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Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger + + Stuttgart und Berlin + + + + + Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten + + Copyright 1914 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart + + + + +1 + + +Eine Frühlingsnacht endete, und das neue Tagewerk begann. Droben im sehr +geräumigen Erker ließ sich der alte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag +jetzt die Nächte oft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis +zwischen den Spalten der Vorhänge ein grauer Schein bemerkbar wurde. +Diesen grauen Schein der Morgendämmerung nannte er schon »Tag«, und +damit gestand er sich das Recht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn +sein treuer Leupold konnte den mächtigen Körper nicht mehr allein +regieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werden müssen. Und so +zwang sich der alte Herr mit ingrimmiger Selbstbeherrschung, noch ein +neues Gesicht in seiner Nähe zu ertragen. + +Stöhnend und durch das vergebliche Bemühen, selbsttätig sich zu bewegen, +seinen Helfern die Handhabungen noch erschwerend, kam er in die rechte +Lage. Nun saß er leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder +bezogenen Stuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt +arbeitende Mechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedene Schräg- und +Steilstellungen bringen ließ. Auch eine breite Tischplatte kam von der +Erkerwand geräuschlos nahe und zog sich wieder dahin zurück, je nachdem +ein kaum bemerkbarer Knopf an der äußeren rechten Armlehne berührt +wurde. Auf ähnliche Weise konnten von der gegenüberliegenden Wand ein +Bücherregal und eine Schreibgelegenheit herangeholt werden. Diese +Beweglichkeit all der toten Dinge gab ihnen etwas von dem Leben treuer, +aufmerksamer und stumm wartender Tiere. Sie machte den seit einigen +Monaten halbseitig Gelähmten unabhängiger von seiner Bedienung und +gewährte ihm, was seit langen Jahren sein höchstes Bedürfnis gewesen +war: Stunden ungestörter Einsamkeit. In ihr konnte sein Kopf am +raschesten und gesammeltsten arbeiten. Jetzt in dieser frühen Stunde +mußte der bewegliche Tisch das erste Frühstück tragen. Mit nie +erlöschendem Zorn aß der alte Herr diesen Haferbrei und den Hühnerflügel +oder was die ärztliche Verordnung ihm sonst noch an leichter Kost +gestattete. + +»Das hast du nicht gedacht, Leupold, daß du mich mal päppeln müßtest wie +'ne Wöchnerin,« sagte er. + +»Es ist ja nur vorübergehend, Herr Geheimrat,« tröstete Leupold und +schob noch handlicher Teller und Löffel zurecht. + +»Wenn er wüßte, wie er seinen Ton gegen mich verändert hat!« dachte der +Geheimrat erbittert. »Na ja -- wie denn nicht! Früher war ich sein Herr, +jetzt ist er im Grunde der meine.« + +Aber in Leupolds etwas bräunlichem Gesicht und in seinen klugen dunkeln +Augen war wirklich nichts von Überhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem +freundlich-gleichmäßigen Ausdruck, den er sich in mehr als +fünfundzwanzig Jahren angewöhnt hatte, schnitt er das weiße Fleisch von +dem Brustknochen des jungen Huhnes herab. Wenn man einem mächtigen, +übermäßig beschäftigten großen Herrn dient, dem das Blut rascher durch +die Adern läuft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt man +Gleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal erschüttert gesehen +-- an jenem Abend, als unten im Speisesaal ein festlicher Tisch für ein +Herrendiner schon fertiggedeckt stand und die Gäste jeden Augenblick +eintreffen konnten. Da, gerade als Leupold den Frack bereithielt, als +der Herr schon den Arm ausstreckte, um hineinzufahren, da wurde der +Riese jäh blaurot im Gesicht -- stieß einen rauhen Laut aus -- taumelte +und fiel. ... In der Dienerschaftsstube flüsterte man davon, Leupold +habe nachher geweint. Aber niemand erlaubte sich, ihn hierauf anzureden. + +Jetzt war alles auf dem Frühstückstisch so zurechtgestellt und +vorbereitet, daß der Halbgelähmte ohne weitere Hilfe sein Mahl verzehren +konnte, und Leupold zog sich zurück. + +Wie er so in seiner schlichten dunkelblauen Livree durch das große +Zimmer der Ausgangstür zu schritt, sah sein Herr ihm nach. Eine +Aufwallung von Rührung stieg in ihm empor. + +»Weil ich nicht mehr recht schlafen kann, hetz' ich ihn aus dem Bett! +Was ist das für ein brutaler Unsinn. Mißbrauch der Herrengewalt? ... Und +er muckt nicht mal auf ... Anhänglichkeit oder Sklavensinn!? ...« + +Aber sein Herz sagte ihm: Anhänglichkeit! Denn auch er dachte manchmal +an jenen Augenblick, wo er von den dunkeln Grenzen noch einmal +zurückerwacht war zum Leben -- auch eine Art von Wiedergeburt -- -- wie +ihm das Bewußtsein kam -- wie er die Lider öffnete -- da sah er in ein +treues, angstvolles Auge, in dem Freude aufleuchtete, als er zu sprechen +begann. + +Nur das Auge des Dieners -- eines ergebenen Menschen -- nicht das Auge +seines Sohnes! -- + +Ah -- dieser Sohn ... wo war der in jener Stunde! ... »Na, er wird ja +mal mit meinem Testament nicht unzufrieden sein!« dachte er noch in +bezug auf Leupold. + +Er versuchte zu essen. Wie sollte es schmecken! Ein so mächtiger Körper +muß Bewegung haben, wenn sein Haushalt in Ordnung bleiben soll ... + +Bewegung! Er wußte wohl: die kam ihm nie wieder. Jeder Tag, diese +nächste Minute, noch ehe er den Haferbrei bezwungen, konnte ihn die +unsichtbare Faust zum zweiten Male treffen. Und ein großes, furchtbares +und dennoch seltsam feierliches Vorgefühl sagte ihm: dann traf sie so +gut, daß es das Ende ward ... + +In solcher Lage schließt man ab! Aber wie kann man, wenn der einzige +Sohn dasteht gleich einem Wurzellosen, gegen Lebensfreude gleichgültig +-- ein Mensch, der am Ende scheint, wo er am Anfang sein sollte? Da +schließe mal einer ab! Zu einem letzten Willen gehören zwei. Einer, der +ihn ausspricht, und einer, der ihn ausführt. + +Er sah hinaus. Es war immer noch sehr früh. Aber was war Tag, was Nacht +für das Hüttenwerk! Da brauste die Arbeit und legte sich niemals +schlafen. Die Hochöfen erloschen nie. Für ihre schwelende Glut gab es +keine Feierstunde und keinen Alltag. Sie waren wie das Symbol der ewigen +Hitze, die in geheimnisvollen Tiefen am Herde der Mutter Erde brodelt. + +Im hellen Morgenlicht breitete sich vor den Augen des Herrn das Stück +Welt hin, darüber er der Gebieter war. + +Die gewellte Ebene, vom eingebetteten Fluß durchschnitten, der im +ruhigen, viel gebogenen Lauf der nahen Ostsee zustrebte, hatte die +kräftigen und ruhevollen Farben einer Landschaft, darin sonst allein der +Bauer sein Reich findet. Ferne Wälder umgrenzten sie. + +Aber mitten in diesen grünen Geländen und auf stillen, abgetönten Weiten +hatte sich das Feuer eine gewaltige und beherrschte Stätte gesucht und +Erze und Kohlen ihre düsteren Farben hineingetragen. + +Wenn der alte Herr den Blick nach links wandte, sah er die drei +Hochöfen gleich drohenden, gedrungenen Burgen ragen. Steil hinan zu +ihnen zog sich das Eisengestänge der Schrägaufzüge, an denen die kleinen +Wagen emporkletterten, die mit ihrem Inhalt an Erz, Koks und Kalksteinen +unaufhörlich die Öfen beschickten, das heißt in ihren Rachen das +Material schütteten. Und schwarz, in den Formen von Riesenzylindern, +hielten neben ihnen in Reih und Glied die aufrechten Eisenungeheuer +Wache, in denen der Wind erhitzt wurde, der ihrem Feuer als Gebläse +diente. Helle Schornsteine, gleich gelblichen, schlanken Säulen erhoben +sich frei und leicht, scheinbar ganz ohne Zusammenhang mit den +verschiedenen langgestreckten Dächern und den aufgetürmten Bauten, in +denen man Maschinen oder Wasserreservoire oder Koksöfen vermuten konnte. +Ein Gasometer, rund und klobig, in der Gestalt an das Grabmal der +Cäcilia Metella fern drunten in der Sonnenglut der Appischen Straße +erinnernd, stand etwas einsamer. Die dunkeln Linien der Drahtseilbahnen +und Ausladebrücken durchschnitten die Luft. Sie waren wie Körper, die +nur ein Skelett haben und gar keine Muskulatur. Zwischen ihrem Gerippe +bewegten sich die Förderwagen, emsig und doch gelassen, die von den +Schiffen das Erz und die Kohlen holten und mit dumpfem Prasseln an den +rechten Lagerplätzen ausschütteten. All diese Dinge ragten gleich +Gipfeln hoch aus dem Arbeitsfeld heraus. Und ein Dunst, bläulich, oft +von steigendem weißen oder schwarzgrauen Gewölk durchzogen, umhüllte all +diese phantastischen Formen, die bedrohlich und bizarr wirkten, weil sie +andere waren, als die Natur sie schafft. + +Das Gelände selbst, auf dem die Betriebe der Eisenhütte »Severin +Lohmann« angesiedelt worden waren, verbarg sich vom Erker aus dem +Blick. Eine große gärtnerische Anlage lag dem Hause gegenüber, von ihm +durch die vorbeiziehende Landstraße geschieden. Diese Anlage nahm links, +wo sie breit war, den Palisadenzaun des Werkes als Grenze; sie zog sich +zum Fluß hinab, wurde nach rechts schmäler und schmäler und verlor sich +im Uferstreifen, der flußauf endlich an einer Hochbrücke endete, auf +welche die dem Fluß sich immer mehr nähernde Landstraße dort traf. + +Diese Silberpappeln und Kastanien, die so rasch emporgewachsen waren und +dichte Kronen bekommen hatten; diese Rasen und Gebüschpartien; diese +Blumenrabatten, die doch bei östlichem Winde immer grauschwarz bestäubt +wurden; diese Sandsteintreppe, die durch die Anlagen dem Hause gerade +gegenüber schnitt und zum Flußufer hinabführte, wo früher an einer +Brücke eine Lustjacht lag, jetzt aber eine Fähre ihren Platz hatte -- +das alles war die »Anlage der gnädigen Frau«. + +Die gnädige Frau sah einst nicht gern auf die Welt der Kohlen, Erze und +Schlacken ... + +Drüben am andern Ufer erhob sich über weißsandigem, schroff abfallendem +Abhang eine kleine Stadt. Rote Dächer drängten sich um den Kirchturm, +dessen spitzes Dach, frisch gedeckt, dunkel vor dem lichten Himmel +stand. Der Hahn und die Kugel oben auf der scharfen Spitze flimmerten +lustig und neu im Morgenglanze. Aber auch drüben kam zwischen den +Dächern heraus Rauch. Aus merkwürdigen breiten, kurzhalsigen kleinen +Essen blies er hinauf, stetig quellend. Man räucherte Fische in +Schlutup, und einst lebte das ganze Städtchen von Ackerbau und +Fischhandel. Nun aber hallte nicht nur der Arbeitslärm über den Fluß +hinüber in die Straßen hinein -- auch das Geld, das »Severin Lohmann« in +Bewegung setzte, rollte hindurch, und neue Werte waren geschaffen, +stärkeres Leben pulsierte. + +Der alte Herr sah gern hinüber -- es tat ihm wohl, zu sehen, wie das da +wuchs -- wie sich mehr und mehr Industrien ansiedelten, die durch sein +Werk und dessen Nebenprodukte hier vorteilhafte Bedingungen fanden. + +Und im Grunde genommen durfte er sich wie der ungekrönte König auch des +andern Ufers fühlen. + +Unten auf dem Fluß, unterhalb der hoch über ihnen sich in die Luft +hineinstreckenden Eisengerippe der Ausladebrücken, ankerten ein paar +Dampfer. Aus den Tiefen ihres Bauches herauf tauchten die Förderwagen +wieder empor, die sich, schwebend an Drahtseilen, voll koketter Grazie +leer hinabgelassen hatten -- Dampfer aus Schweden -- aus Griechenland -- +Spanien. Erhebend und quälend zugleich war das, den Blick auf seine Welt +zu haben und nicht mehr in ihr herumregieren zu können. + +Nun saß er hier in seinem palastartigen Haus, das durch ein kunstvolles, +hohes Schmiedeisengitter von der Landstraße geschieden war und, inmitten +von Vorgärten und anschließendem Park, wie ein fürstlicher Ruhesitz +anzusehen war. + +Er dankte für Ruhe ... + +Die qualvolle Ungeduld, die in ihm kochte, suchte er nun schon seit +Monaten zu bezwingen. Er hielt wortlose Monologe über die Größe, die im +Entsagenkönnen liegt ... Er forderte von sich Haltung. Daß er sie andern +Menschen gegenüber aufzubringen vermochte, gewährte ihm eine kleine +Genugtuung. Aber allein mit der Qual, knirschte er mit den Zähnen gegen +sie. + +Alles wäre wahrscheinlich würdevoll und gefaßt zu ertragen, ohne dieses +Elend mit Wynfried ... + +Er dachte plötzlich: »Ich verstehe die Prometheussage -- ja, weiß Gott, +ich weiß, was das ist ... wie's gemeint ist mit dem Adler, der kommt, +dem Gefesselten die Leber auszufressen ... Der Kopf ist klar, der Wille +ist stark, aber die Kraft, die man nicht betätigen kann, frißt an +einem ...« + +Nun merkte er auf -- ein heller, schneidender, von dumpfen Untertönen +getragener Klang schien heranzukommen. Das riß ihn aus seinen Gedanken. +Ja richtig -- was für ein bezwingender Rhythmus in dem Volkslied lag, +das die Querpfeifen bliesen und die Trommeln schlugen. + +Das war das halbe Bataillon Infanterie, das drüben im Städtchen lag. Im +Schritt und Tritt marschierte es heran durch die Morgenfrische; voran +mit seinem Adjutanten der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur +Führung beigegeben war -- der eine auf einem hellen Fuchs, der andere +auf einem Rappen. Die Soldaten sangen das Lied mit, das ihnen +vorgepfiffen und getrommelt ward. Über die Hochbrücke waren sie gekommen +und zogen zu einer Gefechtsübung aus -- vielleicht um am Meeresstrand +anderthalb Stunden ostwärts die Landung eines markierten Feindes zu +verhindern. + +Nun kamen sie am Hause vorbei, das Gitterwerk überschnitt die +marschierenden Gestalten. + +Die Offiziere grüßten fast alle hinauf. Sie waren in diesem Hause oft +gastlich aufgenommen worden. Jeden Gruß beantwortete mit freundlichem +Nicken das weißhaarige, bedeutende Haupt. Die Augen blitzten. Nichts von +Krankheit und Alter war in ihnen -- + +Der Geheimrat redete in seinen Gedanken zu den grüßenden Herren. + +»Ja, lieber Schönstedten -- bin schon auf -- kein Schlaf des Nachts -- +Was, Likowski? Einen neuen Gaul? Den Rappen natürlich mit Vorteil +verkauft -- famos zugeritten, wie er war ...« + +Und zwei neue Erscheinungen? Das war wohl Leutnant Hornmarck -- Herrgott +wie klein und zart und jung, und sollte Kerls kommandieren und +imponieren, die vielleicht schon mehr vom Leben wußten als er -- und der +da, der schlanke mit der stolzen Haltung, das mußte der Oberleutnant +Stephan Freiherr von Marning sein. Vor ein paar Tagen hatte Leupold +seine Karte hereingebracht. + +Der Sohn alter Freunde, was man so »Freunde« nennt. Angenehme Bekannte, +mit denen er manchen Herbst bei den Neuhofer Marnings zur Jagd als Gast +gewesen war. Er entsann sich wohl: der junge Stephan hatte ihm immer gut +gefallen, in seine besondere Unterhaltung hatte er ihn oft gezogen, er, +der alternde Großindustrielle den jungen Leutnant, die scheinbar keine +Interessen zusammen haben konnten. Aber der Geheimrat wußte, mit welcher +schmalen Zulage Stephan sich ohne Schulden vornehm behauptete, denn +dieser Zweig der Marnings war fast arm. Und wenn er so die schlichte, +ernste Haltung des jungen Leutnants beobachtete, die voll Charakter war, +dachte er an seinen Sohn ... + +Seine Gedanken sagten dem gleichfalls heraufgrüßenden Freiherrn von +Marning: »Wie gern, lieber Marning, antwortete ich sofort auf Ihren +Besuch mit einer Einladung, bei mir zu essen -- bin ja kein +menschenfeindlicher Querkopf -- aber da sitz' ich nun -- vorbei ist's +mit dem Gastlichsein ...« + +Und es tat ihm seltsam dringlich leid, daß er dem jungen Marning keine +Freundlichkeit erweisen konnte. + +Nun war die Truppe vorbei. Er konnte ihr ein paar Minuten nachsehen -- +da zog sie hin, Mann wie Offizier, um in zäher, täglich neu +aufgenommener Arbeit, mit einer moralischen Geduldskraft ohnegleichen, +die unerhört opfervolle Mühe des Kriegshandwerks im Frieden zu üben -- +dazu gehört Mannhaftigkeit, die nicht an Ruhm und Heldenrausch, sondern +nur an Pflicht denkt. + +Auch stille Helden -- wie die Tausend und Tausend, die arbeiten und sich +bezwingen, und deren Namen und deren Kampf niemals jemand nennt und +preist. + +Ja, die gibt's auf allen Gebieten. + +So dachte der alte Herr. Und da all seine Gedankenwege jetzt auf den +einen Menschen zuführten, so war er schon wieder bei seinem Sohn. + +»Ich hätte Wynfried doch vielleicht Offizier werden lassen sollen! Der +Junge hatte es einmal gewünscht.« + +Aber er hatte so oft mit seinen Wünschen gewechselt; sie waren immer nur +lau gewesen. + +Und der einzige Sohn und Erbe! Ihn zum künftigen Mitbesitzer und +späteren alleinigen Herrn von »Severin Lohmann« zu bestimmen, war das +Selbstverständliche. Er hatte sich ja auch nie dagegen erhoben. Den +ganzen Bildungsgang durchlief er ohne Widerspruch, aber auch freilich +ohne jemals Aufsehen durch Fleiß oder Leistungen zu erregen -- was +sicher nicht von einem Mangel an Begabung, sondern von dem Überfluß an +Beziehungen zum weiblichen Geschlecht herkam ... + +Hier übermannte den alten Herrn wieder der Zorn, und er unterbrach sich, +um den dienstwilligen Tisch fast gegen die Wand fliegen zu lassen. + +Nun war ihm freier, nun hatte er nicht die Barriere von Tischplatte mit +all den Schüsseln und Speisen vor sich. + +Und mit der rechten Faust machte er eine Bewegung -- durchschlug die +Luft, als wolle er jemanden treffen ... + +Aber die, der es galt, die war lange tot. Aus ihrem Grabe hätte er sie +wieder holen mögen, um sie haßvoll zu fragen: Was hast du aus unserm +Sohn gemacht? Einen Schwächling! Einen, der am Weibe scheiterte, weil du +ihn weibisch erzogst ... + +Er sah ihr kühles, ablehnendes Lächeln -- er sah ihr schönes Gesicht, +auf dem nichts geschrieben stand als Wohlgefallen an sich selbst. + +In einem seiner stürmischen Entschlüsse klingelte er plötzlich. Alsbald +erschien eine schlichte blaue Livree in der Tür. Aber es war nicht +Leupold, sondern der neu engagierte blonde Georg, dessen saubere +Gewaschenheit den alten Herrn immer irgendwie und ganz unlogisch +ärgerlich reizte. + +»Leupold!« sagte er befehlshaberisch. + +»Leupold ist nach Schlutup hinüber, um die von Herrn Geheimrat gestern +abend angeordneten Besorgungen zu machen,« sagte Georg in militärischer +Haltung, als habe er noch immer seinen Hauptmann von Likowski vor sich. + +»Ist mein Sohn schon aufgestanden?« + +»Der junge gnädige Herr haben noch nicht das Klingelzeichen zum Bad +gegeben.« + +Der alte gnädige Herr gab nur einen Laut von sich, der für Georgs Ohr +etwas Ungeformtes behielt. Daß aber beinahe Verachtung darin klang, +spürte der junge Mensch wohl, und er dachte aufsässig: »Na, wir können +doch nicht alle immer Glock fünf aufstehen ...« + +Er war es ja zum Glück von seiner Militär- und Burschenzeit her gewöhnt. +Aber wenn er der junge Herr gewesen wäre, würde er auch bis zehne +schlafen. Und viel frohe Stunden schien der junge Herr seit seiner +Ankunft gestern morgen auch nicht mit seinem Vater gehabt zu haben. Das +ganze Haus stand unter dem dumpfen Wissen, daß zwischen Vater und Sohn +»was los« sei -- was, wußte kein Mensch, wenn nicht etwa Leupold. Aber +der würde es auch nicht verraten ... + +Nun war der Geheimrat wieder allein. Nun mußte er sich von neuem in +Geduld fassen. Er hatte doch ein Gefühl dafür, daß er seinen Sohn nicht +wie einen Schuljungen aus dem Bett holen lassen könne ... + +Geduld -- wenn eine so große, so schwere Frage zu beantworten ist -- die +bitterste, die das Leben bisher an ihn gestellt hatte ... + +Was sollte mit seinem Sohn werden? + +Äußerlich gesehen, konnte ja alles, wie von jeher bestimmt gewesen, nun +geschehen. Wynfried hatte alle Stadien der Vorschulung für die auf ihn +wartende Stellung durchlaufen. Er war auf der Hochschule gewesen; auf +befreundeten Hüttenwerken hatte er als Volontär in die Betriebe +hineingesehen; er war ein Jahr auf einer Bank gewesen und ein Jahr im +Auslande. Nirgends hatte er Anlaß zu Klage oder Lob gegeben. Ob er +überhaupt gearbeitet hatte, war unklar. + +Das prickelte und grämte den Vater! So eine glatte Null -- sein Sohn! +Lieber mit Härten, Ecken und Kanten sich herumstoßen! Die Neutralen +hatte der Alte immer gehaßt. + +Und das einzige Gebiet, wo Wynfried von der unauffälligen Bahn des eben +Zureichenden gewichen war, das war gerade das verhängnisvollste von +allen ... + +Ein Weib hatte ihn zerbrochen -- er hatte sich zerbrechen +lassen -- -- -- + +Das kam, weil ein Weib ihn verzogen und schwächlich genommen hatte. + +Er, der Vater, er konnte nicht den Erzieher spielen. Er, ein Mann, für +dessen Pflichtenfülle der Tag immer um viele Stunden zu kurz war. +Erziehung -- das galt ihm auch als Frauen-, als Mutterwerk! Frauen, die +Söhne gebären, sollen sie auch erziehen können. Das war sein Anspruch +gewesen. + +Aber seine Frau mochte sich das Leben so einrichten, daß nichts ihre +Gemütsruhe, ihr Luxusdasein und ihre Schönheit störte. Erzieherpflichten +können unbequem sein. + +Auch gehört Liebe dazu -- und seine Frau hatte wohl, außer zu sich +selbst, keine Liebe gehabt. Nicht einmal zu Wynfried, obschon es so +aussah, als vergöttere sie den Sohn. Solche mütterliche Affenliebe ist +bloß eine etwas verwickeltere Form von Selbstsucht -- das wußte der alte +Herr längst, obschon er keine Neigung zu Betrachtungen gehabt hatte -- +früher, denn jetzt kam ihn, gegen seinen Willen, oft genug das +Philosophieren an ... + +Er dachte an eine Antwort, die sein Sohn ihm gestern bei einer +vorläufigen Aussprache gegeben hatte: »Ja, Vater, du bist eben einer von +den Männern, die nur denken und arbeiten. Du weißt nicht, was das ist: +Lieben und Leiden ...« + +Wie sich ihm da das Gesicht dunkel gefärbt hatte, wie rauh sein Ton, wie +schroff sein Ausdruck gewesen war -- das wußte er selbst nicht. + +Grollend und in so schwerer Düsterheit, daß sein Sohn verstummte, sprach +er: »Was weißt denn du von mir!« + +Ja, was hatte sein Weib von ihm gewußt! Was wußte sein Sohn von ihm! +Einsam! Einsam! + +Und die eine Hand, deren sanfter Druck schon ihm Glück und Frieden +bedeutete, die hatte er nicht festhalten dürfen ... + +Lieben und Leiden? + +Als ob es das Teil der Müßigen, Schwachen, Zärtlichen, +Durchschnittlichen sei. + +Wehe, wenn es die großen Arbeiter packt und die Ehernen, die sich nicht +zerbrechen lassen dürfen, wenn sie vor sich selbst voll Würde bleiben +wollen ... + +Helden müssen sie sein -- aber in der Stille -- denn es ziemt ihnen +nicht, ihren Jammer zu zeigen, ihn laut auszurufen. + +Ihre Leiden tragen die Maske der Rauheit oder Bitterkeit; der Gram ihrer +Nächte bleibt ihr Geheimnis. + +Erinnerungen kamen, und aus dem Groll glitt langsam seine Seele in +weichere Stimmungen hinüber. Er sah das Weib, das er geliebt hatte, mit +einer starken Deutlichkeit vor sich, die ihn beglückte und erschütterte. +Für die, die groß lieben, ganz und mit der heißen Kraft der +Hoffnungslosigkeit, gibt es keine Entfernungen und keine Gräber. Nie +Besessenes bleibt unverloren und ewig nah ... So war Klara nie für ihn +gestorben und nie von seinem Gemüt entfernt. + +Ihre dunkelgrauen Augen, von einer leisen Traurigkeit immer vertieft, +richteten sich mit innigem Blick auf ihn, ihre mädchenhafte Gestalt, +mittelgroß und schlank, drückte in der ganzen Haltung so viel +Ergebenheit und Keuschheit aus -- es war, als wehe der Hauch von +Tempelluft aus ihren Kleidern. In der ganzen stillen sanften +Weiblichkeit ihres Wesens war dies unnahbar Feste gewesen, was ihm, dem +stürmisch Leidenden half -- und wenn ihr feines, kluges Gesicht einmal +von einem Lächeln erhellt wurde, dann, wenn sie zu ihrem Töchterchen +sprach, dann war es rührend schön, zum Weinen schön ... Er sah ihr +braunes, fast glanzloses lockeres Haar, er sah ihre edlen Hände, deren +Ausdruck so merkwürdig wechselnd war -- beredte Hände. + +Solch ein Weib hätte seinem Sohn begegnen müssen. Eine, die den Mann zu +Höhen emporführt, die er allein niemals erreichen kann. + +Aber auf Wynfrieds Wegen waren ihm offenbar nur Weiber begegnet, oder er +hatte das Talent, jedes Weib herabzuziehen -- solche Männer gibt es. Es +gibt aber auch Frauen, sonst ganz unschädlich, scheinbar fast gut, wenn +sie in Ungestörtheit bleiben; die ziehen den Mann herab, wenn sie nur +mit ihm in Berührung kommen -- Frauen, die man isolieren sollte; wie +Bakterien unschädlich bleiben, wenn sie nicht in Blutbahnen überführt +werden. Wunderlich -- wer könnte je ergründen, von was für Bedingungen +die schädlichen oder segensreichen Wirkungen abhängen. + +Gott mochte wissen, wie es mit Wynfried bestellt war. + +»Ich kenn' meinen Sohn nicht,« das gestand er sich ein, »weiß bloß seine +undeutlichen, äußeren Abgeschliffenheiten -- die äußeren Daten seiner +Liebesgeschichten. Was sonst in ihm steckt? Viel? -- Nichts? -- Ich weiß +es nicht. + +»Und nun soll ich davon, und diesem unbekannten jungen Mann, bloß weil +er mein Sohn ist, mein Leben vermachen? Er soll sich auf meinen Thron +setzen? Und vielleicht alsbald in Grund und Boden regieren, was ich in +vierzig Jahren zur Blüte gebracht? Zum Kuckuck auch, das geht doch nicht +allein um mich und meinen Herrn Filius, es geht ja um das Wohl von +Tausenden. Alles, was von mir und meinen Unternehmungen sein Dasein hat, +will weiter existieren -- volkswirtschaftliche Werte und die Zukunft +Vieler dürfen nicht in lässige Hände gelegt werden werden --« + +Ein Niedergang von »Severin Lohmann« würde einen Niedergang der Gegend +bedeuten. Lebten denn nicht drüben in Schlutup die Gewerbetreibenden, +die Handwerker, die Ladeninhaber zum großen Teil von der Beamten- und +Arbeiterschaft seines Werkes? Und dann: Kräfte werden mal abgenutzt, +Beamte müssen gehen, um neuen Persönlichkeiten Platz zu machen. Hatte +Wynfried die Gabe, rechte Männer zu wählen? Eine der größten Begabungen +für die Beherrscher so großer Unternehmungen, ja einer jeglichen; nicht +der kleinste Krämer kann gedeihen, wenn sein Gehilfe unfähig und treulos +ist. Und was für Männer brauchte dieses Werk! Mit Genugtuung dachte der +Geheimrat an seine klügste geschäftliche Tat: an den Mut, den er besaß, +indem er seinen Generaldirektor Thürauf mit einem Ministergehalt +engagierte, weil diese erlesene Kraft nicht billiger zu haben war ... +Und mit Thürauf kam eine noch größere Blüte. -- Ja, solche Männer muß +man erkennen, erfühlen können, das ist die Begabung. + +»Thürauf wird nicht bleiben, wenn ich sterbe; nur als Direktor einer +Aktiengesellschaft bliebe er,« das sagte sich der Geheimrat. »Einen +andern Chef als mich ertrüge er nicht. Er fühlt, daß ich ihn einschätze +bis in seine subtilsten Fähigkeiten hinein ...« + +»Severin Lohmann« sollte nicht in der dritten Generation Privateigentum +bleiben? Das tat weh nur zu denken -- -- + +Immer leidenschaftlicher überdachte er sein Lebenswerk, seinen Besitz, +all die zahlreichen Existenzen, die daran hingen und mit dem Hinwelken +der Geschäftsblüte auch zum Absterben bestimmt wären ... + +Und aus diesem Grübeln rang sich ein geradezu dämonischer Wille empor, +noch zu leben! Er konnte, er durfte noch nicht davon, ehe er noch nicht +wußte: Wer und was ist mein Sohn? Was wird aus meinem Werk, meinem +Reichtum? + +Ein beinahe abergläubischer Gedanke fiel wie ein Blitz in seine +glühende Unruhe. + +»Durch die Weiber, seine Mutter eingeschlossen, ist er ja zerbrochen +worden. Ein Weib soll aus ihm den rechten Mann machen, denn er muß doch +auch schließlich einen Tropfen von meinem Blut in seinen Adern haben.« + +Aber wo die Rechte finden? + +Hier waren keine. Die fröhliche Mimi, seines ersten Chemikers Einzige -- +ach, die war ja gänzlich eine angenehmere höhere Tochter und nichts +mehr. Und die drei seines Generaldirektors Thürauf? Trefflich erzogene +nette Mädchen, mal passend für sparsame, strebsame Beamte. Oder der +rothaarige Backfisch des Großindustriellen Stuhr, der vor drei Jahren +drüben in Schlutup eine große Sensenfabrik gegründet hatte? Vielleicht +die Witwe des Barons Hegemeister, die auf ihrem Schloß Lammen saß und +von der man sagte, sie seufze von ihrer Kemenate übers Meer hinaus, ob +nicht ein zweiter Gatte dahergefahren käme? Alle nicht für Wynfried +passend. + +Keine -- weit und breit. Und der Vater hatte doch das starke Gefühl, er +müsse für den Sohn wählen. Daß Wynfried kein Urteil über weiblichen Wert +oder Unwert besaß, war ja erwiesen. -- + +Keine? Er fühlte plötzlich, daß er sich all diese Figuren vor sein Auge +gerufen hatte, nur um an der einen vorbeizusehen, die seines Sohnes +guter Engel werden konnte -- denn sie war die eine, von der er vorher +wußte: ihr entlockte Reichtum und Stellung kein rasches Ja! Sie würde +nur einwilligen, wenn ihr Herz und Verstand Aufgaben sahen. + +Einen ganz roten Kopf hatte er bekommen. Er strich sich mit der Rechten +über die Stirn, als könne er Hitze und Röte wegwischen. Er sollte sich +doch nicht aufregen ... und ganz plötzlich war er von einer ängstlichen +Folgsamkeit erfüllt -- hatte den nicht gerade klar zum Bewußtsein +kommenden, aber doch dringlichen Vorsatz, allen ärztlichen Anordnungen +fortan mit Lammesgeduld zu folgen. Denn er wollte leben -- leben! + +Er sah nach der Uhr. Halb acht! In einer Viertelstunde mußte sie +sichtbar werden. Dann tauchte ihre Gestalt auf -- die Sandsteintreppe +zwischen den Anlagen kam sie herauf, denn sie wohnte drüben bei der +alten Witwe des früheren Hüttenarztes. Und die Doktorin Lamprecht liebte +das Mädchen wie ein eigenes Kind. Jeden Morgen und Nachmittag, in Wind +und Wetter, an lachenden Sommertagen und wenn Schnee durch die Luft +trieb, kam sie über die Fähre her, auf ihrem Berufsweg, der sie ins +Schulhaus führte. Das lag weiter hinauf an der Landstraße. Man mußte an +der ganzen Front des Werkes vorbei und noch ein paar Minuten weiter, +dann kam man an das fröhlich aussehende weiße Haus mit grünen Läden und +rotem Dach, das der Geheimrat für den Schulunterricht all der Kinder von +Severinshof gebaut hatte. + +Diese Kolonie zog sich in einem Viertelkreis nördlich des Werkes hin. +Das Schulhaus an der Landstraße war ihr Abschluß. Auf das Schulhaus +folgte dann mit ihrem großen Garten die stattliche Villa des +Generaldirektors Thürauf und die Doppelhäuser für all die meist +verheirateten Herren Chemiker, Ingenieure und kaufmännischen +Abteilungsvorstände des Werkes. In Severinshof hatte der Geheimrat den +Stamm der Arbeiter in freundlichen Häuschen mit Gärten angesiedelt, die +sich dem Werk auf immer verbunden fühlten und von ihm Pension für ihre +Feierabendruhe erwarteten. + +Sie unterrichtete in der Schule seit zwei Jahren oder dreien -- dem +Geheimrat kam es vor, als müsse es schon immer so gewesen sein. + +Jeden Morgen, seit er das Bett mit diesem Stuhlungeheuer hatte +vertauschen dürfen, war es seine Unterhaltung, aufzupassen, ob sie +pünktlich zwischen den Hainbuchenwänden auftauche, die die +Sandsteintreppe bis zum Fluß hinab begleiteten, und ihr Gruß war ihm +sein bißchen Poesie. -- Und jeden Sonntagmorgen, manchmal auch Sonntags +nachmittags kam sie zu ihm ins Haus zum Tee, eine schöne reiche Stunde +lang. + +Sie verstanden sich gut, der alte viel-vielfache Millionär, der starke +Herrscher und stolze Arbeiter, und die arme Volksschullehrerin. + +»Wenn sie meine Tochter werden wollte!« Der Gedanke an diese Möglichkeit +erschütterte ihn beseligend. + +Er sah der teuren Toten in die Augen, die unsichtbar in den Stunden, wo +er sich mit sich selbst beschäftigen konnte, immer bei ihm war. -- Ihr +Segen wäre über den Kindern -- -- + +Aber würden sie wollen? Dieser Sohn, der zu müde und freudlos erschien, +um noch einen Entschluß zu fassen? Dies Mädchen, das mit einer so +entschlossenen Gefaßtheit, verschlossen ohne Kälte, zufrieden, wunschlos +in bescheidenen Verhältnissen dahinlebte, obgleich ihre frühe Kindheit +von Luxus umgeben gewesen war? + +Reue erfaßte ihn. Er hätte das Kind, als es verwaist und mittellos +dastand, in sein eigenes Haus aufnehmen sollen, dann hätte Wynfried die +Heranwachsende oft gesehen, vielleicht würdigen und lieben gelernt, und +alles wäre von selbst einer glücklichen Wendung entgegengewachsen, was +man nun gewaltsam einzubiegen und einzurenken versuchen mußte. + +Aber damals lebte ja seine Frau noch ... Daß er das auch nur einen +Augenblick vergessen konnte. Seine Frau, die das Mädchen mißbildet oder +mißhandelt hätte, auf diese feine Weise, wie sie zu mißhandeln +verstand, durch Hochmut und Kälte, die so versteckt waren, daß sie sich +immer ableugnen ließen, und doch so spürbar, daß man sich darunter bog +wie unter Peitschenhieben. + +Nun war es zehn Minuten vor acht, gleich mußte sie kommen. + +Die Anlegebrücken hüben und drüben konnte er nicht von seinem Platz aus +sehen; auch jene Stelle des Flusses, über die der Fährmann seinen Kahn +ruderte, verbarg ihm ein Baumwipfel. + +Jetzt erschien ihr Haupt. -- Der Körper wuchs auf der Treppe, nun stand +sie auf der obersten Stufe und hob das Gesicht zu ihm. Eigentlich konnte +er von seinem hohen Sitz aus nicht jeden Zug deutlich erkennen. Aber mit +den Augen der Seele sah er sie, als stehe sie dicht vor ihm. Ihm schien +ihr einfaches dunkles Kleid wie eine vornehme Tracht; ihre Kleidung war +so sorgsam -- am schlanken Halse glänzte der weiße Kragen, auf dem +lockeren Haar saß ein einfacher gefälliger Hut. -- Unter dem Arm trug +sie Bücher. Was für eine stolze und sichere Haltung sie hatte, und wie +schön sie sich bewegte. Diese feinen klugen Züge, den etwas herben Mund, +die tiefen grauen Augen -- er kannte sie seit vielen, vielen Jahren. + +»Klara!« sagte er lautlos zu ihr hinab. Und er meinte eigentlich doch +eine andere Klara. Die, die längst von den Enttäuschungen ihres Lebens +ausruhte, in jener Ruhe, die nichts mehr von sich weiß, nicht einmal die +Wohltat fühlt, daß alle Not zu Ende ist ... + +Ihre Tochter! Die Tochter der Frau, die er geliebt und nie besessen +hatte. -- + +Zuweilen dachte er: Wenn die Welt das wüßte! Lachen würde sie, lachen +darüber, daß Severin Lohmann das Andenken an eine entsagungsvolle Liebe +heilig hielt. + +Er aber fühlte tief: auch der Rauheste, auch der Größte, auch der +Arbeitsriese -- er verliert alle Fäden zum Verständnis der Menschen, +verliert sich selber in Unbarmherzigkeit und Kälte, wird zur Maschine, +wenn er nicht tief in sich ein leises kleines Feuer lebendig hält; und +das Verlangen zur Liebe und zum Gedankenspiel mit einer Liebe, das ihm +wie allen Sterblichen eingeboren war, hatte ihm sein Weib nicht sättigen +können. -- Als er acht Tage mit ihr verheiratet gewesen war, wußte er +schon, daß eine schöne Larve ihn getäuscht hatte. + +In den schweren und bitteren Erwägungen der heutigen Morgenstunde war +das alles wieder zu starkem Leben erwacht, das Leiden und die Entsagung +von einst ... + +Klara grüßte herauf -- und seltsam: anstatt wieder zu grüßen, streckte +er nur die Rechte gegen das Fenster. Wie eine verlangende Geste war das: +komm! + +Und sie lächelte, er sah es genau. Sie nickte, wie ein unbefangenes +fröhliches Mädchen tut, das in gesunder Freudigkeit an seine Pflicht +geht. + +Ja sie -- sie! Sie war die Gesundheit, sie war die Kraft. Sie war die +Jugend, sie war die Schönheit. Die Liebe, das Glück. + +In der Stärke seines Wunsches, in der Herrengewohnheit, Wunsch und Wille +sich untrennbar rasch vermählen zu lassen, in der grandiosen Selbstsucht +des Verantwortlichen, der nur seine heiligen Zwecke bedenkt, in all +diesen großzügigen Gewohnheiten seines geistigen Lebens kam ihm gar +nicht die Erwägung, ob er auch Schicksal spielen wollte, vielleicht zum +Unheil anderer Menschen. + +Er war wie benommen von dieser Autosuggestion: sie ist zur Retterin +meines Sohnes vorbestimmt, zur Erhalterin meines Lebenswerkes. -- In ihr +kommt ihre Mutter zurück und will durch sie erfüllen, was uns versagt +bleiben mußte. + +Als die rasch Dahinschreitende seinen Blicken entschwunden war, setzte +er die Klingel in Bewegung, mit einem so heftigen Druck, daß das +schrille Geläute drüben im Dienerzimmer gar kein Ende nahm, und dem +atemlos herbeilaufenden Georg ward der Befehl: »Ich lasse den jungen +Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Um neun Uhr kommt aber Sylvester +und malträtiert mich -- also bitte noch vorher.« + +»Sofort!« sagte Georg verängstigt. Denn er sollte eine Bitte überbringen +und hatte doch einen Befehl gehört, hinter dem sich das Donnergrollen +fürchterlichen Unwetters barg, falls der Befehl nicht augenblicklich +befolgt werde ... Und wie sollte er das dem jungen Herrn beibringen? Der +auf jede Bestellung nur ein lässiges, zweifelhaftes »So--o?« als Antwort +hatte. + +Aber es mußte ihm doch gelungen sein, das Dringliche und Bedrohliche des +Auftrages fühlbar zu machen. Denn einige Minuten später trat Wynfried +Severin Lohmann bei seinem Vater ein. + +Der Sohn war von stattlicher Höhe, wenn er auch den Riesenwuchs des +Vaters nicht erreichte, den wohlgeformten Schädel bedeckte hüsches +welliges Blondhaar. Vielleicht hatten es zarte Frauenfinger so oft +gestreichelt, daß davon eine Lichtung auf der Scheitelhöhe entstanden +war. Das Gesicht erschien bei aller Regelmäßigkeit der Züge unauffällig +-- sagte wenig. Die blauen Augen, die unter schön geschwungenen Brauen +standen, blickten leer in die Welt -- ob aus Müdigkeit oder +Gleichgültigkeit, wer konnte das sagen. + +Und dennoch, so verschieden Vater und Sohn waren, -- eine +Familienähnlichkeit konnte dem schärfer Zuschauenden doch nicht +entgehen. Das war dieselbe Kopfform, dieselbe etwas abgestumpfte Nase, +das gleiche Wangenprofil, und wer aufmerksam in Wynfrieds Gesicht +hineinsah, konnte darin auch eine Linie bitterer Verachtung entdecken, +leidvoller Verachtung vielleicht, die zuweilen den rechten Mundwinkel +ein wenig verzerrte. -- + +Er war im Morgenanzug -- das gesteppte lila Seidenjackett, das weiß und +lila gestreifte Seidenhemd kleideten ihn sehr gut, gaben seiner +Erscheinung aber doch einen verzärtelten Charakter. + +»Guten Morgen, Vater -- verzeih, daß ich so komme -- aber es schien +eilig. Darf ich fragen: hast du gut geschlafen?« + +»Mag nicht gefragt sein, hab' mich auch alle die Monate, seit dem +Zufall, ohne deine Nachfrage beholfen,« sprach er mürrisch. + +Ja, das wurmte immer wieder, daß der Sohn nicht kam -- mit Extrazügen +hätte er hereilen müssen. Aber da gerade fing er ja an zu zittern, daß +seine Geliebte ihn verlassen könne, und das war wichtiger gewesen, das +hatte ihn in Paris, oder wo er grad' gewesen war, mit eisernen Zangen +festgehalten. + +Aber Ruhe! Fassung! Alles vergessen! Zudecken -- neu anfangen. + +Der alte Herr sah ihn an. Wie höflich die Frage gewesen war: »hast du +gut geschlafen?« Als werde sie an einen Fremden gerichtet, ohne daß +einen die Antwort im mindesten interessiere ... Jetzt bemerkte er auch +den kostbaren Morgenanzug des Sohnes. + +»Höre,« sagte er offen, »ich bin kein kleinlicher Mensch. Wenn du +Schulden gemacht hast, und ich in meiner Jugend keine, denk' ich: na ja, +du bist der Sohn eines Millionärs, und ich war der eines hart kämpfenden +Anfängers. Und wenn du dich morgens fast wie'n Frauenzimmer in seidene +Frühstücksroben hüllst, wozu ich nie Zeit und Geschmack gehabt habe, +denk' ich: andere Generationen, andere Gewohnheiten. Aber so mal ganz +unbefangen: die Schulden stoßen mir weniger vor'n Kopf als dieses lila +seidene Morgenraffinement. Daß es ohne Schulden und Lehrgeld nicht +abgehe, darauf war ich nach der Erziehung gefaßt. Aber daß mein Sohn +sich mal so von mir weg entwickeln würde, daß er weibisch tut, das ist +mir was Fremdartiges. Nun -- Randglosse. Überhör sie, wenn du willst. +Und nu setz dich mal da ...« + +Wynfried nahm in dem kleinen Klubsessel Platz, der auf der Grenze +zwischen Erker und Zimmer, gegen die Mauerecke geschoben, für die +Besucher des Geheimrats dastand. + +»Ich will gewiß niemals etwas überhören von dem, was du mir zu sagen +wünschest,« sprach der Sohn höflich. + +Er saß da, etwa als habe er bei einem Minister Audienz. Aber seine +Haltung war doch nicht mehr ganz so gleichgültig, wie sie noch gestern +gewesen war. Dieses furchtbar grollende, schwere: »Was weißt _du_ von +_mir_?«, das ihm sein Vater gestern entgegengeschleudert, hatte ihn die +ganze Nacht beschäftigt. + +»Unsere Aussprache gestern ist resultatlos verlaufen, weil wir planlos, +ziellos drauflos redeten -- wie man so bei der ersten Gelegenheit zur +Entladung tut -- aber nie tun sollte. Wir wollen heute kürzer, aber +praktischer sein,« begann der Vater. + +Wynfried, die Ellbogenspitzen auf den Lehnen des weiten Stuhls, hatte +die Finger wagrecht ineinandergeschoben. Dabei kam ein goldenes +Kettenarmband zu Gesicht, das sich um das linke Handgelenk schlang. + +»Ähnliches habe ich auch gedacht,« antwortete der Sohn. »Und meine +Schulden betreffend, so wollte ich dir erklären, daß ich bereit bin, +sie mit meinem mütterlichen Erbteil zu bezahlen.« + +Eine energisch abwehrende Kopfbewegung schnitt diesem Vorschlag den +Faden der Weiterentwicklung ab. + +»Du hast noch kein Geld verdient und auch noch keins verdienen können. +Die Zinsen deines Muttererbes reichen zwar nicht halb für deine +Bedürfnisse -- falls du diese nicht sehr einschränken willst. -- Aber es +ist ja nun mal dein einziges Einkommen, das dich von mir unabhängig +machen könnte,« schloß er langsam mit Bedeutung. + +War das eine Drohung? Oder war vielmehr der verborgene Sinn so: mein +Sohn soll sich nicht als mein Sklave fühlen? Kaum erhoben sich diese +Fragen in Wynfried, als er auch schon den Vater weitersprechen hörte. + +»Dieser bescheidenen Unabhängigkeit will ich dich nicht berauben. Ich +werde unserm Anwalt in Hamburg schreiben -- Koppen ist diskret und ein +zuverlässiger Mann. Er soll alles in die Hand nehmen. Schicke ihm eine +Liste deiner Schulden, oder fahr hin und sprich alles mündlich mit ihm +durch. Es wird bis auf den letzten Heller bezahlt werden. Und Koppen +soll mir Details ersparen ... du verstehst ...« + +Wynfried errötete. Er fühlte es. Und es war ihm demütigend. Die Großmut +des Vaters rührte ihn weniger, als daß sie ihn beschämte. Zugleich +erleichterte es ihn, daß sein Vater sich das genaue Studium der Schulden +und ihrer Art ersparen wollte -- nicht die Rechnungen von Juwelieren, +Pariser Damenschneidern, Automobilfabrikanten einsehen, nicht die +Forderungen dunkler Geldmänner selbst prüfen mochte. + +Und wie sanft sein Vater dies alles aussprach! Als sei gütige Geduld +sein eigentlichster Wesenszug ... + +Wynfried hatte ein unklares Gefühl, als sei diese vornehme Milde ein +Vorspiel, das ihn gefügig machen solle ... + +Ach, gefügig ... dazu bedurfte es keiner klugen Vorbereitungen. + +Er war so angeekelt vom Leben, von den Frauen, von Freundschaft, von +allem -- allem. Ihm war es ganz gleichgültig, was man von ihm fordern +würde -- er war bereit zu allem, weil er zu nichts mehr bereit war. Er +ließ sich schieben. Die einzige lebhaftere Regung in ihm war vielleicht +noch eine ferne leise Dankbarkeit, daß jemand ihn schieben wolle. Aber +Neugier, wohin er geschoben werden solle, empfand er kaum. + +Seine Mutter fiel ihm ein. Die sagte manchmal scherzend -- er wußte +jetzt, zurückhorchend in seine Jugend, daß in ihrem Ton Haß +mitgeschwungen -- sie sagte scherzend: »Er fabriziert phosphorfreies +Roheisen -- davon ist seinem Wesen was angeflogen.« Und seltsam hörte er +zugleich wieder dies düstere: »Was weißt _du_ von _mir_?« Es schien, als +wolle ihn dies Wort verfolgen. + +Er sah seinen Vater an und begegnete einem großen, durchdringenden +Blick, der unter den buschigen Brauen her aus diesen gewaltigen Augen +kam -- als Kind hatte er sich vor den Augen gefürchtet ... + +Ihm war, als säße er armselig, nackend da. Ein Nichts vor diesem +Überragenden. + +Ein nervöses Frösteln lief ihm über die Haut. War das wieder die Furcht +wie in Kindertagen? Nein, ein neues, unerklärliches Gefühl -- wie ein +leise aufzuckendes Elend -- darüber, daß er ein Nichts sei -- sich jäh +als solches fühlte -- zum erstenmal. + +Er biß sich auf die Lippen ... Ein langes Schweigen stand zwischen Vater +und Sohn. + +Endlich besann sich Wynfried, daß er etwas sagen müsse. + +»Ich danke dir für deine Großmut.« + +»Hast du dir Pläne für dein nächstes Leben gemacht?« fragte der +Geheimrat. + +Wynfried hatte eigentlich nichts Deutliches gedacht. Vielleicht eine +Reise um die Welt. Oder einen größeren Jagdausflug nach Südamerika. Oder +ein stumpfes Vegetieren in einer Einsiedelei, irgendwo an der englischen +Küste ... Aber er mochte nichts davon aussprechen. + +»Nein!« + +»Du bist nun achtundzwanzig Jahre alt. Du solltest an das einzige +denken, was einem Mannesleben rechten Inhalt gibt: an Arbeit.« + +»Aber ich habe doch ...« + +»Deine sogenannten Studienjahre sind von anderen Dingen mehr ausgefüllt +gewesen als von gründlicher Arbeit, und da nie und nirgend Examen oder +bezahlte Leistungen von dir gefordert wurden, dürfte dir selbst das +Urteil fehlen, wie viel oder wie wenig du weißt und kannst. Eine große +Stellung und ungemeine Aufgaben und Verantwortungen warten auf dich. +Noch bin ich da, und mein Wille ist, mich noch viele Jahre zu +behaupten ...« + +Er atmete tief auf. Der Sohn sah mit Staunen, welch ein wunderbarer +Ausdruck über dieses Antlitz flog -- es schien nicht mehr das eines +gewöhnlichen Sterblichen -- monumentale Größe war darin -- Kraft von +übermenschlicher Art. Und ihm war, als könne sein Vater selbst dem Tode +trotzen, wenn er wolle ... + +Nach dieser inhaltsschweren Pause fuhr der Vater fort: »Aber du bist +doch einmal mein Nachfolger -- du mußt dich darauf vorbereiten -- dich +einarbeiten. Ich werde es schon verstehen, dir, trotz deiner +vorausgesetzten Unzulänglichkeit, bei den Abteilungsvorständen die +rechte Stellung zu machen, daß du in keine schiefe Lage kommst. +Freilich, wie du dich zu Thürauf stellst, das wird deine Sache sein, +und ist die allerwichtigste für dich. Dieser Mann ist mein bedeutendster +Mitarbeiter -- geschäftlich mein anderes Ich -- trotz der völlig +verschiedenen Individualität. Ich verdanke ihm viel -- er mir auch -- +Geben und Nehmen ist unter gemeinsam Schaffenden das nicht mehr +auseinander zu sondernde Bindemittel. Du wirst noch viele Jahre nichts +sein ohne ihn -- du hast schon aus allem herausgehört: es ist mein +Wunsch, daß du jetzt hier bleibst und dich in den Betrieb einlebst. Bist +du einverstanden?« + +»Ich will es versuchen,« sprach Wynfried tonlos. + +Diese mutlose Ergebenheit, die aus den Worten sprach, diese +erschreckende Blässe, die sein Gesicht entfärbte, ließ in dem Vater eine +Furcht aufblitzen ... + +Wie, wenn Wynfried trotz allem noch nicht mit jener Frau fertig war? +Wenn ihm sein Bleiben hier so etwas wie Gefangenschaft bedeutete, die +ihn von ihr absperrte? + +»Ein Vater darf fragen, wenn er den Sohn so wiederbekommt, wie ich dich +-- gestehst du mir das zu?« + +»Ja.« + +»Drei Jahre hat dich die Frau festgehalten. Früher dacht' ich, wenn ich +so von ewig wechselnden Liebschaften hörte: wenn er doch mal _eine_ +fände, die ihm das Sichverzetteln abgewöhnt. Na -- der Wunsch wurde mir +erfüllt. Wie das so manchmal mit Wünschen geht -- man bekreuzigt sich, +daß man sie gehabt hat ... Donnerwetter! Die eine hat dich ein Vermögen, +Nerven, ein paar schöne Jugendjahre gekostet -- und mich -- mich hat sie +auch was gekostet. Glaub nur -- es war ein harter Augenblick, als man +mir dein Telegramm gab -- 'Unabkömmlich -- hoffe auf deine rasche +Genesung'-- Unabkömmlich! -- Wenn der Tod an des Vaters Lager steht! +Und warum unabkömmlich? Weil du rasend warst aus Eifersucht und Angst, +eine -- _Dirne_ zu verlieren ...« + +Die Faust ballte sich -- die Worte waren schwer von Schmerz. + +»Verzeih -- ich war von Sinnen,« sagte der Sohn mit schwacher Stimme. + +»Und endlich mußtest du _doch_ begreifen! Grad saßest du auch so fest in +Schulden, daß nichts mehr blieb als die Flucht zu mir. Da verließ dich +die edle Dame -- weil sich ein dummer Kerl von exotischem Adel fand, der +ihr standesamtlich 'ne Neunzackige aufsetzen wollte. Aber nu sage mal, +Wynfried -- so Mann den Mann gefragt: bist du kuriert von der +Leidenschaft? Liebst du das Weib noch? Haßt du sie? Was dasselbe wäre. +Wie ist es mit deinem Herzen bestellt?« + +»Herz?« sagte Wynfried, und der verächtliche Zug erschien in seinem +Mundwinkel. »Das wird einem totgeschlagen durch solche Erfahrungen. Ich +verachte diese Frau und alle Frauen.« + +»Nun, nun,« meinte der Geheimrat, und ein Lächeln, tiefsinnig und fast +zärtlich, spielte über sein Gesicht, »es gibt noch edle Frauen. Und ein +Herz ist gottlob wie die Natur: es blüht wieder auf --« + +Wieder war der Sohn von Staunen wie benommen. + +Er verspürte Weichheiten. Sie waren ihm etwas nie Geahntes bei seinem +Vater. Woher kamen sie? Waren sie früher nur tiefer verborgen gewesen? +Oder hatte die Brüchigkeit und der Gedanke an den doch vielleicht nahen +Tod ihn verändert? + +»Und kurz und gut,« sprach der Alte aus seinem mächtigen Sessel heraus, +wo er sich so oft als Prometheus fühlte, »kurz und gut: ich denke, du +heiratest. Ein liebes edles Weib wird deinem Dasein höheren Inhalt +geben. Ohne Familie hält es sich hier auch wohl schwer aus. -- Die +scharfe Arbeit braucht ein mildes Gegengewicht. -- Nur durch eine Frau +kann dein Gemüt wieder ins Gleichgewicht kommen. Du bist nun mal aufs +Weib gestellt. -- Jetzt aber soll es eine sein, vor der du den Hut +abnimmst.« + +»Kurz und gut« hatte der Vater gesagt. Als schließe sein Vorschlag lange +Verhandlungen über die Werte des Familienlebens ab. Und doch fiel das +seinem Sohn sozusagen auf den Kopf. -- + +Er lächelte. So überrascht war er. Aber das Lächeln losch gleich hin. Er +begriff auf der Stelle, daß es seines Vaters fester Wille war. + +Das elende Gefühl, vor ihm ein Nichts zu sein, kam ihm wieder. Zugleich +das dunkle noch andrängende, rasch aber klarer werdende Erkennen, daß +vielleicht in diesem entscheidenden Augenblick seines Sohneslebens +Gehorsam das einzige Mittel sei, das Wohlwollen und Vertrauen des Vaters +zu erringen -- das Verlangen danach wallte in ihm auf -- zum erstenmal, +seit er denken konnte. + +»Aber deshalb heiratet man doch nicht!« dachte er. Er dachte es ohne +heftige Abwehr. Nur in einer matten Regung des Eigenwillens. Er fühlte +sich zu zerbrochen zum Kampf. + +Jahrelang war er in wahnsinniger Leidenschaft der Sklave eines Weibes +gewesen. Sie hatte ihn verraten und verlassen. Der Rest war Widerwillen +gegen Welt und Weib. + +»Nun!« mahnte der Vater in aufkochender Ungeduld. Irgend etwas wollte er +doch auf seinen Vorschlag hören. + +»Und du hast dir gewiß auch schon ausgedacht: welche,« sagte Wynfried +ausweichend. + +»Ah -- ob! Du wirst dir Mühe geben müssen, angenommen zu werden.« + +Wie das Wynfried peinigte. Seine ganze Seele war wund. Sein Vater, in +der Naivität, die geniale Menschen haben können, wenn es sich um ihre +heimlichen Poesien und Herzenswünsche handelt, schien nicht zu ahnen, +daß er vielleicht unzart vorgehe ... + +»Wer ist es denn?« fragte er gleichgültig, höflich -- nur um den Vater +nicht zu reizen. + +»Klara Hildebrandt.« + +»Die Tochter von deinem früheren Generaldirektor -- der sich erschoß -- +wegen verfehlter und verbotener Spekulationen -- du hast dich des Kindes +angenommen -- die --?« + +»Ja -- die.« + +»Ich weiß noch, wie Hildebrandt mit seiner Frau und seiner ganz kleinen +Tochter ankam. -- Es gibt so Dinge -- man behält sie, obschon sie +eigentlich nebensächlich sind und nichts mit einem selbst zu tun haben +-- aber zeitlich mit irgendwas verknüpft sind, was damals einem wichtig +war. -- Ja, ich weiß noch -- Mama bestimmte die Bepflanzung der Anlage, +deren Erdarbeiten gerade fertig geworden waren -- ich hatte so viel +Kummer davon gehabt, weil ich gern mitgegraben und gekarrt hätte und +nicht durfte. -- Da kamen Hildebrandts und mußten aussteigen, weil der +Weg versperrt war -- und Mama sagte gleich, daß sie sie nicht leiden +möge. -- Die Frau war sehr schön -- ich begriff damals nicht und auch in +den folgenden Jahren nicht, weshalb sie mir immer so schön und so ganz +anders vorkam. -- Jetzt weiß ich: sie hatte wohl einen seltenen Zauber +reiner Weiblichkeit -- wenn ich mich recht erinnere ...« + +»Ja, du erinnerst dich recht,« sprach der alte Mann langsam, »in ihr +waren Schönheiten ... ein Wunder war sie ...« + +Und sein Gesicht bekam einen Schein, als läge Andacht darauf. + +Sein Sohn sah ihn an -- ihre Blicke begegneten sich, ruhten lange +ineinander. Und wieder war dem Sohn, als höre er den Vater sagen: »Was +weißt _du_ von _mir_!« + +Ihm fiel ein, wie der Vater damals voll Großmut alles vertuschte, was +dem ungetreuen Beamten noch im Grabe den Schein der Ehre hätte nehmen +können ... Wie er der Frau beigestanden, die nicht lange danach hinstarb +-- wie er für das Kind gesorgt. -- + +Und unverwandt sahen sie sich an, Vater und Sohn -- + +Bis der Vater, wie in einem stolzen Bekennen der Reinheit für sich und +eine Tote, hoch und frei sein Haupt erhob ... + +Da war es Wynfried, als habe er an Pforten gestanden, hinter denen +unantastbare Heiligtümer verschlossen gehalten würden ... + +»Ich habe Klara Hildebrandt seit vielen Jahren nicht mehr gesehen,« +sprach er langsam. + +Sein Vater reichte ihm die Rechte hin. -- Obgleich Wynfried wußte, der +junge Doktor Sylvester werde jeden Augenblick erwartet, um die +Behandlung mit Massage und Elektrizität zu beginnen, die täglich zweimal +vorgenommen wurde, fühlte er doch, daß diese Verabschiedung aus einer +seelischen Aufwallung heraus erfolgte. Aber er spürte auch einen festen +Druck der Hand -- war das Versöhnung? eine stumme Überredung? ein neues +Bündnis zwischen zweien, die von der Natur aufs engste verbunden waren, +sich aber nicht gekannt hatten bis zu dieser Stunde? + +Kannten sie sich denn jetzt? + +Und es war dem Sohne, als dürfe er das Wort des Vaters auch für sich in +Anspruch nehmen und gegen ihn kehren und auch fragen: »Was weißt _du_ +von _mir_?« + +Da durchschauerte es ihn: was weiß ich denn selbst von mir? Und das +elende Gefühl der Lebensleere, der Nichtigkeit kam abermals über ihn. + +Er ging in sein Zimmer und warf sich wieder auf sein Bett. + +Er starrte ins Unbestimmte. + +»Eine Kugel durch den Kopf -- das wäre das richtigste ...« + +Aber vor diesem Gedanken erschrak er. Denn ihm war, als sähe er seines +Vaters Angesicht. -- Er hatte eine Vision. -- Sein Vater stand an seiner +Leiche, aber der alte Mann weinte nicht -- Verachtung war in seinen +Zügen, die furchtbar schienen. + +Und die Angst vor dieser Verachtung zwang ihn zum Leben zurück -- das +fühlte er. + +Aber wie leben? Unter welchen Möglichkeiten? + +Ah -- gleichviel unter welchen -- wenn sie ihm nur Inhalt für sein +Dasein vortäuschten. + +Diese Leere trieb ihn sonst doch noch zu dem, was sein Vater verachten +würde. + + + + +2 + + +Nun war es Sonntag. Aber Leupold fühlte, daß sein Herr sich nicht in der +beruhigten Stimmung befand, wie sonst, wenn Fräulein Hildebrandt +erwartet wurde. + +Vor dem Klubsessel, dem Audienzstuhl, deckte er den Teetisch. Sonst +paßte der Geheimrat sogar auf, ob auch schöne Blumen aus den +Treibhäusern heraufgeholt worden waren, denn die Blumen durfte Fräulein +Hildebrandt nachher mitnehmen. Ja, er hatte sich wohl schon den Teller +mit Kuchen zeigen lassen, um nachzusehen, ob die Cremetörtchen vorhanden +seien, die Fräulein Hildebrandt gern zu essen scheine. Leupold machte +sich manchmal Gedanken über das starke Interesse seines Herrn an Klara +Hildebrandt. Er wußte: die Hildebrandts hatten damals schon ihre +zweijährige Tochter mitgebracht -- wenn also böswillige Menschen davon +munkelten, Klara solle die natürliche Tochter des Geheimrats sein, so +war das nur böswilliger Klatsch. Anderseits, wenn er so völlig von ihr +umsponnen war, weshalb hatte er sie denn nicht schlankweg zu seiner Frau +gemacht? Vor einem Jahr noch war der Geheimrat eine wunderbare, +stattliche, fürstliche Erscheinung, und es wäre doch nicht das erste Mal +gewesen, daß ein fünfundsechzigjähriger Millionär sich das Vergnügen +machte, eine zweiundzwanzigjährige junge Dame zu heiraten. + +Leupold beschloß aber solche Betrachtungen immer mit dem bestimmten +Wort: Dazu ist er zu klug! Und er war natürlich mit solcher Klugheit +sehr zufrieden, denn er sah, ohne sich dessen bewußt zu sein, seinen +Herrn einfach als sein Eigentum an. Durch eine Wiederheirat wäre er in +den Hintergrund gedrängt worden. Er war seinem Herrn unentbehrlich, und +das wollte er bleiben. Diese Empfindung war sein eigentlicher +Lebensinhalt. + +Heute nun kümmerte der Geheimrat sich um nichts, sah kaum die Rosen an, +die Leupold vorwies, und wehrte unwillig ab, als der Kuchenteller zur +Begutachtung gezeigt wurde. + +»Was er wohl hat,« dachte der Diener. Das Leben seines Herrn lag so +durchsichtig vor ihm hingebreitet, daß er sich trotz aller ihm wirklich +eigenen Diskretion nicht enthalten konnte, sogleich zu begrübeln, was er +gelegentlich an einer Stimmung nicht verstehen konnte. + +Die heutige Undurchdringlichkeit der Herrenlaune schien besonders +rätselhaft. + +Der Geheimrat hatte freilich so viele schwere Gedanken, daß sie ihm wie +zyklopische Blöcke im Gemüt lagen. Seine Intelligenz, seine +Lebenserfahrung, sein starkes Gefühl versuchten sich an diesen schweren +Dingen. Aber ihnen war nicht beizukommen. + +Zum erstenmal geschah es ihm, daß er einfach keine Antwort wußte auf die +Frage: Wie fang' ich das an? + +Wynfried war noch am Tage jener Unterredung nach Hamburg gereist und +hatte mit dem Rechtsanwalt Koppen alle diese trüben Finanzangelegenheiten +durchgesprochen. Damit war das erledigt. Es galt nur noch, sobald Koppen +alle Forderungen auf Recht und Reinlichkeit geprüft haben würde, einen +Scheck mit einer wahrscheinlich sehr großen Zahl auszuschreiben. Heute +mittag war er schon wieder zurückgekommen. Der Vater mochte keinen +Zeugen beim Essen haben, denn es war ihm peinvoll, wenn er mit einer +Hand Vorgeschnittenes aufgabeln mußte. So aß jeder für sich. Wynfried +unten im Speisesaal voll schön stilisiertem Prunk. Der Geheimrat in +seinem Sessel, der seine Gruft und sein Thron zugleich war. Bei der +Begrüßung erschien es aber dem Vater, als sei der Ausdruck seines Sohnes +noch nicht ein bißchen heller und freundlicher. Die gleiche vornehme +Apathie, die so empörend auf den kraftvollen Riesen wirkte, der sich +noch wie ein Koloß an Willen vorkam, trotz der halbseitigen Lähmung, +gegen diesen gleichgültigen jungen Mann ... + +Er hatte gebeten, was nach des Geheimrats Einbildung »bitten« hieß, in +der Tat aber einfach immer wie ein Kommando klang, daß Wynfried doch um +fünf Uhr zum Tee heraufkommen möge. + +»Dann kann ich dich ihr vorstellen.« + +Wynfried wußte von selbst, daß damit Klara Hildebrandt gemeint sei. Er +verbeugte sich nur gehorsam zustimmend. Seine Gedanken verschwieg er. +Sie lauteten ungefähr: Sie werden sagen, der Vater hat ihn mit dem +ersten besten Mädchen verheiratet, bloß damit er in Ordnung kommt. »Sie« +-- seine Genossen der letzten tollen Lebemannsjahre, all diese jungen +Männer, die in ihren Vätern vor allem nur die Geldquellen sahen -- und +andere »Freunde«, die auf seiner Freigebigkeit und Sorglosigkeit +schmarotzten. Und all die »Freundinnen«, die ihn zu trösten und +anzupumpen suchten und ihn betäuben halfen -- -- Ja, all diese würden +sich totlachen und es sich zuschreien: Wißt ihr, Winni hat man zum +Standesamt geschleppt ... Aber es war egal, was diese spotteten -- alles +war egal -- + +Nun saß der Geheimrat da, wuchtig und groß, in der Umrahmung der +gelbgrauen Lederlehne, und versuchte vergebens die Frage vom Fleck zu +wälzen: Wie fang' ich das an? + +Er fühlte, daß er des Gehorsams Wynfrieds sicher sein konnte und daß +dieser pünktlich gegen fünf Uhr eintreten würde. + +Sollte er die Zeit vorher benutzen, um Klara vorzubereiten auf seinen +Plan und Wunsch? Sollte er hoffen, daß Wynfried, von ihr bezaubert, mit +neu erwachendem männlichen Mut darauf ausgehen würde, sich das Mädchen +zu erobern? Lag nicht die Gefahr nahe, daß er mit zu offenem Wort das +feine herbe Kind kopfscheu machen würde, wie ein scheues Wild von einem +ungewohnten Laut vergrämt wird? -- War es klüger, zu schweigen oder zu +reden? den Dingen ihren Lauf lassen? + +Aber wer verbürgte ihm denn, daß ihm Zeit blieb, den Lauf der Dinge +abzuwarten? Wußte er so gewiß, daß sein Wille zum Leben siegreicher war +als der Dunkle, der neben ihm lauerte? + +Und war Wynfried in seiner Schlappheit und blassen Unlust wohl der Mann, +dem ein Mädchenherz schnell zufliegen konnte? + +Ganz tief in seinem Unterbewußtsein war ja das Gefühl: Sie wird es +meinetwegen tun ... + +Aber dem Gefühl verbot er die Deutlichkeit. -- Es sollte doch für sie +kein Opfer werden! Sie sollte Aufgaben, Reichtum, Achtung, Zuneigung +finden, und damit das Glück ... + +»Wie fang' ich es an?« + +Er fand keine Antwort. + +Und so beschloß er, der sonst die Dinge mit klaren Vorsätzen und starken +Händen lenkte, sich zunächst von ihnen lenken zu lassen. Er wollte +abwarten, wie weit Gespräch und Stimmung und jenes unwägbare Gefühl für +die Gunst oder Ungunst des Augenblicks ihm erlauben würden zu gehen. + +Er kam durch diesen Entschluß ein wenig innerlich zur Ruhe. Wunderbar +wohl und frisch war ihm zumut, so daß es ihm selbst erstaunlich schien +-- bei seinem Zustand! + +Der Sonntagsfrieden draußen und drinnen hatte für ihn etwas Pastorales. +Früher war er nie dazu gekommen, ihn überhaupt zu bemerken. + +Sonntäglich war ihm zumut, obschon draußen von pastoralem Frieden keine +Rede sein konnte. Düsteres Gewölk flockte sich wie jeden Tag durch den +bläulichen Dunst, der die Schornsteine und die düsteren Burgen der +Hochöfen und ihrer Genossen, der starren schwarzen Winderhitzer, +umspann. Emsig krochen die Erzwagen zwischen dem Gerippe der +Schrägaufzüge zur Höhe der Öfen hinan, und die dumpfe Musik von tausend +fallenden, zischenden und stoßenden Geräuschen summte durch die Luft. + +Aber die Belegschaft, die in Verfolg des automatischen Wechsels der +Arbeit jetzt vierundzwanzig Stunden frei hatte, gab sich der +Sonntagsfreude oder Ruhe hin. Auf der Landstraße gingen saubere und +geputzte Menschen vorbei. Manche blieben stehen, um mit der Fähre nach +Schlutup hinüberzufahren, wo es bescheidene Unterhaltungen gab. + +Die Sonne schien. Über dem weiten Land lag Helle, und der Fluß +glitzerte. Er war belebt von Booten, und weiße Segel wurden vom Winde +träge gebläht. Am Himmel zogen Wolken. Ihre Schatten flogen mit und +schoben sich über die Felder, goldgrüne Wiesen für eine Weile dunkel +fleckend. + +Ins Zimmer kamen sie nicht. Das war der Mittelraum des ersten +Stockwerkes. Das breite Fenster und der große Erker sahen gegen Osten, +auf die Anlagen, das Städtchen und den Fluß und die Landschaft, die +drüben hinter dem Städtchen sich weit und breit dehnte. Vom Erker hatte +man auch den Blick auf das Werk. + +Es hatte den Geheimrat viel gekostet, sich an den Raum zu gewöhnen. +Quälende Erinnerungen hingen daran. Es war einst das Zimmer seiner Frau +gewesen. Aber es lag so bequem neben seiner Schlafstube, daß man es wohl +oder übel hatte als Tagesaufenthalt einrichten müssen, seit seine +Lähmung ihn hinderte, die Treppen hinabzukommen. Aber er freute sich +doch auf die nächste Woche, dann sollte der Lift fertig sein, der für +seinen Gebrauch eingebaut worden war und der ihn und seinen Stuhl hinab +in das Erdgeschoß und zugleich in den Park befördern sollte. Diese +Aussicht erschien ihm wie das Ende einer Gefangenschaft, und bald +vielleicht, bald konnte er sich hinüberfahren lassen aufs Werk -- und +bald vielleicht auch kam in sein Haus das Glück, und es begann zu blühen +-- wirklich zu blühen ... + +O nein, er wollte noch nicht sterben! Und er empfand wieder jenen +wunderbar trotzigen Willen zum Leben. + +Früher hatte er nie an den Tod gedacht und das Leben als etwas +Selbstverständliches hingenommen. Nun war in ihm ein förmlich +künstlerisches Verständnis erwacht für das Wunder, das man Leben nennt. +Und er wußte, wie klug, dankbar und vorsichtig man damit umgehen muß. + +Sein Sohn, der spielte noch frevelhaft damit. So war es seine +Vaterpflicht, über diesen Sohn zu verfügen, wie man eben Spieler +entmündigen muß. Denn sie sind die Schädlinge, in deren Händen alles +zerrinnt. Wohlstand, Ehre, Frieden, Glück. Ganz einerlei, womit sie +spielen -- welchen Namen ihr Spiel hat: Karten, Börse, Weiber, Pferde -- +im letzten Grunde ist es immer Spiel mit dem Höchsten, was man hat: dem +Leben selbst. + +So grübelte dieser Starke, der stark war, weil er sein ganzes Dasein +hindurch ein Arbeitender gewesen. + +Und da unterbrach ihn die eine, an die er mit väterlicher Zärtlichkeit +sein Herz gehängt hatte. + +Leupold meldete Fräulein Hildebrandt an, und schon erschien sie in der +Tür und eilte mit raschen Schritten auf den Stuhl zu, aus dem sich ihr +weit eine Rechte entgegenstreckte. + +»Wie sie ihrer Mutter gleicht,« dachte er, jedesmal neu von der +Ähnlichkeit ergriffen. + +Vielleicht war die in der Tat gar nicht so ungewöhnlich, jede +Möglichkeit zu vergleichen fehlte ihm. -- Er besaß kein Bild von der +längst Dahingeschiedenen. Seine Erinnerung, seine Phantasie waren +vielleicht die unzuverlässigsten Maler. Wer wollte entscheiden. + +Klara selbst war stolz und glücklich, wenn man ihr sagte, sie gleiche +der Mutter. Denn verwaiste Töchter kennen kein schöneres Ideal als die +Gestalt einer ihnen früh geraubten Mutter. + +Jedenfalls hatte sie die gleiche mittelgroße Gestalt, das braune, +reiche, lockere Haar, die tiefen dunkelgrauen Augen und in den feinen +Zügen den etwas herben Mund. Ihre dunklen Brauen zeigten eine auffallend +gerade Linie; dies vor allem gab dem Gesicht einen Ausdruck der +klassischen Strenge und zuweilen des Leides, dem aber ihr unbefangenes +Wesen voll gelassener Freundlichkeit zu widersprechen schien. Weil es +Sonntag war, hatte sie das schulmeisterliche dunkle Kleid abgelegt, und +sie trug zu einer weißen Bluse einen hellgrauen Rock. Hut und Jacke +waren unten in der Garderobe geblieben, denn der alte Herr mochte nicht +haben, daß sie wie ein Besuch dasaß, der gleich wieder fort muß. + +»Also, liebe Klara, ich muß Ihnen ganz etwas Neues erzählen: mein Sohn +ist wieder da!« + +»Das hat mir Frau Doktor schon erzählt,« sagte Klara, »der junge Herr +Severin Lohmann sei bei uns vorbeigefahren, kurz vor Tisch.« + +»Hätt' ich mir denken können. Ihre alte Lamprecht ist der reinste Spion, +und wenn wir sie auch die Lamprächtige getauft haben -- 'ne kleine alte +Klatschbase bleibt sie doch.« + +»Ach Gott, so ein beschränktes Altfrauenleben,« sagte Klara und zuckte +entschuldigend die Achseln ... »Sie meint es doch rührend mit mir.« + +»Na, das wollten wir uns auch ausgebeten haben.« + +Sie schenkte, als sei sie hier die Haustochter, den Tee in die Tassen +und sprach unbefangen weiter: »Schön für Sie, daß Sie nun den Herrn Sohn +hier haben. -- Er war so lange nicht zu Haus.« + +»Mehr als drei Jahre nicht. Das waren keine guten Dinge, die ihn so +lange fernhielten. -- Liebe Klara -- in der Welt draußen haben sie +meinen Einzigen tüchtig zerzaust. Er bedarf der Ruhe. -- Er muß sich +besinnen, daran denken, daß er noch mein Sohn ist. Er muß so +gewissermaßen von vorn anfangen. Wo könnte er's besser als hier. Arbeit +und Familie -- das ist die Gesundheit.« + +»Ach,« dachte Klara, »wie ist dieser Sohn zu beneiden, mit diesem Vater +zusammen ein Familienleben zu führen; zu solchen Aufgaben berufen zu +sein ...« + +Sie sagte: »Ich, die ich ohne Elternhaus aufwuchs, und fast ohne +Tradition -- ich denke es mir herrlich, einem so festgegründeten Haus +anzugehören. -- So ein Haus bekommt Geschichte. -- Wie Sie die Gründung +Ihres Vaters weiterführten, so wächst nun Ihr Sohn in all dies hinein.« + +»Wer weiß -- wenn sein persönliches Geschick die glückliche Wendung +nimmt, die ich erhoffe -- dann gewiß! Er müßte ja auch zu sehr aus der +Art geschlagen sein, wenn er nicht Liebe zum Werk bekäme -- wo so das +Herzblut und der Angstschweiß von Vater und Großvater daranhängt. -- Ein +wenig müßt' ihm doch der Mut des Großvaters und die Zähigkeit des Vaters +imponieren. -- Wenn ich an meinen Vater denke! Welche Phantasie! Welche +Kühnheit! Welche Sorgen! Ich sage Phantasie -- denn wissen Sie, liebes +Kind, man denkt immer: die ist ein Göttergeschenk des Künstlers -- seins +allein! Kein Schaffender kann ohne sie schaffen, denn er muß das, was +sein Wille und seine Hoffnung vorausschaut als eine große Möglichkeit, +das muß er vor sich sehen, kraft seiner Phantasie. Kein Politiker, kein +Industrieller, kein großer Handelsherr ohne Phantasie. Hätte Bismarck +keine Phantasie gehabt, wären wir kein einiges Deutschland geworden! +Mein Vater, der scheinbar so kleine bescheidene Ingenieur, besaß einen +ganzen Posten davon -- mehr als Geld -- das weiß Gott. Aber er besaß die +Wunderkraft der Menschen, die an ihr Ziel glauben. Und dann hatte er +diese fanatische Heimatsliebe der Hanseaten, die auf so zähen Stolz +gebaut ist. Vielleicht sind sie darin den Schweizern noch über, denke +ich oft. Und er erkannte: Industrie, große Industrie muß sein -- sie +allein kann dem alten Stadtstaat wieder Blüte bringen -- und dies +Landgebiet, das sie an den Ufern der Trave hat, so nahe der Ostsee. -- +Daß man hier ein Hüttenwerk anlegen könne, das schien fast unglaublich. +Die Menschen, die was davon verstanden, die sagten: eines muß doch von +Natur aus da sein: Erz oder Kohle -- aber beides heranschaffen -- das +macht ja die Produktion zu teuer. Aber er blieb fest. Er rechnete vor: +wenn das Heranschaffen von Erz und Kohle auch große Kosten verursache, +dafür habe man den billigen Wasserweg für das fertige Produkt und die +Zufuhr von fremden Erzen, die sich schließlich die Binnenlandwerke auch +auf weiten Transportwegen heranbringen lassen müssen. Mit was für +Engelszungen muß er geredet haben! Wer widerwillige Scheckbücher zum +Aufblättern bringt -- na, der muß schon was Suggestives an sich haben.« + +Klara hörte andächtig zu. Sie hatte ein unersättliches Interesse an +allem, was sein Werk und sein Leben und sein Haus betraf. + +»Das Kapital war aber viel zu klein, mit dem er anfing -- er selbst +verstand auch nichts von Hüttenchemie -- kann sein, daß er nicht von +vorn an die rechten Leute neben sich hatte. Es war ein Tasten und Ringen +-- ein Sorgen und Arbeiten, und immer die Gefahr des Zusammenbruchs +neben sich. Ja: toll! Was für Jahre! Und die Ehrenhaftigkeit meines +Vaters, an dem die verzweifelte Angst zehrte, fremdes Geld könne durch +ihn verloren gehen ... Na, das hat ihn ja auch vor der Zeit aufgerieben. +-- Als Junge von vierzehn mußte ich schon hinaus -- lernen -- lernen. -- +Wenn man so im Sorgendunkel aufwächst, sieht man scharf ins Helle +hinaus. -- Und ich sah bald, woran es bei uns lag. Ich biß die Zähne +zusammen und schwor mir: ich mach's! Als der Vater starb, war ich ein +Jüngling von zwanzig und beim Grafen Stürkgen in Schlesien in Stellung +-- zwanzig Jahre, und sollte ein verschuldetes Werk übernehmen, das +teilweise falsch angelegt war und auch an seiner Kleinheit krankte -- +gewisse Unternehmungen brauchen von vornherein große Dimensionen. + +»Nun, der Graf Stürkgen hatte ja wohl Vertrauen zu mir. Er gab mir +seinen Direktor mit -- einen Mann von kolossalem Wissen und Können. -- +Der sah sich alles an, prüfte alles durch. Und Stürkgen wagte es, auf +den Bericht hin, mich zu stützen. Da fingen Jahre an! Donnerwetter! Die +ersten sieben forderten was ... Dann sah man: es kommt! Im zehnten hatt' +ich den Sieg! Und vor fünfzehn Jahren gewann ich mir Thürauf als +Mitarbeiter. Er ist der eigentliche Schöpfer all unserer +Nebenproduktionen, die unsere Erträge fast verdoppelten ...« + +Er verlor sich in Nachdenken. + +Das junge Mädchen wagte kaum, sich zu rühren. + +Sie spürte wohl, dieser Rückblick war nicht leicht. Aller Stolz kann den +Sieger nicht vergessen machen, was der Kampf ihn gekostet. + +»Ja, das Schicksal hat mich an die rechte Stelle gesetzt,« sprach er +dann weiter, »ich hatte gerade die Fäuste, die hier zum Anpacken nötig +waren. Eins war bitter ... Mein Vater hätte noch erleben müssen, was aus +'Severin Lohmann' zu werden begann. Er war keiner von den verblendeten +Vätern, die den Söhnen nichts zutrauen. Er schickte mich ja gerade so +früh hinaus, weil er mich als Mitarbeiter haben wollte. Bin ihm auch +immer dankbar, daß er dem Werk seinen eigenen Namen gab, es nicht nach +einem symbolischen Vogelvieh oder nach einem griechischen Gott taufte, +was ihm vielleicht nicht ganz fern gelegen hätte. Na, nun sind Werk und +Mann eins -- auch dem Namen nach -- und daß mein Junge den sentimentalen +Wynfried vor seinem Severin Lohmann tragen muß, das war eines von den +Ärgernissen, in deren Erfindung meine Frau groß gewesen ist.« + +»Nun weiß ich doch aus Ihrem eigenen Munde die ungefähre Geschichte von +Severin Lohmann,« sagte Klara. »Aber wenn ich so bedenke, wie über alles +Maß anderer Menschen hinaus Sie gearbeitet haben, wird es mir immer +rätselhafter, daß ...« + +»Daß was, liebes Kind?« + +Sie schlug die Augen zu ihm auf. Sah ihn gerade an. Bat um eine offene +Antwort, mit aller Kraft ihrer sprechenden Blicke. + +»Daß Sie so viel Zeit, so viel Gedanken und so viel Güte für mich hatten +und haben. Darüber habe ich oft nachgedacht. Zahllose drängen sich an +Sie mit Bitten um Hilfe. Aus Ihrer Beamtenschaft starb mancher hinweg +und hinterließ Witwe und Waisen. Ich weiß es, daß Sie alle mit Geld +gestützt haben, solange es Ihnen nötig schien. Keiner Waise haben Sie +sich angenommen wie meiner.« + +»Aber Kind, wie kommen Sie gerade jetzt darauf, mich das zu fragen?« +antwortete er ausweichend und sehr beunruhigt. + +Klara stand jetzt neben seinem Stuhl, eine von ihren Händen, die Linke, +lag auf der Lehne seines Stuhles. Er schaute unwillkürlich auf diese +Hand, die so sehr den edlen beredten Händen der geliebten Toten glich. + +»Früher,« sagte sie, »wenn mich ab und zu die Doktorin Lamprecht zu +Ihnen schickte, mit dem Vierteljahrszeugnis, zu Neujahr, zu Ihrem +Geburtstag, da war ich ein etwas furchtsames Kind -- es ist so +natürlich, sich vor Ihnen zu fürchten,« schaltete sie ein, -- »ich wäre +bereit gewesen, mich für Sie totschlagen zu lassen. Aber so geradewegs +dreist mit Ihnen sprechen? O nie! Dann kam ich ja zwei Jahre nach +Hamburg in Pension und machte mein Examen. Und nachher war ich wohl +couragierter und fühlte, wie gütig Sie mich ansahen und wie milde Sie +sprachen. -- Bitte, Herr Geheimrat, lachen Sie nicht über mich -- aber +Ihre Stimme ist ganz anders, wenn Sie zu mir sprechen, als zu andern +Leuten.« + +Er sah sie tief an -- und mit einem so rätselhaften Ausdruck, daß es sie +etwas befangen machte. + +Weniger zutraulich, zögernder fuhr sie fort: »Aber auch dann hatte ich +keine Gelegenheit, recht mit Ihnen zu sprechen. Wie wäre mir das +zugekommen, Ihre Zeit mehr als für Minuten in Anspruch zu nehmen! Kaum +daß ich Ihnen zu danken wagte, daß Sie mir meinen Wunsch erfüllten und +mich hier an der Schule anstellten.« + +»Jetzt aber, heute kommen Sie mit der Sprache heraus?« + +»Seit Sie erkrankten, seit ich mich anbot, Sie zu pflegen, was freilich +alles nicht angenommen wurde -- aber ich darf doch jeden Sonntag +kommen ...« + +»Ja, und bei dem alten Mann im Krankenzimmer die Zeit verbringen, die +gesünder im Freien verbracht würde,« unterbrach er sie ablenkend. Sie +aber blieb bei ihrem Wunsch, zu wissen, endlich zu wissen ... + +»Und da habe ich nach und nach gelernt, mich hier heimisch zu fühlen. -- +Ihre Güte erlaubte mir das, und nun traue ich mich auch, zu sprechen. +Bitte Herr Geheimrat, ich hab' manchmal gedacht: vielleicht hat Ihnen +mein Vater sehr wichtige Dienste geleistet?« + +Der alte Mann erschrak, auf solche Auffassung war er nicht vorbereitet +gewesen. -- Ihr Vater ... dem er Treulosigkeit, Schädigung und +Selbstmord zu verzeihen gehabt! -- Aber sie war ja ahnungslos. Er hatte +manchmal gedacht, die Doktorin Lamprecht würde den Befehl, zu schweigen, +nicht zu halten imstande sein, wo sie sonst etwas an triebhafter +Geschwätzigkeit litt -- aber so sind Frauen: schwatzen und klatschen -- +und können dennoch manchmal völlig schweigen -- wo sie lieben und +schonen wollen ... + +Welche Lage! Mußte die Tochter nicht doch einmal die Wahrheit über ihren +Vater erfahren? Lüge oder auch nur Unwissenheit läßt sich nicht für +immer aufrechterhalten. Die Wahrheit schleicht wie auf einem Nebenweg +doch immer schritthaltend mit, und plötzlich gibt eine böswillige Hand +oder ein Zufall ihr einen Anstoß, und sie fällt dem Ahnungslosen vor die +Füße. + +Aber er wollte nicht der Grausame sein, dem Kinde zu sagen: Dein Vater +war ein Sünder, an allem, was er besaß, an Weib, Kind und Amt ... + +Nein, er nicht ... und gerade jetzt nicht in dieser Stunde. + +Er wußte nicht, daß er sich trotz allen Kraftgefühls doch recht +verändert hatte seit seinem Schlaganfall und daß er nicht mehr in so +eiserner Selbstbeherrschung seine Nerven zu bezwingen vermochte wie +früher. Seine Stirn war ganz rot, seine Hände zitterten bemerkbar ... + +Aber da waren ja diese beredten Blicke, die ihn mit unwiderstehlicher +Innigkeit um die Wahrheit baten. + +Und er antwortete, während er diesen Blicken auswich: »Ihr Vater? O +nein! Wichtige und treue Dienste? O nein!« + +Sie schwieg betroffen. Viele viele Herzschläge lang. Seine Röte, -- die +heisere Stimme, wie Menschen sie haben, die an ihren Worten würgen. -- +Das sehr starke Zittern seiner ungelähmten Hand, und vor allem sein +abgleitender Blick. -- Dies Auge wich ihr aus? -- Dies gebieterische +Herrenauge, das sonst andere bezwang -- was bedeutete das? + +Ihr Frauengefühl wollte nun erst recht nicht von dem Wunsch ablassen, zu +wissen. + +»Wegen meiner Mutter?« fragte sie langsam. + +Da blitzten die mächtigen Augen sie wieder hell an. + +»Ja,« sprach er, »Ihre Mutter -- ich habe -- sie war -- -- Liebes Kind! +Ich habe Ihre Mutter sehr lieb gehabt.« + +»Und meine Mutter?« fragte Klara weiter. Ihre Farbe hatte sich +verändert, ihr war, als wolle irgend eine dunkle Angst über sie kommen +-- daß sie mit ihren Fragen an Tragik rührte, die besser ungeweckt und +verschleiert bliebe. + +Der alte Mann aber sagte mit einer wunderbaren Einfachheit und +Gefaßtheit, die das junge Mädchen ergriff: »Ihre Mutter und ich, wir +wußten es rasch -- wir waren füreinander bestimmt gewesen -- sie mein +Segen und Trost, ich ihr Halt und Schutz. Aber wir durften es uns kaum +gestehen, die Hoffnungslosigkeit war vom ersten Augenblick an mit uns. +Meine Frau hätte mich niemals freigegeben -- nie -- aus kleinlicher +Schadenfreude nicht. -- Unsere Lage war bitter -- sie war gefährlich -- +aber in unserem Schicksal hatten wir einen wunderbaren Schutz ...« + +Klara sah ihn wartend an. Da schloß er langsam: »Die _Würde_ deiner +Mutter ...« + +Sie kniete nieder neben seinem Stuhl, etwas zwang sie -- und sie küßte +seine Hand. Er entzog sie ihr und legte sie auf ihren Scheitel. Unter +ihrem schweren Druck richtete sie doch ihr Gesicht ein wenig empor und +ihm zu. Sie sah ihn mit grenzenloser Verehrung an. + +»Ich wollte, du wärest meine Tochter, oder du würdest es!« sprach er. + +Sie lächelte mit Tränen in den Augen. + +Sie erhob sich, ganz arglos nahm sie diese Worte. + +»Es war immer schon, als wär' ich's, wie ein Vater haben Sie an mir +gehandelt. Aber nun ist es doch, als sei ich Ihnen noch näher +gekommen ...« + +Ihr Gemüt war ihr nun übervoll. Viel hätte sie wissen mögen -- von ihrer +Mutter -- vom Herzeleid dieser beiden ihr heiligen Menschen -- von der +Frau, die zwischen dem Manne und ihrer Mutter gestanden. Aber auch ihr +eigener, leiblicher Vater mußte ja dazwischen gestanden haben -- was war +es mit ihm? Weshalb erwähnte der alte Herr nur seine Frau, nicht aber +den Gatten ihrer Mutter? + +Und in ihr Ohr kam der seltsame Ton zurück, in welchem der Geheimrat +gesagt: »Ihr Vater wichtige, treue Dienste? O nein!« + +Dies »O nein!« barg eine Ablehnung, so schroff, so wegwerfend, wie sie +der Sprecher selbst mit Vorsatz gewiß nicht hatte verraten wollen. + +Und plötzlich fiel es ihr noch schwer auf, daß er, der in so starken +Worten die Mitarbeiterschaft des Generaldirektors Thürauf rühmte, über +die ihres Vaters schweigend hinwegging. + +Das hatte irgend einen geheimnisvollen Grund ... + +»Ich muß wissen,« dachte sie entschlossen. Denn sie war ein mündiger +Mensch und brauchte in allen Dingen ihres Innenlebens immer Klarheit. + +Aber sie fühlte, daß sie den alten Herrn nicht weiter fragen dürfe -- +wenigstens nicht in diesem Augenblick. Seine heiße Röte vorhin, das +Zittern seiner Hand -- das hatte sie erschreckt. Er durfte sich doch +nicht aufregen. + +Sie hörte, daß die Tür geöffnet wurde. Gottlob, Leupold oder sonst +irgend jemand kam, und das half sofort, die Stimmung und das Gespräch in +das Alltägliche hinüberzubringen -- wie es eben für den noch +Schonungsbedürftigen am besten war. + +Sie wandte sich um und wußte auf der Stelle: der da herankam, das war +Wynfried -- der Sohn. Viele Jahre hatte sie ihn nicht gesehen und kaum +je wirklich mit ihm gesprochen. + +»Hier, Wynfried, ich kann dich nun meinem Pflegetöchterchen vorstellen +-- Fräulein Klara Hildebrandt.« + +Klara reichte ihm freundlich die Hand. + +»Wie freue ich mich für Ihren Vater, daß Sie hier sind.« + +»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein, ob ich Anspruch auf gemeinsame +Kindheitserinnerungen erheben darf,« sagte er. + +»Aber nein -- garnicht. Solche wollen wir nur nicht konstruieren. Sie +waren nicht nur durch die sechs oder acht Jahre, die Sie mehr haben, von +mir getrennt. Sie waren immer nur von fern sichtbar, mit dem Hauslehrer +oder Ihrer Mutter.« + +»Ja -- ich durfte mich nie austoben. Mama war so ängstlich mit mir -- +ich weiß noch: Damals erschien es mir als das Herrlichste von der Welt, +nur einmal eine kolossale Prügelei haben zu dürfen.« + +»Der sieht freilich aus, als hätte er viel Kummer gehabt,« dachte sie +mitleidig, während er sprach. Welche Sorge für den Vater -- den einzigen +Sohn so seltsam förmlich, so unjung, als wäre er eigentlich lieber nicht +hier, zu sehen. Draußen in der Welt hätten sie ihn »zerzaust«, hatte +sein Vater vorhin gesagt. Ruhe müsse er haben, sich besinnen. Und ihre +natürliche Mädchenneugier fragte sich: Unglückliche Liebe? Das machte +ihn ihr doch gleich interessant. + +»Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie meinen Vater besuchen und erheitern.« + +»Das Dankenmüssen ist ganz auf meiner Seite. Alles, was ich bin, bin ich +durch Ihres Vaters Güte. Aber ich komme nicht aus Dankbarkeit. Es ist +mein Stolz und mein Glück, daß ich kommen darf.« + +Sie sah den alten Herrn mit innigem Blick an, und er nickte ihr zu. + +Wynfried hatte ein unbehagliches Gefühl -- als sei er hier zwei +Verbündeten ausgeliefert. Wußte dies Mädchen um seines Vaters Wünsche? +Unmöglich! Dann konnte sie nicht so unbefangen sein. + +Die klaren und unverbindlichen Antworten, die sie ihm gab, machten es +ihm schwer, weiter mit ihr zu sprechen. Er sah wohl, daß sie sehr schön +war und denselben Zauber der Weiblichkeit hatte, wie einst ihre Mutter +ihn besaß. Das drückte sich so erkennbar in jeder leisen Bewegung, im +Klang der sanften Stimme aus. + +Diese Art von Schönheit, deren eigenster Reiz die Verbindung von +strengen Linien mit weicher Anmut war, hatte ihn nie zu fesseln +vermocht. + +Aber er war sozusagen mit allen Interessen und Nerven auf Frauen +eingestellt -- die alte Gewohnheit, auf jede einzugehen, ihr angenehm +sein zu wollen, wurde unbewußt wach in ihm. Dazu kam das neugierige +Wissen, daß dies die Frau sei, die sein Vater für ihn bestimmt hatte -- +und der halbklare Wunsch, seinem Vater guten Willen zu zeigen. + +Er holte sich einen Stuhl und setzte sich Klara gegenüber an den Tisch, +der neben dem Krankheitsthron stand. + +»Ich sehe, Leupold hat für drei aufgedeckt. Es ist also vorgesehen, daß +Sie mir auch gütigst eine Tasse Tee gönnen sollen.« + +Während Klara ihn bediente, meinte sie: »Wenn Ihr Vater jetzt auch Sie +hat -- überflüssig komme ich mir doch nicht vor. Männer, die die ganze +Woche von der Arbeit zusammen sprechen, würden es auch noch +Sonntagnachmittags tun, wenn da nicht jemand wäre, der sehr wenig davon +versteht.« + +»Ah, Sie wissen, daß ich hier bleiben werde?« + +»Ist es ein Staatsgeheimnis? Ich habe es Fräulein Hildebrandt erzählt,« +warf der Geheimrat ein. + +Wynfried verbeugte sich im Sitzen leicht gegen Klara, als wolle er +sagen, daß er sich keine willkommenere Mitwisserin seiner +Angelegenheiten denken könne. + +»Und Sie haben die Geduld und den Mut, gnädiges Fräulein, die Kinder der +Arbeiterschaft zu unterrichten?« + +»Nun, irgend etwas mußte ich doch tun, um meine Kräfte zu brauchen und +mein Brot zu verdienen,« sprach sie ruhig. + +»Aber gab es nicht reizvollere Beschäftigungen, die Ihnen mehr Freude +gebracht hätten? Etwa der Posten einer Gesellschaftsdame in einem großen +Hause, wo viele Menschen verkehren, wo man reist, Kunst genießt, tanzt +-- Vater mit seinen Beziehungen hätte Ihnen doch leicht dergleichen +verschaffen können.« + +Der Geheimrat wartete mit Vorfreude auf die Antwort -- diese ganze Szene +unterhielt ihn überhaupt auf das Spannendste. Er selbst war ja der Mann +der ersten Eindrücke, der raschen Entschlüsse. Er fühlte, oder vielmehr +er bildete sich ein: man wird schon heute sehen, ob es geht mit den +beiden! + +Klara schüttelte nur leise den Kopf. + +»Hier kam ich her, als ich zwei Jahre alt war, so weit reichen meine +Erinnerungen natürlich nicht zurück. So ist es mir, als sei ich hier +geboren. Hier bin ich aufgewachsen -- inmitten des Werks habe ich meine +ersten Eindrücke gehabt -- später hab' ich an seinen Grenzen gelebt, +immer in der Umwelt, die durch das Werk Verdienst, Wohlstand und Inhalt +hatte. Meinen Unterhalt, seit ich Waise war, verdanke ich Ihrem Vater, +ihm meine Ausbildung und daß ich nun auf eigenen Füßen stehe und +selbstverdientes Brot essen kann. Nie hab' ich etwas anderes im Gefühl +gehabt, vor mir gesehen als dies eine, daß auch ich für 'Severin +Lohmann' tätig sein müsse. Wie sollt' ich's? Als Buchhalterin? +Stenographin? So im Bureau sitzen? Ach nein, das wäre nicht mein Fall +gewesen -- dabei wäre ich mir nur wie ein Instrument vorgekommen. Ich +mag erziehen -- auf andere ein wenig wirken können, Entwicklung zu sehen +macht doch Freude. So drängte es sich auf, daß ich Lehrerin werden +mußte. Ich könnte in der Stadt an der höheren Töchterschule +unterrichten. Aber da hätte ich keinen Teil gehabt an 'Severin Lohmann'. +Indem ich die Kinder von Severinshof unterrichte, kommt's mir vor, als +ob ich ein wenig, ein ganz klein wenig und sehr von fern für Ihren Vater +und in seinem Sinn arbeite. Konnte es wohl anders sein?« + +»Nein, liebe Klara, anders konnte es nicht sein,« sprach der Geheimrat. +»Sie sind mit mir, mit uns, mit dem Werk für immer verbunden ...« + +Er mußte sich Mühe geben, nicht mehr zu sagen. + +Wynfried horchte ein Weilchen stumm ihren Worten nach ... Er fühlte so +beklemmend, daß er, der Sohn und Erbe, seinem Vater und dem Ganzen hier +ferner und fremder war als dieses Mädchen, das mit allem unlöslich +verwachsen schien ... Er bekam eine Ahnung, daß seines Vaters Wunsch +noch in anderen Dingen wurzelte als in dem Verlangen, des Sohnes Leben +in Ordnung zu bringen und gleichzeitig die Tochter einer vielleicht +einst geliebten Frau zu versorgen ... + +Klara blieb heute länger als sonst. Sie war gewohnt, zu warten, bis der +alte Herr durch irgend ein Wort ihr das Gefühl gab, sie dürfe gehen. +Heute, wenn das mühsam sich hinschleppende Gespräch ganz verstummen +wollte, suchte er es im Gegenteil immer neu zu beleben. + +Sie war zu arglos, um es auffallend zu finden, daß seine Fragen sie +nötigten, viel von sich zu sprechen. Von ihren Jugendjahren bei der sehr +zärtlichen, unentschlossenen, umständlichen und zum Erziehen eigentlich +gar nicht berufenen Doktorin Lamprecht, die ihr auch heute noch eine +treue Mama, aber in gar keiner Hinsicht strenge und autoritativ sei, +erzählte sie mit einem leisen Humor. Von ihren durch ihren Beruf +geregelten Tagen mußte sie berichten, und von den bescheidenen kleinen +Zerstreuungen. Man hörte wohl heraus: wenn alte Damen zu Kartenspiel und +Kaffeeschwelgereien zusammenkamen, saß sie still dabei mit einer +Handarbeit und hatte ihre Gedanken für sich. Es gab mal ein paar +Vorträge im Winter, einen Kasinoball und ein Sommerfest, die man +mitmachte, denn der Geheimrat hatte selbst für die Doktorin Lamprecht +und ihre Pensionärin die Mitgliedschaft bei der von ihm unterstützten +Kasinogesellschaft erwirkt und bezahlte für die Damen den Beitrag. Und +Klara sagte, es gebe da immer einige, die sie fühlen ließen, daß sie als +Volksschullehrerin nicht recht unter die Honoratioren gehöre -- und man +spürte, daß ihr derlei nicht verletzend, sondern nur ein lustiges +Pröbchen von Dummheit war. + +Wynfried sah so in ein Mädchenleben hinein, das ihn wie eine Legende +anmutete. Das gab es? In solchen Beschränkungen konnte ein weibliches +Wesen es aushalten? Und sie schien zufrieden? Ganz und gar. Das fühlte +er durchaus. + +Und dies am meisten, diese Klarheit und Wunschlosigkeit in der +Begrenzung machte ihn betroffen. + +Aus welchen Quellen kam das empor, so erstaunlich wohltuend und +beruhigend? + +Sein Herz war in schwülen Feuern verbrannt -- vielleicht für immer. +Seine Phantasie war ermattet, im atemlosen Rausch immer neuer +Vergnügungen an immer wechselnden Schauplätzen. + +Welch ein Gegensatz zwischen der Welt, in der er seine ersten Jünglings- +und Mannesjahre vertan, und diesem Idyll. Ihm war, als sehe er vor +seinem geistigen Auge dicht neben einem glitzernden Durcheinander von +Seidenglanz, funkelnden Steinen, flatterndem Chiffon, dunkelummalten +Augen, roten Haaren, rosigen Wangen, wippenden Federn ein stilles, +grünes Stückchen Wald ... + +Und das Mädchen bäumte sich nicht einmal auf? Empörte sich nicht, daß +Schönheit und Jugend in Gefahr war, unbemerkt zu verblühen, daß die +Möglichkeit vorlag, ihr ganzes Leben in der Enge versanden zu sehen? -- +Seine Mama fiel ihm ein. In welch schneidender Mißlaune sie immer +gewesen war während der wenigen Monate im Jahr, die sie neben der +Arbeitsstätte ihres Gatten verbringen mußte -- wie sie floh, sobald sie +konnte. Und damals erschien ihm seine Mama immer als ein Opfer ... + +Er sah: diese Klara gab keine Rolle. Die freundlich-ruhige Stimmung war +ihr wirklicher Seelenzustand! So unglaubhaft es ihm schien, er fühlte +sich dennoch gezwungen, zu glauben. + +Er wurde nach und nach sehr schweigsam. + +Und Klara fing an, bedenklich zu werden: blieb sie nicht unbescheiden +lange? Warum gab der Geheimrat nicht wie sonst ein Zeichen? Und die +Doktorin Lamprecht, die es nicht kannte, daß ihr Schützling nicht mit +uhrenmäßiger Pünktlichkeit heimkam ... + +Sie stand auf. + +»Darf ich jetzt gehen? Tante Lamprecht ängstigt sich sonst.« + +»Wynfried bringt Sie nach Haus,« bestimmte der alte Herr. + +»O nein -- danke sehr -- nein --,« lehnte Klara ab. + +Er verneigte sich höflich, sich widerspruchslos in die Ablehnung +ergebend ... + +»Klara, liebes Kind, ich habe einen Wunsch,« sagte der alte Herr, ihre +Hand in seiner Rechten haltend. »Sie wissen, ich mag keinen +Tischgenossen an meiner Krankentafel -- Wynfried muß unten allein essen +-- kommen Sie doch diese nächsten Tage -- bis er etwas eingelebt ist -- +etwa diese ganze Woche, und essen mit ihm. Ihr Weg führt Sie ja doch +vorbei, Leupold soll eins von den Fremdenzimmern für Sie als +Tagesquartier einrichten. Nachmittags bekomm' ich dann auch mein +Stündchen, als wäre alle Tage Sonntag.« + +Wynfried fand diesen Vorschlag »faustdick«. Er meinte, sie _müsse_ +merken, was sein Vater wünsche ... Er stellte auch fest, so gebieterisch +sich auch noch die alte Wucht und Größe seines Vaters aufzurecken +vermochte, so ungebrochen auch durch die Krankheit sein Wesen noch +schien: wurden nicht neue, weichere, ein wenig greisenhaft kindliche +Züge zuweilen bemerkbar? + +Eine schwache Neugier auf ihre Antwort wollte sich in ihm regen. Aber er +war ja eigentlich sicher, daß sie beseligt zugreifen würde. Und er +konnte dann bei diesen Diners zu zweien (an was für andere Diners zu +zweien war er gewöhnt, fast ironisch huschte es durch sein Gedächtnis) +weitere Betrachtungen darüber anstellen, welche Figur er künftig abgeben +werde, als Gatte dieser offenbar beinahe vollkommenen jungen Dame, die +der Aufgabe, ihn zu einem Tugendbold zu erziehen, ja schon von Berufs +wegen so gewachsen sein würde. + +Um seine Lippen zuckte es. Er _wollte_ spotten. + +Aber in ihm war zugleich so viel Unsicherheit -- so überflüssig erschien +er sich neben diesem Mädchen und seinem Vater. + +Klara war wohl etwas erstaunt über diese Einladung, doch vor allen +Dingen verlegen, weil sich eine derartige Einrichtung, auch nur eine +Woche lang, nicht mit ihren Pflichten vereinbaren ließ. + +»Ja, wenn Ferien wären! So kann ich es aber nur am Mittwoch,« sagte sie +kurzweg. + +Der Vater sah hierbei zum Sohn hinüber. Fast ein wenig triumphierend. +Hatte er nicht prophezeit: du wirst dich dazu halten müssen, angenommen +zu werden. + +Als Klara gegangen war, kam erst Leupold, den Tisch abzuräumen. Und +Leupold konnte sich wieder Gedanken machen, denn zwischen Vater und Sohn +herrschte vollkommenes Schweigen. Sonst wurden keine Gespräche wegen +dieser Dienerohren unterbrochen, nicht einmal die Geheimrätin hatte +früher ihrer scharfen Rede Zügel angelegt, während er die Schüsseln +anbot. Und ungeachtet seiner Anwesenheit und Zeugenschaft warf der +Geheimrat bisweilen den spitzen Reden ein Donnerwort entgegen, daß sie +dann stumm sich hinter zusammengekniffenen Lippen zurückhielten. + +Somit stand es für Leupold fest: wenn in seiner Gegenwart geschwiegen +wurde, gab es Dinge von höchster Ärgerlichkeit oder geheimnisvollster +Wichtigkeit. -- + +Der Geheimrat wartete nur, bis die Tür sich hinter ihm geschlossen +hatte, um zu fragen: »Nun?« + +»Was -- nun? Forderst du von mir, daß ich, nach dem Zusammensein von +einer Stunde, mich schon bereit erkläre, das Mädchen zu heiraten?« + +»Nein,« sagte der Vater, »da sei Gott vor. Aber den Eindruck möchte ich +wissen.« + +»Wohltuend -- ganz und gar -- ja. Aber ich muß sie doch erst ein wenig +näher kennen lernen -- muß mich erst einmal in Ruhe fragen, ob ich so +etwas wagen kann, darf. Junge Mädchen träumen von einer großen Liebe -- +wie sollt' ich die vorlügen und vorheucheln können! Ich werde mich +nicht in sie verlieben. -- Ich? -- Nach allem: nein! Und sie? Glaub mir, +ich habe keinen Eindruck auf sie gemacht.« + +»Man lernt sich in der Ehe lieben,« sagte sein Vater. + +»Oder hassen,« setzte der Sohn hinzu, und er dachte an seine Mutter, die +seinen Vater gehaßt hatte. + +»Heiraten, das ist ein Entschluß von großer Tragweite,« sprach er +weiter. + +Es schien dem Alten trotz der seinen Wünschen günstigen ersten Worte, +als höre er nur Lauheit, Energielosigkeit, Ablehnung. + +»Eine Heirat allein kann deinem Dasein neuen Inhalt und Richtung geben. +Was solltest du sonst anfangen mit deinem Leben?« fragte er schweren +Tones -- der grollte gleichwie aufkochender Zorn. + +»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte der Sohn zerquält. -- + +Klara aber schritt mit eiligen Füßen über die Straße dahin, auf die +Treppe zu, um hinunter zur Fähre zu kommen. Aber sie konnte nicht ohne +Aufenthalt vorwärts kommen. Eine Arbeiterfamilie begegnete ihr. Die +Kinder drängten sich an sie und wollten »Fräulein« durchaus die Anemonen +schenken, deren Stengel in den kleinen Fäusten schon warm geworden +waren. Und die Mutter erzählte schmeichlerisch, daß die Kinder immer nur +von Fräulein und Fräulein schwärmten, und wollte wissen, ob Artur und +Lieschen auch artig seien. + +Sie hielt freundlich stand. + +Und doch brannte in ihr eine große Ungeduld. Sie dachte nicht mehr an +Wynfried, der doch nun eine neue Gestalt im hiesigen Leben war. Sie +dachte nur an den einen einzigen Augenblick, in dem der Geheimrat mit +ausweichendem Blick, feindseligem Ton und zitternder Hand von ihrem +Vater sagte: »Treue, wichtige Dienste -- o nein!« + +An der Fährbrücke unten an der Treppe mußte sie noch warten, der Kahn +kam erst vom anderen Ufer heran. Vier, fünf junge Männer saßen auf der +umlaufenden Bank. Im Hutband trugen sie einen kleinen Buchenzweig oder +ein paar Primeln. Halbverwelkt hing der Schmuck auf die Filzränder der +Hüte herab. Aber die jungen Männer hatten sich doch den Frühling +anheften wollen, wie ein Zeichen. Der Fährmann stand aufrecht im Kahn +und trieb mit starkem Ruderschlag seinen Kahn scheinbar zu weit oberhalb +des Anlegesteges auf die Uferböschung zu, der sachtfließende schmale +Strom drückte aber so sehr gegen den Kahn, daß die endliche Landung +genau an der Stufe der Brücke erfolgte. Die Männer stiegen aus, und +Klara stieg ein. Und wieder hinüber ging die Fahrt auf den hellen Hang +zu, dessen weißsandige Wand von dem roten Städtchen überkrönt war. Dies +Hin und Her von Ufer zu Ufer war sonst immer für Klara voll Reiz. Das +dunkle tiefe Wasser glänzte, der Ruderschlag rauschte leise ... es war +so viel Ruhe darin und ein wenig von der Romantik alter Zeiten. + +Aber sie war bei dieser heutigen Heimfahrt zu erregt, um die Stimmung zu +genießen. Ganz verworrene und plötzlich beängstigend werdende +Erinnerungen tauchten auf -- sahen nun, da sie vor dem Auge einer +Gereiften erschienen, ganz anders aus, als die Tatsachen sich einst dem +Kind dargestellt hatten. -- Die Zehnjährige hatte nur an einem Morgen +voll unaussprechlicher Ängste erfahren, daß ihr Vater über Nacht einem +Herzschlag erlegen sei. Das Grauen vor der Nähe des Todes, der stumme +Jammer der Mutter -- ein seltsames Hasten und eine scheue Angst im Haus +-- dazwischen dann die Gestalt des Geheimrats -- düster und +beherrschend. -- Und daß niemand, niemand den Toten hatte sehen dürfen. +-- Am selben Tag noch wurde der Sarg geschlossen -- die Schrauben +knirschten so -- man hörte sie. -- Die Mutter bebte nebenan und preßte +ihre Tochter heftig an sich. -- Damals dachte Klara, das sei immer so, +wenn ein Mensch sterbe -- all diese Einzelheiten. -- Heute mit einem +Male wußte sie: da war etwas zu verstecken gewesen ... + +Es gibt jähe Erkenntnisse, nach Jahren kommen sie, es ist, als griffe +eine Hand nach einem und risse eine Binde von unseren Augen. + +Und so, gejagt von dem Vorsatz, die Wahrheit zu wissen, vom angstvollen +Wahn sich sogleich heilen zu lassen oder auch dem Traurigsten ins +Gesicht zu sehen -- so kam sie in der kleinen Wohnung an ... + +Das Häuschen der alten Frau Lamprecht lag am Kirchplatz. Es hatte über +dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk, und vom Ziegeldach sah noch ein +Giebelfenster hinüber nach den Linden, die die Backsteinmauer der Kirche +umstanden. Das erste Stockwerk war an den Hauptmann von Likowski +vermietet. Seine beiden Pferde hatte er im Stalle auf dem Hofe, wo einst +das Doktorwägelchen stand, wenn es durch die Toröffnung neben dem Hause +hereingefahren. + +Vier überraschend geräumige Zimmer gaben den Frauen Behaglichkeit genug. +Die Küche lag hinter der Treppe mit den Fenstern nach dem Durchgang zum +Stall. Seit Klara nach bestandenem Examen zurückgekommen und alsbald +angestellt worden war, hatte sie ihr Wohnzimmer für sich. Damit war sie +von ihrer Pflegmutter als selbständiger Mensch anerkannt worden. + +Es hatte der alten Dame viele Erwägungen und umständliche Besprechungen +gekostet, bis ihre Sachen auf den Boden gebracht wurden und dafür Klaras +Einrichtung, die von der verstorbenen Mutter stammte, heruntergeholt +werden konnte. + +Diese Einrichtung war Klaras einziges Erbe, und sie wußte es, daß sie +den Besitz nur dem Geheimrat verdankte. Ganz vollständig war alles +beisammen geblieben, so wie es einst im Wohnzimmer der Mutter gewesen: +der Sekretär, der halbhohe Teeschrank, die Kommode, Sofa und Stühle von +dunkelblankem Mahagoni, mit den graublauen Stoffen von dickem +Seidendamast; die Bücher, die Uhr mit dem gelbbronzenen Zifferblatt +zwischen kleinen Alabastersäulen, die auf ihren Kapitälen einen Steg von +Alabaster trugen, auf dem fiedelnd ein Amor entlang zu tänzeln schien -- +der Schöpfer dieser Uhr hatte sicher den anmutigen Gedanken gehabt, daß +demjenigen, für den die Stunden schlugen, die Liebe heiteren Inhalt +geigen möge. + +Und Klara dachte oft, mit welch schweren Empfindungen ihre Mutter das +heitere kleine Bilderwerk oberhalb der Zeiger betrachtet haben möge. + +Denn sie ahnte immer, daß ihre Mutter nicht glücklich gewesen sei. + +Heute war aus der Ahnung eine Gewißheit geworden. + +Klaras Zimmer lagen nach hinten. Ihre Straßenaussicht hätte die alte +Frau keinem Menschen geopfert, und sie sagte, Klara wäre es ja doch +einerlei, ob sie auf den Hof oder auf den Kirchplatz hinaussähe. Jetzt +lauerte die Doktorin schon lange hinter den Scheiben, und der graue Kopf +bog sich alle paar Sekunden sehr schräg nah an das Glas hin, um die +Stelle zu erspähen, wo die Straße in den Platz einmündete und wo Klara +zuerst sichtbar werden mußte. Kaum erschien sie in Blickweite, so +deuteten ihr auch schon lebhafte Gesten an, daß sie mit Unruhe erwartet +wurde, und das erste Wort, das sie hörte, war das erwartete: »Wo bleibst +du, ich ängstigte mich.« + +Und zugleich nahm sie schon ihren Kneifer ab und legte ihn auf den +Nähtisch vor sich, was immer eine Art von Zurüstung auf ein +ausführliches Gespräch bei ihr bedeutete. + +»Es kam mir so vor, als wünsche der Geheimrat, mich länger dazubehalten. +Ich wußte nicht recht, was ich sollte.« + +»Hast du den Sohn kennen gelernt? Wie war er?« fragte sie in brennender +Neugier. + +Denn in dem Städtchen liefen allerlei Gerüchte herum -- auf sachten, +aber sehr emsigen Füßen, von Haus zu Haus. Und sie hatten ihren stillen +bösen Gang begonnen damals, als Wynfried nicht am Lager seines Vaters +erschien ... + +»Doch. Flüchtig. Er war sehr höflich,« sagte Klara. Sie wußte längst, +daß Zurückhaltung gegenüber der alten Frau geboten sei. Sie kannte es +schon, welchen Genuß und welche Genugtuung es der Doktorin bereitete, +bei ihrer Skatpartie die zu sein, die am genauesten über die Vorgänge im +Hause des Geheimrats unterrichtet war. + +Aber Neugier spürt nicht so leicht das Ausweichen eines anderen. Und die +Fragen klangen auch noch minutenlang durch das Zimmer. Wie sah er aus? +Sehr verlebt? Schienen Vater und Sohn gespannt? Will er hier bleiben? +Wird er gleich offiziell Teilhaber? Kam es dir vor, als ob er gern hier +sei? + +Klara antwortete auf alles sehr beruhigend, und als sie sagte, das +Verhältnis zwischen Vater und Sohn sei ihr ganz natürlich und herzlich +vorgekommen, war die Doktorin zufrieden. So hatte sie doch etwas als +ganz »wahr und wahrhaftig« weiterzuerzählen. Ihr unruhiges kleines +Gehirnchen war dann schon wieder bei ganz anderen Wichtigkeiten. + +»Denke dir, die Heimdorfs hatte schon wieder ein neues Frühjahrskostüm +an, sie ging vorhin vorbei. Wie der Mann das gut macht, all den Luxus. +-- Und denke dir, weißt du, wen ich gesehen habe? Den neuen +Oberleutnant, den Freiherrn von Marning. Eine Erscheinung! Vornehm, sag' +ich dir! Er besuchte den Hauptmann. Sie gingen in den Stall. Als ich sie +treppab kommen hörte, lief ich in dein Zimmer und paßte hinter den +Gardinen auf. Er ist noch oben, gleich geht er -- horch -- wir wollen +achtgeben, du sollst sehen: eine schöne Männererscheinung ...« + +Und sie rückte schon ein wenig, um sich besser hinter den Mullfalten der +Vorhänge zu verbergen. + +Klara fühlte sich ja manchmal gequält von dem eifrigen Teilnehmen an den +Gleichgültigkeiten rundum. + +Aber ihre Dankbarkeit zwang sie zur Geduld und zu freundlichem Eingehen, +wenn auch mit noch so flüchtigem Wort. Heute aber war sie auf dem Punkt, +sich davon ermattet zu fühlen. + +»Was geht mich der Freiherr von Marning an?« sagte sie. + +Und plötzlich brach es aus ihr heraus. + +»Ich bitte dich -- laß die fremden Leute -- komm -- ich muß mit dir +sprechen, dich etwas fragen --« + +Sie legte den Arm um die Erschrockene und zwang sie vom Fenster fort. + +»Du hast mich lieb. In zehn Jahren, seit ich bei dir lebe, hast du es +mir bewiesen. Sag liebe, liebe Lamprächtige, würdest du mich belügen, +wenn ich dich etwas fragte?« + +»Aber Kind!« Das war ja die alte Frau gar nicht gewohnt, daß Klara so +starke Töne anschlug. -- Sie war doch fast nie zärtlich, und nie +aufgeregt. Und brauchte nun gar die scherzhafte Benennung, die der +Geheimrat aufgebracht hatte, in so leidenschaftlicher Weise. + +»Wie sollt' ich dich wohl belügen wollen! Was ist denn?« + +»Sage mir, was war mein Vater für ein Mann? Und an was starb er in so +frühen Jahren?« + +Wie strenge Klara aussah -- die geraden Brauen schoben sich näher +zusammen, ihre Augen brannten. + +Welche Frage! Mein Gott, hatte sie nicht immer gefürchtet, daß das arme +Kind irgendwann einmal den alten Geschichten nachfrage! + +Und wenn Klara etwas so durchaus wollte! Die kleine gute Alte hatte wohl +eine dumpfe Erkenntnis davon, daß sie dem Mädchen nicht gewachsen war. +In Klara war irgend etwas Starkes. Man spürte es selten. Aber dann war +man ganz klein davor ... + +»Kind, Liebling, frag mich nicht. Ich muß schweigen.« + +»Ah --« Klara beugte sich näher zu ihr, förmlich Angst bekam die alte +Frau. -- So drang schon diese Bewegung auf sie ein ... + +»Ah -- also es ist etwas zu verschweigen ...« + +»Ich habe es doch dem Geheimrat versprochen,« klagte sie. »Wäre das +nicht wie ein Hochverrat, wenn man ein Versprechen bräche, das _dem_ +Manne gegeben worden war?« + +»Er soll es nie erfahren, nie, daß du mir die Wahrheit sagtest. Wenn du +sie mir nicht sagst, gehe ich zum Pastor, oder zum Standesamt, von Mann +zu Mann, bis ich den finde, der weiß ...« drohte Klara. Sie war nun +völlig außer sich. + +Also es gab Schmachvolles zu verbergen! + +»Niemand weiß etwas Genaues,« sprach die Alte ängstlich. »Man flüsterte +wohl damals ... Aber der Geheimrat -- du kennst ihn ja. -- Er _wollte_ +alles versteckt lassen. Und wenn er was will! Dann ist es ja egal, was +es kostet. Und er zwingt alle Menschen. Es gelang, alles zu vertuschen.« + +Diese Art, von den Dingen zu sprechen und sie nicht zu nennen, wurde für +Klara zur Folter. + +»Sag doch endlich, was denn -- was denn ...« + +»Nun in Gottes Namen, da du mir gar keine Ruhe läßt, und wenn du mir +versprichst, mich nie zu verraten ...« + +»Ich verspreche es,« sagte Klara hart und fest. + +Und da Schwätzer immer fest auf die Verschwiegenheit anderer Leute +bauen, nahm sie dies Versprechen für einen Schwur. + +Ganz erschöpft war sie, und dennoch im tiefsten Innern vielleicht wie +erlöst, daß ihr endlich die Last des Schweigens abgezwungen wurde. + +»Ja,« sagte sie, »dein Vater wollte wohl eins, zwei, drei reich werden. +Großes Gehalt, Tantieme. -- Das schaffte nicht genug, -- woher ihm diese +Gier nach Geld kam, weiß ich nicht. Es hieß, er fahre oft nach Berlin, +und habe da ... Aber nein ... na genug, sehr treu war er seiner Frau +wohl nicht. -- Und er spekulierte. -- Obwohl sein Kontrakt es ihm +verbot, machte er private Geschäfte, waghalsige Sachen mit Tendenz sogar +gegen des Geheimrats Unternehmungen -- oder unter Benutzung von ihm +bekannten Chancen, die 'Severin Lohmann' hätten zugute kommen müssen. -- +Und so derlei. -- Und dann kam ein Tag, wo alles zusammenbrach. So was +hat immer kurze Beine und läuft nicht lange. Eines Morgens wurde mein +Lamprecht, der ja Arzt bei 'Severin Lohmann' und allen Beamten war, aus +dem Bett geholt, und es hieß, den Generaldirektor Hildebrandt hat der +Schlag gerührt. -- Deine Mutter hat eine fabelhafte Geistesgegenwart +bewiesen. -- Sie ließ keinen von den Dienstboten in das Zimmer, und mein +Lamprecht dachte ja gleich: so ein Tod hat böse Gründe. Er ging sofort +zum Geheimrat. -- Und der nahm alles in seine Hand -- die Hand kennen +wir -- stark, sicher! Noch am selben Tag wurde dein Vater eingesargt und +auf Befehl vom Geheimrat mußte mein Lamprecht dabei sein, wie der Deckel +geschlossen wurde -- damit die Männer nicht das Taschentuch lüfteten, +das dem Toten über die zerschossene Stirn gelegt worden war.« + +Klara stand regungslos. + +Nun war der Mund einmal in Bewegung, nun floß die Rede und trug weiter, +und die alte Frau legte sich keine Hemmung an. + +»Mein Lamprecht sagte mir, daß wir unverbrüchlich schweigen müßten, der +Geheimrat habe es ihm befohlen -- später befahl er selbst es auch noch +mir, als du zu mir kamst. -- Solchem Befehl zu widerhandeln, hätte +meinem Mann die Stellung und mir später vielleicht das bißchen Pension +gekostet -- und dich hätte er mir nicht gelassen. -- Das Finanzielle +nahm der Geheimrat alles in die Hand. Es muß ihn ziemlich was gekostet +haben. Und deine Mutter bekam obendrein noch Pension. Na, und wie er für +dich sorgte, weißt du selbst am besten. Mein Lamprecht glaubte immer: +das sei alles wegen deiner Mutter -- die hätte er wie 'ne Heilige +verehrt. Gerade so große Männer haben ja manchmal irgend einen geheimen +Idealismus -- und in jenen Tagen ist es ihm auch mal so entfahren, er +hat zu meinem Lamprecht gesagt: ohne die Frau wär' ich 'n rauher +Autokrat geworden. -- Ja Kind -- nun weißt du es! Aber -- o Gott, wenn +du mich an ihn verrätst!« jammerte sie. + +»Ich habe versprochen, zu schweigen,« sprach Klara, »nimm das für einen +Schwur.« + +Die alte Frau hörte die tonlosen Worte -- aber zugleich blitzte durch +ihre Erregung ihr kleines Altweiberinteresse am Nebenmenschen. + +Sie hörte nämlich Schritte treppab kommen und sich durch den Flur der +Haustür nähern. + +Mechanisch -- es trieb sie -- war sie, husch, wieder am Fenster. + +»Der Freiherr von Marning!« flüsterte sie wichtig. + +Da ging Klara hinaus. In ihrem Zimmer stand sie noch minutenlang ... + +Sie starrte ins Unbestimmte, sah nicht draußen den Hof mit dem zu hoch +aufgeschossenen Lindenbaum und seiner sperrigen Krone, darin der +Abendschein Goldglanz entzündet hatte, während unten der schwarze Stamm +und die rotbraun gestrichene Stalltür, die seine Linie überschnitt, in +melancholischem Schatten lagen ... + +Sie sah ein mächtiges graues Haupt und blitzende Herrenaugen ... + +Sie wandte sich, blickte im Zimmer umher -- ihre Augen blieben an der +Uhr hängen -- die gelbbronzene kleine Pendelscheibe, eine starke +Handbreit unter der größeren gelbbronzenen Zeigerscheibe, ging hin und +her und her und hin zwischen den Alabastersäulen, und der kleine Amor +von weißem schimmernden Stein fiedelte sein fröhliches stummes +Liebeslied ... + +Nun schlug die Uhr siebenmal, hell und klingend. + +Es war, als habe der letzte Ton Klaras Haltung getroffen und +zerschlagen ... + +Sie legte die Hände vors Gesicht und weinte -- weinte. + +Was hatte er alles getan -- für sie und ihre Mutter! + +Wie ihm jemals genug danken! + +»Wenn ich doch sterben könnte, um ihm damit Gesundheit zu erkaufen!« + +Aber sie wußte wohl, auf solchen Austausch läßt sich das Schicksal nicht +ein. + +Wie ihm jemals genug danken? + +Ein Leben reichte dazu nicht aus. -- Mit welch heißer Freude würde sie +es für ihn hingeben. + +Ihr ganzes Wesen war wie durchglüht von der Begierde, sich für ihn +opfern zu dürfen. + + + + +3 + + +Es sei ein Wunder, sagten alle Leute. Von einem erstaunlichen +Reorganisationsvermögen sprachen die Ärzte, als sie wieder einmal von +Kiel, Hamburg und Lübeck zur Beratung und Kontrolle sich bei dem alten +Herrn zusammenfanden. Niemand schrieb die Fortschritte, die in den +letzten vierzehn Tagen sich gezeigt hatten, ganz allein der täglichen +Behandlung des Doktors Sylvester zu, der mit Massage und Elektrizität +morgens und abends die Lähmung der linken Körperseite zu bekämpfen +suchte. + +Vielmehr waren alle überzeugt, daß die Wiederkehr des Sohnes und die +Versöhnung mit ihm den Willen zum Leben in dem alten Herrn neu geweckt +habe. Daß zwischen Vater und Sohn nicht alles in Ordnung gewesen sein +_konnte_, hatte man fühlen müssen, als der Sohn nicht an das Krankenbett +des Vaters kam. + +»Man sieht es wieder,« sagte Professor Rößler, »je intelligenter, +nervöser und leidenschaftlicher ein Kranker ist, desto weniger hängt, +unter gewissen Umständen, seine Genesung von der Wissenschaft, desto +mehr aber von den Dingen ab, über die wir keine Gewalt haben.« + +Und die Herren reisten wieder ab, in der Hoffnung, daß sich vielleicht +noch eine leidliche Bewegbarkeit der linken Körperhälfte allmählich +werde erzielen lassen; und mit der Gewißheit, daß Schlaf, Appetit und +Stimmung des Patienten sich auffallend gebessert hatten. Leupold, +dessen Auskünfte den Ärzten immer die maßgebendsten waren, konnte sagen, +daß der Geheimrat die Dienerschaft nicht mehr in ungewöhnlicher Frühe +herausklingle, sondern, auch wenn er wache, geduldig bis halb sieben +liege. Und das war immer seine Stunde gewesen. Geduldig -- das war gewiß +ein Symptom! In dem Ablauf all der kleinen Lebensumstände, die mit der +Uhr zusammenhängen, in seinem Verhältnis zu den Dingen der häuslichen +Umwelt war ja der Geheimrat von der bedrohlichsten Ungeduld. Geduld +kannte er nur in den großen Aufgaben der Arbeit. Wie besänftigt mußten +also sein Gemüt, wie angenehm seine Gedanken sein, wenn er still wachend +liegen mochte. + +»Die wissen viel, was mir neuen Mut gebracht hat!« dachte der Geheimrat +spöttisch hinter ihnen her. + +In den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, sein Leben und sein Werk +brächen zusammen. Nun blühten neue Hoffnungen vor ihm auf. + +Wie einfach. + +Aber die ganz großen Wendungen im Dasein haben ja immer etwas wunderbar +Einfaches. -- + +Am Tage nach der Abreise der Ärzte troff der Regen herab, kalt und +trostlos. Über dem Hochofenwerk ballte sich das Dunstgewölk, und +zerdrückte Rauchschlangen schlichen sich, niedergepreßt von Wind und +Regen, seitwärts weg. Drüben vor der kleinen Stadt um den aufrechten +Kirchturm auf hohem Sandufer strichen die Tropfenlinien nieder, so daß +es aussah, als stehe eine gerillte Glasscheibe vor dem Bilde. Das +fernere Gelände verschwamm im Grau. Auf dem Fluß zog ein Dampfer vorbei; +seine hochgestapelte Bretterladung sah ganz ockerfarben aus von all der +Nässe. Die schwedische Flagge hing als durchfeuchteter Lappen hinten am +Heck. Er ließ aus seiner Sirene einen jammervoll aufheulenden Ton +entweichen, als er an den Schiffen vorbeikam, die tief unter den +weitausreichenden Skelettarmen der eisernen Entladebrücken ankerten. +Dieser Schrei, der wie eine Klage durch die Luft schnitt, war der +höfliche Gruß des Schweden an seine Kameraden. + +Das ganze Bild zeigte Düsterheit. Aber das konnte die Stimmung des alten +Herrn nicht in Unmut auflösen. Dazu war sie zu fest von frohem Glauben +getragen. + +Er saß in seinem Erker und schrieb. Den Bogen konnte er sich gut auf +eine Unterlage mit Reiszwecken befestigen. Dann lag das Papier glatt und +fest vor ihm, und er konnte es beschreiben. Denn so weit vermochte er +die Linke noch nicht zu erheben, um mit ihr den Briefbogen +niederzuhalten. + +Ihm war zumute, als schreibe er den wichtigsten und beglückendsten Brief +seines ganzen Lebens. + +An Klara war er gerichtet, und er redete sie an: + + + »Mein teures Kind! + + Es ist mir seit Ihrer frühen Jugend eine liebe Angewohnheit + gewesen, Sie so zu nennen. Aber nun könnte wohl aus der + Angewohnheit ein Recht werden, wenn Sie die Frage bejahen, die + mein Sohn heute nachmittag an Sie richten wird. Er hat mir die + Erlaubnis gegeben, Sie, meine liebe Klara, darauf vorzubereiten, + daß er zu Ihnen kommen wird. Heute, weil es Mittwoch ist, + brauchen Sie nicht zum zweitenmal zur Schule. Wynfried darf also + darauf rechnen, Sie zu Hause zu finden. + + Ich selbst habe Ihnen, ehe Wynfried Sie spricht, noch etwas zu + sagen, und das ist, noch mehr als der Wunsch Sie vorzubereiten, + der Grund, weshalb ich schreibe. + + Nur ein ganz kurzes Wort! Dieses: daß Dankbarkeit Sie nicht + bestimmen darf, sich für Wynfried zu entscheiden! Ganz gewiß + erraten Sie mit Ihrem Herzen, daß es für mich eine große Freude + sein würde, Sie als Tochter umarmen zu können. Und Sie rufen + sich vielleicht ins Gedächtnis in dieser Stunde, daß ich es war, + der die bitterste Not des Lebens von Ihnen und Ihrer Mutter + ablenken durfte ... + + Mein teures Kind, Sie wissen es: ich habe Ihre Mutter geliebt! + Ich durfte sie nicht besitzen und sie nicht die Meine nennen. + Wenn Liebe so um ihr heiligstes Recht betrogen wird, bleibt ihr + nur eine Art von Linderung und Erlösung: für den geliebten + Menschen und das, was ihm teuer ist, ein wenig sorgen zu dürfen. + Das war das bescheidene stille Glück, das ich mir gönnen konnte. + + Sehen Sie es so, und Sie sehen es richtig. Und dann verstehen + Sie auch: Sie stehen nicht in meiner Schuld! + + Wo das Wort Liebe ausgesprochen wird, löscht es alle anderen + Worte aus. + + Glauben Sie das einem alten Mann, dessen Leben rauh war und voll + Haß. Und dem es vielleicht niemand zutraut, daß er immer tief in + seinem Gemüt einen großen Schmerz, einen sehr glücklichen + Schmerz mit sich herumtrug. + + Selbst wenn Sie sich gegen meine Hoffnungen entscheiden -- + nichts, gar nichts kann mich hindern, zu bleiben + + Ihr väterlicher Freund + Severin Lohmann.« + + +Er war sehr bewegt, und als ihm das Wort von dem glücklichen Schmerz in +die Feder kam, feuchtete sich sein Auge. + +Er dachte: sind nicht vielleicht unsere Schmerzen mehr unser köstlicher +Besitz als unser Glück? + +Seine Zuversicht war groß. Er bezweifelte im Grunde nicht, daß Klara +seinen Sohn mit Freuden annehmen werde. Sie war seit jenem Sonntag so +verändert! In ihrer Stimme bebte ein Nebenklang mit -- sie war wie von +zärtlicher Ergebenheit gefärbt und umschmeichelte den Hörer wie +Liebkosung. Ihr Wesen zeigte eine neue Art von Demut und Hingebung -- +ihre Hand schien noch pflegsamer, leiser geworden, und der gemessene +Ernst, der ihr schon im Schatten ihrer Kindheit angeflogen war, wich +einer Weichheit, die sich in Blick und Bewegung deutlich verriet. + +Gerade von dem Tag an, wo sie seinen Sohn kennen gelernt hatte. + +Und obschon der alte Herr sich ganz gewiß nicht für einen Frauenkenner +hielt, glaubte er doch so viel von einem Mädchenherzen vermuten zu +dürfen, daß es in aufwallendem Gefühl dem Vater sich nähere, -- weil es +dem Sohn aus holder Scheu sich nicht verraten wolle ... Welche +Glückseligkeit dieser Gedanke! Und er sah auch so viel Gerechtigkeit +darin, wenn Tochter und Sohn zweier Entsagenden sich finden würden. + +Wie machte dieser Wahn ihm auch den Weg zum Sohne leicht! + +Er hatte keine Achtung vor ihm haben können. Und das zu verbergen, war +seiner Natur in all ihrer Wahrhaftigkeit und Offenheit sehr schwer +gewesen, obschon er begriff, daß seine Verachtung den Sohn vollends +zerstören mußte. + +Nun fühlte er: wenn dieses Mädchen ihn lieben konnte oder im Begriff +war, ihn lieben zu lernen, dann gab es noch Werte in seinem Sohn. -- + +Sein Verkehr mit ihm wurde milder und gleichmäßiger. + +Und als Wynfried ihm gestern erklärt hatte, daß er bereit sei, um Klara +zu werben, hielt er lange stumm die Hand des Sohnes in der seinen. +Wynfried sagte, daß der Wunsch des Vaters und die Leere und +Zwecklosigkeit seines Lebens ihn bestimme; die Liebe freilich, die ein +Mädchen zu erwarten pflege und die es verlangen könne, die könne er +nicht vorheucheln. Sie sei ihm sympathisch. Das sei alles. + +»Darüber sprecht euch nur unter vier Augen aus,« hatte der Vater +geantwortet. »Wenn nur einer liebt, ist es genug. Denn das weckt auch +nach und nach die Liebe des anderen. Und sie liebt dich. Sie ist auf das +rührendste verändert, seit du hier bist.« + +Das glaubte Wynfried. Er war es so gewohnt, daß die Frauen ihn liebten. +Aber er hatte keine, auch nicht die leiseste Regung von Eitelkeit dabei, +er stand so unberührbar fern von diesen Dingen -- sein Herz war tot. + +Und nun war dieser vorbereitende Brief geschrieben. Leupold sollte ihn +in das Schulhaus tragen, genau um zwölf Uhr sollte er ihn, nach der +letzten Unterrichtsstunde, überreichen ... Dann las sie ihn, kehrte heim +-- konnte in Ruhe nachdenken -- sich vielleicht, wenn sie wollte, mit +der Pflegemutter aussprechen -- war gefaßt und klar in ihrem Entschluß, +wenn Wynfried um drei hinüberführe. Wohldurchdacht war alles. + +Jetzt freilich hatte die Uhr von der Zimmertiefe her noch nicht acht +Schläge herklingen lassen. -- + +Und die, an die der wichtige Brief gerichtet war, verließ erst gerade +ihre Wohnung, um ihrem Beruf nachzugehen. + +Klara erschrak beinahe vor dem Wetter. Oft war's ja draußen viel +erträglicher, als es von drinnen schien. Heute zeigte es sich umgekehrt. +Die schönen Frühlingstage hatten die Haut schon an Wärme und Sonne +gewöhnt. Nun schlug der unnatürlich kalte Regen ihr ins Gesicht. Der +Schirm nützte wenig. Aber Klara war wettersicher angezogen. Auf dem +braunen Haar saß eine Art Sportmütze von pastellblauer Wolle. Und ihre +Gestalt war ganz und gar in einen dunklen Regenpaletot eingeknöpft. + +Wie trübselig die Linden um die roten Kirchenmauern standen; aller +Frühlingsglanz war aus ihren Wipfeln herausgespült. Die Blechrinnen, die +am langen Dachsaum des Kirchenschiffes zu beiden Seiten hinzogen, waren +so übervoll, daß allerwärts Tropfenfälle ihre Linien begleiteten; ihre +Abflüsse, die grauen Drachenköpfe aus Zink, spieen einen dicken Strahl +von Wasser hinab. Es rauschte und plätscherte überall. -- Keine +fröhliche Morgenfrühe. -- + +Klara bemerkte, daß der Hauptmann von Likowski mit einem Kameraden vor +ihr herging -- die Herren schienen ebenfalls den Weg zur Fähre hinab zu +nehmen. Sie hatten hohe Stiefel an und braune Handschuhe. Ihre Mützen +waren wie bestäubt von Regentropfen. + +Den Hauptmann kannte sie sehr gut, wohnte er doch mit ihr unter einem +Dach. Und die engen Verhältnisse sowie die übereifrige Dienstwilligkeit +der alten Doktorin Lamprecht für ihren Mieter brachten es mit sich, daß +Likowski oft im Erdgeschoß vorsprach. + +Es hieß, er sei ganz wohlhabend. Aber er führte das einfache, +regelmäßige Dasein des preußischen Offiziers, der sich für seine scharfe +Arbeit frisch zu halten hat. + +Er war ziemlich groß, etwas steif von Haltung, und in seinem rötlichen +Gesicht stand der weißblonde Schnurrbart aufgebürstet über einem Mund +mit vorstrebenden Lippen und entschlossenem Ausdruck. Auch seine +hellblauen Augen blickten unternehmend. Haltung und Miene eines +künftigen Divisionärs -- zum mindesten! Doch neckten ihn die Kameraden +mehr wohlwollend als spöttisch mit seinem Feldherrnwesen. + +Richtig -- die Herren blieben dicht vor ihr. Nun ging's die Fahrstraße +hinab. Sie war so steil, daß es dem Abwärtsschreitenden immer schien, +als schubse ihn etwas vorwärts. Und ihr Pflaster war grob. Denn die Hufe +der Pferde wären ohne den Halt, den ihnen die kräftigen Kopfsteine +gaben, beim Hinauf- und Hinabfahren schwerer Lastwagen oft ausgeglitten. +Die Straße mündete an der Anlegebrücke, die dem Ufer des +Eisenhüttenwerkes schräg gegenüber in den Fluß hineingebaut war. Sie +bezeichnete auch gewissermaßen einen Abschnitt in der Linie seines +Laufes. Von seiner Quelle an war die liebliche Anmut wiesenreichen +Binnenlandes seine Begleitung; dann zog er an der uralten Hansestadt +vorbei und spiegelte deren rote Giebel und zahlreichen hohen Kirchtürme +wider. Von da ab hatte Wasserbaukunst ihm viele Windungen abgeschnitten +und ihm gerade Richtung aufgezwungen, ohne sein idyllisches Wesen +merklich verändern zu können. Aber in dieser Gegend häufte die Industrie +ihre grauen und toten Farben auf das Grün der Ufer. Und unmittelbar +hinter dem Punkt, wo das Städtchen auf ragendem Ufer lag, weitete er +sich zu einer gerundeten Bucht, die, östlich von größeren Waldungen +begrenzt, schon durch den Geruch ihres Wassers die Nähe des Meeres ahnen +ließ. Es war Salzatem darin. Im Volksmunde hieß der Fluß auch von da ab, +wie ihn schon die alten Geschichtsbücher nannten: die Salzentrave. + +Und die Navigationszeichen, die schweren Bündel der mächtigen +eingerammten Stämme, der Duc d'Alben, wie auch die ziegelroten +Markierungsstangen, die den Schiffen den Fahrweg durch das Wasser der +Bucht zeigten, gab ihr einen großartigen, an die freie, weite See +erinnernden Charakter. + +Scharf wehte der Wind über die vom Regen bestrichene und gegen den +Strom aufgewühlte Wasserfläche daher. Klara fühlte ihn im Gesicht, als +strichen ihr kalte, nasse Hände über die Haut. + +Vom Punkt aus, wo die Fahrstraße auf die Anlegebrücke stieß, mußte man +noch ein Streckchen am Fuß des Abhangs, dicht am Wasser, uferaufwärts +gehen, um an die kleine Fährstelle zu kommen. An ihr ragte ein geteerter +Pfahl mit einer Glocke und einer weißen Inschrifttafel. Und hier mußte +nun Klara auf den Hauptmann von Likowski und seinen Kameraden treffen. + +Sie warteten; gerade kam der Fährmann heran und hielt mit starken +Fäusten sich und damit den Kahn an der Eisenkette fest, die auf dem +Brückchen aus einem Ringe heraus lief. Er stand ein wenig gebückt, sein +Südwester war blank vom Regen, sein Rock von Wachsleinwand glänzte naß. + +Der Hauptmann stieg zuerst ein -- es bedurfte dazu nur des einen +Schrittes hinab auf den flachen Boden des Kahnes. Er wollte Klara +aufmerksam die Hand reichen. Aber sie, mit Büchern und Schirm beladen, +tat schon selbständig diesen einen tüchtigen Schritt hinab. Ihr folgte +der andere Offizier. + +»Guten Morgen, Fräulein Hildebrandt.« + +Klara nickte -- sie schloß gerade ihren Schirm. + +»Mit dem aufgespannten Schirm -- im Winde -- das ist mehr Hindernis als +Schutz,« sagte sie. + +»Immer tapfer in jedem Wetter in den Morgen hinaus!« sprach er +wohlwollend. + +»Man muß! Ich weiß auch längst, daß das sehr gesund ist. Sie können sich +für Ihren Dienst ja auch nicht nur Schönwetter aussuchen,« meinte sie. + +»Bitte --« sagte jetzt der Kamerad. + +Und Herr von Likowski stellte vor: »Freiherr von Marning -- Fräulein +Hildebrandt ...«, und er setzte auch gleich erläuternd hinzu: »Das +gnädige Fräulein ist die Pflegetochter meiner fürsorglichen +Hauseigentümerin.« + +Gerade schrie der schwedische Dampfer seinen Kameraden, die unter den +Entladebrücken drüben ankerten, seinen klagenden Sirenengruß zu. Und der +Fährmann wartete im Kahn. Es war geraten, den Dampfer erst vorbei zu +lassen, denn die Fährstelle lag ja noch im schmalen Flußlauf. + +Klara sah den Offizier mit unbefangener Freundlichkeit an. Und sie war +sogleich eingenommen von diesem bartlosen Gesicht. Beinah erstaunt, als +sei es ihr kein neues, fremdes! Den Farben nach war es das eines +dunkelhaarigen. Die Züge hatten festen männlichen Schnitt. Die braunen +Augen fielen besonders auf. Eine seltsam eindringliche Leuchtkraft war +in ihnen; aber es waren doch keine Schwärmeraugen. Vielmehr hatte man +sogleich das Gefühl, aus ihnen blicke ein sicherer Wille. Diese ganze +Erscheinung gefiel ihr -- sie wirkte auch förmlich kriegerisch, in dem +feldmarschmäßigen, betropften Anzug, an dessen hohen Stiefeln schon die +Spuren schlammiger Wege klebten. + +So stand er vor ihr. -- + +Und das ganze, weite, vom Wetter umdüsterte Bild um ihn her war wie ein +Rahmen -- voll Bedeutung. + +Der Nachen schaukelte mehr und mehr. Obgleich der Fährmann, gebückt, mit +angespannten Muskeln, gewaltsam die eiserne Kette umklammert hielt. +Strom und Wind zerrten am Fahrzeug. Und nun zog in vorsichtiger Ruhe der +Dampfer vorbei, in der hier gebotenen, verminderten Geschwindigkeit. + +Drüben rauchte und rumorte das Hochofenwerk; da und dort glühte feuriger +Schein zwischen seinen Bauten. + +Der ungeheure Himmelsraum war grau, und dunkle Wolken jagten in der +Höhe. + +»Gnädiges Fräulein haben keine Furcht, bei solchem Wetter sich +übersetzen zu lassen?« fragte der Freiherr von Marning. + +»Ich fahre oft bei viel größerem Unwetter. Drüben habe ich ein Amt. Ich +bin Lehrerin. Unterrichte an der Schule von Severinshof. Wenn ich da +wohnen wollte, müßte ich die alte Dame verlassen, bei der ich seit +meinem zehnten Jahr lebe. Das täte ihr zu weh,« sagte Klara einfach. + +Nun stieß der Kahn ab, und Likowski und Marning hielten sich lachend +aneinander fest -- denn beinahe hätten sie im ersten Anstoß das +Gleichgewicht verloren. + +Klara saß schon auf der umlaufenden Bank, und die Herren folgten ihrem +Beispiel. + +Schwer ging die Fahrt, und die vom Dampfer aufgewühlten Wasser wellten +hoch. + +Marning sah die schlanke Gestalt an, die sich da so sicher und +ungezwungen ihm gegenüber hielt, als wiege man nicht im peitschenden +Regen über einen Fluß, sondern säße irgendwo voll Behagen. + +»Das ist viel gefordert von einer jungen Dame,« sprach er. + +Likowski hatte ein unklares Gefühl, als müsse er das junge Mädchen in +Marnings Augen gewissermaßen gesellschaftlich noch heben. Er erzählte: +»Fräulein Hildebrandt ist nicht nur die Pflegetochter der Doktorin +Lamprecht, sondern auch die des Geheimrats.« + +Und Marning merkte auch unwillkürlich auf. Was mit dem Geheimrat +zusammenhing, seine Gunst besaß, war allen Menschen der Gegend gleich +interessanter. + +Für Klaras Feingefühl hatte diese Erklärung aber irgend etwas +Kleinliches, ihr nicht Zusagendes, und auch eigentlich zu Likowski nicht +Passendes. Ganz abwehrend klang ihr Ton, als sie sofort eilig +hinzufügte: »Ich schulde Herrn Geheimrat viel Dank, er ist sehr gütig. +Pflegetochter -- das ist zu viel gesagt.« + +Und sie sprach gleich weiter und sah den Freiherrn gerade an. »Der +Geheimrat kennt Sie. Er hat mir von Ihnen erzählt. Sie waren einigemal +bei Verwandten von Ihnen zusammen zur Jagd eingeladen ...« + +»Wie ist das viel, daß ein solcher Mann sich an den bescheidenen +Leutnant erinnert. Ich kann Ihnen beipflichten: er ist sehr gütig -- er +war es zu mir und würdigte mich manchen Gespräches, das mir so lehrreich +war. Nun ist das Jagen wohl für immer vorbei?« + +»Oh,« sagte Klara gläubig, und ihre Augen bekamen feuchten Glanz, »ich +hoffe, daß er noch einmal ganz der frühere wird -- die linke Hand kann +er schon wieder bewegen. Und das Bewußtsein war ja damals sofort wieder +klar -- das ist das große Glück ...« + +»Pu--r--r--r,« machte Likowski mit den Lippen, um Nässe- und +Kälteschauer auszudrücken. »Angelangt -- na, nu hopp!« + +Und mit einem Schritt stand er auf der Brücke unterhalb der +Sandsteintreppe. Er nahm die Stufen hinauf mit einer strammen +Gleichmäßigkeit des Schrittes. Hinter ihm folgten Klara und der +Oberleutnant. + +»Darf ich Sie bitten -- Fräulein Hildebrandt? -- nicht wahr? -- Herrn +Geheimrat Lohmann meine verehrungsvollsten Grüße und Wünsche +auszurichten.« + +»Gern. Er hat einmal ausdrücklich gesagt, wie es ihm leid sei, Sie noch +nicht gesehen zu haben. Aber Gäste kann er noch nicht empfangen -- darf +noch nicht.« + +Dann geleiteten die Herren, da sie vorerst den gleichen Weg hatten, +Klara noch auf der Landstraße an den Anlagen vorbei. Sie sah zum Erker +hinauf, der in der Mitte des ersten Stockwerks aus der Front des +Herrenhauses hervorsprang. Und sie sah: da beugte sich das grauhaarige +Haupt aus den Lehnen des mächtigen Stuhles heraus -- so, als sei es +vorwärts über ein Buch oder eine Schrift geneigt. Daß er nicht aufpaßte, +um sie zu begrüßen, war ein selten vorkommendes, auffallendes Ereignis. + +Da mußte er schon mit etwas sehr Wichtigem beschäftigt sein. + +Likowski erzählte: seine Kerle unter der väterlichen Führung von »Baby« +Hornmarck seien schon über die Hochbrücke marschiert, um sich im +Grabenausheben und Schanzenaufwerfen zu üben. Er habe den Bauern Vietig +bewogen, seine Brachkoppel dazu herzugeben. + +Nun schritten sie an dem mit Eisenspitzen bewehrten Palisadenzaun des +Werkes hin -- nun kamen sie an den stattlichen Verwaltungsgebäuden +vorbei, die mit ihren Fassaden den Zaun unterbrachen. Und da war das +mächtige Tor, über dem auf breitem grauen Blechschild in schwarzen +Lettern zu lesen stand: Eisenhütte Severin Lohmann. + +Gerade stand der Portier vor seinem Häuschen, das sich drinnen an den +Torpfosten drängte, und sah einen ausfahrenden Wagen untersuchend durch. +Die schweren vlämischen Pferde standen halb schon zum Torbogen hinaus, +und ihre Nüstern dampften. + +Diesem Tore gegenüber mündete ein Landweg, von Knicken eingefaßt, in die +Straße, die an Severinshof vorbei und weiter hinaus ging. + +Und hier mußten die Herren sich verabschieden. Likowski konnte es nicht, +ohne noch eine von seinen bitter-humoristischen Betrachtungen +anzustellen. + +»Wissen Sie, Fräulein Hildebrandt -- im Grunde -- nee wirklich -- tun +wir ja ziemlich was Ähnliches. Nämlich: vorbereiten! Sie schuften, um +aus den rotznasigen Bengels unterrichtete, manierliche Jünglinge zu +machen. Wir schuften, damit diese Jünglinge fixe Kerls werden, die nich +mit der Wimper zucken, wenn's endlich ans Dreinschlagen geht. Na, und +danken tut uns das keiner -- Ihnen nich -- uns nich -- is auch egal! In +der stillen Schufterei is doch was drinn -- das erhebt. -- Na, also: +empfehl' mich gehorsamst ...« + +Er verbeugte sich und legte die Finger an den Mützenrand. Und so tat +auch Marning. + +»Ja,« sagte Klara, »wenn man es so nehmen will --« + +Sie neigte, ein wenig lächelnd, ihr Gesicht -- das war ein +abschiednehmender Gruß voll Anmut und doch voll Zurückhaltung. + +Die beiden Herren stapften in den lehmigen Knickweg hinein. Das dicht +verschrankte Gezweig und Gerank der Knicke, das Laub der Hainbuchen und +der Schlehdorne, die kletternden Jelängerjelieberstengel, die grünen +Zweige der wilden Rosen bildeten nasse Mauern. Und in den Spuren der +Räder floß gelbes Wasser. + +»Was für eine Stellung nimmt dies Fräulein Hildebrandt ein?« fragte +Marning. + +»Klara Hildebrandt? Stellung? Gar keine. Oder 'ne schiefe -- man weiß +nie recht. Wohin gehörtse nu eigentlich? Und haben tutse nischt. -- Kann +einen dauern. 'n Mächen #I a!# Viele sagen: natürliche Tochter vom alten +Lohmann. Aber meine olle Lamprecht sagt: Quatsch! Das Wurm sei an die +zwei Jahr alt gewesen, als die Eltern es mit herbrachten und der +Geheimrat ihre Mutter überhaupt erst kennen lernte.« + +»Wenn sie die Tochter vom Geheimrat wäre, würde er sie legitimieren und +sie nicht so hart für ihr Brot arbeiten lassen,« meinte der Freiherr. + +»Das erstere allemal -- der ist nicht der Mann, was zu verstecken. Das +zweite sagen Sie nich -- vielleicht erst recht. Na -- aber Fräulein +Hildebrandt würd' mich schön 'runterputzen, wenn sie wüßte, ich +bedauerte sie. Wissen Sie, Marning -- wenn ich mir das Heiraten nich +abgeschworen hätte: _die_ könnt' einen wankend machen. Mein Vermögen +langt ja. Und n' Dispens kriegte man woll durch den Geheimrat -- der hat +Beziehungen -- Verbindungen bis ganz oben ruff ... Nee --« + +»So ehefeindlich?« fragte der Kamerad lächelnd. + +»Nich aus Weiberfeindschaft! Ih wo! Aber sehen Sie: _mal_ muß es ja doch +endlich losgehen -- wir lassen uns ja rein auf der Nase 'rum spielen, +das _kann_ ja nich dauern. Na, und denn will ich kein weinendes Weib und +keine schreienden Kinder zurücklassen, und mein Herz soll keinen +Zwiespalt haben.« + +»Es gibt auch tapfere Frauen. Wir haben eben eine gesehen.« + +»Ach Gott -- das is ja nu ganz was anderes, untern bißchen mühseligen +Umständen dem Broterwerb nachgehen als 'n geliebten Mann in 'n Krieg +ziehen lassen. In der Liebe verändern sich die Weiber völlig.« + +Marning dachte an das schöne, etwas strenge Gesicht unter den braunen +Haaren, auf denen die pastellblaue Wollmütze saß. Er war sich nicht +klar, woher der Ausdruck von Strenge kam. Plötzlich begriff er: diese +seltsam geraden Brauen -- die gaben diesen Zug. + +Likowski sagte jetzt: »Hören Sie mal -- Sie müssen aber Besuche machen. +Wenn Sie sehr gesellig veranlagt sind, können Sie 'rauf nach Lübeck +fahren. Da is viel los -- gastfreie Menschen die ollen Hanseaten. -- Ich +komm' nich oft hin -- unterhalt' bloß kameradschaftliche Fühlung mit +dem Regiment da -- fahr' kaum mal ins Theater. Das nimmt Zeit. Tags kann +man nich zum Studieren kommen. Sie wissen ja: ich beschäftige mich +immerlos mit Strategie, auch der älteren, hab' mir grade Willisen und +Jomini angeschafft -- man lernt ja immer noch zu. Das kommt einem doch +zustatten, wenn's los geht. Und das tut es doch mal -- muß es mal! ...« + +»Nein,« sagte Marning. »Ich bin nicht übermäßig gesellig. Nur grade, was +sein muß --« + +»Na -- freilich. Ganz abschließen kann man sich nich. Verkehr ist +Pflicht. Man lernt auch hie und da. Bloß nich Kommiß werden! Mit +Scheuklappen. Nee. Also denn hier 'rum. Allzuviel is es nich. Um +Überblick zu geben: da is der Großindustrielle Stuhr -- der mit der +Sensenfabrik -- entzückende Krabbe von Tochter -- nächstes Jahr geht sie +aus. Denn die paar Honoratioren -- drüben der Generaldirektor Thürauf -- +wohnt dicht bei der Kolonie Severinshof -- kluger Mann, feine, hübsche +Frau -- drei prosaische Töchter -- semmelblond -- gute Diners und +gemütlich. Ein paar Güter. Vor allem Schloß Lammen! Gott, über die +verwitwete Baronin Hegemeister reden sich die Leute ja auch die Zunge +wund und fuselig: soll 'n dolles Mädchen gewesen sein -- die Eltern, +reiche Parvenüs, hatten alle Ursache, sich's zwei Millionen kosten zu +lassen, damit sie unter Dach und Fach kam. Der alte, verschuldete +Hegemeister hatte keine Vorurteile, soll sich nich daran gestoßen haben, +daß das Mächen schon 'n Hufeisen verloren hatte. -- Wer weiß, ob's wahr +is. Kein Mensch kann's jetzt anders sagen: einwandsfrei hält sie sich, +die schöne Agathe. Sieht nur beste Gesellschaft bei sich. Auch der +Geheimrat verkehrte bei ihr, mit Frau -- und die Geheimrätin sei 'ne +scharfe Dame gewesen, sagen alle -- als ich herkam war sie schon dot. +-- Na, vielleicht möcht' die schöne Agathe wieder heiraten, was ja an +sich kein sündhafter Wunsch ist. Und auch kein unerfüllbarer. +Vorausgesetzt, daß sie ihn nich auf meine Wenigkeit fixiert.« + +Jetzt öffnete sich rechts im Erdwall, der die überregnete, dicht +ineinanderverflochtene Mauer der frischgrünen Gebüsche trug, eine breite +Einfahrt. Ihr primitives, niedriges Tor aus Latten war nach der Koppel +zu zurückgeschlagen. + +»Da wären wir. Und nu wollen wir mal sehen, wie unser 'Baby' die Leute +angestellt hat -- fixer kleiner Kerl, der Hornmarck -- hat 'n Schneid -- +na, ein Trost -- man erlebt immer noch famosen Nachwuchs. -- Wir werden +uns mal den Helden von Siebenzig ebenbürtig zeigen. -- Haben Sie +gelesen, Marning -- die letzten Depeschen -- höllisch brenzlich! Passen +Sie auf -- in diesem Sommer erleben wir's ...« + +Unterdessen begann Klara ihren Unterricht. Im freundlichen Schulhaus und +seinen großen Zimmern, die durch beste Einrichtungen gelüftet und durch +sehr große Fenster erhellt waren, konnte man fast das Wetter vergessen, +obgleich der Regen eiligst an den Scheiben draußen niederrann, als sei +es sein Geschäft, sie gründlich abzuspülen. + +Die Kinderschar, Knaben und Mädchen, saßen in Reihen, und lauter +aufmerksame Gesichter waren der jungen Lehrerin zugewandt, die neben +einem großen farbigen Bild an der Wand stand. Das war eine +topographische Karte, und Klara lehrte die Kinder die nächste Umgebung +kennen und wußte durch allerlei historische Rückblicke, knapp und +einfach vorgetragen, diese eingezeichneten Wälder, Felder und Dörfer zu +beleben. Jedes einzelne Gewese war auf der Karte eingetragen. Und Klaras +Augen sahen, wie infolge einer inneren Nötigung, immer wieder auf die +Koppel des Bauern Vietig. Da übte jetzt die Kompanie des Hauptmanns von +Likowski Grabenausheben und Schanzenaufwerfen -- und der Oberleutnant +Freiherr von Marning war auch dabei. -- + +Plötzlich fiel es Klara ein: Stephan heißt er! Der Geheimrat nannte +einmal den Namen. + +Und ganz unwillig über diese Störung ihrer Gedanken wehrte sie das von +sich: dieser Mann geht mich ja gar nichts an. -- + +Er sah sehr schön aus -- männlich und vornehm, und Augen von seltener +Ausdruckskraft hatte er auch. -- + +Aber wirklich -- er ging sie nichts an. -- Wie töricht, daß sie diese +Augen so deutlich vor sich sah. -- Und sie sammelte sich fest und klar +auf ihren Vortrag und all die Fragen der aufmerksamen Kinder und +überwand dieses unbegreifliche Zurückdenken an eine im Grunde so +gleichgültige Begegnung. -- + +Die Stunde lief ab, und andere folgten ihr -- noch drei -- sie schwanden +schnell dahin. Und als Klara, hinter dem Rücken der letzten sich +hinausdrängenden Kinder, nach ihrem Mantel griff, der am Zeugreck im +Flur, neben der Tür nach dem Spielplatz hing, kam Leupold und hatte +einen Brief und sagte, auf Antwort solle er nicht warten. Sie warf den +Mantel über den Arm und öffnete sofort den Brief. + +Des Geheimrats eigene Handschrift! Konnte es etwas Wichtigeres geben! +Vielleicht bat er sie, im Herrenhause zu essen -- es war heute +Mittwoch -- -- + +Und sie las ... + +Sie mußte sich an den Pfosten des breiten Zeugrecks lehnen -- betäubt -- +fassungslos -- -- + +Nun kamen ihre männlichen Kollegen -- Herr Magers wollte, ehe er zu +seiner Frau hinauf in das obere Stockwerk ging, ihr noch sagen, daß der +kleine Rohrdantz wieder gelogen habe und daß sie doch einmal zu der +Mutter des Jungen gehen möge -- aus Frauenmund Warnungen zu hören, käme +die Mutter sicher leichter an. -- Und Herr Kehl strich sich durch seine +blonden Haare und wartete, bis der Vorgesetzte treppan gestiegen war, +und sah Klara über den Rand seiner Stahlbrille weg unsicher und zärtlich +an. Sogar die Kinder der oberen Klasse hatten es schon heraus: »Herr +Kehl ist in Fräulein Hildebrandt verschossen.« Nun bat er, verlegen über +diese seine Nebentätigkeit, von der er doch einen wunderbaren Umschwung +seiner Existenz erwartete, ob er ihr das Manuskript einer schon dreimal +von ihm umgearbeiteten Novelle geben dürfe, ihr Urteil sei ihm ihm -- + +»Morgen,« sagte Klara, »morgen --« + +Und sie zerrte sich ihren Mantel um, drückte sich die Mütze auf den Kopf +und lief hinaus. + +»Fräulein Hildebrandt -- Ihr Schirm!« + +Sie hörte nicht -- sie fühlte ihren Körper nicht -- nicht Regen -- nicht +Sturm -- Sie lief -- und lief -- + +Sie dachte nicht, daß Vater oder Sohn sie von den Fenstern des +Herrenhauses vielleicht sehen könnten. + +Fort, nur fort -- in die Einsamkeit. Nachdenken über das Ungeheure, das +an sie herantrat. + +Wynfried wollte kommen und um sie anhalten. + +Die Frau eines Mannes sollte sie werden, den sie nicht liebte. + +Was Reichtum -- was Rang! »Ich liebe ihn nicht!« schrie alles in ihr. + +Treppab, auf den Fluß zu ging es, wie auf der Flucht. Unten war kein +Fährmann -- drüben saß er, unterm Schirm hockend und das dampfende Essen +aus dem Henkeltopf löffelnd, den seine verwachsene Tochter ihm gebracht. +Ganz gnomenhaft sah das aus -- wie ein Bild aus einem Märchenbuch. + +Und der Wind brauste -- + +Klara kam ja zehn Minuten früher als sonst -- sie läutete heftig, als +sei Gefahr, an der Glocke. Blechern und doch schrill klang das +dringliche Gebimmel hinüber ans andere Ufer, sich vom Chor des +gleichmäßig rumorenden Lärms, der vom Hochofenwerk her scholl, als +ängstliche Solostimme abhebend. + +Es hieß warten. Und wie sie dastand, heftig atmend vom Lauf, von der +unerhörten Erregung, ebbte ihr Blut langsam zurück. + +Sie wurde bleich, sehr bleich. + +Sie begriff, daß sie sich fassen, daß sie nachdenken mußte. + +»Er liebt mich nicht!« Das wußte sie durch ihr Frauengefühl. + +Sie hatte noch nicht geliebt. Frei und leicht schlug ihr Herz, von +keinerlei Erfahrung und Enttäuschung beschwert. Und dennoch wußte sie! +Aus jenem Gefühl heraus, das keines Wissens bedarf, um die tiefste +Weisheit zu erkennen. + +»Er liebt mich nicht!« + +Weshalb wollte er sie denn zu seiner Frau machen? + +»Sein Vater hat es gewünscht!« + +Dies stand ihr über jedem Zweifel. + +Und damit kamen ihre Gedanken in eine andere Richtung. + +Ihr war, als frage eine zürnende Stimme sie: »Von opferfreudiger +Begeisterung standest du wie in Flammen -- dein Leben wolltest du +hingeben, um ihm zu danken. -- Und nun dein Leben wirklich gefordert +wird, erschrickst du?« + +Klara starrte wie hypnotisiert auf den Fährkahn, der vom jenseitigen +Ufer her herangewiegt kam, von starkem Ruderschlag getrieben. + +Die Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: »Dankbarkeit darf Sie nicht +bestimmen!« + +Gewiß nicht -- nicht für das, was er allein an ihr getan. Denn sie +fühlte, daß dies eine heilige Wahrheit sei: daß es noch ein leises Glück +bedeutete, für die Tochter der Geliebten sorgen zu können. Und sie +begriff ahnungsvoll die Tiefe jener anderen Stelle: »Wo das Wort Liebe +ausgesprochen wird, löscht es alle anderen Worte aus.« + +»Was er an mir getan hat, war ihm Freude -- das verstehe ich wohl -- es +muß ihm immer gewesen sein, als sähe meine Mutter ihn zärtlich an dabei +-- -- Aber das andere! ...« + +Der Treubruch, die Unlauterkeit ihres Vaters -- die großen Summen, die +er dem Werk entzogen -- dieser schmachvolle Tod. -- Und der grandiose +Edelmut, der verzieh und alles verbergen half -- damit über ihrer Mutter +Leben nicht noch der Schimpf komme. -- + +»Er darf nie wissen, daß ich weiß ...« + +Klara hatte versprochen, zu schweigen. Aber sie dachte: auch ohne das! +Mein Wissen muß ich ihm verbergen -- immer -- wie er mir seine Großtaten +verbarg. Es gibt eben Dinge, die so außerhalb des Lebens stehen, so +hoch, daß es unkeusch ist, ihnen mit Worten zu danken. + +»Nein,« sprach da wieder eine Stimme in ihr, »man dankt nicht mit Worten +-- aber mit der Tat! --« + +»Fräulein,« sagte der Fährmann, als sie dann einsteigen konnte, »Sie +haben Ihre Mütze verloren.« + +»So?« antwortete sie mechanisch. + +Stumm und als sei ihr ganzer Körper schwer von Blei und alles in ihr +gekettet und unbeweglich, saß sie und wollte denken. + +Ein qualvoller Druck legte sich über ihr Gemüt. Eine dumpfe Empfindung: +das Schicksal hatte so viele gütige Gaben für sie gehabt -- das +Schicksal schenkt nicht, ohne eines Tages die Gegengabe zu fordern. -- + +Sie sagte sich: »Ich muß!« + +Mit mühsamen Schritten stieg sie hinauf, schleppte sich durch die +regennassen Straßen und kam nach Haus. + +Da war die Doktorin Lamprecht, mit vielen eiligen, unerschöpflichen +Gesprächen und voll Ausrufen: wie sah Klara aus! Und ohne Schirm! Ohne +Mütze! Und leichenblaß! Klara hatte Ausreden. -- + +Bei Tisch kehrten ihre Farben wieder. »Na gottlob!« sagte die alte Frau, +von rasch emporgekommenen Sorgen ebenso flink befreit, und nötigte Klara +noch mehr warme Suppe auf. + +Sie verstand sich plötzlich selbst nicht -- diese wahnwitzige Aufregung +... wie konnte sie das so umwerfen ... + +Ihr wurde wohler; das Gefühl der Ohnmacht schwand. Sie konnte klar +nachdenken und sich sogar beherrscht die Maske der Alltagsstimmung +vornehmen, bis sie allein in ihrem Zimmer war. + +Ihr Kleid war feucht. Sie wechselte es. Ihr Haar war zerzaust. Sie +ordnete es. + +Und sie dachte nun endlich auch an den Mann -- stellte ihn förmlich vor +sich hin. + +Weshalb wollte er sie heiraten? Sein Vater war doch kein Tyrann, trotz +seines Herrscherwesens. Wenn Wynfried seinem Wunsch ein kräftiges »Nein« +entgegengesetzt hätte, würde dieser Wunsch verstummt sein. + +Klara hatte eine dunkle Erkenntnis davon, daß Wynfried zu matt zu einem +starken Nein sein mochte. + +Vielleicht dachte er, wie sein Vater: daß eine Heirat nun für ihn Trost, +Neuland, Lebenszweck bedeute. + +Der alte Herr hatte in den letzten beiden Wochen wiederholt dergleichen +ausgesprochen. Erst jetzt fiel es Klara auf, daß er sie immer voll +Bedeutung dabei angesehen. Sie war so arglos gewesen. -- Wie hatte sie +eine so schwindelerregende Schicksalswendung für sich erahnen können! + +Sie fragte sich, immer ruhiger werdend: »Ist er mir unangenehm?« + +Nein! Gewiß nicht. Nichts an seiner Erscheinung konnte ästhetisch +abstoßen. Sein Vater hatte manchmal grimmig gesagt: die Weiber sind zu +toll hinter ihm hergewesen. Vielleicht war er sehr geliebt und umworben +gewesen. -- + +Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem er jahrelang in rasender +Leidenschaft angehangen, hatte ihn verraten. + +Mehr wußte Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten Augenblick an +mitleidig -- machte ihn ihr ein wenig interessant, wie es für jede Frau +der Mann ist, von dem sie weiß: er hat geliebt und gelitten. + +Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und allmählich wieder +Freudigkeit bringen. -- Sie konnte das Ihre tun, in ihm die Liebe zum +Werk, das Verständnis für seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken -- Sie +sah wohl: noch war das alles tot in ihm. -- + +Welche Aufgabe! + +Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie sollte ihm den Sohn zu +_seinem_ Sohn machen helfen. -- + +Am Fenster saß sie, draußen rann der Regen auf den Hof und schüttete +Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum mit dem schmalbrüstigen Wipfel. +Ihre Hände hatte sie ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum +Bilde ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben, denn ein großer +Künstler hatte es damals gemalt, als Geld im Hause Hildebrandt keine +Rolle spielte. Die ganze Persönlichkeit der Toten sprach aus diesem +Bilde. Hell stand die Gestalt vor einem tiefgrünen Hintergrunde. Die +edlen Züge zeigten den Ausdruck eines wehmütig lächelnden Ernstes. + +Und Klara -- sich an diese Züge mit förmlicher Inbrunst des Blickes +hängend, fühlte wieder: »Ich muß!« + +War es denn wirklich ein solches Opfer? + +Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalität anderer +Mädchen ausgedacht, wie »Er« aussehen müsse. + +Und sich in Phantastereien nie verschworen, daß sie unter keinen +Umständen einen anderen nähme als den, der einem Idealbilde gleiche. -- +Ihre Lage brachte es nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war +ganz arm. Sie lernte kaum Männer kennen, die ihr überhaupt auch nur +flüchtig die Idee erwecken konnten: der paßte für mich. Weder ein +Hauptmann von Likowski einerseits, noch ein Herr Kehl anderseits regten +dergleichen bei ihr an -- was bei allen obwaltenden Umständen ja auch +auf der Hand lag ... + +Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, der sie auf einen +solchen Platz stellte -- -- + +Was würde sie für einen Wirkungskreis bekommen! + +Das große Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art eingewöhnten +wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof -- denn da gab es noch +viel zu tun -- gerade für eine Frau. In viele Familien ließ sich noch +mehr Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen möglich machten. Und +diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, war auch eine schöne +Aufgabe. In der sozialen Fürsorge kann eine Frau mit begabterem Blick +das Nötige und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, als +es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da könnte man schaffen, sich +rühren, nützlich sein. -- Und als Herrin! Mit großen Mitteln, und durch +Einfluß auf den alten Herrn. + +War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, diese +Aufgaben zu übernehmen? Sie wußte aus Erzählungen, daß Wynfrieds Mutter +gar keine Teilnahme gehabt und gar nicht anerkannte, daß sie Pflichten +habe. + +Aber sie -- oh, sie würde mit heißem Willen nach Pflichten suchen. + +Ihr Herz klopfte rascher -- eine stolze Vorfreude wallte in ihr auf. + +Und dann vor allem: den großartigen alten Mann pflegen -- + +Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem Andenken ihrer +heiligen Mutter leben -- viel von dem erfüllen, was deren Liebe nie +gedurft ... + +War das nicht herrlicher Inhalt für ein Leben? + +Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe. Erst die Heirat ist der +rechte Prüfstein für sie. + +Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er erst mein Mann +ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr -- verschwamm in Träumereien. +Es war, als mache ihr Seelenleben eine Pause -- hülle sich in +Dunkel -- -- + +Sie fuhr zusammen -- erwachte. Und wußte mit wunderbarer Klarheit: »Ich +werde ihn niemals lieben ...« + +Freundlich, herzlich, mit allen Vorsätzen, ihn zu verstehen -- ja, so +konnte sie ihn wohl lieb haben. + +Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod. + +Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das für eine segensvolle, +friedliche Ehe nottat. + +Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen zu nützlicher +Gemeinsamkeit auch ein Glück erwachsen? + +Klara wußte, was das war: heiraten. + +Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte in einer Ehe, die +sie mit Bewußtsein schloß, nichts verweigern ... + +Und weiter wußte sie: gerade in dieser Ehe mußte unter allen +Gelöbnissen das zur Treue am höchsten stehen! + +Wie oft stürzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes +Liebesfeuer und können sich nachher voreinander entschuldigen: wir +ahnten nicht, daß es so rasch verglühen würde. + +Hier war kein Wahn, keine Flamme. + +Hier warteten nur sittliche Pflichten. + +Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von Entschlossenheit. + +Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr. + +Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte, hatte sie in +heißer Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen. Sie war bereit -- -- + +Die alte Vossen riß die Tür auf, und ihre breite Gestalt mit der blauen +Aufwaschschürze vor der Leibesfülle blieb in der breiten Spalte. Ihr +kupfriges Gesicht hatte einen hilflosen und wichtigen Ausdruck. + +»Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is er gekommen ...« sagte +sie verdutzt. + +»Bitte,« sagte Klara. + +Wynfried kam auf sie zu und küßte ihr die Hand. + +Er wurde rot -- es schien, als übernehme ihn plötzlich eine Verlegenheit +ohnegleichen. Mit einer laschen Gefügigkeit war er hergekommen. Alle +Gespräche und die Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt überstürzte ihn +die Wirklichkeit. + +»Mein Vater hat Ihnen geschrieben?« begann er. + +Klara fühlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich. Unbewußt etwas +Mütterliches. + +»Ja. Ich war sehr, sehr überrascht. Aber es war richtig und herzlich von +Ihrem Vater, daß er mich vorbereitete.« + +Sie schob an dem Tisch -- als wolle sie das Sofa freimachen. -- Tat, +als sei dies ein alltäglicher Besuch -- war fast unbefangen -- + +»Und auf welche Antwort darf ich gefaßt sein?« fragte er. + +Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren so klar -- so voll +Güte. + +»Sie haben mir nichts zu sagen?« fragte sie leise. + +Er setzte sich aus Nervosität -- unwillkürlich -- legte den Hut auf den +Tisch -- strich sich mit den Fingerspitzen über die Stirn -- wie sein +Vater pflegte, wenn der sich fassen wollte ... Klara dachte es. Und +diese kleine Bewegung war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer ruhte +ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Zügen. Er begegnete diesem Blick. + +Er begriff: ja -- er mußte viel sagen -- das hatte sie zu verlangen. +Bitten. Zärtlichkeiten, schöne Worte. -- Er konnte nicht. Alles in ihm +wehrte sich. + +»Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserklärung -- es ist das, was der +Augenblick mit sich bringen sollte. -- Ich -- -- liebes Fräulein -- +Klara -- ich habe ... Schweres liegt hinter mir -- was soll ich sagen -- +wie Ihnen begründen ... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden -- ja, das +tue ich aus vollster Sympathie, ich habe ...« + +Er brach ab. Bitterkeit kam plötzlich in ihm hoch -- vielleicht Zorn +gegen seinen Vater, der es verstanden hatte, ihn herzuzwingen -- in +langsamer Überredung, in leidenschaftlichen Wünschen. + +»Nein!« sprach Klara ihn unterbrechend. »Ich weiß ein wenig von Ihnen -- +Ihr Vater sagte es mir: Sie haben eine harte Erfahrung gemacht -- -- +Nein. Ich erwarte keine Liebeserklärung. Sie haben gelitten und leiden +vielleicht noch.« + +Er öffnete die Lippen -- wie vor Überraschung. Er tat einen tiefen +Atemzug ... + +»So darf ich wahr sein?« + +»Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als die Wahrheit?« +fragte Klara entgegen. + +Es war so viel Würde in ihrer Art, daß es ihm wohltat -- o wie wohl! + +»Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher Leere ist, weil +mein Vater glaubt, daß ich durch eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein +neues Dasein finden würde.« + +Er dachte: »Nun sagt sie Nein!« + +Er wußte nicht: war das Erleichterung oder tat sich die Leere nur noch +trostloser auf? + +»Und Sie selbst?« fragte Klara weiter. »Haben Sie selbst das Vertrauen, +daß ich Ihnen helfen könne?« + +Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er noch keinen Blick in +keinem Auge gesehen hatte. Das zwang ihn »Ja« zu sagen. + +Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben -- er stand +vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen. + +»Ja.« Und er glaubte an sein Ja. + +»Ich danke Ihnen. Das ist viel. -- Wie alles liegt, muß es mir -- -- +genug sein,« sagte sie langsam. + +»Sie willigen ein -- liebe Klara?« + +Er nahm etwas scheu ihre Rechte. + +»Große Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem Vater nun wirklich +Tochter sein. Sie fühlen wohl: er ist mir der teuerste, der wichtigste +Mensch auf der Welt.« + +Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen? + +Aber ein unbestimmtes Gefühl verschloß ihm den Mund. + +Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus Dankbarkeit so bereit +war? -- Ob sie ihn, wie sein Vater meinte, liebe? -- Nicht fragen ... + +Sie hatte von ihm keine Lüge verlangt -- welche Erleichterung! Dafür war +er ihr dankbar. Was er ihr brachte, wußte sie, ahnte sie. -- Was sie ihm +brachte, wollte er lieber nicht wissen. + +Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! Gestern noch war es +ihm gleichgültig oder gar lästig gewesen, das zu hören. Heute war der +Gedanke, daß sie ihn liebe und er das nicht erwidern könne, +beunruhigend, beschämend -- Nein, nicht fragen -- -- + +Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände. Er dachte: ich muß sie +doch küssen. Er wußte: diese Lippen waren unberührt. Das blitzte so +durch ihn hin; eine flüchtige Aufwallung von etwas Reizvollem überkam +ihn. Er küßte sie. + +Klara nahm den kurzen Kuß mit verständiger Freundlichkeit an. + +»Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, uns zu verstehen,« +sagte sie warm. + +Sie sprachen noch über allerlei äußere Fragen, und Wynfried nannte sie +Du. Alles war plötzlich ganz einfach und so selbstverständlich. -- Es +tat ihm sehr wohl, ganz ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten +auszukommen. + +Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der wartete voll +Ungeduld. + +»Nein,« sagte Klara, »wie werde ich so davonfahren! Zwölf Jahre hat die +alte Frau treu und eifrig versucht, mütterlich für mich zu sein! Sie hat +ein Recht darauf, daß ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage +-- ich möchte noch allein mit ihr sprechen.« + +Das gefiel ihm. Er fühlte: sie hat Herzenstakt. Von ihrer sanften, +ernsten und doch so unbegreiflich sichern Art wirkte etwas auf ihn +herüber, das ihn beruhigte und zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit +zwang. + +Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere, die er seit vielen +Monaten gehabt hatte. + +Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas trieb ihn, ihr +besondere Wärme zu zeigen -- aus Dankbarkeit, weil sie eben _keine_ +besondere Wärme zu beanspruchen schien; deshalb nahm er ihre Hand +zwischen seine beiden Hände. + +Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein linkes Handgelenk +geschmiedet war ... + +Klara sah sie -- zufällig war sie ihr noch nicht aufgefallen -- sie sah +unwillkürlich genau hin. + +Da zog er hastig die Hand zurück -- es war ihm unangenehm, daß ihr sein +Armband so offenbar auffiel. + +»Also in einer Stunde.« + +Klara stand und sah noch auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen +hatte. + +»Es wird -- es soll gut gehen!« sagte sie sich fest. + +Nun also zur alten Frau -- ihrer Überraschung, Rührung, Neugier, aber +auch ihren verzeihlichen kleinen Naivitäten und ahnungslosen Plumpheiten +standhalten ... + +Die Tür von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern war durch einen +großen Schrank verstellt, um der für die Schulpflichten Arbeitenden mehr +Ungestörtheit zu sichern. Klara mußte also über den Flur. + +Da stieß sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der riß die Mütze ab +und sagte dienstbeflissen: »Dies soll ich hier abgeben -- es ist wohl +recht?« + +Ein weißes Paketchen, mit der Aufschrift: »Fräulein Klara Hildebrandt, +hier.« + +Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer. Ein unerklärliches +Gefühl beriet sie -- nötigte sie, in ihre Ungestörtheit zurückzukehren. + +Sie öffnete. + +Ihre pastellblaue, gehäkelte Wollmütze ... + +Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein Strich, der ihn mit der +Schrift auf der Rückseite der Karte verbinden sollte: + +»Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment +Großherzog Paul, erlaubt sich, das Beifolgende, von ihm Gefundene, der +Eigentümerin mit respektvollem Gruß zurückzustellen.« + +Klara nahm die Mütze, die Visitenkarte -- wickelte beides mit raschen, +unsicheren Händen wieder fest, fest in das Papier -- riß die Schublade +ihrer Kommode auf und stopfte eiligst das weiße Bündelchen tief +hinein ... + +Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief sie nach vorn, +fiel der alten Frau um den Hals und sagte: »Oh -- höre ...« + + + + +4 + + +Die Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende August und bevor die +Offiziere ins Manöver und nach ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein +kleines Fest. Es sollte ländlich sein und auf den Genuß der schönen +Natur gestellt. + +Schöne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln genossen. Den ewig langen +Sommer hindurch. Aber die Umstände ergaben es eben, daß man aus der +Langenweile eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit machte. + +Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski und der Oberleutnant von +Marning schon zum Frühstück gekommen, um ihr beizustehen und die +Einteilung der Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen. +Was sie alles sehr wohl allein hätte bestimmen können. Aber sie sei zu +faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski. Und dieser hatte +unterwegs, als sie im Krümperwagen nach Lammen fuhren, gesagt: »Bloß +Vorwand, uns länger und allein zu haben -- das zielt auf Sie, Marning -- +man müßte ja Idiot sein, wenn man's nicht merkte -- da könnense nu Ihr +Glück machen, wennse wolln.« Worauf Marning nur ein schwaches Lächeln +hatte, sozusagen ein Gefälligkeitslächeln, um dem Sprechenden zu zeigen: +ich habe zugehört. + +Jetzt saßen sie zu viert um den Tisch, von dem die orangefarben und +weiß gestreifte Markise den Mittagssonnenschein abhielt. Von der +Terrasse sah man in die »schöne Natur« hinaus, an deren Herrlichkeit die +arme Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine Wandeldekoration +und stand ein für allemal fest. Höchstens, daß die Beleuchtung +verschieden war -- oft sogar zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer +wußte, ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, -- denn das +Gewölk, das da so hartnäckig tief am nordöstlichen Himmel stand? ... + +Das Schlößchen Lammen hatten Hegemeisters sich bald nach ihrer Heirat +erbaut; gerade hier, auf der kleinen Klitsche, die als letzter Überrest +großen Familienbesitzes verblieben war. Es gewährte dem Baron eine Art +Genugtuung, an dieser selben Stelle nun als großer Herr zu leben, wo er +vordem sich vor Gläubigern versteckt gehabt. Und er war zu sehr Realist, +um den weiten Rundblick auf die Gegend, die einst zum großen Teil +Hegemeisterscher Boden gewesen war, wehmütig zu finden. + +Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines Gutshaus +gestanden, auf einem der höchsten Uferpunkte am Wyk, das weiße Schloß. +Von seinen Fenstern sah man hinaus über das Wyk, dessen salzige Fluten +nur durch eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht +geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel zwischen den +Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete sie sich erheblich, um +Sportplätzen und einer kleinen, umgrünten Siedlung Raum zu gewähren. +Über sie hinweg ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen, +erhöhten mecklenburgischen Waldufer, die drüben die Bucht eine Strecke +einsäumten, bis dahin, wo Meer und Himmel ungestört aufeinanderzustoßen +schienen. + +Man konnte vielleicht glauben, der Fluß habe sich schon in den weiten +Wassern des großen Wyk verloren; aber die Spitze der Halbinsel drängte +seinen Lauf noch einmal zusammen, ehe er, an Travemünde vorbei, sich +dann ins Meer ergoß. + +Travemünde lag da wie ein holländisches Bild. Entzückend fein und +lieblich an den Uferrand hingebaut und vom malerischen alten Kirchturm +bevatert. Man sah, fern und klein, die gestutzten Linden, die mit +Biedermeierwürde vor den Häuserfronten steif einherstanden; man sah die +weißen, schmalen Leiber der Segeljachten im Fluß ankern und über den +roten und schwarzen Navigationszeichen die silberhellen Möwen flattern. +Blau war das Wasser, blau der Himmel -- nur dies bedrohliche eine Gewölk +da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag. + +Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften Leinwand, +auf der Terrasse, die solchen Blick in die großartige, farbenprächtige +und linienkühne Ferne freiließ. Und die Nähe gab ein Gefühl von +Üppigkeit und Sommerhöhe. + +Die Terrasse hatte kein Geländer. In kurzen Zwischenräumen standen an +ihrem Rande weiße, viereckige Kübel mit gelb bemalten Faßbändern, darin +dunkle ausländische Kugelgewächse grünten. Vor ihr breitete sich ein +Blumengarten, in dem alles duftete und bunt sich aneinander drängte, was +nur im Hochsommer blühen mag. Doch herrschten die Rosen vor, und +Hochstämme edler Sorten zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein +Rosenfreund war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Züchtung +verschiedener Arten als Gärtnerdilettant zu versuchen, seine +Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien -- die machen immer Mühe +und oft Ärger, sagte sie. + +Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz. Sie klagte oft +darüber, daß sie ihn als Last empfinde. Aber was sollte sie machen. Es +war nun einmal viel von ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu +verkaufen, hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort +zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten noch die Eltern +-- und die Eltern fanden durchaus, daß Agathe Lammen zu behalten habe, +teils um Verlust zu vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten +schien. + +Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erzählte, hatte er den +Eindruck gehabt, daß die schöne Frau ein wenig in Schock vor ihren +Eltern und nicht in sehr inniger Liebe mit ihnen verbunden sei. + +Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr geneigt, die Schuld +an einem etwaigen Mißverhältnisse den Eltern zuzuschreiben. + +»Nicht wahr?« sagte Likowski einmal, »gänzlich blonde, mollige, fügsame +Weiblichkeit -- so eine von den heißen Trägen.« + +Stephan Marning war sehr überrascht gewesen, als er die Baronin Agathe +kennen lernte. Er hatte sich nach den Andeutungen ein temperamentvolles, +rot- oder schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante oder gar +Dämonische vorgestellt. Und er fand eine behagliche Blondine, die nur +ein wenig mit dem zu stillen Lauf ihrer Tage unzufrieden schien, +vielleicht aus dem gesunden Instinkt heraus, daß ihr Gefahr drohe, zu +üppig und schläfrig dabei zu werden. + +Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen. Die Neckereien +Likowskis hielt er für grundlos, nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu +hänseln, entsprungen. Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun einmal +Art der Frau. -- + +Das Frühstück war beendet, der Kaffee und die Zigaretten wurden am +Tische genommen, denn nun fing ja das an, was Agathe die »Arbeit« +nannte. Sie ließ abräumen -- man war von zwei Bedienten umsorgt worden, +die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern glänzten. Vor ihr lagen +nun weiße Kärtchen; ihre wunderhübschen, weichen Hände spielten damit, +und die Brillanten an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr +wohlgewachsene Gestalt der noch jungen Frau war in ein höchst +kunstreiches weißes Kleid gepreßt. Es hatte vorn einen sehr tiefen +Ausschnitt; die feinen, dünnen Tüllfalten, die ihn straff umgaben, +trafen unter einer vorgesteckten Rose zusammen, höchstens eine Hand +breit oberhalb des Gürtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme +bedeckte, war mit keinerlei verhüllendem Gewebe unterlegt. So zeigte +Agathe mit reichlicher Unbefangenheit, daß sie eine prachtvolle weiße +Haut und untadelige Formen habe. Merkwürdigerweise wirkte diese +Enthüllung bei ihr wie etwas Selbstverständliches. Die Farben ihres +Gesichts waren auffallend -- rein der Teint, rosig die Wangen, fast wie +bei einem Wachskopf. Sie war stolz auf diese Schönheit. Die Züge, so +weich sie schienen, so unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften, +wirkten aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die Augen +konnten den erfahrenen Beobachter wohl beschäftigen. Sehr hellblau, groß +und schwimmend waren die Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als +goldig in der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete Fülle. -- + +Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfaß. Agathe schob +es der Dame hin, die ihr gegenüber saß. + +»Liebstes Fräulein,« sagte sie bittend, »Sie schreiben die Namen auf die +Karten?« + +»Aber sehr gern.« + +Fräulein von Gerwald tat alles »sehr gern«. War ja überhaupt froh, wenn +sie einmal in Anspruch genommen wurde. + +Ihre Überflüssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn Jahre war sie von +Stellung zu Stellung gestoßen worden, hatte oft genug keine gehabt. Alle +Damen wollten immer so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen +nicht leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich nicht +aneignen konnte. + +Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie nur, um Klagen, +Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut vor ihr zu bedenken. Und als +Schatten, den sie auf Reisen und bei der Geselligkeit im Hause neben +sich haben mußte. + +Und wie gut man hier aß und trank! Wie sorglos das Geld unterwegs und +daheim ausgegeben wurde! Das tat wohl -- an allem durfte man teilnehmen. +Die Baronin schien es nicht übers Herz bringen zu können, einen Menschen +zu demütigen. Fräulein von Gerwald schwärmte für ihre Herrin, sprach ihr +immer nach dem Munde und war schon in den ersten Tagen entschlossen +gewesen, sich hier zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefällig +verschließen müssen ... Nun war sie schon zwei Jahre hier, aber es hatte +sich niemals die Gelegenheit zum Blind- und Taubtun gezeigt. Was der +sehr befestigten und nie bestürmten Moral des häßlichen alten Mädchens +doch eine wohltuende Beruhigung war. + +Nun saß sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht von beflissener +Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden Namen zu schreiben, der bei +Feststellung der Tischordnung genannt werden würde. + +»Mich muß natürlich Lohmann führen -- er ist zum erstenmal hier,« sagte +die Baronin Agathe. Sie lag bequem in dem Rohrsessel, dessen +naturfarbenes Geflecht mit buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und +sie fragte: »Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? Sie +wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.« + +»Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und an die frühere +Pflegemutter.« + +»Sehr verändert?« fragte Agathe weiter. + +»Ih wo. Keine Spur. Einfach und natürlich, wie sonst.« + +»Aber glückstrahlend?« + +Likowski erwog -- prüfte nach -- machte eine Kopfbewegung. + +»Glückstrahlend? Das ist nu so 'n Wort. Nee. Klara Hildebrandt hat man +nie angemerkt, ob ihr strahlend oder bekümmert zumute war. Immer +beherrscht.« + +»Sie wird schon glücklich sein, wie sollte sie nicht!« sagte Fräulein +von Gerwald. »Eine Volksschullehrerin, die einen Millionär bekommt! Es +ist beinahe phantastisch!« Und sie seufzte. + +»Gott,« sprach Agathe, »sie hat sich verkauft! Es gibt ja viele Ehen, +die 'n Handel sind -- so 'rum oder so 'rum.« Und sie seufzte auch. + +Alle wußten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe. + +»Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen sich,« fügte sie ganz +elegisch hinzu. + +Stephan Marning dachte: »Ja ... verkauft -- sie hat sich verkauft ...« +Und er hatte ein Gefühl von Ablehnung, fast von Erbitterung. + +Likowskis Ritterlichkeit wallte auf. + +»Nein,« behauptete er, »was auch die Leute klatschen -- der Vater soll +ihn gezwungen haben, damit er in Ordnung käme -- hätt's zur Bedingung +gemacht für Bezahlung der Schulden -- soll Klara Hildebrandt eine +Million geschenkt haben, damit sie den Sohn nimmt -- Klara soll ihn +hassen -- der Wynfried soll ein ganz verbrauchter, verseuchter Mensch +sein. -- Ist ja alles Quatsch. Immer wird drauf losgered't, ohne daß +eine Seele genau die Motive kennt. Ich bind' doch auch nich aller Welt +auf die Nase, warum ich dies und das tue und lasse. Als ob der Geheimrat +so 'n Schuft wäre und ein Mächen an einen verseuchten Mann verkuppelte! +Als ob die Klara Hildebrandt 'n Mächen wäre, das sich so schlankweg +kaufen läßt! Nee, so 'n simpler, ekelhafter Handel is das nu nich +gewesen. An den Reichtum hat sie nich gedacht. Vom Geld ist bei der +ganzen Verloberei nich ein Ton gesprochen, sagt die alte Lamprecht. Und +sie sagt, vor der Klara müsse man den Hut abnehmen.« + +»Sie haben da ja neulich gegessen,« fragte Agathe, »was für 'n Eindruck +machte das Paar denn? Und die ganze Sache?« + +Marning war es nicht angenehm, von diesem Mittag zu sprechen. + +»Ich war der Gast des alten Herrn, der zu meinen Verwandten vieljährige, +nahe Beziehungen hat; sie empfahlen mich sehr warm an ihn. Er war +mehrere Monate zu leidend, mich einzuladen. Dann kam die Verlobung und +die rasche Heirat -- das war auch keine Zeit, in der man Gäste bittet. +Kaum aber war das Ehepaar von der Hochzeitsreise zurück, da lud der +Geheimrat mich am ersten Sonntag zu Tisch. Und weil der alte Herr und +das junge Paar zusammen einen Hausstand führen, war das Essen +gemeinschaftlich.« + +Er machte eine ganz kurze Pause und fuhr dann in einem kühleren Ton +fort: »Die überragende Persönlichkeit des Geheimrats nahm so völlig all +mein Interesse in Anspruch, daß ich mit den jungen Herrschaften mich +nicht eingehend genug unterhalten habe, um irgend ein Urteil abgeben zu +können.« + +»Ich hab' immer das Gefühl, daß Sie zu schroff über dieses Paar +denken,« meinte Likowski. + +»Es geht mich so wenig an, daß ich gar nichts darüber denke,« sagte er +kalt. + +»Fabelhaft der alte Herr! Ist es wahr, daß er den Gebrauch der linken +Hand wieder erlangt hat?« + +»Ja. Nur das linke Bein ist noch sehr lahm. Aber sein Geist, seine +Stimmung ist von einer Frische ...« erzählte Marning. + +»Die Freude! Das Glück! Er soll seine Schwiegertochter vergöttern!« + +»Ach, Likowski, Sie haben immer 'n Faible für das Mädchen gehabt,« +neckte Agathe. + +»Meine teuerste Freundin,« sprach er voll Haltung, »so 'n rauher +Kriegsmann ich auch bin: für Frauenwürde und Tugend hab' ich das Gefühl +nich verloren. Und wenn's, wie ich _dringlich_ hoffe, demnächst endlich +losgeht, sag' ich nich nur: mit Gott für König und Vaterland, sondern +auch: und zum Schutz der deutschen Frau.« + +»Oh!« rief Fräulein von Gerwald, »wie herrlich empfunden! ...« + +»Ich bin rasend gespannt auf Wynfried Lohmann,« sagte Agathe laut vor +sich hin träumend. »Vor sechs Jahren hab' ich ihn mal erlebt -- sein +Vater gab das erste große Diner nach dem Trauerjahr für die Frau -- +Wynfried war gerade zum Besuch -- ich hatte ihn neben mir bei Tisch -- +Gott, wir waren beide noch so jung -- die Jüngsten in der ganzen +Gesellschaft -- wir verstanden uns himmlisch. -- Er war schön wie 'n +junger Gott damals -- hoch, schlank, blond -- und so viel Verständnis +für die Frau -- ach, es war ein Abend ...« + +Und in ihrer Stimme klang irgend etwas Schwüles mit -- etwas +Sehnsuchtsvolles. -- In ihre Augen kam ein feuchter Glanz -- sie verlor +sich in träumerische Gedanken. + +»Auf diese Weise kommen wir mit unserer Festordnung nicht weiter,« +erlaubte Marning sich zu sagen. + +Agathe stand auf, reckte sich lässig -- die ganze üppige Gestalt schien +sich in wohligem Behagen zu dehnen ... Freilich trat dabei auch hervor, +daß der Oberkörper eigentlich ein wenig zu groß sei ... + +»Ach was,« sagte sie, »wir überlassen es Fräulein von Gerwald. Sie +machen das -- nicht wahr?« + +»Aber sehr gerne!« + +»Halten Sie nur fest: Herr Lohmann führt mich -- alles andere ist weiter +keine Etikettenfrage, alle Gäste kennen sich und passen zueinander.« + +Die junge Frau Lohmann war im Augenblick ihrem Gedächtnis völlig +entglitten. + +»Ich ziehe mich zurück, meine Herren, um frisch zu sein zu dem +Zauberfest. Tun Sie desgleichen -- Sie wissen ja -- das grüne +Fremdenzimmer ... Um fünf Uhr Tee, allmähliche Anfahrt der Gäste -- +Begeisterung über die schöne Aussicht -- Promenaden -- Gruppenbildungen. +Halb acht Diner. Nachher Mondscheinwasserfahrt. -- 'Nur für Natur' ...« +schloß sie, falsch singend und sich ein wenig im Walzertakt wiegend. + +Likowski suchte das grüne Fremdenzimmer auf, denn er wußte: da stand +auch ein Kistchen mit den schweren Importen, die die schöne Hausfrau in +ihrer Gegenwart nicht geraucht haben mochte. + +Fräulein von Gerwald, im soliden hell- und dunkelgestreiften grauen +Seidenkleid, auf dessen undurchdringlich unterfüttertem Spitzeneinsatz +sie eine Bernsteinbrosche trug, zog sich mit ihrem Material in einen +kleinen Raum neben dem Eßsaal zurück. Durch die offene Tür sah sie +manchmal sinnend zu, wie die Blausilbernen und zwei Mädchen, in hellen, +knisternden Kattunkleidern, mit Tüllmützchen auf dem Kopf, die Tafel +deckten. Und dann wieder paarte sie mit emsiger Feder Männlein und +Weiblein zur Tischgenossenschaft. Der jungen Frau, geborenen +Hildebrandt, gab sie den Freiherrn Stephan von Marning. Das kam ihr sehr +angebracht vor. Vielleicht waren Likowski und Marning ja die einzigen +Herren, die die junge Frau kannte oder genauer kannte. Es mußte für die +arme kleine Person, der Fräulein von Gerwald vorweg rasendes +Lampenfieber und heimliche gesellschaftliche Ungewandtheit zutraute, +doch eine Erleichterung sein, sich auf einen Bekannten stützen zu +können. Und Likowski -- den teilte sie sich selbst zu. -- Welch ein +Mann! Einer von den wenigen wirklich noch edeldenkenden Männern ... Wie +er mit blitzenden Augen von Frauenwürde und Tugend sprach! ... »Tugend« +-- das war für Fräulein von Gerwald: wenn man nie das Mindeste mit einem +Mann zu tun gehabt hat. Sie durfte von sich sagen, daß sie eine +Überfülle von Tugend besaß ... Und Likowski wußte das zu schätzen! Er +war auch in finanzieller Hinsicht nicht gebunden. -- Ach, man konnte +nicht wissen. -- Sie wollte ihm bei Tisch noch innig für seine +ritterlichen Worte danken ... + +Stephan Marning aber mochte sich nicht oben im Fremdenzimmer von +Likowski einräuchern lassen. Er ging in den Garten. Der war stilisiert +und ganz auf Blumenzucht und dekorative Wirkungen angelegt. Bänke und +Sitzgelegenheiten waren der Anlage reichlich eingeordnet. An diesen +Garten, der eine Fläche auf der Uferhöhe vor dem Schloß einnahm, grenzte +eine schräg zum Wasser hinuntersteigende Baumpflanzung -- eine Art +Wäldchen, von Serpentinen- und Treppenwegen durchzogen. Unten war ein +geräumiges Bootshaus in das Wasser des Wyks hineingebaut. Da lagen ein +Motorboot und ein großes Ruderboot. Zwei Leute hantierten darin herum +und hängten Lampions an Drähte, die kunstreich vom Heck zum Bug und rund +um die Schiffsränder gespannt waren. + +Braungoldener Schatten lag unter dem niederen Dach, das Wasser im +Bootshaus hatte den dunklen Schimmer von Rauchtopas. Man sah durch den +Bau wie durch einen Tunnel. Seine Öffnung nach dem Wyk zu war voll +Sonnenglanz und funkelnder Wellenunruhe. + +Er schaute eine Weile zu, wie die Männer in den schaukelnden Booten +faltige Formen auseinanderbogen, daß sie zu bunten Ballons wurden. + +Aber seine Gedanken waren anderswo als seine Blicke ... + +»Was geht es mich an, ob sich diese junge Frau verkauft hat oder nicht?« + +Er dachte auch an seine Schwester Martha. Sechs Wochen nach ihrer +Hochzeit war er mit ihr und ihrem Manne, dem Hauptmann von Strenglin, +zusammengetroffen. Und man hatte wohl gespürt, daß die beiden, die in +Armut und Treue lange aufeinander gewartet, kaum ihr seliges Liebesglück +vor den Augen anderer recht zu verstecken wußten ... + +Von solchem elementar sich verratenden, heimlichen Glück hatte er +neulich nichts gespürt, als er mit dem Ehepaar zusammen am Tische des +alten Herrn saß ... + +Aber freilich: auch nichts von Unfrieden, feindseliger Kälte, +gelangweilter Höflichkeit ... + +Ihm schien: freundlich und herzlich war die junge Frau gewesen. -- Er +auch, der junge Ehemann auch. + +Nach krassem Unglück sah das nicht aus. Und der alte Herr sprach davon, +wie seine letzten Jahre nun gesegnet seien, und nahm zärtlich die Hand +der Schwiegertochter ... + +Und welche Ergebenheit, welche liebevolle Art hatte sie -- wenn sie den +alten Herrn bediente ... + +»Was geht das alles mich an? ...« + +Er stieg langsam wieder hinauf, durch die noch so wenig imposante +Anpflanzung. + +»Ein junges Stückchen Wald -- halbwüchsiges Baumgedränge hat keine +Schönheit,« dachte er. »Merkwürdig ... wie bei manchen Menschen und +manchen Schicksalen: sie brauchen Reife, um ihre Schönheit zu +offenbaren.« + +Oben glühte die Nachmittagssonne. Er ging zwischen Wänden von weißen, +quadratisch geordneten Holzstäben hin. Sie waren anmutig berankt und +durchflochten von allerlei Kletterpflanzen, die er nicht kannte. Wie ein +Korridor war dieser Weg, und er endete an der fernsten Seitengrenze des +Gartens in einem Rundell. + +Dies war umgeben von dicht übersponnenen Gitterwänden; der noch blühende +rote #Crimson rambler# bedeckte sie ganz. Vor ihnen, in gefälligen +Abständen voneinander, bildeten schneeweiße Bänke einen Kreis. In der +Mitte trug ein Beet eine gedrängte Fülle von niederen Rosenbüschen; in +allen Farben blühten sie jetzt zum zweitenmal. + +Stephan setzte sich. Er fühlte sich von einer unbegreiflichen +Traurigkeit übernommen. Er dachte: »Was tue ich hier eigentlich?« Und +sagte sich dann: »Nun, man muß gesellig sein -- das Leben, der Stand +bringen das so mit sich -- --« + +Und woher und warum so niedergeschlagen -- fast mutlos und überdrüssig? + +Er liebte seinen Beruf mit Inbrunst. Seine schmale Zulage hatte ihn nie +bedrückt. Es war sein Stolz, mit ihr sich einzurichten -- wie das, +gottlob, der Stolz von Tausenden von Offizieren war. Unter +Entbehrungen, in der Stille arbeiten, damit alles bereit sei, wenn +einmal die ernste, große Stunde käme ... + +Heiß war die Luft, sie bebte in Wellen über den Rosen, man sah sie +zittern. Und die Rosen atmeten ihren Duft hinein, die Hitze nahm ihm die +Keuschheit, mischte ihm etwas Fades und zugleich Berauschendes bei. + +Man wurde schläfrig davon -- und doch so seltsam erregt ... + +Es war dem jungen Manne, als sei ihm die ganze Brust voll von Wünschen +-- und er hätte dennoch keinen beim Namen nennen können. Eine unklare +Begierde kam über ihn, nach irgend einem Glück -- einem großen, seligen +Glück ... + +Die Üppigkeit der Stunde voll Rosenduft, Sonnenglanz und +feierlich-froher Stille übernahm ihn ganz. Wie Arme beim Anblick reicher +Lebensführung sich in ihrer Zufriedenheit erschüttert fühlen, so wühlte +das Prangen dieser Hochsommerschwüle in seiner Seele Sehnsucht auf. + +Er erschrak und fuhr aus seinem Hinträumen auf -- irgend ein Laut hatte +das Gespinst zerrissen. Er horchte: fern der Heulton eines Dampfers, der +vielleicht flußauf fuhr ... Nein, das hatte ihn nicht gestört. -- Nun +wußte er es: Schritte ... Auf lockerem Silberkies von Gartenwegen kann +auch der kleinste Frauenfuß nicht unhörbar gehen. + +Und da war auch schon die Herrin dieses durchglühten, durchdufteten und +weltfernen Gartens. + +Er wollte aufspringen -- war sehr überrascht. + +»Nein, ich setze mich zu Ihnen.« + +»Ich dachte, Baronin, Sie wollten ruhen.« + +»Will ich auch -- aber erst eine Stunde nach Tisch -- ich möchte nicht +dick werden -- lieber kastei' ich mich.« + +»Was Frauen nicht alles für ihre Schönheit opfern können.« + +»Na -- sie ist immerhin keine ganz nebensächliche Angelegenheit. +Obgleich es ja gerade für mich ganz egal ist, ob ich hübsch oder häßlich +aussehe,« sagte sie. + +Sehr dicht saß sie neben ihm, seitwärts und ihm zugewendet. Sie hatte +den Ellbogen auf die Rücklehne der Bank gestützt, und der runde, weiße +Arm zeigte sich in seiner ganzen Schönheit. + +»Warum gerade für Sie?« fragte er erstaunt. + +»Ach,« sprach sie mit einer gewissen gelassenen Bekümmertheit, »wer +sieht mich denn wirklich an? Mit Freude oder Interesse, meine ich. +Denken Sie denn, daß es von Wert ist, wenn die gute dumme Gerwald sagt: +Frau Baronin sehen heute wunderbar aus. Oder wenn Likowski mal schwört, +ich hätte meinen #beau jour#. Oder wenn sonst einer der Herren mir 'n +Kompliment sagt -- halb versteckt, damit ihre Frauen nicht eifersüchtig +werden. -- Ja, man hat eben keinen Menschen, dem man die Hauptperson in +der Welt ist ...« + +Stephan war ein wenig betroffen, er liebte solche Ergüsse nicht -- aber +doch, sie hatte im Grunde Recht. Ihr Leben war, trotz allen Reichtums +und aller Vergnügungen, eigentlich einsam -- vielleicht gar innerlich +arm. + +Wie schwer, darauf zu antworten. + +»Ich habe immer gedacht, das Bewußtsein ihrer Schönheit beglücke eine +Frau -- denn Schönheit ist immer Ausnahme, Auszeichnung,« sagte er. + +»Aber sie braucht Anerkennung -- Verständnis -- ich sage nicht: +Publikum! Das meine ich nicht. Die Anerkennung der Gesellschaft nicht. +Ein Wort, ein Blick der Bewunderung von einem geliebten Menschen ... +ach, dafür gibt eine Frau alle Triumphe der Welt hin. -- Und das hab' +ich nicht -- hatt' ich nie ...« + +Das klang aus ihrem Munde nicht geschmacklos -- wurde alles mit einer +Art von Kindlichkeit oder Natürlichkeit vorgebracht. + +Er wurde fast verlegen. Hieraufhin konnte er doch unmöglich, um sie zu +trösten, ihre Ohren mit Schmeicheleien füllen. + +»Ihr Gatte wird nicht blind gewesen sein,« sprach er. + +»Es war ihm angenehm, daß man mich nicht häßlich fand. Das war alles. +Sie wissen es doch -- warum soll ich ein Hehl daraus machen: man hatte +mich in die Ehe mit diesem alten Mann gezwungen. Meine Eltern fühlten +sich nicht disponiert, eine erwachsene Tochter zu bewachen. Papa mit +seiner rasenden Arbeit -- ähnlich wie der Geheimrat, aber in +Textilindustrie -- und Mama mit ihren zahllosen Vorstandspflichten -- +Mama ist eine Vereinsdame -- Mama hatte auch eine Schwäche für Adel -- +ein Baron sollte es sein --« + +»Ich bitte Sie, Baronin, Sie erwarten Gäste, Sie wollen froh sein -- +lassen Sie die schweren Lebensumstände heute unbesprochen -- es erregt +Sie.« + +»Sehen Sie, sehen Sie,« sagte sie mit klagendem Ton. »Niemand hat +Interesse für mich -- nicht einmal meine Freunde -- ich dachte, Sie +wären mein Freund geworden. Wenn ich einmal von mir sprechen will, +ermahnt man mich gleich, zu schweigen.« + +Sie hat ja Recht, dachte er. Es war undankbar und ungerecht, sie niemals +zur rechten Aussprache kommen zu lassen. + +Merkwürdig, wie viel diese volle, weiche, schöne Frau von einem +unverantwortlichen Kind hatte -- zum Schutz, zum Bevormunden +herausforderte. + +»Sie sollen mir ein andermal so viel von Ihrem Leben erzählen, als Sie +mir nur immer anvertrauen mögen -- ich erbitte es als besondere Gunst,« +sagte er sehr herzlich. + +Durch seine Gedanken huschte die Erinnerung an den Klatsch über ihre +Mädchenjahre -- wer wußte etwas Sicheres? Sicher war dagegen, daß er +selbst viele Züge der Gutherzigkeit, der freundlichsten Gefälligkeit an +ihr hatte beobachten können ... Und was pries die Gerwald immer? Ihre +Dame sei gar nicht imstande, ihr eine Demütigung zuzufügen. Welche +Seltenheit -- eine Frau, die eine gebildete Untergebene immer zu schonen +versteht -- -- + +Man kann so rasch denken. -- Das alles war ihm gegenwärtig, während er +sprach, und färbte seinen Ton noch viel herzlicher, als er wußte. + +Und sie hörte noch mehr hinein ... + +»Ach ja -- ja,« flüsterte sie, »ja -- ein anderes Mal -- aber bald -- +nicht wahr? Bald?« + +Sie griff nach seiner Hand, und das zwang ihn, die ihre zu küssen. + +Eine angenehme, träumerische Befangenheit machte ihn still. + +Wie diese Frau hineinpaßte in die prangende Hochsommerfülle und Glut -- +als verkörpere sich die heiße Stunde in ihren weißen, vollen Gliedern. + +Er fühlte immer stärker eine Versuchung in sich aufsteigen -- sie +drängte ihn zu diesem roten Mund. Der war ein wenig verzerrt vor +Begehrlichkeit. Und ihre schwimmenden Augen hatten weichen Glanz -- +schlossen sich halb -- zwischen den Lidern hervor brach ein Strahl von +Hingegebenheit ... von glühendem Verlangen ... daß sein Herz zu klopfen +begann ... + +Mit einem Male begriff er: sie wollte ihn! Er fühlte, wenn er jetzt der +Versuchung erlag, entschied es über sein Leben. Ein Kuß auf diese +lechzenden Lippen, und er war gebunden ... + +Er riß sich zusammen -- mannhaft und überlegen. -- Nicht in Abwehr. Aber +in Besonnenheit. + +Er küßte noch einmal ihre Hand ... Das ihr angeborene, wunderlich +zutreffende Verständnis für die Annäherung und den vorsichtigen Rückzug +eines Mannes blitzte in ihr auf ... Dieser Handkuß -- das war eine +Abschlagszahlung -- ein Vertrösten -- keine Zurückweisung. -- Aber doch: +es war quälend, in diesem Augenblick, wo sie ihr Leben darum gegeben +hätte, sich satt zu küssen. + +Sie stand auf -- reckte sich wieder. -- Das war immer wie ein Schauspiel +und ein unbewußtes Sichdarbieten -- lachte ein wenig gezwungen, und doch +war zärtliches Gurren in der Stimme. + +»Ja -- an einem ruhigen Tage -- dann kommen Sie -- Sie allein -- und ich +erzähle Ihnen mein Leben. -- Und jetzt will ich wirklich ruhen ...« + +Sie ging, und zwischen den Gitterwänden, wo grünes Gerank all die +zahllosen Quadrate durchflocht, wandte sie sich noch einmal um, winkte +mit ihrer weißen Hand, an der die Brillanten blitzten ... + +Er blieb ein wenig betäubt zurück. Kein Zweifel mehr: sie war in ihn +verliebt, und er konnte sie haben. -- Da war also ein Glück! Er hatte +sich doch schweren Herzens vorhin nach einem Glück gesehnt. Eine Frau +von üppiger Schönheit. -- »Sie hat so irgend etwas an sich, als müßte +sie in einen Harem passen,« dachte er. -- Eine Frau mit großem Vermögen +und Erbaussichten auf noch viel mehr. Eine Frau von gutherzigem Wesen. +»Sie weinte neulich beinahe, weil ein Landstraßenköter ihren Foxterrier +gebissen hatte -- -- sie ist außerstande, sich etwas Schönes zu kaufen, +ohne gleichzeitig die Gerwald zu beschenken, damit der das Zusehen nicht +sauer wird.« + +Was wollte er, als bescheidener Oberleutnant eines +Linieninfanterieregiments, noch mehr erwarten? + +Es war sozusagen das große Los. + +Er sah wieder den roten Mund, die feuchten Augen, den runden Arm, die +weiße Haut ... Sein Blut wallte auf ... Und wenn sie jetzt noch hier +gewesen wäre ... Aber nein! Besonnen bleiben! Sie prüfen -- nichts +überstürzen -- + +Nachher fand man sich wieder zusammen, war auf der Terrasse, im Salon, +der sich mit zwei Türen auf die Terrasse zu öffnete, in der Diele, die +wiederum an den Salon stieß, so daß der ganze mittlere Teil des +Erdgeschosses für gesellige Zwecke sich wie ein einziger sehr großer +Raum benutzen ließ. Likowski stellte fest, daß eine derartige +Beweglichkeit und der Hang, alle paar Minuten den Platz zu wechseln, ihm +etwas Neues an der allergnädigsten Hausfrau sei. Ferner stellte er fest, +daß sie eine andere Toilette trug, die er »unerlaubt« schön nannte, weil +die armen Männer schwach wie Adam bei solchem Anblick werden mußten. Und +bei sich dachte er: sie hat jawoll _noch_ weniger an als vorher ... Aber +dies zarte Lila, dieser hauchdünne Chiffon kleideten sie köstlich. + +Agathe lachte etwas nervös und meinte, das Erwarten der Gäste, die viel +zu spät kämen, spanne ab. + +Und ihr Blick -- den Likowski sah und höchst vielsagend fand -- glitt +hinüber zu Stephan Marning. Und -- wahrhaftig: erwiderte der +Oberleutnant den Blick nicht? Unbefangen sah er nicht aus -- das konnte +man bei schärferem Beobachten merken. War die Geschichte spruchreif? +Hatte sein Oberleutnant begriffen und zugegriffen? Er, Likowski, gab +seinen Segen. Von Herzen. Vorausgesetzt, daß Marning nicht den Abschied +nähme, um in Wohlleben zu versumpfen. Aber da war ja wohl keine Gefahr. +Marning zog des Königs Rock um kein Weib, kein Gold und keine Vorteile +aus! Er wußte, was jetzt mehr als je die Pflicht des deutschen Soldaten +war: das Schwert blank halten. -- Die Stunde kam bald doch mal, wo ... +Ja, der Stephan Marning -- ein ganzer Kerl -- man konnte ihn heiraten +lassen ... Es interessierte Likowski fabelhaft ... Er dachte: kein +kleines, aber vielleicht auch ein ziemlich anstrengendes Pläsier, der +Erlöser Agathens zu sein ... + +Und dann kamen die Gäste in rascher Reihenfolge. Etwa fünfundzwanzig an +der Zahl. Da war der Großindustrielle Herr Detlev Stuhr mit seiner +bemerkenswerten Tochter Edith, die heute zum erstenmal in der +Gesellschaft erschien, weil ein Sommerfest, wie ihr Vater sagte, nicht +für voll rechne. Fräulein Edith war von der bezauberndsten Häßlichkeit, +sehr rothaarig, sommersprossig, mit einem kecken Näschen und hellbraunen +Augen, aus denen allerlei lustige und zündende Farben sprühten. Ihr Kopf +saß fein auf sehr schlankem Halse, und ihre Gestalt konnte man sich +ebensogut in Jünglingskleidung denken wie in diesem blassen Blau dünner +Stoffe. Und das zu rote Haar war mit einer so malerischen Berechnung +geordnet, daß eine Schauspielerin hätte davon lernen können. Likowski +verkehrte im Ton väterlicher Dreistigkeit mit ihr. Der eigene Vater, ein +hastiger Mann mit scharfklugen Zügen, kokettierte damit, daß er zu +schwach sei gegenüber der Tochter, und klagte über sie in Wendungen, die +im Grunde lauter Lob und Preis dieses einzig dastehenden Wesens waren. + +Dann sah man das kurzbeinige Ehepaar Herrn und Frau von Pankow. Er +setzte sich gleich in einen der Rohrlehnsessel auf der Terrasse, mit +auseinandergestellten Knien, wie Männer mit erheblichen Bäuchen tun, +sprach den Erfrischungen und den Sandwichs eilig zu und hielt dabei +einen kleinen Vortrag, dem der Generaldirektor Thürauf, die Finger um +ein Glas Gießhübler geklammert, in kühler Ruhe zuhörte. + +»Wär' ja Selbstmord ... 'ne Verfassung?! Seit 1755 haben wir uns famos +bei der bisherigen befunden ... bin meinem Großherzog loyal ergeben -- +das versteht sich -- aber 'ne Verfassung? Da kriegt er die Ritterschaft +nich zu -- nie! Mecklenburg wäre ja nich mehr Mecklenburg -- nein.« + +Und sein breiter Dialekt, aus dem die eu- und oi-Laute wuchtig +aufklangen, gab seiner obotritisch-ritterschaftlichen Ansicht erst die +rechte Färbung. -- Sein rundes Gesicht war rot von der Hitze der +überstandenen Fahrt. Aber sein bißchen blondes Scheitelhaar befand sich +in glänzender Ordnung. Der Alte-Kaiser-Bart hatte noch kein weißes +Härchen. + +Frau von Pankow, auch kaum mittelgroß und ebenso rundlich, sprach etwas +leutselig mit Fräulein von Gerwald, der sie sich immerhin näher als +mancher anderen Anwesenden fühlte, weil die Gerwalds eben doch sehr +alter Adel waren. + +Beide Gatten, in mangelnder Kritik, gefielen sich in Stoffen, wie sie +für Körperfülle gar nicht ungeeigneter sein konnten. Seinen Spitzbauch +umglänzte eine weiße Weste. Und ihren Busen, ihre Hüften umprallte +hellgrauer Atlas. + +»Wie viel Glanzlichter auf wie viel Rundungen,« sagte Fräulein Edith zum +jungen Leutnant Hornmarck. Und sie lachten. + +Likowski warf einen Blick hinüber. Sein kleiner Hornmarck, an dem er wie +ein alter Bruder herumerzog, ging ihm zu hitzig mit der frechen Krabbe +um -- alle Woche zweimal spielte man Tennis zusammen -- es kamen +Freundinnen aus Lübeck -- Referendare -- allerhand halbwüchsiges Volk, +das sich aber natürlich für voll und lebensreif hielt. -- Und Hornmarck +hatte sich verliebt. -- Na, das war ja selbstverständlich. -- Aber es +hieß aufpassen: tüchtige Entwicklungen nicht durchqueren lassen von zu +frühen Gedanken an Verloberei. Likowski kannte das: mit zwanzig denkt +man intensiver ans Heiraten als um die dreißig herum. -- Und denn diese +Edith! Zu amüsant! Amüsante Frauen sind was Zweischneidiges ... + +Die blonden, ruhigen Töchter des Generaldirektors Thürauf sprachen +vernünftig mit zwei Offizieren und dem Freiherrn von Brelow, der als +Administrator eines der großen mecklenburgischen Rittergüter verwaltete, +die sich mit fetten Wiesen, weiten Feldern und ruhevollen Wäldern an der +Küste hinzogen. Er war nicht mehr ganz jung; ein etwas stiller, +stattlicher Mann, mit einem schmerzlichen Zug im Gesicht, den Sorge +hineingeschrieben. + +»Wissen Sie,« sagte Herr von Pankow vertraulich, »das wär' der Mann für +Ihre Älteste. Er ist tüchtig und hat Charakter. Ich wollt's ihm gönnen, +daß er wieder auf eigene Scholle zu sitzen käme und sich wenigstens das +kleine, eigentliche Stammgut der Brelows zurückkaufen könnte -- sein +Vater war 'ne Jeuratte -- der Sohn is nich belastet -- rührt keine Karte +an -- nee, kann ich beschwören -- tut er nich.« + +»Das dürfte ein zu kostspieliger Schwiegersohn für mich sein, Herr von +Pankow. Ich habe drei Töchter -- drei!« sagte der Generaldirektor +lächelnd. + +Pankow stieß mit dem Zeigefinger scherzend ein Loch in die Luft, auf +sein Gegenüber zu. + +»Soll ich Ihnen zehn Mark vorstrecken?! Seit fünfzehn Jahren +Generaldirektor mit 'n Ministergehalt und Tantieme auf Severin Lohmann! +Wenn das nicht flutscht ...« + +»Die Herren Agrarier denken immer, daß wir Großindustriellen uns nur so +auf Goldsäcken herumwälzen.« + +In einer anderen Gruppe sprach die hübsche, dunkelhaarige Frau Thürauf +mit der Baronin Bratt und dem Oberleutnant von Marning. + +»Ja, darüber wundern sich immer alle Menschen, wie sehr meine Töchter +meinem Mann ähneln. Von mir keinen Zug.« + +Die Hausfrau kam hinzu. Es war immer, sowie sie Neuankommende begrüßt +hatte, als zöge es sie magnetisch dahin, wo Stephan Marning stand. Und +sie ahnte nicht, daß die ganze Gesellschaft es bemerkte. Sie trug eben +ihre Verliebtheit vor sich her wie ein Licht -- vom Betrachten und +Bewachen der Flamme wird der Blick blind für alles ringsum. + +»Lohmanns kommen aber sehr spät,« sagte sie. »Und ich bin so gespannt! +Als sie bei mir Besuch machen wollten, war ich in Berlin -- Papas +Geburtstag. -- Und als ich bei Lohmanns vorfuhr, waren sie aus.« + +»Ich glaube,« sagte die alte Baronin, deren Gesicht von Wind und Wetter +braun war wie das eines Mannes, »das junge Paar macht sich nicht viel +daraus, zu verkehren. Der Geheimrat hielt ja immer drauf -- er sah ja +auch in der Geselligkeit so 'ne Art volkswirtschaftliche Pflicht -- fand +es auch menschlich freundlich, mit den Gütern weit hinaus Beziehungen zu +unterhalten. -- Neulich, als ich mal zu ihm fuhr -- ich verdanke ihm ja +manches -- als ich Witwe wurde und mein Niehaus allein bewirtschaften +mußte. -- Na, das gehört nicht hierher. -- Neulich hielt er mir einen +kleinen Vortrag über diese Sachen. Auf seinen Wunsch haben die Kinder +dann Besuch gemacht -- bei mir waren sie mal nachmittags, zur +Kaffeezeit. Ich hatte auch Vorurteile -- wer hat sie nicht! -- die +Heirat war so überraschend. Für den jungen Lohmann war es wohl das +Beste. Ich kann aber nicht anders sagen: die junge Frau hat mir gut +gefallen. Mir ist auch des Geheimrats Urteil maßgebend. Und er stellt +sie hoch.« + +Da fiel ihr ein, daß es taktvoller sei, mit der Gattin des +Generaldirektors von Severin Lohmann nicht über die Schwiegertochter des +alten Herrn zu sprechen. Aber gerade sagte noch Frau Thürauf: »Wissen +Sie, Baronin, es war recht eigen -- gerade für mich! Das kann man sich +wohl denken. Ich hatte manchmal mit Fräulein Hildebrandt zu tun gehabt +-- solange keine Frau im Herrenhaus war, kümmerte ich mich, ohne Mandat +sozusagen, manchmal um Severinshof -- in solcher Arbeiterkolonie kann +man immer mal helfend einspringen -- auch im Schulhause sprach ich wohl +vor -- und da Fräulein Hildebrandt doch die Tochter des Vorgängers +meines Mannes war, tat mir's immer extra leid, daß ihr Leben so anders +lief, als es wohl einst zu erwarten war. Ich hatte auch ohne das viel +Sympathie für sie, die ich sie merken ließ. So was fühlt sich +gegenseitig. Und mit einem Male ist sie die Schwiegertochter unseres +Chefs ... Aber welch ein Takt! Wissen Sie, ihr erstes war, mir noch zu +danken für die Sympathie, die ich ihr früher gezeigt, und die Hoffnung +auszusprechen, daß das eine gute Vorbedeutung gewesen sein möge für +unser weiteres Verstehen. -- Es berührte angenehm. Keine Spur von +Auftrumpfen ...« + +»Wie alle diese Frau loben!« dachte Stephan. Es reizte ihn. Warum die +Nachsicht? Immer wieder sollte man es hart und laut sagen: »Sie hat sich +doch verkauft.« + +»Da sind sie,« sagte die Baronin Bratt unwillkürlich halblaut, obgleich +das Ehepaar Lohmann fern in der Diele erschien, während sie selbst in +der Tür zwischen Salon und Terrasse stand. + +Agathe eilte ihnen entgegen. Über die ganze Gesellschaft legte sich +plötzlich Schweigen; aber da jeder einzelne das sofort spürte und als +taktlos empfand, dauerte es keine zweite Sekunde, bis die Stimmen mit +erhöhter Lebhaftigkeit sich erhoben. + +Das Wiedersehen enttäuschte Agathe. Damals war der junge Wynfried schön +wie ein Apoll gewesen -- eine Erscheinung, wie man sie unter der +männlichen Jugend der englischen Aristokratie zuweilen trifft. -- Er war +gealtert -- der Jünglingszauber war davon -- stattlich sah er zwar aus; +aber gar nicht mehr auffallend -- so auf der Stelle bezaubernd. + +Agathe fand auch die junge Frau nicht schön. Ihr Schönheitsideal waren +natürlich blonde, üppige Frauen mit herrlichem Teint. Und diese Klara +Lohmann schien ihr zu schlank, die Züge zu streng, die Farben zu matt. +Höchstens konnte man gelten lassen, daß die Augen groß und ernst waren +und sogleich fesselten. + +Nun konnte Fräulein von Gerwald erkennen, daß ihre Voraussetzungen +unzutreffend gewesen waren. Die junge Frau Lohmann nahm die +Vorstellungen mit einer schlichten Freundlichkeit, gänzlich unbefangen +entgegen; die ihr schon Bekannten -- und es waren schließlich die +meisten -- bekamen ein besonders helles Lächeln. Auch der junge Ehemann +zeigte eine ruhige Verbindlichkeit. + +Likowski betonte sich als alter Freund und Hausgenosse. Der Freiherr +Stephan von Marning wechselte mit dem Ehemann einen flüchtigen +Händedruck und verneigte sich fremd vor der jungen Frau. + +»Wissen Sie,« sagte die rothaarige Edith zu ihrem Ritter, dem Leutnant +Hornmarck, »dies Ehepaar interessiert mich fabelhaft. Sie machen so 'n +gänzlich unverheirateten Eindruck.« + +»Den näher erläutert zu bekommen, wäre interessant,« meinte der kleine +Leutnant. + +»Ach, wer da so 'reingucken könnte!« sagte Edith mit einer wahrhaft +gierigen Teilnahme an dieser vielbesprochenen Ehe. + +Der Nachmittag ging rasch hin. Die junge Welt trödelte im Garten umher +und war genügsam des Beisammenseins froh, das ja durch mancherlei kleine +Schwingungen, verborgene Wünsche und Elektrizitäten vielerlei Reize +hatte. + +Agathe versäumte oft ihre Hausfrauenpflichten und tröstete sich damit, +daß Fräulein von Gerwald beflissen um die älteren Damen besorgt sei. -- +Es zog sie -- es trieb sie -- sie mußte, _mußte_ immer wieder Stephans +Nähe haben. Sie beobachtete zweimal, daß Edith Stuhr, dies Mädchen, dem +man einfach alles zutrauen konnte, mit ihrem Pierrotlachen ihn ansprach. +Ihr Fraueninstinkt wußte: diese eben dem Backfischtum entronnenen +Mädchen sind die Todfeindinnen der reifen Frauen -- halten eine +Achtundzwanzigjährige schon für alt. Eifersucht quälte sie ... + +Es war Ende August, und die Dämmerung füllte schon früh den +schwülduftenden Garten. Seine hohe Lage gab den Blick frei nicht nur auf +die weite Ferne und Wyk und Meer, sondern auch auf einen ungeheuren +Himmelsraum, dessen Blau nun langsam erlosch, um sich in eine feine +Farblosigkeit zu verwandeln. + +Da kam Fräulein von Gerwald eiligst herangerauscht, suchte ihre Herrin +und gab die empfangene Meldung weiter, daß man zu Tisch gehen könne. Und +da erst fiel es Agathe ein, daß man die junge Frau Lohmann gar nicht im +Garten gesehen habe. »Sitzt bei der Baronin Bratt, Hauptmann von +Likowski und Frau von Pankow.« Das erinnerte an so viel Würde. -- Mein +Gott, ja, sie war nun immerhin die Gattin von Wynfried Severin Lohmann. +-- »Was haben Sie ihr für einen Tischherrn gegeben?« fragte Agathe, als +sie mit ihrer Gesellschaftsdame auf die Terrasse zuging. + +»Den Freiherrn von Marning.« + +Es war Agathe im Grunde sehr, sehr recht. Ungefährlicher konnte der +geliebte Mann ja nicht untergebracht sein. -- Aber doch: Frau Klara +Lohmann würde sicher erwarten, daß Herr von Pankow sie führe. +Entschieden -- so war es nicht ganz taktvoll ... Eine Änderung aber im +letzten Augenblick unmöglich. + +Es zeigte sich auch weiterhin, daß Fräulein von Gerwald keine glückliche +Hand gehabt hatte. Ihre Gutherzigkeit wollte fördern, wo sie zwei auf +dem Wege zueinander witterte. So gesellte sie Edith und den Leutnant +Hornmarck, und darüber waren Ediths Vater und Likowski ärgerlich; sie +setzte Brelow neben die älteste Thürauf, und das beunruhigte den +Generaldirektor und seine Frau und raubte ihnen die Stimmung. Hinwieder +ließ sie die Baronin Bratt von Herrn von Pankow führen, der dafür +bekannt war, daß er gern was Hübsches, Junges zur Seite hatte und +obendrein als Grenznachbar des Brattschen Gutes in vielerlei kleinen +Ärgernissen mit der ihm zu autoritativen Baronin lebte. + +Aber Agathe merkte nichts davon, daß ein Teil ihrer Gäste nicht sehr +munter schien. Sie war ganz und gar beschäftigt. Mit glücklichem Gefühl +beobachtete sie, daß Stephan sich mit der jungen Frau Lohmann steif und +höflich unterhielt -- natürlich mochte er sie nicht leiden -- daneben +versäumte sie nicht, in Wynfried Lohmann die Erinnerungen an jenen +schönen Abend von damals wachzurufen. + +Er lächelte. + +»Ich bin gewiß sehr unbescheiden gewesen! Was man so als junger Dachs +alles wagt! Und nach sechs Jahren darf ich es wohl gestehen: ich war an +jenem Abend rasend in Sie verliebt.« + +»Ach, wie entzückend, das noch nachträglich zu hören. Ja -- jetzt sind +Sie nicht mehr so ganz flammender Schwärmer. -- Ein würdiger Mann. -- +Schrecklich ernsthaft verheiratet. -- Teilhaber an Severin Lohmann. -- +Und machen es wie Ihr Vater und arbeiten von früh bis spät?« + +»Meinen Vater kann niemand erreichen. Die Natur gab ihm zu seinen +Geistesgaben auch noch die Hünenkraft -- sie ist ja noch fast +ungebrochen. -- Wenn die linksseitige Lähmung nicht wäre. -- Aber ich +versuche mich einzuarbeiten. -- Das große Interesse, das meine Frau hat, +ist dabei nicht unwichtig. -- Teilhaber werde ich offiziell am 1. +September.« + +»Ich will versuchen, mich mit Ihrer Frau zu befreunden,« sagte Agathe in +plötzlichem Entschluß. Der von ihr geliebte Mann verkehrte doch bei den +Lohmanns. -- Grund genug zum Wunsch, aus der förmlichen Beziehung eine +nähere werden zu lassen. + +»Es würde mich freuen, wenn Ihnen das gelänge, Baronin. Meine Frau hat +eine sehr ernste Jugend gehabt. So ist sie ein verschlossener Mensch +geworden. Ein wenig Fröhlichkeit könnte unserem Hause nicht schaden.« + +Der arme Mann darbt gewiß an allen Ecken und Enden, dachte Agathe. + +Und er dachte, daß es immerhin unterhaltend sein könnte, dieses +wundervolle Weib öfter zu sehen. Zuweilen ging es ja wie ein Erwachen +durch ihn hin -- ein leiser, noch nicht bestimmter Wunsch wollte +aufwallen, daß ihm das Dasein wieder genießenswerter werden möge. + +Und diese Frau, wenn man sich zufällig einmal näher zu ihr neigen mußte, +hatte einen Duft an sich -- einen ganz bestimmten Duft, süß und zart, +den Wynfried kannte. Und dieser feine, eindringliche Wohlgeruch störte +Erinnerungen aus dem Schlaf auf. + +Er fragte endlich leise: »Was haben Sie für ein Parfüm -- verzeihen Sie +die Frage, Baronin -- aber Sie wissen: was weckt mehr Erinnerung als ein +Duft!« + +Und sie nannte die Mischung und das Pariser Haus als Bezugsquelle. -- +Worte, die ihm ins Ohr klangen wie ein Nachhall aus verrauschten Tagen +... Der bittere Zug kam in seinen Mundwinkel. -- Er sah zu seiner Frau +hinüber. Zufällig trafen sich ihre Blicke. + +Da lächelte er freundlich ... + +Das war sein redlicher, gütiger Kamerad, an dessen Hand er wieder +emporkam ... Und im Trotz gegen diesen Duft nickte er ihr zu. + +Klara dachte, daß das Tafeln niemals ein Ende nähme. + +Wie förmlich der Freiherr von Marning neben ihr saß. Nein, mehr noch: +gezwungen, konnte sie denken. -- Und sie wußte nicht, was für Gespräche +sie versuchen sollte -- jedes starb gleich ab. Auf das qualvollste +fühlte sie sich befangen -- und es war geradezu lächerlich, wie ihr eine +ganz kleine Sache immer auf der Zunge lag und wie sie sich doch nicht zu +entschließen vermochte, davon zu sprechen. Sie war nie dazu gekommen, +ihm für die arme kleine pastellblaue Wollmütze zu danken, die er damals +gefunden und ihr zugesandt hatte. In ihrer kurzen Brautzeit war sie ihm +einmal begegnet, mit Likowski, der sie ansprach. Bei dieser Begegnung +gratulierte er ihr mit so viel Zurückhaltung, daß es ihr weh tat. + +Sie ahnte: er sei einer von denen, die dachten, sie habe sich an einen +reichen Mann verkauft. + +Das verschloß ihr den Mund. + +Auch neulich, als er bei ihnen zu Gast gewesen, fühlte sie sich +außerstande, von der kleinen blauen Mütze zu sprechen -- als sei das +wunder was gewesen, ein Erlebnis, daran man nicht rühren dürfe ... Und +nun rang sie mit dem Wunsch, doch davon anzufangen. Es war aber +unmöglich. + +Einmal fragte sie: »Wo standen Sie früher?« + +»In Köln, gnädige Frau. Zuletzt war ich in Berlin -- zur Turnanstalt +kommandiert.« + +»Da ist freilich eine andere Welt gewesen. Wird es Ihnen nicht schwer +auf dem Lande, in der kleinen Stadt? Das Leben ist so anders.« + +»Wo ein so gewaltiges industrielles Unternehmen wie die Severin Lohmann +die Gegend beherrscht, ist weder Kleinstadt noch Landstille. Man hat +immer das Gefühl, als wohne man nebenan bei einem Riesen, der von Funken +umsprüht dasteht und der Welt zuruft: arbeite!« + +»Wie freut es mich, daß Sie es so empfinden,« sagte Klara lebhaft. »Mir +ist oft, als sähe ich die ganze wunderbare Arbeit der Natur, die uns +sonst geheimnisvoll verborgen bleibt, sich in einem geschlossenen, +durchsichtigen Prozeß vor unseren Augen abspielen. In so einem +Hüttenwerk mit all seinen Nebenprodukten lernt man in die Wirtschaft +unserer Mutter Erde hineinsehen. Die Chemie hat ihr ihre Misch- und +Kochkünste abgelauscht und wiederholt sie oben im Licht, auf sicherere +und positivere Art.« + +»Gnädige Frau haben Verständnis und Interesse für das Lebenswerk Ihres +Herrn Schwiegervaters.« + +Das war nun wieder eine abschließende Bemerkung. Aber Klara fragte: +»Haben Sie das Hüttenwerk schon besucht?« + +»Nein; ich fand noch keine Gelegenheit, darum zu bitten.« + +»Wir wollen es Ihnen zeigen -- Wynfried und ich -- oder mein Mann +allein,« setzte sie rasch hinzu. »Wenn er mich nicht dabei haben +mag ...« dachte sie. + +»Ich nehme es mit Dank gelegentlich an,« sagte er unbestimmt. + +Sie suchte nach einem anderen Thema. + +»Sind Sie aus eigenem Wunsch oder in einer Familientradition Offizier +geworden?« fragte sie. + +»Aus Wunsch und Tradition, gnädige Frau.« + +»Es ist jetzt nicht leicht, Offizier zu sein,« sagte sie, »der lange +Friede -- und das mehr und mehr entschwindende Verständnis für die Größe +Ihres Berufs ...« + +Er sah sie überrascht an. Ihre Blicke trafen sich. + +»Ganz gewiß, gnädige Frau. Man hat manchmal zu tun, Bitterkeit von sich +abzuwehren, daß sie einem den frohen Mut nicht verdirbt. Die Gage ist +schmal -- die Zulage klein -- Offizier sein, heißt von tausend Fällen +neunhundertmal: mit stiller Würde entsagen können und auf alle sorglos +reichlichen Lebensformen verzichten. Man hat sich dem Vaterlande gelobt +und ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden, das volle Hingabe immer +gibt. Aber wenn man denn so spürt, daß diese Hingabe von breiten +Volksschichten gar nicht verstanden und gewürdigt wird -- das tut weh. +Es ist auch kein erhebendes Gefühl, wenn man todmüde vom Dienst kommt +und dann als Erfrischung ein Witzblatt in die Hand kriegt, wo alles, was +Uniform trägt, als Troddel dargestellt wird. Naß bis auf die Haut ist +man vielleicht, tat in Wind und Kälte seit Morgengrauen Dienst -- +vielleicht nach halbdurchwachter Nacht bei kriegswissenschaftlicher +Arbeit. Und dann liest man, noch nicht mal bloß in sozialdemokratischen +Blättern, Urteile, Schilderungen über uns, deren Böswilligkeit oder +Unverständnis einfach grotesk ist. Die Hoffnung, endlich einmal zeigen +zu können, wozu wir da sind, was wir gearbeitet haben -- ja, die wird +schon fast Ungeduld. Wenn auch nicht alle so viel davon sprechen wie +Likowski. Und doch -- während man so ungeduldig ist, muß man zugleich +aus tiefstem Herzen wünschen, daß dem Volke das Grauen eines Krieges +erspart bleibt. -- Ja, er ist nicht ganz einfach, unser Beruf ... +Konflikte ... keine leichten ...« + +»Es gehört stilles Heldentum dazu,« sprach Klara. »In dieser Zeit, wo +gewisse Schichten das Wort 'Vaterland' nicht hören können, ohne von +Hurrapatriotismus und Sentimentalität zu höhnen.« Und nach einer kleinen +Pause sagte sie langsam vor sich hin, was ihr von allen seinen Worten am +stärksten gewesen war: »Und man ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden, +das volle Hingabe immer gibt.« + +Er fühlte, daß sie diesen Ausspruch auch für sich annahm -- so deutlich +fühlte er es, als habe sie es ihm erklärt. + +Er versank in Nachdenken. Das seltsame Gefühl der Vorsicht, das ihn +zwang, sich fern und feindlich von ihr zu halten, war ihm entglitten. Er +dachte: »Wir verstehen einander -- sie und ich ...« + +Aber sie hatte sich ja doch verkauft -- und das war gegen seine +Einschätzung von Frauenwürde. Er sagte es sich noch einmal +nachdrücklich. + +Als man nach Tisch hinauskam, stand die stille, dunkle Hochsommernacht +so mächtig da, daß alle Leute sich von etwas rätselvoll Großem wie +gebändigt fühlten und alle einfachen Herzen in Andacht schwiegen. Der +hinschwindende Mond war nur noch eine schmale, orangenfarbene Sichel +ohne Leuchtkraft. Die Sterne schienen ferner als sonst noch -- zu +kleinen Pünktchen geworden, in unermeßbarer Höhe, kaum erkennbar. Und +die eine Seite des Himmels rabenschwarz. Drüben unten blinkerten die +Lichter von Travemünde. Daß der Leuchtturm, dessen Lampen man von hier +nicht sah, wachsam seine Arbeit tat, erriet man aus dem gespenstigen +Schein, der nach regelmäßigen Pausen über die grenzenlose Dunkelheit +hinhuschte, von der man wußte: sie ist das Meer ... + +Stephan Marning schrak aus verträumtem Hinsinnen auf. Ohne daß er darauf +achtgegeben, hatte Agathe sich ihm genähert. Sie flüsterte, als sei +schon geheimes Einverständnis zwischen ihnen: »Richten Sie es so ein, +daß wir zusammen ins Ruderboot kommen.« + +Der heiße Ton der dringlichen Mahnung berührte ihn, als wolle eine +Frauenhand ihn streicheln, die er um keine Liebkosung gebeten hatte ... +Er nahm sich zusammen. -- Sie nicht verletzen -- klug sein. -- Heute +nachmittag, in durchdufteter Sonnenglut hätte er doch beinah die roten +Lippen geküßt ... Sie war ihm also doch kein reizloses Weib ... + +»Wenn es unauffällig geschehen kann ...« flüsterte er zurück. + +Nun zog die Gesellschaft zum Ufer hinab, um die Fahrt in den +geschmückten Booten auf dem nächtlichen Wasser des Wyk zu machen. Nur +ein paar ältere Herren und die Baronin Bratt blieben zurück. + +»Es wetterleuchtet!« schrie Fräulein Edith. + +»Keine Spur. Das ist das Blinkfeuer des Leuchtturms,« sagte jemand. + +Fräulein von Gerwald hatte auch gesehen, daß es sehr starkes +Wetterleuchten gewesen war. Aber sie schwieg. Sie wollte ihrer Herrin +nicht das Programm verderben. Und würgte lieber die jäh aufsteigende, +schlotternde Angst hinunter. + +Dieser Menschentrupp, von einer teils künstlichen, teils echten +Lustigkeit wie besessen, hatte für Stephan etwas merkwürdig Törichtes. + +Im unsicheren Licht, das die an den abwärtsführenden Wegen aufgehängten +bunten Laternen hergaben, sah er dicht vor sich Frau Klara Lohmann. +Zuweilen konnte er ganz deutlich den schlanken Hals mit dem feinen +Haaransatz erkennen und den braunen Haarknoten. Jetzt erst, in diesem +Dämmerlicht fiel ihm auf, wie einfach sie gekleidet war ... Sonderbar. +Sie hatte doch reich werden wollen ... + +Unten am Bootshaus war ein Gedränge und Gelächter. + +Edith tat, als sei sie beständig in Gefahr, ins Wasser zu fallen, und +war recht laut. Sie wollte auch durchaus selbst ein Ruder haben, und +deshalb stieg sie in das Ruderboot, wo die blonde Hausfrau, ein wenig +schwer atmend, schon saß und sich von Wynfried Lohmann einen Schal +umlegen ließ. Das Boot füllte sich so rasch, daß es Stephan keine Mühe +kostete, sich auszuschließen. + +Frau Agathe rief: »Aber Herr von Marning sollte doch mit hier +herein ...« + +Und andere Stimmen riefen dagegen: »Kein Platz mehr.« + +»O Gott, es wetterleuchtet wirklich!« sagte ein Fräulein Thürauf. + +»Das kommt nich!« beruhigte der Bootsmann. + +Stephan saß dann im Motorboot, vorn auf der kleinen Querbank, neben der +jungen Frau Lohmann. Und die Maschine fing an, eilig und mit kleinen, +dunklen Tönen zu puckern. Man hörte ein paar aufgestörte wilde Enten mit +rauschendem Flügelschlag davonstieben. -- + +»Wie schade,« sagte Klara. + +»Was?« + +»Daß wir die Sommernacht entweihen.« + +Er hatte dasselbe gefühlt. + +Fräulein Thürauf II und III waren musikalisch, hatten hübsche Stimmen +und fingen an zu singen. Es klang sentimental. In den Gesang hinein +schrie wieder jemand: »Es wetterleuchtet aber fix.« + +Wie schwarz das Wasser und die Nacht. Ohne die Laternen an Bord hätte +man vielleicht den metallischen Blauglanz der Hochsommernacht erkannt. +Die roten, durchleuchteten Papierkugeln töteten den Zauber. + +»Zu solchen gewaltsamen Vergnügungen muß man bei frischer Laune sein,« +dachte Stephan und konnte selbst nicht begreifen, weshalb ihm dies alles +so überflüssig und geschmacklos schien. + +Jetzt war es gar kein Zweifel mehr, daß das Wetterleuchten immer rascher +trübrot die Gewölkwand am nordöstlichen Himmel zerriß. Es schien aber +niemand im Boot ein Gefühl für die wilde Schönheit der zuckenden Scheine +zu haben. Vielmehr stritten alle, ob man umkehren oder weiterfahren +solle. Aber die behielten noch die Vormacht beim Entscheid, die +auftrumpften: »Das Ruderboot denkt nicht an umkehren -- seht! Es schießt +flott weiter hinaus. -- Und da ist doch die Baronin selbst an Bord -- +und sie ist doch so ängstlich ... Und Likowski ist dabei -- bloß keine +unnütze Angst, meine Herrschaften.« + +Das Wasser gluckerte vorn am Bug, und es klang, als plauderten liebliche +Stimmen unbekümmert vor sich hin. Laue Luft wehte den Fahrenden +entgegen, wie das Boot so mit raschem Lauf durch die Flut rauschte. +Einige Minuten lang schwiegen die Insassen. + +Mit einem Male zuckte am westlichen und gleich darauf auch am nördlichen +Himmel ein Blitz. -- Niemand hatte gemerkt, daß rundherum Wolken +heraufgezogen waren. -- Eine Frauenstimme stieß einen gellenden Schrei +aus. + +Und von diesem Augenblick an wurde die Szene grotesk. + +Die Blitze sausten zackig von dem schwarzen Himmel nieder, Donner +schütterte durch die Luft, das Wasser gärte in Unruhe. Aber man hätte +dieses große Schauspiel ohne Angst ansehen können, denn der Mann an der +Maschine lenkte, auf einen Zuruf des Oberleutnants von Marning hin, +ruhevoll das Steuer uferwärts. In acht, in zehn Minuten konnte man +wieder sicher unter das Dach des Bootshauses eingeglitten sein. +Höchstens konnte etwa bald einsetzender Regen für die Damen unangenehm +werden. + +Aber die Frauen wurden von jenem unerklärlichen weiblichen Bedürfnis +gefaßt, sich in Gefahr und Angst hineinzusteigern. Die instinktive +Begier nach Schrecknissen und die Bereitschaft zum Abenteuerlichen +packte sie ... Sie wurden wie Kinder, die im dunklen Zimmer schreien, +weil sie den schwarzen Mann und andere unbekannte Bedrohlichkeiten +fürchten. + +Die Offiziere baten -- beschworen -- wurden streng. -- Umsonst. Das +leiseste Schaukeln ließ die Sinnlosen von der einen Seite des Bootes +sich auf die andere hinüberstürzen. Es schwankte so sehr, daß es zweimal +in Gefahr geriet, umzuschlagen. + +Und diese wahnwitzige, überflüssige Angst war so ansteckend wie alle +nervösen Anfälle, die aus Zeugen oft genug Miterleidende machen. Selbst +die vernünftigen beiden Fräulein Thürauf weinten -- und die eine schrie: +»Wir wollen an Land schwimmen.« Sie mußte gehalten werden, um sich nicht +ins Wasser zu stürzen. + +Stephan saß neben der jungen Frau. -- Er faßte beruhigend nach ihrer +Hand. -- Klara saß ganz still. Sie schien sehr bleich zu sein. Mit +großen Augen sah sie dem angstzuckenden Gebaren zu -- es hörte ja auf, +lächerlich zu sein, weil es eine ernste Gefahr für das Boot und alle +Insassen war. + +Ein nächster Augenblick -- ein Ungefähr konnte das Unglück herbeiführen +-- es brauchte nur ein Blitz greller und näher herabzufahren. Der Donner +brauchte nur rascher heranzukrachen, und die Frauen würden völlig den +Verstand verlieren. + +Klara allein war nicht von dem Taumel der Furcht, von der Besessenheit +des Grauens erfaßt worden. Aber sie sah deutlich: diese Tollen +beschworen herauf, was ohne Tollheit gar nicht vorhanden gewesen wäre. + +Und sie machte sich auf ein furchtbares Ereignis gefaßt ... Da fühlte +sie, daß eine starke Hand tröstend die ihre umfaßte. Sie wußte +plötzlich: es kann ja nichts geschehen. + +Er sah ihre Selbstbeherrschung -- wie liebte er gefaßte Haltung, +geschmackvolles Betragen an Frauen. Das dieser jungen Frau inmitten all +der sinnlos sich Gebärdenden war eine Wohltat. Und er dachte: »Ich habe +ihr Unrecht getan!« Diese Frau, in deren Gedanken und Wesen er heute ein +wenig, nur ein wenig hatte hineinsehen können -- die war keiner +niedrigen Handlung fähig. + +Warum nicht fortan herzlich und freundlich ihre Freundschaft suchen -- +warum nicht trachten, sie näher kennen zu lernen? + +Ein Schrei zerriß seine Gedanken ... ganz nahe war ein Blitz +niedergefahren. -- Polternd schien die Luft auseinander zu fallen -- als +ob ihre Räume zerbarsten, klang es. + +Gleichzeitig legte sich, weil die Frauen sich hinüberwarfen, das Boot +steuerbord so stark auf die Kante, daß nur das Gegengewicht, das mit +Geistesgegenwart von den Offizieren gegeben wurde, es noch einmal +rettete. Und im nächsten Augenblick schüttete es jäh vom Himmel nieder +-- als käme ein Tropenregen herab, so gewaltig und groß prallten die +Tropfen auf und in solchen Mengen, als habe einer neben dem anderen +keinen Platz. + +Und dieser grandiose Regen goß die alberne Angst aus. + +Die fürchterliche und prickelnde Aufregung vor Tod in Wasserfluten, die +Begierde auf Rettung durch starke Männerarme, die Schwelgerei weiblicher +Schutzbedürftigkeit in Gefahr -- alles erlosch. Und nur noch der eine +Gedanke hatte Leben, stärkstes Leben: »O Gott, mein Kleid!« + +Die Papierlaternen waren feuchte erloschene Fetzen. Die Spitzen und +Tülle der Kleider nur noch anklebende Lappen. + +Stephan begann seinen Überrock aufzuknöpfen, und die junge Frau erriet +auf der Stelle, daß er ihn ausziehen und ihr umlegen wolle. + +»Lassen Sie, bitte. Wir sind in einer Minute da.« + +Auch das Ruderboot kam rasch heran -- an seinem Borde schien kein Kampf +der Furcht sich abgespielt zu haben. + +Im Bootshause, auf den innen umlaufenden Stegen war ein Gedränge halb +komischer, halb tragischer Art. Man lachte, weinte, trumpfte auf, +schämte sich. + +Die schöne Hausfrau ertrug es mit Humor, daß ihr blaßlila Chiffonkleid +nur noch ein unzulänglicher Badeanzug war, und sie fing schon gleich an, +ihr blondes Haar auseinander zu lösen -- alle konnten so seine Fülle +sehen -- das machte ihr Spaß. -- + +Am Ufer warteten die zurückgebliebenen Väter und Gatten neben den +Blausilbernen, die ihren Glanz in Gummimäntel gehüllt hatten. So viel +Regenschirme es im Schloß Lammen nur gab, waren zur Stelle. + +Aber was halfen nun noch Schirme. + +»Wir sind wie gebadete Katzen,« schrie Fräulein Edith, vor Vergnügen +außer sich. + +Stephan sah, daß Wynfried Lohmann sich in herzlicher Besorgnis seiner +Frau zuwendete. + +»Vielleicht,« dachte er, »vielleicht ist das Unwahrscheinliche wahr, und +sie lieben sich.« + +So endete das Sommerfest auf Lammen, und Agathe hatte wohl Recht, als +sie nachher noch sagte: »Diese gräßlich schöne Natur. -- Verlaß ist nie +darauf.« + + + + +5 + + +Klara dachte über die vergangenen Monate nach. + +Der Tag lud sie förmlich dazu ein. Es war ihr Geburtstag, und ihr +dreiundzwanzigstes Lebensjahr begann. + +Sie saß in ihrem Zimmer. Es nahm die Ecke des Erdgeschosses ein und +hatte ein Fenster nach dem Hüttenwerk, eines nach den Anlagen und dem +Fluß zu. Aber auch von diesem Fenster, an dem die junge Frau ihren +gewohnten Sitzplatz sich hergerichtet, hatte man den schrägen Blick +hinüber auf die rauchende, flammende und rumorende Welt der Arbeit. + +Die schönen Sachen von Klaras Mutter möblierten das Zimmer. Sie waren +völlig unbeschädigt erhalten gewesen, und man hatte nur ihrem +Mahagoniglanz nachgeholfen. Das weite, tiefe Sofa mit dem graublauen +Seidendamast stand an der Hauptwand. Darüber hing das Bild der Mutter. +Das Angesicht, das dem der jungen Frau so sehr glich, leuchtete fein und +hell vor dem grünen Hintergrund im dunkelgoldenen Rahmen. Und auf dem +halbhohen Teeschrank an der Wand gegenüber ging zwischen den kleinen +Alabastersäulen die gelbbronzene Pendelscheibe hin und her; oberhalb des +Zifferblattes, auf der alabasternen Brücke, schritt der kleine, +fiedelnde Amor. Nichts war hier neu als der Teppich, der zu der +Einrichtung passend beschafft worden war, die Spitzenvorhänge an den +Fenstern und die elektrischen Lampen. Wenn die junge Frau nicht durch +häusliche Pflichten oder durch ihren Schwiegervater in Anspruch genommen +war, saß sie am liebsten hier, wo sie den weiten Blick hatte über den +Fluß, das wellige Gelände, die kleine Stadt, die freundlich und rotbunt +mit all den vielen Fischräuchereien drüben sich um den Kirchturm +drängte. Sie sah auch die Schornsteine und die Spitzen der wunderlich +phantastischen Bauten des Hüttenwerks. An den Hochöfen, die sich nach +oben zu in gebrochenen Linien verjüngten, konnte sie all die sie +umgebenden Rohrwülste und umlaufenden Galerien erkennen. Sie verfolgte, +wie an den Schrägaufzügen die kleinen Erzwagen hochklommen, und wußte, +daß die dann oben ihren Inhalt in die Beschickungsöffnungen +hineinschütteten. + +Der Novemberwind nahm den Schornsteinen den Rauch schon vom Rande weg +und zerjagte ihn ostwärts in der Luft. Ein fahler Sonnenschein bekam +manchmal die Wege frei, wenn die grauen Wolken nicht gerade an der +hellblanken Scheibe im Himmelsraum vorbeisausten. Das Wasser des Flusses +und der Bucht, zu der er sich gleich hinterm hohen Ufer des Städtchens +erweiterte, wechselte die Farbe mit der unruhigen Belichtung. Bald +gleißte es in einem beizenden Spiegelglanz, bald sah es stumpf aus, wie +trübes Zinn. Und die Möwen flogen, mit weißem Flügelschlag im Schatten, +mit silbrigem Blitzen in der Sonne. + +Im Vordergrund, an den Büschen und Bäumen der Anlagen hing hie und da +noch rostfarbenes Laub. Von den meisten Ästen und Zweigen aber hatten +Nebel, Regen und Sturm es längst fortgerissen. + +Zwischen der Front des Hauses und dem hohen Gitter, das die Landstraße +von der Besitzung schied, arbeitete der Gärtner, um die Rosen +niederzulegen und allerlei niedrige Ziersträucher, die den Vorgarten +schmückten, für den Winter mit Tannendecken zu schützen. + +Aber die junge Frau war keineswegs von Herbstmelancholien +niedergedrückt. Voll guten Mutes und in Dankbarkeit dachte sie über den +Weg nach, den ihr Leben in den letzten Monaten zurückgelegt. + +Auf das allermerkwürdigste war dabei die große Veränderung in allen +äußerlichen Daseinsbedingungen kaum ein Gegenstand ihrer Betrachtungen. +Eigentlich hatte sie sich von heute auf morgen hineingefunden, in einem +reichen Hause zu leben. Vielleicht, weil doch in ihr noch Erinnerungen +genug wach waren an die Üppigkeit, die ihre erste Jugend umgab; +vielleicht auch, weil sie in diesem Raum eine ganz gewohnte Umgebung +behalten hatte; und endlich vielleicht auch, weil sie den Sturz vom +Reichtum zur Sorge miterlebt hatte und sich der Tränen ihrer Mutter +entsann. Menschen, die den Wechsel irdischen Glanzes an sich erfuhren, +tragen als Gewinn all des Jammers Unabhängigkeit davon. Klara wunderte +sich selbst oft, wie unabhängig sie von dem Bewußtsein der Millionen +dieses Hauses war. Sie sagte auch ganz nüchtern und einfach, wenn etwa +ihre Pflegemutter wie trunken und staunend von dem Reichtum sprach: es +ist ja gar nicht meiner! -- Sie war keinen Augenblick berauscht von dem +Wissen, daß ihr nun aller Luxus freistehe. Ganz sicher fühlte sie sich +in der neuen Lage und hatte vor allen Dingen die eine bestimmte +Erkenntnis, daß es von ihr nicht geschmackvoll sein würde, Aufwand für +ihre Person zu verlangen oder zu treiben. + +»Darum habe ich Wynfried nicht geheiratet,« sagte sie, wenn die alte +Doktorin Lamprecht immer wieder ihre einfache Kleidung besprach und +meinte: »An deiner Stelle würde ich ...« Ja, was nicht alles? Sich mit +Schmuck behängen? Und von Samt und Gold starren? + +Klara wußte, was sie getan hatte. Ihrer Tat treu zu bleiben, war ihr +einziger Wunsch, ihre einzige Pflicht. + +Was sie auf sich genommen hatte, um eine riesengroße Dankesschuld +abzutragen, bestimmte all ihr Tun und Lassen. + +Nun saß sie an diesem Novembermorgen, der für sie wie ein Auftakt zu +einem festlichen Tage war, und dachte nach, wie weit sie denn eigentlich +gekommen sei und ob alles schwer oder leicht gewesen. + +Mit dem alten Herrn? Oh, wie leicht, wie beglückend! Von jenem ersten +Augenblick an, wo sie als Braut seines Sohnes neben seinem Sessel +niederkniete und die Hand küßte, die den Schimpf vom Grabe ihres Vaters +und die Not von den Tagen ihrer Mutter fern gehalten ... + +Wynfried stand dabei, und der alte Mann und das junge Mädchen konnten +nicht von dem sprechen, was sie zumeist bewegte. Er konnte nicht bitten: +rette meinen Sohn! Sie konnte nicht schwören: mein Leben für ihn -- +damit er dir recht leben kann! + +Aber sie verstanden sich auch ohne Worte auf das wunderbarste, und wie +sie sich damals mit langen, tiefen Blicken alles gesagt, so war es bis +auf den heutigen Tag geblieben: ein Lächeln, ein andeutendes Wort, ein +rascher Blick -- und sie wußten voneinander, was sie dachten. In großen +Fragen und in kleinsten Alltagsdingen. Und der alte Herr sagte manchmal: +»Kind, ich muß mir's immer mit Gewalt vergegenwärtigen, daß du nicht von +meinem Blute bist.« Und er sprach auch von dem Geheimnis seelischer +Übertragungen. »Deine Mutter hat mich geliebt und hat mich verstanden. +-- Das hat hinübergewirkt auf dein Wesen -- vielleicht ohne daß sie es +wußte, hat sie aus dir mein Kind geformt.« + +Klara fühlte auch, wie der tägliche Umgang mit ihm sie reich machte und +wie viel Interesse er in ihr weckte, wie er ihr Wissen erweiterte. Ihr +geistiges Leben, so dachte sie oft, begann in der Zeit, als sie den +Kranken jeden Sonntag hatte besuchen dürfen. + +Jeder Tag brachte ihr in immer neuer Befriedigung das Gefühl: ich habe +recht getan. -- + +Die Gesundheit des alten Herrn besserte sich so sehr, wie kein Arzt es +für möglich gehalten; seine Stimmung war so gleichmäßig und milde, wie +man es noch nie an ihm beobachtet hatte. + +Und der Generaldirektor Thürauf, der ihm mit bewundernder Treue ergeben +war, sagte der jungen Frau: »So kommt der große Arbeiter, der nie für +sein privates Leben viel Wärme gehabt hat, doch noch zu einem schönen +Abend.« + +Ja, diese Gedanken waren hell, mit keinerlei Zweifelsfragen behangen. + +Und sonst? Die Aufgaben im Hause und die der Stellung? + +Da war's nicht so leicht gewesen und auch zur Stunde noch nicht immer +einfach. Die Dienerschaft zwar, das erriet Klara bald, hatte von +vornherein die Annahme: Die junge Frau regiert den alten Herrn, also +heißt es bei ihr in Gunst und Gnaden stehen. An Beflissenheit fehlte es +demnach nicht. Da aber Klara nicht im mindesten auf die Führung eines so +großen Hausstandes vorbereitet war, mußte sie all ihre rasche +Intelligenz zusammennehmen, um in die Aufgabe hineinzuwachsen. Die gute +alte Doktorin Lamprecht konnte ihr, aus dem engen kleinen Rahmen ihres +wirtschaftlichen Lebens heraus, auch keinen Rat geben. Aber sie +entdeckte in sich überraschenderweise die Begabung für diese Dinge, die +vielleicht nur selten einer echten Frau fehlt. Das machte ihr Mut, und +sie arbeitete sich freudig in den Betrieb hinein. Als ihr Schwiegervater +einmal schalt, daß sie zu viel umherlaufe und sich mit der Organisation +der Rechnungsablage, mit der Kontrolle der Wäschevorräte und der +Kellerei und anderer Zweige des Haushaltes plage, sagte sie: »Ach, Vater +-- das meinst du gar nicht wirklich. Es sind doch Werte! Wenn es auch +vielleicht für deine Einkünfte gleichgültig ist, ob ein paar Tausend im +Jahr mehr verbraucht werden -- für deine Leute ist es nicht +gleichgültig. Ich denke manchmal, wenn Dienstboten in großen Häusern +allzu flott wirtschaften dürfen, können sie nachher keine guten +Haushalter werden in ihrer eigenen, oft so sorgenvollen kleinen +Selbständigkeit.« + +Dazu hatte er dann genickt. Es war ja ganz in seinem Sinne. + +Er lebte seit vielen Jahren als großer Herr. Seine unerhörte +Arbeitsleistung konnte sich ungehemmter entfalten, wenn viele und rasche +Bedienung, jede Erleichterung des Verkehrs, alle Bequemlichkeiten ihm +die Mechanik des Alltagslebens unspürbar machten. Außer dieser +Notwendigkeit, sich nie durch geringe Umstände und den Ablauf der +Nebendinge gestört zu sehen, bestimmte ihn noch ein anderer Grund zu +reicher Lebensführung. »Wer in bedeutendem Maße Geld verdient,« sagte er +zu Klara, »soll es auch in Umlauf bringen; aber Verschwendung ist mir +verhaßt. Sie ist von Grund aus unsittlich. Und du tust recht, nicht nur +zur Erziehung der Leute, sondern auch um unsertwillen, Aufsicht zu +führen.« + +So verstanden sie sich auch hierin. Um Klaras Kleidung kümmerte er sich +nicht. Sie merkte wohl: er sah gar nicht, daß sie bei möglichster +Einfachheit blieb, und sie lächelte oft gerührt in sich hinein, wenn sie +spürte, wie er sie bewunderte. -- Sie dachte dann immer: es ist ja +eigentlich meine Mutter, der er huldigt. + +Es gab aber auch eine peinliche Schwierigkeit. Die hatte einen Namen und +hieß Leupold. Ein Diener, der sich in fünfundzwanzig Jahren so in die +Art seines Herrn eingelebt hat, daß er sie immer versteht und sich ihr +immer anpaßt, der in so langer Zeit nie unredlich Vorteile gesucht, der +in schweren Nächten treu gewacht und an mühselig-langen Tagen Essen und +Trinken vergaß, um nur ja nicht einen Wink des Leidenden zu versäumen -- +ein solcher Mann verdient alle Rücksichten und alle Hochachtung. Mit der +stattlichen Entlohnung und der schönen Ziffer im Testament war es nicht +getan. + +Leupold hatte der jungen Volksschullehrerin sehr wohl gewollt. Das wußte +Klara noch. Er hatte sogar einen ganz leisen Protektor- oder Gönnerton +gehabt, wenn sie kam und ging. Denn sie brachte seinem Herrn ein bißchen +Zerstreuung. -- Von den Betrachtungen, die er früher still bei sich +angestellt über seines Herrn Vorliebe für Fräulein Hildebrandt, wußte +Klara natürlich nichts. + +Sie spürte aber, daß er die Schwiegertochter seines Herrn nicht mit +Wohlwollen, sondern durchaus mit Eifersucht ansah. Vielleicht, so dachte +sie mit feinem Spürsinn für die Gemütsvorgänge in Halbgebildeten, +vielleicht fand Leupold auch die Heirat des jungen Herrn nicht +standesgemäß. Und ganz gewiß dachte er, die Pflege der Schwiegertochter +sei dem alten Herrn angenehmer als die Handreichungen des Dieners. Sie +las ihm förmlich die bitteren Gedanken von der Stirn: »So lange hab' +doch ich's am besten verstanden ...« Nun mußte sie ihm gewissermaßen den +Hof machen, rief ihn oft zur Hilfe, wenn es gar nicht nötig gewesen wäre +und wenn der Geheimrat auch sagte: »Wozu erst Leupold rufen?« + +Und es war schwer, hier die rechte Grenze zu finden: sich nichts +vergeben durch zu große und verkehrte Rücksichtnahme und dennoch immer +dem Manne zeigen, daß auch sie dankbar seine Verdienste schätze. + +Wie störend. Nur ein Nebenumstand -- nicht mehr. Aber doch. -- Mit den +großen Sachen, die man deutlich sieht und fest fassen kann, wird man +immer bald fertig. Aber die Dinge, von denen man sich immer wieder sagt: +es ist ja nicht der Mühe wert, darüber so viel nachzudenken -- das sind +die rechten Störenfriede. + +Ihre Wirksamkeit in der Kolonie Severinshof ließ sich auch nicht rasch +in die klare Form und zu der segensreichen Ausdehnung bringen, wie sie +sich gedacht gehabt. + +So manche Mutter, mit der sie früher aus eigenem herzlichen Antrieb oder +auf Wunsch ihres damaligen Vorgesetzten, des Herrn Magers, über die +Fehler ihrer Kinder gesprochen oder über die Wünschbarkeit besserer +Pflege für die schwächliche Gesundheit der Kleinen, kam nun vertraulich +mit drängenden und unerfüllbaren Ansprüchen. Es schien gerade, als +hätten Mütter und Kinder von der Schicksalswendung der Lehrerin für sich +auch goldene Berge erwartet. Jeder und jede, denen Klara früher in +besonderer Freundlichkeit Anteilnahme bewiesen, erhob nun Forderungen. + +Aber diese Dinge konnte sie mit ihrem Schwiegervater besprechen und von +ihm tröstend vernehmen, daß die Ungleichheit und die Bedürftigkeit doch +nie aus der Welt zu schaffen sei, und wenn alle Milliardäre und +Millionäre ihr Gold zur Verteilung brächten. + +Das Neinsagen ist bitter, wenn man am gut besetzten Tisch speist, fand +Klara. Und sie erkannte schon sehr rasch, wie das Bitten und Betteln +gerade dem Mildherzigen seine sorglose Lage vergällt. + +Noch ehe ihr überhaupt auch nur einmal das Gefühl gekommen war, sie sei +selbst eine reiche Frau geworden, fing sie schon an, die Lasten und +Verantwortungen des Reichtums zu spüren. + +Auch eine halb verlegene, halb humoristische kleine Episode hatte es +gegeben. Ihr früherer Kollege, dessen glühende Verehrung für sie den +vergnügten Spott der Schuljugend gefunden hatte, weil eben der arme Herr +Kehl seine seelische Abhängigkeit von Fräulein Hildebrandt nicht zu +verbergen vermochte, der kam und brachte ihr seine zum achten Male +umgearbeitete Novelle. In zitternder Scheuheit stand er vor ihr, und +ihre unveränderte freundliche Güte ergriff ihn und steigerte sichtlich +seine Begeisterung. Er erbat von Klara Prüfung seiner Novelle und die +Besorgung eines Verlegers oder die Herausgabe auf ihre Kosten und vor +allen Dingen ihr Urteil. Klara dachte sich wohl, daß er von ihr ging mit +dem Gefühl: nun durch ihre mächtige Hand eins, zwei, drei zu Ruhm und +Gold zu kommen. Aber sie hatte ja gar keine mächtige Hand und genau +ebenso wenig Beziehungen zu Verlegern oder großen Redaktionen wie Herr +Kehl selbst. Und obendrein war die Novelle von überwältigender Komik und +spielte in der Gesellschaft des Hochadels, von der er fabelhafte +Vorstellungen hatte. Als Klara ihm schrieb, daß er vielleicht besser +tue, die Welt, die er kenne, zu schildern, und andeutete, daß sie seine +Arbeit nicht für druckreif halte, fürchtete sie schon, daß sie sich +einen Feind mache. Als sie ihm dann einmal begegnete, grüßte er kaum und +mit gehässigem Blick. Und von Herrn Magers hörte sie dann, daß man den +Kehl entlassen müsse. Er spreche bei jeder Gelegenheit in den Stunden +davon, daß Reichtum den Charakter verderbe, und Herrn Magers' kluges +Töchterlein hatte gesagt: »Papa, es klingt, als wenn er Fräulein +Hildebrandt meint.« -- Für die Kinder war sie noch immer »Fräulein +Hildebrandt«. -- + +Auch vielleicht kaum der Mühe wert, über die Episode Kehl nachzudenken! +Und doch, wie war es wunderlich, daß das eigene Leben in keine Bewegung +kommen kann, ohne, gleichwie in sich fortpflanzenden Wellen, auch +anderer Leben in Bewegung zu setzen. + +Ihr Schwiegervater überwies ihr bald eine bestimmte Summe, die ihr in +monatlichen Raten ausbezahlt wurde. Damit sollte sie dann nach eigener +Erkenntnis helfen, wo es ihr gerecht schien. Es würde nicht ohne +schmerzende Erfahrungen abgehen, meinte er. Aber auch auf diesem Gebiet +heiße es: Lehrgeld bezahlen. Er besprach auch mit ihr die vorhandenen +Wohlfahrtseinrichtungen, davon ein Krankenhaus und die Schule die +hauptsächlichsten waren. Das beschäftigte sie auf erhebende Art. Sie +wollte trachten, sich in diese wichtigen Dinge besonnen einzuarbeiten. + +Alles zusammengenommen: ihr Leben war nicht leer. + +Und im letzten Grunde reizten ja auch die Schwierigkeiten und machten +fühlbar, daß man mit sich und anderen vorwärts kam. + +Die wichtigste aller Fragen aber war natürlich diese: Wie weit war sie +mit ihrem Mann gekommen? + +Beinahe hätte sie sich rasch geantwortet: sehr weit -- überraschend +weit! + +Aber wenn sie es ganz genau bedachte, mußte sie sich sagen: ich weiß es +nicht! + +Was für ein ganz anders geartetes Menschentum ist doch im Manne, dachte +sie. + +Davon natürlich hatte sie vorher nichts wissen können. Und sie grübelte +dem Rätsel »Mann« nach. + +Sie wußte nun schon, daß Mann und Weib zwei verschiedene Welten in sich +tragen und daß nur die Liebe die große Kluft überbrücken kann, die +zwischen beiden sich dehnt. Überbrücken -- nie ganz ausfüllen ... + +Welches Wunder: einsam steht der eine hüben, die andere drüben! + +Und jeder und jede denkt über den anderen Teil wie über etwas nie ganz +Ergründliches nach. + +Das hatte ganz gewiß irgend einen geheimnisvollen Zweck und Grund -- war +keine Laune der Natur. -- + +Von ganzem Herzen, mit einem gewissen freudigen Eifer war sie in die Ehe +gekommen, in der Hoffnung: in ihr lerne ich meinen Mann lieben! Sie +wollte, sie mußte ihn lieben lernen. Damit nicht gar eines Tages die +klugen Augen des Vaters doch durchschauten, daß sie ein Opfer gebracht +hatte -- ein Dankopfer ... Und auch aus einem eigenen, kräftigen +Lebensgefühl heraus: sie wünschte sich das Glück! Wer wünscht es sich +nicht? -- + +Aber bis zu dieser Stunde war die Liebe -- jene, die sie ersehnte -- +immer noch nicht erwacht. Sie meinte es mit keinem Menschen auf der Welt +besser als mit Wynfried. Voll Zartheit, immer nur in Sorge, ihr +heimliches Wirken zu umschleiern, suchte sie ihn zu halten, zu fesseln, +zu beeinflussen, anzuregen. + +Es würde sie erschöpft haben, ihre Nerven hätten überreizt davon werden +können, wenn nicht der Erfolg gewesen wäre. + +Sie sah es: er kam zum gesunden Dasein zurück -- er begann Reiz an der +Arbeit, Interesse für das Werk zu gewinnen. Er wurde ein anderer ... + +War es nicht genug Glück, das zu sehen? + +Gab es nicht sehr wahrscheinlich Tausende von Ehen, wo diese ruhige +Freundlichkeit des Gemütes und die große Pflicht zur Arbeit als voller +Inhalt genügte? + +Daß es solchem Inhalt an Sittlichkeit fehle, konnte man gewiß nicht +sagen ... + +Allmählich kam dann vielleicht noch die Gewohnheit hinzu -- all die +tausend kleinen Dinge des Lebens sind ja wie Ringe und bilden zuletzt +eine Kette von nicht mehr übersehbaren Gliedern -- und die umschlingt +dann zwei Menschen und macht ihr Schicksal zu einem ... + +Ihr erster Erfolg hatte sie ganz betroffen gemacht -- es war nur eine +lächerliche Kleinlichkeit gewesen. -- Und doch: wie hob es sie gleich. + +Am Tage nach ihrer Verlobung achtete sie auf sein linkes Handgelenk -- +ob da wohl wieder das fatale Armband zum Vorschein käme, das ihr gestern +so unangenehm aufgefallen war -- sie merkte: es war fort! + +Vielleicht war es eine Erinnerung an jene schlimme Frau gewesen, um +deretwillen er so viel Jugendjahre vergeudet. -- Es tat Klara wohl, daß +er es nicht mehr trug. + +Wenn man keine heiße Liebe zueinander hat, fühlte sie oft, muß immer +wachsame Rücksicht die Zartheiten der Liebe ersetzen. + +Mit sich selbst und ihrem ganzen Verhältnis zu ihrem Manne war sie +völlig im klaren: wenn sie auch keine Leidenschaft für ihn empfand, wenn +auch niemals ihre Wärme für ihn, über die herzliche schwesterliche +Teilnahme hinaus, in beseligte Hingabe sich wandeln konnte -- so mußte +dennoch er und nur er der Mittelpunkt ihres Lebens sein und bleiben. Sie +wollte, sie durfte niemals einen anderen lieben! Ihrem Manne irgend +etwas zu verweigern, was innerhalb der Ehe sein Recht zu fordern war, +durfte ihr nie beikommen. Sie mußte und wollte ihr Dasein daran setzen, +damit das seine ihm nützlich und hell werde. + +Das war alles sehr ernst, es war mit voller Einsicht übernommen worden, +und sehr klar. + +Ganz unklar aber war ihr noch sein Verhältnis zu ihr. Da fingen lauter +Rätsel an. + +Das erste und größte war dies gewesen: ein Mann konnte, ohne von +glühender, ausschließlicher, heiliger Liebe für eine Frau erfüllt zu +sein, dennoch in gewissen Stunden und Stimmungen von einem Rausch +hingerissen werden, der der Liebe gleich sah, der ihre Gebärden, ihre +Mienen, ihre bedrängende Hingebung annahm. Und vermochte in solchem +Rausch, was nur Liebe können sollte ... + +Klara ahnte wohl, da lagen die tiefsten Gründe der Verschiedenheit +zwischen Mann und Weib. + +Sie wußte so wenig vom Wesen des Mannes, daß sie keinen Begriff davon +hatte, wie der erste und alleinige Besitz eines schönen jungen Weibes +auch für einen nicht Liebenden voll Reiz sein kann. + +Sie würde sich nicht im mindesten gewundert haben, wenn Wynfried als ihr +anspruchsloser Freund neben ihr dahingelebt hätte, ohne jemals ihre +Schlafzimmertür zu öffnen. + +Sie ertrug die letzte, geheimste Gemeinsamkeit der Ehe, das +Anrecht des Mannes an ihren körperlichen Besitz mit einer tapferen +Selbstverständlichkeit, die ihr geadelt wurde durch den Gedanken an +alles, was sie in diese Ehe hineingezwungen. + +Aber schon nach einigen Wochen fing sie an, das, was ihr ein peinliches +Rätsel gewesen war, als tiefe Weisheit der Natur anzustaunen. + +Klara wußte: sie würde im Frühling Mutter werden. + +Und nun dachte sie immer und immer: dann komme doch noch die große +Liebe. + +In den Wundern der Mutterschaft mußte sie ihr erblühen, für den Vater +ihres Kindes. + +Sie bemühte sich, wie sie hier saß und voll Andacht an die Zukunft +dachte und an all das Glück, das dann vielleicht über sie käme, immer +dringlicher, sich ihres Mannes angenehme Eigenschaften zu +vergegenwärtigen. + +Er war ritterlich. Das erleichterte alles. + +Klara hatte wohl eine sorgenvolle Ahnung davon, daß ihre Gespräche nicht +so eigentlich seine Interessen trafen. + +Von seinem früheren Leben erzählte er sehr wenig. Höchstens einmal, wenn +Klara davon sprach, wie herrlich es in Tirol gewesen sei, wohin sie ihre +Hochzeitsreise gemacht hatten, und wie schön es werden würde, wenn sie +nach und nach mehr von der Welt kennen lerne. Denn Vater sagte: er +bestehe darauf, daß die Kinder jedes Jahr eine große Reise machen +sollten. Dann beschrieb Wynfried Paris oder London oder die Plätze, wo +er Wintersport getrieben, und den Nil, auf dem er mit »Freunden« eine +mehrwöchentliche Reise in einer Dahabije gemacht habe. Aber von den +»Freunden« sprach er nicht genauer. Und wenn Klara einmal fragte, so +lehnte er mit einem Lächeln ab und sagte: in sein jetziges Leben paßten +die nicht mehr. Und der bittere Zug erschien in seinem Mundwinkel, der +in ihr dies etwas kindliche und etwas törichte rührende Mitleid +auslöste, das unerfahrene Frauen haben können, wenn sie sich denken: ein +Mann leidet, weil ein Weib ihn verriet. + +Ein herdenmäßiges Gemeinsamkeitsgefühl regte sich dann ziemlich stark, +wenn auch unbewußt in ihr: der Hang des Weibes, zu trösten und das gut +zu machen, was eine Geschlechtsgenossin verbrach. + +Klara war klug, war vielleicht bestimmt, sich zu einem bedeutenden +Menschen zu entwickeln. Aber ihre Phantasie war nicht genährt durch +Wissen vom wirklichen Kampf zwischen Mann und Weib. Und von den +Dunkelheiten auf diesem Gebiet wußte sie gar nichts. + +So wirkten diese Schleier, die er um sein Vorleben zu hüllen wußte, nur +interessant, und es war, als sehe man unter ihnen undeutlich Gluten +schimmern und wilde Szenen von Zorn und Klage. + +Das gab seiner Person einen Schimmer von Poesie und Romantik. + +Sehr gefiel ihr vom ersten Augenblick an seine Haltung in der +Hauptsache. -- Die »Hauptsache« war für Klara ja nicht ihre Ehe und +seine Stellung zu ihr selbst, sondern seine Beziehung zum Werk. + +Sie war dabei gewesen, wie Wynfried mit dem Generaldirektor Thürauf zum +erstenmal über künftige Tätigkeit sprach. Klara hatte einen fast etwas +furchtsamen Respekt vor Thürauf, und sie war recht unruhig gewesen, wie +diese Aussprache verlaufen werde. Man konnte dem schlanken, noch +merkwürdig jugendlich wirkenden Mann mit den immer beherrschten Zügen +und den klaren, scharf blickenden Augen eigentlich nie anmerken, in was +für einer Stimmung er war. Der Geheimrat sagte von ihm, sein +Generaldirektor sei der objektivste Mensch, den er kenne. -- Nun, kaltes +Blut und fester Blick war wohl für seine Aufgaben nötig. Was gehörte +dazu, solchem Mann zu sagen: »Ich werde fortan mit dir arbeiten -- als +künftiger Besitzer -- als Teilhaber.« Aber Wynfried hatte den Geschmack, +das nicht zu sagen. + +Er streckte dem Mitarbeiter seines Vaters die Hand entgegen und sagte, +mit mehr Lebhaftigkeit als sonst: »Ich bitte Sie, mir zu helfen. Es wird +viel kosten, bis ich mich eingearbeitet habe. Ohne Sie, Ihren Rat, Ihre +Offenheit, Ihre Warnungen kann ich's nie! Und vor allen Dingen: stehen Sie +mir bei, daß ich mir keine Blößen gebe -- vor den Abteilungsvorständen. +Sie wissen wohl, das kann man auf zweierlei Art -- nicht nur durch +Hineinsprechen, was man denn vielleicht nicht recht zu begründen +versteht -- auch durch Zurückhaltung kann man's, die schon von fern nach +Unsicherheit aussieht.« + +Soweit Klara sich schon traute, Männer wie den Generaldirektor zu +beurteilen, schien ihr, daß ihm das wohlgefallen habe. + +Jedenfalls war das Verhältnis das beste, und da die ersten Monate doch +die schwersten waren, durfte man hoffen, es bleibe gut. + +Natürlich waren Wynfrieds Stimmungen sehr ungleich. + +Von seinen Knabentagen an hatte niemand und nichts ihn zur +Regelmäßigkeit gezwungen. Er hatte auch nicht die gesunde Schulung der +Militärzeit durchgemacht. Um irgend einer Kleinigkeit willen war er +davon freigekommen, als Einjähriger zu dienen. Das Wort »Pflicht« klang +nur ganz von fern an seine Ohren -- wie es so viele Worte tun, die doch +Unentrinnbarkeiten benennen, aber mit denen man sich erst in +unbestimmter Zukunft näher zu befassen hat. + +Es gab Tage, wo er es einfach nicht über sich gewann, ins Büro zu gehen, +sich auf dem Hüttenwerk auch nur zu zeigen. + +Und da Klara nicht in die unleidliche Rolle der schulmeisternden und +antreibenden Frau fallen wollte, waren ihr solche Tage schwer. Dann +brütete er vor sich hin. Zuweilen ritt er stundenlang und kam erschöpft +heim. Er war unfreundlich, und alles schien ihn zu langweilen. + +Ihr gutes Glück hatte Klara geleitet, daß sie ihre Sorge dann verbarg +und mit keiner Frage, keiner Bemerkung zeigte, wie bekümmerlich oder wie +auffallend sie sein Verhalten finde. Sie blieb freundlich und schien +nichts Besonderes zu bemerken. + +»Verzeih,« sagte er das eine und andere Mal dann von selbst, »ich bin +heute unleidlich ...« + +Nach solchen Tagen voll Unruhe und Verstimmung kam meist ein Anfall von +Eifer -- von erhöhter Liebenswürdigkeit. + +Dann erzählte er bei Tisch, offensichtlich seiner Frau zu gefallen, von +den Ereignissen drüben auf dem Werk: er hatte den ganzen Morgen in der +Einkaufsabteilung gearbeitet. Gerade traf der Dampfer »Severin« wieder +aus Spanien ein, hatte aus Katalonien eine Ladung Roteisenstein geholt +-- was für 'n humorvoller, frischer Mann der Kap'tän Fehrs. -- Oder: ein +neuer Dampfer sei seit kurzem bestellt, er lag schon auf den Hellingen, +und sobald die Lübecker Schiffswerft ihn von Stapel laufen lassen +konnte, mußte Klara ihn taufen -- »Klara Lohmann« sollte er heißen und +nicht anders. Ein andermal: er hatte an der Beratung teilgenommen, zu +welcher sich der Generaldirektor, der Chemiker Doktor Thomas und der +Ingenieur Dröscher um den Stuhl des alten Herrn versammelt gehabt. Es +handelte sich darum, daß aus der Schlacke die Kalkteile herausgeschieden +werden sollten, um zur Zementfabrikation verwendet zu werden. Und er, +Wynfried, hatte auch seine Meinung sagen sollen, denn er habe doch als +Volontär auf dem Hüttenwerk Häphestos im Rheinland gearbeitet, wo man +bekanntlich den Kalkgehalt der Schlacke so verwerte. Er berichtete ganz +ehrlich, daß er seinem Vater und den Herren offen habe eingestehen +müssen, daß er während seiner Zeit auf Häphestos nicht das +allergeringste Interesse für diese Dinge gehabt habe. + +Da war Klara ganz erschreckt gewesen. + +»Was sagte Vater?« fragte sie rasch. »Es war ihm sicher peinlich, daß du +solche Antwort geben mußtest. Was hast du denn getan damals auf +Häphestos?« + +»Vater schwieg,« antwortete er nur. + +»Bist du auf Häphestos nicht nach und nach in allen Abteilungen +beschäftigt worden?« fragte sie und sah ihn in lebhaftem Interesse an. + +»Ich -- nein -- ich mußte damals oft in Paris sein -- ein -- Freund dort +bedurfte meiner.« + +Dann, in plötzlichem Entschluß, als sichere er ihren fragenden Blicken +etwas zu, sprach er: »Alles läßt sich nachholen -- Klara -- du sollst +noch Respekt vor mir bekommen.« + +Und nach diesem Gespräch schien er eine Aufwallung von frischer +Lebensfreude zu haben -- war so liebevoll mit seiner Frau. Klara wurde +von einem Gefühl der Beklommenheit ganz verwirrt -- ja -- so sah es aus, +als fange er an, sie sehr, von ganzem Herzen zu lieben. Als sei sie ihm +sein Halt, sein Stolz. Da spürte sie noch etwas ganz anderes als jenen +Rausch, den sie nicht verstand und der ein Wunder war und ein Rätsel und +vielleicht sehr abscheulich oder vielleicht ein großer Naturzweck -- -- + +Ob sie wohl je dahin kommen würde, das wechselnde Wesen ihres Mannes zu +verstehen? Und die tiefsten Gründe seiner Unausgeglichenheit +aufzuspüren? + +Unbegreiflich war ihr auch gewesen, in welcher Art er es aufnahm, daß +ihre Zweisamkeit sich im Frühling zur Familie erweitern würde. + +»Schon Vater werden? -- Wie alt kommt man sich vor. -- Ja, das ist dann +wieder eine neue Lebensepoche -- man wird immer mehr Philister ...« + +Sie sah ihn an -- starr -- staunend -- vor peinlicher Überraschung +stumm. Doch ehe es dazu kam, daß diese ihre Überraschung sich in Schmerz +auflösen konnte, erfaßte Wynfried schon ihre beiden Hände. Küßte ihr die +Rechte -- küßte ihr die Linke und sagte: »Welche erhebende Aussicht ...« +Und ließ sie allein -- als treibe ihn Verlegenheit fort. + +Von da an kamen immer häufiger die Augenblicke, wo Klara sich fragen +mußte: liebt er mich doch? Es machte sie glücklich und ängstlich +zugleich -- -- + +Und sie steigerte sich in die Hoffnung hinein: ich werde ihn auch lieben +-- einmal -- dann ... ja dann ... + +Es wurde sehr stark an die Tür geklopft. Das machte ihrem Nachsinnen ein +Ende. Sie wußte, wer kam und wer so klopfen ließ. Sonst war ihr erster +Weg jeden Morgen hinauf zu ihrem Schwiegervater, aber er hatte gestern +gesagt: »Du sollst dir deinen Glückwunsch von mir nicht holen. Ich +bring' ihn dir. So viel Höflichkeit steckt doch noch in mir altem +brüchigen Mann.« + +Er machte sonst die Fahrt mit dem Lift, die ihm ärgerlich war, nur +einmal am Tage, wenn er zum Essen herunterkam. + +Nun schob Leupold den Fahrstuhl herein. Dieses Gefährt kleidete +gewissermaßen den alten Herrn nicht so gut -- im mächtigen Ledersessel +thronte er. Hier sah man so deutlich, daß ein Gelähmter darin saß. +Vielleicht hatte er selbst ein dunkles Gefühl davon, denn er konnte sich +mit seinem Fahrstuhl nicht vertragen. Voll Ungeduld entdeckte er täglich +neue Ärgernisse an seiner Konstruktion und bestritt, daß sie von der +möglichsten Vollkommenheit sei. + +Klara eilte ihm entgegen und umarmte ihn. Er war sehr in Anspruch +genommen von dem Geschenk, das er brachte. Leupold nahm es dem blonden +Georg ab, der in militärischer Haltung dem Zuge folgte und einen +Damenpelz über dem Arm trug. Eine förmliche Prozession, und die junge +Frau lachte. Erst als der zweite Diener sich zurückgezogen hatte, hob +der alte Herr ihr den Pelz entgegen, den man ihm auf die Knie gebreitet. +Eine Mütze war auch dabei. -- + +»Ja, lach mich nur aus. Auf einmal soll man und will man galant sein. +Hab' seit vielen, vielen Jahren weder Ursache noch Gelegenheit gehabt, +für junge Damen was einzukaufen.« + +»O wie schön. -- Prachtvoll, Vater -- wie danke ich dir --« Und sie +dachte: »Was soll ich nur damit?!« + +»Hab' Wynfried um Rat gefragt. Der versteht ja von Damentoiletten mehr +als vorderhand vom Eisenguß --« + +»Wynfried?« fragte sie. + +Ihre erstaunte Frage war ihm unangenehm -- er begriff: das war eine +überflüssige Bemerkung gewesen ... + +»Na -- das kam mir vielleicht auch nur so vor -- er war sehr erpicht +darauf, daß ich dir was Statiöses schenke -- Klara ist zu uninteressant +angezogen ... sagte er.« + +»Ich?« fragte sie wieder dazwischen; »kann man denn 'interessante' +Kleider haben?« + +»Muß man ja woll. Kind, ich meine, du bist immer gerade recht +gekleidet,« sagte er mit Nachdruck. »Aber für Wynfrieds Geschmack muß es +Nerz und Hermelin sein -- sieh dir das mal an -- Leupold, laß mich da -- +hol mich in einer Stunde wieder -- du weißt, der Kommerzienrat Kreyser +hat sich angemeldet. -- Na, mein Kind, was staunst du denn den Pelz +an --« + +»Vater, mir ahnt, das ist was sehr Kostbares.« + +»Ziemlich. Aber sieh mal: wenn Wynfried dich doch gern in solchem Dings +sehen mag ...« + +Klara dachte an ihre alte dicke Winterjacke und die pastellblaue +Wollmütze. + +Der bittende Ton des alten Herrn rührte sie. Mit Vorsicht breitete sie +den Pelz auf den graublauen Sofa hin und sprach: »Wir müssen ihm schon +den Gefallen tun -- denn, nicht wahr, Vater? er tut sein Bestes, vor dir +nach und nach zu bestehen.« + +»Vor mir? Kind, vor dir! Du bist es und der Respekt vor dir, der ihn +aufweckt! Man kann nicht alles auf einmal verlangen. Das Gleichmaß fehlt +noch -- noch die Ausdauer -- aber es kommt! -- Alle Begabungen sind da +-- Thürauf ist oft ganz glücklich. -- Du kannst dir woll denken, daß +Thürauf und ich unter vier Augen keine schönen Redensarten über wichtige +Dinge machen, sondern klipp und klar Wahrheiten sagen. Ja, Klara -- das +bist allein du! Meine Hoffnungen erfüllen sich. Ich kann kein Dankeswort +sagen ... Du weißt von selbst, was ich fühle ...« + +Er sah sich um. Immer sprach dieser Raum zu ihm. Stimmen aus +vergangenen, schweren und doch erhebend schönen Zeiten füllten ihn. Von +der Wand sah das lieblich-ernste Angesicht der heiligen Toten ... + +»Nicht nur dich hast du ins Haus gebracht -- mit all dem Segen, der du +uns bist -- nein, auch diesen Tempel des Gedächtnisses -- --« + +Er sah nach der Uhr, wo in melancholischer Lebendigkeit die kleine gelbe +Pendelscheibe zwischen den Alabastersäulen hin und her und her und hin +ging -- er sah den fiedelnden Amor an -- -- + +»Klara,« sagte er, »wir machen ja nicht viel Worte zusammen, du und ich +verstehen uns so. Aber heut ist so 'n Tag -- dein erster Geburtstag als +Frau Klara Lohmann -- da muß ich dir doch mal aussprechen, wie glücklich +es mich macht, daß du den Namen trägst, den ich deiner Mutter nicht +geben durfte. Und wie es mich mit der tiefsten Ruhe erfüllt, daß du +meinem Einzigen hilfst, ein werktätiger Mann zu werden. Was er sonst ist +oder wird, als dein Gatte, wie er dir deine Hingabe, deine Liebe lohnt +-- das macht zwischen euch zweien aus. Aber, gottlob -- mir scheint, du +bist glücklich! Anders zerfräß' es mir auch das Herz. -- Ich kann in +Frieden weggehen -- du weißt, wenn der Dunkle, der neben mir wartet, +nochmal mit der Sense ausholt ...« + +Klara bückte sich zu dem Sitzenden und umarmte ihn mit Leidenschaft. + +»Nicht so -- o nein, Vater -- du bleibst noch Jahrzehnte bei uns --« + +Er lächelte resigniert -- aber doch in jener Resignation, die Starke +sich selbst vorheucheln. Starke, die sich nicht vorstellen können, wie +ihr Werk ohne sie sich ausnehmen wird. + +»Um was ich dich damals bat, als du seine Braut geworden warst: hilf ihm +ein Mann der Arbeit zu werden, denn seine Mutter hat ihn zu einem +Luxusmenschen erzogen, und er kam nachher in üble Hände. -- Ja, das hast +du erfüllt. -- Er wird einmal mein Werk als ein Berufener weiterführen. +Das sehe ich schon. -- Wie herrlich, diese Beruhigung. -- Heut kommt +Kreyser -- ein alter Freund. -- Weißt du, was er will? Mit mir die +Umwandlung seiner Betriebe in eine Aktiengesellschaft beraten. -- +Wahrscheinlich werden wir uns so stark beteiligen, daß wir die Dinge da +in die Hand bekommen. -- Die Kreyserschen Fabriken sind schon seit +vielen Jahren Abnehmer unseres Roheisens. -- Kreyser hat kein Interesse +mehr an seinem Werk. -- Hatte einst auch gedacht: er arbeitet für Söhne. +Und nun? Einer im Duell gefallen -- üble Sache -- man spricht besser +nicht davon. Der andere, toll vor Lebensgier, hat sich irgendwo +Tuberkeln geholt -- fristet sich im Süden hin und soll nach Australien, +was ja als das Heilkräftigste gilt. -- Früher sagte Kreyser woll mal: +Na, Sie haben ja auch Not mit dem Ihren! Nun wird er sehen: keine Not +mehr -- wachsende Zuversicht. -- Höre, Klara, es ist dir doch angenehm? +Ich muß ihn bitten, daß er zu Tisch bleibt. -- Ihr habt so wie so +Gäste?« + +»Wynfried hat Agathe Hegemeister und zwei Herren von drüben zum +Frühstück eingeladen -- Likowski und seinen Oberleutnant,« sagte Klara +zerstreut. + +»Ist die pummelige Baronin dir wirklich so flink 'ne Busenfreundin +geworden? Daß Wynfried gerade Likowski und Marning so heranzieht, freut +mich. Beide haben meine starke Sympathie.« + +»Ach -- Agathe? -- Sie kommt sehr oft -- sie ist so wenig mit ihrem +Leben zufrieden -- ich glaube, sie hat sich nur an mich gehängt, um +irgend etwas Neues zu haben.« + +»Kind, du sprichst mit mir. Wo sind aber deine Gedanken? Anderswo!« + +Klara lächelte. + +»Es ist unheimlich, wie du mich kennst.« + +»Wo also waren sie? Ich nehme an, daß du keine Heimlichkeiten vor mir +hast,« sagte er scherzhaft. + +»Doch! Ich habe sogar Wynfried gebeten, sie mir zu lassen -- bis +heute ...« + +Sie kniete neben ihm nieder -- wie das oft geschah -- dem Gelähmten +schien sie dann am nächsten, konnte am besten zu ihm emporsehen -- oben +in seinem Zimmer hatte sie ihr niedriges Stühlchen neben seinem Thron. + +Sie faltete ihre Hände um seine Rechte. Die schlanken, weißen Finger +preßten förmlich diese große Männerhand ... + +»Vater,« sagte sie leise, »ich glaube, dein Haus wird weiterblühen. Und +du mußt durchaus leben, damit du siehst, daß ich dein Enkelkind in +deinem Sinne erziehe.« + +»Klara? ...« + +»Ja,« sprach sie, »im April.« + +Sie hatte ihre Blicke zu ihm emporgewandt und schaute voll in das große +Auge ... + +Darin blitzte ein Strahl heißer Freude auf ... Und gleich wurden sie von +feuchtem Glanz verschleiert ... Klara sah zum erstenmal eine Träne in +diesen gebieterischen Augen. -- + +Sie schwiegen vollkommen. Es war eine feierliche Andacht zwischen ihnen, +die keiner Worte bedurfte. Vergangenes und Zukünftiges zog durch die +Gedanken des alten Mannes. In dieser ernsten, holden jungen Frau wurde +ihm beides zur Gegenwart. Dafür dankte sein Herz ihr inbrünstig. Und er +begriff es vollends, daß die Liebe zu ihr das Glück seines Alters +war. -- + +Um halb eins fanden sich die Gäste zum festlichen Frühstück ein. Die +Baronin Hegemeister kam ohne ihren Schatten. Gerwaldchen sei in Berlin, +da feiere ihre alte Mutter in ihrer sogenannten Gartenwohnung drei +Treppen hoch ihren Fünfundsiebenzigsten -- ach, in so mageren +Lebensumständen -- Gerwaldchen habe mit einer Träne davon gesprochen, +und so was könne man doch nicht mitansehen. -- Und da habe sie ihr das +Reisegeld geschenkt und sonst noch dies und das mitgegeben, so daß die +alte Dame ein kleines Weilchen in Wohlleben sich guttun könne. + +Das erzählte Agathe verschämt, weil sie halb und halb dachte, ihre +Gutmütigkeit werde ausgenutzt, und sie doch nun einmal nicht anders +konnte. Nein sagen konnte sie nicht. Durchaus nicht. Am wenigsten auf +Bitten, die man mehr erriet, als geradezu hörte. Und diese +widerstandsunfähige Gutherzigkeit, so schuldbewußt gebeichtet, war sehr +liebenswürdig. + +Auch die Doktorin Lamprecht fehlte. Sie hatte einen furchtbaren Husten. +Und Likowski berichtete, daß die alte Dame vor Ärger ganz krank sei, +weil sie hier heute fehlen müsse, denn offenbar habe sie in irgend +welchen ganz unlogischen Gedanken die Ansicht, sie gehöre verdienstvoll +hierher. + +Der alte Herr brachte den Kommerzienrat Kreyser mit und machte ihn +bekannt. Da dieser Name einen hallenden Klang hatte für alle, die +ungefähr von den »Kapitänen der Industrie« etwas wußten, nahm man die +Vorstellung mit einem großen Respekt auf. Das bartlose, große, +fleischige Gesicht des stämmigen Mannes zeigte eine Freundlichkeit, die +nur wie ein allzu durchsichtiger Schleier über der schweren Stimmung +lag, die ihn eigentlich beherrschte. Er saß neben der jungen Hausfrau, +deren nächste Pflicht es nun war, sich diesem sehr wichtigen +Geschäftsfreund des Werkes und persönlichen Freund ihres Schwiegervaters +zu widmen. An ihrer anderen Seite hatte sie den alten Herrn, der in +seinem Fahrstuhl stets, als an dem für ihn bequemsten Platz, zu Häupten +des Tisches präsidierte. + +Auf diese Weise war Klara fast wie von dem jugendlichen Teil des kleinen +Kreises geschieden. Denn ihr Gegenüber, der Hauptmann von Likowski, gab +sich immer väterlich und war heute in erbittertem und gespanntem +Zustand. Er politisierte mit den beiden alten Herren und verschwor sich: +»Ich politisiere nie! Ein Soldat hat zu schweigen, bereit zu sein und +dreinzuschlagen, wenn's befohlen wird. Aber man hat ja noch seinen +gesunden Menschenverstand. Und der sagt mir denn doch: wir lassen uns +ja rein alles gefallen ... Aber ich hoffe auf übernächstes Jahr ... Sie +sollen mal sehen -- das ist das Schicksalsjahr. -- Dann geht's los! -- +Nun, wir sind fertig! -- Es _muß_ mal kommen ...« + +Klara mußte sich Mühe geben, zuzuhören. -- In ihr war eine stille und +doch eine so starke Freude gewesen, als wenn diese kleine Feier ihres +Geburtstags ein Erlebnis werden würde. -- So war ihr manchmal zumut, +wenn Gäste kommen sollten. -- Dieselben Gäste -- aber immer kam eine Art +von Trauer oder Schwere über sie, gleich einer grenzenlosen +Enttäuschung. + +Die blonde Baronin war desto munterer, und Klara sah, wie leicht und +lebhaft sich ihr Mann in den neckischen Ton fand. Agathe konnte auf eine +so durchsichtige und naive Weise klagen, um sich die Vorteile eines +faustdicken Kompliments oder eines Versprechens zu gemeinsamen +Vergnügungsfahrten zu erringen. Sie nahm es aber nicht im mindesten +übel, wenn man sie mit ihrer Methode neckte. Klara glaubte auch zu +beobachten, daß Stephan von Marning wenig sprach. -- Sie wußte längst: +Agathe hoffte auf ihn. Man hätte blind sein müssen, das nicht zu +erkennen. Und sie fragte sich wieder: wird er sich herbeilassen ...? + +Denn dies war das Merkwürdige an dem Fall, den alle Menschen dieses +geselligen Kreises beobachteten: niemand sagte: »Welches Glück für den +unbemittelten jungen Offizier,« sondern jeder fragte: »Ob er sie wohl +nimmt?« + +»Nein,« dachte Klara, »nein -- das ist nicht die Frau, die ich ihm +wünsche --« + +Ihre Vorstellungskraft versagte, wenn sie sich diese beiden als Paar +vorstellte. + +Wynfried hatte einmal gesagt: ein schönes Paar -- er groß, schlank, +dunkel -- sie so blond, üppig, ganz weiche Weiblichkeit und so +entzückend gepflegt -- + +Da hatte Klara betroffen geschwiegen. Sah denn Wynfried nicht, daß das +doch einfach unmöglich war ... + +Der Kommerzienrat Kreyser war lange nicht hier gewesen; seither hatte +sich der Betrieb um einen Hochofen vermehrt, auch war die Fabrikation +von Ammoniak und Benzol als Nebenprodukten aufgenommen worden, und +Kreyser sprach den Wunsch aus, nachher einen Rundgang machen zu dürfen. +Marning hörte es und erbat die Erlaubnis, sich anzuschließen. Sogleich +sagte Agathe, daß sie darauf seit langem erpicht sei, einmal das Werk +sehen zu dürfen, sie habe es nur nicht sagen mögen. Also gleich nach dem +Kaffee und der Zigarre. -- Zum Genuß dieser ließen die beiden Damen die +Herren eine halbe Stunde allein. + +Agathe war sehr damit beschäftigt, ob ihr Haar auch noch ordentlich +sitze und wie Klara die dunkelgrüne Toilette finde. Der Seidenstoff sei +ihr ein wenig, ein Spürchen zu glänzend ausgefallen; für sie seien +stumpfe Stoffe kleidsamer. Sie stand vor dem Spiegel und prüfte ihr Bild +und war beinahe gerührt über all die Schönheit, der der eine immer noch +widerstand ... + +Plötzlich wallte ein schrecklicher Jammer in ihr auf, und sie warf sich +Klara an den Hals -- mit beiden runden Armen umschlang sie sie und +preßte sie heftig an sich. + +»Klara,« sagte sie, »liebste, beste Klara -- schenken Sie mir das Du -- +laß uns Freundinnen sein -- Du? nicht wahr. Du?!« + +Klara war betroffen. Es lag nicht in ihrer Natur, sich so schnell an +einen Menschen nahe anzuschließen. Und wenn ihr Agathe auch nicht +unsympathisch war -- wie konnte dies gutherzige Naturkind es irgend +einem Menschen sein? -- so schien ihr doch, als gebe die Gewährung des +»Du« einem anderen Wesen ein überraschendes, ja geradezu unbequemes +Anrecht auf ihre Nähe. Und ihr war, als möge sie lieber allein bleiben. + +Eine Ablehnung schien unmöglich. Agathe erwartete eine solche auch +keinen Augenblick, küßte Klara heftig ab und sagte: »Ich muß dir gleich +was anvertrauen! Ich _muß_. Sonst ersticke ich daran. Denke dir: ich +liebe ihn! Rasend. Zum Sterben. Ich werde ... ja -- ich mag nicht mehr +leben -- ich will nicht mehr leben, wenn er mich nicht liebt.« + +Sie begann zu weinen. + +»Ihn?« fragte Klara in dem schwachen Versuch, zu tun, als wisse sie +nicht ... + +»Gott -- du fragst?! Wen denn als Stephan Marning -- kann man anders? -- +Und ich warte und warte -- im Sommer schien es -- ich hoffte -- damals +im August. -- Dann kam gleich das Manöver -- dann hatte er vier Wochen +Urlaub und war bei seinen Verwandten -- damals dachte ich: er will erst +seine Sippe fragen, fand's natürlich -- aber die haben ihm ganz, ganz +gewiß nicht abgeraten -- ich weiß es durch die Gerwald, die da +Beziehungen hat -- sein Onkel wünscht ja bloß, daß er reich heiratet. -- +Dann kam er wieder -- ist seitdem noch nie allein auf Lammen gewesen -- +bringt immer Likowski mit -- ach nein -- umgekehrt: läßt sich von ihm +mitnehmen -- als wolle er ausweichen und doch nicht brechen ... Klara -- +ich _muß_ die Wahrheit wissen! ... Zeige mir gleich deine Freundschaft. +-- Weihe unser Bündnis ein, durch eine Tat -- sprich mit ihm -- klopfe +auf den Busch -- nein, frage geradezu -- sage ihm, daß ich Selbstmord +begehe, wenn er nicht ...« + +Ihr Schluchzen nahm ihr die Fähigkeit, auch nur noch ein Wort +herauszubringen. Klara schob sie förmlich bis zur Chaiselongue, die quer +am Fußende von ihrem Bett stand. Da sank die vor Unglück zum Tode +Bereite schwer auf all die Kissen herab und weinte wie ein Kind -- vor +Liebesverlangen. + +»Ich kann nicht leben ohne ihn,« jammerte sie. + +Und dann wieder: »Wenn ich nur wüßte, warum? Bin ich nicht ganz hübsch +-- ich hab' Geld -- ich lieb' ihn -- so hat noch nie ein Weib geliebt -- +so liebt ihn keine wieder -- nein -- ich will sterben ...« + +Klara sah den Riß, der zwischen dem Gefühl dieser Frau und ihrem Gebaren +mitten hindurchging, sehr wohl. Dennoch ergriff sie alles auf das +heftigste. + +Sie schritt auf und ab. Sie war sehr blaß. Diese Szene war ihr ganz und +gar zuwider, obgleich ein starkes Mitleid ihr Herz klopfen machte ... + +Das war Liebe! Die große Liebe, die lieber sterben als entsagen +will -- -- -- + +Es mußte berauschend, vernichtend, herrlich sein, das fühlen zu +können -- -- + +»Aber solche Liebe laut einer Freundin zuschreien -- o Gott -- nein -- +das könnte ich nicht,« dachte sie. + +Ihr schien, als nähmen so laute Klagen einer Leidenschaft Würde und +Größe. + +Und es wurde von ihr verlangt, daß sie -- sie! -- unkeusch zum Manne -- +zu _diesem_ Manne, als Vermittlerin davon sprechen sollte? Unmöglicher +Gedanke ... + +»Nein,« sprach sie, »das kann ich nicht. Das tue ich nicht. In diese +heiligsten Dinge von Mensch zu Mensch sich einmischen? Mit Worten an +Geheimnisse rühren, die zu zart sind, als daß man sie laut ausgesprochen +haben möchte -- nein, das kann ich nicht! Verzeih mir. Aber ich denke: +was hülfe es auch. Wenn er dich liebt, bedarf es der Vermittlung nicht, +und er wird schon eines Tags sprechen; -- wenn er dich nicht liebt, ist +es eine Demütigung für dich, daß ich sprach -- -- O nein! -- Du mußt +die Haltung finden, gefaßt abzuwarten.« + +»Du hast gut von Haltung reden,« sagte Agathe und drückte sich ihr +geballtes Taschentuch gegen die Augen, behauchte es und tupfte wieder, +»wenn man einen solchen Mann hat -- der sich so auf Frauen versteht -- +ja -- du kannst lachen --« + +Ihr Jammer ward stiller. Die Furcht, verweint auszusehen, besiegte ihn +für den Augenblick. + +»Aber du gibst mir recht oft Gelegenheit ...« + +»Gern. Ich will es wohl bei Wynfried anregen, daß er sich immer den +Freiherrn von Marning einlädt, wenn du kommst. Und du wirst gewiß oft +kommen ...« + +»Das ist doch etwas!« seufzte Agathe, und ihr weiches Herz, das der +Freude so bedürftig war, hoffte aufs neue. + +Wieder stand sie vor dem Spiegel. Da waren nun die Tränenspuren auf der +zarten Haut und ließen sich mit allem Tupfen doch nicht so rasch +verjagen. Aber es kam wie eine Eingebung über die blonde Frau. Mochte er +es nur sehen, daß sie in Tränen und Gram verging ... + +Nun hatte sie große Eile, wieder zu den Herren zu kommen, die gewiß +schon im Salon seien. + +Sie trat ein. -- Sie fühlte auf der Stelle: alle Herren sahen sie an und +sahen, daß sie geweint hatte. + +Ihre schwimmenden blauen Augen schmachteten und bettelten zu dem +Geliebten hinüber, und in ihrem Gesicht stand beinah lesbar der +Ausdruck: »Ja -- sieh mich nur an! Um dich leide ich! Um dich -- +Grausamer ...« + +Und Klara sah es wohl: über das Angesicht des Mannes flog ein leiser, +vielleicht nur von ihr erratener Ausdruck von Pein -- ihr kam auch vor, +als werde seine Haltung noch stolzer ... Wie wunderlich wohl ihr das +tat ... + +Man wollte nun hinüber zu dem Werk gehen. Es gab ein Durcheinander. Da +war Leupold, der seinen Herrn wieder nach oben transportieren wollte. +Und es hieß, Klara müsse den neuen Pelz tragen -- der Spender solle sie +noch darin bewundern. Agathe bestand darauf in ihrer plötzlichen, +erregten Lebhaftigkeit und Lustigkeit. + +Ihr Mann selbst gab Klara den Pelz um. -- Wie schwer ihr das kostbare +Stück auf den Schultern lag -- als fiele eine Last auf sie. Und da war +auch die Mütze: er setzte sie ihr sorgsam auf, mit einem erstaunlich +geschickten Handgriff gerade die kleidsamste Art des Sitzes treffend. -- +Und es schien, daß Wynfried von ihrem Aussehen entzückt sei -- er +lächelte zufrieden -- nein, mehr: zärtlich! + +Und Klara wurde rot. Sie wußte nicht warum -- sie hätte es nicht zu +sagen vermocht, keinem Menschen und nicht sich selbst. + +Nun stand sie da, kostbar angetan, auf dem braunen Haar das breite +Barett von Nerzpelz, daran ein Büschel von Hermelinschwänzen schwarz und +weiß kokett über dem linken Ohr befestigt war ... Zu ihrem schönen +Gesicht mit den geraden, strengen Brauen über den sprechenden Augen gab +das einen merkwürdigen Glanz von Pracht und Würde. Sie schien nicht etwa +in eine elegante Modedame verwandelt, sondern sogleich in eine Fürstin. + +Und ihr fiel wieder ihre schwarze Winterjacke ein und die pastellblaue +Wollmütze ... + +Der Geheimrat sah seine Schwiegertochter prüfend an. Er lächelte +wohlgefällig. Aber er sagte doch: »Schön! Sehr prachtvoll! Wynfrieds +Geschmack. Aber -- Klara -- weißt du noch -- deine pastellblaue +Wollmütze? Damit mocht' ich dich auch gern leiden ...« + +Blitzschnell traf sich ihr Blick mit dem Stephans -- und entwich ihm +wieder ... + +Ja, die arme kleine Wollmütze ... Und Klara hatte eine Erinnerung -- +sah sich deutlich, sehr deutlich, wie sie eilig und heimlich ein weißes +Paketchen tief in das Schubfach ihrer Kommode hineinstopfte ... + +»Aber wir wollen doch gehen,« sagte sie matt. Sie fühlte sich plötzlich +so freudlos und wünschte, neben dem alten Mann bleiben zu können -- da +war ja ihr Platz -- der sicherste und friedvollste, den es auf der Welt +für sie gab ... + +»Ja, vorwärts!« ermahnte Likowski. »Mir ist es eine Erhebung -- immer, +wenn ich da mal 'rumgehen darf ... Der Gott, der Eisen wachsen ließ -- +der wollte keine Knechte ... Eisen verführt mich mehr als die köstlichen +Brillanten, mit denen unsere teure Baronin uns heute die Augen +verblenden möchte.« + +»Ihre nicht!« lachte Agathe. + +Man brach auf. Alle nahmen vom Geheimrat Abschied, der noch Sorge trug, +daß an Thürauf telephoniert werde. Der Generaldirektor werde Wert darauf +legen, Kreyser die Honneurs des Werkes zu machen. + +Man schritt in munteren Gesprächen die Straße entlang, und schon kam +ihnen auch der Generaldirektor entgegen. Von dieser Begegnung an waren +die beiden Herren für die übrige Gesellschaft verloren. Sie vertieften +sich in fachmännische Gespräche und gingen weit voran. + +Ihnen folgte Agathe zwischen Wynfried und dem Freiherrn von Marning, den +sie mit einer Frage gleich an ihre Seite zu nötigen gewußt hatte. + +»Wir werden nicht für ernsthaft genommen,« sagte Agathe. »Und ich brenne +doch vor Lernbegier.« + +»Ich erkläre Ihnen das alles auf populäre Art,« versprach Wynfried. +»Seien Sie sicher, all die chemischen Formeln und Zahlen, in denen die +zwei reden, hätten Sie doch nicht verstanden.« + +»Es will absolut nicht in meinen Kopf, daß Sie was von solchen +schrecklich wissenschaftlichen Sachen verstehen.« + +»Hallo! Das ist aber stark ...« + +»Na ja -- gottlob -- ich hab' immer das Gefühl ... wie soll ich das +sagen -- na -- als gäben Sie ein Gastspiel, wenn Sie arbeiten ... Doch +noch mal ein Mann, der Sinn und Zeit für uns armen Frauen hätte! ... +Denk' ich so ... Aber nein. Selbst Ihnen kommt es bei, und Sie sklaven +sich ab ...« + +»Glauben Sie es mir -- ich entdecke da ganz neue Genüsse. Man ist +manchmal geradezu gepackt -- sehr ähnlich wie beim Sport. Und man hat +ein frisches Gefühl dabei -- kommt sich als fixer Kerl vor.« + +»Ach so -- Sie wissen doch, wie's heißt: Ich spürte das kleine, dumme +Vergnügen, was abzumachen, was fertig zu kriegen.« + +»Genau! Ja, so ist einem manchmal zumut --« gab Wynfried eifrig zu. + +»Ohne dies Pläsier am Bewältigen geschähe vieles nicht,« sagte Stephan +Marning, und er dachte: »Das heißt doch aus der Arbeit nur ein Spiel der +Kräfte machen, ohne Erkenntnis ihres sittlichen Wertes.« + +Er fragte sich -- nicht zum erstenmal -- was für eine Art von Mann denn +wohl Lohmann der Sohn sei ... + +Klara ging mit dem Hauptmann von Likowski, ihrem alten Freunde, +hinterdrein. Sie schwiegen. Die junge Frau hörte zu. Sie hatte immer +eine leise Verwunderung, wenn sie ihren Mann mit Agathe zusammen sah. +Wie anders war dann sein ganzes Wesen. Selbst der Klang seiner Stimme +schien heller. Und seine Rede schien so leicht, so nur obenhin -- er +ließ sich necken und neckte wieder. -- Vielleicht nahm er Agathe nicht +ernst. -- Das war die einzige Erklärung, die sie sich zu geben wußte ... + +Es kam ihr mühsam vor, daß sie jetzt mit Menschen zusammen sein müsse. +Eine grenzenlose Traurigkeit drückte sie nieder. Sie mußte sich +zusammennehmen, um nicht zu weinen -- sie -- die nicht weinerlich +veranlagt war. + +Sie seufzte nicht, sie atmete nicht schwer -- und dennoch ging von ihrem +Schweigen etwas aus, das den warmherzigen, treugesinnten Mann an ihrer +Seite ahnen ließ, mit ihrer Stimmung sei es nicht in Ordnung. + +»Sie fühlen sich von all den Geburtstagsfreuden erschöpft, gnädige +Frau?« fragte er. + +Klara fuhr auf. + +»Ich? Nein --« + +Und sie wußte, daß sie sich aufzuraffen hatte. + +Da waren sie nun am Tor, über dem mit großen schwarzen Buchstaben auf +grauem Schilde stand: Eisenhütte Severin Lohmann. + +Und mit Rädern und Fußstapfen waren von drinnen her Kohlenspuren +gekommen. Der sandige Grund der Erde war schon viele Schritte vor dem +Tor geströmt von dunklen Tönen. Das wirkte, als fließe die Düsterheit +des Bodens einem entgegen. Einem schwärzlichen Estrich glich er drinnen, +in den zahllose Tritte die Kohlenteilchen und den Niederschlag des +Rauches fest eingetreten hatten. Und der Dunst von Teer und Gasen +durchbeizte dichter und spürbarer die Luft, als man das Tor nun +passierte. + +»Aufgepaßt!« mahnte Wynfried, denn Agathe stolperte über einen +Schienenstrang. Und sie fiel schwer gegen Marning, so daß er sie halten +mußte. + +Sie hob den blauen, schwimmenden Blick zu ihm empor. + +»Ich bin _wirklich_ gestolpert,« sagte sie -- so wie sie als Kind +vielleicht gesagt hatte: »ich habe wirklich nicht gelogen,« wenn man sie +bezweifelte. + +Er mußte doch, entwaffnet, lächeln. + +Sie gingen an allerlei kleinen Gebäuden vorbei, bogen um ein +retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer zu schwitzen schien -- +Likowski sagte wenigstens, es komme ihm so vor. -- Und dann standen sie +vor einer Riesenwand, die sich aus hundertundfünfzig hart +aneinandergepreßten Öfen zusammensetzte. Hoch über ihr zogen sich +schwarze, gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab -- +mächtige Verbindungen waren diese, in denen stumm und selbsttätig und +rastlos die gepulverten und gewaschenen Kohlen heranglitten, in die Öfen +hineinsanken, um da in rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und +Wege waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den Gluten +kommend, seinen flüchtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen Werkstätten +hin, wo ihm in wunderbaren Destillationen, Kühlungen und Prozessen seine +Bestandteile an Benzol und Ammoniak entzogen wurden. + +Vor dieser Wand von Öfen streckte sich eine erhöhte eiserne Plattform +hin. Auf sie hinaus schob sich gerade jetzt der Inhalt eines. Eine der +schmalen Türen öffnete sich. In höllischer Majestät bewegte sich +ruhevoll ein fast weißglühendes Stück Mauer heraus. Und eine +Gespensterhand drängte es weiter und weiter vor, eine gewaltige, +schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt. Männer, +mit Schläuchen bewehrt, warteten und sahen der sich langsam +vorwärtsbewegenden Glutmauer entgegen. Nun stand sie. Und das an eine +Hand erinnernde Eisenstück, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen in +die Tiefe des Ofens zurück, der seine Tür wieder schloß. Zugleich +zischten aus den Schläuchen Wasserstrahlen und begossen das Ungetüm von +Form gewordenem Feuer. Weißer Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues, +dann ein schwarzes Gewölk. Was glühende Mauer gewesen, lief dunkel an, +ward schwarz und fiel nach zwei Minuten als Koks prasselnd auseinander, +durchstochen und gestoßen von den langen Eisenstäben der verräucherten +Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken, daß dieser +Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und daß von diesen +hundertundfünfzig schmalen Türen bald die eine, bald die andere sich +öffne, um solche aufrechte Glutmauer in grandioser Sicherheit zu +entlassen. + +Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu den Öfen zu bringen. + +Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese offenen, +kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichmäßigen, länglichen +Stücken, gleich großen Holzscheiten -- nur daß sie grau waren und rauh +ihre Oberfläche. Das seien »Gänze«, sagte Wynfried, das heißt: das +Roheisen in der Form, wie das Werk es hauptsächlich produzierte. + +Agathe hustete und ängstigte sich und hatte gedacht, alles könne auf sie +herabfallen. Aber sie verriet nichts von ihrer Angst. Denn sie sah, daß +der geliebte Mann dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte +sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. -- »Wenn ich +liebe, kann ich alles!« dachte sie. + +Wynfried erklärte. Er führte die Gesellschaft zu dem trichterförmigen +Bassin, in das die kleinen Wagen der Drahtseilbahn, von den Ladebrücken +kommend, die gepulverte Kohle hineinschütteten, während an der Wand +dieses Bassins in stumpfer Unaufhörlichkeit ein Becherwerk das +Kohlenpulver aufschöpfte und in die Rohre goß, die man oberhalb der Öfen +gesehen. + +Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten die Förderwagen +einer nach dem anderen anmutig heran, kippten und warfen mit Gepolter +grauen, schimmernden Magnetstein auf einen Hügel dieses Erzes. +Nebeneinander lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben +schon verrieten, daß sie verschieden an Gehalt waren. -- Und es schien, +als trage jedes den Charakter seiner Heimat, als sei sein Gewand kein +Zufall. Sprach nicht der silbergraue Magneteisenstein von den stillen +Himmeln und beschatteten Bergseen Schwedens? In starken satten Farben +glühte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der Wärme spanischen Bodens. +Und aus den Tiefen lothringischer Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie +wunderbar sprechend -- weißlich, durstig-trocken lag der Kalkstein +gehäuft, und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands vor, von +wo er kam, und sah unwillkürlich die weißüberpuderten Zypressen an den +dürren Rainen trauern. -- + +Über den Köpfen der Schauenden zogen sich die dunklen Eisenlinien der +verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen hin. Wasser tropfte +herab -- irgend woher kam roter Feuerschein. Dort drüben stand, gleich +einer dünnen Säule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine +Flammensäule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte sie zu +Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in ständig wechselndem Spiel. +Ihr Geleucht im schon leise verblassenden Tageslicht war unruhig. Es +wurde manchmal ganz von der Luft zerfetzt, und Flämmchen schwebten +sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich wieder von der +großen Flamme herangerissen. + +»Oh!« sagte Agathe bewundernd, »wie in der Walküre.« + +Klara begann allmählich zuzuhören, was ihr Mann sagte -- wie er es +sagte. Und sie wurde teilnehmender. Sie vermochte wohl zu beurteilen, +daß er klar und sicher vortrug. -- Daß Stephan Marning und Likowski voll +Sammlung zuhörten und Fragen aufwarfen, war ihr eine lobende Kritik. Das +tat ihr wohl -- es kam ihr vor, als weiche diese schwere Traurigkeit, +dies lähmende Gefühl von Leere allmählich von ihr. Woher war es +gekommen? Sie verstand es nicht. Sie hatte nur eine dumpfe, beängstigte +Empfindung davon, daß es etwas Furchtbares, Bedrohliches sei. + +Vom Wasser her kamen Windstöße, die Wolken jagten am Himmel; fern im +bläulichen feinen Dunst des beginnenden Nebels stand am Horizont etwas +Unbegreifliches. Eine lilarote Masse, die zu zerfließen schien, von +blaugrauen Streifen quer überschnitten -- kein Ball mehr -- kein Rund -- +nein, ein ungeheuerlicher Feuerfleck, der schnell immer tiefer sank. +Sonnenuntergang im Novemberabendnebel. + +Überall auf dem Werk blitzten schon die Lichter auf. Denn hier gab es +keine Dämmerung und keine Zwischenspiele. Hier gab es nur Tag. Den Tag +der Sonne und den Tag der elektrischen Lichter -- und immer den der +Arbeit. + +Wie liebte Klara diese Stunde, wo alles ringsum blau schien, im Kampf +des natürlichen Lichtes mit dem künstlichen. + +Nun hieß es: in eines der Maschinenhäuser! Denn, nicht wahr? Baronin +Agathe mußte begreifen: all die zauberhafte selbsttätige Bewegung der +Förderungen, die in der Luft zwischen Drahtseilen herumglitten; all dies +Aufsaugen von Gas aus den Öfen in die Rohre und das Hinüberleiten des +Gases in die Eisentürme, die »Winderhitzer« hießen und eigentlich nur +übermenschlich große Blasebälge seien; all das Wasser, das in Unmengen +aus der Trave heraufgepumpt werde; alles, alles -- jeder Betrieb hier +mußte von Maschinen getrieben werden. + +Agathe sagte, das verstehe sie, und machte ein reizendes, wichtiges +Gesicht. + +Sie traten ein in einen Riesensaal, wo die wunderreichsten Geschöpfe +aus Metall bebten und zitterten, klopften und schwangen. + +»Hier ist es aber sauber!« rief Agathe beglückt aus. Der Belag des +Estrichs von braungebrannten Ton war wie Porzellan so glatt und rein. +Und Agathe litt, wenn sie nur auf einen unsauberen Boden treten mußte. +Sie war so peinlich ... + +»Ja,« sagte Wynfried, »ein Maschinenhaus ist immer wie ein Asyl der +Sauberkeit mitten im Betriebe. -- Maschinen sind wie schöne Frauen -- +sie wollen geputzt und -- geschmiert werden, mit dem Öl der +Schmeichelei ...« + +Agathe schlug mit ihrem Muff nach ihm. + +Aus dem glasierten Estrich erhoben sich seltsam gestaltete Formen, die +ihre untere Hälfte in der Tiefe verbargen; gleich gerundeten dunklen +Tierrücken, über die hellere Hautstreifen liefen, waren sie. +Riesenräder, aufrecht, halb über, halb unter dem Boden, drehten sich +rasend; immer wieder verschwanden Speichen und tauchten auf. + +Einige Maschinen plauderten leise, wie Frauen tun, die das emsige +Geräusch ihrer Stricknadeln mit endlos hinfließendem Geschwätz +begleiten. + +Andere klappten mit Eisenzähnen, wie Riesen im Märchen, die für ihre +leeren Kiefer nach Nahrung schnappen. + +Und wenn man dieser sinnvollen, glatten, nie rastenden Bewegung zusah, +bekam man zuletzt das unheimliche Gefühl, zwischen lauter Lebewesen zu +sein, die aus einer anderen Welt stammten, nur eine andere +Körperlichkeit hatten als die Menschen dieser Erde -- aber ein +pulsierendes Dasein wie sie -- -- + +»Wer ist der Erfinder all dieser Maschinen?« fragte Stephan. + +»Keinen Schimmer!« sagte Wynfried achselzuckend. Und er wußte nur, daß +die und jene Maschine aus der und der Fabrik aus Mühlheim-Ruhr stamme +und daß die zwei da drüben aus dem Kreyser-Werk in Gelsenkirchen +gekommen. -- Der Ingenieur, der sie zuerst erfunden, die anderen, die +sie vervollkommnet hätten, arbeiteten ja für das Werk, in dem sie +engagiert waren -- ihre Namen wußte man nicht. + +»O,« sagte Likowski, »ist es tragisch? Ist es groß? Ungerecht? +Wundervoll? Was wäre Deutschland, was die Kultur ohne all die stillen +Helden der Arbeit, der täglichen, selbstlosen Hingabe an unsägliche +Mühen. -- Und kein Ruhm -- kein Heldenlied preist ihre Namen ... Unsere +auch nicht -- wir arbeiten und schuften ohne zulänglichen Lohn, ohne +Anerkennung, noch umfeindet -- damit das hier geschützt ist -- damit +solche Dinge blühen -- uns groß machen. -- Ich hab' so'n Gefühl: wir +stehen ja Schulter an Schulter mit all diesem hier --« + +Er drückte seinem lieben Kameraden und Freund die Hand. -- Stephan gab +stark, gleichsam tröstend, den Druck zurück. Er wußte ja, wie der +Hauptmann sich quälte. -- + +Und er dachte: »Es gibt noch viel mehr stilles Heldentum -- nicht nur +das der Arbeit -- auch das des Gefühls -- schweigend sich bezwingen -- +ja -- wer das muß ...« + +Seine Gedanken verloren sich ins Unbestimmte. + +Agathe fing an zu klagen: es werde ein bißchen mühsam. Sie hatte doch +nur ganz dünne Schuhe an mit so hohen Hacken -- es ging sich schlecht +damit. + +»Nur noch zu den Hochöfen,« sagte Klara, »das ist doch die Hauptsache.« + +Sie gelangten an die erste der ragenden Burgen, die aus dem breiten +Massiv, dem eigentlichen Herde, aufstiegen und deren mit gemischten +Erzen und Kalk gefüllte Schachträume mit einem Panzer von Steinen und +Eisen umgeben waren. Dieser hochgetürmte, nach oben zu sich verjüngende +Umbau gab den ragenden Hochöfen den burgenartigen Charakter. Galerien +liefen um diesen Panzer, in dem man fest vernietete Türen bemerkte. Und +um den ganzen untern Körper des Ofens rannen mit Rauschen und Plätschern +unaufhörlich kühlende Wasser. + +Hinten an den Ofen stieß die Gießhalle; man mußte eine primitive Treppe +emporsteigen. Agathe als Vorletzte, hinter ihr Wynfried. + +Agathe fühlte sich elend vor Angst. So entsetzlich nah war man dem +Ungetüm, in dem eine Höllenhitze von zweitausend Grad Celsius wütete! +Sie konnte sich nichts bei dieser Zahl denken -- das ging natürlich über +menschliche Vorstellung. Es jagte aber doch eine Furcht ein, die halb +interessant, halb schauerlich war. + +»Kann das bersten?« fragte sie zu Wynfried zurück. + +»Doch -- es kommt vor -- trotz des besten Materials, das für den Umbau +verwendet wird. -- Wenn es Verstopfungen im Nachsacken der Beschickung +gibt. -- Gase sich entwickeln --« + +»O Gott!« sagte Agathe, raffte ihre Röcke noch höher und enger zusammen +und blieb stehen. Der Mann hinter ihr sah die seidenen Strümpfe und die +koketten Schuhe. Er faßte Agathe recht kräftig um die Taille, von hinten +her, und schob sie so vorwärts, Stufe um Stufe. Und als sie oben +angekommen waren, wandte sie sich etwas zu ihm, und sie lachten sich mit +den Augen an, wie zwei tun, die es mit dem Wagnis und dem Verzeihen +einer Dreistigkeit nicht schwer nehmen. + +Oben traf die Gesellschaft auf Kreyser und Thürauf, und Agathe hatte das +Bedürfnis, dem Generaldirektor sozusagen ein Kompliment über das Werk zu +machen. + +»Wie ist es malerisch!« schwärmte sie. + +»Eine andere Art malerische Schönheit als ein See im Mondschein +zwischen Waldbergen,« sprach Stephan von Marning. »Wie viel mehr sagt +_diese_ uns heutigen Menschen.« + +»Ja, das ist die Romantik der Industrie,« bestätigte der +Generaldirektor. + +Aber er war auch umsichtig bedacht, die Gäste an sicheren Platz zu +stellen, denn gleich sollte der Abstich beginnen. Er verwies sie auf +einen balkonartigen Ausbau neben dem Ofenrund, von wo aus sie dann einen +trefflichen Überblick hatten auf die schräge Ebene der Gießhalle, die +eigentlich ein Schuppen ohne Wände war, deren Dach auf Pfeilern ruhte. +Diese Ebene war mit Sand bedeckt, und in ihn hinein hatten die Arbeiter +lauter kurze Rinnen getieft -- die Formen für den Guß der »Gänze«. In +unübersehbarer Zahl und Regelmäßigkeit zogen sie sich hin, in ihrer +Mitte von einem Laufgraben durchfurcht, den entlang das fließende Eisen +strömen sollte, um sich dann in all diese Rinnen zu verteilen. + +Überall standen Leute bereit, Schaufeln und Stangen waren zurechtgelegt +-- wachsam hieß es den feurigen Fluß lenken und fördern, falls er sich +irgendwo sollte stauen wollen. + +Nun sammelten sich ihrer ein Dutzend und umklammerten -- als seien sie +die sieben Schwaben, die gemeinsam ihren Riesenspieß wagerecht durch die +Lande schleppten -- eine wuchtige Eisenstange. Und mit ihr gingen sie +zum Stoß gegen das von gebranntem Ton luftdicht verschlossene Gießloch +vor. Hallende Töne zitterten über das Rauschen der Wasser hin -- wieder +und wieder stießen die Männer mit den von nassen Tüchern umwickelten +Händen den Eisenstab gegen den Verschluß -- berannten die Festung des +Feuers. -- Und da krachte es -- Funken schossen hervor -- Garben von +Sprühpünktchen -- und weißgolden, von leichten Trübungen da und dort +überhaucht, floß das glühende Eisen. + +Düstere Glut warf einen rötlichen Schein in den Raum der Gießhalle, wo +die sich bückenden und von Sandwall zu Sandwall hinübertretenden +Gestalten der Arbeiter zu schwarzen Silhouetten wurden. Und in der +schiefen Ebene füllte sich langsam Rinne um Rinne mit dem fließenden +Eisen -- das sah aus, als hätten sich lauter Goldstreifen hingelegt -- +eine Reihe von kurzen, blanken Linien auf dunklem Grunde. + +Und vom Vorherde, unten am Ofen, floß auch schon die Schlacke ab -- ein +Brunnenstrahl von Feuer. In kurzem Bogen schoß er hernieder in das mit +Wasser halbgefüllte Wagengefäß, das die Masse nachher zur Schlackenhalde +rollen sollte. + +Die Luft selbst schien wie verbrannt, trocken und voll Hitze war sie. -- +Rauch wölkte. -- Die schwarzen Gestalten hantierten in Hast. -- Draußen, +zwischen dem Gestänge und Gedränge umqualmter Eisenlinien, sah man den +blauen Abendhimmel. + +Welch ein Stück Leben! Welche Welt voll Größe und erschütternder +Schönheit! + +Die junge Frau fühlte sich erhoben und befreit. + +Was sind die Anwandlungen von Unklarheit und wunderlich quälender +Unruhe? Was die unbedeutenden Rätselfragen in einem einzelnen, kleinen +Menschenleben? Was vor dem Geist und der Tat, die die Natur +bezwingen! -- + +Sie kam sich klein vor und in ihrer Kleinheit beruhigt. + +Und zugleich war ihr, als sei sie mit all diesen Dingen unlöslich +verbunden -- als sei in dieser Welt der gewaltigen, machtvollen Arbeit +ihre unverlierbare Heimat und Sicherheit -- es würde, es sollte auch +einst die Welt ihres Kindes werden ... + +Ihre Seele ward wieder froh ... + +Und irgend eine Empfindung nötigte sie, die dunklen Augen zu suchen, +denen sie vorhin so unbegreiflich erschreckt ausgewichen war. + +Vielleicht hatte der Mann die gleiche Empfindung. Denn wieder begegneten +sich ihre Blicke. + +Freudig und stolz sagten sich ihre Augen, daß ihre Seelen in der +gleichen Andacht erhoben seien. + + + + +6 + + +Das war ein Tag, eine Nacht gewesen! Der alte Herr hatte sie in seinem +Sessel verbracht. Keine Bitten des treuen Leupold vermochten etwas. In +dem greisen Riesen kochte die einstige Ungeduld. Er wünschte ein Gott zu +sein, um der Natur befehlen zu können. Seine wartende Aufregung setzte +sich in Zorn um -- nicht gegen irgend einen Menschen -- nein, in diesen +unbestimmten Zorn über menschliche Ohnmacht. Und er mußte sich doch +fassen. -- + +Sein Sohn war verreist. Unglücklicherweise! In diesen furchtbaren +Stunden hätte er neben seiner Frau sein sollen. Das Schicksal gefiel +sich wahrlich darin, Wynfried immer fern zu halten, wenn mit großen +Mahnungen Tod oder Leben an dies Haus klopften ... + +Damals freilich, als es schien, sein Vater werde erliegen, hielten ihn +unwürdige Dinge ab, die ihn seiner Besinnung beraubt hatten. + +Jetzt war es ein ernster, anständiger Grund, der ihn fortzwang. + +Die Sitzung, in welcher die Kreyser-Werke definitiv in eine +Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollten, war auf den siebzehnten +April anberaumt worden. Der Generaldirektor Thürauf hätte die Vertretung +des Geheimrats übernehmen können -- wie so oft, seit dieser an seinen +Krankheitsthron angeschmiedet war. Aber es war seit Monaten bestimmt +gewesen, daß bei dieser wichtigen Gelegenheit, die doch auch Wynfrieds +Vermögen anging, der Sohn zum erstenmal als Teilhaber des Hauses Severin +Lohmann draußen zwischen anderen Magnaten der Kohle und Kapitänen der +Industrie für das Haus eintreten solle. + +Der Geheimrat wußte ja auch: sein Sohn hatte sich erst Ansehen zu +verschaffen -- noch besaß er es kaum. Er mußte Vertrauen zu sich +erwecken -- wie sollte man es ihm schon schenken! Denn die Welt hatte +wahrscheinlich mehr von dem früheren Lebejüngling gewußt als der Vater +selbst. Es galt, sich einen neuen Ruf zu erobern. Das ist schwerer, als +wenn man unbekannt und unbeschrien in einen Kreis tritt. Aber der +Geheimrat wußte auch: die bloße Tatsache, daß er zu dieser Sitzung nicht +Thürauf, sondern seinen Sohn entsandte, ließ die Herren aufmerken, +erweckte die wohlwollendsten Gedanken. + +Das alles hatte er oft mit Klara besprochen. Erst sollte die Sitzung +Anfang März stattfinden, ward verschoben und dann zu einem Termin +anberaumt, der einen Konflikt heraufbeschwor. + +Es schien dem Geheimrat unmöglich, daß der junge Ehemann jetzt seine +Frau verlasse. Andererseits schien es eine Unmöglichkeit, plötzlich +anstatt Wynfrieds den Generaldirektor zu entsenden. Man würde denken, er +habe im letzten Augenblick Wynfried doch nicht recht Vertrauen +geschenkt. + +Wynfried verhielt sich ziemlich passiv in der Frage. Die Geschichte +interessierte ihn immerhin ein wenig. Außerdem: jedesmal wenn er hinaus +konnte -- wenn er nur im Abteil der Eisenbahn oder im Auto saß -- nach +Berlin -- nach Hamburg -- dann wachte etwas in ihm auf ... Als wenn er +wieder jünger werde ... Als wenn ihm irgend was tröstend sage: na, die +Welt wartet ja noch auf dich. -- + +Aber das mochte er nicht zeigen, besonders jetzt nicht. Denn seine Frau, +diese großartige, famose Frau hatte doch am Ende Ansprüche zu +erheben ... + +Klara entschied. Wie konnte sie es anders als so, daß sie bat, Wynfried +möge unbekümmert reisen. Niemand konnte wissen, ob das erwartete +Ereignis denn auch gerade in den Tagen seiner Abwesenheit einträte. Und +wie, wenn er umsonst die Teilnahme an der Sitzung aufgegeben hätte! ... + +Sie war, wie immer, auch in dieser Frage ihrer Tat treu. Es hing so viel +daran, daß Wynfried sich erprobte, in der Welt der großen Herren der +Industrie sich Zutrauen erwarb. + +Aber der Schnellzug, der ihren Mann nach Köln zur Vorbesprechung und +Sitzung brachte, war vielleicht eben aus dem Bremer Bahnhof +hinausgeglitten und raste auf die Heide zu, als Klara nach dem Arzt +schicken mußte. Sie verbot eine Rückberufung und daß man Wynfried +depeschiere. + +Sie mochte es sich kaum in ihren Gedanken gestehen: es war ihr lieb, ihn +fern zu wissen. -- Sie mußte sich ganz mühsam immer wieder klar machen, +wie wichtig doch das Ereignis auch für ihn sei. -- Er hatte so wenig +Teil daran genommen ... Das kann ein Mann vielleicht auch nicht ... +Rücksichtsvoll war er immer -- und manchmal so zärtlich, als seien sie +wirklich miteinander in der großen Liebe verbunden, auf die Klara noch +immer wartete. -- + +Solchen Tag und solche Nacht hatte das Haus noch nicht erlebt. Die +Doktorin Lamprecht, die nicht vom Platze wich und einigemal von der +zornigen Ungeduld des alten Herrn angefahren wurde -- die wußte noch: +als Wynfried das Licht der Welt erblickte, hatte der selige Lamprecht +chloroformieren müssen, denn die gnädige Frau lehnte es ab, auch nur den +leisesten Schmerz zu ertragen, wenn die Wissenschaft ihr den ersparen +könne. So war die damals im Schlaf zur Mutterwürde gelangt. + +Klara wollte bestehen, was die Natur von ihr verlangte. Es waren heilige +Leiden. Sie mußten tapfer durchlitten werden. Und am siebzehnten April +erhob sich aus feinstem Dunst ein Morgen voll erquickender Herbheit. +Hyazinthenduft atmete von den Beeten vorm Hause auf. Der alte Herr hatte +die Fenster seines Erkers öffnen lassen und belebte sich an dem zarten +Frühlingszauber der Luft. Drüben überm weiten Gelände lag die Poesie der +Frühe. + +Gerade hinauf stieg aus den Schloten des Werkes der Rauch, wie ein +Morgenopfer zur Unendlichkeit empordampft. + +Feierliche Würde war in diesem jungen Tag. + +Da kam Leupold wieder einmal herein -- bleich, verwacht auch er. + +»Ich darf Herrn Geheimrat in den Fahrstuhl helfen?« + +»Was soll das? -- Was willst du mit mir ...« + +»Die gnädige Frau lassen bitten ...« Und er hatte ein seltsam +verstocktes Gesicht. + +»Meine Tochter? ... Meine Tochter?« murmelte der alte Herr verstört ... +irgend ein unbestimmter Schreck wollte ihn packen, obgleich man ihm wohl +an die zwanzigmal zugeschworen hatte: es steht sehr gut -- keine Sorge +-- nein gar keine. -- + +Er zitterte ... + +Und Leupold dachte: er wird alt! Auch in ihm war Zorn. Solche +Aufregungen waren nicht für seinen Herrn -- und Nächte durchwachen, wenn +man streng und vorsichtig nach Regeln zu leben hat, um überhaupt zu +leben ... Alles verkehrt -- dieser ganze Zustand jetzt, mit einer +zweiten, jungen Wirtschaft unten im Haus ... Ehedem war alles im +Gleichmaß hergegangen ... + +Unter solchen Gedanken half er der mächtigen Gestalt in den Fahrstuhl +und schob ihn rasch zum Lift. + +Der alte Herr wagte nicht zu fragen. Wenn Leupold gewußt hätte, warum +Klara nach ihm rief, würde er es gesagt haben ... + +Unten riß schon der hellfarbige Georg mit dem gestriegelten Blondhaar +und gewaschenem Gesicht die Tür des Lift auf. + +Da war auch Dienerschaft am Wege zu Klaras Zimmer ... Das +Küchenpersonal, die Stubenmädchen -- fast als bildeten sie eine Gasse +... Und im großen Zimmer, wo das Bild der teuren Toten lieblich ernst +von der Wand herabsah, standen wieder Menschen: die alte Lamprecht, +klein, grau, gebückt und selig lächelnd; und mit verdienstvollem Gesicht +der dunkelblonde Doktor Sylvester mit dem Kneifer vor den hellen Augen +und dem Schmiß vom Mundwinkel bis zur Wangenhälfte, der ihm einen +Ausdruck gab, als sei er immer voll Verachtung. Und noch zwei unbekannte +Weibswesen. + +Sie ließen ihn durch ihre Reihen fahren ... Und ihm wurde immer +beklommener zumute ... Sein Herz klopfte. + +Die Tür zum Schlafzimmer tat sich auf. -- + +Da lag, im feinen, hellen Licht der Frühe, bleich ein Haupt auf weißen +Kissen ... Und da lag ein Bündel, auch weiß, und aus ihm sah ein dunkles +Fellchen hervor, ein ganz kleines Stück nur ... + +Leupold schob ihn an das Bett. -- + +Aus dem bleichen Gesicht auf dem Kissen leuchteten dunkle Augen in +heißem Glanz höchsten Glücks ... und die geraden, strengen Brauen waren +ein wenig zusammengerückt -- als seien die Nerven nach dem Krampf der +Schmerzen noch nicht ganz gelöst ... + +Und die junge Frau hob mit schwachem Arm ein wenig das Bündel -- und nun +sah man: das Fellchen war dunkles Haar. + +»Der kleine Severin Lohmann,« sagte sie. + +Und ihre Stimme bebte vor Seligkeit ... + +Er schluchzte auf. -- Dem alten Mann, der stark geblieben war in jedem +Kampf und in jeder Not, zerbrach die Fassung. + +Und das kleine, dunkle Fellchen in den Kissen des Bündels war ihm der +wunderbarste Anblick, den das Leben ihm gegönnt ... + +Die große Männerhand streckte sich aus -- tastete scheu nach diesem +Köpfchen, von dem man so wenig sah. Und zog sich erschreckt zurück, als +habe sie Heiligstes berührt -- so überfein und unfaßlich zart war das, +was seine Fingerspitzen verspürten. + +Dann umgriff er der jungen Mutter Hand, hob sie zu sich heran -- er +mußte sich mühsam vorneigen, um sie mit seinen Lippen zu erreichen ... +Und er küßte sie -- immer wieder -- von Dankgefühl übermannt -- +wortlos. -- + +Bis Doktor Sylvester mit einem von den fremden und in geplätteter +Kleider- und Schürzensauberkeit knitternden Weibswesen hereinkam und +Leupold kurzerhand den Fahrstuhl rückwärts und zum Zimmer hinauszog ... + +Ja, das war ein Tag! Der Geheimrat wollte durchaus schlafen, denn nun +lag ihm erst recht am Leben. Aber die Aufregung ließ ihn nicht dazu +kommen. Und Doktor Sylvester tröstete Leupold: es schade nicht. Man +wisse ja, wie Freude für den alten Herrn bekömmlich sei. + +An den beiden Torpfeilern, rechts und links von der Inschrift +»Eisenhütte Severin Lohmann«, wehten Flaggen; von den Häusern der +Beamten und der Villa des Generaldirektors wallten die rot und weißen +und die schwarz-weiß-roten Tuchstreifen, im frischen Wind zu schönen +Wellenbewegungen immer wieder neu entfaltet. + +Auf die Depesche nach Köln hin kamen drei Antworten. Wynfried sagte +durch den Draht seiner Frau: »Freudig bewegt sende tausend Grüße und +Wünsche, am zwanzigsten bin ich wieder dort. Innigst Wynfried.« + +Und seinem Vater: »Mit dir stolz und froh. Bitte täglich zwei- oder +dreimal um Telegramm über Befinden. Wynfried.« + +»Gottlob,« dachte der Geheimrat, von einer beglückenden Ruhe ganz +erfüllt, »nun liegt die Zukunft klar und sicher da.« + +Das dritte Telegramm machte ihm Spaß. Mehr noch: er schmunzelte, und ein +Ausdruck freudigen Stolzes ging über sein Gesicht. + +»Es lebe der vierte Severin Lohmann. Möge er des Großvaters würdiger +Enkel werden. Mutter und Kind wünschen wir alles Gute. Dem hochverehrten +Großvater bringen wir Glückwünsche und Gruß.« + +Diese Kundgebung war von elf Namen unterzeichnet, mit dem Kreysers an +der Spitze. Und jeder hatte Klang, der über die Ozeane hallte. +Großfürsten der Industrie und des Handels -- sie nahmen freudig teil am +Dasein des winzigen kleinen Kerlchens im weißen Bündel. Sie waren stolz, +daß eine der Dynastien in ihren Reihen weiterblühen sollte ... + +Das wollte der Geheimrat aufheben; wenn der Junge erst lesen konnte, +sollte er selbst die Depesche sehen -- sie sollte ihm einst sagen: Du +bist in große Verantwortungen hinein geboren. Viele Augen sehen darauf, +ob du ein tüchtiger Mann wirst ... + +Alle, die sein Arm nur erreichen konnte, sollten Freude haben heute. + +Er bat den Generaldirektor Thürauf, als der mit seiner Frau zum +Gratulieren vor dem gewaltigen Ledersessel stand, daß die sofortige +Verteilung einer großen Summe an die Arbeiterschaft bewerkstelligt +werde. Über eine sehr erhebliche Stiftung nützlicher Art für die Kinder +der Arbeiter wolle er noch mit seiner Schwiegertochter sich beraten und +ihr die Freude gönnen, am Tauftage des Kindes der Arbeiterschaft davon +Mitteilung zu machen. Die wunderhübsche dunkeläugige Frau Thürauf bat +er, den Schulkindern eine festliche Nachmittagsbewirtung veranstalten zu +lassen, und sie, die immer von der anmutigsten Gefälligkeit war, +versprach, mit ihren drei Töchtern selbst Schokolade und Kuchen in +befriedigenden Mengen anzubieten. + +Likowski und Marning kamen, als die von den drüben garnisonierenden +Herren dem Hause nächst Befreundeten, und der Geheimrat nahm ihren +Besuch an. Er hatte ja ein unersättliches Bedürfnis, Klara zu preisen, +seine eigene Freude auszusprechen. Sein ganzes Wesen war verwandelt. Er +war nicht mehr der große Beherrscher, der den Kopf voll von Sorgen hat. +Nur ein ganz einfach glücklicher Mann war er, voll Ehrerbietung vor der +Würde einer jungen Frau, voll seligen Glückes, einen Enkel zu haben. + +Als die beiden Herren fortgingen, sagte draußen Stephan Marning: »Ja, +dies Kind hat sich eine bevorzugte Statt ausgesucht -- solche Mutter -- +und solche Zukunft!« + +Likowski verbreitete sich über Frau Klara Lohmann. Marning solle sich +gefälligst erinnern, was er, der Hauptmann, schon für ein Urteil über +Fräulein Klara Hildebrandt gehabt habe! Die Frage bleibe für ihn nur: +Hatte der Gatte eine Ahnung, wer die Frau an seiner Seite sei? + +Alles in Stephan wehrte sich dagegen, mit seinem Kameraden diese junge +Frau und ihre Ehe zu besprechen. Er sagte nur: »O -- man hat doch stets +den Eindruck eines angenehmen Verhältnisses ...« + +»Angenehm -- angenehm!« schalt Likowski. »Den Kuckuck auch -- soll er +wohl gar unangenehm sein? Ich weiß nich -- ich trau' ihm nich -- nee -- +wo das mal drinn steckt -- so 'ne Männer sind gerade wie die Gäule +früher von der Kavallerie, als die noch Signale blasen ließ -- wenn ein +ausrangierter noch nach Jahr und Tag wieder das Signal 'Marsch' hörte, +brannte er durch ... Warten wir's ab ...« + +»Lieber Likowski -- Sie sind ein Pessimist -- in allen Dingen --« sprach +er. + +»Kunststück -- erlebt man was anderes als Enttäuschungen? ... Die sind +mein tägliches Brot ... Haben Sie die Morgenblätter schon gelesen? Hab' +ich nich gleich gesagt -- damals im Februar -- dieser auffallende Besuch +von Haldane -- und dann die Pressekampagne hinterher -- passen Sie auf, +wir werden wieder eingeseift -- na -- uns, grad' uns kommt's ja zu, zu +schweigen -- warten -- aufrecht bleiben --« + +»Ich denke,« sagte Stephan Marning, um nur keinenfalls des Freundes +Gedanken zu der jungen Frau und ihrer Ehe zurückkehren zu lassen, »wir +haben noch Zeit -- lassen Sie uns einen Rundgang durch das Werk machen +-- ich habe mir von Thürauf vor einiger Zeit die Erlaubnis erwirkt, nach +Belieben hinein zu dürfen, und bin oft da -- es regt mich unersättlich +an ...« + +»Fabelhaft -- Ihr Interesse! ... Thürauf und der alte Herr sagen schon: +der kommt noch zu uns herüber ... Marning, das tun Sie mir nich an -- +nee -- daß Sie um schnöden Mammon unseren Rock ausziehen ...« + +»Darum? Nie!« sprach Marning ernst. »Aber denken Sie denn, daß all die +Herren, die bei Krupp und sonst da und dort in die Industrie oder die +Schiffahrtsgesellschaften eintraten, das immer um des Mammons willen +taten? Haben Sie damals, als wir -- wissen Sie noch, es war am +Geburtstag der jungen Frau -- als wir zuerst auf dem Werk waren -- mir +eine neue Welt -- ja, da haben Sie selbst gesagt: wir stehen doch +Schulter an Schulter ... Sie können ruhig sein, Likowski, mich wird +schon kein Krupp, kein Erhardt, kein Thyssen berufen und mich vom +Regiment weglocken. Ich bin ein gänzlich unbekannter armer Oberleutnant +ohne großmächtige Beziehungen. Aber das ist wahr: wär' ich nicht +Offizier, möcht' ich auf solchem Werk mitarbeiten -- sei's gegen noch so +bescheidenen Lohn ...« + +»Gottlob,« sagte Likowski zufrieden, »daß Krupp und Konsorten keinen +Schimmer von Ihrer Nebenliebe haben ...« + +Unterdessen kehrte bei dem alten Herrn eine Art von körperlicher +Mattigkeit ein, die, weil durch seelische Beruhigung hervorgerufen, sehr +wohltätig war. Früh schon wagte Leupold den Vorschlag, ob Herr Geheimrat +nicht zu Bett gehen und seine Abendmahlzeit in bequemster Lage nehmen +wolle. + +Es schien auch, als wirke die feierliche Ruhe, die unten im Hause +herrschte, durch Balken und Decken bis oben hinauf und besänftige alle +Nerven. + +Viel eher schon als sonst wohl erloschen alle Lichter im Herrenhaus. +Leupold, der seit dem Schlaganfall des Geheimrats vor fünfviertel Jahren +neben dessen Schlafzimmer seine Stube hatte, zog gerade seinen +dunkelblauen Rock aus, als die elektrische Glocke noch einmal +schrillte. + +Dieser grelle, durchdringende Ton bedeutete zu unerwarteter Zeit immer +Schreck. Heute aber begann ihm das Herz vollends rasend zu klopfen. + +Denn eben hatte er mit einem abergläubischen Gedanken an die +bevorstehende Nacht gedacht. Was konnte sich in ihr ereignen! Man hatte +es manchmal erfahren, daß Leben und Tod am gleichen Tage in einem Hause +einkehrten ... Und die unsäglichen Aufregungen, die der alte Herr +durchlitten ... + +Mit einem Schritt war Leupold an der Tür und öffnete. + +Dunkelheit? ... Kein Laut? ... Angst befiel ihn ... seine Hand tastete +nach dem kleinen Knebel neben der Tür -- das Licht an der großen Lampe, +die grün umhangen vom Plafond herabkam, blitzte auf. + +Er sah gleich: ganz ruhig lag der Geheimrat, wie immer fast sitzend, so +viel Kissen stützten ihm den Kopf. Nur die Augen sahen in heller +Wachsamkeit groß und blitzend ihm entgegen. + +Er neigte sich ein wenig herab -- doch noch in Besorgnis, wollte +fragen ... + +Da packte die große Hand ihn um das Gelenk seiner Rechten. Und der alte +Herr sprach: »Leupold -- du weißt es seit damals -- ich muß immer +gerüstet sein. -- Ich wollte dir nur sagen: Die junge Frau und das +kleine Kind -- das ist nun das Heiligste, was das Haus Lohmann hat ... +Und versprich mir: so lange du hier deine Gerechtigkeit findest -- +überhaupt noch dienen magst -- verlaß sie nicht! Das mußt du einsehen: +Deine Treue für mich ist keine ganze Treue, wenn du sie nicht auch der +jungen Frau und meinem Enkel gibst ...« + +»Hat die gnädige Frau über mich geklagt?« fragte Leupold mit blassen +Lippen. + +»Nie!« sagte der Geheimrat stark. »Aber ich hab' so allerlei +'rausgefühlt ...« + +Leupold stand beschämt, daß sein Herr ihn durchschaut habe. Und er sah +wieder die junge Mutter auf dem weißen Kissen und das Bündelchen in +ihrem Arm. Er war ja immer Zeuge vom Leben seines Herrn, und so schnell +er sich auch heute morgen zurückgezogen hatte -- den von Glück bebenden +Ton vernahm er doch noch, mit welchem die junge Mutter sprach: »Der +kleine Severin Lohmann.« -- Da war doch auch über sein etwas +vertrocknetes Junggesellenherz eine weiche Welle hingegangen -- fast wie +Rührung. + +Er sprach in einer wunderlichen Mischung von Verstocktheit und +Ergriffenheit: »Die gnädige Frau und der kleine gnädige Herr sollen sich +auf mich verlassen ...« + +Der Geheimrat war von einem beklemmenden Aberglauben befallen gewesen. +-- Man hat es zuweilen erfahren, daß Leben und Tod ein Haus am gleichen +Tage suchen ... Deshalb konnte er sich nicht der Dunkelheit und der +Nacht geduldig und vertrauensvoll ergeben. -- Er mußte der geliebten +Tochter und dem Kinde noch einen Treuen werben. + +Nun aber löste sich alles in einem frohen Auflachen. + +»Der kleine gnädige Herr! Schafskopf -- wir sind keine Fürsten. Denkst +so ungefähr: Seine Hoheit der Erbprinz haben geruht, seine Windeln voll +zu -- -- -- na ... Wie ich meine Tochter taxier', lehrt sie den Jungen +feste erst mal gehorchen -- auch dir! ... Der kleine 'gnädige Herr' ...« + +Er hatte einen großen Spaß und sah im Geist das dunkle Stück Fell in den +Kissen. + +So trennten sich Herr und Diener mit einem glücklichen, humorvollen +Lächeln. -- + +Am zwanzigsten kam Wynfried von Köln zurück. Einige Minuten nach sechs +Uhr abends traf der Zug in Lübeck ein; das Auto war am Bahnhof; um +sieben raste es auf das Hüttenwerk zu und hielt vor dem Herrenhause. + +Klara hörte den Ruf der Hupe -- hohl und dunkel. + +Sie wartete sehr auf ihren Mann. In einer Art von Neugier -- in Angst -- +in Enttäuschung. -- Niemals hätte sie genau sagen können, in was für +Empfindungen. Bald sprach die eine stark und bald die andere. + +Von der Mutterschaft hatte sie eine ganze Umwandlung ihres seelischen +Daseins erwartet. + +»Über gar nichts im menschlichen Leben werden so viel überspannte, +hochgeschraubte Phrasen geschrieben wie über das Wunder der +Mutterschaft,« dachte Klara. »Das tun wohl Männer, die sich nur +konstruieren können, was wir innerlich erleben -- und Frauen tun es, die +selber niemals ein Kind hatten.« + +Sie war ganz dieselbe geblieben, die sie vorher gewesen. Nur eine +verzehrende unendliche Liebe zu dem winzigen Geschöpfchen war in ihrem +Herzen und erweiterte es gleichsam -- als sei ihm ein Stück +hinzugewachsen ... + +Sonst hatte sich nichts verändert ... + +Und sie war so getragen gewesen von dem Glauben, daß das Kind in ihr +eine heiße Dankbarkeit für den Vater, eine neue, nun wirklich +leidenschaftliche Neigung zu dem Vater mitbringen werde -- wie ein +Geschenk aus den dunklen Untergründen des Daseins. + +Nichts davon ... Alles war wie bisher. -- Eine kleine Neugier war +hinzugekommen, was Wynfried sage, wie er sich in die neue Würde schicken +könne -- die ihm vielleicht -- Klara ahnte es -- nicht so ganz +zusagte ... + +Aber wenn sie ihn nur erst sähe! An dieser Schwelle eines neuen +Lebensabschnittes voller Pflichten mußten sie sich von Auge zu Auge +verstehen -- ein Blick war mehr als alles Begrübeln ... + +Nun schrie die Hupe zweimal auf -- + +Klara wurde erregt. Das sah die Wärterin und mahnte mit der +bevormundenden Familiarität solcher Frauen in solcher Lage. »Sie wissen +so viel mehr als die jungen Mütter, die ihre Schülerinnen werden, und +das neue kleine Leben ist ihnen anbefohlen -- da werden sie naiv +überheblich,« dachte Klara oft. + +Die alte Doktorin Lamprecht, die sich dem Wahn hingab, sie pflege Klara +mit, und sich nur wichtig in allen Räumen des Hauses zeigte, kam herein. +Wynfried meine, nach sieben Uhr werde er hier wohl nicht vorgelassen ... +Die gute Alte trug das in einem neckischen, zärtlichen Ton vor, der +Klara wehtat, als sei er voll verborgener Taktlosigkeiten. -- Klara sah +an ihr: greise Menschen haben, wohl aus Bedürfnis zum Frieden, so leicht +rosige Phantasien und ein so kurzes Gedächtnis ... Und die alte Frau tat +längst schäker- und schäferhaft, wenn sie von Klaras Ehe sprach -- deren +Grund sie doch kannte ... + +Die geraden Brauen über den dunklen Augen rückten näher zusammen -- +Klara sah nervös aus -- als schmerze sie etwas -- + +»Ich möchte meinen Mann sofort sehen,« sprach sie etwas kurz. + +Und dann trat er ein. Niemand war zugegen. Die Vorhänge hatte man +zurückgezogen, da die Sonne schon zu tief im Westen stand und ihre +Strahlen diese Fenster nicht mehr erreichten. Es war hell. + +Und wie durch eine Eingebung erriet die junge Frau, daß der Mann mehr +unsicher, mehr verlegen war als gerührt und erhoben ... + +Er kam mit raschen Schritten auf das Bett zu -- neigte sich herab und +küßte Klara -- + +Sie sah ihn an -- tief -- tief. -- Er lächelte dem Blick zu, der ihm +doch fast unbehaglich war ... + +Er fragte alles, was sich nur bei diesem Wiedersehen aus dem Ereignis +ergeben konnte. Und er küßte Klara zwischendurch wohl viermal die Hand +und streichelte leise ihre Wangen -- + +Seine Herzlichkeit, seine Freundlichkeit war voller Rücksicht -- wie sie +es immer gewesen war, und nicht anders ... + +Nein -- nicht anders ... + +Auch in ihm hatten sich keinerlei Wunder begeben -- + +»Willst du ihn nicht sehen?« + +Gehorsam stand Wynfried auf und ging an das Bettchen, nahm mit +vorsichtigen Fingern ein wenig den blauen Seidenstoff und die +Spitzenüberhänge auseinander, atmete einen Dunst von neuem Flanell und +lauer Wärme ein, der ihm gräßlich war, sah ein Stückchen Schädel mit +dunklem Haar, schloß die Falten wieder zusammen und sprach: »Entzückend +-- hoffentlich sieht er dir ähnlich -- ja -- so'n Baby -- das ist nun +mehr was für Frauen --« + +Und dann: »Aber ich darf nur fünf Minuten hier bleiben -- die +Lamprächtige hat es so befohlen ...« + +Er küßte ihr die Stirn. + +»Ich bin rasend stolz, daß es ein Junge ist -- und Vater ist ja wohl +außer sich ...« + +»Ja,« sagte Klara, »Vater freut sich ...« + +Ganz einfach sprach sie das -- jedes große Wort, jede Aufwallung und +Erschütterung blieb aus. -- + +Es war sehr alltäglich ... + +Und die junge Frau war wieder allein. Sie schloß die Augen und drehte +den Kopf zur Seite -- sie heuchelte Schlummer, um nachzudenken. + +Und sie konnte doch eigentlich gar nichts denken. + +Wenn auf Monate abergläubischen Hoffens fünf nüchtern-nette Minuten +kommen ... + +Das macht das Herz still -- + +Alles war dasselbe geblieben -- + +Klara wußte nun, daß sie ihre Tat der Dankbarkeit unter Verzicht auf +jedes wahre Herzensglück durchführen mußte ... + +Nun ging das Leben bald wieder in den Alltag hinein, und nach einigen +Wochen war man es schon gewohnt, daß eine neue Hauptperson vorhanden +war, die meist schlief und zuweilen überaus kräftig schrie. Auch eine +pompöse Amme in Mecklenburg-Strelitzer Tracht, in schwarzem Mieder mit +buntem Brusttuch und weißen Hemdärmeln, mit rotbuntem Rande um den +schwarzen Rock, sowie einer goldenen Haube, daraus weiße Tüllteile sich +künstlich gesichtswärts bogen, hatte die Zahl der Hausbewohner vermehrt. + +Denn Wynfried bestand sogleich darauf, daß man ein solches Wesen suche. +Er erklärte dem Doktor Sylvester und seiner Frau, daß es ihm einfach +gegen sein ästhetisches Gefühl gehe, wenn Klara den Jungen selbst nähren +wolle. Er kümmerte sich sonst um nichts. Aber in diesem Punkte war er +fest. Doktor Sylvester stritt energisch für das Natürliche. Aber über +Klara kam auf der Stelle eine ihrem Wesen sonst fremde Mattigkeit. Sie +konnte nicht kämpfen. + +Sie hatte nur ein dumpfes Gefühl von einer unüberbrückbaren +Verschiedenheit in großen Dingen. -- + +Sie mußte den stillen Mut haben, ein Opfer zu bringen. Über Wynfrieds +Wünsche durfte man nicht hinweggehen -- sie nicht, deren Aufgabe es war, +einen _Mann_ aus ihm zu machen -- und sie spürte: hier war es ihm ein +Bedürfnis, sich als Gebieter zu fühlen. + +Er kümmerte sich sowieso wenig um das Kind. Ärgerlichkeiten sollten in +ihm nicht aufkommen. + +Bald bemerkte Klara, daß ihr Mann entweder die Veränderung im +Familienleben als einen Abschnitt ansah, der ihm mehr Freiheit +zurückgebe, oder daß er die letzten Nervositäten abschüttelte, die ihm +noch angehaftet. + +Er zeigte allerlei neue Interessen und eine frischere Stimmung von der +erfreulichsten Ausgeglichenheit. + +Unfern der Anlegebrücke, zu der die von Hainbuchenhecken geleitete +Sandsteintreppe hinabführte, ankerten nun ein Motorboot und eine +seegehende Schonerjacht. Hart an der Brücke schaukelte an seiner +eisernen Kette das kleine Beiboot, mit dem man in ein paar Ruderschlägen +zu den beiden Fahrzeugen kommen konnte. + +Das Motorboot war viel größer und eleganter als das der Baronin Agathe +Hegemeister. Es hatte in der Mitte eine Salonkajüte, aus deren rotgrauen +Samtsofas man leicht Bettstatten schaffen konnte. Eine Kombüse und ein +kleiner Toilettenraum schlossen sich an. Größere Ausflüge, mit +Übernachten an Bord, ließen sich nötigenfalls im Motorboot ausführen. Es +hieß dem Kinde zu Ehren »Severin«, während die Jacht den Namen »Klara« +trug. + +Die war schneeweiß und wirkte neben dem von Benzin getriebenen +Mahagonigefährten südlich-kokett. Ihr Deck, von schmalen +Pitschpinebohlen, strahlte von Glätte und Sauberkeit. Sie besaß im Raum +eine Hauptkajüte, eine Damenkajüte, wo drei Damen es nicht allzu eng +haben würden, Kombüse und große Mannschaftskojen, war also zu größeren +Küstenreisen durchaus eingerichtet und seetüchtig, auch in den Sunden +und Belten der holsteinischen und dänischen Gewässer zu kreuzen. + +Ihre Mannschaft trug krebsrote Sweater zu weißen Hosen und krebsrote +Zipfelmützen. In dieser munteren Tracht sah man sie wie Spring- und +Kletterwesen an den Masten und mit den bleichgelblichen Seidensegeln +flink hantieren. Sie wurden von einem »Schiffer« kommandiert, der einen +marineblauen Jackenanzug mit Goldknöpfen trug und um seine Schirmmütze +ein goldenes Band hatte. + +Daß Wynfried plötzlich auf diesen Sport verfallen war, sagte dem +Geheimrat in mancher Hinsicht wohl zu. Er sah es: nach einem Jahr des +gesunden Lebens neben einer Frau, die ihm Achtung abforderte, in immer +regelmäßiger werdender Arbeit, war seinem Sohne ganz einfach das +zurückgekommen, was er in tollen Jahren verloren gehabt hatte: die +gesunde Jugendkraft. + +Und wenn sie sich im Sport betätigen wollte, konnte ihr hier, in der +Nähe von Travemünde und dem berühmten Segelwasser der Lübecker Bucht, +keiner verlockender scheinen als dieser. + +Er freilich hatte dergleichen nie gebraucht, um sich zu erholen. + +Diese seine Randbemerkung fand Klara etwas ungerecht und zu sehr: einst +gegen jetzt. + +»Solche Arbeitsgenies wie du sind auch selten. Außerdem: alles liegt +anders jetzt. Der Mann von heute wird ja durch seine Arbeitsstunden so +gepeitscht, daß er Ausgleich für seine Nerven haben muß, wenn er sich +nicht zu früh verbrauchen soll. Du, Vater, und all die deiner Generation +-- ihr seid so nach und nach in das Hetzen hineingewachsen. Heut fängt's +ja schon für die Kinder mit dem Telephon an. Ich meine: Gottlob, daß +Wynfried die Erholung im Sport sucht.« + +»Ja -- gottlob,« dachte der Geheimrat. »Wenn er alle Augenblick nach +Berlin oder Hamburg führe, um sich zu erholen ...« + +Sicherlich, das hätte sein Vaterherz geängstigt -- obgleich -- Nein! +Nein -- solche Frau -- und einen Sohn in der Wiege -- da war wohl keine +Gefahr mehr. + +Klara fuhr fort: »Du hast mir einmal erzählt, daß seine Mutter sehr +vergnügungssüchtig gewesen sei, und es hier nie lange aushielt. Sieh -- +es rumort doch gewiß auch etwas vom Blut seiner Mutter in ihm und will +durch Abwechslung und Freude beruhigt werden. Wollen wir nicht dankbar +sein, daß er sie in der Natur sucht?« + +»Nimm ihn nur in Schutz,« sagte der alte Herr weich. Lieberes konnte er +gar nicht hören. -- -- + +Die Taufe wurde mit einem großen Mittagessen gefeiert, zu dem von allen +Seiten her, aus dem Mecklenburgischen und Lübeckischen, die Freunde des +Hauses gefahren kamen. + +Tags zuvor sprach Agathe Hegemeister endlich wieder vor. Sie war solange +fortgewesen. Nun kam wie eine Erlösung diese Tauffestlichkeit. Agathe +hatte ihren Eltern klar machen können, daß sie dabei nicht fehlen dürfe, +ohne ihre intimste Freundin Klara schwer zu kränken. Und Agathe war +beinahe schon umgekommen in dem Berliner Vorort. Man hatte den Eindruck, +daß die Eltern der blonden Baronin sehr darauf bestanden, ihre Tochter +jeden Frühling acht Wochen bei sich zu haben, weil sie wünschten, der +Welt ein inniges Verhältnis mit ihr vorzuführen. Agathe konnte mit ihrer +treuen Gerwald so oft nach Berlin hineinfahren, wie sie wollte, und dort +nach Gefallen einkaufen und Geld vertun. Aber es sei dennoch immer eine +versteckte Gefangenschaft, klagte sie der Freundin vor. + +Ganz abgesehen von der beständigen Sehnsucht nach dem Einen, Bewußten, +wegen dessen Kälte sie noch vor Gram sterbe. Klara werde es nicht +glauben: keinmal, kein einziges Mal habe er geschrieben -- sie habe +keine Hoffnung mehr. + +»Aber der Gram und die Hoffnungslosigkeit sind dir glänzend bekommen,« +meinte Klara. + +»Ich bin eine von den unglücklichen Konstitutionen, denen man ihren +geheimen Jammer nie glaubt,« sagte Agathe bekümmert. + +Aber dann raffte sie sich wieder auf und schwor, den Undankbaren mit +Kälte zu strafen. + +Als sie wieder fort war, dachte Klara sehr verwundert, daß ihre +»intimste Freundin« nicht einmal nach dem Kind gefragt habe -- nicht +einmal verlangt, es zu sehen -- merkwürdig! + +Aber Klara nahm es nicht übel. Ebenso gut hätte man einer Rose Vorwurf +daraus machen können, daß sie nur Schönheit und Duft habe und sonst zu +gar nichts nötig sei. + +Am anderen Tag freilich -- es mochte diese Unterlassungssünde Agathen +selbst schwer auf die Seele gefallen sein -- fand sie den Täufling süß +und reizend und kokettierte auf das unschuldigste und stärkste über das +festliche Steckbett in den Armen der Amme hinweg mit dem Vater, ihm +zuschwörend, daß Severin der Vierte ihm fabelhaft ähnlich sehe. + +Wynfried verbat es sich lachend und meinte: etwas jünger und hübscher +glaube er denn doch auszusehen als sein acht Wochen alter Sohn, und mehr +Haar habe er denn doch auch noch. + +Das dunkle Fellchen war schon verschwunden, und ein kahler, +unverhältnismäßig großer Kinderschädel ist nie schön. + +Aber Klara, die gerade dabei stand, dachte doch, etwas peinlich +berührt, ja beleidigt: »Sehen sie denn nicht die Augen -- nicht diese +Wundertiefen darin? ...« + +Niemand blieb bei der Taufhandlung ungerührt, als Klara selbst ihr +kleines Kind auf die Knie des Großvaters legte, der es mit scheuen +Händen festhielt. + +Durch manches Herz zog eine Ahnung von dem, was der gebändigte alte +Riese wohl in diesem Augenblick empfinden möge. + +Feierliches Schweigen aller Anwesenden trug die pastorale Stimme des +einen, der hier zu sprechen hatte. + +Die Sonne schien herein, über eine ganze Wand von Grün und Blumen kamen +die goldenen Strahlen und umglänzten den Pastor und den Alten im +Fahrstuhl mit dem kleinen Kind auf dem Schoß, von dem feine Stoff- und +Spitzenfalten gleich einer Schleppe niederhingen. + +Auch auf die braunen Haare des geneigten jungen Frauenkopfes fiel noch +der leuchtende Schein. + +Stephan Marning stand irgendwo in den gedrängten Reihen der Taufgäste. +Er hatte aber den Blick frei auf diese umstrahlte Gruppe vor dem +improvisierten Altar. + +Sein Herz klopfte -- er wurde selbst davon überrascht, so jäh begann +dies schnelle Schlagen. + +Dies junge Weib! Wie es ihn bezwang, wenn er sie sah ... + +»Warum hatte sie ihn geheiratet?« fragte er sich zum unendlichsten Mal. + +Er wußte: Der Geheimrat hatte sie unterstützt nach dem Tode ihrer +Eltern. Für einen so reichen Mann gegen die Waise eines einstigen +Beamten eine brave, aber keine so große Tat, daß die Empfängerin der +Wohltat sich dafür hinopferte ... + +Sein Blick ließ nicht von diesem braunen Haar, nicht von diesem edlen +Gesicht mit den dunklen Augen, über denen die geraden Brauen etwas +zusammengerückt waren wie in einem geheimen, unendlichen Schmerz. + +Und die Kraft seines Blickes drang in die Seele der jungen Frau. Sie +hob, als rufe sie wer, ein wenig das Haupt, sah auf -- und sah in das +große, sprechende Auge des Mannes. + +Sie erblaßten beide. + +Klara senkte die Lider -- ein leises Schwanken schien durch ihre Gestalt +zu gehen. + +Ihn überfiel ein seltsamer Zustand. Es war eigentlich kein Entsetzen, +kein Sturm fassungsloser Aufregung. + +Nichts war deutliches Denken oder eingestandene Erkenntnis. + +Endlich klärte sich die dumpfe Verwirrtheit zu dem Gefühl: »Ich muß +fort ...« + +Ja, fort -- sich versetzen lassen -- an die russische oder französische +Grenze -- wo man fern von allen Erinnerungen, aller Kultur ist, wo man +nichts hat als das wachsame und lauernde Warten auf den Krieg ... + +Nachher, bei Tisch, fand er Agathe neben sich, die der Hausherr in einer +Art von spöttischer Gelegenheitsmacherei an seine linke Seite gesetzt +hatte. Und Agathe blühte in ihrer üppigen Schönheit lockender als je. +Aber sie mußte einsehen, daß ihre Liebe verschwendet sei. Heute lösten +sich auch die letzten Illusionen in einen trüben Nebel auf -- und der +hieß: Entsagung. + +Ihr ganzes Gemüt war voll von Tränen, die sich hier nur nicht laut +herausschluchzen ließen. + +Aber Zorn war nicht in ihr. Sie dachte, voll Rührung über sich und ihre +weiche Natur: »Hassen kann ich ihn nicht ...« + +Nein -- das lag ihr nicht. + +Und ihr war gewissermaßen so zumut, als könne sie ihn, abschiednehmend, +segnen. Wobei vielleicht im Unterbewußtsein doch noch ein unsterbliches +Fünkchen Hoffnung glomm, daß ihre demütige Weiblichkeit ihn dennoch +bezaubern werde. + +Nach Tisch war man im Garten, der hinterm Hause schon mehr Park genannt +werden konnte mit seinen weiten Rasenflächen und seinen großen Baum- und +Gebüschgruppen. + +Es war die Zeit der langen Tage, an die sich helle, kurze Nächte +schlossen. Von dämmerigem Frühlingsabendzauber konnte man deshalb nicht +sprechen, und zur Sentimentalität lud das blaue Licht nicht ein. +Zwischen den Wipfeln und über den Büschen sah man die Schornsteine und +die Burgen der Hochöfen herüberragen, und vor dem Abendhimmel stand der +Dunst, der die Welt des Feuers und des Eisens immer überschwebte. +Glühender Schein glänzte geheimnisvoll auf. + +Vom Fluß herauf schrie die Sirene eines Dampfers, man sah auch eine +Schlange von Rauch in der Luft liegen, die langsam weiter und meerwärts +gezogen wurde. + +Das alles sprach zu der jungen Frau und tat ihr wohl und schien ihr +beruhigend zu sagen: Dein Bereich ist nicht von einem Erdbeben zerstört, +und du selbst stehst fest noch mitten darin. + +Nur nicht wieder diesen großen, sprechenden Blick sehen. Nie wieder -- +darin war etwas gewesen -- was? Großer Gott -- was denn? + +Entsetzte sie sich nicht vor einem Phantom? + +Und als sie einmal sah, daß ihr Mann mit Agathe, Likowski, Marning und +der rothaarigen, nicht mehr so völlig entzückend häßlichen Edith Stuhr +zusammenstand, ging sie mit sicheren Schritten auf die Gruppe zu. +Wynfried verabredete gerade Segelpartien, zur Vorbereitung auf die +Travemünder Woche. Denn wenn auch die »Klara« sich mit den Jachten ihrer +Klasse, des Kaisers »Meteor« und der Kruppschen »Germania«, noch nicht +in einen Wettkampf einlassen konnte, weil Schiffer, Mannschaft und +Besitzer sie noch zu wenig kannten, so wollte man doch bemerkt werden +und als neue Erscheinung einen sehr guten Eindruck machen. In allen +Sportzeitungen war es schon in freundlichen Notizen begrüßt worden, daß +Herr Wynfried Severin Lohmann die auf der Germaniawerft erbaute Jacht +erworben habe. + +Fräulein Edith, deren Häßlichkeit schärfere Linien bekommen hatte, +tanzte vor Begeisterung. Sie war zu allem bereit -- wollte eine Art +freiwilliger Schiffsjunge werden, und weder Sturm noch Gefahr sollten +sie erschrecken. Papa würde einfach nicht gefragt, damit ihm nicht etwa +beikäme, es zu verbieten. Auch Agathe klatschte in die Hände: Ja, ja! +Das konnte sehr lustig werden. + +»Was? Die gräßliche Natur! Das langweilige Meer! Plötzliche +Geschmacksänderung?« spottete Likowski. + +»Ach -- Sie! So 'n rauher Kriegsmann versteht nichts von den Wandlungen +einer Frauenseele.« + +»Na, es freut mich immerhin. Natur -- das ist doch wenigstens kein +schlechter Geschmack!« + +»Das sagt er mir! Als hätte ich je solchen!« rief Agathe empört. + +Likowski lehnte für seine Person ab, an den Fahrten teilzunehmen, und +sagte auch gleich -- weil er wußte, er half damit dem Kameraden -- daß +es Marning wohl ebenso ergehe. Denn wie lagen die Dinge? Sie lagen so, +daß es noch in diesem Sommer zu etwas kommen werde! Sein Vetter, der +Kapitänleutnant, war der gleichen Ansicht. Vor dem Herbst! Denn im +Spätherbst lassen sich die Engländer auf nichts mehr ein. Wir sind +ihnen mit unseren Torpedobooten überlegen, und deren erfolgreichstes +Feld ist: dunkle Herbstnächte. Das wissen sie da überm Kanal. Nein, in +solchen Zeiten und wo alle Nerven vor gespannter Erwartung bebten, da +hatte er keinen Sinn für Sport. + +»Ach Unsinn, es geht nie los,« sagte Edith, zog höchst vertraulich +Wynfried am Arm etwas beiseite und flüsterte: »Laden Sie nicht Hornmarck +ein, lieber Lohmann. Nein -- nicht? Ich will auch schrecklich nett gegen +Sie sein sein -- aber lassen Sie Hornmarck weg. Ich bin so bange, daß er +anhält ... Das wär' zu peinlich -- wo man sich hier doch immer +gegenseitig auf der Pelle sitzt. Er will ja woll nich begreifen: Das war +doch bloß so 'n Backfischstadium.« + +Alle hörten es. + +»Nee,« sprach Likowski. »Keine Bange nich, Fräulein Edith. Hornmarck hat +mir noch gestern gesagt, er heirat' bloß, wenn er 'ne sehr gediegene, +weibliche, schöne Frau kriegt -- --« + +»Na,« lachte Edith, »also grad' so 'n Mädchen, wie ich bin.« + +Und alle lachten mit. + +Klara hatte ein Gefühl: wie tut das wohl, all diese Banalitäten -- es +schien so zu beweisen, daß nichts aus den Fugen sei. Und sie sagte, daß +sie gelegentlich auch mitsegeln werde, in der Regel freilich sei sie +durch ihr Kind und ihren Schwiegervater gebunden. Und sie horchte dem +Klang ihrer Stimme nach, und er war ihr wie ein fremder Ton. + +Sie fühlte: das große, sprechende Auge sah an ihr vorbei. Und sie hätte +nicht gewagt, seinen Blick zu suchen. + +Welche qualvolle Unerklärlichkeit -- was stand denn zwischen ihr und +ihm? Sprach sie nicht oft heiteren Gemütes mit ihrem Schwiegervater von +diesem Mann -- gerade ihn vor allen preisend und glücklich dem Lobe +horchend, das der alte Herr für ihn hatte? + +Und wenn sie dann mit ihm zusammen war, brannte in ihrer Brust diese +nervöse Angst? Der Entschluß wallte in ihr auf: ihn nicht mehr sehen ... + +Und ihr war, als müsse sie schon jetzt auf der Stelle fliehen. + +Sie sprach etwas undeutlich davon, daß es die Zeit sei, wo sie dem +Schwiegervater Gute Nacht sagen müsse ... er zog sich ja immer früh +zurück ... Sie lief, als peitsche sie wer. Und kam atemlos im Hause an +und fuhr hinauf. + +Der alte Herr war still. Nicht müde -- aber als sei er satt vom Tage. Er +mochte gern noch einsam bedenken, wie reich er nun geworden. + +Da kam die junge Frau. + +»Kind,« schalt er, »so außer Atem ... Und so elend siehst du aus -- was +ist denn das? Ich dachte schon immer bei Tische: was hat denn Klara?« + +Sie legte ihre Wange sacht auf seinen Scheitel und ihren Arm um seine +Schulter. + +»Es war wohl ein bißchen viel,« sagte sie leise, »ich hätt' die Feier +lieber im kleinen Kreis gehabt.« + +»Ich auch, aber das ist Wynfried. Man muß ihm zu Willen sein.« + +»O ja -- immer -- immer,« sprach Klara. + +Ganz unbeweglich, auf das Haupt des Alten geneigt, stand sie -- lange -- +lange. + +Wie tat das wohl -- gab solchen Frieden. + + * * * * * + +An diesem Abend verlobte sich das älteste Fräulein Thürauf doch noch mit +Herrn von Brelow. Er bat den Generaldirektor und seine Gattin um ein +Gespräch. Und auf einem etwas melancholisch von einer Traueresche +überhangenen Sitzplatz, im nüchternen Schatten, wurde die Angelegenheit +verhandelt. Der Freier in seiner schönen, aristokratischen Erscheinung, +mit den schon angegrauten Schläfen und dem sorgenvollen Ausdruck, +sprach: »Ihre Luise, meine gnädige Frau, und ich, wir haben uns lieb. +Ich weiß, daß Luise auf keine Mitgift zu rechnen hat. Sie sprachen es so +oft aus, Herr Generaldirektor, und auch Luise hat es mir so ausdrücklich +bestätigt, daß wir von vorneherein wissen: wir müssen mit dem +bescheidenen Los zufrieden sein, das ich ihr bieten kann. Und da Ihre +Tochter in ihrer prachtvollen Charakterfestigkeit und anspruchslosen Art +mir gesagt hat, sie könne ohne Luxus leben und bewerte eine +herzlich-friedliche Ehe höher als Glanz, so hoffe ich, daß Sie, Herr +Generaldirektor, und Sie, gnädige Frau, uns Ihre Einwilligung nicht +vorenthalten werden.« + +Die wunderhübsche Frau drückte sogleich gerührt mit der Linken ihr +Spitzentüchlein gegen die Augen, während sie mit ausdrucksvoller Geste +ihre Rechte Herrn von Brelow entgegenstreckte, die er verehrungsvoll +küßte. + +Der Generaldirektor besah seine Hände, schien zwei Sekunden +nachzudenken, schlug plötzlich die kühlen Augen auf und hatte ein +leises, ironisches Lächeln. + +»Darf ich als Vater ein wenig präzisere Angaben über dies bescheidene +Los erbitten?« + +Herr von Brelow errötete. Er war aus stolzem Hause. Sein Vater hatte es +herabgewirtschaftet. Dies war kein kleiner Augenblick für ihn. Als Mann +von Herz und Ritterlichkeit hätte er lieber erklärt: »Ich biete Ihrer +Tochter eine große Stellung.« + +Und er mußte sagen: »Der junge Graf Prank ist erst dreiundzwanzig Jahre +alt, von robuster Gesundheit, unheilbarer Idiot. Das wissen Sie. Ich +darf hinzusetzen: Vormünder und Agnaten sind mit meiner Administration +so zufrieden, daß ich meine Stellung als lebenslänglich ansehen darf. +Sie wissen auch, daß Schloß Prankenhorst verschlossen dasteht und daß +ich das Kavalierhaus als Wohnung habe. Es ist geräumig und würde, völlig +eingerichtet, meiner Familie eine durchaus standesgemäße Häuslichkeit +bieten. Ich habe frei: ein Reitpferd und zwei Wagenpferde. Ferner alle +Erträgnisse des sehr großen Gemüsegartens und für die Hauswirtschaft ein +natürlich abgegrenztes Quantum von allem, was der Stall, die Meierei und +die Scholle tragen und die Jagd bringt. Was ich dazu an barem Gehalt +habe, ist freilich so bescheiden, daß ich die Ziffer vor einem Mann, wie +Sie es sind, nicht aussprechen mag. Aber Luise kennt sie und meint, wir +würden uns durchaus damit einrichten -- sie will gern sparen.« + +Das ironische Lächeln auf dem klugen Gesicht des Zuhörers war noch +deutlicher geworden. Aber es war nicht von jener Art Ironie, die +verletzt -- Frau Thürauf kannte dies Lächeln. Und es weckte auf ihrem +Gesicht den Reflex strahlender Vorfreude. + +»Sie sind Idealist, Herr von Brelow,« begann er. »Aber glauben Sie +nicht, daß wir Männer der Großindustrie und der Naturwissenschaft dafür +kein Verständnis hätten -- wir brauchen selbst einen starken Posten +Idealismus -- ohne den kann kein Sterblicher schaffen. Aber immerhin! An +Ihrer Stelle würde ich doch eine große Mitgift, eine wohlhabende Heirat +gesucht haben. Natürlich, ich bin kein armer Mann -- aber Luise hat zu +viel Herz, und Sie, taxier' ich, zu viel Vornehmheit, um auf eine +Erbschaft zu rechnen, die noch zwanzig Jahre und länger ausbleiben +kann.« + +»Ich sagte schon: wir haben uns lieb, Luise und ich,« antwortete Brelow +kurz, ja schroff. + +»Also denn ja -- und von ganzem Herzen. Und ich sehe: meine Frau brauche +ich nicht zu fragen, ob sie auch einverstanden ist!« + +Er stand auf. Denn er sah zwischen dem Gebüsch, das den Weg zu diesem +tristen Winkel geleitete, die Gestalt seiner Ältesten herankommen. +Brelow erhob sich auf der Stelle auch. + +»Da kommt Luise. Und noch etwas, Herr von Brelow -- halten Sie mich +nicht für 'n Schauspieler oder Poseur. Meine Frau und ich waren eins +darin: die Kinder bescheiden erziehen! -- Zu große Gewohnheiten haben +noch keinem Menschen das Leben erleichtert -- und die Gefahr lag zu nah: +daß mal Mitgiftjäger sich 'ranmachen könnten. Meine Mädels taugen was! +Das darf ich sagen! Sie sollen aus _Liebe_ geheiratet werden -- nicht +als Eisenprinzessinnen auf 'n Heiratsmarkt kommen. -- Na -- und ich seh' +ja nun -- Sie und Luise -- Sie wollen zufrieden sein mit den Früchten +des Feldes ... Schön, sehr schön! -- Aber ich möchte denn doch, daß es +die Früchte der _eigenen_ Felder meines Schwiegersohnes wären. Ich +denke, wir lassen mal durch 'n geschickten Mittelsmann anklopfen, ob der +Herr Kommerzienrat Silberling, der jetzt Ihr Stammgut hat, mit sich +reden läßt ...« + +Da war auch schon Luise und hing an ihres Vaters Hals, und Brelow stand +bleich vor freudigem Schreck. + +»Bitte, bitte,« wehrte der Generaldirektor lächelnd ab, »es ist keine +Mitgift! -- Ich bin und bleibe ein Mann von Wort -- schon allein, um dem +dicken Pankow nicht den Triumph zu gönnen -- durchaus: keine Mitgift! -- +Bloß Hochzeitsgeschenk.« + +Aber als nachher das Brautpaar etwas steif und von der neuen Lage +innerlich sehr glücklich bedrängt, jedoch äußerlich verlegen die +Glückwünsche der Gesellschaft empfing, hatte Herr von Pankow doch sein +Pläsier. + +Er stieß mit dem Zeigefinger mehrere Löcher in die Luft, in der Richtung +auf des Generaldirektors Weste zu, und lachte: »Was diese Eisenbarone +kokett sind! -- Ich wollte unserem Freunde Thürauf schon 'n Platz im +Pankower Männerarmenhaus reservieren ... Na und nu hat es sich doch so +zusammengeläppert, daß Fräulein Luise 'n kleines Rittergut zur Hochzeit +kriegt. Hören Se mal, Thürauf: nehmen Se mir Pankow ab und geben Se mir +Ihren Posten.« + +Und still bei sich dachte der dicke, joviale Mann: »Brelow hat's +natürlich gewußt, daß es Schwindel war mit dem Gerede von: keine Mitgift +und so ...« + +Klara umarmte die vor Glück ganz unsichere Braut. Und dachte immerfort: +»Sie lieben sich -- sie lieben sich! ...« + +Und es schien ihr ein Wunder, daß zwei aus Liebe sich zusammenfinden +durften. -- -- + +Von nun an sah man jeden Nachmittag die weiße Jacht mit den gelbbleichen +Seidensegeln und der flinken Mannschaft in den krebsroten Sweatern die +Trave hinabkreuzen, durchs Wyk, an Travemünde vorbei, hinaus in die +freie Bucht, wo am Horizont sich Himmel und Meer trafen. Bei Flaute +schleppte das Motorboot seinen koketten Bojennachbarn weit hinaus. + +Der Geheimrat sah es mit Staunen, daß der Juniorchef Wynfried Severin +Lohmann jeden Nachmittag die Zeit dazu hatte ... Und er sah auch, daß +sein Sohn in der frischen Seeluft, dem köstlichen Sport, geradezu in +erneuter Mannesschönheit aufblühte. + +Er sprach mit Thürauf. Und der Generaldirektor gestand, daß Wynfried +mit einer genialen Leichtigkeit und Raschheit arbeite, die denn doch das +väterliche Erbe sei. Ja, es gehe ihm alles noch flotter von der Hand -- +als schüttle er es nur so aus dem Ärmel. Bei Beratungen traf er rasch +den Kern der Dinge, auf die es ankam. + +Was konnte sein Vaterherz mehr erfreuen! Und dennoch -- ihm schien, als +halte Thürauf irgend etwas zurück -- das war sonst nicht seine Art. + +Er sprach auch mit Wynfried selbst. + +Der lachte. + +»Vater, du bist doch kein Programmensch. Auch die Art des Arbeitens ist +was Individuelles. Weißt du, mir hat immer der große Gelehrte imponiert +-- Robert Koch soll's gewesen sein -- der sich sein Leben so einteilte: +acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Vergnügen. Kann +man seine vierundzwanzig Stunden klüger einteilen?« + +»Gewiß nicht,« gab der Geheimrat zu; und mahnte sich in Gedanken: +»Gerecht bleiben!« + +Weil sein eigenes Leben das eines Stiers im Joche gewesen war, brauchte +seines Sohnes Dasein nicht ein ebenso brutales, unaufhörliches Ringen +mit der Arbeit zu sein. Und sein Sohn hatte ja auch eine liebe, holde +Frau -- ein Glück in der Ehe -- das hatte er doch? + +Dem alten Mann war seit einiger Zeit der Ausdruck in den strengen Zügen +dieser jungen Frau so rätselhaft. + +Was am Tauftage ihm zuerst so bänglich aufgefallen, dieser Zug von +Abspannung, der fast nach verborgenem Leid aussah, der schien so tief +eingezeichnet, daß er nie mehr wich. + +So sieht das Glück nicht aus ... + +Er nahm sich zusammen, hörte zu, was sein Sohn in fröhlich flottem Ton +weitersprach. + +»Ich kann wohl sagen, es macht Spaß, wenn man da so auf dem Werk sich +abhetzt -- rasche Entschlüsse fassen muß -- das prickelt -- -- Spannung +und Wagnis ist dabei -- grad' wie beim Segeln -- man sieht die Böe +kommen -- es heißt Umlegen -- ja, da kommt es auf die Sekunde an -- +Geistesgegenwart ist alles. In den Fingerspitzen muß man's haben, wann +das Tau locker zu geben ist -- und hart an der Gefahr des Kenterns +vorbei -- dann hat man so recht ein Gefühl von Lebensfülle.« + +Plötzlich wußte der Geheimrat, was Thürauf in seinen Äußerungen nicht +mit vorgebracht hatte. + +Das _Sportgefühl_, mit dem Wynfried der Arbeit gegenüberstand! ... Sie +war ihm keine heilige Sache. War nebensächlich. + +»Nun,« sagte er, vorsichtig die Worte suchend, »es ist doch wohl ein +Unterschied. Arbeit ist kein Sport.« + +»Ich meine doch beinah -- wenigstens für uns, die wir's eigentlich nicht +nötig haben.« + +»Eines Sports kann man überdrüssig werden. Der großen Aufgabe nicht.« + +»Keine Angst, Vater,« sagte er leichthin; »ich hoffe doch, sie bleibt +mir immer interessant. Nur -- ich will daneben noch was vom Leben +haben.« + +»Ich bin der letzte, dir das zu mißgönnen,« versicherte der Vater. + +Wynfried streichelte Klara das Haar. + +Und in einem jähen Gefühl fand der alte Herr: auch nebensächlich ... + +»Ja, das Interesse an Severin Lohmann hat meine famose, großartige Frau +in mir geweckt.« + +Klara lächelte freundlich. + +Im Ohr des alten Herrn weckte dies Lob einen Nachhall. Hatte er es +nicht schon oft und oft gehört? Immer dies Rühmen der »famosen, +großartigen« Frau? Hatte seines Sohnes Empfindung keine Auswahl an +Worten? + +Fort -- fort -- Gespenster -- Grübeleien -- fort ... + +Klara war sacht hinausgegangen und kam nun mit dem Kinde zurück. + +»Na, du kleines Kerlchen,« sagte Wynfried und sah, auch aus Gefälligkeit +gegen Klara, das Kind an. Es entwickelte sich so kräftig, es war so +wundervoll gepflegt, daß man sich daran freuen mußte. Und es gewährte +Wynfried auch Genugtuung, daß alle Menschen, die es sahen, es +bewunderten. + +Der alte Mann fuhr beinahe zusammen -- da war wieder ein Nachhall -- +aber er kam von weit her -- aus Zeitfernen. + +War das nicht eben die Stimme oder doch der Tonfall seiner Frau gewesen? +Sagte sie nicht geradeso »na, du kleines Kerlchen«, wenn die Wärterin +ihr einmal den kleinen Wynfried zeigte? + +O, dieser Tonfall -- durch den alles zur oberflächlichsten Nichtigkeit +zu werden schien -- in dem kein Klang von tiefem Gefühl mitschwang. + +In seinem Gemüt gärten die neu erwachenden Sorgen so schwer, daß er sie +nicht ganz vor seinem Kinde verhehlen konnte. »Sein Kind« -- das war ja +die junge Frau. -- + +Es war gegen Abend, und er saß schon wieder oben in seinem mächtigen +Stuhl, als er sagte: »Ich muß dich fragen ...« + +Klara kniete sogleich neben ihm hin -- denn das war ja die Stellung, in +der sie ihm am besten in die Augen und zu ihm empor sehen konnte. Er +legte seine schwere Hand auf ihr Haar, und seine Augen blitzten sie an. + +»Hast du Kummer?« + +»Nein, Vater.« + +»Du bist verändert.« + +Sie erblaßte. + +»Wie sollte ich es sein?« + +»Hast du über Wynfried zu klagen?« + +»Nicht. Gar nicht. Er ist immer sehr herzlich und rücksichtsvoll.« + +Er wollte weiter fragen: bist du glücklich? Er wagte es nicht. + +Er hörte die beruhigenden Antworten. Aber er hatte auch gesehen, wie sie +erblaßte. + +Und was unbestimmt in seinem Gemüt gärte, verdichtete sich zu dem +Angstgefühl, daß seinem Hause Unheil nahe ... + +»Klara,« sagte er, »hab Geduld mit ihm.« + +»Das brauch' ich ja gar nicht. Ich habe ja über nichts zu klagen,« +sprach sie matt. + +»Aber wenn ... je ...« + +Da raffte sie sich auf. + +»Vater!« sprach sie fest. »Was ich vor Gott geschworen habe, halt' ich! +Sonst wär' ich nicht wert, dein Kind zu sein.« + + + + +7 + + +Klara stand mit Wynfried auf der Brücke, und sie sahen dem Fährboot +entgegen, das vom jenseitigen Ufer Fräulein Edith heranbrachte. Schlank, +im engen schneeweißen Sportkostüm, einen langen hellblauen Mantel überm +Arm, stand sie und winkte schon von weitem. + +Es war ein herrlicher Tag. Alles glänzte fröhlich: der wolkenlose +Himmel, die besonnte Welt der Felder und Wiesen, die leuchtendrote +kleine Stadt drüben auf der sandigen Höhe, der sich im Winde schuppende +Fluß. Und die schwarzen Bauten, die düsteren Eisengerippe des +Hüttenwerks standen in all der Helle bedrohlich und fremd. Aus den +ragenden Schornsteinen quoll der Rauch schwarz und eilig -- das wirkte +beinahe wie Hochmut, der allen Sommersonnenschein ablehnt und +ausdrücklich betonen will, daß die wichtige und finstere Arbeit der +Kohle und des Feuers sich nicht an so etwas Veränderliches wie das +schöne Wetter kehre. -- + +Die Jacht war klar. Sie sollte hinausgeschleppt werden. Im Wyk wollte +man die Baronin Hegemeister mit ihrem Schatten, dem Fräulein von +Gerwald, aufnehmen und dann in der Lübecker Bucht den von Kiel kommenden +Jachten entgegenkreuzen. Die Kieler Woche war zu Ende, sie schloß wie +immer mit einer Wettfahrt nach Travemünde, wo dann noch unter Gegenwart +und Teilnahme des Kaisers die beiden rauschenden und glanzvollen Tage +mit Wettsegeln, Frühstücken, Diners und Tänzen abgehalten wurden. + +Nun war Edith angekommen und sprang aus dem Fährboot. Klara erschrak +beinah. Was hatte das Mädchen denn nur mit sich gemacht? Die dicken, +brandroten Haare in zwei Zöpfen als Schnecken über die Ohren gelegt! Und +das Gesicht mit der kecken Nase, dem großen Mund und den +bernsteinfarbenen Augen unter roten Brauen wirkte dazwischen noch +häßlicher. + +»Ich bin wütend,« sagte sie gleich, »ich kann nur bis Travemünde mit! Da +muß ich meine Tante Aline erwarten. Sie kommt mit dem Abendzug von +Hannover und will drei Tage in Travemünde bleiben. Ich muß ihr +Gesellschaft leisten. Gegen Tante Aline kämpfen Götter selbst vergebens. +Sogar Papa hat aufgetrumpft: daß du dich nicht unterstehst -- -- na -- +und so weiter. Wie Väter auftrumpfen, die man sonst um 'n Finger +wickelt. Er hat ja ihr Vermögen im Geschäft, und ich soll es mal erben +-- ich bitt' um stilles Beileid ...« + +»Aber mein Mann hat wirklich Pech heute,« sagte Klara, »ich kann ihn +auch nicht begleiten.« + +»Sie sind leidend,« sprach Edith, mehr feststellend als fragend. + +»Meine Frau? Leidend?« fragte aber Wynfried erstaunt. »Keine Spur. Der +Kleine hat, glaub' ich, einmal gehustet -- da bringt niemand und nichts +meine Frau von ihm weg.« + +Edith lachte. + +»O Gott ja -- diese fanatischen jungen Mütter ...« + +Klara mochte es nicht haben, wenn man sie mit ihrer Liebe zu ihrem Kinde +neckte. War's nicht, als würde man sie necken, weil sie atme? + +»Fanatisch -- das ist das Wort,« stimmte Wynfried wohlgelaunt zu. »Als +ich neulich mit meiner Frau acht Tage in Berlin war, merkte ich bald: +sie kam beinah um vor Heimweh nach unserem Jungen und vor Sorge um ihn +-- als wenn nicht, meinen Vater an der Spitze, ein Heer von Aufsehern da +sei.« + +Klaras Augen wurden dunkler ... Sie dachte an die schweren Tage in +Berlin. Sie hatte es sich gelobt, so viel, als sie es irgend einrichten +konnte, in ihres Mannes Gesellschaft zu sein -- mit ganzer Inbrunst +täglich von neuem zu versuchen, sich an ihn heranzufühlen -- ihm +Herzlichkeit und Ergebenheit zu zeigen. Abend für Abend ging sie mit in +die Theater. Wynfried wählte immer das, wo man sich am meisten +Augenweide und Lustigkeit versprechen konnte. Und diese Tage im +rauschenden, rollenden Lärm und der benzindurchhauchten Staubluft -- dem +nie abreißenden Hintereinander der Gefährte -- wie waren sie mühsam +gewesen. Gewiß, auch durch das quälende Heimweh nach ihrem Kinde. -- Das +Kind war doch der Zweck ihres Daseins -- dies Kind gab in einem +besonderen Sinn ihrer Ehe und ihrem Dankesopfer Recht. Aber sie spürte +wohl, sie würde ihre Sehnsucht bezwungen haben -- sie war ja nicht nur +Mutter und mit der Mutterschaft nicht aller anderen Aufgaben ledig. Sie +hatte auch die, sich selbst noch weiterzubilden. Aber aus ihres Mannes +Geist und Art kam kein Ton zu ihr herüber, der sie belebt und +beschäftigt hätte -- sie hörte auch kaum ein Wort, das ihre Gedanken auf +neue Wege geleitet hätte. Und dann -- diese Unruhe in ihr, dies +unbestimmte und doch furchtbare Gefühl, wie von etwas Vernichtendem +bedroht zu sein -- das war nur still, wenn sie bei ihrem Kinde sein +konnte. + +Und deshalb drang die grandiose Sprache der Weltstadt nicht zu ihr -- +deshalb spürte sie nichts von der Wucht der Eindrücke. + +»Aber nun fix!« mahnte Wynfried. + +Edith verabschiedete sich von der jungen Frau und sah ihr dreist ins +Gesicht. + +»Sie sehen aber wirklich noch immer 'n bißchen matt aus -- ich fand es +schon damals auf der Taufe. -- Da sollten Sie grad' mitsegeln.« + +»Ich tue es oft,« sagte Klara, »nur heute ... Der Kleine ist wirklich +etwas unruhig, und dann ist Vater fast noch besorgter als ich.« + +»Schad',« meinte Wynfried, »es ist so großartiges Wetter. Likowski und +Marning haben auch abgesagt.« + +»Was -- die auch?« rief Edith. Für sie konnten es, bei solcher +Gelegenheit, nie genug Herren sein, denn dann war sie doch einer +ununterbrochenen, plänkelnden Unterhaltung sicherer. + +»Ja. Obschon ich noch an Marning extra telephonierte, daß Sie, Baronin +Agathe und meine Frau mitsegeln würden.« + +»Ach Marning! -- Ich glaub', der retiriert vor Baronin Agathe,« meinte +das rothaarige Mädchen. + +»Wie ist sie unzart ...« dachte Klara. + +»Na -- nu los. Und ängstige dich nicht -- wenn gegen Abend Flaute kommt +-- es kann spät werden ...« + +Er und Edith saßen im Beiboot, und er trieb es mit ein paar sicheren +Ruderschlägen bordseit der »Klara«. Die hatte schon ihr Fallreep mit den +drei Stufen herabgelassen, und eins, zwei, drei waren die beiden an Deck +der Jacht, wo die flinken Kerls in den krebsroten Sweatern und den +weißen Hosen in Reih und Glied standen und ihren Herrn militärisch +salutierten. + +Das Motorboot stieß einen grellen Pfiff aus, und seine Maschine begann +zu stoßen und zu klopfen. Der leichte, braune Mahagonileib glitt +stromab. Die Trossen strafften sich, und wie ein großer Sohn der kleinen +Mutter, so folgte die weiße Jacht der Führung. Großsegel und +Schunersegel waren noch gerefft. + +Wynfried und Edith standen am Großmast und winkten Grüße hinüber, bis +Klara langsam wieder treppan und zum Hause emporstieg. + +»Ihre Frau hat sich aber wirklich verändert,« sagte Edith. + +»Kann ich nicht finden. Höchstens vielleicht, daß sie oft ermüdet +aussieht -- sowie der Junge nachts sich rührt, steht sie ja auf -- die +Amme sei nicht verläßlich.« + +»O Gott -- und der Schlummer Ihrer Nächte!« sagte Edith mit komischem +Pathos. + +»Hab' mich einstweilen aus diesem Bereich zurückgezogen und mein altes +Quartier oben genommen -- bin sehr stolz auf meinen Sohn -- auf sein +nächtliches Geschrei leg' ich aber keinen Wert.« + +Sie machten es sich nun gemütlich. Hinter dem Eingang zur Kajüte, der in +üblicher Weise schräg überdacht war, hatte das Deck eine bassinartige, +ovale kleine Vertiefung, in die man über zwei Stufen hineintrat. Ein +breites Sitzbrett lief rund um und war mit Kissen belegt. Sie waren von +Leder. Aber Klara hatte noch eine ganze Menge lose liegender, +rotseidener gearbeitet, die man sich in den Rücken stopfen konnte oder +unter den Kopf legen. Hier blieb man auch von der Mannschaft, solange +glatte Fahrt war, ungesehen und ungehört, und nur bei irgend welchen +Segelmanövern tauchten die weißroten Matrosen auf. + +Wynfried und das rothaarige Mädchen saßen in träger Stellung einander +gegenüber. Er hatte die Hände zwischen den Knien gefaltet und schaute +aufmerksam in Ediths Gesicht. Tausend Teufel funkelten allezeit in +ihren dreisten Augen. Und was ihren großen Mund betraf, dessen schön +geschwungene, volle Lippen sich über sehr blendenden Zähnen leise +öffneten, so dachte Wynfried: »Derart lüstern, daß es einen Mann +irritieren könnte --« + +»Nun, was sehen Sie mich so an?« fragte er. + +»Ach -- ich denk' so: Sie haben ja viel zu früh geheiratet ...« + +»Ich?« + +»Na ja -- wenn man so von nächtlichem Kindergeschrei hört ...« + +»Meine Frau ist eine famose, großartige Frau. Jeder Mann hat Ursache, +mich zu beneiden,« bemerkte er etwas ablehnend. + +»Will nichts gegen sie sagen -- nicht von fern -- ich verehre Ihre Frau +kolossal,« versicherte Edith sofort. Sie hatte irgend eine unbestimmte +Empfindung gehabt, daß man über seine Ehe so mit ihm sprechen könne -- +aber sie spürte: das schien doch nicht geraten ... + +Seit einiger Zeit fand sie, daß Wynfried Lohmann der schönste Mann sei, +den sie je gesehen. Ziemlich groß, wundervoll gewachsen -- die Augen +blau und manchmal so rätselvoll im Ausdruck. -- Die Züge vornehm -- und +das lockere Sporthemd ließ zuweilen, wenn er seine Jacke abwarf und +selbst zugriff, weiße Arme und einen herrlichen Nacken sehen. + +Und Edith hatte Stunden, wo sie wütend war -- ja, dieser Mann wäre in +jeder Hinsicht für sie gewesen. -- Geld, Stellung -- und seine Schönheit +lud noch dazu ein, sich rasend in ihn zu verlieben ... Und was _der_ +Mann wohl von Frauen alles wußte und verstand! Hunderttausende sollte +ihn ihr Studium gekostet haben. -- Ach ja, er war weit und breit der +einzige interessante Mann ... Und gerade dieser hatte sich mit einer so +langweiligen Person verheiraten müssen. + +»Daß man meine Frau kolossal verehrt, will ich mir auch von jedermann +ausgebeten haben,« sagte Wynfried würdevoll. + +Aber es war eben ein bißchen mehr Würde, als der Augenblick gerade +erfordert hätte. Und mit ihrer Intelligenz und ihrem sechsten Sinn, der +überraschend scharf war, fühlte sie das gleich. + +Ihre Augen funkelten ihn wieder lustiger an ... + +Aber sie sprach sehr vernünftig-nüchterne Dinge. + +»Ist es wahr, daß Thürauf Teilhaber wird?« + +»Ja. Die Kontrakte sind unterzeichnet.« + +»Papa zerbricht sich den Kopf, ob Sie oder Ihr Vater das gewollt haben.« + +»Vater regte es an; ich war durchaus einverstanden. Denken Sie mal: wie +wäre ich gebunden gewesen, wenn Vater mal davonginge, denn von seinem +Krankheitsthron aus spricht er ja völlig geistesfrisch noch immer das +gewichtigste Wort. Und wenn vielleicht Thürauf uns verlassen hätte, um +anderswo als Kompagnon einzutreten. -- Nun bin ich nach Wunsch freier +Mann -- denn Thürauf hat ja bloß eine Leidenschaft: arbeiten.« + +»Papa sagt: Thürauf kann lachen. Und die Bedingungen seien fabelhaft.« + +»Sie sind durchaus normal.« + +»Papa sagt, es würden Thürauf nur vier Prozent abgerechnet für all das +Lohmannsche Kapital. -- Es wären acht Millionen sagt Papa, was Ihr Vater +ins Werk gesteckt hat. -- Bei der Teilung des verbleibenden Gewinstes +stehe sich Thürauf immer noch auf mehr als zweimalhunderttausend Mark +Einkünfte. O Gott -- und wenn man bedenkt, daß Ihrem Vater auch noch die +Kreyser-Werke zu zwei Drittel gehören ... Ja, Papa sagt, wenn's mit den +Unternehmungen erst über einen gewissen Umfang hinaus ist, arbeiten sie +sozusagen von selbst weiter.« + +»Wie genau Ihr Papa Bescheid weiß,« sagte Wynfried mokant; »und wie Sie +das alles behalten haben! So viel Zahlen im Munde eines so jungen +Mädchens.« + +Edith zuckte die Achseln. + +»Das ist so wie mit Malerskindern, die von klein an von Farben sprechen +hören, oder wie mit Kunstreiterkindern, die alles von Pferden verstehen. +So 'n Industrieprinzeßchen wie ich wächst von selbst ins Verständnis für +Geld und Geschäfte hinein. -- Papa wundert sich aber doch. Wo alle Welt +weiß, daß Ihr Vater den rasenden Stolz auf sein Werk hat und diese große +Liebe! -- 'Severin Lohmann' sollte rein Lohmannsch bleiben, hat man +immer gedacht.« + +»Soll es auch. Wenn Thürauf Söhne hätte, würde Vater es nicht getan +haben. -- Es steht auch ausdrücklich im Kontrakt, daß die +Teilhaberschaft nicht auf Thüraufsche Schwiegersöhne oder Enkel +übertragbar sein soll.« + +Was ihr Papa sonst noch gesagt hatte, verschwieg Edith. Er hatte +gemeint: der Geheimrat traue seinem Sohn doch wohl noch nicht ganz ... +und wolle dem Werk den bedeutenden Mitarbeiter sichern. -- Und bis der +zähe Thürauf mal alt und arbeitsunfähig werde, sei Wynfried auch ein +alternder und ganz eingearbeiteter Mann. -- + +»Na, wenn Hornmarck denn das gute Finchen Thürauf erobert, macht er ja +'n blendendes Geschäft,« sagte Edith voll Verachtung. »Seit Luisens +Verlobung mit Brelow weiß man doch, was die Thüraufs mitkriegen. Seitdem +ist Hornmarck wie hypnotisiert von Finchens häuslichen Tugenden.« + +»So?« fragte Wynfried ungläubig. + +»Was ich Ihnen sage! Als Papa und ich Sonntag früh unseren Ritt machten +-- Sie wissen ja, Papa ist in jedem Sinne Sonntagsreiter, und ich +genier' mich immer, wenn uns sachverständige Herren begegnen -- na, wen +treffen wir am Waldesrand bei den Wiesen? Die zwei unverlobten Thüraufs, +nebst Hornmarck in Zivil mit noch zwei Jüngelingen. Die Räder lehnten an +dem berasten Erdwall, etwas weiterhin saß man und ließ die Beine hängen +und aß im Schatten Butterbrote. Seien Sie sicher, die waren mit Wurst +belegt -- das wäre so in der Situation gewesen. -- Und was tat +Hornmarck? Er band Vergißmeinnicht zusammen. Ich schwöre Ihnen: +Vergißmeinnicht!« + +Wynfried lachte. + +»Wissen Sie, was ich tat?« + +»Bin gespannt.« + +»Ich lenkte mein Pferd 'ran -- ich salutierte Hornmarck mit meinem +Reitstock und improvisierte: + + Ein Leutnant saß an dem Rain, + Er sammelte Vergißnichtmein + Und fügte sie zum Kranze; + Wie rührend war das Ganze. + +Und denn los und davon. -- Sie wissen, ich kann reiten! Papa, als +Karikatur eines Sportsman, ängstlich hinterher.« + +Sie freute sich noch über ihr tolles Davonstieben. + +»Und wen haben Sie zum Nachfolger Hornmarcks in Ihren Diensten ernannt?« +fragte er. + +»Der Posten ist vakant. Ich habe keine Eile. Muß fortan auch wählerisch +sein. Vorigen Sommer galt man noch nicht für voll. Das ist nun anders. +Als Papas Einzige weiß ich, daß ich ihm nur einen Schwiegersohn #I a# +bringen darf. -- Er macht Ansprüche! Wo seine Fabrik sich in so enormem +Aufschwung befindet ...« sprach sie in lässiger Prahlerei. + +Wynfried wußte, daß das Gegenteil der Fall sei. Und wahrscheinlich wußte +sie selbst es auch. + +Sie räkelte ihren schlanken Körper auf all den Kissen ganz zurück und +faltete ihre Hände über ihrem Hinterkopf, wo von der weißen Linie des +Scheitels die roten Haare straff nach vorn zu den Zöpfen hingenommen +waren. + +»Ja,« meinte sie im gemütlichen Ton -- aber um ihren großen Mund ging +ein besonderes Lächeln. »Der eine, der mich vielleicht hätte reizen +können -- der ist ja #hors de concours# ...« + +Und ihre Augen sprühten Funken -- zu ihm hinüber. -- Daß sie ihn meinte, +war zu fühlen. + +Er sah sie an, lächelnd -- vielsagend -- sie konnte nach Belieben alle +Huldigungen daraus lesen, die ihr Bedürfnis waren. + +Und eigentlich regte sich in ihm die Begier, diesem lüsternen Mädchen, +das mit all seiner Häßlichkeit höchst lockend war, einen ausführlichen +Kuß auf den animalischen Mund zu pressen. -- Aber das ging natürlich +nicht an ... + +Sie machte ihm aber Spaß -- in ihrem Gemisch von praktischem Verstand +und keckster Herausforderung. + +Seine Stellung zur Frau war nun einmal so. Er mochte mit pikanten Worten +umworben werden; es unterhielt ihn, wenn sich ein weibliches Wesen um +ihn bemühte. Das war ihm ein Bedürfnis geworden, von seinen Anfängen +her, wo er als schöner, reicher Jüngling in allzufröhliche Kreise +geraten war. + +Von Klara durfte er natürlich solch Umwerben und irgend ein kokettes +Spiel im Wechsel von Lockungen und Versagen nicht erwarten. + +In der Ehe war überhaupt alles anders. »Ehe« -- die hatte so wenig mit +dem übrigen Mannesempfinden zu tun wie etwa die Arbeit auf dem Werk. + +Eine Sache gänzlich für sich -- -- + +Und nach all dem bekömmlichen Gleichmaß seines letzten Lebensjahres +fühlte er immer öfter so etwas wie eine leise Sehnsucht nach stärkerer +Bewegung in sich aufsteigen ... + +Die Stille zwischen den beiden wurde ein wenig schwül. Zum Glück zerriß +der Pfiff des Motorboots sie. + +Es lenkte, mit der geschleppten Jacht hinter sich, aus der durch die +roten und schwarzen Duc d'Alben bezeichneten Fahrstraße ein wenig in das +Wyk hinein und ließ unaufhörlich gelle Pfiffe in die Sommerluft +hineinsausen. Sie sollten der Herrin des weißen Schlößchens, das aus dem +Grün des hohen Ufers lachend herausschaute, melden: Die »Klara« ist zur +Stelle und erwartet ihre Gäste. + +»Ach -- wie pünktlich!« rief Edith, »sehen Sie -- die Baronin muß schon +im Bootshaus gewartet haben.« + +Vom Ufer unterhalb Schloß Lammen löste sich ein Ruderboot. Mit starken +Schlägen trieb es der als Theatermatrose gekleidete Knecht in rascher +Fahrt heran. + +Edith, die genau wußte, daß sie das Feuerwerk ihrer kecken Blicke und +Reden nur unter vier Augen gegen eine Männerbrust abbrennen konnte, fand +für ihr Bedürfnis, sich geistig zu betätigen, nun ein unverfängliches +Ziel. + +Sie fand üppige Frauen gräßlich und nannte alle, die über eine gewisse +Schmächtigkeit hinaus rundere Linien zeigten, sofort »dick«. + +»Passen Sie auf! Es ist kein kleiner Anblick. -- Agathe Hegemeister im +Futteral eines Sportkleides -- sie hat keine Ahnung von ihrer Fülle. +Keine Spur von Selbstkritik.« + +»Da bin ich nun anderer Ansicht,« sagte Wynfried eifrig. »Baronin Agathe +ist von allen Damen unseres Kreises am ausgesuchtesten und kleidsamsten +angezogen. Und ihre leise Fülle ist wundervoll -- noch nicht mal +Rubens ...« + +»Ja,« sprach Edith geringschätzig, »Männer haben eben einen total +anderen Geschmack als wir ...« + +Agathe schwang im herannahenden Boot einen weißen Chiffonschleier. + +Richtig: Agathe Hegemeister hatte ein weißes Leinenkleid an. Und was war +denn das? Schwarze Knöpfe an der knappen Bluse? Edith sah nachher, zu +ihrem verzehrenden Neid, daß es veilchenblaue, rundgeschliffene +Amethyste waren, in Gold gefaßt, die als Knöpfe dienten. Und einen +Matrosenhut -- wie Edith gehofft hatte -- trug sie auch nicht; der hätte +auf der Fülle des schöngeordneten Blondhaares nur lächerlich wirken +können, sondern einen sehr feinen florentiner Strohhut von äußerst +kleidsamer Form, um den ein weißer Chiffonschleier geschlungen und links +unterm Ohr in eine große Schleife gebunden war. + +Wynfried dachte: entzückend. -- Wie ein Mädchen. Und so weiblich weich +in jedem Blick, jeder Bewegung. + +Nun waren die Damen an Bord. Fräulein von Gerwald in Dunkelblau mit +einem steifen, blanken, schwarzen Matrosenhut, den Edith wie eine +Rarität unbefangen genau anstarrte. + +»Was?« sagte Agathe, »meine liebe, süße Klara fährt nicht mit? Aber das +verleidet mir ja den ganzen Tag! Und ich weiß nicht -- paßt sich denn +das überhaupt? -- Ich allein mit dem Gatten einer anderen?« + +»Erstens ist es der Ehemann Ihrer besten Freundin -- und Klara läßt Sie +vielmals grüßen. Zweitens haben Sie Ihre Ehrendame, unser allverehrtes +Fräulein von Gerwald neben sich. Und drittens ist es wenig +schmeichelhaft für mich, daß Ihnen ohne meine Frau der Tag verleidet +ist,« sagte Wynfried. + +Agathe sah ihre Gerwald an. + +»Herr Lohmann hat Recht,« sprach sie in einem um Zustimmung bittenden +Ton. + +»Aber völlig!« versicherte Fräulein von Gerwald mit Nachdruck. + +Bis Travemünde war es ja nicht mehr weit. Es kam auch kein gemütlicher +Ton auf. Zwischen der blonden Frau und dem rothaarigen Mädchen herrschte +eine versteckte Gereiztheit. Sie wußten selbst nicht, warum. Denn jede +dachte in bezug auf die andere: sie kann ja doch nicht mit mir +konkurrieren! Und Wynfried, der das durchschaute, hatte so viel +Vergnügen daran, daß es ihm eigentlich leid tat, als Edith in Travemünde +von Bord ging. + +Sie wußte in ihre Abschiedsworte so viel zu legen, daß Agathe +Hegemeister gar nicht anders denken konnte, als Wynfried und das +abscheuliche Mädchen hätten zu Beginn der Fahrt eine ganz besonders +schöne Stunde voll intimer Gespräche gehabt. Und das war Agathe doch ein +leiser, schmerzlicher Stich. -- + +Edith, die nun ihren langen, hellblauseidenen, engen Mantel angezogen +hatte, stand noch eine Weile auf der hohen Brücke, an deren Fuß sie +abgesetzt worden war und zu der sie dann auf Treppen emporstieg. Sie +winkte nicht und nickte auch nicht. Sie stand nur und sah ... Etwas +großartig wirkte es ... Wynfried lüftete noch einmal seine weiße Mütze +zu ihr hin. + +»Nein, dies Mädchen!« sagte Agathe, »so mager und so häßlich. So +eingebildet und dreist.« + +»Keine Spur von Weiblichkeit,« erlaubte sich Fräulein von Gerwald +hinzuzufügen. + +»Naseweis ist sie schon,« gab Wynfried zu, »aber so intelligent und +temperamentvoll, daß ihre Häßlichkeit zur Schönheit wird.« + +»Ja,« meinte Agathe etwas gekränkt, »Männer haben eben einen ganz +anderen Geschmack als wir.« + +Nun hieß es erst einmal Tee trinken. + +Unten in der Salonkajüte war alles vorbereitet. Auf den Tisch hatte der +Kombüsenmaat schon den Teekessel gestellt, von dem die elektrische +Schnur zum Steckkontakt ging. Die Jacht führte in einem Akkumulator +elektrische Kräfte für die Beleuchtung und die Kombüse. + +Sehr hausfraulich goß Fräulein von Gerwald den Tee auf, und Agathe fand +mit Rührung die Kuchen vor, die sie liebte. -- Dafür hatte Klara +gesorgt? Wie liebevoll dachte Klara immer nur an andere. + +»Ja,« sagte Wynfried, »sie ist eine famose, großartige Frau -- zu gut +für mich.« + +Als sie dann wieder hinaufkamen, war alles verändert. Fern schon schoß +das Motorboot zurück in den Hafen von Travemünde, wo es warten sollte, +bis die »Klara« wieder hereinkäme. Und sie selbst brauste nun in stolzer +Fahrt über die Wogen dahin. + +Großsegel und Schunersegel waren voll entfaltet, der Wind blähte sie +prall auf. Er kam von Nordost, und so hieß es, um auf die Höhe von +Fehmarn zu kommen, in langen Schlägen kreuzen. Die »Klara« sauste +scheinbar geradeswegs auf die grünblaue, hügelige Waldküste des +mecklenburgischen Ufers zu. Und im saphirblauen, wunderbar klaren Wasser +glitt das Spiegelbild der weißen Jacht als Schatten mit. + +Das war ein Tag, eine Weite, ein Bild lachenden Prangens. + +Das Meer hatte all seine zornigen, mürrischen oder schläfrigen +Stimmungen von sich abgeschüttelt und wogte in einer kraftvollen, +fröhlichen Bewegung, sog das Blau des Himmels in sich ein und atmete +köstliche Salzluft aus. Es war durchsichtig bis auf den Grund, und die +runden, trüben Gallertscheiben der Quallen trieben kreisend einher. + +Und die belebte Flut gab ihre schimmernde Oberfläche dem Vergnügen zum +Tummelplatz. Segelboote aller Art kreuzten. Stolz und groß lag da die +weiße »Hohenzollern«, und der Wind strich die Flaggen aus. Die Standarte +des Kaisers wehte aber nicht. Denn Seine Majestät befand sich auf dem +»Meteor«, der, mit von Kiel hersegelnd, an der Wettfahrt teilnahm. Grau +und schlank und dennoch von einer gewissen kriegerischen Strenge +umwittert, ankerte der »Sleipner« in der Nähe des Kaiserschiffes. Leise +spielte sein Rauch aus seinem klobigen Schornstein in die Luft. Eben +erst waren beide Fahrzeuge auf der Reede angekommen. + +Eine Pinaß, der die Flagge der Kriegsmarine am Heck wehte, zerschnitt in +eiligem Lauf die Wogen, daß sie ihr weißschäumend am Bug emporstiegen; +und ihr Kielwasser quirlte hinter ihr drein; gleich einer Schlange lag +die Spur auf der Flut. Sie nahm Richtung auf den Hafen. + +Zwei Dampfer, schwarz von Menschen, umkreisten die »Hohenzollern« und +den »Sleipner« im weiten Bogen; man hörte die metallischen Klänge einer +patriotischen Musik von dort herschwirren. + +Die Richtung aller Segler und aller Dampfer ward aber dann: Fehmarnwärts +-- entgegen den aufkommenden Jachten. + +Und die Sonne umglutete, vom Winde gekühlt, all diese frohe +Beweglichkeit, die aus den Wogen einen sicheren, ungefährlichen Estrich +zu machen schien, auf dem man, anstatt mit Füßen, mit Schiffen +dahingleiten konnte. + +»O,« sagte Agathe wirklich begeistert, »wie schön, wie schön!« + +Und in ehrlicher Klage bedauerte sie noch einmal, daß ihre geliebte +Klara diese Stunden nicht miterlebe. + +Das Wasser schwoll immer gegen den Bug -- es war kein leises Gluckern +und Raunen -- es war ein seidiges, großes Rauschen. Wie besänftigte es +die Gedanken -- es war ein Versinken -- in eine himmlische Art von +Dummheit -- als sei man nur noch ein träges Stück Menschentum und +brauche nie mehr etwas anderes, als sich nur immerfort von der Sonne +bescheinen zu lassen und dem endlosen Gerausche zuzuhören. Das leise +Knarren der Masten war manchmal vernehmbar, wenn der Wind in die Segel +bluffte. + +Zuweilen ging eine kurze Unruhe über Deck. Die flinken Kerls in den +roten Sweatern sprangen -- der »Schiffer« am Steuer rief Kommandoworte +-- die gelblich weißen Segelfittiche schlenkerten einen Augenblick am +Großmast und Fockmast, und dann fuhr wieder der Wind hinein und blähte +sie auf. -- Und nach dem Manöver des Umlegens schwebte dann immer wieder +der Traum von Stille, den das Glurren der Wasser und das Flimmern der +Sonne umspann, über der Jacht. So zog sie, umwogt und die Flut rasch +durchschneidend, von hüben nach drüben. Die Bucht weitete sich, und im +Maße, daß man mehr dem offenen Meer sich näherte, kreuzte man in +kürzeren Schlägen. + +Die Stunden flogen, und ihr Flügelschlag war so sanft, so unhörbar, daß +niemand sich des Entgleitens der Zeit recht bewußt ward. + +Sie mochten kaum sprechen. + +Agathe empfand die Größe und Weite des Bildes und die Fülle von +Lebensbetätigung in all dem Treiben. Daraus erwuchs ihr eine unbestimmte +und schmerzliche Sehnsucht. Sie kam vom blauen Himmel vielleicht oder +flüsterte zu ihr aus den ruhelosen Wogen herauf, oder die Sonne +erhitzte ihr niemals kühles Blut noch mehr ... Sie kam sich wie von +allem Glück verlassen, einsam und sehr bemitleidenswert vor. Ihr treues +Fräulein von Gerwald, das ihr gar nicht mehr aus Liebedienerei, sondern +aus völlig gelungenem Einleben heraus stets nach dem Munde sprach und +ihre Stimmung immer erriet, sah bedeutungsvoll und innig zu ihr hinüber. +Die Gerwald saß neben Wynfried. + +Auch er war versonnen. Die wundervolle Frau ihm gegenüber war ihm ein +höchst zusagender Anblick. Und immer, wenn er mit ihr zusammen war, +weckte ihr feines, sehr liebkosendes Parfüm allerlei in ihm auf. -- -- + +»Segel, Segel!« schrie Fräulein von Gerwald. + +Am Horizont, im blauen Duft der Ferne zwischen Himmel und Meer sah man +weiße Striche, die gar keinem Schiffskörper anzugehören schienen. + +»'Meteor' und 'Germania',« sagte Wynfried. + +»Bei dem Wind konnte man denken, daß sie schlank herauf kämen -- stick +Nordost. -- Zurück werden wir auch in gerader Fahrt auf Travemünde +zuhalten können.« + +»O -- schon zurück?« + +»Erst wenn Sie wollen. -- Für ein kleines Souper ist gesorgt. -- Klara +hat alles an Bord schaffen lassen. -- Hummer -- kaltes Geflügel -- sonst +noch dies und das. -- Ich lasse nur in Notfällen vom Kombüsenmaat +kochen.« + +»Herrlich!« sagte Fräulein von Gerwald. Und Agathe bat: »Ja weit hinaus +-- bis ganz nach Fehmarn!« + +»Mir ist's recht.« + +Die weißen Striche am Horizont wurden deutlicher und erwiesen sich bald +als Segel -- rasch, vom günstigen Winde getrieben kamen die großen +Jachten herauf. Sie hatten alles Zeug gesetzt, und mit ihrer hohen +Takelage lagen sie stark steuerbord geneigt. So brausten sie heran -- +kühn und stolz, an ihrem Bugspriet kochte das Meer. + +Das war herrlich zu sehen. -- Und die »Klara« tippte ihre Flaggen, um +die Kaiserliche Jacht zu grüßen. + +Immer mehr Segel wurden erkennbar. Ein Schwarm von Riesenschwimmvögeln +schien sich aufgemacht zu haben und zog daher, durchschnitt spielend die +blauen Fluten. Helle Lichter setzte die Sonne auf weiße Schiffskörper +und Segel. Da und dort schwenkte von den Borden jemand eine Mütze -- der +»Klara« und ihrem Herrn zum Gruß, und Wynfried und die Damen grüßten +wieder. + +Möwen kreisten über diesem zerstreuten Geschwader von Rennjachten -- +kreischende Laute gellten herab, und der Flügelschlag blitzte vor dem +blauen Hintergrund des Himmels. + +Fülle des Lebens. -- Fülle der Freude. + +Und Agathe seufzte schwer. + +»Nun?« fragte Wynfried. + +»Ach,« sprach die blonde Frau klagend, »all diese Schönheit tut mir im +Herzen weh.« + +»Darf ich die Gründe einer so paradoxen Wirkung erfahren?« + +»Von allem bin ich ausgeschlossen, weil ich allein stehe. Ich kann an +gar nichts teilnehmen, weil ich keinen Mann neben mir habe. Denn meine +Eltern wollen durchaus nicht, daß ich selbständig in solchen Sachen +heraustrete. Reisen? Ja. Hier im Kreise, in der Heimat meines +verstorbenen Gatten etwas Geselligkeit in meinem Hause haben? Ja. Aber +darüber hinaus nichts. Und wenn Sie sich nicht meiner angenommen hätten, +sähe ich wieder nichts mehr von den Travemünder Tagen als alle +Zuschauer, die da am Strande herumlungern. -- Nicht mal mit meinem +Motorboot hätt' ich mich herauswagen können -- dazu ist es zu klein ...« + +»Ihre Eltern sind merkwürdig streng.« + +»Ja.« Agathe seufzte wieder. Sie wurde langsam rot. Sie schien sich +ganz in peinliche Gedanken zu verlieren. Plötzlich fügte sie hinzu: »Und +ich muß wohl artig sein. -- Papa verwaltet auch mein Geld, soweit es +nicht in Lammen steckt -- und das ergibt dann wie von selbst eine +Kontrolle. -- Und dann -- Sie wissen, es gibt so Eltern, vor denen man +immer im Schock ist ...« + +Das wußte Wynfried noch. Früher -- da war er seinem Vater auch lieber in +scheuer Ferne aus dem Weg gegangen. + +Und er dachte besonders noch an das Elend der allerersten Zeit nach +seiner Heimkehr -- und wie nur die Scham und die Angst vor seines Vaters +Kritik ihn vom Selbstmord abgehalten hatte. + +Wie weit und unbegreiflich lag das zurück. + +Frei war sein Gemüt dem Vater gegenüber und sein Umgang mit ihm erst von +dem Tage an geworden, wo er ihm Klara als Tochter brachte. + +Seltsam eigentlich: Vater liebte die Schwiegertochter mehr als den +eigenen Sohn. Wynfried fühlte es genau. + +Aber er war nicht eifersüchtig -- gar nicht. Es freute ihn im Grunde. +Undeutlich lag die Empfindung in ihm, als lenke das seinen Vater von ihm +selbst mehr ab -- als würde die vollste Liebe dieses gewaltigen Mannes, +die völligste Aufmerksamkeit all seiner Gedanken, ganz allein auf ihn, +den Sohn, gerichtet, allzu schwer wuchten -- würde eine beständige +Anforderung sein ... Und wie Aufsicht ... Nein, nein -- alles war +vortrefflich, wie es war. -- Diese ganze häusliche Welt mit Vater, Frau +und Kind gab solch ein Gefühl von Sicherheit und war im Grunde immer wie +ein Zeugnis -- es vernichtete die Vergangenheit. -- An die dachte +Wynfried jetzt in ruhiger Verachtung und voll Kritik. Er bildete sich +ein, daß er heute das alles klüger anfangen und jedes Weib und jede +Lage mehr beherrschen würde. + +Weil Agathe keine Antwort bekam, fuhr sie klagend fort: »Davon, wie +schwer es ist, als junge Frau so einsam dahinzuleben, davon macht sich +niemand einen Begriff.« + +»Sie sollten wieder heiraten,« riet Wynfried. + +»Noch einmal verkauft werden!« rief sie voll Bitterkeit. + +»Liebste Baronin -- eine Frau wie Sie -- so schön -- verzeihen Sie, aber +diese Ihre Worte geben mir die Pflicht, deutlich zu sprechen -- so +wundervoll schön -- so ganz hingebende Weiblichkeit -- so voller +Herzensgüte -- die muß und wird Liebe finden -- keinen 'Käufer' -- nein, +einen leidenschaftlich liebenden Gatten.« + +Agathe sah ihn mit ihren schwimmenden Blicken halb beseligt, halb +bekümmert an. + +»Wenn Sie so sprechen. -- Und doch -- glauben Sie mir -- es scheint, mir +ist die Gabe versagt, Herzen zu gewinnen.« + +Sie drückte ihre Hand gegen die Augen. Sie wirkte nicht viel anders als +ein Backfisch, der in unruhiger Überfülle unklar drängender Empfindungen +mehr ausspricht, als geschmackvoll ist. + +»Ja, die Weiber!« dachte Wynfried sehr angeregt. Die Siebzehnjährige +vorhin hatte ihn von Geschäften und Zahlen und mit Bosheiten +unterhalten, und diese reife Frau sprach wie ein sentimentales Mädel. + +Aber ein so bekümmertes und verschmachtendes Frauenherz ganz ohne Trost +zu lassen, wäre völlig gegen Wynfrieds Art gewesen. + +Er nahm sacht die Hand, die weinende Augen verborgen hatte. Er dachte +sich wohl, daß dies noch die allerletzten Tränen seien, die dem +unerbittlichen Stephan nachflossen. Und er hatte längst herausgefühlt, +daß bei Agathe in die abschwindende Liebe sich schon eine neue +Verliebtheit mischte -- wie der Mond noch, immer mehr verblassend, am +Himmel steht, wenn die Morgensonne sich strahlend erhebt. + +Er hielt tröstend und innig ihre Hand zwischen seinen beiden. + +Er sah ihr tief in die Augen, und seine Blicke sagten ihr, daß sie ganz +gewiß die Gabe habe, Herzen zu gewinnen. + +Es schien ja eigentlich kein Grund zum Erröten vorzuliegen. -- Aber +Agathe errötete doch -- und ihr Atem fing an, rascher zu gehen. + +»O,« rief Fräulein von Gerwald, »Fehmarn!« + +Sie stand auf und stieg vom Sitzplatz aus die zwei Stufen empor auf +Deck. Ihr Herz klopfte ... Dieser Blick zwischen den beiden ... Gottlob, +daß da gerade Fehmarn war ... + +Hingebreitet in den blauen Fluten lag die flache Insel, mit ihrem hellen +Sandstrand, ihren goldgelben, reifenden Ährenfeldern und dem kleinen +Städtchen Burg mit seinen dunklen Dächern unter und zwischen der +Ehrwürde uralter Ulmen und behaglicher Obstbaumwipfel. So liebenswürdig +pastoral tauchte der Kirchturm aus dem Gehäufe der Ortschaft auf. + +Man war nah genug, alles zu erkennen, und doch noch so fern, daß jede +etwa störende Kleinigkeit der Uferszenen verschwand. Ein Bild wie von +kluger und sehr feiner Kunst hingemalt. + +Und zur Rechten das weite, uferlose Meer, im letzten Glanz der Sonne, +die hinter der Küste zur Linken unterging. Voraus öffnete sich der +schmale Fehmarnsund. + +Das alles war sehr schön, und Fräulein von Gerwald, die am +Kajüteneingang lehnte und hinaussah, dachte immerfort, von schwersten +Zweifeln geplagt, ob es nicht ihre Pflicht sei, ihre Herrin darauf +aufmerksam zu machen, oder ob sie klüger handle, sie ungestört mit Herrn +Lohmann zu lassen. Und außerdem: war es nicht Zeit, zu Abend zu essen? +-- unten warteten Hummer! -- Und war es nicht Zeit, umzukehren? Wann kam +man nach Haus? Großer Gott -- es konnte sehr spät werden. -- + +Agathe schien jetzt keine Neugierde auf Fehmarn und den reizvollen +Anblick der korngelben Insel im Rahmen blauer Wogen zu haben. + +»Sie sind immer wie ein wahrer Freund zu mir,« sagte sie halblaut, +»dafür bin ich Ihnen so dankbar.« + +»Ich wünschte nur, ich sähe eine Möglichkeit, Ihnen Ihr oft so schweres +Gemüt zu erhellen.« + +»Mag Klara es aber auch haben, wenn Sie so freundschaftlich um mich +besorgt sind?« fragte Agathe bedenklich. Sie hatte doch Klara wirklich +lieb -- teils aus ihrem allgemeinen Bedürfnis zum Lieben, teils weil sie +sie neidlos bewunderte -- neidlos, aus dem unbewußten Gefühl heraus, daß +Klara nichts daran lag, Gefallen zu erwecken. + +»Ich bitte Sie!« sprach Wynfried sehr lebhaft. »Klara und einem Menschen +etwas nicht gönnen: das gibt es gar nicht. Und noch dazu Ihnen -- ihrer +Freundin ...« + +»Ja, sie ist so selbstlos und gütig,« seufzte Agathe. + +»Eine famose, großartige Frau! Ich weiß nicht -- Sie sind doch +Freundinnen -- hat sie sich je über unsere Ehe ausgesprochen?« + +»Nie. Klara spricht nie von sich -- sie ist so verschlossen. Ich +bewundere es.« + +Wynfried neigte sich noch näher herüber und sprach, beinahe flüsternd: +»Sehen Sie, liebste Freundin -- im tiefsten Vertrauen! Man muß meine Ehe +mit Klara anders beurteilen -- wie wohl sonst Ehen. Wir haben uns +gewissermaßen meinem Vater zu Gefallen verheiratet. Wissen Sie -- als +ich heimkam -- Gott, es sind schon dreizehn Monat seitdem, wie ist es +möglich! Da hatte ich so viel Schweres durchgemacht -- eine Frau hatte +mich verraten ...« + +Agathe preßte seine Hand. + +»Sie! Verraten?! Das konnte ein Weib?« + +Und er hörte wohl, daß sie es unfaßlich fände, ihn zu lassen, wenn man +von ihm geliebt sei ... + +Er erwiderte dankbar den Händedruck. + +»Und damals war ich so angeekelt vom Dasein, daß ich mich nicht viel +wehrte, als Vater in einer raschen Heirat mit Klara für mich die einzige +moralische Rettung sah. -- Heut freilich -- heut gelänge es Vater +freilich nicht so leicht, mich einzufangen!« Er lachte leise auf -- als +spreche er von sehr drolligen, wenn auch höchst liebenswürdigen +Geschichten. »Ja -- und Klara -- ich dachte erst, sie sei in mich +verliebt -- man neigt als etwas verwöhnter Mann zu arroganten +Einbildungen. -- Aber nein -- Klara hat eigentlich nur so 'ne +schwesterliche Hingebung für mich. -- Geheiratet hat sie mich wegen +Vater -- etwas aus Dankbarkeit und besonders, weil sie ihn vergöttert.« + +»O,« sagte Agathe, »das ist ja aber eigentlich tragisch -- oder ... nein +... Ich wollte sagen -- es hätte tragisch werden können ...« + +»Keine Spur,« versicherte er mit Nachdruck. »Gerade diese schöne, ruhige +Ehe voll Freundschaft gefällt uns beiden sehr gut -- glauben Sie bitte +nicht, daß ich es bereue. -- Ich verdanke Klara viel. Wie klug hat sie +das angefangen, meine Arbeitslust zu wecken ... Und ich habe sozusagen +meine Jugend wiedergefunden ... Und dann: wie mein alter Herr nun +glücklich ist! Er trägt sein Schicksal, gelähmt im Stuhl zu sitzen, in +Frieden. -- Wie hätt' er sich sonst daran verzehrt ...« + +»Das ist ja alles sehr schön,« sagte Agathe mit einem Male auf +unbestimmte Art ernüchtert. + +Aber dies flaue Gefühl wich rasch einer stürmischen Aufwallung. Denn +Wynfried sah sie wieder mit vielsagendem Ausdruck an. + +»Es beraubt also Klara in keiner Weise, wenn ich nicht blind für den +holdesten, weiblichsten Zauber bin ...« sprach er leise und langsam. + +Inzwischen hatten die Kämpfe in Fräulein von Gerwalds Brust zu einer +Entscheidung gedrängt. Ihre Phantasie sah immer das leckere, von roter, +steinharter Schale umpanzerte Hummerfleisch -- und diese +Zwangsvorstellung entschied. + +Sie kam herbei, ein wenig schwankend und balancierend auf der schrägen +Ebene des Decks der gerade sehr nach Backbord überliegenden Jacht. + +»Es ist schon Abend!« sagte sie in dem erstauntesten Ton von der Welt, +als falle ihr diese alltäglich wiederkehrende Tatsache zum ersten Male +in ihrem Leben auf. + +Agathe erwachte ... + +»O -- wann kommen wir heim? ...« rief sie geängstigt. + +»Wann wir wollen!« beruhigte Wynfried; »ich habe zu Haus darauf +vorbereitet, daß es spät in der Nacht werden kann ...« + +»Liebste Baronin, Sie müßten aber jetzt etwas genießen,« ermahnte die +Gerwald. + +Man ging hinab. Vorher sprach Wynfried noch mit dem Schiffer. Der Wind +flaute ab, blieb aber Nordnordost und verhieß glatte, wenngleich +langsame Rückfahrt. + +Dann aß man in einer unbegreiflich übermütigen Stimmung. Roter, +schäumender Romané füllte die Glasbecher. Das rosig verhüllte Licht gab +eine Traumbeleuchtung. Aus vier Birnen kam es, die an den getäfelten +Wänden, zwischen den Wandschränkchen, angebracht waren. Die +Hummerschüssel stand auf Eis, und alle drei Tischgenossen griffen +tüchtig zu. + +Fräulein von Gerwald hob einmal ihr Glas mit dem prickelnden Burgunder +gegen das von Wynfried. -- Sogleich rief Agathe: »Wir wollen auf Klaras +Wohl trinken!« + +Und sie tranken auf die Gesundheit der jungen Frau. -- + +Die Gesellschafterin fühlte sich wieder einmal ganz beglückt -- seit +drei Jahren hatte all das Elend der Demütigungen und des ewigen +Wechselns von Häuslichkeit zu Häuslichkeit ein Ende. -- Rührung erfaßte +sie, wenn sie bedachte, wie herrlich nun ihr Leben sei. Und in dieser +Stunde war sie wie berauscht -- nicht gerade vom leise und fein +schäumenden Burgunder -- nein, vielmehr noch von der Schwärmerei ihrer +Herrin und von der Mannesschönheit Wynfrieds. + +Agathe war vor Glückseligkeit wie benommen. -- Ach, es lohnte sich ja +doch noch, zu leben! -- Und war es nicht, als ob Wynfried ein ganz +anderes Wesen bekommen hätte -- gleichsam als habe eine Zauberhand über +sein Gesicht gestrichen und ihm einen neuen, fröhlich unternehmenden, +sprühenden Ausdruck gegeben? + +Ja -- Wynfried fühlte sich wirklich wie verwandelt -- nicht verwandelt +-- vielmehr wie ein Erwachender -- wie ein Zurückgekehrter, der lange +verbannt war -- so dergleichen -- er wußte selbst nicht, wie ihn das +ankam. -- Jedenfalls war es eine Gehobenheit. -- Er war ganz +durchrieselt von jenen köstlichen, gespannten Empfindungen, die Mann wie +Weib in den Anfängen der Liebe überraschen. -- Ach, was gab es denn +Lebensvolleres als dies Vorahnen möglicher Wonnen, dies sich +Einanderentgegendrängen mit Blick und Lächeln und sinnschweren +Worten. -- + +Und dann die Servietten hingeworfen und hinauf ... + +Der Abend war gekommen; er hatte sanfte Töne über Himmel, Land und Meer +gelegt -- dunkelveilchenfarbene, ins Grau hinüberspielende. + +Fräulein von Gerwald sagte mit etwas unklarer Stimme, sie wolle es recht +mit Andacht genießen, und suchte sich vorn am Bug ein Plätzchen, da wo +der Klüverbaum über Bord hinausragte wie ein Spieß ... Dort hockte sie +nieder und fand Lehne und Halt. + +Wynfried und Agathe setzten sich auf die Kissen des vertieften +Sitzplatzes. Dicht nebeneinander -- er nahm ihre Hand und küßte sie und +legte sie ihr in den Schoß zurück. + +»Solche Stunden,« sagte Agathe, »entschädigen für alles, was man +gelitten hat.« + +»Was haben Sie denn so schwer gelitten, teure Freundin?« sprach +Wynfried. »Daß Ihre Ehe kein Vergnügen war, kann ich mir denken. Bitte, +erzählen Sie nichts davon -- mir ist, als würde ich zu zornig werden. -- +Es gibt nur eins: vergessen!« + +Sie redeten sehr leise miteinander. + +»Man kann nicht alles vergessen, es gibt das Wort vom Ewig-Gestrigen. Es +ist wahr! Wenn immer wieder zu einem zurückkommt und sich immer neu +straft, was man einmal verbrach ...« + +»Verbrach?! Sie -- Agathe. -- Nein, Sie können keine Schuld auf sich +geladen haben. -- Sie, die Sie nicht imstande sind, einer Fliege weh zu +tun.« + +»Nein -- keine Schuld. -- Und doch -- aus Unkenntnis -- aus Neugier -- +aus einer schrecklichen Sehnsucht nach -- ach, ich weiß selbst nicht, +wonach -- nach Liebe, oder nach Glück -- oder nach Geheimnis -- ja, aus +Unkenntnis kann man fehlen.« + +»Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung anzunehmen. +Erfahrene Herzen urteilen anders.« + +»Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen, sie verzeihen mir nie, +woran doch auch sie die Schuld trugen.« + +»Wollen Sie mir nicht vertrauen -- liebe Agathe. -- Ich -- verstehe +alles --« + +Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den Arm um ihre Taille. + +Und sie neigte den blonden Kopf näher zu ihm -- stockend -- in immer +wachsender Leidenschaftlichkeit sprach sie von ihrer Jugend. + +Immer dunkler ward die Sommernacht -- die Flut glänzte in der Nähe +schwarzblank und war in der Ferne ein Abgrund von Finsternis. Aus den +Wogen kam eine gleichmäßige, an- und abschwellende Musik herauf -- von +der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenbündel hinaus und +backbord ein grünes -- die glitten als magischer Schein mit der Fahrt +und schwebten über der Tiefe. + +»Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen,« erzählte Agathe. +»Und immer von zwei Gouvernanten bewacht -- ich sollte Französisch und +Englisch wie Deutsch können. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch +hinaus. -- Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen Händen, hat +große Verbindungen -- das war so 'ne Art Vorarbeit, begriff ich später +-- das sollte mir dann den Eintritt in die allererste Gesellschaft +sichern. Und mal 'ne ganz, ganz große Partie! Hochadel oder allererste +Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben für sein Geld, und +Mama für all ihre Schufterei in den Vereinen. Und deshalb wurde an mir +herumerzogen -- und gar keine lustige Kindheit hatt' ich -- und keine +Freundin durft' ich haben -- damit nicht einmal unerwünschter Anhang da +sei. -- Mama sagte manchmal: bis man seine gesellschaftliche Position +ganz fest begründet hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben -- man +muß erst sehen, wohin man gelangen kann.« + +»Eine kluge Dame Ihre Mama ...« + +»Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen war mir bloß +erbitternd. Ich wollte lustig sein, eine Freundin zum Liebhaben wollte +ich -- und da waren nur die steifen Gouvernanten -- und sie und ich, wir +haßten uns.« + +»Armes Kind!« sagte Wynfried leise, obschon er nur flüchtig zuhörte, +sondern nachprüfend Agathens Parfüm aufatmete und dachte: ja, es ist +_das_ Parfüm. + +»So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer da draußen, zwischen +den Fabriken -- das Haus war prachtvoll -- aber doch in Berlin selbst +hätte ich vielleicht mehr Freiheit gehabt -- mehr Zerstreuung. Ich sah +oft die Herren aus dem Bureau -- sie begegneten mir und grüßten -- wenn +ich mit meinem Nero spielte -- ja, ich hatte eigentlich bloß meinen +Bernhardiner zum Vergnügen. Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich +Nero in die Spree hinausschwimmen ließ zum Baden -- dann mußte ich +hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren alle wohnten. Und da ...« +sie stockte. + +Wynfried fragte: »Und da?« und legte seinen Arm fester um die zitternde +Frau ... + +»Und da war einer -- mit so blanken braunen Augen und einem schwarzen +Schnurrbärtchen -- so italienisch -- bildete ich mir damals ein -- Papa +sagte später: wie ein Friseurgehilfe ... Ich weiß nicht, wie es kam -- +wir sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen Nero +schlecht bekam, dann ging ich immer öfter, um ihn zu baden, und immer um +die Zeit, wo 'er' an seinem Parterrefenster stand. -- Und ich war mit +einem Male glücklich und hatte fortwährend an etwas Schönes zu denken. +Und dann -- einen Tag -- es war im Juni -- da warf er ein Briefchen +heraus, als ich vorbeikam, und drin stand, daß er mich wahnsinnig liebe +und sterben werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen könne, und wo +es wohl sein könne -- und ich solle morgen, wenn ich mit dem Hunde +vorbei komme, eine Antwort bringen -- einen Zettel in sein Zimmer +werfen, er wolle aus Vorsicht nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so +fing es an.« + +Agathe weinte ein wenig. Sie schämte sich noch immer wieder. Und +erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-süßen Ängste und Wonnen +von damals. + +»Wir trafen uns -- hinter Zäunen -- zwischen den Winkeln von Schuppen +und Lagerhäusern -- da war keine Poesie -- kein Wald -- kein Mondschein +-- keine Nachtigall -- alles hatte gleich so was furchtbar +Verzweifeltes. -- Und er schwor, sich zu erschießen, wenn ich nicht die +Seine werde.« + +Agathe trocknete ihre Tränen. Stärker als Scham und Gram ward das heiße +Erinnern. + +»Dann verreisten die Eltern -- ich blieb bei den Gouvernanten zu Haus -- +jede von ihnen hatte vierzehn Tage Urlaub, so daß vier Wochen lang nur +eine Tyrannin mich bewachte. -- Und Miß Brown war sehr leidend -- +benutzte diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz früh +schlafen zu gehen -- es war ein so schwüler August. Ich starb vor +Sehnsucht -- litt -- o -- dachte zu verbrennen -- und da geschah es. -- +Ich wußte ja nicht, was ich tat -- ich war nur selig -- selig ...« + +Sie erschauerte. -- Sie flüsterte weiter. -- Und es war, als ob ihre +raunende Stimme und das schmeichelnde Rauschen des Meeres Töne seien, +die aus dem gleichen Urgrunde allen Lebens heraufkämen. + +»Ich hab' es nie begriffen -- nie -- daß das schlecht von mir gewesen +sein sollte -- so unmenschlich glückselig in Liebe zu sein --« + +Sie schwiegen beide lange. -- Und Agathens Kopf ruhte sich an seiner +Schulter von vergangenen Leiden aus ... Endlich sprach sie weiter. + +»Die Eltern kamen zurück. Irgend jemand glaubte sich verpflichtet, mit +ihnen zu sprechen -- denn die ganze Fabrik hatte es gewiß schon lange +gemerkt -- wie hätt' ich daran denken können? -- Und dann gab es einen +Zustand -- o Gott -- ein Massenmörder kann nicht härter bestraft werden. +-- Hinrichtung ist ja milde dagegen. -- Und Miß Brown flog hinaus -- und +'er' schrieb kühn und stark an Papa, daß ich seine Braut sei und daß er +mich heiraten wolle -- und Papa und Mama schrien, darauf habe er nur +spekuliert -- Und ich sagte, seine Armut sei mir recht und ich wolle mit +ihm hinausziehen und betteln. -- Dafür hatte Papa nur ein schreckliches +Gelächter. -- Wiedergesehen hab' ich ihn nie -- nicht einmal Abschied +nehmen durfte ich. -- Und Papa schickte ihn mit viel Geld nach Amerika +-- da ist er verdorben und gestorben -- das hat Papa erst nach vier, +fünf Jahren gehört. -- Damals gleich, als all diese Wut auf mich bei +Papa und Mama war, wollte ich sterben. -- Es ist schwer, zu sterben -- +man weiß nicht, wie man es machen soll --« + +Sie seufzte. + +»Ich war noch ganz gebrochen -- dann kamen die Eltern und sagten, ich +müsse den Baron Hegemeister heiraten, es sei für mich das beste -- das +einzigste. Sie taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich -- weil +ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. -- Und ich dachte: +vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war ja gewiß ein besseres Leben als +das, was ich zu Haus gehabt hätte. -- Obgleich ... Bis auf den heutigen +Tag zürnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als sei alles in +Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus, und die gute Gerwald sagt die +Wahrheit und erzählt, wie trist ich eigentlich lebe.« + +Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm. + +»Und um dieser jungen, törichten, heißen Liebe willen, soll mein ganzes +Leben verpfuscht sein? O, ich weiß wohl -- böse Menschen flüstern noch +immer allerlei -- und vielleicht hat einer, für den ich ein bißchen +schwärmte, gedacht, als Offizier könne er das nicht. -- Aber von wie +vielen Frauen wird geflüstert ... Und weil ich aus lauter Einsamkeit und +Unkenntnis und Sehnsucht einen Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt +habe -- soll ich nie mehr -- nie -- nie mehr die Glückseligkeit erfahren +-- geliebt zu sein ...« + +Da neigte sich das Gesicht des Mannes über das ihre. + +Er flüsterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der Verheißung -- + +Mit einer bezwingenden Selbstverständlichkeit suchten seine Lippen die +ihren zu einem verzehrenden Kuß ... + + * * * * * + +Und am Klüverbaum hockte das alte Mädchen und starrte in die Nacht +hinaus. + +Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes Wünschen und Entsagen glomm, wie +Feuerreste unter Aschenhaufen, wenn er aufgestöbert wird, noch einmal +auf. -- Und sie fühlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel +Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde da, beide Augen +zuzumachen. + +Und aus der Sommernacht wehte so viel heran -- fast wie Qual des Neides +-- Rührung, die der gutherzigsten aller Frauen ein wenig Glück gönnte -- +Sorge vor schrecklichen Kämpfen. + +Es war aber schön, hier zu sitzen und zu wachen, und sie kam sich fast +wie Brangäne vor. + +Märchenhaft -- wie so das Schiff durch die schwarzen Wasser dahinglitt +-- und im ewig gleichen Ton und Rhythmus besangen die Wogen leise den +Zauber der Fahrt; dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majestät der +Himmel. + +Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der 'Hohenzollern' auf, und aus +ihren vielen, vielen Augen glänzte gelbes Licht. -- Und drüben +Travemünde-Strand -- eine Reihe von Lichtperlen nur. -- Und das +Blinkfeuer des Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte. + +Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo Fräulein von Gerwald saß, +und schreckte sie auf. + +Der Mann hielt in seinen hocherhobenen Händen je eine Laterne. -- Er +schwenkte sie und wiederholte gewisse Bewegungen in mehrfacher Folge. -- +Er semaphorte der Lootsenstation zu, daß die »Klara« in den Hafen wolle, +und die Station solle es dem Motorboot weitergeben, das im Hafen +wartete ... + +Große Unruhe entstand an Bord. + +Die rotweißen Matrosen manöverierten, das Schunersegel rauschte herab, +sank in sich zusammen und ward von raschen, vielen Händen zu einer +Faltenrolle zusammengebunden. Das Großsegel schlänkerte gelöst. -- + +Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male der Herr der Jacht da +und gab Befehle. + +Fräulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie wie verzaubert auf dem +Sitzplatz -- in seligem Lächeln sinnend. + +Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach kein Wort. -- Aber die +Treue wußte -- dies verband sie beide auf immer. + +Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen. Und dort wollte +Wynfried mit den Damen auf das Motorboot übersiedeln. Die »Klara« sollte +über Nacht in Travemünde bleiben. Mit dem flinken »Severin« dachte +Wynfried erst die Damen an die Lammener Brücke zu bringen und dann nach +Haus zu fahren. Es würde wohl lange nach Mitternacht werden ... + +In Travemünde am Ufer waren in dieser Festzeit noch Menschen -- und zwei +Schiffer riefen allerlei von der hohen Brücke herab ... + +Was denn? Ja -- ganz gewiß. -- Der Schlepper 'Primus' hatte die +Nachricht mitgebracht -- gerade als er die Trave abwärts dampfte und +schon eine gute Strecke an »Severin Lohmann« vorbei gewesen war, hatte +er einen furchtbaren Knall von dorther gehört. + +Wie von einer Explosion ... + + + + +8 + + +Die junge Frau hatte den Besuch ihrer früheren Pflegemutter gehabt. In +allem war die Doktorin Lamprecht ein eifriger Mensch, in Rede wie in +Tat. Und so hielt sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit +darauf, Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara hatte +gesagt: komm doch an schönen Sommertagen, so oft du willst, nachmittags +herüber. Das war der alten raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie +setzte sich selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den Gängen +nach dem Herrenhaus von »Severin Lohmann« fest. Das hatte Klara +natürlich bald gemerkt, und wenn sie einmal an einem dieser Wochentage +verhindert war, telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich +darauf gefaßt gewesen, daß man ihr abwinke. -- Die jungen Eheleute +wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern entgegenfahren. -- Likowski, +der immer einen Augenblick vorsprach, erzählte von der erhaltenen +Einladung, der er nicht folgen könne. + +Als dann aber kein Abwinken erfolgte, stürzte sich die alte Frau mit +ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen. War das Kind krank? Oder der +Geheimrat? Darüber nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den +Wurf kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend. Zum Glück +erwies sich alles als überflüssige Gedanken- und Zungengymnastik, denn +sie fand Mutter und Kind in der völligsten Gesundheit vor, und der +Geheimrat war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekretär. Das +Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig mit der Verdauung +gestört gewesen -- nun lag es prachtvoll anzusehen im offenen Wagen, und +die Amme in der malerischen Tracht saß dabei und wehrte den Fliegen. +Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken. Der Platz unter +den alten Ulmen war angenehm, man hatte von da einen sehr malerischen +Blick auf die Hochöfen, die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen +Himmel, von grünen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die Doktorin +Lamprecht erzählte mit unermüdlich dahinrinnenden Worten von allem +Kleinkram ihres engen Lebens. + +Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte hinab zur Fähre, wo es +noch einen wortreichen Abschied gab, bis Sörensen, der Fährmann, +ungeduldig fragte: »Wölt wi nu foahren, oder wölt wie nich foahren?« + +Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken zurückging, +fühlte sie sich von einer unbegreiflichen Zuversicht und Heiterkeit +erhoben. Woher ihr die kam -- sie wußte es nicht. Das Grundlose ihrer +wechselnden Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht und +jammervollen Zerdrücktheit, als läge alle Qual der Welt auf ihr -- sie +vermochte es nicht zu erklären. Alles, was sie konnte, war, eine +äußerlich immer beherrschte Haltung zeigen. + +Jetzt däuchte ihr, sie sei glücklich, daß das bißchen Unruhe des Kindes +nicht die Vorbotin von ernstlichen Störungen gewesen sei. Sie machte +sich Vorwürfe, ihren Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja +all seine Interessen und Freuden teilen -- das war ihr ernster Vorsatz. +Aber dieser freie, friedlich ungezwungene Nachmittag war so schön -- +fast, als sei es weniger -- mühsam. -- + +Als sie sich dem Platze unter den Ulmen näherte, sah sie, daß die Amme +fortgegangen war und daß anstatt ihrer Leupold Wache hielt. In seiner +einfachen dunkelblauen Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen +hinab. + +Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn überrumpeln, und das gelang ihr +auch. Er fuhr auf und wurde rot. + +»Kathrin bat mich -- ich sollte mal ein paar Minuten aufpassen. -- Ich +kam her, weil Herr Geheimrat bitten lassen, wenn es der gnädigen Frau +recht sei, möchte das Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.« + +Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig zugedeckt, die nackten +Ärmchen frei -- er fing nun schon an, mit der einen Hand nach der +anderen zu greifen, ohne daß es ihm gelang -- in diesem allerersten +zweckvollen Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus, daß +selbst ein unverständiger Beobachter wie der alternde Junggesell Leupold +erkennen mußte, es sei ein köstliches Exemplar von einem Kinde. + +Klara sah ihn an -- irgend etwas in ihrem Blick forderte ihn auf, zu +sprechen. + +»Ich glaube,« sagte er verlegen, »der Kleine wird mal ganz und gar Herrn +Geheimrat ähnlich ...« + +Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot: »Es ist das schönste +Kind, das ich je gesehen habe ...« + +Und ging rasch davon. Klara lächelte. Sie fühlte: der eifersüchtige Mann +hatte ihr nun endlich verziehen, daß sie die Schwiegertochter und +bevorzugte Pflegerin seines Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte +ihn entwaffnet, und er war vielleicht von ähnlichem Stolz auf den +Stammhalter erfüllt wie der Großvater selbst. + +Ja, so kleine Händchen können viel. + +»Vielleicht,« dachte Klara, von einer plötzlich aufwallenden Hoffnung +ganz erregt, »vielleicht doch noch einmal die Herzen seiner Eltern recht +zusammenfügen ...« + +O Stunde des Glücks, wenn das geschähe! -- Und warum nicht? Es gibt doch +Gefühlswunder, Wandlungen -- man las so viel Schönes davon. Und was die +Poesie verherrlicht, muß sie doch im Leben gefunden haben. -- + +Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und saß in seinem Fahrstuhl am +Tische. Trotz des wundervollen Sommerabends blieben die Fenster +geschlossen. Das Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug +ihr Tod im Licht war Klara immer widerwärtig. Der Geheimrat teilte ihren +Ekel davor. + +»Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag gehabt,« schalt Klara. + +»Die Arbeit drängte. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, die +Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister zustellen lassen +will, noch heute zu beenden. Morgen gibt es Störungen die Menge. +Direktor Malzan von der Frankfurter Heizkessel- und Röhrenfabrik hat +sich angesagt -- eine Verbindung, die Wynfried anknüpfte. Die Fabrik +will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen. Außerdem ist Mühlmann aus +Harburg zu erwarten.« + +»Ach der alte Herr, der immer denselben Spaß macht, indem er bedauert, +daß er mir von den niedlichen Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine +Pröbchen zu Füßen legen könne.« + +»Du solltest aber mal wirklich die Mühlmann-Werke mit Wynfried zusammen +ansehen; wenn ihr mal in Hamburg seid, ist's ja nur ein Katzensprung. +Anker für Ozeandampfer und Krane und Ketten von kolossalischen Größen +und Gewichten. -- Ja, also Malzan und Mühlmann wohl sicher. Vielleicht +noch zwei Geschäftsfreunde aus Rußland. Und möglicherweise der junge +Marks. Die Reederei Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse, +billig einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef selbst kommt, +muß er zu Tisch gebeten werden. Aber du weißt: alles ist unsicher.« + +Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche Tischgäste: die, auf +welche man sich vorbereitet hatte, kamen zu ganz anderen Tageszeiten und +konnten nicht zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man +niemanden, und eine Stunde vor Tisch hieß es plötzlich, es würden Gäste +kommen. Oder man dachte an einen oder zwei Herren, und es wurden ihrer +sechs. + +Aber die Küche war darauf eingerichtet, und Frau Flüggen, die +Herrenköchin, war eine Verbindung von rascher Entschlossenheit und Ruhe, +die Klara heimlich bewunderte. + +»Und da Thürauf verreist ist,« fuhr der alte Herr fort, »mag ich gern +selbst alle sprechen und sehen. -- Auf dem Werk macht Wynfried ja +sowieso allein die Honneurs, wenn Thürauf fort ist.« + +Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten Ragout aus +Kalbsmilchern und Zunge vor, das für ihn besonders bereitet war. + +»Du sprachst von einer Denkschrift?« fragte sie. + +Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein wollte. So lebendig +hatte auch einst ihre Mutter an allem teilgenommen, was ihn +beschäftigte. Seit die Tochter der Geliebten seine Tochter geworden war, +verschwammen beider Gestalten für ihn auf das merkwürdigste in eins. Er +konnte seine Empfindungen für die heilige Tote und diese ihn täglich mit +Liebe umsorgende junge Frau nicht mehr auseinanderhalten. Und ihm war +auch, als erkenne er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das +ihn zum Entsagen gezwungen. Daß die Vergangenheit rein geblieben war, +adelte ihm heute die zärtlichen Vatergefühle. Klara war ihm teurer, als +eine Tochter aus eigenem Blute hätte sein können -- jene verborgensten, +geheimnisvollsten Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller +Erklärbarkeit liegen. + +Wie genoß der alte Herr nach Tagen voll angestrengter Arbeit und in +seinem brüchigen Zustand diese Stunden -- auch ihm war's im tiefsten +Herzen uneingestanden recht, wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der +Vater, und sie, die junge Frau, waren sonst immer bemüht, daß Wynfried +sich nur behaglich fühle ... + +Er sprach zu der eifrig Hörenden. + +»Weißt du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies Erwachen eines +blinden Nationalismus überall -- der so oft Forderungen erhebt, die dem +eigentlichen volkswirtschaftlichen Interesse des Vaterlandes +zuwiderlaufen. -- In allen Ländern das gleiche. Nun gibt es in Schweden +große Gruppen von Politikern, die es als eine Schädigung der +wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden fortfahre, seine +Eisenerze auszuführen. Und es wäre beinahe Selbstmord, wenn diese +Ausfuhr je verboten werden sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer +groß. -- Und Schweden ist so klein -- es hat auch keine Kohlen -- keine +Arbeitskräfte -- selbst wenn es all seine Erze selbst verhütten wollte +und könnte, fehlte wieder die Feinindustrie, die den Hüttenwerken das +Rohmaterial abzunehmen imstande wäre -- und sie könnte auch niemals in +einem Maße entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte Roheisen +zu verarbeiten. -- Deutschland ist der nächste, der gegebenste Abnehmer +-- es trägt für das Erz, das es empfängt, ein Riesenkapital über die +Ostsee nach dem befreundeten Land. In Deutschland ist der +Eisenverbrauch pro Kopf in den letzten dreißig Jahren um etwa neunzig +Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddreißig -- stell dir +das mal vor ...« + +Nein, das konnte Klara sich natürlich nicht auf deutliche Art +vorstellen, wie ein Mensch hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauchen +soll. Sie lächelte glücklich, war voll Freude, daß der Vater immer in +dem starken Bedürfnis, sich zu betätigen, geistig so frisch wie nur je +sich zeigte, und sie scherzte ein wenig -- denn das mochte er haben. Und +sie sagte, daß diese Statistiken auch unfreiwilligen Humor besäßen; und +Großvater solle es sich doch seinerseits einmal vorstellen, wie Severin +der Kleine hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mußte +lachen. Und sie lenkte durch wißbegierige Fragen ihn wieder auf seinen +Vortrag zurück. + +So saßen sie in Frieden, und Klara sprach endlich, etwa um elf Uhr, +davon, ob man nicht ans Zubettgehen denken müsse. + +»Wenn du sagst 'man', meinst du mich,« scherzte der Geheimrat. + +»Eingestandenermaßen! Ich möchte noch aufbleiben -- auf Wynfried warten +-- aber nur bis Mitternacht -- später könnt's ihm eher bedrückend als +erfreuend sein.« + +»Klug!« lobte er. »Und Wynfried hat es ja heute wirklich nicht in der +Hand -- wenn zum Beispiel Flaute eingetreten sein sollte ...« + +Klara klingelte zweimal. Das hieß, daß Leupold kommen solle, um seinen +Herrn hinaufzuschaffen, und daß Georg oben zur Stelle zu sein habe, um +beim Zubettgehen zu helfen. + +Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus -- der Lift mündete in der Nähe +des Eßzimmers auf die Diele. + +Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glastür, durch die man in den +Hauseingang kam, war geschlossen. Aber die breite Tür, die von der Diele +aus auf eine Plattform mit Sitzgelegenheiten führte, stand weit +geöffnet, und die Wärme des Sommerabends kam herein. + +Der alte Herr atmete sie ein -- sie tat ihm wohl. + +»Ein paar Minuten,« sagte er, und Leupold fuhr seinen Herrn gehorsam auf +die Plattform hinaus. Klara setzte sich auf den nächsten Stuhl, stützte +den Ellbogen auf seine Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze +Dickicht des Parkes. + +Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie fühlte: solange dieser +große Mann lebte, war sie, als seine Tochter, reich. Wie mußte er immer +und immer an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein +überragender Verstand sich mit Güte und Gerechtigkeit gleich einer +Gloriole umgab. Sie ahnte auch, daß er nicht nur aus Neigung zu dem +Gesprächsstoff, sondern sehr zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und +seinen tausendfältigen Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich so +aus: er wolle, daß sie ihrem Gatten immer mit Verständnis entgegenkommen +und sein Interesse, falls es erlahme, neu beflügeln könne. + +Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk. An das Rumoren +des Betriebes waren ihrer aller Ohren so gewöhnt, daß sie es nicht mehr +hörten. Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzuströmen, und Friede und +ein sanftes Dunkel füllte die Luft, als webe und schwebe in ihr der +Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles zwang zum Schweigen. Und diesem +beruhigenden Schweigen nachzuhängen, war schön. + +So ließen sie die Minuten rinnen. -- Da geschah etwas Furchtbares -- +grauenvoll Bedrohliches -- sie zuckten zusammen -- ein dunkler, runder +Ton hatte die Luft zerrissen. -- Die Gewalt der Erschütterung war so +groß, daß ein Zittern durch die Nacht ging. + +Der Schreck legte seine kalte Hand auf den Mund der jungen Frau, und sie +konnte nicht einmal schreien -- -- + +»Mein Gott!« stieß der alte Mann heraus. -- Und er saß und war +gefangen ... + +Eine Explosion -- irgend etwas war geschehen. -- Ungewöhnliches -- +vielleicht Furchtbares. + +Sie horchten unwillkürlich dem dunklen, knallenden Ton nach -- ein, zwei +Sekunden -- unter der Wucht des Nachhalls, der ihnen im Ohr lag -- in +der Lähmung des Schreckens. + +»Durchbruch?« sagte der alte Mann. -- Als Frage klang das in die jetzt +wieder stumm gewordene, dunkle Nacht hinein. + +Und seine Hände auf den Lehnen seines Stuhles zitterten. + +Nach dem Schreck kam der erste deutliche Gedanke: Leupold sollte +hinüberlaufen und fragen. -- Aber er hatte keine Zeit, das zu Worten zu +formen. + +Denn die junge Frau rannte fort -- es trieb sie -- rief sie. + +»Klara!« aber der starke Ruf erreichte sie nicht mehr. Ihre weiße +Gestalt war schon um die Hausecke verschwunden. + +Und sie lief, wie sonst Knaben laufen, in rasender Eile, mit langen, +federnden Schritten. + +Sie sah vor sich das Werk -- war nicht alles wie sonst? ... Die vielen +kleinen Sonnen all der elektrischen Lichter standen als heller Kern in +ihrer runden Strahlenglorie. Malerisch beschienen wälzte sich der Rauch +von der Kokerei her langsam in schräger Lage über und durch all das +Eisengestänge der Drahtseilbahnen und Rohrleitungen, ehe er sich in die +dunkle Luft hinauf verlor und von der Nacht aufgesogen ward. Als +hellbeleuchtete Säulen erhoben sich unbeschädigt die Schornsteine. Die +weit hinausragenden eisernen Linien der Ausladebrücken waren klar zu +erkennen. Das ungeheure Geschöpf mechanischen Lebens, der Selbstgreifer, +senkte sich von der ersten Brücke hinab in den Bauch eines Dampfers, um +ihm Riesenhände voll gepulverter Kohle zu entreißen und oben in die +Wagen zu entleeren. + +Klara umfaßte im Laufen dies ganze, ihr so vertraute Bild von Lichtern +und Feuerscheinen und überhelltem Gewölk, senkrecht und wagerecht von +schwarzen Linien und Gebäudesilhouetten durchschnitten. Wie ein Märchen +aus Tausendundeine Nacht, aber gewaltiger und viel phantastischer, stand +dies Wunder menschlicher Kraft vor dem schwarzen Himmel, inmitten der +dunklen Landschaft. + +Ein Blick -- in solcher Angst -- erfaßt in Sekundenschnelle viel -- die +nächste Sekunde änderte das Bild. + +War dort nicht die Ordnung und das gewohnte Sichüberschneiden der Linien +zerstört? Wo war der leiterartige Schrägaufzug, dieser feine, +durchsichtige Bau von Eisenstäben, zwischen denen sonst die Förderwagen +gleich kleinen Lasttieren hinaufkrochen, um oben in das Beschickungsloch +der Hochöfen Erze, Kohlen und Kalkstein zu werfen? Starrten da nicht +zerbrochene Rippen in die Luft? Aber noch ehe der Blick dies sicher +erkennen konnte, geschah etwas Neues. -- Dampf quoll auf, weißer, +dickgeballter Dampf kochte in die Höhe und verhüllte alles. + +Schon war die junge Frau am Tor -- von Severinshof strömten Menschen +heran. -- Die Männer der abgelösten Belegschaft, die der Knall aus ihrer +Ruhe riß -- verängstete Frauen. + +Der Torwächter gebot diesen Frauen ein Halt. -- Aber wie durfte er es +der Tochter und Gattin der Herren zurufen? + +Klara stürzte vorwärts -- sie die einzige Frau unter den Scharen von +Männern. + +Nun sah sie -- da am ersten Hochofen sah sie es -- in kurzen Sekunden, +wenn der weiße Dampf zischend höher trieb. -- Ergoß sich ein Lavastrom +aus dem Bauche des Hochofens? Wo kam diese weißglühende, feurige Masse +her, die alles Wasser, das gleich einem gläsernen, rinnenden Mantel die +Burg der schmelzenden Erze umgab, zum Verdampfen brachte? + +Das flüssige Eisen und die kochende Schlacke hatten ihren Panzer +durchfressen. + +Und indem sie sich, ihren Kerker zersprengend, hinausdrängen wollten, +machten sie allen Gasen freie Bahn. + +Mit einem Donnerknall war die glühende Luft entwichen, indem sie Steine +und Eisen zerbrach -- und die Masse geschmolzenen Metalls flutete ihr +nach. + +Es war ein ungeheuerliches Bild -- wie dies Gedärm von fließendem Feuer +nun fast ruhevoll herausquoll und sich über den Unterbau, den Herd +ergoß. + +Und eine unerhörte Aufregung zuckte durch die Menge. + +Vor dem Höllenatem der Bruchstelle und ihren Entladungen, vor dem +weißkochenden Dampf wich alles weit zurück. -- Und doch hieß es +eingreifen -- größerem Unglück vorbeugen -- von all den maschinellen +Betrieben des Werkes Störungen abhalten -- die vorbeiziehenden Bahnen +und Rohre vor der Schmelzglut schützen -- die fließende Lava aufhalten. +Von der Gießhalle her mußte das Stichloch eingestoßen werden, um den +Abfluß auf die sandige schiefe Ebene ihres Bodens zu lenken. + +Tapfere Männer, Hände und Arme mit nassen Lappen umwunden, von +Schläuchen mit Wasser begossen, drangen mit der Stoßstange vor -- +berannten das Stichloch -- damit sein Tonverschluß zerbreche. + +Einer der Ingenieure, die die Arbeit leiteten, näherte sich Klara. -- +Sie stand, leichenblaß, zitternd, erdrückt von der Majestät der +Elemente, die sich der Menschenhand entwinden wollten. + +»Gnädige Frau,« bat der Ingenieur höflich, und es hieß: »Gehen Sie.« + +»Alle fort -- Thürauf -- mein Mann --« stammelte sie. + +»Was zu tun ist, geschieht,« sagte er ruhig. + +»Nein -- ich bleibe ...« Sie stand ja sicher. + +Dampf und Glut umhüllten das Bild und entschleierten es in jähem +Wechsel, wie Wind, Hitze, Luftwirbel spielten. + +Die hellen Töne der Eisenstange, die die Männer gegen das Stichloch +trieben, klangen durch die Wirrnis. + +Da ein Schrei und ein furchtbares Aufheulen. + +Im gleichen Augenblick, da das Durchstoßen des Stichloches gelang, +sackte von oben im Gehäuse des Ofens die ganze Beschickungssäule, diese +schon halb durchschmolzene Masse von Erzen und Kohlen und Kalkstein +nach, hinab in den entstandenen Hohlraum, und preßte so auf die +herausquellenden Massen, daß sich aus dem Stichloch ein Katarakt, ein +Springquell von fließendem Eisen ergoß und auf den Unterkörper des +Vordermannes traf. + +Das wahnsinnige Aufheulen ließ jeden erbeben, und da war wohl keiner, +dem nicht ein Frösteln über die Haut lief und ein Gefühl von Übelkeit +emporstieg. + +Auch die junge Frau schrie auf -- sie drängte sich durch die Männer -- +sie lief und lief und merkte kaum, daß ein paar Atemlose mit ihr fast +Schritt hielten. Zwischen starren Eisenträgern und Mauern vorbei ging +der Weg -- durch Qualm und gasige Dünste -- und da war das kleine +Rettungshaus. -- Da war die Tragbahre -- in Glasschränken alles, was +einem Verunglückten wohltun kann. + +Und da war auch schon Doktor Sylvester, der für alle Fälle herbeigeeilt +kam, als er über den Knall erschrak. + +Und zehn Minuten nachher lag auf der Tragbahre, die mitten auf dem +braunblanken Tonestrich des kleinen Raumes stand, der Mann -- gefallen +auf dem Felde der Arbeit -- ein stiller Held, der in ruhigem Mut sich +dahin stellte, wo seine Pflicht ihm das Leben kosten konnte. + +Sein Jammern erfüllte die Luft und machte der jungen Frau den Herzschlag +fliegen. + +Sie weinte und wußte nicht einmal, daß ihr die Tränen aus den Augen +liefen und daß sie sich zuweilen mechanisch mit dem Handrücken +abwischte, um klarer zu sehen. + +Mit raschen, gehorsamen Händen folgte sie den Anweisungen Sylvesters -- +ihr Frauengefühl, die sanfte Sicherheit ihrer Bewegungen waren gute +Dienerinnen. Und Sylvester, mit dem Schmiß über die Wange bis zum +Mundwinkel hinein, sah verächtlicher und grollender aus als je -- seine +Stirn war gefaltet -- seine Finger zart, wie die eines schonenden +Weibes. + +Und sie schnitten dem Verunglückten die Kleider vom Leibe, und von dem +nackten berußten Körper stieg der furchtbare Geruch verbrannten +Fleisches auf. -- + +Dann kniete Klara neben der Bahre -- und als der Arzt begann, mit +lindernden Mitteln, antiseptischen Watten und schleierdünnen Bandagen +die Beine und Schenkel zu behandeln, umfaßten die beiden feinen +Frauenhände manchmal die zwei krampfhaft geballten schwarzen +Arbeiterfäuste. + +Das heisere, brüllende Schreien des Mannes wurde matter -- er mochte die +Wohltat des Verbandes spüren -- und vielleicht kam die Schwäche -- jene +Grenze der äußersten Leiden war erreicht, wo die Nerven schon leiseste +Milderung erlösend empfinden. + +Sein Blick -- sein furchtbarer Blick voll Zorn und Wildheit -- in dem +noch die ungebrochene Wut der Schmerzen loderte, traf den Blick der +jungen Frau. + +Und es war, als sprächen sie zusammen. + +Aus den dunklen Augen strahlte ein Mitleiden voll himmlischer Kraft. + +Und diese junge, weiße Stirn war von einem ungeheuren Schmerz gefurcht. + +Tief neigte sie sich zu ihm herab -- als wolle sie ihre Seele der seinen +nahe bringen. + +Und ihre Seele wollte der seinen viel sagen. + +Aber nicht einmal ihre Gedanken konnten sich zu Worten fassen -- in dem +Übermaß der durcheinanderflutenden Gefühle tauchten, gleich +Bruchstücken, einzelne, deutlichere Empfindungen auf ... + +»Ich leide mit dir -- sieh -- ich hab' mich niemals über dich erhoben -- +hab' nie hochgemut den Reichtum genossen -- ich bin ein einfacher Mensch +wie du -- deine Schwester -- verzeih mir -- verzeih Gott -- verzeih dem +Leben -- verzeih, daß du leidest -- du sollst keine Sorgen haben -- sei +tapfer -- bleib mutig --« + +So stammelte ihr Denken. -- Und sie hob mit aller Kraft ihre gefalteten +Hände zum Arzt empor -- ohne Worte flehte, fragte sie: er wird leben? + +Und Sylvester verstand diese stumme, glühende Frage. + +Er sprach fest: »Ich hoffe.« + +Und sein Blick glitt ab, nicht weil er log -- sondern weil die Inbrunst +in diesen Augen, weil das heilige Mitleiden auf diesem Angesicht seine +männliche Fassung fast zerbrach. + +Und wieder neigte Klara sich über dieses düstere, halbzerstörte, +ächzende Geschöpf. Mit leisen, liebevollsten Händen streichelte sie +seine Schläfen -- strich ihm das nasse Haar aus der Stirn. + +Und wieder sprachen ihre Blicke zueinander -- in schrecklicher Klage und +in innigem Trost. + +Da bückte sich die junge Frau noch tiefer und küßte die berußte, von +wilden Schmerzen verzerrte Stirn. + + * * * * * + +Am anderen Ufer, in der friedlichen kleinen Stadt, saßen der Hauptmann +von Likowski und sein Oberleutnant und Freund, der Freiherr von Marning, +noch spät zusammen. Die Fenster waren geöffnet, und der schwebende Rauch +aus des Hauptmanns Zigarren zog um die Lampe und dann in feinen Streifen +hinaus ins Dunkel der Nacht. + +Marning hatte das schlichte Abendbrot des älteren Kameraden geteilt. +Dann saßen sie und nahmen eine strategische Aufgabe durch, die Likowski +sich ausgedacht hatte. In der lebhaftesten Meinungsverschiedenheit +stritten sie hin und her. Aber nun war es für heute genug. Morgen früh +vier Uhr begann eine große Marschübung. -- Also: gute Nacht -- + +»Ich danke Ihnen, daß ich heute abend bei Ihnen sein konnte,« sagte +Marning, während er seinen Säbel umschnallte. + +»Na ja, und ich dank' Ihnen, daß Sie sich bei mir einluden. Sagen Sie +mal, Marning, was ist das, daß wir uns um Vorwände bemühen, Herrn +Wynfried Severins Aufforderungen auszuweichen? Und obenein mit +Zurhilfenahme von Verschleierungen und Vorspiegelungen. Er muß meinen, +nach der Art unserer Absage, daß bei mir 'n großer Kommispekko für +Unbeweibte stattfindet. Und wir haben bloß friedlich zu zweien +fachgesimpelt -- leider Gottes tun wir ja immer nur was Friedliches.« + +»Ich weiß auch nicht, was es ist,« sprach Marning. + +»Schade! Ist ja übrigens nicht auf unserer Höhe! Nach Vorgefühlen gehen! +Denn was anderes als dies unbestimmte 'Wir mögen ihn nu mal nich' können +wir doch nich vorbringen. Er ist ein liebenswürdiger Wirt. Er soll sich +zum fixen Geschäftsmann entwickeln. Wir sehen ihn nur in ritterlicher +Art mit Vater und Frau verkehren. Daß er acht Jahre lang 'n Lebejüngling +war -- nu -- über so was wächst ja Gras -- -- Und dennoch: nee -- ich +kann nu mal kein Herz zu ihm fassen -- ich trau' ihm nich -- -- Er ist +mir auch zu schön.« + +Marning hätte kaum etwas antworten mögen und können. -- Und ihm wurde +auch jede Antwort abgeschnitten. -- Ein Knall -- dunkel und groß -- von +dem Nachklang krachender Geräusche begleitet, zerriß die Nachtluft in +Stücke. + +Sie sahen sich an -- erschreckt nachhorchend -- ein paar Augenblicke. + +Was war das? Wo war das gewesen? In der Stuhrschen Fabrik? In welcher +anderen der vielen industriellen Anlagen hüben und drüben am Fluß? Oder +gar auf »Severin Lohmann«? + +Likowski riß die Tür zu seinem nach hinten hinaus gelegenen Schlafzimmer +auf und stürzte ans Fenster. Von dort, über das Stalldach hinweg, konnte +er das Hochofenwerk sehen. Stand es nicht wie immer, lichtumstrahlt, von +beschienenem Gewölk umzogen, als helldunkles Bild wunderbar vor dem +schwarzen Nachthimmel? + +Nein, nicht wie immer -- da stiegen weiße Wolken -- kochte Dampf auf. + +»Ein Unglück. Rasch, Marning -- den zweiten Zug alarmieren -- der +dritte soll sich bereit halten ...« + +Der Ruf: »Vollert -- Vollert!« donnerte durch das Haus. Der Bursche +polterte aber schon gerade die Holztreppe von seiner Dachkammer herab. + +Sie griffen nach ihren Mützen und liefen. + +Unten streckte sich ein altes, graues Frauenköpfchen aus der Türspalte, +und man sah eine weißbekleidete Schulter. + +Aber da war nun keine Zeit zu neugierigen und erörternden Gesprächen. + +»Ich glaube nicht,« sagte Marning im Laufen, »daß sie uns drüben +brauchen. -- Die abgelöste Belegschaft tritt ja ein -- wenn wirklich was +los ist -- aber immerzu --« + +»Nun -- anbieten müssen wir's --« + +Sie rannten fast Hornmarck um, den der Knall vom Schreibtisch +aufgeschreckt hatte, wo er seine Gefühlszweifel in Verse goß und sich +mit Edith und Finchen in leidenschaftlichen Strophen auseinandersetzte. + +»Sie -- Hornmarck -- den zweiten Zug alarmieren -- der dritte soll sich +bereit halten. -- Laufschritt zur Fähre -- drüben ebenso nach 'Severin +Lohmann' -- immer zwei Gruppen auf einmal übersetzen lassen. -- Die +beiden Mann der letzten Rotte hüben und drüben postieren -- zum +Nachrichtendienst. -- -- Wir laufen voraus ...« + +Likowski und Marning eilten die schräge Straße hinab, die zur Fähre +führte. Das Leben, das schon schlafen gegangen war, erwachte wieder. +Einzelne Männer erschienen in den Türen. Aber sie sagten, es sei wohl +nichts Besonderes. Da war auch der Fährmann, in Pantoffeln und nur in +Hosen und dem blauen Hemd. + +Aber da half ihm nun nichts: Likowski hätte ihn mitgeschleppt, wäre er +selbst noch kümmerlicher bekleidet gewesen. Und Sörensens mürrischer +Einwand: »Herrjes -- in Büxen?« half ihm nicht. + +»Wat -- Büxen! Is ja Sommertid -- man to -- man to!« + +Sie standen voll Ungeduld im großen, schweren Kahn, während die eiserne +Kette klirrte. Nun warf Sörensen sie hinein, daß es krachte, und fuhr +los. + +Über den Fluß, der von schwarzblanker Tinte schien, schaukelten sie. Der +dunkle Himmel der Sommernacht spannte sich in unermeßlicher Weite. Alle +Ferne war in Finsternis versunken. Aber die Nähe zeigte ihr Bild in +großen Zügen. Das Lichtgeflimmer des Hochofenwerks spiegelte sich in der +Flut; vor dem mächtigen Hintergrund quoll weißer Dampf in die Höhe. + +Sie schwiegen. + +Nun waren sie drüben. Sie hatten schon während der Überfahrt gesehen: +weder die »Klara« noch das Motorboot lagen an ihren Bojen. Also das +junge Paar war von der Segelpartie noch nicht zurück. + +»Gottlob!« dachte Stephan. -- So brauchte er der Einen nicht zu +begegnen, die er mied, wenn er es ohne Aufsehen konnte. + +Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. In den Hainbuchenhecken, die +die Treppe begleiteten, raschelte ein wenig Wind. Da, vor ihnen, lag nun +das Herrenhaus. Ganz wenig Fenster zeigten sich erhellt. Vorbei -- im +Laufschritt. -- Aber wie denn? Vor dem Gitter, das Park und Vorgarten +von der Straße schied, stand der Fahrstuhl. Der alte Herr saß darin -- +neben ihm stand Leupold Wache. + +»Herr Geheimrat!« rief Likowski perplex. + +Das mächtige Haupt mit den blitzenden Augen wandte sich um und ihm zu. +Er hatte in die Richtung gestarrt, wo der Palisadenzaun um »Severin +Lohmann« begann. + +»Ja,« sagte er vor Zorn fast heiser, »angebunden. -- Und dieser Kerl +weigert sich, mich hinzufahren! -- Mich zu verlassen! Mir meine Tochter +zu holen -- und das Schaf -- der Georg, der findet sie nicht -- --« + +Leupold nahm den »Kerl« nicht übel. Er sagte nur kurz: »Wie kann und +darf ich Herrn Geheimrat verlassen?« + +»Ihre Tochter?« fragte Likowski. »Nicht mitgesegelt?!« + +»Sie ist drüben -- Georg läuft her und hin und kann sie nicht finden --« + +»Was ist los? -- Der zweite Zug meiner Kompanie kann bald zur Hilfe hier +sein. -- Soldaten können Sie haben, so viel da sind ...« + +»Oh -- unnötig!« wehrte der Geheimrat ab. »Ihre Soldaten können uns +nichts nutzen -- danke -- danke -- was los ist? Durchbruch! Ein Mann +verunglückt. -- Und Schaden -- schwerer Schaden -- Produktionsminderung +auf zwei, drei Wochen -- ich weiß noch nichts Genaues.« + +Er sah den atemlosen Georg heranrasen -- zum drittenmal. + +»Welche sagen, die gnädige Frau sei bei dem Verunglückten -- da darf ich +nicht 'rein.« + +»Marning,« flehte der alte Herr, »holen Sie mir meine Tochter ...« + +Stephan salutierte gehorsam. -- Er konnte nichts sagen. Er ging. + +Likowski kam sich ein wenig blamiert vor. Tatkräftig hatte er Retter und +Helfer aufgeboten, und nun waren sie nicht einmal gewünscht. + +»Darf ich sofort telephonieren? Hornmarck rückt sonst mit den Leuten an +-- vielleicht halt' ich sie noch auf --« + +Der Geheimrat nickte, sah aber dem davonschreitenden Marning nach, +während der Hauptmann, diensteifrig und strahlend von Georg, seinem +früheren Burschen, gefolgt, ins Haus ging. + +Stephan kam an das große Eingangstor, darüber auf breitem Blechband in +schwarzen Buchstaben der wuchtige Name stand. + +Er kannte hier alles genau -- oft und oft war er hier umhergegangen -- +allein -- mit dem Generaldirektor -- mit einem der Ingenieure oder der +Chemiker. Sein Interesse war unersättlich, sein Verständnis ein so +rasches, als habe seine ganze Intelligenz sich von jeher darauf +vorbereitet, diesen Stoff aufzunehmen. Wie es vielleicht immer ist, wenn +Menschen von ihren überkommenen Bahnen aus plötzlich den Blick gewinnen +auf ein Gebiet, dahin sie sich berufen gefühlt haben würden, wenn sie es +gekannt hätten. + +Heute aber war das Bild doch verändert. Nicht all der zischende +Wasserdampf zog gleich frei hinauf zur Höhe -- viel von diesem weißen +Gewölk schlich sich um die Eisenträger, unter den Bahnen und Rohren, +zwischen den Bauten hin. Der starke Feuerschein, vom beschädigten Ofen +her, glänzte unheimlich über das Gelände hin. + +Er wußte auch, wo die Rettungsstation war. Wenn die junge Frau dem +Verunglückten beistand, mußte sie dort sein. + +Vor der Tür traf er vier Männer. Sie warteten in bedrücktem Schweigen, +mit finsteren Mienen. Das Mitleid fraß an ihnen und das Bewußtsein von +der Bedrohlichkeit ihrer Arbeit. + +»Wir sollen ihn 'rüber bringen,« sagten sie. + +In der Kolonie Severinshof gab es doch das kleine Krankenhaus mit den +vollkommenen Einrichtungen. + +Stephan zauderte -- durfte er eintreten? Er fühlte: ja! Nicht nur, weil +die Bitte des alten Herrn ihn trieb. Er war Offizier. Es lag ihm im +Blute, sich nach einem Gefallenen liebevoll umzutun. + +Er öffnete die Tür. + +Und er und die finster wartenden Männer sahen es alle: -- Da drinnen +kniete eine junge Frau und küßte die berußte, schmerzverzerrte Stirn des +Verunglückten. -- -- + +»So,« sagte Doktor Sylvester, »nu faßt an -- aber leise, -- leise -- +schwebt sozusagen -- geht auf Eiern. -- Schwester Ludmilla hat schon +telephoniert -- alles bereit drüben.« + +Der Verunglückte schloß die Augen, sein Wimmern zitterte zwischen +zusammengebissenen Zähnen hervor ... + +Und wie die vier schwer tragenden Männer mit ihrer düsteren Last +davonschritten, stand Klara und lehnte ihre Stirn gegen die +zusammengepreßten Hände an der hellen Wand. + +Draußen packte Doktor Sylvester, ehe er der Tragbahre folgte, den Arm +Stephans. + +Er raunte: »Ich will Ihnen mal was sagen -- es gibt noch edle Frauen! -- +Und den Mann mach' ich gesund -- wenn Gott uns nich ganz verläßt -- dem +Tode aus 'm Rachen reiß' ich ihn. -- Ja ...« + +Stephan trat über die Schwelle. Gefaßt und erhoben. + +»Edle Frau,« dachte er -- »edle Frau --« + +Sie hörte ein Geräusch -- sie hatte gedacht, sie sei nun allein. -- Sie +brauchte ein paar Minuten der Sammlung. Der Schreck, das Entsetzen -- +das Geheul des armen Menschen -- und der betäubende Geruch -- Jodoform +-- verbranntes Fleisch -- furchtbar! -- Sie war wie benommen. -- Von der +Nähe des Mannes hatte sie keine Ahnung. -- Nun schreckte ein Schritt sie +auf, der hinter ihr anhielt. Sie löste sich von der Wand, an der sie +Halt gesucht. Sie wandte sich um, in einer müden Bewegung. + +Und erschrak -- und erglühte. -- + +Sie starrten einander an. -- Auch er von ihrem Schreck ergriffen. -- -- + +Sie faßten sich ... Mit all ihrer Kraft. + +»Gnädige Frau,« sprach er sehr förmlich, »Ihr Herr Schwiegervater +beauftragt mich, Sie heimzugeleiten.« + +»Danke,« sagte sie mit kaum hörbarer Stimme -- wie eine Zerstreute war +sie, die nicht recht bei ihren Worten ist; »danke -- ja -- Vater --« + +»Er war in großer Angst um Sie.« + +»O -- keine Ursache -- gar keine ...« + +Sie ging auf die Tür zu. Hielt sich am Pfosten. Raffte sich abermals auf +und schritt hinaus. -- Er folgte ihr. -- Draußen waren ein paar Leute -- +sie wichen ehrerbietig zurück. + +Und wie sie so dahinging, mit unsicheren Füßen, schwankend, im +beschmutzten weißen Kleid, an dem kein Schmuck, kein Zierat auffiel -- +das Haar zerzaust -- das Gesicht bleich, von der Erregung mit scharfen +Linien durchzeichnet -- da hätte man sie wohl eher für das Weib des +Verunglückten halten können als für die Herrin dieses Werkes. + +Und die von den Arbeitern, die sie sahen, fühlten es: der Schlag, der +einen von den Ihren hingestreckt, der hatte auch diese junge Frau +mitbetroffen. + +Und deshalb sahen sie sie mit tiefen Blicken an ... + +»Ich darf Ihnen meinen Arm geben,« sprach er. »Sie können ja kaum ...« + +»Eine Minute ...« flüsterte Klara. + +Nein, so nicht vor den Vater treten -- er würde sich entsetzen. -- +Fassung -- Haltung ... + +»Eine Minute,« sagte sie noch einmal. + +Und an seinem Arm ging sie ein paar Schritte in den Knickweg hinein, der +auf die Straße mündete. -- + +Da, zwischen den ragenden Wänden der hohen Büsche, die ineinander +verflochten, vom Gerank des Caprifoliums durchwirkt, auf den Erdwällen +sich hinzogen -- da war Ruhe. -- Die Sommernacht wohnte hier -- und die +schwarzblaue Höhe droben über allem Irdischen tröstete. -- Vom Werk her +kam ein blasser Schein. -- Sie konnten einander deutlich erkennen -- +jeden Zug der Angesichter. + +Sie strich sich über die Augen -- mit schwerer Hand. + +Dann hob sie den Blick zu ihm ... Sie sahen sich an -- lange. + +Und langsam kam das Entsetzen über sie. + +»Nein ...« stammelte das junge Weib -- »nein ... nein!« + +Und sie streckte ihre Hand abwehrend gegen ihn aus ... + +Nicht wissen, was in der eigenen Seele gleich wahnwitzigem Glück, gleich +rasender Verzweiflung aufging. -- Nicht wissen, nicht hören, was die +seine betäubte ... + +Stark daran vorüber! -- + +»Eine Frage,« sprach er leise -- kaum seiner Stimme mächtig -- »eine +Frage! -- Ich gehe von hier -- sobald ich kann -- aber eine Wahrheit muß +ich hören! -- Sagen Sie es mir -- geben Sie mir dies Wissen mit ... +Warum haben Sie ihn geheiratet --« + +Und sie fühlte: er war der einzige Mensch auf der Welt, der diese Frage +an sie stellen durfte -- er der einzige, dem sie Antwort geben mußte. + +Sie faßte sich. + +»Aus Dankbarkeit!« sprach sie klar. »Nicht weil der reiche Mann mir zehn +Jahre lang Unterhalt und Bildung gab. -- Nein. -- Er hat mehr an uns +getan. -- Er hat meine Mutter geliebt -- und vor ihrer Würde seine +Leidenschaft bezwungen -- mein Vater hat sein Vertrauen verraten -- ihn +um Hunderttausende geschädigt -- sich erschossen. -- Und er hat den +Schimpf vom Grabe meines Vaters und die Schande vom Leben meiner Mutter +ferngehalten ... Deshalb bin ich seines Sohnes Frau geworden ...« + +Er hörte -- und über sein bleiches Gesicht ging eine tiefe Bewegung. + +»Edle Frau!« sagten seine Gedanken wieder, »edle Frau --« ein +halbbewußtes Echo der Worte, die ein anderer gesprochen. -- -- + +Nun konnte er gehen -- hinaus in ein einsames Mannesleben voll +Entsagungen. + +Aber er nahm ein reines Bild mit. + +Dennoch -- er war ein Mensch -- ein junger Mann -- und die starke Liebe, +die sein Herz erschütterte, rang um ein wenig Hoffnung ... + +»Ehen lassen sich lösen --« + +Vom Werk her kamen die tausend Stimmen der Arbeit. Sie vermengten sich +zu einem dumpfen Getön -- gedämpft, zuweilen fast sanft. + +Die junge Frau horchte -- hob ein wenig ihr Haupt -- als wolle sie mit +allen Sinnen diesen Klang aufnehmen. War es nicht, als sei es eigentlich +die Stimme des alten Mannes, der sie liebte und ihr vertraute? Redete er +ihr raunend zu: »Verlaß uns nicht mit deinem Herzen! Nicht mich, der +dies Werk schuf, nicht deinen Sohn, der es einmal lenken soll« --? +Zitterte in den brausenden Dämpfen ein Ruf mit, der an ihren Mut erging? +Klang in all dem Krachen und Stoßen und Rasseln, das vereint und +gemildert herüberkam, nicht ein stolzer Rhythmus? Umschmeichelte es sie +nicht wie ein tröstliches Lied? + +Sie erbebte. Und ihre Seele sagte den mahnenden Stimmen: ich höre -- ich +höre ... + +Da sie schwieg, sprach er es noch einmal aus: »Ehen lassen sich +lösen --« + +»Die meine nicht und nie!« sprach Klara. -- Und ihre Fassung wollte +zerbrechen ... + +»Ich wußte, was ich tat. -- Liebe vielleicht kann enden. -- Aber Pflicht +nie -- wenn sie allein der Inhalt einer Ehe war und ist -- und -- immer +sein wird. -- Und ich will eher sterben, als daß ich meinen Vater +verließe und mein Kind ...« + +Sie schluchzte auf ... Sie streckte ihm die Hand hin. -- + +Er begriff, es hieß: Lebewohl! + +Er nahm die Hand und hielt sie lange. + +So standen sie im Helldunkel der Sommernacht. + +Und sie gaben einander durch diesen festen Händedruck den Mut und die +Würde, in Reinheit zu entsagen. + +Dann löste sie ihre Hand aus der seinen -- schonend -- leise. + +Und er ging. -- -- + +Einige Minuten später schritt Klara mit müden Füßen langsam die Straße +dahin, zurück nach dem Hause. + +Der Hauptmann von Likowski begegnete ihr. Er war erstaunt. + +»Da schickt der Herr den Jochen hin,« zitierte er. »Wo ist der Marning, +der Sie suchen soll? Und hier bin ich, der Sie und Marning holen soll. +Der alte Herr is was nervös -- o jeh. -- Na und Sie, Frau Klara ...« + +Er griff zu. Ihm schien denn doch, als sei sie zu unsicher auf den Füßen +und gleiche einer Nachtwandlerin. + +In seiner väterlichen Art legte er einfach ihren Arm in den seinen ... +Sie konnte nur schweigen. -- + +»Wir haben den alten Herrn ins Haus gekriegt -- ich hab' einfach selbst +den Stuhl geschoben. -- Na, wenn er Sie nur erst mit heilen Gliedmaßen +wiedersieht --« + +Ja, da war er dann auch ruhig -- er streichelte Klaras Hand und sah sie +an und fand ihr Gesicht blaß und scharf. -- Aber er schalt nicht. -- Er +dachte sich wohl, was ihr Gemüt erschüttert hatte. -- Auch ihm, dem +Manne, erbebte das Herz, wenn ein Arbeiter erschlagen ward von der +Riesenfaust des Eisens und des Feuers. + +»Mein Kind!« sagte er nur zärtlich, »mein Kind!« + +Und dann fragte er noch: »Wird er leben bleiben?« + +»Sylvester hofft es.« + +»Ist es ein Verheirateter von Severinshof?« + +Klara wußte es nicht. + +Da mischte sich Leupold ein, der mit den Händen am Griff des Fahrstuhls +bereit stand, um seinen Herrn in den Lift zu schieben. + +»Nein. Georg hat gehört, er heißt Judereit und sei ein wilder Kerl --« + +»Möchte er gerettet werden,« sprach der alte Herr leise vor sich hin. + +Aber nun wollte er zur Ruhe. -- Was? Gerade schlug die Uhr auf der +Diele. -- Einen Schlag? Dunkel und volltönig? Halb eins! Wo blieb nur +Wynfried? + +Likowski verabschiedete sich. Und er sagte, er müsse doch zunächst noch +seinen verlorengegangenen Oberleutnant aufgabeln. Und wettete, daß der, +wieder vom Werk hypnotisiert, sich nicht trennen könne. -- + +Wie sehnte die junge Frau sich nach Einsamkeit. + +Und ganz merkwürdig ging es ihr kurz durch die Gedanken -- wie ein +Erstaunen: ich bin ja nie allein. -- Ihr Eigenleben war wie erdrückt und +verdrängt von dem Leben um sie herum ... + +»Gute Nacht, Vater!« + +Sie neigte sich zu ihm und küßte seine Stirn, wie jeden Abend. + +In ihrem Zimmer hatte sie noch nicht begonnen, ihr Haar zu lösen, als +es klopfte -- sie erschrak. -- Warum? Ihr Mann mußte doch endlich +heimkommen. + +»Darf ich dir noch Gute Nacht sagen, Klara?« + +Und er trat ein. + +»Agathe läßt dich vielmals grüßen. Es hat ihr sehr leid getan, daß du +nicht mit kamst. Die Fahrt war herrlich. Nur zuletzt starke Flaute. So +wurde es spät,« sprach er. + +»Wie gut, daß ich hier blieb. Weißt du denn nicht ...?« + +Sie beschäftigte sich vertieft mit einer Schatulle, die auf ihrer +Kommode stand. + +»Fatal. Ja. Wir hörten schon in Travemünde von einem Malheur. -- +Durchbruch -- na ja -- ziemlich aufregende Geschichte. -- Und in diesem +Moment Produktionsverminderung, wo wir gerade mit Direktor Malzan morgen +Lieferungen abzuschließen hofften --« + +Wie merkwürdig -- das Leben mit all seinem tausendfältigen Inhalt ging +weiter -- wie jeden Tag. -- War es denn nicht ein neues und von Grund +aus erschüttertes geworden, seit jenem letzten Blick und Händedruck? + +Wynfried war unruhig -- anders als sonst. Sie begann es zu spüren. Seine +Worte liefen so -- als flöhen sie am liebsten schnell an dem Schrecken +der Dinge vorbei. Wie begreiflich war es ihr! Ein Menschenleben durch +den Dienst auf dem Werk gefährdet. -- Aber wie sonderbar -- er wußte es +doch wohl nicht -- er sprach so unnötig lang und breit von dem Schaden, +den sie hatten -- erwog Zahlen -- ging auf und ab in seinem weißseidenen +Sportkostüm, daran nichts farbig war als der schwarz-weiß-rote Schlips +des Kaiserlichen Jachtklubs. + +»Es ist ein Mann sehr schwer verunglückt,« sagte sie und schloß den +Deckel der Schatulle, darin sie nichts gesucht hatte, »das weißt du wohl +noch nicht.« + +»Doch, doch,« sprach er, »aber es ist zum Glück keiner vom alten Stamm +-- bloß Judereit -- ein Wasserpolack -- kenn' den Kerl zufällig -- war +neulich dabei, als er von Thürauf in Person verdonnert wurde -- war in +wahnsinniger Verliebtheit zu dreist gegen ein Mädel von Severinshof +geworden. -- Der Vater hatte sich beschwert. -- Der Judereit wollt' sie +zum Weib -- sie will aber nicht. -- Ja, die Leute haben auch ihre +Romane.« + +»So leidet er tausendfach,« sprach sie. + +»Na nu -- so schroff?« + +»Verzeih. Ich bin zum Umfallen müde. -- Und es war so aufregend ...« + +»Also denn gute Nacht.« + +Und er küßte ihr die Hand -- sehr ritterlich -- mit Allüren, als sei +hier ein Salon, in dem sich eine feierliche Gesellschaft dränge. -- + +Als die junge Frau sich endlich in ihrem Bett ausstrecken konnte, war es +ihr wie eine Beglückung. + +Allein -- feierliches Dunkel -- kühles Leinen um die erschöpften +Glieder. + +Das tat wohl. + +Und denken können -- denken! ... + +Aber ihre Gedanken zerrannen. -- In eherner Gewißheit stand ihr +Schicksal vor ihr. + +Aber sie fühlte: es war nicht klein! + +Ihr Dasein hingebend, hatte sie große Dankesschuld abtragen dürfen: Der +herrliche Mann, nun ihr Vater, war beglückt -- durch sie, durch seinen +Enkel. + +Dies Bewußtsein gab Halt und Frieden. + +Ihrer Ehe fehlte die Liebe. Aber der Bund war ja nicht aus Liebe +geschlossen. -- Sein Inhalt hieß: sittliche Pflichten, Wahrhaftigkeit +-- Treue -- dieser Inhalt war _unumstößlich_! -- Die Gründe, um +derenwillen sie sich mit Wynfried verbunden, bestanden fort. + +Sie dachte an den anderen Mann. + +Nun wußte sie es. -- Sie hatte ihn immer geliebt. -- Von jenem ersten +Tage an, da sie im Regen und Sturm zusammen übers Wasser fuhren. + +All diese dumpfe Bedrängnis ihres Herzens, all diese geheime Angst -- es +war die Furcht vor dieser Liebe gewesen. + +Einen Augenblick wünschte sie: hätte ich nie begriffen --! + +Aber nein -- nein -- lieber leiden und kämpfen, als auf dies Wissen +verzichten. + +Sie sah ihn wieder vor sich, im Helldunkel der Sommernacht. + +Nur seine Augen hatten gesprochen. + +Und wie ihm seine Ehre und die ihre heilig war! -- Sie fühlte es in +beseligender Erschütterung. + +Ihr Herz war erhoben in Dank und Glück. + +Wie deutlich erlebte ihr Gedächtnis noch einmal das erste Begegnen. + +Da fiel ihr etwas ein. -- Sie drehte das Licht auf. -- Sie glitt aus +ihrem Bette. -- Hinten, tief im Schubfach ihrer Kommode gab es ein +weißes Paketchen -- es umschloß eine blaue Mütze und eine beschriebene +Karte. -- Klara wußte nun, weshalb sie diese kleinen, geringen Dinge +aufgehoben hatte. -- Und weil sie es wußte, durfte sie sie nicht +behalten. + +Sie holte sie hervor -- sie ging an den Kamin und knüllte Papier und die +Wollhäkelei zusammen und warf sie auf den Rost -- ganz hinten an die +Rückwand des Feuerloches. + +Da war auch noch die Karte -- sein Name -- wenige, förmliche Zeilen von +seiner Hand. + +Klara sah lange diesen teuren Namen an -- las ihn -- als enthielten +diese Buchstaben die Geschichte seines Lebens, ihres Lebens und -- ihrer +Liebe. + +Sie hob das Kärtchen -- zauderte ein wenig -- und leise, leise hauchte +sie einen Kuß auf die Schrift. + +Und zerriß das kleine Blatt -- + +Und gleich darauf loderte in der Tiefe des Kamins ein kurzes Feuer auf. + +»Lebewohl!« dachte sie, »lebewohl!« + +Wieder war Dunkelheit um sie. Und sie weinte in ihr Kissen hinein. -- +Weinte um einen ihr Toten, der ihr nicht gelebt hatte; um einen ihr +Verlorenen, der ihr nie gehört. + +Aber dennoch war sie zugleich erfüllt von einem tröstlichen Wissen. + +Auch ein Schmerz, wenn keine Schuld ihn belastet, kann ein Glück sein. + + + + +9 + + +Der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur Führung beigegeben war, +hatte in sehr dringlichen Familienangelegenheiten zu ungewöhnlicher Zeit +kurzen Urlaub erbitten müssen, und nun stand dem Hauptmann von Likowski +als dem Rangältesten die Herrschaft zu über dies Bruchstückchen der +gewaltigen Armee. + +Es war Montag, und von Travemünde aus hatten die Jachten ihre Wettfahrt +nach Warnemünde angetreten. Hafen und Meeresbucht lagen verlassen. Das +rauschende Leben vom Sonntag, wo ein internationales Publikum sich in +Travemünde gedrängt, schien verhallt. Auch Likowski hatte mit einem +Kreis von Bekannten teilgenommen; nach einem am Strande und bei der +Kurmusik verbummelten Nachmittag war auf der Kurhausterrasse ausführlich +soupiert und getrunken worden. Lübecker Rotwein. Famos! Aber zwei Sorten +Sekt -- deutschen und französischen. Vom Übel! Denn das konnte Likowski +merkwürdigerweise nie vertragen. Seine Magennerven wollten: entweder, +oder! + +Erst auf dem Marsch zur Felddienstübung wurde ihm wieder lichtvoller +unterm Schädel. + +Ein Gewitter war gegen Morgen am Himmel entlang gezogen. Aber das kam +noch wieder. »Datt kann nich öber Water,« sagte der Fährmann Sörensen. +Nach Westen nicht über die Nordsee und nach Osten nicht über die +Ostsee. Sörensen stellte es sich so vor, als irre Gewittergewölk +pendelnd über Holstein zwischen zwei Meeren so lange hin und her, bis es +sich irgendwie zur Höhe verkrümelte. Jedenfalls: Kühlung war nicht +eingetreten. + +Schwer troffen Busch und Gräser von Perlen in kristallenem Glanz. Auf +der Landstraße war jede flache Furche ein Kanälchen, jede kleine +Vertiefung eine Lache geworden. Von kräuterigen und moosigen Dünsten war +die feuchte Luft gesättigt, und im gebadeten Wald schien sie unbeweglich +zu stehen. Am blauen Himmel trieben da und dort träge und trächtig dicke +Wolken einher -- weiß und grau. -- + +»Helm ab!« wurde kommandiert, als die Soldaten unter den Wipfeln der +Hohenmeiler Tannen hinstapften. Sie sangen. Munter klang das Marschlied. +-- Nun lag die Felddienstübung schon hinter ihnen. Ehe die ermüdende +Luft von der Mittagsonne durchschwelt wurde, würde man unter Dach und +Fach sein. + +Likowski, in Generalfeldmarschallhaltung, ritt gelassen vorne. Neben ihm +der Oberleutnant, der heute auf dem Heimweg auch beritten war. Denn +Likowski wollte seinen zweiten Gaul, eine Neuerwerbung, gern beobachten. +Es war ein Stichelrappe, und er schien schon durch diese seine +Eigenschaft durchaus unkleidsam für einen Kompaniechef. Bei den +sonstigen vorzüglichen Qualitäten des Pferdes wollte nun Likowski einmal +sehen, wie er wirke, ob es gehe, ob er ihn lieber gleich weiterverkaufen +müsse. + +Leutnant Hornmarck marschierte, den Säbel in der mit braunen +Glacéhandschuhen bekleideten Hand, neben der Kompanie. Mechanisch -- +denn nun, da die Übung vorbei war, kamen seine geheimen Liebessorgen auf +das dringlichste zurück. Und diese entnervende Gewitterluft im +verregneten Wald machte es ihm zur Gewißheit, daß er an seiner +Doppelliebe scheitern und weder Edith noch Finchen erringen werde! Aber +das Drama würde durch höhere Gewalt bald ein Ende finden! Es gab Krieg! +Diesmal sagte es nicht nur der Hauptmann, sondern ganz Deutschland +fürchtete es. -- Er hoffte dann wenigstens das eine, daß beide Mädchen +zusammen um ihn weinen und sich im Andenken an seinen Heldentod +versöhnen würden. -- + +»Ja,« sprach Likowski zu dem neben ihm Reitenden, »selbst der Geheimrat +sagt, es wäre für die Industrie und den Handel zwar furchtbar -- aber +der ewige Druck wär' auch schädigend. -- Und dann besser endlich mal die +Entscheidung. Nun, wir sind bereit! Wie der Kaiser befiehlt und das Volk +will! Ich sage nicht: Siegen oder sterben. Ich sag' nur: Siegen! Merken +Sie wohl, wie mit einem Male das Volk sich wieder näher an uns 'ran +fühlt? Wie es uns interessierter nachsieht? Wie alles vibriert? Man +spürt's an dem Landvolk hier herum. -- Gestern in der Menge war's zu +merken. -- Auf den Dampfern sind die Leute wie toll gewesen. -- +'Deutschland, Deutschland über alles' haben sie gesungen, als die +Schiffe um die 'Hohenzollern' kreisten. -- Ein Jubel zum Kaiser empor! +Er soll ganz erschüttert und blaß gewesen sein.« + +»Es ist wohl kein Zweifel mehr,« gab Marning zu. + +»Daß wir es nun endlich erleben!« sagte der Hauptmann bewegt. »Seit ich +denken kann, hab' ich davon geträumt. -- Meine Mutter hat mir's, ihrem +Jüngsten, eingeimpft: 'Werde ein Held! Deines Vaters, meiner Ahnen +würdig'. -- Mein Vater hatte das Eiserne erster -- starb an den Folgen +seiner Verwundung -- hat aber doch noch nach dem Kriege, trotz Schmerzen +und Beschwerden, zehn Jahr weiter dienen können. -- Dann ging's nicht +mehr, und er siechte langsam hin. -- Meine Mutter hat ihren Vater und +drei ältere Brüder verloren Siebzig -- sie war 'ne ganz junge Frau -- +ihr erster Junge war unterwegs. -- Ja, wir wissen's -- das kostet unser +Blut! Nun, wir sind Soldaten!« + +Und ein ruhiger Stolz verschönte sein Gesicht. + +»Was werden Sie sagen, Likowski, wenn ich nachher mich dienstlich bei +Ihnen melde mit dem Wunsch, daß ich um meine Versetzung einkommen will?« +sprach Stephan langsam. Er hatte Sonnabend und Sonntag hindurch diese +Frage begrübelt. + +Er wußte es wie jedermann es wußte und las: eine ungeheure Spannung lag +über Europa, und die Völker standen Gewehr bei Fuß. In einem solchen +Augenblick werden Versetzungen nicht nachgesucht -- nicht leicht +bewilligt. -- Aber es mußte sein ... + +Likowski war starr. + +»Wa--as ...?« + +»Ja, ich will dringlich um meine Versetzung bitten,« sprach Marning. Er +war sehr entfärbt -- graublaß flog ein Schein über sein bräunliches, +verbranntes Gesicht. + +»Ich versteh' immer: 'Versetzung!'« sprach der Hauptmann, blöd tuend. + +»Bitte, Likowski -- verzeihen Sie mir.« + +»Mensch! Kam'rad! Marning! Freund! Nee -- das is doch Unsinn. -- +Verset -- -- -- Aber nee. -- Wieso denn, warum denn? In dieser Zeit noch +obenein!« + +»Es wird mir schwer, Sie zu verlassen, unsere Kompanie. -- Dies +gesammelte Leben in Dienst und Natur und das gewaltige Werk und den +bedeutenden alten Mann da drüben. -- Verzeihen Sie mir. -- Es muß sein. +Ich will einen sofort anzutretenden Urlaub nachsuchen und würde dann, +wenn inzwischen meine Versetzung genehmigt wird, nicht erst hierher +zurückkommen.« + +Seine Stimme klang gedämpft. Sie war von einer solchen Festigkeit +durchgeistigt, daß der Hauptmann wohl spürte: es war Ernst. Aber so +rasch wollte er sich nicht ergeben. Er hatte seinen Oberleutnant noch +über das Kameradschaftliche hinaus liebgewonnen. + +»Sehn Sie mal, Marning,« begann er, »alles Persönliche muß doch in +solcher Zeit hintanstehen. Bedenken Sie: jeden Tag kann der Befehl zur +Mobilmachung kommen.« + +»Ich glaube nicht, daß es vor dem September was wird. -- Sie meinten es +doch neulich auch, in der Marine heiße es: im Herbst läge es günstiger +für uns. Aber wenn auch -- es ist doch für einen Soldaten gleich, wo und +wann ihn der Ruf trifft -- er hat zu folgen.« + +Der Hauptmann schüttelte den Kopf. + +Diese Dringlichkeit, wegzukommen -- nicht mal die Versetzung abwarten -- +gleich auf und davon in Urlaub. -- Was war denn los? -- Aber er fragte +nicht. Er sprach nur: »Nee hörn Sie mal -- das kann ich nich so gleich +fassen. -- Und dann: Ihr Regiment verlassen! Ihr liebes Regiment -- in +das Sie als junges Küken eingetreten sind. -- Nee Marning --« + +»Das läßt sich vielleicht vermeiden. Ich möchte nur die Garnison +wechseln.« + +»Sie waren so gern hier. Sind erst seit anderthalb Jahren -- knapp! -- +wann war's doch? Mai vor'm Jahr. -- Und nu wieder weg! Auch ohne die +gespannte Lage und die Aussicht, daß es bald losgeht: Sehn Sie mal, hier +mit uns wird sich ja doch bald alles ändern. Die Einheit der Bataillone +soll ja nicht mehr zerrissen sein -- wir sind noch von den wenigen, die +auf zwei Garnisonen verteilt stehen. Da hängen wichtige Änderungen in +der Luft. Entweder kommen die zwei Kompanien aus Dassow zu uns oder wir +werden dorthin verlegt --« + +»Es muß sein!« sprach Marning mit schwerem Ernst. + +Nun schwieg der Hauptmann erst einmal und dachte nach. Es war zu +natürlich, daß er seine Gedanken nach irgend welchen begreiflichen +Gründen umherjagen ließ. Aber er fand nichts. Ein paar Minuten erwog er +wohl: flieht er vor den zärtlichen, werbenden Blicken der molligen +Baronin? Nein, vor so 'ner gurrenden Taube läuft doch ein Mann nicht +weg! Auch fürs Abwinken findet ein zartfühlender Mann noch ritterliche +Formen. Ganz abgesehen noch davon, daß Agathe, wie er manchmal gemerkt +hatte, in der letzten Zeit recht dringlich mit Wynfried Severin +kokettierte -- offener, als es einem verheirateten Mann gegenüber +schicklich schien. + +Er mußte sich also sagen: wenn Stephan Marning einen solchen Entschluß +gefaßt hatte und die Gründe dazu verschwieg, so lag Ernstes vor. + +Vielleicht kamen da Dinge ins Spiel, die nichts mit den hiesigen +Menschen und Verhältnissen zu tun hatten. + +Also -- wenn Marning schwieg, so hieß es für den Kameraden: diskrete +Haltung! Achtung vor seinem Entschluß, der vielleicht ein schwerer war; +keine zudringlichen Fragen. + +»Was es auch ist, das Sie von hier forttreibt oder von anderswoher ruft: +Sie sagen: es _muß_ sein -- da darf ich nur noch schweigen,« sprach er +bekümmert. + +Ihre Pferde schritten mit nickenden Köpfen ruhevoll. Munter klang hinter +ihnen der Marschgesang der Soldaten. Der durchfeuchtete Wald stand +regungslos in der schwülen Luft. + +Stephan rang mit sich. Der kriegerische Mann an seiner Seite war ihm +teuer geworden. Er wußte ja: der litt. Heldenblut kochte ungestüm in +seinen Pulsen. Und er durfte nichts sein als ein stiller Vorbereiter, +ein unermüdlicher Erzieher! -- Sollte er ihm nicht ein andeutendes Wort +sagen -- daß er sich in der Lage befinde, Tapferkeit durch Flucht zu +beweisen -- ja, es gibt auch solche Lagen -- und auch sie fordern +stillen Heldenmut. -- Stephan fühlte: es war unmöglich! Jede, die +fernste Andeutung mußte Likowski die Wahrheit erraten lassen. -- + +Unmöglich. -- + +Mit sachlichen und ruhigen Reden erwogen sie, ob wohl Aussicht sei, daß +das Kabinett jetzt ein derartiges Gesuch genehmige. -- + +Nun zogen die Kompanien auf der Landstraße dahin, die als durchnäßtes +Band zwischen begrasten Rainen und regelmäßig angepflanzten Bäumen +dalag. + +Zuweilen spritzte das Wasser unter den Pferdehufen auf. Und mit einem +Male stockte das munter-gelassene Marschieren der langen Schlange von +Soldaten. -- Vorn das Pferd des Hauptmanns? Hatte eine Versenkung es +verschlungen? Was war geschehen? + +Die Landstraße schien ja stellenweise wie mit Spiegelscherben beworfen +-- so stark gleißten die stechenden Sonnenstrahlen auf den Wasserlachen +und gefüllten Furchen. Und eine von diesen seichten breiten Lachen hatte +unter ihrer blinkenden Fläche ein vertracktes, tiefes Loch verborgen +gehalten. Da trat der Gaul hinein -- es war ein ganz ungeahntes +Niederbrechen, ein Sturz wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Und es +riß den Reiter mit. Über den Kopf des Pferdes weg wurde er geschleudert. +Im Husch des Geschehens hatte er noch seine Füße aus den Steigbügeln +lösen wollen -- nur dem Linken war's gelungen. + +Nun lag er in einer ganz verbogenen, unglückseligen Verschiebung der +Gliedmaßen da. + +Das war in der Zeitdauer von ein paar Herzschlägen geschehen. -- Schon +stürzte alles herzu. -- Stephan schwang sich vom Pferde -- kniete neben +dem Hauptmann -- wollte ihm aufhelfen. -- Hornmarck griff zu -- von der +zweiten Kompanie kamen im Laufschritt die Offiziere -- kräftige Fäuste +brachten das Pferd in die Höhe -- es war unbeschädigt. + +Aber da lag Likowski, und sein frisches Gesicht war weiß, seine Lippen +blau, und als er sich rühren wollte, seinen Körper den helfenden Händen +entgegenbietend, da brach kalter Schweiß aus seinen Poren, und in einer +kurzen Ohnmachtsanwandlung sank er zurück. -- Die singenden Töne in +seinen Ohren verstummten aber rasch wieder -- er wußte, wo er war -- was +mit ihm war. + +»Gebrochen!« stöhnte er. »Verflucht -- schändlich ...« + +Und er biß die Zähne zusammen. + +Ja, da war kein Zweifel. Der Hauptmann hatte einen Bruch des +Unterschenkels davongetragen. + +Mit zornigem Mut ließ er das gleich feststellen. -- Seine Lebensgeister +waren alsbald in vollster Energie wach. Er übersah seine Lage. + +»Und jetzt,« sagte er, »gerade jetzt! --« + +Ein solcher seelischer Jammer bebte in seiner Stimme, daß es die +Kameraden ergriff. Und Hornmarck, der noch eben über seinen eigenen +Heldentod vorweg gerührt gewesen war und schon zwei weinende Mädchen im +Geist untröstlich gesehen, erlaubte sich, zu beschwichtigen: »Ach, es +geht schließlich doch nicht los!« Wofür er vom Hauptmann einen +flammenden Blick des Zornes erhielt. + +»Vorsichtig, Kinder!« mahnte er dann. »Faßt mich klug an -- ich mein': +egal, wie weh es tut -- ich mein': vorsichtig -- daß die Sache nicht +schlimmer wird --« + +Und dann richtete er sich an Marning. + +»Mir ist so: das kann kein komplizierter Bruch sein -- Und wenn's ein +simpler ist -- was? Der heilt schnell?« + +»In vier Wochen,« sagte Hornmarck in nicht umzubringender Naseweisheit, +geradezu mütterlich. + +Stephan fertigte eine Ordonnanz ab, sie sprengte auf dem zweiten Pferde +Likowskis davon. Die Kompanien setzten ihren Marsch fort. Aber sie +sangen nicht mehr. Bald war nur noch eine kleine Gruppe auf der +Landstraße: der Hauptmann, mit einem zusammengelegten Soldatenrock als +Kissen unterm Haupt -- Stephan als Wache und Pfleger -- ein paar +Soldaten, davon der eine in Hemdärmeln. Und die Soldaten schwärmten aus, +um von der Waldgrenze große Zweige zu holen, mit denen sie über dem +Gestürzten ein kleines Kopfdach improvisieren wollten. Denn die Sonne +brannte durch die feuchte Schwüle, und es war gerade, als ob die +schweren Wolken am Himmel vorsichtig vermieden, die grelle Scheibe zu +bedecken. + +»Hier lieg' ich nun, als die Karikatur eines Helden. Die ganze Szene +Karikatur -- sieht 'n bißchen nach Schlachtfeldgrenze aus -- ist bloß +'ne Albernheit!« + +Stephan hatte als Fahnenjunker einmal den linken Schulterknochen +gebrochen, und er wußte: es tut verflucht weh! Auch ein Mann kann da +wohl die Zähne zusammenbeißen. Aber er sah wohl, nach der allerersten +kurzen Anwandlung, die ihn überrascht hatte wie ein Überfall aus dem +Hinterhalt, war bei Likowski die Wut und der Hohn größer als aller +Schmerz. + +»Wissen Sie,« fuhr er aufgeregt fort, »wenn's nun losgeht und ich lieg' +da -- ich schieß' mir -- bei Gott -- ich schieß' mir 'ne Kugel durch 'n +Kopf!« + +»Aber bitte! Lieber Likowski! Wenn es wirklich bald zur Mobilmachung +kommt -- dann folgen Sie uns in einigen Wochen nach --« + +»In einigen Wochen?! In vierzehn Tagen will ich wieder zu Pferde +sitzen. -- Und wenn ihr mich 'raufheben und anschnallen müßt. -- Die +besten Chirurgen her. -- Sylvester von drüben und unser Kommißäskulap -- +das ist mir nich genug -- in Lübeck soll's ja 'n großen Professor geben +-- her mit ihm.« + +»Ich habe der Ordonnanz schon aus eigener Machtvollkommenheit Befehl +gegeben, nach Lübeck zu telephonieren,« sagte Stephan, »beruhigen Sie +sich doch bitte!« + +»Ja, ja, ich will ruhig sein. Das ist vernünftiger! Aber wenn ich nicht +in vierzehn Tagen wieder zu Pferde sitzen kann, erklär' ich alle Ärzte +für Charlatans.« + +Stephan sah wohl: der Schmerz, der bezwungen werden sollte, setzte sich +in Aufregung um. Es hieß beschwichtigen. + +»Man leistet ja heute Fabelhaftes! Ich bin sicher, Sie können in +vierzehn Tagen reiten -- wenn vielleicht auch noch nicht allein +aufsitzen.« + +»Nicht wahr? Man leistet Fabelhaftes! Aber, Marning -- Ihre Versetzung +... Ihr Urlaub ... Sie müssen nun doch die Kompanie führen -- bis ich +selbst wieder so weit bin!« + +»Es versteht sich von selbst,« sprach Stephan mit fester Stimme, »daß +ich keine Schritte tue, bevor Sie wieder dienstfähig sind.« + +Sein Gesicht war verschlossen -- sein Blick in die Ferne gerichtet -- +ernst und fest. + +»Der hat was Schweres -- was Großes,« dachte Likowski, »und macht es +still mit sich ab.« + +Wie schwer wohl! -- Wenn's nicht mal einer treuen Kameradenseele +anvertraut werden durfte ... + +Da er eine unwillkürliche Bewegung gemacht hatte, zerriß ein +aufzuckender Schmerz seine Gedanken. + +»Donnerwetter!« fluchte er. »Wo bleibt denn die Bande?« + +»Es ist einfach unmöglich, daß schon Hilfe hier sein kann.« + +»Und ich wälze mich im Dreck der Landstraße ...« + +Die vier Soldaten versuchten vergebens, mit den belaubten Zweigen, die +sie herbeigeschleppt hatten, einen Baldachin zu bauen. Die Landstraße +war nur obenauf feucht -- ihr festgestampfter Bau nicht erweicht, und +man konnte unmöglich diese schwankenden, schief abgebrochenen Äste in +den Boden stecken. + +Nun versuchten die Leute dem Daliegenden die Fliegen ab- und Kühlung +zuzuwedeln. + +»Nee -- nee, Kinder -- das nu nich -- hier is nich Finale erster Akt +Lohengrin -- setzt euch da hin -- man immer mitten 'rin ins patschnasse +Gras -- vielleicht sind eure Sitzböden wasserdicht. -- So -- nu -- +Donnerwetter ...« + +Die Soldaten grinsten und hockten sich am diesseitigen Rande des +Chausseegrabens nieder. Stephan setzte sich auf den Meilenstein, der +gerade dicht neben der Unglücksstelle stand. So warteten sie. + +Aber Likowski war in dieser Lage nicht der Mann, still zu warten. + +Er riß sich mit der Rechten das Taschentuch herab, das Stephan ihm über +Kopf und Stirn gelegt, zum Schutz vor Sonne und Fliegen. + +Wenn es _doch_ nicht in vierzehn Tagen heilte! Und wenn noch in dieser +Woche -- in der nächsten vielleicht -- die Mobilmachung begänne! Das +machte ihn toll. -- + +»Auf eins bin ich gespannt: wird es eine Männerschlacht oder eine +Maschinenschlacht werden?« sagte er. + +»Ich glaube,« meinte Stephan, »daß man große Überraschungen erleben +wird, und daß im letzten Grunde jeder Krieg eine Männerschlacht sein +muß und wird. -- Die Seele wird irgendwie ihr Recht behalten -- Mut, +Tapferkeit, Besonnenheit. Der #Furor teutonicus# -- ja mein Gott -- ist +ein Krieg denkbar, ohne daß all das aufflammt? Wir stehen vor Rätseln -- +ich will selbst zugeben: vor scheinbar unlöslichen. Und dennoch: im +letzten Ende wird es nicht auf die Maschinen, sondern auf den Mann +ankommen -- auf Disziplin und Opfermut und wahnwitzige Tapferkeit. -- +Und es wird nicht daran fehlen --« + +»Gott segne Sie, Kamerad, für diese Ansicht! -- Es sind auch meine +Gedanken. -- Die geben den zähen Mut zur Arbeit --« + +»Herr Hauptmann!« schrie einer von den Vieren am Grabenrand. Und die +anderen drei schrien aufspringend dazu: »Sie kommen!« + +In der Perspektive der Chaussee raste was heran -- Der Lazarettwagen -- +der »Kommißäskulap« auf Likowskis Stichelrappen. + +»Na gottlob!« sagte der Hauptmann. Und eigentlich erschien ihm dieser +Augenblick schon als Beginn der Heilung. + +In der Tat fingen ja jetzt erst die Schwierigkeiten an. Die +provisorische Einschienung, der Rücktransport -- das kostete Mühe und +Zeit. Likowski bestand darauf, in seiner eigenen Wohnung zu liegen. Da +war die alte Doktorin Lamprecht und klagte emsig treppab und treppauf +und lief unnütz herum und brachte doch Herzlichkeit und Fürsorge mit +sich. Und Likowski war ja an ihre Wieselart gewöhnt und kannte ihr +ergebenes Altfrauengemüt. + +Und dann kam der Professor aus Lübeck und nannte den Bruch bildschön und +geradezu ideal, und Likowski lächelte bloß -- wenn auch recht grimmig -- +zu den unvermeidlichen Schmerzen. Chloroform verbat er sich schroff. +Endlich lag er dann geradezu hübsch anzusehen da -- großartig +eingeschient -- getragen von dem Glauben, daß seine Knochen flink und +glatt wieder zusammenwachsen würden -- frisch, als sei überhaupt gar +nichts passiert. + +Und er neckte die strahlende kleine graue Alte. + +»Nu mal aus Ihrem Mächenherzen keine Mördergrube gemacht, Lamprächtige! +Na -- was? So ganz tief inwendig freuen Sie sich doch, mich hier fest zu +haben. So als Ihr kleines Kind! Aber das sag' ich Ihnen gleich: es wird +'ne kurze Freude. Ich stelze Ihnen, im Notfall -- Sie wissen in was für +einem! -- ganz einfach die Treppen 'runter und weg -- so wie ich da bin! +Das Wasserglas hält wie Eisen.« + +Die Alte lächelte selig verlegen -- und wehrte den schändlichen +Verdacht, als freue sie sich, mit vielen Gesten und Worten ab. + +Stephan sah: er konnte nun gehen. -- Er kam erst gegen zwei Uhr zu +seinem Essen. Seit dem Morgengrauen hatte er nichts genossen. -- Aber +darauf muß ein Soldatenmagen eingerichtet sein. Nervös überhungert? Das +gab's doch nicht! Und dennoch. Er schob, vielleicht aus solcher +Empfindung heraus, den Teller bald von sich -- er saß und starrte auf +das Tischtuch nieder. + +Ja, nun wurde alles anders ... + +Sein Gemüt war schwer. + +Er konnte nicht fortgehen. Wie er es sich und einer heißgeliebten Frau +schuldig war. + +Und sie würde es hören! Sie würde sofort den Grund begreifen und daß +seine Pflicht ihn hier noch hielt. -- Aber er wußte von selbst: sie +hatte das Vertrauen, daß er es doch verstehen werde, sie zu meiden! + +Sie kannten sich ganz genau -- ohne Worte. -- Ihre Seelen sprachen +zueinander -- ein geheimnisvolles Begreifen war zwischen ihnen -- +übertrug sich von einem zum anderen. + +Sie waren füreinander bestimmt gewesen. + +Aber sie war nicht frei! Also fort aus ihren Wegen! + +Dem Schicksal als Mann von Ehre begegnen. + +Und die Frau ehren, die er liebte! + +Sie stand so hoch, daß nicht einmal eine Versuchung sie beunruhigen +durfte. + +Fort aus ihren Wegen! + +Er betete sie an in seinen schmerzlichen, heißen Gedanken, weil sie ihn +fortgewiesen. + +Ihr ängstliches, verzweifeltes »Nein -- nein«, womit sie seinen Blicken +abwehrte, hallte immer in ihm nach. + +Wunderliches Erleben, das aus einem »Nein« mehr Segen und Beglückung +strahlen ließ als aus jedem hingebenden Wort ... + +Sie hatte gesagt, ihre Ehe sei unlöslich. Zwei lange Nächte voll Qual +und Not grübelte er darüber nach. + +Er mußte ihr Recht geben. + +Keine Übereilung, kein Liebeswahn hatte sie in die Ehe hineingelockt. + +Mit klarem Bewußtsein suchte sie in ihrer Ehe kein zärtliches Glück -- +sie gab ihr als Ersatz einen würdigen Inhalt, in sittlichem +Pflichtgefühl. + +Gerade diese Ehe, so geschlossen, mußte unzerbrechlich sein. + +Und nichts durfte der teuren Frau die Erfüllung ihrer Pflicht +erschweren! Seine Liebe durfte ihr keinen Kampf und keine Beunruhigung +bringen. Er konnte sie ihr am größten dadurch beweisen, daß er still +beiseite ging und fern und einsam litt. + +Fort aus ihren Wegen ... + +Er stand auf. Ging nach seiner Wohnung. -- Er merkte unterwegs: es +tropfte -- jene großen, schweren Tropfen begannen herabzuspielen, die +einen prasselnden Gewitterregen einzuleiten pflegen. -- Und da fuhr auch +ein Blitz nieder. -- Der jähe Schein strich ihm förmlich über die Augen. +Ein Schlag polterte nach, und dann stürzte der dicke Regen hinterdrein, +daß die Luft wie von Kristallperlen durchsät war. Und nach fünf Minuten +war auch das vorbei. -- Wie ein ganz merkwürdiges, kurzes Aufpochen all +der droben auf der Lauer liegenden Gewalten war das gewesen ... + +In Stephans Zimmer brütete stumpfe Hitze. Voß hatte die Fenster +geschlossen gehalten. Luft! -- Fenster aufgestoßen! -- Die Litewka her. +-- Eine halbe Stunde Ruhe. -- Um vier wieder Dienst. -- + +Voß meldete: da liege ein Brief. + +Stephan hatte ihn nicht bemerkt zwischen all den Büchern und Papieren +auf dem Schreibtisch. Seine Gedanken waren nicht, wie die jener +Menschen, die große Korrespondenz haben, zuerst auf den Posteingang +gerichtet, wenn er heimkam. + +Voß sagte: Georg, des Herrn Hauptmanns früherer Bursche, habe ihn +gebracht. + +Stephan sah schon -- das waren die Schriftzüge des Geheimrats. + +Sofort überfiel ihn Unruhe. Die bloße Ankunft eines Briefes von drüben +bewies ja, daß die Fäden sich schwer zerreißen ließen -- ja, daß sie gar +nicht zerrissen werden konnten, ohne daß Aufsehen entstehe. + +Er besah die Aufschrift. Schon in diesen großen, steilen Buchstaben +spürte man die Herrscherhand, die sie hingesetzt: + +»Stephan Freiherrn von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment +Großherzog Paul.« + +Und als er las, wuchs seine Unruhe. + +»Lieber Marning! Ich möchte mit Ihnen sprechen. Für Sie vielleicht +Wichtiges. Besuchen Sie mich heute gegen Abend. Wenn Sie zum Essen +bleiben können, freut es uns. Welcher Plural aber nicht meinen Sohn +miteinschließt. Er ist verreist. Telephonieren Sie, ob ich Sie erwarten +darf. Freundschaftlich der Ihre Severin Lohmann.« + +Es war ihm sogleich klar, daß er dieser geforderten Unterredung nicht +aus dem Wege gehen könne. Und ebenso gewiß wußte er, daß es ihm +unmöglich sein werde, mit diesen beiden Menschen im engsten Kreis +traulich zusammen am Abendtisch zu sitzen. Sich bezwingen in Blick und +Wort, steif, fremd tun -- vor den durchdringenden Augen dieses Mannes! +Das holde, sanfte Glück genießen, die geliebte Frau in ihrer +töchterlichen Fürsorge um den Vater zu sehen. -- Ihr Wesen war heiterer, +offener, bezaubernder, wenn ihr Gatte nicht neben ihr stand -- wenn all +ihr Dasein nur dem hilfsbedürftigen alten Mann zu dienen schien. -- Und +sie! Würde sie das ertragen, ihm noch an ihrem Tische zu begegnen? -- +Nein! + +Er ging hastig auf und ab und dachte nach. -- Sein Dienst -- der +verunglückte Kamerad -- dieser Ruf nach drüben ... + +Voß wartete und stand in seinem weißgrauen Leinenanzug stramm. + +Er war kein Genie im Telephonieren. Er hatte schon die fabelhaftesten +Bestellungen und Auskünfte in die Welt hinausgesprochen. + +Wie nun sein Oberleutnant stillstand und ihn ansah, verhedderten sich +seine Gedanken schon vorweg, und er ahnte Trübes. + +Aber in der Tat sah Stephan ihn gar nicht -- er hatte diesen vertieften +Blick, der in die Dinge sich hineinzubohren scheint, während er sie gar +nicht bemerkt. + +Plötzlich wußte er, wie er alles einrichten konnte. Mit rascher Hand +ließ er den Bleistift über einen Zettel gleiten, und um jedem Irrtum +vorzubeugen, mußte Voß den Inhalt laut vorlesen. Er tat es mit seiner +nasalen, breiten, niedersächsischen Aussprache. Es berührte Stephan +eigen, daß unfreiwillig humoristisch laut durchs Zimmer klang, was für +ihn voll geheimer Aufregungen war. + +»Leupold ans Telephon fordern. Bestellen: Oberleutnant von Marning lasse +vielmals danken. Er werde sich erlauben, um sechs zu kommen. Zum +Abendessen könne er nicht bleiben. Es sei dem Herrn Hauptmann ein Unfall +zugestoßen und der Oberleutnant wolle den Abend bei ihm verbringen.« + +Voß machte kehrt und marschierte zur Tür, als schwenke er in Reih und +Glied im Zuge ab. + +Lange noch stand Stephan in schwerem Nachdenken. Aber er war doch voll +Ruhe. + +Er wußte es: sie würde es verstehen, ihn nicht zu treffen, wenn er ihr +Haus betrat. + +Jede Begegnung wäre quälender Schmerz und eine Verhöhnung des Abschieds, +den sie in schweigendem Verstehen voneinander genommen. -- + +Und dann mit einem Male kam die Frage: Was will der alte Herr mit mir? +Wichtiges? Die Unsicherheit regte ihn doch auf. + + * * * * * + +Um dieselbe Zeit etwa, als der Hauptmann an sich erfuhr, daß auch der +beste Reiter stürzen kann, besuchte Klara ihren Schwiegervater. Er saß +bei offenen Fenstern im Erker, und um seinen mächtigen Ledersessel herum +waren die mechanischen Tische mit Schriftstücken bedeckt. Gerade ging +Lebus, der Sekretär, mit den Stenogrammen, um sie auszuarbeiten. Ehe er +noch die Tür erreichte, rief ihm der Geheimrat nach: »Und Georg soll +sofort meinen Brief hinübertragen. -- Ach -- Klara! Mein Kind -- Ich +hab' schon gewartet, wo du bleibst!« + +Sie küßte ihm die Stirn. + +»Guten Morgen, Vater -- ich wagte nicht, zu stören. Du weißt, jetzt geht +der Verunglückte sogar dir vor. Als ich von Severinshof zurückkam, +hattest du schon den Generaldirektor bei dir. Ich hörte eure Stimmen, +als ich eintreten wollte. Und dann weiß ich ja -- halb elf kommt Lebus.« + +»Ja. Thürauf kam sofort aus dem Auto zu mir herauf. Hatte den Nachtzug +von Rotterdam nach Hamburg benutzt, wo ja gleich Anschluß ist. Kannst +dir denken, wie bekümmert und ärgerlich er war! Durchbruch! +Produktionsstörung! Ein Mann verunglückt! Wie geht es ihm denn?« + +»Sylvester hat heute mehr Hoffnung als gestern. Die Nacht war gut. Und +ich bin bei dem Mädchen gewesen, das der Mann liebt. Ich habe mit ihr +gesprochen. Sie war verlegen und mitleidig. Sie will ihn besuchen und +ihm verzeihen.« + +Der Geheimrat lächelte. + +»Du bringst sie noch zusammen.« + +»O nein,« sagte Klara, »nein -- wie sollte ich das wagen. -- Wenn sie +ihn nicht liebt ...« + +Er hörte die heftige Abwehr in ihren Worten. Sie fühlte selbst: sie +hatte es zu leidenschaftlich gesagt. + +Eine kurze Stille, schwer von Inhalt, legte sich über beide. Klara +wollte diese Befangenheit zerstören. + +»Ich denke,« sagte sie, »man wollte Thürauf nichts von dem Vorfall +depeschieren? Es hätte ja auch keinen Zweck gehabt. Aber er kam sofort +zu dir herauf? Das sieht doch aus, als wußte er schon? ... Ach -- vom +Chauffeur ...« + +»Nicht der Chauffeur. -- Denk dir -- von Wynfried!« + +»Von Wynfried?« wiederholte sie in großem Erstaunen, »der ist doch heute +früh mit der 'Klara' nach Warnemünde gesegelt -- begleitet als Outsider +die Wettfahrt -- wollte doch an Bord übernachten?« + +Er hatte sich den Sonnabend, trotz des schweren Vorfalls auf dem Werk, +in einer so fröhlichen Stimmung gezeigt, wie weder sein Vater noch seine +Frau ihn je gesehen. Am späteren Nachmittag war er mit dem Motorboot +nach Travemünde gefahren, wo ja zurzeit auch die »Klara« lag. Er wollte +den Bierabend des Jachtklubs mitmachen, der unter dem Vorsitz des +Kaisers stattfand. Vater und Frau fanden es selbstverständlich. Am +Sonntag vormittag, so war der Plan, sollte die »Klara« dann die +Wettfahrt in der Lübecker Bucht begleiten, später dachte Wynfried am +Klubessen im Kurhause teilzunehmen und am Montag früh mit nach +Warnemünde zu kreuzen. Es erschien als das bequemste, von Sonnabend an +Wohnung an Bord zu nehmen, um so mehr, als nun Klara an den Vergnügungen +des Sonntags nicht teilnehmen wollte. Auf Wynfrieds Wunsch war sie dazu +entschlossen gewesen; er hatte sich sogar vor einigen Tagen das Kleid +zeigen lassen, in welchem sie bei dem Festdiner erscheinen sollte. Ihr +Hang zur Einfachheit war ihm immer beunruhigend. + +Aber nun konnte sie nicht. -- Alles in ihr wehrte sich gegen Fest und +Lärm und Frohsinn. -- Würden nicht die Augen des Verunglückten ihr immer +zusehen? Diese Augen voll Qual? + +Und die Erschütterungen, die durch ihr geheimstes Seelenleben +gegangen? -- + +»Verzeih,« bat sie, »daß ich dich nicht begleite. Wenn du den armen +Judereit in seinem ersten grauenvollen Schmerz gesehen hättest, möchtest +du auch nicht. Und ich habe ihm versprochen, ihn dreimal am Tage zu +besuchen.« + +»Du bist sentimental,« antwortete Wynfried scherzend, »das hätt' ich +nicht vermutet. -- Aber wie wird es nun? Ich hatte deine Freundin Agathe +nebst Duenna eingeladen, uns Sonntag vormittag zu begleiten?« + +»Aber Agathe soll sich doch durch mein Fernbleiben nicht stören lassen. +-- Und Fräulein von Gerwald ist doch dabei --« + +»Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. -- Das ist ihre Mission, ihr Beruf, +ihr Schicksal,« lachte Wynfried. + +Wie dankbar war Klara, daß er keine Verstimmung zeigte. Und sie rühmte +sein liebenswürdiges Wesen vor seinem Vater. + +So nahm er für mehrere Tage Abschied und stellte es als wahrscheinlich +hin, daß er von Warnemünde aus noch nach Rügen oder vielleicht nach den +dänischen Inseln hinübersegeln werde. + +Und nun hatte der Generaldirektor ihn in Lübeck getroffen, auf dem +Bahnsteig der Hamburger Züge. Der Vater erzählte, was Thürauf berichtet: +Wynfried habe vorgezogen, im Hotel zu übernachten, und nach einer etwas +allzu späten Sitzung mit Klubfreunden dann die Zeit verschlafen. Das +Gewitter sei dazugekommen -- er habe den schweren Seegang gefürchtet, +etwas verkatert wie er sei, und die »Klara« allein lossegeln lassen, um +sie nun in Warnemünde wieder zu treffen, wohin er mit der Bahn fahre. + +Klara lächelte und meinte: das wirke nicht sehr sportmäßig ... + +Der Geheimrat lächelte nicht. Er hatte in Thüraufs kühlen, klugen Augen +einen besonderen Ausdruck gesehen. Eine ferne, leise Unruhe wollte +aufsteigen: war es vielleicht dem Generaldirektor aus irgend einem +Grunde zweifelhaft, daß Wynfried auch wirklich nach Warnemünde fuhr? Es +gibt so lächerlich kleine Umstände und Zufälle, die verräterisch sind. +Ein Billett, das aus der Hand fällt -- der Fahrplan, der aussagt, daß um +diese Zeit gar kein Zug nach dem angegebenen Ziel fährt ... Aber nein. +-- Was für törichte Mißtrauensgedanken. -- Wozu brauchte Wynfried +Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen, wann und wohin er wollte. -- +Keine Tyrannei, keine Fragen belästigten ihn. + +Und er bat in seinen beschämten Gedanken dem Sohn ab, daß er immer noch +nicht felsenfest im Glauben an ihn sei. + +»Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen,« sagte der Geheimrat +nun. Und auf Klaras fragenden Blick fügte er hinzu: »Ja -- Marning.« + +Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet sein müssen -- +war es auch, denn sie wußte ja, daß er seinen Posten nicht sofort +verlassen könne. Da waren Formalitäten zu erfüllen -- ein Offizier ist +kein freier Mann. Sie wußte auch sofort, wie sie ihm ausweichen könne. + +Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal zu sehen. + +An das feierliche Lebewohl durfte sich nicht das Nachspiel alltäglicher +Begegnungen voll Heuchelei hängen. + +Sie sprach, ein wenig stockend: »Und ich wollte dich gerade um +Entschuldigung bitten -- ich war so lange nicht bei Agathe -- ich wollte +sie heute am späteren Nachmittag besuchen -- wenn sie mich dann zum +Abendbrot --« + +»Aber Kind! Warum so verlegen, weil du mal einen kleinen eigenen Plan +hast! Wenn dich die Gewitterluft nicht stört -- ich fürchte, es gibt +noch was -- wie sticht die Sonne! -- Im Grunde ist es vielleicht ganz +gut, daß ich Marning allein habe. -- Möchte viel mit ihm reden reden -- +Wichtiges.« + +»Du?!« fragte sie. »Du -- mit ihm?« + +Sie saß ganz befangen und verwirrt auf ihrem Stuhl da -- die Hände um +ihr Knie gefaltet, vorgebeugt -- und dachte immer: »Es ist doch schwer. +-- Das muß ich lernen --« + +Gleichgültig von ihm sprechen. -- + +»Ja, mein Kind, was wirst du sagen: ich will ihn auffordern, ganz zu uns +zu kommen!« + +Sie fuhr in die Höhe -- stand leichenblaß da -- ein Laut brach von ihren +Lippen -- fast ein leiser Schrei. + +Das kam zu jäh -- darauf hatte sich ihr Herz nicht rüsten, sich nicht +vorweg mit Haltung umpanzern können. + +Und der alte Mann sah sie an -- in einem tiefen Erstaunen, das in eine +langsam heraufdämmernde Angst überging. + +Was war das? ... + +Und nun sagte die junge Frau mit fliegendem Atem und befehlend -- ja +befehlend: »Das wirst du nicht tun!« + +Sie, die Bescheidene, stand da wie eine Herrscherin. + +Und was flammte denn in ihren Augen? + +Der Alte fühlte sein Herz klopfen. Aber er vermochte doch mit leidlicher +Ruhe zu fragen: »Und warum nicht?« + +Sie antwortete nicht gleich. Sie konnte sich nicht in seine Arme werfen +und sagen: »Weil ich ihn liebe -- weil ich es nicht ertragen könnte, ihn +immer, immer sehen zu müssen ...« + +Sie ging mit hastigen Schritten im Zimmer hin und her. + +Plötzlich dachte sie: »Meine Mutter hat das gleiche getragen!« + +Wie ein Segen kam der Gedanke über sie. + +Es gelang ihr, sich zu fassen. Sie fühlte: mit der Schwere der Prüfung +mußte und würde ihre Tapferkeit wachsen. + +Sie begriff, nun hieß es: lügen! + +Hatte sie sich nicht schon verraten? Die Wahrheit nur zu ahnen, würde +schon eine zu schwere Last für das Gemüt des alten Mannes werden -- +nein, die konnte und sollte er nicht tragen. + +Sie auf ihn wälzen, hieße: ihre Tat des Dankes auslöschen -- -- + +Woher eine Lüge nehmen? + +Lügen müssen glaubhaft sein -- sonst sind sie noch schlimmer als harte +Wahrheiten. + +»Wenn ich sagte: Wynfried wird eifersüchtig werden, daß man einen +solchen Mann zu seinem Mitarbeiter ausbilden will?« + +Vielleicht war es nicht einmal eine Lüge. Klara kannte ja ihren Gatten +gar nicht. Sie kannte einen schönen, immer verbindlichen, +liebenswürdig-freundlichen Mann von angenehmsten Formen und vornehmen +Lebensgewohnheiten, der in den ersten Monaten ihrer Ehe auch in +zärtlichen Aufwallungen sich als Liebender gebärdet hatte. An dem +urteilsfähige Beobachter eine starke und raschbewegliche kaufmännische +Begabung festgestellt hatten. + +Von dem, was an Möglichkeiten im Grunde seines Wesens schlummerte, wußte +sie nichts. -- + +So blitzschnell das alles durch sie hinging -- sie fühlte doch: dies +große, forschende Auge ruhte wartend auf ihr. Und sie sagte, was ihr +eingefallen war. + +»Weil Wynfried eifersüchtig werden könnte, wenn du einen anderen +heranziehst, der sich möglicherweise zu einem Rivalen heraufarbeiten +kann.« + +»Keine Sorge,« sprach der Geheimrat, »ich habe Wynfried von meinem +Einfall gesagt -- er ist mir nicht von gestern auf heut gekommen. -- Und +Wynfried ist sehr einverstanden. Der ist froh über jeden Mitarbeiter, +der ihn entlastet. -- Und wenn Marning nach ein paar Jahren sich so +eingearbeitet hätte, daß man ihn an eine leitende Stelle setzen kann, +wäre niemand zufriedener als Wynfried. Ich muß es einmal aussprechen: +sein Interesse am Werk ist das des Sportmannes. -- Es ist nicht diese +umspannende, ideale Empfindung, die das Volkswirtschaftliche, +Wissenschaftliche, das Kulturelle in unserer Tätigkeit fast noch über +den Gewinn stellt ... In Marning habe ich ein merkwürdiges Verständnis, +ja eine Begabung für all dies erkannt. Denke doch auch, welche +Aussichten für ihn, der so arm ist ...« + +Sie fühlte, daß die großen Augen eine besondere Wachsamkeit behielten -- +fühlte sich belauert. Und nahm sich noch fester in die Hand. + +»Nun -- dann!« sagte sie. Und sie dachte: »Wie dürfte ich ihm zerstören, +was ihn in freiere, größere Verhältnisse bringen kann?« + +Mochte er entscheiden nach seinem Willen und Wunsch! + +»Wir werden stark bleiben,« dachte sie. Und es war wie ein Schwur! + +Aber die forschenden Augen mußten ja getäuscht werden. + +»Wie du immerfort voraussorgst, Vater,« sagte sie. »Manchmal denk' ich, +du bist wie ein Forstmann, der die Setzlinge pflanzt, die erst späteren +Generationen als große Bäume Schatten geben können. Wenn wir alle mal +nicht mehr sind, wird dein Enkel als Greis noch sagen: das hat mein +Großvater begonnen.« + +»Ich weiß nicht, Klara. Vielleicht ist alles Vorausdenken +Kurzsichtigkeit -- vielleicht sind wir bei unserer Arbeit von Schranken +umgeben, die wir nicht einmal ahnen, weil uns noch die Möglichkeit +fehlt, sie zu erkennen. Dein Sohn vielleicht wird sie spüren und +zersprengen. Wer will denn heute sagen, unter welchen Bedingungen mein +Enkel einmal das Eisen aus den Erzen schmilzt! Vielleicht wirft die +Wissenschaft uns bald unsere braven Winderhitzer um und macht die +Gebläsemaschinen unnötig, mit denen wir den Koks im Hochofen die heiße +Luft zublasen, damit sie rascher brennen. Wir wissen ja schon, daß wir +dabei als Ballast all den Stickstoff in der Luft mitschleppen. +Vielleicht glückt es schon bald, daß wir reinen Sauerstoff verwenden +können. Versuche sind schon im Gange. Sie haben ergeben, daß die +Leistungsfähigkeit der Hochöfen, bei geringerem Koksverbrauch, erheblich +gesteigert würde. Und der abfallende Stickstoff ließe sich dann wieder +zu Salpetersäure und Kalkstickstoff für landwirtschaftliche Zwecke +verwerten.« + +Er seufzte. + +»Sieh mein Kind,« schloß er melancholisch, »wenn ich an all diese +Entwicklungen denke ... Schwer ist es, sich zu sagen: du mußt davon. -- +Man möchte wissen, wie es weiter wird, welche Wunder noch zu +Selbstverständlichkeiten werden. In dieser Begierde, zu wissen, die +vielleicht jedem Menschen eingeboren ist, der etwas Phantasie hat, liegt +das Geheimnis des Erfolgs von Büchern, die uns die Zukunft vormalen. Man +scheint beim Lesen in ihr mitzuleben. Merkwürdig schwer, sich +vorzustellen: ich bin einmal nicht mehr dabei. -- Es muß doch wohl so +ein Stück Unsterblichkeitsrecht in uns stecken.« + +Nun dachte Klara: er ist abgelenkt -- er sucht nicht mehr, weshalb ich +so erschrak ... + +Er aber dachte: Noch schwerer wäre es, fort zu müssen, wenn +Zerstörungen drohen. -- Weshalb entsetzte sie sich so? Was will da an +mein Haus herankommen? ... + +Bald nach drei Uhr, als eben rasch verprasselnder Gewitterregen mit +einem Blitz und Donnerkrach vorbeigezogen war, kam Leupold mit einer +Bestellung. Marnings Bursche hatte diesmal genau telephoniert. + +Klara hörte mit ruhigem Gesicht und sprach: »Also kein Gast zum Abend. +-- Sagen Sie meinem Schwiegervater, daß ich nur einen kurzen Besuch auf +Lammen machen würde und ihm beim Abendessen jedenfalls Gesellschaft +leistete. -- Ach -- ja -- und: fragen Sie doch nachher einmal bei Frau +Doktor Lamprecht an, was für ein Unfall denn das ist, den Herr von +Likowski hatte ...« + +Der Himmel verdüsterte sich und ward hell -- dies launische Wetterleben +da oben verhieß nichts Gutes. Der besorgte alte Herr ließ durch Leupold +noch besonders darauf aufmerksam machen. Aber Klara blieb eigensinnig +dabei: sie habe es sich nun einmal vorgenommen. + +Sie wollte nicht im Hause sein, wenn Stephan es betrat -- gerade heute +nicht. -- Eine zufällige Begegnung war möglich, ein Ruf des alten Herrn +konnte sie herbeizwingen. Und heute, wo eine so große Frage an ihn +herankam, sollte kein Blick von ihr, kein Beben ihrer Stimme zu einem +Einfluß werden. -- + +Halb sechs fingen die Wolken an, ihren Inhalt herabzuschütten. Und als +der alte Herr trotzdem unter seinem Fenster den hellen Warnruf des +Gabrielshorns hörte, hinter dem drein gleich die Hupe ihren dunkeln Laut +ertönen ließ, da wußte er: Klara fuhr davon! + +Seine Stirn runzelte sich. Er dachte wieder an den angstvoll +ausgestoßenen Befehl -- sah wieder ihren Schreck und das, was aus ihren +Augen flammte. + +Und er fragte sich kaum noch -- er _fühlte_: sie flieht vor diesem +Mann! + +Sein Ausdruck wurde gramvoll. -- + +Und Klara fuhr im Regen. Er sprühte herein und sprengte Tropfen auf ihr +hellgraues Kleid. Sie beachtete es nicht. Sie hätte die schwüle Luft in +geschlossener Karosserie nicht ertragen. + +Zum erstenmal empfand sie die Schnelligkeit des Fahrens als Wohltat für +die Nerven. + +Über die Hochbrücke glitt mit dumpfen Schüttern das Auto. Blitzschnell +huschte das Bild des Flusses am Auge vorbei, und eine Sekunde haftete +das blaugraue Band, auf dem eine Schlange dahinkroch, deren Kopf +rauchte: ein Schleppdampfer mit mehreren langen, bedeckten Lastkähnen +hinter sich drein; und der Regen, der sich darauf herniederstürzte. + +Die Landschaft flog vorüber. Und diese Flucht der Dinge nötigte der +Seele Ruhe auf. -- + +Klaras Auto bog von der Landstraße ab und in die noch junge Allee +hinein, die zwischen jetzt tropfenden Ebereschen bis an das Portal von +Lammen führte. + +Aber als man vor diesem stattlichen Portal hielt, öffnete es sich nicht. +Niemand eilte dienstbeflissen herzu. Klara saß und wartete, ihr +Chauffeur ließ die Hupe wiederholt rufen. + +Endlich zeigte sich im Fenster einer der sonst Blausilbernen in +gestreifter Leinenjacke. Als er erkannte, wer im Auto saß, kam er +herausgerannt. + +Frau Baronin würden gewiß sehr bedauern. Die Damen seien heute vormittag +abgereist. + +Klara sagte: »Abgereist?« + +Das klang fragend und erstaunt -- während sie nur dachte: nun komme ich +zu früh zurück. + +Der Diener meinte, nähere Auskunft geben zu müssen. Förmlich +vertröstend setzte er hinzu: »Wahrscheinlich nur auf einige Tage. Ich +habe nicht genau verstanden, ob nach Hamburg oder nach Hannover.« + +»Nun, ich spreche ein andermal wieder vor.« + +Sie hatte sich entschlossen: sie wollte noch nach Pankow. Das dicke +Ehepaar würde sich vielleicht wundern. -- Gleichgültig. -- Und so +brauste denn das Auto weiter ins Land hinaus, vom Regen begossen, mit +dem kleinen Schweif von Rauch hinter sich. -- -- + +In seinem Riesensessel thronend erwartete unterdessen der alte Herr +seinen Besuch. Nicht mit dem freien, wohlwollenden Gefühl des +väterlichen Freundes, der einem ihm sympathischen und von ihm +hochgeachteten jungen Mann eine Lebenswendung zum Unabhängigen anbieten +will. In dieser Stimmung hatte er ihn herberufen. Sie war zerstört. +Unruhe und Wachsamkeit war an ihre Stelle getreten. Voller Spannung, von +nervöser Ungeduld durchzittert fragte er sich: »Wird Marning ebenso +erschrecken wie Klara?« + +Und wenn das geschah, dann mußte er die Gründe erfahren -- er mußte! + +Das Herrische in ihm verband sich mit der heißen Liebe zu seiner +Tochter. + +Er ertrug keine Unklarheiten vor ihrem Bilde. -- + +Mit der Pünktlichkeit, die der Geheimrat erwartet hatte, wurde ihm der +Freiherr von Marning gemeldet. + +»Wie farblos und wie ernst er aussieht,« dachte er. + +Aber da war ja erst allerlei anderes zu besprechen; der Geheimrat wußte +schon: Likowski hatte den linken Unterschenkel gebrochen. Und er sprach +lebhaft davon, wie dem Manne zumute sein müsse, in einem Augenblick so +jämmerlich als Opfer eines schikanösen Unfalls festgebunden zu liegen, +wo die Kriegsstimmung durch Deutschland fieberte. + +Und zwischendurch sah er unruhig nach dem Fenster, denn der Regen nahm +den heftigsten Charakter an und strich schräg und dicht hernieder. Und +er sagte, daß es seiner Tochter beigekommen sei, in diesem Wetter +auszufahren. + +Ihm entging nicht das Aufblitzen in dem Auge des jungen Mannes. + +Stephan dachte: ich habe es gewußt! + +Und dann erlaubte er sich, daran zu erinnern, daß er in wichtiger Sache +hergerufen sei. + +Der alte Herr legte seine Hände auf die breiten Armlehnen und richtete +seinen Kopf gerade auf. Wenn er in dieser Herrscherhaltung zu den tiefer +vor ihm Sitzenden herab sprach und sah, hatte er immer etwas von einem +Richter und Regenten, dessen Willen schwer zu entrinnen sei. + +Auch Stephan wurde von dem Gefühl bedrückt, daß jetzt ein Reiferer und +Größerer ihn gleichsam in die Hand nehmen wolle -- um mit ihm nach +Befund und Gefallen zu verfahren. + +Und daß diese Augen bis auf den Grund seines Herzens sehen würden ... + +»Ich meine, lieber Marning, es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß ich +herzlich Teil an Ihnen nehme.« + +Stephan verneigte sich im Sitzen. + +»Es ist mir nicht entgangen, Herr Geheimrat,« sprach er. »Schon bei den +gelegentlichen Begegnungen im Hause meiner Verwandten fühlte ich mich +durch die Aufmerksamkeit geehrt, die Sie mir schenkten. Und die gütige +Aufnahme, die ich hier gefunden habe, empfinde ich mit Stolz und Dank.« + +»Wollen Sie mir gestatten, als väterlicher Freund allerlei Fragen an Sie +zu richten?« + +»Wem sollte ich lieber dies Recht einräumen? Ich werde mit Wahrheiten +antworten.« + +»Sie sind mit Ihrem Beruf zufrieden?« + +»Vollkommen, Herr Geheimrat.« + +»Wir, mein Mitarbeiter und Freund Thürauf und ich, glauben beobachtet zu +haben, daß Sie auch für eine Tätigkeit, wie die unsere ist, ein +Verständnis haben, aus dem man auf Berufung schließen kann. Denn ein +gewisser Grad von Verständnis und Interesse läßt mit Sicherheit auf +Begabung schließen -- nicht nur von den Künsten, sondern auch von +wissenschaftlichen und praktischen Berufen darf man das behaupten. Was +meinen Sie?« + +»Gewiß, Herr Geheimrat,« sprach Stephan offen, »ich fühle mich auf das +stärkste, ja leidenschaftlich zu all den wunderbar großen Dingen +hingezogen, wie ich sie auf 'Severin Lohmann' kennen lernen durfte. Wie +sich da Wissenschaft, Wagemut, praktischer Erfindungsgeist vereinen, um +die Elemente in den Dienst der Kultur zu zwingen, das ist herrlich. Und +all die volkswirtschaftlichen Bedingtheiten eines solchen Werkes regen +mich unablässig zum Nachdenken an. Man fühlt immerfort: alles ist +lebendige Kraft. Und wie ungeheuer die Verantwortung, die Summe all +dieser Kraft stets in rechter Balance der Bewegung zu erhalten!« + +»Sie hätten keine Lust, trotz dieser starken Teilnahme von der Armee zur +Industrie überzugehen?« + +»Wenn ich in meinen Knabentagen, in der Zeit, wo man anfängt, über den +Beruf nachzudenken, Gelegenheit gehabt hätte, in diese Welt des Feuers +und Eisens hineinzusehen, so würde ich vielleicht meine Eltern gebeten +haben: laßt mich Hüttenchemie studieren.« + +Er setzte mit einem Lächeln voll Ergebenheit und Verzicht hinzu: »Aber +ich bin im Kadettenhaus auferzogen, weil es das Billigste war; ich habe +gar keine Gelegenheit gehabt, nachzudenken über Berufswahl, weil ich nie +was anderes gewußt habe, als: Offizier werden. Und meine Eltern hätten +mich auch gar nicht studieren lassen können.« + +»Und jetzt?« + +»Jetzt würde es auch schwer sein, den Rock auszuziehen, den ich liebe! +Wenn es denn endlich losgeht, möchte ich nicht zu Hause bleiben.« + +»Beides läßt sich verbinden. Sie brauchten keineswegs zur Landwehr +überzutreten, sondern könnten, wenn Sie alljährlich eine längere Übung +machen, als Reserveoffizier Ihrem Regiment im Frieden wie im Kriege +angehörig bleiben.« + +»Das weiß ich wohl, Herr Geheimrat. Aber ich weiß auch, daß die großen +Unternehmer schwerlich ihre unteren Angestellten alljährlich so lange +beurlauben. Und ich könnte doch vorderhand nur immer ein untergeordneter +Angestellter werden, ohne Vorbildung wie ich bin -- wenn ich mir's auch +zutraue, in die Aufgaben hineinzuwachsen.« + +Der Geheimrat sah ihn nachdenklich an und erwog: wie gehe ich weiter? +Denn er spürte, daß Marning gar nicht daran dachte, es handle sich um +»Severin Lohmann«. + +»Nun,« sprach er, »die Unternehmer denken verschieden. Und warum nicht +gleich mit der nötigen Vorbildung hineinkommen? Ein Jahr auf der +Hochschule in Charlottenburg Hüttenchemie studieren -- sich dann noch +ein halbes Jahr praktisch umtun -- das wäre schon Vorbildung, die Sie +natürlich nicht sofort für eine direktoriale Stellung reif machte, aber +doch, bei Ihrer Intelligenz und Ihrem Pflichtgefühl, Ihrem Ehrgeiz, Sie +von vornherein in die obere Laufbahn brächte.« + +»Herr Geheimrat,« sagte Stephan mit ernstem, entschlossenem Ton, »ich +habe mich durch ähnliche Erwägungen schon manchesmal in Versuchung +gefühlt. Ich muß aber darauf verzichten, den verlockenden Weg zu +beschreiten. Es wäre bei meiner überaus bescheidenen Vermögenslage ein +Wagnis, das ich nicht unternehmen darf. Wenn ich für das Studium und +eine kurze Volontärzeit von meinem sehr kleinen Erbteil das +Erforderliche opfere, und ich finde nachher keine Stellung, so gerate +ich in eine schwere Lage. Ich habe keine Beziehungen zum Hause Krupp +oder anderen Häusern. Und wenn mir auch diese Unterredung den mutvollen +Gedanken geben darf, daß ich auf Ihre Empfehlung würde rechnen können -- +eine Sicherheit wäre mir damit nicht gegeben. -- Und so muß ich +verzichten.« + +Ganz langsam fragte der alte Herr und sah ihm gerade in die Augen: »Wie +viel Zulage haben Sie?« + +Und mit freiem Blick, stolz und einfach antwortete Stephan: »Sechzig +Mark, Herr Geheimrat.« + +»Schulden?« + +»Nein, Herr Geheimrat. Auch keine Kleiderschulden. Ich habe von Anfang +an beim Offiziersverein immer bar bezahlt und zwölf Prozent bekommen.« + +Rührung zog durch das Gemüt des Alten und machte es weich. Und ein +Hochgefühl wallte in ihm auf. + +Ja, so gibt es Tausende -- Tausende. -- Mit einer knappen Zulage. -- +Großer Gott: zwei Mark für jeden Tag! Mit dem schmalen Sold vom Reiche +schlagen sie sich durch. Entbehrung ist ihr Los. -- Aber sie zu +ertragen, ist ihr Stolz. + +Arm! Mutig! Voll heiterer Kraft! + +Das ist der deutsche Offizier im stillen Heldentum, das der Friede +fordert. + +Und es ist Gefahr, daß das Volk diese reine, straffe, aufrechte Gestalt +nicht mehr richtig sieht. + +Weil die Zeit nicht von ihr fordert, daß das Schwert erhoben werde. + +Lastende Zeit ... Das ging so durch ihn hin. + +Der junge Offizier fühlte die Güte des Blickes, der auf ihm ruhte -- er +ahnte, daß dies Schweigen erfüllt war von Achtung und Verstehen. -- Und +er wurde weich -- sehr weich. -- Er hätte am liebsten in kindlicher +Verehrung die Hand des Alten geküßt. + +Nun aber fuhr der aus seiner Rührung und seinen Gedanken auf. + +Der Augenblick war da. Die Frage mußte getan werden. + +»Ich bin wie alle alten Leute,« sprach er mit einem mühsamen Lächeln, +»ich mache lange Vorreden. Ganz klipp und klar hätte ich gleich sagen +sollen: wollen Sie nach den nötigen Vorbereitungen bei 'Severin Lohmann' +eintreten?« + +Stephan sprang auf. Er erblaßte so sehr, daß dem alten Mann, der ihn mit +fast gieriger Wachsamkeit beobachtet hatte, das Herz rasend zu klopfen +begann. + +»Hier?« sprach er sofort -- ließ keine, gar keine Pause aufkommen, +»hier? -- auf 'Severin Lohmann' sein? Hier? Jeden Tag -- immer? -- Nein. +Nein! Ich -- ich -- danke gehorsamst, Herr Geheimrat. Ich muß ablehnen.« + +Bei den letzten Worten spürte man es: er hatte sich gefaßt. Und er +setzte sogleich hinzu: »Sowie Likowski wieder Dienst tun kann, komme ich +um Versetzung ein. -- Nur sein Unfall hat mich verhindert, es schon +heute zu tun. Ich danke gehorsamst --« + +Das mächtige Haupt neigte sich ein wenig, als sei es müde. Unter den +starken, grauen Brauen her kamen die tiefen Blicke und schienen in die +Stürme und Leiden des jungen Menschen hineinsehen zu wollen. + +»Können Sie mir den Grund sagen, weshalb Sie nicht bei uns bleiben +wollen, weder als Mitarbeiter noch in Ihrer Garnison? Wollen Sie es +nicht einem alten Mann sagen, der Sie liebhat und der -- der auch -- ein +-- Mensch ist ... der gelitten hat --« + +Diese zitternde Stimme -- zum erstenmal klang sie ihm greisenhaft -- +erschütterte Stephan. + +Und doch sprach er leise und fest: »Nein!« + +Nichts als dies kurze, jede weitere Frage ablehnende »Nein!« + +Der gramvoll forschende Blick aber ergriff ihn. -- Er tat, wozu es ihn +schon vor Minuten hatte hinreißen wollen -- er neigte sich tief und +küßte die Hand des alten Herrn. + +Fast wollte seine Fassung zerbrechen -- ein Übermaß von Empfindungen +stürmte durch ihn hin. -- Als bäte er mit diesem Handkuß: verzeih mir, +daß ich deines Sohnes Frau liebe. -- Als schwöre er: zwischen dieser +edlen Frau und mir steht nicht der Schatten einer Schuld. -- Als flehe +er: versteh doch, daß ich gehen muß. + +Dann richtete er sich auf -- stand voll Haltung. + +Er griff nach seiner Mütze und hielt sie in der Hand. + +Noch ein paar Herzschläge lang sahen sie einander fest in die Augen! +Höher hob Stephan den Kopf, und sein Blick schien zu leuchten, im +Bewußtsein, daß er ihn so frei erheben könne. + +Dann grüßte er militärisch und ging. + +Als müsse dieses leise »Nein« das letzte Wort zwischen ihnen +bleiben. -- -- + +Und wenn tausend gesprochen worden wären, sie hätten dem alten Herrn +nicht mehr offenbaren können als dies eine. + +Nun hatte er keine Zweifel mehr. + +Erschöpft legte er sich zurück und schloß die Augen. + +»Wie sich alles wiederholt!« dachte der Greis. + +Hatte das Schicksal so wenig Erfindungsgeist? + +Warum mußte es diesen beiden herrlichen jungen Menschen dieselben Leiden +aufbürden, die er und eine heilige Tote einst getragen? + +Aber war denn an diesem Leid wirklich nur jene unbekannte Macht schuld, +die man so unbestimmt und sich selbst entlastend gern »das Schicksal« +nennt? + +Waren es nicht vielmehr seine eigenen Hände gewesen, die alles so +geschoben hatten? In herrischer Selbstsucht! + +Voll harter Aufrichtigkeit gegen sich gestand er sich das ein! + +Den Sohn hatte er retten wollen, sich selbst die holdeste Tochter +gewinnen. + +Er täuschte sich nur zu rasch und freudig vor, daß sie für seinen Sohn +Neigung habe. + +Er genoß es als Glück, ihr Sorglosigkeit und ansehnliche Stellung +darbringen zu können. + +Er glaubte der Geliebten noch über das Grab hinaus Treue zu beweisen, +indem er ihre Tochter in sein Haus zwang. + +Und nun wußte er: Klara konnte seinen Sohn nie geliebt haben -- denn sie +war nicht veränderlichen und leicht entflammten Herzens. + +Er erkannte längst: von äußerem Glanz war sie so unabhängig, wie es ihre +Mutter gewesen. + +Und er fühlte, daß die teure Tote weinen würde über das Geschick der +Tochter ... + +Gut machen! Das war seine Pflicht! Aber wie denn? Noch einmal Schicksal +spielen? + +Klara sagen: wenn du einen anderen Mann liebst -- sei frei! + +Aber das war ja ganz unmöglich! + +Er dachte an seinen Sohn -- an den anderen Mann. + +Die bitteren Vergleiche taten ihm nicht wohl! Er wußte klar: sein Sohn +war von der Art seiner Mutter. Begabt, schön, beweglichen Verstandes -- +ohne Tiefe des Herzens und ohne Zuverlässigkeit. Genußfreudig. + +Und er sah den anderen stolzen Mann vor sich, der still und aufrecht +seinen entsagungsvollen Weg ging. + +Ja -- dieser wäre Klaras würdiger gewesen ... + +Und wie verschwiegen und tapfer und schuldlos sie litten! + +Wie er selbst einst gelitten ... + +Seine heiße Liebe, die so ganz und gar mit der Liebe zu einer Toten +verwoben war, daß sein Herz oft erzitterte, wie in Furcht vor seltsamen +Geheimnissen -- diese heiße, selbstsüchtige und dennoch zugleich über +jedes Mannesgefühl hinaus in das rein Menschliche erhobene Liebe -- sie +wallte stürmisch auf. Sie wehrte sich dagegen, ohnmächtig zuzusehen, daß +Klara sich in heimlichem Gram verzehre. + +Aber tat sie denn das? Was wußte er von ihr? Von ihrem Herzen? Warum +hatte sie seinen Sohn denn geheiratet? Er hatte es ihr doch damals ernst +und stark geschrieben: nicht das geringste, was ich sorglich für dich +tat, darf dich bestimmen? Und von all den schweren, häßlichen Dingen, +die den Tod ihres Vaters umspielten, wußte sie doch nichts. + +Was sollte er tun? + +Ganz gewiß war sein Sohn nicht der ebenbürtige Gatte dieses jungen +Weibes. + +Aber er, der eigene Vater konnte ihm doch nicht die von der Seite +fortreißen, die seine Helferin, sein edelster Besitz war? Wahrscheinlich +hatte er keine volle Erkenntnis von dem Adel und der Würde seiner jungen +Frau. Dennoch aber -- das hoffte der Vater so sehr von ganzem Herzen, +daß er daran glaubte -- dennoch stand sie ihm hoch, und er fühlte +dankbar, wie ihre Reinheit und ihre Klugheit ihn aus dem elenden +Lebensüberdruß herausgerettet, dem er verfallen gewesen. + +Ihm war, als höre er ihn sagen: »meine famose, großartige Frau!« + +Das klang immer so flach, so äußerlich -- es hatte ihn schon oft +verletzt. + +In diesem Augenblick, als das so in sein Ohr zurückkam, fühlte er: von +Wynfried war es ehrlich gemeint und eine starke Anerkennung. + +Und dieses Gefühl war vielleicht das beste, was je in des Sohnes Herzen +gelebt hatte. + +Und der eigene Vater sollte ihm das zerstören? + +Unmöglich. + +Und das kleine Kind? Ihr und seines Sohnes Kind? Die Zukunft des Hauses! +Sein Enkel -- sein Stolz und Glück! + +Unmöglich! + +Das junge Weib -- das Kind -- das Werk -- alles _eine_ Zukunft +zusammengeschmiedet. -- Unzertrennlich. -- + +Wie sollte sich das alles lösen? + +Still lag sein Haupt gegen die Lehne gedrückt. + +Zum erstenmal fühlte er sich müde -- sein herrischer Wille -- sein Zorn +-- sein Schmerz entglitt ihm gleichsam. + +Ein leises Ahnen beschlich ihn, daß auch für die stärkste Lebensgier +eines Tags die Wirrnisse des Daseins zu mühselig werden können. -- + +Und draußen surrte der Regen, emsig gießend, in unermüdlicher +Betriebsamkeit, als wolle er alle Leidenschaft und alles Unglück +nüchtern wegwaschen. + + + + +10 + + +Mit der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten Schenkelbruchs +hatte der Professor seinen Patienten nur bändigen wollen. Aber als der +ungeduldige Likowski nach vierzehn Tagen einsah, daß die Sache +keineswegs so einfach sei, daß die Heilung noch Wochen in Anspruch +nehmen werde, verfiel er in einen schlimmen Gemütszustand. Da man ihn +zuerst wohlmeinend getäuscht hatte, glaubte er nun auch der Versicherung +nicht, daß alles wieder völlig gut werden würde und seine +Dienstfähigkeit gewiß nicht in Gefahr sei. + +Er sah sich schon lahmend und außer Dienst! + +Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram mehr -- es war Wut. + +Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und Leiden in einem Feldzuge +würde er wahrscheinlich kaum gespürt haben, im Hochgefühl kriegerischer +Pflichterfüllung. Aber hier so still liegen und sich gefaßt erweisen, +dazu war er nicht der Mann. + +Er erklärte das für Frauenzimmersache. Weiber, die hätten's in den +Nerven, daß sie zäh und ergeben dulden könnten -- deren Nerven seien +eben dehnbarer eingerichtet. Männernerven rissen gleich. + +Und die Welt, die nächste um ihn, wie die große, weite draußen, war +nicht in Zuständen, die ihn hätten angenehm zerstreuen können. + +Das Wort »Krieg« zitterte durch Deutschland. Jetzt endlich glaubte man +es ganz gewiß. Der Herbst würde die Völker gegeneinander werfen. -- Es +schien kein Zweifel mehr. + +Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu sprechen. Aber er las +ja Zeitungen -- immer mehr -- Zeitungen aller Parteien. -- Und er +spürte, wie der Glaube an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht +durch die Druckzeilen bebte. Wie die einen in heißer Opferfreudigkeit +erglühten -- das sah er mit glückseligem Stolz. Wie die anderen feige +nur an ihr bißchen gestörtes Wohlleben dachten, erkannte er mit +Zähneknirschen. Es war ihm doch das brennendste Bedürfnis, davon zu +sprechen. Und wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich +sein Gespräch, seine Frage. + +Thürauf kam. Er mußte bestätigen, daß das Ausland sich mit Bestellungen +zurückhielt, daß wiederum einige Industrien des Inlandes überhetzt +Rohmaterial brauchten. Die geschäftliche Lage war trübe und besonders +von der Ungewißheit geschädigt. In industriellen Kreisen sagten die +einen: Ginge es doch los, damit wir dann freie Bahn und neuen Aufschwung +erleben, wenn's überstanden ist! Die anderen: Alles ist nun in schönster +Blüte, die Kinderjahre unserer Industrie sind überwunden, wir +überflügeln die anderen Völker; und nun soll ein Krieg alles zerstören? + +Herr von Pankow kam, und seine joviale Behäbigkeit erschien umflort von +gedrückten Stimmungen. Was aus der Ernte werden sollte, wußte Gott +allein bei diesem ewigen Regen. Und gerade jetzt war das schnelle und +gute Hereinkommen der Ernte so dringlich nötig! Wußte man denn, ob einem +nicht morgen die Pferde weggeholt würden? + +Er war ja ganz damit zufrieden, obschon sein Einziger als blauer Husar +mitmußte -- stand in Wandsbek, Regiment Königin der Niederlande -- bloß +erst die Ernte 'rein -- dann war man hinterher auch leistungsfähiger. + +Und Doktor Sylvester kam, und sein Mundwinkel, in dem der Schmiß von der +Wange her endete, zog sich ganz besonders schief. Er sagte, daß er seit +seinen Quartanertagen darauf gewartet habe, mitzugehen. Er war Stabsarzt +der Reserve und hatte schon an einen alten Verwandten geschrieben, der +sich gerade aus der Praxis zurückgezogen habe, aber bereit sei, ihn in +Severinshof als Hüttenarzt zu ersetzen. Womit der Geheimrat sich +einverstanden erklärte. Und er erzählte, daß der Geheimrat gesagt habe: +ein Krieg sei für Deutschland ein Sprung ins Dunkle, man stehe vor +Problemen, dergleichen die Welt noch nicht gesehen; denn daß ein +Industriestaat ein Volksheer mobilisiere, sei ein in der Geschichte noch +nicht dagewesener Fall. Aber die ethischen Eigenschaften unseres Volkes +zeigten Erschlaffung, und nur in einem Kriege könnten sie ihre Kraft und +Gewalt wieder erreichen. Es liege nun einmal in der deutschen Art: lange +Zeitspannen der Sorglosigkeit und des Friedens vertrage sie nicht. + +Und Edith Stuhr kam und saß frech und neugierig und vergnügt an seinem +Bett -- was die alte Doktorin Lamprecht unerhört fand -- und erzählte, +daß ihr Papa jammere: wenn Bedarf an Schwertern sei, frage man nicht +nach Sensen. + +Und die Kameraden kamen. + +Diese jeden Tag. Und wenn sie nicht sprachen von dem einen, so sagte es +Blick und Händedruck ... + +Sein Vetter, der Kapitänleutnant schrieb: »Wenn es wird, muß es vor dem +14. September sein, denn nach dem Flottenmanöver entlassen wir stets +unsere Reserven. -- Marinereserven, einmal entlassen, können nicht so +rasch wie das Landheer zur Waffe zurückberufen werden. Sie zerstreuen +sich, infolge ihres größtenteils seemännischen Berufes, bald über die +Ozeane. Die brauchen oft Wochen, bis sie zurückkommen können. Mit eben +frisch Eingestellten kann man aber unsere Schiffe nicht bedienen. Also: +wenn unsere Reserven zurückbehalten werden, heißt das: Krieg in Sicht!« + +Und der Hauptmann schwor wieder: »Ich schieß' mich tot, wenn's losgeht +und ich bin ein Krüppel!« + +Und das Allermerkwürdigste war, daß diese ganze Spannung, dies ungeheure +Warten auf das gewaltige Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach +erhielt, dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus der Luft +gewaschen wurde. Die Natur überhitzte die Nerven gewiß nicht. Der graue +Tageshimmel schüttete vom Morgen bis zum Abend, die schwarze Nacht vom +Abend bis zur Frühe Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von +keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen herab. + +Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn bloß endlich mal Schönwetter +würde! + +Als sei damit dann viel geklärt. + +Aber es wurde kein Schönwetter. + +Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling, und ihre +ermahnenden Reden flossen ohne Unterlaß. + +»Grad wie der Regen,« sagte Likowski einmal. + +Aber sie steckte oft ihr graues Köpfchen mit dem spiegelglatten +Flachskopf des Burschen zusammen, und sie kam mit Vollert, in höchst +unmilitärischer Verwischung aller Subordinationsgrenzen, überein, daß +man Herrn Hauptmann jetzt nie etwas übelnehmen müsse. + +Sehr beleidigt war Likowski, daß von »drüben« -- womit ein für allemal +die Bewohner des Herrenhauses gemeint waren -- niemand kam. + +Der Geheimrat natürlich konnte nicht. Er schickte seinen Leupold mit +erlesenen Früchten und köstlichen Bissen. Und hatte auch in einem +eigenhändigen Brief sein Mitgefühl ausgedrückt. + +Die Doktorin erinnerte daran, daß doch Herr Wynfried Severin schon +einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr Pflegling schien diese Besuche +nicht zu rechnen. Er mochte nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo +bliebe denn Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht. Hatte +er das um sie verdient? War er nicht ihr guter Freund gewesen, als sie +noch Klara Hildebrandt und eine arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht +schon damals geachtet und verehrt, so daß er beinahe -- aber natürlich +nur »beinahe« -- erwogen hätte ... Und wußte sie denn nicht, daß sie +keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn? Man erzählte, wie rührend +sie sich des verbrannten Judereit annehme; Sylvester sprach sozusagen +mit Andacht davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen, ließ +sie ungetröstet daliegen? Als ob es nicht auch für ihn eine Wohltat +wäre, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen und ihre sanfte Frauenwürde +einmal an seinem Lager zu spüren. + +Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig erwidern. Sie +wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch für ihre Person etwas übel. +Denn nun, da sie nicht mehr nach drüben zu ihren regelmäßigen +Teebesuchen fahren konnte, mußte doch Klara einmal das Verlangen haben, +ihre Pflegemutter wiederzusehen ... + +Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann. + +Der Besuch machte ihm anfangs Spaß. Die Baronin fuhr, natürlich mit +ihrer Gerwald, im Auto vor. Das Geräusch des Regens war in der Luft, und +von der Traufe, neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte +in gleichmäßiger Eile hinab auf das Straßenpflaster. Das einfache +Zimmer, voll Karten an den Wänden und voll Zeitungshaufen und +Schriftstücken auf dem Tisch, mit dem etwas schräg vornübergebeugten +Spiegel über dem Waschtisch, gegenüber dem Fußende des Bettes -- das war +kein Schauplatz für die Eleganz, die hereinkam. + +Agathe hatte draußen ihren Regenmantel abgenommen und in Vollerts große +Hände gelegt, die aber erst einmal den seidigen, gleitenden Gummistoff +fallen ließen, was die Damen in Heiterkeit versetzte. + +»Wie kommt der Glanz in meine Hütte!« sagte Likowski und hatte sein +Wohlgefallen an dem hellblauen, die üppige blonde Frau knapp +umspannenden Schneiderkleid. Er dachte: selbst für mich ist es ihr der +Mühe wert, sich schön zu machen -- wie angenehm für unser Männerauge, +daß es Frauen gibt, die das unschuldige Bedürfnis haben, uns sozusagen +was vorzublühen! + +Obgleich er ein fröhliches Gesicht in diesem Augenblick zeigte, war +Agathe doch tief gerührt. Sie konnte nun einmal keinen Menschen leiden +sehen, es tat ihr zu weh! + +Ihre ganze Herzensgüte wallte auf, und Likowski sah wohl, daß es gar +nichts Echteres geben konnte als dies Mitleid, mit dem Agathe seine Hand +streichelte. In ihren blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten +Glanz einer Träne. + +Sie konnte es kaum sagen, _wie_ sie ihn beklage. + +Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt sich in guter Laune mit +ihnen. + +»Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie sind noch schöner +geworden. Und ein wenig schlanker -- ganz wenig -- aber gerade sehr +vorteilhaft so. -- Ja und auch Fräulein von Gerwald strahlt? Den Damen +bekommt der Sommer mit all dem Regen besser als mir -- im Grunde +verdank' ich dem verfluchten Regen mein Malheur. Verehrte Freundin, wenn +Sie morgen lesen: der Krieg ist erklärt, so kaufen sie gleich einen +Trauerkranz für einen, der es nicht überleben wird, zu Haus bleiben zu +müssen.« + +»Ach,« sagte Agathe, »Wynfried meint, es wird nichts draus.« + +Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski stutzte nur eine Sekunde. +Agathe war eng befreundet mit Klara; warum sollte ihr der Name von +Klaras Gatten nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen? Es gab +überhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus Gewohnheit sagten: +»der Geheimrat« und »Wynfried Severin«, um Vater und Sohn bequem zu +unterscheiden, und den Namen Lohmann wegließen. + +»Wie geht's denn Ihrer Freundin? Sie läßt sich bei mir nicht sehen. +Sagen Sie ihr, daß es mich kränkt und schmerzt.« + +»O -- es geht ihr gut, höre ich.« + +»Hören Sie? So was sieht man doch.« + +»Ja denken Sie,« sagte Agathe, und ein leichtes Rot breitete sich über +ihr Gesicht, »das ist schon einfach komisch! Seit Wochen verfehlen wir +uns, mit tödlicher Sicherheit. Dreimal bin ich bei Klara gewesen und +stets vergebens. Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war sie +mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag sie mit Kopfschmerzen +zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich auch verfehlt. Die kleinen Essen, +die der Geheimrat sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen +... er soll sich angegriffen fühlen. Mal war ich eingeladen, als ein +paar Großindustrielle da waren. Schweden und Finnländer -- ich kann +nicht Schwedisch, und englisch zu sprechen, ist mir verhaßt. Man hat +mich in meiner Jugend zu viel damit geärgert. Neulich lud ich das +Ehepaar ein -- sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag +hatte.« + +»Das nennt man Pech!« gab Likowski zu. + +Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Fräulein von Gerwald: »Es +tut Frau Baronin wirklich sehr leid.« + +Gerade hörte man auf der Straße ein dumpfes Dröhnen, und das hielt vor +dem Hause an. + +»Mehr Besuch!« sagte Agathe, »gewiß Stuhr.« + +Aber es war nicht Ediths nervöser und sorgenvoller Vater, sondern +Wynfried Severin kam herein. Schön, heiter, ein Mann von Lebensfreude +wie umglänzt. + +Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann das peinliche Gefühl: +dies Zusammentreffen sei vielleicht kein Zufall. Agathe war unruhig wie +ein Backfisch und kicherte und strahlte. Und Wynfried küßte ihr die Hand +und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich bekommen sei, und erzählte +dem Hauptmann, daß er das Glück gehabt habe, die Damen in Hamburg zu +treffen, gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen. Da +habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu dürfen. Und als sie +aufbrachen, stießen sie in der Tür auf Stuhr. -- Aber Likowski wisse +wohl schon davon, Stuhr habe es sicher erzählt ... + +»Nein,« sprach der Hauptmann kurz, »Stuhr ist kein Klatschweib.« + +Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und er erkannte wohl, daß in +Agathens schwimmenden Blicken der Glanz war, den die gierige +Verliebtheit entzündet. Und er hörte wohl, daß in des Mannes Stimme ein +Ton herrischer Vertrautheit mitschwang -- dieser Paschaton, der gewisse +Frauen entzückt. + +Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen, die etwas Festliches +an sich hatten und doch voll unbegreiflicher Unruhe zu sein schienen -- +als könnten sie vor Heiterkeit mit keinem Gespräch zu Ende kommen und +vor Nervosität nicht zwei Minuten still sitzen -- sie verstimmten ihn +tief. + +Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas Zerstreuung bedeutet. Als +sie nun zu dritt gingen -- nicht ohne daß Wynfried den Hauptmann laut +beneidete um das Mitleid dieser holden Gönnerin -- blieb er finster +zurück. + +Das hatte ihm nicht gefallen -- nein -- nein. -- + +Es müßte sich jemand finden, der Klara sagte: paß auf! + +Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der Gewohnheit, +»konventionell« und »formell« sich zu betragen, mischt man sich nicht +ein. Sagt einer Mutter nicht: Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt +einer Frau nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne nicht: +deine Frau macht dich zum Gespött. -- Zusehen ist schicklicher. + +»Nun, ich werde dieser jemand sein -- sobald ich Gelegenheit habe!« +schloß er mit festem Vorsatz seine Betrachtungen. + +Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre ausführliche Kritik +des geräuschvollen Besuches vom Herzen heruntersprechen, und besonders +hatte es ihr mißfallen, daß Wynfried mit den Damen davonfuhr und sein +eigenes Auto wegschickte -- »als wenn's zum Jahrmarkt gegangen sei,« +hatte sie das Betragen gefunden. + +»Gottlob, daß es noch Menschen gibt, die sich der Zeit zum Trotz +amüsieren können,« sagte Likowski abweisend. + +Aber diesmal ließ sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen. Sie mußte +sprechen. Das war bei ihr auch eine Funktion, die sich nicht +zurückhalten läßt. + +»Liebster, bester Herr von Likowski,« raunte sie, »ich klatsche nie -- +aber was jetzt die Leute sagen, geht mir doch zu nahe.« + +»Sie wissen, Lamprächtige -- hab' keine Spur von Neugier ...« + +»Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ... Man spricht davon, daß +-- daß Wynfried und die Hegemeister -- wenn er verreist -- verreist sie +auch. -- Und er ist manchmal allein auf Lammen -- aber nicht mit seinem +eigenen Auto sagen die Leute.« + +»Sagen Sie den Leuten wieder, daß sie ihre Nase in ihre eigenen +Angelegenheiten stecken sollen,« befahl Likowski. + +Und die Alte dachte bekümmert, daß ein Hagestolz doch für gewisse Dinge +kein Gefühl übrig habe. Diese Teilnahmslosigkeit -- denn es ging doch +Klaras Leben an -- kränkte sie schwer. + +Gegen Abend saß Marning am Bette des Freundes. Er fand ihn sehr erregt. +Sollte man es nicht sein? grollte der Hauptmann. Morgen wurde der letzte +Verband abgenommen. Die Massage und die Gehversuche würden beginnen -- +es war vom Professor das Wort »Wiesbaden« ausgesprochen. Und ganz gewiß +-- morgen würde es offenbar werden, davon war er überzeugt -- sein +linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. -- Marning schwor ihm +zum unendlichsten Male zu, daß es nur zwei Zentimeter seien, und daß der +Professor gesagt habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal +steifer oder nachschleifender würde es werden. + +Aber das war es nicht allein -- andere Dinge hatte Likowski gelesen: in +England waren die Menschen wie verrückt: glaubten einen Zeppelin in +nächtlicher Dunkelheit über London gesehen zu haben. Und in Frankreich +-- diese Empfindlichkeit, dieser anmaßende Ton ... Und die Wunder +unserer Disziplin! Als ob es nicht den Männern an der Grenzwacht in +allen Nerven zuckte. + +»Sie haben noch mehr!« sagte ihm Marning auf den Kopf zu. + +»O ja -- ich merk', Sie kennen mich -- ja schmerzen tut's mich -- daß +die junge Frau von drüben nicht kommt. -- Und da wären so allerhand +Gründe ... möcht' mal mit ihr eins schwatzen -- mal sehen, wie weit man +mit dem Gespräch sich wagen kann ...« + +Stephan saß schweigend und blaß. + +»Und kurz und gut -- sagen Sie's ihr nur geradezu -- es sei keine Sache, +einen alten Freund in trüben Tagen zu vernachlässigen.« + +Plötzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter: »Herrjes -- wie ist +mir denn? Sie sind ja wohl lange nicht mehr drüben gewesen?« + +»Nein, lange nicht.« + +»Aber jetzt gondeln Sie mal 'rüber und bestellen ihr ...« + +»Gewiß, gern -- gelegentlich,« sagte Stephan ausweichend. »Sie wissen +doch: wir mögen den jungen Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr +jetzt nicht einlädt, komm' ich nicht hinüber.« + +Zu seiner Erleichterung ließ der Hauptmann das Gespräch völlig fallen -- +lag grübelnd, mit bösem Gesicht da. + +Er dachte: »Wenn man doch die Wahrheit erfahren könnte! Ob Marning auch +von dem Klatsch gehört hat? Deshalb nicht mehr 'rüberfährt?« + +Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den Sachen, die man nicht +zart genug behandeln kann. -- + +Er fühlte. »Ich muß bald wieder auf dem Posten sein! In jeder Hinsicht +-- man ist doch kein Überzähliger! Gottlob nicht. Und könnt' sein, daß +da drüben die junge Frau auch mal 'n Freund braucht ...« + +Vom nächsten Tage an schien er aber nur noch an sich zu denken. Erst +natürlich wetterte er über die Maßen herum, daß sein Bein nicht bloß +eine Handbreit, nein daß es um die Hälfte verkürzt sei und die Knochen +wie von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er's gleich noch +mal brechen. Aber mit viel Geräusch und ungemeiner Energie kam er +vorwärts. Er fing an, zu hoffen, zu glauben. -- + +Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte, hatte das +rechtzeitige Abernten der Felder unmöglich gemacht. Die Manöver mußten +teilweise verschoben und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski +die Kameraden um sich. Der Major im Stabe, der die beiden Kompanien +führte, ließ zum Ersatz ganz besonders große Marsch- und +Felddienstübungen unternehmen, deren Anlage und Verlauf Likowski dann am +Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach. + +Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter zeigte, +der erst herausheilen mußte. Aber dann konnte Likowski doch Marning +vorrechnen: »Wenn Krieg kommt, kann ich's wagen, mitzureiten. Bleibt +Frieden, gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine hier nach +sieben, acht Wochen als Jüngling und Schnelläufer wieder. Und dann +kommen Sie um Ihre Versetzung ein -- wenn Sie nicht anderen Sinnes +geworden sind.« + +Und an einem Tage, als der öde Regen durch stürmisches Unwetter eine +Abwechslung erfuhr und anstatt der zinnfarbenen Gleichmäßigkeit am +Himmel wildes Gewölk schwarz und schwer sich dahinwälzte, kam endlich +die junge Frau. + +Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck bei Thüraufs +getroffen und zufällig erfahren, daß heute eine Übung stattfinden solle, +von der die Kompanien erst gegen Abend zurückkehren würden. So war sie +sicher, dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied genommen +hatte ... + +Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen. Er war ganz +betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt! War sie noch gewachsen? War +man so des Anblicks von holder Schönheit entwöhnt, daß einem die +bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen? + +Welch ein Lächeln voll Güte ... Und dennoch -- irgend etwas Rührendes +darin ... + +Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens davon, daß sie noch +nicht hier gewesen sei -- ging schweigend daran vorbei. Und da wußte er +in zartem Verstehen: sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung davor, +wenn man ihn auch nicht erfährt! + +Sie saß neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre Hand lange in der +seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung und zärtlich zu streicheln, +als sei er ein guter alter Papa. Er fragte nach Severin dem Großen und +Severin dem Kleinen. + +Und Klara sagte, daß ihr Vater oft so still und in Nachdenken versunken +sei; es schien, als ermatte seine Frische. Da sei es ihr lieb, daß ihr +Mann die eigentlich für den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise +aufgegeben habe. Er hatte gleich von Warnemünde aus Anfang Juli seine +Jacht nach der Elbmündung gehen lassen, wo er die Segelei großartiger +und interessanter finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach +Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport habe ihn mit +Haut und Haar. Das sei mehr Erholung als eine Reise, sagte er. Und sie +freue sich dessen für ihn. Nun könne sie ihren Vater recht pflegen. Was +aber Severin den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verklärt! + +»Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und strampelt! Und +streckt die dicken Händchen nach seinem Großvater aus! Ja, der ist ein +bißchen vernarrt und einseitig und sagt: Solchen Jungen hat's noch nie +gegeben -- Wie eben Großväter sind ...« + +»Und junge Mütter auch! Ich hab' mich bisher als Barbar betragen gegen +Severin den Kleinen. Babys sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch +wird -- na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm auch noch +auf lange hinaus meine blanken Knöpfe anziehender erscheinen sollten als +mein Charakter.« + +Klara lachte. Wie wirkte sie glücklich in diesem Augenblick! + +Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. -- Und doch riß es ihn +zu mächtig in die Nähe dieser Sorge. Plötzlich fragte er: »Na, und die +Baronin? Hängt sie Ihnen immer noch mit solcher Backfischschwärmerei +an?« + +»Ich weiß nicht,« sagte Klara unbefangen, »sie verfehlt mich beständig. +Wär's nicht die gutherzige Agathe, die wohl gegen keinen Menschen je +feindselig sein kann, dächt' ich: Absicht. Wynfried hat mehr Glück mit +ihr -- traf sie mal in Hamburg -- fuhr mal, auf dem Wege nach Pankow, +auf Lammen vor --« + +»Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so verschieden,« setzte sie +beschönigend hinzu. »Vormittags bin ich ganz gebunden, habe überhaupt +viele Pflichten: Vater -- das Kind. -- Agathe hat keine.« + +Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend voll Ruhe -- wie bei +einem Menschen, der seiner sicher ist. + +Likowski, im Gemüt infolge der letzten Wochen ein wenig mürbe, war +eigentlich ganz weich -- so etwas wie Reue wollte ihn ankommen, daß er +früher nicht doch ... Aber Unsinn -- weg mit solchen Anwandlungen! +Selbst eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib noch Kind +sollten Anspruch an sein Leben haben -- das gehörte einer großen Aufgabe +allein! Eine Familie gründen -- nein! Aber ihre Heiligkeit schützen -- +ja! Und er schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich verrät, +schieße ich ihn über den Haufen. + +So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, daß sie von diesen schweren +Gedanken nichts ahnte. + +Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort »Wissen Sie noch?« stand über +ihren Gesprächen. Da lebte Vollerts Vorgänger wieder auf, Mau, der +durchaus nicht begreifen konnte, daß es nicht heiße »djewoll, Herr +Hauptmann«, und erst nach strengen Vermahnungen sich sein »to Bafehl« +angewöhnte. Und die gute alte Lamprächtige nahmen sie ein wenig durch. +Und es war so wunderbar sonnig im Zimmer, als schleppten draußen am +Himmel nicht schwarze, zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab. +Und Likowski sagte: »Wissen Sie noch: so 'n ähnliches Wetter war an +jenem Morgen, als wir uns an der Fähre trafen. Ich denke noch manchmal +daran: ich stellte Ihnen Marning vor; Sie hatten Ihre pastellblaue +Wollmütze auf, die Ihnen entzückend, e--n--t--zückend stand; und keiner +von uns hatte 'ne blasse Ahnung, daß Sie sich noch selbigen Tags mit +Wynfried Severin verloben würden --« + +»Ja« sprach Klara leise, »ich weiß es noch ...« + +»Was mir Marning geworden ist! -- Und vor allem in den letzten Wochen! +Das ist ein Mensch! Eins a! Und er wird mir fehlen -- will sich nu mal +partout versetzen lassen -- ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie +führen muß. Na, aber eh' es so weit kommt, ziehn wir doch unter der +gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und wenn's den einen von uns +trifft -- schön wär's, den letzten Blick in Freundesauge zu tun, von +Freundeshand den letzten Druck zu spüren. -- Aber wie Gott will ...« + +Klara stand auf. Bleich und still. Sie ließ noch einmal ihre Hand dem +treuen Mann. Er küßte sie -- immer wieder. + +»Aber Likowski!« sagte sie mit einem mühsamen Lächeln scheltend. + +»Weiß selbst nicht -- mir ist so wunderlich -- grad als sollt' ich Ihnen +sagen: wenn Sie mal jemand brauchen -- soweit mein Kaiser mich nicht +braucht -- allzeit Ihr treuer Freund. -- Aber nicht wahr, dies ist kein +Abschied? Wir sehen uns wieder?« + +Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die kaum verborgene +Erregung des Mannes auf sie hinüber, sprach sie: »Warum sollten wir uns +nicht wiedersehen? Sie sind nun bald so weit, daß wir Ihnen das Auto +schicken können. Vater freut sich schon auf Sie.« + +Und dann nahmen die Tage einen so gespannten, nervösen Charakter an, daß +alles Persönliche zurücktrat. + +Jetzt, jetzt war es so weit. -- Der September war da -- ein Tag schlich +vorbei -- wieder einer -- eine Woche. -- Und die große Frage brannte in +aller Herzen: Krieg? Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus +Berlin gehört, der andere das. -- Jede Nachricht widersprach der +anderen. + +Likowski fieberte vor Aufregung und übte Bewegungen und schrie nach der +alten Frau, damit sie bestätigte: es sei schon fabelhaft viel besser. Er +ordnete all seine Sachen und machte sein Testament. In Rücksicht auf den +guten Vermögensstand seiner Verwandten vermachte er seinem Freunde, dem +Oberleutnant Stephan Freiherrn von Marning, fünfundzwanzigtausend Mark. + +Stephan war ruhig. Ernsten, gefaßten Blickes sah er dem Geschick +entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er hatte Humboldt gelesen, und +dessen Ausspruch, daß der Krieg zur Erziehung der Völker notwendig sei, +hatte ihn tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, daß Humboldt recht +habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben hingeben zu dürfen für +das Größte. + +Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen -- auch ohne die eine, die er +liebte. Aber wenn er es für das Vaterland einsetzen durfte, das würde +wie Erlösung und Krönung sein. -- + +Und dann, dann dämmerte die Entscheidung herauf. Sie fuhr nicht wie ein +Blitz hernieder, und die Lage wurde nicht jäh deutlich erhellt. Nein, +auf die flammenden Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich +Ernüchterung, die Gewißheit: die Lage _entspannte sich_ -- wieder +einmal! -- + +Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten, daß sie wieder +einen klaren Himmel über sich sahen. Aber Millionen fühlten, daß die +Muttererde mit den Nebeln gärende Keime eingesogen habe. + +Likowskis Vetter, der Kapitänleutnant, schrieb, was auch zugleich schon +in den Zeitungen stand: die Reserven seien entlassen. + +Friede -- + +Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen anderen, als er +erwartet hatte. + +Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann am Fenster +gestanden und in die sinkenden Tropfen gestarrt. Nun wandte er sich dem +Freunde zu. + +»Marning,« sprach er, »es scheint unser Los: wir sollen das Schwert in +der Scheide behalten -- vielleicht überhaupt so lange, wie wir den Rock +noch tragen -- wer weiß es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns +gefordert -- die, die wir schon so lange üben. -- Arbeiten wir weiter! +Still. Zäh. Beißen wir die Zähne zusammen, wenn man uns schmäht, nicht +mehr sieht, was wir tun -- wozu wir da sind. -- _Ein Tag wird dennoch +kommen, wo man erkennt: wir taten unsere Pflicht!_ Tun wir sie -- stolz +und schweigend. -- Ich will nie mehr davon sprechen -- nie mehr. -- Aber +denken wollen wir immer daran -- denken!« + +Die beiden Männer umarmten sich in heißen, stummen Gelöbnissen. + + * * * * * + +Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die Stimmung des Hochsommers +und Herbstes nicht leichter gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die +Wassermengen herab oder tröpfelten in leisem Fall auf die Erde, die sie +nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag das Land. + +Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber daß Wynfried gerade in diesem +Sommer, der nicht nur Arbeit, Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel +und Frohsinn zerstörte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei +faßte, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er für zwei, drei Tage +nach Hamburg. Und als es Herbst ward, ließ er dort auch die Jacht in +Winterquartier legen und die Mannschaft abheuern. -- Der Geheimrat +dachte unruhig: so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich +gesegelt worden ist. + +Sein Sohn hätte ihm gefallen sollen. -- Er sah es selbst: ein schöner +Mann, voll lachender Lebensfreude. Eine merkwürdige Blüte war über ihn +gekommen. Derlei beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen +Liebesfrühling erleben -- seltsam. Und wenn Wynfried zu Haus war, +arbeitete er froh, forsch, geschickt. + +Trotz allem -- sein Sohn gefiel ihm nicht. + +Er brachte auch sehr oft von seinen Fahrten Klara eine schöne +Aufmerksamkeit mit -- in feinster Wahl zum Luxusgebrauch einer +verwöhnten Frau ausgesucht. + +Alles sah geregelt, unauffällig aus. + +Weshalb sich sorgen? + +Er beobachtete Klara. -- Und er sagte es sich jeden Tag: jetzt erst, +jetzt sah sie ihrer Mutter völlig ähnlich. Und er verstand in diesem +Angesicht zu lesen, wie dereinst in dem der Toten. + +Diese edlen Linien waren von einem reinen und tiefen Schmerz wie +verklärt. + +Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der hier früher doch so +gern gesehen worden war ... Und sie verstanden sich in diesem Schweigen. + +War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen alten Mann +unablässig zeigen wollte: ängstige dich nicht um mich! Sie suchte heiter +zu scheinen, und wenn sie ihr Kind herbeitrug, war es dem Greis voll +Bedeutung. Sie hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost -- +es war die Zukunft. + +Dennoch -- die Wochen, die Monde lasteten. Kampf und große Stimmungen +hätten den alten Mann zu frischem Lebenswillen wieder aufrufen können. + +Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese junge, geliebte Frau +ihr Herz überwand. + +Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und beherrscht +zurückgezogen hatte. + +Aber das ohnmächtige Zusehen ließ ihn leiden. + +Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal vor seinen +Krankheitsthron hätte fordern dürfen. Das wollte er nicht, um kein +Aufsehen dadurch zu machen. Aber diese alte Frau war ja wie von einem +Magneten drüben festgehalten -- war eine von den putzigen Weibern, die +im Untergrund ihres Herzens Tod und Unglücksfälle als Fest genießen, +weil es Abwechslungen sind, die ihnen Zunge und Glieder beweglich +machen. Plagte sicherlich den Hauptmann mit Übermaß von Aufopferung und +Geschwätzigkeit. Aber der natürlich war waffenlos dagegen -- er wußte +doch: sie meinte es redlich. + +Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur die Alte konnte sie +beantworten. + +Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie der Geheimrat ihm +anbieten ließ, mit dem Auto zum Besuch herüberholen zu lassen. Er +schrieb herzliche Abschiedsworte. Zu grotesk komme er sich jetzt vor -- +er möge niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl +gefesselten hochverehrten Freund und Gönner was vorhumpeln. Er denke +sich nun in Wiesbaden wieder einen festen, geraden Gang heranzubaden, +werde danach seinen Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern +beschließen, davon etliche in Frankfurt, Köln und Hannover an seiner +Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der zweiten Novemberhälfte +wieder vorstellen zu dürfen. + +Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem Pflegeramt +befreiten Alten erwarten. Am nächsten Tag war sie da. Vorerst entlud sie +bei Klara in sich überstürzendem Durcheinander ihre Bewunderung des +Kindes und den Bericht über Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise. +Dann ließ sie sich etwas ängstlich oben beim Geheimrat anmelden, denn in +diesem Augenblick kam ihr die Reue, daß sie sich so viele Wochen gar +nicht nach ihm umgesehen. Aber er war ja so großmütig, er würde +verzeihen. + +Sie trat auch gleich mit einem Schwall von Entschuldigungen an ihn +heran. + +»Ach lassen Sie das doch. Setzen Sie sich dahin und hören Sie zu. Ich +muß Sie was fragen,« sprach er. »Aber -- offen, Lamprächtige! Ich kann +ausweichende Vielrederei nicht ertragen. Kurz und klar sollen Sie +antworten.« + +»Aber Herr Geheimrat, wie sollte es mir beikommen, Ihnen ausweichend zu +antworten?« + +Und da geschwätzige Frauen stets ein wenig von schlechtem Gewissen +geplagt sind, ward ihr sogleich bänglich. + +Er sah sie nachdenklich an. Sie war eigentlich immer etwas in Furcht vor +seinen Augen. + +»All die tragischen Ereignisse bei und nach dem Tode von Klaras Vater +sind Ihnen erinnerlich?« + +»Wie sollten sie nicht!« sprach sie zitternd, und das böse Gewissen nahm +sofort ein Riesengewicht an. + +»Die Umstände brachten es mit sich, daß Sie alles erfuhren. Freiwillig +hätte ich gerade Sie nicht ins Vertrauen gezogen. Denn -- nicht wahr? -- +das Schweigen ist nicht so recht Ihre Sache. Aber daß ich sonst genau +weiß, was ich von Ihnen zu halten habe, bewies ich ja, indem ich Ihnen +Klara zur Pflegetochter gab.« + +Die graue kleine Frau weinte sogleich ein bißchen in ihr Taschentuch +hinein -- halb vorweg aus Rührung -- unbestimmt und ahnungsvoll. Und +dann: eben das Gewissen ... + +»Sie haben Ihr Gelöbnis, zu schweigen, in diesem einen ernsten, +furchtbaren Fall gehalten?« + +»Unverbrüchlich!« sagte sie und hob ihr Oberkörperchen in +verdienstvoller Haltung, »es gibt keinen Menschen, der in dieser Sache +mir vorwerfen kann, ich hätte geschwatzt.« + +Er besann sich. Fragte dann weiter: »Können Sie mir etwas darüber +sagen, weshalb Klara sofort einwilligte, Wynfrieds Frau zu werden?« + +»Sie konnte doch gar nicht anders. Das hat sie doch aus Dankbarkeit +getan. -- Wo Sie doch hofften -- daß Klara Ihren Sohn -- daß Ihr Sohn +durch Klara ... Nach all dem, was Sie an Klara und ihren Eltern +getan ...« + +Er fuhr in lodernder Ungeduld auf. + +»Aber eben beteuerten Sie Ihr unverbrüchliches Schweigen!« rief er +heftig. + +»Ich meinte -- gegen alle anderen Menschen -- aber als Klara so +leidenschaftlich auf mich eindrang -- es war ja wohl zwei Wochen vor der +Verlobung -- Klara hatte aus Ihren eigenen Erzählungen über Ihr Werk und +Ihr Leben Verdacht geschöpft -- was sollte ich da machen?« sagte sie +beleidigt. Und um sich auch noch in dieser Wendung ein Verdienst +zuzuerkennen, setzte sie hinzu: »Ich denke, Herr Geheimrat, Sie wären +der letzte, mir einen Vorwurf daraus zu machen. Wie oft haben Sie mir +gesagt: Lamprächtige, seit ich meine Tochter habe, bin ich erst ein +Mensch. -- Und nun gar Severin der Kleine -- Ihr Enkel!« + +»Ich -- ich!« sprach er vor sich hin. -- »Aber sie! Ihre Jugend -- ihr +Leben -- ihr Glück. -- Zu viel der Opfer ...« + +Er legte die Hand gegen die Stirn. Ja, nun wußte er, warum Klara seinen +Sohn geheiratet hatte. Es änderte nichts, gar nichts an der Lage -- es +belud nur sein Herz noch schwerer. + +Weinerlich sagte die Alte: »Das hab' ich ja auch nicht gedacht, daß +Klara selbst vielleicht zu kurz dabei käme! Ich dachte: so reich zu +werden! Das war doch schön. Und solchen Vater zu bekommen! Das war doch +für die Verwaiste herrlich. Und ich dachte: in Klara _muß_ man sich +doch verlieben -- ihr Mann kann gar nicht anders -- muß sie anbeten -- +ja, daß er doch nach anderen Frauen guckt -- aber das ist wohl bei den +Männern heutzutage Sitte --« + +»Was?!« rief der Geheimrat. Und seine Augen sprühten. Man konnte wieder +einmal nur vor ihm zittern. Sie duckte sich förmlich ... + +»Nichts. O Gott. Nichts Bestimmtes,« brachte sie heraus, »nur -- die +Leute -- es heißt -- er sei sehr viel -- sehr -- mit der Baronin +Hegemeister zusammen.« + +Er lachte auf. Es blieb ihr verborgen, wem dies zornige Auflachen +galt ... + +Aber die nächste Zeit schien nun gerade beweisen zu wollen, daß alle +Sorgen und alles Geschwätz müßig seien. + +Die Reisen Wynfrieds wurden seltener. Das schien erklärlich. Das +Absegeln der verschiedenen Jachtklubs hatte schon gegen Ende September +stattgefunden. Wynfried hatte seine »Klara« erst drei Wochen später auf +einer Hamburger Werft in Winterquartier gegeben. + +Aber mit dem Freundeskreis, den er sich in Hamburg in Seglerkreisen, +unter Mitgliedern des Norddeutschen Regattavereins gebildet, wolle er +doch Fühlung behalten, sagte er. -- Wie klar alles ... + +Täuschte ihn sein Vaterauge? Spiegelten ihm seine uneingestandenen +Hoffnungen, daß dennoch alles gut enden möge, etwas vor? Schien Wynfried +nicht aus seiner freundlichen Liebenswürdigkeit heraus in neue, andere +Stimmungen zu kommen? Verfolgte sein Blick nicht manchmal in besonderer +Aufmerksamkeit die Gestalt seiner Frau, wenn sie in ihrer anmutsvollen +Ruhe, schlank und vornehm dahinschritt? -- + +Und an Klaras Geburtstag sah er: es war keine Täuschung. Er war der +Zeuge ... wie sollte die Gegenwart eines Vaters, der seine +Schwiegertochter anbetet, den jungen Gatten stören -- er sah es: +Wynfried befestigte selbst eine kostbare Brillantnadel, die er seiner +Frau geschenkt, am Ausschnitt ihres Kleides, und seine Blicke suchten +zärtlich, werbend ihre Augen. Klara erglühte ... + +Und in dem alten Herrn regte sich all das Feinste und Vornehmste, was in +ihm war. Anstatt sich zu freuen, klopfte sein Herz ihm hastig -- sein +keusches Mannesempfinden war verletzt. + +Auch Klara erbebte. + +Seit ihre Seele wußte, was lieben, leiden und entsagen ist, war sie +erwacht. + +Sie wollte ihre Pflicht tun -- auch als Gattin. Aber es war eine heiße +Sehnsucht in ihr, ihr möge Zeit vergönnt sein. -- Sie mußte erst weiter +sein, weniger wund vielleicht. -- Ihr Wille, über das Grab in ihrem +Herzen hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mußte erst die +Anfänge von Sieg sehen. -- Sie spürte: er begann, sich leidenschaftlich +in sie zu verlieben. -- Und in zitternder Angst bebte sie zurück -- ohne +zu ahnen, daß seine keimende Verliebtheit dadurch nur angefacht ward. + +So, in schwülen Unklarheiten, liefen die Wochen in einen düstern Herbst +hinein. + +Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich dickem weißem Filz vor +den Fenstern standen und jeden Ausblick wehrten. Sie hatten das +Hochofenwerk und drunten den Fluß und drüben die rote kleine Stadt +verschluckt. + +Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe stieg aus. Ein +Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach außen gekehrt war, machte ihre üppige +Gestalt allzu umfangreich. Die Nerzmütze auf ihrem blonden Haar trug als +Schmuck über der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war +erhitzt. Zufällig war es Leupold, der ihr die Tür öffnete. + +»Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und melden Sie mich doch bei +der gnädigen Frau.« + +»Herr Lohmann ist verreist,« sagte der alte Diener kalt und sah an ihr +vorbei. + +Agathe wurde noch heißer rot. + +»Ich wünsche der gnädigen Frau gemeldet zu werden,« wiederholte sie. Sie +gab sich eine hochmütige Haltung. Denn sie fühlte auf der Stelle, daß +Leupold sie mit Absicht falsch hatte verstehen wollen. + +Und dann stand sie peinliche Minuten. Ließ Klara sie warten? Fand der +Diener die Frau des Hauses nicht gleich? Wurde sie vielleicht gar +abgewiesen? + +Alle Schrecknisse ihrer Lage stürzten über sie her. -- Gewiß -- Klara +wußte schon alles und wollte sie nicht sprechen. -- Aber eine +Unterredung mit Klara, ein Anruf ihrer Großmut -- und alles war ja gut! +Was sollte werden, wenn es zu dieser Unterredung nicht käme? + +Ach -- gottlob! Da war Leupold wieder! + +Und mit seinem undurchdringlichsten Gesicht meldete er: »Die gnädige +Frau läßt bitten.« + +Agathe wurde in das Wohnzimmer ihrer Freundin gelassen. Nun wartete sie +zwischen den Möbeln, die von Klaras Mutter stammten, und das Bild der +Toten sah auf sie herab. Fein und hell hob es sich von dem grünen +Hintergrund ab. Wieder verrannen Minuten. Agathe zitterte. Dies war, +dies mußte Absicht sein! Und als endlich sich die Tür öffnete, erschrak +sie so, daß ihre Knie unsicher wurden. + +Klara kam eilig herein -- mit einem freundlichen Gesicht -- unbefangen. + +»Endlich einmal wieder -- Agathe!« sagte sie beinahe fröhlich. »Verzeih, +daß ich dich warten ließ. Doktor Sylvester war da. Denke dir: der fünfte +Zahn ist bei unserem Jungen durch! Sein Großvater tut, als wäre es ein +Wunder, ein persönlichstes Verdienst von Severin dem Kleinen.« Sie +lächelte glücklich. »Aber nun sage -- es war ja unglaublich mit uns -- +vier Monate einander immer zu verfehlen!« + +»Das hat auch Mühe genug gekostet,« dachte Agathe. + +Und in leidenschaftlicher Aufwallung von Reue, Beschämung und in dem +unklaren Wunsch, durch jede Geste schon bittend, bezwingend zu wirken, +fiel sie der jungen Frau um den Hals und küßte rechts und links ihre +Wangen und war ganz aufgelöst vor Erregung. + +»Liebste, einzige Klara!« stammelte sie. + +Das war Klara etwas zu viel der Wiedersehensfreude. Aber sie bat gütig: +»Lege doch ab -- bleib zu Tisch -- Vater und ich sind allein. Wynfried +ist seit einigen Tagen fort. Er war zu einer Konferenz auf den +Kreyser-Werken und ist dann nicht zurückgekehrt, wie wir dachten. Er +depeschierte, er bleibe noch etwas aus -- sein Telegramm kam aus Köln.« + +Niemand wußte genauer als Agathe, daß Wynfried sich in Köln befand. Sie +war von dort gestern abend zurückgekommen. + +»Nein -- nein -- ich kann nicht hier bleiben,« sprach sie abwehrend. Und +sie brachte allerlei heraus von Handwerkern auf Lammen, von der +Modistin, die aus Berlin mit Anproben käme. + +Dann saßen sie beieinander, auf einer Chaiselongue, in der Nähe des +Fensters. Der bleiche Nebel draußen hing vor den Scheiben. Und Agathe +war plötzlich stumm. Ihr Herz klopfte. Und in ihrem kleinen Hirn jagten +hilflos die Gedanken, um die schöne, innige Rede wieder +zusammenzubringen, die sie sich in zwei schlaflosen Nächten ausgesonnen. +Eine Rede, durch die sie sich selbst immer wieder zu Tränen gerührt +hatte, die auch Klara das Herz erweichen mußte! Mit deren Erfolg sie +Wynfried überraschen wollte! Noch diese Nacht dachte sie nach Köln +zurückzufahren. Aber eine Depesche sollte ihr vorauseilen -- ihm sagen: +alles ist geordnet. + +Nun aber war die Rede fort. Völlig verweht im Sturm der Angst ... Was +sollte werden, wenn sie die rechten Worte nicht fände? + +Ihr war so unheimlich zumute! Sie konnte das Gefühl nicht los werden, +daß aus dieser unglückseligen Begegnung mit Likowski sich irgend eine +Katastrophe entwickle. Ein größeres Pech konnte es auch gar nicht geben! +Sie saß mit Wynfried in einem kleinen Weinrestaurant in der +verborgensten Ecke. Oft waren sie schon dort gewesen, und sie hatten +niemals eine Uniform dort gesehen, außer der der Bonner Husaren. Und nun +kam eine kleine Gesellschaft, zwei höhere Artillerieoffiziere mit ihren +Damen -- und mit ihnen Likowski, in Zivil. + +Es war ihr schrecklich gewesen, schrecklich! Aber Wynfried schalt sie +aus -- ach, er war nicht mehr der strahlende, anbetende Freund der +ersten Zeit. Er sagte: »Likowski ist Kavalier, als solcher weiß er, daß +er uns nicht zu sehen und zu erkennen hat.« + +Aber Likowski kam dennoch heran -- auf eine so fremde, ferne Art -- +einen Schritt vom Tisch blieb er und grüßte kalt. Und sprach in einem +Ton, der nicht aus Agathens Ohren wollte: »Bitte, Herr Lohmann -- auf +ein Wort.« + +Und Wynfried stand auf und folgte dem Hauptmann. -- Sie blieben außer +Hörweite stehen. -- Steif und höflich sah es aus, wie sie ein paar kurze +Worte zusammen sprachen. -- Dann verneigten sie sich sehr förmlich +voreinander. + +Wynfried kehrte zu ihr zurück -- leichenblaß und stumm, und wehrte +allen Fragen ab. Und bat -- nein -- befahl, daß sie am nächsten Morgen +abreise. + +Von diesem Augenblick an erwuchs in Agathe der Gedanke: Klaras Großmut +wird alles in das rechte Geleise bringen. -- + +»Nun?« fragte Klara. »Wie ist es dir denn in diesen letzten Monaten +ergangen? Du warst viel mit deiner Gerwald auf Reisen?« + +»Schlecht ist es mir ergangen,« sagte Agathe gedrückt. + +»Dir? Schlecht?« + +Das tiefe Erstaunen in diesen fragenden Wiederholungen war für Agathe +eine Kränkung. Ihr Dasein kam ihr in diesem Augenblick sehr mühselig und +beladen vor. Aber das war immer ihr Los gewesen: kein Mensch glaubte +ihr, wenn sie litt. + +»Ich bin sehr unglücklich,« sprach sie mit weinerlicher Stimme. »Wenn +man entsagen und immer wieder entsagen soll ...« + +Klara erschrak. Kam ihr die gutherzige, törichte Frau wieder mit ihrem +Liebesjammer? + +Nur das nicht! Nicht diese kindischen Klagen hören, um einen, den sie +selbst in heiliger Entsagung liebte. Das hätte ihre wunde Seele zu +peinlich gequält. + +Sie suchte nach einem ablenkenden Wort. Aber noch ehe sie es fand, warf +sich die andere plötzlich gegen sie -- umklammerte ihren Hals und fing +schluchzend an, zu weinen. + +»Mein Gott -- Agathe -- fasse dich doch ...« + +»Nein,« stammelte Agathe, »nein -- ich habe alle Fassung verloren -- ich +kann nicht mehr -- ich kam -- weil du -- du allein bist es, die mir mein +Glück geben kann. -- Leben -- Ehre -- Glück -- alles ...« + +Was hieß das? Gab es denn, außer dem Vater, der ahnungsvoll ihr +geheimstes Leid zu erraten schien und es andächtig beschwieg, gab es +einen Menschen, der von ihrer Herzensqual wußte? + +Und wie sonderbar drückend war ihr die Körperlast der Weinenden. Sie +schob sie von sich und sprach mit blassen Lippen: »Ich habe kein Glück +zu vergeben, und ich kann dir nicht helfen.« + +»Doch: Gib ihn frei -- laß ihn mir -- ich liebe ihn über alles in der +Welt -- ich sterbe, wenn ich auf ihn verzichten soll.« + +»Von wem sprichst du?« fragte Klara. Und zitterte vor dem kommenden +Wort. + +»Von Wynfried -- von Wynfried!« + +Das kam jammernd heraus -- als umschlösse der Name allein alles Unglück +ihrer Gegenwart. + +»Von -- von ...?« + +»Ich träume,« dachte Klara, »das ist ja Unsinn.« + +»Hast du es denn nicht gespürt? Du _mußt_ doch gemerkt haben, wie +glücklich und froh er war. -- Aber das ist es -- so was kannst du nicht +merken -- du bist ja nur seine gute Freundin -- du bist kalt -- ach -- +du weißt nicht, wie es ist, wahnsinnig zu lieben. -- Deshalb kann es +dich auch nichts kosten, gar nichts, ihn frei zu geben.« + +Verstummt, gelähmt saß die junge Frau. Die vergangenen Monate zogen in +rasendem Fluge an ihr vorbei. Sie sah ihren Gatten -- immer +liebenswürdig, höflich -- rücksichtsvoll -- ohne Ansprüche an ihre +Hingabe. -- Wie war es friedlich -- wie erlösend gewesen. -- Aber nun. +-- Diese allerletzten Wochen? Umwarb er sie nicht? Begehrlich -- wie ein +Verliebter? + +O Schmach! + +Und unterdessen ging die jammernde Rede der anderen immer weiter -- +wurde ruhiger -- nahm endlich den Ton des Rechtes an. Mit der Miene +eines kleinen Mädchens, das seine ersten Liebessorgen hat -- naiv -- +manchmal fast treuherzig. Und sie schloß: »Siehst du, geliebte Klara, +ich habe dir ja nichts weggenommen. Ihr habt euch nicht aus Liebe, +sondern nur dem Vater zu Gefallen geheiratet. Und Wynfried sagt, er sei +eben damals so herunter und so willenlos gewesen, daß er sich habe +verheiraten lassen. Deshalb brauche ich dir gegenüber auch kein +schlechtes Gewissen zu haben. Ich hab' dich auch viel zu lieb, als daß +ich dir etwas hätte antun wollen. O nein, dazu bin ich ein zu +anständiger Mensch. Laß ihn frei, damit ich sein Weib werden kann. Ich +sterbe sonst ...« + +Und sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen. + +Klara fuhr auf. Sie hatte gedacht -- gedacht -- und doch, in fiebernder +Doppeltätigkeit, alles gehört. + +»Vor einem Jahr wolltest du um einen anderen sterben.« + +Agathe hörte wohl den Hohn. Aber sie fühlte jetzt zu leidenschaftlich, +und alles war doch anders. + +»Jetzt weiß ich erst, was wahre Liebe ist!« schluchzte sie. + +Wie diese Tränen Klara schrecklich waren -- sie wuschen alle Würde von +den Worten. + +»Du wirst entsagen müssen,« sprach sie hart. + +»Dazu ist es zu spät,« sagte Agathe. + +Und sie erschrak, weil sie es gesagt hatte! -- Ihre Tränen versiegten -- +eine Art von Trotz kam ihr -- sie wartete und sah die Frau an -- die +blaß, in aufrechter Haltung, mit verschlossenem Gesicht dasaß. -- Wie +von Unergründlichkeit umwittert. -- Was würde ihr nächstes Wort sein? + +Welche Drohung lag darin, daß es so lange ausblieb? + +»Ich habe auch mein Recht!« dachte sie. + +Und endlich fragte Klara -- kurz und klar: »Schickt dich Wynfried?« + +Agathe erschrak sehr. Sie war ja eigenmächtig hier! Ein dumpfes Gefühl +sagte ihr, daß Wynfried diesen Schritt mißbilligt haben würde, weil -- +weil -- er vielleicht gar nicht frei sein wollte. + +Aber gerade das hatte sie hergejagt. Nach der Begegnung mit dem +Hauptmann gab es nur noch eins: sich öffentlich zueinander bekennen. Als +Held und Heldin einer unbezwinglichen Leidenschaft das Urteil der Welt +gewinnen -- sozusagen fast gesegnet von der ersten Frau des Geliebten. + +Aber etwas kleinlaut sagte sie: »Nein. Ich kam, weil -- weil -- es so +nicht weitergehen kann -- ich habe solche Angst.« + +Wieder schwieg die junge Frau lange. Sie erwog: vielleicht fühlt diese, +daß er anfängt, sich von ihr zu wenden -- mir zu. Und sie will sich +deshalb zwischen ihn und mich werfen ... Und vor ihrem Gedächtnis +brannten seine begehrlichen, bittenden Blicke ... O Schmach! Ein +siedender Strom von Zorn und Abwehr brauste durch ihren Körper. + +»Du weißt nicht, was Liebe ist,« fuhr Agathe fort. »Du bist eine +Verstandesnatur. Gegen die große, wahre Liebe ist man eben machtlos. Man +erliegt. Sie ist gewaltiger als Gesetz und Pflicht.« + +Klara schloß die Augen. Sie dachte an jene Sommernacht, da gerade die +Größe ihrer Liebe zweien Herzen die Kraft gegeben, sich zu bezwingen. + +»Es kann dir doch nicht schwer sein, auf deinen Mann zu verzichten -- wo +ihr euch nicht aus Liebe geheiratet habt.« + +Nun hatte die junge Frau sich ganz gefaßt. + +»Gerade deswegen ist unsere Ehe unlöslich,« sprach sie. + +»Klara ...« + +»Sie war kein Handel, der rückgängig gemacht werden kann, denn ich habe +mich nicht verkauft.« + +»Klara ...« + +»Sie war kein Liebeswahn, aus dem man erwacht. Wir wußten, was wir +taten.« + +»Klara!« Nun schrie es die andere Frau -- flehend, jammernd. + +»Wir haben uns die Hände gereicht zur Erfüllung sittlicher Pflichten. +Diese bestehen fort. Sie haben sich noch vermehrt. Wir haben einen +Sohn.« + +Sie stand auf. Und der anderen war, als müsse sie sich zu ihren Füßen +hinwinden -- irgend etwas schrecklich Demütiges tun. Aber sie kämpfte +doch um ihr Recht! Und sie hatte es in den letzten Wochen mit Beben +gespürt, daß der geliebte Mann lauer wurde. Und gerade jetzt! Nein, ihr +Leben war wirklich vernichtet -- ihre Zukunft verdorben, wenn er sie +verließ. + +Und ihre Demut schlug in das Gegenteil um. + +In ihre blauen, schwimmenden Augen kam ein beinahe gehässiges Licht. + +»Oh,« sagte sie, »wie unweiblich! Du willst einen Mann halten, der nicht +dir, sondern mir gehört! Ich möchte wohl wissen, wie du dir deine +weitere Ehe denkst.« + +Ein herbes Lächeln ging um Klaras Mund. Und in stolzer Abwehr sprach +sie: »Über die Zukunft meiner Ehe habe ich mit dir nichts zu sprechen. +-- Und mir scheint -- auch sonst nichts mehr.« + +»Du weisest mich fort?« fragte Agathe und kämpfte wieder mit jäh +aufsteigenden Tränen, »du willst mich beschimpfen?« + +»Nein. Aber du mußt begreifen: nur mit meinem Mann habe ich über diese +Sache zu reden. Und erst wenn ich von ihm selbst gehört habe, daß er +frei zu sein wünscht, werde ich mich fragen müssen, was ich zu tun habe. +Ich, von mir aus, muß unsere Ehe für unlöslich erklären.« + +Die blonde Frau geriet in Verzweiflung und weinte wieder mit kindischen +Lauten. + +Sie ängstigte sich ja gerade davor, daß es dem Manne gar nicht um +Freiheit zu tun sei. Ihre Phantasie sah eine große Vergebungs- und +Versöhnungsszene zwischen den Gatten voraus. + +Was noch tun? Wie sich den Sieg erringen? Sie hatte ihn sich so einfach +gedacht. Klara war doch so edel, so selbstlos, so großmütig. + +Agathe hatte in der Unverschämtheit kleiner Seelen all die Großmut der +höheren Natur zu ihren eigenen Gunsten in Rechnung gestellt. Sie war von +jenen, die einen Nebenmenschen unbefangen verraten, kränken, berauben +können, um nachher zu ihm zu sagen: Du bist so großherzig, du wirst +verzeihen. -- + +»Weine nicht,« sagte die junge Frau, »geh und laß mich allein.« + +Noch einmal stürmte Agathe mit ihrem Körpergewicht in heftiger Umarmung, +mit Schluchzen und Betteln gegen sie an. + +»Er darf, er kann mich nicht verlassen,« schrie sie fast, »es ist zu +spät ... Die Folgen ... Ich fühle ...« + +»Geh. Laß mich allein.« + +Das war kaum hörbar -- aber es drang doch durch all den Lärm der Bitten, +Klagen und des Geschluchzes der anderen. + +Und sie ging. + +Schon auf der Schwelle blitzte der Gedanke durch sie hin: »Gott -- man +sieht, wie verweint ich bin ...« + +Und sie tupfte mit dem Taschentuch auf Lidern und Wangen herum ... + +Da war Leupold. Er geleitete sie an ihr Auto. + +Und sie hatte ein elendes Gefühl vor diesem Manne, der doch bloß ein +Diener war. + +Die Tür des Autos wurde geöffnet. Drinnen tief in eine Ecke gedrückt +fror die Gerwald unter der Pelzdecke. + +Agathe sank schwer auf ihren Sitz -- die Tür schloß sich. + +»Geliebte Gerwald -- Sie müssen mit dem Nachtzug mit mir nach Köln +fahren.« + +»Bitte, bitte, liebe Baronin -- nicht weinen -- es wird ja alles gut +werden ...« + + + + +11 + + +Die junge Frau brach nicht fassungslos zusammen. Die große Aufregung +wirkte zunächst auf sie wie ein berauschender Trank, der durch ihre +Adern schwoll und ihre Nerven anspannte. Sie ging rastlos hin und her +und her und hin -- mit fieberisch erhitztem Gesicht. + +Sie wollte die ungeheuerliche Offenbarung, die ihr geworden war, in Ruhe +bedenken. + +Aber davon konnte keine Rede sein. Ihr ganzes Wesen war aufgestört. + +Sie hatte gar keinen Haß oder nur Zorn auf die andere Frau -- dachte +kaum an sie. + +Sie dachte an ihre Ehe -- an den Vater -- an das Kind. + +Würde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte: nein, das würde er +nicht tun. Aber nicht etwa, weil er an der Sittlichkeit ihrer Ehe +festhielt -- o, die hatte er mit Füßen getreten -- sondern -- sondern -- +weil er begann, sich in seine Frau zu verlieben ... + +Es war ihr, als müsse sie wahnsinnig werden bei diesem furchtbaren +Gedanken. + +Vor einem Jahr hatte sie gläubig auf das Wunder der Liebe gewartet. + +Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erblüht. + +Aber _diese_ Art Liebe, die sie jetzt ahnte -- die war ihr wie eine +Beleidigung. + +Sie konnte lange gar nichts denken -- ging hin und her, mit +beschwingten Schritten, wie auf der Flucht. + +Dann kam die Erkenntnis: »Unsere Ehe -- gerade unsere -- mußte durch +Treue geadelt werden.« + +Und nun, wo sie entadelt war -- mußte sie aufrecht erhalten werden? +Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer Pflicht gegen den Gatten, +gegen den Vater, gegen ihr Kind? + +Nein. Sie mußte verzeihen. + +Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen? + +Sie stand vor dem Bilde ihrer Mutter. Sie starrte zu dem feinen, +leidvollen Gesicht empor. -- Das schwieg. -- Wie Tote schweigen, die nur +sprechen, wenn wir selbst ihnen Worte leihen. -- Und die entsetzte Seele +der jungen Frau hatte keine -- erbebte in stummer Not ... + +Aus dieser Gebundenheit erwachte sie langsam zu einem staunenden +Gedanken: »Aber ich habe ihn doch damals heiraten und mich ihm zu eigen +geben können!« + +Aber damals hatte die Ekstase ihrer Dankbarkeit sie getragen! Damals +stand der Mann als ein von geheimnisvollen Leiden Zerschlagener vor ihr, +und alle unbewußte Mütterlichkeit in ihr fand eine Aufgabe darin, ihm zu +helfen. Damals wußte ihre Seele nicht, was Liebe ist -- die dämmerte +noch hinter der Schwelle des Erkennens, tief im Untergrunde ihres +Gefühlslebens. + +Nun war alles anders geworden. Ihr ahnte längst, daß jene +geheimnisvollen Leiden ihr Mitleid nicht verdient hatten. + +Und ihre Seele war zu einer reinen, entsagenden Liebe erwacht. + +Nur die Dankbarkeit war die gleiche geblieben. + +Und neue, noch viel stärkere Empfindungen waren emporgewachsen -- +töchterliche -- mütterliche. + +Sie ging ans Fenster und suchte mit ihren Blicken den Nebel zu +durchbohren. Die weiße Mauer der filzigen Luft verbarg das Werk. Wenn +sie es doch hätte sehen können! Der Anblick der rauchenden Schlote und +der mystischen Glutscheine würde ihr wohlgetan haben. Sie sprachen so +stark vom Lebenswerk des alten Mannes, des großen Arbeiters, der ihr +Vater geworden war. + +Ihre Ehe lösen hieß: ihn verlassen! + +Wie würde er leiden! + +Und ihr Kind? Wenn sie, die Schuldlose, von dannen ging, so war es ihr +Recht, es mitzunehmen. Kein Mensch, kein Gesetz konnte sie daran +hindern. + +Das würde den alten Mann töten! + +Seit er den Enkel besaß, wußte er, für wen er gearbeitet, für wen der +Pulsschlag des gewaltigen Werkes da drüben so stark und lebendig +schlug. -- + +Sein Enkel bedeutete ihm die Erfüllung aller Lebenshoffnungen ... Spät, +nach vielen und herben Enttäuschungen war sie ihm geworden. -- Diese +winzigen Kinderhände hatten die Wunderkraft, alles Schwere, alle +Entsagungen aus seinem rastlosen Dasein auszustreichen. Endlich -- an +der Schwelle des Grabes fast -- gab das kleine Kind ihm noch Freude -- +Freude, mit der ganzen Macht seiner ungewöhnlichen Natur empfunden. + +Und dieses Glück sollte sie ihm fortnehmen? + +»Nein,« dachte Klara, »das kann ich nicht.« + +Eine Stimme schien sie zu fragen: »Aber kannst du dich denn noch einmal +dem Manne zu eigen geben, der dich jetzt mit so werbenden Blicken +verfolgt?« + +Wie groß die Opfer auch gewesen waren, die sie gebracht hatte -- das +äußerste war ihr erspart geblieben: ihre weibliche Würde blieb +unverletzt. + +Sollte sie sie nun zerbrechen lassen? + +Wo war der Ausgang aus dieser Wirrnis von einander bekämpfenden +Pflichten und Gefühlen? + +Undurchdringlich wie der weiße Nebel stand die Zukunft vor ihr. + +Sie glaubte, es seien Minuten vergangen, seit ihr Ohr gequält wurde von +dem kindischen Jammer der blonden Frau. In diesem wunderlichen Wechsel +zwischen entsetzt hinjagenden Gedanken und bleierner Stumpfheit war ihr +alles Maß für die Zeit abhanden gekommen. + +Nun erschrak sie, als Georg kam und die Tischzeit meldete. + +Es hieß wie alle Tage in Heiterkeit neben dem geliebten Vater sitzen, +damit ihm die Stunde der Mahlzeit eine freundliche sei ... + +Mechanisch ging sie ins Eßzimmer -- vergaß, sich umzukleiden -- vergaß +den Blick in den Spiegel. -- Ging im Zwange der Gewohnheit. -- + +Es schien, als habe der Tag sein jähes Ende gefunden. Im Eßzimmer waren +die Vorhänge geschlossen, und das fahle Nebellicht kam nicht herein. +Festlich glänzten die elektrischen Birnen zwischen ihrem Behang von +stumpfgeschliffenem Kristall. + +Zu Häupten der kleinen Tafel, die fast verloren im reichen Raum stand, +saß schon der Geheimrat in seinem Fahrstuhl. + +Er sah der Tochter entgegen, das ganze bedeutende Haupt schien wie von +einer hellen Stimmung umstrahlt. Eben hatte er seinen Enkel besucht und +sich geschmeichelt gefühlt, daß dieser kleine Herr des Hauses vor +Vergnügen mit den Patschhändchen schlug, wie ein unflügges Vögelchen mit +den noch kümmerlichen Flügeln, als der Großvater hereingefahren wurde. + +Aber ganz plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Blickes. + +Klara im Morgenanzug? Mit dunkelglühendem Gesicht? Wie eine Fiebernde? + +»Bist du krank?« + +»Ich? -- Nein.« + +Sie setzte sich. Man aß. Sie versuchte auch, zu essen, zu sprechen. -- +Ja, schon fünf Zähnchen. -- Ja, Judereit war nun genesen. -- Ja, er war +in den langen Leidensmonaten ein einsichtsvoller Mensch geworden mit +vernünftigen Plänen. -- Ja, Thüraufs Finchen wollte nach München und +sich der Malerei widmen. Ja -- zu allem -- und alles war so +gleichgültig. Und sie fühlte immer, wie die großen, blitzenden Augen sie +mit wachsamer Sorge zu durchbohren schienen. -- + +»Nachrichten von Wynfried?« + +»Nein, seit dem Telegramm keine,« antwortete sie. + +»Wie ihn die Kreyser-Werke immer festhalten! Und wie er gern zu seinen +Bekannten nach Köln fährt. Ich denke manchmal, die Kreyser-Werke und ihr +Betrieb interessieren ihn mehr als 'Severin Lohmann', und wenn er freie +Wahl hätte, siedelte er dahin über. Der muntere Zug im Leben des +Rheinlandes zieht ihn auch besonders an. Gottlob, daß du da bist, Kind, +und daß wir Severin den Kleinen haben. Sonst hätte ich Angst, nach +meinem Tode wendete mein Sohn dieser Stätte den Rücken. Aber du wurzelst +in ihr fest und erziehst mir den Enkel in unserem Sinn.« + +Das war mehr, als Klara in dieser Stunde hören konnte. + +Und sie wußte nicht, daß die Glut auf ihren Wangen langsam hinlosch und +daß ihr Gesicht elend, leichenblaß, zusammengefallen erschien -- und +ihre Stimme leise, wie verhallt, als hole sie jedes laute Wort mühsam +aus der Brust herauf. + +Und auf einmal fing alles an, sich zu drehen. In ihren Ohren sangen +hohe Geigentöne in langen Bogenstrichen. Sie horchte mit versteinertem +Gesicht. Sie dachte: ich bin schwindelig -- hatte eine letzte +Willensregung: nicht fallen -- nicht fallen. -- Dann war alles +abgeschnitten -- als sei ein Fallbeil zwischen sie und ihr Bewußtsein +niedergesaust. + +Nichts, gar nichts wußte sie davon, daß ihr Kopf vornüber auf die +Tischplatte geschlagen wäre, hätte nicht Leupold sie aufgefangen, der +die letzten Sekunden, atemlos vor Schreck, sie schon beobachtet hatte. +Sie hörte nicht, daß nach der weiblichen Dienerschaft gerufen ward -- +sah nicht, daß der alte Mann, in Verzweiflung und vor Ungeduld +vergehend, in seinem Stuhl die geballten Fäuste auf die Lehnen stemmte. + +Als das feine Singen und Klingen, dies dünne Vorspiel des Erwachens, +wieder in ihrem Ohr begann, dämmerte eine Art Verwunderung in ihr. -- +Sie horchte dem wieder nach. -- Wie lange das andauerte. -- Sie wußte +nicht, daß viele tote, schwarze Minuten dazwischen lagen, seit sie es +zuerst gehört. + +Dann hatte sie eine Art von Erstaunen: sie lag auf ihrem Bett? + +Wie kam sie dahin? Sie saß doch bei Tisch? + +Sie schlug die Augen auf. Fast zugleich hörte sie eine Stimme sagen: +»Gottlob!« + +Und ein weibliches Haupt neigte sich über sie -- es schien das der +Wirtschafterin -- und man versicherte tröstend, daß Doktor Sylvester +gewiß gleich da sein werde. + +Da kam ihr Bewußtsein klar zurück, und zugleich brach sie in +leidenschaftliches Weinen aus und drückte ihr Gesicht tief in die +Kissen. -- + +Der alte Mann, der wuchtig und gebändigt, vor Sorge und Schmerz außer +aller Fassung in seinem Stuhl wartete, jagte bald den Leupold, bald den +flinken jungen Georg hin und her. An dem Türspalt des Schlafzimmers +mußten sie Nachricht erfragen. + +Und endlich kam Leupold und sagte: »Die gnädige Frau ist wieder zu sich +gekommen, aber dann sogleich in ein furchtbares Weinen verfallen. Doktor +Sylvester ist schon unterwegs.« + +»Komm her!« befahl der Geheimrat. + +Er packte die Hand des alten Dieners um das Gelenk, er schüttelte ihn +beinahe. Etwas von seinem alten brausenden Zorn war wieder über ihn +gekommen. + +»Hör du,« sagte er rauh, »ein Vierteljahrhundert bist du hier, und mein +Leben ist für dich von Glas -- sprich -- was geht in meinem Hause vor -- +sprich -- als Mensch -- nicht als Diener -- sprich --« + +»Herr Geheimrat,« sprach der Mann blaß und verstockt, »hier im Hause +geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat doch selbst.« + +»Mensch -- keine Wortklauberei. -- Sag, was du denkst.« + +»Ich denke, daß die Ohnmacht und die Tränen der gnädigen Frau wohl damit +zusammenhängen, daß die Baronin Hegemeister heute hier war.« + +»Die Baronin --« + +»Ich war zufällig auf der Diele. Und dann blieb ich da -- um Wache zu +halten -- daß niemand horcht --« + +»Warum? Die Baronin -- das ist eine Freundin des Hauses -- ist zahllose +Male hier gewesen -- was wär' da zu horchen?« fragte er lauernd. Denn in +seinem Gedächtnis war immer wach, was die alte Lamprecht ihm vor vielen +Wochen schon zugetragen hatte. + +»Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und -- Herr Geheimrat haben +befohlen, daß ich sprechen soll -- und die ganze Gegend klatscht davon, +daß sie und unser junger Herr ... Und ein Matrose von der 'Klara', der +hier auf Severinshof sich 'ne Braut angeschafft hat, war neulich da zum +Besuch und erzählte, daß der junge Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt +ist ... Und da dacht' ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel +abzubitten. Und ich wollte nicht -- dem Georg muß man immer mal +aufpassen, daß er nicht horcht. Und ich selbst mußte mir Mühe geben, +wegzuhören. Die Baronin weinte und jammerte manchmal laut. -- Was soll +ich noch mehr sagen ...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen +auch, wie wir die gnädige Frau alle vergöttern -- ich auch -- ja ... Und +dann der Kleine! -- Nein, so was durfte nicht kommen. -- Verzeihen mir +Herr Geheimrat -- aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.« + +Es sättigte ihn wohl, sprechen zu dürfen. Denn der Groll fraß ihm schon +lange das Herz ab. Aber er ängstigte sich auch schwer. Sein Herr war in +den letzten Monaten weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den +zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren täglich mit +heimlichem Zittern gefaßt war. + +Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor Erstaunen. + +Der wuchtige alte Mann brach keineswegs zusammen. Er atmete tief auf -- +langsam hob er seinen Oberkörper -- richtete sein Haupt empor. In jener +furchterweckenden Herrscherhaltung, der verkörperte Wille selbst, saß er +da. + +Das Licht füllte den Raum -- die unterbrochene Mahlzeit stand kalt auf +dem Tisch, der in Unordnung war. Das blitzende Auge sah über alles weg. + +Ein schweres Schweigen herrschte. -- + +Leupold wagte nicht, sich zu rühren, um nicht die Gedanken seines Herrn +zu stören. + +Was mochten es für Gedanken sein? Zornesfalten standen auf der breiten +Stirn. Und eine mächtige Bewegung arbeitete in den großen Zügen. + +Nein, das sah nicht aus, als habe ein hinfälliger Greis einen Stoß +empfangen, der ihn umwerfen mußte -- das sah vielmehr so aus, als sei +alle Kraft von neuem erwacht, als spanne sich jeder Nerv in diesem +gewaltigen Körper in straffer Energie. + +Nun sah er, wie die Hände, ohne zu zittern, nach der Brusttasche griffen +-- da trug der Geheimrat ein Büchlein. Er nahm es -- er schrieb ein paar +Zeilen auf -- riß das Blatt ab ... + +»Nimm,« sagte er. -- Nein, wirklich, nicht einmal seine Hände zitterten. + +Leupold nahm es. Er sah: es war eine dringliche Depesche. Nach Köln. An +den Sohn des Hauses. Und sie lautete: »Ich erwarte dich unter allen +Umständen morgen früh hier. Dein Vater.« + +Dann ging der Tag seinen Gang. -- -- + +Klara, auf ihrem Bett, sank aus den leidenschaftlichen Tränen allmählich +in einen Zustand der Erschöpfung hinüber. Sylvester hatte ihr ein Pulver +aufgedrängt -- sie nahm es aus Gefälligkeit gegen den besorgten Arzt. -- +Es mochte helfen, daß die Erschöpfung in einen ruhigen Schlaf überging. + +Als sie erwachte, war es dunkel. Und sie hörte sausende Töne. -- Kam das +vom Werk her? Nein -- Sturm! Der Nebel war weggepeitscht. + +Klara richtete sich auf. Besann sich. Ihre Fassung war nun vollkommen. + +Sie hatte seit Stunden nicht mehr gedacht -- nicht denken können. + +Und dennoch war in ihr eine eherne Gewißheit und Festigkeit. + +Sie wußte: ihre Pflicht war es, noch einmal von vorn anzufangen, und um +des Vaters wie des Kindes willen ihrem Mann zu vergeben, zu helfen. Sie +wollte mit ihm sprechen und mit seiner schwachen Natur kämpfen -- damit +er begreife: er müsse sich zunächst ihre Achtung erringen. + +Dies war das kleine Streckchen Lebensweg, das sich übersehen ließ -- ob +es ins Dunkel mündete, ins Helle führte -- das mußte die Zukunft lehren. + +Dieser gegenwärtige Augenblick forderte eine leichtere Pflicht von ihr +... Sie mußte den Vater beruhigen! In welche Aufregung mochte ihn ihre +Ohnmacht gestürzt haben! + +Sie kleidete sich an -- rasch -- und dachte: »Ich nehme den Kleinen mit +hinauf.« + +Sie fand ihn im Zimmer nebenan, in seinem Wagen lag er, seine Stimme +übend, mit jenen unbegreiflichen Lauten, die noch keine Worte formen +können und doch zu einem Mutterohr so beredt von prachtvollem Behagen +und Wohlsein sprechen. Zwischen Spitzen und hellblauen Schleifen sah man +das runde Gesichtchen und die prallen Arme. Und die großen Augen +glänzten tief. + +Die junge Frau nahm das Kind und hob es hoch empor und legte das +flaumige Köpfchen gegen ihre Wange -- in leidenschaftlichem Glück die +Nähe des kleinen Geschöpfes genießend. + +So schritt sie hinauf. + +Sie merkte kaum, daß ehrfürchtige und eilige Hände alle Türen vor ihr +öffneten. + +Sie gelangte hinauf -- mit ihr kam ein Lichtstrom in einen völlig +dunklen Raum. + +In seinem Sessel zwischen den unverhüllten Erkerfenstern saß der alte +Herr -- im unerleuchteten Zimmer. + +Nun sah er die junge Frau, wie sie im Lichtstrom heranschritt, im +linken Arm hoch das Kind tragend, mit der Rechten das kleine Haupt gegen +ihre Wange drückend -- und um sie der Schimmer von Glanz ... + +»Madonna ...« dachte er. + +»Wir wollen Großvater Gute Nacht sagen.« + +Und ihre Stimme klang wie immer. + +»Du hättest liegen bleiben sollen.« + +»O nein,« sagte sie leichthin, »es geht mir wieder gut. Hoffentlich hast +du dich nicht erschreckt. Du weißt ja: 'Der Frauen Zustand ist +beklagenswert' -- Wir sind ein jämmerliches Geschlecht.« + +»Heldin!« dachte er. + +Er wußte noch nicht: sollte er mit ihr sprechen -- mit ihr schweigen. -- + +Aber nun mußten erst die großen Greisenhände die winzigen Fäustchen +nehmen, denn der kleine Regent sollte bald in sein Nachtröckchen +gesteckt werden. Und da erschien auch schon die Amme in ihrer +schwarzbunten Tracht und wollte ihn wieder hinab holen in sein +Kinderstubenreich. + +»Schlafe mein Kerlchen. Stör deine Mutter nicht. Sie ist für dich und +mich alles -- sie darf uns nicht krank werden. -- Schlaf fest.« + +»Dei -- dei -- dei,« klöhnte das Kind, als wolle es sehr Vernünftiges +versprechen. + +Die Amme ging mit ihm davon, hinter ihr schlossen sich die breiten +Türen, durch die der Lichtstrom hereingekommen war. + +»Du sitzest im Dunkeln?« fragte Klara. + +Sie hockte sich auf den niedrigen Stuhl neben den thronartigen Sitz des +Vaters hin -- da wo so recht eigentlich ihr Platz war. + +»Ich habe mich mit 'Severin Lohmann' unterhalten,« sprach der Alte, »es +hatte mir viel zu sagen ...« + +Durch die schwarzblanke Glasfüllung der Fenster sah man hinaus in den +Novemberabend, aus dem der Sturm allen Nebel geblasen. Und vor dem +nächtigen Hintergrund erkannte man die hellen Schornsteine, weil von der +Kokerei und den Hochöfen und der frei brennenden Gasflamme her roter und +gelber Schein kam, der die Bauten helldunkel umleuchtete. Von bläulichen +elektrischen Lichtern war das düster-große Bild überfleckt, und all +diese Lichtkerne mit der Strahlenglorie rundherum erinnerten so +merkwürdig an Weihnachten. -- Die plumpen Burgen der Hochöfen waren halb +angestrahlt, halb lösten sich ihre Formen in Dunkelheit auf. + +Der Gesang des Sturms nahm mit seinen langgezogenen Heultönen alle +Geräusche vom Werk fort und trug sie auf seinen Fittichen ostwärts, dem +Meere zu. + +Drunten der Fluß war an seinem kohlschwarzblanken Gleißen nur zu +erkennen, wo vom Werk her Licht über ihn hinspielte. Außerhalb der +verständlichen und übersehbaren Wirklichkeit krochen ein rotes und ein +grünes Licht in der Dunkelheit heran. Die Augen eines Dampfers, der sich +gegen Strom und Wind flußauf quälte. + +Die junge Frau legte ihren Kopf gegen die Lehne des Stuhls. -- + +Bald fühlte sie die liebevolle Hand schwer auf ihrem Haar. -- + +So saßen sie und sahen zu dem vom rötlichen Schein angehauchten Rauch +hinüber, der sich in der schwarzen Höhe verlor. Sie sahen von diesem +Stück Welt des Eisens und der Kohle mit geistigem Auge noch viel, viel +mehr, als das Nachtbild ihnen zeigte. Sie sahen alle tausend Fäden, mit +denen es an die Gegenwart, an alle großen Fragen und Forderungen der +Zeit gebunden war. Sie sahen sich als Diener dieser Zeit -- ihre Herzen +wurden bescheiden und still. + +Leise sprach der Alte -- für sich hin -- zu ihr, die mit seinem Enkel +sein Werk bewachen und fortsetzen sollte -- vielleicht hinaus zu +Tausenden, die ihn nicht hörten: + +»Ich habe gedacht ... Eine neue Zeit läßt nicht nur neue Formen, +Schönheiten, Anschauungen, volkswirtschaftliche Notwendigkeiten +entstehen, wälzt nicht nur Technik und Bedürfnisse um. Fast fürchte ich +mich, es auszusprechen: sie wertet auch unsere Empfindungen um! Man +sagt, daß alte Geschlechter, die seit Jahrhunderten auf ihrer sich +forterbenden Scholle sitzen, diese mit heißer Inbrunst lieben. Wie +sollten sie nicht! Und dennoch muß die Liebe, die Männer wie ich zu +ihren Werken haben, noch von einer anderen Art sein. Tiefer und +ausschließlicher. Denn sie ist noch fruchtbarer! In meines Sohnes Adern +fließt mein _Blut_ -- nicht nur _mein_ Blut -- vielleicht, nein gewiß, +noch mehr von dem der Frau, die ihn gebar. In den Adern meines Werkes +fließt nicht nur mein Blut; meine _Kraft_ -- meinen _Geist_ -- meine +_Energie_ -- alles, was ich bin, körperlich und seelisch, hab' ich +hinübergepflanzt in dies Werk. Geheimste Ströme gingen von mir fort in +meine Arbeit und gaben ihr Leben. Und ist so dies Werk nicht noch mehr +mein Kind, in viel unzerstörbarerem Sinne, als mein Sohn es ist? Ist +diese Wahrheit erschreckend? Ist sie nicht vielmehr voll geheimer Größe? +Voll drohender Mahnungen? Werte abwägen gegeneinander -- das fordert die +Zeit. Vielen, vielen ließ sie das Idyll des Familienlebens und das +Auskosten seiner kleinen und großen Kämpfe. Aber für die, denen ein +Platz ward in der Front der Schaffenden, heißt es sich fragen: Was ist +wichtiger, dein Kind oder dein Werk? Und da, wo ich stehe -- und so, +wie mein Sohn ist -- trotz allem, was ihm geopfert ward, ein Halber -- +muß ich mich besonders fragen: Was ist Tausenden wertvoller, nötiger -- +mein Sohn oder mein Werk? Was ist meinem Herzen teurer -- mein großes, +starkes, kraftvolles Werk oder mein haltloser Sohn? ...« + +Seine Stimme war zuletzt fast raunend geworden. Er sprach wie einer, der +sich vor sich selbst fürchtet. + +Und die junge Frau fühlte: er wußte vielleicht alles. Er war vielleicht +bereit, den Sohn preiszugeben. + +Aber das war doch unmöglich. Wie sollte, wie konnte das geschehen? Die +einfache Tatsache der festgefügten Lebensverhältnisse verbot es. -- +Vielleicht eine zornige Aufwallung? Die milderer Stimmung weichen +konnte? Aber so seltsam gefaßt, so wunderbar vorsichtig, furchtsam vor +dem Klang der eigenen Worte, spricht nicht der Zorn. + +»Du und dein Kind -- ihr wißt es -- ich habe ein Herz! Deine Mutter +wußte es! -- Und dennoch -- dennoch -- wenn ich denn ein unnatürlicher +Vater bin: -- mein Werk steht mir näher als mein Sohn. Ihn könnt' ich +lassen -- meinem Werk gehört mein letzter Gedanke. Wir Menschen von +heute, wir arbeiten so furchtbar, daß Blut und Schweiß uns +zusammenschmiedet mit unserer Arbeit -- und wenn unsere Kinder dies +heilige Bündnis nicht verstehen, seien sie davon geschieden.« + +Klara fror. -- Die Unerbittlichkeit sprach zu ihr. -- Und ihr war, als +sei es kein Zufall, daß seine Faust sein Leben lang dem Erz das Eisen +abgerungen habe ... + +»Vater,« sprach sie leise. »Wir müssen doch Geduld haben.« + +Da drückte sich die Hand noch fester auf ihr Haupt und lag da schwer -- +und dennoch wie Segen -- Trost -- Dank. -- + +Sie mochten nicht mehr sprechen und schauten still durch die Nacht +hinüber auf den bestrahlten, quellenden und zerreißenden Rauch, der toll +vor dem schwarzen Himmel jagte. -- + +Und der alte Mann wartete auf eine Antwort. Die Depesche war doch stark +genug gewesen. Aber an diesem Abend kam keine Antwort mehr. + +Nun, wozu auch Antwort? Am nächsten Morgen würde sein Sohn selbst +eintreffen. + +Aber die Stunde, für die seine Ankunft bestimmt zu berechnen war, +verstrich, und er trat nicht bei seinem Vater ein. + +Der Geheimrat ließ Thürauf herüberbitten. Der tauchte aus seinem Übermaß +von Arbeit auf und hatte zwei Minuten für den alten Herrn. Wynfried? Vor +vier Tagen hatte er das lange und vortrefflich klare Telegramm über die +Konferenz auf den Kreyser-Werken geschickt, das der Geheimrat ja kenne. +Seither erhielt Thürauf persönlich keine Nachricht vom Juniorchef der +Firma. -- + +Die Ungeduld verzehrte ihn. Allerlei Gedanken überstürzten sich. Auch +dieser, daß Wynfried gar mit der blonden Baronin auf und davon gegangen +sei. + +Aber zu dieser Vorstellung hatte er gleich ein grimmiges Lächeln. + +Er kannte seinen Sohn. Der dachte wahrscheinlich ganz unbefangen, wie +tausend moderne Ehegatten denken: auf die Treue des _Mannes_ kommt es +nicht weiter an. Das Abenteuer mit der Baronin war ihm vielleicht nur +ein Sommervergnügen -- vielleicht hatte es geheißen: halb zog sie ihn, +halb sank er hin. -- Ach -- klein -- klein -- banal! + +Und die Blicke fielen ihm ein, die sein Sohn in der letzten Zeit für +Klara gehabt. + +Da stieg ein flammendes Rot bis in seine Stirn, und er litt. -- + +Es blieb alles stumm. Als wenn die Ferne voll schweren Schweigens sei. + +Der Geheimrat ließ ein dringliches Telegramm mit dringlicher Rückantwort +an das Hotel in Köln abgehen. Da hatte er binnen einer Stunde in den +eiligen Blaustiftbuchstaben der Depesche die Nachricht, daß Herr Lohmann +junior im Hotel bisher nicht angekommen sei, daß dort aber seit gestern +nachmittag eine #D#-Depesche für ihn lagere, aus deren Vorhandensein man +wohl auf seine baldige Ankunft schließen dürfe. + +»Meine eigene Depesche,« dachte der alte Herr. + +Nun war er außerstande, noch etwas zu tun. Er konnte nicht an alle +Kölner Hotels depeschieren. Wer wußte, ob er überhaupt da war? Man hätte +auf Lammen anfragen können. Das verbot sich. Das bloße Suchen nach einem +Vorwand zur Nachfrage verbot sich. + +Solche Stunden ertragen sich hart. + +Er saß da wie ein zürnender Gott, der seine Blitze in der Hand +zurückhalten muß, die ihn nun selbst brennen. + +Er wußte, gerade wie die junge Frau, daß sich die festgefügten +Lebensverhältnisse nicht zerreißen ließen. + +Er ahnte gleich ihr, daß Wynfried sich dagegen wehren würde, seine Ehe +zu lösen, denn er war offenbar im Begriff, sich in seine Frau zu +verlieben. + +Ah -- dürfte er doch die holde Frau gegen _diese_ Liebe schützen! + +Aber er war machtlos. Wenn sie verzieh, Geduld haben wollte -- er, der +Vater, durfte die Ehe nicht sprengen. + +»Hätte ich sie nie zusammengebracht!« + +Eins aber konnte er: als richtender Vater, als Mann zum Manne, mit dem +Schwert scharfer Worte gegen den Sohn wettern. + +Er hoffte im Grunde wenig davon. Er hatte alles Vertrauen verloren. Wenn +nicht einmal die reine Würde der jungen Frau ihm Halt hatte geben +können ... + +Der alte Mann erschrak selbst davor, wie ganz ihm sein Sohn entglitten +war -- alle Stimmen der Natur schwiegen. + +Sein Enkel, seine Tochter, sein Werk -- diese über seinen Tod hinaus vor +jeder Gefährdung zu schützen, war sein Hauptgedanke. Er wollte sein +Testament ändern. Wynfried blieb auch mit dem Pflichtteil noch ein +wohlhabender Mann. + +Da nun seine leidenschaftliche Natur auf schwere Grübeleien angewiesen +war und sich nicht in Wort und Tat entladen konnte, stieg seine +Nervosität bis zur Unerträglichkeit. + +Wenn nur irgend, irgend etwas geschähe, diese Spannung zu lösen ... + +Aber beinahe hätte er das, was sie lösen konnte, von seiner Schwelle +gewiesen. + +Es war am dritten Tag nach jenem unterbrochenen Mittagsmahl. + +Der Himmel war hell, durch den bleichen Sonnenschein raste Sturm. Das +Land lag braunschwarz, mit den rostroten Farbenflecken der Hainbuchen, +in deren Gezweig das welke Laub fror. Der Fluß schuppte sich unruhig. +Kahl und freudlos schien die Erde ängstlich auf den Winter zu warten. + +Leupold kam. + +»Ich soll den Freiherrn von Marning melden,« sagte er. Und fügte gleich, +etwaigen Vorwürfen abzuwehren, hinzu: »Ich habe aber keine Aussichten +gemacht -- habe gesagt, Herr Geheimrat empfingen keine Besuche. Da bat +er, ich solle doch fragen.« + +Den alten Herrn wandelte eine kurze Verwirrung an. Marning? Er, der für +immer aus diesem Hause gegangen war? Noch einmal wieder? Und jetzt -- + +Nein, nein -- gerade ihn konnte er jetzt nicht sehen! Es hätte zu weh +getan. Es würde ihn vielleicht hinreißen, zu diesem zu sprechen. Und +gerade diesem mußte verborgen bleiben, was jetzt auf dem Hause lastete +-- denn es wäre auch für ihn schwer, schwer, davon zu wissen. + +»Nein,« sprach er vor sich hin, »ich kann nicht --« + +»Herr Oberleutnant sagten: es sei wichtig.« + +Wichtig? Für ihn? Für wen? Vielleicht war er anderen Sinnes geworden. +Kam auf das Anerbieten zurück -- wollte doch zur Industrie übergehen -- +kam, um Hilfe für den Weg dahin zu erbitten. + +Das entschied. Seine Zuneigung für Marning wallte auf. Es hieß eben, +sich zusammennehmen. + +»Also ja ...« + +Und wenige Sekunden nachher stand Stephan Marning vor ihm, sehr blaß, +sehr ernst. + +»Lieber Marning. -- Es freut mich, Sie zu sehen. -- Wenn Sie's nicht +wären ... Ich bin ein verstimmter, ungeduldiger alter Kerl -- hab' im +Moment zu viel bunte Gedanken im Kopf. -- Sie müssen schon Nachsicht mit +mir haben. Und mir ein bißchen knapp sagen, was Sie wünschen. Meine +Gesinnung kennen Sie -- die ist unverändert ...« + +»Herr Geheimrat,« begann Stephan. »Ich komme nicht in eigener +Angelegenheit.« + +Irgend etwas im Ton und in der Miene des jungen Mannes ließ den Alten +scharf aufmerken. + +»Das Botenamt, Herr Geheimrat, war zu allen Zeiten ein gefürchtetes.« + +»Wenn der Bote Übles brachte! Und das tun Sie demnach.« + +»Ernstes. Ja.« + +»Sagen Sie's nur schlankweg. Man bildet sich immer ein, vor uns Alten +und Brüchigen dürfe man das Wort 'Tod' nicht laut aussprechen. Ich bin +kein Feigling. Wenn Altersgenossen weggeholt werden, zittere ich nicht +gleich, weil's mich doch auch mal treffen muß. Bin seit zwei Jahren an +eine gewisse Nachbarschaft gewöhnt. Ist Ihr Onkel, mein verehrter +Freund, gestorben? Ein schmerzlicher Verlust wär's.« + +»Nein, Herr Geheimrat. Ich habe Ihnen von Likowski Nachrichten zu +bringen.« + +»Wa -- was ...? Unser prachtvoller Hauptmann? Aber das ist ja +unmöglich --« + +Wie sonderbar seine Gedanken die eine Fährte verfolgten -- die des +Todes. + +»Likowski befindet sich wohl -- er wird in zwei, drei Tagen zurück sein +-- er wäre schon heute eingetroffen -- aber er hat ... auch mußte er +sich beim Oberst melden.« + +»Nun also -- was ist mit ihm los. -- Nehmen Sie's mir nicht übel, lieber +Marning -- aber Sie verstehen sich drauf, einen ungeduldig zu machen.« + +»Verzeihen Sie,« sprach der jüngere Mann halblaut, »ich bin ungeschickt. +-- Mein Amt ist schwer. -- Likowski hat ein Duell gehabt -- mit -- mit +Ihrem Herrn Sohn.« + +Der alte Mann fuhr auf -- blieb erstarrt -- sah den andern an -- mit +offenem Munde. + +Langsam wich jede Farbe aus seinem Gesicht. + +Er war furchtbar anzusehen. + +Und endlich, endlich sprach er laut und fest. »Er ist tot!« + +So sprach das Schicksal selber -- ehern -- ergeben -- furchtgebietend. + +»Nein -- nein. -- Er lebt -- er kann -- er wird weiterleben --« + +Da sank das schwere Haupt zurück. -- Die Augen schlossen sich -- und ein +wunderbares Lächeln -- geheimnisvoll -- unbegreiflich, irrte um die +Lippen. -- Und unter den geschlossenen Lidern heraus perlte langsam eine +Träne und rann über die bleiche Wange. + +Stephan wandte sich ab. Ergriffen und scheu. + +Was jetzt im Herzen des alten Mannes vorging, wußte Gott allein. + +Sprach dennoch die unergründliche Stimme der Natur, die verstummt +gewesen war? ... Reckte sich das ganz einfache Gefühl empor? -- Rauschte +das Blut -- das Blut, das auch in seines Sohnes Adern rann, ihm zu: +Gottlob nicht tot? ... Tiefste Rätsel. -- + +»Was wissen wir von uns selbst!« fühlte der Alte. + +Stephan stand Minuten und sah in den matten, sturmgepeitschten +Sonnenschein hinaus und wagte nicht, sich umzuwenden. + +Bis eine beherrschte Stimme ihn aufrief: »Nun lassen Sie mich alles im +Zusammenhang hören.« + +»Ich denke, Herr Geheimrat, ich begehe keine Taktlosigkeit, wenn ich +Ihnen Likowskis Brief gebe -- wie er nun mal ist. -- Ganz Likowski. -- +Ich befürchte da kein Mißverstehen.« + +Es wäre ihm ja unmöglich gewesen, alles mit lauten Worten zu sagen. Ihn +däuchte, als müsse jedes einzelne zum Posaunenton werden und durch +Mauern und Estrich hinabdringen in das Ohr der geliebten Einen. + +»Mißverständnisse? Zwischen mir und dem, was Likowski sagt und tut und +schreibt? Ausgeschlossen. Her damit!« + +Stephan legte den Brief -- diesen Brief, dessen Inhalt ihn fast betäubt +hatte -- nun in die Hand des alten Herrn. Er setzte sich auf den +nächsten Stuhl, den Säbel zwischen den Knien, die Hände auf dem Korb +gefaltet -- so wartete er, und sein Gedächtnis, das den langen Brief +auswendig wußte, konnte den Blicken folgen, die nun lasen ... Wort um +Wort ... + + + »Lieber Marning! Kamerad! Freund! Da bürde ich Ihnen nichts + Gutes auf. Aber es muß sein! Der alte Herr, den wir verehren und + lieben, der muß wissen, was los ist. Er soll mir verzeihen, wenn + er kann! Wenn er nicht kann, muß ich's ertragen. Mein Bewußtsein + ist: ich habe getan, was sein mußte. Mein Mandat? Das des Mannes + und Offiziers, der kein edles Weib kränken lassen darf. Auch + nicht, wenn sie selbst vielleicht noch nichts davon weiß. + + »Zu Ihnen hab' ich nie davon gesprochen -- auch die anderen + Kameraden nicht zu mir -- das war zu delikat, wo es ein Haus + betraf, das uns so oft Gastlichkeit bot. Wenn man auch ein + rauher Krieger ist, man hat doch sein Zartgefühl. Aber es war ja + in allen Blicken, zwischen den Worten war es, in jedem + plötzlichen Verstummen war es, daß auch wir genau wußten, was + sämtliche Spatzen der ganzen Gegend pfiffen. Nämlich, daß Herr + Wynfried Severin und die mollige Baronin sich zusammen auf das + beste unterhielten und offenbar nicht gerade zusammen im + Katechismus lasen. Sonst wären sie doch wohl mal bis ans sechste + Gebot gekommen ... + + »Ich kann Ihnen gestehen, Freund, ich hab' was an stiller Wut in + mich 'reingefressen. Wo die junge Frau für mich so ungefähr das + Anbetungswürdigste von edler Weiblichkeit ist, was mir auf + meinem Junggesellenpfad begegnete. Und wo ich ihr alter Freund + und Hausgenosse gewesen bin. Und wo ich weiß, daß der Geheimrat + toben würde, wenn er wüßte, daß man ihr ein Haar krümmen will. + -- Na, und so stand es lange fest bei mir: ich sag's ihm in sein + schönes, nobles Gesicht, daß es für mich sehr häßlich aussieht. + + »Bloß die Gelegenheit! Wo die herzwingen, ohne Skandal? + + »Aber so was fällt ja dann vom Himmel, wenn man gerade mit all + seinen Gedanken mal weit davon weg und in behaglicheren Regionen + ist. + + »Geh' mit Vetter Adolf und Gesponsin, sowie mit einem seiner + Regimentskameraden, gleichfalls beweibten Zustandes, in ein + Restaurant. So 'n ganz pickfeines, wo es schon was kostet, wenn + der Kellner sich verbeugt. Sonst nicht meine Wahl -- das wissen + Sie wohl. Aber Madame Adolf hat die Schwäche und -- das Geld! + Leider. Geld ohne Geschmack -- das ist eine schlimme Mischung. + Da hätte sich Adolf vorsehen müssen. Na, dies nebstbei. -- Und + wer sitzt da in diesem Lokälchen, an zart bestrahltem Tisch, wo + zwischen Blumen und dem Leuchter mit dem rosigseidenen + Schirmchen der graue Kaviar vom Eisblock glänzt? Wer? + + »Na, ich sage Ihnen, die pummelige Agathe wurde rot -- röter -- + am rötesten. + + »Ich war ganz ruhig. Ich ging 'ran -- so mit 'ner gewissen + Vorsicht -- Distanz wahrend -- damit nicht etwa die Baronin mir + gleich die Patschhand freundschaftlich hinstreckte. -- Und da + bat ich ihn denn, mich anzuhören. Drei Worte genügten ja. Daß er + sie nicht einstecken konnte, wenn er 'n Mann von Ehre bleiben + wollte, war klar. Und dann lief die Geschichte ihren Gang. + Ehrengericht damit befassen war unmöglich. Die Losung mußte + sein: sofortige Abwicklung! Ehrengericht kann die Sache + nachträglich prüfen. Und hier gleich in Parenthese: ich melde + mich sofort beim Oberst. Auf einen Monat Festung bin ich gefaßt. + -- Zum Glück hatte Wynfried Severin ein paar Freunde da in der + Gegend -- Herren, die schlagenden Verbindungen angehörten -- + einer war aus 'm ganz feudalen Korps und fabelhaft bewandert in + der Regie des Duells. -- Und kurz und gut -- heut im Nebelgrau + standen wir einander gegenüber. -- So 'n rechter schwerer + Rheinnebel war's. -- Das Gelände, zwischen Schonungen, nicht + weit vom Fluß -- seltsam war's mir: man hörte durch den Nebel + den Heulton der Dampfer. Wenn ich Ihnen sage, Marning, daß so 'n + Heulruf ihm das Leben gerettet hat! + + »Es war mein Vorsatz: den lösch' ich aus. -- Der verdirbt sonst + noch dieser köstlichen Frau, an die man bloß mit Andacht denken + kann, das ganze Dasein. -- Ich haßte ihn. Kräftig. + + »Aber was soll ich Ihnen beichten? -- Wie ich so ziele -- in + diesen gräßlichen Sekunden -- ein, zwei sind's bloß -- da heult + von fern und leise ein Dampfer -- wie bei uns -- plötzlich seh + ich unseren Fluß vor mir, das Werk, den alten Herrn. Gott + verzeih' mir: es war verrückt. Total. Beinahe mag ich es nicht + schreiben: mir war's, als riefe der alte Herr. Es war direkt + unheimlich.« + +Stephan sah, daß die beschriebenen Blätter in der Hand des Greises +zitterten ... + +Ja, das war diese Stelle -- seltsam -- und so ganz außer Likowskis +Linie ... + +Aber weiter ... + + »Vielleicht hätt's ihn doch schwer geschlagen -- wenn sein Sohn + ... es ist immerhin der einzige! Obschon -- unter uns -- + manchmal dacht' ich: heiß ist die Liebe nicht. Und Enkel und + Schwiegertochter sind ihm alles. Aber wer kann in so was + 'reingucken? Na und kurz und gut: ich nahm nicht dies flotte + Herz zum Ziel. Aber treffen wollt' ich, und ich traf. Besser als + er, der den ersten Schuß hatte und damit bloß ein Loch in die + Luft machte. Nicht vorsätzlich. Ih nee -- ich merkte, wie er + zielte. Aber natürlich: schlechter Schütze, nicht eingeschossen. + Meine Kugel ist ihm unterm Schulterknochen durchgeschlagen, hat + Sehnen und viele Blutgefäße zerrissen und die Lunge gestreift. + + »Schon nach zwei Stunden brachte mir Vetter Adolf die Nachricht: + voraussichtlich längeres Krankenlager, aber durchaus keine + Lebensgefahr -- wahrscheinlich auch längeres Schonungsbedürfnis. + + »So weit wäre ja nun alles ganz gut und schön gewesen und hätte + ganz sachte vertuscht werden können. Dem alten Herrn konnte man + was von einem Automalheur erzählen. Was ist heutzutage leichter, + als sich auf der Straße die Knochen zu zerbrechen! + + »Aber nun kommt's hochdramatisch. Ohne sich um Wunsch und Willen + des vorerst Bewußtlosen zu kümmern, läßt ihn unser Paukarzt ganz + einfach in eine Privatklinik schaffen, die ein ihm befreundeter + Chirurg hält. Na, das war vernünftig. Als Lohmann zu sich kommt, + fällt ihm ja wohl bei kleinem ein, daß die Baronin Nachricht + haben muß. Er läßt telephonieren, die Damen möchten abreisen, + und seine Sachen sollten vom Hotel in die Meinhardtsche Klinik + geschickt werden. + + »Vielleicht hatte die mollige Agathe schon Lunte gerochen -- und + dann das Wort 'Klinik'. Kurz: nach einer halben Stunde saß sie + schon am Bett. Und erklärte jedermann: da ist mein Platz! Und + nimmt mit der Gerwald mehrere Räume in der Klinik und macht es + offiziös. -- Straf' mich Gott, wenn ich in diesem Falle von + meiner sonst gutbeschlagenen Menschenkenntnis sollte verlassen + sein! Aber Agathe ist vielleicht, in all ihrer Unbefangenheit, + nicht böse über das Duell! Denn nun kann er gar nicht anders. Zu + seiner Frau kann er nicht zurück. Sitzen lassen kann er hiernach + die Baronin nicht. Und so strafen ihn die Götter und bedienten + sich dazu meiner bescheidenen Person. + + »Dieses Auftrumpfen Agathens: 'Mein ist der Mann, und mir gehört + er zu!' -- macht es unmöglich, den Fall zu vertuschen. Ehe der + alte Herr gar in den Zeitungen davon liest -- ehe der Sohn ihn + benachrichtigen kann -- denn von wegen Agathe kann er nun nicht + eine glaubhafte Flunkerei von einem Unfall nach Haus drahten. -- + Die Lage ist nicht einfach für ihn. Donnerwetter! Na also, ehe + was geschieht, das den Schlag zu roh und plump gegen das Gemüt + des Vaters führt -- gehen Sie sofort zu ihm. + + »Er hat Sie lieb. Er achtet Sie hoch. Oft hat er's mir gesagt. + Es ist mir handlicher, mich mit diesem Auftrage an Sie als an + den vortrefflichen Thürauf zu wenden. Sie sind mein Kamerad -- + mein Freund -- das sagt alles. + + »Von Frau Klara kein Wort! Da verbiet' ich meiner Feder jedes. + Sie wird leiden -- jetzt -- zunächst in jedem Fall! Aber sie + wird mir doch noch mal im Leben freundlich die Hand geben -- + darauf hoffe ich! + + »Und nun: Gott befohlen! + + Ihr Likowski.« + + +Wie langsam der Greis gelesen hatte -- ganz gewiß, er mußte jeden Satz +wiederholt in sich aufgenommen und lange bedacht haben. + +Und nun faltete er mit zögernden Bewegungen die Bogen zusammen. Ein +wenig mußte er sich vorneigen und den Arm ausstrecken, um sie auf den +Tisch legen zu können, der rechts von ihm aus der Wand vorsprang. + +Stephan stand schon auf, um ihm den Brief abzunehmen. + +Seine Blicke trafen sich mit den tiefen, großen Blicken des Alten -- sie +kamen wie aus einem Abgrund von Gram herauf. + +Aber dennoch -- auf seinen Zügen lag der Ausdruck einer wunderbaren +Gefaßtheit. + +Welche Erschütterungen auch durch ihn hingewandelt sein mochten -- er +stand darüber, stand auf Herrscherhöhen. -- Von wo aus die Wirrnisse des +Lebens weithin übersehbar sind, wo man erkennen kann, woher die Wege +kommen und wohin sie gehen. + +Ein leises, schmerzliches Lächeln voll Vatergüte ging um seinen Mund. + +»Sie wollten mir und allem, was zu mir gehört, für immer entfliehen,« +sprach er, »und nun spielt unser Freund, noch viel mehr als er selbst +weiß, Schicksal und schickt gerade Sie zu mir.« + +»Ich konnte den schweren Auftrag nicht ablehnen.« + +Er war verwirrt -- sein Herz klopfte. Er wünschte sich auf der Stelle +verabschieden zu dürfen. + +»Lieber Marning -- Sie sehen -- der Sohn ist mir verloren -- vielleicht +nicht ganz als Sohn. Mag die Zukunft -- mag vielleicht eine ferne +Stunde, die meines Todes vielleicht, noch einmal seine Hand in meine +legen. Was kann ich davon wissen, was darüber sagen? Nichts! -- Ich will +mein Alter nicht mit Unversöhnlichkeit beflecken. -- Es liegt an ihm --« + +Er mußte innehalten. -- So lebendig stand plötzlich das Bild der +genußsüchtigen, selbstischen Frau vor ihm, die seines Sohnes Mutter +gewesen ... Er seufzte schwer ... + +»Möchte der Weg, auf den ihn alles nun zwingt, ihm nicht zu hart mit +Reue gepflastert sein.« + +Dann fuhr er lebhafter fort. »Meine Tochter -- mein Enkel -- mein Werk +-- das gehört zusammen -- zu mir -- bis übers Grab hinaus: zu mir! Und +davon hat mein Sohn sich geschieden. Er hat die Würde seiner Frau und +die Würde meines Werkes verraten. -- Vielem und Vielen sollte er zum +Herrn gesetzt sein. Das kann nur einer, der strebt. Nicht einer, der +spielt. Er bleibt von meinem Werk geschieden -- auf immer!« + +Nun sah er den jungen Mann voll und groß an -- bezwingend -- -- + +»Ich tat einmal eine Frage an Sie. -- Heute ist der Augenblick, sie zu +wiederholen. -- In dieser Stunde braucht mein Werk noch keinen Helfer +und Leiter. Ein vorbildlicher Mann steht an der Spitze. Aber der Tag +wird kommen, wo auch er jüngere Schultern als Mitträger braucht. Und +mein Enkel. -- Noch bin ich da! O -- ich hoffe, dem Dunklen, der mir +schon mal so nahe war, noch manches Jahr zu trotzen. Aber dennoch -- es +ist Menschenlos. -- Mein Enkel und meine Tochter -- einmal brauchen sie +vielleicht einen klugen, besonnenen Mann von Ehre und Herz als -- als +Freund. -- Und so, Marning, so frage ich in dieser Stunde, wo mein Sohn +für mein Werk verloren ging: wollen Sie zu mir kommen -- wollen Sie +meinem Werke dienen?« + +»Ja!« + +Laut und feierlich klang das durch den Raum. + +Der alte Herr streckte seine Hand aus. Stephan ergriff sie und tat wie +damals, als er für immer zu scheiden glaubte: er neigte sich tief und +küßte voll Ehrfurcht diese Hand -- die Hand, die sein Schicksal auf +ungeahnte, nie mehr erhoffte Höhen des Glückes führen wollte. + +Den Greis übermannte Rührung. Er zwang das nieder. + +Er wußte, mit diesem »Ja« hatte ein ganzer Mann sich seinem Werke +angelobt. Und nicht nur seinem Werke. + +»Nun Klara,« sagte er, »sie muß wissen ...« + +Stephan trat erschrocken zurück. + +»Nicht in meiner Gegenwart.« + +»Doch!« -- Er hatte schon das Zeichen für Leupold gegeben, und dieser +kam so rasch, daß kein Wort mehr gewechselt wurde. + +»Bitte meine Tochter herauf. Aber sage nichts davon, daß ich Besuch +habe.« + +»Herr Geheimrat ...« bat Marning. + +Die alten Augen sahen ihn tief und wissend an. + +»Sie werden mich nicht verlassen wollen, wenn ich Ihnen sage -- ich +brauche Sie -- -- sonst -- sonst -- es könnte mir die Fassung +zerbrechen. -- Ich hab' diese zwei zusammengeführt -- ich! Bin ich nicht +ein Schuldiger vor ihr?« + +»Nein,« rief Stephan, »nein -- nichts von Schuld ...« + +Sie warteten schweigend. Stephan stand am Fenster, hinter dem mächtigen +Stuhl, in dem der Alte saß. Im Schatten, einer schwarzen Silhouette +gleich. + +Und dennoch erkannte sie ihn, kaum, daß sie die Schwelle überschritten. + +Sie blieb stehen -- ihr Fuß wollte sie nicht weitertragen. + +Was war das? Ein Zufall? Eine von jenen lächerlichen Notwendigkeiten des +Alltags, die sich in das Große mengen? Gerade jetzt? In diesen +qualvollen Tagen der Unklarheit, wo ihr Frauenschicksal in der Schwebe +hing ... + +»Mein Kind,« sprach der alte Mann ihr entgegen, »komm -- sieh, hier ist +unser Freund. Er hat ernste Nachrichten gebracht ...« + +Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »Von -- meinem -- Sohn ...« + +Nun war sie vor ihm und sah ihn an -- nur ihn -- als sei nicht noch +einer hier, der ihren Blick und Gruß erwarten durfte. + +Und doch sah, fühlte sie nur die Gestalt, die hochaufgerichtet, +schweigend und unbeweglich dastand. + +»Ja, mein Kind -- Wynfried -- er hat -- ein Unfall ... Später erfährst +du das Genaue. -- Er liegt in Köln -- krank ...« + +Sie wich ein wenig zurück -- im Schreck. Und wußte sofort: dann muß ich +dahin -- ihm helfen -- er ist meines Kindes Vater -- ich _muß_. -- Ich +wollte ja Geduld haben -- wollte vergeben -- nun muß ich es beweisen ... + +»Dann will ich zu ihm -- gleich -- ja gleich. -- Ihn pflegen -- ihm +beistehen --« + +»Nein, mein Kind. Du wirst nicht hinfahren. Eine andere Frau, der nun +wohl seine Zukunft gehören muß, sitzt an seinem Bett. Und deine Ehe -- +sie wird gelöst werden.« + +»Vater!« schrie sie auf. + +Sie legte beide Hände vor ihr Gesicht. + +Und die Männer schwiegen. + +Sie ahnten, der Greis wie der junge Mann, daß in ihrer Seele eine +ungeheure Bitterkeit aufwallte und alles, alles andere überflutete. -- +Die Bitterkeit der edlen Frau, die sieht: alle Opfer waren umsonst! Die +erkennt: meine Würde hat er, dem ich alles gab, nicht geachtet! -- + +Niemand sieht ohne Erschütterung den Bau seines Lebens in Trümmer +zerfallen -- auch wenn dieser Bau nicht im Glanze seliger Liebe +errichtet ward ... + +Aber dieser bittere Strom von schweren Erkenntnissen ebbte langsam +zurück. + +Und ein großes, schmerzliches Entsetzen erwachte. + +Nun verlor sie Vater und Heimat -- -- + +Sie hob ihr Gesicht aus den Händen. Sie sah den alten Mann an -- sie sah +wohl, welch eine Welt von Liebe ihr aus seinen Blicken entgegenkam. + +Aber dennoch, es war sein Sohn, um den es ging -- sein einziger Sohn -- +trotz allem. + +»Nun muß ich dich verlassen!« + +»Klara!« + +»Aber das Kind -- es gehört mir. -- Du wirst nicht den Versuch machen, +es mir zu nehmen. Nein -- das nicht -- das weiß ich.« + +Sie war außer sich. + +Er streckte seinen Arm nach ihr. + +»Nein -- besinn dich doch. -- Gehören wir nicht zusammen? -- Das Werk, +das Kind -- du und ich? Er hat sich von uns geschieden, nicht wir von +ihm! Und hier steht einer -- ich hab' sein Wort: er will in die Arbeit +hineinwachsen und dem Werke dienen und -- meines Enkels Freund sein --« + +Er brach ab. + +»Vater!« + +Sie kniete schon neben ihm nieder, und er nahm das schmale, weiße +Gesicht zwischen seine Hände. + +»Meine Tochter!« sprach er leise und bedeutungsschwer. + +Oft hatte er sie so genannt -- aber sie fühlte, was dieser Name, in +diesem Augenblicke ihr gesagt, alles auf sie legte an großen und +heiligen Pflichten; was er ihr versprach an Glück, das nach still und +stark ertragenem Leid einst ihr Leben zu einem Wunder machen sollte. + +Sie hob den Blick -- sie wagte es, den Mann anzusehen, der als stummer +Zeuge hinter dem Stuhl des Vaters stand. + +Und das beredte Auge sagte ihr, was der Mund noch verschweigen mußte. + +Und in diesem erhebenden Schweigen gelobten ihre Seelen einander, der +Vatergüte des großen alten Mannes immer wert zu sein -- nach seinem +Vorbilde zu wirken und rastlos ihre Pflicht zu erfüllen, im täglich +erneuten, stillen Heldentum der Arbeit, die dem Ganzen dient. + + + + + Druck der + Union Deutsche Verlagsgesellschaft + in Stuttgart + + + + +Anzeigen des +Cotta'schen Verlages + + + +Ida Boy-Ed: + +Ein königlicher Kaufmann + +_Hanseatischer Roman_ + +16. und 17. Auflage + +In Leinen gebunden 5 Mark + + +=Aus den Besprechungen:= + +Daß der vorliegende Roman viele Liebhaber gefunden hat, das bezeugen +schon die vielen Neuauflagen. Und es ist auch wirklich ein gutes Buch. +Es enthält treffliche poetische Schilderungen der Landschaft, der Natur. +Neben feinsinnigen Bemerkungen über die modernen Menschen und das +heutige Geschäftsleben der alten Freien und Hansestadt Lübeck gelangen +in anheimelnden Rückgedanken auch die früheren Zustände zur plastischen +Darstellung. Die große Erfindungsgabe der Verfasserin gestaltet den +Roman reich an verschlungenen Situationen, die meisterhaft gelöst +werden. + + =Bohemia, Prag= + + +Was übrigens die stärkste Anziehungskraft der Geschichte ausmacht, das +ist ihr Schauplatz. Sie spielt im heutigen Lübeck. Die stolze Hansastadt +mit ihren Kirchen und Patrizierhäusern taucht vor uns auf; die +Verfasserin schildert das Innere eines solchen, und ebensogut kennt sie +sich im republikanischen Verfassungsleben aus. Sie zeichnet diese kleine +und doch wieder in ihrer Art große Welt mit sicherem Stift, nicht ohne +Anerkennung und doch auch gelegentlich mit ironischen Anmerkungen über +den übertriebenen Lokalpatriotismus. Sie übersieht nicht »die +spezifische Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede +Familie sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein«. +Natürlich entrollt sich auch vor uns ein Stück hanseatischen +Kaufmannslebens; wir werden Zeugen von allerhand industriellen +Gründungen, nehmen an Aufsichtsratssitzungen teil und dergleichen. Das +alles ist mit so viel Sachkenntnis wiedergegeben, als nur immer von +einer Romandichterin erwartet werden darf. + + =Deutsche Tageszeitung, Berlin= + + + +Ida Boy-Ed: + +Im Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart und +Berlin erschienen: + + Gebunden + +Die säende Hand. Roman. 5. Auflage M. 4.50 + +Um Helena. Roman. 3. Auflage M. 4.50 + +Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer +Roman. 16. u. 17. Auflage M. 5.-- + +Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Auflage M. 4.50 + +Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman +6. u. 7. Auflage M. 4.50 + +Die große Stimme. Novellen. 3. Auflage M. 3.-- + +Stille Helden. Roman M. 5.-- + + +In Otto Meißners Verlag in Hamburg erschienen: + +Ein Tropfen Geheftet M. 2.50 + +Getrübtes Glück. Zwei Novellen Gebunden M. 4.-- + + + + + Gebunden +_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brücke und + andere Geschichten M. 4.-- + --"-- Das verlorene Wort. Roman " 4.-- + +_Andreas-Salomé, Lou_, Fenitschka -- Eine Ausschweifung. Zwei + Erzählungen " 3.50 + --"-- Ma. Ein Porträt. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Ruth. Erzählung. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte. 3. Aufl. " 3.50 + --"-- Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 3. Aufl. " 5.-- + +_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgänge. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl. " 3.50 + +_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman " 4.-- + --"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 4. Aufl. " 5.-- + +_Auerbach, Berthold_, Barfüßele. 44.-46. Aufl. " 2.50 + --"-- Auf der Höhe. Roman. 2 Bände " 4.20 + --"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. 2 Bände " 4.20 + --"-- Spinoza. Ein Denkerleben " 1.70 + --"-- Waldfried. Eine vaterländische Familiengeschichte " 2.10 + +_Baumbach, Rudolf_, Erzählungen und Märchen. 17. Tsd. " 3.-- + --"-- Es war einmal. Märchen. 15. u. 16. Tsd. " 3.80 + --"-- Aus der Jugendzeit. 10. Tsd. " 6.20 + --"-- Neue Märchen. 9. Tsd. " 4.-- + --"-- Sommermärchen. 40. u. 41. Tsd. " 4.20 + +_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Bob, der Sonderling. Seine Geschichte. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Die Geschwister. Mit Vorwort v. Adolf Wilbrandt. 12. Aufl. " 3.50 + +_Birt, Th._, Menedem. Die Geschichte eines Ungläubigen " 5.-- + +_Böhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl. " 4.-- + +_Boy-Ed, Ida_, Die säende Hand. Roman. 5. Aufl. " 4.50 + --"-- Stille Helden. Roman " 5.-- + --"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 16. u. + 17. Aufl. " 5.-- + --"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl. " 3.-- + +_Bülow, Frieda v._, Kara. Roman " 5.-- + +_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman. 2. Aufl. " 4.-- + +_Busse, Carl_, Federspiel. Westliche und östliche Geschichten " 4.50 + --"-- Flugbeute. Neue Erzählungen. 1. und 2. Aufl. " 4.20 + --"-- Die Schüler von Polajewo. 3. u. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten. 2. Aufl. " 4.50 + +_Dove, A._, Caracosa. Historischer Roman. 2. Bände. 2. Aufl. " 9.-- + +_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Die erste Beichte. + Miniatur-Ausgabe. Mit Porträt. 2. Aufl. " 2.-- + --"-- Bozena. Erzählung. 9.-11. Aufl. " 4.-- + --"-- Erzählungen. 6. Aufl. " 4.-- + --"-- Margarete. 7. Aufl. " 3.-- + +_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, #Hypnosis perennis# -- Ein Wunder + des heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten " 3.-- + +_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 9. Aufl. " 6.-- + +_El-Correï_, Das Tal des Traumes. Roman. 2. Aufl. " 5.-- + +_Enderling, Paul_, Zwischen Tat und Traum. Roman " 5.-- + +_Engel, Eduard_, Paraskenvúla und andere Novellen " 4.50 + +_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Grete Minde. 8. Aufl. " 3.50 + --"-- Quitt. Roman. 5. Aufl. " 4.-- + --"-- Vor dem Sturm. Roman. 15. u. 16. Aufl. " 5.-- + --"-- Unwiederbringlich. Roman. 7. Aufl. " 4.-- + +_Franzos, K. E._, Der Gott des alten Doktors. Erzählung. 2. Aufl. " 3.-- + --"-- Die Juden von Barnow. Geschichten. 9. Aufl. " 4.-- + --"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bände. 7. Aufl. " 7.50 + --"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Moschko von Parma. Erzählung. 5. Aufl. " 3.50 + --"-- Neue Novellen. 2. Aufl. " 3.-- + --"-- Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. 9. u. 10. Aufl. " 5.50 + --"-- Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl. " 3.-- + --"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzählung. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Judith Trachtenberg. Erzählung. 6. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bände. 3. Aufl. " 8.-- + --"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Erzählung. 3. Aufl. " 3.50 + +_Frei, Leonore_, Das leuchtende Reich. Roman " 5.-- + +_Frey, Adolf_, Die Jungfer von Wattenwil. Historischer + Schweizerroman. 5. Aufl. " 6.-- + +_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl. " 3.-- + +_Gleichen-Rußwurm, A. v._, Vergeltung. Roman " 4.50 + +_Grimm, Herman_, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bde. 3. Aufl. " 10.-- + +_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chinesisches Novellenbuch " 4.-- + +_Harbou, Thea v._, Die nach uns kommen. Roman. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Krieg und die Frauen. Novellen. Neue wohlfeile + Ausgabe. 11.-15. Tausend " 3.-- + +_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits. + Ein moderner Totentanz. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman " 4.50 + +_Heer, J. C._, Joggeli. Geschichte einer Jugend. 18.-22. Aufl. " 4.50 + --"-- Der König der Bernina. Roman. 81.-85. Aufl. " 4.50 + --"-- Laubgewind. Roman. 47.-51. Aufl. " 4.50 + --"-- Da träumen sie von Lieb' und Glück! Drei Schweizer + Novellen. 24. u. 25. Aufl. " 4.50 + --"-- Felix Notvest. Roman. 21.-25. Aufl. " 4.50 + --"-- An heiligen Wassern. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50 + --"-- Der Wetterwart. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50 + +_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman " 3.-- + +_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer, Roman. 36.-40. Aufl. " 5.-- + --"-- Der Adjutant. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 3.50 + --"-- Die Burgkinder. Roman. 86.-90. Aufl. " 5.-- + --"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 24.-28. Aufl. " 4.50 + --"-- Es gibt ein Glück ... Novellen. 31.-33. Aufl. " 4.-- + --"-- Hanseaten. Roman. 71.-80. Aufl. " 5.-- + --"-- Das große Heimweh. Roman. 1.-50. Aufl. " 6.-- + --"-- Das Lebenslied. Roman. 61.-65. Aufl. " 5.-- + --"-- Die vom Niederrhein. Roman. 51.-55. Aufl. " 5.-- + --"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzählung. 10.-12. Aufl. " 3.50 + --"-- Die Welt in Gold. Novelle. 16.-20. Aufl. " 2.50 + --"-- Die Wiskottens. Roman. 101.-110. Aufl. " 5.-- + --"-- Das goldene Zeitalter. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 3.50 + +_Heyse, Paul_, L'Arrabbiata. Novelle. 14. Aufl. " 2.40 + --"-- L'Arrabbiata und andere Novellen. 10. Aufl. " 4.50 + --"-- Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Ewigmenschliche. Erinnerungen aus einem Alltagsleben + -- Ein Familienhaus. Novelle. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Über allen Gipfeln. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Haus zum unglaubigen Thomas und andere Novellen " 4.50 + --"-- Kinder der Welt. Roman. 2 Bände. 29. u. 30. Aufl. " 6.80 + --"-- Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Himmlische und irdische Liebe und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Neue Märchen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Martha's Briefe an Maria. 2. Aufl. " 2.-- + --"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Ninon und andere Novellen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 10.-- + --"-- Letzte Novellen. Mit einem Begleitwort v. E. Petzet. + 2.-4. Aufl. " 3.50 + --"-- Novellen vom Gardasee. 8. u. 9. Aufl. " 3.40 + --"-- Meraner Novellen. 12. Aufl. " 4.50 + --"-- Neue Novellen. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Im Paradiese. Roman. 2 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 6.80 + --"-- Plaudereien eines alten Freundespaars. 2.-4. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Rätsel des Lebens und andere Charakterbilder. 4. Aufl. " 6.-- + --"-- Der Roman der Stiftsdame. 15. u. 16. Aufl. " 3.40 + --"-- Der Sohn seines Vaters und andere Novellen. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Crone Stäudlin. Roman. 5. u 6. Aufl. " 3.40 + --"-- Gegen den Strom. Eine weltl. Klostergeschichte. 5. u. + 6. Aufl. " 3.40 + --"-- Moralische Unmöglichkeiten und andere Novellen. 3. Aufl. " 5.50 + --"-- Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Aus den Vorbergen. Novellen " 6.-- + --"-- Vroni und andere Novellen " 4.50 + --"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Xaverl und andere Novellen " 4.50 + +_Hillern, W. v._, Der Gewaltigste. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- 's Reis am Weg. 3. Aufl. " 2.50 + --"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl. " 6.-- + --"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + +_Hirschfeld, Georg_, Nachwelt. Der Roman eines Starken. 4. u. + 5. Aufl. " 5.-- + +_Höcker, Paul Oskar_, Väterchen. Roman " 4.-- + +_Hofer, Klara_, Alles Leben ist Raub. Der Weg Friedrich Hebbels. + 2. Aufl. " 6.-- + +_Hoffmann, Hans_, Bozener Märchen und Mären. 3. Aufl. " 3.50 + --"-- Ostseemärchen. 3. Aufl. " 4.-- + +_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte. + 6. Aufl. " 3.50 + +_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. + Roman. 13. u. 14. Aufl. " 5.-- + --"-- Jugenderinnerungen eines alten Mannes, siehe _Kügelgen_ + +_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman. 2. Aufl. " 5.-- + +_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestät! Novellen. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl. " 3.50 + +_Keller, Gottfried_, Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände. + 75.-80. Aufl. "11.40 + --"-- Martin Salander. Roman. 49.-53. Aufl. " 3.80 + --"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. 84.-88. Aufl. " 7.60 + --"-- Züricher Novellen. 78.-82. Aufl. " 3.80 + --"-- Das Sinngedicht. Novellen -- Sieben Legenden. 61.-65. Aufl. " 3.80 + --"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.-- + --"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung. + Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.-- + +_Knudsen, J._, Angst. Der junge Martin Luther. Berechtigte + Übersetzung von Mathilde Mann. 2. Aufl. " 5.-- + +_Krauel, Wilhelm_, Von der andern Art. Roman " 4.-- + --"-- Das Erbe der Väter. Ein Lebensbericht " 4.50 + +_Kügelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes. + Original-Ausgabe. 26. u. 27. Aufl. " 2.40 + +_Kurz, Hermann_ (Der Schweizer), Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn. + Roman. 2. u. 3. Aufl. " 5.-- + +_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzählung " 3.-- + --"-- Italienische Erzählungen. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Frutti di Mare. Zwei Erzählungen. " 3.-- + --"-- Genesung -- Sein Todfeind -- Gedankenschuld. Erzählungen " 5.-- + --"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Florentiner Novellen. 6. u. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Phantasien und Märchen " 3.-- + --"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der Florentinischen + Renaissance. 7. Aufl. " 6.50 + +_Langmann, Philipp_, Leben und Musik. Roman " 4.50 + +_Lilienfein, Heinrich_, Von den Frauen und einer Frau. + Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl. " 3.-- + --"-- Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Der versunkene Stern. Roman 2. u. 3. Aufl. " 6.-- + --"-- Die große Stille. Roman. 4. Aufl. " 5.50 + +_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände. + 5. u. 6. Aufl. " 7.50 + --"-- Arme Mädchen. Roman. 11. Aufl. " 5.-- + --"-- Spitzen. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 5.-- + --"-- Der Zug nach dem Westen. Roman. 12. Aufl. " 5.-- + +_Mauthner, Fritz_, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln + und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von »_Lügenohr_« " 4.-- + +_Meyer-Förster, Wilh._, Eldena. Roman. 2. Aufl. " 4.-- + +_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Töchter der Zeit. Münchner Roman " 4.-- + +_Moersberger, Felicitas Rose_, Pastor Verden. Ein Heideroman. + 2.-5. Aufl. " 4.50 + +_Muellenbach, E._ (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen " 4.-- + --"-- Aphrodite und andere Novellen " 4.-- + --"-- Vom heißen Stein. Roman " 4.-- + +_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack. + Erzählungen u. Skizzen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.-- + --"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.-- + --"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.-- + +_Olfers, Marie v._, Neue Novellen " 4.50 + --"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen " 4.-- + +_Prel, Karl du_, Das Kreuz am Ferner. Roman. 4. Aufl. " 6.-- + +_Riehl, W. H._, Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Am Feierabend. Novellen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Lebensrätsel. Novellen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl. " 7.-- + --"-- Kulturgeschichtliche Novellen. 7. Aufl. " 5.-- + --"-- Neues Novellenbuch. 3. Aufl. " 5.-- + +_Rittberg, Gräfin Charlotte_, Der Weg zur Höhe. Roman " 4.-- + +_Rommel-Hohrath, Clara_, Im Banne Roms. Roman " 5.-- + +_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. + Roman. 2 Bände " 5.-- + +_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hühnchen. Gesamt-Ausgabe. + 10. Aufl. (51.-55. Tsd.) " 5.-- + --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. + (4. u. 5. Tsd.) " 5.-- + --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. (4. Tsd.) " 5.-- + --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. + (3. Tausend) " 5.-- + --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe " 5.-- + --"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamt-Ausg. " 5.-- + --"-- Phantasiestücke. Gesamtausgabe " 5.-- + --"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. + 3 Bände. 9. Tsd. je M. 4.-- + --"-- Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd. " " 4.-- + --"-- Ludolf Marcipanis und Anderes. Aus dem Nachlasse + herausgegeben von _H.W. Seidel_. 2. Tsd. " 4.-- + +_Seidel, H. Wolfgang_, Erinnerungen an Heinrich Seidel 2. Aufl. " 5.-- + +_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman. 4. Aufl. " 4.-- + +_Speidel, Felix_, Hindurch mit Freuden. Novellen " 4.-- + +_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman " 3.50 + --"-- Stille Wasser. Roman " 4.-- + +_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer + Studentin. 13. u. 14. Aufl. " 5.-- + --"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Die ewige Burg. Roman. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Seine englische Frau. Roman. 31.-35. Aufl. " 5.50 + --"-- Für Dich. Roman. 21.-25. Aufl. " 5.-- + --"-- Ich harr' des Glücks. Novellen. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Gib mir die Hand. Roman. 12.-14. Aufl. " 5.-- + --"-- Herzblut. Roman. 19.-21. Aufl. " 5.-- + --"-- Der du von dem Himmel bist. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.50 + --"-- Die thörichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl. " 4.50 + --"-- Der arme Konrad. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Liebestrank. Roman. 16.-20. Aufl. " 5.-- + --"-- Stark wie die Mark. Roman. 21.-25. Aufl. " 6.-- + --"-- Montblanc. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.-- + --"-- Du bist die Ruh'. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50 + --"-- Du Schwert an meiner Linken Ein Roman aus der deutschen + Armee. 36.-40. Aufl. " 5.50 + --"-- Die zwölfte Stunde. Novellen. 1.-5. Aufl. " 3.-- + --"-- Der weiße Tod. Roman. 19.-23. Aufl. " 4.-- + --"-- Es war ein Traum. Berliner Novellen. 5. Aufl. " 4.50 + --"-- Die letzte Wahl. Roman. 5. Aufl. " 5.-- + +_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman. 51.-55. Aufl. " 6.-- + --"-- Geschwister. Zwei Novellen. 35.-37. Aufl. " 4.50 + --"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 31.-33. Aufl. " 3.-- + --"-- Der Katzensteg. Roman. 91.-95. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Hohe Lied. Roman. 56.-59. Aufl. " 6.-- + --"-- Die indische Lilie. Sieben Novellen. 21.-25. Aufl. " 4.-- + --"-- Frau Sorge. Roman. 136.-145. Aufl. Mit Jugendbildnis " 4.50 + --"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 35. u. 36. Aufl. " 3.-- + +_Telmann, Konrad_, Trinacria. Sizilische Geschichten " 5.-- + +_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Königsschießen und andere + Humoresken. 4. u. 5. Aufl. " 3.-- + +_Uxkull, Gräfin Lucy_, Rote Nelken. Ein sozialer Roman " 5.-- + +_Vockeradt, Emma_, Wanderer im Dunkeln. Roman " 4.-- + +_Vogt, Martha_, An schwarzen Wassern. Zwei Novellen " 3.50 + +_Vollert, Konrad_, Sonja. Roman " 5.50 + +_Voß, Richard_, Alpentragödie. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 5.50 + --"-- Römische Dorfgeschichten. 5. verm. Aufl. " 4.50 + --"-- Erdenschönheit. Ein Reisebuch. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben 2. u. 3. Aufl. " 5.50 + --"-- Der Polyp und andere römische Erzählungen. 2. Aufl. " 5.-- + --"-- Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. 3. Aufl. " 6.-- + +_Watzdorf-Bachoff, E. v._, Maria und Yvonne. Geschichte einer + Freundschaft. 2. Aufl. " 4.50 + +_Wilbrandt, Adolf_, Adams Söhne. Roman. 3. Aufl. " 5.50 + --"-- Adonis und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Dämonen und andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Dornenweg. Roman. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Erika -- Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Fesseln. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Franz. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Die glückliche Frau. Roman. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Hermann Ifinger. Roman. 7. Aufl. " 5.-- + --"-- Irma. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl. " 4.50 + --"-- Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Novellen " 4.-- + --"-- Opus 23 und andere Geschichten. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Vater Robinson. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Familie Roland. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Die Rothenburger. Roman. 9.-11. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Sänger. Roman. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Die Tochter. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Villa Maria. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Große Zeiten und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.-- + +_Wildenbruch, E. v._, Schwester-Seele. Roman. 20. u. 21. Aufl. " 5.-- + +_Wohlbrück, Olga_, Die neue Rasse. Roman. 2.-5. Aufl. " 6.-- + +_Worms, C._, Aus roter Dämmerung. Baltische Skizzen. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl. " 5.-- + --"-- Erdkinder. Roman. 4. Aufl. " 4.50 + --"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzählungen. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl. " 5.-- + --"-- Überschwemmung. Eine baltische Geschichte. 2. Aufl. " 3.50 + +Für geheftete Exemplare beträgt der Preis 1 Mark weniger + + + +Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1914 erschienenen Erstauflage erstellt. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Fett: =fett gedruckter Text= +Antiquaschrift: #Antiquatext# + + +Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1914. The table below lists all corrections applied +to the original text. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Bold: =bold text= +Antiqua: #text in Antiqua font# + + +p. 019: [added quote] nicht in lässige Hände gelegt werden werden --« +p. 080: [normalized] der Duc d'alben -> d'Alben +p. 203: Mahagoniegefährten -> Mahagonigefährten +p. 254: Likowsky, der immer einen Augenblick -> Likowski +p. 255: [normalized] bis Sörnsen, der Fährmann -> Sörensen +p. 360: Kopf vorüber auf die Tischplatte geschlagen -> vornüber +p. 368: dem Erz das Eisen ab erungen -> abgerungen + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN *** + +***** This file should be named 29738-8.txt or 29738-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/9/7/3/29738/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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