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+The Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Stille Helden
+
+Author: Ida Boy-Ed
+
+Release Date: August 19, 2009 [EBook #29738]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
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+
+
+
+ Stille Helden
+
+
+ Roman
+
+ von
+
+ Ida Boy-Ed
+
+
+ 1914
+
+ J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
+
+ Stuttgart und Berlin
+
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
+
+ Copyright 1914 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart
+
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+1
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+
+Eine Frühlingsnacht endete, und das neue Tagewerk begann. Droben im sehr
+geräumigen Erker ließ sich der alte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag
+jetzt die Nächte oft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis
+zwischen den Spalten der Vorhänge ein grauer Schein bemerkbar wurde.
+Diesen grauen Schein der Morgendämmerung nannte er schon »Tag«, und
+damit gestand er sich das Recht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn
+sein treuer Leupold konnte den mächtigen Körper nicht mehr allein
+regieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werden müssen. Und so
+zwang sich der alte Herr mit ingrimmiger Selbstbeherrschung, noch ein
+neues Gesicht in seiner Nähe zu ertragen.
+
+Stöhnend und durch das vergebliche Bemühen, selbsttätig sich zu bewegen,
+seinen Helfern die Handhabungen noch erschwerend, kam er in die rechte
+Lage. Nun saß er leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder
+bezogenen Stuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt
+arbeitende Mechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedene Schräg- und
+Steilstellungen bringen ließ. Auch eine breite Tischplatte kam von der
+Erkerwand geräuschlos nahe und zog sich wieder dahin zurück, je nachdem
+ein kaum bemerkbarer Knopf an der äußeren rechten Armlehne berührt
+wurde. Auf ähnliche Weise konnten von der gegenüberliegenden Wand ein
+Bücherregal und eine Schreibgelegenheit herangeholt werden. Diese
+Beweglichkeit all der toten Dinge gab ihnen etwas von dem Leben treuer,
+aufmerksamer und stumm wartender Tiere. Sie machte den seit einigen
+Monaten halbseitig Gelähmten unabhängiger von seiner Bedienung und
+gewährte ihm, was seit langen Jahren sein höchstes Bedürfnis gewesen
+war: Stunden ungestörter Einsamkeit. In ihr konnte sein Kopf am
+raschesten und gesammeltsten arbeiten. Jetzt in dieser frühen Stunde
+mußte der bewegliche Tisch das erste Frühstück tragen. Mit nie
+erlöschendem Zorn aß der alte Herr diesen Haferbrei und den Hühnerflügel
+oder was die ärztliche Verordnung ihm sonst noch an leichter Kost
+gestattete.
+
+»Das hast du nicht gedacht, Leupold, daß du mich mal päppeln müßtest wie
+'ne Wöchnerin,« sagte er.
+
+»Es ist ja nur vorübergehend, Herr Geheimrat,« tröstete Leupold und
+schob noch handlicher Teller und Löffel zurecht.
+
+»Wenn er wüßte, wie er seinen Ton gegen mich verändert hat!« dachte der
+Geheimrat erbittert. »Na ja -- wie denn nicht! Früher war ich sein Herr,
+jetzt ist er im Grunde der meine.«
+
+Aber in Leupolds etwas bräunlichem Gesicht und in seinen klugen dunkeln
+Augen war wirklich nichts von Überhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem
+freundlich-gleichmäßigen Ausdruck, den er sich in mehr als
+fünfundzwanzig Jahren angewöhnt hatte, schnitt er das weiße Fleisch von
+dem Brustknochen des jungen Huhnes herab. Wenn man einem mächtigen,
+übermäßig beschäftigten großen Herrn dient, dem das Blut rascher durch
+die Adern läuft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt man
+Gleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal erschüttert gesehen
+-- an jenem Abend, als unten im Speisesaal ein festlicher Tisch für ein
+Herrendiner schon fertiggedeckt stand und die Gäste jeden Augenblick
+eintreffen konnten. Da, gerade als Leupold den Frack bereithielt, als
+der Herr schon den Arm ausstreckte, um hineinzufahren, da wurde der
+Riese jäh blaurot im Gesicht -- stieß einen rauhen Laut aus -- taumelte
+und fiel. ... In der Dienerschaftsstube flüsterte man davon, Leupold
+habe nachher geweint. Aber niemand erlaubte sich, ihn hierauf anzureden.
+
+Jetzt war alles auf dem Frühstückstisch so zurechtgestellt und
+vorbereitet, daß der Halbgelähmte ohne weitere Hilfe sein Mahl verzehren
+konnte, und Leupold zog sich zurück.
+
+Wie er so in seiner schlichten dunkelblauen Livree durch das große
+Zimmer der Ausgangstür zu schritt, sah sein Herr ihm nach. Eine
+Aufwallung von Rührung stieg in ihm empor.
+
+»Weil ich nicht mehr recht schlafen kann, hetz' ich ihn aus dem Bett!
+Was ist das für ein brutaler Unsinn. Mißbrauch der Herrengewalt? ... Und
+er muckt nicht mal auf ... Anhänglichkeit oder Sklavensinn!? ...«
+
+Aber sein Herz sagte ihm: Anhänglichkeit! Denn auch er dachte manchmal
+an jenen Augenblick, wo er von den dunkeln Grenzen noch einmal
+zurückerwacht war zum Leben -- auch eine Art von Wiedergeburt -- -- wie
+ihm das Bewußtsein kam -- wie er die Lider öffnete -- da sah er in ein
+treues, angstvolles Auge, in dem Freude aufleuchtete, als er zu sprechen
+begann.
+
+Nur das Auge des Dieners -- eines ergebenen Menschen -- nicht das Auge
+seines Sohnes! --
+
+Ah -- dieser Sohn ... wo war der in jener Stunde! ... »Na, er wird ja
+mal mit meinem Testament nicht unzufrieden sein!« dachte er noch in
+bezug auf Leupold.
+
+Er versuchte zu essen. Wie sollte es schmecken! Ein so mächtiger Körper
+muß Bewegung haben, wenn sein Haushalt in Ordnung bleiben soll ...
+
+Bewegung! Er wußte wohl: die kam ihm nie wieder. Jeder Tag, diese
+nächste Minute, noch ehe er den Haferbrei bezwungen, konnte ihn die
+unsichtbare Faust zum zweiten Male treffen. Und ein großes, furchtbares
+und dennoch seltsam feierliches Vorgefühl sagte ihm: dann traf sie so
+gut, daß es das Ende ward ...
+
+In solcher Lage schließt man ab! Aber wie kann man, wenn der einzige
+Sohn dasteht gleich einem Wurzellosen, gegen Lebensfreude gleichgültig
+-- ein Mensch, der am Ende scheint, wo er am Anfang sein sollte? Da
+schließe mal einer ab! Zu einem letzten Willen gehören zwei. Einer, der
+ihn ausspricht, und einer, der ihn ausführt.
+
+Er sah hinaus. Es war immer noch sehr früh. Aber was war Tag, was Nacht
+für das Hüttenwerk! Da brauste die Arbeit und legte sich niemals
+schlafen. Die Hochöfen erloschen nie. Für ihre schwelende Glut gab es
+keine Feierstunde und keinen Alltag. Sie waren wie das Symbol der ewigen
+Hitze, die in geheimnisvollen Tiefen am Herde der Mutter Erde brodelt.
+
+Im hellen Morgenlicht breitete sich vor den Augen des Herrn das Stück
+Welt hin, darüber er der Gebieter war.
+
+Die gewellte Ebene, vom eingebetteten Fluß durchschnitten, der im
+ruhigen, viel gebogenen Lauf der nahen Ostsee zustrebte, hatte die
+kräftigen und ruhevollen Farben einer Landschaft, darin sonst allein der
+Bauer sein Reich findet. Ferne Wälder umgrenzten sie.
+
+Aber mitten in diesen grünen Geländen und auf stillen, abgetönten Weiten
+hatte sich das Feuer eine gewaltige und beherrschte Stätte gesucht und
+Erze und Kohlen ihre düsteren Farben hineingetragen.
+
+Wenn der alte Herr den Blick nach links wandte, sah er die drei
+Hochöfen gleich drohenden, gedrungenen Burgen ragen. Steil hinan zu
+ihnen zog sich das Eisengestänge der Schrägaufzüge, an denen die kleinen
+Wagen emporkletterten, die mit ihrem Inhalt an Erz, Koks und Kalksteinen
+unaufhörlich die Öfen beschickten, das heißt in ihren Rachen das
+Material schütteten. Und schwarz, in den Formen von Riesenzylindern,
+hielten neben ihnen in Reih und Glied die aufrechten Eisenungeheuer
+Wache, in denen der Wind erhitzt wurde, der ihrem Feuer als Gebläse
+diente. Helle Schornsteine, gleich gelblichen, schlanken Säulen erhoben
+sich frei und leicht, scheinbar ganz ohne Zusammenhang mit den
+verschiedenen langgestreckten Dächern und den aufgetürmten Bauten, in
+denen man Maschinen oder Wasserreservoire oder Koksöfen vermuten konnte.
+Ein Gasometer, rund und klobig, in der Gestalt an das Grabmal der
+Cäcilia Metella fern drunten in der Sonnenglut der Appischen Straße
+erinnernd, stand etwas einsamer. Die dunkeln Linien der Drahtseilbahnen
+und Ausladebrücken durchschnitten die Luft. Sie waren wie Körper, die
+nur ein Skelett haben und gar keine Muskulatur. Zwischen ihrem Gerippe
+bewegten sich die Förderwagen, emsig und doch gelassen, die von den
+Schiffen das Erz und die Kohlen holten und mit dumpfem Prasseln an den
+rechten Lagerplätzen ausschütteten. All diese Dinge ragten gleich
+Gipfeln hoch aus dem Arbeitsfeld heraus. Und ein Dunst, bläulich, oft
+von steigendem weißen oder schwarzgrauen Gewölk durchzogen, umhüllte all
+diese phantastischen Formen, die bedrohlich und bizarr wirkten, weil sie
+andere waren, als die Natur sie schafft.
+
+Das Gelände selbst, auf dem die Betriebe der Eisenhütte »Severin
+Lohmann« angesiedelt worden waren, verbarg sich vom Erker aus dem
+Blick. Eine große gärtnerische Anlage lag dem Hause gegenüber, von ihm
+durch die vorbeiziehende Landstraße geschieden. Diese Anlage nahm links,
+wo sie breit war, den Palisadenzaun des Werkes als Grenze; sie zog sich
+zum Fluß hinab, wurde nach rechts schmäler und schmäler und verlor sich
+im Uferstreifen, der flußauf endlich an einer Hochbrücke endete, auf
+welche die dem Fluß sich immer mehr nähernde Landstraße dort traf.
+
+Diese Silberpappeln und Kastanien, die so rasch emporgewachsen waren und
+dichte Kronen bekommen hatten; diese Rasen und Gebüschpartien; diese
+Blumenrabatten, die doch bei östlichem Winde immer grauschwarz bestäubt
+wurden; diese Sandsteintreppe, die durch die Anlagen dem Hause gerade
+gegenüber schnitt und zum Flußufer hinabführte, wo früher an einer
+Brücke eine Lustjacht lag, jetzt aber eine Fähre ihren Platz hatte --
+das alles war die »Anlage der gnädigen Frau«.
+
+Die gnädige Frau sah einst nicht gern auf die Welt der Kohlen, Erze und
+Schlacken ...
+
+Drüben am andern Ufer erhob sich über weißsandigem, schroff abfallendem
+Abhang eine kleine Stadt. Rote Dächer drängten sich um den Kirchturm,
+dessen spitzes Dach, frisch gedeckt, dunkel vor dem lichten Himmel
+stand. Der Hahn und die Kugel oben auf der scharfen Spitze flimmerten
+lustig und neu im Morgenglanze. Aber auch drüben kam zwischen den
+Dächern heraus Rauch. Aus merkwürdigen breiten, kurzhalsigen kleinen
+Essen blies er hinauf, stetig quellend. Man räucherte Fische in
+Schlutup, und einst lebte das ganze Städtchen von Ackerbau und
+Fischhandel. Nun aber hallte nicht nur der Arbeitslärm über den Fluß
+hinüber in die Straßen hinein -- auch das Geld, das »Severin Lohmann« in
+Bewegung setzte, rollte hindurch, und neue Werte waren geschaffen,
+stärkeres Leben pulsierte.
+
+Der alte Herr sah gern hinüber -- es tat ihm wohl, zu sehen, wie das da
+wuchs -- wie sich mehr und mehr Industrien ansiedelten, die durch sein
+Werk und dessen Nebenprodukte hier vorteilhafte Bedingungen fanden.
+
+Und im Grunde genommen durfte er sich wie der ungekrönte König auch des
+andern Ufers fühlen.
+
+Unten auf dem Fluß, unterhalb der hoch über ihnen sich in die Luft
+hineinstreckenden Eisengerippe der Ausladebrücken, ankerten ein paar
+Dampfer. Aus den Tiefen ihres Bauches herauf tauchten die Förderwagen
+wieder empor, die sich, schwebend an Drahtseilen, voll koketter Grazie
+leer hinabgelassen hatten -- Dampfer aus Schweden -- aus Griechenland --
+Spanien. Erhebend und quälend zugleich war das, den Blick auf seine Welt
+zu haben und nicht mehr in ihr herumregieren zu können.
+
+Nun saß er hier in seinem palastartigen Haus, das durch ein kunstvolles,
+hohes Schmiedeisengitter von der Landstraße geschieden war und, inmitten
+von Vorgärten und anschließendem Park, wie ein fürstlicher Ruhesitz
+anzusehen war.
+
+Er dankte für Ruhe ...
+
+Die qualvolle Ungeduld, die in ihm kochte, suchte er nun schon seit
+Monaten zu bezwingen. Er hielt wortlose Monologe über die Größe, die im
+Entsagenkönnen liegt ... Er forderte von sich Haltung. Daß er sie andern
+Menschen gegenüber aufzubringen vermochte, gewährte ihm eine kleine
+Genugtuung. Aber allein mit der Qual, knirschte er mit den Zähnen gegen
+sie.
+
+Alles wäre wahrscheinlich würdevoll und gefaßt zu ertragen, ohne dieses
+Elend mit Wynfried ...
+
+Er dachte plötzlich: »Ich verstehe die Prometheussage -- ja, weiß Gott,
+ich weiß, was das ist ... wie's gemeint ist mit dem Adler, der kommt,
+dem Gefesselten die Leber auszufressen ... Der Kopf ist klar, der Wille
+ist stark, aber die Kraft, die man nicht betätigen kann, frißt an
+einem ...«
+
+Nun merkte er auf -- ein heller, schneidender, von dumpfen Untertönen
+getragener Klang schien heranzukommen. Das riß ihn aus seinen Gedanken.
+Ja richtig -- was für ein bezwingender Rhythmus in dem Volkslied lag,
+das die Querpfeifen bliesen und die Trommeln schlugen.
+
+Das war das halbe Bataillon Infanterie, das drüben im Städtchen lag. Im
+Schritt und Tritt marschierte es heran durch die Morgenfrische; voran
+mit seinem Adjutanten der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur
+Führung beigegeben war -- der eine auf einem hellen Fuchs, der andere
+auf einem Rappen. Die Soldaten sangen das Lied mit, das ihnen
+vorgepfiffen und getrommelt ward. Über die Hochbrücke waren sie gekommen
+und zogen zu einer Gefechtsübung aus -- vielleicht um am Meeresstrand
+anderthalb Stunden ostwärts die Landung eines markierten Feindes zu
+verhindern.
+
+Nun kamen sie am Hause vorbei, das Gitterwerk überschnitt die
+marschierenden Gestalten.
+
+Die Offiziere grüßten fast alle hinauf. Sie waren in diesem Hause oft
+gastlich aufgenommen worden. Jeden Gruß beantwortete mit freundlichem
+Nicken das weißhaarige, bedeutende Haupt. Die Augen blitzten. Nichts von
+Krankheit und Alter war in ihnen --
+
+Der Geheimrat redete in seinen Gedanken zu den grüßenden Herren.
+
+»Ja, lieber Schönstedten -- bin schon auf -- kein Schlaf des Nachts --
+Was, Likowski? Einen neuen Gaul? Den Rappen natürlich mit Vorteil
+verkauft -- famos zugeritten, wie er war ...«
+
+Und zwei neue Erscheinungen? Das war wohl Leutnant Hornmarck -- Herrgott
+wie klein und zart und jung, und sollte Kerls kommandieren und
+imponieren, die vielleicht schon mehr vom Leben wußten als er -- und der
+da, der schlanke mit der stolzen Haltung, das mußte der Oberleutnant
+Stephan Freiherr von Marning sein. Vor ein paar Tagen hatte Leupold
+seine Karte hereingebracht.
+
+Der Sohn alter Freunde, was man so »Freunde« nennt. Angenehme Bekannte,
+mit denen er manchen Herbst bei den Neuhofer Marnings zur Jagd als Gast
+gewesen war. Er entsann sich wohl: der junge Stephan hatte ihm immer gut
+gefallen, in seine besondere Unterhaltung hatte er ihn oft gezogen, er,
+der alternde Großindustrielle den jungen Leutnant, die scheinbar keine
+Interessen zusammen haben konnten. Aber der Geheimrat wußte, mit welcher
+schmalen Zulage Stephan sich ohne Schulden vornehm behauptete, denn
+dieser Zweig der Marnings war fast arm. Und wenn er so die schlichte,
+ernste Haltung des jungen Leutnants beobachtete, die voll Charakter war,
+dachte er an seinen Sohn ...
+
+Seine Gedanken sagten dem gleichfalls heraufgrüßenden Freiherrn von
+Marning: »Wie gern, lieber Marning, antwortete ich sofort auf Ihren
+Besuch mit einer Einladung, bei mir zu essen -- bin ja kein
+menschenfeindlicher Querkopf -- aber da sitz' ich nun -- vorbei ist's
+mit dem Gastlichsein ...«
+
+Und es tat ihm seltsam dringlich leid, daß er dem jungen Marning keine
+Freundlichkeit erweisen konnte.
+
+Nun war die Truppe vorbei. Er konnte ihr ein paar Minuten nachsehen --
+da zog sie hin, Mann wie Offizier, um in zäher, täglich neu
+aufgenommener Arbeit, mit einer moralischen Geduldskraft ohnegleichen,
+die unerhört opfervolle Mühe des Kriegshandwerks im Frieden zu üben --
+dazu gehört Mannhaftigkeit, die nicht an Ruhm und Heldenrausch, sondern
+nur an Pflicht denkt.
+
+Auch stille Helden -- wie die Tausend und Tausend, die arbeiten und sich
+bezwingen, und deren Namen und deren Kampf niemals jemand nennt und
+preist.
+
+Ja, die gibt's auf allen Gebieten.
+
+So dachte der alte Herr. Und da all seine Gedankenwege jetzt auf den
+einen Menschen zuführten, so war er schon wieder bei seinem Sohn.
+
+»Ich hätte Wynfried doch vielleicht Offizier werden lassen sollen! Der
+Junge hatte es einmal gewünscht.«
+
+Aber er hatte so oft mit seinen Wünschen gewechselt; sie waren immer nur
+lau gewesen.
+
+Und der einzige Sohn und Erbe! Ihn zum künftigen Mitbesitzer und
+späteren alleinigen Herrn von »Severin Lohmann« zu bestimmen, war das
+Selbstverständliche. Er hatte sich ja auch nie dagegen erhoben. Den
+ganzen Bildungsgang durchlief er ohne Widerspruch, aber auch freilich
+ohne jemals Aufsehen durch Fleiß oder Leistungen zu erregen -- was
+sicher nicht von einem Mangel an Begabung, sondern von dem Überfluß an
+Beziehungen zum weiblichen Geschlecht herkam ...
+
+Hier übermannte den alten Herrn wieder der Zorn, und er unterbrach sich,
+um den dienstwilligen Tisch fast gegen die Wand fliegen zu lassen.
+
+Nun war ihm freier, nun hatte er nicht die Barriere von Tischplatte mit
+all den Schüsseln und Speisen vor sich.
+
+Und mit der rechten Faust machte er eine Bewegung -- durchschlug die
+Luft, als wolle er jemanden treffen ...
+
+Aber die, der es galt, die war lange tot. Aus ihrem Grabe hätte er sie
+wieder holen mögen, um sie haßvoll zu fragen: Was hast du aus unserm
+Sohn gemacht? Einen Schwächling! Einen, der am Weibe scheiterte, weil du
+ihn weibisch erzogst ...
+
+Er sah ihr kühles, ablehnendes Lächeln -- er sah ihr schönes Gesicht,
+auf dem nichts geschrieben stand als Wohlgefallen an sich selbst.
+
+In einem seiner stürmischen Entschlüsse klingelte er plötzlich. Alsbald
+erschien eine schlichte blaue Livree in der Tür. Aber es war nicht
+Leupold, sondern der neu engagierte blonde Georg, dessen saubere
+Gewaschenheit den alten Herrn immer irgendwie und ganz unlogisch
+ärgerlich reizte.
+
+»Leupold!« sagte er befehlshaberisch.
+
+»Leupold ist nach Schlutup hinüber, um die von Herrn Geheimrat gestern
+abend angeordneten Besorgungen zu machen,« sagte Georg in militärischer
+Haltung, als habe er noch immer seinen Hauptmann von Likowski vor sich.
+
+»Ist mein Sohn schon aufgestanden?«
+
+»Der junge gnädige Herr haben noch nicht das Klingelzeichen zum Bad
+gegeben.«
+
+Der alte gnädige Herr gab nur einen Laut von sich, der für Georgs Ohr
+etwas Ungeformtes behielt. Daß aber beinahe Verachtung darin klang,
+spürte der junge Mensch wohl, und er dachte aufsässig: »Na, wir können
+doch nicht alle immer Glock fünf aufstehen ...«
+
+Er war es ja zum Glück von seiner Militär- und Burschenzeit her gewöhnt.
+Aber wenn er der junge Herr gewesen wäre, würde er auch bis zehne
+schlafen. Und viel frohe Stunden schien der junge Herr seit seiner
+Ankunft gestern morgen auch nicht mit seinem Vater gehabt zu haben. Das
+ganze Haus stand unter dem dumpfen Wissen, daß zwischen Vater und Sohn
+»was los« sei -- was, wußte kein Mensch, wenn nicht etwa Leupold. Aber
+der würde es auch nicht verraten ...
+
+Nun war der Geheimrat wieder allein. Nun mußte er sich von neuem in
+Geduld fassen. Er hatte doch ein Gefühl dafür, daß er seinen Sohn nicht
+wie einen Schuljungen aus dem Bett holen lassen könne ...
+
+Geduld -- wenn eine so große, so schwere Frage zu beantworten ist -- die
+bitterste, die das Leben bisher an ihn gestellt hatte ...
+
+Was sollte mit seinem Sohn werden?
+
+Äußerlich gesehen, konnte ja alles, wie von jeher bestimmt gewesen, nun
+geschehen. Wynfried hatte alle Stadien der Vorschulung für die auf ihn
+wartende Stellung durchlaufen. Er war auf der Hochschule gewesen; auf
+befreundeten Hüttenwerken hatte er als Volontär in die Betriebe
+hineingesehen; er war ein Jahr auf einer Bank gewesen und ein Jahr im
+Auslande. Nirgends hatte er Anlaß zu Klage oder Lob gegeben. Ob er
+überhaupt gearbeitet hatte, war unklar.
+
+Das prickelte und grämte den Vater! So eine glatte Null -- sein Sohn!
+Lieber mit Härten, Ecken und Kanten sich herumstoßen! Die Neutralen
+hatte der Alte immer gehaßt.
+
+Und das einzige Gebiet, wo Wynfried von der unauffälligen Bahn des eben
+Zureichenden gewichen war, das war gerade das verhängnisvollste von
+allen ...
+
+Ein Weib hatte ihn zerbrochen -- er hatte sich zerbrechen
+lassen -- -- --
+
+Das kam, weil ein Weib ihn verzogen und schwächlich genommen hatte.
+
+Er, der Vater, er konnte nicht den Erzieher spielen. Er, ein Mann, für
+dessen Pflichtenfülle der Tag immer um viele Stunden zu kurz war.
+Erziehung -- das galt ihm auch als Frauen-, als Mutterwerk! Frauen, die
+Söhne gebären, sollen sie auch erziehen können. Das war sein Anspruch
+gewesen.
+
+Aber seine Frau mochte sich das Leben so einrichten, daß nichts ihre
+Gemütsruhe, ihr Luxusdasein und ihre Schönheit störte. Erzieherpflichten
+können unbequem sein.
+
+Auch gehört Liebe dazu -- und seine Frau hatte wohl, außer zu sich
+selbst, keine Liebe gehabt. Nicht einmal zu Wynfried, obschon es so
+aussah, als vergöttere sie den Sohn. Solche mütterliche Affenliebe ist
+bloß eine etwas verwickeltere Form von Selbstsucht -- das wußte der alte
+Herr längst, obschon er keine Neigung zu Betrachtungen gehabt hatte --
+früher, denn jetzt kam ihn, gegen seinen Willen, oft genug das
+Philosophieren an ...
+
+Er dachte an eine Antwort, die sein Sohn ihm gestern bei einer
+vorläufigen Aussprache gegeben hatte: »Ja, Vater, du bist eben einer von
+den Männern, die nur denken und arbeiten. Du weißt nicht, was das ist:
+Lieben und Leiden ...«
+
+Wie sich ihm da das Gesicht dunkel gefärbt hatte, wie rauh sein Ton, wie
+schroff sein Ausdruck gewesen war -- das wußte er selbst nicht.
+
+Grollend und in so schwerer Düsterheit, daß sein Sohn verstummte, sprach
+er: »Was weißt denn du von mir!«
+
+Ja, was hatte sein Weib von ihm gewußt! Was wußte sein Sohn von ihm!
+Einsam! Einsam!
+
+Und die eine Hand, deren sanfter Druck schon ihm Glück und Frieden
+bedeutete, die hatte er nicht festhalten dürfen ...
+
+Lieben und Leiden?
+
+Als ob es das Teil der Müßigen, Schwachen, Zärtlichen,
+Durchschnittlichen sei.
+
+Wehe, wenn es die großen Arbeiter packt und die Ehernen, die sich nicht
+zerbrechen lassen dürfen, wenn sie vor sich selbst voll Würde bleiben
+wollen ...
+
+Helden müssen sie sein -- aber in der Stille -- denn es ziemt ihnen
+nicht, ihren Jammer zu zeigen, ihn laut auszurufen.
+
+Ihre Leiden tragen die Maske der Rauheit oder Bitterkeit; der Gram ihrer
+Nächte bleibt ihr Geheimnis.
+
+Erinnerungen kamen, und aus dem Groll glitt langsam seine Seele in
+weichere Stimmungen hinüber. Er sah das Weib, das er geliebt hatte, mit
+einer starken Deutlichkeit vor sich, die ihn beglückte und erschütterte.
+Für die, die groß lieben, ganz und mit der heißen Kraft der
+Hoffnungslosigkeit, gibt es keine Entfernungen und keine Gräber. Nie
+Besessenes bleibt unverloren und ewig nah ... So war Klara nie für ihn
+gestorben und nie von seinem Gemüt entfernt.
+
+Ihre dunkelgrauen Augen, von einer leisen Traurigkeit immer vertieft,
+richteten sich mit innigem Blick auf ihn, ihre mädchenhafte Gestalt,
+mittelgroß und schlank, drückte in der ganzen Haltung so viel
+Ergebenheit und Keuschheit aus -- es war, als wehe der Hauch von
+Tempelluft aus ihren Kleidern. In der ganzen stillen sanften
+Weiblichkeit ihres Wesens war dies unnahbar Feste gewesen, was ihm, dem
+stürmisch Leidenden half -- und wenn ihr feines, kluges Gesicht einmal
+von einem Lächeln erhellt wurde, dann, wenn sie zu ihrem Töchterchen
+sprach, dann war es rührend schön, zum Weinen schön ... Er sah ihr
+braunes, fast glanzloses lockeres Haar, er sah ihre edlen Hände, deren
+Ausdruck so merkwürdig wechselnd war -- beredte Hände.
+
+Solch ein Weib hätte seinem Sohn begegnen müssen. Eine, die den Mann zu
+Höhen emporführt, die er allein niemals erreichen kann.
+
+Aber auf Wynfrieds Wegen waren ihm offenbar nur Weiber begegnet, oder er
+hatte das Talent, jedes Weib herabzuziehen -- solche Männer gibt es. Es
+gibt aber auch Frauen, sonst ganz unschädlich, scheinbar fast gut, wenn
+sie in Ungestörtheit bleiben; die ziehen den Mann herab, wenn sie nur
+mit ihm in Berührung kommen -- Frauen, die man isolieren sollte; wie
+Bakterien unschädlich bleiben, wenn sie nicht in Blutbahnen überführt
+werden. Wunderlich -- wer könnte je ergründen, von was für Bedingungen
+die schädlichen oder segensreichen Wirkungen abhängen.
+
+Gott mochte wissen, wie es mit Wynfried bestellt war.
+
+»Ich kenn' meinen Sohn nicht,« das gestand er sich ein, »weiß bloß seine
+undeutlichen, äußeren Abgeschliffenheiten -- die äußeren Daten seiner
+Liebesgeschichten. Was sonst in ihm steckt? Viel? -- Nichts? -- Ich weiß
+es nicht.
+
+»Und nun soll ich davon, und diesem unbekannten jungen Mann, bloß weil
+er mein Sohn ist, mein Leben vermachen? Er soll sich auf meinen Thron
+setzen? Und vielleicht alsbald in Grund und Boden regieren, was ich in
+vierzig Jahren zur Blüte gebracht? Zum Kuckuck auch, das geht doch nicht
+allein um mich und meinen Herrn Filius, es geht ja um das Wohl von
+Tausenden. Alles, was von mir und meinen Unternehmungen sein Dasein hat,
+will weiter existieren -- volkswirtschaftliche Werte und die Zukunft
+Vieler dürfen nicht in lässige Hände gelegt werden werden --«
+
+Ein Niedergang von »Severin Lohmann« würde einen Niedergang der Gegend
+bedeuten. Lebten denn nicht drüben in Schlutup die Gewerbetreibenden,
+die Handwerker, die Ladeninhaber zum großen Teil von der Beamten- und
+Arbeiterschaft seines Werkes? Und dann: Kräfte werden mal abgenutzt,
+Beamte müssen gehen, um neuen Persönlichkeiten Platz zu machen. Hatte
+Wynfried die Gabe, rechte Männer zu wählen? Eine der größten Begabungen
+für die Beherrscher so großer Unternehmungen, ja einer jeglichen; nicht
+der kleinste Krämer kann gedeihen, wenn sein Gehilfe unfähig und treulos
+ist. Und was für Männer brauchte dieses Werk! Mit Genugtuung dachte der
+Geheimrat an seine klügste geschäftliche Tat: an den Mut, den er besaß,
+indem er seinen Generaldirektor Thürauf mit einem Ministergehalt
+engagierte, weil diese erlesene Kraft nicht billiger zu haben war ...
+Und mit Thürauf kam eine noch größere Blüte. -- Ja, solche Männer muß
+man erkennen, erfühlen können, das ist die Begabung.
+
+»Thürauf wird nicht bleiben, wenn ich sterbe; nur als Direktor einer
+Aktiengesellschaft bliebe er,« das sagte sich der Geheimrat. »Einen
+andern Chef als mich ertrüge er nicht. Er fühlt, daß ich ihn einschätze
+bis in seine subtilsten Fähigkeiten hinein ...«
+
+»Severin Lohmann« sollte nicht in der dritten Generation Privateigentum
+bleiben? Das tat weh nur zu denken -- --
+
+Immer leidenschaftlicher überdachte er sein Lebenswerk, seinen Besitz,
+all die zahlreichen Existenzen, die daran hingen und mit dem Hinwelken
+der Geschäftsblüte auch zum Absterben bestimmt wären ...
+
+Und aus diesem Grübeln rang sich ein geradezu dämonischer Wille empor,
+noch zu leben! Er konnte, er durfte noch nicht davon, ehe er noch nicht
+wußte: Wer und was ist mein Sohn? Was wird aus meinem Werk, meinem
+Reichtum?
+
+Ein beinahe abergläubischer Gedanke fiel wie ein Blitz in seine
+glühende Unruhe.
+
+»Durch die Weiber, seine Mutter eingeschlossen, ist er ja zerbrochen
+worden. Ein Weib soll aus ihm den rechten Mann machen, denn er muß doch
+auch schließlich einen Tropfen von meinem Blut in seinen Adern haben.«
+
+Aber wo die Rechte finden?
+
+Hier waren keine. Die fröhliche Mimi, seines ersten Chemikers Einzige --
+ach, die war ja gänzlich eine angenehmere höhere Tochter und nichts
+mehr. Und die drei seines Generaldirektors Thürauf? Trefflich erzogene
+nette Mädchen, mal passend für sparsame, strebsame Beamte. Oder der
+rothaarige Backfisch des Großindustriellen Stuhr, der vor drei Jahren
+drüben in Schlutup eine große Sensenfabrik gegründet hatte? Vielleicht
+die Witwe des Barons Hegemeister, die auf ihrem Schloß Lammen saß und
+von der man sagte, sie seufze von ihrer Kemenate übers Meer hinaus, ob
+nicht ein zweiter Gatte dahergefahren käme? Alle nicht für Wynfried
+passend.
+
+Keine -- weit und breit. Und der Vater hatte doch das starke Gefühl, er
+müsse für den Sohn wählen. Daß Wynfried kein Urteil über weiblichen Wert
+oder Unwert besaß, war ja erwiesen. --
+
+Keine? Er fühlte plötzlich, daß er sich all diese Figuren vor sein Auge
+gerufen hatte, nur um an der einen vorbeizusehen, die seines Sohnes
+guter Engel werden konnte -- denn sie war die eine, von der er vorher
+wußte: ihr entlockte Reichtum und Stellung kein rasches Ja! Sie würde
+nur einwilligen, wenn ihr Herz und Verstand Aufgaben sahen.
+
+Einen ganz roten Kopf hatte er bekommen. Er strich sich mit der Rechten
+über die Stirn, als könne er Hitze und Röte wegwischen. Er sollte sich
+doch nicht aufregen ... und ganz plötzlich war er von einer ängstlichen
+Folgsamkeit erfüllt -- hatte den nicht gerade klar zum Bewußtsein
+kommenden, aber doch dringlichen Vorsatz, allen ärztlichen Anordnungen
+fortan mit Lammesgeduld zu folgen. Denn er wollte leben -- leben!
+
+Er sah nach der Uhr. Halb acht! In einer Viertelstunde mußte sie
+sichtbar werden. Dann tauchte ihre Gestalt auf -- die Sandsteintreppe
+zwischen den Anlagen kam sie herauf, denn sie wohnte drüben bei der
+alten Witwe des früheren Hüttenarztes. Und die Doktorin Lamprecht liebte
+das Mädchen wie ein eigenes Kind. Jeden Morgen und Nachmittag, in Wind
+und Wetter, an lachenden Sommertagen und wenn Schnee durch die Luft
+trieb, kam sie über die Fähre her, auf ihrem Berufsweg, der sie ins
+Schulhaus führte. Das lag weiter hinauf an der Landstraße. Man mußte an
+der ganzen Front des Werkes vorbei und noch ein paar Minuten weiter,
+dann kam man an das fröhlich aussehende weiße Haus mit grünen Läden und
+rotem Dach, das der Geheimrat für den Schulunterricht all der Kinder von
+Severinshof gebaut hatte.
+
+Diese Kolonie zog sich in einem Viertelkreis nördlich des Werkes hin.
+Das Schulhaus an der Landstraße war ihr Abschluß. Auf das Schulhaus
+folgte dann mit ihrem großen Garten die stattliche Villa des
+Generaldirektors Thürauf und die Doppelhäuser für all die meist
+verheirateten Herren Chemiker, Ingenieure und kaufmännischen
+Abteilungsvorstände des Werkes. In Severinshof hatte der Geheimrat den
+Stamm der Arbeiter in freundlichen Häuschen mit Gärten angesiedelt, die
+sich dem Werk auf immer verbunden fühlten und von ihm Pension für ihre
+Feierabendruhe erwarteten.
+
+Sie unterrichtete in der Schule seit zwei Jahren oder dreien -- dem
+Geheimrat kam es vor, als müsse es schon immer so gewesen sein.
+
+Jeden Morgen, seit er das Bett mit diesem Stuhlungeheuer hatte
+vertauschen dürfen, war es seine Unterhaltung, aufzupassen, ob sie
+pünktlich zwischen den Hainbuchenwänden auftauche, die die
+Sandsteintreppe bis zum Fluß hinab begleiteten, und ihr Gruß war ihm
+sein bißchen Poesie. -- Und jeden Sonntagmorgen, manchmal auch Sonntags
+nachmittags kam sie zu ihm ins Haus zum Tee, eine schöne reiche Stunde
+lang.
+
+Sie verstanden sich gut, der alte viel-vielfache Millionär, der starke
+Herrscher und stolze Arbeiter, und die arme Volksschullehrerin.
+
+»Wenn sie meine Tochter werden wollte!« Der Gedanke an diese Möglichkeit
+erschütterte ihn beseligend.
+
+Er sah der teuren Toten in die Augen, die unsichtbar in den Stunden, wo
+er sich mit sich selbst beschäftigen konnte, immer bei ihm war. -- Ihr
+Segen wäre über den Kindern -- --
+
+Aber würden sie wollen? Dieser Sohn, der zu müde und freudlos erschien,
+um noch einen Entschluß zu fassen? Dies Mädchen, das mit einer so
+entschlossenen Gefaßtheit, verschlossen ohne Kälte, zufrieden, wunschlos
+in bescheidenen Verhältnissen dahinlebte, obgleich ihre frühe Kindheit
+von Luxus umgeben gewesen war?
+
+Reue erfaßte ihn. Er hätte das Kind, als es verwaist und mittellos
+dastand, in sein eigenes Haus aufnehmen sollen, dann hätte Wynfried die
+Heranwachsende oft gesehen, vielleicht würdigen und lieben gelernt, und
+alles wäre von selbst einer glücklichen Wendung entgegengewachsen, was
+man nun gewaltsam einzubiegen und einzurenken versuchen mußte.
+
+Aber damals lebte ja seine Frau noch ... Daß er das auch nur einen
+Augenblick vergessen konnte. Seine Frau, die das Mädchen mißbildet oder
+mißhandelt hätte, auf diese feine Weise, wie sie zu mißhandeln
+verstand, durch Hochmut und Kälte, die so versteckt waren, daß sie sich
+immer ableugnen ließen, und doch so spürbar, daß man sich darunter bog
+wie unter Peitschenhieben.
+
+Nun war es zehn Minuten vor acht, gleich mußte sie kommen.
+
+Die Anlegebrücken hüben und drüben konnte er nicht von seinem Platz aus
+sehen; auch jene Stelle des Flusses, über die der Fährmann seinen Kahn
+ruderte, verbarg ihm ein Baumwipfel.
+
+Jetzt erschien ihr Haupt. -- Der Körper wuchs auf der Treppe, nun stand
+sie auf der obersten Stufe und hob das Gesicht zu ihm. Eigentlich konnte
+er von seinem hohen Sitz aus nicht jeden Zug deutlich erkennen. Aber mit
+den Augen der Seele sah er sie, als stehe sie dicht vor ihm. Ihm schien
+ihr einfaches dunkles Kleid wie eine vornehme Tracht; ihre Kleidung war
+so sorgsam -- am schlanken Halse glänzte der weiße Kragen, auf dem
+lockeren Haar saß ein einfacher gefälliger Hut. -- Unter dem Arm trug
+sie Bücher. Was für eine stolze und sichere Haltung sie hatte, und wie
+schön sie sich bewegte. Diese feinen klugen Züge, den etwas herben Mund,
+die tiefen grauen Augen -- er kannte sie seit vielen, vielen Jahren.
+
+»Klara!« sagte er lautlos zu ihr hinab. Und er meinte eigentlich doch
+eine andere Klara. Die, die längst von den Enttäuschungen ihres Lebens
+ausruhte, in jener Ruhe, die nichts mehr von sich weiß, nicht einmal die
+Wohltat fühlt, daß alle Not zu Ende ist ...
+
+Ihre Tochter! Die Tochter der Frau, die er geliebt und nie besessen
+hatte. --
+
+Zuweilen dachte er: Wenn die Welt das wüßte! Lachen würde sie, lachen
+darüber, daß Severin Lohmann das Andenken an eine entsagungsvolle Liebe
+heilig hielt.
+
+Er aber fühlte tief: auch der Rauheste, auch der Größte, auch der
+Arbeitsriese -- er verliert alle Fäden zum Verständnis der Menschen,
+verliert sich selber in Unbarmherzigkeit und Kälte, wird zur Maschine,
+wenn er nicht tief in sich ein leises kleines Feuer lebendig hält; und
+das Verlangen zur Liebe und zum Gedankenspiel mit einer Liebe, das ihm
+wie allen Sterblichen eingeboren war, hatte ihm sein Weib nicht sättigen
+können. -- Als er acht Tage mit ihr verheiratet gewesen war, wußte er
+schon, daß eine schöne Larve ihn getäuscht hatte.
+
+In den schweren und bitteren Erwägungen der heutigen Morgenstunde war
+das alles wieder zu starkem Leben erwacht, das Leiden und die Entsagung
+von einst ...
+
+Klara grüßte herauf -- und seltsam: anstatt wieder zu grüßen, streckte
+er nur die Rechte gegen das Fenster. Wie eine verlangende Geste war das:
+komm!
+
+Und sie lächelte, er sah es genau. Sie nickte, wie ein unbefangenes
+fröhliches Mädchen tut, das in gesunder Freudigkeit an seine Pflicht
+geht.
+
+Ja sie -- sie! Sie war die Gesundheit, sie war die Kraft. Sie war die
+Jugend, sie war die Schönheit. Die Liebe, das Glück.
+
+In der Stärke seines Wunsches, in der Herrengewohnheit, Wunsch und Wille
+sich untrennbar rasch vermählen zu lassen, in der grandiosen Selbstsucht
+des Verantwortlichen, der nur seine heiligen Zwecke bedenkt, in all
+diesen großzügigen Gewohnheiten seines geistigen Lebens kam ihm gar
+nicht die Erwägung, ob er auch Schicksal spielen wollte, vielleicht zum
+Unheil anderer Menschen.
+
+Er war wie benommen von dieser Autosuggestion: sie ist zur Retterin
+meines Sohnes vorbestimmt, zur Erhalterin meines Lebenswerkes. -- In ihr
+kommt ihre Mutter zurück und will durch sie erfüllen, was uns versagt
+bleiben mußte.
+
+Als die rasch Dahinschreitende seinen Blicken entschwunden war, setzte
+er die Klingel in Bewegung, mit einem so heftigen Druck, daß das
+schrille Geläute drüben im Dienerzimmer gar kein Ende nahm, und dem
+atemlos herbeilaufenden Georg ward der Befehl: »Ich lasse den jungen
+Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Um neun Uhr kommt aber Sylvester
+und malträtiert mich -- also bitte noch vorher.«
+
+»Sofort!« sagte Georg verängstigt. Denn er sollte eine Bitte überbringen
+und hatte doch einen Befehl gehört, hinter dem sich das Donnergrollen
+fürchterlichen Unwetters barg, falls der Befehl nicht augenblicklich
+befolgt werde ... Und wie sollte er das dem jungen Herrn beibringen? Der
+auf jede Bestellung nur ein lässiges, zweifelhaftes »So--o?« als Antwort
+hatte.
+
+Aber es mußte ihm doch gelungen sein, das Dringliche und Bedrohliche des
+Auftrages fühlbar zu machen. Denn einige Minuten später trat Wynfried
+Severin Lohmann bei seinem Vater ein.
+
+Der Sohn war von stattlicher Höhe, wenn er auch den Riesenwuchs des
+Vaters nicht erreichte, den wohlgeformten Schädel bedeckte hüsches
+welliges Blondhaar. Vielleicht hatten es zarte Frauenfinger so oft
+gestreichelt, daß davon eine Lichtung auf der Scheitelhöhe entstanden
+war. Das Gesicht erschien bei aller Regelmäßigkeit der Züge unauffällig
+-- sagte wenig. Die blauen Augen, die unter schön geschwungenen Brauen
+standen, blickten leer in die Welt -- ob aus Müdigkeit oder
+Gleichgültigkeit, wer konnte das sagen.
+
+Und dennoch, so verschieden Vater und Sohn waren, -- eine
+Familienähnlichkeit konnte dem schärfer Zuschauenden doch nicht
+entgehen. Das war dieselbe Kopfform, dieselbe etwas abgestumpfte Nase,
+das gleiche Wangenprofil, und wer aufmerksam in Wynfrieds Gesicht
+hineinsah, konnte darin auch eine Linie bitterer Verachtung entdecken,
+leidvoller Verachtung vielleicht, die zuweilen den rechten Mundwinkel
+ein wenig verzerrte. --
+
+Er war im Morgenanzug -- das gesteppte lila Seidenjackett, das weiß und
+lila gestreifte Seidenhemd kleideten ihn sehr gut, gaben seiner
+Erscheinung aber doch einen verzärtelten Charakter.
+
+»Guten Morgen, Vater -- verzeih, daß ich so komme -- aber es schien
+eilig. Darf ich fragen: hast du gut geschlafen?«
+
+»Mag nicht gefragt sein, hab' mich auch alle die Monate, seit dem
+Zufall, ohne deine Nachfrage beholfen,« sprach er mürrisch.
+
+Ja, das wurmte immer wieder, daß der Sohn nicht kam -- mit Extrazügen
+hätte er hereilen müssen. Aber da gerade fing er ja an zu zittern, daß
+seine Geliebte ihn verlassen könne, und das war wichtiger gewesen, das
+hatte ihn in Paris, oder wo er grad' gewesen war, mit eisernen Zangen
+festgehalten.
+
+Aber Ruhe! Fassung! Alles vergessen! Zudecken -- neu anfangen.
+
+Der alte Herr sah ihn an. Wie höflich die Frage gewesen war: »hast du
+gut geschlafen?« Als werde sie an einen Fremden gerichtet, ohne daß
+einen die Antwort im mindesten interessiere ... Jetzt bemerkte er auch
+den kostbaren Morgenanzug des Sohnes.
+
+»Höre,« sagte er offen, »ich bin kein kleinlicher Mensch. Wenn du
+Schulden gemacht hast, und ich in meiner Jugend keine, denk' ich: na ja,
+du bist der Sohn eines Millionärs, und ich war der eines hart kämpfenden
+Anfängers. Und wenn du dich morgens fast wie'n Frauenzimmer in seidene
+Frühstücksroben hüllst, wozu ich nie Zeit und Geschmack gehabt habe,
+denk' ich: andere Generationen, andere Gewohnheiten. Aber so mal ganz
+unbefangen: die Schulden stoßen mir weniger vor'n Kopf als dieses lila
+seidene Morgenraffinement. Daß es ohne Schulden und Lehrgeld nicht
+abgehe, darauf war ich nach der Erziehung gefaßt. Aber daß mein Sohn
+sich mal so von mir weg entwickeln würde, daß er weibisch tut, das ist
+mir was Fremdartiges. Nun -- Randglosse. Überhör sie, wenn du willst.
+Und nu setz dich mal da ...«
+
+Wynfried nahm in dem kleinen Klubsessel Platz, der auf der Grenze
+zwischen Erker und Zimmer, gegen die Mauerecke geschoben, für die
+Besucher des Geheimrats dastand.
+
+»Ich will gewiß niemals etwas überhören von dem, was du mir zu sagen
+wünschest,« sprach der Sohn höflich.
+
+Er saß da, etwa als habe er bei einem Minister Audienz. Aber seine
+Haltung war doch nicht mehr ganz so gleichgültig, wie sie noch gestern
+gewesen war. Dieses furchtbar grollende, schwere: »Was weißt _du_ von
+_mir_?«, das ihm sein Vater gestern entgegengeschleudert, hatte ihn die
+ganze Nacht beschäftigt.
+
+»Unsere Aussprache gestern ist resultatlos verlaufen, weil wir planlos,
+ziellos drauflos redeten -- wie man so bei der ersten Gelegenheit zur
+Entladung tut -- aber nie tun sollte. Wir wollen heute kürzer, aber
+praktischer sein,« begann der Vater.
+
+Wynfried, die Ellbogenspitzen auf den Lehnen des weiten Stuhls, hatte
+die Finger wagrecht ineinandergeschoben. Dabei kam ein goldenes
+Kettenarmband zu Gesicht, das sich um das linke Handgelenk schlang.
+
+»Ähnliches habe ich auch gedacht,« antwortete der Sohn. »Und meine
+Schulden betreffend, so wollte ich dir erklären, daß ich bereit bin,
+sie mit meinem mütterlichen Erbteil zu bezahlen.«
+
+Eine energisch abwehrende Kopfbewegung schnitt diesem Vorschlag den
+Faden der Weiterentwicklung ab.
+
+»Du hast noch kein Geld verdient und auch noch keins verdienen können.
+Die Zinsen deines Muttererbes reichen zwar nicht halb für deine
+Bedürfnisse -- falls du diese nicht sehr einschränken willst. -- Aber es
+ist ja nun mal dein einziges Einkommen, das dich von mir unabhängig
+machen könnte,« schloß er langsam mit Bedeutung.
+
+War das eine Drohung? Oder war vielmehr der verborgene Sinn so: mein
+Sohn soll sich nicht als mein Sklave fühlen? Kaum erhoben sich diese
+Fragen in Wynfried, als er auch schon den Vater weitersprechen hörte.
+
+»Dieser bescheidenen Unabhängigkeit will ich dich nicht berauben. Ich
+werde unserm Anwalt in Hamburg schreiben -- Koppen ist diskret und ein
+zuverlässiger Mann. Er soll alles in die Hand nehmen. Schicke ihm eine
+Liste deiner Schulden, oder fahr hin und sprich alles mündlich mit ihm
+durch. Es wird bis auf den letzten Heller bezahlt werden. Und Koppen
+soll mir Details ersparen ... du verstehst ...«
+
+Wynfried errötete. Er fühlte es. Und es war ihm demütigend. Die Großmut
+des Vaters rührte ihn weniger, als daß sie ihn beschämte. Zugleich
+erleichterte es ihn, daß sein Vater sich das genaue Studium der Schulden
+und ihrer Art ersparen wollte -- nicht die Rechnungen von Juwelieren,
+Pariser Damenschneidern, Automobilfabrikanten einsehen, nicht die
+Forderungen dunkler Geldmänner selbst prüfen mochte.
+
+Und wie sanft sein Vater dies alles aussprach! Als sei gütige Geduld
+sein eigentlichster Wesenszug ...
+
+Wynfried hatte ein unklares Gefühl, als sei diese vornehme Milde ein
+Vorspiel, das ihn gefügig machen solle ...
+
+Ach, gefügig ... dazu bedurfte es keiner klugen Vorbereitungen.
+
+Er war so angeekelt vom Leben, von den Frauen, von Freundschaft, von
+allem -- allem. Ihm war es ganz gleichgültig, was man von ihm fordern
+würde -- er war bereit zu allem, weil er zu nichts mehr bereit war. Er
+ließ sich schieben. Die einzige lebhaftere Regung in ihm war vielleicht
+noch eine ferne leise Dankbarkeit, daß jemand ihn schieben wolle. Aber
+Neugier, wohin er geschoben werden solle, empfand er kaum.
+
+Seine Mutter fiel ihm ein. Die sagte manchmal scherzend -- er wußte
+jetzt, zurückhorchend in seine Jugend, daß in ihrem Ton Haß
+mitgeschwungen -- sie sagte scherzend: »Er fabriziert phosphorfreies
+Roheisen -- davon ist seinem Wesen was angeflogen.« Und seltsam hörte er
+zugleich wieder dies düstere: »Was weißt _du_ von _mir_?« Es schien, als
+wolle ihn dies Wort verfolgen.
+
+Er sah seinen Vater an und begegnete einem großen, durchdringenden
+Blick, der unter den buschigen Brauen her aus diesen gewaltigen Augen
+kam -- als Kind hatte er sich vor den Augen gefürchtet ...
+
+Ihm war, als säße er armselig, nackend da. Ein Nichts vor diesem
+Überragenden.
+
+Ein nervöses Frösteln lief ihm über die Haut. War das wieder die Furcht
+wie in Kindertagen? Nein, ein neues, unerklärliches Gefühl -- wie ein
+leise aufzuckendes Elend -- darüber, daß er ein Nichts sei -- sich jäh
+als solches fühlte -- zum erstenmal.
+
+Er biß sich auf die Lippen ... Ein langes Schweigen stand zwischen Vater
+und Sohn.
+
+Endlich besann sich Wynfried, daß er etwas sagen müsse.
+
+»Ich danke dir für deine Großmut.«
+
+»Hast du dir Pläne für dein nächstes Leben gemacht?« fragte der
+Geheimrat.
+
+Wynfried hatte eigentlich nichts Deutliches gedacht. Vielleicht eine
+Reise um die Welt. Oder einen größeren Jagdausflug nach Südamerika. Oder
+ein stumpfes Vegetieren in einer Einsiedelei, irgendwo an der englischen
+Küste ... Aber er mochte nichts davon aussprechen.
+
+»Nein!«
+
+»Du bist nun achtundzwanzig Jahre alt. Du solltest an das einzige
+denken, was einem Mannesleben rechten Inhalt gibt: an Arbeit.«
+
+»Aber ich habe doch ...«
+
+»Deine sogenannten Studienjahre sind von anderen Dingen mehr ausgefüllt
+gewesen als von gründlicher Arbeit, und da nie und nirgend Examen oder
+bezahlte Leistungen von dir gefordert wurden, dürfte dir selbst das
+Urteil fehlen, wie viel oder wie wenig du weißt und kannst. Eine große
+Stellung und ungemeine Aufgaben und Verantwortungen warten auf dich.
+Noch bin ich da, und mein Wille ist, mich noch viele Jahre zu
+behaupten ...«
+
+Er atmete tief auf. Der Sohn sah mit Staunen, welch ein wunderbarer
+Ausdruck über dieses Antlitz flog -- es schien nicht mehr das eines
+gewöhnlichen Sterblichen -- monumentale Größe war darin -- Kraft von
+übermenschlicher Art. Und ihm war, als könne sein Vater selbst dem Tode
+trotzen, wenn er wolle ...
+
+Nach dieser inhaltsschweren Pause fuhr der Vater fort: »Aber du bist
+doch einmal mein Nachfolger -- du mußt dich darauf vorbereiten -- dich
+einarbeiten. Ich werde es schon verstehen, dir, trotz deiner
+vorausgesetzten Unzulänglichkeit, bei den Abteilungsvorständen die
+rechte Stellung zu machen, daß du in keine schiefe Lage kommst.
+Freilich, wie du dich zu Thürauf stellst, das wird deine Sache sein,
+und ist die allerwichtigste für dich. Dieser Mann ist mein bedeutendster
+Mitarbeiter -- geschäftlich mein anderes Ich -- trotz der völlig
+verschiedenen Individualität. Ich verdanke ihm viel -- er mir auch --
+Geben und Nehmen ist unter gemeinsam Schaffenden das nicht mehr
+auseinander zu sondernde Bindemittel. Du wirst noch viele Jahre nichts
+sein ohne ihn -- du hast schon aus allem herausgehört: es ist mein
+Wunsch, daß du jetzt hier bleibst und dich in den Betrieb einlebst. Bist
+du einverstanden?«
+
+»Ich will es versuchen,« sprach Wynfried tonlos.
+
+Diese mutlose Ergebenheit, die aus den Worten sprach, diese
+erschreckende Blässe, die sein Gesicht entfärbte, ließ in dem Vater eine
+Furcht aufblitzen ...
+
+Wie, wenn Wynfried trotz allem noch nicht mit jener Frau fertig war?
+Wenn ihm sein Bleiben hier so etwas wie Gefangenschaft bedeutete, die
+ihn von ihr absperrte?
+
+»Ein Vater darf fragen, wenn er den Sohn so wiederbekommt, wie ich dich
+-- gestehst du mir das zu?«
+
+»Ja.«
+
+»Drei Jahre hat dich die Frau festgehalten. Früher dacht' ich, wenn ich
+so von ewig wechselnden Liebschaften hörte: wenn er doch mal _eine_
+fände, die ihm das Sichverzetteln abgewöhnt. Na -- der Wunsch wurde mir
+erfüllt. Wie das so manchmal mit Wünschen geht -- man bekreuzigt sich,
+daß man sie gehabt hat ... Donnerwetter! Die eine hat dich ein Vermögen,
+Nerven, ein paar schöne Jugendjahre gekostet -- und mich -- mich hat sie
+auch was gekostet. Glaub nur -- es war ein harter Augenblick, als man
+mir dein Telegramm gab -- 'Unabkömmlich -- hoffe auf deine rasche
+Genesung'-- Unabkömmlich! -- Wenn der Tod an des Vaters Lager steht!
+Und warum unabkömmlich? Weil du rasend warst aus Eifersucht und Angst,
+eine -- _Dirne_ zu verlieren ...«
+
+Die Faust ballte sich -- die Worte waren schwer von Schmerz.
+
+»Verzeih -- ich war von Sinnen,« sagte der Sohn mit schwacher Stimme.
+
+»Und endlich mußtest du _doch_ begreifen! Grad saßest du auch so fest in
+Schulden, daß nichts mehr blieb als die Flucht zu mir. Da verließ dich
+die edle Dame -- weil sich ein dummer Kerl von exotischem Adel fand, der
+ihr standesamtlich 'ne Neunzackige aufsetzen wollte. Aber nu sage mal,
+Wynfried -- so Mann den Mann gefragt: bist du kuriert von der
+Leidenschaft? Liebst du das Weib noch? Haßt du sie? Was dasselbe wäre.
+Wie ist es mit deinem Herzen bestellt?«
+
+»Herz?« sagte Wynfried, und der verächtliche Zug erschien in seinem
+Mundwinkel. »Das wird einem totgeschlagen durch solche Erfahrungen. Ich
+verachte diese Frau und alle Frauen.«
+
+»Nun, nun,« meinte der Geheimrat, und ein Lächeln, tiefsinnig und fast
+zärtlich, spielte über sein Gesicht, »es gibt noch edle Frauen. Und ein
+Herz ist gottlob wie die Natur: es blüht wieder auf --«
+
+Wieder war der Sohn von Staunen wie benommen.
+
+Er verspürte Weichheiten. Sie waren ihm etwas nie Geahntes bei seinem
+Vater. Woher kamen sie? Waren sie früher nur tiefer verborgen gewesen?
+Oder hatte die Brüchigkeit und der Gedanke an den doch vielleicht nahen
+Tod ihn verändert?
+
+»Und kurz und gut,« sprach der Alte aus seinem mächtigen Sessel heraus,
+wo er sich so oft als Prometheus fühlte, »kurz und gut: ich denke, du
+heiratest. Ein liebes edles Weib wird deinem Dasein höheren Inhalt
+geben. Ohne Familie hält es sich hier auch wohl schwer aus. -- Die
+scharfe Arbeit braucht ein mildes Gegengewicht. -- Nur durch eine Frau
+kann dein Gemüt wieder ins Gleichgewicht kommen. Du bist nun mal aufs
+Weib gestellt. -- Jetzt aber soll es eine sein, vor der du den Hut
+abnimmst.«
+
+»Kurz und gut« hatte der Vater gesagt. Als schließe sein Vorschlag lange
+Verhandlungen über die Werte des Familienlebens ab. Und doch fiel das
+seinem Sohn sozusagen auf den Kopf. --
+
+Er lächelte. So überrascht war er. Aber das Lächeln losch gleich hin. Er
+begriff auf der Stelle, daß es seines Vaters fester Wille war.
+
+Das elende Gefühl, vor ihm ein Nichts zu sein, kam ihm wieder. Zugleich
+das dunkle noch andrängende, rasch aber klarer werdende Erkennen, daß
+vielleicht in diesem entscheidenden Augenblick seines Sohneslebens
+Gehorsam das einzige Mittel sei, das Wohlwollen und Vertrauen des Vaters
+zu erringen -- das Verlangen danach wallte in ihm auf -- zum erstenmal,
+seit er denken konnte.
+
+»Aber deshalb heiratet man doch nicht!« dachte er. Er dachte es ohne
+heftige Abwehr. Nur in einer matten Regung des Eigenwillens. Er fühlte
+sich zu zerbrochen zum Kampf.
+
+Jahrelang war er in wahnsinniger Leidenschaft der Sklave eines Weibes
+gewesen. Sie hatte ihn verraten und verlassen. Der Rest war Widerwillen
+gegen Welt und Weib.
+
+»Nun!« mahnte der Vater in aufkochender Ungeduld. Irgend etwas wollte er
+doch auf seinen Vorschlag hören.
+
+»Und du hast dir gewiß auch schon ausgedacht: welche,« sagte Wynfried
+ausweichend.
+
+»Ah -- ob! Du wirst dir Mühe geben müssen, angenommen zu werden.«
+
+Wie das Wynfried peinigte. Seine ganze Seele war wund. Sein Vater, in
+der Naivität, die geniale Menschen haben können, wenn es sich um ihre
+heimlichen Poesien und Herzenswünsche handelt, schien nicht zu ahnen,
+daß er vielleicht unzart vorgehe ...
+
+»Wer ist es denn?« fragte er gleichgültig, höflich -- nur um den Vater
+nicht zu reizen.
+
+»Klara Hildebrandt.«
+
+»Die Tochter von deinem früheren Generaldirektor -- der sich erschoß --
+wegen verfehlter und verbotener Spekulationen -- du hast dich des Kindes
+angenommen -- die --?«
+
+»Ja -- die.«
+
+»Ich weiß noch, wie Hildebrandt mit seiner Frau und seiner ganz kleinen
+Tochter ankam. -- Es gibt so Dinge -- man behält sie, obschon sie
+eigentlich nebensächlich sind und nichts mit einem selbst zu tun haben
+-- aber zeitlich mit irgendwas verknüpft sind, was damals einem wichtig
+war. -- Ja, ich weiß noch -- Mama bestimmte die Bepflanzung der Anlage,
+deren Erdarbeiten gerade fertig geworden waren -- ich hatte so viel
+Kummer davon gehabt, weil ich gern mitgegraben und gekarrt hätte und
+nicht durfte. -- Da kamen Hildebrandts und mußten aussteigen, weil der
+Weg versperrt war -- und Mama sagte gleich, daß sie sie nicht leiden
+möge. -- Die Frau war sehr schön -- ich begriff damals nicht und auch in
+den folgenden Jahren nicht, weshalb sie mir immer so schön und so ganz
+anders vorkam. -- Jetzt weiß ich: sie hatte wohl einen seltenen Zauber
+reiner Weiblichkeit -- wenn ich mich recht erinnere ...«
+
+»Ja, du erinnerst dich recht,« sprach der alte Mann langsam, »in ihr
+waren Schönheiten ... ein Wunder war sie ...«
+
+Und sein Gesicht bekam einen Schein, als läge Andacht darauf.
+
+Sein Sohn sah ihn an -- ihre Blicke begegneten sich, ruhten lange
+ineinander. Und wieder war dem Sohn, als höre er den Vater sagen: »Was
+weißt _du_ von _mir_!«
+
+Ihm fiel ein, wie der Vater damals voll Großmut alles vertuschte, was
+dem ungetreuen Beamten noch im Grabe den Schein der Ehre hätte nehmen
+können ... Wie er der Frau beigestanden, die nicht lange danach hinstarb
+-- wie er für das Kind gesorgt. --
+
+Und unverwandt sahen sie sich an, Vater und Sohn --
+
+Bis der Vater, wie in einem stolzen Bekennen der Reinheit für sich und
+eine Tote, hoch und frei sein Haupt erhob ...
+
+Da war es Wynfried, als habe er an Pforten gestanden, hinter denen
+unantastbare Heiligtümer verschlossen gehalten würden ...
+
+»Ich habe Klara Hildebrandt seit vielen Jahren nicht mehr gesehen,«
+sprach er langsam.
+
+Sein Vater reichte ihm die Rechte hin. -- Obgleich Wynfried wußte, der
+junge Doktor Sylvester werde jeden Augenblick erwartet, um die
+Behandlung mit Massage und Elektrizität zu beginnen, die täglich zweimal
+vorgenommen wurde, fühlte er doch, daß diese Verabschiedung aus einer
+seelischen Aufwallung heraus erfolgte. Aber er spürte auch einen festen
+Druck der Hand -- war das Versöhnung? eine stumme Überredung? ein neues
+Bündnis zwischen zweien, die von der Natur aufs engste verbunden waren,
+sich aber nicht gekannt hatten bis zu dieser Stunde?
+
+Kannten sie sich denn jetzt?
+
+Und es war dem Sohne, als dürfe er das Wort des Vaters auch für sich in
+Anspruch nehmen und gegen ihn kehren und auch fragen: »Was weißt _du_
+von _mir_?«
+
+Da durchschauerte es ihn: was weiß ich denn selbst von mir? Und das
+elende Gefühl der Lebensleere, der Nichtigkeit kam abermals über ihn.
+
+Er ging in sein Zimmer und warf sich wieder auf sein Bett.
+
+Er starrte ins Unbestimmte.
+
+»Eine Kugel durch den Kopf -- das wäre das richtigste ...«
+
+Aber vor diesem Gedanken erschrak er. Denn ihm war, als sähe er seines
+Vaters Angesicht. -- Er hatte eine Vision. -- Sein Vater stand an seiner
+Leiche, aber der alte Mann weinte nicht -- Verachtung war in seinen
+Zügen, die furchtbar schienen.
+
+Und die Angst vor dieser Verachtung zwang ihn zum Leben zurück -- das
+fühlte er.
+
+Aber wie leben? Unter welchen Möglichkeiten?
+
+Ah -- gleichviel unter welchen -- wenn sie ihm nur Inhalt für sein
+Dasein vortäuschten.
+
+Diese Leere trieb ihn sonst doch noch zu dem, was sein Vater verachten
+würde.
+
+
+
+
+2
+
+
+Nun war es Sonntag. Aber Leupold fühlte, daß sein Herr sich nicht in der
+beruhigten Stimmung befand, wie sonst, wenn Fräulein Hildebrandt
+erwartet wurde.
+
+Vor dem Klubsessel, dem Audienzstuhl, deckte er den Teetisch. Sonst
+paßte der Geheimrat sogar auf, ob auch schöne Blumen aus den
+Treibhäusern heraufgeholt worden waren, denn die Blumen durfte Fräulein
+Hildebrandt nachher mitnehmen. Ja, er hatte sich wohl schon den Teller
+mit Kuchen zeigen lassen, um nachzusehen, ob die Cremetörtchen vorhanden
+seien, die Fräulein Hildebrandt gern zu essen scheine. Leupold machte
+sich manchmal Gedanken über das starke Interesse seines Herrn an Klara
+Hildebrandt. Er wußte: die Hildebrandts hatten damals schon ihre
+zweijährige Tochter mitgebracht -- wenn also böswillige Menschen davon
+munkelten, Klara solle die natürliche Tochter des Geheimrats sein, so
+war das nur böswilliger Klatsch. Anderseits, wenn er so völlig von ihr
+umsponnen war, weshalb hatte er sie denn nicht schlankweg zu seiner Frau
+gemacht? Vor einem Jahr noch war der Geheimrat eine wunderbare,
+stattliche, fürstliche Erscheinung, und es wäre doch nicht das erste Mal
+gewesen, daß ein fünfundsechzigjähriger Millionär sich das Vergnügen
+machte, eine zweiundzwanzigjährige junge Dame zu heiraten.
+
+Leupold beschloß aber solche Betrachtungen immer mit dem bestimmten
+Wort: Dazu ist er zu klug! Und er war natürlich mit solcher Klugheit
+sehr zufrieden, denn er sah, ohne sich dessen bewußt zu sein, seinen
+Herrn einfach als sein Eigentum an. Durch eine Wiederheirat wäre er in
+den Hintergrund gedrängt worden. Er war seinem Herrn unentbehrlich, und
+das wollte er bleiben. Diese Empfindung war sein eigentlicher
+Lebensinhalt.
+
+Heute nun kümmerte der Geheimrat sich um nichts, sah kaum die Rosen an,
+die Leupold vorwies, und wehrte unwillig ab, als der Kuchenteller zur
+Begutachtung gezeigt wurde.
+
+»Was er wohl hat,« dachte der Diener. Das Leben seines Herrn lag so
+durchsichtig vor ihm hingebreitet, daß er sich trotz aller ihm wirklich
+eigenen Diskretion nicht enthalten konnte, sogleich zu begrübeln, was er
+gelegentlich an einer Stimmung nicht verstehen konnte.
+
+Die heutige Undurchdringlichkeit der Herrenlaune schien besonders
+rätselhaft.
+
+Der Geheimrat hatte freilich so viele schwere Gedanken, daß sie ihm wie
+zyklopische Blöcke im Gemüt lagen. Seine Intelligenz, seine
+Lebenserfahrung, sein starkes Gefühl versuchten sich an diesen schweren
+Dingen. Aber ihnen war nicht beizukommen.
+
+Zum erstenmal geschah es ihm, daß er einfach keine Antwort wußte auf die
+Frage: Wie fang' ich das an?
+
+Wynfried war noch am Tage jener Unterredung nach Hamburg gereist und
+hatte mit dem Rechtsanwalt Koppen alle diese trüben Finanzangelegenheiten
+durchgesprochen. Damit war das erledigt. Es galt nur noch, sobald Koppen
+alle Forderungen auf Recht und Reinlichkeit geprüft haben würde, einen
+Scheck mit einer wahrscheinlich sehr großen Zahl auszuschreiben. Heute
+mittag war er schon wieder zurückgekommen. Der Vater mochte keinen
+Zeugen beim Essen haben, denn es war ihm peinvoll, wenn er mit einer
+Hand Vorgeschnittenes aufgabeln mußte. So aß jeder für sich. Wynfried
+unten im Speisesaal voll schön stilisiertem Prunk. Der Geheimrat in
+seinem Sessel, der seine Gruft und sein Thron zugleich war. Bei der
+Begrüßung erschien es aber dem Vater, als sei der Ausdruck seines Sohnes
+noch nicht ein bißchen heller und freundlicher. Die gleiche vornehme
+Apathie, die so empörend auf den kraftvollen Riesen wirkte, der sich
+noch wie ein Koloß an Willen vorkam, trotz der halbseitigen Lähmung,
+gegen diesen gleichgültigen jungen Mann ...
+
+Er hatte gebeten, was nach des Geheimrats Einbildung »bitten« hieß, in
+der Tat aber einfach immer wie ein Kommando klang, daß Wynfried doch um
+fünf Uhr zum Tee heraufkommen möge.
+
+»Dann kann ich dich ihr vorstellen.«
+
+Wynfried wußte von selbst, daß damit Klara Hildebrandt gemeint sei. Er
+verbeugte sich nur gehorsam zustimmend. Seine Gedanken verschwieg er.
+Sie lauteten ungefähr: Sie werden sagen, der Vater hat ihn mit dem
+ersten besten Mädchen verheiratet, bloß damit er in Ordnung kommt. »Sie«
+-- seine Genossen der letzten tollen Lebemannsjahre, all diese jungen
+Männer, die in ihren Vätern vor allem nur die Geldquellen sahen -- und
+andere »Freunde«, die auf seiner Freigebigkeit und Sorglosigkeit
+schmarotzten. Und all die »Freundinnen«, die ihn zu trösten und
+anzupumpen suchten und ihn betäuben halfen -- -- Ja, all diese würden
+sich totlachen und es sich zuschreien: Wißt ihr, Winni hat man zum
+Standesamt geschleppt ... Aber es war egal, was diese spotteten -- alles
+war egal --
+
+Nun saß der Geheimrat da, wuchtig und groß, in der Umrahmung der
+gelbgrauen Lederlehne, und versuchte vergebens die Frage vom Fleck zu
+wälzen: Wie fang' ich das an?
+
+Er fühlte, daß er des Gehorsams Wynfrieds sicher sein konnte und daß
+dieser pünktlich gegen fünf Uhr eintreten würde.
+
+Sollte er die Zeit vorher benutzen, um Klara vorzubereiten auf seinen
+Plan und Wunsch? Sollte er hoffen, daß Wynfried, von ihr bezaubert, mit
+neu erwachendem männlichen Mut darauf ausgehen würde, sich das Mädchen
+zu erobern? Lag nicht die Gefahr nahe, daß er mit zu offenem Wort das
+feine herbe Kind kopfscheu machen würde, wie ein scheues Wild von einem
+ungewohnten Laut vergrämt wird? -- War es klüger, zu schweigen oder zu
+reden? den Dingen ihren Lauf lassen?
+
+Aber wer verbürgte ihm denn, daß ihm Zeit blieb, den Lauf der Dinge
+abzuwarten? Wußte er so gewiß, daß sein Wille zum Leben siegreicher war
+als der Dunkle, der neben ihm lauerte?
+
+Und war Wynfried in seiner Schlappheit und blassen Unlust wohl der Mann,
+dem ein Mädchenherz schnell zufliegen konnte?
+
+Ganz tief in seinem Unterbewußtsein war ja das Gefühl: Sie wird es
+meinetwegen tun ...
+
+Aber dem Gefühl verbot er die Deutlichkeit. -- Es sollte doch für sie
+kein Opfer werden! Sie sollte Aufgaben, Reichtum, Achtung, Zuneigung
+finden, und damit das Glück ...
+
+»Wie fang' ich es an?«
+
+Er fand keine Antwort.
+
+Und so beschloß er, der sonst die Dinge mit klaren Vorsätzen und starken
+Händen lenkte, sich zunächst von ihnen lenken zu lassen. Er wollte
+abwarten, wie weit Gespräch und Stimmung und jenes unwägbare Gefühl für
+die Gunst oder Ungunst des Augenblicks ihm erlauben würden zu gehen.
+
+Er kam durch diesen Entschluß ein wenig innerlich zur Ruhe. Wunderbar
+wohl und frisch war ihm zumut, so daß es ihm selbst erstaunlich schien
+-- bei seinem Zustand!
+
+Der Sonntagsfrieden draußen und drinnen hatte für ihn etwas Pastorales.
+Früher war er nie dazu gekommen, ihn überhaupt zu bemerken.
+
+Sonntäglich war ihm zumut, obschon draußen von pastoralem Frieden keine
+Rede sein konnte. Düsteres Gewölk flockte sich wie jeden Tag durch den
+bläulichen Dunst, der die Schornsteine und die düsteren Burgen der
+Hochöfen und ihrer Genossen, der starren schwarzen Winderhitzer,
+umspann. Emsig krochen die Erzwagen zwischen dem Gerippe der
+Schrägaufzüge zur Höhe der Öfen hinan, und die dumpfe Musik von tausend
+fallenden, zischenden und stoßenden Geräuschen summte durch die Luft.
+
+Aber die Belegschaft, die in Verfolg des automatischen Wechsels der
+Arbeit jetzt vierundzwanzig Stunden frei hatte, gab sich der
+Sonntagsfreude oder Ruhe hin. Auf der Landstraße gingen saubere und
+geputzte Menschen vorbei. Manche blieben stehen, um mit der Fähre nach
+Schlutup hinüberzufahren, wo es bescheidene Unterhaltungen gab.
+
+Die Sonne schien. Über dem weiten Land lag Helle, und der Fluß
+glitzerte. Er war belebt von Booten, und weiße Segel wurden vom Winde
+träge gebläht. Am Himmel zogen Wolken. Ihre Schatten flogen mit und
+schoben sich über die Felder, goldgrüne Wiesen für eine Weile dunkel
+fleckend.
+
+Ins Zimmer kamen sie nicht. Das war der Mittelraum des ersten
+Stockwerkes. Das breite Fenster und der große Erker sahen gegen Osten,
+auf die Anlagen, das Städtchen und den Fluß und die Landschaft, die
+drüben hinter dem Städtchen sich weit und breit dehnte. Vom Erker hatte
+man auch den Blick auf das Werk.
+
+Es hatte den Geheimrat viel gekostet, sich an den Raum zu gewöhnen.
+Quälende Erinnerungen hingen daran. Es war einst das Zimmer seiner Frau
+gewesen. Aber es lag so bequem neben seiner Schlafstube, daß man es wohl
+oder übel hatte als Tagesaufenthalt einrichten müssen, seit seine
+Lähmung ihn hinderte, die Treppen hinabzukommen. Aber er freute sich
+doch auf die nächste Woche, dann sollte der Lift fertig sein, der für
+seinen Gebrauch eingebaut worden war und der ihn und seinen Stuhl hinab
+in das Erdgeschoß und zugleich in den Park befördern sollte. Diese
+Aussicht erschien ihm wie das Ende einer Gefangenschaft, und bald
+vielleicht, bald konnte er sich hinüberfahren lassen aufs Werk -- und
+bald vielleicht auch kam in sein Haus das Glück, und es begann zu blühen
+-- wirklich zu blühen ...
+
+O nein, er wollte noch nicht sterben! Und er empfand wieder jenen
+wunderbar trotzigen Willen zum Leben.
+
+Früher hatte er nie an den Tod gedacht und das Leben als etwas
+Selbstverständliches hingenommen. Nun war in ihm ein förmlich
+künstlerisches Verständnis erwacht für das Wunder, das man Leben nennt.
+Und er wußte, wie klug, dankbar und vorsichtig man damit umgehen muß.
+
+Sein Sohn, der spielte noch frevelhaft damit. So war es seine
+Vaterpflicht, über diesen Sohn zu verfügen, wie man eben Spieler
+entmündigen muß. Denn sie sind die Schädlinge, in deren Händen alles
+zerrinnt. Wohlstand, Ehre, Frieden, Glück. Ganz einerlei, womit sie
+spielen -- welchen Namen ihr Spiel hat: Karten, Börse, Weiber, Pferde --
+im letzten Grunde ist es immer Spiel mit dem Höchsten, was man hat: dem
+Leben selbst.
+
+So grübelte dieser Starke, der stark war, weil er sein ganzes Dasein
+hindurch ein Arbeitender gewesen.
+
+Und da unterbrach ihn die eine, an die er mit väterlicher Zärtlichkeit
+sein Herz gehängt hatte.
+
+Leupold meldete Fräulein Hildebrandt an, und schon erschien sie in der
+Tür und eilte mit raschen Schritten auf den Stuhl zu, aus dem sich ihr
+weit eine Rechte entgegenstreckte.
+
+»Wie sie ihrer Mutter gleicht,« dachte er, jedesmal neu von der
+Ähnlichkeit ergriffen.
+
+Vielleicht war die in der Tat gar nicht so ungewöhnlich, jede
+Möglichkeit zu vergleichen fehlte ihm. -- Er besaß kein Bild von der
+längst Dahingeschiedenen. Seine Erinnerung, seine Phantasie waren
+vielleicht die unzuverlässigsten Maler. Wer wollte entscheiden.
+
+Klara selbst war stolz und glücklich, wenn man ihr sagte, sie gleiche
+der Mutter. Denn verwaiste Töchter kennen kein schöneres Ideal als die
+Gestalt einer ihnen früh geraubten Mutter.
+
+Jedenfalls hatte sie die gleiche mittelgroße Gestalt, das braune,
+reiche, lockere Haar, die tiefen dunkelgrauen Augen und in den feinen
+Zügen den etwas herben Mund. Ihre dunklen Brauen zeigten eine auffallend
+gerade Linie; dies vor allem gab dem Gesicht einen Ausdruck der
+klassischen Strenge und zuweilen des Leides, dem aber ihr unbefangenes
+Wesen voll gelassener Freundlichkeit zu widersprechen schien. Weil es
+Sonntag war, hatte sie das schulmeisterliche dunkle Kleid abgelegt, und
+sie trug zu einer weißen Bluse einen hellgrauen Rock. Hut und Jacke
+waren unten in der Garderobe geblieben, denn der alte Herr mochte nicht
+haben, daß sie wie ein Besuch dasaß, der gleich wieder fort muß.
+
+»Also, liebe Klara, ich muß Ihnen ganz etwas Neues erzählen: mein Sohn
+ist wieder da!«
+
+»Das hat mir Frau Doktor schon erzählt,« sagte Klara, »der junge Herr
+Severin Lohmann sei bei uns vorbeigefahren, kurz vor Tisch.«
+
+»Hätt' ich mir denken können. Ihre alte Lamprecht ist der reinste Spion,
+und wenn wir sie auch die Lamprächtige getauft haben -- 'ne kleine alte
+Klatschbase bleibt sie doch.«
+
+»Ach Gott, so ein beschränktes Altfrauenleben,« sagte Klara und zuckte
+entschuldigend die Achseln ... »Sie meint es doch rührend mit mir.«
+
+»Na, das wollten wir uns auch ausgebeten haben.«
+
+Sie schenkte, als sei sie hier die Haustochter, den Tee in die Tassen
+und sprach unbefangen weiter: »Schön für Sie, daß Sie nun den Herrn Sohn
+hier haben. -- Er war so lange nicht zu Haus.«
+
+»Mehr als drei Jahre nicht. Das waren keine guten Dinge, die ihn so
+lange fernhielten. -- Liebe Klara -- in der Welt draußen haben sie
+meinen Einzigen tüchtig zerzaust. Er bedarf der Ruhe. -- Er muß sich
+besinnen, daran denken, daß er noch mein Sohn ist. Er muß so
+gewissermaßen von vorn anfangen. Wo könnte er's besser als hier. Arbeit
+und Familie -- das ist die Gesundheit.«
+
+»Ach,« dachte Klara, »wie ist dieser Sohn zu beneiden, mit diesem Vater
+zusammen ein Familienleben zu führen; zu solchen Aufgaben berufen zu
+sein ...«
+
+Sie sagte: »Ich, die ich ohne Elternhaus aufwuchs, und fast ohne
+Tradition -- ich denke es mir herrlich, einem so festgegründeten Haus
+anzugehören. -- So ein Haus bekommt Geschichte. -- Wie Sie die Gründung
+Ihres Vaters weiterführten, so wächst nun Ihr Sohn in all dies hinein.«
+
+»Wer weiß -- wenn sein persönliches Geschick die glückliche Wendung
+nimmt, die ich erhoffe -- dann gewiß! Er müßte ja auch zu sehr aus der
+Art geschlagen sein, wenn er nicht Liebe zum Werk bekäme -- wo so das
+Herzblut und der Angstschweiß von Vater und Großvater daranhängt. -- Ein
+wenig müßt' ihm doch der Mut des Großvaters und die Zähigkeit des Vaters
+imponieren. -- Wenn ich an meinen Vater denke! Welche Phantasie! Welche
+Kühnheit! Welche Sorgen! Ich sage Phantasie -- denn wissen Sie, liebes
+Kind, man denkt immer: die ist ein Göttergeschenk des Künstlers -- seins
+allein! Kein Schaffender kann ohne sie schaffen, denn er muß das, was
+sein Wille und seine Hoffnung vorausschaut als eine große Möglichkeit,
+das muß er vor sich sehen, kraft seiner Phantasie. Kein Politiker, kein
+Industrieller, kein großer Handelsherr ohne Phantasie. Hätte Bismarck
+keine Phantasie gehabt, wären wir kein einiges Deutschland geworden!
+Mein Vater, der scheinbar so kleine bescheidene Ingenieur, besaß einen
+ganzen Posten davon -- mehr als Geld -- das weiß Gott. Aber er besaß die
+Wunderkraft der Menschen, die an ihr Ziel glauben. Und dann hatte er
+diese fanatische Heimatsliebe der Hanseaten, die auf so zähen Stolz
+gebaut ist. Vielleicht sind sie darin den Schweizern noch über, denke
+ich oft. Und er erkannte: Industrie, große Industrie muß sein -- sie
+allein kann dem alten Stadtstaat wieder Blüte bringen -- und dies
+Landgebiet, das sie an den Ufern der Trave hat, so nahe der Ostsee. --
+Daß man hier ein Hüttenwerk anlegen könne, das schien fast unglaublich.
+Die Menschen, die was davon verstanden, die sagten: eines muß doch von
+Natur aus da sein: Erz oder Kohle -- aber beides heranschaffen -- das
+macht ja die Produktion zu teuer. Aber er blieb fest. Er rechnete vor:
+wenn das Heranschaffen von Erz und Kohle auch große Kosten verursache,
+dafür habe man den billigen Wasserweg für das fertige Produkt und die
+Zufuhr von fremden Erzen, die sich schließlich die Binnenlandwerke auch
+auf weiten Transportwegen heranbringen lassen müssen. Mit was für
+Engelszungen muß er geredet haben! Wer widerwillige Scheckbücher zum
+Aufblättern bringt -- na, der muß schon was Suggestives an sich haben.«
+
+Klara hörte andächtig zu. Sie hatte ein unersättliches Interesse an
+allem, was sein Werk und sein Leben und sein Haus betraf.
+
+»Das Kapital war aber viel zu klein, mit dem er anfing -- er selbst
+verstand auch nichts von Hüttenchemie -- kann sein, daß er nicht von
+vorn an die rechten Leute neben sich hatte. Es war ein Tasten und Ringen
+-- ein Sorgen und Arbeiten, und immer die Gefahr des Zusammenbruchs
+neben sich. Ja: toll! Was für Jahre! Und die Ehrenhaftigkeit meines
+Vaters, an dem die verzweifelte Angst zehrte, fremdes Geld könne durch
+ihn verloren gehen ... Na, das hat ihn ja auch vor der Zeit aufgerieben.
+-- Als Junge von vierzehn mußte ich schon hinaus -- lernen -- lernen. --
+Wenn man so im Sorgendunkel aufwächst, sieht man scharf ins Helle
+hinaus. -- Und ich sah bald, woran es bei uns lag. Ich biß die Zähne
+zusammen und schwor mir: ich mach's! Als der Vater starb, war ich ein
+Jüngling von zwanzig und beim Grafen Stürkgen in Schlesien in Stellung
+-- zwanzig Jahre, und sollte ein verschuldetes Werk übernehmen, das
+teilweise falsch angelegt war und auch an seiner Kleinheit krankte --
+gewisse Unternehmungen brauchen von vornherein große Dimensionen.
+
+»Nun, der Graf Stürkgen hatte ja wohl Vertrauen zu mir. Er gab mir
+seinen Direktor mit -- einen Mann von kolossalem Wissen und Können. --
+Der sah sich alles an, prüfte alles durch. Und Stürkgen wagte es, auf
+den Bericht hin, mich zu stützen. Da fingen Jahre an! Donnerwetter! Die
+ersten sieben forderten was ... Dann sah man: es kommt! Im zehnten hatt'
+ich den Sieg! Und vor fünfzehn Jahren gewann ich mir Thürauf als
+Mitarbeiter. Er ist der eigentliche Schöpfer all unserer
+Nebenproduktionen, die unsere Erträge fast verdoppelten ...«
+
+Er verlor sich in Nachdenken.
+
+Das junge Mädchen wagte kaum, sich zu rühren.
+
+Sie spürte wohl, dieser Rückblick war nicht leicht. Aller Stolz kann den
+Sieger nicht vergessen machen, was der Kampf ihn gekostet.
+
+»Ja, das Schicksal hat mich an die rechte Stelle gesetzt,« sprach er
+dann weiter, »ich hatte gerade die Fäuste, die hier zum Anpacken nötig
+waren. Eins war bitter ... Mein Vater hätte noch erleben müssen, was aus
+'Severin Lohmann' zu werden begann. Er war keiner von den verblendeten
+Vätern, die den Söhnen nichts zutrauen. Er schickte mich ja gerade so
+früh hinaus, weil er mich als Mitarbeiter haben wollte. Bin ihm auch
+immer dankbar, daß er dem Werk seinen eigenen Namen gab, es nicht nach
+einem symbolischen Vogelvieh oder nach einem griechischen Gott taufte,
+was ihm vielleicht nicht ganz fern gelegen hätte. Na, nun sind Werk und
+Mann eins -- auch dem Namen nach -- und daß mein Junge den sentimentalen
+Wynfried vor seinem Severin Lohmann tragen muß, das war eines von den
+Ärgernissen, in deren Erfindung meine Frau groß gewesen ist.«
+
+»Nun weiß ich doch aus Ihrem eigenen Munde die ungefähre Geschichte von
+Severin Lohmann,« sagte Klara. »Aber wenn ich so bedenke, wie über alles
+Maß anderer Menschen hinaus Sie gearbeitet haben, wird es mir immer
+rätselhafter, daß ...«
+
+»Daß was, liebes Kind?«
+
+Sie schlug die Augen zu ihm auf. Sah ihn gerade an. Bat um eine offene
+Antwort, mit aller Kraft ihrer sprechenden Blicke.
+
+»Daß Sie so viel Zeit, so viel Gedanken und so viel Güte für mich hatten
+und haben. Darüber habe ich oft nachgedacht. Zahllose drängen sich an
+Sie mit Bitten um Hilfe. Aus Ihrer Beamtenschaft starb mancher hinweg
+und hinterließ Witwe und Waisen. Ich weiß es, daß Sie alle mit Geld
+gestützt haben, solange es Ihnen nötig schien. Keiner Waise haben Sie
+sich angenommen wie meiner.«
+
+»Aber Kind, wie kommen Sie gerade jetzt darauf, mich das zu fragen?«
+antwortete er ausweichend und sehr beunruhigt.
+
+Klara stand jetzt neben seinem Stuhl, eine von ihren Händen, die Linke,
+lag auf der Lehne seines Stuhles. Er schaute unwillkürlich auf diese
+Hand, die so sehr den edlen beredten Händen der geliebten Toten glich.
+
+»Früher,« sagte sie, »wenn mich ab und zu die Doktorin Lamprecht zu
+Ihnen schickte, mit dem Vierteljahrszeugnis, zu Neujahr, zu Ihrem
+Geburtstag, da war ich ein etwas furchtsames Kind -- es ist so
+natürlich, sich vor Ihnen zu fürchten,« schaltete sie ein, -- »ich wäre
+bereit gewesen, mich für Sie totschlagen zu lassen. Aber so geradewegs
+dreist mit Ihnen sprechen? O nie! Dann kam ich ja zwei Jahre nach
+Hamburg in Pension und machte mein Examen. Und nachher war ich wohl
+couragierter und fühlte, wie gütig Sie mich ansahen und wie milde Sie
+sprachen. -- Bitte, Herr Geheimrat, lachen Sie nicht über mich -- aber
+Ihre Stimme ist ganz anders, wenn Sie zu mir sprechen, als zu andern
+Leuten.«
+
+Er sah sie tief an -- und mit einem so rätselhaften Ausdruck, daß es sie
+etwas befangen machte.
+
+Weniger zutraulich, zögernder fuhr sie fort: »Aber auch dann hatte ich
+keine Gelegenheit, recht mit Ihnen zu sprechen. Wie wäre mir das
+zugekommen, Ihre Zeit mehr als für Minuten in Anspruch zu nehmen! Kaum
+daß ich Ihnen zu danken wagte, daß Sie mir meinen Wunsch erfüllten und
+mich hier an der Schule anstellten.«
+
+»Jetzt aber, heute kommen Sie mit der Sprache heraus?«
+
+»Seit Sie erkrankten, seit ich mich anbot, Sie zu pflegen, was freilich
+alles nicht angenommen wurde -- aber ich darf doch jeden Sonntag
+kommen ...«
+
+»Ja, und bei dem alten Mann im Krankenzimmer die Zeit verbringen, die
+gesünder im Freien verbracht würde,« unterbrach er sie ablenkend. Sie
+aber blieb bei ihrem Wunsch, zu wissen, endlich zu wissen ...
+
+»Und da habe ich nach und nach gelernt, mich hier heimisch zu fühlen. --
+Ihre Güte erlaubte mir das, und nun traue ich mich auch, zu sprechen.
+Bitte Herr Geheimrat, ich hab' manchmal gedacht: vielleicht hat Ihnen
+mein Vater sehr wichtige Dienste geleistet?«
+
+Der alte Mann erschrak, auf solche Auffassung war er nicht vorbereitet
+gewesen. -- Ihr Vater ... dem er Treulosigkeit, Schädigung und
+Selbstmord zu verzeihen gehabt! -- Aber sie war ja ahnungslos. Er hatte
+manchmal gedacht, die Doktorin Lamprecht würde den Befehl, zu schweigen,
+nicht zu halten imstande sein, wo sie sonst etwas an triebhafter
+Geschwätzigkeit litt -- aber so sind Frauen: schwatzen und klatschen --
+und können dennoch manchmal völlig schweigen -- wo sie lieben und
+schonen wollen ...
+
+Welche Lage! Mußte die Tochter nicht doch einmal die Wahrheit über ihren
+Vater erfahren? Lüge oder auch nur Unwissenheit läßt sich nicht für
+immer aufrechterhalten. Die Wahrheit schleicht wie auf einem Nebenweg
+doch immer schritthaltend mit, und plötzlich gibt eine böswillige Hand
+oder ein Zufall ihr einen Anstoß, und sie fällt dem Ahnungslosen vor die
+Füße.
+
+Aber er wollte nicht der Grausame sein, dem Kinde zu sagen: Dein Vater
+war ein Sünder, an allem, was er besaß, an Weib, Kind und Amt ...
+
+Nein, er nicht ... und gerade jetzt nicht in dieser Stunde.
+
+Er wußte nicht, daß er sich trotz allen Kraftgefühls doch recht
+verändert hatte seit seinem Schlaganfall und daß er nicht mehr in so
+eiserner Selbstbeherrschung seine Nerven zu bezwingen vermochte wie
+früher. Seine Stirn war ganz rot, seine Hände zitterten bemerkbar ...
+
+Aber da waren ja diese beredten Blicke, die ihn mit unwiderstehlicher
+Innigkeit um die Wahrheit baten.
+
+Und er antwortete, während er diesen Blicken auswich: »Ihr Vater? O
+nein! Wichtige und treue Dienste? O nein!«
+
+Sie schwieg betroffen. Viele viele Herzschläge lang. Seine Röte, -- die
+heisere Stimme, wie Menschen sie haben, die an ihren Worten würgen. --
+Das sehr starke Zittern seiner ungelähmten Hand, und vor allem sein
+abgleitender Blick. -- Dies Auge wich ihr aus? -- Dies gebieterische
+Herrenauge, das sonst andere bezwang -- was bedeutete das?
+
+Ihr Frauengefühl wollte nun erst recht nicht von dem Wunsch ablassen, zu
+wissen.
+
+»Wegen meiner Mutter?« fragte sie langsam.
+
+Da blitzten die mächtigen Augen sie wieder hell an.
+
+»Ja,« sprach er, »Ihre Mutter -- ich habe -- sie war -- -- Liebes Kind!
+Ich habe Ihre Mutter sehr lieb gehabt.«
+
+»Und meine Mutter?« fragte Klara weiter. Ihre Farbe hatte sich
+verändert, ihr war, als wolle irgend eine dunkle Angst über sie kommen
+-- daß sie mit ihren Fragen an Tragik rührte, die besser ungeweckt und
+verschleiert bliebe.
+
+Der alte Mann aber sagte mit einer wunderbaren Einfachheit und
+Gefaßtheit, die das junge Mädchen ergriff: »Ihre Mutter und ich, wir
+wußten es rasch -- wir waren füreinander bestimmt gewesen -- sie mein
+Segen und Trost, ich ihr Halt und Schutz. Aber wir durften es uns kaum
+gestehen, die Hoffnungslosigkeit war vom ersten Augenblick an mit uns.
+Meine Frau hätte mich niemals freigegeben -- nie -- aus kleinlicher
+Schadenfreude nicht. -- Unsere Lage war bitter -- sie war gefährlich --
+aber in unserem Schicksal hatten wir einen wunderbaren Schutz ...«
+
+Klara sah ihn wartend an. Da schloß er langsam: »Die _Würde_ deiner
+Mutter ...«
+
+Sie kniete nieder neben seinem Stuhl, etwas zwang sie -- und sie küßte
+seine Hand. Er entzog sie ihr und legte sie auf ihren Scheitel. Unter
+ihrem schweren Druck richtete sie doch ihr Gesicht ein wenig empor und
+ihm zu. Sie sah ihn mit grenzenloser Verehrung an.
+
+»Ich wollte, du wärest meine Tochter, oder du würdest es!« sprach er.
+
+Sie lächelte mit Tränen in den Augen.
+
+Sie erhob sich, ganz arglos nahm sie diese Worte.
+
+»Es war immer schon, als wär' ich's, wie ein Vater haben Sie an mir
+gehandelt. Aber nun ist es doch, als sei ich Ihnen noch näher
+gekommen ...«
+
+Ihr Gemüt war ihr nun übervoll. Viel hätte sie wissen mögen -- von ihrer
+Mutter -- vom Herzeleid dieser beiden ihr heiligen Menschen -- von der
+Frau, die zwischen dem Manne und ihrer Mutter gestanden. Aber auch ihr
+eigener, leiblicher Vater mußte ja dazwischen gestanden haben -- was war
+es mit ihm? Weshalb erwähnte der alte Herr nur seine Frau, nicht aber
+den Gatten ihrer Mutter?
+
+Und in ihr Ohr kam der seltsame Ton zurück, in welchem der Geheimrat
+gesagt: »Ihr Vater wichtige, treue Dienste? O nein!«
+
+Dies »O nein!« barg eine Ablehnung, so schroff, so wegwerfend, wie sie
+der Sprecher selbst mit Vorsatz gewiß nicht hatte verraten wollen.
+
+Und plötzlich fiel es ihr noch schwer auf, daß er, der in so starken
+Worten die Mitarbeiterschaft des Generaldirektors Thürauf rühmte, über
+die ihres Vaters schweigend hinwegging.
+
+Das hatte irgend einen geheimnisvollen Grund ...
+
+»Ich muß wissen,« dachte sie entschlossen. Denn sie war ein mündiger
+Mensch und brauchte in allen Dingen ihres Innenlebens immer Klarheit.
+
+Aber sie fühlte, daß sie den alten Herrn nicht weiter fragen dürfe --
+wenigstens nicht in diesem Augenblick. Seine heiße Röte vorhin, das
+Zittern seiner Hand -- das hatte sie erschreckt. Er durfte sich doch
+nicht aufregen.
+
+Sie hörte, daß die Tür geöffnet wurde. Gottlob, Leupold oder sonst
+irgend jemand kam, und das half sofort, die Stimmung und das Gespräch in
+das Alltägliche hinüberzubringen -- wie es eben für den noch
+Schonungsbedürftigen am besten war.
+
+Sie wandte sich um und wußte auf der Stelle: der da herankam, das war
+Wynfried -- der Sohn. Viele Jahre hatte sie ihn nicht gesehen und kaum
+je wirklich mit ihm gesprochen.
+
+»Hier, Wynfried, ich kann dich nun meinem Pflegetöchterchen vorstellen
+-- Fräulein Klara Hildebrandt.«
+
+Klara reichte ihm freundlich die Hand.
+
+»Wie freue ich mich für Ihren Vater, daß Sie hier sind.«
+
+»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein, ob ich Anspruch auf gemeinsame
+Kindheitserinnerungen erheben darf,« sagte er.
+
+»Aber nein -- garnicht. Solche wollen wir nur nicht konstruieren. Sie
+waren nicht nur durch die sechs oder acht Jahre, die Sie mehr haben, von
+mir getrennt. Sie waren immer nur von fern sichtbar, mit dem Hauslehrer
+oder Ihrer Mutter.«
+
+»Ja -- ich durfte mich nie austoben. Mama war so ängstlich mit mir --
+ich weiß noch: Damals erschien es mir als das Herrlichste von der Welt,
+nur einmal eine kolossale Prügelei haben zu dürfen.«
+
+»Der sieht freilich aus, als hätte er viel Kummer gehabt,« dachte sie
+mitleidig, während er sprach. Welche Sorge für den Vater -- den einzigen
+Sohn so seltsam förmlich, so unjung, als wäre er eigentlich lieber nicht
+hier, zu sehen. Draußen in der Welt hätten sie ihn »zerzaust«, hatte
+sein Vater vorhin gesagt. Ruhe müsse er haben, sich besinnen. Und ihre
+natürliche Mädchenneugier fragte sich: Unglückliche Liebe? Das machte
+ihn ihr doch gleich interessant.
+
+»Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie meinen Vater besuchen und erheitern.«
+
+»Das Dankenmüssen ist ganz auf meiner Seite. Alles, was ich bin, bin ich
+durch Ihres Vaters Güte. Aber ich komme nicht aus Dankbarkeit. Es ist
+mein Stolz und mein Glück, daß ich kommen darf.«
+
+Sie sah den alten Herrn mit innigem Blick an, und er nickte ihr zu.
+
+Wynfried hatte ein unbehagliches Gefühl -- als sei er hier zwei
+Verbündeten ausgeliefert. Wußte dies Mädchen um seines Vaters Wünsche?
+Unmöglich! Dann konnte sie nicht so unbefangen sein.
+
+Die klaren und unverbindlichen Antworten, die sie ihm gab, machten es
+ihm schwer, weiter mit ihr zu sprechen. Er sah wohl, daß sie sehr schön
+war und denselben Zauber der Weiblichkeit hatte, wie einst ihre Mutter
+ihn besaß. Das drückte sich so erkennbar in jeder leisen Bewegung, im
+Klang der sanften Stimme aus.
+
+Diese Art von Schönheit, deren eigenster Reiz die Verbindung von
+strengen Linien mit weicher Anmut war, hatte ihn nie zu fesseln
+vermocht.
+
+Aber er war sozusagen mit allen Interessen und Nerven auf Frauen
+eingestellt -- die alte Gewohnheit, auf jede einzugehen, ihr angenehm
+sein zu wollen, wurde unbewußt wach in ihm. Dazu kam das neugierige
+Wissen, daß dies die Frau sei, die sein Vater für ihn bestimmt hatte --
+und der halbklare Wunsch, seinem Vater guten Willen zu zeigen.
+
+Er holte sich einen Stuhl und setzte sich Klara gegenüber an den Tisch,
+der neben dem Krankheitsthron stand.
+
+»Ich sehe, Leupold hat für drei aufgedeckt. Es ist also vorgesehen, daß
+Sie mir auch gütigst eine Tasse Tee gönnen sollen.«
+
+Während Klara ihn bediente, meinte sie: »Wenn Ihr Vater jetzt auch Sie
+hat -- überflüssig komme ich mir doch nicht vor. Männer, die die ganze
+Woche von der Arbeit zusammen sprechen, würden es auch noch
+Sonntagnachmittags tun, wenn da nicht jemand wäre, der sehr wenig davon
+versteht.«
+
+»Ah, Sie wissen, daß ich hier bleiben werde?«
+
+»Ist es ein Staatsgeheimnis? Ich habe es Fräulein Hildebrandt erzählt,«
+warf der Geheimrat ein.
+
+Wynfried verbeugte sich im Sitzen leicht gegen Klara, als wolle er
+sagen, daß er sich keine willkommenere Mitwisserin seiner
+Angelegenheiten denken könne.
+
+»Und Sie haben die Geduld und den Mut, gnädiges Fräulein, die Kinder der
+Arbeiterschaft zu unterrichten?«
+
+»Nun, irgend etwas mußte ich doch tun, um meine Kräfte zu brauchen und
+mein Brot zu verdienen,« sprach sie ruhig.
+
+»Aber gab es nicht reizvollere Beschäftigungen, die Ihnen mehr Freude
+gebracht hätten? Etwa der Posten einer Gesellschaftsdame in einem großen
+Hause, wo viele Menschen verkehren, wo man reist, Kunst genießt, tanzt
+-- Vater mit seinen Beziehungen hätte Ihnen doch leicht dergleichen
+verschaffen können.«
+
+Der Geheimrat wartete mit Vorfreude auf die Antwort -- diese ganze Szene
+unterhielt ihn überhaupt auf das Spannendste. Er selbst war ja der Mann
+der ersten Eindrücke, der raschen Entschlüsse. Er fühlte, oder vielmehr
+er bildete sich ein: man wird schon heute sehen, ob es geht mit den
+beiden!
+
+Klara schüttelte nur leise den Kopf.
+
+»Hier kam ich her, als ich zwei Jahre alt war, so weit reichen meine
+Erinnerungen natürlich nicht zurück. So ist es mir, als sei ich hier
+geboren. Hier bin ich aufgewachsen -- inmitten des Werks habe ich meine
+ersten Eindrücke gehabt -- später hab' ich an seinen Grenzen gelebt,
+immer in der Umwelt, die durch das Werk Verdienst, Wohlstand und Inhalt
+hatte. Meinen Unterhalt, seit ich Waise war, verdanke ich Ihrem Vater,
+ihm meine Ausbildung und daß ich nun auf eigenen Füßen stehe und
+selbstverdientes Brot essen kann. Nie hab' ich etwas anderes im Gefühl
+gehabt, vor mir gesehen als dies eine, daß auch ich für 'Severin
+Lohmann' tätig sein müsse. Wie sollt' ich's? Als Buchhalterin?
+Stenographin? So im Bureau sitzen? Ach nein, das wäre nicht mein Fall
+gewesen -- dabei wäre ich mir nur wie ein Instrument vorgekommen. Ich
+mag erziehen -- auf andere ein wenig wirken können, Entwicklung zu sehen
+macht doch Freude. So drängte es sich auf, daß ich Lehrerin werden
+mußte. Ich könnte in der Stadt an der höheren Töchterschule
+unterrichten. Aber da hätte ich keinen Teil gehabt an 'Severin Lohmann'.
+Indem ich die Kinder von Severinshof unterrichte, kommt's mir vor, als
+ob ich ein wenig, ein ganz klein wenig und sehr von fern für Ihren Vater
+und in seinem Sinn arbeite. Konnte es wohl anders sein?«
+
+»Nein, liebe Klara, anders konnte es nicht sein,« sprach der Geheimrat.
+»Sie sind mit mir, mit uns, mit dem Werk für immer verbunden ...«
+
+Er mußte sich Mühe geben, nicht mehr zu sagen.
+
+Wynfried horchte ein Weilchen stumm ihren Worten nach ... Er fühlte so
+beklemmend, daß er, der Sohn und Erbe, seinem Vater und dem Ganzen hier
+ferner und fremder war als dieses Mädchen, das mit allem unlöslich
+verwachsen schien ... Er bekam eine Ahnung, daß seines Vaters Wunsch
+noch in anderen Dingen wurzelte als in dem Verlangen, des Sohnes Leben
+in Ordnung zu bringen und gleichzeitig die Tochter einer vielleicht
+einst geliebten Frau zu versorgen ...
+
+Klara blieb heute länger als sonst. Sie war gewohnt, zu warten, bis der
+alte Herr durch irgend ein Wort ihr das Gefühl gab, sie dürfe gehen.
+Heute, wenn das mühsam sich hinschleppende Gespräch ganz verstummen
+wollte, suchte er es im Gegenteil immer neu zu beleben.
+
+Sie war zu arglos, um es auffallend zu finden, daß seine Fragen sie
+nötigten, viel von sich zu sprechen. Von ihren Jugendjahren bei der sehr
+zärtlichen, unentschlossenen, umständlichen und zum Erziehen eigentlich
+gar nicht berufenen Doktorin Lamprecht, die ihr auch heute noch eine
+treue Mama, aber in gar keiner Hinsicht strenge und autoritativ sei,
+erzählte sie mit einem leisen Humor. Von ihren durch ihren Beruf
+geregelten Tagen mußte sie berichten, und von den bescheidenen kleinen
+Zerstreuungen. Man hörte wohl heraus: wenn alte Damen zu Kartenspiel und
+Kaffeeschwelgereien zusammenkamen, saß sie still dabei mit einer
+Handarbeit und hatte ihre Gedanken für sich. Es gab mal ein paar
+Vorträge im Winter, einen Kasinoball und ein Sommerfest, die man
+mitmachte, denn der Geheimrat hatte selbst für die Doktorin Lamprecht
+und ihre Pensionärin die Mitgliedschaft bei der von ihm unterstützten
+Kasinogesellschaft erwirkt und bezahlte für die Damen den Beitrag. Und
+Klara sagte, es gebe da immer einige, die sie fühlen ließen, daß sie als
+Volksschullehrerin nicht recht unter die Honoratioren gehöre -- und man
+spürte, daß ihr derlei nicht verletzend, sondern nur ein lustiges
+Pröbchen von Dummheit war.
+
+Wynfried sah so in ein Mädchenleben hinein, das ihn wie eine Legende
+anmutete. Das gab es? In solchen Beschränkungen konnte ein weibliches
+Wesen es aushalten? Und sie schien zufrieden? Ganz und gar. Das fühlte
+er durchaus.
+
+Und dies am meisten, diese Klarheit und Wunschlosigkeit in der
+Begrenzung machte ihn betroffen.
+
+Aus welchen Quellen kam das empor, so erstaunlich wohltuend und
+beruhigend?
+
+Sein Herz war in schwülen Feuern verbrannt -- vielleicht für immer.
+Seine Phantasie war ermattet, im atemlosen Rausch immer neuer
+Vergnügungen an immer wechselnden Schauplätzen.
+
+Welch ein Gegensatz zwischen der Welt, in der er seine ersten Jünglings-
+und Mannesjahre vertan, und diesem Idyll. Ihm war, als sehe er vor
+seinem geistigen Auge dicht neben einem glitzernden Durcheinander von
+Seidenglanz, funkelnden Steinen, flatterndem Chiffon, dunkelummalten
+Augen, roten Haaren, rosigen Wangen, wippenden Federn ein stilles,
+grünes Stückchen Wald ...
+
+Und das Mädchen bäumte sich nicht einmal auf? Empörte sich nicht, daß
+Schönheit und Jugend in Gefahr war, unbemerkt zu verblühen, daß die
+Möglichkeit vorlag, ihr ganzes Leben in der Enge versanden zu sehen? --
+Seine Mama fiel ihm ein. In welch schneidender Mißlaune sie immer
+gewesen war während der wenigen Monate im Jahr, die sie neben der
+Arbeitsstätte ihres Gatten verbringen mußte -- wie sie floh, sobald sie
+konnte. Und damals erschien ihm seine Mama immer als ein Opfer ...
+
+Er sah: diese Klara gab keine Rolle. Die freundlich-ruhige Stimmung war
+ihr wirklicher Seelenzustand! So unglaubhaft es ihm schien, er fühlte
+sich dennoch gezwungen, zu glauben.
+
+Er wurde nach und nach sehr schweigsam.
+
+Und Klara fing an, bedenklich zu werden: blieb sie nicht unbescheiden
+lange? Warum gab der Geheimrat nicht wie sonst ein Zeichen? Und die
+Doktorin Lamprecht, die es nicht kannte, daß ihr Schützling nicht mit
+uhrenmäßiger Pünktlichkeit heimkam ...
+
+Sie stand auf.
+
+»Darf ich jetzt gehen? Tante Lamprecht ängstigt sich sonst.«
+
+»Wynfried bringt Sie nach Haus,« bestimmte der alte Herr.
+
+»O nein -- danke sehr -- nein --,« lehnte Klara ab.
+
+Er verneigte sich höflich, sich widerspruchslos in die Ablehnung
+ergebend ...
+
+»Klara, liebes Kind, ich habe einen Wunsch,« sagte der alte Herr, ihre
+Hand in seiner Rechten haltend. »Sie wissen, ich mag keinen
+Tischgenossen an meiner Krankentafel -- Wynfried muß unten allein essen
+-- kommen Sie doch diese nächsten Tage -- bis er etwas eingelebt ist --
+etwa diese ganze Woche, und essen mit ihm. Ihr Weg führt Sie ja doch
+vorbei, Leupold soll eins von den Fremdenzimmern für Sie als
+Tagesquartier einrichten. Nachmittags bekomm' ich dann auch mein
+Stündchen, als wäre alle Tage Sonntag.«
+
+Wynfried fand diesen Vorschlag »faustdick«. Er meinte, sie _müsse_
+merken, was sein Vater wünsche ... Er stellte auch fest, so gebieterisch
+sich auch noch die alte Wucht und Größe seines Vaters aufzurecken
+vermochte, so ungebrochen auch durch die Krankheit sein Wesen noch
+schien: wurden nicht neue, weichere, ein wenig greisenhaft kindliche
+Züge zuweilen bemerkbar?
+
+Eine schwache Neugier auf ihre Antwort wollte sich in ihm regen. Aber er
+war ja eigentlich sicher, daß sie beseligt zugreifen würde. Und er
+konnte dann bei diesen Diners zu zweien (an was für andere Diners zu
+zweien war er gewöhnt, fast ironisch huschte es durch sein Gedächtnis)
+weitere Betrachtungen darüber anstellen, welche Figur er künftig abgeben
+werde, als Gatte dieser offenbar beinahe vollkommenen jungen Dame, die
+der Aufgabe, ihn zu einem Tugendbold zu erziehen, ja schon von Berufs
+wegen so gewachsen sein würde.
+
+Um seine Lippen zuckte es. Er _wollte_ spotten.
+
+Aber in ihm war zugleich so viel Unsicherheit -- so überflüssig erschien
+er sich neben diesem Mädchen und seinem Vater.
+
+Klara war wohl etwas erstaunt über diese Einladung, doch vor allen
+Dingen verlegen, weil sich eine derartige Einrichtung, auch nur eine
+Woche lang, nicht mit ihren Pflichten vereinbaren ließ.
+
+»Ja, wenn Ferien wären! So kann ich es aber nur am Mittwoch,« sagte sie
+kurzweg.
+
+Der Vater sah hierbei zum Sohn hinüber. Fast ein wenig triumphierend.
+Hatte er nicht prophezeit: du wirst dich dazu halten müssen, angenommen
+zu werden.
+
+Als Klara gegangen war, kam erst Leupold, den Tisch abzuräumen. Und
+Leupold konnte sich wieder Gedanken machen, denn zwischen Vater und Sohn
+herrschte vollkommenes Schweigen. Sonst wurden keine Gespräche wegen
+dieser Dienerohren unterbrochen, nicht einmal die Geheimrätin hatte
+früher ihrer scharfen Rede Zügel angelegt, während er die Schüsseln
+anbot. Und ungeachtet seiner Anwesenheit und Zeugenschaft warf der
+Geheimrat bisweilen den spitzen Reden ein Donnerwort entgegen, daß sie
+dann stumm sich hinter zusammengekniffenen Lippen zurückhielten.
+
+Somit stand es für Leupold fest: wenn in seiner Gegenwart geschwiegen
+wurde, gab es Dinge von höchster Ärgerlichkeit oder geheimnisvollster
+Wichtigkeit. --
+
+Der Geheimrat wartete nur, bis die Tür sich hinter ihm geschlossen
+hatte, um zu fragen: »Nun?«
+
+»Was -- nun? Forderst du von mir, daß ich, nach dem Zusammensein von
+einer Stunde, mich schon bereit erkläre, das Mädchen zu heiraten?«
+
+»Nein,« sagte der Vater, »da sei Gott vor. Aber den Eindruck möchte ich
+wissen.«
+
+»Wohltuend -- ganz und gar -- ja. Aber ich muß sie doch erst ein wenig
+näher kennen lernen -- muß mich erst einmal in Ruhe fragen, ob ich so
+etwas wagen kann, darf. Junge Mädchen träumen von einer großen Liebe --
+wie sollt' ich die vorlügen und vorheucheln können! Ich werde mich
+nicht in sie verlieben. -- Ich? -- Nach allem: nein! Und sie? Glaub mir,
+ich habe keinen Eindruck auf sie gemacht.«
+
+»Man lernt sich in der Ehe lieben,« sagte sein Vater.
+
+»Oder hassen,« setzte der Sohn hinzu, und er dachte an seine Mutter, die
+seinen Vater gehaßt hatte.
+
+»Heiraten, das ist ein Entschluß von großer Tragweite,« sprach er
+weiter.
+
+Es schien dem Alten trotz der seinen Wünschen günstigen ersten Worte,
+als höre er nur Lauheit, Energielosigkeit, Ablehnung.
+
+»Eine Heirat allein kann deinem Dasein neuen Inhalt und Richtung geben.
+Was solltest du sonst anfangen mit deinem Leben?« fragte er schweren
+Tones -- der grollte gleichwie aufkochender Zorn.
+
+»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte der Sohn zerquält. --
+
+Klara aber schritt mit eiligen Füßen über die Straße dahin, auf die
+Treppe zu, um hinunter zur Fähre zu kommen. Aber sie konnte nicht ohne
+Aufenthalt vorwärts kommen. Eine Arbeiterfamilie begegnete ihr. Die
+Kinder drängten sich an sie und wollten »Fräulein« durchaus die Anemonen
+schenken, deren Stengel in den kleinen Fäusten schon warm geworden
+waren. Und die Mutter erzählte schmeichlerisch, daß die Kinder immer nur
+von Fräulein und Fräulein schwärmten, und wollte wissen, ob Artur und
+Lieschen auch artig seien.
+
+Sie hielt freundlich stand.
+
+Und doch brannte in ihr eine große Ungeduld. Sie dachte nicht mehr an
+Wynfried, der doch nun eine neue Gestalt im hiesigen Leben war. Sie
+dachte nur an den einen einzigen Augenblick, in dem der Geheimrat mit
+ausweichendem Blick, feindseligem Ton und zitternder Hand von ihrem
+Vater sagte: »Treue, wichtige Dienste -- o nein!«
+
+An der Fährbrücke unten an der Treppe mußte sie noch warten, der Kahn
+kam erst vom anderen Ufer heran. Vier, fünf junge Männer saßen auf der
+umlaufenden Bank. Im Hutband trugen sie einen kleinen Buchenzweig oder
+ein paar Primeln. Halbverwelkt hing der Schmuck auf die Filzränder der
+Hüte herab. Aber die jungen Männer hatten sich doch den Frühling
+anheften wollen, wie ein Zeichen. Der Fährmann stand aufrecht im Kahn
+und trieb mit starkem Ruderschlag seinen Kahn scheinbar zu weit oberhalb
+des Anlegesteges auf die Uferböschung zu, der sachtfließende schmale
+Strom drückte aber so sehr gegen den Kahn, daß die endliche Landung
+genau an der Stufe der Brücke erfolgte. Die Männer stiegen aus, und
+Klara stieg ein. Und wieder hinüber ging die Fahrt auf den hellen Hang
+zu, dessen weißsandige Wand von dem roten Städtchen überkrönt war. Dies
+Hin und Her von Ufer zu Ufer war sonst immer für Klara voll Reiz. Das
+dunkle tiefe Wasser glänzte, der Ruderschlag rauschte leise ... es war
+so viel Ruhe darin und ein wenig von der Romantik alter Zeiten.
+
+Aber sie war bei dieser heutigen Heimfahrt zu erregt, um die Stimmung zu
+genießen. Ganz verworrene und plötzlich beängstigend werdende
+Erinnerungen tauchten auf -- sahen nun, da sie vor dem Auge einer
+Gereiften erschienen, ganz anders aus, als die Tatsachen sich einst dem
+Kind dargestellt hatten. -- Die Zehnjährige hatte nur an einem Morgen
+voll unaussprechlicher Ängste erfahren, daß ihr Vater über Nacht einem
+Herzschlag erlegen sei. Das Grauen vor der Nähe des Todes, der stumme
+Jammer der Mutter -- ein seltsames Hasten und eine scheue Angst im Haus
+-- dazwischen dann die Gestalt des Geheimrats -- düster und
+beherrschend. -- Und daß niemand, niemand den Toten hatte sehen dürfen.
+-- Am selben Tag noch wurde der Sarg geschlossen -- die Schrauben
+knirschten so -- man hörte sie. -- Die Mutter bebte nebenan und preßte
+ihre Tochter heftig an sich. -- Damals dachte Klara, das sei immer so,
+wenn ein Mensch sterbe -- all diese Einzelheiten. -- Heute mit einem
+Male wußte sie: da war etwas zu verstecken gewesen ...
+
+Es gibt jähe Erkenntnisse, nach Jahren kommen sie, es ist, als griffe
+eine Hand nach einem und risse eine Binde von unseren Augen.
+
+Und so, gejagt von dem Vorsatz, die Wahrheit zu wissen, vom angstvollen
+Wahn sich sogleich heilen zu lassen oder auch dem Traurigsten ins
+Gesicht zu sehen -- so kam sie in der kleinen Wohnung an ...
+
+Das Häuschen der alten Frau Lamprecht lag am Kirchplatz. Es hatte über
+dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk, und vom Ziegeldach sah noch ein
+Giebelfenster hinüber nach den Linden, die die Backsteinmauer der Kirche
+umstanden. Das erste Stockwerk war an den Hauptmann von Likowski
+vermietet. Seine beiden Pferde hatte er im Stalle auf dem Hofe, wo einst
+das Doktorwägelchen stand, wenn es durch die Toröffnung neben dem Hause
+hereingefahren.
+
+Vier überraschend geräumige Zimmer gaben den Frauen Behaglichkeit genug.
+Die Küche lag hinter der Treppe mit den Fenstern nach dem Durchgang zum
+Stall. Seit Klara nach bestandenem Examen zurückgekommen und alsbald
+angestellt worden war, hatte sie ihr Wohnzimmer für sich. Damit war sie
+von ihrer Pflegmutter als selbständiger Mensch anerkannt worden.
+
+Es hatte der alten Dame viele Erwägungen und umständliche Besprechungen
+gekostet, bis ihre Sachen auf den Boden gebracht wurden und dafür Klaras
+Einrichtung, die von der verstorbenen Mutter stammte, heruntergeholt
+werden konnte.
+
+Diese Einrichtung war Klaras einziges Erbe, und sie wußte es, daß sie
+den Besitz nur dem Geheimrat verdankte. Ganz vollständig war alles
+beisammen geblieben, so wie es einst im Wohnzimmer der Mutter gewesen:
+der Sekretär, der halbhohe Teeschrank, die Kommode, Sofa und Stühle von
+dunkelblankem Mahagoni, mit den graublauen Stoffen von dickem
+Seidendamast; die Bücher, die Uhr mit dem gelbbronzenen Zifferblatt
+zwischen kleinen Alabastersäulen, die auf ihren Kapitälen einen Steg von
+Alabaster trugen, auf dem fiedelnd ein Amor entlang zu tänzeln schien --
+der Schöpfer dieser Uhr hatte sicher den anmutigen Gedanken gehabt, daß
+demjenigen, für den die Stunden schlugen, die Liebe heiteren Inhalt
+geigen möge.
+
+Und Klara dachte oft, mit welch schweren Empfindungen ihre Mutter das
+heitere kleine Bilderwerk oberhalb der Zeiger betrachtet haben möge.
+
+Denn sie ahnte immer, daß ihre Mutter nicht glücklich gewesen sei.
+
+Heute war aus der Ahnung eine Gewißheit geworden.
+
+Klaras Zimmer lagen nach hinten. Ihre Straßenaussicht hätte die alte
+Frau keinem Menschen geopfert, und sie sagte, Klara wäre es ja doch
+einerlei, ob sie auf den Hof oder auf den Kirchplatz hinaussähe. Jetzt
+lauerte die Doktorin schon lange hinter den Scheiben, und der graue Kopf
+bog sich alle paar Sekunden sehr schräg nah an das Glas hin, um die
+Stelle zu erspähen, wo die Straße in den Platz einmündete und wo Klara
+zuerst sichtbar werden mußte. Kaum erschien sie in Blickweite, so
+deuteten ihr auch schon lebhafte Gesten an, daß sie mit Unruhe erwartet
+wurde, und das erste Wort, das sie hörte, war das erwartete: »Wo bleibst
+du, ich ängstigte mich.«
+
+Und zugleich nahm sie schon ihren Kneifer ab und legte ihn auf den
+Nähtisch vor sich, was immer eine Art von Zurüstung auf ein
+ausführliches Gespräch bei ihr bedeutete.
+
+»Es kam mir so vor, als wünsche der Geheimrat, mich länger dazubehalten.
+Ich wußte nicht recht, was ich sollte.«
+
+»Hast du den Sohn kennen gelernt? Wie war er?« fragte sie in brennender
+Neugier.
+
+Denn in dem Städtchen liefen allerlei Gerüchte herum -- auf sachten,
+aber sehr emsigen Füßen, von Haus zu Haus. Und sie hatten ihren stillen
+bösen Gang begonnen damals, als Wynfried nicht am Lager seines Vaters
+erschien ...
+
+»Doch. Flüchtig. Er war sehr höflich,« sagte Klara. Sie wußte längst,
+daß Zurückhaltung gegenüber der alten Frau geboten sei. Sie kannte es
+schon, welchen Genuß und welche Genugtuung es der Doktorin bereitete,
+bei ihrer Skatpartie die zu sein, die am genauesten über die Vorgänge im
+Hause des Geheimrats unterrichtet war.
+
+Aber Neugier spürt nicht so leicht das Ausweichen eines anderen. Und die
+Fragen klangen auch noch minutenlang durch das Zimmer. Wie sah er aus?
+Sehr verlebt? Schienen Vater und Sohn gespannt? Will er hier bleiben?
+Wird er gleich offiziell Teilhaber? Kam es dir vor, als ob er gern hier
+sei?
+
+Klara antwortete auf alles sehr beruhigend, und als sie sagte, das
+Verhältnis zwischen Vater und Sohn sei ihr ganz natürlich und herzlich
+vorgekommen, war die Doktorin zufrieden. So hatte sie doch etwas als
+ganz »wahr und wahrhaftig« weiterzuerzählen. Ihr unruhiges kleines
+Gehirnchen war dann schon wieder bei ganz anderen Wichtigkeiten.
+
+»Denke dir, die Heimdorfs hatte schon wieder ein neues Frühjahrskostüm
+an, sie ging vorhin vorbei. Wie der Mann das gut macht, all den Luxus.
+-- Und denke dir, weißt du, wen ich gesehen habe? Den neuen
+Oberleutnant, den Freiherrn von Marning. Eine Erscheinung! Vornehm, sag'
+ich dir! Er besuchte den Hauptmann. Sie gingen in den Stall. Als ich sie
+treppab kommen hörte, lief ich in dein Zimmer und paßte hinter den
+Gardinen auf. Er ist noch oben, gleich geht er -- horch -- wir wollen
+achtgeben, du sollst sehen: eine schöne Männererscheinung ...«
+
+Und sie rückte schon ein wenig, um sich besser hinter den Mullfalten der
+Vorhänge zu verbergen.
+
+Klara fühlte sich ja manchmal gequält von dem eifrigen Teilnehmen an den
+Gleichgültigkeiten rundum.
+
+Aber ihre Dankbarkeit zwang sie zur Geduld und zu freundlichem Eingehen,
+wenn auch mit noch so flüchtigem Wort. Heute aber war sie auf dem Punkt,
+sich davon ermattet zu fühlen.
+
+»Was geht mich der Freiherr von Marning an?« sagte sie.
+
+Und plötzlich brach es aus ihr heraus.
+
+»Ich bitte dich -- laß die fremden Leute -- komm -- ich muß mit dir
+sprechen, dich etwas fragen --«
+
+Sie legte den Arm um die Erschrockene und zwang sie vom Fenster fort.
+
+»Du hast mich lieb. In zehn Jahren, seit ich bei dir lebe, hast du es
+mir bewiesen. Sag liebe, liebe Lamprächtige, würdest du mich belügen,
+wenn ich dich etwas fragte?«
+
+»Aber Kind!« Das war ja die alte Frau gar nicht gewohnt, daß Klara so
+starke Töne anschlug. -- Sie war doch fast nie zärtlich, und nie
+aufgeregt. Und brauchte nun gar die scherzhafte Benennung, die der
+Geheimrat aufgebracht hatte, in so leidenschaftlicher Weise.
+
+»Wie sollt' ich dich wohl belügen wollen! Was ist denn?«
+
+»Sage mir, was war mein Vater für ein Mann? Und an was starb er in so
+frühen Jahren?«
+
+Wie strenge Klara aussah -- die geraden Brauen schoben sich näher
+zusammen, ihre Augen brannten.
+
+Welche Frage! Mein Gott, hatte sie nicht immer gefürchtet, daß das arme
+Kind irgendwann einmal den alten Geschichten nachfrage!
+
+Und wenn Klara etwas so durchaus wollte! Die kleine gute Alte hatte wohl
+eine dumpfe Erkenntnis davon, daß sie dem Mädchen nicht gewachsen war.
+In Klara war irgend etwas Starkes. Man spürte es selten. Aber dann war
+man ganz klein davor ...
+
+»Kind, Liebling, frag mich nicht. Ich muß schweigen.«
+
+»Ah --« Klara beugte sich näher zu ihr, förmlich Angst bekam die alte
+Frau. -- So drang schon diese Bewegung auf sie ein ...
+
+»Ah -- also es ist etwas zu verschweigen ...«
+
+»Ich habe es doch dem Geheimrat versprochen,« klagte sie. »Wäre das
+nicht wie ein Hochverrat, wenn man ein Versprechen bräche, das _dem_
+Manne gegeben worden war?«
+
+»Er soll es nie erfahren, nie, daß du mir die Wahrheit sagtest. Wenn du
+sie mir nicht sagst, gehe ich zum Pastor, oder zum Standesamt, von Mann
+zu Mann, bis ich den finde, der weiß ...« drohte Klara. Sie war nun
+völlig außer sich.
+
+Also es gab Schmachvolles zu verbergen!
+
+»Niemand weiß etwas Genaues,« sprach die Alte ängstlich. »Man flüsterte
+wohl damals ... Aber der Geheimrat -- du kennst ihn ja. -- Er _wollte_
+alles versteckt lassen. Und wenn er was will! Dann ist es ja egal, was
+es kostet. Und er zwingt alle Menschen. Es gelang, alles zu vertuschen.«
+
+Diese Art, von den Dingen zu sprechen und sie nicht zu nennen, wurde für
+Klara zur Folter.
+
+»Sag doch endlich, was denn -- was denn ...«
+
+»Nun in Gottes Namen, da du mir gar keine Ruhe läßt, und wenn du mir
+versprichst, mich nie zu verraten ...«
+
+»Ich verspreche es,« sagte Klara hart und fest.
+
+Und da Schwätzer immer fest auf die Verschwiegenheit anderer Leute
+bauen, nahm sie dies Versprechen für einen Schwur.
+
+Ganz erschöpft war sie, und dennoch im tiefsten Innern vielleicht wie
+erlöst, daß ihr endlich die Last des Schweigens abgezwungen wurde.
+
+»Ja,« sagte sie, »dein Vater wollte wohl eins, zwei, drei reich werden.
+Großes Gehalt, Tantieme. -- Das schaffte nicht genug, -- woher ihm diese
+Gier nach Geld kam, weiß ich nicht. Es hieß, er fahre oft nach Berlin,
+und habe da ... Aber nein ... na genug, sehr treu war er seiner Frau
+wohl nicht. -- Und er spekulierte. -- Obwohl sein Kontrakt es ihm
+verbot, machte er private Geschäfte, waghalsige Sachen mit Tendenz sogar
+gegen des Geheimrats Unternehmungen -- oder unter Benutzung von ihm
+bekannten Chancen, die 'Severin Lohmann' hätten zugute kommen müssen. --
+Und so derlei. -- Und dann kam ein Tag, wo alles zusammenbrach. So was
+hat immer kurze Beine und läuft nicht lange. Eines Morgens wurde mein
+Lamprecht, der ja Arzt bei 'Severin Lohmann' und allen Beamten war, aus
+dem Bett geholt, und es hieß, den Generaldirektor Hildebrandt hat der
+Schlag gerührt. -- Deine Mutter hat eine fabelhafte Geistesgegenwart
+bewiesen. -- Sie ließ keinen von den Dienstboten in das Zimmer, und mein
+Lamprecht dachte ja gleich: so ein Tod hat böse Gründe. Er ging sofort
+zum Geheimrat. -- Und der nahm alles in seine Hand -- die Hand kennen
+wir -- stark, sicher! Noch am selben Tag wurde dein Vater eingesargt und
+auf Befehl vom Geheimrat mußte mein Lamprecht dabei sein, wie der Deckel
+geschlossen wurde -- damit die Männer nicht das Taschentuch lüfteten,
+das dem Toten über die zerschossene Stirn gelegt worden war.«
+
+Klara stand regungslos.
+
+Nun war der Mund einmal in Bewegung, nun floß die Rede und trug weiter,
+und die alte Frau legte sich keine Hemmung an.
+
+»Mein Lamprecht sagte mir, daß wir unverbrüchlich schweigen müßten, der
+Geheimrat habe es ihm befohlen -- später befahl er selbst es auch noch
+mir, als du zu mir kamst. -- Solchem Befehl zu widerhandeln, hätte
+meinem Mann die Stellung und mir später vielleicht das bißchen Pension
+gekostet -- und dich hätte er mir nicht gelassen. -- Das Finanzielle
+nahm der Geheimrat alles in die Hand. Es muß ihn ziemlich was gekostet
+haben. Und deine Mutter bekam obendrein noch Pension. Na, und wie er für
+dich sorgte, weißt du selbst am besten. Mein Lamprecht glaubte immer:
+das sei alles wegen deiner Mutter -- die hätte er wie 'ne Heilige
+verehrt. Gerade so große Männer haben ja manchmal irgend einen geheimen
+Idealismus -- und in jenen Tagen ist es ihm auch mal so entfahren, er
+hat zu meinem Lamprecht gesagt: ohne die Frau wär' ich 'n rauher
+Autokrat geworden. -- Ja Kind -- nun weißt du es! Aber -- o Gott, wenn
+du mich an ihn verrätst!« jammerte sie.
+
+»Ich habe versprochen, zu schweigen,« sprach Klara, »nimm das für einen
+Schwur.«
+
+Die alte Frau hörte die tonlosen Worte -- aber zugleich blitzte durch
+ihre Erregung ihr kleines Altweiberinteresse am Nebenmenschen.
+
+Sie hörte nämlich Schritte treppab kommen und sich durch den Flur der
+Haustür nähern.
+
+Mechanisch -- es trieb sie -- war sie, husch, wieder am Fenster.
+
+»Der Freiherr von Marning!« flüsterte sie wichtig.
+
+Da ging Klara hinaus. In ihrem Zimmer stand sie noch minutenlang ...
+
+Sie starrte ins Unbestimmte, sah nicht draußen den Hof mit dem zu hoch
+aufgeschossenen Lindenbaum und seiner sperrigen Krone, darin der
+Abendschein Goldglanz entzündet hatte, während unten der schwarze Stamm
+und die rotbraun gestrichene Stalltür, die seine Linie überschnitt, in
+melancholischem Schatten lagen ...
+
+Sie sah ein mächtiges graues Haupt und blitzende Herrenaugen ...
+
+Sie wandte sich, blickte im Zimmer umher -- ihre Augen blieben an der
+Uhr hängen -- die gelbbronzene kleine Pendelscheibe, eine starke
+Handbreit unter der größeren gelbbronzenen Zeigerscheibe, ging hin und
+her und her und hin zwischen den Alabastersäulen, und der kleine Amor
+von weißem schimmernden Stein fiedelte sein fröhliches stummes
+Liebeslied ...
+
+Nun schlug die Uhr siebenmal, hell und klingend.
+
+Es war, als habe der letzte Ton Klaras Haltung getroffen und
+zerschlagen ...
+
+Sie legte die Hände vors Gesicht und weinte -- weinte.
+
+Was hatte er alles getan -- für sie und ihre Mutter!
+
+Wie ihm jemals genug danken!
+
+»Wenn ich doch sterben könnte, um ihm damit Gesundheit zu erkaufen!«
+
+Aber sie wußte wohl, auf solchen Austausch läßt sich das Schicksal nicht
+ein.
+
+Wie ihm jemals genug danken?
+
+Ein Leben reichte dazu nicht aus. -- Mit welch heißer Freude würde sie
+es für ihn hingeben.
+
+Ihr ganzes Wesen war wie durchglüht von der Begierde, sich für ihn
+opfern zu dürfen.
+
+
+
+
+3
+
+
+Es sei ein Wunder, sagten alle Leute. Von einem erstaunlichen
+Reorganisationsvermögen sprachen die Ärzte, als sie wieder einmal von
+Kiel, Hamburg und Lübeck zur Beratung und Kontrolle sich bei dem alten
+Herrn zusammenfanden. Niemand schrieb die Fortschritte, die in den
+letzten vierzehn Tagen sich gezeigt hatten, ganz allein der täglichen
+Behandlung des Doktors Sylvester zu, der mit Massage und Elektrizität
+morgens und abends die Lähmung der linken Körperseite zu bekämpfen
+suchte.
+
+Vielmehr waren alle überzeugt, daß die Wiederkehr des Sohnes und die
+Versöhnung mit ihm den Willen zum Leben in dem alten Herrn neu geweckt
+habe. Daß zwischen Vater und Sohn nicht alles in Ordnung gewesen sein
+_konnte_, hatte man fühlen müssen, als der Sohn nicht an das Krankenbett
+des Vaters kam.
+
+»Man sieht es wieder,« sagte Professor Rößler, »je intelligenter,
+nervöser und leidenschaftlicher ein Kranker ist, desto weniger hängt,
+unter gewissen Umständen, seine Genesung von der Wissenschaft, desto
+mehr aber von den Dingen ab, über die wir keine Gewalt haben.«
+
+Und die Herren reisten wieder ab, in der Hoffnung, daß sich vielleicht
+noch eine leidliche Bewegbarkeit der linken Körperhälfte allmählich
+werde erzielen lassen; und mit der Gewißheit, daß Schlaf, Appetit und
+Stimmung des Patienten sich auffallend gebessert hatten. Leupold,
+dessen Auskünfte den Ärzten immer die maßgebendsten waren, konnte sagen,
+daß der Geheimrat die Dienerschaft nicht mehr in ungewöhnlicher Frühe
+herausklingle, sondern, auch wenn er wache, geduldig bis halb sieben
+liege. Und das war immer seine Stunde gewesen. Geduldig -- das war gewiß
+ein Symptom! In dem Ablauf all der kleinen Lebensumstände, die mit der
+Uhr zusammenhängen, in seinem Verhältnis zu den Dingen der häuslichen
+Umwelt war ja der Geheimrat von der bedrohlichsten Ungeduld. Geduld
+kannte er nur in den großen Aufgaben der Arbeit. Wie besänftigt mußten
+also sein Gemüt, wie angenehm seine Gedanken sein, wenn er still wachend
+liegen mochte.
+
+»Die wissen viel, was mir neuen Mut gebracht hat!« dachte der Geheimrat
+spöttisch hinter ihnen her.
+
+In den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, sein Leben und sein Werk
+brächen zusammen. Nun blühten neue Hoffnungen vor ihm auf.
+
+Wie einfach.
+
+Aber die ganz großen Wendungen im Dasein haben ja immer etwas wunderbar
+Einfaches. --
+
+Am Tage nach der Abreise der Ärzte troff der Regen herab, kalt und
+trostlos. Über dem Hochofenwerk ballte sich das Dunstgewölk, und
+zerdrückte Rauchschlangen schlichen sich, niedergepreßt von Wind und
+Regen, seitwärts weg. Drüben vor der kleinen Stadt um den aufrechten
+Kirchturm auf hohem Sandufer strichen die Tropfenlinien nieder, so daß
+es aussah, als stehe eine gerillte Glasscheibe vor dem Bilde. Das
+fernere Gelände verschwamm im Grau. Auf dem Fluß zog ein Dampfer vorbei;
+seine hochgestapelte Bretterladung sah ganz ockerfarben aus von all der
+Nässe. Die schwedische Flagge hing als durchfeuchteter Lappen hinten am
+Heck. Er ließ aus seiner Sirene einen jammervoll aufheulenden Ton
+entweichen, als er an den Schiffen vorbeikam, die tief unter den
+weitausreichenden Skelettarmen der eisernen Entladebrücken ankerten.
+Dieser Schrei, der wie eine Klage durch die Luft schnitt, war der
+höfliche Gruß des Schweden an seine Kameraden.
+
+Das ganze Bild zeigte Düsterheit. Aber das konnte die Stimmung des alten
+Herrn nicht in Unmut auflösen. Dazu war sie zu fest von frohem Glauben
+getragen.
+
+Er saß in seinem Erker und schrieb. Den Bogen konnte er sich gut auf
+eine Unterlage mit Reiszwecken befestigen. Dann lag das Papier glatt und
+fest vor ihm, und er konnte es beschreiben. Denn so weit vermochte er
+die Linke noch nicht zu erheben, um mit ihr den Briefbogen
+niederzuhalten.
+
+Ihm war zumute, als schreibe er den wichtigsten und beglückendsten Brief
+seines ganzen Lebens.
+
+An Klara war er gerichtet, und er redete sie an:
+
+
+ »Mein teures Kind!
+
+ Es ist mir seit Ihrer frühen Jugend eine liebe Angewohnheit
+ gewesen, Sie so zu nennen. Aber nun könnte wohl aus der
+ Angewohnheit ein Recht werden, wenn Sie die Frage bejahen, die
+ mein Sohn heute nachmittag an Sie richten wird. Er hat mir die
+ Erlaubnis gegeben, Sie, meine liebe Klara, darauf vorzubereiten,
+ daß er zu Ihnen kommen wird. Heute, weil es Mittwoch ist,
+ brauchen Sie nicht zum zweitenmal zur Schule. Wynfried darf also
+ darauf rechnen, Sie zu Hause zu finden.
+
+ Ich selbst habe Ihnen, ehe Wynfried Sie spricht, noch etwas zu
+ sagen, und das ist, noch mehr als der Wunsch Sie vorzubereiten,
+ der Grund, weshalb ich schreibe.
+
+ Nur ein ganz kurzes Wort! Dieses: daß Dankbarkeit Sie nicht
+ bestimmen darf, sich für Wynfried zu entscheiden! Ganz gewiß
+ erraten Sie mit Ihrem Herzen, daß es für mich eine große Freude
+ sein würde, Sie als Tochter umarmen zu können. Und Sie rufen
+ sich vielleicht ins Gedächtnis in dieser Stunde, daß ich es war,
+ der die bitterste Not des Lebens von Ihnen und Ihrer Mutter
+ ablenken durfte ...
+
+ Mein teures Kind, Sie wissen es: ich habe Ihre Mutter geliebt!
+ Ich durfte sie nicht besitzen und sie nicht die Meine nennen.
+ Wenn Liebe so um ihr heiligstes Recht betrogen wird, bleibt ihr
+ nur eine Art von Linderung und Erlösung: für den geliebten
+ Menschen und das, was ihm teuer ist, ein wenig sorgen zu dürfen.
+ Das war das bescheidene stille Glück, das ich mir gönnen konnte.
+
+ Sehen Sie es so, und Sie sehen es richtig. Und dann verstehen
+ Sie auch: Sie stehen nicht in meiner Schuld!
+
+ Wo das Wort Liebe ausgesprochen wird, löscht es alle anderen
+ Worte aus.
+
+ Glauben Sie das einem alten Mann, dessen Leben rauh war und voll
+ Haß. Und dem es vielleicht niemand zutraut, daß er immer tief in
+ seinem Gemüt einen großen Schmerz, einen sehr glücklichen
+ Schmerz mit sich herumtrug.
+
+ Selbst wenn Sie sich gegen meine Hoffnungen entscheiden --
+ nichts, gar nichts kann mich hindern, zu bleiben
+
+ Ihr väterlicher Freund
+ Severin Lohmann.«
+
+
+Er war sehr bewegt, und als ihm das Wort von dem glücklichen Schmerz in
+die Feder kam, feuchtete sich sein Auge.
+
+Er dachte: sind nicht vielleicht unsere Schmerzen mehr unser köstlicher
+Besitz als unser Glück?
+
+Seine Zuversicht war groß. Er bezweifelte im Grunde nicht, daß Klara
+seinen Sohn mit Freuden annehmen werde. Sie war seit jenem Sonntag so
+verändert! In ihrer Stimme bebte ein Nebenklang mit -- sie war wie von
+zärtlicher Ergebenheit gefärbt und umschmeichelte den Hörer wie
+Liebkosung. Ihr Wesen zeigte eine neue Art von Demut und Hingebung --
+ihre Hand schien noch pflegsamer, leiser geworden, und der gemessene
+Ernst, der ihr schon im Schatten ihrer Kindheit angeflogen war, wich
+einer Weichheit, die sich in Blick und Bewegung deutlich verriet.
+
+Gerade von dem Tag an, wo sie seinen Sohn kennen gelernt hatte.
+
+Und obschon der alte Herr sich ganz gewiß nicht für einen Frauenkenner
+hielt, glaubte er doch so viel von einem Mädchenherzen vermuten zu
+dürfen, daß es in aufwallendem Gefühl dem Vater sich nähere, -- weil es
+dem Sohn aus holder Scheu sich nicht verraten wolle ... Welche
+Glückseligkeit dieser Gedanke! Und er sah auch so viel Gerechtigkeit
+darin, wenn Tochter und Sohn zweier Entsagenden sich finden würden.
+
+Wie machte dieser Wahn ihm auch den Weg zum Sohne leicht!
+
+Er hatte keine Achtung vor ihm haben können. Und das zu verbergen, war
+seiner Natur in all ihrer Wahrhaftigkeit und Offenheit sehr schwer
+gewesen, obschon er begriff, daß seine Verachtung den Sohn vollends
+zerstören mußte.
+
+Nun fühlte er: wenn dieses Mädchen ihn lieben konnte oder im Begriff
+war, ihn lieben zu lernen, dann gab es noch Werte in seinem Sohn. --
+
+Sein Verkehr mit ihm wurde milder und gleichmäßiger.
+
+Und als Wynfried ihm gestern erklärt hatte, daß er bereit sei, um Klara
+zu werben, hielt er lange stumm die Hand des Sohnes in der seinen.
+Wynfried sagte, daß der Wunsch des Vaters und die Leere und
+Zwecklosigkeit seines Lebens ihn bestimme; die Liebe freilich, die ein
+Mädchen zu erwarten pflege und die es verlangen könne, die könne er
+nicht vorheucheln. Sie sei ihm sympathisch. Das sei alles.
+
+»Darüber sprecht euch nur unter vier Augen aus,« hatte der Vater
+geantwortet. »Wenn nur einer liebt, ist es genug. Denn das weckt auch
+nach und nach die Liebe des anderen. Und sie liebt dich. Sie ist auf das
+rührendste verändert, seit du hier bist.«
+
+Das glaubte Wynfried. Er war es so gewohnt, daß die Frauen ihn liebten.
+Aber er hatte keine, auch nicht die leiseste Regung von Eitelkeit dabei,
+er stand so unberührbar fern von diesen Dingen -- sein Herz war tot.
+
+Und nun war dieser vorbereitende Brief geschrieben. Leupold sollte ihn
+in das Schulhaus tragen, genau um zwölf Uhr sollte er ihn, nach der
+letzten Unterrichtsstunde, überreichen ... Dann las sie ihn, kehrte heim
+-- konnte in Ruhe nachdenken -- sich vielleicht, wenn sie wollte, mit
+der Pflegemutter aussprechen -- war gefaßt und klar in ihrem Entschluß,
+wenn Wynfried um drei hinüberführe. Wohldurchdacht war alles.
+
+Jetzt freilich hatte die Uhr von der Zimmertiefe her noch nicht acht
+Schläge herklingen lassen. --
+
+Und die, an die der wichtige Brief gerichtet war, verließ erst gerade
+ihre Wohnung, um ihrem Beruf nachzugehen.
+
+Klara erschrak beinahe vor dem Wetter. Oft war's ja draußen viel
+erträglicher, als es von drinnen schien. Heute zeigte es sich umgekehrt.
+Die schönen Frühlingstage hatten die Haut schon an Wärme und Sonne
+gewöhnt. Nun schlug der unnatürlich kalte Regen ihr ins Gesicht. Der
+Schirm nützte wenig. Aber Klara war wettersicher angezogen. Auf dem
+braunen Haar saß eine Art Sportmütze von pastellblauer Wolle. Und ihre
+Gestalt war ganz und gar in einen dunklen Regenpaletot eingeknöpft.
+
+Wie trübselig die Linden um die roten Kirchenmauern standen; aller
+Frühlingsglanz war aus ihren Wipfeln herausgespült. Die Blechrinnen, die
+am langen Dachsaum des Kirchenschiffes zu beiden Seiten hinzogen, waren
+so übervoll, daß allerwärts Tropfenfälle ihre Linien begleiteten; ihre
+Abflüsse, die grauen Drachenköpfe aus Zink, spieen einen dicken Strahl
+von Wasser hinab. Es rauschte und plätscherte überall. -- Keine
+fröhliche Morgenfrühe. --
+
+Klara bemerkte, daß der Hauptmann von Likowski mit einem Kameraden vor
+ihr herging -- die Herren schienen ebenfalls den Weg zur Fähre hinab zu
+nehmen. Sie hatten hohe Stiefel an und braune Handschuhe. Ihre Mützen
+waren wie bestäubt von Regentropfen.
+
+Den Hauptmann kannte sie sehr gut, wohnte er doch mit ihr unter einem
+Dach. Und die engen Verhältnisse sowie die übereifrige Dienstwilligkeit
+der alten Doktorin Lamprecht für ihren Mieter brachten es mit sich, daß
+Likowski oft im Erdgeschoß vorsprach.
+
+Es hieß, er sei ganz wohlhabend. Aber er führte das einfache,
+regelmäßige Dasein des preußischen Offiziers, der sich für seine scharfe
+Arbeit frisch zu halten hat.
+
+Er war ziemlich groß, etwas steif von Haltung, und in seinem rötlichen
+Gesicht stand der weißblonde Schnurrbart aufgebürstet über einem Mund
+mit vorstrebenden Lippen und entschlossenem Ausdruck. Auch seine
+hellblauen Augen blickten unternehmend. Haltung und Miene eines
+künftigen Divisionärs -- zum mindesten! Doch neckten ihn die Kameraden
+mehr wohlwollend als spöttisch mit seinem Feldherrnwesen.
+
+Richtig -- die Herren blieben dicht vor ihr. Nun ging's die Fahrstraße
+hinab. Sie war so steil, daß es dem Abwärtsschreitenden immer schien,
+als schubse ihn etwas vorwärts. Und ihr Pflaster war grob. Denn die Hufe
+der Pferde wären ohne den Halt, den ihnen die kräftigen Kopfsteine
+gaben, beim Hinauf- und Hinabfahren schwerer Lastwagen oft ausgeglitten.
+Die Straße mündete an der Anlegebrücke, die dem Ufer des
+Eisenhüttenwerkes schräg gegenüber in den Fluß hineingebaut war. Sie
+bezeichnete auch gewissermaßen einen Abschnitt in der Linie seines
+Laufes. Von seiner Quelle an war die liebliche Anmut wiesenreichen
+Binnenlandes seine Begleitung; dann zog er an der uralten Hansestadt
+vorbei und spiegelte deren rote Giebel und zahlreichen hohen Kirchtürme
+wider. Von da ab hatte Wasserbaukunst ihm viele Windungen abgeschnitten
+und ihm gerade Richtung aufgezwungen, ohne sein idyllisches Wesen
+merklich verändern zu können. Aber in dieser Gegend häufte die Industrie
+ihre grauen und toten Farben auf das Grün der Ufer. Und unmittelbar
+hinter dem Punkt, wo das Städtchen auf ragendem Ufer lag, weitete er
+sich zu einer gerundeten Bucht, die, östlich von größeren Waldungen
+begrenzt, schon durch den Geruch ihres Wassers die Nähe des Meeres ahnen
+ließ. Es war Salzatem darin. Im Volksmunde hieß der Fluß auch von da ab,
+wie ihn schon die alten Geschichtsbücher nannten: die Salzentrave.
+
+Und die Navigationszeichen, die schweren Bündel der mächtigen
+eingerammten Stämme, der Duc d'Alben, wie auch die ziegelroten
+Markierungsstangen, die den Schiffen den Fahrweg durch das Wasser der
+Bucht zeigten, gab ihr einen großartigen, an die freie, weite See
+erinnernden Charakter.
+
+Scharf wehte der Wind über die vom Regen bestrichene und gegen den
+Strom aufgewühlte Wasserfläche daher. Klara fühlte ihn im Gesicht, als
+strichen ihr kalte, nasse Hände über die Haut.
+
+Vom Punkt aus, wo die Fahrstraße auf die Anlegebrücke stieß, mußte man
+noch ein Streckchen am Fuß des Abhangs, dicht am Wasser, uferaufwärts
+gehen, um an die kleine Fährstelle zu kommen. An ihr ragte ein geteerter
+Pfahl mit einer Glocke und einer weißen Inschrifttafel. Und hier mußte
+nun Klara auf den Hauptmann von Likowski und seinen Kameraden treffen.
+
+Sie warteten; gerade kam der Fährmann heran und hielt mit starken
+Fäusten sich und damit den Kahn an der Eisenkette fest, die auf dem
+Brückchen aus einem Ringe heraus lief. Er stand ein wenig gebückt, sein
+Südwester war blank vom Regen, sein Rock von Wachsleinwand glänzte naß.
+
+Der Hauptmann stieg zuerst ein -- es bedurfte dazu nur des einen
+Schrittes hinab auf den flachen Boden des Kahnes. Er wollte Klara
+aufmerksam die Hand reichen. Aber sie, mit Büchern und Schirm beladen,
+tat schon selbständig diesen einen tüchtigen Schritt hinab. Ihr folgte
+der andere Offizier.
+
+»Guten Morgen, Fräulein Hildebrandt.«
+
+Klara nickte -- sie schloß gerade ihren Schirm.
+
+»Mit dem aufgespannten Schirm -- im Winde -- das ist mehr Hindernis als
+Schutz,« sagte sie.
+
+»Immer tapfer in jedem Wetter in den Morgen hinaus!« sprach er
+wohlwollend.
+
+»Man muß! Ich weiß auch längst, daß das sehr gesund ist. Sie können sich
+für Ihren Dienst ja auch nicht nur Schönwetter aussuchen,« meinte sie.
+
+»Bitte --« sagte jetzt der Kamerad.
+
+Und Herr von Likowski stellte vor: »Freiherr von Marning -- Fräulein
+Hildebrandt ...«, und er setzte auch gleich erläuternd hinzu: »Das
+gnädige Fräulein ist die Pflegetochter meiner fürsorglichen
+Hauseigentümerin.«
+
+Gerade schrie der schwedische Dampfer seinen Kameraden, die unter den
+Entladebrücken drüben ankerten, seinen klagenden Sirenengruß zu. Und der
+Fährmann wartete im Kahn. Es war geraten, den Dampfer erst vorbei zu
+lassen, denn die Fährstelle lag ja noch im schmalen Flußlauf.
+
+Klara sah den Offizier mit unbefangener Freundlichkeit an. Und sie war
+sogleich eingenommen von diesem bartlosen Gesicht. Beinah erstaunt, als
+sei es ihr kein neues, fremdes! Den Farben nach war es das eines
+dunkelhaarigen. Die Züge hatten festen männlichen Schnitt. Die braunen
+Augen fielen besonders auf. Eine seltsam eindringliche Leuchtkraft war
+in ihnen; aber es waren doch keine Schwärmeraugen. Vielmehr hatte man
+sogleich das Gefühl, aus ihnen blicke ein sicherer Wille. Diese ganze
+Erscheinung gefiel ihr -- sie wirkte auch förmlich kriegerisch, in dem
+feldmarschmäßigen, betropften Anzug, an dessen hohen Stiefeln schon die
+Spuren schlammiger Wege klebten.
+
+So stand er vor ihr. --
+
+Und das ganze, weite, vom Wetter umdüsterte Bild um ihn her war wie ein
+Rahmen -- voll Bedeutung.
+
+Der Nachen schaukelte mehr und mehr. Obgleich der Fährmann, gebückt, mit
+angespannten Muskeln, gewaltsam die eiserne Kette umklammert hielt.
+Strom und Wind zerrten am Fahrzeug. Und nun zog in vorsichtiger Ruhe der
+Dampfer vorbei, in der hier gebotenen, verminderten Geschwindigkeit.
+
+Drüben rauchte und rumorte das Hochofenwerk; da und dort glühte feuriger
+Schein zwischen seinen Bauten.
+
+Der ungeheure Himmelsraum war grau, und dunkle Wolken jagten in der
+Höhe.
+
+»Gnädiges Fräulein haben keine Furcht, bei solchem Wetter sich
+übersetzen zu lassen?« fragte der Freiherr von Marning.
+
+»Ich fahre oft bei viel größerem Unwetter. Drüben habe ich ein Amt. Ich
+bin Lehrerin. Unterrichte an der Schule von Severinshof. Wenn ich da
+wohnen wollte, müßte ich die alte Dame verlassen, bei der ich seit
+meinem zehnten Jahr lebe. Das täte ihr zu weh,« sagte Klara einfach.
+
+Nun stieß der Kahn ab, und Likowski und Marning hielten sich lachend
+aneinander fest -- denn beinahe hätten sie im ersten Anstoß das
+Gleichgewicht verloren.
+
+Klara saß schon auf der umlaufenden Bank, und die Herren folgten ihrem
+Beispiel.
+
+Schwer ging die Fahrt, und die vom Dampfer aufgewühlten Wasser wellten
+hoch.
+
+Marning sah die schlanke Gestalt an, die sich da so sicher und
+ungezwungen ihm gegenüber hielt, als wiege man nicht im peitschenden
+Regen über einen Fluß, sondern säße irgendwo voll Behagen.
+
+»Das ist viel gefordert von einer jungen Dame,« sprach er.
+
+Likowski hatte ein unklares Gefühl, als müsse er das junge Mädchen in
+Marnings Augen gewissermaßen gesellschaftlich noch heben. Er erzählte:
+»Fräulein Hildebrandt ist nicht nur die Pflegetochter der Doktorin
+Lamprecht, sondern auch die des Geheimrats.«
+
+Und Marning merkte auch unwillkürlich auf. Was mit dem Geheimrat
+zusammenhing, seine Gunst besaß, war allen Menschen der Gegend gleich
+interessanter.
+
+Für Klaras Feingefühl hatte diese Erklärung aber irgend etwas
+Kleinliches, ihr nicht Zusagendes, und auch eigentlich zu Likowski nicht
+Passendes. Ganz abwehrend klang ihr Ton, als sie sofort eilig
+hinzufügte: »Ich schulde Herrn Geheimrat viel Dank, er ist sehr gütig.
+Pflegetochter -- das ist zu viel gesagt.«
+
+Und sie sprach gleich weiter und sah den Freiherrn gerade an. »Der
+Geheimrat kennt Sie. Er hat mir von Ihnen erzählt. Sie waren einigemal
+bei Verwandten von Ihnen zusammen zur Jagd eingeladen ...«
+
+»Wie ist das viel, daß ein solcher Mann sich an den bescheidenen
+Leutnant erinnert. Ich kann Ihnen beipflichten: er ist sehr gütig -- er
+war es zu mir und würdigte mich manchen Gespräches, das mir so lehrreich
+war. Nun ist das Jagen wohl für immer vorbei?«
+
+»Oh,« sagte Klara gläubig, und ihre Augen bekamen feuchten Glanz, »ich
+hoffe, daß er noch einmal ganz der frühere wird -- die linke Hand kann
+er schon wieder bewegen. Und das Bewußtsein war ja damals sofort wieder
+klar -- das ist das große Glück ...«
+
+»Pu--r--r--r,« machte Likowski mit den Lippen, um Nässe- und
+Kälteschauer auszudrücken. »Angelangt -- na, nu hopp!«
+
+Und mit einem Schritt stand er auf der Brücke unterhalb der
+Sandsteintreppe. Er nahm die Stufen hinauf mit einer strammen
+Gleichmäßigkeit des Schrittes. Hinter ihm folgten Klara und der
+Oberleutnant.
+
+»Darf ich Sie bitten -- Fräulein Hildebrandt? -- nicht wahr? -- Herrn
+Geheimrat Lohmann meine verehrungsvollsten Grüße und Wünsche
+auszurichten.«
+
+»Gern. Er hat einmal ausdrücklich gesagt, wie es ihm leid sei, Sie noch
+nicht gesehen zu haben. Aber Gäste kann er noch nicht empfangen -- darf
+noch nicht.«
+
+Dann geleiteten die Herren, da sie vorerst den gleichen Weg hatten,
+Klara noch auf der Landstraße an den Anlagen vorbei. Sie sah zum Erker
+hinauf, der in der Mitte des ersten Stockwerks aus der Front des
+Herrenhauses hervorsprang. Und sie sah: da beugte sich das grauhaarige
+Haupt aus den Lehnen des mächtigen Stuhles heraus -- so, als sei es
+vorwärts über ein Buch oder eine Schrift geneigt. Daß er nicht aufpaßte,
+um sie zu begrüßen, war ein selten vorkommendes, auffallendes Ereignis.
+
+Da mußte er schon mit etwas sehr Wichtigem beschäftigt sein.
+
+Likowski erzählte: seine Kerle unter der väterlichen Führung von »Baby«
+Hornmarck seien schon über die Hochbrücke marschiert, um sich im
+Grabenausheben und Schanzenaufwerfen zu üben. Er habe den Bauern Vietig
+bewogen, seine Brachkoppel dazu herzugeben.
+
+Nun schritten sie an dem mit Eisenspitzen bewehrten Palisadenzaun des
+Werkes hin -- nun kamen sie an den stattlichen Verwaltungsgebäuden
+vorbei, die mit ihren Fassaden den Zaun unterbrachen. Und da war das
+mächtige Tor, über dem auf breitem grauen Blechschild in schwarzen
+Lettern zu lesen stand: Eisenhütte Severin Lohmann.
+
+Gerade stand der Portier vor seinem Häuschen, das sich drinnen an den
+Torpfosten drängte, und sah einen ausfahrenden Wagen untersuchend durch.
+Die schweren vlämischen Pferde standen halb schon zum Torbogen hinaus,
+und ihre Nüstern dampften.
+
+Diesem Tore gegenüber mündete ein Landweg, von Knicken eingefaßt, in die
+Straße, die an Severinshof vorbei und weiter hinaus ging.
+
+Und hier mußten die Herren sich verabschieden. Likowski konnte es nicht,
+ohne noch eine von seinen bitter-humoristischen Betrachtungen
+anzustellen.
+
+»Wissen Sie, Fräulein Hildebrandt -- im Grunde -- nee wirklich -- tun
+wir ja ziemlich was Ähnliches. Nämlich: vorbereiten! Sie schuften, um
+aus den rotznasigen Bengels unterrichtete, manierliche Jünglinge zu
+machen. Wir schuften, damit diese Jünglinge fixe Kerls werden, die nich
+mit der Wimper zucken, wenn's endlich ans Dreinschlagen geht. Na, und
+danken tut uns das keiner -- Ihnen nich -- uns nich -- is auch egal! In
+der stillen Schufterei is doch was drinn -- das erhebt. -- Na, also:
+empfehl' mich gehorsamst ...«
+
+Er verbeugte sich und legte die Finger an den Mützenrand. Und so tat
+auch Marning.
+
+»Ja,« sagte Klara, »wenn man es so nehmen will --«
+
+Sie neigte, ein wenig lächelnd, ihr Gesicht -- das war ein
+abschiednehmender Gruß voll Anmut und doch voll Zurückhaltung.
+
+Die beiden Herren stapften in den lehmigen Knickweg hinein. Das dicht
+verschrankte Gezweig und Gerank der Knicke, das Laub der Hainbuchen und
+der Schlehdorne, die kletternden Jelängerjelieberstengel, die grünen
+Zweige der wilden Rosen bildeten nasse Mauern. Und in den Spuren der
+Räder floß gelbes Wasser.
+
+»Was für eine Stellung nimmt dies Fräulein Hildebrandt ein?« fragte
+Marning.
+
+»Klara Hildebrandt? Stellung? Gar keine. Oder 'ne schiefe -- man weiß
+nie recht. Wohin gehörtse nu eigentlich? Und haben tutse nischt. -- Kann
+einen dauern. 'n Mächen #I a!# Viele sagen: natürliche Tochter vom alten
+Lohmann. Aber meine olle Lamprecht sagt: Quatsch! Das Wurm sei an die
+zwei Jahr alt gewesen, als die Eltern es mit herbrachten und der
+Geheimrat ihre Mutter überhaupt erst kennen lernte.«
+
+»Wenn sie die Tochter vom Geheimrat wäre, würde er sie legitimieren und
+sie nicht so hart für ihr Brot arbeiten lassen,« meinte der Freiherr.
+
+»Das erstere allemal -- der ist nicht der Mann, was zu verstecken. Das
+zweite sagen Sie nich -- vielleicht erst recht. Na -- aber Fräulein
+Hildebrandt würd' mich schön 'runterputzen, wenn sie wüßte, ich
+bedauerte sie. Wissen Sie, Marning -- wenn ich mir das Heiraten nich
+abgeschworen hätte: _die_ könnt' einen wankend machen. Mein Vermögen
+langt ja. Und n' Dispens kriegte man woll durch den Geheimrat -- der hat
+Beziehungen -- Verbindungen bis ganz oben ruff ... Nee --«
+
+»So ehefeindlich?« fragte der Kamerad lächelnd.
+
+»Nich aus Weiberfeindschaft! Ih wo! Aber sehen Sie: _mal_ muß es ja doch
+endlich losgehen -- wir lassen uns ja rein auf der Nase 'rum spielen,
+das _kann_ ja nich dauern. Na, und denn will ich kein weinendes Weib und
+keine schreienden Kinder zurücklassen, und mein Herz soll keinen
+Zwiespalt haben.«
+
+»Es gibt auch tapfere Frauen. Wir haben eben eine gesehen.«
+
+»Ach Gott -- das is ja nu ganz was anderes, untern bißchen mühseligen
+Umständen dem Broterwerb nachgehen als 'n geliebten Mann in 'n Krieg
+ziehen lassen. In der Liebe verändern sich die Weiber völlig.«
+
+Marning dachte an das schöne, etwas strenge Gesicht unter den braunen
+Haaren, auf denen die pastellblaue Wollmütze saß. Er war sich nicht
+klar, woher der Ausdruck von Strenge kam. Plötzlich begriff er: diese
+seltsam geraden Brauen -- die gaben diesen Zug.
+
+Likowski sagte jetzt: »Hören Sie mal -- Sie müssen aber Besuche machen.
+Wenn Sie sehr gesellig veranlagt sind, können Sie 'rauf nach Lübeck
+fahren. Da is viel los -- gastfreie Menschen die ollen Hanseaten. -- Ich
+komm' nich oft hin -- unterhalt' bloß kameradschaftliche Fühlung mit
+dem Regiment da -- fahr' kaum mal ins Theater. Das nimmt Zeit. Tags kann
+man nich zum Studieren kommen. Sie wissen ja: ich beschäftige mich
+immerlos mit Strategie, auch der älteren, hab' mir grade Willisen und
+Jomini angeschafft -- man lernt ja immer noch zu. Das kommt einem doch
+zustatten, wenn's los geht. Und das tut es doch mal -- muß es mal! ...«
+
+»Nein,« sagte Marning. »Ich bin nicht übermäßig gesellig. Nur grade, was
+sein muß --«
+
+»Na -- freilich. Ganz abschließen kann man sich nich. Verkehr ist
+Pflicht. Man lernt auch hie und da. Bloß nich Kommiß werden! Mit
+Scheuklappen. Nee. Also denn hier 'rum. Allzuviel is es nich. Um
+Überblick zu geben: da is der Großindustrielle Stuhr -- der mit der
+Sensenfabrik -- entzückende Krabbe von Tochter -- nächstes Jahr geht sie
+aus. Denn die paar Honoratioren -- drüben der Generaldirektor Thürauf --
+wohnt dicht bei der Kolonie Severinshof -- kluger Mann, feine, hübsche
+Frau -- drei prosaische Töchter -- semmelblond -- gute Diners und
+gemütlich. Ein paar Güter. Vor allem Schloß Lammen! Gott, über die
+verwitwete Baronin Hegemeister reden sich die Leute ja auch die Zunge
+wund und fuselig: soll 'n dolles Mädchen gewesen sein -- die Eltern,
+reiche Parvenüs, hatten alle Ursache, sich's zwei Millionen kosten zu
+lassen, damit sie unter Dach und Fach kam. Der alte, verschuldete
+Hegemeister hatte keine Vorurteile, soll sich nich daran gestoßen haben,
+daß das Mächen schon 'n Hufeisen verloren hatte. -- Wer weiß, ob's wahr
+is. Kein Mensch kann's jetzt anders sagen: einwandsfrei hält sie sich,
+die schöne Agathe. Sieht nur beste Gesellschaft bei sich. Auch der
+Geheimrat verkehrte bei ihr, mit Frau -- und die Geheimrätin sei 'ne
+scharfe Dame gewesen, sagen alle -- als ich herkam war sie schon dot.
+-- Na, vielleicht möcht' die schöne Agathe wieder heiraten, was ja an
+sich kein sündhafter Wunsch ist. Und auch kein unerfüllbarer.
+Vorausgesetzt, daß sie ihn nich auf meine Wenigkeit fixiert.«
+
+Jetzt öffnete sich rechts im Erdwall, der die überregnete, dicht
+ineinanderverflochtene Mauer der frischgrünen Gebüsche trug, eine breite
+Einfahrt. Ihr primitives, niedriges Tor aus Latten war nach der Koppel
+zu zurückgeschlagen.
+
+»Da wären wir. Und nu wollen wir mal sehen, wie unser 'Baby' die Leute
+angestellt hat -- fixer kleiner Kerl, der Hornmarck -- hat 'n Schneid --
+na, ein Trost -- man erlebt immer noch famosen Nachwuchs. -- Wir werden
+uns mal den Helden von Siebenzig ebenbürtig zeigen. -- Haben Sie
+gelesen, Marning -- die letzten Depeschen -- höllisch brenzlich! Passen
+Sie auf -- in diesem Sommer erleben wir's ...«
+
+Unterdessen begann Klara ihren Unterricht. Im freundlichen Schulhaus und
+seinen großen Zimmern, die durch beste Einrichtungen gelüftet und durch
+sehr große Fenster erhellt waren, konnte man fast das Wetter vergessen,
+obgleich der Regen eiligst an den Scheiben draußen niederrann, als sei
+es sein Geschäft, sie gründlich abzuspülen.
+
+Die Kinderschar, Knaben und Mädchen, saßen in Reihen, und lauter
+aufmerksame Gesichter waren der jungen Lehrerin zugewandt, die neben
+einem großen farbigen Bild an der Wand stand. Das war eine
+topographische Karte, und Klara lehrte die Kinder die nächste Umgebung
+kennen und wußte durch allerlei historische Rückblicke, knapp und
+einfach vorgetragen, diese eingezeichneten Wälder, Felder und Dörfer zu
+beleben. Jedes einzelne Gewese war auf der Karte eingetragen. Und Klaras
+Augen sahen, wie infolge einer inneren Nötigung, immer wieder auf die
+Koppel des Bauern Vietig. Da übte jetzt die Kompanie des Hauptmanns von
+Likowski Grabenausheben und Schanzenaufwerfen -- und der Oberleutnant
+Freiherr von Marning war auch dabei. --
+
+Plötzlich fiel es Klara ein: Stephan heißt er! Der Geheimrat nannte
+einmal den Namen.
+
+Und ganz unwillig über diese Störung ihrer Gedanken wehrte sie das von
+sich: dieser Mann geht mich ja gar nichts an. --
+
+Er sah sehr schön aus -- männlich und vornehm, und Augen von seltener
+Ausdruckskraft hatte er auch. --
+
+Aber wirklich -- er ging sie nichts an. -- Wie töricht, daß sie diese
+Augen so deutlich vor sich sah. -- Und sie sammelte sich fest und klar
+auf ihren Vortrag und all die Fragen der aufmerksamen Kinder und
+überwand dieses unbegreifliche Zurückdenken an eine im Grunde so
+gleichgültige Begegnung. --
+
+Die Stunde lief ab, und andere folgten ihr -- noch drei -- sie schwanden
+schnell dahin. Und als Klara, hinter dem Rücken der letzten sich
+hinausdrängenden Kinder, nach ihrem Mantel griff, der am Zeugreck im
+Flur, neben der Tür nach dem Spielplatz hing, kam Leupold und hatte
+einen Brief und sagte, auf Antwort solle er nicht warten. Sie warf den
+Mantel über den Arm und öffnete sofort den Brief.
+
+Des Geheimrats eigene Handschrift! Konnte es etwas Wichtigeres geben!
+Vielleicht bat er sie, im Herrenhause zu essen -- es war heute
+Mittwoch -- --
+
+Und sie las ...
+
+Sie mußte sich an den Pfosten des breiten Zeugrecks lehnen -- betäubt --
+fassungslos -- --
+
+Nun kamen ihre männlichen Kollegen -- Herr Magers wollte, ehe er zu
+seiner Frau hinauf in das obere Stockwerk ging, ihr noch sagen, daß der
+kleine Rohrdantz wieder gelogen habe und daß sie doch einmal zu der
+Mutter des Jungen gehen möge -- aus Frauenmund Warnungen zu hören, käme
+die Mutter sicher leichter an. -- Und Herr Kehl strich sich durch seine
+blonden Haare und wartete, bis der Vorgesetzte treppan gestiegen war,
+und sah Klara über den Rand seiner Stahlbrille weg unsicher und zärtlich
+an. Sogar die Kinder der oberen Klasse hatten es schon heraus: »Herr
+Kehl ist in Fräulein Hildebrandt verschossen.« Nun bat er, verlegen über
+diese seine Nebentätigkeit, von der er doch einen wunderbaren Umschwung
+seiner Existenz erwartete, ob er ihr das Manuskript einer schon dreimal
+von ihm umgearbeiteten Novelle geben dürfe, ihr Urteil sei ihm ihm --
+
+»Morgen,« sagte Klara, »morgen --«
+
+Und sie zerrte sich ihren Mantel um, drückte sich die Mütze auf den Kopf
+und lief hinaus.
+
+»Fräulein Hildebrandt -- Ihr Schirm!«
+
+Sie hörte nicht -- sie fühlte ihren Körper nicht -- nicht Regen -- nicht
+Sturm -- Sie lief -- und lief --
+
+Sie dachte nicht, daß Vater oder Sohn sie von den Fenstern des
+Herrenhauses vielleicht sehen könnten.
+
+Fort, nur fort -- in die Einsamkeit. Nachdenken über das Ungeheure, das
+an sie herantrat.
+
+Wynfried wollte kommen und um sie anhalten.
+
+Die Frau eines Mannes sollte sie werden, den sie nicht liebte.
+
+Was Reichtum -- was Rang! »Ich liebe ihn nicht!« schrie alles in ihr.
+
+Treppab, auf den Fluß zu ging es, wie auf der Flucht. Unten war kein
+Fährmann -- drüben saß er, unterm Schirm hockend und das dampfende Essen
+aus dem Henkeltopf löffelnd, den seine verwachsene Tochter ihm gebracht.
+Ganz gnomenhaft sah das aus -- wie ein Bild aus einem Märchenbuch.
+
+Und der Wind brauste --
+
+Klara kam ja zehn Minuten früher als sonst -- sie läutete heftig, als
+sei Gefahr, an der Glocke. Blechern und doch schrill klang das
+dringliche Gebimmel hinüber ans andere Ufer, sich vom Chor des
+gleichmäßig rumorenden Lärms, der vom Hochofenwerk her scholl, als
+ängstliche Solostimme abhebend.
+
+Es hieß warten. Und wie sie dastand, heftig atmend vom Lauf, von der
+unerhörten Erregung, ebbte ihr Blut langsam zurück.
+
+Sie wurde bleich, sehr bleich.
+
+Sie begriff, daß sie sich fassen, daß sie nachdenken mußte.
+
+»Er liebt mich nicht!« Das wußte sie durch ihr Frauengefühl.
+
+Sie hatte noch nicht geliebt. Frei und leicht schlug ihr Herz, von
+keinerlei Erfahrung und Enttäuschung beschwert. Und dennoch wußte sie!
+Aus jenem Gefühl heraus, das keines Wissens bedarf, um die tiefste
+Weisheit zu erkennen.
+
+»Er liebt mich nicht!«
+
+Weshalb wollte er sie denn zu seiner Frau machen?
+
+»Sein Vater hat es gewünscht!«
+
+Dies stand ihr über jedem Zweifel.
+
+Und damit kamen ihre Gedanken in eine andere Richtung.
+
+Ihr war, als frage eine zürnende Stimme sie: »Von opferfreudiger
+Begeisterung standest du wie in Flammen -- dein Leben wolltest du
+hingeben, um ihm zu danken. -- Und nun dein Leben wirklich gefordert
+wird, erschrickst du?«
+
+Klara starrte wie hypnotisiert auf den Fährkahn, der vom jenseitigen
+Ufer her herangewiegt kam, von starkem Ruderschlag getrieben.
+
+Die Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: »Dankbarkeit darf Sie nicht
+bestimmen!«
+
+Gewiß nicht -- nicht für das, was er allein an ihr getan. Denn sie
+fühlte, daß dies eine heilige Wahrheit sei: daß es noch ein leises Glück
+bedeutete, für die Tochter der Geliebten sorgen zu können. Und sie
+begriff ahnungsvoll die Tiefe jener anderen Stelle: »Wo das Wort Liebe
+ausgesprochen wird, löscht es alle anderen Worte aus.«
+
+»Was er an mir getan hat, war ihm Freude -- das verstehe ich wohl -- es
+muß ihm immer gewesen sein, als sähe meine Mutter ihn zärtlich an dabei
+-- -- Aber das andere! ...«
+
+Der Treubruch, die Unlauterkeit ihres Vaters -- die großen Summen, die
+er dem Werk entzogen -- dieser schmachvolle Tod. -- Und der grandiose
+Edelmut, der verzieh und alles verbergen half -- damit über ihrer Mutter
+Leben nicht noch der Schimpf komme. --
+
+»Er darf nie wissen, daß ich weiß ...«
+
+Klara hatte versprochen, zu schweigen. Aber sie dachte: auch ohne das!
+Mein Wissen muß ich ihm verbergen -- immer -- wie er mir seine Großtaten
+verbarg. Es gibt eben Dinge, die so außerhalb des Lebens stehen, so
+hoch, daß es unkeusch ist, ihnen mit Worten zu danken.
+
+»Nein,« sprach da wieder eine Stimme in ihr, »man dankt nicht mit Worten
+-- aber mit der Tat! --«
+
+»Fräulein,« sagte der Fährmann, als sie dann einsteigen konnte, »Sie
+haben Ihre Mütze verloren.«
+
+»So?« antwortete sie mechanisch.
+
+Stumm und als sei ihr ganzer Körper schwer von Blei und alles in ihr
+gekettet und unbeweglich, saß sie und wollte denken.
+
+Ein qualvoller Druck legte sich über ihr Gemüt. Eine dumpfe Empfindung:
+das Schicksal hatte so viele gütige Gaben für sie gehabt -- das
+Schicksal schenkt nicht, ohne eines Tages die Gegengabe zu fordern. --
+
+Sie sagte sich: »Ich muß!«
+
+Mit mühsamen Schritten stieg sie hinauf, schleppte sich durch die
+regennassen Straßen und kam nach Haus.
+
+Da war die Doktorin Lamprecht, mit vielen eiligen, unerschöpflichen
+Gesprächen und voll Ausrufen: wie sah Klara aus! Und ohne Schirm! Ohne
+Mütze! Und leichenblaß! Klara hatte Ausreden. --
+
+Bei Tisch kehrten ihre Farben wieder. »Na gottlob!« sagte die alte Frau,
+von rasch emporgekommenen Sorgen ebenso flink befreit, und nötigte Klara
+noch mehr warme Suppe auf.
+
+Sie verstand sich plötzlich selbst nicht -- diese wahnwitzige Aufregung
+... wie konnte sie das so umwerfen ...
+
+Ihr wurde wohler; das Gefühl der Ohnmacht schwand. Sie konnte klar
+nachdenken und sich sogar beherrscht die Maske der Alltagsstimmung
+vornehmen, bis sie allein in ihrem Zimmer war.
+
+Ihr Kleid war feucht. Sie wechselte es. Ihr Haar war zerzaust. Sie
+ordnete es.
+
+Und sie dachte nun endlich auch an den Mann -- stellte ihn förmlich vor
+sich hin.
+
+Weshalb wollte er sie heiraten? Sein Vater war doch kein Tyrann, trotz
+seines Herrscherwesens. Wenn Wynfried seinem Wunsch ein kräftiges »Nein«
+entgegengesetzt hätte, würde dieser Wunsch verstummt sein.
+
+Klara hatte eine dunkle Erkenntnis davon, daß Wynfried zu matt zu einem
+starken Nein sein mochte.
+
+Vielleicht dachte er, wie sein Vater: daß eine Heirat nun für ihn Trost,
+Neuland, Lebenszweck bedeute.
+
+Der alte Herr hatte in den letzten beiden Wochen wiederholt dergleichen
+ausgesprochen. Erst jetzt fiel es Klara auf, daß er sie immer voll
+Bedeutung dabei angesehen. Sie war so arglos gewesen. -- Wie hatte sie
+eine so schwindelerregende Schicksalswendung für sich erahnen können!
+
+Sie fragte sich, immer ruhiger werdend: »Ist er mir unangenehm?«
+
+Nein! Gewiß nicht. Nichts an seiner Erscheinung konnte ästhetisch
+abstoßen. Sein Vater hatte manchmal grimmig gesagt: die Weiber sind zu
+toll hinter ihm hergewesen. Vielleicht war er sehr geliebt und umworben
+gewesen. --
+
+Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem er jahrelang in rasender
+Leidenschaft angehangen, hatte ihn verraten.
+
+Mehr wußte Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten Augenblick an
+mitleidig -- machte ihn ihr ein wenig interessant, wie es für jede Frau
+der Mann ist, von dem sie weiß: er hat geliebt und gelitten.
+
+Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und allmählich wieder
+Freudigkeit bringen. -- Sie konnte das Ihre tun, in ihm die Liebe zum
+Werk, das Verständnis für seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken -- Sie
+sah wohl: noch war das alles tot in ihm. --
+
+Welche Aufgabe!
+
+Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie sollte ihm den Sohn zu
+_seinem_ Sohn machen helfen. --
+
+Am Fenster saß sie, draußen rann der Regen auf den Hof und schüttete
+Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum mit dem schmalbrüstigen Wipfel.
+Ihre Hände hatte sie ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum
+Bilde ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben, denn ein großer
+Künstler hatte es damals gemalt, als Geld im Hause Hildebrandt keine
+Rolle spielte. Die ganze Persönlichkeit der Toten sprach aus diesem
+Bilde. Hell stand die Gestalt vor einem tiefgrünen Hintergrunde. Die
+edlen Züge zeigten den Ausdruck eines wehmütig lächelnden Ernstes.
+
+Und Klara -- sich an diese Züge mit förmlicher Inbrunst des Blickes
+hängend, fühlte wieder: »Ich muß!«
+
+War es denn wirklich ein solches Opfer?
+
+Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalität anderer
+Mädchen ausgedacht, wie »Er« aussehen müsse.
+
+Und sich in Phantastereien nie verschworen, daß sie unter keinen
+Umständen einen anderen nähme als den, der einem Idealbilde gleiche. --
+Ihre Lage brachte es nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war
+ganz arm. Sie lernte kaum Männer kennen, die ihr überhaupt auch nur
+flüchtig die Idee erwecken konnten: der paßte für mich. Weder ein
+Hauptmann von Likowski einerseits, noch ein Herr Kehl anderseits regten
+dergleichen bei ihr an -- was bei allen obwaltenden Umständen ja auch
+auf der Hand lag ...
+
+Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, der sie auf einen
+solchen Platz stellte -- --
+
+Was würde sie für einen Wirkungskreis bekommen!
+
+Das große Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art eingewöhnten
+wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof -- denn da gab es noch
+viel zu tun -- gerade für eine Frau. In viele Familien ließ sich noch
+mehr Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen möglich machten. Und
+diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, war auch eine schöne
+Aufgabe. In der sozialen Fürsorge kann eine Frau mit begabterem Blick
+das Nötige und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, als
+es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da könnte man schaffen, sich
+rühren, nützlich sein. -- Und als Herrin! Mit großen Mitteln, und durch
+Einfluß auf den alten Herrn.
+
+War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, diese
+Aufgaben zu übernehmen? Sie wußte aus Erzählungen, daß Wynfrieds Mutter
+gar keine Teilnahme gehabt und gar nicht anerkannte, daß sie Pflichten
+habe.
+
+Aber sie -- oh, sie würde mit heißem Willen nach Pflichten suchen.
+
+Ihr Herz klopfte rascher -- eine stolze Vorfreude wallte in ihr auf.
+
+Und dann vor allem: den großartigen alten Mann pflegen --
+
+Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem Andenken ihrer
+heiligen Mutter leben -- viel von dem erfüllen, was deren Liebe nie
+gedurft ...
+
+War das nicht herrlicher Inhalt für ein Leben?
+
+Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe. Erst die Heirat ist der
+rechte Prüfstein für sie.
+
+Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er erst mein Mann
+ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr -- verschwamm in Träumereien.
+Es war, als mache ihr Seelenleben eine Pause -- hülle sich in
+Dunkel -- --
+
+Sie fuhr zusammen -- erwachte. Und wußte mit wunderbarer Klarheit: »Ich
+werde ihn niemals lieben ...«
+
+Freundlich, herzlich, mit allen Vorsätzen, ihn zu verstehen -- ja, so
+konnte sie ihn wohl lieb haben.
+
+Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod.
+
+Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das für eine segensvolle,
+friedliche Ehe nottat.
+
+Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen zu nützlicher
+Gemeinsamkeit auch ein Glück erwachsen?
+
+Klara wußte, was das war: heiraten.
+
+Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte in einer Ehe, die
+sie mit Bewußtsein schloß, nichts verweigern ...
+
+Und weiter wußte sie: gerade in dieser Ehe mußte unter allen
+Gelöbnissen das zur Treue am höchsten stehen!
+
+Wie oft stürzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes
+Liebesfeuer und können sich nachher voreinander entschuldigen: wir
+ahnten nicht, daß es so rasch verglühen würde.
+
+Hier war kein Wahn, keine Flamme.
+
+Hier warteten nur sittliche Pflichten.
+
+Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von Entschlossenheit.
+
+Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr.
+
+Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte, hatte sie in
+heißer Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen. Sie war bereit -- --
+
+Die alte Vossen riß die Tür auf, und ihre breite Gestalt mit der blauen
+Aufwaschschürze vor der Leibesfülle blieb in der breiten Spalte. Ihr
+kupfriges Gesicht hatte einen hilflosen und wichtigen Ausdruck.
+
+»Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is er gekommen ...« sagte
+sie verdutzt.
+
+»Bitte,« sagte Klara.
+
+Wynfried kam auf sie zu und küßte ihr die Hand.
+
+Er wurde rot -- es schien, als übernehme ihn plötzlich eine Verlegenheit
+ohnegleichen. Mit einer laschen Gefügigkeit war er hergekommen. Alle
+Gespräche und die Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt überstürzte ihn
+die Wirklichkeit.
+
+»Mein Vater hat Ihnen geschrieben?« begann er.
+
+Klara fühlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich. Unbewußt etwas
+Mütterliches.
+
+»Ja. Ich war sehr, sehr überrascht. Aber es war richtig und herzlich von
+Ihrem Vater, daß er mich vorbereitete.«
+
+Sie schob an dem Tisch -- als wolle sie das Sofa freimachen. -- Tat,
+als sei dies ein alltäglicher Besuch -- war fast unbefangen --
+
+»Und auf welche Antwort darf ich gefaßt sein?« fragte er.
+
+Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren so klar -- so voll
+Güte.
+
+»Sie haben mir nichts zu sagen?« fragte sie leise.
+
+Er setzte sich aus Nervosität -- unwillkürlich -- legte den Hut auf den
+Tisch -- strich sich mit den Fingerspitzen über die Stirn -- wie sein
+Vater pflegte, wenn der sich fassen wollte ... Klara dachte es. Und
+diese kleine Bewegung war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer ruhte
+ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Zügen. Er begegnete diesem Blick.
+
+Er begriff: ja -- er mußte viel sagen -- das hatte sie zu verlangen.
+Bitten. Zärtlichkeiten, schöne Worte. -- Er konnte nicht. Alles in ihm
+wehrte sich.
+
+»Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserklärung -- es ist das, was der
+Augenblick mit sich bringen sollte. -- Ich -- -- liebes Fräulein --
+Klara -- ich habe ... Schweres liegt hinter mir -- was soll ich sagen --
+wie Ihnen begründen ... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden -- ja, das
+tue ich aus vollster Sympathie, ich habe ...«
+
+Er brach ab. Bitterkeit kam plötzlich in ihm hoch -- vielleicht Zorn
+gegen seinen Vater, der es verstanden hatte, ihn herzuzwingen -- in
+langsamer Überredung, in leidenschaftlichen Wünschen.
+
+»Nein!« sprach Klara ihn unterbrechend. »Ich weiß ein wenig von Ihnen --
+Ihr Vater sagte es mir: Sie haben eine harte Erfahrung gemacht -- --
+Nein. Ich erwarte keine Liebeserklärung. Sie haben gelitten und leiden
+vielleicht noch.«
+
+Er öffnete die Lippen -- wie vor Überraschung. Er tat einen tiefen
+Atemzug ...
+
+»So darf ich wahr sein?«
+
+»Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als die Wahrheit?«
+fragte Klara entgegen.
+
+Es war so viel Würde in ihrer Art, daß es ihm wohltat -- o wie wohl!
+
+»Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher Leere ist, weil
+mein Vater glaubt, daß ich durch eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein
+neues Dasein finden würde.«
+
+Er dachte: »Nun sagt sie Nein!«
+
+Er wußte nicht: war das Erleichterung oder tat sich die Leere nur noch
+trostloser auf?
+
+»Und Sie selbst?« fragte Klara weiter. »Haben Sie selbst das Vertrauen,
+daß ich Ihnen helfen könne?«
+
+Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er noch keinen Blick in
+keinem Auge gesehen hatte. Das zwang ihn »Ja« zu sagen.
+
+Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben -- er stand
+vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen.
+
+»Ja.« Und er glaubte an sein Ja.
+
+»Ich danke Ihnen. Das ist viel. -- Wie alles liegt, muß es mir -- --
+genug sein,« sagte sie langsam.
+
+»Sie willigen ein -- liebe Klara?«
+
+Er nahm etwas scheu ihre Rechte.
+
+»Große Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem Vater nun wirklich
+Tochter sein. Sie fühlen wohl: er ist mir der teuerste, der wichtigste
+Mensch auf der Welt.«
+
+Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen?
+
+Aber ein unbestimmtes Gefühl verschloß ihm den Mund.
+
+Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus Dankbarkeit so bereit
+war? -- Ob sie ihn, wie sein Vater meinte, liebe? -- Nicht fragen ...
+
+Sie hatte von ihm keine Lüge verlangt -- welche Erleichterung! Dafür war
+er ihr dankbar. Was er ihr brachte, wußte sie, ahnte sie. -- Was sie ihm
+brachte, wollte er lieber nicht wissen.
+
+Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! Gestern noch war es
+ihm gleichgültig oder gar lästig gewesen, das zu hören. Heute war der
+Gedanke, daß sie ihn liebe und er das nicht erwidern könne,
+beunruhigend, beschämend -- Nein, nicht fragen -- --
+
+Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände. Er dachte: ich muß sie
+doch küssen. Er wußte: diese Lippen waren unberührt. Das blitzte so
+durch ihn hin; eine flüchtige Aufwallung von etwas Reizvollem überkam
+ihn. Er küßte sie.
+
+Klara nahm den kurzen Kuß mit verständiger Freundlichkeit an.
+
+»Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, uns zu verstehen,«
+sagte sie warm.
+
+Sie sprachen noch über allerlei äußere Fragen, und Wynfried nannte sie
+Du. Alles war plötzlich ganz einfach und so selbstverständlich. -- Es
+tat ihm sehr wohl, ganz ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten
+auszukommen.
+
+Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der wartete voll
+Ungeduld.
+
+»Nein,« sagte Klara, »wie werde ich so davonfahren! Zwölf Jahre hat die
+alte Frau treu und eifrig versucht, mütterlich für mich zu sein! Sie hat
+ein Recht darauf, daß ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage
+-- ich möchte noch allein mit ihr sprechen.«
+
+Das gefiel ihm. Er fühlte: sie hat Herzenstakt. Von ihrer sanften,
+ernsten und doch so unbegreiflich sichern Art wirkte etwas auf ihn
+herüber, das ihn beruhigte und zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit
+zwang.
+
+Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere, die er seit vielen
+Monaten gehabt hatte.
+
+Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas trieb ihn, ihr
+besondere Wärme zu zeigen -- aus Dankbarkeit, weil sie eben _keine_
+besondere Wärme zu beanspruchen schien; deshalb nahm er ihre Hand
+zwischen seine beiden Hände.
+
+Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein linkes Handgelenk
+geschmiedet war ...
+
+Klara sah sie -- zufällig war sie ihr noch nicht aufgefallen -- sie sah
+unwillkürlich genau hin.
+
+Da zog er hastig die Hand zurück -- es war ihm unangenehm, daß ihr sein
+Armband so offenbar auffiel.
+
+»Also in einer Stunde.«
+
+Klara stand und sah noch auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen
+hatte.
+
+»Es wird -- es soll gut gehen!« sagte sie sich fest.
+
+Nun also zur alten Frau -- ihrer Überraschung, Rührung, Neugier, aber
+auch ihren verzeihlichen kleinen Naivitäten und ahnungslosen Plumpheiten
+standhalten ...
+
+Die Tür von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern war durch einen
+großen Schrank verstellt, um der für die Schulpflichten Arbeitenden mehr
+Ungestörtheit zu sichern. Klara mußte also über den Flur.
+
+Da stieß sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der riß die Mütze ab
+und sagte dienstbeflissen: »Dies soll ich hier abgeben -- es ist wohl
+recht?«
+
+Ein weißes Paketchen, mit der Aufschrift: »Fräulein Klara Hildebrandt,
+hier.«
+
+Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer. Ein unerklärliches
+Gefühl beriet sie -- nötigte sie, in ihre Ungestörtheit zurückzukehren.
+
+Sie öffnete.
+
+Ihre pastellblaue, gehäkelte Wollmütze ...
+
+Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein Strich, der ihn mit der
+Schrift auf der Rückseite der Karte verbinden sollte:
+
+»Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment
+Großherzog Paul, erlaubt sich, das Beifolgende, von ihm Gefundene, der
+Eigentümerin mit respektvollem Gruß zurückzustellen.«
+
+Klara nahm die Mütze, die Visitenkarte -- wickelte beides mit raschen,
+unsicheren Händen wieder fest, fest in das Papier -- riß die Schublade
+ihrer Kommode auf und stopfte eiligst das weiße Bündelchen tief
+hinein ...
+
+Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief sie nach vorn,
+fiel der alten Frau um den Hals und sagte: »Oh -- höre ...«
+
+
+
+
+4
+
+
+Die Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende August und bevor die
+Offiziere ins Manöver und nach ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein
+kleines Fest. Es sollte ländlich sein und auf den Genuß der schönen
+Natur gestellt.
+
+Schöne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln genossen. Den ewig langen
+Sommer hindurch. Aber die Umstände ergaben es eben, daß man aus der
+Langenweile eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit machte.
+
+Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski und der Oberleutnant von
+Marning schon zum Frühstück gekommen, um ihr beizustehen und die
+Einteilung der Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen.
+Was sie alles sehr wohl allein hätte bestimmen können. Aber sie sei zu
+faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski. Und dieser hatte
+unterwegs, als sie im Krümperwagen nach Lammen fuhren, gesagt: »Bloß
+Vorwand, uns länger und allein zu haben -- das zielt auf Sie, Marning --
+man müßte ja Idiot sein, wenn man's nicht merkte -- da könnense nu Ihr
+Glück machen, wennse wolln.« Worauf Marning nur ein schwaches Lächeln
+hatte, sozusagen ein Gefälligkeitslächeln, um dem Sprechenden zu zeigen:
+ich habe zugehört.
+
+Jetzt saßen sie zu viert um den Tisch, von dem die orangefarben und
+weiß gestreifte Markise den Mittagssonnenschein abhielt. Von der
+Terrasse sah man in die »schöne Natur« hinaus, an deren Herrlichkeit die
+arme Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine Wandeldekoration
+und stand ein für allemal fest. Höchstens, daß die Beleuchtung
+verschieden war -- oft sogar zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer
+wußte, ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, -- denn das
+Gewölk, das da so hartnäckig tief am nordöstlichen Himmel stand? ...
+
+Das Schlößchen Lammen hatten Hegemeisters sich bald nach ihrer Heirat
+erbaut; gerade hier, auf der kleinen Klitsche, die als letzter Überrest
+großen Familienbesitzes verblieben war. Es gewährte dem Baron eine Art
+Genugtuung, an dieser selben Stelle nun als großer Herr zu leben, wo er
+vordem sich vor Gläubigern versteckt gehabt. Und er war zu sehr Realist,
+um den weiten Rundblick auf die Gegend, die einst zum großen Teil
+Hegemeisterscher Boden gewesen war, wehmütig zu finden.
+
+Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines Gutshaus
+gestanden, auf einem der höchsten Uferpunkte am Wyk, das weiße Schloß.
+Von seinen Fenstern sah man hinaus über das Wyk, dessen salzige Fluten
+nur durch eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht
+geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel zwischen den
+Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete sie sich erheblich, um
+Sportplätzen und einer kleinen, umgrünten Siedlung Raum zu gewähren.
+Über sie hinweg ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen,
+erhöhten mecklenburgischen Waldufer, die drüben die Bucht eine Strecke
+einsäumten, bis dahin, wo Meer und Himmel ungestört aufeinanderzustoßen
+schienen.
+
+Man konnte vielleicht glauben, der Fluß habe sich schon in den weiten
+Wassern des großen Wyk verloren; aber die Spitze der Halbinsel drängte
+seinen Lauf noch einmal zusammen, ehe er, an Travemünde vorbei, sich
+dann ins Meer ergoß.
+
+Travemünde lag da wie ein holländisches Bild. Entzückend fein und
+lieblich an den Uferrand hingebaut und vom malerischen alten Kirchturm
+bevatert. Man sah, fern und klein, die gestutzten Linden, die mit
+Biedermeierwürde vor den Häuserfronten steif einherstanden; man sah die
+weißen, schmalen Leiber der Segeljachten im Fluß ankern und über den
+roten und schwarzen Navigationszeichen die silberhellen Möwen flattern.
+Blau war das Wasser, blau der Himmel -- nur dies bedrohliche eine Gewölk
+da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag.
+
+Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften Leinwand,
+auf der Terrasse, die solchen Blick in die großartige, farbenprächtige
+und linienkühne Ferne freiließ. Und die Nähe gab ein Gefühl von
+Üppigkeit und Sommerhöhe.
+
+Die Terrasse hatte kein Geländer. In kurzen Zwischenräumen standen an
+ihrem Rande weiße, viereckige Kübel mit gelb bemalten Faßbändern, darin
+dunkle ausländische Kugelgewächse grünten. Vor ihr breitete sich ein
+Blumengarten, in dem alles duftete und bunt sich aneinander drängte, was
+nur im Hochsommer blühen mag. Doch herrschten die Rosen vor, und
+Hochstämme edler Sorten zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein
+Rosenfreund war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Züchtung
+verschiedener Arten als Gärtnerdilettant zu versuchen, seine
+Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien -- die machen immer Mühe
+und oft Ärger, sagte sie.
+
+Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz. Sie klagte oft
+darüber, daß sie ihn als Last empfinde. Aber was sollte sie machen. Es
+war nun einmal viel von ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu
+verkaufen, hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort
+zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten noch die Eltern
+-- und die Eltern fanden durchaus, daß Agathe Lammen zu behalten habe,
+teils um Verlust zu vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten
+schien.
+
+Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erzählte, hatte er den
+Eindruck gehabt, daß die schöne Frau ein wenig in Schock vor ihren
+Eltern und nicht in sehr inniger Liebe mit ihnen verbunden sei.
+
+Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr geneigt, die Schuld
+an einem etwaigen Mißverhältnisse den Eltern zuzuschreiben.
+
+»Nicht wahr?« sagte Likowski einmal, »gänzlich blonde, mollige, fügsame
+Weiblichkeit -- so eine von den heißen Trägen.«
+
+Stephan Marning war sehr überrascht gewesen, als er die Baronin Agathe
+kennen lernte. Er hatte sich nach den Andeutungen ein temperamentvolles,
+rot- oder schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante oder gar
+Dämonische vorgestellt. Und er fand eine behagliche Blondine, die nur
+ein wenig mit dem zu stillen Lauf ihrer Tage unzufrieden schien,
+vielleicht aus dem gesunden Instinkt heraus, daß ihr Gefahr drohe, zu
+üppig und schläfrig dabei zu werden.
+
+Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen. Die Neckereien
+Likowskis hielt er für grundlos, nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu
+hänseln, entsprungen. Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun einmal
+Art der Frau. --
+
+Das Frühstück war beendet, der Kaffee und die Zigaretten wurden am
+Tische genommen, denn nun fing ja das an, was Agathe die »Arbeit«
+nannte. Sie ließ abräumen -- man war von zwei Bedienten umsorgt worden,
+die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern glänzten. Vor ihr lagen
+nun weiße Kärtchen; ihre wunderhübschen, weichen Hände spielten damit,
+und die Brillanten an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr
+wohlgewachsene Gestalt der noch jungen Frau war in ein höchst
+kunstreiches weißes Kleid gepreßt. Es hatte vorn einen sehr tiefen
+Ausschnitt; die feinen, dünnen Tüllfalten, die ihn straff umgaben,
+trafen unter einer vorgesteckten Rose zusammen, höchstens eine Hand
+breit oberhalb des Gürtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme
+bedeckte, war mit keinerlei verhüllendem Gewebe unterlegt. So zeigte
+Agathe mit reichlicher Unbefangenheit, daß sie eine prachtvolle weiße
+Haut und untadelige Formen habe. Merkwürdigerweise wirkte diese
+Enthüllung bei ihr wie etwas Selbstverständliches. Die Farben ihres
+Gesichts waren auffallend -- rein der Teint, rosig die Wangen, fast wie
+bei einem Wachskopf. Sie war stolz auf diese Schönheit. Die Züge, so
+weich sie schienen, so unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften,
+wirkten aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die Augen
+konnten den erfahrenen Beobachter wohl beschäftigen. Sehr hellblau, groß
+und schwimmend waren die Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als
+goldig in der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete Fülle. --
+
+Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfaß. Agathe schob
+es der Dame hin, die ihr gegenüber saß.
+
+»Liebstes Fräulein,« sagte sie bittend, »Sie schreiben die Namen auf die
+Karten?«
+
+»Aber sehr gern.«
+
+Fräulein von Gerwald tat alles »sehr gern«. War ja überhaupt froh, wenn
+sie einmal in Anspruch genommen wurde.
+
+Ihre Überflüssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn Jahre war sie von
+Stellung zu Stellung gestoßen worden, hatte oft genug keine gehabt. Alle
+Damen wollten immer so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen
+nicht leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich nicht
+aneignen konnte.
+
+Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie nur, um Klagen,
+Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut vor ihr zu bedenken. Und als
+Schatten, den sie auf Reisen und bei der Geselligkeit im Hause neben
+sich haben mußte.
+
+Und wie gut man hier aß und trank! Wie sorglos das Geld unterwegs und
+daheim ausgegeben wurde! Das tat wohl -- an allem durfte man teilnehmen.
+Die Baronin schien es nicht übers Herz bringen zu können, einen Menschen
+zu demütigen. Fräulein von Gerwald schwärmte für ihre Herrin, sprach ihr
+immer nach dem Munde und war schon in den ersten Tagen entschlossen
+gewesen, sich hier zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefällig
+verschließen müssen ... Nun war sie schon zwei Jahre hier, aber es hatte
+sich niemals die Gelegenheit zum Blind- und Taubtun gezeigt. Was der
+sehr befestigten und nie bestürmten Moral des häßlichen alten Mädchens
+doch eine wohltuende Beruhigung war.
+
+Nun saß sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht von beflissener
+Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden Namen zu schreiben, der bei
+Feststellung der Tischordnung genannt werden würde.
+
+»Mich muß natürlich Lohmann führen -- er ist zum erstenmal hier,« sagte
+die Baronin Agathe. Sie lag bequem in dem Rohrsessel, dessen
+naturfarbenes Geflecht mit buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und
+sie fragte: »Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? Sie
+wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.«
+
+»Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und an die frühere
+Pflegemutter.«
+
+»Sehr verändert?« fragte Agathe weiter.
+
+»Ih wo. Keine Spur. Einfach und natürlich, wie sonst.«
+
+»Aber glückstrahlend?«
+
+Likowski erwog -- prüfte nach -- machte eine Kopfbewegung.
+
+»Glückstrahlend? Das ist nu so 'n Wort. Nee. Klara Hildebrandt hat man
+nie angemerkt, ob ihr strahlend oder bekümmert zumute war. Immer
+beherrscht.«
+
+»Sie wird schon glücklich sein, wie sollte sie nicht!« sagte Fräulein
+von Gerwald. »Eine Volksschullehrerin, die einen Millionär bekommt! Es
+ist beinahe phantastisch!« Und sie seufzte.
+
+»Gott,« sprach Agathe, »sie hat sich verkauft! Es gibt ja viele Ehen,
+die 'n Handel sind -- so 'rum oder so 'rum.« Und sie seufzte auch.
+
+Alle wußten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe.
+
+»Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen sich,« fügte sie ganz
+elegisch hinzu.
+
+Stephan Marning dachte: »Ja ... verkauft -- sie hat sich verkauft ...«
+Und er hatte ein Gefühl von Ablehnung, fast von Erbitterung.
+
+Likowskis Ritterlichkeit wallte auf.
+
+»Nein,« behauptete er, »was auch die Leute klatschen -- der Vater soll
+ihn gezwungen haben, damit er in Ordnung käme -- hätt's zur Bedingung
+gemacht für Bezahlung der Schulden -- soll Klara Hildebrandt eine
+Million geschenkt haben, damit sie den Sohn nimmt -- Klara soll ihn
+hassen -- der Wynfried soll ein ganz verbrauchter, verseuchter Mensch
+sein. -- Ist ja alles Quatsch. Immer wird drauf losgered't, ohne daß
+eine Seele genau die Motive kennt. Ich bind' doch auch nich aller Welt
+auf die Nase, warum ich dies und das tue und lasse. Als ob der Geheimrat
+so 'n Schuft wäre und ein Mächen an einen verseuchten Mann verkuppelte!
+Als ob die Klara Hildebrandt 'n Mächen wäre, das sich so schlankweg
+kaufen läßt! Nee, so 'n simpler, ekelhafter Handel is das nu nich
+gewesen. An den Reichtum hat sie nich gedacht. Vom Geld ist bei der
+ganzen Verloberei nich ein Ton gesprochen, sagt die alte Lamprecht. Und
+sie sagt, vor der Klara müsse man den Hut abnehmen.«
+
+»Sie haben da ja neulich gegessen,« fragte Agathe, »was für 'n Eindruck
+machte das Paar denn? Und die ganze Sache?«
+
+Marning war es nicht angenehm, von diesem Mittag zu sprechen.
+
+»Ich war der Gast des alten Herrn, der zu meinen Verwandten vieljährige,
+nahe Beziehungen hat; sie empfahlen mich sehr warm an ihn. Er war
+mehrere Monate zu leidend, mich einzuladen. Dann kam die Verlobung und
+die rasche Heirat -- das war auch keine Zeit, in der man Gäste bittet.
+Kaum aber war das Ehepaar von der Hochzeitsreise zurück, da lud der
+Geheimrat mich am ersten Sonntag zu Tisch. Und weil der alte Herr und
+das junge Paar zusammen einen Hausstand führen, war das Essen
+gemeinschaftlich.«
+
+Er machte eine ganz kurze Pause und fuhr dann in einem kühleren Ton
+fort: »Die überragende Persönlichkeit des Geheimrats nahm so völlig all
+mein Interesse in Anspruch, daß ich mit den jungen Herrschaften mich
+nicht eingehend genug unterhalten habe, um irgend ein Urteil abgeben zu
+können.«
+
+»Ich hab' immer das Gefühl, daß Sie zu schroff über dieses Paar
+denken,« meinte Likowski.
+
+»Es geht mich so wenig an, daß ich gar nichts darüber denke,« sagte er
+kalt.
+
+»Fabelhaft der alte Herr! Ist es wahr, daß er den Gebrauch der linken
+Hand wieder erlangt hat?«
+
+»Ja. Nur das linke Bein ist noch sehr lahm. Aber sein Geist, seine
+Stimmung ist von einer Frische ...« erzählte Marning.
+
+»Die Freude! Das Glück! Er soll seine Schwiegertochter vergöttern!«
+
+»Ach, Likowski, Sie haben immer 'n Faible für das Mädchen gehabt,«
+neckte Agathe.
+
+»Meine teuerste Freundin,« sprach er voll Haltung, »so 'n rauher
+Kriegsmann ich auch bin: für Frauenwürde und Tugend hab' ich das Gefühl
+nich verloren. Und wenn's, wie ich _dringlich_ hoffe, demnächst endlich
+losgeht, sag' ich nich nur: mit Gott für König und Vaterland, sondern
+auch: und zum Schutz der deutschen Frau.«
+
+»Oh!« rief Fräulein von Gerwald, »wie herrlich empfunden! ...«
+
+»Ich bin rasend gespannt auf Wynfried Lohmann,« sagte Agathe laut vor
+sich hin träumend. »Vor sechs Jahren hab' ich ihn mal erlebt -- sein
+Vater gab das erste große Diner nach dem Trauerjahr für die Frau --
+Wynfried war gerade zum Besuch -- ich hatte ihn neben mir bei Tisch --
+Gott, wir waren beide noch so jung -- die Jüngsten in der ganzen
+Gesellschaft -- wir verstanden uns himmlisch. -- Er war schön wie 'n
+junger Gott damals -- hoch, schlank, blond -- und so viel Verständnis
+für die Frau -- ach, es war ein Abend ...«
+
+Und in ihrer Stimme klang irgend etwas Schwüles mit -- etwas
+Sehnsuchtsvolles. -- In ihre Augen kam ein feuchter Glanz -- sie verlor
+sich in träumerische Gedanken.
+
+»Auf diese Weise kommen wir mit unserer Festordnung nicht weiter,«
+erlaubte Marning sich zu sagen.
+
+Agathe stand auf, reckte sich lässig -- die ganze üppige Gestalt schien
+sich in wohligem Behagen zu dehnen ... Freilich trat dabei auch hervor,
+daß der Oberkörper eigentlich ein wenig zu groß sei ...
+
+»Ach was,« sagte sie, »wir überlassen es Fräulein von Gerwald. Sie
+machen das -- nicht wahr?«
+
+»Aber sehr gerne!«
+
+»Halten Sie nur fest: Herr Lohmann führt mich -- alles andere ist weiter
+keine Etikettenfrage, alle Gäste kennen sich und passen zueinander.«
+
+Die junge Frau Lohmann war im Augenblick ihrem Gedächtnis völlig
+entglitten.
+
+»Ich ziehe mich zurück, meine Herren, um frisch zu sein zu dem
+Zauberfest. Tun Sie desgleichen -- Sie wissen ja -- das grüne
+Fremdenzimmer ... Um fünf Uhr Tee, allmähliche Anfahrt der Gäste --
+Begeisterung über die schöne Aussicht -- Promenaden -- Gruppenbildungen.
+Halb acht Diner. Nachher Mondscheinwasserfahrt. -- 'Nur für Natur' ...«
+schloß sie, falsch singend und sich ein wenig im Walzertakt wiegend.
+
+Likowski suchte das grüne Fremdenzimmer auf, denn er wußte: da stand
+auch ein Kistchen mit den schweren Importen, die die schöne Hausfrau in
+ihrer Gegenwart nicht geraucht haben mochte.
+
+Fräulein von Gerwald, im soliden hell- und dunkelgestreiften grauen
+Seidenkleid, auf dessen undurchdringlich unterfüttertem Spitzeneinsatz
+sie eine Bernsteinbrosche trug, zog sich mit ihrem Material in einen
+kleinen Raum neben dem Eßsaal zurück. Durch die offene Tür sah sie
+manchmal sinnend zu, wie die Blausilbernen und zwei Mädchen, in hellen,
+knisternden Kattunkleidern, mit Tüllmützchen auf dem Kopf, die Tafel
+deckten. Und dann wieder paarte sie mit emsiger Feder Männlein und
+Weiblein zur Tischgenossenschaft. Der jungen Frau, geborenen
+Hildebrandt, gab sie den Freiherrn Stephan von Marning. Das kam ihr sehr
+angebracht vor. Vielleicht waren Likowski und Marning ja die einzigen
+Herren, die die junge Frau kannte oder genauer kannte. Es mußte für die
+arme kleine Person, der Fräulein von Gerwald vorweg rasendes
+Lampenfieber und heimliche gesellschaftliche Ungewandtheit zutraute,
+doch eine Erleichterung sein, sich auf einen Bekannten stützen zu
+können. Und Likowski -- den teilte sie sich selbst zu. -- Welch ein
+Mann! Einer von den wenigen wirklich noch edeldenkenden Männern ... Wie
+er mit blitzenden Augen von Frauenwürde und Tugend sprach! ... »Tugend«
+-- das war für Fräulein von Gerwald: wenn man nie das Mindeste mit einem
+Mann zu tun gehabt hat. Sie durfte von sich sagen, daß sie eine
+Überfülle von Tugend besaß ... Und Likowski wußte das zu schätzen! Er
+war auch in finanzieller Hinsicht nicht gebunden. -- Ach, man konnte
+nicht wissen. -- Sie wollte ihm bei Tisch noch innig für seine
+ritterlichen Worte danken ...
+
+Stephan Marning aber mochte sich nicht oben im Fremdenzimmer von
+Likowski einräuchern lassen. Er ging in den Garten. Der war stilisiert
+und ganz auf Blumenzucht und dekorative Wirkungen angelegt. Bänke und
+Sitzgelegenheiten waren der Anlage reichlich eingeordnet. An diesen
+Garten, der eine Fläche auf der Uferhöhe vor dem Schloß einnahm, grenzte
+eine schräg zum Wasser hinuntersteigende Baumpflanzung -- eine Art
+Wäldchen, von Serpentinen- und Treppenwegen durchzogen. Unten war ein
+geräumiges Bootshaus in das Wasser des Wyks hineingebaut. Da lagen ein
+Motorboot und ein großes Ruderboot. Zwei Leute hantierten darin herum
+und hängten Lampions an Drähte, die kunstreich vom Heck zum Bug und rund
+um die Schiffsränder gespannt waren.
+
+Braungoldener Schatten lag unter dem niederen Dach, das Wasser im
+Bootshaus hatte den dunklen Schimmer von Rauchtopas. Man sah durch den
+Bau wie durch einen Tunnel. Seine Öffnung nach dem Wyk zu war voll
+Sonnenglanz und funkelnder Wellenunruhe.
+
+Er schaute eine Weile zu, wie die Männer in den schaukelnden Booten
+faltige Formen auseinanderbogen, daß sie zu bunten Ballons wurden.
+
+Aber seine Gedanken waren anderswo als seine Blicke ...
+
+»Was geht es mich an, ob sich diese junge Frau verkauft hat oder nicht?«
+
+Er dachte auch an seine Schwester Martha. Sechs Wochen nach ihrer
+Hochzeit war er mit ihr und ihrem Manne, dem Hauptmann von Strenglin,
+zusammengetroffen. Und man hatte wohl gespürt, daß die beiden, die in
+Armut und Treue lange aufeinander gewartet, kaum ihr seliges Liebesglück
+vor den Augen anderer recht zu verstecken wußten ...
+
+Von solchem elementar sich verratenden, heimlichen Glück hatte er
+neulich nichts gespürt, als er mit dem Ehepaar zusammen am Tische des
+alten Herrn saß ...
+
+Aber freilich: auch nichts von Unfrieden, feindseliger Kälte,
+gelangweilter Höflichkeit ...
+
+Ihm schien: freundlich und herzlich war die junge Frau gewesen. -- Er
+auch, der junge Ehemann auch.
+
+Nach krassem Unglück sah das nicht aus. Und der alte Herr sprach davon,
+wie seine letzten Jahre nun gesegnet seien, und nahm zärtlich die Hand
+der Schwiegertochter ...
+
+Und welche Ergebenheit, welche liebevolle Art hatte sie -- wenn sie den
+alten Herrn bediente ...
+
+»Was geht das alles mich an? ...«
+
+Er stieg langsam wieder hinauf, durch die noch so wenig imposante
+Anpflanzung.
+
+»Ein junges Stückchen Wald -- halbwüchsiges Baumgedränge hat keine
+Schönheit,« dachte er. »Merkwürdig ... wie bei manchen Menschen und
+manchen Schicksalen: sie brauchen Reife, um ihre Schönheit zu
+offenbaren.«
+
+Oben glühte die Nachmittagssonne. Er ging zwischen Wänden von weißen,
+quadratisch geordneten Holzstäben hin. Sie waren anmutig berankt und
+durchflochten von allerlei Kletterpflanzen, die er nicht kannte. Wie ein
+Korridor war dieser Weg, und er endete an der fernsten Seitengrenze des
+Gartens in einem Rundell.
+
+Dies war umgeben von dicht übersponnenen Gitterwänden; der noch blühende
+rote #Crimson rambler# bedeckte sie ganz. Vor ihnen, in gefälligen
+Abständen voneinander, bildeten schneeweiße Bänke einen Kreis. In der
+Mitte trug ein Beet eine gedrängte Fülle von niederen Rosenbüschen; in
+allen Farben blühten sie jetzt zum zweitenmal.
+
+Stephan setzte sich. Er fühlte sich von einer unbegreiflichen
+Traurigkeit übernommen. Er dachte: »Was tue ich hier eigentlich?« Und
+sagte sich dann: »Nun, man muß gesellig sein -- das Leben, der Stand
+bringen das so mit sich -- --«
+
+Und woher und warum so niedergeschlagen -- fast mutlos und überdrüssig?
+
+Er liebte seinen Beruf mit Inbrunst. Seine schmale Zulage hatte ihn nie
+bedrückt. Es war sein Stolz, mit ihr sich einzurichten -- wie das,
+gottlob, der Stolz von Tausenden von Offizieren war. Unter
+Entbehrungen, in der Stille arbeiten, damit alles bereit sei, wenn
+einmal die ernste, große Stunde käme ...
+
+Heiß war die Luft, sie bebte in Wellen über den Rosen, man sah sie
+zittern. Und die Rosen atmeten ihren Duft hinein, die Hitze nahm ihm die
+Keuschheit, mischte ihm etwas Fades und zugleich Berauschendes bei.
+
+Man wurde schläfrig davon -- und doch so seltsam erregt ...
+
+Es war dem jungen Manne, als sei ihm die ganze Brust voll von Wünschen
+-- und er hätte dennoch keinen beim Namen nennen können. Eine unklare
+Begierde kam über ihn, nach irgend einem Glück -- einem großen, seligen
+Glück ...
+
+Die Üppigkeit der Stunde voll Rosenduft, Sonnenglanz und
+feierlich-froher Stille übernahm ihn ganz. Wie Arme beim Anblick reicher
+Lebensführung sich in ihrer Zufriedenheit erschüttert fühlen, so wühlte
+das Prangen dieser Hochsommerschwüle in seiner Seele Sehnsucht auf.
+
+Er erschrak und fuhr aus seinem Hinträumen auf -- irgend ein Laut hatte
+das Gespinst zerrissen. Er horchte: fern der Heulton eines Dampfers, der
+vielleicht flußauf fuhr ... Nein, das hatte ihn nicht gestört. -- Nun
+wußte er es: Schritte ... Auf lockerem Silberkies von Gartenwegen kann
+auch der kleinste Frauenfuß nicht unhörbar gehen.
+
+Und da war auch schon die Herrin dieses durchglühten, durchdufteten und
+weltfernen Gartens.
+
+Er wollte aufspringen -- war sehr überrascht.
+
+»Nein, ich setze mich zu Ihnen.«
+
+»Ich dachte, Baronin, Sie wollten ruhen.«
+
+»Will ich auch -- aber erst eine Stunde nach Tisch -- ich möchte nicht
+dick werden -- lieber kastei' ich mich.«
+
+»Was Frauen nicht alles für ihre Schönheit opfern können.«
+
+»Na -- sie ist immerhin keine ganz nebensächliche Angelegenheit.
+Obgleich es ja gerade für mich ganz egal ist, ob ich hübsch oder häßlich
+aussehe,« sagte sie.
+
+Sehr dicht saß sie neben ihm, seitwärts und ihm zugewendet. Sie hatte
+den Ellbogen auf die Rücklehne der Bank gestützt, und der runde, weiße
+Arm zeigte sich in seiner ganzen Schönheit.
+
+»Warum gerade für Sie?« fragte er erstaunt.
+
+»Ach,« sprach sie mit einer gewissen gelassenen Bekümmertheit, »wer
+sieht mich denn wirklich an? Mit Freude oder Interesse, meine ich.
+Denken Sie denn, daß es von Wert ist, wenn die gute dumme Gerwald sagt:
+Frau Baronin sehen heute wunderbar aus. Oder wenn Likowski mal schwört,
+ich hätte meinen #beau jour#. Oder wenn sonst einer der Herren mir 'n
+Kompliment sagt -- halb versteckt, damit ihre Frauen nicht eifersüchtig
+werden. -- Ja, man hat eben keinen Menschen, dem man die Hauptperson in
+der Welt ist ...«
+
+Stephan war ein wenig betroffen, er liebte solche Ergüsse nicht -- aber
+doch, sie hatte im Grunde Recht. Ihr Leben war, trotz allen Reichtums
+und aller Vergnügungen, eigentlich einsam -- vielleicht gar innerlich
+arm.
+
+Wie schwer, darauf zu antworten.
+
+»Ich habe immer gedacht, das Bewußtsein ihrer Schönheit beglücke eine
+Frau -- denn Schönheit ist immer Ausnahme, Auszeichnung,« sagte er.
+
+»Aber sie braucht Anerkennung -- Verständnis -- ich sage nicht:
+Publikum! Das meine ich nicht. Die Anerkennung der Gesellschaft nicht.
+Ein Wort, ein Blick der Bewunderung von einem geliebten Menschen ...
+ach, dafür gibt eine Frau alle Triumphe der Welt hin. -- Und das hab'
+ich nicht -- hatt' ich nie ...«
+
+Das klang aus ihrem Munde nicht geschmacklos -- wurde alles mit einer
+Art von Kindlichkeit oder Natürlichkeit vorgebracht.
+
+Er wurde fast verlegen. Hieraufhin konnte er doch unmöglich, um sie zu
+trösten, ihre Ohren mit Schmeicheleien füllen.
+
+»Ihr Gatte wird nicht blind gewesen sein,« sprach er.
+
+»Es war ihm angenehm, daß man mich nicht häßlich fand. Das war alles.
+Sie wissen es doch -- warum soll ich ein Hehl daraus machen: man hatte
+mich in die Ehe mit diesem alten Mann gezwungen. Meine Eltern fühlten
+sich nicht disponiert, eine erwachsene Tochter zu bewachen. Papa mit
+seiner rasenden Arbeit -- ähnlich wie der Geheimrat, aber in
+Textilindustrie -- und Mama mit ihren zahllosen Vorstandspflichten --
+Mama ist eine Vereinsdame -- Mama hatte auch eine Schwäche für Adel --
+ein Baron sollte es sein --«
+
+»Ich bitte Sie, Baronin, Sie erwarten Gäste, Sie wollen froh sein --
+lassen Sie die schweren Lebensumstände heute unbesprochen -- es erregt
+Sie.«
+
+»Sehen Sie, sehen Sie,« sagte sie mit klagendem Ton. »Niemand hat
+Interesse für mich -- nicht einmal meine Freunde -- ich dachte, Sie
+wären mein Freund geworden. Wenn ich einmal von mir sprechen will,
+ermahnt man mich gleich, zu schweigen.«
+
+Sie hat ja Recht, dachte er. Es war undankbar und ungerecht, sie niemals
+zur rechten Aussprache kommen zu lassen.
+
+Merkwürdig, wie viel diese volle, weiche, schöne Frau von einem
+unverantwortlichen Kind hatte -- zum Schutz, zum Bevormunden
+herausforderte.
+
+»Sie sollen mir ein andermal so viel von Ihrem Leben erzählen, als Sie
+mir nur immer anvertrauen mögen -- ich erbitte es als besondere Gunst,«
+sagte er sehr herzlich.
+
+Durch seine Gedanken huschte die Erinnerung an den Klatsch über ihre
+Mädchenjahre -- wer wußte etwas Sicheres? Sicher war dagegen, daß er
+selbst viele Züge der Gutherzigkeit, der freundlichsten Gefälligkeit an
+ihr hatte beobachten können ... Und was pries die Gerwald immer? Ihre
+Dame sei gar nicht imstande, ihr eine Demütigung zuzufügen. Welche
+Seltenheit -- eine Frau, die eine gebildete Untergebene immer zu schonen
+versteht -- --
+
+Man kann so rasch denken. -- Das alles war ihm gegenwärtig, während er
+sprach, und färbte seinen Ton noch viel herzlicher, als er wußte.
+
+Und sie hörte noch mehr hinein ...
+
+»Ach ja -- ja,« flüsterte sie, »ja -- ein anderes Mal -- aber bald --
+nicht wahr? Bald?«
+
+Sie griff nach seiner Hand, und das zwang ihn, die ihre zu küssen.
+
+Eine angenehme, träumerische Befangenheit machte ihn still.
+
+Wie diese Frau hineinpaßte in die prangende Hochsommerfülle und Glut --
+als verkörpere sich die heiße Stunde in ihren weißen, vollen Gliedern.
+
+Er fühlte immer stärker eine Versuchung in sich aufsteigen -- sie
+drängte ihn zu diesem roten Mund. Der war ein wenig verzerrt vor
+Begehrlichkeit. Und ihre schwimmenden Augen hatten weichen Glanz --
+schlossen sich halb -- zwischen den Lidern hervor brach ein Strahl von
+Hingegebenheit ... von glühendem Verlangen ... daß sein Herz zu klopfen
+begann ...
+
+Mit einem Male begriff er: sie wollte ihn! Er fühlte, wenn er jetzt der
+Versuchung erlag, entschied es über sein Leben. Ein Kuß auf diese
+lechzenden Lippen, und er war gebunden ...
+
+Er riß sich zusammen -- mannhaft und überlegen. -- Nicht in Abwehr. Aber
+in Besonnenheit.
+
+Er küßte noch einmal ihre Hand ... Das ihr angeborene, wunderlich
+zutreffende Verständnis für die Annäherung und den vorsichtigen Rückzug
+eines Mannes blitzte in ihr auf ... Dieser Handkuß -- das war eine
+Abschlagszahlung -- ein Vertrösten -- keine Zurückweisung. -- Aber doch:
+es war quälend, in diesem Augenblick, wo sie ihr Leben darum gegeben
+hätte, sich satt zu küssen.
+
+Sie stand auf -- reckte sich wieder. -- Das war immer wie ein Schauspiel
+und ein unbewußtes Sichdarbieten -- lachte ein wenig gezwungen, und doch
+war zärtliches Gurren in der Stimme.
+
+»Ja -- an einem ruhigen Tage -- dann kommen Sie -- Sie allein -- und ich
+erzähle Ihnen mein Leben. -- Und jetzt will ich wirklich ruhen ...«
+
+Sie ging, und zwischen den Gitterwänden, wo grünes Gerank all die
+zahllosen Quadrate durchflocht, wandte sie sich noch einmal um, winkte
+mit ihrer weißen Hand, an der die Brillanten blitzten ...
+
+Er blieb ein wenig betäubt zurück. Kein Zweifel mehr: sie war in ihn
+verliebt, und er konnte sie haben. -- Da war also ein Glück! Er hatte
+sich doch schweren Herzens vorhin nach einem Glück gesehnt. Eine Frau
+von üppiger Schönheit. -- »Sie hat so irgend etwas an sich, als müßte
+sie in einen Harem passen,« dachte er. -- Eine Frau mit großem Vermögen
+und Erbaussichten auf noch viel mehr. Eine Frau von gutherzigem Wesen.
+»Sie weinte neulich beinahe, weil ein Landstraßenköter ihren Foxterrier
+gebissen hatte -- -- sie ist außerstande, sich etwas Schönes zu kaufen,
+ohne gleichzeitig die Gerwald zu beschenken, damit der das Zusehen nicht
+sauer wird.«
+
+Was wollte er, als bescheidener Oberleutnant eines
+Linieninfanterieregiments, noch mehr erwarten?
+
+Es war sozusagen das große Los.
+
+Er sah wieder den roten Mund, die feuchten Augen, den runden Arm, die
+weiße Haut ... Sein Blut wallte auf ... Und wenn sie jetzt noch hier
+gewesen wäre ... Aber nein! Besonnen bleiben! Sie prüfen -- nichts
+überstürzen --
+
+Nachher fand man sich wieder zusammen, war auf der Terrasse, im Salon,
+der sich mit zwei Türen auf die Terrasse zu öffnete, in der Diele, die
+wiederum an den Salon stieß, so daß der ganze mittlere Teil des
+Erdgeschosses für gesellige Zwecke sich wie ein einziger sehr großer
+Raum benutzen ließ. Likowski stellte fest, daß eine derartige
+Beweglichkeit und der Hang, alle paar Minuten den Platz zu wechseln, ihm
+etwas Neues an der allergnädigsten Hausfrau sei. Ferner stellte er fest,
+daß sie eine andere Toilette trug, die er »unerlaubt« schön nannte, weil
+die armen Männer schwach wie Adam bei solchem Anblick werden mußten. Und
+bei sich dachte er: sie hat jawoll _noch_ weniger an als vorher ... Aber
+dies zarte Lila, dieser hauchdünne Chiffon kleideten sie köstlich.
+
+Agathe lachte etwas nervös und meinte, das Erwarten der Gäste, die viel
+zu spät kämen, spanne ab.
+
+Und ihr Blick -- den Likowski sah und höchst vielsagend fand -- glitt
+hinüber zu Stephan Marning. Und -- wahrhaftig: erwiderte der
+Oberleutnant den Blick nicht? Unbefangen sah er nicht aus -- das konnte
+man bei schärferem Beobachten merken. War die Geschichte spruchreif?
+Hatte sein Oberleutnant begriffen und zugegriffen? Er, Likowski, gab
+seinen Segen. Von Herzen. Vorausgesetzt, daß Marning nicht den Abschied
+nähme, um in Wohlleben zu versumpfen. Aber da war ja wohl keine Gefahr.
+Marning zog des Königs Rock um kein Weib, kein Gold und keine Vorteile
+aus! Er wußte, was jetzt mehr als je die Pflicht des deutschen Soldaten
+war: das Schwert blank halten. -- Die Stunde kam bald doch mal, wo ...
+Ja, der Stephan Marning -- ein ganzer Kerl -- man konnte ihn heiraten
+lassen ... Es interessierte Likowski fabelhaft ... Er dachte: kein
+kleines, aber vielleicht auch ein ziemlich anstrengendes Pläsier, der
+Erlöser Agathens zu sein ...
+
+Und dann kamen die Gäste in rascher Reihenfolge. Etwa fünfundzwanzig an
+der Zahl. Da war der Großindustrielle Herr Detlev Stuhr mit seiner
+bemerkenswerten Tochter Edith, die heute zum erstenmal in der
+Gesellschaft erschien, weil ein Sommerfest, wie ihr Vater sagte, nicht
+für voll rechne. Fräulein Edith war von der bezauberndsten Häßlichkeit,
+sehr rothaarig, sommersprossig, mit einem kecken Näschen und hellbraunen
+Augen, aus denen allerlei lustige und zündende Farben sprühten. Ihr Kopf
+saß fein auf sehr schlankem Halse, und ihre Gestalt konnte man sich
+ebensogut in Jünglingskleidung denken wie in diesem blassen Blau dünner
+Stoffe. Und das zu rote Haar war mit einer so malerischen Berechnung
+geordnet, daß eine Schauspielerin hätte davon lernen können. Likowski
+verkehrte im Ton väterlicher Dreistigkeit mit ihr. Der eigene Vater, ein
+hastiger Mann mit scharfklugen Zügen, kokettierte damit, daß er zu
+schwach sei gegenüber der Tochter, und klagte über sie in Wendungen, die
+im Grunde lauter Lob und Preis dieses einzig dastehenden Wesens waren.
+
+Dann sah man das kurzbeinige Ehepaar Herrn und Frau von Pankow. Er
+setzte sich gleich in einen der Rohrlehnsessel auf der Terrasse, mit
+auseinandergestellten Knien, wie Männer mit erheblichen Bäuchen tun,
+sprach den Erfrischungen und den Sandwichs eilig zu und hielt dabei
+einen kleinen Vortrag, dem der Generaldirektor Thürauf, die Finger um
+ein Glas Gießhübler geklammert, in kühler Ruhe zuhörte.
+
+»Wär' ja Selbstmord ... 'ne Verfassung?! Seit 1755 haben wir uns famos
+bei der bisherigen befunden ... bin meinem Großherzog loyal ergeben --
+das versteht sich -- aber 'ne Verfassung? Da kriegt er die Ritterschaft
+nich zu -- nie! Mecklenburg wäre ja nich mehr Mecklenburg -- nein.«
+
+Und sein breiter Dialekt, aus dem die eu- und oi-Laute wuchtig
+aufklangen, gab seiner obotritisch-ritterschaftlichen Ansicht erst die
+rechte Färbung. -- Sein rundes Gesicht war rot von der Hitze der
+überstandenen Fahrt. Aber sein bißchen blondes Scheitelhaar befand sich
+in glänzender Ordnung. Der Alte-Kaiser-Bart hatte noch kein weißes
+Härchen.
+
+Frau von Pankow, auch kaum mittelgroß und ebenso rundlich, sprach etwas
+leutselig mit Fräulein von Gerwald, der sie sich immerhin näher als
+mancher anderen Anwesenden fühlte, weil die Gerwalds eben doch sehr
+alter Adel waren.
+
+Beide Gatten, in mangelnder Kritik, gefielen sich in Stoffen, wie sie
+für Körperfülle gar nicht ungeeigneter sein konnten. Seinen Spitzbauch
+umglänzte eine weiße Weste. Und ihren Busen, ihre Hüften umprallte
+hellgrauer Atlas.
+
+»Wie viel Glanzlichter auf wie viel Rundungen,« sagte Fräulein Edith zum
+jungen Leutnant Hornmarck. Und sie lachten.
+
+Likowski warf einen Blick hinüber. Sein kleiner Hornmarck, an dem er wie
+ein alter Bruder herumerzog, ging ihm zu hitzig mit der frechen Krabbe
+um -- alle Woche zweimal spielte man Tennis zusammen -- es kamen
+Freundinnen aus Lübeck -- Referendare -- allerhand halbwüchsiges Volk,
+das sich aber natürlich für voll und lebensreif hielt. -- Und Hornmarck
+hatte sich verliebt. -- Na, das war ja selbstverständlich. -- Aber es
+hieß aufpassen: tüchtige Entwicklungen nicht durchqueren lassen von zu
+frühen Gedanken an Verloberei. Likowski kannte das: mit zwanzig denkt
+man intensiver ans Heiraten als um die dreißig herum. -- Und denn diese
+Edith! Zu amüsant! Amüsante Frauen sind was Zweischneidiges ...
+
+Die blonden, ruhigen Töchter des Generaldirektors Thürauf sprachen
+vernünftig mit zwei Offizieren und dem Freiherrn von Brelow, der als
+Administrator eines der großen mecklenburgischen Rittergüter verwaltete,
+die sich mit fetten Wiesen, weiten Feldern und ruhevollen Wäldern an der
+Küste hinzogen. Er war nicht mehr ganz jung; ein etwas stiller,
+stattlicher Mann, mit einem schmerzlichen Zug im Gesicht, den Sorge
+hineingeschrieben.
+
+»Wissen Sie,« sagte Herr von Pankow vertraulich, »das wär' der Mann für
+Ihre Älteste. Er ist tüchtig und hat Charakter. Ich wollt's ihm gönnen,
+daß er wieder auf eigene Scholle zu sitzen käme und sich wenigstens das
+kleine, eigentliche Stammgut der Brelows zurückkaufen könnte -- sein
+Vater war 'ne Jeuratte -- der Sohn is nich belastet -- rührt keine Karte
+an -- nee, kann ich beschwören -- tut er nich.«
+
+»Das dürfte ein zu kostspieliger Schwiegersohn für mich sein, Herr von
+Pankow. Ich habe drei Töchter -- drei!« sagte der Generaldirektor
+lächelnd.
+
+Pankow stieß mit dem Zeigefinger scherzend ein Loch in die Luft, auf
+sein Gegenüber zu.
+
+»Soll ich Ihnen zehn Mark vorstrecken?! Seit fünfzehn Jahren
+Generaldirektor mit 'n Ministergehalt und Tantieme auf Severin Lohmann!
+Wenn das nicht flutscht ...«
+
+»Die Herren Agrarier denken immer, daß wir Großindustriellen uns nur so
+auf Goldsäcken herumwälzen.«
+
+In einer anderen Gruppe sprach die hübsche, dunkelhaarige Frau Thürauf
+mit der Baronin Bratt und dem Oberleutnant von Marning.
+
+»Ja, darüber wundern sich immer alle Menschen, wie sehr meine Töchter
+meinem Mann ähneln. Von mir keinen Zug.«
+
+Die Hausfrau kam hinzu. Es war immer, sowie sie Neuankommende begrüßt
+hatte, als zöge es sie magnetisch dahin, wo Stephan Marning stand. Und
+sie ahnte nicht, daß die ganze Gesellschaft es bemerkte. Sie trug eben
+ihre Verliebtheit vor sich her wie ein Licht -- vom Betrachten und
+Bewachen der Flamme wird der Blick blind für alles ringsum.
+
+»Lohmanns kommen aber sehr spät,« sagte sie. »Und ich bin so gespannt!
+Als sie bei mir Besuch machen wollten, war ich in Berlin -- Papas
+Geburtstag. -- Und als ich bei Lohmanns vorfuhr, waren sie aus.«
+
+»Ich glaube,« sagte die alte Baronin, deren Gesicht von Wind und Wetter
+braun war wie das eines Mannes, »das junge Paar macht sich nicht viel
+daraus, zu verkehren. Der Geheimrat hielt ja immer drauf -- er sah ja
+auch in der Geselligkeit so 'ne Art volkswirtschaftliche Pflicht -- fand
+es auch menschlich freundlich, mit den Gütern weit hinaus Beziehungen zu
+unterhalten. -- Neulich, als ich mal zu ihm fuhr -- ich verdanke ihm ja
+manches -- als ich Witwe wurde und mein Niehaus allein bewirtschaften
+mußte. -- Na, das gehört nicht hierher. -- Neulich hielt er mir einen
+kleinen Vortrag über diese Sachen. Auf seinen Wunsch haben die Kinder
+dann Besuch gemacht -- bei mir waren sie mal nachmittags, zur
+Kaffeezeit. Ich hatte auch Vorurteile -- wer hat sie nicht! -- die
+Heirat war so überraschend. Für den jungen Lohmann war es wohl das
+Beste. Ich kann aber nicht anders sagen: die junge Frau hat mir gut
+gefallen. Mir ist auch des Geheimrats Urteil maßgebend. Und er stellt
+sie hoch.«
+
+Da fiel ihr ein, daß es taktvoller sei, mit der Gattin des
+Generaldirektors von Severin Lohmann nicht über die Schwiegertochter des
+alten Herrn zu sprechen. Aber gerade sagte noch Frau Thürauf: »Wissen
+Sie, Baronin, es war recht eigen -- gerade für mich! Das kann man sich
+wohl denken. Ich hatte manchmal mit Fräulein Hildebrandt zu tun gehabt
+-- solange keine Frau im Herrenhaus war, kümmerte ich mich, ohne Mandat
+sozusagen, manchmal um Severinshof -- in solcher Arbeiterkolonie kann
+man immer mal helfend einspringen -- auch im Schulhause sprach ich wohl
+vor -- und da Fräulein Hildebrandt doch die Tochter des Vorgängers
+meines Mannes war, tat mir's immer extra leid, daß ihr Leben so anders
+lief, als es wohl einst zu erwarten war. Ich hatte auch ohne das viel
+Sympathie für sie, die ich sie merken ließ. So was fühlt sich
+gegenseitig. Und mit einem Male ist sie die Schwiegertochter unseres
+Chefs ... Aber welch ein Takt! Wissen Sie, ihr erstes war, mir noch zu
+danken für die Sympathie, die ich ihr früher gezeigt, und die Hoffnung
+auszusprechen, daß das eine gute Vorbedeutung gewesen sein möge für
+unser weiteres Verstehen. -- Es berührte angenehm. Keine Spur von
+Auftrumpfen ...«
+
+»Wie alle diese Frau loben!« dachte Stephan. Es reizte ihn. Warum die
+Nachsicht? Immer wieder sollte man es hart und laut sagen: »Sie hat sich
+doch verkauft.«
+
+»Da sind sie,« sagte die Baronin Bratt unwillkürlich halblaut, obgleich
+das Ehepaar Lohmann fern in der Diele erschien, während sie selbst in
+der Tür zwischen Salon und Terrasse stand.
+
+Agathe eilte ihnen entgegen. Über die ganze Gesellschaft legte sich
+plötzlich Schweigen; aber da jeder einzelne das sofort spürte und als
+taktlos empfand, dauerte es keine zweite Sekunde, bis die Stimmen mit
+erhöhter Lebhaftigkeit sich erhoben.
+
+Das Wiedersehen enttäuschte Agathe. Damals war der junge Wynfried schön
+wie ein Apoll gewesen -- eine Erscheinung, wie man sie unter der
+männlichen Jugend der englischen Aristokratie zuweilen trifft. -- Er war
+gealtert -- der Jünglingszauber war davon -- stattlich sah er zwar aus;
+aber gar nicht mehr auffallend -- so auf der Stelle bezaubernd.
+
+Agathe fand auch die junge Frau nicht schön. Ihr Schönheitsideal waren
+natürlich blonde, üppige Frauen mit herrlichem Teint. Und diese Klara
+Lohmann schien ihr zu schlank, die Züge zu streng, die Farben zu matt.
+Höchstens konnte man gelten lassen, daß die Augen groß und ernst waren
+und sogleich fesselten.
+
+Nun konnte Fräulein von Gerwald erkennen, daß ihre Voraussetzungen
+unzutreffend gewesen waren. Die junge Frau Lohmann nahm die
+Vorstellungen mit einer schlichten Freundlichkeit, gänzlich unbefangen
+entgegen; die ihr schon Bekannten -- und es waren schließlich die
+meisten -- bekamen ein besonders helles Lächeln. Auch der junge Ehemann
+zeigte eine ruhige Verbindlichkeit.
+
+Likowski betonte sich als alter Freund und Hausgenosse. Der Freiherr
+Stephan von Marning wechselte mit dem Ehemann einen flüchtigen
+Händedruck und verneigte sich fremd vor der jungen Frau.
+
+»Wissen Sie,« sagte die rothaarige Edith zu ihrem Ritter, dem Leutnant
+Hornmarck, »dies Ehepaar interessiert mich fabelhaft. Sie machen so 'n
+gänzlich unverheirateten Eindruck.«
+
+»Den näher erläutert zu bekommen, wäre interessant,« meinte der kleine
+Leutnant.
+
+»Ach, wer da so 'reingucken könnte!« sagte Edith mit einer wahrhaft
+gierigen Teilnahme an dieser vielbesprochenen Ehe.
+
+Der Nachmittag ging rasch hin. Die junge Welt trödelte im Garten umher
+und war genügsam des Beisammenseins froh, das ja durch mancherlei kleine
+Schwingungen, verborgene Wünsche und Elektrizitäten vielerlei Reize
+hatte.
+
+Agathe versäumte oft ihre Hausfrauenpflichten und tröstete sich damit,
+daß Fräulein von Gerwald beflissen um die älteren Damen besorgt sei. --
+Es zog sie -- es trieb sie -- sie mußte, _mußte_ immer wieder Stephans
+Nähe haben. Sie beobachtete zweimal, daß Edith Stuhr, dies Mädchen, dem
+man einfach alles zutrauen konnte, mit ihrem Pierrotlachen ihn ansprach.
+Ihr Fraueninstinkt wußte: diese eben dem Backfischtum entronnenen
+Mädchen sind die Todfeindinnen der reifen Frauen -- halten eine
+Achtundzwanzigjährige schon für alt. Eifersucht quälte sie ...
+
+Es war Ende August, und die Dämmerung füllte schon früh den
+schwülduftenden Garten. Seine hohe Lage gab den Blick frei nicht nur auf
+die weite Ferne und Wyk und Meer, sondern auch auf einen ungeheuren
+Himmelsraum, dessen Blau nun langsam erlosch, um sich in eine feine
+Farblosigkeit zu verwandeln.
+
+Da kam Fräulein von Gerwald eiligst herangerauscht, suchte ihre Herrin
+und gab die empfangene Meldung weiter, daß man zu Tisch gehen könne. Und
+da erst fiel es Agathe ein, daß man die junge Frau Lohmann gar nicht im
+Garten gesehen habe. »Sitzt bei der Baronin Bratt, Hauptmann von
+Likowski und Frau von Pankow.« Das erinnerte an so viel Würde. -- Mein
+Gott, ja, sie war nun immerhin die Gattin von Wynfried Severin Lohmann.
+-- »Was haben Sie ihr für einen Tischherrn gegeben?« fragte Agathe, als
+sie mit ihrer Gesellschaftsdame auf die Terrasse zuging.
+
+»Den Freiherrn von Marning.«
+
+Es war Agathe im Grunde sehr, sehr recht. Ungefährlicher konnte der
+geliebte Mann ja nicht untergebracht sein. -- Aber doch: Frau Klara
+Lohmann würde sicher erwarten, daß Herr von Pankow sie führe.
+Entschieden -- so war es nicht ganz taktvoll ... Eine Änderung aber im
+letzten Augenblick unmöglich.
+
+Es zeigte sich auch weiterhin, daß Fräulein von Gerwald keine glückliche
+Hand gehabt hatte. Ihre Gutherzigkeit wollte fördern, wo sie zwei auf
+dem Wege zueinander witterte. So gesellte sie Edith und den Leutnant
+Hornmarck, und darüber waren Ediths Vater und Likowski ärgerlich; sie
+setzte Brelow neben die älteste Thürauf, und das beunruhigte den
+Generaldirektor und seine Frau und raubte ihnen die Stimmung. Hinwieder
+ließ sie die Baronin Bratt von Herrn von Pankow führen, der dafür
+bekannt war, daß er gern was Hübsches, Junges zur Seite hatte und
+obendrein als Grenznachbar des Brattschen Gutes in vielerlei kleinen
+Ärgernissen mit der ihm zu autoritativen Baronin lebte.
+
+Aber Agathe merkte nichts davon, daß ein Teil ihrer Gäste nicht sehr
+munter schien. Sie war ganz und gar beschäftigt. Mit glücklichem Gefühl
+beobachtete sie, daß Stephan sich mit der jungen Frau Lohmann steif und
+höflich unterhielt -- natürlich mochte er sie nicht leiden -- daneben
+versäumte sie nicht, in Wynfried Lohmann die Erinnerungen an jenen
+schönen Abend von damals wachzurufen.
+
+Er lächelte.
+
+»Ich bin gewiß sehr unbescheiden gewesen! Was man so als junger Dachs
+alles wagt! Und nach sechs Jahren darf ich es wohl gestehen: ich war an
+jenem Abend rasend in Sie verliebt.«
+
+»Ach, wie entzückend, das noch nachträglich zu hören. Ja -- jetzt sind
+Sie nicht mehr so ganz flammender Schwärmer. -- Ein würdiger Mann. --
+Schrecklich ernsthaft verheiratet. -- Teilhaber an Severin Lohmann. --
+Und machen es wie Ihr Vater und arbeiten von früh bis spät?«
+
+»Meinen Vater kann niemand erreichen. Die Natur gab ihm zu seinen
+Geistesgaben auch noch die Hünenkraft -- sie ist ja noch fast
+ungebrochen. -- Wenn die linksseitige Lähmung nicht wäre. -- Aber ich
+versuche mich einzuarbeiten. -- Das große Interesse, das meine Frau hat,
+ist dabei nicht unwichtig. -- Teilhaber werde ich offiziell am 1.
+September.«
+
+»Ich will versuchen, mich mit Ihrer Frau zu befreunden,« sagte Agathe in
+plötzlichem Entschluß. Der von ihr geliebte Mann verkehrte doch bei den
+Lohmanns. -- Grund genug zum Wunsch, aus der förmlichen Beziehung eine
+nähere werden zu lassen.
+
+»Es würde mich freuen, wenn Ihnen das gelänge, Baronin. Meine Frau hat
+eine sehr ernste Jugend gehabt. So ist sie ein verschlossener Mensch
+geworden. Ein wenig Fröhlichkeit könnte unserem Hause nicht schaden.«
+
+Der arme Mann darbt gewiß an allen Ecken und Enden, dachte Agathe.
+
+Und er dachte, daß es immerhin unterhaltend sein könnte, dieses
+wundervolle Weib öfter zu sehen. Zuweilen ging es ja wie ein Erwachen
+durch ihn hin -- ein leiser, noch nicht bestimmter Wunsch wollte
+aufwallen, daß ihm das Dasein wieder genießenswerter werden möge.
+
+Und diese Frau, wenn man sich zufällig einmal näher zu ihr neigen mußte,
+hatte einen Duft an sich -- einen ganz bestimmten Duft, süß und zart,
+den Wynfried kannte. Und dieser feine, eindringliche Wohlgeruch störte
+Erinnerungen aus dem Schlaf auf.
+
+Er fragte endlich leise: »Was haben Sie für ein Parfüm -- verzeihen Sie
+die Frage, Baronin -- aber Sie wissen: was weckt mehr Erinnerung als ein
+Duft!«
+
+Und sie nannte die Mischung und das Pariser Haus als Bezugsquelle. --
+Worte, die ihm ins Ohr klangen wie ein Nachhall aus verrauschten Tagen
+... Der bittere Zug kam in seinen Mundwinkel. -- Er sah zu seiner Frau
+hinüber. Zufällig trafen sich ihre Blicke.
+
+Da lächelte er freundlich ...
+
+Das war sein redlicher, gütiger Kamerad, an dessen Hand er wieder
+emporkam ... Und im Trotz gegen diesen Duft nickte er ihr zu.
+
+Klara dachte, daß das Tafeln niemals ein Ende nähme.
+
+Wie förmlich der Freiherr von Marning neben ihr saß. Nein, mehr noch:
+gezwungen, konnte sie denken. -- Und sie wußte nicht, was für Gespräche
+sie versuchen sollte -- jedes starb gleich ab. Auf das qualvollste
+fühlte sie sich befangen -- und es war geradezu lächerlich, wie ihr eine
+ganz kleine Sache immer auf der Zunge lag und wie sie sich doch nicht zu
+entschließen vermochte, davon zu sprechen. Sie war nie dazu gekommen,
+ihm für die arme kleine pastellblaue Wollmütze zu danken, die er damals
+gefunden und ihr zugesandt hatte. In ihrer kurzen Brautzeit war sie ihm
+einmal begegnet, mit Likowski, der sie ansprach. Bei dieser Begegnung
+gratulierte er ihr mit so viel Zurückhaltung, daß es ihr weh tat.
+
+Sie ahnte: er sei einer von denen, die dachten, sie habe sich an einen
+reichen Mann verkauft.
+
+Das verschloß ihr den Mund.
+
+Auch neulich, als er bei ihnen zu Gast gewesen, fühlte sie sich
+außerstande, von der kleinen blauen Mütze zu sprechen -- als sei das
+wunder was gewesen, ein Erlebnis, daran man nicht rühren dürfe ... Und
+nun rang sie mit dem Wunsch, doch davon anzufangen. Es war aber
+unmöglich.
+
+Einmal fragte sie: »Wo standen Sie früher?«
+
+»In Köln, gnädige Frau. Zuletzt war ich in Berlin -- zur Turnanstalt
+kommandiert.«
+
+»Da ist freilich eine andere Welt gewesen. Wird es Ihnen nicht schwer
+auf dem Lande, in der kleinen Stadt? Das Leben ist so anders.«
+
+»Wo ein so gewaltiges industrielles Unternehmen wie die Severin Lohmann
+die Gegend beherrscht, ist weder Kleinstadt noch Landstille. Man hat
+immer das Gefühl, als wohne man nebenan bei einem Riesen, der von Funken
+umsprüht dasteht und der Welt zuruft: arbeite!«
+
+»Wie freut es mich, daß Sie es so empfinden,« sagte Klara lebhaft. »Mir
+ist oft, als sähe ich die ganze wunderbare Arbeit der Natur, die uns
+sonst geheimnisvoll verborgen bleibt, sich in einem geschlossenen,
+durchsichtigen Prozeß vor unseren Augen abspielen. In so einem
+Hüttenwerk mit all seinen Nebenprodukten lernt man in die Wirtschaft
+unserer Mutter Erde hineinsehen. Die Chemie hat ihr ihre Misch- und
+Kochkünste abgelauscht und wiederholt sie oben im Licht, auf sicherere
+und positivere Art.«
+
+»Gnädige Frau haben Verständnis und Interesse für das Lebenswerk Ihres
+Herrn Schwiegervaters.«
+
+Das war nun wieder eine abschließende Bemerkung. Aber Klara fragte:
+»Haben Sie das Hüttenwerk schon besucht?«
+
+»Nein; ich fand noch keine Gelegenheit, darum zu bitten.«
+
+»Wir wollen es Ihnen zeigen -- Wynfried und ich -- oder mein Mann
+allein,« setzte sie rasch hinzu. »Wenn er mich nicht dabei haben
+mag ...« dachte sie.
+
+»Ich nehme es mit Dank gelegentlich an,« sagte er unbestimmt.
+
+Sie suchte nach einem anderen Thema.
+
+»Sind Sie aus eigenem Wunsch oder in einer Familientradition Offizier
+geworden?« fragte sie.
+
+»Aus Wunsch und Tradition, gnädige Frau.«
+
+»Es ist jetzt nicht leicht, Offizier zu sein,« sagte sie, »der lange
+Friede -- und das mehr und mehr entschwindende Verständnis für die Größe
+Ihres Berufs ...«
+
+Er sah sie überrascht an. Ihre Blicke trafen sich.
+
+»Ganz gewiß, gnädige Frau. Man hat manchmal zu tun, Bitterkeit von sich
+abzuwehren, daß sie einem den frohen Mut nicht verdirbt. Die Gage ist
+schmal -- die Zulage klein -- Offizier sein, heißt von tausend Fällen
+neunhundertmal: mit stiller Würde entsagen können und auf alle sorglos
+reichlichen Lebensformen verzichten. Man hat sich dem Vaterlande gelobt
+und ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden, das volle Hingabe immer
+gibt. Aber wenn man denn so spürt, daß diese Hingabe von breiten
+Volksschichten gar nicht verstanden und gewürdigt wird -- das tut weh.
+Es ist auch kein erhebendes Gefühl, wenn man todmüde vom Dienst kommt
+und dann als Erfrischung ein Witzblatt in die Hand kriegt, wo alles, was
+Uniform trägt, als Troddel dargestellt wird. Naß bis auf die Haut ist
+man vielleicht, tat in Wind und Kälte seit Morgengrauen Dienst --
+vielleicht nach halbdurchwachter Nacht bei kriegswissenschaftlicher
+Arbeit. Und dann liest man, noch nicht mal bloß in sozialdemokratischen
+Blättern, Urteile, Schilderungen über uns, deren Böswilligkeit oder
+Unverständnis einfach grotesk ist. Die Hoffnung, endlich einmal zeigen
+zu können, wozu wir da sind, was wir gearbeitet haben -- ja, die wird
+schon fast Ungeduld. Wenn auch nicht alle so viel davon sprechen wie
+Likowski. Und doch -- während man so ungeduldig ist, muß man zugleich
+aus tiefstem Herzen wünschen, daß dem Volke das Grauen eines Krieges
+erspart bleibt. -- Ja, er ist nicht ganz einfach, unser Beruf ...
+Konflikte ... keine leichten ...«
+
+»Es gehört stilles Heldentum dazu,« sprach Klara. »In dieser Zeit, wo
+gewisse Schichten das Wort 'Vaterland' nicht hören können, ohne von
+Hurrapatriotismus und Sentimentalität zu höhnen.« Und nach einer kleinen
+Pause sagte sie langsam vor sich hin, was ihr von allen seinen Worten am
+stärksten gewesen war: »Und man ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden,
+das volle Hingabe immer gibt.«
+
+Er fühlte, daß sie diesen Ausspruch auch für sich annahm -- so deutlich
+fühlte er es, als habe sie es ihm erklärt.
+
+Er versank in Nachdenken. Das seltsame Gefühl der Vorsicht, das ihn
+zwang, sich fern und feindlich von ihr zu halten, war ihm entglitten. Er
+dachte: »Wir verstehen einander -- sie und ich ...«
+
+Aber sie hatte sich ja doch verkauft -- und das war gegen seine
+Einschätzung von Frauenwürde. Er sagte es sich noch einmal
+nachdrücklich.
+
+Als man nach Tisch hinauskam, stand die stille, dunkle Hochsommernacht
+so mächtig da, daß alle Leute sich von etwas rätselvoll Großem wie
+gebändigt fühlten und alle einfachen Herzen in Andacht schwiegen. Der
+hinschwindende Mond war nur noch eine schmale, orangenfarbene Sichel
+ohne Leuchtkraft. Die Sterne schienen ferner als sonst noch -- zu
+kleinen Pünktchen geworden, in unermeßbarer Höhe, kaum erkennbar. Und
+die eine Seite des Himmels rabenschwarz. Drüben unten blinkerten die
+Lichter von Travemünde. Daß der Leuchtturm, dessen Lampen man von hier
+nicht sah, wachsam seine Arbeit tat, erriet man aus dem gespenstigen
+Schein, der nach regelmäßigen Pausen über die grenzenlose Dunkelheit
+hinhuschte, von der man wußte: sie ist das Meer ...
+
+Stephan Marning schrak aus verträumtem Hinsinnen auf. Ohne daß er darauf
+achtgegeben, hatte Agathe sich ihm genähert. Sie flüsterte, als sei
+schon geheimes Einverständnis zwischen ihnen: »Richten Sie es so ein,
+daß wir zusammen ins Ruderboot kommen.«
+
+Der heiße Ton der dringlichen Mahnung berührte ihn, als wolle eine
+Frauenhand ihn streicheln, die er um keine Liebkosung gebeten hatte ...
+Er nahm sich zusammen. -- Sie nicht verletzen -- klug sein. -- Heute
+nachmittag, in durchdufteter Sonnenglut hätte er doch beinah die roten
+Lippen geküßt ... Sie war ihm also doch kein reizloses Weib ...
+
+»Wenn es unauffällig geschehen kann ...« flüsterte er zurück.
+
+Nun zog die Gesellschaft zum Ufer hinab, um die Fahrt in den
+geschmückten Booten auf dem nächtlichen Wasser des Wyk zu machen. Nur
+ein paar ältere Herren und die Baronin Bratt blieben zurück.
+
+»Es wetterleuchtet!« schrie Fräulein Edith.
+
+»Keine Spur. Das ist das Blinkfeuer des Leuchtturms,« sagte jemand.
+
+Fräulein von Gerwald hatte auch gesehen, daß es sehr starkes
+Wetterleuchten gewesen war. Aber sie schwieg. Sie wollte ihrer Herrin
+nicht das Programm verderben. Und würgte lieber die jäh aufsteigende,
+schlotternde Angst hinunter.
+
+Dieser Menschentrupp, von einer teils künstlichen, teils echten
+Lustigkeit wie besessen, hatte für Stephan etwas merkwürdig Törichtes.
+
+Im unsicheren Licht, das die an den abwärtsführenden Wegen aufgehängten
+bunten Laternen hergaben, sah er dicht vor sich Frau Klara Lohmann.
+Zuweilen konnte er ganz deutlich den schlanken Hals mit dem feinen
+Haaransatz erkennen und den braunen Haarknoten. Jetzt erst, in diesem
+Dämmerlicht fiel ihm auf, wie einfach sie gekleidet war ... Sonderbar.
+Sie hatte doch reich werden wollen ...
+
+Unten am Bootshaus war ein Gedränge und Gelächter.
+
+Edith tat, als sei sie beständig in Gefahr, ins Wasser zu fallen, und
+war recht laut. Sie wollte auch durchaus selbst ein Ruder haben, und
+deshalb stieg sie in das Ruderboot, wo die blonde Hausfrau, ein wenig
+schwer atmend, schon saß und sich von Wynfried Lohmann einen Schal
+umlegen ließ. Das Boot füllte sich so rasch, daß es Stephan keine Mühe
+kostete, sich auszuschließen.
+
+Frau Agathe rief: »Aber Herr von Marning sollte doch mit hier
+herein ...«
+
+Und andere Stimmen riefen dagegen: »Kein Platz mehr.«
+
+»O Gott, es wetterleuchtet wirklich!« sagte ein Fräulein Thürauf.
+
+»Das kommt nich!« beruhigte der Bootsmann.
+
+Stephan saß dann im Motorboot, vorn auf der kleinen Querbank, neben der
+jungen Frau Lohmann. Und die Maschine fing an, eilig und mit kleinen,
+dunklen Tönen zu puckern. Man hörte ein paar aufgestörte wilde Enten mit
+rauschendem Flügelschlag davonstieben. --
+
+»Wie schade,« sagte Klara.
+
+»Was?«
+
+»Daß wir die Sommernacht entweihen.«
+
+Er hatte dasselbe gefühlt.
+
+Fräulein Thürauf II und III waren musikalisch, hatten hübsche Stimmen
+und fingen an zu singen. Es klang sentimental. In den Gesang hinein
+schrie wieder jemand: »Es wetterleuchtet aber fix.«
+
+Wie schwarz das Wasser und die Nacht. Ohne die Laternen an Bord hätte
+man vielleicht den metallischen Blauglanz der Hochsommernacht erkannt.
+Die roten, durchleuchteten Papierkugeln töteten den Zauber.
+
+»Zu solchen gewaltsamen Vergnügungen muß man bei frischer Laune sein,«
+dachte Stephan und konnte selbst nicht begreifen, weshalb ihm dies alles
+so überflüssig und geschmacklos schien.
+
+Jetzt war es gar kein Zweifel mehr, daß das Wetterleuchten immer rascher
+trübrot die Gewölkwand am nordöstlichen Himmel zerriß. Es schien aber
+niemand im Boot ein Gefühl für die wilde Schönheit der zuckenden Scheine
+zu haben. Vielmehr stritten alle, ob man umkehren oder weiterfahren
+solle. Aber die behielten noch die Vormacht beim Entscheid, die
+auftrumpften: »Das Ruderboot denkt nicht an umkehren -- seht! Es schießt
+flott weiter hinaus. -- Und da ist doch die Baronin selbst an Bord --
+und sie ist doch so ängstlich ... Und Likowski ist dabei -- bloß keine
+unnütze Angst, meine Herrschaften.«
+
+Das Wasser gluckerte vorn am Bug, und es klang, als plauderten liebliche
+Stimmen unbekümmert vor sich hin. Laue Luft wehte den Fahrenden
+entgegen, wie das Boot so mit raschem Lauf durch die Flut rauschte.
+Einige Minuten lang schwiegen die Insassen.
+
+Mit einem Male zuckte am westlichen und gleich darauf auch am nördlichen
+Himmel ein Blitz. -- Niemand hatte gemerkt, daß rundherum Wolken
+heraufgezogen waren. -- Eine Frauenstimme stieß einen gellenden Schrei
+aus.
+
+Und von diesem Augenblick an wurde die Szene grotesk.
+
+Die Blitze sausten zackig von dem schwarzen Himmel nieder, Donner
+schütterte durch die Luft, das Wasser gärte in Unruhe. Aber man hätte
+dieses große Schauspiel ohne Angst ansehen können, denn der Mann an der
+Maschine lenkte, auf einen Zuruf des Oberleutnants von Marning hin,
+ruhevoll das Steuer uferwärts. In acht, in zehn Minuten konnte man
+wieder sicher unter das Dach des Bootshauses eingeglitten sein.
+Höchstens konnte etwa bald einsetzender Regen für die Damen unangenehm
+werden.
+
+Aber die Frauen wurden von jenem unerklärlichen weiblichen Bedürfnis
+gefaßt, sich in Gefahr und Angst hineinzusteigern. Die instinktive
+Begier nach Schrecknissen und die Bereitschaft zum Abenteuerlichen
+packte sie ... Sie wurden wie Kinder, die im dunklen Zimmer schreien,
+weil sie den schwarzen Mann und andere unbekannte Bedrohlichkeiten
+fürchten.
+
+Die Offiziere baten -- beschworen -- wurden streng. -- Umsonst. Das
+leiseste Schaukeln ließ die Sinnlosen von der einen Seite des Bootes
+sich auf die andere hinüberstürzen. Es schwankte so sehr, daß es zweimal
+in Gefahr geriet, umzuschlagen.
+
+Und diese wahnwitzige, überflüssige Angst war so ansteckend wie alle
+nervösen Anfälle, die aus Zeugen oft genug Miterleidende machen. Selbst
+die vernünftigen beiden Fräulein Thürauf weinten -- und die eine schrie:
+»Wir wollen an Land schwimmen.« Sie mußte gehalten werden, um sich nicht
+ins Wasser zu stürzen.
+
+Stephan saß neben der jungen Frau. -- Er faßte beruhigend nach ihrer
+Hand. -- Klara saß ganz still. Sie schien sehr bleich zu sein. Mit
+großen Augen sah sie dem angstzuckenden Gebaren zu -- es hörte ja auf,
+lächerlich zu sein, weil es eine ernste Gefahr für das Boot und alle
+Insassen war.
+
+Ein nächster Augenblick -- ein Ungefähr konnte das Unglück herbeiführen
+-- es brauchte nur ein Blitz greller und näher herabzufahren. Der Donner
+brauchte nur rascher heranzukrachen, und die Frauen würden völlig den
+Verstand verlieren.
+
+Klara allein war nicht von dem Taumel der Furcht, von der Besessenheit
+des Grauens erfaßt worden. Aber sie sah deutlich: diese Tollen
+beschworen herauf, was ohne Tollheit gar nicht vorhanden gewesen wäre.
+
+Und sie machte sich auf ein furchtbares Ereignis gefaßt ... Da fühlte
+sie, daß eine starke Hand tröstend die ihre umfaßte. Sie wußte
+plötzlich: es kann ja nichts geschehen.
+
+Er sah ihre Selbstbeherrschung -- wie liebte er gefaßte Haltung,
+geschmackvolles Betragen an Frauen. Das dieser jungen Frau inmitten all
+der sinnlos sich Gebärdenden war eine Wohltat. Und er dachte: »Ich habe
+ihr Unrecht getan!« Diese Frau, in deren Gedanken und Wesen er heute ein
+wenig, nur ein wenig hatte hineinsehen können -- die war keiner
+niedrigen Handlung fähig.
+
+Warum nicht fortan herzlich und freundlich ihre Freundschaft suchen --
+warum nicht trachten, sie näher kennen zu lernen?
+
+Ein Schrei zerriß seine Gedanken ... ganz nahe war ein Blitz
+niedergefahren. -- Polternd schien die Luft auseinander zu fallen -- als
+ob ihre Räume zerbarsten, klang es.
+
+Gleichzeitig legte sich, weil die Frauen sich hinüberwarfen, das Boot
+steuerbord so stark auf die Kante, daß nur das Gegengewicht, das mit
+Geistesgegenwart von den Offizieren gegeben wurde, es noch einmal
+rettete. Und im nächsten Augenblick schüttete es jäh vom Himmel nieder
+-- als käme ein Tropenregen herab, so gewaltig und groß prallten die
+Tropfen auf und in solchen Mengen, als habe einer neben dem anderen
+keinen Platz.
+
+Und dieser grandiose Regen goß die alberne Angst aus.
+
+Die fürchterliche und prickelnde Aufregung vor Tod in Wasserfluten, die
+Begierde auf Rettung durch starke Männerarme, die Schwelgerei weiblicher
+Schutzbedürftigkeit in Gefahr -- alles erlosch. Und nur noch der eine
+Gedanke hatte Leben, stärkstes Leben: »O Gott, mein Kleid!«
+
+Die Papierlaternen waren feuchte erloschene Fetzen. Die Spitzen und
+Tülle der Kleider nur noch anklebende Lappen.
+
+Stephan begann seinen Überrock aufzuknöpfen, und die junge Frau erriet
+auf der Stelle, daß er ihn ausziehen und ihr umlegen wolle.
+
+»Lassen Sie, bitte. Wir sind in einer Minute da.«
+
+Auch das Ruderboot kam rasch heran -- an seinem Borde schien kein Kampf
+der Furcht sich abgespielt zu haben.
+
+Im Bootshause, auf den innen umlaufenden Stegen war ein Gedränge halb
+komischer, halb tragischer Art. Man lachte, weinte, trumpfte auf,
+schämte sich.
+
+Die schöne Hausfrau ertrug es mit Humor, daß ihr blaßlila Chiffonkleid
+nur noch ein unzulänglicher Badeanzug war, und sie fing schon gleich an,
+ihr blondes Haar auseinander zu lösen -- alle konnten so seine Fülle
+sehen -- das machte ihr Spaß. --
+
+Am Ufer warteten die zurückgebliebenen Väter und Gatten neben den
+Blausilbernen, die ihren Glanz in Gummimäntel gehüllt hatten. So viel
+Regenschirme es im Schloß Lammen nur gab, waren zur Stelle.
+
+Aber was halfen nun noch Schirme.
+
+»Wir sind wie gebadete Katzen,« schrie Fräulein Edith, vor Vergnügen
+außer sich.
+
+Stephan sah, daß Wynfried Lohmann sich in herzlicher Besorgnis seiner
+Frau zuwendete.
+
+»Vielleicht,« dachte er, »vielleicht ist das Unwahrscheinliche wahr, und
+sie lieben sich.«
+
+So endete das Sommerfest auf Lammen, und Agathe hatte wohl Recht, als
+sie nachher noch sagte: »Diese gräßlich schöne Natur. -- Verlaß ist nie
+darauf.«
+
+
+
+
+5
+
+
+Klara dachte über die vergangenen Monate nach.
+
+Der Tag lud sie förmlich dazu ein. Es war ihr Geburtstag, und ihr
+dreiundzwanzigstes Lebensjahr begann.
+
+Sie saß in ihrem Zimmer. Es nahm die Ecke des Erdgeschosses ein und
+hatte ein Fenster nach dem Hüttenwerk, eines nach den Anlagen und dem
+Fluß zu. Aber auch von diesem Fenster, an dem die junge Frau ihren
+gewohnten Sitzplatz sich hergerichtet, hatte man den schrägen Blick
+hinüber auf die rauchende, flammende und rumorende Welt der Arbeit.
+
+Die schönen Sachen von Klaras Mutter möblierten das Zimmer. Sie waren
+völlig unbeschädigt erhalten gewesen, und man hatte nur ihrem
+Mahagoniglanz nachgeholfen. Das weite, tiefe Sofa mit dem graublauen
+Seidendamast stand an der Hauptwand. Darüber hing das Bild der Mutter.
+Das Angesicht, das dem der jungen Frau so sehr glich, leuchtete fein und
+hell vor dem grünen Hintergrund im dunkelgoldenen Rahmen. Und auf dem
+halbhohen Teeschrank an der Wand gegenüber ging zwischen den kleinen
+Alabastersäulen die gelbbronzene Pendelscheibe hin und her; oberhalb des
+Zifferblattes, auf der alabasternen Brücke, schritt der kleine,
+fiedelnde Amor. Nichts war hier neu als der Teppich, der zu der
+Einrichtung passend beschafft worden war, die Spitzenvorhänge an den
+Fenstern und die elektrischen Lampen. Wenn die junge Frau nicht durch
+häusliche Pflichten oder durch ihren Schwiegervater in Anspruch genommen
+war, saß sie am liebsten hier, wo sie den weiten Blick hatte über den
+Fluß, das wellige Gelände, die kleine Stadt, die freundlich und rotbunt
+mit all den vielen Fischräuchereien drüben sich um den Kirchturm
+drängte. Sie sah auch die Schornsteine und die Spitzen der wunderlich
+phantastischen Bauten des Hüttenwerks. An den Hochöfen, die sich nach
+oben zu in gebrochenen Linien verjüngten, konnte sie all die sie
+umgebenden Rohrwülste und umlaufenden Galerien erkennen. Sie verfolgte,
+wie an den Schrägaufzügen die kleinen Erzwagen hochklommen, und wußte,
+daß die dann oben ihren Inhalt in die Beschickungsöffnungen
+hineinschütteten.
+
+Der Novemberwind nahm den Schornsteinen den Rauch schon vom Rande weg
+und zerjagte ihn ostwärts in der Luft. Ein fahler Sonnenschein bekam
+manchmal die Wege frei, wenn die grauen Wolken nicht gerade an der
+hellblanken Scheibe im Himmelsraum vorbeisausten. Das Wasser des Flusses
+und der Bucht, zu der er sich gleich hinterm hohen Ufer des Städtchens
+erweiterte, wechselte die Farbe mit der unruhigen Belichtung. Bald
+gleißte es in einem beizenden Spiegelglanz, bald sah es stumpf aus, wie
+trübes Zinn. Und die Möwen flogen, mit weißem Flügelschlag im Schatten,
+mit silbrigem Blitzen in der Sonne.
+
+Im Vordergrund, an den Büschen und Bäumen der Anlagen hing hie und da
+noch rostfarbenes Laub. Von den meisten Ästen und Zweigen aber hatten
+Nebel, Regen und Sturm es längst fortgerissen.
+
+Zwischen der Front des Hauses und dem hohen Gitter, das die Landstraße
+von der Besitzung schied, arbeitete der Gärtner, um die Rosen
+niederzulegen und allerlei niedrige Ziersträucher, die den Vorgarten
+schmückten, für den Winter mit Tannendecken zu schützen.
+
+Aber die junge Frau war keineswegs von Herbstmelancholien
+niedergedrückt. Voll guten Mutes und in Dankbarkeit dachte sie über den
+Weg nach, den ihr Leben in den letzten Monaten zurückgelegt.
+
+Auf das allermerkwürdigste war dabei die große Veränderung in allen
+äußerlichen Daseinsbedingungen kaum ein Gegenstand ihrer Betrachtungen.
+Eigentlich hatte sie sich von heute auf morgen hineingefunden, in einem
+reichen Hause zu leben. Vielleicht, weil doch in ihr noch Erinnerungen
+genug wach waren an die Üppigkeit, die ihre erste Jugend umgab;
+vielleicht auch, weil sie in diesem Raum eine ganz gewohnte Umgebung
+behalten hatte; und endlich vielleicht auch, weil sie den Sturz vom
+Reichtum zur Sorge miterlebt hatte und sich der Tränen ihrer Mutter
+entsann. Menschen, die den Wechsel irdischen Glanzes an sich erfuhren,
+tragen als Gewinn all des Jammers Unabhängigkeit davon. Klara wunderte
+sich selbst oft, wie unabhängig sie von dem Bewußtsein der Millionen
+dieses Hauses war. Sie sagte auch ganz nüchtern und einfach, wenn etwa
+ihre Pflegemutter wie trunken und staunend von dem Reichtum sprach: es
+ist ja gar nicht meiner! -- Sie war keinen Augenblick berauscht von dem
+Wissen, daß ihr nun aller Luxus freistehe. Ganz sicher fühlte sie sich
+in der neuen Lage und hatte vor allen Dingen die eine bestimmte
+Erkenntnis, daß es von ihr nicht geschmackvoll sein würde, Aufwand für
+ihre Person zu verlangen oder zu treiben.
+
+»Darum habe ich Wynfried nicht geheiratet,« sagte sie, wenn die alte
+Doktorin Lamprecht immer wieder ihre einfache Kleidung besprach und
+meinte: »An deiner Stelle würde ich ...« Ja, was nicht alles? Sich mit
+Schmuck behängen? Und von Samt und Gold starren?
+
+Klara wußte, was sie getan hatte. Ihrer Tat treu zu bleiben, war ihr
+einziger Wunsch, ihre einzige Pflicht.
+
+Was sie auf sich genommen hatte, um eine riesengroße Dankesschuld
+abzutragen, bestimmte all ihr Tun und Lassen.
+
+Nun saß sie an diesem Novembermorgen, der für sie wie ein Auftakt zu
+einem festlichen Tage war, und dachte nach, wie weit sie denn eigentlich
+gekommen sei und ob alles schwer oder leicht gewesen.
+
+Mit dem alten Herrn? Oh, wie leicht, wie beglückend! Von jenem ersten
+Augenblick an, wo sie als Braut seines Sohnes neben seinem Sessel
+niederkniete und die Hand küßte, die den Schimpf vom Grabe ihres Vaters
+und die Not von den Tagen ihrer Mutter fern gehalten ...
+
+Wynfried stand dabei, und der alte Mann und das junge Mädchen konnten
+nicht von dem sprechen, was sie zumeist bewegte. Er konnte nicht bitten:
+rette meinen Sohn! Sie konnte nicht schwören: mein Leben für ihn --
+damit er dir recht leben kann!
+
+Aber sie verstanden sich auch ohne Worte auf das wunderbarste, und wie
+sie sich damals mit langen, tiefen Blicken alles gesagt, so war es bis
+auf den heutigen Tag geblieben: ein Lächeln, ein andeutendes Wort, ein
+rascher Blick -- und sie wußten voneinander, was sie dachten. In großen
+Fragen und in kleinsten Alltagsdingen. Und der alte Herr sagte manchmal:
+»Kind, ich muß mir's immer mit Gewalt vergegenwärtigen, daß du nicht von
+meinem Blute bist.« Und er sprach auch von dem Geheimnis seelischer
+Übertragungen. »Deine Mutter hat mich geliebt und hat mich verstanden.
+-- Das hat hinübergewirkt auf dein Wesen -- vielleicht ohne daß sie es
+wußte, hat sie aus dir mein Kind geformt.«
+
+Klara fühlte auch, wie der tägliche Umgang mit ihm sie reich machte und
+wie viel Interesse er in ihr weckte, wie er ihr Wissen erweiterte. Ihr
+geistiges Leben, so dachte sie oft, begann in der Zeit, als sie den
+Kranken jeden Sonntag hatte besuchen dürfen.
+
+Jeder Tag brachte ihr in immer neuer Befriedigung das Gefühl: ich habe
+recht getan. --
+
+Die Gesundheit des alten Herrn besserte sich so sehr, wie kein Arzt es
+für möglich gehalten; seine Stimmung war so gleichmäßig und milde, wie
+man es noch nie an ihm beobachtet hatte.
+
+Und der Generaldirektor Thürauf, der ihm mit bewundernder Treue ergeben
+war, sagte der jungen Frau: »So kommt der große Arbeiter, der nie für
+sein privates Leben viel Wärme gehabt hat, doch noch zu einem schönen
+Abend.«
+
+Ja, diese Gedanken waren hell, mit keinerlei Zweifelsfragen behangen.
+
+Und sonst? Die Aufgaben im Hause und die der Stellung?
+
+Da war's nicht so leicht gewesen und auch zur Stunde noch nicht immer
+einfach. Die Dienerschaft zwar, das erriet Klara bald, hatte von
+vornherein die Annahme: Die junge Frau regiert den alten Herrn, also
+heißt es bei ihr in Gunst und Gnaden stehen. An Beflissenheit fehlte es
+demnach nicht. Da aber Klara nicht im mindesten auf die Führung eines so
+großen Hausstandes vorbereitet war, mußte sie all ihre rasche
+Intelligenz zusammennehmen, um in die Aufgabe hineinzuwachsen. Die gute
+alte Doktorin Lamprecht konnte ihr, aus dem engen kleinen Rahmen ihres
+wirtschaftlichen Lebens heraus, auch keinen Rat geben. Aber sie
+entdeckte in sich überraschenderweise die Begabung für diese Dinge, die
+vielleicht nur selten einer echten Frau fehlt. Das machte ihr Mut, und
+sie arbeitete sich freudig in den Betrieb hinein. Als ihr Schwiegervater
+einmal schalt, daß sie zu viel umherlaufe und sich mit der Organisation
+der Rechnungsablage, mit der Kontrolle der Wäschevorräte und der
+Kellerei und anderer Zweige des Haushaltes plage, sagte sie: »Ach, Vater
+-- das meinst du gar nicht wirklich. Es sind doch Werte! Wenn es auch
+vielleicht für deine Einkünfte gleichgültig ist, ob ein paar Tausend im
+Jahr mehr verbraucht werden -- für deine Leute ist es nicht
+gleichgültig. Ich denke manchmal, wenn Dienstboten in großen Häusern
+allzu flott wirtschaften dürfen, können sie nachher keine guten
+Haushalter werden in ihrer eigenen, oft so sorgenvollen kleinen
+Selbständigkeit.«
+
+Dazu hatte er dann genickt. Es war ja ganz in seinem Sinne.
+
+Er lebte seit vielen Jahren als großer Herr. Seine unerhörte
+Arbeitsleistung konnte sich ungehemmter entfalten, wenn viele und rasche
+Bedienung, jede Erleichterung des Verkehrs, alle Bequemlichkeiten ihm
+die Mechanik des Alltagslebens unspürbar machten. Außer dieser
+Notwendigkeit, sich nie durch geringe Umstände und den Ablauf der
+Nebendinge gestört zu sehen, bestimmte ihn noch ein anderer Grund zu
+reicher Lebensführung. »Wer in bedeutendem Maße Geld verdient,« sagte er
+zu Klara, »soll es auch in Umlauf bringen; aber Verschwendung ist mir
+verhaßt. Sie ist von Grund aus unsittlich. Und du tust recht, nicht nur
+zur Erziehung der Leute, sondern auch um unsertwillen, Aufsicht zu
+führen.«
+
+So verstanden sie sich auch hierin. Um Klaras Kleidung kümmerte er sich
+nicht. Sie merkte wohl: er sah gar nicht, daß sie bei möglichster
+Einfachheit blieb, und sie lächelte oft gerührt in sich hinein, wenn sie
+spürte, wie er sie bewunderte. -- Sie dachte dann immer: es ist ja
+eigentlich meine Mutter, der er huldigt.
+
+Es gab aber auch eine peinliche Schwierigkeit. Die hatte einen Namen und
+hieß Leupold. Ein Diener, der sich in fünfundzwanzig Jahren so in die
+Art seines Herrn eingelebt hat, daß er sie immer versteht und sich ihr
+immer anpaßt, der in so langer Zeit nie unredlich Vorteile gesucht, der
+in schweren Nächten treu gewacht und an mühselig-langen Tagen Essen und
+Trinken vergaß, um nur ja nicht einen Wink des Leidenden zu versäumen --
+ein solcher Mann verdient alle Rücksichten und alle Hochachtung. Mit der
+stattlichen Entlohnung und der schönen Ziffer im Testament war es nicht
+getan.
+
+Leupold hatte der jungen Volksschullehrerin sehr wohl gewollt. Das wußte
+Klara noch. Er hatte sogar einen ganz leisen Protektor- oder Gönnerton
+gehabt, wenn sie kam und ging. Denn sie brachte seinem Herrn ein bißchen
+Zerstreuung. -- Von den Betrachtungen, die er früher still bei sich
+angestellt über seines Herrn Vorliebe für Fräulein Hildebrandt, wußte
+Klara natürlich nichts.
+
+Sie spürte aber, daß er die Schwiegertochter seines Herrn nicht mit
+Wohlwollen, sondern durchaus mit Eifersucht ansah. Vielleicht, so dachte
+sie mit feinem Spürsinn für die Gemütsvorgänge in Halbgebildeten,
+vielleicht fand Leupold auch die Heirat des jungen Herrn nicht
+standesgemäß. Und ganz gewiß dachte er, die Pflege der Schwiegertochter
+sei dem alten Herrn angenehmer als die Handreichungen des Dieners. Sie
+las ihm förmlich die bitteren Gedanken von der Stirn: »So lange hab'
+doch ich's am besten verstanden ...« Nun mußte sie ihm gewissermaßen den
+Hof machen, rief ihn oft zur Hilfe, wenn es gar nicht nötig gewesen wäre
+und wenn der Geheimrat auch sagte: »Wozu erst Leupold rufen?«
+
+Und es war schwer, hier die rechte Grenze zu finden: sich nichts
+vergeben durch zu große und verkehrte Rücksichtnahme und dennoch immer
+dem Manne zeigen, daß auch sie dankbar seine Verdienste schätze.
+
+Wie störend. Nur ein Nebenumstand -- nicht mehr. Aber doch. -- Mit den
+großen Sachen, die man deutlich sieht und fest fassen kann, wird man
+immer bald fertig. Aber die Dinge, von denen man sich immer wieder sagt:
+es ist ja nicht der Mühe wert, darüber so viel nachzudenken -- das sind
+die rechten Störenfriede.
+
+Ihre Wirksamkeit in der Kolonie Severinshof ließ sich auch nicht rasch
+in die klare Form und zu der segensreichen Ausdehnung bringen, wie sie
+sich gedacht gehabt.
+
+So manche Mutter, mit der sie früher aus eigenem herzlichen Antrieb oder
+auf Wunsch ihres damaligen Vorgesetzten, des Herrn Magers, über die
+Fehler ihrer Kinder gesprochen oder über die Wünschbarkeit besserer
+Pflege für die schwächliche Gesundheit der Kleinen, kam nun vertraulich
+mit drängenden und unerfüllbaren Ansprüchen. Es schien gerade, als
+hätten Mütter und Kinder von der Schicksalswendung der Lehrerin für sich
+auch goldene Berge erwartet. Jeder und jede, denen Klara früher in
+besonderer Freundlichkeit Anteilnahme bewiesen, erhob nun Forderungen.
+
+Aber diese Dinge konnte sie mit ihrem Schwiegervater besprechen und von
+ihm tröstend vernehmen, daß die Ungleichheit und die Bedürftigkeit doch
+nie aus der Welt zu schaffen sei, und wenn alle Milliardäre und
+Millionäre ihr Gold zur Verteilung brächten.
+
+Das Neinsagen ist bitter, wenn man am gut besetzten Tisch speist, fand
+Klara. Und sie erkannte schon sehr rasch, wie das Bitten und Betteln
+gerade dem Mildherzigen seine sorglose Lage vergällt.
+
+Noch ehe ihr überhaupt auch nur einmal das Gefühl gekommen war, sie sei
+selbst eine reiche Frau geworden, fing sie schon an, die Lasten und
+Verantwortungen des Reichtums zu spüren.
+
+Auch eine halb verlegene, halb humoristische kleine Episode hatte es
+gegeben. Ihr früherer Kollege, dessen glühende Verehrung für sie den
+vergnügten Spott der Schuljugend gefunden hatte, weil eben der arme Herr
+Kehl seine seelische Abhängigkeit von Fräulein Hildebrandt nicht zu
+verbergen vermochte, der kam und brachte ihr seine zum achten Male
+umgearbeitete Novelle. In zitternder Scheuheit stand er vor ihr, und
+ihre unveränderte freundliche Güte ergriff ihn und steigerte sichtlich
+seine Begeisterung. Er erbat von Klara Prüfung seiner Novelle und die
+Besorgung eines Verlegers oder die Herausgabe auf ihre Kosten und vor
+allen Dingen ihr Urteil. Klara dachte sich wohl, daß er von ihr ging mit
+dem Gefühl: nun durch ihre mächtige Hand eins, zwei, drei zu Ruhm und
+Gold zu kommen. Aber sie hatte ja gar keine mächtige Hand und genau
+ebenso wenig Beziehungen zu Verlegern oder großen Redaktionen wie Herr
+Kehl selbst. Und obendrein war die Novelle von überwältigender Komik und
+spielte in der Gesellschaft des Hochadels, von der er fabelhafte
+Vorstellungen hatte. Als Klara ihm schrieb, daß er vielleicht besser
+tue, die Welt, die er kenne, zu schildern, und andeutete, daß sie seine
+Arbeit nicht für druckreif halte, fürchtete sie schon, daß sie sich
+einen Feind mache. Als sie ihm dann einmal begegnete, grüßte er kaum und
+mit gehässigem Blick. Und von Herrn Magers hörte sie dann, daß man den
+Kehl entlassen müsse. Er spreche bei jeder Gelegenheit in den Stunden
+davon, daß Reichtum den Charakter verderbe, und Herrn Magers' kluges
+Töchterlein hatte gesagt: »Papa, es klingt, als wenn er Fräulein
+Hildebrandt meint.« -- Für die Kinder war sie noch immer »Fräulein
+Hildebrandt«. --
+
+Auch vielleicht kaum der Mühe wert, über die Episode Kehl nachzudenken!
+Und doch, wie war es wunderlich, daß das eigene Leben in keine Bewegung
+kommen kann, ohne, gleichwie in sich fortpflanzenden Wellen, auch
+anderer Leben in Bewegung zu setzen.
+
+Ihr Schwiegervater überwies ihr bald eine bestimmte Summe, die ihr in
+monatlichen Raten ausbezahlt wurde. Damit sollte sie dann nach eigener
+Erkenntnis helfen, wo es ihr gerecht schien. Es würde nicht ohne
+schmerzende Erfahrungen abgehen, meinte er. Aber auch auf diesem Gebiet
+heiße es: Lehrgeld bezahlen. Er besprach auch mit ihr die vorhandenen
+Wohlfahrtseinrichtungen, davon ein Krankenhaus und die Schule die
+hauptsächlichsten waren. Das beschäftigte sie auf erhebende Art. Sie
+wollte trachten, sich in diese wichtigen Dinge besonnen einzuarbeiten.
+
+Alles zusammengenommen: ihr Leben war nicht leer.
+
+Und im letzten Grunde reizten ja auch die Schwierigkeiten und machten
+fühlbar, daß man mit sich und anderen vorwärts kam.
+
+Die wichtigste aller Fragen aber war natürlich diese: Wie weit war sie
+mit ihrem Mann gekommen?
+
+Beinahe hätte sie sich rasch geantwortet: sehr weit -- überraschend
+weit!
+
+Aber wenn sie es ganz genau bedachte, mußte sie sich sagen: ich weiß es
+nicht!
+
+Was für ein ganz anders geartetes Menschentum ist doch im Manne, dachte
+sie.
+
+Davon natürlich hatte sie vorher nichts wissen können. Und sie grübelte
+dem Rätsel »Mann« nach.
+
+Sie wußte nun schon, daß Mann und Weib zwei verschiedene Welten in sich
+tragen und daß nur die Liebe die große Kluft überbrücken kann, die
+zwischen beiden sich dehnt. Überbrücken -- nie ganz ausfüllen ...
+
+Welches Wunder: einsam steht der eine hüben, die andere drüben!
+
+Und jeder und jede denkt über den anderen Teil wie über etwas nie ganz
+Ergründliches nach.
+
+Das hatte ganz gewiß irgend einen geheimnisvollen Zweck und Grund -- war
+keine Laune der Natur. --
+
+Von ganzem Herzen, mit einem gewissen freudigen Eifer war sie in die Ehe
+gekommen, in der Hoffnung: in ihr lerne ich meinen Mann lieben! Sie
+wollte, sie mußte ihn lieben lernen. Damit nicht gar eines Tages die
+klugen Augen des Vaters doch durchschauten, daß sie ein Opfer gebracht
+hatte -- ein Dankopfer ... Und auch aus einem eigenen, kräftigen
+Lebensgefühl heraus: sie wünschte sich das Glück! Wer wünscht es sich
+nicht? --
+
+Aber bis zu dieser Stunde war die Liebe -- jene, die sie ersehnte --
+immer noch nicht erwacht. Sie meinte es mit keinem Menschen auf der Welt
+besser als mit Wynfried. Voll Zartheit, immer nur in Sorge, ihr
+heimliches Wirken zu umschleiern, suchte sie ihn zu halten, zu fesseln,
+zu beeinflussen, anzuregen.
+
+Es würde sie erschöpft haben, ihre Nerven hätten überreizt davon werden
+können, wenn nicht der Erfolg gewesen wäre.
+
+Sie sah es: er kam zum gesunden Dasein zurück -- er begann Reiz an der
+Arbeit, Interesse für das Werk zu gewinnen. Er wurde ein anderer ...
+
+War es nicht genug Glück, das zu sehen?
+
+Gab es nicht sehr wahrscheinlich Tausende von Ehen, wo diese ruhige
+Freundlichkeit des Gemütes und die große Pflicht zur Arbeit als voller
+Inhalt genügte?
+
+Daß es solchem Inhalt an Sittlichkeit fehle, konnte man gewiß nicht
+sagen ...
+
+Allmählich kam dann vielleicht noch die Gewohnheit hinzu -- all die
+tausend kleinen Dinge des Lebens sind ja wie Ringe und bilden zuletzt
+eine Kette von nicht mehr übersehbaren Gliedern -- und die umschlingt
+dann zwei Menschen und macht ihr Schicksal zu einem ...
+
+Ihr erster Erfolg hatte sie ganz betroffen gemacht -- es war nur eine
+lächerliche Kleinlichkeit gewesen. -- Und doch: wie hob es sie gleich.
+
+Am Tage nach ihrer Verlobung achtete sie auf sein linkes Handgelenk --
+ob da wohl wieder das fatale Armband zum Vorschein käme, das ihr gestern
+so unangenehm aufgefallen war -- sie merkte: es war fort!
+
+Vielleicht war es eine Erinnerung an jene schlimme Frau gewesen, um
+deretwillen er so viel Jugendjahre vergeudet. -- Es tat Klara wohl, daß
+er es nicht mehr trug.
+
+Wenn man keine heiße Liebe zueinander hat, fühlte sie oft, muß immer
+wachsame Rücksicht die Zartheiten der Liebe ersetzen.
+
+Mit sich selbst und ihrem ganzen Verhältnis zu ihrem Manne war sie
+völlig im klaren: wenn sie auch keine Leidenschaft für ihn empfand, wenn
+auch niemals ihre Wärme für ihn, über die herzliche schwesterliche
+Teilnahme hinaus, in beseligte Hingabe sich wandeln konnte -- so mußte
+dennoch er und nur er der Mittelpunkt ihres Lebens sein und bleiben. Sie
+wollte, sie durfte niemals einen anderen lieben! Ihrem Manne irgend
+etwas zu verweigern, was innerhalb der Ehe sein Recht zu fordern war,
+durfte ihr nie beikommen. Sie mußte und wollte ihr Dasein daran setzen,
+damit das seine ihm nützlich und hell werde.
+
+Das war alles sehr ernst, es war mit voller Einsicht übernommen worden,
+und sehr klar.
+
+Ganz unklar aber war ihr noch sein Verhältnis zu ihr. Da fingen lauter
+Rätsel an.
+
+Das erste und größte war dies gewesen: ein Mann konnte, ohne von
+glühender, ausschließlicher, heiliger Liebe für eine Frau erfüllt zu
+sein, dennoch in gewissen Stunden und Stimmungen von einem Rausch
+hingerissen werden, der der Liebe gleich sah, der ihre Gebärden, ihre
+Mienen, ihre bedrängende Hingebung annahm. Und vermochte in solchem
+Rausch, was nur Liebe können sollte ...
+
+Klara ahnte wohl, da lagen die tiefsten Gründe der Verschiedenheit
+zwischen Mann und Weib.
+
+Sie wußte so wenig vom Wesen des Mannes, daß sie keinen Begriff davon
+hatte, wie der erste und alleinige Besitz eines schönen jungen Weibes
+auch für einen nicht Liebenden voll Reiz sein kann.
+
+Sie würde sich nicht im mindesten gewundert haben, wenn Wynfried als ihr
+anspruchsloser Freund neben ihr dahingelebt hätte, ohne jemals ihre
+Schlafzimmertür zu öffnen.
+
+Sie ertrug die letzte, geheimste Gemeinsamkeit der Ehe, das
+Anrecht des Mannes an ihren körperlichen Besitz mit einer tapferen
+Selbstverständlichkeit, die ihr geadelt wurde durch den Gedanken an
+alles, was sie in diese Ehe hineingezwungen.
+
+Aber schon nach einigen Wochen fing sie an, das, was ihr ein peinliches
+Rätsel gewesen war, als tiefe Weisheit der Natur anzustaunen.
+
+Klara wußte: sie würde im Frühling Mutter werden.
+
+Und nun dachte sie immer und immer: dann komme doch noch die große
+Liebe.
+
+In den Wundern der Mutterschaft mußte sie ihr erblühen, für den Vater
+ihres Kindes.
+
+Sie bemühte sich, wie sie hier saß und voll Andacht an die Zukunft
+dachte und an all das Glück, das dann vielleicht über sie käme, immer
+dringlicher, sich ihres Mannes angenehme Eigenschaften zu
+vergegenwärtigen.
+
+Er war ritterlich. Das erleichterte alles.
+
+Klara hatte wohl eine sorgenvolle Ahnung davon, daß ihre Gespräche nicht
+so eigentlich seine Interessen trafen.
+
+Von seinem früheren Leben erzählte er sehr wenig. Höchstens einmal, wenn
+Klara davon sprach, wie herrlich es in Tirol gewesen sei, wohin sie ihre
+Hochzeitsreise gemacht hatten, und wie schön es werden würde, wenn sie
+nach und nach mehr von der Welt kennen lerne. Denn Vater sagte: er
+bestehe darauf, daß die Kinder jedes Jahr eine große Reise machen
+sollten. Dann beschrieb Wynfried Paris oder London oder die Plätze, wo
+er Wintersport getrieben, und den Nil, auf dem er mit »Freunden« eine
+mehrwöchentliche Reise in einer Dahabije gemacht habe. Aber von den
+»Freunden« sprach er nicht genauer. Und wenn Klara einmal fragte, so
+lehnte er mit einem Lächeln ab und sagte: in sein jetziges Leben paßten
+die nicht mehr. Und der bittere Zug erschien in seinem Mundwinkel, der
+in ihr dies etwas kindliche und etwas törichte rührende Mitleid
+auslöste, das unerfahrene Frauen haben können, wenn sie sich denken: ein
+Mann leidet, weil ein Weib ihn verriet.
+
+Ein herdenmäßiges Gemeinsamkeitsgefühl regte sich dann ziemlich stark,
+wenn auch unbewußt in ihr: der Hang des Weibes, zu trösten und das gut
+zu machen, was eine Geschlechtsgenossin verbrach.
+
+Klara war klug, war vielleicht bestimmt, sich zu einem bedeutenden
+Menschen zu entwickeln. Aber ihre Phantasie war nicht genährt durch
+Wissen vom wirklichen Kampf zwischen Mann und Weib. Und von den
+Dunkelheiten auf diesem Gebiet wußte sie gar nichts.
+
+So wirkten diese Schleier, die er um sein Vorleben zu hüllen wußte, nur
+interessant, und es war, als sehe man unter ihnen undeutlich Gluten
+schimmern und wilde Szenen von Zorn und Klage.
+
+Das gab seiner Person einen Schimmer von Poesie und Romantik.
+
+Sehr gefiel ihr vom ersten Augenblick an seine Haltung in der
+Hauptsache. -- Die »Hauptsache« war für Klara ja nicht ihre Ehe und
+seine Stellung zu ihr selbst, sondern seine Beziehung zum Werk.
+
+Sie war dabei gewesen, wie Wynfried mit dem Generaldirektor Thürauf zum
+erstenmal über künftige Tätigkeit sprach. Klara hatte einen fast etwas
+furchtsamen Respekt vor Thürauf, und sie war recht unruhig gewesen, wie
+diese Aussprache verlaufen werde. Man konnte dem schlanken, noch
+merkwürdig jugendlich wirkenden Mann mit den immer beherrschten Zügen
+und den klaren, scharf blickenden Augen eigentlich nie anmerken, in was
+für einer Stimmung er war. Der Geheimrat sagte von ihm, sein
+Generaldirektor sei der objektivste Mensch, den er kenne. -- Nun, kaltes
+Blut und fester Blick war wohl für seine Aufgaben nötig. Was gehörte
+dazu, solchem Mann zu sagen: »Ich werde fortan mit dir arbeiten -- als
+künftiger Besitzer -- als Teilhaber.« Aber Wynfried hatte den Geschmack,
+das nicht zu sagen.
+
+Er streckte dem Mitarbeiter seines Vaters die Hand entgegen und sagte,
+mit mehr Lebhaftigkeit als sonst: »Ich bitte Sie, mir zu helfen. Es wird
+viel kosten, bis ich mich eingearbeitet habe. Ohne Sie, Ihren Rat, Ihre
+Offenheit, Ihre Warnungen kann ich's nie! Und vor allen Dingen: stehen Sie
+mir bei, daß ich mir keine Blößen gebe -- vor den Abteilungsvorständen.
+Sie wissen wohl, das kann man auf zweierlei Art -- nicht nur durch
+Hineinsprechen, was man denn vielleicht nicht recht zu begründen
+versteht -- auch durch Zurückhaltung kann man's, die schon von fern nach
+Unsicherheit aussieht.«
+
+Soweit Klara sich schon traute, Männer wie den Generaldirektor zu
+beurteilen, schien ihr, daß ihm das wohlgefallen habe.
+
+Jedenfalls war das Verhältnis das beste, und da die ersten Monate doch
+die schwersten waren, durfte man hoffen, es bleibe gut.
+
+Natürlich waren Wynfrieds Stimmungen sehr ungleich.
+
+Von seinen Knabentagen an hatte niemand und nichts ihn zur
+Regelmäßigkeit gezwungen. Er hatte auch nicht die gesunde Schulung der
+Militärzeit durchgemacht. Um irgend einer Kleinigkeit willen war er
+davon freigekommen, als Einjähriger zu dienen. Das Wort »Pflicht« klang
+nur ganz von fern an seine Ohren -- wie es so viele Worte tun, die doch
+Unentrinnbarkeiten benennen, aber mit denen man sich erst in
+unbestimmter Zukunft näher zu befassen hat.
+
+Es gab Tage, wo er es einfach nicht über sich gewann, ins Büro zu gehen,
+sich auf dem Hüttenwerk auch nur zu zeigen.
+
+Und da Klara nicht in die unleidliche Rolle der schulmeisternden und
+antreibenden Frau fallen wollte, waren ihr solche Tage schwer. Dann
+brütete er vor sich hin. Zuweilen ritt er stundenlang und kam erschöpft
+heim. Er war unfreundlich, und alles schien ihn zu langweilen.
+
+Ihr gutes Glück hatte Klara geleitet, daß sie ihre Sorge dann verbarg
+und mit keiner Frage, keiner Bemerkung zeigte, wie bekümmerlich oder wie
+auffallend sie sein Verhalten finde. Sie blieb freundlich und schien
+nichts Besonderes zu bemerken.
+
+»Verzeih,« sagte er das eine und andere Mal dann von selbst, »ich bin
+heute unleidlich ...«
+
+Nach solchen Tagen voll Unruhe und Verstimmung kam meist ein Anfall von
+Eifer -- von erhöhter Liebenswürdigkeit.
+
+Dann erzählte er bei Tisch, offensichtlich seiner Frau zu gefallen, von
+den Ereignissen drüben auf dem Werk: er hatte den ganzen Morgen in der
+Einkaufsabteilung gearbeitet. Gerade traf der Dampfer »Severin« wieder
+aus Spanien ein, hatte aus Katalonien eine Ladung Roteisenstein geholt
+-- was für 'n humorvoller, frischer Mann der Kap'tän Fehrs. -- Oder: ein
+neuer Dampfer sei seit kurzem bestellt, er lag schon auf den Hellingen,
+und sobald die Lübecker Schiffswerft ihn von Stapel laufen lassen
+konnte, mußte Klara ihn taufen -- »Klara Lohmann« sollte er heißen und
+nicht anders. Ein andermal: er hatte an der Beratung teilgenommen, zu
+welcher sich der Generaldirektor, der Chemiker Doktor Thomas und der
+Ingenieur Dröscher um den Stuhl des alten Herrn versammelt gehabt. Es
+handelte sich darum, daß aus der Schlacke die Kalkteile herausgeschieden
+werden sollten, um zur Zementfabrikation verwendet zu werden. Und er,
+Wynfried, hatte auch seine Meinung sagen sollen, denn er habe doch als
+Volontär auf dem Hüttenwerk Häphestos im Rheinland gearbeitet, wo man
+bekanntlich den Kalkgehalt der Schlacke so verwerte. Er berichtete ganz
+ehrlich, daß er seinem Vater und den Herren offen habe eingestehen
+müssen, daß er während seiner Zeit auf Häphestos nicht das
+allergeringste Interesse für diese Dinge gehabt habe.
+
+Da war Klara ganz erschreckt gewesen.
+
+»Was sagte Vater?« fragte sie rasch. »Es war ihm sicher peinlich, daß du
+solche Antwort geben mußtest. Was hast du denn getan damals auf
+Häphestos?«
+
+»Vater schwieg,« antwortete er nur.
+
+»Bist du auf Häphestos nicht nach und nach in allen Abteilungen
+beschäftigt worden?« fragte sie und sah ihn in lebhaftem Interesse an.
+
+»Ich -- nein -- ich mußte damals oft in Paris sein -- ein -- Freund dort
+bedurfte meiner.«
+
+Dann, in plötzlichem Entschluß, als sichere er ihren fragenden Blicken
+etwas zu, sprach er: »Alles läßt sich nachholen -- Klara -- du sollst
+noch Respekt vor mir bekommen.«
+
+Und nach diesem Gespräch schien er eine Aufwallung von frischer
+Lebensfreude zu haben -- war so liebevoll mit seiner Frau. Klara wurde
+von einem Gefühl der Beklommenheit ganz verwirrt -- ja -- so sah es aus,
+als fange er an, sie sehr, von ganzem Herzen zu lieben. Als sei sie ihm
+sein Halt, sein Stolz. Da spürte sie noch etwas ganz anderes als jenen
+Rausch, den sie nicht verstand und der ein Wunder war und ein Rätsel und
+vielleicht sehr abscheulich oder vielleicht ein großer Naturzweck -- --
+
+Ob sie wohl je dahin kommen würde, das wechselnde Wesen ihres Mannes zu
+verstehen? Und die tiefsten Gründe seiner Unausgeglichenheit
+aufzuspüren?
+
+Unbegreiflich war ihr auch gewesen, in welcher Art er es aufnahm, daß
+ihre Zweisamkeit sich im Frühling zur Familie erweitern würde.
+
+»Schon Vater werden? -- Wie alt kommt man sich vor. -- Ja, das ist dann
+wieder eine neue Lebensepoche -- man wird immer mehr Philister ...«
+
+Sie sah ihn an -- starr -- staunend -- vor peinlicher Überraschung
+stumm. Doch ehe es dazu kam, daß diese ihre Überraschung sich in Schmerz
+auflösen konnte, erfaßte Wynfried schon ihre beiden Hände. Küßte ihr die
+Rechte -- küßte ihr die Linke und sagte: »Welche erhebende Aussicht ...«
+Und ließ sie allein -- als treibe ihn Verlegenheit fort.
+
+Von da an kamen immer häufiger die Augenblicke, wo Klara sich fragen
+mußte: liebt er mich doch? Es machte sie glücklich und ängstlich
+zugleich -- --
+
+Und sie steigerte sich in die Hoffnung hinein: ich werde ihn auch lieben
+-- einmal -- dann ... ja dann ...
+
+Es wurde sehr stark an die Tür geklopft. Das machte ihrem Nachsinnen ein
+Ende. Sie wußte, wer kam und wer so klopfen ließ. Sonst war ihr erster
+Weg jeden Morgen hinauf zu ihrem Schwiegervater, aber er hatte gestern
+gesagt: »Du sollst dir deinen Glückwunsch von mir nicht holen. Ich
+bring' ihn dir. So viel Höflichkeit steckt doch noch in mir altem
+brüchigen Mann.«
+
+Er machte sonst die Fahrt mit dem Lift, die ihm ärgerlich war, nur
+einmal am Tage, wenn er zum Essen herunterkam.
+
+Nun schob Leupold den Fahrstuhl herein. Dieses Gefährt kleidete
+gewissermaßen den alten Herrn nicht so gut -- im mächtigen Ledersessel
+thronte er. Hier sah man so deutlich, daß ein Gelähmter darin saß.
+Vielleicht hatte er selbst ein dunkles Gefühl davon, denn er konnte sich
+mit seinem Fahrstuhl nicht vertragen. Voll Ungeduld entdeckte er täglich
+neue Ärgernisse an seiner Konstruktion und bestritt, daß sie von der
+möglichsten Vollkommenheit sei.
+
+Klara eilte ihm entgegen und umarmte ihn. Er war sehr in Anspruch
+genommen von dem Geschenk, das er brachte. Leupold nahm es dem blonden
+Georg ab, der in militärischer Haltung dem Zuge folgte und einen
+Damenpelz über dem Arm trug. Eine förmliche Prozession, und die junge
+Frau lachte. Erst als der zweite Diener sich zurückgezogen hatte, hob
+der alte Herr ihr den Pelz entgegen, den man ihm auf die Knie gebreitet.
+Eine Mütze war auch dabei. --
+
+»Ja, lach mich nur aus. Auf einmal soll man und will man galant sein.
+Hab' seit vielen, vielen Jahren weder Ursache noch Gelegenheit gehabt,
+für junge Damen was einzukaufen.«
+
+»O wie schön. -- Prachtvoll, Vater -- wie danke ich dir --« Und sie
+dachte: »Was soll ich nur damit?!«
+
+»Hab' Wynfried um Rat gefragt. Der versteht ja von Damentoiletten mehr
+als vorderhand vom Eisenguß --«
+
+»Wynfried?« fragte sie.
+
+Ihre erstaunte Frage war ihm unangenehm -- er begriff: das war eine
+überflüssige Bemerkung gewesen ...
+
+»Na -- das kam mir vielleicht auch nur so vor -- er war sehr erpicht
+darauf, daß ich dir was Statiöses schenke -- Klara ist zu uninteressant
+angezogen ... sagte er.«
+
+»Ich?« fragte sie wieder dazwischen; »kann man denn 'interessante'
+Kleider haben?«
+
+»Muß man ja woll. Kind, ich meine, du bist immer gerade recht
+gekleidet,« sagte er mit Nachdruck. »Aber für Wynfrieds Geschmack muß es
+Nerz und Hermelin sein -- sieh dir das mal an -- Leupold, laß mich da --
+hol mich in einer Stunde wieder -- du weißt, der Kommerzienrat Kreyser
+hat sich angemeldet. -- Na, mein Kind, was staunst du denn den Pelz
+an --«
+
+»Vater, mir ahnt, das ist was sehr Kostbares.«
+
+»Ziemlich. Aber sieh mal: wenn Wynfried dich doch gern in solchem Dings
+sehen mag ...«
+
+Klara dachte an ihre alte dicke Winterjacke und die pastellblaue
+Wollmütze.
+
+Der bittende Ton des alten Herrn rührte sie. Mit Vorsicht breitete sie
+den Pelz auf den graublauen Sofa hin und sprach: »Wir müssen ihm schon
+den Gefallen tun -- denn, nicht wahr, Vater? er tut sein Bestes, vor dir
+nach und nach zu bestehen.«
+
+»Vor mir? Kind, vor dir! Du bist es und der Respekt vor dir, der ihn
+aufweckt! Man kann nicht alles auf einmal verlangen. Das Gleichmaß fehlt
+noch -- noch die Ausdauer -- aber es kommt! -- Alle Begabungen sind da
+-- Thürauf ist oft ganz glücklich. -- Du kannst dir woll denken, daß
+Thürauf und ich unter vier Augen keine schönen Redensarten über wichtige
+Dinge machen, sondern klipp und klar Wahrheiten sagen. Ja, Klara -- das
+bist allein du! Meine Hoffnungen erfüllen sich. Ich kann kein Dankeswort
+sagen ... Du weißt von selbst, was ich fühle ...«
+
+Er sah sich um. Immer sprach dieser Raum zu ihm. Stimmen aus
+vergangenen, schweren und doch erhebend schönen Zeiten füllten ihn. Von
+der Wand sah das lieblich-ernste Angesicht der heiligen Toten ...
+
+»Nicht nur dich hast du ins Haus gebracht -- mit all dem Segen, der du
+uns bist -- nein, auch diesen Tempel des Gedächtnisses -- --«
+
+Er sah nach der Uhr, wo in melancholischer Lebendigkeit die kleine gelbe
+Pendelscheibe zwischen den Alabastersäulen hin und her und her und hin
+ging -- er sah den fiedelnden Amor an -- --
+
+»Klara,« sagte er, »wir machen ja nicht viel Worte zusammen, du und ich
+verstehen uns so. Aber heut ist so 'n Tag -- dein erster Geburtstag als
+Frau Klara Lohmann -- da muß ich dir doch mal aussprechen, wie glücklich
+es mich macht, daß du den Namen trägst, den ich deiner Mutter nicht
+geben durfte. Und wie es mich mit der tiefsten Ruhe erfüllt, daß du
+meinem Einzigen hilfst, ein werktätiger Mann zu werden. Was er sonst ist
+oder wird, als dein Gatte, wie er dir deine Hingabe, deine Liebe lohnt
+-- das macht zwischen euch zweien aus. Aber, gottlob -- mir scheint, du
+bist glücklich! Anders zerfräß' es mir auch das Herz. -- Ich kann in
+Frieden weggehen -- du weißt, wenn der Dunkle, der neben mir wartet,
+nochmal mit der Sense ausholt ...«
+
+Klara bückte sich zu dem Sitzenden und umarmte ihn mit Leidenschaft.
+
+»Nicht so -- o nein, Vater -- du bleibst noch Jahrzehnte bei uns --«
+
+Er lächelte resigniert -- aber doch in jener Resignation, die Starke
+sich selbst vorheucheln. Starke, die sich nicht vorstellen können, wie
+ihr Werk ohne sie sich ausnehmen wird.
+
+»Um was ich dich damals bat, als du seine Braut geworden warst: hilf ihm
+ein Mann der Arbeit zu werden, denn seine Mutter hat ihn zu einem
+Luxusmenschen erzogen, und er kam nachher in üble Hände. -- Ja, das hast
+du erfüllt. -- Er wird einmal mein Werk als ein Berufener weiterführen.
+Das sehe ich schon. -- Wie herrlich, diese Beruhigung. -- Heut kommt
+Kreyser -- ein alter Freund. -- Weißt du, was er will? Mit mir die
+Umwandlung seiner Betriebe in eine Aktiengesellschaft beraten. --
+Wahrscheinlich werden wir uns so stark beteiligen, daß wir die Dinge da
+in die Hand bekommen. -- Die Kreyserschen Fabriken sind schon seit
+vielen Jahren Abnehmer unseres Roheisens. -- Kreyser hat kein Interesse
+mehr an seinem Werk. -- Hatte einst auch gedacht: er arbeitet für Söhne.
+Und nun? Einer im Duell gefallen -- üble Sache -- man spricht besser
+nicht davon. Der andere, toll vor Lebensgier, hat sich irgendwo
+Tuberkeln geholt -- fristet sich im Süden hin und soll nach Australien,
+was ja als das Heilkräftigste gilt. -- Früher sagte Kreyser woll mal:
+Na, Sie haben ja auch Not mit dem Ihren! Nun wird er sehen: keine Not
+mehr -- wachsende Zuversicht. -- Höre, Klara, es ist dir doch angenehm?
+Ich muß ihn bitten, daß er zu Tisch bleibt. -- Ihr habt so wie so
+Gäste?«
+
+»Wynfried hat Agathe Hegemeister und zwei Herren von drüben zum
+Frühstück eingeladen -- Likowski und seinen Oberleutnant,« sagte Klara
+zerstreut.
+
+»Ist die pummelige Baronin dir wirklich so flink 'ne Busenfreundin
+geworden? Daß Wynfried gerade Likowski und Marning so heranzieht, freut
+mich. Beide haben meine starke Sympathie.«
+
+»Ach -- Agathe? -- Sie kommt sehr oft -- sie ist so wenig mit ihrem
+Leben zufrieden -- ich glaube, sie hat sich nur an mich gehängt, um
+irgend etwas Neues zu haben.«
+
+»Kind, du sprichst mit mir. Wo sind aber deine Gedanken? Anderswo!«
+
+Klara lächelte.
+
+»Es ist unheimlich, wie du mich kennst.«
+
+»Wo also waren sie? Ich nehme an, daß du keine Heimlichkeiten vor mir
+hast,« sagte er scherzhaft.
+
+»Doch! Ich habe sogar Wynfried gebeten, sie mir zu lassen -- bis
+heute ...«
+
+Sie kniete neben ihm nieder -- wie das oft geschah -- dem Gelähmten
+schien sie dann am nächsten, konnte am besten zu ihm emporsehen -- oben
+in seinem Zimmer hatte sie ihr niedriges Stühlchen neben seinem Thron.
+
+Sie faltete ihre Hände um seine Rechte. Die schlanken, weißen Finger
+preßten förmlich diese große Männerhand ...
+
+»Vater,« sagte sie leise, »ich glaube, dein Haus wird weiterblühen. Und
+du mußt durchaus leben, damit du siehst, daß ich dein Enkelkind in
+deinem Sinne erziehe.«
+
+»Klara? ...«
+
+»Ja,« sprach sie, »im April.«
+
+Sie hatte ihre Blicke zu ihm emporgewandt und schaute voll in das große
+Auge ...
+
+Darin blitzte ein Strahl heißer Freude auf ... Und gleich wurden sie von
+feuchtem Glanz verschleiert ... Klara sah zum erstenmal eine Träne in
+diesen gebieterischen Augen. --
+
+Sie schwiegen vollkommen. Es war eine feierliche Andacht zwischen ihnen,
+die keiner Worte bedurfte. Vergangenes und Zukünftiges zog durch die
+Gedanken des alten Mannes. In dieser ernsten, holden jungen Frau wurde
+ihm beides zur Gegenwart. Dafür dankte sein Herz ihr inbrünstig. Und er
+begriff es vollends, daß die Liebe zu ihr das Glück seines Alters
+war. --
+
+Um halb eins fanden sich die Gäste zum festlichen Frühstück ein. Die
+Baronin Hegemeister kam ohne ihren Schatten. Gerwaldchen sei in Berlin,
+da feiere ihre alte Mutter in ihrer sogenannten Gartenwohnung drei
+Treppen hoch ihren Fünfundsiebenzigsten -- ach, in so mageren
+Lebensumständen -- Gerwaldchen habe mit einer Träne davon gesprochen,
+und so was könne man doch nicht mitansehen. -- Und da habe sie ihr das
+Reisegeld geschenkt und sonst noch dies und das mitgegeben, so daß die
+alte Dame ein kleines Weilchen in Wohlleben sich guttun könne.
+
+Das erzählte Agathe verschämt, weil sie halb und halb dachte, ihre
+Gutmütigkeit werde ausgenutzt, und sie doch nun einmal nicht anders
+konnte. Nein sagen konnte sie nicht. Durchaus nicht. Am wenigsten auf
+Bitten, die man mehr erriet, als geradezu hörte. Und diese
+widerstandsunfähige Gutherzigkeit, so schuldbewußt gebeichtet, war sehr
+liebenswürdig.
+
+Auch die Doktorin Lamprecht fehlte. Sie hatte einen furchtbaren Husten.
+Und Likowski berichtete, daß die alte Dame vor Ärger ganz krank sei,
+weil sie hier heute fehlen müsse, denn offenbar habe sie in irgend
+welchen ganz unlogischen Gedanken die Ansicht, sie gehöre verdienstvoll
+hierher.
+
+Der alte Herr brachte den Kommerzienrat Kreyser mit und machte ihn
+bekannt. Da dieser Name einen hallenden Klang hatte für alle, die
+ungefähr von den »Kapitänen der Industrie« etwas wußten, nahm man die
+Vorstellung mit einem großen Respekt auf. Das bartlose, große,
+fleischige Gesicht des stämmigen Mannes zeigte eine Freundlichkeit, die
+nur wie ein allzu durchsichtiger Schleier über der schweren Stimmung
+lag, die ihn eigentlich beherrschte. Er saß neben der jungen Hausfrau,
+deren nächste Pflicht es nun war, sich diesem sehr wichtigen
+Geschäftsfreund des Werkes und persönlichen Freund ihres Schwiegervaters
+zu widmen. An ihrer anderen Seite hatte sie den alten Herrn, der in
+seinem Fahrstuhl stets, als an dem für ihn bequemsten Platz, zu Häupten
+des Tisches präsidierte.
+
+Auf diese Weise war Klara fast wie von dem jugendlichen Teil des kleinen
+Kreises geschieden. Denn ihr Gegenüber, der Hauptmann von Likowski, gab
+sich immer väterlich und war heute in erbittertem und gespanntem
+Zustand. Er politisierte mit den beiden alten Herren und verschwor sich:
+»Ich politisiere nie! Ein Soldat hat zu schweigen, bereit zu sein und
+dreinzuschlagen, wenn's befohlen wird. Aber man hat ja noch seinen
+gesunden Menschenverstand. Und der sagt mir denn doch: wir lassen uns
+ja rein alles gefallen ... Aber ich hoffe auf übernächstes Jahr ... Sie
+sollen mal sehen -- das ist das Schicksalsjahr. -- Dann geht's los! --
+Nun, wir sind fertig! -- Es _muß_ mal kommen ...«
+
+Klara mußte sich Mühe geben, zuzuhören. -- In ihr war eine stille und
+doch eine so starke Freude gewesen, als wenn diese kleine Feier ihres
+Geburtstags ein Erlebnis werden würde. -- So war ihr manchmal zumut,
+wenn Gäste kommen sollten. -- Dieselben Gäste -- aber immer kam eine Art
+von Trauer oder Schwere über sie, gleich einer grenzenlosen
+Enttäuschung.
+
+Die blonde Baronin war desto munterer, und Klara sah, wie leicht und
+lebhaft sich ihr Mann in den neckischen Ton fand. Agathe konnte auf eine
+so durchsichtige und naive Weise klagen, um sich die Vorteile eines
+faustdicken Kompliments oder eines Versprechens zu gemeinsamen
+Vergnügungsfahrten zu erringen. Sie nahm es aber nicht im mindesten
+übel, wenn man sie mit ihrer Methode neckte. Klara glaubte auch zu
+beobachten, daß Stephan von Marning wenig sprach. -- Sie wußte längst:
+Agathe hoffte auf ihn. Man hätte blind sein müssen, das nicht zu
+erkennen. Und sie fragte sich wieder: wird er sich herbeilassen ...?
+
+Denn dies war das Merkwürdige an dem Fall, den alle Menschen dieses
+geselligen Kreises beobachteten: niemand sagte: »Welches Glück für den
+unbemittelten jungen Offizier,« sondern jeder fragte: »Ob er sie wohl
+nimmt?«
+
+»Nein,« dachte Klara, »nein -- das ist nicht die Frau, die ich ihm
+wünsche --«
+
+Ihre Vorstellungskraft versagte, wenn sie sich diese beiden als Paar
+vorstellte.
+
+Wynfried hatte einmal gesagt: ein schönes Paar -- er groß, schlank,
+dunkel -- sie so blond, üppig, ganz weiche Weiblichkeit und so
+entzückend gepflegt --
+
+Da hatte Klara betroffen geschwiegen. Sah denn Wynfried nicht, daß das
+doch einfach unmöglich war ...
+
+Der Kommerzienrat Kreyser war lange nicht hier gewesen; seither hatte
+sich der Betrieb um einen Hochofen vermehrt, auch war die Fabrikation
+von Ammoniak und Benzol als Nebenprodukten aufgenommen worden, und
+Kreyser sprach den Wunsch aus, nachher einen Rundgang machen zu dürfen.
+Marning hörte es und erbat die Erlaubnis, sich anzuschließen. Sogleich
+sagte Agathe, daß sie darauf seit langem erpicht sei, einmal das Werk
+sehen zu dürfen, sie habe es nur nicht sagen mögen. Also gleich nach dem
+Kaffee und der Zigarre. -- Zum Genuß dieser ließen die beiden Damen die
+Herren eine halbe Stunde allein.
+
+Agathe war sehr damit beschäftigt, ob ihr Haar auch noch ordentlich
+sitze und wie Klara die dunkelgrüne Toilette finde. Der Seidenstoff sei
+ihr ein wenig, ein Spürchen zu glänzend ausgefallen; für sie seien
+stumpfe Stoffe kleidsamer. Sie stand vor dem Spiegel und prüfte ihr Bild
+und war beinahe gerührt über all die Schönheit, der der eine immer noch
+widerstand ...
+
+Plötzlich wallte ein schrecklicher Jammer in ihr auf, und sie warf sich
+Klara an den Hals -- mit beiden runden Armen umschlang sie sie und
+preßte sie heftig an sich.
+
+»Klara,« sagte sie, »liebste, beste Klara -- schenken Sie mir das Du --
+laß uns Freundinnen sein -- Du? nicht wahr. Du?!«
+
+Klara war betroffen. Es lag nicht in ihrer Natur, sich so schnell an
+einen Menschen nahe anzuschließen. Und wenn ihr Agathe auch nicht
+unsympathisch war -- wie konnte dies gutherzige Naturkind es irgend
+einem Menschen sein? -- so schien ihr doch, als gebe die Gewährung des
+»Du« einem anderen Wesen ein überraschendes, ja geradezu unbequemes
+Anrecht auf ihre Nähe. Und ihr war, als möge sie lieber allein bleiben.
+
+Eine Ablehnung schien unmöglich. Agathe erwartete eine solche auch
+keinen Augenblick, küßte Klara heftig ab und sagte: »Ich muß dir gleich
+was anvertrauen! Ich _muß_. Sonst ersticke ich daran. Denke dir: ich
+liebe ihn! Rasend. Zum Sterben. Ich werde ... ja -- ich mag nicht mehr
+leben -- ich will nicht mehr leben, wenn er mich nicht liebt.«
+
+Sie begann zu weinen.
+
+»Ihn?« fragte Klara in dem schwachen Versuch, zu tun, als wisse sie
+nicht ...
+
+»Gott -- du fragst?! Wen denn als Stephan Marning -- kann man anders? --
+Und ich warte und warte -- im Sommer schien es -- ich hoffte -- damals
+im August. -- Dann kam gleich das Manöver -- dann hatte er vier Wochen
+Urlaub und war bei seinen Verwandten -- damals dachte ich: er will erst
+seine Sippe fragen, fand's natürlich -- aber die haben ihm ganz, ganz
+gewiß nicht abgeraten -- ich weiß es durch die Gerwald, die da
+Beziehungen hat -- sein Onkel wünscht ja bloß, daß er reich heiratet. --
+Dann kam er wieder -- ist seitdem noch nie allein auf Lammen gewesen --
+bringt immer Likowski mit -- ach nein -- umgekehrt: läßt sich von ihm
+mitnehmen -- als wolle er ausweichen und doch nicht brechen ... Klara --
+ich _muß_ die Wahrheit wissen! ... Zeige mir gleich deine Freundschaft.
+-- Weihe unser Bündnis ein, durch eine Tat -- sprich mit ihm -- klopfe
+auf den Busch -- nein, frage geradezu -- sage ihm, daß ich Selbstmord
+begehe, wenn er nicht ...«
+
+Ihr Schluchzen nahm ihr die Fähigkeit, auch nur noch ein Wort
+herauszubringen. Klara schob sie förmlich bis zur Chaiselongue, die quer
+am Fußende von ihrem Bett stand. Da sank die vor Unglück zum Tode
+Bereite schwer auf all die Kissen herab und weinte wie ein Kind -- vor
+Liebesverlangen.
+
+»Ich kann nicht leben ohne ihn,« jammerte sie.
+
+Und dann wieder: »Wenn ich nur wüßte, warum? Bin ich nicht ganz hübsch
+-- ich hab' Geld -- ich lieb' ihn -- so hat noch nie ein Weib geliebt --
+so liebt ihn keine wieder -- nein -- ich will sterben ...«
+
+Klara sah den Riß, der zwischen dem Gefühl dieser Frau und ihrem Gebaren
+mitten hindurchging, sehr wohl. Dennoch ergriff sie alles auf das
+heftigste.
+
+Sie schritt auf und ab. Sie war sehr blaß. Diese Szene war ihr ganz und
+gar zuwider, obgleich ein starkes Mitleid ihr Herz klopfen machte ...
+
+Das war Liebe! Die große Liebe, die lieber sterben als entsagen
+will -- -- --
+
+Es mußte berauschend, vernichtend, herrlich sein, das fühlen zu
+können -- --
+
+»Aber solche Liebe laut einer Freundin zuschreien -- o Gott -- nein --
+das könnte ich nicht,« dachte sie.
+
+Ihr schien, als nähmen so laute Klagen einer Leidenschaft Würde und
+Größe.
+
+Und es wurde von ihr verlangt, daß sie -- sie! -- unkeusch zum Manne --
+zu _diesem_ Manne, als Vermittlerin davon sprechen sollte? Unmöglicher
+Gedanke ...
+
+»Nein,« sprach sie, »das kann ich nicht. Das tue ich nicht. In diese
+heiligsten Dinge von Mensch zu Mensch sich einmischen? Mit Worten an
+Geheimnisse rühren, die zu zart sind, als daß man sie laut ausgesprochen
+haben möchte -- nein, das kann ich nicht! Verzeih mir. Aber ich denke:
+was hülfe es auch. Wenn er dich liebt, bedarf es der Vermittlung nicht,
+und er wird schon eines Tags sprechen; -- wenn er dich nicht liebt, ist
+es eine Demütigung für dich, daß ich sprach -- -- O nein! -- Du mußt
+die Haltung finden, gefaßt abzuwarten.«
+
+»Du hast gut von Haltung reden,« sagte Agathe und drückte sich ihr
+geballtes Taschentuch gegen die Augen, behauchte es und tupfte wieder,
+»wenn man einen solchen Mann hat -- der sich so auf Frauen versteht --
+ja -- du kannst lachen --«
+
+Ihr Jammer ward stiller. Die Furcht, verweint auszusehen, besiegte ihn
+für den Augenblick.
+
+»Aber du gibst mir recht oft Gelegenheit ...«
+
+»Gern. Ich will es wohl bei Wynfried anregen, daß er sich immer den
+Freiherrn von Marning einlädt, wenn du kommst. Und du wirst gewiß oft
+kommen ...«
+
+»Das ist doch etwas!« seufzte Agathe, und ihr weiches Herz, das der
+Freude so bedürftig war, hoffte aufs neue.
+
+Wieder stand sie vor dem Spiegel. Da waren nun die Tränenspuren auf der
+zarten Haut und ließen sich mit allem Tupfen doch nicht so rasch
+verjagen. Aber es kam wie eine Eingebung über die blonde Frau. Mochte er
+es nur sehen, daß sie in Tränen und Gram verging ...
+
+Nun hatte sie große Eile, wieder zu den Herren zu kommen, die gewiß
+schon im Salon seien.
+
+Sie trat ein. -- Sie fühlte auf der Stelle: alle Herren sahen sie an und
+sahen, daß sie geweint hatte.
+
+Ihre schwimmenden blauen Augen schmachteten und bettelten zu dem
+Geliebten hinüber, und in ihrem Gesicht stand beinah lesbar der
+Ausdruck: »Ja -- sieh mich nur an! Um dich leide ich! Um dich --
+Grausamer ...«
+
+Und Klara sah es wohl: über das Angesicht des Mannes flog ein leiser,
+vielleicht nur von ihr erratener Ausdruck von Pein -- ihr kam auch vor,
+als werde seine Haltung noch stolzer ... Wie wunderlich wohl ihr das
+tat ...
+
+Man wollte nun hinüber zu dem Werk gehen. Es gab ein Durcheinander. Da
+war Leupold, der seinen Herrn wieder nach oben transportieren wollte.
+Und es hieß, Klara müsse den neuen Pelz tragen -- der Spender solle sie
+noch darin bewundern. Agathe bestand darauf in ihrer plötzlichen,
+erregten Lebhaftigkeit und Lustigkeit.
+
+Ihr Mann selbst gab Klara den Pelz um. -- Wie schwer ihr das kostbare
+Stück auf den Schultern lag -- als fiele eine Last auf sie. Und da war
+auch die Mütze: er setzte sie ihr sorgsam auf, mit einem erstaunlich
+geschickten Handgriff gerade die kleidsamste Art des Sitzes treffend. --
+Und es schien, daß Wynfried von ihrem Aussehen entzückt sei -- er
+lächelte zufrieden -- nein, mehr: zärtlich!
+
+Und Klara wurde rot. Sie wußte nicht warum -- sie hätte es nicht zu
+sagen vermocht, keinem Menschen und nicht sich selbst.
+
+Nun stand sie da, kostbar angetan, auf dem braunen Haar das breite
+Barett von Nerzpelz, daran ein Büschel von Hermelinschwänzen schwarz und
+weiß kokett über dem linken Ohr befestigt war ... Zu ihrem schönen
+Gesicht mit den geraden, strengen Brauen über den sprechenden Augen gab
+das einen merkwürdigen Glanz von Pracht und Würde. Sie schien nicht etwa
+in eine elegante Modedame verwandelt, sondern sogleich in eine Fürstin.
+
+Und ihr fiel wieder ihre schwarze Winterjacke ein und die pastellblaue
+Wollmütze ...
+
+Der Geheimrat sah seine Schwiegertochter prüfend an. Er lächelte
+wohlgefällig. Aber er sagte doch: »Schön! Sehr prachtvoll! Wynfrieds
+Geschmack. Aber -- Klara -- weißt du noch -- deine pastellblaue
+Wollmütze? Damit mocht' ich dich auch gern leiden ...«
+
+Blitzschnell traf sich ihr Blick mit dem Stephans -- und entwich ihm
+wieder ...
+
+Ja, die arme kleine Wollmütze ... Und Klara hatte eine Erinnerung --
+sah sich deutlich, sehr deutlich, wie sie eilig und heimlich ein weißes
+Paketchen tief in das Schubfach ihrer Kommode hineinstopfte ...
+
+»Aber wir wollen doch gehen,« sagte sie matt. Sie fühlte sich plötzlich
+so freudlos und wünschte, neben dem alten Mann bleiben zu können -- da
+war ja ihr Platz -- der sicherste und friedvollste, den es auf der Welt
+für sie gab ...
+
+»Ja, vorwärts!« ermahnte Likowski. »Mir ist es eine Erhebung -- immer,
+wenn ich da mal 'rumgehen darf ... Der Gott, der Eisen wachsen ließ --
+der wollte keine Knechte ... Eisen verführt mich mehr als die köstlichen
+Brillanten, mit denen unsere teure Baronin uns heute die Augen
+verblenden möchte.«
+
+»Ihre nicht!« lachte Agathe.
+
+Man brach auf. Alle nahmen vom Geheimrat Abschied, der noch Sorge trug,
+daß an Thürauf telephoniert werde. Der Generaldirektor werde Wert darauf
+legen, Kreyser die Honneurs des Werkes zu machen.
+
+Man schritt in munteren Gesprächen die Straße entlang, und schon kam
+ihnen auch der Generaldirektor entgegen. Von dieser Begegnung an waren
+die beiden Herren für die übrige Gesellschaft verloren. Sie vertieften
+sich in fachmännische Gespräche und gingen weit voran.
+
+Ihnen folgte Agathe zwischen Wynfried und dem Freiherrn von Marning, den
+sie mit einer Frage gleich an ihre Seite zu nötigen gewußt hatte.
+
+»Wir werden nicht für ernsthaft genommen,« sagte Agathe. »Und ich brenne
+doch vor Lernbegier.«
+
+»Ich erkläre Ihnen das alles auf populäre Art,« versprach Wynfried.
+»Seien Sie sicher, all die chemischen Formeln und Zahlen, in denen die
+zwei reden, hätten Sie doch nicht verstanden.«
+
+»Es will absolut nicht in meinen Kopf, daß Sie was von solchen
+schrecklich wissenschaftlichen Sachen verstehen.«
+
+»Hallo! Das ist aber stark ...«
+
+»Na ja -- gottlob -- ich hab' immer das Gefühl ... wie soll ich das
+sagen -- na -- als gäben Sie ein Gastspiel, wenn Sie arbeiten ... Doch
+noch mal ein Mann, der Sinn und Zeit für uns armen Frauen hätte! ...
+Denk' ich so ... Aber nein. Selbst Ihnen kommt es bei, und Sie sklaven
+sich ab ...«
+
+»Glauben Sie es mir -- ich entdecke da ganz neue Genüsse. Man ist
+manchmal geradezu gepackt -- sehr ähnlich wie beim Sport. Und man hat
+ein frisches Gefühl dabei -- kommt sich als fixer Kerl vor.«
+
+»Ach so -- Sie wissen doch, wie's heißt: Ich spürte das kleine, dumme
+Vergnügen, was abzumachen, was fertig zu kriegen.«
+
+»Genau! Ja, so ist einem manchmal zumut --« gab Wynfried eifrig zu.
+
+»Ohne dies Pläsier am Bewältigen geschähe vieles nicht,« sagte Stephan
+Marning, und er dachte: »Das heißt doch aus der Arbeit nur ein Spiel der
+Kräfte machen, ohne Erkenntnis ihres sittlichen Wertes.«
+
+Er fragte sich -- nicht zum erstenmal -- was für eine Art von Mann denn
+wohl Lohmann der Sohn sei ...
+
+Klara ging mit dem Hauptmann von Likowski, ihrem alten Freunde,
+hinterdrein. Sie schwiegen. Die junge Frau hörte zu. Sie hatte immer
+eine leise Verwunderung, wenn sie ihren Mann mit Agathe zusammen sah.
+Wie anders war dann sein ganzes Wesen. Selbst der Klang seiner Stimme
+schien heller. Und seine Rede schien so leicht, so nur obenhin -- er
+ließ sich necken und neckte wieder. -- Vielleicht nahm er Agathe nicht
+ernst. -- Das war die einzige Erklärung, die sie sich zu geben wußte ...
+
+Es kam ihr mühsam vor, daß sie jetzt mit Menschen zusammen sein müsse.
+Eine grenzenlose Traurigkeit drückte sie nieder. Sie mußte sich
+zusammennehmen, um nicht zu weinen -- sie -- die nicht weinerlich
+veranlagt war.
+
+Sie seufzte nicht, sie atmete nicht schwer -- und dennoch ging von ihrem
+Schweigen etwas aus, das den warmherzigen, treugesinnten Mann an ihrer
+Seite ahnen ließ, mit ihrer Stimmung sei es nicht in Ordnung.
+
+»Sie fühlen sich von all den Geburtstagsfreuden erschöpft, gnädige
+Frau?« fragte er.
+
+Klara fuhr auf.
+
+»Ich? Nein --«
+
+Und sie wußte, daß sie sich aufzuraffen hatte.
+
+Da waren sie nun am Tor, über dem mit großen schwarzen Buchstaben auf
+grauem Schilde stand: Eisenhütte Severin Lohmann.
+
+Und mit Rädern und Fußstapfen waren von drinnen her Kohlenspuren
+gekommen. Der sandige Grund der Erde war schon viele Schritte vor dem
+Tor geströmt von dunklen Tönen. Das wirkte, als fließe die Düsterheit
+des Bodens einem entgegen. Einem schwärzlichen Estrich glich er drinnen,
+in den zahllose Tritte die Kohlenteilchen und den Niederschlag des
+Rauches fest eingetreten hatten. Und der Dunst von Teer und Gasen
+durchbeizte dichter und spürbarer die Luft, als man das Tor nun
+passierte.
+
+»Aufgepaßt!« mahnte Wynfried, denn Agathe stolperte über einen
+Schienenstrang. Und sie fiel schwer gegen Marning, so daß er sie halten
+mußte.
+
+Sie hob den blauen, schwimmenden Blick zu ihm empor.
+
+»Ich bin _wirklich_ gestolpert,« sagte sie -- so wie sie als Kind
+vielleicht gesagt hatte: »ich habe wirklich nicht gelogen,« wenn man sie
+bezweifelte.
+
+Er mußte doch, entwaffnet, lächeln.
+
+Sie gingen an allerlei kleinen Gebäuden vorbei, bogen um ein
+retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer zu schwitzen schien --
+Likowski sagte wenigstens, es komme ihm so vor. -- Und dann standen sie
+vor einer Riesenwand, die sich aus hundertundfünfzig hart
+aneinandergepreßten Öfen zusammensetzte. Hoch über ihr zogen sich
+schwarze, gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab --
+mächtige Verbindungen waren diese, in denen stumm und selbsttätig und
+rastlos die gepulverten und gewaschenen Kohlen heranglitten, in die Öfen
+hineinsanken, um da in rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und
+Wege waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den Gluten
+kommend, seinen flüchtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen Werkstätten
+hin, wo ihm in wunderbaren Destillationen, Kühlungen und Prozessen seine
+Bestandteile an Benzol und Ammoniak entzogen wurden.
+
+Vor dieser Wand von Öfen streckte sich eine erhöhte eiserne Plattform
+hin. Auf sie hinaus schob sich gerade jetzt der Inhalt eines. Eine der
+schmalen Türen öffnete sich. In höllischer Majestät bewegte sich
+ruhevoll ein fast weißglühendes Stück Mauer heraus. Und eine
+Gespensterhand drängte es weiter und weiter vor, eine gewaltige,
+schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt. Männer,
+mit Schläuchen bewehrt, warteten und sahen der sich langsam
+vorwärtsbewegenden Glutmauer entgegen. Nun stand sie. Und das an eine
+Hand erinnernde Eisenstück, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen in
+die Tiefe des Ofens zurück, der seine Tür wieder schloß. Zugleich
+zischten aus den Schläuchen Wasserstrahlen und begossen das Ungetüm von
+Form gewordenem Feuer. Weißer Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues,
+dann ein schwarzes Gewölk. Was glühende Mauer gewesen, lief dunkel an,
+ward schwarz und fiel nach zwei Minuten als Koks prasselnd auseinander,
+durchstochen und gestoßen von den langen Eisenstäben der verräucherten
+Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken, daß dieser
+Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und daß von diesen
+hundertundfünfzig schmalen Türen bald die eine, bald die andere sich
+öffne, um solche aufrechte Glutmauer in grandioser Sicherheit zu
+entlassen.
+
+Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu den Öfen zu bringen.
+
+Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese offenen,
+kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichmäßigen, länglichen
+Stücken, gleich großen Holzscheiten -- nur daß sie grau waren und rauh
+ihre Oberfläche. Das seien »Gänze«, sagte Wynfried, das heißt: das
+Roheisen in der Form, wie das Werk es hauptsächlich produzierte.
+
+Agathe hustete und ängstigte sich und hatte gedacht, alles könne auf sie
+herabfallen. Aber sie verriet nichts von ihrer Angst. Denn sie sah, daß
+der geliebte Mann dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte
+sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. -- »Wenn ich
+liebe, kann ich alles!« dachte sie.
+
+Wynfried erklärte. Er führte die Gesellschaft zu dem trichterförmigen
+Bassin, in das die kleinen Wagen der Drahtseilbahn, von den Ladebrücken
+kommend, die gepulverte Kohle hineinschütteten, während an der Wand
+dieses Bassins in stumpfer Unaufhörlichkeit ein Becherwerk das
+Kohlenpulver aufschöpfte und in die Rohre goß, die man oberhalb der Öfen
+gesehen.
+
+Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten die Förderwagen
+einer nach dem anderen anmutig heran, kippten und warfen mit Gepolter
+grauen, schimmernden Magnetstein auf einen Hügel dieses Erzes.
+Nebeneinander lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben
+schon verrieten, daß sie verschieden an Gehalt waren. -- Und es schien,
+als trage jedes den Charakter seiner Heimat, als sei sein Gewand kein
+Zufall. Sprach nicht der silbergraue Magneteisenstein von den stillen
+Himmeln und beschatteten Bergseen Schwedens? In starken satten Farben
+glühte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der Wärme spanischen Bodens.
+Und aus den Tiefen lothringischer Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie
+wunderbar sprechend -- weißlich, durstig-trocken lag der Kalkstein
+gehäuft, und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands vor, von
+wo er kam, und sah unwillkürlich die weißüberpuderten Zypressen an den
+dürren Rainen trauern. --
+
+Über den Köpfen der Schauenden zogen sich die dunklen Eisenlinien der
+verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen hin. Wasser tropfte
+herab -- irgend woher kam roter Feuerschein. Dort drüben stand, gleich
+einer dünnen Säule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine
+Flammensäule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte sie zu
+Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in ständig wechselndem Spiel.
+Ihr Geleucht im schon leise verblassenden Tageslicht war unruhig. Es
+wurde manchmal ganz von der Luft zerfetzt, und Flämmchen schwebten
+sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich wieder von der
+großen Flamme herangerissen.
+
+»Oh!« sagte Agathe bewundernd, »wie in der Walküre.«
+
+Klara begann allmählich zuzuhören, was ihr Mann sagte -- wie er es
+sagte. Und sie wurde teilnehmender. Sie vermochte wohl zu beurteilen,
+daß er klar und sicher vortrug. -- Daß Stephan Marning und Likowski voll
+Sammlung zuhörten und Fragen aufwarfen, war ihr eine lobende Kritik. Das
+tat ihr wohl -- es kam ihr vor, als weiche diese schwere Traurigkeit,
+dies lähmende Gefühl von Leere allmählich von ihr. Woher war es
+gekommen? Sie verstand es nicht. Sie hatte nur eine dumpfe, beängstigte
+Empfindung davon, daß es etwas Furchtbares, Bedrohliches sei.
+
+Vom Wasser her kamen Windstöße, die Wolken jagten am Himmel; fern im
+bläulichen feinen Dunst des beginnenden Nebels stand am Horizont etwas
+Unbegreifliches. Eine lilarote Masse, die zu zerfließen schien, von
+blaugrauen Streifen quer überschnitten -- kein Ball mehr -- kein Rund --
+nein, ein ungeheuerlicher Feuerfleck, der schnell immer tiefer sank.
+Sonnenuntergang im Novemberabendnebel.
+
+Überall auf dem Werk blitzten schon die Lichter auf. Denn hier gab es
+keine Dämmerung und keine Zwischenspiele. Hier gab es nur Tag. Den Tag
+der Sonne und den Tag der elektrischen Lichter -- und immer den der
+Arbeit.
+
+Wie liebte Klara diese Stunde, wo alles ringsum blau schien, im Kampf
+des natürlichen Lichtes mit dem künstlichen.
+
+Nun hieß es: in eines der Maschinenhäuser! Denn, nicht wahr? Baronin
+Agathe mußte begreifen: all die zauberhafte selbsttätige Bewegung der
+Förderungen, die in der Luft zwischen Drahtseilen herumglitten; all dies
+Aufsaugen von Gas aus den Öfen in die Rohre und das Hinüberleiten des
+Gases in die Eisentürme, die »Winderhitzer« hießen und eigentlich nur
+übermenschlich große Blasebälge seien; all das Wasser, das in Unmengen
+aus der Trave heraufgepumpt werde; alles, alles -- jeder Betrieb hier
+mußte von Maschinen getrieben werden.
+
+Agathe sagte, das verstehe sie, und machte ein reizendes, wichtiges
+Gesicht.
+
+Sie traten ein in einen Riesensaal, wo die wunderreichsten Geschöpfe
+aus Metall bebten und zitterten, klopften und schwangen.
+
+»Hier ist es aber sauber!« rief Agathe beglückt aus. Der Belag des
+Estrichs von braungebrannten Ton war wie Porzellan so glatt und rein.
+Und Agathe litt, wenn sie nur auf einen unsauberen Boden treten mußte.
+Sie war so peinlich ...
+
+»Ja,« sagte Wynfried, »ein Maschinenhaus ist immer wie ein Asyl der
+Sauberkeit mitten im Betriebe. -- Maschinen sind wie schöne Frauen --
+sie wollen geputzt und -- geschmiert werden, mit dem Öl der
+Schmeichelei ...«
+
+Agathe schlug mit ihrem Muff nach ihm.
+
+Aus dem glasierten Estrich erhoben sich seltsam gestaltete Formen, die
+ihre untere Hälfte in der Tiefe verbargen; gleich gerundeten dunklen
+Tierrücken, über die hellere Hautstreifen liefen, waren sie.
+Riesenräder, aufrecht, halb über, halb unter dem Boden, drehten sich
+rasend; immer wieder verschwanden Speichen und tauchten auf.
+
+Einige Maschinen plauderten leise, wie Frauen tun, die das emsige
+Geräusch ihrer Stricknadeln mit endlos hinfließendem Geschwätz
+begleiten.
+
+Andere klappten mit Eisenzähnen, wie Riesen im Märchen, die für ihre
+leeren Kiefer nach Nahrung schnappen.
+
+Und wenn man dieser sinnvollen, glatten, nie rastenden Bewegung zusah,
+bekam man zuletzt das unheimliche Gefühl, zwischen lauter Lebewesen zu
+sein, die aus einer anderen Welt stammten, nur eine andere
+Körperlichkeit hatten als die Menschen dieser Erde -- aber ein
+pulsierendes Dasein wie sie -- --
+
+»Wer ist der Erfinder all dieser Maschinen?« fragte Stephan.
+
+»Keinen Schimmer!« sagte Wynfried achselzuckend. Und er wußte nur, daß
+die und jene Maschine aus der und der Fabrik aus Mühlheim-Ruhr stamme
+und daß die zwei da drüben aus dem Kreyser-Werk in Gelsenkirchen
+gekommen. -- Der Ingenieur, der sie zuerst erfunden, die anderen, die
+sie vervollkommnet hätten, arbeiteten ja für das Werk, in dem sie
+engagiert waren -- ihre Namen wußte man nicht.
+
+»O,« sagte Likowski, »ist es tragisch? Ist es groß? Ungerecht?
+Wundervoll? Was wäre Deutschland, was die Kultur ohne all die stillen
+Helden der Arbeit, der täglichen, selbstlosen Hingabe an unsägliche
+Mühen. -- Und kein Ruhm -- kein Heldenlied preist ihre Namen ... Unsere
+auch nicht -- wir arbeiten und schuften ohne zulänglichen Lohn, ohne
+Anerkennung, noch umfeindet -- damit das hier geschützt ist -- damit
+solche Dinge blühen -- uns groß machen. -- Ich hab' so'n Gefühl: wir
+stehen ja Schulter an Schulter mit all diesem hier --«
+
+Er drückte seinem lieben Kameraden und Freund die Hand. -- Stephan gab
+stark, gleichsam tröstend, den Druck zurück. Er wußte ja, wie der
+Hauptmann sich quälte. --
+
+Und er dachte: »Es gibt noch viel mehr stilles Heldentum -- nicht nur
+das der Arbeit -- auch das des Gefühls -- schweigend sich bezwingen --
+ja -- wer das muß ...«
+
+Seine Gedanken verloren sich ins Unbestimmte.
+
+Agathe fing an zu klagen: es werde ein bißchen mühsam. Sie hatte doch
+nur ganz dünne Schuhe an mit so hohen Hacken -- es ging sich schlecht
+damit.
+
+»Nur noch zu den Hochöfen,« sagte Klara, »das ist doch die Hauptsache.«
+
+Sie gelangten an die erste der ragenden Burgen, die aus dem breiten
+Massiv, dem eigentlichen Herde, aufstiegen und deren mit gemischten
+Erzen und Kalk gefüllte Schachträume mit einem Panzer von Steinen und
+Eisen umgeben waren. Dieser hochgetürmte, nach oben zu sich verjüngende
+Umbau gab den ragenden Hochöfen den burgenartigen Charakter. Galerien
+liefen um diesen Panzer, in dem man fest vernietete Türen bemerkte. Und
+um den ganzen untern Körper des Ofens rannen mit Rauschen und Plätschern
+unaufhörlich kühlende Wasser.
+
+Hinten an den Ofen stieß die Gießhalle; man mußte eine primitive Treppe
+emporsteigen. Agathe als Vorletzte, hinter ihr Wynfried.
+
+Agathe fühlte sich elend vor Angst. So entsetzlich nah war man dem
+Ungetüm, in dem eine Höllenhitze von zweitausend Grad Celsius wütete!
+Sie konnte sich nichts bei dieser Zahl denken -- das ging natürlich über
+menschliche Vorstellung. Es jagte aber doch eine Furcht ein, die halb
+interessant, halb schauerlich war.
+
+»Kann das bersten?« fragte sie zu Wynfried zurück.
+
+»Doch -- es kommt vor -- trotz des besten Materials, das für den Umbau
+verwendet wird. -- Wenn es Verstopfungen im Nachsacken der Beschickung
+gibt. -- Gase sich entwickeln --«
+
+»O Gott!« sagte Agathe, raffte ihre Röcke noch höher und enger zusammen
+und blieb stehen. Der Mann hinter ihr sah die seidenen Strümpfe und die
+koketten Schuhe. Er faßte Agathe recht kräftig um die Taille, von hinten
+her, und schob sie so vorwärts, Stufe um Stufe. Und als sie oben
+angekommen waren, wandte sie sich etwas zu ihm, und sie lachten sich mit
+den Augen an, wie zwei tun, die es mit dem Wagnis und dem Verzeihen
+einer Dreistigkeit nicht schwer nehmen.
+
+Oben traf die Gesellschaft auf Kreyser und Thürauf, und Agathe hatte das
+Bedürfnis, dem Generaldirektor sozusagen ein Kompliment über das Werk zu
+machen.
+
+»Wie ist es malerisch!« schwärmte sie.
+
+»Eine andere Art malerische Schönheit als ein See im Mondschein
+zwischen Waldbergen,« sprach Stephan von Marning. »Wie viel mehr sagt
+_diese_ uns heutigen Menschen.«
+
+»Ja, das ist die Romantik der Industrie,« bestätigte der
+Generaldirektor.
+
+Aber er war auch umsichtig bedacht, die Gäste an sicheren Platz zu
+stellen, denn gleich sollte der Abstich beginnen. Er verwies sie auf
+einen balkonartigen Ausbau neben dem Ofenrund, von wo aus sie dann einen
+trefflichen Überblick hatten auf die schräge Ebene der Gießhalle, die
+eigentlich ein Schuppen ohne Wände war, deren Dach auf Pfeilern ruhte.
+Diese Ebene war mit Sand bedeckt, und in ihn hinein hatten die Arbeiter
+lauter kurze Rinnen getieft -- die Formen für den Guß der »Gänze«. In
+unübersehbarer Zahl und Regelmäßigkeit zogen sie sich hin, in ihrer
+Mitte von einem Laufgraben durchfurcht, den entlang das fließende Eisen
+strömen sollte, um sich dann in all diese Rinnen zu verteilen.
+
+Überall standen Leute bereit, Schaufeln und Stangen waren zurechtgelegt
+-- wachsam hieß es den feurigen Fluß lenken und fördern, falls er sich
+irgendwo sollte stauen wollen.
+
+Nun sammelten sich ihrer ein Dutzend und umklammerten -- als seien sie
+die sieben Schwaben, die gemeinsam ihren Riesenspieß wagerecht durch die
+Lande schleppten -- eine wuchtige Eisenstange. Und mit ihr gingen sie
+zum Stoß gegen das von gebranntem Ton luftdicht verschlossene Gießloch
+vor. Hallende Töne zitterten über das Rauschen der Wasser hin -- wieder
+und wieder stießen die Männer mit den von nassen Tüchern umwickelten
+Händen den Eisenstab gegen den Verschluß -- berannten die Festung des
+Feuers. -- Und da krachte es -- Funken schossen hervor -- Garben von
+Sprühpünktchen -- und weißgolden, von leichten Trübungen da und dort
+überhaucht, floß das glühende Eisen.
+
+Düstere Glut warf einen rötlichen Schein in den Raum der Gießhalle, wo
+die sich bückenden und von Sandwall zu Sandwall hinübertretenden
+Gestalten der Arbeiter zu schwarzen Silhouetten wurden. Und in der
+schiefen Ebene füllte sich langsam Rinne um Rinne mit dem fließenden
+Eisen -- das sah aus, als hätten sich lauter Goldstreifen hingelegt --
+eine Reihe von kurzen, blanken Linien auf dunklem Grunde.
+
+Und vom Vorherde, unten am Ofen, floß auch schon die Schlacke ab -- ein
+Brunnenstrahl von Feuer. In kurzem Bogen schoß er hernieder in das mit
+Wasser halbgefüllte Wagengefäß, das die Masse nachher zur Schlackenhalde
+rollen sollte.
+
+Die Luft selbst schien wie verbrannt, trocken und voll Hitze war sie. --
+Rauch wölkte. -- Die schwarzen Gestalten hantierten in Hast. -- Draußen,
+zwischen dem Gestänge und Gedränge umqualmter Eisenlinien, sah man den
+blauen Abendhimmel.
+
+Welch ein Stück Leben! Welche Welt voll Größe und erschütternder
+Schönheit!
+
+Die junge Frau fühlte sich erhoben und befreit.
+
+Was sind die Anwandlungen von Unklarheit und wunderlich quälender
+Unruhe? Was die unbedeutenden Rätselfragen in einem einzelnen, kleinen
+Menschenleben? Was vor dem Geist und der Tat, die die Natur
+bezwingen! --
+
+Sie kam sich klein vor und in ihrer Kleinheit beruhigt.
+
+Und zugleich war ihr, als sei sie mit all diesen Dingen unlöslich
+verbunden -- als sei in dieser Welt der gewaltigen, machtvollen Arbeit
+ihre unverlierbare Heimat und Sicherheit -- es würde, es sollte auch
+einst die Welt ihres Kindes werden ...
+
+Ihre Seele ward wieder froh ...
+
+Und irgend eine Empfindung nötigte sie, die dunklen Augen zu suchen,
+denen sie vorhin so unbegreiflich erschreckt ausgewichen war.
+
+Vielleicht hatte der Mann die gleiche Empfindung. Denn wieder begegneten
+sich ihre Blicke.
+
+Freudig und stolz sagten sich ihre Augen, daß ihre Seelen in der
+gleichen Andacht erhoben seien.
+
+
+
+
+6
+
+
+Das war ein Tag, eine Nacht gewesen! Der alte Herr hatte sie in seinem
+Sessel verbracht. Keine Bitten des treuen Leupold vermochten etwas. In
+dem greisen Riesen kochte die einstige Ungeduld. Er wünschte ein Gott zu
+sein, um der Natur befehlen zu können. Seine wartende Aufregung setzte
+sich in Zorn um -- nicht gegen irgend einen Menschen -- nein, in diesen
+unbestimmten Zorn über menschliche Ohnmacht. Und er mußte sich doch
+fassen. --
+
+Sein Sohn war verreist. Unglücklicherweise! In diesen furchtbaren
+Stunden hätte er neben seiner Frau sein sollen. Das Schicksal gefiel
+sich wahrlich darin, Wynfried immer fern zu halten, wenn mit großen
+Mahnungen Tod oder Leben an dies Haus klopften ...
+
+Damals freilich, als es schien, sein Vater werde erliegen, hielten ihn
+unwürdige Dinge ab, die ihn seiner Besinnung beraubt hatten.
+
+Jetzt war es ein ernster, anständiger Grund, der ihn fortzwang.
+
+Die Sitzung, in welcher die Kreyser-Werke definitiv in eine
+Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollten, war auf den siebzehnten
+April anberaumt worden. Der Generaldirektor Thürauf hätte die Vertretung
+des Geheimrats übernehmen können -- wie so oft, seit dieser an seinen
+Krankheitsthron angeschmiedet war. Aber es war seit Monaten bestimmt
+gewesen, daß bei dieser wichtigen Gelegenheit, die doch auch Wynfrieds
+Vermögen anging, der Sohn zum erstenmal als Teilhaber des Hauses Severin
+Lohmann draußen zwischen anderen Magnaten der Kohle und Kapitänen der
+Industrie für das Haus eintreten solle.
+
+Der Geheimrat wußte ja auch: sein Sohn hatte sich erst Ansehen zu
+verschaffen -- noch besaß er es kaum. Er mußte Vertrauen zu sich
+erwecken -- wie sollte man es ihm schon schenken! Denn die Welt hatte
+wahrscheinlich mehr von dem früheren Lebejüngling gewußt als der Vater
+selbst. Es galt, sich einen neuen Ruf zu erobern. Das ist schwerer, als
+wenn man unbekannt und unbeschrien in einen Kreis tritt. Aber der
+Geheimrat wußte auch: die bloße Tatsache, daß er zu dieser Sitzung nicht
+Thürauf, sondern seinen Sohn entsandte, ließ die Herren aufmerken,
+erweckte die wohlwollendsten Gedanken.
+
+Das alles hatte er oft mit Klara besprochen. Erst sollte die Sitzung
+Anfang März stattfinden, ward verschoben und dann zu einem Termin
+anberaumt, der einen Konflikt heraufbeschwor.
+
+Es schien dem Geheimrat unmöglich, daß der junge Ehemann jetzt seine
+Frau verlasse. Andererseits schien es eine Unmöglichkeit, plötzlich
+anstatt Wynfrieds den Generaldirektor zu entsenden. Man würde denken, er
+habe im letzten Augenblick Wynfried doch nicht recht Vertrauen
+geschenkt.
+
+Wynfried verhielt sich ziemlich passiv in der Frage. Die Geschichte
+interessierte ihn immerhin ein wenig. Außerdem: jedesmal wenn er hinaus
+konnte -- wenn er nur im Abteil der Eisenbahn oder im Auto saß -- nach
+Berlin -- nach Hamburg -- dann wachte etwas in ihm auf ... Als wenn er
+wieder jünger werde ... Als wenn ihm irgend was tröstend sage: na, die
+Welt wartet ja noch auf dich. --
+
+Aber das mochte er nicht zeigen, besonders jetzt nicht. Denn seine Frau,
+diese großartige, famose Frau hatte doch am Ende Ansprüche zu
+erheben ...
+
+Klara entschied. Wie konnte sie es anders als so, daß sie bat, Wynfried
+möge unbekümmert reisen. Niemand konnte wissen, ob das erwartete
+Ereignis denn auch gerade in den Tagen seiner Abwesenheit einträte. Und
+wie, wenn er umsonst die Teilnahme an der Sitzung aufgegeben hätte! ...
+
+Sie war, wie immer, auch in dieser Frage ihrer Tat treu. Es hing so viel
+daran, daß Wynfried sich erprobte, in der Welt der großen Herren der
+Industrie sich Zutrauen erwarb.
+
+Aber der Schnellzug, der ihren Mann nach Köln zur Vorbesprechung und
+Sitzung brachte, war vielleicht eben aus dem Bremer Bahnhof
+hinausgeglitten und raste auf die Heide zu, als Klara nach dem Arzt
+schicken mußte. Sie verbot eine Rückberufung und daß man Wynfried
+depeschiere.
+
+Sie mochte es sich kaum in ihren Gedanken gestehen: es war ihr lieb, ihn
+fern zu wissen. -- Sie mußte sich ganz mühsam immer wieder klar machen,
+wie wichtig doch das Ereignis auch für ihn sei. -- Er hatte so wenig
+Teil daran genommen ... Das kann ein Mann vielleicht auch nicht ...
+Rücksichtsvoll war er immer -- und manchmal so zärtlich, als seien sie
+wirklich miteinander in der großen Liebe verbunden, auf die Klara noch
+immer wartete. --
+
+Solchen Tag und solche Nacht hatte das Haus noch nicht erlebt. Die
+Doktorin Lamprecht, die nicht vom Platze wich und einigemal von der
+zornigen Ungeduld des alten Herrn angefahren wurde -- die wußte noch:
+als Wynfried das Licht der Welt erblickte, hatte der selige Lamprecht
+chloroformieren müssen, denn die gnädige Frau lehnte es ab, auch nur den
+leisesten Schmerz zu ertragen, wenn die Wissenschaft ihr den ersparen
+könne. So war die damals im Schlaf zur Mutterwürde gelangt.
+
+Klara wollte bestehen, was die Natur von ihr verlangte. Es waren heilige
+Leiden. Sie mußten tapfer durchlitten werden. Und am siebzehnten April
+erhob sich aus feinstem Dunst ein Morgen voll erquickender Herbheit.
+Hyazinthenduft atmete von den Beeten vorm Hause auf. Der alte Herr hatte
+die Fenster seines Erkers öffnen lassen und belebte sich an dem zarten
+Frühlingszauber der Luft. Drüben überm weiten Gelände lag die Poesie der
+Frühe.
+
+Gerade hinauf stieg aus den Schloten des Werkes der Rauch, wie ein
+Morgenopfer zur Unendlichkeit empordampft.
+
+Feierliche Würde war in diesem jungen Tag.
+
+Da kam Leupold wieder einmal herein -- bleich, verwacht auch er.
+
+»Ich darf Herrn Geheimrat in den Fahrstuhl helfen?«
+
+»Was soll das? -- Was willst du mit mir ...«
+
+»Die gnädige Frau lassen bitten ...« Und er hatte ein seltsam
+verstocktes Gesicht.
+
+»Meine Tochter? ... Meine Tochter?« murmelte der alte Herr verstört ...
+irgend ein unbestimmter Schreck wollte ihn packen, obgleich man ihm wohl
+an die zwanzigmal zugeschworen hatte: es steht sehr gut -- keine Sorge
+-- nein gar keine. --
+
+Er zitterte ...
+
+Und Leupold dachte: er wird alt! Auch in ihm war Zorn. Solche
+Aufregungen waren nicht für seinen Herrn -- und Nächte durchwachen, wenn
+man streng und vorsichtig nach Regeln zu leben hat, um überhaupt zu
+leben ... Alles verkehrt -- dieser ganze Zustand jetzt, mit einer
+zweiten, jungen Wirtschaft unten im Haus ... Ehedem war alles im
+Gleichmaß hergegangen ...
+
+Unter solchen Gedanken half er der mächtigen Gestalt in den Fahrstuhl
+und schob ihn rasch zum Lift.
+
+Der alte Herr wagte nicht zu fragen. Wenn Leupold gewußt hätte, warum
+Klara nach ihm rief, würde er es gesagt haben ...
+
+Unten riß schon der hellfarbige Georg mit dem gestriegelten Blondhaar
+und gewaschenem Gesicht die Tür des Lift auf.
+
+Da war auch Dienerschaft am Wege zu Klaras Zimmer ... Das
+Küchenpersonal, die Stubenmädchen -- fast als bildeten sie eine Gasse
+... Und im großen Zimmer, wo das Bild der teuren Toten lieblich ernst
+von der Wand herabsah, standen wieder Menschen: die alte Lamprecht,
+klein, grau, gebückt und selig lächelnd; und mit verdienstvollem Gesicht
+der dunkelblonde Doktor Sylvester mit dem Kneifer vor den hellen Augen
+und dem Schmiß vom Mundwinkel bis zur Wangenhälfte, der ihm einen
+Ausdruck gab, als sei er immer voll Verachtung. Und noch zwei unbekannte
+Weibswesen.
+
+Sie ließen ihn durch ihre Reihen fahren ... Und ihm wurde immer
+beklommener zumute ... Sein Herz klopfte.
+
+Die Tür zum Schlafzimmer tat sich auf. --
+
+Da lag, im feinen, hellen Licht der Frühe, bleich ein Haupt auf weißen
+Kissen ... Und da lag ein Bündel, auch weiß, und aus ihm sah ein dunkles
+Fellchen hervor, ein ganz kleines Stück nur ...
+
+Leupold schob ihn an das Bett. --
+
+Aus dem bleichen Gesicht auf dem Kissen leuchteten dunkle Augen in
+heißem Glanz höchsten Glücks ... und die geraden, strengen Brauen waren
+ein wenig zusammengerückt -- als seien die Nerven nach dem Krampf der
+Schmerzen noch nicht ganz gelöst ...
+
+Und die junge Frau hob mit schwachem Arm ein wenig das Bündel -- und nun
+sah man: das Fellchen war dunkles Haar.
+
+»Der kleine Severin Lohmann,« sagte sie.
+
+Und ihre Stimme bebte vor Seligkeit ...
+
+Er schluchzte auf. -- Dem alten Mann, der stark geblieben war in jedem
+Kampf und in jeder Not, zerbrach die Fassung.
+
+Und das kleine, dunkle Fellchen in den Kissen des Bündels war ihm der
+wunderbarste Anblick, den das Leben ihm gegönnt ...
+
+Die große Männerhand streckte sich aus -- tastete scheu nach diesem
+Köpfchen, von dem man so wenig sah. Und zog sich erschreckt zurück, als
+habe sie Heiligstes berührt -- so überfein und unfaßlich zart war das,
+was seine Fingerspitzen verspürten.
+
+Dann umgriff er der jungen Mutter Hand, hob sie zu sich heran -- er
+mußte sich mühsam vorneigen, um sie mit seinen Lippen zu erreichen ...
+Und er küßte sie -- immer wieder -- von Dankgefühl übermannt --
+wortlos. --
+
+Bis Doktor Sylvester mit einem von den fremden und in geplätteter
+Kleider- und Schürzensauberkeit knitternden Weibswesen hereinkam und
+Leupold kurzerhand den Fahrstuhl rückwärts und zum Zimmer hinauszog ...
+
+Ja, das war ein Tag! Der Geheimrat wollte durchaus schlafen, denn nun
+lag ihm erst recht am Leben. Aber die Aufregung ließ ihn nicht dazu
+kommen. Und Doktor Sylvester tröstete Leupold: es schade nicht. Man
+wisse ja, wie Freude für den alten Herrn bekömmlich sei.
+
+An den beiden Torpfeilern, rechts und links von der Inschrift
+»Eisenhütte Severin Lohmann«, wehten Flaggen; von den Häusern der
+Beamten und der Villa des Generaldirektors wallten die rot und weißen
+und die schwarz-weiß-roten Tuchstreifen, im frischen Wind zu schönen
+Wellenbewegungen immer wieder neu entfaltet.
+
+Auf die Depesche nach Köln hin kamen drei Antworten. Wynfried sagte
+durch den Draht seiner Frau: »Freudig bewegt sende tausend Grüße und
+Wünsche, am zwanzigsten bin ich wieder dort. Innigst Wynfried.«
+
+Und seinem Vater: »Mit dir stolz und froh. Bitte täglich zwei- oder
+dreimal um Telegramm über Befinden. Wynfried.«
+
+»Gottlob,« dachte der Geheimrat, von einer beglückenden Ruhe ganz
+erfüllt, »nun liegt die Zukunft klar und sicher da.«
+
+Das dritte Telegramm machte ihm Spaß. Mehr noch: er schmunzelte, und ein
+Ausdruck freudigen Stolzes ging über sein Gesicht.
+
+»Es lebe der vierte Severin Lohmann. Möge er des Großvaters würdiger
+Enkel werden. Mutter und Kind wünschen wir alles Gute. Dem hochverehrten
+Großvater bringen wir Glückwünsche und Gruß.«
+
+Diese Kundgebung war von elf Namen unterzeichnet, mit dem Kreysers an
+der Spitze. Und jeder hatte Klang, der über die Ozeane hallte.
+Großfürsten der Industrie und des Handels -- sie nahmen freudig teil am
+Dasein des winzigen kleinen Kerlchens im weißen Bündel. Sie waren stolz,
+daß eine der Dynastien in ihren Reihen weiterblühen sollte ...
+
+Das wollte der Geheimrat aufheben; wenn der Junge erst lesen konnte,
+sollte er selbst die Depesche sehen -- sie sollte ihm einst sagen: Du
+bist in große Verantwortungen hinein geboren. Viele Augen sehen darauf,
+ob du ein tüchtiger Mann wirst ...
+
+Alle, die sein Arm nur erreichen konnte, sollten Freude haben heute.
+
+Er bat den Generaldirektor Thürauf, als der mit seiner Frau zum
+Gratulieren vor dem gewaltigen Ledersessel stand, daß die sofortige
+Verteilung einer großen Summe an die Arbeiterschaft bewerkstelligt
+werde. Über eine sehr erhebliche Stiftung nützlicher Art für die Kinder
+der Arbeiter wolle er noch mit seiner Schwiegertochter sich beraten und
+ihr die Freude gönnen, am Tauftage des Kindes der Arbeiterschaft davon
+Mitteilung zu machen. Die wunderhübsche dunkeläugige Frau Thürauf bat
+er, den Schulkindern eine festliche Nachmittagsbewirtung veranstalten zu
+lassen, und sie, die immer von der anmutigsten Gefälligkeit war,
+versprach, mit ihren drei Töchtern selbst Schokolade und Kuchen in
+befriedigenden Mengen anzubieten.
+
+Likowski und Marning kamen, als die von den drüben garnisonierenden
+Herren dem Hause nächst Befreundeten, und der Geheimrat nahm ihren
+Besuch an. Er hatte ja ein unersättliches Bedürfnis, Klara zu preisen,
+seine eigene Freude auszusprechen. Sein ganzes Wesen war verwandelt. Er
+war nicht mehr der große Beherrscher, der den Kopf voll von Sorgen hat.
+Nur ein ganz einfach glücklicher Mann war er, voll Ehrerbietung vor der
+Würde einer jungen Frau, voll seligen Glückes, einen Enkel zu haben.
+
+Als die beiden Herren fortgingen, sagte draußen Stephan Marning: »Ja,
+dies Kind hat sich eine bevorzugte Statt ausgesucht -- solche Mutter --
+und solche Zukunft!«
+
+Likowski verbreitete sich über Frau Klara Lohmann. Marning solle sich
+gefälligst erinnern, was er, der Hauptmann, schon für ein Urteil über
+Fräulein Klara Hildebrandt gehabt habe! Die Frage bleibe für ihn nur:
+Hatte der Gatte eine Ahnung, wer die Frau an seiner Seite sei?
+
+Alles in Stephan wehrte sich dagegen, mit seinem Kameraden diese junge
+Frau und ihre Ehe zu besprechen. Er sagte nur: »O -- man hat doch stets
+den Eindruck eines angenehmen Verhältnisses ...«
+
+»Angenehm -- angenehm!« schalt Likowski. »Den Kuckuck auch -- soll er
+wohl gar unangenehm sein? Ich weiß nich -- ich trau' ihm nich -- nee --
+wo das mal drinn steckt -- so 'ne Männer sind gerade wie die Gäule
+früher von der Kavallerie, als die noch Signale blasen ließ -- wenn ein
+ausrangierter noch nach Jahr und Tag wieder das Signal 'Marsch' hörte,
+brannte er durch ... Warten wir's ab ...«
+
+»Lieber Likowski -- Sie sind ein Pessimist -- in allen Dingen --« sprach
+er.
+
+»Kunststück -- erlebt man was anderes als Enttäuschungen? ... Die sind
+mein tägliches Brot ... Haben Sie die Morgenblätter schon gelesen? Hab'
+ich nich gleich gesagt -- damals im Februar -- dieser auffallende Besuch
+von Haldane -- und dann die Pressekampagne hinterher -- passen Sie auf,
+wir werden wieder eingeseift -- na -- uns, grad' uns kommt's ja zu, zu
+schweigen -- warten -- aufrecht bleiben --«
+
+»Ich denke,« sagte Stephan Marning, um nur keinenfalls des Freundes
+Gedanken zu der jungen Frau und ihrer Ehe zurückkehren zu lassen, »wir
+haben noch Zeit -- lassen Sie uns einen Rundgang durch das Werk machen
+-- ich habe mir von Thürauf vor einiger Zeit die Erlaubnis erwirkt, nach
+Belieben hinein zu dürfen, und bin oft da -- es regt mich unersättlich
+an ...«
+
+»Fabelhaft -- Ihr Interesse! ... Thürauf und der alte Herr sagen schon:
+der kommt noch zu uns herüber ... Marning, das tun Sie mir nich an --
+nee -- daß Sie um schnöden Mammon unseren Rock ausziehen ...«
+
+»Darum? Nie!« sprach Marning ernst. »Aber denken Sie denn, daß all die
+Herren, die bei Krupp und sonst da und dort in die Industrie oder die
+Schiffahrtsgesellschaften eintraten, das immer um des Mammons willen
+taten? Haben Sie damals, als wir -- wissen Sie noch, es war am
+Geburtstag der jungen Frau -- als wir zuerst auf dem Werk waren -- mir
+eine neue Welt -- ja, da haben Sie selbst gesagt: wir stehen doch
+Schulter an Schulter ... Sie können ruhig sein, Likowski, mich wird
+schon kein Krupp, kein Erhardt, kein Thyssen berufen und mich vom
+Regiment weglocken. Ich bin ein gänzlich unbekannter armer Oberleutnant
+ohne großmächtige Beziehungen. Aber das ist wahr: wär' ich nicht
+Offizier, möcht' ich auf solchem Werk mitarbeiten -- sei's gegen noch so
+bescheidenen Lohn ...«
+
+»Gottlob,« sagte Likowski zufrieden, »daß Krupp und Konsorten keinen
+Schimmer von Ihrer Nebenliebe haben ...«
+
+Unterdessen kehrte bei dem alten Herrn eine Art von körperlicher
+Mattigkeit ein, die, weil durch seelische Beruhigung hervorgerufen, sehr
+wohltätig war. Früh schon wagte Leupold den Vorschlag, ob Herr Geheimrat
+nicht zu Bett gehen und seine Abendmahlzeit in bequemster Lage nehmen
+wolle.
+
+Es schien auch, als wirke die feierliche Ruhe, die unten im Hause
+herrschte, durch Balken und Decken bis oben hinauf und besänftige alle
+Nerven.
+
+Viel eher schon als sonst wohl erloschen alle Lichter im Herrenhaus.
+Leupold, der seit dem Schlaganfall des Geheimrats vor fünfviertel Jahren
+neben dessen Schlafzimmer seine Stube hatte, zog gerade seinen
+dunkelblauen Rock aus, als die elektrische Glocke noch einmal
+schrillte.
+
+Dieser grelle, durchdringende Ton bedeutete zu unerwarteter Zeit immer
+Schreck. Heute aber begann ihm das Herz vollends rasend zu klopfen.
+
+Denn eben hatte er mit einem abergläubischen Gedanken an die
+bevorstehende Nacht gedacht. Was konnte sich in ihr ereignen! Man hatte
+es manchmal erfahren, daß Leben und Tod am gleichen Tage in einem Hause
+einkehrten ... Und die unsäglichen Aufregungen, die der alte Herr
+durchlitten ...
+
+Mit einem Schritt war Leupold an der Tür und öffnete.
+
+Dunkelheit? ... Kein Laut? ... Angst befiel ihn ... seine Hand tastete
+nach dem kleinen Knebel neben der Tür -- das Licht an der großen Lampe,
+die grün umhangen vom Plafond herabkam, blitzte auf.
+
+Er sah gleich: ganz ruhig lag der Geheimrat, wie immer fast sitzend, so
+viel Kissen stützten ihm den Kopf. Nur die Augen sahen in heller
+Wachsamkeit groß und blitzend ihm entgegen.
+
+Er neigte sich ein wenig herab -- doch noch in Besorgnis, wollte
+fragen ...
+
+Da packte die große Hand ihn um das Gelenk seiner Rechten. Und der alte
+Herr sprach: »Leupold -- du weißt es seit damals -- ich muß immer
+gerüstet sein. -- Ich wollte dir nur sagen: Die junge Frau und das
+kleine Kind -- das ist nun das Heiligste, was das Haus Lohmann hat ...
+Und versprich mir: so lange du hier deine Gerechtigkeit findest --
+überhaupt noch dienen magst -- verlaß sie nicht! Das mußt du einsehen:
+Deine Treue für mich ist keine ganze Treue, wenn du sie nicht auch der
+jungen Frau und meinem Enkel gibst ...«
+
+»Hat die gnädige Frau über mich geklagt?« fragte Leupold mit blassen
+Lippen.
+
+»Nie!« sagte der Geheimrat stark. »Aber ich hab' so allerlei
+'rausgefühlt ...«
+
+Leupold stand beschämt, daß sein Herr ihn durchschaut habe. Und er sah
+wieder die junge Mutter auf dem weißen Kissen und das Bündelchen in
+ihrem Arm. Er war ja immer Zeuge vom Leben seines Herrn, und so schnell
+er sich auch heute morgen zurückgezogen hatte -- den von Glück bebenden
+Ton vernahm er doch noch, mit welchem die junge Mutter sprach: »Der
+kleine Severin Lohmann.« -- Da war doch auch über sein etwas
+vertrocknetes Junggesellenherz eine weiche Welle hingegangen -- fast wie
+Rührung.
+
+Er sprach in einer wunderlichen Mischung von Verstocktheit und
+Ergriffenheit: »Die gnädige Frau und der kleine gnädige Herr sollen sich
+auf mich verlassen ...«
+
+Der Geheimrat war von einem beklemmenden Aberglauben befallen gewesen.
+-- Man hat es zuweilen erfahren, daß Leben und Tod ein Haus am gleichen
+Tage suchen ... Deshalb konnte er sich nicht der Dunkelheit und der
+Nacht geduldig und vertrauensvoll ergeben. -- Er mußte der geliebten
+Tochter und dem Kinde noch einen Treuen werben.
+
+Nun aber löste sich alles in einem frohen Auflachen.
+
+»Der kleine gnädige Herr! Schafskopf -- wir sind keine Fürsten. Denkst
+so ungefähr: Seine Hoheit der Erbprinz haben geruht, seine Windeln voll
+zu -- -- -- na ... Wie ich meine Tochter taxier', lehrt sie den Jungen
+feste erst mal gehorchen -- auch dir! ... Der kleine 'gnädige Herr' ...«
+
+Er hatte einen großen Spaß und sah im Geist das dunkle Stück Fell in den
+Kissen.
+
+So trennten sich Herr und Diener mit einem glücklichen, humorvollen
+Lächeln. --
+
+Am zwanzigsten kam Wynfried von Köln zurück. Einige Minuten nach sechs
+Uhr abends traf der Zug in Lübeck ein; das Auto war am Bahnhof; um
+sieben raste es auf das Hüttenwerk zu und hielt vor dem Herrenhause.
+
+Klara hörte den Ruf der Hupe -- hohl und dunkel.
+
+Sie wartete sehr auf ihren Mann. In einer Art von Neugier -- in Angst --
+in Enttäuschung. -- Niemals hätte sie genau sagen können, in was für
+Empfindungen. Bald sprach die eine stark und bald die andere.
+
+Von der Mutterschaft hatte sie eine ganze Umwandlung ihres seelischen
+Daseins erwartet.
+
+»Über gar nichts im menschlichen Leben werden so viel überspannte,
+hochgeschraubte Phrasen geschrieben wie über das Wunder der
+Mutterschaft,« dachte Klara. »Das tun wohl Männer, die sich nur
+konstruieren können, was wir innerlich erleben -- und Frauen tun es, die
+selber niemals ein Kind hatten.«
+
+Sie war ganz dieselbe geblieben, die sie vorher gewesen. Nur eine
+verzehrende unendliche Liebe zu dem winzigen Geschöpfchen war in ihrem
+Herzen und erweiterte es gleichsam -- als sei ihm ein Stück
+hinzugewachsen ...
+
+Sonst hatte sich nichts verändert ...
+
+Und sie war so getragen gewesen von dem Glauben, daß das Kind in ihr
+eine heiße Dankbarkeit für den Vater, eine neue, nun wirklich
+leidenschaftliche Neigung zu dem Vater mitbringen werde -- wie ein
+Geschenk aus den dunklen Untergründen des Daseins.
+
+Nichts davon ... Alles war wie bisher. -- Eine kleine Neugier war
+hinzugekommen, was Wynfried sage, wie er sich in die neue Würde schicken
+könne -- die ihm vielleicht -- Klara ahnte es -- nicht so ganz
+zusagte ...
+
+Aber wenn sie ihn nur erst sähe! An dieser Schwelle eines neuen
+Lebensabschnittes voller Pflichten mußten sie sich von Auge zu Auge
+verstehen -- ein Blick war mehr als alles Begrübeln ...
+
+Nun schrie die Hupe zweimal auf --
+
+Klara wurde erregt. Das sah die Wärterin und mahnte mit der
+bevormundenden Familiarität solcher Frauen in solcher Lage. »Sie wissen
+so viel mehr als die jungen Mütter, die ihre Schülerinnen werden, und
+das neue kleine Leben ist ihnen anbefohlen -- da werden sie naiv
+überheblich,« dachte Klara oft.
+
+Die alte Doktorin Lamprecht, die sich dem Wahn hingab, sie pflege Klara
+mit, und sich nur wichtig in allen Räumen des Hauses zeigte, kam herein.
+Wynfried meine, nach sieben Uhr werde er hier wohl nicht vorgelassen ...
+Die gute Alte trug das in einem neckischen, zärtlichen Ton vor, der
+Klara wehtat, als sei er voll verborgener Taktlosigkeiten. -- Klara sah
+an ihr: greise Menschen haben, wohl aus Bedürfnis zum Frieden, so leicht
+rosige Phantasien und ein so kurzes Gedächtnis ... Und die alte Frau tat
+längst schäker- und schäferhaft, wenn sie von Klaras Ehe sprach -- deren
+Grund sie doch kannte ...
+
+Die geraden Brauen über den dunklen Augen rückten näher zusammen --
+Klara sah nervös aus -- als schmerze sie etwas --
+
+»Ich möchte meinen Mann sofort sehen,« sprach sie etwas kurz.
+
+Und dann trat er ein. Niemand war zugegen. Die Vorhänge hatte man
+zurückgezogen, da die Sonne schon zu tief im Westen stand und ihre
+Strahlen diese Fenster nicht mehr erreichten. Es war hell.
+
+Und wie durch eine Eingebung erriet die junge Frau, daß der Mann mehr
+unsicher, mehr verlegen war als gerührt und erhoben ...
+
+Er kam mit raschen Schritten auf das Bett zu -- neigte sich herab und
+küßte Klara --
+
+Sie sah ihn an -- tief -- tief. -- Er lächelte dem Blick zu, der ihm
+doch fast unbehaglich war ...
+
+Er fragte alles, was sich nur bei diesem Wiedersehen aus dem Ereignis
+ergeben konnte. Und er küßte Klara zwischendurch wohl viermal die Hand
+und streichelte leise ihre Wangen --
+
+Seine Herzlichkeit, seine Freundlichkeit war voller Rücksicht -- wie sie
+es immer gewesen war, und nicht anders ...
+
+Nein -- nicht anders ...
+
+Auch in ihm hatten sich keinerlei Wunder begeben --
+
+»Willst du ihn nicht sehen?«
+
+Gehorsam stand Wynfried auf und ging an das Bettchen, nahm mit
+vorsichtigen Fingern ein wenig den blauen Seidenstoff und die
+Spitzenüberhänge auseinander, atmete einen Dunst von neuem Flanell und
+lauer Wärme ein, der ihm gräßlich war, sah ein Stückchen Schädel mit
+dunklem Haar, schloß die Falten wieder zusammen und sprach: »Entzückend
+-- hoffentlich sieht er dir ähnlich -- ja -- so'n Baby -- das ist nun
+mehr was für Frauen --«
+
+Und dann: »Aber ich darf nur fünf Minuten hier bleiben -- die
+Lamprächtige hat es so befohlen ...«
+
+Er küßte ihr die Stirn.
+
+»Ich bin rasend stolz, daß es ein Junge ist -- und Vater ist ja wohl
+außer sich ...«
+
+»Ja,« sagte Klara, »Vater freut sich ...«
+
+Ganz einfach sprach sie das -- jedes große Wort, jede Aufwallung und
+Erschütterung blieb aus. --
+
+Es war sehr alltäglich ...
+
+Und die junge Frau war wieder allein. Sie schloß die Augen und drehte
+den Kopf zur Seite -- sie heuchelte Schlummer, um nachzudenken.
+
+Und sie konnte doch eigentlich gar nichts denken.
+
+Wenn auf Monate abergläubischen Hoffens fünf nüchtern-nette Minuten
+kommen ...
+
+Das macht das Herz still --
+
+Alles war dasselbe geblieben --
+
+Klara wußte nun, daß sie ihre Tat der Dankbarkeit unter Verzicht auf
+jedes wahre Herzensglück durchführen mußte ...
+
+Nun ging das Leben bald wieder in den Alltag hinein, und nach einigen
+Wochen war man es schon gewohnt, daß eine neue Hauptperson vorhanden
+war, die meist schlief und zuweilen überaus kräftig schrie. Auch eine
+pompöse Amme in Mecklenburg-Strelitzer Tracht, in schwarzem Mieder mit
+buntem Brusttuch und weißen Hemdärmeln, mit rotbuntem Rande um den
+schwarzen Rock, sowie einer goldenen Haube, daraus weiße Tüllteile sich
+künstlich gesichtswärts bogen, hatte die Zahl der Hausbewohner vermehrt.
+
+Denn Wynfried bestand sogleich darauf, daß man ein solches Wesen suche.
+Er erklärte dem Doktor Sylvester und seiner Frau, daß es ihm einfach
+gegen sein ästhetisches Gefühl gehe, wenn Klara den Jungen selbst nähren
+wolle. Er kümmerte sich sonst um nichts. Aber in diesem Punkte war er
+fest. Doktor Sylvester stritt energisch für das Natürliche. Aber über
+Klara kam auf der Stelle eine ihrem Wesen sonst fremde Mattigkeit. Sie
+konnte nicht kämpfen.
+
+Sie hatte nur ein dumpfes Gefühl von einer unüberbrückbaren
+Verschiedenheit in großen Dingen. --
+
+Sie mußte den stillen Mut haben, ein Opfer zu bringen. Über Wynfrieds
+Wünsche durfte man nicht hinweggehen -- sie nicht, deren Aufgabe es war,
+einen _Mann_ aus ihm zu machen -- und sie spürte: hier war es ihm ein
+Bedürfnis, sich als Gebieter zu fühlen.
+
+Er kümmerte sich sowieso wenig um das Kind. Ärgerlichkeiten sollten in
+ihm nicht aufkommen.
+
+Bald bemerkte Klara, daß ihr Mann entweder die Veränderung im
+Familienleben als einen Abschnitt ansah, der ihm mehr Freiheit
+zurückgebe, oder daß er die letzten Nervositäten abschüttelte, die ihm
+noch angehaftet.
+
+Er zeigte allerlei neue Interessen und eine frischere Stimmung von der
+erfreulichsten Ausgeglichenheit.
+
+Unfern der Anlegebrücke, zu der die von Hainbuchenhecken geleitete
+Sandsteintreppe hinabführte, ankerten nun ein Motorboot und eine
+seegehende Schonerjacht. Hart an der Brücke schaukelte an seiner
+eisernen Kette das kleine Beiboot, mit dem man in ein paar Ruderschlägen
+zu den beiden Fahrzeugen kommen konnte.
+
+Das Motorboot war viel größer und eleganter als das der Baronin Agathe
+Hegemeister. Es hatte in der Mitte eine Salonkajüte, aus deren rotgrauen
+Samtsofas man leicht Bettstatten schaffen konnte. Eine Kombüse und ein
+kleiner Toilettenraum schlossen sich an. Größere Ausflüge, mit
+Übernachten an Bord, ließen sich nötigenfalls im Motorboot ausführen. Es
+hieß dem Kinde zu Ehren »Severin«, während die Jacht den Namen »Klara«
+trug.
+
+Die war schneeweiß und wirkte neben dem von Benzin getriebenen
+Mahagonigefährten südlich-kokett. Ihr Deck, von schmalen
+Pitschpinebohlen, strahlte von Glätte und Sauberkeit. Sie besaß im Raum
+eine Hauptkajüte, eine Damenkajüte, wo drei Damen es nicht allzu eng
+haben würden, Kombüse und große Mannschaftskojen, war also zu größeren
+Küstenreisen durchaus eingerichtet und seetüchtig, auch in den Sunden
+und Belten der holsteinischen und dänischen Gewässer zu kreuzen.
+
+Ihre Mannschaft trug krebsrote Sweater zu weißen Hosen und krebsrote
+Zipfelmützen. In dieser munteren Tracht sah man sie wie Spring- und
+Kletterwesen an den Masten und mit den bleichgelblichen Seidensegeln
+flink hantieren. Sie wurden von einem »Schiffer« kommandiert, der einen
+marineblauen Jackenanzug mit Goldknöpfen trug und um seine Schirmmütze
+ein goldenes Band hatte.
+
+Daß Wynfried plötzlich auf diesen Sport verfallen war, sagte dem
+Geheimrat in mancher Hinsicht wohl zu. Er sah es: nach einem Jahr des
+gesunden Lebens neben einer Frau, die ihm Achtung abforderte, in immer
+regelmäßiger werdender Arbeit, war seinem Sohne ganz einfach das
+zurückgekommen, was er in tollen Jahren verloren gehabt hatte: die
+gesunde Jugendkraft.
+
+Und wenn sie sich im Sport betätigen wollte, konnte ihr hier, in der
+Nähe von Travemünde und dem berühmten Segelwasser der Lübecker Bucht,
+keiner verlockender scheinen als dieser.
+
+Er freilich hatte dergleichen nie gebraucht, um sich zu erholen.
+
+Diese seine Randbemerkung fand Klara etwas ungerecht und zu sehr: einst
+gegen jetzt.
+
+»Solche Arbeitsgenies wie du sind auch selten. Außerdem: alles liegt
+anders jetzt. Der Mann von heute wird ja durch seine Arbeitsstunden so
+gepeitscht, daß er Ausgleich für seine Nerven haben muß, wenn er sich
+nicht zu früh verbrauchen soll. Du, Vater, und all die deiner Generation
+-- ihr seid so nach und nach in das Hetzen hineingewachsen. Heut fängt's
+ja schon für die Kinder mit dem Telephon an. Ich meine: Gottlob, daß
+Wynfried die Erholung im Sport sucht.«
+
+»Ja -- gottlob,« dachte der Geheimrat. »Wenn er alle Augenblick nach
+Berlin oder Hamburg führe, um sich zu erholen ...«
+
+Sicherlich, das hätte sein Vaterherz geängstigt -- obgleich -- Nein!
+Nein -- solche Frau -- und einen Sohn in der Wiege -- da war wohl keine
+Gefahr mehr.
+
+Klara fuhr fort: »Du hast mir einmal erzählt, daß seine Mutter sehr
+vergnügungssüchtig gewesen sei, und es hier nie lange aushielt. Sieh --
+es rumort doch gewiß auch etwas vom Blut seiner Mutter in ihm und will
+durch Abwechslung und Freude beruhigt werden. Wollen wir nicht dankbar
+sein, daß er sie in der Natur sucht?«
+
+»Nimm ihn nur in Schutz,« sagte der alte Herr weich. Lieberes konnte er
+gar nicht hören. -- --
+
+Die Taufe wurde mit einem großen Mittagessen gefeiert, zu dem von allen
+Seiten her, aus dem Mecklenburgischen und Lübeckischen, die Freunde des
+Hauses gefahren kamen.
+
+Tags zuvor sprach Agathe Hegemeister endlich wieder vor. Sie war solange
+fortgewesen. Nun kam wie eine Erlösung diese Tauffestlichkeit. Agathe
+hatte ihren Eltern klar machen können, daß sie dabei nicht fehlen dürfe,
+ohne ihre intimste Freundin Klara schwer zu kränken. Und Agathe war
+beinahe schon umgekommen in dem Berliner Vorort. Man hatte den Eindruck,
+daß die Eltern der blonden Baronin sehr darauf bestanden, ihre Tochter
+jeden Frühling acht Wochen bei sich zu haben, weil sie wünschten, der
+Welt ein inniges Verhältnis mit ihr vorzuführen. Agathe konnte mit ihrer
+treuen Gerwald so oft nach Berlin hineinfahren, wie sie wollte, und dort
+nach Gefallen einkaufen und Geld vertun. Aber es sei dennoch immer eine
+versteckte Gefangenschaft, klagte sie der Freundin vor.
+
+Ganz abgesehen von der beständigen Sehnsucht nach dem Einen, Bewußten,
+wegen dessen Kälte sie noch vor Gram sterbe. Klara werde es nicht
+glauben: keinmal, kein einziges Mal habe er geschrieben -- sie habe
+keine Hoffnung mehr.
+
+»Aber der Gram und die Hoffnungslosigkeit sind dir glänzend bekommen,«
+meinte Klara.
+
+»Ich bin eine von den unglücklichen Konstitutionen, denen man ihren
+geheimen Jammer nie glaubt,« sagte Agathe bekümmert.
+
+Aber dann raffte sie sich wieder auf und schwor, den Undankbaren mit
+Kälte zu strafen.
+
+Als sie wieder fort war, dachte Klara sehr verwundert, daß ihre
+»intimste Freundin« nicht einmal nach dem Kind gefragt habe -- nicht
+einmal verlangt, es zu sehen -- merkwürdig!
+
+Aber Klara nahm es nicht übel. Ebenso gut hätte man einer Rose Vorwurf
+daraus machen können, daß sie nur Schönheit und Duft habe und sonst zu
+gar nichts nötig sei.
+
+Am anderen Tag freilich -- es mochte diese Unterlassungssünde Agathen
+selbst schwer auf die Seele gefallen sein -- fand sie den Täufling süß
+und reizend und kokettierte auf das unschuldigste und stärkste über das
+festliche Steckbett in den Armen der Amme hinweg mit dem Vater, ihm
+zuschwörend, daß Severin der Vierte ihm fabelhaft ähnlich sehe.
+
+Wynfried verbat es sich lachend und meinte: etwas jünger und hübscher
+glaube er denn doch auszusehen als sein acht Wochen alter Sohn, und mehr
+Haar habe er denn doch auch noch.
+
+Das dunkle Fellchen war schon verschwunden, und ein kahler,
+unverhältnismäßig großer Kinderschädel ist nie schön.
+
+Aber Klara, die gerade dabei stand, dachte doch, etwas peinlich
+berührt, ja beleidigt: »Sehen sie denn nicht die Augen -- nicht diese
+Wundertiefen darin? ...«
+
+Niemand blieb bei der Taufhandlung ungerührt, als Klara selbst ihr
+kleines Kind auf die Knie des Großvaters legte, der es mit scheuen
+Händen festhielt.
+
+Durch manches Herz zog eine Ahnung von dem, was der gebändigte alte
+Riese wohl in diesem Augenblick empfinden möge.
+
+Feierliches Schweigen aller Anwesenden trug die pastorale Stimme des
+einen, der hier zu sprechen hatte.
+
+Die Sonne schien herein, über eine ganze Wand von Grün und Blumen kamen
+die goldenen Strahlen und umglänzten den Pastor und den Alten im
+Fahrstuhl mit dem kleinen Kind auf dem Schoß, von dem feine Stoff- und
+Spitzenfalten gleich einer Schleppe niederhingen.
+
+Auch auf die braunen Haare des geneigten jungen Frauenkopfes fiel noch
+der leuchtende Schein.
+
+Stephan Marning stand irgendwo in den gedrängten Reihen der Taufgäste.
+Er hatte aber den Blick frei auf diese umstrahlte Gruppe vor dem
+improvisierten Altar.
+
+Sein Herz klopfte -- er wurde selbst davon überrascht, so jäh begann
+dies schnelle Schlagen.
+
+Dies junge Weib! Wie es ihn bezwang, wenn er sie sah ...
+
+»Warum hatte sie ihn geheiratet?« fragte er sich zum unendlichsten Mal.
+
+Er wußte: Der Geheimrat hatte sie unterstützt nach dem Tode ihrer
+Eltern. Für einen so reichen Mann gegen die Waise eines einstigen
+Beamten eine brave, aber keine so große Tat, daß die Empfängerin der
+Wohltat sich dafür hinopferte ...
+
+Sein Blick ließ nicht von diesem braunen Haar, nicht von diesem edlen
+Gesicht mit den dunklen Augen, über denen die geraden Brauen etwas
+zusammengerückt waren wie in einem geheimen, unendlichen Schmerz.
+
+Und die Kraft seines Blickes drang in die Seele der jungen Frau. Sie
+hob, als rufe sie wer, ein wenig das Haupt, sah auf -- und sah in das
+große, sprechende Auge des Mannes.
+
+Sie erblaßten beide.
+
+Klara senkte die Lider -- ein leises Schwanken schien durch ihre Gestalt
+zu gehen.
+
+Ihn überfiel ein seltsamer Zustand. Es war eigentlich kein Entsetzen,
+kein Sturm fassungsloser Aufregung.
+
+Nichts war deutliches Denken oder eingestandene Erkenntnis.
+
+Endlich klärte sich die dumpfe Verwirrtheit zu dem Gefühl: »Ich muß
+fort ...«
+
+Ja, fort -- sich versetzen lassen -- an die russische oder französische
+Grenze -- wo man fern von allen Erinnerungen, aller Kultur ist, wo man
+nichts hat als das wachsame und lauernde Warten auf den Krieg ...
+
+Nachher, bei Tisch, fand er Agathe neben sich, die der Hausherr in einer
+Art von spöttischer Gelegenheitsmacherei an seine linke Seite gesetzt
+hatte. Und Agathe blühte in ihrer üppigen Schönheit lockender als je.
+Aber sie mußte einsehen, daß ihre Liebe verschwendet sei. Heute lösten
+sich auch die letzten Illusionen in einen trüben Nebel auf -- und der
+hieß: Entsagung.
+
+Ihr ganzes Gemüt war voll von Tränen, die sich hier nur nicht laut
+herausschluchzen ließen.
+
+Aber Zorn war nicht in ihr. Sie dachte, voll Rührung über sich und ihre
+weiche Natur: »Hassen kann ich ihn nicht ...«
+
+Nein -- das lag ihr nicht.
+
+Und ihr war gewissermaßen so zumut, als könne sie ihn, abschiednehmend,
+segnen. Wobei vielleicht im Unterbewußtsein doch noch ein unsterbliches
+Fünkchen Hoffnung glomm, daß ihre demütige Weiblichkeit ihn dennoch
+bezaubern werde.
+
+Nach Tisch war man im Garten, der hinterm Hause schon mehr Park genannt
+werden konnte mit seinen weiten Rasenflächen und seinen großen Baum- und
+Gebüschgruppen.
+
+Es war die Zeit der langen Tage, an die sich helle, kurze Nächte
+schlossen. Von dämmerigem Frühlingsabendzauber konnte man deshalb nicht
+sprechen, und zur Sentimentalität lud das blaue Licht nicht ein.
+Zwischen den Wipfeln und über den Büschen sah man die Schornsteine und
+die Burgen der Hochöfen herüberragen, und vor dem Abendhimmel stand der
+Dunst, der die Welt des Feuers und des Eisens immer überschwebte.
+Glühender Schein glänzte geheimnisvoll auf.
+
+Vom Fluß herauf schrie die Sirene eines Dampfers, man sah auch eine
+Schlange von Rauch in der Luft liegen, die langsam weiter und meerwärts
+gezogen wurde.
+
+Das alles sprach zu der jungen Frau und tat ihr wohl und schien ihr
+beruhigend zu sagen: Dein Bereich ist nicht von einem Erdbeben zerstört,
+und du selbst stehst fest noch mitten darin.
+
+Nur nicht wieder diesen großen, sprechenden Blick sehen. Nie wieder --
+darin war etwas gewesen -- was? Großer Gott -- was denn?
+
+Entsetzte sie sich nicht vor einem Phantom?
+
+Und als sie einmal sah, daß ihr Mann mit Agathe, Likowski, Marning und
+der rothaarigen, nicht mehr so völlig entzückend häßlichen Edith Stuhr
+zusammenstand, ging sie mit sicheren Schritten auf die Gruppe zu.
+Wynfried verabredete gerade Segelpartien, zur Vorbereitung auf die
+Travemünder Woche. Denn wenn auch die »Klara« sich mit den Jachten ihrer
+Klasse, des Kaisers »Meteor« und der Kruppschen »Germania«, noch nicht
+in einen Wettkampf einlassen konnte, weil Schiffer, Mannschaft und
+Besitzer sie noch zu wenig kannten, so wollte man doch bemerkt werden
+und als neue Erscheinung einen sehr guten Eindruck machen. In allen
+Sportzeitungen war es schon in freundlichen Notizen begrüßt worden, daß
+Herr Wynfried Severin Lohmann die auf der Germaniawerft erbaute Jacht
+erworben habe.
+
+Fräulein Edith, deren Häßlichkeit schärfere Linien bekommen hatte,
+tanzte vor Begeisterung. Sie war zu allem bereit -- wollte eine Art
+freiwilliger Schiffsjunge werden, und weder Sturm noch Gefahr sollten
+sie erschrecken. Papa würde einfach nicht gefragt, damit ihm nicht etwa
+beikäme, es zu verbieten. Auch Agathe klatschte in die Hände: Ja, ja!
+Das konnte sehr lustig werden.
+
+»Was? Die gräßliche Natur! Das langweilige Meer! Plötzliche
+Geschmacksänderung?« spottete Likowski.
+
+»Ach -- Sie! So 'n rauher Kriegsmann versteht nichts von den Wandlungen
+einer Frauenseele.«
+
+»Na, es freut mich immerhin. Natur -- das ist doch wenigstens kein
+schlechter Geschmack!«
+
+»Das sagt er mir! Als hätte ich je solchen!« rief Agathe empört.
+
+Likowski lehnte für seine Person ab, an den Fahrten teilzunehmen, und
+sagte auch gleich -- weil er wußte, er half damit dem Kameraden -- daß
+es Marning wohl ebenso ergehe. Denn wie lagen die Dinge? Sie lagen so,
+daß es noch in diesem Sommer zu etwas kommen werde! Sein Vetter, der
+Kapitänleutnant, war der gleichen Ansicht. Vor dem Herbst! Denn im
+Spätherbst lassen sich die Engländer auf nichts mehr ein. Wir sind
+ihnen mit unseren Torpedobooten überlegen, und deren erfolgreichstes
+Feld ist: dunkle Herbstnächte. Das wissen sie da überm Kanal. Nein, in
+solchen Zeiten und wo alle Nerven vor gespannter Erwartung bebten, da
+hatte er keinen Sinn für Sport.
+
+»Ach Unsinn, es geht nie los,« sagte Edith, zog höchst vertraulich
+Wynfried am Arm etwas beiseite und flüsterte: »Laden Sie nicht Hornmarck
+ein, lieber Lohmann. Nein -- nicht? Ich will auch schrecklich nett gegen
+Sie sein sein -- aber lassen Sie Hornmarck weg. Ich bin so bange, daß er
+anhält ... Das wär' zu peinlich -- wo man sich hier doch immer
+gegenseitig auf der Pelle sitzt. Er will ja woll nich begreifen: Das war
+doch bloß so 'n Backfischstadium.«
+
+Alle hörten es.
+
+»Nee,« sprach Likowski. »Keine Bange nich, Fräulein Edith. Hornmarck hat
+mir noch gestern gesagt, er heirat' bloß, wenn er 'ne sehr gediegene,
+weibliche, schöne Frau kriegt -- --«
+
+»Na,« lachte Edith, »also grad' so 'n Mädchen, wie ich bin.«
+
+Und alle lachten mit.
+
+Klara hatte ein Gefühl: wie tut das wohl, all diese Banalitäten -- es
+schien so zu beweisen, daß nichts aus den Fugen sei. Und sie sagte, daß
+sie gelegentlich auch mitsegeln werde, in der Regel freilich sei sie
+durch ihr Kind und ihren Schwiegervater gebunden. Und sie horchte dem
+Klang ihrer Stimme nach, und er war ihr wie ein fremder Ton.
+
+Sie fühlte: das große, sprechende Auge sah an ihr vorbei. Und sie hätte
+nicht gewagt, seinen Blick zu suchen.
+
+Welche qualvolle Unerklärlichkeit -- was stand denn zwischen ihr und
+ihm? Sprach sie nicht oft heiteren Gemütes mit ihrem Schwiegervater von
+diesem Mann -- gerade ihn vor allen preisend und glücklich dem Lobe
+horchend, das der alte Herr für ihn hatte?
+
+Und wenn sie dann mit ihm zusammen war, brannte in ihrer Brust diese
+nervöse Angst? Der Entschluß wallte in ihr auf: ihn nicht mehr sehen ...
+
+Und ihr war, als müsse sie schon jetzt auf der Stelle fliehen.
+
+Sie sprach etwas undeutlich davon, daß es die Zeit sei, wo sie dem
+Schwiegervater Gute Nacht sagen müsse ... er zog sich ja immer früh
+zurück ... Sie lief, als peitsche sie wer. Und kam atemlos im Hause an
+und fuhr hinauf.
+
+Der alte Herr war still. Nicht müde -- aber als sei er satt vom Tage. Er
+mochte gern noch einsam bedenken, wie reich er nun geworden.
+
+Da kam die junge Frau.
+
+»Kind,« schalt er, »so außer Atem ... Und so elend siehst du aus -- was
+ist denn das? Ich dachte schon immer bei Tische: was hat denn Klara?«
+
+Sie legte ihre Wange sacht auf seinen Scheitel und ihren Arm um seine
+Schulter.
+
+»Es war wohl ein bißchen viel,« sagte sie leise, »ich hätt' die Feier
+lieber im kleinen Kreis gehabt.«
+
+»Ich auch, aber das ist Wynfried. Man muß ihm zu Willen sein.«
+
+»O ja -- immer -- immer,« sprach Klara.
+
+Ganz unbeweglich, auf das Haupt des Alten geneigt, stand sie -- lange --
+lange.
+
+Wie tat das wohl -- gab solchen Frieden.
+
+ * * * * *
+
+An diesem Abend verlobte sich das älteste Fräulein Thürauf doch noch mit
+Herrn von Brelow. Er bat den Generaldirektor und seine Gattin um ein
+Gespräch. Und auf einem etwas melancholisch von einer Traueresche
+überhangenen Sitzplatz, im nüchternen Schatten, wurde die Angelegenheit
+verhandelt. Der Freier in seiner schönen, aristokratischen Erscheinung,
+mit den schon angegrauten Schläfen und dem sorgenvollen Ausdruck,
+sprach: »Ihre Luise, meine gnädige Frau, und ich, wir haben uns lieb.
+Ich weiß, daß Luise auf keine Mitgift zu rechnen hat. Sie sprachen es so
+oft aus, Herr Generaldirektor, und auch Luise hat es mir so ausdrücklich
+bestätigt, daß wir von vorneherein wissen: wir müssen mit dem
+bescheidenen Los zufrieden sein, das ich ihr bieten kann. Und da Ihre
+Tochter in ihrer prachtvollen Charakterfestigkeit und anspruchslosen Art
+mir gesagt hat, sie könne ohne Luxus leben und bewerte eine
+herzlich-friedliche Ehe höher als Glanz, so hoffe ich, daß Sie, Herr
+Generaldirektor, und Sie, gnädige Frau, uns Ihre Einwilligung nicht
+vorenthalten werden.«
+
+Die wunderhübsche Frau drückte sogleich gerührt mit der Linken ihr
+Spitzentüchlein gegen die Augen, während sie mit ausdrucksvoller Geste
+ihre Rechte Herrn von Brelow entgegenstreckte, die er verehrungsvoll
+küßte.
+
+Der Generaldirektor besah seine Hände, schien zwei Sekunden
+nachzudenken, schlug plötzlich die kühlen Augen auf und hatte ein
+leises, ironisches Lächeln.
+
+»Darf ich als Vater ein wenig präzisere Angaben über dies bescheidene
+Los erbitten?«
+
+Herr von Brelow errötete. Er war aus stolzem Hause. Sein Vater hatte es
+herabgewirtschaftet. Dies war kein kleiner Augenblick für ihn. Als Mann
+von Herz und Ritterlichkeit hätte er lieber erklärt: »Ich biete Ihrer
+Tochter eine große Stellung.«
+
+Und er mußte sagen: »Der junge Graf Prank ist erst dreiundzwanzig Jahre
+alt, von robuster Gesundheit, unheilbarer Idiot. Das wissen Sie. Ich
+darf hinzusetzen: Vormünder und Agnaten sind mit meiner Administration
+so zufrieden, daß ich meine Stellung als lebenslänglich ansehen darf.
+Sie wissen auch, daß Schloß Prankenhorst verschlossen dasteht und daß
+ich das Kavalierhaus als Wohnung habe. Es ist geräumig und würde, völlig
+eingerichtet, meiner Familie eine durchaus standesgemäße Häuslichkeit
+bieten. Ich habe frei: ein Reitpferd und zwei Wagenpferde. Ferner alle
+Erträgnisse des sehr großen Gemüsegartens und für die Hauswirtschaft ein
+natürlich abgegrenztes Quantum von allem, was der Stall, die Meierei und
+die Scholle tragen und die Jagd bringt. Was ich dazu an barem Gehalt
+habe, ist freilich so bescheiden, daß ich die Ziffer vor einem Mann, wie
+Sie es sind, nicht aussprechen mag. Aber Luise kennt sie und meint, wir
+würden uns durchaus damit einrichten -- sie will gern sparen.«
+
+Das ironische Lächeln auf dem klugen Gesicht des Zuhörers war noch
+deutlicher geworden. Aber es war nicht von jener Art Ironie, die
+verletzt -- Frau Thürauf kannte dies Lächeln. Und es weckte auf ihrem
+Gesicht den Reflex strahlender Vorfreude.
+
+»Sie sind Idealist, Herr von Brelow,« begann er. »Aber glauben Sie
+nicht, daß wir Männer der Großindustrie und der Naturwissenschaft dafür
+kein Verständnis hätten -- wir brauchen selbst einen starken Posten
+Idealismus -- ohne den kann kein Sterblicher schaffen. Aber immerhin! An
+Ihrer Stelle würde ich doch eine große Mitgift, eine wohlhabende Heirat
+gesucht haben. Natürlich, ich bin kein armer Mann -- aber Luise hat zu
+viel Herz, und Sie, taxier' ich, zu viel Vornehmheit, um auf eine
+Erbschaft zu rechnen, die noch zwanzig Jahre und länger ausbleiben
+kann.«
+
+»Ich sagte schon: wir haben uns lieb, Luise und ich,« antwortete Brelow
+kurz, ja schroff.
+
+»Also denn ja -- und von ganzem Herzen. Und ich sehe: meine Frau brauche
+ich nicht zu fragen, ob sie auch einverstanden ist!«
+
+Er stand auf. Denn er sah zwischen dem Gebüsch, das den Weg zu diesem
+tristen Winkel geleitete, die Gestalt seiner Ältesten herankommen.
+Brelow erhob sich auf der Stelle auch.
+
+»Da kommt Luise. Und noch etwas, Herr von Brelow -- halten Sie mich
+nicht für 'n Schauspieler oder Poseur. Meine Frau und ich waren eins
+darin: die Kinder bescheiden erziehen! -- Zu große Gewohnheiten haben
+noch keinem Menschen das Leben erleichtert -- und die Gefahr lag zu nah:
+daß mal Mitgiftjäger sich 'ranmachen könnten. Meine Mädels taugen was!
+Das darf ich sagen! Sie sollen aus _Liebe_ geheiratet werden -- nicht
+als Eisenprinzessinnen auf 'n Heiratsmarkt kommen. -- Na -- und ich seh'
+ja nun -- Sie und Luise -- Sie wollen zufrieden sein mit den Früchten
+des Feldes ... Schön, sehr schön! -- Aber ich möchte denn doch, daß es
+die Früchte der _eigenen_ Felder meines Schwiegersohnes wären. Ich
+denke, wir lassen mal durch 'n geschickten Mittelsmann anklopfen, ob der
+Herr Kommerzienrat Silberling, der jetzt Ihr Stammgut hat, mit sich
+reden läßt ...«
+
+Da war auch schon Luise und hing an ihres Vaters Hals, und Brelow stand
+bleich vor freudigem Schreck.
+
+»Bitte, bitte,« wehrte der Generaldirektor lächelnd ab, »es ist keine
+Mitgift! -- Ich bin und bleibe ein Mann von Wort -- schon allein, um dem
+dicken Pankow nicht den Triumph zu gönnen -- durchaus: keine Mitgift! --
+Bloß Hochzeitsgeschenk.«
+
+Aber als nachher das Brautpaar etwas steif und von der neuen Lage
+innerlich sehr glücklich bedrängt, jedoch äußerlich verlegen die
+Glückwünsche der Gesellschaft empfing, hatte Herr von Pankow doch sein
+Pläsier.
+
+Er stieß mit dem Zeigefinger mehrere Löcher in die Luft, in der Richtung
+auf des Generaldirektors Weste zu, und lachte: »Was diese Eisenbarone
+kokett sind! -- Ich wollte unserem Freunde Thürauf schon 'n Platz im
+Pankower Männerarmenhaus reservieren ... Na und nu hat es sich doch so
+zusammengeläppert, daß Fräulein Luise 'n kleines Rittergut zur Hochzeit
+kriegt. Hören Se mal, Thürauf: nehmen Se mir Pankow ab und geben Se mir
+Ihren Posten.«
+
+Und still bei sich dachte der dicke, joviale Mann: »Brelow hat's
+natürlich gewußt, daß es Schwindel war mit dem Gerede von: keine Mitgift
+und so ...«
+
+Klara umarmte die vor Glück ganz unsichere Braut. Und dachte immerfort:
+»Sie lieben sich -- sie lieben sich! ...«
+
+Und es schien ihr ein Wunder, daß zwei aus Liebe sich zusammenfinden
+durften. -- --
+
+Von nun an sah man jeden Nachmittag die weiße Jacht mit den gelbbleichen
+Seidensegeln und der flinken Mannschaft in den krebsroten Sweatern die
+Trave hinabkreuzen, durchs Wyk, an Travemünde vorbei, hinaus in die
+freie Bucht, wo am Horizont sich Himmel und Meer trafen. Bei Flaute
+schleppte das Motorboot seinen koketten Bojennachbarn weit hinaus.
+
+Der Geheimrat sah es mit Staunen, daß der Juniorchef Wynfried Severin
+Lohmann jeden Nachmittag die Zeit dazu hatte ... Und er sah auch, daß
+sein Sohn in der frischen Seeluft, dem köstlichen Sport, geradezu in
+erneuter Mannesschönheit aufblühte.
+
+Er sprach mit Thürauf. Und der Generaldirektor gestand, daß Wynfried
+mit einer genialen Leichtigkeit und Raschheit arbeite, die denn doch das
+väterliche Erbe sei. Ja, es gehe ihm alles noch flotter von der Hand --
+als schüttle er es nur so aus dem Ärmel. Bei Beratungen traf er rasch
+den Kern der Dinge, auf die es ankam.
+
+Was konnte sein Vaterherz mehr erfreuen! Und dennoch -- ihm schien, als
+halte Thürauf irgend etwas zurück -- das war sonst nicht seine Art.
+
+Er sprach auch mit Wynfried selbst.
+
+Der lachte.
+
+»Vater, du bist doch kein Programmensch. Auch die Art des Arbeitens ist
+was Individuelles. Weißt du, mir hat immer der große Gelehrte imponiert
+-- Robert Koch soll's gewesen sein -- der sich sein Leben so einteilte:
+acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Vergnügen. Kann
+man seine vierundzwanzig Stunden klüger einteilen?«
+
+»Gewiß nicht,« gab der Geheimrat zu; und mahnte sich in Gedanken:
+»Gerecht bleiben!«
+
+Weil sein eigenes Leben das eines Stiers im Joche gewesen war, brauchte
+seines Sohnes Dasein nicht ein ebenso brutales, unaufhörliches Ringen
+mit der Arbeit zu sein. Und sein Sohn hatte ja auch eine liebe, holde
+Frau -- ein Glück in der Ehe -- das hatte er doch?
+
+Dem alten Mann war seit einiger Zeit der Ausdruck in den strengen Zügen
+dieser jungen Frau so rätselhaft.
+
+Was am Tauftage ihm zuerst so bänglich aufgefallen, dieser Zug von
+Abspannung, der fast nach verborgenem Leid aussah, der schien so tief
+eingezeichnet, daß er nie mehr wich.
+
+So sieht das Glück nicht aus ...
+
+Er nahm sich zusammen, hörte zu, was sein Sohn in fröhlich flottem Ton
+weitersprach.
+
+»Ich kann wohl sagen, es macht Spaß, wenn man da so auf dem Werk sich
+abhetzt -- rasche Entschlüsse fassen muß -- das prickelt -- -- Spannung
+und Wagnis ist dabei -- grad' wie beim Segeln -- man sieht die Böe
+kommen -- es heißt Umlegen -- ja, da kommt es auf die Sekunde an --
+Geistesgegenwart ist alles. In den Fingerspitzen muß man's haben, wann
+das Tau locker zu geben ist -- und hart an der Gefahr des Kenterns
+vorbei -- dann hat man so recht ein Gefühl von Lebensfülle.«
+
+Plötzlich wußte der Geheimrat, was Thürauf in seinen Äußerungen nicht
+mit vorgebracht hatte.
+
+Das _Sportgefühl_, mit dem Wynfried der Arbeit gegenüberstand! ... Sie
+war ihm keine heilige Sache. War nebensächlich.
+
+»Nun,« sagte er, vorsichtig die Worte suchend, »es ist doch wohl ein
+Unterschied. Arbeit ist kein Sport.«
+
+»Ich meine doch beinah -- wenigstens für uns, die wir's eigentlich nicht
+nötig haben.«
+
+»Eines Sports kann man überdrüssig werden. Der großen Aufgabe nicht.«
+
+»Keine Angst, Vater,« sagte er leichthin; »ich hoffe doch, sie bleibt
+mir immer interessant. Nur -- ich will daneben noch was vom Leben
+haben.«
+
+»Ich bin der letzte, dir das zu mißgönnen,« versicherte der Vater.
+
+Wynfried streichelte Klara das Haar.
+
+Und in einem jähen Gefühl fand der alte Herr: auch nebensächlich ...
+
+»Ja, das Interesse an Severin Lohmann hat meine famose, großartige Frau
+in mir geweckt.«
+
+Klara lächelte freundlich.
+
+Im Ohr des alten Herrn weckte dies Lob einen Nachhall. Hatte er es
+nicht schon oft und oft gehört? Immer dies Rühmen der »famosen,
+großartigen« Frau? Hatte seines Sohnes Empfindung keine Auswahl an
+Worten?
+
+Fort -- fort -- Gespenster -- Grübeleien -- fort ...
+
+Klara war sacht hinausgegangen und kam nun mit dem Kinde zurück.
+
+»Na, du kleines Kerlchen,« sagte Wynfried und sah, auch aus Gefälligkeit
+gegen Klara, das Kind an. Es entwickelte sich so kräftig, es war so
+wundervoll gepflegt, daß man sich daran freuen mußte. Und es gewährte
+Wynfried auch Genugtuung, daß alle Menschen, die es sahen, es
+bewunderten.
+
+Der alte Mann fuhr beinahe zusammen -- da war wieder ein Nachhall --
+aber er kam von weit her -- aus Zeitfernen.
+
+War das nicht eben die Stimme oder doch der Tonfall seiner Frau gewesen?
+Sagte sie nicht geradeso »na, du kleines Kerlchen«, wenn die Wärterin
+ihr einmal den kleinen Wynfried zeigte?
+
+O, dieser Tonfall -- durch den alles zur oberflächlichsten Nichtigkeit
+zu werden schien -- in dem kein Klang von tiefem Gefühl mitschwang.
+
+In seinem Gemüt gärten die neu erwachenden Sorgen so schwer, daß er sie
+nicht ganz vor seinem Kinde verhehlen konnte. »Sein Kind« -- das war ja
+die junge Frau. --
+
+Es war gegen Abend, und er saß schon wieder oben in seinem mächtigen
+Stuhl, als er sagte: »Ich muß dich fragen ...«
+
+Klara kniete sogleich neben ihm hin -- denn das war ja die Stellung, in
+der sie ihm am besten in die Augen und zu ihm empor sehen konnte. Er
+legte seine schwere Hand auf ihr Haar, und seine Augen blitzten sie an.
+
+»Hast du Kummer?«
+
+»Nein, Vater.«
+
+»Du bist verändert.«
+
+Sie erblaßte.
+
+»Wie sollte ich es sein?«
+
+»Hast du über Wynfried zu klagen?«
+
+»Nicht. Gar nicht. Er ist immer sehr herzlich und rücksichtsvoll.«
+
+Er wollte weiter fragen: bist du glücklich? Er wagte es nicht.
+
+Er hörte die beruhigenden Antworten. Aber er hatte auch gesehen, wie sie
+erblaßte.
+
+Und was unbestimmt in seinem Gemüt gärte, verdichtete sich zu dem
+Angstgefühl, daß seinem Hause Unheil nahe ...
+
+»Klara,« sagte er, »hab Geduld mit ihm.«
+
+»Das brauch' ich ja gar nicht. Ich habe ja über nichts zu klagen,«
+sprach sie matt.
+
+»Aber wenn ... je ...«
+
+Da raffte sie sich auf.
+
+»Vater!« sprach sie fest. »Was ich vor Gott geschworen habe, halt' ich!
+Sonst wär' ich nicht wert, dein Kind zu sein.«
+
+
+
+
+7
+
+
+Klara stand mit Wynfried auf der Brücke, und sie sahen dem Fährboot
+entgegen, das vom jenseitigen Ufer Fräulein Edith heranbrachte. Schlank,
+im engen schneeweißen Sportkostüm, einen langen hellblauen Mantel überm
+Arm, stand sie und winkte schon von weitem.
+
+Es war ein herrlicher Tag. Alles glänzte fröhlich: der wolkenlose
+Himmel, die besonnte Welt der Felder und Wiesen, die leuchtendrote
+kleine Stadt drüben auf der sandigen Höhe, der sich im Winde schuppende
+Fluß. Und die schwarzen Bauten, die düsteren Eisengerippe des
+Hüttenwerks standen in all der Helle bedrohlich und fremd. Aus den
+ragenden Schornsteinen quoll der Rauch schwarz und eilig -- das wirkte
+beinahe wie Hochmut, der allen Sommersonnenschein ablehnt und
+ausdrücklich betonen will, daß die wichtige und finstere Arbeit der
+Kohle und des Feuers sich nicht an so etwas Veränderliches wie das
+schöne Wetter kehre. --
+
+Die Jacht war klar. Sie sollte hinausgeschleppt werden. Im Wyk wollte
+man die Baronin Hegemeister mit ihrem Schatten, dem Fräulein von
+Gerwald, aufnehmen und dann in der Lübecker Bucht den von Kiel kommenden
+Jachten entgegenkreuzen. Die Kieler Woche war zu Ende, sie schloß wie
+immer mit einer Wettfahrt nach Travemünde, wo dann noch unter Gegenwart
+und Teilnahme des Kaisers die beiden rauschenden und glanzvollen Tage
+mit Wettsegeln, Frühstücken, Diners und Tänzen abgehalten wurden.
+
+Nun war Edith angekommen und sprang aus dem Fährboot. Klara erschrak
+beinah. Was hatte das Mädchen denn nur mit sich gemacht? Die dicken,
+brandroten Haare in zwei Zöpfen als Schnecken über die Ohren gelegt! Und
+das Gesicht mit der kecken Nase, dem großen Mund und den
+bernsteinfarbenen Augen unter roten Brauen wirkte dazwischen noch
+häßlicher.
+
+»Ich bin wütend,« sagte sie gleich, »ich kann nur bis Travemünde mit! Da
+muß ich meine Tante Aline erwarten. Sie kommt mit dem Abendzug von
+Hannover und will drei Tage in Travemünde bleiben. Ich muß ihr
+Gesellschaft leisten. Gegen Tante Aline kämpfen Götter selbst vergebens.
+Sogar Papa hat aufgetrumpft: daß du dich nicht unterstehst -- -- na --
+und so weiter. Wie Väter auftrumpfen, die man sonst um 'n Finger
+wickelt. Er hat ja ihr Vermögen im Geschäft, und ich soll es mal erben
+-- ich bitt' um stilles Beileid ...«
+
+»Aber mein Mann hat wirklich Pech heute,« sagte Klara, »ich kann ihn
+auch nicht begleiten.«
+
+»Sie sind leidend,« sprach Edith, mehr feststellend als fragend.
+
+»Meine Frau? Leidend?« fragte aber Wynfried erstaunt. »Keine Spur. Der
+Kleine hat, glaub' ich, einmal gehustet -- da bringt niemand und nichts
+meine Frau von ihm weg.«
+
+Edith lachte.
+
+»O Gott ja -- diese fanatischen jungen Mütter ...«
+
+Klara mochte es nicht haben, wenn man sie mit ihrer Liebe zu ihrem Kinde
+neckte. War's nicht, als würde man sie necken, weil sie atme?
+
+»Fanatisch -- das ist das Wort,« stimmte Wynfried wohlgelaunt zu. »Als
+ich neulich mit meiner Frau acht Tage in Berlin war, merkte ich bald:
+sie kam beinah um vor Heimweh nach unserem Jungen und vor Sorge um ihn
+-- als wenn nicht, meinen Vater an der Spitze, ein Heer von Aufsehern da
+sei.«
+
+Klaras Augen wurden dunkler ... Sie dachte an die schweren Tage in
+Berlin. Sie hatte es sich gelobt, so viel, als sie es irgend einrichten
+konnte, in ihres Mannes Gesellschaft zu sein -- mit ganzer Inbrunst
+täglich von neuem zu versuchen, sich an ihn heranzufühlen -- ihm
+Herzlichkeit und Ergebenheit zu zeigen. Abend für Abend ging sie mit in
+die Theater. Wynfried wählte immer das, wo man sich am meisten
+Augenweide und Lustigkeit versprechen konnte. Und diese Tage im
+rauschenden, rollenden Lärm und der benzindurchhauchten Staubluft -- dem
+nie abreißenden Hintereinander der Gefährte -- wie waren sie mühsam
+gewesen. Gewiß, auch durch das quälende Heimweh nach ihrem Kinde. -- Das
+Kind war doch der Zweck ihres Daseins -- dies Kind gab in einem
+besonderen Sinn ihrer Ehe und ihrem Dankesopfer Recht. Aber sie spürte
+wohl, sie würde ihre Sehnsucht bezwungen haben -- sie war ja nicht nur
+Mutter und mit der Mutterschaft nicht aller anderen Aufgaben ledig. Sie
+hatte auch die, sich selbst noch weiterzubilden. Aber aus ihres Mannes
+Geist und Art kam kein Ton zu ihr herüber, der sie belebt und
+beschäftigt hätte -- sie hörte auch kaum ein Wort, das ihre Gedanken auf
+neue Wege geleitet hätte. Und dann -- diese Unruhe in ihr, dies
+unbestimmte und doch furchtbare Gefühl, wie von etwas Vernichtendem
+bedroht zu sein -- das war nur still, wenn sie bei ihrem Kinde sein
+konnte.
+
+Und deshalb drang die grandiose Sprache der Weltstadt nicht zu ihr --
+deshalb spürte sie nichts von der Wucht der Eindrücke.
+
+»Aber nun fix!« mahnte Wynfried.
+
+Edith verabschiedete sich von der jungen Frau und sah ihr dreist ins
+Gesicht.
+
+»Sie sehen aber wirklich noch immer 'n bißchen matt aus -- ich fand es
+schon damals auf der Taufe. -- Da sollten Sie grad' mitsegeln.«
+
+»Ich tue es oft,« sagte Klara, »nur heute ... Der Kleine ist wirklich
+etwas unruhig, und dann ist Vater fast noch besorgter als ich.«
+
+»Schad',« meinte Wynfried, »es ist so großartiges Wetter. Likowski und
+Marning haben auch abgesagt.«
+
+»Was -- die auch?« rief Edith. Für sie konnten es, bei solcher
+Gelegenheit, nie genug Herren sein, denn dann war sie doch einer
+ununterbrochenen, plänkelnden Unterhaltung sicherer.
+
+»Ja. Obschon ich noch an Marning extra telephonierte, daß Sie, Baronin
+Agathe und meine Frau mitsegeln würden.«
+
+»Ach Marning! -- Ich glaub', der retiriert vor Baronin Agathe,« meinte
+das rothaarige Mädchen.
+
+»Wie ist sie unzart ...« dachte Klara.
+
+»Na -- nu los. Und ängstige dich nicht -- wenn gegen Abend Flaute kommt
+-- es kann spät werden ...«
+
+Er und Edith saßen im Beiboot, und er trieb es mit ein paar sicheren
+Ruderschlägen bordseit der »Klara«. Die hatte schon ihr Fallreep mit den
+drei Stufen herabgelassen, und eins, zwei, drei waren die beiden an Deck
+der Jacht, wo die flinken Kerls in den krebsroten Sweatern und den
+weißen Hosen in Reih und Glied standen und ihren Herrn militärisch
+salutierten.
+
+Das Motorboot stieß einen grellen Pfiff aus, und seine Maschine begann
+zu stoßen und zu klopfen. Der leichte, braune Mahagonileib glitt
+stromab. Die Trossen strafften sich, und wie ein großer Sohn der kleinen
+Mutter, so folgte die weiße Jacht der Führung. Großsegel und
+Schunersegel waren noch gerefft.
+
+Wynfried und Edith standen am Großmast und winkten Grüße hinüber, bis
+Klara langsam wieder treppan und zum Hause emporstieg.
+
+»Ihre Frau hat sich aber wirklich verändert,« sagte Edith.
+
+»Kann ich nicht finden. Höchstens vielleicht, daß sie oft ermüdet
+aussieht -- sowie der Junge nachts sich rührt, steht sie ja auf -- die
+Amme sei nicht verläßlich.«
+
+»O Gott -- und der Schlummer Ihrer Nächte!« sagte Edith mit komischem
+Pathos.
+
+»Hab' mich einstweilen aus diesem Bereich zurückgezogen und mein altes
+Quartier oben genommen -- bin sehr stolz auf meinen Sohn -- auf sein
+nächtliches Geschrei leg' ich aber keinen Wert.«
+
+Sie machten es sich nun gemütlich. Hinter dem Eingang zur Kajüte, der in
+üblicher Weise schräg überdacht war, hatte das Deck eine bassinartige,
+ovale kleine Vertiefung, in die man über zwei Stufen hineintrat. Ein
+breites Sitzbrett lief rund um und war mit Kissen belegt. Sie waren von
+Leder. Aber Klara hatte noch eine ganze Menge lose liegender,
+rotseidener gearbeitet, die man sich in den Rücken stopfen konnte oder
+unter den Kopf legen. Hier blieb man auch von der Mannschaft, solange
+glatte Fahrt war, ungesehen und ungehört, und nur bei irgend welchen
+Segelmanövern tauchten die weißroten Matrosen auf.
+
+Wynfried und das rothaarige Mädchen saßen in träger Stellung einander
+gegenüber. Er hatte die Hände zwischen den Knien gefaltet und schaute
+aufmerksam in Ediths Gesicht. Tausend Teufel funkelten allezeit in
+ihren dreisten Augen. Und was ihren großen Mund betraf, dessen schön
+geschwungene, volle Lippen sich über sehr blendenden Zähnen leise
+öffneten, so dachte Wynfried: »Derart lüstern, daß es einen Mann
+irritieren könnte --«
+
+»Nun, was sehen Sie mich so an?« fragte er.
+
+»Ach -- ich denk' so: Sie haben ja viel zu früh geheiratet ...«
+
+»Ich?«
+
+»Na ja -- wenn man so von nächtlichem Kindergeschrei hört ...«
+
+»Meine Frau ist eine famose, großartige Frau. Jeder Mann hat Ursache,
+mich zu beneiden,« bemerkte er etwas ablehnend.
+
+»Will nichts gegen sie sagen -- nicht von fern -- ich verehre Ihre Frau
+kolossal,« versicherte Edith sofort. Sie hatte irgend eine unbestimmte
+Empfindung gehabt, daß man über seine Ehe so mit ihm sprechen könne --
+aber sie spürte: das schien doch nicht geraten ...
+
+Seit einiger Zeit fand sie, daß Wynfried Lohmann der schönste Mann sei,
+den sie je gesehen. Ziemlich groß, wundervoll gewachsen -- die Augen
+blau und manchmal so rätselvoll im Ausdruck. -- Die Züge vornehm -- und
+das lockere Sporthemd ließ zuweilen, wenn er seine Jacke abwarf und
+selbst zugriff, weiße Arme und einen herrlichen Nacken sehen.
+
+Und Edith hatte Stunden, wo sie wütend war -- ja, dieser Mann wäre in
+jeder Hinsicht für sie gewesen. -- Geld, Stellung -- und seine Schönheit
+lud noch dazu ein, sich rasend in ihn zu verlieben ... Und was _der_
+Mann wohl von Frauen alles wußte und verstand! Hunderttausende sollte
+ihn ihr Studium gekostet haben. -- Ach ja, er war weit und breit der
+einzige interessante Mann ... Und gerade dieser hatte sich mit einer so
+langweiligen Person verheiraten müssen.
+
+»Daß man meine Frau kolossal verehrt, will ich mir auch von jedermann
+ausgebeten haben,« sagte Wynfried würdevoll.
+
+Aber es war eben ein bißchen mehr Würde, als der Augenblick gerade
+erfordert hätte. Und mit ihrer Intelligenz und ihrem sechsten Sinn, der
+überraschend scharf war, fühlte sie das gleich.
+
+Ihre Augen funkelten ihn wieder lustiger an ...
+
+Aber sie sprach sehr vernünftig-nüchterne Dinge.
+
+»Ist es wahr, daß Thürauf Teilhaber wird?«
+
+»Ja. Die Kontrakte sind unterzeichnet.«
+
+»Papa zerbricht sich den Kopf, ob Sie oder Ihr Vater das gewollt haben.«
+
+»Vater regte es an; ich war durchaus einverstanden. Denken Sie mal: wie
+wäre ich gebunden gewesen, wenn Vater mal davonginge, denn von seinem
+Krankheitsthron aus spricht er ja völlig geistesfrisch noch immer das
+gewichtigste Wort. Und wenn vielleicht Thürauf uns verlassen hätte, um
+anderswo als Kompagnon einzutreten. -- Nun bin ich nach Wunsch freier
+Mann -- denn Thürauf hat ja bloß eine Leidenschaft: arbeiten.«
+
+»Papa sagt: Thürauf kann lachen. Und die Bedingungen seien fabelhaft.«
+
+»Sie sind durchaus normal.«
+
+»Papa sagt, es würden Thürauf nur vier Prozent abgerechnet für all das
+Lohmannsche Kapital. -- Es wären acht Millionen sagt Papa, was Ihr Vater
+ins Werk gesteckt hat. -- Bei der Teilung des verbleibenden Gewinstes
+stehe sich Thürauf immer noch auf mehr als zweimalhunderttausend Mark
+Einkünfte. O Gott -- und wenn man bedenkt, daß Ihrem Vater auch noch die
+Kreyser-Werke zu zwei Drittel gehören ... Ja, Papa sagt, wenn's mit den
+Unternehmungen erst über einen gewissen Umfang hinaus ist, arbeiten sie
+sozusagen von selbst weiter.«
+
+»Wie genau Ihr Papa Bescheid weiß,« sagte Wynfried mokant; »und wie Sie
+das alles behalten haben! So viel Zahlen im Munde eines so jungen
+Mädchens.«
+
+Edith zuckte die Achseln.
+
+»Das ist so wie mit Malerskindern, die von klein an von Farben sprechen
+hören, oder wie mit Kunstreiterkindern, die alles von Pferden verstehen.
+So 'n Industrieprinzeßchen wie ich wächst von selbst ins Verständnis für
+Geld und Geschäfte hinein. -- Papa wundert sich aber doch. Wo alle Welt
+weiß, daß Ihr Vater den rasenden Stolz auf sein Werk hat und diese große
+Liebe! -- 'Severin Lohmann' sollte rein Lohmannsch bleiben, hat man
+immer gedacht.«
+
+»Soll es auch. Wenn Thürauf Söhne hätte, würde Vater es nicht getan
+haben. -- Es steht auch ausdrücklich im Kontrakt, daß die
+Teilhaberschaft nicht auf Thüraufsche Schwiegersöhne oder Enkel
+übertragbar sein soll.«
+
+Was ihr Papa sonst noch gesagt hatte, verschwieg Edith. Er hatte
+gemeint: der Geheimrat traue seinem Sohn doch wohl noch nicht ganz ...
+und wolle dem Werk den bedeutenden Mitarbeiter sichern. -- Und bis der
+zähe Thürauf mal alt und arbeitsunfähig werde, sei Wynfried auch ein
+alternder und ganz eingearbeiteter Mann. --
+
+»Na, wenn Hornmarck denn das gute Finchen Thürauf erobert, macht er ja
+'n blendendes Geschäft,« sagte Edith voll Verachtung. »Seit Luisens
+Verlobung mit Brelow weiß man doch, was die Thüraufs mitkriegen. Seitdem
+ist Hornmarck wie hypnotisiert von Finchens häuslichen Tugenden.«
+
+»So?« fragte Wynfried ungläubig.
+
+»Was ich Ihnen sage! Als Papa und ich Sonntag früh unseren Ritt machten
+-- Sie wissen ja, Papa ist in jedem Sinne Sonntagsreiter, und ich
+genier' mich immer, wenn uns sachverständige Herren begegnen -- na, wen
+treffen wir am Waldesrand bei den Wiesen? Die zwei unverlobten Thüraufs,
+nebst Hornmarck in Zivil mit noch zwei Jüngelingen. Die Räder lehnten an
+dem berasten Erdwall, etwas weiterhin saß man und ließ die Beine hängen
+und aß im Schatten Butterbrote. Seien Sie sicher, die waren mit Wurst
+belegt -- das wäre so in der Situation gewesen. -- Und was tat
+Hornmarck? Er band Vergißmeinnicht zusammen. Ich schwöre Ihnen:
+Vergißmeinnicht!«
+
+Wynfried lachte.
+
+»Wissen Sie, was ich tat?«
+
+»Bin gespannt.«
+
+»Ich lenkte mein Pferd 'ran -- ich salutierte Hornmarck mit meinem
+Reitstock und improvisierte:
+
+ Ein Leutnant saß an dem Rain,
+ Er sammelte Vergißnichtmein
+ Und fügte sie zum Kranze;
+ Wie rührend war das Ganze.
+
+Und denn los und davon. -- Sie wissen, ich kann reiten! Papa, als
+Karikatur eines Sportsman, ängstlich hinterher.«
+
+Sie freute sich noch über ihr tolles Davonstieben.
+
+»Und wen haben Sie zum Nachfolger Hornmarcks in Ihren Diensten ernannt?«
+fragte er.
+
+»Der Posten ist vakant. Ich habe keine Eile. Muß fortan auch wählerisch
+sein. Vorigen Sommer galt man noch nicht für voll. Das ist nun anders.
+Als Papas Einzige weiß ich, daß ich ihm nur einen Schwiegersohn #I a#
+bringen darf. -- Er macht Ansprüche! Wo seine Fabrik sich in so enormem
+Aufschwung befindet ...« sprach sie in lässiger Prahlerei.
+
+Wynfried wußte, daß das Gegenteil der Fall sei. Und wahrscheinlich wußte
+sie selbst es auch.
+
+Sie räkelte ihren schlanken Körper auf all den Kissen ganz zurück und
+faltete ihre Hände über ihrem Hinterkopf, wo von der weißen Linie des
+Scheitels die roten Haare straff nach vorn zu den Zöpfen hingenommen
+waren.
+
+»Ja,« meinte sie im gemütlichen Ton -- aber um ihren großen Mund ging
+ein besonderes Lächeln. »Der eine, der mich vielleicht hätte reizen
+können -- der ist ja #hors de concours# ...«
+
+Und ihre Augen sprühten Funken -- zu ihm hinüber. -- Daß sie ihn meinte,
+war zu fühlen.
+
+Er sah sie an, lächelnd -- vielsagend -- sie konnte nach Belieben alle
+Huldigungen daraus lesen, die ihr Bedürfnis waren.
+
+Und eigentlich regte sich in ihm die Begier, diesem lüsternen Mädchen,
+das mit all seiner Häßlichkeit höchst lockend war, einen ausführlichen
+Kuß auf den animalischen Mund zu pressen. -- Aber das ging natürlich
+nicht an ...
+
+Sie machte ihm aber Spaß -- in ihrem Gemisch von praktischem Verstand
+und keckster Herausforderung.
+
+Seine Stellung zur Frau war nun einmal so. Er mochte mit pikanten Worten
+umworben werden; es unterhielt ihn, wenn sich ein weibliches Wesen um
+ihn bemühte. Das war ihm ein Bedürfnis geworden, von seinen Anfängen
+her, wo er als schöner, reicher Jüngling in allzufröhliche Kreise
+geraten war.
+
+Von Klara durfte er natürlich solch Umwerben und irgend ein kokettes
+Spiel im Wechsel von Lockungen und Versagen nicht erwarten.
+
+In der Ehe war überhaupt alles anders. »Ehe« -- die hatte so wenig mit
+dem übrigen Mannesempfinden zu tun wie etwa die Arbeit auf dem Werk.
+
+Eine Sache gänzlich für sich -- --
+
+Und nach all dem bekömmlichen Gleichmaß seines letzten Lebensjahres
+fühlte er immer öfter so etwas wie eine leise Sehnsucht nach stärkerer
+Bewegung in sich aufsteigen ...
+
+Die Stille zwischen den beiden wurde ein wenig schwül. Zum Glück zerriß
+der Pfiff des Motorboots sie.
+
+Es lenkte, mit der geschleppten Jacht hinter sich, aus der durch die
+roten und schwarzen Duc d'Alben bezeichneten Fahrstraße ein wenig in das
+Wyk hinein und ließ unaufhörlich gelle Pfiffe in die Sommerluft
+hineinsausen. Sie sollten der Herrin des weißen Schlößchens, das aus dem
+Grün des hohen Ufers lachend herausschaute, melden: Die »Klara« ist zur
+Stelle und erwartet ihre Gäste.
+
+»Ach -- wie pünktlich!« rief Edith, »sehen Sie -- die Baronin muß schon
+im Bootshaus gewartet haben.«
+
+Vom Ufer unterhalb Schloß Lammen löste sich ein Ruderboot. Mit starken
+Schlägen trieb es der als Theatermatrose gekleidete Knecht in rascher
+Fahrt heran.
+
+Edith, die genau wußte, daß sie das Feuerwerk ihrer kecken Blicke und
+Reden nur unter vier Augen gegen eine Männerbrust abbrennen konnte, fand
+für ihr Bedürfnis, sich geistig zu betätigen, nun ein unverfängliches
+Ziel.
+
+Sie fand üppige Frauen gräßlich und nannte alle, die über eine gewisse
+Schmächtigkeit hinaus rundere Linien zeigten, sofort »dick«.
+
+»Passen Sie auf! Es ist kein kleiner Anblick. -- Agathe Hegemeister im
+Futteral eines Sportkleides -- sie hat keine Ahnung von ihrer Fülle.
+Keine Spur von Selbstkritik.«
+
+»Da bin ich nun anderer Ansicht,« sagte Wynfried eifrig. »Baronin Agathe
+ist von allen Damen unseres Kreises am ausgesuchtesten und kleidsamsten
+angezogen. Und ihre leise Fülle ist wundervoll -- noch nicht mal
+Rubens ...«
+
+»Ja,« sprach Edith geringschätzig, »Männer haben eben einen total
+anderen Geschmack als wir ...«
+
+Agathe schwang im herannahenden Boot einen weißen Chiffonschleier.
+
+Richtig: Agathe Hegemeister hatte ein weißes Leinenkleid an. Und was war
+denn das? Schwarze Knöpfe an der knappen Bluse? Edith sah nachher, zu
+ihrem verzehrenden Neid, daß es veilchenblaue, rundgeschliffene
+Amethyste waren, in Gold gefaßt, die als Knöpfe dienten. Und einen
+Matrosenhut -- wie Edith gehofft hatte -- trug sie auch nicht; der hätte
+auf der Fülle des schöngeordneten Blondhaares nur lächerlich wirken
+können, sondern einen sehr feinen florentiner Strohhut von äußerst
+kleidsamer Form, um den ein weißer Chiffonschleier geschlungen und links
+unterm Ohr in eine große Schleife gebunden war.
+
+Wynfried dachte: entzückend. -- Wie ein Mädchen. Und so weiblich weich
+in jedem Blick, jeder Bewegung.
+
+Nun waren die Damen an Bord. Fräulein von Gerwald in Dunkelblau mit
+einem steifen, blanken, schwarzen Matrosenhut, den Edith wie eine
+Rarität unbefangen genau anstarrte.
+
+»Was?« sagte Agathe, »meine liebe, süße Klara fährt nicht mit? Aber das
+verleidet mir ja den ganzen Tag! Und ich weiß nicht -- paßt sich denn
+das überhaupt? -- Ich allein mit dem Gatten einer anderen?«
+
+»Erstens ist es der Ehemann Ihrer besten Freundin -- und Klara läßt Sie
+vielmals grüßen. Zweitens haben Sie Ihre Ehrendame, unser allverehrtes
+Fräulein von Gerwald neben sich. Und drittens ist es wenig
+schmeichelhaft für mich, daß Ihnen ohne meine Frau der Tag verleidet
+ist,« sagte Wynfried.
+
+Agathe sah ihre Gerwald an.
+
+»Herr Lohmann hat Recht,« sprach sie in einem um Zustimmung bittenden
+Ton.
+
+»Aber völlig!« versicherte Fräulein von Gerwald mit Nachdruck.
+
+Bis Travemünde war es ja nicht mehr weit. Es kam auch kein gemütlicher
+Ton auf. Zwischen der blonden Frau und dem rothaarigen Mädchen herrschte
+eine versteckte Gereiztheit. Sie wußten selbst nicht, warum. Denn jede
+dachte in bezug auf die andere: sie kann ja doch nicht mit mir
+konkurrieren! Und Wynfried, der das durchschaute, hatte so viel
+Vergnügen daran, daß es ihm eigentlich leid tat, als Edith in Travemünde
+von Bord ging.
+
+Sie wußte in ihre Abschiedsworte so viel zu legen, daß Agathe
+Hegemeister gar nicht anders denken konnte, als Wynfried und das
+abscheuliche Mädchen hätten zu Beginn der Fahrt eine ganz besonders
+schöne Stunde voll intimer Gespräche gehabt. Und das war Agathe doch ein
+leiser, schmerzlicher Stich. --
+
+Edith, die nun ihren langen, hellblauseidenen, engen Mantel angezogen
+hatte, stand noch eine Weile auf der hohen Brücke, an deren Fuß sie
+abgesetzt worden war und zu der sie dann auf Treppen emporstieg. Sie
+winkte nicht und nickte auch nicht. Sie stand nur und sah ... Etwas
+großartig wirkte es ... Wynfried lüftete noch einmal seine weiße Mütze
+zu ihr hin.
+
+»Nein, dies Mädchen!« sagte Agathe, »so mager und so häßlich. So
+eingebildet und dreist.«
+
+»Keine Spur von Weiblichkeit,« erlaubte sich Fräulein von Gerwald
+hinzuzufügen.
+
+»Naseweis ist sie schon,« gab Wynfried zu, »aber so intelligent und
+temperamentvoll, daß ihre Häßlichkeit zur Schönheit wird.«
+
+»Ja,« meinte Agathe etwas gekränkt, »Männer haben eben einen ganz
+anderen Geschmack als wir.«
+
+Nun hieß es erst einmal Tee trinken.
+
+Unten in der Salonkajüte war alles vorbereitet. Auf den Tisch hatte der
+Kombüsenmaat schon den Teekessel gestellt, von dem die elektrische
+Schnur zum Steckkontakt ging. Die Jacht führte in einem Akkumulator
+elektrische Kräfte für die Beleuchtung und die Kombüse.
+
+Sehr hausfraulich goß Fräulein von Gerwald den Tee auf, und Agathe fand
+mit Rührung die Kuchen vor, die sie liebte. -- Dafür hatte Klara
+gesorgt? Wie liebevoll dachte Klara immer nur an andere.
+
+»Ja,« sagte Wynfried, »sie ist eine famose, großartige Frau -- zu gut
+für mich.«
+
+Als sie dann wieder hinaufkamen, war alles verändert. Fern schon schoß
+das Motorboot zurück in den Hafen von Travemünde, wo es warten sollte,
+bis die »Klara« wieder hereinkäme. Und sie selbst brauste nun in stolzer
+Fahrt über die Wogen dahin.
+
+Großsegel und Schunersegel waren voll entfaltet, der Wind blähte sie
+prall auf. Er kam von Nordost, und so hieß es, um auf die Höhe von
+Fehmarn zu kommen, in langen Schlägen kreuzen. Die »Klara« sauste
+scheinbar geradeswegs auf die grünblaue, hügelige Waldküste des
+mecklenburgischen Ufers zu. Und im saphirblauen, wunderbar klaren Wasser
+glitt das Spiegelbild der weißen Jacht als Schatten mit.
+
+Das war ein Tag, eine Weite, ein Bild lachenden Prangens.
+
+Das Meer hatte all seine zornigen, mürrischen oder schläfrigen
+Stimmungen von sich abgeschüttelt und wogte in einer kraftvollen,
+fröhlichen Bewegung, sog das Blau des Himmels in sich ein und atmete
+köstliche Salzluft aus. Es war durchsichtig bis auf den Grund, und die
+runden, trüben Gallertscheiben der Quallen trieben kreisend einher.
+
+Und die belebte Flut gab ihre schimmernde Oberfläche dem Vergnügen zum
+Tummelplatz. Segelboote aller Art kreuzten. Stolz und groß lag da die
+weiße »Hohenzollern«, und der Wind strich die Flaggen aus. Die Standarte
+des Kaisers wehte aber nicht. Denn Seine Majestät befand sich auf dem
+»Meteor«, der, mit von Kiel hersegelnd, an der Wettfahrt teilnahm. Grau
+und schlank und dennoch von einer gewissen kriegerischen Strenge
+umwittert, ankerte der »Sleipner« in der Nähe des Kaiserschiffes. Leise
+spielte sein Rauch aus seinem klobigen Schornstein in die Luft. Eben
+erst waren beide Fahrzeuge auf der Reede angekommen.
+
+Eine Pinaß, der die Flagge der Kriegsmarine am Heck wehte, zerschnitt in
+eiligem Lauf die Wogen, daß sie ihr weißschäumend am Bug emporstiegen;
+und ihr Kielwasser quirlte hinter ihr drein; gleich einer Schlange lag
+die Spur auf der Flut. Sie nahm Richtung auf den Hafen.
+
+Zwei Dampfer, schwarz von Menschen, umkreisten die »Hohenzollern« und
+den »Sleipner« im weiten Bogen; man hörte die metallischen Klänge einer
+patriotischen Musik von dort herschwirren.
+
+Die Richtung aller Segler und aller Dampfer ward aber dann: Fehmarnwärts
+-- entgegen den aufkommenden Jachten.
+
+Und die Sonne umglutete, vom Winde gekühlt, all diese frohe
+Beweglichkeit, die aus den Wogen einen sicheren, ungefährlichen Estrich
+zu machen schien, auf dem man, anstatt mit Füßen, mit Schiffen
+dahingleiten konnte.
+
+»O,« sagte Agathe wirklich begeistert, »wie schön, wie schön!«
+
+Und in ehrlicher Klage bedauerte sie noch einmal, daß ihre geliebte
+Klara diese Stunden nicht miterlebe.
+
+Das Wasser schwoll immer gegen den Bug -- es war kein leises Gluckern
+und Raunen -- es war ein seidiges, großes Rauschen. Wie besänftigte es
+die Gedanken -- es war ein Versinken -- in eine himmlische Art von
+Dummheit -- als sei man nur noch ein träges Stück Menschentum und
+brauche nie mehr etwas anderes, als sich nur immerfort von der Sonne
+bescheinen zu lassen und dem endlosen Gerausche zuzuhören. Das leise
+Knarren der Masten war manchmal vernehmbar, wenn der Wind in die Segel
+bluffte.
+
+Zuweilen ging eine kurze Unruhe über Deck. Die flinken Kerls in den
+roten Sweatern sprangen -- der »Schiffer« am Steuer rief Kommandoworte
+-- die gelblich weißen Segelfittiche schlenkerten einen Augenblick am
+Großmast und Fockmast, und dann fuhr wieder der Wind hinein und blähte
+sie auf. -- Und nach dem Manöver des Umlegens schwebte dann immer wieder
+der Traum von Stille, den das Glurren der Wasser und das Flimmern der
+Sonne umspann, über der Jacht. So zog sie, umwogt und die Flut rasch
+durchschneidend, von hüben nach drüben. Die Bucht weitete sich, und im
+Maße, daß man mehr dem offenen Meer sich näherte, kreuzte man in
+kürzeren Schlägen.
+
+Die Stunden flogen, und ihr Flügelschlag war so sanft, so unhörbar, daß
+niemand sich des Entgleitens der Zeit recht bewußt ward.
+
+Sie mochten kaum sprechen.
+
+Agathe empfand die Größe und Weite des Bildes und die Fülle von
+Lebensbetätigung in all dem Treiben. Daraus erwuchs ihr eine unbestimmte
+und schmerzliche Sehnsucht. Sie kam vom blauen Himmel vielleicht oder
+flüsterte zu ihr aus den ruhelosen Wogen herauf, oder die Sonne
+erhitzte ihr niemals kühles Blut noch mehr ... Sie kam sich wie von
+allem Glück verlassen, einsam und sehr bemitleidenswert vor. Ihr treues
+Fräulein von Gerwald, das ihr gar nicht mehr aus Liebedienerei, sondern
+aus völlig gelungenem Einleben heraus stets nach dem Munde sprach und
+ihre Stimmung immer erriet, sah bedeutungsvoll und innig zu ihr hinüber.
+Die Gerwald saß neben Wynfried.
+
+Auch er war versonnen. Die wundervolle Frau ihm gegenüber war ihm ein
+höchst zusagender Anblick. Und immer, wenn er mit ihr zusammen war,
+weckte ihr feines, sehr liebkosendes Parfüm allerlei in ihm auf. -- --
+
+»Segel, Segel!« schrie Fräulein von Gerwald.
+
+Am Horizont, im blauen Duft der Ferne zwischen Himmel und Meer sah man
+weiße Striche, die gar keinem Schiffskörper anzugehören schienen.
+
+»'Meteor' und 'Germania',« sagte Wynfried.
+
+»Bei dem Wind konnte man denken, daß sie schlank herauf kämen -- stick
+Nordost. -- Zurück werden wir auch in gerader Fahrt auf Travemünde
+zuhalten können.«
+
+»O -- schon zurück?«
+
+»Erst wenn Sie wollen. -- Für ein kleines Souper ist gesorgt. -- Klara
+hat alles an Bord schaffen lassen. -- Hummer -- kaltes Geflügel -- sonst
+noch dies und das. -- Ich lasse nur in Notfällen vom Kombüsenmaat
+kochen.«
+
+»Herrlich!« sagte Fräulein von Gerwald. Und Agathe bat: »Ja weit hinaus
+-- bis ganz nach Fehmarn!«
+
+»Mir ist's recht.«
+
+Die weißen Striche am Horizont wurden deutlicher und erwiesen sich bald
+als Segel -- rasch, vom günstigen Winde getrieben kamen die großen
+Jachten herauf. Sie hatten alles Zeug gesetzt, und mit ihrer hohen
+Takelage lagen sie stark steuerbord geneigt. So brausten sie heran --
+kühn und stolz, an ihrem Bugspriet kochte das Meer.
+
+Das war herrlich zu sehen. -- Und die »Klara« tippte ihre Flaggen, um
+die Kaiserliche Jacht zu grüßen.
+
+Immer mehr Segel wurden erkennbar. Ein Schwarm von Riesenschwimmvögeln
+schien sich aufgemacht zu haben und zog daher, durchschnitt spielend die
+blauen Fluten. Helle Lichter setzte die Sonne auf weiße Schiffskörper
+und Segel. Da und dort schwenkte von den Borden jemand eine Mütze -- der
+»Klara« und ihrem Herrn zum Gruß, und Wynfried und die Damen grüßten
+wieder.
+
+Möwen kreisten über diesem zerstreuten Geschwader von Rennjachten --
+kreischende Laute gellten herab, und der Flügelschlag blitzte vor dem
+blauen Hintergrund des Himmels.
+
+Fülle des Lebens. -- Fülle der Freude.
+
+Und Agathe seufzte schwer.
+
+»Nun?« fragte Wynfried.
+
+»Ach,« sprach die blonde Frau klagend, »all diese Schönheit tut mir im
+Herzen weh.«
+
+»Darf ich die Gründe einer so paradoxen Wirkung erfahren?«
+
+»Von allem bin ich ausgeschlossen, weil ich allein stehe. Ich kann an
+gar nichts teilnehmen, weil ich keinen Mann neben mir habe. Denn meine
+Eltern wollen durchaus nicht, daß ich selbständig in solchen Sachen
+heraustrete. Reisen? Ja. Hier im Kreise, in der Heimat meines
+verstorbenen Gatten etwas Geselligkeit in meinem Hause haben? Ja. Aber
+darüber hinaus nichts. Und wenn Sie sich nicht meiner angenommen hätten,
+sähe ich wieder nichts mehr von den Travemünder Tagen als alle
+Zuschauer, die da am Strande herumlungern. -- Nicht mal mit meinem
+Motorboot hätt' ich mich herauswagen können -- dazu ist es zu klein ...«
+
+»Ihre Eltern sind merkwürdig streng.«
+
+»Ja.« Agathe seufzte wieder. Sie wurde langsam rot. Sie schien sich
+ganz in peinliche Gedanken zu verlieren. Plötzlich fügte sie hinzu: »Und
+ich muß wohl artig sein. -- Papa verwaltet auch mein Geld, soweit es
+nicht in Lammen steckt -- und das ergibt dann wie von selbst eine
+Kontrolle. -- Und dann -- Sie wissen, es gibt so Eltern, vor denen man
+immer im Schock ist ...«
+
+Das wußte Wynfried noch. Früher -- da war er seinem Vater auch lieber in
+scheuer Ferne aus dem Weg gegangen.
+
+Und er dachte besonders noch an das Elend der allerersten Zeit nach
+seiner Heimkehr -- und wie nur die Scham und die Angst vor seines Vaters
+Kritik ihn vom Selbstmord abgehalten hatte.
+
+Wie weit und unbegreiflich lag das zurück.
+
+Frei war sein Gemüt dem Vater gegenüber und sein Umgang mit ihm erst von
+dem Tage an geworden, wo er ihm Klara als Tochter brachte.
+
+Seltsam eigentlich: Vater liebte die Schwiegertochter mehr als den
+eigenen Sohn. Wynfried fühlte es genau.
+
+Aber er war nicht eifersüchtig -- gar nicht. Es freute ihn im Grunde.
+Undeutlich lag die Empfindung in ihm, als lenke das seinen Vater von ihm
+selbst mehr ab -- als würde die vollste Liebe dieses gewaltigen Mannes,
+die völligste Aufmerksamkeit all seiner Gedanken, ganz allein auf ihn,
+den Sohn, gerichtet, allzu schwer wuchten -- würde eine beständige
+Anforderung sein ... Und wie Aufsicht ... Nein, nein -- alles war
+vortrefflich, wie es war. -- Diese ganze häusliche Welt mit Vater, Frau
+und Kind gab solch ein Gefühl von Sicherheit und war im Grunde immer wie
+ein Zeugnis -- es vernichtete die Vergangenheit. -- An die dachte
+Wynfried jetzt in ruhiger Verachtung und voll Kritik. Er bildete sich
+ein, daß er heute das alles klüger anfangen und jedes Weib und jede
+Lage mehr beherrschen würde.
+
+Weil Agathe keine Antwort bekam, fuhr sie klagend fort: »Davon, wie
+schwer es ist, als junge Frau so einsam dahinzuleben, davon macht sich
+niemand einen Begriff.«
+
+»Sie sollten wieder heiraten,« riet Wynfried.
+
+»Noch einmal verkauft werden!« rief sie voll Bitterkeit.
+
+»Liebste Baronin -- eine Frau wie Sie -- so schön -- verzeihen Sie, aber
+diese Ihre Worte geben mir die Pflicht, deutlich zu sprechen -- so
+wundervoll schön -- so ganz hingebende Weiblichkeit -- so voller
+Herzensgüte -- die muß und wird Liebe finden -- keinen 'Käufer' -- nein,
+einen leidenschaftlich liebenden Gatten.«
+
+Agathe sah ihn mit ihren schwimmenden Blicken halb beseligt, halb
+bekümmert an.
+
+»Wenn Sie so sprechen. -- Und doch -- glauben Sie mir -- es scheint, mir
+ist die Gabe versagt, Herzen zu gewinnen.«
+
+Sie drückte ihre Hand gegen die Augen. Sie wirkte nicht viel anders als
+ein Backfisch, der in unruhiger Überfülle unklar drängender Empfindungen
+mehr ausspricht, als geschmackvoll ist.
+
+»Ja, die Weiber!« dachte Wynfried sehr angeregt. Die Siebzehnjährige
+vorhin hatte ihn von Geschäften und Zahlen und mit Bosheiten
+unterhalten, und diese reife Frau sprach wie ein sentimentales Mädel.
+
+Aber ein so bekümmertes und verschmachtendes Frauenherz ganz ohne Trost
+zu lassen, wäre völlig gegen Wynfrieds Art gewesen.
+
+Er nahm sacht die Hand, die weinende Augen verborgen hatte. Er dachte
+sich wohl, daß dies noch die allerletzten Tränen seien, die dem
+unerbittlichen Stephan nachflossen. Und er hatte längst herausgefühlt,
+daß bei Agathe in die abschwindende Liebe sich schon eine neue
+Verliebtheit mischte -- wie der Mond noch, immer mehr verblassend, am
+Himmel steht, wenn die Morgensonne sich strahlend erhebt.
+
+Er hielt tröstend und innig ihre Hand zwischen seinen beiden.
+
+Er sah ihr tief in die Augen, und seine Blicke sagten ihr, daß sie ganz
+gewiß die Gabe habe, Herzen zu gewinnen.
+
+Es schien ja eigentlich kein Grund zum Erröten vorzuliegen. -- Aber
+Agathe errötete doch -- und ihr Atem fing an, rascher zu gehen.
+
+»O,« rief Fräulein von Gerwald, »Fehmarn!«
+
+Sie stand auf und stieg vom Sitzplatz aus die zwei Stufen empor auf
+Deck. Ihr Herz klopfte ... Dieser Blick zwischen den beiden ... Gottlob,
+daß da gerade Fehmarn war ...
+
+Hingebreitet in den blauen Fluten lag die flache Insel, mit ihrem hellen
+Sandstrand, ihren goldgelben, reifenden Ährenfeldern und dem kleinen
+Städtchen Burg mit seinen dunklen Dächern unter und zwischen der
+Ehrwürde uralter Ulmen und behaglicher Obstbaumwipfel. So liebenswürdig
+pastoral tauchte der Kirchturm aus dem Gehäufe der Ortschaft auf.
+
+Man war nah genug, alles zu erkennen, und doch noch so fern, daß jede
+etwa störende Kleinigkeit der Uferszenen verschwand. Ein Bild wie von
+kluger und sehr feiner Kunst hingemalt.
+
+Und zur Rechten das weite, uferlose Meer, im letzten Glanz der Sonne,
+die hinter der Küste zur Linken unterging. Voraus öffnete sich der
+schmale Fehmarnsund.
+
+Das alles war sehr schön, und Fräulein von Gerwald, die am
+Kajüteneingang lehnte und hinaussah, dachte immerfort, von schwersten
+Zweifeln geplagt, ob es nicht ihre Pflicht sei, ihre Herrin darauf
+aufmerksam zu machen, oder ob sie klüger handle, sie ungestört mit Herrn
+Lohmann zu lassen. Und außerdem: war es nicht Zeit, zu Abend zu essen?
+-- unten warteten Hummer! -- Und war es nicht Zeit, umzukehren? Wann kam
+man nach Haus? Großer Gott -- es konnte sehr spät werden. --
+
+Agathe schien jetzt keine Neugierde auf Fehmarn und den reizvollen
+Anblick der korngelben Insel im Rahmen blauer Wogen zu haben.
+
+»Sie sind immer wie ein wahrer Freund zu mir,« sagte sie halblaut,
+»dafür bin ich Ihnen so dankbar.«
+
+»Ich wünschte nur, ich sähe eine Möglichkeit, Ihnen Ihr oft so schweres
+Gemüt zu erhellen.«
+
+»Mag Klara es aber auch haben, wenn Sie so freundschaftlich um mich
+besorgt sind?« fragte Agathe bedenklich. Sie hatte doch Klara wirklich
+lieb -- teils aus ihrem allgemeinen Bedürfnis zum Lieben, teils weil sie
+sie neidlos bewunderte -- neidlos, aus dem unbewußten Gefühl heraus, daß
+Klara nichts daran lag, Gefallen zu erwecken.
+
+»Ich bitte Sie!« sprach Wynfried sehr lebhaft. »Klara und einem Menschen
+etwas nicht gönnen: das gibt es gar nicht. Und noch dazu Ihnen -- ihrer
+Freundin ...«
+
+»Ja, sie ist so selbstlos und gütig,« seufzte Agathe.
+
+»Eine famose, großartige Frau! Ich weiß nicht -- Sie sind doch
+Freundinnen -- hat sie sich je über unsere Ehe ausgesprochen?«
+
+»Nie. Klara spricht nie von sich -- sie ist so verschlossen. Ich
+bewundere es.«
+
+Wynfried neigte sich noch näher herüber und sprach, beinahe flüsternd:
+»Sehen Sie, liebste Freundin -- im tiefsten Vertrauen! Man muß meine Ehe
+mit Klara anders beurteilen -- wie wohl sonst Ehen. Wir haben uns
+gewissermaßen meinem Vater zu Gefallen verheiratet. Wissen Sie -- als
+ich heimkam -- Gott, es sind schon dreizehn Monat seitdem, wie ist es
+möglich! Da hatte ich so viel Schweres durchgemacht -- eine Frau hatte
+mich verraten ...«
+
+Agathe preßte seine Hand.
+
+»Sie! Verraten?! Das konnte ein Weib?«
+
+Und er hörte wohl, daß sie es unfaßlich fände, ihn zu lassen, wenn man
+von ihm geliebt sei ...
+
+Er erwiderte dankbar den Händedruck.
+
+»Und damals war ich so angeekelt vom Dasein, daß ich mich nicht viel
+wehrte, als Vater in einer raschen Heirat mit Klara für mich die einzige
+moralische Rettung sah. -- Heut freilich -- heut gelänge es Vater
+freilich nicht so leicht, mich einzufangen!« Er lachte leise auf -- als
+spreche er von sehr drolligen, wenn auch höchst liebenswürdigen
+Geschichten. »Ja -- und Klara -- ich dachte erst, sie sei in mich
+verliebt -- man neigt als etwas verwöhnter Mann zu arroganten
+Einbildungen. -- Aber nein -- Klara hat eigentlich nur so 'ne
+schwesterliche Hingebung für mich. -- Geheiratet hat sie mich wegen
+Vater -- etwas aus Dankbarkeit und besonders, weil sie ihn vergöttert.«
+
+»O,« sagte Agathe, »das ist ja aber eigentlich tragisch -- oder ... nein
+... Ich wollte sagen -- es hätte tragisch werden können ...«
+
+»Keine Spur,« versicherte er mit Nachdruck. »Gerade diese schöne, ruhige
+Ehe voll Freundschaft gefällt uns beiden sehr gut -- glauben Sie bitte
+nicht, daß ich es bereue. -- Ich verdanke Klara viel. Wie klug hat sie
+das angefangen, meine Arbeitslust zu wecken ... Und ich habe sozusagen
+meine Jugend wiedergefunden ... Und dann: wie mein alter Herr nun
+glücklich ist! Er trägt sein Schicksal, gelähmt im Stuhl zu sitzen, in
+Frieden. -- Wie hätt' er sich sonst daran verzehrt ...«
+
+»Das ist ja alles sehr schön,« sagte Agathe mit einem Male auf
+unbestimmte Art ernüchtert.
+
+Aber dies flaue Gefühl wich rasch einer stürmischen Aufwallung. Denn
+Wynfried sah sie wieder mit vielsagendem Ausdruck an.
+
+»Es beraubt also Klara in keiner Weise, wenn ich nicht blind für den
+holdesten, weiblichsten Zauber bin ...« sprach er leise und langsam.
+
+Inzwischen hatten die Kämpfe in Fräulein von Gerwalds Brust zu einer
+Entscheidung gedrängt. Ihre Phantasie sah immer das leckere, von roter,
+steinharter Schale umpanzerte Hummerfleisch -- und diese
+Zwangsvorstellung entschied.
+
+Sie kam herbei, ein wenig schwankend und balancierend auf der schrägen
+Ebene des Decks der gerade sehr nach Backbord überliegenden Jacht.
+
+»Es ist schon Abend!« sagte sie in dem erstauntesten Ton von der Welt,
+als falle ihr diese alltäglich wiederkehrende Tatsache zum ersten Male
+in ihrem Leben auf.
+
+Agathe erwachte ...
+
+»O -- wann kommen wir heim? ...« rief sie geängstigt.
+
+»Wann wir wollen!« beruhigte Wynfried; »ich habe zu Haus darauf
+vorbereitet, daß es spät in der Nacht werden kann ...«
+
+»Liebste Baronin, Sie müßten aber jetzt etwas genießen,« ermahnte die
+Gerwald.
+
+Man ging hinab. Vorher sprach Wynfried noch mit dem Schiffer. Der Wind
+flaute ab, blieb aber Nordnordost und verhieß glatte, wenngleich
+langsame Rückfahrt.
+
+Dann aß man in einer unbegreiflich übermütigen Stimmung. Roter,
+schäumender Romané füllte die Glasbecher. Das rosig verhüllte Licht gab
+eine Traumbeleuchtung. Aus vier Birnen kam es, die an den getäfelten
+Wänden, zwischen den Wandschränkchen, angebracht waren. Die
+Hummerschüssel stand auf Eis, und alle drei Tischgenossen griffen
+tüchtig zu.
+
+Fräulein von Gerwald hob einmal ihr Glas mit dem prickelnden Burgunder
+gegen das von Wynfried. -- Sogleich rief Agathe: »Wir wollen auf Klaras
+Wohl trinken!«
+
+Und sie tranken auf die Gesundheit der jungen Frau. --
+
+Die Gesellschafterin fühlte sich wieder einmal ganz beglückt -- seit
+drei Jahren hatte all das Elend der Demütigungen und des ewigen
+Wechselns von Häuslichkeit zu Häuslichkeit ein Ende. -- Rührung erfaßte
+sie, wenn sie bedachte, wie herrlich nun ihr Leben sei. Und in dieser
+Stunde war sie wie berauscht -- nicht gerade vom leise und fein
+schäumenden Burgunder -- nein, vielmehr noch von der Schwärmerei ihrer
+Herrin und von der Mannesschönheit Wynfrieds.
+
+Agathe war vor Glückseligkeit wie benommen. -- Ach, es lohnte sich ja
+doch noch, zu leben! -- Und war es nicht, als ob Wynfried ein ganz
+anderes Wesen bekommen hätte -- gleichsam als habe eine Zauberhand über
+sein Gesicht gestrichen und ihm einen neuen, fröhlich unternehmenden,
+sprühenden Ausdruck gegeben?
+
+Ja -- Wynfried fühlte sich wirklich wie verwandelt -- nicht verwandelt
+-- vielmehr wie ein Erwachender -- wie ein Zurückgekehrter, der lange
+verbannt war -- so dergleichen -- er wußte selbst nicht, wie ihn das
+ankam. -- Jedenfalls war es eine Gehobenheit. -- Er war ganz
+durchrieselt von jenen köstlichen, gespannten Empfindungen, die Mann wie
+Weib in den Anfängen der Liebe überraschen. -- Ach, was gab es denn
+Lebensvolleres als dies Vorahnen möglicher Wonnen, dies sich
+Einanderentgegendrängen mit Blick und Lächeln und sinnschweren
+Worten. --
+
+Und dann die Servietten hingeworfen und hinauf ...
+
+Der Abend war gekommen; er hatte sanfte Töne über Himmel, Land und Meer
+gelegt -- dunkelveilchenfarbene, ins Grau hinüberspielende.
+
+Fräulein von Gerwald sagte mit etwas unklarer Stimme, sie wolle es recht
+mit Andacht genießen, und suchte sich vorn am Bug ein Plätzchen, da wo
+der Klüverbaum über Bord hinausragte wie ein Spieß ... Dort hockte sie
+nieder und fand Lehne und Halt.
+
+Wynfried und Agathe setzten sich auf die Kissen des vertieften
+Sitzplatzes. Dicht nebeneinander -- er nahm ihre Hand und küßte sie und
+legte sie ihr in den Schoß zurück.
+
+»Solche Stunden,« sagte Agathe, »entschädigen für alles, was man
+gelitten hat.«
+
+»Was haben Sie denn so schwer gelitten, teure Freundin?« sprach
+Wynfried. »Daß Ihre Ehe kein Vergnügen war, kann ich mir denken. Bitte,
+erzählen Sie nichts davon -- mir ist, als würde ich zu zornig werden. --
+Es gibt nur eins: vergessen!«
+
+Sie redeten sehr leise miteinander.
+
+»Man kann nicht alles vergessen, es gibt das Wort vom Ewig-Gestrigen. Es
+ist wahr! Wenn immer wieder zu einem zurückkommt und sich immer neu
+straft, was man einmal verbrach ...«
+
+»Verbrach?! Sie -- Agathe. -- Nein, Sie können keine Schuld auf sich
+geladen haben. -- Sie, die Sie nicht imstande sind, einer Fliege weh zu
+tun.«
+
+»Nein -- keine Schuld. -- Und doch -- aus Unkenntnis -- aus Neugier --
+aus einer schrecklichen Sehnsucht nach -- ach, ich weiß selbst nicht,
+wonach -- nach Liebe, oder nach Glück -- oder nach Geheimnis -- ja, aus
+Unkenntnis kann man fehlen.«
+
+»Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung anzunehmen.
+Erfahrene Herzen urteilen anders.«
+
+»Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen, sie verzeihen mir nie,
+woran doch auch sie die Schuld trugen.«
+
+»Wollen Sie mir nicht vertrauen -- liebe Agathe. -- Ich -- verstehe
+alles --«
+
+Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den Arm um ihre Taille.
+
+Und sie neigte den blonden Kopf näher zu ihm -- stockend -- in immer
+wachsender Leidenschaftlichkeit sprach sie von ihrer Jugend.
+
+Immer dunkler ward die Sommernacht -- die Flut glänzte in der Nähe
+schwarzblank und war in der Ferne ein Abgrund von Finsternis. Aus den
+Wogen kam eine gleichmäßige, an- und abschwellende Musik herauf -- von
+der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenbündel hinaus und
+backbord ein grünes -- die glitten als magischer Schein mit der Fahrt
+und schwebten über der Tiefe.
+
+»Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen,« erzählte Agathe.
+»Und immer von zwei Gouvernanten bewacht -- ich sollte Französisch und
+Englisch wie Deutsch können. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch
+hinaus. -- Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen Händen, hat
+große Verbindungen -- das war so 'ne Art Vorarbeit, begriff ich später
+-- das sollte mir dann den Eintritt in die allererste Gesellschaft
+sichern. Und mal 'ne ganz, ganz große Partie! Hochadel oder allererste
+Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben für sein Geld, und
+Mama für all ihre Schufterei in den Vereinen. Und deshalb wurde an mir
+herumerzogen -- und gar keine lustige Kindheit hatt' ich -- und keine
+Freundin durft' ich haben -- damit nicht einmal unerwünschter Anhang da
+sei. -- Mama sagte manchmal: bis man seine gesellschaftliche Position
+ganz fest begründet hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben -- man
+muß erst sehen, wohin man gelangen kann.«
+
+»Eine kluge Dame Ihre Mama ...«
+
+»Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen war mir bloß
+erbitternd. Ich wollte lustig sein, eine Freundin zum Liebhaben wollte
+ich -- und da waren nur die steifen Gouvernanten -- und sie und ich, wir
+haßten uns.«
+
+»Armes Kind!« sagte Wynfried leise, obschon er nur flüchtig zuhörte,
+sondern nachprüfend Agathens Parfüm aufatmete und dachte: ja, es ist
+_das_ Parfüm.
+
+»So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer da draußen, zwischen
+den Fabriken -- das Haus war prachtvoll -- aber doch in Berlin selbst
+hätte ich vielleicht mehr Freiheit gehabt -- mehr Zerstreuung. Ich sah
+oft die Herren aus dem Bureau -- sie begegneten mir und grüßten -- wenn
+ich mit meinem Nero spielte -- ja, ich hatte eigentlich bloß meinen
+Bernhardiner zum Vergnügen. Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich
+Nero in die Spree hinausschwimmen ließ zum Baden -- dann mußte ich
+hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren alle wohnten. Und da ...«
+sie stockte.
+
+Wynfried fragte: »Und da?« und legte seinen Arm fester um die zitternde
+Frau ...
+
+»Und da war einer -- mit so blanken braunen Augen und einem schwarzen
+Schnurrbärtchen -- so italienisch -- bildete ich mir damals ein -- Papa
+sagte später: wie ein Friseurgehilfe ... Ich weiß nicht, wie es kam --
+wir sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen Nero
+schlecht bekam, dann ging ich immer öfter, um ihn zu baden, und immer um
+die Zeit, wo 'er' an seinem Parterrefenster stand. -- Und ich war mit
+einem Male glücklich und hatte fortwährend an etwas Schönes zu denken.
+Und dann -- einen Tag -- es war im Juni -- da warf er ein Briefchen
+heraus, als ich vorbeikam, und drin stand, daß er mich wahnsinnig liebe
+und sterben werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen könne, und wo
+es wohl sein könne -- und ich solle morgen, wenn ich mit dem Hunde
+vorbei komme, eine Antwort bringen -- einen Zettel in sein Zimmer
+werfen, er wolle aus Vorsicht nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so
+fing es an.«
+
+Agathe weinte ein wenig. Sie schämte sich noch immer wieder. Und
+erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-süßen Ängste und Wonnen
+von damals.
+
+»Wir trafen uns -- hinter Zäunen -- zwischen den Winkeln von Schuppen
+und Lagerhäusern -- da war keine Poesie -- kein Wald -- kein Mondschein
+-- keine Nachtigall -- alles hatte gleich so was furchtbar
+Verzweifeltes. -- Und er schwor, sich zu erschießen, wenn ich nicht die
+Seine werde.«
+
+Agathe trocknete ihre Tränen. Stärker als Scham und Gram ward das heiße
+Erinnern.
+
+»Dann verreisten die Eltern -- ich blieb bei den Gouvernanten zu Haus --
+jede von ihnen hatte vierzehn Tage Urlaub, so daß vier Wochen lang nur
+eine Tyrannin mich bewachte. -- Und Miß Brown war sehr leidend --
+benutzte diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz früh
+schlafen zu gehen -- es war ein so schwüler August. Ich starb vor
+Sehnsucht -- litt -- o -- dachte zu verbrennen -- und da geschah es. --
+Ich wußte ja nicht, was ich tat -- ich war nur selig -- selig ...«
+
+Sie erschauerte. -- Sie flüsterte weiter. -- Und es war, als ob ihre
+raunende Stimme und das schmeichelnde Rauschen des Meeres Töne seien,
+die aus dem gleichen Urgrunde allen Lebens heraufkämen.
+
+»Ich hab' es nie begriffen -- nie -- daß das schlecht von mir gewesen
+sein sollte -- so unmenschlich glückselig in Liebe zu sein --«
+
+Sie schwiegen beide lange. -- Und Agathens Kopf ruhte sich an seiner
+Schulter von vergangenen Leiden aus ... Endlich sprach sie weiter.
+
+»Die Eltern kamen zurück. Irgend jemand glaubte sich verpflichtet, mit
+ihnen zu sprechen -- denn die ganze Fabrik hatte es gewiß schon lange
+gemerkt -- wie hätt' ich daran denken können? -- Und dann gab es einen
+Zustand -- o Gott -- ein Massenmörder kann nicht härter bestraft werden.
+-- Hinrichtung ist ja milde dagegen. -- Und Miß Brown flog hinaus -- und
+'er' schrieb kühn und stark an Papa, daß ich seine Braut sei und daß er
+mich heiraten wolle -- und Papa und Mama schrien, darauf habe er nur
+spekuliert -- Und ich sagte, seine Armut sei mir recht und ich wolle mit
+ihm hinausziehen und betteln. -- Dafür hatte Papa nur ein schreckliches
+Gelächter. -- Wiedergesehen hab' ich ihn nie -- nicht einmal Abschied
+nehmen durfte ich. -- Und Papa schickte ihn mit viel Geld nach Amerika
+-- da ist er verdorben und gestorben -- das hat Papa erst nach vier,
+fünf Jahren gehört. -- Damals gleich, als all diese Wut auf mich bei
+Papa und Mama war, wollte ich sterben. -- Es ist schwer, zu sterben --
+man weiß nicht, wie man es machen soll --«
+
+Sie seufzte.
+
+»Ich war noch ganz gebrochen -- dann kamen die Eltern und sagten, ich
+müsse den Baron Hegemeister heiraten, es sei für mich das beste -- das
+einzigste. Sie taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich -- weil
+ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. -- Und ich dachte:
+vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war ja gewiß ein besseres Leben als
+das, was ich zu Haus gehabt hätte. -- Obgleich ... Bis auf den heutigen
+Tag zürnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als sei alles in
+Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus, und die gute Gerwald sagt die
+Wahrheit und erzählt, wie trist ich eigentlich lebe.«
+
+Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm.
+
+»Und um dieser jungen, törichten, heißen Liebe willen, soll mein ganzes
+Leben verpfuscht sein? O, ich weiß wohl -- böse Menschen flüstern noch
+immer allerlei -- und vielleicht hat einer, für den ich ein bißchen
+schwärmte, gedacht, als Offizier könne er das nicht. -- Aber von wie
+vielen Frauen wird geflüstert ... Und weil ich aus lauter Einsamkeit und
+Unkenntnis und Sehnsucht einen Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt
+habe -- soll ich nie mehr -- nie -- nie mehr die Glückseligkeit erfahren
+-- geliebt zu sein ...«
+
+Da neigte sich das Gesicht des Mannes über das ihre.
+
+Er flüsterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der Verheißung --
+
+Mit einer bezwingenden Selbstverständlichkeit suchten seine Lippen die
+ihren zu einem verzehrenden Kuß ...
+
+ * * * * *
+
+Und am Klüverbaum hockte das alte Mädchen und starrte in die Nacht
+hinaus.
+
+Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes Wünschen und Entsagen glomm, wie
+Feuerreste unter Aschenhaufen, wenn er aufgestöbert wird, noch einmal
+auf. -- Und sie fühlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel
+Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde da, beide Augen
+zuzumachen.
+
+Und aus der Sommernacht wehte so viel heran -- fast wie Qual des Neides
+-- Rührung, die der gutherzigsten aller Frauen ein wenig Glück gönnte --
+Sorge vor schrecklichen Kämpfen.
+
+Es war aber schön, hier zu sitzen und zu wachen, und sie kam sich fast
+wie Brangäne vor.
+
+Märchenhaft -- wie so das Schiff durch die schwarzen Wasser dahinglitt
+-- und im ewig gleichen Ton und Rhythmus besangen die Wogen leise den
+Zauber der Fahrt; dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majestät der
+Himmel.
+
+Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der 'Hohenzollern' auf, und aus
+ihren vielen, vielen Augen glänzte gelbes Licht. -- Und drüben
+Travemünde-Strand -- eine Reihe von Lichtperlen nur. -- Und das
+Blinkfeuer des Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte.
+
+Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo Fräulein von Gerwald saß,
+und schreckte sie auf.
+
+Der Mann hielt in seinen hocherhobenen Händen je eine Laterne. -- Er
+schwenkte sie und wiederholte gewisse Bewegungen in mehrfacher Folge. --
+Er semaphorte der Lootsenstation zu, daß die »Klara« in den Hafen wolle,
+und die Station solle es dem Motorboot weitergeben, das im Hafen
+wartete ...
+
+Große Unruhe entstand an Bord.
+
+Die rotweißen Matrosen manöverierten, das Schunersegel rauschte herab,
+sank in sich zusammen und ward von raschen, vielen Händen zu einer
+Faltenrolle zusammengebunden. Das Großsegel schlänkerte gelöst. --
+
+Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male der Herr der Jacht da
+und gab Befehle.
+
+Fräulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie wie verzaubert auf dem
+Sitzplatz -- in seligem Lächeln sinnend.
+
+Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach kein Wort. -- Aber die
+Treue wußte -- dies verband sie beide auf immer.
+
+Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen. Und dort wollte
+Wynfried mit den Damen auf das Motorboot übersiedeln. Die »Klara« sollte
+über Nacht in Travemünde bleiben. Mit dem flinken »Severin« dachte
+Wynfried erst die Damen an die Lammener Brücke zu bringen und dann nach
+Haus zu fahren. Es würde wohl lange nach Mitternacht werden ...
+
+In Travemünde am Ufer waren in dieser Festzeit noch Menschen -- und zwei
+Schiffer riefen allerlei von der hohen Brücke herab ...
+
+Was denn? Ja -- ganz gewiß. -- Der Schlepper 'Primus' hatte die
+Nachricht mitgebracht -- gerade als er die Trave abwärts dampfte und
+schon eine gute Strecke an »Severin Lohmann« vorbei gewesen war, hatte
+er einen furchtbaren Knall von dorther gehört.
+
+Wie von einer Explosion ...
+
+
+
+
+8
+
+
+Die junge Frau hatte den Besuch ihrer früheren Pflegemutter gehabt. In
+allem war die Doktorin Lamprecht ein eifriger Mensch, in Rede wie in
+Tat. Und so hielt sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit
+darauf, Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara hatte
+gesagt: komm doch an schönen Sommertagen, so oft du willst, nachmittags
+herüber. Das war der alten raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie
+setzte sich selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den Gängen
+nach dem Herrenhaus von »Severin Lohmann« fest. Das hatte Klara
+natürlich bald gemerkt, und wenn sie einmal an einem dieser Wochentage
+verhindert war, telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich
+darauf gefaßt gewesen, daß man ihr abwinke. -- Die jungen Eheleute
+wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern entgegenfahren. -- Likowski,
+der immer einen Augenblick vorsprach, erzählte von der erhaltenen
+Einladung, der er nicht folgen könne.
+
+Als dann aber kein Abwinken erfolgte, stürzte sich die alte Frau mit
+ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen. War das Kind krank? Oder der
+Geheimrat? Darüber nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den
+Wurf kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend. Zum Glück
+erwies sich alles als überflüssige Gedanken- und Zungengymnastik, denn
+sie fand Mutter und Kind in der völligsten Gesundheit vor, und der
+Geheimrat war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekretär. Das
+Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig mit der Verdauung
+gestört gewesen -- nun lag es prachtvoll anzusehen im offenen Wagen, und
+die Amme in der malerischen Tracht saß dabei und wehrte den Fliegen.
+Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken. Der Platz unter
+den alten Ulmen war angenehm, man hatte von da einen sehr malerischen
+Blick auf die Hochöfen, die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen
+Himmel, von grünen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die Doktorin
+Lamprecht erzählte mit unermüdlich dahinrinnenden Worten von allem
+Kleinkram ihres engen Lebens.
+
+Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte hinab zur Fähre, wo es
+noch einen wortreichen Abschied gab, bis Sörensen, der Fährmann,
+ungeduldig fragte: »Wölt wi nu foahren, oder wölt wie nich foahren?«
+
+Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken zurückging,
+fühlte sie sich von einer unbegreiflichen Zuversicht und Heiterkeit
+erhoben. Woher ihr die kam -- sie wußte es nicht. Das Grundlose ihrer
+wechselnden Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht und
+jammervollen Zerdrücktheit, als läge alle Qual der Welt auf ihr -- sie
+vermochte es nicht zu erklären. Alles, was sie konnte, war, eine
+äußerlich immer beherrschte Haltung zeigen.
+
+Jetzt däuchte ihr, sie sei glücklich, daß das bißchen Unruhe des Kindes
+nicht die Vorbotin von ernstlichen Störungen gewesen sei. Sie machte
+sich Vorwürfe, ihren Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja
+all seine Interessen und Freuden teilen -- das war ihr ernster Vorsatz.
+Aber dieser freie, friedlich ungezwungene Nachmittag war so schön --
+fast, als sei es weniger -- mühsam. --
+
+Als sie sich dem Platze unter den Ulmen näherte, sah sie, daß die Amme
+fortgegangen war und daß anstatt ihrer Leupold Wache hielt. In seiner
+einfachen dunkelblauen Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen
+hinab.
+
+Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn überrumpeln, und das gelang ihr
+auch. Er fuhr auf und wurde rot.
+
+»Kathrin bat mich -- ich sollte mal ein paar Minuten aufpassen. -- Ich
+kam her, weil Herr Geheimrat bitten lassen, wenn es der gnädigen Frau
+recht sei, möchte das Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.«
+
+Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig zugedeckt, die nackten
+Ärmchen frei -- er fing nun schon an, mit der einen Hand nach der
+anderen zu greifen, ohne daß es ihm gelang -- in diesem allerersten
+zweckvollen Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus, daß
+selbst ein unverständiger Beobachter wie der alternde Junggesell Leupold
+erkennen mußte, es sei ein köstliches Exemplar von einem Kinde.
+
+Klara sah ihn an -- irgend etwas in ihrem Blick forderte ihn auf, zu
+sprechen.
+
+»Ich glaube,« sagte er verlegen, »der Kleine wird mal ganz und gar Herrn
+Geheimrat ähnlich ...«
+
+Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot: »Es ist das schönste
+Kind, das ich je gesehen habe ...«
+
+Und ging rasch davon. Klara lächelte. Sie fühlte: der eifersüchtige Mann
+hatte ihr nun endlich verziehen, daß sie die Schwiegertochter und
+bevorzugte Pflegerin seines Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte
+ihn entwaffnet, und er war vielleicht von ähnlichem Stolz auf den
+Stammhalter erfüllt wie der Großvater selbst.
+
+Ja, so kleine Händchen können viel.
+
+»Vielleicht,« dachte Klara, von einer plötzlich aufwallenden Hoffnung
+ganz erregt, »vielleicht doch noch einmal die Herzen seiner Eltern recht
+zusammenfügen ...«
+
+O Stunde des Glücks, wenn das geschähe! -- Und warum nicht? Es gibt doch
+Gefühlswunder, Wandlungen -- man las so viel Schönes davon. Und was die
+Poesie verherrlicht, muß sie doch im Leben gefunden haben. --
+
+Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und saß in seinem Fahrstuhl am
+Tische. Trotz des wundervollen Sommerabends blieben die Fenster
+geschlossen. Das Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug
+ihr Tod im Licht war Klara immer widerwärtig. Der Geheimrat teilte ihren
+Ekel davor.
+
+»Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag gehabt,« schalt Klara.
+
+»Die Arbeit drängte. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, die
+Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister zustellen lassen
+will, noch heute zu beenden. Morgen gibt es Störungen die Menge.
+Direktor Malzan von der Frankfurter Heizkessel- und Röhrenfabrik hat
+sich angesagt -- eine Verbindung, die Wynfried anknüpfte. Die Fabrik
+will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen. Außerdem ist Mühlmann aus
+Harburg zu erwarten.«
+
+»Ach der alte Herr, der immer denselben Spaß macht, indem er bedauert,
+daß er mir von den niedlichen Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine
+Pröbchen zu Füßen legen könne.«
+
+»Du solltest aber mal wirklich die Mühlmann-Werke mit Wynfried zusammen
+ansehen; wenn ihr mal in Hamburg seid, ist's ja nur ein Katzensprung.
+Anker für Ozeandampfer und Krane und Ketten von kolossalischen Größen
+und Gewichten. -- Ja, also Malzan und Mühlmann wohl sicher. Vielleicht
+noch zwei Geschäftsfreunde aus Rußland. Und möglicherweise der junge
+Marks. Die Reederei Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse,
+billig einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef selbst kommt,
+muß er zu Tisch gebeten werden. Aber du weißt: alles ist unsicher.«
+
+Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche Tischgäste: die, auf
+welche man sich vorbereitet hatte, kamen zu ganz anderen Tageszeiten und
+konnten nicht zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man
+niemanden, und eine Stunde vor Tisch hieß es plötzlich, es würden Gäste
+kommen. Oder man dachte an einen oder zwei Herren, und es wurden ihrer
+sechs.
+
+Aber die Küche war darauf eingerichtet, und Frau Flüggen, die
+Herrenköchin, war eine Verbindung von rascher Entschlossenheit und Ruhe,
+die Klara heimlich bewunderte.
+
+»Und da Thürauf verreist ist,« fuhr der alte Herr fort, »mag ich gern
+selbst alle sprechen und sehen. -- Auf dem Werk macht Wynfried ja
+sowieso allein die Honneurs, wenn Thürauf fort ist.«
+
+Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten Ragout aus
+Kalbsmilchern und Zunge vor, das für ihn besonders bereitet war.
+
+»Du sprachst von einer Denkschrift?« fragte sie.
+
+Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein wollte. So lebendig
+hatte auch einst ihre Mutter an allem teilgenommen, was ihn
+beschäftigte. Seit die Tochter der Geliebten seine Tochter geworden war,
+verschwammen beider Gestalten für ihn auf das merkwürdigste in eins. Er
+konnte seine Empfindungen für die heilige Tote und diese ihn täglich mit
+Liebe umsorgende junge Frau nicht mehr auseinanderhalten. Und ihm war
+auch, als erkenne er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das
+ihn zum Entsagen gezwungen. Daß die Vergangenheit rein geblieben war,
+adelte ihm heute die zärtlichen Vatergefühle. Klara war ihm teurer, als
+eine Tochter aus eigenem Blute hätte sein können -- jene verborgensten,
+geheimnisvollsten Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller
+Erklärbarkeit liegen.
+
+Wie genoß der alte Herr nach Tagen voll angestrengter Arbeit und in
+seinem brüchigen Zustand diese Stunden -- auch ihm war's im tiefsten
+Herzen uneingestanden recht, wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der
+Vater, und sie, die junge Frau, waren sonst immer bemüht, daß Wynfried
+sich nur behaglich fühle ...
+
+Er sprach zu der eifrig Hörenden.
+
+»Weißt du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies Erwachen eines
+blinden Nationalismus überall -- der so oft Forderungen erhebt, die dem
+eigentlichen volkswirtschaftlichen Interesse des Vaterlandes
+zuwiderlaufen. -- In allen Ländern das gleiche. Nun gibt es in Schweden
+große Gruppen von Politikern, die es als eine Schädigung der
+wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden fortfahre, seine
+Eisenerze auszuführen. Und es wäre beinahe Selbstmord, wenn diese
+Ausfuhr je verboten werden sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer
+groß. -- Und Schweden ist so klein -- es hat auch keine Kohlen -- keine
+Arbeitskräfte -- selbst wenn es all seine Erze selbst verhütten wollte
+und könnte, fehlte wieder die Feinindustrie, die den Hüttenwerken das
+Rohmaterial abzunehmen imstande wäre -- und sie könnte auch niemals in
+einem Maße entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte Roheisen
+zu verarbeiten. -- Deutschland ist der nächste, der gegebenste Abnehmer
+-- es trägt für das Erz, das es empfängt, ein Riesenkapital über die
+Ostsee nach dem befreundeten Land. In Deutschland ist der
+Eisenverbrauch pro Kopf in den letzten dreißig Jahren um etwa neunzig
+Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddreißig -- stell dir
+das mal vor ...«
+
+Nein, das konnte Klara sich natürlich nicht auf deutliche Art
+vorstellen, wie ein Mensch hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauchen
+soll. Sie lächelte glücklich, war voll Freude, daß der Vater immer in
+dem starken Bedürfnis, sich zu betätigen, geistig so frisch wie nur je
+sich zeigte, und sie scherzte ein wenig -- denn das mochte er haben. Und
+sie sagte, daß diese Statistiken auch unfreiwilligen Humor besäßen; und
+Großvater solle es sich doch seinerseits einmal vorstellen, wie Severin
+der Kleine hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mußte
+lachen. Und sie lenkte durch wißbegierige Fragen ihn wieder auf seinen
+Vortrag zurück.
+
+So saßen sie in Frieden, und Klara sprach endlich, etwa um elf Uhr,
+davon, ob man nicht ans Zubettgehen denken müsse.
+
+»Wenn du sagst 'man', meinst du mich,« scherzte der Geheimrat.
+
+»Eingestandenermaßen! Ich möchte noch aufbleiben -- auf Wynfried warten
+-- aber nur bis Mitternacht -- später könnt's ihm eher bedrückend als
+erfreuend sein.«
+
+»Klug!« lobte er. »Und Wynfried hat es ja heute wirklich nicht in der
+Hand -- wenn zum Beispiel Flaute eingetreten sein sollte ...«
+
+Klara klingelte zweimal. Das hieß, daß Leupold kommen solle, um seinen
+Herrn hinaufzuschaffen, und daß Georg oben zur Stelle zu sein habe, um
+beim Zubettgehen zu helfen.
+
+Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus -- der Lift mündete in der Nähe
+des Eßzimmers auf die Diele.
+
+Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glastür, durch die man in den
+Hauseingang kam, war geschlossen. Aber die breite Tür, die von der Diele
+aus auf eine Plattform mit Sitzgelegenheiten führte, stand weit
+geöffnet, und die Wärme des Sommerabends kam herein.
+
+Der alte Herr atmete sie ein -- sie tat ihm wohl.
+
+»Ein paar Minuten,« sagte er, und Leupold fuhr seinen Herrn gehorsam auf
+die Plattform hinaus. Klara setzte sich auf den nächsten Stuhl, stützte
+den Ellbogen auf seine Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze
+Dickicht des Parkes.
+
+Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie fühlte: solange dieser
+große Mann lebte, war sie, als seine Tochter, reich. Wie mußte er immer
+und immer an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein
+überragender Verstand sich mit Güte und Gerechtigkeit gleich einer
+Gloriole umgab. Sie ahnte auch, daß er nicht nur aus Neigung zu dem
+Gesprächsstoff, sondern sehr zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und
+seinen tausendfältigen Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich so
+aus: er wolle, daß sie ihrem Gatten immer mit Verständnis entgegenkommen
+und sein Interesse, falls es erlahme, neu beflügeln könne.
+
+Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk. An das Rumoren
+des Betriebes waren ihrer aller Ohren so gewöhnt, daß sie es nicht mehr
+hörten. Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzuströmen, und Friede und
+ein sanftes Dunkel füllte die Luft, als webe und schwebe in ihr der
+Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles zwang zum Schweigen. Und diesem
+beruhigenden Schweigen nachzuhängen, war schön.
+
+So ließen sie die Minuten rinnen. -- Da geschah etwas Furchtbares --
+grauenvoll Bedrohliches -- sie zuckten zusammen -- ein dunkler, runder
+Ton hatte die Luft zerrissen. -- Die Gewalt der Erschütterung war so
+groß, daß ein Zittern durch die Nacht ging.
+
+Der Schreck legte seine kalte Hand auf den Mund der jungen Frau, und sie
+konnte nicht einmal schreien -- --
+
+»Mein Gott!« stieß der alte Mann heraus. -- Und er saß und war
+gefangen ...
+
+Eine Explosion -- irgend etwas war geschehen. -- Ungewöhnliches --
+vielleicht Furchtbares.
+
+Sie horchten unwillkürlich dem dunklen, knallenden Ton nach -- ein, zwei
+Sekunden -- unter der Wucht des Nachhalls, der ihnen im Ohr lag -- in
+der Lähmung des Schreckens.
+
+»Durchbruch?« sagte der alte Mann. -- Als Frage klang das in die jetzt
+wieder stumm gewordene, dunkle Nacht hinein.
+
+Und seine Hände auf den Lehnen seines Stuhles zitterten.
+
+Nach dem Schreck kam der erste deutliche Gedanke: Leupold sollte
+hinüberlaufen und fragen. -- Aber er hatte keine Zeit, das zu Worten zu
+formen.
+
+Denn die junge Frau rannte fort -- es trieb sie -- rief sie.
+
+»Klara!« aber der starke Ruf erreichte sie nicht mehr. Ihre weiße
+Gestalt war schon um die Hausecke verschwunden.
+
+Und sie lief, wie sonst Knaben laufen, in rasender Eile, mit langen,
+federnden Schritten.
+
+Sie sah vor sich das Werk -- war nicht alles wie sonst? ... Die vielen
+kleinen Sonnen all der elektrischen Lichter standen als heller Kern in
+ihrer runden Strahlenglorie. Malerisch beschienen wälzte sich der Rauch
+von der Kokerei her langsam in schräger Lage über und durch all das
+Eisengestänge der Drahtseilbahnen und Rohrleitungen, ehe er sich in die
+dunkle Luft hinauf verlor und von der Nacht aufgesogen ward. Als
+hellbeleuchtete Säulen erhoben sich unbeschädigt die Schornsteine. Die
+weit hinausragenden eisernen Linien der Ausladebrücken waren klar zu
+erkennen. Das ungeheure Geschöpf mechanischen Lebens, der Selbstgreifer,
+senkte sich von der ersten Brücke hinab in den Bauch eines Dampfers, um
+ihm Riesenhände voll gepulverter Kohle zu entreißen und oben in die
+Wagen zu entleeren.
+
+Klara umfaßte im Laufen dies ganze, ihr so vertraute Bild von Lichtern
+und Feuerscheinen und überhelltem Gewölk, senkrecht und wagerecht von
+schwarzen Linien und Gebäudesilhouetten durchschnitten. Wie ein Märchen
+aus Tausendundeine Nacht, aber gewaltiger und viel phantastischer, stand
+dies Wunder menschlicher Kraft vor dem schwarzen Himmel, inmitten der
+dunklen Landschaft.
+
+Ein Blick -- in solcher Angst -- erfaßt in Sekundenschnelle viel -- die
+nächste Sekunde änderte das Bild.
+
+War dort nicht die Ordnung und das gewohnte Sichüberschneiden der Linien
+zerstört? Wo war der leiterartige Schrägaufzug, dieser feine,
+durchsichtige Bau von Eisenstäben, zwischen denen sonst die Förderwagen
+gleich kleinen Lasttieren hinaufkrochen, um oben in das Beschickungsloch
+der Hochöfen Erze, Kohlen und Kalkstein zu werfen? Starrten da nicht
+zerbrochene Rippen in die Luft? Aber noch ehe der Blick dies sicher
+erkennen konnte, geschah etwas Neues. -- Dampf quoll auf, weißer,
+dickgeballter Dampf kochte in die Höhe und verhüllte alles.
+
+Schon war die junge Frau am Tor -- von Severinshof strömten Menschen
+heran. -- Die Männer der abgelösten Belegschaft, die der Knall aus ihrer
+Ruhe riß -- verängstete Frauen.
+
+Der Torwächter gebot diesen Frauen ein Halt. -- Aber wie durfte er es
+der Tochter und Gattin der Herren zurufen?
+
+Klara stürzte vorwärts -- sie die einzige Frau unter den Scharen von
+Männern.
+
+Nun sah sie -- da am ersten Hochofen sah sie es -- in kurzen Sekunden,
+wenn der weiße Dampf zischend höher trieb. -- Ergoß sich ein Lavastrom
+aus dem Bauche des Hochofens? Wo kam diese weißglühende, feurige Masse
+her, die alles Wasser, das gleich einem gläsernen, rinnenden Mantel die
+Burg der schmelzenden Erze umgab, zum Verdampfen brachte?
+
+Das flüssige Eisen und die kochende Schlacke hatten ihren Panzer
+durchfressen.
+
+Und indem sie sich, ihren Kerker zersprengend, hinausdrängen wollten,
+machten sie allen Gasen freie Bahn.
+
+Mit einem Donnerknall war die glühende Luft entwichen, indem sie Steine
+und Eisen zerbrach -- und die Masse geschmolzenen Metalls flutete ihr
+nach.
+
+Es war ein ungeheuerliches Bild -- wie dies Gedärm von fließendem Feuer
+nun fast ruhevoll herausquoll und sich über den Unterbau, den Herd
+ergoß.
+
+Und eine unerhörte Aufregung zuckte durch die Menge.
+
+Vor dem Höllenatem der Bruchstelle und ihren Entladungen, vor dem
+weißkochenden Dampf wich alles weit zurück. -- Und doch hieß es
+eingreifen -- größerem Unglück vorbeugen -- von all den maschinellen
+Betrieben des Werkes Störungen abhalten -- die vorbeiziehenden Bahnen
+und Rohre vor der Schmelzglut schützen -- die fließende Lava aufhalten.
+Von der Gießhalle her mußte das Stichloch eingestoßen werden, um den
+Abfluß auf die sandige schiefe Ebene ihres Bodens zu lenken.
+
+Tapfere Männer, Hände und Arme mit nassen Lappen umwunden, von
+Schläuchen mit Wasser begossen, drangen mit der Stoßstange vor --
+berannten das Stichloch -- damit sein Tonverschluß zerbreche.
+
+Einer der Ingenieure, die die Arbeit leiteten, näherte sich Klara. --
+Sie stand, leichenblaß, zitternd, erdrückt von der Majestät der
+Elemente, die sich der Menschenhand entwinden wollten.
+
+»Gnädige Frau,« bat der Ingenieur höflich, und es hieß: »Gehen Sie.«
+
+»Alle fort -- Thürauf -- mein Mann --« stammelte sie.
+
+»Was zu tun ist, geschieht,« sagte er ruhig.
+
+»Nein -- ich bleibe ...« Sie stand ja sicher.
+
+Dampf und Glut umhüllten das Bild und entschleierten es in jähem
+Wechsel, wie Wind, Hitze, Luftwirbel spielten.
+
+Die hellen Töne der Eisenstange, die die Männer gegen das Stichloch
+trieben, klangen durch die Wirrnis.
+
+Da ein Schrei und ein furchtbares Aufheulen.
+
+Im gleichen Augenblick, da das Durchstoßen des Stichloches gelang,
+sackte von oben im Gehäuse des Ofens die ganze Beschickungssäule, diese
+schon halb durchschmolzene Masse von Erzen und Kohlen und Kalkstein
+nach, hinab in den entstandenen Hohlraum, und preßte so auf die
+herausquellenden Massen, daß sich aus dem Stichloch ein Katarakt, ein
+Springquell von fließendem Eisen ergoß und auf den Unterkörper des
+Vordermannes traf.
+
+Das wahnsinnige Aufheulen ließ jeden erbeben, und da war wohl keiner,
+dem nicht ein Frösteln über die Haut lief und ein Gefühl von Übelkeit
+emporstieg.
+
+Auch die junge Frau schrie auf -- sie drängte sich durch die Männer --
+sie lief und lief und merkte kaum, daß ein paar Atemlose mit ihr fast
+Schritt hielten. Zwischen starren Eisenträgern und Mauern vorbei ging
+der Weg -- durch Qualm und gasige Dünste -- und da war das kleine
+Rettungshaus. -- Da war die Tragbahre -- in Glasschränken alles, was
+einem Verunglückten wohltun kann.
+
+Und da war auch schon Doktor Sylvester, der für alle Fälle herbeigeeilt
+kam, als er über den Knall erschrak.
+
+Und zehn Minuten nachher lag auf der Tragbahre, die mitten auf dem
+braunblanken Tonestrich des kleinen Raumes stand, der Mann -- gefallen
+auf dem Felde der Arbeit -- ein stiller Held, der in ruhigem Mut sich
+dahin stellte, wo seine Pflicht ihm das Leben kosten konnte.
+
+Sein Jammern erfüllte die Luft und machte der jungen Frau den Herzschlag
+fliegen.
+
+Sie weinte und wußte nicht einmal, daß ihr die Tränen aus den Augen
+liefen und daß sie sich zuweilen mechanisch mit dem Handrücken
+abwischte, um klarer zu sehen.
+
+Mit raschen, gehorsamen Händen folgte sie den Anweisungen Sylvesters --
+ihr Frauengefühl, die sanfte Sicherheit ihrer Bewegungen waren gute
+Dienerinnen. Und Sylvester, mit dem Schmiß über die Wange bis zum
+Mundwinkel hinein, sah verächtlicher und grollender aus als je -- seine
+Stirn war gefaltet -- seine Finger zart, wie die eines schonenden
+Weibes.
+
+Und sie schnitten dem Verunglückten die Kleider vom Leibe, und von dem
+nackten berußten Körper stieg der furchtbare Geruch verbrannten
+Fleisches auf. --
+
+Dann kniete Klara neben der Bahre -- und als der Arzt begann, mit
+lindernden Mitteln, antiseptischen Watten und schleierdünnen Bandagen
+die Beine und Schenkel zu behandeln, umfaßten die beiden feinen
+Frauenhände manchmal die zwei krampfhaft geballten schwarzen
+Arbeiterfäuste.
+
+Das heisere, brüllende Schreien des Mannes wurde matter -- er mochte die
+Wohltat des Verbandes spüren -- und vielleicht kam die Schwäche -- jene
+Grenze der äußersten Leiden war erreicht, wo die Nerven schon leiseste
+Milderung erlösend empfinden.
+
+Sein Blick -- sein furchtbarer Blick voll Zorn und Wildheit -- in dem
+noch die ungebrochene Wut der Schmerzen loderte, traf den Blick der
+jungen Frau.
+
+Und es war, als sprächen sie zusammen.
+
+Aus den dunklen Augen strahlte ein Mitleiden voll himmlischer Kraft.
+
+Und diese junge, weiße Stirn war von einem ungeheuren Schmerz gefurcht.
+
+Tief neigte sie sich zu ihm herab -- als wolle sie ihre Seele der seinen
+nahe bringen.
+
+Und ihre Seele wollte der seinen viel sagen.
+
+Aber nicht einmal ihre Gedanken konnten sich zu Worten fassen -- in dem
+Übermaß der durcheinanderflutenden Gefühle tauchten, gleich
+Bruchstücken, einzelne, deutlichere Empfindungen auf ...
+
+»Ich leide mit dir -- sieh -- ich hab' mich niemals über dich erhoben --
+hab' nie hochgemut den Reichtum genossen -- ich bin ein einfacher Mensch
+wie du -- deine Schwester -- verzeih mir -- verzeih Gott -- verzeih dem
+Leben -- verzeih, daß du leidest -- du sollst keine Sorgen haben -- sei
+tapfer -- bleib mutig --«
+
+So stammelte ihr Denken. -- Und sie hob mit aller Kraft ihre gefalteten
+Hände zum Arzt empor -- ohne Worte flehte, fragte sie: er wird leben?
+
+Und Sylvester verstand diese stumme, glühende Frage.
+
+Er sprach fest: »Ich hoffe.«
+
+Und sein Blick glitt ab, nicht weil er log -- sondern weil die Inbrunst
+in diesen Augen, weil das heilige Mitleiden auf diesem Angesicht seine
+männliche Fassung fast zerbrach.
+
+Und wieder neigte Klara sich über dieses düstere, halbzerstörte,
+ächzende Geschöpf. Mit leisen, liebevollsten Händen streichelte sie
+seine Schläfen -- strich ihm das nasse Haar aus der Stirn.
+
+Und wieder sprachen ihre Blicke zueinander -- in schrecklicher Klage und
+in innigem Trost.
+
+Da bückte sich die junge Frau noch tiefer und küßte die berußte, von
+wilden Schmerzen verzerrte Stirn.
+
+ * * * * *
+
+Am anderen Ufer, in der friedlichen kleinen Stadt, saßen der Hauptmann
+von Likowski und sein Oberleutnant und Freund, der Freiherr von Marning,
+noch spät zusammen. Die Fenster waren geöffnet, und der schwebende Rauch
+aus des Hauptmanns Zigarren zog um die Lampe und dann in feinen Streifen
+hinaus ins Dunkel der Nacht.
+
+Marning hatte das schlichte Abendbrot des älteren Kameraden geteilt.
+Dann saßen sie und nahmen eine strategische Aufgabe durch, die Likowski
+sich ausgedacht hatte. In der lebhaftesten Meinungsverschiedenheit
+stritten sie hin und her. Aber nun war es für heute genug. Morgen früh
+vier Uhr begann eine große Marschübung. -- Also: gute Nacht --
+
+»Ich danke Ihnen, daß ich heute abend bei Ihnen sein konnte,« sagte
+Marning, während er seinen Säbel umschnallte.
+
+»Na ja, und ich dank' Ihnen, daß Sie sich bei mir einluden. Sagen Sie
+mal, Marning, was ist das, daß wir uns um Vorwände bemühen, Herrn
+Wynfried Severins Aufforderungen auszuweichen? Und obenein mit
+Zurhilfenahme von Verschleierungen und Vorspiegelungen. Er muß meinen,
+nach der Art unserer Absage, daß bei mir 'n großer Kommispekko für
+Unbeweibte stattfindet. Und wir haben bloß friedlich zu zweien
+fachgesimpelt -- leider Gottes tun wir ja immer nur was Friedliches.«
+
+»Ich weiß auch nicht, was es ist,« sprach Marning.
+
+»Schade! Ist ja übrigens nicht auf unserer Höhe! Nach Vorgefühlen gehen!
+Denn was anderes als dies unbestimmte 'Wir mögen ihn nu mal nich' können
+wir doch nich vorbringen. Er ist ein liebenswürdiger Wirt. Er soll sich
+zum fixen Geschäftsmann entwickeln. Wir sehen ihn nur in ritterlicher
+Art mit Vater und Frau verkehren. Daß er acht Jahre lang 'n Lebejüngling
+war -- nu -- über so was wächst ja Gras -- -- Und dennoch: nee -- ich
+kann nu mal kein Herz zu ihm fassen -- ich trau' ihm nich -- -- Er ist
+mir auch zu schön.«
+
+Marning hätte kaum etwas antworten mögen und können. -- Und ihm wurde
+auch jede Antwort abgeschnitten. -- Ein Knall -- dunkel und groß -- von
+dem Nachklang krachender Geräusche begleitet, zerriß die Nachtluft in
+Stücke.
+
+Sie sahen sich an -- erschreckt nachhorchend -- ein paar Augenblicke.
+
+Was war das? Wo war das gewesen? In der Stuhrschen Fabrik? In welcher
+anderen der vielen industriellen Anlagen hüben und drüben am Fluß? Oder
+gar auf »Severin Lohmann«?
+
+Likowski riß die Tür zu seinem nach hinten hinaus gelegenen Schlafzimmer
+auf und stürzte ans Fenster. Von dort, über das Stalldach hinweg, konnte
+er das Hochofenwerk sehen. Stand es nicht wie immer, lichtumstrahlt, von
+beschienenem Gewölk umzogen, als helldunkles Bild wunderbar vor dem
+schwarzen Nachthimmel?
+
+Nein, nicht wie immer -- da stiegen weiße Wolken -- kochte Dampf auf.
+
+»Ein Unglück. Rasch, Marning -- den zweiten Zug alarmieren -- der
+dritte soll sich bereit halten ...«
+
+Der Ruf: »Vollert -- Vollert!« donnerte durch das Haus. Der Bursche
+polterte aber schon gerade die Holztreppe von seiner Dachkammer herab.
+
+Sie griffen nach ihren Mützen und liefen.
+
+Unten streckte sich ein altes, graues Frauenköpfchen aus der Türspalte,
+und man sah eine weißbekleidete Schulter.
+
+Aber da war nun keine Zeit zu neugierigen und erörternden Gesprächen.
+
+»Ich glaube nicht,« sagte Marning im Laufen, »daß sie uns drüben
+brauchen. -- Die abgelöste Belegschaft tritt ja ein -- wenn wirklich was
+los ist -- aber immerzu --«
+
+»Nun -- anbieten müssen wir's --«
+
+Sie rannten fast Hornmarck um, den der Knall vom Schreibtisch
+aufgeschreckt hatte, wo er seine Gefühlszweifel in Verse goß und sich
+mit Edith und Finchen in leidenschaftlichen Strophen auseinandersetzte.
+
+»Sie -- Hornmarck -- den zweiten Zug alarmieren -- der dritte soll sich
+bereit halten. -- Laufschritt zur Fähre -- drüben ebenso nach 'Severin
+Lohmann' -- immer zwei Gruppen auf einmal übersetzen lassen. -- Die
+beiden Mann der letzten Rotte hüben und drüben postieren -- zum
+Nachrichtendienst. -- -- Wir laufen voraus ...«
+
+Likowski und Marning eilten die schräge Straße hinab, die zur Fähre
+führte. Das Leben, das schon schlafen gegangen war, erwachte wieder.
+Einzelne Männer erschienen in den Türen. Aber sie sagten, es sei wohl
+nichts Besonderes. Da war auch der Fährmann, in Pantoffeln und nur in
+Hosen und dem blauen Hemd.
+
+Aber da half ihm nun nichts: Likowski hätte ihn mitgeschleppt, wäre er
+selbst noch kümmerlicher bekleidet gewesen. Und Sörensens mürrischer
+Einwand: »Herrjes -- in Büxen?« half ihm nicht.
+
+»Wat -- Büxen! Is ja Sommertid -- man to -- man to!«
+
+Sie standen voll Ungeduld im großen, schweren Kahn, während die eiserne
+Kette klirrte. Nun warf Sörensen sie hinein, daß es krachte, und fuhr
+los.
+
+Über den Fluß, der von schwarzblanker Tinte schien, schaukelten sie. Der
+dunkle Himmel der Sommernacht spannte sich in unermeßlicher Weite. Alle
+Ferne war in Finsternis versunken. Aber die Nähe zeigte ihr Bild in
+großen Zügen. Das Lichtgeflimmer des Hochofenwerks spiegelte sich in der
+Flut; vor dem mächtigen Hintergrund quoll weißer Dampf in die Höhe.
+
+Sie schwiegen.
+
+Nun waren sie drüben. Sie hatten schon während der Überfahrt gesehen:
+weder die »Klara« noch das Motorboot lagen an ihren Bojen. Also das
+junge Paar war von der Segelpartie noch nicht zurück.
+
+»Gottlob!« dachte Stephan. -- So brauchte er der Einen nicht zu
+begegnen, die er mied, wenn er es ohne Aufsehen konnte.
+
+Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. In den Hainbuchenhecken, die
+die Treppe begleiteten, raschelte ein wenig Wind. Da, vor ihnen, lag nun
+das Herrenhaus. Ganz wenig Fenster zeigten sich erhellt. Vorbei -- im
+Laufschritt. -- Aber wie denn? Vor dem Gitter, das Park und Vorgarten
+von der Straße schied, stand der Fahrstuhl. Der alte Herr saß darin --
+neben ihm stand Leupold Wache.
+
+»Herr Geheimrat!« rief Likowski perplex.
+
+Das mächtige Haupt mit den blitzenden Augen wandte sich um und ihm zu.
+Er hatte in die Richtung gestarrt, wo der Palisadenzaun um »Severin
+Lohmann« begann.
+
+»Ja,« sagte er vor Zorn fast heiser, »angebunden. -- Und dieser Kerl
+weigert sich, mich hinzufahren! -- Mich zu verlassen! Mir meine Tochter
+zu holen -- und das Schaf -- der Georg, der findet sie nicht -- --«
+
+Leupold nahm den »Kerl« nicht übel. Er sagte nur kurz: »Wie kann und
+darf ich Herrn Geheimrat verlassen?«
+
+»Ihre Tochter?« fragte Likowski. »Nicht mitgesegelt?!«
+
+»Sie ist drüben -- Georg läuft her und hin und kann sie nicht finden --«
+
+»Was ist los? -- Der zweite Zug meiner Kompanie kann bald zur Hilfe hier
+sein. -- Soldaten können Sie haben, so viel da sind ...«
+
+»Oh -- unnötig!« wehrte der Geheimrat ab. »Ihre Soldaten können uns
+nichts nutzen -- danke -- danke -- was los ist? Durchbruch! Ein Mann
+verunglückt. -- Und Schaden -- schwerer Schaden -- Produktionsminderung
+auf zwei, drei Wochen -- ich weiß noch nichts Genaues.«
+
+Er sah den atemlosen Georg heranrasen -- zum drittenmal.
+
+»Welche sagen, die gnädige Frau sei bei dem Verunglückten -- da darf ich
+nicht 'rein.«
+
+»Marning,« flehte der alte Herr, »holen Sie mir meine Tochter ...«
+
+Stephan salutierte gehorsam. -- Er konnte nichts sagen. Er ging.
+
+Likowski kam sich ein wenig blamiert vor. Tatkräftig hatte er Retter und
+Helfer aufgeboten, und nun waren sie nicht einmal gewünscht.
+
+»Darf ich sofort telephonieren? Hornmarck rückt sonst mit den Leuten an
+-- vielleicht halt' ich sie noch auf --«
+
+Der Geheimrat nickte, sah aber dem davonschreitenden Marning nach,
+während der Hauptmann, diensteifrig und strahlend von Georg, seinem
+früheren Burschen, gefolgt, ins Haus ging.
+
+Stephan kam an das große Eingangstor, darüber auf breitem Blechband in
+schwarzen Buchstaben der wuchtige Name stand.
+
+Er kannte hier alles genau -- oft und oft war er hier umhergegangen --
+allein -- mit dem Generaldirektor -- mit einem der Ingenieure oder der
+Chemiker. Sein Interesse war unersättlich, sein Verständnis ein so
+rasches, als habe seine ganze Intelligenz sich von jeher darauf
+vorbereitet, diesen Stoff aufzunehmen. Wie es vielleicht immer ist, wenn
+Menschen von ihren überkommenen Bahnen aus plötzlich den Blick gewinnen
+auf ein Gebiet, dahin sie sich berufen gefühlt haben würden, wenn sie es
+gekannt hätten.
+
+Heute aber war das Bild doch verändert. Nicht all der zischende
+Wasserdampf zog gleich frei hinauf zur Höhe -- viel von diesem weißen
+Gewölk schlich sich um die Eisenträger, unter den Bahnen und Rohren,
+zwischen den Bauten hin. Der starke Feuerschein, vom beschädigten Ofen
+her, glänzte unheimlich über das Gelände hin.
+
+Er wußte auch, wo die Rettungsstation war. Wenn die junge Frau dem
+Verunglückten beistand, mußte sie dort sein.
+
+Vor der Tür traf er vier Männer. Sie warteten in bedrücktem Schweigen,
+mit finsteren Mienen. Das Mitleid fraß an ihnen und das Bewußtsein von
+der Bedrohlichkeit ihrer Arbeit.
+
+»Wir sollen ihn 'rüber bringen,« sagten sie.
+
+In der Kolonie Severinshof gab es doch das kleine Krankenhaus mit den
+vollkommenen Einrichtungen.
+
+Stephan zauderte -- durfte er eintreten? Er fühlte: ja! Nicht nur, weil
+die Bitte des alten Herrn ihn trieb. Er war Offizier. Es lag ihm im
+Blute, sich nach einem Gefallenen liebevoll umzutun.
+
+Er öffnete die Tür.
+
+Und er und die finster wartenden Männer sahen es alle: -- Da drinnen
+kniete eine junge Frau und küßte die berußte, schmerzverzerrte Stirn des
+Verunglückten. -- --
+
+»So,« sagte Doktor Sylvester, »nu faßt an -- aber leise, -- leise --
+schwebt sozusagen -- geht auf Eiern. -- Schwester Ludmilla hat schon
+telephoniert -- alles bereit drüben.«
+
+Der Verunglückte schloß die Augen, sein Wimmern zitterte zwischen
+zusammengebissenen Zähnen hervor ...
+
+Und wie die vier schwer tragenden Männer mit ihrer düsteren Last
+davonschritten, stand Klara und lehnte ihre Stirn gegen die
+zusammengepreßten Hände an der hellen Wand.
+
+Draußen packte Doktor Sylvester, ehe er der Tragbahre folgte, den Arm
+Stephans.
+
+Er raunte: »Ich will Ihnen mal was sagen -- es gibt noch edle Frauen! --
+Und den Mann mach' ich gesund -- wenn Gott uns nich ganz verläßt -- dem
+Tode aus 'm Rachen reiß' ich ihn. -- Ja ...«
+
+Stephan trat über die Schwelle. Gefaßt und erhoben.
+
+»Edle Frau,« dachte er -- »edle Frau --«
+
+Sie hörte ein Geräusch -- sie hatte gedacht, sie sei nun allein. -- Sie
+brauchte ein paar Minuten der Sammlung. Der Schreck, das Entsetzen --
+das Geheul des armen Menschen -- und der betäubende Geruch -- Jodoform
+-- verbranntes Fleisch -- furchtbar! -- Sie war wie benommen. -- Von der
+Nähe des Mannes hatte sie keine Ahnung. -- Nun schreckte ein Schritt sie
+auf, der hinter ihr anhielt. Sie löste sich von der Wand, an der sie
+Halt gesucht. Sie wandte sich um, in einer müden Bewegung.
+
+Und erschrak -- und erglühte. --
+
+Sie starrten einander an. -- Auch er von ihrem Schreck ergriffen. -- --
+
+Sie faßten sich ... Mit all ihrer Kraft.
+
+»Gnädige Frau,« sprach er sehr förmlich, »Ihr Herr Schwiegervater
+beauftragt mich, Sie heimzugeleiten.«
+
+»Danke,« sagte sie mit kaum hörbarer Stimme -- wie eine Zerstreute war
+sie, die nicht recht bei ihren Worten ist; »danke -- ja -- Vater --«
+
+»Er war in großer Angst um Sie.«
+
+»O -- keine Ursache -- gar keine ...«
+
+Sie ging auf die Tür zu. Hielt sich am Pfosten. Raffte sich abermals auf
+und schritt hinaus. -- Er folgte ihr. -- Draußen waren ein paar Leute --
+sie wichen ehrerbietig zurück.
+
+Und wie sie so dahinging, mit unsicheren Füßen, schwankend, im
+beschmutzten weißen Kleid, an dem kein Schmuck, kein Zierat auffiel --
+das Haar zerzaust -- das Gesicht bleich, von der Erregung mit scharfen
+Linien durchzeichnet -- da hätte man sie wohl eher für das Weib des
+Verunglückten halten können als für die Herrin dieses Werkes.
+
+Und die von den Arbeitern, die sie sahen, fühlten es: der Schlag, der
+einen von den Ihren hingestreckt, der hatte auch diese junge Frau
+mitbetroffen.
+
+Und deshalb sahen sie sie mit tiefen Blicken an ...
+
+»Ich darf Ihnen meinen Arm geben,« sprach er. »Sie können ja kaum ...«
+
+»Eine Minute ...« flüsterte Klara.
+
+Nein, so nicht vor den Vater treten -- er würde sich entsetzen. --
+Fassung -- Haltung ...
+
+»Eine Minute,« sagte sie noch einmal.
+
+Und an seinem Arm ging sie ein paar Schritte in den Knickweg hinein, der
+auf die Straße mündete. --
+
+Da, zwischen den ragenden Wänden der hohen Büsche, die ineinander
+verflochten, vom Gerank des Caprifoliums durchwirkt, auf den Erdwällen
+sich hinzogen -- da war Ruhe. -- Die Sommernacht wohnte hier -- und die
+schwarzblaue Höhe droben über allem Irdischen tröstete. -- Vom Werk her
+kam ein blasser Schein. -- Sie konnten einander deutlich erkennen --
+jeden Zug der Angesichter.
+
+Sie strich sich über die Augen -- mit schwerer Hand.
+
+Dann hob sie den Blick zu ihm ... Sie sahen sich an -- lange.
+
+Und langsam kam das Entsetzen über sie.
+
+»Nein ...« stammelte das junge Weib -- »nein ... nein!«
+
+Und sie streckte ihre Hand abwehrend gegen ihn aus ...
+
+Nicht wissen, was in der eigenen Seele gleich wahnwitzigem Glück, gleich
+rasender Verzweiflung aufging. -- Nicht wissen, nicht hören, was die
+seine betäubte ...
+
+Stark daran vorüber! --
+
+»Eine Frage,« sprach er leise -- kaum seiner Stimme mächtig -- »eine
+Frage! -- Ich gehe von hier -- sobald ich kann -- aber eine Wahrheit muß
+ich hören! -- Sagen Sie es mir -- geben Sie mir dies Wissen mit ...
+Warum haben Sie ihn geheiratet --«
+
+Und sie fühlte: er war der einzige Mensch auf der Welt, der diese Frage
+an sie stellen durfte -- er der einzige, dem sie Antwort geben mußte.
+
+Sie faßte sich.
+
+»Aus Dankbarkeit!« sprach sie klar. »Nicht weil der reiche Mann mir zehn
+Jahre lang Unterhalt und Bildung gab. -- Nein. -- Er hat mehr an uns
+getan. -- Er hat meine Mutter geliebt -- und vor ihrer Würde seine
+Leidenschaft bezwungen -- mein Vater hat sein Vertrauen verraten -- ihn
+um Hunderttausende geschädigt -- sich erschossen. -- Und er hat den
+Schimpf vom Grabe meines Vaters und die Schande vom Leben meiner Mutter
+ferngehalten ... Deshalb bin ich seines Sohnes Frau geworden ...«
+
+Er hörte -- und über sein bleiches Gesicht ging eine tiefe Bewegung.
+
+»Edle Frau!« sagten seine Gedanken wieder, »edle Frau --« ein
+halbbewußtes Echo der Worte, die ein anderer gesprochen. -- --
+
+Nun konnte er gehen -- hinaus in ein einsames Mannesleben voll
+Entsagungen.
+
+Aber er nahm ein reines Bild mit.
+
+Dennoch -- er war ein Mensch -- ein junger Mann -- und die starke Liebe,
+die sein Herz erschütterte, rang um ein wenig Hoffnung ...
+
+»Ehen lassen sich lösen --«
+
+Vom Werk her kamen die tausend Stimmen der Arbeit. Sie vermengten sich
+zu einem dumpfen Getön -- gedämpft, zuweilen fast sanft.
+
+Die junge Frau horchte -- hob ein wenig ihr Haupt -- als wolle sie mit
+allen Sinnen diesen Klang aufnehmen. War es nicht, als sei es eigentlich
+die Stimme des alten Mannes, der sie liebte und ihr vertraute? Redete er
+ihr raunend zu: »Verlaß uns nicht mit deinem Herzen! Nicht mich, der
+dies Werk schuf, nicht deinen Sohn, der es einmal lenken soll« --?
+Zitterte in den brausenden Dämpfen ein Ruf mit, der an ihren Mut erging?
+Klang in all dem Krachen und Stoßen und Rasseln, das vereint und
+gemildert herüberkam, nicht ein stolzer Rhythmus? Umschmeichelte es sie
+nicht wie ein tröstliches Lied?
+
+Sie erbebte. Und ihre Seele sagte den mahnenden Stimmen: ich höre -- ich
+höre ...
+
+Da sie schwieg, sprach er es noch einmal aus: »Ehen lassen sich
+lösen --«
+
+»Die meine nicht und nie!« sprach Klara. -- Und ihre Fassung wollte
+zerbrechen ...
+
+»Ich wußte, was ich tat. -- Liebe vielleicht kann enden. -- Aber Pflicht
+nie -- wenn sie allein der Inhalt einer Ehe war und ist -- und -- immer
+sein wird. -- Und ich will eher sterben, als daß ich meinen Vater
+verließe und mein Kind ...«
+
+Sie schluchzte auf ... Sie streckte ihm die Hand hin. --
+
+Er begriff, es hieß: Lebewohl!
+
+Er nahm die Hand und hielt sie lange.
+
+So standen sie im Helldunkel der Sommernacht.
+
+Und sie gaben einander durch diesen festen Händedruck den Mut und die
+Würde, in Reinheit zu entsagen.
+
+Dann löste sie ihre Hand aus der seinen -- schonend -- leise.
+
+Und er ging. -- --
+
+Einige Minuten später schritt Klara mit müden Füßen langsam die Straße
+dahin, zurück nach dem Hause.
+
+Der Hauptmann von Likowski begegnete ihr. Er war erstaunt.
+
+»Da schickt der Herr den Jochen hin,« zitierte er. »Wo ist der Marning,
+der Sie suchen soll? Und hier bin ich, der Sie und Marning holen soll.
+Der alte Herr is was nervös -- o jeh. -- Na und Sie, Frau Klara ...«
+
+Er griff zu. Ihm schien denn doch, als sei sie zu unsicher auf den Füßen
+und gleiche einer Nachtwandlerin.
+
+In seiner väterlichen Art legte er einfach ihren Arm in den seinen ...
+Sie konnte nur schweigen. --
+
+»Wir haben den alten Herrn ins Haus gekriegt -- ich hab' einfach selbst
+den Stuhl geschoben. -- Na, wenn er Sie nur erst mit heilen Gliedmaßen
+wiedersieht --«
+
+Ja, da war er dann auch ruhig -- er streichelte Klaras Hand und sah sie
+an und fand ihr Gesicht blaß und scharf. -- Aber er schalt nicht. -- Er
+dachte sich wohl, was ihr Gemüt erschüttert hatte. -- Auch ihm, dem
+Manne, erbebte das Herz, wenn ein Arbeiter erschlagen ward von der
+Riesenfaust des Eisens und des Feuers.
+
+»Mein Kind!« sagte er nur zärtlich, »mein Kind!«
+
+Und dann fragte er noch: »Wird er leben bleiben?«
+
+»Sylvester hofft es.«
+
+»Ist es ein Verheirateter von Severinshof?«
+
+Klara wußte es nicht.
+
+Da mischte sich Leupold ein, der mit den Händen am Griff des Fahrstuhls
+bereit stand, um seinen Herrn in den Lift zu schieben.
+
+»Nein. Georg hat gehört, er heißt Judereit und sei ein wilder Kerl --«
+
+»Möchte er gerettet werden,« sprach der alte Herr leise vor sich hin.
+
+Aber nun wollte er zur Ruhe. -- Was? Gerade schlug die Uhr auf der
+Diele. -- Einen Schlag? Dunkel und volltönig? Halb eins! Wo blieb nur
+Wynfried?
+
+Likowski verabschiedete sich. Und er sagte, er müsse doch zunächst noch
+seinen verlorengegangenen Oberleutnant aufgabeln. Und wettete, daß der,
+wieder vom Werk hypnotisiert, sich nicht trennen könne. --
+
+Wie sehnte die junge Frau sich nach Einsamkeit.
+
+Und ganz merkwürdig ging es ihr kurz durch die Gedanken -- wie ein
+Erstaunen: ich bin ja nie allein. -- Ihr Eigenleben war wie erdrückt und
+verdrängt von dem Leben um sie herum ...
+
+»Gute Nacht, Vater!«
+
+Sie neigte sich zu ihm und küßte seine Stirn, wie jeden Abend.
+
+In ihrem Zimmer hatte sie noch nicht begonnen, ihr Haar zu lösen, als
+es klopfte -- sie erschrak. -- Warum? Ihr Mann mußte doch endlich
+heimkommen.
+
+»Darf ich dir noch Gute Nacht sagen, Klara?«
+
+Und er trat ein.
+
+»Agathe läßt dich vielmals grüßen. Es hat ihr sehr leid getan, daß du
+nicht mit kamst. Die Fahrt war herrlich. Nur zuletzt starke Flaute. So
+wurde es spät,« sprach er.
+
+»Wie gut, daß ich hier blieb. Weißt du denn nicht ...?«
+
+Sie beschäftigte sich vertieft mit einer Schatulle, die auf ihrer
+Kommode stand.
+
+»Fatal. Ja. Wir hörten schon in Travemünde von einem Malheur. --
+Durchbruch -- na ja -- ziemlich aufregende Geschichte. -- Und in diesem
+Moment Produktionsverminderung, wo wir gerade mit Direktor Malzan morgen
+Lieferungen abzuschließen hofften --«
+
+Wie merkwürdig -- das Leben mit all seinem tausendfältigen Inhalt ging
+weiter -- wie jeden Tag. -- War es denn nicht ein neues und von Grund
+aus erschüttertes geworden, seit jenem letzten Blick und Händedruck?
+
+Wynfried war unruhig -- anders als sonst. Sie begann es zu spüren. Seine
+Worte liefen so -- als flöhen sie am liebsten schnell an dem Schrecken
+der Dinge vorbei. Wie begreiflich war es ihr! Ein Menschenleben durch
+den Dienst auf dem Werk gefährdet. -- Aber wie sonderbar -- er wußte es
+doch wohl nicht -- er sprach so unnötig lang und breit von dem Schaden,
+den sie hatten -- erwog Zahlen -- ging auf und ab in seinem weißseidenen
+Sportkostüm, daran nichts farbig war als der schwarz-weiß-rote Schlips
+des Kaiserlichen Jachtklubs.
+
+»Es ist ein Mann sehr schwer verunglückt,« sagte sie und schloß den
+Deckel der Schatulle, darin sie nichts gesucht hatte, »das weißt du wohl
+noch nicht.«
+
+»Doch, doch,« sprach er, »aber es ist zum Glück keiner vom alten Stamm
+-- bloß Judereit -- ein Wasserpolack -- kenn' den Kerl zufällig -- war
+neulich dabei, als er von Thürauf in Person verdonnert wurde -- war in
+wahnsinniger Verliebtheit zu dreist gegen ein Mädel von Severinshof
+geworden. -- Der Vater hatte sich beschwert. -- Der Judereit wollt' sie
+zum Weib -- sie will aber nicht. -- Ja, die Leute haben auch ihre
+Romane.«
+
+»So leidet er tausendfach,« sprach sie.
+
+»Na nu -- so schroff?«
+
+»Verzeih. Ich bin zum Umfallen müde. -- Und es war so aufregend ...«
+
+»Also denn gute Nacht.«
+
+Und er küßte ihr die Hand -- sehr ritterlich -- mit Allüren, als sei
+hier ein Salon, in dem sich eine feierliche Gesellschaft dränge. --
+
+Als die junge Frau sich endlich in ihrem Bett ausstrecken konnte, war es
+ihr wie eine Beglückung.
+
+Allein -- feierliches Dunkel -- kühles Leinen um die erschöpften
+Glieder.
+
+Das tat wohl.
+
+Und denken können -- denken! ...
+
+Aber ihre Gedanken zerrannen. -- In eherner Gewißheit stand ihr
+Schicksal vor ihr.
+
+Aber sie fühlte: es war nicht klein!
+
+Ihr Dasein hingebend, hatte sie große Dankesschuld abtragen dürfen: Der
+herrliche Mann, nun ihr Vater, war beglückt -- durch sie, durch seinen
+Enkel.
+
+Dies Bewußtsein gab Halt und Frieden.
+
+Ihrer Ehe fehlte die Liebe. Aber der Bund war ja nicht aus Liebe
+geschlossen. -- Sein Inhalt hieß: sittliche Pflichten, Wahrhaftigkeit
+-- Treue -- dieser Inhalt war _unumstößlich_! -- Die Gründe, um
+derenwillen sie sich mit Wynfried verbunden, bestanden fort.
+
+Sie dachte an den anderen Mann.
+
+Nun wußte sie es. -- Sie hatte ihn immer geliebt. -- Von jenem ersten
+Tage an, da sie im Regen und Sturm zusammen übers Wasser fuhren.
+
+All diese dumpfe Bedrängnis ihres Herzens, all diese geheime Angst -- es
+war die Furcht vor dieser Liebe gewesen.
+
+Einen Augenblick wünschte sie: hätte ich nie begriffen --!
+
+Aber nein -- nein -- lieber leiden und kämpfen, als auf dies Wissen
+verzichten.
+
+Sie sah ihn wieder vor sich, im Helldunkel der Sommernacht.
+
+Nur seine Augen hatten gesprochen.
+
+Und wie ihm seine Ehre und die ihre heilig war! -- Sie fühlte es in
+beseligender Erschütterung.
+
+Ihr Herz war erhoben in Dank und Glück.
+
+Wie deutlich erlebte ihr Gedächtnis noch einmal das erste Begegnen.
+
+Da fiel ihr etwas ein. -- Sie drehte das Licht auf. -- Sie glitt aus
+ihrem Bette. -- Hinten, tief im Schubfach ihrer Kommode gab es ein
+weißes Paketchen -- es umschloß eine blaue Mütze und eine beschriebene
+Karte. -- Klara wußte nun, weshalb sie diese kleinen, geringen Dinge
+aufgehoben hatte. -- Und weil sie es wußte, durfte sie sie nicht
+behalten.
+
+Sie holte sie hervor -- sie ging an den Kamin und knüllte Papier und die
+Wollhäkelei zusammen und warf sie auf den Rost -- ganz hinten an die
+Rückwand des Feuerloches.
+
+Da war auch noch die Karte -- sein Name -- wenige, förmliche Zeilen von
+seiner Hand.
+
+Klara sah lange diesen teuren Namen an -- las ihn -- als enthielten
+diese Buchstaben die Geschichte seines Lebens, ihres Lebens und -- ihrer
+Liebe.
+
+Sie hob das Kärtchen -- zauderte ein wenig -- und leise, leise hauchte
+sie einen Kuß auf die Schrift.
+
+Und zerriß das kleine Blatt --
+
+Und gleich darauf loderte in der Tiefe des Kamins ein kurzes Feuer auf.
+
+»Lebewohl!« dachte sie, »lebewohl!«
+
+Wieder war Dunkelheit um sie. Und sie weinte in ihr Kissen hinein. --
+Weinte um einen ihr Toten, der ihr nicht gelebt hatte; um einen ihr
+Verlorenen, der ihr nie gehört.
+
+Aber dennoch war sie zugleich erfüllt von einem tröstlichen Wissen.
+
+Auch ein Schmerz, wenn keine Schuld ihn belastet, kann ein Glück sein.
+
+
+
+
+9
+
+
+Der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur Führung beigegeben war,
+hatte in sehr dringlichen Familienangelegenheiten zu ungewöhnlicher Zeit
+kurzen Urlaub erbitten müssen, und nun stand dem Hauptmann von Likowski
+als dem Rangältesten die Herrschaft zu über dies Bruchstückchen der
+gewaltigen Armee.
+
+Es war Montag, und von Travemünde aus hatten die Jachten ihre Wettfahrt
+nach Warnemünde angetreten. Hafen und Meeresbucht lagen verlassen. Das
+rauschende Leben vom Sonntag, wo ein internationales Publikum sich in
+Travemünde gedrängt, schien verhallt. Auch Likowski hatte mit einem
+Kreis von Bekannten teilgenommen; nach einem am Strande und bei der
+Kurmusik verbummelten Nachmittag war auf der Kurhausterrasse ausführlich
+soupiert und getrunken worden. Lübecker Rotwein. Famos! Aber zwei Sorten
+Sekt -- deutschen und französischen. Vom Übel! Denn das konnte Likowski
+merkwürdigerweise nie vertragen. Seine Magennerven wollten: entweder,
+oder!
+
+Erst auf dem Marsch zur Felddienstübung wurde ihm wieder lichtvoller
+unterm Schädel.
+
+Ein Gewitter war gegen Morgen am Himmel entlang gezogen. Aber das kam
+noch wieder. »Datt kann nich öber Water,« sagte der Fährmann Sörensen.
+Nach Westen nicht über die Nordsee und nach Osten nicht über die
+Ostsee. Sörensen stellte es sich so vor, als irre Gewittergewölk
+pendelnd über Holstein zwischen zwei Meeren so lange hin und her, bis es
+sich irgendwie zur Höhe verkrümelte. Jedenfalls: Kühlung war nicht
+eingetreten.
+
+Schwer troffen Busch und Gräser von Perlen in kristallenem Glanz. Auf
+der Landstraße war jede flache Furche ein Kanälchen, jede kleine
+Vertiefung eine Lache geworden. Von kräuterigen und moosigen Dünsten war
+die feuchte Luft gesättigt, und im gebadeten Wald schien sie unbeweglich
+zu stehen. Am blauen Himmel trieben da und dort träge und trächtig dicke
+Wolken einher -- weiß und grau. --
+
+»Helm ab!« wurde kommandiert, als die Soldaten unter den Wipfeln der
+Hohenmeiler Tannen hinstapften. Sie sangen. Munter klang das Marschlied.
+-- Nun lag die Felddienstübung schon hinter ihnen. Ehe die ermüdende
+Luft von der Mittagsonne durchschwelt wurde, würde man unter Dach und
+Fach sein.
+
+Likowski, in Generalfeldmarschallhaltung, ritt gelassen vorne. Neben ihm
+der Oberleutnant, der heute auf dem Heimweg auch beritten war. Denn
+Likowski wollte seinen zweiten Gaul, eine Neuerwerbung, gern beobachten.
+Es war ein Stichelrappe, und er schien schon durch diese seine
+Eigenschaft durchaus unkleidsam für einen Kompaniechef. Bei den
+sonstigen vorzüglichen Qualitäten des Pferdes wollte nun Likowski einmal
+sehen, wie er wirke, ob es gehe, ob er ihn lieber gleich weiterverkaufen
+müsse.
+
+Leutnant Hornmarck marschierte, den Säbel in der mit braunen
+Glacéhandschuhen bekleideten Hand, neben der Kompanie. Mechanisch --
+denn nun, da die Übung vorbei war, kamen seine geheimen Liebessorgen auf
+das dringlichste zurück. Und diese entnervende Gewitterluft im
+verregneten Wald machte es ihm zur Gewißheit, daß er an seiner
+Doppelliebe scheitern und weder Edith noch Finchen erringen werde! Aber
+das Drama würde durch höhere Gewalt bald ein Ende finden! Es gab Krieg!
+Diesmal sagte es nicht nur der Hauptmann, sondern ganz Deutschland
+fürchtete es. -- Er hoffte dann wenigstens das eine, daß beide Mädchen
+zusammen um ihn weinen und sich im Andenken an seinen Heldentod
+versöhnen würden. --
+
+»Ja,« sprach Likowski zu dem neben ihm Reitenden, »selbst der Geheimrat
+sagt, es wäre für die Industrie und den Handel zwar furchtbar -- aber
+der ewige Druck wär' auch schädigend. -- Und dann besser endlich mal die
+Entscheidung. Nun, wir sind bereit! Wie der Kaiser befiehlt und das Volk
+will! Ich sage nicht: Siegen oder sterben. Ich sag' nur: Siegen! Merken
+Sie wohl, wie mit einem Male das Volk sich wieder näher an uns 'ran
+fühlt? Wie es uns interessierter nachsieht? Wie alles vibriert? Man
+spürt's an dem Landvolk hier herum. -- Gestern in der Menge war's zu
+merken. -- Auf den Dampfern sind die Leute wie toll gewesen. --
+'Deutschland, Deutschland über alles' haben sie gesungen, als die
+Schiffe um die 'Hohenzollern' kreisten. -- Ein Jubel zum Kaiser empor!
+Er soll ganz erschüttert und blaß gewesen sein.«
+
+»Es ist wohl kein Zweifel mehr,« gab Marning zu.
+
+»Daß wir es nun endlich erleben!« sagte der Hauptmann bewegt. »Seit ich
+denken kann, hab' ich davon geträumt. -- Meine Mutter hat mir's, ihrem
+Jüngsten, eingeimpft: 'Werde ein Held! Deines Vaters, meiner Ahnen
+würdig'. -- Mein Vater hatte das Eiserne erster -- starb an den Folgen
+seiner Verwundung -- hat aber doch noch nach dem Kriege, trotz Schmerzen
+und Beschwerden, zehn Jahr weiter dienen können. -- Dann ging's nicht
+mehr, und er siechte langsam hin. -- Meine Mutter hat ihren Vater und
+drei ältere Brüder verloren Siebzig -- sie war 'ne ganz junge Frau --
+ihr erster Junge war unterwegs. -- Ja, wir wissen's -- das kostet unser
+Blut! Nun, wir sind Soldaten!«
+
+Und ein ruhiger Stolz verschönte sein Gesicht.
+
+»Was werden Sie sagen, Likowski, wenn ich nachher mich dienstlich bei
+Ihnen melde mit dem Wunsch, daß ich um meine Versetzung einkommen will?«
+sprach Stephan langsam. Er hatte Sonnabend und Sonntag hindurch diese
+Frage begrübelt.
+
+Er wußte es wie jedermann es wußte und las: eine ungeheure Spannung lag
+über Europa, und die Völker standen Gewehr bei Fuß. In einem solchen
+Augenblick werden Versetzungen nicht nachgesucht -- nicht leicht
+bewilligt. -- Aber es mußte sein ...
+
+Likowski war starr.
+
+»Wa--as ...?«
+
+»Ja, ich will dringlich um meine Versetzung bitten,« sprach Marning. Er
+war sehr entfärbt -- graublaß flog ein Schein über sein bräunliches,
+verbranntes Gesicht.
+
+»Ich versteh' immer: 'Versetzung!'« sprach der Hauptmann, blöd tuend.
+
+»Bitte, Likowski -- verzeihen Sie mir.«
+
+»Mensch! Kam'rad! Marning! Freund! Nee -- das is doch Unsinn. --
+Verset -- -- -- Aber nee. -- Wieso denn, warum denn? In dieser Zeit noch
+obenein!«
+
+»Es wird mir schwer, Sie zu verlassen, unsere Kompanie. -- Dies
+gesammelte Leben in Dienst und Natur und das gewaltige Werk und den
+bedeutenden alten Mann da drüben. -- Verzeihen Sie mir. -- Es muß sein.
+Ich will einen sofort anzutretenden Urlaub nachsuchen und würde dann,
+wenn inzwischen meine Versetzung genehmigt wird, nicht erst hierher
+zurückkommen.«
+
+Seine Stimme klang gedämpft. Sie war von einer solchen Festigkeit
+durchgeistigt, daß der Hauptmann wohl spürte: es war Ernst. Aber so
+rasch wollte er sich nicht ergeben. Er hatte seinen Oberleutnant noch
+über das Kameradschaftliche hinaus liebgewonnen.
+
+»Sehn Sie mal, Marning,« begann er, »alles Persönliche muß doch in
+solcher Zeit hintanstehen. Bedenken Sie: jeden Tag kann der Befehl zur
+Mobilmachung kommen.«
+
+»Ich glaube nicht, daß es vor dem September was wird. -- Sie meinten es
+doch neulich auch, in der Marine heiße es: im Herbst läge es günstiger
+für uns. Aber wenn auch -- es ist doch für einen Soldaten gleich, wo und
+wann ihn der Ruf trifft -- er hat zu folgen.«
+
+Der Hauptmann schüttelte den Kopf.
+
+Diese Dringlichkeit, wegzukommen -- nicht mal die Versetzung abwarten --
+gleich auf und davon in Urlaub. -- Was war denn los? -- Aber er fragte
+nicht. Er sprach nur: »Nee hörn Sie mal -- das kann ich nich so gleich
+fassen. -- Und dann: Ihr Regiment verlassen! Ihr liebes Regiment -- in
+das Sie als junges Küken eingetreten sind. -- Nee Marning --«
+
+»Das läßt sich vielleicht vermeiden. Ich möchte nur die Garnison
+wechseln.«
+
+»Sie waren so gern hier. Sind erst seit anderthalb Jahren -- knapp! --
+wann war's doch? Mai vor'm Jahr. -- Und nu wieder weg! Auch ohne die
+gespannte Lage und die Aussicht, daß es bald losgeht: Sehn Sie mal, hier
+mit uns wird sich ja doch bald alles ändern. Die Einheit der Bataillone
+soll ja nicht mehr zerrissen sein -- wir sind noch von den wenigen, die
+auf zwei Garnisonen verteilt stehen. Da hängen wichtige Änderungen in
+der Luft. Entweder kommen die zwei Kompanien aus Dassow zu uns oder wir
+werden dorthin verlegt --«
+
+»Es muß sein!« sprach Marning mit schwerem Ernst.
+
+Nun schwieg der Hauptmann erst einmal und dachte nach. Es war zu
+natürlich, daß er seine Gedanken nach irgend welchen begreiflichen
+Gründen umherjagen ließ. Aber er fand nichts. Ein paar Minuten erwog er
+wohl: flieht er vor den zärtlichen, werbenden Blicken der molligen
+Baronin? Nein, vor so 'ner gurrenden Taube läuft doch ein Mann nicht
+weg! Auch fürs Abwinken findet ein zartfühlender Mann noch ritterliche
+Formen. Ganz abgesehen noch davon, daß Agathe, wie er manchmal gemerkt
+hatte, in der letzten Zeit recht dringlich mit Wynfried Severin
+kokettierte -- offener, als es einem verheirateten Mann gegenüber
+schicklich schien.
+
+Er mußte sich also sagen: wenn Stephan Marning einen solchen Entschluß
+gefaßt hatte und die Gründe dazu verschwieg, so lag Ernstes vor.
+
+Vielleicht kamen da Dinge ins Spiel, die nichts mit den hiesigen
+Menschen und Verhältnissen zu tun hatten.
+
+Also -- wenn Marning schwieg, so hieß es für den Kameraden: diskrete
+Haltung! Achtung vor seinem Entschluß, der vielleicht ein schwerer war;
+keine zudringlichen Fragen.
+
+»Was es auch ist, das Sie von hier forttreibt oder von anderswoher ruft:
+Sie sagen: es _muß_ sein -- da darf ich nur noch schweigen,« sprach er
+bekümmert.
+
+Ihre Pferde schritten mit nickenden Köpfen ruhevoll. Munter klang hinter
+ihnen der Marschgesang der Soldaten. Der durchfeuchtete Wald stand
+regungslos in der schwülen Luft.
+
+Stephan rang mit sich. Der kriegerische Mann an seiner Seite war ihm
+teuer geworden. Er wußte ja: der litt. Heldenblut kochte ungestüm in
+seinen Pulsen. Und er durfte nichts sein als ein stiller Vorbereiter,
+ein unermüdlicher Erzieher! -- Sollte er ihm nicht ein andeutendes Wort
+sagen -- daß er sich in der Lage befinde, Tapferkeit durch Flucht zu
+beweisen -- ja, es gibt auch solche Lagen -- und auch sie fordern
+stillen Heldenmut. -- Stephan fühlte: es war unmöglich! Jede, die
+fernste Andeutung mußte Likowski die Wahrheit erraten lassen. --
+
+Unmöglich. --
+
+Mit sachlichen und ruhigen Reden erwogen sie, ob wohl Aussicht sei, daß
+das Kabinett jetzt ein derartiges Gesuch genehmige. --
+
+Nun zogen die Kompanien auf der Landstraße dahin, die als durchnäßtes
+Band zwischen begrasten Rainen und regelmäßig angepflanzten Bäumen
+dalag.
+
+Zuweilen spritzte das Wasser unter den Pferdehufen auf. Und mit einem
+Male stockte das munter-gelassene Marschieren der langen Schlange von
+Soldaten. -- Vorn das Pferd des Hauptmanns? Hatte eine Versenkung es
+verschlungen? Was war geschehen?
+
+Die Landstraße schien ja stellenweise wie mit Spiegelscherben beworfen
+-- so stark gleißten die stechenden Sonnenstrahlen auf den Wasserlachen
+und gefüllten Furchen. Und eine von diesen seichten breiten Lachen hatte
+unter ihrer blinkenden Fläche ein vertracktes, tiefes Loch verborgen
+gehalten. Da trat der Gaul hinein -- es war ein ganz ungeahntes
+Niederbrechen, ein Sturz wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Und es
+riß den Reiter mit. Über den Kopf des Pferdes weg wurde er geschleudert.
+Im Husch des Geschehens hatte er noch seine Füße aus den Steigbügeln
+lösen wollen -- nur dem Linken war's gelungen.
+
+Nun lag er in einer ganz verbogenen, unglückseligen Verschiebung der
+Gliedmaßen da.
+
+Das war in der Zeitdauer von ein paar Herzschlägen geschehen. -- Schon
+stürzte alles herzu. -- Stephan schwang sich vom Pferde -- kniete neben
+dem Hauptmann -- wollte ihm aufhelfen. -- Hornmarck griff zu -- von der
+zweiten Kompanie kamen im Laufschritt die Offiziere -- kräftige Fäuste
+brachten das Pferd in die Höhe -- es war unbeschädigt.
+
+Aber da lag Likowski, und sein frisches Gesicht war weiß, seine Lippen
+blau, und als er sich rühren wollte, seinen Körper den helfenden Händen
+entgegenbietend, da brach kalter Schweiß aus seinen Poren, und in einer
+kurzen Ohnmachtsanwandlung sank er zurück. -- Die singenden Töne in
+seinen Ohren verstummten aber rasch wieder -- er wußte, wo er war -- was
+mit ihm war.
+
+»Gebrochen!« stöhnte er. »Verflucht -- schändlich ...«
+
+Und er biß die Zähne zusammen.
+
+Ja, da war kein Zweifel. Der Hauptmann hatte einen Bruch des
+Unterschenkels davongetragen.
+
+Mit zornigem Mut ließ er das gleich feststellen. -- Seine Lebensgeister
+waren alsbald in vollster Energie wach. Er übersah seine Lage.
+
+»Und jetzt,« sagte er, »gerade jetzt! --«
+
+Ein solcher seelischer Jammer bebte in seiner Stimme, daß es die
+Kameraden ergriff. Und Hornmarck, der noch eben über seinen eigenen
+Heldentod vorweg gerührt gewesen war und schon zwei weinende Mädchen im
+Geist untröstlich gesehen, erlaubte sich, zu beschwichtigen: »Ach, es
+geht schließlich doch nicht los!« Wofür er vom Hauptmann einen
+flammenden Blick des Zornes erhielt.
+
+»Vorsichtig, Kinder!« mahnte er dann. »Faßt mich klug an -- ich mein':
+egal, wie weh es tut -- ich mein': vorsichtig -- daß die Sache nicht
+schlimmer wird --«
+
+Und dann richtete er sich an Marning.
+
+»Mir ist so: das kann kein komplizierter Bruch sein -- Und wenn's ein
+simpler ist -- was? Der heilt schnell?«
+
+»In vier Wochen,« sagte Hornmarck in nicht umzubringender Naseweisheit,
+geradezu mütterlich.
+
+Stephan fertigte eine Ordonnanz ab, sie sprengte auf dem zweiten Pferde
+Likowskis davon. Die Kompanien setzten ihren Marsch fort. Aber sie
+sangen nicht mehr. Bald war nur noch eine kleine Gruppe auf der
+Landstraße: der Hauptmann, mit einem zusammengelegten Soldatenrock als
+Kissen unterm Haupt -- Stephan als Wache und Pfleger -- ein paar
+Soldaten, davon der eine in Hemdärmeln. Und die Soldaten schwärmten aus,
+um von der Waldgrenze große Zweige zu holen, mit denen sie über dem
+Gestürzten ein kleines Kopfdach improvisieren wollten. Denn die Sonne
+brannte durch die feuchte Schwüle, und es war gerade, als ob die
+schweren Wolken am Himmel vorsichtig vermieden, die grelle Scheibe zu
+bedecken.
+
+»Hier lieg' ich nun, als die Karikatur eines Helden. Die ganze Szene
+Karikatur -- sieht 'n bißchen nach Schlachtfeldgrenze aus -- ist bloß
+'ne Albernheit!«
+
+Stephan hatte als Fahnenjunker einmal den linken Schulterknochen
+gebrochen, und er wußte: es tut verflucht weh! Auch ein Mann kann da
+wohl die Zähne zusammenbeißen. Aber er sah wohl, nach der allerersten
+kurzen Anwandlung, die ihn überrascht hatte wie ein Überfall aus dem
+Hinterhalt, war bei Likowski die Wut und der Hohn größer als aller
+Schmerz.
+
+»Wissen Sie,« fuhr er aufgeregt fort, »wenn's nun losgeht und ich lieg'
+da -- ich schieß' mir -- bei Gott -- ich schieß' mir 'ne Kugel durch 'n
+Kopf!«
+
+»Aber bitte! Lieber Likowski! Wenn es wirklich bald zur Mobilmachung
+kommt -- dann folgen Sie uns in einigen Wochen nach --«
+
+»In einigen Wochen?! In vierzehn Tagen will ich wieder zu Pferde
+sitzen. -- Und wenn ihr mich 'raufheben und anschnallen müßt. -- Die
+besten Chirurgen her. -- Sylvester von drüben und unser Kommißäskulap --
+das ist mir nich genug -- in Lübeck soll's ja 'n großen Professor geben
+-- her mit ihm.«
+
+»Ich habe der Ordonnanz schon aus eigener Machtvollkommenheit Befehl
+gegeben, nach Lübeck zu telephonieren,« sagte Stephan, »beruhigen Sie
+sich doch bitte!«
+
+»Ja, ja, ich will ruhig sein. Das ist vernünftiger! Aber wenn ich nicht
+in vierzehn Tagen wieder zu Pferde sitzen kann, erklär' ich alle Ärzte
+für Charlatans.«
+
+Stephan sah wohl: der Schmerz, der bezwungen werden sollte, setzte sich
+in Aufregung um. Es hieß beschwichtigen.
+
+»Man leistet ja heute Fabelhaftes! Ich bin sicher, Sie können in
+vierzehn Tagen reiten -- wenn vielleicht auch noch nicht allein
+aufsitzen.«
+
+»Nicht wahr? Man leistet Fabelhaftes! Aber, Marning -- Ihre Versetzung
+... Ihr Urlaub ... Sie müssen nun doch die Kompanie führen -- bis ich
+selbst wieder so weit bin!«
+
+»Es versteht sich von selbst,« sprach Stephan mit fester Stimme, »daß
+ich keine Schritte tue, bevor Sie wieder dienstfähig sind.«
+
+Sein Gesicht war verschlossen -- sein Blick in die Ferne gerichtet --
+ernst und fest.
+
+»Der hat was Schweres -- was Großes,« dachte Likowski, »und macht es
+still mit sich ab.«
+
+Wie schwer wohl! -- Wenn's nicht mal einer treuen Kameradenseele
+anvertraut werden durfte ...
+
+Da er eine unwillkürliche Bewegung gemacht hatte, zerriß ein
+aufzuckender Schmerz seine Gedanken.
+
+»Donnerwetter!« fluchte er. »Wo bleibt denn die Bande?«
+
+»Es ist einfach unmöglich, daß schon Hilfe hier sein kann.«
+
+»Und ich wälze mich im Dreck der Landstraße ...«
+
+Die vier Soldaten versuchten vergebens, mit den belaubten Zweigen, die
+sie herbeigeschleppt hatten, einen Baldachin zu bauen. Die Landstraße
+war nur obenauf feucht -- ihr festgestampfter Bau nicht erweicht, und
+man konnte unmöglich diese schwankenden, schief abgebrochenen Äste in
+den Boden stecken.
+
+Nun versuchten die Leute dem Daliegenden die Fliegen ab- und Kühlung
+zuzuwedeln.
+
+»Nee -- nee, Kinder -- das nu nich -- hier is nich Finale erster Akt
+Lohengrin -- setzt euch da hin -- man immer mitten 'rin ins patschnasse
+Gras -- vielleicht sind eure Sitzböden wasserdicht. -- So -- nu --
+Donnerwetter ...«
+
+Die Soldaten grinsten und hockten sich am diesseitigen Rande des
+Chausseegrabens nieder. Stephan setzte sich auf den Meilenstein, der
+gerade dicht neben der Unglücksstelle stand. So warteten sie.
+
+Aber Likowski war in dieser Lage nicht der Mann, still zu warten.
+
+Er riß sich mit der Rechten das Taschentuch herab, das Stephan ihm über
+Kopf und Stirn gelegt, zum Schutz vor Sonne und Fliegen.
+
+Wenn es _doch_ nicht in vierzehn Tagen heilte! Und wenn noch in dieser
+Woche -- in der nächsten vielleicht -- die Mobilmachung begänne! Das
+machte ihn toll. --
+
+»Auf eins bin ich gespannt: wird es eine Männerschlacht oder eine
+Maschinenschlacht werden?« sagte er.
+
+»Ich glaube,« meinte Stephan, »daß man große Überraschungen erleben
+wird, und daß im letzten Grunde jeder Krieg eine Männerschlacht sein
+muß und wird. -- Die Seele wird irgendwie ihr Recht behalten -- Mut,
+Tapferkeit, Besonnenheit. Der #Furor teutonicus# -- ja mein Gott -- ist
+ein Krieg denkbar, ohne daß all das aufflammt? Wir stehen vor Rätseln --
+ich will selbst zugeben: vor scheinbar unlöslichen. Und dennoch: im
+letzten Ende wird es nicht auf die Maschinen, sondern auf den Mann
+ankommen -- auf Disziplin und Opfermut und wahnwitzige Tapferkeit. --
+Und es wird nicht daran fehlen --«
+
+»Gott segne Sie, Kamerad, für diese Ansicht! -- Es sind auch meine
+Gedanken. -- Die geben den zähen Mut zur Arbeit --«
+
+»Herr Hauptmann!« schrie einer von den Vieren am Grabenrand. Und die
+anderen drei schrien aufspringend dazu: »Sie kommen!«
+
+In der Perspektive der Chaussee raste was heran -- Der Lazarettwagen --
+der »Kommißäskulap« auf Likowskis Stichelrappen.
+
+»Na gottlob!« sagte der Hauptmann. Und eigentlich erschien ihm dieser
+Augenblick schon als Beginn der Heilung.
+
+In der Tat fingen ja jetzt erst die Schwierigkeiten an. Die
+provisorische Einschienung, der Rücktransport -- das kostete Mühe und
+Zeit. Likowski bestand darauf, in seiner eigenen Wohnung zu liegen. Da
+war die alte Doktorin Lamprecht und klagte emsig treppab und treppauf
+und lief unnütz herum und brachte doch Herzlichkeit und Fürsorge mit
+sich. Und Likowski war ja an ihre Wieselart gewöhnt und kannte ihr
+ergebenes Altfrauengemüt.
+
+Und dann kam der Professor aus Lübeck und nannte den Bruch bildschön und
+geradezu ideal, und Likowski lächelte bloß -- wenn auch recht grimmig --
+zu den unvermeidlichen Schmerzen. Chloroform verbat er sich schroff.
+Endlich lag er dann geradezu hübsch anzusehen da -- großartig
+eingeschient -- getragen von dem Glauben, daß seine Knochen flink und
+glatt wieder zusammenwachsen würden -- frisch, als sei überhaupt gar
+nichts passiert.
+
+Und er neckte die strahlende kleine graue Alte.
+
+»Nu mal aus Ihrem Mächenherzen keine Mördergrube gemacht, Lamprächtige!
+Na -- was? So ganz tief inwendig freuen Sie sich doch, mich hier fest zu
+haben. So als Ihr kleines Kind! Aber das sag' ich Ihnen gleich: es wird
+'ne kurze Freude. Ich stelze Ihnen, im Notfall -- Sie wissen in was für
+einem! -- ganz einfach die Treppen 'runter und weg -- so wie ich da bin!
+Das Wasserglas hält wie Eisen.«
+
+Die Alte lächelte selig verlegen -- und wehrte den schändlichen
+Verdacht, als freue sie sich, mit vielen Gesten und Worten ab.
+
+Stephan sah: er konnte nun gehen. -- Er kam erst gegen zwei Uhr zu
+seinem Essen. Seit dem Morgengrauen hatte er nichts genossen. -- Aber
+darauf muß ein Soldatenmagen eingerichtet sein. Nervös überhungert? Das
+gab's doch nicht! Und dennoch. Er schob, vielleicht aus solcher
+Empfindung heraus, den Teller bald von sich -- er saß und starrte auf
+das Tischtuch nieder.
+
+Ja, nun wurde alles anders ...
+
+Sein Gemüt war schwer.
+
+Er konnte nicht fortgehen. Wie er es sich und einer heißgeliebten Frau
+schuldig war.
+
+Und sie würde es hören! Sie würde sofort den Grund begreifen und daß
+seine Pflicht ihn hier noch hielt. -- Aber er wußte von selbst: sie
+hatte das Vertrauen, daß er es doch verstehen werde, sie zu meiden!
+
+Sie kannten sich ganz genau -- ohne Worte. -- Ihre Seelen sprachen
+zueinander -- ein geheimnisvolles Begreifen war zwischen ihnen --
+übertrug sich von einem zum anderen.
+
+Sie waren füreinander bestimmt gewesen.
+
+Aber sie war nicht frei! Also fort aus ihren Wegen!
+
+Dem Schicksal als Mann von Ehre begegnen.
+
+Und die Frau ehren, die er liebte!
+
+Sie stand so hoch, daß nicht einmal eine Versuchung sie beunruhigen
+durfte.
+
+Fort aus ihren Wegen!
+
+Er betete sie an in seinen schmerzlichen, heißen Gedanken, weil sie ihn
+fortgewiesen.
+
+Ihr ängstliches, verzweifeltes »Nein -- nein«, womit sie seinen Blicken
+abwehrte, hallte immer in ihm nach.
+
+Wunderliches Erleben, das aus einem »Nein« mehr Segen und Beglückung
+strahlen ließ als aus jedem hingebenden Wort ...
+
+Sie hatte gesagt, ihre Ehe sei unlöslich. Zwei lange Nächte voll Qual
+und Not grübelte er darüber nach.
+
+Er mußte ihr Recht geben.
+
+Keine Übereilung, kein Liebeswahn hatte sie in die Ehe hineingelockt.
+
+Mit klarem Bewußtsein suchte sie in ihrer Ehe kein zärtliches Glück --
+sie gab ihr als Ersatz einen würdigen Inhalt, in sittlichem
+Pflichtgefühl.
+
+Gerade diese Ehe, so geschlossen, mußte unzerbrechlich sein.
+
+Und nichts durfte der teuren Frau die Erfüllung ihrer Pflicht
+erschweren! Seine Liebe durfte ihr keinen Kampf und keine Beunruhigung
+bringen. Er konnte sie ihr am größten dadurch beweisen, daß er still
+beiseite ging und fern und einsam litt.
+
+Fort aus ihren Wegen ...
+
+Er stand auf. Ging nach seiner Wohnung. -- Er merkte unterwegs: es
+tropfte -- jene großen, schweren Tropfen begannen herabzuspielen, die
+einen prasselnden Gewitterregen einzuleiten pflegen. -- Und da fuhr auch
+ein Blitz nieder. -- Der jähe Schein strich ihm förmlich über die Augen.
+Ein Schlag polterte nach, und dann stürzte der dicke Regen hinterdrein,
+daß die Luft wie von Kristallperlen durchsät war. Und nach fünf Minuten
+war auch das vorbei. -- Wie ein ganz merkwürdiges, kurzes Aufpochen all
+der droben auf der Lauer liegenden Gewalten war das gewesen ...
+
+In Stephans Zimmer brütete stumpfe Hitze. Voß hatte die Fenster
+geschlossen gehalten. Luft! -- Fenster aufgestoßen! -- Die Litewka her.
+-- Eine halbe Stunde Ruhe. -- Um vier wieder Dienst. --
+
+Voß meldete: da liege ein Brief.
+
+Stephan hatte ihn nicht bemerkt zwischen all den Büchern und Papieren
+auf dem Schreibtisch. Seine Gedanken waren nicht, wie die jener
+Menschen, die große Korrespondenz haben, zuerst auf den Posteingang
+gerichtet, wenn er heimkam.
+
+Voß sagte: Georg, des Herrn Hauptmanns früherer Bursche, habe ihn
+gebracht.
+
+Stephan sah schon -- das waren die Schriftzüge des Geheimrats.
+
+Sofort überfiel ihn Unruhe. Die bloße Ankunft eines Briefes von drüben
+bewies ja, daß die Fäden sich schwer zerreißen ließen -- ja, daß sie gar
+nicht zerrissen werden konnten, ohne daß Aufsehen entstehe.
+
+Er besah die Aufschrift. Schon in diesen großen, steilen Buchstaben
+spürte man die Herrscherhand, die sie hingesetzt:
+
+»Stephan Freiherrn von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment
+Großherzog Paul.«
+
+Und als er las, wuchs seine Unruhe.
+
+»Lieber Marning! Ich möchte mit Ihnen sprechen. Für Sie vielleicht
+Wichtiges. Besuchen Sie mich heute gegen Abend. Wenn Sie zum Essen
+bleiben können, freut es uns. Welcher Plural aber nicht meinen Sohn
+miteinschließt. Er ist verreist. Telephonieren Sie, ob ich Sie erwarten
+darf. Freundschaftlich der Ihre Severin Lohmann.«
+
+Es war ihm sogleich klar, daß er dieser geforderten Unterredung nicht
+aus dem Wege gehen könne. Und ebenso gewiß wußte er, daß es ihm
+unmöglich sein werde, mit diesen beiden Menschen im engsten Kreis
+traulich zusammen am Abendtisch zu sitzen. Sich bezwingen in Blick und
+Wort, steif, fremd tun -- vor den durchdringenden Augen dieses Mannes!
+Das holde, sanfte Glück genießen, die geliebte Frau in ihrer
+töchterlichen Fürsorge um den Vater zu sehen. -- Ihr Wesen war heiterer,
+offener, bezaubernder, wenn ihr Gatte nicht neben ihr stand -- wenn all
+ihr Dasein nur dem hilfsbedürftigen alten Mann zu dienen schien. -- Und
+sie! Würde sie das ertragen, ihm noch an ihrem Tische zu begegnen? --
+Nein!
+
+Er ging hastig auf und ab und dachte nach. -- Sein Dienst -- der
+verunglückte Kamerad -- dieser Ruf nach drüben ...
+
+Voß wartete und stand in seinem weißgrauen Leinenanzug stramm.
+
+Er war kein Genie im Telephonieren. Er hatte schon die fabelhaftesten
+Bestellungen und Auskünfte in die Welt hinausgesprochen.
+
+Wie nun sein Oberleutnant stillstand und ihn ansah, verhedderten sich
+seine Gedanken schon vorweg, und er ahnte Trübes.
+
+Aber in der Tat sah Stephan ihn gar nicht -- er hatte diesen vertieften
+Blick, der in die Dinge sich hineinzubohren scheint, während er sie gar
+nicht bemerkt.
+
+Plötzlich wußte er, wie er alles einrichten konnte. Mit rascher Hand
+ließ er den Bleistift über einen Zettel gleiten, und um jedem Irrtum
+vorzubeugen, mußte Voß den Inhalt laut vorlesen. Er tat es mit seiner
+nasalen, breiten, niedersächsischen Aussprache. Es berührte Stephan
+eigen, daß unfreiwillig humoristisch laut durchs Zimmer klang, was für
+ihn voll geheimer Aufregungen war.
+
+»Leupold ans Telephon fordern. Bestellen: Oberleutnant von Marning lasse
+vielmals danken. Er werde sich erlauben, um sechs zu kommen. Zum
+Abendessen könne er nicht bleiben. Es sei dem Herrn Hauptmann ein Unfall
+zugestoßen und der Oberleutnant wolle den Abend bei ihm verbringen.«
+
+Voß machte kehrt und marschierte zur Tür, als schwenke er in Reih und
+Glied im Zuge ab.
+
+Lange noch stand Stephan in schwerem Nachdenken. Aber er war doch voll
+Ruhe.
+
+Er wußte es: sie würde es verstehen, ihn nicht zu treffen, wenn er ihr
+Haus betrat.
+
+Jede Begegnung wäre quälender Schmerz und eine Verhöhnung des Abschieds,
+den sie in schweigendem Verstehen voneinander genommen. --
+
+Und dann mit einem Male kam die Frage: Was will der alte Herr mit mir?
+Wichtiges? Die Unsicherheit regte ihn doch auf.
+
+ * * * * *
+
+Um dieselbe Zeit etwa, als der Hauptmann an sich erfuhr, daß auch der
+beste Reiter stürzen kann, besuchte Klara ihren Schwiegervater. Er saß
+bei offenen Fenstern im Erker, und um seinen mächtigen Ledersessel herum
+waren die mechanischen Tische mit Schriftstücken bedeckt. Gerade ging
+Lebus, der Sekretär, mit den Stenogrammen, um sie auszuarbeiten. Ehe er
+noch die Tür erreichte, rief ihm der Geheimrat nach: »Und Georg soll
+sofort meinen Brief hinübertragen. -- Ach -- Klara! Mein Kind -- Ich
+hab' schon gewartet, wo du bleibst!«
+
+Sie küßte ihm die Stirn.
+
+»Guten Morgen, Vater -- ich wagte nicht, zu stören. Du weißt, jetzt geht
+der Verunglückte sogar dir vor. Als ich von Severinshof zurückkam,
+hattest du schon den Generaldirektor bei dir. Ich hörte eure Stimmen,
+als ich eintreten wollte. Und dann weiß ich ja -- halb elf kommt Lebus.«
+
+»Ja. Thürauf kam sofort aus dem Auto zu mir herauf. Hatte den Nachtzug
+von Rotterdam nach Hamburg benutzt, wo ja gleich Anschluß ist. Kannst
+dir denken, wie bekümmert und ärgerlich er war! Durchbruch!
+Produktionsstörung! Ein Mann verunglückt! Wie geht es ihm denn?«
+
+»Sylvester hat heute mehr Hoffnung als gestern. Die Nacht war gut. Und
+ich bin bei dem Mädchen gewesen, das der Mann liebt. Ich habe mit ihr
+gesprochen. Sie war verlegen und mitleidig. Sie will ihn besuchen und
+ihm verzeihen.«
+
+Der Geheimrat lächelte.
+
+»Du bringst sie noch zusammen.«
+
+»O nein,« sagte Klara, »nein -- wie sollte ich das wagen. -- Wenn sie
+ihn nicht liebt ...«
+
+Er hörte die heftige Abwehr in ihren Worten. Sie fühlte selbst: sie
+hatte es zu leidenschaftlich gesagt.
+
+Eine kurze Stille, schwer von Inhalt, legte sich über beide. Klara
+wollte diese Befangenheit zerstören.
+
+»Ich denke,« sagte sie, »man wollte Thürauf nichts von dem Vorfall
+depeschieren? Es hätte ja auch keinen Zweck gehabt. Aber er kam sofort
+zu dir herauf? Das sieht doch aus, als wußte er schon? ... Ach -- vom
+Chauffeur ...«
+
+»Nicht der Chauffeur. -- Denk dir -- von Wynfried!«
+
+»Von Wynfried?« wiederholte sie in großem Erstaunen, »der ist doch heute
+früh mit der 'Klara' nach Warnemünde gesegelt -- begleitet als Outsider
+die Wettfahrt -- wollte doch an Bord übernachten?«
+
+Er hatte sich den Sonnabend, trotz des schweren Vorfalls auf dem Werk,
+in einer so fröhlichen Stimmung gezeigt, wie weder sein Vater noch seine
+Frau ihn je gesehen. Am späteren Nachmittag war er mit dem Motorboot
+nach Travemünde gefahren, wo ja zurzeit auch die »Klara« lag. Er wollte
+den Bierabend des Jachtklubs mitmachen, der unter dem Vorsitz des
+Kaisers stattfand. Vater und Frau fanden es selbstverständlich. Am
+Sonntag vormittag, so war der Plan, sollte die »Klara« dann die
+Wettfahrt in der Lübecker Bucht begleiten, später dachte Wynfried am
+Klubessen im Kurhause teilzunehmen und am Montag früh mit nach
+Warnemünde zu kreuzen. Es erschien als das bequemste, von Sonnabend an
+Wohnung an Bord zu nehmen, um so mehr, als nun Klara an den Vergnügungen
+des Sonntags nicht teilnehmen wollte. Auf Wynfrieds Wunsch war sie dazu
+entschlossen gewesen; er hatte sich sogar vor einigen Tagen das Kleid
+zeigen lassen, in welchem sie bei dem Festdiner erscheinen sollte. Ihr
+Hang zur Einfachheit war ihm immer beunruhigend.
+
+Aber nun konnte sie nicht. -- Alles in ihr wehrte sich gegen Fest und
+Lärm und Frohsinn. -- Würden nicht die Augen des Verunglückten ihr immer
+zusehen? Diese Augen voll Qual?
+
+Und die Erschütterungen, die durch ihr geheimstes Seelenleben
+gegangen? --
+
+»Verzeih,« bat sie, »daß ich dich nicht begleite. Wenn du den armen
+Judereit in seinem ersten grauenvollen Schmerz gesehen hättest, möchtest
+du auch nicht. Und ich habe ihm versprochen, ihn dreimal am Tage zu
+besuchen.«
+
+»Du bist sentimental,« antwortete Wynfried scherzend, »das hätt' ich
+nicht vermutet. -- Aber wie wird es nun? Ich hatte deine Freundin Agathe
+nebst Duenna eingeladen, uns Sonntag vormittag zu begleiten?«
+
+»Aber Agathe soll sich doch durch mein Fernbleiben nicht stören lassen.
+-- Und Fräulein von Gerwald ist doch dabei --«
+
+»Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. -- Das ist ihre Mission, ihr Beruf,
+ihr Schicksal,« lachte Wynfried.
+
+Wie dankbar war Klara, daß er keine Verstimmung zeigte. Und sie rühmte
+sein liebenswürdiges Wesen vor seinem Vater.
+
+So nahm er für mehrere Tage Abschied und stellte es als wahrscheinlich
+hin, daß er von Warnemünde aus noch nach Rügen oder vielleicht nach den
+dänischen Inseln hinübersegeln werde.
+
+Und nun hatte der Generaldirektor ihn in Lübeck getroffen, auf dem
+Bahnsteig der Hamburger Züge. Der Vater erzählte, was Thürauf berichtet:
+Wynfried habe vorgezogen, im Hotel zu übernachten, und nach einer etwas
+allzu späten Sitzung mit Klubfreunden dann die Zeit verschlafen. Das
+Gewitter sei dazugekommen -- er habe den schweren Seegang gefürchtet,
+etwas verkatert wie er sei, und die »Klara« allein lossegeln lassen, um
+sie nun in Warnemünde wieder zu treffen, wohin er mit der Bahn fahre.
+
+Klara lächelte und meinte: das wirke nicht sehr sportmäßig ...
+
+Der Geheimrat lächelte nicht. Er hatte in Thüraufs kühlen, klugen Augen
+einen besonderen Ausdruck gesehen. Eine ferne, leise Unruhe wollte
+aufsteigen: war es vielleicht dem Generaldirektor aus irgend einem
+Grunde zweifelhaft, daß Wynfried auch wirklich nach Warnemünde fuhr? Es
+gibt so lächerlich kleine Umstände und Zufälle, die verräterisch sind.
+Ein Billett, das aus der Hand fällt -- der Fahrplan, der aussagt, daß um
+diese Zeit gar kein Zug nach dem angegebenen Ziel fährt ... Aber nein.
+-- Was für törichte Mißtrauensgedanken. -- Wozu brauchte Wynfried
+Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen, wann und wohin er wollte. --
+Keine Tyrannei, keine Fragen belästigten ihn.
+
+Und er bat in seinen beschämten Gedanken dem Sohn ab, daß er immer noch
+nicht felsenfest im Glauben an ihn sei.
+
+»Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen,« sagte der Geheimrat
+nun. Und auf Klaras fragenden Blick fügte er hinzu: »Ja -- Marning.«
+
+Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet sein müssen --
+war es auch, denn sie wußte ja, daß er seinen Posten nicht sofort
+verlassen könne. Da waren Formalitäten zu erfüllen -- ein Offizier ist
+kein freier Mann. Sie wußte auch sofort, wie sie ihm ausweichen könne.
+
+Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal zu sehen.
+
+An das feierliche Lebewohl durfte sich nicht das Nachspiel alltäglicher
+Begegnungen voll Heuchelei hängen.
+
+Sie sprach, ein wenig stockend: »Und ich wollte dich gerade um
+Entschuldigung bitten -- ich war so lange nicht bei Agathe -- ich wollte
+sie heute am späteren Nachmittag besuchen -- wenn sie mich dann zum
+Abendbrot --«
+
+»Aber Kind! Warum so verlegen, weil du mal einen kleinen eigenen Plan
+hast! Wenn dich die Gewitterluft nicht stört -- ich fürchte, es gibt
+noch was -- wie sticht die Sonne! -- Im Grunde ist es vielleicht ganz
+gut, daß ich Marning allein habe. -- Möchte viel mit ihm reden reden --
+Wichtiges.«
+
+»Du?!« fragte sie. »Du -- mit ihm?«
+
+Sie saß ganz befangen und verwirrt auf ihrem Stuhl da -- die Hände um
+ihr Knie gefaltet, vorgebeugt -- und dachte immer: »Es ist doch schwer.
+-- Das muß ich lernen --«
+
+Gleichgültig von ihm sprechen. --
+
+»Ja, mein Kind, was wirst du sagen: ich will ihn auffordern, ganz zu uns
+zu kommen!«
+
+Sie fuhr in die Höhe -- stand leichenblaß da -- ein Laut brach von ihren
+Lippen -- fast ein leiser Schrei.
+
+Das kam zu jäh -- darauf hatte sich ihr Herz nicht rüsten, sich nicht
+vorweg mit Haltung umpanzern können.
+
+Und der alte Mann sah sie an -- in einem tiefen Erstaunen, das in eine
+langsam heraufdämmernde Angst überging.
+
+Was war das? ...
+
+Und nun sagte die junge Frau mit fliegendem Atem und befehlend -- ja
+befehlend: »Das wirst du nicht tun!«
+
+Sie, die Bescheidene, stand da wie eine Herrscherin.
+
+Und was flammte denn in ihren Augen?
+
+Der Alte fühlte sein Herz klopfen. Aber er vermochte doch mit leidlicher
+Ruhe zu fragen: »Und warum nicht?«
+
+Sie antwortete nicht gleich. Sie konnte sich nicht in seine Arme werfen
+und sagen: »Weil ich ihn liebe -- weil ich es nicht ertragen könnte, ihn
+immer, immer sehen zu müssen ...«
+
+Sie ging mit hastigen Schritten im Zimmer hin und her.
+
+Plötzlich dachte sie: »Meine Mutter hat das gleiche getragen!«
+
+Wie ein Segen kam der Gedanke über sie.
+
+Es gelang ihr, sich zu fassen. Sie fühlte: mit der Schwere der Prüfung
+mußte und würde ihre Tapferkeit wachsen.
+
+Sie begriff, nun hieß es: lügen!
+
+Hatte sie sich nicht schon verraten? Die Wahrheit nur zu ahnen, würde
+schon eine zu schwere Last für das Gemüt des alten Mannes werden --
+nein, die konnte und sollte er nicht tragen.
+
+Sie auf ihn wälzen, hieße: ihre Tat des Dankes auslöschen -- --
+
+Woher eine Lüge nehmen?
+
+Lügen müssen glaubhaft sein -- sonst sind sie noch schlimmer als harte
+Wahrheiten.
+
+»Wenn ich sagte: Wynfried wird eifersüchtig werden, daß man einen
+solchen Mann zu seinem Mitarbeiter ausbilden will?«
+
+Vielleicht war es nicht einmal eine Lüge. Klara kannte ja ihren Gatten
+gar nicht. Sie kannte einen schönen, immer verbindlichen,
+liebenswürdig-freundlichen Mann von angenehmsten Formen und vornehmen
+Lebensgewohnheiten, der in den ersten Monaten ihrer Ehe auch in
+zärtlichen Aufwallungen sich als Liebender gebärdet hatte. An dem
+urteilsfähige Beobachter eine starke und raschbewegliche kaufmännische
+Begabung festgestellt hatten.
+
+Von dem, was an Möglichkeiten im Grunde seines Wesens schlummerte, wußte
+sie nichts. --
+
+So blitzschnell das alles durch sie hinging -- sie fühlte doch: dies
+große, forschende Auge ruhte wartend auf ihr. Und sie sagte, was ihr
+eingefallen war.
+
+»Weil Wynfried eifersüchtig werden könnte, wenn du einen anderen
+heranziehst, der sich möglicherweise zu einem Rivalen heraufarbeiten
+kann.«
+
+»Keine Sorge,« sprach der Geheimrat, »ich habe Wynfried von meinem
+Einfall gesagt -- er ist mir nicht von gestern auf heut gekommen. -- Und
+Wynfried ist sehr einverstanden. Der ist froh über jeden Mitarbeiter,
+der ihn entlastet. -- Und wenn Marning nach ein paar Jahren sich so
+eingearbeitet hätte, daß man ihn an eine leitende Stelle setzen kann,
+wäre niemand zufriedener als Wynfried. Ich muß es einmal aussprechen:
+sein Interesse am Werk ist das des Sportmannes. -- Es ist nicht diese
+umspannende, ideale Empfindung, die das Volkswirtschaftliche,
+Wissenschaftliche, das Kulturelle in unserer Tätigkeit fast noch über
+den Gewinn stellt ... In Marning habe ich ein merkwürdiges Verständnis,
+ja eine Begabung für all dies erkannt. Denke doch auch, welche
+Aussichten für ihn, der so arm ist ...«
+
+Sie fühlte, daß die großen Augen eine besondere Wachsamkeit behielten --
+fühlte sich belauert. Und nahm sich noch fester in die Hand.
+
+»Nun -- dann!« sagte sie. Und sie dachte: »Wie dürfte ich ihm zerstören,
+was ihn in freiere, größere Verhältnisse bringen kann?«
+
+Mochte er entscheiden nach seinem Willen und Wunsch!
+
+»Wir werden stark bleiben,« dachte sie. Und es war wie ein Schwur!
+
+Aber die forschenden Augen mußten ja getäuscht werden.
+
+»Wie du immerfort voraussorgst, Vater,« sagte sie. »Manchmal denk' ich,
+du bist wie ein Forstmann, der die Setzlinge pflanzt, die erst späteren
+Generationen als große Bäume Schatten geben können. Wenn wir alle mal
+nicht mehr sind, wird dein Enkel als Greis noch sagen: das hat mein
+Großvater begonnen.«
+
+»Ich weiß nicht, Klara. Vielleicht ist alles Vorausdenken
+Kurzsichtigkeit -- vielleicht sind wir bei unserer Arbeit von Schranken
+umgeben, die wir nicht einmal ahnen, weil uns noch die Möglichkeit
+fehlt, sie zu erkennen. Dein Sohn vielleicht wird sie spüren und
+zersprengen. Wer will denn heute sagen, unter welchen Bedingungen mein
+Enkel einmal das Eisen aus den Erzen schmilzt! Vielleicht wirft die
+Wissenschaft uns bald unsere braven Winderhitzer um und macht die
+Gebläsemaschinen unnötig, mit denen wir den Koks im Hochofen die heiße
+Luft zublasen, damit sie rascher brennen. Wir wissen ja schon, daß wir
+dabei als Ballast all den Stickstoff in der Luft mitschleppen.
+Vielleicht glückt es schon bald, daß wir reinen Sauerstoff verwenden
+können. Versuche sind schon im Gange. Sie haben ergeben, daß die
+Leistungsfähigkeit der Hochöfen, bei geringerem Koksverbrauch, erheblich
+gesteigert würde. Und der abfallende Stickstoff ließe sich dann wieder
+zu Salpetersäure und Kalkstickstoff für landwirtschaftliche Zwecke
+verwerten.«
+
+Er seufzte.
+
+»Sieh mein Kind,« schloß er melancholisch, »wenn ich an all diese
+Entwicklungen denke ... Schwer ist es, sich zu sagen: du mußt davon. --
+Man möchte wissen, wie es weiter wird, welche Wunder noch zu
+Selbstverständlichkeiten werden. In dieser Begierde, zu wissen, die
+vielleicht jedem Menschen eingeboren ist, der etwas Phantasie hat, liegt
+das Geheimnis des Erfolgs von Büchern, die uns die Zukunft vormalen. Man
+scheint beim Lesen in ihr mitzuleben. Merkwürdig schwer, sich
+vorzustellen: ich bin einmal nicht mehr dabei. -- Es muß doch wohl so
+ein Stück Unsterblichkeitsrecht in uns stecken.«
+
+Nun dachte Klara: er ist abgelenkt -- er sucht nicht mehr, weshalb ich
+so erschrak ...
+
+Er aber dachte: Noch schwerer wäre es, fort zu müssen, wenn
+Zerstörungen drohen. -- Weshalb entsetzte sie sich so? Was will da an
+mein Haus herankommen? ...
+
+Bald nach drei Uhr, als eben rasch verprasselnder Gewitterregen mit
+einem Blitz und Donnerkrach vorbeigezogen war, kam Leupold mit einer
+Bestellung. Marnings Bursche hatte diesmal genau telephoniert.
+
+Klara hörte mit ruhigem Gesicht und sprach: »Also kein Gast zum Abend.
+-- Sagen Sie meinem Schwiegervater, daß ich nur einen kurzen Besuch auf
+Lammen machen würde und ihm beim Abendessen jedenfalls Gesellschaft
+leistete. -- Ach -- ja -- und: fragen Sie doch nachher einmal bei Frau
+Doktor Lamprecht an, was für ein Unfall denn das ist, den Herr von
+Likowski hatte ...«
+
+Der Himmel verdüsterte sich und ward hell -- dies launische Wetterleben
+da oben verhieß nichts Gutes. Der besorgte alte Herr ließ durch Leupold
+noch besonders darauf aufmerksam machen. Aber Klara blieb eigensinnig
+dabei: sie habe es sich nun einmal vorgenommen.
+
+Sie wollte nicht im Hause sein, wenn Stephan es betrat -- gerade heute
+nicht. -- Eine zufällige Begegnung war möglich, ein Ruf des alten Herrn
+konnte sie herbeizwingen. Und heute, wo eine so große Frage an ihn
+herankam, sollte kein Blick von ihr, kein Beben ihrer Stimme zu einem
+Einfluß werden. --
+
+Halb sechs fingen die Wolken an, ihren Inhalt herabzuschütten. Und als
+der alte Herr trotzdem unter seinem Fenster den hellen Warnruf des
+Gabrielshorns hörte, hinter dem drein gleich die Hupe ihren dunkeln Laut
+ertönen ließ, da wußte er: Klara fuhr davon!
+
+Seine Stirn runzelte sich. Er dachte wieder an den angstvoll
+ausgestoßenen Befehl -- sah wieder ihren Schreck und das, was aus ihren
+Augen flammte.
+
+Und er fragte sich kaum noch -- er _fühlte_: sie flieht vor diesem
+Mann!
+
+Sein Ausdruck wurde gramvoll. --
+
+Und Klara fuhr im Regen. Er sprühte herein und sprengte Tropfen auf ihr
+hellgraues Kleid. Sie beachtete es nicht. Sie hätte die schwüle Luft in
+geschlossener Karosserie nicht ertragen.
+
+Zum erstenmal empfand sie die Schnelligkeit des Fahrens als Wohltat für
+die Nerven.
+
+Über die Hochbrücke glitt mit dumpfen Schüttern das Auto. Blitzschnell
+huschte das Bild des Flusses am Auge vorbei, und eine Sekunde haftete
+das blaugraue Band, auf dem eine Schlange dahinkroch, deren Kopf
+rauchte: ein Schleppdampfer mit mehreren langen, bedeckten Lastkähnen
+hinter sich drein; und der Regen, der sich darauf herniederstürzte.
+
+Die Landschaft flog vorüber. Und diese Flucht der Dinge nötigte der
+Seele Ruhe auf. --
+
+Klaras Auto bog von der Landstraße ab und in die noch junge Allee
+hinein, die zwischen jetzt tropfenden Ebereschen bis an das Portal von
+Lammen führte.
+
+Aber als man vor diesem stattlichen Portal hielt, öffnete es sich nicht.
+Niemand eilte dienstbeflissen herzu. Klara saß und wartete, ihr
+Chauffeur ließ die Hupe wiederholt rufen.
+
+Endlich zeigte sich im Fenster einer der sonst Blausilbernen in
+gestreifter Leinenjacke. Als er erkannte, wer im Auto saß, kam er
+herausgerannt.
+
+Frau Baronin würden gewiß sehr bedauern. Die Damen seien heute vormittag
+abgereist.
+
+Klara sagte: »Abgereist?«
+
+Das klang fragend und erstaunt -- während sie nur dachte: nun komme ich
+zu früh zurück.
+
+Der Diener meinte, nähere Auskunft geben zu müssen. Förmlich
+vertröstend setzte er hinzu: »Wahrscheinlich nur auf einige Tage. Ich
+habe nicht genau verstanden, ob nach Hamburg oder nach Hannover.«
+
+»Nun, ich spreche ein andermal wieder vor.«
+
+Sie hatte sich entschlossen: sie wollte noch nach Pankow. Das dicke
+Ehepaar würde sich vielleicht wundern. -- Gleichgültig. -- Und so
+brauste denn das Auto weiter ins Land hinaus, vom Regen begossen, mit
+dem kleinen Schweif von Rauch hinter sich. -- --
+
+In seinem Riesensessel thronend erwartete unterdessen der alte Herr
+seinen Besuch. Nicht mit dem freien, wohlwollenden Gefühl des
+väterlichen Freundes, der einem ihm sympathischen und von ihm
+hochgeachteten jungen Mann eine Lebenswendung zum Unabhängigen anbieten
+will. In dieser Stimmung hatte er ihn herberufen. Sie war zerstört.
+Unruhe und Wachsamkeit war an ihre Stelle getreten. Voller Spannung, von
+nervöser Ungeduld durchzittert fragte er sich: »Wird Marning ebenso
+erschrecken wie Klara?«
+
+Und wenn das geschah, dann mußte er die Gründe erfahren -- er mußte!
+
+Das Herrische in ihm verband sich mit der heißen Liebe zu seiner
+Tochter.
+
+Er ertrug keine Unklarheiten vor ihrem Bilde. --
+
+Mit der Pünktlichkeit, die der Geheimrat erwartet hatte, wurde ihm der
+Freiherr von Marning gemeldet.
+
+»Wie farblos und wie ernst er aussieht,« dachte er.
+
+Aber da war ja erst allerlei anderes zu besprechen; der Geheimrat wußte
+schon: Likowski hatte den linken Unterschenkel gebrochen. Und er sprach
+lebhaft davon, wie dem Manne zumute sein müsse, in einem Augenblick so
+jämmerlich als Opfer eines schikanösen Unfalls festgebunden zu liegen,
+wo die Kriegsstimmung durch Deutschland fieberte.
+
+Und zwischendurch sah er unruhig nach dem Fenster, denn der Regen nahm
+den heftigsten Charakter an und strich schräg und dicht hernieder. Und
+er sagte, daß es seiner Tochter beigekommen sei, in diesem Wetter
+auszufahren.
+
+Ihm entging nicht das Aufblitzen in dem Auge des jungen Mannes.
+
+Stephan dachte: ich habe es gewußt!
+
+Und dann erlaubte er sich, daran zu erinnern, daß er in wichtiger Sache
+hergerufen sei.
+
+Der alte Herr legte seine Hände auf die breiten Armlehnen und richtete
+seinen Kopf gerade auf. Wenn er in dieser Herrscherhaltung zu den tiefer
+vor ihm Sitzenden herab sprach und sah, hatte er immer etwas von einem
+Richter und Regenten, dessen Willen schwer zu entrinnen sei.
+
+Auch Stephan wurde von dem Gefühl bedrückt, daß jetzt ein Reiferer und
+Größerer ihn gleichsam in die Hand nehmen wolle -- um mit ihm nach
+Befund und Gefallen zu verfahren.
+
+Und daß diese Augen bis auf den Grund seines Herzens sehen würden ...
+
+»Ich meine, lieber Marning, es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß ich
+herzlich Teil an Ihnen nehme.«
+
+Stephan verneigte sich im Sitzen.
+
+»Es ist mir nicht entgangen, Herr Geheimrat,« sprach er. »Schon bei den
+gelegentlichen Begegnungen im Hause meiner Verwandten fühlte ich mich
+durch die Aufmerksamkeit geehrt, die Sie mir schenkten. Und die gütige
+Aufnahme, die ich hier gefunden habe, empfinde ich mit Stolz und Dank.«
+
+»Wollen Sie mir gestatten, als väterlicher Freund allerlei Fragen an Sie
+zu richten?«
+
+»Wem sollte ich lieber dies Recht einräumen? Ich werde mit Wahrheiten
+antworten.«
+
+»Sie sind mit Ihrem Beruf zufrieden?«
+
+»Vollkommen, Herr Geheimrat.«
+
+»Wir, mein Mitarbeiter und Freund Thürauf und ich, glauben beobachtet zu
+haben, daß Sie auch für eine Tätigkeit, wie die unsere ist, ein
+Verständnis haben, aus dem man auf Berufung schließen kann. Denn ein
+gewisser Grad von Verständnis und Interesse läßt mit Sicherheit auf
+Begabung schließen -- nicht nur von den Künsten, sondern auch von
+wissenschaftlichen und praktischen Berufen darf man das behaupten. Was
+meinen Sie?«
+
+»Gewiß, Herr Geheimrat,« sprach Stephan offen, »ich fühle mich auf das
+stärkste, ja leidenschaftlich zu all den wunderbar großen Dingen
+hingezogen, wie ich sie auf 'Severin Lohmann' kennen lernen durfte. Wie
+sich da Wissenschaft, Wagemut, praktischer Erfindungsgeist vereinen, um
+die Elemente in den Dienst der Kultur zu zwingen, das ist herrlich. Und
+all die volkswirtschaftlichen Bedingtheiten eines solchen Werkes regen
+mich unablässig zum Nachdenken an. Man fühlt immerfort: alles ist
+lebendige Kraft. Und wie ungeheuer die Verantwortung, die Summe all
+dieser Kraft stets in rechter Balance der Bewegung zu erhalten!«
+
+»Sie hätten keine Lust, trotz dieser starken Teilnahme von der Armee zur
+Industrie überzugehen?«
+
+»Wenn ich in meinen Knabentagen, in der Zeit, wo man anfängt, über den
+Beruf nachzudenken, Gelegenheit gehabt hätte, in diese Welt des Feuers
+und Eisens hineinzusehen, so würde ich vielleicht meine Eltern gebeten
+haben: laßt mich Hüttenchemie studieren.«
+
+Er setzte mit einem Lächeln voll Ergebenheit und Verzicht hinzu: »Aber
+ich bin im Kadettenhaus auferzogen, weil es das Billigste war; ich habe
+gar keine Gelegenheit gehabt, nachzudenken über Berufswahl, weil ich nie
+was anderes gewußt habe, als: Offizier werden. Und meine Eltern hätten
+mich auch gar nicht studieren lassen können.«
+
+»Und jetzt?«
+
+»Jetzt würde es auch schwer sein, den Rock auszuziehen, den ich liebe!
+Wenn es denn endlich losgeht, möchte ich nicht zu Hause bleiben.«
+
+»Beides läßt sich verbinden. Sie brauchten keineswegs zur Landwehr
+überzutreten, sondern könnten, wenn Sie alljährlich eine längere Übung
+machen, als Reserveoffizier Ihrem Regiment im Frieden wie im Kriege
+angehörig bleiben.«
+
+»Das weiß ich wohl, Herr Geheimrat. Aber ich weiß auch, daß die großen
+Unternehmer schwerlich ihre unteren Angestellten alljährlich so lange
+beurlauben. Und ich könnte doch vorderhand nur immer ein untergeordneter
+Angestellter werden, ohne Vorbildung wie ich bin -- wenn ich mir's auch
+zutraue, in die Aufgaben hineinzuwachsen.«
+
+Der Geheimrat sah ihn nachdenklich an und erwog: wie gehe ich weiter?
+Denn er spürte, daß Marning gar nicht daran dachte, es handle sich um
+»Severin Lohmann«.
+
+»Nun,« sprach er, »die Unternehmer denken verschieden. Und warum nicht
+gleich mit der nötigen Vorbildung hineinkommen? Ein Jahr auf der
+Hochschule in Charlottenburg Hüttenchemie studieren -- sich dann noch
+ein halbes Jahr praktisch umtun -- das wäre schon Vorbildung, die Sie
+natürlich nicht sofort für eine direktoriale Stellung reif machte, aber
+doch, bei Ihrer Intelligenz und Ihrem Pflichtgefühl, Ihrem Ehrgeiz, Sie
+von vornherein in die obere Laufbahn brächte.«
+
+»Herr Geheimrat,« sagte Stephan mit ernstem, entschlossenem Ton, »ich
+habe mich durch ähnliche Erwägungen schon manchesmal in Versuchung
+gefühlt. Ich muß aber darauf verzichten, den verlockenden Weg zu
+beschreiten. Es wäre bei meiner überaus bescheidenen Vermögenslage ein
+Wagnis, das ich nicht unternehmen darf. Wenn ich für das Studium und
+eine kurze Volontärzeit von meinem sehr kleinen Erbteil das
+Erforderliche opfere, und ich finde nachher keine Stellung, so gerate
+ich in eine schwere Lage. Ich habe keine Beziehungen zum Hause Krupp
+oder anderen Häusern. Und wenn mir auch diese Unterredung den mutvollen
+Gedanken geben darf, daß ich auf Ihre Empfehlung würde rechnen können --
+eine Sicherheit wäre mir damit nicht gegeben. -- Und so muß ich
+verzichten.«
+
+Ganz langsam fragte der alte Herr und sah ihm gerade in die Augen: »Wie
+viel Zulage haben Sie?«
+
+Und mit freiem Blick, stolz und einfach antwortete Stephan: »Sechzig
+Mark, Herr Geheimrat.«
+
+»Schulden?«
+
+»Nein, Herr Geheimrat. Auch keine Kleiderschulden. Ich habe von Anfang
+an beim Offiziersverein immer bar bezahlt und zwölf Prozent bekommen.«
+
+Rührung zog durch das Gemüt des Alten und machte es weich. Und ein
+Hochgefühl wallte in ihm auf.
+
+Ja, so gibt es Tausende -- Tausende. -- Mit einer knappen Zulage. --
+Großer Gott: zwei Mark für jeden Tag! Mit dem schmalen Sold vom Reiche
+schlagen sie sich durch. Entbehrung ist ihr Los. -- Aber sie zu
+ertragen, ist ihr Stolz.
+
+Arm! Mutig! Voll heiterer Kraft!
+
+Das ist der deutsche Offizier im stillen Heldentum, das der Friede
+fordert.
+
+Und es ist Gefahr, daß das Volk diese reine, straffe, aufrechte Gestalt
+nicht mehr richtig sieht.
+
+Weil die Zeit nicht von ihr fordert, daß das Schwert erhoben werde.
+
+Lastende Zeit ... Das ging so durch ihn hin.
+
+Der junge Offizier fühlte die Güte des Blickes, der auf ihm ruhte -- er
+ahnte, daß dies Schweigen erfüllt war von Achtung und Verstehen. -- Und
+er wurde weich -- sehr weich. -- Er hätte am liebsten in kindlicher
+Verehrung die Hand des Alten geküßt.
+
+Nun aber fuhr der aus seiner Rührung und seinen Gedanken auf.
+
+Der Augenblick war da. Die Frage mußte getan werden.
+
+»Ich bin wie alle alten Leute,« sprach er mit einem mühsamen Lächeln,
+»ich mache lange Vorreden. Ganz klipp und klar hätte ich gleich sagen
+sollen: wollen Sie nach den nötigen Vorbereitungen bei 'Severin Lohmann'
+eintreten?«
+
+Stephan sprang auf. Er erblaßte so sehr, daß dem alten Mann, der ihn mit
+fast gieriger Wachsamkeit beobachtet hatte, das Herz rasend zu klopfen
+begann.
+
+»Hier?« sprach er sofort -- ließ keine, gar keine Pause aufkommen,
+»hier? -- auf 'Severin Lohmann' sein? Hier? Jeden Tag -- immer? -- Nein.
+Nein! Ich -- ich -- danke gehorsamst, Herr Geheimrat. Ich muß ablehnen.«
+
+Bei den letzten Worten spürte man es: er hatte sich gefaßt. Und er
+setzte sogleich hinzu: »Sowie Likowski wieder Dienst tun kann, komme ich
+um Versetzung ein. -- Nur sein Unfall hat mich verhindert, es schon
+heute zu tun. Ich danke gehorsamst --«
+
+Das mächtige Haupt neigte sich ein wenig, als sei es müde. Unter den
+starken, grauen Brauen her kamen die tiefen Blicke und schienen in die
+Stürme und Leiden des jungen Menschen hineinsehen zu wollen.
+
+»Können Sie mir den Grund sagen, weshalb Sie nicht bei uns bleiben
+wollen, weder als Mitarbeiter noch in Ihrer Garnison? Wollen Sie es
+nicht einem alten Mann sagen, der Sie liebhat und der -- der auch -- ein
+-- Mensch ist ... der gelitten hat --«
+
+Diese zitternde Stimme -- zum erstenmal klang sie ihm greisenhaft --
+erschütterte Stephan.
+
+Und doch sprach er leise und fest: »Nein!«
+
+Nichts als dies kurze, jede weitere Frage ablehnende »Nein!«
+
+Der gramvoll forschende Blick aber ergriff ihn. -- Er tat, wozu es ihn
+schon vor Minuten hatte hinreißen wollen -- er neigte sich tief und
+küßte die Hand des alten Herrn.
+
+Fast wollte seine Fassung zerbrechen -- ein Übermaß von Empfindungen
+stürmte durch ihn hin. -- Als bäte er mit diesem Handkuß: verzeih mir,
+daß ich deines Sohnes Frau liebe. -- Als schwöre er: zwischen dieser
+edlen Frau und mir steht nicht der Schatten einer Schuld. -- Als flehe
+er: versteh doch, daß ich gehen muß.
+
+Dann richtete er sich auf -- stand voll Haltung.
+
+Er griff nach seiner Mütze und hielt sie in der Hand.
+
+Noch ein paar Herzschläge lang sahen sie einander fest in die Augen!
+Höher hob Stephan den Kopf, und sein Blick schien zu leuchten, im
+Bewußtsein, daß er ihn so frei erheben könne.
+
+Dann grüßte er militärisch und ging.
+
+Als müsse dieses leise »Nein« das letzte Wort zwischen ihnen
+bleiben. -- --
+
+Und wenn tausend gesprochen worden wären, sie hätten dem alten Herrn
+nicht mehr offenbaren können als dies eine.
+
+Nun hatte er keine Zweifel mehr.
+
+Erschöpft legte er sich zurück und schloß die Augen.
+
+»Wie sich alles wiederholt!« dachte der Greis.
+
+Hatte das Schicksal so wenig Erfindungsgeist?
+
+Warum mußte es diesen beiden herrlichen jungen Menschen dieselben Leiden
+aufbürden, die er und eine heilige Tote einst getragen?
+
+Aber war denn an diesem Leid wirklich nur jene unbekannte Macht schuld,
+die man so unbestimmt und sich selbst entlastend gern »das Schicksal«
+nennt?
+
+Waren es nicht vielmehr seine eigenen Hände gewesen, die alles so
+geschoben hatten? In herrischer Selbstsucht!
+
+Voll harter Aufrichtigkeit gegen sich gestand er sich das ein!
+
+Den Sohn hatte er retten wollen, sich selbst die holdeste Tochter
+gewinnen.
+
+Er täuschte sich nur zu rasch und freudig vor, daß sie für seinen Sohn
+Neigung habe.
+
+Er genoß es als Glück, ihr Sorglosigkeit und ansehnliche Stellung
+darbringen zu können.
+
+Er glaubte der Geliebten noch über das Grab hinaus Treue zu beweisen,
+indem er ihre Tochter in sein Haus zwang.
+
+Und nun wußte er: Klara konnte seinen Sohn nie geliebt haben -- denn sie
+war nicht veränderlichen und leicht entflammten Herzens.
+
+Er erkannte längst: von äußerem Glanz war sie so unabhängig, wie es ihre
+Mutter gewesen.
+
+Und er fühlte, daß die teure Tote weinen würde über das Geschick der
+Tochter ...
+
+Gut machen! Das war seine Pflicht! Aber wie denn? Noch einmal Schicksal
+spielen?
+
+Klara sagen: wenn du einen anderen Mann liebst -- sei frei!
+
+Aber das war ja ganz unmöglich!
+
+Er dachte an seinen Sohn -- an den anderen Mann.
+
+Die bitteren Vergleiche taten ihm nicht wohl! Er wußte klar: sein Sohn
+war von der Art seiner Mutter. Begabt, schön, beweglichen Verstandes --
+ohne Tiefe des Herzens und ohne Zuverlässigkeit. Genußfreudig.
+
+Und er sah den anderen stolzen Mann vor sich, der still und aufrecht
+seinen entsagungsvollen Weg ging.
+
+Ja -- dieser wäre Klaras würdiger gewesen ...
+
+Und wie verschwiegen und tapfer und schuldlos sie litten!
+
+Wie er selbst einst gelitten ...
+
+Seine heiße Liebe, die so ganz und gar mit der Liebe zu einer Toten
+verwoben war, daß sein Herz oft erzitterte, wie in Furcht vor seltsamen
+Geheimnissen -- diese heiße, selbstsüchtige und dennoch zugleich über
+jedes Mannesgefühl hinaus in das rein Menschliche erhobene Liebe -- sie
+wallte stürmisch auf. Sie wehrte sich dagegen, ohnmächtig zuzusehen, daß
+Klara sich in heimlichem Gram verzehre.
+
+Aber tat sie denn das? Was wußte er von ihr? Von ihrem Herzen? Warum
+hatte sie seinen Sohn denn geheiratet? Er hatte es ihr doch damals ernst
+und stark geschrieben: nicht das geringste, was ich sorglich für dich
+tat, darf dich bestimmen? Und von all den schweren, häßlichen Dingen,
+die den Tod ihres Vaters umspielten, wußte sie doch nichts.
+
+Was sollte er tun?
+
+Ganz gewiß war sein Sohn nicht der ebenbürtige Gatte dieses jungen
+Weibes.
+
+Aber er, der eigene Vater konnte ihm doch nicht die von der Seite
+fortreißen, die seine Helferin, sein edelster Besitz war? Wahrscheinlich
+hatte er keine volle Erkenntnis von dem Adel und der Würde seiner jungen
+Frau. Dennoch aber -- das hoffte der Vater so sehr von ganzem Herzen,
+daß er daran glaubte -- dennoch stand sie ihm hoch, und er fühlte
+dankbar, wie ihre Reinheit und ihre Klugheit ihn aus dem elenden
+Lebensüberdruß herausgerettet, dem er verfallen gewesen.
+
+Ihm war, als höre er ihn sagen: »meine famose, großartige Frau!«
+
+Das klang immer so flach, so äußerlich -- es hatte ihn schon oft
+verletzt.
+
+In diesem Augenblick, als das so in sein Ohr zurückkam, fühlte er: von
+Wynfried war es ehrlich gemeint und eine starke Anerkennung.
+
+Und dieses Gefühl war vielleicht das beste, was je in des Sohnes Herzen
+gelebt hatte.
+
+Und der eigene Vater sollte ihm das zerstören?
+
+Unmöglich.
+
+Und das kleine Kind? Ihr und seines Sohnes Kind? Die Zukunft des Hauses!
+Sein Enkel -- sein Stolz und Glück!
+
+Unmöglich!
+
+Das junge Weib -- das Kind -- das Werk -- alles _eine_ Zukunft
+zusammengeschmiedet. -- Unzertrennlich. --
+
+Wie sollte sich das alles lösen?
+
+Still lag sein Haupt gegen die Lehne gedrückt.
+
+Zum erstenmal fühlte er sich müde -- sein herrischer Wille -- sein Zorn
+-- sein Schmerz entglitt ihm gleichsam.
+
+Ein leises Ahnen beschlich ihn, daß auch für die stärkste Lebensgier
+eines Tags die Wirrnisse des Daseins zu mühselig werden können. --
+
+Und draußen surrte der Regen, emsig gießend, in unermüdlicher
+Betriebsamkeit, als wolle er alle Leidenschaft und alles Unglück
+nüchtern wegwaschen.
+
+
+
+
+10
+
+
+Mit der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten Schenkelbruchs
+hatte der Professor seinen Patienten nur bändigen wollen. Aber als der
+ungeduldige Likowski nach vierzehn Tagen einsah, daß die Sache
+keineswegs so einfach sei, daß die Heilung noch Wochen in Anspruch
+nehmen werde, verfiel er in einen schlimmen Gemütszustand. Da man ihn
+zuerst wohlmeinend getäuscht hatte, glaubte er nun auch der Versicherung
+nicht, daß alles wieder völlig gut werden würde und seine
+Dienstfähigkeit gewiß nicht in Gefahr sei.
+
+Er sah sich schon lahmend und außer Dienst!
+
+Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram mehr -- es war Wut.
+
+Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und Leiden in einem Feldzuge
+würde er wahrscheinlich kaum gespürt haben, im Hochgefühl kriegerischer
+Pflichterfüllung. Aber hier so still liegen und sich gefaßt erweisen,
+dazu war er nicht der Mann.
+
+Er erklärte das für Frauenzimmersache. Weiber, die hätten's in den
+Nerven, daß sie zäh und ergeben dulden könnten -- deren Nerven seien
+eben dehnbarer eingerichtet. Männernerven rissen gleich.
+
+Und die Welt, die nächste um ihn, wie die große, weite draußen, war
+nicht in Zuständen, die ihn hätten angenehm zerstreuen können.
+
+Das Wort »Krieg« zitterte durch Deutschland. Jetzt endlich glaubte man
+es ganz gewiß. Der Herbst würde die Völker gegeneinander werfen. -- Es
+schien kein Zweifel mehr.
+
+Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu sprechen. Aber er las
+ja Zeitungen -- immer mehr -- Zeitungen aller Parteien. -- Und er
+spürte, wie der Glaube an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht
+durch die Druckzeilen bebte. Wie die einen in heißer Opferfreudigkeit
+erglühten -- das sah er mit glückseligem Stolz. Wie die anderen feige
+nur an ihr bißchen gestörtes Wohlleben dachten, erkannte er mit
+Zähneknirschen. Es war ihm doch das brennendste Bedürfnis, davon zu
+sprechen. Und wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich
+sein Gespräch, seine Frage.
+
+Thürauf kam. Er mußte bestätigen, daß das Ausland sich mit Bestellungen
+zurückhielt, daß wiederum einige Industrien des Inlandes überhetzt
+Rohmaterial brauchten. Die geschäftliche Lage war trübe und besonders
+von der Ungewißheit geschädigt. In industriellen Kreisen sagten die
+einen: Ginge es doch los, damit wir dann freie Bahn und neuen Aufschwung
+erleben, wenn's überstanden ist! Die anderen: Alles ist nun in schönster
+Blüte, die Kinderjahre unserer Industrie sind überwunden, wir
+überflügeln die anderen Völker; und nun soll ein Krieg alles zerstören?
+
+Herr von Pankow kam, und seine joviale Behäbigkeit erschien umflort von
+gedrückten Stimmungen. Was aus der Ernte werden sollte, wußte Gott
+allein bei diesem ewigen Regen. Und gerade jetzt war das schnelle und
+gute Hereinkommen der Ernte so dringlich nötig! Wußte man denn, ob einem
+nicht morgen die Pferde weggeholt würden?
+
+Er war ja ganz damit zufrieden, obschon sein Einziger als blauer Husar
+mitmußte -- stand in Wandsbek, Regiment Königin der Niederlande -- bloß
+erst die Ernte 'rein -- dann war man hinterher auch leistungsfähiger.
+
+Und Doktor Sylvester kam, und sein Mundwinkel, in dem der Schmiß von der
+Wange her endete, zog sich ganz besonders schief. Er sagte, daß er seit
+seinen Quartanertagen darauf gewartet habe, mitzugehen. Er war Stabsarzt
+der Reserve und hatte schon an einen alten Verwandten geschrieben, der
+sich gerade aus der Praxis zurückgezogen habe, aber bereit sei, ihn in
+Severinshof als Hüttenarzt zu ersetzen. Womit der Geheimrat sich
+einverstanden erklärte. Und er erzählte, daß der Geheimrat gesagt habe:
+ein Krieg sei für Deutschland ein Sprung ins Dunkle, man stehe vor
+Problemen, dergleichen die Welt noch nicht gesehen; denn daß ein
+Industriestaat ein Volksheer mobilisiere, sei ein in der Geschichte noch
+nicht dagewesener Fall. Aber die ethischen Eigenschaften unseres Volkes
+zeigten Erschlaffung, und nur in einem Kriege könnten sie ihre Kraft und
+Gewalt wieder erreichen. Es liege nun einmal in der deutschen Art: lange
+Zeitspannen der Sorglosigkeit und des Friedens vertrage sie nicht.
+
+Und Edith Stuhr kam und saß frech und neugierig und vergnügt an seinem
+Bett -- was die alte Doktorin Lamprecht unerhört fand -- und erzählte,
+daß ihr Papa jammere: wenn Bedarf an Schwertern sei, frage man nicht
+nach Sensen.
+
+Und die Kameraden kamen.
+
+Diese jeden Tag. Und wenn sie nicht sprachen von dem einen, so sagte es
+Blick und Händedruck ...
+
+Sein Vetter, der Kapitänleutnant schrieb: »Wenn es wird, muß es vor dem
+14. September sein, denn nach dem Flottenmanöver entlassen wir stets
+unsere Reserven. -- Marinereserven, einmal entlassen, können nicht so
+rasch wie das Landheer zur Waffe zurückberufen werden. Sie zerstreuen
+sich, infolge ihres größtenteils seemännischen Berufes, bald über die
+Ozeane. Die brauchen oft Wochen, bis sie zurückkommen können. Mit eben
+frisch Eingestellten kann man aber unsere Schiffe nicht bedienen. Also:
+wenn unsere Reserven zurückbehalten werden, heißt das: Krieg in Sicht!«
+
+Und der Hauptmann schwor wieder: »Ich schieß' mich tot, wenn's losgeht
+und ich bin ein Krüppel!«
+
+Und das Allermerkwürdigste war, daß diese ganze Spannung, dies ungeheure
+Warten auf das gewaltige Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach
+erhielt, dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus der Luft
+gewaschen wurde. Die Natur überhitzte die Nerven gewiß nicht. Der graue
+Tageshimmel schüttete vom Morgen bis zum Abend, die schwarze Nacht vom
+Abend bis zur Frühe Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von
+keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen herab.
+
+Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn bloß endlich mal Schönwetter
+würde!
+
+Als sei damit dann viel geklärt.
+
+Aber es wurde kein Schönwetter.
+
+Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling, und ihre
+ermahnenden Reden flossen ohne Unterlaß.
+
+»Grad wie der Regen,« sagte Likowski einmal.
+
+Aber sie steckte oft ihr graues Köpfchen mit dem spiegelglatten
+Flachskopf des Burschen zusammen, und sie kam mit Vollert, in höchst
+unmilitärischer Verwischung aller Subordinationsgrenzen, überein, daß
+man Herrn Hauptmann jetzt nie etwas übelnehmen müsse.
+
+Sehr beleidigt war Likowski, daß von »drüben« -- womit ein für allemal
+die Bewohner des Herrenhauses gemeint waren -- niemand kam.
+
+Der Geheimrat natürlich konnte nicht. Er schickte seinen Leupold mit
+erlesenen Früchten und köstlichen Bissen. Und hatte auch in einem
+eigenhändigen Brief sein Mitgefühl ausgedrückt.
+
+Die Doktorin erinnerte daran, daß doch Herr Wynfried Severin schon
+einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr Pflegling schien diese Besuche
+nicht zu rechnen. Er mochte nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo
+bliebe denn Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht. Hatte
+er das um sie verdient? War er nicht ihr guter Freund gewesen, als sie
+noch Klara Hildebrandt und eine arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht
+schon damals geachtet und verehrt, so daß er beinahe -- aber natürlich
+nur »beinahe« -- erwogen hätte ... Und wußte sie denn nicht, daß sie
+keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn? Man erzählte, wie rührend
+sie sich des verbrannten Judereit annehme; Sylvester sprach sozusagen
+mit Andacht davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen, ließ
+sie ungetröstet daliegen? Als ob es nicht auch für ihn eine Wohltat
+wäre, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen und ihre sanfte Frauenwürde
+einmal an seinem Lager zu spüren.
+
+Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig erwidern. Sie
+wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch für ihre Person etwas übel.
+Denn nun, da sie nicht mehr nach drüben zu ihren regelmäßigen
+Teebesuchen fahren konnte, mußte doch Klara einmal das Verlangen haben,
+ihre Pflegemutter wiederzusehen ...
+
+Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann.
+
+Der Besuch machte ihm anfangs Spaß. Die Baronin fuhr, natürlich mit
+ihrer Gerwald, im Auto vor. Das Geräusch des Regens war in der Luft, und
+von der Traufe, neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte
+in gleichmäßiger Eile hinab auf das Straßenpflaster. Das einfache
+Zimmer, voll Karten an den Wänden und voll Zeitungshaufen und
+Schriftstücken auf dem Tisch, mit dem etwas schräg vornübergebeugten
+Spiegel über dem Waschtisch, gegenüber dem Fußende des Bettes -- das war
+kein Schauplatz für die Eleganz, die hereinkam.
+
+Agathe hatte draußen ihren Regenmantel abgenommen und in Vollerts große
+Hände gelegt, die aber erst einmal den seidigen, gleitenden Gummistoff
+fallen ließen, was die Damen in Heiterkeit versetzte.
+
+»Wie kommt der Glanz in meine Hütte!« sagte Likowski und hatte sein
+Wohlgefallen an dem hellblauen, die üppige blonde Frau knapp
+umspannenden Schneiderkleid. Er dachte: selbst für mich ist es ihr der
+Mühe wert, sich schön zu machen -- wie angenehm für unser Männerauge,
+daß es Frauen gibt, die das unschuldige Bedürfnis haben, uns sozusagen
+was vorzublühen!
+
+Obgleich er ein fröhliches Gesicht in diesem Augenblick zeigte, war
+Agathe doch tief gerührt. Sie konnte nun einmal keinen Menschen leiden
+sehen, es tat ihr zu weh!
+
+Ihre ganze Herzensgüte wallte auf, und Likowski sah wohl, daß es gar
+nichts Echteres geben konnte als dies Mitleid, mit dem Agathe seine Hand
+streichelte. In ihren blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten
+Glanz einer Träne.
+
+Sie konnte es kaum sagen, _wie_ sie ihn beklage.
+
+Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt sich in guter Laune mit
+ihnen.
+
+»Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie sind noch schöner
+geworden. Und ein wenig schlanker -- ganz wenig -- aber gerade sehr
+vorteilhaft so. -- Ja und auch Fräulein von Gerwald strahlt? Den Damen
+bekommt der Sommer mit all dem Regen besser als mir -- im Grunde
+verdank' ich dem verfluchten Regen mein Malheur. Verehrte Freundin, wenn
+Sie morgen lesen: der Krieg ist erklärt, so kaufen sie gleich einen
+Trauerkranz für einen, der es nicht überleben wird, zu Haus bleiben zu
+müssen.«
+
+»Ach,« sagte Agathe, »Wynfried meint, es wird nichts draus.«
+
+Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski stutzte nur eine Sekunde.
+Agathe war eng befreundet mit Klara; warum sollte ihr der Name von
+Klaras Gatten nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen? Es gab
+überhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus Gewohnheit sagten:
+»der Geheimrat« und »Wynfried Severin«, um Vater und Sohn bequem zu
+unterscheiden, und den Namen Lohmann wegließen.
+
+»Wie geht's denn Ihrer Freundin? Sie läßt sich bei mir nicht sehen.
+Sagen Sie ihr, daß es mich kränkt und schmerzt.«
+
+»O -- es geht ihr gut, höre ich.«
+
+»Hören Sie? So was sieht man doch.«
+
+»Ja denken Sie,« sagte Agathe, und ein leichtes Rot breitete sich über
+ihr Gesicht, »das ist schon einfach komisch! Seit Wochen verfehlen wir
+uns, mit tödlicher Sicherheit. Dreimal bin ich bei Klara gewesen und
+stets vergebens. Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war sie
+mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag sie mit Kopfschmerzen
+zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich auch verfehlt. Die kleinen Essen,
+die der Geheimrat sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen
+... er soll sich angegriffen fühlen. Mal war ich eingeladen, als ein
+paar Großindustrielle da waren. Schweden und Finnländer -- ich kann
+nicht Schwedisch, und englisch zu sprechen, ist mir verhaßt. Man hat
+mich in meiner Jugend zu viel damit geärgert. Neulich lud ich das
+Ehepaar ein -- sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag
+hatte.«
+
+»Das nennt man Pech!« gab Likowski zu.
+
+Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Fräulein von Gerwald: »Es
+tut Frau Baronin wirklich sehr leid.«
+
+Gerade hörte man auf der Straße ein dumpfes Dröhnen, und das hielt vor
+dem Hause an.
+
+»Mehr Besuch!« sagte Agathe, »gewiß Stuhr.«
+
+Aber es war nicht Ediths nervöser und sorgenvoller Vater, sondern
+Wynfried Severin kam herein. Schön, heiter, ein Mann von Lebensfreude
+wie umglänzt.
+
+Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann das peinliche Gefühl:
+dies Zusammentreffen sei vielleicht kein Zufall. Agathe war unruhig wie
+ein Backfisch und kicherte und strahlte. Und Wynfried küßte ihr die Hand
+und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich bekommen sei, und erzählte
+dem Hauptmann, daß er das Glück gehabt habe, die Damen in Hamburg zu
+treffen, gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen. Da
+habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu dürfen. Und als sie
+aufbrachen, stießen sie in der Tür auf Stuhr. -- Aber Likowski wisse
+wohl schon davon, Stuhr habe es sicher erzählt ...
+
+»Nein,« sprach der Hauptmann kurz, »Stuhr ist kein Klatschweib.«
+
+Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und er erkannte wohl, daß in
+Agathens schwimmenden Blicken der Glanz war, den die gierige
+Verliebtheit entzündet. Und er hörte wohl, daß in des Mannes Stimme ein
+Ton herrischer Vertrautheit mitschwang -- dieser Paschaton, der gewisse
+Frauen entzückt.
+
+Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen, die etwas Festliches
+an sich hatten und doch voll unbegreiflicher Unruhe zu sein schienen --
+als könnten sie vor Heiterkeit mit keinem Gespräch zu Ende kommen und
+vor Nervosität nicht zwei Minuten still sitzen -- sie verstimmten ihn
+tief.
+
+Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas Zerstreuung bedeutet. Als
+sie nun zu dritt gingen -- nicht ohne daß Wynfried den Hauptmann laut
+beneidete um das Mitleid dieser holden Gönnerin -- blieb er finster
+zurück.
+
+Das hatte ihm nicht gefallen -- nein -- nein. --
+
+Es müßte sich jemand finden, der Klara sagte: paß auf!
+
+Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der Gewohnheit,
+»konventionell« und »formell« sich zu betragen, mischt man sich nicht
+ein. Sagt einer Mutter nicht: Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt
+einer Frau nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne nicht:
+deine Frau macht dich zum Gespött. -- Zusehen ist schicklicher.
+
+»Nun, ich werde dieser jemand sein -- sobald ich Gelegenheit habe!«
+schloß er mit festem Vorsatz seine Betrachtungen.
+
+Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre ausführliche Kritik
+des geräuschvollen Besuches vom Herzen heruntersprechen, und besonders
+hatte es ihr mißfallen, daß Wynfried mit den Damen davonfuhr und sein
+eigenes Auto wegschickte -- »als wenn's zum Jahrmarkt gegangen sei,«
+hatte sie das Betragen gefunden.
+
+»Gottlob, daß es noch Menschen gibt, die sich der Zeit zum Trotz
+amüsieren können,« sagte Likowski abweisend.
+
+Aber diesmal ließ sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen. Sie mußte
+sprechen. Das war bei ihr auch eine Funktion, die sich nicht
+zurückhalten läßt.
+
+»Liebster, bester Herr von Likowski,« raunte sie, »ich klatsche nie --
+aber was jetzt die Leute sagen, geht mir doch zu nahe.«
+
+»Sie wissen, Lamprächtige -- hab' keine Spur von Neugier ...«
+
+»Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ... Man spricht davon, daß
+-- daß Wynfried und die Hegemeister -- wenn er verreist -- verreist sie
+auch. -- Und er ist manchmal allein auf Lammen -- aber nicht mit seinem
+eigenen Auto sagen die Leute.«
+
+»Sagen Sie den Leuten wieder, daß sie ihre Nase in ihre eigenen
+Angelegenheiten stecken sollen,« befahl Likowski.
+
+Und die Alte dachte bekümmert, daß ein Hagestolz doch für gewisse Dinge
+kein Gefühl übrig habe. Diese Teilnahmslosigkeit -- denn es ging doch
+Klaras Leben an -- kränkte sie schwer.
+
+Gegen Abend saß Marning am Bette des Freundes. Er fand ihn sehr erregt.
+Sollte man es nicht sein? grollte der Hauptmann. Morgen wurde der letzte
+Verband abgenommen. Die Massage und die Gehversuche würden beginnen --
+es war vom Professor das Wort »Wiesbaden« ausgesprochen. Und ganz gewiß
+-- morgen würde es offenbar werden, davon war er überzeugt -- sein
+linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. -- Marning schwor ihm
+zum unendlichsten Male zu, daß es nur zwei Zentimeter seien, und daß der
+Professor gesagt habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal
+steifer oder nachschleifender würde es werden.
+
+Aber das war es nicht allein -- andere Dinge hatte Likowski gelesen: in
+England waren die Menschen wie verrückt: glaubten einen Zeppelin in
+nächtlicher Dunkelheit über London gesehen zu haben. Und in Frankreich
+-- diese Empfindlichkeit, dieser anmaßende Ton ... Und die Wunder
+unserer Disziplin! Als ob es nicht den Männern an der Grenzwacht in
+allen Nerven zuckte.
+
+»Sie haben noch mehr!« sagte ihm Marning auf den Kopf zu.
+
+»O ja -- ich merk', Sie kennen mich -- ja schmerzen tut's mich -- daß
+die junge Frau von drüben nicht kommt. -- Und da wären so allerhand
+Gründe ... möcht' mal mit ihr eins schwatzen -- mal sehen, wie weit man
+mit dem Gespräch sich wagen kann ...«
+
+Stephan saß schweigend und blaß.
+
+»Und kurz und gut -- sagen Sie's ihr nur geradezu -- es sei keine Sache,
+einen alten Freund in trüben Tagen zu vernachlässigen.«
+
+Plötzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter: »Herrjes -- wie ist
+mir denn? Sie sind ja wohl lange nicht mehr drüben gewesen?«
+
+»Nein, lange nicht.«
+
+»Aber jetzt gondeln Sie mal 'rüber und bestellen ihr ...«
+
+»Gewiß, gern -- gelegentlich,« sagte Stephan ausweichend. »Sie wissen
+doch: wir mögen den jungen Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr
+jetzt nicht einlädt, komm' ich nicht hinüber.«
+
+Zu seiner Erleichterung ließ der Hauptmann das Gespräch völlig fallen --
+lag grübelnd, mit bösem Gesicht da.
+
+Er dachte: »Wenn man doch die Wahrheit erfahren könnte! Ob Marning auch
+von dem Klatsch gehört hat? Deshalb nicht mehr 'rüberfährt?«
+
+Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den Sachen, die man nicht
+zart genug behandeln kann. --
+
+Er fühlte. »Ich muß bald wieder auf dem Posten sein! In jeder Hinsicht
+-- man ist doch kein Überzähliger! Gottlob nicht. Und könnt' sein, daß
+da drüben die junge Frau auch mal 'n Freund braucht ...«
+
+Vom nächsten Tage an schien er aber nur noch an sich zu denken. Erst
+natürlich wetterte er über die Maßen herum, daß sein Bein nicht bloß
+eine Handbreit, nein daß es um die Hälfte verkürzt sei und die Knochen
+wie von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er's gleich noch
+mal brechen. Aber mit viel Geräusch und ungemeiner Energie kam er
+vorwärts. Er fing an, zu hoffen, zu glauben. --
+
+Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte, hatte das
+rechtzeitige Abernten der Felder unmöglich gemacht. Die Manöver mußten
+teilweise verschoben und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski
+die Kameraden um sich. Der Major im Stabe, der die beiden Kompanien
+führte, ließ zum Ersatz ganz besonders große Marsch- und
+Felddienstübungen unternehmen, deren Anlage und Verlauf Likowski dann am
+Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach.
+
+Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter zeigte,
+der erst herausheilen mußte. Aber dann konnte Likowski doch Marning
+vorrechnen: »Wenn Krieg kommt, kann ich's wagen, mitzureiten. Bleibt
+Frieden, gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine hier nach
+sieben, acht Wochen als Jüngling und Schnelläufer wieder. Und dann
+kommen Sie um Ihre Versetzung ein -- wenn Sie nicht anderen Sinnes
+geworden sind.«
+
+Und an einem Tage, als der öde Regen durch stürmisches Unwetter eine
+Abwechslung erfuhr und anstatt der zinnfarbenen Gleichmäßigkeit am
+Himmel wildes Gewölk schwarz und schwer sich dahinwälzte, kam endlich
+die junge Frau.
+
+Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck bei Thüraufs
+getroffen und zufällig erfahren, daß heute eine Übung stattfinden solle,
+von der die Kompanien erst gegen Abend zurückkehren würden. So war sie
+sicher, dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied genommen
+hatte ...
+
+Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen. Er war ganz
+betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt! War sie noch gewachsen? War
+man so des Anblicks von holder Schönheit entwöhnt, daß einem die
+bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen?
+
+Welch ein Lächeln voll Güte ... Und dennoch -- irgend etwas Rührendes
+darin ...
+
+Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens davon, daß sie noch
+nicht hier gewesen sei -- ging schweigend daran vorbei. Und da wußte er
+in zartem Verstehen: sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung davor,
+wenn man ihn auch nicht erfährt!
+
+Sie saß neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre Hand lange in der
+seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung und zärtlich zu streicheln,
+als sei er ein guter alter Papa. Er fragte nach Severin dem Großen und
+Severin dem Kleinen.
+
+Und Klara sagte, daß ihr Vater oft so still und in Nachdenken versunken
+sei; es schien, als ermatte seine Frische. Da sei es ihr lieb, daß ihr
+Mann die eigentlich für den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise
+aufgegeben habe. Er hatte gleich von Warnemünde aus Anfang Juli seine
+Jacht nach der Elbmündung gehen lassen, wo er die Segelei großartiger
+und interessanter finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach
+Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport habe ihn mit
+Haut und Haar. Das sei mehr Erholung als eine Reise, sagte er. Und sie
+freue sich dessen für ihn. Nun könne sie ihren Vater recht pflegen. Was
+aber Severin den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verklärt!
+
+»Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und strampelt! Und
+streckt die dicken Händchen nach seinem Großvater aus! Ja, der ist ein
+bißchen vernarrt und einseitig und sagt: Solchen Jungen hat's noch nie
+gegeben -- Wie eben Großväter sind ...«
+
+»Und junge Mütter auch! Ich hab' mich bisher als Barbar betragen gegen
+Severin den Kleinen. Babys sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch
+wird -- na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm auch noch
+auf lange hinaus meine blanken Knöpfe anziehender erscheinen sollten als
+mein Charakter.«
+
+Klara lachte. Wie wirkte sie glücklich in diesem Augenblick!
+
+Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. -- Und doch riß es ihn
+zu mächtig in die Nähe dieser Sorge. Plötzlich fragte er: »Na, und die
+Baronin? Hängt sie Ihnen immer noch mit solcher Backfischschwärmerei
+an?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte Klara unbefangen, »sie verfehlt mich beständig.
+Wär's nicht die gutherzige Agathe, die wohl gegen keinen Menschen je
+feindselig sein kann, dächt' ich: Absicht. Wynfried hat mehr Glück mit
+ihr -- traf sie mal in Hamburg -- fuhr mal, auf dem Wege nach Pankow,
+auf Lammen vor --«
+
+»Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so verschieden,« setzte sie
+beschönigend hinzu. »Vormittags bin ich ganz gebunden, habe überhaupt
+viele Pflichten: Vater -- das Kind. -- Agathe hat keine.«
+
+Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend voll Ruhe -- wie bei
+einem Menschen, der seiner sicher ist.
+
+Likowski, im Gemüt infolge der letzten Wochen ein wenig mürbe, war
+eigentlich ganz weich -- so etwas wie Reue wollte ihn ankommen, daß er
+früher nicht doch ... Aber Unsinn -- weg mit solchen Anwandlungen!
+Selbst eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib noch Kind
+sollten Anspruch an sein Leben haben -- das gehörte einer großen Aufgabe
+allein! Eine Familie gründen -- nein! Aber ihre Heiligkeit schützen --
+ja! Und er schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich verrät,
+schieße ich ihn über den Haufen.
+
+So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, daß sie von diesen schweren
+Gedanken nichts ahnte.
+
+Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort »Wissen Sie noch?« stand über
+ihren Gesprächen. Da lebte Vollerts Vorgänger wieder auf, Mau, der
+durchaus nicht begreifen konnte, daß es nicht heiße »djewoll, Herr
+Hauptmann«, und erst nach strengen Vermahnungen sich sein »to Bafehl«
+angewöhnte. Und die gute alte Lamprächtige nahmen sie ein wenig durch.
+Und es war so wunderbar sonnig im Zimmer, als schleppten draußen am
+Himmel nicht schwarze, zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab.
+Und Likowski sagte: »Wissen Sie noch: so 'n ähnliches Wetter war an
+jenem Morgen, als wir uns an der Fähre trafen. Ich denke noch manchmal
+daran: ich stellte Ihnen Marning vor; Sie hatten Ihre pastellblaue
+Wollmütze auf, die Ihnen entzückend, e--n--t--zückend stand; und keiner
+von uns hatte 'ne blasse Ahnung, daß Sie sich noch selbigen Tags mit
+Wynfried Severin verloben würden --«
+
+»Ja« sprach Klara leise, »ich weiß es noch ...«
+
+»Was mir Marning geworden ist! -- Und vor allem in den letzten Wochen!
+Das ist ein Mensch! Eins a! Und er wird mir fehlen -- will sich nu mal
+partout versetzen lassen -- ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie
+führen muß. Na, aber eh' es so weit kommt, ziehn wir doch unter der
+gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und wenn's den einen von uns
+trifft -- schön wär's, den letzten Blick in Freundesauge zu tun, von
+Freundeshand den letzten Druck zu spüren. -- Aber wie Gott will ...«
+
+Klara stand auf. Bleich und still. Sie ließ noch einmal ihre Hand dem
+treuen Mann. Er küßte sie -- immer wieder.
+
+»Aber Likowski!« sagte sie mit einem mühsamen Lächeln scheltend.
+
+»Weiß selbst nicht -- mir ist so wunderlich -- grad als sollt' ich Ihnen
+sagen: wenn Sie mal jemand brauchen -- soweit mein Kaiser mich nicht
+braucht -- allzeit Ihr treuer Freund. -- Aber nicht wahr, dies ist kein
+Abschied? Wir sehen uns wieder?«
+
+Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die kaum verborgene
+Erregung des Mannes auf sie hinüber, sprach sie: »Warum sollten wir uns
+nicht wiedersehen? Sie sind nun bald so weit, daß wir Ihnen das Auto
+schicken können. Vater freut sich schon auf Sie.«
+
+Und dann nahmen die Tage einen so gespannten, nervösen Charakter an, daß
+alles Persönliche zurücktrat.
+
+Jetzt, jetzt war es so weit. -- Der September war da -- ein Tag schlich
+vorbei -- wieder einer -- eine Woche. -- Und die große Frage brannte in
+aller Herzen: Krieg? Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus
+Berlin gehört, der andere das. -- Jede Nachricht widersprach der
+anderen.
+
+Likowski fieberte vor Aufregung und übte Bewegungen und schrie nach der
+alten Frau, damit sie bestätigte: es sei schon fabelhaft viel besser. Er
+ordnete all seine Sachen und machte sein Testament. In Rücksicht auf den
+guten Vermögensstand seiner Verwandten vermachte er seinem Freunde, dem
+Oberleutnant Stephan Freiherrn von Marning, fünfundzwanzigtausend Mark.
+
+Stephan war ruhig. Ernsten, gefaßten Blickes sah er dem Geschick
+entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er hatte Humboldt gelesen, und
+dessen Ausspruch, daß der Krieg zur Erziehung der Völker notwendig sei,
+hatte ihn tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, daß Humboldt recht
+habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben hingeben zu dürfen für
+das Größte.
+
+Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen -- auch ohne die eine, die er
+liebte. Aber wenn er es für das Vaterland einsetzen durfte, das würde
+wie Erlösung und Krönung sein. --
+
+Und dann, dann dämmerte die Entscheidung herauf. Sie fuhr nicht wie ein
+Blitz hernieder, und die Lage wurde nicht jäh deutlich erhellt. Nein,
+auf die flammenden Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich
+Ernüchterung, die Gewißheit: die Lage _entspannte sich_ -- wieder
+einmal! --
+
+Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten, daß sie wieder
+einen klaren Himmel über sich sahen. Aber Millionen fühlten, daß die
+Muttererde mit den Nebeln gärende Keime eingesogen habe.
+
+Likowskis Vetter, der Kapitänleutnant, schrieb, was auch zugleich schon
+in den Zeitungen stand: die Reserven seien entlassen.
+
+Friede --
+
+Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen anderen, als er
+erwartet hatte.
+
+Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann am Fenster
+gestanden und in die sinkenden Tropfen gestarrt. Nun wandte er sich dem
+Freunde zu.
+
+»Marning,« sprach er, »es scheint unser Los: wir sollen das Schwert in
+der Scheide behalten -- vielleicht überhaupt so lange, wie wir den Rock
+noch tragen -- wer weiß es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns
+gefordert -- die, die wir schon so lange üben. -- Arbeiten wir weiter!
+Still. Zäh. Beißen wir die Zähne zusammen, wenn man uns schmäht, nicht
+mehr sieht, was wir tun -- wozu wir da sind. -- _Ein Tag wird dennoch
+kommen, wo man erkennt: wir taten unsere Pflicht!_ Tun wir sie -- stolz
+und schweigend. -- Ich will nie mehr davon sprechen -- nie mehr. -- Aber
+denken wollen wir immer daran -- denken!«
+
+Die beiden Männer umarmten sich in heißen, stummen Gelöbnissen.
+
+ * * * * *
+
+Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die Stimmung des Hochsommers
+und Herbstes nicht leichter gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die
+Wassermengen herab oder tröpfelten in leisem Fall auf die Erde, die sie
+nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag das Land.
+
+Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber daß Wynfried gerade in diesem
+Sommer, der nicht nur Arbeit, Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel
+und Frohsinn zerstörte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei
+faßte, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er für zwei, drei Tage
+nach Hamburg. Und als es Herbst ward, ließ er dort auch die Jacht in
+Winterquartier legen und die Mannschaft abheuern. -- Der Geheimrat
+dachte unruhig: so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich
+gesegelt worden ist.
+
+Sein Sohn hätte ihm gefallen sollen. -- Er sah es selbst: ein schöner
+Mann, voll lachender Lebensfreude. Eine merkwürdige Blüte war über ihn
+gekommen. Derlei beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen
+Liebesfrühling erleben -- seltsam. Und wenn Wynfried zu Haus war,
+arbeitete er froh, forsch, geschickt.
+
+Trotz allem -- sein Sohn gefiel ihm nicht.
+
+Er brachte auch sehr oft von seinen Fahrten Klara eine schöne
+Aufmerksamkeit mit -- in feinster Wahl zum Luxusgebrauch einer
+verwöhnten Frau ausgesucht.
+
+Alles sah geregelt, unauffällig aus.
+
+Weshalb sich sorgen?
+
+Er beobachtete Klara. -- Und er sagte es sich jeden Tag: jetzt erst,
+jetzt sah sie ihrer Mutter völlig ähnlich. Und er verstand in diesem
+Angesicht zu lesen, wie dereinst in dem der Toten.
+
+Diese edlen Linien waren von einem reinen und tiefen Schmerz wie
+verklärt.
+
+Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der hier früher doch so
+gern gesehen worden war ... Und sie verstanden sich in diesem Schweigen.
+
+War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen alten Mann
+unablässig zeigen wollte: ängstige dich nicht um mich! Sie suchte heiter
+zu scheinen, und wenn sie ihr Kind herbeitrug, war es dem Greis voll
+Bedeutung. Sie hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost --
+es war die Zukunft.
+
+Dennoch -- die Wochen, die Monde lasteten. Kampf und große Stimmungen
+hätten den alten Mann zu frischem Lebenswillen wieder aufrufen können.
+
+Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese junge, geliebte Frau
+ihr Herz überwand.
+
+Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und beherrscht
+zurückgezogen hatte.
+
+Aber das ohnmächtige Zusehen ließ ihn leiden.
+
+Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal vor seinen
+Krankheitsthron hätte fordern dürfen. Das wollte er nicht, um kein
+Aufsehen dadurch zu machen. Aber diese alte Frau war ja wie von einem
+Magneten drüben festgehalten -- war eine von den putzigen Weibern, die
+im Untergrund ihres Herzens Tod und Unglücksfälle als Fest genießen,
+weil es Abwechslungen sind, die ihnen Zunge und Glieder beweglich
+machen. Plagte sicherlich den Hauptmann mit Übermaß von Aufopferung und
+Geschwätzigkeit. Aber der natürlich war waffenlos dagegen -- er wußte
+doch: sie meinte es redlich.
+
+Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur die Alte konnte sie
+beantworten.
+
+Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie der Geheimrat ihm
+anbieten ließ, mit dem Auto zum Besuch herüberholen zu lassen. Er
+schrieb herzliche Abschiedsworte. Zu grotesk komme er sich jetzt vor --
+er möge niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl
+gefesselten hochverehrten Freund und Gönner was vorhumpeln. Er denke
+sich nun in Wiesbaden wieder einen festen, geraden Gang heranzubaden,
+werde danach seinen Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern
+beschließen, davon etliche in Frankfurt, Köln und Hannover an seiner
+Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der zweiten Novemberhälfte
+wieder vorstellen zu dürfen.
+
+Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem Pflegeramt
+befreiten Alten erwarten. Am nächsten Tag war sie da. Vorerst entlud sie
+bei Klara in sich überstürzendem Durcheinander ihre Bewunderung des
+Kindes und den Bericht über Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise.
+Dann ließ sie sich etwas ängstlich oben beim Geheimrat anmelden, denn in
+diesem Augenblick kam ihr die Reue, daß sie sich so viele Wochen gar
+nicht nach ihm umgesehen. Aber er war ja so großmütig, er würde
+verzeihen.
+
+Sie trat auch gleich mit einem Schwall von Entschuldigungen an ihn
+heran.
+
+»Ach lassen Sie das doch. Setzen Sie sich dahin und hören Sie zu. Ich
+muß Sie was fragen,« sprach er. »Aber -- offen, Lamprächtige! Ich kann
+ausweichende Vielrederei nicht ertragen. Kurz und klar sollen Sie
+antworten.«
+
+»Aber Herr Geheimrat, wie sollte es mir beikommen, Ihnen ausweichend zu
+antworten?«
+
+Und da geschwätzige Frauen stets ein wenig von schlechtem Gewissen
+geplagt sind, ward ihr sogleich bänglich.
+
+Er sah sie nachdenklich an. Sie war eigentlich immer etwas in Furcht vor
+seinen Augen.
+
+»All die tragischen Ereignisse bei und nach dem Tode von Klaras Vater
+sind Ihnen erinnerlich?«
+
+»Wie sollten sie nicht!« sprach sie zitternd, und das böse Gewissen nahm
+sofort ein Riesengewicht an.
+
+»Die Umstände brachten es mit sich, daß Sie alles erfuhren. Freiwillig
+hätte ich gerade Sie nicht ins Vertrauen gezogen. Denn -- nicht wahr? --
+das Schweigen ist nicht so recht Ihre Sache. Aber daß ich sonst genau
+weiß, was ich von Ihnen zu halten habe, bewies ich ja, indem ich Ihnen
+Klara zur Pflegetochter gab.«
+
+Die graue kleine Frau weinte sogleich ein bißchen in ihr Taschentuch
+hinein -- halb vorweg aus Rührung -- unbestimmt und ahnungsvoll. Und
+dann: eben das Gewissen ...
+
+»Sie haben Ihr Gelöbnis, zu schweigen, in diesem einen ernsten,
+furchtbaren Fall gehalten?«
+
+»Unverbrüchlich!« sagte sie und hob ihr Oberkörperchen in
+verdienstvoller Haltung, »es gibt keinen Menschen, der in dieser Sache
+mir vorwerfen kann, ich hätte geschwatzt.«
+
+Er besann sich. Fragte dann weiter: »Können Sie mir etwas darüber
+sagen, weshalb Klara sofort einwilligte, Wynfrieds Frau zu werden?«
+
+»Sie konnte doch gar nicht anders. Das hat sie doch aus Dankbarkeit
+getan. -- Wo Sie doch hofften -- daß Klara Ihren Sohn -- daß Ihr Sohn
+durch Klara ... Nach all dem, was Sie an Klara und ihren Eltern
+getan ...«
+
+Er fuhr in lodernder Ungeduld auf.
+
+»Aber eben beteuerten Sie Ihr unverbrüchliches Schweigen!« rief er
+heftig.
+
+»Ich meinte -- gegen alle anderen Menschen -- aber als Klara so
+leidenschaftlich auf mich eindrang -- es war ja wohl zwei Wochen vor der
+Verlobung -- Klara hatte aus Ihren eigenen Erzählungen über Ihr Werk und
+Ihr Leben Verdacht geschöpft -- was sollte ich da machen?« sagte sie
+beleidigt. Und um sich auch noch in dieser Wendung ein Verdienst
+zuzuerkennen, setzte sie hinzu: »Ich denke, Herr Geheimrat, Sie wären
+der letzte, mir einen Vorwurf daraus zu machen. Wie oft haben Sie mir
+gesagt: Lamprächtige, seit ich meine Tochter habe, bin ich erst ein
+Mensch. -- Und nun gar Severin der Kleine -- Ihr Enkel!«
+
+»Ich -- ich!« sprach er vor sich hin. -- »Aber sie! Ihre Jugend -- ihr
+Leben -- ihr Glück. -- Zu viel der Opfer ...«
+
+Er legte die Hand gegen die Stirn. Ja, nun wußte er, warum Klara seinen
+Sohn geheiratet hatte. Es änderte nichts, gar nichts an der Lage -- es
+belud nur sein Herz noch schwerer.
+
+Weinerlich sagte die Alte: »Das hab' ich ja auch nicht gedacht, daß
+Klara selbst vielleicht zu kurz dabei käme! Ich dachte: so reich zu
+werden! Das war doch schön. Und solchen Vater zu bekommen! Das war doch
+für die Verwaiste herrlich. Und ich dachte: in Klara _muß_ man sich
+doch verlieben -- ihr Mann kann gar nicht anders -- muß sie anbeten --
+ja, daß er doch nach anderen Frauen guckt -- aber das ist wohl bei den
+Männern heutzutage Sitte --«
+
+»Was?!« rief der Geheimrat. Und seine Augen sprühten. Man konnte wieder
+einmal nur vor ihm zittern. Sie duckte sich förmlich ...
+
+»Nichts. O Gott. Nichts Bestimmtes,« brachte sie heraus, »nur -- die
+Leute -- es heißt -- er sei sehr viel -- sehr -- mit der Baronin
+Hegemeister zusammen.«
+
+Er lachte auf. Es blieb ihr verborgen, wem dies zornige Auflachen
+galt ...
+
+Aber die nächste Zeit schien nun gerade beweisen zu wollen, daß alle
+Sorgen und alles Geschwätz müßig seien.
+
+Die Reisen Wynfrieds wurden seltener. Das schien erklärlich. Das
+Absegeln der verschiedenen Jachtklubs hatte schon gegen Ende September
+stattgefunden. Wynfried hatte seine »Klara« erst drei Wochen später auf
+einer Hamburger Werft in Winterquartier gegeben.
+
+Aber mit dem Freundeskreis, den er sich in Hamburg in Seglerkreisen,
+unter Mitgliedern des Norddeutschen Regattavereins gebildet, wolle er
+doch Fühlung behalten, sagte er. -- Wie klar alles ...
+
+Täuschte ihn sein Vaterauge? Spiegelten ihm seine uneingestandenen
+Hoffnungen, daß dennoch alles gut enden möge, etwas vor? Schien Wynfried
+nicht aus seiner freundlichen Liebenswürdigkeit heraus in neue, andere
+Stimmungen zu kommen? Verfolgte sein Blick nicht manchmal in besonderer
+Aufmerksamkeit die Gestalt seiner Frau, wenn sie in ihrer anmutsvollen
+Ruhe, schlank und vornehm dahinschritt? --
+
+Und an Klaras Geburtstag sah er: es war keine Täuschung. Er war der
+Zeuge ... wie sollte die Gegenwart eines Vaters, der seine
+Schwiegertochter anbetet, den jungen Gatten stören -- er sah es:
+Wynfried befestigte selbst eine kostbare Brillantnadel, die er seiner
+Frau geschenkt, am Ausschnitt ihres Kleides, und seine Blicke suchten
+zärtlich, werbend ihre Augen. Klara erglühte ...
+
+Und in dem alten Herrn regte sich all das Feinste und Vornehmste, was in
+ihm war. Anstatt sich zu freuen, klopfte sein Herz ihm hastig -- sein
+keusches Mannesempfinden war verletzt.
+
+Auch Klara erbebte.
+
+Seit ihre Seele wußte, was lieben, leiden und entsagen ist, war sie
+erwacht.
+
+Sie wollte ihre Pflicht tun -- auch als Gattin. Aber es war eine heiße
+Sehnsucht in ihr, ihr möge Zeit vergönnt sein. -- Sie mußte erst weiter
+sein, weniger wund vielleicht. -- Ihr Wille, über das Grab in ihrem
+Herzen hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mußte erst die
+Anfänge von Sieg sehen. -- Sie spürte: er begann, sich leidenschaftlich
+in sie zu verlieben. -- Und in zitternder Angst bebte sie zurück -- ohne
+zu ahnen, daß seine keimende Verliebtheit dadurch nur angefacht ward.
+
+So, in schwülen Unklarheiten, liefen die Wochen in einen düstern Herbst
+hinein.
+
+Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich dickem weißem Filz vor
+den Fenstern standen und jeden Ausblick wehrten. Sie hatten das
+Hochofenwerk und drunten den Fluß und drüben die rote kleine Stadt
+verschluckt.
+
+Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe stieg aus. Ein
+Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach außen gekehrt war, machte ihre üppige
+Gestalt allzu umfangreich. Die Nerzmütze auf ihrem blonden Haar trug als
+Schmuck über der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war
+erhitzt. Zufällig war es Leupold, der ihr die Tür öffnete.
+
+»Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und melden Sie mich doch bei
+der gnädigen Frau.«
+
+»Herr Lohmann ist verreist,« sagte der alte Diener kalt und sah an ihr
+vorbei.
+
+Agathe wurde noch heißer rot.
+
+»Ich wünsche der gnädigen Frau gemeldet zu werden,« wiederholte sie. Sie
+gab sich eine hochmütige Haltung. Denn sie fühlte auf der Stelle, daß
+Leupold sie mit Absicht falsch hatte verstehen wollen.
+
+Und dann stand sie peinliche Minuten. Ließ Klara sie warten? Fand der
+Diener die Frau des Hauses nicht gleich? Wurde sie vielleicht gar
+abgewiesen?
+
+Alle Schrecknisse ihrer Lage stürzten über sie her. -- Gewiß -- Klara
+wußte schon alles und wollte sie nicht sprechen. -- Aber eine
+Unterredung mit Klara, ein Anruf ihrer Großmut -- und alles war ja gut!
+Was sollte werden, wenn es zu dieser Unterredung nicht käme?
+
+Ach -- gottlob! Da war Leupold wieder!
+
+Und mit seinem undurchdringlichsten Gesicht meldete er: »Die gnädige
+Frau läßt bitten.«
+
+Agathe wurde in das Wohnzimmer ihrer Freundin gelassen. Nun wartete sie
+zwischen den Möbeln, die von Klaras Mutter stammten, und das Bild der
+Toten sah auf sie herab. Fein und hell hob es sich von dem grünen
+Hintergrund ab. Wieder verrannen Minuten. Agathe zitterte. Dies war,
+dies mußte Absicht sein! Und als endlich sich die Tür öffnete, erschrak
+sie so, daß ihre Knie unsicher wurden.
+
+Klara kam eilig herein -- mit einem freundlichen Gesicht -- unbefangen.
+
+»Endlich einmal wieder -- Agathe!« sagte sie beinahe fröhlich. »Verzeih,
+daß ich dich warten ließ. Doktor Sylvester war da. Denke dir: der fünfte
+Zahn ist bei unserem Jungen durch! Sein Großvater tut, als wäre es ein
+Wunder, ein persönlichstes Verdienst von Severin dem Kleinen.« Sie
+lächelte glücklich. »Aber nun sage -- es war ja unglaublich mit uns --
+vier Monate einander immer zu verfehlen!«
+
+»Das hat auch Mühe genug gekostet,« dachte Agathe.
+
+Und in leidenschaftlicher Aufwallung von Reue, Beschämung und in dem
+unklaren Wunsch, durch jede Geste schon bittend, bezwingend zu wirken,
+fiel sie der jungen Frau um den Hals und küßte rechts und links ihre
+Wangen und war ganz aufgelöst vor Erregung.
+
+»Liebste, einzige Klara!« stammelte sie.
+
+Das war Klara etwas zu viel der Wiedersehensfreude. Aber sie bat gütig:
+»Lege doch ab -- bleib zu Tisch -- Vater und ich sind allein. Wynfried
+ist seit einigen Tagen fort. Er war zu einer Konferenz auf den
+Kreyser-Werken und ist dann nicht zurückgekehrt, wie wir dachten. Er
+depeschierte, er bleibe noch etwas aus -- sein Telegramm kam aus Köln.«
+
+Niemand wußte genauer als Agathe, daß Wynfried sich in Köln befand. Sie
+war von dort gestern abend zurückgekommen.
+
+»Nein -- nein -- ich kann nicht hier bleiben,« sprach sie abwehrend. Und
+sie brachte allerlei heraus von Handwerkern auf Lammen, von der
+Modistin, die aus Berlin mit Anproben käme.
+
+Dann saßen sie beieinander, auf einer Chaiselongue, in der Nähe des
+Fensters. Der bleiche Nebel draußen hing vor den Scheiben. Und Agathe
+war plötzlich stumm. Ihr Herz klopfte. Und in ihrem kleinen Hirn jagten
+hilflos die Gedanken, um die schöne, innige Rede wieder
+zusammenzubringen, die sie sich in zwei schlaflosen Nächten ausgesonnen.
+Eine Rede, durch die sie sich selbst immer wieder zu Tränen gerührt
+hatte, die auch Klara das Herz erweichen mußte! Mit deren Erfolg sie
+Wynfried überraschen wollte! Noch diese Nacht dachte sie nach Köln
+zurückzufahren. Aber eine Depesche sollte ihr vorauseilen -- ihm sagen:
+alles ist geordnet.
+
+Nun aber war die Rede fort. Völlig verweht im Sturm der Angst ... Was
+sollte werden, wenn sie die rechten Worte nicht fände?
+
+Ihr war so unheimlich zumute! Sie konnte das Gefühl nicht los werden,
+daß aus dieser unglückseligen Begegnung mit Likowski sich irgend eine
+Katastrophe entwickle. Ein größeres Pech konnte es auch gar nicht geben!
+Sie saß mit Wynfried in einem kleinen Weinrestaurant in der
+verborgensten Ecke. Oft waren sie schon dort gewesen, und sie hatten
+niemals eine Uniform dort gesehen, außer der der Bonner Husaren. Und nun
+kam eine kleine Gesellschaft, zwei höhere Artillerieoffiziere mit ihren
+Damen -- und mit ihnen Likowski, in Zivil.
+
+Es war ihr schrecklich gewesen, schrecklich! Aber Wynfried schalt sie
+aus -- ach, er war nicht mehr der strahlende, anbetende Freund der
+ersten Zeit. Er sagte: »Likowski ist Kavalier, als solcher weiß er, daß
+er uns nicht zu sehen und zu erkennen hat.«
+
+Aber Likowski kam dennoch heran -- auf eine so fremde, ferne Art --
+einen Schritt vom Tisch blieb er und grüßte kalt. Und sprach in einem
+Ton, der nicht aus Agathens Ohren wollte: »Bitte, Herr Lohmann -- auf
+ein Wort.«
+
+Und Wynfried stand auf und folgte dem Hauptmann. -- Sie blieben außer
+Hörweite stehen. -- Steif und höflich sah es aus, wie sie ein paar kurze
+Worte zusammen sprachen. -- Dann verneigten sie sich sehr förmlich
+voreinander.
+
+Wynfried kehrte zu ihr zurück -- leichenblaß und stumm, und wehrte
+allen Fragen ab. Und bat -- nein -- befahl, daß sie am nächsten Morgen
+abreise.
+
+Von diesem Augenblick an erwuchs in Agathe der Gedanke: Klaras Großmut
+wird alles in das rechte Geleise bringen. --
+
+»Nun?« fragte Klara. »Wie ist es dir denn in diesen letzten Monaten
+ergangen? Du warst viel mit deiner Gerwald auf Reisen?«
+
+»Schlecht ist es mir ergangen,« sagte Agathe gedrückt.
+
+»Dir? Schlecht?«
+
+Das tiefe Erstaunen in diesen fragenden Wiederholungen war für Agathe
+eine Kränkung. Ihr Dasein kam ihr in diesem Augenblick sehr mühselig und
+beladen vor. Aber das war immer ihr Los gewesen: kein Mensch glaubte
+ihr, wenn sie litt.
+
+»Ich bin sehr unglücklich,« sprach sie mit weinerlicher Stimme. »Wenn
+man entsagen und immer wieder entsagen soll ...«
+
+Klara erschrak. Kam ihr die gutherzige, törichte Frau wieder mit ihrem
+Liebesjammer?
+
+Nur das nicht! Nicht diese kindischen Klagen hören, um einen, den sie
+selbst in heiliger Entsagung liebte. Das hätte ihre wunde Seele zu
+peinlich gequält.
+
+Sie suchte nach einem ablenkenden Wort. Aber noch ehe sie es fand, warf
+sich die andere plötzlich gegen sie -- umklammerte ihren Hals und fing
+schluchzend an, zu weinen.
+
+»Mein Gott -- Agathe -- fasse dich doch ...«
+
+»Nein,« stammelte Agathe, »nein -- ich habe alle Fassung verloren -- ich
+kann nicht mehr -- ich kam -- weil du -- du allein bist es, die mir mein
+Glück geben kann. -- Leben -- Ehre -- Glück -- alles ...«
+
+Was hieß das? Gab es denn, außer dem Vater, der ahnungsvoll ihr
+geheimstes Leid zu erraten schien und es andächtig beschwieg, gab es
+einen Menschen, der von ihrer Herzensqual wußte?
+
+Und wie sonderbar drückend war ihr die Körperlast der Weinenden. Sie
+schob sie von sich und sprach mit blassen Lippen: »Ich habe kein Glück
+zu vergeben, und ich kann dir nicht helfen.«
+
+»Doch: Gib ihn frei -- laß ihn mir -- ich liebe ihn über alles in der
+Welt -- ich sterbe, wenn ich auf ihn verzichten soll.«
+
+»Von wem sprichst du?« fragte Klara. Und zitterte vor dem kommenden
+Wort.
+
+»Von Wynfried -- von Wynfried!«
+
+Das kam jammernd heraus -- als umschlösse der Name allein alles Unglück
+ihrer Gegenwart.
+
+»Von -- von ...?«
+
+»Ich träume,« dachte Klara, »das ist ja Unsinn.«
+
+»Hast du es denn nicht gespürt? Du _mußt_ doch gemerkt haben, wie
+glücklich und froh er war. -- Aber das ist es -- so was kannst du nicht
+merken -- du bist ja nur seine gute Freundin -- du bist kalt -- ach --
+du weißt nicht, wie es ist, wahnsinnig zu lieben. -- Deshalb kann es
+dich auch nichts kosten, gar nichts, ihn frei zu geben.«
+
+Verstummt, gelähmt saß die junge Frau. Die vergangenen Monate zogen in
+rasendem Fluge an ihr vorbei. Sie sah ihren Gatten -- immer
+liebenswürdig, höflich -- rücksichtsvoll -- ohne Ansprüche an ihre
+Hingabe. -- Wie war es friedlich -- wie erlösend gewesen. -- Aber nun.
+-- Diese allerletzten Wochen? Umwarb er sie nicht? Begehrlich -- wie ein
+Verliebter?
+
+O Schmach!
+
+Und unterdessen ging die jammernde Rede der anderen immer weiter --
+wurde ruhiger -- nahm endlich den Ton des Rechtes an. Mit der Miene
+eines kleinen Mädchens, das seine ersten Liebessorgen hat -- naiv --
+manchmal fast treuherzig. Und sie schloß: »Siehst du, geliebte Klara,
+ich habe dir ja nichts weggenommen. Ihr habt euch nicht aus Liebe,
+sondern nur dem Vater zu Gefallen geheiratet. Und Wynfried sagt, er sei
+eben damals so herunter und so willenlos gewesen, daß er sich habe
+verheiraten lassen. Deshalb brauche ich dir gegenüber auch kein
+schlechtes Gewissen zu haben. Ich hab' dich auch viel zu lieb, als daß
+ich dir etwas hätte antun wollen. O nein, dazu bin ich ein zu
+anständiger Mensch. Laß ihn frei, damit ich sein Weib werden kann. Ich
+sterbe sonst ...«
+
+Und sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen.
+
+Klara fuhr auf. Sie hatte gedacht -- gedacht -- und doch, in fiebernder
+Doppeltätigkeit, alles gehört.
+
+»Vor einem Jahr wolltest du um einen anderen sterben.«
+
+Agathe hörte wohl den Hohn. Aber sie fühlte jetzt zu leidenschaftlich,
+und alles war doch anders.
+
+»Jetzt weiß ich erst, was wahre Liebe ist!« schluchzte sie.
+
+Wie diese Tränen Klara schrecklich waren -- sie wuschen alle Würde von
+den Worten.
+
+»Du wirst entsagen müssen,« sprach sie hart.
+
+»Dazu ist es zu spät,« sagte Agathe.
+
+Und sie erschrak, weil sie es gesagt hatte! -- Ihre Tränen versiegten --
+eine Art von Trotz kam ihr -- sie wartete und sah die Frau an -- die
+blaß, in aufrechter Haltung, mit verschlossenem Gesicht dasaß. -- Wie
+von Unergründlichkeit umwittert. -- Was würde ihr nächstes Wort sein?
+
+Welche Drohung lag darin, daß es so lange ausblieb?
+
+»Ich habe auch mein Recht!« dachte sie.
+
+Und endlich fragte Klara -- kurz und klar: »Schickt dich Wynfried?«
+
+Agathe erschrak sehr. Sie war ja eigenmächtig hier! Ein dumpfes Gefühl
+sagte ihr, daß Wynfried diesen Schritt mißbilligt haben würde, weil --
+weil -- er vielleicht gar nicht frei sein wollte.
+
+Aber gerade das hatte sie hergejagt. Nach der Begegnung mit dem
+Hauptmann gab es nur noch eins: sich öffentlich zueinander bekennen. Als
+Held und Heldin einer unbezwinglichen Leidenschaft das Urteil der Welt
+gewinnen -- sozusagen fast gesegnet von der ersten Frau des Geliebten.
+
+Aber etwas kleinlaut sagte sie: »Nein. Ich kam, weil -- weil -- es so
+nicht weitergehen kann -- ich habe solche Angst.«
+
+Wieder schwieg die junge Frau lange. Sie erwog: vielleicht fühlt diese,
+daß er anfängt, sich von ihr zu wenden -- mir zu. Und sie will sich
+deshalb zwischen ihn und mich werfen ... Und vor ihrem Gedächtnis
+brannten seine begehrlichen, bittenden Blicke ... O Schmach! Ein
+siedender Strom von Zorn und Abwehr brauste durch ihren Körper.
+
+»Du weißt nicht, was Liebe ist,« fuhr Agathe fort. »Du bist eine
+Verstandesnatur. Gegen die große, wahre Liebe ist man eben machtlos. Man
+erliegt. Sie ist gewaltiger als Gesetz und Pflicht.«
+
+Klara schloß die Augen. Sie dachte an jene Sommernacht, da gerade die
+Größe ihrer Liebe zweien Herzen die Kraft gegeben, sich zu bezwingen.
+
+»Es kann dir doch nicht schwer sein, auf deinen Mann zu verzichten -- wo
+ihr euch nicht aus Liebe geheiratet habt.«
+
+Nun hatte die junge Frau sich ganz gefaßt.
+
+»Gerade deswegen ist unsere Ehe unlöslich,« sprach sie.
+
+»Klara ...«
+
+»Sie war kein Handel, der rückgängig gemacht werden kann, denn ich habe
+mich nicht verkauft.«
+
+»Klara ...«
+
+»Sie war kein Liebeswahn, aus dem man erwacht. Wir wußten, was wir
+taten.«
+
+»Klara!« Nun schrie es die andere Frau -- flehend, jammernd.
+
+»Wir haben uns die Hände gereicht zur Erfüllung sittlicher Pflichten.
+Diese bestehen fort. Sie haben sich noch vermehrt. Wir haben einen
+Sohn.«
+
+Sie stand auf. Und der anderen war, als müsse sie sich zu ihren Füßen
+hinwinden -- irgend etwas schrecklich Demütiges tun. Aber sie kämpfte
+doch um ihr Recht! Und sie hatte es in den letzten Wochen mit Beben
+gespürt, daß der geliebte Mann lauer wurde. Und gerade jetzt! Nein, ihr
+Leben war wirklich vernichtet -- ihre Zukunft verdorben, wenn er sie
+verließ.
+
+Und ihre Demut schlug in das Gegenteil um.
+
+In ihre blauen, schwimmenden Augen kam ein beinahe gehässiges Licht.
+
+»Oh,« sagte sie, »wie unweiblich! Du willst einen Mann halten, der nicht
+dir, sondern mir gehört! Ich möchte wohl wissen, wie du dir deine
+weitere Ehe denkst.«
+
+Ein herbes Lächeln ging um Klaras Mund. Und in stolzer Abwehr sprach
+sie: Ȇber die Zukunft meiner Ehe habe ich mit dir nichts zu sprechen.
+-- Und mir scheint -- auch sonst nichts mehr.«
+
+»Du weisest mich fort?« fragte Agathe und kämpfte wieder mit jäh
+aufsteigenden Tränen, »du willst mich beschimpfen?«
+
+»Nein. Aber du mußt begreifen: nur mit meinem Mann habe ich über diese
+Sache zu reden. Und erst wenn ich von ihm selbst gehört habe, daß er
+frei zu sein wünscht, werde ich mich fragen müssen, was ich zu tun habe.
+Ich, von mir aus, muß unsere Ehe für unlöslich erklären.«
+
+Die blonde Frau geriet in Verzweiflung und weinte wieder mit kindischen
+Lauten.
+
+Sie ängstigte sich ja gerade davor, daß es dem Manne gar nicht um
+Freiheit zu tun sei. Ihre Phantasie sah eine große Vergebungs- und
+Versöhnungsszene zwischen den Gatten voraus.
+
+Was noch tun? Wie sich den Sieg erringen? Sie hatte ihn sich so einfach
+gedacht. Klara war doch so edel, so selbstlos, so großmütig.
+
+Agathe hatte in der Unverschämtheit kleiner Seelen all die Großmut der
+höheren Natur zu ihren eigenen Gunsten in Rechnung gestellt. Sie war von
+jenen, die einen Nebenmenschen unbefangen verraten, kränken, berauben
+können, um nachher zu ihm zu sagen: Du bist so großherzig, du wirst
+verzeihen. --
+
+»Weine nicht,« sagte die junge Frau, »geh und laß mich allein.«
+
+Noch einmal stürmte Agathe mit ihrem Körpergewicht in heftiger Umarmung,
+mit Schluchzen und Betteln gegen sie an.
+
+»Er darf, er kann mich nicht verlassen,« schrie sie fast, »es ist zu
+spät ... Die Folgen ... Ich fühle ...«
+
+»Geh. Laß mich allein.«
+
+Das war kaum hörbar -- aber es drang doch durch all den Lärm der Bitten,
+Klagen und des Geschluchzes der anderen.
+
+Und sie ging.
+
+Schon auf der Schwelle blitzte der Gedanke durch sie hin: »Gott -- man
+sieht, wie verweint ich bin ...«
+
+Und sie tupfte mit dem Taschentuch auf Lidern und Wangen herum ...
+
+Da war Leupold. Er geleitete sie an ihr Auto.
+
+Und sie hatte ein elendes Gefühl vor diesem Manne, der doch bloß ein
+Diener war.
+
+Die Tür des Autos wurde geöffnet. Drinnen tief in eine Ecke gedrückt
+fror die Gerwald unter der Pelzdecke.
+
+Agathe sank schwer auf ihren Sitz -- die Tür schloß sich.
+
+»Geliebte Gerwald -- Sie müssen mit dem Nachtzug mit mir nach Köln
+fahren.«
+
+»Bitte, bitte, liebe Baronin -- nicht weinen -- es wird ja alles gut
+werden ...«
+
+
+
+
+11
+
+
+Die junge Frau brach nicht fassungslos zusammen. Die große Aufregung
+wirkte zunächst auf sie wie ein berauschender Trank, der durch ihre
+Adern schwoll und ihre Nerven anspannte. Sie ging rastlos hin und her
+und her und hin -- mit fieberisch erhitztem Gesicht.
+
+Sie wollte die ungeheuerliche Offenbarung, die ihr geworden war, in Ruhe
+bedenken.
+
+Aber davon konnte keine Rede sein. Ihr ganzes Wesen war aufgestört.
+
+Sie hatte gar keinen Haß oder nur Zorn auf die andere Frau -- dachte
+kaum an sie.
+
+Sie dachte an ihre Ehe -- an den Vater -- an das Kind.
+
+Würde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte: nein, das würde er
+nicht tun. Aber nicht etwa, weil er an der Sittlichkeit ihrer Ehe
+festhielt -- o, die hatte er mit Füßen getreten -- sondern -- sondern --
+weil er begann, sich in seine Frau zu verlieben ...
+
+Es war ihr, als müsse sie wahnsinnig werden bei diesem furchtbaren
+Gedanken.
+
+Vor einem Jahr hatte sie gläubig auf das Wunder der Liebe gewartet.
+
+Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erblüht.
+
+Aber _diese_ Art Liebe, die sie jetzt ahnte -- die war ihr wie eine
+Beleidigung.
+
+Sie konnte lange gar nichts denken -- ging hin und her, mit
+beschwingten Schritten, wie auf der Flucht.
+
+Dann kam die Erkenntnis: »Unsere Ehe -- gerade unsere -- mußte durch
+Treue geadelt werden.«
+
+Und nun, wo sie entadelt war -- mußte sie aufrecht erhalten werden?
+Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer Pflicht gegen den Gatten,
+gegen den Vater, gegen ihr Kind?
+
+Nein. Sie mußte verzeihen.
+
+Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen?
+
+Sie stand vor dem Bilde ihrer Mutter. Sie starrte zu dem feinen,
+leidvollen Gesicht empor. -- Das schwieg. -- Wie Tote schweigen, die nur
+sprechen, wenn wir selbst ihnen Worte leihen. -- Und die entsetzte Seele
+der jungen Frau hatte keine -- erbebte in stummer Not ...
+
+Aus dieser Gebundenheit erwachte sie langsam zu einem staunenden
+Gedanken: »Aber ich habe ihn doch damals heiraten und mich ihm zu eigen
+geben können!«
+
+Aber damals hatte die Ekstase ihrer Dankbarkeit sie getragen! Damals
+stand der Mann als ein von geheimnisvollen Leiden Zerschlagener vor ihr,
+und alle unbewußte Mütterlichkeit in ihr fand eine Aufgabe darin, ihm zu
+helfen. Damals wußte ihre Seele nicht, was Liebe ist -- die dämmerte
+noch hinter der Schwelle des Erkennens, tief im Untergrunde ihres
+Gefühlslebens.
+
+Nun war alles anders geworden. Ihr ahnte längst, daß jene
+geheimnisvollen Leiden ihr Mitleid nicht verdient hatten.
+
+Und ihre Seele war zu einer reinen, entsagenden Liebe erwacht.
+
+Nur die Dankbarkeit war die gleiche geblieben.
+
+Und neue, noch viel stärkere Empfindungen waren emporgewachsen --
+töchterliche -- mütterliche.
+
+Sie ging ans Fenster und suchte mit ihren Blicken den Nebel zu
+durchbohren. Die weiße Mauer der filzigen Luft verbarg das Werk. Wenn
+sie es doch hätte sehen können! Der Anblick der rauchenden Schlote und
+der mystischen Glutscheine würde ihr wohlgetan haben. Sie sprachen so
+stark vom Lebenswerk des alten Mannes, des großen Arbeiters, der ihr
+Vater geworden war.
+
+Ihre Ehe lösen hieß: ihn verlassen!
+
+Wie würde er leiden!
+
+Und ihr Kind? Wenn sie, die Schuldlose, von dannen ging, so war es ihr
+Recht, es mitzunehmen. Kein Mensch, kein Gesetz konnte sie daran
+hindern.
+
+Das würde den alten Mann töten!
+
+Seit er den Enkel besaß, wußte er, für wen er gearbeitet, für wen der
+Pulsschlag des gewaltigen Werkes da drüben so stark und lebendig
+schlug. --
+
+Sein Enkel bedeutete ihm die Erfüllung aller Lebenshoffnungen ... Spät,
+nach vielen und herben Enttäuschungen war sie ihm geworden. -- Diese
+winzigen Kinderhände hatten die Wunderkraft, alles Schwere, alle
+Entsagungen aus seinem rastlosen Dasein auszustreichen. Endlich -- an
+der Schwelle des Grabes fast -- gab das kleine Kind ihm noch Freude --
+Freude, mit der ganzen Macht seiner ungewöhnlichen Natur empfunden.
+
+Und dieses Glück sollte sie ihm fortnehmen?
+
+»Nein,« dachte Klara, »das kann ich nicht.«
+
+Eine Stimme schien sie zu fragen: »Aber kannst du dich denn noch einmal
+dem Manne zu eigen geben, der dich jetzt mit so werbenden Blicken
+verfolgt?«
+
+Wie groß die Opfer auch gewesen waren, die sie gebracht hatte -- das
+äußerste war ihr erspart geblieben: ihre weibliche Würde blieb
+unverletzt.
+
+Sollte sie sie nun zerbrechen lassen?
+
+Wo war der Ausgang aus dieser Wirrnis von einander bekämpfenden
+Pflichten und Gefühlen?
+
+Undurchdringlich wie der weiße Nebel stand die Zukunft vor ihr.
+
+Sie glaubte, es seien Minuten vergangen, seit ihr Ohr gequält wurde von
+dem kindischen Jammer der blonden Frau. In diesem wunderlichen Wechsel
+zwischen entsetzt hinjagenden Gedanken und bleierner Stumpfheit war ihr
+alles Maß für die Zeit abhanden gekommen.
+
+Nun erschrak sie, als Georg kam und die Tischzeit meldete.
+
+Es hieß wie alle Tage in Heiterkeit neben dem geliebten Vater sitzen,
+damit ihm die Stunde der Mahlzeit eine freundliche sei ...
+
+Mechanisch ging sie ins Eßzimmer -- vergaß, sich umzukleiden -- vergaß
+den Blick in den Spiegel. -- Ging im Zwange der Gewohnheit. --
+
+Es schien, als habe der Tag sein jähes Ende gefunden. Im Eßzimmer waren
+die Vorhänge geschlossen, und das fahle Nebellicht kam nicht herein.
+Festlich glänzten die elektrischen Birnen zwischen ihrem Behang von
+stumpfgeschliffenem Kristall.
+
+Zu Häupten der kleinen Tafel, die fast verloren im reichen Raum stand,
+saß schon der Geheimrat in seinem Fahrstuhl.
+
+Er sah der Tochter entgegen, das ganze bedeutende Haupt schien wie von
+einer hellen Stimmung umstrahlt. Eben hatte er seinen Enkel besucht und
+sich geschmeichelt gefühlt, daß dieser kleine Herr des Hauses vor
+Vergnügen mit den Patschhändchen schlug, wie ein unflügges Vögelchen mit
+den noch kümmerlichen Flügeln, als der Großvater hereingefahren wurde.
+
+Aber ganz plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Blickes.
+
+Klara im Morgenanzug? Mit dunkelglühendem Gesicht? Wie eine Fiebernde?
+
+»Bist du krank?«
+
+»Ich? -- Nein.«
+
+Sie setzte sich. Man aß. Sie versuchte auch, zu essen, zu sprechen. --
+Ja, schon fünf Zähnchen. -- Ja, Judereit war nun genesen. -- Ja, er war
+in den langen Leidensmonaten ein einsichtsvoller Mensch geworden mit
+vernünftigen Plänen. -- Ja, Thüraufs Finchen wollte nach München und
+sich der Malerei widmen. Ja -- zu allem -- und alles war so
+gleichgültig. Und sie fühlte immer, wie die großen, blitzenden Augen sie
+mit wachsamer Sorge zu durchbohren schienen. --
+
+»Nachrichten von Wynfried?«
+
+»Nein, seit dem Telegramm keine,« antwortete sie.
+
+»Wie ihn die Kreyser-Werke immer festhalten! Und wie er gern zu seinen
+Bekannten nach Köln fährt. Ich denke manchmal, die Kreyser-Werke und ihr
+Betrieb interessieren ihn mehr als 'Severin Lohmann', und wenn er freie
+Wahl hätte, siedelte er dahin über. Der muntere Zug im Leben des
+Rheinlandes zieht ihn auch besonders an. Gottlob, daß du da bist, Kind,
+und daß wir Severin den Kleinen haben. Sonst hätte ich Angst, nach
+meinem Tode wendete mein Sohn dieser Stätte den Rücken. Aber du wurzelst
+in ihr fest und erziehst mir den Enkel in unserem Sinn.«
+
+Das war mehr, als Klara in dieser Stunde hören konnte.
+
+Und sie wußte nicht, daß die Glut auf ihren Wangen langsam hinlosch und
+daß ihr Gesicht elend, leichenblaß, zusammengefallen erschien -- und
+ihre Stimme leise, wie verhallt, als hole sie jedes laute Wort mühsam
+aus der Brust herauf.
+
+Und auf einmal fing alles an, sich zu drehen. In ihren Ohren sangen
+hohe Geigentöne in langen Bogenstrichen. Sie horchte mit versteinertem
+Gesicht. Sie dachte: ich bin schwindelig -- hatte eine letzte
+Willensregung: nicht fallen -- nicht fallen. -- Dann war alles
+abgeschnitten -- als sei ein Fallbeil zwischen sie und ihr Bewußtsein
+niedergesaust.
+
+Nichts, gar nichts wußte sie davon, daß ihr Kopf vornüber auf die
+Tischplatte geschlagen wäre, hätte nicht Leupold sie aufgefangen, der
+die letzten Sekunden, atemlos vor Schreck, sie schon beobachtet hatte.
+Sie hörte nicht, daß nach der weiblichen Dienerschaft gerufen ward --
+sah nicht, daß der alte Mann, in Verzweiflung und vor Ungeduld
+vergehend, in seinem Stuhl die geballten Fäuste auf die Lehnen stemmte.
+
+Als das feine Singen und Klingen, dies dünne Vorspiel des Erwachens,
+wieder in ihrem Ohr begann, dämmerte eine Art Verwunderung in ihr. --
+Sie horchte dem wieder nach. -- Wie lange das andauerte. -- Sie wußte
+nicht, daß viele tote, schwarze Minuten dazwischen lagen, seit sie es
+zuerst gehört.
+
+Dann hatte sie eine Art von Erstaunen: sie lag auf ihrem Bett?
+
+Wie kam sie dahin? Sie saß doch bei Tisch?
+
+Sie schlug die Augen auf. Fast zugleich hörte sie eine Stimme sagen:
+»Gottlob!«
+
+Und ein weibliches Haupt neigte sich über sie -- es schien das der
+Wirtschafterin -- und man versicherte tröstend, daß Doktor Sylvester
+gewiß gleich da sein werde.
+
+Da kam ihr Bewußtsein klar zurück, und zugleich brach sie in
+leidenschaftliches Weinen aus und drückte ihr Gesicht tief in die
+Kissen. --
+
+Der alte Mann, der wuchtig und gebändigt, vor Sorge und Schmerz außer
+aller Fassung in seinem Stuhl wartete, jagte bald den Leupold, bald den
+flinken jungen Georg hin und her. An dem Türspalt des Schlafzimmers
+mußten sie Nachricht erfragen.
+
+Und endlich kam Leupold und sagte: »Die gnädige Frau ist wieder zu sich
+gekommen, aber dann sogleich in ein furchtbares Weinen verfallen. Doktor
+Sylvester ist schon unterwegs.«
+
+»Komm her!« befahl der Geheimrat.
+
+Er packte die Hand des alten Dieners um das Gelenk, er schüttelte ihn
+beinahe. Etwas von seinem alten brausenden Zorn war wieder über ihn
+gekommen.
+
+»Hör du,« sagte er rauh, »ein Vierteljahrhundert bist du hier, und mein
+Leben ist für dich von Glas -- sprich -- was geht in meinem Hause vor --
+sprich -- als Mensch -- nicht als Diener -- sprich --«
+
+»Herr Geheimrat,« sprach der Mann blaß und verstockt, »hier im Hause
+geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat doch selbst.«
+
+»Mensch -- keine Wortklauberei. -- Sag, was du denkst.«
+
+»Ich denke, daß die Ohnmacht und die Tränen der gnädigen Frau wohl damit
+zusammenhängen, daß die Baronin Hegemeister heute hier war.«
+
+»Die Baronin --«
+
+»Ich war zufällig auf der Diele. Und dann blieb ich da -- um Wache zu
+halten -- daß niemand horcht --«
+
+»Warum? Die Baronin -- das ist eine Freundin des Hauses -- ist zahllose
+Male hier gewesen -- was wär' da zu horchen?« fragte er lauernd. Denn in
+seinem Gedächtnis war immer wach, was die alte Lamprecht ihm vor vielen
+Wochen schon zugetragen hatte.
+
+»Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und -- Herr Geheimrat haben
+befohlen, daß ich sprechen soll -- und die ganze Gegend klatscht davon,
+daß sie und unser junger Herr ... Und ein Matrose von der 'Klara', der
+hier auf Severinshof sich 'ne Braut angeschafft hat, war neulich da zum
+Besuch und erzählte, daß der junge Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt
+ist ... Und da dacht' ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel
+abzubitten. Und ich wollte nicht -- dem Georg muß man immer mal
+aufpassen, daß er nicht horcht. Und ich selbst mußte mir Mühe geben,
+wegzuhören. Die Baronin weinte und jammerte manchmal laut. -- Was soll
+ich noch mehr sagen ...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen
+auch, wie wir die gnädige Frau alle vergöttern -- ich auch -- ja ... Und
+dann der Kleine! -- Nein, so was durfte nicht kommen. -- Verzeihen mir
+Herr Geheimrat -- aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.«
+
+Es sättigte ihn wohl, sprechen zu dürfen. Denn der Groll fraß ihm schon
+lange das Herz ab. Aber er ängstigte sich auch schwer. Sein Herr war in
+den letzten Monaten weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den
+zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren täglich mit
+heimlichem Zittern gefaßt war.
+
+Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor Erstaunen.
+
+Der wuchtige alte Mann brach keineswegs zusammen. Er atmete tief auf --
+langsam hob er seinen Oberkörper -- richtete sein Haupt empor. In jener
+furchterweckenden Herrscherhaltung, der verkörperte Wille selbst, saß er
+da.
+
+Das Licht füllte den Raum -- die unterbrochene Mahlzeit stand kalt auf
+dem Tisch, der in Unordnung war. Das blitzende Auge sah über alles weg.
+
+Ein schweres Schweigen herrschte. --
+
+Leupold wagte nicht, sich zu rühren, um nicht die Gedanken seines Herrn
+zu stören.
+
+Was mochten es für Gedanken sein? Zornesfalten standen auf der breiten
+Stirn. Und eine mächtige Bewegung arbeitete in den großen Zügen.
+
+Nein, das sah nicht aus, als habe ein hinfälliger Greis einen Stoß
+empfangen, der ihn umwerfen mußte -- das sah vielmehr so aus, als sei
+alle Kraft von neuem erwacht, als spanne sich jeder Nerv in diesem
+gewaltigen Körper in straffer Energie.
+
+Nun sah er, wie die Hände, ohne zu zittern, nach der Brusttasche griffen
+-- da trug der Geheimrat ein Büchlein. Er nahm es -- er schrieb ein paar
+Zeilen auf -- riß das Blatt ab ...
+
+»Nimm,« sagte er. -- Nein, wirklich, nicht einmal seine Hände zitterten.
+
+Leupold nahm es. Er sah: es war eine dringliche Depesche. Nach Köln. An
+den Sohn des Hauses. Und sie lautete: »Ich erwarte dich unter allen
+Umständen morgen früh hier. Dein Vater.«
+
+Dann ging der Tag seinen Gang. -- --
+
+Klara, auf ihrem Bett, sank aus den leidenschaftlichen Tränen allmählich
+in einen Zustand der Erschöpfung hinüber. Sylvester hatte ihr ein Pulver
+aufgedrängt -- sie nahm es aus Gefälligkeit gegen den besorgten Arzt. --
+Es mochte helfen, daß die Erschöpfung in einen ruhigen Schlaf überging.
+
+Als sie erwachte, war es dunkel. Und sie hörte sausende Töne. -- Kam das
+vom Werk her? Nein -- Sturm! Der Nebel war weggepeitscht.
+
+Klara richtete sich auf. Besann sich. Ihre Fassung war nun vollkommen.
+
+Sie hatte seit Stunden nicht mehr gedacht -- nicht denken können.
+
+Und dennoch war in ihr eine eherne Gewißheit und Festigkeit.
+
+Sie wußte: ihre Pflicht war es, noch einmal von vorn anzufangen, und um
+des Vaters wie des Kindes willen ihrem Mann zu vergeben, zu helfen. Sie
+wollte mit ihm sprechen und mit seiner schwachen Natur kämpfen -- damit
+er begreife: er müsse sich zunächst ihre Achtung erringen.
+
+Dies war das kleine Streckchen Lebensweg, das sich übersehen ließ -- ob
+es ins Dunkel mündete, ins Helle führte -- das mußte die Zukunft lehren.
+
+Dieser gegenwärtige Augenblick forderte eine leichtere Pflicht von ihr
+... Sie mußte den Vater beruhigen! In welche Aufregung mochte ihn ihre
+Ohnmacht gestürzt haben!
+
+Sie kleidete sich an -- rasch -- und dachte: »Ich nehme den Kleinen mit
+hinauf.«
+
+Sie fand ihn im Zimmer nebenan, in seinem Wagen lag er, seine Stimme
+übend, mit jenen unbegreiflichen Lauten, die noch keine Worte formen
+können und doch zu einem Mutterohr so beredt von prachtvollem Behagen
+und Wohlsein sprechen. Zwischen Spitzen und hellblauen Schleifen sah man
+das runde Gesichtchen und die prallen Arme. Und die großen Augen
+glänzten tief.
+
+Die junge Frau nahm das Kind und hob es hoch empor und legte das
+flaumige Köpfchen gegen ihre Wange -- in leidenschaftlichem Glück die
+Nähe des kleinen Geschöpfes genießend.
+
+So schritt sie hinauf.
+
+Sie merkte kaum, daß ehrfürchtige und eilige Hände alle Türen vor ihr
+öffneten.
+
+Sie gelangte hinauf -- mit ihr kam ein Lichtstrom in einen völlig
+dunklen Raum.
+
+In seinem Sessel zwischen den unverhüllten Erkerfenstern saß der alte
+Herr -- im unerleuchteten Zimmer.
+
+Nun sah er die junge Frau, wie sie im Lichtstrom heranschritt, im
+linken Arm hoch das Kind tragend, mit der Rechten das kleine Haupt gegen
+ihre Wange drückend -- und um sie der Schimmer von Glanz ...
+
+»Madonna ...« dachte er.
+
+»Wir wollen Großvater Gute Nacht sagen.«
+
+Und ihre Stimme klang wie immer.
+
+»Du hättest liegen bleiben sollen.«
+
+»O nein,« sagte sie leichthin, »es geht mir wieder gut. Hoffentlich hast
+du dich nicht erschreckt. Du weißt ja: 'Der Frauen Zustand ist
+beklagenswert' -- Wir sind ein jämmerliches Geschlecht.«
+
+»Heldin!« dachte er.
+
+Er wußte noch nicht: sollte er mit ihr sprechen -- mit ihr schweigen. --
+
+Aber nun mußten erst die großen Greisenhände die winzigen Fäustchen
+nehmen, denn der kleine Regent sollte bald in sein Nachtröckchen
+gesteckt werden. Und da erschien auch schon die Amme in ihrer
+schwarzbunten Tracht und wollte ihn wieder hinab holen in sein
+Kinderstubenreich.
+
+»Schlafe mein Kerlchen. Stör deine Mutter nicht. Sie ist für dich und
+mich alles -- sie darf uns nicht krank werden. -- Schlaf fest.«
+
+»Dei -- dei -- dei,« klöhnte das Kind, als wolle es sehr Vernünftiges
+versprechen.
+
+Die Amme ging mit ihm davon, hinter ihr schlossen sich die breiten
+Türen, durch die der Lichtstrom hereingekommen war.
+
+»Du sitzest im Dunkeln?« fragte Klara.
+
+Sie hockte sich auf den niedrigen Stuhl neben den thronartigen Sitz des
+Vaters hin -- da wo so recht eigentlich ihr Platz war.
+
+»Ich habe mich mit 'Severin Lohmann' unterhalten,« sprach der Alte, »es
+hatte mir viel zu sagen ...«
+
+Durch die schwarzblanke Glasfüllung der Fenster sah man hinaus in den
+Novemberabend, aus dem der Sturm allen Nebel geblasen. Und vor dem
+nächtigen Hintergrund erkannte man die hellen Schornsteine, weil von der
+Kokerei und den Hochöfen und der frei brennenden Gasflamme her roter und
+gelber Schein kam, der die Bauten helldunkel umleuchtete. Von bläulichen
+elektrischen Lichtern war das düster-große Bild überfleckt, und all
+diese Lichtkerne mit der Strahlenglorie rundherum erinnerten so
+merkwürdig an Weihnachten. -- Die plumpen Burgen der Hochöfen waren halb
+angestrahlt, halb lösten sich ihre Formen in Dunkelheit auf.
+
+Der Gesang des Sturms nahm mit seinen langgezogenen Heultönen alle
+Geräusche vom Werk fort und trug sie auf seinen Fittichen ostwärts, dem
+Meere zu.
+
+Drunten der Fluß war an seinem kohlschwarzblanken Gleißen nur zu
+erkennen, wo vom Werk her Licht über ihn hinspielte. Außerhalb der
+verständlichen und übersehbaren Wirklichkeit krochen ein rotes und ein
+grünes Licht in der Dunkelheit heran. Die Augen eines Dampfers, der sich
+gegen Strom und Wind flußauf quälte.
+
+Die junge Frau legte ihren Kopf gegen die Lehne des Stuhls. --
+
+Bald fühlte sie die liebevolle Hand schwer auf ihrem Haar. --
+
+So saßen sie und sahen zu dem vom rötlichen Schein angehauchten Rauch
+hinüber, der sich in der schwarzen Höhe verlor. Sie sahen von diesem
+Stück Welt des Eisens und der Kohle mit geistigem Auge noch viel, viel
+mehr, als das Nachtbild ihnen zeigte. Sie sahen alle tausend Fäden, mit
+denen es an die Gegenwart, an alle großen Fragen und Forderungen der
+Zeit gebunden war. Sie sahen sich als Diener dieser Zeit -- ihre Herzen
+wurden bescheiden und still.
+
+Leise sprach der Alte -- für sich hin -- zu ihr, die mit seinem Enkel
+sein Werk bewachen und fortsetzen sollte -- vielleicht hinaus zu
+Tausenden, die ihn nicht hörten:
+
+»Ich habe gedacht ... Eine neue Zeit läßt nicht nur neue Formen,
+Schönheiten, Anschauungen, volkswirtschaftliche Notwendigkeiten
+entstehen, wälzt nicht nur Technik und Bedürfnisse um. Fast fürchte ich
+mich, es auszusprechen: sie wertet auch unsere Empfindungen um! Man
+sagt, daß alte Geschlechter, die seit Jahrhunderten auf ihrer sich
+forterbenden Scholle sitzen, diese mit heißer Inbrunst lieben. Wie
+sollten sie nicht! Und dennoch muß die Liebe, die Männer wie ich zu
+ihren Werken haben, noch von einer anderen Art sein. Tiefer und
+ausschließlicher. Denn sie ist noch fruchtbarer! In meines Sohnes Adern
+fließt mein _Blut_ -- nicht nur _mein_ Blut -- vielleicht, nein gewiß,
+noch mehr von dem der Frau, die ihn gebar. In den Adern meines Werkes
+fließt nicht nur mein Blut; meine _Kraft_ -- meinen _Geist_ -- meine
+_Energie_ -- alles, was ich bin, körperlich und seelisch, hab' ich
+hinübergepflanzt in dies Werk. Geheimste Ströme gingen von mir fort in
+meine Arbeit und gaben ihr Leben. Und ist so dies Werk nicht noch mehr
+mein Kind, in viel unzerstörbarerem Sinne, als mein Sohn es ist? Ist
+diese Wahrheit erschreckend? Ist sie nicht vielmehr voll geheimer Größe?
+Voll drohender Mahnungen? Werte abwägen gegeneinander -- das fordert die
+Zeit. Vielen, vielen ließ sie das Idyll des Familienlebens und das
+Auskosten seiner kleinen und großen Kämpfe. Aber für die, denen ein
+Platz ward in der Front der Schaffenden, heißt es sich fragen: Was ist
+wichtiger, dein Kind oder dein Werk? Und da, wo ich stehe -- und so,
+wie mein Sohn ist -- trotz allem, was ihm geopfert ward, ein Halber --
+muß ich mich besonders fragen: Was ist Tausenden wertvoller, nötiger --
+mein Sohn oder mein Werk? Was ist meinem Herzen teurer -- mein großes,
+starkes, kraftvolles Werk oder mein haltloser Sohn? ...«
+
+Seine Stimme war zuletzt fast raunend geworden. Er sprach wie einer, der
+sich vor sich selbst fürchtet.
+
+Und die junge Frau fühlte: er wußte vielleicht alles. Er war vielleicht
+bereit, den Sohn preiszugeben.
+
+Aber das war doch unmöglich. Wie sollte, wie konnte das geschehen? Die
+einfache Tatsache der festgefügten Lebensverhältnisse verbot es. --
+Vielleicht eine zornige Aufwallung? Die milderer Stimmung weichen
+konnte? Aber so seltsam gefaßt, so wunderbar vorsichtig, furchtsam vor
+dem Klang der eigenen Worte, spricht nicht der Zorn.
+
+»Du und dein Kind -- ihr wißt es -- ich habe ein Herz! Deine Mutter
+wußte es! -- Und dennoch -- dennoch -- wenn ich denn ein unnatürlicher
+Vater bin: -- mein Werk steht mir näher als mein Sohn. Ihn könnt' ich
+lassen -- meinem Werk gehört mein letzter Gedanke. Wir Menschen von
+heute, wir arbeiten so furchtbar, daß Blut und Schweiß uns
+zusammenschmiedet mit unserer Arbeit -- und wenn unsere Kinder dies
+heilige Bündnis nicht verstehen, seien sie davon geschieden.«
+
+Klara fror. -- Die Unerbittlichkeit sprach zu ihr. -- Und ihr war, als
+sei es kein Zufall, daß seine Faust sein Leben lang dem Erz das Eisen
+abgerungen habe ...
+
+»Vater,« sprach sie leise. »Wir müssen doch Geduld haben.«
+
+Da drückte sich die Hand noch fester auf ihr Haupt und lag da schwer --
+und dennoch wie Segen -- Trost -- Dank. --
+
+Sie mochten nicht mehr sprechen und schauten still durch die Nacht
+hinüber auf den bestrahlten, quellenden und zerreißenden Rauch, der toll
+vor dem schwarzen Himmel jagte. --
+
+Und der alte Mann wartete auf eine Antwort. Die Depesche war doch stark
+genug gewesen. Aber an diesem Abend kam keine Antwort mehr.
+
+Nun, wozu auch Antwort? Am nächsten Morgen würde sein Sohn selbst
+eintreffen.
+
+Aber die Stunde, für die seine Ankunft bestimmt zu berechnen war,
+verstrich, und er trat nicht bei seinem Vater ein.
+
+Der Geheimrat ließ Thürauf herüberbitten. Der tauchte aus seinem Übermaß
+von Arbeit auf und hatte zwei Minuten für den alten Herrn. Wynfried? Vor
+vier Tagen hatte er das lange und vortrefflich klare Telegramm über die
+Konferenz auf den Kreyser-Werken geschickt, das der Geheimrat ja kenne.
+Seither erhielt Thürauf persönlich keine Nachricht vom Juniorchef der
+Firma. --
+
+Die Ungeduld verzehrte ihn. Allerlei Gedanken überstürzten sich. Auch
+dieser, daß Wynfried gar mit der blonden Baronin auf und davon gegangen
+sei.
+
+Aber zu dieser Vorstellung hatte er gleich ein grimmiges Lächeln.
+
+Er kannte seinen Sohn. Der dachte wahrscheinlich ganz unbefangen, wie
+tausend moderne Ehegatten denken: auf die Treue des _Mannes_ kommt es
+nicht weiter an. Das Abenteuer mit der Baronin war ihm vielleicht nur
+ein Sommervergnügen -- vielleicht hatte es geheißen: halb zog sie ihn,
+halb sank er hin. -- Ach -- klein -- klein -- banal!
+
+Und die Blicke fielen ihm ein, die sein Sohn in der letzten Zeit für
+Klara gehabt.
+
+Da stieg ein flammendes Rot bis in seine Stirn, und er litt. --
+
+Es blieb alles stumm. Als wenn die Ferne voll schweren Schweigens sei.
+
+Der Geheimrat ließ ein dringliches Telegramm mit dringlicher Rückantwort
+an das Hotel in Köln abgehen. Da hatte er binnen einer Stunde in den
+eiligen Blaustiftbuchstaben der Depesche die Nachricht, daß Herr Lohmann
+junior im Hotel bisher nicht angekommen sei, daß dort aber seit gestern
+nachmittag eine #D#-Depesche für ihn lagere, aus deren Vorhandensein man
+wohl auf seine baldige Ankunft schließen dürfe.
+
+»Meine eigene Depesche,« dachte der alte Herr.
+
+Nun war er außerstande, noch etwas zu tun. Er konnte nicht an alle
+Kölner Hotels depeschieren. Wer wußte, ob er überhaupt da war? Man hätte
+auf Lammen anfragen können. Das verbot sich. Das bloße Suchen nach einem
+Vorwand zur Nachfrage verbot sich.
+
+Solche Stunden ertragen sich hart.
+
+Er saß da wie ein zürnender Gott, der seine Blitze in der Hand
+zurückhalten muß, die ihn nun selbst brennen.
+
+Er wußte, gerade wie die junge Frau, daß sich die festgefügten
+Lebensverhältnisse nicht zerreißen ließen.
+
+Er ahnte gleich ihr, daß Wynfried sich dagegen wehren würde, seine Ehe
+zu lösen, denn er war offenbar im Begriff, sich in seine Frau zu
+verlieben.
+
+Ah -- dürfte er doch die holde Frau gegen _diese_ Liebe schützen!
+
+Aber er war machtlos. Wenn sie verzieh, Geduld haben wollte -- er, der
+Vater, durfte die Ehe nicht sprengen.
+
+»Hätte ich sie nie zusammengebracht!«
+
+Eins aber konnte er: als richtender Vater, als Mann zum Manne, mit dem
+Schwert scharfer Worte gegen den Sohn wettern.
+
+Er hoffte im Grunde wenig davon. Er hatte alles Vertrauen verloren. Wenn
+nicht einmal die reine Würde der jungen Frau ihm Halt hatte geben
+können ...
+
+Der alte Mann erschrak selbst davor, wie ganz ihm sein Sohn entglitten
+war -- alle Stimmen der Natur schwiegen.
+
+Sein Enkel, seine Tochter, sein Werk -- diese über seinen Tod hinaus vor
+jeder Gefährdung zu schützen, war sein Hauptgedanke. Er wollte sein
+Testament ändern. Wynfried blieb auch mit dem Pflichtteil noch ein
+wohlhabender Mann.
+
+Da nun seine leidenschaftliche Natur auf schwere Grübeleien angewiesen
+war und sich nicht in Wort und Tat entladen konnte, stieg seine
+Nervosität bis zur Unerträglichkeit.
+
+Wenn nur irgend, irgend etwas geschähe, diese Spannung zu lösen ...
+
+Aber beinahe hätte er das, was sie lösen konnte, von seiner Schwelle
+gewiesen.
+
+Es war am dritten Tag nach jenem unterbrochenen Mittagsmahl.
+
+Der Himmel war hell, durch den bleichen Sonnenschein raste Sturm. Das
+Land lag braunschwarz, mit den rostroten Farbenflecken der Hainbuchen,
+in deren Gezweig das welke Laub fror. Der Fluß schuppte sich unruhig.
+Kahl und freudlos schien die Erde ängstlich auf den Winter zu warten.
+
+Leupold kam.
+
+»Ich soll den Freiherrn von Marning melden,« sagte er. Und fügte gleich,
+etwaigen Vorwürfen abzuwehren, hinzu: »Ich habe aber keine Aussichten
+gemacht -- habe gesagt, Herr Geheimrat empfingen keine Besuche. Da bat
+er, ich solle doch fragen.«
+
+Den alten Herrn wandelte eine kurze Verwirrung an. Marning? Er, der für
+immer aus diesem Hause gegangen war? Noch einmal wieder? Und jetzt --
+
+Nein, nein -- gerade ihn konnte er jetzt nicht sehen! Es hätte zu weh
+getan. Es würde ihn vielleicht hinreißen, zu diesem zu sprechen. Und
+gerade diesem mußte verborgen bleiben, was jetzt auf dem Hause lastete
+-- denn es wäre auch für ihn schwer, schwer, davon zu wissen.
+
+»Nein,« sprach er vor sich hin, »ich kann nicht --«
+
+»Herr Oberleutnant sagten: es sei wichtig.«
+
+Wichtig? Für ihn? Für wen? Vielleicht war er anderen Sinnes geworden.
+Kam auf das Anerbieten zurück -- wollte doch zur Industrie übergehen --
+kam, um Hilfe für den Weg dahin zu erbitten.
+
+Das entschied. Seine Zuneigung für Marning wallte auf. Es hieß eben,
+sich zusammennehmen.
+
+»Also ja ...«
+
+Und wenige Sekunden nachher stand Stephan Marning vor ihm, sehr blaß,
+sehr ernst.
+
+»Lieber Marning. -- Es freut mich, Sie zu sehen. -- Wenn Sie's nicht
+wären ... Ich bin ein verstimmter, ungeduldiger alter Kerl -- hab' im
+Moment zu viel bunte Gedanken im Kopf. -- Sie müssen schon Nachsicht mit
+mir haben. Und mir ein bißchen knapp sagen, was Sie wünschen. Meine
+Gesinnung kennen Sie -- die ist unverändert ...«
+
+»Herr Geheimrat,« begann Stephan. »Ich komme nicht in eigener
+Angelegenheit.«
+
+Irgend etwas im Ton und in der Miene des jungen Mannes ließ den Alten
+scharf aufmerken.
+
+»Das Botenamt, Herr Geheimrat, war zu allen Zeiten ein gefürchtetes.«
+
+»Wenn der Bote Übles brachte! Und das tun Sie demnach.«
+
+»Ernstes. Ja.«
+
+»Sagen Sie's nur schlankweg. Man bildet sich immer ein, vor uns Alten
+und Brüchigen dürfe man das Wort 'Tod' nicht laut aussprechen. Ich bin
+kein Feigling. Wenn Altersgenossen weggeholt werden, zittere ich nicht
+gleich, weil's mich doch auch mal treffen muß. Bin seit zwei Jahren an
+eine gewisse Nachbarschaft gewöhnt. Ist Ihr Onkel, mein verehrter
+Freund, gestorben? Ein schmerzlicher Verlust wär's.«
+
+»Nein, Herr Geheimrat. Ich habe Ihnen von Likowski Nachrichten zu
+bringen.«
+
+»Wa -- was ...? Unser prachtvoller Hauptmann? Aber das ist ja
+unmöglich --«
+
+Wie sonderbar seine Gedanken die eine Fährte verfolgten -- die des
+Todes.
+
+»Likowski befindet sich wohl -- er wird in zwei, drei Tagen zurück sein
+-- er wäre schon heute eingetroffen -- aber er hat ... auch mußte er
+sich beim Oberst melden.«
+
+»Nun also -- was ist mit ihm los. -- Nehmen Sie's mir nicht übel, lieber
+Marning -- aber Sie verstehen sich drauf, einen ungeduldig zu machen.«
+
+»Verzeihen Sie,« sprach der jüngere Mann halblaut, »ich bin ungeschickt.
+-- Mein Amt ist schwer. -- Likowski hat ein Duell gehabt -- mit -- mit
+Ihrem Herrn Sohn.«
+
+Der alte Mann fuhr auf -- blieb erstarrt -- sah den andern an -- mit
+offenem Munde.
+
+Langsam wich jede Farbe aus seinem Gesicht.
+
+Er war furchtbar anzusehen.
+
+Und endlich, endlich sprach er laut und fest. »Er ist tot!«
+
+So sprach das Schicksal selber -- ehern -- ergeben -- furchtgebietend.
+
+»Nein -- nein. -- Er lebt -- er kann -- er wird weiterleben --«
+
+Da sank das schwere Haupt zurück. -- Die Augen schlossen sich -- und ein
+wunderbares Lächeln -- geheimnisvoll -- unbegreiflich, irrte um die
+Lippen. -- Und unter den geschlossenen Lidern heraus perlte langsam eine
+Träne und rann über die bleiche Wange.
+
+Stephan wandte sich ab. Ergriffen und scheu.
+
+Was jetzt im Herzen des alten Mannes vorging, wußte Gott allein.
+
+Sprach dennoch die unergründliche Stimme der Natur, die verstummt
+gewesen war? ... Reckte sich das ganz einfache Gefühl empor? -- Rauschte
+das Blut -- das Blut, das auch in seines Sohnes Adern rann, ihm zu:
+Gottlob nicht tot? ... Tiefste Rätsel. --
+
+»Was wissen wir von uns selbst!« fühlte der Alte.
+
+Stephan stand Minuten und sah in den matten, sturmgepeitschten
+Sonnenschein hinaus und wagte nicht, sich umzuwenden.
+
+Bis eine beherrschte Stimme ihn aufrief: »Nun lassen Sie mich alles im
+Zusammenhang hören.«
+
+»Ich denke, Herr Geheimrat, ich begehe keine Taktlosigkeit, wenn ich
+Ihnen Likowskis Brief gebe -- wie er nun mal ist. -- Ganz Likowski. --
+Ich befürchte da kein Mißverstehen.«
+
+Es wäre ihm ja unmöglich gewesen, alles mit lauten Worten zu sagen. Ihn
+däuchte, als müsse jedes einzelne zum Posaunenton werden und durch
+Mauern und Estrich hinabdringen in das Ohr der geliebten Einen.
+
+»Mißverständnisse? Zwischen mir und dem, was Likowski sagt und tut und
+schreibt? Ausgeschlossen. Her damit!«
+
+Stephan legte den Brief -- diesen Brief, dessen Inhalt ihn fast betäubt
+hatte -- nun in die Hand des alten Herrn. Er setzte sich auf den
+nächsten Stuhl, den Säbel zwischen den Knien, die Hände auf dem Korb
+gefaltet -- so wartete er, und sein Gedächtnis, das den langen Brief
+auswendig wußte, konnte den Blicken folgen, die nun lasen ... Wort um
+Wort ...
+
+
+ »Lieber Marning! Kamerad! Freund! Da bürde ich Ihnen nichts
+ Gutes auf. Aber es muß sein! Der alte Herr, den wir verehren und
+ lieben, der muß wissen, was los ist. Er soll mir verzeihen, wenn
+ er kann! Wenn er nicht kann, muß ich's ertragen. Mein Bewußtsein
+ ist: ich habe getan, was sein mußte. Mein Mandat? Das des Mannes
+ und Offiziers, der kein edles Weib kränken lassen darf. Auch
+ nicht, wenn sie selbst vielleicht noch nichts davon weiß.
+
+ »Zu Ihnen hab' ich nie davon gesprochen -- auch die anderen
+ Kameraden nicht zu mir -- das war zu delikat, wo es ein Haus
+ betraf, das uns so oft Gastlichkeit bot. Wenn man auch ein
+ rauher Krieger ist, man hat doch sein Zartgefühl. Aber es war ja
+ in allen Blicken, zwischen den Worten war es, in jedem
+ plötzlichen Verstummen war es, daß auch wir genau wußten, was
+ sämtliche Spatzen der ganzen Gegend pfiffen. Nämlich, daß Herr
+ Wynfried Severin und die mollige Baronin sich zusammen auf das
+ beste unterhielten und offenbar nicht gerade zusammen im
+ Katechismus lasen. Sonst wären sie doch wohl mal bis ans sechste
+ Gebot gekommen ...
+
+ »Ich kann Ihnen gestehen, Freund, ich hab' was an stiller Wut in
+ mich 'reingefressen. Wo die junge Frau für mich so ungefähr das
+ Anbetungswürdigste von edler Weiblichkeit ist, was mir auf
+ meinem Junggesellenpfad begegnete. Und wo ich ihr alter Freund
+ und Hausgenosse gewesen bin. Und wo ich weiß, daß der Geheimrat
+ toben würde, wenn er wüßte, daß man ihr ein Haar krümmen will.
+ -- Na, und so stand es lange fest bei mir: ich sag's ihm in sein
+ schönes, nobles Gesicht, daß es für mich sehr häßlich aussieht.
+
+ »Bloß die Gelegenheit! Wo die herzwingen, ohne Skandal?
+
+ »Aber so was fällt ja dann vom Himmel, wenn man gerade mit all
+ seinen Gedanken mal weit davon weg und in behaglicheren Regionen
+ ist.
+
+ »Geh' mit Vetter Adolf und Gesponsin, sowie mit einem seiner
+ Regimentskameraden, gleichfalls beweibten Zustandes, in ein
+ Restaurant. So 'n ganz pickfeines, wo es schon was kostet, wenn
+ der Kellner sich verbeugt. Sonst nicht meine Wahl -- das wissen
+ Sie wohl. Aber Madame Adolf hat die Schwäche und -- das Geld!
+ Leider. Geld ohne Geschmack -- das ist eine schlimme Mischung.
+ Da hätte sich Adolf vorsehen müssen. Na, dies nebstbei. -- Und
+ wer sitzt da in diesem Lokälchen, an zart bestrahltem Tisch, wo
+ zwischen Blumen und dem Leuchter mit dem rosigseidenen
+ Schirmchen der graue Kaviar vom Eisblock glänzt? Wer?
+
+ »Na, ich sage Ihnen, die pummelige Agathe wurde rot -- röter --
+ am rötesten.
+
+ »Ich war ganz ruhig. Ich ging 'ran -- so mit 'ner gewissen
+ Vorsicht -- Distanz wahrend -- damit nicht etwa die Baronin mir
+ gleich die Patschhand freundschaftlich hinstreckte. -- Und da
+ bat ich ihn denn, mich anzuhören. Drei Worte genügten ja. Daß er
+ sie nicht einstecken konnte, wenn er 'n Mann von Ehre bleiben
+ wollte, war klar. Und dann lief die Geschichte ihren Gang.
+ Ehrengericht damit befassen war unmöglich. Die Losung mußte
+ sein: sofortige Abwicklung! Ehrengericht kann die Sache
+ nachträglich prüfen. Und hier gleich in Parenthese: ich melde
+ mich sofort beim Oberst. Auf einen Monat Festung bin ich gefaßt.
+ -- Zum Glück hatte Wynfried Severin ein paar Freunde da in der
+ Gegend -- Herren, die schlagenden Verbindungen angehörten --
+ einer war aus 'm ganz feudalen Korps und fabelhaft bewandert in
+ der Regie des Duells. -- Und kurz und gut -- heut im Nebelgrau
+ standen wir einander gegenüber. -- So 'n rechter schwerer
+ Rheinnebel war's. -- Das Gelände, zwischen Schonungen, nicht
+ weit vom Fluß -- seltsam war's mir: man hörte durch den Nebel
+ den Heulton der Dampfer. Wenn ich Ihnen sage, Marning, daß so 'n
+ Heulruf ihm das Leben gerettet hat!
+
+ »Es war mein Vorsatz: den lösch' ich aus. -- Der verdirbt sonst
+ noch dieser köstlichen Frau, an die man bloß mit Andacht denken
+ kann, das ganze Dasein. -- Ich haßte ihn. Kräftig.
+
+ »Aber was soll ich Ihnen beichten? -- Wie ich so ziele -- in
+ diesen gräßlichen Sekunden -- ein, zwei sind's bloß -- da heult
+ von fern und leise ein Dampfer -- wie bei uns -- plötzlich seh
+ ich unseren Fluß vor mir, das Werk, den alten Herrn. Gott
+ verzeih' mir: es war verrückt. Total. Beinahe mag ich es nicht
+ schreiben: mir war's, als riefe der alte Herr. Es war direkt
+ unheimlich.«
+
+Stephan sah, daß die beschriebenen Blätter in der Hand des Greises
+zitterten ...
+
+Ja, das war diese Stelle -- seltsam -- und so ganz außer Likowskis
+Linie ...
+
+Aber weiter ...
+
+ »Vielleicht hätt's ihn doch schwer geschlagen -- wenn sein Sohn
+ ... es ist immerhin der einzige! Obschon -- unter uns --
+ manchmal dacht' ich: heiß ist die Liebe nicht. Und Enkel und
+ Schwiegertochter sind ihm alles. Aber wer kann in so was
+ 'reingucken? Na und kurz und gut: ich nahm nicht dies flotte
+ Herz zum Ziel. Aber treffen wollt' ich, und ich traf. Besser als
+ er, der den ersten Schuß hatte und damit bloß ein Loch in die
+ Luft machte. Nicht vorsätzlich. Ih nee -- ich merkte, wie er
+ zielte. Aber natürlich: schlechter Schütze, nicht eingeschossen.
+ Meine Kugel ist ihm unterm Schulterknochen durchgeschlagen, hat
+ Sehnen und viele Blutgefäße zerrissen und die Lunge gestreift.
+
+ »Schon nach zwei Stunden brachte mir Vetter Adolf die Nachricht:
+ voraussichtlich längeres Krankenlager, aber durchaus keine
+ Lebensgefahr -- wahrscheinlich auch längeres Schonungsbedürfnis.
+
+ »So weit wäre ja nun alles ganz gut und schön gewesen und hätte
+ ganz sachte vertuscht werden können. Dem alten Herrn konnte man
+ was von einem Automalheur erzählen. Was ist heutzutage leichter,
+ als sich auf der Straße die Knochen zu zerbrechen!
+
+ »Aber nun kommt's hochdramatisch. Ohne sich um Wunsch und Willen
+ des vorerst Bewußtlosen zu kümmern, läßt ihn unser Paukarzt ganz
+ einfach in eine Privatklinik schaffen, die ein ihm befreundeter
+ Chirurg hält. Na, das war vernünftig. Als Lohmann zu sich kommt,
+ fällt ihm ja wohl bei kleinem ein, daß die Baronin Nachricht
+ haben muß. Er läßt telephonieren, die Damen möchten abreisen,
+ und seine Sachen sollten vom Hotel in die Meinhardtsche Klinik
+ geschickt werden.
+
+ »Vielleicht hatte die mollige Agathe schon Lunte gerochen -- und
+ dann das Wort 'Klinik'. Kurz: nach einer halben Stunde saß sie
+ schon am Bett. Und erklärte jedermann: da ist mein Platz! Und
+ nimmt mit der Gerwald mehrere Räume in der Klinik und macht es
+ offiziös. -- Straf' mich Gott, wenn ich in diesem Falle von
+ meiner sonst gutbeschlagenen Menschenkenntnis sollte verlassen
+ sein! Aber Agathe ist vielleicht, in all ihrer Unbefangenheit,
+ nicht böse über das Duell! Denn nun kann er gar nicht anders. Zu
+ seiner Frau kann er nicht zurück. Sitzen lassen kann er hiernach
+ die Baronin nicht. Und so strafen ihn die Götter und bedienten
+ sich dazu meiner bescheidenen Person.
+
+ »Dieses Auftrumpfen Agathens: 'Mein ist der Mann, und mir gehört
+ er zu!' -- macht es unmöglich, den Fall zu vertuschen. Ehe der
+ alte Herr gar in den Zeitungen davon liest -- ehe der Sohn ihn
+ benachrichtigen kann -- denn von wegen Agathe kann er nun nicht
+ eine glaubhafte Flunkerei von einem Unfall nach Haus drahten. --
+ Die Lage ist nicht einfach für ihn. Donnerwetter! Na also, ehe
+ was geschieht, das den Schlag zu roh und plump gegen das Gemüt
+ des Vaters führt -- gehen Sie sofort zu ihm.
+
+ »Er hat Sie lieb. Er achtet Sie hoch. Oft hat er's mir gesagt.
+ Es ist mir handlicher, mich mit diesem Auftrage an Sie als an
+ den vortrefflichen Thürauf zu wenden. Sie sind mein Kamerad --
+ mein Freund -- das sagt alles.
+
+ »Von Frau Klara kein Wort! Da verbiet' ich meiner Feder jedes.
+ Sie wird leiden -- jetzt -- zunächst in jedem Fall! Aber sie
+ wird mir doch noch mal im Leben freundlich die Hand geben --
+ darauf hoffe ich!
+
+ »Und nun: Gott befohlen!
+
+ Ihr Likowski.«
+
+
+Wie langsam der Greis gelesen hatte -- ganz gewiß, er mußte jeden Satz
+wiederholt in sich aufgenommen und lange bedacht haben.
+
+Und nun faltete er mit zögernden Bewegungen die Bogen zusammen. Ein
+wenig mußte er sich vorneigen und den Arm ausstrecken, um sie auf den
+Tisch legen zu können, der rechts von ihm aus der Wand vorsprang.
+
+Stephan stand schon auf, um ihm den Brief abzunehmen.
+
+Seine Blicke trafen sich mit den tiefen, großen Blicken des Alten -- sie
+kamen wie aus einem Abgrund von Gram herauf.
+
+Aber dennoch -- auf seinen Zügen lag der Ausdruck einer wunderbaren
+Gefaßtheit.
+
+Welche Erschütterungen auch durch ihn hingewandelt sein mochten -- er
+stand darüber, stand auf Herrscherhöhen. -- Von wo aus die Wirrnisse des
+Lebens weithin übersehbar sind, wo man erkennen kann, woher die Wege
+kommen und wohin sie gehen.
+
+Ein leises, schmerzliches Lächeln voll Vatergüte ging um seinen Mund.
+
+»Sie wollten mir und allem, was zu mir gehört, für immer entfliehen,«
+sprach er, »und nun spielt unser Freund, noch viel mehr als er selbst
+weiß, Schicksal und schickt gerade Sie zu mir.«
+
+»Ich konnte den schweren Auftrag nicht ablehnen.«
+
+Er war verwirrt -- sein Herz klopfte. Er wünschte sich auf der Stelle
+verabschieden zu dürfen.
+
+»Lieber Marning -- Sie sehen -- der Sohn ist mir verloren -- vielleicht
+nicht ganz als Sohn. Mag die Zukunft -- mag vielleicht eine ferne
+Stunde, die meines Todes vielleicht, noch einmal seine Hand in meine
+legen. Was kann ich davon wissen, was darüber sagen? Nichts! -- Ich will
+mein Alter nicht mit Unversöhnlichkeit beflecken. -- Es liegt an ihm --«
+
+Er mußte innehalten. -- So lebendig stand plötzlich das Bild der
+genußsüchtigen, selbstischen Frau vor ihm, die seines Sohnes Mutter
+gewesen ... Er seufzte schwer ...
+
+»Möchte der Weg, auf den ihn alles nun zwingt, ihm nicht zu hart mit
+Reue gepflastert sein.«
+
+Dann fuhr er lebhafter fort. »Meine Tochter -- mein Enkel -- mein Werk
+-- das gehört zusammen -- zu mir -- bis übers Grab hinaus: zu mir! Und
+davon hat mein Sohn sich geschieden. Er hat die Würde seiner Frau und
+die Würde meines Werkes verraten. -- Vielem und Vielen sollte er zum
+Herrn gesetzt sein. Das kann nur einer, der strebt. Nicht einer, der
+spielt. Er bleibt von meinem Werk geschieden -- auf immer!«
+
+Nun sah er den jungen Mann voll und groß an -- bezwingend -- --
+
+»Ich tat einmal eine Frage an Sie. -- Heute ist der Augenblick, sie zu
+wiederholen. -- In dieser Stunde braucht mein Werk noch keinen Helfer
+und Leiter. Ein vorbildlicher Mann steht an der Spitze. Aber der Tag
+wird kommen, wo auch er jüngere Schultern als Mitträger braucht. Und
+mein Enkel. -- Noch bin ich da! O -- ich hoffe, dem Dunklen, der mir
+schon mal so nahe war, noch manches Jahr zu trotzen. Aber dennoch -- es
+ist Menschenlos. -- Mein Enkel und meine Tochter -- einmal brauchen sie
+vielleicht einen klugen, besonnenen Mann von Ehre und Herz als -- als
+Freund. -- Und so, Marning, so frage ich in dieser Stunde, wo mein Sohn
+für mein Werk verloren ging: wollen Sie zu mir kommen -- wollen Sie
+meinem Werke dienen?«
+
+»Ja!«
+
+Laut und feierlich klang das durch den Raum.
+
+Der alte Herr streckte seine Hand aus. Stephan ergriff sie und tat wie
+damals, als er für immer zu scheiden glaubte: er neigte sich tief und
+küßte voll Ehrfurcht diese Hand -- die Hand, die sein Schicksal auf
+ungeahnte, nie mehr erhoffte Höhen des Glückes führen wollte.
+
+Den Greis übermannte Rührung. Er zwang das nieder.
+
+Er wußte, mit diesem »Ja« hatte ein ganzer Mann sich seinem Werke
+angelobt. Und nicht nur seinem Werke.
+
+»Nun Klara,« sagte er, »sie muß wissen ...«
+
+Stephan trat erschrocken zurück.
+
+»Nicht in meiner Gegenwart.«
+
+»Doch!« -- Er hatte schon das Zeichen für Leupold gegeben, und dieser
+kam so rasch, daß kein Wort mehr gewechselt wurde.
+
+»Bitte meine Tochter herauf. Aber sage nichts davon, daß ich Besuch
+habe.«
+
+»Herr Geheimrat ...« bat Marning.
+
+Die alten Augen sahen ihn tief und wissend an.
+
+»Sie werden mich nicht verlassen wollen, wenn ich Ihnen sage -- ich
+brauche Sie -- -- sonst -- sonst -- es könnte mir die Fassung
+zerbrechen. -- Ich hab' diese zwei zusammengeführt -- ich! Bin ich nicht
+ein Schuldiger vor ihr?«
+
+»Nein,« rief Stephan, »nein -- nichts von Schuld ...«
+
+Sie warteten schweigend. Stephan stand am Fenster, hinter dem mächtigen
+Stuhl, in dem der Alte saß. Im Schatten, einer schwarzen Silhouette
+gleich.
+
+Und dennoch erkannte sie ihn, kaum, daß sie die Schwelle überschritten.
+
+Sie blieb stehen -- ihr Fuß wollte sie nicht weitertragen.
+
+Was war das? Ein Zufall? Eine von jenen lächerlichen Notwendigkeiten des
+Alltags, die sich in das Große mengen? Gerade jetzt? In diesen
+qualvollen Tagen der Unklarheit, wo ihr Frauenschicksal in der Schwebe
+hing ...
+
+»Mein Kind,« sprach der alte Mann ihr entgegen, »komm -- sieh, hier ist
+unser Freund. Er hat ernste Nachrichten gebracht ...«
+
+Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »Von -- meinem -- Sohn ...«
+
+Nun war sie vor ihm und sah ihn an -- nur ihn -- als sei nicht noch
+einer hier, der ihren Blick und Gruß erwarten durfte.
+
+Und doch sah, fühlte sie nur die Gestalt, die hochaufgerichtet,
+schweigend und unbeweglich dastand.
+
+»Ja, mein Kind -- Wynfried -- er hat -- ein Unfall ... Später erfährst
+du das Genaue. -- Er liegt in Köln -- krank ...«
+
+Sie wich ein wenig zurück -- im Schreck. Und wußte sofort: dann muß ich
+dahin -- ihm helfen -- er ist meines Kindes Vater -- ich _muß_. -- Ich
+wollte ja Geduld haben -- wollte vergeben -- nun muß ich es beweisen ...
+
+»Dann will ich zu ihm -- gleich -- ja gleich. -- Ihn pflegen -- ihm
+beistehen --«
+
+»Nein, mein Kind. Du wirst nicht hinfahren. Eine andere Frau, der nun
+wohl seine Zukunft gehören muß, sitzt an seinem Bett. Und deine Ehe --
+sie wird gelöst werden.«
+
+»Vater!« schrie sie auf.
+
+Sie legte beide Hände vor ihr Gesicht.
+
+Und die Männer schwiegen.
+
+Sie ahnten, der Greis wie der junge Mann, daß in ihrer Seele eine
+ungeheure Bitterkeit aufwallte und alles, alles andere überflutete. --
+Die Bitterkeit der edlen Frau, die sieht: alle Opfer waren umsonst! Die
+erkennt: meine Würde hat er, dem ich alles gab, nicht geachtet! --
+
+Niemand sieht ohne Erschütterung den Bau seines Lebens in Trümmer
+zerfallen -- auch wenn dieser Bau nicht im Glanze seliger Liebe
+errichtet ward ...
+
+Aber dieser bittere Strom von schweren Erkenntnissen ebbte langsam
+zurück.
+
+Und ein großes, schmerzliches Entsetzen erwachte.
+
+Nun verlor sie Vater und Heimat -- --
+
+Sie hob ihr Gesicht aus den Händen. Sie sah den alten Mann an -- sie sah
+wohl, welch eine Welt von Liebe ihr aus seinen Blicken entgegenkam.
+
+Aber dennoch, es war sein Sohn, um den es ging -- sein einziger Sohn --
+trotz allem.
+
+»Nun muß ich dich verlassen!«
+
+»Klara!«
+
+»Aber das Kind -- es gehört mir. -- Du wirst nicht den Versuch machen,
+es mir zu nehmen. Nein -- das nicht -- das weiß ich.«
+
+Sie war außer sich.
+
+Er streckte seinen Arm nach ihr.
+
+»Nein -- besinn dich doch. -- Gehören wir nicht zusammen? -- Das Werk,
+das Kind -- du und ich? Er hat sich von uns geschieden, nicht wir von
+ihm! Und hier steht einer -- ich hab' sein Wort: er will in die Arbeit
+hineinwachsen und dem Werke dienen und -- meines Enkels Freund sein --«
+
+Er brach ab.
+
+»Vater!«
+
+Sie kniete schon neben ihm nieder, und er nahm das schmale, weiße
+Gesicht zwischen seine Hände.
+
+»Meine Tochter!« sprach er leise und bedeutungsschwer.
+
+Oft hatte er sie so genannt -- aber sie fühlte, was dieser Name, in
+diesem Augenblicke ihr gesagt, alles auf sie legte an großen und
+heiligen Pflichten; was er ihr versprach an Glück, das nach still und
+stark ertragenem Leid einst ihr Leben zu einem Wunder machen sollte.
+
+Sie hob den Blick -- sie wagte es, den Mann anzusehen, der als stummer
+Zeuge hinter dem Stuhl des Vaters stand.
+
+Und das beredte Auge sagte ihr, was der Mund noch verschweigen mußte.
+
+Und in diesem erhebenden Schweigen gelobten ihre Seelen einander, der
+Vatergüte des großen alten Mannes immer wert zu sein -- nach seinem
+Vorbilde zu wirken und rastlos ihre Pflicht zu erfüllen, im täglich
+erneuten, stillen Heldentum der Arbeit, die dem Ganzen dient.
+
+
+
+
+ Druck der
+ Union Deutsche Verlagsgesellschaft
+ in Stuttgart
+
+
+
+
+Anzeigen des
+Cotta'schen Verlages
+
+
+
+Ida Boy-Ed:
+
+Ein königlicher Kaufmann
+
+_Hanseatischer Roman_
+
+16. und 17. Auflage
+
+In Leinen gebunden 5 Mark
+
+
+=Aus den Besprechungen:=
+
+Daß der vorliegende Roman viele Liebhaber gefunden hat, das bezeugen
+schon die vielen Neuauflagen. Und es ist auch wirklich ein gutes Buch.
+Es enthält treffliche poetische Schilderungen der Landschaft, der Natur.
+Neben feinsinnigen Bemerkungen über die modernen Menschen und das
+heutige Geschäftsleben der alten Freien und Hansestadt Lübeck gelangen
+in anheimelnden Rückgedanken auch die früheren Zustände zur plastischen
+Darstellung. Die große Erfindungsgabe der Verfasserin gestaltet den
+Roman reich an verschlungenen Situationen, die meisterhaft gelöst
+werden.
+
+ =Bohemia, Prag=
+
+
+Was übrigens die stärkste Anziehungskraft der Geschichte ausmacht, das
+ist ihr Schauplatz. Sie spielt im heutigen Lübeck. Die stolze Hansastadt
+mit ihren Kirchen und Patrizierhäusern taucht vor uns auf; die
+Verfasserin schildert das Innere eines solchen, und ebensogut kennt sie
+sich im republikanischen Verfassungsleben aus. Sie zeichnet diese kleine
+und doch wieder in ihrer Art große Welt mit sicherem Stift, nicht ohne
+Anerkennung und doch auch gelegentlich mit ironischen Anmerkungen über
+den übertriebenen Lokalpatriotismus. Sie übersieht nicht »die
+spezifische Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede
+Familie sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein«.
+Natürlich entrollt sich auch vor uns ein Stück hanseatischen
+Kaufmannslebens; wir werden Zeugen von allerhand industriellen
+Gründungen, nehmen an Aufsichtsratssitzungen teil und dergleichen. Das
+alles ist mit so viel Sachkenntnis wiedergegeben, als nur immer von
+einer Romandichterin erwartet werden darf.
+
+ =Deutsche Tageszeitung, Berlin=
+
+
+
+Ida Boy-Ed:
+
+Im Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart und
+Berlin erschienen:
+
+ Gebunden
+
+Die säende Hand. Roman. 5. Auflage M. 4.50
+
+Um Helena. Roman. 3. Auflage M. 4.50
+
+Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer
+Roman. 16. u. 17. Auflage M. 5.--
+
+Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Auflage M. 4.50
+
+Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman
+6. u. 7. Auflage M. 4.50
+
+Die große Stimme. Novellen. 3. Auflage M. 3.--
+
+Stille Helden. Roman M. 5.--
+
+
+In Otto Meißners Verlag in Hamburg erschienen:
+
+Ein Tropfen Geheftet M. 2.50
+
+Getrübtes Glück. Zwei Novellen Gebunden M. 4.--
+
+
+
+
+ Gebunden
+_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brücke und
+ andere Geschichten M. 4.--
+ --"-- Das verlorene Wort. Roman " 4.--
+
+_Andreas-Salomé, Lou_, Fenitschka -- Eine Ausschweifung. Zwei
+ Erzählungen " 3.50
+ --"-- Ma. Ein Porträt. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ruth. Erzählung. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte. 3. Aufl. " 3.50
+ --"-- Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 3. Aufl. " 5.--
+
+_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgänge. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl. " 3.50
+
+_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman " 4.--
+ --"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 4. Aufl. " 5.--
+
+_Auerbach, Berthold_, Barfüßele. 44.-46. Aufl. " 2.50
+ --"-- Auf der Höhe. Roman. 2 Bände " 4.20
+ --"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. 2 Bände " 4.20
+ --"-- Spinoza. Ein Denkerleben " 1.70
+ --"-- Waldfried. Eine vaterländische Familiengeschichte " 2.10
+
+_Baumbach, Rudolf_, Erzählungen und Märchen. 17. Tsd. " 3.--
+ --"-- Es war einmal. Märchen. 15. u. 16. Tsd. " 3.80
+ --"-- Aus der Jugendzeit. 10. Tsd. " 6.20
+ --"-- Neue Märchen. 9. Tsd. " 4.--
+ --"-- Sommermärchen. 40. u. 41. Tsd. " 4.20
+
+_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Bob, der Sonderling. Seine Geschichte. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die Geschwister. Mit Vorwort v. Adolf Wilbrandt. 12. Aufl. " 3.50
+
+_Birt, Th._, Menedem. Die Geschichte eines Ungläubigen " 5.--
+
+_Böhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl. " 4.--
+
+_Boy-Ed, Ida_, Die säende Hand. Roman. 5. Aufl. " 4.50
+ --"-- Stille Helden. Roman " 5.--
+ --"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 16. u.
+ 17. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl. " 3.--
+
+_Bülow, Frieda v._, Kara. Roman " 5.--
+
+_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman. 2. Aufl. " 4.--
+
+_Busse, Carl_, Federspiel. Westliche und östliche Geschichten " 4.50
+ --"-- Flugbeute. Neue Erzählungen. 1. und 2. Aufl. " 4.20
+ --"-- Die Schüler von Polajewo. 3. u. 4. Aufl. " 4.--
+ --"-- Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten. 2. Aufl. " 4.50
+
+_Dove, A._, Caracosa. Historischer Roman. 2. Bände. 2. Aufl. " 9.--
+
+_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Die erste Beichte.
+ Miniatur-Ausgabe. Mit Porträt. 2. Aufl. " 2.--
+ --"-- Bozena. Erzählung. 9.-11. Aufl. " 4.--
+ --"-- Erzählungen. 6. Aufl. " 4.--
+ --"-- Margarete. 7. Aufl. " 3.--
+
+_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, #Hypnosis perennis# -- Ein Wunder
+ des heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten " 3.--
+
+_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 9. Aufl. " 6.--
+
+_El-Correï_, Das Tal des Traumes. Roman. 2. Aufl. " 5.--
+
+_Enderling, Paul_, Zwischen Tat und Traum. Roman " 5.--
+
+_Engel, Eduard_, Paraskenvúla und andere Novellen " 4.50
+
+_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl. " 4.--
+ --"-- Grete Minde. 8. Aufl. " 3.50
+ --"-- Quitt. Roman. 5. Aufl. " 4.--
+ --"-- Vor dem Sturm. Roman. 15. u. 16. Aufl. " 5.--
+ --"-- Unwiederbringlich. Roman. 7. Aufl. " 4.--
+
+_Franzos, K. E._, Der Gott des alten Doktors. Erzählung. 2. Aufl. " 3.--
+ --"-- Die Juden von Barnow. Geschichten. 9. Aufl. " 4.--
+ --"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bände. 7. Aufl. " 7.50
+ --"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Moschko von Parma. Erzählung. 5. Aufl. " 3.50
+ --"-- Neue Novellen. 2. Aufl. " 3.--
+ --"-- Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. 9. u. 10. Aufl. " 5.50
+ --"-- Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl. " 3.--
+ --"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzählung. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Judith Trachtenberg. Erzählung. 6. Aufl. " 4.--
+ --"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bände. 3. Aufl. " 8.--
+ --"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Erzählung. 3. Aufl. " 3.50
+
+_Frei, Leonore_, Das leuchtende Reich. Roman " 5.--
+
+_Frey, Adolf_, Die Jungfer von Wattenwil. Historischer
+ Schweizerroman. 5. Aufl. " 6.--
+
+_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl. " 3.--
+
+_Gleichen-Rußwurm, A. v._, Vergeltung. Roman " 4.50
+
+_Grimm, Herman_, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bde. 3. Aufl. " 10.--
+
+_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chinesisches Novellenbuch " 4.--
+
+_Harbou, Thea v._, Die nach uns kommen. Roman. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Der Krieg und die Frauen. Novellen. Neue wohlfeile
+ Ausgabe. 11.-15. Tausend " 3.--
+
+_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits.
+ Ein moderner Totentanz. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman " 4.50
+
+_Heer, J. C._, Joggeli. Geschichte einer Jugend. 18.-22. Aufl. " 4.50
+ --"-- Der König der Bernina. Roman. 81.-85. Aufl. " 4.50
+ --"-- Laubgewind. Roman. 47.-51. Aufl. " 4.50
+ --"-- Da träumen sie von Lieb' und Glück! Drei Schweizer
+ Novellen. 24. u. 25. Aufl. " 4.50
+ --"-- Felix Notvest. Roman. 21.-25. Aufl. " 4.50
+ --"-- An heiligen Wassern. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50
+ --"-- Der Wetterwart. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50
+
+_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman " 3.--
+
+_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer, Roman. 36.-40. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der Adjutant. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die Burgkinder. Roman. 86.-90. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 24.-28. Aufl. " 4.50
+ --"-- Es gibt ein Glück ... Novellen. 31.-33. Aufl. " 4.--
+ --"-- Hanseaten. Roman. 71.-80. Aufl. " 5.--
+ --"-- Das große Heimweh. Roman. 1.-50. Aufl. " 6.--
+ --"-- Das Lebenslied. Roman. 61.-65. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die vom Niederrhein. Roman. 51.-55. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzählung. 10.-12. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die Welt in Gold. Novelle. 16.-20. Aufl. " 2.50
+ --"-- Die Wiskottens. Roman. 101.-110. Aufl. " 5.--
+ --"-- Das goldene Zeitalter. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 3.50
+
+_Heyse, Paul_, L'Arrabbiata. Novelle. 14. Aufl. " 2.40
+ --"-- L'Arrabbiata und andere Novellen. 10. Aufl. " 4.50
+ --"-- Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Ewigmenschliche. Erinnerungen aus einem Alltagsleben
+ -- Ein Familienhaus. Novelle. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Über allen Gipfeln. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Haus zum unglaubigen Thomas und andere Novellen " 4.50
+ --"-- Kinder der Welt. Roman. 2 Bände. 29. u. 30. Aufl. " 6.80
+ --"-- Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Himmlische und irdische Liebe und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Neue Märchen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Martha's Briefe an Maria. 2. Aufl. " 2.--
+ --"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ninon und andere Novellen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 10.--
+ --"-- Letzte Novellen. Mit einem Begleitwort v. E. Petzet.
+ 2.-4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Novellen vom Gardasee. 8. u. 9. Aufl. " 3.40
+ --"-- Meraner Novellen. 12. Aufl. " 4.50
+ --"-- Neue Novellen. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Im Paradiese. Roman. 2 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 6.80
+ --"-- Plaudereien eines alten Freundespaars. 2.-4. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Rätsel des Lebens und andere Charakterbilder. 4. Aufl. " 6.--
+ --"-- Der Roman der Stiftsdame. 15. u. 16. Aufl. " 3.40
+ --"-- Der Sohn seines Vaters und andere Novellen. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Crone Stäudlin. Roman. 5. u 6. Aufl. " 3.40
+ --"-- Gegen den Strom. Eine weltl. Klostergeschichte. 5. u.
+ 6. Aufl. " 3.40
+ --"-- Moralische Unmöglichkeiten und andere Novellen. 3. Aufl. " 5.50
+ --"-- Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Aus den Vorbergen. Novellen " 6.--
+ --"-- Vroni und andere Novellen " 4.50
+ --"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Xaverl und andere Novellen " 4.50
+
+_Hillern, W. v._, Der Gewaltigste. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- 's Reis am Weg. 3. Aufl. " 2.50
+ --"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl. " 6.--
+ --"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+
+_Hirschfeld, Georg_, Nachwelt. Der Roman eines Starken. 4. u.
+ 5. Aufl. " 5.--
+
+_Höcker, Paul Oskar_, Väterchen. Roman " 4.--
+
+_Hofer, Klara_, Alles Leben ist Raub. Der Weg Friedrich Hebbels.
+ 2. Aufl. " 6.--
+
+_Hoffmann, Hans_, Bozener Märchen und Mären. 3. Aufl. " 3.50
+ --"-- Ostseemärchen. 3. Aufl. " 4.--
+
+_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte.
+ 6. Aufl. " 3.50
+
+_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren.
+ Roman. 13. u. 14. Aufl. " 5.--
+ --"-- Jugenderinnerungen eines alten Mannes, siehe _Kügelgen_
+
+_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman. 2. Aufl. " 5.--
+
+_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestät! Novellen. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl. " 3.50
+
+_Keller, Gottfried_, Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände.
+ 75.-80. Aufl. "11.40
+ --"-- Martin Salander. Roman. 49.-53. Aufl. " 3.80
+ --"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. 84.-88. Aufl. " 7.60
+ --"-- Züricher Novellen. 78.-82. Aufl. " 3.80
+ --"-- Das Sinngedicht. Novellen -- Sieben Legenden. 61.-65. Aufl. " 3.80
+ --"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.--
+ --"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung.
+ Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.--
+
+_Knudsen, J._, Angst. Der junge Martin Luther. Berechtigte
+ Übersetzung von Mathilde Mann. 2. Aufl. " 5.--
+
+_Krauel, Wilhelm_, Von der andern Art. Roman " 4.--
+ --"-- Das Erbe der Väter. Ein Lebensbericht " 4.50
+
+_Kügelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes.
+ Original-Ausgabe. 26. u. 27. Aufl. " 2.40
+
+_Kurz, Hermann_ (Der Schweizer), Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn.
+ Roman. 2. u. 3. Aufl. " 5.--
+
+_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzählung " 3.--
+ --"-- Italienische Erzählungen. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Frutti di Mare. Zwei Erzählungen. " 3.--
+ --"-- Genesung -- Sein Todfeind -- Gedankenschuld. Erzählungen " 5.--
+ --"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Florentiner Novellen. 6. u. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Phantasien und Märchen " 3.--
+ --"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der Florentinischen
+ Renaissance. 7. Aufl. " 6.50
+
+_Langmann, Philipp_, Leben und Musik. Roman " 4.50
+
+_Lilienfein, Heinrich_, Von den Frauen und einer Frau.
+ Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl. " 3.--
+ --"-- Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Der versunkene Stern. Roman 2. u. 3. Aufl. " 6.--
+ --"-- Die große Stille. Roman. 4. Aufl. " 5.50
+
+_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände.
+ 5. u. 6. Aufl. " 7.50
+ --"-- Arme Mädchen. Roman. 11. Aufl. " 5.--
+ --"-- Spitzen. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der Zug nach dem Westen. Roman. 12. Aufl. " 5.--
+
+_Mauthner, Fritz_, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln
+ und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von »_Lügenohr_« " 4.--
+
+_Meyer-Förster, Wilh._, Eldena. Roman. 2. Aufl. " 4.--
+
+_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Töchter der Zeit. Münchner Roman " 4.--
+
+_Moersberger, Felicitas Rose_, Pastor Verden. Ein Heideroman.
+ 2.-5. Aufl. " 4.50
+
+_Muellenbach, E._ (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen " 4.--
+ --"-- Aphrodite und andere Novellen " 4.--
+ --"-- Vom heißen Stein. Roman " 4.--
+
+_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack.
+ Erzählungen u. Skizzen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.--
+ --"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.--
+ --"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.--
+
+_Olfers, Marie v._, Neue Novellen " 4.50
+ --"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen " 4.--
+
+_Prel, Karl du_, Das Kreuz am Ferner. Roman. 4. Aufl. " 6.--
+
+_Riehl, W. H._, Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- Am Feierabend. Novellen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Lebensrätsel. Novellen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl. " 7.--
+ --"-- Kulturgeschichtliche Novellen. 7. Aufl. " 5.--
+ --"-- Neues Novellenbuch. 3. Aufl. " 5.--
+
+_Rittberg, Gräfin Charlotte_, Der Weg zur Höhe. Roman " 4.--
+
+_Rommel-Hohrath, Clara_, Im Banne Roms. Roman " 5.--
+
+_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft.
+ Roman. 2 Bände " 5.--
+
+_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hühnchen. Gesamt-Ausgabe.
+ 10. Aufl. (51.-55. Tsd.) " 5.--
+ --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl.
+ (4. u. 5. Tsd.) " 5.--
+ --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. (4. Tsd.) " 5.--
+ --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl.
+ (3. Tausend) " 5.--
+ --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe " 5.--
+ --"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamt-Ausg. " 5.--
+ --"-- Phantasiestücke. Gesamtausgabe " 5.--
+ --"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande.
+ 3 Bände. 9. Tsd. je M. 4.--
+ --"-- Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd. " " 4.--
+ --"-- Ludolf Marcipanis und Anderes. Aus dem Nachlasse
+ herausgegeben von _H.W. Seidel_. 2. Tsd. " 4.--
+
+_Seidel, H. Wolfgang_, Erinnerungen an Heinrich Seidel 2. Aufl. " 5.--
+
+_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman. 4. Aufl. " 4.--
+
+_Speidel, Felix_, Hindurch mit Freuden. Novellen " 4.--
+
+_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman " 3.50
+ --"-- Stille Wasser. Roman " 4.--
+
+_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer
+ Studentin. 13. u. 14. Aufl. " 5.--
+ --"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die ewige Burg. Roman. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Seine englische Frau. Roman. 31.-35. Aufl. " 5.50
+ --"-- Für Dich. Roman. 21.-25. Aufl. " 5.--
+ --"-- Ich harr' des Glücks. Novellen. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Gib mir die Hand. Roman. 12.-14. Aufl. " 5.--
+ --"-- Herzblut. Roman. 19.-21. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der du von dem Himmel bist. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die thörichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl. " 4.50
+ --"-- Der arme Konrad. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Liebestrank. Roman. 16.-20. Aufl. " 5.--
+ --"-- Stark wie die Mark. Roman. 21.-25. Aufl. " 6.--
+ --"-- Montblanc. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.--
+ --"-- Du bist die Ruh'. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50
+ --"-- Du Schwert an meiner Linken Ein Roman aus der deutschen
+ Armee. 36.-40. Aufl. " 5.50
+ --"-- Die zwölfte Stunde. Novellen. 1.-5. Aufl. " 3.--
+ --"-- Der weiße Tod. Roman. 19.-23. Aufl. " 4.--
+ --"-- Es war ein Traum. Berliner Novellen. 5. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die letzte Wahl. Roman. 5. Aufl. " 5.--
+
+_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman. 51.-55. Aufl. " 6.--
+ --"-- Geschwister. Zwei Novellen. 35.-37. Aufl. " 4.50
+ --"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 31.-33. Aufl. " 3.--
+ --"-- Der Katzensteg. Roman. 91.-95. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Hohe Lied. Roman. 56.-59. Aufl. " 6.--
+ --"-- Die indische Lilie. Sieben Novellen. 21.-25. Aufl. " 4.--
+ --"-- Frau Sorge. Roman. 136.-145. Aufl. Mit Jugendbildnis " 4.50
+ --"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 35. u. 36. Aufl. " 3.--
+
+_Telmann, Konrad_, Trinacria. Sizilische Geschichten " 5.--
+
+_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Königsschießen und andere
+ Humoresken. 4. u. 5. Aufl. " 3.--
+
+_Uxkull, Gräfin Lucy_, Rote Nelken. Ein sozialer Roman " 5.--
+
+_Vockeradt, Emma_, Wanderer im Dunkeln. Roman " 4.--
+
+_Vogt, Martha_, An schwarzen Wassern. Zwei Novellen " 3.50
+
+_Vollert, Konrad_, Sonja. Roman " 5.50
+
+_Voß, Richard_, Alpentragödie. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 5.50
+ --"-- Römische Dorfgeschichten. 5. verm. Aufl. " 4.50
+ --"-- Erdenschönheit. Ein Reisebuch. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben 2. u. 3. Aufl. " 5.50
+ --"-- Der Polyp und andere römische Erzählungen. 2. Aufl. " 5.--
+ --"-- Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. 3. Aufl. " 6.--
+
+_Watzdorf-Bachoff, E. v._, Maria und Yvonne. Geschichte einer
+ Freundschaft. 2. Aufl. " 4.50
+
+_Wilbrandt, Adolf_, Adams Söhne. Roman. 3. Aufl. " 5.50
+ --"-- Adonis und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Dämonen und andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl. " 4.--
+ --"-- Der Dornenweg. Roman. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- Erika -- Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Fesseln. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Franz. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die glückliche Frau. Roman. 4. Aufl. " 4.--
+ --"-- Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Hermann Ifinger. Roman. 7. Aufl. " 5.--
+ --"-- Irma. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Novellen " 4.--
+ --"-- Opus 23 und andere Geschichten. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- Vater Robinson. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Familie Roland. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Die Rothenburger. Roman. 9.-11. Aufl. " 4.--
+ --"-- Der Sänger. Roman. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Die Tochter. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Villa Maria. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Große Zeiten und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.--
+
+_Wildenbruch, E. v._, Schwester-Seele. Roman. 20. u. 21. Aufl. " 5.--
+
+_Wohlbrück, Olga_, Die neue Rasse. Roman. 2.-5. Aufl. " 6.--
+
+_Worms, C._, Aus roter Dämmerung. Baltische Skizzen. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl. " 5.--
+ --"-- Erdkinder. Roman. 4. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzählungen. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl. " 5.--
+ --"-- Überschwemmung. Eine baltische Geschichte. 2. Aufl. " 3.50
+
+Für geheftete Exemplare beträgt der Preis 1 Mark weniger
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1914 erschienenen Erstauflage erstellt. Die nachfolgende
+Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fett: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+
+
+Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1914. The table below lists all corrections applied
+to the original text.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Bold: =bold text=
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+
+
+p. 019: [added quote] nicht in lässige Hände gelegt werden werden --«
+p. 080: [normalized] der Duc d'alben -> d'Alben
+p. 203: Mahagoniegefährten -> Mahagonigefährten
+p. 254: Likowsky, der immer einen Augenblick -> Likowski
+p. 255: [normalized] bis Sörnsen, der Fährmann -> Sörensen
+p. 360: Kopf vorüber auf die Tischplatte geschlagen -> vornüber
+p. 368: dem Erz das Eisen ab erungen -> abgerungen
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN ***
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
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