mu&szlig; ihn darauf verweisen.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn15" id="g3fn15"></a><a href="#g3fn15r">15</a>:
+Die einzelnen Schaufeln am Rad.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn16" id="g3fn16"></a><a href="#g3fn16r">16</a>: Virginien.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn17" id="g3fn17"></a><a href="#g3fn17r">17</a>:
+Holztragen, Holztragen meine Burschen.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn18" id="g3fn18"></a><a href="#g3fn18r">18</a>:
+Das <i>Bowieknife</i> (sprich Buih), nach seinem Erfinder so genannt,
+ist ein schweres Messer etwa 12 Zoll lang und drei am Heft breit, mit
+einer St&auml;rke im unteren R&uuml;cken von reichlich ein Viertel, oft ein Drittel
+Zoll, was ihm zum Hieb eine furchtbare und gef&auml;hrliche Wucht giebt.
+Die Spitze ist gebogen und nach hinten etwas ausgeschnitten, aber an
+beiden Seiten haarscharf, und die&szlig; Messer, selbst in der Hand eines
+ganz schwachen Menschen, eine entsetzliche Waffe.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn19" id="g3fn19"></a><a href="#g3fn19r">19</a>:
+Die von der reinen Afrikanischen Race Abstammenden hei&szlig;en
+Neger; Abk&ouml;mmlinge von Wei&szlig;en und Negern &mdash; Mulatten, und
+von Wei&szlig;en und Mulatten &mdash; Quadroonen &mdash; Alle, in den Vereinigten
+Staaten unter dem allgemeinen Begriff <span class="wide">Farbige</span> oder dem Spottnamen
+Nigger begriffen. Die Kinder von Wei&szlig;en und Quadroonen &mdash;
+da sich die Quadroonen selber oft kaum von Wei&szlig;en in Farbe und
+Haar unterscheiden lassen, sind, selber wenn die Quadroonin Sclavin
+w&auml;re, <span class="wide">frei.</span></p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn20" id="g3fn20"></a><a href="#g3fn20r">20</a>: Kein Zutritt.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn21" id="g3fn21"></a><a href="#g3fn21r">21</a>:
+Die ersten Anf&auml;nge einer Farm, das eben erst urbar gemachte
+Land.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn22" id="g3fn22"></a><a href="#g3fn22r">22</a>:
+<i>frame</i> H&auml;user hei&szlig;en in Amerika die von einem h&ouml;lzernen Gestell
+gebauten und auswendig mit Bretern &uuml;bernagelten Geb&auml;ude.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn23" id="g3fn23"></a><a href="#g3fn23r">23</a>: erster Klasse.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn24" id="g3fn24"></a><a href="#g3fn24r">24</a>:
+<i>to take care</i> Sorge f&uuml;r etwas tragen.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn25" id="g3fn25"></a><a href="#g3fn25r">25</a>: <i>to catch</i> fangen.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn26" id="g3fn26"></a><a href="#g3fn26r">26</a>:
+<i>to be in a fix,</i> sich in schwieriger Lage befinden.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn27" id="g3fn27"></a><a href="#g3fn27r">27</a>:
+<i>gum</i> von Gumbaum nennt man in den ersten Ansiedlungen abges&auml;gte
+St&ouml;cke hohler Gumb&auml;ume, die von den &raquo;Settlern&laquo; theils zum
+Aufbewahren von Salz und anderen Sachen, wie auch als St&uuml;hle benutzt
+werden.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn28" id="g3fn28"></a><a href="#g3fn28r">28</a>: H&uuml;gelr&uuml;cken.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn29" id="g3fn29"></a><a href="#g3fn29r">29</a>: Die kleinen G&uuml;terkarren.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn30" id="g3fn30"></a><a href="#g3fn30r">30</a>:
+Eine eigene Mischung von Genevre, Wasser, Zucker und bitteren
+Tropfen.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn31" id="g3fn31"></a><a href="#g3fn31r">31</a>: Dank Euch.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn32" id="g3fn32"></a><a href="#g3fn32r">32</a>:
+Zwei Bit &mdash; der Bit eine Amerikanische, im S&uuml;den der Vereinigten
+Staaten sogenannte Geldm&uuml;nze von 12&#189; Cent, etwa 5 Silbergroschen
+an Werth.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="g3fn33" id="g3fn33"></a><a href="#g3fn33r">33</a>:
+<i>Dinner</i> Mittagessen <i>bell</i> die Glocke in dem schauerlich verderbten
+Dialekt der Amerik. Deutschen &raquo;zum Mittagsessen gel&auml;utet.&laquo;</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<table class="small" border="0" style="background-color: #E6E6FA; margin: 0 auto" cellpadding="6" summary="NOTES">
+<tr>
+<td colspan="2">
+ <div class="center">TRANSCRIBER'S NOTE &mdash; ZUR KENNTNISNAHME</div>
+</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td valign="top">
+<p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+Contemporary spellings have generally been retained even
+when inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected and some names regularised; missing punctuation has been silently added.</p></td>
+
+<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+Zeitgen&ouml;ssische Schreibungen wurden generell beibehalten,
+auch wenn gelegentlich mehrere Variaten auftauchen.
+Einige wenige orthografische Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht;
+fehlende Zeichensetzung wurde erg&auml;nzt.</p></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+The following additional changes have been made; they can be identified
+in the body of the text by a grey dotted underline:<br />
+</p></td>
+
+<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+Die folgenden zus&auml;tzlichen &Auml;nderungen wurden vorgenommen
+und sind im Text grau unterstrichelt:</p></td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td valign="top">die er nicht glaubte unbenutzt vor&uuml;bergehn zu lassen seine Kenntnisse zu zeigen</td>
+ <td valign="top">die er nicht glaubte unbenutzt vor&uuml;bergehn <i>lassen zu können, ohne</i> seine Kenntnisse zu zeigen</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td valign="top">Weinkampf</td>
+ <td valign="top"><i>Weinkrampf</i></td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td valign="top">Marie, die (&hellip;) Zeuge der Scene gewesen waren</td>
+ <td valign="top">Marie, die (&hellip;) Zeuge der Scene gewesen <i>war</i></td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td valign="top">breitrundigen</td>
+ <td valign="top">breitr&auml;ndigen</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td valign="top">unter keine Bedingung</td>
+ <td valign="top">unter <i>keiner</i> Bedingung</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td valign="top">auf wei&szlig;en Schild</td>
+ <td valign="top">auf <i>wei&szlig;em</i> Schild</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td valign="top">hintergew&uuml;rgt</td>
+ <td valign="top"><i>hinuntergew&uuml;rgt</i></td>
+</tr>
+
+ <tr>
+ <td valign="top">Regenschirm unter dem linken Arm gedr&uuml;ckt</td>
+ <td valign="top">Regenschirm unter <i>den</i> linken Arm gedr&uuml;ckt</td>
+</tr>
+
+ <tr>
+ <td valign="top">als h&auml;tte er sogar wollen</td>
+<td valign="top">als h&auml;tte er <i>sagen</i> wollen</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td valign="top">das das endlich erreichte Land</td>
+ <td valign="top"><i>das</i> endlich erreichte Land</td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td valign="top">andere (&hellip;) gesalzenes Schweinefleisch (&hellip;) bringen</td>
+ <td valign="top">andere (&hellip;) <i>die</i> gesalzenes Schweinefleisch (&hellip;) bringen</td>
+</tr>
+
+ <tr>
+ <td valign="top">R&uuml;cken</td>
+ <td valign="top"><i>R&ouml;cken</i></td>
+</tr>
+
+ <tr>
+ <td valign="top">verleitete</td>
+ <td valign="top"><i>verleidete</i></td>
+</tr>
+
+ <tr>
+ <td valign="top">wunderbaren aber doch durchdringenden Weiche</td>
+ <td valign="top">wunderbaren aber doch durchdringenden <i>Weise</i></td>
+</tr>
+
+ <tr>
+ <td valign="top">redete ihn aber jetzt der Pensylvanier</td>
+ <td valign="top">redete ihn aber jetzt der Pensylvanier <i>an</i></td>
+</tr>
+
+ <tr>
+ <td valign="top">warm entgegendufte</td>
+ <td valign="top">warm <i>entgegenduftete</i></td>
+</tr>
+
+ <tr>
+ <td valign="top">Augenbraunen</td>
+ <td valign="top"><i>Augenbrauen</i></td>
+</tr>
+
+ <tr>
+ <td valign="top">Rocktragen</td>
+ <td valign="top"><i>Rockkragen</i></td>
+</tr>
+</table>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! DRITTER BAND ***
+
+***** This file should be named 29746-h.htm or 29746-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/9/7/4/29746/
+
+Produced by Delphine Lettau, Clive Pickton and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+Gutenberg-tm License.
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
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